<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Ursula</first-name><last-name>Krechel</last-name></author><book-title>Landgericht</book-title><annotation><p>Nach "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel noch einmal den Spuren deutscher Geschichte nach. Ihr neuer Roman handelt vom Exil und von den f�nfziger Jahren, von einer R�ckkehr ohne Ankunft.Was muss einer f�rchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zur�ckkehrt? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel mit ihrem neuen gro�en Roman "Landgericht" noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaasschen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und t�dlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman l�sst Dokumentarisches und Fiktives ineinander �bergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosph�rische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. Mit sprachlicher Behutsamkeit und einer insistierenden Zuneigung l�sst "Landgericht" den Figuren sp�te Gerechtigkeit widerfahren. "Landgericht", der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erz�hlt zugleich mit gro�er Wucht von den Gr�ndungsjahren einer Republik.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Krechel,</first-name><last-name>U</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-13">12.5.2016</date><id>7c5fad75-683e-432a-8c15-e697918093e3</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Landgericht</book-name><publisher>Jung und Jung</publisher><year>2012</year></publish-info></description><body><title><p>Ursula Krechel</p><empty-line/><p>Landgericht</p></title><epigraph><p>Mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die innerliche Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen.</p><text-author>Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas</text-author></epigraph><epigraph><p>Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.</p><text-author>Joh. 1, 11</text-author></epigraph><section><title><p>�ber dem See</p></title><p>Er war angekommen. Angekommen, aber wo. Der Bahnhof war ein Kopfbahnhof, die Perrons unspektakul�r, ein Dutzend Gleise, aber dann betrat er die Bahnhofshalle. Es war ein gro�artiges Artefakt, eine Bahnhofskathedrale, von einem kassettierten Tonnengew�lbe �berspannt, durch die Fenster flutete ein blaues, flie�end helles Licht, ein Licht wie neugeboren nach der langen Reise. Die hohen W�nde waren mit dunklem Marmor verkleidet, �reichskanzleidunkel�, so h�tte er ironisch vor seiner Emigration diesen Farbton f�r sich genannt, jetzt fand er ihn nur herrschaftlich und vornehm, ja auch einsch�chternd. Aber der Marmor war nicht einfach nur als Verkleidung auf die Wand gebracht worden, sondern ebenfalls abgesetzt, abgetreppt, so da� die W�nde rhythmisch gegliedert waren. Der Fu�boden blank, hinter den Schaltern ordentlich uniformierte M�nner, die durch ein rundes Fensterchen blickten, davor Schlangen von Menschen, die gar nicht so schlecht gekleidet waren. (Wenn er bedachte, es handelte sich um Kriegsverlierer, um Geschlagene, trugen sie den Kopf erstaunlich hoch.) Er sah auch franz�sisches Wachpersonal in den Nischen der Halle, das einen h�flichen Blick hatte auf das Bahnhofstreiben. Die M�nner trugen olivfarbene Uniformen und Waffen. Wie er mit einem Blick die vornehme Halle erfa�te, konnte er sich keinen Anla� eines Eingreifens vorstellen, und dabei blieb es auch. Eine stille, mahnende, Gewi�heit herbeizwingende Gegenwart.</p><p>Er sp�rte die beruhigende Zivilisiertheit, die Zeitlosigkeit dieser Bahnhofshalle, er sah die hohen Schwingt�ren, sicher drei Meter hoch und ganz mit Messingblech verkleidet. Mit feiner Schreibschrift war das Wort �Dr�cken� in die Messingoberfl�che graviert worden, etwa in Brusth�he. Kathedralent�ren, T�ren, die dem Reisenden alle All�ren nahmen, das Bahnhofswesen war wichtig und bedeutend, und der einzelne Reisende w�rde schon sicher und p�nktlich an sein Ziel kommen. Kornitzers Ziel war so lange im Ungef�hren geblieben, nicht einmal ein verschwommenes Sehnsuchtsziel dachte er sich aus, so da� er diesen Widerspruch �beraus schmerzlich empfand. Seine transitorische Existenz war ihm Gewi�heit geworden. Alles war erhaben und auf gediegene Weise erhebend in dieser Halle, er sah sich um, er sah seine Frau, der er seine Ankunftszeit mitgeteilt hatte, nicht. (Oder �bersah er sie nach zehn Jahren?) Nein, Claire war nicht da. Zu seiner �berraschung sah er aber zahlreiche Tagestouristen, die mit geschulterten Skiern aus dem nahen Wintersportgebiet kamen, freudig aufgekratzt, mit gebr�unten Gesichtern.</p><p>Er stie� eine der hohen T�ren auf und war geblendet. Hier lag der See, der gro�e blaue Spiegel, nur ein paar Schritte waren es zum Kai, sanftes Wasser schwappte heran, kein Kr�useln der Oberfl�che. Nat�rlich hatte sich seine Ankunft verz�gert, um gut zwei Stunden, aber dieses Verz�gern kam ihm wie eine �berdehnung vor, die Freude, anzukommen und seine Frau wiederzusehen, war in eine unbestimmte Zeit verwiesen. Hier war der Leuchtturm, der aus dem Wasser aufragte, hier war der bayerische L�we, der mit gelassener Herrschaftsgeste den Hafen bewachte, und dort waren die Berge, die fernen und gleichzeitig nahen Berge, eine Kulisse aus Wei� und Grau und Alpenrosa, ihr Geschiebe, ihre archaische Kraft, unverr�ckbar, unerh�rt sch�n. Da h�rte er seinen Namen rufen.</p><p>Das Wiedersehen eines Mannes und einer Frau, die sich so lange nicht gesehen hatten, sich verloren glauben mu�ten. Das atemlose Erstarren, Sprachlosigkeit, die Augen, die den Blick des anderen suchen, sich festklammern am Blick, Augen, die gro� werden, trinken, sich versenken und sich dann abwenden wie erleichtert, erm�det von der Arbeit des Wiedererkennens, ja, du bist es, du bist es immer noch. Das ganze Gesicht, das sich in den Mantelkragen bohrt, sich dann aber wieder rasch hochreckt, die zitternde Erregung, die den anderen Augen, den zehn Jahre vermi�ten Augen, nicht standh�lt. Die hellen, w��rigen Augen des Mannes hinter der Nickelbrille und die gr�nen Augen der Frau, die Pupillen haben einen dunklen Ring. Es sind die Augen, die das Wiedersehen inszenieren, aber die, die es aushalten m�ssen, die ihm standhalten m�ssen, sind ver�nderte, in die Jahre gekommene Menschen, etwa gleich gro�, auf gleicher Augenh�he. Sie l�cheln, sie l�cheln sich an, die Haut um die Augen faltet sich, kein Wimpernzucken, nichts, nichts, nur der Blick, der lang ausgehaltene Blick, die Pupillen sind starr. Dann l�st sich eine Hand, ist es die Hand des Mannes oder die der Frau? in jedem Fall ist es eine mutige Hand oder eher nur die Kuppe des rechten Mittelfingers, die Mut beweist und auch Instinkt und �ber den hohen Backenknochen des verloren geglaubten Ehepartners f�hrt. Ein vertrauter Finger, eine Nervenerregung, die von einer Gef�hlsregung noch sorgsam geschieden ist. Es ist eher die empfindlich gespannte Haut �ber dem Backenknochen, die reagiert, die dem ganzen K�rper �Alarm� meldet. Eine Vereinigung der Nervenzellen, nicht des Ehepaares, diese dauert sehr, sehr viel l�nger, es ist eine Empfindung, die das ganze Nervengeflecht durchr�ttelt, ein �du bist�s, ja, wirklich, du bist�s�. Das instinktive Wiederfinden der geliebten, der vertrauten Haut war ein Wunder, �ber das die Kornitzers sp�ter noch oft sprachen, sp�ter, sp�ter, miteinander, ihren Kindern konnten sie es nicht mitteilen. Nicht der �ber�hrte� K�rperteil (Mann oder Frau) sendete den Alarm in den ganzen K�rper, es war der aktive �ber�hrende�, und nach einer halben Sekunde war nicht mehr festzustellen, wer ber�hrt hatte und wer ber�hrt worden war. Die noch einsame, knapp zehn Jahre lang den Ehepartner entbehrende Hand bewegte sich, zuckte, streichelte, ja umschlang und wollte nicht mehr loslassen.</p><p>Das war das Ankommen. Dieses Signal der Nervenzellen bereitete dem ganzen Menschen einen Weg. Einen Weg vom Bahnhof in der Bodensee-Stadt zum Gasthaus am Hafen, das Kornitzer kaum sah, in dem er seiner Frau gegen�bersa� und eine Suppe l�ffelte, das Gep�ck rund um ihn verstreut, gestapelt. Er sah seine Frau jetzt eher wie einen Umri�, sie war knochig geworden, die Schultern vom Frieren hochgereckt, er sah ihren gro�en Mund, den sie nun �ffnete, um den einen oder anderen L�ffel Suppe hineinzuschieben, er sah ihre Z�hne, das goldene T�pfelchen, das einen ihrer Eckz�hne, auf den sie einmal gefallen war, ausflickte, er sah ihre H�nde, die rauher und gr�ber geworden waren seit dem Abschied in Berlin. Seine eigenen H�nde versteckte er im Scho�. Die Suppe hatte er rasch und sachlich hinuntergel�ffelt. Er sah seine Frau an, Schicht f�r Schicht versuchte er das jetzige Bild, das Bild der Frau, die ihm gegen�bersa�, mit dem Bild, das er sich gemacht hatte alle Jahre zwischendurch, in �bereinstimmung zu bringen. Es gelang nicht. Auch das Photo in seiner Brieftasche, das er so h�ufig angestarrt hatte, bis er glaubte, es auswendig zu k�nnen � wenn dies bei einem Bild �berhaupt m�glich war �, half ihm nicht. Claire war jetzt jemand, der Suppe l�ffelte und sich offenkundig nicht f�rchtete, einem nahezu Fremden gegen�berzusitzen. Einen Augenblick dachte er: Was hat sie zu f�rchten gelernt, da� sie sich jetzt nicht f�rchtet? Er unterlie� es zu fragen: Claire, wie ist es dir ergangen? Die Frage setzte eine gr��ere Vertrautheit voraus, eine Frage, die Zeit zu einer langen, romanhaften Antwort brauchte, und vor allen Dingen Zuh�rzeit, ein ruhiges, entspanntes: Erz�hl doch mal. Und auch sie fragte nicht: Richard, wie ist es dir ergangen? Er h�tte mit den Schultern zucken m�ssen, ein Rafftempo, ein schneller Vorlauf und ein langsamer R�cklauf und wo anfangen? dann hatte seine Frau endlich ihren Suppenteller ausgekratzt und den L�ffel klirrend (vielleicht zitterte sie?) auf das Porzellan gelegt und fragte: Wie viele Tage bist du gereist? Darauf war eine knappe Antwort m�glich: Vierzehn auf dem Schiff und drei Tage von Hamburg an den Bodensee. Das schien ihr nicht �berm��ig lang, sie machte nicht den Eindruck, als wolle sie ihn deshalb bedauern. Sie nahm ihn mit in ihr Dorf, das war eigentlich nicht vorgesehen. Die Hilfsorganisation, die ihm seine Reise bezahlt hatte, die ihn an den Bodensee transportiert hatte, hatte ihm ein Merkblatt mitgegeben, in dem es hie�, da� er sich sofort nach seiner Ankunft bei der entsprechenden Stelle an dem zuk�nftigen Wohnort zu melden h�tte. Kornitzer sagte es Claire, aber davon wollte sie nichts wissen. Die Hilfsorganisation l�uft nicht weg, da kannst du auch noch morgen hin. Kornitzers Gep�ck sollte nachgeschickt werden mit einem Fuhrwerk, Claire hatte mit einem b�uerlich wirkenden Mann am Bahnhof verhandelt, in einer Stunde vielleicht solle er sie abholen, und so kam der Mann ins Gasthaus. Kornitzer und seine Frau halfen ihm, die Gep�ckst�cke aufzuladen. Sich gemeinsam zu b�cken und zu recken, zu heben und zu schieben, das war die erste gemeinsame Handlung, die den Grund hatte, eine Privatheit herzustellen. Einen Vorhang, der sich vor das Paar schob, als es sich in Claires gebl�mtem Zimmerchen im Haus 6 eines Weilers mit dem Namen Bettnang zur�ckzog, in dem ihre einzigen geretteten Kostbarkeiten ein Plattenspieler und eine Schreibmaschine waren. Die Schreibmaschine glaubte er noch aus Berlin zu kennen, sie hie� �Erika�, und ihre Hebelmechanik hatte unverdrossen den ganzen Krieg und die Evakuierung �berstanden. Hut ab vor �Erika�, und eine der ersten triumphierenden Bemerkungen, die Claire ihrem zur�ckgekehrten Mann gegen�ber machte, war: Ich habe eine ganze Menge Farbb�nder gehortet, Farbb�nder waren angeblich nicht kriegswichtig, oder man hatte vergessen, sie als kriegswichtig zu erkl�ren. Und sie nehmen sehr wenig Platz in einem Fluchtgep�ck ein. Wir k�nnen also Antr�ge und Briefe schreiben, die eine gute Form haben. Darauf wu�te er nichts zu sagen, er nickte nur, er sah, wie vorausschauend sie gehandelt hatte. Er hatte auch �berlegt, was er mitbringen sollte von der langen Reise. Kaffee? Tabak? S��igkeiten? S�dfr�chte? Dokumente seiner T�tigkeit? Aber die Bestimmungen �nderten sich fast jeden Tag, was heute erlaubt war, war aus politischen oder hygienischen Gr�nden (oder aus praktischen Gr�nden, die sich hinter ideologischen oder ganz unerfindlichen Gr�nden verbargen, aus Gr�nden der Zoll-Erfassung vielleicht) pl�tzlich verboten. Niemand wu�te es. Was sprach gegen ein S�ckchen Zucker? Was sprach gegen die noch vor einem Monat erlaubte Menge von Parfum und Tabak? Man stand wie ein Idiot da, und vielleicht war genau das der Sinn der sich dauernd widersprechenden Ma�nahmen.</p><p>Hier ist der Waschtisch, sagte Claire, ich habe kein flie�endes Wasser. Den Schrank sah er selbst, auch das Bett, schmal, fast jungfr�ulich sah es aus, die wackligen St�hle. Er sah in Claires Gesicht eine Scham, eine Kr�nkung. Und er sah auch ihre Handbewegung, die ein bi�chen nonchalant war, daran erkannte er ihr fr�heres Selbstbewu�tsein: Bitte, so ist es nun mal, so ist es gekommen, er sah das Licht der kleinen Nachttischlampe und das l�cherlich d�nne B�ndelchen, mit der man sie an- und ausknipsen konnte. Und das Paar, das erst wieder lernen mu�te, ein Paar zu sein, knipste sie aus. Dann war es dunkel, und die Dunkelheit war ein Tasten, eine Blindenschule des Empfindens, eine Klippschule, ja wirklich nur ein Tasten und Atmen. So waren sie an diesem ersten Tag nicht weiter gekommen als bis zur ersten Empfindung �Bist du�s, bist du�s wirklich?� und zur Best�tigung: �Ja, du bist�s.� Vielleicht war darin schon eine leise �berforderung. Es war nicht abzusehen, wie und wann die Familie je wieder zusammenkommen k�nnte. Noch handelte es sich um zwei versprengte Menschen, die von ihren Menschenkindern kaum etwas wu�ten.</p><p>Am n�chsten Tag machte er sich auf den Weg in die Stadt, die gewundene Stra�e entlang, vorbei an Wiesen und allein gelegenen H�fen, immer die Bergketten im Blick, die F�ltelungen der Gebirgsmassen, Wolkenb�nder, die dar�ber festgezurrt waren. Als er gut eine halbe Stunde gegangen war, kam Quellbew�lkung auf, schneewei�e Wolkenhalden schoben sich ineinander, ein plastisches, haptisches Wolkengerangel mit ganz ungewissem Ausgang. Fuhrwerke �berholten ihn und der Postbus, er wollte aber gehen, wollte so lange gehen, bis vor ihm an einer Stra�enbiegung der See auftauchte. Das Grau der Luft, das sich wie ein zarter Schleier �ber die Wasserfl�che breitete. Er ging sechs Kilometer immer bergab, es war ein Sacken in den Kniekehlen, etwas g�nzlich ungewohnt K�rperliches, das ihm gefiel, etwas Wanderburschenartiges. Und er war doch ein Mann Mitte vierzig, der schon sehr viel, zu viel erlebt hatte.</p><p>Die innere Stadt, das hatte er bei seiner Ankunft gar nicht recht beachtet, war eine Insel, die durch die lange Br�cke mit dem festen Land, dem Bauernland, verbunden war. Am Ufer Villen, Gartenanlagen, eine feine Gegend. Er sah auch gleich, da� viele der Villen von franz�sischen Offizieren und ihren Dienststellen requiriert worden waren, Wachposten standen davor. Dann jenseits der Br�cke die Holzschindelh�user, die �berkragenden oberen Geschosse, �berkragende D�cher mit Schwalbenschwanzgauben. Die Stadt Lindau tat so, als w�re sie ein Ding au�erhalb von Raum und Zeit. Dieser Gedanke gefiel ihm, aber er konnte ihn nicht weiterdenken und keine Schl�sse daraus ziehen. Etwas lullte ihn ein, und es (ja, was war es?) regte ihn gleichzeitig auf. Er betrachtete Erker, die steinernen Laubeng�nge, die geruhsame Giebeligkeit und die steilen Treppen, die zu Weinstuben f�hrten, in denen vermutlich sechzig Jahre nichts ver�ndert worden war, altdeutsche beh�bige Gem�tlichkeit, nur die Kellnerinnen, die vor den Weinstuben auf der Stra�e mit verschr�nkten Armen schwatzten, waren j�nger geworden, und Kornitzer sah sie mit Wohlgefallen an. Und noch etwas sah er und konnte sich keinen Reim darauf machen. Er hatte von den Zerst�rungen der St�dte in Deutschland gelesen, von Tr�mmerw�sten, von Feuerst�rmen. In dieser Stadt sah er kein einziges zerst�rtes Haus, nicht einmal ein Dachziegel schien von einem Dach gefallen zu sein. Er mu�te Claire danach fragen, wenn er wieder in Bettnang war.</p><p>Er fand den Weg zur UNRRA, der Hilfsorganisation der Vereinten Nationen, die f�r ihn zust�ndig war, leicht. Das B�ro war im ersten Stock eines breit gelagerten Hauses mit einem Erker an der Seite der Insel, die dem festen Land zugewandt war, in der Zwanzigerstra�e. Auf St�hlen in einem Korridor sa�en einige junge M�nner, l�mmelten sich eher, dachte Kornitzer, sie sprachen untereinander eine weiche melodische Sprache, sahen kurz auf, als er sich zu ihnen setzte, als wollten sie sagen: Was will der denn hier? Es schienen Polen zu sein oder Ukrainer, Zwangsarbeiter oder aus den Konzentrations- und Arbeitslagern Befreite, die hier in der sch�nen Stadt gestrandet waren und irgendwohin gebracht werden mu�ten oder wollten, zu �briggebliebenen Menschen, die sie erwarteten, wie Claire ihn erwartet hatte, oder zu einem ganz unw�gbar neuen Leben, f�r das sie votiert hatten in Ermangelung eines anderen, das vernichtet worden war, wie er hierher gebracht werden wollte, in Ermangelung des fr�heren Berliner Lebens, von dem nur Tr�mmer �briggeblieben waren. (So hatte Claire es ihm angedeutet.) Die T�r �ffnete sich, und eine junge Frau mit einem starken Akzent, den er nicht orten konnte, fl�sterte, eher defensiv: Der N�chste bitte. Zwei der M�nner erhoben sich. Nur einer, sagte die Frau und reckte zum besseren Verst�ndnis den rechten Daumen in die H�he. Freund kann Deutsch schlecht, erkl�rte einer der Versprengten und schob sich mit in das Zimmer. Die Frau lie� die T�r offen, es sah so aus, als wolle sie nicht mit zwei fremden Hilfsbed�rftigen in einem geschlossenen Raum sein. Es dauerte eine ganze Weile, bis die beiden das Zimmer mit einem Formular verlie�en, auch bei den n�chsten Bittstellern blieb die T�r offen. Dann gab es eine lange Pause, in der die T�r f�r eine ganze Weile geschlossen blieb. Zuletzt sa� Kornitzer mit einem jungen Mann zusammen, dem ein oberer Schneidezahn fehlte und der eine flinke, nerv�se Zunge in die L�cke bohrte. Er sagte � zischelte eher durch die Zahnl�cke �, er sei einfach weg-, von den Eltern weggeholt worden, sein Dorf sei umstellt worden, die Kirchenbesucher seien festgenommen worden, alles, was jung war, er machte eine heftige Handbewegung �ber die Schulter hinweg, es war eine ver�chtliche Handbewegung, alles weg nach Deutschland. Das sei ganz schwer gewesen f�r die Eltern. Ohne Sohn, ohne Hilfe auf dem Hof. Und dann versank er in ein finsteres Schweigen, in das Kornitzer nicht durch eine unangemessene Frage eindringen wollte.</p><p>Als Kornitzer dann endlich an der Reihe war, schlo� die Frau die T�r hinter ihm, es war wie ein Vertrauensbeweis. Kornitzer sagte, was er sagen mu�te, eine Litanei, begleitet vom Rascheln der mitgebrachten Dokumente, er berichtete, da� er gestern als <emphasis>Displaced Person</emphasis> hier angekommen sei, da� er Hilfe erwarte bei seiner R�ckkehr. Seine Bef�rchtung, sie mache ihm Vorw�rfe, da� er nicht <emphasis>unverz�glich</emphasis> die Hilfsstelle aufgesucht habe, erwies sich als unbegr�ndet. Er hatte auch die Bef�rchtung gehabt, er w�rde als <emphasis>Displaced Person</emphasis> gleich in eine Massenunterkunft eingewiesen. Die Wiederaufnahme durch eine �arische� Ehefrau war in den Formularen nicht vorgesehen. Vermutlich war der Fall �u�erst selten. Die Frau f�llte ein Formular aus, das drei Durchschl�ge hatte, schickte ihn in ein Nachbarzimmer, wo er gegen Vorlage eines der Durchschl�ge Lebensmittelkarten bekam. Es wurde ihm aufgetragen, die restlichen Bl�tter wieder in das erste B�ro zu bringen, im Flur Platz zu nehmen und das Abschlu�gespr�ch abzuwarten. So sa� er wieder im Flur, diesmal mit zwei jungen Frauen, die fast noch M�dchen waren und ihm auf seltsam komische Art zuzwinkerten, als w�re ihre einzige m�gliche Kontaktaufnahme ein unschuldiges oder vermeintlich unschuldiges, in Wirklichkeit durchtriebenes Augenspiel. Es war ein Augenzwinkern wie ein Entbl��en, und er mu�te den Blick senken, was die jungen Frauen zu kr�nken schien. Zur�ck im ersten Zimmer, wollte die Angestellte der UNRAA ihn h�flich und gleichzeitig zeitsparend verabschieden, aber er blieb angewurzelt dastehen. Ich bin Jurist, ich bin Richter, ich m�chte in meinem Beruf so bald wie m�glich arbeiten. Sie sind DP, sagte die Frau, Sie haben die deutsche Staatsb�rgerschaft verloren. Ich bin f�r Sie als DP verantwortlich, aber nicht f�r Sie als Arbeitssuchenden. Gehen Sie zum Landratsamt, dem ist ein Arbeitsamt angeschlossen. Dort sitzt ein sehr guter Mann. Den hat man 33 entlassen und 45 wieder eingestellt, als sei nichts gewesen. An den wenden Sie sich. Glaser werden gesucht, Maurer und Hilfskr�fte in der Landwirtschaft, von Richtern wei� ich nichts. Und dann verabschiedete sie ihn mit einem kurzen, freundlich gemeinten, aber doch gesch�ftigen Kopfnicken.</p><p>Dieses Ergebnis wollte Kornitzer doch zuerst mit seiner Frau besprechen, wie er fr�her vieles mit ihr besprochen hatte, Gesch�ftsergebnisse, Zukunftspl�ne, Phantasien, die gar nicht so fern vom Weg lagen. Also machte er sich nach Bettnang auf den Weg, die gewundene Stra�e hinauf, der R�ckweg dauerte l�nger als der Hinweg, ja, die Stra�e war sehr steil, eine Welt aus Schneewehen und eben erbl�henden Apfelb�umen dehnte sich zwischen dem Seeufer und dem steil aufsteigenden Allg�u-Hang, alles verlangsamte und verk�hlte sich. Und im Aufstieg sah er immer wieder zur�ck, zum See, zu den hohen Bergen, zu der begnadeten Landschaft der Gipfel und zu den R�schen von Schnee im Stra�engraben. Die Zeit war jetzt eine Erfahrungszeit. Das Gehen pufferte seine Erfahrung als Antragsteller und trennte sie von seiner Erfahrung als verunsicherter Ehemann, und die Zeit, die er in Claires Zimmer auf ihre R�ckkehr aus der Molkerei, in der sie Arbeit gefunden hatte, wartete, war eine zeitlose Zeit. Dann kam Claire mit dem Postbus, sie hatte ger�tete Backen, aber sie war auch erm�det nach einem Arbeitstag im Sekretariat, einer Arbeit, die sie kaum kannte, denn sie hatte in Berlin (damals, bevor sie sich trennen mu�ten) nat�rlich eine eigene Sekret�rin. Und was er ihr mitzuteilen hatte �ber seine erste Begegnung mit der Hilfsorganisation auf deutschem Boden, war rasch erz�hlt, schmolz wie Schnee in der Fr�hjahrssonne. Ruh dich aus nach der langen Reise, sagte Claire, geh erst in ein paar Tagen zum Arbeitsamt.</p><p>Vieles war abgeschnitten, abgefallen, aber gl�cklicherweise nicht seine Wahrnehmungsf�higkeit, nicht seine F�higkeit, Freude zu empfinden, eine �bergro�e Freude. Und da� er sie empfand, ja, da� auch sein zaghaftes Ankommen eine Freude war, verdankte er einzig und allein seiner Frau. Er z�gerte, nach zehn Jahren der Entfernung sie noch �seine Frau� zu nennen. Aber sie hatte ihn �berw�ltigt mit ihrer Sicherheit: sie wollte ihn wiederhaben als �ihren Mann�, das hatte sie amtlich niedergelegt, und so hatte er es gelesen. Und um ihn wiederzuhaben, dazu hatte sie die vern�nftigsten Schritte unternommen.</p><p>Er sah aus dem Fenster, sah den Zwiebelkirchturm, dahinter ging eine m�chtige Sonne unter, eine pralle Frucht, S�dfrucht, die Berge gl�hten, und etwas gl�hte in ihm. Ja, hier zu sein, bei Claire zu sein, war gut. Er gl�hte, es befeuerte ihn, eine Arbeit zu finden, f�r die er geschaffen war. Eine T�tigkeit, die ihn ausf�llte und ern�hrte und Claire und die Kinder dazu. Der Weiler Bettnang mit seinen sechs, sieben H�fen hatte kein Gasthaus, die Bewohner sa�en abends auf der Bank vor dem Haus, manchmal kam ein Nachbar dazu. Sie tranken Most und sahen in die blaue Luft, die f�r Kornitzer eine fremde blaue Luft war. Da wollte sich Kornitzer doch nicht dazusetzen. Der Weiler hatte eine Zwergschule, einen Schuhmacher, eine Sennerei und einen kleinen Laden (�Gesch�ftle�, sagten die Leute), in dem die n�tigsten Alltagsdinge zu kaufen waren, Zwieback f�r alle F�lle, Sauerkraut im Fa�, Streichh�lzer und Gummib�nder und N�h- und Sicherheitsnadeln und Zwirn. Die meisten Lebensmittel, Milchprodukte und Obst, kamen von den H�fen und aus den G�rten, im Laden war f�r sie kein Bedarf.</p><p>Kornitzer schl�pfte gern in die kleine Kirche, goldgefa�te Alt�re links und rechts und eine wie ein Schwalbennest hoch an die Wand geklebte Kanzel. Die goldenen Heiligen auf beiden Seiten des Hauptaltars tr�umerisch unter ihren Bischofsm�tzen, am rechten Seitenaltar ein Sebastian, dem die Pfeile regelm��ig wie ein Muster in seinem sch�n geschnitzten und bemalten Fleisch steckten und der mild und s��lich auf die Beter herabl�chelte. Alles war auf eine behagliche Weise gelungen, erprobt seit Jahrhunderten und nie aufgegeben. Selbstsicherheit einer b�uerlichen Kultur, die keine Fragen stellt und nicht in Frage gestellt werden will. Claire nahm die knappen Kirchenbesuche ihres Mannes eher ironisch auf, sie war Protestantin durch und durch, das Ausufernde, in Gold Getauchte, die Stuckgirlanden waren ihr fremd, die verz�ckten Heiligengesichter stie�en sie ab. Aber wenn Kornitzer so f�r eine kurze Rast in dem Kirchlein bei den goldgefa�ten Heiligen sa�, h�tte es ihm auch oder vielleicht besser bei Katholiken gefallen. (Claire besuchte die protestantische Stadtkirche ab und zu und machte nicht viel Aufhebens davon.)</p><p>Die kleine Dorfkirche mit ihrem Bedeutungshof beherrschte den Weiler, von der Stufe zur Kirchent�r aus hatte man den sch�nsten Blick. Ein Kranz von Grabst�tten scharte sich um die Kirche, lehnte sich an die Friedhofsmauer. Die Grabsteine blickten mit gro�en, dem Tod entgegengesetzten Augen in die Gebirgslandschaft, w�rmten den R�cken an der Kirchhofsmauer f�r eine Generation oder l�nger, bis die n�chsten Toten Platz brauchten. Kornitzer sah die unerh�rt weiten F�ltelungen der Berge, das Eisige, das Kalte, Granitene, es wunderte ihn nicht, da� fr�here Reisende die Alpen f�r feindlich, ja f�r h��lich gehalten hatten und den Vorhang der Kutsche zuzogen, wenn die Gebirgsmassen ins Blickfeld kamen. Und dann spazierten die Augen ins Dorf zur�ck. Die Kirche, der Friedhof, das Pfarrhaus mit den verblichenen roten Fensterl�den, das Feuerhaus und eine Handvoll H�fe, breit hingelagert, vorne die Scheunen, dahinter im rechten Winkel angebaut die Kuhst�lle. Manchmal reichte der Platz zur Stra�e hin noch f�r einen Blumenzwickel. Zwischen den Schenkeln von Wohnhaus und Stall thronte der warme Misthaufen. Er war ein Zentrum des Hofes, die H�hner kratzten darauf herum, pickten nach W�rmern und Maden, verdrehten rechthaberisch die H�lse, und der Hahn bewachte sie. Kornitzer war nie l�ngere Zeit auf dem Land gewesen, vielleicht bei Wanderungen oder Durchquerungen einer Landschaft zu einem bestimmten Ziel. Bettnang mit seiner bet�rend sch�nen Lage �ber dem See beeindruckte ihn, der Schuster klopfte auf dem Eisen herum, die K�he muhten, die H�hner gackerten, zweimal am Tag kam der Postbus, und sonst war es so ruhig, da� er seine eigene Unruhe zum erstem Mal, seit er am Bodensee war, schmerzhaft sp�rte.</p><p>Claire bedeutete ihm, da� das Dorf jetzt leer sei und in sich selbst ruhe. Um die gleiche Zeit, als sie ins Dorf gekommen war, also im Januar 1944, seien im Klassenverband Schulkinder aus dem Ruhrgebiet gekommen. In einer panischen Aufregung sei das Dorf vor der Masse der Unterzubringenden erstarrt. Und der Lehrer, ein Hemd im Winde, ein Mann an der Pensionsgrenze, habe die Kinder, die in Listen gesammelt und numeriert worden waren und ihre Nummer auf einem Schild um den Hals trugen, vom Bahnhof auf die H�he des Dorfes gebracht. Ob auch die Stadt am See so viele Kinder aufnehmen mu�te, wu�te Claire nicht, eher nicht, eher geh�rten die Kinder in die D�rfer, keiner kannte das Schicksal der St�dte, so war die Meinung, und sie war ja nicht falsch gewesen. An der Postbushaltestelle habe der Lehrer die Kinder aus dem Ruhrgebiet aufgestellt, aus welcher Stadt sie kamen, hatte sie vergessen, eins neben dem anderen in Reih und Glied, Kinder mit Rucks�cken und K�fferchen und aufgeregten Gesichtern. Die B�uerinnen seien aus den H�usern gekommen und h�tten sich f�r ein, zwei Kinder entschieden. Ihre B�uerin, Frau Pfempfle, habe M�dchen aufgenommen, neben ihren gro�en Jungen wollte sie M�dchen auf dem Hof haben, kleine st�dtische M�dchen, die die K�he anstaunten wie Wundertiere und die warme Milch gleich im Stall tranken und sich danach sch�ttelten. Der Hof habe auch einen polnischen Knecht gehabt, sagte sie. Also einen Zwangsarbeiter, fiel er ihr ins Wort und dachte an den jungen Mann mit dem fehlenden Schneidezahn, den er im B�ro getroffen hatte. Claire ignorierte seinen Einwand: Kein Mensch habe Zwangsarbeiter gesagt, die Bauernh�fe h�tten ohne Knechte gar nicht existieren k�nnen. Ihr Knecht habe mit der Familie an einem Tisch gegessen, bis der Ortsbauernf�hrer zur Kontrolle kam und die B�uerin anwies, so ginge das aber nicht. Der Pole m�sse im Stall essen. Am n�chsten Tag habe die B�uerin ihm wieder seinen Platz am Tisch angewiesen. Dann, nach Kriegsende, seien auch Franzosen im Dorf gewesen, sicher f�nfzig Mann, eine Einquartierung, die die H�user voll wie Hutschachteln erscheinen lie�en. Claire erz�hlte gerne, und er h�rte ihr gerne zu. So war es auch fr�her gewesen. Und dann stellte er doch die Frage, die ihn, seit er allein in die Stadt gewandert war, umtrieb: Warum war die Stadt nicht zerst�rt? Die Stadt sei mit stiller Hilfe der Schweizer Diplomatie zur Internationalen Rotkreuz-Stadt erkl�rt worden, sagte Claire. Deshalb seien auch keine Br�cken gesprengt worden. Am 22. April 1945 sei die Stadt Lindau in Alarmbereitschaft versetzt worden. Von Tag zu Tag waren mehr Fl�chtlinge in die Stadt gekommen. Die wenigen Z�ge, die noch fuhren, seien �berf�llt gewesen. Im alten Rathaus habe sich ein SS-Stab eingenistet, das schien ein sicherer Ort zu sein, und in die Kreisleitung der NSDAP sei ein Milit�rstab eingezogen. Ger�chte schwirrten durch die Stadt, die sich grunds�tzlich widersprachen. Aber Claire Kornitzer erinnerte sich auch genau an den 30. April 1945. Es war ein heller, leuchtender Fr�hlingstag, der Tag, an dem sich Hitler t�tete. Morgens um 8 Uhr wurde Feindalarm in der Stadt gegeben. Es wurde erz�hlt, da� der Besitzer eines Gasthauses mit dem Namen �Idyll� den einr�ckenden Franzosen entgegengefahren sei und den Offizier des ersten Panzers um Schutz f�r seine Heimatstadt gebeten habe. Es hie� auch, er habe die F�hrung des Panzers und zweier Wagen motorisierter Truppen, die von Wasserburg kamen, �bernommen. Kurz nach 9 Uhr rollte dann der erste franz�sische Panzer �ber die Seebr�cke. Auf dem Turm der katholischen Kirche wehte eine wei�e Fahne. Das Kampftruppenkommando und die Polizei wurden von den Franzosen rasch entwaffnet. Dann seien immer mehr Truppen, die vor einem Tag noch feindliche Truppen genannt worden w�ren, in die Stadt geflutet, w�hrend die Panzer in Aeschach verblieben oder in Richtung Bregenz davonfuhren. �berall seien die Menschen zusammengestr�mt, niemand habe gewu�t, wie es nun weitergehe. Und es gab auch nicht so viel Vertrauen zwischen den Gaffenden auf der Br�cke, da� es sich lohnte, ernsthaft dar�ber zu streiten. Man mu�te sehen und abwarten, wie es weiterging.</p><p>Rasch wurden die �bergabebedingungen bekanntgegeben: Ausgehverbot von abends 20 Uhr bis morgens um 6.30 Uhr. Ein Lautsprecherwagen fuhr durch die Stadt und die umliegenden D�rfer und befahl die Ablieferung aller Waffen, der Munition, Sendeger�te, Ferngl�ser. Die wenigen in der Stadt verbliebenen Milit�rs hatten sich als Gefangene zu melden. Ohne den geringsten Zwischenfall sei die Stadt dann besetzt worden. Auf den Giebelwiesen, auf dem Bahndamm und an anderen Pl�tzen im Stadtgebiet h�tten die Franzosen Gesch�tze aufgestellt, die auch bald feuerten. In Bregenz h�tten sich SS-Truppen zur�ckgezogen und Widerstand geleistet. Am darauffolgenden Tag wurde dann Bregenz beschossen, es gab einen H�llenl�rm, wie man ihn in der Nachbarstadt nicht kannte. Der Boden bebte, der Himmel war rauchgeschw�rzt, eine ambo�f�rmige Wolke bildete sich, die Stadt brannte an vielen Stellen. Es war die endg�ltige Niederlage der Tatsachen. Mehr war dazu nicht zu sagen, mehr wollte man sich in der Stadt und auf den H�geln dahinter nicht vorstellen. Viele Menschen seien auf der Seebr�cke gestanden und h�tten schweigend das Schauspiel der brennenden Nachbarstadt angesehen � mit einem Grauen und der geheimen Befriedigung, da� es das eigene Dach, die Giebel, die Fensterscheiben nicht getroffen hatte und nicht den eigenen Kopf, der sich nicht genug verwundern konnte. Drei Stunden griffen alliierte Fliegerverb�nde an, w�hrend die Geschosse der schweren Artillerie ununterbrochen hin�berflogen. Am Dienstag, den 1. Mai war dann Bregenz gefallen, der gro�e Strom der Kampftruppen zog weiter, die Versorgung mit Elektrizit�t setzte aus, es gab auch keine Zeitung mehr. Eine gespenstische Ruhe herrschte, strahlendes Fr�hlingslicht dar�ber gespannt. Gott schlief, Gott ruhte aus, nachdem er so viel Chaos zugelassen hatte. Das Chaos, dabei runzelte Claire die Stirn, sei doch eher eine Angelegenheit des Beginnens, vor der Erschaffung der Welt gewesen, und nun war seit Beginn der Menschheitsgeschichte an eine Art von Ordnung, von Systematik, nicht mehr zu denken. Gerade sie, eine geborene Berlinerin, eine Preu�in, eine Protestantin, verlange nach einer n�chternen Ordnung, und sie zu entbehren, sei eine besondere Strafe gewesen, die sie glaube, nicht verdient zu haben. Kornitzer mu�te l�cheln bei diesem leisen Ausbruch seiner Frau. Ungef�hr 150 Nationalsozialisten seien verhaftet worden, fuhr sie fort, auch die Ortsgruppenleiter von drei St�dten. Der NSDAP-Kreisleiter hatte es vorgezogen, mit einigen Mitgliedern seines Stabes die Stadt zu verlassen. Er sei aber einige Tage sp�ter von einem Polen erschossen wurden, so habe man es berichtet, so erz�hlte es Claire ihrem Mann.</p><p>Der Gastwirt der �Idylle�, der sich damit gro� getan hatte, da� er die Franzosen empfangen hatte, wurde sp�ter der L�ge bezichtigt und verlie� die Stadt. An seinen Namen erinnerte sich Claire Kornitzer nicht mehr, und das machte auch nichts. Nun hie� es: Er war dem ersten franz�sischen Panzer begegnet, und der Offizier hatte ihn gebeten, ihm den Weg in die Stadt zu zeigen, nichts anderes. Und die Aufdeckung seiner besch�mend unspektakul�ren Heldentat war so ern�chternd, da� man den Mann gr�ndlich vergessen h�tte, w�re er nicht noch im Amtsblatt des Kreises erw�hnt worden. Aber Claire hatte diese Ausgabe des Kreisblattes weggeworfen, andere behielt sie, sie wu�te selbst nicht, warum. Schwamm �ber den Mann, Schwamm �ber die �Idylle�, sie wu�te nicht, ob das Gasthaus mit dem falsch klingenden Namen noch existierte. Und es interessierte sie auch nicht, ja, nicht im geringsten, sagte sie ihrem Mann, der eine geduldige Aufmerksamkeit f�r alles Heimatkundliche entwickelte.</p><p>Zwangsarbeiter, Zwangsarbeiter, klingelte es abends beim Einschlafen in seinem Kopf. Ich habe meine Frau zur Anerkennung des Begriffs Zwangsarbeiter gezwungen, wo sie von dem polnischen Knecht, wie vermutlich alle Deutschen, sprechen wollte. Aber er, Kornitzer, war auch deutsch! Er war ausgeb�rgert worden, also mu�te er sich schlaftrunken mit sich selbst auf einen so banalen Begriff wie �alle Deutschen im Lande� beschr�nken. Oder sollte er sich dazu versteigen, in seinem Kopf von �allen Deutschen, die vom herrschenden Nationalsozialismus infiziert waren�, zu denken? Das schl�sse auch seine Frau ein, die er ausnehmen wollte, die er ausnehmen mu�te. Die Frage irritierte ihn, er sah sich als Bezwinger mit guten Gr�nden, aber das machte nicht froh, so nahm er schlaftrunken den Arm seiner Frau, der ihm am n�chsten lag und knetete ihn, obwohl er ihn eigentlich nur streicheln wollte, aber die innere Anspannung, Claire Unrecht getan zu haben, lie� ihn wohl kr�ftiger zupacken, und Claire stie� einen Laut aus, den sie im Wachzustand wohl nicht �ber die Lippen gebracht h�tte, einen tiefen, schnaubenden Seufzer wie ein Pferd, und dann merkte er auch an dem Arm, den er weiter in seiner Hand behielt: Claire schlief schon l�ngst. Und Kornitzer, noch lange schlaflos, sagte sich: Ich habe an ihr unlauter gehandelt. Das klang gut, auch befreiend, aber es war wiederum kein juristischer Begriff. Er dachte noch ein bi�chen nach, ob er einen solchen, der wirklich pa�te, nachschieben k�nnte, es war wie eine innere Verfassungsbeschwerde gegen sich selbst. Er fand keinen passenden Begriff, nun ja: �N�tigung zur Verst�ndigung� w�re noch am passendsten gewesen. Aber die N�tigung konnte auch billigend als eine Einladung zu einer Rechtsgemeinschaft aufgefa�t werden, die er ohnehin schon mit seiner Frau bildete. Da� er sich seiner Frau gegen�ber nicht strafbar gemacht hatte, wu�te er selbst, auch so schlaftrunken wie er war. Aber es gab einen Schatten, der nicht moralisch oder ethisch zu bewerten war, sondern auf einer Ebene, die er doch gerne auf dem Feld seiner Fachwissenschaft verorten wollte.</p><p>Als er sich sicher eine Stunde im Bett gew�lzt hatte, nahm er ein zweites Mal vertrauensvoll den ihm am n�chsten liegenden Arm seiner Frau und behielt ihn umfa�t, als w�re er eine Schlummerrolle, etwas, an dem er sich ohne Bedingungen anklammern konnte, das tat er, und seine Frau machte am Morgen den Eindruck, als h�tte sie von all diesem Denk- und Gef�hlsaufwand nicht das Geringste mitbekommen, was erleichternd war, aber auch ein bi�chen unheimlich.</p><p>Wie hatte Claire Kornitzer ihren Mann wiedergefunden? Das war eine lange Geschichte. Im Amtsblatt hatte sie einen Aufruf gefunden, der sie elektrisierte.</p><p><emphasis>Deutsche j�discher Konfession</emphasis></p><p><emphasis>Zur Vorbereitung der Wiedergutmachung des den deutschen B�rgern j�discher Konfession oder Abstammung zugef�gten moralischen und materiellen Unrechts wird die Erfassung des fraglichen Personenkreises durchgef�hrt. S�mtliche im Kreis Lindau (B) wohnhaften deutschen B�rger j�discher Konfession oder Abstammung werden hiermit aufgefordert, bis sp�testens 20. Januar 1946 ihrem zust�ndigen B�rgermeister schriftlich Meldung zu machen nach folgendem Muster:</emphasis></p><p><emphasis>Zu- und Vorname</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Ob Volljude (im Sinne der N�rnberger Gesetze oder Mischling I. oder II. Grades)</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Geburtsort und � tag</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Letzter Wohnsitz</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Familienstand</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Fr�herer Beruf</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Jetziger Beruf</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Gesundheitliche Sch�den</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Verm�gensverluste</emphasis></p><p><emphasis>Die B�rgermeister legen die Meldungen gesammelt bis l�ngstens 1.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Februar 1946 dem Landrat vor.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Der Landrat: gez. Dr. Eberth</emphasis></p><p>Die Ausschreibung traf nicht auf Claire Kornitzer zu, aber sie war wie ein Haltegriff, ein Rettungsring, eine Gewi�heit, da� sie geh�rt werden w�rde und da� sie ihrem Mann, auf den die Ausschreibung zutraf, Geh�r verschaffen w�rde. Nur: Sie hatte keine Vorstellung �ber die Mittel, mit denen ihr Mann sie finden konnte und sie ihn. Sie hatte auch keine Vorstellung, wie viele Menschen sich im Landkreis auf diesen Aufruf melden w�rden. Die Meldefrist war �u�erst knapp bemessen, man mu�te sich auf den Hosenboden setzen, um die Unterlagen zusammenzutragen und sorgsam aufzulisten. War die Frist so knapp, weil es pl�tzlich � gut ein halbes Jahr nach Kriegsende � peinvoll war, da� bis jetzt niemand nach Juden gefragt hatte (als h�tte sich das �Judenproblem� in Auschwitz, in Majdanek erledigt), oder war die Frist deshalb so knapp bemessen, damit sich nur wenige Zur�ckgekehrte oder aus den Verstecken Gekrochene melden konnten? Claire r�tselte dar�ber, kam aber zu keinem Schlu�.</p><p>Da� nur 681 Juden in der Franz�sischen Zone �berlebt hatten, konnte sie nicht wissen, und h�tte sie es gewu�t, w�re sie nicht verwundert, nur todtraurig gewesen.</p><p>Gleich neben dem Aufruf hatte sie eine Anzeige gefunden: <emphasis>Gro�er Rucksack mit Lederriemen gegen einen Meter trockenes Tannenoder Buchenholz zu tauschen gesucht</emphasis>. Ja, Brennholz war gesucht, aber Transportmittel waren auch begehrt. Im Rucksack war nicht gen�gend Holz zu transportieren. Vielleicht hatten manche St�dter Rucks�cke, mit denen sie am Wochenende Wanderungen in die Berge gemacht hatten, und Gartenbesitzer f�llten ohne Bedenken ihre B�ume, Tannen, Buchen. Die Pfempfles, die Bauern, bei denen sie wohnte, dachten nicht daran, ihre Obstb�ume zu f�llen, die B�ume waren die Grundlage des Hofes, sie waren etwas, das immer zur Familie geh�rte, wie das Milchvieh. Auf der gegen�berliegenden Seite fand sie die Anzeige: <emphasis>Meinen Sch�lern zur Kenntnis, da� der Zither-Unterricht wieder am Dienstag, den 22. Januar 1946 beginnt. Das</emphasis> Unterrichtszimmer <emphasis>befindet sich in der Hauptstra�e 27/III bei Herrn Zollsekret�r Merkl. Neuanmeldungen ebenso dort erbeten</emphasis>. Und sie las auch von der dringenden <emphasis>Suche nach einem Bassisten (Schlagba�) sowie einem Cellisten und einem Posaunisten</emphasis>, au�erdem wurde <emphasis>eine routinierte Schlager-(Refrain)-S�ngerin gesucht</emphasis>. Zu richten waren die <emphasis>Eilangebote an das Konzert- und Tanzorchester Otti Weber-Helmschmied</emphasis>.</p><p>Das las sie alles sehr sorgf�ltig, und sie versuchte sich einzuf�hlen in die Leute, die solche Anzeigen aufgaben. Und sie versuchte auch, sich vorzustellen, andere Menschen in ihrer nun einmal nicht freiwillig gew�hlten Umgebung f�hlten sich in ihre, Claire Kornitzers, Situation ein: die Kinder weit weg, damit sie �berlebten, der Mann noch sehr viel weiter weg, damit er �berlebt. Und der Kriegsbeginn, die unsinnige Anzettelung des Krieges, der ein Weltenbrand wurde, verhinderte ihre Auswanderung, verhinderte die Vereinigung des Vaters mit den Kindern, verhinderte ihre Vereinigung mit ihrem Mann auf einem anderen Kontinent. All das hinterlie� Narben, Ersch�tterungen, Verluste, die einem Fremden kaum begreiflich zu machen waren. Rucks�cke, Feuerholz und eine Zither tauchten aus dem Nebel auf; Posaunisten und Bassisten stie�en dazu und versanken wieder im Nebel. Und so mu�te sie sorgsam und ohne allzu viel Gef�hlsballast in den entsprechenden L�cken der Formulare schreiben, nicht zu viel, keinesfalls zu viel, aber doch kraftvoll und nicht zaghaft. Und so schrieb sie.</p><p>�Betr. Erfassung deutscher B�rger j�discher Konfession oder Abstammung.</p><p>Auf Grund des Aufrufes im Amtsblatt (Nr. 4 vom 15. 1. 1946) habe ich folgende Angaben zu machen:</p><p>Zuname: Kornitzer</p><p>Vorname: Claire Marie geb. Pahl</p><p>Ich selbst bin voll-arisch, jedoch (im Sinne der N�rnberger Gesetze) mit einem Volljuden seit 1930 verheiratet. Meine Ehe ist nicht geschieden.�</p><p>Das Wort �nicht� hat sie zweimal unterstrichen: nicht, und noch einmal nicht geschieden. So ragt es prominent aus dem Schriftst�ck hinaus. Und so f�llt sie sorgsam den Fragebogen weiter aus:</p><p>�Ehemann: Dr. Richard Karl Kornitzer (ehemaliges richterliches Mitglied der Patent- und Urheberrechtskammer des Landgerichts I in Berlin)</p><p>am 1. 4. 1933 ohne Gehalt und Pension wegen seiner Rassezugeh�rigkeit fristlos entlassen.</p><p>Im Februar 1939 nach Kuba ausgewandert und seit dem Februar 1942 fehlt mir jede Nachricht von meinem Mann.</p><p>Kinder:�Georg geb. 22. 1. 1932</p><p>Selma geb. 30. 3. 1935</p><p>Beide Kinder sind von mir Anfang Januar 1939 nach England zur Erziehung gebracht worden. Auch �ber den Verbleib meiner Kinder habe ich nur widerspr�chliche Nachrichten.�</p><p>Der ganze Komplex der Verm�gensentsch�digung, ihre Gesundheit, all das interessiert sie jetzt nicht so sehr, sie geht darauf nur kursorisch ein, vielleicht hofft sie auf die Hilfe ihres Juristen-Mannes. Sie hat jetzt andere Interessen, existenzielle Interessen, und die teilt sie dem Landratsamt mit.</p><p>�Zur Frage der Wiedergutmachung: ich spreche die ergebene Bitte aus, mir zun�chst in folgenden beiden Punkten so weit als m�glich behilflich zu sein:</p><p>1.�den jetzigen Aufenthaltsort meines Mannes zu ermitteln und seine evtl. R�ckkehr zu unterst�tzen.</p><p>2.�meine eigenen Bem�hungen, eine Einreiseerlaubnis f�r einen kurzen Besuch meiner Kinder in England zu erhalten, freundlichst zu unterst�tzen. Die kurze Reise nach England soll neben dem Besuch der Kinder, die ich sieben Jahre entbehren mu�te, auch den Zweck haben, die Wiedervereinigung der Familie zu f�rdern.�</p><p>Sie schreibt ohne Gru�formel, sehr selbstbewu�t, sie hat genug gelitten und entbehrt. Sie schreibt in gro�en, schwingenden Buchstaben ihren Namen: Claire Kornitzer, das E am Ende des Vornamens zittert, verkn�ult sich ein wenig. Egal, was Graphologen dazu sagen m�gen (gibt es noch welche?), vielleicht eine Erregung, ein gutes Ende vorauszusehen, vielleicht auch eine optische Entsprechung des Nierengrie�es, der sie seit einiger Zeit qu�lt, als schiede sie auch etwas Spitzes, ganz unpassend Zugespitztes aus, eine Hoffnung, eine Selbstsicherheit, die Energie, hier aus dem Winkel des Bodensees die Z�gel in die Hand zu nehmen, um die Familienkutsche, die havariert ist aus bekannten Gr�nden, wieder in die richtige Spur zu bringen. Claire Kornitzer legt sich m�chtig ins Zeug. Und seit ihrer Meldung wurden auch die Hilfsorganisationen t�tig, Listen wurden verglichen, das R�derwerk einer Sozialmaschinerie auf Hochtouren, es lief hei�, unz�hlige Namen von Verschollenen in allen Bl�ttern und Aufrufen, Namenslisten wurden �ber die Kontinente gekabelt, die Listen der Suchenden und die der Gesuchten �bereinanderkopiert, bis sie an einer Stelle deckungsgleich wurden.</p><p>Kornitzer hatte seine Frau wiedergefunden, und er hatte dazu ein Panorama geschenkt bekommen, wie er es noch nie gesehen hatte. Die gr�nen Matten mit den malmenden Milchk�hen im Vordergrund, dann ein W�ldchen, die breit angelegten Obstgeh�lze, Obstplantagen mu�te man schon sagen, wenn man in den Tropen gewesen war, �pfel und Birnen in einer solchen F�lle, wie er sie noch nie gesehen hatte. Und dann dar�ber der Prospekt der Berge, Gipfel f�r Gipfel in breiter Front. Kalt und wei�, kalkig waren die ersten, bl�ulicher die dahinter und die hintersten spielten ins Violett, ritzten den blauen Himmel blutig. Wie ein Sch�ler lernte er ihre Namen. Er war in eine Landschaft gebettet, wie er sie sich nicht hatte tr�umen lassen k�nnen, viel frische Luft, so da� sie ihn fast bet�ubte. Der Sonnenaufgangshimmel, wenn er aus dem Fenster sah, hatte einen feinen Haarflaum. Der Sonnenuntergangshimmel mit einer langen Kette w�chserner Wolken wirkte wie modelliert, frisiert, Wolkenmodelle in einer gro�en volkst�mlichen Ausstellung, einer Glaspalastwirksamkeit. Prachtvolle Tage, denen Regenvorh�nge folgten, die Bergkette verschwand im Mausgrauen. Am n�chsten Tag ein Federbett am Himmel, die Luft schneidend und �sterlich, immer noch etwas Schnee in den Mulden, Spr�hen, Verwischen, Schmelzen. Ja, hier mu�te man Bauer sein, konnte man nichts anderes als Bauer sein mit einer rotwangigen Frau, die im Stall ein Kopftuch trug, und einer Schar Kinder, rosig und gesund, mit einer Haut wie Milch und Blut, und Honig flo�, tropfte �ber die dick geschmierten Butterbrote, in der K�che hing ein Kreuz im Winkel �ber dem E�tisch, an dem sich alle versammelten, und die Kinder tauchten die Bommeln, mit denen ihre Strickjacken am Hals verschlossen waren, in den Honig, und die B�uerin �bersah es gn�dig, sie hatte genug zu tun im Stall, im Haus, die Kinder gediehen, a�en die �pfel, die �pfel rotbackig und blank und die Kinder auch. (Vielleicht t�uschte er sich. Vielleicht idealisierte er das, was er nicht kannte. Die Enge, die Strenge, das Verbot, aus der Gemeinschaft auszuscheren, wo immer sie sich denkend, handelnd, Gef�hlen unterworfen befand, das Verbot, �ber die Str�nge zu schlagen, eigene Wege zu gehen, kannte er nicht.) Eine Kuh kalbte im Stall, die dramatischen Verwerfungen auf der Bauchdecke des Tieres mu�ten beobachtet werden, und die Kinder sa�en noch beim Fr�hst�ck.</p><p>Ja, der Weiler Bettnang gefiel Richard Kornitzer. Oder gefiel er ihm so gut, weil er Claire hier wiedergefunden hatte, weil in diesem Bauernhaus, das mit einer Schulter zur Landstra�e wies, eine Art von Gewi�heit herrschte, die er so lang vermi�t hatte? Unten die Pfempfles, die Hofbesitzer, Mann und Frau in seinem und Claires Alter, mit einer Gelassenheit den Zeitl�ufen gegen�ber � wo und wie der Obstbauer den Krieg erlebt hatte, wagte Kornitzer nicht wirklich zu fragen, immerhin war er Gast. Im ersten Stock wohnten Vertriebene aus dem Egerland, Schwestern oder Schw�gerinnen mit drei Kindern und einem Mann, der mit Eifer einen Schuhwichshandel aufgezogen hatte. Schuhwichse war nicht lebenswichtig, eher schon ein Luxusprodukt, aber ein erschwingliches. So t�rmten sich im Treppenhaus Kartons mit Schuhwichsdosen, woher der Mann den Bestand hatte, blieb sein Geheimnis. Der Mann der zweiten Vertriebenen war verschollen, nichts wu�te sie von ihm und seinem m�glichen Tod.</p><p>Pfempfles melkten und f�tterten die K�he, sie spritzten die Obstwiesen siebenmal im Jahr, wie es der Kreisobstbauminspektor empfahl, so hatte Kornitzer es verstanden: Die Winterspritzung bis Mitte M�rz, die erste Vorbl�tenspritzung kurz nach dem Austrieb, die zweite Vorbl�tenspritzung kurz vor dem Aufbrechen der Bl�ten, die erste Nachbl�tenspritzung sofort nach dem Abfall der Bl�tenbl�tter, die zweite Nachbl�tenspritzung etwa zwei Wochen nach der ersten Nachbl�tenspritzung, die dritte Nachbl�tenspritzung etwa zwei bis drei Wochen nach der zweiten Nachbl�tenspritzung, bei Regenwetter fr�her, bei trockenem Wetter sp�ter und die Sp�tschorfspritzung Anfang August bis Anfang September. Der gr��te Feind der Fr�chte war der Apfelbl�tenstecher, aber auch Blattl�use, Schorf, Frostnachtspinner und Obstmaden konnten f�r die Ernte gef�hrlich werden. Die Winterspritzung bek�mpfte die Eier der verschiedenen Sch�dlinge. Pfempfles f�hrten sorgf�ltig Buch �ber die vorbeugenden Spritzungen, nichts durfte dem Zufall �berlassen bleiben. Wenn sich erst Krankheiten auf den Bl�ttern oder Fr�chten zeigten, waren sie meist nicht mehr zu bek�mpfen. An den kranken Stellen verursachten die Spritzmittel aus Kupferkalk und Schwefelkalk sogar h�ufig Verbrennungen. Es war auch wichtig, fr�hmorgens oder sp�tabends zu spritzen und niemals in die offenen Bl�ten, denn die Bienen, die die Bl�ten best�ubten, mu�ten gesch�tzt werden. Und m�glichst bei windstillem Wetter.</p><p>So penibel die Pfempfles mit den Apfelb�umen verfuhren, so viele Freiheiten lie�en sie ihren S�hnen, wenn nur die Arbeit auf dem Hof gemacht wurde. Sie hatten zwei S�hne, der �lteste war im Alter von Georg, dem Kornitzersohn, es war ein gro� gewachsener Junge mit flachsblondem Haar, der eine so ruhige Selbstgewi�heit ausstrahlte, als k�nnte er im Nu den Hof �bernehmen: die K�he, die Apfelb�ume, die dann alt gewordenen Eltern � er hatte ja auch mit der Mutter und dem polnischen Zwangsarbeiter alleine wirtschaften m�ssen �, und ein kleinerer Junge, der gerne Faxen machte, dem Claire schon von weitem zuwinkte, wenn sie mit dem Postbus abends nach Bettnang kam. Ein Junge, der sich gern bei ihr in ihrem Zimmer herumtrieb und bettelte, sie m�ge doch den Plattenspieler anstellen. Sie tat es ihm zu Gefallen, aber sie hatte auch Gefallen an dem Vergn�gen des Jungen, da� er etwas wollte, was nicht selbstverst�ndlich war bei den Bauern, Musik h�ren. Wollen wir tanzen? fragte sie ihn manchmal, aber er winkte ab. Tanzen k�nne er nicht. Das lernst du, wenn du nur willst, ermunterte sie ihn. Und legte ihm die H�nde auf die Schultern, h�r zu, mahnte sie ihn und l�chelte ihr gewinnendstes L�cheln, leg deine Arme um mich. Dann schaukelte und stampfte sie mit ihm los, tr�llerte die Melodie vom Plattenspieler mit, lie� sich sein Stolpern und Einknicken klaglos gefallen. Siehst du, sagte sie, geht doch. Und wenn die Platte abgespielt war, prustete sie vor Lachen, und ihr jugendlicher Tanzpartner reckte sich ein bi�chen, als h�tte die gemeinsame Unternehmung mit der gro�st�dtischen Mieterin ihn weltl�ufiger und erwachsener gemacht, ein bi�chen jedenfalls. Machen wir wieder, sagte Claire und schob den Jungen dann, ehe er sich auf ihrer Bettkante festsetzte, um noch eine Platte zu h�ren, aus dem Zimmer hinaus. Zu ihrem Mann sagte sie: Es macht dem Kleinen so viel Spa�. Ihr eigener Spa� war ihr an der Nasenspitze anzusehen. Und Pfempfles im unteren Gescho� wisperten manchmal: Da� Frau Kornitzer bei allem, was sie durchgemacht hat, ihren guten Humor nicht verliert.</p></section><section><title><p>Auf d�nnem Eis</p></title><p>Richard Kornitzer war gekommen mit einem Ausweis der Vereinten Nationen, <emphasis>aus welchem sich seine Eigenschaft als bona-fide Displaced Person und seine Zulassung zum Aufenthalt in der franz�sischen Zone durch telegraphische Anweisung des Kontrollrates f�r Deutschland (Combined Travel Board) vom 7. August 1947 ergeben hatte</emphasis>. Er hatte au�erdem eine Identit�tskarte im ruppigen amerikanischen Spanisch der Hilfsorganisation: <emphasis>Refugiados Hebreos Habana</emphasis>. So war er angekommen im Nachkriegsdeutschland, er wu�te, warum, er wollte ankommen, es zog ihn hin, das war eine eigenwillige und gleichzeitig passive Entscheidung, von welcher Seite man es betrachtete. (An der seine Frau den allergr��ten Anteil hatte.) Ohne ihre energische Vorarbeit w�re er niemals angekommen oder erst Jahre sp�ter. Sie hatte ihn angefordert, sie wollte ihn wiederhaben, �ihren Mann�. Und in ihrer Vorentscheidung, in der seine Entscheidung neblig und vage (vielleicht auch besch�mend) aufgehoben war, war ein Gl�ck.</p><p>Aber Kornitzer kam als Mister Nobody (<emphasis>un don nadie</emphasis>) aus Nowhere (<emphasis>en ning�n lugar</emphasis>). Die Sprache der Hilfsorganisation war Englisch, die UNRAA und sp�ter die IRO waren seine Paten, Patentanten, und sie ackerten ja auch, ihn und unz�hlige andere <emphasis>Displaced Persons</emphasis> an den Ort zu bringen, an dem sie erw�nscht waren, an dem sie vielleicht Reste, �berreste ihrer verlassenen Familie finden w�rden oder eine <emphasis>tabula rasa</emphasis>, die weit entfernt war von den Kratern der Unmenschlichkeit. Die Sprache, die er viele Jahre zu benutzen gelernt hatte mit einigem Geschick, das Hochspanische mit einem Tasten nach dem weichen kubanischen Spanisch, hatte in Versunkenheit zu fallen. Er hatte sich lange Zeit gerne des Spanischen bedient, und er glaubte es einigerma�en ordentlich zu k�nnen, was ihm ehrerbietig bezeugt worden war. Die Sprache der Besatzungsmacht in diesem westlichsten Teil Deutschlands war Franz�sisch, die Sprache des Landratsamtes, das f�r ihn zust�ndig war, war kernig, solide, Deutsch. Das M�ndliche war Alemannisch, was Kornitzer auf Anhieb nicht gut verstand, und er wunderte sich auch, da� kaum einer seiner ersten Gespr�chspartner Hochdeutsch sprach. Er ahnte, da� es ein trotzig fortgef�hrtes Sprechen war, eine Tonart, in die er sich einh�ren mu�te. Also schrieb er lieber als da� er m�ndlich verhandelte. Und man antwortete auf die Briefe seiner Frau und auch auf seine, es waren Briefe verschiedener Kategorien. Auch das war nicht �bel, sah auf dem wei�en Papier aus wie die Spur eines Eisl�ufers auf der planen Fl�che, eine feine Ritzung, man mu�te genau schauen, wer sie hinterlassen hatte, mit welchem Kraftakt, die Geschicklichkeit, die Geschwindigkeit, all diese Energien waren me�bar, w�gbar, anschaubar, wenn man es wollte. Es kam ihm der Gedanke, seine Erfahrung auf die gefrorenen Buchten des Bodensees zu �bertragen, einen Ritt �ber den Bodensee, weil ihm alles, was er erlebt hatte, nun mit der R�ckkehr so fl�chtig erschien. Seine Emigration, die die Deutschen als Auswanderung bezeichneten: Betreten der Eisfl�che auf eigene Gefahr. Manchmal lagen Leitern im Gel�nde, auf B�ume gest�tzt. Er war gewohnt, er hatte sich daran gew�hnen m�ssen, da� sein Leben gef�hrlich war. Zehn Jahre im Nirgendwo, in der Unsicherheit (niemand wollte den Namen wissen), wie lang, warum, woher, wohin, Schwamm dr�ber. Schwamm �ber das M�rderische, Schwamm �ber die Gewalttaten, das fiel ihm auf, aber er dr�ckte ein Auge zu. Denn das Ankommen war auch eine Erleichterung.</p><p>Er war im M�rz 1948 nach Deutschland zur�ckgekommen, er vertr�umte das Fr�hjahr, staunte den Sommer an. Er schrieb auf Claires guter Schreibmaschine am 12. August 1948 eine Eingabe an die Betreuungsstelle f�r politisch Verfolgte beim Landratsamt:</p><p>�Unter h�flicher Bezugnahme auf die R�cksprache mit Herrn Oberinspektor Kemper und meine Eingabe vom 5. Juli d. J. an den Herrn Kreispr�sidenten �berreiche ich anliegend:</p><p>1.�begl. Abschrift meiner Geburtsurkunde, aus welcher sich meine j�dische Abstammung ergibt</p><p>2.�ein behelfsm��iger Ausweis aus meiner Emigration in Havanna</p><p>Hierzu bemerke ich, da� ich au�er der Qualifikation als Opfer des Naziregimes infolge rassischer Verfolgung von den vorgenannten Dienststellen der Vereinigten Nationen in Amerika zum Zwecke der Mitarbeit am demokratischen Wiederaufbau in Deutschland an leitender Stelle in die bevorzugte R�ckf�hrungsliste aufgenommen und hergesandt worden bin. Es ist mir ausdr�cklich versichert worden, da� mir aus Gr�nden der Rasse, Religion, der fr�heren Ausb�rgerung und dergl. keinerlei wie immer geartete Einwendungen oder Anst�nde entgegengehalten w�rden.�</p><p>Das hat Kornitzer gut formuliert, und nach der Ersch�tterung der Ankunft hat er auch wieder Selbstbewu�tsein, Straffheit bekommen, auch daran war Claire nicht unschuldig. Und weiter schrieb er an die Betreuungsstelle:</p><p>�Sobald ich mich jedoch � nach einigen Wochen der Eingew�hnung in Europa nach der Reise � hier bei den in Frage stehenden Beh�rden gemeldet habe, bin ich auf st�ndigen Widerstand gegen meine sofortige Rehabilitierung in leitender Stellung gesto�en. Insbesondere ist mir die nationalsozialistische Ma�nahme der Ausb�rgerung entgegengehalten worden, dazu auch das Fehlen freier Positionen, obwohl sich in zahlreichen, auch leitenden Positionen fr�here Nationalsozialisten befinden. Das hat zur Folge gehabt, da� ich nunmehr durch Monate hindurch wegen der fr�heren nationalsozialistischen Ma�nahmen heute noch ohne jedes Arbeitseinkommen bin, ganz abgesehen von der Ausschaltung vom demokratischen Wiederaufbau. Obwohl mir von leitenden Stellen zugestanden wurde, da� ich inzwischen ohne den Nazismus die Stellung eines Landgerichtsdirektors erreicht h�tte und da� dringender Bedarf an demokratischen Richtern in allen deutschen L�ndern besteht, mu� ich feiern.�</p><p>�Feiern�, das hie�: keinen Ort zu haben, die eigene werkt�gliche Arbeitskraft irgendwo einzubringen an vielen, vielen Tagen, an denen er lieber arbeiten wollte. Und diese Unbill der ungewollten, unfa�baren Unt�tigkeit, der Arbeitslosigkeit, mu�te er der Betreuungsstelle f�r politisch Verfolgte beim Landratsamt melden. Und er f�gte seinem Brief eine Formel hinzu, auf die er einigerma�en stolz war und die einfach so stehenbleiben konnte:</p><p>�Wegen der politischen Bedeutung dieser Vorg�nge werde ich noch die endg�ltigen Entscheidungen der Beh�rden abwarten, an die ich dieserhalb Eingaben gemacht habe.</p><p>Mit vorz�glicher Hochachtung</p><p>Ergebenst</p><p>Dr. Richard Kornitzer�</p><p>Alles schwankte, es gab keinen festen Boden unter den F��en. Das Ankommen war eine Ersch�tterung wie das Weggehen. Ein Ausf�llen von Formularen, ein Anhalten des Atmens, eher eine Klugheit, ein Abw�gen zwischen verschiedenen M�glichkeiten, von denen das Andocken in der Stadt am Bodensee die beste zu sein schien. Dies war eine vollkommen neutrale Betrachtungsweise, seine pers�nliche Sicht und seine privaten Umst�nde wollte er au�er Acht lassen. Er mu�te sich selbst heimisch machen, dazu halfen nicht die Heimischen, dazu halfen die Besatzungsmacht und die von ihr rasch und energisch eingesetzten Beh�rden, in denen unbescholtene Leute sa�en. Sie stempelten Papiere und setzten kraftvolle Unterschriften darunter. Mit anderen Worten: Sie waren bem�ht.</p><p>Das Herkommen war versch�ttet, eine Zukunft unw�gbar, und gerade diese Unw�gbarkeit hatte er gew�hlt. Er hatte seit zehn Jahren nichts mehr erw�hlt, er war eingeordnet, aufgelistet worden, dabei hatte er Gl�ck gehabt, ein ganz ungeheuerliches Gl�ck. Und nur ganz im Inneren hatte er gewichtet, gerichtet, gez�hlt, wo er st�nde, wo er stehengeblieben w�re, h�tte man ihn nicht hinausgeschmissen aus seinem Land, h�tte man ihn nicht gezwungen, gezwungen freiwillig zu gehen, seine Frau hoffte er nachkommen lassen zu k�nnen. Das war nicht gelungen. H�tte man nicht den ihm zudiktierten Namen Richard Israel Kornitzer (der Dr. jur. kam nicht mehr vor) in Listen eingetragen mitsamt einer Adresse, einer Steuernummer, h�tte man nicht seine wirtschaftliche Existenz vernichtet. Reichsfluchtsteuer war zu zahlen, w�hrend man ihn hinausschmi�. Er hatte eine Abreiseadresse und eine Zieladresse, die nur ein Schiff war. Es hatte einen sch�nen klangvollen Namen: <emphasis>Reina del Pac�fico</emphasis>. Das Ablegedatum und der Name des Dampfers, mit dem er reiste, klangen wie ein Geburtsdatum und ein Geburtsort einer vogelleichten Existenz, die vorsichtig, damit sie nicht gleich umkippte, aufs Wasser gesetzt wurde. Eine Adresse, ein Eintrag in einem Geburtsregister, eine Pa�nummer, eine standesamtliche Eintragung zu einer Eheschlie�ung, eine Bemerkung �ber den Beitritt zu einer kirchlichen Gemeinschaft (Taufe? Ja.), all dies lie� keine Spuren oder doch nur so periphere, da� diese Spuren, als er endlich angekommen war, nicht z�hlbar, nicht auflistbar waren. Die Zusammenh�nge, aus denen er stammte, waren abgeschnitten, und er selbst war eine Rumpfexistenz. Er war ein Paket geworden, das expediert werden mu�te. Aber er war auch ein Mensch. Diese Wahrnehmung l�ste die Probleme nicht, im Gegenteil, sie schuf neue, die gar keine Namen hatten, vielleicht hie�en sie nur Anpassungsschwierigkeiten, Gef�hlsst�rungen, aber das w�rde sich geben, so mu�te man denken, wenn der Mann nach knapp zehn Jahren wiederkam, wiederkommen durfte, auf ausdr�cklichen Wunsch, ja auf das beherzte Eingreifen der Frau.</p><p>Alles schwankte, die Berge gr��ten, die satten gr�nen Matten waren ein Grund, auf dem man stehen k�nnte (wenn man Grund und Boden h�tte), ein Fu� in der Stadt, ein Fu� auf dem Berg, mit Riesenschritten ginge es so zur�ck in eine Normalit�t. Claire Kornitzer hatte als Sekret�rin bei einem Patentanwalt am Bodensee gearbeitet, solange noch Krieg war, produzierte die Waffenindustrie in der Nachbarstadt: Die Zeppelinwerft, die Motorenfabrik, die Zahnradfabrik und die Aluminiumfabrik, alle liefen auf Hochtouren. Alle arbeiteten fieberhaft an neuen (kriegswichtigen, kriegsentscheidenden, so hie� es) Produkten. Ingenieure t�ftelten an Erfindungen, die Firmen meldeten Patente an, noch und noch, man wu�te ja nie, man w�rde nach Kriegsende (so oder so) die Patente ins Ausland verkaufen. Da hatte der Patentanwalt viel zu tun, und er war froh, eine verst�ndige Mitarbeiterin zu bekommen, die durch ihren Mann, der verschollen war, schon in den fr�hen drei�iger Jahren Erfahrungen mit dem Patentrecht hatte. Er war zufrieden mit Claire, und Claire glaubte, es auch gut getroffen zu haben. Dann wurde die Stadt der Flugzeugwerft, der Maschinenfabriken, der Aluminiumerzeugung bombardiert, eine Dornier trudelte, brannte, lag wie ein gro�er Torpedok�fer auf dem R�cken, ein Fl�gel gekippt, aufgerissen. Dem Luftangriff vom 28. April 1944 fiel die Schlo�kirche in Friedrichshafen zum Opfer, der Dachstuhl brannte, der Helm kippte, die Orgel und gro�e Teile der Kirchenb�nke wurden vernichtet. Weil kein Notdach errichtet werden durfte, blieben die unbesch�digten Deckengew�lbe der Witterung ausgesetzt, so da� sich die Deckenfresken mit der Zeit aufl�sten und der wertvolle Stuck seit dem Herbst 1945 von der Decke herunterst�rzte.</p><p>Die B�ros der Ingenieure waren vor den Angriffen notd�rftig aufs Land evakuiert worden und arbeiteten unverdrossen weiter, so hie� es. Aber nach dem Krieg wollte niemand mehr etwas wissen von den Motoren, der Luftfahrtindustrie, der kriegswichtigen Maschinenproduktion und ihren Erfindungen, von dem Hafenwesen, dem Zahnradwesen, dem Eisenbahnausbesserungswesen noch am ehesten. Die Produktionsst�tten f�r Aluminium waren zerst�rt, das Waffenwissen lag brach, die Firmen zwangsaufgel�st, die Patente wie Blei im Keller, kein Bedarf, nicht einmal mit der Kneifzange anzufassen. Einige Ingenieure, die sich etwas auf ihr Wissen zugute hielten, verschwanden, waren auf klammen Wegen ins Ausland gegangen, hatten sich einfach abgesetzt mit ihren eingerollten Pl�nen, ihrem strikten Willen zum Siege, und wenn es nicht der Endsieg geworden ist, dann der einer einschmiegsamen Rede, die von Europa s�uselte, wenn sie Deutschland meinte, von dem europ�ischen technischen Fortschritt, der europ�ischen technischen �berlegenheit, wenn sie Deutschland meinte. Es war zum Lachen. Nahmen sie Patente mit, an denen sie einen Anteil hatten oder von denen sie behaupteten, einen Anteil zu haben? Das war nicht voraussehbar, sagte der Patentanwalt seiner t�chtigen Mitarbeiterin. Also war auch die Niederlage nicht voraussehbar f�r den Patentanwalt. (Oder undenkbar? Nicht vorstellbar?) Die Technik siegte, die Niederlage war nicht voraussehbar, auch nicht vorstellbar, nicht die vollst�ndige Kapitulation des Luftfahrtwesens, des Maschinenwesens, des Motorwesens, des ganzen menschlichen deutschen Wesens mitsamt seiner Erfindungskraft, seinen T�ftlern und Bastlern. Die deutsche Waffenindustrie mitsamt ihren Erfindungen hatte sich als zerbrechlich erwiesen, sie lag am Boden, und dort sollte sie nach dem Willen der Alliierten bleiben, zertr�mmert, abger�umt. Die Schlo�kirche bekam erst 1947/48 mit Schweizer Hilfe ein Notdach, die Schweizer schickten Handwerker, die Handwerker brachten Schokolade f�r die Kinder mit, das H�mmern und Klopfen war am Seeufer zu h�ren.</p><p>Der Nachkrieg und die W�hrungsreform hatten auch die Anwaltskanzlei in Turbulenzen gebracht, man dankte Claire Kornitzer, man verwies sie darauf, da� sie als �Evakuierte� bald die strukturlos gewordene Gegend verlassen w�rde und mit ihrer Qualifikation (f�r die hier leider keine Verwendung best�nde) sicher in einer gr��eren Stadt mehr Gl�ck h�tte. Man gab ihr ein brillantes Zeugnis, f�r das sie eines ihrer guten Farbb�nder der Schreibmaschine zur Verf�gung stellte, und das war�s. Es dr�ngten junge Frauen, die noch keine Ausbildung hatten, die auch auf den �briggebliebenen Schreibmaschinen gymnastische �bungen machen wollten, es dr�ngte eine Normalit�t. F�r eine Berliner Gesch�ftsf�hrerin einer GmbH, die abgehalftert worden war aus Gr�nden, die zehn Jahre sp�ter nicht mehr begriffen wurden, war zum zweiten Mal kein Platz. Claire Kornitzer ging stempeln, dann schl�pfte sie in der Verwaltung einer Molkerei unter, z�hlte die Milchkannen und schrieb Rechnungen und Berichte. Claire Kornitzer, ungebunden, hungrig, ohne Familie (aber mit Sorgen um ihre zerstreute Familie) war eine Belastung, eine Last, die abgeworfen wurde, aus betriebsinternen Gr�nden, aus nachkriegsbedingten Gr�nden, wie sie vorher aus Gr�nden, die die nationalsozialistische Gesetzgebung vorgab, aus ihrem Beruf gedr�ngt worden war. Ein Ehepartner, der ein Klotz am Bein war. Eine Ehefrau, die sich weigerte, die Scheidung gegen den j�dischen Partner einzureichen, war verloren. Sie war mehrmals zur Gestapo vorgeladen worden und hatte unterschreiben m�ssen, nichts �ber diese Vorladungen, die Ersch�tterungen ihres b�rgerlichen Lebens waren, weiterzugeben. Also war sie nicht zur Gestapo vorgeladen worden, also war sie nicht mi�handelt worden, zum Schweigen verdonnert. Also hatte sie das alles nur getr�umt, und jede Aussage, jedes Fl�stern, jede �u�erung gegen�ber einem vertrauten Menschen, der sich dann doch nicht als so vertraut herausstellte, h�tte weitere Einsch�chterungen zur Folge gehabt, das hatte sie begriffen, das hatten sie einige M�nner in einem B�ro gelehrt, in dem sie lange warten mu�te, bis es Nacht geworden war, bis das Haus nicht mehr vor Schreien und Br�llen und T�renschlagen vibrierte. (Und sie verstand diese Lehre nur so ungef�hr, eher mit den Nerven, mit den empfindlichen Fingerspitzen als mit dem Verstand.) Was folgte, auch ohne ihr Verstehen, und besonders ohne ihre Einwilligung: Sie hatte nicht nur nichts zu sagen, sie hatte einzupacken und ihren Mann besser gleich als sp�ter aus der Schu�linie zu ziehen, so einfach war das.</p><p>Was aber feststand, waren ein paar Daten, Fakten: Das 1. Juristische Staatsexamen von Richard Kornitzer war vollbefriedigend. 1926 promovierte er zum Dr. jur., da ist er gerade mal 23 Jahre alt. Das 2. Juristische Staatsexamen legt er mit �gut� ab. Das waren hervorragende Noten, ein schneller Student, ein �berflieger, entschlossen, seinen Weg zu gehen. Warum es Einser-Philosophen gibt und Einser-Volkswirte, aber die Noten der Juristen tiefer liegen, wei� kein Mensch zu sagen. Vielleicht um die jungen Juristen nicht zu verw�hnen, w�hrend der junge Philosoph wei�, da� auf ihn nicht die geringste Verw�hnung wartet, sondern die rauhe Gewi�heit, da� niemand ihn braucht. Hervorragende Juristen werden gebraucht. <emphasis>Ich halte Herrn Dr. Kornitzer zur bevorzugten Bef�rderung und Anstellung f�r besonders geeignet</emphasis>, hatte ihm der Landgerichtsdirektor am 15. Januar 1932 in seiner Begutachtung bescheinigt und weiter geschrieben: <emphasis>�Herr Dr. Kornitzer verf�gt �ber eine scharfe Auffassungsgabe, guten Tatsachensinn, geschultes logisches Denken, die F�higkeit knapper Darstellung und die seltene Gabe, auch verwickelte Sachverhalte klar aufzufassen und pr�gnant darzustellen. Er hat gr�ndliche Rechtskenntnisse und besonders gute juristische Schulung. Insbesondere hat er sich auf dem Gebiet des gewerblichen Rechtsschutzes ausgezeichnet eingearbeitet. Dementsprechend stehen seine Leistungen weit �ber dem Durchschnitt und sind durchweg gut gewesen. Bes. Hervorhebung bed�rfen seine nach Aufbau, Durchdringung, Klarheit und K�rze gleich ausgezeichneten Urteile. Er hat p�nktlich gearbeitet. Seine F�hrung war gut. Auch sein Gesundheitszustand scheint gut zu sein.�</emphasis> Das war ein Zeugnis zum Hinter-den-Spiegel-Stecken, ein Zeugnis, das zu allen m�glichen Hoffnungen berechtigte.</p><p>Aber die Hoffnungen waren get�uscht worden. Eine Benachrichtigung, die nur vier Zeilen hatte, lie� ihn im Boden versinken. <emphasis>Der Gerichtsassessor Dr. Richard Kornitzer in Berlin wird auf Grund des ��3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (RgBl.I S.175) in den Ruhestand versetzt.</emphasis></p><p><emphasis>Berlin, den 20. Juli 1933</emphasis>.</p><p><emphasis>Der Justizminister (Siegel des Preuss. Just. Min.)</emphasis></p><p><emphasis>in Vertretung gez. Dr. Freisler</emphasis></p><p>Immer wieder hatte Kornitzer auf das Dokument gestarrt, jeden Satz, jedes Wort, jedes Zeichen hatte er genau studiert, als k�nnte er in ihm doch noch einen anderen Sinn finden als den offenkundigen der Erniedrigung, der Verst�rung. Aus der Traum, aus der Traum, eine Richterlaufbahn war vernichtet. Und er warf sich auch vor, w�hrend er sich �ber seine neue aufregende T�tigkeit am Landgericht gebeugt hatte, sich nicht gen�gend um die Ver�nderung der politischen Verh�ltnisse gesorgt, gek�mmert zu haben. Er w�rde das tun, sagte er sich damals, wenn er vom Referendar zum Assessor, vom Assessor zum Landgerichtsrat bef�rdert worden w�re, also bald, also dann in einer gesicherten Position. Georg, sein kleiner Sohn, lernte laufen, hielt sich an allen m�glichen Beinen, den Tischbeinen, den Stuhlbeinen, den v�terlichen Beinen fest, wollte seinen kleinen Singsang-Wortschatz erproben, die Zweisilbigkeit, die Zweiw�rterhaftigkeit seiner Welt, lauter sch�ne Luftblasen, die das Kind fliegen lie�, und Claire war sehr besch�ftigt mit dem, was Kornitzer das �Universale� nannte. Und er, das warf er sich �berm��ig vor, hatte sich, wenn er das Landgericht hinter sich lie�, in den Luftraum geschmiegt, der zwischen der T�tigkeit der Frau und den Forderungen, die der kleine Junge an ihn stellte, blieb; nebenbei bemerkt, es waren nicht �berm��ig viele. Ein Zuh�ren, ein H�ndchenhalten, ein Kl�tzchen-Aufheben, eine beruhigende v�terliche Stimme und eine Hand auf einem K�rperchen, das Bauchweh hatte. Alles bewegende Zeichen und Symptome, die ihn manche Nachricht in den Zeitungen �berlesen oder nur schulterzuckend zur Kenntnis nehmen lie�en. Bis es geschah � er hatte Urteile geschrieben und sich kein Urteil �ber die neue Regierung gebildet. Der Boden war ihm unter den F��en weggezogen worden, er f�rchtete, auch seine Frau, sein kleiner Sohn w�rden mit in den Abgrund, der sich vor ihm auftat, gerissen. Und es gab keinen Zeugen, keine Kontakte zu den fr�heren Kollegen, es gab ein gro�es, grenzenloses Schweigen, das ihn einh�llte in einer furchtbaren Bitternis. Erst jetzt begriff er, er war der einzige Jude unter den Kollegen am Landgericht gewesen, er hatte keine Solidarit�t, keinen Rat von niemandem zu erwarten. Und nicht einmal als ein richtiger Jude f�hlte er sich, er war Jude von Hitlers Gnaden gewesen.</p><p>Kornitzer war in der milden Fr�hlingsluft angekommen, untergekrochen bei seiner Frau, auf einem Bauernhof, umgeben von Wiesen. Das neugeborene Kalb mit st�ckerigen Beinen lief auf das Muttertier zu, bl�kte herrisch und kindisch zugleich. Ein Bauernhof, der keine Stallw�rme bot, weder f�r seine Frau noch f�r ihn, den Zugezogenen, den huckepack Genommenen, er war zu st�dtisch, er sprach zu Hochdeutsch, das war st�rend. Es war ihm unm�glich, sich als Teil einer gro�en (kollektiven) Erz�hlung zu begreifen. Sp�tabends, wenn das Bauernhaus schlief, die Tiere malmten, benutzte er Claires Schreibmaschine, tacktacktack oder tacktack, tacktacktack, Pause, tack � und tippte unverdrossen; diesmal an den Herrn Kreispr�sidenten. Der Kreispr�sident war eine Art Br�ckenkopf, eine Gelenkstelle in der exotischen Situation zwischen den �sterreichischen Besatzungsregionen der Franzosen und dem Linksrheinischen und Baden und W�rttemberg, die gleicherma�en franz�sisch besetzt und verwaltet waren. Der Kreispr�sident war mit einem Ministerpr�sidenten zu vergleichen, eingesetzt von der franz�sischen Besatzung.</p><p>�Hierdurch�, schrieb Kornitzer, �bitte ich ergebenst, die zust�ndigen Stellen des Landkreises anweisen zu wollen, mir diejenigen Verg�nstigungen zu gew�hren, die allgemein den aus �bersee zur�ckgekehrten Fl�chtlingen des Naziregimes gew�hrt worden sind.� (Woher wei� er von Verg�nstigungen? Mit wem steht er in Kontakt? Was liest er in der unt�tigen Zeit?) Und weiter schreibt er, als w�rden sich solche Fragen nicht auch die Beh�rden, die er anschreibt, stellen: �Ich habe vom Landratsamt, Betreuungsstelle f�r politisch Verfolgte, am 8. 6. d. J. folgende Mitteilung erhalten: <emphasis>Nach Pr�fung Ihrer Unterlagen wurde festgestellt, da� Sie seit 1941 staatenlos sind. Die deutschen Betreuungsstellen f�r politisch Verfolgte betreuen jedoch nur deutsche Staatsangeh�rige. F�r die Betreuung von Ausl�ndern und Staatenlosen ist die IRO zust�ndig, Sie werden deshalb gebeten, sich an diese Stelle zu wenden.�</emphasis> Kornitzer hatte gelesen, las zweimal, reichte Claire das Schreiben, dann begann er zu zittern, er las laut �jedoch nur deutsche Staatsangeh�rige�, las lauter �nur deutsche Staatsangeh�rige�, und warf das Schreiben zu Boden. Er tobte auch noch, als er es aus dem Ged�chtnis zitierte, �nur deutsche Staatsangeh�rige�. Bitte, Richard, sagte Claire, beruhige dich doch, es wird sich alles kl�ren. Kl�ren? schrie er, was soll sich kl�ren? Alles ist sonnenklar. Pst, machte sie, die Pfempfle-Kinder werden wach, wenn du so schreist. Irgendjemand mu� ja mal wach werden, schrie er. Bitte, Richard, so kenne ich dich nicht, bitte, sei leis, flehte sie. Und dieses �so kenne ich dich nicht� brachte ihn zur Raison, er wollte doch wiedererkannt werden und hatte seine Frau auch wiedererkannt und Angst gehabt, als er sie nicht gleich auf dem Bahnsteig sah, sie h�tte sich so grunds�tzlich ver�ndert, da� er schamvoll an ihr vorbeigegangen w�re, oder sie h�tte ihn nicht sehen wollen, erst nach einer Schrecksekunde, und sich dann freudig oder gespielt freudig umgewandt, um ihn filmisch wie in einer Gro�aufnahme zu erkennen. Nein, so war es nicht gewesen, und w�re es so gewesen, ein langer Schatten h�tte sich �ber ihr Wiedersehen gebreitet, eine Verlegenheit. Doch die gab es nicht, gl�cklicherweise. So versuchte er sich wieder zu fassen, Claire hatte ihm auch eine Hand auf den Arm gelegt, mit dem er zu fuchteln begonnen hatte. Und dann erkl�rte er ihr: Die IRO hatte ihn schon seit der deutschen Kapitulation betreut, ja auch schon fr�her, als die Kapitulation zu erwarten war, danach waren zweieinhalb Jahre vergangen, die er in einem schmerzlichen Wartezustand verbracht hatte, zwischen Hoffen und Bangen und totaler Niedergeschlagenheit, er w�rde nie mehr seine Frau, seine Kinder finden, und nun mu�te er sich ganz hinten einreihen, und seine Geschichte war in den Wind geschrieben. Anstellen und betteln wie ein B�rger aus einem fernen Schtetl (waren das �berhaupt B�rger? er wu�te es in der Erregung nicht so genau). Die Nazis hatten es �berrannt und angez�ndet und die Bewohner wie Vieh zusammengetrieben, um aus ihnen ein letztes Quentchen Arbeitsf�higkeit herauszupressen, und wenn dieses nicht mehr zu erwarten war, sie zu vernichten. Er konnte sich naturgem�� die eigene Vernichtung nicht vorstellen. So hatte er gewaltige Anstrengungen gemacht, die eigene Ausl�schung zu verhindern, die der Kinder zu verhindern, er hatte daf�r die Vernichtung seiner famili�ren Situation auf dem Gewissen, so kam es ihm vor. Das war eine schwere B�rde, von der er sich kaum befreien konnte, solange die Kinder nicht wieder unter einem gemeinsamen Dach mit ihren Eltern lebten. Er mu�te sich setzen, nachdem sein Anfall zu Ende war.</p><p>Was die Ausb�rgerung betraf, so hielt er sich in seinem folgenden Schreiben an den Herrn Kreispr�sidenten kurz und knapp, er schrieb, da� seine Mitteilung insoweit richtig sei, �als ich tats�chlich staatenlos bin. Das �ndert jedoch nichts daran, da� ich nicht zu den Nichtdeutschen geh�re, die niemals die deutsche Staatsb�rgerschaft besessen haben, sondern da� mir gerade durch einen nationalsozialistischen Verfolgungsakt die deutsche Staatsangeh�rigkeit aberkannt worden ist, die meine Vorfahren und ich selbst seit Geburt immer hatten.� Weiterhin erkl�rte er, da� sich bis jetzt keine andere Beh�rde gegen�ber den aus �bersee zur�ckgekehrten Emigranten auf �hnliches berufen habe. �Vielmehr�, schrieb er weiter, �haben diese bei ihrer Ankunft 4 Care-Pakete, f�r drei Monate die h�chsten Lebensmittelkarten und ab dem 4. Monat laufend eine Karte um eine Stufe h�her als sonst anfallend erhalten. Ich habe dagegen seit drei Monaten nur die Non-Travailleur-Karte erhalten, die nur in einigem besser ist als die deutsche Karte, in anderem aber sogar schlechter. Au�erdem habe ich nur Zigaretten und Seife erhalten. In anderen Orten sind den R�ckkehrern auch Kleidung, M�bel, Geschirr u. a. zugewiesen worden, ganz abgesehen davon, was sie aus �bersee mitbringen durften.� Er berichtete weiter, seine Kleidung sei unter dem Durchschnitt der hiesigen Bev�lkerung, und seine Ehefrau sei, da sie die Scheidung der Ehe standhaft verweigerte und den Nationalsozialismus bek�mpfte, von der Gestapo k�rperlich schwer mi�handelt und wirtschaftlich ruiniert worden. Die geringen Ersparnisse, die sie seit ihrer Ans�ssigmachung im Landkreis aus Arbeitseink�nften gemacht habe, seien durch die W�hrungsreform ganz herabgesunken. Und er schlo� ganz formell und verbindlich: �Ich w�re dankbar, wenn sich in dieser Sache eine faire Regelung herbeif�hren lie�e, wof�r ich Ihre frdl. Hilfe erbitte. Ergebenst</p><p>Dr. Richard Kornitzer�</p><p>Er ist wirklich angekommen in einem Winkel Deutschlands, an den er vorher nicht gedacht hat. Und das war sicher ein Fehler, f�r den er jetzt b��te. Claire legte ihm, als er diesen Beschwerdebrief nachts in die Schreibmaschine geklimpert hatte, keine beruhigende Hand auf den Arm, sie nahm sein Gesicht in ihre H�nde und hielt ihn fest: Richard, es ist genug, wir leiden doch keine Not. Ein wenig irritierte ihn diese Justierung seines Kopfes, seines Blickes. Und sie verwies auf die Fl�chtlinge im Weiler, die sehr schweigsam waren und die aus Schlesien oder aus dem Sudetengau gekommen sind mit nichts, mit einem Rucksack, Paketen, K�rben und vielen Kindern an der Hand. Wir, sagte sie, haben doch �berlegungen anstellen k�nnen, Richard, sagte sie, und die �berlegungen waren nicht so falsch. Ja, wenn du an die Schornsteine denkst, waren sie nicht falsch, antwortete Kornitzer, und dann wollte er nicht mehr sprechen, wollte eine Decke �ber den Kopf ziehen, aber die Decke, die Claire hatte, war zu kurz und nicht breit genug, so war sein Verschwindenwollen, Verstecken eine belanglose, hilflose, ja kindische Angelegenheit, die seine Frau mit ruhiger Hand aufdeckte. Sie deckte seinen Zorn und seine Erbitterung auf und erbat sich einen ordentlichen Anteil an �ihrer� Decke, dem konnte er nicht widersprechen, also war er ins Unrecht gesetzt. Sollte seine Frau frieren, weil er in Kuba geschwitzt hatte? Sollte sein Leid das der Leute, die aus den Lagern gekommen waren und die deutsche Sprache nur als eine Kommandosprache, eine Sprache der Appelle, kennengelernt hatten, �bertreffen? Nein, das war nicht richtig. Claire hatte ihn ins Unrecht gesetzt, wie er sie bei dem Thema des polnischen Knechtes, den er korrekt als Zwangsarbeiter bezeichnen wollte, ins Unrecht gesetzt hatte. Jedenfalls hatte es ihn irritiert, da� sie eine Sprache sprach und eine Sprachregelung benutzte, die zur Kapitulation gezwungen worden waren, mit allen Konsequenzen, auch sprachlichen. Also versuchte er, sich unter der geliehenen, halb von seiner Frau gener�s �berlassenen Decke zu beruhigen, er war lange schlaflos in dieser Nacht, es rollten schwere Gedanken in seinem Kopf, und etwas wartete auf die Erl�sung. Er hielt viel von der Regulierung der Gef�hle, aber jetzt kamen ihm seine Gef�hle unsicher vor, archaisch.</p><p>Am Morgen waren seine F��e eiskalt, er tastete mit den Zehen nach Claires F��en, die warm waren, aber er wagte nicht, die Decke auf seine Seite her�berzuzerren, eigentlich wagte er �berhaupt nicht viel, sagte er sich in der fahlen Morgenbeleuchtung, und da� sich dies �ndern m�sse, bald, bald. Dann �ffnete Claire ihre gr�nen Augen, seufzte behaglich, und er wu�te eine halbe Stunde sp�ter doch nicht mehr so genau, was sich �ndern m��te. Aber es hatte sich ja schon viel ge�ndert, und wie viel mehr �nderte sich, wenn sie nicht nur z�gerlich Mann und Frau w�ren, sondern auch Vater und Mutter, wenn die eigenen Erfahrungen mit denen der Kinder in �bereinstimmung gebracht w�rden. Wenn die Ersch�tterung der Kinder, ihr Schrecken, ihre Fremdheit so wichtig w�rden wie die disparaten Erfahrungen der Eltern. Ja, darauf mu�te man sich sorgsam vorbereiten.</p><p>Kornitzers Brief an den Kreispr�sidenten hatte eine erstaunliche Wirkung. Der Kreispr�sident schrieb dem Landrat, der schrieb dem Kreispr�sidenten zur�ck: <emphasis>Nach den f�r die Betreuung der politischen Verfolgten bestehenden Richtlinien ist die Betreuung von Staatenlosen nicht vorgesehen. Der von Herrn Dr. Kornitzer f�r seine Person geschilderte Tatbestand, n�mlich die Aberkennung der deutschen Staatsangeh�rigkeit als ein Verfolgungsakt, ist in den Richtlinien nicht erw�hnt. Als Grund hierf�r darf wohl angenommen werden, da� die seinerzeit von der nationalsozialistischen Regierung ausgesprochene Ausb�rgerung auf Antrag des Betroffenen f�r nichtig erkl�rt werden kann, und da� die Betreuung ohnedies von der UNRAA, bzw. IRO auf die deutschen Betreuungsstellen �bergeht, andererseits aber ein Ausgeb�rgerter, der die deutsche Staatsangeh�rigkeit nicht wieder erwerben will, seine Betreuungsanspr�che bei der UNRAA, bzw. IRO stellen kann. Die Nichtigkeitserkl�rung von Ausb�rgerungen regelt sich in Bayern nach dem Gesetz Nr. 108 �ber die Staatsangeh�rigkeit von Ausgeb�rgerten vom 27. 3. 1948. F�r W�rttemberg und Hohenzollern ist ein gleiches Gesetz der Betreuungsstelle nicht bekannt geworden</emphasis>. Kornitzer wurde empfohlen, die Nichtigkeit seiner Ausb�rgerung zu beantragen, sobald das Gesetz auch im Kreise Lindau in Kraft getreten sei. Und er solle die erforderlichen Unterlagen, n�mlich den Nachweis der j�dischen Abstammung und der erlittenen Sch�den beibringen. Dagegen konnte er wenig sagen, die Nichtigkeit seiner Ausb�rgerung war ein Teil anderer Nichtigkeiten. Die Schreibmaschine klapperte, die Farbb�nder spulten sich weiter und weiter. W�re die Nichtigkeit der Ausb�rgerung beantragt, w�rde ihm, Dr. Richard Kornitzer, mehr Achtung entgegengebracht, so dachte er, wenigstens eine Ma�nahme, die zu seiner Dem�tigung und Behinderung im �ffentlichen Leben gef�hrt hatte (in der Nachfolge anderer Ma�nahmen) w�re vom Tisch. Von der Ausb�rgerung, die ihn in Kuba traf, wu�te er damals nichts. Sein deutscher Pa� verlor seine G�ltigkeit, und er merkte es nicht einmal; ein hoffnungsvolleres Emigrationsland war nicht mehr zu erreichen. Zwischen England und den USA torpedierte Schiffe, zwischen den USA und Kuba komplizierte, vorwiegend mit Geld geschmierte Beziehungen. Die Kinder in England und weit weg, unerreichbar: Claire, die ihre nichtarischen Verwicklungen verleugnen, verstecken mu�te als arische Geisel in Deutschland. Und so war eine Fremdheit entstanden, die eigene Not und die fremde Not, au�erhalb der Restriktionen und innerhalb der Grenzen des eigenen Empfindungsverm�gens nicht vermitteln zu k�nnen. In Kuba war es h��lich und deprimierend f�r einen Fl�chtling. Das einzige Interesse bestand darin, Geld aus ihm zu pressen und, wenn das nicht gelang, ihn in die Obhut von Hilfsorganisationen zu pressen, die dann das Geld, das erpre�t werden sollte, aus irgendwelchen Fonds zahlten, die gutm�tige j�dische Gemeinden in den USA oder in Portugal aufbrachten in der Hoffnung, sie w�rden Glaubensbr�dern helfen, aber Kornitzer war kein Glaubensbruder, er war ein abtr�nnig gewordener Bruder, und da� nur Hitler oder seine absurde Gesetzgebung, wer ein Geltungsjude, ein halber Jude, ein Vierteljude oder ein Nennjude war und wie seine Kinder zu schikanieren waren unter welchen Bedingungen, ihn an seine Herkunft erinnerten, das wollte er in der Tat nicht an jedem Tag wissen, solange er noch juristische Fachzeitschriften gelesen hatte, solange er noch in �ffentliche Bibliotheken ging, solange die Staatsbibliothek ihm noch offen stand, ihm, dem gescha�ten Justizassessor am Landgericht, der danach gefiebert hatte, ein Landgerichtsrat zu werden.</p><p>In Bettnang las er das Amtsblatt, regelm��ig, eine neue Pflichtlekt�re. Die Franzosen hatten sofort nach der Befreiung die schlimmsten Nazi-Gesetze au�er Kraft gesetzt, belie�en aber vorerst das Rechtssystem, so wie es war. Angeh�rige der Wehrmacht in oberen R�ngen, Offiziere, NS-Verantwortliche mu�ten sich von Zeit zu Zeit polizeilich melden und jeden Wohnortswechsel angeben. Kornitzer las die Berichte aus dem Milit�rgericht und dem Amtsgericht, strenge Urteile, und schlie�lich fand er die Notiz, die er suchte. Ja, das bayerische Gesetz war auch in dem Landkreis, der nicht zu Bayern geh�rte, in Kraft getreten. Alles Weitere war ein formeller Akt. Er stellte seinen Antrag, der bald bearbeitet wurde. Nun war er deutscher Staatsb�rger, und die Zeit, die er aus der Staatsb�rgerschaft entlassen worden war, schien weggewischt mit einer Unterschrift auf einem Blatt Papier. Er wu�te nicht, was er dabei empfinden sollte. Er hatte sich die Einb�rgerung als einen wichtigen Schritt gew�nscht, nun fiel es ihm schwer, sich zu freuen, denn er war abgelenkt von einem Hinweis: <emphasis>Eilt</emphasis> hatte jemand mit Handschrift neben die Kopfzeile des Briefes geschrieben und <emphasis>mit der Bitte um Stellungnahme. Dr. Kornitzer ist als 2. Vorsitzender des Kreisuntersuchungsausschusses f�r die politische S�uberung vorgesehen</emphasis>.</p><p>Da� Kornitzer politische S�uberungen anvertraut werden sollten, freute ihn einerseits, es war verantwortungsvoll. Andererseits f�rchtete er auch, mit Menschen zusammenzutreffen, die auf der anderen Seite standen, die profitiert hatten, w�hrend er in der D�rftigkeit, in der Ausgesetztheit litt. Claire war viel skeptischer als er � nat�rlich, er h�tte wieder eine Aufgabe �, aber gewi� w�rde er auch angefeindet als ein Mitglied im Ausschu�, niemand wolle diese Arbeit gerne machen. Gewerkschafter s��en in den Aussch�ssen, Parteimitglieder, �demokratische Kr�fte�, wie man so sagte, und jemand, der zum Richteramt bef�higt sei. Das bist du! so erkl�rte Claire das Verfahren ihrem Mann. Also eine Warteschleife. Die Deutschen waren doch eine Volksgemeinschaft, eine Schicksalsgemeinschaft, das hatte man ihnen eingeimpft, da wollte niemand gerne �ber einen anderen aussagen, denn er brauchte selbst Zeugen, die f�r ihn aussagten. Die Briten ersparten Hausfrauen, Rentnern und Freiberuflern die S�uberungsprozedur, die Franzosen nicht. Der Heidelberger Staatsrechtler Walter Jellinek hatte schon 1947 �ffentlich gefordert, <emphasis>es d�rfte [�] gar nicht gestattet sein, den ents�hnten ehemaligen P.G. an diese traurige Zeit seines Lebens zu erinnern</emphasis>. Es kursierte das Wort vom �Entnazifizierungsgesch�digten�, aus dem im Nu ein �Entnazifizierungsopfer� geworden war, gleichg�ltig, wie eng seine Verstrickung mit dem Dritten Reich war.</p><p>Im Amtsblatt, sagte Claire, waren seit Sommer 1946 lange Listen mit den Ergebnissen der politischen S�uberungen abgedruckt. Diese Beschl�sse, so hie� es, tr�ten mit ihrer Ver�ffentlichung im Amtsblatt in Kraft. Das waren unangenehme Nachrichten f�r die Entnazifizierten. Ihre Strafe, wenn sie denn vollzogen wurde, war stadtbekannt. Zuerst sei der gesamte Beamtenapparat durchleuchtet worden, viel zu langsam, viel zu umst�ndlich, Versetzung, Zur�ckstufung im Dienstalter und in der Gehaltsklasse, Zwangspensionierung oder Entlassung ohne Pension oder auch Einzug eines in der Nazizeit angesammelten Verm�gens seien die Strafen gewesen. Selbstreinigung, <emphasis>Auto�puration</emphasis>, h�tten die Franzosen diesen Vorgang genannt. Aber mit dem Willen zur Reinigung sei es nicht so weit her gewesen. Das Amtsblatt habe berichtet, es bestehe Veranlassung, <emphasis>darauf hinzuweisen, da� die in den Gemeinden t�tigen politischen Beurteilungsaussch�sse ihre Arbeit im Auftrag der Milit�rregierung aus�ben; mit der sachlich gebotenen Strenge, jedoch gerecht und verst�ndig unter Ausschaltung aller pers�nlichen Beweggr�nde. Jede Kritik oder Bedrohung der Mitglieder dieser Aussch�sse, haupts�chlich von Seiten der betroffenen ehemaligen Mitglieder der NSDAP, ist unangebracht und wird mit aller Strenge verfolgt</emphasis>. Also hatte Claire Angst, da� ihr Mann bedroht werden k�nnte, wenn er Mitglied eines S�uberungsausschusses auf Kreisebene wird? Das sagte sie nicht so genau. Es ist nur ein Anfang, ein notwendiger Anfang, darauf beharrte Kornitzer, eine Arbeit, die getan werden mu�. Sie sollte l�ngst getan sein, antwortete Claire. Lieber gr�ndlich als schlampig, Kornitzer wollte das letzte Wort behalten und hatte es auch.</p><p>Die neue T�tigkeit nahm Kornitzer den Atem. Er arbeitete wieder in seinem Beruf, er richtete, er w�gte ab, er f�llte Urteile, das war es, was er wollte, was er so lange entbehrt hatte. Er bekam die ellenlangen Leporello-B�gen zu Gesicht, ausgefaltet waren sie mehr als zwei Meter lang, in der die franz�sischen Beh�rden nach allen m�glichen Verwicklungen fragten, nach Mitgliedschaften in Untergruppen der NSDAP, in berufsst�ndischen Vereinigungen bis zur NS-Frauenschaft. Jede Beh�rde, jede Berufsgruppe, jede Firma wurde gepr�ft. Seine Arbeit begann mit dem st�dtischen Schlachthof. Alle vor dem 1. 1. 1928 geborenen Angestellten und Beamten der �ffentlichen Verwaltung mu�ten ihren Fragebogen zur Einleitung der politischen S�uberung abgeben. Und es hie� auch, da� allen Personen, die Anspr�che auf Grund des Wiedergutmachungsgesetzes erheben wollen und noch keinen S�uberungsbescheid besitzen, Gelegenheit gegeben werde, die Einleitung des S�uberungsverfahrens zu beantragen. Kornitzer traute seinen Augen nicht. Da war er entlassen worden, aus dem Land gejagt worden, und nun mu�te er beweisen, da� er nicht heimlich doch eine Funktion in Deutschland hatte und ganz oben, ganz verborgen ein satanischer Doppelspieler war. Es war wie eine Selbstvergewaltigung; er tat sich Schmerz an, der den Schmerz, der ihm angetan worden war, verst�rkte.</p><p>Die Arbeit im Kreisuntersuchungsausschu� war ein l�ckenloses Durchk�mmen, Durchsieben, Durchwaten, es machte ihn seltsam beklommen, die Antworten zu lesen und dann die Menschen zu sehen, die die Antworten verfa�t hatten. Kornitzer wollte ja urteilen, sich selbst ein Urteil bilden, das dem Einzelnen gerecht wurde. Aber anders als Claire es ihm erkl�rt hatte, �nderten sich nun die Regeln der Verfahren. Der Katalog der Sanktionen wurde abgel�st durch Kategorien: Hauptschuldige, Belastete � damit waren auch Profiteure der NS-Regierung gemeint �, Minderbelastete, Mitl�ufer und �aufgrund beigebrachter Beweise als nichtschuldig Einzustufende�. Es war ein Abhaken, ein schematisches Sortieren, wie Eier oder �pfel in K�rbe sortiert werden, es kam nicht auf das Urteil an, es kam auf die Kategorie an, auf die sich die Ausschu�mitglieder einigten. Die franz�sischen Beh�rden hatten sich durch die Einf�hrung der Kategorien eine Beschleunigung der Verfahren erhofft, und wirklich, wenn die langen B�gen auseinandergefaltet waren, konnten sie bald wieder zugeklappt werden, Jahre der Mitgliedschaft wurden zusammengez�hlt, Organisationen, es ging nicht um das Verhalten, es ging darum, alle Deutschen in einem Netz zu halten, kein Hier und kein Dort, sondern ein Verschieben von der einen Kategorie zur anderen, ein Blick auf das Leporello, ein Blick in ein verdruckstes Gesicht, und das war�s. Ich bin in einer Mitl�uferfabrik gelandet, sagte Kornitzer, wenn er mit dem Postbus aus der Stadt in den Weiler kam. Abstumpfung, Stumpfheit, Ermattung, wie schnell war er erm�det �ber den Leporellofahnen, �ber den Diskussionen mit seinen Ausschu�-Kollegen, er kam nach Bettnang zur�ck, wusch sich die H�nde und das Gesicht, wusch sich die H�nde �berlang und trocknete sie nicht ab, lie� sie einfach na� und wunderte sich, wie schnell sie �von selbst� trockneten. In ihm selbst geschah nichts von selbst. Er w�re jetzt gerne ein Erntehelfer, w�rde den Pfempfles bei den �pfeln helfen, f�nf Kategorien f�r alle Deutschen, aber wie viele Sorten �pfel hatte er schon kennengelernt auf dem Hof. Wenn er nur die gro�fruchtigen bedachte, waren es der Bismarckapfel, Canada Renette, Coulons Renette, Cox Pomona, Geflammter Kardinal, Gloria mundi, Grahams Jubil�umsapfel, Gro�herzog Friedrich von Baden, Harberts Renette, der Hornebucher Pfannkuchenapfel, Jakob Lebel, Kaiser Alexander, Peasgood Goldrenette, Salemer Klosterapfel, Signe Tillisch, Rheinischer Winterrambour, der auch Teuringer genannt wurde, Schwaikheimer Rambour. Sein in Bettnang erworbenes Apfelwissen freute ihn, es war eine heimliche kleine Freude, eine unheimlich gro�e Freude gab es nicht. Und w�hrend er seinen Arm um Claire legte und ihr zufl�sterte: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitl�ufer und aufgrund beigebrachter Beweise als nichtschuldig Einzustufende, da mu� man dich und mich durch die Mangel drehen, bis wir ganz platt sind, raunte sie: Der Rechtsanwalt, bei dem ich gearbeitet habe, ist schon entnazifiziert worden, kleine Ehrenrunde. Dann darf er wieder in seinem Beruf arbeiten. So ist es eben. Ja, so ist es eben, wie ein tropischer Papagei, im Voralpenl�ndischen ausgesetzt, kam er sich vor. Und im Einschlafen �berfiel ihn ein Bild, von dem er nicht wu�te, ob er es kannte und wo er es in seiner Erinnerung gespeichert hatte oder woher es sonst kam: Er sah ein wei�es Herrenhaus mit vier runden niedrigen T�rmen, T�rmen wie Mensch-�rgeredich-nicht-M�nnchen, rund um das Herrenhaus ein breiter Wassergraben und die W�nde glatt, wei�er Putz, und all das war von einer gelangweilten, best�rzend reinen Sch�nheit, karibisch oder schlesisch oder brandenburgisch, er wu�te es nicht, und im Einschlafen sagte er sich: Wie gleichg�ltig, nur das blendende Wei� blieb, und er wu�te nicht, ob das blendende Wei� doch etwas mit dem Bettzeug der Familie Pfempfle zu tun hatte, das er h�ufig auf der Wiese hatte bleichen gesehen und unter dem er doch im allgemeinen gut schlief.</p></section><section><title><p>Bunker</p></title><p>Als die Apfelernte begann, duftete das Haus der Pfempfles. In der Scheune, in der Diele, auf dem Treppenabsatz, �berall standen Kisten mit �pfeln, roten �pfeln, gr�nen �pfeln, �pfeln, deren Schale dramatisch gelbrot geflammt war, und solchen mit rauher Schale. Der ganze Hof wirkte nun wie ausgerichtet auf die Helfer mit ihren Tragen und Kisten, in die sie die �pfel pfl�ckten. Der Traktor tuckerte und r�hrte, an jedem Tag Hochbetrieb, der ganze Weiler Bettnang war von morgens bis sp�tabends auf den Beinen. In dieser Zeit erhielt Kornitzer einen offiziellen Brief, der ihn elektrisierte und vom Dorfgeschehen wegri�. Das Justizministerium des neu gegr�ndeten Landes Rheinland-Pfalz lie� anfragen, ob er eine Stelle am Landgericht Mainz antreten wolle. Was ist ein Landgericht?</p><p>Man stellt sich ein Land vor, das Landesinnere des Landes, �de Wege, verschlammte Wege, ein gepr�gelter Hund, der im Schatten jault, ein Hund, dessen Vorfahren noch an einer Kette zerrten, Kl�glichkeit, der Richter in einer speckigen Robe, glanzlos, Aktenstaub auf den �rmeln, Aktenstaub auf dem sch�tteren Haupthaar, ein R�uspern, bevor er spricht, mit belegter Stimme. Im Namen des Volkes. Hat das Volk einen Namen, hat das Volk ein Gesicht? Hat das Land ein Gericht? Hat es ein Gericht verdient? Ist ein Gericht auf das Land niedergegangen? Ja und nein. Es gibt Richter, die wollen allein sein, ein Urteil f�llen ganz allein, sie sind Einzelrichter, im Einzelzimmer hinter sich das Kreuz, dem Angeklagten Aug in Aug gegen�ber, nur mit dem Protokollf�hrer und dem Staatsanwalt und dem Rechtsvertreter des Angeklagten im Raum, ein kleines Kammerspiel des Abw�gens und Richtens, ihr Platz ist am Amtsgericht. Nie werden sie mit einem Mord konfrontiert, nie mit einer gef�hrlichen Brandstiftung, nie mit einem Bank�berfall. Sie k�nnen gut leben mit den eher harmlosen Rechtsverdrehungen, mit Beleidigungen und Meineiden, mit der Vort�uschung von Trunkenheit, um eine Strafmilderung zu erreichen. Sie pfl�gen den Boden, merzen Unkraut und Unrecht aus und s�en Recht. Zum Landgericht dagegen steigt man einige Stufen hoch, man steigt und steigt, eine gewisse Einsch�chterung ist vorgesehen. Der Richter am Landgericht ist nie allein, er hat zwei Beisitzer, mit denen er jeden Fall sorgsam er�rtert. Sie bewundern ihn, das erwartet er, er greift ein, er f�hrt aus, und manchmal r�cken die Beisitzer von ihm ab und zischeln hinter seinem R�cken, dar�ber mu� er r�tseln, aber die Verhandlungsf�hrung l��t ihm keine Zeit zum Gr�beln; er ist eine Instanz, nicht die letzte, gewi� nicht. Mit seinen Beisitzern zusammen bildet er eine Kammer. Das Landgericht ist eine H�hle, ein Bienenstock, Kammer an Kammer, Wand an Wand wird auf das Recht gepocht, wird mit Anklagevertretern und Rechtsanw�lten gefeilscht, werden Zeugen in die Kammern geschleust, befragt und vereidigt. Das Landgericht vibriert, es lebt, es malmt, und am Ende spuckt es Urteile aus. Es ist eine gro�e, gut ge�lte Maschine. Man steckt die Hand hinein wie in den Mund der Wahrheit, und sie kommt heraus, zerbissen, verkratzt, blutig. Oder sie ist heil geblieben, wundersamerweise, genau so unbesch�digt, wie sie vorher war. Der Besitzer der Hand ist freigesprochen worden aus Mangel an Beweisen. Kornitzer als junger Referendar in Berlin hatte sich gleich innerlich f�r das Landgericht entschieden, seine guten Noten und Beurteilungen halfen dabei. Am Landgericht werden Zivilsachen von einem bestimmten Streitwert an behandelt und Straftaten, die eine Freiheitsstrafe �ber f�nf Jahre erwarten lie�en, keine kleinen Fische. Das Landgericht hatte f�r Kornitzer eine Welt aufgetan, und aus dieser Welt war er vertrieben worden. Jetzt, mit dem Brief aus dem Justizministerium �ffnete sich ihm diese Welt von neuem, er war eine Genugtuung, dieser Brief.</p><p>Kornitzer, der geborene Breslauer, der seit seinem sechzehnten Lebensjahr in Berlin gelebt hatte, der Berlin nur ungern verlassen hatte, verjagt, vertrieben, der sich ein bi�chen an die karibische Tr�gheit in Havanna, das Schaukeln, das Gurren, die Gewi�heit, da� morgen auch noch ein Tag war und danach noch einer, gew�hnen mu�te, hatte das Leben �ber dem See liebgewonnen. Es war etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte und das er zu seiner eigenen Verbl�ffung meisterte. Insgeheim hatte er sich in den Monaten seit dem Fr�hjahr ein �wirkliches� Richterleben am Bodensee ausgemalt, er hatte das Amtsgericht schon in Augenschein genommen � ein Landgericht war nicht vorhanden �, die knarzende Treppe, die buckligen B�nke auf den Fluren. Aber der Brief, das lang erwartete Angebot, war �berw�ltigend. Er konnte sich eine Domstadt am Flu�, eine Stadt, die zerst�rt worden war, nicht wirklich vorstellen (mangelte es ihm an Phantasie?). Aber er wollte in seinen Beruf zur�ck, er wollte wirkliche Gesetze, nicht Vorgaben der Besatzungsmacht, die sich �ndern konnten je nach der politischen Opportunit�t. Er wollte Recht sprechen in der neu gegr�ndeten Bundesrepublik, nicht ein Rechtswesen verwalten, er wollte selbst gestalten. Ja, er wollte endlich Richter sein, das wollte er unbedingt. Richter sein, das hie� auch, frei in seinen Entscheidungen zu sein, eine anerkannte, unumst��liche Autorit�t. Und so schrieb er zur�ck, in gemessenem Ton dankend. F�r sein eigenes Empfinden waren seine Bewerbung und alle Unterlagen in den Duft der �pfel gebettet.</p><p>Er sprach mit dem Mann vom Arbeitsamt, der ihn betreute, �ber das Angebot. Dieser gratulierte ihm und sagte: Endlich, wie sch�n f�r Sie! Kornitzers Unschl�ssigkeit blieb, seine leise Hoffnung, ob nicht doch ein Gericht am Bodensee ihn beriefe, verflog. Er sprach mit Claire �ber die Wiederbegr�ndung eines eigenen Hausstandes, �ber die Heimholung der Kinder, er sprach und sprach und ereiferte sich freudig. Und Claire freute sich auch, wie gerne h�tte sie die Stellung in der Molkerei aufgegeben, neu angefangen unter besseren Bedingungen, und n�chtlich schmiedeten sie Pl�ne.</p><p>Kurz nach dem offiziellen Brief kam ein zweiter Brief aus Mainz, Kornitzer d�mmerte bei dem Namen des Absenders Erich Damm, da� es sich um einen ehemaligen Assessor am Landgericht Berlin handeln mu�te, an dessen Gesicht er sich kaum erinnern konnte, eher an eine gewisse Schneidigkeit, einen asketischen Eifer, der noch keine Richtung hatte (glaubte Kornitzer) und dessen Folgen ihm wegen seiner Entlassung aus dem Dienst verborgen geblieben waren. Damm war Rechtsanwalt in Wiesbaden geworden, <emphasis>nach einigen Umwegen</emphasis>, wie er schrieb. Aber warum schrieb er denn? Er hatte in Erfahrung gebracht, da� Kornitzer eine Stelle am Landgericht Mainz antreten k�nne und vielleicht auch antreten wolle, und schrieb weiter: <emphasis>Ich glaube, da� wir gut zusammenarbeiten k�nnten, da wir von einer traditionellen Plattform ausgehen. Das ist das eine. Das andere ist nicht so einfach</emphasis>. Ja, warum schrieb der Mann ihm? War die gemeinsame Plattform ein Rechtsverst�ndnis des Jahres 1929 mit all den Zensurma�nahmen, die auf energische politische Differenzen hindeuteten? Oder mi�verstand er das Jahr 1933 gr�ndlich als eine �noch� gemeinsame Plattform, an die sich Kornitzer nicht klammern durfte, ohne zu zerschellen. Oder hatte Damm geglaubt, gut mit Kornitzer zusammengearbeitet zu haben, als (oder weil?) dieser aus dem Berufsbeamtentum entlassen wurde? Hatte jemand ihn gefragt: Was wird denn aus Ihnen? Oder nur: Was immer aus Ihnen wird � viel Gl�ck. Es hatte kein Mitleid gegeben, nicht einen Funken von Mitgef�hl, allerdings geh�ssige Neugier oder ein kaltes, distanziertes Schweigen. An mehr konnte sich Kornitzer nicht erinnern. An mehr wollte er sich nicht erinnern. Und das andere, das Damm beschrieb, ja, wovor er wirklich warnte, waren die schlechten Lebensbedingungen in Mainz, nicht zu vergleichen mit dem goldenen F�llhorn in der gesegneten Bodensee-Landschaft. Mit keinem Wort fragte er, wie es Kornitzer zwischendurch gegangen war, wie er �berlebt hatte, es war ein demonstratives Desinteresse, als h�tte Kornitzer zehn Jahre in einer requirierten Villa verbracht � mit freiem Zugang in die gesegnete Schweiz: <emphasis>Ich halte es f�r meine Pflicht, Sie auf einige zwangsl�ufige Verh�ltnisse aufmerksam zu machen, damit Sie nicht etwa sp�ter entt�uscht sind</emphasis>. Damm schrieb �ber Steuern, �ber Preise und vor allem �ber die Wohnsituation. <emphasis>Die Wohnungsverh�ltnisse sind in Mainz, das bis zu 95 Prozent zerst�rt ist, besonders prek�r. Ebenso die Heizung. Sie k�nnen von Gl�ck sagen, wenn Sie im Winter wenigstens ein Zimmer einigerma�en warm halten k�nnen. Normal ist das nicht m�glich, die Zuteilung reicht gerade f�rs Kochen aus. Rauchwaren gibt es ungef�hr ein Dutzend Zigarren im Monat oder eine entsprechende Zigarettenmenge. Aber sonst leben wir �lteren sehr sch�n von der Erinnerung</emphasis> (Welche Erinnerung, zum Teufel? fragte sich Kornitzer beim Lesen), <emphasis>nur schade, da� man daran weder satt noch warm wird. Es sei denn, da� man ein hitziges Gem�t hat, was ich bei Ihnen nicht voraussetze. Trotzdem d�rfen Sie sich durch diese nackten Tatsachen nicht abschrecken lassen. Man wurstelt sich so durch und wundert sich jeden Tag von neuem, da� es doch immer wieder irgendwie geht. Geduld ist der gro�e Schutzengel, der uns alle umgibt</emphasis>.</p><p><emphasis>Also seien Sie so freundlich und geben Sie mir recht bald Bescheid, ob Sie nach Mainz kommen werden. Ich brauche Ihnen nicht erst zu versichern, da� ich alles f�r Sie tun werde, da� Sie hier nicht ein Troglodyten-Dasein zu f�hren haben</emphasis>. Und dann wurde Kornitzer mit freundlichen Gr��en in seine Verwunderung entlassen. An einen Schutzengel konnte er sich nicht erinnern, beim besten Willen nicht, eher an ein chronisch gewordenes Ungesch�tztsein, er hatte sich durchgeschlagen. Am liebsten h�tte er den Brief unbeantwortet gelassen, der angeschlagene Ton, die Mischung aus plumper Vertraulichkeit und Abwehr des Neuen war ihm zuwider. Er �bersetzte sich Damms Brief in ein �Kommen Sie blo� nicht, aber wenn Sie kommen, kommen Sie in meinen Einflu�bereich, dort sind Sie am unsch�dlichsten�. Er rang sich dann durch, Damm ein paar formelle Zeilen zu schreiben, er habe noch keine Entscheidung gef�llt, er wolle Erkundigungen einholen. Ausf�hrlich schrieb er an den Landgerichtspr�sidenten �ber seine Besorgnis, nach seinem langen Aufenthalt in der Emigration unter schlechtesten Wohnbedingungen, aufgenommen im Dachst�bchen seiner Frau, in einer so zerst�rten Stadt (die Prozentzahl, die Damm ihm genannt hatte, erw�hnte er nicht) seine Arbeit aufzunehmen. Und er bat um Hilfe bei der Beschaffung einer Wohnung. Die Antwort aus dem Landgericht war liebensw�rdig im Ton, aber hart in der Sache. Die Innenstadt von Mainz sei zu 75 Prozent zerst�rt, Wohnraum sei knapp, und das Landgericht k�nne bei der Beschaffung nicht behilflich sein. Kornitzer m�ge vorerst im Hotel wohnen, in dem auch andere neu an das Landgericht berufene Richter wohnten. Kornitzer verglich im Kopf die Prozentzahl der Zerst�rung, die Erich Damm ihm genannt hatte, mit der vertrauensw�rdigeren Prozentzahl, die aus dem Landgericht kam, und fragte sich: Was hatte Damm dazu getrieben, ihm eine so absto�end hohe Zahl zu nennen? Es kam ihm vor wie eine Suggestion: Sie werden hier Ihres Lebens nicht froh. Sie werden eine Tr�mmerexistenz f�hren. Er zeigte den Brief Claire und mu�te gar nicht viele Worte machen. Er sah die Entt�uschung in ihrem Gesicht �berdeutlich. Also vorerst kein gemeinsamer Haushalt, Zerstreutheit, Wechsel, noch ein Provisorium, wieder ein Provisorium.</p><p>Der Abschied von Claire, die ihn zum Bahnhof brachte, war wortkarg und lie� ihn unbeholfen zur�ck. Etwas war an ein Ende gekommen, das angefangen hatte unter den Apfelb�umen, den von der Sonne aufgeleckten Schneeresten. Claire und Richard Kornitzer hatten Meinungen und Vorstellungen ausgetauscht, die sich entwickelt hatten in der Zeit ohne den Ehepartner, sie waren besorgt, wenn diese sich nicht miteinander in �bereinstimmung bringen lie�en. Sie hatten mit Empfindungen und Worten wie mit Schneckenf�hlern aufeinander zu getastet, und wenn die Worte sich nicht erreichten, schwiegen sie, um den jeweils anderen nicht zu verletzen. Es war ja niemandes Schuld, da� sie wieder getrennt leben mu�ten. Es ist ja nicht f�r lange Zeit, sagte Richard, um Claire zu tr�sten. Er sah ihr trauriges Gesicht, ihren zusammengebissenen Mund, ihre versteinerte Regungslosigkeit, er sah nicht gerne hin, wie Claire so hoffnungslos dastand. Es ist doch nur f�r kurze Zeit, wiederholte er, wir haben mehr ausgehalten, Claire. Ja, sagte sie, wir haben mehr ausgehalten, aber jetzt kann ich nicht mehr. Kornitzer legte ihr die Hand auf den Arm und sagte: Du bist doch stark. Es war ein Appell, der sie kleinlaut werden lie�. Stark sein zu m�ssen, machte die Sache nicht leichter. Er stieg in den Zug, verstaute das Gep�ck, als er noch einmal an die Waggont�r trat, hatte sie sich abgewandt, sie ging mit kleinen tastenden Schritten, als ob sie pl�tzlich schlecht s�he oder ob sie betrunken w�re, den Perron hinunter zum Bahnhofsgeb�ude. Dann sah er sie nicht mehr, und sie hatte sich nicht einmal umgedreht nach ihm.</p><p>Die Bahnreise von Lindau durch den Rheingraben ein gr�nes Band, Buchenw�lder, Wiesen, wei�e W�lkchen blieben Kornitzer im Ged�chtnis, eine unwirkliche Reise, dann zogen kurz vor Mannheim doch dunklere Wolken auf, es sah aus, als balle sich ein Gewitter zusammen. Aber die erwartete Spannung entlud sich nicht. Statt dessen sah Kornitzer, als der Zug in die Stadt einfuhr, den zusammengeschossenen Hafen, die Ruinen der Lagerh�user, Backenz�hne, die eingekracht waren, hohle Backsteinr�ume, br�cklige Br�cken zwischen vern�nftig Abgesichertem und g�nzlich Unsicherem, Wackliges im Kopf und in der Statik, Schornsteine und d�stere traurige L�cken in H�userzeilen, darin hoch aufgeschossene B�umchen, Birken. Er sah Holunderb�sche in strotzendem Gr�n, hy�nenhaft in ihrem Wachstumseifer, als g�be gerade das Zertr�mmerte den Pflanzen die beste Nahrung.</p><p>Als er die Bahnhofshalle (oder das, was von ihr �briggeblieben war) verlie�, empfand er die Zerst�rung wie einen Schock. Er ging eine Allee entlang, an ihrem Rand war ein Pseudo-Renaissance-Giebel stehengeblieben, das Geb�ude hinter ihm zusammengesackt, der Giebel stand so schutzlos, als beginne er beim leisesten Windhauch schon zu schwanken. Auch eine Hausecke, geschm�ckt mit einer mittelalterlichen Madonna, deren Kind segnend einen Arm ausstreckte, war stehengeblieben, daneben ein Schuttberg, jetzt sah es so aus, als segne das Kind irrt�mlich huldvoll den Schutt.</p><p>Da� H�user aus so vielen einzelnen Steinen bestanden, da� so viele Steine, mit denen einmal ein Haus errichtet worden war, einen gewaltigen Berg ergaben, in dessen Ritzen sich Staub ansammelte, Erde, in der sich Samenk�rner festsetzten und trieben, erstaunte ihn. Auch der Geruch der Stadt war ihm fremd, brandig und feucht zugleich, es war ein Geruch, wie er ihn noch nie gerochen hatte. Dann rumpelte eine Stra�enbahn vorbei, auf der in Kursivschrift zu lesen war: <emphasis>Jacobs Kaffee wunderbar!</emphasis> Das Adjektiv war adrett unterstrichen. Die Stra�enbahn hatte die Nummer 160 und war heil durch die Zeiten gekommen. Er hielt inne vor einem Ziegelhaus mit einer Front von drei Fenstern, das vielleicht um 1900 gebaut worden war. Es stand allein in einem Tr�mmerfeld, der zweite und der dritte Stock waren abrasiert. Der untere Teil des Hauses schien intakt, bis auf einige Splittersch�den und Br�che in der Sandsteinumrandung der Fenster. Doch die T�r war mit einem Balken verrammelt, die Roll�den im Parterre und im ersten Stock waren heruntergelassen. Das Haus schien zu d�mmern, kein Licht drang durch die Ritzen. Also war es doch vermutlich unbrauchbar geworden durch herabfallende Tr�mmer, verkohlte Balken aus dem oberen Stock oder durch das L�schwasser. Pl�tzlich erinnerte sich Kornitzer, da� er in einem �hnlichen Haus in Breslau gewohnt hatte, vielleicht r�hrte ihn deshalb die Verlassenheit des Hauses so sehr. Er selbst h�tte darin sein k�nnen, er als ein junger Mensch, der sich eine Zukunft ausmalte, die dann nicht eingetroffen war.</p><p>Das Hotel war nicht weit vom Bahnhof entfernt, er fand es ohne M�he. Zu seiner �berraschung war es ein Luftschutzbunker, zu dem man zwanzig Stufen in die Erde hinabsteigen mu�te. Das hatte man ihm aus dem Landgericht nicht geschrieben. Es erstaunte ihn, da� aus einem Massenquartier eine gem�tliche, wohnliche Halle entstanden war, �berall brannten kleine Lampen mit Seidenschirmchen, so da� man das Tageslicht auf Anhieb gar nicht vermi�te. Nur am Eingang des langen Ganges sah man die Kellerbeleuchtung mit ihren auf dem Putz verlegten Leitungen, die Glasschirme waren hinter Drahtk�rben gesch�tzt. Er stellte sich die dr�ngenden, nachdr�ngenden Menschen beim Sirenengeheul vor, den Ansturm von Frauen und Kindern auf die Pritschen, die Ordner, die schwei�treibende Angst im Bunker, w�hrend die Alliierten die Angriffe auf Mainz flogen. Und er konnte sich selbst als eine Romanfigur vorstellen, einen Mann, der unter Verlust seiner Frau und seiner Kinder in dem Bunker Zuflucht suchte und zu seiner eigenen Verbl�ffung nur einen Geruch vorfand: Moder. Grabesluft, das roch er, aber er wollte den Begriff nicht denken. Nun war der Bunker ein Hotel mit �ber hundert Betten geworden. Eine freundliche Frau, die auch durch ihre Resolutheit vermied, an die frisch abgestreifte Geschichte des Bunkerhotels zu erinnern, verwaltete die Schl�ssel an der Rezeption. Klubtische und Klubsessel standen in der Halle, es war eine fast vornehme Beruhigung im Eingangsbereich, und die meterdicken Au�enw�nde wurden durch elektrische Ventilation entl�ftet. Nur der Schlag der feuerfesten, eisernen T�ren hallte dr�hnend von den W�nden zur�ck. Im Gegensatz zum Eingangsbereich hatten die engen Zimmer, die eher Kojen oder Zellen waren, eine asketische Anmutung. Neonlicht, das die Augen anstrengte, ein Tisch, ein Stuhl, ein Haken an der Wand und ein Bett, das an der Schmalseite des Raumes stand und an ein Feldbett erinnerte, die Decke dar�ber straffgezogen. Aus der Nachbarkoje h�rte Kornitzer, als er sich eingerichtet hatte, das Hacken einer Schreibmaschine, es hallte gegen die Betonw�nde. Es kam ihm vor, als schriebe ein Gefangener in einer Zuchthauszelle eine Eingabe an den Richter, der er, Kornitzer, nicht sein wollte. Schlaf hier und denk nicht daran, was diese Bunkerr�ume nicht zum Ersch�ttern gebracht hat, mu�te man sich sagen, wenn man die T�r zu seiner Koje geschlossen hatte.</p><p>Kornitzer verlie� den Bunker noch einmal, ging nach der langen Reise noch ein wenig spazieren, a� eine Bratwurst und sah sich das an, was von der Stadt �briggeblieben war. Er sah T�rme, Giebel, notd�rftig gedeckte D�cher und helles Licht aus Kellern und Souterrainr�umen, deren Fenster mit Kleidungsst�cken verh�ngt waren. Tastende Autoscheinwerfer und hier und dort eine helle Reklame. Bauteile, die sich �berm��ig in die Mondhelligkeit streckten, ihres Zusammenhangs beraubt. Treppenh�user mit gebl�mten Tapetenresten, Schornsteine, Wundkrater, das Stehengebliebene schien absurder als das Gefallene. Eine hohe Hausfassade war noch vorhanden, das Haus dahinter war verschwunden in einem Tr�mmerberg, und die Fassade wurde notd�rftig mit Balken abgest�tzt. Es sah aus wie eine Kulisse eines Filmes, der morgen im hellen Licht gedreht werden w�rde. Nur der Marktbrunnen stand da, ganz unverletzt, und sprudelte. Er war w�hrend des Krieges durch einen gemauerten Splittermantel gesch�tzt worden. Still war es in den innenst�dtischen Stra�en, durch die er ging. Und das verwirrte ihn nach der langen Zeit im Dorf �ber dem Bodensee, er hatte sich etwas wie ein Nachtleben vorgestellt, aber vielleicht war das auch unterirdisch oder ganz anderswo. Er hatte die Sirenen ja nicht gekannt, nicht die zusammenbrechenden H�user, von denen andere Hotelg�ste am n�chsten Morgen beim Fr�hst�ck in auftrumpfender Dramatik sprachen. Mainz habe mehrere schwere Angriffe erlebt. Die ersten beiden britischen Angriffe auf Mainz fanden am 12. und 13. August 1942 statt, erz�hlte ihm die Frau an der Rezeption. Ein nicht enden wollender Fl�chtlingsstrom von Frauen und Kindern aus Mainz kam in Frankfurt an. 34 Lastk�hne, die mit Kohle beladen waren, wurden im Hafen versenkt. Die Engl�nder machten Luftaufnahmen der Stadt und meldeten ihre Erfolge.