<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Ulf</first-name><middle-name>Erdmann</middle-name><last-name>Ziegler</last-name></author><book-title>Nichts Wei�es</book-title><annotation><p>Dies ist die Geschichte von Marleen, die sich, noch ehe sie Lesen lernt, in die Welt der Buchstaben verliebt. Hineingeboren in eine erfolgreiche Werber- und Illustratorenfamilie, tr�umt sie fr�h von wahrhaft Gro�em: der perfekten Schrift.</p><p>An der Kunsthochschule hat sie R�ckenwind, kann Marleen sich selbst Kontur verleihen. Ihr Pioniergeist treibt sie voran, bald steckt sie mittendrin in der Jobwelt der Achtziger � und erliegt deren Verhei�ungen. Die Medien erfahren einen Schub, pl�tzlich geht alles rasend schnell, schon hat man den Halt verloren. Sie muss erste R�ckschl�ge einstecken, berufliche wie private. Flexibilit�t ist gefragt, schon in den Anfangszeiten der Globalisierung, und Marleen gibt sich flexibel, koste es, was es wolle � in der Hoffnung, dass ihr Traum weniger fl�chtig ist als die Welt, gegen die es gilt, ihn wahrzumachen.</p><p>Mit Nichts Wei�es legt Ulf Erdmann Ziegler den Roman einer Generation vor, f�r die das Hereinbrechen des Computerzeitalters identisch ist mit dem eigenen Erwachsenwerden. Randscharf, raffiniert, brillant.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Ziegler,</first-name><middle-name>Ulf</middle-name><last-name>Erdmann</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-18">12.5.2016</date><id>e94b1a8d-7808-4d9f-9b94-44305450a26f</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Nichts Wei�es</book-name><publisher>Suhrkamp Verlag</publisher><year>2012</year></publish-info></description><body><title><p>Ulf Erdmann Ziegler</p><empty-line/><p>Nichts Wei�es</p></title><section><title><p><strong>Kleiner Schrei</strong></p></title><p>Sie schl�ft, und sie tr�umt, dass sie schl�ft. Sie muss nichts tun, und sie kann nichts tun. Es ist nicht auszumachen, ob sie gefesselt ist oder ob sie schwebt. Und wer da singt, welcher Chor da singt, den immergleichen Akkord ohne Pausen. Die Zeit steht still, das Schicksal hebt die Schultern und l�sst sie wieder sinken. Alle Welt fl�stert.</p><p>Ihr Gesicht ist schmal, aber nicht klein, man ahnt die Knochen. Die Schl�fen haben einen hellen Schimmer. Ihre Nase zeigt spitz in den Himmel der Kabine. Aus dem Ged�chtnis gezeichnet, w�rde man ihr einen schmalen Mund andichten. In der Tat hat sie helle, rotblaue Lippen von feiner Gestalt, konturiert von einem scharfen Zug, links mehr als rechts, obwohl rechts verdeckt ist durch das Kissen. Man sieht ihr die Anstrengung an, wenn man wei�, dass sie erst f�nfundzwanzig ist. Wenn wir k�nnten, w�rden wir sie ber�hren.</p><p>Ber�hren, durchaus. So wie der Junge im Sitz neben ihr, der seinen Arm nach ihr ausstreckt, die Hand schon ihre Wange nachformend, dann z�gert. Er streichelt sie nicht. Er l�sst sich zur�ckplumpsen in den Sitz und schaut sich um. In seinen braunen Augen spiegelt sich die Welt, zweimal. Er wacht �ber sie, die schl�ft.</p><p>Es ist November, der Tag in die L�nge gezogen, die Fensterluken wei� �berblendet, kaum merklich der Eintritt in den nordamerikanischen Kontinent.</p><p>Sie verlassen das Leben, das sie kennen, und beginnen ein anderes. Davon tr�umt die junge Frau nicht. Sie tr�umt, dass sie schl�ft. In der einen H�lfte ihres Kopfes ist alles aufbewahrt, was sie gewollt hat, in der anderen das, was jenseits ihrer Vorstellung liegt. Die Schatten ziehen von hier nach dort. Sie, die tr�umt, wei� genau, was es war, das sie gewollt hat. Aber es verdunkelt sich. Bald wird man es nicht mehr erkennen k�nnen.</p><p>Der Junge betrachtet jeden, der sie anschaut. Jeder, der sie anschaut, hat die Augen des Jungen auf sich. Der Mann ganz rechts in der mittleren Sitzreihe, der seit Roissy die Akte liest. Die Frau mit dem roten Punkt auf der Stirn. Die Stewardess, die sich vielleicht Sorgen macht. Der Fette mit den roten Hosentr�gern und den buschigen Augenbrauen, der jede Stunde zweimal vorbeikommt, mit einem Glas in der Hand auf dem R�ckweg.</p><p>Jeder sieht, was sie nicht ist. Sie ist keine Diva, da kann man sicher sein, kein M�dchen, nicht mehr oder nie gewesen. Schwerer f�llt es zu raten, wer sie sei. Sie ist Mutter, aber das wei� man nur, weil der Junge auf sie aufpasst. Sie ist doppelt abwesend, w�hrend sie tr�umt, dass sie tr�umt. Man wei� nicht, warum man zu ihr hinschauen muss. Aber man tut es.</p><p>Suchte man sp�ter nach Zeugen, w�rde sich ein Dutzend finden lassen. Da k�me einer, der w�rde sagen, es habe in der mittleren, der fensterlosen Reihe eine Frau gesessen, eine Frau mit Haaren wie Gr�ser, die Augen eher hell mit gr�nen oder taubenblauen Spuren, was man gegen Morgen habe sehen k�nnen, als das Fr�hst�ck gebracht wurde. Eine, die sich nicht schminkt w�hrend so einer Reise, vielleicht nie. Weil es darauf nicht ankommt. Umso mehr habe man sie im Vor�bergehen anschauen m�ssen, ja, er sei versucht gewesen, ihre Worte abzulauschen, Fl�misch, w�rde der Anwalt aus Philadelphia sagen, oder Deutsch, wobei der Junge nicht unbedingt dieselbe Sprache gesprochen habe wie seine Mutter. Sie sei der Typ von Frau gewesen � obwohl� Typ �auch nicht ganz passe �, w�rde der Whiskytrinker sagen, den man zu kennen meint. Vielleicht aus einem Film oder von Bildern oder aus einem Cartoon, in dieser Weise. Man habe, wenn man sie ansah, sich zu erinnern versucht, f�r welche Geschichte sie stehe. Eine Geschichte, die man zwar kenne, aber durchaus noch einmal w�rde h�ren wollen. �berhaupt h�tte man gern mit ihr gesprochen, etwas von ihr bekommen, einen Blick, zum Beispiel, oder ihr etwas gegeben, f�r das sie sich bedankt h�tte, und w�re es im Namen des Jungen gewesen, Antoine, so rief sie ihn, als er sich auf dem Gang entfernte. Und war einer, der so hie�, nicht immer ein Held der Luftfahrt? Der Flug jedenfalls, von CDG nach JFK, verlief ohne jede St�rung. Eine Boeing, die vom Himmel f�llt: Eine solche Geschichte war Marleens nicht.</p><p>Einmal, w�rde die Frau mit dem roten Punkt sagen, die �ber Nova Scotia langsam im Gang auf und ab ging, habe die Mutter des Jungen einen kleinen Schrei von sich gegeben, einen kurzen, hellen und nicht sehr lauten Schrei, woraufhin der Junge nach ihr gegriffen habe. Vielleicht hatte sie schlecht getr�umt. Sie, die Zeugin, aber glaube, dass die junge Frau vor dem erschrocken sei, was man beim Erwachen schaut. Dass sie erschrak vor der Wirklichkeit.</p><p>Sie habe sich diese Freaklady, der Ausdruck sei nicht negativ gemeint, sehr genau angesehen, und sie frage sich � aber das gelte f�r Europ�er im Allgemeinen �, ob diese sich zu viel vorgenommen hatte. Statt dem Schicksal zu vertrauen. Diese Frau sei nicht vom Schicksal, sondern vom Willen gezeichnet gewesen.</p><p>Kurz vor der Landung darf man so tun, als habe man sich soeben erst bemerkt. Der Rechtsanwalt klappt seine Akte zu und fragt in Richtung der jungen Frau:</p><p>�Ihr erstes Mal in den Vereinigten Staaten?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Urlaub?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Business?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der Mann stellt keine weiteren Fragen. Die Stewardess kommt vorbei und bittet ihn, den Aktenordner unter dem Vordersitz zu verstauen. W�hrend er in den Gurt gedr�ckt wird, schlie�t er die Augen. Die Mutter presst derweil eine Hand auf die Brust des Jungen, der sie dabei verwundert ansieht. Das Flugzeug rollt noch lange weiter und �ndert dabei mehrmals die Fahrtrichtung, bevor es zum Stehen kommt und ein Gong das Ende der Reise verk�ndet. Der Anwalt ruft:�Viel Gl�ck!�</p><p>Die junge Frau nickt, ohne zu l�cheln, und Antoine sieht ihm nach mit offenem Mund, wie er unter den Passagieren, die mit gestreckten Armen nach dem Gep�ck greifen, einer von vielen wird.