</p><p>1.�Dom: Dach zerst�rt und Kreuzgang besch�digt.</p><p>2.�Theater: in Schutt und Asche gelegt.</p><p>3.�Bisch�fliches Palais: ausgebrannt.</p><p>4.�Stadthaus: ausgebrannt.</p><p>5.�Justizgeb�ude: Dach verbrannt.</p><p>6.�Schlo�, Museum: v�llig ausgebrannt.</p><p>7.�Bibliothek: teilweise ausgebrannt.</p><p>8.�Offizierskasino: ausgebrannt.</p><p>9.�Eisenbahnverwaltung: teilweise zerst�rt.</p><p>10.�Invalidenhaus: v�llig ausgebrannt.</p><p>11.�Kegler-Sportheim: Dach schwer besch�digt.</p><p>Mit anderen Worten, dabei legte die Frau kennerisch den Kopf schief: Der Gegner verf�gte �ber so viele Luftaufnahmen, da� er sich ein genaues Bild schaffen konnte. Und Kornitzer verstand: Die akribisch genaue Dokumentation der Angriffe war das produktive Gegenteil des wilden W�tens der deutschen Luftwaffe �ber London und anderen englischen St�dten. Sp�ter h�rte er, die Engl�nder h�tten sich an photographischen Aufnahmen von Mainz aus dem Jahr 1934 orientiert, die vom Verkehrsverein Mainz e. V. in alle Welt verschickt worden waren, wenn man sie nur anforderte.</p><p>Der schwerste Angriff mit einem Bombergeschwader von 500 Maschinen war am 27. Februar 1945. �ber 33.000 Menschen seien obdachlos geworden, h�tten sich im Umland verkr�meln m�ssen. (Seltsam, von den Toten h�rte Kornitzer nichts.) 75 Prozent der St�dtischen Verkehrsbetriebe seien lahmgelegt gewesen: die Geb�ude ausgebrannt, die Schienenstr�nge, die Stra�enbahnen unbrauchbar. Gas, Strom und Wasser funktionierten nicht mehr. Vor dem St�dtischen Krankenhaus und in der Kaiserstra�e habe es L�schteiche gegeben, die aber nicht ausreichten, die meisten Hydranten waren trocken. Nach jedem Gro�angriff habe man kilometerlange Schlauchleitungen zum Rheinufer legen m�ssen, um die Br�nde zu l�schen. Sie seien in einem erbarmungsw�rdigen Zustand gewesen, viele kleine Wasserfont�nen seien aus ihnen gesprudelt, an denen die Anwohner ihre Eimer f�llten, um selbst kleinere Br�nde zu l�schen. Nur die Wehrmacht habe �ber einige Tankl�schfahrzeuge verf�gt. Der Hauptbahnhof sei betriebsbereit geblieben, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter h�tten den Schutt wegr�umen m�ssen. Danach habe es keine zerst�rungsw�rdigen Objekte mehr in der Stadt gegeben, war die Meinung in der Bev�lkerung. Ein Behelfslazarett sei in den sicheren Gew�lben der Zitadelle eingerichtet worden. In der Nacht zum 18. M�rz 1945 gegen zwei Uhr habe das Pionierbataillon 33, das in Mainz-Kastel seinen Standort hatte, die drei Rheinbr�cken gesprengt, die den ganzen Krieg �berstanden h�tten: die Kaiserbr�cke, die Stra�enbr�cke, die S�dbr�cke, in Budenheim fackelte ein Pionierkommando die Holzbr�cke ab. Die Mainzer h�tten mit ohnm�chtigem Zorn am Morgen danach die Zerst�rung besehen, Tr�mmerteile h�tten aus den Fluten des Flusses geragt und die Schiffahrt f�r lange Zeit unm�glich gemacht. Auch das Flu�schwimmbad sei der Zerst�rungswut zum Opfer gefallen. Ein altersschwacher Rheindampfer sei als einzige Verbindung ins Rechtsrheinische �briggeblieben. Diese F�hrverbindung von der Anlegestelle der K�ln-D�sseldorfer aus habe vor allem den h�heren Parteichargen und ihren Familien gedient, die sich absetzen wollten. Man munkelte, die meisten seien im Bayerischen untergetaucht. Die Gestapostelle in der Kaiserstra�e 31 hatte sich schon einige Zeit vorher abgesetzt. Am 22. M�rz seien dann schon die Amerikaner am Fischtorplatz gestanden. Es kam Kornitzer vor wie ein Pfeifen im Dunklen. Er a� sein Br�tchen, auf das er klumpige Marmelade gekleckst hatte, mit Appetit und fragte sich dann ins Landgericht durch.</p><p>Zu seinem ersten Arbeitstag war eine kleine Feier vorbereitet worden. Der Landgerichtspr�sident stellte ihm seine zuk�nftigen Beisitzer vor, was Kornitzer gleich gefiel, ihm wurde sein Dienstzimmer im ersten Stock zugewiesen, das auf ein mit Brettern vernageltes Fenster der gegen�berliegenden Kirche sah. (Sp�ter lernte er, da� diese Kirche St.-Peters-Kirche hei�t.) Die dreischiffige Rokokokirche war ausgebrannt, das Mauerwerk teilweise eingest�rzt, ein Notdach war dar�ber gespannt, sie sah zum Erbarmen aus. Er blickte in die Verhandlungsr�ume, die Richtertische mit einem gef�ltelten Volant gegen die Angeklagten- und Zeugenb�nke abgedichtet, R�ume, die Kornitzer, der in Stuben gelebt hatte, pl�tzlich uns�glich gro� vorkamen, R�ume f�r Mammutprozesse mit einer �ffentlichkeit weit in die Stadt hinein. Die Kollegen betrachteten ihn, was in ihren K�pfen vorging, konnte Kornitzer sich nicht vorstellen, und er wu�te ja auch nicht wirklich, was in seinem eigenen aufgeregten, aufgew�hlten Kopf vorging, was er sich alles merken mu�te. H�nde wurden gesch�ttelt, und jemand, vermutlich der Pr�sident, aber daran erinnerte sich Kornitzer dann nicht mehr richtig, sagte: Die Herren werden sich noch miteinander bekannt machen. Das machten sie auch, mehr oder weniger, fr�her oder sp�ter. Es war ein Abwarten, Z�gern, ein Wittern, dem man standhalten mu�te. Er w�rde dar�ber Claire, sobald er ein wenig Ruhe gefunden hatte, schreiben. Kornitzer lernte Wachleute kennen, Justizangestellte, Assessoren und Referendare. Am ehesten fiel ihm ein Richter auf, der eine Vertiefung an der linken Stirnseite hatte, offenbar hatte er eine schwere Kopfverletzung �berlebt. Er wurde ihm als Dr. Funk vorgestellt, und um seine Hand zu ergreifen, mu�te man sich tief herabneigen, was ungew�hnlich war. Dr. Funk sa� in einem Selbstfahrer, einem h�lzernen Kastenstuhl mit gro�en R�dern, seine Beine waren unter einer Pferdedecke verborgen, als fr�re er dauernd in den gef�hllosen Gliedern, und er bewegte den Stuhl vorw�rts, indem er einen Hebel auf- und niederdr�ckte. Das machte ihm offenkundige Schwierigkeiten, und Schwei�perlen standen auf seiner Stirn. Sp�ter erfuhr Kornitzer, da� Dr. Funk zu 100 Prozent kriegsverletzt war, aber unbedingt weiterarbeiten wollte, m�glicherweise war ihm die Kriegsbesch�digtenrente zu gering. Seine Leistungsf�higkeit war schwer beeintr�chtigt, und deshalb hatte er das Amt eines Grundbuchrichters inne, er konnte keinen Sitzungsdienst �bernehmen. Mit dem Selbstfahrer erreichte er gar nicht alle Sitzungsr�ume, das Gerichtsgeb�ude hatte keinen Fahrstuhl.</p><p>Das Grundbuch war eine feine Sache, es war eine ganz und gar deutsche Sache, darauf konnte man stolz sein. Das r�mische Recht kannte das Grundbuch nicht, obwohl es im alten Rom mit seinen imperialen Gesten auch eine feine Sache gewesen w�re. Nur in ihrer Kolonialverwaltung in �gypten haben die R�mer schon einmal das Grundbuch erfunden (vielleicht weil die �gyptischen Latifundien so sch�n waren mit ihrem Palmengef�chel und ihrem hei�en Wind, der den Kopf vernebelte). Alle Urkunden �ber Grundst�cke wurden an einer zentralen Stelle gesammelt, allerdings war die Eintragung in das Grundbuch nicht die Voraussetzung f�r den Erwerb des Eigentums, vielleicht war es nur eine Kontrollfunktion, damit im W�stenwind das Ged�chtnis nicht schm�lze.</p><p>In Deutschland wurde das Grundbuch 1872 eingef�hrt, es gab nach dem Krieg 1870/71 genug Kr�ppel mit einigerma�en klarem Verstand, denen man die sorgsame Arbeit am Grundbuch anvertrauen konnte. Das Grundbuch hat immer Recht, doch es kann unrichtige Eintragungen enthalten. Es nennt zum Beispiel einen Eigent�mer eines Grundst�cks, der in Wirklichkeit gar nicht mehr der Eigent�mer ist. Wer dann mit dem falschen Eigent�mer, der im Grundbuch eingetragen ist, Gesch�fte macht, der ist gesch�tzt. Er kann gutgl�ubig Eigentum erwerben, eine Hypothek oder eine Grundschuld �bernehmen, und der wahre Eigent�mer hat das Nachsehen. Das Grundbuch ist eine Art von b�rgerlicher Bibel, und der Grundbuchrichter ist ein Engel mit flammendem Schwert, auch wenn er gel�hmt ist, in sitzender Haltung verharren mu� und kriegsbedingte Dellen in seinem Sch�del hat. Einigung und Eintragung in das Grundbuch hei�en die Aufgaben des Verk�ufers und des K�ufers eines Grundst�ckes oder eines Hauses. Aber das war in Mainz nicht so leicht. Gesetzt den Fall, ein K�ufer wollte ein Tr�mmergrundst�ck erwerben, dessen Eigent�mer im Keller des Hauses bei einem Angriff zu Tode gekommen war, dessen einer Sohn in Ru�land vermi�t war: Was war zu tun? Er �bernahm den Tr�mmerhaufen. Mit den eventuellen Erben des Vorbesitzers, mit dem vielleicht aus der Gefangenschaft zur�ckkehrenden anderen Sohn war eine Einigung schwierig. Leicht war es dagegen, die Einvernehmlichkeit mit dem Toten herzustellen, der im Grundbuch eingetragen war und sich nicht wehren konnte gegen den Reibach. So war das deutsche Recht. Da mu�te der Grundbuchrichter aufpassen wie ein Luchs.</p><p>Funk, das raunte man Kornitzer sp�ter auch zu, war kein NSDAP-Mitglied gewesen, er war Mitglied im Luftschutzbund geworden, aber da war er schon so gesch�digt, da� er weder dem Luftschutz noch sich selbst wirklich n�tzlich sein konnte. Amtsgerichtsrat Dr. Funk, so hie� es, konnte seit dem 5. April 1944 nicht mehr zum Amtsgericht kommen, weil ihm beide Schl�uche seines Selbstfahrers, die er schon vorher hatte wiederholt flicken lassen m�ssen, bei einem Bombenangriff geplatzt waren. Deshalb wurden ihm vom Amtsgericht Oppenheim, wo er t�tig war, seine Akten in die Wohnung geschickt. F�r pers�nliche R�cksprachen, so hie� es, stand er aber leider dem Publikum seit dem 5. April 1944 nicht mehr zur Verf�gung. (Gab es �berhaupt noch ein Publikum, das den Richter sprechen wollte und in welcher Angelegenheit?) Seit Freitag, dem 21. April 1944 lag er im Bett, er litt nicht nur am Wundsein durch die dauernde, gleichm��ig sitzende Haltung im Selbstfahrer, er litt an Zukunftsangst wie die meisten Deutschen, er hatte auch Beschwerden mit seinen Gallensteinen. Die Amerikaner werden kommen, m�ssen landen, bald, das ist vorauszusehen, der Richter ist gel�hmt, sein Kopf schmerzt, das W�gelchen funktioniert nicht mehr, all das erfuhr Kornitzer nach und nach.</p><p>Funk hatte sich wegen Ersatzschl�uchen sofort an die zust�ndige Versorgungsstelle in Offenbach und, weil er auch dort mit Bombensch�den rechnete, gleichzeitig an das Wirtschaftsamt Worms gewandt. Von diesem ist ihm <emphasis>wohlwollendste und trotz des Vorliegens von etwa 400 Antr�gen bevorzugte Ber�cksichtigung zugesagt worden</emphasis>. Erhalten hat er aber die bewilligten Schl�uche nicht. Sein Vorgesetzter, der Amtsgerichtsdirektor, wandte sich zur Unterst�tzung ebenfalls an das Wirtschaftsamt. Er schrieb: Eine ordnungsgem��e Rechtspflege erfordere, da� Dr. Funk m�glichst bald wieder in den Besitz eines fahrbereiten Fahrstuhls komme, damit er seinen Dienst wieder erf�llen k�nne. Er bat darum, so schnell wie m�glich neue Schl�uche zu bewilligen, da dies seines Erachtens wirklich kriegswichtig sei, und au�erdem sei es doch anerkennenswert, wenn ein so schwer Kriegsbesch�digter wie Dr. Funk, der infolge seines Kriegsleidens auch sonst noch k�rperlich krank sei, Dienst tue und damit den Einsatz eines Wehrf�higen an der Front erm�gliche. Am 4. Mai 1944 meldete der Amtsgerichtsdirektor in Worms dem Landgerichtsdirektor in Mainz, Amtsgerichtsrat Dr. Funk habe gestern neue Schl�uche f�r seinen Fahrstuhl bekommen und seinen Dienst wieder aufgenommen.</p><p>Der Verlust der Schl�uche in den Reifen seines Selbstfahrers war nicht das einzige Ungl�ck, das Dr. Funk in der letzten Kriegsphase traf. Im Dezember 1944 wurde er bei der Heimfahrt vom Dienst in der Dunkelheit vom dritten Anh�nger eines Bulldog-Lastzuges angefahren und umgeworfen. Au�er einem benommenen Kopf hatte er keinen k�rperlichen Schaden erlitten. Allerdings war sein Selbstfahrer wieder kaputt, die Speichen eines Rades waren gebrochen, und es gab keine Aussicht, wie und wann das Gef�hrt repariert werden konnte. Dr. Funk lie� sich wieder die Akten nach Hause bringen. (F�llte er Urteile? Welche? Was waren das f�r Taten, die er im Dezember 1944 aufkl�rte, �ber die er zu Gericht sa�?)</p><p>Im M�rz 1945 schrieb Dr. Funk, als die Einnahme der linksrheinischen St�dte durch die Amerikaner jeden Tag bevorstand, an den Landgerichtspr�sidenten in Mainz, da� ihm der Aufsichtsf�hrende Richter mitgeteilt habe, ihm sollten im Amtsgerichtsgeb�ude in Michelstadt im Odenwald zwei, drei Zimmer zur Verf�gung gestellt werden. F�r diese F�rsorge seiner Person gegen�ber sagte er besten Dank. Er war nicht der einzige Beamte, der einen solchen Umzug schleunigst bewerkstelligen sollte. Alle Verwaltungsstellen im Bezirk erhielten die Anweisung, wichtiges Material auf die rechte Rheinseite zu transportieren. Als hielte der Flu� die Alliierten auf. Als w�re es nicht vorstellbar, da� nach Mainz in k�rzester Zeit auch Darmstadt und Frankfurt und � und eingenommen w�rden. <emphasis>Ich habe mich entschlossen</emphasis>, schrieb Dr. Funk weiter an den Vorgesetzten, <emphasis>von diesem Angebot Gebrauch zu machen, und bitte darum, mir eine Bescheinigung auszustellen, da� meine �bersiedlung nach Michelstadt mit Einverst�ndnis meiner vorgesetzten Beh�rde erfolgt. Damit ich auf Grund dieser Bescheinigung bei der Fahrbereitschaft Worms die Genehmigung zum Abtransport wenigstens des allernotwendigsten Mobiliars (Betten, Tisch, St�hle) und meines noch vorhandenen Kartoffelvorrates beantragen kann</emphasis>. So ein Mann war Dr. Funk, er tat bis zuletzt seine Pflicht, und dann war er wieder da, als neue Pflichten zu vergeben waren. Da� sie geringer waren als die fr�heren, da� seine Arbeit weniger verantwortungsvoll war, dar�ber sah er hinweg. Er sah auf seine gel�hmten Beine unter der Decke, sah seine Sch�digung und sah sie gleichzeitig nicht.</p><p>Ein anderer Richter, Landgerichtsrat Beck, war gut zehn Jahre j�nger als Kornitzer. Er hatte ein �beraus glattrasiertes Gesicht mit einem dunklen Bartschatten und in den Lidern ein nerv�ses Zwinkern. Mit diesem Zwinkern starrte er Kornitzer an wie ein Wesen von einem anderen Stern (und das war er ja auch in gewisser Weise). Der Landesgerichtspr�sident hatte 1942 Becks Beurteilung geschrieben: <emphasis>Er ist politisch zuverl�ssig, Mitglied der NSDAP, der HJ, des NS-Richterbundes und hat schon fr�hzeitig aktiv in der Bewegung mitgearbeitet. 1935 wurde er in Salzburg wegen Bet�tigung f�r die NSDAP zu sechs Wochen Arrest verurteilt und aus �sterreich ausgewiesen</emphasis>. Geh�rte das in eine dienstliche Beurteilung? Eher nicht oder eben gerade, es kam dem Vorgesetzten nicht so sehr auf die fachliche Beurteilung, sondern auf die langj�hrige und gro�r�umig ausgerichtete W�hlarbeit im Sinne der Partei an. Der Arrest adelte ihn als einen K�mpfer der fr�hen Bewegung. Beim Entnazifizierungsverfahren wurde Beck dann 1947 um vier Jahre zur�ckversetzt und als Hilfsrichter in Frankenthal eingesetzt. Das Urteil war aber in Wirklichkeit bedeutungslos, <emphasis>da S�uberungsentscheidungen � mit Ausnahme der Amnestie- und nicht Nichtbetroffenenbescheide � zu ihrer Wirksamkeit der Ver�ffentlichung bed�rfen</emphasis>, so stand es in seiner Personalakte. Dar�ber konnte man fassungslos sein. Hatte Beck nur Gl�ck gehabt, da� jemand, der ihm wohlgesonnen war, im Amtsblatt die Ver�ffentlichung einfach �vergessen� hatte? Oder war dahinter eine Strategie: Was nicht ver�ffentlicht wird, ist nicht wirksam, und dieser Unwirksamkeit kann man �beraus wirksam nachhelfen. <emphasis>Quod non est in actis, non est in mundo</emphasis>, sagen die klassisch gebildeten Juristen. Was nicht in den Akten steht, das gibt�s auch nicht. Und da stand Beck wie eine deutsche Eiche im Besprechungszimmer des Landgerichtspr�sidenten, ohne Abweichung ins Grandiose oder in eine zarte Unauff�lligkeit. Ihn gab�s zweifellos, Landgerichtsrat Beck, zur�ckgesetzt und nicht zur�ckgesetzt, er zwinkerte und zwinkerte und sagte gar nichts, und das gen�gte f�rs Erste.</p><p>Der �lteste unter den Kollegen war Dr. Walter Buch, ein vierschr�tiger Mann mit vielen geplatzten �derchen auf den Wangen und der Nase. Er war schweigsam, wachsam, schien sich zu orientieren, lauschte in die Runde hinein, als wolle er nur reagieren, und das war vielleicht auch gar nicht falsch aus seiner Sicht. Er war �ber f�nfzig, 1929 zum ersten Mal planm��ig als Amtsgerichtsrat angestellt worden und am 1. 11. 1933 SA-Sturmmann geworden. (Mu�te er das, wollte er das als ein 35j�hriger Jurist, wollte er wirklich herummarschieren, Wehrsport treiben, die Stra�e frei, die Reihen fest geschlossen, erinnerte er sich nicht mehr, 13 Jahre sp�ter?) Ja, man mu�te die Formulare pers�nlich ausf�llen, Belege zur Mitgliedschaft in den Gliedorganisationen der NSDAP waren nicht erforderlich bei den Entnazifizierungsverfahren, denn es wurde vorausgesetzt, da� die Mitglieder die Zeugnisse ihrer Mitgliedschaft l�ngst vernichtet hatten. Im Zweifelsfall waren die Belege immer einem <emphasis>Terrorangriff</emphasis> zum Opfer gefallen. Und so waren die zu Entnazifizierenden selbst Opfer geworden, jedenfalls f�hlten sie sich so, Opfer ihrer Biographie, ihres Karrieregeistes, alles ging weiter, eine Rolltreppe ohne Ende oder eine, deren Ende nicht abzusehen war, wenn man sich taub und blind stellte. Dr. Buch war 1934 vom Amtsgericht zum Landgericht gewechselt und aufgestiegen. In seiner damaligen Beurteilung stand: <emphasis>F�higkeiten, Begabungen und Leistungen von Landgerichtsrat Buch liegen erheblich �ber dem Durchschnitt. Er verf�gt �ber recht gute Rechtskenntnisse auf allen Gebieten, die er insbesondere als Gemeinschaftsleiter anzuwenden in der Lage ist. Er hat in Straf- und in Zivilsachen den Vorsitz gef�hrt und dabei sich den an ihn gestellten Anforderungen durchaus als gewachsen gezeigt. Die von ihm als Beisitzer in meiner Zivilkammer gefertigten Urteile sind gut ausgebaut, pr�zise, ohne unn�tiges Beiwerk. Er hat ein durchaus selbst�ndiges Urteil und hat seine Eignung auch bei Bearbeitung einzelner Pr�sidialgesch�fte, die ich ihm zugeteilt habe, bewiesen</emphasis>. Welche Gesch�fte das waren, mu�te man mutma�en, es stand auch nicht in Buchs verschlossenem Gesicht geschrieben. Es m�ssen �durchaus� prek�re Gesch�fte gewesen sein, wenn sie nicht weiter aufgef�hrt worden sind. Eine weitere Beurteilung aus dem Jahr 1936 lag vor: <emphasis>Sein Charakter und seine F�hrung sind tadellos. Seine politische Zuverl�ssigkeit unzweifelhaft</emphasis>. 1937 war er im SA-Reservesturm 21/117 in Mainz. Die SA-Reserve stand den fr�hen Mitgliedern offen, den �lteren mit der Erfahrung in der Kampfzeit. Aus der SA wurde er in die NSDAP �bernommen. Unzweifelhaft war auch die weitere Karriere, die er gleichzeitig machte. 1939 wurde er zum Oberlandesgerichtsrat in Darmstadt ernannt, von 1940�1945 war er am Divisionsgericht Koblenz als Kriegsgerichtsrat t�tig. Er urteilte �ber Fahnenfl�chtige und �Truppensch�dlinge�, wie sie genannt wurden. Buch hatte die Frageb�gen nach seinem Vorleben beim <emphasis>Gouvernement Militaire en Allemagne</emphasis> ordnungsgem�� beantwortet und war nach mehreren Zwischenstationen durch Spruch der Zentralen S�uberungskommission beim Regierungspr�sidenten Hessen-Pfalz am 19. 11. 1946 eingestuft worden: <emphasis>Vorl�ufige Belassung, jedoch nicht als Spruchrichter mit Gehalt von 1937</emphasis>.</p><p>Als Kornitzer am Bodensee in der S�uberungskommission arbeitete, war ihm kein einziger Fall eines Juristen zu Ohren gekommen, er hatte nach den Angestellten und Arbeitern im Schlachthof die Frageb�gen von Handwerkern zu bewerten, von Klavierlehrerinnen, von kleinen Unternehmern. Und er h�tte nicht gewu�t, wie er reagiert h�tte, �ber dem ellenlangen Fragebogen eines ehemaligen Richterkollegen br�tend, der �lter war als er, und vor allem konnte er sich auch nicht vorstellen, wie die anderen Mitglieder der Spruchkommission reagiert h�tten, wenn sie �ber einen Richter, einen Kriegsgerichtsrat, zu richten h�tten. Im Juli 1946 war Buch mit der Neuordnung und Neuaufstellung der durch die Fliegerangriffe besch�digten Landgerichtsbibliothek besch�ftigt gewesen. Das war eine Einschr�nkung, zumal auch das Erbe weggefallen war, es war eine Einschr�nkung, die mit den Einschr�nkungen anderer, Kriegsheimkehrern, Fl�chtlingen, Remigranten, in Beziehung zu setzen war. Immerhin hatte Buch ein festes Gehalt, er hatte eine Stelle, er durfte in seinem Bereich arbeiten, was also sollte er klagen?</p><p>Nur einmal hat er Angst, gro�e Angst. Er war nicht im Krieg gewesen, man hatte ihn an h�herer Stelle gebraucht, er hatte �ber Fahnenfl�chtige geurteilt, nicht weit weg, in Koblenz. Er war aber im ersten Weltkrieg gewesen, er hatte den Winter 1915 in Ru�land als junger Mensch kennengelernt, er hatte danach den Balkan-Feldzug 1916�1918 mitgemacht und war noch in den letzten Kriegswochen in Frankreich eingesetzt gewesen. Hatte er damals Angst gehabt? Es war so lange her, die Todesangst des jungen Soldaten hatte nichts mit der Existenzangst des ehemaligen Kriegsgerichtsrats zu tun, f�r den Kriegsgerichtsrat war es schlecht, da� der Krieg zu Ende war. Buchs Einkommensquellen wurden auch in seiner Akte genannt. 1931�1946 hat er ein planm��iges Diensteinkommen, aus dem elterlichen Erbteil zus�tzlich j�hrlich circa 1.500 RM, die nach dem Krieg nicht mehr flossen, weil das elterliche Haus, aus dessen Mieten das Einkommen erzielt wurde, zerst�rt war. Aber die Angst des Kriegsgerichtsrats, dessen Arbeit mit der bedingungslosen Kapitulation seines Arbeitgebers gegenstandslos geworden war, hatte eine tiefere Bedeutung und hatte eine Spur hinterlassen, die auffindbar war. Am 9. 9. 1946 schrieb Buch einen langen Brief an den Regierungspr�sidenten von Hessen-Pfalz.</p><p><emphasis>Betr. Entnazifizierung</emphasis></p><p><emphasis>Im Nachzug zu meiner Eingabe vom 21. Juli 1946 bitte ich, noch folgendes mitteilen zu k�nnen. In meinem Fragebogen habe ich angegeben: SA von 1934 bis 1935. Hierzu mu� ich richtigstellen, da� ich der SA-Reserve angeh�rt habe. Nachdem im N�rnberger Proze� SA und SA-Reserve verschieden beurteilt wurden, mu� ich dies ausf�hren. 2 Bescheinigungen f�ge ich bei. Im �brigen erkl�re ich ausdr�cklich, da� ich von 1934 bis 1938 keinen Fall miterlebt oder geh�rt habe, in dem die SA ein Unrecht begangen h�tte, sonst w�re ich nicht dabei geblieben. Bei der Judenverfolgung im November 1938 sollte in Mainz die SA hinterher hineingezogen werden. Ich war damals aber schon ausgetreten. Ich habe mich in meinem Amt als Richter niemals beeinflussen lassen. Bei der Partei hatte ich, wegen der Vorbehalte, die man mir ja am Gesicht ansah, keine Nummer. Daf�r soll ich nun heute, wo es wieder eine freie Entwicklung und freie Arbeit gibt, aus dem Dienst gejagt werden, nach 25 Dienstjahren!</emphasis></p><p>Er mu� etwas l�uten geh�rt haben, ein dr�hnendes Glockengel�ute, und sei es, da� es aus N�rnberg hin�bergeschallt ist. Ja, Dr. Walter Buch hat wirklich Angst: <emphasis>Entlassung ohne Pension bedeutet</emphasis>, so glaubt er es dem Regierungspr�sidenten darlegen zu m�ssen, <emphasis>nicht nur Verlust der Stellung, sondern auch die Unm�glichkeit, in einem Anwaltsb�ro oder sonstwo im Fach zu arbeiten, wo ich noch etwas leisten kann, au�erdem Beschlagnahme des restlichen Eigentums, nachdem das meiste schon durch den Krieg und die Bombenangriffe zerst�rt ist</emphasis>.</p><p><emphasis>Ich bitte die Zentrals�uberungskommission, diese Folgen zu bedenken und eine gerechte Entscheidung zu f�llen</emphasis>.</p><p><emphasis>Hochachtungsvoll</emphasis></p><p><emphasis>Dr. Walter Buch</emphasis></p><p>Ja, er hat gro�e Angst, Muffensausen, und er macht sich vor dem Regierungspr�sidenten ziemlich nackt mit seiner Angst, pl�tzlich vor dem Nichts zu stehen. Aber seine Angst erweist sich als unbegr�ndet. 1947 wird er wieder zum Staatsdienst vereidigt. Schon im Oktober 1946 waren die Weichen f�r ihn anders gestellt worden. <emphasis>Eine Verwendung beim Landgericht, bei der er nicht als Spruchrichter t�tig ist, ist nicht m�glich</emphasis>, schreibt der Direktor des Landgerichts, <emphasis>denn jeder Kammerbeisitzer ist m. E. als Spruchrichter anzusehen. Oder hat die Einschr�nkung nur den Sinn �nicht als Einzelrichter�?</emphasis> Und sein zuk�nftiger Vorgesetzter paukt ihn weiter heraus, indem er die scharfsichtige Bemerkung hinzuf�gte, er gehe davon aus, <emphasis>da� die ohne Einschr�nkung erlassene Berufung des Herrn Dr. Buch als Landgerichtsrat die uneingeschr�nkte Verwendung erlaubt</emphasis>.</p><p>Am 21. 5. 1948 wird Buchs Amnestiebescheinigung unterzeichnet, er geh�rt jetzt der Gehaltsgruppe A2 C2 an. Am 1. 6. 1948 reklamiert er, in seinen Bez�gen sei nicht ber�cksichtigt worden, da� er inzwischen geheiratet habe. Am 1. 7. 1949 erreicht er die Gehaltsgruppe A2 b. Die Angst, die er ein gutes Jahr lang gehabt hatte, war unbegr�ndet.</p><p>Am Nachmittag wurde Kornitzer vom Pr�sidenten vereidigt, es war eine Zeremonie, die ihn bewegte, und das Glas Riesling, das er danach von einer Justizangestellten gereicht bekommen hatte, schmeckte ihm. Es schwirrte ihm noch der Kopf von den Namen all der Kollegen, die er sich merken mu�te. Aber er war guten Willens.</p><p><emphasis>Landgericht Mainz</emphasis></p><p><emphasis>Gegenw�rtig:</emphasis></p><p><emphasis>Landgerichtspr�sident Dr. Krug</emphasis></p><p><emphasis>Mainz, den 31. August 1949</emphasis></p><p><emphasis>Zur Vornahme seiner Beeidigung erscheint der Landgerichtsrat Dr. Richard Kornitzer, geb. in Breslau am 4. Juli 1903, wohnhaft in Mainz</emphasis>.</p><p><emphasis>Er ist durch Verf�gung des Ministeriums der Justiz in Koblenz vom 4. August 1949 als Landgerichtsrat bei dem Landgericht Mainz eingestellt worden</emphasis>.</p><p><emphasis>Die Eidesformel:</emphasis></p><p><emphasis>�Ich schw�re Treue meinem Volk, Achtung gegen�ber dem Willen der Volksvertretung, Gehorsam der Verfassung, den Gesetzen und meinen Vorgesetzten, sowie gewissenhafte Erf�llung meiner Amtspflichten.�</emphasis></p><p><emphasis>wurde ihm vorgelesen</emphasis>.</p><p><emphasis>Unter Erhebung der rechten Hand leistete Landgerichtsrat Dr. Kornitzer den Eid mit den Worten:</emphasis></p><p><emphasis>�Ich schw�re es, so wahr mir Gott helfe.�</emphasis></p><p><emphasis>Hier�ber wird diese Urkunde aufgenommen und von dem Vereidigten mit unterschrieben</emphasis>.</p><p>Es war ihm so feierlich zumute, als w�rde die Zeit zur�ckgedreht, als w�re er noch in Berlin, als er zum ersten Mal vereidigt worden war, als er sich in aller Unschuld freute �ber den feierlichen Akt. Jetzt dr�ngte die Arbeit, die F�lle wurden verteilt, er mu�te seine Beisitzer zu sich rufen, er mu�te sich einarbeiten, und so zog er sich rasch, nachdem er sich nach einem Platz umgeschaut hatte, wohin er das leere Weinglas stellen konnte, in sein Dienstzimmer zur�ck und begann, Akten zu studieren und die erste Sitzung vorzubereiten.</p><p>Am Abend im Bunker unter dem Licht der Seidenschirml�mpchen kam ihm sein Leben wie ausgedacht vor. Als h�tte er gar keinen Charakter und kein Leben, sondern w�re eine hin- und hergeschobene Figur, die sich zu dieser passiven Bewegtheit vorz�glich eignete. Aber es nutzte nichts, in der Halle unter den �briggebliebenen G�sten zu sitzen, ihrem Holterdiepolter mit Schuhen und Gep�ckst�cken und auf dem Beton hin- und herschleifenden Stuhlbeinen zuzuh�ren, ihrem Kommen und Gehen zuzuschauen, ihre Gesichter vermied er anzusehen. Er mu�te in seine Koje und sa� noch eine Weile an dem kargen Tischchen. Er hatte das Gef�hl, sofort an Claire schreiben zu m�ssen, da� er gut angekommen sei, da� er schon Kollegen kennengelernt habe, da� er vereidigt worden sei. Ja, er m��te sofort an Claire schreiben, damit ein Zipfel der Spontaneit�t, die sie durch die lange Trennung verloren hatten und die m�hsam wieder zum Vorschein kam, gewahrt bliebe. Er h�tte schreiben m�ssen, er s�he vor sich eine Folge von �berbelichteten Bildern in engen Zimmern, in Schl�uchen, in denen die Decken zu hoch waren, in denen es an zu �ffnenden Fenstern mangelte und die T�ren w�ren nur dazu da, eine Schamschwelle zum Drau�en zu bilden. Jede winzigste Dosis L�rm lie�en sie hinein. Es war schmerzhaft, aber es war �wirklich�. Als w�re er am Bodensee in einer ihm zugedachten Filmrolle erstarrt. Aber das gr�ne Gras, die K�he, die Berge, die Apfelplantagen und die rotbackigen Kinder und Claire, die das eine (die vern�nftige Gegenwart) und das andere (die in einen Abgrund gerutschte Vergangenheit) miteinander b�ndelte, waren doch real, wirklicher als �wirklich�. Allein am Bodensee w�re er eine andere Person gewesen, gerafft, gestrafft, Claire hatte ihn mit der Person, die er gewesen war, bevor er emigrierte, verknotet, er kannte diese Person kaum mehr, ein junger Richter in einer Zivilkammer, Beisitzer eines Landgerichtsdirektors mit einem Schmi� am Kinn und einem energischen Haarwirbel auf dem Kopf. Nun schien ihm die eine Person (vor der Vertreibung) naiv und die am Ziel der Vertreibung sentimental, und die, die er am Bodensee entdeckt hatte in sich, war aufs �u�erste gespannt und war sehr, sehr nachdenklich geworden, und er wu�te nicht, was aus diesen unverbundenen historischen Teilen geworden w�re, s��e er hier nicht still in der Bunkerzelle ohne eine einzige Ablenkung, nur sich selbst und seiner Unt�tigkeit �berlassen. Er war bei sich und ganz weit weg, wie ein Beobachter, der ihm (also sich selbst) den Puls f�hlte und ihm starr ins Gesicht sah. Ein Beobachter, der zu ihm hoffnungsvoll �Landgerichtsrat Dr. Kornitzer� sagte, als wolle er ein Gespr�ch f�hren, das dann doch nicht stattfand, und er wunderte sich nicht. Auch erschrak er nicht mehr sonderlich bei der ungewohnten Bezeichnung.</p><p>Bang, schlug eine Eisent�r, und es war ein Gef�hl, als schl�ge sie gleich neben seinem Kopf zu, schl�ge auf seinen Kopf. Der Knall vibrierte noch nach, er erwartete das n�chste T�renschlagen, ein unendliches T�renschlagen. Er nahm die d�nne Decke vom Bett, wickelte sie sich um die Knie, er h�tte sie sich um die Ohren wickeln m�ssen, aber dazu war sie zu gro� und zu sperrig, sie roch auch nicht gut, und gleichzeitig geriet er ins Tagtr�umen. Und in diesen Tr�umen spielte Claire so gar keine Rolle, eher waren es steife H�te, die er vor sich sah, solche, die man zwei Jahrzehnte sp�ter Arbeitgeberh�te nannte, H�te, die auf einem Schachbrett hin und her geschoben wurden, er sah sie vor sich, ganz ohne Leidenschaft und innere Beteiligung, und nachdem er mit diesem Bild eine Zeitlang � wie lange, konnte er nicht sagen � gedriftet war, warf er sich seine Leidenschaftslosigkeit vor, und gleichzeitig wu�te er, da� er zu streng �ber sich selbst urteilte. Vielleicht war es �bertrieben, an sich selbst einen Ma�stab legen zu wollen, der mit seiner professionellen Urteilsf�higkeit nichts mehr zu tun hatte (oder nichts mehr zu tun haben wollte). Es war eine Reaktion des Gehirns. Jetzt war es genug, er machte sich f�r die Nacht fertig, morgen, morgen w�rde er Claire berichten. Aber das, was ihm durch den Kopf ging, war es nicht, was er im ersten �berschwang schreiben wollte. Der Bericht war eine Schrumpfform, die seine Empfindungen nur m�hsam in sich aufnehmen konnte. Die Ereignislosigkeit, aus der sich nur ein sinnloses Bild ergab, war richtiger. Er stand an einem Neuanfang, und er w�rde ihn gut bestehen. Es war fast ein Versprechen, das er sich selbst gab.</p></section><section><title><p>Mombach</p></title><p>H�userchen in einer Gasse aneinandergelehnt, mit der Schmalseite nebeneinandergeklebt. Finger m�ssen klebrig geblieben sein beim Biegen und Kniffen wie bei einer kleinteiligen Bastelarbeit. Alles ist feucht, befeuchtet, in einer k�nstlichen Erregung gehalten worden, in einer Erregung, die nur das Miniaturformat betrifft. Die Gr��e des Problems ist von der Kleinheit (Kleinlichkeit) des Formats nicht betroffen. Das Format stellt sich selbst aus, und zwar so: Ein Mann mit einem gewissen Anspruch braucht eine Wohnm�glichkeit, die seiner zuk�nftigen Arbeit angemessen ist. Er hat eine Familie, mittelgro�, die noch zerstreut ist, die er aber sammeln m�chte. Eine gute Wohnung w�re wie ein Herd, um den sich die Familie scharen k�nnte, eine Hoffnung, wie alles optimistisch, hoffnungsvoll, mittelgro� hoffnungsfroh arrangiert sein m��te. Also nimmt Kornitzer die Trambahn Nr. 1 und f�hrt hinaus in den ihm vorgeschlagenen (angewiesenen?) Bezirk, nach Mombach. Die Zerst�rungen an der Mombacher Landstra�e, dort wo sie hinter dem G�terbahnhof beginnt, hatte er schon gesehen. Mit seinem jetzigen Ausflug verbunden ist eine gewisse �ngstlichkeit, er versucht, sie mit der Zukunftshoffnung in der Waage zu halten. Er f�hrt an h�fthoch zu W�llen aufgeschichteten Ziegeln vorbei, die aus den Tr�mmergrundst�cken herausgeklaubt und vom M�rtel befreit worden sind, er hat ein Klopfen im Ohr, ein dauerndes H�mmern, Klappern, Pochen und Schaben, es begleitet ihn den ganzen Tag, rastlos, mit verbissenem Eifer werden die Fahrwege und die Grundst�cke freigeschippt und freigeschaufelt. Aber nun ist Mittagspause, und die Schuttbahn, die in kleinen Loren die Ziegel dorthin transportiert, wo sie gebraucht werden, steht still. Die Frauen, die sie lenken und die die Steine abklopfen, sitzen am Stra�enrand und bei�en bed�chtig in Brote. Zwischen die Knie haben einige Thermosflaschen geklemmt. Ruinen und Staub, Staub und Ruinen. Kurz nach dem Kriegsende, so hatte ihm ein Justizangestellter erz�hlt, habe es �Arbeitsfallen� gegeben. Wo man im Tr�mmergewirr nicht auf Hausbewohner zur�ckgreifen konnte, weil sie tot waren oder evakuiert, habe man Passanten zur verkehrsnotwendigen Entr�mpelung gezwungen. F�r drei Stunden, f�r f�nf Stunden, f�r zehn Stunden. Zuhause oder in dem, was von einem Zuhause �briggeblieben war, h�tten die Angeh�rigen voller Sorgen gewartet und sich ge�ngstigt. Diese Methode sei sehr erfolgreich gewesen. Keine Werbung um Freiwillige zum Schippen h�tte die Stra�en in so kurzer Frist wieder betretbar gemacht.</p><p>Es ist nur ein Schnuppern, sagte sich Kornitzer, w�hrend er aus dem Fenster der Stra�enbahn schaute, er nahm die Witterung auf, begab sich hinein ins Vorst�dtische, und er hatte in der Tat keine Alternative. Er sah sich den Stadtteil an, der nicht so �bel war auf den ersten Blick, und brauchte doch eine Bedenkfrist, die auch eine Schonzeit war, sich in die Kleinteiligkeit einzulassen, sie wie ein Brotbrechen zuzulassen. Kornitzer war Protestant geworden unter Umst�nden, bei denen an ein Protestieren nicht mehr zu denken war, das Zulassen, die Liberalit�t war ihm nicht fern. Aber das war keine Haltung, kein Flaggensignal, das man im Vorhinein aus dem Fenster wehen lassen konnte: Ich bin einverstanden mit allem, was geschieht. Ich ergebe mich. Man mu�te abwarten, man mu�te z�gern und auch der energischen Frau des Zuzugsberechtigten, der zuzugsverpflichteten Person (so genau ging dies aus den Papieren nicht hervor) ins Gewissen reden: �berleg dir das. �berst�rze nichts. Bleib, wo es dir einigerma�en gut geht. Er bewegte sich auf einem Terrain, das unbekannt war, und die Nachrichten, die den Wohnungssuchenden und Wohnungsberechtigten, in diesem Fall wie so h�ufig den Mann, einigerma�en in Verwirrung st�rzen mu�ten, mu�ten f�r die Frau noch einmal gefiltert, vielleicht umgeschrieben werden. Und die Verwirrung war nicht schlecht, sie war ein Wirbel und ein Schweigen und ein Atemholen zugleich. Ein Denken des Mannes an die Frau, ein entmutigendes Denken, ein verzweifelndes Denken, nicht, wie man sich normalerweise das Denken eines Mannes an seine Frau vorstellt, die er so lange nicht gesehen hat. Ein St�hnen vielleicht, eher ein weitr�umiges Einlenken, ein Denken, das der Sprachlosigkeit nur z�gernd entgegenkam. Ein Tasten, das mit einem Denken nur noch so ungef�hr korreliert, besser noch: ein Tappen im d�rftig erhellten Lichtraum.</p><p>Starke Schultern, die die Schw�che, die vorst�dtische Kl�glichkeit vergessen machen wollen, aber etwas ist doch zum Weinen, man m��te es nur tun oder zu tun wagen, ohne den Schaden am eigenen Gem�t benennen zu k�nnen. Wenn das eigene Gem�t nicht vor �berkommenem Hochmut strotzte. Wenn das eigene Gem�t nicht auch ein Z�hnezusammenbei�en w�re auf einer Ebene, die sich dem Gem�tsmenschen nicht wirklich erschlie�t. Dar�ber mu� geschwiegen werden wie �ber Mi�mut. Die Stimme, die zu schweigen gelernt hat, zieht sich zur�ck in einen dunklen, grollenden Bereich, das Kinn, das sich �ber die kleine Erb�rmlichkeit reckt, reckt sich doch nicht zu hoch, dann mu� eine Schauspielerhaftigkeit erfunden werden, eine leise, vornehme Demutshaltung, die vom Eigenen absieht und das Fremde als fremd, irrt�mlich doch als vertraut empfindet. Aber die H�userchen, der vorsintflutliche Stadtteil im Norden der Stadt.</p><p>Eine freundlich ergebene Geducktheit, Gedr�ngtheit von Anfang an. H�user aus gelbem Backstein, am Giebel und im Sockelband ein Zickzack aus rotem Backstein, eine Schmucklinie wie auf einem Norwegerpullover, eine freundliche Aufmunterung, hier geht�s aufw�rts, aber da auch wieder abw�rts, so ist es nun mal. Gelbe Ziegel, rote Ziegel, ein Baumeister im Jahr 1898 konnte das aus dem Effeff. Der Rhythmus des Gehens lie� den Gedanken an eine �ffnung nicht zu. F�r ein Vorg�rtchen ist in der Gasse kein Platz. Die Gasse ist so lang oder so kurz, da� man in ihr anhaltend husten, also nicht unh�rbar bleiben kann, unsichtbar vielleicht, wenn man sich geschickt, den Tageszeiten entgegengesetzt, bewegte. Aber das war ein Schutzgedanke, ein andere Gedanken �berdeckender Gedanke, den Kornitzer eigentlich nicht denken wollte. Ein Gedanke, der eine Empfindung versteckte. Und diese Empfindung hie�: Oh nein. Oder war sie einfach sprachlos, wie losgel�st von jeder aktuellen Wahrnehmung?</p><p>Alle Fenster und T�ren hatten rote, verwitterte Sandsteinumrahmungen. Hinter den Fenstern dichte Gardinen, Verschlossenheit, Verschrobenheit, nur hier und da wurde an einer Gardine genestelt, als Richard Kornitzer durch die Gasse ging. H�userchen wie Mausez�hne, ein Erdgescho� und ein Obergescho� und ein Dachst�bchen mit dem Fenster in den Giebel hinein, zwischen Giebel und Dach die Halterung f�r die Fahnenstange, ein Rohr wie ein Ausgu�, ein billiger Wasserspeier, aus dem die Gesinnung scho�. Kornitzer konnte nicht umhin, sich die roten Fahnen mit dem Nazi-Emblem in der Gasse wehend vorzustellen, kleine H�user, kleine Leute, gro�es brausendes Fahnengest�ber, lautstark in der engen Gasse auf den Asphalt geschmettert. Hinter den H�usern ein Streifen Land, ein Fliederbusch, ein krummes Apfelb�umchen, eine Teppichstange, zwei Grasnarben und ein Beet mit Petersilie und Salat, Kohlk�pfe, von Kohlwei�lingen angefressen. Und vermutlich zwei, drei Kisten aufeinandergestapelt, in denen Kaninchen fett gef�ttert wurden.</p><p>In ihm war ein tiefes Schweigen, kein Empfinden. Das Empfinden w�re vorschnell gewesen, ein vorschnelles Nein oder Vielleicht, kein Ja jedenfalls. Er studierte den Vorort, wie er Akten studierte: mit einer grenzenlosen Aufmerksamkeit f�r jedes Detail, das in einem ganz anderen Zusammenhang wichtig werden k�nnte. Wer in dieser Beobachtung nicht wichtig war, war er selbst: Kornitzer, das Subjekt. Er befolgte die Regel, die eigene Befindlichkeit keine Rolle spielen zu lassen. Der Jurist war an Objektivit�ten gebunden, die nur vermittelt nach seinem subjektiven Empfinden fragen, �nach seinem Ermessen�. Nach seinem Wohlbefinden hier und dort schon �berhaupt nicht, er konnte die Gassen ja doch nicht wie Delikte in Augenschein nehmen oder wie Tatorte, an denen etwas geschah, an denen etwas geschehen konnte, mit ihm, mit seiner Frau, mit seiner verstreuten Familie, an die zu denken ihm ein Zittern in den Knien verursachte, also N�chternheit, Wahrnehmung und keine Klage im Voraus.</p><p>Er ging eine Gasse entlang, er ging eine zweite Gasse entlang, nicht wirklich entschlie�en konnte er sich, die Gasse zu suchen, deren Namen die Dame auf dem Wohnungsamt ihm aufgeschrieben hatte, es war ein Z�gern, das er sich selbst nicht erkl�ren konnte. Als er herausgefahren war aus der Stadt in der Mittagspause, schien es ihm noch selbstverst�ndlich. Er w�rde sich durchfragen, er w�rde die entsprechende Hausnummer suchen, er klingelte und sagte seinen Namen: Sie haben zwei Zimmer zu vermieten, das Wohnungsamt hat mir einen Berechtigungsschein gegeben. Darf ich die Zimmer sehen? Das schien so einfach, so einfach auszusprechen auf dem Weg heraus aus der Stadt, und nun im Vorort wollte er gar nichts sehen, nicht die pr�fenden Augen der Hausfrau, nicht die Kinder, die sich hinter ihr dr�ngten, mit offenen M�ndern den fremden Mann anstarrten, er hatte genug gesehen, Sandstein und Ziegelstein, Zickzack, Enge, Kleinm�tigkeit, das mu�te er erst mal verdauen. Auch das Z�gern der Hausbesitzerin, ihn ins Haus zu lassen, wollte er verschlucken. Die Begr�ndung des Z�gerns, da� m�glicherweise die Frau am Abend ihren Mann fragen mu�te, wollte er nicht h�ren. Und auch nicht den Ratschlag, da� ein ganz anderer Termin, vielleicht am Samstag, viel passender erschiene: �Das Zimmer ist noch nicht gemacht.� Er konnte sich auch ein ungemachtes Bett als ein gemachtes vorstellen, daran sollte es nicht liegen. Und �berhaupt, er wu�te ja, da� ein zuk�nftiger Mieter mit einem Berechtigungsschein, der ihm ein Vorrecht vor anderen Mietern auf dem Papier einr�umte, auch ein �rgernis war, f�r diejenigen, die Wohnraum hatten melden m�ssen, und die, die Wohnraum beanspruchten mit einem Laufzettel, denn nichts anderes war der hoch gehandelte Wohnberechtigungsschein. (Konnte man ihn erschleichen, erhandeln auf dem Schwarzmarkt, von dem er nichts verstand, oder mu�te man unschuldig mit wei�en H�nden, mit einer Stimme, die Kreide gefressen hatte, im Amt vorsprechen?) Das stand in den Sternen, aber er wu�te nichts von Sternen und ihren Auswirkungen auf erregte und verzweifelte Gem�ter. Der Wohnberechtigungsschein, von dem ihm die Frau in der Gesch�ftsstelle des Landgerichts erz�hlt hatte und den man ihm im Wohnungsamt zu seiner Verwunderung in die Hand gedr�ckt hatte, zusammen mit einem Blatt �ber die Ausf�hrungsverordnungen, das war eine Gegebenheit, an die er sich hielt, wie schlecht sie auch umgesetzt wurde. Er hatte den Schein entgegengenommen, ihm w�rde ein angemessener Wohnraum zustehen. So waren die Vorschriften. Wie eine Machete, dachte er. Und dann wollte er nichts mehr denken.</p><p>Kornitzer befingerte in der Tasche noch einmal den Berechtigungsschein, dann machte er kehrt. Er erreichte einen Platz, den die Stra�enbahn umkurvte, da stand die Ortsb�rgermeisterei, ein trutziges Geb�ude, das unbeschadet den Wilhelminismus �berlebt hatte und treuherzig in den hellen Tag guckte. Es war nur wenig gr��er als die Siedlungsh�user in den Gassen, ein schmales, dreifenstriges H�uschen mit einem doppelten Sims zwischen Erdgescho� und erstem Stock und einem dreiteiligen Fenster im Dachgescho�. Auch dieses Geb�ude hatte Sandsteinumrandungen der Fenster und T�rst�rze. Eine protestantische Pfarrkirche mit einer breiten Turmhaube, zwei katholische Kirchen: Herz Jesu und St. Nikolaus, eine mit einem eingest�rzten Dach, die andere mit handschriftlichen Spendenaufrufen f�r den Wiederaufbau vor der T�r, das schien ihm etwas viel. Aber sich dar�ber zu erheben, war unangebracht. Die Friedhofskapelle hatte einen heftigen Treffer abbekommen, eingeknickt lag das T�rmchen auf einem Gr�berfeld. Auch auf der Hauptstra�e gab es Zerst�rungen, eine schwarze Schneise, die die Br�nde gerissen hatten.</p><p>In der N�he b�uerliche Anwesen mit einer kleinen Landwirtschaft, einem Misthaufen und einer Handvoll scharrender H�hner, die Gemarkung hie�: Auf dem Gro�en Sand. Er ging aus dem Ort hinaus, an einem Gem�sefeld entlang, ging auf einem Feldweg, der auf ein W�ldchen zu f�hrte. Auf der Wiese erkannte er den Roten Storchenschnabel, die violette Schwarzwurzel, das gelbe Sandfingerkraut und Salzkraut, eine sch�ne in die Mulde gedr�ckte Mischung, daran war nichts zu deuteln. Er roch auch noch die Bl�ten der K�chenschellen, der Sandwolfsmilch, sah das Liesch. Das Knabenkraut scho� hoch auf, mit feinen rosafarbenen Trichterbl�ten. Nein, die Aufmerksamkeit ver�nderte sich nicht, wurde nur z�gerlicher, Kornitzer streckte alle empfindsamen Antennen aus.</p><p>Als er den Fu� abseits des Weges auf den Sand gesetzt hatte, merkte er: Nein, keine Natur, Natur tat ihm nicht gut, �ffnete, lie� zerflie�en, was er in sich selbst zusammengezurrt hatte. Zusammengebissene Z�hne, Muskelanspannung, der ganze innere Haushalt brauchte eine Struktur der Festigkeit. Und auf Sand schien die ganze vorst�dtische Angelegenheit gebaut zu sein, Teil der Gemarkung des Gro�en Sandes. Als er seinen Ausflug ank�ndigte, hatte jemand im Gericht ihm gesagt, hier sei einmal ein milit�risches �bungsgebiet gewesen. Sand der Zeit rann durch den Ort hindurch, ein Sandsturm, gegen den die H�user sich nicht abdichten konnten. Hier und da hatte ein Haus Fensterl�den, also vielleicht ein intimes Geheimnis.</p><p>Er ging wieder zum Ortsausgang, ein W�ldchen, eine Aussicht auf eine Bodensenke, Wiesenschaumkraut und wieder Apfelb�umchen, Streuobstwiesen, ein vorst�dtisches Auslaufmodell, aber war es schon ausgelaufen, oder wann w�rde es auslaufen, vielleicht nie. Eigentlich wollte er mit diesem Ortsteil im Norden der Stadt nichts zu tun haben, es zog ihn ins Landgericht zur�ck. Er stieg in die Stra�enbahn, fuhr drei, vier Stationen und stieg wieder aus, dort wo er die hohen Schornsteine gesehen hatte, einige waren zerst�rt, Tr�mmer ragten in den Himmel, hohle Zahnst�mpfe. Eine Glasfabrik, Metallwerke und der bei�ende Geruch aus einer Fabrik, die Schuhwichse herstellte, er sah ein Medaillon mit einem Frosch in gespannter H�pfstellung, das Maul sehr breit, er hatte eine Krone auf dem Kopf. Ein Froschk�nig, der �ber ein Regiment gut geputzter Schuhe herrschte, und keine Prinzessin weit und breit. Er sah die Br�ckenpfeiler am Flu�: zerst�rt. Kinder lie�en Steine �ber die Oberfl�che des Flusses h�pfen. Auf den Bahngleisen am Flu� entlang rumpelte ein langer G�terzug. Er roch die Kl�ranlage, den Muff der Lagerhallen, Arbeiter gingen durch das Tor, mit der Gewi�heit, eine Arbeit zu haben, als h�tte diese Arbeit nicht bei einem einzigen Bombenangriff zunichte gemacht werden k�nnen. Und die, die diese Arbeit verrichteten, dazu.</p><p>Wieder im Landgericht, begann er im Gesch�ftszimmer ein Urteil zu diktieren, es klopfte, und Landgerichtsrat Beck stand in der T�r. Darf ich Ihnen Rechtsanwalt Damm vorstellen? Er hat schon zweimal nach Ihnen gefragt. Aber da waren Sie nicht im Haus. Kornitzer gab sich M�he, seinen Halbsatz ordentlich zu Ende zu bringen, w�hrend Beck die Augen zusammenkniff, als w�re er geblendet, und seine Augenbrauen bildeten einen waagerechten Strich. Und noch ganz in Gedanken nickte Kornitzer Beck zu und streckte dem Gast eine Hand entgegen. Damm, der ihn schriftlich vor Mainz gewarnt hatte. Da sah er: Die Hand des Rechtsanwaltes r�hrte sich nicht. Sie steckte in einem schwarzen Lederhandschuh, darunter eine starre Prothese, und Damm gab ihm seine linke Hand und sagte: Im Landgericht Littenstra�e in Berlin, das war eine sch�ne Assessorenzeit. Er bleckte dabei ein gro�es parodont�ses Gebi� mit freistehenden Zahnh�lsen im Unterkiefer, das Kornitzer schreckte, und dann geschah ihm etwas, was ihn sehr verwunderte, etwas, das ihm noch nie geschehen war: �ber der Prothesenhand, dem angewinkelten rechten Arm sah er einen zweiten Arm sich in die Luft recken, einen zweifellos eingebildeten Arm, der mit dem Hitlergru� gr��te. Jetzt, scho� es Kornitzer durch den Kopf, werde ich verr�ckt. Aber er ruckelte sich bald wieder zusammen, keineswegs wurde er verr�ckt, es war nur ein Bild, das er vertreiben mu�te, so rasch, wie es ihm in den Kopf gekommen war. Ein fl�chtiges Bild, das ihm den Blick auf die wirkliche Begegnung verstellte. Ein Gespr�ch, nur mit ein paar H�flichkeiten gepflastert, war ihm daraufhin nicht mehr m�glich, er w�rde sp�ter, sp�ter Beck fragen, was denn das Spezialgebiet von Rechtsanwalt Damm sei. Die Herren verabschiedeten sich wieder, Kornitzer schlo� die T�r, die Schreibkraft las ihm den letzten Halbsatz vor.</p><p>Am Nachmittag konnte er sich nicht wirklich auf das Aktenstudium konzentrieren. Er stellt sich die hochgewachsene Claire vor, wie sie in einer der vorst�dtischen Gassen ging, eine T�r aufschlo�, und es kam ihm vor, als m�sse sie sich b�cken am T�rsto�, doch so gro�, wie er sie in der Phantasie machte, war sie in Wirklichkeit nicht. Er fragte, bevor er das Landgericht verlie�, nach Landgerichtsrat Beck, aber der war in einer Sitzung. Er wartete auf ihn und stellte seine Frage. Oh, Rechtsanwalt Damm ist ein Spezialist f�r alles, nichts Besonderes. Ich verstehe, antwortete Kornitzer; in Wirklichkeit verstand er nichts.</p><p>Am Abend fuhr er wieder hinaus in die Vorstadt, fragte sich jetzt zu der Gasse durch, in der zwei Zimmer frei sein sollten. Er gab sich einen Ruck, klingelte an dem angegebenen Haus, �Dreis� stand auf dem Schild. Ein kleines M�dchen �ffnete, er fragte nach dem Vater. Der ist noch in Gefangenschaft, platzte das Kind heraus, und dann kam die Mutter, eine bl��liche Frau mit kr�ftigen, dunklen Augenbrauen und einem vollen, aber zusammengekniffenen Mund. Er sagte sein Spr�chlein: Bei ihr seien wohl zwei Zimmer zu vermieten, ob er sie ansehen k�nne? Er zeigte ihr den Berechtigungsschein, den sie ernsthaft studierte. Oh, Sie sind Opfer des Faschismus? sagte sie und wirkte erschrocken. Ja, sagte er einfach, und ich brauche eine Wohnung. (Der Berechtigungsschein wies ihn als Opfer aus.) Ich bin nicht die Vermieterin, das Haus geh�rt meinen Schwiegereltern. Aber Sie k�nnen mir doch sicher die Zimmer zeigen? Es ist nur ein Zimmer, das zweite ist schon vergeben an meinen Schwager. Aha, sagte Kornitzer, das h�tten Sie aber dem Wohnungsamt melden sollen. Die Frau zuckte die Schultern, Kornitzer wu�te nicht, ob es ein Schulterzucken war, das sich �ber eine Bestimmung hinwegsetzte, oder ob es eine wirkliche Obstruktion war. Kommen Sie, im zweiten Stock, aber auf der Treppe ist kein Licht. So fa�te die Frau ihn einfach an der Hand und zog ihn ins Haus, das Kind folgte, sprang dann �ber zwei Stufen und dr�ngte sich an ihm und seiner Mutter vorbei und rannte die Treppe hoch. Ich hol eine Kerze. Verbrenn dich nicht, rief die Mutter ihm nach. Es war Kornitzer angenehm, an der warmen Hand einer fremden jungen Frau eine Treppe hochzugehen, Stufe f�r Stufe, auf dem Treppenabsatz machte sie kurz Halt, als w�re ihr der Weg zu viel. Da trat oben das kleine M�dchen aus einer T�r, die Kerze in seiner Hand blakte, warf unruhige Schatten an die Wand. Feierlich sah es aus, als ginge es an der Spitze einer Prozession. Im flackernden Licht sagte die Frau: Ich habe noch kein einziges Opfer des Faschismus zu sehen bekommen. Das ist ein Fehler, sagte Kornitzer, und sogleich tat ihm sein belehrender Ton leid. Er wu�te, da� er in ihren Augen ein Ausstellungsst�ck war, und es fiel ihm ein, da� seine Juristenkollegen einen solch einfachen Satz nicht �ber die Lippen gebracht hatten bei der Amtseinf�hrung. Die Frau Dreis schaffte es auf Anhieb. Was konnte die kleine Frau in der Vorstadt daf�r, da� ihr Blick verengt war? Er sah, wie sie die Unterlippe mit den Z�hnen des Oberkiefers einkniff und ihn pr�fend ansah. Auch das Kind sah ihn jetzt an im Kerzenlicht, als w�re er ein komischer Heiliger aus einer anderen Religion.</p><p>Hier ist das Zimmer. Die Frau l�ste die Situation auf, indem sie eine Klinke herunterdr�ckte und das Licht anknipste. Ein Schwall K�lte kam aus dem Zimmer, ungel�ftete kalte Luft, er sah ein Bett, einen Nachttisch, ein Tischchen vor dem Fenster, das eher ein N�htischchen war, einen bulligen, viel zu gro�en Kleiderschrank und einen emaillierten Ofen mit einem ellenlangen Ofenrohr an der Wand entlang. Die Streifen der Tapete waren mild und freundlich, jedenfalls nicht st�rend. Kornitzer trat in das Zimmer, sah aus dem Fenster, tats�chlich, ein Apfelbaum! Entschuldigung, sagte er, ich mu� in diesem Zimmer auch arbeiten k�nnen. K�nnte man den kleinen Tisch durch einen gr��eren ersetzen? Kann man wahrscheinlich, sagte die Frau, ich mu� meine Schwiegermutter nat�rlich fragen. Und wo ist das Bad? fiel Kornitzer pl�tzlich zu fragen ein. Wir haben kein Bad, wir waschen uns alle in der Waschk�che im Keller. Aha, sagte Kornitzer, die ganze Siedlung hat keine B�der? Manche Leute haben sich ein Bad einbauen lassen, als noch Geld da war, sagte die Frau. Ich verstehe. Also war kein Geld da, also mu�te vermietet werden. In der Waschk�che, mischte sich das Kind pl�tzlich ein, steht ein gro�er Kessel. Das auch, lenkte die Frau ein, ein Waschkessel, und es gibt ein ordentliches Waschbecken und einige B�tten. Jetzt fiel Kornitzer der Geruch auf, der kalte, strenge Geruch, er reckte sich ein wenig und sah, auf dem Kleiderschrank waren auf einer Zeitung �pfel ausgebreitet. In ordentlichen Reihen lagerten sie da, keiner ber�hrte den anderen, damit kein wurmstichiger Apfel den benachbarten anstecken konnte. Es war ein sch�nes, r�hrendes Bild, gelbh�utige �pfel mit einer schrumpeligen Schale, ganz anders als die Apfelf�lle, die er in Bettnang im Herbst gesehen hatte. Er deutete mit dem Kinn nach oben: Sicher �pfel aus dem Garten? Ja, sagte die Frau, wollen Sie einen? Sie wartete seine Antwort nicht ab, stieg auf den einzigen Stuhl im Raum und gab ihm einen Apfel. In diesem Augenblick polterte es unten, die Schwiegereltern, sagte die Frau sachlich, gehen wir. Als h�tte sie genug Zeit mit ihm verbracht und sehnte sich in die Geselligkeit, in die famili�re Gemeinschaft zur�ck. Als h�tte ein Blick in das Zimmer ihm gen�gt, Kornitzer h�tte zum Beispiel die Matratze pr�fen und das Schubl�dchen des Nachttischs �ffnen wollen, einfach so. Und das kleine M�dchen rief: Oma, Opa, wir haben Besuch! Es st�rmte die Treppe hinunter, dabei verl�schte die Kerze. Kornitzer kam mit der Frau im Dunklen herunter, diesmal fa�te sie ihn nicht an der Hand, er trug vorsichtig den Apfel, der kalt und gar nicht schrumpelig in der Hand lag, sondern sanft und glatt. So trat er in den Lichtkegel des unteren Flurs.</p><p>Der Herr hat einen Berechtigungsschein f�r zwei Zimmer, aber wir haben nur eins, die junge Frau Dreis nahm ihm die Vorstellung ab. Er ist Opfer des Faschismus, sagte sie. Die Schwiegereltern, der Mann kahl und bed�chtig mit einem rotge�derten Zinken mitten im Gesicht, die Frau mit flinken Augen und H�nden, die sie sofort in eine Jackentasche steckte und wieder herausgrub, ohne eine wirkliche Initiative zu entwickeln, sahen ihn an und nickten, die Hand gaben sie ihm nicht. Wenn Sie das Zimmer haben wollen, k�nnen Sie morgen einziehen, sagte die alte Frau Dreis. Sie sind willkommen. Ich mu� nur noch putzen und die �pfel wegr�umen. Sie sprach das �willkommen� so sachlich und knapp aus, da� Kornitzer sich nicht wirklich willkommen, aber auch nicht abgewiesen f�hlte. Es war etwas dazwischen, f�r das er keinen Namen hatte, vielleicht �selbstverst�ndlich�. Die junge Frau Dreis erinnerte ihn daran, da� er um einen gro�en Tisch zum Arbeiten gebeten hatte. Er brachte sein Anliegen noch einmal vor und h�rte: Wir haben einen Tisch in der Waschk�che, auf dem b�gle ich. Den k�nnen Sie haben. Er wackelt nur ein bi�chen, beschied ihn die alte Frau Dreis. Das war eine nette, spontane Geste.</p><p>Er versuchte es noch einmal, r�usperte sich: Ich habe einen Berechtigungsschein f�r zwei Zimmer, meine Frau ist noch in S�ddeutschland. Herr Dreis sagte: Auch mein Sohn braucht ein Zimmer, ich kann ihn nicht bei meiner Schwiegertochter und dem Kind einquartieren. Selbstverst�ndlich nicht, antwortete Kornitzer ein bi�chen zu beflissen und f�gte hinzu: Aber das zu vermietende Zimmer ist ja nur f�r eine Person geeignet. Ich mu� meiner Frau die Situation schildern. Und dann hatte er eine Eingebung, die ihn selbst �berraschte: Vielleicht will sie gar nicht kommen. Die junge Frau sah ihm jetzt offen ins Gesicht, wie wissend, kam es ihm vor. Und Kornitzer sagte: Ich gebe Ihnen in den n�chsten Tagen Bescheid. Er verabschiedete sich, und es fiel ihm auf, da� die junge Frau ein L�cheln in den Augen hatte.</p><p>Vielleicht will Claire gar nicht kommen. Einerseits w�re dies traurig, eine Niederlage f�r ihn, andererseits auch vollkommen verst�ndlich, sie hatte jahrelang notgedrungen alleine verbracht, in m�blierten Zimmern gehaust, der Hausstand zerstreut, verloren, aufgegeben, die nackte Existenz war ihr vernichtet. Wenn Claire und er wieder eine richtige Ehe f�hrten, dann doch unter guten Bedingungen. Die guten Bedingungen erleichtern eine gute Ehe, das war zwar nicht bewiesen, aber der Satz war beruhigend nach so viel Kummer, Unruhe, Zweifel. Diesmal fuhr er ohne ein m��igg�ngerisches Spazierengehen gleich in die Stadt zur�ck, erbat sich eine Postkarte an der Rezeption des Bunkerhotels. Liebe Claire, schrieb er rasch, nach dem Berechtigungsschein stehen mir und meiner Ehefrau zwei Zimmer zu. In der ganzen Stadt scheint aber nur ein einziges Zimmer verf�gbar zu sein, jedenfalls nur eines, das mit meiner Berechtigung zu mieten ist. Es ist ein nettes Zimmer bei netten Leuten, und der Blick geht auf einen Apfelbaum. Willst Du unter diesen Bedingungen kommen? Oder willst Du abwarten, bis ich eine bessere Wohnm�glichkeit gefunden habe? Bitte antworte mir so rasch wie m�glich, ich mu� mich entscheiden. Dein Dich stets liebender Richard.</p><p>So hatte er fr�her seine Briefe an Claire unterzeichnet, und er sah trotz aller voraussehbaren Schwierigkeiten keinen Grund, nun eine andere Formel zu finden. Als er mit dem Schreiben fertig war, setzte er sich auf die Bettkante, die eine Pritschenkante war, a� langsam den Apfel, nicht aus Hunger, sondern aus m�der Gier, also ohne wirklichen Genu�, bis ihm der Saft auf den Unterkiefer tropfte.</p><p>In der Nacht wachte er ganz unmotiviert auf, dachte an das kleine, lebhafte Dreis-M�dchen, das mit der Kerze die Treppe beleuchtet hatte. Es war ungef�hr so alt wie seine Tochter Selma, als Claire sie und ihren gr��eren Bruder in einer herzzerrei�enden Aktion wegbringen, wegschicken mu�te, und die Kinder begriffen es nicht. Claire kam zur�ck und weinte fassungslos. Sie sagte: Selma klammerte sich um meine Beine, als w�ren es S�ulen. Ich mu�te fast treten, damit sie die Umklammerung loslie�. Und als ich sie noch einmal oder wirklich erst von mir abgenabelt, von meinen Beinen abgepfl�ckt hatte, in denen sie sich mit ihren H�ndchen verkrallt hatte, kam ich mir wie eine Verr�terin vor. Ich setzte meine Kinder aus � mit Pappdeckeln, auf denen eine Nummer geschrieben stand, um den Hals, in einer abstrakten Vern�nftigkeit, aber alles Konkrete, meine Liebe, meine Besorgnis und die meines Mannes spielten nur eine untergeordnete Rolle. Sie sprachen dar�ber, sprachen ernsthaft und lang, und die Entscheidung, die sie f�llten, hatte keinen Namen, aber eine entschiedene Rationalit�t, die aller Elternliebe und dem Alter, dem �ngstlichen Zustand der Kinder widersprach. Es war entsetzlich, daran zu denken. Es war entsetzlich, sich Claires versteinertes Gesicht vorzustellen, als sie sagte: Gut, es hilft nichts, ich bringe die Kinder zu einem Kindertransport nach England. Es hilft dir und mir, und es macht uns todtraurig. Ihre Vern�nftigkeit war musterhaft, so hatte er sie in Erinnerung behalten. Und so musterhaft, so beispielhaft war er nicht geblieben. Als w�re er in Kuba in der Hitze erweicht worden, aufgeweicht, entfesselt vom Zwang der Rationalit�t, so kam er sich jetzt vor. Vielleicht h�tte er auf der Postkarte noch einen Satz hinzuf�gen sollen: Die Vermieter haben eine Tochter in Selmas Alter, Du wirst sie gleich m�gen. Dann verwarf er den Gedanken wieder. Das fremde Kind w�rde Claire nur traurig machen, solange sie von den eigenen Kindern getrennt war. Schlie�lich f�hlte er sich wie vor den Kopf geschlagen: Nat�rlich, das Dreis-M�dchen war etwa so alt, wie Selma gewesen war, als Claire sie wegbrachte. Selma war jetzt f�nfzehn, das wu�te er theoretisch, aber der Kalender war f�r ihn stehengeblieben. In seinen Gef�hlen war Selma immer noch die Vierj�hrige.</p><p>Er sprach noch einmal im Wohnungsamt vor, ging, mit seinem Berechtigungsschein wedelnd, an der langen Schlange der Wartenden einfach vorbei, �berh�rte das Murren und schilderte der Frau das Problem. Zwei Zimmer standen ihm zu, aber die Familie erwartete den einen Sohn aus der Gefangenschaft zur�ck, und der andere war nach Hause gekommen und sollte nicht bei der Schwiegertochter und ihrem Kind wohnen. Da kann ich auch nichts machen, sagte die Frau mit m�der Stimme. Sie wissen doch, in unserer Stadt sind 80 Prozent des Wohnraums zerst�rt. Ich wei�, antwortete Kornitzer, nicht nur Wohnraum. Und dachte: Auch Empfindungen, 80 Prozent Mitleid konnte er sich als eine Summe nicht genau vorstellen. Insgeheim hatte er erwartet, das Wohnungsamt w�re in der Lage, Zimmer und Wohnungen zu requirieren, das hatte die Besatzungsmacht f�r ihre eigenen Anspr�che getan, am Rheinufer und in Mainz-S�d, wo es einigerma�en heil geblieben war, das hatte Kornitzer selbst gesehen. Aber f�r ein Opfer des Faschismus kam das nicht in Frage. Keine Extraw�rste. Er wunderte sich auch �ber die divergierenden Zahlen zur Zerst�rung, jeder schien seine eigene �bertreibung zur Hand zu haben, die vielleicht auch eine Untertreibung des Empfindens war. Da� er einen Berechtigungsschein hatte, da� er die lange Schlange der wartenden Wohnungssuchenden �berholen konnte, war schon Vorrecht genug. Es gab andere Probleme als die Zusammenf�hrung eines Ehepaares.</p><p>Also nichts zu machen? dr�ngte er noch einmal die Angestellte. Sie sch�ttelte den Kopf. Dann ging er fort und wu�te nicht wirklich, wie er sich entscheiden sollte. Er war m�de und wollte sich nicht entscheiden. Die Tage verschwammen in seinem Kopf, dann erreichte ihn ein Telegramm, das Claire in Lindau aufgegeben hatte. <emphasis>Bleibe vorerst hier Stop Besuche dich Stop Claire</emphasis>. Kornitzer h�tte gerne gewu�t, was sie bei dieser n�chternen Mitteilung dachte (und f�hlte). War sie entt�uscht? Konnte sie sich die gewaltige Zerst�rung der Stadt, die Hoffnungslosigkeit, so bald eine angemessene Bleibe zu finden, gar nicht vorstellen? Dr�ngte es sie nicht, mit ihm das gemeinsame Leben wieder aufzunehmen?</p><p>Man m��te sich jetzt an einem Tisch unter der Seidenschirmlampe gegen�bersitzen wie fr�her in Berlin, das F�r und Wider haarklein durchgehen, so wie sie gemeinsam seinen Weg in die Emigration besprochen hatten (oder vorher sein logistisch streng geplantes Bleiben, bis es nicht mehr ging), wie sie die Verschickung der Kinder besprochen hatten, haarklein abgewogen: Was sprach daf�r? Die Sicherheit, in der die Kinder sein w�rden. Was sprach dagegen? Das geringe Alter der Kinder. Ihre Zartheit. Die Gef�hle der Eltern. Also sehr, sehr viel. Und doch war die Entscheidung, die sie schlie�lich f�llten, vollkommen rational, sie entschieden sich sozusagen wider Willen, gegen die Besorgnisse, auch gegen die elterlichen Gef�hle. Sie tauschten Argumente aus, und so war am Ende alles gesagt, und sie waren sich mit Reden und Gegenreden vollkommen einig, auf eine zitternde �ngstliche Weise einig, jeder von ihnen allein h�tte eine solche rationale und den eigenen Empfindungen entgegengesetzte Entscheidung niemals treffen k�nnen. Gemeinsam waren sie stark, jedenfalls entscheidungsst�rker, jedenfalls abstrakter in der Empfindung von Angst und der Abwehr der Angst. Es war ein Proze�, der der genauen Erfassung der Wirklichkeit diente. Da� es bei aller Verzweiflung damals sch�n war, mit Claire so im Schein der Lampe zu sitzen und leise zu sprechen, damit die Kinder nicht wach wurden, daran dachte er jetzt. Er h�tte auch jetzt gerne Claire angeschaut, er stellte sie sich vor wie in Berlin im Lampenlicht, nicht wie in den letzten Wochen bei den Spazierg�ngen in den gr�nen Wiesen �ber dem See, es gelang ihm einfach nicht, das gegenw�rtige, spitz gewordene Gesicht in seinem Ged�chtnis gegen das fr�here auszuwechseln. Claire sa� im Berliner warmen Lampenlicht in der sch�nen Wohnung in der Cicerostra�e, er war ein junger, hoffnungsvoller Jurist (gewesen) und Claire eine Finanzfachfrau, die Gesch�ftsf�hrerin einer feinen Firma geworden war, die fr�heren Besitzer hatten ihr vertraut und sie unter mehreren m�glichen Kandidaten ausgew�hlt. Sie war dabei sehr gelassen, sie kannte nur Gesch�ftsf�hrer und Steuerberater und ihre Mitarbeiter, aber das st�rte sie nicht, sie war gewappnet, bis an die Z�hne mit Zahlen gewappnet, und lachte �ber seine �ngstlichkeit, ob sie �als Frau� diesem Haifischbecken gewachsen war. Sie �als Frau�: das empfand sie als einen Witz. Nat�rlich war sie Frau, �und wie�, lachte sie ihn frech an, und wie. Stimmt! lachte er zur�ck. Und sie gefiel ihm ganz unb�ndig, und sie war staunenswerterweise seine Frau geworden. Nat�rlich wu�te er, wie es dazu gekommen war.</p><p>Aber es war doch ein Wunder, wie jedes Gl�ck wundersam ist und keine Frage nach dem Woher und Wohin stellte. Sie beherrschte das Metier, Finanzierungen, Verhandlungen, ein Kreditrahmen, B�rgschaften, im Zweifelsfall konnte sie den fr�heren Besitzer fragen, den Herrn Kommerzienrat, im Zweifelsfall ihren Mann, ihn, der sich gerne fragen lie�, um ihr einen Rat zu geben, einen unerbetenen Rat verbat sie sich. So mu�te er warten, manchmal lange warten, bis sich in ihr, an ihr nur ein Hauch von Hilfsbed�rftigkeit zeigte. Und er mu�te sorgsam handeln, damit er seine lebhafte Freude, ihr helfen zu k�nnen, nicht �berm��ig ausstellte. Denn das h�tte sie m�rrisch gemacht. Sie h�tte vermutlich gesagt: Also lieber w�re dir wohl eine hilfsbed�rftige kleine Frau gewesen, der du das Haushaltsgeld und Ratschl�ge in kleinen Portionen h�ttest erteilen k�nnen. Nein, nein, lachte er und umarmte sie. Dich wollte ich, die kluge, die t�chtige, die gesch�ftst�chtige Claire, niemanden sonst! Und sp�ter am Abend reichte sie ihm die Vollmacht her�ber, die auf ihn �bergegangen war mit der Heirat, die sie geschickt wieder an sich gezogen hatte als Gesch�ftsf�hrerin einer GmbH, die sie in eigener Vollmacht auf ihren Namen begr�ndet hatte. Und Kornitzer, der mit leichter Hand unterschrieb damals, als jemand, der m�glicherweise in einem nicht auszudenkenden Fall, beim Tod seiner Gattin, Verpflichtungen �bernahm, Verpflichtungen �bernehmen mu�te, f�hlte sich stark, unendlich stark in der N�he seiner starken Frau, und diese St�rke reichte auch noch bis in die Verfolgung, in die geplante Vernichtung, reichte wie eine Rampe, die ihn in ein anderes Leben weit weg von Claire geschossen hatte, hinein: in den Schiffsbauch, in das Ankommen, in den Hafen von Havanna, in die furchtbare tropische Hitze. Und dann war er von Claire abgetrennt, und er war ihr fast b�se, als h�tte er mit der Emigration (das sich anbietende Wort �Auswanderung� kam ihm immer obsz�n vor, er war aus seinem Land verjagt worden) einen Weg beschritten, der so schwankend war, da� er ihn nur am Arm seiner Frau, oder seine Frau an seinem vermeintlich sicheren Arm h�tte gehen k�nnen. Aber mit wem h�tte er jetzt dar�ber sprechen k�nnen. So sprach er mit sich selbst, und das war nicht das Schlechteste, er mu�te sich selbst kein einziges Wort vom Emigrantendeutsch ins neue Nachkriegsdeutsch �bersetzen, das hei�t: Er schwieg beharrlich, sprach auch nicht mehr im Kopf mit Claire, sprach nur noch mit sich selbst, also verstummte er.</p><p>Sp�ter las er in einer Zeitung, da� sich die ber�hmte <emphasis>pressure group</emphasis> der Literatur, die Gruppe 47, auch gegen die Mitgliedschaft von Emigranten wehrte mit dem durchsichtigen Argument, diese spr�chen und schrieben ein altmodisches Deutsch, jedenfalls nicht das Deutsch, das durch die Erfahrungen des Krieges, der Kriegsteilnehmerschaft und der Kriegsgefangenschaft geh�rtet, gest�hlt worden sei. Mit anderen Worten: ein fremdes, altmodisches, zu wenig zugespitztes Deutsch, das den harten Tatsachen des Nachkriegs, der Assimilation von Kriegern an eine Nachkriegsgesellschaft nicht gewachsen war. Die Anpassungsleistungen, die die Emigranten schweigend, sich verneigend vor dem Los der Ausgebombten, Dezimierten leisten mu�ten, z�hlten nicht. Und die Vernichtung ihrer Existenz z�hlte auch nicht, sie waren auf eine schweigsam best�rzende Weise marginalisiert. Das eine war: in die Niederlage getrieben worden zu sein. Und das andere: in eine ausweglose Heimatlosigkeit getrieben worden zu sein, weitab von dem Empfinden f�r Sieg oder Niederlage. Und nun die Niederlage als Gl�ck, als Empf�ngnis von etwas Einzigartigem, Neuem zu empfinden, war nicht gegen das Desaster aufzuwiegen, das Desaster war klamm, sprachlos und peinlich. Die bedingungslose Kapitulation, die Kornitzer ersehnt hatte, die �ber die Deutschen gekommen war, war leise. Die Minderheit hatte sich auf demokratische Weise dem schweigend bestehenden Mehrheitsdeutsch zu beugen, das war im Landgericht akzeptabel, aber nicht im privaten Bereich. Kornitzer dachte noch einmal an den Apfel, den ihm die junge Frau Dreis wie im Paradies vom Dach des Kleiderschranks geholt hatte, und er f�hlte sich unendlich privilegiert, so sehr, da� er keine Worte daf�r hatte. Er hatte den Apfel dann w�hrend der ganzen Trambahnfahrt unschl�ssig in der Manteltasche hin und her gerollt. Er freute sich an seinem Richteramt, auch der Umgang mit den Beisitzern fiel ihm nicht schwer, und � auf ganz existenzielle Weise � freute er sich zu wohnen, wenigstens zeitweise, wenigstens versuchsweise. Er hatte den kleinen Kindern in Berlin einige Male das M�rchen von den Bremer Stadtmusikanten vorgelesen. Etwas Besseres als den Tod findest du �berall, hatte er betont. Und die Kinder sperrten Mund und Nase auf. Ob es der Esel war, der diesen bedeutsamen Satz ge�u�ert hatte, daran konnte er sich nicht mehr erinnern, aber es h�tte zu seinem st�rrischen Wesen, das anderswo etwas vornehmer Stoizismus genannt wurde, gut gepa�t. Etwas Besseres als den Tod findest du �berall, und er war ein Zeuge dieses richtigen und im richtigen Augenblick zu zitierenden Satzes.</p><p>An den Oberb�rgermeister der Stadt, an die ihm zugeordnete Betreuungsstelle �Opfer das Faschismus� hatte er noch vom Dorf �ber dem See geschrieben: <emphasis>F�r Ihre frdl. Anfrage vom 13. ds Mts betr. meine Wohnung in Mainz danke ich Ihnen verbindlichst. Ich habe bisher noch keine Nachricht �ber den Zeitpunkt meines Dienstantrittes erhalten. Mit R�cksicht auf die Schwierigkeiten der Wohnungsbeschaffung schlage ich vor, da� ich zun�chst f�r kurze Zeit allein dorthin komme. Daf�r w�rde ich nur ein m�bliertes Zimmer ben�tigen</emphasis>. Genau so war es gekommen. Die freundliche Hoffnung auf eine komfortable Zweizimmerwohnung, auf eine Intimit�t zerschlug sich vor seinen Augen, ihm standen zwei Zimmer zu, von einer Wohnung war nicht mehr die Rede, aber auch die zwei Zimmer ohne Abgeschlossenheit, ohne K�che und Bad und ohne ein drittes kleines Zimmer f�r die inzwischen halbw�chsige Tochter gab es nicht. Damals noch aus dem Dorf hatte er weitergeschrieben: <emphasis>Meine Frau k�nnte dann zusammen mit meiner 14j�hrigen Tochter, die ich in K�rze aus der Emigration zur�ckerwarte, einige Zeit sp�ter auch in die Stadt kommen, damit wir alsdann eine gemeinsame Wohnung beziehen. Wir sind dann insgesamt drei Personen. Daf�r ben�tigen wir unter voller W�rdigung der Wohnungsnot: ein Schlafzimmer f�r meine Frau und mich, ein Zimmer f�r meine Tochter (dieses kann auch kleiner sein) und ein Arbeitszimmer f�r mich (das zur Raumersparnis auch gleichzeitig das gemeinsame Wohnzimmer sein kann). Meine Frau will den Haushalt zusammen mit meiner Tochter ohne Hilfe besorgen. Es ist also nur noch eine K�che n�tig. Wir haben hier nur einige wenige eigene M�bel, insbes. gar keine eigenen Bettstellen</emphasis>.</p><p><emphasis>Meine vordringliche Bitte ist also gegenw�rtig nur, da� ich bei Dienstantritt f�r mich selbst eine f�r die Arbeit ertr�gliche Unterkunft finde. Das Weitere wird meine Frau, wie vorstehend angegeben, zusammen mit Ihnen beraten. Sobald ich n�here Nachricht f�r die Zeit meiner Ankunft habe, werde ich mich sofort melden</emphasis>.</p><p><emphasis>Mit nochmaligem Dank f�r Ihre freundliche M�hewaltung bin ich</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Ihr sehr ergebener</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Dr. Richard Kornitzer</emphasis></p><p>Das war ein feiner, keinesfalls unbescheidener Brief, der die Schwierigkeit der Lage f�r die Stabstelle �Opfer des Faschismus�, den Oberb�rgermeister und f�r das Wohnungsamt gleicherma�en bedachte, ein Brief, der die eigenen Bed�rfnisse zur�cknahm und die Gr��e der allgemeinen Probleme nicht in Abrede stellte. Ein einf�hlsamer Brief, wie der Oberb�rgermeister und seine Stabstelle ihn vermutlich nicht t�glich bekamen. (War er deshalb erhalten geblieben?) Und gerade wegen seiner abw�genden Rationalit�t mu�te er hinhaltend, h�flich und beil�ufig beantwortet werden, damit sich aus der verwaltungsgem��en Freundlichkeit nicht genuine Anspr�che ableiten lie�en, das war Kornitzer klar. Und dann, als Kornitzer eigentlich doch befriedigend geendet hatte, f�gte er der Ordnung halber ein P. S. an: <emphasis>Ich bemerke, da� ich noch einen 17j�hrigen Sohn habe, der sich ebenfalls seit 10 Jahren in England befindet, aber vorerst noch dort bleiben soll</emphasis>.</p><p>Bleiben und Nichtbleiben waren in einem empfindlichen Gleichgewicht. Claire blieb vorerst, er konnte ihr nichts Besseres raten, an ein Kommen von Selma war ohne eine entsprechende Wohnm�glichkeit nicht zu denken, das Bleiben von Georg war gar nicht in Erw�gung gezogen worden. Richard Kornitzer hatte sich, zur�ckkehrend auf dem Schiff und bei der langwierigen Bahnreise von der Nordseek�ste an den Bodensee, immer einen Tisch vorgestellt, um den er die Familie versammeln wollte, einen Tisch, der ihm viel wichtiger erschien als Betten, als eine K�che, als alles, was �Wohnen� ausmachte. W�rden erst Claire und er, w�rden sie beide erst mit Georg und Selma um einen Tisch herum sitzen (im Schein der Seidenlampe oder in Erinnerung an die Seidenlampe, auf die es auch in Wirklichkeit nicht ankam), dann w�re alles gut. Es g�be einen Ankn�pfungspunkt an die Zeit vor der Zerstreuung, vor der Zertr�mmerung der kleinen Familie, die Claire und er mit eigenen H�nden vornehmen mu�ten. (Als h�tten sie sie zerh�mmert, wie man Porzellan zertr�mmern kann, aber es doch nicht wirklich will, es sei denn symbolisch: am Vorabend einer Hochzeit.) Von einer Wohnung war nicht mehr die Rede. Aber auch die zwei Zimmer ohne Abgeschlossenheit, ohne K�che und Bad und ohne ein drittes kleines Zimmer f�r die inzwischen halbw�chsige Tochter, gab es nicht. Da war nichts zu machen, was Deutschland zertr�mmert hatte, hatte auch seine Nachkriegs-Pl�ne zertr�mmert. Und er war mit viel Optimismus gekommen, mit Pl�nen, nur fehlte es an einem Feld, an Strategien, diesem Optimismus eine Bahn zu brechen, und so brach von seinem Optimismus St�ck f�r St�ck, schmolz in einer Lache dahin. Und was schmolz, war nicht der Rede wert. Es stand in keiner Relation zu den �wirklichen� Problemen, die zu l�sen er angetreten war.</p><p>Er zog zu den Dreisens, mit einem Koffer, und bat darum, am Klingelschild seinen Namen anzubringen, denn er erwartete Post, vermutlich viel Post, von den in Kuba gebliebenen und den in alle Winde zerstreuten Freunden, den Mitemigranten � und nat�rlich von Claire aus der milden Bodensee-Landschaft, in der sie so fremd war wie ein preu�ischer Meteorit. Die junge Frau Dreis (wo war die alte Frau Dreis, wenn er an den unteren Zimmert�ren klopfte, immer im Garten, klopfte sie Steine? Er sah sie selten.) schrieb in netter Handschrift ein kleines Pappschild �Dr. Kornitzer� und brachte es so neben dem Dreis-Schild an, da� jeder Blinde begreifen mu�te, wer der Besitzer des Hauses und wer untergeschl�pft war. Was sollte Kornitzer dagegen haben, er war ja auch wirklich untergeschl�pft. Er wollte nicht wegen einer solchen Kleinlichkeit gekr�nkt sein, er wollte sich �berhaupt nicht kr�nken lassen. Das hatte er sich vorgenommen.</p><p>Das famili�re Haus hatte eine gewisse Dynamik. Nun ja, wie ein Bienenkorb, dachte er manchmal, wenn er abends an seinem Tisch sa�, dem Tisch, den er sich gew�nscht hatte, oder er dachte: T�renschlagen. Viel Wind um nichts. Oder er korrigierte sich: Viel L�rm um nichts. Das kleine M�dchen � er hatte es gefragt, und es hatte ihm strahlend seinen Namen genannt: Evamaria � polterte im offenen Treppenhaus, rutschte kreischend vor Vergn�gen das Treppengel�nder hinunter. Das Treppengel�nder war sein liebstes Spielzeug, viel anderes hatte es nicht, die junge Frau Dreis klapperte in der K�che mit T�pfen und Sieben und Emaillesch�sseln. Die alte Frau putzte am Wochenende die Treppe und stie� mit dem Schrubber an die Treppenstufen, das ergab einen hohlen Ton. Herr Dreis s�gte im Garten Holz. Er hatte keine gute S�ge, ein Knirschen und Raspeln, ein schmerzhafter Kompromi� zwischen dem schartigen S�geblatt und dem frischen, biegsamen Holz, aus dem fast noch Saft spritzte, wenn man einen Zweig herunterbog und pr�fte. Den Sohn der Familie, seinen Zimmernachbarn, sah er nur fl�chtig, er war au�er Haus, auch h�ufig in der Nacht, rumorte dann fr�hmorgens in seinem Zimmer. Brauchte er das Zimmer �berhaupt? fragte sich Kornitzer staunend und schluckte den kleinen Groll hinunter. Er wollte Claire bitten, ein Wochenende zu ihm zu kommen, unterlie� es aber doch. Er wollte nicht, da� sie sich, dauernd krank, in der Waschk�che wusch. Oder: Er wollte nicht, da� sie, durch die K�lte gegangen, gefl�chtet, ihre offenen Wunden an den F��en fremden Menschen zeigte, Menschen, die ihm nicht mehr so fremd waren. So versprach er, bald an den Bodensee zu kommen, bestimmt, aber der Arbeitsaufwand im Landgericht lie� eine Reise mit versp�teten, �berf�llten Z�gen nicht zu.</p><p>Die alte Frau Dreis hatte ihm f�rsorglich eine wei�e Decke auf den B�geltisch aus der Waschk�che gelegt. Der Aufwand mit der wei�en Tischdecke war eher irritierend f�r Kornitzer. Abends breitete er Akten auf diesem wackligen, altersschwachen Tisch aus, br�tete �ber der Aktenlage f�r den morgigen Tag. Und es h�tte ihm nichts ausgemacht, einen feuchten Kringel von einem Glas Most oder einer Tasse Tee auf dem Holz zu hinterlassen, das w�re eine kleine vern�nftige Ver�nderung der Ausgangssituation gewesen, nicht befriedigend, aber doch verst�ndlich. Etwas geschah, etwas ver�nderte sich unmerklich, Gebrauchsspuren, Zeit verging, und das war eine vertraute Sache: Die eine Behelfssituation wog die andere auf. (Sie, die Vermieter, wissen nicht, wie ein Schreibtisch auszusehen h�tte, und er duldet, erduldet die wacklige, dem Aktenstudium unangemessene Situation.) Und nun krumpelte jeder Aktenordner, den er mit nach Hause brachte, das geb�gelte und gest�rkte wei�e Tischtuch, es verlor durch die Akten seine spr�de Sauberkeit, so da� Kornitzer sich nach einer geringen Zeitspanne schuldig f�hlte, nicht sehr, aber immerhin. Er wagte nicht, das Tuch abzunehmen, ehe es wirklich schmutzig war. So klappte er die Aktenordner auf einem reinlichen Tischtuch aus, sorgf�ltig pustete er, strich den zusammengekrumpelten Stoff wieder glatt, als k�me es darauf an, als m��te er sich beliebt machen (der Herr, der das gute Tischtuch achtsam behandelt), aber er war ein Mieter, er war ein Mit-Ern�hrer der Familie Dreis (jedenfalls halbwegs), und das ganze Problem der Verpflanzung, der Ersch�tterung der Lebensver�nderung auf allen Seiten wollte er nicht ins Spiel bringen, aber dann tat es die Familie Dreis doch.</p><p>Bald nach seinem Einzug klopfte die junge Frau Dreis an seine Zimmert�r, er �ffnete, in Gedanken bei der Sache, die er bearbeitete, starrte in die Dunkelheit des Treppenhauses und erkannte sie eigentlich erst an ihrer Stimme: Wollen Sie morgen Abend oder �bermorgen Abend bei uns essen? Er hatte keine Ahnung, was diese Einladung bedeutete, aber er nahm sie an. Er h�tte eine Einladung in einen L�wenk�fig angenommen oder in die Bischofsresidenz, w�re sie ausgesprochen worden. Eine solche Einladung und ihre Befolgung, wo immer sie stattf�nde, h�tte er, seit er in Deutschland war, als hilfreich und lebensrettend f�r alle Seiten befunden. Das fremde Milieu, der andere Stallgeruch, ein Gl�ck des Beginnens, ein Zelt, ein Einstand, der vielleicht zu feiern gewesen w�re. Ein Zirkus und ein Zirkusdirektor, L�wen waren nicht in Sicht, der Landgerichtspr�sident, der ihn eingestellt (angefordert?) hatte, der Oberb�rgermeister und der Bischof und seine Entourage waren an ihm und seinen Lebensbedingungen und Fluchtnotwendigkeiten vollkommen desinteressiert.</p><p>So bedankte er sich �berm��ig und sagte nicht ganz ehrlich, er freue sich zu kommen. Und das war schon r�hrend, ja �berw�ltigend. Landgerichtsrat Kornitzer wurde also an einem einfachen Abend an einen gro�en Tisch gebeten, die alten Dreisens sa�en da, der Sohn Benno und die junge Frau Dreis, ihre dichten Augenbrauen schienen ihm heute in einem hochm�tigen Bogen nach oben gespannt zu sein, und sie schaffte es, sich neben ihn zu plazieren, ohne die Augenbrauen zu bewegen, also mit einer gewissen Anspannung, und auf der anderen Seite sa� Evamaria, der fast die Augen zufielen, dann wurde ihm ein Nachbar vorgestellt, der Tauben hielt und ein Freund der Familie war, auf den die Dreisens sichtlich stolz waren. Der Tisch war gedeckt mit einem hartleibigen Tuch, es war dem auf seinem Arbeitstisch �hnlich, eine knattrige Brettsteife, eine kalte Pracht. Offenbar machte es Frau Dreis Freude, in den harten Zeiten, die sie getroffen hatten, nicht nur St�rke zu demonstrieren, sondern die Packung Hoffmann�s Reisst�rke, die in der Waschk�che neben dem gro�en Bottich lag, auch exzessiv einzusetzen.</p><p>Es gab Br�hw�rfelsuppe und danach L�wenzahngem�se und Kaninchen mit Bratkartoffeln. Kornitzer erkannte sofort das weiche, etwas labbrige, faserige Fleisch. Des Kindes wegen fragte er nicht, ahnte sofort, eine der drei Kisten hinter dem Haus mu�te leerger�umt geworden sein. Eine Schlachtung, ein Tiermord mu�te am Vormittag stattgefunden haben und die kleine Evamaria vom Ort des Geschehens entfernt worden sein, mit einem netten, unverf�nglichen Alibi: Blumen pfl�cken auf dem Gro�en Sand. Und tats�chlich stand ein V�schen mit Butterblumen, die schon die K�pfe h�ngen lie�en, auf der Anrichte. Die alte Frau Dreis sch�pfte aus dem Topf das Gem�se, das bitter schmeckte; Evamaria wolle es keinesfalls essen. Ihre Lippen bi� sie aufeinander, und sie kreuzte auch instinktiv ihre Beine, als k�nnte das ihr eklige, bittere Gem�se durch alle m�glichen K�rper�ffnungen in sie eindringen und dort ein Unheil anrichten, dessen Tragweite sie nur so ungef�hr begriff. Sie hielt sich nah an ihre Mutter, die sich wiederum nah an Kornitzer hielt, der so tat, als bemerke er das nicht.</p><p>An diesem Abend lernte er auch den Sohn der Dreisens n�her kennen, ein nerv�ses B�rschchen mit schwarzem, zur�ckgek�mmtem Haar, er hatte die flinken, unruhigen Augen seiner Mutter. Kornitzer mu�te sich selbst zur Ordnung bei dem Gedanken rufen; ja, er verbat ihn sich: Er sah f�r sein Empfinden dem jungen Goebbels �hnlich, so weit sich Kornitzer noch an eine Bildlichkeit erinnerte. Kornitzer hatte geh�rt, da� er h�ufig sp�tabends erst die knarzende Treppe heraufschlich und sich bem�hte, wenig L�rm zu machen. Und Evamaria �ffnete die T�r im ersten Stock und trompetete: Benno kommt! Das war ein Kindergl�ck und eine erwachsene Irritation zugleich. Er kam sp�t und ging fr�h. Warum? Eine Arbeit hatte er nicht, es gebe keine Arbeit f�r ihn, sagte er. Er ging und kam, wie es ihm tunlich erschien. Alles roch danach: Er machte dunkle Gesch�fte. Und wenn er kam, blinkerte auch seine Mutter nerv�s mit den Augen, als g�be es etwas zu sehen, als m��ten die Augen von Mutter und Sohn sich rasch auf ein Versteck einigen. Ein Akt, der dem neuen Mieter m�glichst verborgen bleiben sollte. Kornitzer empfand die pl�tzliche Hektik und sagte sich: Ich bin nicht die Polizei, ich urteile nicht �ber Eier- und Kohlendiebe, ich bin auf einer h�heren Stufe angekommen. Und er empfand das Landgericht als ein atmendes Organ, einen Blasebalg. Es dehnte sich, zog F�lle an sich, beatmete, behauchte, bearbeitete sie, und wenn sie nicht f�r seine Kiemen (Kammern) taugten, spie es sie wieder aus. Insofern war er endlich am richtigen Platz, so fremd ihm der Platz auch erschien. Und wenn er sich sehr mutig f�hlte, zum Beispiel morgens in der Trambahn zwischen den Frauen, die zum Steineklopfen fuhren, und den Arbeitern und Arbeiterinnen, die zur nahezu unzerst�rten Waggonfabrik fuhren, zur Essigfabrik oder zur Schuhwichsefabrik, dachte er, der richtige Platz, an dem er war, ver�ndere die falschen Menschen, sie begriffen, warum er �so� hier war und keine Kommentare zu seinem Hiersein geben wollte.</p><p>Was Benno, den Sohn seiner Vermieter betraf, sagte er sich: Er ist noch jung, ein halbes Kind, aber auf merkw�rdige Weise verh�rtet. Benno war aus keiner Gesellschaft ausgestiegen und offenkundig an keiner neuen Gesellschaft interessiert. Etwas ging f�r ihn weiter, das namenlos war. (�Das Leben geht weiter� war eine dumme Formel, wenn es f�r so viele nicht weitergegangen ist.)</p><p>Benno steckte sich zwischendurch eine ziemlich kostbare Zigarette an (jedenfalls duftete sie so), w�hrend eine neue Pfanne mit Bratkartoffeln auf dem Herd schmurgelte. Kornitzer war dem Freund der Familie als �unser neuer Mieter� vorgestellt worden, und er murmelte seinen Namen. Da� er promoviert war, da� er Landgerichtsrat war, spielte keine Rolle. Auch seine Kleidung war bescheiden, mehr als bescheiden, und das schien ihm angemessen. Er selbst h�tte ein gro�es Pfauenrad drehen m�ssen, h�tte von der sich entfaltenden Justiz, ja, von dem Ringen um Gerechtigkeit nach den Jahren des grassierenden Unrechts sprechen m�ssen, eine Predigt, er h�tte von sich sprechen m�ssen, wie er verjagt wurde, wie er seine Frau verloren hatte und wie er sie wiedergefunden hatte (vielleicht), aber dazu bestand kein Anla�. Es war in Ordnung zuzuh�ren, sich einzufinden in die �berlebensgemeinschaft des Stadtteils, in dem er gelandet war. �Wenn es uns gelingt, von der gro�en Herde der Andersdenkenden und Nichtdenkenden den einen oder den anderen fortzuziehen, dann halte ich das f�r ein kleines n�tzliches Werk�, hatte er an das Landratsamt am Bodensee geschrieben, als er zusagte, im Untersuchungsausschu� f�r die politische S�uberung den Vorsitz zu f�hren. Und so hatte man ihn angefordert mit Hilfe seiner Frau, so hatte man ihn eingestellt. So erwarb er sich Meriten. Und so kam ihm auch diesesb Essen als ein kleines n�tzliches Werk vor, abgesehen davon, da� er satt wurde. Die alte Frau Dreis nahm seinen Teller noch einmal in die Hand und legte ihm ein zweites St�ck des faserigen Kaninchenfleisches auf und fragte: Auch noch Bratkartoffeln? Und er hatte keinen Grund abzulehnen, denn die Bratkartoffeln aus der gro�en, hei�en Pfanne waren knusprig und wirklich sehr gut. (Wann hatte er zuletzt Bratkartoffeln gegessen? Das w�re eine Forschung, eine Gewissenserforschung gewesen, auf die es jetzt nicht ankam. Claire im Dachst�bchen in Bettnang konnte nicht brutzeln.) Und Frau Dreis war sehr gro�z�gig, wie mit der Tischdecke, so mit den Bratkartoffeln. Kornitzer bedankte sich, indem er dauernd nickte und dann doch auf seinem Teller die Bratkartoffeln zu einem breiten, befriedigenden H�gel zusammenschob, damit sie warm blieben und ihn auch innerlich weiter w�rmten, wenn er sp�ter die Treppe in sein Dachzimmer hinaufkletterte.</p><p>Als alle ges�ttigt waren, platzte es aus der jungen Frau Dreis heraus: Herr Dr. Kornitzer, wo haben Sie den Krieg erlebt? Er war es schon gewohnt, da� seine Angaben irritierend waren. Er hatte auf der R�ckseite des Krieges vegetiert, in Angst um seine Frau, in Angst um seine Kinder, und die eigene Angst um sich selbst hatte er beiseite gelassen. Und er sagte etwas, das vielleicht nur wie ein Bodensatz einer Verst�rung wirkte. Da� er 1933 seine Beamtenstelle verloren hatte und seitdem versuchte, sich und die Seinen vor dem K�nftigen, dem notwendigen Angriffskrieg, den Hitler plante, zu sch�tzen. Von der Entrechtung, von der Austreibung sprach er nicht. Und er wollte auch nicht sagen: Frau Dreis, das ist ein deutscher Krieg gewesen, und mir hat man die deutsche Staatsb�rgerschaft glattweg entzogen, irgendwann im Jahr 1941, ohne da� ich es wu�te, und ich habe sie wieder beantragen m�ssen, als ich zur�ckgekehrt war. Ja, man hat sie mir gro�m�tig wiedergegeben. Auf Antrag. Frau Dreis sah ihn sorgenvoll an, malmte mit den Kiefern und steckte einen kleinen Finger in den Mund. Also, Sie haben nicht im Bombenkeller gesessen, w�hrend das Haus durchger�ttelt wurde? Nein, er gab eine schlanke und fast nichtssagende Antwort. Und Sie waren nicht in einem Konzentrationslager? Kornitzer sagte, er habe ein Visum f�r Kuba kurz vor Kriegsbeginn ergattert und sich dort durchgeschlagen. Die Antwort z�hlte nicht f�r die um den Tisch Versammelten, also kein Krieg, also keine Kellerexistenz, keine pfeifenden Granaten. Dann sind Sie ein gl�cklicher Mensch. (Und ein solcher w�re er ja wirklich gerne gewesen, wenn der Jammer nicht so gro� gewesen w�re.) Frau Dreis sprach, nachdem das Kapitel des Mieters abrupt abgeschlossen war, von Pl�nderungen, ein anderer am Tisch von Verhaftungen, wenn man nicht den Mund gehalten hatte, die alte Frau Dreis sprach von Vergewaltigungen und schlug sich mit der Hand vor den Mund, Benno, der am meisten am Tisch getrunken hatte, sagte: Gefallen, zischbum mit einem Schlag, und der, der gefallen war, stand neben mir, mein bester Freund. Herr Dreis, der zum Volkssturm eingezogen worden war, sagte: Eingezogen und nie wiedergekommen und dabei sch�ttelte er so merkw�rdig den Kopf, als bewundere er insgeheim den Mann, von dem er sprach, der nie wiedergekommen war. Als w�re er vielleicht in eine leuchtende Zukunft gegangen, die ihm in dem kleinen Ziegelh�uschen in der Vorstadt verwehrt geblieben war und weiter verwehrt bliebe. Insgesamt schien es, da� alle am Tisch viel Vergangenheit mit sich herumschleppten, an der Gegenwart laborierten (L�wenzahn, eine kalte Waschk�che und ein enges Zusammenr�cken), aber wenig Phantasie f�r die Zukunft aufbrachten. Er wiederum war dieser Zukunft wegen nach Deutschland zur�ckgekommen. Auch Claire und die Kinder, auf denen viel Vergangenheit lastete, waren ja eine Zukunft, die die Dreisens, da die Familie Kornitzer gewi� niemals bei ihnen wohnen w�rde, nichts anging. Und dann haben die Amerikaner Sie mit einem Schiff nach Deutschland gebracht? Oder mit einem Flugzeug? fragte Benno mit gro�en Augen. Ich mu�te mir die R�ckreise nach Deutschland m�hsam erk�mpfen, antwortete Kornitzer. Sie wollten nicht in Amerika bleiben, wenn Sie schon einmal da waren? fragte Benno zur�ck. Ich war in Kuba, das ist nicht wirklich Amerika gewesen, nur geographisch, verbesserte er ruhig. Ja, und ich wollte zur�ckkommen. O. k., sagte Benno sehr neumodisch, ich verstehe. Da� Kornitzer gekommen war, um in leitender Stellung ein demokratisches Deutschland aufzubauen und da� er auf diesem Weg noch nicht �berm��ig weit gediehen war, ging dieses schmale Hemd von einem jungen Mann ja nichts an. Aber immer wohl Sonne! schob Benno nach. Sengende Hitze und keine K�hlung und keine Verbindung zur Familie, antwortete Kornitzer knapp. Dann versackte das Gespr�ch f�r eine h�fliche Weile, die Frauen r�umten die Teller zusammen, stapelten sie in der Sp�le. Kornitzer wollte sich alles merken, wollte vielleicht noch am Abend Claire einen Brief schreiben wie ein Ged�chtnisprotokoll einer gedachten Selbstverst�ndlichkeit: Gepl�ndert � verhaftet � verschollen � vergewaltigt, das waren die Gespr�chsthemen an einem Abendbrottisch. Dagegen waren seine Partizipien Perfekt nicht aufzuwiegen: Abgezockt � aus dem Land gejagt � erniedrigt � aus der Staatsb�rgerschaft entlassen.</p><p>Der Groll gegen die Besatzer war am E�tisch gro�. Am 9. Juli 1945 hatten die Amerikaner den Franzosen Mainz �bergeben. Fahrr�der wurden requiriert und Fleisch. Die Metzger durften nur die Knochen und die Innereien zur Wurstherstellung behalten. Auch Holz aus den W�ldern wurde im Auftrag der Franzosen vermehrt geschlagen und abtransportiert. Der gesamte Weinbestand des Jahres 1947 war beschlagnahmt worden. Man munkelte, so erz�hlte man am Tisch bei den Dreisens, der Befehlshaber der 1. Franz�sischen Armee residiere in Baden-Baden wie ein ungekr�nter Operettenk�nig und lasse sich von zweitausend fackeltragenden marokkanischen Reitern heimleuchten. Seltsam, im unzerst�rten Lindau hatte Kornitzer solche Schauergeschichten nicht geh�rt. Das kleine M�dchen schlief vor Langeweile ein, darin war auch etwas Befreiendes, und Evamaria mu�te von Benno ins obere Stockwerk getragen werden. Die Erwachsenen sprachen lang und breit am K�chentisch: nicht �ber die Ursachen der Misere, sondern �ber ihre nat�rlichen Konsequenzen.</p><p>Ehe das Schweigen peinlich werden konnte, fragte der Freund der Familie, der mit gro�em Respekt behandelt wurde: Seid ihr denn mit Brand versorgt? In seinem Ton war eine Art von F�rsorglichkeit, die auffallend war. Kornitzer verstand nicht gleich, was er damit meinte. Das Wort �Brand� war f�r ihn ein Feuerwehrwort. Ein Brand brach aus, aber ein Brand war nichts, das man im Haus h�tete, mit dem man �versorgt� war. Dann begriff er doch. Es ging darum, ob es gen�gend Heizmaterial gab f�r den kommenden Herbst und Winter. Nein, sagte der alte Dreis mit W�rde, wir haben nichts, keine Kohlen, auch keine Zuteilung. Den alten Tisch, den wir als letztes h�tten verheizen k�nnen, haben wir unserem Mieter ins Zimmer gestellt. Nicht wahr, Herr Dr. Kornitzer? wandte er sich pl�tzlich an den Gast. Sollen wir denn unser Treppengel�nder verheizen, damit wir uns alle im Dunklen zu Tode st�rzen? Und dann blickte er in die Runde: Ich gehe wohl in den Wald.</p><p>War das ein Vorwurf, oder mu�te Kornitzer sich sofort bedanken, da� er einen Tisch bekommen hatte, einen Tisch, von dem er den Eindruck hatte, er m�sse ihn schonen, damit er nicht unter der Aktenlast zusammenbrach, damit er nicht zum Heizmaterial erkl�rt wurde, Tischtuch hin oder her? Ja, mischte sich Kornitzer ein, was wird, wenn es richtig kalt wird? Er hatte bis jetzt den kleinen Ofen und das lange Ofenrohr mit Respekt und Sympathie betrachtet, wie ein dunkles Schmuckst�ck, aber er hatte niemals in Berlin einen Ofen geheizt. Die eheliche Wohnung in der Cicerostra�e hatte Zentralheizung, an Studentenbuden erinnerte er sich nicht mehr wirklich, und fr�her in seiner Kindheit in Breslau hatte ein M�dchen die �fen bedient. Ja, was wird? sagte bedenkentr�gerisch der alte Herr Dreis. Ich habe eine Axt, die kann ich Ihnen leihen, und dann gehen Sie auf den Gro�en Sand und holen sich Holz. Kornitzer war ein bi�chen fassungslos. Er hatte noch nie eine Axt in der Hand gehabt, er hielt eine Axt eher f�r ein feindliches, aggressives Instrument, das nur in die Hand (Faust?) von Spezialisten geh�rte, Holzf�llern. Ist das denn ein Gemeindewald auf dem Gro�en Sand? Ist er freigegeben? fragte er. Die alte Frau Dreis hob eine Hand und lie� sie resignativ auf das gest�rkte Tischtuch fallen, ein Klecks L�wenzahngem�se fiel dabei vom Sch�sselrand auf die Decke, aber das machte nichts. Kornitzer fragte noch einmal nachdr�cklich, wie er in einer Gerichtsverhandlung die Proze�gegner fragen w�rde: Ist es ein Gemeindewald, und ist er zum F�llen freigegeben? Wer wei�, sagte der alte Dreis und lachte. Und Benno: Wer will das jetzt wissen? Jedenfalls gibt es gen�gend Holz, und es ist nicht weit.</p><p>Anarchie in der Domstadt, das Recht der Faust und der Axt. Der Familie, die um den Tisch versammelt war, kamen seine Argumente wohl hinterw�ldlerisch oder allzu zartf�hlend vor. Und Kornitzer, dem es jetzt auch warm wurde in der gro�en Runde, r�usperte sich, er h�tte gerne etwas �ber das Faustrecht gesagt, denn um das handelte es sich ja, auch �ber die Verbindlichkeit einer demokratischen Rechtsordnung, fand dies aber vollkommen unpassend als ein Gast der Familie, der sich gerade ordentlich satt gegessen hatte, und schwieg, halb gegen seine eigene �berzeugung. Es war ein diplomatisches Schweigen oder doch eher ein furchtsames. Es stie� sich an der vorl�ufigen Behaglichkeit, in der er sich eingerichtet hatte. Er sah sich schon selbst mit der Axt durch das W�ldchen streifen, ein Robinson Crusoe im Au�enbezirk der Stadt, eine Axt schwingen, die ihm nicht geh�rte, er h�rte, wie er seltsame indianerhafte Rufe ausstie�, h�rte sich seufzen und �chzen. Und was schlimmer war: Er h�rte andere M�nner und Burschen rufen und r�hren und schreien, sich auf die Brust klopfen mit gewaltiger Inbrunst, so da� man das Empfinden hatte, die Lungenspitzen zitterten. Und h�rte, wie die St�mme fielen, wie die Spechte pochten, die Eichelh�her schrien, wie andere Holzf�ller ihm ins Gehege kamen, wie die St�mme nicht ordentlich in eine geplante Richtung fielen, sondern beinahe den unerfahrenen Holzf�ller erschlugen. Dann war es still im W�ldchen, im Gebiet des Gro�en Sandes, peinvoll still, als horche die ganze Natur auf das Debakel, die Verw�stung, auf den pl�tzlich g�ngig gewordenen Holzfrevel. Der Nachbar sagte ganz ruhig: Unten an der Uferpromenade gibt es schon l�ngst keine Aussichtsb�nke mehr, sind alle verschwunden �ber Nacht.</p><p>Und dann dachte Kornitzer wieder an sich selbst, gleichzeitig tat er sich sehr leid. Und wie das gef�llte Holz, die Baumst�mme oder die toten �ste in sein Zimmer karren und schleppen? Leiterwagen gibt�s gen�gend im Ort, sagte Dreis. Man mu� ja doch ab und zu ein F��chen Wein holen. Oder in den Garten. Oder einen kleinen Umzug machen. Kornitzer war erschrocken, er sah sich schon einen Leiterwagen mit Holz ziehen und f�hlte sich hilflos. Er wollte jetzt nicht an die �W�rde eines Opfers des Faschismus� denken, an die Arbeitslast aus dem Landgericht. Er wollte an gar nichts denken, es graute ihn nur vor der Aussicht, f�r die W�rme in seinem Ofen selbst sorgen zu m�ssen.</p><p>Kornitzer w�nschte allerseits �Gute Nacht� und schlo� die T�r. An die Dunkelheit hatte er sich inzwischen gew�hnt. Sie hatte auch eine Art von Heimeligkeit. Er h�rte nur manchmal Evamaria, wenn er die T�r schon geschlossen hatte, rufen: Mir ist so waaam, mir ist so waaam. Das Kind konnte kein R sprechen, w�hrend er all die Jahre in Kuba daran laborierte, da� er als Berliner kein rollendes Z�pfchen-R sprechen konnte und alles, was ein sch�nes, warmes gurrendes R haben sollte, ziemlich gekr�chzt aus seinem Mund kam, wof�r er sich nicht einmal entschuldigen konnte, wie man sich f�r seine Hautfarbe, seine mi�liche Herkunft (Rasse), seinen d�rftigen Status auch nicht hatte entschuldigen k�nnen. Es gab Tatsachen, unerfreuliche Tatsachen, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen waren. (An die schlimmsten wollte er nicht denken.) Und Evamaria: Ein beneidenswertes Kind in diesem Haus, das auch eine Gem�tlichkeit hatte, in dieser Vorstadt, Zickzack und Ruckzuck und irgendwann k�me ihr Vater wieder (von wo immer), schwiege �ber seine Erlebnisse, wie er, Kornitzer, schwieg, striche ihr �bers Haar, sie m��te ihn wiedererkennen oder so tun, als w�rde sie ihn wiedererkennen und nicht schockiert sein �ber den fremden Menschen. So w�re es ja auch f�r Selma und Georg. K�men sie wieder, wollten sie wieder mit ihren Eltern an einem Tisch sitzen, einem Tisch, der noch in den Sternen stand, vielleicht auch mit einer neu gewonnenen Wucht das Treppengel�nder herunterrutschen. Aber inzwischen war Evamaria mit ihrer Mutter und den Gro�eltern und dem jungen Onkel Benno und auch ihm, dem neuen Untermieter, gut bedient, viele Leute gruppierten sich um das hoffnungsvolle junge Leben, daran bestand kein Zweifel. Ein Kind, ein Energieb�ndel, das seine eigene W�rme durch H�pfen und Springen und Rutschen �ber das Treppengel�nder erzeugte. Also eine Art von Reibungsw�rme, die f�r einen Erwachsenen unangemessen war. Hatte Selma in diesem Alter des Springens und H�pfens auch nie gefroren? Kornitzer wu�te es nicht. Und er hatte auch nicht auf solche elementaren Empfindungen geachtet. Die Kinder litten nicht, da war er sich sicher. Er hatte so unendlich viele Fragen, �ngstliche, zaghafte Fragen an Claire, da� die Fragen nach der Erinnerung marginal erschienen: Sind unsere Kinder auch auf dem Treppengel�nder gerutscht? Oder war es im feinen Mietshaus in der Cicerostra�e strikt verboten? Marginal war auch seine �ngstlichkeit, Claire k�nnte sich nach allem, was sie erlebt hatte, nicht mehr an ein solches Detail erinnern, wie er die kleine Evamaria auch mit einer freudigen Neugier betrachtete, als k�nnte das Passepartout der einen Vierj�hrigen ihm den Schl�ssel zu der anderen, der verlorenen, abgestellten Vierj�hrigen geben, die nun eine F�nfzehnj�hrige war, die kein Deutsch konnte, wie er nur ein korrektes Buch-Englisch konnte, kein Herzensenglisch, kein Zungenenglisch, und Claire, die �berhaupt kein Englisch konnte, aber vorausschauend ein gro�es Lexikon gekauft hatte, m��te alles richten.</p><p>Dann war es Winter geworden, ja, ein �berm��ig kalter Winter, die toten Flu�arme froren zu, aber die K�lte hatte, wenn er mit der Tram in die Innenstadt � oder was von ihr �briggeblieben war � fuhr, auch eine sch�ne Klarheit. Der scharfe Geruch der Essigfabrik, der bei�ende der Schuhwichsefabrik waren von der kalten Winterluft �wie verschluckt�, warum das so war, wu�te er auch nicht. Aber nach so viel sengender Hitze machte ihn die klirrende K�lte auch fr�hlich. Und dann wu�te er es: Die K�lte roch nicht, schwitzte nicht, und man mu�te den Schwei�geruch, den eigenen und den der anderen Fahrg�ste, in der Tram nicht ertragen. Sie kl�rte ihm den Kopf, nat�rlich fror er in seinem zu d�nnen Zeug, kaufte sich einen teuren Wintermantel mit sch�nen Hornkn�pfen, aber er dachte an Claire, an die aufplatzenden Frostbeulen an ihren F��en, die Besch�mung, mit der sie ihm ihre nackten F��e gezeigt hatte, als k�nnte er seine Liebe zu ihr verlieren, wenn er die offenen Wunden sah. (Seine nicht so offenliegenden Wunden sah sie nicht gleich, und das hatte auch etwas Gutes, Beruhigendes.)</p><p>Alles war ein bi�chen besser geworden, als Kornitzer es sich an dem Abend ausgemalt hatte, w�hrend er die Fasern des Kaninchenfleisches zwischen den Zahnl�cken hervorpulte. Ihm stand nun �berraschenderweise als Landgerichtsrat ein Deputat an Brennstoff zu, das anderen Opfern des Faschismus sicher zur gleichen Zeit fehlte. Sie k�nnen sich nach allem, was sie erlebt oder erduldet haben, mit einem kalten Ofen oder dem Nichtvorhandensein eines Ofens abfinden, dachte er. F�r die Kohlen mu�te er zwar einen Teil seines Gehalts hinbl�ttern, aber er mu�te wenigstens nicht in den Wald � wenn �berhaupt noch etwas von dem W�ldchen in der Gemarkung �brig war, nasse Zweige im Ober-Olmer Wald, die die Franzosen liegen gelassen hatten, und das war durchaus strittig, wenn jeder, der wollte und konnte, die Axt schwang. Er hatte die Dreisens bitten m�ssen, ihm eine Ecke im Keller f�r seine eigenen Kohlen einzur�umen, eine Ecke, die aber nicht abtrennbar war. Auf einem Verschlag, der auch kostbares Holz gekostet h�tte, konnte er nicht bestehen. So war er auf Vertrauen angewiesen, da� sie sich nicht an seinem Eigentum vergriffen. Da� da Kohlen lagen, die sein Eigentum waren, ein kostbares Gut, sein eigentliches Eigentum, kam ihm selbst seltsam vor. Und seine Furcht vor dem Autorit�tsverlust, er k�nne als Richter bestohlen werden, verbannte er. Er mu�te die Aktenlage kennen, das Landgericht war ungeheizt, die Finger froren, die Nase lief, er hatte ja keine festen Arbeitszeiten, nur die Sitzungen und Konferenzen, da schien es ihm billig, da� er seine Vorbereitungen auf die Sitzungen im Dachst�bchen bei den Dreisens zumindest nicht froststarrend bew�ltigen mu�te. Wenigstens mu�te er nicht die Axt schwingen. Und das lie� ihn doch eine ganze kalte Nacht lang nach dem schwierigen Gespr�ch gut schlafen.</p><p>Der Winter im Jahr vor der Staatsgr�ndung der Bundesrepublik Deutschland war sehr streng gewesen. Es gab wenig Essen, und dieses auf Marken, Fett und N�hrmittel hie�en die ungewissen Kategorien. 800 Kalorien standen einem Erwachsenen zu. Aber nicht alles, was ihm zustand, konnte er auch abrufen, abholen. Die Geschichte war keine Markthalle. Der Markenbezieher, der Bezugsberechtigte magerte ab, schrumpfte, schmolz auf eine karge, kn�cherne Gestalt, und er fror. Vielleicht w�rmte man sich gegenseitig, wenn man es konnte oder mu�te. Der Schock �ber diesen eisigen Winter sa� noch in den Knochen, die Dreisens sagten es und auch die Beisitzer im Landgericht im darauffolgenden Winter. Vielleicht w�rde der Rhein wieder zufrieren, nicht nur seine toten Arme, vielleicht k�nnte man zur Bettbergaue gehen, in die Inseleinsamkeit, ��bers Eis� gehen, davor wurde nat�rlich offiziell gewarnt. Kinder fanden irgendwo Kufen, die sie sich unter schlechten Halbschuhen festbanden, ohne einen wirklichen Halt f�r die empfindlichen Kn�chel, sie rammten auch alte Schlitten aus den Kellern und Schuppen �ber die Eisfl�chen und schlitterten b�uchlings auf der glatten Fl�che. Es war ein gro�es Vergn�gen, ein kostenloses, freies, ja anarchisches Vergn�gen, das allen, die daran teilhatten und es bestaunten, im Ged�chtnis blieb. Es waren auch schon Unf�lle passiert, Eisg�nger waren eingebrochen und gurgelnd untergegangen. Die Warnschilder nutzten nicht viel, das Eis, auf eigene Verantwortung zu betreten, war auch ein Gl�ck, das niemand sich so einfach nehmen lassen wollte. Welches Ungl�ck, welche Niederlage war in den letzten f�nfzehn Jahren ohne eigene Verantwortung m�glich? Jeder war hineingerissen in ein kollektives Denken und Empfinden, so war vielleicht der individuelle Entschlu�, aufs ungesicherte Eis zu gehen, sich einen Kn�chel zu brechen und/oder unterzugehen, ein Akt der Selbstbehauptung, ein freudiger Entschlu�. Kornitzer ging nicht aufs Eis, das war er aus Berlin, von den vielen Havelarmen und den Kan�len nicht gewohnt. Die Flie�geschwindigkeit war unsicher, die Dicke der Eisschicht konnte nach einer Biegung des Kanals eine ganz andere sein als vor der Biegung. K�hne schnitten in die noch unfeste Eismasse und wirbelten sie wieder auf. Man h�tte an tausend Stellen gleichzeitig messen m�ssen, und das war in der Gro�stadt nicht zu leisten. Vielleicht waren die Berliner auch ihres Lebens prinzipiell unsicherer; oder sie legten es nicht so ostentativ in Gottes Hand.</p><p>Hier in Mainz � das hatte er gleich gemerkt � war die Mentalit�t lockerer, schusseliger, achselzuckend. Und so wu�te er nicht, ob sein Kohlenvorrat schwand, weil er es warm haben wollte bei der abendlichen Arbeit, oder ob jemand laumeierte und nicht �berm��ig viele Kohlen nahm, aber doch so viele, da� Kornitzer zweifelte, ob seine Wahrnehmung des gestrigen, vorgestrigen Kohlenhaufens wirklich war oder ob er sich in einer Art von �ngstlichkeit, die sich rasch zu einer Paranoia auswachsen k�nnte, gr�ndlich t�uschte. Also unternahm er nichts, ri� sich selbst aus dem unfruchtbaren Gr�beln. Er dachte aber dar�ber nach, ob er als Mieter die freundliche Abendeinladung der Vermieter nicht erwidern m�sse, ob seine Frau dazu kommen m�sse, um tatkr�ftig Dinge in die Wege zu leiten, die ihm vollkommen fremd waren. Und wieder telegraphierte er an Claire am Bodensee: <emphasis>Willst du kommen Stop Dein Kommen sehr erw�nscht Stop Richard</emphasis>. Die Liebesfloskel, die er nach kurzem Bedenken auslie�, sparte ihm Geld, vielleicht mu�te Claire das Telegramm auch vor Zeugen lesen. Aber der Verzicht auf das Pers�nliche lie� das Telegramm auch sehr harsch wirken. Ein Brief h�tte, da hatte er sich kundig gemacht, sieben bis zehn Tage gedauert, die Sehnsucht des Ehepaares nach einer Gemeinsamkeit w�re wie ein Sehnsuchtstropfen verdampft. Er schickte das Telegramm ab und war nicht gl�cklich dar�ber. Und sie antwortete ihm auch in einem Telegramm: <emphasis>�</emphasis>Kommen unm�glich Stop Brief folgt Stop�. Das machte auch nicht gl�cklich, aber wie nach einem Warum und nach einer Befindlichkeit fragen. So war keine Klarheit zu schaffen. So war gleichzeitig keine Ehe zu f�hren. Das war mit H�nden zu greifen. Und so war auch keiner Gastfreundschaft gastlich zu antworten als ein Mann in einer Dachstube, zu h�heren Aufgaben bef�higt, mit einem wackligen Tisch, auf dem ein wei�es Tischtuch lag, was ihm l�stig war. Und da� es so war, machte ihn traurig. Die Folge war, da� er den wei�gest�rkten, bretterhart gedeckten Tisch an diesem Abend �berm��ig fr�h verlie� und ins Bett kroch, wie ein besch�digter, ein sein Gesch�digtsein nicht anerkennender Mensch, mit anderen Worten: wie ein trotziges Kind, das sich verkriecht und hofft, eine liebende, warme Hand f�hre �ber die Decke, eine beschw�rende Stimme sagte: Nun ist es wieder gut, komm doch, im Zimmer ist der Tisch gedeckt, es gibt Schokoladenkuchen, und du darfst dir das gr��te St�ck aussuchen. So war es vielleicht mal in Breslau gewesen, aber so w�rde es nie mehr sein, weder f�r ihn, weder f�r Claire, aber vielleicht noch einmal f�r Georg oder Selma, sie beide waren zu gro� und zu fremd geworden f�r so eine herzerw�rmende, tr�stende Geste. Und diese Gewi�heit der Ausgesetztheit, nicht nur des Fehlens jeder pers�nlichen Sentimentalit�t, sondern auch das Abgeschnittensein von den wirklichen Gef�hlen, den Erinnerungen, der Freude, Familienvater und Gastgeber gewesen zu sein, dr�ngte sich jetzt in seinem Ged�chtnis unangenehm, ja schmerzhaft vor: Das Geben war verloren, es war ein Inbegriff anderer Verluste, die er jetzt gar nicht bedachte. Und es gab eine andere Bewegung, die ihn ergriff (Gem�tsbewegung?), eine sch�tzende, bergende, mit der er Claires entz�ndeten F��en eine Privatheit schaffen wollte. Nat�rlich war er auch entsetzt �ber die furunkul�sen Ausbl�hungen, �ber ihre Angst, da� ihre F��e niemals mehr in Schuhe passen w�rden, aber es schien ihm wichtiger, �liebevoller�, den Wunsch nach einem endlich stabilen gemeinsamen Leben in eine bleibende Form zu gie�en, als an die Wunden zu denken.</p><p>Und dann kam in der bittersten K�lte dieses Winters die Nachricht von den Glocken. Es schien f�r alle Einheimischen eine gl�ckliche, eine sensationelle Nachricht zu sein. Und Kornitzer wurde in den Strudel der Freude hineingerissen und ging auch zum Flu�, dort stand schon eine gr��ere Menschenmenge. Er traf auch Herrn Dreis, dem die Tr�nen in den Augen standen: Da� wir das noch erleben d�rfen! Die Glocken kommen. Die Glocken kommen mit einem Schiff. <emphasis>Die Glocken</emphasis>, so hatte es Kornitzer auch am Vortag in der Lokalzeitung gelesen, waren <emphasis>vom Glockenkrieg aus ihren Glockenst�hlen gerissen worden</emphasis>. Das klang �beraus dramatisch, als w�ren die Glocken im Dritten Reich eine Art Staatsfeinde geworden. Dabei war nur ihr Material wertvoll und sollte der Kriegswirtschaft zugef�hrt werden. <emphasis>Und</emphasis>, hie� es weiter, <emphasis>er</emphasis>, der Glockenkrieg, so mu�te man es lesen, als h�tte dieser Krieg nicht eine halbe Welt in Aufruhr und Ersch�tterung gest�rzt, <emphasis>er</emphasis>, der Glockenkrieg, <emphasis>ri� sie aus ihren Glockenst�hlen und warf sie wie altes Eisen auf die Glockenfriedh�fe. Was einst seine sch�nen Harmonien �ber Berg und Tal, Flu� und Menschensiedlungen schwingen lie�, sollte zum Werk der Zerst�rung werden. Der Zusammenbruch des gewaltt�tigen Staates bewahrte einen Teil der Glocken vor diesem Schicksal</emphasis>.</p><p><emphasis>Aus dem Stadtgebiet waren 195 Glocken beschlagnahmt worden, eine gewaltige Menge, 133 aus katholischen Kirchen, 51 aus evangelischen, 11 sonstige, aus Friedhofskapellen, Wallfahrtskapellen und �hnlichen Orten. In der Liste</emphasis>, schrieb die Zeitung, <emphasis>fehlen jedoch die beschlagnahmten Glocken aus den Stadtteilen Budenheim, Weisenau, Gonsenheim</emphasis>. Die wird man auch noch finden, sprach sich Herr Dreis Mut zu.</p><p>Mit zwei Motorschiffen kamen die Glocken am Hafen an, der Schiffer und seine Helfer winkten vom Boot, ein Hund bellte freudig aufgeregt, die Menge winkte, jubelte, es war eine starke Bewegung. Der Schiffer begriff spontan die theatralische Situation. Das helle, nerv�se Schiffsbimmeln wie ein Mittagessensgl�ckchen war ein kleiner Ausgleich f�r den Verzicht auf das Glockent�nen, den die Gl�ubigen seit Jahren erleiden mu�ten. Es war ein Symbol, das alle, die fr�stelnd am Hafen standen, begriffen. Ein Priester sprach ein Gebet, begr��te die weit gereisten, heimatlos gewordenen Glocken, so war kein Fl�chtling begr��t worden, es war eine sch�ne menschliche Geste. Auch das Gebet des Priesters, das Kornitzer nat�rlich nur ganz vage im Ged�chtnis behielt, klang spontan, und es lag ihm gewi� ein Bibelvers zugrunde. Das Herz hing an den Glocken, nicht am Gebet. Sie waren willkommen, sie wurden erwartet und geliebt. Die Glocken gaben Orientierung, auch wenn diese auf vielen anderen Gebieten fehlte. Glocken waren darunter wie die Dreitonklangglocke vom Dom und �lteste Glocken wie die von St. Christoph aus dem Jahr 1200. <emphasis>In der ganzen Di�zese</emphasis>, beklagte der Artikel in der Lokalzeitung weiter, <emphasis>betrug der Verlust an Kirchenglocken 424 St�ck. Von der Verh�ttung verschont blieben 105 Glocken. 2.000 gerettete Glocken aus alliiertem Besitz wurden nach Beendigung des Krieges in den Lagern in Hamburg und L�nen gefunden. Sie wurden � soweit m�glich � sofort ihren Besitzern zur�ckgegeben. In m�hevoller Kleinarbeit mu�ten die Glocken identifiziert und in Listen erfa�t werden. Aus den Gie�ernamen und den Jahreszahlen, aus dem plastischen Schmuck ihrer Inschriften mu�ten die Heimatgemeinden ermittelt werden</emphasis>, hatte Kornitzer mit Erstaunen gelesen. <emphasis>Nach dem erfreulichen Auftakt an Ostern verlie� monatelang regelm��ig ein Schiff mit einer vollen Glockenladung den Hamburger Hafen. Im Sommer wurde jedoch f�r l�ngere Zeit jeder verf�gbare Schiffsraum f�r Getreidetransporte in das Rheinland beschlagnahmt</emphasis>. Ja, woher die Bestandteile des Brotes kamen, das er a�, das er im Sommer gegessen hatte, daran hatte er nicht gedacht. Nun wu�te er es: Das Getreide kam aus Norddeutschland. Und er hatte weitergelesen: <emphasis>Stark behindert wurde der Fortgang des Glockentransportes auch durch die anhaltende Trockenheit. Der fehlende Regen lie� die Pegelst�nde der Fl�sse so stark sinken, da� die Schiffstransporte schlie�lich bis in den November unm�glich waren</emphasis>. Vielleicht war auch Wichtigeres zu transportieren, dachte sich Kornitzer.</p><p>Es war bek�mmernswert, als die Glocken konfisziert worden waren, aber dar�ber konnte man nicht trauern. Und nun waren sie wieder da, kurz vor Weihnachten, um genau zu sein, am 22. Dezember um 13 Uhr, auf den hohen Wellen des Flusses gekommen, vor dem Eis und bevor die Schollen sich �bereinanderschoben wie Bl�tter aus einem Block, die abgerissen worden waren. Ein Schiffer legte die Bohlen aus � vom Schiff auf das trockene Land. Es war so kalt, da� kaum andere Schiffe l�schten, zu laden war nichts. Auch die Lagergeb�ude am Hafen waren stark besch�digt, aber die Schienen der Kr�ne waren noch da. Auf Pferdefuhrwerken holten die Gemeinden ihre Glocken im Hafen ab. Das war ein sch�nes Spektakel in der glei�enden Winterk�lte. Die Pferdeleiber dampften, die Pferdenasen schnaubten, die Pferdehinterteile �ppelten, all das war warm und strahlte in der bitteren K�lte eine Art von gewohnter Sicherheit aus. Kr�ne, Flaschenz�ge waren mit den einfachsten Mitteln in Bewegung gesetzt worden. Es war ein archaisches Bild: Erwartung und Heimkehr.</p><p><emphasis>Festlich holten die Gemeinden die Glocken aus dem Rhein-Hafen heim</emphasis>, so berichtete am n�chsten Tag die Zeitung, und so war es auch, obwohl Kornitzer nicht �berm��ig festlich gestimmt war, aber das Empfinden der Menge, in der er fr�stelnd stand, lie� ihn nicht unbeeindruckt; es vereinsamte ihn auch. Der Priester stand im Ornat an der Kaimauer, unter dem Chorrock war eine dicke Wolljacke sichtbar, nun traten die Me�diener etwas versp�tet an das Ufer, sie mu�ten sich durch die Menge k�mpfen, und alle standen bibbernd und fr�stelnd da, manche mit einem Schal, der aus der Me�dienertracht hervorschaute, eine sorgsame Mutter hatte ihn wohl rasch umgebunden, sie starrten auf das erste Schiff und das zweite in der Mitte des Flusses, das noch nicht anlegen konnte und im Hintergrund wartete. Der Priester sprach Worte der Begr��ung, der Hoffnung, da� mit den alten Glocken ein neuer Ton angeschlagen w�rde, wieder ein Gebet, ein Me�diener trug den Weihwasserkessel, in dem das Weihwasser in der K�lte beinahe gefror, ein anderer schwenkte einen Weihrauchkessel, Weihwasser und Weihrauch, eine �bermacht der Feierlichkeit. Schlie�lich stimmten weiter hinten zwei Frauen mit kr�ftigen Stimmen ein Kirchenlied an:</p><p>Gro-�er Go-hott, wir lo-ho-ben dich,</p><empty-line/><p>He-herr, wir prei-hei-sen dei-hei-ne St�-�rke,</p><empty-line/><p>Vor dir nei-heigt die E-her-de sich</p><empty-line/><p>Und bewu-hun-dert dei-hei-ne We-erke �</p><p>Es war eine Woge, die die Menge �berrollte, und das Singen wurde lauter, es war eine Befreiung von der K�lte und von der Beklommenheit, eine Erleichterung. Masse und Macht in der bei�enden K�lte. Sch�n war�s, sagte Herr Dreis sp�ter, als am Abend Kornitzer in das Siedlungshaus kam, und Kornitzer hatte keinen Grund zu widersprechen.</p></section><section><title><p>Sehnsucht</p></title><p>Als Kornitzer Bettnang verlassen hatte, �berfiel Claire die Einsamkeit wie ein feuchtes Tuch. Sie blieb tagelang im Bett, betrachtete finster ihre F��e mit den Frostbeulensch�den und verkroch sich. Frau Pfempfle, die gen�gend in der K�che, im Stall und auf den Obstwiesen zu tun hatte, brachte ihr Essen, Apfelpfannkuchen mit Zucker und Zimt, Dickmilch mit Apfelmus, eine ger�ucherte Wurst mit Kartoffelschnee, und als Nachtisch wieder ein Apfelmus, in dem ein paar frisch geerntete Brombeeren steckten. Sch�nes, einfaches Essen, das Claire mit R�hrung erf�llte, das sie aber kaum anr�hrte: Nur aus H�flichkeit stocherte sie ein wenig darin herum. Dann schickte Frau Pfempfle ihren j�ngsten Sohn, den T�nzer, mit einem an Claire adressierten Brief hinauf in die Dachkammer. Es war wie eine Steigerung, eine einfach strukturierte Inszenierung: Nun stehen Sie endlich wieder auf.</p><p>Schon den Absender des Briefes zu entziffern, elektrisierte sie. Sie ri� den Umschlag auf und las. Die Kinder waren gefunden worden. Das Rote Kreuz, an das sie sich gleich nach Kriegsende gewandt hatte, ebenso wie sie den Aufruf zur Meldung <emphasis>deutscher B�rger j�discher Konfession</emphasis> des Landkreises beantwortet hatte, war nach dem Anschreiben der ersten Pflegefamilie in England f�ndig geworden, und es hatte die Auskunft erhalten, die Kinder seien von dort in ein Heim gekommen. (Davor graute Claire: Die Kinder in einem Heim.) Aus diesem Heim seien sie zu einer zweiten Familie �bergesiedelt, und nun lebten sie seit vier Jahren, also etwa seit Kriegsende, bei einer dritten Familie in einem Dorf in Suffolk. Diese Familie, so stand es in dem Brief, habe den Wunsch ge�u�ert, Georg und Selma zu adoptieren. Doch das sei nur m�glich, wenn Gewi�heit dar�ber herrsche, da� die Eltern der Kinder tot seien. (Oder aus Mangel an Gewi�heit f�r tot erkl�rt werden m��ten.) Die n�chterne Anfrage nach dem �berleben, dem eigenen und dem ihres Mannes, machte Claire auf einen Schlag lebendig, aber nicht gesund.</p><p>Es war eine gewaltige strategische und logistische Arbeit, die die j�dischen Hilfsorganisationen vor dem Krieg und die das Internationale Rote Kreuz zusammen mit ihnen seit dem Kriegsende leisten mu�ten. Zehntausend Kinder waren 1938/1939 nach England gebracht worden, orthodox erzogene j�dische Kinder, Kinder aus liberal j�dischen H�usern, Kinder, die kaum etwas von ihrem Judentum wu�ten, und solche wie Selma und Georg, die die Rassegesetze erst gegen den Willen ihrer Eltern zu Juden gemacht hatten. L�ngst nicht alle konnten in eine Situation vermittelt werden, die halbwegs den fr�heren Erziehungszielen entsprach. F�r viele Kinder, besonders die offenkundig traumatisierten, fand sich keine Pflegefamilie, sie wurden in Heimen untergebracht, und nat�rlich waren j�ngere Kinder beliebter als solche, die die Verfolgungen ihrer Eltern hautnah erlebt und verstanden hatten. �ltere Jungen waren mit ihren V�tern nach den Novemberpogromen in die Konzentrationslager verschleppt worden, manche wurden nur freigelassen, weil f�r sie gef�lschte Aufnahmepapiere der University of London vorlagen. Dann fiel Paris, und Hitler drohte England mit einer Invasion. In der Folge wurden alle Deutschen in England in Lagern interniert, hochqualifizierte deutsche Oxford-Professoren und auch diese �lteren Jungen. Als Gl�ck galt es, nur in Liverpool oder irgendwo in einer aufgelassenen alten Fabrik zu sein, 1.200 M�nner in einer Halle, ein atmendes, schnaufendes, �chzendes Kn�uel. Oder sie landeten in einem Zeltlager; in Viererzelten mu�ten acht M�nner und Jungen liegen, die F��e im Freien. Wenn sie Pech hatten, wurden sie nach Australien deportiert. Den Traum von der University of London oder ihre Sehnsucht nach einem geordneten Studium konnten sie zwei Jahre lang durch den Stacheldraht betrachten.</p><p>Urspr�nglich hatte die Jewish Agency geplant, j�dische Kinder nach Pal�stina in Sicherheit zu bringen, aber die britische Regierung, unter deren Protektorat Pal�stina stand, erlaubte dies nicht. Mit R�cksicht auf die arabische Bev�lkerung sollten keine weiteren Fl�chtlinge ins Land gebracht werden. So blieb England � Niemals h�tten Claire und Richard Kornitzer ihre Kinder nach Pal�stina reisen lassen, hingegen England, ein so kultiviertes Land, das Claire und Richard aus der Ferne bewundert hatten. F�r Georg und Selma und die anderen Kinder, die ohne ein wirklich j�disches Familienleben aufgewachsen waren, erkl�rten sich die Qu�ker zust�ndig, aufrechte Leute mit einem sozialen Gewissen und zupackenden H�nden. Leute, die ihr Christentum eher mit Schaufel und Spitzhacke und mit einer Suppenkelle praktizierten, bevor sie ins Gebetbuch schauten. So schien es. So war es Richard und Claire Kornitzer sympathisch, als sie der Hilfsorganisation der Qu�ker die Kinder anvertrauten.</p><p>Seit dem Kriegsbeginn hatte Claire Kornitzer den Kontakt zu den Kindern verloren, ein Briefwechsel zwischen England und Deutschland war unm�glich. Selma und Georg h�tten noch f�nfundzwanzig W�rter im Monat schreiben k�nnen auf Formulare des Roten Kreuzes und ebenso viele oder so wenige W�rter h�tten sie zur�ckerhalten d�rfen, aber das wu�ten sie nicht, oder die Pflegeeltern hatten kein Interesse daran, es ihnen mitzuteilen. Viele deutsche Eltern beklagten sich �ber die Untreue ihrer Kinder, solange sie das noch konnten. Aber warum die Kinder nicht schrieben, wu�ten sie nicht. Richard hatte ihnen noch von Kuba aus geschrieben, vage, hoffnungsvoll formell, er hatte keine Ahnung, was die Nachrichten �ber die Bombardements englischer St�dte durch die deutsche Luftwaffe f�r Georg und Selma bedeuteten, die von ihren Eltern in eine tr�gerische Sicherheit gebracht worden waren und noch zu klein waren, diesen Betrug (die Kehrseite des Tr�gerischen) zu begreifen, bis der Kontakt durch den Wechsel der Pflegefamilie abbrach. Was Georg mit sieben, acht Jahren von den Briefen des Vaters buchstabieren konnte, ob ihm jemand dabei half, wu�te Kornitzer nicht. Das war schmerzlich, aber auch erleichternd. Was h�tte er den Kindern schreiben, welche unrealistischen Hoffnungen machen sollen? Was von der Mutter schreiben, die er durch die Briefzensur-Sperre nicht mehr erreichen konnte, von der er auch nichts wu�te? Nichts h�tte er ihnen schreiben k�nnen au�er L�gen, galliger Schw�rze oder billigem Trost. All das war vollkommen ungeeignet, hatte mit der Lebenswirklichkeit der Eltern ganz und gar nichts zu tun. Insofern war das auferlegte Schweigen, der Abbruch des Kontakts, das vage Driften der Gef�hle das Richtige.</p><p>Die Kinder sind gefunden worden. Claire telegraphierte sofort ihrem Mann in Mainz, die Kinder, die Kinder sind gefunden worden, die Nachricht versetzte sie in helle Aufregung, eine Sehnsucht, eine Erwartung, etwas Gewaltiges geschah mit ihr, f�r das sie keinen Namen hatte, es war feierlich und dem�tig zugleich. Sie schrieb einen Brief an das Rote Kreuz, und jemand in der Molkerei half ihr, einen Brief an Georg und Selma auf Englisch zu schreiben, alles in einer fliegenden Eile. Sie durchforstete das Lexikon, legte W�rterlisten an, <emphasis>home, please, come home, parents, foster parents</emphasis>, tastete nach allen m�glichen Fragen, die sie den Kindern stellen wollte. So viele Jahre waren verloren, ausgel�scht, wie h�ufig hatte sie gegr�belt, ob es �richtig� gewesen war, die Kinder nach England zu schicken. Sie hatte gehofft, ihrem Mann nach Kuba nachfolgen zu k�nnen und dann die Kinder nachkommen zu lassen, alles war ein gro�es NACH, eine Hoffnung, vielleicht von Kuba in die USA reisen zu k�nnen. F�r die Kinder w�ren die englischen Jahre von Vorteil. Aber der Ausbruch des Krieges hatte alle diese Wunschtr�ume zunichte gemacht, Schnee vom vergangenen Jahr. Ihr Mann hatte zu ihr in der Dachkammer in Bettnang �ber seine Emigration lakonisch gesagt: Ich bin meiner Ermordung zuvorgekommen. Und sie konnte ihm nicht wirklich widersprechen.</p><p>Claire reiste nach England, sie achtete nicht auf die K�ste, sie sah das Meer nicht wirklich, sie war eine gespannte Sehne, sie wu�te selbst nicht, wie sie es (traumwandlerisch?) schaffte, in London umzusteigen, durch die halbe Stadt von einem Bahnhof zum anderen zu finden, sie achtete nicht auf die gewaltigen Rolltreppen, die zu den Bahnsteigen f�hrten, die buntgescheckte Menge, die sich darauf kn�ulte, die Unget�me von Gep�ckwagen, sie sah nicht den englischen Himmel, einen hellen Bl�tenbl�tterhimmel, in den die Baumkronen stachen, nicht die zackigen Bahnen, in denen die Schwalben flogen. Einige sausten pfeilgerade auf das Zugfenster zu und wichen erst im letzten Augenblick aus. Sie sah nicht die bis zum Horizont reichenden Kornfelder mit ihren wehenden M�hnen hinter den kleinen Bahnstationen. Das Licht fiel auf wirkliche Dinge. In Ipswich, das hatte man ihr auf einem Zettel notiert, mu�te sie noch einmal umsteigen � in einen Zug mit nur zwei Waggons. Hecken flogen vorbei, Z�une, Rosenbeete auf den Bahnh�fen. Claire war eine exotische Reisende, die nicht wirklich in ein Abteil der <emphasis>British Railway</emphasis> pa�te, das war offenkundig. Und sie sp�rte es, wie sie sonst fast nichts auf dieser Reise sp�rte. Sie hatte ihre Ankunftszeit angegeben, auf diese Ankunft lief alles hinaus, sie w�rde die Kinder wiedersehen. Die Ankunft war in ein magisches Licht getaucht.</p><p>Da standen sie auf dem Bahnhof wie ein junges Paar, eng aneinandergelehnt, verschmolzen in einer Haltung: Uns kann niemand trennen. Georg hatte ein fein geschnittenes Gesicht, braune Augen und Haare und einen Schatten von Haarflaum �ber der Oberlippe. Er sah Claire ruhig und abwartend an und nahm ihr Gep�ck auf, als w�rde er einen Sack H�hnerfutter schultern. Und sie dachte: Das ist Georg, mein Sohn, und er sieht mich nicht als seine Mutter, sondern mit meinem Gep�ck als ein zu transportierendes Gut. Zuerst kam ihr in den Sinn: Er ist vern�nftig, mein Sohn. Vielleicht hat er das von seinem Vater. Und da stand Selma neben ihrem Bruder, feste Beine auf der Erde, rotwangig und kr�ftig, mit einer schottisch karierten Bluse und aufgekrempelten �rmeln. Das dunkle Kinderk�pfchen, �ber das Claire so h�ufig gestreichelt hatte, war heller geworden, aschblond, sie hatte die gr�nen Augen ihrer Mutter, einen aufgeworfenen Mund mit sch�nen, regelm��igen Perlmuttz�hnen darin. Claire hatte noch einen Gedanken, bevor sie wirklich kapitulierte: Wie ein Pferd, dachte sie. Oder eher: Wie ein junges Pferd, das auch ausschlagen kann. Und dann wollte sie eigentlich nichts mehr denken und auch ihren Empfindungen nicht mehr vertrauen, sie sp�rte ihre Ersch�pfung nach der langen Reise, die nur das Ziel hatte, hier, hier zu stehen, den Kindern gegen�ber.</p><p>Vor dem Bahnhof stand der Bauer, Mr. Hales, ein freundlicher Mann mit einem L�cheln und gro�en Pranken, der sie einfach umarmte, die Frau, die ihre Kinder besuchte, die er und seine Frau adoptieren wollten. Das tat gut. Er sagte nichts, sein Englisch war nicht gefragt, und Claire war ebenso stumm, sprachlos, w�rterbuchlos, man konnte nicht bl�ttern und einem Fremden gleichzeitig in die Augen schauen. Es war eine dramatische Situation, die im Bauernhaus milder wurde.</p><p>Claire wurde in die K�che gef�hrt, es war ein gro�er, l�nglicher Raum mit einer dunklen Holzbalkendecke. Er war beherrscht von einem Tisch mit gedrechselten Beinen � er erinnerte an einen Billardtisch � und einem riesigen Ofen, gr��er als ein Bett, Claire sah Ausl�sse mit Gasflammen, aber der gr��ere Teil wurde mit Holz geheizt, ein Schiff, in dem Wasser erhitzt wurde und durch einen Kranen praktischerweise gleich in Kannen und T�pfe gef�llt werden konnte. Der Tisch war mit einer zart gebl�mten Baumwolldecke gedeckt, Teller aus Steinzeug, �ber deren Rand Bl�tenranken lappten. Eine T�r f�hrte in eine Milchkammer, hinter der man das Malmen und Stampfen der K�he h�rte, und man roch sie auch in der K�che. Fette Stubenfliegen kreisten um die Lampe, klopften an die Fensterscheibe und schwirrten in die W�rme zur�ck. Claire wurde auf ein ausgesessenes Sofa gen�tigt, ein Kissen wurde ihr �berreicht, damit sie am Tisch etwas h�her s��e. Auf der Wand gegen�ber sah sie ein Bild mit Rindvieh auf einer Weide.</p><p>Mrs. Hales hatte gekocht, ein Pulk von Halbw�chsigen und jungen Erwachsenen sa� da, ihre eigenen Kinder, Knechte und landwirtschaftliche Lehrlinge. Es war ein gro�er Hof und eher wie ein Gut organisiert, ganz anders als die H�fe �ber dem Bodensee. Georg und Selma schienen mit allen gut Freund zu sein. Es wurde viel gescherzt, immer prustete einer am Tisch auf vor Lachen, stupste oder lehnte sich herzlich, ja vielleicht �bertrieben herzlich gegen einen anderen. Und ein gro�er Hund legte sich wie ein wollener Teppich zwischen Tisch und Ofen, so da� Mrs. Hales und die M�dchen, die ihr halfen, um ihn herumgehen mu�ten, wenn sie das Essen auftrugen. Manchmal brummelte der Hund, wollte offenbar etwas zur Unterhaltung beitragen, und dann legte er das Kinn flach auf den Fu�boden, in grenzenloser Gem�tlichkeit. Die Augen fielen ihm zu. In Bettnang blieben die Dorfhunde im Hof, niemand kam dort auf den Gedanken, den Hund zu einem will-kommenen Familienmitglied zu machen. Vielleicht war das Ganze ein Familientheater, ein in die Zukunft weisendes Adoptivtheater, um ihr, der Deutschen, der fremden Mutter, klarzumachen, hier ist alles in Ordnung, hier geht alles seinen guten Gang. Und nur Sie st�ren, hauen Sie wieder ab.</p><p>Am sp�teren Abend begriff sie schon, da� nicht nur gegen sie geredet und gehandelt wurde, obwohl sie bequem sa�. Sie verstand <emphasis>German bombs, destruction</emphasis>, als w�ren die Geschwader mit ihrem pers�nlichen Einverst�ndnis geflogen. Sie verstand den Konflikt: Die Familie hatte kurz nach der letzten Kriegsphase in der Verarmung und Rationierung deutsche Kinder aufgenommen, die sich wie alle Engl�nder unendlich gef�rchtet hatten vor deutschen Angriffen. Alles Deutsche war verha�t, sch�dlich, feindlich, gef�hrlich. Und da Deutschland der Feind war, den man mit aller Kraft zur�ckschlagen mu�te, konnten die deutschen Kinder auch nicht mit �berm��ig viel Sympathie rechnen. Da� sie Juden waren, da� sie Feinde des Feindes waren, war ein Spezialwissen, das sich vielleicht in London verbreitet hatte, aber nicht in jedem Winkel von <emphasis>Great Britain</emphasis>. Etwas anderes w�re es gewesen, die Kinder h�tten in dem Zusammenhang, indem sie nun einmal lebten, tapfer und energisch gesagt, sie seien Juden, sie wollten nicht zur Kirche gehen und man solle sie mit allem M�glichen in Ruhe lassen. Doch das konnten sie nicht, denn sie waren keine Juden, weil sie sich nicht als solche f�hlten. In Wirklichkeit waren sie NICHTS. Aber so waren Kinder nun einmal, sie wollten sich nicht unterscheiden, auch nicht NICHTS sein, aber das war ein schwieriger Gratgang. Nichts war wirklich NICHTS, NICHTS war keine Einladung, eher eine grunds�tzliche Abweisung jeglichen Mitgef�hls. Wenn sie anders waren, wenn sie sich unterscheiden mu�ten, sch�mten sie sich zu Tode. Also lieber genau so sein wie die englischen Kinder, und ohne Akzent und fehlerfrei sprechen. Und nun kam sie, Claire, und r�hrte eine alte Geschichte auf und wollte die ver�ngstigten, traumatisierten Kinder die ja keine Kinder mehr waren, die sich pr�chtig entwickelt hatten, so da� es eine Freude war, wenn sie nach der Arbeit auf dem Hof am Tisch aus Walnu�holz sa�en, nach Deutschland holen.</p><p>Georg, der am ruhigsten blieb am Tisch zwischen dem Giggeln und Gackern, den Frotzeleien, zeigte ihr am anderen Tag Zeugnisse, und indem er sie zeigte und indem Mrs. Hales beim Porridge �beraus freundlich l�chelte, begriff sie: Das waren gute Zeugnisse, auf die Georg stolz war und Mr. und Mrs. Hales auch. Bald w�rde er seinen Abschlu� machen, dann wollte er studieren. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, erkl�rte er das, und Claire verstand seine Gewi�heit ohne viele Worte. Sie bedeutete ihm, ob auch Selma, die der Mutter ausgewichen war, etwas zeigen wolle. Georg tat zuerst so, als ob er seine Mutter nicht verst�nde, aber dann holte er Selma doch, die mit nackten, schmutzigen F��en von drau�en kam, F��en, vor denen Claire eigentlich graute (Kuhmist?). Ein Zeigen hin und her, von den Zeugnissen zum M�dchen, vom Bruder zur Schwester, vom Zimmer zur Treppe, knappe Befehle, Bitten, so schien es Claire, und dann hatte wohl Selma endlich begriffen, was der Bruder von ihr wollte, <emphasis>something personal</emphasis>. (Oder mu�te er sie �berreden, �berhaupt irgendetwas der Mutter zu zeigen? Kontakt aufzunehmen?) Sie blieb lange aus und kam verlegen wieder. Was sie in der Hand hatte, waren keine Zeugnisse, sondern etwas Gro�formatigeres, Aquarelle von Landschaften, Pferdebilder, l�ndliche Szenerien, und sie zeigte mit einer unschuldigen, aber auch schmutzigen Hand auf sich selbst. Es war taktvoll von Mr. und Mrs. Hales, Claire am sp�ten Abend allein zu lassen, in einem zwar kalten, aber hell erleuchteten Zimmer mit flattrigen Gardinen und einem Fenster, das auf die Weiden schaute, in einer erhabenen l�ndlichen Ruhe, in der nur Fliegen summten. Ja, das war sehr gut, eine Beruhigung in dem inneren Aufruhr. Aber Selma schrieb sp�tabends in ihr Tagebuch: <emphasis>It was an immense shock to be confronted with a strange woman and told that she was my mother. I didn�t recognize her at all. Georg and I went to the station to meet her off the train. What on earth had this big fat woman to do with me?! She couldn�t speak a word of English, I couldn�t speak German and I didn�t want to talk with her. She wanted to pull me to her and hug me but I couldn�t bear her touching me</emphasis>. Und das war etwas, was ihre Mutter nie erfahren sollte, aber auf Anhieb sp�rte.</p><p>Tage voller Spannung, voller Mi�verst�ndnisse, Tage, die keine Sprache hatten oder immer die falsche. Mr. und Mrs. Hales strahlten die Empfindung aus: Warum kommen Sie erst jetzt? Jetzt sind die Kinder fast erwachsen, und sie sind heimisch hier. Auf diesen wortlosen Vorwurf konnte Claire nicht antworten. Da� sie keine Reiseerlaubnis der franz�sischen Besatzung bekommen hatte, die Kinder auf eigene Faust zu suchen, da� die j�dischen Komitees sich zun�chst um diejenigen Kinder k�mmerten, die in Heimen lebten und elternlos geworden waren, da� sie auch den leisen Verdacht hatte, ihre Kinder, die nur einen j�dischen Vater hatten und keine j�dische Mutter, w�rden von den Komitees als Fl�chtlinge zweiter Klasse behandelt, was ging das diese freundlichen Leute an? Claire hatte kurz nach dem Kriegsende gelesen, da� die Milit�rregierung der Britischen Zone, die <emphasis>Control Commission for Germany</emphasis> unter General Brian Robertson, es ganz entschieden abgelehnt hatte, solange das <emphasis>Displaced Persons</emphasis>-Problem nicht gel�st sei, irgendeine Verantwortung f�r zur�ckkehrende <emphasis>refugees</emphasis> aufgeb�rdet zu bekommen. Die Versorgungslage lie�e dies nicht zu. Und die Verwaltung in der franz�sischen Zone dachte �berhaupt nicht an R�ckkehrer, denn aus Frankreich h�tten keine Emigranten zur�ckkommen k�nnen. Die P�tain-Regierung hatte in bester Zusammenarbeit mit Hitler-Deutschland seit 1940 den deutschen Fl�chtlingen das Leben zur H�lle gemacht, sie in Lager gesperrt oder an Deutschland ausgeliefert, so da� die letzten Fl�chtlinge in Schlupfl�chern �ber Marseille oder illegal �ber die Pyren�en entkamen. Die Hales konnten auch nicht wissen, was der britische Verleger und Sozialist Victor Gollancz, selbst Jude, 1948 �ffentlich erkl�rt hatte: <emphasis>Die deutsch-j�dischen Fl�chtlinge zur R�ckkehr nach Deutschland zu zwingen, w�re ein Akt so kaltherziger Grausamkeit, da� sich der gute Name Britanniens und sein stolzer Ruf, das Asyl der Verfolgten zu sein, niemals davon erholen k�nnten</emphasis>. Die Hales w�rden es nicht verstehen, auch wenn sie die Sprache verst�nden, sie w�rden es in ihren Gef�hlen nicht verstehen. Auf ihre Weise verstanden sie etwas ganz anderes: da� Claire und Richard die Kinder nicht wirklich wollten, sonst h�tten sie sich fr�her um sie bem�ht. Aber was war �wirklich�?</p><p>Claire versuchte sich n�tzlich zu machen in der K�che, aber Mrs. Hales winkte ab, sie hatte die Dinge im Griff, die Milchkannen, die Sch�pfl�ffel, die Siebe. Und auch Selma wu�te, was zu tun war, die Pferde anzuschirren und auszuschirren, die H�hner zu f�ttern, die Eier aus den Gelegen zu holen, den H�hnerkot vorsichtig abzureiben, die Eier nach Gr��en zu ordnen. Claire ging durch die Felder, um nicht wie ein Fremdk�rper im Haus zu sitzen. Sie sah Rudel von Fasanen, die vor ihr mit gravit�tischem Ernst trippelten, ohne Scheu, sie h�tte sie anfassen k�nnen. Sie h�rte die knarrenden Stimmen der Buchfinken, sah die mageren, winzigen Wildkaninchen, Horden von Kaninchen, die sich um die Fasane nicht scherten und in die Hecken sprangen, dar�ber feudales Zaunk�nigsgel�chter. Sie sah weite Weizenfelder, die schweren Korn�hren am Halm, fette Wiesen und bl�hende B�schungen, der Wind schlug hinein, sie ging mit stadtfeinen Schuhen, sie hatte keine anderen, nein, sie geh�rte nicht hierher. Als sie zur�ckkam ins Gutshaus und nach Selma fragte, bedeutete man ihr, sie sei im Pferdestall. Claire betrat den Pferdestall und wu�te, sie war da nicht wirklich willkommen, kein Fremder ist in St�llen willkommen, das hatte sie in Bettnang auch gemerkt. Die meiste Arbeit in der Landwirtschaft wurde noch mit Pferden verrichtet, Traktoren waren selten. Da sah sie Selma, wie sie eine gro�e braune Stute umarmte, und die Stute schmiegte sich an. So leidenschaftlich hielt Selma sie umhalst, da� es Claire einen Stich gab, als erwarte ihre Tochter all die M�tterlichkeit, die sie entbehrt hatte, von diesem Arbeitspferd, das schwere Wagen ziehen konnte. Es war erleichternd, da� Selma nicht sah, wie ihre Mutter sie beobachtete. Im oberen Stock fand sie Georg an seinem Tisch sitzen, vor sich hatte er mehrere kleine K�stchen mit Schrauben und Metallschienen, er hantierte mit einer Metalls�ge und feinen Schraubenziehern, griff rasch und gezielt in die Schraubenh�ufchen, sah kurz auf und nickte ihr zu, als er sp�rte, jemand war in die offene T�r getreten, dann arbeitete er weiter.</p><p>Claires Abreise war leis, klamm, es war ihr, als ginge ein Aufatmen durch das gro�e Haus. Als schnaubten die K�he, als scharrten die Pferde. �Unverrichteter Dinge�, dieser Begriff kam ihr in ihren leeren, traurigen Kopf, nein, �unverrichteter Menschen� konnte man nicht sagen, �ber sie und �ber ihren Mann war gerichtet worden, und anders als bei einem wirklichen Proze� hatten sie keine M�glichkeit, sich zu verteidigen. Claire reiste nach Mainz, ohne links und rechts zu sehen, kam sie im Landgericht an, fragte sich durch, und da war sie: in der Gesch�ftsstelle der Zivilkammer, in der ihr Mann gerade etwas diktierte. Es war nicht sehr tr�stlich, ihm von der fehlgeschlagenen Reise zu erz�hlen. Er kaute, um seine Erregung zu verbergen, an seinem inneren Backenfleisch. Ein Bote kam und brachte ein Schriftst�ck, das er umst�ndlich von einem Wagen holte, aus den Augenwinkeln beobachtete er die Frau, die nicht in das Gericht geh�rte. Er glotzte so begierig, als erwarte er, da� der Landgerichts rat, ihm, dem Justizangestellten, die Frau, die zu einem offenbar ganz unpassenden Zeitpunkt hineingeschneit war, vorstellte. Das Telephon klingelte nebenbei. Schlie�lich f�hrte Richard seine Frau in ein Caf� in der N�he des Domes, als sie dort hemmungslos zu schluchzen begann, zahlte er rasch und herrenhaft an der Theke, ging mit ihr zur Rheinpromenade, ging auf und ab mit ihr, sie schien auch den Flu� nicht wirklich zu sehen, sie ging mit trippelnden Schritten, er f�hrte sie fast, w�hrend sie stockend berichtete.</p><p>Mr. und Mrs. Hales versuchten nach Claires Abreise, Georg und Selma klarzumachen, da� sie nat�rlich weiter bei ihnen leben k�nnten, gleichg�ltig, ob sie adoptiert werden k�nnten oder nicht. Nichts w�rde sich �ndern, und es w�re vollkommen unsinnig, wenn Georg, <emphasis>studying for a scholarship in Cambridge</emphasis>, so kurz vor dem Abschlu� nach Deutschland ginge, und wohin, bitte sch�n? Zu seinem Vater, zu seiner Mutter? Da� die Eltern nicht zusammenlebten wie die Hales, wie eine normale Familie, das h�tten die Kinder doch verstanden. Das beruhigte � ein wenig, und auch das Landleben, die Ernte, die Pflichten, die beide in Haus und Stall hatten, beruhigten. Bis ein Brief aus Mainz kam, mit einem Gerichtsbeschlu�, da� das Ehepaar Hales Selma unverz�glich nach Mainz bringen mu�te. <emphasis>I refuse to go</emphasis>, sagte Selma, aber Mrs. Hales erkl�rte ihr, da� es keine Chance gebe, solange sie minderj�hrig sei, da� ihre Eltern wenigstens so vern�nftig gewesen seien zu begreifen, da� Georg, den sie von Anfang an <emphasis>George</emphasis> genannt hatten, seine Schule in England beenden m�sse. Ich reise mit dir, versprach Mrs. Hales Selma. Das machte die Sache nicht besser: Mrs. und Mr. Hales hatten versprochen, nichts �ndere sich, adoptiert oder nicht, jetzt k�mpften sie nicht, sondern f�gten sich, resignierten. Es war wie ein riesiger Betrug, ein gewaltiger Aufruhr, in den Selma sich gest�rzt f�hlte. Sie war zornig und eifers�chtig auf ihren Bruder, auf sein Privileg. Nur weil er �lter war, durfte er bleiben. Und er, der die wichtigste Person in ihrem Leben geworden war, konnte ihr nicht helfen. Im Gegenteil: Er entfernte sich, w�hrend sie ihn verlassen mu�te.</p><p>Es war eine unendlich lange Reise, so kam es Selma vor. Mrs. Hales tat alles M�gliche, um sie aufzuheitern, aber sie starrte finster in sich hinein. Schon der Beginn war dem�tigend genug gewesen. Mrs. Hales konnte Selma nicht einfach auf ihren Pa� eintragen lassen, wie wenn sie sie h�tte adoptieren k�nnen. Selma brauchte einen eigenen Pa�, ein <emphasis>travelling paper</emphasis>. Nach vielem Hin und Her stellte das <emphasis>Jewish Refugee Committee</emphasis> Selma ein ellenlanges Papier aus: <emphasis>Person of No Nationality</emphasis> stand in gro�en Buchstaben dar�ber, Visastempel verzierten es. Das Papier war so exotisch, da� die Grenzer am Hoek van Holland es hin und her wendeten, staatenlose Leute reisten nicht, hatten irgendwo in dem ihnen angewiesenen Winkel zu sitzen, bis sich die Verh�ltnisse wieder �nderten. Aber das Kriegsende hatte die Verh�ltnisse noch einmal ge�ndert, und die ordentlichen Grenzbeamten mit M�tze und Achselklappen hatten die Bedingungen nicht wirklich mitbekommen. Sie schalteten ihre Vorgesetzten ein, das dauerte, die Vorgesetzten trugen Verantwortung, auch das Tragen von Verantwortung dauert, es mu� dokumentiert werden. All das hatte zur Folge, da� Mrs. Hales und Selma den Anschlu�zug verpa�ten. Sie sa�en im Hafen fest, konnten sich nicht bewegen, weil Selmas Dokument nicht wirklich galt, und erst als der n�chste Schwung von Passagieren kam, winkte man sie durch. Selmas Behelfsausweis wurde wieder kritisch be�ugt an der holl�ndischen Grenze, und die deutschen Beamten schienen auch noch nie ein solches Papier gesehen zu haben. Selma fiel auf, da� die deutschen Z�ge im Gegensatz zu den englischen, die gepolstert waren, Holzb�nke hatten, die aus schmalen Latten bestanden. Es kam ihr vor, als w�rde ihr ganzes Sitzfleisch gestreift von den harten Latten, alles wollte sich emp�ren.</p><p>Die Ankunft in Mainz war ein Schock, die Halle wie eine Muschelschale, ein Spinnennetz, aber zwischen den Rippen fehlte das Glas. Richard und Claire waren an den Bahnhof gekommen und holten Mrs. Hales und Selma ab. Selma wunderte sich, da� ihr Vater ein ausgezeichnetes Englisch sprach, aber sich dennoch schwer mit Mrs. Hales verst�ndigen konnte. Er w�hlte zu lange W�rter, bildete zu lange S�tze, sprach wie ein Lesebuch. Und ihm gelangen nur verstohlene Seitenblicke auf dieses M�dchen, das stampfend neben ihm ging, mit verschlossenem Gesicht, sich im Taxi eng an Mrs. Hales lehnte, um m�glichst nicht an ihre Mutter zu sto�en.</p><p>In Mombach �bernahm, als Kornitzer bekundet hatte, seine Frau und seine Tochter und deren Pflegemutter aus England k�men zu Besuch, die alte Frau Dreis die Regie. Sie hatte ihm das Wohnzimmer zur Verf�gung gestellt, damit die Gesellschaft nicht in seinem Dachzimmer zusammengepfercht sitzen m��te, sie hatte den Tisch gedeckt und einen K�sekuchen gebacken, den Selma mi�trauisch ansah � offenbar hatte sie noch keinen Kuchen dieser Art gesehen und probiert �, und dann nach einem Z�gern stopfte sie ihn doch planlos in sich hinein. Wie viel sie essen konnte, fiel Kornitzer auf. Die Nahrungsaufnahme war eine Erleichterung, l�ste die Spannung, und alle am Tisch a�en, und das verband sie, wie l�chrig sonst das Einvernehmen untereinander auch war. Kornitzer war f�r die �berlassung des E�tisches und f�r diesen K�sekuchen unendlich dankbar. Er hatte, als er begriff, wie schwierig die Reise sein w�rde f�r eine staatenlose Minderj�hrige in Begleitung einer Engl�nderin, mit der sie nicht verwandt war, sofort f�rsorglich Selmas Einb�rgerung in Deutschland veranla�t. Aus eigener Erfahrung wu�te er ja, da� dies nur ein formeller Akt war. Er hatte ihn erfreut zur Kenntnis genommen. Ihm hatte dieser Akt den Weg in seine geregelte Berufst�tigkeit gebahnt, also w�re er f�r Selma auch von Vorteil, glaubte er.</p><p>Irgendwann kam die junge Frau Dreis polternd die Treppe hinunter und nahm mit einem einzigen Blick die beklommene Gesellschaft im Wohnzimmer in Augenschein. Ihre hohen, unangemessen arroganten Augenbrauen schoben sich noch ein St�ck h�her. Gl�cklicherweise, das mu�te Kornitzer denken, und er sch�mte sich fast, so zu denken, tauchte Evamaria nicht auf. Und indem er an das kleine M�dchen dachte, empfand er, um wieviel besser er in ein paar Wochen die kleine Hausbewohnerin verstand als seine eigene in die H�he und Breite geschossene Tochter. Ja, sie war ein gro�es, kr�ftiges M�dchen, sie hatte Claires gr�ne Augen, aber sie hatte einen Widerstand, eine Angst im Gesicht, als lauere im Garten und in der Nachbargasse und auch im Kirchturm ein Werwolfgeschwader. Seine Tochter tat Kornitzer auch leid.</p><p>Kornitzer hatte ein Hotelzimmer unten in der N�he des Bahnhofs f�r Claire und Selma reservieren lassen, nicht in dem Bunkerhotel, das wollte er Selma nicht zumuten, sondern ein altmodisches Haus, das teuer war, aber darauf kam es jetzt nicht an. Mrs. Hales wollte schon am Abend abreisen, so war es ausgemacht. Sie wollte Mainz (oder was davon �briggeblieben war) nicht sehen. Die ganze Gesellschaft brach zur Tramhaltestelle auf, und als die Tram kam, erstarrte Selma. Sie hatte noch nie ein solches Unget�m gesehen. Kornitzer bemerkte, wie sie zitterte, als die Tram in Fahrt kam und den Berg hinunterkurvte, auf dem der h�here Teil Mombachs lag. Sich an einer Stange festzuhalten, zu vermeiden, an einen anderen Menschen zu sto�en, all das schien eine gro�e Anstrengung f�r sie zu sein. Ja, man h�tte sie einfach umarmen m�ssen, aber sie gegen ihren Willen zu umarmen, war bei einem so gro�en M�dchen auch ein �bergriff. Dann stand man auf dem Bahnsteig herum, peinigende zehn Minuten, der Zug hatte Versp�tung, und es war eine Erleichterung, als er unter die st�hlernen Rippen kroch, die von der Hallen�berdachung �briggeblieben waren. Kornitzer dankte in fein ausgesuchten Worten Mrs. Hales f�r alles, was sie f�r Georg und Selma getan hatte, seine Worte schienen wie Wasser an ihr abzuperlen. Sie legte den Kopf schief auf den Mantelkragen und nickte kurz. Und Claire und Richard verstanden nicht wirklich, was Mrs. Hales Selma zum Abschied sagte, es war ein Fl�stern, ein R�uspern, eine Tr�stung, eine vielleicht magische Beschw�rung der Vertrautheit. Aber Selma wirkte wie gel�hmt.</p><p>Als der Zug abgefahren war, machte Kornitzer seiner Tochter Vorhaltungen, da� sie Mrs. Hales nicht daf�r gedankt hatte, mit ihr nach Deutschland gereist zu sein. Dar�ber war Selma emp�rt. Gegen ihren Willen war sie nach Mainz gebracht worden, von ihrem Bruder, den Hales-Kindern, den Tieren getrennt worden, und daf�r sollte sie dankbar sein? Es war wie ein zweiter Kindertransport. Nur da� sie jetzt fast erwachsen war, zum zweiten Mal hatte sie die vertraute Umgebung verlassen m�ssen, zum zweiten Mal hatte sie es mit einer fremden Sprache zu tun, eine unendliche Kette von Anpassungsleistungen wurde von ihr erwartet. Am liebsten w�re sie weggelaufen, aber wohin?</p><p>Anderntags holt Kornitzer seine Frau und seine Tochter ab, wieder ein Caf�, wieder ein Gang zum Rhein, zu den Schiffen, als k�nne der m�chtige Strom die schwierige Situation befrieden, alles flie�t, viel Wasser den Rhein hinunter, ein Schiff tutet, die flachen Lastk�hne, die Kohlen geladen haben, schippern Richtung K�ln, W�sche flattert auf dem Deck, der Vormittag st��t auf den Nachmittag, dazwischen viel freie Luft, das H�mmern auf einem Dachstuhl in der N�he der Uferpromenade, pl�tzlich sieht Kornitzer den gu�eisernen Schn�rkel am Fu� einer Gartenbank, die Holzbretter dar�ber sind abmontiert worden, dann ist es Zeit aufzubrechen. Es schmerzt Kornitzer, da� er seiner Frau, seiner Tochter kein Heim bieten kann. Ein Zimmer mit zwei Sesseln, in dem er leise im Schein einer Lampe mit Claire �ber die wiedergefundene Tochter sprechen k�nnte und ein Zimmer f�r Selma, ein gebl�mtes, mildes Zimmer mit hellen, milchigen Gardinen, in dem sie sich wie in einem Schneckenhaus zur�ckziehen und langsam, langsam die F�hler ausstrecken und sich an Deutschland gew�hnen k�nnte, und langsam, langsam taute sie aus ihrer Erstarrung auf. Das ist sein Wunsch. W�hrend sie zum Hotel gehen, um Selmas Gep�ck zu holen, gro�e Traurigkeit, Resignation, und das ist erst der Anfang. Auf dem Bahnsteig sagt er zu Selma in seinem gepflegten Englisch: <emphasis>Be good and don�t make trouble for your mother � she is not very well</emphasis>. Die Tochter sieht aus, als ob sie sich ekle. Da mu� er sich abwenden, und seine Umarmung mit Claire ist heftig und impulsiv, die Sorge um die schwierige Tochter verbindet sie.</p><p>Am Abend schrieb er einen Brief an Georg, einen grunds�tzlichen Vaterbrief, wie V�ter ihn nur selten schreiben, einen Brief, in dem er Georg, wie weit sie auch entfernt waren, seiner Liebe versicherte. Er fragte ihn nach seinen Pl�nen und erz�hlte ein wenig von seiner T�tigkeit. Das gewerbliche Recht war ein Balanceakt, f�r streitende Parteien waren L�sungen zu finden, Patente waren zu pr�fen und rechtlich durchzusetzen, meine Materie, schrieb er, die f�r einen Siebzehnj�hrigen vielleicht vollkommen uninteressant sei. Er erz�hlte ihm auch von Claire, vom sch�nen Dorf �ber dem Bodensee, den weiten Blicken, den netten S�hnen der Pfempfles, die Selma sicher gut aufn�hmen. Er hoffte, da� sein Brief eine Verlockung war, nicht nur Selma nicht allein zu lassen in der neuen Erfahrung, auch eine Bitte, den Eltern endlich eine neue Erfahrung mit ihren Kindern zuzugestehen. Es war ein Brief, der Georg ganz zugewandt war, ein Brief wie er, Richard Kornitzer, ihn gerne als Sohn bekommen h�tte. Doch sein Vater war im Ersten Weltkrieg gefallen. Er war eine Ikone des Heldentums, ein Jude, der dem deutschen Kaiser auch sein Judentum geopfert hatte und danach sein Leben. Da war Kornitzer zw�lf Jahre alt. Mit anderen Worten: Er hatte einen Kindervater in Erinnerung, aber niemanden, der ihm half, ins erwachsene Leben zu gehen. Und nun, da Georg bald erwachsen war, wollte er ihm so gern zur Seite stehen. Er w�rde alle Fragen der Welt, so sorgsam wie er nur konnte, beantworten. Vor allem die Frage: Warum? Aber Georg stellte keine Fragen.</p><p>In Bettnang waren die Egerl�nder Fl�chtlinge aus dem Haus der Pfempfles ausgezogen, sie hatten sich mit eigenen H�nden ein spielzeugkleines Haus im Nachbardorf gebaut und eine geschnitzte Jahreszahl �ber dem Giebel angebracht. Ob sie das winzige Haus auch mit Schuhwichsdosen vollgestopft hatten wie das Treppenhaus bei Pfempfles, wu�te in Bettnang niemand. Aber eine der Frauen war eine nette Verk�uferin in einem Schuhgesch�ft in Lindau geworden, und so ging alles seinen vern�nftigen Gang. Jetzt war Platz im Haus der Pfempfles, und Selma konnte ein eigenes Zimmer mit einem h�lzernen Bett beziehen, das ein riesiges Kopfteil hatte. Den ersten Tag verschlief sie vollkommen. Als Selma aufwachte, sa� ihre Mutter mit einem Englisch-Lehrbuch an ihrem Bett. Selma schlo� die Augen wieder, als k�nnte sie im Schlaf wieder nach England zur�ckfinden.</p><p>Sie sollte wieder Deutsch lernen, und ihre Mutter wollte Englisch lernen. Es war ein m�hsames Unterfangen der Anpassung, die Tage dehnten sich. Selma wollte nicht in Bettnang sein, es war das falsche Dorf, sie wollte nicht bei Claire sein, und Mrs. Hales hatte sie betrogen. Donnerschl�ge von Angst und Erbitterung, die sich auf ihrem Gesicht spiegelten, auch wenn sie sich hinter den fransigen Haaren versteckte. Sie malte sich aus, sie w�rde losrennen, weiter und weiter, Tag f�r Tag, sie bettelte bei Bauern um Essen, sie w�rde auch ihre Dienste anbieten, sie konnte ja Pferde anschirren und ausschirren, sie konnte melken, auch Schafe scheren, und sie hatte im Fr�hjahr schon beim Lammen geholfen. Das war ein Vertrauensbeweis, dessen Mr. Hales sie f�r w�rdig empfunden hatte. Bis zur K�ste w�rde sie sich durchschlagen und dann auf ein Schiff nach England. Tagtr�ume vom Verschwinden. An einem seidigen Sp�tsommertag war Selma tats�chlich verschwunden. Jemand hatte sie zuletzt in der Apfelplantage gesehen. Es wurde dunkel, Selma kam nicht, es wurde Nacht, Selma kam nicht, Claire verging vor Angst um ihre Tochter, Selma kam nicht, die Pfempfles halfen am anderen Tag beim Suchen, aber es fand sich keine Spur von ihr. Claire f�rchtete sich, die Polizei einzuschalten, sie f�rchtete, das Jugendamt schaltete sich nach einer Vermi�tenmeldung ein, sie f�rchtete sich, man werfe ihr eine Verletzung der Aufsichtspflicht vor, sie f�rchtete, man sperre Selma in ein Erziehungsheim. Es war eine H�lle f�r Claire, in die sie gest�rzt war, eine H�lle aus Konflikten. Ja, Selma war ein schwer erziehbares M�dchen, so mu�te man das nennen. Nach vierundzwanzig Stunden trottete sie den Berg von Lindau aus hoch. Und alle Fragen, wo um Himmels willen sie gewesen war, wohin sie gewollt hatte, sch�ttelte sie ab wie eine kalte Dusche. Nur eine Frage beantwortete sie gn�dig, wo sie geschlafen habe. In einer Scheune.</p><p>Sie a� nicht, was ihre Mutter kochte, kroch ins Bett und stellte sich schlafend. Kam sie die Treppe herunter mit abwesendem Gesichtsausdruck, war sie unfreundlich zu den Pfempfles. Auch von ihnen erwartete sie nichts Gutes. Kornitzer, der von Claire unterrichtet worden war, wie unwillig sich Selma jeder Bem�hung zur Eingew�hnung entgegenstellte, kam, so oft er konnte, f�r ein Wochenende nach Bettnang. Er brachte Geschenke mit, S��igkeiten, Schallplatten, und redete ihr gut zu, sich besser zu betragen. Und sie dachte, sie sei absichtlich b�se, und das eigene B�sesein, in dem sie sich selbst nicht leiden konnte, machte sie ungl�cklich. Sie h�rte ihre Eltern streiten, und sie wu�te instinktiv, sie stritten sich ihretwegen.</p><p>Mit M�he fand Claire heraus, da� sich in Selma �ber viele Jahre hinweg die Vorstellung gebildet hatte, ihre Mutter m�sse tot sein, sonst h�tte sie sich doch bei ihr gemeldet. Jetzt war sie, die Untote, eine falsche, verst�rende, zu viel Raum einnehmende Gestalt. Den Vater dagegen wollte sie �ber alle die Jahre in ihrer Phantasie behalten. Und auch Mrs. Bosomworth, ihre zweite Pflegemutter, hatte Selma geholfen, die Erinnerung an den Vater wachzuhalten. Wie er mit einem wei�en Schiff nach Kuba gefahren sei, komme er eines Tages zur�ck und hole sie ab, tr�stete sie das M�dchen. Und Selma spann diese Vorstellung weiter, malte sie aus zu einem vollkommenen Tagtraum. Es war eine umgewidmete Phantasie vom wei�en Ritter oder vom Prinzen, der sie heimholte oder entf�hrte, das war gleichg�ltig. Wo er war, w�rde ihr Heim sein, er w�rde ihr ein Heim, ihrem unsicheren Leben einen Halt und einen Sinn geben. Verst�ndlich war auch, da� in dieser heftigen Hoffnung auf die R�ckkehr des Vaters die Mutter unbewu�t geopfert werden mu�te, damit sie, Selma, an die Stelle der Geliebten treten konnte. Und es gab auch noch eine andere Befriedigung in der Phantasie vom Vater, der mit einem wei�en Schiff k�me: er k�me gewi� zu IHR. Es gab keine Konkurrentin, nirgendwo, er suchte sie, Selma, und keine andere, die Mutter war tot, sie, die Verlorene, die in Suffolk abgestellte Selma, war das Ziel seiner W�nsche. Und w�hrend andere M�dchen ihre heimlichen Prinzen- und Retterphantasien mit Zaudern und Zagen w�rzten (Werde ich erw�hlt, bin ich begehrenswert genug?), so war sie sich vollkommen sicher, ihr Vater k�me ihretwegen nach England. Und es war gleichg�ltig, wie sie angezogen sein w�rde, ob sie aus dem Stall k�me oder vom Feld mit schlammigen Schuhen und verschmierten H�nden.</p><p>Und Claire erfuhr auch � nun ja, Richard half mit genauen, schon fast inquisitorischen Fragen �, wie die Stationen der Kinder in England verlaufen waren. Von der Sammelstelle des Kindertransportes holte sie ein �lterer Reverend ab, ein freundlicher Mensch, der sie in ein von Ulmen umstandenes Pfarrhaus in Warwickshire brachte. Es war ein riesiges Haus mit einem verwunschenen Rosengarten. Der Pfarrer hatte die Entscheidung gef�llt, den Siebenj�hrigen und die Vierj�hrige bei sich aufzunehmen, aber er hatte seine Entscheidung wohl nicht wirklich gr�ndlich mit seiner kinderlosen Frau und deren ebenfalls im Haushalt lebenden Schwester besprochen. Es h�tte ja ein Gl�ck sein k�nnen f�r die beiden schon �ltlichen Damen, an Georg und Selma Mutterstelle zu vertreten, jede nur eine H�lfte, eine geteilte Verantwortung, die j�ngere sorgte f�r das M�dchen, die �ltere f�r den Jungen. Was Richard aber aus Selma herausfragte, war eine Peinlichkeit. Die alten Jungfern (sagte sie <emphasis>spinsters</emphasis> oder <emphasis>spectres</emphasis>? jedenfalls etwas sehr Despektierliches) h�tten aber gar keine Vorstellung gehabt, was Kinder seien, sie hatten sich Puppen vorgestellt, die gen�gsam auf St�hlen sa�en, keinen L�rm machten, auch keine Hungeranf�lle h�tten und keine Ausbr�che von Lebenslust. Und auch keine Fragen nach Mutter und Vater, und warum sie nicht weiter bei ihnen leben durften. Selma stellte viele Fragen, die ihr Georg, so gut er konnte, beantwortete. Vielleicht waren seine Antworten nicht immer richtig, vielleicht antwortete er nur, was ihm gerade einfiel, aber sie waren von gro�er Bedeutung f�r Selma, ein Halt und Lebensretter. Selma wirkte, als h�tte sie ohne den Strohhalm, den die Hand und die Gewi�heit des Bruders bedeutet hatten, gewi� nicht �berlebt (sie konnte es sich jedenfalls nicht vorstellen). Ihr Bruder erkl�rte ihr all die Dinge, die sie verwirrt und erschreckt hatten. Mehr als den Bruder brauchte sie nicht. Sie hatte sich im D�rftigen eingerichtet.</p><p>Von Anfang an war im Pfarrhaus die deutsche Sprache verboten. In einem ganzen Satz mu�te bei Tisch um Brot, um Milch gebeten werden. Es war nicht erlaubt, auf eine Sch�ssel zu zeigen, wenn sie einen Nachschlag haben wollte. Die Speise mu�te auch mit dem richtigen Namen benannt werden. Schaffte Selma das nicht, wurde sie ohne Essen ins Bett geschickt. Und Georg stand ihr bei, indem er mitten in der Nacht die Treppe herunterschlich und in der Speisekammer stibitzte. Einmal sei er erwischt worden, und die Frau des Reverend habe ihn als <emphasis>nasty German thief</emphasis> beschimpft. Georg habe sich gewehrt, er sei kein Deutscher, er sei Jude, und sie seien nach England gekommen, weil sie keine Deutschen mehr sein konnten, aber das machte die Sache nicht besser. Es war eine Mutprobe, sein vor der Reise frisch erworbenes Wissen �ber seine Herkunft anzuwenden. So tiefe, dunkle N�chte waren das, N�chte wie L�cher, in die sie fiel, erz�hlte Selma, eine so grenzenlose Schw�rze, von der sie als Stadtkind, das Stra�enlampen und hell erleuchtete Fenster im Gegen�ber gewohnt war, nicht die geringste Ahnung gehabt hatte. Sie mu�te allein in einem Zimmer schlafen und hatte zu viel Angst, um in der Dunkelheit aufzustehen und zur Toilette zu gehen. Aber sie tr�umte, da� sie zur Toilette gegangen sei. Und sie beschrieb das blanke Entsetzen, die warme N�sse, als sie entdeckte, da� sie gar nicht auf der Toilette gewesen war. Als das Ungl�ck entdeckt wurde, wurde sie von der Frau des Reverend geschlagen. Aber der Traum vom Toilettengang kam immer wieder, auch das Einn�ssen wiederholte sich. (Ob sich das Schlagen wiederholte, verschwieg Selma ihren Eltern. Sie antwortete einfach nicht auf diese Frage.) Nein, die Frau des Reverend und ihre Schwester hatten keine Freude an dem Kind. Der Reverend wiederum nahm die Kinder mit zu langen Spazierg�ngen, er lehrte sie die Namen von B�umen und von V�geln, er lehrte sie zu schauen, zu beobachten.</p><p>Es war ein Gl�ck f�r die Kinder, da� sie eine Internatsschule der Qu�ker besuchten, auf andere Kinder trafen, die auch Fl�chtlinge waren, ohne da� dar�ber geredet wurde. Sie liebten die Gel�ndespiele, die Schulauff�hrungen, das gro�e Gew�hl der vielen Kinder, in dem es auf das Betragen eines Einzelnen nicht so sehr ankam, sie waren in der Menge gut aufgehoben. Als die Sommerferien 1943 begannen, hie� es in der Schule, Georg und Selma k�nnten nicht in das Pfarrhaus zur�ck, der Reverend sei schwer krank. Einerseits war es erleichternd, der Bedr�ckung zu entkommen, aber die leere gro�e Schule � ohne die freundlichen jungen Lehrer, ohne die Mitsch�ler � war einfach �de. Selma und Georg nahmen die Mahlzeiten bei dem Schuldirektor ein, aber sie waren tags�ber auf sich selbst gestellt und vergingen vor Langeweile. Es sah aus, als h�tte man sie auf einer einsamen Insel vergessen. So verstrichen die Ferientage, und je l�nger es dauerte, machte das Abgeschobensein auch Angst. Wenn die Frau des Reverend und ihre Schwester schon so hart waren, wie w�rde die n�chste Pflegefamilie sein? Schlie�lich versuchte der Direktor die Kinder zur Besch�ftigung anzuhalten, damit sie nicht auf traurige Gedanken verfielen. Sie bastelten, schnitten aus Zeitschriften Figuren aus, klebten sie auf Unterlagen, die sie passender fanden als die fr�heren. Georg interessierte sich f�r die Flugzeugtypen des <emphasis>RAF Bomber Commands</emphasis>, lernte die Namen auswendig, die schweren Bomber: <emphasis>Handley Page Halifax, Short Stirling, Avro Lancaster</emphasis>, und die leichteren und mittelschweren: <emphasis>Vickers Wellington, de Havilland Mosquitos, Bristol Blenheim, Fairey Battle, Armstrong Witworth Whitley, Handley Page Hampden</emphasis> und <emphasis>Vickers Wellesley</emphasis>. Vom 25. Juli bis zum 3. August 1943 wurde Hamburg bombardiert.</p><p>(Was die Kinder nicht wu�ten und erst sp�ter erfuhren: da� das <emphasis>Jewish Refugee Committee</emphasis> in der Zwischenzeit fieberhaft nach neuen Pflegeeltern f�r sie beide suchte, da� dies auf dem H�hepunkt des Krieges zwischen Evakuierungen und Rationierungen schwer war.) Bis die Frau des Direktors mit ihnen nach London reiste; sie kamen sich sehr erwachsen vor zwischen all den sorgenvollen Leuten im �berf�llten Zug. In London nahm sie eine fremde Dame in Empfang, begr��te sie mit ihren Namen und erz�hlte ihnen, wie gut sie sich erinnerte, da� sie auch den Siebenj�hrigen und die Vierj�hrige damals in Empfang genommen habe, was Selma und Georg wegen der Aufregung der ersten Reise vollst�ndig vergessen hatten. Sie fuhr mit ihnen quer durch die Stadt, sie sahen zerst�rte H�user, 43.000 Tote waren in London nach dem �Blitzkrieg� zu beklagen, sie fuhr mit ihnen nach Richmond upon Thames. Hier ist der Botanische Garten, Kew Gardens, das werdet ihr m�gen, lobte sie den Stadtteil, f�hrte sie zu einem riesigen Backsteinhaus hinter B�umen, einer Trutzburg der F�rsorge, so sah es aus. Es war ein <emphasis>Hostel for Displaced Children</emphasis>, wohin sie die beiden brachte. Selma berichtete, es sei unvorstellbar laut und schmutzig gewesen und es habe in den R�umen ein sonderbar bei�ender Geruch geherrscht, von dem sie zuerst nicht wu�te, woher er kam, und dem man nicht entfliehen konnte. (Sp�ter stellte sich heraus, es war der Gestank eines L�usevertilgungsmittels, denn in dem Heim hatten au�er den Kindern auch L�use gewildert.) <emphasis>It felt as though there were hundreds of tiny children, little more than toddlers, swarming up and down the stairs and making lots of noise und fuss. It was a hot summer, and most of them were naked or just had a vest on</emphasis>. Eine wuselnde, verwilderte, einn�ssende, zottelhaarige Kindermasse. (�bertrieb Selma, um sich vor ihren Eltern wichtig zu machen? Daf�r gab es keinen Hinweis.) Teenagerm�dchen gaben den Babies Flaschen oder f�tterten sie mit Brei. Einmal lie� eines der M�dchen Selma ein Baby auf dem Scho� halten und ihm die Flasche geben; sie war stolz, da� das Kind ordentlich trank, und stolz, da� es sie anstrahlte. Ja, sie empfand sich auch schon als eines der gro�en M�dchen, die Verantwortung �bernommen hatten. Aber dann spuckte das Baby den halben Flascheninhalt aus, und Selma, die im Pfarrhaushalt an �u�erste Sauberkeit gew�hnt war, f�hlte sich besudelt und ekelte sich.</p><p>In dem Haus seien die meiste Zeit �ber keine Erwachsenen gewesen. Die Kinder waren sich selbst �berlassen. (Sp�ter begriffen Georg und Selma, da� viele Erwachsene bei der Army gebraucht wurden und da� auch die Munitionsfabriken einen gro�en Bedarf an Arbeitskr�ften hatten.) Es kam Selma im nachhinein vor, als habe es in dem Heim nie regelm��ige Mahlzeiten gegeben, h�ufig war sie hungrig. Die �lteren M�dchen ermunterten die j�ngeren Kinder, sich in der K�che selbst zu versorgen, dabei schnitten sie sich, verbrannten sich die Finger. Das Beste war noch, wenn man sich mit den Resten des Babybreis vollstopfte, denn niemand wu�te, wann es wieder Essen gab. Aus Langeweile oder aus Abenteuerlust begannen die Kinder zu streunen und in kleinen Horden in Richmond herumzuziehen.</p><p>Kornitzer fragte seine Tochter, ob sie denn auch in Kew Gardens gewesen seien, ob sie die gewaltigen Glash�user mit Palmen, Springbrunnen, Orchideen und schreienden Papageien gesehen h�tte. Das war das Beste, das er von seinem London-Besuch in Erinnerung behalten hatte. Allein deswegen habe es sich gelohnt, in Richmond gestrandet zu sein. Kew Gardens hatten die Kinder nicht gesehen, aber der Botanische Garten war ein Stichwort. Selma erinnerte sich, da� sie in Berlin unb�ndig gerne in den Zoologischen Garten gegangen war, um die Schimpansen und die Schildkr�ten zu betrachten. Als ihre Mutter sie und Georg zum Kindertransport an den Bahnhof Zoo brachte, hatte sie einen Wutanfall. Sie erkannte den Zoo-Eingang, warf sich zu Boden, sie wollte in den Zoo und keinesfalls auf den Bahnhof. Sie war �unartig�. Und sp�ter glaubte sie, es sei eine Strafe gewesen, die Tiere nicht mehr sehen zu d�rfen, sondern auf schn�deste Weise in einen Zug verfrachtet worden zu sein, ohne R�cksicht auf ihr Betteln. Die Strafe schien ihr ungeheuerlich hart, aber es gab keinen Gerichtshof, um sie zu revidieren. So hatte sie zehn Jahre lang die Besch�mung mit sich herumgetragen, �b�se� gewesen und zur Bestrafung weggeschickt worden zu sein, weit weg. Und der Besch�mung, �b�se� gewesen zu sein, folgte die Trauer. Georg, an den sie sich klammerte, hatte besser verstanden, warum die Eltern die Kinder nach England reisen lie�en. Er sah den Funken von Zuversicht in dieser Planung, w�hrend die kleine Selma vollkommen im Dunklen tappte und auf den Bruder angewiesen war. Ja, f�r Selma (als sie die Katastrophe verstand) schien es besser, in einem Lager vernichtet worden zu sein als zu �berleben. Sie schien sich der Rettung nicht w�rdig genug zu erweisen. Sie war b�se, und dieses Selbstbild kr�nkte sie zus�tzlich. Es war eine Spirale von Schuld. Und der Gedanke, da� ihre Tochter (und vielleicht auch der Sohn) heimlich die eigene Vernichtung gew�nscht h�tten, die nicht stattgefunden hatte, brachte die Eltern, als Selma stockend erz�hlte, zur Verzweiflung.</p><p>Auf den Streifz�gen kamen die Kinder an das Themse-Ufer, planschten und schwammen. Das Wasser war tr�b und hatte Schwebestoffe, aber es machte ihnen einen Riesenspa�. Niemand wies sie darauf hin, da� ihnen das verunreinigte Wasser gef�hrlich werden k�nnte. Sie besa�en auch keine Handt�cher, stiegen na� in ihre Kleider. Wenn sie im Heim ankamen, waren sie getrocknet und starrten vor Schmutz. Prompt bekam Georg hohes Fieber, seine Haut wurde gelb, es war eine Hepatitis. Selma flehte die gro�en M�dchen an, einen Arzt zu holen, aber sie blieben unbeeindruckt, sie waren robust und wild, menschliche Schlingpflanzen, und kannten vermutlich keinen Arzt. Selma sa� an Georgs Bett, las ihm, damit er nicht wegd�mmerte, dieselben Geschichten vor, die er ihr fr�her vorgelesen hatte. Ja, sie hatte Angst, er w�rde vor ihren Augen sterben, denn er delirierte. Sie wu�te sich nicht anders zu helfen, als seine hei�e Stirn mit einem feuchten Lappen zu k�hlen. Das tat ihm offensichtlich gut. Irgendwann kratzte Georg sein aufgeschnapptes Wissen zusammen und sagte: <emphasis>An apple a day keeps the doctor away</emphasis>. F�r Selma war dieser Satz eine Offenbarung. Sie suchte in der K�che nach �pfeln, es gab keine. Sie lief in die Gesch�ftsstra�en von Richmond, betrat Obstgesch�fte. Ja, es gab �pfel, aber sie kosteten nat�rlich eine Stange Geld. Da entschlo� sich Selma, ihren einzigen nennenswerten Besitz, ihre Puppe, mitzunehmen. Sie sprach Frauen mit kleinen Kindern an, ob sie ihre Puppe kaufen wollten, sie habe einen kranken Bruder, f�r den brauche sie Geld. Und wirklich, ein Kind fa�te sofort nach der Puppe, und die Frau kaufte sie ihr ab. Selma schleppte die �pfel ins Heim, versteckte sie, damit andere Kinder sie nicht naschten. Georg war so schwach, da� sie gar nicht wu�te, ob er �berhaupt einen Apfel halten und hineinbei�en konnte. Aber er a� die �pfel nach und nach, langsam kaute er und schluckte. Es gab keinen Beweis, da� die �pfel etwas bewirkten. Aber Selma hatte die Gewi�heit, da� er unbedingt gesund werden wollte. Georg glaubte an die �pfel, und Selma war stolz, da� sie ihrem gro�en Bruder glauben konnte. Es dauerte lange, bis er wieder auf die Beine kam, er war noch schwach, und er war �u�erst hellh�rig w�hrend der Krankheit geworden. Das dauernde Geschrei der kleinen Kinder drang ihm durch Mark und Bein.</p><p>In dieses Kinderchaos platzt Mrs. Bosomworth wie eine g�tige G�ttin. Sie ist eine Frau jenseits der f�nfzig mit einem f�lligen K�rper und grauen L�ckchen. Ihre Wangen sind rosa, und sie verf�rben sich leicht ins Himbeerfarbene, wenn sie sich erregt. Und sie erregt sich sofort, als die Kinder ihr von den L�usen und ihrer Bek�mpfung erz�hlen. Sie erregt sich weiterhin �ber den starrenden Schmutz und �ber den Mangel an Aufsicht, �ber das fahrl�ssige Behagen, mit dem die gro�en M�dchen �Mutter� spielen. Aus Sympathie mit den j�ngeren Kindern blendet sie die vollkommene �berforderung der gr��eren aus. Sie erregt sich auch �ber die Ma�en, da� niemand Georg in seiner schweren Krankheit beigestanden hat, ja, sie kann es kaum fassen und lobt Selma, da� sie alles richtig gemacht hat, was Selma freut, als w�re sie in dieser Zeit eine kleine Doktorin gewesen. Sorgsam fragt sie und nimmt sich viel Zeit, und aus Georg und Selma tropfen die Besch�mungen im Pfarrhaus und die D�rftigkeiten des Heims. Sie fragt nach Deutschland, nach den Erinnerungen an Berlin, noch nie hat jemand sich so intensiv mit ihnen besch�ftigt. Die Reserviertheit der Kinder schmilzt, Selma liebt Mrs. Bosomworth sofort. (Es ist wie ein automatisches Sehnen, das ein Ziel hat und sich gleichzeitig weitersehnt, in ein Zentrum hinein. Sie sieht das Rosafarbene, das Himbeerfarbene, ihr himmelblaues L�cheln und die F�ltchen um ihre Augen, zwischen denen sie sich ganz, ja himmlisch geborgen f�hlt.) Und dann fragt Mrs. Bosomworth die beiden, ob sie mitkommen und bei ihr bleiben wollen. Es folgt ein sprachloses Nicken �ber so viel unerwartete, besch�mend gro�z�gige Zuwendung. Die drei reisen nach Kent, Mrs. Bosomworth nimmt sie einfach mit ohne viel Aufhebens. Unterwegs mit den roten Bussen in London sehen sie die frischen Zerst�rungen, Wunden in der glanzvollen Stadt, aber Mrs. Bosomworth verspricht ihnen, dort, wo sie hinf�hren, g�be es keine deutschen Bomben, es sei friedlich und sch�n auf dem Land, und so bliebe es auch, sie brauchten keine Angst zu haben. Es ist eine sanfte, fr�hliche Reise, Mrs. Bosomworth hat an Verpflegung gedacht, Obst und W�rste, Eier, die sie gemeinsam pellen, die Schalen werfen sie aus dem Fenster hinaus in die Landschaft, da fliegen sie. Wiesenteppiche breiten sich aus, Baumreihen schnurren am Zugfenster entlang, b�rsten den Himmel, sie sehen die milden H�gelchen. Mrs. Bosomworth erz�hlt, da� sie selbst f�nf Kinder hat, darunter einen Jungen in Georgs Alter und ein M�dchen in Selmas Alter, es klingt wie im M�rchen, und Mrs. Bosomworth ist von einer Wolke herabgestiegen und im <emphasis>Hostel for Displaced Children</emphasis> gelandet. (Da� die Qu�ker-Organisation, der Kornitzer und Claire die Kinder anvertraut hatten, in der Zwischenzeit lebhaft t�tig war, um Mrs. Bosomworth als neue Pflegemutter auszusuchen, mu�ten sie sich bei Selmas Schilderung dazudenken.) Und das M�rchen geht weiter. Seite f�r Seite bl�ttert es Selma auf, Mr. Bosomworth, der sie herzlich begr��t, ein ruhiger, starker Mann, der gewaltige K�rbe mit Zwiebeln und S�cke mit Futter schultert, zwei gro�e T�chter und John, der in seinem Zimmer Georg aufnimmt, und Frances, die f�r Selma Platz macht, und der kleine Guy, der erst sechs ist, alle sitzen sie am Tisch und sind fr�hlich. Im Pfarrhaus hatten die Kinder werktags mit der Schw�gerin des Reverend im Schulsaal gegessen, w�hrend der Reverend und seine Frau geruhsam im E�zimmer speisten. Nur sonn- und feiertags gab es ein gemeinsames Essensritual.</p><p>Jetzt aus der Vergangenheit kommt Selma die gro�e weitherzige Familie Bosomworth wie aus dem Bilderbuch vor, und sie selbst ist ein Teil dieses Bilderbuches, Darstellerin und Betrachterin zugleich, und sie ist stolz darauf. Die Bosomworth-Kinder sagen alle �danke� und �bitte�, wenn die Platten und Sch�sseln herumgereicht werden, ihre Mutter h�lt sie dazu an, nicht mit vollem Mund zu sprechen, und wenn sie etwas wissen wollen, wird es ihnen sorgsam erkl�rt. Die Bosomworth-Kinder sagen <emphasis>Mummy</emphasis> und <emphasis>Daddy</emphasis> zu ihren Eltern, und das h�tten Georg und Selma am liebsten auch gleich getan. Aber Mrs. Bosomworth nimmt sich wieder Zeit f�r sie und weist sie darauf hin, da� sie doch Eltern haben, und da� es diesen Eltern sicher nicht recht sei, wenn sie eine andere Frau <emphasis>Mummy</emphasis> nennen. Sie schl�gt Georg und Selma vor, sie k�nnten sie <emphasis>Auntie</emphasis> nennen, das w�re auch eine Vertrautheit. Aber das wollte Selma nicht, die Schw�gerin des Reverend hatte ihr auch die Anrede <emphasis>Auntie</emphasis> angeboten, aber sie war keineswegs eine vertraute Gestalt geworden. <emphasis>Auntie</emphasis> wollten die Kinder in Erinnerung an die harte Zeit im Pfarrhaus niemals mehr jemanden nennen, man h�tte sie dazu pr�geln m�ssen, und das war nicht der Stil der Bosomworths. So blieb es formell bei der Anrede Mrs. and Mr. Bosomworth, was einen Schatten auf die Beziehung warf, aber auch Klarheit schaffte. Es mu�te in Kuba einen <emphasis>Daddy</emphasis> geben, der zur�ckk�me, und es m��te irgendwo in Deutschland eine sehr verborgene, aber liebe <emphasis>Mummy</emphasis> geben, die mit den Flugzeugen und den Zerst�rungen nichts zu tun habe (eben das glaubte Selma nicht), und irgendwann nach dem Krieg s�hen die Kinder sie wieder, und die Eltern w�ren gl�cklich und sie auch, sagten Mr. und Mrs. Bosomworth den Kindern. (Kornitzer zuckte bei diesem Teil der Erz�hlung ein wenig zusammen.)</p><p>Die lebhafte Frances und die eher schwerf�lllige Selma teilen nicht nur ein Zimmer miteinander, sie haben Geheimnisse vor den anderen, tauchen in eine Welt des Tuschelns und Giggelns. Mit einem Gummiband knoten sie sich die Beine zusammen, dreibeinig h�pfen sie durch die Gegend, dreibeinig sind sie gl�cklich. Georg traf es nicht so gut mit John, sie waren sehr verschieden und gingen sich gegenseitig h�ufig auf die Nerven. Wie die Bosomworths nicht wollten, da� sich Selma und Georg allzu sehr auf sie bezogen, fanden sie auch auf einem ganz anderen Gebiet einen guten Rat. Sie hielten Kaninchen, und die Kinder f�tterten sie t�glich mit allen m�glichen Resten. Es war den Kindern aber gleichzeitig streng verboten, mit den Kaninchen zu schmusen und sie herumzutragen wie Puppen. Von Anfang an war klar: Die Kaninchen sind Schlachttiere, wir haben wegen des Krieges wenig Fleisch, und jede Sentimentalit�t ist unangebracht. Das war sehr vern�nftig, und die Kinder wu�ten, je mehr Kr�uter und Essensabf�lle sie den Kaninchen brachten, um so besser w�rde ihr Fleisch.</p><p>Zwei Wochen der Schulferien verbrachte die ganze Familie jeweils bei den Gro�eltern in Cornwall, das erz�hlte Frances Selma, und Selma freute sich schon sehns�chtigst auf die Ferien. Doch dann hie� es, das Haus der Gro�eltern sei zu klein f�r sieben Kinder. Das war eine gro�e Entt�uschung. Georg verbrachte die Ferien in einem <emphasis>Boys Camp</emphasis> und Selma in einem Hostel f�r kleinere Kinder. Es war eine sch�ne Zeit, aber als sie wieder bei den Bosomworths war, wurde sie traurig und lethargisch. Nie w�rde sie �wirklich� zur Familie geh�ren, es blieb eine Distanz, die un�berwindlich war. Etwas an ihr war falsch. Sie bem�hte sich so sehr, Mrs. Bosomworth zu gefallen, las ihr die W�nsche von den Augen ab und half im Haus, wo sie konnte. Aber das war es nicht, was ihr half. Monatelang schleppte sie diese Traurigkeit mit sich herum.</p><p>Dann, im Herbst 1944, kamen die Raketen, sie kamen aus Peenem�nde und zielten auf London. Kent oder besser: das Haus der Bosomworths lag direkt auf ihrer Einflugschneise. St�rzten sie ab, ging ihnen der Treibstoff aus, verursachten sie riesige Br�nde. Die Warnsirenen ert�nten, die V2 kamen meistens nachts, zischten �ber das Haus hinweg und zogen einen feurigen Schweif hinter sich her. (Da� sie Vergeltungswaffen genannt wurden, hatte Claire raunen geh�rt in Friedrichshafen, wo man gro�e Waffen gebaut hatte im Gegensatz zu den kleinen, wendigen in Peenem�nde. Vergeltung, weil England sich wehrte gegen die deutschen Angriffe, Zahn um Zahn, Auge um Auge.) In der N�he des Hauses der Bosomworths war eine Flugabwehr installiert worden. Traf sie eine Rakete und geriet diese ins Trudeln, konnte man nur hoffen und beten, da� sie auf dem freien Feld aufschl�ge und nicht in einem Hausdach. B�ume, in denen sich die Raketen verfingen, blieben als schwarze, verkohlte Finger in der Landschaft. Mrs. Bosomworth hatte nicht recht behalten, da� in Kent keine Bomben fielen. Die Kinder, die die wirkliche Gefahr nicht einsch�tzen konnten, r�ckten n�her zusammen. Nur Georg sonderte sich ab, sprach kaum mehr und wurde seltsam. Stundenlang sa� er im Zimmer und bastelte mit Blech, Dr�hten und Chemikalien. Die anderen zogen ihn auf, da� er Angst vor den Raketen hatte, und das machte alles noch schlimmer. F�r die kleineren Kinder Frances, Selma und Guy waren die Raketen einfach ein Abenteuer, die Gefahr konnten sie nicht einsch�tzen. Aber Georg begann schon beim Heulen der Sirenen zu zittern, und manchmal schien es, als schnappe er einfach �ber. Er bastelte sich ein Radio, er sammelte Blechdosen und f�llte sie mit Karbid, baute Bomben und lie� sie im Garten hochgehen, auch das machte den kleinen Kindern Spa�. Eine davon hinterlie� eine pechschwarze stinkende Wolke, der brandige Gestank drang in s�mtliche Zimmer des Hauses. All das bek�mmerte Mr. Bosomworth, er wies Georg zurecht, aber Georg begann das Maulfechten und Streiten, das war nicht �blich in dieser harmonischen Familie. Mehrmals erwischte Mr. Bosomworth auch Georg, wie er an seinem kleinen selbstgebastelten Radio einen deutschen Sender h�rte. Also verstand Georg noch Deutsch, also sehnte er sich nach seiner Muttersprache. Aber der Pflegevater hatte auch Angst, da� Georg sich in etwas verrennen, da� er Opfer eines Spions werden k�nnte. Ob diese �ngste �bertrieben waren oder eine Folge des Krieges, lie� sich nicht kl�ren. Mr. Bosomworth hatte sie und glaubte handeln zu m�ssen. Georg schlo� sich weiter ab, h�rte nicht zu, wenn man etwas zu ihm sagte, bastelte und t�ftelte. Auch seinen Zimmergenossen John, der ihn aufgenommen hatte, lie� er nicht an sich heran. Als Mr. Bosomworth sich nicht mehr zu helfen wu�te, brachte er Georg zu einem Psychiater. Der unterhielt sich lange mit Georg und empfahl dann, Georg solle besser in einer Gegend leben, in der keine V2 zu erwarten waren, in der er den Konflikt, zwischen Deutschland und Gro�britannien zu stehen, nicht so stark empfinden w�rde. Es wurde ein Platz in der Midhurst Grammar School gefunden, deren Direktor daf�r bekannt war, gut mit schwierigen Kindern umzugehen, und es wurde auch eine Familie in der N�he gefunden, die Georg aufnahm. Von dieser Familie wu�te Selma nichts zu erz�hlen, wahrscheinlich hatte Georg auch kaum etwas erz�hlt. Selma sprach �ber die Trennung von ihrem Bruder in einem g�nzlich resignierten Ton; etwas brach ab.</p><p>Nach dem Kriegsende hatten die Bosomworths die Freude an ihrem Haus verloren, sie wollten m�glichst weit weg, weit von der Erinnerung an die V2, der dauernden Angst, eine Rakete k�nnte das Haus treffen. Sie entschieden sich, nach Sansibar auszuwandern. Das Haus wurde verkauft, und f�r Selma wurde ein Platz in Suffolk gefunden: bei den Hales. Sie war jetzt so gedem�tigt, da� sie jede Ver�nderung in ihrem Leben fraglos akzeptiert h�tte. Frances schrieb ihr, sogar h�ufig, schickte viele bunte Briefmarken und die herzlichsten Gr��e aus Sansibar. Sie war einfach ein sonniges M�dchen. Aber dann war es doch gut bei den Hales, und als das Ehepaar merkte, wie sehr sie ihren Bruder vermi�te, nahmen sie auch Georg auf, der seine Krise �berwunden hatte.</p><p>Es fiel Kornitzer schwer, Selma zu glauben. �bertrieb sie nicht ma�los, malte sie nicht alles schwarz, was auch grau oder in Pastellt�nen h�tte skizziert werden k�nnen? Er schrieb an Georg, fragte nach, das gro�e wichtige Wort dieses Briefes war <emphasis>really</emphasis>. Und gleichzeitig f�rchtete er ein wenig, da� die Kinder sich �ber diesen Brief austauschen w�rden, da� Selma vom Bruder erf�hre, der Vater sei mi�trauisch und wolle sich versichern, aber Georg best�tigte alle Angaben. Kornitzer wei�, er kr�nkt die Tochter, die sich unverstanden f�hlt, ein weiteres Mal, indem er ihr nicht glauben will. Er will sich ihr n�hern durch sein Wissenwollen und h�lt sie gleichzeitig in der Distanz des Zweifels. Als habe sie sich auf dem Land, im Umgang mit Tieren und Heu und Getreide eine bl�hende Phantasie angeeignet. Und Georg schreibt zur�ck, freundlich und ruhig, ja, er schreibt sehr nett an die ihm fremd gewordenen <emphasis>parents</emphasis>. Alles, was Selma erz�hlt hat, was an Erz�hlbrocken aus ihr herausgeschleudert worden ist, sei wahr. Aber Georg sah es n�chterner, es sei ja nun vorbei, und es lie�e sich ja auch nicht mehr �ndern. <emphasis>Spilt milk</emphasis>. Er lebe gerne bei den Hales und wolle zu seinem 18. Geburtstag die englische Staatsb�rgerschaft beantragen. Adoptiert werden wolle er nicht. Es sei <emphasis>not necessary</emphasis>. (War das eine Geste der Bescheidenheit oder auch eine Resignation? Oder wollte er m�glichst rasch sein eigener Herr sein und nach allen Wechseln der Aufenthaltsorte und der Pflegefamilien fr�h unabh�ngig werden?) Und er unterschrieb seinen Brief: <emphasis>George</emphasis>.</p><p>Kornitzer zeigt den Brief Claire, als er nach Bettnang kommt, stippt mit dem Finger auf das End-E. George, George, so hei�en K�nige, unser Sohn nicht. Aber Claire, die ihm den Brief aus der Hand nimmt und ebenfalls auf die Unterschrift starrt, l��t den Brief wieder sinken und macht eine so trostlose Handbewegung, da� Kornitzer seine Erregung wie einen Feuerwerksk�rper im feuchten Nebel verzischen sieht. Und als er am Abend noch einmal �ber den Vorgang nachsinnt, kann er Claire nicht recht geben und sich selbst in seiner Verletztheit nicht trauen, und er wei� nicht, was schlimmer ist. Er f�hrt zur�ck nach Mainz, er hat Mitleid mit der Tochter, aber auch Mitleid mit sich selbst, da� er der Tochter nicht wirklich nahe kommt und dem Sohn erst recht nicht.</p><p>Einmal m�chte Selma auch nett sein, ihrer Mutter etwas Liebes tun, wie sie sich um Mrs. Bosomworth bem�ht hat, wie sie sich bei Mrs. Hales gut betr�gt. Von ihren Streunereien durch die Wiesen und W�lder bringt sie Pilze mit, sie kennt sich aus, sie hat mit den gro�en Bosomworth-M�dchen Pilze gesammelt. Sie putzt sie und schmurgelt sie in der Pfanne, als Claire aus der Molkerei kommt. Und sie hatte auch die deutschen W�rter gelernt. Maronenr�hrling, Wiesenchampignon. Aber Claire freute sich nicht, sie sah in die Pfanne, sah die strahlende Selma, und auf einmal geriet sie in Panik. Sie, die Berlinerin, verstand nichts von Pilzen, und sie nahm auch an, da� Selma nichts von Pilzen verstand. Und wenn sie etwas verstand, hatte sie einen teuflischen Plan: Sie wollte ihre Mutter vergiften. Dann w�re sie frei. Claire nahm die Pfanne und sch�ttete sie in den Abfall.</p><p>Zum ersten Mal in Bettnang weinte Selma. Claire h�tte weinen wollen, aber es gelang ihr nicht. Drei Tage sprach sie nicht mit der Tochter, es war ihr einfach nicht m�glich. Das war der Herbst.</p><p>Im Winter schneite es so heftig, wie Selma es noch nie hatte schneien gesehen. Halb Bettnang schnallte die Skier an, str�mte auf die glei�enden H�nge. Die Pfempfle-S�hne nahmen sie mit, aber sie machten sich auch lustig �ber ihr schlechtes Deutsch, das so wenig Fortschritte zeigte. Und jeder Vierj�hrige stand nach ein paar Versuchen sicherer auf den Brettern als dieses gro�e, kr�ftige M�dchen. Selma hatte in Suffolk auf den Teichen geschlittert und war Schlittschuh gefahren. So trieb Claire (wo, wo?) ein paar Schlittschuhe f�r sie auf, Selma fuhr mit dem Postbus nach Lindau, zog einsame Bahnen auf dem Eis und kam schweigsam, aber mit roten Backen nach Bettnang zur�ck. Sie war ein gefrorener Teich. Das war der Winter. Bei der Schneeschmelze, nach Besuchen hin und her zwischen Mainz und Bettnang, wurde der Versuch abgebrochen. Claire und Richard erlaubten ihrer Tochter, nach England zur�ckzukehren. Unter einer Bedingung: sie k�me zusammen mit Georg in den Schulferien zu den Eltern. Das versprach Selma. Es war nicht einfach, die deutsche, minderj�hrige Staatsb�rgerin wieder nach England einreisen zu lassen, eine Aufenthaltsbewilligung f�r sie zu erreichen, f�r ihren Unterhalt zu sorgen. Es war nicht einfach, die Tochter ein zweites Mal zu verlieren. Sie reiste allein, das trauten ihre Eltern der F�nfzehnj�hrigen zu. Es war kein Triumph, es war ein Desaster.</p></section><section><title><p>Aus dem Inneren</p></title><p>Kornitzer war hellh�rig geworden. Nicht in sich selbst zu versinken, schien ihm eine gute Devise zu sein nach der Niederlage, die ihm seine Tochter beigebracht hatte. So empfand er es jedenfalls. Und T�tigsein half. Er st�rzte sich in die Arbeit wie in einen Bottich mit kaltem Wasser. Er st�rzte sich in die Arbeit wie in ein Messer. Er st�rzte sich in die Arbeit wie ein Berserker, er trieb die Referendare, die Assessoren an, ihm zuzuarbeiten, sie wu�ten nicht, wie ihnen geschah, da� er so arbeitsw�tig war. Ja, er st�rzte sich. Alles diente der Rechtsfindung. Selma hatte recht mit ihrem Widerstand dagegen, in Deutschland leben zu sollen, und Claire und er hatten recht mit dem Wunsch, die L�cke der Trennung zu schlie�en, die Wunde, die ihnen geschlagen worden war, zu heilen. Er mochte jetzt die langen Flure im Geb�ude des Landgerichts, das Getrappel der F��e auf den Treppen, den Blick aus dem Sitzungssaal auf die W�ste, die die Zerst�rung der Stadt offengelegt hatte, die abger�umten Steinfelder und die aufragenden Mauerz�hne, die Fensterh�hlen und ihr dramatisches Schweigen. Die Arbeit erdete. Er mochte die Wachtmeister, die mit sicherem Blick und Griff einen Angeklagten vorf�hrten, er mochte die W�gelchen, auf denen die Aktenlast transportiert wurde, die langen B�nke im Flur, die nerv�se Zeugen blank rutschten, er mochte das Funktionieren, das Reibungslose, mit dem F�lle aufgerollt und abgerollt wurden, das Ineinanderspielen der Kr�fte, er mochte das Formulieren eines Urteils, die Klarheit. Die gegebene Ordnung und die Notwendigkeit, sich darin einzupassen, waren heilsam. (Hatten das auch die Juristen gedacht, die, anders als er, nicht aus dem Dienst gejagt wurden, die weitermachten, als sei nichts geschehen, die sogenannten �arischen� Juristen? scho� es ihm manchmal durch den Kopf, und der Kopf schmerzte.) Ja, er mochte auch die eigene Strukturiertheit, die von Fall zu Fall arbeitete, F�lle abarbeitete, es war eine Genugtuung zu arbeiten. Tatbestandsvoraussetzungen, Einw�nde, Erl�uterungen, Problemf�lle, Fristen und Fristverl�ngerungen, Urteile. Das Zivilrecht war ein Florett, wie Feuer und Schwert kam ihm dagegen das Strafrecht vor. Er mochte Feinheiten, Kniffe, die Suche nach Referenzurteilen. Er war in seinem Element. Er dachte an Selma, die gekommen war, an Georg (George), den man mit Engelszungen locken mu�te, die nierenkranke Frau, die ihm Schuldgef�hle machte, was ihn besch�mte, aber den Kontakt nicht wirklich erleichterte. Er kehrte zu den l�sbaren F�llen auf seinem Tisch zur�ck.</p><p>Die Untergrabung der Regeln, nach denen er operierte, wollte er gar nicht mehr in Betracht ziehen, ihre Zertr�mmerung in Berlin, ihre Dehnung und Zerrung nach Belieben in Havanna waren schmerzhaft genug gewesen. Kubanische Gummiparagraphen, Kautschukgesetze, die auszulegen waren nach verschiedenen Interessen, und vor allem den Interessen, bei denen Geldscheine �ber den Tisch geschoben wurden, sch�ne Floskeln auf dem Papier, die im Zweifelsfall das Papier nicht wert waren, auf dem sie gedruckt waren. Gesetze, die der aufrechte Jurist nicht liebt. Er sp�rte die Ersch�tterung immer noch, er war traurig und auch gleichzeitig mit sich zufrieden, und der Widerspruch st�rte nicht wirklich. Er h�tte sich den Widerspruch wie eine Postkarte hinter den Spiegel klemmen m�ssen. Aber einen solchen Spiegel gab es nicht, und deshalb verga� er auch den Widerspruch. Er sah von sich ab.</p><p>Als er zum Landgerichtsdirektor ernannt wurde, freute es ihn. Es pa�te gut in diese Phase der gesteigerten Aktivit�t. Er hatte nun mehr Verantwortung, sein Gehalt stieg, er h�tte Spr�nge machen k�nnen, wenn er es wollte. Aber Spr�nge wohin? Da� seine erstaunlich rasche Ernennung zum Landgerichtsdirektor eine berufliche Wiedergutmachung war, da� die ihm entgangenen Berufsjahre als Richter angerechnet wurden, sah er klar, und er war dankbar daf�r. W�re er als Rechtsanwalt vom Berufsverbot betroffen gewesen oder in einem anderen freien Beruf, er h�tte unz�hlige Nachweise �ber seinen Verdienst vorlegen m�ssen, und wenn die nicht beizubringen waren, eidesstattliche Erkl�rungen. Und wer wu�te noch wirklich, was er an Honoraren vor f�nfzehn Jahren eingenommen hatte? (Insofern hatte Kornitzer als Richter Gl�ck. Richter konnten sich in andere Richter hineinversetzen, so einigerma�en, glaubte er jedenfalls. Und die Gehaltsstufen und Gehaltsklassen waren allgemein bekannt und nachvollziehbar.)</p><p>Lieber w�re Kornitzer nach der Zeit im Untersuchungsausschu� in Lindau Vorsitzender einer Entsch�digungskammer am Landgericht geworden, es gab zwei davon: In seiner eigenen Vorstellung war er dazu pr�destiniert, Verfolgten zu ihrem Recht zu verhelfen. Aber ihn in einer Entsch�digungskammer einzusetzen, auch nur als Beisitzer � das hatte ihm der Landgerichtspr�sident schon in den ersten Tagen nach seiner Berufung nach Mainz gesagt � komme nicht in Frage, er sei ja Partei. Ihn hatte dieses Verdikt wie ein Keulenschlag getroffen. Weil er Jude war, weil er verfolgt worden war, weil ihm Wiedergutmachungsleistungen zustanden, war er Partei. Und diejenigen Richter, die Mitglieder der nationalsozialistischen Partei gewesen waren, waren nicht Partei, waren befugt und besser geeignet, �ber Wiedergutmachungsleistungen zu urteilen. Er wu�te ja nicht viel �ber den Werdegang seiner Kollegen am Landgericht, das war gut so oder auch nicht. Es geh�rte sich nicht, nach der Vergangenheit zu fragen. Massenhaft praktizierte Diskretion schien der Weg zu sein, Vergangenheit zu beschwichtigen und aus dem Bewu�tsein zu tilgen. Auch seine Vergangenheit war ein Tabu, niemand fragte. Jetzt war jetzt, das T�gliche dr�ngte. Und so war ihm der Mund verschlossen. Im Lichte der Vergangenheit verdunkelte sich die Gegenwart. Kornitzer stand vor einem ungeschriebenen Gesetz, er war ein tadelloser Richter und f�hlte sich verurteilt, aber er kannte seine Strafe nicht. Sie nicht zu kennen, war eine Potenzierung der Strafe. Also arbeitete er, vertiefte sich in Akten, bereitete Urteile vor und formulierte sie. Rechtsstaatlichkeit, rechtsstaatliche Normalit�t, daran war nicht zu zweifeln, darum war er Richter geworden und wollte es immer bleiben. �ber ihn wurde auch gerichtet, getuschelt, er sp�rte das. Als sich ihm dann nach seiner Ernennung die H�nde seiner Kollegen zur Gratulation entgegenstreckten, von tief unten aus dem Selbstfahrer die des Grundbuchrichters Dr. Funk, als er �ber den H�nden die zusammengekniffenen Mundwinkel sah, die scharfen Falten um die Augen bei Dr. Buch, zweifelte er wieder an der M�glichkeit der Einf�hlung. Nein, sie versetzten sich nicht in seine Lage, viele neideten ihm die rasche Ernennung, das war deutlich, blieb aber unausgesprochen. Er wollte das �bersehen in seiner Freude. Ihm fiel das Wort �aalglatt� ein, und er wollte es sofort wieder aus seinem Ged�chtnis tilgen. Polemik war nicht am Platz, er war Richter, und er war unabh�ngig.</p><p>Und er wollte, da� Claire nach Mainz k�me und die elende, sie langweilende Arbeit in der Molkerei aufg�be. Endlich ein gemeinsamer Hausstand, endlich Ruhe, das Gl�ck, nach Hause zu kommen, und da w�re seine Frau und wartete, freute sich, da� er kam, und hatte das Abendbrot vorbereitet. Dann erinnerte er sich wieder, da� es keinesfalls so gewesen war, bevor er emigrierte, Claires Berufst�tigkeit hatte sich h�ufig bis in den sp�ten Abend hineingezogen, und er als der junge Richter war viel h�ufiger zuhause, wenn Georg und die kleine Selma ins Bett gebracht und beruhigt werden mu�ten, und er erinnerte sich mit Freude an diese Situation.</p><p>Er war nun Vorsitzender der 2. Zivilkammer am Landgericht, er sa� seinem eigenen Leben vor, und das begeisterte ihn. Es pa�te zu dieser Begeisterung, da� er einen Anruf der Stabsstelle �Opfer des Faschismus�, angesiedelt beim Oberb�rgermeisteramt, bekam, ob er ein Haus haben wolle, ein neu erbautes Haus, ein Holzst�nderhaus in einer Siedlung, in der vorwiegend franz�sische Besatzungsoffiziere lebten, zuf�lligerweise ganz in der N�he der Familie Dreis im selben Stadtteil gelegen. Er sah sich den Rohbau an, die Arbeiter in ihren Leibchen oder mit ihren nackten sonnengebr�unten R�cken, wie sie sich b�ckten und streckten, er sah das Mauern Stein auf Stein auch in der Nachbarschaft, das H�mmern und Klopfen, die t�chtige Gesch�ftigkeit. Holzschindeln wurden an der Giebelseite angebracht, ein Tischler lieferte auf einem kleinen Lastwagen Fensterl�den. Hinter Klappl�den hatte er noch nie gelebt, er stellte sich eine abendlich winterliche Ruhe vor, Geborgenheit, das Haus barg ihn, und er barg die Familie, so gut es eben ging.</p><p>Ja, er wollte das Haus, er sagte sofort zu, er freute sich unendlich. Claire k�me, Georg und Selma h�tten jeweils einen Raum f�r sich und er ein Arbeitszimmer. Er hatte den Sohn und die Tochter einige Male in Suffolk besucht, es war eine klamme Situation, viel Aufwand, Gef�hlsaufwand und Kummer, eine teure Reise. Ob es gut f�r Georg und Selma war, wu�te er nicht zu sagen. Er kam jedenfalls ersch�pft von der �beranpassung zur�ck. Sich f�r die n�chsten Gerichtstermine vorzubereiten, war fast eine Wohltat, klare Strukturen, Gesetze. Zweimal in der Woche tagte die Kammer, dieser Rhythmus ging ihm in Fleisch und Blut �ber. Im Umgang mit seinen Kindern tastete er nur, er wollte nichts falsch machen und ihnen die Angst vor Deutschland nehmen. Ob ihm das gel�nge, wu�te er selbst nicht. Und ob seine Ernennung zum Landgerichtsdirektor und das Angebot f�r das Haus in einem Zusammenhang standen, erfragte er nicht, es w�re ihm unangenehm gewesen. Nur: Der Landgerichtsdirektor konnte nicht auf Dauer bei einfachen Menschen in Untermiete leben, das pa�te nicht, verletzte m�glicherweise die W�rde des Gerichts. Es war nicht �standesgem�ߓ. Mit seinem Gehaltsnachweis verhandelte er, Hypotheken, Kredite, ein wenig schwindelte ihm in der Bank, aber es gefiel ihm auch. Grund und Boden, ein G�rtchen, bis jetzt hatte er nur die Spazierg�nge am Rhein entlang gemocht, das w�rde anders, er w�rde heimisch in Mainz. Claire, mit der er jetzt der neuen Entwicklungen wegen h�ufig telephonierte, lachte am anderen Ende der Leitung, gluckste, kam nach Mainz, freudig, vorfreudig. Sie sahen sich M�bel an und Gardinen mit geometrischen Mustern, bei denen einem schwindlig werden konnte. Sie kauften einen Herd und einen Staubsauger. Claire ereiferte sich �ber Teesiebe und Milchk�nnchen, diese n�tzlichen Anschaffungen erinnerten sie an die Zeit in Berlin, kurz vor ihrer Hochzeit, an das Gl�ck, sich gefunden zu haben, und den Entschlu� zu einem gemeinsamen Leben. Jetzt sah es aus, als h�tten sie eine zweite Chance. Nein, es war wirklich eine zweite Chance, und Bettnang, Claires Zimmerchen im Dachgescho�, war nur ein �ben, eine noch zaghaft gedachte Lebensform gewesen, der endlich eine g�ltigere folgte.</p><p>Kornitzer schrieb an Georg und Selma, noch immer konnte er sich nicht entschlie�en, seinen Sohn mit George anzureden, wie der es wollte, schrieb ihnen von dem Haus, der gr��eren Freiheit, dem Komfort und lud sie ein. Das Holzschindelhaus war ein Gl�ck, ein schneckenh�usiges Gl�ck hinter zugezogenen Gardinen, und Claire war ein Gl�ck.</p><p>Er sprach mit der Familie Dreis, k�ndigte formvollendet seinen Untermietvertrag, alles war in Ordnung, man gratulierte ihm zu dem Haus, und zu dem, was die Familie �Familienzusammenf�hrung� nannte. Und Kornitzer sagte in aller Strenge und in preu�ischer N�chternheit: Nun ja, zun�chst handelt es sich ja nur darum, da� meine Frau und ich endlich wieder ein normales Ehepaar werden. Wie sich die Sache mit den Kindern in England entwickeln w�rde, wu�te er selbst nicht, war aber nicht eben hoffnungsvoll und sagte noch in den offenen Hallraum der Familie: Da� es schwierig sein werde mit seiner Tochter, habe Frau Dreis doch bemerkt. Er schaute ihr geradeaus ins Gesicht, voller Sympathie, ihr, die den wunderbar duftenden K�sekuchen gebacken hatte, den Selma dann doch nach langem Z�gern, ohne ein Kr�melchen zur�ckzulassen, aufgefuttert hatte. Er schaute die Fransen der Tischdecke an, h�rte auf das w��rige Ticken der Wanduhr, schaute Frau Dreis wieder an und wiederholte noch einmal, fast automatisch, da� es schwierig sein w�rde mit der Tochter, habe doch jeder bei dieser ersten Begegnung gemerkt. Und der Sohn? fragte der alte Herr Dreis vern�nftig. Seine Frau sch�pfte so kr�ftig aus einem Linseneintopf auf den Teller des frisch gebackenen Landgerichtsdirektors, da� es ein Vergehen gewesen w�re, �nein, danke� zu dem Angebot zu sagen. Also sagte er �gerne�, a� und bedankte sich auch f�r die Wurstringel, die in der dicken Suppe schwammen. Er war leicht zum Essen zu verf�hren. Die Familie Dreis hatte es schnell bemerkt. Und die W�rme des Essens beruhigte, sein baldiger Auszug, die Ver�nderungen in seinem und im Leben der Familie Dreis warfen schon ihren Schatten voraus. Mit dem Sohn gehe es sicher besser, sagte Kornitzer, nachdem er geschluckt hatte, Georg habe sein Deutsch nicht so verlernt wie Selma, und er sei altersgem�� Argumenten zug�nglicher. Nette Briefe schriebe er, f�gte Kornitzer noch hinzu, aber das war etwas �bertrieben, es waren Briefe mit Mitteilungen, aber ohne Emotionen. Gut, gut, sagte Herr Dreis, und damit war das Thema abgeschlossen. Es schien f�r die Dreisens auch absehbar, da� sie so bald keinen Untermieter mehr aufnehmen mu�ten. (Dem Wohnungsamt ein Schnippchen schlagen.) Vielleicht gab es Nachrichten aus dem Gefangenenlager, vom Ehemann der jungen Frau Dreis, vom Vater der kleinen Evamaria, an den sie sich wohl kaum erinnern konnte. Sie lebte in einer Art von Schockstarre einer zuk�nftigen Freude auf den Vater entgegen, von dem man ihr viel erz�hlte, einer Freude, der eine bittere Lebensentt�uschung folgen k�nnte. (Stimmte das denn? Pl�tzlich kamen Kornitzer berechtigte Zweifel. War der Vater und Ehemann vielleicht auf andere Weise abhanden gekommen, und in der Familie wurde nur noch sein Mythos gebraucht?) Und so schlingerte das Gespr�ch wie die ganze Beziehung zu den Wirtsleuten hin und her, und es war nicht klar, wie was weggeschlingert wurde. Evamaria fragte schon mit einem kl�glichen und gleichzeitig verf�hrerischen Stimmchen: Onkel Konizzaa (sie konnte immer noch kein R sprechen, und niemand im Haus war der Meinung, es n�tze ihr, es zu lernen), Onkel Konizzaa, fragte sie, du kommst mich doch besuchen, wenn du nicht mehr bei uns wohnst? Sie zog so eine Schnute, da� Kornitzer gar keine Wahl hatte als ihr zu versprechen: Nat�rlich k�me er hier und da auf einen Sprung vorbei. (Er war ein Zeuge ihrer leidenschaftlichen Treppengel�nderritte, die zum Gl�ck ohne St�rze ausgegangen waren, und war ein wichtiger Mensch in ihrem Leben geworden.)</p><p>Und er bemerkte aus den Augenwinkeln die junge Frau Dreis, wie sie sich dehnte und sehnte nach irgendetwas, das ihn, den Untermieter, erreichte, aber nicht wirklich meinte, wie sie sich schl�ngelte, Zeit verlor und vertr�delte zwischen der gemeinsam genutzten Waschk�che, in der immer etwas auf einer einsamen Leine hing, was gerade abgenommen werden mu�te, wenn er sich dort aufhielt (oh, Entschuldigung!), und dem Empfinden, etwas m�sse geschehen, hier in diesem kleinen Haus. Sich zu informieren und von ungl�ckseligen Sentimentalit�ten Abstand zu nehmen, war kein Schaden. Und er, der Gast, der Untermieter, der frisch gebackene Landgerichtsdirektor, der in dem kleinen Backsteinhaus wohnte, brauche etwas, das keinen Namen hatte und vielleicht niemals einen Namen h�tte, aber Kornitzer verstand sehr gut, da� in der Phase des Abschieds die junge Frau ihre Augen nicht mehr gesenkt hielt, sondern Ausschau hielt, lauerte, sich bereithielt. Ihre makellose Schlankheit, ihre helle Haut waren nicht nur ein Sehnen, sie waren eine Realit�t. Und gel�nge ihr, wonach sie sich sehnte, w�re der Gast nicht mehr Gast, sondern eingebunden, an das Haus der Familie gefesselt, der jungen Frau Dreis ergeben. Sie hielt ihre Augen unter den hohen Augenbrauen nicht mehr gesenkt, manchmal machte sie ihrem Namen Ehre und schaute ziemlich dreist.</p><p>Auch schienen Kornitzer jetzt ihre Augenbrauen nicht mehr so arrogant, sondern eher fein gezeichnet, sensibel fast. Ihr Vorname Barbara war ihm beil�ufig auf einem Treppenabsatz aufgen�tigt worden, und er h�tte ihn am liebsten gleich wieder vergessen, h�tte es im Familienraum nicht pl�tzlich inflation�r nach ihm geschallt. Irgendwie hatte er, vielleicht schon im Reden des alten Herrn Dreis und im Schweigen der alten Frau Dreis (doch, ihr K�sekuchen war eine gro�e Befriedung seiner schwierigen Situation gewesen, f�r die er ihr �berschwenglich gedankt hatte) bemerkt, wie d�rftig, bed�rftig, wie zerbrechlich seine �Familienzusammenf�hrung� gewirkt hatte. Aber er hatte auch rasch begriffen, da� es nur eines Blicks (seines gesunden Menschenverstandes?) bedurfte, um aus den ungef�hren Wahrnehmungen zu einer �sthetischen und ethischen Gewi�heit zu gelangen. Um es kurz zu sagen: Nachdem Mrs. Hales und Claire und Selma zu Gast im Haus gewesen waren, hatte er das untr�gliche Empfinden, Barbara Dreis stelle ihm nach. Das war nicht beweisbar, auch nicht strafbar, eher menschlich verst�ndlich. Allzu h�ufig sah er zusammengenestelte Morgenr�cke, Haar, das frisch gewaschen, lasziv am Ofen getrocknet wurde, er sah nackte F��e, Beine mit feinen blauen �derchen in der Kniekehle, die hochgelegt worden waren auf eine Stuhllehne. Er sah Blicke aus dem Augenwinkel, die ihn trafen, und Blicke geradeaus, die ihn verschlangen und auch trafen. Er hatte auch gesehen, wie Benno Dreis, das nerv�se B�rschchen, das Kornitzer eigentlich unheimlich war, seine Schw�gerin auf einem Treppensatz um die H�fte nahm, als sei dies das Selbstverst�ndlichste der Welt. Und er hatte auch gesehen, wie die alte Frau Dreis und die junge Frau Dreis am Sonntagmorgen beim Glockenl�uten aus dem Haus zur Kirche gingen, zwischen ihnen Evamaria in einem frisch gest�rkten Kleidchen, die alte Frau Dreis trug einen w�rdigen Topfhut, die junge Frau Dreis ging hoch erhobenen Hauptes und strich sich mit der Hand, die einen H�kelhandschuh trug, �ber ihr frisch gewaschenes, fliegendes Haar. Und er erinnerte sich an den schnellen, hochm�tigen Blick, den er aufgefangen hatte, als die junge Frau Dreis die rosige, freundliche Mrs. Hales, Claire mit ihrem sorgengepeinigten Gesicht und die ungelenke Selma in der Kaffeerunde im Wohnzimmer begr��t hatte. Claires geschwollene Beine unter dem Tisch hatte sie vermutlich nicht gesehen. Der Blick, der ihn streifte, war nicht hochm�tig, sondern eher ein wenig mitleidig wie: Na, mit so viel Problemen geben Sie sich ab. Zwei alte Schachteln und dieses M�dchen. Sie, Barbara Dreis, die hinter ihrer glatten Stirn nicht sehen lie�, was sie dachte (ja, was, dachte sie �berhaupt, und was hatte sie ein paar Jahre fr�her gedacht, als die SA durch Mombach marschierte?), zeigte �berdeutlich, was sie f�hlte: Hier bin ich, selbstbewu�t, durch die Umst�nde allein, und da sind Sie, Herr Doktor Kornitzer, aus dem Leben gefallen und bei uns gestrandet. Und Evamaria mag Sie auch. Es ist eine ganz einfache Sache, eine Milchm�dchenrechnung. Berechnung und Leidenschaft. Es war nur nicht ganz klar, wie aus dem Sehnen, aus ihrer Gef�hlslogik eine Wirklichkeit werden k�nnte. Sie wartete, da� er handelte. Sie konnte sich nicht vorstellen, da� sie ihm nicht gefiel. Das war eine kr�nkende Phantasielosigkeit. Es war Zeit, da� er auszog. Eine strahlende Claire werkelt dann im neuen Haus, nichts ist ihr zu viel. Sie ist fr�her in Berlin keine begnadete Hausfrau gewesen, eigentlich gar keine, nun fummelt sie mit B�rsten und Schabern, um die Farbspritzer, die die Handwerker auf den Fenstern und B�den gelassen haben, zu tilgen. Sie kauft ein Rezeptbuch und einen Sahnequirl. Die Arbeit in der Molkerei am Bodensee, wo Milch und Honig flie�en, hat eine Spur gelassen. Als die Kinder sich f�r die Ferien ank�ndigen, ist es ein Aufatmen und eine Anspannung zugleich. Claire �berlegt sich, was ihnen gefallen k�nnte, r�ckt die M�bel in den R�umen mit den schr�gen W�nden hin und her, kauft einen Globus f�r George (ja, sie arrangiert sich dem�tig mit seinem englischen Namen), kauft eine Druckgraphik mit Pferden von Franz Marc f�r Selma, l��t von einem Dekorateur die Gardinen aufh�ngen. Alles ist Erwartung, alles ist Sorge, da� es den fast erwachsenen englischen Kindern bei ihren deutschen Eltern nicht gefiele, da� sie Angst h�tten vor Deutschland und seinen Bewohnern.</p><p>Der Sommeraufenthalt der Kinder steht unter einem Erfolgsdruck. Selma schrieb in einem Ank�ndigungsbrief Deutschland f�lschlich �Deichland�, und es war nicht klar, ob diese Adressierung ein H�rfehler oder ein unbewu�tes Bollwerk gegen ihre Angst vor dem Gewesenen in Deutschland war oder ob sie, die mit einem neuen deutschen Pa� in England bleiben wollte, w�hrend ihr Bruder schon englischer Staatsb�rger war, einen symbolischen Deich bauen wollte gegen das Deutschland, das sie herausgeeitert hatte. Ein Deich war wohl auch ihre Angst, ein Deich war auch ihre Skepsis. Also mu�te jetzt alles eine ruhigere Gangart haben, es stand weder f�r George noch f�r Selma zur Debatte, auf Dauer unter dem Dach ihrer Eltern zu leben.</p><p>Und dann holen Claire und Richard Kornitzer die beiden am Bahnhof ab. George mit einem wei�en Hemd und einem Rautenpullover dar�ber sieht gut aus, sein braunes Haar etwas wirbelig zerstrubbelt �ber der Stirn. Er ist nicht so gro� wie Claire ihn sich nach den letzten Photos als ihren gro�en Sohn vorgestellt hat, er tr�gt sein Gep�ck und dazu einen Koffer von Selma, Selma schleppt zus�tzlich einen Rucksack. Selmas Gesicht ist schm�ler geworden, vielleicht liegt es nur daran, da� sie sich zum Pferdeschwanz einen Pony hat schneiden lassen. Claire winkt schon von weitem, und dann rennt Kornitzer auf dem Bahnsteig nach vorn, umarmt � ja er kann nicht anders � George, der sich das gefallen l��t, und dann z�gert Kornitzer, Selma zu umarmen, unterl��t es und nimmt ihre Hand, ihre von der langen Reise verschwitzte Hand zwischen seine H�nde und will sie nicht loslassen.</p><p>Das Haus mit dem Holzschindelgiebel ist eine H�lle, es tut auch dem gro�en Jungen und dem M�dchen gut. Beide bef�hlen die Vorh�nge, die Stuhlkissen, sehen aus den Dachfenstern auf die propere Siedlung. Da� sie franz�sische Nachbarn haben, mit denen sie nur auf Deutsch sprechen k�nnen, beeindruckt sie. Also ist das Deutschlernen doch zu etwas n�tze, es ist eine Vermeidung des Umgangs mit Deutschen. Es �ffnet ihnen ein Fenster. Immer noch glucken die Kinder eng beieinander, besuchen sich so h�ufig in den Nachbarzimmern, als w�re ihnen ein gemeinsames Zimmer lieber, aber daf�r sind sie entschieden zu gro�. Selma hatte ihren Bruder so sehr gebraucht, und er hatte sich daran gew�hnt � mit einer gewissen Gelassenheit, als k�nne es gar nicht anders sein. Was er braucht, ist nicht sichtbar, nicht auf den ersten Blick, nicht auf den zweiten Blick. Vielleicht braucht er das Gebrauchtwerden.</p><p>George und Selma schauen sich das Klopfen und H�mmern in der Stadt an, an allen Ecken und Enden wird jetzt gebaut, zuerst waren es nur Buden und Kuben, die auf die Tr�mmergrundst�cke gesetzt worden sind, dann wurde ein erster, ein zweiter Stock darauf gesetzt, schlie�lich wurde ein Erker darangeklebt und eine Madonna, die gerettet worden war, wieder in eine Nische gestellt. Es herrscht eine Sehnsucht nach dem Original, alles soll so werden, wie es war, aber besser, sch�ner, also ganz und gar nicht wie es war. Kornitzer, der sich Bilder angesehen hat vom alten Mainz vor der Zerst�rung, kann die Sehnsucht nachvollziehen. Die Baustellen in der Stadt sind Hoffnungstr�ger, es geht weiter, es geht aufw�rts, es lohnt sich zu leben. (Die Steine sagen es.)</p><p>Claire tischt gro�e Mahlzeiten auf, den Kindern schmeckt das dunkle Roggenbrot, die Forelle M�llerin, sie m�gen die ger�ucherten W�rste, und manchmal �ffnet Kornitzer eine Flasche Riesling aus Rheinhessen, und alle werden schwatzhaft und reden in einem Sprachenmischmasch. Doch manchmal verstummt Selma auch pl�tzlich. Deichland hat ihr die Sprache verschlagen. Einmal versucht sich Claire an einem K�sekuchen, wie Frau Dreis ihn gebacken hat. Aber er mi�lingt gr�ndlich. In einem Kraterrand aus Teig ist die ganze K�semasse eingest�rzt und zusammengematscht. Es ist ein k�chentechnischer Deichbruch. Aber Selma i�t ihn trotzdem mit gutem Appetit. Erinnerst du dich an den K�sekuchen bei deinem ersten Besuch in Mainz? fragt Claire, um die Scharte ein bi�chen auszuwetzen. Nein, Selma erinnert sich nicht. Ihre Aufmerksamkeit war wohl bei ihrem eigenen Gef�hl des Widerstrebens geblieben. Und damit hat es sein Bewenden.</p><p>Richard und Claire tun alles M�gliche, damit George und Selma sich wohlf�hlen bei ihnen. (Verw�hnen sie sie aus Kummer, aus schlechtem Gewissen? Aus nachgetragener, nachgeholter Liebe?) Ob die beiden sich wohlf�hlen, steht in den Sternen. Die Familie macht Ausfl�ge in die weinseligen D�rfer und St�dtchen, sie kraxelt auf Burgen, sie wandert auf Weinbergspfaden, bei gro�er Hitze macht sie sich auf den Weg von der Bahnstation Oppenheim im Tal zur Katharinenkirche. Kornitzer hat in einem Reisef�hrer von dem Beinhaus gelesen. Von 1400 bis 1750, also dreihundertf�nfzig Jahre, haben die Oppenheimer die Gebeine ihrer Toten hierhin, in die Michaelskapelle, umgebettet. Es m�ssen um die 20.000 Menschen gewesen sein, hat Kornitzer sich gemerkt. Nach einer Ruhezeit in einem Grab auf dem engen Friedhof am Hang wurden die Gebeine der Toten wieder ausgegraben, um Platz f�r neue Verstorbene zu schaffen. Nur zehn Jahre durften die Toten in der geweihten Erde ruhen, dann war Schlu�, und sie zogen ins Beinhaus um. War die Erde au�erhalb des Friedhofs, auf der seit Jahrhunderten Wein wuchs und prachtvoll gedieh, ein sehr ber�hmter Wein, war die Erde zu kostbar, sie dem Friedhof zuzuschlagen, wenigstens nur in einem schmalen Streifen, nat�rlich nicht den ganzen sonnigen Hang hinunter? Solche Gedanken zwischen oder besser: au�erhalb der Religionen will sich Kornitzer nicht machen, aber sie kommen von selbst. Er erz�hlt den Kindern von der alten j�dischen Geschichte des St�dtchens, von Speyer und von Worms, er wei� ja selbst nichts Wirkliches dar�ber, er mu� es nachschlagen, nachlesen, nachbeten; und er ist nicht sonderlich gut in diesen Nachhilfeleistungen. Von Breslau, von Berlin aus war die j�disch-rheinische Geschichte Jahrmillionen weit weg, ja, so drastisch mu�te man es ausdr�cken. Es gab keinen verbindenden Gedanken au�er dem, da� bl�hende Gemeinden gewaltsam zerst�rt worden und da� einige ihrer Mitglieder zu Rang und Namen gekommen waren. Kornitzer spricht, ja er doziert �ber die j�dischen Namen Oppenheim oder auch Oppenheimer. Aber die Kinder, die gro�en Kinder, schauen ihn unbeeindruckt an, sie haben diese Namen nie geh�rt, und sie scheinen sie auch nicht sonderlich zu interessieren. Die Sommerhitze, das klamme Steigen den Berg hoch interessiert sie, ein Gasthaus k�nnte sie interessieren. Er erz�hlt vieles, was er auch nur so ungef�hr wei�, er haspelt dar�ber hinweg. Es ist ja nur ein Familienausflug, und die Kinder sollen �etwas� mit nach England nehmen, etwas von der gewaltsamen Sch�nheit der Landschaft, etwas vom Mythos des Rheins, den Kornitzer auch erst in seinem nicht mehr jungen Alter entdeckt.</p><p>Und wirklich: Sie finden die Kapelle, und sie ist sogar ge�ffnet. Bleiche Totenruhe, Sch�delmuster in einer soliden Ordnung, die ornamentale Anordnung der langen Knochen der Extremit�ten und der Sch�del der Toten. Aus den dunklen Augenh�hlen starren sie. Jeder Knochen hat seinen Platz, als w�re �ber die Jahrhunderte keiner verlorengegangen. Kornitzer hat eine solche Sch�delst�tte noch nie gesehen und ist beeindruckt. Dann blickt er zu Selma hin�ber, die zu zittern begonnen hat, wie bei ihrem ersten Besuch in Mainz. Was hast du denn, Selma? Sie bei�t die Lippen aufeinander, dann bricht es sto�weise aus ihr heraus: Zuerst m�rdern sie Leute, und dann stellen sie die Knochen aus. So sind die Deutschen. Es hei�t nicht m�rdern, es hei�t morden, verbessert sie Claire. Aber Kornitzer legt seiner Frau eine Hand auf den Arm: Jetzt nicht. Er wendet sich wieder Selma zu: Es sind ganz normale Tote aus dem St�dtchen. Sie sind nicht gemordet worden, sie sind eines nat�rlichen Todes gestorben. Aber Selma will nicht zuh�ren. Es sind Juden, es sind Juden, ruft sie gepre�t. Man hat sie gem�rdert und ist stolz darauf. Es braucht viel Zeit, um Selma wieder zu beruhigen und von ihrer fixen Idee abzubringen. Die K�hle der riesigen sp�tgotischen Kirche umf�ngt sie, sie tauchen in ein Orgelkonzert, mit dem sie nicht gerechnet hatten. W�hrend die Musik perlt und str�mt, beginnt Claire pl�tzlich zu weinen, die Anspannung ist so gro�, sie hat das Muttersein fast verlernt, und dieser junge Mann und das gro�e M�dchen brauchen auch keine Mutter mehr. Vorbei.</p><p>Und dann sind auch die Sommerferien vorbei, die Koffer werden gepackt, George hat zugenommen, er zeigt sein ausgeleiertes G�rtelschlaufenloch vor und macht ein komisches Gesicht, halb vorwurfsvoll, halb stolz. Und Selma hat sicher auch zugenommen, aber sie will es nicht wahrhaben, und ihre Eltern auch nicht. Selma und George nehmen Geschenke mit, deutsche B�cher, Schallplatten und einen Pullover f�r den Herbst. Kornitzer bringt die Kinder zum Bahnhof. Als er sich nach dem Winken abwendet und zur�ckgeht, sieht er zwischen der Gesch�ftigkeit der Reisenden in der zugigen, rauchigen Luft einen zusammengekauerten, kleinen und offenbar kranken Mann in einem f�r die Jahreszeit zu warmen Tweedmantel sitzen. Er hat ein spitzes Gesicht und dicke Brillengl�ser wie der Boden eines Cognacglases. Er kr�ht etwas, das Kornitzer nur so ungef�hr versteht. Etwas wie: So helfen Sie doch. Aber niemand hilft ihm, und es ist auch unklar, wie man ihm grunds�tzlich h�tte helfen k�nnen. Dann kommen Tr�ger mit einer Bahre auf den Bahnsteig. Als Kornitzer die Treppe zur Unterf�hrung der Gleise betritt, h�rt er jemanden sagen: Das war D�blin, der Vizepr�sident unserer Akademie. Und es klang nicht sonderlich respektvoll.</p><p>In diesem Sommer las er alles, was er �ber den Fall Philipp Auerbach in die H�nde bekam. Und es verst�rte seine Zeit, die doch zur Ruhe kommen wollte. Er h�tte Auerbach kennenlernen k�nnen, er h�tte einfach als Stellvertretender Vorsitzender des Kreisuntersuchungsausschusses f�r politische S�uberungen im Landkreis Lindau Kontakt aufnehmen sollen mit dem Mann, bei dem die F�den der Wiedergutmachung in Bayern zusammenliefen, der die Vorstellung hatte, das unrechtm��ig erworbene Gut aus j�dischem Besitz m�sse denen zugute kommen, die den Schrecken und die Erniedrigung �berlebt hatten. �Staatskommissar f�r rassisch, religi�s und politisch Verfolgte�, das war sein Titel, ein einsch�chternd m�chtiger Titel, dabei war Auerbach nicht einmal verbeamtet zwischen lauter Leuten, die ihr Sitzfleisch und ihre Ausdauer als Beamte schon l�nger als tausend Jahre bewiesen hatten, und an dieser Beamtenschaft war kein Makel, sie funktionierte jedenfalls. Auerbach hinwiederum hatte das Organisieren im Konzentrationslager gelernt, das Funktionieren im Polizeigef�ngnis, das begierige und instinktive Handeln unter au�ergew�hnlichen Bedingungen, denen der Angst, der Erniedrigung. Die Regeln, nach denen eine Beh�rde gef�hrt wird, hatte er nicht gelernt.</p><p>Und w�hrend Kornitzer �ber Auerbach nachsann und �ber sein Vers�umnis, ihm einfach die eigene Arbeitskraft anzubieten, wurde er traurig. Statt nach M�nchen zu fahren und zu helfen, hatte er die Apfelb�ume betrachtet, die goldgefa�ten Heiligen in der Pfarrkirche von Bettnang, er hatte sich ein wenig von den Strapazen der Emigration erholt, w�hrend Auerbach nicht daran gedacht hatte, sich von den Strapazen des Konzentrationslagers zu erholen. Chaos herrschte in seiner Beh�rde in M�nchen mit den neunzehn Abteilungen, die sich von der Besorgung von M�beln und Kleidung f�r <emphasis>Displaced Persons</emphasis>, die nur schmallippig DPs genannt wurden, der Sonderverteilung von Fahrr�dern, Radios, Porzellan, der Vorbereitung der Ausreise der DPs aus Deutschland (je rascher, um so besser, war die landl�ufige Meinung), der beruflichen Wiedereingliederung von Menschen, die dem Konzentrationslager entkommen waren, bis hin zu Fragen der Entnazifizierung k�mmerte. Auerbach war ein Generalist und ein unerm�dlicher Arbeiter, despotisch und sanft und hilfsbereit zugleich. Stand er in einer Gruppe von Menschen, �berragte er alle. Er hatte das Kaufm�nnische bei seinem Vater im Chemikaliengro�handel in Hamburg gelernt, er hatte eine Fachhochschule f�r Drogisten besucht und sich sp�ter als Chemiker fortgebildet. Gleich 1933 war er nach Belgien emigriert, von der einen Hafenstadt zur anderen, Antwerpen zog ihn an. In der N�he von Antwerpen gr�ndete er eine Import-Export-Firma f�r chemische Produkte, die zeitweise �ber zweitausend Besch�ftigte hatte. Wie hatte er das geschafft? Das wu�te nur er selbst. Als die Deutschen Belgien �berfielen, war Auerbach von der belgischen Polizei verhaftet worden, er war nach Frankreich abgeschoben und in Saint Cyprien interniert worden. Durch mehrere Lager schleppten ihn die Franzosen bis nach Gurs. Im November 1942 wurde Philipp Auerbach an die Gestapo ausgeliefert, das war das Schlimmste, was einem deutschen H�ftling in Frankreich passieren konnte. Er hatte die Verzweiflung gesehen, aber noch nicht die H�lle. Sobald es m�glich war, war er nach seinem KZ-Aufenthalt der Sozialdemokratischen Partei beigetreten.</p><p>Kornitzer h�tte gleich nach seiner R�ckkehr aus der Emigration nach M�nchen fahren und Auerbach seine Arbeitskraft anbieten sollen. Aber er hatte auf dem Berg �ber dem See gesessen und gewartet, was mit ihm gesch�he, mit seinem Beruf, seinem zerst�ckelten Leben. Er h�tte. Er h�tte. Er war nun in Rheinland-Pfalz, und Philipp Auerbach war in Bayern, und seine hohe und komplizierte Mehrfach-Funktion war von Anfang an prek�r und auch als eine solche prek�re konstruiert worden. Kornitzer mit seiner guten juristischen Vorbildung, seinen vorzeigbaren Zeugnissen und seiner Geschichte war besser gesichert, auch weniger schillernd, vielleicht h�tte er dem Mann in M�nchen 1949 einfach eine br�derliche Hand reichen sollen. Aber seine H�nde waren ihm schwer geworden, z�gerlich, seine H�nde bl�tterten durch Akten. Ja, er h�tte von Lindau aus sofort, als er den Namen Philipp Auerbach gelesen und seine Funktion begriffen hatte, einen Brief schreiben sollen, einen nahen, aber auch distanzierten Brief. Er hatte ja keine W�nsche und Forderungen, die die bayerische Landesregierung ihm erf�llen sollte. Bayern war damals noch amerikanische Zone, und er war in Lindau zuf�lligerweise bei den Franzosen gelandet, die anders entschieden und nicht diese gewaltige Masse von DPs zu versorgen hatten, die, aus den Lagern kommend, nach S�den gestr�mt waren, vielleicht von der Idee der amerikanischen Retter angezogen.</p><p><emphasis>Dem Recht wohnt beides inne: das Erinnern und das Vergessen</emphasis>. Kornitzer hatte diese Zeit ja nicht erlebt, das kam ihm jetzt wie ein Makel, ein str�fliches Unwissen vor. Er hatte sich in Lindau als arbeitssuchender Jurist gemeldet und nicht recht begriffen, warum es so lange dauerte, bis man ihn und seine Qualifikation brauchte. Dann hatte man ihn gebraucht, man konnte sich nicht �berm��ig mit Ruhm bekleckern, nicht einmal das eigene Gerechtigkeitsgef�hl war gestillt in der Arbeit der Spruchkammern. Er hatte die Vorstellung gehabt, vieles, was ihn kr�nkte, sei auf eine bestimmte s�ddeutsche Art, die er als Preu�e nicht ganz nachvollziehen konnte, einfach vergessen oder verschlampt worden, dazu konnte man schwerlich etwas sagen. Am kl�gsten war es, so schien es ihm damals, einfach abzuwarten. Und warum er dann aus Lindau den Ruf nach Mainz bekam, wo er keine Menschenseele kannte, war ihm selbst sonderbar vorgekommen. Aber sonderbar und wunderbar waren keine �berm��ig verschiedenen Begriffe. Er mu�te sich selbst, nachdenkend, vordenkend, nicht wirklich entscheiden.</p><p>Er hatte gelesen, da� Philipp Auerbachs Dienststelle in M�nchen t�glich von sechzig bis hundert Besuchern belagert worden war. Er hatte gelesen, da� Auerbach den Landtag, die M�nchner Stadtverwaltung mit Petitionen und Beschwerden �bersch�ttete. Auerbach schrieb rasch, energisch und gut (wo hatte er das gelernt? nicht im Konzentrationslager), er schrieb nicht wie ein Verwaltungsmensch, nicht wie ein Staatssekret�r, er schrieb pers�nlich. <emphasis>Es erf�llt nicht nur mich, sondern alle Kreise aus dem In- und Ausland, die den Glauben an eine gerechte Wiedergutmachung gehabt haben, mit tiefem Schmerz und noch gr��erer Sorge, da� man den kleinen Waggon �Opfer des Nationalsozialismus� auf das f�nfte Nebengleis eines an sich schon schwer zug�nglichen Verschiebebahnhofs gestellt hat</emphasis>. Er konnte Anregungen aus dem Hut zaubern, eine Moralkeule schwingen, Druck auf die Verantwortlichen in den deutschen Verwaltungen, auf die Milit�rregierung und auf die Interessenorganisationen der Verfolgten aus�ben, das gefiel nicht jedem, und je l�nger er Druck machte, gefiel es niemandem. Er erhielt Drohbriefe und antisemitische Schm�hungen und lie� sie abheften.</p><p>An einem bitterkalten Januartag 1951 hatte die bayerische Polizei handstreichartig das Geb�ude des Landesentsch�digungsamtes in der Arcisstra�e besetzt, Akten beschlagnahmt, um sie auf F�lschungen oder Betr�gereien zu untersuchen. Am 10. M�rz 1951 war Auerbach, als er von einer Konferenz in Bonn zur�ckkam, auf der Autobahn nach M�nchen verhaftet worden; es war ein dramatischer Akt. Einen Schwerverbrecher verhaftete man so. Gegen Auerbach wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, die Ermittlung des Oberstaatsanwalts ergab aber, da� <emphasis>f�r Untreue im Sinne einer Unterschlagung von Staatsgeldern</emphasis> kein Anhaltspunkt bestehe. Trotzdem blieb er in Haft, und kein Mensch fragte warum. Die j�dischen Gemeinden in der Bundesrepublik hatten sich schon von ihm distanziert, aus Angst, da� sein Verbleiben im Amt dem Ansehen der Verfolgten schaden k�nnte. Als w�re er gef�hrlich. Als w�re der, der versuchte, den Entrechteten zu ihrem Recht zu verhelfen, einer, der die Rechtsnormen verletzte. Kornitzer sah ein Bild von Auerbach in einer Zeitschrift, da sa� er an seinem Schreibtisch, ein raumgreifender Mann in einem zweireihigen Anzug, aus der Brusttasche ragte eine Reihe von Stiften, ein raumgreifender Schreibtisch, <emphasis>vor ihm Teile aus Hitlers Nachla�</emphasis>, hie� die Bildunterschrift. Bild und Unterschrift suggerierten: Auerbach w�hle unberechtigterweise in der Vergangenheit, ein Jude habe sich Hitlers Nachla� gesichert, habe sich selbst zum Erben gemacht und: Kaum da� das Erbe Hitlers, G�rings und Goebbels� in den N�rnberger Prozessen und mit der neuen Staatsgr�ndung gerichtet worden war, griffe ein Jude nach der Macht. Es war ein obsz�nes, ekelhaftes Bild, und Kornitzer fragte sich, ob man dagegen presserechtlich vorgehen k�nnte. Und er fragte sich auch, warum Auerbach sich so hatte photographieren lassen. Aus Geltungssucht? Aus Naivit�t?</p><p>Ein paar energische Telephonanrufe zwischen Mainz und M�nchen ergaben: Der Staat Bayern ist der Erbe Hitlers, er besitzt auch die Urheberrechte an �Mein Kampf�. Das war erstaunlich, hatte aber reale Gr�nde. Ein ermittelnder Richter an einem Zivilgericht war ein freier Mensch, er war unabh�ngig und konnte in jene Richtungen ermitteln, die ihm notwendig und wichtig erschienen. Nur konnte er kein Verfahren an ein Gericht ziehen, an dem es wegen des Erscheinungsortes der Publikation nicht anh�ngig sein konnte. Der Richterstand machte Kornitzer frei, aber die Ermittlung, die er einleiten wollte, f�hrte zu nichts. Ihm waren die H�nde gebunden.</p><p>Kornitzer las nicht nur alles, was er in die H�nde bekommen konnte. (Ja, er fra� es, stopfte es hinein, und es tat ihm nicht gut.) �Der Spiegel� hatte am 14. Februar 1951 einen sensationsheischenden Artikel �ber Auerbach gebracht, der kaum ein Klischee auslie�: <emphasis>Schwarzer Dienst-BMW � Tageslauf des Betriebsamen � Hunderte von Besuchern � Postdiktat, Unterschriften und Anweisungen, die �ber seine Tisch-Mikrophonanlage gingen � wie C�sar gleich vier Schreibern Arbeit gab � massig im Oberhemd mit Brasil hinter seinem Tisch � C�sar der Wiedergutmachung</emphasis>. Der Mann war ein rotes Tuch. Zwischen�berschriften wie: <emphasis>F�lschung und Gegenleistung � Kredit auf KZ-Lager � Ich bin der Pr�sident � Geld genommen � Wiedergutmachungsgesch�ft</emphasis> deuteten unmi�verst�ndlich darauf hin, hier wurde vorverurteilt, und alles lief darauf hinaus, der Jude war geldgierig, er betrog die Deutschen, er t�uschte Mangel vor. (Auch Auerbach war Deutscher.) Es gab Kriegsgewinnler, und so mu�te es nach aller verdrehten Logik auch Wiedergutmachungsgewinnler geben, solche, die Blut saugten aus der Niederlage der Nationalsozialisten, so stellte man sich das vor.</p><p>Kornitzer knallte die Zeitschrift zuhause auf den E�tisch, zwang Claire f�rmlich zu lesen. Er hatte sich ein feines Arbeitszimmer im oberen Stockwerk des neuen Hauses eingerichtet, mit Blick auf das Rasenviereck, aber es stellte sich bald heraus, da� er doch am Abend lieber bei Claire im Erdgescho� blieb, in ihrer N�he. Vielleicht weil er sich im Dachzimmer in Bettnang an das enge Zusammensitzen gew�hnt hatte, vielleicht auch aus Neigung, Zutraulichkeit, Liebe. Verstehst du das? Verstehst du, warum man diesen Mann so hetzt? fragte er Claire. Claire verstand es und sagte es auch: Es ist der blanke Antisemitismus. Kornitzer hatte es auch verstanden, aber er wollte es lieber aus dem Mund seiner Frau h�ren. Mit Claire abends zusammenzusitzen, war ein Schutz gegen sein ramponiertes Weltbild, eine R�ckversicherung. Er glaubte, sie zu verstehen, und er glaubte, sie verst�nde ihn. Verstehst du das? Verstehst du das? Manchmal schwiegen sie einfach oder h�rten Musik. Ja, sie verstanden sich gut.</p><p>Eine Haftbeschwerde der Rechtsanw�lte Auerbachs lehnte das Gericht am 16. Januar 1952 ab. Die Strafsache an der 1. Strafkammer des Landgerichts M�nchen hie�: <emphasis>Amtsunterschlagung u. a</emphasis>. Der aufsehenerregende Proze� begann am 16. April 1952, dem zweitletzten Tag von Pessach, es war wie eine Provokation f�r einen j�dischen Angeklagten und seinen j�dischen Verteidiger. Prompt hatte die Verteidigung vor Beginn der Hauptverhandlung eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht wegen Verletzung der Religionsfreiheit eingelegt. Der Vorsitzende Richter wartete aber nicht das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ab, sondern vertagte die Hauptverhandlung auf den 18. April. Der Richter, der au�erplanm��ig den Vorsitz �bernommen hatte, war ein ehemaliger Oberkriegsgerichtsrat, der Vorsitzende Richter, die Staatsanw�lte, ein weiterer Beisitzer und der psychiatrische Gutachter waren Mitglieder der NSDAP gewesen; befangen f�hlte sich niemand von ihnen gegen�ber dem �berlebenden von Auschwitz. Der psychiatrische Gutachter nannte Auerbach einen <emphasis>pseudologischen Psychopathen und Phantasten in chronologisch gehobener Stimmungslage</emphasis> (meinte er <emphasis>chronisch</emphasis>, und warum unterlief einem Psychiater dieser bemerkenswerte Lapsus, an welche Zeit, an welche Zeitabl�ufe f�hlte er sich gekettet?), er nannte Auerbach weiter: <emphasis>in der Pubert�t steckengeblieben, impulsiv, wehleidig, hysterisch</emphasis>. Es war schon eher eine Beschimpfung als eine Diagnose. F�r <emphasis>vermindert zurechnungsf�hig</emphasis> hielt er ihn allerdings nicht. Von allen Anklagepunkten blieb letztlich nur �brig, da� Auerbach zu Unrecht einen Doktortitel getragen hatte und die Mittel f�r die Entsch�digungszahlungen am Rande der Legalit�t auf unorthodoxe Weise besorgt hatte.