</p></section><section><title><p><strong>Bleisatz</strong></p></title><p>Dies ist der Moment, in dem aus den aufgeschwungenen T�ren der Waggons Menschen heraussteigen, einige wenige, denkt man zuerst, schon Sekunden sp�ter mehr, als man z�hlen kann, gefolgt von dem Gef�hl, dass die erwartete Person nicht dabei sei, man w�rde sie sp�ren. Auf dem Bahnsteig steht man immer falsch, vorn oder hinten, weil der Zug so lang ist, dass er die Leute am anderen Ende zu schattenhaften Winzlingen macht, und falsch in der Mitte, weil man sich hin- und herwenden muss; schon ist die Ankommende auf der Treppe verschwunden. Menschen reichen sich die H�nde, h�fliche und st�rmische Umarmungen rechts und links. Der Bahnsteig lichtet sich. Dann, genau dort, wo Marleen wie angewurzelt steht, steigt die Schwester als Letzte aus dem Zug, ein Hauch von Madonna, und darunter ihre leichte, aber unlenkbare M�dchenhaftigkeit, Aquarellspuren von Traurigkeit in den Augen, das bemerkt Marleen sehr wohl, als die Blicke der Schwestern sich begegnen. Sie umarmen sich, als h�tten sie sich Monate nicht gesehen.</p><p>Zwei Wochen zuvor, die beiden Schwestern noch zu Haus, Neuss, Pomona 133: Marleen geht auf die steinerne Treppe mit dem wei�en Metallgel�nder und der schwarzen Kunststoffreling zu, als das Telefon klingelt. Cristina nimmt ab, Marleen ist schon halb oben, als die Schwester ruft,�Ein Herr Wolbe f�r dich. �Marleen nimmt den H�rer von der Schwester durch das Metallgel�nder entgegen und setzt sich auf die Treppe, die der D�sseldorfer Architekt absichtlich breit gezogen hat. Get�nt hat er damals,�Kommste op emol rop un runger�.</p><p>�Hier ist Marleen Schuller.�</p><p>Wem, wenn man Gro�es vorhat, sch�ttet man sein Herz aus? Nicht einmal ihrer eigenen Mutter w�rde Marleen gestehen, dass sie sich berufen f�hlt, eine Schrift zu entwerfen, die alle Vorz�ge aller existierenden Schriften hat und alle Nachteile Buchstabe f�r Buchstabe �berwindet. Wenn es gel�nge, w�rde die <emphasis>Futura</emphasis> im Vergleich aussehen wie Lego, die <emphasis>Helvetica</emphasis> wie Angst, die <emphasis>Garamond</emphasis> wie geschnitzt. Eine Schrift ohne Stil soll es sein, eine Schrift, die man gar nicht bemerkt. So etwas wie die neue, wei�e Ware im Supermarkt, da steht� Zucker �drauf oder� Salz�, kein Bild, nichts. Es ist auch nicht so, als h�tte Marleen etwas dar�ber in ihr Tagebuch geschrieben, sie f�hrt gar keins, oder unvorsichtig erw�hnt in einem Brief an die Gro�mutter in Gruiten, das w�rde ihr nicht passieren. Sie ahnt, dass ihr Plan Hohn auf sich ziehen k�nnte, je mehr, desto weniger einer von der Sache versteht. Deshalb hat sie sich in Kassel eingeschrieben und bei Volpe um ein Praktikum beworben. Der druckt noch B�cher wie fr�her, der Einzige in der Republik. Sieht ein bisschen altmodisch aus das Zeug, aber macht ja nichts.</p><p>�Volpe. Ich habe Ihren Brief bekommen. Ich sage Ihnen gleich, dass ich nicht wei�, wie wir Sie einsetzen k�nnen. Aber es gibt genug zu tun. F�nfzehnhundert Mark f�r acht Wochen ist Maximum.�</p><p>�Das geht schon, Herr Volpe. Nur � die Praktikumsbescheinigung ist wichtig.�</p><p>�Im Bleisatz mit Goldschnitt, wenn es sein muss. Rufen Sie mich an, wenn Sie da sind.�</p><p>Marleen sitzt auf der Treppe, es ist Juni. Sie strahlt. Sie leuchtet. Der H�rer schaukelt an der Spiralkordel, die sie mit links gedankenverloren h�lt. So einfach ist das, von zu Hause wegzukommen. Tut � tut � tut. Dass Cristina am Wandtelefon stehengeblieben ist, merkt sie erst, als die Schwester durch das Gel�nder greift, um den H�rer zur�ckzulegen.</p><p>Noch am selben Abend packte Marleen den dunkelblauen Kunstlederkoffer, den ihr Vater bei seiner Reise nach Indien zehn Jahre zuvor zur�ckgelassen hatte, und nahm in der Fr�he die S-Bahn nach K�ln. Sie musste sich zwingen, dem Dom beim Abschied nicht zuzuwinken. Das Abteilfenster, querformatig, doch leicht gerundet, das obere Drittel heruntergelassen, schloss Marleen bei flotterer Fahrt. Linksrheinisch ging es bis Mainz, durch die Agglomeration bis in die Eisenhalle des Frankfurter Hauptbahnhofs, Portal zur Welt mit Junkies, und dort sah sie im Schaufenster der Bahnhofsbuchhandlung <emphasis>1984</emphasis> liegen. Nur, weil man das Jahr 1984 z�hlte, deshalb. Im Eurocity nach N�rnberg las sie die ersten zwei Kapitel und ein drittes beim Warten auf dem Bahnsteig. Menschen mit dicken Gesichtern und schwerer Zunge im Zug nach Treuchtlingen, der p�nktlich war, das war damals �blich, ratternd wie eine Fabrik, aber p�nktlich. Auf dem letzten Teilst�ck Richtung N�rdlingen wurde die Zeit eine andere. Nicht, dass man die Uhr umstellen musste, nur seinen Sinn f�r die Landschaft.</p><p>Ulrich Steidle nahm� das Fr�ulein Schuller �in Empfang und zeigte diesem sogleich� das Haus�, eine labyrinthische Manufaktur, eingefasst in schweres Mauerwerk. Da sa�en wirklich die Setzer an Maschinen, neben sich einen Beh�lter mit fl�ssigem Blei. Da klapperte die Heidelberger Druckmaschine und spuckte Rohb�gen aus, sechzehn Buchseiten in kurioser Anordnung auf einem Blatt wie ein Mosaik. Marleen hatte sich den Betrieb gr��er vorgestellt, dabei beschaulicher, Brunnen und Pferd im Hof, so ungef�hr. Dies war eher die schematische Darstellung einer Druckerei aus dem <emphasis>Handbuch f�r Papier, Schrift und Druck</emphasis> bei der Gro�mutter Fleck in Gruiten, �bertragen in die Wirklichkeit: die schnellste Art, mit herk�mmlichen Mitteln zum Buch zu kommen. Der Drucker fragte sie, ob sie einen Rohbogen� mit nach Hause �nehmen wolle. Erst jetzt dachte sie an ihr Gep�ck. Das lag immer noch auf dem groben Fliesenboden, wo sie es hingeworfen hatte (auch die Schultasche mit f�nfhundert Mark von Mama drin), die Holzt�r zur Stra�e stand offen, Abendlicht fiel herein. Steidle und sie staunten gleichzeitig, wie es sie fortgetragen hatte � reine Begeisterung. Er zeigte ihr die billigste Herberge, aber untersagte sich eine Einladung zum Essen. Als Marleen sp�ter einen Gasthof betrat, scheu, ihre Nase in den Raum zeigend wie ein Keil, hockte er allein an einem Tisch. Ohne zu fragen, setzte sie sich zu ihm.</p><p>Drei Tage haben sie Angst, die Berufsanf�nger, dann kommt der �bermut. Bei Marleen war es nicht anders. Sie winkte den Lastwagen in die Einfahrt, der zehn Paletten frischer Druckb�gen abholen sollte, um sie zum Buchbinder zu bringen. Dazu kam die flach bepackte Palette mit den Banderolen. Der Fahrer sprang aus dem F�hrerhaus ��Heilandsack!��, baute sich vor ihr auf und erl�uterte in tiefstem gurgelnden Schw�bisch: dass es nur drei Zeichen gebe. Arm nach rechts raus hei�t nach rechts. Arm nach links raus hei�t nach links. Beide hoch hei�t Halt. Nicht rumhampeln dabei, und nur ein Zeichen zur Zeit. Am Ende stand der Lastwagen gerade und lie� die Stahlwand, die den Laderaum von hinten schloss, auf die Rampe sinken. Marleen griff nach einer Palette, die auf den Gabeln des Staplers bedrohlich schwankte: Grob fasste der Fahrer ihre Hand und riss sie zur�ck, w�hrend der Mann im Gabelstapler einen weiteren ihr unbekannten Fluch ausstie�. Erste Regel: Nie dich selbst gef�hrden!</p><p>Im B�ro bekam sie dreihundert Mark Vorschuss. Den Rest des Tages sah sie den Setzern zu, M�nnern in Sch�rzen an Maschinen, die im 19. Jahrhundert erfunden worden waren, und so sahen die Dinger auch aus. Ein Klingeln, Scheppern und Wummern begleitete die Arbeit, die darin bestand, Textzeilen aus Blei herzustellen, die wie silberne W�rmer ins Satzschiff schl�pften. Das h�tte sie nicht gewusst, gestand sie Steidle. Sie h�tte gedacht, die Buchstaben w�rden einzeln aus dem Setzkasten genommen und kombiniert.</p><p>�Werden sie auch, f�r die Titelei zum Beispiel. Aber f�r den eigentlichen Text w�re das viel zu langsam.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>Am Abend isst sie Wurst und Brot auf dem Zimmer und sieht dabei auf die Gasse runter. Bei D�mmerung verl�sst sie die Pension, geht bis zur Stadtmauer, sucht den Aufstieg und sieht sich f�nf Jahrhunderte von oben an, jenseits der Mauer eine neuere Vorstadt, die auf die Kreisform der fr�hen Bebauung nicht mehr Bezug nimmt. Marleen macht ein Drittel der Runde und steigt am Turm in die Altstadt herab, Funzeln hinter Sprossenfenstern. Die kleinen Betriebe und L�den sind geschlossen, die Stra�enlaternen werfen m�de Kegel auf rissige Gassen. Aber es gibt da noch ein unwirkliches, kaltes Licht, das sie anzieht; dem versucht sie n�her zu kommen. In einer Quergasse sind die Fassaden beleuchtet, als w�rde ein Film gedreht. Als sie dort einbiegt, liegt rechter Hand eine altert�mliche, vollverglaste Fabrikhalle, in der riesige, blitzende Druckmaschinen stehen. Die B�gen werden vom Stapel gesaugt, eingef�delt, eingezogen, rasen durch die Walze, werden ausgespuckt, abgestoppt, eingef�delt � Vier Maschinen hintereinander, am Ende der Stapel. Es geht schnell � zischend, klickend, fauchend. Man kann mit den Augen kaum folgen. Es ist auch niemand mehr in der Halle. Die Einzige, die zuschaut, ist Marleen Schuller aus Neuss. Sie steht im grellen Schein und regt sich nicht. Wir sind froh, sie so zu sehen. Sie sieht gl�cklich aus.</p><p>Es ist Sommer, aber lieblicher als am Rhein. Man riecht, wie die Fr�chte reifen. Die Wolken l�sen sich zu breiten B�ndern, die sp�ter Schlaufen bilden, ein halbtransparenter Stillstand. Der Sonnenuntergang kommt etwas schneller als zu Haus, trotzdem bleibt es l�nger warm. Die Leute machen ein Spiel draus, wenn man fragt, wie die Landschaft hei�e. Es ist nicht Franken und auch nicht Schwaben, sagen sie.</p><p>�Sie sind aber aus Schwaben, oder?�, fragt Marleen. (Schon macht sie das� oder �nach.)</p><p>�Noo gor net�, antwortet Steidle.</p><p>Er ist Hohenloher. Hohenloher sind keine Schwaben. Sie sind so anders, so besonders, dass man fast meinen k�nnte, sie w�ren das Gegenteil von Schwaben, ja noch nicht einmal wirklich zu vergleichen, Welten wie Tiefdruck und Offsetdruck. Trotzdem sagen sie jetzt� du�.</p><p>Uli Steidle ist von Hohenlohe nach Ravensburg, wollte Illustration lernen, hat viel Zeit vertan damit, um schlie�lich herauszufinden, dass sein Geschick im Allgemeinen liegt. Er hat �berblick: Entwurf, Papierwahl, Satz, Litho, Druck, Logistik. Er konnte das nicht beweisen, als er seinerzeit mit einer d�rftigen Mappe bei Tankred Volpe im B�ro stand. Volpe hat es ihm angesehen. Steidle: ein Mann, der immer aussehen wird wie ein Junge, gro�, schmal, bleich, blond, kurzgeschoren. Die Augen scheinen h�rter in der Verkleinerung der randlosen Brillengl�ser. In dreieinhalb Jahren ist er aufgestiegen vom Layout-Assi zum Herstellungsleiter. Er ist erst drei�ig. Er fragt nicht, was in den B�chern steht. Er macht sie. G�be es ihn nicht, g�be es die <emphasis>Eigene Bibliothek</emphasis> nicht; nicht so, wie sie im Buchhandel erscheint und an Abonnenten versandt wird: vollendet, vornehm, p�nktlich. Sie bringt auch Geld. Volpe ist mit seinem Rover unterwegs. Er passt auf, dass in den B�chern etwas drinsteht, das zu lesen lohnt. Nebenbei f�hrt er Reklame f�r den Retrolook seines Programms. Zeitungsredakteure schw�rmen daf�r.</p><p>Hermann, der Setzer (einer von f�nfen), taut am Ende der Woche auf, aber er hat auch ein Anliegen.</p><p>�Fr�ulein Schuller�, sagt er. Sie grinst. Er z�gert.</p><p>�Hewwet Se a guade Underkunft g�funde?�</p><p>Er tut sich wirklich schwer. Seine Schwester habe in der Vorstadt eine Einliegerwohnung, klein aber fein. Sie sei im Moment� net dahom�, habe� g�sundheitlich Probleme, gell?�, und Marleen k�nne, wenn sie wolle, die Wohnung haben. Zum halben Preis.</p><p>Marleen grinst nicht mehr. Sie fragt sich, wie man es h�flich zum Ausdruck bringt, dass sie aus der Krankheit einer anderen keinen Vorteil ziehen m�chte. Sie druckst herum. Da wird Hermann deutlicher.</p><p>�Mei Schweschder, gell, die krebst halt sou am Minimum rum. S�is scho schwierich, so a Wohnung z�halde, wenn mr net schaffe kou. �Jetzt versteht Marleen. Sie zahlt die H�lfte der Miete und hilft so der Kranken, ihre Heimstatt nicht zu verlieren. Am selben Abend zieht sie ein. Sie stellt sich den Eigent�mern vor, die obendr�ber wohnen. Sie h�lt die Kuckucksuhr an. Sie saugt den Teppichboden. Telefon ist vorhanden, aber abgemeldet. Sie zieht den Vorhang auf. Die Fensterfront �ffnet sich auf eine versenkte Terrasse, der getrimmte Rasen auf Augenh�he dar�ber. Sie bekommt auch das Fahrrad von Hermanns Schwester, acht Minuten sind es damit bis zu Volpe. Ihr stehen die Haare zu Berge, wenn sie durch das Stadttor radelt, in die Gutenberg�sche Zeit.</p><p>Vergeblich hatte sie gehofft, einige B�nde aus der <emphasis>Eigenen Bibliothek</emphasis> geschenkt zu bekommen; in Hermanns Schwesters Wohnung fand sich nur Schund. So blieb sie bei <emphasis>1984</emphasis>, das ihr gefiel, weil sie darin Poona wiederzuerkennen meinte, nur dass Poona die Leute mit Liebe gek�dert hatte, w�hrend die Liebe in Ozeanien ausgel�scht werden sollte. Marleen las, wie Winston Smith das Hurenviertel aufsucht, das letzte Refugium der Triebe, und auf dem R�ckweg das Antiquariat Charringtons wiederfindet. Diese Seiten las sie mehrfach und lie� dann den Roman liegen, aufgeklappt, die Schrift nach unten. Die Kuckucksuhr setzte sie wieder in Gang.</p><p>Weil M�dchen immer sorgf�ltig seien und in der Schule so sch�n aufpassten, k�nne man sie zum eiligen Korrekturlesen heranziehen, glaubte Steidle. Kapitel vierzehn und f�nfzehn der laufenden Produktion waren zu sp�t fertig geworden, um sie zur Korrektorin zu schicken. Das widerfuhr Marleen am f�nften Tag: Sie brauchte eine Stunde f�r die elf Seiten des vierzehnten Kapitels und stellte dann fest, dass unter der umst�ndlichen ausgef�hrten Kapitelnummer XV eine L�cke klaffte, wie sie sich ausdr�ckte, also nur sieben Textzeilen standen statt acht. Steidle behauptete, die Illustration der XV sei der Zeichnerin so viel leichter geraten als die anderen Zahlen, also habe man absichtlich einen gr��eren Abstand zum Text gew�hlt; aber das sagte er nur, um seine Verwunderung �ber Marleens schneckenhafte Lesegeschwindigkeit zu kaschieren. Ver�rgerung h�tte es auch sein k�nnen, das ging aber nicht, weil er das M�dchen inzwischen doch sehr gern hatte. Er gurgelte ihren Namen auf der ersten Silbe und lie� die zweite fallen. Es klang wie� Marle�.</p><p>Zur Strafe, auch wenn es nicht so ausgedr�ckt wurde, musste sie die elf Seiten des vierzehnten und die neun Seiten des f�nfzehnten Kapitels zur Korrektorin nach M�nchen faxen, deren Ger�t nicht alles nahm, was man schickte, so dass die nagelneue Panasonic in N�rdlingen immer wieder auf� Wahlpause �schaltete; jeweils nach dem dritten Versuch gab sie auf. Die telefonische Nachfrage, was angekommen sei, war nur m�glich, wenn das M�nchner Faksimileger�t stillstand, weil die Korrektorin aus Sparsamkeit nur eine Telefonleitung unterhielt. So dauerte allein die �bermittlung der zwanzig Seiten anderthalb Stunden, und� Marle �musste am Abend l�nger bleiben, um den R�cklauf der Korrekturen abzuwarten. Steidle gab ihr ein Exemplar der j�ngsten Neuerscheinung und fragte sie, wieder gefasst, ob sie darin auch typografische Fehler finden w�rde. Mit einer Detailreparatur an einer Setzmaschine besch�ftigt, konnte er ihr �ber die L�nge des Raums aus dem Augenwinkel zusehen, wie sie in den <emphasis>Viktorianischen Ausschweifungen</emphasis> bl�tterte. Sie fand durchaus Unregelm��igkeiten, nur drei auf vierhundert Seiten, aber schwer zu widerlegen, so dass Steidle im Stillen beschloss, ihr die Kontrolle des Umbruchs anzuvertrauen, solange sie blieb. Offenbar hatte die Lupen in den Augen. Zum sp�ten Feierabend durfte Marleen das Buch mit nach Hause nehmen. Die Kuckucksuhr schlug neun, als sie in ihr semi-subterranes Schlafzimmer trat, der Rasen wie gr�nes Leuchten am Horizont. Eine Postkarte von Cristina:�Hey Marleen, was macht die Bleivergiftung? Komme n�chste Woche Dich retten, Dein Schwesterherz�.</p><p>Die unverbr�chliche Schwesternschaft ging zur�ck auf den Oktober 1974, als Papa Schuller orangeberockt aus Indien vermeldet hatte, er m�sse in der Entspannung sein Gl�ck suchen. Kaum war er weg, bezog Johanna, die �lteste der Schwestern, das Arbeitszimmer des Vaters. Drei Tage war ein Loch dort, wo Johannas Bett gestanden hatte, und als Cristina einzog, stellte sie ihres andersherum auf. W�hrend Johanna und Marleen von Kopf zu Kopf gesprochen hatten, sprach Cristina zum Fu�ende von Marleens Bett, und Marleen freute sich, wenn sich jenseits der Bettdecke Cristinas F��e zeigten, geschmeidig und fest wie Handschmeichler, mal wei� und dann wieder br�unlich get�nt, die Zehen wie die K�pfe einer Familie im Kasperletheater. Manchmal, um sich in den Schlaf zu wiegen, stellte Marleen sich vor, sie w�ren unterwegs auf einem langsam sich drehenden Karussell, die Gondeln in leichter Schr�glage schwebend, und der Gedanke, wie dabei ihre Positionen wechselten, mal Cristina dort und dann sie selbst, beruhigte sie in einer Weise, dass sie Papa verga� und dann hin�berglitt in die Traumlandschaft.