</p><p>Am 26. Verhandlungstag, am 3. Juni 1952, wurde der Haftbefehl gegen Auerbach aufgehoben. Nach 55 Verhandlungstagen wurde die Beweisaufnahme geschlossen. Kornitzer kaufte sich die �Frankfurter Hefte� und las darin ein <emphasis>Pl�doyer eines Christen f�r einen j�dischen Angeklagten</emphasis>. Das h�rte sich gut an. Auch die Vorstellung des christlichen Verfassers, da� <emphasis>dieser Proze� gegen einen Juden (�) aufs engste mit der Geschichte unseres Volkes zusammenh�ngt</emphasis>, war richtig. Doch dann machte der Aufsatz eine Volte, und der Autor bat das Gericht: <emphasis>Entlassen Sie ihn</emphasis> (Auerbach) <emphasis>mit einer Botschaft an den Pr�sidenten des Staates Israel mit der Bitte, dieser m�ge �ber Schuld oder Unschuld des Angeklagten befinden, nachdem das deutsche Volk im Augenblick noch das Recht dazu verwirkt hat</emphasis>. Kornitzer las das und sch�umte vor Zorn. Da wollte jemand gro�herzig und reum�tig einen deutschen Staatsb�rger nach Israel schicken. Ein Mann sollte, weil die Deutschen so unf�hig waren, ihm gerecht zu werden, h�flich des Landes verwiesen (hinauskomplimentiert) werden. Wann w�rde man ihm, Kornitzer, h�flich nahelegen, sein Platz w�re doch eher in Israel? Den Antisemitismus, den das M�nchener Landgericht nicht in seinen eigenen Kammern b�ndigen konnte, sollte Israel heilen. Ein Staatspr�sident als Pseudo-Richter. War es nicht an der Zeit, in Deutschland reinen Tisch zu machen? Hatte der Autor nicht das Grundgesetz gelesen? Ihm str�ubten sich die Haare, und sein juristischer Fachverstand rebellierte. Und w�hrend Kornitzer dieses gutgemeinte Pl�doyer in der ehrenwerten Zeitschrift immer wieder las, sp�rte er einen scharfen Schmerz im Oberk�rper, der bis in den Arm ausstrahlte. Jetzt sterbe ich, dachte Kornitzer, jetzt �ber diese Zeitschrift gebeugt, mit knapp f�nfzig Jahren. Ich erleide einen Herzinfarkt, er beobachtete sich selbst, und er wunderte sich nicht. Dann verging ein wenig Zeit, er sa� immer noch auf seinem Schreibtischstuhl und war offenkundig nicht gestorben. So rasch wie der Schmerz gekommen war, verschwand er wieder. H�tte man ihn einen Tag vorher gefragt, was er �ber das Sterben mit knapp f�nfzig d�chte, er w�re in Panik geraten. Jetzt, im nachhinein, kam ihm der Anfall fast vern�nftig vor, eine logische Folge seiner Erregung. Claire, das beschlo� Kornitzer, wollte er nichts von dieser Attacke sagen. Sie sollte sich nicht �ngstigen.</p><p>Vier Monate dauerte der spektakul�re Proze�, die Verteidigung pl�dierte in den wesentlichen Punkten auf Freispruch und Einstellung des Verfahrens. Das Pl�doyer nahm sechzehn Stunden in Anspruch. Am 14. August � Kornitzer hatte gerade einen Ausflug mit George und Selma nach Speyer gemacht, von dem ihm besch�menderweise kaum eine Erinnerung blieb � wurde Auerbach wegen einer Reihe von Einzeldelikten � Unterschlagung, Bestechung, Meineid und Vort�uschung eines Doktortitels � zu einer Gesamtstrafe von zweieinhalb Jahren Gef�ngnis und einer Geldstrafe von 2.700 DM verurteilt. Auch einige seiner Mitarbeiter wurden verurteilt. Stehend, im schwarzen Anzug, nahm er gefa�t das Urteil entgegen, ein <emphasis>Urteil ohne Ansehen der Person</emphasis>. In der Nacht nach seiner Verurteilung ver�bte Philipp Auerbach im Krankenhaus Josephinum mit einer �berdosis Luminal Selbstmord, sein Tod wurde am 16. August um 11.45 Uhr festgestellt.</p><p>Im Polizeibericht �ber seine Beisetzung hie� es � nahe am NS-Sprachgebrauch �, die Polizisten <emphasis>s�uberten</emphasis> den Eingang zum Friedhof und das eigentliche Friedhofsgel�nde. Mit Hilfe von Wasserwerfern <emphasis>sprengten sie die Veranstaltung</emphasis>, die eine Beisetzung eines Toten war. <emphasis>Zwei in Reserve gehaltene Hundertschaften der Bereitschaftspolizei mu�ten nicht mehr eingesetzt werden</emphasis>, las Kornitzer. Zuerst hatte er sich verlesen, er hatte Hundestaffeln statt Hundertschaften gelesen und war �ber sich selbst erschrocken. Vor George und Selma versuchte er seine Erregung zu verbergen. Ja, er verstand die Kinder so gut, da� sie sich vor Deutschland f�rchteten, und w�rden sie es besser kennen, h�tten sie noch mehr Berechtigung zur Furcht � wie ihr Vater. Der Untersuchungsausschu� des Bayerischen Landtages zum Fall Auerbach rehabilitierte ihn letztlich im vollem Umfang. Das war nur noch eine kleine Nachricht nach den Sensationsmeldungen. Von einer Veruntreuung, von einer Bereicherung auf Staatskosten konnte keine Rede sein.</p><p>An einem ruhigen Nachmittag wollte Kornitzer in der Bibliothek des Landgerichts die Fachzeitschriften durchbl�ttern. Auf einem der Tische fand er ein Buch aufgeschlagen; es zog Kornitzer magisch an. Einer seiner Kollegen hatte eine Wendung unterstrichen, <emphasis>die Jahre des �ungekr�nten K�nigs von Bayern� Philipp Auerbach</emphasis>, und es war kein Zweifel, da� der Verfasser befriedigt war, da� diese Jahre vor�ber waren. (Und der, der die Wendung unterstrichen hatte?) Er sah nach dem Titel des Buches: <emphasis>Das Wesen der Spruchkammern und der durch sie durchgef�hrten Entnazifizierung. Ein Rechtsgutachten von Dr. Otto Koellreuther</emphasis>. Er las S�tze wie: <emphasis>Es w�re leicht nachzuweisen, da� in Spruchkammer-F�llen als �ffentliche Kl�ger oder Spruchkammer-Mitglieder t�tige Juristen sich in dieser Funktion nicht als Juristen, sondern als politische Funktion�re gef�hlt und dementsprechend gehandelt hatten</emphasis>. Und: <emphasis>Die pers�nliche Unabh�ngigkeit der Richter geh�rt, entgegen der Ansicht des OLG M�nchen, notwendig zum Wesen der Rechtspflege im Rechtsstaat. Von einer solch pers�nlichen Unabh�ngigkeit der Spruchkammer-Mitglieder kann schon deshalb nicht gesprochen werden, weil die Spruchkammer-Mitglieder einer ganz bestimmten Schicht, den Gegnern des Nationalsozialismus und Militarismus, entnommen werden mu�ten</emphasis>. Und weiter mu�te er lesen, da� <emphasis>gewisse Kreise das Entnazifizierungsverfahren zur Befriedigung ihrer Rachegel�ste und pers�nlichen Ha�gef�hle mi�brauchen wollten</emphasis>. Und <emphasis>da� es sich bei den meisten Vorsitzenden und Kl�gern der Spruchkammern in erster Linie um politische Fanatiker handelte, nicht um Menschen, denen die Erforschung des Rechts �ber alles geht</emphasis>. Und so wurde weitergehetzt und diffamiert. Es war ein massiver Angriff auf das erst ansatzweise wiedergewonnene Rechtsgef�hl. Es war kein Rechtsgutachten, es war eine Anstiftung zum inneren Unfrieden. Der Staatsrechtler erlaubte sich eine r�ckw�rts gewandte Richterbeschimpfung. Sie war niederschmetternd.</p><p>Das aufgeschlagene Buch zu finden, traf Kornitzer, es traf ihn so sehr, da� er �berlegte, wer von den Kollegen im Landgericht diese Schrift, die ihm wie ein Feuerwerksk�rper in der Hand explodierte, auf den Bibliothekstisch gelegt hatte. Es mu�te auch jemand f�r die Anschaffung pl�diert haben. War es Dr. Buch mit seinem breiten Kreuz und seiner Sicherheit, mit der er seine Zur�cksetzung glorreich �berstanden hatte? War es Landgerichtsrat Beck mit seinem nerv�sen Zwinkern, der Rachegr�nde hatte? Es war nicht Kornitzers Art, jemanden zu verd�chtigen. Oder erwartete niemand von den Kollegen, da� er sich ebenso wie die anderen kundig machte �ber die neuere Rechtsprechung und die Bibliothek benutzte? Hielten sie ihn f�r ein Fossil, stehengeblieben wie eine Uhr, stehengeblieben in der b�rgerlichen Rechtsprechung der Weimarer Republik? Er informierte sich �ber den Verfasser des kleinen Buches aus einem G�ttinger Verlag, ja, Otto Koellreutter geh�rte schon 1932 zu den Unterzeichnern eines Aufrufs von Hochschullehrern, bei der bevorstehenden Reichstagswahl die NSDAP zu w�hlen. Er war neben Carl Schmitt einer der f�hrenden Staatsrechtslehrer mit einem Lehrstuhl in M�nchen, ein <emphasis>Theoretiker des F�hrerstaates</emphasis>. Erst die amerikanische Milit�rregierung enthob ihn 1945 seines Amtes. 1949 war seine Amtsenthebung r�ckg�ngig gemacht worden, mit seinen Bez�gen wurde er in den normalen Ruhestand eines emeritierten Professors versetzt, er hatte die Altersgrenze erreicht. Jetzt war er ein Mann von �ber siebzig Jahren, der herumdr�hnte und Schmutz verbreitete. Und er wurde gedruckt. Er wurde im Landgericht von einem seiner Kollegen oder von mehreren gelesen. (Nicht nur das, in seinem Text wurde gearbeitet. Angestrichen!) Die Schrift endete mit einer Apotheose des guten Richters, die zum Lachen oder zum Entsetzen war: <emphasis>Welche Eigenschaften, welche Haltung mu� der Richter haben, wenn er den ethischen Anforderungen seines Berufsstandes entsprechen will? Der Richter mu� in erster Linie Mensch sein, er mu� als solcher Verst�ndnis, G�te und Humor auch f�r menschliche Schw�chen zeigen</emphasis>. War das unbedingte und fr�hzeitige Eintreten f�r die NSDAP eine menschliche Schw�che? Kornitzer gr�belte, und er war allein mit seinen Gedanken und las weiter: <emphasis>Deshalb unterliegt der politische Irrtum niemals der richterlichen Beurteilung. Wer sich politisch geirrt und damit vielleicht sein Volk gesch�digt hat, kann und mu� unter Umst�nden aus dem politischen Leben ausgeschaltet und damit politisch unsch�dlich gemacht werden, aber irgendwelcher strafrechtlichen Beurteilung unterliegt er nicht. Der echte Richter wird deshalb eine Verurteilung wegen politischen Irrtums immer ablehnen, wenn nicht in seinem Gefolge strafrechtliche Tatbest�nde zur Beurteilung stehen</emphasis>.</p><p>Kornitzer klappte das Buch zu, stellte es ins Regal und setzte sich wieder an den Bibliothekstisch. Drau�en knatterte eine Betonmischmaschine, es war ein monotones Ger�usch, ein regelm��iges Bollern, das einem den Kopf durcheinanderwirbelte. Kornitzer h�rte auf das Ger�usch und bem�hte sich gleichzeitig, es zu �berh�ren. Aber das Ohr ist kein Organ, das vom Willen regiert wird. Mainz war jetzt ein dauerndes Rumoren, Baggern, W�hlen. In der offiziellen Sprache hie� so etwas: <emphasis>Die Abr�umungsarbeiten sind beendet. Das Kellermauerwerk ist entfernt und die Hohlr�ume sind bis in Gehwegh�he mit Feinschutt verf�llt worden. Es ist nichts mehr zu veranlassen</emphasis>.</p><p>Am besten war es, man verhielt sich mucksm�uschenstill, man tat seine Arbeit, man fiel nicht auf, gab sich nicht als ehemaliges Mitglied einer Spruchkammer, als Jude, als Trauernder um Philipp Auerbach zu erkennen, gab keinen Anla�, antisemitische �u�erungen, Taktlosigkeiten, Nadelstiche auf sich zu ziehen. Am besten, man war wortkarg, sah nicht nach links und nicht nach rechts und tat seine Arbeit. Am besten, man war tot. (Kornitzer wollte nicht denken: Am besten t�tete man sich selbst wie Auerbach, obwohl auch darin eine schmerzende Logik war.) Es mu�te eine Genugtuung f�r alle verkappten Feinde der Bundesrepublik, f�r alle verstockten Deutschen sein: Wer dem Konzentrationslager entkommen war, wer aus der Emigration nicht wirklich angekommen war in dem Land, das er verlassen hatte, verschwand wieder sang- und klanglos, putzte sich selbst weg, aus Scham, aus Traurigkeit, aus Erbitterung, aus Ekel. Es war ein Gedanke, den er sich zu denken verbot. Aber er kam wieder, ungefragt. Es gab Gedanken, die ein Richter nicht denken sollte. Und es gab Fragen, die ein Historiker nicht stellen durfte, weil sie metaphysisch sind. Und es gab Antworten, die niemand zu geben imstande war.</p><p>Sein Herz aussch�tten, das war es nicht, was er wollte. Das Herz mu�te versteinern. Nun war die Aufarbeitung schlecht und recht getan, war ein Torso geblieben, und alles, was ihn freute an seiner Arbeit, am Fortschritt beim Zusammenflicken seiner Familie, bei den pers�nlichen Angelegenheiten, schien pl�tzlich im Sumpf zu stecken. Da bl�hten sie, Sumpfdotterbl�ten �ber den Bombentrichtern auf den Wiesen am Rhein, in denen sich das faulige Wasser sammelte und M�cken br�teten. Zog er die Richterrobe an f�r die Verhandlungen, f�hlte er sich sicher. Zog er sie aus und ging die langen Flure des Landgerichts entlang, gr��te er nach allen Seiten und f�hlte sich nackt.</p><p>Die Kinder kamen jetzt regelm��ig in den Ferien. (Aber wie lange noch?) Es war ein leichtes Zittern, ob sie k�men, eine Erleichterung, wenn sie sich anmeldeten. Von allen Familienmitgliedern war viel Einf�hlungsverm�gen verlangt. George hatte keinen Studienplatz in Cambridge bekommen, und es schien ihn nicht einmal sonderlich zu k�mmern. Er besuchte jetzt eine Ingenieurschule und war damit zufrieden, jedenfalls sagte er nichts anderes. Er sagte �berhaupt wenig, h�rte aber gerne mit schief gehaltenem Kopf, als ob er sich so besser konzentrieren k�nnte, den deutschen Gespr�chen zu. Selma hatte den Entschlu� gefa�t, auf eine landwirtschaftliche Hochschule zu gehen. Sie wollte B�uerin werden, was immer das bedeutete. Und schon im Eingangsgespr�ch, als sie sich bei einer Hochschule bewarb, machte man ihr klar: Sie haben keinen Hof im Hintergrund. (Mit anderen Worten: Sie sind keine geborene B�uerin. Sie sind nicht bodenst�ndig. Sie sind keine Britin. Sie werden an dieser Hochschule so ausgebildet, da� Sie einen Hof als P�chterin �bernehmen k�nnten.) Und � ja, das klang sehr frauenfeindlich und war es auch, aber es entsprach den Tatsachen � wir, die Hochschul-Landwirte, m�ssen Sie darauf aufmerksam machen, kein Mensch wird Ihnen nach Abschlu� des Studiums einen Hof anvertrauen. Sie werden studiert, pr�pariert, wie ein Ochs vor dem Berg stehen. So ungef�hr dr�ckten sich die landwirtschaftlichen Herren im feinsten, gew�hltesten Englisch aus. Wie ein Ochs vorm Berg. Selma hatte sich das ruhig angeh�rt. Sie wollte das nicht wissen und viel weniger noch akzeptieren, aber so war es. Man schlug ihr vor, es mit dem Gartenbau zu versuchen. Gem�se und Blumen, das sei doch weiblicher. Aber sie wollte Landwirtschaft studieren, die K�he, die L�mmer, die Pferde hatten es ihr angetan. Als Berliner Pflanze wollte sie eine graduierte, pr�mierte B�uerin werden, der Begriff Agronomin war ihr unbekannt. Vermutlich, dachte ihr Vater, m�chte sie mit Mrs. Bosomworth, der so geliebten Pflegemutter, die weggezogen war nach Sansibar, mit Mrs. Hales, die sie entt�uscht und der sie verziehen hatte, konkurrieren und sie �bertrumpfen. Beide hatten vermutlich keine landwirtschaftliche Ausbildung, sondern waren in das Bauernleben mit ihrer Eheschlie�ung wie ins kalte Wasser gesprungen, wenn das nicht eine inakzeptable Beschreibung einer Liebesbeziehung war, die nun mal mit einem Mann, einem Hof und Tieren und allerhand sonst zu tun hatte. (Oder waren sie Bauernt�chter? Mrs. Hales hatte jedenfalls nicht so gewirkt.) Auch Kornitzer schlug heimlich die H�nde �ber dem Kopf zusammen, die Gro�mutter noch in einer Prachtwohnung am Kurf�rstendamm, ein promovierter Vater aus einer Ku�dammseitenstra�e, und die Tochter m�chte ihr Leben mit der Forke in der Hand bestreiten. Nun ja, ein wenig D�nkel war auch dabei. Und er bem�hte sich, so ruhig wie m�glich Selma auseinanderzusetzen, da� eine Ausbildung, eine Fachrichtung, deren Wissen man mit dem Kopf �berall hintragen k�nnte, die beste sei. Sieh mich an, Selma, ich mu�te Deutschland verlassen und brachte meinen juristischen Sachverstand nach Kuba und zur�ck in ein anderes Deutschland.</p><p>Aber Selma war dickk�pfig wie eh und je und sagte: Ich kann �berall in der Welt Landwirtschaft betreiben, in Israel oder in Sansibar. Und Kornitzer wu�te, er richtete nichts aus, und gab grollend seine Einwilligung. (Da� sie tats�chlich ihr Studium in den Sand setzte, stand auf einem anderen Blatt. Und da� sie diesen Sand nur durch Einheirat in einen Bauernhof aus den Kleidern h�tte sch�tteln k�nnen, was sich nicht ergab, merkte Selma erst sp�ter. Die Herren beim Bewerbungsgespr�ch hatten mit ihrer Warnung recht gehabt und auch ihr Vater mit seinem Grollen. Sie mu�te ihre eigene schmerzhafte Erfahrung machen und entschlo� sich sp�ter zu einem zweiten Studium, um Lehrerin zu werden. Da war sie schon f�r sich selbst verantwortlich.)</p><p>In dieser Zeit bekam Kornitzer Post von der Kindergeldstelle des Ministeriums, nur eine Anfrage, ein Formular, das auszuf�llen war. Er beziehe Kindergeld f�r seine zwei Kinder mit Namen Georg und Selma, die Geburtsdaten der ziemlich erwachsenen Kinder waren aufgelistet, doch offenbar lebten die Kinder nicht in seinem Haushalt. Es stand nicht in dem Brief, er habe zu Unrecht jahrelang Kindergeld bezogen (doch die Vermutung stand im Raum). Es war von Nachweisen die Rede, Nachweisen �ber den Aufenthalt der Kinder, seinen Unterhalt f�r sie. Er f�hlte sich gedem�tigt. Wie kam der Verdacht zustande? Er war w�tend, wedelte mit dem Brief vor Claires Nase herum: Es ist nicht unsere Schuld, da� die Kinder nicht bei uns leben, und nun sollen wir noch daf�r bestraft werden. Nimm es nicht so schwer, es ist nur eine Formsache, mahnte ihn Claire vern�nftig. Wir schreiben gemeinsam ans Ministerium, als Ehepaar. Sie sammelten Studienbescheinigungen, listeten die Besuche der Kinder auf, schrieben, die Kinder k�men in allen Schulferien nach Deutschland. Wir n�hren sie, wir kleiden sie, kaufen B�cher und Studienmaterialien, schrieben sie, aber sie machen eine �ihren Neigungen und F�higkeiten entsprechende� Ausbildung in England. Das war auch nicht ganz wahr, es klang diplomatisch. Kornitzer schrieb den Begleitbrief auf der alten Schreibmaschine, auf der er auch die Antr�ge in Bettnang geschrieben hatte. Wie gut, da� uns wenigstens diese Schreibmaschine aus Berlin geblieben ist, sagte er zu Claire. Sie sah ihn sonderbar an. Das ist nicht unsere Berliner Schreibmaschine, Richard. Die ist mir in Berlin bei einer Hausdurchsuchung abgenommen worden. Ich habe danach eine �hnliche kaufen k�nnen. Kornitzer richtete sich auf: Du hattest eine Hausdurchsuchung in Berlin? Wann und warum? Und warum hast du mir nichts davon gesagt? Claire hob die Schultern und lie� sie wieder fallen. Du hast nicht danach gefragt, und wir hatten so viel miteinander zu besprechen. Das stimmte. Richard Kornitzer nahm das streng gewordene Gesicht seiner Frau zwischen die H�nde und streichelte ihr Kinn. Sein Finger und sein Blick blieben an einem Haar haften, das da nicht hingeh�rte. Ich habe dir auch nicht die zehn Jahre in Havanna haarklein erz�hlen k�nnen. Das w�re ein Roman gewesen, und Romanfiguren waren wir ja gerade nicht, antwortete sie. Wir mu�ten nach vorw�rts schauen.</p><p>Er wu�te nicht genau, was sie unter einer Romanfigur in diesem Augenblick verstand, verga� es dann wieder. Und brachte den Brief an die Kindergeldstelle des Ministeriums noch am sp�ten Abend zum Briefkasten, ein Sichelmond hing �ber der katholischen Kirche von Mombach, eine Vespa tuckerte auf der Hauptstra�e. Er wollte den Brief aus dem Haus haben und dann mit Claire schlafen gehen, nicht zu fr�h, nicht zu sp�t. Vom �berm��igen Liegen hielt er nichts, er mu�te sich die Niederlage vom Leibe halten.</p></section><section><title><p>Das Universum</p></title><p>Richard Kornitzer und Claire waren schon als Brautpaar um die Baustelle gestrichen, Erich Mendelsohn baute am unteren Kurf�rstendamm ein Kino, dessen Fassade einen so rasanten Schwung hatte, da� man einfach stehenbleiben mu�te. Nein, �man� blieb nicht stehen, ein moderner Mensch blieb stehen, einer, der auch Schwung hatte und Optimismus, an einer Steigerung des Ausdrucksverm�gens interessiert war, jemand, dem der Spa� an der Gem�tlichkeit grunds�tzlich abhanden gekommen war. Vermutlich auch jemand, der ins Kino ging und die alten Pl�schschachteln von Kinos satt hatte, diese Stucktorten mit Samtbesatz und gipsernen Schn�rkeln, falschem Pomp und Kronleuchtern im Foyer, die an Variet�s erinnerten. Dick aufgetragene Versprechen f�r Provinzler, die zum ersten Mal nach Berlin gekommen waren und nach einem Am�semang gierten. Nach weiblichen Beinen, strammen Schenkeln, die bis �ber den Scheitel gehievt w�rden, mit einem begl�ckten Aufseufzen und einem dramatischen Schwei�ausbruch im zweiten Parkett. Ufa-Palast, Marmor-Palast, Titania-Palast, Tauentzien-Palast, Gloria-Palast, alles Pal�ste des falschen Scheins. Sa� man auf seinem Platz, spielte zur Einstimmung schon einmal ein Organist auf einer wei�en elektronischen Orgel Melodien aus dem sp�ter gezeigten Film. Tingeltangel, Pleureusengef�hl. Nein, ein solches Kino war von gestern. Das neue Universum war ein konsequent durchstrukturiertes Kino. Ein Kino, in dem man von jedem Platz aus eine exzellente Sicht hatte, ein Kino der Konzentration, alles �berfl�ssige fehlte. Bei Dunkelheit gl�hte das Kino vor Energie, die gro�e Leuchtreklame sog die Besucher f�rmlich an. Sie war wie ein schlankes Band �ber dem Scheitelpunkt des geschwungenen Geb�udes angebracht, und auf der Spitze des keilf�rmigen Anbaus, der den flachen Hauptteil des Geb�udes kreuzte und den L�ftungsturm bildete, prangte das Firmenzeichen der Ufa. Es war eine machtvolle Demonstration des bedingungslos Modernen. Richard Kornitzer und seine junge Frau (noch Braut) waren da richtig. Sie hatten sich ineinander verliebt, und sie hatten sich in den Bau verliebt.</p><p><emphasis>Denn haltgemacht: Universum � die ganze Welt! Palastfassaden?�� Und die Rentabilit�t: L�den machen Geld, B�ros beleben und schaffen Publikum. S�uleneingang f�r Mond�ne? Maul, gro� aufgesperrt mit Lichtflut und Schaugepr�nge. Denn Du sollst hinein, Ihr alle � ins Leben, zum Film, an die Kasse!</emphasis> So hatte der Architekt Erich Mendelsohn zur Er�ffnung des Kinos f�r seine Erfindung geworben, er hatte selbstbewu�t ein Magnetfeld der Wahrnehmung geschaffen, auch der �konomie, es war ein teures und gro�es Projekt, dessen einziger Fehler war, da� es mit der Weltwirtschaftskrise kollidierte. War denn das Geldverdienen und das Geldvernichten im B�rsenkrach nicht auch eine Wahrnehmung, eine Empfindungsst�rke, eine Empfindungsnotwendigkeit, die im absoluten Nichts enden konnte oder in einem Zusammenr�cken von Familienverb�nden, Paaren, die sich alles Kommende anders vorgestellt hatten, rosiger, schlichter, weniger sch�big und an den Nerven zerrend? War Leben Kino, war die Kasse Leben? Alles hatte mit allem zu tun, es brauchte eine ordnende starke Hand. Planen und Bauen, ein gro�es Rad Drehen waren ein Vabanquespiel geworden, aber eines von gro�er Eleganz. Man zog sich gut an, wenn man ins Kino ging, als wolle man mit den Helden und Heldinnen auf der Leinwand konkurrieren, nicht im Dunkeln sitzen und schauen, sondern angeschaut werden vor und nach dem Kino und die Gesten nachahmen, sich lasziv �ber die Haare streichen, verrucht im Zigarettenrauch die Lider senken und anderntags wieder zur Arbeit gehen und f�rchten, da� man entlassen wird. F�r eine Kinokarte w�rde das Geld noch reichen, immerhin. Aber warum sollte ein junger dynamischer Mensch wie Dr. Richard Kornitzer sich f�rchten? Auch Claire mit ihrer Firma, mit ihrer Berufsausrichtung zwischen Geld und der modernen Kinokunst, hatte erfreut in die H�nde geklatscht, ja, das Universum war ein gro�artiges Kino, Werbung und Massenkultur waren vornehm gez�hmt, geb�ndigt und in eine produktive Richtung gelenkt, nichts war dem Zufall �berlassen. Mendelsohn war ihr Mann (symbolisch), dem vertraute sie. Sie hatte ein Photo von ihm gesehen, darauf trug er einen wei�en Anzug, der imponierte ihr in seiner Makellosigkeit; im Kino gab es solche Anz�ge, Rudolf Forster trug wei�e Anz�ge, wenn er dekadente Lebem�nner spielte, denen die Frauen zuflogen wie die Schmei�fliegen. Und er huldigte ihnen, als w�ren es Prinzessinnen aus einer anderen Zeit und keine Filmstars. Ein Gerichtsassessor konnte freilich kein Wei� tragen, es w�re unpassend und flatterhaft, k�nstlerhaft erschienen. Da� der Architekt Mendelsohn auch Kleider f�r seine Frau entwarf, konnte Claire nicht wissen, es h�tte ihr aber sehr imponiert. Die kurvige Linie des Entwurfs f�r das Kino machte sie gl�cklich (die Freude, mit Richard zusammenzusein, nat�rlich auch, auf andere Weise, das war nicht zu vergleichen). Mit dem Architekten Erich Mendelsohn wollte sie ein St�ck weitergehen, er war eine halbe Generation �lter als Richard Kornitzer und sie. Seine bedingungslose Modernit�t des Bauens wurde behindert durch die Krise, durch die schwankende �konomie. Und ihr Br�utigam, der frischgebackene Justizassessor kurz vor dem Eintritt ins Richteramt, hatte �ber ihren Eifer, ihren das ganze Gesicht err�tenden Eifer ein bi�chen gel�chelt, aber er verstand sie, verstand sie vollkommen. Er zeigte Freude und Begeisterung anders als sie, hielt sich eher bedeckt.</p><p>Hier das Kino, das �beraus sch�ne Kino, das andere in Berlin �berstrahlte, dort der Kurf�rstendamm mit seinem ratternden Verkehr und seinem Kommerz. Vom Eingang des Kinos ging man ein paar Stufen ins Foyer hinunter auf elfenbeinfarbenen Steinquadern (Solnhofer Marmor), die auf magische Weise in elfenbeinfarbene W�nde �bergingen. Schleiflackw�nde, die sehr geheimnisvoll indirekt beleuchtet wurden. Die Decken dar�ber waren tiefblau, ein Abendhimmel, der auf den dunklen Kinoraum vorbereitete, und die Treppen in den Rang hinunter waren ebenfalls tiefblau, mit opulenten Teppichb�den belegt. Das Kassenh�uschen stand wie ein Fels in der Brandung der anflutenden Zuschauer. Es war ein Pavillon aus Milchglas und Bronze auf einem Natursteinsockel. Das indirekte Licht im Foyer signalisierte vornehme Intimit�t und gleichzeitig eine Strenge, es hatte die Wirkung, als schwebten die Wandfl�chen wie frei aufgeh�ngte Vorh�nge im Raum. Der Kinoraum selbst hatte Paneele aus Mahagoni, man sa� auf Sesseln aus ziegelrotem Samt, die Leinwand war angebracht hinter einem �u�eren Vorhang, ebenfalls in Ziegelrot, und einem inneren Vorhang in einem Goldton. Das war ein Zugest�ndnis an den Publikumsgeschmack, hob sich aber gewaltig von allen weinroten Theaterseligkeiten ab. Der ovale Raum war so konzipiert, da� alle Konzentration auf die Leinwand gerichtet war, nichts sollte ablenken. Das Universum war das erste Kino in Berlin, das f�r die Pr�sentation der neuen Tonfilme konzipiert war, deshalb hatte es nur noch einen ganz schmalen Orchestergraben, aber die besten Lautsprecher. Das was das Universum, das Claire liebte, ein perfekter Bau, dem Richard Kornitzer ein wenig distanzierter gegen�berstand, aber er sah die Begeisterung seiner Verlobten und stand ihr nicht im Wege, ja, er bef�rderte sie.</p><p>Das Kino Universum, das 1.800 Zuschauer fa�te, und daneben das Kabarett der Komiker, das Caf� Astor, eine Zeile mit Gesch�ften an der Ostseite des Komplexes, eine schwungvolle Hommage an das gro�st�dtische Leben, an die Massenkultur. Ein Hotel und eine strenge, elegante Zeile mit Wohnungen sollten folgen. Diese hatten nach Westen ausgerichtete Loggien, manche ein M�dchenzimmer, viel Licht und Luft, und das gleich um die Ecke des Kurf�rstendamms. Wohnungen, die f�r ein gehobenes B�rgertum gedacht waren, sich aber auch am Siedlungsbau f�r �rmere Mieter orientierten, ein feines Understatement in der Wirtschaftskrise. Mit der liegenden Kurve des Universum korrespondierte gut die zartere Wellenbewegung der Loggien in dem Wohnblock. Die Fassade aus cremefarbenem Putz war mit horizontalen Klinkerb�ndern gegliedert, halbrund traten die Loggien hervor. Richard Kornitzer und Claire f�hlten sich sofort angesprochen. So wollten sie wohnen, im Woga-Komplex der Wohnungsgrundst�cksverwertung AG. Und als sie 1930 heirateten, gelang es ihnen ohne Schwierigkeiten, darin eine Wohnung zu mieten. Im B�rsenkrach war die Planung ver�ndert worden, f�r das Hotel bestand kein Bedarf mehr, so wurden mehr Wohnungen gebaut, aus den geplanten Hotelzimmern wurden kleine Apartments, und die gr��eren Wohnungen an der Cicerostra�e, auf die sie ihr Auge geworfen hatten, waren manchen potentiellen Mietern, die im B�rsenkrach Geld verloren hatten, nun zu teuer. Das junge Paar hatte kein Geld verloren, denn es hatte noch nichts anzulegen.</p><p>Eines Tages hatte auf der Breitseite des Keils �ber dem Kinogeb�ude pl�tzlich eine riesige Aufschrift geprangt: LICHTREKLAMEN L�DEN WOHNUNGEN ZU VERMIETEN AUSKUNFT HIER. Alle Buchstaben waren auf einem Quadrat aufgebaut, schlank und zugleich breit, eine Schrift, die alle Schn�rkel abgelegt hatte, als w�re auch sie vom Architekten entworfen worden, alles aus einer Hand. Claire, die das Universum besuchte, z�gerte nicht, sofort um Auskunft zu bitten. Da hatten sie das Aufgebot schon bestellt, die Liste der Hochzeitsg�ste hin- und hergeschoben. Richard Kornitzer und sie besichtigten die Woga-Wohnung und waren begeistert, zwei Zimmer zur Stra�e, ein kleines zum weiten, lichten Innenteil des Komplexes, ein strenges, schwarzwei� gefliestes Bad und eine quadratische K�che mit einem Einbauschrank. Eine Wohnanlage, hell und luftig, vom ber�hmten Architekten Erich Mendelsohn gebaut, berichtete Claire ihrer Mutter voller Stolz. Wer ist das? fragte Claires Mutter hilflos. Er hat das Kaufhaus Schocken in Chemnitz, N�rnberg und in Stuttgart gebaut und plant ein Hochhaus am Bahnhof Friedrichstra�e. Gen�gt das nicht? Das leuchtete Claires Mutter ein. Ja, sie sah sich auch den Komplex an und konnte nicht anders als die Tochter zur gl�cklichen Wahl zu begl�ckw�nschen. Ob sie �ber die Wahl des Ehemanns ihrer Tochter wirklich gl�cklich war, lie� sie auf preu�isch disziplinierte Weise nicht durchblicken, und dabei blieb�s.</p><p>Kornitzers Mutter h�tete sich, zur Brautwahl ihres einzigen Sohnes eine bestimmte Meinung zu �u�ern. Sie war vor drei Jahren zum zweiten Mal Witwe geworden, sa� in einer zu gro�en Kurf�rstendamm-Wohnung, von der sie sich nicht trennen konnte, h�tete zu viele Gegenst�nde, Vasen und Henkelkr�ge und Schachteln voller B�nder und Kn�pfe. In vielem, aber nicht in der Verwaltung ihres Verm�gens, war sie auf ihren Sohn angewiesen. So eine selbst�ndige Frau, sagte sie �ber Claire, und es war nicht klar, ob dies ein �bergro�es Kompliment oder eine versteckte herbe Kritik war. Vielleicht w�re er mit einer weniger selbst�ndigen Frau besser beraten, r�sonierte sie, gab aber keinen Rat. Da� Claire gro� gewachsen war und mit beiden Beinen auf dem Boden stand, imponierte ihr, aber sie hatte sich eher eine zarte Schwiegertochter, etwas wie ein M�dchen, anlehnungsbed�rftig auch an sie, vorgestellt. Und eine J�din.</p><p>Wie gut die T�rklinken in der Hand lagen, wie gro�artig es war, an der Br�stung der Loggia zu stehen in der Westsonne und die Ku�damm-Ger�usche in der Entfernung zu h�ren, die Sonne malte Streifen auf die Dielen. Am Morgen das PloppPloppPlopp der Tennispl�tze im stillen Herzen der Woga-Anlage, es war sch�n, vom K�chenfenster aus auf die sehnigen Beine der Spieler, ihre wei�en Hosen und Hemden zu sehen, die Kraft, mit der sie die Schl�ge setzten, zu sp�ren. PloppPlopp, ein Ruf, ein Juchzen, ein Ball ins Aus, gerade vor dem K�chenfenster. Claire und Richard Kornitzer waren optimistisch, verliebt, sie hatten gute Berufe, sie hatten eine Zukunft, vor der sie sich nicht f�rchten mu�ten. Plopp, ob sie auch Tennis spielen wollten, fragten sie sich, aber dann war Claire schwanger, und die Frage nach den Tennisstunden wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Jetzt sah Kornitzer seine Frau manchmal an, wie er sie vor dem Beginn der Schwangerschaft nicht angesehen hatte, es war ein Innehalten, ein Warten auf das M�gliche, auf das ganz Andere in ihr und auch in ihm selbst, wenn sie ein Kind h�tten. Es war ein ungl�ubiges Wohlwollen, das sich in alle Richtungen biegen und beugen und strecken konnte, aber zu dem Gl�ck der Empfindung trug auch bei, da� es sich nicht wirklich richten lie�. Er, Kornitzer, h�tte diesem unspezifischen Empfinden selbst eine Richtung geben m�ssen, aber durch diese Entscheidung h�tte er es beeintr�chtigt, m�glicherweise vernichtet. Und so stand er starr und bewegungslos vor seinem Empfinden, dem, was ihn lebendig und biegsam gemacht hatte. Er sah, er f�hlte den Widerspruch, war ihm aber auf unheilvolle Weise ausgeliefert.</p><p>Was Kornitzer an sich selbst beobachtete, war ein Sehen in der M�glichkeitsform, von der man die Wochen absch�len konnte, bis aus der M�glichkeit Wirklichkeit werden w�rde. Es war ein �berraschendes Zerrei�en aller �hnlichkeiten, die er kannte. Er machte sich keine Sorgen um das ungeborene Kind, er machte sich eher Sorgen um seinen eigenen Blick, etwas Tastendes, Suchendes war in seinem Blick. Und wenn Richard Claire so ansah, mit leicht schr�g gehaltenem Kopf, und dabei die Brille abnahm, so versuchte sie, sich mit seinen Augen zu sehen, ihre ungewohnte Rundlichkeit, Schwerf�lligkeit, das machte sie unsicher, sie verlie� das Zimmer und stellte sich auf den Balkon und atmete tief ein, so tief, da� sie das Kind sp�rte. Oder bildete sie sich nur ein, da� die klare Septemberluft ihrem Kind �ber den Kopf mit dem feinen Haarflaum in der Fruchtblase strich? Sentimentalit�ten erlaubte sie sich nicht, aber dann trat Richard zu ihr auf die Loggia, k��te sie, stellte die Z�rtlichkeit offen aus wie in einer Loge. Sp�ter sagte sie sich, da� sie m�glicherweise seinen Blick ganz mi�verstanden hatte.</p><p>Georg wurde an einem eisigen Wintertag geboren, es dunkelte schon, und Claire hatte einen ganzen Tag gekrei�t, schon hoffnungslos, verzweifelt, da� dieses Kind ihren Leib einfach nicht verlassen wollte oder konnte. Es kam ihr vor, als kralle es sich mit H�nden und F��en, Fingern�geln und Zehenn�geln an der Geb�rmutterwand fest. Sie schob es auf die K�lte, aber das Kind konnte sie doch nicht sp�ren in der Zimmertemperatur, in einem pochenden, zuckenden, feuchthei�en Urwaldleib, in dem auch die D�rme revoltierten in der langen Zeit der Anstrengung. Dann h�rte Claire in der Stimme der Hebamme eine Begeisterung, und es war eine Stimme aus einer entfernten, archaischen Zeit: Das K�pfchen ist sichtbar, das K�pfchen, und Claire hatte kein genaues Bewu�tsein davon, aber im nachhinein glaubte sie, gelacht zu haben w�hrend der Wehen, gelacht oder geweint, was fast das gleiche war in diesem extremen Augenblick der Anspannung: Das K�pfchen! es war ein Bewu�tsein eines H�hepunkts oder eines Tiefpunktes des Schmerzes, aber dann nach einer kurzen Bewu�tseinstr�bung doch auch ein Aufatmen, ein Jubeln: ja, dies war ihr Kind, ein Kind mit einem runden Sch�delchen, feinen Fingern und Perlmuttfingern�geln, ein Kind, das seinen Eltern gleich nach seiner Geburt die Vorstellung suggerierte, es g�be kein h�bscheres. Ein Kind, das von Anbeginn an gut schlief und auch in der Wiege den Mund gen��lich verzog und dabei die Lippen vorst�lpte, als sauge es an der Luft wie an der Brustwarze seiner Mutter. Aber in Wirklichkeit trank es nicht gut, tr�umte eher, wenn es trinken wollte. Man mu�te Georg ermutigen, �wirklich� zu saugen, er runzelte die Stirn, leckte sich bedachtsam die Lippen, bevor er damit die Brustwarze umschlo�. Schau, sagte Claire zu ihrem Mann, er macht den Eindruck, als wolle er eingeladen werden zum Trinken. Vielleicht ist er nur zu sch�chtern oder zu h�flich, um gierig zuzuschnappen wie andere Kinder, meinte Richard darauf. Dieser Gedanke gefiel Claire. Ein h�fliches, r�cksichtsvolles Baby � ihr Sohn. Georg blieb ein zartes Kind. Hatte er denn keinen Hunger? Seine Mutter und sein Vater sahen ihn an, nahmen ihn auf den Arm, ihre Augen strahlten, und er gedieh ja, obwohl er wenig Milch zu sich nahm; gleichzeitig war ihnen wortlos klar, ihr Stolz war unangemessen, Mutterschaft und Vaterschaft waren keine Reflexe, die zeit- und bedingungslos funktionierten. Vater und Mutter zu werden im Jahr der Krise mit unendlich vielen Arbeitslosen, war anders als noch vor drei Jahren ein Kind zu bekommen.</p><p>Und gleichzeitig bespielten sie Arbeitsfelder, die so verschieden waren, machten Erfahrungen im Stetigen der Jurisprudenz und in einem gesellschaftlichen Neubaugebiet, der Kinowerbung. Das eine und das andere hatten nichts miteinander zu tun, und wo die Verbindung zwischen den Elementen war, mu�te ganz im Stillen ohne Hilfsma�nahmen und ohne Tamtam entdeckt werden, ja eigentlich, wenn man es altmodisch ausdr�ckte, aber so empfanden die Kornitzers nicht, �in der eigenen Brust�. Mutterschaft und Vaterschaft waren exemplarische Erfahrungen, die mittelbar blieben. Aber war das Denken dar�ber �berhaupt mitteilbar? Mutterschaft und Vaterschaft � dar�ber sprachen Claire und Richard Kornitzer nicht wirklich � waren, als sie ihr erstes Kind, Georg, erwarteten, und noch viel mehr, als sie Selma erwarteten, keine anthropologischen oder gar menschheitsgeschichtlichen Erfahrungen, es war eine soziologisch erfa�bare Tatsache geworden. Wer bekam ein Kind? Unter welchen Umst�nden? Mit welchen Folgen?</p><p>Etwas Neues, Optimistisches begann mit Georgs Geburt, das war f�hlbar, und wenn es die �berwindung der Krise war. Die Wohnungsbau-Gesellschaft schickte einen Gl�ckwunsch, auf feinem Papier und mit einer modernistischen Schrifttype. Georg w�rde gewi� ein einzigartiges Woga-Kind sein und, wenn er sechs oder sieben Jahre w�re, unter den Augen der Mutter und des Vaters, vom K�chenfenster aus, als ein Tenniskind mit wei�en S�ckchen und einer blitzenden Hose gl�nzen. Und Claire stellte sich schon vor, wie die kleinen Beine strammer und strammer wurden, sein Aufschlag, sein Blick koordinierter. Sie hatte eine Ahnung von der Eleganz des Sports, aber sie f�hlte sich jetzt zu sehr eingenommen von ihrem Beruf, als da� sie viel mit Georg unternahm. Das schlesische M�dchen, Cilly mit Namen, das die Kammer neben der K�che und dem Kinderzimmer bezogen hatte und dem sie das dauernde �Gn� Frau� ganz entschieden (und mit Erfolg) ausreden mu�te, trug ihn gerne mit sich herum, spielte mit ihm auf den sonnenbeleckten Dielen, und Georg war zufrieden und das M�dchen offenbar auch, denn es war unb�ndig stolz, da� die Kornitzers ihm ein Neugeborenes anvertraut hatten, ohne viel nach Erfahrungen zu fragen, die sie zweifellos � au�er bei kleineren Geschwistern � nicht hatte. In ihr blankes, freudiges Gesicht zu sehen, als sie das Kind zum ersten Mal auf den Arm nahm, war die Erfahrung, die Claire und Richard interessierte, daraus w�rden andere folgen, und das war gut so.</p><p>Richard Kornitzer war h�ufiger zuhause mit dem schlesischen M�dchen, w�hrend Claire noch mit Firmenchefs oder mit Kameraleuten und Sprechern verhandelte �ber einen neuen Werbestreifen. Sie besuchte den Klub der Kameraleute Deutschlands am Reichskanzlerplatz, das Verzeichnis der Trickfilmhersteller war ihr unerl��lich geworden. Die harmonische Zusammenarbeit zwischen K�nstlern, Kameraleuten, der beworbenen Firma, die den Auftrag f�r die Kinowerbung gab, dem gesamten k�nstlerisch-technischen Stab, dem kaufm�nnisch-k�nstlerisch gebildeten Produktionsleiter und dem Regisseur des Werbestreifens war Vorbedingung und gleichzeitig Garantie f�r den Erfolg. Kunst und Geld flossen zusammen in dem neuen Medium, man wu�te nicht mehr genau, was das eine bewirkte und was das andere. Prowerb, die deutsche Propaganda- und Werbedienst G.m.b.H., war 1924 von Fritz und Clara L�wenhain im Grunewald gegr�ndet worden. <emphasis>Pachtung von Reklamen in Theatern und Lichtspielh�usern</emphasis> war das urspr�ngliche Arbeitsfeld der Firma. Mit den technischen M�glichkeiten ver�nderte es sich. Nach ein paar Jahren hie� es schon: <emphasis>Fabrikation von Werbefilmen, Pachtung von Reklamen in Lichtspielh�usern</emphasis>. Prowerb zog an den Kurf�rstendamm, nicht weit vom Universum.</p><p>Der junge Referendar Kornitzer hatte kurze Zeit in der Firma gearbeitet, dabei hatte er die Angestellte Claire Pahl kennengelernt, die den �Laden schmiߓ, wie er bewundernd sagte. Er hatte sie kennengelernt und sich schnurstracks in sie verliebt, und gleichzeitig hatte sich das Ehepaar L�wenhain aus der Firma zur�ckgezogen und sie Claire anvertraut. Jetzt war sie alleinige Gesch�ftsf�hrerin, und sie hatte Freude an ihrer Arbeit.</p><p>Zuhause in dem eleganten stromlinienf�rmigen Woga-Bau k�mmerte sich das M�dchen auch im n�chsten Jahr noch um den breitbeinig wie ein Seemann herumschwankenden Georg, der ein dickes Windelpaket trug, aber die Beinchen so heftig einknickte und wieder streckte, als w�re das ein eindeutiges Zeichen, da� er unbedingt etwas Aufgerichtetes, stolz auf den Hinterbeinen Balancierendes werden wollte, ohne die Beschwernis zwischen seinen Beinen. Sein Aufrichten war ein Akt, als w�re es ein historisches Ereignis, wenn er endlich seine Windeln, �ber die das schlesische M�dchen sorgsam wachte, abstreifen k�nnte: eine Schmetterlingslarve. Und vielleicht war es das auch auf einer abstrakten Ebene. Georg war das erste Neugeborene im Woga-Komplex gewesen, im Flur entdeckten Claire und Richard Kornitzer jedenfalls so bald keinen neuen hochr�drigen Kinderwagen, die anderen jungen Mieterinnen waren schlank, rannten los in die B�ros, es war keine Zeit, ein famili�res Gl�ck auszustellen oder zu propagieren. Das Vitale war verborgen, untergr�ndig arbeitete es vielleicht, es war zur�ck in die K�rperh�hlen gewandert.</p><p>H�ufig schl�pfte Claire abends, kurz vor der Abendessenszeit aus dem Haus, betrat das Kino durch den Hintereingang, der sich gleich neben ihrer Haust�r befand. Sie vermied das Foyer mit seinen vielen erwartungsvollen Zuschauern, zu denen sie nun einmal nicht geh�rte: Sie war vom Fach, das hatte sie gleich klargestellt, als sie in den Woga-Komplex gezogen war und erste Kontakte zum Kino Universum kn�pfte. Sie durfte das, hineinschl�pfen und wieder hinaus, ganz vorbehaltlos, sie kam kurz, sehr knapp vor der Vorstellung, stand mit verschr�nkten Armen ganz hinten in einem Gang. Sie sah entspannt aus, nicht wie eine professionelle Kontrolleurin, eine Erbsenz�hlerin des Publikums. Wie sich die Menge des Publikums zu der Menge von m�glichen K�ufern eines Produkts, f�r das im Vorfilm geworben wurde, verhalten k�nnte, das wu�te kein Mensch, man mu�te es erf�hlen, erahnen aus der Temperatur des Raums, aus den Lachern, aus der Unruhe, dem Rascheln, Husten oder aus der �berraschenden, aber ganz unfeierlichen Stille. Mit anderen Worten: Das, was Claire Kornitzer betrat, kurz vor Beginn der Vorstellung, war vermintes, unw�gbares Gel�nde, man mu�te tasten, sich aussetzen, Erfahrungen machen, sehen, wie sich diese Erfahrungen mit anderen vergleichen lie�en. Sie war allein, sie war eine Pionierin, w�hrend die Zuschauer sich auf den Kinoabend freuten, bereit waren, in eine abgeschlossene Welt zu tauchten, ganz ohne Mi�trauen. Sie waren auch bereit, sich Spa�, Schmerz, Begeisterung hinzugeben, wie die Stimmungslage des Kinoabends es ihnen nahelegte. Claire Kornitzer dagegen beobachtete die Zuschauer mit n�chternem Blick, horchte in die Menge hinein. Der Film spulte. Oder wurde die Rolle aufgespult, w�hrend der Projektor raste und r�hrte in der abgedichteten Kabine des Filmvorf�hrers? Das Bild kapierte man m�helos. Es pr�gte sich ein, und genau das war seine �berlegenheit. Das Bild war da, das blendende Wei� eines Bettlakens, mit dem richtigen Waschpulver gewaschen, das gl�nzende, satt gewichste Leder eines Schuhs, das war eindeutig, unzweifelhaft (so schien es), das Produkt mu�te nicht mehr marktschreierisch angepriesen werden. Etwas war offenbar, schl�ssig, die Bilder offenbarten eine Welt, die sich selbst wortlos erkl�rte und sch�n war. (Bei der Wochenschau, nun ja, da war es wieder anders.) Bei W�rtern stellte sich jeder vor, was er wollte, was er konnte. Gar nichts konnte sich der Zuschauer manchmal vorstellen, er lieferte sich aus, er entbl��te sich.</p><p>Sie �testete� das Publikum, ohne einen Begriff davon zu haben, es war eine rein instinktive Handlungsweise. Man mu�te sehen, ob das H�ren, der Tonfilm, der machtvoll anbrandete an die Kinoleinw�nde, nicht auch die Werbung, f�r die Claire mit ihrer Firma Prowerb verantwortlich war, an den Rand dr�ckte und sie am Ende des Kinoerlebnisses in Vergessenheit geraten war. Sie kam ins Universum und konnte die Eleganz, die sie von Beginn an so stark empfunden hatte, nicht mehr genie�en, sie war hellh�rig, aufs �u�erste angespannt, und lie� es nicht zu, da� man dies merkte. Sie arbeitete im Wirbel der Montagen, im raschen Helldunkel der Leinwand, w�hrend sie dastand im Gang. Wenn Claire im Kino dar�ber nachdachte, da� sie gerne die Zuschauer befragen wollte, warum sie hier sitzen, heute und nicht morgen und nicht gestern, warum sie sich f�r dieses Kino entschieden haben und f�r diesen Film, so verlor sie manchmal, mit der Str�mung driftend, aus dem Sinn, welche Kinowerbung denn mit welchem Film zusammentraf. Auch das mu�te besser oder �berhaupt erst koordiniert werden. Gewi� w�rde die Leitung des Universum eine solche Befragung nicht dulden, die Zuschauer kamen, um sich zu entspannen und nicht, um als Versuchskaninchen, was sie von den flimmernden Bildern behalten hatten und was nicht, benutzt zu werden. Im Kino betrachteten sie die Zeit, und man mu�te sehr, sehr vorsichtig sein, um sich selbst nicht wirtschaftlich das Genick zu brechen, wenn man sich mit dem neuen Medium eingelassen hatte. Immerhin sa�en Tag f�r Tag 200.000 Menschen allein in Berlin im Kino, das machte die unvorstellbare Summe von 60 Millionen Kinobesuchern im Jahr aus, das Kinopublikum war weit gr��er und sein Einflu� st�rker als der jeder anderen Gattung von Kunst und Unterhaltung.</p><p>Was konnte Claire Kornitzers Firma Prowerb diesem riesigen Publikum bieten? Oder besser: Wozu konnte sie es verf�hren? Oder noch besser: War es �berhaupt verf�hrbar, oder sah und merkte es sich nur die Werbung f�r Produkte, die es schon kannte? Schuhcreme, Haar�l, Shampoo, Waschmittel, Duftwasser. War es zu sch�nen, �berteuerten Autos mit k�hnen Schnauzen verf�hrbar? Zu Bausparkassen, die mittels netter Haustypen in den gr�nen Vororten von Berlin warben, in Schmargendorf, in Frohnau, in Lichterfelde West. All das waren praktische und sch�ne, zartf�hlende Immobilien im Gr�nen f�r Leute, die sich nicht so sehr f�r das Aktuelle und seine Abgr�nde interessierten. Die Kornitzers waren da anders, nah am Ku�damm h�rten sie die Ausrufer der Abendzeitung � die Morgenzeitung hatten sie ohnehin gelesen �, die Zeitungen waren nicht wirkliche Werbetr�ger, die Zeitungen generierten keine W�nsche und Begehrlichkeiten, sie waren zu n�chtern (bilderlos).</p><p>Am besten (oder am risikolosesten) warb man im Kino f�r Produkte, die jeder Mann und besonders jede Frau brauchte oder brauchen sollte. Claire machte sich Notizen; die Notizen abzuarbeiten und gleichzeitig neue Werbefilme zu starten, erforderte viel Arbeit. Arbeit, die man gar nicht immer sah, anders als die Akten eines Juristen, die er mit nach Hause brachte, weil er seine Arbeitszeit vorwiegend selbst bestimmen konnte. Und Claire, die Termine hatte noch und noch, war ganz froh �ber diese Besonderheit. Es waren unternehmerische Entscheidungen zu treffen, die ihr niemand abnehmen konnte. Manchmal schwindelte ihr ein wenig bei der Tragweite.</p><p>Gleichzeitig dachte sie an ihren kleinen Jungen, der ins Bett gebracht wurde um diese Zeit, w�hrend sie im Universum stand � zur Verwunderung der Platzanweiserinnen. Sie hatte keine Kinokarte, brauchte sie nicht, und sie brauchte auch die Hilfe der Platzanweiserinnen nicht (oder das energische Eingreifen, wenn jemand sich in der Sitzreihe irrte). Ihr Platz war an der Mahagoni-T�felung hinten im Gang, mit den H�nden st�tzte sie sich ab. Sie dachte an ihren Mann, und sie sah, ohne wirklich zu denken, oder sie dachte, auf die gro�e Leinwand schauend, eine offene Wahrnehmung mit allen Sinnen, derer sie sich nicht wirklich bewu�t war. Bewu�t war ihr die �u�erste Konzentration. Ihr Arbeiten war aktiv und passiv zugleich, sie lie� die Atmosph�re auf sich wirken und zog daraus Schl�sse. Ob diese richtig waren oder falsch, konnte sie nicht �berpr�fen. In Wirklichkeit war sie die wahre Testperson, die sich der Gemeinschaft des Publikums aussetzte. Zuschauer wunderten sich, da� sie sich nicht setzte, wenn es dunkel wurde. Sie wunderte sich nicht, da� man sich wunderte �ber sie, sie ahnte: Sie wirkte wie eine Art von Kommissarin, Statthalterin (aber f�r was?), und diese Rolle war danach schwer abzustreifen.</p><p>Wieder schl�pfte sie durch den Hintereingang des Universum, kam nach Hause mit der gerade bef�rderten Gewi�heit: Ja, so ist es gut, genau so. Oder dem Zweifel: H�tte man die Unsicherheit �ber eine wirbelnde Kameraf�hrung nicht beseitigen k�nnen? H�tte die Ank�ndigungsstimme f�r das beworbene Produkt nicht schmiegsamer sein k�nnen? Sie hatte eine letzte Abnahme des Werbefilms vers�umt, das warf sie sich vor. Aber sie warf sich auch vor, sie habe nicht darauf geachtet, da� Georg nicht nur nieste, sondern auch schnupfte und am sp�ten Abend, als sie noch einmal nach ihm sah, wirklich hohes Fieber hatte und da� das M�dchen die Krankheit ignoriert oder wirklich nicht begriffen hatte. So weckte Claire ihren Mann, der morgen fr�h oder � wenn der ihm unsympathische Rechtsanwalt schlau und �berlang pl�dierte � erst am Mittag ein Urteil f�llen mu�te, und warf sich vor, zu lang gez�gert zu haben, das M�dchen und auch Richard, der ja zuhause war und Akten studierte, nicht instruiert zu haben, dem kr�nkelnden Kind jede halbe Stunde eine pr�fende Hand auf die Stirn zu legen, ein Gef�hl zu entwickeln f�r eine W�rme, die sich zu einer ungew�hnlichen Hitze entfalten k�nnte, eine Empfindlichkeit, die im Zweifelsfall, wenn das Kind wirklich krank w�rde, auf die Mutter zur�ckfiele, nicht auf Cilly, die einen solchen �berblick noch nicht hatte, oder den Vater, von dem man eine so schlichte Geste des Handauflegens auf eine hei�e (oder nur w�rmer werdende) kleine Stirn gar nicht erwartete. Der Vater war f�r besondere T�tigkeiten zust�ndig, und das Kinderm�dchen war nicht zust�ndig. H�tte Cilly in der Abwesenheit der Eltern am Nachmittag einen Kinderarzt zu Georg gerufen, w�re das zweifellos eine Kompetenz�berschreitung gewesen, die Claire und Richard Kornitzer vielleicht gar nicht zuwider war, aber man h�tte es immer wieder sorgsam mit Cilly besprechen m�ssen. Georg kr�hte ihren Namen fordernd wie eine Art von t�glichem, st�ndlichem Kikeriki � Cilly hier und Cilly dort, er brauchte sie, forderte sie, und sie war dem kleinen b�rgerlichen Prinzen als ein M�dchen vom Land, das mit Butter und Honig und Wiesenkr�utern pers�nlich verwandt zu sein schien, zu Diensten. Ging Cilly auch ins Kino? Das wu�te Claire nicht, und sie h�tte es auch als �bergriff empfunden zu fragen, was Cilly an den freien Abenden unternahm. Sie war frei, �frei, sich nicht selbst zu sch�digen�, Richard Kornitzer hatte es so vornehm bei ihrem ersten Ausgang ausgedr�ckt, und Claire und Richard Kornitzer, die ihr einen �sch�nen Abend� w�nschten, hatten gehofft, da� sie den geheimen Sinn dieser Formel (und auch die Sorge der Arbeitgeber, die darin verborgen war) verstand. Und so rief Claire wirklich sp�t in der Nacht aus eigenem Entschlu� aufgeregt den Kinderarzt an, der sie auf den n�chsten Morgen vertr�stete. Da ging es Georg schon viel besser. Es war wie eine Welle der Erregung gewesen: Sie hatte am vorigen Morgen sein Unwohlsein nicht bemerkt, sie f�hlte sich �berhaupt eher nachl�ssig als Mutter. Insgeheim hatte sie ihrem Mann und dem M�dchen schwere Vorw�rfe gemacht, Georgs aufflammendes Fieber �bersehen zu haben � wie sie es auch vermutlich nicht bemerkt h�tte, w�re sie an diesem Abend zuhause gewesen �, also waren die Vorw�rfe in den Wind geschrieben, und das verschwitzte, erhitzte Kind, das sie am Morgen fest in ihre Arme schlo�, schien keine Erinnerung an die schwere Nacht zu haben, in der niemand es aufnahm, herumtrug und k�hlte, im Gegenteil: es war gn�dig und freundlich, als h�tte es in einer Spalte des Ged�chtnisses einen Erinnerungsfetzen, da� es die Hitze, das Fieber selbstt�tig abgesch�ttelt hatte, Gott � oder wer immer ihn vertrat an dieser Stelle in der N�he des Kinos � wu�te wie. Und Claire gelang es, sich zu beruhigen, indem sie sich ein bi�chen von ihrem kleinen Sohn, ihrem Mann und auch Cilly fernhielt. Sie st�rzte sich in die Arbeit, berechnete die Kosten f�r einen neuen Werbefilm. Es war ihre ganz pers�nliche Beruhigung, mochten sich Richard und Cilly ihre eigenen Gedanken machen.</p><p>Einer der letzten Stummfilme, die die Filmgesellschaft Terra gebracht hatte, war zum Niederknien, aber wer kniet schon, wenn er sehen, aufsaugen m�chte. Er schob eine Schauspielerin in den Mittelpunkt, einen Augenaufschlag, einen Atem, eine Gewi�heit: Dies ist zweifellos eine Frau, nach der man sich sehnt. Und Marlene Dietrich war diese Frau, sie verk�rperte sie nicht nur, sie suggerierte, sie sei als Objekt der Sehnsucht greifbar, f�hlbar, verf�gbar, und sie sehnte sich auch von der Leinwand herunter nach diesem, ja genau nach diesem Zuschauer im Publikum. Und jeder glaubte, dieser eine zu sein am Beginn und am Ende einer Massenpsychose, die nicht mehr eine Frau betraf, sondern universell geworden war, eine F�hrergestalt suchte, jemanden herbeisehnte, der alles gut machte, was schlecht war und beleidigend und kr�nkend. Die Frau allerdings, die hinter Rauchdunst und einem Waggonfenster als das Inbild einer Reisenden, einer Fl�chtigen erscheint, schaut ins Unbestimmte. Sie staunt dar�ber, was sie anrichtet, sie hat doch nichts getan, sie hat sich ausgestellt, sie hat sich ausstellen lassen, sie hat Sehnsucht geweckt. Sie ist eine Projektion, wie die Filmleinwand als solche eine Projektion aufnimmt und widerspiegelt. Sie sieht den Sehns�chtigen nicht an, den infantil und inflation�r Sehns�chtigen. S�he sie ihn an, sie m��te ihn mitleidig ansehen, aber er hat doch eine Kinokarte erworben, er bezahlt s i e, und sich dies vor Augen zu f�hren in aller Drastik, w�re doch eine Peinlichkeit. Wenn der Kinozuschauer nicht wei�, da� er eine Massenerscheinung ist, die die Einzelne, die Einzige in Bann schl�gt, nun ja, dann hat er das neue Medium, den suggestiven Film, noch nicht verstanden. (Und dies ist der letzte Stummfilm, nun ist es zu sp�t zum Verstehenlernen.) Der Blick der Schauspielerin trifft ihn ins Mark, wie ein Ruf, wie ein Schicksal. Du mu�t dein Leben �ndern. Aber das Kinogehen hat dein Leben schon ge�ndert, wenn du das Kino-Universum verl��t, stehst du auf der Stra�e mit deiner unbestimmten Sehnsucht. Die Frau, nach der man sich sehnt, ist nur im Kino, und der Zuschauer, der den geraden, den gef�hrlichen Weg der Liebe geht, der das Leben wagt und die Liebe hopp nimmt in einer leidenschaftliche Gesten, wei� nichts, erf�hrt nichts und leidet. Ob die Frau, nach der er sich sehnt, Hingabe spielt oder seine Projektion ist, er wei� es nicht. Er wei� auch nicht viel �ber seine eigenen Gef�hle, die Bilder strudeln dar�ber hinweg. Er ist allein in der Menge der Kinog�nger, jeder, der sich sehnt, ist allein. Er hat die Gewi�heit verloren, als Mensch an eine Wirklichkeit gebunden zu sein. Der Schein, die sprachlose Wirklichkeit, die wortlose Verf�hrung zum Sehnen legt sein Empfindungsverm�gen lahm. Oft sieht Marlene Dietrich ganz unbeteiligt aus, als ginge alles, was rund um sie und ihretwegen geschieht, sie gar nichts an. Das ist die Sehnsucht, das ist der Leerlauf, ein auf sie gerichtetes Gescho� bleibt stehen in der flirrenden Luft, sie taucht in das Geschehen, taucht in einen Tod, als w�re er ein Elixier. Sie badet darin, eine Nixe in einem dunklen Gew�sser. Und wer sie sieht, sieht nur das R�tsel und die Bedingungslosigkeit, sich im R�tsel aufzul�sen und zu zersetzen. Die Frau, nach der man sich sehnt, ist eine sprachlose, eine stumme Ersch�tterung.</p><p>Dann kam der Tonfilm, und auf den Stra�en fing das Br�llen an. Es wurde demonstriert, marschiert. Wer nicht einverstanden war mit dem Br�llen auf den Stra�en, den Aufm�rschen, zog sich hinter die Gardine zur�ck, schwieg, schwieg indigniert. (Oder sa� auf gepackten Koffern, um das Land sofort zu verlassen im Falle, da�.) Er w�rde vor�bergehen, der Spuk. Die Gegner des Br�llens mu�ten selbst br�llen, damit sie geh�rt wurden. Das verzerrte die Z�ge. Der Tonfilm dagegen hatte nat�rliche Feinde, die Artisten-Loge und den Deutschen Musikerverband. Vom Ku�damm brachte Claire ein Flugblatt mit, das ihr in die Hand gedr�ckt worden war, zu Hause studierte sie es sorgf�ltig.</p><p>Gegen den Tonfilm!</p><p>F�r lebende K�nstler!</p><p>An das Publikum!</p><p>(Alles war fett unterstrichen, �berdeutlich.)</p><p><emphasis>Achtung! Gefahren des Tonfilms!</emphasis></p><p><emphasis>Viele Kinos m�ssen wegen der Einf�hrung des Tonfilms und dem Mangel an vielseitigen Programmen schlie�en!</emphasis></p><p><emphasis>Tonfilm ist Kitsch!</emphasis></p><p><emphasis>Wer Kunst und K�nstler liebt, lehnt den Tonfilm ab!</emphasis></p><p><emphasis>Tonfilm ist Einseitigkeit! 100�% Tonfilm = 100�% Verflachung</emphasis>.</p><p><emphasis>Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord!</emphasis></p><p><emphasis>Seine Konservenb�chsen-Apparatur klingt kellerhaft, quietscht, verdirbt das Geh�r und ruiniert die Existenzen der Musiker und Artisten! Tonfilm ist schlecht konserviertes Theater bei erh�hten Preisen!</emphasis></p><p><emphasis>Darum: Fordert gute stumme Filme!</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Fordert Orchesterbegleitung durch Musiker!</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Fordert B�hnenschau durch Artisten!</emphasis></p><p><emphasis>Lehnt den Tonfilm ab! Wo kein Kino mit Musikern oder B�hnenschau ist: Besucht die Variet�s!</emphasis></p><p>Claire konnte dar�ber nur den Kopf sch�tteln. Pfr�nde, Besitzstandswahrung, und sie wollte sich schon selbst in lauter Ausrufezeichen erregen. Als g�be es ein Naturrecht, vor dem Film und zur Begleitung des Films zu fiedeln, zu blasen und zu klimpern. Als w�re die Sprache, als w�ren Ger�usche nichts, nur die k�nstlich erzeugten T�ne auf Instrumenten, die sich quirlend als k�nstlerische T�ne aufspielten, h�tten eine Geltung vor den nat�rlich erzeugten, dem R�uspern, dem Ausatmen, dem girrenden Lachen, den unbekannten, verst�renden Schritten auf dem Asphalt. Als h�tten Artisten, Vogelf�nger, Schlangenbeschw�rer, Aus-dem-Hut-Zauberer und Musiker das Geh�r zum eigenen Gewinn gepachtet und wollten es dann als unerl��liche Beigabe zu den Filmen verschachern. Ja, es stimmte, Tausende von Musikern wurden gefeuert. Aber auch Bankangestellte, Stenotypistinnen, Fr�ser und Ingenieure wurden gefeuert, das war die Krise, das waren die Auswirkungen des B�rsenkrachs, als alle internationalen Kredite an das Deutsche Reich gek�ndigt wurden. Auch kleine Kinos, die sich die Umr�stung auf den Tonfilm nicht leisten konnten, mu�ten schlie�en. M�glicherweise versetzte der neue Tonfilm dem Stummfilm den Todessto�. Claire dachte auch: Das wird sich weisen. Und sie dachte auch: Kommt Zeit, kommt Rat. Vielleicht dachte sie zu viel oder nicht zielgerichtet genug. Im Advent 1932 hatten auf den B�rgersteigen des Tauentzien Bettler und Hausierer eine enge Gasse gebildet. Aufdringlich und vorwurfsvoll rappelten sie mit Streichholzschachteln, die sie verkaufen wollten. Sie boten N�hnadelbriefchen, Pflaster und Putzlumpen an, spielten Schifferklavier und entlockten gef�hrlich blinkenden S�gebl�ttern jaulende T�ne. Die enge Gasse machte Angst, selbst dort einmal zu stehen, sich aufzureihen in der Elendsprozession, aber auch Angst, im Unvermeidlichen eine starke Rolle, eine unvermeidliche Rolle zu spielen: die des Opfers. Auf diese Rolle konnte man sich in aller Sorgfalt vorbereiten, wenn die Zeit kam, und sie kam unerbittlich, eine Ordnungsmacht, der ein Einzelner, eine Einzelne kaum gewachsen waren. Zu viel der Abhaltungen, der Verrichtungen, das Geh�r �bernahm, und die sehenden Augen wandten sich ab.</p><p>Der Film hatte Nerven und Phantasie bekommen, der Ton konnte die Kamera ins Unrecht st�rzen oder sie unterst�tzen. Der Tonfilm entdeckte die Stimme der Dinge, das Get�se einer Fabrik und das monotone Rinnen des Herbstregens. Aber der Tonfilm mu�te auch das Schweigen lernen, das dramatische Schweigen, wenn alles gesagt war, Musik kam, und Musik verstummte, pl�tzlich war die Stille ein wichtiges Ausdrucksmittel geworden, die Stille und das Schweigen markierten extreme Gef�hle, es war ein Lernprogramm ganz neuer Art.</p><p>In der Werbung war es anders: Es war wirksamer, den Namen einer Firma auszusprechen (mit welcher Stimme, welchem Timbre der Stimme, mit welcher Gewi�heit?) als nur den Schriftzug abzufilmen. Das Bild stockte, stand still und machte den steifen Buchstaben Platz. Jetzt, im neuen Tonfilm, konnte eine Stimme den Firmennamen interpretieren, ihn sich auf der Zunge zergehen lassen oder dramatisch hinausposaunen, was das Simpelste war. Am besten schien es Claire, wenn die Worte leicht, schnell und zwanglos gesprochen wurden, damit sie sich den Schnitten von Sprecher zu Sprecher anpassen konnten. Bild und Ton wurden ein organisches Ganzes. Der Ton war ein Protest gegen das Lesen der Schriftz�ge, die die Stummfilmbilder erkl�rten. Claire war auf der Seite der Neuerung, nicht bedingungslos auf der Seite jeder Neuerung, aber doch immerhin. Sie konnte sich einen Werbefilm vorstellen mit sprechenden, blank geputzten Schuhen, tanzenden Schuhen und einer Schuhcremedose, die eine Spieldose war, aber sie konnte sich noch nicht wirklich vorstellen, ob sie den Werbechef der Schuhcreme-Firma von ihrer Filmidee �berzeugen k�nnte. Alles andere w�re Selbst�bersch�tzung. Man hatte so etwas noch nicht gesehen. Wollte das Publikum so etwas sehen?</p><p>Sie reiste im Reich herum, um ihre Firma und die Werbefilme vorzustellen oder um Auftr�ge zu akquirieren, traf Reklamefachleute, und es war ihr unfa�bar, da� ihr freundliche, gebildete M�nner, die in irgendwelchen Konsortien sa�en, von Zeit zu Zeit die ganz ungesch�tzte Frage stellten: Frau Kornitzer, was mu� man machen, um in Berlin Erfolg zu haben? Sie hatte schon eine Vorstellung, warum das in dem einen Fall gelang und in einem anderen Fall nicht, aber das war nicht einfach so zu erkl�ren. (Jedenfalls nicht geradeheraus in ein erfolgsversessenes Gesicht, das auch erstarrte und die Verbindung verlor zu weicheren, ungepr�gteren Gesichtern, mit denen wiederum kein Staat zu machen war.) Es war doch mit H�nden zu greifen, sie, Claire, hatte es begriffen, die Zeit war so, und alle, die solche unsicheren Fragen stellten, drifteten im unsicheren Raum. Man mu�te Kommunist sein oder Nationalsozialist, dann wu�te man Bescheid. Man wu�te Bescheid, wenn man sich l�ngst entschieden hatte. Aber der Werbefilm war schillernd vielschichtig, und das Recht, das Richard Kornitzer studiert hatte und das er jetzt verk�rperte, war es nicht. Ja �er sprach Recht�. (Oder sprach er �recht� im Sinne von �richtig�? Das was eine rechtsphilosophische Diskussion, zu der er aber jetzt nicht Stellung nehmen konnte.) Es war zu viel zu tun, die Prozesse h�uften sich. Richard und Claire sprachen am Abend, wenn Cilly schlief, wenn Georg seine letzte Nachtmahlzeit aufgenuckelt hatte, dar�ber, was denn werden sollte, und was die ver�nderte politische Lage f�r die Prowerb und f�r das Richteramt bedeuten k�nnte, aber sie wollten sich auch nicht �ber die Ma�en erregen. Nicht verr�ckt machen lassen! Das war eine Devise, die wie ein Schild �ber der eleganten Wohnungst�r in der Cicerostra�e hing. Man mu�te abwarten, im Zweifelsfall w�rde nichts so hei� gegessen wie gekocht. Ja, es gab Angst, Unw�gbarkeit. Aber sollte man dem Instinkt nachgeben oder der Vernunft? Die Angst war �ngstlich, nat�rlich, die Vernunft weitblickend, so schien es. Die Vernunft vertraute darauf, da� die Angst nicht �berhandnehmen mu�te, durfte.</p><p>Manchmal tr�umte Claire von einer wei�en, unbespielten Leinwand. Der Projektor lief summend und r�hrend und war, wie es sich geh�rte, auf die Leinwand gerichtet. Sie sp�rte die Aufregung, die sie jedes Mal �berfiel, wenn sie stehend am Rand des Kinosaals die Werbung kontrollierte, aber es gab in diesem Traum keinen Film, es gab nur den kalten, geb�ndelten Lichtstrahl, das Spulen des Streifens. Sie wachte dann erschreckt auf und schwor sich, noch sehr, sehr viel h�ufiger ins Universum zu gehen. Gegen schlechte Tr�ume half nur die Kontrolle der Wirklichkeit. Es w�rde nichts geschehen, was der Prowerb und ihrer T�tigkeit sch�dlich w�re. Claire pa�te auf, sie war eine Gesch�ftsf�hrerin nicht nur dem Namen nach, sie f�hrte ihre Firma an einem strikten Z�gel.</p><p>Claire schl�pfte aus dem Woga-Haus sp�tabends ins Universum, sie wollte die Wochenschau sehen, die sie am fr�hen Abend vers�umt hatte, sie beschwatzte den Filmvorf�hrer, der gerade den eben gezeigten Film zur�ckspulte, ja er hatte die Wochenschau auch nicht wirklich sehen k�nnen, nun sa� sie allein in einem ziegelroten piekfeinen Samtsesselchen, ganz allein mit dem Filmvorf�hrer in dem riesigen Kino, und es br�llte und wallte in ihren Ohren, der Filmvorf�hrer sah sie an, sie sah ihn an, und sie fror, fror. Sie hatte keine Worte f�r den Filmvorf�hrer, und er nicht f�r sie, aber das besagte nichts, sie waren ja Kinoleute, ein Blick gen�gte, der Kinovorf�hrer sah ihr Gesicht wie in einer Gro�aufnahme, ihr aufgerissenes, entsetztes Gesicht, und sie sah seines, verfinstert, in sich gekehrt. Und w�ren sie Schauspieler gewesen, h�tte eine Kamera ihren Blickwechsel eingefangen, sie h�tte nicht nur die Not, das Entsetzen eingefangen, sondern auch etwas Brillantes, eine Blickbewegung, eine Beziehung, die vollkommen uneinstudiert wirkte (und es ja auch war), ein �Was nun�. Etwas Abgr�ndiges zwischen zwei Menschen, die sich nicht kannten und doch in diesem Augenblick im leeren, riesigen Kinoraum kennenlernten. Und w�re noch ein Drehbuch-Autor dazugesto�en in dieser unheimlichen Situation, er h�tte die Szene mit dem Film-Vorf�hrer, einem zierlichen, glattrasierten Mann, der wirkte wie ein abgebrochener Philosophiestudent, der sich ins Kino verliebt hatte, und der t�chtigen Gesch�ftsfrau, die das Kino als ein Transportmittel der Werbung entdeckt und zu nutzen gelernt hatte, filmisch ausbauen k�nnen. Er h�tte Blicke gepaart und er h�tte sie beide als Gegner des neuen Regimes kennzeichnen m�ssen. Filmvorf�hrer und Gesch�ftsf�hrerin betrachten den F�hrer auf der Leinwand. H�tte er einen Dialog gebraucht? Das w�re schon zu viel gewesen. Am besten, seine Protagonisten h�tten sich vor der schnurrenden Kamera �erkannt�. Das w�re das Beste f�r den Drehbuch-Autor gewesen, er h�tte sich selbst keiner Gef�hrdung, nicht der Zensur ausgesetzt. Die Blicke h�tten gesprochen, h�tten eindeutig gesprochen. Aber w�re diese Sprache noch verstanden worden? Das war die Frage. Es gab keine M�glichkeit des R�ckfalls in den Stummfilm.</p><p>So war die neue Kunstform nicht gedacht. Der Tonfilm konnte leise sein, ein Hauch, ein Seufzen, ein Atmen im Raum, ein Bogenstrich auf einer Saite, aber gleichzeitig mit ihm fing das Br�llen an, das Schreien, die exaltierte, outrierte Stimme �berschlug sich, daf�r gab es kein Beispiel. Kaum hatte der Tonfilm begonnen mit seinen feinen technischen M�glichkeiten, kapitulierte er schon. Dem Br�llen, dem Schreien, dem Wochenschauwehen war er nicht gewachsen, er reihte sich ein in die Gratulanten zur Gleichschaltung, und Claire sah schweigend zu. Wie sie die Arme verschr�nkte, wie sie zum Filmvorf�hrer schaute und er zu ihr im riesigen, halbdunklen Kino, dar�ber gab es keine Worte, keine Bilder, aber eine Wahrnehmung, eine Empfindsamkeit, als h�tten sie, Claire, Richard, der Filmvorf�hrer und der kleine Georg mit seinem Kinderm�dchen Cilly in einer anderen Zeit in einem Zeitspalt gesessen wie in einer sachten H�hle und h�tten auf eine andere Witterung gewartet, die dann doch nicht eintraf, aber jederzeit h�tte eintreffen k�nnen, zum allgemeinen Erstaunen.</p><p>Georg hatte zu Weihnachten ein h�lzernes Feuerwehrauto bekommen, das er am liebsten �berhaupt nicht mehr aus der Hand gegeben h�tte. Er lie� es rollen auf der Oberfl�che der M�bel, �ber die Wand neben der K�chent�r und auf dem Arm des geduldigen Kinderm�dchens. Dabei trompetete er sein Tat�tata mit stoischem Gleichmut. Auch mit gutem Zureden lie� er sich nicht davon abbringen. Er hatte zu tun und wurde nicht m�de bei seinem konzentrierten Spiel, man mu�te ihn, wenn man ihm ein Butterbrot servierte, daran hindern, das Feuerwehrauto �ber das Brot rollen zu lassen.</p><p>Als Richard Kornitzer sein Richteramt verlor und in einen sogenannten <emphasis>Ruhestand</emphasis> versetzt wurde, geriet er in eine Art Schockstarre. Er r�umte die juristischen Zeitschriften auf seinem Schreibtisch hin und her, stapelte sie ordentlich, las darin, und die Worte drangen nicht wirklich zu ihm. Claire hatte das Gef�hl, er sehe durch sie hindurch, das tat ihr weh. Sie sah, wie er litt, und sagte: Ich verdiene doch gut, so wird es gehen, einigerma�en, aber er ging darauf nicht ein. Er telephonierte mit einem befreundeten Rechtsanwalt in Breslau, Ludwig Foerder, der sagte ihm, zwei Wochen vor dem Inkrafttreten des �Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums� sei er an einem Samstagmorgen nach dem Synagogenbesuch ins Amtsgericht gegangen. Pl�tzlich ert�nte auf dem Korridor ein Gebr�ll wie von wilden Tieren. Die T�r des Anwaltszimmers flog auf. Herein st�rzten zwei Dutzend SA-M�nner in ihren braunen Blusen und Kappen und schrien: Juden raus! Einen Augenblick seien alle im Zimmer, Juden wie Christen, gel�hmt gewesen. Dann verlie�en die meisten j�dischen Anw�lte das Zimmer. Der �ber 70j�hrige Justizrat Siegmund Cohn, ein langj�hriges Mitglied des Vorstandes der Anwaltskammer, habe vor Schreck wie angenagelt auf seinem Stuhl gesessen, unf�hig, sich zu erheben. Ein paar Mitglieder der Horde st�rzten auf ihn zu. Einige j�ngere Anw�lte, darunter auch Mitglieder des deutsch-nationalen Stahlhelms, stellten sich sch�tzend vor ihn. Das habe die Eindringlinge bewogen, von ihm abzulassen. Ein SA-Mann sei auf ihn, Ludwig Foerder, zugesprungen und habe ihn am Arm gepackt. Er sch�ttelte ihn ab, darauf zog der SA-Mann sogleich aus dem rechten �rmel seiner Bluse ein metallenes Futteral, das auf einen Druck eine Spirale hervorspringen lie�. An deren Ende war eine Bleikugel befestigt. So ein Ding hatte Foerder noch nie gesehen. Mit diesem Instrument habe er ihm zwei Schl�ge auf den Kopf versetzt, die Bluterg�sse schwollen sofort an. Richter, Rechtsanw�lte und Staatsanw�lte, die meisten noch in ihrer Amtsrobe, seien von den SA-Leuten auf die Stra�e getrieben worden. �berall h�tten die braunen Horden die T�ren der Verhandlungszimmer aufgerissen und: Juden raus! gebr�llt. Ein geistesgegenw�rtiger Assessor, der gerade eine Sitzung abhielt, schrie zur�ck: Macht, da� ihr rauskommt! Darauf reagierten sie und zogen ab. In einem anderen Zimmer sa� ganz allein ein j�discher Referendar. Zwei Hooligans schrien ihn an: Sind hier Juden? Er gab seelenruhig zur Antwort: Ich sehe keinen. Da warfen sie die T�r zu und zogen weiter.</p><p>Er, Foerder, sei in das Zimmer des Aufsichtsrichters des Amtsgerichts gerannt, um Hilfe zu holen. Der 64j�hrige Amtsgerichtsdirektor, ein alter Hauptmann der Landwehr, der ihm seit zwanzig Jahren bekannt war als ein aufrechter Mann, sa� ziemlich bleich in seinem Lehnstuhl. Foerder habe ihn gefragt, welche Ma�nahmen er zu treffen gedenke, um diesem unerh�rten Ereignis ein Ende zu machen. Der Amtsgerichtsdirektor erwiderte, er habe bereits mit dem stellvertretenden Landgerichts-Pr�sidenten telephoniert. Dieser habe ihm versprochen, da� er sich mit dem Pr�sidenten des Oberlandesgerichts in Verbindung setzen werde. Foerder berichtete Kornitzer, er habe sich den Einwand erlaubt, da� ihm in diesem speziellen Fall die Beobachtung des Instanzenweges nicht ganz angebracht erscheine, und habe gebeten, seinen Telephonapparat benutzen zu d�rfen. Der Amtsgerichtsdirektor gestattete dies. Er habe das �berfallkommando des benachbarten Polizeipr�sidiums angerufen und den Bescheid erhalten: Zwanzig Polizisten seien bereits in Richtung des Gerichtsgeb�udes unterwegs. Dann habe er sie gesehen: Zwanzig Mann, die im G�nsemarsch �ber die Stra�e gekommen seien, und zwar in denkbar gem�chlichem Schritt. Sofort habe er begriffen, da� der neue Polizeipr�sident Heines zu den Arrangeuren des Pogroms geh�rte. Er hatte daf�r gesorgt, da� seine M�nner nicht zu zeitig eintrafen. Am Nachmittag desselben Tages, berichtete Foerder in n�chternen Worten weiter, h�tten sich die Richter im Geb�ude des Oberlandesgerichts versammelt und beschlossen, f�r s�mtliche Gerichte der Stadt Breslau ein Justitium, einen Stillstand der Rechtspflege, eintreten zu lassen. Es sei bekanntgegeben worden, da� f�r eine gewisse Zeit keine Gerichtsverhandlungen stattfinden und somit der Lauf wichtiger gesetzlicher Fristen gehemmt oder unterbrochen werde. Mit anderen Worten: Die Richter streikten. W�re dieses Verfahren an all den anderen Gerichten, in denen sich unw�rdige Szenen abspielten, angewandt worden, wer wei�, sagte Foerder, vielleicht w�re etwas (aber was wirklich?) verhindert worden. Viel Gl�ck, Herr Kollege, sagte Foerder noch, viel Gl�ck, und Kornitzer sp�rte, da� dieser den H�rer noch ein wenig in der Hand hielt, um eine Antwort oder zumindest ein Dankesch�n abzuwarten, das nicht mehr eintraf, bevor er leise auflegte.</p><p>Der 1. April 1933 war der Stichtag. Boykottposten standen an den Eing�ngen der Gerichte. Der Reichskommissar f�r das preu�ische Justizministerium, Kerrl, hatte die nationalsozialistischen Justizbeamten angewiesen, darauf zu achten, da� kein j�discher Richter, keine Geschworenen oder Sch�ffen erscheinen. Auch den j�dischen Anw�lten, die die Gerichte betreten wollten, um Termine wahrzunehmen, wurde der Eintritt verwehrt. Bei den Terminen, zu denen trotzdem j�dische Anw�lte schon vor der Absperrung erschienen waren, wurde die Vertagung herbeigef�hrt. Das war das Ende. Kornitzer sagte kaum etwas dazu, Claire mu�te das Geschehen aus ihm herausfragen, herauswringen, und als er endlich sprach, gelang es ihr nicht, ihn zu tr�sten, so umfassend war seine Verst�rung. Schlag auf Schlag wurden nach den Rechtsanw�lten auch die Notare aus ihren �mtern entfernt. An eine Weiterarbeit im Berufsumfeld eines Juristen war nicht mehr zu denken.</p><p>Am 6. April hielt Erich Mendelsohn in Br�ssel eine flammende Rede. Er hielt sie nur wenige Tage, nachdem er gefl�chtet war und sich in Amsterdam niedergelassen hatte. Er sprach nicht �ber Architektur, er sprach �ber Arier und Juden, �ber Deutschland, �ber die Liebe zum Land und seine Zerst�rung von innen heraus. <emphasis>Die Geburt und Entwicklung der nationalsozialistischen Partei ist kein Wunder, sondern eher das logische Ergebnis des Verlustes an moralischer Balance in Deutschland</emphasis>. Das h�rte in Deutschland niemand mehr, das wollte niemand mehr h�ren. Claire und Richard Kornitzer h�tten ihn gerne geh�rt, in Br�ssel, in Amsterdam oder in England, wo er dann mit Serge Chermayeff ein Architekturb�ro gr�ndete, aber sie waren abgeschnitten von dieser Stunde an, fortan.</p><p>Tage wie mit dem Rasiermesser geritzt, Tage der br�llenden Leere. Der Entwurf zum �Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums� wurde in der Kabinettsitzung am Nachmittag des 7. April von Wilhelm Frick, dem Innenminister, vorgetragen und ohne nennenswerte Diskussion oder gar einen Einwand angenommen und noch am selben Tag im Reichsgesetzblatt ver�ffentlicht. Das Gesetz bot ein differenziertes Instrumentarium, um Juden aus dem Staatsdienst zu entfernen. Einerseits hie� der Absatz 1 des Paragraphen 3: <emphasis>Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen; soweit es sich um Ehrenbeamte handelt, sind sie aus dem Amtsverh�ltnis zu entlassen</emphasis>. Aber schon der zweite Absatz behandelte Sonderf�lle, die sogenannten Altbeamten, die bereits im Kaiserreich Beamte gewesen waren, und Kriegsteilnehmer im Fronteinsatz, beide Gruppen durften im Amt bleiben. Hindenburg hatte sich nachdr�cklich f�r sie eingesetzt, nach Hindenburgs Tod verloren sie ihren Schutz. Schon vorher wurde Druck ausge�bt, da� diese Beamten <emphasis>freiwillig</emphasis> aus dem Dienst ausschieden. Wer das nicht tat, konnte nach Paragraph 6 <emphasis>im Interesse des Dienstes</emphasis> zwangspensioniert werden. Andere wiederum wurden zwangsweise beurlaubt, weil sie <emphasis>national eingestellte Referendare</emphasis> benachteiligt haben sollten oder wegen <emphasis>nationaler Unzuverl�ssigkeit</emphasis>. So konnten alte Rechnungen beglichen, Rache an f�higen, aber mi�liebigen Ausbildern genommen werden. Auf einen Schlag waren in Preu�en 640 j�dische Juristen beurlaubt worden; sch�ne Stellen wurden frei und wurden mit Parteig�ngern besetzt. Paragraph 4 drohte: <emphasis>Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Bet�tigung nicht die Gew�hr daf�r bieten, da� sie jederzeit r�ckhaltlos f�r den nationalen Staat eintreten, k�nnen aus dem Dienst entlassen werden</emphasis>. Es konnten auch Beamte <emphasis>zur Vereinfachung der Verwaltung</emphasis> in Pension oder Richter und Staatsanw�lte an niedere Gerichte in der Provinz geschickt werden, was manche auch dazu brachte, um ihre Pensionierung zu bitten. Der Willk�r war T�r und Tor ge�ffnet, aber immer konnte auf einen Paragraphen zur Rechtfertigung verwiesen werden. F�r fast alle Richter und Staatsanw�lte j�discher Herkunft war die Situation im Mai noch unver�ndert, sie waren beurlaubt und wurden �berpr�ft. Sie hatten Auskunft zu geben �ber ihre Zugeh�rigkeit zu politischen Parteien und Verb�nden und �ber ihre vier Gro�eltern. Listen wurden gef�hrt �ber die Versetzung in den Ruhestand oder die Entlassung aus dem Staatsdienst mit den entsprechenden versorgungsrechtlichen Konsequenzen. Im Herbst 1933, ein halbes Jahr nach der Verabschiedung des Gesetzes, war der Vollzug weitgehend abgeschlossen, und man hatte erreicht, die Betroffenen untereinander so zu spalten, da� f�r jeden andere Ma�nahmen und Paragraphen galten als f�r seinen Kollegen.</p><p>Rasender Stillstand. Der Hinauswurf aus dem Gericht war das eine, die Anp�belung war das andere. Kornitzer vergr�belte Stunden an seinem Schreibtisch, pr�fte Adressen, setzte Bewerbungsschreiben in alle vier Himmelsrichtungen auf. Er war sich nicht sicher, ob er sich als jemand, der vom �Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums� betroffen war, bewerben sollte, also ein rassisch Ausgegrenzter, oder ob er unter Weglassung seines Doktortitels sich als jemand bewerben sollte, der eine Ver�nderung in seinem Berufsleben suchte. Die erste L�sung appellierte an einen anst�ndigen Arbeitgeber, der sich nicht von der Nazipropaganda beeindrucken lie�. Die zweite setzte eher auf den Sonderfall: Der Bewerber ist ein Au�enseiter, ein Quereinsteiger, dazu mu�te ein Arbeitgeber eine Neigung haben. Nur eines hatte sich Kornitzer verboten: dem�tiges Betteln, nerv�ses Dr�ngeln. Es war ein dauerndes Kopfdrehen, ein angespanntes Lauschen nach M�glichkeiten zu arbeiten. Ein Durchforsten von Anzeigen, ein Zusammenr�cken, ein Zusammenzucken, ein Aufgest�rtsein, eine Alarmiertheit. Er war hinausgeflogen aus dem Richteramt, der Staat wollte ihn nicht mehr, was sollte ihm sonst noch geschehen? fragte er sich. Vergrab dich nicht, Richard, sagte Claire. Geh ins Kino. Als sie die Ermunterung ausgesprochen hatte, kam sie ihr selbst l�cherlich vor, aber als sie in Richards Gesicht sah, merkte sie, da� sie ihn mit ihrem simplen Vorschlag auch verletzt hatte. (Ein Menschenalter sp�ter w�rde ein amerikanischer Pr�sident an dem Tag, an dem die zwei T�rme in New York angegriffen wurden und ausbrannten vor den Augen der Welt mit den dort Anwesenden und Arbeitenden, die B�rger seines Landes anweisen: <emphasis>Go shopping!</emphasis>)</p><p>Am 30. April 1933 vormittags fand in Berlin eine Kundgebung zum Thema �Deutsche Werbung f�r deutsche Arbeit!� statt. Hans Hinkel war anwesend, der �Reichskulturwalter� des �Kampfbundes f�r deutsche Kultur�, der bald Staatskommissar f�r Kultur werden sollte, und Freiherr von Oberwurzer, der Wirtschaftsbeauftragte der NSDAP, und beide sprachen auf der Kundgebung. Der Redakteur des renommierten Branchenblattes �Seidels Reklame� schrieb einen Bericht: <emphasis>Beide Redner rissen die Anwesenden mit und gaben ihnen ein erfreulich eindeutiges unmi�verst�ndliches Bild von der grunds�tzlichen Einsch�tzung des neuen Deutschlands zu den kulturellen und wirtschaftlichen Problemen unserer Zeit! Nach der Proklamation der Werbefachleute beschlo� die von Orgelmusik, dem gemeinsamen Gesang der Nationalhymne und des Horst-Wessel-Liedes umrahmte Kundgebung die feierliche Verpflichtung der anwesenden Werber, sich und ihre Arbeitskraft jederzeit und uneigenn�tzig f�r das Wohl der deutschen Arbeit einzusetzen</emphasis>. Auch in der Werbung habe der Geist des neuen Deutschlands gesiegt. In der kommenden Zeit solle <emphasis>kein Platz mehr sein f�r ausl�ndische Reklame, die nicht der deutschen Wesensart entspricht</emphasis>. Im darauffolgenden Jahr entzog der Werberat 37 Werbetreibenden auf Dauer die Genehmigung zu werben (mit anderen Worten: den Boden unter den F��en), und gleichzeitig sprach er 76 Ma�regelungen und Verwarnungen aus, wenn die Werbung nicht in das neue Konzept pa�te. <emphasis>Reklame</emphasis>, das war eindeutig, war <emphasis>im Grunde nichts als ein �berbleibsel j�disch liberalistischer Wirtschaftsauffassung</emphasis>, ein verha�tes �berbleibsel aus der Weimarer Zeit.</p><p>Nein, Richard Kornitzer wollte nicht mehr ins Kino gehen, seit er gelesen hatte, Hitler sei zusammen mit Hugenberg und von Papen in einer Filmpremiere erschienen, was das f�r eine Filmpremiere war, wollte er gar nicht wissen, auch nicht, wof�r Claire jetzt werben k�nnte vor einem Film, von dem er nichts wissen wollte. Claire f�rchtete, er wolle auch von ihr nichts wissen an dem Abend nach dem ungl�ckseligen Vorschlag, er wolle sich in seiner Verletzung zur�ckziehen, in einem Kokon, aber in der Dunkelheit der Nacht sp�rte sie ihn, sein Zittern, sein Tasten nach ihrem K�rper, sein Sich-Aufb�umen. Es war nicht so, da� er Zuflucht im K�rper seiner Frau suchte, es war eher so, da� die �u�ere Bedrohung, die Schutzlosigkeit ihn den eigenen K�rper und seine Empfindsamkeit, Empf�nglichkeit f�r Eindr�cke, f�r Gl�ck st�rker f�hlen lie�. Es war ein Triumph des Abgewandten, der Intimit�t, des dem Br�llen und Schreien auf den Stra�en Versperrten, die Liebe �ffnete sich auf leise, eindringliche Weise, vielleicht, als w�ren sie vorher noch gar kein �richtiges� Paar gewesen. Ein Ehepaar mit einem kleinen Jungen, einem Kinderm�dchen und einer sch�nen Wohnung, das die Paarwerdung noch �bte und sich an einem Gelingen freute. Das Eheleben war jetzt eine Gewi�heit in der Ungewi�heit, ein Geschenk aneinander, f�reinander, das die K�rper nach dem H�hepunkt noch eine Weile durchsch�ttelte, au�er sich brachte, als wolle etwas bersten, f�r das sie beide keinen Namen hatten. Es schwindelte Claire. Sie half sich, indem sie leise ins Bad tappte, sich wusch, die Ordnung des Tagesk�rpers f�r die Nacht wiederherstellte, es war ein ganz untaugliches Mittel, eher ein Symbol.</p><p>Am Morgen irritierte sie jetzt das PloppPloppPlopp der Tennisb�lle im Innenhof des Woga-Komplexes. Wer spielte da so leichth�ndig, w�hrend die Kornitzers Sorgen dr�ckten, die sie in der Dunkelheit der Nacht zu bannen suchten? Was dachten die Tennisspieler beim Spiel, was hatten sie am Abend zuvor gemacht, mit wem hatten sie zusammengehockt, um sich Chancen auszurechnen, um zu kungeln, was hatten sie gesehen, was hatten sie gelesen? Und wie verbrachten sie den Tag? Mit wem? Und wie hatten sie sich gewandelt in den paar Jahren des Woga-Baus? Ihre K�rper gest�hlt? Die Vorstellungen von ihrem Leben? Ihre Vorstellungen, in welchem Staat sie leben wollten? Waren diese Vorstellungen �berhaupt mit dem morgendlich frischen Tennisspiel in �bereinstimmung zu bringen? Der wei�e Sport und die braunen Horden: das ging nicht zusammen. Einmal brach Claire in Tr�nen aus, w�hrend sie aus dem Fenster auf die wei�gekleideten Spieler sah, sie w�rde nicht mehr zu ihnen geh�ren, und Richard auch nicht. Georg vielleicht, sp�ter mal. Und ihr Tr�nenausbruch, den Richard ihr aus dem Gesicht rieb, kam ihr peinvoll und j�mmerlich vor im Angesicht der gro�en Probleme. Dr. jur. Richard Kornitzer, ihr Mann, durfte unter diesem Regime nicht mehr in seinem Beruf, den er liebte, arbeiten. Ihr kleiner Sohn m��te, wenn er ein Schulkind wurde, �ber Vater und Mutter und ihre Einstellungen zu diesem und jenem berichten, auch �ber die Geburtskonstellation war Auskunft zu geben. Das �berforderte das kleine Kind, das verst�rte die Eltern. Was waren sie, ein Ehepaar, das die famili�ren Tabus ignoriert hatte? Ein Jude, der einfach eine Protestantin geheiratet hatte, und eine Protestantin, die mit einem geborenen, aber nicht gl�ubigen Juden sprach, sprach, sprach, bis er ihre Freude, er m�ge mit ihr eine protestantische Kirche aufsuchen und sich zu ihr bekennen, verstand, aber ihr nicht nachgab? Darin war eine Fraglosigkeit der Liebe, keine �berschreitung, kein �bertritt und auch kein Fehltritt. Aber es gab keinen Altar, vor den sie gemeinsam h�tten treten k�nnen. Die Orte der Gemeinsamkeit waren Orte der Abwiegelung geworden, zu denen die Erregungen nicht pa�ten.</p><p>Aber sie war auch einmal in Tr�nen ausgebrochen, als Richard in sie drang. Der Tr�nenausbruch war eine Erleichterung in der �bergro�en Spannung, unter der sie sich befand. Aber Richard, der die N�sse, die ihr Gesicht �berstr�mte, sofort bemerkte, zog sich schockiert, verletzt zur�ck, als habe er sie zum Weinen gebracht, aber so war es nicht. Die �bergro�e N�he war es, kein Blatt Papier pa�te mehr zwischen sie. Und als Richard sie, aus dem ehelichen Gleichma� des Gebens und Nehmens hinauskatapultiert, im Dunklen fragte: Claire, warum weinst du denn? wu�te sie nicht wirklich zu antworten. Sie weinte nicht aus Traurigkeit, sie weinte nicht aus Verlustangst. Sie weinte, weil sie ihren Mann in aller Entbl��theit der Angst vor der Zukunft erkannt hatte, ja, nackt und blo� und zitternd, und sie weinte, wie sie sich ihm zeigen mu�te, nackt und blo� und voller Angst, was werden sollte aus ihnen. Hatten Adam und Eva, als sie sich zum ersten Mal vollkommen nackt sahen, auch geweint? scho� es ihr durch den Kopf. Es ist nichts, Richard, sagte sie, es ist nur ein �berschwang, und sie glaubte, ihre Stimme habe belegt geklungen.</p><p>War Claire fr�her gerne mit Richard zu Filmpremieren gegangen, wenn ein Werbefilm aus ihrer Firma lief, so hatte sie jetzt den Eindruck, sie sto�e an einen Bordstein und stolpere, immer wieder. Ja, sie war willkommen. Ja, man konnte die Gesch�ftsf�hrerin der Werbefilmfirma gut brauchen, sie war angesehen, zweifellos. Aber etwas stockte, bremste aus, blockte ab. Und sie mu�te sich sagen, es war der Mann an ihrer Seite, an dessen Seite sie sich gerne zeigte. Der um seine Arbeit gebrachte Richter war nicht mehr so pr�sentabel, was sollte man ihn fragen, mit welchem Thema einbeziehen? Jemand, dem das �Juden raus� in den Ohren klang, schaute nicht ganz gl�cklich, begeisterte sich auch nicht f�r jeden Film. Es war ja nicht so, da� �ihre Leute�, so nannte sie die Filmleute, sich ma�los in das politische Fach mischten. Eher war es ein Wind, der �ber sie hinweg wehte und ihrem Mann ins Gesicht blies. Der Beginn kam schleichend, auf leisen Sohlen, und da� dies der Beginn war, ahnte sie nicht, ahnte ihr Mann nicht. Es waren Ma�nahmen, die zu beachten waren, Ma�nahmen, die zweifellos unerfreulich waren und den eigenen Radius einengten. Aber wie lang, zu welchem Zweck? Das mu�te sorgsam beobachtet und am Abend analysiert werden.</p><p>Claire und er waren in diesem Sommer h�ufig mit dem kleinen Georg zum Wannsee gefahren. Georg, bewaffnet mit Eimerchen, Backformen, die er aber nicht benutzte, und einer Schaufel, schippte Sand und trug ihn ins Wasser, als k�nnte er mit Beharrlichkeit zum Grund des Strandes vordringen und f�nde, wenn er nur tief genug graben w�rde, etwas, das nicht Sand war, etwas �berraschendes, vielleicht einen Schatz. Claire und Richard liebten die Strandausfl�ge mit dem Kind, er schwamm hinaus, weit hinaus, Claire blieb bei Georg am Ufer, zeigte ihm den Vater als einen kleinen Punkt im Wasser, dann tauchte Richard wieder auf, ein gro�er, nasser menschlicher Seehund, der sich sch�ttelte und, auf einem Bein h�pfend, sich doch wieder in den Vater verwandelte, der sich das Wasser aus dem Ohr rieb. Georg lachte, lachte, und dann setzte sich der Vater zu ihm in den Sand, hinterlie� eine feuchte Spur, und Claire stieg ins flache Wasser, winkte zur�ck, warf sich ins brusttiefe Wasser, dann war ihre Gestalt unter der Menge der Badenden nicht mehr auszumachen. Aber Richard schaute auf den See, bis er sie wieder entdeckte oder besser: ihre gelbgestreifte Badem�tze. Er spielte mit Georg, half ihm beim Schaufeln, und als Claire wieder vor ihm stand, strahlend, kraftvoll, war er, ja was? ja, er war gl�cklich. Der Wannsee schien vergoldet, glei�endes Licht, die Segelboote am Horizont wie Wattetupfer, Kornitzer roch nicht mehr den penetranten Geruch des Sonnen�ls, h�rte nicht mehr das Kreischen und Rufen der Badeg�ste um die Familie herum, er sah das Licht, trank das Licht, und dann streckte sich Claire, trockengerubbelt, neben ihm aus, ber�hrte zuf�llig oder nicht mit ihrem Knie sein Schienbein, und er mu�te seine Erregung verbergen, indem er sich auf den Bauch drehte. Georg planschte im Wasser, aber er ging unsicher tapsend mit blo�en F��en auf dem Sand. Die Masse des Sandes, der zu schaufeln war, interessierte ihn, die einzelnen pieksenden Sandk�rner waren ihm zuwider.</p><p>In diese sch�nen Tage platzte die Verordnung vom 22. August 1933, da� ab sofort am Wannsee Juden das Betreten der Badeanstalt verboten war. Kornitzer las die Verordnung, las sie zweimal, dreimal, fassungslos �ber die Dem�tigung, fassungslos, da� dies das letzte Sommergl�ck gewesen war. Da� die Machthaber ausgerechnet das Badevergn�gen mit Sanktionen belegten, machte ihm klar, jede k�rperliche N�he zwischen Ariern und Juden sollte und mu�te verboten werden. Das Tauchen in dasselbe Wasser, das zuf�llige Ber�hren der K�rper im Wasser, die N�he eines arisch-nicht-arischen Paares im Wasser, auf dem Strand, auf dem Handtuch, das auf den Strand gebreitet war, all das wurde tabuisiert. Da� ausgerechnet das Baden sanktioniert war, eine unsichere und gleichzeitig platte und primitive Anspielung auf die Mikwe, auf die Erotik des Schauens, Ber�hrens, die in allen Badevorg�ngen eine Rolle spielte, emp�rte ihn. Er zeigte Claire schweigend die Verordnung, sie las sie, schaute ihn an mit ihren algengr�nen Augen und sagte ruhig: Wir werden anderswo schwimmen gehen. Das war lieb gemeint, heilte aber nicht seine grunds�tzliche Verletzung, die die Machthaber gezielt wie mit einem Nadelstich gesetzt hatten: Juden waren unsauber, es verbot sich, K�rpers�fte mit den ihren zu mischen, es verbot sich die gemeinsame Nacktheit, ja, es verbot sich die Intimit�t, nicht nur das Baden im Wannsee, in allen m�glichen Schwimmb�dern war es verboten. Das Verbot des harmlosen Schwimmvergn�gens, das war ihm klar, zielte auf jegliche Intimit�t zwischen Juden und Ariern, seine Ehe war bedroht, die Intimit�t mit Claire war bedroht, obwohl sie das nicht so sehen wollte. Es ging darum, die Meinung durchzusetzen, Juden seien eine fremde, b�sartige Rasse, die eine Gefahr darstellte f�r die gutartige Rasse der Arier. Claire war dann besonders zartf�hlend ihm gegen�ber, er sp�rte das, aber es drang nicht wirklich zu ihm. Sie gibt sich M�he, sagte er sich, sie gibt sich so viel M�he. Aber das half ihm nicht, er registrierte es. Er erinnerte sich daran, wie seine Mutter ihm erz�hlt hatte, da� ihre Hochzeitsreise auf die Insel Borkum ihr und dem Vater grunds�tzlich verdorben worden war durch den schon im Wilhelminismus herrschenden B�der-Antisemitismus. Deutlich habe man ihnen zu verstehen gegeben, da� Juden (oder Menschen, die aussahen, als k�nnten sie Juden sein) in den Strandhotels unerw�nscht waren. So war das junge Paar weiter nach Antwerpen gereist und hielt sich bei den gewaltigen Rubens-Gem�lden auf und verga� die Kr�nkung wieder.</p><p>Richard und Claire kamen dann von einer Premiere nach Hause, gut angezogen, gut gelaunt, aber auch beklommen. Mit wem haben wir geredet? Nur ein paar Mal mit dem Kopf genickt. Mit wem hast du, Claire, Verabredungen getroffen? Mit niemandem. Und wer hat mit dir, Richard, das Gespr�ch gesucht? Ich wei� es nicht, wirklich, ich wei� es nicht. Es w�re besser, Claire, du gingest zu der n�chsten Premiere allein. Claire protestierte heftig, nicht nur der Liebe wegen, auch weil es g�nzlich un�blich war, da� eine Frau allein zu einer Premiere kam, es sei denn, sie k�me zu einem bestimmten, sehr durchsichtigen Zweck. Eine Dame mu�te doch in ein Auto verbracht werden, ihr zarter Ellenbogen mu�te doch auf dem Weg eine Treppe hinauf gest�tzt werden, ihr Mantel an der Garderobe geholt werden, sie brauchte einen Besch�tzer. Gab es den nicht, schien das unangemessen, ein Makel. So war die allgemeine Vorstellung, die Claire und Richard Kornitzer nicht teilten, aber sie hatten teil an der Gesellschaft, die so dachte. Auch wenn die Frau eine Firma regierte und sie machtvoll war in ihrem Gebiet, aber doch nur in ihrem Gebiet, sollte jemand an ihrer Seite sein.</p><p>Kornitzer gelang es nach sieben Monaten, eine Arbeitsstelle zu ergattern. Er wurde Pr�fer in einer Gl�hlampenfabrik und mu�te dankbar daf�r sein, da� niemand ihm gro� Fragen stellte und er keine weitreichenden Erkl�rungen abgeben mu�te. Er war eingestellt worden mit seinen Papieren, ein Flie�band tuckerte an seinem Platz vorbei, dort hatte er sitzen zu bleiben bis zur Pause. Die linke Hand griff, fa�te die Gl�hbirne, setzte sie auf den Kontakt, sie leuchtete auf, die rechte Hand zog sie weg, steckte sie aufrecht in einen Karton, die linke Hand griff die n�chste Birne, die rechte zog sie weg, es war wie ein dauerndes Paddeln oder ein Crawlen, bei dem aber die Schultern und Oberarme m�glichst kleine Bewegungen machten, w�hrend die Gelenke der Ellenbogen, Handgelenke belastet wurden. Er mu�te schnell sein und pr�zis, und alle abschweifenden Gedanken waren von �bel.</p><p>Dann f�hlte Claire sich schwanger, und das pl�tzliche Weinen hatte vielleicht eine nachtr�gliche vern�nftige Erkl�rung. Die Ahnung von der zweiten Schwangerschaft war ein Erschrecken, geht das denn? geht das noch? der enger werdende Radius, die Sorgen, die Zukunftsangst. Es kam ihr vor, als verletze die Schwangerschaft die gro�e Intimit�t, die sie mit ihrem Mann gewonnen hatte, seit sie sich abschotteten vor dem Drau�en. Die vermutete Schwangerschaft, die ja eine Folge der gro�en Intimit�t war, dr�ngte sich zwischen sie und ihren Mann. Zwei Wochen tat sie gar nichts, gr�belte, wartete auf einen einzigen Blutfleck in ihrer W�sche, starrte die wei�e Baumwolle so lange an, als k�nne sie sie mit einem machtvollen Blick zum Err�ten bringen, aber so war es nicht. Als der Arzt ihr gratulierte, sah sie ihn irritiert an und verabschiedete sich rasch. Am Kurf�rstendamm betrat sie seit langem zum ersten Mal wieder ein Caf� und bestellte eine Tasse Schokolade. W�hrend die hei�e Fl�ssigkeit in sie hineinsickerte, dachte sie nichts, nichts, und sie beobachtete sich in der best�rzenden inneren und �u�eren Leere. Ihr Mann, zur�ckgekehrt aus der Gl�hbirnenfabrik, nahm die Nachricht von der Schwangerschaft vollst�ndig anders auf, als sie erwartet hatte. Claire, sagte er, und seine Stimme kiekste ein bi�chen: Wie sch�n f�r Georg, dann ist er nie mehr allein. Ihr gro�es Aber �berh�rte er. Und was er dann noch sagte, �ber eine Familie, �ber eine gro�e Familie, die er sich immer gew�nscht hatte als einziger Sohn, der seinen Vater fr�h, noch als Quartaner, verloren hatte, war wie Rauschen, sie h�rte es, und sie h�rte es nicht, ein beruhigender Wasserfall, dem kein Widerspruch gewachsen war. Sie bewunderte Richards Mut (oder war es eher Gleichmut?), in seiner Gegenwart schien alles harmonisch zu sein oder harmonisch werden zu wollen. Es wird schon gehen, und es ging ja auch. Die zweite Schwangerschaft, die ihr am Beginn wie eine unendliche Last vorkam, war leichter als die erste. Richard fuhr mit seiner Fingerspitze h�ufig die blauen, sich abzeichnenden Adern auf ihrer gespannten Bauchdecke entlang, als w�re dieser Bauch ein zu entdeckender Kontinent mit Fl�ssen und Wasserscheiden, etwas unerh�rt Neues, das er freudig in Besitz nahm. Das Kind bewegte sich so heftig in ihrem Leib, Beinschl�ge f�rs Delphinschwimmen, es strampelte und purzelte, pochte, als wolle es unbedingt Laut geben, sobald es das konnte.</p><p>Selma war ein Fr�hlingskind, ein lebhaftes, kr�ftiges Kind, das in der Wiege laute Unmuts�u�erungen von sich gab, nicht so tr�umerisch wie der kleine Georg. Er nahm die Anwesenheit der Schwester mit Erstaunen auf, zeigte ihr das geliebte Feuerwehrauto, eine vergebliche Liebesm�h, aber wenn sie gebadet wurde, nahm er lebhaften Anteil, hatte genaue Vorstellungen, da� Cilly oder Claire auch die Zwischenr�ume der Finger und Zehen und den schmalen Raum hinter den Ohren waschen sollten. Seine Entt�uschung, da� Selma noch ziemlich klein war, versuchte er zu kaschieren, aber sie stand doch deutlich in seinem Gesicht. Selma war nicht mal ein halbes Jahr alt und Georg gut dreieinhalb Jahre, als die Nachricht kam, ab dem Jahr 1936 w�rde in den Volksschulen die Rassentrennung eingef�hrt. Richard und Claire berieten: Galt das auch f�r Kinder eines j�dischen Vaters und einer protestantischen Mutter? Wo konnte man sich erkundigen? Und w�rde man nur Argwohn erregen, wenn man Erkundigungen einzog?</p><p>Einen Tag nachdem die Verordnung �ber die Volksschulen herauskam, wurde wieder eine neue Bestimmung bekanntgegeben: in Zukunft seien f�r Juden nur noch P�sse f�r das Inland auszustellen. Sofort tastete Kornitzer nach seinem Pa�, ja, er war noch g�ltig, blieb noch einige Jahre lang g�ltig. Das war beruhigend und gleichzeitig eine Bedrohung. Was bedeutete dieser Pa� f�r Claire und die Kinder? Nur im Notfall wollte er von diesem Pa� Gebrauch machen. Seine Mutter war allein in Berlin, immer noch in der zu gro�en Kurf�rstendamm-Wohnung, und wohin mit zwei kleinen Kindern, einer Frau, deren �konomische Aussichten sich zusehends verschlechterten, und einem unsicher gewordenen Beruf? Wieder vier Tage sp�ter, am 15. September 1935, traten die N�rnberger Gesetze in Kraft. Ihr Paragraph 1 hie�: <emphasis>Eheschlie�ungen zwischen Juden und Staatsangeh�rigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig</emphasis>. Im Paragraph 3 stand: <emphasis>Juden d�rfen weibliche Staatsangeh�rige deutschen oder artverwandten Blutes unter 45 Jahren in ihrem Haushalt nicht besch�ftigen</emphasis>. Die Paragraphen waren Keulenschl�ge, unter denen sich die Kornitzers duckten. Es klingt so, sagte Claire, als w�rde ein Jude jede j�ngere Frau mit K�chensch�rze sofort anfallen. Bin ich der Arbeitgeber des M�dchens oder du? zweifelte Kornitzer, doch es half nichts, Cilly mu�te entlassen werden. Aber Sie waren doch mit mir immer zufrieden? fragte sie in aller Unschuld. Ja, sie waren zufrieden, aber Hitler war unzufrieden mit einem j�dischen Arbeitgeber, Cilly verlor ihre Stelle, am letzten Arbeitstag brachte sie einen Strau� Astern mit. Ich wei� ja, Sie k�nnen nichts daf�r, Frau Kornitzer. Es war ein Sprechen in Unterlassungen, in Auslassungen. Georg weinte nicht, als er sich von Cilly verabschiedete. Er kannte noch kein �nie wieder�. In den n�chsten Tag sa� er apathisch herum, er hatte nun verstanden, da� Cilly nicht mehr kam, aber warum, warum?</p><p>Selma schrie, schrie und lie� sich nicht beruhigen, vielleicht weil sie die Unruhe und Nervosit�t um sich herum sp�rte. (Eine Projektionsfl�che ihrer Eltern?) Mit wieviel Ruhe hatte Claire sich Georg gewidmet, wenn er gestillt wurde, wie schuldbewu�t war sie gewesen, wenn sie seinen Schnupfen, sein aufkommendes Fieber �bersehen hatte. Das kleine M�dchen in der Wiege gedieh, aber ganz nebenbei, die Sorgen wuchsen, und es wuchs auch. Sein dunkles Sch�pfchen stand zu Berge. Das zweite Kind wehrte sich durch Vitalit�t gegen die Entwertung. Es stimmte ja, was Richard gesagt hatte: Georg war nie mehr allein. Aber er schlief auch schlecht, wachte auf, wenn Selma wie am Spie� schrie und nicht mit Kamillentee oder einem v�terlichen Finger, an dem sich lutschen lie�, zufriedengestellt werden konnte. Selma war auch nie allein, nie hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit, die der zarte Georg auf sich gezogen hatte. Und wenn Claire, ersch�pft vom Schreien des Kindes, abends zu Richard sagte: Ich k�nnte auch schreien vor Wut und Verzweiflung, erz�hlte ihr Richard: Wenn ich meinen Kollegen in der Gl�hlampenfabrik zuh�re, reden sie von Fu�ball-Ergebnissen, vom Rennfahrer Rudolf Caracciola und von Boxk�mpfen in einer Mischung von Apathie und Vergn�gungssucht. Sofort nach Feierabend und in den Pausen geht es in die Kantinen und Kneipen. Man bes�uft sich, macht Krach, und wenn Radiomeldungen kommen, wollen die Kollegen von all dem nichts wissen, lieber gr�len sie: Wir versaufen unserer Oma ihr klein H�uschen. Es ist eine Stimmung verzweifelter Gleichg�ltigkeit, Gebr�ll, Gekreisch, Rohheit, eine verschwitzte Kameraderie in den wilhelminischen Ziegelkathedralen der Arbeit. Das ist die Volksgemeinschaft, zu der ich nicht geh�re. Ich mu� die Z�hne zusammenbei�en.</p></section><section><title><p>Der Aufprall</p></title><p>Das Jahr 1938 beginnt mit einem Schock: Kornitzers Mutter stirbt. Nicht da� Kornitzer gedacht hat, seine Mutter werde ewig leben, aber er hat ihre Klagen nie ganz ernst genommen: da� sie doch eine alte Frau sei und m�de der K�mpfe, da� sie todm�de sei (er hat dieses Wort nicht wirklich zu sich dringen lassen). Wenn er sie mit sich selbst verglich (wenn das �berhaupt m�glich war), so hatte sie doch eine gesicherte Existenz. Die Klagen waren einfach an ihm abgeprallt. Und wenn er sie besucht hat in der kalten Pracht der gro�en Ku�damm-Wohnung mit den Wandschr�nken, Winkeln und Abseiten, am�siert er sich auch leise �ber die unnachahmlich damenhafte Art, wie sie ihm eine Flasche schwarzen Johannisbeersaft entgegenh�lt: Bitte �ffne sie, ich bin zu schwach. Er hat rasch durchschaut, wie taktisch (auch originell) sie ihre Hilflosigkeit einsetzt. Einmal gibt sie ihm Gl�hbirnen in die Hand, die er, auf einem wackligen Stuhl balancierend, in ein blasses Seidenschirm-Wandl�mpchen einschrauben mu�, und gleichzeitig mu� er viel Staub wegpusten. Ein anderes Mal zeigt sie ihm einen tropfenden Wasserhahn, der nach einer Dichtung verlangt. Er f�hlt sich gleichzeitig unter- und �berfordert von diesen kleinen Hausmeistert�tigkeiten, die eine Unterlage f�r ein Gespr�ch zwischen Mutter und Sohn sein k�nnten, aber dazu kommt es nicht. Und w�hrend er hier und dort an den Gewinden herumschraubt, klagt sie: Was soll denn werden? Was soll denn werden? Und sie beschw�rt Kornitzers im Weltkrieg gefallenen Vater, ihren zweiten, an einer Embolie pl�tzlich gestorbenen Mann, der sicher gewu�t h�tte, was man nun tun solle � jetzt in Deutschland. Er h�tte die richtige Entscheidung gef�llt, meint sie. Kornitzer bezweifelt das. Er bezweifelt alles M�gliche. Er hat seinen Schrecken �ber den Tod des Vaters im Sinn behalten, die Erinnerungen sind bruchst�ckhaft, an eine weitreichende, vorausschauende Klugheit, die noch in das n�chste Jahrzehnt hin�berlappt, erinnert er sich nicht. Kornitzers Mutter bezweifelt sein Bezweifeln, sie wei� vieles aus Bedacht nicht, oder sie w�nscht es nicht zu wissen. Auch �ber ihre Verm�gensverh�ltnisse wei� sie nicht wirklich Bescheid. So scheint es ihm. Es ist, als wolle sie ihn mit den Hausmeistereien in der stickigen Wohnung zu einer Entscheidung bringen. Wenn du schon so abgesunken bist, da� du in einer Gl�hbirnenfabrik arbeiten mu�t, bist du ein anderer Sohn geworden als der Juristensohn, auf den ich stolz war. Der Richter, der du warst, h�tte Rat gewu�t. Kornitzer kam es manchmal vor, als stecke in ihren prononcierten Klagen ein Vorwurf, er sei es selbst schuld, da� die Nazis ihn aus dem Richteramt gejagt h�tten, und er mu�te seinen Zorn herunterschlucken. Die rassische Verfolgung ignorierte sie, so gut es eben ging. Sie war einfach eine Dame, in deren Welt vieles unvorstellbar war. Da� man im Scheunenviertel aufr�umte, nun ja, daf�r hatte sie sogar Verst�ndnis. Ihr Lebensraum hatte sich verengt, die gro�e Wohnung sa� wie eine faltige H�lle um ihren K�rper, sie fa�te sich ans Herz, blieb tagelang im Bett, die unvermeidliche Flasche mit Johannisbeersaft neben sich. Was f�r einfache Dinge wichtig wurden: das �brigbleiben, das Reduzieren. Die Entt�uschung stand im Raum, da� der Sohn letztendlich oder von Anfang an in seinem Erwachsenwerden weder den ersten Ehemann noch den zweiten ersetzte, doch das war kein Vorwurf, nur ein Gef�hl, das sich Kornitzer mitteilte. Sie lie� den Arzt kommen, z�hlte sorgsam die Herztropfen, die er verschrieb, in einen Eierbecher, dann stand sie wieder auf und empfing Freundinnen und Freunde, den Sohn, die Schwiegertochter, die Kinder, die sich gerne in den Abseiten der Wohnung versteckten, und alles war wie immer. Nun war sie tot, und alles war anders. Kornitzer machte sich Vorw�rfe, er habe ihre Klagen auf die leichte Schulter genommen.</p><p>Seine Mutter war auf weitschweifige und beharrliche Weise gl�ubig gewesen, nur die Speiseregeln hatte sie, nachdem sie Witwe geworden war, aufgegeben. Zu vielerlei, all das Geschirr, die zweifache Menge von T�pfen. Doch auf einer Regel beharrte sie: Nach dem Fleischernen nie mehr Milch. So servierte sie nach dem Essen nur schwarzen Kaffee, und keine Bitte konnte sie erweichen, nur ein winziges K�nnchen Milch auf den Tisch zu stellen, es war verboten, sie war gesetzestreu. Sie tauchte mit Eifer in das Laubh�ttenfest, band die Str�u�e und verbrachte in Ermangelung einer H�tte viel Zeit auf ihrem zugigen Balkon, der wie ein Schwalbennest �ber der Verkehrsader hing. Die bunten Papiergirlanden, die andere �ber ihren Balkon h�ngten, waren nicht nach ihrem Geschmack gewesen. Jetzt war es genug. Abdankung, die Freiheit, gehen zu k�nnen zur rechten Zeit, zur l�ngst �berschrittenen Zeit, die gerade noch angehalten werden konnte. (Wie lang und mit welchem Ergebnis?)</p><p>Der Brauch sagte, da� die Tote bis zum Begr�bnis nicht allein gelassen werden d�rfe, allerdings auch nicht ber�hrt werden solle. Warum das so war, wu�te Kornitzer nicht. Die Zeit kam ihm vor wie ein genormtes Innehalten, eine Ruhe, die er sich selbst nicht geg�nnt h�tte, die aber nun erzwungen war. Es war so viel zu tun und zu regeln. Und so sa� Kornitzer viel Zeit neben der Toten, sah in ihr Gesicht und versuchte, sich zu erinnern, wie sie als junge Frau ausgesehen hatte. Nach dem Brauch h�tte er Psalmen sprechen sollen, aber nach dem Anruf des H�chsten in poetischer Form, nach der Formelhaftigkeit der Riten, war ihm nicht zumute. Lieber erinnerte er sich an ein hochfahrendes Lachen seiner Mutter, eine Kopfwendung, mit der sie eine vermeintliche Besorgnis absch�ttelte. (Sp�ter lie� sich die Besorgnis nicht mehr absch�tteln, hing wie ein Geruch in den Kleidern.) Er erinnerte sich eher an gef�ltelte, um den Busen herum geraffte Voilekleider als an ihr junges Gesicht, was ihm ein Schuldgef�hl einfl��te. Und er erinnerte sich an die baumbestandenen Stra�en in der S�dstadt von Breslau, in Kleinburg, wo er gewohnt hatte als Kind, an die gotischen und barocken B�rgerh�user um den Markt, das machtvolle sp�tgotische Rathaus mit seinem reichen Figurenschmuck, das Schachbrett der Gassen in der Altstadt, die Dominsel mit den beiden Hauptkirchen der Stadt, der Kreuzkirche und dem Dom und der f�rstbisch�flichen Residenz, die nur noch Insel hie�, aber keine mehr war � ein Nebenarm der Oder war zugesch�ttet worden �, an die Sandinsel, an die Kastanienkerzen am Ufer des tr�gen Flusses, das gewaltige Dunkel der Elisabethkirche und die Promenaden auf dem Ring des Stadtgrabens. Ihm kam auch die enge Krullgasse, die Hurenstra�e mit dem phantasierten Geruch nach Sperma und dem wirklichen Geruch nach Urin, der den neugierigen Sch�lern in die Nase stieg, in den Sinn. (Diesen Gedanken schickte er schnell wieder weg.) Er dachte an die riesige Jahrhunderthalle, die gebaut wurde, als er zehn Jahre war, ein Staunen �ber die Gewaltsamkeit des Aufbruchs kurz vor dem Weltkrieg, das sich in Berlin dann zwangsl�ufig wieder verlor. Damals wollte er Architekt werden, ein Wunsch, der verbla�te mit der Zeit und der ihm wieder vollkommen vern�nftig schien f�r den Jungen, der er gewesen war, in der Zeit, in der er Claire kennenlernte mit ihrer Begeisterung f�r die zeitgen�ssische Architektur. (Nat�rlich war sein Interesse eher durch das Baumeisterhafte erweckt worden, durch die Schichtung von Steinen, weniger durch den Plan, durch eine Struktur. Ein Kind bildet sich das Generalstabm��ige nur ein, es erfindet die Dramatik des Eingreifens, es erwartet nicht die Z�higkeit, die die Voraussetzung des Gelingens ist. Es kann die Niederlagen auf der mittleren Strecke nicht einsch�tzen. Das Gelingen ist m�rchenhaft. Das tagtr�umende Kind steht in der Mittelachse des Gelingens.)</p><p>Zum Begr�bnis kamen Verwandte, an die er sich nur m�hsam erinnern konnte. Und andere, die er gewi� erwartet hatte, fehlten, sie waren in alle Himmelsrichtungen emigriert. Und er sp�rte so etwas wie ein inneres Schulterklopfen, naja, du hast eine <emphasis>arische</emphasis> Frau. Und er merkte, wie Claire sich neben ihm versteifte, wie ungern sie eine solche Bemerkung h�rte. Und er murmelte: Ich arbeite in einer Gl�hbirnenfabrik, wie lange das noch geht, wei� niemand, und wir haben zwei kleine Kinder. Er sah zwei Trauerg�ste, die ihm ganz grotesk erschienen. Sie drehten die Kippa links und rechts herum und wu�ten nicht wirklich, wie und wann sie sie aufsetzen sollten, bis sie sich irgendwie entschlossen, dabei halfen sie sich gegenseitig. In der Synagoge gingen sie auf die falsche Seite, auf die Seite, die den Frauen zustand, man scheuchte, man komplimentierte sie weg, und umst�ndlich mu�ten sie, als sie den Fehler endlich gemerkt hatten, auf die rechte Seite r�cken. Richard Kornitzer f�hlt einen gewissen Zorn, sind jetzt schon Spitzel bei einem j�dischen Begr�bnis? aber ein naher Verwandter fl�stert ihm zu: Es sind S�hne des j�ngsten Bruders deines Vaters, Namen, Namen, die ihm nichts sagen, und sie leben in Frankfurt am Main. Hast du sie nie kennengelernt? Nein, er kennt sie nicht, erinnert sich aber an den fernen Onkel mit dem Rabengesicht. Sie dr�cken dann beide jeweils rote Taschent�cher vor ihr Gesicht. (Warum? Kennen sie die Tote besser, als Kornitzer denken kann? Haben sie sie jemals vermi�t? Jetzt? Wann? Jetzt oder nie?) Also ein rotes Taschentuch in der Doppelung, linksh�ndig oder rechtsh�ndig zwillingshaft, und sie beginnen zu schluchzen. Ist das l�cherlich? Der eine Trauergast wird derart gesch�ttelt von der Bewegung des K�rpers und des Gem�tes, da� er nach kurzer Zeit die Trauergemeinde verlassen mu�. Und auch der andere schluchzt, st�ndig sich schneuzend, in sein rotes Tuch, st�rend, ja vollkommen �bertrieben. Und dann, in einem kurzen Gespr�ch beim Verlassen der Synagoge, entschuldigen sich beide wie aus einem Mund, da� sie gelacht h�tten w�hrend der Feier, der hebr�ische Singsang, die geliehenen Gebetskappen, der auf einem W�gelchen mit Gummir�dern aufgebahrte Sarg, all das habe sie so aufgeregt, all das sei ihnen derart komisch vorgekommen, da� sie nicht mehr h�tten an sich halten k�nnen. Und dann h�tten sie eben so gelacht als ob sie weinten. Kornitzer stellte sich das Gesicht seiner Mutter vor, wenn sie eine solche Mitteilung jemals empfangen h�tte, das befremdete Gesicht, und dann stellte er sich gar nichts mehr vor.</p><p>Als der Rabbiner die Trauerrede hielt, war Kornitzer im Kopf immer noch in Breslau, er dachte an die Neue Synagoge in Breslau, die ihm als Kind riesig erschienen war, und sie war es ja auch mit ihren zweitausend Pl�tzen. Ein �berkuppelter Zentralbau mit vier niedrigen Eckt�rmen, eine Rosette prangte �ber dem Hauptportal. Es war ein pomp�ser Bau auf einem frei zug�nglichen Grundst�ck, so da� man die Synagoge von allen Seiten betrachten und umrunden konnte. Die Neue Synagoge in Berlin war freilich noch gr��er, aber die hatte er kaum mehr besucht. (Von der Synagoge in Breslau ist nach ihrer Zerst�rung am 9. November 1938 nur der Staketenzaun stehengeblieben, an die opernhaft riesige Synagoge in Berlin-Wilmersdorf erinnert nur eine Gedenktafel, Schreberg�rten haben sich mit schlingpflanzenhafter Beharrlichkeit auf ihrem Gel�nde breit gemacht ohne Ged�chtnis.)</p><p>Kornitzer schreckte auf, merkw�rdig ber�hrt �ber die Verz�gerung, als er an der Reihe war, den Kaddisch f�r seine Mutter zu beten und Gott zu preisen. Und als er es tat, zitterte seine Stimme. Ja, er hatte verdr�ngt, da� seine Mutter sterben w�rde und er Sohnespflichten hatte. Beim Verlassen des Friedhofs wuschen sich alle G�ste die H�nde, es war Brauch, sie nicht abzutrocknen und so symbolisch die Erinnerung an die Verstorbene zu behalten. W�re seine Mutter ein paar Jahre fr�her gestorben, h�tte er die Trauerg�ste in ein Restaurant eingeladen, nun f�rchtete er, die gro�e j�dische Gesellschaft w�rde anecken oder gar kein Restaurant finden, das sie bewirten w�rde. Und einer solchen Schm�hung wollte er die G�ste und sich selbst nicht aussetzen. So fuhren sie in kleinen Gruppen in die leere Wohnung am Kurf�rstendamm, eine Nachbarin hob die Augenbrauen, schnaubte die Nase �ber die l�stige St�rung, als sie ankamen. Sie kondolierte nicht, obwohl Kornitzer sie lange vom Sehen kannte. Sie hatte einen kalten Blick wie: Wir sehen uns noch. Und Kornitzer ahnte, sie hatte schon auf dieses und jenes St�ck aus dem Nachla� ein scharfes Auge geworfen.</p><p>Nun tat die Gesellschaft doch etwas, was gar nicht geplant war, sie sa� <emphasis>Schiwa</emphasis>, wie es der Brauch war, ein Brauch, der sich umst�lpte und in sein Gegenteil verkehrte. <emphasis>Schiwa</emphasis> hie� die siebent�gige Trauerperiode, die dem Begr�bnis folgte, f�r die jetzt kein Mensch mehr Zeit und Nerven hatte. Trauernde sollten in dieser Zeit zuhause bleiben und keine Arbeit verrichten. Es wurde auch erwartet, da� sie auf niedrigen Schemeln sa�en, keine ledernen Schuhe trugen, als w�re jeder Aufbruch von �bel, aber man sollte auch auf das Rasieren, Baden, Schminken, Haareschneiden und den Geschlechtsverkehr verzichten, so war es vorgegeben, so sollte es wieder erneuert werden aus dem alten Bund, der her�berragte in die Bedr�ngnis. Der Verzicht auf k�rperliche Hygiene war in einer weitl�ufigen Ku�damm-Wohnung mit Heizung und hei�em Wasser sinnlos, aber der Verzicht auf das Sprechen �ber das Zuk�nftige, das Notwendige w�re lebensbedrohlich geworden, und so wurden nicht nur die Routen der Freunde und Verwandten, die zum Begr�bnis nicht mehr anwesend sein konnten, diskutiert, sondern auch die Hoffnungen und Bef�rchtungen der Zur�ckgebliebenen. Die beiden Vettern aus Frankfurt, das war nach ihrem Auftritt in der Synagoge fast selbstverst�ndlich, waren nicht mehr mit zu der kleinen Abschiedsfeier gekommen, vielleicht waren sie schon im Aufbruch, vielleicht waren sie in der gro�en Stadt untergetaucht, suchten auf eigene Faust M�glichkeiten, besonders schlaue Bedingungen, Konsulate, die andere l�ngst abgeklappert hatten � umsonst. Es war ein hektisches Schnattern in den verschatteten R�umen mit den schweren M�beln und Vorh�ngen, die Claire und Richard Kornitzer bald leerr�umen mu�ten, eine Systematik des Ausatmens, des Abbaus der Zimmer und der eigenen Befindlichkeit. Wohin, wie weiter? gefl�sterte Adressen und hinausposaunte Meinungen �ber Verordnungen und Ma�nahmen. Man sprach kaum mehr �ber die Tote, die Sorgen der Lebenden standen im Vordergrund. Was sprach f�r das Auswandern, was f�r das Bleiben?</p><p>Das Ordnen des Nachlasses war eine �bergro�e Pflicht, die in die Phase hineinreichte, in der das eigene Leben in Sicherheit gebracht werden mu�te und in der die Pflicht an Bedeutung verlor, vielleicht sogar jede Bedeutung konterkarierte zu einer papierenen Vern�nftigkeit, aus der niemand sich mehr verabschieden konnte. Kornitzer erbte. Und er erbte nicht zu knapp, Geld, ein Grundst�ck in Schmargendorf, ein Aktienpaket, Gegenst�nde, f�r die er einen Platz finden mu�te, wenn er sich nicht von ihnen trennte. Das Barverm�gen war eine Summe, die ihm noch vor kurzem unbegreiflich gewesen w�re. (Und er war sich selbst einigerma�en unbegreiflich als ein so frischer Erbe.) Wie seine Mutter die Summe durch die Inflation gerettet hatte oder auf welche Weise sie sie sp�ter vermehrt hatte, wu�te er nicht. Das Nichtwissen besch�mte ihn, oder er f�hlte sich durch seine Mutter besch�mt. Er hatte Saftflaschen ge�ffnet, und sie �ffnete R�ume, die ein Handeln m�glich machten, an das er nicht gedacht hatte in seiner Erniedrigung. Und nun dachte er breitr�umiger, gro�z�giger. Vielleicht war seine Mutter nur diskret gewesen, seine Geldsorgen und ihre Sorgen um die Verm�gensverwaltung sollten nichts miteinander zu tun haben. �Geleistet� hatte sie sich nichts, keine Reisen, keine aufwendige Kleidung, also einfach nur das Geld hausfraulich zusammengehalten. Er sch�mte sich der Ahnungslosigkeit, in der seine Mutter ihn gelassen hatte, und freute sich gleichzeitig der Unschuld, mit der er das Erbe antrat. Er hatte sich so wenig f�r Geld interessiert, er war Richter geworden, das Recht war ihm wichtig, auch wie jemand um sein Recht geprellt worden war, als sei es ein Geldverm�gen, interessierte ihn, der Begriff und der Gegenstand, der diesem Vergleich zugrunde lag, spielte in seinem Denken kaum eine Rolle. Ein Richter verdiente, ein Beamter war gesichert, so hatte er gedacht und m�glicherweise seine Mutter im umsichtigen Umgang mit ihrem Verm�gen vollkommen untersch�tzt. Jetzt war er ihr dankbar, unendlich dankbar. Und er behielt diese Freude f�r sich � wie ein Glas Sekt, das man rasch an einer Hotelbar trinkt, einfach so, weil man f�r einen Freudensprung zu alt und zu vern�nftig geworden ist.</p><p>Eine vollst�ndig zu r�umende Wohnung in einer guten Lage, eben am Ku�damm, das sprach sich schnell herum, und es sprach sich auch herum, da� es eine Judenwohnung war. Sie hatte Substanz, aber die war br�chig, zerfiel in Brocken, verwandelte sich im Nu in den H�nden von Bietern und K�ufern. Die Wohnung zerschmolz, so mu�te man es sagen. Es gab kein Feilschen, eine gnadenlose Ruhe, ein Lauern: Die Erben der alten Frau Kornitzer werden die Gegenst�nde auf die Stra�e werfen, und wir, die Aasgeier, die lauernden Nachbarn, die unsere Gier bis jetzt hinter der Gardine bez�hmt haben, werden sie nicht mehr bez�hmen. Wir werden Tischdecken hin- und herzerren, wir werden Schubladen aufrei�en, die uns versperrt sein m��ten, wir werden die Schwiegertochter anhauen um ein Paar Mei�ner Rokokofig�rchen mit vergeblich verdrehten Leibern, die jetzt sportiv ohnehin ins Hintertreffen gekommen waren, wir werden die Teppiche begutachten und die Nase r�mpfen, wenn ihre Ma�e nicht in unsere Zimmer passen. Wir werden, wir sind, wir schaufeln alles zusammen, und der streng blickende Sohn, Dr. Richard Kornitzer, der aus vielf�ltigen Gr�nden streng (aber auch hilflos) guckt, hat uns nichts zu sagen. Er regiert �ber den Plunder. Aber �ber den Wert und Unwert des Plunders in der m�tterlichen Wohnung regiert der Marktwert, und die Verk�rperung des Marktwerts, das sind wir, die Nachbarn, die Garanten des Preisverfalls. Wir k�nnen kaufen, aber wir m�ssen nicht kaufen. Der Erbe der alten Frau, der j�dische Sohn, mu� verkaufen. Man kann dem gelassen zusehen. Man ist auf der Umlaufbahn, man ist im Gesch�ft, aber das Gesch�ft ist keine Bude, sondern ein Raunen und Rechnen, ein Handausstrecken und ein Zusammenkehren: Auf Ihre Verantwortung.</p><p>Wenn Kornitzer an bestimmten Tagen �berschlug, was etwa ein Buffet, dunkel gebeizte Eiche, ein Dutzend geschliffener Weingl�ser, ein Stapel Bettw�sche wirklich brachte, so h�tte er weinen m�gen, aber bevor er die Bettw�sche durchz�hlte, um sie in die grabschenden H�nde zu geben, nahm er jedes St�ck wie zum Abschied noch einmal auf, und zu seiner �berraschung fand er Geldscheine zwischen den Laken und Bez�gen, die er rasch verstaute. Und er dachte: So mu� es auch von meiner Mutter geplant worden sein: ein rasches Hinunterschieben und Verstecken und eine ebenso findige Hand, die zwischen die Stapel fuhr und Geldscheine, plattgedr�ckt vielleicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, in den Falten fand. Es war eine Abbitte an seine Mutter und gleichzeitig eine Bitte, die reiche Saat zwischen den W�schest�cken weiter ernten zu d�rfen. So nahm er T�pfe aus dem Schrank, verkaufte sie weiter, Stapel von Servietten schob er �ber den Tisch f�r wenig Geld, das kr�nkte, aber die gefundenen Geldscheine, die nur nach ihm riefen oder heimlich z�gernd vielleicht auch nach Claire, richteten wieder auf. Es war, wie in einer Kriminalkom�die zu stecken, eine bestimmte Rolle zu spielen: die des d�pierten Naiven, eine in Zukunft ausbaubare Rolle. Was er fand und was er verloren geben mu�te, brachte er in ein Gleichgewicht. Wie ein Schlittschuhl�ufer auf dem Trockenen f�hlte er sich manchmal, Schnelligkeit, Eleganz, die Kurve kriegen, all das spielte keine Rolle mehr. Das Spitze, das Floretthafte des Zivilrechts, das er liebte, war weit weg, ins Unerreichbare ger�ckt, gerutscht, und die scharfen Kufen waren nutzlos, hinderlich auf dem Terrain, auf dem er sich bewegen mu�te, torkelnd, unsicher, am falschen Ort, zur falschen Zeit. Manches blieb auch. Die moderne Wohnung in der Cicerostra�e wurde voller, Erinnerungsst�cke, Alben, B�cher und ein Teppich, auf dem Kornitzer als Kind gespielt hatte, dessen Rankenmuster er b�uchlings liegend entlanggereist war, sah seltsam fremd unter den Stahlrohrsesseln aus. Aber dann krochen Selma und Georg darauf herum.</p><p>Am 6. April 1938 kam die Verordnung heraus, da� Juden Verm�gen �ber 5.000 Reichsmark anmelden mu�ten. Der Beauftragte f�r den Vierjahresplan konnte Ma�nahmen ergreifen, so hie� es, um den Einsatz des anmeldepflichtigen Verm�gens im Interesse der deutschen Wirtschaft sicherzustellen. J�disches Eigentum entsprach nicht den Interessen der deutschen Wirtschaft. Das frische Erbe der Mutter mu�te gemeldet werden, und Kornitzer zitterte, da� man es ihm vor den Augen konfiszieren w�rde. Und da er der einzige Erbe war, gab es keine M�glichkeit, etwas zu verstecken oder umzuwidmen. Er tat dann etwas Leichtfertiges, was sonst nicht seine Art war. Ein mit sechs kleinen Saphiren besetztes Armband seiner Mutter, das sie im Alter nicht mehr getragen hatte, brachte er zu einem Goldschmied, mit Bedacht hatte er sich ein j�disches Juweliergesch�ft ausgesucht, ein Gesch�ft, das ge�chtet war, mit einer auf die Mauer geschmierten Aufforderung, <emphasis>nicht bei Juden zu kaufen</emphasis>, und bat den Goldschmied, es f�r Claire umzuarbeiten, weniger Schn�rkel, mehr Aufmerksamkeit f�r die Steine im Facettschliff. Der Goldschmied tat das, r�hrig, schnell und gut zu einem akzeptablen Preis, und fragte doch ein bi�chen, warum ein so sch�nes St�ck umgearbeitet werden solle. (Warum er in seinem darbenden Laden diesen verh�ltnism��ig gro�en Auftrag erhielt, fragte er nicht.) Kornitzer sagte: Meine Mutter und meine Frau hatten keinen �berm��ig guten Kontakt zueinander (das war � gelinde gesagt � untertrieben), und das soll sich auch in meinem Geschenk an meine Frau nach dem Tod der Mutter widerspiegeln. Der Goldschmied verstand sofort, und er verstand auch, da� er m�glichst schnell arbeiten solle. Was noch geschehen w�rde, was nicht mehr m�glich w�re und was verboten, wu�te niemand. Und als Kornitzer den Schmuck an einem Abend beil�ufig auf den Tisch neben die Serviette legte, konnte er nicht erkennen, ob Claire wegen des unerwarteten Luxus erstarrte oder ob sie sprachlos vor Freude war.</p><p>Weil du so viel Kummer mit mir hast, sagt er beil�ufig. Die Saphire leuchten tiefblau, und Claires Augen glitzern smaragdgr�n. Du h�ttest kein Geld f�r mich ausgeben sollen. Wir brauchen es an anderen Stellen, sagt sie schlie�lich. Wir brauchen etwas, was wir nicht brauchen, antwortet Kornitzer spontan, und er wundert sich selbst �ber seine Antwort, die so gar nicht zu planen und auszudenken gewesen ist. Und er macht Claire noch ein zweites Geschenk. Er sagt ihr, nicht an diesem Abend, an dem sie sich �ber das Armband freuen soll und es schlie�lich auch tut, sondern an einem anderen Abend, vielleicht eine Woche sp�ter, er wolle zum Protestantismus �bertreten. Das Begr�bnis, nicht der Tod seiner Mutter, habe ihm klar gemacht, da� ihn nichts mehr an sein Judentum binde. Wenn er ein literarischer Leser w�re, aber das ist er ja nicht, h�tte er sich an eine Stelle bei Lytton Strachey erinnert. Als dieser �ber den Kardinal Manning schrieb, dessen Bekehrung zum r�misch-katholischen Glauben das viktorianische England in den Grundfesten ersch�tterte, erw�hnte er dabei auch zwei Zeitgenossen, die im Verlauf der Ereignisse ebenfalls ihren Glauben verloren hatten, jedoch mit dem Unterschied, da� der eine den Verlust wie den eines schweren Koffers sp�rte, von dem man im nachhinein feststellt, da� er nur mit alten Lumpen gef�llt war, w�hrend der andere ein solches Unbehagen bei dem Verlust sp�rte, da� er nicht aufh�rte, bis zum Ende seiner Tage nach dem verlorenen Koffer zu suchen. Und sicher h�tte Kornitzer sich dem Mann mit dem Lumpenkoffer n�her gef�hlt.</p><p>Die Ank�ndigung �berraschte Claire, band sie beide enger aneinander. Es war keine Vorsicht, der Verfolgung in der Verkleidung zu entkommen. Es war ein Versuch, noch mehr N�he herzustellen, wo N�he bestand. Kornitzers N�he zu seiner Frau, das war wenig genug, aber doch viel. Sie gingen schon lange nicht mehr ins Universum. Das Kino als ein Ort der Illusion war tot, totgebr�llt, es gab keine Illusionen mehr, es gab den Aufprall der Wirklichkeit und die Wirklichkeit, die geprobt und in den Blickwinkel ger�ckt wurde. Sie hie�: Heldenhaftigkeit. Vorbereitung f�r das gro�e Kommende, das ein Entsetzen war. Ein ganzes Volk mu�te eingeschworen werden auf einen harten Blick, auch auf einen Blick auf Verluste, Verzicht, da spielte das Kino seine treuh�nderische Rolle, und die Werbung hielt stand. Die Wochenschauen brachten Bilder aus dem spanischen B�rgerkrieg, kriegsl�sterne, kriegsges�ttigte Bilder, auf denen die deutschen Flugzeuge eine glanzvolle Rolle spielten beim Niedermetzeln der Republikaner. Gasmasken wurden auf den Markt geworfen, aufgest�lpt und erprobt. Was sollte die Werbung da leisten: F�r Gasmasken war nicht zu werben, nirgends, also war nur f�r einen Zustand zu werben, der die Gasmaskenwerbung hin�berschwindelte in eine Seifenoper-Ambivalenz. Das h�tte Claire niemals gekonnt, das h�tte sie nie gewollt, sie wollte keine Werbung mehr sehen, und sie wollte keine Filme mehr sehen, die f�r ein Heldentum warben oder f�r einen Heroismus, der �brigblieb, wenn das Heldentum an seinen Rand gekommen war und abst�rzte. So hatte es sich ergeben, da� sie nicht mehr am Kurf�rstendamm herumbummelte, nicht mehr in die Kinos schl�pfte, aber doch ein St�ck weiter vom Kurf�rstendamm weg am Hochmeisterplatz in die wilhelminische Backsteinkirche mit der gro�en Vorhalle trat, in den Raum mit den gedrungenen Doppels�ulchen, zum Gesang und Gebet in der Hochmeistergemeinde: Das war �sthetisch vielleicht ein R�ckschritt, aber es war gut so. Sie kam gest�rkt aus den Gottesdiensten, sang <emphasis>Ein� feste Burg ist unser Gott</emphasis>, und dann nahm sie die Kinder mit in den Gottesdienst. Und nun hatte Richard sich angeschlossen, ohne Zaghaftigkeit. Seit er verfolgt war, verstand er besser das Zusammenscharen unter den Bildnissen, den Statuen des Gekreuzigten, die Religion, die den gemarterten Judenk�nig in ihren Mittelpunkt ger�ckt hatte. (Mehr war dazu nicht zu sagen.) An die Auferstehung dachte er weniger. Es war ein Suchen, ein Finden war nicht unmittelbar vorausgesetzt. Irgendein Vorteil f�r ihn oder die Kinder war von diesem �bertritt zum Protestantismus nicht zu erwarten, Kornitzer folgte einem Gef�hl, begab sich also auf unsicheres Terrain, sein juristisch geschulter Verstand blieb au�en vor, wie so h�ufig in den letzten Jahren. Er war einfach nicht mehr gefragt, obwohl Kornitzer ihn nicht abmelden konnte. Kornitzer hatte den Runderla� des Reichsinnenministeriums vom 4. Oktober 1934 zur Taufe von Juden durchaus zur Kenntnis genommen, er hatte die Nachricht ausgeschnitten, ordentlich mit dem Datum beschriftet und in seine Schreibtischschublade gelegt. <emphasis>Der �bertritt zum Christentum ver�ndert den Status nicht</emphasis>. Eine grundlose Treue zu einer Sache konnte verschiedene Formen annehmen, erst im nachhinein s�he man, ob sich hinter der Untreue eine geheime, besonders beharrlich verstrickte Treue verbarg oder umgekehrt hinter der Treue die Untreue hervorschimmerte. Es war wie mit dem Koffer: Erst wenn die M�glichkeit bestand, ihn zu �ffnen, w�rde sich finden, ob darin lauter alter Lumpen gekn�llt w�ren oder etwas, das sich aufzuheben lohnte. Und wenn es nur eine Hoffnung w�re. Aber vielleicht war kein Koffer verlorengegangen, w�rde kein Koffer verlorengehen, und das ganze Bild war schief, unzutreffend, mu�te ausradiert werden. Und doch: Der Besuch der Hochmeisterkirche an der Seite seiner gro�en Frau, das Singen, <emphasis>Ein� feste Burg ist unser Gott,/ ein� gute Wehr und Waffen./ Er hilft uns frei aus aller Not,/ die uns jetzt hat betroffen</emphasis>, erleichterte ihn, erleuchtete ihn, begl�ckte ihn auch. Es war eine Sicherheit in der Tonfolge, eine Sicherheit in der Geschichte gab es nicht. Als assimilierter Jude war er allein, zu Tode assimiliert, in einer sch�nen tragischen Sackgasse, in der wollte er nicht steckenbleiben. Aber war denn Religion zuf�llig oder austauschbar? Neutralisierte die Taufe, machte der Religionswechsel zu einem Sowohl-als-auch? Flucht und Verwandlung, eine Umwertung der Zugeh�rigkeit. Da� seine Taufe auch als ein Verrat an den j�dischen Glaubensgenossen gesehen werden konnte, kam ihm nicht in den Sinn.</p><p>Die Produktwerbung im Radio war im Jahr 1936 verboten worden. Und die Drohung schwebte im Raum, da� auch die Werbung im Kino verboten w�rde. Jetzt kam es darauf an, ein Gemeinschaftsgef�hl zu erzeugen, nicht mehr den einzelnen m�glichen Kunden zu umwerben. Neben eindeutigen NS-Inhalten hie� die Direktive, den Stolz auf den gemeinschaftlichen Wohlstand (oder die zuk�nftige Partizipation an ihm) herauszuarbeiten. Dazu war Claire Kornitzer nicht die richtige Person, ihr Wohlstand sank, ihre Firma hatte Sorgen. Was sie nicht einsch�tzen konnte, was niemand einsch�tzen konnte, war die erforderliche �berf�hrung ihrer glanzvoll gestarteten Firma in die Reichsfilmkammer. Da die Kinowerbung als ein Teil der Kultur angesehen wurde, da die Kultur massenhaft organisiert und kontrolliert werden mu�te, wurden die Kulturschaffenden in die Reichskulturkammer mit all ihren Unterabteilungen getrieben: wie eine Schafherde, wie die Wirtschaft im gleichen Ma�e kujoniert und zusammengestaucht wurde. Gleichschaltung. Die B�rokratie, die Lenkung nahm zu, man konnte hinhalten, sich darunter hinwegducken, auf Zeit spielen, Briefe unbeantwortet lassen. Ohne Mitgliedschaft in der Reichsfilmkammer war eine F�hrungsaufgabe in der Filmwirtschaft unm�glich. Um Mitglied in der Reichsfilmkammer zu werden, mu�te Claire einen Antrag stellen. Das tat sie, widerwillig zwar. Umgehend wurde sie aufgefordert, innerhalb von vier Wochen ihren arischen Abstammungsnachweis f�r sich und, da sie verheiratet war, auch f�r ihren Ehemann beizubringen. Das konnte sie nicht, wieder Zeitverzug, Fristenverl�ngerung und dann die Gewi�heit: Keine Mitgliedschaft in der Reichsfilmkammer, keine neuen Auftr�ge, die Kosten blieben erhalten, Schulden blieben stehen, die Firma krepelte, und schlie�lich bekam sie in ihrem B�ro Besuch von zwei Herren, die sie einmal in der Konkurrenz abgeh�ngt hatte. Sie schlugen ihr ohne viel Federlesens vor, die Prowerb zu �bernehmen. Wie kamen sie dazu? Es war kein Vorschlag, es war eine Drohung. Es war keine Drohung, es war eine Erpressung: Wenn Sie diesen Vertrag nicht unterschreiben, wird es die Prowerb nicht mehr geben. Nicht unter Ihrer Gesch�ftsf�hrung, nicht unter anderer. Sie wollen doch Ihre Firma nicht zugrunde gehen lassen. Sie haben doch Verantwortung. Und diese Verantwortung geh�rt in H�nde, die der neuen Zeit gewachsen sind. Und sie fuchtelten mit ihren verantwortungsbewu�ten H�nden vor ihrer Nase, fuchtelten �ber ihren Schreibtisch, nahmen mit Blicken schon alles in Besitz. Claire bat sich Bedenkzeit aus, redete sich heraus, aber es gab keine Bedenkzeit. Es war kriminell, sie wu�te es, die beiden, die sie bedr�ngten, taten, als w�re es die selbstverst�ndlichste Sache der Welt, sich kriminell zu verhalten, einer Frau mit einem j�dischen Ehemann die Firma abzuluchsen, man mu�te nur breitspurig und dreist daherkommen. Den Vertrag zu unterschreiben, war eine Farce. Ebenso gut h�tte einer der beiden ihre Unterschrift f�lschen k�nnen. Als Claire mit weichen Knien zu einer ungew�hnlich fr�hen Zeit nach Hause in die Cicerostra�e kam, hielt ihr Georg vorwurfsvoll sein Feuerwehrauto entgegen. Ein Rad war abgefallen. Kannst du es wieder heile machen? fragte er. Nein, das konnte sie nicht. In k�rzester Zeit war die Prowerb liquidiert, aus dem Handelsregister gel�scht.</p><p>Die Kinder sehen, da� Autos den Kurf�rstendamm entlangflitzen, da� sie halten, da� vier, f�nf M�nner herausst�rzen mit vorgehaltener Pistole, da� sie zur�ckkommen mit einem in ihrer Mitte, einem Opfer, das sie gejagt haben, das sie erlegen werden, warum und wieso, das ist nicht klar. Die Willk�r ist deutlich und das versteinerte Gesicht, die Todesbl�sse des Mannes, den sie abtransportieren irgendwohin, wo es keine Fragen zu stellen gibt. Georg fragt aufmerksam und mit gleichbleibender Kinderneugier: Was machen die M�nner mit dem Mann? Und man mu�, um das Kind nicht noch mehr zu erschrecken, antworten: Sie f�hren ihn ab. Ihn, ein Gespenst, dessen fr�here Existenz auszul�schen sie die Macht haben, auf Nimmerwiedersehen, wie sie jede Macht haben, auch die der Ausl�schung.</p><p>Kornitzer m�chte nicht, da� seine Kinder die Angst sehen, das Entsetzen, aber er kann sie nicht fernhalten von den Umst�nden, unter denen sie aufwachsen, er kann sie nicht fernhalten von der Angst, die er empfindet. Er kann sie fernhalten von der Tatsache, da� sie die Angst in den Augen ihrer Eltern sehen, da� sie die Angst riechen. Erregung der Angst, Angst vor dem Zuk�nftigen, mehr oder weniger angestrengte Versuche, Normalit�t zu wahren in einem permanenten Ausnahmezustand. Er steht jetzt h�ufig am K�chenfenster und sieht in der Morgensonne auf die Tennispl�tze, das Auf und Ab der B�lle, PloppPloppPlopp, die B�gen, Plopp, die Gelassenheit, Plopp-Plopp, die pl�tzliche Anspannung. Er sieht gerne auf die energischen Beine. Doch jetzt m�chte er auch wissen, was in den K�pfen vorgeht, vor dem Spiel, nach dem Spiel, ja vielleicht auch die Phantasien w�hrend des Spiels erfahren. Doch dann schiebt er den Gedanken wieder weg, Siegheilphantasien, �ber die er nicht wirklich nachdenken m�chte, nicht einmal im Ausschlu�verfahren. Sein Verstand ist unf�hig, gel�hmt, dar�ber nachzudenken. Das tut weh, aber wem das Weh mitteilen? Was Spiel war, kommt ihm nun vor wie ein kalter technischer Wettbewerb, der Ball wird geschlagen, die Zeit wird abgef�llt zwischen den Schlagwechseln, und Kornitzer wendet sich ab. Dann beginnt es zu regnen, ein platter, heftiger Regen, der den roten Sand in Matsch verwandelt. Im Nu sind die Tennispl�tze verlassen. Und Claire kommt nach Hause, und er ist nicht mehr allein mit seiner d�steren Stimmung.</p><p>Im Juni 1938 in Berlin wurden etwa 1.500 Juden als sogenannte asoziale Elemente verhaftet, schon das falsche �berqueren einer Stra�enkreuzung reichte als Delikt aus. Die Verhafteten wurden nur unter der Bedingung wieder aus den Konzentrationslagern entlassen, wenn f�r ihre Auswanderung unmittelbar nach der Entlassung gesorgt war. Es war die reine Erpressung. Nach der Juniaktion blieb den j�dischen Auswanderungsstellen kaum eine andere Wahl, als legal oder illegal Einwanderungsm�glichkeiten zu schaffen. Kornitzer sucht eine Auswandererberatungsstelle auf. Jetzt ist er entschlossen wegzugehen. Er will nicht, da� seine Kinder Verhaftungen und �berf�lle auf unschuldige Menschen sehen. Er will nicht, da� sie sehen, auch ihr Vater wird verschleppt. Und was <emphasis>privilegierte Mischehe</emphasis> hei�t, ist ein Aufschub ohne jeden Rechtsstatus, ein Tranquilizer, wie man sp�ter sagen w�rde. Er wei�, was dieser Begriff bewirkt, er bedeutet jedenfalls: Sorge dich nicht, du kommst sp�ter dran, wenn es niemand mehr merkt. Vermutlich ist der Begriff <emphasis>privilegierte Mischehe</emphasis> f�r eine Handvoll sch�ner Frauen erfunden worden, die mit ihrer j�dischen Eleganz und Weltl�ufigkeit in Familien hineingeheiratet hatten, die in den Nationalsozialismus kippten. Jedenfalls Personen, f�r die sofort ein m�chtiger Schutzschirm aufzuklappen ist, ein Wimpernklimpern, ein Rennen zum Ortsgruppenleiter, ein Sich-Hinlegen, Flachlegen der sch�nen begehrten Frau, da konnte man doch vielleicht mit Hilfe der Partei eine Ausnahme machen, ein Schlupfloch, ein Nicht-zimperlich-Sein. Ja, das war die L�sung, eine Scheinl�sung, die nicht die Gewaltt�tigkeit des Systems ber�hrte, es milderte und sch�nte wie eine m�rbe ausgebreitete Lingerie. Kornitzer hatte rasch begriffen, da� es mehr j�dische Frauen als M�nner gab, die die sogenannte <emphasis>privilegierte Mischehe</emphasis> sch�tzte. Der Mann dagegen f�hlte sich eher schutzlos, als eine Last f�r seine Frau, die ihn nicht sch�tzen konnte.</p><p>Er rannte von Pontius zu Pilatus, das war ein altes Bild, das nicht mehr pa�te, aber vielleicht doch das Besch�mende der Situation traf. Etwas mu�te doch gelingen. Man dr�ckt ihm ein hektographiertes Blatt in die Hand. Luxemburg: Die Grenze f�r Einwanderer und Durchwanderer ist gesperrt. Das Justizministerium der Niederlande teilt mit: Ein Fl�chtling werde in Zukunft als ein unerw�nschter Fremdling zu betrachten sein. Das Generalkonsulat der Vereinigten Staaten in Berlin teilt mit: Infolge der au�erordentlich gro�en Zahl von Einwanderungsantr�gen seien die f�r die n�chste Zeit verf�gbaren Quotennummern ersch�pft. Gesucht wurden f�r die Fidschiinseln: ein j�discher Pastetenb�cker und ein alleinstehender Uhrmacher, der nicht j�nger als 25 und nicht �lter als 30 Jahre sein durfte, f�r Paraguay ein perfekter, selbst�ndiger Bonbonkocher, f�r die Kap-Provinz ein perfekter K�rschner, f�r Mittelafrika ein j�discher lediger Schl�chter (spezialisiert auf die Herstellung von grober Cervelatwurst), f�r San Salvador ein unverheirateter j�discher Ingenieur f�r den Bau elektrischer Maschinen. Am gr��ten waren noch die Chancen in dem von den Japanern gegr�ndeten Operettenstaat Mandschukuo. Gesucht wurde dort f�r ein Kabarett ein j�discher Regisseur, der gleichzeitig Ballettmeister sein mu�te und mit der ersten Ballerina als Partner tanzen sollte, und ein Ballett von sechs bis acht T�nzerinnen, die imstande waren, auch als Solistinnen aufzutreten. Au�erdem brauchte man dort ein j�disches Damenorchester und eine Pianistin, die auch Akkordeon spielen konnte. Es war niederschmetternd, am besten w�re der Auswanderungswillige eine eierlegende Wollmilchsau. Einen Richter brauchte kein einziges Land. Besser, man wu�te nicht, was der Pa�beamte des britischen Generalkonsulats in einem deprimierenden Situationsbericht geschrieben hatte: Die Juden weigerten sich einfach, ihn und seinen Kollegen �berhaupt anzuh�ren; er f�gte aber hinzu, da� er ihren Standpunkt (wenn man ihn �berhaupt so nennen k�nnte oder eher den Tiefpunkt ihres Selbstwertgef�hls) verstehen k�nne: � <emphasis>it might be considered humane on our part not to interfere officially to prevent the Jews from choosing their own graveyards. They would rather die as free men in Shanghai than as slaves in Dachau</emphasis>. Das war ein Dokument, das stolz gemacht h�tte, w�re es zur gleichen Zeit (rechtzeitig) �ffentlich gemacht worden.</p><p>Claire hatte vom B�ro Gr�ber raunen geh�rt und fuhr in die Hortensienstra�e 18 nach Lichterfelde. Dort hatte der Pfarrer Heinrich Gr�ber 1936 im Gemeindehaus eine Hilfsstelle f�r evangelische Rasseverfolgte gegr�ndet. Aber das Haus war zu klein geworden, die Hilfsstelle zog um nach Berlin Mitte in die Stra�e An der Stechbahn. Claire nahm die S-Bahn, wechselte den Zug, stieg wieder um, ein blindes Hasten durch die Stadt, die sie kaum mehr wahrnahm. Dann fand sie die angegebene Adresse. Im B�ro arbeiteten mehr als 35 Menschen, es gab Zweigstellen in anderen St�dten. W�ren Sie oder Ihr Mann doch fr�her gekommen, seufzte die Helferin, ein paar hektographierte Bl�tter wurden ihr in die Hand gedr�ckt, und dann der N�chste bitte. Fr�her, dachte Claire, h�tten sich Protestanten gar nicht f�r ihren Mann eingesetzt. (1940 wurde Gr�bers Hilfsstelle von den Nationalsozialisten geschlossen, er selbst und seine Mitarbeiter wurden verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt. Nach 1945 er�ffnete er wieder eine Hilfsstelle: diesmal f�r ehemals evangelische Rassenverfolgte. Er war eine Art von ethischem Triebt�ter. Ein Mann mit einem robusten Optimismus, ein stetig sprudelnder Quell der Hilfsbereitschaft, ein Gl�cksfall f�r die Hilfesuchenden, wenn sie denn in sein Konzept pa�ten.)</p><p>Im B�ro Gr�ber erz�hlt man Claire auch, da� sich die Qu�ker zust�ndig f�hlten f�r rassisch verfolgte Protestanten. Sie rennt in die �berlaufene Gesch�ftsstelle der Qu�ker, geduldig wartet sie unter den Bittstellern, es bleibt ihr gar nichts anderes �brig als zu warten. Sie erz�hlt ihre Geschichte, die vielen anderen Geschichten gleicht. Man schreibt ihren Namen auf, den ihres Mannes, ihrer Kinder. Sie wird in ein anderes B�ro geschickt. Nur Kinder! hei�t es hier. Wir bringen Kinder nach England! Und die Eltern? fragt Claire. Die Dame ihr gegen�ber schaut streng und gleichzeitig ungl�cklich: Wir haben nicht genug Mittel, hei�t die Antwort.</p><p>W�hrend der Novemberpogrome wurden 30.000 j�dische M�nner verhaftet und fast alle in die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau verschleppt. Auch vier Richter aus dem Kammergericht in Berlin waren dabei. Richard rannte, als der Schrecken sich gelegt hatte, in die Pariser Stra�e 44 zu den Verkaufsr�umen des Philo Verlags und besorgte sich den neuen Philo-Atlas, der im Wettlauf gegen die Zensur entstanden war, begann bei den <emphasis>ABC-Staaten</emphasis> zu lesen, las �ber <emphasis>Abessinien</emphasis>, stockte schon bei dem Stichwort <emphasis>Abmeldung, polizeiliche</emphasis>. Er bl�tterte zu <emphasis>Auswanderung</emphasis> und las den Rat: <emphasis>Bereitschaft, jede Arbeit anzufassen. Einwanderer mu� in d. Regel weit unter seinem bisherigen Stand neuanfangen: dies hat auch nichts Entehrendes an sich. Intensive Bem�hung um Sprachkenntnisse. Bereitschaft, sich v. d. Gro�stadt zu l�sen und in weniger von Auswanderern �berlaufenen Gegenden Existenz zu gr�nden. Nur unter solchen Bedingungen pflegt A. bes. in �berseeische L�nder zum Erfolg zu f�hren</emphasis>. Der existenzielle Pragmatismus ersch�tterte. Kornitzer las das Stichwort <emphasis>Auswanderersperrguthaben</emphasis>, schon bei dem Wort graute es ihm. Er studierte Umrechnungstabellen, Impfempfehlungen, Visabestimmungen. W�hrend der Novemberpogrome war die Buchhandlung des Philo Verlages verw�stet worden, jetzt war sie notd�rftig wieder aufger�umt, zum Jahresende 1938 wurde der Verlag durch die Gestapo liquidiert, der Atlas war seine letzte Tat gewesen.</p><p>Nur Kinder! Claire und Richard sehen ihre Kinder an, als s�hen sie sie das erste und letzte Mal. Ja, sie m�ssen heraus aus dem Land, ihre Eltern werden es auch schaffen. In Windeseile kauft Claire Winterkleidung, Schuhe, W�sche. In den letzten Dezembertagen reist ein Transport der Qu�ker, bei dem die Kornitzers f�r die Kinder einen Platz ergattern. Alles geht so schnell, eine einzige Aufregung, eine Rolltreppe des Abschieds, auf der sie weitergeschoben werden. Alles zum letzten Mal, alles zum letzten Mal. Im tr�ben Wartesaal des Bahnhofs Zoo ist ein Tannenbaum mit lauter Hakenkreuzf�hnchen geschm�ckt. Schweigend r�umen Claire und Richard am Abend das Kinderzimmer auf, schweigend wenden sie sp�ter den Kopf zur geschlossenen Kinderzimmert�r, kein Laut, nichts, nur die Erinnerung an ihre Stimmen, die Kinder sind fort. Es wird ihnen gut gehen, sagt Kornitzer sp�t am Abend. Es wird ihnen gut gehen, Claire. Und jetzt ist ihr Schweigen ein vollkommenes Einverst�ndnis.</p><p>Anfang 1939 radikalisierte sich die Politik der Verfolgung ein weiteres Mal. Alle Pensionen von j�dischen Beamten wurden nun um mehr als 30 Prozent gek�rzt. Zur gleichen Zeit bekam Kornitzer einen Brief seiner privaten Krankenversicherung, der Leipziger Vereins-Barmenia: <emphasis>Wir warten nicht mehr auf Ihre Rechtsauskunft, sondern ersuchen Sie nochmals, die Austrittserkl�rung baldigst einzuschicken. Wenn Sie die Signale der letzten Zeit verstehen, so ist f�r Juden kein Platz mehr in Deutschland, noch viel weniger in einer Gefahrengemeinschaft (Krankenversicherung) von nur arischen Volksgenossen. Das bisher getragene Risiko h�rt auf. F�r Erkrankungen von Juden werden Beitr�ge deutscher Volksgenossen keine Verwendung mehr finden. Genehmigungspflichtige Heil- und Hilfsmittel wird kein Jude mehr erhalten. So erwarten wir auch von Ihnen die baldige Zustellung der Austrittserkl�rung</emphasis>.</p><p><emphasis>Unterschrift</emphasis></p><p>Der Volksk�rper eiterte ihn heraus, er war Fremdk�rper, sein K�rper war schutzlos. In dieser Zeit las er von den obskuren Siedlungspl�nen in der Dominikanischen Republik. Ihr Pr�sident, der Diktator Rafael Leonidas Trujillo Molina, ein gro�er Bewunderer Hitlers, hatte auf der Konferenz von Evian das Angebot gemacht, 50.000, wenn nicht 100.000 Menschen ins Land zu lassen, zun�chst m�ndlich und dann auch schriftlich, was bindend war vor dem <emphasis>Intergovernmental Committee</emphasis>, freilich <emphasis>im Rahmen der zur Zeit geltenden gesetzlichen Bestimmungen</emphasis>. Und die Gesetze machte er. Vorher hatte Trujillo haitianische Pflanzer ins Land geholt, doch sie im Oktober 1937 zu Tausenden abschlachten lassen. Das Massaker war eine wirkungs- und machtvolle Enteignungsma�nahme. Nat�rlich h�tte Trujillo lieber Arier ins Land gelassen, doch als die nicht zu haben waren, nahm er mit Juden vorlieb. Das Land, das ihnen zugedacht werden sollte, lag nahe der Grenze zu Haiti, er brachte es in den Besitz des Staates, der so gut war wie sein Privatbesitz � in seinem Staat war das nicht so genau auseinanderzuhalten �, um es dann �ber eine Entwicklungsgesellschaft wieder an wei�e Siedler zu verkaufen. (Sang- und klanglos verschwand das Projekt. In Wirklichkeit hatte Trujillo nicht mehr als 500 gef�hrdete Menschen ins Land geholt, nicht aus humanit�ren Gr�nden, sondern um das Land �aufzuwei�en�, wie eine Emigrantin sp�ter bekundete. Wei�e Siedler, hinter denen kein Konsul, kein Gesandter, keine Regierung stand, Freiwild also.)</p><p>Kurz darauf fand Kornitzer auch eine Nachricht des kubanischen Konsulats in Hamburg (warum nicht der kubanischen Botschaft in Berlin?), da� Kuba bereit sei, deutsche Fl�chtlinge aufzunehmen. Die kubanische Regierung <emphasis>wolle die Einwanderung j�discher Fl�chtlinge aus Deutschland, �sterreich und Italien erleichtern</emphasis>. Er las die Nachricht einmal, zweimal, dreimal, das war menschenfreundlich gedacht, sie wirkte wie Manna auf ihn. Du mu�t nach Hamburg fahren und dich erkundigen, dr�ngte ihn Claire, etwas mu� doch klappen. La� uns zusammen fahren, bat er, aber sie wollte nicht. Vielleicht stehst du besser da als Jurist vor einem Konsul. Das war eine Mutma�ung, auf die er keine Erwiderung wu�te. Er las im Philo-Atlas �ber Kuba: <emphasis>Republik unter dem Protektorat der USA (Verf. v. 12. 6. 1935), b�rgerliche Gleichstellung d. Ausl�nder m. d. Kubanern (Schutz d. Person, d. Eigentums, Genu� d. Grundrechte)</emphasis>. Das h�rte sich nicht schlecht an. Aber die bittere Pille folgte: <emphasis>Visum, Kapital (mindestens $ 1.500.� pro Person), Landungsdepot USA � $ 500 vor d. Abreise bei Schiffahrtslinie zu hinterlegen.) Wenig M�glichkeiten, evt. Landw. (Plantagenbau) u. einige Handwerksberufe. Ein vor d. Einreise genehmigter Arbeits- od. Anstellungsvertrag ist zur Arbeitsaufnahme erforderlich</emphasis>.</p><p>Kornitzer reiste nach Hamburg. Im Konsulat herrschte eine gem�chliche Langsamkeit (Tr�gheit?), eine Haltung wie: Nichts wird so hei� gegessen wie gekocht. Es war gut, viel Zeit mitzubringen, Zeit im �berflu�, aber die Ungeduld dr�ngte, bohrte, wollte Ergebnisse. Mit Kornitzer wartete ein Ehepaar, das eine Anwartschaft auf ein amerikanisches Visum hatte, aber durch die strenge Quotenregelung die Wartezeit bis zur Erteilung des Papiers in einem anderen Land, m�glichst nicht weit von den USA, verbringen wollte. Es wartete auch eine junge Frau, die von Verwandten in den USA schw�rmte. Sie hoffte, ihre versprengte Familie k�nnte ohne gro�en Kostenaufwand zu ihr nach Kuba kommen, und eines Tages bek�me sie ein Visum f�r die USA. Kornitzer hatte keine Verwandten au�erhalb von Deutschland. Die Quotenregelung f�r die USA war un�berbr�ckbar hoch, so viele Menschen wollten in die USA. Und es gab Leute in der Warteschlange, die bekundeten, sie h�tten kein Depot von 500 US-Dollar, aber sie seien in Not, in Not, flehende, h�nderingende Menschen, die dann auf den harten St�hlen des Konsulats herumrutschten, es war die reine Zeitverschwendung. Die Zulassung von Emigranten, das ahnte Kornitzer gleich, war eine Erwerbsm�glichkeit f�r den d�rstenden kubanischen Staat und seine Beamten. Deshalb hatte Kornitzer f�r alle F�lle ein Kuvert vorbereitet, das Geld ist verloren und gleichzeitig gut angelegt, sagte er sich.</p><p>Er hatte wie alle Bittsteller im Vorraum schon ein Formular ausgef�llt, Name, Geburtsort, Beruf. <emphasis>No escribir por debajo de esta l�nea</emphasis>. Nicht unterhalb dieser Linie schreiben, das verstand er sofort, und er verstand es auch als eine W�rdeform, sich keiner Unterschreitung schuldig zu machen. Was ist Ihr Beruf? fragte dann doch der Konsul noch einmal, als Kornitzer vorgelassen wurde. Der Konsul war ein Mann mit einer gl�nzend ge�lten Haarpracht und sch�nen Manschetten, die akkurat aus den �rmeln seines Sakkos blitzten. Ich bin Richter, antwortete Kornitzer, und darf in meinem Beruf nicht mehr arbeiten. Eine Schreibmaschine klapperte im Hintergrund, eine Frau mit einem bronzefarbenen Schwanenhals und einer Korallenkette darum, mehr sah er nicht vor ihr, bediente sie. Richter f�r �? dem Konsul fehlte das deutsche Wort, und er machte eine rasche Bewegung mit der flachen rechten Hand, die wie K�pfen (oder Halsabschneiden?) aussah. Aber Kornitzer verstand, was er meinte. Nein, sagte er, mit Kriminellen habe ich nichts zu tun, ich habe in einem Zivilgericht gearbeitet. Ah, sagte der Konsul, <emphasis>tribunal civil</emphasis>. Kornitzer nickte. Der Konsul sah ihn sinnend an, etwas in ihm schien zu schmelzen, zu tropfen, Wachs in den H�nden, butterweich, er zupfte an seinen Manschetten, und dann wiederholte er das Wort <emphasis>zivil</emphasis>, sprach es anders aus, aus dem Zett war etwas Pfeifendes, die Zungenspitze gegen die Schneidez�hne Dr�ngendes geworden. <emphasis>Ssivil</emphasis>. Kornitzer nickte, ja, Richter am Zivilgericht. Und dann verengten sich die Augen des Konsuls zu Schlitzen: Patente? fragte er. Ja, Kornitzer hatte am Zivilgericht auch mit der Anerkennung von Patenten zu tun. Das schien dem Konsul Respekt einzufl��en. <emphasis>Las patentes de Alemania</emphasis>, sagte er und machte eine gro�e Geste, einen armweiten langsamen Bogen, <emphasis>las patentes</emphasis> Deutschland, <emphasis>las patentes</emphasis> Kuba. Kornitzer antwortete geistesgegenw�rtig: Meinen Sie, ob man Patente aus Deutschland nach Kuba �bertragen k�nnte? Der Konsul antwortete nicht, in seinem Blick war etwas Lauerndes. Also beeilte sich Kornitzer zu sagen: Ja, man kann Patente transferieren (instinktiv w�hlte er das lateinischst�mmige Wort, damit der Spanischsprechende ihn besser verstand), vorausgesetzt � weiter kam er nicht. Er wollte auf das Rechtsproblem hinweisen, auf den Schutz des Patents, aber er begriff sofort, hier ging es darum, den Schutz auszuh�hlen, und es schwindelte ihm. Er wurde gefragt, ob er das geforderte Depot habe, das Kapital in Dollar, Kornitzer bejahte. Dann sa� der Konsul da und sagte gar nichts, seelenruhig sa� er da und schaute an Kornitzer vorbei aus dem Fenster. Zeit tropfte, und jetzt verstand Kornitzer, er mu�te handeln, und er griff in die Innentasche seines Jacketts, nahm den Briefumschlag heraus und schob ihn �ber die Tischplatte. Eidechsenschnell schnappte die Hand des Konsuls nach dem Umschlag, ein Blick hinein gen�gte, und der Umschlag wurde in der Schreibtischschublade verstaut. Eine Person, sagte der Konsul dann, ein Visum f�r eine Person. Aber ich bin verheiratet, meine Frau hat ihre Firma verloren, weil sie mit einem Juden verheiratet ist, meine Kinder sind in England. Eine Person, wiederholte der Konsul mit ausdruckslosem Gesicht. Den Pa� bitte, Kornitzer reichte seinen Pa�, und dann klapperte die Schreibmaschine, und im Nu hatte er ein Visum nach Kuba, und er wu�te nicht recht, ob er sich freuen solle �ber sein Visum oder emp�rt sein, da� er f�r Claire kein Visum bekommen hatte. W�re sie doch mit nach Hamburg gefahren! Als er sich bedankt und den Raum verlassen m�chte, h�lt ihn der Konsul zur�ck. <emphasis>Patentes</emphasis>, sagt er noch einmal, und jetzt macht er keine weitausholende Geste der �bertragung, sondern ruckt den Kopf nur beiseite, was etwas verschw�rerisch aussieht. Und dann schreibt er eine Adresse in Havanna auf einen Zettel, offenkundig die Adresse eines Mannes (<emphasis>el abogado</emphasis>), der liebend gerne Patente aus Deutschland in Kuba nutzen m�chte.</p><p>Kornitzer wagt kaum, Claire zu sagen, da� er nur ein Visum hat, eines f�r sich. Insgeheim macht er sich bittere Vorw�rfe, er h�tte wie ein L�we k�mpfen m�ssen, zwei Visa oder keines. (Er h�tte m�glicherweise auch mehr Geldscheine in den Umschlag stecken m�ssen, aber wie viele?) Claire nimmt es zu seiner Verwunderung nicht so schwer. Ich werde nachkommen. Ich werde alles tun, um nachzukommen. Es ist noch so viel zu regeln, Richard, der Haushalt aufzul�sen, sich verabschieden, ich werde auch nach Hamburg fahren und werde ein Visum bekommen. Ihre Gewi�heit beruhigt und verwundert ihn gleichzeitig. Er mu� ihr sagen, da� der Konsul bestechlich ist und da� er ihn bestochen hat. Jetzt nicht, sagt er sich, ich will sie nicht in Verwirrung bringen, sp�ter werde ich es ihr sagen. Und dann ist �sp�ter� irgendwann vorbei.</p><p>In der Gl�hbirnenfarbrik erh�lt Kornitzer ein Zeugnis, in dem ihm best�tigt wird, er verlie�e <emphasis>auf eigenen Wunsch</emphasis> das Unternehmen. Und weiter: <emphasis>Soweit es ihm m�glich ist, sucht er sich in das Volksganze einzugliedern und den Platz auszuf�llen, der ihm im neuen Reiche zugewiesen ist. In seinem Auftreten ist er bescheiden und zur�ckhaltend, er versteht seine Stellung als Nichtarier taktvoll zu wahren</emphasis>. Gute W�nsche f�r seine Zukunft, wie es in Zeugnissen �blich war, gab man ihm nicht mit auf den Weg.</p><p>Kornitzer reist nach Southampton, mit einem Dampfer der Hapag-Lloyd, der aus Hamburg gekommen ist, er ist ein Transitreisender, das macht seine Ausreise und die Zollabfertigung weniger schrecklich. (Andere Passagiere werden von den deutschen Zollbeh�rden bis in die letzten Intimit�ten untersucht.) Nach Southampton hat Claires Schwester Vera f�r ihn telegraphisch Geld �berwiesen, sein eigenes Geld, das er zur Ausreise nicht mitnehmen darf. Er preist Vera, die Vertraute in der Niederlage. Vera hat das Geld in ihrem Namen �berwiesen, und er hat ihr im Gegenzug seine Lebensversicherung �berschrieben. Im Falle, da� ihm etwas zustie�e. Im Falle, da� Claire, <emphasis>der j�disch Versippten</emphasis>, seine Lebensversicherung, wenn sie f�llig w�rde, nicht mehr ausgezahlt w�rde. Das war klug ausgedacht, vorausschauend (wenn es �berhaupt noch eine Zeit gab, in die man vorausschauen konnte, ohne in einen Abgrund zu schauen). Kornitzer wechselte nur einen kleinen Teil der Reichsmark in englische Pfund ein, nur so viel, da� es f�r einige Tage zum bescheidenen Leben reichte, <emphasis>Toast und Pie</emphasis> und ein dunkles, bitteres Bier am Abend, von dem er annahm, da� es satt macht. Er richtet sich in einer <emphasis>Bed-and-Breakfast-Pension</emphasis> ein. Er besucht die Kinder, umarmt sie und will sie gar nicht loslassen. Er hat f�r beide Spielzeug aus Deutschland mitgebracht, ein alleinreisender Herr, der mit einem Teddyb�ren und einem h�lzernen Segelschiff reist, sehr merkw�rdig wirkt das bei der Zollkontrolle in Hamburg, wie eine kleine Perversion. (Sp�ter begreift er, es war eine unsystematische Irref�hrung, die ihm nicht bewu�t war, ihm aber n�tzte.)</p><p>Er besucht die Kinder, und die Freude ist �berw�ltigend, ein Zerflie�en, ein Au�ersichsein. Die Kinder umklammern die Geschenke, fragen nach der Mutter, er mu� ihnen m�hsam erkl�ren, warum er allein gekommen ist, und merkt, sie verstehen es einfach nicht, sie verstehen es nicht oder wollen es nicht verstehen aus Entt�uschung. Zweimal ist er beim Reverend eingeladen, einmal zum Tee, einmal zum Lunch, von dem er das lauwarme Hammelfleisch und die Mincesauce dazu in Erinnerung beh�lt. Er ist beruhigt �ber die leise Freundlichkeit des Reverend, er dr�ckt den beiden Damen die Hand, die f�r den ausl�ndischen Gast rosa Puder auf die Nase und die Wangen geklopft haben und nach Veilchenparf�m duften. Er dr�ckt seine Dankbarkeit aus, da� sie die Kinder bei sich aufgenommen haben. Eine der Damen � die Schwester des Reverend � wagt sich vor, die Kinder seien doch gut gekleidet und in einem guten Ern�hrungszustand nach England gekommen, so gro� k�nne ihre Not doch in Deutschland nicht sein. Kornitzer sucht daraufhin fieberhaft in seinem Ged�chtnis ein englisches Wort f�r Bedrohung. Als er keines findet, sagt er: <emphasis>The Jewish Children are in danger principally, and I, the father, even more</emphasis>. Daraufhin legt die Fragende bed�chtig den Kopf zur Seite, w�hrend dem Reverend ein <emphasis>Oh!</emphasis> entf�hrt, das er wiederholt, w�hrend die Frau des Reverend Kornitzer einfach noch eine Tasse Tee eingie�t. Tee kann nie schaden. Er sieht den sch�nen Rosengarten, die Malven, die Pfefferminzb�schel im Schatten der Ulmen und ist beruhigt. Ja, die Kinder haben es gut getroffen. Etwas, ein winziger Impuls, sagt ihm: Bleib einfach hier. England ist ein kultiviertes Land. Man wird dich nicht zur�ckschicken. Bleib in der N�he der Kinder. Aber das Visum knistert in seiner Tasche, die Schiffspassage. Er w�rde die Kinder nach �bersee holen, Claire k�me so bald wie m�glich. Und der Impuls versickerte.</p><p>Vor der Abreise hat er mit Claire ein Codewort ausgemacht � <emphasis>Museum</emphasis> � und schreibt: Ja, das Museum sei ge�ffnet gewesen bei seinem Besuch, er habe unverge�liche Bilder gesehen und sei sehr dankbar daf�r. Er umarmt die Kinder so heftig, da� sie aufschreien, ja, jammervoll h�ren sie sich an, und er beh�lt den Laut in der Erinnerung. Ein heller, schmerzvoller Ton, den er mit keinem anderen vergleichen m�chte, den er jemals geh�rt hat. Die letzte Lebens�u�erung seines Sohnes und seiner Tochter, die ihm in Erinnerung bleibt. Er mu� sie verlassen, er mu� sie zur�cklassen, er hat keine Chance, in England zu bleiben. Er sagt es dem Reverend: Die Bedingung f�r die Rettung der Kinder war der Verzicht auf die Rettung der Eltern, hier: des Vaters. Er mu�te den Preis zahlen. Er war ein rechtlich denkender Mann. England nahm nur noch Kinder auf, keine stellensuchenden Erwachsenen, so bitter das war. Wieder sch�ttelten die Damen den Kopf, und der Reverend sagte etwas, was wie <emphasis>what a shame</emphasis> klang. Kornitzer verabschiedet sich vom Reverend und den beiden Schwestern, dann reist er nach Southampton zur�ck, dort liegt das Schiff vor Anker, das seine Hoffnung ist: <emphasis>Reina del Pac�fico</emphasis>. Es gilt als ein sehr schnelles, komfortables Schiff, es f�hrt seit 1931 auf der karibischen Route. Und es ist das erste Schiff mit einem vollst�ndig wei�en Schiffsleib, eine schlanke Sch�nheit unter den Ozeanriesen. Die Route, so hat er den Prospekt buchstabiert, f�hrte nach La Rochelle, dann nach Vigo in Spanien, nach Hamilton auf den Bermudas, nach Nassau auf den Bahamas, nach Havanna und weiter nach Kingston auf Jamaica, das Schiff durchfuhr den Panamakanal, landete in Guayaquil in Ecuador, dann in Callao in Peru, lief Antofagasta in Chile an, die Route endete in Valparaiso. Klangvolle Namen, Perlen auf einer Kette, sicher aufgef�delt, wenn der Faden nicht ri�.</p><p>Als ein schweigsamer Herr in der zweiten Klasse ist er nicht gleich als Deutscher zu erkennen, nicht gleich als Fl�chtling, nicht gleich als Jude. Im Unterdeck reisen Fl�chtlinge aus dem spanischen B�rgerkrieg, geschlagene Republikaner. Aber sie wirken nicht wie Geschlagene, sie wirken hoffnungsvoll, als w�re nur eine Schlacht verloren gegangen, und andere w�rden sie gewinnen. Sie strahlen aus: Wir sind historisch im Recht. Von den deutschen Emigranten kann man das nicht behaupten. Kornitzer hat ein Lexikon, er hat eine spanische Grammatik, er lernt, er paukt, er weint, wenn es dunkel ist. Und wenn es wieder hell ist, schreibt er in sein Vokabelhaft. Recht � <emphasis>el derecho</emphasis>, Unrecht � <emphasis>lo antijur�dico</emphasis>, Strafe, Straffreiheit, Zeuge, Mindeststrafe und H�chststrafe: So ist es gut, gut im Schlechten. An einem Nachmittag tauchen wie eine Fata Morgana idyllisch sch�ne Inseln auf, sattes Gr�n, es sind die Bermudas, erkl�rt man den Fl�chtlingen. Die <emphasis>Reina del Pac�fico</emphasis> f�hrt die K�ste entlang, wei�e, einsam stehende Villen, nette propere Siedlungen und ein altert�mlich befestigter Hafen. Manchmal singen die Rotspanier, kraftvolle Lieder, nein, sie geben sich nicht geschlagen.</p></section><section><title><p>Die kubanische Haut</p></title><p>Tage, mit hei�er Nadel aneinandergestichelt, sich gegenseitig �berlappend. Ein Sandm�ckenschleier sirrt in der Luft �ber der d�senden Bucht. Klares, blaues Licht, Licht von ruhiger Eindringlichkeit, das einen blo� und bleich erscheinen lie�. Windm�hlen, Zuckerm�hlen, Tabakfelder, Regimenter von Bananen. Zuckerrohrk�mpfe, ausgefochten wie mit Lanzen, Macheten. Die ganze �konomie hing an einem seidenen Faden, und der war der Zuckerpreis. Glei�ende Helligkeit der Barockkirchen und ihrer Nachahmer aus dem 19. Jahrhundert, die glanzvolle Ausstrahlung der Pal�ste mit ihren schattigen H�fen, Denkm�ler, orchideenwei�, chinawei�, porzellanwei�, vanillefarben. Kuba war ein Flie�en und Ergie�en, B�che von Schwei� (man roch ihn, tat aber, als r�che man ihn nicht), eine Lockerung, Beruhigung ganz ohne Grund. Im Januar, Februar waren die Temperaturen noch um 25 Grad. Ende M�rz stieg das Thermometer bereits auf nahezu 40 Grad, man mu�te sich damit abfinden, zu triefen und zu tropfen und sich dessen nicht zu sch�men. An eine seri�se, hitzetaugliche Kleidung war gar nicht zu denken. Es sei denn, man nahm auf eine untergr�ndige Weise Kontakt zu einem Schneider auf, einem Schneider, der ein irgendwie begr�ndetes Rechtsproblem hatte, jemand war ihm die Rechnung schuldig geblieben, der Stoff, den er eingekauft hatte, war schadhaft, er wollte sich zur Wehr setzen, da war vielleicht etwas zu tun oder auch nicht. Die Bougainvilleas k�mpften mit sich in seinem Hof, eine Palme, die aber nicht ausladend genug war, beschattete seinen Laden. Man konnte ihm Mut machen, das Rechtsproblem zu l�sen, ohne da� er ein Gericht in Anspruch nehmen mu�te, man konnte ihn vertr�sten, Schrifts�tze aufsetzen, die wehrhaft klangen, aber nichtig waren. Rechtsauskunft gegen Hose gegen Vertrauen. Zeit spielte keine Rolle, was sollte sich �ndern, aber auch, was sich erst in einem Jahr �nderte, war nicht aus der Zeit gefallen. Im September war die Luft so, wie man sie sich in der H�lle vorstellte. Es war so hei�, da� man schon gleich nach der morgendlichen Waschung mit einem Schwei�film �berzogen war und sich selbst nicht leiden konnte. Und dann begann es zu regnen, Str�me von Na�, Wasservorh�nge, die Stra�en rei�ende Fl�sse, durch die man paddelte.</p><p>Man trank den leicht moussierenden, halb vergorenen Ananassaft, wie man anderswo Apfelwein trank, man sa� im Schatten oder tags�ber in abgedunkelten R�umen, die Hand war schwer in der Hitze und blieb gerne im Scho� liegen. Man bestellte ein zweites Glas Ananassaft. Ein Mann mit einem Fahrrad kam, er hatte eine Stange Eis unter den Gep�cktr�ger geklemmt, er fuhr das Fahrrad mit so beg�tigender Langsamkeit, da� es Freude machte, ihm zuzuschauen. Die Stange Eis war mit Zeitungen dick umwickelt, damit sie die K�hle einigerma�en behielt, und trotzdem hatte das Fahrrad eine sanfte, aber noch nicht kritische Tropfspur hinter sich gelassen. Er brachte dem Wirt das Eis hinter die Theke, der hackte es, um es sp�ter zu st��eln, verstaute es in der Tiefe und k�hlte eine neue Portion Ananassaft damit. Es war ein d�siger Nachmittag, an dem es schwer fiel, an Berlin zu denken, man mu�te an einen eisigen Wintertag denken, um zur Besinnung zu kommen. Es war schwer, �berhaupt etwas zu denken und sich nicht der erhitzten Mattigkeit zu ergeben. Winzige Schwirrev�gel flogen umher mit aufgeregten Federn und dummen, geschw�tzigen Schn�beln, aus denen eine Sprache quoll, die weder den Einheimischen noch den Emigranten in irgendeiner Weise gel�ufig war. Man mu�te mit den Achseln zucken �ber die Sprachbegierde der V�gel, die ins Leere lief (flatterte?), in die Leere eines hei�en, �den Nachmittages, an dem nichts geschah, an dem man sich nichts ausdenken wollte, an dem auch in Wirklichkeit nichts geschehen w�rde, wenn man vom Geschrei der Stra�enh�ndler absah. Den H�ndlern zuzuh�ren, war eine Tat, aber es war auch die Verhinderung eines Tuns, zum Beispiel des Briefschreibens, noch einmal an die alte heimatliche Adresse in Berlin, gleichg�ltig, ob und wann der Brief ankam, es war eine Tat und gleichzeitig ein besch�mendes Versinken in eine Passivit�t, die in Berlin im allgemeinen und von Claire im besonderen nicht verstanden werden k�nnte. Und so trank Kornitzer noch ein Glas Ananassaft, und dann hatte er sich selbst �berzeugt, die Hand klebte am Papier, so da� er Claire keinen seri�sen, keinen liebevollen, keinen werbenden, keinen Anteil nehmenden Brief schicken konnte, und er war bek�mmert dar�ber, aber es war nicht zu �ndern.</p><p>In der ersten Zeit in Havanna f�rchtete er, etwas gesch�he. Etwas F�rchterliches gesch�he. Zwei Polizisten k�men in seine Unterkunft, pr�ften seine Papiere noch einmal, wieder einmal und bedeuteten ihm, sie seien nicht g�ltig. Sie m��ten ihn in Gewahrsam nehmen. Und wie dieses Gewahrsam aussah, ahnte er. Oder er schreckte auf in der Nacht, glaubte, er h�tte Selma weinen geh�rt, wollte sich wie in der Cicerostra�e ins andere Zimmer tasten und nach ihr sehen. Aber es gab kein anderes Zimmer. Dann vermi�te er Claire, ihre Vern�nftigkeit, ihre Unabdingbarkeit, von der T�chtigkeit wollte er jetzt nicht reden, und er ging schon fr�hmorgens, bevor die Hitze losschlug, zum Hauptpostamt und gab ein Telegramm auf. <emphasis>Komm so bald du kannst Stop Bedingungen einigerma�en Stop In Liebe Richard</emphasis>. Er strich das Wort Bedingungen wieder aus, setzte daf�r Konditionen ein, bei einem lateinischst�mmigen Wort g�be es weniger �bertragungsfehler, meinte er. Und dann z�hlte er auch an den Fingern ab, er hatte keinen einzigen Buchstaben gespart, das war ziemlich sinnlos, aber doch auch ein Prinzip, das am Rand des Sinnlosen seinen wirklichen Sinn gewann. Ja, er hatte Geld aus England transferiert, es k�nnte bei sparsamem Wirtschaften, so kalkulierte er, drei Monate reichen. Und dann w�rde er weitersehen, oder Claire w�re da, die immer gute, unternehmerische Ideen hatte. Mit der Quittung �ber die Aufgabe des Telegramms wanderte er durch die Hitze in die Pension zur�ck, und die Quittung knisterte wie ein Versprechen von Gl�ck. Die Deutschen hatten nur die Ausfuhr von zehn Reichsmark erlaubt, die Kubaner wollten Landungsgeld sehen und eine Sicherheit zum Vorweisen. Entweder �bertrat man die Ausreise-Bedingung und machte sich straff�llig, oder man machte sich bei der Einreise gleich schuldig, fiel in ein Loch und wurde zur�ckgewiesen, dazwischen gab es nichts. Er war gezwungen, sich mit der Kultur des Gesetzbrechens auseinanderzusetzen, nicht indem er richtete, sondern indem er handelte, beziehungsweise das Handeln unterlie�.</p><p>Gleich nach seiner Ankunft hatte er sich, wie es vorgeschrieben war, beim <emphasis>Registro Nacional de Identificaci�n, Registro de Extranjeros</emphasis> eintragen lassen. Er erhielt eine f�r ein Jahr g�ltige Bescheinigung, die er mit fremden Augen ansah und keineswegs verlieren durfte. Er hatte den Rechtsanwalt aufgesucht, <emphasis>el abogado</emphasis> Rodolfo Santiesteban Cino, der vielleicht etwas f�r ihn tun k�nnte. Der Rechtsanwalt, der offenbar mit Patenten zu tun hatte. Kornitzer fand die Adresse in Vedado, in einem schachbrettartig angelegten feinen Viertel mit vielen B�umen und breiten sauberen Stra�en, wenn das nicht schon zu viel gesagt war. Sittsame Hunde wurden ausgef�hrt, und sie bellten nicht, B�umchen wurden zu akkuraten kleinen Tonnen gestutzt, Rasen wurde gew�ssert von schwarzen Boys, Vogelk�fige auf einer Veranda wurden gewienert, w�hrend die Tiere lautstark gegen die St�rung ihres verflatterten Alltagslebens protestierten. Aber es war die Privatadresse, an der er als Bittsteller vollkommen fehl am Platz war, und eine Hausangestellte bedeutete ihm, als er sein Spr�chlein gesagt hatte, wohin er sich, nicht weit vom Kapitol mit seiner Kuppel, die der vom Kapitol in Washington glich, mit seiner Peterskirchenkuppel, wenden solle, nicht weit von den offiziellen Geb�uden, in der Gesch�ftsgegend. Aber Kornitzer schlo� rasch aus dem Fehler: Wenn er eine Privatadresse bekommen hatte in Hamburg, mu�te der Kontakt zwischen dem Konsul und dem Rechtsanwalt doch einigerma�en intim sein, freundschaftlich oder gar verwandtschaftlich. Es war ein Instinkt, der Kornitzer dies denken oder besser doch: f�hlen lie�. (Da� er Instinkte hatte, wu�te er vor seiner Verfolgung noch nicht, insofern war die Verfolgung, auch die Vertreibung ein weitl�ufiges Lernprogramm, das er niemals freiwillig gew�hlt h�tte. Und dies, obwohl er dem Denken mehr vertraute.)</p><p>Kornitzer war nicht ungeschickt und dr�ngte der Hausangestellten eine Karte auf, auf der sowohl seine Berliner Adresse als auch auf der R�ckseite handschriftlich die Adresse des Hamburger Konsuls verzeichnet war, der ihn auf die Patente angesprochen hatte. Und er kritzelte seine Adresse in Havanna dazu, die nat�rlich nicht beeindruckend, aber doch deutlich war. Und nat�rlich �berreichte er die Karte so, da� der Blick der Frau zuerst auf die Hamburger kubanische Adresse fallen mu�te, und danach erst auf die des hilfesuchenden Deutschen aus Berlin. Auch das war ein Instinkt. Und auch ein Instinkt war, der Frau einen Geldschein zuzustecken. Da� er das konnte, dankte Kornitzer seiner Mutter, ja, er h�tte ihr in der ersten Zeit in Kuba t�glich auf Knien danken k�nnen, und gleichzeitig sehnte er sich nach Claire und den Kindern.</p><p>Es gelang ihm dann am n�chsten Tag, das B�ro des Rechtsanwalts Rodolfo Santiesteban Cino in der Avenida Agramonte zwischen Capitol und Bahnhof zu finden. Es war in einem Geb�ude, das dem ganzen Standard nach nicht dem privaten in der Vorstadt entsprach, Elektroleitungen in einem wilden Gestr�pp im Hof, Regenrinnen, die ins Nirgendwo ragten, die Treppen ausgetreten, m�rbe. Im Vorzimmer waren die St�hle hart und die Lehnen sehr schlank und steil aufw�rts gerichtet. Er wartete, wartete, und wenn er sich sp�ter zu erinnern suchte, welche Menschen mit ihm im Warteraum sa�en, wu�te er es nicht; so sehr war er auf sich, sein Begehren konzentriert. Wieder richtete er Gr��e des Konsuls aus Hamburg aus, wieder einer Frau, ein Fl�stern hinter der T�r, ein R�uspern. Und dann stand Kornitzer endlich nach Verbeugungen vor dem Rechtsanwalt Rodolfo Santiesteban Cino. Er war das Ziel, die Sehnsuchtsadresse, seit Kornitzer sein Visum bekommen hatte; Kornitzer hatte sich den komplizierten Namen eingepr�gt. Der Rechtsanwalt hatte eine hohe, vornehme Stirn, auf der ein paar Schwei�perlen standen, seine Haut war makellos, ruhige Augen, dunkelsamtig wie Oliven. Und am erstaunlichsten war eigentlich sein Haar. Es hatte �ber der Stirn, an den Schl�fen bedauerlicherweise keine Spur hinterlassen, w�lbte sich dann aber schwarz, m�chtig und lockig von der Mitte des Sch�dels bis �ber den Kragen, ringelte sich ein wenig auf dem wei�en Kragen. Kornitzer h�tte eine solche, beil�ufig nach hinten gerutschte Haarf�lle vielleicht einem Dirigenten einer Zigeunerkapelle irgendwo in der Welt (aber doch in Europa, so klein war seine Welt!) zugetraut, aber nicht einem Juristen in Mittelamerika, der nun einmal seine einzige Hoffnung war. Sie wechselten ein paar S�tze hin und her aus dem Lehrbuch der H�flichkeit. Der Herr war freundlich, schien nach Kornitzers Ansicht erstaunlich viel Zeit f�r einen Bittsteller zu haben, Berliner Verh�ltnisse waren ganz anders gewesen. Und ehe Kornitzer sich�s versah, platzte es aus ihm heraus: das Ungl�ck des Rassismus, das Verjagtwerden aus dem Gericht, die Arbeit in der Lampenfabrik, die Unterbringung der Kinder in England, die Unm�glichkeit, zusammen mit seiner Frau Deutschland zu verlassen. Er wedelte energisch mit seinem Schein, der ihm einen Aufenthalt erlaubte, aber keine Arbeit, es war ein Dammbruch. Kurz gesagt: Er war eine einzige Fleisch gewordene Hilfsbed�rftigkeit. Wie sollte es weitergehen, wie, wie? Er sei ja zu jeder Arbeit bereit (das war nicht ganz wahr, die Gl�hlampenfabrik hatte ihn m�rbe gemacht), aber strafbar wolle er sich nicht in dem fremden Land machen, er radebrechte, schwitzte, der Rechtsanwalt half ein wenig mit Nachfragen. Ja, Kornitzer war Richter an einem Zivilgericht gewesen, die Patente, nach denen ihn der Konsul in Hamburg gefragt hatte, erw�hnte er nicht. Und auch Santiesteban Cino fragte nicht danach.</p><p>Dann geschah Kornitzer etwas, das er nicht fassen konnte. Zuerst glaubte er, der Stuhl schwanke, er sah auch den Rechtsanwalt schwanken in einem milchigen Licht, aber es war kein Erdbeben. Er sah, wie der Rechtsanwalt den Mund �ffnete, aber er h�rte ihn nicht. Dann legte Kornitzer eine verschwitzte Hand auf die Tischkante, und auch der Tisch wankte nicht. Erst jetzt begriff er, da� das Beben in ihm war, es war nicht nur ein Beben, es war ein Sch�tteln, Schaudern, Zittern, es konnte auch sein, da� ein wilder Tr�nenstrom aus ihm hervorbrach, den er nicht zu kontrollieren vermochte, nichts, nichts hatte er unter Kontrolle, die Schultern bebten, die Lider und die Nasenfl�gel und tief darunter auch die Knie. Sp�ter wu�te er das nicht mehr oder wollte es vergessen, er wu�te auch nicht, wie viel Zeit vergangen war auf dem Besucherstuhl, es war eine hoffnungslos in ein Loch gefallene Zeit, ja, die Kontrolle setzte vollkommen aus. Er erinnerte sich erst wieder, da� das Gesicht des Rechtsanwalts nah an seinem Gesicht war, er sp�rte den fremden Atem, der nach Tabak roch, sah den Blick, pr�fend, sorgenvoll, irritiert, und sp�rte, da� eine schwere, behaarte Hand auf seiner Schulter lag, ja wirklich. Die Hand war ein Gewicht, eine Autorit�t. Und dann sah er, ja, er war sich sicher, er sah, da� die Angestellte ihm ein Glas Wasser brachte. Er nippte, nippte, nippte und wu�te im ersten Augenblick nicht, wo er wirklich war, wieder in Hamburg in dem Konsulat, das ihm auch Angst gemacht hatte, beim <emphasis>Registro Nacional</emphasis>, er war nirgends, und er war au�er sich. Er sah die Angestellte an, sah, was er jenseits der Hornbrille erfassen konnte, den bronzefarbenen Teint, Oberarme, die fleischig waren, und eine Bluse mit Puff�rmeln. Der Ausschnitt war mit einem B�ndchen zusammengerafft, das eine adrette Schleife bildete, so da� er nicht einmal den Busen sah, aber die aufreizende und gleichzeitig �beraus sorgf�ltige Art seiner Verpackung, der Wegschlie�ung f�r unbefugte Augen. All das sah er, bemerkte es in einer Art von Zeitlupe, ohne da� die Beobachtungen wirklich in ihn sinterten. Geschieht Ihnen das �fter? fragte der Rechtsanwalt. Und Kornitzer gelang es, sich zu sammeln und <emphasis>no, no</emphasis> hervorzusto�en, mit einer solchen Bestimmtheit, die keinen Zweifel an seinem Gem�tszustand zulie�. Ich werde �ber Sie nachdenken, sagte der Rechtsanwalt. Lassen Sie mir Ihre Adresse da. Er sagte es, ohne da� Kornitzer eine Regung in seiner Stimme, in seinem Gesicht deuten konnte (seine Haarpracht spielte jetzt keine Rolle), und diese innere Dunkelheit in der glei�enden Helligkeit des karibischen Tages schmerzte. Kornitzer schrieb wie bei seinem ersten Besuch wieder mit wackliger Handschrift seinen Namen und seine Adresse in Havanna auf, und dann wankte er hinaus, die ausgetretene Marmortreppe hinunter, und die Angestellte nahm ihre Hornbrille ab, betrachtete die Gl�ser mit einer solchen Intensit�t, da� Kornitzer wu�te: Sie vermied es, ihn anzusehen, den Fl�chtling aus Deutschland, das hochgewachsene H�ufchen Elend.</p><p>Selma berichtete viele Jahre sp�ter von einem anderen Nervenzusammenbruch. Ihr Vater sei aus Kuba zun�chst nach Berlin gereist. Und als er die Zerst�rungen der Stadt gesehen habe, sei er zusammengebrochen und habe in einer Klinik behandelt werden m�ssen. Aber woher wu�te sie das? Nur ihr Vater konnte es ihr gesagt haben. Aber er war doch von Havanna nach Lindau gereist. Hatte er einen Umweg �ber Berlin gemacht? Das schien nicht glaubw�rdig � mit seinem Gep�ck und der Anforderung Claires, die ihn am Bodensee erwartete. Oder hatte Selma ihn mi�verstanden, ja, mi�verstehen wollen, w�hrend er vielleicht vom Nervenzusammenbruch bei der Ankunft in Havanna sprach, dachte sie an eine andere Ankunft. Da� die Ankunft in Havanna, wei�es Schiff, blauer Himmel, am Ziel der Flucht, ihren Vater durchger�ttelt und entsetzt hatte, da� er am Ende war ganz am Anfang, konnte sie sich nicht vorstellen, und so mu�te sie wohl oder �bel oder unbewu�t den Familienroman umdichten, niemand konnte ihr widersprechen, wollte ihr widersprechen. Und war es nicht auch gleichg�ltig, wann und wo ihr starker, vern�nftiger Vater einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte? Es soll auch nur beil�ufig erw�hnt werden.</p><p>Kornitzer verbrachte eine schlaflose Nacht in der lauten Pension, stand beim ersten T�renknallen am Morgen auf und bog in die Calle San L�zaro, da sah er schon das Meer. Er ging am Turm von San L�zaro vorbei, es dr�ngte ihn, auf der Hafenpromenade spazierenzugehen. Er starrte in die Brandung wie in einen blinden Spiegel. Ich mu� mich entschuldigen f�r den peinlichen Vorfall, sagte er sich. Und lief zur�ck durch die Altstadt, dr�ckte sich an den Hausw�nden entlang, schl�pfte unter die Kolonnaden, wenn er sie fand, um zumindest ein wenig Schatten zu ergattern. Als er die Treppe zu der Kanzlei emporstieg, kam ihm der Rechtsanwalt Santiesteban Cino mit wehenden Rocksch��en entgegen. Ich mu� ins Gericht, ich habe einen Termin vers�umt, kommen Sie mit, wenn Sie wollen. Und dann begaben sich die beiden M�nner in einem scharfen Galopp drei, vier Blocks weiter, �berquerten eine Avenida, dann noch einmal eine gro�e Kreuzung, prall hei�, tauchten wieder in einen Kolonnadengang, und dann wies der Rechtsanwalt vage mit der Hand in die Ferne. Da: das Gericht. Und als sie eintraten in den vornehmen Bau mit den dorischen S�ulen � Kornitzer nun seinem Empfinden nach ein, zwei Schritte hinter seinem neuen Bekannten �, drehte der sich pl�tzlich nach ihm um und sagte: Alles Unheil kommt daher, da� mein Kalender nicht ordentlich gef�hrt wird. Se�ora Mart�nez poliert ihre Fingern�gel aufs Sch�nste, und die Termine schmoren, schmoren. Kornitzer war gar nicht sicher, ob er alles richtig verstanden hatte, er lauschte dem Klang nach, der Wortenergie, der Melodie, und versuchte, Schritt zu halten mit dem Rechtsanwalt, der vorw�rtsst�rmte und dabei seine Robe, in die er im Gehen, Laufen, geschl�pft war, zurechtnestelte. Und Kornitzer half ihm instinktiv, das �rmelloch zu erwischen, an dem der Rechtsanwalt mit einem energischen Griff gerade vorbeizielte. Kornitzer verstand nicht viel von dem Verfahren, an dem teilzunehmen er eingeladen war. Ein Schneider war betrogen worden, er hatte einen Ballen Stoff bestellt, geliefert wurde von einem H�ndler ein minderwertiger Stoff. Der Schneider hatte sich zu zahlen geweigert, er war verklagt worden. Der Rechtsanwalt verteidigte ihn wortreich, und alles endete mit einer Vertagung des Verfahrens. Der Richter zog sich mit seinen Beisitzern f�r kurze Zeit zur�ck, dann befand er, die Kammer habe einen Anspruch, den minderwertigen Stoff in Augenschein zu nehmen. Ein Zeitaufschub, eine neue Verhandlung. Ohne den Stoff kein Urteil. Kornitzer kam dies umst�ndlich und ineffektiv vor, aber es war die erste Verhandlung in einem Rechtssystem, von dem er nichts verstand, also schwieg er und verbot sich auch im Stillen ein Urteil.</p><p>Wissen Sie was? fragte der Rechtsanwalt ihn beim R�ckweg. Kornitzer �ngstigte sich ein bi�chen, er w�rde eine eitle Frage stellen: Wie war ich? Oder: Wie haben Sie mein Pl�doyer empfunden? Aber er lie� Kornitzer gar nicht erst zu Wort kommen und sagte: Deutschland, das ist doch ein Land der Pr�zision. Das mu�te Kornitzer einsilbig best�tigen, ohne zu wissen, wohin eine Argumentation f�hren k�nnte, die so begann. (Hoffentlich nicht zu den Patenten.) Aber dann schlug ihm der Rechtsanwalt vor, er, der Deutsche, m�ge doch seine Termine �berwachen. Einen Kalender f�hren, was Se�ora Mart�nez wohl f�r eine �berfl�ssige Angelegenheit hielt. Im Vorzimmer hinge ein Kalender der kubanischen Zuckerrohrwirtschaft mit sch�nen Bildern, optimistischen Schnittern, Zuckerm�hlen, romantischen Bildern und K�stchen f�r jeden Tag. Das hei�t, Sie haben keinen Terminkalender? fragte Kornitzer mitleidig. Wozu? fragte der Anwalt. Die Termine purzeln t�glich, verkleben, verkleistern sich. Der eine Richter ist unp��lich, m�chte aufs Land fahren, ein anderer verheiratet in einem reifen Zustand seine Tochter, der gegnerische Anwalt begreift, da� er auf weitl�ufige Weise mit meiner Angestellten verwandt ist, und mu� sich ein Pl�doyer ganz neu erfinden. Und mir kann es ebenso gehen. Man mu� handeln, wenn das Handeln geboten ist. An dieser Stelle versuchte der Rechtsanwalt zum ersten Mal den Namen Kornitzer auszusprechen, es war eher wie das polternde Verenden einer kleinen Dampfmaschine, aber Kornitzer dachte wiederum, da� es ein gutes Zeichen sei, wenn er versuchte, sich seinen Namen zumindest einzupr�gen, und er schlug keine Korrektur des Lautstandes vor, tz, tz. Das h�rte sich vielleicht f�r einen Kubaner wie der Stammlaut der Malariam�cke an, tz, eine Verscheuchungsgeste und gleichzeitig ein Gesumm. Man mu�te als jemand, der mit dieser Lautverbindung durchs Leben oder nun durch eine neue Lebenserfahrung ging, sehr, sehr vorsichtig sein. Also sagte er gar nichts, und in dieser L�cke sprach der Anwalt weiter; offenkundig hatte er selbst diese L�cke gar nicht bemerkt. Noch einmal wiederholte er salbungsvoll: Man mu� handeln, wenn das Handeln geboten ist. (Oder rekapitulierte Kornitzer diesen Satz, weil er ihn als einen grunds�tzlichen verstand?) Als eine Lebensregel h�rte sich das sehr vornehm und subjektiv an, aber f�r den Alltag mit Mandanten war das Prinzip, das der Rechtsanwalt aufs Panier hob, nicht wirklich geeignet. Man mu�te handeln, um jeden Preis. (Dabei handelte man vermutlich meistens zu sp�t.) Oder: Man mu�te vermeiden, sich in H�ndel hineinziehen lassen. Auch das war denkbar und ratsam. Was Kornitzer dann sagte, war kryptisch, vielleicht nicht idiomatisch im kubanischen Spanisch, aber auch nicht falsch: Das mu� sich �ndern, sagte Kornitzer, und er wu�te nicht genau, ob er das wirklich auf Spanisch gesagt hatte, zuf�llig, aus Sprachungeschick. Der Rechtsanwalt nickte und er auch, sie waren sich zweifellos einig. (Aber worin, wogegen? In der bes�nftigenden oder sich ereifernden Tonlage? In einer Art von Sympathie?)</p><p>Als sie in die Kanzlei zur�ckgekehrt waren und Santiesteban Cino seine zusammengenestelte Robe auseinanderfaltete, servierte Se�ora Mart�nez einen scharf gebr�hten Kaffee, den sie gemeinsam schl�rften. Arbeiten Sie, arbeiten Sie! rief der Rechtsanwalt, und es klang mit dieser Emphase wie ein Wunder. Und Kornitzer kam sich sehr geistesgegenw�rtig vor, als er sagte: Ich kann arbeiten, zweifellos, ich m�chte arbeiten, aber ich darf keinem Kubaner seine Arbeit wegnehmen. Das tun Sie auch nicht. Sie beraten mich in Fragen der Pr�zision, der Kalendergenauigkeit. Das kann kein Kubaner. Sie werden ein freischaffender Rechtskonsulent sein, der meiner Kanzlei assoziiert ist. Ich werde Sie um Rat fragen, und Sie werden mir den Rat gegen ein seri�ses Honorar entbieten. Haben Sie mich verstanden, Doktor Kornitzer? Der Name war wirklich schwer auszusprechen, und sp�ter wurde er vereinfacht oder weggelassen. Kornitzer war der Mann, der manches mitbekam, was auch die anderen Emigranten betraf, der mith�rte, mitdachte und wirklich peinlich genau Termine �berwachte. Jemand, der initiiert war, aber nicht selbst handeln durfte. Schr�g gegen�ber der Kanzlei, einen Block weiter, war der Sitz des kubanischen Roten Kreuzes. Kornitzer kn�pfte Kontakte, auch zu der Hilfsorganisation <emphasis>Joint, Joint Distribution Committee</emphasis>, hie� der volle Name, und der <emphasis>Joint</emphasis> schien wie ein internationales F�llhorn, ein Rettungsring zu sein. Kornitzer nahm Termine bei der Hilfsorganisation wahr, wenn der Anwalt m�glicherweise auch eine Tochter verheiratete oder ohne Gr�nde einen Tag der Kanzlei fernblieb. Kornitzer entfaltete eine kr�ftige Kreativit�t, um Gr�nde zu erfinden, warum der Anwalt eben gerade nicht anwesend war. (In Deutschland w�re ihm ein solches Verhalten unverzeihlich vorgekommen.) Aber wichtige Termine verpa�te er nicht mehr. Und damit hatte er einen Stein im Brett bei seinen Klienten; es sprach sich herum.</p><p>Im nachhinein mu�te sich Kornitzer sagen: Da� er sich schwach gezeigt hatte, da� er zusammengebrochen war und nicht mit zusammengebissenen Z�hnen sein Ungl�ck ausgestellt hatte, war ein Gl�ck gewesen. Er hatte eine erstaunliche Wohltat erfahren. Er verdiente nicht gut, er war nicht angestellt, aber es kam doch Geld herein, das er ehrenhalber Honorar nennen mu�te, und das war nicht schlecht. Er �berwachte die Termine, als w�re er ein Bahnw�rter, der durchgehende Z�ge meldete und versp�tete monierte. Der Rechtsanwalt, sein Retter, war ihm dankbar f�r seine preu�ische Pr�zision, und er war dankbar f�r die Rettung vor dem Nichts. Sp�ter w�rde man weitersehen. Sp�ter, <emphasis>ma�ana</emphasis>. Die Zeit war eine spiegelglatte Fl�che, auf der man leicht ausrutschte. Frau Mart�nez blieb verwundert �ber den Mann im Vorzimmer, dessen Uhr immer genau ging, der auch h�ufig auf das Zifferblatt schaute und der Kalender anlegte, schon im September f�r das n�chste Jahr. Er war vielleicht ein bleiches Scheusal, in den Augen von Frau Mart�nez, ein Prinzipienreiter, er hatte sich immer noch nicht an das weiche, schmiegige Kubanisch gew�hnt, bei dem die Enden verschliffen wurden. Aber er war ungef�hrlich, er tat ihr nichts, und deshalb duldete sie ihn huldvoll an dem neuen, schw�chlichen Tischchen, das gegen�ber von ihrem Tisch in das Vorzimmer gestellt worden war. Ein Aufpasser �ber ihre Unt�tigkeit war er nicht, eher ein Herrscher �ber ein Gebiet, das nicht auf ihrer inneren Landkarte vorgesehen war. Ein Herrscher �ber den fortlaufenden, dauernd weglaufenden Kalender. Die Zeit war keine Freundin von Se�ora Mart�nez, obwohl sie in der Abwesenheit des Rechtsanwaltes gern mit ihren Freundinnen telephonierte. Und diese oder jene kam auch ins Vorzimmer zu Besuch, tuschelte, kicherte, fra� sich fest auf dem harten St�hlchen und sah Kornitzer irritiert an, wenn er f�r seine konzentrierte Arbeit ab und zu einmal um Ruhe bat. W�hrenddessen schaufelte der Ventilator eine Portion hei�e Luft �ber die andere, bis die unterste wieder zum Vorschein kam und sich mit der obersten, der hei�esten, mischte.</p><p>Santiesteban Cino hatte die Gewohnheit, seinen Mandanten Schrifts�tze, Vertr�ge laut vorzulesen. Er ging dabei schauspielerhaft auf und ab in seinem Zimmer, behielt den Mandanten im Auge, forderte ihn auf zu unterbrechen, wenn etwas nicht verstanden wurde. Doch nur in den seltensten F�llen unterbrach ein Mandant die Lesung. Vielmehr schienen die meisten gefesselt zu sein. Kornitzer wartete h�ufig an der T�r, ein Zuschauer, ein Zuh�rer ohne Funktion. Das Vorlesen der Schrifts�tze und Vertr�ge war zeitaufwendig, umst�ndlich; es wirkte auf Kornitzer, als glaube Santiesteban Cino, er habe es vorwiegend mit versteckten oder wirklichen Analphabeten zu tun, aber es war wirkungsvoll. Warum tun Sie das, das Vorlesen? fragte Kornitzer ihn. Es gab keinen Zweifel, da� er es gerne tat. W�hrend ich vorlese, lese ich gleichzeitig im Gesicht des Mandanten, ob er den Schriftsatz versteht. Sie wollen verstanden werden? bohrte Kornitzer weiter. Daraufhin sah Santiesteban Cino ihn so eindringlich an, da� Kornitzer keine Worte mehr hatte, keine spanischen, keine deutschen. Und Santiesteban Cino blieb beim Vorlesen.</p><p>Ja, doch, <emphasis>Abogado</emphasis> Rodolfo Santiesteban Cino fragte auch einmal nach deutschen Patenten. Und er sagte gleich im Nachsatz, sein Freund im kubanischen Konsulat in Hamburg habe die fixe Idee, deutsche Patente nach Kuba zu vermitteln, das sei ehrgeizig, k�hn. Kornitzer wandte vorsichtig ein, ein Patent sei ein schutzw�rdiges Gut, ein geistiges Eigentum, das offiziell, auch international, anerkannt sei und deshalb schwer transportabel, eher sperrig, unbeweglich, auch in ethischer Hinsicht. Der Rechtsanwalt nickte, sagte: Ja, mein Freund sieht das in Deutschland lockerer, aber wir, wir, er wurde ernst, wir in der Republik Kuba m��ten solche Projekte auch umsetzen k�nnen. Mit anderen Worten: sie m��ten Nutzen bringen.</p><p>Kornitzer hatte sich auf ein solches Gespr�ch vorbereitet und gleichzeitig abwehrend gewappnet. Er hatte f�r den Fall, da� man ihm ein Patent abfordern w�rde, sich mindere, harmlose, keinesfalls die Rechte-Inhaber in N�te bringende Patente gemerkt. Zum Beispiel den Fall einer Dame in Tiergarten, die glaubte, ein Mittel erfunden zu haben, das Schnittblumen l�nger haltbar macht. Das Mittel war zweifellos wirksam. Es stellte sich nur in weiteren Untersuchungen heraus, da� die Ingredienzien im Gebrauch hochgiftige Blaus�ure ausstr�mten. Die Blumen blieben l�nger frisch, nur der oder die sie pflegte, war in Gefahr, sich in k�rzester Zeit zu vergiften. Er hatte auch das Patent f�r ein Fahrrad im Kopf, das seine �bersetzung nicht mittels einer Gangschaltung, sondern mit Stationen, an denen man einen Schl�ssel umdrehte, ver�nderte. Das war eine feine Sache, prinzipiell, aber es sah feste Routen f�r Radfahrer vor, als w�re der Radfahrer eine Art von individuellem Schienenbus. Und er erinnerte sich an die Meisterleistung eines stolzen Ingenieurs, der einen Wasserdampf-Druck-Kochtopf patentieren lassen wollte, der zweifellos die Kochvorg�nge beschleunigte und vereinfachte, aber die Frau eines Kollegen, die ihn ausprobiert hatte, trug schwere Brandwunden im Gesicht und an den H�nden davon, die sie wochenlang verunstalteten. Solche Rohrkrepierer hatte er sich gemerkt, um in Kuba nicht mit leeren H�nden dazustehen und trotzdem wirklich erfinderischen, qualit�tvollen Patente-Inhabern, die jahrelang get�ftelt und geforscht hatten, nicht zu schaden.</p><p>Und es ging ihm durch und durch, als Claire ihm in Bettnang in ihren Dachst�bchen erz�hlte, sie habe bei einem Patentanwalt in Friedrichshafen gearbeitet, und Patente, die offenbar mit der deutschen Flugzeug- und Waffenindustrie zu tun hatten, seien durch ihre H�nde gegangen. Ja, wenn sie wirklich beide zusammengespielt h�tten als ein bilaterales Spionagepaar, schlau und verwegen und hochkriminell, das w�re eine L�sung gewesen. Die Frau mit Zugang zur Waffenindustrie, der Mann, der �ber die Drehschreibe Kuba die deutschen Patente auf dem internationalen Markt, der nat�rlich amerikanisch war, lancierte und verscherbelte. Es w�re wie ein Eiskunstlauf, ein Paarlauf gewesen, gef�hrlich, virtuos, aber dazu waren sie beide zu solid, nicht spielerisch oder nicht verbrecherisch genug. Und so bot Kornitzer Santiesteban Cino zun�chst ein paar Anekdoten, Ungesichertes, Gef�hrliches, Hirnverbranntes, eben nicht die gew�nschte deutsche Pr�zision, und der Rechtsanwalt, der ihm mit ruhigen Augen zugeh�rt hatte, winkte ab, was Kornitzer ungemein beruhigte. Schlie�lich sagte er milde l�chelnd: Da hat sich mein Freund in Hamburg auf seinem langweiligen Beamtenposten etwas Sch�nes ausgedacht, eine Art von Spionageroman, bei dem er der Autor ist, und Sie und ich, wir sind handelnde Figuren, die nicht genau wissen, mit welchen Folgen und Wirkungen wir handeln. Und aus welchen Gr�nden, f�gte Kornitzer hinzu. Und damit war das Thema Patente vom Tisch, das ihm Angst gemacht hatte, Angstschwei�, seit er im kubanischen Konsulat in Hamburg gewesen war. Es wurde einfach nicht mehr dar�ber gesprochen. Vielleicht hatte der Konsul sich in den Mittelpunkt einer Drehscheibe versetzt, rotiert, rotiert in seiner Phantasie, bis er schwindlig wurde, und seine potentiellen Mitspieler, die ruhig geblieben waren, waren gleichzeitig aus dem Spiel. AUS. Kornitzer konnte keinem Menschen sagen, wie dankbar er f�r diese Entwicklung war, und wenn er sp�ter dachte: Dieser Kelch, dieser Abgrund von Landesverrat, ist an Claire und mir vor�bergegangen, wollte er ganz schnell etwas anderes denken, und sei es auch nur an den n�chsten Schritt in einem minderen Routine-Proze�, bei dem die Zeugen der Verteidigung benannt und p�nktlich (!) einbestellt werden mu�ten.</p><p>Die Auferstehung des Fleisches. Das Fleisch revoltiert nicht, das Fleisch sehnt sich, dehnt sich. Das Fleisch nimmt in der sengenden Hitze eine andere Farbe an, das europ�ische Fleisch r�tet sich, wie entz�ndet, es wird hei�, schmerzt, bildet Blasen und Pusteln, die sich �ffnen wie Bl�ten, dann sch�lt sich die verbrannte Haut ab, und die Schicht darunter r�tet sich von neuem, und dann br�unt sie auch und schmerzt nicht mehr. Die Emigranten betrachten sinnend die Haut der Kubaner, nein, nicht die Haut, die vollkommen verschiedenen H�ute, porenreiche Haut, samtweiche Haut, nachtschwarze Haut, kaffeebraune Haut, mokkafarbene Haut, Zimthaut, Nougathaut, rosafarbene Haut, helle Haut einer Dame, die durch einen gro�en Hut gesch�tzt wird. Und es gab M�nner mit blank rasierten Sch�deln, so braun wie ein Tabakblatt. Gesichter, von der Sonne geschlagen, ged�rrt. Und es gab Chinesen, die einen Gesichtsschnitt wie Afrikaner hatten, und es gab tiefschwarze Leute, die eine Feingliedrigkeit und einen Gesichtsschnitt wie Chinesen hatten. (Kuba hatte 1848/1849 Kantonchinesen und chinesische Kulis als Arbeitssklaven ins Land geholt. Man nahm an, da� es 150.000 bis 250.000 waren, eine unvorstellbar gro�e Zahl.)</p><p>Dem Neuank�mmling folgte gerne ein Pulk von jungen Streunern. Gab man ihnen ein paar Centavos, wurde einem als <emphasis>americano</emphasis> gedankt, was eine hohe Ehrung war, gab man ihnen nichts, war man ein <emphasis>polaco</emphasis>, was eine gro�e Beleidigung war. Auf seinem t�glichen Weg zur Hilfsorganisation <emphasis>Joint</emphasis>, der auch ratlosen neuen Emigranten mit Zuwendungen half, wenn jemand sein letztes Geld f�r sein Landungs-Depot ausgegeben hatte, sah Kornitzer t�glich drei Br�der, der �lteste war vielleicht zehn Jahre alt, der zweite vielleicht sieben, man sah, da� ihm die Milchz�hne ausgefallen waren, wenn er lachte, und der kleinste, der meistens vom �ltesten auf dem R�cken getragen wurde, war vielleicht zweieinhalb. Er sah die Br�der an mit einer freudigen Neugier. Sie bettelten nicht, es schien unter ihrer W�rde zu sein. Nie sah er ihre Eltern, aber das schien kein Makel zu sein, die Br�der hatten zu tun, waren gesch�ftig, eine autonome, kleine und w�rdevolle Gemeinschaft. Sie sammelten Papier, und keine �ffentliche Hand, kein Sozialarbeiter k�mmerte sich um sie. (Doch, sie mu�ten abends in den Scho� einer Familie zur�ckkehren, eine Gro�mutter, ein Onkel, eine �ltere Kusine mu�te da sein, ein fest vert�utes Familienband, wenn es auch unsichtbar blieb.) Und sie waren h�flich dem Mann gegen�ber, dem sie t�glich begegneten, ja, nun kannte man sich, also mu�te sich auch Kornitzer eine respektvolle Begr��ung f�r das Bruderrudel ausdenken, die t�glich wiederholbar war. Der �lteste der Br�der war ziemlich dunkelh�utig, der mittlere heller und der kleinste hatte dichtes, lockiges, haselnu�farbenes Haar, und seine Haut war heller als Haseln�sse, fast walnu�farben, aber das tat der Eintracht der Kinder keinen Abbruch. Der gr��te trug den kleinen, der mittlere trug einen Sack, in dem sie Papier sammelten, auch winzige Fetzchen Bonbonpapier, nicht nur Zeitungen. Und Kornitzer staunte sie an mit Entdeckungsfreude (und gleichzeitig sehnte er sich nach seinen Kindern in England), er schrieb eine Postkarte, von der er nicht wu�te, ob sie jemals ankommen w�rde, und ob die Kinder � nat�rlich nur Georg � sie lesen k�nnten.</p><p>Es war ein Hurrikan der Kulturen und ein Fest f�r die Augen, f�r die Empfindungen eher nicht. Kornitzer, der durch die Rassengesetze der Nazis mit seiner Frau nicht mehr verheiratet sein sollte, staunte diese H�ute an, geboren aus unendlichen Mischungen, um die sich niemand wirklich k�mmerte. Es gab auch W�rter f�r die Abstufungen schwarzer Haut, die dunkelste hie� nach den Bakelit-Telephonen: <emphasis>negro como el tel�fono</emphasis>.</p><p>Er sa� unter Palmen, h�rte dem Palaver auf den Steinb�nken um ihn herum zu. Er sagte sich selbst: Nun ja, meine Haut integriert sich, ich lerne die Sprache immer besser, meine Haut lernt das Bestehen in der Hitze, sie sch�lt sich jedenfalls nicht mehr. Trat man von einer Avenida � Zuckerb�ckerarchitektur mit Kuppeln, Bogeng�ngen und Veranden, eine �berbordende Ornamentik, sie war machtvoll und auch ein bi�chen l�cherlich, gro�sprecherisch � in eine kleinere Gasse, in der gu�eiserne Balkone wie Vogelnester �berhingen, konnte es sein, da� einem ein Mann auf die Schulter tippte und mit einem Packen Bilder wie mit Spielkarten wedelte. Er dr�ngte einem den schmuddeligen Satz Karten f�rmlich auf, <emphasis>posiciones</emphasis>, Stellungen, eine pornographische Schulbibel in verschiedenen Hautf�rbungen. Und wenn man abwehrte, vorsch�tzte, kein Geld zu haben, wurde man in ein Etablissement gen�tigt, das einer d�steren R�uberh�hle glich, nur f�r ein Getr�nk! nur f�r ein Getr�nk! nur zum Anschauen! nur zum Probieren! Das erste Getr�nk war frei. Und es wurde suggeriert, auch die erste Frau sei frei. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt: es war die erste Frau, der sich die gelenkten Phantasien entgegenreckten. Ein Dutzend Frauen lungerte herum, solche mit einem pr�chtig barocken Hintern, aufgeworfenen Lippen und R�schen um den Busen wie ein Versprechen oder sehr junge mit Storchenbeinen und gelangweilten Gesichtern, andere, verschlafen wirkende am fr�hen Abend schon (oder noch?), in blumigen Unterr�cken oder Morgenm�nteln, unter denen die Schenkel prall hervorquollen, und es war schwer, sich wieder loszurei�en aus den werbenden Worten, dem Tatschen und Get�tscheltwerden, aus der R�uberh�hle in die faule Fr�habendhitze.</p><p>Dann dr�hnten die Glocken der Kathedrale, die Fenster der Palais aus dem siebzehnten Jahrhundert rundherum waren mit Fahnen, symbolischen Schleifen und Blumen geschm�ckt, kleine M�dchen in Reih und Glied mit wei�en Kleidern stellten sich auf, um den Erzbischof zu begr��en, die Monstranz wurde in die Kathedrale getragen, in der Christoph Kolumbus begraben worden war, ehe die sterblichen �berreste oder das, was man daf�r hielt, nach Sevilla �berf�hrt wurden. All die kleinen M�dchen knieten sich auf das Pflaster, ob ihre wei�en Str�mpfchen schmutzig wurden, war gleichg�ltig, jemand w�rde sie waschen. (Die Beschmutzung war dem Akt der Unterwerfung inbegriffen.) Sie begr��ten den Erzbischof, und dann f�hrte eine Nonne sie in die Kathedrale, in der es einigerma�en k�hl war. Kornitzer wollte sich das nicht merken, aber er beh�lt es, er will es Claire erz�hlen, sp�ter einmal. Das Erz�hlen schafft N�he in aller Entfernung. Er ist der Fremde, der nicht auf Assimilation aus ist, sondern darauf, seine Fremdheit als Instrument zu sch�rfen.</p><p>Es gab Emigranten, die legten einen Aktenordner an: <emphasis>Forderungen gegen das Deutsche Reich (Schadenersatz wg. schuldhafter Rechtsverletzung)</emphasis>. In dem hefteten sie nicht nur die Rechnung der Schifffahrtslinie und der w�chentlichen Pension ab, sondern auch Stra�enbahnfahrscheine und W�schereirechnungen. Eines Tages w�rde all dies aufgewogen. Kornitzer geh�rte nicht zu denen, so optimistisch war er nicht. Der Sammeleifer kam ihm eher komisch vor. Mit Kornitzer hatten etwa hundert Emigranten die <emphasis>Reina del Pac�fico</emphasis> in Havanna verlassen, die �brigen Passagiere fuhren weiter nach Ecuador oder nach Chile. Die Emigranten mit dem Ecuador-Visum erz�hlten, da� sie ein Depot von 400 US-Dollar hinterlegen mu�ten und da� jeder Konsul verpflichtet gewesen war, dieses Mindestkapital von den Antragstellern zu verlangen. Einigen war freih�ndig zur Bedingung gemacht worden, 5.000 US-Dollar vorzuweisen, die sie nicht aufbringen konnten.</p><p>Die Morgensonne gie�t Gold �ber die wei�en Prachtbauten. Auf den Telegraphendr�hten balancieren gro�e, fette Ratten wie Seilt�nzerinnen. Ununterbrochen klingelt ein Mann, der Eiscreme verkauft, Zeitungsverk�ufer br�llen, H�ndler, die eher Bettler sind, viele Amputierte darunter, halten Lose der Staatslotterie feil. Andere Verk�ufer preisen Mangos, Ananas und Bananen an und Gem�sesorten, die Kornitzer noch nie gesehen hat. Kornitzer sah aus dem Augenwinkel einen Mann, den er als Emigranten, der mit dem gleichen Schiff wie er gekommen war, sofort erkannte. Er trug ein l�cherlich kleines, nicht einmal schattenspendendes H�tchen, zu warme, offizielle Kleidung, und er bewachte einen Parkplatz in der N�he des Hafens, auf dem sch�ne, breith�ftige Automobile standen, blank poliert, bewundernswert mit ihren ausladenden Scheinwerfern und hellen Ledersitzen. Kornitzer sprach den Mann an, wie es ihm denn gelungen sei, eine Arbeit als Parkplatzw�chter zu ergattern. Und der Mann sagte mit gro�en Augen: Ich habe doch keinen Job! Ich stand hier herum wie Sie und bewunderte die sch�nen Autos mit ihren Chromstangen und energischen Schnauzen. Da kam jemand auf mich zu, der sich als der �richtige� Parkplatzw�chter vorstellte, und bedeutete mir, wenn ich Freude daran h�tte, die sch�nen Automobile zu betrachten, k�nnte er mir leihweise f�r ein, zwei Tage in der Woche seinen Arbeitsplatz vermieten, und er ginge in der Zeit angeln. Und weil �wir�, hier hatte der Aushilfsparkw�chter vollkommen recht, nicht arbeiten d�rften, h�tte er auch jedes Recht, seine Stelle an einen kreativen Autodieb zu verleihen, vielleicht f�r zwei, drei Stunden, am fr�hen Abend oder am fr�hen Morgen, oder er m��te nur f�nf Minuten einmal wegsehen. Auch das w�rde seine Kasse sehr aufbessern. Und der Mann lachte, als w�re ihm die Kleinkriminalit�t schon in die deutsche Wiege gelegt worden.</p><p>Kornitzer reagierte an diesem Punkt wie ein geborener Richter: Aber wenn man Ihnen auf die Schliche k�me? Wenn es Zeugen des Parkplatzw�chter-Wechsels g�be? Wenn Ihr Arbeitgeber Sie beschuldigte oder Sie Ihren Statthalter beschuldigen m��ten? Bedenken Sie das doch, es k�nnte Ihre Ausweisung zur Folge haben. Ausweisung wohin? Kornitzer war in seinem Element, und der Mitemigrant, mit dem Kornitzer auf dem Schiff kaum gesprochen hatte, r�ttelte an seinem komischen H�tchen, wu�te nicht wirklich, wie er reagieren sollte, und sagte schlie�lich verschw�rerisch: Danke f�r den Tip, ich werde mich sachkundig machen. Die Adresse eines guten Rechtsanwalts in der Tasche zu haben, ist sicher sehr beruhigend. �berhaupt wurde viel bewacht, Baustellen, damit kein Material verschwand, Villen, weil sie Eifersucht und Habgier erregten, und W�chter wurden wiederum von anderen W�chtern bewacht, denn sie galten als unzuverl�ssig.</p><p>Braune Kinder betteln um M�nzen am Hafen. Am Kai warten Leute auf ihre Angeh�rigen, sie werfen ihre Strohh�te in die Luft und schreien ihre Willkommensw�nsche ins Ungef�hre so laut heraus, da� kein Mensch mehr etwas versteht. Kornitzer sieht auch weinende Leute, die vergebens auf Freunde und Verwandte gewartet haben. Und das bewegt ihn. Es ist wie ein stehenbleibendes Bild. Er steht selbst am Kai, wartet auf Claire, und Claire kommt nicht, und er wei� nicht warum.</p><p>Aber dann wei� er bald, warum Claire nicht kommt. Das n�chste Schiff, das nach der <emphasis>Reina del Pac�fico</emphasis> landen soll, hei�t <emphasis>St. Louis</emphasis>. Der Luxusdampfer der Hapag-Lloyd war am 15. Mai 1939 aus Hamburg ausgelaufen. Er hatte etwa 930 j�dische Passagiere an Bord, von denen die meisten bereits im Besitz von amerikanischen Quotennummern waren. In Kuba wollten sie lediglich das Eintreffen ihres Visums abwarten, drei Monate oder schlimmstenfalls, wenn sie eine der letzten Quotennummern hatten, drei Jahre. Aber niemand konnte oder durfte ein Verm�gen, das �ber drei Jahre reichte, mitbringen, alles war mit Abgaben belegt, weggesteuert worden. Als das Schiff am 27. Mai in Havanna ankam, wurde dem Kapit�n Schroeder keine Landeerlaubnis erteilt. Sollte er sich widersetzen, w�rde das Schiff von kubanischen Kriegsschiffen aus den Hoheitsgew�ssern <emphasis>hinausgeleitet</emphasis> werden, hie� es. Was das bedeutete, war unvorstellbar, ein Rausschmi� ins Nirgendwo. Ein Passagier durfte an Land: Es war der 92j�hrige Professor Mendelsohn aus W�rzburg, der auf der �berfahrt gestorben war, und vielleicht war dies das einzige Gl�ck der Reise. Professor Mendelsohn landete ordnungsgem��, jedenfalls seine sterblichen �berreste, und niemand fragte nach seinen Papieren.</p><p>Im Mai 1939 hatte Kuba seine Einwanderungspolitik pl�tzlich ge�ndert. Einreiseerlaubnisse und Visa, die vor dem 5. Mai 1939 ausgestellt worden waren, wurden r�ckwirkend f�r ung�ltig erkl�rt. Der Chef der kubanischen Einwanderungsbeh�rde, Manuel Ben�tez Gonz�les, war in Verdacht geraten, mit illegalen Einwanderungszertifikaten zu handeln. Er verkaufte solche Papiere f�r 150 Dollar und mehr, nach US-amerikanischen Sch�tzungen hatte er mit Gaunereien ein Verm�gen von 500.000 bis 1 Million US-Dollar angeh�uft. Das ging zu weit, auch wenn er ein Proteg� des Generalstabschefs Fulgencio Batista war. Die Passagiere waren entsetzt und verst�rt und alarmierten das <emphasis>Joint Distribution Committee</emphasis> in New York. Eine Sozialf�rsorgerin wurde entsandt zur Beruhigung der Fl�chtlinge und der Anwalt Lawrence Berenson, er war Pr�sident der amerikanisch-kubanischen Handelskammer in New York, au�erdem ein Freund von Batista. Aber Batista, ein populistischer Bonaparte, hatte auch Gegner, so war es nicht sicher, ob ein anderer Unterh�ndler, ein neutraler ohne kubanische Verbindungen, nicht mehr erreicht h�tte. Lawrence Berenson war erm�chtigt, der kubanischen Regierung 125.000 Dollar als Garantie f�r den Lebensunterhalt der Fl�chtlinge zu bieten, gleichzeitig b�rgte Berenson f�r die Einhaltung des Arbeitsverbots. Doch das gen�gte nicht, Mittelsm�nner des Pr�sidenten verlangten mit gezogener Pistole 500.000 Dollar bei einem �berfall nach Wildwest-Manier. Batista hingegen lie� �bermitteln, er wolle f�r �nur� 450.000 Dollar die Weiterfahrt der <emphasis>St. Louis</emphasis> zur Ausschiffung auf der Insel Pinos, s�dlich von Kuba, vermitteln. Es stellte sich aber rasch heraus, da� Pinos ein Konzentrationslager war, ein sch�ner Deal war das, der dem <emphasis>Joint</emphasis> vorgeschlagen wurde. Zus�tzlich zu den 450.000 Dollar lie� Batista noch weitere 150.000 Dollar verlangen, als kleine Wahlkampfspende f�r den kommenden Pr�sidentschaftswahlkampf, bei dem er kandidieren wollte. Der Mittelsmann schlug dann noch einmal 50.000 Dollar auf, als Geb�hr in eigener Sache. Kuba war wie ein Pfund Butter, an jeder Hand blieb etwas kleben.</p><p>Kaum war der Vorschlag auf dem Tisch, widerrief ihn Batista, und das Schachern ging von neuem los. Die Fl�chtlinge gerieten zwischen alle Parteien, Geiseln in einem Poker um Geld und Einflu�, einige wurden hysterisch, andere versanken in einer abgrundtiefen Verzweiflung, die keine Worte mehr kannte. Eine ganze Woche wurde verhandelt. Der Pr�sident forderte schlie�lich eine Million Dollar, zahlbar innerhalb von 48 Stunden, und sicherte als Gegenleistung die Unterbringung der Fl�chtlinge im Lager Pinos zu. So konnte man nicht mehr verhandeln, man h�tte schreiend, besch�mt, angewidert, zornbebend den Raum, die Insel verlassen m�ssen, doch das ist nicht die Art diplomatischer Unterh�ndler; sie haben eine komplexe Erziehung genossen. Der <emphasis>Joint</emphasis> erh�hte sein Angebot auf 443.000 Dollar (oder 500 Dollar auf den Kopf jedes Fl�chtlings). Ohne da� Berenson noch einmal mit den Mittelsm�nnern h�tte sprechen k�nnen, zog der Pr�sident sein so gro�z�giges Angebot wegen Frist�berschreitung zur�ck. Unter der Hand erfuhr man, die kubanischen Politiker h�tten zus�tzlich zu der gewaltigen Summe auch noch mindestens 350.000 Dollar Bestechungsgeld erwartet. Es war ein schmutziges und ekelhaftes Gesch�ft mit der Ware Mensch.</p><p>In Nazi-Deutschland triumphierte man. Genau das sollte bewiesen werden: Kein Land der westlichen Hemisph�re wollte die Fracht der ver�ngstigten Menschen aufnehmen, und auch deshalb waren sechs Gestapo-Leute als Aufpasser und Verhinderer auf dem Schiff. Die <emphasis>St. Louis</emphasis> nahm am 2. Juni Kurs auf Florida und Miami. Es gelang einigen Passagieren, ein Hilfs-Telegramm an Pr�sident Roosevelt zu schicken. Eine Antwort erhielten sie nicht. Die USA weigerten sich, nur einen einzigen Passagier an Land zu lassen. Hapag-Lloyd orderte das Schiff nach Hamburg zur�ck. Die Entt�uschung �ber die USA, die sich den Ausgesetzten gegen�ber taub stellten, obwohl sie ordnungsgem��e Quotennummern hatten, war riesengro�.</p><p>In Kanada hatten Prominente eine Petition f�r die Fl�chtlinge beim Premierminister William Lyon Mackenzie King eingereicht. Auch das war eine vergebliche M�he. Er folgte strikt der Devise des Direktors des Einwanderungsb�ros Frederick Charles Blair: <emphasis>None is to many</emphasis>. Kein Jude ist schon einer zu viel. Die 150 Dollar, die jeder Fl�chtling auf dem Schiff f�r das dann annullierte Landungs-Permit bezahlt hatte, wurden von der kubanischen Einwanderungsbeh�rde nicht zur�ckgezahlt. Rund 136.000 Dollar hatten die Hinterm�nner und der Chef der Einwanderungsbeh�rde kassiert, ohne da� die mindeste Gegenleistung erbracht wurde. Und das Klima blieb gereizt. �Konditionen einigerma�en�, das h�tte Richard Kornitzer jetzt nicht mehr nach Berlin geschrieben, eher �Konditionen miserabel�. Jetzt kam es Kornitzer klug vor, da� Claire ihre Reise noch nicht gebucht hatte, da� sie ausharrte in Berlin. Und obwohl sie jede Passage nehmen mu�te, die sich ihr bot, wenn sich �berhaupt eine bot, wollte er doch glauben, es sei ihre Voraussicht gewesen, da� sie nicht mit der <emphasis>St. Louis</emphasis> gereist war. Aber Claire hatte vielleicht gar nichts getan. Oder etwas sehr Intimes: Sie hatte sich der Trauer um die Trennung von ihrem Mann und ihren Kindern hingegeben. Das hatte Zeit beansprucht. Ob das etwas Kluges, Vorausschauendes war, konnte kein Mensch sagen, und ihr selbst war es gleichg�ltig. So war es einfach.</p><p>Die Passagiere der <emphasis>St. Louis</emphasis>, die vor Furcht, nach Deutschland ausgeliefert zu werden, wie versteinert waren, legten in vollkommener Schweigsamkeit und Entsetzen die Reise zur�ck. Auch andere Schiffe wurden zur�ckgeschickt, das Schwesternschiff der <emphasis>St. Louis</emphasis>, die <emphasis>Orinoco</emphasis>, das franz�sische Schiff <emphasis>Flandre</emphasis>, die <emphasis>Ordu�a</emphasis>, wie die <emphasis>Reina del Pac�fico</emphasis> ein Schiff der <emphasis>British Pacific Steamship Navigation Company</emphasis>. Die Emigranten-Zeitschrift �Aufbau� berichtete �ber diese Schande. Man konnte es lesen, nur nicht in Deutschland. Unter den 900 Passagieren der <emphasis>St. Louis</emphasis> waren 113 Schlesier, las Kornitzer. Er dachte an das Begr�bnis seiner Mutter, an die Verwandten aus Breslau, die er dort wiedergesehen hatte, er dachte an Breslau und f�rchtete, die Verwandten h�tten es ihm nachgemacht, als sie von seiner Emigration nach Kuba h�rten. Er war ein Vorreiter und gleichzeitig einer, der in die Sackgasse gef�hrt hatte. In allerletzter Minute bekamen die Passagiere der <emphasis>St. Louis</emphasis> aus humanit�ren Gr�nden Asyl in Belgien, den Niederlanden und Frankreich, einige auch in England, es war eine kurze Verschnaufpause, bevor die Deutschen die westlichen Nachbarl�nder �berfielen. Die zweihundert Passagiere der <emphasis>Orinoco</emphasis> kamen nach Hamburg zur�ck, da verliert sich ihre Spur.</p><p>Im September 1939 sperrten die Kubaner 57 Emigranten in ein Lager, warum, war nicht klar. Willk�r, vielleicht h�tte man einfach einen Beamten schmieren m�ssen, aber welchen? Oder f�rchtete sich auch Kuba vor der f�nften Kolonne? Alle hielten tendenziell die Hand auf, jeder <emphasis>deal</emphasis> war absch�ssig. Man konnte auf das falsche Pferd setzen, und das falsche Pferd geh�rte einem geb�gelten, geschniegelten Herrn im wei�en Leinenanzug, der sich ma�los �rgerte, wenn die erwartete Summe an seinen Kollegen von der anderen Seite ging oder an seinen Vorg�nger oder Nachfolger im Amt. Auch Kornitzer mu�te sich klarmachen, da� sein Arbeitgeber, gegen den er kein b�ses Wort sagen konnte, an solchen Durchstechereien vermutlich beteiligt war. Und wenn Santiesteban Cino einen Termin versiebte oder einfach nicht auftauchte, wie sehr Kornitzer auch hinter ihm her telephonierte, ahnte er, da� nicht die vierte Tochter verheiratet werden mu�te, sondern da� er Gespr�che oder Verhandlungen f�hrte, die einfach �ber die Hutschnur des Emigranten gingen. Kornitzer war ein Garant der Ordnung, die jederzeit zerbr�ckeln konnte, aber er sollte seine Nase bitte nicht in alles M�gliche, in alles Kubanische, in das <emphasis>Cuban�simo</emphasis>, in den inneren Bezirk, stecken.</p><p>Der Posten des Chefs der Einwandererbeh�rde wurde in k�rzester Zeit dreimal neu besetzt, er war mit lukrativen Nebenverdiensten verbunden. So rasch ging es manchmal zu, da� der Fremde eine Lage ein halbes Jahr objektiv h�tte pr�fen m�ssen, und dann war die Situation vor seinen geblendeten Augen wieder undurchsichtig oder g�nzlich verschieden von der Situation, von der er ausgegangen war, und das erneute Unwissen war besch�mend, wenn nicht best�rzend. So war jede Entscheidung falsch und jede (vielleicht zuf�llig) richtig, und jeder Emigrant tappte in tausend Fallen und sch�mte sich seiner Unwissenheit. Mit anderen Worten: Es gab keine objektive Situation und dementsprechend auch keine objektive Pr�fung. Kornitzer bat den Rechtsanwalt um Rat, bat ihn um politische Ausk�nfte und Einsch�tzungen, wenn er als freier Rechtskonsulent auftrat, aber Santiesteban Cino rang nur die H�nde und sah ihn mit seinen samtigen, olivfarbenen Augen bek�mmert an. Kornitzers Mittlerdienste zwischen der Hilfsorganisation <emphasis>Joint</emphasis>, bei der er als <emphasis>doctor</emphasis> angesehen war, ohne etwas Nennenswertes zu leisten, seine Spanischkenntnisse und seine Arbeit f�r den Rechtsanwalt trugen ein wenig zur Ordnung, zur Strukturierung der Fallen bei. Er konnte inzwischen im Namen der Rechtsanwaltskanzlei ganz leidlich Briefe schreiben an hochwohlgeborene Herren, Herren, die sich besch�mend bedeckt hielten, im K�hlen blieben, w�hrend die Hitze br�llte und die Not. Er bat h�ufig Se�ora Mart�nez noch einmal darum, einen Blick auf diese Artefakte zu werfen. Mal korrigierte sie ein Wort oder einen Rechtschreibfehler, mal f�gte sie einen Schn�rkel hinzu, den Kornitzer nirgendwo bis jetzt gelesen hatte, also auch nicht beherrschen konnte. Die Rhetorik stand hoch im Kurs. Worte dienten nicht so sehr dazu, Gedanken auszudr�cken, als vielmehr dazu, deren Abwesenheit zu verbr�men. Auf die Eleganz des Ausdrucks wurde mehr Wert gelegt als auf Klarheit. Sch�nschreiben. Sch�nreden. Sch�nf�rben. Eine hohe Schule auf dem gespannten Seil der Hochsprache. So war die Hierarchie strategisch gesichert. Der neue Mitarbeiter brauchte Se�ora Mart�nez, damit er vor dem Rechtsanwalt gut da stand, er deckte ihre Nachl�ssigkeit, und so waren sie insgesamt kein schlechtes Team. Und der Rechtsanwalt unterschrieb die Briefe, die Kornitzer verfa�te, gutm�tig oder sympathisierend, das wu�te Kornitzer nicht immer so genau. Eines Tages lag ein Packen Rechnungen an Mandanten auf seinem Tisch sowie ein Gummifingerhut. Als Kornitzer nach dem Grund fragte, erfuhr er, er sei so vertrauensw�rdig, da� er in Zukunft den Eingang der Zahlungen pr�fen und in eine schwarze Kladde eintragen solle. Ob diese Honorare, die er verbuchte, �berteuert waren, dar�ber machte sich Kornitzer, w�hrend er pr�fte und Zahlenkolonnen schrieb, seine Gedanken, die aber zu nichts f�hrten.</p><p>Wer sp�ter nach Kuba kam, war gewarnt. Er bekam von den fr�her gekommenen Fl�chtlingen eine saftige Einf�hrung in die Landeskunde: Der Pr�sident hei�t jetzt Fulgencio Batista, und er ist ein Bandit. Vorsicht vor <emphasis>tiburones</emphasis>! Darunter verstand man �beraus freundliche Leute, die sich ganz unbefangen den Emigranten n�herten und sich ihre N�te erz�hlen lie�en. Es waren Haifische, Berufsbestecher. Sie lungerten vor Polizeistationen, vor dem Innenministerium und warteten auf solche, die ein Gesuch einbringen wollten. Im Handumdrehen erkl�rten sie, was die Erf�llung ihres Wunsches kosten w�rde, und dann gingen sie unverfroren, sich die H�nde reibend, mit dem Bittsteller in das Zimmer des entsprechenden Beamten. Dort schob der <emphasis>tibur�n</emphasis> dem scheinbar sehr besch�ftigten Beamten eine Anzahl von Geldscheinen unter ein Papier, und die Sache war erledigt. F�r ihn selbst fiel nat�rlich auch ein Batzen ab. Und der Fl�chtling wu�te nicht, ob er nur abgezockt worden war oder die Bestechung wirklich einen amtlichen Akt zur Folge hatte. Die <emphasis>Polocos</emphasis>, mit den Landessitten schon l�nger vertraut, benutzten f�r dieselbe Gattung Mensch den jiddischen Begriff <emphasis>Machers</emphasis>. Sie nahmen den Vorgang nicht so tragisch wie die Neuank�mmlinge, die <emphasis>Machers</emphasis> waren Juden, H�ndler wie sie, nur handelten sie mit Informationen und Geld, also Schwamm dr�ber. Auch in Mexiko gab es diese �bereifrigen, schmierigen Helfer, die Schlepper und Schleuser, dort nannte man sie <emphasis>coyotes</emphasis>.</p><p>Die Regierung, das ganze Land ist korrupt. (Doch man mu�te zugeben, da� die Beamten lausig schlecht bezahlt wurden und deshalb gerne die Hand aufhielten.) Auch Stra�enbahnschaffner zweigen einen Teil des Tarifs f�r sich ab. Nicht einmal einen Totenschein kann man ohne Bestechung bekommen. Der Tote liegt da, in der Hitze an einer dummen Blutvergiftung schnell gestorben, und nun feilschen die Freunde um einen Begr�bnisplatz, um die Sicherheit, wann eine Trauerfeier an einem akzeptablen Ort stattfinden k�nnte. Jeder begriff, was geschehen war, dieser schmerzhaft schnelle Tod verst�rte, der jeden treffen k�nnte, der nicht gut versorgt war und Vorerkrankungen hatte. Und so blieb eine Handvoll Freunde �brig, die den Spanienk�mpfer, den Republikaner, der es geschafft hatte, nach Kuba zu kommen nach der Niederlage, betrauerten. Sie h�tten dem Krankenhausarzt ein paar Scheine zustecken m�ssen, sie h�tten den Begr�bnisunternehmer schmieren m�ssen, damit er einen Ort f�r die Trauerfeier f�nde, sie h�tten die Totengr�ber mit einer Invasion von kleinen Scheinen in Schach halten m�ssen, damit die Grube ausgehoben w�re, wenn der Sarg eintr�fe. Nein, das waren keine gro�artigen Nachrichten. Wem h�tte man mitteilen k�nnen, da� der Emigrant ein Opfer der Ausbeutung war, ein nasses Hemd, das ausgewrungen wurde bis zum letzten Tropfen? Nein, das waren Nachrichten, bei denen man nur niederknien oder das hei�e Pflaster auf der Stra�e mit der Zunge dem�tig ablecken konnte, und wer wollte das? Also mu�te man sich anpassen oder an das Angepa�te andocken, und man wu�te nie, wo man zu weit gegangen war, sich aus dem Fenster gelehnt hatte, und wo man noch Spielraum hatte, Spielraum, der ein Existenzraum war.</p><p>Kornitzer hatte sich vorgestellt, Bestechung sei eher wie der Handel eine Bet�tigung der �berbietung, der �berraschung, eine Sache, die mit ein bi�chen Eleganz betrieben werden konnte, ein ziviles Unrecht, noch nicht allzu weit vom zivilen Recht. Was �hnlich war, war die Rhetorik des Rechts, nahezu ununterscheidbar von der Rhetorik des Unrechts. Und er wu�te auch nicht, ob sein Arbeitgeber an diesen Machenschaften beteiligt war, und er wu�te auch nicht, ob ein wenig von diesen herumgereichten Summen seine Arbeit zahlte, und � mit Verlaub � er wollte es auch nicht wissen.</p><p>Dann wurde in den Caf�s pl�tzlich viel Deutsch gesprochen, auch Fl�misch, auch Franz�sisch und das reine Kastilisch der Spanier, das sich meilenweit von den weichen Vernuschelungen der Kubaner absetzte. Neue Schiffe waren gekommen mit Emigranten, Schiffe aus Lissabon, manche aus Casablanca oder Tanger. Die Wellen, die der Vormarsch der Deutschen in Frankreich schlug, hatte sie von S�dfrankreich aus �ber die Pyren�en gejagt. Manche der Emigranten waren schon im vierten Emigrationsland, �ber Prag nach Paris gefl�chtet, in den S�den Frankreichs getrieben worden, von dort nach Lissabon, sie hatten ein Schiff ergattert, das Europa hinter sich lie�. Emigranten der ersten Stunde, mit dem Stolz der politischen Verfolgung, die rassische Verfolgung nahmen sie achselzuckend zur Kenntnis. Manche wirkten wie hohl, leergepumpt, als sei es ihnen vollkommen gleichg�ltig, auf welcher Insel sie gelandet waren. Ein Berliner Ehepaar hatte eine B�ckerei gegr�ndet: <emphasis>La flor de Berlin</emphasis>, die reichlich Zuspruch fand, denn sie buken keine �bers��en Zuckerb�ckertorten, wie sie prunkvoll �ber die Gassen getragen wurden, keine Hochzeitstorten, sondern knuspriges braunes Brot, nicht die wei�en, weichen Lappen, die die Kubaner a�en. Sie kannten nichts anderes. Das Paar war einfach zu besch�ftigt, um den anderen Emigranten zu erz�hlen, auf welchem abenteuerlichen Weg es Havanna erreicht hatte. Der Mann schwitzend und mehlbest�ubt im hinteren Teil der B�ckerei, die Frau, danke und bitte und kommen Sie bald wieder sagend hinter dem Tresen, der ihr nur bis zur H�fte ging.</p><p>Kornitzer freundete sich mit Lisa Ekstein und Hans Fittko an, einem schlanken, dunklen Paar, die beide ein gutes St�ck j�nger waren als er. Er sah ihnen gerne zu, einem stolzen Liebespaar, ja, er beneidete sie um ihre Gemeinschaft, und sie respektierten ihn. Es war eine hoffnungsvolle Freundschaft, sieben Jahre Altersunterschied waren ein Unterschied ums Ganze. W�hrend er promoviert hatte, lebten sie mit ihren Freunden in einer Welt des aktiven Widerstands, und sie betrachteten Antisemitismus und Rassismus als eine der Erscheinungsformen des Faschismus. Sie kamen mit der Haltung nach Kuba: Was kann schon passieren, wenn man bereit ist, jede Arbeit zu tun? Da� es (zun�chst) keine Arbeit f�r sie gab, da� sie keine Arbeitserlaubnis hatten, war kr�nkend, man mu�te sich die Arbeit, die man tun wollte, selbst erfinden. Manchmal stritt sich Kornitzer im <emphasis>Caf� Aire Libre</emphasis> an der Ecke des Pas�o ein bi�chen mit ihnen �ber ihren grunds�tzlichen Optimismus, und sie warfen ihm vor, da� er wie viele j�dische Emigranten die Verfolgung als etwas Pers�nliches aufgefa�t habe. Dagegen war nichts zu sagen. Beil�ufig erw�hnte Hans Fittko einmal, er sei gar kein Jude. Vom Sozialistischen Sch�lerbund �ber die Solidarit�t mit den Arbeitern im Wedding, in Adlershof beim Blutmai, bei dem fast vierzig Menschen zu Tode kamen, f�hrte der gerade Weg f�r Lisa �ber das Flugblattverteilen gegen Hitler nach der Schule (andere Eltern h�tten bekundet, demonstrierende Arbeiter, erschossene Arbeiter seien kein Umgang f�r ihre Tochter) und dann die Erstellung von Listen �ber die in die Konzentrationslager Verschleppten heraus aus Deutschland. Lisa Ekstein folgte ihren Eltern �ber die Grenze nach Prag � ihr Vater war der Verleger der Zeitschrift �Wage!�, er war mit Egon Erwin Kisch befreundet �, und ebenso folgerichtig war es, da� sie sich mit dem jungen Journalisten Hans Fittko zusammentat, der fl�chten mu�te, weil man ihn der <emphasis>geistigen Urheberschaft</emphasis> an einem Mord bezichtigt hatte. Ein SA-Mann war unter unklaren Umst�nden zu Tode gekommen, der war allerdings von seinen eigenen Kumpanen hinterr�cks erschossen worden. Der Wagemut war Lisa vererbt worden. Hans Fittko, der schmale, ernsthafte junge Mann, war in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Lisa und Hans geh�rten zusammen, arbeiteten auch in der Tschechoslowakei illegal, bis man Hans <emphasis>auf Lebzeiten</emphasis> auswies. Sie arbeiteten dann in der Schweiz, versorgten ganz Baden und W�rttemberg mit antifaschistischer Literatur. (Schnitt Lisa, wenn sie erz�hlte, nicht ein bi�chen auf?) Dann arbeiteten sie in Holland an der friesischen K�ste und versuchten, St�tzpunkte zu errichten, was schwer, wenn nicht unm�glich war. Bei Ausbruch des Krieges waren sie in Frankreich, und Frankreich wurde eine Falle. Was immer Lisa und Hans Fittko ihm erz�hlten, �ber die letzten sieben, acht Jahre ihrer Illegalit�t, Kornitzer staunte es an, wollte mehr h�ren. (Hatte er auf einem anderen Planeten gelebt?)</p><p>Nach dem Einmarsch der Deutschen trieb sie der Fl�chtlingsstrom nach S�dfrankreich, dort wurden sie interniert. Lisa war mit zwei Freundinnen aus dem Lager Gurs get�rmt. Was sie Kornitzer zuraunte �ber die Trampelpfade in den Pyren�en, �ber das Schmuggeln von sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, einem Philosophen, von ganzen Familien, von Leuten, die sich vor dem Tagesmarsch �ber das Gebirge nicht von ihrem Pelzmantel trennen wollten, hielt er auch f�r ein wenig �bertrieben, aber er h�rte ihr gerne zu und bewunderte sie insgeheim. Kein Rucksack, war die Devise, <emphasis>pas de rucksack!</emphasis> Am Rucksacktragen erkannte man die Deutschen. Kornitzer konnte es sich nicht vorstellen, da� diese junge Frau ohne augenzwinkerndes oder moralisches Einverst�ndnis der Weinbauern, der Ortspolizisten und des B�rgermeisters ihre hochgef�hrliche Mission aus�bte, w�hrend Hans noch im Lager Vernuche interniert war. Noch auf dem Schiff nach Kuba habe sich herumgesprochen, da� sie und Hans etwas von Papieren verst�nden. Leute h�tten sich schon angstvoll untereinander ihre Visa gezeigt. Und sie seien zufrieden gewesen, wenn einer (Hans oder Lisa nat�rlich) ihnen sagte: Es sind recht gute F�lschungen, wirklich geschickt gemacht, und mit etwas Gl�ck wird es gutgehen. So waghalsig, so gleichm�tig war Lisa.</p><p>Durch Hans Fittko und Lisa Ekstein lernte er auch den immer heiteren Fritz Lamm kennen. Er war ein geborener Volksp�dagoge. Was in Deutschland geschehen war, was die Erfahrung des Krieges bedeutete, konnte niemand so gut erkl�ren wie Fritz Lamm. Er war aus Stettin, hatte bei einer Zeitung volontiert, war SPD-Mitglied geworden, doch 1931 wieder ausgeschlossen worden, er wurde dann Gr�ndungsmitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands und Mitglied des Sozialistischen Jugendverbandes Deutschlands. Nach dem Reichstagsbrand war er f�r f�nf Tage in �Schutzhaft� genommen worden, doch drei Monate sp�ter wurde er wieder verhaftet. Vor dem 4. Strafsenat des Reichsgerichtes in Leipzig wurde er wegen �Vorbereitung zum Hochverrat, Herstellung und Verbreitung illegaler Schriften� zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Als er Ende 1935 entlassen wurde, stellte man ihn sofort wieder unter Polizeiaufsicht. Eine Arbeit zu bekommen, war aussichtslos, er ging stempeln und wohnte bei seiner Mutter. Als in Stettin Pralin�schachteln auftauchten, in deren Boden sozialistische Brosch�ren versteckt waren, fiel der Verdacht sofort auf ihn. Er entzog sich den neuen Gestapo-Verh�ren durch die Flucht. Er reiste nach Stuttgart und von dort in die Schweiz. Die Schweizer Beh�rden setzten ihn wieder fest. Er wurde nach �sterreich abgeschoben, von �sterreich gelang ihm die Flucht in die Tschechoslowakei. Die Geheime Staatspolizei Stettin korrespondiert �ber ihn mit der Geheimen Staatspolizei Berlin. Sein Name findet sich wieder auf der 14. Ausb�rgerungsliste im Deutschen Reichsanzeiger vom 27. Oktober 1937. Jetzt ist er vogelfrei.</p><p>Mitte August 1938 war Lamm dann in Paris angekommen, arbeitete f�r die Sozialistische Arbeiterpartei als Sekret�r, er wurde wieder verhaftet, sa� im Pariser Zentralgef�ngnis und dann im Lager Le Vernet als �feindlicher Ausl�nder�. Mit gef�lschten Papieren kam Lamm nach Havanna. Diese Papiere sp�ter wieder in regul�re umzuwandeln, kostete viel M�he und auch Geld. Die ersten sechs Monate hatte er im Internierungslager Tiscornia verbracht, und all das war wie Wasser an ihm abgeperlt. (Weil er ein deutsches Zuchthaus kannte, weil er ein franz�sisches Internierungslager kannte? Weil er seine Widerstandskraft kannte?)</p><p>Seit der Krieg begonnen hatte, f�rchteten sich die Kubaner vor Spionen und steckten zun�chst einmal alle neu ankommenden Fl�chtlinge in ein Lager, da sa�en sie in der Hitze unter skandal�sen Bedingungen. Soldaten waren auf das Schiff gekommen und hatten die Neuank�mmlinge wenig r�cksichtsvoll in Motorboote getrieben. Das wollten sie sich nicht gefallen lassen, sie verlangten nach ihrem Gep�ck, das sie vorher v�llig ahnungslos Tr�gern �berlassen hatten, in der Annahme, es ginge zur Zollkontrolle. Die Soldaten waren handgreiflich geworden, dr�ngten und schubsten die M�nner, Frauen und Kinder in Boote, die auf die gegen�berliegende Seite des Hafens fuhren. Es gab ein Gezeter und Geschnatter, Rufe nach Verantwortlichen und gleichzeitig stumme Erbitterung. Dazu war man um die halbe Welt gereist, um in der Freiheit herumgeschubst zu werden. Dann ging es mit Lastautos einen Berg hinauf, und ehe sie sich versahen, standen sie innerhalb einer Stacheldrahtumz�unung, sie waren Gefangene, ohne zu wissen, warum und weshalb. Es folgte die Prozedur der Gefangenen-Aufnahme durch einen Schreiber, alles sehr gem�chlich und gleichzeitig routiniert. Ein h�herer Beamter, an den man sich h�tte wenden k�nnen, war nicht zu sehen, auch nicht aufzutreiben. Das schien als Taktik schlau. Ein tropisches Schweigen, ein Sich-Verneigen vor dem Unab�nderlichen. Man h�tte sich vorbereiten k�nnen, aber auf was? Kornitzer hatte viel Spanisch gelernt, das war gut, die Neuank�mmlinge hatten das �berleben gelernt unter den vielf�ltigsten Bedingungen, und das machte sie widerstandsf�hig. Die Neuank�mmlinge wurden in einen l�nglichen Speisesaal gef�hrt, wo es ein k�rgliches Mahl gab. Und dann ging es in Schlafs�le, M�nner und Frauen getrennt. Im M�nnerschlafsaal waren etwa hundert Personen. Man lag in �bereinandergebauten Stellagen. Die Frankreich-Fl�chtlinge kannten das schon, es war ein Albtraum der Wiederholung. Wer dem W�rter einen halben Peso in die Hand dr�ckte, bekam ein Oberbett. Im Lager waren alle m�glichen Gefangenen, man wu�te nicht, warum darunter auch so viele Schwarze waren. Kartenspiele, abf�llige Bemerkungen, hitzige Wortgefechte in allen m�glichen Sprachen, es war eine Ankunft in der H�lle. Der anbrechende Morgen schien eine Erl�sung zu versprechen. Die Gefangenen st�rzten in den Waschraum, da gab es ein halbes Dutzend Duschen, nur leider funktionierten sie nicht. Die Gefangenen r�ttelten an den Gitterst�ben der Fenster und schrien <emphasis>Agua, agua!</emphasis>, aber niemand nahm Notiz von ihnen. F�r die hundert Gefangenen eines Blocks waren nur wenige Klosetts zur Verf�gung, aber was am meisten fehlte in der Gluthitze, war Wasser. Durchgeweicht, triefend, matt wie Fliegen sahen die Gefangenen aus, und eine Wolke von Ausd�nstungen entstr�mte den vielen Menschen, der jeder ausgesetzt war und die er zu seiner Pein mitproduzierte.