</p><p>Johanna verk�rperte, was Marleen erst werden sollte. Blickte Marleen zur�ck, konnte sie an Cristina sehen, was ihr selbst geschehen war. Cristina hatte schon damals diese florentinischen Augen, feingepinselt, dunkel, aber ihre Haut war hell und verzeichnete jedes Haar, blondschimmernd zun�chst und von einem Tag auf den anderen wie in Tinte getaucht, Unkraut, Farn und dann die Undurchdringlichkeit des Schamwalds. Sie hatte die Schwerelosigkeit von Aktmodellen, die nicht z�gern, splitternackt am Jasmintee zu nippen.</p><p>Und so, wie im Traumkarussell Marleen sich drehte und Cristinas Platz einnahm, begann sie Cristinas Erscheinung, ihre evolution�re Sch�nheit mit sich zu tragen wie einen zweiten K�rper. Das schaute sie sich von der j�ngeren Schwester ab: ein L�cheln mit einem Runzeln der Stirn. Wie man die Schultern spannte, also die Br�ste nicht versteckte. Wie man nicht mit den Armen fuchtelte, wenn jemand guckte. So lernte sie, die Signale der Jungen zur�ckzuschicken, schon nicht mehr ganz Marleen, Marlina oder Cristleen, das Lechzen von Franz-Josef und von W�lfi leichter zu ertragen mit diesem nussschalenartigen Gleichmut.</p><p>Nicht die Ungeduld der Jungen als solche hatte ihr missfallen � die schwitzenden Handfl�chen und Erektionen beim K�ssen, das geh�rte wohl dazu �, sondern wie sie ihre eigene Angst verbargen. Sie wollten M�dchen bet�ren, l�hmen, knacken,�es �mitnehmen wie Diebesgut. Sie war froh, dass die Schulzeit vorbei war, das Gezischel am Vormittag und das Gefummel am Nachmittag.</p><p>Hermanns Schwesters Wohnung: Cristina hat ihren Baumwollschlafsack mitgebracht � beige-braune Karos blassrot eingefasst �, und legt ihn falsch herum aufs Bett. So kann Marleen, w�hrend sie <emphasis>1984</emphasis> liest, Cristinas F��e sehen, aus der N�he sogar. Cristina derweil hat, wenn sie von ihrem Buch aufschaut, die Aussicht auf den Rasen, nicht viel mehr als eine flauschiggr�ne Linie, auf der allerdings jetzt ein halber Mann mit einem Gartenschlauch unterwegs ist, der mittels einer kreisrunden D�se einen feinen Regen erzeugt. Die <emphasis>Viktorianischen Ausschweifungen</emphasis> bringen Cristina zum Kichern; Marleen macht� Mmh?�, aber bekommt keine Antwort.</p><p>Sp�ter, am Holztisch in der gro�en Wirtschaft mit ihrem Geruch von Geschnetzeltem, Bier und Tabakrauch z�gert Steidle, sich zu den Neusserinnen zu setzen, zumal er, das ist noch nie vorgekommen, Hermann im Schlepptau hat. Aber dann sind sie doch ein gutes Quartett, auch wenn die M�dchen viel zu jung sind, zu jung f�r den nahenden Krebstod von Hermanns Schwester, ein dunkles, beschwiegenes Thema, die Tischbeleuchtung vier rauchfarbene Ufos unter einem schmiedeeisernen Kreuz.</p><p>So ein Tisch will bestellt sein. Da werden steinschwere Teller aufgetragen, Gl�ser mit schweren B�den, zinkklimperndes Besteck und in der Mitte, schattenlos, steht eine Flasche Hauswein ohne Etikett, der nat�rlich der Neuen die Frage in den Sinn kommen l�sst, wo man sich befinde, und es stellt sich wieder einmal heraus, dass es keiner oder jeder besser wei�. Gl�cklicherweise macht Cristina wie zuvor ihre Schwester den Fehler, Steidle zu fragen, ob er Schwabe sei, was einige Ausf�hrungen m�glich macht zum besonderen und unverwechselbaren Charakter der Hohenloher. Die Hohenloher werden verglichen mit den Schwaben, die Schwaben mit den Oberschwaben, die Oberschwaben mit den Alemannen, die Alemannen mit den Badenern, die man auch gern Badenser nennt, weil sie, die Badenser, das nicht leiden k�nnen, abgesehen von den schier unendlichen M�glichkeiten, all diese Landschaften und ihre eingeborenen Dicksch�del abzusetzen gegen den planen Norden mit seinen� Fischk�ppen�, was Marleen und Cristina nur durchgehen lassen, weil es sie nichts angeht. Es stellt sich heraus, dass die Schw�tzer am Holztisch, die so gern� wissad�r �und� waasch �sagen, sehr viel eben auch nicht wissen; der Unterschied von Rheinland und Ruhrgebiet ist ihnen nicht bekannt, und mit dem Niederrhein wissen sie gar nichts anzufangen. Sie h�ren auch nicht zu, wenn Cristina es erkl�rt, sie starren ihr stattdessen in die Augen und auf den Mund und auf den Busen, was sie aber locker wegsteckt.</p><p>Nach dem Essen hampeln die M�dchen zu zweit auf dem Fahrrad von Hermanns Schwester durch die Altstadt. Marleen f�hrt einen Umweg, so dass sie vor der gewaltigen Fensterfront haltmachen k�nnen, hinter der grell erleuchtet die riesige vierphasige Druckmaschine nun, am Sonnabend gegen Mitternacht, stillsteht.</p><p>�Und da arbeitest du.�</p><p>�Nein, das ist die Beck�sche Druckerei.�</p><p>Von der Seite sieht Cristina ihre Schwester an, die nicht zur�ckblickt. Das hatte sie schon immer, dieses Gaffen und nichts sagen wollen.</p><p>Sp�ter geht es mit Hallo durchs Stadttor, der Hinterreifen k�nnte mehr Luft haben, Cristina wird das Profil des Kopfsteinpflasters auf den Po gestempelt. Sie rufen einander lustige Dinge zu �ber die schw�bischen M�nner, wie sie sie nennen, aus Gemeinheit, denn dieser Hermann will unbedingt Franke sein, und der Steidle �</p><p>�Den sollten wir mal vernaschen!�, ruft Cristina.</p><p>Es schaudert Marleen, sie guckt vorsichtshalber geradeaus.</p><p>�Wie meinst du, wir?�</p><p>�Das ist doch der Traum der M�nner, zwei auf einmal.�</p><p>�Glaubst du?�</p><p>�Das wei� doch jeder!�Gegacker.�Jede!�</p><p>Dann, Cristina hat sich ein altert�mliches wei�es Nachthemd mitgebracht, liegen sie wieder in der verkehrten Weise auf dem gro�en Bett und lesen in ihren B�chern. Bevor die Lichter gel�scht werden, erz�hlt Marleen von Winstons Abenteuern im alten London, seinem Versuch, Zeugnisse der Vergangenheit, seiner eigenen Erinnerung aufzutreiben:</p><p>�Und das Antiquariat ist im gleichen Viertel wie die Puffs. Erst geht er zu einer Hure, dann ins Antiquariat.�</p><p>Cristina bl�ttert in den <emphasis>Ausschweifungen</emphasis>.�F�r diesen Walter ist London damals schon eine vergangene Welt. Er sagt, die Freudenh�user w�ren l�ngst geschlossen gewesen oder abgerissen.�</p><p>Marleen:�Was ist das �lteste, was du kennst?�</p><p>Cristina:�Die Pyramiden, oder?�</p><p>Marleen:�Nee, was du selbst gesehen hast.�</p><p>Cristina:�Diese unterirdischen Mauern, die in K�ln freigelegt wurden, als ich in der ersten oder zweiten Klasse war. Und was ist das �lteste f�r dich?�</p><p>Marleen:�Kannst du dich erinnern an ein Bild im Fotoalbum?�</p><p>Cristina:�Welches denn?�</p><p>Marleen:�Wir alle f�nf vor dem Reihenhaus, Nummer hundertdrei. Oder hundertf�nf. So richtig aufgestellt. Links noch so grade im Bild der Lancia.�</p><p>Cristina:�Der Alfa.�</p><p>Marleen:�Dann kannst du dich erinnern?�</p><p>Cristina:�Ich wei�, dass wir einen Alfa hatten, keinen Lancia.�</p><p>Marleen:�Ist doch egal. Kannst du dich erinnern?�</p><p>Cristina:�In Schwarz-Wei�?�</p><p>Marleen, entt�uscht:�Ach was, in Farbe.�</p><p>Cristina:�Wei�t du was, ich gucke mir nie Fotoalben an. Und niemals sind Fotos das �lteste, was man gesehen hat.�</p><p>Marleen:�Mh.�</p><p>Cristina:�H�?�</p><p>Marleen:�Irgendwie doch.�</p><p>Und w�hrend von Cristina nichts mehr kommt, schl�ft Marleen ein. Eines von hundert Gespr�chen zwischen den Schwestern aus der Pomona: Sie finden statt, um andere Gespr�che zu verhindern. Das Ziel ist zu schlafen und nicht zu weinen. Das spart Cristina sich auf f�r den n�chsten Tag.</p></section><section><title><p><strong>Markise</strong></p></title><p>Am Sonntag war es gelungen, eine Pumpe aufzutreiben und ein zweites Fahrrad zu leihen. Die Schwestern fuhren aufs Land, wo sie sich auf einer Apfelbaumwiese niederlie�en, die Fr�chte schon gut zu sehen, die Stadt N�rdlingen in der Ferne wie ein blasser Kupferstich. Cristina behauptete nun, dass sie sich erinnere, aber nicht an das Bild vor dem Reihenhaus, sondern an die Situation selbst; der Architekt aus D�sseldorf habe die Kamera bedient. Vielleicht sei dies sogar ihre erste Erinnerung, oder ihre �lteste, falls Marleen dies gemeint habe.