</p><p>Endlich wurde das Barackentor ge�ffnet, man konnte hinaus ins Freie, aber die Luft war schw�l, und das so begehrte Wasser mu�te man halbliterweise kaufen oder, wenn man kein Geld hatte, erbetteln, und man mu�te davon ausgehen, da� es verunreinigt war. Wie h�tte es abgekocht werden k�nnen in der Hitze? Die Gefangenen schickten eine Abordnung in die Gef�ngniskanzlei mit der Frage, warum und wie lange sie festgehalten seien. Es war niemand f�r sie zu sprechen. Tage vergingen, ohne da� ein Beamter sich blicken lie�. Die W�rter vertr�steten: <emphasis>Ma�ana</emphasis>. Schlie�lich erfuhren die Inhaftierten von den schon l�nger Eingesperrten: Der Pr�sident der Republik hatte verf�gt, da� alle Reisenden bis zur �berpr�fung ihrer Papiere auf ihre Berechtigung angehalten werden m��ten, weil kubanische Konsulate in Europa Visa f�r Geld verkauft h�tten. Diese ��berpr�fung�, ob ihnen nicht zu Unrecht Geld abgenommen worden w�re, gab erst recht einen Anla�, den Fl�chtlingen von neuem Geld abzukn�pfen, zugunsten der Beamten in Havanna. Dank der Anti-Korruptionsverf�gung hatte man die Fl�chtlinge nah genug beisammen und hielt sie im <emphasis>campo de concentraci�n</emphasis> konzentriert (wie der Name schon sagte), bis sie aufs Neue zahlten. Mit der Zeit wurde jeder m�rbe und gab sein letztes Hemd in der Hoffnung, das Lager verlassen zu d�rfen. F�r die Internierten mu�te pro Tag ein Dollar f�r Verpflegung und Unterkunft bezahlt werden. Das tat der <emphasis>Joint</emphasis>; die Mitarbeiter knirschten mit den Z�hnen. Es war eine besondere Gabe, aus den Gestrandeten Geld, Geld, Geld herauszupressen.</p><p>Als Kornitzer vom Lager Tiscornia h�rte, dachte er an Claire: Wie es f�r sie gewesen w�re, wenn sie gereist w�re. Wenn sie nicht auf einem der Ungl�cksschiffe gewesen w�re, die zur�ckgeschickt worden waren nach Europa, wie er es sich vorher ausgemalt hatte, wenn sie sp�ter ein Schiff ergattert h�tte, um bei ihm zu sein? (Wo, wo, in Casablanca? Das war g�nzlich illusorisch, Deutschland war eine Falle. Indem es die Nachbarl�nder �berfallen hatte, waren diejenigen seiner Bewohner, die mit keiner seiner organisatorischen und kriegerischen Ma�nahmen einverstanden waren, Gefangene, Geiseln, zum Schweigen Verurteilte. Nein, Claire konnte das Land nicht mehr verlassen, das war klar, sie war eine Asketin, wie eine S�ulenheilige auf einem Turm stehengeblieben, es gab nichts mehr, das ein Band zwischen ihnen spannen konnte.) H�tte sie es geschafft, kubanischen Boden zu betreten, wie, wie? man h�tte sie ins Lager gesperrt wie alle Neuank�mmlinge, keine Chance auf ein Zusammenleben mit ihm, und er, schuldbewu�t in der Stadt, seiner minderen Arbeit nachgehend, sich von Kummer �ber ihre Internierung verzehrend, alles versuchend, damit sie freik�me. Nein, Claire in einem Lager wollte, durfte und konnte er sich nicht vorstellen.</p><p>Unter den Inhaftierten in Tiscornia war Julius Deutsch, ein f�hrender Sozialdemokrat aus �sterreich, der in Spanien gek�mpft hatte. Die Deutsche Gesandtschaft in Prag hatte schon am 10. Dezember 1936 an das Ausw�rtige Amt in Berlin die Warnung ausgegeben, <emphasis>da� der ber�chtigte j�dische F�hrer der �sterreichischen Sozialdemokratie, Julius Deutsch, die Tschechoslowakei verlassen und sich auf den spanischen Kriegsschauplatz begeben soll</emphasis>. Was ging das die Deutsche Gesandtschaft an? Und nun war der ber�chtigte Jude und Sozialdemokrat mit den vielen geschlagenen Rotspaniern und mit Fl�chtlingen aus Mitteleuropa in Kuba gelandet, auch das meldeten die diplomatischen Buschtrommeln, aber nicht so schnell, eher peinvoll. Mit welchen Papieren war er gelandet und in welcher m�glicherweise hilfsbed�rftigen, bedauernswerten Situation? (Und wer war in der Lage, ihn zu befreien, wer war ebenso gestrandet?) Kornitzer h�rte davon, die W�nde hatten Ohren, die Palmen f�chelten es einem zu, ein Spaziergang auf dem Platz vor der Kathedrale, am Malec�n, auf dem Pas�o del Prado, in den Caf�s, in denen die Emigranten verkehrten. Man mu�te davon erfahren, wenn man nicht taub war. Also flehte er Rodolfo Santiesteban Cino an, etwas f�r Julius Deutsch zu tun, immerhin einen w�rdevollen �lteren Politiker mit vielen Verdiensten, einen Endf�nfziger, er w�tete f�rmlich, verstieg sich zu der Behauptung, wenn Kuba ein Rechtsstaat sei, hier an diesem Fall m�sse er sich beweisen. Der Rechtsanwalt, dem die Klage etwas ungelegen kam, denn er kam gerade erhitzt vom Tennisspiel, ging doch darauf ein, weil er inzwischen Kornitzer vertraute. Und wenn der bedachtsame Deutsche w�tend wurde, mu�te man ihn erst recht ernstnehmen. Der Rechtsanwalt lie� sich ein Dossier �ber den f�hrenden �sterreichischen Sozialdemokraten, der General der republikanischen Truppen in Spanien gewesen war, schreiben, dabei half Lamm, dann rief er die bekannte kommunistische Anw�ltin Ofelia Dominguez y Navarro an, eine K�mpferin f�r die Menschenrechte, mit der er sonst offenkundig nicht verkehrte, und auch noch diesen und jenen, also: breites B�ndnis, humanit�rer Akt, internationale Zusammenarbeit, gro�es Tamtam, dann erreichte er etwas Entscheidendes: Der ehemalige spanische Gesandte in Br�ssel, der in Havanna auch als ein Emigrant lebte, erinnerte sich an Julius Deutsch, wurde wach, tobte, da� ein so hochrangiger Politiker in einem Lager auf der anderen Seite des Golfs versauerte, schmorte, den Arsch hinhielt f�r vertrottelte Beamte, ja, die entsprechenden Vokabeln waren Kornitzer vollkommen unbekannt, doch er setzte Himmel und H�lle in Bewegung f�r ihn. Aber in der Folge besuchte der ehemalige Gesandte den H�ftling Deutsch im schmalen Sprechzimmer des Lagers, eher in einem Sprechkorridor voller L�rm und T�renschlagen. Und rasch kam die Rede auf einen gemeinsamen Freund, den belgischen Au�enminister, vorher Justizminister, �mile Vandervelde, und eine Vertrauenssituation war geschaffen. Der Spanier w�rde handeln, w�rde etwas f�r Deutsch organisieren, alle Hebel in Bewegung setzen, versprach er. Und Kornitzer, der mitorganisierte, war �ber die Ma�en erleichtert. Und dann tauchte, aus welcher Ecke, aus welchem Caf�, welcher Unterkunft auch immer, noch ein �sterreicher auf, Dr. Arnold Eisler, ein ehemaliger Unterstaatssekret�r im Justizministerium, den eine Laune oder eher eine Verzweiflung des Schicksals nach Havanna getrieben hatte, und best�tigte alle Angaben. In der gr��ten Zeitung Havannas stand ein Skandalartikel <emphasis>Europ�ischer General als Gefangener in Tiscornia</emphasis> (wer hatte den lanciert?), in ihm hie� es, unbegreiflicherweise werde Julius Deutsch festgehalten, doch immerhin mit dem seinem Rang geb�hrenden Respekt behandelt, er genie�e au�erdem eine Reihe von Erleichterungen. Worin die bestehen sollten, war den fr�heren H�ftlingen in Tiscornia schleierhaft. Julius Deutsch wurde in einen kleineren Schlafsaal verlegt, doch nur, weil er einem W�rter ein paar Pesos in die Hand gedr�ckt hatte. Erst am sechsten Tag seiner Haft erlaubte man ihm � unter Wachbegleitung � aus seinem Gep�ck beim Zoll einige W�schest�cke und Toilettenartikel zu holen. Als ein Mann mit Seife und Zahnpasta w�rde er gl�hend bewundert werden im Lager und k�nnte etwas abgeben. Als er noch einige Eink�ufe machen wollte, sch�ttelte der Wachhabende streng den Kopf. Doch eine kleine Gabe machte ihn gef�gig, sein Gewissen beruhigte sich zusehends. Allerdings mu�te Deutsch danach ein Taxi zur�ck nach Tiscornia nehmen. Der Fahrer verlangte vier amerikanische Dollar, obwohl ihm f�r die Fahrt h�chstens ein halber Dollar zugestanden h�tte, wie Deutsch sch�tzte. Aber der Begleitsoldat zuckte resigniert die Achseln. Deutsch zahlte und wu�te gleichzeitig instinktiv, der Fahrer und sein Begleitsoldat machten halbe-halbe. Im Lager h�rte er von einem schon l�nger Inhaftierten, f�r die gleiche Fahrt zum Zollamt habe man ihm acht Dollar abgekn�pft.</p><p>An einem der n�chsten Tage kam ein aufgeregter Aufseher in den Schlafsaal und holte Deutsch ans Telephon der Kanzlei. Deutsch glaubte, das m�sse ein Mi�verst�ndnis sein. Aber er war wirklich gemeint! Am Telephon meldete sich ein Major Estuvo und stellte sich als Fl�geladjutant Seiner Exzellenz des Staatspr�sidenten der Republik Kuba vor. Mit ausgesuchten, zierlich gedrechselten Redewendungen begr��te er ihn und machte ihm die Mitteilung: Das Offizierskorps der kubanischen Armee habe von seinem <emphasis>Mi�geschick</emphasis> erfahren, den Offizieren sei es nicht recht, einen <emphasis>Kameraden</emphasis> in einer solchen Lage zu wissen. Sie h�tten ein <emphasis>Gesuch</emphasis> eingereicht <emphasis>mit dem dringenden Wunsch nach Freilassung seiner Person</emphasis>. Und der Staatspr�sident werde dem Gesuch in k�rzester Zeit Folge leisten. Das war alles sehr verwirrend. Doch in der n�chsten Nacht schlief Julius Deutsch sehr viel ruhiger auf seinem Strohsack.</p><p>Zwei Tage sp�ter wurde er in das Immigrationsamt befohlen. Dort wartete auf ihn eine feierliche Zeremonie. Er wurde zwei Vertretern des kubanischen Offizierskorps vorgestellt, Herren mit beeindruckenden Epauletten, pistaziengr�nen Ordensb�ndern und zackigen Schnurrb�rten, einem Vertreter der Kanzlei des Staatspr�sidenten, auch sehr sch�n geschm�ckt wie ein Zirkuspferd, einigen h�heren Beamten, deren Funktion er nicht verstand, und schlie�lich war auch der fr�here �sterreichische Konsul Edgar von Russ anwesend. Se�ora Gomez, die nunmehrige Chefin des Immigrationsamtes, eine Dame mit Sonnenbrille, gro�er Perlenkette und gro�en F��en, an denen sie makellose Spangenschuhe aus sandfarbenem Wildleder trug, hielt eine formvollendete Rede. Es war wie eine Sprechszene aus einer noch nicht geschriebenen Operette, die um die Jahrhundertwende herum spielte. Der Tribut der Armee. Die Ehre des Staates. Die internationale Solidarit�t, die sich noch nicht zu ihrer vollen Bl�te entfaltet hatte. Se�ora Gomez dr�ckte ihre Genugtuung dar�ber aus, da� das Offizierskorps seine Befreiung veranla�t und da� der Pr�sident ausnahmsweise auch den Verzicht auf Geb�hren angeordnet habe. Diesen Programmpunkt hielten die anwesenden Kubaner offenbar f�r das Bedeutungsvollste des Gnadenaktes. Und so feierlich wie der Akt begonnen hatte, endete er auch: Mit allseitigen Verbeugungen (Verrenkungen?) und Toasts auf die ruhmreiche Republik Kuba, die doch ein Rohr im Winde war, ein Rohr, von den USA gest�tzt, gesch�tzt, egal in welcher Lage. Unter den Zuckerbaronen waren US-Amerikaner, auch j�dische US-Amerikaner, die ihre Sympathien und Antipathien f�r oder gegen europ�ische verarmte Juden nicht so deutlich zeigen wollten. Mit anderen Worten: unsichere Kantonisten, nur sicher auf dem Feld, auf dem die Konjunktur gerade bl�hte.</p><p>Ungerupft kam Deutsch allerdings auch nicht davon. Anstatt an die Kasse des Einwanderungsamtes mu�te er einige hundert Dollar (geliehene Dollar) an den F�rsorgefonds der Offiziere zahlen, vollkommen freiwillig nat�rlich. Julius Deutsch erz�hlte das mit einem gewissen grimmigen Vergn�gen, als seine wirklichen Befreier einen kleinen Umtrunk mit ihm hielten. Rechtsanwalt Santiesteban Cino hatte daf�r seine R�ume zur Verf�gung gestellt, und es wurde ein sch�ner Abend, bei dem Se�ora Mart�nez etwas spitzm�ulig Flasche um Flasche �ffnete, wozu sie eigentlich nicht angestellt war, ein Abend, bei dem alle stolz waren, wie sie sich gegenseitig in die H�nde gespielt hatten und wie dabei das kubanische Milit�r sein Gesicht gewahrt und einen Coup gegen die Einwanderungsbeh�rde gelandet hatte. Auch die kommunistische Rechtsanw�ltin war anwesend, aber sie blieb schweigsam, stirnrunzelnd, und auch Santiesteban Cino richtete kaum ein Wort an sie. Sie taute erst auf, als sie Fritz Lamm sah. Es war wohl eine merkw�rdige Koalition, die unter anderen Bedingungen als zur Feier der Befreiung des prominenten H�ftlings keine Stunde miteinander verbracht h�tte, doch an diesem Freudentag einen Abend, der bis in die tiefe Nacht reichte. Von Tiscornia wollte Deutsch dann auch nicht mehr sprechen, und er wollte auch nicht in Kuba bleiben, auch nicht in einem anderen lateinamerikanischen Land; das war nachzuvollziehen. Und so verschwand er bald aus den Augen der Emigranten. Sp�ter erfuhr Kornitzer, Deutschs Name habe als ein Emigrant erster Klasse auf einer <emphasis>Special Rescue-Liste</emphasis>, die Roosevelt vorgelegt und genehmigt worden war, gestanden.</p><p>Fritz Lamm dagegen sch�ttelte sich in der Hitze Havannas wie ein begossener Pudel, wenn er von seiner Haft erz�hlte. Er war bewundernswert. Er litt unter Asthma-Anf�llen, mu�te ab und zu in ein Krankenhaus und konnte die Rechnungen nur mit Geldspenden von Freunden aus den USA und aus Kuba begleichen. (Oder war er einfach stoischer, dickfelliger dem Leiden gegen�ber? Nahm er das Leiden an als einen Anteil an seinem Sozialismus? Kornitzer konnte ihn das schlecht fragen.) Der Gro�teil der Fl�chtlinge blieb mehr als ein halbes Jahr in Tiscornia interniert. Als ein sieben Monate altes Kind im Lager starb, gab es einen Aufruhr. Kurz danach kam es zu einem spontanen Essensstreik, weil die Mahlzeiten unbeschreiblich schlecht und die T�pfe und das Geschirr schmutzig waren.</p><p>Fritz Lamm wu�te, da� die Leitung der SAP in der schwedischen Emigration war, er spann Kontaktf�den, aber das gelang nicht wirklich. (Vermutlich kam den Genossen in Schweden die Anfrage aus Kuba operettenhaft vor, warum war der so ernsthafte Genosse nicht in einem �wirklich� sozialistischen oder zumindest sozialdemokratischen Land gelandet? Es schien sein Fehler zu sein. Das Land schien unseri�s, und das f�rbte auf den Emigranten gleich ab. Wie ein Lila oder T�rkis, etwas Ungef�hres. Die dramatische, auch banale Klarheit Rot und Schwarz fehlte. Rot und Schwarz waren die Farben der ungl�cklichen Nachbarinsel Haiti.) Lamm war so optimistisch zu glauben, da� der Sozialismus lebendig sei und er nach dem Ende des Krieges trotz aller Niederlagen die SAP-Genossen und ihre Gedankenwelt, die er vor zehn Jahren verlassen mu�te, wiederfinde.</p><p>Durch Fritz Lamm lernte Kornitzer auch Emma Kann aus Frankfurt am Main kennen. Sie war noch j�nger als Lisa und Hans und auch Fritz Lamm. 1933 war sie als Au-pair-M�dchen in England von der Machtergreifung Hitlers �berrascht worden, sie hatte dann als Sprachlehrerin in Internaten in S�dengland arbeiten k�nnen und gl�cklicherweise 1936 ein Angebot einer Import-Export-Firma in Antwerpen bekommen und angenommen. (War es in Philipp Auerbachs Firma? Sie wu�te es sp�ter selbst nicht mehr.) Das war eine gl�ckliche Zeit, bis zum �berfall der deutschen Truppen auf Belgien im Mai 1940, bis zu ihrer Flucht nach Frankreich. Auch sie war im Lager Gurs gewesen, aber sie konnte sich nicht an Lisa erinnern und Lisa nicht an sie. Es waren so viele, so viele, sagten beide �bereinstimmend, tausende von Frauen, zw�lftausend. An ihre �beraus energische Mitgefangene Hannah Arendt konnte sich Emma Kann erinnern. Weil Emma Kann einen belgischen Staatenlosenpa� hatte und aus Deutschland ausgeb�rgert worden war, wurde sie freigelassen. Eine Zeitlang lebte sie recht und schlecht im unbesetzten Teil Frankreichs, bis auch das unm�glich wurde. �ber Casablanca war sie mit einem Seelenverk�ufer nach Kuba gekommen. Hier kam sie als Englischlehrerin unter, privat, ohne Arbeitserlaubnis wie Kornitzer. Immer sah sie besorgt aus, obwohl sie es nicht mehr als andere war, aber in der glei�enden Helligkeit Havannas litten ihre Augen, und beim L�cheln entbl��te sie viel Zahnfleisch. Vielleicht sah sie besorgt aus, weil sie Gedichte schrieb. Von den Gedichten sprach sie stolz, aber sie wollte sie nicht zeigen. Vielleicht hatten die anderen Emigranten auch allzu formell gefragt, man nahm Kornitzer und auch Fritz Lamm nicht ab, da� sie sich ernsthaft f�r Gedichte interessierten. Sp�ter vielleicht einmal, wenn alles vorbei war, antwortete sie ausweichend. (Aber wann war alles vorbei, und was war �alles�?) Sie zeigte ihre Neugier, ihre Freude an der Sprache, an der Sinnlichkeit jeder Erfahrung, an der Sch�nheit der Landschaft, aber damit war kein Staat zu machen. Kurz nach der Entlassung aus Gurs hatte sie ein Gedicht geschrieben, das die bet�rende Sch�nheit der kargen Pyren�en-Landschaft feierte und die Freiheit darin. Es war ein n�chternes, strenges Gedicht, von dem sie kein Aufhebens machte, das sie aber gl�cklicherweise nie verlor und sp�ter ver�ffentlichte.</p><p>Und Kornitzer lernte auch Boris Goldenberg kennen. Er war mit Lisa Ekstein und Hans Fittko befreundet, und somit war auch Kornitzer mit ihm befreundet. Lisa kannte ihn noch von der Sozialistischen Arbeiterjugend in Wilmersdorf, sie hatten gemeinsam in S�dfrankreich in einer �Villa�, die in Wirklichkeit eine halbfertige Bauruine mit schwindelerregenden Treppen ohne Gel�nder war, gehaust, die ein Sympathisant den Fl�chtlingen zur Verf�gung gestellt hatte. Goldenberg war in Petersburg geboren und 1930 mit einer Arbeit �Beitr�ge zur Soziologie der deutschen Vorkriegssozialdemokratie� in Heidelberg promoviert worden. (Kornitzer hatte �ber ein zivilrechtliches Problem promoviert, ja, das mu�te er zugeben und gab es frank und frei zu: er hatte sich damals nicht f�r Politik interessiert.) Goldenberg dagegen war seit seinem 19. Lebensjahr Mitglied der SPD, zwei Jahre sp�ter war er wegen einer Kontaktaufnahme zur KPD aus der Partei ausgeschlossen worden. Folgerichtig wurde er Mitglied der KPD, aber als Anh�nger des rechten Parteifl�gels um August Thalheimer und Heinrich Brandler auch dort ausgeschlossen, wechselte er zur KPD-Opposition, die eine energische und freiheitliche eigene Politik gegen die Moskau h�rige KPD betrieb, und schlo� sich 1932 wie Fritz Lamm der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands an und schrieb f�r das Parteiorgan. Im M�rz 1933 wurde Goldenberg verhaftet, gefoltert, nach seiner Freilassung fl�chtete er nach Paris, wo er auch der Exilleitung der SAPD angeh�rte. Ihm gelang es nach einer Ehrenrunde, die verzweifelt machte, die zur Unt�tigkeit auf Kosten der Hilfsorganisation <emphasis>Joint</emphasis> verdammte, als Lehrer in Kuba zu arbeiten, und er war damit zufrieden. Goldenberg war ein Stratege, er wu�te, was die kubanischen Gewerkschaften tun und lassen sollten, stundenlang diskutierte er dar�ber mit Fritz Lamm, und Kornitzer h�rte einfach zu. Goldenberg wu�te, wie sich die anderen L�nder Lateinamerikas im Krieg verhielten und warum und wie sie Deutschland niederwerfen k�nnten. Er hatte auch hervorragende Vorschl�ge zur Bek�mpfung der Korruption in Kuba. Nur � leider � h�rte niemand auf ihn, und das st�rte ihn nicht besonders. Oder er tat so, als sei er daran gew�hnt. Ja, er hatte sich daran auf kluge Weise g�nzlich ohne Resignation gew�hnt. Und trotzdem hatte er recht, und sein Recht w�rde sich erweisen. Das war jedenfalls Goldenbergs Meinung. Kornitzer war eher an Details interessiert, an sinnvollen L�sungen innerhalb eines gegebenen Rahmens, an Rechtsstaatlichkeit, Individualrechten, Vertragsgestaltungen, nicht an Konstruktionen von Gesellschaft, deren Pr�missen utopisch waren (oder abgelebt, tief in der Weimarer Republik wurzelten, so genau konnte man das nicht beurteilen, oder man h�tte sich streiten m�ssen). Aber Kornitzer war nicht nach Streiten zumute, mit Goldenberg schon �berhaupt nicht, er h�tte den k�rzeren gezogen. Sie waren von Vedado den Malec�n entlangspaziert, bis zum Torre�n de San L�zaro, einem wehrhaften Turm aus dem 16. Jahrhundert. Er war rund und glatt und alt, er erinnerte sie irgendwie an Europa. Am Meer wehte immer ein Wind, der hob einem die Schultern, als k�nne man doch eines Tages fliegen, �ber die glatte, blaue Fl�che des Meeres, die kein Ende hatte.</p><p>Wenn Kornitzer alleine spazieren ging, gr��te er das T�rmchen, hielt sich so nah wie m�glich an der Kaimauer, sehns�chtig, da� die aufspritzenden Tropfen ihn trafen und k�hlten. Wenn er stramm ging, brauchte er genau 25 Minuten bis zum Castillo de San Salvador de la Punta, der alten Festung gegen die Pirateneinf�lle. Betrat man den Malec�n am Nachmittag und wandte sich nach Osten, hatte man die Sonne im R�cken, und wenn man Gl�ck hatte, wehte einem die Brise ins Gesicht. Die K�ste war geschwungen, so hatte die Brise die Chance, den Spazierg�nger einmal an der Schulter, einmal im Haar zu streifen. Das war eine sch�ne Unterhaltung.</p><p>An anderen Tagen gingen Goldenberg und Kornitzer miteinander unter den Kolonnaden spazieren. Junge Frauen sa�en im Schatten und drehten sich gegenseitig die Haare auf die Papprollen aus dem Inneren von Klopapierrollen. Damen l�fteten in aller Unschuld ihre milbenbehafteten Bettdecken, sch�ttelten den Staub, die Schuppen und die getrockneten Spermareste �ber ihren K�pfen aus. Aber Kornitzer und Goldenberg r�sonierten, parlierten, es gab gute Tage, an denen es fast sch�n war, das blitzblaue Meer anbranden zu sehen und die Angler an der Hafenpromende Malec�n zu beobachten, spindeld�rre alte M�nner mit einer Engelsgeduld und Jungen, halbw�chsige oder noch ziemlich kleine, die mit breit gespreizten Beinen das Gehabe der alten M�nner imitierten, aber dabei einen solchen Liebreiz ausstr�mten, besonders zwischen den sehnigen Waden und den mageren braungebrannten Kniekehlen, da� man ihnen alles Anglergl�ck der Welt w�nschen mu�te.</p><p>Und es gab schreckliche Tage, an denen alles st�rmte, davonfliegen wollte, zu st�rzen drohte. Die Schaufenster wurden zugenagelt, die T�ren verschlossen, der Wind peitschte tief, so da� er einem die Beine wegzog, am liebsten h�tte man sich unter die Matratze verkrochen, wenn der Hurrikan kam und D�cher abdeckte und auch die eigene Sch�deldecke unberechenbar in Mitleidenschaft zog. Es gab H�user in der Stadt, die waren mit Ziegeln gedeckt, was ein sch�ner W�rmeausgleich im Sommer war � zwischen die Ziegel str�mte ein wenig Luft, ein kleiner, beschaulicher Strom, der k�hlte, erfreute. Doch ein w�tender Hurrikan deckte die Ziegeld�cher ab, die Stra�en waren rote Scherbenhaufen, m�hsam mu�ten danach die D�cher geflickt werden, mit alten, nicht so sehr besch�digten Ziegeln und vielen, allzu vielen teuren neuen. Die Dachdecker kamen nicht nach, und manche Hausbesitzer resignierten, deckten das Dach nicht neu, aus Geldmangel oder weil sie die Lust an dem alten Geb�ude verloren hatten und ohnehin in ein modernes Viertel ziehen wollten. Die hohe Luftfeuchtigkeit war ein Feind der Architektur, sie lie� die Eisentr�ger korrodieren, sie griff das Holz an, auch T�rschl�sser rosteten im Nu. Irgendwo in Vedado war ein S�ulenportikus stehengeblieben, und das Geb�ude dahinter, das h�chstens 40 Jahre alt gewesen sein konnte, war verschwunden, eingest�rzt, es war wie ein Menetekel. Nach uns die Sintflut, nach uns ein weiterer Hurrikan, das war nicht freundlich den Mietern gegen�ber. Und so war die Angst vor dem neuen Hurrikan eine existenzielle Angst, als k�nne man selbst mitfliegen und sich um eine Palme wickeln, nein besser: wie eine Schlingpflanze gewickelt werden. Die Luftwurzeln schaukelten. Und es gab andere H�user, die mit einem Dach aus gewalzten, aneinandergest�ckelten Konservendosen belegt waren. Das war nicht sch�n, es war erb�rmlich, der Regen knallte auf das Blech, und die Hitze knallte, aber im Notfall war es eine sichere Sache. Die D�cher wurden nicht abgedeckt, es tropfte, rann, rieselte nur durch die Ritzen zwischen den Blechen.</p><p>Pl�tzlich geschah etwas zwischen den Emigranten, ein Tuscheln, ein Kichern hinter der vorgehaltenen Hand, es hatte wohl mit den Emigranten aus Antwerpen begonnen, unter denen gelernte Diamantenschleifer waren. Seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, seit polnische und russische j�dische Juweliere sich in Antwerpen angesiedelt hatten, ist Antwerpen eine Diamantenstadt. Antwerpen, so munkelte man auch in Havanna, war der ideale Ort, um Juwelen und Schmuck gegen Schiffspassagen einzutauschen, immer noch, so schien es. Oder das Geschick des Handels hatte sich mit den Kriegsereignissen weiter nach S�den verschoben. Also staunte man die Antwerpener an, unter denen viele orthodoxe Juden waren, staunte sie an wegen ihrer vermeintlichen Gerissenheit, ihrer Tollk�hnheit unter dem w�rmenden (�berhitzten?) Deckmantel ihrer Fr�mmigkeit. Sie hatten ihr Handwerkszeug mitgebracht und importierten Schneide- und Poliermaschinen aus Brasilien. Aber wo kamen die Diamanten her?</p><p>Selma berichtete sp�ter in Mainz ihrem Vater, ein �lteres Kindertransport-M�dchen habe in seiner Kleidung eingen�hte Steine aus dem Schmuck seiner Mutter mit nach England gebracht. Die Kinder seien bei der Zollabfertigung in England eindringlich befragt worden, ob sie Wertgegenst�nde mitbr�chten. Und dieses M�dchen, in Konflikt mit den W�nschen der Mutter, habe seinen Saum aufgetrennt und die Schmuckst�cke abgeliefert. Sp�ter sprach sie mit ihrer Pflegemutter �ber den Verlust, und die Pflegemutter erriet den Konflikt zwischen dem m�tterlichen Auftrag und dem kindlichen Gehorsam und sagte ihr, sie habe ganz richtig gehandelt. Wie dieses M�dchen hatten vermutlich die Antwerpener Juden eingen�hte Diamanten mitgebracht. Die Fl�chtlinge schafften es, auch in Havanna eine Diamantenverarbeitung einzurichten. Arbeitspl�tze waren da, eine staatliche Unterst�tzung, ja, pl�tzlich war das Arbeitsverbot f�r Emigranten aufgehoben, sang- und klanglos. Hatten die Emigranten der Jahre 1938 und 1939 zur bitteren Kenntnis nehmen m�ssen, da� ihnen die Arbeitsaufnahme verwehrt war, und hatten sie nur mit allerlei Tricks Arbeit bekommen und immer Angst gehabt, sie fl�gen auf, w�rden des Landes verwiesen oder bestraft, so gab es nun legale, peinlich saubere Arbeitspl�tze im Stadtteil El Cerro, die keinem Kubaner etwas wegnahmen. Sie waren wirklich neu geschaffen worden, und die Antwerpener lie�en durchblicken, Kubaner, leidenschaftlich, emotional, wild gestikulierend und aufs gro�e Ganze, nicht auf ein Detail konzentriert, w�ren f�r die Arbeit an den Diamanten weniger geeignet als Europ�er. Das klang ein bi�chen rassistisch und war es wohl auch. Aber die Antwerpener hatten Energie oder �berzeugungskraft. Oder ein paar Steinchen vorab, die den Besitzer wechselten, machten die kubanischen Aufsichtsbeh�rden gef�gig. Das wu�te niemand so genau, und man wollte es auch nicht wissen. Aber darauf achteten die Antwerpener Fachleute: Schleifteller, Schleifsteine, surrende Maschinen, Werkzeuge zum Drehen und Fr�sen, man mu�te eine g�ttliche Geduld mitbringen, gute Augen und eine ruhige Hand. Die <emphasis>Saegers</emphasis> verdienten 4��Cent pro Stein und bearbeiteten an die hundert Steine pro Tag. Das waren gute L�hne. Frauen arbeiten meistens als <emphasis>Schneiders</emphasis>, die nur 15 Cent pro Stein verdienten. Bei den <emphasis>Schleifers</emphasis> gab es verschiedene Kategorien von Arbeitern, je nach der Schwierigkeit des Schliffs. Eineinhalb bis zwei Tage arbeitete ein guter Schleifer an einem Stein, den er durch die Lupe in zehnfacher Vergr��erung sah, und wehe, er verkratzte ihn, dann wurden die frommen Antwerpener heftig und schrien die ganze Manufaktur zusammen. F�r den Feinschliff, das predigten die Erfahrenen, sei der einzelne Mensch ganz und gar unverzichtbar. Das tat den Entrechteten, ihrer W�rde Beraubten gut. Und so schnitten, s�gten, schliffen und polierten sie die Steine, deren Herkunft und deren Zukunft ihnen vollkommen unbekannt waren.</p><p>Richard Kornitzer kam als Diamantenschleifer nicht in Frage, er war ein Brillentr�ger und schon zu alt. Hans Fittko wurde Diamantenschleifer und war nicht unzufrieden mit dem neuen Beruf. Das Schleifen, die Pr�zision des Vorgangs, half gegen das Gr�beln, die Zukunftsangst, z�gelte den Zorn. Auch Fritz Lamm lernte das Schleifen von Diamanten, stieg aber rasch zum Sekret�r der Gewerkschaft der ausl�ndischen Diamantenschleifer auf, die Aufgabe lag ihm. Lamm schrieb und sprach gut Spanisch, er arbeitete auch nebenbei f�r eine Zeitung und hatte die Vorstellung, man m�sse beim Schreiben eine Person oder ein Objekt aus sich selbst heraus analysieren, sie oder es s�gen, schneiden, schleifen, er mahnte an, mit dem eigenen Verstand den Diamanten der Person herauszuarbeiten. So sprach nur jemand, der vom Diamantenschleifen eine Ahnung hatte, eine winzige Anschauung jedenfalls, �ber die Schulter seines Freundes Hans hinweg. Gemeinsam gr�ndeten sie eine Zeitschrift: <emphasis>Unterwegs. Zeitschrift der J�dischen Emigration in Kuba</emphasis>, die es auf 49 Ausgaben brachte.</p><p>Erfahrene Schleifer lernten neue Schleifer an. Die Lingua franca der Diamantenschleiferei war das Jiddische. Jiddisch hie� in Kuba <emphasis>el idioma polaco</emphasis>, was die Sache nicht ganz traf, aber auch eine gewisse Abf�lligkeit ausdr�cken sollte. Wohin die Diamanten geliefert wurden, bekam Kornitzer nicht wirklich heraus. Hans Fittko sprach von Industriediamanten, die in Maschinen eingebaut werden, andere sprachen von Juwelieren, die die Diamanten abholen lie�en durch unauff�llige Kuriere und selbst in nebul�ser Ferne blieben. Phantom-Juweliere, sie zahlten aber ordentliche Preise, und so war es nicht ratsam, allzu viel nachzuforschen.</p><p>Bei den Gewerkschaftsversammlungen der Diamantenarbeiter, die dem Gewerbe entsprechend mit einem gewissen Pomp und mit rhetorischem Brimborium zelebriert wurden, bestanden die ehemaligen Antwerpener darauf, Jiddisch zu sprechen, das war skurril, zeugte aber auch von ihrem enormen Selbstgef�hl. Man mu�te sie m�hsam �bersetzen. Die kubanischen Arbeiter fanden das bl�dsinnig, warum lernten sie nicht Spanisch? Und auch Hans, der das Jiddische einigerma�en verfolgen konnte (aber nicht �bersetzen), wurde gefragt: Warum lehren sie uns das Diamantenschleifen, aber warum wollen sie keine Weltsprache lernen? Darauf wu�te Hans Fittko auch nichts zu sagen, au�er da� seine Emigration ihn Toleranz und eine gewisse Wurschtigkeit gelehrt hatte. Das mu�te auch den kubanischen Arbeitern zu denken geben. Denn von ihnen wurde auch viel verlangt, aber sie hatten noch nie das Land, die Sprache gewechselt. Ihre V�ter, ihre M�tter, ihre Vorv�ter und Vorm�tter vielleicht, von denen sie kein einziges Zeugnis besa�en, nur die Schattierung ihrer Haut und den Klang ihres Namens. Kornitzer mochte den engen, physischen Zusammenhang der Diamantenschleifer, ihr Arbeitsethos der Pr�zision, w�hrend im Juristischen vieles verschwamm, verborgen wurde hinter sch�nen Worten, Floskeln, die wie Eier in einen Korb gelegt wurden, doch alles kam darauf an, sie nicht zu zerbrechen, den Duktus des Rhetorischen nicht zu st�ren durch Ungeschick. Ein Man�ver der Intelligenz und der Anpassungsbereitschaft, Kornitzer strengten solche Aktionen furchtbar an. Jede H�flichkeit, die man sich ausdachte, konnte als zu geringwertig empfunden werden, eine andere H�flichkeit, die auf dem Rei�brett entworfen worden war, konnte als ranschmei�erisch, zu idiomatisch aufgeklaubt empfunden werden, w�hrend der wirkliche Status des Sprechenden, Schreibenden noch der eines Ratsuchenden, eines Bittstellers h�tte sein sollen. Alles war ein Tasten, ein Tappen im Dunklen, ein Blinzeln im doch wirklich glei�enden Licht, das der entworfene Text nicht spiegelte.</p><p>Kornitzer wohnte jetzt wie eine ganze Reihe Emigranten in M�ximos Hotel. M�ximo, wie er seinen in Kuba unaussprechlichen polnischen Namen Moishe ins Spanische �bertragen hatte, war ein kleinw�chsiger polnischer Jude mit einem grauen, zerzausten Bart. (Sp�ter �hnelte der Bart von Fidel Castro auf verbl�ffende Weise dem Bart des Hotelbesitzers, nur im Wesen war Castro ganz anders als der gutm�tige M�ximo.) M�ximo war wie viele Juden in der Stadt den polnischen Pogromen entkommen, dar�ber zu sprechen, gab es in Havanna keinen Anla�, aber die Deutschen, die sp�ter kamen, ahnten, warum M�ximo so d�nn und so energisch war, warum seine Stimme manchmal zitterte oder umkippte, sie rochen die Angst, die er als junger Mensch in Lublin (oder war es in Lemberg?) empfunden hatte. Sie rochen die Angst, aber f�r die Angst der Deutschen 1938 und f�r die so viel �ltere Angst in Polen hatten sie keine gemeinsame Sprache, die Witterung reichte aus. Und das Schimpfwort <emphasis>polaco</emphasis>, auf das die neuen deutschen Emigranten am Anfang emp�rt reagiert hatten, war in Wirklichkeit gar kein Schimpfwort, sondern eine Klassifizierung f�r die wei�en Europ�er, die ohne Geldmittel nach Kuba gekommen waren, Aschkenasim. Ob sie wirklich Polnisch sprachen, Jiddisch oder Deutsch, daf�r drehten die Kubaner die Hand nicht um. Doch, es gab auch andere Juden, die sich ungleich leichter taten, es waren sephardische Juden, deren Sprache das Ladino war, das anderswo Spaniolisch genannt wurde, eine Mischung aus Renaissance-Spanisch, Arabisch und T�rkisch, geschrieben in Rashi-Buchstaben, einer Variante der hebr�ischen Schrift. Und ihre Haut war weniger bla�, eine milde, gl�ckliche F�rbung, sie waren weniger arm, meist in Familienverb�nden gekommen, hatten sich jeweils dort angesiedelt, wo schon Angeh�rige waren. Also hie� jemand sie willkommen, half in den praktischen Fragen, und sie hatten keine Ahnung, wer diese nerv�sen Leute waren, weit aus dem Norden, weit aus dem Osten, Sonnenbrand-Leute, die eine Vern�nftigkeit, ein Recht, eine Existenzform einklagten, die die Sepharden schon l�ngst hinter sich gelassen hatten auf ihrer langen Wanderschaft durch die Jahrhunderte und Kontinente. Die Aschkenasim, die vor der Welle der Hitler-Fl�chtlinge kamen, waren meistens als alleinstehende junge M�nner gekommen, viele waren Zionisten oder Sozialisten. Ihre Religion war in den Hintergrund getreten, ihr ethnischer Zusammenhang blieb.</p><p>Ob M�ximo das Hotel wirklich geh�rte oder ob er ein Strohmann f�r jemanden war, der sich als Hotelbesitzer nicht zeigen wollte, wu�te niemand zu sagen, und M�ximo selbst tat auch so, als w�re es gleichg�ltig. Das Hotel war ein gro�er grauer Kasten. Die Zimmereing�nge des dreist�ckigen Geb�udes lagen alle zum Hof an offenen Galerien, nachts brandete es im Hof von Gespr�chen, Geschnatter, manche G�ste sangen auch, h�rten Radio oder sangen die Schlager im Radio mit. Es hallte wie in einem Gef�ngnis, sagte jemand, der es wissen mu�te. Aber es war lustiger bei M�ximo als in einem Gef�ngnis � und sehr frei. Und in der Toilette hockte eine gro��ugige Kr�te mit treuen Augen, und man wu�te nicht genau, ob man die Wassersp�lung heftig bet�tigen sollte, damit sie ertrank oder verschwand oder ob man sich notgedrungen mit ihr anfreunden sollte, einer gem�tlichen, alten Hausgenossin. Denn sie war ja auch eine W�rterin �ber das eigene Leben. �ber Politik konnte man t�glich oder auch n�chtlich auf den offenen Galerien mit den Mitbewohnern diskutieren, aber nicht �ber die fragilen Aussichten des eigenen Lebens und Hoffens. (Emma Kanns Mann war in Theresienstadt, und sie war in gr��ter Sorge um ihn. Sie h�rte einfach nichts mehr von ihm. Nein, das konnte man nicht t�glich an die gro�e Glocke h�ngen. Und auch nicht den Kummer �ber die abgerissene Verbindung zu Claire.) Was Claire von einer Kr�te in einer Toilette hielte � Kornitzer war unf�hig, sich das auszudenken. Und wenn er sich im lauten Hof von M�ximos Hotel in einem der Schaukelst�hle ein wenig entspannte, war er auch sicher, all das z�hlte nicht, nicht der Ekel, nicht die Entfernung, es z�hlte die gedachte, die empfundene N�he, und �ber die war er sich sicher. Und er beschlo� den Abend mit so etwas wie einem Nachtgebet.</p><p>Es ist Juni 1941, es ist sehr warm, windstill, nur l��t einen die feuchte Luft am Abend 25 Grad schon als k�hl empfinden, man braucht einen Schal, eine Jacke. Lisa Ekstein hat eine Ausbildung als B�rokraft gemacht, sie sitzt tags�ber an einem Schreibtisch, und abends in M�ximos Hof erz�hlt sie, wie sie angestaunt wird als eine beinahe perfekte Kraft, nur arbeite sie viel zu schnell, befinden ihre Kolleginnen. Auch Kornitzers fragile T�tigkeit als freischaffender Rechtskonsulent ist von Rodolfo Santiesteban Cino in eine Anstellung umgewandelt worden, was den Emigranten froh macht.</p><p>Der kommissarische deutsche Botschafter Gesandtschaftsrat 1. Kl. Stephan Tauchnitz, der die Botschaft seit dem 14. September 1939 leitet, hat <emphasis>citissime</emphasis> (in h�chster Eile und unter �u�erster Geheimhaltung) an das Ausw�rtige Amt gekabelt: <emphasis>Kanzler Rudnick wurde auf Heimweg von Dienstfahrt auf gro�er Landstra�e zwanzig km vor Hauptstadt am Dorfeingang bei Autoreifenwechsel nachts �berfallen und so Barschaft, Jacke, Ausweis, Privatschl�ssel und Uhr beraubt, nichts dienstlich Wichtiges darunter. Polizei verhaftete Chauffeur des betreffenden Autos ohne dessen Insassen bisher zu fassen. Beabsichtige Ende dieser Woche im Falle Versagens der Polizei unter Hinweis auf k�rzliches Attentat auf Konsulat Regierung mitzuteilen, dass ich angesichts erwiesenen mangelnden Schutzes seitens der Polizei Mitglieder der Beh�rde zu nunmehr n�tigem Selbstschutz Geb�ude und Personen bewaffnen werde</emphasis>.</p><p><emphasis>Tauchnitz</emphasis></p><p>Staatssekret�r von Weizs�cker wiegelte im Antwort-Telegramm ab: <emphasis>Bitte vielmehr darauf zu bestehen, da� Regierung alle geeigneten Ma�nahmen ergreift, um �berfall Rudnick zu s�hnen und Wiederholung derartiger Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern</emphasis>. In einer Nacht im April 1941 war vor dem deutschen Konsulat schon eine kleine Bombe explodiert. Die T�ter pinselten GUERRA AL FASCISMO an die Wand (das hatte schon im spanischen B�rgerkrieg an vielen Mauern gestanden), hinterlie�en ein Plakat mit der Aufschrift <emphasis>Gegen den Faschismus gegen den Nazismus</emphasis> und Visitenkarten mit dem Aufdruck <emphasis>Acci�n revolucionaria</emphasis>. Es war nur ein geringer Sachschaden, aber die Nerven der Botschaftsangeh�rigen lagen blank. Es war eine kleine Botschaft, bestehend aus dem Gesandten, dem Kanzler, einem Konsulatssekret�r und vier Sacharbeitern, �Hilfsarbeitern� in der Diktion der Zeit, von denen niemand wu�te, ob sie nicht auch Spione oder Agentenf�hrer waren. Um so enger war man aufeinander angewiesen, um so dringlicher war die F�rsorgepflicht des Gesandten f�r die kleine, sich heroisch d�nkende Mannschaft.</p><p>Am 22. Juni �berf�llt Deutschland die Sowjetunion und bricht den Hitler-Stalin-Pakt. Die Fl�chtlinge in Havanna sind entsetzt, sie stecken die K�pfe zusammen, die kubanischen Gewerkschafter, mit denen sich Lamm und Goldenberg befreundet haben, emp�ren sich, jetzt verstehen sie die deutschen Antifaschisten besser: Sie kommen aus einem gef�hrlichen Land, sie sind Verbrechern und Welteroberern entronnen. Im August 1941 findet in Havanna ein Gerichtsverfahren gegen sieben in Untersuchungshaft befindliche Reichsdeutsche statt. Sie werden der Mitgliedschaft in einer totalit�r eingestellten antisemitischen Zweigorganisation des deutschamerikanischen Bundes, der in Kuba Propaganda f�r den Umsturz des Regierungssystems macht, angeklagt. Goldenberg geht zu dem Proze�, h�rt sich die j�mmerlichen Verteidigungsreden an, Kornitzer will nicht hingehen, er m�chte solche Visagen, ja, so dr�ckt er sich Goldenberg gegen�ber aus, gar nicht sehen. Am 1. September kabelt der Botschafter Tauchnitz nach Berlin: <emphasis>Verurteilte mit Negern und sonstigen Verbrechern inhaftiert. Versuche, unter der Hand Erleichterung zu verschaffen. Nur Gnadenakt Staatspr�sident kann ihnen helfen</emphasis>. Der Gnadenakt bleibt verst�ndlicherweise aus. Und gleichzeitig meldet die Botschaft �berwachungsma�nahmen nach Berlin, <emphasis>gewollte auff�llige Einschaltung in Telefongespr�che in Form absichtlicher Ger�usche, zum Beispiel Husten</emphasis>. Im August 1941 werden alle deutschen Konsulate in Kuba geschlossen. Der Vorwurf lautet, sie betrieben Spionage. Konsularische Angelegenheiten sind nun ausschlie�lich in der Gesandtschaft Havanna zu regeln. Das ist etwas unbequem f�r die Plantagenbesitzer, ihre Verwalter, die Siedler und Firmenvertreter.</p><p>Die Fl�chtlinge sa�en in M�ximos Hof, lasen Zeitungen, ein ambulanter Kaffeeverk�ufer kam vorbei, er trug eine riesige Thermoskanne, mit zwei Fingern �ffnete er seine Jackentasche einen Spalt breit, darin leuchteten die Zuckerw�rfel. Aber jetzt wollte niemand Kaffee trinken, alle waren aufgeregt genug, diskutierten den Kriegsverlauf, das Vordringen der Deutschen in der Sowjetunion. Immer noch kamen neue Fl�chtlinge aus Europa, brachten Schreckensnachrichten mit. Boris Goldenberg sagte: Die Amerikaner m�ssen in den Krieg eintreten. Ja, antwortete Kornitzer, aber wie? Gut an M�ximos Hotel war, da� man zusammenblieb, da� man die Weltpolitik und die niedertr�chtigen Schikanen der kubanischen Beh�rden durchhecheln konnte. Gut war es, mit Boris Goldenberg, Emma Kann, Fritz Lamm und Lisa und Hans Fittko zusammenzusein. Es milderte den scharfen Schmerz der Einsamkeit.</p><p>Und dann zerst�ren die Japaner amerikanische Kriegsschiffe in Pearl Harbor, Amerika wird eine Kriegsmacht und Kuba schlie�t sich den Vereinigten Staaten an; es ist eine einstimmige Entscheidung f�r den Kriegseintritt am 14. 12. 1941 im Kongre�. Die Deutsche Botschaft wird geschlossen. Alle nichtj�dischen Deutschen werden zu feindlichen Ausl�ndern erkl�rt, verhaftet und auf die Isla de Pinos, s�dlich von Kuba verfrachtet. Die Botschaftsangeh�rigen mit ihren Familien dagegen haben es besser, sie werden wie viele deutsche Diplomaten aus den USA, aus Mittel- und S�damerika bis zum 5. 6. 1942 in White Spring/West Virginia interniert und dann gegen amerikanische Diplomaten ausgetauscht.</p><p>Die Polizei kommt auch in M�ximos Hotel und fragt nach dem Deutschen Hans Fittko. M�ximo versteht sich gut mit den Polizisten, und niemand wei�, warum. Er schw�rt bei dem Leben seiner Mutter, da� Hans Fittko Jude sei, man sehe es doch, und was da in seinen Papieren stehe, sei eben ein Irrtum. <emphasis>Ich wei�, wer is a Jid. S� qui�n es jud�o</emphasis>, sagt er in seinem Jiddisch-Kubanisch und steckt dem Polizisten etwas zu. Hans wird freigelassen. Die Verhafteten werden zusammen mit den in Kuba lebenden Nazis, Kaufleuten, Gutsbesitzern auf der Insel eingesperrt. Die Lagerverwaltung �berlassen die kubanischen Beh�rden den Nazis, sie k�nnen das gut, das Verwalten, glauben auch die Kubaner. Alle konsularischen Belange der Deutschen �bernimmt die spanische Botschaft, die aus altgedienten oder neu berufenen Falangisten besteht. Ihr Geb�ude ist ein pockig aufgedunsener Stuckbau aus der Gr�nderzeit, eine einsch�chternde Pracht, pr�potent, Platz verschwendend. Kornitzer konnte nicht anders als sich auszumalen, Claire w�re bei ihm, lebte mit ihm im Hotel, und bei einer Razzia h�tte man sie verhaftet und ins Lager gesperrt. Und M�ximo h�tte sie nicht retten k�nnen, und er auch nicht, sie sah nicht j�disch aus. In einem solchen Augenblick dachte er, es ist immer noch besser, da� sie in Deutschland geblieben ist, dann wieder wollte er diesen Gedanken fortschicken, in die W�ste, aber er kam wieder wie eine fleischig wuchernde Urwaldpflanze.</p><p>Jeden Tag, wenn Kornitzer in die Rechtsanwaltskanzlei fuhr, sah er M�nner, junge, alte, die, kaum da� sie in eine Stra�enbahn eingestiegen waren, offenbar an nichts anderes mehr denken konnten, als eine Frau ausfindig zu machen, vorzugsweise eine h�bsche, ersatzweise auch eine unscheinbare, um die drangvolle Enge zu nutzen und sich an ihr zu reiben. Kornitzer versuchte manchmal, den genervten oder angeekelten Blick der Frau aufzufangen, aber das gelang nicht. Das Objekt des �bergriffes wollte nicht Subjekt des einverst�ndigen Schauens, des gegenseitigen Sich-Anschauens werden. Der Blick ging ins Leere, Vage. Und es w�re ebenfalls ein �bergriff gewesen, an der Haltestelle, an der die Frau ausstieg, ihr zu folgen und sie anzusprechen: Man habe gesehen, gesp�rt, was ihr in der Stra�enbahn widerfahren sei, ob man sie auf eine Limonade oder einen Kaffee einladen d�rfe. Dieser Impuls mu�te streng zur�ckgedr�ngt werden. Die Kr�nkung der Frau war nicht zu reparieren. Im Gegenteil: Die nachgetragene Freundlichkeit erregte Argwohn. Die Kr�nkung war f�r die betroffene Frau, ja, fast jede war einmal betroffen, nur durch das Wiedereintauchen in die Menge abzuwaschen. Durch die vermeintliche Linderung brannte sie sich in das Ged�chtnis, das der Frau und gleichzeitig in das des zuf�lligen, mitleidigen Zeugen.</p><p>Und es gab andere M�nner, die es schafften, wenn die Stra�enbahn leerer war, sich vor einer Frau aufzumandeln und ihr zehn, f�nfzehn Stationen lang auf die Beine oder � wenn sie es romantischer haben wollten � in die Augen zu sehen, sich wer wei� was erhoffend, emotionale Hungerleider. Aber der Gipfel waren die visuellen Aggressionen, denen Frauen ausgesetzt waren, die in der Stra�enbahn sa�en, die in die entgegengesetzte Richtung fuhr. Die Wagen kreuzen sich f�r Sekunden, die Scheibe, durch die die Frau sichtbar wird, ist schmutzig, aber es fehlt nie ein schmuddeliger, fettiger oder krankhaft glatzk�pfiger Kerl, der die Frau frech oder geil oder herausfordernd (oder alles zugleich) anglotzt. Welche Funktion hat dieser bannende Blick? Das innere Sammelalbum mit Frauenbildern (<emphasis>posiciones</emphasis>) zu vergr��ern? Die Hoffnung, die beobachtete Frau bei einer Reaktion auf dieses blitzartige sexuelle Ansinnen zu �berraschen? Und selbst wenn er einen Blick des Einverst�ndnisses erhaschen k�nnte, wie sollte er so schnell von der einen Stra�enbahn in die Stra�enbahn der entgegengesetzten Richtung wechseln k�nnen? All das war hirnverbrannt und illusorisch, m�glicherweise der Reflex eines leerlaufenden Jagdinstinkts, der dann in der H�uslichkeit mit der h��lichen, blau�drigen und schon verschlissenen eigenen Frau zu einem erhitzten und gleichzeitig gelangweilten Verkehr f�hrte. Der Unterrock blieb im Ged�chtnis. Nur das Bilderkino im Kopf flimmerte: Die Frau aus der Stra�enbahn blickte stumm und verachtend auf das fremde Bett, in der eine Ehefrau verraten worden war. Kornitzer sah das alles und dachte dar�ber nach. Ein Ergebnis konnte sein Nachdenken nicht haben, es war eher ein Schauen, an das sich Gedanken hefteten, von denen er sich w�nschte, da� sie in der Hitze nicht klebrig wurden.</p><p>Er h�tte gerne mit Se�ora Mart�nez besprochen, wie sie solche �bergriffe einsch�tzte, moralisch und �sthetisch, und wie sie sie erlebt hatte, aber dann scheute er sich doch, denn er sch�tzte, da� Se�ora Mart�nez h�chstens vier, f�nf Jahre �lter als er war und da� es vermutlich auch beleidigend war, sie nach vielleicht historischen Erfahrungen zu befragen, die zweifellos mit einem m�nnlichen Begehren zu tun hatten, aber in die Vergangenheit gerichtet und irgendwann versickert waren. Hatte dieses Ende Se�ora Mart�nez erleichtert oder besch�mt, weil sie an ein Alter, eine Begrenzung des Begehrtwerdens erinnert wurde? Und er �berlegte, warum Se�ora Mart�nez, die sich nicht nur die Fingern�gel polierte, sondern auch sonst eine Menge von Tricks ausgedacht hatte, um sich und vor allem ihre kostbare Arbeitskraft zu schonen, �berhaupt Angestellte in einer Rechtsanwaltskanzlei war und warum sie vor seinem Eintreffen die einzige Angestellte gewesen war. Eine ehemalige Geliebte, die abgefunden werden mu�te? Oder eine, die sich bew�hrt hatte durch Anh�nglichkeit? Oder eine abgewiesene, die sich nicht beirren lie� und auf eine weitere Chance wartete? Und dann scho� ihm siedendhei� ein Gedanke an Claire in den Kopf, an Frau Claire Kornitzer, und da� man auch fragen mu�te, warum und wie sie jetzt arbeitete und unter welchen Umst�nden. Gab es keinen Herrn Mart�nez, wie es keinen Herrn Kornitzer mehr gab, der einen der Dame angemessenen Status garantierte? Und so h�rte er sofort auf, in Gedanken Fragen an Se�ora Mart�nez zu stellen, weil er nicht wollte, da� �hnliche Fragen an Claire gestellt w�rden. Fragen, die auch ihn betrafen, den nicht mehr anwesenden Ehemann, den Ehemann, der die Frau aus Gr�nden, die nicht jeder auf Anhieb im Gesicht der Ehefrau lesen konnte, verlassen hatte, verlassen mu�te. Und so blieben seine Fragen unbeantwortet.</p><p>Mit dem Kriegseintritt Kubas war jede Verbindung nach Deutschland unm�glich geworden, auch das Rote Kreuz konnte nichts tun. Er mutma�te, er taxierte, aber mehr wollte er wirklich nicht tun, ohne sich unangemessen in das Leben einer Frau einzumischen, mit der er nun einmal ein Vorzimmer teilte und nicht mehr. Da� sie in einem sch�nen, beruhigenden Alt und kurz danach auch manchmal in einem energischen Fl�tenton (schrill wie ein siedender Wasserkessel) viele Antragsteller, Bittsteller, die vielleicht zuk�nftige oder ehemalige Klienten waren, fernhielt, sparte auch ihm Arbeit. Und so fand er sich in einer seltsamen Solidarit�t, Kameradschaft mit der bronzefarbenen Frau, die ihre Lippen morgens und abends ziegelrot schminkte (anstrich?) und gr�ndlich leckte. Er sah durchaus, wenn sie eine neue Bluse trug, mandelbl�tenfarbene Schluppen um den Hals, ein halsferner Kragen in Azurblau oder eine bla�gelbe R�sche, die auch bis �ber den Schulteransatz ragte, er sah es, registrierte es und sagte zu sich selbst: Es geht mich nichts an. Halt den Mund, Richard! Und keine Komplimente!</p><p>Ob er und seine Fl�chtlings-Absonderlichkeiten, seine Empfindlichkeit, seine Traurigkeit Se�ora Mart�nez im Gegenzug etwas angingen, ob sie sich grunds�tzliche Gedanken machte �ber den Mann, der ihr nun eben t�glich gegen�bersa� und ihre Geduld und Sprachf�higkeit strapazierte, dar�ber konnte sich Kornitzer wirklich keine Gedanken machen. H�tte er sie sich gemacht, er w�re in Grund und Boden gesunken oder h�tte sich vor der Vorzimmer-Kollegin unter dem Schreibtisch schamvoll versteckt. Doch deswegen war er nicht eingestellt worden.</p><p>Und dann geschah etwas, das Kornitzer ausklammern wollte aus dem gelassenen Hin und Her zwischen M�ximos Hotel mit den vielen Emigranten und der Rechtsanwaltskanzlei mit den Unw�gbarkeiten. Er fuhr wie an jedem Tag mit der Stra�enbahn, er sah in der drangvollen Enge den rasierten Nacken einer Frau und den sch�nen, sehnigen Hals darunter, er sah auch einen ersten knochigen Wirbel, ein H�ckerchen, jedenfalls einen nicht von einem winzigsten Fleischkissen ummantelten Knochen, dar�ber karamellfarbene Haut gespannt. Und dann h�rte er einen Zornesschrei der Frau, sie stieg aus an einer Haltestelle, eine Mietskasernen-Gegend mit dunklen Lichth�fen, und er stieg auch aus. Er sah sofort den feuchten Fleck auf ihrem Rock, an dem sie nerv�s und angewidert rieb, und sie stie� auch einen Fluch aus, der hier wiederzugeben nicht angemessen erscheint, aber der eben doch markersch�tternd war. Kornitzer jedenfalls hatte zuerst den r�hrenden, mageren Wirbel gesehen, dann den Fleck, nun sah er das emp�rte Gesicht der jungen Frau. Im Prinzip sagte das Gesicht: Und was willst du denn noch? Noch einer! Aber er hatte schon getan, was er nie tun wollte, hatte in seine Tasche gegriffen und ein sorgf�ltig geb�geltes, gefaltetes Taschentuch hervorgezogen � ja, die Zimmerm�dchen in M�ximos Hotel arbeiteten zufriedenstellend �, und er gab es der jungen Frau in die Hand. Sie dankte knapp, wischte, wischte an sich herum und schimpfte �ber alles, was m�nnlich, kubanisch und schweinisch war. Dazu wollte Kornitzer � taktisch oder nicht taktisch � keinen Kommentar abgeben. Aber er betrachtete ihr Gesicht, das vielleicht in seinem Liebreiz nicht ganz auf der H�he des obersten Wirbels war, aber pl�tzlich hatte sie ein Glitzern in den Augen. Ob sie erfreut war �ber seine Hilfsbereitschaft oder nur �ber das feine, noch aus Breslau stammende Batist-Taschentuch, wu�te er nicht. Aber was tun mit dem Taschentuch, das sie ihm, nun ja, befleckt, befeuchtet zur�ckgeben mu�te?</p><p>Sp�ter dachte er: Was w�re geworden, wenn sie es einfach eingesteckt h�tte? Sie h�tte ihn f�rmlich nach seiner Adresse fragen m�ssen, um es geb�gelt, gest�rkt, so wie sie es in Empfang genommen hatte, zur�ckzubringen. Andererseits: Gibt es �berhaupt eine Form, eine taktvolle und offiziell anerkennenswerte Form, in der eine junge Frau, zornig, besch�mt, einem Mann ein Taschentuch, benutzt, bekleckert mit einem fremden Sperma, zur�ckgeben kann? Nein, eine solche Form gibt es nicht, kann es nicht geben. Und das war den beiden, die sich ansahen in der Hitze Havannas bei der Endstation der Stra�enbahn, wo schon die strohbedeckten H�tten zu wuchern begannen, die damals noch �Negerh�tten� genannt wurden, auch spontan klar. Also zur�ck in die Stadt, in eine Art von Anonymit�t. Und wir, die wir �ber die beiden nachdenken m�ssen, empfinden das nasse Taschentuch, das niemand wirklich in die Hand, geschweige denn in die Tasche nehmen m�chte, auch als eine B�rde, und das bleibt es erz�hlerisch noch f�r eine Weile. Kornitzer macht eine in die Luft dirigierende Geste, die gro�z�gig hei�en soll: Schmei�en Sie es einfach weg. Aber die junge Frau, die ihm jetzt ihr Gesicht zukehrt und nicht das spitze ziegenartige Wirbelchen unter dem kurzen Haar, versteht ihn nicht wirklich. Aber er pr�gt sich jetzt ihr Gesicht ein, es ist auch spitz, ernsthaft, schelmisch um die Augen, und das Kinn, das sie vorreckt, ist genau auf der H�he des Nackenwirbels. Den Wirbel seiner Handbewegung interpretiert sie so, da� er zuletzt auf ihn zur�ck zeigt, eine Rollbewegung, 360 Grad, vom Herzen ausgegangen, f�hrt die Bewegung unzweifelhaft auf das Herz zur�ck. Und so hat er pl�tzlich ein Taschentuch, das er vermutlich in einer Sechser-Packung von seiner Mutter zum Abitur geschenkt bekommen hat, einzeln und feucht und fremd in der Hand, und er kann es nicht zur�ckgeben, ohne die junge Frau, die er ja doch gerettet hat aus einer peinlichen Situation, aufs Neue zu beleidigen. Nein, jetzt gibt es nicht mehr die M�glichkeit, da� sie das Tuch �bernimmt und verspricht, es zu waschen und ihm zur�ckzubringen (eine Adresse erkl�rt auch einen Menschen). Nun m�ssen die Zimmerm�dchen, die W�scherinnen in M�ximos Hotel den Gegenstand �bernehmen, ohne seine symbolische Bedeutung zu begreifen.</p><p>So beschlie�en der Mann und die Frau, Kaffee zu trinken. Schon ein Caf� zu finden und dann eine Bestellung aufzugeben, ist eine geschm�cklerische Angelegenheit, bei der man viel voneinander erf�hrt. Wie viel oder wie wenig Wasser soll in der Tasse schwimmen? Sind au�er dem schwarzen Pulver Zutaten erw�nscht? Rohrzucker? In welchem Stadium? Als Streuzucker oder in W�rfelform? Ist Milch vonn�ten f�r einen wei�en Mitteleurop�er? H�nde m�ssen hin- und hergreifen, sich �berlappen, das kann angenehm sein oder nicht. Es ist dann doch sehr angenehm, aber das ist nicht das richtige Wort. Es ist einfach ein Fassen, Zusammenfassen, B�ndeln von Energie. Die H�nde wollen sich nicht loslassen, und dann sind auch die Lippen au�er Rand und Band. Und es dauert nicht lange, da sp�rt Kornitzer das d�nne, ziegenhafte Halskn�chelchen, das alle Besch�tzerinstinkte in ihm wachruft, in seiner hohlen Hand. Das hat er nicht geplant, viel weniger noch vorausbedacht. Claire ist (war?) eine Frau, die solche Instinkte in ihm nicht wachrief, eher besch�tzte sie ihn in der letzten Zeit in Deutschland. Insofern ist er jetzt ein Analphabet, ein Gl�cksritter, ein Goldsch�rfer, ein Freund einer nerv�sen Lehrerin f�r Mathematik und Geographie, und die Geographie ist seine Rettung.</p><p>Charidad Pimienta, so hei�t sie, die, mit der er jetzt schon zwei Stunden �ber einem kalten Kaffeet��chen turtelt, Charidad Pimienta wei�, wo Deutschland liegt (Enzyklop�die des geographischen Weltwissens, 3. erw. Auflage), und ahnt, wo die Probleme eines deutschen Emigranten liegen k�nnten, und sie hat sehr viel Empathie mit ihm, wenn er nicht nur sein Taschentuch hergibt, sondern auch sein Herz. (Das fordert sie nicht, erwartet sie auch nicht, aber es gibt ein Z�gern, eine offene Situation, die sich nach allen m�glichen Richtungen entwickeln k�nnte.) Und er, der sich ein bi�chen sch�mte, die Frau von hinten � wie der Fiesling, der sich an ihr gerieben hatte �, vom Nacken, vom obersten knochigen Wirbel her betrachtet zu haben, ist jetzt begl�ckt, da� ihr emp�rter Schrei von ihm (ja, genau, von diesem bleichen, rosafarbenen, zu gro�en, etwas zu steifen, ordentlichen Mann) geh�rt, erh�rt wurde. Das ist etwas Unerh�rtes, und Charidad Pimienta l�chelt ihn an, und er l�chelt zur�ck, das feuchte Taschentuch in seiner Hose vergi�t er, sie sitzen fest an einer bl�dsinnigen, banalen Stelle in der doch sch�nen Stadt, in einem Wurmfortsatz der Stadt. Soll man zur�ckfahren ins Centro oder bleiben, wo Charidad vielleicht zuhause ist (oder nur ein Zimmer hat als eine junge Lehrerin?), man wei� es nicht, man tastet, findet wieder das ziegenhafte d�nne Kn�chelchen mit der weichen, bleichen, rosafarbenen Hand, und die Hand m�chte dort bleiben, nicht ausruhen, aber doch eine H�tte bauen, die dieses Kn�chelchen zart ummantelt und sch�tzt. Charidad seufzt. Eine sch�ne Sprachlosigkeit ist dieses Seufzen.</p><p>Und dann ist alles gleichg�ltig; Kornitzer hat schon im Hotel von anderen Emigranten geh�rt, die �Erfahrungen� mit Kubanerinnen gemacht hatten. Anspruchsvoll schienen sie den Europ�ern immer, die einen wollten gleich Schuhe gekauft haben, ja, so �hnliche und so teure, wie die Chefin der Immigrationsbeh�rde sie trug (Wildleder, sandfarben und mit Spangen �ber dem Spann). Oder sie wollten parlieren, �ber Europa, �ber ein Hin und Her, in dem alle Br�cken abgebrochen waren. (Hatten sie denn nicht Las Casas gelesen �ber das furchtbare Abschlachten der kubanischen Urbev�lkerung durch Europ�er im Namen des spanischen K�nigs, oder waren sie Nachkommen der ins Land Gedrungenen im Namen des K�nigs und des umfassend katholischen Glaubens auf der Suche nach Gold, das sie nicht fanden, und war das alles gr�ndlich vergessen oder verdr�ngt?) Die jungen Damen demgegen�ber wollten Eindr�cke und Empfindungen der Prado-G�nger, der Louvre-Besucher aus erster Hand, als h�tten Europ�er in den letzten Jahren nichts anderes zu tun gehabt als ihre Museen zu besuchen. Da� die Europ�er, die nach Kuba kamen, reihenweise in Lagern gesessen, Folter �berstanden hatten, sich um ihre Angeh�rigen sorgten, wollten die wohlriechenden, gebildeten Damen nicht so richtig wissen. Das war ein heftiger Dissens, der jede Liebesbeziehung, ja schon das erste Techtelmechtel m�chtig st�rte. Da hatten die Emigranten wirklich andere Sorgen, und die gebildeten, weltl�ufigen Kubanerinnen, die gut geb�gelte Kleider mit Tupfen und gro�en Blumen trugen und eine �beraus sch�ne, besonnte Haut darunter, wenn sie sie der Temperatur entsprechend zeigten, also fast immer, ja, h�ufig eine atemberaubend sch�ne Haut, waren sehr entt�uscht, da� die Europ�er nicht mit Kultur ges�ttigt waren, wie sie es sich vorstellten. Also m��ten sie selbst vielleicht den Prado, den Louvre sehen (auch das Berliner Museum, dessen Namen sie nicht recht verstanden hatten, nahmen sie billigend in Kauf), aber der Europ�er, der Emigrant, zu dem sie sehr freundlich waren, mu�te es richten. Und irgendwann mu�te doch in Europa wieder Ruhe herrschen, mit anderen Worten: Die Deutschen, also Hitler und seine Leute, so vage mu�te es gesagt werden, sollten Ruhe geben. Das klang sehr sympathisch, aber der in ihre F�nge geratene Emigrant aus Deutschland konnte der sch�nen und gebildeten Frau nicht garantieren, da� Hitler endlich aufh�rte, Krieg zu f�hren, damit elegante junge Damen aus einem fernen Land endlich einmal auf Kosten eines Europ�ers (ist Odysseus nicht auch heimgekehrt?) europ�ische Kultur genie�en konnten.</p><p>So hatten andere Emigranten es seufzend erz�hlt, sp�tabends in M�ximos Hotel, und deshalb war Kornitzer gewarnt. Die Politik war ein einziges Handaufhalten, und die Damen, die Lust hatten auf einen europ�ischen Freund, waren nicht anders. Bezahlt zu werden, �ber den Preis der Verf�gbarkeit nachzudenken und ihn einzuklagen, war freilich die Option einer ganz anderen Kategorie von Mensch, von denen die jungen, gebildeten Damen, die auch ihr Sprachempfinden, schwungvoll, tirilierend, mit grammatischem Verst�ndnis, testen wollten, meilenweit entfernt waren. Nein, alles, was er �ber Frauen in M�ximos Hof aufgeschnappt hatte, mu�te er bei Charidad restlos vergessen, als h�tte er es nie geh�rt.</p><p>Den K�rper einer Frau kennenzulernen, ist eine r�hmenswerte Aufgabe. Jede Nacht erweitert sich die Lust um einen neuen Landstrich und der schon umfangreiche Wortschatz um neue Begriffe und Regeln. Unregelm��ige Verben des K�rpers, Doppelungen, Symmetrien. Als erstes erlangt man Zugang zur Hand (zu einer Hand!), einem K�rperteil, der immer bereit ist, sich hinzugeben, der mit allen m�glichen Gegenst�nden vertraut verkehrt. Jeder Finger bekommt einen Namen, jeder Fingernagel ist einzigartig, jede Falte, jede Ader auf dem Handr�cken. Und es ist nicht nur die Hand, die eine andere Hand kennenlernt. Und was erst vom Arm sagen, dem Ohr, der Schulter, den Kniekehlen, alles ist anders, neu, eine Grammatik der Sinne bis in den Scho� hinein. Der Nacken, gl�cklicherweise, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Alles mu� staunend und willig zur Kenntnis genommen werden, keine Form kann mutwillig ersetzt werden. Es ist der K�rper dieser Frau.</p><p>Richard Kornitzer staunte, wie schnell er lernte, wie schnell er sich in der fremden K�rpersprache ausdr�cken konnte und da� er auch die schnell hingeworfenen S�tze verstand, auch Seufzer, eine beruhigende Hand auf seiner H�fte oder das Knirschen von Fingern�geln auf seinem R�cken verstand er schnell und konnte alle Signale seufzend beantworten. (Man verlernt ja die fr�here Sprache nicht, w�hrend man eine neue hinzulernt, sagte er sich.) Charidad mu�te immer fr�h aufstehen, die Kinder in der Schule, die Kollegen, der Herr Direktor, die bef�rchtete Schwatzhaftigkeit, ihre Geheimnisse mit Richard � sie bem�hte sich, den Rachenlaut ordentlich zu sprechen und den Geliebten nicht einzugemeinden als einen Ricardo, von denen es viele in Havanna gab. Und als eine Geographie-Lehrerin war sie an Fremdem interessiert, den Fl�ssen der Adern, dem Schulterngebirge, der Hochebene des R�ckens, wenn ihr Geliebter sich vor ihr ausstreckte, H�henz�ge, Driften und Mulden, das Gestein, auch die Bodensch�tze einer einzelnen Person waren zu erforschen, nichts war ja bekannt, und da war er, Dr. Richard Kornitzer, eine Art von Kontinent, fremd und wei�, den eine Christoph-Kolumbus-Nacheifererin sorgsam erforschte, Zentimeter um Zentimeter, Felsvorsprung f�r Felsvorsprung, Haar um Haar in einer Art von Guerillataktik, und er geno� es, wie ihre spinnend�nnen Finger, ihre Lippen, ihre Zehen und ihre mageren, aber doch energischen Arme den bleichen, vom Sonnenstich gef�hrdeten Kontinent in Besitz nahmen. Arme, in denen sie h�ufig, wenn sie ihn traf, einen Stapel Hefte trug. (Aus denen die frische Tinte tropfte, so kam es ihm vor, frische Tinte, wie anderswo Blut aus einer frischen Schlachtung tropfte.) Prado, Louvre, das hatte sie auch irgendwie geh�rt, aber die d�nnen Finger erkundeten einen Kontinent, der rosafarben war und aufregender als alle, mit denen sie ihre Sch�ler bekannt machte: den Kontinent ihres deutschen, fremden Geliebten. Charidad war als Lehrerin eine unerm�dliche Forscherin, und es war sch�n, ihr ein Aufbaustudium im eigenen Interesse zu erm�glichen. Sie war eifrig, fand alles M�gliche �ber den fremden Kontinent heraus, kein Lernen blieb ohne R�ckhalt in der lernenden Person, und sie strahlte, protzte schier vor Wissen und Erfahrungsgewinn. Auch Richard lernte ja, er lernte, da� er nicht nur Subjekt war, sondern ein exotisches Menschentier, scheu und seltsam und wunderlich. Pa�te er sich an</p><p>1.�an die Witterung der Lust;</p><p>2.�an die �berquellende Freude;</p><p>3.�an die klimatische Umstellung der Erregung, bei der er schon aus eigener Initiative viel geleistet hatte;</p><p>4.�an den subjektiven Faktor, der zu benennen war, den Neigungswinkel, in dem die Forscherin sich dem Forschungsobjekt n�herte und die minimalinvasive Interessenkoalition zwischen dem �berlebensinteresse des Emigranten und einem einzelnen Subjekt (menschlich, weiblich, dem Gastland zugeh�rig)?</p><p>Das war ihm, seit er ein Emigrant war, noch nicht in den Sinn gekommen. Aber Charidad lie� gar keinen Zweifel daran. Alles war wichtig, wenn man es in Betracht zog, er war wichtig, weil sie ihn in Betracht zog, mehr noch: mit Wohlgefallen betrachtete und an ihre schmale Forscherbrust zog.</p><p>Wegen ihres Namens nahm Kornitzer in der ersten Zeit der Liebe an, sie wende sich ihm, dem Emigranten, aus einer Art von humanit�rer �berw�ltigung, aus Menschenliebe, aus Mildt�tigkeit, aus sprichw�rtlicher �Caritas� zu, wie Se�ora Mart�nez ihn auch in manchen Situationen nur geduldig ertrug. Aber seine Geliebte, ja, das mu�te er sich t�glich sagen, seine Geliebte! ertrug ihn nicht, duldete ihn nicht nur, ihre Liebe war Erkundung, lebendige Erd-Kunde: Furchtlos erforschte Charidad Pimienta die Erinnerung, die der kostbarste, verborgenste, im Dunkeln empfindlichste Teil war, dabei konnte die Forscherin selbst zu Schaden kommen. Sie fragte ihn nach seinem Leben in Europa, in Berlin, und er sah keinen Grund, ihr nicht zu antworten, wie es ihm angemessen erschien. Und da sie eine Forscherin im Schulformat war, schluckte sie ab und zu ein wenig, seufzte, schwieg eine Weile, aber das Wissen war besser f�r sie als jedes schonende Unwissen. Und irgendwann, also ziemlich bald in der Zeitrechnung der Liebe, fragte sie zaghaft, aber beherzt: Und wie alt ist jetzt dein Sohn, und wie alt ist dein kleines M�dchen? Nach Claires Alter fragte sie taktvollerweise nicht.</p><p>Und dann kam auch die Mathematik, die objektive Wissenschaft ins Spiel:</p><p>1.�Wie weit ist die Entfernung zwischen kontr�ren Empfindungen? Schuldgef�hl auf der einen Seite und bedingungslose N�he auf der anderen?</p><p>2.�Und wie multipliziert sich die Liebe zu einer verlorenen Frau in Berlin mit der zu einer in Havanna gewonnenen, und wie ist die Wurzel zu ziehen aus Schmerz, dividiert durch Gl�ck?</p><p>3.�Und wie w�re (gesetzt den Fall) der Zinseszins aus zehn Jahren Vermissen, multipliziert mit der Ahnung eines weiteren Vermissens?</p><p>4.�Und wo ist der Nabel der Welt zu orten, wenn die eine Ordnung das Wurzelziehen nicht kennt, die andere die Macht des Begriffes Null negiert? Erl�utern Sie die Diskussion in ganzen Zahlen oder Angleichungen an ungebrochene.</p><p>Kornitzer rechnete selbst wohl ein bi�chen, seit ihm ein Gummifingerhut anvertraut worden war und er auch f�r die �konomie der Kanzlei Santiesteban Cino arbeitete, die er nicht wirklich durchschaute, weil er das Schwarzgeld nicht einkalkulieren konnte, aber in Wirklichkeit tr�umte er, sah vielleicht in den Augen von Se�ora Mart�nez unendlich bl�de aus (bl�kend?), und er hoffte, sie und der Rechtsanwalt ahnten nicht, warum. An solchen Tagen, w�hrend er �ber fremde Disziplinen nachdachte, von denen er nichts verstand, w�nschte er sich, Charidad w�rde �ber seine Disziplin, das Recht, die Rechtsf�rmigkeit ihrer Liebe (oder den Mangel darin) nachdenken, wie er sich durch sie ungeschont und unangeleitet mit Mathematik und Geographie auseinandersetzte, aber � das dachte er auch � die exakten Wissenschaften, die sie nur kleinen kniestrumpfbewehrten Sch�lern beibrachte, waren leichter auf die Liebe zu �bertragen als das Recht. F�r Juristen �berhaupt nicht. F�r Liebende vielleicht (besser noch f�r verletzte oder ungl�cklich Liebende), wenn sie eine Entscheidung treffen mu�ten. Es gab ein Recht der Liebe, und es gab ein Unrecht der Liebe. Und beides war kaum unterscheidbar. Er jedenfalls, obwohl er ein liebender Jurist war, konnte keine Unterscheidung treffen. Und sich selbst nicht verurteilen.</p><p>Die Zeit mit Charidad verflog, verflog, sie alterte nicht, auch der Mann, der die Zeit � Jahreszeiten, Mondzeiten, Hitzezeiten, Hurrikanzeiten � erlebte als eine Gl�ckszeit, ein Himmelsgeschenk, glaubte nicht zu altern und die Geliebte nur ein klitzekleines bi�chen. Kornitzer fand, da� Charidad besser essen sollte, nur ein wenig rundlicher werden sollte, wie die anderen Kubanerinnen, und huldvoll nahm sie einen Teller <emphasis>moros y cristianos</emphasis>, schwarze Bohnen mit Reis, zu sich, den er ihr bestellt hatte, er verf�hrte sie zu einem <emphasis>crudito de pescado</emphasis>, sie a� auch Papayas gerne, leckte sich die Finger, was er mit Vergn�gen sah, und er berichtete ihr, wie Pflaumen schmecken. Es war schwer, ja fast unm�glich, den Geschmack mit Worten in der anderen Sprache zu beschreiben. Charidad h�rte aufmerksam zu, aber Kornitzer sah an ihrem Gesicht, da� sie sich das Aroma des Fruchtgeschmacks, die herbstliche S��e der Pflaumen, umschwirrt von Fruchtfliegen, nicht wirklich vorstellen konnte. Er hatte sich einfach nicht exakt (oder poetisch genug?) ausgedr�ckt, aber seine Sehnsucht nach diesen verlorenen Geschm�ckern und der tropfenden S�uernis von August�pfeln, die ganz schnell faulten und deshalb rasch verzehrt werden mu�ten, war in Havanna nicht einzusehen, alles faulte, verweste schnell. (Und vieles schmeckte zu weich und zu s��, als wollten die Kubaner ihre Z�hne schonen.) August�pfel � da� er sp�ter in Bettnang einmal so viele Namen von Apfelsorten lernen, die Pflege und Aufzucht der B�ume kennenlernen w�rde, da� die �pfel, nach denen er sich jetzt sehnte, einmal ein Gl�ck sein w�rden, w�re ihm in diesem Augenblick, w�hrend er Charidad von den �pfeln vorschw�rmte, undenkbar, unvorstellbar gewesen. Was sollte gut sein an einer sauren Frucht? Charidad war das S��e gewohnt und war selbst sehr, sehr s��. Und h�tte Richard ihr das gesagt, sie h�tte es auch nicht verstanden. Warum sollte sie s�� sein? Wenn vielleicht alles, was sie umgab, was sie kannte, s�� war? So dachte er manchmal, wenn sie sich gegen�bersa�en in ihrem kleinen Untermietzimmer und sie sorgf�ltigst einen Packen Hefte mit Mathematik-Aufgaben korrigierte, w�hrend er die Emigrantenzeitschriften mit schauerlichen Nachrichten �ber den Kriegsverlauf las.</p><p>Dann im August wurde Charidad nerv�s, a� nicht, schimpfte auf alles M�gliche. Was hast du denn? fragte ihr Geliebter f�rsorglich, er wu�te, da� er nicht das Ziel ihres Zornes war. Aber sie antwortete ausweichend, und so mu�te er doch in sich graben, ob er sie verletzt hatte. Nein, er war sich keiner Schuld bewu�t. Sie zog sich zur�ck, zuckte bei einer Ber�hrung, verschwand, wenn sie zusammen in M�ximos Hotel waren (Kornitzer war �berall gerne mit ihr, er konnte sich auch eine der hei�en H�tten am Stadtrand vorstellen, ungest�rt, ungesch�tzt, Tropentage, Tropenn�chte, in der Hitze gegerbt und ausgesetzt), �berlang in der Gemeinschaftstoilette, ja, der, in der die Kr�te lebte, bis jemand an der T�r r�ttelte. Und Charidad kam zur�ck, schimpfte auf den St�renfried, nestelte an ihrer Kleidung, packte die Hefte zusammen und wollte keineswegs �ber Nacht bleiben, wie sie es noch vor zwei, drei Wochen gerne getan hatte. Und wenn Kornitzer am anderen Tag in der Kanzlei sich von Se�ora Mart�nez im kontemplativen Pause-Machen anstecken lie� und �ber seine so nerv�se Geliebte nachdachte, wu�te er pl�tzlich mit allen Fasern seiner Erinnerung an Claire: Sie sucht ein winziges blutiges Fleckchen in ihrer W�sche, und sie findet es nicht. Das lie� ihn einerseits erstarren, aber auch klar sehen. Und zum ersten Mal holte er die sehr geehrte Lehrerin, Se�orita Pimienta, von der Schule ab, halbw�chsige Jungen starrten ihn an, steife Matronen, ein Priester, ja, er wartete auf die strenge, junge Lehrerin, das war deutlich (auf wen sonst?), und Charidad war vollkommen �berw�ltigt, ihn zu sehen. Er sprach jetzt in stotterndem, keinesfalls elegantem Spanisch von seinem Verdacht, dem Mangel eines winzigsten Blutfleckchens, das durch einen gro�en Teich von Gl�ck ausgeglichen werde, durch den sie doch gemeinsam schwammen, er strahlte sie an. Er hoffte, da� sie �ja� sagte, aber sie sah mausig aus, bi� sich auf die Lippen und sagte gar nichts. Und dann lie� sie sich verleugnen bei ihrer Zimmerwirtin, einer verwitweten Dame, die die hochtrabende Nase gerne in alles M�gliche steckte, und Kornitzer mu�te sich mit Geduld wappnen. In der Kanzlei �berwachte er Termine, Termine, Mahnungen, Fristverletzungen, Einspruchsfristen, die Kontof�hrung, und nun rechnete er in einem weiblichen Kalender, den zu f�hren ihm nicht gestattet worden war.</p><p>Dann kam Charidad doch wieder in M�ximos Hotel, ohne Verabredung, Hans Fittko hatte sie gesehen, �deine Geliebte hat nach dir gefragt�, und Richard flog, flog, flog, und als er sie fand, hatte er das Empfinden, ein flatterndes verlorenes V�gelchen in den Armen zu haben, mit einem zitternden, verschwitzten Federkleid. Ja, es war wahr, sie war schwanger und in keiner Weise darauf vorbereitet. Und die unb�ndige Freude, die ihn bei Claires Schwangerschaften erfa�t hatte, eine Freude, die in die Zukunft gerichtet war, verflog auch, als er Charidad ansah, verheult, kl�glich, mit angezogenen Beinen auf einem Stuhl balancierend, die Arme, die sich in seiner Erinnerung nahezu immer um ihn schlangen, nun eng um die eigenen Knie gepre�t. Was soll denn werden? Und Kornitzer, der es als ein Geschenk empfunden hatte, da� er ihr von seiner Ehe, seinen Kindern erz�hlen durfte, da� sie ihm erlaubt hatte, von sich zu erz�hlen, kam sich jetzt wie ein Aufschneider vor, der ihr gemeinsames zuk�nftiges Leben mit stumpfer Schere abschnitt. Das fr�here Gl�ck, die fr�here Bindung erm�glichte keine entsprechende neue. Es gab keinen Kontakt nach Deutschland, er war verheiratet, blieb es, er liebte Claire, als er sie lieben konnte (in der Anwesenheit), und er liebte Charidad jetzt und weiter, so kl�glich, zierlich, schutzbefohlen wie sie war, und was er als die karamellbonbonfarbene Haut kennengelernt hatte und die Empfindungen darunter, schmolz, auch etwas in ihm wurde fl�ssig und gleichzeitig unbeweglich. Er war ein Gefangener, indem er in ein freies Land gekommen war und sich wieder band. Und so sa�en sie viele Abende und N�chte, Charidad immer mit angezogenen nackten Beinen, umschlungen von ihren Armen, sie duldete es, da� Richard sie, ihren R�cken, das oberste Wirbelkn�chelchen umfa�te, aber sie war in unfa�barer Traurigkeit befangen, h�rte ihn manchmal kaum, wenn er beg�tigend auf sie einsprach. Oder war sein Spanisch pl�tzlich in der Angst, Charidad und das gemeinsame Kind zu verlieren, so unsicher? Was er ihr jetzt gewi� nicht zumuten konnte, war seine Traurigkeit, zwei Kinder in England verloren zu haben. Dieses neue, ungeborene Kind war kein Ersatz f�r Georg und Selma, aber der Richter, der ein auf unsicherem Gebiet herumrudernder Rechtskonsulent geworden war, k�mpfte f�r das Kind, die Frucht im K�rper der mageren Lehrerin, die immer noch schwer, nun vielleicht schon schwerer, an den Packen der Sch�lerhefte trug.</p><p>Einmal platzte es Charidad heraus: Wei�t du, ich bin keine S�ngerin, ich bin keine Schauspielerin, von einer Leinwand herabgestiegen, die f�r jede Sensation gut ist. Ich stehe t�glich vor kleinen Jungen, sie dampfen, sie schwitzen, und sie denken auch. Und sehe ihren Direktor, und er sieht mich auch. Eine schwangere Lehrerin, eine Lehrerin mit einem unehelichen Kind gibt es nicht. Nicht in der Republik Kuba, und das klang auch selbstgewi�. Sie richtete sich auf. Auch Kornitzer, dessen R�dchen im Kopf ratterten, �berlegte, ob er jemals von einer schwangeren Lehrerin in Berlin geh�rt hatte, einer Lehrerin mit einem unehelichen Kind, das hatte er nicht. Und indem er schwieg, sagte er doch sehr viel �ber das Land, aus dem er gefl�chtet war. Es war keines, das einem Paar wie Charidad und ihm freundlich gesonnen gewesen w�re, das hatte sie auch ohne geographische Nachschlagewerke schnell verstanden. Die bemitleidenswerten Frauen in Deutschland hatten wohl �hnlich vorsorglich, nachsorglich gehandelt, wie Charidad es nun tun mu�te, aber was hatten die entsprechenden V�ter in Berlin, in die Kornitzer sich nun in Havanna in seiner eigenen prek�ren Situation hineindenken, hineinf�hlen konnte, gedacht? Waren sie �berhaupt zum Denken aufgefordert? Taten sie es freiwillig oder nur gezwungen von ihren Geliebten, die sich vielleicht schon durch diese Unsicherheit verst�rt f�hlten, fl�chtig wie Wild, und sich l�ngst abgewandt hatten von diesen unsicheren Kandidaten, die ihnen keine Hilfe waren? Nein, ein solcher wollte Kornitzer nicht sein. Er liebte Charidad, und sie �r�hrte� ihn gleichzeitig, und da� er sie und sich in einen unl�sbaren Konflikt gebracht hatte, schmerzte.</p><p>Und dann traf er sie wieder, fand sie so unendlich zart und tapfer zugleich, wie sie schluchzte, kaum nachdem sie zehn S�tze miteinander gesprochen hatten, sie schneuzte sich, nicht in �das Taschentuch�, das ja schon historisch war, sondern in irgendeines, das sich gerade fand. Kornitzer probierte mit ihr W�rter aus, die wie �Engelmacherin� klangen, er fragte auch Lisa, auch Emma Kann, ob ihnen ein solcher Begriff und die entsprechende praktische T�tigkeit zu Ohren gekommen waren, aber beide wu�ten nicht, was er wissen wollte (oder lie�en sie ihn auflaufen?), und Charidad, der er auch die symbolische Bedeutung des Begriffs klarmachen wollte, sprach pl�tzlich etwas wirr von der Jungfrau Maria und Engeln, Erzengeln, symbolischen Helfern, die vielleicht eine schwierige Schwangerschaft begleiteten. Kurzum: Unter der kurzhaarigen, n�chternen und leidenschaftlichen Gegenw�rtigkeit der Lehrerin gab es einen Untergrund von Gl�ubigkeit, Formelhaftigkeit, den sie vielleicht gerade jetzt aktiviert hatte, im R�cken des hilflosen Vaters ihres Kindes. Oder: der sich selbstt�tig in ihrer Notsituation aufrichtete. Dann wischte sie in ihrem Gesicht herum und sagte: Richard, es wird eine Zeit geben, in der all das, was jetzt unm�glich ist, keine Rolle mehr spielen wird.</p><p>Dem hatte er nichts hinzuzuf�gen, und er war froh, da� Charidad nicht das Vage ihrer Situation beleuchtete, sondern historisch in eine Ferne hinein sprach, in der das Kind zu seinem Recht kam, und seine Eltern auch. Ihre Rede war etwas verhaspelt, nicht glanzvoll, nicht prophetisch. Es war eine tapfere Kleine-Lehrerin-Rede, die sich gewaschen hatte und in der hei�en Luft stehenblieb.</p><p>Aber w�hrend sie heulte und w�hrend sie sich weite Hemden von Richard auslieh, in denen sie entz�ckend und komisch zugleich aussah, war sie nicht unt�tig. Sie schrieb Briefe, machte Tagesreisen zu Kl�stern, Heimen und Krankenh�usern, und dann stellte sie ihn vor vollendete Tatsachen: Sie w�rde, wenn es �soweit war�, in den bergigen Osten der Insel fahren, in die N�he der Kleinstadt, aus der sie stammte, dort gab es einen Ort, ein Haus, ein Krankenhaus, eine s�uberliche Nonnenstation, in der sie das Kind zur Welt bringen wollte. Und in der N�he hatte sie eine gro�e Familie, die, �wenn etwas passierte�, ihr unter die Arme greifen w�rde, darunter eine Kusine, die schon drei Kinder hatte, mit der hatte sie gesprochen, und sie war mit ihr einig geworden. Wo drei sind, sagte sie mit dem vern�nftigsten Augenaufschlag der Welt, ist schnell ein viertes da. Der Mann ihrer Kusine reiste viel auf Montage, und wenn er nicht reiste, schlief er viel. Mit anderen Worten: Er konnte etwas �bersehen und war im �bersehen erfahren. Dar�ber hatten die beiden Frauen, die sich ja schon als kleine M�dchen gekannt hatten, herzlich gelacht. Charidad kam nicht gerade strahlend von der kleinen Reise zur�ck und lobte ihre Kusine �ber alle Ma�en. Sie hatte ihr bedeutet: Bring doch dein Kindchen her, meine Kinder freuen sich �ber ein Geschwisterchen. Und mein Mann ist immer r�cksichtsvoll und nett (haha), wenn ein Kleines im Haus ist. Und wenn die Umst�nde (deine Umst�nde) anders sind, nimmst du es wieder zu dir, und meine Kinder und ich hatten Freude mit dem Kleinen. Und dann kann man immer noch eine Erkl�rung finden; man kann nicht alles vorausplanen. H�r auf zu heulen, das hatte ihr die Kusine auch auf den Weg mitgegeben, und das hatte Charidad beeindruckt: Du hast studiert, du hast eine feine Stelle, und wie klug du wirkst, oh nein, wie klug du bist, und nun wirst du auch noch ein Kind haben, und einen Geliebten hast du auch. Ja, was denn noch? Und alles soll zusammen passen? Sieh mich an, sieh mich an, und sie schwenkte ihre breit gewordenen H�ften, von ihrem Mann, �ber den sie kein b�ses Wort gesagt hatte, sagte sie auch weiter gar nichts.</p><p>Die Kinderliebe, Z�rtlichkeit, die die beiden, seit sie F�nf- oder Achtj�hrige waren, verband und die nie in Frage gestellt worden war, bew�hrte sich. Das Komplott war geschmiedet, oder sollte es Solidarit�t genannt werden? Und wo war der schmale Unterschied zwischen einem Betrug (Unterschiebung) und Hilfeleistung in einem Notfall? Der Richter, der ein minderer Rechtskonsulent geworden war, war nicht gefragt. Und Charidad war wirklich getr�stet und beruhigt nach Havanna zur�ckgekommen. Von ihren Eltern sprach sie nicht, von anderen Verwandten auch nicht, aber von dieser Kusine, die ein Rettungsanker war. Was sollte Kornitzer gegen diesen Plan sagen? Alle Einw�rfe gingen ins Leere, wie Steinchen, flach geworfen, zwei-, dreimal auf einer Wasserfl�che auftupfen und dann auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe versinken. Und als Kornitzer Charidad bat, ein wenig sp�ter gemeinsam in ihre Heimatstadt zu reisen, auch er wollte diese gro�z�gige, breith�ftige Kusine gerne kennenlernen und ihr danken, danken, winkte Charidad nur ab: Aber Richard, das genau w�rde doch Verdacht erregen, den ich zu erregen vermeiden mu�. Ein gro� gewachsener Mann, ein Emigrant, kommt mit der kleinen studierten Kusine, die jahrelang nicht im St�dtchen war, weil sie Besseres in der Gro�stadt zu tun hatte, und nun zweimal kurz nacheinander. Ja, warum wohl? Das ist kontraproduktiv, sagte sie streng. Kornitzer freute es einerseits, da� es ihr besser ging, aber er war verletzt. Und traurig, ein drittes Mal Vater zu werden, nachdem er zwei Kinder verloren hatte, und gerade dieses Kind schon vor der Geburt verloren geben zu m�ssen. Und w�hrend Charidad beruhigter war und wieder gerne unterrichtete � dick und tr�ge wurde sie eigentlich nicht �, so viel war zu tun, verlor er sich in einer K�mmernis, die er ihr kaum zeigen konnte, aber ihn auch bitter machte gegen sie. Er wu�te ja, da� sie unendlich mehr litt. Charidad regelte die Unterbringung des Kindes, sie regelte, da� sie mit einem Sonderurlaub, mit Gott wei� welchem Attest (auch mit welcher Bestechung? ihn schauderte) die Schule verlie� und danach wieder ihre Klasse �bernahm, aber er kam sich unsagbar nutzlos vor, entfremdet, die Kinder in England, seine freudige Erinnerung an Claires Schwangerschaften fern (die M�hsal hatte er vielleicht �bersehen oder verkl�rt), ja wirklich der �Frucht seines Leibes� entfremdet.</p><p>Und dann, an einem festgesetzten Termin, reiste Charidad mit wenig Gep�ck in die kleine Stadt im Osten der Insel, Guant�namo war nicht weit, Santiago war nicht weit, er brachte sie zur <emphasis>Estaci�n Central</emphasis>. Es war ein w�rdiges Geb�ude aus dem Jahr 1912, zwei luftige T�rme, wie Schinkel oder Persius sie auch in Berlin h�tten bauen k�nnen, zwischen ihnen der breit gelagerte Bau, im Giebel eine gro�e Uhr. Die Vorhalle war durch zwei Galerien gegliedert, dahinter eine weite und gleichzeitig flache Haupthalle, in der unz�hlige St�hle und B�nke standen. Ein Sockel von wassergr�nen Fliesen, dar�ber ein Fries von eierschalenfarbenen und blauen Fliesen, ein Terrazzoboden, �ber den schon unz�hlige F��e geschlurft, auf denen unz�hlige Abschiede zelebriert worden waren. Die Passagiere waren das Warten gewohnt. Zur westlichen Seite war die Halle offen, damit frischer Wind hineinstr�men konnte. Es war ein Kopfbahnhof, die Gleise waren durch eine Absperrung von der Halle getrennt, dahinter stand der Schaffner und pr�fte die Fahrkarten. Der Begleiter durfte bei der Verabschiedung die zu Verabschiedende nicht bis zur Wagent�r geleiten. Pl�tzlich war er allein, und sie verschwand zwischen den Reisenden.</p><p>Kornitzer hatte Charidad am Vorabend gesagt: Bitte, ich kann nicht sehr viel tun f�r unser Kind in der n�chsten Zeit, du hast es mir klargemacht, ich st�re nur mit meiner Fremdheit, ich errege Ansto�. Aber um etwas m�chte ich dich bitten. Wenn es ein M�dchen ist, gib ihm den Namen Amanda, und wenn sie ein bi�chen gr��er ist, erkl�re ihr, warum sie Amanda hei�t. Ich m�chte sie so gerne liebhaben und bei uns haben, aber du hast gekl�rt, warum es nicht geht. Und bitte erkl�re es auch deiner Kusine und gr��e sie unbekannterweise von mir. Wenn das Kindchen ein Junge wird, entscheide, wie du willst. Wenn du den Namen Ricardo w�hlst, freue ich mich. Seine Rede hatte er sich in der Rechtsanwaltskanzlei, die Wand anstarrend, sch�n zusammengereimt, und er schnurrte sie herunter, vielleicht zu vern�nftig, vielleicht h�tte er Charidad einfach umarmen m�ssen, so leidenschaftlich, da� sie dablieb. Aber das war ein M�rchen, eine Szene aus einem schlechten Roman.</p><p>Und nach der Trennung am Bahnhof, an die er sich sp�ter kaum erinnerte (im Gegensatz zu der Trennung in Berlin, was ihn besch�mte), wu�te er: Alles Tun ist vergebens, ich bin eine Nebenrolle in einem Drama. Es folgten dumpfe Tage, Stumpfsinn, D�sternis, Warten, Warten. Und dann bekam er Post, er hatte lange keine Post mehr in Havanna bekommen, von wem auch? ja, es ging Charidad gut (sie behauptete es jedenfalls) und dem Kind auch. Es war ein M�dchen, und sie hatte es wirklich Amanda genannt. Wie die standesamtliche Eintragung lautete, Amanda Pimienta oder nach dem Ehenamen der Kusine � sein juristisch geschultes Gehirn mu�te Pause machen �, schrieb sie nicht. Sie war keine gute Briefschreiberin. F�r die junge Mutter waren Fakten vielleicht auch nebens�chlich, aber f�r den Juristen nicht. Und w�hrend er in der Anwaltskanzlei einen hei�en Nachmittag vertr�delte, Se�ora Mart�nez war schon fr�her gegangen, weil sie Kopfschmerzen hatte, legte er, wie es seine Art war, eine Akte an: Amanda Pimienta, dann eine zweite: Amanda Kornitzer Pimienta, dann noch eine Mappe, wie bei F�llen, wenn noch nicht gekl�rt war, ob die Kanzlei Santiesteban Cino das Mandat �bern�hme: Amanda?? Kornitzer hatte sich kundig gemacht: In Kuba erhielt ein eheliches Kind den ersten Namen des Vaters und den ersten Namen der Mutter, so blieb der Name der Mutter eine Generation erhalten. Aber wie war es bei einer unehelichen Geburt? Das Kind erhielt den Namen der Mutter und, wenn der Vater es anerkannte, auch den Namen des Vaters.</p><p>Und dann ging er zur�ck in M�ximos Hotel, setzte sich in den Hof, wo schon ein paar Emigranten sa�en und offenbar sehr vergn�gt waren, in Feierstimmung, auch eine Flasche Rum war auf dem Tisch, den die disziplinierten politischen Emigranten sonst nicht tranken. Jemand, sp�ter dachte er, es mu� Goldenberg gewesen sein, sagte, als er kam: Stalingrad ist gefallen. Nun geht es abw�rts, das ist der Anfang des Kriegsendes. Lisa hatte herausgefunden, da� � obwohl alle Br�cken in das feindliche Ausland abgebrochen waren � in Todesf�llen oder bei einer Geburt das Rote Kreuz Telegramme mit R�ckantwort nach Europa vermittelte. Das kam nat�rlich nicht in Frage. Im Gegenteil: Lisas unschuldige Erkenntnis war Kornitzer an diesem Tag vollkommen zuwider.</p><p>Charidad kam nach Havanna zur�ck, sie war ernst und gesammelt, ihr Haar hatte sie wachsen lassen, so da� jetzt der Nacken bedeckt war. Als Kornitzer nach Amanda fragte � wie sie aussehe, wie sie trinke, ob sie ihr gliche, l�chelnd fragte er, mit leiser Stimme, all das sprudelte aus ihm hervor �, war Charidad einsilbig, als wolle sie sich, notgedrungen, nicht allzu sehr an das Kind binden, als wolle sie sich nicht wirklich daran erinnern, was sie erlebt (durchgemacht?) hatte. Oder wollte sie ihn nicht daran teilnehmen lassen? Als er nachfragte, ob sie ihrer Kusine erz�hlt hatte, warum sie die Kleine Amanda nennen wollte, nickte sie, doch ja, das habe sie gesagt: Es sei sein Wunsch. Und als Kornitzer dann endlich fragte, was er f�r sein kleines M�dchen tun k�nne, antwortete sie: Nichts, nichts, Richard, du hast ihr deine helle Haut gegeben und ein bi�chen Europa, das gen�gt. Und dabei hatte sie ein Glimmern in den Augen. Kornitzer meinte keinesfalls, da� es gen�ge, aber er konnte nichts erzwingen. Charidad st�rzte sich wieder mit Feuereifer in die Arbeit, ihre Sch�ler hatten viel verlernt in ihrer Abwesenheit, w�hrend ihrer undefinierten Krankheit, �ber die niemand sprach, behauptete sie selbstbewu�t. Sie ging �in ihrer Arbeit auf�, wie man so sagt, wenn etwas anderes nicht mehr so gut geht, kam seltener in M�ximos Hotel, entfernte sich, entfernte sich auf leisen Sohlen, schneckenleise, langsam, zuerst merkte Kornitzer es kaum. Erst als er sie wirklich verloren hatte. Und sie hatte ihre Leichtigkeit verloren. Auch das war ein Vers�umnis.</p><p>Nach f�nf Jahren im Land bekamen die Fl�chtlinge das Angebot, die kubanische Staatsb�rgerschaft anzunehmen. Das mu�te sorgsam �berlegt werden. Einen Pa� zu haben, war eine gute Sache. Er gab Sicherheit. Aber k�me man mit einem kubanischen Pa� zur�ck nach Deutschland? Wie w�rde man angesehen? Oder k�nnte Claire, wenn er sie wiederf�nde, als deutsche Staatsb�rgerin, als eine Angeh�rige der Feindesmacht nach dem Krieg nach Kuba kommen? Unter welchen Entbehrungen f�r sie, f�r ihn, einen kubanischen Staatsb�rger mit Verpflichtungen? Auch Lisa und Hans Fittko diskutieren, und schlie�lich schwingt sich Hans zu einer wohlgesetzten Rede auf: Ein Pa� ist ein St�ck, das mir Protektion gibt, die das deutsche Volk nicht hat. Wir Antifaschisten k�nnen in der zuk�nftigen Entwicklung Deutschlands nur eine Rolle spielen als Deutsche unter Deutschen. Nicht mit dem Pa� der Siegerm�chte. (Da� sp�ter Emigranten nicht nur mit einem Pa� der Siegerm�chte, sondern auch in einer Uniform der Siegerm�chte nach Deutschland zur�ckkehrten und Einflu� nahmen, h�tte ihm nicht gefallen. Da ber�hrte sich seine Ehrpusseligkeit auf merkw�rdige Weise mit den �ngsten und Hysterien im darniederliegenden Deutschland.)</p><p>Hans Fittkos Rede sa�, sie �berzeugte, keiner der Freunde im M�ximos Hotel nahm die kubanische Staatsb�rgerschaft an, das Offene, die Unsicherheit war ihnen zur zweiten Haut geworden. Am 30. Juni 1944 berichtete der �Aufbau� grundseri�s �ber Kuba � <emphasis>nach der Wahl</emphasis>. Hatte Lamm oder Goldenberg den Artikel geschrieben oder in New York lanciert? So sah es aus. <emphasis>Reaktion�re Bestrebungen und fremdenfeindliche Propaganda</emphasis> seien im Wahlkampf bemerkt worden. <emphasis>Um so erfreulicher ist das Bekenntnis der neuen Regierung zur Demokratie auf allen Gebieten, einschl. dem der Einwanderung</emphasis>. Der F�hrer der Cubanischen Revolution�ren Partei (Aut�nticos), Senator Dr. Eduardo R. Chib�s, habe nach der Wahl der Presse eine �ffentliche Erkl�rung abgegeben unter dem Stichwort <emphasis>Kein Hass, keine Animosit�t gegen irgendjemand</emphasis>. Das habe sich wohl zu liberal, zu leise angeh�rt, man mu�te wachsam sein, das las man zwischen den Zeilen. Aber dann hie� es weiter: <emphasis>Einleitend wird die Gleichberechtigung der cubanischen Frauen, die sich im Wahlergebnis in der Richtung einer demokratischen Entwicklung ausgezeichnet bew�hrt hat, als Prinzip der f�hrenden Partei noch einmal best�tigt. Dann betont Chib�s den Willen der Regierung, das freie Koalitionsrecht der Arbeiter zu sch�tzen. Zur Ausl�nderfrage erkl�rte er w�rtlich: Ausl�nder, die sich unseren Gesetzen unterwerfen, haben von der Aut�ntico-Partei nichts zu f�rchten. Weit davon entfernt, sie in der kommenden Konjunkturperiode von ihren gegenw�rtigen Arbeitspl�tzen zu entfernen, werden wir gezwungen sein, Arbeiter aus allen Teilen der Welt in unser Land kommen zu lassen</emphasis>. Das klang gro�sprecherisch, einer ungewissen Konjunktur entgegentr�umend. Aber der nachfolgende Satz war Musik in den Ohren der europ�ischen Emigranten, und sie wiegten sich in diesem ungewohnten Takt: <emphasis>Die ungerechte Ausbeutung, deren Opfer europ�ische politische Fl�chtlinge geworden sind, wird mit der Wurzel ausgerottet werden</emphasis>. Das klang so gut, da� man es nicht wirklich f�r wahr halten konnte. Ja, Chib�s war ein begnadeter Redner, und er hatte im Wahlkampf in einer w�chentlichen Radiosendung die Korruption des Landes angegriffen. Ja, Kuba war gro� darin, allen alles zu versprechen. Man mu�te abwarten. Aber die sch�nen Worte waren nun einmal in der Welt, und da schwirrten sie herum.</p><p>Als dann der Krieg zu Ende war, als die Emigranten Bilder aus Deutschland in den Wochenschauen sahen, gab es einen Zweifel, ob die Entscheidung, nach Deutschland zur�ckzukehren, richtig sei. Bilder zu betrachten hie� schaudern und verzweifeln. Nach den Zur�ckgebliebenen fragen. Doch, Hans, der die Initiative ergriffen hatte, wollte unbedingt nach Deutschland zur�ck, auch Richard Kornitzer, auch Fritz Lamm (z�gernd, sich Argumenten nicht verschlie�end), nur Boris Goldenberg hatte sich anders entschieden: Eine demokratische Gesellschaft wieder aufzubauen in Deutschland war das eine, eine schmierige, schwierige, verwirrte semi-demokratische Gesellschaft wie die kubanische zu einer sozialistischen zu transformieren, war das andere, das vielleicht Lohnendere, Zukunftsweisende, meinte er. Wo waren die deutschen Sozialisten? fragte er rhetorisch. Geschlagen, gedem�tigt, als Jammergestalten aus den Lagern gekommen, unter Halbtoten hervorgekrochen, das wollte Goldenberg nicht sehen, sein Mitleid war aufgebraucht, er wollte vorw�rts blicken. Fritz Lamm hatte es inzwischen geschafft, mit den Stockholmer Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterpartei, darunter Willy Brandt und August Enderle, Kontakt aufzunehmen, und nahm Anteil an ihrer Diskussion �ber das k�nftige Verh�ltnis zur Sozialdemokratie. Kornitzer, der sich eine parteiliche Bindung f�r seine Person nicht vorstellen konnte � war ein Richter nicht per se oder im Idealfall unparteiisch?�� , hatte wenig Verst�ndnis f�r diese heftigen Auseinandersetzungen, diese St�rme im Wasserglas. <emphasis>Wie einen Schlag vor den geistigen Kopf</emphasis> empfand Fritz Lamm, da� dem vormaligen KP-Opportunismus nun ein SPD-Opportunismus entgegenstand. Ein Ort dazwischen war in der Nachkriegsgesellschaft nicht vorgesehen. Auch die Dokumente, die er studierte, zeigten ihm, da� <emphasis>die Genossen aufgeh�rt hatten, �berhaupt sozialistische Revolution�re zu sein</emphasis>. Dar�ber war er entt�uscht, aber es gab keinen Ort, diese Entt�uschung abzuladen. Er h�tte dies gerne mit Hans Fittko diskutiert.</p><p>Aber Hans Fittko wurde sehr krank, besorgniserregend krank, er hatte das Bewu�tsein verloren, L�hmungen traten auf, er hatte ein Aneurysma im Hirn und mu�te vieles neu lernen, Bewegungen, W�rter, nicht einmal das Wort �Deutschland� sagte ihm etwas. Selbst Erinnerungen fehlten ihm und kamen nur langsam wieder. Es war unverantwortlich, das sagte seine Frau Lisa, mit dem kranken Mann in ein Tr�mmerland zu reisen, in dem es an allem mangelte. Also reisten sie ganz gegen ihre �berzeugung in die USA, nach Chicago, wo sich Freunde und Verwandte gefunden hatten, gl�cklicherweise. Inzwischen hatten sie geheiratet, und Richard freute sich an ihrem vern�nftig installierten Gl�ck. Eigentlich heirateten sie zum zweiten Mal, sie hatten sich schon einmal in Prag das Jawort gegeben, aber es fehlten Papiere, die sie h�tten nachreichen m�ssen, das gelang nicht. Und dann mu�ten sie die Tschechoslowakei verlassen, und in Frankreich war es vollkommen gleichg�ltig, ob sie legal verbunden waren; sie waren ein Paar. Auch Emma Kann � die Spur ihres Mannes hatte sich in einem Lager, weit weg von Theresienstadt, verloren � entschied sich f�r die USA. Ihr ausgezeichnetes Englisch gab den Ausschlag, und sie probierte sich schon in englischsprachigen Gedichten.</p><p>Und so stob die kleine Gemeinschaft auseinander, der <emphasis>Joint</emphasis> verschickte Listen, man trug sich ein, fieberhaft wurden Angeh�rige gesucht. Das Hotel leerte sich Monat f�r Monat mehr, M�ximo schwankte zwischen Gl�ckw�nschen, Verabschiedungsreden und H�nderingen, neue G�ste zogen ein, die alten wurden einsamer, einsilbiger, oder sie sprachen schon von fr�her, und dann verabschiedete sich Richard auch von den letzten Freunden und suchte noch einmal Charidad auf, um danke zu sagen, danke f�r alles, das war etwas weitl�ufig und sehr ungenau, aber mehr war auch nicht zu sagen, und ein konventionelles �Auf Wiedersehen� war nicht zu erwarten. Sie gab ihm eine Photographie von Amanda, die keck in die Kamera l�chelte, auf strammen Beinchen, an der Hand einer erwachsenen Person, die abgeschnitten war auf der Photographie. Kornitzer hoffte, wann immer er das Bild ansah, es sei Charidads Hand. Und er wollte instinktiv die andere Hand des kleinen M�dchens in seine nehmen, in das Bild handelnd eingreifen, so da� in seiner Phantasie doch noch eine Art von Familienphoto entstand.</p><p>Chib�s, auf den sich viele Hoffnungen gerichtete hatten, f�hrte 1947 den Bruch mit seiner Partei herbei und gr�ndete die Orthodoxe Partei (Ortodoxos). 1951, kurz vor Beginn des neuen Wahlkampfes, unternahm er am Ende einer Rundfunk-Sendung einen �ffentlichen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er starb. Das registrierte niemand mehr von den deutschen Emigranten. Und Goldenberg, der geblieben war voller Hoffnungen, mu�te es mitteilen in die USA und nach Europa, eine unangenehme, eine traurige Pflicht. Batista sprang wieder in die Bresche, um das System der Korruption, des Schlendrians zu erneuern.</p><p>So war Kuba in Wirklichkeit eine Inkubationszeit gewesen, aber f�r was? F�r den Zweifel, f�r die Sehnsucht, f�r das �berbordende, das sp�ter eingefangen werden mu�te wie ein wildes Pferd. Nein, es war sehr, sehr schwer, �ber Kuba zu sprechen und weder zu weinen oder ins Schw�rmen zu geraten, aber auch nicht in ein ma�loses Geschimpfe. Und so versank Kuba, diese lebhafte, laute, von Musik getr�nkte Insel, vollkommen im Schweigen, das war sehr ungerecht, aber auch gerechtfertigt. Und wie sollte man sich selbst, infiziert, karamellisiert von der S��e der Erfahrung, rechtfertigen? Es gab keine Gewi�heit, nur ein Tasten, ein Gehen und Geg�ngeltwerden von Tag zu Tag, und die Tage l�ngten sich und versengten in der Hitze, und der K�rper, durch den die Tage gingen und wiederkamen, versank in einer Passivit�t, die wohltuend und gleichzeitig ern�chternd war. Mehr war dazu nicht zu sagen, es sei denn, man w�re p�pstlicher als der Papst.</p><p>Charidad war das nicht, und die Mitbewohner in M�ximos Hotel, die manches sahen und �bersahen und selbst nicht immer gesehen werden wollten, oder man sah ihr H�ufchen Ungl�ck wie unter einer Lupe, waren das auch nicht gewesen. Und Charidads Kusine (oder die ganze Familie, das wu�te Kornitzer nicht) deckte einen Mantel des Schweigens �ber manches, was nicht im Hellen aufkeimen sollte, schlo� sich wie eine Membran �ber der Wunde, daf�r mu�te er dankbar sein, obwohl er eigentlich revoltierte, aber die Frau, ja, sie war eine Frau geworden durch die leidvolle Erfahrung, legte ihm eine Hand auf den Arm, die H�rchen richteten sich auf wie beim ersten Mal, als sie ihn ber�hrt hatte. Bei diesem letzten Besuch beruhigte sie ihn, ja, das hatte Claire auch h�ufig getan, und so verschieden die protestantische Preu�in von der Kubanerin war, deren Leben er so grunds�tzlich durcheinandergewirbelt hatte, darin waren sie sich auf seltsame Weise �hnlich: sie z�hmten ihn, sie wiesen ihn in eine Ordnung, der der Jurist (auch der Mann) schwer widersprechen konnte. Nein, Claire h�tte keine Revision geduldet, und Charidad wu�te nicht einmal genau, was das war. Gegen die Liebe gab es keine Rechtsmittel einzulegen, zumal wenn die Liebe vielleicht ohnehin ein Unrechtsmittel war, ein Mittel, N�he herzustellen, Vertrauen, aber keinen Rechtszustand. Das hatten die Beteiligten gewu�t und akzeptiert. Sie gezwungenerma�en und er sorgenvoll, schuldbewu�t, gl�cklich zuerst und sehr ungl�cklich danach.</p></section><section><title><p>Krater und Schneisen</p></title><p>Kornitzer dachte h�ufig noch an Kuba, besonders wenn es laut war im Landgericht. Pl�tzlich war dann die Erinnerung an eine Mulattin im Haus gegen�ber in Havanna ganz nah. Mit einer majest�tischen Ruhe thronte sie am offenen Bogenfenster des Mezzaningeschosses, �ber ihrem Kopf, genau in der Mitte, ragte eine senkrecht angebrachte Neonr�hre auf. Und es kam Kornitzer manchmal so vor, als r�hre sie sich nicht, um diese sch�ne Symmetrie nicht zu st�ren. Unter ihr in der Gasse tobten Kinder. Er dachte auch an eine Alte, die im Schutze der Dunkelheit auf der Schwelle des Hauses sa�, es sich bequem machte und ungeniert ihr Holzbein abschraubte. Sie legte es neben sich. �berhaupt gab es viele Beinamputierte in Havanna, das fette und zu s��e Essen machte zuckerkrank, und es fehlte an einer geeigneten Behandlung. Gem�se war rar und wurde, wenn es welches gab, mit Mi�mut und Verachtung angesehen � wie ein Zwangsvitaminsto�. Er dachte an die streunenden gutartigen H�ndinnen, die alle Milch in den Zitzen hatten. Aber wo waren ihre Welpen? Hatten sie sie gut versteckt oder hatte man sie ihnen weggenommen, damit es nicht noch mehr streunende Hunde g�be? Er dachte an den Besenh�ndler, der sechs, sieben Besen �ber der Schulter trug und dazu noch Scheuermittel in einem Sack und lauthals zu singen anfing. Und er dachte an die Menschenaufl�ufe in den Gassen, die Prozessionen mit Trommelwirbeln und Rasseln, ohrenbet�ubendem L�rm, so da� Kornitzer immer zuerst eine Demonstration vermutete, aber in der Mitte des Menschenpulks gingen die Musiker, und rundherum bewegten sich Leute im Tanzschritt. Niemand konnte ihm sagen warum, es war eine Demonstration der Lebensfreude, die die sorgenvollen Europ�er einfach nicht begriffen. In Kuba war es fast immer laut gewesen.</p><p>Er dachte daran, wenn �ber den neugebauten, glasverkleideten Br�ckensteg zwischen Landgericht und Gef�ngnis auf der H�he des ersten Stockes Untersuchungsh�ftlinge gef�hrt wurden und diese mit der Vorf�hrung in keiner Weise einverstanden waren, denn sie waren in ihren eigenen Augen alle unschuldig, protestierten, randalierten, und der Wachtmeister, der die qualvolle Aufgabe hatte, sie vorzuf�hren, war in Wirklichkeit (also in ihren Augen) ein Verbrecher, der ihre Menschenw�rde aufs Tiefste verletzte, und der Haftrichter, der die Vorf�hrung angeordnet hatte, vielleicht nur zur Revision, sowieso. Kornitzer war manchmal so irritiert �ber das Gebr�ll, den Aufschrei einer Menschenseele, der aus der Kehle geschwappt war, vergurgelte und keinen geordneten Weg nach drau�en fand, da� er gr�belte und sich zu erinnern suchte: Immer wenn er in Havanna Rechtsanwalt Santiesteban Cino in ein Gef�ngnis begleitete � und das war gar nicht oft, denn dem Rechtsanwalt war es lieb, wenn Kornitzer in seiner Abwesenheit die Kanzlei h�tete und eine menschliche W�rdeform abgab �, schien der Gefangene vollkommen devot, er schien sich in sein Schicksal ergeben zu haben. (War der kubanische H�ftling einfach nicht in der Lage gewesen, sich mittels ein paar Scheinchen aus dem Desaster zu befreien? Oder war er nur deshalb im Gef�ngnis gelandet, weil er den Anschein erweckte, er k�nne nicht zahlen, was sich w�hrend der fortdauernden Haft dann auch bewahrheitete? Es war wie eine Hitzewallung, wenn Kornitzer an Kuba dachte.)</p><p>Die Mainzer Untersuchungsgefangenen, die ihn besonders an hei�en Sommertagen, an denen die Fenster offenstanden, mit ihrem Geschrei qu�lten, schienen vollkommen sicher zu sein, da� sie zu Unrecht inhaftiert seien. Und da� nur ihr entschiedener, lautstarker verbaler Protest, auch ihr abendliches H�mmern und Pochen mit dem Besteck auf dem Gitter des Fensters, das die Beamten sofort unterbanden, sie aus der Erniedrigung befreien konnte. Aber wenn Kornitzer wieder ans Fenster trat, sah er auch Szenen, wie er sie am Landgericht in Berlin und auch in Havanna nie gesehen hatte: Frauen, die Kinder an der Hand hielten, zogen vor den Fenstern der Gef�ngniszellen auf, schrien den Namen eines Gefangenen. Die Kinder jammerten: Papaaa, Papaaa, ein Fensterchen �ffnete sich, und eine bleiche, aufgeregte Gestalt zeigte sich, stemmte sich hoch, schrie die Namen der Kinder. Und schrie: Ich liebe euch alle. Es gab ein Winken, Heulen, Taschentuchschwenken zum Gotterbarmen. Der Inhaftierte rief Namen, Telephonnummern, W�nsche, Fl�che hinunter auf die Stra�e, und die Frau und die Kinder klaubten das wenige, das sie verstanden hatten, auf, als w�ren darin Perlen zu finden. Es war peinigend zuzuh�ren, zuzusehen � Szenen �aus dem wirklichen Leben�, ohne jede Poesie, nur aus der H�rte der Verh�ltnisse herausgemei�elt, aber die Szenen blieben ihm im Ged�chtnis. Und als Ehemann einer Filmfachfrau mu�te er sich an dieser Stelle sagen: Schnitt. Es gab keine weitere Beobachtung, und es gab keine weitergehende Phantasie. Kornitzer blieb mit seiner Erinnerung an solche Szenen allein, und es best�rzte ihn.</p><p>Er fragte sich jetzt manchmal, warum er nicht aus Berlin mit der Bahn nach Oranienburg herausgefahren war, warum er nicht zum Columbia-Haus am Tempelhofer Feld gegangen war, wo 1933 die ersten politischen Gefangenen zusammengepfercht worden waren, w�hrend er mit seiner Entlassung aus dem Staatsdienst gehadert hatte. (Er dachte an seine vielen Gespr�che mit Fritz Lamm, Lisa und Hans Fittko und Boris Goldenberg und w�nschte sich, er k�nnte jetzt weiter �ber seine Vorstellungen und auch seine Empfindungen mit ihnen sprechen. Aber er war allein.) Selbst wenn er als ein entlassener Richter nichts f�r die Inhaftierten in Oranienburg und in dem Stadt-Konzentrationslager am Tempelhofer Feld h�tte tun k�nnen, nichts f�r ihre Frauen, ihre Kinder, die vielleicht auch am Zaun standen und schrien, er hatte etwas verstanden: Er h�tte etwas f�r sich getan, Solidarit�t geleistet, deren Kraft und Verm�gen er erst in Kuba begriffen hatte. Das war ein gro�es Wort, das sp�ter wieder verbla�te und einschrumpfte. (�Solidarit�t�: die ihn auch gesch�tzt h�tte.) Manchmal glaubte Kornitzer, dem Richter, der f�r einen bestimmten Strafproze� nach der alphabetischen Ordnung vorgesehen war, von seinen verst�renden Beobachtungen am Fenster seines Dienstzimmers Mitteilung machen zu m�ssen, vom Jammer der Kinder, der aufgel�sten Frau, dem Winken, der Verbundenheit, die offenkundig war. (Den offenkundig intakten Familienverh�ltnissen.) Und dann wieder sagte er sich: Die Richter sind frei, frei und nur an die Gesetze gebunden und an ihr Gewissen � und nicht an meine kollegialen Beobachtungen aus den Augenwinkeln. Und der Freiheit wegen, des Vertrauens auf sein eigenes Gewissen wegen, seine Rechtskenntnis vorausgesetzt, war er ja Richter geworden und hatte es bleiben wollen. Er wollte auch nicht nebenbei informiert oder bel�stigt oder beeinflu�t werden. Und dabei blieb es. Aber er behielt diese Beobachtungen im Ged�chtnis, konnte sich nicht darum k�mmern, wer die Inhaftierten waren. �Verbrecher� oder wegen eines unsicheren Wohnsitzes in Haft Genommene oder unschuldig Inhaftierte, die schon durch den Makel einer Untersuchungshaft aus ihrem Leben geworfen worden waren. Diese �berlegungen, die sich wie eine zweite Tonspur �ber die Schreie aus den Fenstern des Untersuchungsgef�ngnisses legten, h�tte er vermutlich nicht angestellt, w�re er selbst nicht so vollkommen aus seinem Leben gerissen worden. Ja, es war eine fr�he Entscheidung, dem Strafgesetz durch die Bearbeitung des Zivilgesetzes auszuweichen, aber in der N�he zu den armen S�ndern oder den vermeintlich Ausgesetzten wurde er empfindlich, sie regte ihn auf. Allein die Aktion, die zu Julius Deutschs Befreiung gef�hrt hatte, war ein so enormer Erfahrungsgewinn f�r ihn gewesen, ein Gl�cksgewinn, von dem er sich nun w�nschte, er h�tte ihn in j�ngerem Alter gemacht.</p><p>Mainz r�stete sich zu, h�mmerte, grub, stockte auf. Wo noch vor drei Jahren eine einst�ckige Bude aus Holz gewesen war, am Markt, vor dem Dom, in der Augustinerstra�e, ein Notverhau, war inzwischen ein Pavillon aus Stein entstanden, ein simpler Flachbau. Gen�gte der nicht mehr, war er auf ein erstes Stockwerk heraufgehoben worden, dann auf ein zweites Stockwerk, und irgendwie wurde ein Spitzdach darauf praktiziert, nicht so un�hnlich dem, das fr�her an dieser Stelle zu sehen war. Hier wurde ein Tr�mmergrundst�ck endlich geschleift, um einen quadratischen, praktischen, schn�rkellosen Bau auf die Grundmauern zu setzen. Stand diese Ziegelsteinkiste endlich zwei, drei Jahre ordentlich, ohne zu wackeln und zu zittern auf dem Grundst�ck, ohne da� es in das Notdach hineinregnete, erinnerte sich der Besitzer wieder, wie aus einem Albtraum erwacht: Wir hatten doch fr�her eine Madonna am Haus, in einer Nische zur Stra�enecke. Dann wurde im n�chsten Jahr eine Nische geschlagen, ein neogotisches D�chlein wie ein Zeltdach gebaut, eine Madonna irgendwo auf den D�rfern gesucht, gefunden, nachgeschnitzt � daf�r drehte niemand die Hand um � und in den Winkel gesetzt. Es schien, da� das Ged�chtnis f�r das Verlorene, die Sch�nheit des Verlorenen erst schubweise wiederkam, wie ein Blubbern, Blasen, die an die Oberfl�che eines Wassers steigen. Zuerst Nahrung, Kleidung, Heizung, ein Dach �ber dem Kopf, dann die Gem�tlichkeit, und erst recht sp�t in der weiteren Reihenfolge: die Erinnerung, die Sehnsucht nach dem Verlorenen. Man konnte die Ged�chtnisleistung nicht forcieren, sie verschwand, verbla�te, verwitterte im L�rm der Dampframmen, der Betonmischmaschinen. Die Erinnerung war ein scheues Reh, sie arbeitete nur produktiv, wenn man sie in Ruhe lie�, ihr nicht nachjagte, sie aufst�rte. Und wer Photos oder Pl�ne des zertr�mmerten Hauses hatte und es genau so wieder aufbauen wollte, ja, genau so, hatte er es sich geschworen, als es in Tr�mmern lag, war bald in einem Dilemma. Er erinnerte sich gleichzeitig an die Enge des Einganges, die leere, kalte Pracht der vorderen Zimmer, die kaum genutzt worden waren, an das Unpraktische, Abweisende des alten Hauses, die Zierleisten, die kassettierten T�rbl�tter, die d�nkelhaften, tiefen Fensterlaibungen, die Speisekammer, die Abseiten, den Mi�mut der Mutter. Sie hatte immer �ber das unm��ige Staubwischen gest�hnt. (�ber die politischen Verh�ltnisse hatte sie nicht gest�hnt, nicht �ber die Ohnmacht einer Frau, die doch ein Haus besa�, ein ererbtes Haus, nun ja, die Ohnmacht, die Fassungslosigkeit, das Hergeben der Kinder zu den Flakhelfern, vielleicht h�tte man auch die Jungen kurz und knapp krankschreiben lassen k�nnen mit einer langw�hrenden dauernden Blinddarmreizung, bis die Amerikaner kamen: ja/nein, dar�ber w�re viel zu st�hnen gewesen.) Und kurz darauf war ihr Haus in Schutt und Asche, in mehr als Staub gesunken, und sie selbst sah es nicht mehr mit lebenden Augen. Nein, so wollte man es doch nicht mehr, Neuerungen, Vereinfachungen, billige, praktische L�sungen, abwaschbare, glatte Fl�chen, T�rbl�tter ohne Widerstand f�r einen Staubpinsel, keine toten Winkel, und das w�re auch ganz im Sinne der toten, versch�tteten Mutter, dachte man, redete es sich selbst sch�n oder doch zumindest akzeptabel. Und es gab gen�gend Architekten, die der Schn�rkellosigkeit verhaftet waren und nicht z�gerten, die Tr�mmerhaufen mit den Ziegelsteinen, die f�r sie nicht mehr in Betracht kamen, und die Schneisen, die sich boten, mit Wohlgefallen anzusehen, breitere Stra�en, offenere Blicke. Und Betonmauern wuchsen, wuchsen, die Mischmaschinen dr�hnten und rumorten, Zimmerleute hoben Balken an mit Hauruck. Kornitzer sah Bauarbeiter in Unterhemden auf den Ger�sten turnen, sie pfiffen den M�dchen nach, die beleidigt den Kopf abwandten, als h�rten sie es nicht. Sie warfen in Zeitungspapier eingewickelte Geldst�cke herunter und baten Kinder, ihnen Bier zu kaufen, es blieb auch etwas �brig f�r die Kinder, ein Trinkgeld. Er sah all das kopfsch�ttelnd und fand sich selbst �berempfindlich.</p><p>Richard und Claire Kornitzer, die so fr�h ein kleines Haus bekommen hatten, wie sie es nicht gew�nscht und nicht ausgesucht h�tten ohne die Not, endlich ein gemeinsames Leben zu beginnen, ein Haus, das ihres war und doch nicht wirklich ihres, ein Opfer-des-Faschismus-Haus, ein fremdes Haus f�r die wirklichen Mainzer, sahen das Graben, Mauern, H�mmern, das Begradigen, das Umst�rzen von Regeln und Rastern in einer kleinteiligen historischen Stadt und die Wildwestmanieren des hektischen Bauens auf alten Grundst�cken, die viel zu eng waren f�r die Licht-, Luft- und Sonne-Ideen, die ihnen beiden aus der Vorkriegszeit �beraus bekannt waren. Und sie sch�ttelten den Kopf, vermieden, allzu h�ufig zwischen den Baustellen spazieren zu gehen. Aber die Baustellen waren pr�potent, sie dehnten sich, stachen ins Auge, waren wie Magnetfelder f�r den Blick: Hier beginnt etwas Neues. Vorsicht, Sie k�nnen auf Splitter und Glasscherben treten. (Und das Schlimmste w�ren Blindg�nger.) Das war als Warnung akzeptabel.</p><p>1948 war an der Gro�en Bleiche das erste mehrgeschossige Kaufhaus errichtet worden. Aber erst Ende 1951 waren alle Stra�en, Pl�tze, B�rgersteige der Innenstadt wieder zug�nglich geworden. Von den R�ndern der Alt- und der Neustadt aus wurden die Tr�mmer beseitigt. Maulwurfsartig w�hlte sich die Tr�mmerbeseitigung zum Kern der Stadt vor, und ebenso begann der z�gerliche Wiederaufbau an den R�ndern, nicht in der Stadtmitte, und niemand konnte erkl�ren, warum das so war. Als m��ten F�den zum Belebten, Unzerst�rten gekn�pft und verknotet werden. Ein einzelnes wiederaufgebautes Geb�ude, das auf leere Fl�chen schaute, schien unertr�glich zu sein.</p><p>Ja, ein kleines Zitat des Woga-Komplexes eines inspirierten Architekten h�tte Richard und Claire Kornitzer �berzeugt, ein k�hner Schwung, eine ungew�hnliche Dachkonstruktion, und sie dachten an Erich Mendelsohn mit einer Art verehrungsvoller Andacht. Wo mochte er jetzt sein? Was baute er jetzt? Wie w�rde er auf den Zusammenbruch Deutschlands und die Chancen, eine moderne Stadt auf den Weg zu bringen, reagiert haben, und seien die Chancen, sie zu bauen, noch so bescheiden, wenn er nach Deutschland zur�ckgekommen w�re oder doch noch k�me? Es war ja noch nicht zu sp�t. Oder? Die Kornitzers wu�ten es nicht. Vielleicht gab es Fachleute, Architekten, Stadtplaner, die es wu�ten, aber der Faden war abgeschnitten, nur f�nf Prozent der Emigranten aus Nazi-Deutschland waren zur�ckgekehrt, eine Minderheit der Minderheit. Mendelsohn war �ber die Niederlande nach London emigriert, wo er sofort mit einem englischen Partner ein neues Architektenb�ro gr�ndete. (Wie schaffte er das?) Er war einer der ersten aus der Sektion Bildende Kunst in der Preu�ischen Akademie der K�nste, dem der Austritt nahegelegt wurde. Er trat nicht aus, sondern akzeptierte in einem vornehmen Brief den Ausschlu�, das war fast eine Ehre. Weiteremigriert war er nach Jerusalem, London war ihm zu nah am faschistischen Deutschland, aber er behielt einen Fu� in London. (Wie, wie, hatte er dort Mitarbeiter, Nachfolger installiert?) Nein, wie in Berlin und wie in England wollte er in Pal�stina nicht mehr bauen, er studierte die orientalische Bauweise. Als einen <emphasis>Orientalen aus Ostpreu�en</emphasis> bezeichnete er sich jetzt scherzhaft, das h�tte Claire und Richard Kornitzer gefallen. Schatten, Energieerhaltung, Durchl�ftung interessierten ihn. Die Balkone, die seine Nachahmer-Architekten in beliebiger Menge an die neuen Mietsh�user in Tel Aviv klebten, schienen ihm f�r das subtropische Klima ganz ungeeignet. Er experimentierte mit Innenh�fen, baute Swimmingpools, repr�sentative Baumassen hinter schweren, k�hlenden Steinverkleidungen und entwarf jedes Detail, auch der Inneneinrichtung. Aber Pal�stina war klein, die britische Mandatsmacht stellte enge Bedingungen, zum Beispiel, da� in einem Krankenhaus jeweils f�r die neuen Einwanderer und f�r die Angeh�rigen der Besatzungsmacht Wassertoiletten gebaut wurden, f�r die arabischen Patienten dagegen Latrinen. Kein Verhandeln half, die Engl�nder hatten unumst��liche Meinungen.</p><p>1941 verlegte Mendelsohn seinen Wohnsitz in die USA, f�r ihn war das relativ einfach, ein Freund hatte ihm ein Affidavit ausgestellt, das f�r andere Emigranten ganz unerreichbar war, ja, in traumhafter Ferne war und blieb. Nun wollte er seine Architekturideen ins Globale �bersetzen, er dachte nicht mehr �ber Geb�ude nach, sondern �ber Stra�enz�ge, �ber Flugh�fen als Eintrittstore auf einen Kontinent, �ber eine Weltuniversit�t, er zeichnete Entw�rfe f�r Bauk�rper, die wie aus dem Wasser tauchende U-Boote aussehen, kritzelte utopische Entw�rfe auf die H�llen der Schallplatten, die er abends h�rte. Er hatte eine unerh�rte Schaffenskraft, durfte aber nicht bauen, ehe ihm die amerikanische Staatsb�rgerschaft verliehen worden war.</p><p>Seine Energie fand ein anderes Ziel. Die <emphasis>US Air Force</emphasis> hatte sich in der ersten Zeit nach Kriegseintritt auf die Bombardierung deutscher und japanischer milit�rischer und industrieller Ziele konzentriert. Das sollte sich �ndern nach der Entwicklung einer neuen 6-Pfund-Brandbombe (M69), die von der <emphasis>Standard Oil Company</emphasis> auf der Basis eines �l-Gelees entwickelt worden war. Roosevelt fa�te zusammen mit dem Pr�sidenten von <emphasis>Standard Oil</emphasis>, dem General des <emphasis>Chemical Corps</emphasis> und dem rangh�chsten General der <emphasis>US Air Force</emphasis> den Entschlu�, da� diese Bombe unter m�glichst wirklichkeitsnahen Bedingungen getestet werden solle. Es war Roosevelts Entscheidung, da� nur an originalgetreuen st�dtischen Geb�uden nach deutschem bzw. japanischem Vorbild die Wirkkraft getestet werden k�nne. Das war die Stunde des Stararchitekten aus Deutschland. Rasch wurde ein <emphasis>German Village</emphasis> auf dem Milit�rgel�nde <emphasis>Dugway Proving Ground</emphasis> in der W�ste Utah errichtet, absolute �hnlichkeit, Materialtreue, hie� der Auftrag. Und Mendelsohn baute, wovor ihm eigentlich schaudern mu�te, zw�lf Geb�ude als dreist�ckige Arbeiterwohnungsblocks mit verputzten Ziegelw�nden: die eine Sektion mit Schieferd�chern wie im Rheinland, die andere mit Ziegeln, eher im Stil einer norddeutschen Gro�stadt. Berliner Arbeiterviertel zu bombardieren, schien sehr viel schwieriger, die Bauqualit�t war besser, die einzelnen Blocks durch die Brandmauern besser voneinander getrennt, so da� das Feuer weniger leicht �berspringen konnte. Gr��ten Wert wurde auf die Dachkonstruktionen gelegt, da die Bomben zun�chst die Dachst�hle in Brand setzen sollten. Die Baufirmen stellten sicher, da� das verwendete Holz in der Alterung und in der Dichte dem deutschen entsprach. Dachbalken wurden sogar aus Murmansk importiert. Allerdings wandten die Brandexperten ein, Dugways Klima sei viel zu trocken f�r eine Simulation. Deshalb mu�ten GIs die H�user immer wieder unter Wasser setzen, um den Hamburger Nieselregen nachzuahmen. Der Bau der ganzen (streng geheimen) Anlage nahm nur 44 Tage in Anspruch. Strafgefangene des Gef�ngnisses <emphasis>Sugar House</emphasis> in der N�he halfen. Die H�user im <emphasis>German Village</emphasis> wurden mit deutschen Textilien � Bettdecken, Vorh�ngen � und schweren, klobigen M�beln eingerichtet, wie sie Mendelsohn in keinem seiner H�user geduldet h�tte. Aber nur an �typischen Einrichtungen�, wie sie die hinzugezogenen Filmausstatter beisteuerten, konnte das Brandverhalten im Detail studiert werden. Zwischen Mai und September 1943 flog die <emphasis>US Air Force</emphasis> mindestens drei gro�e Angriffe auf das <emphasis>German Village</emphasis> und studierte die Folgen.</p><p>Diese stufenf�rmige Ablaufgeschwindigkeit von Biographien, ihr Ordnungsgef�ge, ihre Strukturiertheit � Claire und Richard stellten sie sich vor, empfanden sie, aber es gab kein Halten, keinen Zweifel am Bekenntniswert des Biographischen, den puren Daten und Fakten. Anonymisierung, Geheimhaltung war das eine, Vergessen und Verdr�ngen und das Umwidmen der Motive war das andere, das eine Biographie ausmachte. Hatten sie selbst eine Biographie? Oder war schon das Wort in Zweifel zu ziehen? Hinter die Stirnen und hinter die Motive blickte niemand, die Geschichte, auch die der Personen, schwieg.</p><p>1947 nahm Mendelsohn einen Lehrauftrag an der Universit�t von Berkeley an, lehrte die Studenten seine k�hnen Bauauffassungen. In der Folge baute er in den USA vorwiegend Synagogen. Solche, die man nicht nur am Sabbat besuchen konnte und sollte, sondern solche, die Gemeindezentren wurden mit den verschiedensten sozialen Einrichtungen, <emphasis>Campussynagogen</emphasis> wurde ein g�ngiger Begriff. Synagogen als Schiffsmetaphern, Archen f�r die Gl�ubigen, expressionistische Geb�rden in Stahlbeton, k�hne Schw�nge in der Funktionalit�t. Viele geplante Gro�projekte Mendelsohns kamen trotzdem nicht zustande. Nicht einmal ein Denkmal f�r die j�dischen Opfer des Nationalsozialismus in New York mit hochaufgerichteten Gesetzestafeln am Riverside Drive wurde gebaut, obwohl es bewilligt worden war und die Regierung Jugoslawiens den Granit dazu spenden wollte. (Vielleicht darum nicht?) Es kam auch deshalb nicht zustande, nicht weil ein anderer Architekt ihm den Auftrag wegschnappte, sondern weil niemand ein solches prominentes Monument des Gedenkens wirklich wollte. (Sp�ter vielleicht einmal.) Es schien, da� Mendelsohn, je l�nger er von dem liberalen, assimilierten Judentum Berlins entfernt leben mu�te, immer j�discher geworden war, w�hrend Kornitzer sein Judentum verlor, es war eine lose H�lle, in der er steckte; schon der Zwischenraum schmerzte. Oder ergab sich aus den Auftr�gen eine gewisse Ideologisierung des Bauens? W�rdeformen? Sinnstiftungen? Es mu�te Mendelsohn entt�uschen, da� er, ein Kraftprotz unter den Architekten, gro�e Pl�ne in Amerika nicht verwirklichen konnte. Und so, das mu�te man sich als ein Verehrer und eine Verehrerin des gro�en Architekten in einer kleinen deutschen, baulich vermasselten Gro�stadt zusammenreimen, wird seine Bilanz am Lebensende nicht ganz gl�cklich gewesen sein. Und das war verst�ndlich. Und wie w�rde die eigene sein?</p><p>Dann fanden sie die Todesnachricht, Mendelsohn war am 15. September 1953 an einem Krebsleiden in San Francisco gestorben, seine Asche war zerstreut worden, mehr lasen sie nicht, aber es besch�ftigte sie. Sie stellten ihn sich jung vor, dynamisch, berlinerisch, aber nun war er gerade einmal 66 Jahre alt geworden, und sie wu�ten nicht, wie er von da, wo sie sich ihn vorstellen konnten, nach dort in dieses vorger�ckte Lebensalter gekommen war. Ob er noch wei�e Anz�ge in Kalifornien getragen hatte? fragte sich Claire insgeheim. Oder nur noch wei�e Anz�ge? Aber sie konnte sich weder Kalifornien vorstellen noch Kuba, weder ihren Mann auf einer mit Palmen ges�umten Stra�e, Schatten suchend, noch den verehrten Mendelsohn im trockenen Klima am Pazifik, sie konnte sich ihr eigenes junges Leben in Berlin kaum mehr vorstellen, seine Dynamik, die Freude, den grenzenlosen, nun schon kalifornisch weit wirkenden Wilmersdorfer, Halenseer Optimismus, von dem nichts �briggeblieben war. Als w�re es immer Sommer auf den Tennispl�tzen hinter dem Haus gewesen, als w�ren sie t�glich im Wannsee-Schwimmbad gewesen.</p><p>Sie gingen spazieren auf der Gemarkung Gro�er Sand und immer noch vorwiegend am Rheinufer, die Schiffe kamen von links, rheinabw�rts, und von rechts rheinaufw�rts, ein gro�es Wassertheater mit Auftritten und Abtritten nach Norden, nach S�den, Schiffe tuckerten, schnitten mit ihrem Kiel durch die Wellen. Das Gleichma� tat gut, wie eine M��igung der �bersch�umenden Empfindungen. Dort am Rheinufer wurde noch nicht gebaut, das Schlo� war noch ein Behelf, die Landesregierung notd�rftig im Fl�gel des Schlosses an der Diether-von-Isenburg-Stra�e untergebracht, f�r die Ministerien wurde gebaut, und im Vorl�ufigen war auch ein Versprechen, wenn man es h�ren, erahnen wollte.</p><p>Richard und Claire waren allem Neuen aufgeschlossen, der Wiederaufbau! der Stolz der St�dte! sie erwarteten etwas Neues. Aber alles war so bretzelig, so unmutig, kleinteilig, ins Ungef�hre gesetzt, als k�nnte man morgen wieder alles abrei�en, was in den Sand gesetzt war, als w�ren die alten Ziegel, die verwendet worden waren zum Wiederaufbau, doch allzu br�chig. Ja, manchmal dachten sie, man baut hier, als ob bald wieder eine Zerst�rung stattfinden k�nnte, der kalte Krieg und seine punktuelle Erhitzung, der m�gliche Atomkrieg, man m��te sich in einen Iglu fl�chten, einen Bau, von einer abhebbaren Moosschicht verdeckt, w�nschenswert w�re es, den Bau nie wieder zu verlassen, einen Ort jenseits der Verfolgung, jenseits der Belagerung, fern von Nagern und Neidern. Dunkelheit, Moder, Tapetengeknister. Wohnen war eine innere Schanzarbeit gegen schmerzhafte Empfindungen: Und dann w�re es kein so gro�er Verlust, wenn die fl�chtig wiederhergerichteten Geb�ude ersch�ttert w�ren, man baute wieder auf.</p><p>Und dann fanden sie sich selbst nach solchen Spazierg�ngen und �berlegungen auch ungerecht und hochm�tig. Was wu�ten sie, wie man Berlin wieder aufbaute? Ob man die Stadt �berhaupt wieder in den Griff bekam oder man sie als eine Budenstadt belie�, einst�ckig, kriecherisch bucklig, ameisenhaft unter der Obhut der Alliierten? Das �nderte nichts daran, nichts �berzeugte sie wirklich. Himmler hatte gro�sprecherisch 1943 vor deutschen B�rgermeistern gesagt, die Bombenangriffe h�tten auch <emphasis>ihr Gutes</emphasis>, aus ihnen erg�ben sich auch <emphasis>Vorteile f�r ein nationalsozialistisches Stadtoberhaupt</emphasis>. Die St�dte und Gemeinden k�nnten danach <emphasis>ohne die Baus�nden des 19. und 20. Jahrhunderts, wo regellos und ohne Sinn liberalistisch gebaut wurde</emphasis>, im Sinne echter NS-Architektur neu errichtet werden und die Oberb�rgermeister <emphasis>ihren Namen in die Geschichte ihrer Stadt einmalig einschreiben</emphasis>. Dazu war es nicht gekommen, und die nachfolgenden Oberb�rgermeister, zuerst von den Alliierten eingesetzt, verwalteten den Mangel, sie hatten keine Vorstellung von einer zuk�nftigen Architektur, die Geschichte war ein Krater.</p><p>Und die Kornitzers waren von sich selbst und ihren Meinungen auch nicht �berzeugt. Wir wursteln uns durch, dachte Kornitzer dann und schob den Gedanken rasch wieder beiseite, denn er taugte zu keiner weiteren �berlegung, nur zur skizzenhaften Beschreibung eines Zustandes. (Manchmal dachte Kornitzer an Breslau, an die sch�nen Ma�e der Stadt, an ihr langsames Gewachsensein, erinnerte sich sehns�chtig, aber das hatte keine Auswirkung auf sein Befinden in Mainz, der Vorkriegszustand der Stadt war gar nicht mehr zu erahnen. Eigentlich h�tte ihn das traurig machen m�ssen, aber er war auf vielf�ltige andere Weise traurig und auch sehr besch�ftigt. Es war, als z�ge diese Alltagstristesse nur wie ein grauer Schleier an seinen Augenwinkeln vorbei, w�hrend er sich auf Wesentlicheres zu konzentrieren suchte. Und Claire hatte nie eine mittelalterliche Stadt gekannt, sie war Berlinerin mit Haut und Haaren (Leib &amp; Seele?) und nicht an Nischen, Winkeln, Gew�lben, Gassen und Madonnen-Erkern interessiert.</p><p>Was sie nicht wu�ten, war, da� die franz�sische Besatzungsmacht schon 1947 eine Architektengruppe um Marcel Lods beauftragt hatte, einen Gesamtplan f�r den Wiederaufbau von Mainz zu erstellen. Lods tat das in gro�er Verwandtschaft zu den Nachkriegspl�nen von Le Corbusier. Der Schutt sollte wie ein Wall dem Hochwasserschutz am Rhein dienen. Aber Mainz sollte zur <emphasis>modernsten Stadt der Welt</emphasis> werden und die Altstadt gleichzeitig als <emphasis>Traditionsinsel</emphasis> erhalten bleiben. Die Neustadt � oder was von ihr �brig war � sollte abgerissen und durch zehnst�ckige Scheibenh�user ersetzt werden, Standorte f�r die Verwaltung und Gewerbefl�chen konsequent getrennt: die Industrie nach Gustavsburg, die Verwaltung entlang der Achsen Kaiserstra�e � Gro�e Bleiche, die weitgehend zerst�rt waren, angesiedelt werden, dazwischen ein aufwendiges System neuer Stra�en, Schneisen, die die einzelnen Segmente miteinander verbanden und formal trennten. Die weniger wichtigen Teile von Mainz sollten eine Art von Gartenstadt werden. Weitr�umigkeit, Funktionalit�t, menschenw�rdige Behausungen, in k�rzester Zeit aus dem Boden gestampft, waren die Schlagworte, und all das im <emphasis>lichten Geist franz�sischer Rationalit�t</emphasis>, f�r die sich die wieder fromm gewordenen Katholiken nach ihrer Entt�uschung �ber den F�hrer, der sie im Schlamassel hatte sitzen lassen, herzlich wenig interessierten.</p><p>Die Maaraue sollte zu einem weitl�ufigen Sportzentrum entwickelt werden. Aber wohin, wenn die Sportler danach in eine Kneipe wollten, wohin, wenn die traditionellen Weinstuben-Verhocker sp�tabends in eines der weit entfernten Scheibenh�user wollten, wo ihre Frauen g�nzlich altmodisch auf dem Sofa warteten? Solche individualistischen Abenteuer interessierten die Architekten nicht. An Spazierg�nger, an Querl�ufer zwischen den Quartieren, an Leute, die mit ihrem Hund herumgingen, an M�tter mit Kinderw�gen war nicht wirklich gedacht. Jeder hatte eine Funktion, ein Terrain, der Architekt hatte angeblich an alles gedacht, nur nicht an die Freiheit des Stromerns, die Neugier jenseits der Funktionen.</p><p>Der neu gew�hlte Stadtrat von Mainz lehnte den Plan einstimmig ab, kein Geld, keine Phantasie, kein Mut. Lods entfernte sich, resignierte, und kein franz�sischer Architekt, kein Modernist wurde in den n�chsten Jahren in der Stadt gesehen. Ein zweiter Architekt, diesmal ein deutscher, wurde mit der Stadtplanung beauftragt, auch sein Plan wurde nicht umgesetzt, Zuf�lligkeiten und Kompromisse regierten den Wiederaufbau. DER GROSSE WURF war unheimlich, eine neue Totalit�t, vor der man sich wegduckte, und am Ende wurde die Stadt so, wie niemand sie sich vorgestellt hatte, aber sie wurde.</p><p>Insofern waren Richard und Claire zufrieden mit dem Schindelhaus, das sie bewohnten, das vor der verbla�ten Erinnerung an das Neue Bauen, vor all den �berlegungen zum Praktischen ohne viel Theorie in Zusammenarbeit mit den franz�sischen Besatzern gebaut worden war. Ein gem�tliches Haus, aber Claire und Richard waren nie f�rs Gem�tliche gewesen, eher f�rs Ausgefeilte, Strenge, Strukturierte. Ihr Haus war eine Art von verkleinertem st�dtischem Schwarzwald-Haus, ohne architektonischen Anspruch. Den hatten sie in Berlin zur�cklassen m�ssen, aber doch nicht vergessen. Aber wenn das Ehepaar in die Domn�he kam, zum Fischtorplatz, zum Flachsmarkt, in die Mailandsgasse, wenn sie die Buden entlang der Ludwigstra�e und der Gro�en Bleiche sahen, Buden wie Unterstellh�uschen an Stra�enbahnhaltestellen, zuckten sie zusammen, und es schmerzte wirklich. Kornitzer hatte noch die Kraterlandschaft seiner ersten Spazierg�nge in Mainz in Erinnerung, und jetzt wurde gebastelt und gebaut, gegraben und unterh�hlt und �berw�lbt. Und doch ging alles schleppend, als w�ren nicht nur Geb�ude zerst�rt, es war, als h�tten die Bombenangriffe das Herz der Stadt getroffen. Und m�hsam, m�hsam m��te es erst wieder aktiviert werden. Claire sprach wieder vom Ku�damm als einer Sehnsuchtsstra�e, sie sehnte sich nach Eleganz, nach Schnelligkeit, zur�ck zu ihrem stromlinienf�rmigen B�ro in der N�he des Universum, sie sehnte sich auch nach dem Werbefilm. Das konnte Kornitzer gut verstehen, aber doch der unzerst�rte Ku�damm! wandte er ein. Aber da sie ihn beide nicht mehr gesehen hatten seit so langer Zeit, war die Klage auch in den Wind gesprochen.</p><p>Und dann f�llt es Claire pl�tzlich wie Schuppen von den Augen. Wie eine Fata Morgana sieht sie es in weiter Ferne, nicht eine neu errichtete Bude im funzeligen Licht. Sie sieht etwas vor sich, und das strafft sie, erregt sie auch. Sie schl�ft schlecht, aber es ist keine zehrende Schlaflosigkeit, sondern eine energische, kraftspendende, trotz ihrer Nierenkrankheit (oder vielleicht wegen ihrer Nierenkrankheit, die sie matt und bek�mmert macht). Es ist wie ein n�chtliches Aufrechtsitzen, eine Erhebung. Sie f�hrt mit der Stra�enbahn in der Stadt herum, betrachtet Grundst�cke und Baul�cken und schreitet sie ab. Sie betritt auch eine Bank, fragt nach dem Filialleiter, er ist nicht da, und dann vereinbart sie einen Termin mit einem der Bankangestellten. Nein, nicht mit ihm, sondern vermittelt durch ihn mit dem Filialleiter. Aber der l��t zur�ckfragen: In welcher Sache? Sie nennt die Sache und bekommt zu h�ren: Wollen Sie nicht mit Ihrem Gatten gemeinsam zu einem Gespr�ch kommen, Frau Landgerichtsdirektor? Es handelt sich doch um eine gr��ere Investition. Sie schluckt, das hat sie noch nie geh�rt. Sie ist davon �berzeugt, da� ihr Mann endlich, endlich Wiedergutmachungsgelder f�r die erlittenen Jahre bekommt, und auch ihr w�rde etwas zustehen f�r die erzwungene Trennung, f�r den Verlust ihrer Firma, das Aus-der-Bahngeworfen-Sein. Man hatte ihre Firma vor ihren Augen zugrunde gerichtet. Sie ist Gesch�ftsf�hrerin einer GmbH in Berlin gewesen. Aber insgeheim sagt sie sich: Vielleicht � nicht vielleicht, sicher!�� war ich energischer damals, es machte mehr Freude, mit mir allein zu verhandeln. Sie schluckt noch einmal, sie strafft sich, sie unterdr�ckt den �rger �ber die pl�tzliche Unterlegenheitsposition, in die sie sich ungerechtfertigterweise gebracht f�hlt.</p><p>Und an einem Sonntagabend nach einem besonders gelungenen Abendessen, glaubt sie, gibt sie sich einen Ruck. Sie hat Forelle blau auf den Tisch gebracht, das Forellenquintett von Franz Schubert strudelt dazu aus dem Plattenspieler, und zum Nachtisch hat sie langsam, langsam r�hrend im Wasserbad eine Rieslingcr�me bereitet, die nicht ganz steif geworden ist, warum auch immer, aber sie schmeckt wunderbar. Das hat sie als einigerma�en sp�t berufene K�chin in Erfahrung gebracht: Wird die Cr�me steif, schmeckt sie leicht wie Pudding. Gelatine oder Mondamin zu verwenden, wie sie es in Rezepten gelesen hat, lehnt Claire ab. R�hrt und r�hrt man, bleibt die Cr�me leicht und schaumig, kann aber wie ein Souffl� abst�rzen und zusammenfallen, die Gr�nde wei� man nicht, und die Entt�uschung ist gro�. Nach dem Essen nimmt sie Richards H�nde in ihre, schaut ihn nach der sorgsamen Vorbereitung an mit ihren gr�nen Augen, die funkeln, saugt sich fest mit ihrem Blick. So intensiv hat sie lange nicht geschaut. Richard, sagt sie: H�tte ich ein Kino! Und sie berichtet, was sie ausgekundschaftet hat: Wie gro� ihr der Bedarf in der Stadt erscheint, schlechte Wohnverh�ltnisse, Enge, W�nsche, die ins Allgemeine driften, W�nsche, die das Stadttheater, nun ja, nicht erf�llen kann und nicht erf�llen m�chte. Also ein Kino, die Kinowerbung, die sie beherrscht, scheint ihr minderwertig, jedenfalls in Mainz. Soll sie zu Hinz und Kunz laufen, um eine Anzeige zu ergattern? Kinowerbung kann man nur in einer Gro�stadt auf die Beine stellen, das hat sie sich klar gemacht. Man mu� gr��er beginnen, das Medium Film als Ganzes begreifen, eher zu einem Film die entsprechende Werbung organisieren, einen Abend aus einem Gu�. (Und so hat sie ja schon dieses Abendessen mit ihrem Mann organisiert, mit ihm, dem ersten Vertrauten und vielleicht auch Geldgeber.) W�hrend sie diese Gedankeng�nge vor ihm entfaltet, leuchten nicht nur ihre Augen, auch die Backen werden rot, und sie vers�umt es nicht, ihrem Mann und auch sich selbst von dem beim Kochen �briggebliebenen Riesling einzuschenken, es ist ja nur noch etwas mehr als eine Pf�tze.</p><p>Richard schweigt, schweigt vielleicht schon ein bi�chen zu lange, sie sieht ihn erwartungsvoll an, dann nimmt er seine Brille ab. Kl�rchen, sagt er, das hat er lange nicht gesagt, also das ist es. Du kamst mir so ver�ndert vor in der letzten Zeit, beschwingter, auch j�nger. Da� er geglaubt hat, sie sei beim Friseur gewesen, und er habe es nicht sofort gemerkt, verschweigt er lieber. Und dann kann er nicht mehr schweigen und sagt: Das geht nicht. Es geht einfach nicht. Die Frau eines h�heren Beamten, die Frau eines Landgerichtsdirektors � er dehnt die Vokale seines Titels ins Unerme�liche � kann nicht einfach eine Unternehmerin werden, und dazu noch auf einem so fragilen, nicht einzusch�tzenden k�nstlerischen oder auch absch�ssigen Feld. Als er �das geht nicht� sagte, fiel ihm auch wieder ein, wie Charidad ihm verzweiflungsvoll gesagt hatte, was sie als Lehrerin kann und was nicht sein darf � und wie fassungslos er ihr, der Kenntnisreichen, zuh�ren mu�te. Kornitzer �bersprang, da� er wegen seiner beruflichen Belastung keine Ahnung von der aktuellen Kinoproduktion hatte und das auch als keinen Makel ansah, und er wu�te, da� auch Claire nicht �berm��ig viele Filme gesehen hatte, die man jetzt in die Kinos h�tte bringen sollen. Da� sie keinen �berblick �ber die Mainzer Situation hatte und vielleicht auch zu arrogant war, sie wirklich zu ergr�nden, ersparte er ihr als ein Argument. Es geht nicht, es geht nicht. Die Frau eines Landgerichtsdirektors kann nicht.</p><p>Das kam bei ihr an. Und sie r�umte den E�tisch ab, schweigend, verstimmt, sp�lte die Desserttellerchen und polierte die Weingl�ser, telephonierte noch am sp�ten Abend mit Selma und George, Richard h�rte nicht, was sie sagte, wollte es auch nicht wirklich. Es war ein Sehnsuchtsanruf, ein Anruf wie ein Appell. Denkt auch an mich, eure Mutter. Und er empfand sich selbst als hart, aber gerecht und vern�nftig. Er konnte sich auch die s�ffisanten Bemerkungen im Landgericht vorstellen: Ihre Frau hat ein Kino aufgemacht?! Als h�tte Claire einen Flohzirkus begr�ndet, w�rde kleine Hundchen nach B�llen schnappen und sie auf der Nase balancieren lassen, als stellte sie lustige Liliputanerleutchen in Goldtressenuniformen aus. Das Kino, so schien es ihm in der Stadt Mainz, war selbst eine Art von vergr��ertem Flohzirkus, der seine Position schm�lerte oder ins Schr�ge, Unseri�se zog. Nein, es ging wirklich nicht, es war nicht �standesgem�ߓ, ein anderes Wort fiel ihm zu seinem Befremden nicht ein, vom unternehmerischen Risiko, das Claire vorausgesetzt hatte, einmal abgesehen. Er war einsam genug mit seinen Meinungen im Landgericht.</p><p>Claire zieht sich in ein Schweigen zur�ck, sie ist ihrem Mann nicht wirklich b�se, ihr Mann ist nur der Vertreter, der Vermittler einer Realit�t, die sie nicht anerkennen will. Der Mensch in der Bank ist ein anderer Vertreter, die Kindergeldstelle des Landes auch eine andere, es ist eine Realit�t, die ihr feindlich ist, der sie den R�cken kehren m�chte. Aber wohin?. Es schmerzt sie, als w�re sie an einem anderen Zeitufer stehengeblieben, und das Schiff w�re ohne sie abgefahren, ja, h�tte ihr den Zutritt verweigert, nur weil sie eine Frau war. (Und was hie� �nur�?) Die Frau eines Landgerichtsdirektors. Jetzt klang es in ihren Ohren wie Hohn.</p><p>Claire hatte alte Kino-Adre�b�cher aufbewahrt. Im Vorwort des Bandes von 1939 hatte der Leiter der Abteilung Film im Propagandaministerium, Dr. Fritz Hippler, geschrieben: <emphasis>Es versteht sich von selbst, da� die Aufgaben des Krieges besondere Anforderungen in jeder Hinsicht mit sich brachten. Trotzdem kann festgestellt werden, da� der Krieg f�r das gesamte deutsche Filmwesen nicht nur keine r�ckl�ufigen Tendenzen, sondern im Gegenteil eine unerwartet hohe Aktivierung herbeigef�hrt hat</emphasis>. Da hatte man ihr die Firma Prowerb l�ngst abgeluchst und kaputtgemacht. Aus den vielen Initiativen, Filmfirmen und den Verzeichnissen der Schauspieler, freien Kameraleute, Regisseure, einem glanzvollen <emphasis>Who is Who</emphasis> des Kinos, war ein tristes Verzeichnis der Mitglieder der Reichsfilmkammer und der f�r den Film wichtigen Beh�rden- und Parteistellen geworden. Ein Dokument der Gleichschaltung. Nichts vom Glanz war geblieben, das Kino war in die Kriegswirtschaft getaucht, und Claire war nicht mehr ins Kino gegangen, sie wollte nicht mit Leuten, mit denen sie nichts zu schaffen hatte, im Dunklen sitzen. Sie ertrug das dr�hnende, r�hrende Heldentum nicht. Ehefrauen und Br�ute schleppten ihre Soldatenm�nner, wenn sie Heimaturlaub hatten, ab ins Kino. Dort mu�te man nicht sprechen, dort war die Entfremdung der Lebensbereiche in zuckers��e Watte gepackt. So waren die Kinos immer voll. Im Vorwort des Kino-Jahrbuches wurden die Etappensiege gemeldet: <emphasis>Seit Kriegsbeginn weisen die Lichtspieltheater eine Besuchersteigerung von 14 Prozent und eine Umsatzsteigerung von 12 Prozent auf. F�r das Jahr 1940 d�rfen wir unter Zugrundelegung der Zahlen des letzten Halbjahres mit einer Besucherzahl von 700.000.000 und einem Umsatz von 500.000.000 RM rechnen. Damit erreichen wir f�r s�mtliche Filmhersteller, die vor wenigen Jahren zum Teil noch betr�chtliche Verluste aufwiesen, eine Liquidit�t, die sich wiederum auf die weiteren Filmvorhaben befruchtend auswirken wird</emphasis>. Claires Vorhaben waren nicht befruchtet worden, sie waren in den Sand gesetzt, sie war eine Au�enseiterin geworden, �konomisch schwer gesch�digt.</p><p>An einem der n�chsten Abende schellte es sp�t. Kornitzers waren G�ste nicht gewohnt. Claire �ffnete, und vor ihr stand die sehr aufgeregte Frau Dreis in einer Strickjacke. Sie bat darum, den Landgerichtsdirektor sprechen zu k�nnen. Jetzt? rutschte es Claire ziemlich ungastlich heraus, aber Frau Dreis sagte nur flehentlich: Bitte. Claire f�hrte sie ins Wohnzimmer, rief Richard und verschwand dann im oberen Stock. Warum kam sie? fragte Claire ihren Mann, als die Haust�r wieder zugefallen war. Und was wollte sie? Ihr Sohn Benno, den du nicht kennengelernt hast, hat ein Problem. Sie hat das umst�ndlich und verbr�mt ausgedr�ckt, jemand sei ihm in die Quere gekommen, jemand h�tte doch besser auf sein Geld aufpassen sollen, jemand habe ihn so gereizt, da� er nicht anders konnte als ihm einen Schaden zuzuf�gen. Leider ist er aufgeflogen und sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Er hat wohl eine Unterschlagung begangen, so mu� man es nennen. Und was hast du damit zu tun? fragte Claire. Nichts, nat�rlich, ich mu�te Frau Dreis erkl�ren, da� ich nicht f�r das Strafrecht zust�ndig bin und da� es insgesamt eine ungute Sache ist, zu versuchen, einen Richter zu beeinflussen, Mitleid zu erwecken. Das verstand sie, sah mich aber mit einem solchen Grabesblick an, da konnte ich sie nicht gleich hinauskomplimentieren. Immerhin habe ich eine ganze Weile unter ihrem Dach gewohnt, und sie hat mich auf sehr nette Weise versorgt, du wei�t es. Und f�r dich und Selma hat sie gebacken. Ich wei�, und Selma hat sich wie ein verhungertes Tierchen auf den K�sekuchen gest�tzt. Und als ich dann sp�ter Selma daran erinnerte, hatte sie den K�sekuchen vergessen, antwortete Claire, und es klang gedehnt und auch nicht inspiriert. Was Kornitzer Claire nicht sagte, was ihm selbst sonderbar vorkam, war: Er hatte eben Frau Dreis gefragt, ob ihr Sohn denn schon einen Rechtsanwalt habe, der Benno vertreten wolle. Nein, hatte sie geantwortet, danach wollte ich Sie auch fragen, aber ich h�tte es beinahe vergessen. Kornitzer hatte kurz nachgedacht: Wer k�nnte sich f�r Benno Dreis interessieren, wer f�r ihn stark machen? Namen und Gesichter schwebten durch sein Hirn, aber er f�hlte sich auch blockiert. Und dann sah er in sein Notizbuch und schrieb Frau Dreis einen Namen und eine Telephonummer auf. Er gab ihr die Hand, nickte und sagte: Viel Gl�ck. Und Gr��e an Ihren Mann. Die Schwiegertochter gr��te er nicht. Und als er die T�r hinter ihr geschlossen hatte, fragte er sich: Warum habe ich ihr den Namen und die Nummer von Rechtsanwalt Damm, dem Ranschmei�er, dem Alles-und-Jeden-Verteidiger, aufgeschrieben, der an alte Zeiten erinnerte, von denen ich nichts wei�? Warum? Er wu�te es selbst nicht, und das war ihm unheimlich. Er tat etwas, was er eigentlich nicht gewollt hatte. Und wollte es jetzt, da es geschehen war, schnell wieder vergessen. Er kannte sich selbst nicht gut.</p><p>Am 18. September 1953 war das Bundeserg�nzungsgesetz in Kraft getreten, das allen durch den Faschismus Gesch�digten das Empfinden gab, nun endlich � acht Jahre nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus � w�rde ihnen Genugtuung geschehen. Es war aber eine �berst�rzte Ma�nahme, um ein besseres Entsch�digungsgesetz, das als Initiativentwurf schon beim Bundesrat lag, zu verhindern. Diejenigen, die Papiere, Akten, Rechnungen aufbewahrt hatten, f�hlten sich best�tigt. Kornitzer las das neue Gesetz, das das Finanzministerium durchgepeitscht hatte, mit seinem kritischen Berufsverstand und war sehr entt�uscht: Es war eine Inflation der Worte; Streit, Mi�helligkeiten, eine Auslegung zuungunsten der Opfer war vorauszusehen. Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Adolf Arndt bezeichnete das Gesetz als nicht nur rechtstechnisch, sondern auch moralisch als so schlecht, da� man sich wieder sch�men m�sse, ein Deutscher zu sein. Das, was versprochen, erw�nscht war, war mit diesem Gesetz nicht im mindesten erreicht. Mit anderen Worten: Nicht nur Kornitzer, der Landgerichtsdirektor, sondern alle, die nicht nur Opfer waren, sondern auch kenntnisreiche Beobachter der Behandlung der Opfer (und auch des Durchwinkens der T�ter) waren sehr, sehr entt�uscht und hofften darauf, eine Revision des Gesetzes w�rde mehr Gerechtigkeit schaffen. (Die Wiedergutmachungsgegner, vorwiegend aus dem Lager der CDU und FDP, h�llten sich in dieser Zeit in Schweigen.) Nicht die geringste Chance hatte auch der Versuch des Abgeordneten Adolf Arndt, dem Gesetz eine Art von Pr�ambel zu geben: <emphasis>Dieses Gesetz ist gro�herzig so auszulegen und anzuwenden, da� sein Vollzug im H�chstma� die Wiedergutmachung als sittliche Aufgabe und rechtliche Schuld erf�llt</emphasis>.</p><p>In der Folge siegte die Paragraphenreiterei, die kleinliche und schleppende Bearbeitung der Antr�ge. Man wollte Bittsteller in den �mtern und in den Wiedergutmachungskammern der Gerichte, keine Anspruchsberechtigten. V�llig neue Krankheitsbilder, die keinem g�ngigen Schema zuzuordnen waren, mu�ten diagnostiziert und den �mtern vermittelt werden: <emphasis>Entsch�digungsneurosen, Entwurzelungsdepression, erlebnisbedingter Pers�nlichkeitswandel</emphasis>.</p><p>Der SPD-Abgeordnete Hermann Runge berichtete nach einem Zeitungsartikel im �Aufbau� vom 17. September 1954, da� allein in New York 15.000 anspruchsberechtigte Emigranten im Alter von �ber 75 Jahren lebten. Auf die Beschwerde eines 78j�hrigen hin schrieb die entsprechende Beh�rde, da� sie zur Zeit nur die Antr�ge der �ber 80j�hrigen bearbeiten k�nne und sein Antrag deshalb vorerst ruhen m�sse. Der Baden-W�rttembergische Justizminister verstieg sich zu der Aussage, die Antragsteller seien <emphasis>Rentenj�ger</emphasis>. Im Fr�hjahr 1956 unternahm Kurt R. Grossmann im Auftrag der <emphasis>Jewish Agency for Palestine</emphasis> eine Informationsreise, um sich �ber den Stand der Wiedergutmachung bei �mtern und �ber die �ffentliche Meinung zu Fragen der Wiedergutmachung zu informieren. Seine Bilanz war erschreckend: Die Bearbeitung der Antr�ge erfolge im Schneckentempo. Bei den Beh�rden sei die Meinung verbreitet, etwa ein Drittel der Antragsteller seien Betr�ger. Er rief dazu auf, �ber ausl�ndische Medien Druck auf Deutschland auszu�ben, Deutschland reagiere nur auf Druck aus dem Ausland.</p><p>Die Arbeit in den Wiedergutmachungsstellen war unbeliebt, qualifizierte Verwaltungsangestellte wechselten in die Privatindustrie, die Fluktuation war gro�. Heimatvertriebene, die mit ihren eigenen Problemen besch�ftigt waren, f�llten die L�cken und hatten nicht das geringste Verst�ndnis f�r die N�te und Traumata der Emigranten. Auch Kornitzer wurde die �bernahme einer Wiedergutmachungskammer angeboten, was er sich 1949 sehnlichst gew�nscht hatte. Damals war er angeblich �befangen�. Jetzt lehnte er ab � aus Gewissensgr�nden; der Entscheidungsspielraum war viel zu gering. Zum Ausgleich f�r den Verlust seiner Stellung und seiner Dienstbez�ge hatte er eine Entsch�digung von 20.000 DM erhalten. Auf diese Entsch�digung waren die bereits geleisteten Abschlagszahlungen in der H�he von 11.500 DM angerechnet, die er bekommen hatte, als er in Lindau mittellos war. Es wurde <emphasis>ferner festgestellt, da� die Zeit zwischen dem 1. November 1933 und dem 31. Mai 1949 ruhegehaltf�hig ist</emphasis>. Der Bescheid wurde ihm gegen eine Empfangsbest�tigung ausgeh�ndigt.</p><p>Kornitzer war erst in den F�nfzigern. Er hatte eine sichere Beamtenstelle. Aber die Kinder in England und ihre Reisen nach Deutschland kosteten auch viel Geld. Trotzdem sagte er sich: Das Beste ist es, die Anspr�che aus dem Bundesentsch�digungsgesetz zur�ckzustellen, um Vertagung zu bitten, denn es war ihm unvorstellbar, da� dieses Kompromi�gesetz so stehenblieb, es mu�te verbessert werden. (Er mu�te dann lange warten, ehe 1965 das Bundesentsch�digungs-Schlu�gesetz in Kraft trat. Wer h�tte ahnen k�nnen, da� auch nach dem Schlu�gesetz kein Ende abzusehen war?) Und da niemand wu�te, wie weitgehend die �nderungen des Gesetzes sein w�rden, mu�te man mit dem Spatz in der Hand vorliebnehmen und von der Taube auf dem Dach tr�umen. Und so war es dann auch: Das neue Gesetz lieferte �mtern und Gerichten Vorw�nde �ber Vorw�nde, Antr�ge abzulehnen. Das Beste an dem neuen Gesetz war noch, da� es endlich in allen L�ndern der Bundesrepublik eine einheitliche Regelung gab.</p><p>Es war nicht m�glich, die Anspr�che aus dem Bundesentsch�digungsgesetz selbst durchzufechten. (Kornitzer hatte das versucht, noch vom Bodensee aus, war aber nicht weit damit gediehen. Jetzt waren Akten von Lindau nach Berlin zu transferieren, Zust�ndigkeiten, �mter und Gerichte wechselten.) Ein bei einem deutschen Gericht zugelassener Rechtsanwalt mu�te besch�ftigt werden, das galt auch f�r die Kuba-Emigranten, die in die USA weitergewandert waren, es galt auch f�r Boris Goldenberg, der in Kuba hatte bleiben wollen, und f�r deutschst�mmige Juden in Israel. Da� polnischst�mmige und litauische Juden Antr�ge stellten, war nicht vorgesehen; der <emphasis>Eiserne Vorhang</emphasis> war ein gern zitierter Vorwand. Es war m�glich, mit Kommunisten �ber die R�ckkehr der letzten Kriegsheimkehrer zu verhandeln, es war aber nicht gewollt, Opfer in den kommunistischen L�ndern zu entsch�digen. Auch die Zwangsarbeiter wurden grunds�tzlich vergessen. Und Richard Kornitzer hatte bereits in einer Fachzeitschrift gelesen, da� K�nstler, deren Werke als <emphasis>entartet</emphasis> gewertet worden waren, grunds�tzlich von einer Entsch�digung ausgeschlossen waren, es habe sich um keine Verfolgung, sondern um <emphasis>kulturpolitische Ma�nahmen</emphasis> gehandelt, hie� es. Auch ehemalige Kommunisten wurden h�ufig von der Entsch�digung ausgeschlossen. Ihre Haftstrafen in Zuchth�usern und Konzentrationslagern wurden umgedeutet in legale Strafen f�r kriminelle Handlungen. Haftentsch�digung, R�ckerstattung des geraubten Eigentums, soziale Sicherung nach den verlorenen Jahren waren ein bunter Flickenteppich.</p><p>Man mu� in die Gesetzgebung hineinkriechen, um sich mit ihr und vor allem ihren L�cken gr�ndlich vertraut zu machen, um die haarspalterischen Urteile zu analysieren. Der kenntnisreiche Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer mu� zum ersten Mal in seinem Leben einen Rechtsanwalt besch�ftigen, das hei�t auch: seine Honorare bezahlen. Und das mu� auch jemand, der krank und elend aus dem Konzentrationslager gekrochen ist und nicht mehr auf die Beine gekommen ist. Es war eine Taktik der Zerm�rbung. Kornitzer entschied sich f�r einen alteingesessenen Rechtsanwalt in Mainz, Wilhelm Westenberger, der, soweit er geh�rt hatte, einen untadeligen Ruf hatte. F�r jeden Anspruch mu�te ein gesonderter Akt angelegt werden: f�r die beruflichen Sch�den, f�r die gesundheitlichen Sch�den, f�r die materiellen Verluste. Nur der Verlust an Angeh�rigen, an Lebensfreude, Lebensgewi�heit war nicht aufzulisten, zu beziffern. Mit Grundb�chern und Handelsregistern war leichter umzugehen als mit ideellen Werten wie der seelischen und k�rperlichen Gesundheit und ihrer Dokumentation. Leichter als mit Leben und Tod. Gewaltig lange Frageb�gen waren zu beantworten. <emphasis>Sie werden gebeten, jeden Anspruch in einem besonderen Schriftst�ck zu behandeln, da getrennte Akten gef�hrt werden</emphasis>. F�r die Wiedergutmachung waren die Gerichte am letzten Wohnort vor der Emigration zust�ndig. Das Entsch�digungsamt Berlin in der Potsdamer Str. 186 korrespondierte mit der Gesch�ftsstelle des Landgerichts Berlin, 146. Wiedergutmachungskammer; die Wiedergutmachungskammer korrespondierte mit dem Senator f�r Finanzen in Berlin, Sonderverm�gens- und Bauverwaltung, Fasanenstr. 87; und am Ende stand ein Urteil, meistens eines, das sich gegen den Antragsteller richtete, seine Anspr�che abwehrte.</p><p><emphasis>R�ckerstattungssache Kornitzer./. Deutsches Reich</emphasis> hie�en solche Akten, sie lie�en den Kl�ger schlaflos und bereiteten Kopfschmerzen untertags.</p><p>Beanspruchtes Verm�gen:</p><p><emphasis>A) Hausrat in der fr�heren Wohnung Cicerostr. 63</emphasis></p><p>Claire hatte die Wohnung aufgeben m�ssen nach Richards Emigration. Als ihre eigene Emigration scheiterte, zog sie in eine kleinere Wohnung in die N�rnberger Stra�e.</p><p><emphasis>B) Wertpapierdepot</emphasis></p><p><emphasis>C) Lebensversicherungen</emphasis></p><p><emphasis>D) Judenverm�gensabgabe</emphasis></p><p><emphasis>E) Grundst�ck</emphasis></p><p>zu A) mu�te geantwortet werden: �Es sind noch Ermittlungen im Gange. Es wird um Fristverl�ngerung gebeten.�</p><p>zu B): �Die umfangreiche Korrespondenz mit der Deutschen Bank in Berlin hat noch nicht zu einer Kl�rung gef�hrt, da die Unterlagen der Deutschen Bank teils vernichtet, teils im russischen Sektor von Berlin sind. Es wird gebeten, diese Sache bis auf Anruf ruhen zu lassen.� Dann finden sich die Originalquittungen tats�chlich � Claire ist eine sorgsame Person und hat, was sie selbst in Berlin bei ihrer Evakuierung nicht aufheben konnte, ihrer Schwester Vera gegeben, die die Papiere ausgrub, nach und nach fand sich vieles �, und Kornitzer schreibt an die Deutsche Bank, Depositenkasse Y, Berlin W. 15: �Da die Originalquittungen erhalten sind und vorliegen, meine Frau und ich aber jahrelang schwer verfolgt wurden und ich fliehen mu�te, m�ssen wir von diesen Quittungen ausgehen und Sie erneut bitten, uns die Auftr�ge � sei es auch des damaligen Oberfinanzpr�sidenten, des Finanzamtes oder der Gestapo � sowie den Verbleib des Gegenwertes der Wertpapiere nachzuweisen. Dies gilt nat�rlich auch f�r den nach den Umst�nden kaum erkennbaren Fall einer Gutschrift zur Verf�gung meiner Frau.� Allein herauszufinden, da� die Depositenkasse Y f�r ihn zust�ndig ist, hat Kornitzer eine unendliche Kleinarbeit gekostet. �Warum bringt die Bank nicht die vollen Unterlagen? Da� diesseits der Nachweis erbracht werden soll, was sich zwischen der Bank und der Gestapo und dem NS-Fiskus abgespielt hat, ist doch wohl zu viel verlangt.�</p><p>zu C): �Richard und Claire Kornitzer bei Ph�nix-Isar und Victoria. Diese Sachen werden f�rsorglich in der Wiedergutmachungssache geltend gemacht. (Lindau, Bodensee und Berlin) Die Lebensversicherungen konnten auf Grund der Verfolgung nicht weiter bedient werden. Es handelt sich um drei Policen: 3.000 RM + 3.000 RM + 6.000 RM f�r Dr. Richard Kornitzer; zwei Policen f�r Claire Kornitzer geb. Pahl �ber je 6.000 RM. Die Versicherungen bestehen noch und werden von der Victoria-Versicherung anerkannt. Die Versicherungen wurden 1941 gepf�ndet und f�r die Judenverm�gensabgabe � einmal mit 1.554 RM und ein anderes Mal mit 1.792 RM belastet. Infolge der unterschiedlichen Regelungen und des Fehlens von Bundesbestimmungen usw. kann noch nicht eigentlich gekl�rt werden, ob es sich um Restitution oder Wiedergutmachung � teils auch Entsch�digung genannt � handeln wird. Auch hier wird gebeten, dort die Sache bis auf Anruf ruhen zu lassen.�</p><p>zu D): �Auch hier ist die Sach- und Rechtslage bisher nicht einheitlich gekl�rt. Unter Vorbehalt aller Anspr�che wird jedoch insoweit das Einverst�ndnis mit vorl�ufiger Abgabe an das dortige Entsch�digungsamt f�r den unterzeichnenden Ehemann und soweit die Einziehung gegen die Ehefrau erfolgt ist, an das Wiedergutmachungsamt Lindau (Bodensee) erkl�rt.�</p><p>zu E): �Beanspruchtes Verm�gen: Grundst�ck Berlin-Schmargendorf, Kudowastr. 9a�</p><p>In den sechziger Jahren wurde dieses Grundst�ck mit einem banalen Mietshaus f�r sechs Parteien �berbaut. In der N�he, zwei, drei Gemarkungen weiter, beginnt ein verwildertes Schrebergartengebiet. Vielleicht war das Grundst�ck viele Jahre ungenutzt oder auch als Schrebergarten schlecht und recht zu verwerten. Radieschen, Rhabarber, Himbeerhecken und Astern im Herbst: Westberlin hatte zu viel Raum, Raum f�r Dutzende von Gebrauchtwagenhalden, mindere Kirmespl�tze und eben auch f�r Schrebergartensiedlungen in besten oder mittelpr�chtigen Lagen. Ein Stadtgebilde wie ein l�chriges Gebi�.</p><p>Kornitzer erreicht ein Brief aus Berlin mit dem Briefkopf <emphasis>Der Senator f�r Finanzen: Die entzogenen Sachen, Wertpapiere und Forderungen sind genau zu bezeichnen. Falls Ihnen das nicht m�glich ist, wird R�cknahme der Anspr�che innerhalb der Frist anheimgestellt. Andernfalls werden Sie gebeten, innerhalb der Frist mitzuteilen, wann und auf welche Weise Ihnen die Verm�gensgegenst�nde entzogen worden sind, wann Sie aus Deutschland ausgewandert sind und ob und wann Sie eine ausl�ndische Staatsb�rgerschaft erworben haben</emphasis>.</p><p>Postwendend schreibt er zur�ck, das will er keinesfalls Rechtsanwalt Westenberger �berlassen: �Da ich zur Verhinderung meiner Ermordung nach Kuba fl�chten mu�te, kann ich n�here Angaben nicht machen, und sind mir solche auch nicht zuzumuten. Die Vernehmung meiner Frau wird jedoch hinreichend Klarheit erbringen.�</p><p>Nein, Kornitzer ist von dem neuen Gesetz in keiner Weise �berzeugt, ruhen lassen, warten auf eine Novellierung zum Besseren, Fristverl�ngerungen beantragen sind die Prinzipien, nach denen er und Westenberger die Wiedergutmachung betreiben. Er findet dann ein Urteil des 13. Senats des Berliner Kammergerichts, das ihn emp�rt, es r�ttelt an seinem Rechtsempfinden wie eine eisige Sturmb�. Eine �arische� Frau, die ihrem Mann in die Widerstandsarbeit gefolgt und der in einem KZ gestorben war, hatte in der h�heren Instanz geklagt und war in ihren Anspr�chen auf Wiedergutmachung abgewiesen worden. Im Urteil hie� es: <emphasis>Die Kl�gerin gibt zu, da� sie pers�nlich nationalsozialistischen Gewaltma�nahmen nicht ausgesetzt gewesen sei, da� sie sich auch von ihrem Mann ohne weiteres habe trennen k�nnen. Sie sei ihm aber trotzdem in die Illegalit�t gefolgt. Somit beruhte ihr Leben in der Illegalit�t auf ihrem freien Entschlu� und war nicht durch eine gegen sie gerichtete nationalsozialistische Gewaltma�nahme bedingt</emphasis>.</p><p>Er zeigt den Text Claire, und Claire beginnt einfach zu weinen. Das Weinen tut ihr gut, es lockert etwas, das zu versteinern drohte. Es ist ein helles, tonloses Schluchzen, fast ein Fiepen, sie schnappt nach Luft, wischt sich mit dem �rmel das Gesicht, leckt sich die Lippen. Als w�rde sie verdorren. Nierensteine, Grie� in der Blase, Eiwei�schaum im Urin sind die �u�eren Zeichen, die Tr�nenfl�ssigkeit schwemmt etwas fort, das wie ein Klo� in ihr sitzt. Richard legt ihr die H�nde auf die Schultern, beruhigt sie, umarmt sie, aber doch nicht wie ein Mann seine Frau umarmt, eher stehen sie da wie Kameraden im Ungl�ck in der K�che des falschen Schwarzwaldhauses. Als h�tte die Trauer sie zusammengeschwei�t, die Trauer �ber die Jahre, in denen sie sich verloren gegeben hatten.</p><p>An einem blassen Fr�hlingstag bei einer unscheinbaren Sonne �ber den Rheinwiesen l��t Kornitzer im Landgericht mitteilen, er habe infolge des Vortrages des Professors Heinrich Kranz � einer freiwilligen Fortbildung der Richter am Landgericht, an der er teilgenommen hatte � einen Herzanfall erlitten. Professor Kranz war der neue Chef der Universit�ts-Psychiatrie in Mainz. Er war nur ein wenig �lter als Kornitzer, er hatte in Bonn eine d�nne Doktorarbeit �ber Vererbung geschrieben, hatte f�nf Generationen einer Familie mit krausem Haar analysiert, <emphasis>eine ganz ungew�hnliche Kraushaarigkeit, die geradezu an das Negerhaar erinnerte</emphasis>. Am Kaiser-Wilhelm-Institut f�r Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik hatte er seine Karriere begonnen mit einer Arbeit <emphasis>Die Haare von Ostgr�nl�ndern und westgr�nl�ndischen Eskimo-Mischlingen</emphasis>. Auch �ber spiralig gedrehtes Haar und die Vererbung von Rothaarigkeit beugte er sich. Offenbar hatte er einen Haartick. Auf der einzigen Photographie, die sich im Archiv der Mainzer Universit�t von ihm erhalten hat, steht er im Kreise anderer Universit�tsmitarbeiter vor einer Maschine, auf der Toilettenpapier produziert wird. Die Toilettenpapier-Firma war seit der Gr�ndung der Universit�t eine F�rdererin der Universit�t. Der Psychiatrie-Professor schaut gebannt, l�chelnd f�hrt ein Arbeiter die Maschine vor, die mehrere Rollen gleichzeitig aufspult. Auf Professor Kranz� Kopf ist in der Mitte eine d�nne dreieckige Haarstr�hne zu sehen. Als habe die Natur ihn f�r seine einseitige Forschung mit sch�tterem, im Wuchs an Schamhaar erinnerndes Haupthaar bestraft.</p><p>Mit seinen wissenschaftlich verbr�mten Neigungen blieb er nicht allein, die rassenhygienische Haarspalterei trieb Bl�ten: Farbunterschiede zwischen Kopf- und Schamhaar, selbst zwischen Achsel- und Schamhaar wurden erforscht. Der Rassenhygieniker Duis trug die Erkenntnis bei, da� zwei (!) angeblich verwahrloste F�rsorgez�glinge r�tliches Kopfhaar, aber braune Schamhaare haben, an Psychopathinnen will er h�ufig b�schelf�rmige Schamhaare entdeckt haben. Heinrich Kranz� Weg war eine typische Karriere, die mit Erblehre begann und mit Zwillingsforschung aufstieg. Beugefurchen der inneren Handfl�che von ein- und zweieiigen Zwillingen wurden gepr�ft und Fingerabdr�cke. Zwillingsforschung: das Lieblingskind von Doktor Mengele, von der wieder sein Lehrer Otto von Verschuer profitierte, der auch Kranz als Mitarbeiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts f�r Anthropologie f�rderte. Verschuer, ein ehemaliger Frontsoldat, galt als politisch zuverl�ssig und war bestens in die rassehygienische Bewegung eingef�hrt. Das Institut erarbeitete eine Zwillingskartei mit vielen Hunderten von Zwillingspaaren. Von Anfang an r�ckte diese �Wissenschaft� in den Brennpunkt politischer Interessen, bis sie mit Hilfe der SS, des Ahnenerbes, zu einer Art von <emphasis>nationalsozialistischer Hofwissenschaft</emphasis> umfunktioniert wurde. 1933 war Kranz von einem �bereifrigen Mitarbeiter des Instituts als dem Zentrum nahestehend denunziert worden. Er mu�te das Kaiser-Wilhelm-Institut verlassen, obwohl er Mitglied der SA war. Eher ist als Grund zu vermuten, da� er mit seinen kriminalbiologischen Neigungen allein dastand. Er wechselte an die Universit�t Breslau und habilitierte sich dort mit <emphasis>Lebensschicksalen krimineller Zwillinge</emphasis>. Bei seiner statistischen Auswertung stellte er fest, da� bei 63 Prozent seiner eineiigen Probanden und bei 37 Prozent seiner zweieiigen Probanden beide Geschwister straff�llig wurden. Und obwohl es ihm nur gelungen war, 128 Probanden f�r seine Untersuchung zu ermitteln, glaubte er festhalten zu k�nnen, da� <emphasis>sich der st�rkste Erbeinflu� geltend macht auf die H�ufigkeit krimineller Entgleisungen</emphasis>. Bereitete man sich so auf die �rztliche Betreuung von psychisch Schwerstkranken, von Schizophrenen, Paranoiden und Depressiven vor? Kranz war Dozent in Breslau geworden, Oberarzt an der Universit�tsklinik in Heidelberg und au�erplanm��iger Professor, sp�ter Direktor der Heil- und Pflegeanstalt in Wiesloch. Er war der neue Direktor der Universit�ts-Nervenklinik in Mainz. 1947 hatte er ein B�chlein mit dem unverf�nglichen Titel <emphasis>�ber den Schmerz</emphasis> ver�ffentlicht, ja, der Schmerz war eine anthropologische Konstante, und er konnte 1947 Hunger hei�en, Vertreibung, Desillusionierung, Verlust von Privilegien. Der Schmerz war kein Gleichmacher, aber das Reden �ber den abstrakten Begriff t�uschte �ber die verschiedenen Ursachen des konkreten Schmerzes hinweg. Der Schmerz individualisiert, isoliert. Auch die behauptete Abwesenheit von Schmerz ist ein Schmerz, ein Schmerz der Leere, der �de. In der Zeitschrift �Der Nervenarzt� hatte Kranz 1949 �ber die <emphasis>Zeitbedingte abnorme Erlebnisreaktion</emphasis> geschrieben. Ja, dem Psychiater erschlo� sich ein gro�es Feld, zeitbedingt. Anfang der f�nfziger Jahre war Kranz beim Thema �Irrenrecht, Irrengesetzgebung�, er schrieb einen allgemeinverst�ndlichen Artikel f�r ein Lexikon der P�dagogik �ber diese Begriffe. <emphasis>Einen umst�ndlichen juristischen Apparat</emphasis> wollte er vermeiden, er w�rde <emphasis>das Vertrauensverh�ltnis zwischen Arzt und Kranken zerst�ren</emphasis>. Wer 1953 professionell �ber �Irre� nachdenkt, mu� ein paar Jahre fr�her �ber Euthanasie nachgedacht haben, das liegt in der historischen Entwicklung. Und wo war das Vertrauensverh�ltnis zwischen Arzt und Kranken, wenn der junge Arzt zur Bef�rderung seiner Karriere vor allem an der Begutachtung weiblicher Schamhaare glaubte interessiert sein zu k�nnen und nicht an psychischen Befindlichkeiten?</p><p>Kornitzer bleibt f�nf Tage zuhause, es ist eine leere Zeit, er hat Angst, er werde sterben, er hat Angst, vor lauter Angst zu sterben. Das hat er schon einmal erlebt, als er sich so unendlich aufregte �ber den Fall Auerbach. Oder �ber das, was Philipp Auerbach zu einem �Fall� werden lie�. Er hat den Schmerz im Ged�chtnis behalten, die blanke Panik, er glaubte damals an einen Infarkt. Doch jetzt ist er �lter und erfahrener, auch d�nnh�utiger: also ein Anfall. Die Panik bleibt aus, aber er will sich schonen und auch Claire nicht �ngstigen. Wor�ber hatte der Professor Kranz gesprochen? Der Vortrag hie� �Art. 104 des Grundgesetzes in psychiatrischer Betrachtung.� Der erste Absatz des Artikels 104 h�rte sich sehr vern�nftig an: <emphasis>Die Freiheit der Person kann nur auf Grund eines f�rmlichen Gesetzes und unter Beachtung der darin vorgeschriebenen Formen beschr�nkt werden. Festgehaltene Personen d�rfen weder seelisch noch k�rperlich mi�handelt werden</emphasis>. Und so ging es milde und verst�ndnisvoll weiter. Die Regelung, wann jemand in Haft genommen werden durfte, war eindeutig. Nein, die V�ter und M�tter des Grundgesetzes, von denen einige die Erfahrung der ungerechtfertigten Inhaftierung erlitten hatten, sorgten vor. Sie hatten eng zusammen im Chorherrenstift auf Herrenchiemsee als Verfassungskonvent getagt. Die Wahl war nicht wegen der Sch�nheit der Insel auf Herrenchiemsee gefallen, sondern weil es nur zwei Telephonanschl�sse gab, der Ausschu� sollte <emphasis>unbeeinflu�t vom amtlichen Getriebe gr�ndliche Arbeit</emphasis> leisten. Und es war auch nicht das Interesse der jungen Bundesrepublik gewesen, nachdem so viele aus Willk�r Inhaftierte entlassen worden, auf die Todesm�rsche geschickt worden waren, so viele zu versorgen, wiedereinzugliedern waren, die Gef�ngnisse von neuem randvoll zu f�llen. Aber die M�nner in der Untersuchungshaft, die Frauen und Kinder auf der Stra�e, das Schreien, das Klagen, der ganze Jammer, der Kornitzer h�ufig in den Ohren gellte, die instinktive theatralische Ausstellung der Unschuldsvermutung � hatte Professor Kranz m�glicherweise solche Sorgen der Freiheitsberaubung pathologisiert? Wie der Gerichtspsychiater mit der NS-Vergangenheit Auerbachs Charakter kategorisiert und pathologisiert hatte? Gab es �berhaupt einen einzigen Gerichtspsychiater ohne eine solche Vergangenheit? mu�te sich Kornitzer fragen, und er war froh, da� das Zivilgericht kaum einen Bedarf an Gerichtspsychiatern hatte. Hatte der Vortragende den �Berufsverbrecher�, den die Nazis als eine Kategorie Mensch erfunden und erdacht hatten, wieder aufleben lassen? Die Gestalt, die prinzipiell andere und sich hochgradig gef�hrdet und die deshalb eingesperrt werden mu� zum Nutzen der Gemeinschaft? Die Nazis hatten auch Juden als prinzipielle Devisen-Schieber, als chronische Steuerfl�chtlinge gebrandmarkt, also in die N�he der Berufsverbrecher aus Charakterneigung ger�ckt und sie noch nach ihrer Ausreise jahrelang beobachten und bespitzeln lassen. (Auch in Havanna hatte es eine NSDAP-Auslandsorganisation gegeben, nach au�en hin hatten ihre Mitglieder Eint�pfe propagiert, deutsches Bier und deutsches Liedgut, in Wirklichkeit hatten sie die j�dischen Emigranten bespitzelt und denunziert, Zutr�ger, Lakaien, Speichellecker aus kaltem Interesse.) <emphasis>Das Verm�gen dem deutschen Reich verfallen</emphasis>. Das war die Formel auf den Ausb�rgerungspapieren, der Emigrant verfiel, verfiel, erbleichte vor Sorge um sein Leben, und sein Verm�gen verfiel, verfiel, bis der Rest dem deutschen Reiche <emphasis>verfallen</emphasis> war. Hatte Professor Kranz im gro�en Verhandlungssaal des Landgerichts Vorstellungen �ber die Untragbarkeit bestimmter B�rger auf freiem Fu� ge�u�ert, gleich welcher Meinung und Parteiung? Auf eine rasche Wegsperrung von Kommunisten, Homosexuellen, F�rsorgez�glingen gedrungen, vielleicht auch die von pathologisch renitenten M�dchen, wobei sich Kornitzer ja zweifellos an das Ungl�ck mit Selmas Aufenthalt in Deutschland erinnern mu�te? Es ist nicht auszudenken, es wurde nicht �berliefert, was Professor Kranz wirklich gesagt hat, Peinigendes, in eine Vergangenheit Weisendes gewi�, an der er seinen ganz pers�nlichen Anteil hatte. Und nur Kornitzers drastische physische Reaktion ist �berliefert wie ihr Schatten. Es kommt jemand heran! sagte sich Kornitzer, die Einschl�ge kommen n�her, sagte er sich, und ich bin ihnen ausgesetzt. Sein Arzt bescheinigt ihm Herzleistungsschw�che, Durchblutungsst�rungen, Unsicherheit beim Gehen, Schwanken. Ja, die Welt schwankt unter seinen F��en, oder schwanken seine F��e auf dem Grund, er hat kein wirkliches Empfinden daf�r. Die Krankschreibung wird zu seiner Personalakte genommen.</p><p>Kornitzer vermeidet daraufhin das Gehen, kauft sich ein Auto, mit dem er zum Landgericht f�hrt, das macht das Gehen nicht sicherer, aber die Unsicherheit ist nicht mehr so offensichtlich. Im Auto f�hlt er sich gepanzert. Er klagt auch �ber die verpestete Luft in Mainz-Mombach, die <emphasis>seiner Gesundheit abtr�glich</emphasis> sei. Die Waggonfabrik arbeitet, die Produktion der Glasfabrik l�uft auf Hochtouren, so viel ist in Scherben gegangen, will verglast, eingekittet werden. Der Schuhwichsefabrik entweichen scharfe D�mpfe, die Essigfabrik produziert sauren Gestank, im Hafen werden polternd G�ter verladen, die Schleppschiffe d�nsten Diesel�l aus, Kohlen werden aufgeschippt in einer schwarzen Staubwolke. Das Wort �Emission� ist noch nicht erfunden; eigentlich, das sagt Kornitzer nicht, ist er in einem Dreckloch gelandet, aber gebunden an das Haus, das Opfer-des-Faschismus-Haus. W�rde er nicht darin wohnen, er w�rde versuchen, mit leichtem Gep�ck umzuziehen, aber vielleicht dringt die Verpestung der Luft �berallhin in der Stadt.</p><p>Stinkt es in Ihrem Stadtteil auch so? fragt er einen seiner Beisitzer, den Assessor Nell. Der sieht ihn verst�ndnislos an. Er kommt mit dem Bummelzug t�glich aus dem Weinort Nackenheim, er ist bei einer Tante untergekrochen, weil er keine Wohnung gefunden hat. Da stinkt es nicht, nur wenn die Winzer Kupfervitriol verspritzen. Der ganze Ort liegt dann in einer giftigen Wolke, sagt der Beisitzer. Und nat�rlich im Herbst, wenn der Wein gekeltert wird. Aber das ist eben so.</p><p>Kornitzer ist dann lieber still, er wei�, da� er privilegiert ist mit dem Schindelhaus. Wohnungszwangswirtschaft ist das Machtwort, an dem die W�nsche zerschellen. Ja, Kornitzer hat es eigentlich gut getroffen, das Haus ist ein Panzer, ein Wiedergutmachungspanzer, er h�lt ihn fern von den Problemen anderer B�rger, er isoliert ihn, sch�tzt ihn und erregt auch Neid. Ach, k�nnte man das Schindelhaus doch am Schornstein und an den oberen Fensterl�den packen und irgendwo auf die Rheinh�hen stellen, heraus aus dem Industriemief, dem Essig- und Schuhwichsegestank, dem arbeitsamen Ameisengewimmel, in eine Einsamkeit, denkt er, schon denkunf�hig vor M�digkeit in einer unbestimmten Sehnsucht. Es ist eher ein nutzloses, aber nicht gegenstandsloses Seufzen, ein ungef�hrer Gedanke, der nicht vom Fleck kommt und sich wie ein Rohrkrepierer in den Boden bohrt. Eigentlich unw�rdig f�r einen Landgerichtsdirektor, sagt er sich selbst. Aber seine Empfindlichkeit war mit den Jahren gr��er geworden, er war unleidlicher und unduldsamer. Er erforscht, was aus seinen fr�heren Kollegen im Landgericht Berlin geworden ist, er schreibt Briefe, telephoniert, aber er vermeidet, Rechtsanwalt Damm nach einem einzigen fr�heren Kollegen zu fragen. Damm hatte ihm formell f�r die Vermittlung eines Mandanten gedankt. Kornitzer hatte daraufhin nur knapp genickt. Er sehnt sich nach Ludwig Foerder, dem Rechtsanwalt aus Breslau, der ihm von den ersten �bergriffen auf j�dische Richter berichtet hatte. Er h�tte hellh�rig werden m�ssen, er h�tte Entscheidungen treffen m�ssen. Nun wei� er nicht einmal, ob Foerder, den er als einen seiner F�rderer erlebt hat, noch lebt oder wo er lebt. Das macht ihn traurig und mutlos. Er schreibt Briefe nach Kuba, er schreibt in die USA, er nimmt Kontakt mit Fritz Lamm auf, der in Stuttgart gelandet ist, er verausgabt sich im Schreiben.</p><p>An einem ruhigen Abend schreibt er einen Brief an das Justizministerium Mainz und gleichzeitig einen �hnlichen an das Entsch�digungsamt Berlin Wilmersdorf, das nach seinem letzten Wohnort vor der Emigration f�r ihn zust�ndig ist: �Ich stelle nunmehr den Antrag, mir die Rechtsstellung eines Beamten der Besoldungsgruppe B 8 zu gew�hren�, und er f�hrt aus: �Hinsichtlich meiner besonderen F�higkeiten auf dem Gebiete des kubanischen Rechts in Verbindung mit der spanischen Sprache ist meine Qualifikation nach meinen Feststellungen einzigartig.� Und er begr�ndet seinen Antrag damit, da� eine Wiedergutmachungsentscheidung �ber seine Rechtsstellung noch nicht ergangen sei. Eine solche Entscheidung sei dringlich, da inzwischen bei fast allen Beh�rden des Bundes und der L�nder � entgegen dem Paragraphen 7 zum Grundgesetzartikel 131 � aktiv t�tig gewesene Nationalsozialisten in die fr�heren Stellungen eingesetzt oder sogar weiterbef�rdert worden seien. Die wenigen Fachleute, die der Berliner Patentkammer angeh�rt h�tten, seien inzwischen � soweit sie nicht ausgewandert oder verstorben sind � in hohe und h�chste Stellungen berufen worden wie beispielsweise der derzeitige Senatspr�sident beim Deutschen Patentamt. Seine, Kornitzers, Berufung zum Landgerichtsdirektor im Jahre 1949 sei nicht im Wege der Wiedergutmachung vorgenommen worden. Im Gesch�ftsbereich des Bundesjustizministeriums h�tten inzwischen zahlreiche Richter schon vor Vollendung des f�nfzigsten Lebensjahres Stellungen erlangt, die �ber der Besoldungsgruppe A 2b liegen. Unter diesen Umst�nden k�nne er als politisch Verfolgter auf Grund seiner in den dienstlichen Beurteilungen anerkannten F�higkeiten, Kenntnissen und Leistungen, besonders auf dem Spezialgebiet des gewerblichen Rechtsschutzes, eine weitere Bef�rderung schon deshalb beanspruchen, weil er, wie bereits festgesetzt worden sei, ohne politische Verfolgung bereits zum 1. August 1936 die Stellung eines Landgerichtsdirektors erlangt haben w�rde.</p><p>Das lesen die Empf�nger des Schreibens im Justizministerium nicht gern. Er hat das nicht mit Westenberger abgesprochen. Es geht ja nicht um eine Bef�rderung, es geht um eine ethische Forderung. Er kann nicht einsch�tzen, welche Wirkung ein solcher Brief haben wird, er will sein Recht. Sein Antrag wird als unzul�ssig abgewiesen. Seine Wiedergutmachung sei durch die ihm zustehende Rechtsstellung und Besoldung bereits geleistet. <emphasis>Der Antragsteller selbst hatte vor Erla� dieses Wiedergutmachungsbescheids niemals erkennen lassen, da� er im Wege der Wiedergutmachung eine �ber der Besoldungsgruppe A 2b liegende Amtsstelle beanspruche</emphasis>. Er habe vielmehr sein Einverst�ndnis mit der vorgesehenen Regelung erkl�rt. Der neue Antrag k�nne nicht als Wiederholung oder Konkretisierung des fr�heren <emphasis>Wiedergutmachungsbegehrens</emphasis> angesehen werden. Und auf dieses k�nne sich der Antragsteller nicht berufen. Ja, es ist ein Begehren � mit allen erotischen und personalen Konnotationen, es wird ins Subjekt zur�ckverwiesen, und der Begehrende soll mit sich selbst ausmachen, was daraus wird. Getilgt wird die sittliche Aufgabe, die die Nachkriegsgesellschaft den Opfern des Faschismus gegen�ber hat. Der Antragsteller soll gef�lligst nicht die �ffentliche Hand damit behelligen, so sagen die Richter, die schon im Nationalsozialismus Recht gesprochen haben, und w�hnen sich vollkommen im Recht gegen�ber dem Antragsteller. <emphasis>Auch mit dem Sinn der f�r den �ffentlichen Dienst geltenden Wiedergutmachungsforderungen w�re es nicht vereinbar, wenn ein Beamter, dessen Wiedergutmachungsanspr�che im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen bereits erf�llt sind, nach Ablauf gewisser Zeitr�ume � unter Hinweis auf den beruflichen Aufstieg anderer Beamter � immer wieder Bef�rderungsanspr�che mit der Begr�ndung geltend machen k�nnte, da� er ohne die nationalsozialistischen Sch�digungsma�nahmen inzwischen eine h�here Amtsstelle erreicht haben w�rde</emphasis>.</p><p>Und dann in einer ruhigen Arbeitspause sieht Kornitzer sich selbst �ber die Schulter, w�hrend er nach dem Telephonbuch greift, ja, er findet den Namen von Professor Heinrich Kranz darin, notiert sich die Adresse, und auf seinem n�chsten Weg zum Landgericht f�hrt er zur S�dstadt, l��t das Auto in einer Seitenstra�e stehen, steigt aus, betrachtet das stehengebliebene w�rdige Haus in der N�he des Rheinufers, in der N�he der neu gebauten Universit�tskliniken. Und er fragt sich gleichzeitig: Was mache ich hier? Studiere ich ein Haus oder eine Wohnsituation, wie sie einem Psychiatrie-Professor, der seine Karriere von 1938 an gradlinig weiterbef�rdert hat, offensichtlich zusteht? Oder studiere ich meine eigene Unruhe und Unzufriedenheit? Und etwas in ihm will nicht entdeckt werden bei diesem Anstaunen eines Hauses mit roten Sandsteinlaibungen, den zugezogenen Gardinen, dem milden Lampenlicht, und ein anderer Teil von ihm sagt sich: Ich f�hre eine Ermittlung in eigener Sache. Er sp�rt sich selbst nicht wirklich, und indem dieser Fall eintritt, an den er nicht gedacht hat, sp�rt er den Wind, der vom Flu� her weht: Ja, er sieht auch Claires Traurigkeit, an der er einen Anteil hat, aber er kann den Anteil nicht verringern, das besch�mt ihn wiederum, und er sieht das Dilemma, �sp�rt� es auch, aber wie, wie es mildern? Es ist einfach da, eine Last, ein Betonklotz vor ihren F��en, zwischen ihnen, durch die Wiederaufbauma�nahmen noch verfestigt. Es ist un�berwindlich, und es �berhaupt nur im Blickwinkel zu behalten, macht es von Tag zu Tag gr��er, und es macht schuldbewu�t. Die Schuld, von der nicht ganz klar ist, worauf sie beruht (sp�ter h�tte man sie �berlebensschuld genannt), breitet sich aus wie ein Fettfleck.</p><p>Manchmal trat er sp�tabends in die T�r von Georges oder Selmas Zimmer, stellte sich den Sohn, die Tochter an einem Tischlein am Fenster vor, f�r ihr Studium arbeitend, ihm den R�cken zukehrend, mit rauchendem Kopf, nur beil�ufig �ber die Schulter sehend. Ah, du bist es, Vater, und dann wieder auf die Arbeit konzentriert, die Kornitzer nicht wirklich begreift (aber das tut nichts zur Sache), und er tr�te dann leise, leise zur�ck, befriedigt. Sein Sohn, seine Tochter unter seinem Dach: eine Art von Entwicklungsroman, etwas Au�erordentliches, das keinen Namen hatte, aber doch eine Richtung. Er sah vergangene Handgriffe, h�rte ferne Schritte. Und dann fand er wieder in die Wirklichkeit zur�ck, das Tagtr�umen war ein Zeitaufschub, er stieg die Treppe hinunter und setzte sich Claire gegen�ber in den Sessel, als w�re nichts geschehen.</p><p>Ja, Kornitzer geht zu wenig, bewegt die Akten, aber nicht seinen K�rper, er wird stark. Claire serviert h�ufig Forelle M�llerin, Kornitzer tr�ufelt sich viel fl�ssige Butter �ber den mageren Fisch, sonst schmeckt er ihm nicht. In Havanna hatte es �berhaupt keine Butter und kaum andere Milchprodukte gegeben. Und Claire m�chte sich mit ihm nicht �ber den Butterund Sahnekonsum auseinandersetzen. In seiner Personalakte finden sich in dieser Zeit die Eintr�ge: <emphasis>Dr. Kornitzer f�hlt sich in seiner Eigenschaft als rassisch Verfolgter zur�ckgesetzt; zwischen ihm und seinen Kollegen haben zeitweise Spannungen bestanden, bei denen vielleicht pers�nliche Empfindlichkeit eine Rolle spielt</emphasis>. Und: <emphasis>Der Gesundheitszustand des Richters, der etwas massig wirkt, war in letzter Zeit mehrfach gest�rt</emphasis>. Hatte das Justizministerium seinem Vorgesetzten, dem Landgerichtspr�sidenten, seinen Antrag weitergereicht und um Stellungnahme gebeten? Vermutlich.</p><p>Gegen diese Formulierung protestiert Kornitzer, er verlangt Tilgung, die nicht gew�hrt wird. So bleibt die Formulierung f�r sp�tere Leser seiner Personalakte sichtbar, �beraus gut sichtbar, sie �bt eine Signalwirkung aus. Warum steht etwas �ber seinen Leibesumfang in seiner Akte? Wen geht das etwas an? Sind solche Eintragungen in einer Personalakte �berhaupt erlaubt? Vermutlich nicht. Nein, gewi� nicht. Er erreicht nicht nur keine Tilgung, ihn erreicht ein Schreiben des Justizministeriums. Ministerialrat Dr. Sch�nrich erkl�rt Kornitzer, warum seiner Eingabe nicht stattgegeben wird, und es klingt wie blanker Hohn: <emphasis>Die dienstliche Beurteilung beschr�nkt sich auf die Feststellung, da� zeitweise Spannungen bestanden haben, und l��t die Frage offen, wer diese Spannungen verursacht und auf welcher Seite �vielleicht� eine �pers�nliche Empfindlichkeit� mitgespielt hat. Aus dieser Feststellung k�nnen deshalb keine Ihnen nachteiligen Schlu�folgerungen gezogen werden. Das gleiche gilt f�r den Hinweis auf Ihren Gesundheitszustand. Ebenso wenig l��t sich bestreiten, da� Sie in Ihrer �u�eren Erscheinung �etwas massig� wirken. Diese sachlich richtigen Feststellungen k�nnen Ihnen nicht zum Nachteil gereichen, da sie Tatsachen entsprechen, die von Ihnen nicht zu vertreten sind. Hiervon abgesehen sind Bemerkungen �ber den Gesundheitszustand und �ber die �u�ere Erscheinung eines Beamten als �dienstliche Urteile �ber seine Person� anzusehen, so da� schon aus diesem Grunde eine vorherige Anh�rung des Beamten nicht erforderlich ist. (��42 Abs. 1. BG)</emphasis>.</p><p>Er verlangt jetzt h�ufiger Einsicht in seine Personalakte, er ist mi�trauisch, die doppelte Benutzung des Begriffs �nachteilig� und �Nachteil� ist verr�terisch, er f�hlt sich gedem�tigt. Im Herbst macht er eine Fastenkur in der Buchinger Klinik am Bodensee, kaut langsam an trockenen Br�tchen, die in feine Scheiben geschnitten worden und aufs Liebevollste mit Radieschenscheiben und Schnittlauch garniert sind. Er schl�rft hei�e Gem�sebr�hen. Er sieht seine Mitfastenden, seine Mitgefangenen an, wie er sich heimlich sagt, man flaniert am Ufer des Bodensees, in �berlingen, und er denkt an Lindau, als w�re die erste Station nach seiner Emigration unendlich weit in einen Untergrund, in eine sch�ne, irritierende Fremdheit, die er kaum verstanden hat, gesunken. Er wird gemessen und gewogen, seine Herzprobleme werden ernst genommen und gleichzeitig in der milden Luft des Bodensees zerst�ubt. Es sind dann nicht mehr seine Herzprobleme, sondern es sind Probleme, die er sich <emphasis>gemacht hat</emphasis>. Ja, vielleicht hat er sich selbst ganz und gar gemacht, seine Zerknirschung, seine Traurigkeit, seinen Zorn, man trinkt ein K�nnchen blonden Tee aus gemischten Kr�utern, man denkt nach, versenkt sich, und �berall, wo man sich versenkt, lenkt, findet sich ein Kern des Wahren, Sch�nen, Guten, und wenn man in sich selbst hineingehorcht hat wie in eine H�hle, in der vielleicht ein Schatz verborgen ist, schmeckt auch das trockene Br�tchen viel besser. Es ist eine Gabe. Es ist ein Mittel zur Erkenntnis, ein Mittel zur Strukturierung der Genu�f�higkeit, und wo w�ren wir, wenn eine Erkenntnis, und sei sie teuer erkauft an einem sch�nen Ort, an dem gefastet wird und das Darben mit Blumen bekr�nzt wird, sich nicht durchsetzte. Ja, Kornitzer, fastend, schweigend, Wasser und hellgelben Tee trinkend, soll zu sich kommen und sein Leben in die Hand nehmen. Das tun auch die Unternehmer, die Studiendirektoren, auch der Frankfurter Verleger, die mit ihm am Fr�hst�ckstisch an ihren trockenen Br�tchen kauen. Aber was ihm aus der Hand geschlagen worden ist, soll keine Rolle spielen. Er sei es, der seinen K�rper regiere, und sein wachsendes Gesundheitsbewu�tsein regiere ihn, sagt man Kornitzer, jedenfalls sagt das eine sympathische junge Frau, die Di�tassistentin, die f�r ihn verantwortlich ist, und sie strafft die Z�gel. Die Pferde, die Pferde, sie dampfen. Da� er sie verloren hat, da� sie Schindm�hren geworden sind, nun ja, nun ja, das soll er bitte nicht so tragisch nehmen. Leberwickel werden ihm empfohlen, junge Damen, die Krankenschwestern genannt werden, aber doch eher eine Art von milden Hostessen sind, legen sie an. Ob die Ma�nahmen wohltuend sind, kann Kornitzer nicht wirklich sagen. Wohltuend ist, auf das Haar der Helferinnen zu schauen und die H�nde zu disziplinieren, damit sie nicht in das immer frisch gewaschene, in feinen Wellen auf die Schulter fallende Haar greifen, Haar wie Seide.</p><p>Die Kur ist eine Kur der Selbstfindung, bei der er unterhalb der schmelzenden Fettschicht ein paar Empfindungen wiederentdeckt, die er verloren geglaubt hatte: Neugier, Schaulust. Er schwimmt auch einige Male im See, doch dann ist es pl�tzlich zu kalt f�r diese Ausfl�ge, also wieder Leberwickel, blonde Tees, die nach Wald- und Wiesenkr�utern duften, was wirklich darin ist, erf�hrt er nicht, es ist eine Hausmischung.</p><p>W�hrend er am See spazierengeht und sich manchmal eine Buttercremetorte in der Theke eines Caf�s vorstellt, an der er mannhaft vor�bergeht, versenkt sich Claire in das Lesen. Sie verbringt eine Zeitlang mit Julien Sorel, diesem kleinen, schw�chlichen jugendlichen Helden, dem sein Autor <emphasis>eine leidenschaftliche Vorstellungskraft</emphasis> andichtet. <emphasis>In der Kunst, die Axt zu handhaben (der Vater Sorel hat ein S�gewerk), ist er seinen Br�dern und seinem Vater unterlegen</emphasis>. Claire kennt eine solche Unterlegenheit nicht, aber sie r�hrt sie, r�hrt sie, weil sie aus einer vergangenen Zeit stammt und gleichzeitig so gegenw�rtig ist. Julien bereitet sich auf den Priesterstand vor, aber in Wirklichkeit ist er ein Aufr�hrer, er r�hrt sich selbst auf, und sein Autor begleitet ihn in einer n�chternen, schlanken Sprache. Und dann erobert dieser Junge die Welt, zuerst eine Provinzdame, dann die Tochter eines Ministers, er ist willensstark, ein Napoleon aus dem S�gewerk, der sich durchbei�t. Aber die Welt, die er erobert hat, entgleitet ihm wieder, seine sch�ne Provinzliebe attestiert ihm, nur auf Geld und Macht aus zu sein und Frauen nur zu seinen Zwecken auszubeuten. Claire versteht, wie Julien dar�ber in Zorn ger�t (der Autor l��t sie es verstehen). Sie sieht seine Attraktivit�t f�rmlich, riecht sie zwischen den Seiten des Buches, und sie erfa�t den kalten Ehrgeiz, mit dem Julien bekundet: <emphasis>Die Hochm�tige liegt mir zu F��en!</emphasis>; der Empork�mmling schie�t auf seine ehemalige Geliebte, verletzt sie nur leicht, aber er b��t daf�r: <emphasis>Meine Herren, ich habe nicht die Ehre, Ihrer Gesellschaftsklasse anzugeh�ren. Sie sehen in mir einen Bauern, der sich gegen sein niedriges Geschick aufgelehnt hat</emphasis>. Claire lebt mit dem Gl�cksr�uber, Gl�cksritter, mit dem Wie-gewonnen-so-zerronnen, sie hat eine so starke Empfindung im Kino noch nicht erlebt, den schrecklichen Glanz der Sprache, und es ist gut, da� sie allein ist in dem Schindelhaus, allein mit dieser Wucht.</p><p>Und dann liest sie den Roman eines Italieners, dessen Namen sie noch nie geh�rt hat, liest, da� ein Mann eine Frau heiratet, die er nicht wollte, und nicht die, die er begehrte, und dann stellt er fest, da� er diese nun doch liebt, etwas war schiefgegangen. Und dann schreibt er diese sonderbare Geschichte auf, navigiert darin mit einer ironischen Distanz. Sein Psychoanalytiker will sie lesen, selbst hat er nichts davon verstanden, aber aufgeschrieben ergibt sie etwas, das jenseits dieser Geschichte ist: Abgekl�rtheit. Einerseits m�chte er nur eine letzte Zigarette rauchen, es gl�cken ihm auch noch Gesch�fte, und sein Analytiker sagt, er sei geheilt, eine sch�ne Seifenblase, der man nachsieht, und so k�nnte man auch dem eigenen Leben verfallen, denkt Claire und wird ganz sanft, und sp�tabends schl�gt sie noch einmal die Stelle auf, an der Zeno, der Held, sagt: <emphasis>Es war eine mondlose und sternhelle Nacht, eine jener N�chte, die bes�nftigen und beruhigen, weil man mit Leichtigkeit in unendliche Fernen sehen kann</emphasis>. Genau das hatte sie vers�umt, sie hatte die unendlichen Fernen aus dem Gesichtskreis verloren, hatte auf Grundst�cke gestarrt, auf denen man ein Kino errichten konnte, hatte von roten Vorh�ngen getr�umt, von Schlangen an der Kinokasse, und pl�tzlich dachte sie, wie es w�re, wenn jene franz�sische Dame aus dem einen Roman den Helden aus dem italienischen Roman, den Schw�chling und Tr�umer, aufwecken w�rde, wenn ihr Ehrgeiz in ihm pulste. Ob er wirklich krank war, ist nicht zu erfahren, er ist in einer Welt angesiedelt, in der er nicht einmal scheitert, das ist schon etwas.</p><p>Gleichzeitigkeiten, Gleichwertigkeiten. Sie sieht sich selbst auf dem Sofa liegen mit ihren geschwollenen Beinen, matt durch ihre schlechte Nierenfunktion, der Rock ist hochgerutscht, ihre Hausschuhe hat sie abgestreift. Sie sieht sich einen Augenblick lang wie eine Romanfigur, aber es fehlt eine Sprache, es fehlt eine Hand, die sie vom Sofa pfl�ckt und in eine Welt hinausschickt, die staunenswert ist und nicht abweisend. Und ein wenig sp�ter f�hlt sie sich ermutigt, eine Neuerscheinung zu kaufen, nachdem sie eine Rezension dazu gelesen hat. Das Buch war schon einmal 1928 unter dem Titel �Eine Frau von f�nfzig Jahren� erschienen, aber offenbar wollte niemand das Buch einer Engl�nderin mit einem solchen Titel lesen. (Auch Claire h�tte als Mitzwanzigerin nicht im Traume daran gedacht.) Nun war sie mehr als doppelt so alt, nun war der Roman wieder erschienen mit dem Namen der Heldin, Mrs. Dalloway, als Titel. Auf allem lag der wunderbare Glanz des Unerwarteten, fl�chtig war alles, was an dem einzigen Tag geschieht, den der Roman ausleuchtet: der Kauf der Blumen f�r die abendliche Party, der Schlag des Big Ben, der �rger �ber das Mittagessen, das ihr Mann absagt, das unerwartete Treffen mit einem Jugendfreund, Hutl�den, Kleiderl�den, L�den mit Taschen in den Schaufenstern, auch die Nachricht vom Selbstmord eines jungen Mannes, <emphasis>es war etwas Gelassenes in ihrem Benehmen</emphasis>, befindet der Freund �ber die Frau im Mittelpunkt. Alles ist gleichwertig, str�mt und verstr�mt, die Perspektiven l�sen sich auf. Es schwindelt Claire ein wenig bei der Lekt�re, sie ist bei sich und gleichzeitig weit weg in London, wie sie k�rzlich noch in Triest war und davor in der franz�sischen Provinz, und sie ist in Mainz-Mombach, in ihrem Wohnzimmer. Und sie stellt sich ihren Mann vor am Bodensee, man m��te ihn beschreiben, wie er von weither kommt, zu ihr gekommen ist, aber dann wei� sie nicht weiter und klappt das Buch zu. Morgen wird sie wieder lesen.</p><p>Kornitzer kommt zur�ck, er ist schlanker geworden, aber es geht ihm nicht eigentlich gut. Der Abstand zwischen dem Landgericht und dem Bodensee hat ihm gut getan. Er sucht seinen Hausarzt auf, der untersucht ihn und schreibt ein Attest: <emphasis>Herr Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer hat im Sanatorium Buchinger in �berlingen eine anstrengende vierw�chige Fastenkur zur Entschlackung mitgemacht. Um einen vollen Enderfolg zu erzielen, ist noch ein vierw�chiger Urlaub aus �rztlichen Gr�nden dringend erforderlich. Herr Dr. Kornitzer ist alsdann wieder voll dienstf�hig</emphasis>. Gab es Unmut, ein Augenbrauenhochziehen, als er das Attest vorlegte? Welcher Proze� mu�te ausgesetzt werden wegen seiner Abwesenheit? Einen Tag sp�ter schreibt der Hausarzt eine zweite Mitteilung: <emphasis>Im Anschlu� an mein Attest bescheinige ich, da� Herr LG. Dir. Dr. Kornitzer infolge der anstrengenden Kur und Aufregungen f�r weitere vier Wochen dienstunf�hig ist</emphasis>. Eine versch�rfte Gangart, eine heftige Reaktion. Nein, es geht Kornitzer nicht gut.</p></section><section><title><p>Die Tat</p></title><p>Ja, Kornitzer hatte es sich genau �berlegt. Er war kein Spieler, auch kein Utopist. Die W�rde des Richteramtes und der Eid, den er bei seiner Ernennung geschworen hatte, <emphasis>Gehorsam der Verfassung, den Gesetzen und meinen Vorgesetzten und die Treue meinem Volk, Achtung gegen�ber dem Willen der Volksvertretung</emphasis>, all das band ihn. Aber auch das Hervortreten des Eigent�mlichen sah er, sah es klar vor sich, ohne es benennen zu k�nnen, und er sah auch, was zu tun sei. Es war keine Tat im Sinne einer Heldentat, es war ziemlich leicht, dachte er. (Als lie�e er einen Luftballon im Sitzungssaal schweben, dem alle Anwesenden tr�umerisch nachblickten, einen Luftballon mit sch�nen Wertvorstellungen, die an Paragraphen wie Fundk�rtchen gekn�pft waren und schon irgendwo landen sollten. Oder einschlagen wie Meteoriten.) Aber er wollte vorausschauend handeln, und das beschwingte ihn auch. Es war der erste Tag der neuen Sitzungsperiode nach den Gerichtsferien, ein blauer Morgen im September 1956, sehr fr�h noch, schon k�hl, erste Herbstbl�tter nach dem hei�en Sommer im Rinnstein, sich bl�ulich f�rbende Holunderbeeren in den B�schen am Stra�engraben. Kornitzer hatte schon von zu Hause aus ins Gericht telephoniert und einige Anordnungen getroffen, er winkte seiner Frau an einem Fenster im ersten Stock zu, Claire winkte mit einem �berm��ig fuchtelnden Arm zur�ck, viel Aufwand f�r einen ganz normalen Aufbruch, als er das Haus verlie�. Ja, er fuhr mit dem noch ziemlich neuen Auto hinunter in die Innenstadt, parkte den Wagen in der N�he des Flusses, und als er im Landgericht ankam, nahm er die Stufen der Treppe, ohne zu z�gern, auch ohne Anstrengung, die F��e pa�ten sich an, die Knie, der ganze Bewegungsapparat, er beherrschte den Weg, und er beherrschte sich. Ins Landgericht zu gehen, war ein Automatismus geworden. Er begab sich in das Beratungszimmer, einen schmucklosen Raum, dessen Fenster hin�ber zum Untersuchungsgef�ngnis wiesen. Dort an den Zellenfenstern tauchten h�ufig die K�pfe der Gefangenen auf, diese Demonstration wurde nicht gerne gesehen, weder im Gericht noch im Gef�ngnis; andererseits konnte man einem in Untersuchungshaft geratenen Menschen den sehns�chtigen Blick hinaus aus dem Fenster nicht verbieten. Drau�en und drinnen vermischten sich in diesem Blick. Es war ein symbolisches Aufrei�en der Fenster, das mit einem einzigen Blick eingefangen, umfangen wurde. Im Beratungszimmer sa�en einige Referendare und Assessoren, lasen Zeitung, schwatzten �ber ihre Ferien, jemand hatte die Ellenbogen auf den Tisch gelegt, breitete sich aus wie eine Lache. Gardasee, h�rte Kornitzer zweimal, Gardasee, und in den Augen des Referendars war ein Glitzern.</p><p>Als Kornitzer die T�r des Sitzungssaals �ffnete und den Raum betrat, war er ganz ruhig. Was sollte er erwarten, was sollte er f�rchten, er hatte schon viel f�rchten gelernt, aber er hatte sich nicht einsch�chtern lassen. Er sagte sich auch: Ich bin ganz ruhig. (War das eine Beschwichtigung?) Neben ihm die beiden Beisitzer im Verfahren: auf der einen Seite der frisch gebackene Gerichtsassessor Nell, mit Eifer ging er voraus in den Sitzungssaal, ein schlaksiger Mensch, der mit seinen langen Armen innig einen Aktenordner umschlang, die Robe etwas speckig, wie vererbt, m�rbe; auf der anderen Seite Landgerichtsrat Hartmann, der etwas zerzaust wirkte, auch zerstreut, als w�re er noch nicht wirklich angekommen nach den Gerichtsferien, dabei war er in den Verfahren klug und konzentriert bei der Sache. Der Vorsitzende in diesem Verfahren, Dr. Richard Kornitzer, sp�rt die N�he links und rechts, aber er will sie nicht sp�ren, er will f�r sich sein, die Beisitzer st�ren ihn nicht, er kann sie sofort wieder vergessen, doch was er tut, hei�t: �ffentlichkeit herstellen. Im Saal, den er schnell �berblickte, sa� auf seinen Wunsch hin Landgerichtsdirektor Zeh ohne Robe wie ein Privatmann. (Vertraute er ihm?) Kornitzer hatte ihn am fr�hen Morgen angerufen und gebeten, f�r kurze Zeit in den Sitzungssaal zu kommen, er w�rde schon verstehen, warum, und Zeh war dieser Bitte, ohne Fragen zu stellen, gefolgt, ebenso wie einige Rechtsanw�lte, die er von verschiedenen Verfahren her kannte. Kornitzer sah auch einen Journalisten einer Nachrichtenagentur, er kannte ihn und nickte ihm zu.</p><p>Es geht nicht darum, Dienstwege, Wanderwege von Akten zu beurteilen, Antr�ge, Abweisungen von Antr�gen, Vertagungen, Roben, Sicherheiten, die durch Unsicherheiten gekreuzt worden sind, freizulegen, Kammern zu �ffnen, Strafkammern und Zivilkammern, die Herzenskammern. Es geht um sehr viel, Kornitzer wei� es, deshalb handelt er. Und es gibt keine Wahrnehmung �ber die Laune, die Empfindlichkeit, den Gem�tszustand, die Robe des Landgerichtsdirektors, nichts �ber seine Mimik oder seine Sprechlage, etwas gepre�t, aber fest, und es gibt die Logik des Verfahrens. Es gibt auch eine Logik, seinen Worten aufmerksam zuzuh�ren (ja, sie zu interpretieren!) und sie sp�ter zu protokollieren, als w�ren sie frisch, eben erst gefallen (wundersamerweise Schnee im fr�hen Herbst), und als warteten sie darauf, dokumentiert, bekr�ftigt oder ins Unrecht gesetzt zu werden oder in ihr glanzvolles Recht. Das ist ein schwieriger Akt.</p><p>Kornitzer hatte sich gut vorbereitet, und er hatte f�r Aufmerksamkeit gesorgt. Er wolle vor der Sitzung eine pers�nliche Erkl�rung abgeben, und diese brauche eine gewisse �ffentlichkeit, hatte er seinem Kollegen, Landgerichtsdirektor Zeh, gesagt, und der war darauf eingegangen. Kornitzer verlas dann den Artikel 3 des Grundgesetzes. Den zweiten Absatz, den von der Gleichberechtigung von M�nnern und Frauen, der f�r ihn heute nicht zur Debatte stand, lie� er aus. Und er zitierte: <emphasis>Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religi�sen und politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden</emphasis>. Kornitzer machte eine kleine Pause, bl�tterte im Grundgesetz und schob dann den Artikel 97 des Grundgesetzes nach: <emphasis>Die Richter sind unabh�ngig und nur dem Gesetze unterworfen</emphasis>.</p><p>In alten B�chern liest man an bestimmten Stellen S�tze wie: Man h�tte eine Stecknadel fallen h�ren k�nnen. Aber im Sitzungssaal 507 war keine Stecknadel vorhanden, deren Fallger�usch man h�tte vernehmen k�nnen, der Journalist mit dem sprechenden Namen Kummer schrieb eifrig kratzend in seinen Block und sah nicht auf, drau�en ratterte eine Stra�enbahn, eine Betonmischmaschine r�hrte auf einer nahen Baustelle. Kornitzer klappte die Brosch�re des Grundgesetzes zu und sagte, er werde auf einer Pressekonferenz n�here Erkl�rungen abgeben. Dann begann er die Verhandlung, es war ein komplizierter, langwieriger Proze� zwischen der Stadt und einem Industriewerk, �ber den der anwesende Journalist schon mehrfach berichtet hatte, aber jetzt verlie� er den Raum. (Schrieb er �ber den Vorfall, die Tat, da� ein Richter �ffentlich das Grundgesetz in Erinnerung brachte, nachdem es sieben Jahre in Kraft war? Man w�rde es am n�chsten Tag wissen.)</p><p>Landgerichtsdirektor Zeh erhob sich auch, nickte dem Vorsitzenden Richter und den beiden Beisitzern zu, sah mahnend auf die Uhr, schon viel zu viel seiner kostbaren Zeit am ersten Tage der neuen Sitzungsperiode war beansprucht worden, und er verlie� den Sitzungssaal. Sein Gehen sah aus wie ein verlegenes, verfr�htes �Prost Mahlzeit�. Er hatte selbst einen Proze�termin. F�r kurze Zeit hielt er sich noch im Beratungszimmer auf. Sprach er mit den dort Anwesenden �ber den Vorfall? Das ist nicht bekannt. Telephonierte er mit dem Landgerichtspr�sidenten? Setzte der sich sogleich mit dem Oberlandesgericht Koblenz in Verbindung? Auch das ist nicht bekannt, aber stark zu vermuten, denn die Ereignisse �berschlugen sich.</p><p>Zwischen 11 und 12 Uhr wurde der Landgerichtsdirektor Brink vom Oberlandesgerichtsrat Walther beauftragt, die Herren Hartmann und Nell zu dienstlichen �u�erungen �ber die Vorf�lle in der Sitzung der 1. Zivilkammer zu veranlassen, die bis sp�testens um 16 Uhr im Pr�sidentenzimmer des Landgerichtes vorliegen sollten. Und er wurde weiterhin beauftragt, Kornitzer auszurichten, da� dieser sich um 17 Uhr im Pr�sidentenzimmer des Landgerichts einfinden solle, also die Zeugen zuerst und dann derjenige, dessen Tat sie bezeugen sollten. Brink verfa�te dar�ber eine dienstliche �u�erung, in der er schrieb, er habe Kornitzer gegen 12 Uhr in seinem Dienstzimmer angetroffen. Dieser sei jedoch offensichtlich in einer Beratung mit seinen Kammermitgliedern gewesen und habe davon abgesehen, sie zu bitten, f�r die Dauer der Unterredung mit ihm das Zimmer zu verlassen. Deshalb habe die Unterredung vor der geschlossenen T�r des Dienstzimmers stattgefunden. Landgerichtsdirektor Brink richtete Landgerichtsdirektor Kornitzer aus, da� Herr Oberlandesgerichtsrat Walther vom Oberlandesgericht Koblenz angerufen habe und ihn im Auftrag des Herrn Oberlandesgerichtspr�sidenten bitte, sich um 17 Uhr im Pr�sidentenzimmer einzufinden. Brink schrieb weiter, er habe angenommen, da� der Anruf im Auftrag des Oberlandesgerichtspr�sidenten erfolgt sei. Zu welchem Zweck Kornitzer sich einfinden solle, sei nicht er�rtert worden, vielleicht weil sie beide im Flur vor der T�r des Dienstzimmers standen. Kornitzer habe drei Gr�nde vorgetragen, warum er der Bitte (Anordnung?) nicht Folge leisten k�nne. Erstens f�hle er sich gesundheitlich nicht dazu in der Lage, zweitens wolle er zun�chst seinen Rechtsanwalt sprechen, drittens k�nnten bei der telephonischen �bermittlung Mi�verst�ndnisse m�glich sein, so da� er auf eine schriftliche Mitteilung des Auftrags Wert legen m�sse. Im Anschlu� danach bemerkte Kornitzer, schrieb Brink, da� es sich wohl um die Vorg�nge in der Sitzung am Morgen handeln m�sse, die den Auftrag ausgel�st h�tten. Brink best�tigte das und wies darauf hin, da� auch die Herren Landgerichtsrat Hartmann und Gerichtsassessor Nell zu einer dienstlichen �u�erung veranla�t werden sollten. <emphasis>Nunmehr</emphasis>, schrieb Brink weiter, <emphasis>erhob Dr. Kornitzer pl�tzliche Einw�nde dagegen, da� ihm der Auftrag des Oberlandesgerichtspr�sidenten durch mich �bermittelt w�rde. Er meinte, da� ein dienstj�ngerer Landgerichtsdirektor ihm einen derartigen Auftrag nicht �bermitteln k�nne, sondern in einem solchen Falle, wenn dienst�ltere Kollegen nicht zur Verf�gung st�nden, der Oberlandesgerichtspr�sident ihn unmittelbar beauftragen m�sse. Er lehnte nun kategorisch die Entgegennahme jeder Erkl�rung meinerseits ab und wollte damit auch den bereits �bermittelten Auftrag als ungeh�rt</emphasis> (unerh�rt?) <emphasis>hinstellen. Noch w�hrend ich feststellte, da� ich meinem Auftrage bereits nachgekommen sei, ging er in sein Dienstzimmer zur�ck und lie� die T�re, ohne da� ich jedoch sagen k�nnte, da� dies absichtlich geschehen sei, sehr vernehmlich ins Schlo� fallen. Die Unterredung war in wenigen Minuten beendet und verlief ruhig � bis auf den Vorfall am Schlu�</emphasis>.</p><p>Eine T�r, die vernehmlich ins Schlo� f�llt, zwei Paragraphen des Grundgesetzes, vorgetragen aus richterlichem Mund, die ins Ungewisse fallen, ein Journalist mit unklarem Auftrag im Raum, all das legt Teile des Landesgerichts lahm. Und Kornitzer ist starr oder unersch�tterlich. Unbeirrbar oder hochfahrend oder niedergeschlagen oder alles zusammen. Etwas ist geschehen, und mehr wird geschehen. Kornitzer bleibt auf einem Fleck stehen, und gleichzeitig rast er. Er ist Richter und richtet sich auf in seinem Gerechtigkeitsempfinden. Sein unersch�tterliches Rechtsempfinden sucht die Beratung durch den Rechtsanwalt. Er will sich nichts sagen lassen von dem ihm im Dienstalter unterlegenen Brink, er will das Sagen haben vor der �ffentlichkeit. Er ist aufrichtig, und er lehnt sich auf. Er ist ein menschliches Oxymoron. Er geht mit dem Kopf durch die Wand, und das tut weh. Er holt sich Beulen und tritt auf, als w�re er unverletzt. Er ist schrecklich gerecht, auch gegen sich selbst, auch f�r sich selbst, selbstgerecht.</p><p>Zwischen seinen Terminen verfa�te auch Landgerichtsdirektor Zeh, �u�erst effektiv, damit nichts aus dem Ged�chtnis verlorenging, eine dienstliche Erkl�rung, die auch als ein Zeugenbericht gelten k�nnte, wenn er zuf�llig bei einem Verkehrsunfall zugegen gewesen w�re.</p><p><emphasis>Am Morgen des 20. September teilte mir � in meiner Eigenschaft als Pr�sidialrat � Justizobersekret�r Fell von der Pr�sidialkanzlei mit, Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer w�nsche mich dringend zu sprechen. Etwa um 9 � Uhr rief ich diesen telephonisch an. Im Laufe des Gespr�ches �u�erte Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer, er wolle vor der um 9.30 Uhr beginnenden Kammersitzung eine �ffentliche Erkl�rung abgeben, wozu er die Presse eingeladen habe</emphasis>. (Auf dem erhaltenen Blatt seiner Erkl�rung befindet sich an dieser Stelle eine Bleistiftbemerkung eines, nein: d e s Leiters der nachfolgenden Untersuchung: <emphasis>Also Presse nicht wegen der Sache 1059/53?</emphasis> Das war in der Tat die Frage. War eine au�erordentliche Aufmerksamkeit vom Verhandlungsf�hrenden Richter initiiert worden? Oder war die �ffentlichkeit schon auf verschiedene Weise instruiert, und Landgerichtsdirektor Zeh mu�te den Fall aus n�chster N�he dokumentieren? Aber zun�chst schrieb er in seiner Erkl�rung: <emphasis>Er</emphasis> (Kornitzer) <emphasis>bat mich, in den Sitzungssaal 507 zu kommen und mir die Erkl�rung anzuh�ren. �ber den Inhalt der beabsichtigten Erkl�rung machte er keinerlei Angaben. Wenn ich auch an dem Ernst der Mitteilung zweifelte, begab ich mich gleichwohl in den betreffenden Sitzungssaal. Dort befand sich au�er einigen Rechtsanw�lten tats�chlich ein Vertreter der Deutschen Presse Agentur namens Kummer, den ich kenne. Daraufhin verlie� ich wieder den Sitzungssaal und suchte nach Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Ich traf ihn im Beratungszimmer und in Anwesenheit seiner Beisitzer, des Landgerichtsrates Hartmann und des Gerichtsassessors Nell, und mehrerer Referendare. Als ich auf ihn zuging und ihn begr��te, machte er eine abweisende Geste und gab das Zeichen zum Betreten des Sitzungssaals. Sein Verhalten lie� erkennen, da� er auf der Ausf�hrung seines Vorhabens bestand. Ich ging dann in den Sitzungssaal. Dort erkl�rte Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer, umgeben von seinen zwei Beisitzern, er habe eine Erkl�rung vor Beginn der Sitzung abzugeben</emphasis>. Auch an dieser Stelle des Berichts befindet sich eine Anmerkung am Rande des Blattes: <emphasis>Eigenen Namens?</emphasis> Der Bericht f�hrt fort: <emphasis>Alsdann verlas er Artikel 3 des Grundgesetzes, wobei er meiner Erinnerung nach den Absatz 2 fortlie�. Er f�gte hinzu, auf einer noch folgenden Pressekonferenz werde er n�here Erkl�rungen abgeben</emphasis>.</p><p>Zeh unterschrieb, sorgf�ltig mit einem gro�en schn�rkligen Zett, das E wurde entschieden kleiner und der letzte Buchstabe, das H noch einmal kleiner, wie geduckt vor dem Landgerichtspr�sidenten, damit er blo� nichts falsch machte und sich selbst nicht gef�hrdete als Parteig�nger des Grundgesetz-Verlesers. Und hinter seinen Namen setzte er einen Punkt, wie zur Erleichterung. Ein Aufatmen. Aber damit war es nicht getan. Am Nachmittag wurde er zu Landgerichtsdirektor Haldt gerufen, Justizobersekret�r Fell sa� da, sah ihn aufmerksam an wie eine Schildkr�te mit wackelndem, vorgerecktem Kopf und wartete auf seine Antworten, um sie zu protokollieren. Landgerichtsdirektor Haldt fragte, er tat das so eindringlich wie ein Untersuchungsrichter, wenn Gefahr in Verzug ist: Was f�r eine Geste war das, die Dr. Kornitzer machte? Warum war der Journalist im Raum? Es war doch eine �ffentliche Verhandlung, aber darauf kam es Haldt nicht an. Am Ende der Untersuchung stand das Ergebnis:</p><p><emphasis>Es erscheint Landgerichtsdirektor Zeh und erkl�rt: Zur Erg�nzung meiner heutigen dienstlichen Erkl�rung erkl�re ich wie folgt: Wenn ich von einer �abweisenden Bewegung� Dr. Kornitzers sprach, so erkl�re ich dazu erg�nzend, da� mir Dr. Kornitzer zurief: �Wir fangen gleich an.� Es ist m�glich, da� Dr. Kornitzer, bevor er dann im Sitzungssaal die Grundgesetzartikel verlas, sich dahingehend ge�u�ert hat, er wolle eigenen Namens, nicht im Namen der Kammer eine Erkl�rung abgeben. Genaue Erinnerungen habe ich nicht mehr. Ich wei� auch nicht mehr, ob Dr. Kornitzer au�er Artikel 3 auch Artikel 97 des Grundgesetzes verlesen hat. Kurze Zeit nach Verlassen des Sitzungssaales traf ich den Berichterstatter Kummer auf der Treppe des Gerichtsgeb�udes. Wir kamen ins Gespr�ch, in dessen Verlauf er erkl�rte, er sei beauftragt worden, die Sitzung der 1. Zivilkammer zu besuchen und dort eine Erkl�rung von Landgerichtsdirektor Kornitzer anzuh�ren. Der Berichterstatter hat nicht erw�hnt, da� er wegen eines Prozesses der Stadt Mainz gegen Leichtstoffwerke erscheine</emphasis>.</p><p>Zeh unterschrieb auch dieses Protokoll, daneben unterzeichnete der Landgerichtspr�sident. Da� er jemals �ber eine bedenkliche N�he zu Kornitzer befragt werden k�nnte, hatte noch am Vortag f�r Zeh in den Sternen gestanden, und denen war unmittelbar zu vertrauen von allen Parteien, aber dem eigenen Ged�chtnis nicht. Also mu�te Zeh danach befragt werden, und er mu�te sich �u�ern wie ein Zeuge.</p><p>Auch der Gerichtsassessor Nell schrieb einen Bericht, zaghaft, sorgsam, knapp, denn er wu�te nicht, mit wem er sich solidarisieren (auf welche Seite er sich schlagen) sollte. Das war ein Eiertanz, dem der junge Mann (Gardasee, Gardasee oder ein Schweigen, in die Akten vertieft) nicht gewachsen war.</p><p><emphasis>Herrn Landgerichtspr�sidenten</emphasis></p><p><emphasis>auf Erfordern erkl�re ich dienstlich:</emphasis></p><p><emphasis>An der 1. Sitzung der 1. Zivilkammer des Landgerichts Mainz nach den Gerichtsferien am 20. September 1956 nahm ich als Beisitzender Richter teil. Nachdem die Kammer am Richtertisch Platz genommen hatte, sagte der Vorsitzende, Herr Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer, er wolle eigenen Namens, nicht namens der Kammer, eine Erkl�rung abgeben. Er verlas den Artikel 3 Abs. 3 und 97 Abs. 1 des Grundgesetzes und gab anschlie�end seiner Absicht Ausdruck, eine Besprechung mit der Presse abzuhalten, dann er�ffnete er die Sitzung mit dem Aufruf der ersten Sache</emphasis>. Mit anderen Worten: Der Gerichtsassessor Nell hat ein ungleich klareres Ged�chtnis als Landgerichtsdirektor Zeh, vielleicht deshalb, weil er wei�, es kommt noch nicht so sehr auf ihn an, er ist nur eine kleine Nummer, keine St�tze im Geb�lk eines vielleicht ins Wanken geratenen Justizapparates, und er scheut sich auch nicht, Zweifel und Irritationen auszusprechen, es wird ihn, so jung und so unerfahren wie er ist, nichts kosten. Er ist in etwas hineingeraten. Und so schreibt er: <emphasis>�ber den Anla� und den Zweck der abgegebenen Erkl�rung bin ich mir nicht klar geworden, weil der Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer sich hier�ber nicht �u�erte</emphasis>.</p><p><emphasis>Ein im Sitzungssaal anwesender Presseberichterstatter verlie� bei Aufruf der ersten Sache den Sitzungssaal. Ich war hier�ber verwundert, weil mir vor der Sitzung zugetragen worden war</emphasis> � hier gab es eine handschriftliche Bemerkung am Rande seines Berichts, ein Frauenname war zu entziffern, Liesel, der Vorname, wer hie� Liesel im Jahr 1956? der Nachname unleserlich, vielleicht Hellig oder Heilig oder Hellweg, vielleicht der Name einer Sekret�rin, jedenfalls ein Name ohne eine Funktion, Assessor, Landgerichtsrat, Landgerichtsdirektor, und es gab einen Verweis auf eine sp�tere Seite der Eingabe an das Justizministerium. Offenbar waren nur niedere Personen Zutr�ger, Wassertr�ger in einem Verfahren, die h�heren Personen verfertigten dienstliche Erkl�rungen, Vernehmungsprotokolle, Papier, Papier, das nur den richtigen Weg, den Dienstweg einschlagen mu�te, um gelesen zu werden. (Und so war es auch.) Ja, weil es dem Assessor <emphasis>zugetragen worden war</emphasis>, mu�te man noch einmal lesen, <emphasis>da� die Presse die Verhandlung in dieser ersten Sache mith�ren wollte</emphasis>. Es folgte eine unspezifische Unterschrift, <emphasis>Nell</emphasis>, und das war�s, ein Krakel, als w�re der Schreiber erleichtert, an ein Ende, wie immer es aussah, gekommen zu sein. Punkt.</p><p>Landgerichtsrat Hartmann schrieb gleichzeitig auf dem Dienstweg an den Landgerichtspr�sidenten �ber die <emphasis>pers�nliche Erkl�rung des Landgerichtsdirektors Dr. Kornitzer</emphasis> und auch weiter: <emphasis>Ich habe offen gestanden den Sinn dieser Erkl�rung nicht begriffen und war deswegen �berrascht. Zwar hatte ich vor der Sitzung eine vage Andeutung von einer bevorstehenden Erkl�rung erhalten. Ich wu�te auch, weswegen ein Vertreter der Presse und Herr Landgerichtsdirektor Zeh anwesend sein w�rden. Ich konnte mir aber unter allem nichts vorstellen und war auch nicht gewillt, N�heres in Erfahrung zu bringen</emphasis>. (Mit anderen Worten: Landgerichtsrat Hartmann will nichts wissen, will seine Sache gut machen, nicht nach links und rechts schauen, sein Haar ist ohnehin schon verweht genug.) <emphasis>Nach dem Mienenspiel der im Gerichtssaal Anwesenden zu urteilen, ist zumindest der Mehrzahl der Erschienenen der Sinn der ganzen Angelegenheit nicht klar geworden</emphasis>.</p><p><emphasis>Zuf�llig</emphasis> (wer soll das glauben?) <emphasis>habe ich vor ca. � Stunde einen entsprechenden Artikel in der �Freiheit� gelesen. Ich betone aber, da� die in diesem Artikel aufgestellten Vermutungen durch den gestrigen nackten Tatbestand nicht gest�tzt werden. Es ist auch keine Andeutung gefallen, da� die Annahme zutrifft. Da mir der Sinn der ganzen Angelegenheit auch nachtr�glich nicht klargeworden war, hatte ich heute morgen die �Allgemeine Zeitung� in Mainz daraufhin einer Nachpr�fung unterzogen und war nicht erstaunt, keine entsprechende Ver�ffentlichung zu finden</emphasis>. Da� die �Freiheit� eine sozialdemokratische Zeitung war, gefiel nicht jedem, da� Kornitzer sie als Sprachrohr benutzte (oder von ihr benutzt wurde), schien verwerflich. Die Ernennung des neuen Landgerichtspr�sidenten war ein Tabu. Hartmann unterzeichnet gro� und deutlich, viel sicherer, als all sein Nichtwissen und Nichtwissenwollen vermuten lie�.</p><p>Auch Hartmann wird am Nachmittag von Landgerichtsdirektor Haldt noch zu einer Vernehmung bestellt, und er gibt vor dem Justizobersekret�r Fell, f�r den dies ein harter, arbeitsreicher Tag gewesen ist, zu Protokoll: <emphasis>Ob die von Dr. Kornitzer erw�hnte Pressebesprechung nur beabsichtigt oder schon fest beschlossen sei, war aus seiner Erkl�rung nicht zu entnehmen. Ob Dr. Kornitzer auch etwas ge�u�ert hat, wo er die Pressekonferenz abhalten wolle, wei� ich nicht</emphasis>.</p><p><emphasis>Heute nachmittag hat mir Dr. Kornitzer den Artikel aus der heutigen Nummer der �Freiheit� vom 21. 9. 1956 mit der �berschrift �Niemand darf benachteiligt werden �� gegeben � er hatte ihn aus der Zeitung herausgerissen. Weder er noch ich haben bei der �bergabe dieses Zeitungsausschnittes etwas ge�u�ert, au�er da� Dr. Kornitzer sagte, es habe ihm ferngelegen, auf den Fall Benz anzuspielen. Dr. Kornitzer wu�te um diese Zeit schon, da� ich heute Nachmittag meine �u�erung abgeben solle oder vernommen werde</emphasis>. Das Protokoll wurde von Haldt, Hartmann und dem Justizobersekret�r Fell gemeinsam unterzeichnet.</p><p>In dem Zeitungsartikel hei�t es: <emphasis>Wer die Meldung �ber die Ernennung des neuen Landgerichtspr�sidenten Dr. Benz in Mainz aufmerksam gelesen hat, der mu�te zu interessanten �berlegungen kommen. Es hei�t n�mlich dort, da� der neue Pr�sident evangelisch sei und damit der turnusm��ige Wechsel bei der Besetzung der Posten der Landgerichtspr�sidenten in Rheinhessen gew�hrleistet sei</emphasis>.</p><p><emphasis>Nun mag man aber dar�ber streiten, ob ein katholischer oder ein evangelischer Landgerichtspr�sident mehr oder weniger �rechtes Recht� spreche. Aber um alles in der Welt, was hat die Konfession mit der Rechtsprechung zu tun? Oder soll der neue Landgerichtspr�sident deshalb besonders vorzuziehen sein, weil etwa seine Frau katholisch ist und er evangelisch, und damit die Parit�t geradezu in h�chster Vollendung erreicht wird? Sicher wollte Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer auf diese Gedankeng�nge hinweisen, als er zu Beginn seiner gestrigen Verhandlungsf�hrung den Artikel 3 des Grundgesetzes und den Artikel 97 zitierte, der die Unabh�ngigkeit der Richter garantiert. In einer Besprechung mit der Presse will Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer demn�chst seine Gedankeng�nge dazu n�her erl�utern. Sie werden sicher von Interesse sein</emphasis>.</p><p>Obwohl alle angeforderten Protokolle �ber den Vorfall auf den 20. September datiert waren, gab es in fast allen handschriftliche �nderungen, die auf den 21. September lauteten. Und das Datum des Zeitungsartikels war ebenfalls verr�terisch. H�tte ein solches Dilemma, ein Aufruhr in einem Landgericht � ein Landgerichtsdirektor verliest ein, zwei Paragraphen des Grundgesetzes und l�dt zu dieser Aktion einen Pressevertreter ein � innerhalb von 24 Stunden zeitlich eingegrenzt und wie ein Virus in einer konzertierten Aktion bek�mpft werden m�ssen? Eine Aktion, die man vermutlich ein gutes Jahrzehnt sp�ter im Rheinland ein Happening genannt h�tte, wenn ein Professor einer Kunstakademie etwas �hnliches getan h�tte. Alles war eben erst geschehen, und es war, als w�re es nicht geschehen, als h�tte es nie, nie geschehen d�rfen, aber wie sollte es weitergehen, wenn der aufr�hrerische Akt doch geschehen war? Alles kam darauf an, eine Kontinuit�t zu erzeugen, die Zeugen zu befragen, den Schaden zu begrenzen. Und es kam darauf an, aus einem Akt eine Akte zu fabrizieren, die an das Ministerium der Justiz gesandt werden k�nnte, sogleich am 21. September, und die Akte wurde durch den im Briefkopf firmierenden Oberlandesgerichtspr�sidenten Walther �bersandt, von Mainz nach Koblenz und zur�ck nach Mainz. Das ist der Dienstweg, er ist mit �ngsten gepflastert, nur nichts falsch machen, handeln und das Verhandelte dokumentieren. Nur nicht stolpern, nicht ausrutschen auf dem glatten Dienstweg. Man mu� sich verdient machen als Beamter. Aus einem Akt wird eine Akte, aus einem Handelnden ein T�ter. (Opfer?) Es ist eine systematische Arbeit der Zermalmung der Erinnerungsf�higkeit, ein Anschwellen des Papierberges, mit dem die verschiedensten Personen befa�t waren. Das Gericht ist kein Ort der Offenbarung, nicht einmal der Offenlegung, ja, eigentlich ist es ein hei�er Ofen, in dem Delikte, Strukturen, Zust�ndigkeiten gebacken werden. Alles pressierte, der Vorfall, die Tat mu�te sorgsam pr�pariert werden, alle Fingerzeige, alle Fingerabdr�cke, alle Denkbewegungen und Bewegungen des Zweifels waren von Bedeutung, und nun war alles Papier, alles im dienstlichen Auftrag des Herrn Oberlandesgerichtspr�sidenten vom 21. 9. 56. Wer schie�t so schnell? Wer will so schnell eine Sache vom Tisch haben? Oder brennt es vielleicht schon, wenn man zwei Artikel des Grundgesetzes auf ihm ausbreitet?</p><p>W�hrend Landgerichtsdirektor Haldt noch den Landgerichtsdirektor Hartmann vernahm, kam ein Anruf eines Anwaltes, mit dem Kornitzer gerne zusammenarbeitete. Er hatte ihm geholfen, seine �Sache�, so sagten Juristen ja, seine Sache mit dem Land Rheinland-Pfalz zu kl�ren, sein Dienstalter, seine Anspr�che, die ihm erwachsen waren seit der Entlassung aus dem Beamtenverh�ltnis, seine verlorengegangene Zeit und die versp�teten Ernennungen, das war alles gelungen, dar�ber gab es keinen Zweifel, und so war Westenberger ein naher Mensch geblieben, obwohl sich Richter und Rechtsanw�lte nur selten befreunden. (Distanz tat gut.) Aber Westenberger hatte Kornitzers Sache beherzt weitergetrieben, bis zu ihrem guten Abschlu�. Es war ja empfindlich genug gewesen, neu beamtet als Landgerichtsrat gegen seinen Arbeitgeber klagen zu m�ssen, nicht weil der Arbeitgeber ihm ein einziges Haar gekr�mmt hatte (oder doch � oder Schlimmeres?), sondern weil der Arbeitgeber die Rechtsnachfolge seines vormaligen Peinigers, des Deutschen Reiches in seiner Gestalt als Drittes Reich, angetreten hatte. Westenberger berichtete Landgerichtsdirektor Haldt, da� Kornitzer augenblicklich und auch vermutlich am morgigen Tag in einer solchen Verfassung sei, da� der Arzt ihm jede Aufregung verbiete. (Also hatte Kornitzer nach der Kammersitzung seinen Arzt aufgesucht?) Er sei jedenfalls nicht in der Lage, sich zu der neuen Angelegenheit vernehmen zu lassen, schrieb Westenberger. (Hatte Kornitzer sich schon zu fr�heren vernehmen lassen m�ssen? In welchen Angelegenheiten? Und wenn es solche gab, warum waren sie nicht dokumentiert?) Im �brigen bat Westenberger doch darum, Kornitzer schriftlich zu h�ren, um ihm die Aufregung (auch die Dem�tigung!) einer pers�nlichen Vernehmung zu ersparen. Landgerichtsdirektor Haldt legte in seiner Aktennotiz noch einmal dar, er habe den Anwalt befragt, ob sich Dr. Kornitzer damit krank melden wolle oder ob und wann er glaube, sich vernehmungsf�hig zu f�hlen. Haldt vermerkte: <emphasis>Rechtsanwalt Westenberger versprach nach nochmaliger R�cksprache mit Dr. Kornitzer, mich noch einmal anzurufen. Kurz darauf erfolgte auch dieser Anruf, und Rechtsanwalt Westenberger teilte mir mit, �ber den Zeitpunkt, wann Dr. Kornitzer wieder einer Vernehmung sich gewachsen f�hle, k�nne er nichts sagen. Jedenfalls sei er weder heute noch morgen hierzu imstande</emphasis>.</p><p>Und dann nimmt die Aktennotiz, die Haldt an das Justizministerium schickte, eine �berraschende Wendung, wird privat oder halb privat. M�tter melden in Schulen ihre Kinder krank, aber da� die Frau eines Landgerichtsdirektors den Vorgesetzten ihres Mannes anruft, um sehr empfindliche Nachrichten �ber ihren Mann zu Protokoll zu geben, als ein Sprachrohr ihres Mannes fungiert (aber in welche Richtung?), ist h�chst ungew�hnlich. Wie wirkte das auf Landgerichtsdirektor Haldt? Sein eigener Eindruck ist nicht im Protokoll herauszusp�ren, herauszulesen, und auch deshalb mu� man sich insgeheim seine Frau, Frau Haldt, wie ein Spiegelbild vorstellen, auf dem Wochenmarkt, auf den Elternabenden in der Schule ihrer Kinder (wozu ihr Mann niemals Zeit hatte), beim Zahnarzt mit den Kindern, all diese Sorgen hatte Claire Kornitzer nicht, nicht mehr. Und warum sie sie nicht mehr hatte, dar�ber war mit niemandem zu sprechen. Der Schmerz war zu gro�, war �bergro�, eine riesige, unheilbare Wundfl�che, ein unstillbares Schweigen. Davon konnte Landgerichtsdirektor Haldt nichts wissen, aber er dachte beim Schreiben an seine Frau, w�hrend er �ber Claire Kornitzer nachdachte, die er nur fl�chtig kannte und die er heute glaubte, kennengelernt zu haben von einer �berraschenden, ja befremdlichen Seite. Sie hatte ihn angerufen.</p><p>Und so schrieb er in aller N�chternheit in der Aktennotiz weiter: <emphasis>Kurze Zeit nachher rief mich Frau Dr. Kornitzer an und erkl�rte mir, ihr Mann habe sich so au�erordentlich aufgeregt, und es habe ihm einen Schock versetzt, da� ihm von Landgerichtsdirektor Brink ausgerichtet worden sei, er solle sich heute Nachmittag zur Vernehmung beim Oberlandesgerichtspr�sidenten einfinden</emphasis>. Landgerichtsdirektor Haldt fuhr dann in seiner Aktennotiz fort: <emphasis>Ich erkl�rte Frau Kornitzer, da� es sich hierbei um ein Mi�verst�ndnis handele, das durch die telephonische �bermittlung von Koblenz nach Mainz entstanden sein m�sse. Es sei nie die Rede davon gewesen, Dr. Kornitzer heute nach Koblenz zu dem Herrn Oberlandesgerichtspr�sidenten zu bestellen, er solle lediglich durch mich hierin Mainz zu den Vorf�llen in der gestrigen Sitzung der 1. Zivilkammer geh�rt werden. Frau Kornitzer</emphasis>, so schrieb er, <emphasis>bedauerte dieses Mi�verst�ndnis</emphasis> (tat sie das wirklich?), <emphasis>f�gte aber hinzu, ihr Mann sei jetzt in einem solchen seelischen Zustande, da� er sich weder heute noch morgen einer pers�nlichen Vernehmung unterziehen k�nne. Er habe auch, wie gew�hnlich samstags, nicht die Absicht, im Gerichtsgeb�ude zu erscheinen</emphasis>. (Heiligte er doch den Sabbat, oder war ihm der Samstag als ein verhandlungsfreier Tag auch f�r Studien im Gericht nicht dienlich?) <emphasis>Auf meine Frage, ob das eine f�rmliche Krankmeldung sein solle und ob und wann ihr Gatte bereit sei, sich vernehmen zu lassen, antwortete sie, das k�nne sie nicht sagen, sie wiederhole aber im Interesse und im Auftrag ihres Mannes die Bitte, ihn schriftlich zu der Angelegenheit zu h�ren. Sie bat mich ferner, wenn ich von meinen heutigen Ermittlungen berichte, schon jetzt darauf hinzuweisen, da� der Artikel in der heutigen Nummer der �Freiheit�: �Niemand darf benachteiligt werden �� von ihrem Manne weder beeinflu�t noch bestellt sei und da� er mit der Verlesung des Grundgesetzartikels durch ihren Mann in der Sitzung nichts zu tun habe</emphasis>. (Das ist eine Zeugenaussage, die eher schon einer anwaltlichen Einlassung entspricht. Hat Rechtsanwalt Westenberger mitgewirkt? Oder hat Claire Kornitzer, als ihr Mann nach Hause kam und endlich, endlich stockend erz�hlt hatte, was vorgefallen war, f�r welchen Aufruhr er gesorgt hat, den Rechtsanwalt um Vermittlung gebeten? La� mich mal machen.) F�r Landgerichtsdirektor Haldt sieht es so aus, als verstecke sich Kornitzer hinter dem R�cken seiner Frau, hinter ihrer Verhandlungsbereitschaft. Mit anderen Worten: Es sah l�cherlich und peinlich aus. Und so mu� er sich zur�cknehmen, zu seiner amtlichen, juristisch begr�ndeten Fassung als Vorgesetzter zur�ckfinden, und er schreibt in der Aktennotiz weiter: <emphasis>Auf meine Frage, ob ein Zusammenhang zwischen der Verlesung des Grundgesetzes und der Anwesenheit des Presseberichterstatters bestehe, antwortete mir Frau Kornitzer, da� der Berichterstatter lediglich in die Sitzung gekommen sei, weil er sich f�r einen schon l�ngere Zeit schwebenden Proze� der Stadt Mainz gegen Leichtstoffwerke interessiert habe</emphasis>.</p><p>Und er unterzeichnete schwungvoll, aber auch seine Unterschrift wird wie die von Landgerichtsdirektor Zeh von Buchstabe zu Buchstabe kleiner und �ngstlicher, als bl�hte sich der Titel und unter dem Titel das Ego und unter dem Ego die Brust lebhaft auf, und es gibt keinen Halt mehr, ja, mit diesem Bewu�tsein des Uferlosen, Seichten, Schl�pfrigen schrieb er seine Namen. Halt ein! Und er schrieb <emphasis>Haldt</emphasis>, schrieb den ersten Buchstaben H viermal so gro� wie den letzten, das wacklige, windige T duckte sich schon, und er war doch zufrieden mit seiner Aktennotiz, es kam ihm vor, als h�tte er nicht ein Protokoll eines Gespr�ches mit der Frau seines Kollegen aufgezeichnet, sondern eine L�win geb�ndigt, die ihr verletztes Junges vor ihm verbirgt, also f�r den Akt einer Z�hmung (Dressur?) vollkommen ungeeignet war, fixiert auf das Ungl�ck, das sie nun einmal getroffen hatte. Und dabei handelte es sich doch nicht um ein Junges, nun ja, ein Kind, in der menschlichen Sichtweise, sondern um ihren Mann, Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer. Haldt wollte am Abend vielleicht noch mit seiner Frau dar�ber sprechen, wollte ihre Meinung h�ren, was sie von einer Ehefrau hielt, die sich f�r ihren Mann zu einer gro�en Verteidigungsrede aufschwang, aber er tat es dann doch nicht, seine Frau sp�lte, n�hte noch einen Knopf an einer Manschette an, der lose baumelte, sie schalteten das Radio ein und wieder aus, Wunschkonzert, und dann war der Abend zu Ende, ehe er noch angefangen hatte. Aber er wu�te instinktiv, was seine Frau sagen w�rde, fragte er sie um ihre Meinung. Genau dasselbe wie er, wenn er sich �u�erte, aber das tat er ja nicht. (Eheliche Harmonie.) So eine Glucke! w�rde sie sagen. Und seine Frau, das wu�te er, bek�me auf der Stelle ein knieweiches Zittern, sollte jemals sein Vorgesetzter in Koblenz, der Oberlandesgerichtspr�sident, ihn anrufen wollen und nur seine Frau antreffen, ein knieweiches Zittern, das sofort auf die Stimme schl�ge, ihn im ganzen, gro�en, neu erbauten Haus rufen. Nein, sie w�rde ihn nicht rufen, sie raunte, so da� er am Ton bemerken w�rde, etwas Au�erordentliches mu�te geschehen sein. Denn es w�re doch peinlich, wenn der Oberlandesgerichtspr�sident merken w�rde: er m�ht den Rasen, er h�rt nichts, er sitzt in der Badewanne und kann den H�rer nicht in die Hand nehmen, all das w�rde bewirken, da� seine Frau auf das H�flichste und gleichzeitig auf das Zittrigste ihn verleugnen w�rde und um Auskunft b�te, wenn es denn pa�te, da� ihr Mann, Landgerichtsdirektor Haldt, den Herrn Oberlandesgerichtspr�sidenten in Koblenz zur�ckrufen k�nnte. Und all das w�rde sie artigst auf einem Bl�ckchen neben dem Telephon notieren. So hatten sie es vereinbart, so tat sie es, und so gefiel es ihm. Er mu�te auf dem gleichen Bl�ckchen kaum jemals etwas f�r sie notieren, mal hatte die Schwester angerufen oder eine Freundin, und genau deshalb war er eigentlich mit seinem Leben, seiner Position, zu der ja auch die passende Ehe geh�rte, zufrieden. Die Ehe, das waren Blicke, die nicht aufeinander gerichtet waren, sondern nach vorn. Wie das bei Kornitzer war, wagte er sich nicht auszumalen.</p><p>Der Landgerichtspr�sident schickt auf den m�ndlichen Auftrag des Herrn OLG. Pr�s. an das Justizministerium ein Konvolut, bestehend aus:</p><p>3 Dienstlichen �u�erungen,</p><empty-line/><p>3 Vernehmungsniederschriften,</p><empty-line/><p>2 Zeitungsexemplaren,</p><empty-line/><p>1 Aktennotiz.</p><p>Es hat den Betreff: <emphasis>Versto� gegen Dienstpflichten</emphasis>. Die Aktennotiz ist karg und knapp. Sie ist vier Tage nach der Tat geschrieben, die sp�ter als ein Vorfall zu registrieren oder zu eliminieren war. Landgerichtsdirektor Haldt schrieb: <emphasis>Heute</emphasis>, und das Datum ist der 24. September 1956, also: <emphasis>Heute, um 10.45 Uhr rief ich Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer auf seinem Dienstzimmer an und fragte ihn, ob er heute sich wohl genug f�hle zu einer pers�nlichen Vernehmung durch mich. Er erkl�rte zun�chst, er habe aus der Unterredung mit Landgerichtsdirektor Brink am vergangenen Freitag entnommen, da� er durch den Herrn Oberlandesgerichtspr�sidenten vernommen werden solle. Er habe sich hier�ber so aufgeregt, da� er sich nicht in der Lage gef�hlt habe, am Freitagnachmittag oder am Samstag sich pers�nlich vernehmen zu lassen (auch nach Aufkl�rung des Mi�verst�ndnisses nicht durch mich), und bat wiederholt, ihn schriftlich anzuh�ren, da ihm �rztlicherseits jede Erregung streng untersagt sei und er bef�rchten m�sse, da� seine Nerven einer pers�nlichen Vernehmung nicht gewachsen seien. Er bat wiederholt, sich mit einer schriftlichen Erkl�rung zufrieden zu geben, ihm aber genauer anzugeben, wor�ber er sich �u�ern solle. Ich erwiderte ihm, da� ich zwar den Auftrag habe, ihn pers�nlich zu h�ren, aber trotzdem mit R�cksicht auf sein Vorbringen wegen seiner Gesundheit mich zun�chst mit einer schriftlichen Erkl�rung zufrieden geben wolle. Er versprach, mir diese bis morgen (Dienstag, den 25. 9. 56 10 Uhr) zukommen zulassen</emphasis>.</p><p>Aber worin besteht der Versto� gegen die Dienstpflichten, dessen sich Kornitzer nach Auffassung seines Vorgesetzten schuldig gemacht hat? Er hat gegen das M��igungsgebot versto�en und seine private Erbitterung, Entt�uschung �ber die Zur�cksetzung, als dienst�ltester Richter nicht weiter aufzusteigen und zum Pr�sidenten ernannt zu werden, in den Gerichtssaal getragen, da geh�rt sie nicht hin. Den Aufstieg auf der Karriereleiter bestimmt nicht die Gerechtigkeit, das Dienstalter, sondern die Opportunit�t, andere sprechen von Eignung. Sich dagegen aufzulehnen ist ein Versto�. Ein gekr�nkter Direktor ist als Pr�sident nicht geeignet. Es ist ein Versto� gegen die Dienstpflichten, dies zu ignorieren. Es ist ein Versto� gegen die Dienstpflichten, sich ahnungsloser zu stellen als man ist. Auch die flackernde Emotion, sich aufzuregen, mit den Nerven fertig zu sein, nicht in der Lage zu sein, einer m�ndlichen Anh�rung Folge zu leisten, pa�t nicht zum Bild eines Landgerichtsdirektors, wie er im Buche steht. Keinen k�hlen Kopf zu behalten, verst��t gegen die Usancen der Justiz. (Ein kaltes Herz und ein sich �berlegen gebender Verstand sind vorausgesetzt.) Es wird als ein Affront wahrgenommen, wenn ein Richter Pers�nliches vor den Proze�gegnern ausbreitet, eine Einladung ausspricht. Seine Befindlichkeit spielt keine Rolle. Was geht es die Proze�gegner an, ob der Richter Kopfschmerzen hat, ob ihn ein Paragraph des Grundgesetzes schmerzt, der ihm aus pers�nlichen Gr�nden im Kopf herumspukt? Er hat sich im Gerichtssaal auf die Zivilproze�ordnung, auf die Tatbest�nde dieses eben anh�ngigen Verfahrens zu konzentrieren. Die Abschweifung, der gr��ere �berblick, der Blick in die Abgr�nde sind Zeichen des Versto�es.