</p><p>Marleen wusste nicht mehr, was sie in der Nacht zuvor gemeint hatte, aber sie nutzte die Gelegenheit, mit Cristina einzutauchen in jene Zeit, in der zwei Autos vor der T�r gestanden hatten, die Kinderrotte allgegenw�rtig, die Kommunion noch fern; Johanna die tolldreiste Anf�hrerin; die Geburt des Bruders wie Weihnachten; alle vor dem Fernseher, als Ulrike Meyfarth wie ein Lasso �ber die Latte setzte: in Farbe, definitiv. Der Wind wehte aus D�sseldorf, Geld und Visionen, man segelte schneller als die anderen. Dann jahrelanges Schweigen �ber das Wegbleiben des Vaters,�weil es nichts bringt�, wie Johanna beschlossen hatte � mit zw�lf �, und der Mama war es recht, oder zumindest schien es so.</p><p>Marleen:�Jedenfalls ist er f�r � f�r eine gro�e Sache abgehauen. Nicht f�r eine andere ��</p><p>Cristina:�Woher willst du das wissen. Denk an die Bilder aus � Puma, oder wie das hie�.�</p><p>Marleen grinst.�Manchmal denk ich, wir waren doch bl�d, und wir h�tten alle hinterherreisen sollen.�</p><p>�Marleen, so ein Quatsch. Das war � Das ist eine total durchgedrehte Kommune oder Sekte oder was, alle total fixiert auf diesen Dingsdayogi. Kannst du dir das vorstellen, Mama in orangen Klamotten ��</p><p>Marleen:�Wir alle.�</p><p>Cristina:�Da kann man mal sehen, dass die Entfernung von der Kirche ernsthafte Dachsch�den anrichtet.�</p><p>Marleen:�Wieso, vielleicht h�tten wir die ja aufgemischt. Die Sekte wollte nicht unseren Papa, sondern den Medientyp aus der Eins-A-Agentur, seine Promotionideen, seine Kohle � und dann steht die ganze Familie da in Orange und ��</p><p>Cristina:�� wird nicht einmal reingelassen.�</p><p>Marleen:�Macht ja nichts. H�tten wir eben vor dem Tor des Aschrams gelagert, hallo rein und hallo raus.�</p><p>Cristina:�Und w�ren jetzt Hippiem�dchen ohne Schulbildung ��</p><p>Marleen:�Nee, anders � ich meine, wir h�tten Papa einfach nicht damit alleingelassen. Stell dir vor, du gehst in so eine Beten-und-Bumsen-Kommune und stolperst jeden Tag �ber deine Kinder.�</p><p>Cristina:�Und, was w�re dann?�</p><p>Marleen:�Dann w�re er zur�ckgekommen. Glaube ich.�</p><p>�Ist er ja�, sagt Cristina, w�hrend der stahlblaue Himmel ihr Gesicht eint�nt, fein und kalt, die Dunkelheit ihrer Augen umso tiefer. Wenn man aussieht wie eine Madonna, denkt Marleen, ist das Schicksal vorgezeichnet. Cristina, auf dem R�cken liegend, wendet sich zur �lteren Schwester, l�chelt, das L�cheln misslingt.</p><p>�Er ist was?�, fragt Marleen.</p><p>�brig bleibt ein Zucken der Lippen, und dann ist da ein Tr�nenbach, der herunterrinnt zu Cristinas Ohr und sich f�r einen Moment auf dem Ohrl�ppchen sammelt wie gefroren.</p><p>Marleen:�Er ist was?�</p><p>Es sch�ttelt die kleine Schwester, und sie wendet sich Marleen zu, die erleichtert feststellt, dass Cristina doch, anders als sie dachte, symmetrisch weint, wie es sich geh�rt.</p><p>�Papa.�</p><p>�Ist er nicht!�</p><p>Pause im Bericht. Cristina weint. Marleen f�hrt ihr mit dem kleinen Finger �ber die Augenbrauen. Cristina sch�mt sich nicht, wenn sie weint. Das war schon immer so.</p><p>Marleen versucht, die L�cke zu f�llen, das riesige Luftloch zu stopfen, das sich vor ihr auftut, sie denkt: Papa lebt seit Jahren wieder in D�sseldorf, nur Johanna und Cristina wissen davon, sie besuchen ihn heimlich, sie haben ein zweites Leben. Ich und Mama voll angeschissen; aber Linus, was ist mit Linus? Unwahrscheinlich. Sie denkt: Papa war nur als Medienberater in Poona, vier Wochen wie geplant, ist aber nicht nach D�sseldorf zur�ckgekehrt, sondern nach M�nchen, wo er unter anderem Namen eine Filmproduktion � Und w�hrend Cristina unverst�ndliches Zeug stammelt, spinnt sie die Luftlochgeschichten weiter. Marleen glaubt die Tr�nen zu riechen und die �pfel wachsen zu h�ren. Schlie�lich beruhigt sich die Schwester und kann es erz�hlen.</p><p>Kaum war Marleen abgereist nach N�rdlingen, schellte das Telefon.</p><p>�Cristina Schuller�</p><p>�Crissy, hier ist der Papa.�</p><p>���</p><p>�Sag mal, ist die Johanna da?�</p><p>�Die wohnt hier nicht mehr.�</p><p>�Ach ja, sie studiert �?�(Unangenehm ist es ihm schon.)</p><p>�Mama ist einkaufen. Linus kommt erst nachmittags aus der Schule. Marleen macht ein Praktikum in Bayern oder irgendwo.�</p><p>�Ich bin in Deutschland, Crissy.�</p><p>�Cristina.�</p><p>�Cristina.�</p><p>Am n�chsten Tag nahm Cristina die Bahn zum K�lner Hauptbahnhof, ging zu Fu� zum Friesenplatz und fand in der Venloer Stra�e das Caf� wie beschrieben. Am Morgen hatte sie wachgelegen, gar nicht ihre Art, und �berlegt, ob sie Mama einweihen sollte, mitnehmen vielleicht. Aber Lore Schuller sa� �ber der Weihnachtsillu f�r Tschibodosen und wirkte nicht so, als d�rfe ein Petrus ihr den Julitag verderben.</p><p>Im Gartenbereich eines Sannyasincaf�s sa�en G�ste, ein Tisch war reserviert. Eine schmale Frau mit bronzenem Teint und ge�bter Entspanntheit fing Cristina ab, wies ihr den Stuhl an. Zwei M�nner erschienen gleichzeitig. Der j�ngere wischte gr�ndlich den Tisch ab, der gar nicht dreckig war, der �ltere setzte sich Cristina gegen�ber. Er ber�hrte sie nicht; er gab ihr nicht einmal die Hand. Die Frau nahm die Bestellung auf, wobei sie Petrus Schuller mit einem exotischen Namen ansprach. In der folgenden Viertelstunde fand ein l�ckenhaftes Gespr�ch statt, nur f�r Momente unbewacht. Petrus hatte jetzt lange Haare, graue Locken. Er deutete an, dass er den Umzug des Aschrams nach Amerika zwar noch mit vorbereitet habe, aber nicht mehr dabei sein werde.</p><p>�Ich habe hier eine Basis � Nun muss ich doch mal sehen, was mir entgangen ist � Es ist keineswegs so, dass ich meine Wurzeln vergessen h�tte, im Gegenteil, ich wei� jetzt sehr viel besser, woher ich komme � Vielleicht bin ich gar nicht der Spinner, f�r den sie mich alle halten ��</p><p>Cristina dachte, er meint in Wirklichkeit uns. Mama. Marleen. Mich. Aber sie fand die Worte nicht, ist abgehauen.</p><p>�Du bist abgehauen?�</p><p>�Mmh.�</p><p>�Einfach so? Was hast du denn gesagt?�</p><p>�Ich hab� ��Cristinas Stimme h�rt sich an wie Frosch-im-Teich.</p><p>�Du hast was?�</p><p>�Ich hab� nach der Toilette gefragt. Diese Frau hat mich mit reingenommen, das Klo war im Keller, hinter der Garderobe oder so �ner Trennwand ging die Treppe runter. Als ich wieder oben war, bin ich zur Vordert�r raus, ich hab� mich nicht mal mehr umgesehen.�</p><p>Cristina hat sich beruhigt. Marleen ordnet der Schwester das Haar. Sie wartet. Sie wartet eigentlich schon, seit Cristina angekommen ist. Die J�ngere tr�gt ihre Geheimnisse wie eine Fratze. Sie ist nicht daf�r gemacht, etwas zu verbergen.</p><p>�Das sind diese Kontrollniks. Die wollten euch nicht unter vier Augen sprechen ��</p><p>�Augen!�</p><p>Cristina sch�ttelt es.</p><p>�Dgantzeit hat er dieS ��</p><p>�Cristina, ich versteh� dich nicht.�</p><p>�� hat er die bscheurte Sonn ��</p><p>�� die Sonn?�</p><p>�Die Sonnenbrille nicht abgenommen. Nicht f�r einen Moment.�</p><p>Tr�nen �ber Tr�nen, das tut der Apfelbaumwiese gut und Cristina auch, die nun ganz weich wird unter Marleens H�nden, ein warmer Puschel wie fr�her. So ein Schwein, denkt Marleen. So ein Schwein.</p><p>Die andere H�lfte wird auf der R�ckfahrt berichtet, die beiden Fahrr�der nebeneinander auf der Landstra�e. Am Tag nach K�ln hatte sich Cristina auf eine Party selbst eingeladen, die zugleich ein Geburtstag war � Franz-Josefs � und ein weiteres Abiturbes�ufnis von Marleens Jahrgang, ein gro�es, wei�es Haus in Meerbusch, die Eltern in der Provence, Nico und Harald abwechselnd am Plattenteller: Bowie, Talking Heads, Police und alle zwei Stunden <emphasis>Dancing Queen</emphasis>, aber nur um jene Jungs auf die Palme zu bringen, die am liebsten Holger Czukay geh�rt h�tten; ein unverschlossener Weinkeller; die Zimmer der fortgezogenen T�chter, drei Betten. Zwischen Mitternacht und D�mmerung ist Cristina alles egal gewesen � oder es kam genau drauf an, schwer zu sagen �, jedenfalls war W�lfi der Erste, der in ihre schwarze Seele blickte und den Augenblick zu nutzen verstand.</p><p>�W�lfi!�, ruft Marleen.</p><p>�Findste wahrscheinlich voll �bel.�</p><p>�Kann er�s wenigstens inzwischen?�</p><p>Das gro�e Gel�chter der Schwestern hallte noch lange von der Stadtmauer wider. So ging der Sonntag zu Ende. Am Montagmorgen besichtigte Cristina die Druckerei, eher aus H�flichkeit, bevor sie in Richtung Bahnhof verschwand; am Dienstag gegen Mittag nahm Volpe Marleen beiseite:</p><p>�H�ren Sie, Fr�ulein ��</p><p>�� Schuller ��</p><p>�Nein, ich wei� schon ��</p><p>�Mar-<emphasis>leen</emphasis>.