</p><p>Als Kornitzer am Freitag nach Hause gekommen war, hatte Claire am B�gelbrett gestanden und seine Hemden gepl�ttet. Der ruhigen, gro�en Bewegung zuzusehen, tat ihm gut, auch die W�rmeabstrahlung des B�geleisens gefiel ihm. Und auch Claire zu sehen, wie sie dastand mit den schwer gewordenen Beinen, fest auf der Erde, �geerdet�, obwohl sie sich in Mainz, der Stadt, die ihn gew�hlt hatte, die sie nicht gew�hlt hatte, nicht leicht tat. Claire zu sehen, wie er sie immer gesehen hatte, war ein inneres Bild, er sah ja nicht ihre Makel, er sah ihre Kraft, ihr L�cheln mit dem ausgeflickten goldenen Eckchen eines Zahnes, er sah sie, wie er sie in Berlin auf dem Westbalkon der Cicerostra�e gesehen hatte, als sie ein Teil des Universum gewesen war, mit anderen Worten: er sah sie ganz, auch wie er sie sich in Kuba vorgestellt hatte in der Ausgesetztheit, er sah sie in Liebe und nicht in attraktiven oder weniger attraktiven Partikeln, und nicht eigentlich ihre geschwollenen Handgelenke und die Beine unter dem B�gelbrett. Er sah ihre sichere, sicher umfa�te Gestalt, und das tat ihm gut. (Andere, die hier nicht zu Wort kommen, h�tten ihre w��rig gewordenen Beine �Stempel� genannt oder �Elefantenbeine�, aber Kornitzer h�tte das �berh�rt, wie er vieles �berh�ren mu�te und wollte. Das Tuscheln, das Quatschen, das Beiseitesprechen mit verdrehten Augen.) Und Claire, seine nierenkranke Frau, die ja wu�te, warum ihre Beine so anschwollen, trug bei solcherlei Geschw�tz (von Landgerichtsdirektors- oder Landgerichtsratsgattinnen?�� Ist sie J�din oder nicht? Warum bekennt sie sich nicht? Sie k�nnte es sein, mu� es aber nicht, vielleicht alles sehr zweifelhaft?) ohnehin die Nase hoch. Was wu�ten die denn? Was hatten die erlebt beim Taschent�cherumh�keln und auf Abiturb�llen, beim Zurechtr�cken ihrer B�stenhalter, Verstecken ihrer Taschent�cher nach beil�ufigen Entjungferungen auf Parkb�nken in der Rheinaue, bei NS-Frauenschaftstreffen und bei der Taufe ihrer Kinder (von der Traufe in die Taufe), und vielleicht noch beim Aufsetzen von Pappnasen mit ihren ehemaligen Verlobten und den ihnen sp�ter angetrauten lieben M�nnern beim Karneval? Oh ja, zwei propere Kinder hatten sie auch geboren in die reiche Bundesrepublik hinein, die Photos und die Objekte der Photos zeigten sie gerne herum, w�hrend Claire ihre Kinder verloren glauben mu�te. Dar�ber war nicht zu sprechen, es war ein Abgrund von Schmerz. Sich mit diesen Damen zu soziieren, dar�ber war sie erhaben.</p><p>Kornitzer hatte nicht gleich erz�hlt, was geschehen war, am Freitagabend erst, nach einer Beruhigung. Als er in die Wohnung kam, lief der Plattenspieler, und w�hrend Claire b�gelte, h�rte sie die Bach-Kantate 147, h�rte sie mit allen Sinnen, und er sp�rte, auch das B�geleisen rutschte leichter �ber den Baumwollstoff, als der Sopran sich erhob.</p><p>Jedoch dein Mund und dein verstockt Gem�te</p><empty-line/><p>Verschweigt, verleugnet solche G�te;</p><empty-line/><p>Doch wisse, da� dich nach der Schrift</p><empty-line/><p>Ein allzu scharfes Urteil trifft!</p><p>Beim zweiten Rezitativ bat er seine Frau, den Plattenspieler abzustellen, warum, h�tte er selbst nicht sagen k�nnen. Claire tat es, sie h�rte gleichzeitig abrupt mit dem B�geln auf, als sei die eine T�tigkeit mit der anderen unmittelbar verkn�pft. Und er zog sich in sein Arbeitszimmer zur�ck, setzte sich an den Tisch, tat gar nichts, sah sich beim Nichtstun zu, wie er seiner Frau beim B�geln zugesehen hatte, nur das Ergebnis war ein vollkommen anderes. Seine Frau hatte er gesehen, gesp�rt, sich selbst sah, sp�rte er nicht. Er war abgeschnitten von sich.</p><p>Und dann, nach vier Tagen, an die sich Kornitzer nicht wirklich erinnerte, Nebeltagen, Telephontagen, Schreibtagen, entschlo� er sich unter dem Druck des Telephongespr�ches, ja auch unter dem Zeitdruck bis zum n�chsten Morgen um 10 Uhr, an seinen unmittelbaren Vorgesetzten, den Landgerichtsdirektor Haldt, zu schreiben, und er schrieb sorgsam, da sein Schreiben unmittelbar an den Justizminister weitergeleitet werden mu�te. Die Dienstwege, die Wasserwege, die Schiffahrtswege, den Rhein hinauf und den Rhein hinab. Wenn er sich vorstellte, auf welchen Wegen er (endlich!) Landgerichtsrat und dann Landgerichtsdirektor geworden war, schwindelte ihn. Er war wiedergekommen, ja, nicht nur, weil Claire ihn �angefordert� hatte bei der Hilfsorganisation, wie der Terminus technicus hie�; er selbst hatte es so gewollt. Ein neues demokratisches Deutschland, ein Gl�ck, vorbereitet und geschenkt von den Befreiern, so sah er das, ein Gl�ck, zu dem er seinen Beitrag leisten wollte. Und nun f�hlte er sich allein mit diesem Blick, furchtbar alleingelassen. Aber ein solcher Angstanfall, eine solche Beklemmung war seiner Sache nicht dienlich, er mu�te weiter, weitergehen.</p><p>�An Herrn Landgerichtsdirektor Haldt. Mainz, Landgericht� adressierte er seinen Brief und fuhr fort:</p><p>�Ihrem Wunsch entsprechend gebe ich folgende Erkl�rung ab: Ich habe zu Beginn der Sitzung vom 20. September d. J. gesagt, da� ich mich pers�nlich bei der Wiederaufnahme der Gerichtst�tigkeit nach den Ferien f�r verpflichtet halte, die Artikel 3, Abs. III und Artikel 97, Abs. I des Grundgesetzes wie folgt vorzulesen:</p><p>Art. 3, Abs. III. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religi�sen und politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.</p><p>Art. 97, Abs. I. Die Richter sind unabh�ngig und nur dem Gesetze unterworfen.</p><p>Die Verlesung erfolgte ohne jede Bezugnahme auf Vorkommnisse, ohne sonstige Worte, ohne Kommentar, Kritik oder dergl., und nur in meinem eigenen Namen. Danach sagte ich noch kurz, da� ich privat eine Konferenz mit Herren der Presse abhalten und dazu � auch Anw�lte � einladen w�rde. Ich nannte weder Zeit noch Themen. Ich bin�, schrieb Kornitzer weiter, �der �berzeugung, da� dem vorstehend geschilderten kurzen Vorgang � zumal beim Arbeitsbeginn nach den Ferien und da ich dem Dienstalter nach der �lteste Landgerichtsdirektor des Landgerichts Mainz bin � nichts Ungew�hnliches anhaftet. Es erfolgte keinerlei Bezugnahme oder Hinweis auf Pressenotizen. Der Zweck deckte sich mit dem Inhalt der Artikel des Grundgesetzes selbst. Kritik an irgendwelchen Ma�nahmen einer Beh�rde wurde in keiner Weise zum Ausdrucke gebracht oder auch nur angedeutet. Wenn ich nach meinen Gedanken und inneren Vorstellungen dabei gefragt werde, so bin ich �berfordert.� Eben das verwundert bei einem Menschen, der Au�erordentliches leistet, der sich aufrichtet in der geschlossenen Zivilkammer des Gerichts.</p><p>�Vornehmlich hatte mein Gewissen ganz allgemein die Pflicht des Richters zur Wahrung und Pflege demokratischer Justiz und die Treue zur freiheitlichen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes vor Augen.</p><p>�ber den Zeitpunkt und den Inhalt meiner Besprechung mit den Herren der Presse und Anwaltschaft habe ich noch keine Entschl�sse gefa�t. Die Besprechung wird privatim und voraussichtlich in meiner Wohnung stattfinden.� (Eine Pressekonferenz in einem Privathaus? In Mombach? F�r wen? Eine sonderbare Konstruktion.) Und er f�gte hinzu: �Selbstverst�ndlich werde ich meine Pflichten als Staatsb�rger und als Richter dabei nicht verletzen.</p><p>Weitere Erkl�rungen habe ich nicht abzugeben.</p><p>Mit vorz�glicher kollegialer Hochachtung!</p><p>Dr. Richard Kornitzer LG. Direktor�</p><p>�u�ere Verwirrung und innere Ordnung, die eine �u�ere Ordnung werden mu�. Nach Kornitzers Auffassung regiert die K�lte. Er ist Teil der K�lte, aber er friert nicht, geht mechanisch in sein Dienstzimmer, er gr��t mechanisch die Landgerichtsdirektoren, die Gerichtsr�te, die Assessoren, die Referendare, er sieht geradeaus, sein Gesicht bleibt unbewegt, er r�ckt die Brille zurecht, aber sie sitzt schon genau am richtigen Platz, keinen Millimeter zu tief oder zu hoch auf der Nasenwurzel. Es ist nicht die Brille, die er zurechtr�ckt, es ist die Ordnung der Welt, die er nicht zurechtr�cken kann. Es ist das Gesetz, auf dem er bestehen mu�. Er ist ein Teil des Gesetzes, das andere bedenkenlos beiseite schieben, und so f�hlt er sich auch beiseite geschoben, �bergangen, gefangen in seiner Vorstellung vom Gesetz, von Grund auf verletzt. Nein, am Anfang war die Tat nicht.</p></section><section><title><p>Rechnungen, Brechungen</p></title><p>Etwas bewegte sich, kam ins Rutschen, es war, wie wenn ein gro�er Papierstapel, dessen Seiten noch unpaginiert sind, vom Sofa heruntergleitet und sich auf dem Weg zum Fu�boden auff�chert, m�hsam mu� man die Bl�tter wieder zusammenf�gen, den passenden �bergang finden, und gleichzeitig ist man ungehalten �ber den Vorfall und m�chte alles auf einen Haufen werfen oder vernichten. Aber in diesem Fall handelte es sich ja nur um Papier, in Kornitzers Fall ging es um die Wirklichkeit, seine Karriere, sein Leben, seine Existenz. Kornitzer sp�rte das Gleiten, wenn er das Landgericht betrat, und gleichzeitig wehte ihm etwas wie Gegenwind entgegen. Er hielt Dr. Funk, dem Grundbuchrichter, der inzwischen nicht mehr im h�lzernen Selbstfahrer sa�, sondern in einem blitzblanken Rollstuhl, die T�r auf. Und Dr. Funk tat so, als sei es das Selbstverst�ndlichste der Welt. Der Rollstuhlbesitzer rollt heran, er ist eine anerkannte Institution, man sieht ihm den Schaden von weitem an. Er rollt, er r�uspert sich, er hat eine tragende Rolle, die der Remigrant nicht hat. (Seine Rolle ist undefiniert, er f�llt nicht auf, und er hat gelernt, da� es besser ist, nicht aufzufallen.) Es gibt viele, viele Beinamputierte, Kriegsverletzte, und es gibt ein gro�es Reservoir von Hirnverletzten, und was in ihren K�pfen vorgeht, ist manchmal vollkommen unklar: Man nimmt R�cksicht, schweigt. Man kann (vielleicht gl�cklicherweise) nicht in ihre K�pfe hineinschauen, aber man glaubt, sie versorgungstechnisch bevorzugen zu m�ssen, und tut es auch. Behindertengerecht mu� Dr. Funk hinaufkomplimentiert werden in eines der oberen Stockwerke. Das Land baut einen Fahrstuhl, und der Steuerzahler bezahlt den Fahrstuhl. Wie Dr. Funk eine Toilette aufsuchen kann, ob �berhaupt, unter welchen Umst�nden, vielleicht unter besch�menden Umst�nden, und mit welchen R�cksichten, Vorsichtsma�nahmen oder vielleicht den Steuerzahler exorbitant belastenden Kosten, dar�ber m�chte sich Kornitzer eigentlich keine Gedanken machen.</p><p>Kornitzer dachte jetzt auch wieder an die vielen Beinamputierten in Havanna, die offenkundig keine Kriegsopfer oder keine Opfer von Verkehrsunf�llen waren: es wurde einfach zu fett und zu schwer und zu s�� im Land gegessen, und dies hatte dramatische Folgen, die der einzelne Esser, die genu�freudige Tortenvertilgerin, nicht wirklich bedachte. Oder: niemand hatte sie im Zweifelsfall vor den Folgen der dauernden S��speisen-Attentate gewarnt. Und pl�tzlich mu�te ein Bein amputiert werden. Und die sch�nen Torten sackten zusammen und bildeten eine weiche Barriere zwischen den Gef�hrdeten und den noch Gesunden. Und es war gut, da� die Emigranten, was immer sie entbehrt hatten in der Zwischenzeit, nicht so versessen auf S��es waren. Sie hatten eine multiple Vern�nftigkeit, eine erm�dete Anpassungsbereitschaft mitgebracht, die nicht in jeden Zuckertopf fiel, und das bewahrte sie vor vielem, an das sie gar nicht denken konnten, als sie Deutschland verlassen hatten. Die Gef�hrdung durch S��e war nicht in den Faltbl�ttern, den Ausreise-Erl�uterungen der J�dischen Gemeinden erw�hnt worden. Und die Faltbl�tter, die Richtlinien waren enorm wichtig gewesen. Kornitzer dachte in solchen Augenblicken auch an Amanda: da� man sie mit zu viel Zucker f�tterte, war die banalste Sorge um sie, aber auch keine geringe. Es war manchmal wie ein Horchen, ob er das kleine M�dchen �ber die Meere hinweg h�ren k�nnte, ob es nach ihm riefe, ob es etwas brauchte, ob es <emphasis>ihn</emphasis> brauchte, und wenn er nichts h�rte oder nur die kalte, sprudelnde Spur, die die Rheindampfer zogen, rheinaufw�rts nach Basel, rheinabw�rts nach den Niederlanden, die Dampfer waren bl�tenwei� lackiert, die Rheinschiffahrt funktionierte, l�nder�bergreifend, die Devisen abgreifend, so gut funktionierte kaum etwas zwischendurch, war er bek�mmert.</p><p>Und er, der in die Niederlande, in einem bequemen Schnellzug mit roten Samtpolstern den Rhein entlang, reiste, mu�te in der Stille manchmal annehmen, es sei sein Fehler. Er war, auf ihn selbst verwundernde Art, Vizepr�sident der Akademie f�r V�lkerrecht in Den Haag geworden. Darauf war er einerseits stolz, andererseits verstand er sehr gut, da� die Niederl�nder in einem kleinen Land Juristen aus gro�en europ�ischen L�ndern in die Akademie einbinden wollten und mu�ten. Und da es entschiedene Zweifel gab, ob �berhaupt ein deutscher V�lkerrechtler zu finden war, den man in Anbetracht seiner Vergangenheit in diese feine Akademie einladen konnte, so fielen seine Herkunft, seine Emigration, seine Vielsprachigkeit in die Waagschale, und sie waren gewichtige Argumente. Ja, sein Lebenslauf und seine Karriere waren untadelig, wie sehr er auch selbst daran herumkrittelte und herumfeilte. Nein, er war kein Fachmann f�r internationales Recht, f�r V�lkerrecht schon �berhaupt nicht, aber wenn das nicht st�rend war, dann war sein Beitrag, seine nicht gesuchte, aber doch gelebte Internationalit�t willkommen. Wer sich in das kubanische Rechtssystem einarbeiten konnte, der konnte auch andere Rechtssysteme analysieren und Wissen vermitteln, sagten die Juristen, die ihn berufen hatten. Er meldete die Nebent�tigkeit ordnungsgem�� dem Pr�sidenten des Landgerichts in Mainz und f�gte abwiegelnd hinzu: �Irgendwie erheblicher Arbeitsanfall ist damit nicht verbunden.�</p><p>Er sa� also ab und zu Gremien vor, in denen haarscharf Argumente durch die Luft geschossen wurden, vor denen er sich als Deutscher ducken mu�te, auch manchmal peinvoll schweigen, und er dachte mit den Niederl�ndern in einer kleinen Runde �ber Ma�nahmen der Verfolgung von Straftaten nach, die �berall justiziabel waren (theoretisch) oder sein sollten (praktisch in eine Zukunft gedacht). Die Niederl�nder fragten ihn nach den Vorbereitungen zum Auschwitz-Proze�, und er gab Auskunft, so gut er konnte. Sie fragten ihn L�cher in den Bauch, wollten mehr wissen als das, was die deutschen Zeitungen hergaben. Es sah noch aus, als werde es mehrere Prozesse geben und nicht einen (den!) gro�en, spektakul�ren. Fritz Bauer, den Namen des Frankfurter Generalstaatsanwaltes, buchstabierte Kornitzer in Den Haag, ein Mann, von dem noch viel zu erwarten war, betonte er. Der Mann, der nach D�nemark und dann nach Schweden emigriert war und zur�ckgekommen war. Der 1952 als Generalstaatsanwalt in Braunschweig vom NS-Staat als einem �Unrechtsstaat� sprach und die Rehabilitierung der Attent�ter des 20. Juli vorbereitete. Der nach dem Aufenthaltsort Adolf Eichmanns forschte. Und es freute Kornitzer, wie seine Zuh�rer an seinen Lippen hingen. Fritz Bauer, der den Auschwitz-Proze� vorbereitete. (Da� Bauer ge�u�ert hatte: �Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland�, zitierte er nicht vor den Niederl�ndern.)</p><p>Er dachte, er schrieb Konzepte, er h�rte das stets r�chelnde, heisere Niederl�ndisch, das so klang, als k�men die Laute eher aus einem Kamin als aus der Kehle. Man war sehr freundlich zu ihm, und er wu�te, warum: Er war ein Deutscher, aber einer, dessen Lebensweg die Niederl�nder verstanden und achteten. Im Landgericht Mainz reagierte man schmallippig auf seine Nebent�tigkeit, vermutlich einfach aus Neid, der mit Geringsch�tzung verbr�mt war. Er fuhr wieder und wieder nach Den Haag und freute sich an der Ordnung der roten Backsteine, den klitzekleinen Altstadtgassen, der bedachtsamen Gem�tlichkeit, am Blitzblanken der Fensterrahmen, an den einladenden Wohnzimmern, die von keiner Gardinenpracht verh�ngt waren, am pfeifenden Wind. Es war unh�flich, er wu�te es, aber er konnte nicht anders als vor erleuchteten Fenstern stehen zu bleiben, da sa� eine Familie um einen E�tisch, und alles war auf so ungeheuerliche Weise normal, da� es zugleich schmerzte und begl�ckte, ihr heimlich bei der Mahlzeit zuzusehen. Er selbst a� Sch�sseln mit Miesmuscheln, auf denen sich Zwiebelringe t�rmten, schl�rfte die Br�he auf, er freute sich an der ganzen kleingemusterten, feinf�hligen Stadt, ihrer Zierleistenseligkeit, besonders im Hotel Des Indes mit seiner heiteren und gleichzeitig w�rdigen Gebl�mtheit, f�r die er sich zu ungeschlacht, zu gro�, zu deutsch empfand. Und �ber der Stadt leuchtete ein K�nigshaus, Wachen zogen auf und ab, und man roch das Meer, man sah das graue Meer, und der Wind wehte aus England. Ja, das hatte er verstanden: Man hatte ihn in ein Leitungsgremium gebeten, um die Berufung anderer Deutscher zu verhindern, aber das tat auch nicht wohl, die anderen, die Nicht-Berufenen, waren Schatten, die ihn verdunkelten, seine Unbefangenheit verst�rten. Den freundlichen und engagierten Niederl�ndern, die ihn berufen hatten, war das nicht vorzuwerfen. Eher warf er sich selbst seinen Mangel an Bewegung, an Zugriff vor. Ja, in stillen Augenblicken warf er sich vor, da� er die Wahl angenommen hatte, w�hrend das Amt gar nicht viel Anspruch an ihn stellte. Er operierte auf einem anderen Gleis und f�hlte sich ertappt dabei: Nur ein wenig V�lkerrecht, aber er konnte doch nicht mehr umsatteln, er hatte das Patentrecht im Blick, das Handelsrecht, der Blick auf eine juristische Totale war totalit�r, gigantomanisch, und er hatte Pflichten in einem Landgericht. Dar�ber mu�te gr�ndlich nachgedacht werden zur richtigen Zeit oder nie. Also entschied sich Kornitzer f�r die richtige Zeit, und er schwieg �ber seine K�mmernisse. Ja, er schwieg, und Claire war die Erste, die �ber sein Schweigen hinwegschwieg, beharrlich schwieg. Aber was gab es zu verbergen?</p><p>Von Den Haag aus fuhr er nach England, besuchte George und Selma. Er mu�te dem Sohn und der Tochter sagen, da� er von nun an kein Kindergeld mehr f�r sie in Deutschland erhielt. Das lag nicht daran, wie Selma vorschnell vermutete, da� sie in England lebte und George englischer Staatsb�rger war. Der Vater mu�te es ihnen so n�chtern wie m�glich erkl�ren. Er war vom Justizministerium gebeten worden, nachzuweisen, wie lange noch George seinen Dienst im <emphasis>National Service</emphasis>, bei der Armee, ableistete. Als daraus deutlich wurde, da� George nach seinem Einsatz in einem Technik-Bataillon in eine Ingenieursfirma eintr�te, erlosch sein Anspruch. Die Zahlung f�r Selma hatte das Ministerium vorl�ufig eingestellt, weil sie sich hatte exmatrikulieren lassen. (Da� Kornitzer diesen Akt als unklug und �berst�rzt ansah, stand auf einem anderen Blatt.) <emphasis>Ein Studierender, der sich nach Ablauf des Semesters exmatrikulieren l��t, scheidet mit Ende des zuletzt belegten Semesters aus. Der Tag, an dem die Exmatrikulationsformalit�ten durchgef�hrt werden, ist hierbei nicht von Bedeutung, da diese auch zu einem viel sp�teren Zeitpunkt noch nachgeholt werden k�nnen</emphasis>, hatte in dem Bescheid gestanden. So blieb f�r Selma noch ein Schlupfloch, ihr Vater erkl�rte es ihr so ruhig wie m�glich: Sollte sie sich entschlie�en, im neuen Semester an einer anderen Universit�t, vielleicht in Deutschland, schlug er zaghaft vor, ihr Studium fortzusetzen, w�rde der Kinderzuschlag weiter gezahlt. Vorerst brauchte er eine Bescheinigung der Universit�t �ber ihr Ausscheiden aus dem Studiengang. Aber Selma sah d�ster durch ihn hindurch, als h�rte sie ihn gar nicht. Die beiden erwachsenen Kinder empfanden es so, da� der deutsche Vater Staat, der sie als kleine Kinder ihrer Nationalit�t beraubt hatte, keine F�rsorgenotwendigkeit f�r sie empfand, und ausgerechnet ihr Vater war der �berbringer der schlechten Nachricht. Der schlechten Nachricht, deren objektive Bedingungen Kornitzer einr�umen mu�te. Er sagte George und Selma auch, wenn sie Geld brauchten, Unterst�tzung, er g�be es ihnen selbstverst�ndlich auch ohne den Kinderzuschlag.</p><p>Kornitzer empfand George als sich versteifend, als h�tte er sich mit dem englischen Namen je l�nger um so mehr auch eine W�rdeform zugelegt, eine Verpanzerung, die der Vater kaum durchdringen konnte. (Aber er, Richard Kornitzer, hatte sich ja auch umst�ndehalber verpanzert. Das Auto. Das Essen. Die Leibesf�lle, gegen die gearbeitet werden mu�te wie gegen einen inneren Feind, der nach au�en drang.) Das Beste war: Er lud George zum Essen ein, und sie �berlegten gemeinsam, wo und wie dieses Essen stattfinden sollte. In seinem Zimmer (seiner Bude?) wollte George offenbar den Vater nicht empfangen, und die Ausk�nfte �ber seinen Alltag waren karg. Und das bek�mmerte wiederum Richard Kornitzer: Er wurde die Erinnerung nicht los, wie er das B�bchen in Berlin auf dem Wickeltisch liegen gesehen und auch die n�tigsten Ma�nahmen gegen eine sich ausbreitende Feuchtigkeit ergriffen hatte, mit ihm gespielt, ihm die Welt erkl�rt hatte, und der gro�e Sohn tat so, als h�tte er, der Vater, einen vollkommen fremden, ausl�ndischen S�ugling in einer anderen Zeitstufe eines fremden Jahrhunderts gewickelt: also alles zur�ck auf Null. Er hatte die Liebe vergessen, verdr�ngt. Ja, seine Kinderw�ren andere Menschen geworden, w�ren sie bei ihrer Mutter und ihrem Vater aufgewachsen. Selma war entschieden gespr�chiger, auch streitlustiger. Sie erz�hlte ihrem Vater, da� sie heiraten wolle, aber da� ihr Freund ihrem Plan noch nicht wirklich zugestimmt habe. Der Vater mahnte zur Vorsicht, so viel Eifer k�nne leicht ins Leere laufen. Und als er sich nach dem Freund, dem erw�hlten Ehemann, erkundigte, sagte Selma, er sei ein richtiger Jude. Und genau das schien sie anzuziehen. Kornitzer erlaubte sich zu sagen, da� es ihm �bertrieben demonstrativ erscheine, im Jahr 1957 einen Juden heiraten zu wollen. (Andere Eigenschaften des Freundes erw�hnte sie nicht.) Selma sah ihn argw�hnisch an und fragte: Was ist �bertrieben? ich verstehe das Wort nicht. Und als ihr Vater ihr englische Entsprechungen nannte, verstummte sie, verstimmt.</p><p>Er h�rte Amanda nicht, er h�tte sich (symbolisch gesprochen) ans Meer stellen m�ssen, an die holl�ndische K�ste, um das Kind und auch seine Mutter, oh ja, diese vor allem, zu rufen. Es war, der deutsche Ausdruck war bl�dsinnig, es war verlorene Liebesm�h. Oder er h�tte ein Rechtshilfegutachten beantragen m�ssen: eine Amtshilfe, um seine kubanische Tochter sehen zu k�nnen. Andere V�ter entf�hrten ihre Kinder, tanzten den M�ttern der Kinder, ihren fr�heren Geliebten, auf der Nase herum, nahmen ihnen ein Kind weg aus welchen Gr�nden immer. Doch die Gr�nde waren klar: aus Egoismus, aus Rachsucht, aus Hochmut. Das kam nicht in Frage. Das Recht war auf Seiten der Mutter, und Kornitzer war auf der Seite des Rechts. Er schrieb Goldenberg, Goldenberg antwortete, vermittelte, aber was war da zu vermitteln? Allein die Post dauerte elend lang, und die H�lfte der Briefe ging verloren. Kornitzer war in Kontakt mit Emigranten aus Shanghai, und diese berichteten von der preu�ischen Genauigkeit, der Schriftkundigkeit in alle Richtungen, die die ehrgeizigen Brieftr�ger in Shanghai an den Tag gelegt hatten. In Havanna war das anders, wer bekam schon Briefe und warum; vielleicht wurden ganze Briefs�cke ins Meer gesch�ttet oder den Fischen zum Fra� vorgeworfen, damit sie ordentlich fett w�ren, wenn sie sich der K�ste n�herten.</p><p>Kornitzer sah sich seine Kollegen im Landgericht an: Landgerichtsrat Beck, zehn Jahre j�nger als er, war auch l�ngst Landgerichtsdirektor geworden. Er hatte sich ein starhaftes Hochrecken des Kinns angew�hnt, als dirigiere er ein ganzes Orchester und nicht eine Kammer f�r Strafrecht. Dabei rieselten Schuppen auf seine Robe. Sein Bartschatten war silbrig geworden. Der vierschr�tige Dr. Buch, der einen Augenblick lang in seiner Karriere � im Jahre 1946 � Angst gehabt hatte, seine Vergangenheit l�sche seine Zukunft aus, hatte diese Angst gr�ndlich aus dem Ged�chtnis getilgt. Mit beamtenhafter Sturheit starrte er auf den Termin seiner Pensionierung, �noch ein paar J�hrchen�, sa� sein Richteramt, wie man so sagt, auf einer Arschbacke ab. Zeh, den Kornitzer als einen Zeugen zu seiner �Tat�, der Verlesung von zwei Grundgesetzartikeln, dazugebeten hatte, war auf h�fliche Weise distanziert, nur nicht daran r�hren, dr�ckte seine Miene aus. Hatte Kornitzer ihn falsch eingesch�tzt, oder f�hlte er sich �berrumpelt? Landgerichtsdirektor Brink jedenfalls, der �bermittler der Botschaft an das Oberlandesgericht, war von eisiger Undurchdringlichkeit, wie erfroren. Justizobersekret�r Fell hingegen, der Protokollant, begann manchmal, wenn er Kornitzer auf den Fluren traf, ein ungehemmtes Schwatzen �ber alles M�gliche, als h�tte das zu Protokollierende eine Schleuse ge�ffnet, und Ungefiltertes, Zuf�lliges dringe in den Raum wie Keime. Hartmann und Nell, Kornitzers Beisitzer, waren von verhaltener Distanz, etwas schien in ihren K�pfen zu rattern, vielleicht die Erinnerung an die Lesung des Grundgesetzes, das der Vorsitzende der Kammer wie ein Schild vor sich her getragen hatte. (Die Formulierung �Jemand l�uft mit dem Grundgesetz unter dem Arm herum� war noch nicht in Mode.) Hartmann und Nell arbeiteten zu Kornitzers Zufriedenheit, politische Er�rterungen waren nicht angebracht im Besprechungszimmer der Zivilkammer, auch eigentlich nichts Pers�nliches. Kornitzer mochte Nell, den d�nnen Schlaks, und hatte ihn nach Kr�ften gef�rdert. Hartmann dagegen schien jetzt manchmal eine funktionelle Begriffsstutzigkeit an den Tag zu legen, ein Z�gern, ein Sich-Verschlie�en vor einem Argument, als k�nnte darin eine Falle, eine Fallt�r ins Ungewisse verborgen sein. Dabei fuhr er sich sinnend durchs Haar, als w�re tief zwischen seinen Haarwurzeln eine Klarheit, eine Logik der Argumentation verborgen. Kornitzer m��te diese Ver�nderung � nat�rlich auf ganz abstrakte Weise � bei der n�chsten dienstlichen Beurteilung auch zur Sprache bringen, er hoffte, die n�chste Beurteilung st�nde nicht so bald an. Aber er empfand es auch so, als sei immer eine gl�serne Wand zwischen ihm und den Beisitzern, wenn sie miteinander im Besprechungszimmer sa�en und berieten. Jedenfalls konnte er sich auf sie verlassen. (Oder er wollte es glauben.) Das Verlassen, das Sich-auf-jemanden-Verlassen und das Sich-verlassen-F�hlen r�ckten nahe zueinander und �berlagerten sich schlie�lich, und es war nicht mehr ganz klar, an welcher Stelle man sich selbst einordnen wollte oder konnte. Kornitzer arbeitete an sich selbst, er arbeitete an einem Entwurf von Welt, und gleichzeitig entglitt ihm Welt, rutschte weg ins Unfa�liche, Unstoffliche. Er kann sein eigener Zeuge nicht sein.</p><p>Er wird ein Antragsteller und nennt sich selbst �den Antragsteller�. Dem Antragsteller wird geantwortet in einem <emphasis>Wiedergutmachungsbescheid</emphasis>, sein Antrag sei unbegr�ndet: <emphasis>Der Antragsteller ist im Jahre 1949 aus Gr�nden der Wiedergutmachung im Justizdienst des Landes Rheinland-Pfalz als Beamter auf Lebenszeit bevorzugt �wiederangestellt� worden, obwohl er vor diesem Zeitpunkt niemals als Angeh�riger des �ffentlichen Dienstes im Gebiet dieses Landes t�tig gewesen ist</emphasis>. Es scheint ihm so, als schmiere man ihm das aufs Butterbrot. Ja, er ist nicht einheimisch, er ist in Breslau geboren und hat in Berlin studiert und seine Karriere begonnen. Ist das ein Fehler? Oder ist es eher eine Weltl�ufigkeit, �ber die die <emphasis>im Gebiet dieses Landes</emphasis> Geborenen, das vor den eingetretenen Umst�nden gar kein Land gewesen ist, sondern etwas �briggebliebenes, etwas Niedergetretenes, an die Franzosen Abgetretenes, gar nicht verf�gen? <emphasis>Kurz nach seiner Ernennung zum Landgerichtsrat ist � wiederum aus Wiedergutmachungsgr�nden � seine Bef�rderung zum Landgerichtsdirektor beantragt und durch den Erla� des Ministerpr�sidenten mit Wirkung vom 1. September 1949 verf�gt worden</emphasis>. Nun, acht Jahre sp�ter, klingt es, als sei es eine Gnade gewesen, da� man den Mann, der keinen rheinischen und keinen pf�lzischen Stallgeruch hatte, den niemand kannte als Referendar oder Gerichtsassessor, eingestellt hat. Und: Es ist deutlich, man h�tte dies nicht tun m�ssen, es war eine Freundlichkeit, eine Herablassung, es zu tun, eine Wiedergutmachungsgeste, vielleicht ein Wink der franz�sischen Besatzer, das l��t sich nicht mehr kl�ren. Jedenfalls keine �berzeugung, kein Rechtstitel. Von einem Anspruch des Antragstellers ist nicht mehr die Rede. Das soll doch bitte der hochfahrende Landgerichtsdirektor, der sich zu H�herem berufen f�hlt, begreifen. Schneidend kalt wird einem bei diesem Bescheid. Weil die Macht, die Entscheidungsbefugnis, anderswo ist, jedenfalls nicht dort, wo Kornitzer ist, l��t sich mit langem Atem argumentieren, seitenlang ausschweifen, und Grunds�tzliches kann sorgsam zwischen den Zeilen verborgen werden, w�hrend Kornitzer sein Herz im Halse klopfen sp�rt. Er liest den Schriftsatz, er versteht ihn, es zerrei�t ihn, und er mu� streng mit sich sein, um sp�ter einen anderen (gegnerischen) Schriftsatz konzipieren zu k�nnen.</p><p>R�ckwirkend seien ihm vom 1. Juni 1949 an die Dienstbez�ge eines Landgerichtsdirektors (Besoldungsgruppe A 2b) zuerkannt worden, f�hrt das Justizministerium aus. <emphasis>Damit hat der Antragsteller die Rechtsstellung und die Besoldung erlangt, die er im Verlauf seiner Dienstlaufbahn voraussichtlich erreicht haben w�rde, wenn er im Jahre 1933 nicht vorzeitig in den Ruhestand versetzt worden w�re. Eine weitere, �ber die Stelle eines Landgerichtsdirektors hinausgehende Bef�rderung w�re dem Antragsteller bei ungest�rtem Verlauf seiner beruflichen Entwicklung bis Ende 1949 voraussichtlich nicht zuteilgeworden. Im Bereich der ordentlichen Justiz k�nnen erfahrungsgem�� auch diejenigen Richter, deren Pr�fungsergebnisse und dienstliche Leistungen weit �ber dem Durchschnitt liegen, eine �ber der Besoldungsgruppe A 2b liegende Bef�rderungsstelle in der Regel nicht vor der Vollendung ihres 50. Lebensjahres erreichen. Die Bef�rderungsverh�ltnisse liegen insoweit in den einzelnen Oberlandesgerichtsbezirken ziemlich gleich. Im vorliegenden Fall sind f�r den Umfang der Wiedergutmachungsanspr�che die Verh�ltnisse im Kammergerichtsbezirk ma�gebend, da der Antragsteller in diesem Bezirk t�tig gewesen ist und voraussichtlich geblieben w�re, wenn ihn nicht der Preu�ische Justizminister im Jahre 1933 vorzeitig in den Ruhestand versetzt h�tte. Das durchschnittliche Lebensalter, in dem die im Jahre 1941 beim Kammergericht in Berlin t�tig gewesenen Senatspr�sidenten erstmals in eine Stelle der Besoldungsgruppe A 1a eingewiesen sind, liegt bei 51 Jahren (vgl. Kalender f�r Reichsjustizbeamte 1941. S. 561). An diesen Bef�rderungsverh�ltnissen hat sich offenbar auch in den folgenden Jahren im Wesentlichen nichts ge�ndert; denn im Jahre 1953 befand sich unter den insgesamt 11 Senatspr�sidenten des Kammergerichts Berlin nur ein einziger, der das 50. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte (vgl. Handbuch der Justiz 1953. S. 60). Unter diesen Umst�nden ist nicht anzunehmen, da� der Antragsteller im Jahre 1949, also im Alter von 46 Jahren, schon �ber die Stellung eines Landgerichtsdirektors hinausgelangt w�re, wenn er seine richterliche T�tigkeit im Kammergerichtsbezirk Berlin h�tte fortsetzen k�nnen. Auch wenn der Antragsteller, der w�hrend seiner T�tigkeit als Gerichtsassessor haupts�chlich mit Fragen des gewerblichen Rechtsschutzes und des Urheberrechts befa�t war, in den Dienst des Reichspatentamtes �bergetreten w�re, w�rde sich seine Laufbahn bis Ende 1949 nicht g�nstiger gestaltet haben, als bisher angenommen wurde</emphasis>.</p><p>Akribisch listet das Justizministerium ihm auf, wie die beruflichen Stationen des von ihm als Vergleichsperson benannten Senatspr�sidenten waren: er ist drei Jahre �lter als Kornitzer, er hat die gro�e Staatspr�fung bereits 1926 abgelegt. Seit 1936 war er im Reichspatentamt t�tig. Ab Mai 1943 war er f�r das Oberkommando der Kriegsmarine t�tig. (Nutzt der Einsatz in der Kriegsmarine dem Fortkommen im Patentamt? Vermutlich. Vermutlich sogar sehr.) Er ist mit Wirkung vom 1. August 1953, also kurz vor Vollendung seines 53. Lebensjahres, zum Senatspr�sidenten beim Deutschen Patentamt ernannt worden. Kornitzer starrt auf die Stellung dieses fernen Mannes, aber er sieht seine ihm gleich alten Kollegen im Landgericht nicht, er sieht nicht den eilfertig um jedes Mandat buhlenden Rechtsanwalt Damm, er sieht sich selbst nicht, er hat W�nsche und Hoffnungen, er verkennt die Wirklichkeit. Patente waren ihm fr�her nicht wichtig, warum jetzt? Oder ist ihm das Patentamt so wichtig geworden, weil er sich gegen�ber seinem Pr�sidenten zur�ckgestellt f�hlt? Da m�ssen sich viele Juristen zur�ckgestellt f�hlen. Jede Pyramide hat einen breiten Fu� und eine nadelfeine Spitze. Nicht jeder, der irgendwo unten aufbricht, steigt auf. <emphasis>Wenn sich nach dem Jahre 1949 seine Hoffnungen auf weitere Bef�rderungen nicht erf�llt haben, so kann das etwaige Ausbleiben dieser Bef�rderungen nicht mehr auf nationalsozialistische Verfolgungsund Unterdr�ckungsma�nahmen zur�ckgef�hrt werden. Eine Wiedergutmachung nach dem BWG�D</emphasis> � dem Bundeswiedergutmachungsgesetz �ffentlicher Dienst � <emphasis>scheidet deshalb insoweit aus</emphasis>. Der Antragsteller kann gegen den Wiedergutmachungsbescheid auf dem Verwaltungsrechtsweg beim Oberverwaltungsgericht Koblenz klagen, er hat eine Frist von drei Monaten nach der Zustellung des Briefes, so wird ihm beschieden.</p><p>Kornitzer klagt �ber den Zeitpunkt, an dem ihm dieser �formal-ablehnende� Wiedergutmachungsbescheid zugestellt worden ist, nachdem er lange liegen geblieben ist. Wie hat er sich kundig gemacht, da� er liegen geblieben ist? Gerade hatten sich die Durchblutungsst�rungen an H�nden und F��en, die Kreislaufschw�che ein wenig gebessert, nun scheint ihm der Erfolg der Behandlung grunds�tzlich vereitelt. Der Blutdruck ist zu hoch, er hat Schwindelanf�lle. Ein Attest hat ihm <emphasis>die Vermeidung psychischer und geistiger �berbelastungen dringend empfohlen</emphasis>. Auch auf das Treppensteigen soll er verzichten. Er schreibt dies an den Pr�sidenten des Landgerichts, gegebenenfalls zur gef�lligen Weitergabe. Er lebt in d�nner Luft. Er lebt wie mit angezogener Handbremse. Gibt es Einw�nde, die er vergessen hat? Manchmal geht er zum Rhein, sieht die Pontons der Schifffahrtslinien in ihrer silbrigen Mattheit, die Schw�ne, die am Ufer tuckern, und er glaubt, das Wasser tr�ge ihn. Doch er will nicht getragen werden. Die letzte Entt�uschung, die ihn qu�lt: Wenn die Illusion, illusionsfrei zu sein, sich als solche herausstellt. Und: Er ist der Auffassung, der h�chste Grad der Gegenwart ist die Abwesenheit.</p><p>Aus der Verfolgung seiner Person ist eine Verfolgung seiner Anspr�che geworden. Er beantragt am Mittwoch, dem 22. Mai 1957, Dienstbefreiung unter Fortzahlung seiner vollen richterlichen Gehaltsbez�ge ab Montag, dem 27. Mai, auf zwei Monate. Es eilt ihm, er will die Stadt verlassen, aber kennt doch auch die langen Dienstwege, die zu einer Dienstbefreiung f�hren. Drei bis vier Wochen seien notwendig, um ihm die Bearbeitung der Wiedergutmachungsangelegenheiten und die damit zusammenh�ngenden Sachen zu erm�glichen, schreibt er in seinem Antrag. Es handele sich �um die vordringlich gewordenen und gr�ndlicher Durcharbeitung bed�rfenden eigenen Wiedergutmachungssachen, auch im Zusammenhang mit der zur Zeit nicht mehr bestehenden richterlichen Unabh�ngigkeit und Gleichstellung meiner Person, ferner um Angelegenheiten meiner Frau und meiner Kinder. Dazu sind mehrere Reisen, Konferenzen und Ermittlungen n�tig. Neben den Dienstgesch�ften kann ich diese Sachen nicht besorgen.� Zus�tzlich bittet er um Dienstbefreiung, um eine vierw�chige Kur anzutreten, die die Berliner Wiedergutmachungsbeh�rde bewilligt und angeordnet hat. Sie lie�e sich nur noch einige Zeit aufschieben. Er horcht in den Raum, er sitzt auf gl�henden Kohlen im sch�nsten Fr�hjahr, er geht erwartungsvoll herum und lauert auf den Bescheid, der nicht kommt. Am 24. 5. 1957 schreibt der Landgerichtspr�sident in Mainz an den Oberlandesgerichtspr�sidenten in Koblenz: <emphasis>Ich habe den Eindruck, da� Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer den mit der Verfolgung seiner Anspr�che verbundenen Arbeitsaufwand sowie Aufregungen nicht so gewachsen ist, als da� er daneben noch die ihm obliegenden Dienstgesch�fte in vollem Umfange zu f�hren verm�chte</emphasis>. Das war vornehm distanziert, aber in der Sache hart formuliert. Die Beurteilung strahlte die Gewi�heit aus: Hier an dem Ort, an dem ich sitze, an der Stelle des Landgerichtspr�sidenten, �berblicke ich vollkommen die Lage. Dieser Richter, �ber den ich eine Beurteilung geschrieben (ein Urteil gef�llt) habe, ist vollkommen ungeeignet, eine solche Position wie die meine auszuf�llen. Ob er wei�, da� Kornitzer, seit er die Bemerkung �ber seinen massigen K�rper in seiner Personalakte gelesen hat, h�ufiger Einsicht in seine Personalakte verlangt? L�se er, was der Pr�sident des Landgerichts �ber ihn geschrieben hat, er w�rde vier Wochen lang krank sein, krank vor Zorn, vor Erbitterung, krank vor Scham, bis ins Mark ersch�ttert. Und er ist ja schon krank, krank vor Aufregungen, krank von der Kr�nkung. Sein Herz rast, er schl�ft schlecht, wacht auf, schwei�gebadet, und mu� die W�sche wechseln.</p><p>Er k�mpft, er leidet, er kann nicht anders. Und er wei� auch nicht, nie wird er es erfahren, da� der Pr�sident des Landgerichts ein unmi�verst�ndliches Signal an den Oberlandesgerichtspr�sidenten in Koblenz sendet: <emphasis>Seit einiger Zeit ist seine Leistungsf�higkeit und auch die Qualit�t seiner Leistungen durch gesundheitliche Schwankungen beeintr�chtigt. Die damit in Verbindung stehende seelische Depression hat ihn mitunter bei der Leitung der Sitzung beeintr�chtigt, vereinzelt sogar zu dem Eindruck gef�hrt, als beherrsche er den Akteninhalt nicht gen�gend</emphasis>. Wie und bei wem ist dieser Eindruck entstanden? Bei den Parteien? Bei seinen Beisitzern? Haben sie den Vorsitzenden der Kammer angeschw�rzt? Oder hat der Landgerichtspr�sident die Herren Hartmann und Nell um eine Stellungnahme gebeten, wie nach der Sitzung, in der Kornitzer einen Artikel des Grundgesetzes verlesen hat? Ist das zul�ssig? Hintertreiben sie seinen ehrgeizigen Aufstiegswunsch? Sie sind darauf vorbereitet, gefragt zu werden.</p><p>Am 15. Juni 1957 erreicht den Landgerichtspr�sidenten in Mainz ein Schreiben des Oberlandesgerichtspr�sidenten in Koblenz. Er hat in der Zwischenzeit das Ministerium der Justiz um Weisung in Kornitzers Angelegenheit gebeten � er will sich absichern � und teilt mit, wie das Ministerium in einem Erla� vom 11. Juni Stellung genommen hat. <emphasis>Es sind keine Gr�nde ersichtlich, die �ber den Erholungsurlaub hinaus die Erteilung einer Dienstbefreiung unter Weiterzahlung der Dienstbez�ge rechtfertigen k�nnten. Ich bitte daher, Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer in diesem Sinne zu bescheiden</emphasis>. Und so geschieht es auch.</p><p>Das Einzige, was ich jetzt tun kann, sagte sich Kornitzer, ist bis zum Ende den ruhig einteilenden Verstand zu behalten. Es war der Satz eines Mannes, dem der Proze� gemacht wird, ein Proze�, den er nicht wirklich begreift und dessen Ausgang in den Sternen stand. Aber er stand im Mittelpunkt, und der Mittelpunkt schwankte. Groll war nicht das richtige Wort. Groll war zu gro�, zu rund, das Wort rollte, es war das Ende des Donnergrollens. Es war eine Bedr�ckung, die keinen Ort hatte, sie dr�ckte nach allen Seiten, nicht wie ein K�rper auf einem Kissen einen Abdruck hinterl��t, wie eine dunkle Erinnerung traurig macht. Das Empfinden zog sich auf einen einzigen Punkt zur�ck.</p><p>Kornitzer erkrankt wieder einmal, bittet um Krankenurlaub au�erhalb von Mainz, er mu� das Klima wechseln. Und das Klima hei�t nicht nur: Regen und Feuchtigkeit, Industrieabgase, es ist das Klima der dauernden Anspannung, der Besch�mung. Er will auch sein Gesicht nicht zeigen, es ist ein Gesicht, gezeichnet vom Verfolgungssyndrom. Er verschwindet, er m�chte unsichtbar sein, er verreist. Vorher mu� er das Oberlandesgericht informieren, er mu� die Atteste vorlegen, abwarten, da� sein Arbeitgeber sich mit dem Zeitpunkt des Antritts der Kur einverstanden erkl�rt. All das regt ihn auf, und die Aufregung tut seinem Herzen nicht gut. Er gew�hnt sich an, theatralisch an seine Brust zu klopfen und dann die Hand resigniert fallen zu lassen. Claire macht ihn auf die Geste aufmerksam, und als sie ihm die Geste vorspielt, sch�ttelt er den Kopf: Nein, eine solche Geste macht er nicht. Er mu� seine Kammer geordnet schlie�en, F�lle abwickeln oder ordnungsgem�� vertagen. Er f�hlt sich allein, allein gelassen, einbetoniert mit den Fragen, die die l�ngere Abwesenheit im Gericht aufwirft. Verabschiedet er sich? Oder reist er einfach ab, verschlie�t die Zivilkammer wie die Herzenskammern? Das Entsch�digungsamt in Berlin hatte ihm auf einen Antrag hin im Januar 1957 <emphasis>wegen Ihrer anerkannten Gesundheitssch�digung: Herzmuskelschaden und Ausgleichsst�rungen, allgemeine Aderverh�rtung eine Badekur in Bad T�lz f�r die Dauer von 28 Tagen gew�hrt</emphasis>.</p><p>Alle Anordnungen des Badearztes, Anweisungen und Regeln des Entsch�digungsamtes und der Kurverwaltung machen Kornitzer nerv�s, obwohl er ihren Sinn und Zweck vollkommen einsieht. Die Kur rauscht wie ein Wasserfall an ihm vorbei. Man k�mmert sich um seinen Herzmuskel, die Durchl�ssigkeit der Adern, Blutverd�nnung. Das Herz ist ein Organ, der Sitz einer undemokratischen Nebenregierung, es ist ein Unruheherd. Man behandelt nicht die Angst, nicht die Verletzung, die Empfindlichkeit gegen neue Verletzungen, man sieht nur das Organ. Da� der Knick in der Lebenslinie irreparable Sch�den f�r die Verfolgten nach sich zieht, war den meisten �rzten in den f�nfziger Jahren nicht klar. Erst 1964 konstatierte der Heidelberger Nervenarzt Walter von Baeyer zur Psychologie von Verfolgungssch�den: <emphasis>Es war hier etwas Neues in Erscheinung getreten, chronische, �u�erst hartn�ckige, therapeutisch wenig beeinflu�bare Beschwerden, Leistungsm�ngel, Ver�nderungen der sozialen Pers�nlichkeit, die sich (�) aus den furchtbaren, leib-seelisch-sozialen Schicksalen der Verfolgung entwickelt haben</emphasis>. Der betreuende Arzt in Bad T�lz schreibt eine Bescheinigung zur Vorlage bei der Dienststelle: <emphasis>Es war zun�chst nur eine Kurdauer von 4 Wochen vorgesehen. Wegen der Schwere des Krankheitsbefundes halte ich eine Kurverl�ngerung von 14 Tagen f�r erforderlich. Der Patient ist w�hrend dieser insgesamt 6w�chigen Kur v�llig arbeitsunf�hig</emphasis>.</p><p>Der Arzt, gutwillig, engagiert, bem�ht, versteht nicht, da� das Herz das Zentralorgan des Emigranten ist. Des Mannes, der Angst hat, viele Jahre lang. Angst um die Seinen, Angst um sich, Angst vor sich. Sein Patient hat keine andere Wahl, die Herzkrankheit ist ein Mechanismus des Sich-Wehrens und gleichzeitig eine Not. Man m��te seine Geschichte zur�ckdrehen bis in das Jahr 1933 und neu erfinden � und die Geschichte insgesamt. Tagtr�umereien, nutzlose Spekulationen, dagegen helfen Kaltwasseranwendungen.</p><p>W�hrend Richard krank ist, �bernimmt Claire das Ruder. So sehr w�nscht sie sich eine T�tigkeit, eine T�tigkeit, die sie ausf�llt. Sie liest, sie denkt sich in die Personen der B�cher, die sie liest, hinein, das freut sie. Sie w�nscht sich, ein Buch zu lesen �ber einen deutschen Beamten, aber sie findet keines. Mit einem Reclamheft und dem Dorfrichter Adam m�chte sie sich nicht zufrieden geben. Jetzt denkt sie sich in ihren kranken Mann hinein, �bernimmt eine Aufgabe f�r ihren Mann, w�hrend ihr eigene Aufgaben versagt sind. (Sie mu� sich schonen.) Richard kurt, trinkt W�sser, l��t sich durchwalken, bespricht mit dem Arzt seine Panikattacken, und sie spannt ein Blatt in die Schreibmaschine ein, und dann noch ein anderes, es ist ein ausf�hrliches Schreiben, und alles wird perfekt. Sie formuliert, als k�nnte sie so ein Imperium regieren. �Ich komme h�flichst zur�ck auf das Urlaubsgesuch meines Mannes sowie auf das von unserem Hausarzt diesem Gesuch beigef�gte Attest. Daraufhin ist ihm ein Urlaub gew�hrt worden.� Sie vertieft sich in Richards Akten und setzt ein feines Schreiben an das Ministerium der Justiz in Mainz auf, ein Doppel sendet sie an den Landgerichtspr�sidenten. Sie f�rchtet sich vor nichts. �Auf Anraten unseres Hausarztes soll mein Mann w�hrend der Zeit seiner Kur sich mit seinen beamtenrechtlichen Angelegenheiten in keiner Weise befassen, das gilt insbesondere f�r die ganze Wiedergutmachungsangelegenheit im �ffentlichen Dienst. Der Hausarzt und ich wollen im Einverst�ndnis miteinander erreichen, da� mein Mann endlich einen gewissen Abstand zu der jahrelangen, bei allseitigem guten Willen unn�tigen Qu�lerei und seelischen Belastung � die Ihnen ja hinl�nglich in allen Einzelheiten bekannt ist � gewinnen kann. Ich habe mir von meinem Mann vor seiner Abreise die Vollmacht geben lassen. Ich bin aber erst jetzt an das Aktenstudium herangegangen, weil auch ich selbst einen Abstand schaffen wollte.� Bei der Durcharbeitung der Akten bemerkt sie, da� der Bericht ihres Mannes vom 28. September des Vorjahres noch nicht beantwortet worden ist. Sie moniert das und bittet au�erdem, Stenogrammberichte des Landtages und die Bundesdrucksache Nr. 1937 an sie zu schicken, �da ich diese Unterlagen zur weiteren Information unserer Rechtsanw�lte ben�tige�. Ja, sie ist sehr selbstbewu�t, obwohl sie geschw�cht ist und die Schw�chung ihres Mannes sie schmerzt.</p><p>W�hrenddessen verfertigen der Oberlandesgerichtspr�sident, der Landgerichtspr�sident, ja, genau der neue, vor dessen Ernennung Kornitzer aus dem Grundgesetz zitiert hat, und der Vizepr�sident das Richterverzeichnis 1957 mit <emphasis>�u�erungen �ber Bef�higung, dienstliche Leistungen, Gesundheitszustand, F�hrung und Charakter der Richter. Dr. Kornitzer</emphasis>, hei�t es darin, <emphasis>ist ein �berdurchschnittlich bef�higter Richter mit guten, umfassenden Rechtskenntnissen, vor allem auf zivil- und handelsrechtlichem Gebiet. Er verf�gt �ber ein sicheres Urteilsverm�gen. In fr�heren Beurteilungen sind sein praktischer Blick und sein gro�es Verst�ndnis f�r die wirtschaftlichen Zusammenh�nge hervorgehoben, au�erdem ist vermerkt worden, da� unter seiner Leitung die Zivilkammer manche grunds�tzliche Entscheidungen gef�llt habe, die auch der Nachpr�fung in den oberen Instanzen standhielten.</emphasis></p><p><emphasis>Im Ganzen kann die fr�here g�nstige Beurteilung seiner Leistungen nicht aufrecht erhalten werden. Ob es sich um einen vor�bergehenden R�ckgang seiner Leistungsf�higkeit handelt, hervorgerufen durch die Aufregungen, die Landgerichtsdirektor Kornitzer in Verfolgung seiner Entsch�digungsanspr�che empfunden hat und noch empfindet, und eine Steigerung der Leistungen nach Abklingen der Aufregungen erwartet werden kann, l��t sich zur Zeit nicht eindeutig beantworten. Die dienstliche und au�erdienstliche F�hrung des Richters war einwandfrei; sein Gesundheitszustand war, wie schon bemerkt, im Berichtszeitraum beeintr�chtigt</emphasis>.</p><p>W�hrend Claire mit Eifer f�r ihren Mann t�tig ist, ist er, entgegen dem �rztlichen Rat, f�r sich t�tig. An den Abenden im Krankenzimmer sitzt er am kleinen Besuchstisch mit der Resopalplatte und schreibt. Gestochen scharf ist seine Handschrift, er schreibt Eingabe um Eingabe. Er kommt zur�ck nach Mainz, er wei� nicht, was in seiner Beurteilung steht, er wei� nicht, da� er mit dem R�cken zur Wand steht. Er kommt zur�ck, er riecht die Essigfabrik, er riecht die Schuhwichsefabrik, er riecht das Landgericht, er riecht das Justizministerium, und kaum ist er da, beginnt sein Herz zu rasen. Und er f�hlt sich selbst im Schlepptau dieses Herzrasens. Er riecht sich selbst, im Nu ist er schwei�na�. Er sucht den Hausarzt auf, der schreibt sofort ein neues Attest: <emphasis>Herr Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer bedarf nach der sehr anstrengenden Badekur in T�lz einer 4�6w�chigen Nachkur. Herr Dr. Kornitzer ist w�hrend dieser Zeit dienstunf�hig</emphasis>. Kornitzer legt dem Attest ein Schreiben an den Landgerichtspr�sidenten bei: �Sehr geehrter Herr Pr�sident, in der Anlage �berreiche ich h�flichst ein Attest meines Hausarztes Dr. A. mit der Bitte, mir den Nachkur-Urlaub dementsprechend bewilligen zu wollen.</p><p>Mit verbindlichstem Dank</p><empty-line/><p>Ihr sehr ergebener Dr. Kornitzer LG. Direktor�</p><p>Auf dem Blatt findet sich ein maschinengeschriebener Vermerk: <emphasis>Landgerichtsdirektor Dr. Kornitzer ist heute fernm�ndlich davon verst�ndigt worden, da� es einer Urlaubserteilung nicht bedarf, sondern da� er auf Grund des eingereichten Attests von Dr. A. als dienstunf�hig f�r die Dauer von 6 Wochen angesehen wird</emphasis>.</p><p><emphasis>Der LG. Pr�sident</emphasis></p><p>Es herrscht D�rre in diesem Sommer, ein Fordern, ein Abfordern, ein Warten auf die Gegenseite. Ein unsch�nes Gleichgewicht, das nicht h�lt. Also mu� Ordnung geschaffen werden, und der, der die Ordnung braucht, schafft sich aus dem Weg, schafft sich selbst aus dem Problemfeld, und das ist ein Ende, definitiv. Nun wird Rechtsanwalt Westenberger f�r ihn t�tig, verhandelt im Justizministerium, er tut dies ruhig und mit viel Geschick. Und er benachrichtigt Kornitzer. Der Richter mu� einen Antrag auf Versetzung in den Ruhestand stellen. Diesem Antrag wird stattgegeben. Gleichzeitig wird Kornitzer zum Senatspr�sidenten am Oberlandesgericht Koblenz ernannt. Das ist eine Position, die er nie angestrebt hat. Er zieht sich zur�ck, die h�here Verantwortung (und die Ehre) entgeht ihm, allerdings erh�lt er eine h�here Pension. Das ist der Preis, den das Land zu zahlen bereit ist, um den unbequemen Mann loszuwerden. Zug um Gegenzug. Und Kornitzer nimmt wieder seinen F�llfederhalter und schreibt an den Landgerichtspr�sidenten, und er bem�ht sich, ganz ohne Emotionen zu schreiben: �Sehr verehrter Herr Pr�sident, in meiner Wiedergutmachungssache hat mir Rechtsanwalt Westenberger mitgeteilt, da� das Justizministerium vergleichsweise meine Pensionierung als Senatspr�sident � ohne Auflagen oder �hnl.�� vorschl�gt. Ich habe diesen Vorschlag alsbald angenommen. Inzwischen d�rfte auch die Einstufung f�r die Bez�ge klargestellt sein. Da ich annehme, da� auch hinsichtlich des Datums (1. Okt. d. J.) der Pensionierung Einverst�ndnis besteht, der Vergleich mithin praktisch perfekt ist, bitte ich h�flichst, �ber meine T�tigkeit bis zum 1. 10. d. J. Verf�gung zu treffen. Nach erfolgter Nachuntersuchung wird die abschlie�ende Konsultation mit dem hiesigen Arzte am Dienstag (13. 8.) stattfinden. Ich werde danach nach Mainz zur�ckkehren, bitte jedoch noch um kurze Zeit Anschlu�urlaubs in Anrechnung auf den Jahresurlaub.</p><empty-line/><p>Mit verbindlichen Gr��en</p><empty-line/><p>Ihr sehr ergebener Dr. Kornitzer LG. Direktor�</p><p>Keine Emotionen sind �berliefert, nur F�rmlichkeiten, Verbindlichkeiten, ein gro�es Pflaster auf einer gro�en Wunde, und dann den Blick abgewandt, den Sargdeckel geschlossen. Kornitzer, der so gerne Richter war, betritt das Landgericht nicht mehr. Das ist auch nicht n�tig, niemand erwartet ihn. (Niemand will ihn sehen.) Ein Bote bringt ihm seine pers�nlichen Dinge aus dem Gericht nach Hause, er will auch den Boten nicht sehen, Claire �ffnet und bedankt sich. Ein Justizinspektor und ein Regierungsoberinspektor werfen die Rechenmaschinen an. Und gegen die Berechnungen ist nichts einzuwenden. Das Besoldungsdienstalter, das Grundgehalt einschlie�lich der ruhegehaltsf�higen Stellenzulage, die Besoldungsdienstberechnung, alles mu� �berpr�ft und sorgsam in Formulare �bertragen werden. Darunter steht: 1 <emphasis>Brief m. Zust. Urk. heute dem Wachtm. zur Post �bergeben. Mainz, den 27. 8. 1957 Veit. Justizobersekret�r</emphasis>. Mit einer anderen Schreibmaschinentype ist hinzugef�gt: <emphasis>Nach dem Beschlu� der Wiedergutmachungskommission in Koblenz vom 26. 9. 1949 ist Dr. Kornitzer besoldungsrechtlich so zustellen, wie wenn er nicht zum 1. 11. 1933 in den Ruhestand versetzt worden w�re</emphasis>. In den Ruhestand versetzt, das h�rt sich gem�tlich an, ohrensesselhaft, schl�frig. <emphasis>In den Ruhestand versetzt ist</emphasis> eine pl�schige Draperie �ber dem Rausschmi� aus dem Landgericht. Jetzt geht alles sehr schnell. Am 30. September 1957 schickt das Ministerium der Justiz ein Schreiben an den Herrn Landgerichtspr�sidenten in Mainz mit der <emphasis>Bitte, die Ernennungsurkunde von 25. September 1957 und die Urkunde �ber die Versetzung des Richters in den Ruhestand vom 28. September 1957 noch heute zuzustellen und den Zustellungsnachweis vorzulegen</emphasis>. In einer schn�rkeligen Handschrift mit dokumentenechtem Kopierstift hat jemand auf dem Papier bemerkt: <emphasis>Eilt sehr</emphasis>. Ja, einen Tag vor dem endg�ltigen Ausscheiden aus dem Landgericht sollte der gleichzeitig Erh�hte und aus dem aktiven Justizdienst Eliminierte Klarheit �ber seinen Rechtsstatus haben, der Schnitt ist getan, die Wunde blutet noch ein wenig nach. Und da ist die vornehme Ernennungsurkunde:</p><p>Im Namen des</p><empty-line/><p>Landes Rheinland-Pfalz</p><empty-line/><p>ernenne ich</p><empty-line/><p>den Landgerichtsdirektor</p><empty-line/><p>Dr. Richard Kornitzer</p><empty-line/><p>zum Senatspr�sidenten</p><empty-line/><p>Der Ministerpr�sident von Rheinland-Pfalz</p><empty-line/><p>gez. Altmeier</p><p>(Links neben dem Namen prangt das Dienstsiegel.) Nein, keine Feier, kein H�ndedruck, kein Gl�schen Riesling wie am Tag der Ernennung zum Landgerichtsrat in Mainz, auch nicht mit Claire im Schindelhaus, es ist ein ganz normaler Tag (oder er soll als ein solcher in Erinnerung bleiben, oder er soll �berhaupt nicht in Erinnerung bleiben oder als ein Tag, an dem der Gerichtsbote geklingelt hat, der Tag, an dem eine Unterschrift bei der Aush�ndigung einer Urkunde verlangt wurde), der Tag, an dem etwas zu Ende ging. Kornitzer f�hlt den Impuls, die Klappl�den zu schlie�en, aber er tut es dann doch nicht. Aus R�cksicht auf Claire, aus R�cksicht auf die Nachbarschaft. Es ist ein ganz normaler Tag, jedenfalls will er das glauben, will es sich selbst glauben machen. Die Essigfabrik riecht, die Schuhwichsefabrik riecht, die Stra�enbahn klingelt. Gegen siebzehn Uhr beginnt es leicht zu regnen, am Abend spiegelt sich das Muster der Stra�enlaternen auf dem Pflaster, Claire hat Spinat mit R�hrei zubereitet. Vielleicht war sie, als der Bote kam, viel aufgeregter als Richard. Dann ist es ruhig, und dann ist es doch Zeit, die Fensterl�den zu schlie�en, Geborgenheit im Haus zu simulieren.</p><p>Jetzt sind die Tage lang, und die N�chte sind schlaflos. Mit Feuereifer st�rzt sich Kornitzer in die Arbeit f�r seine Wiedergutmachung. Was er als Landgerichtsdirektor nur nebenbei erledigen konnte, wird jetzt gro� geschrieben. Er k�mpft um die Judenverm�gensabgabe und geistert nachts durchs Haus, �ffnet leise seine Schreibtischschubladen, und er �ffnet sein Ged�chtnis. Und was er verloren hat, steht so lebhaft vor ihm, als habe er es gestern verloren, es ist ein taktiles Empfinden f�r die Beraubung. Ein Viertel des Verm�gens mu�te bei der Auswanderung als Reichsfluchtsteuer abgef�hrt werden, der Rest konnte nur unter gro�en Verlusten umgetauscht werden. (Nach Kriegsbeginn ist der Anteil des Verm�gens, das die Finanzbeh�rden einbehielten, auf 96 Prozent geklettert. Die Finanzbeh�rden sind der lange Arm des Faschismus. Die trappelnden Stiefel, das Gegr�le, das pathetische Geschrei, die Verhaftungen, die Schmutzarbeit auf der einen Seite: dagegen die Formulare, die Drucksachen, die Bescheide, die rastergenaue Erfassung aller Juden. Den Finanzbeh�rden oblag es, die b�rgerliche Existenz der Verfolgten auszul�schen. Mit den Mitteln der Auspl�nderung wurde die Sondersteuer eingetrieben. Es kommt Kornitzer so vor, als habe er pers�nlich mit dem Erbe seiner Mutter die Aufr�stung und die Kriegsf�hrung finanzieren m�ssen. Jetzt in den schlaflosen N�chten legt er Listen an. Er erinnert sich an folgende B�cher: 1 gro�es Corpus iuris in lateinischer Sprache, einen Band des hebr�ischen Textes des Alten Testaments mit Vokalzeichen, Hauffs M�rchen in 2 B�nden, etwa 30 B�nde Reichsgerichtsentscheidungen und etwa sechzig weitere B�nde, die er nicht genau benennen kann, Fachb�cher vor allem. Nein, ein gro�er Leser war Kornitzer nicht gewesen. Aber da� Claire in den letzten Jahren so viel liest und B�cher anschafft, von Menschen in den B�chern so plastisch erz�hlt, als h�tte sie sie auf dem Wochenmarkt getroffen, gef�llt ihm. Sie sieht zufrieden aus, wenn sie liest, auch schmerzfrei.</p><p>Er listet ein �lgem�lde aus dem Besitz seiner Mutter auf: Stettiner Bahnhof (den Maler kennt er nicht), ein Bild von Murillo: Antonius von Padua mit dem Jesuskinde, eine erstklassige Kopie, wie er meint, 4 gro�e echte Teppiche, auch aus dem Besitz seiner Mutter (ein T�bris, ein Isfahan, ein Uschak, anspruchsvolle, hochn�sige Burschen aus dem Orient, und ein franz�sischer Wollteppich), die in der modernen Wohnung in der Cicerostra�e Fremdk�rper waren und von denen die verderbende Wirkung der M�belst�cke, auch der Kinder, ferngehalten werden mu�te. Und er f�hrt das Porzellan auf (efeugr�ne Randbetonung mit goldener Borte), einige St�cke sind restituiert worden, es fehlen noch etwa 80 St�cke, au�erdem Figuren und Leuchter aus Porzellan. Aber seltsam, er kommt nicht auf den Gedanken, die feinen Stahlrohrm�bel, die Peddigrohrsesselchen aufzulisten, das Bauhaus-Teeservice mit der stromlinienf�rmigen Kanne, die strengen Kugellampen von Marianne Brandt, all die hellen, leichten Dinge, die Claire und er angeschafft haben, die verloren gegangen sind. Es ist, als h�tten diese in der Zwischenzeit � durch die Vertreibung der Bauhausk�nstler � auch ihren Wert verloren. Er k�mpft um das Erbe seiner Mutter, aber auch um Claires Schreibmaschine, die sie gl�cklicherweise durch eine �hnliche hatte ersetzen k�nnen.</p><p>Und vor allem schmerzt ihn der Verlust des Armbandes mit den Saphiren, das er kurz vor seiner Emigration f�r Claire hat umarbeiten lassen. Unbedingt m�chte er Claire das Armband zum zweiten Mal schenken. (Oder einen ad�quaten Ersatz daf�r.) Claire dagegen winkt ab: Es ist verloren, Richard, man hat es mir weggenommen. Das will Kornitzer nicht gelten lassen. �In der Restitutionssache Kornitzer gegen Dt. Reich und Stadt Berlin�, schreibt er, �sind die Sachen, soweit m�glich, einzeln aufgef�hrt worden. Es ist eine Sache der Gegenpartei, die Einzelheiten der Auspl�nderung durch die Nazis zu ermitteln, da ich 1939 nach Kuba fl�chten mu�te, um nicht von den Nazis ermordet zu werden.�</p><p>Aus dem Hause des Senators f�r Finanzen in Berlin erh�lt er die Antwort: � <emphasis>mu� ich die Antragsteller bitten, das Bestehen ihrer Anspr�che nachzuweisen und unter Aufz�hlung der einzelnen entzogenen Verm�gensgegenst�nde darzulegen, wann, wo, auf welche Weise durch welche Dienststelle des vormaligen Deutschen Reiches eine ungerechtfertigte Entziehung zu Gunsten des Verm�gens einer der von mir zu vertretenden Rechtstr�ger erfolgt ist. In jeder Sache sind die entzogenen Verm�genswerte einzeln genau zu bezeichnen. Dies ist notwendig, da sonst nicht von �feststellbaren� Gegenst�nden gesprochen werden kann, hinsichtlich derer allein eine R�ckerstattung in Betracht kommt. Die Art und Weise der ungerechtfertigten Entziehung mu� genau schl�ssig dargelegt werden. (Zeitpunkt, Beh�rde, Aktenzeichen, Anschrift des privaten Entziehers usw.) Bez�glich des Verm�gens der Ehefrau ist es notwendig, die Entziehung in jedem einzelnen Falle darzulegen. Zun�chst sehe ich mich gen�tigt, gegen den geltend gemachten Anspruch Widerspruch zu erheben</emphasis>.</p><p>Kornitzer notiert: �Die Gestapo hat Frau Kornitzer weder bei den Auspeitschungen noch sonstwie schriftliche Quittungen erteilt!� Aber das ist noch kein Schriftsatz, der Satz mu� erkalten, aber wie, wenn der Antragsteller sich aufregt, emp�rt, sein Herz rast. Ja, es ist tats�chlich die Gegenseite, die das Haupt erhebt � und die Schreibhand, abwehrend, parierend, schneidend k�hl und beamtenhaft regelm��ig: � <emphasis>sind bisher weder die Entziehung, noch Anzahl, Art und G�te der etwa entzogenen Gegenst�nde nachgewiesen. Ich mu� daher zu meinem Bedauern beantragen, den Anspruch zur�ckzuweisen</emphasis>.</p><p>Einige Zeit sp�ter, nach vielem Hin und Her, hei�t es aus dem Hause des Berliner Finanzsenates: <emphasis>In der R�ckerstattungssache Kornitzer./. Deutsches Reich beantrage ich, den Antragstellern eine letzte Frist zur Beschaffung der in Ihrem Schreiben vom 16. Oktober 1958 gemeinten Beweisunterlagen zu gew�hren und nach deren fruchtlosem Ablauf den Anspruch zur�ckzuweisen</emphasis>. Als Kornitzer dieses Schreiben in der Hand h�lt, beginnt er zu toben. Er will nach Berlin reisen, er will auf den Tisch hauen (welchen Tisch?), er will sein Recht, jetzt sogleich, und zwar zur G�nze. Claire ruft den Rechtsanwalt Westenberger an, der setzt wieder ein Schreiben auf. Kornitzer wartet und wartet, das Eintreffen des Brieftr�gers ist das Tagesereignis. Er k�nnte spazierengehen, am Rhein entlang oder auf den H�hen, auf denen jetzt Siedlungen gebaut werden, das t�te seiner Gesundheit gut, er k�nnte mit Claire verreisen, eine Rheinschiffahrt, eine Reise auf eine Kanalinsel, sie k�nnten sich mit den Kindern in London treffen, all das sind gute Vorschl�ge, keinesfalls aus der Luft gegriffen. (Jeder w�rde ihm einen solchen Rat geben, aber er fragt niemanden.) Kornitzer sagt: Erst wenn die Wiedergutmachungssache abgeschlossen ist. Vorher habe ich den Kopf nicht frei. Claire nickt, sie versteht ihn, aber es f�llt ihr schwer. Sein Kopf ist frei genug, um immer wieder bei der Akademie f�r V�lkerrecht zu pr�sidieren, die strengen Formalien tun ihm gut, dort in Den Haag gibt es keine gegnerische Partei. Alle Teilnehmer der Seminare denken �ber die gleiche Sache nach, ziehen an einem Strang, sie arbeiten ergebnisorientiert, wie man ein halbes Menschenalter sp�ter sagen w�rde. Und: niemand raunt �ber ihn. Es wird viel diskutiert, aber auch viel gelacht und abends viel getrunken. Und dann f�hrt er nach Mainz. Der ganze Sommer ist zerpfl�ckt, zerrupft, von Schreiben zu Schreiben Aufregung, von Termin zu Termin Hetze, von einer Gewitterschw�le bis zur Hitzewelle bis zum Fr�hnebel, der erste Sommer eines Senatspr�sidenten im Ruhestand.</p><p>Kornitzer reist nach Berlin, stellt selbst Nachforschungen nach den Wertpapieren an. Vielleicht sollte er das nicht tun, er merkt es selbst, er st��t auf verschlossene T�ren, er mu� sie �ffnen. Er st��t auf verschlossene M�nder, das kennt er schon, aber die kann er nicht �ffnen. Ein Senatspr�sident im Ruhestand ist kein Rechercheur, er hat nicht die innere Freiheit, einen Fu� in die T�r zu stellen, er hat nicht die Freiheit, jemandem aus Prinzip l�stig zu fallen. Er arbeitet in eigener Sache, das gibt der anderen Seite einen Schein von Objektivit�t, denn niemand hat ja pers�nlich die Wertpapiere aus dem Erbe seiner Mutter veruntreut. Das mu� er doch einsehen.</p><p>Kornitzer kommt von der Berliner Reise nach Hause, ern�chtert, erk�ltet, schlie�t die T�r des Hauses auf und findet Claire auf dem Fu�boden liegen. Sie hebt den Kopf, sie will etwas sagen. Es gelingt ihr nicht, sie lallt. Richard will ihr aufhelfen, aber sie bleibt liegen, lallt wieder und st�hnt. Hast du etwas getrunken, Claire? fragt Richard. Es war nahezu unm�glich, sich in Mainz nicht an die allgemeinen Trinkgewohnheiten anzupassen, das war die leichteste �bung. Richard betritt die K�che, kein ungesp�ltes Glas, keine ge�ffnete Flasche, er hat Claire Unrecht getan, sie kann nicht aufstehen. Hat sie einen Schlaganfall erlitten? Er holt eine Decke, legt sie auf die Seite (stabile Seitenlage), fl��t ihr ein wenig Tee ein, bestellt einen Krankenwagen. Jetzt spricht sie deutlicher. Es ist ihr auf der Treppe pl�tzlich schwarz vor Augen geworden, sie wollte sich festhalten am Gel�nder, aber das gelang nicht. So rutschte sie die Treppe hinunter. Sie wei� nicht, wie lange sie da in der Diele gelegen hat. Ja, sie hat versucht, ans Telephon zu robben, Hilfe zu holen, aber sie war zu schwach. Sie weint vor Schw�che, sie weint vor Dem�tigung durch die Schw�che, sie weint, weil sie allein war, als sie fiel. Wenn du da gewesen w�rst, st�hnt es aus ihr heraus. Und dann verliert sie wieder das Bewu�tsein.</p><p>Wenn du da gewesen w�rst. Diesen Satz sagt er sich dann h�ufig vor, wenn er t�glich zu Claire ins Krankenhaus f�hrt. Ihr Oberschenkelhals ist gebrochen, ihre Nierenwerte sind bedenklich, sie erholt sich nicht. Um an Kr�cken zu gehen, ist sie zu geschw�cht. Wenn du da gewesen w�rst. Wenn du nicht emigriert w�rst. Wenn wir beide nicht in eine so verst�rende Situation gekommen w�ren. Wenn du von Bettnang nicht nach Mainz gegangen w�rst. Wenn du nicht nach Den Haag gereist w�rst. Wenn du nicht in Berlin auf der Suche nach den Wertpapieren gewesen w�rst. Eine ganze Latte von unausgesprochenen Vorw�rfen. Dabei hatte sich Kornitzer in Berlin nicht einmal Zeit genommen, nachzusehen, was aus dem Universum geworden war und aus dem sch�nen Haus in der Cicerostra�e. Gab es die Tennispl�tze noch? Er war so unruhig, so mi�mutig in Berlin gewesen, da� er sofort nach seiner gescheiterten Mission abgereist war. Andere h�tten sich noch ein paar Stunden auf Cocktailsesselchen in einer stromlinienf�rmigen Bar am Ku�damm geg�nnt. Doch dazu war Kornitzer in seiner verd�sterten Stimmung nicht in der Lage.</p><p>Er wendet sich noch einmal an die Wiedergutmachungs�mter von Berlin. Er m�chte jetzt unbedingt etwas f�r Claire erreichen. Wenn er schon bei den Wertpapieren aus dem Erbe seiner Mutter nicht f�ndig wurde. Das Armband, die Schreibmaschine, er ist beharrlich. Die Sonderverm�gens- und Bauverwaltung beim Senator f�r Finanzen in Berlin schreibt ihm zur�ck: <emphasis>Nach �berpr�fung der weiteren Unterlagen kann nur davon ausgegangen werden, da� es sich bei der �Fortnahme der Schmucksachen und der Schreibmaschine durch die Gestapo� um eine sogenannte �wilde Aktion� gehandelt hat, so da� f�r den Verlust der beanspruchten Gegenst�nde das ehemalige Deutsche Reich nicht haftbar gemacht werden kann</emphasis>.</p><p>Kornitzer kann es nicht fassen, er schreibt noch am gleichen Tag zur�ck nach Berlin: �Wenn das eine �wilde Aktion� war, dann ist eben die ganze NS-Gewaltherrschaft blo� eine wilde Aktion gewesen. Sind 6 Millionen Juden in einer �wilden Aktion� ermordet worden? Ich finde das Vorbringen der Finanzverwaltung nicht nur unrichtig, sondern geradezu emp�rend, und schon gar in diesem Falle. Leider bin ich gesundheitlich zur Zeit au�er Stande, die geb�hrende Antwort auf dieses Vorbringen zu erteilen, und bitte daher um eine weitere Frist.�</p><p>Claire soll aus dem Krankenhaus entlassen werden, aber sie kann nicht gehen, sie kann nicht stehen, sie kann die Treppe nicht erreichen. Kornitzer kann sie nicht tragen, die Aufregungen, sein Herz, seine Ungeschicklichkeit. Sie mu� gepflegt werden. Er denkt an Selma, vielleicht h�tten Mutter und Tochter noch einmal eine Chance, N�he zueinander herzustellen unter ganz unterwarteten Bedingungen � nach so viel gegenseitigem Verfehlen. Aber Selma hat ihren j�dischen Freund geheiratet, sie ist im sechsten Monat schwanger, sie geh�rt zu ihrem Mann, sie geh�rt zu ihrem Kind, sie baut ein Nest, w�hrend das Nest ihres Vaters und ihrer Mutter zerf�llt.</p><p>Es n�tzt nichts; Claire ist knapp �ber sechzig, sie mu� in eine Pflegeeinrichtung, und Pflegeeinrichtungen sind Altersheimen angegliedert. Er sieht sich dieses und jenes Heim an, die Sanftheit der Nonnen, die Gesch�ftsm��igkeit der Verwaltung, ein perfektes Rollenspiel. Die peinliche Ordnung der Zimmer, die N�chternheit, die Sterilit�t, die Stumpfheit in den alten Gesichtern, das Warten auf Essen, das Warten auf eine Unterhaltung, das Warten auf das Unvermeidliche, den Tod. Er bei�t die Z�hne aufeinander und wei�, Claire wird es auch tun. Sie ist viel zu jung f�r ein solches Heim, sie ist viel zu arrogant, um sich von Pflegesch�lerinnen waschen und lagern zu lassen. Sie ist viel zu eigenwillig, um das zerkochte Essen aus einer Gro�k�che zu l�ffeln. W�rst du da gewesen. Jetzt ist er immer da. Er besucht sie, nimmt sich unendlich viel Zeit f�r sie, er f�hrt ihren Rollstuhl auf die sonnige Veranda.</p><p>Und nach den Besuchen f�hrt er seine weitreichende Korrespondenz. Er schreibt Boris Goldenberg. Und wenn Goldenberg Kornitzer schrieb, war das eine feste verl��liche Verbindung nach Kuba. Kornitzer schrieb von den gradlinigen Karrieren, die zum Beispiel aus einem engen Mitarbeiter Albert Speers einen Staatssekret�r im Bundesfinanzministerium machen, der ausgerechnet f�r die Wiedergutmachung an den Nazi-Opfern zust�ndig ist. Der Herr hie� Karl M. Hettlage und lehnte zwar taktisch die Wiedergutmachung nicht g�nzlich ab, aber er beteiligte sich eifrig an dem <emphasis>z�hen Abwehrkampf</emphasis>, um den Staatshaushalt gegen die <emphasis>Entsch�digungsoffensiven der Nazi-Opfer zu verteidigen</emphasis>; so sah er es. Sein Steigb�gelhalter in der neuen Karriere war Heinrich L�bke. Kornitzer h�tte eine lange Reihe solcher Karrieren auflisten k�nne, aber er wollte Goldenberg nicht durch Klagen erm�den. Und Goldenberg berichtete nach Deutschland von den mit den H�nden zu greifenden politischen Ver�nderungen in Kuba. Und Kornitzer schrieb zur�ck: �Da� diejenigen, die gelitten haben wegen ihrer �berzeugungen, in der neuen Gesellschaft von neuem an den Rand gedr�ngt worden sind, ihre �berzeugungen verbergen oder beschweigen m�ssen, geh�rt zu den unbefriedigenden Ergebnissen der Bundesrepublik.� George oder Selma h�tte er einen solchen Satz in einem Brief nicht geschrieben. Goldenberg antwortete: �Ihre Beobachtung trifft nicht nur f�r die Bundesrepublik zu. Leider.� Daraus konnte Kornitzer Schl�sse ziehen �ber etwas, das Goldenberg vielleicht nicht der Post anvertrauen wollte. Boris Goldenberg war Professor in Kuba geworden und hatte sich in seiner Existenz eingerichtet.</p><p>Der Senator der Finanzen in Berlin hat den Wiedergutmachungs�mtern das Ergebnis einer Ermittlung zukommen lassen, <emphasis>Abschrift an Dr. Kornitzer mit der Bitte um Erkl�rung, Frist 2 Monate</emphasis>. In dem Schreiben steht: Zwei Bewohnerinnen des Hauses in der N�rnberger Str., in das Claire nach der Aufgabe der Familienwohnung in der Cicerostra�e gezogen war, seien gefunden worden und h�tten Zeugenaussagen gemacht. Frau Wieczorek, Gartenhaus, zwei Treppen rechts, sei Luftschutzwart gewesen. In dieser Eigenschaft habe sie auch Gelegenheit gehabt, die Wohnung der Antragstellerin im Vorderhaus zu besuchen. Die Wohnung von Claire Kornitzer sei gut b�rgerlich gewesen. An einzelne Gegenst�nde k�nne sich die Zeugin nicht mehr erinnern. Sie wisse, da� die Wohnung, nachdem Frau Kornitzer an den Bodensee umsiedelte (dienstverpflichtet wurde?), von einem Fr�ulein C�cilia Klinge betreut wurde. (Ja, Cilly war eine treue, anh�ngliche Seele, auch als sie nicht mehr f�r Claire und Richard als Kinderm�dchen arbeiten durfte.) Wo die M�bel der Wohnung geblieben seien, war Frau Wieczorek nicht bekannt. Die zweite Zeugin war Frau Reyer, die im Vorderhaus vier Treppen hoch gewohnt hatte. Sie best�tigte, da� in der Wohnung viele B�cher, Porzellane und Grammophonplatten gewesen seien. In der Zeit, als Fr�ulein Klinge die Wohnung betreute, soll diese, da sie keine Unterst�tzung von Frau Kornitzer erhielt, Untermieter in die Wohnung genommen haben. In dieser Zeit sei von den Untermietern ein Buffet aufgebrochen und z. B. wertvolles Porzellan entwendet worden. Eine Beschlagnahme habe nie stattgefunden. Weiter hie� es in dem Schreiben: <emphasis>Da Frau Kornitzer Arierin war, wurde der Haushalt als arischer Haushalt angesehen und blieb unbehelligt. Da die beanspruchten Gegenst�nde nach Vorstehendem nicht zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen und verwertet worden sind, halte ich meinen Widerspruch weiterhin aufrecht</emphasis>.</p><p>Kornitzer brachte den Bescheid ins Pflegeheim. Claire las ihn mit unbewegtem Gesicht. Am n�chsten Tag diktierte sie ihrem Mann eine Stellungnahme. �Im Hause N�rnberger Str. 19 waren gerade diese beiden Frauen als klatschs�chtige Nazi-Anh�ngerinnen bekannt. Anonyme Denunziationen in der Umgebung wurden damals als von diesen beiden Frauen kommend bewertet. Als ich dies noch nicht wu�te und neu zugezogen im Haus war, lud ich Frau Reyer einmal zum Kaffee ein. Die Einladung wurde nicht angenommen, weil diese Frau nicht aus Tassen trinken wollte, aus denen �ein Jude getrunken hatte�. Frau Wieczorek als Luftschutzwart pre�te mich dazu, in einer Beschu�pause w�hrend eines sehr schweren Luftangriffes �ber den Boden des Haues zu laufen und nach Stabbrandbomben Ausschau zu halten. Ich durfte dies nicht verweigern, um nicht Gefahr zu laufen, am n�chsten Tag eingesperrt zu werden. Ich erkl�rte mich daher bereit, dieser Aufforderung nachzukommen, wenn sie mit mir zusammen gehen werde. Sie h�tte f�r diese Zeit ihr Amt an den stellvertretenden Luftschutzwart abgeben k�nnen. Da sie selbst zu diesem gef�hrlichen Gang wohl keine Neigung hatte, unterblieb dann die gemeinsame Unternehmung. Wenn in unserer Abwesenheit Zwangsuntermieter in die Wohnung eingewiesen wurden, so hat dies absolut nichts mit unseren Pl�nen zu tun und schon gar nichts damit, ob und wie an Fr�ulein Klinge (heute verh. Damwerth) gezahlt wurde oder nicht. Im �brigen war ich ja durch die Nazis v�llig ruiniert und auch st�ndig zur Gestapo bestellt und mi�handelt worden. Ferner kann Frau Reyer aus eigenem Wissen doch niemals bekunden, ob und welche Sachen beschlagnahmt worden sind oder nicht. Auch ein Buffet war in unserer Wohnung nicht vorhanden; es h�tte nicht zum Stil gepa�t.� (Dieser Satz war �typisch Claire�.) �Gerade Frau Reyer wei� genau, da� mein Haushalt nicht unbehelligt blieb. Sie hat sich u. a. daf�r eingesetzt, da� der Hausbesitzer mir den Empfang von G�sten, d. h. das Betreten meiner Wohnung durch j�dische Besucher (Sterntr�ger), verbot, da sich die Mieter dadurch bel�stigt f�hlten. Ferner sorgte sie daf�r, da� ich meine Lebensmittelkarten selbst in der f�r Juden eingerichteten Stelle abholen mu�te, weil sie selbst es nicht dulden wollte, da� der Blockwart Lebensmittelkarten in eine j�dische Wohnung brachte. Ein weiteres Zeichen f�r die �Nichtbehelligung� war, da� Frau Wieczorek ein Bett, das ich in den Luftschutzkeller brachte, wieder herauswarf, da angeblich j�dische M�bel nichts im allgemeinen Luftschutzraum zu suchen h�tten.�</p><p>Kornitzer schrieb Claires Stellungnahme sorgsam ab, brachte sie ins Heim, und Claire unterzeichnete sie. Aber er antwortete nicht gleich auf das Schreiben der Berliner Wiedergutmachungsbeh�rde seine Frau betreffend, er antwortete sehr lange nicht, und dann, als er antwortete, versuchte er, die Fassung zu wahren. �Auch nach meiner Auswanderung ist meine Frau auf das Grausamste verfolgt worden. Sie wurde von der Gestapo oft mi�handelt, es wurden Sexualverbrechen der Gestapo an ihr begangen, man hat ihr Gesch�ft v�llig vernichtet, ihr die Berufsarbeit verboten, sie in der Evang. Bekenntniskirche verfolgt usw. usw. Das ist der �arische Haushalt�, der in dieser Weise unbehelligt blieb.� Er mu� sich hinlegen nach diesem Briefentwurf, er l�scht das Licht nicht, er ist zu aufgeregt. Das Licht wirkt auf ihn wie eine Verh�rlampe. Claire hat einer solchen Lampe h�ufig gegen�bergesessen, geblendet, aber nicht eingesch�chtert. Am n�chsten Tag h�mmert er wieder in die Schreibmaschine: �Betr. 1939 � Ich hatte damals gar kein Bareinkommen mehr. Die Firma meiner Frau war durch die Nazis zerst�rt, und ich stand vor der Auswanderung. Au�er Hausrat und sonstigen Werten hatte ich die von meiner Mutter geerbten Wertpapiere, womit ich die Schulden beim Zusammenbruch der Firma meiner Frau decken und meine Auswanderung finanzieren mu�te. F�r alle in dieser Weise aufgewendeten Sachwerte fordere ich Restitution und Erstattung der verlorenen Ertr�gnisse und Zinsen.� Man schreibt ihm zur�ck: <emphasis>In der R�ckerstattungssache Kornitzer./. Deutsches Reich bitten wir um abschlie�ende Stellungnahme und Stellung eines bestimmten Antrages. Bei welchen Banken unterhielten Sie Konten? K�nnen noch Konto- und Depotausz�ge vorgelegt werden?</emphasis></p><p><emphasis>Gez. Dr. Bernstein LG. Direktor</emphasis></p><p>Es gibt wieder eine Pause im Schriftwechsel, die zuerst wie ein Atemholen wirkt, aber das ist es nicht. Es ist eine Leere, ein Krater. ��berdies bin ich selbst mehrfach gesundheitlich behindert, und meine Frau ist nach Aufenthalten in mehreren Kliniken und einer Dauerpflegeabteilung im hiesigen Altenheim verstorben. Aus ihren Berichten ihren Widerstand und Leidensgang zu schildern, m��te mir Gelegenheit gegeben werden. Es war f�rwahr �keine wilde Aktion�. Es fand bei ihr eine Hausdurchsuchung statt, bei der durch die Gestapo die Schreibmaschine und der Schmuck, unter ihm ein kostbares Saphirarmband aus dem Erbe meiner Mutter, weggenommen wurden. Mit der Schreibmaschine z. B. waren die ber�hmten Erkl�rungen des Grafen von Galen durch meine Frau abgeschrieben und vervielf�ltigt worden.� Claire hatte auch (oder gerade) nach Richards Emigration den Kontakt zum B�ro Gr�ber aufrechterhalten, das protestantisch getauften Juden bei der Ausreise-Vorbereitung half. Es hatte ihr nichts genutzt, aber sie hatte die Empathie f�r andere, denen es noch nutzte, gebraucht, es war ein Teil von ihr selbst, der sie mit Richard verbunden hielt, und sie war weiter, auch als sie schon die elegante Wohnung in der Cicerostra�e hatte aufgeben m�ssen, in die Hochmeisterkirche in Halensee zum Gottesdient gegangen. Sie hatte am Gemeindeleben teilgenommen, und dieses Gemeindeleben stand mit dem R�cken zur herrschenden Meinung, zur herrschenden Gewalt. Pfarrer Gr�ber hatte f�r sein Engagement im Konzentrationslager geb��t. Mehr war dazu nicht zu sagen, und sie selbst war schweigsam gewesen �ber die Jahre ohne ihren Mann, und ihr Mann war ohnehin kein gro�er Erz�hler, er wollte handeln, urteilen, er wollte Recht sprechen. Und jetzt feilschte er.</p><p>Claires Nieren hatten versagt, sie war ihrem Leiden erlegen. Eine k�nstliche Niere war wegen ihres Krankheitsbildes nicht in Betracht gezogen worden. Das Gelagertwerden, das Gewendetwerden gegen das Wundsein, der Mangel an T�tigkeit war ihr nicht bekommen. Sie hatte ein Testament zu seinen Gunsten gemacht. Das hatte ihn ger�hrt, er hatte sie verstanden, w�hrend Selma und George ein Testament zu ihren Gunsten in seiner ganzen symbolischen Bedeutung vermutlich nicht verstanden h�tten. Sie h�tten den Mangel bemerkt, sie w�ren vielleicht entt�uscht gewesen. Oder ihre schlechte Meinung von der deutschen Mutter h�tte sich verfestigt. Richard erbte ja nichts wirklich Bedeutendes, aber er erbte Claires Anspruch auf Wiedergutmachung, aus dem bisher nichts Substantielles erfolgt war, doch gleichwohl war er da: ein Menetekel. Zwei Jahre nach ihrem Tod werden ihm aus den beiden Lebensversicherungen zu ihren Gunsten 700,10 DM �berwiesen. Aus seiner eigenen Lebensversicherung waren einmal 71,36 DM �berwiesen worden, ein anderes Mal 98,11 DM.</p><p>Jetzt konnte ihm sein Rechtsanwalt Wilhelm Westenberger nicht mehr helfen. Er war im Mai 1959 zum Justizminister in Rheinland-Pfalz berufen worden. Es w�re ungut, wenn ein Minister Klientel-Politik f�r einen ehemaligen Mandanten betreiben w�rde. Kornitzer hatte Westenberger in aller Form zu seiner Ernennung gratuliert, und der Minister hatte gedankt. Und er war allein, allein, zwischen den dr�hnenden W�nden des kleinen Schindelhauses. �Ich selbst bin krank, war in diesem Jahr zweimal je einen Monat in der Klinik und wurde vor zirka zwei Wochen ungeheilt entlassen. (Schweres Nervenleiden.)� Verbunkert schien ihm die Wiedergutmachung, das Erbe seiner Mutter, die efeugr�n umrandeten Teller, die Wertpapiere, das Saphirarmband, alles weg. Ja, der Anspruch besteht, aber der Anspruch ist nicht einzul�sen wie ein Rabattbuch. Er selbst als Kl�ger, der er geworden ist, nachdem der Antragsteller erfolglos war, ist eine fiktive Gestalt, er sp�rt es, und das macht ihn verzweifelt.</p><p>Jetzt sah er sich im scharfen Gegenlicht, seine gr�mliche Gestalt, die Mundwinkel, die sich nach unten bogen, er sah seine schwere, dunkle Hornbrille, hinter denen er seine Augen im Spiegel nicht wirklich sah. (Oder wollte er sich selbst nicht in die Augen schauen?) Er sah seine unt�tigen H�nde, auf ihnen die blauen Fl�sse der Adern und erste Altersflecken auf den Handr�cken, die Monde der Fingern�gel, er sah sich und erschrak. Er sah seinen Hader, sah ihn wie eine zweite Gestalt hinter sich, eine dunkle Erscheinung, b�se, streitbar, unzufrieden. Ganz leise schlich er von sich selbst fort. Kornitzer spricht in seinem Kopf mit seiner Frau, er findet sie nicht auf dem Friedhof, er glaubt sie im Bad zu sehen, da f�hlt er ihre Scham �ber ihren aufgedunsenen K�rper, und er schlie�t schnell die T�r. Er findet sie in der K�che, am B�gelbrett, am Herd. Er sieht ihr gleichm�tig gewordenes Gesicht vor sich, er h�rt ihre Stimme, aber sein Herz klopft so laut, da� er nicht versteht, was sie sagt. Vielleicht r�t sie ihm zu einer Reise: Ja, warum nicht in ein kleines Seebad nach Suffolk, der <emphasis>Lake District</emphasis> soll auch sehr sch�n sein, oder � das w�re doch das Einfachste � noch einmal an den Bodensee? Aber der See kommt ihm jetzt tief, abgr�ndig und gef�hrlich vor. Oder er sollte das Enkelkind betrachten, Selma begl�ckw�nschen zu ihrem neuen Leben. Aber das kann er nicht, w�hrend seines zerbrochen ist. Und er kann die Scherben nicht zusammensetzen.</p><p>Es fehlte ihm jemand, der sagte: La� gut sein, Richard. Auch anderen Menschen ist Unrecht widerfahren. Du hast es im Gericht bemerkt und einen Beruf daraus gemacht, aber in deinem eigenen Leben willst du es nicht merken. Jemand, das h�tte Fritz Lamm sein k�nnen oder Lisa oder Hans Fittko. Aber Hans war 1960 gestorben, so jung noch, was Richard verst�rt hatte. Hans war energisch, kraftvoll gewesen und so klug trotz einer bescheidenen Schulbildung, die ihm wegen seiner politischen Arbeit nur m�glich war. Kornitzer konnte es kaum fassen, da� er tot war. Boris Goldenberg h�tte es nicht sein k�nnen, er hatte sich weit entfernt von der deutschen Vergangenheit und betrachtete mit Argusaugen und mit klarem Verstand die kubanische Gegenwart. Er schrieb �ber Charidad, die er wohl kennengelernt hatte aus den Augenwinkeln, und er schrieb dringlicher �ber Amanda. Sie mu�te jetzt, Kornitzer rechnete, gerade erwachsen geworden sein. Kornitzer brauchte jemanden, der ihm eine Hand auf den Arm gelegt h�tte. Claire hatte dies am Anfang in Bettnang versucht, sehr leis, sehr eindringlich, aber er hatte nicht auf sie geh�rt, und dann hatte sie ihn in ehelicher Solidarit�t bei seinen Bem�hungen unterst�tzt und auch f�r sich Genugtuung erhofft. So war es nie genug gewesen, so lie� er es nicht gut sein, und so war es auch nicht gut und wurde nicht mehr gut.</p><p>Das, was ihn in dieser Zeit elektrisierte und von sich fortri�, waren die Nachrichten aus Kuba. Er las Zeitungen und korrespondierte mit Boris Goldenberg. Das m�de, �berm�dete Regime, die handstreichartige Macht�bernahme nach Castros Scharm�tzeln in der Provinz, all das konnte er sich gut vorstellen. Auch das Abwarten der Intellektuellen, das Taktieren und auch die archaisch r�hrende L�cherlichkeit, mit der die <emphasis>polacos</emphasis> � wie viele einfache Leute � den Sieg Castros am 1. Januar 1959 begr��t hatten. Leider fand er weder eine spanische noch eine jiddische Quelle, und so las er staunend in Mainz, auf einem weichen Sessel sitzend: <emphasis>They saw Castro as a Messiah who came to save Cuba from corruption and violence</emphasis>. Das war ein gro�es Thema, zu dem er am liebsten Boris Goldenberg befragt und der mit seinem sch�nen russischen Bass in M�ximos Hof �Nun ja, nun ja.� gesagt h�tte. Aber Kornitzer las auch eine Rede von Castro vom Dezember 1960, die auf die institutionelle Gewalt und die Rechtsprechung zielte. Die Rede war ein Peitschenhieb. Man mu�te sich nach der Lekt�re fragen: Was sollte �berhaupt noch eine Rechtsprechung in Kuba? Kornitzer versuchte, Kontakt mit Rodolfo Santiesteban Cino aufzunehmen, aber als das nicht gelang, gr�belte er dar�ber nach, ob sein Arbeitgeber nicht l�ngst das Land verlassen hatte. Wie sehr sich Kornitzer auch bem�hte, der Kontakt zu seinem fr�heren Arbeitgeber war abgebrochen.</p><p><emphasis>Alle Welt fragt</emphasis>, so begann diese Rede Castros sehr rhetorisch: <emphasis>wann wird man endlich die richterliche Gewalt s�ubern? Womit befa�te sich denn �berhaupt die zivile Justiz? Im allgemeinen mit Problemen, die das Volk nichts angingen: mit Hypotheken, K�ndigungen, Erbstreitigkeiten, mit Rechtsstreitigkeiten zwischen Unternehmern, Grundbesitzern, Finanziers. Und heute? Wird etwa eine Kooperative die andere anklagen? Wird man Mieter dazu verurteilen, auszuziehen � wo es doch �berhaupt keine Mieter mehr, sondern nur noch Eigent�mer gibt? All diese Gerichte und die vielen Richter entbehren heute der Existenzberechtigung</emphasis>. Das war eine tr�be Verf�hrung zur Einfachheit, zumal wenn die vielen neuen Wohnungseigent�mer nicht einmal einen Dichtungsring f�r eine tropfende Wasserleitung kaufen konnten und kein Dachdecker mehr zu bestellen war, wenn nach einem Hurrikan die Dachbalken offen lagen. Alle diese b�rgerlichen Zwischenexistenzen, Handwerker, Richter, Lehrer, Gewerbetreibende waren uninteressant, unproduktiv. Sie trugen nichts zum revolution�ren Proze� bei. (Fidel Castro war selbst Anwalt gewesen; er mu�te es wissen.) Auf Grund der Castro-Rede vom 19. 12. 1960, so las Kornitzer, traten allein acht Richter des Obersten Gerichts zur�ck. Am 22. 12. wurde ein neues Gesetz beschlossen, das den Pr�sidenten erm�chtigte, neue Richter zu ernennen und das Gericht zu reorganisieren. Zwei Monate sp�ter war auch dieser Proze� abgeschlossen.</p><p>Boris Goldenberg lie� seinem Zorn �ber die Entwicklung in vielen Aufs�tzen freien Lauf. Er hatte als Halbw�chsiger die russische Revolution erlebt, er kannte die Vorboten, die H�hepunkte, die Entt�uschungen, wu�te, wie es gekommen war, und warum es den Bach hinunterging, was er ersehnt, wof�r er gek�mpft hatte. Er war bewundernsw�rdig, und Kornitzer bewunderte ihn aufrichtig. Ehe er es sich versah, war die Universit�t von Havanna gleichgeschaltet worden. Die Revolution�re hatten jede Menge Vorw�rfe gegen diese Institution, die von jeher ein Hort aller revolution�ren Bewegungen gewesen war. Am 9. Mai 1960 erkl�rte der neu gegr�ndete Studentenverband unter Major Cubela, <emphasis>die Autonomie der Universit�t m�sse beseitigt werden, falls sie der Revolution im Wege stehe</emphasis>. Das war ein deutliches Signal. Die private katholische Universit�t Villanueva wurde im Fr�hjahr 1961 verstaatlicht, die gro�e Mehrheit ihrer Professoren war ins Ausland geflohen, auch der Rektor und der stellvertretende Rektor der Universidad Santa Clara. Der Vorsitzende des Studentenrats Porfirio Ramirez war als Aufst�ndischer in den Bergen Zentralkubas gefangen genommen und hingerichtet worden.</p><p>Auch in den Gewerkschaften wurde geholzt und aufger�umt, das Arbeitsministerium bekam das Recht, bei ihnen zu <emphasis>intervenieren</emphasis>, das bedeutete: unliebsame Funktion�re abzusetzen. Bei fast allen, die ihres Postens enthoben wurden, handelte es sich um Castro-treue Gewerkschafter, die erst nach den S�uberungen in den ersten Monaten des Jahres 1959 in ihre Funktion gelangt waren. Eine lautstarke offizi�se Propaganda warb f�r <emphasis>freiwillige Arbeit</emphasis> und mehr oder minder <emphasis>freiwillige Abgaben</emphasis> zur Anschaffung von Waffen, von Petroleumtankern, von K�hen f�r die Kooperativen, mit anderen Worten: f�r Sondersteuern. Und es fiel nicht leicht, sich dieser Pflicht zu entziehen. Was man fr�her Ausbeutung genannt hatte, war nun Dienst am Volke, und nicht jeder Arbeiter dachte so klassenbewu�t, um den entscheidenden Unterschied zu erkennen, schrieb Goldenberg ironisch. Die Minister � mit Castro an der Spitze � bet�tigten sich vor der Presse und vor Photographen eifrig als sonnt�gliche Zuckerrohrschneider oder Bauarbeiter. Das kam gut an. Zur systematischen Bek�mpfung der Konterrevolution wurden <emphasis>Komitees zum Schutze der Revolution</emphasis> ins Leben gerufen, die sich krakenhaft in allen H�userblocks, D�rfern und Kooperativen ausbreiteten und sich das Recht auf Einmischung in alles M�gliche nahmen. Goldenberg kritisierte, es gebe keine Tradition lokaler oder regionaler Selbstverwaltung, der Aufbau eines politischen Zwangsapparats war ihm zuwider. Er kritisierte, da� Kuba � mit vollem Einverst�ndnis Castros � ein Satellitenstaat Moskaus wurde, wie es vorher ein Hinterhof, eine absch�ssige Hintertreppe in die USA gewesen war.</p><p>Dann erreichte Kornitzer ein Telegramm von Goldenberg: AMANDA KOMMT VIA FRANKFURT MAIN. Und es folgte ein Datum. Eine g�nzlich unerwartete Nachricht, nicht einmal eine Nachricht aus einem Traum. So stand er an einem fr�hen Dezembermorgen am Frankfurter Flughafen in einem Sonderbereich Amanda gegen�ber. G�nzlich unvorbereitet und sprachlos � sein Spanisch war in eine tiefe Herzensfalte gerutscht und wollte nicht gleich �ber die Lippen. Aufmerksam stand sie da, nicht sonderlich �bern�chtigt nach dem langen Flug, sehr hellh�utig, und sie war gro�, fast so gro� wie er. Sie stand ihm in Augenh�he gegen�ber (wie Claire es getan hatte, nur Charidad, zierlich, beweglich, hatte eine fremde K�rperlichkeit), es schien, als sei sie gar nicht aufgeregt, im Gegensatz zu ihm. Und sie hatte, anders als Georg und Selma, als er sie als Halbw�chsige wiedertraf, ein strahlendes L�cheln im Gesicht. Ein L�cheln, als geb�hrte das dem fremden Vater in Deutschland. Und Kornitzer l�chelte zur�ck; etwas schmolz. Und aus der Erinnerung an die erste Wiederbegegnung mit Selma scho� es ihm durch den Kopf: Ich darf sie nicht ber�hren! Ich darf sie nicht umarmen! Vielleicht, sagte sich Kornitzer sp�ter, h�tte Amanda eine Ber�hrung durch den fremden Vater genossen. Und so stand er steif neben ihr, in seinem schweren, dunklen Wintermantel, sie dagegen trug ein windiges, sch�biges M�ntelchen, Schuhe mit zu d�nnen Sohlen, aber anstatt die kalten H�nde in den Taschen zu vergraben, fuchtelte sie damit herum, wies auf ihre Gep�ckst�cke. Sie sprach mit einer f�r eine junge Frau ungew�hnlich tiefen Stimme, selbstbewu�t wie ihre Mutter und eigenwillig, wie sie ihr Gep�ck aufnahm und es den Vater keinesfalls tragen lassen wollte. Es kam ihm vor, als schone die kraftvolle Tochter ihn.</p><p>Er erledigte die schwierigen Formalit�ten der Einreise mit ihr. Ja, sie war eine Asylantin, ein politischer Fl�chtling. Nach einer Wartezeit auf einer harten Bank blieb es ihr erspart, in eine Notunterkunft, in ein Heim eingewiesen zu werden. Kornitzer b�rgte f�r sie, er verpflichtete sich, im Notfall (was hie� hier Notfall?) f�r sie zu sorgen. Da� ein Senatspr�sident a. D. eine junge Kubanerin in Empfang nahm, das machte Eindruck bei den Beamten am Flughafen, alles war leichter, als er es erwartet hatte. Der Grund seines Engagements f�r die junge Kubanerin blieb den Beamten verborgen. Unlauter schien es nicht. Man notierte seine Adresse, Amanda w�rde Befragungen �ber sich ergehen lassen. (Kam sie in einer Mission, war sie zur Spionage angeheuert, aufgestachelt worden? Was konnte sie �ber ihr Land berichten, welche brisanten Interna wu�te sie? Ein Herr vom Bundesnachrichtendienst w�rde sie befragen, einmal, zweimal, mehrmals vielleicht.) Es war auf dem H�hepunkt des Kalten Krieges. Nicht jeden Tag kam eine Asylantin aus einem mittelamerikanischen Land am Frankfurter Flughafen an.</p><p>Im Schindelhaus zeigte Kornitzer der Tochter die Zimmer und lie� sie w�hlen, ob sie Georges oder Selmas Zimmer benutzen wollte. Nach einem kurzen, kritischen Blick auf die Druckgraphik mit den blauen Pferden entschied sie sich f�r Georges Zimmer. Den Globus drehte sie so, da� Amerika im Blickfeld lag. Sie sprach mit W�rme von ihrer Mutter, aber auch mit Respekt. Sie sagte, wie schwer sie es habe in der Schule, die sie doch liebe. Alles sei jetzt ideologisiert in Kuba, der Mathematikunterricht bestehe darin, auszurechnen: Wenn im Jahr 1956 soundsoviel Prozent der kubanischen Bev�lkerung Analphabeten gewesen seien, wieviel es heute nur noch seien. Das Bildungsmonopol der Besitzenden solle gebrochen werden. Aber weder Charidad noch die Kusine und ihr Mann seien Besitzende. Noch im nachhinein emp�rte sich Amanda dar�ber, da� im April 1961 alle h�heren Schulen geschlossen worden waren, die Sch�ler wurden nach rasch organisierten Schnellkursen als <emphasis>Alphabetisatoren</emphasis> aufs Land geschickt. Was, um Himmels willen, konnte ich denn jemandem beibringen? Alten Leuten? M�nnern, die Zuckerohr ernten und nie einen Bleistift in der Hand gehalten hatten? fragte Amanda. Fast alle Kasernen seien in Schulen verwandelt worden, aber was f�r Schulen! h�hnte sie. Pseudo-Enthusiasmus wurde belohnt, sorgsames Abw�gen wurde gebrandmarkt. Nur ein gro�es JA wurde akzeptiert, aber auch das sei vielleicht in einem halben Jahr nicht vollmundig genug gewesen. Die neuen Lehrer seien <emphasis>in den Bergen</emphasis> ausgebildet worden, das hie�, sie wurden politisch geschult und k�rperlich ert�chtigt. Nur f�r ihren Verstand fiel nicht allzu viel Schulung ab; und Didaktik war ein Fremdwort. Charidad, die eifrige Lehrerin an einem Jungengymnasium (das jetzt als eine ehemalige elit�re Bonzenschmiede galt und gr�ndlich �ges�ubert� worden war), mu�te sich pausenlos die Haare gerauft haben, das begriff Kornitzer ohne viele Erkl�rungen von Amanda.</p><p>Auch �ber die Ziehmutter und den Ziehvater und die Geschwister in dem gro�en Haushalt in der kleinen Stadt sprach sie mit W�rme. Das war gleich deutlich: Amanda hatte ein gro�es Herz, in dem viele verschiedene Menschen Platz hatten. Der Ziehvater, erz�hlte sie, war inzwischen nach Florida emigriert und hatte Arbeit gefunden. Er versuchte, nach und nach die Familie zu sich zu holen (das kam Kornitzer bekannt vor), aber sie, Amanda, h�tte, als sie den Plan verstanden hatte, gleich gesagt: Sie m�chte nicht nach Florida, sie m�chte, nein, sie m�sse nach Paris. Warum Paris? fragte Kornitzer einigerma�en erstaunt. Ich singe, sagte sie mit der gr��ten Selbstverst�ndlichkeit. Das hei�t, du m�chtest eine Gesangsausbildung in Paris machen? Sie antwortete nicht direkt. Doch dann platzte es aus ihr heraus: Paris ist die Hauptstadt des Chansons, oder? Das mu�te Kornitzer zugeben. Da mu� ich hin, sagte sie. (Wieder mit der gr��ten Selbstverst�ndlichkeit.) Sie hatte schon Franz�sisch gelernt � bei einer Nonne mit einer soo gro�en Fl�gelhaube, sie breitete die Arme aus, und Richard war �berzeugt, da� sie heftig �bertrieb. <emphasis>�ngel de la guarda</emphasis>, Schutzengel nannte sie die gefl�gelte franz�sische Nonne zu seiner �berraschung. Manchmal sang die Tochter in ihrem Zimmer, auch auf der Treppe oder in der K�che, die sie gleich in Beschlag genommen hatte. Richard wu�te nicht, ob es ihm gefiel oder nicht. Es war machtvoll, ihr Singen f�llte das Haus, und das Gef�hl, das ihn �berw�ltigte, hatte keinen anderen Begriff als AMANDA SINGT. Ja, es fehlte ihm ein Begriff, eine Beurteilung, aber das machte nichts.</p><p>Kornitzer mu�te sie ziehen lassen, wie er Charidad hatte gehen lassen m�ssen, wie er Selma und George ihren Willen lassen mu�te, er hatte schon Erfahrung, und mit dieser Erfahrung f�hlte er sich alt. Und w�hrend er schlaflos dalag, im Nachbarzimmer die neu gewonnene Tochter, die ihn gl�cklich machte auf unbestimmte Weise, sagte er sich: Ich bin nach Kuba gegangen und zur�ckgekommen. Claire ist geblieben, wo sie war, und Charidad ist geblieben, und der Globus hat sich gedreht, und die Zeiten haben sich ge�ndert, und Amanda ist von Kuba nach Europa gekommen, und die Doppelseite aus dem Atlas, die sie mitgebracht hatte in der Handtasche, war gut pr�pariert. Frankfurt war unterstrichen, und ein wenig westlicher von Frankfurt war in die gr�ne Grundfarbe des Atlas �Mainz� geschrieben worden (von Charidad, der gr�ndlichen Geographie-Lehrerin?), und auf der linken Seite des Atlas war noch ein St�ck von Frankreich zu sehen, bis Metz etwa, und Paris war abgeschnitten, Amandas Sehnsuchtsstadt, wie auf dem Photo, das Charidad ihm mitgegeben hatte, die Hand, die das kleine M�dchen hielt, abgeschnitten war. Und nun mu�te er seine Hand, die er Amanda gereicht hatte, abschneiden, damit sie gehen konnte. Er richtete ein Konto f�r sie ein, kaufte Schuhe mit ihr, einen seri�sen Wintermantel, eine Notentasche und einen lustigen Regenschirm, obwohl sie der Meinung war, in Paris regne es nie. (Sie hatte franz�sische Filme gesehen!) Ein Regenschirm hilft auch gegen zudringliche M�nner, erkl�rte er. Dar�ber lachte sie unb�ndig und akzeptierte das sperrige Geschenk. <emphasis>�ngel de la guarda</emphasis>, antwortete er auf ihren Heiterkeitsausbruch.</p><p>Auch Goldenberg kehrte Kuba den R�cken, nach 19 Jahren im Lande sah er keinen Sinn mehr in seinen politischen Anstrengungen. Er reiste nach England, schrieb ein brillantes Buch �ber die kubanische Revolution, in dem er seine Entt�uschung, so gut es ging, mit wissenschaftlicher Abstraktion z�gelte. Nach vier Jahren zog er nach K�ln weiter, wo er die Lateinamerika-Redaktion der Deutschen Welle �bernahm. Es z�hlte nicht mehr, ob dies eine weitere Station seiner Emigration war oder eine Heimkehr.</p><p>Amanda war eine bessere Briefschreiberin als Charidad. Und wie besch�ftigt sie war, Auftrittsm�glichkeiten ausfindig zu machen, Kontakte zu kn�pfen und Lieder zu schreiben. Sie schickte ihrem Vater Texte und Noten, die er nicht lesen konnte; dann schlie�lich eine Schallplatte und ein paar gute Kritiken dazu. Er las von der S�ngerin mit den kubanisch-deutschen Wurzeln, und es war ihm, als l�se er �ber eine g�nzlich fremde K�nstlerin, und dann war er stolz auf sie und schrieb zur�ck: Wohnst du auch gut? Und: Ist dein Zimmer warm? Du darfst dich nicht erk�lten. Und h�ltst du deine Stimmb�nder warm? M�tterliche Fragen, m�tterliche Ermahnungen. Und er f�gte einen Scheck hinzu. Sie dankte ihm postwendend. Nein, Geld brauche sie nicht. Sie singe, sie habe eine <emphasis>Gage</emphasis>. (Das Wort schrieb sie gro�, als w�re es ein Zauberwort. Und malte ein kindliches Herz unter ihren in Eile geschriebenen Brief.)</p><p>1970 bot die Oberfinanzdirektion Berlin Kornitzer <emphasis>in g�tlicher Einigung</emphasis>, wie sie selbst befand, <emphasis>ohne Anerkennung der Rechtspflicht einen Schadensersatz von 3.000 DM an. Ich weise darauf hin</emphasis>, schrieb der Bearbeiter seines Falles, <emphasis>da� auch nach den eigenen Angaben der inzwischen verstorbenen Antragstellerin nicht festzustellen ist, ob es sich um eine amtliche Beschlagnahme oder um eine reine Pl�nderung gehandelt hat und da� zum Umfang des Verlustes nur summarische Wertangaben ohne eingehende Beschreibung der verloren gegangenen Gegenst�nde vorliegen</emphasis>.</p><p>Verloren gegangen? Wird vage vorausgesetzt, da� Claire unachtsam war? Da� sie kopflos das Armband hat offen liegen lassen, als die Gestapo in ihre Wohnung eindrang, vielleicht weil sie Kompromittierendes hatte verschwinden lassen? Auch der Krieg war ja angeblich verloren gegangen, aber niemand hatte ihn gefunden. Kornitzer schreibt unverz�glich an die Oberfinanzdirektion zur�ck, und das soll wirklich der letzte Brief sein, er will nicht mehr, er kann nicht mehr: �Trotz einiger Bedenken bes. bez�glich der H�he der Erstattung nehme ich zur endlichen Bereinigung dieser Sache den Vorschlag hiermit an. Danach werden mir wegen des Verlustes von Schmucksachen und einer Schreibmaschine der Gesch�digten, meiner seligen Ehefrau Claire Kornitzer, geb. Pahl, zum Ausgleich aller Anspr�che 3.000 DM Schadensersatz geleistet. Ich erkl�re, da� damit alle irrt�mlich im Entsch�digungsverfahren angemeldeten R�ckerstattungsanspr�che nach der Gesch�digten erledigt sind. Doppel anbei und gleichzeitig direkt an die Wiedergutmachungs�mter.�</p><p>Das Urteil ist gesprochen worden. Er hat das Urteil angenommen. Er mu� den Brief ein zweites Mal schreiben, N�sse ist auf das Papier getropft, hat seine Unterschrift verwischt, offenbar N�sse jenseits der Brillenr�nder. Sie hat sich am Kinn gesammelt; es w�re ein Leichtes gewesen, sie wegzuwischen, aber er hat sie nicht bemerkt. Es w�re ein Leichtes nach so viel Schwerem, den Brief noch einmal abzuschreiben. Aber er tut es nicht, er ist ersch�pft. Morgen ist auch noch ein Tag.</p></section><section><title><p>R�tsel</p></title><p>Im Sommer 1974 erreichte George Kornitzer ein Brief, der ihn vollkommen �berraschte. Der Briefkopf war: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. (Wie hatte der Brief ihn gefunden? Auf welchen Umwegen? Wer hatte recherchiert?) Eine Mitarbeiterin schrieb ihm, da� die Redaktion beabsichtige, seinen Vater, Dr. Richard Kornitzer, in dieses enzyklop�dische Handbuch aufzunehmen. Und sie bat den Sohn h�flich, die Lebensdaten, die die Redaktion gesammelt hatte, zu best�tigen und � wo n�tig � zu korrigieren und zu erg�nzen. D�rre Daten, in denen aber etwas aufblitzte von dem, was Kornitzer ausgemacht hatte. Es k�nnte George stolz machen, da� sein Vater nicht vergessen ist. Und Richard Kornitzer, der 1970 gestorben war, w�re in Zukunft auffindbar unter Wissenschaftlern, K�nstlern, Gelehrten und Politikern in der langen ehrenvollen Reihe der aus dem Land Gejagten.</p><p>George Kornitzer lie� den Brief einige Zeit liegen, etwas bedr�ckte ihn, aber er wollte sich keine Rechenschaft dar�ber ablegen, was es war. Antworte, antworte doch, flehte seine Frau ihn an. Das ist doch gro�artig. Und sie las die Stationen Kornitzers, die aufgef�hrt waren in dem biographischen Artikel, mit ihrem rollenden englischen Akzent herunter, ein Stationendrama im Stakkato, Jahreszahlen und Stufen, Jahreszahlen und Ehrungen, 1. Juristisches Staatsexamen, 2. Juristisches Staatsexamen, Promotion, Gerichtsassessor in Berlin, Zwangspensionierung, Auswanderung nach Kuba, dort Rechtskonsulent, Rechtsbeistand f�r andere Emigranten, R�ckkehr nach Deutschland, Vorsitzender des Lindauer Kreis-Untersuchungsausschusses f�r die politische S�uberung, Einstellung als Landgerichtsrat in Mainz, Ernennung zum Landgerichtsdirektor in Mainz, Wahl zum Vizepr�sidenten der Akademie f�r V�lkerrecht in Den Haag, Ernennung zum Senatspr�sidenten am Oberlandesgericht, Versetzung in den Ruhestand (auf eigenen Antrag), all das ergab eine schl�ssige Linie ohne Ausrutscher und Schlenker, die l�ckenlose Lebenslinie ihres Schwiegervaters, den sie nicht besonders gut kannte, der ihr aber bedeutend vorkam, ja, ihr selbst und ihrem Mann fraglos haushoch �berlegen. Sie hatte keine Fragen gestellt, und er hatte von sich aus wenig �ber sich gesprochen. Senatspr�sident am Oberlandesgericht, das las sich einsch�chternd. (Sie war ein schlichtes Gem�t.) Er war jemand, zu dem man aufblicken konnte, aufblicken mu�te, die L�cken, die Fallstricke kannte sie nicht. Vielleicht hatte er durch die Schwiegertochter hindurch geschaut mit seinen w��rigen Augen.</p><p>George war im mittleren Alter einem Angebot gefolgt, zu einer Ingenieursfirma an den Rhein zu wechseln. Es war ein gutes Angebot, sein Arbeitgeber sch�tzte seine englischen Verbindungen und schrieb es nicht nur sich pers�nlich, sondern der deutschen Wirtschaft gut, da� der �halbe Engl�nder�, wie er ihn nannte, in seine Firma eingetreten war. (In Wirklichkeit war er ja mindestens ein Siebenachtel-Engl�nder, in Berlin geboren, aber nie mehr in Berlin gewesen, ein englisches Landei, das sich in einer Kleinstadt in Suffolk wohlf�hlte und geheiratet und Kinder bekommen hatte. Alles hatte sich gerundet, nun ja, bis er es sich anders �berlegte. Als unstet empfand er sich nicht, eher als wurzellos.) Da� sein Arbeitgeber an der Ausschreibung f�r ein internationales Projekt interessiert war und ihm der zweisprachige Ingenieur �beraus n�tzlich war, begriff Kornitzer erst, als er die neue Stelle angetreten hatte.</p><p>Das Ingenieurswesen in England, da h�tte der deutsche Unternehmer Kornitzer am liebsten auf die Schulter gehauen, sei ja doch nur halber Kram, ja, beim Eisengu�, bei Queen Victoria, da sei England f�hrend gewesen. Die T�ftler s��en in Deutschland, so sei es immer gewesen. Er sprach so �berzeugend, als dulde er keinen Widerspruch. (Dachte er an die V2? An die bedrohlichen Feuerschweife hinter den Raketen, die �ber Kent hinweggezischt waren? Vermutlich nicht, aber George dachte daran.) George Kornitzer hatte die Bombardierungen der deutschen Luftwaffe in England gesehen, er hatte mit seiner Pflegefamilie im Keller gesessen und gezittert. Er hatte, wenn der Angriff vorbei war, die L�scharbeiten der Feuerwehrm�nner und die stoische Hilfe der Nachbarn der Gesch�digten gesehen. In seiner Phantasie l��t er alle zerst�rten Br�cken in altem Glanz wiederauferstehen, das soll die Chance seines Lebens sein, und er sonnt sich in diesem Glanz. Am gro�en Tisch mit den Hales-Kindern und den Pflegeeltern schw�rmt er von Br�ckenger�sten und Filigranpfeilern und staunt �ber alle, die beim Anblick der vielen zerst�rten Br�cken klagen.</p><p>Dann hatte er den Vertrag unterschrieben, f�r seine Frau war es ein Abenteuer, <emphasis>abroad</emphasis> zu leben, das hatte kaum jemand aus Ipswich gewagt. Sie hatten das Reihenhaus in Ipswich gegen ein Reihenhaus in einer deutschen Kleinstadt vertauscht, einen roten Ziegelbau mit Veranda gegen einen hellen Rauhputzbau mit Erker, einen saftigen Rasen gegen einen matten Rasen mit L�wenzahn, ein M�uerchen gegen einen J�gerzaun. George Kornitzer tat dies mit Gleichmut. Ja, die Bezahlung war gut, die Arbeit keine T�ftelei, sondern Rei�brettarbeit.</p><p>Er war angekommen. Angekommen, aber wo? Das Ankommen war eine Ersch�tterung wie das Weggehen, so hatte er es von seinem Vater erfahren. Aber er wollte sich solche Gedanken nicht machen. Er wohnte jetzt an einem Hang �ber dem Rhein, etwa f�nfzehn Kilometer von Mainz entfernt, er blickte auf Weinberge, kahle H�nge im Winter, aus denen die St�cke ragten, gr�nes Laub im Sommer, er sah die Lastk�hne, die die Loreley gr��ten, er h�rte die Hunde bellen und hin- und herrennen auf dem Deck der Schiffe, er h�rte die G�terz�ge auf der anderen Rheinseite poltern und die Laster, die den Wein von Gro�kellereien abholten und die Mineralwasserk�sten von der Sprudelquelle, ein dauerndes Rappeln und Scheppern, Brausen und Beben im engen Tal, Bremsen und Anfahren an der Verkehrsampel. Er h�rte auch auf die Glocken der katholischen Pfarrkirche und das R�hren der Rasenm�her am Samstagnachmittag, Leben hie� Krach machen und Krach ertragen. George war seit seiner Krankheit im <emphasis>Hostel for Displaced Children</emphasis> l�rmempfindlich geblieben. (Oder sein Kummer, seine Verletzung hatte sich in dieser Empfindlichkeit verfestigt.) Alleinsein tat ihm gut. Er sa� immer noch gern in einer kleinen Kammer oder ersatzweise in der Garage und schraubte und l�tete, setzte Schaltpl�ne um, die nur er verstand. Hier war er Herr �ber Ruhe und Ordnung, hier war er Herr seiner selbst auf einem winzigen, ungef�hrdeten Terrain. Aber in Ipswich war es auch nicht leise gewesen, sagte er sich. Auf der <emphasis>Orwell Bridge</emphasis>, an deren Konstruktion er beteiligt war, hatte sich der Verkehr gestaut. In Deutschland mu�te Kornitzer f�r <emphasis>bridge</emphasis> gleich Br�cke zus�tzlich das Wort �berwerfungsbauwerk lernen, das war der fachgerechte Terminus f�r eine alte Sache. H�ngebr�cken, Bogenbr�cken, Balkenbr�cken und Umw�lbungen der �ffnungen, damit besch�ftigte er sich im Team. Und mit den Sachzw�ngen der Restaurierung �lterer Br�cken, der Untersp�lung von Pfeilerfundamenten, den Hoch- und Tiefkailinien, der H�henlage der Hoch- und Tiefkais, der Br�ckenachsen, der Stellung der Pfeiler zur Stromrichtung und der lichten H�he der Br�ckengew�lbe in den beiden Schiffahrts�ffnungen stromaufw�rts und stromabw�rts. Nein, mythisch empfand er den Strom nicht, an dem er nun lebte, an dem er Br�cken plante und restaurierte. Er wu�te nicht genau, was mythisch war, m�glicherweise in England etwas ganz anderes als in Deutschland, also lie� er die Finger von solchen Dingen (Dingen, die keine Dringlichkeit hatten, Dingen, die in Begriffe �berlappten.)</p><p>Und wenn man so drei�ig oder mehr Jahre in England lebt, hatte er seiner Frau gesagt, als er sich entschlo�, nach Deutschland zur�ckzukehren, und wenn man immer noch als <emphasis>Foreigner</emphasis> gilt, ist das deprimierend. Man bildet sich in seinem Leben ein, viele Sachen zu sein, Kind und Vater, Engl�nder oder kein Engl�nder. Und Jude war er auch nicht wirklich. Deutscher bin ich schon lange nicht mehr, er klagte ja nicht dar�ber, er empfand sich als eine krude Mischung, und manchmal hatte er den Verdacht, gerade dies gefiele seiner Frau, die Unzugeh�rigkeit, die ihn um so st�rker an die Ehe band, er hatte ja sonst wenig Bindungen. Er hatte festgestellt, da� er ein Fl�chtlingskind war und blieb, das war seine Identit�t, er hatte sie mitgenommen an den Rhein mit seinem englischen Pa� und all seinen Unsicherheiten, und er w�rde sie mitnehmen, wohin er ging. Also war es leicht gewesen, nach Deutschland aufzubrechen, man mu�te den Schmerz nicht sp�ren.</p><p>Schreib an das Handbuch, mahnte ihn seine Frau. Es machte sie stolz, da� ihr Schwiegervater zu der Ehre kam, da� ihm ein Lexikonartikel gewidmet wurde, und sie strahlte es aus, nicht nur insgeheim. Im Nu konnte sie sich als Hinterbliebene eines bedeutenden Mannes imaginieren, sie f�hlte sich ihm jetzt n�her als zu Lebzeiten. (Sein Ungl�ck hatte sie mit jungen Augen �bersehen.) Ihr Vater war Uhrmacher gewesen, bis sich das ganze Ticken, das sie nerv�s machte, nicht mehr lohnte und die �briggebliebenen Uhrarmb�nder unter Wert verscherbelt wurden, weil sie schon etwas verblichen waren und neue im Kaufhaus massenweise auf einem Drehkarussell angeboten wurden, w�hrend ihr Vater noch Schubl�dchen f�r Schubl�dchen aufzog und seine vermeintlichen Sch�tze, Kalbsleder, Schlangenleder, Strau�enleder darbot. Und die S�chelchen alterten ja nicht, felsenfest war er dieser irrigen Meinung. Aber er alterte, die Ladenmiete stieg, und so mu�te alles eines Tages verramscht werden, und Ipswich hatte keinen Uhrenladen mehr, aber Schmuckgesch�fte in den Gesch�ftsstra�en, in denen angestellte Uhrmacher Verk�ufer geworden waren und sich gelangweilt an die blitzblanke Theke lehnten, sie verkauften nur dem Augenschein nach Uhren, in Wirklichkeit machten sie Umsatz. Und George Kornitzers Frau war damit auch eine Stabilit�t entzogen worden, so mu�te man es sehen.</p><p>Die Tochter eines Uhrmachers, die Frau eines Ingenieurs begriff: Alle Vornehmheit war fr�her, hatte mit dem Juristen aus Breslau, Berlin und Mainz zu tun, und George und sie waren nur Randfiguren und w�rden solche bleiben. Das war einerseits erleichternd, aber es bot auch viel Raum f�r alle m�glichen Projektionen. Zum Beispiel: War George Kornitzer, ihr Mann, weniger klug als ihr Schwiegervater, Richard Kornitzer? Und war Selma, ihre englische Schw�gerin, auch ihrer Schwiegermutter Claire, der Kinowerberin, der Berlinerin, die Besetzungszettel herauf- und herunterbeten konnte, nicht gewachsen? War die Familie, in die sie hineingeheiratet hatte, durch den Faschismus, durch die Verfolgung, den Kindertransport einfach abgesunken? Eine absteigende Linie, die sich von dem Schock der Erniedrigung einfach nicht mehr aufrappelte? Oder war sie, die Eingeheiratete, aufgestiegen in eine vage, schmerzgestillte Vern�nftigkeit, eine multiple Anpassungsf�higkeit, in der sie auch stillhielt, den Atem anhielt, stillstehen mu�te? Sie hatte gute, das hei�t mehrheitsf�hige angels�chsische Ansichten: Deutsches war mi�liebig, J�disches war exotisch, beides war <emphasis>complicated</emphasis>, entsprach also nicht der gelassenen englischen Art. Und in der Doppelung war es r�tselhaft. Es war eine soziale Leerstelle, in einer Gro�stadt vielleicht lie�e sie sich f�llen, aber hier in der Siedlung �ber dem Rhein nicht. Vermutlich w�re der bastelnde, t�ftelnde, schraubende George gerne eine Art von akademisch ausgebildetem Uhrmacher geworden, einer, der �berm��ig kleine Welten schuf und �berschaute.</p><p>Und George Kornitzer setzte sich hin, dankte f�r den Brief der Handbuch-Redaktion und schrieb, er sehe sich leider nicht in der Lage, die biographischen Angaben zu best�tigen. Viele seien falsch, und es brauche viel Zeit, sie zu berichtigen. Er s�he sich dazu besser in der Lage, wenn die Redaktion des �Biographischen Handbuches� ihm ihrerseits in einer f�r ihn h�chst wichtigen Sache beistehen und ihn unterst�tzen w�rde. Sein Vater, der 1970 gestorben war � diese Angabe best�tigte er beil�ufig �, sei in seinen letzten Lebensjahren durch viele Entt�uschungen schwer ver�ngstigt gewesen. Er habe einen Testamentsvollstrecker eingesetzt, und dieser habe nun mehr als vier Jahre verstreichen lassen, um den Nachla� zu regeln, obwohl er, seine Schwester in England sowie die ebenfalls erbberechtigte Frau Amanda Pimienta (eine Verwandtschaftsbezeichnung zu nennen, vermied er) sich in allen Fragen des Testaments und der Aufteilung des Erbes einig seien. Er bat die Redaktion des Handbuches, diesen Skandal aufzugreifen und der schreienden Ungerechtigkeit, die letzte, die sein Vater erdulden m�sse, ein Ende zu bereiten. Und er verblieb mit verbindlichen Gr��en � George Kornitzer.</p><p>Als seine Frau den Durchschlag dieses Briefes auf dem Tisch liegen sah, erstarrte sie, und ihr nettes, in der deutschen Kleinstadt-Volkshochschule gelerntes Deutsch blieb stecken. <emphasis>Why?</emphasis>, fragte sie, kugelrunde Augen, die sich leicht verschleierten, und ein Mund, der offen stand. George hatte seinem Vater die letzte Ehre verweigert, aus Unkenntnis, aus nachgetragenem Zorn, aus falscher Einsch�tzung eines Nachschlagewerkes. Sie begriff ihren Mann nicht. Manchmal hatte sie Angst um ihn (Angst vor ihm?), als k�nne er sich weder in der einen noch in der anderen Sprache verst�ndlich machen. Als fehle ihm eine Herzenssprache. Er war es so gewohnt, gebraucht zu werden von Selma und sp�ter von ihr und den Kindern, der Ingenieursfirma, da� er nicht begriff, da� nun, vier Jahre nach seinem Tod, sein Vater ihn einmal brauchte. Oder nicht sein Vater, die Erinnerung, die Geschichte. Er verstand nicht, da� er Zeuge war, Zeuge f�r das Leiden und den Hochmut seines Vaters.</p><p>Die Mitarbeiterin des Handbuches las George Kornitzers Schreiben, seufzend, kopfsch�ttelnd, und sprach dar�ber in der Konferenz. Was hatte die Nachla�regelung des Juristen mit seinem Nachleben im Lexikon zu tun? Warum hatte er, wenn er gesetzliche Erben hatte, einen Testamentsvollstrecker eingesetzt? Und warum einen vermutlich sehr unt�chtigen, nachl�ssigen oder einen, der seinen Erben nicht wohlgesonnen war? Oder gab es doch Streitigkeiten, die der Sohn verschwieg? Und wer war Frau Amanda Pimienta? Und was ging sie das alles an? War die Weigerung zur Mitarbeit eine unbewu�te Rache des Sohnes an seinem Vater? Dar�ber zu spekulieren stand ihr nicht zu.</p><p>Sie hatte zwei Dutzend Entw�rfe f�r biographische Eintragungen auf dem Tisch, alles mu�te abgesichert werden, f�r jede Biographie hatte sie eine begrenzte Zeit reserviert, ja, man mu�te taktvoll sein, aber auch effizient. Es gab unendlich viel nachzupr�fen und zu tun, eine entsagungsvolle Arbeit. Und es galt die Regel, da� Daten und Fakten, die von Angeh�rigen nicht best�tigt worden waren, auch nicht in die Endredaktion gelangten. Und es gab einen Redaktionschlu�, es gab Briefwechsel mit Angeh�rigen, besonders mit Witwen, die sich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag h�tten hinziehen k�nnen. Wiederholtes Seufzen. Sie legte den Schriftwechsel zu den Akten, dort war er auffindbar f�r jemanden, der ihn sp�ter auffinden wollte. Im Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration kommt Richard Kornitzer nicht vor.</p></section><section><title><p>Nachweise</p></title><p>Mit Dank an Mar�a Cecilia Barbetta, Sabine Bender (Landesarchiv Rheinland-Pfalz), Maritza Corrales Capestany, Dr. Gerhard Keiper (Politisches Archiv des Ausw�rtigen Amtes), Katrin Kokot (Exilabteilung der Deutschen Nationalbibliothek), Dr. Martin Luchterhandt (Landesarchiv Berlin), Loren Marsh, Petra Pl�ttner (Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz), Manfred Simonis (Stadtarchiv Mainz), Heiner Stauder (Stadtarchiv Lindau), Brigitte Tilmann (Oberlandesgerichtspr�sidentin a. D.), Ingo Wilhelm.</p><p>Selmas Erz�hlung �ber den Kindertransport folgt weitgehend Ruth Barnett: Person of No Nationality. A Story of Childhood Separation, Loss and Recovery. London 2010, sowie: Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend j�dischen Kindern nach England 1938/39. Hrsg. von Rebekka G�pfert (nach Bertha Leverton und Shmuel Lowensohn: The Story of the Kindertransports.), M�nchen 1994.</p></section></body><binary id="cover" 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