�</p><p>Volpe grinste, als h�tte sie Genevi�ve gesagt.</p><p>�Marleen, es gibt Business in Mailand. Ich h�tte gern, dass sich jemand mit mir umschaut und auch mitschreibt. K�nnten Sie Ihre Aufgaben hier f�r drei Tage ruhen lassen? Zum Wochenende sind wir wieder da.�</p><p>�Moment�, sagte Marleen.</p><p>Sie suchte Steidle, der den Braten schon gerochen hatte und sich in der Pausenklause der Drucker versteckt hielt, vorgeblich etwas suchend. Er bem�hte sich sehr, kein Bedauern zu zeigen; eine gewisse Traurigkeit war ihm in die Augen geschrieben; sehr ungern h�rte Marleen ihn bekr�ftigen, dass sie abk�mmlich sei. Wobei sie pl�tzlich merkte, was sie wollte, n�mlich unentbehrlich werden. Aber Volpe zu br�skieren konnte auch nicht richtig sein. Au�erdem: Mailand.</p><p>�Es ist m�glich�, sagte sie zu Volpe, der gerade einem Setzer �ber die Schulter sah, als sie zur�ckkam. Marleen machte sich mit dem Fahrrad davon. Eine Dreiviertelstunde sp�ter hielt der Rover vor dem Haus mit der Einliegerwohnung. Der olle blaue Koffer wurde eingeladen, recht plump neben Volpes Pilotencase mit doppeltem Zahlenschloss in Messing.</p><p>�Sie sind hoffentlich informiert, was den Trauerfall betrifft�, murmelte Volpe.</p><p>�Nein.�</p><p>�Nein?�</p><p>�Welcher Trauerfall?�</p><p>�Hermann Schmidts Schwester ist gestern ihrem Krebsleiden erlegen.�</p><p>�Oh.�</p><p>Sobald die Autot�r sich schlie�t, ist man in England. Das Lederpolster ist k�hl, die sechs Zylinder brummen; jetzt k�nnte der Tee gereicht werden. Bei hundertzwanzig auf der Landstra�e nach Donauw�rth singen die Autot�ren Schuberts Lieder in Stereo. Als Volpe den Wagen vor Augsburg auf die Autobahn steuert, hat Marleen sich dran gew�hnt, obwohl sie wei�, dass es eingefl�stert ist, eingefl�stert von Geld, Technologie, Tradition: dass man das verdient habe. Dass man es wert sei. Dass man, wenn man diese Mittel hat, noch ganz anders k�nnte. Volpe wei�, welche Sprache sein Auto spricht. Er selbst schweigt in Wohlgefallen. Er g�nnt sich ein bisschen Tr�umerei bis jenseits von Rosenheim, die Bergz�ge links und rechts wie Opernkulissen.</p><p>Ein kleiner Mann, der Volpe, den Sitz hat er nach vorn gefahren, um die Pedale zu erreichen, den mechanischen Gurt locker �bers B�uchlein gelegt, der Kopf ruhend im cognacgelben Leder der St�tze, so dass der Schnurrbart zuerst in die Landschaft schaut, die Silberbrille wie Zierat auf dem Nasenr�cken, wo sie einen Abdruck hinterl�sst. Mit der Linken wirft er ein B�ndel Scheine in den Korb der Mautstelle. W�hrend die Anlage das Geld einzieht, z�hlt und schlie�lich die Schranke freigibt, wendet er sich zu Marleen:</p><p>�Kaffee?�</p><p>Ohne die Brille ist er ein anderer Mann. F�r einen Moment wackelt die Altersbarriere: er der nerv�se Junge, sie die abgekl�rte Lady, wer kann mit wem Pferde stehlen.</p><p>Der Bartresen aus wei�em Marmor, eingefasst in Edelstahl, zum Drauflehnen, was Volpe tut, ein Routinier. Sie, mit einem B�rtchen vom Macchiato, beobachtet die Barhalle im Spiegel, das ungleiche Paar, das sie sind. Sieben- oder achtmal findet sie die Schrift, von der Miniatur auf der Tasse �ber die Reservepackungen im Regal bis zur Emailleplakette �ber dem Tresen und seitenverkehrt im Fenster: LAVAZZA, in Rot. Schon jetzt hat sich die Reise gelohnt. Volpe sieht ihr zu, wie sie das Milchb�rtchen mit dem Handr�cken ausradiert.</p><p>Der Verkehr wird dichter mit der Westwendung bei Verona, der Himmel unruhig, mal silbern, dann nahezu violett. Die Autobahn verdoppelt und verdreifacht sich, aufgerollt wie eine Schlange, die Autos verdaut wie Nager, den Rover schlie�lich wieder ausspeit auf die Magistrale, riesige, von Ru� und Rost angefressene Wohnanlagen, auf die D�cher get�rmte Reklameschriften, Ampeln, die zwinkern, Moment mal, und da hat Volpe nicht aufgepasst, der wei�e Fiat hinter ihm kreischt wie ein Ganter.</p><p>Das Verwaschene l�sst nach, die Glanzlichter nehmen zu, woran Marleen die Ann�herung an die Innenstadt erkennt. Kein Wort hat Volpe verloren �ber die Unterbringung, und Marleen hat nicht gefragt. Schon schwenkt das englische Auto ein in eine Toreinfahrt; die Hofanlage macht aus dem Brummen des Motors den L�rm einer Fabrik. Als sie aussteigen, erscheint �ber ihnen der kristalline Himmel des fr�hen Abends als Quadrat, und doch nicht ganz, denn ein Viertel des Geb�udeblocks ist als Rundung gebaut.</p><p>�Finden Sie auch�, ruft Marleen �ber das Autodach hinweg,�dass �runde Ecke� ein total bl�des Wort ist?�</p><p>Volpe nimmt seinen Pilotenkoffer und geht vorweg, auf einen Hintereingang in der runden Ecke zu, l�utet bei Casa Stefano; schon der Flur hat Deckenstuck wie die Bl�te einer Margerite, die Form wiederholt in den Bodenintarsien, die Glaslampe da oben wie Vollmond. Volpe kennt das alles. Am Paternoster l�sst er die erste Kabine vorbeifahren, nickt Marleen zu, und die n�chste nehmen sie beide im Sprung, sie dachte, dieses Bef�rderungsmittel w�re ausgestorben. Er strahlt und betrachtet sie von oben bis unten, als w�ren sie sich soeben erst begegnet, dann wendet er sich zum Ausstieg,</p><p>�Wellet mr?�,</p><p>und schon stehen sie im hohen, gew�lbten, aber tr�b beleuchteten Gang einer Pension, Holzdoppelt�ren links und rechts. Die Signora empf�ngt beide herzlich, aber einzeln und nicht als Paar, und nimmt Marleen nach einem Italopalaver mit Volpe wieder in den Paternoster. Marleen z�gert und steht dann zehn Sekunden allein mit Koffer in der Kabine drunter, im f�nften Stock reicht ihr die Signora zum Aussteigen die Hand. Dann geht es eine Stiege hoch, entlang der F�rderanlage des Paternosters, die hinter der Treppenverkleidung rumpelt, bis unter das Dach des Geb�udes, wo die Signora ein schmales Dienstm�dchenzimmer aufschlie�t, Linoleum und schmiedeeisernes Bett, wie Marleen erkennt, als die Signora am anderen Ende des Zimmers den h�lzernen Rollladen aufst��t. Von der Dachgaube aus hat Marleen den vollen Ausblick auf die Kreuzung Via Turati und Via Moscova, der Stra�enbelag braun-r�tliche Quader, Stra�enbahnschienen, Autos, Roller, Passanten � eine Viertelstunde lang steht sie an dem kleinen Fenster, nachdem die Signora sie allein gelassen hat. Marleen ist erleichtert. Das Zimmer kostet 32000 Lire, so steht es auf die Innenseite der T�r geschrieben, das kann sie selbst bezahlen, drei�ig Mark sind das oder jedenfalls nicht viel mehr.</p><p>Eine Stunde sp�ter sind sie unterwegs auf dem kostbaren Pflaster in Richtung Innenstadt, die Bars und Gesch�fte am fr�hen Abend gut beleuchtet, was in den Stra�enschluchten ein Licht erzeugt, das sich mit jedem Schritt aufs Neue mischt wie ein flatternder Vorhang, dieser zerl�chert von den Scheinwerfern der Autos, die regelm��ig wie ein Leuchtturm �ber die ziselierten Fassaden, die Marmorpoller, die Waden der Passanten streifen.</p><p>Es waren zehn oder zw�lf Minuten in die Via Manzoni, und diesen Weg flanierten der Verleger Volpe und die Praktikantin Schuller zweimal am Tag, um halb zehn am Morgen und um drei am Nachmittag. Im Grand Hotel ging Volpe, w�hrend Marleen so tat, als interessierte sie sich f�r Stuckdecken, zuerst an die Rezeption, wo er Benachrichtigungen und eingegangene Faksimiles mit 10000-Lire-Scheinen belohnte. Das brachte ihm die Behandlung eines Gastes ein; auch wenn er im Salon sa�, wurde er ans Telefon gerufen. Volpe erkl�rte nichts, aber sie konnte es sich ausrechnen: Nicht mehr als f�nf mal 10000 Lire am Tag, �ber zweieinhalb Tage, das ergab keine halbe Nacht im Grand Hotel, aber verhalf zu einer glamour�sen Businessadresse. Das Wetter war gut genug, man brauchte keinen Mantel, keinen Schirm, und sie erschienen immer eine Viertelstunde vor dem ersten Termin der jeweiligen Tagesh�lfte, so dass der eine oder andere Gesch�ftsfreund glauben musste, Volpe und Marleen residierten in der Via Manzoni 29, obwohl Volpe das nie, auch nicht implizit, zum Ausdruck brachte. Es sah einfach so aus. Sie belegten einen Tisch fast in der Mitte des �ppig dekorierten Saals mit gefiltertem Oberlicht, und Marleen gew�hnte sich schnell an den Reigen von Leckereien, die gebracht wurden, begleitet von frisch gepressten S�ften, tiefbraunem Espresso in winzigen, dickwandigen Tassen, Mineralwasser, das verf�hrerischerweise Pellegrino hie�; schlie�lich eine Flasche Est! Est! Est! die Volpe immer um sechs bestellte, oder um viertel nach, aber nicht sp�ter, und sich ohne jeglichen Kontrollverlust bis halb acht einverleibte, abz�glich dessen, was die Gesch�ftspartner davon nahmen. Marleen lehnte ab; ihre Arbeit, falls es eine war, lag darin, sich nichts anmerken zu lassen. Cristina, dachte sie, w�rde das leichter fallen, weil Cristina �berhaupt gern unter Menschen war, ohne etwas darstellen zu m�ssen, und weil Cristina nicht an andere Dinge dachte, die einen ablenken und dann, im entscheidenden Augenblick, dumm aussehen lassen. Wenn Volpe sie fragte, ob noch ein Exemplar der <emphasis>Historischen Fragmente</emphasis> vorhanden sei, w�hrend sie gerade �berlegte, ob der Schriftzug von Illy, eine Pinselschrift, schw�cher sei als der geb�udeartige von Lavazza; sie fand ja, durchaus, aber so ein kurzes Wort in der gleichen Blockschrift w�rde erst recht nicht gut aussehen. Sie untersagte sich die Gr�belei, musste nachfragen, zog Volpes offen stehenden Pilotenkoffer hervor und stapelte die B�cher auf dem freien Nebentisch, fand das Buch von Jacob Burckhardt, gab es Volpe, r�umte den Rest wieder ein und schob den Koffer halb unter den Tisch zur�ck, offen, und fast auf den Zentimeter dorthin, wo er zuvor gestanden hatte. Volpe reichte das Buch weiter an Signora Feltrinelli und erkl�rte ihr, die zur Verwunderung Marleens akzentfrei deutsch sprach, dies sei die erste kritische und kommentierte Ausgabe der hundertf�nfzig Notizen des gro�en Historikers, eine konzise Chronologie des Abendlands. Marleen versuchte sich mit einem Hinweis auf die altert�mliche Ausstattung des Buchs, aber Volpe winkte ab, und als die Feltrinelli gegangen war, Diamant und Seide, fixierte er sie v�terlich und sagte:�Wenn wir dieses Buch in den italienischen Vertrieb bringen wollten, h�tten Sie recht. Es geht aber nur um Lizenzen. Geistiges, wenn Sie so wollen. �Sie nickte, aber nicht zu heftig, und hoffte, nicht zu err�ten.</p><p>Zwei N�chte waren genug, um Mailand zu einem Traum in Technicolor auszuspinnen, die Reifen glitten wie Zungen �bers Stra�enpflaster, die Bartresen glichen Terminals, Toiletten wie Marienschreine, Hemden in Fenstern und Fenster in Hemden. Als h�tte man alle St�dte in eine gezw�ngt: das klapprige Paris, das rissige Prag, das feierliche Kopenhagen und D�sseldorf, die Urstadt. Westen, deren Spitzen zu den B�gelfalten zeigten; lederbesohlte Schuhe mit langen Nasen auf modernen Teppichen; Perlen wie Salamander kriechend in R�schen; messinggl�nzende Turmfrisuren unter gedimmten L�stern; Brillen wie die Scheiben in der Formel II. Am Morgen wachte sie zu fr�h auf, mit Herzklopfen, neben dem Bett ein Stapel italienischer B�cher aus Mailand, Turin, Bologna, Rom, in denen sie bl�tterte. Unregelm��igkeiten im Druckbild bei den Taschenb�chern fielen ihr auf. Die Formate der gebundenen B�cher schienen etwas aufgeblasen. Verlagslogos waren wie aus Stein gehauen, die Titelillustrationen greller als zu Haus. Interessant! Wer sagte, dass man sein Leben in Deutschland verbringen musste. Dann schlief sie wieder ein, und es fiel eine weitere Sendung Milano Goldstaub auf die Tr�umerin, bis Signora klopfte.</p><p>Marleen hatte vergessen, ihren Wecker mitzunehmen, Wiederholung der Szene um halb drei, wenn die Mittagspause endete. Der B�cherkoffer blieb �ber Mittag an der Rezeption des Grand Hotel. Am Abend schleppte Marleen ihn mit zur Pension, packte die italienischen B�cher aus, ordnete die Exemplare aus der <emphasis>Eigenen Bibliothek</emphasis> so, dass sie nicht besto�en werden konnten, und klebte Visitenkarten in ein Heft, das sie im Schreibwarenhandel erstanden hatte, wie auch den Klebestift mit dem schottischen Muster. Dazu kopierte sie ihre eiligen Notizen vom Tage. Es entstand, in leserlicher Schrift, ein komplettes Protokoll s�mtlicher Begegnungen, ausgenommen Volpes Feierabend in Begleitung, eine schmale Lady auf smaragdgr�nen Stilettos, die Volpe um einen halben Kopf �berragte, wie Marleen sah, als sie am Ende der Galeria Vittorio Emanuele durch die gro�en Fenster sp�hte, die Szene an der Bar bestens vom Domplatz her erleuchtet. Auf dem marmornen Tresen standen wei�e Teller mit Oliven, jede einzelne mit einem Zahnstocher aufgespie�t, und eine Phalanx gemixter Getr�nke in den unwahrscheinlichsten Farben, aber da hatte sie sich schon abgewandt, denn Volpe nachzuspionieren war eine Aufgabe, die sie mit Sicherheit nicht hatte. Drei Abende verbrachte sie in Mailand allein, sa� auf der Treppe der Oper, beobachtete schwarzgekleidete Frauen beim Beten im Dom und verschlang in einer Seitengasse Pizza mit Tomaten, K�se, Basilikum und eine Prise Einsamkeit, das war pittoresk und heroisch (gern h�tten wir f�r sie die Zeit angehalten). M�nnern, die sie ansprachen, l�chelte sie schmallippig zu und sch�ttelte den Kopf, als k�me sie direkt aus einer lappl�ndischen Holzf�llerh�tte.</p><p>F�r Volpe musste der Besuch in Mailand anstrengend gewesen sein, denn er verbrachte die Strecke von Verona bis M�nchen auf dem Beifahrersitz, schlafend mit leicht ge�ffnetem Mund, wie Marleen fasziniert im Augenwinkel beobachtete, ansonsten brav die Autobahn im Blick, die F�hrung der Tunnelspuren, die launischen Lastkraftwagen, den Rollsplitt; der Rover wollte mit zarter Hand gelenkt sein, mit Umsicht beschleunigt, federleicht ausgebremst. Vor dem Brunnthaler Kreuz war Volpe wieder wach, dirigierte seine Fahrerin nach M�nchen auf den Ring �ber die Isar von Norden nach Schwabing hinein und schnippte mit der Hand, wo ein rostiger Ford ausparkte, dort f�delte Marleen den Rover ein, auf den ersten Versuch,�Das nenne ich Augenma߫, sagte Volpe. W�hrend sie neben ihm stand, leerte er eine riesige schwarze Einkaufst�te � zwischen dem vielen Seidenpapier: zwei komplette Dreiteiler �, und pl�tzlich war er gespr�chig,</p><p>�Wir kleinen M�nner bekommen doch nichts in Deutschland, daf�r muss man nach Armaniland. �Die Anz�ge lie� er auf dem kamelbraunen Teppich des Kofferraums liegen. Er �ffnete den Koffer und stapelte die B�cher, ausgenommen doppelte Exemplare, in die T�te, die er schlie�lich vorgebeugt von unten anhob, um sie dann Marleen, als w�re sie ein kr�ftiger Geselle, an die Brust zu dr�cken. So, mit zehn Kilogramm italienischer Literatur, die steife Kordel der Einkaufst�te �ber dem Kinn, erschien sie dann, Volpe gleich hinter ihr, an einer T�r ohne Namensschild, die im Halbdunkel von einer schmalen Frau ge�ffnet wurde, die sich bei Licht besehen als Mann herausstellte, mit echsenhaftem Antlitz und darin ein verspieltes, schnelles Augenpaar. Als Marleen die T�te im staubigen Hausflur abgestellt hatte, gab der Mann ihr die Hand und stellte sich namentlich vor, was nicht wirklich n�tig gewesen w�re, denn sie wusste, er war der Herausgeber der <emphasis>Eigenen Bibliothek</emphasis>.</p><p>�Habt ihr gut eingekauft?�, fragte der Herausgeber.</p><p>�An- und Verkauf�, sagte Volpe.�Der G�rtner, das Wasserzeichen, das Revolutionsjournal und die Fragmente unterschriftsreif, drei weitere ernsthaft nachgefragt, der Rest Bla-bla.�</p><p>�Wer macht das Wasserzeichen?�</p><p>�Einaudi.�</p><p>�Well done. �Und schon waren sie wieder drau�en. Dennoch flatterte unter dem rechten Scheibenwischer ein verd�chtiger Zettel.</p><p>�Wir haben en Kn�llschen!�, rief Marleen.</p><p>�Aber verdient!�, rief Volpe zur�ck, der sich von M�nchen bis N�rdlingen selbst hinters Steuer setzte und wieder die Schubertlieder spielen lie�.</p><p>An ihrer Wohnungst�r fand Marleen eine Notiz in gestochener Handschrift:</p><p>�Sehr geehrtes Fr�ulein, aufgrund des Todesfalls m�chten wir Sie bitten, die Einliegerwohnung bis zur Mitte der Woche zu r�umen! Balduin Fe�mann und Frau�.</p><p>Am Montag erschien Marleen vor acht Uhr in der Druckerei, aber Uli Steidle war schon da. Er begr��te sie, ohne ihr in die Augen zu sehen. Hermann hatte, trotz Schwester, keinen Tag an der Setzmaschine vers�umt, aber seine Trauer dr�ckte auf die Stimmung der Belegschaft, so dass Steidle mit seiner Spa�losigkeit nicht auffiel, Marleen aber begriff durchaus. Am Abend passte sie ihn ab, lehnte sich wie eine Degas�sche T�nzerin auf einen Stapel Druckb�gen, fasste ihn kurz am Handgelenk und fragte, ob er Zeit habe, in der Wirtschaft mit ihr zu essen. Es schoss eine R�te in sein Gesicht; er sagte ja und wandte sich ab.</p><p>Uli lie� sich nicht einladen, aber betrunken machen schon. Sie gingen die Krankengeschichte von Hermanns Schwester durch, um des Tiefsinns willen, imitierten Gesten von Stammg�sten, um gemeinsam zu lachen, erlaubten sich ein Geplauder �ber die <emphasis>Viktorianischen Ausschweifungen</emphasis>, um nicht pr�de zu wirken, und schlie�lich skizzierte Marleen, wie absichtslos, die Tage in Mailand, ihre einsamen Spazierg�nge durch die abendliche Stadt. Das stimmte Uli weich. Er hatte sein Fahrrad dabei, so dass es sich anbot, in der Sommernacht einen Blick in die Einliegerwohnung zu werfen, um die M�hen des Umzugs abzusch�tzen, obwohl Marleens Hausstand nicht gewachsen war und insofern jede Logistik �berfl�ssig. Zum Gl�ck hatte Cristina am Deckenfluter den Dimmer entdeckt, so ein Pseudomond am Himmel der Souterrainwohnung kam gerade recht. Marleen �berlegte, wann sie den Vorhang schlie�en sollte � sogleich war zu deutlich und sp�ter passte es vielleicht nicht �, aber dann war es ihr egal. Sie nahm Uli die Brille ab und strich �ber sein Gesicht, und sie fielen auf die indische Tagesdecke von grauroter Feierlichkeit mit bronzenen Ornamenten. Marleen achtete darauf, dass sie, als es so weit war, falsch herum zu liegen kamen, mit dem Kopf am Fu�ende, so als w�re sie weniger sie selbst und eher die Schwester, und sie freute sich an dem Bild, das sie sich, als schaute sie von der Decke herab, vorstellte: der sch�chterne Hohenloher, halb blind, bis auf die Tennissocken nackt, die m�rderische Versteifung des Junggesellen zwischen den Popacken des M�dchens. Armer Junge, er brauchte wirklich den helfenden Handgriff, knurrend wie ein Hund, dem man seinen Knochen nehmen will. Sie schloss den Vorhang erst, als Uli aus der T�r war, um Mitternacht.</p><p>Bleich von der Blutung, und zufrieden ob deren P�nktlichkeit, lud Marleen am Mittwochabend den dunkelblauen Koffer des Vaters auf das Fahrrad und wechselte in die Altstadt, wo sie f�r den Rest der Woche, ohne in die Wirtschaft zur�ckzukehren, <emphasis>1984</emphasis> zu Ende las. Hermann schenkte ihr das Fahrrad. Bei dieser Gelegenheit erst wurde erw�hnt, dass sich Uli und Hermann eine Wohnung teilten, ein Umstand, der Marleen mehr als recht war. So schien der Montagabend einer Ausnahme geschuldet, Null ouvert der Gef�hle, eine Wiederholung schwerlich einzuf�deln und sowieso dringend zu vermeiden.</p><p>So wie� Marle �eintauchte in die Routinen von Lieferung und Verwaltung, Satz und Druck, h�tte man meinen k�nnen, sie geh�re zu Volpes Druckerei wie alle anderen auch. Der Buchhalter verkniff es sich nicht, ihr zu stecken, ein Besucher habe in ihr die� Juniorchefin �erblickt. So dachte sie nicht mehr viel an Kassel; sie verbot sich, eine Kr�nkung zu versp�ren, als sie ihr zweites Monatsgehalt als Praktikantin bekam. Sie konnte sich zwar kaum vorstellen, dass Volpe sie einstellen w�rde � als was?�� , aber dass ihre Zeit in N�rdlingen endete (das Geklapper der Presse, wenn der letzte Druckbogen durchgelaufen war, bevor sie abgestellt wurde), kam ihr mit jedem Tag unwahrscheinlicher vor. Es war von B�chern die Rede, die im September fertig werden sollten. Ein� Das muss dich ja nicht mehr interessieren �kam nicht vor.</p><p>Der Sommer wurde immer gr��er, er spannte sich von Horizont zu Horizont, er f�chelte zur Nachtzeit in ihre Kammer. So strich die letzte Woche vorbei. Am letztem Tag im August, dem Freitag, hatte Uli Marleen eingeladen, sie sa�en nebeneinander auf einer Caf�terrasse, der Kuchen zu schwer und der Kaffee zu bitter, aber N�rdlingen war eben nicht Mailand. Ein Wind war aufgekommen, sie fr�stelten im Schatten der gewaltigen Markise. Uli sprach vom l�ndlichen Anwesen seiner Mutter im Hohenlohischen, wo er als Student ganze Sommer verbracht hatte; Volpe aber k�nne ihn nicht mehr als zwei Wochen entbehren. Noch am selben Abend w�rde er den �berlandbus besteigen nach Schw�bisch Hall und dort vom Bruder abgeholt werden, der ein Hallischer Braumeister war. Apfelbl�te, Buchenwald, Hopfenh�nge; das m�sse sie einfach sehen, sagte er, warum nicht, sagte sie. Der Wind nahm zwei Tischdecken gleichzeitig mit, die im Garten verschwanden wie ein Schmetterlingspaar.</p><p>�Marle?�</p><p>Sie lugte ihn von der Seite an. Er wandte sich ihr fl�chtig zu und sah dann wieder ins Gr�ne, Bl�tter glitzernd im Aufwind.</p><p>�Marle. D��dsch mi heirade?�</p><p>Sie erstarrte. Kurz wandte er den Kopf zu ihr, nahm dann die Brille ab, wischte sich die Augen, setzte sie wieder auf. Eine B� fuhr unter die Markise, bl�hte sie, hob sie leicht an, lie� pl�tzlich nach. In dem Moment brach von drei Tr�gern der mittlere. Das erste Teilst�ck blieb mit der Wand verbunden, der Rest raste wie ein Schwert auf das Haus zu, so schnell, dass keiner von beiden ausweichen konnte. Der st�hlerne Arm mit dem scharfen Ende nahm alles mit, was auf dem Tisch stand, und schlug zwischen ihnen in die Wand ein Loch von der Tiefe einer Faust. Sie riefen einander, gleichzeitig, schreiend beim Vornamen; das klang wie Au. Der Chef erschien mit Schwiegersohn und begann, die G�ste nicht weiter beachtend, sich an der Markise zu schaffen zu machen. Marleen, die n�her an der T�r sa�, nutzte die Gelegenheit, stand schnell auf und verschwand im Gastraum des Caf�s, wo die Bedienung in einer bestickten Sch�rze sich ihr in den Weg stellte und fragte:</p><p>�Sie welle zoohle?�</p></section><section><title><p><strong>Das Gegenteil von was?</strong></p></title><p>Jemand hatte die K�che gr�n gestrichen, nicht gras-, frosch- oder flaschengr�n, kein helles und kein dunkles, einfach irgendein Gr�n, schal und stumpf. Sie hatte die Wohnung trotzdem genommen, denn es war die erste, die sie sah, die erste, die sie haben konnte, da w�re ihr nein zu sagen �berm�tig vorgekommen.</p><p>Auch sonst war ihr eher nach ja als nach nein, nach viel statt wenig und jetzt statt sp�ter, weshalb sie sich �berall einschrieb, f�r Typo, Foto, Film, Grundlagen der Gestaltung und deren Theorie; nur die Keramikwerkst�tten mied sie, weil die �fen so merkw�rdig rochen und �berhaupt, sie wollte doch nicht T�pferin werden.</p><p>Sie musste mit dem Fahrrad �ber den H�gel strampeln und dann nur noch die Bremsen bedienen bis zur Frankfurter Stra�e, wo die Autos und die Stra�enbahn um die Wette fuhren. Die geschachtelten Bungalows der Kunsthochschule lagen in dem stillen Viertel dahinter, der Mensatrakt ge�ffnet zur Karlsaue, eine Mischung aus Stadtpark und Schlosspark, aber kaum Leute zu sehen. Da standen fr�her die Remisen, dachte Marleen.</p><p>Die Gespr�che in der Mensa waren so locker und unverbindlich wie die Gruppen, die sich bildeten, ohne Verabredung, immer brach gerade jemand auf oder kam dazu. Marleen interessierte sich nicht so sehr f�r das� Wo-wohnst-du?�und� Was-kostet-das?�; auch wollte sie nicht preisgeben, noch nicht, dass sie ein zweites Zimmer hatte, ein kleines, zu dunkel eigentlich, aber gut genug f�r jemanden ohne Bleibe. Sie sagte in eine Gespr�chspause hinein,</p><p>�Das ist eine merkw�rdige Fahrt hier runter. Erst werden die H�user immer gr��er, Ampeln, Gleise, und dann diese silberne Oase.�</p><p>Zehn Augen sahen sie an, erst ein wenig �berrascht, dann am�siert, weil nichts mehr kam, und pl�tzlich reserviert, weil niemandem etwas einfiel. Da sagte einer vom Ende des Tisches,</p><p>�Wie eine Wallfahrt ist das. �Man gackerte erleichtert. Der junge Mann l�chelte fl�chtig, fixierte Marleen, nahm sein Tablett und ging. Das war so einer, der Hosen mit B�gelfalten trug. Aber den richtigen Gang hatte der, nicht zu schnell und aus der Mitte heraus.</p><p>Alles, was Marleen anfing, erwies sich in der ersten Woche als schwierig, in der zweiten fiel es leicht, in der dritten wieder schwer. Bei jedem Seminar musste man achtgeben, den Anfang nicht zu verpassen. Der Filmvertretungsprof kam an einem Donnerstag morgens um neun, es gab Gerangel um� die Liste�(wie kam man auf die Liste?), am Freitagabend packte er um zehn seine Anekdoten aus, um elf seinen Koffer, dann war er f�r drei Wochen verschwunden, bis zum November. Der kommt ja auch extra aus Los Angeles, hie� es.</p><p>�Aus Hollywood, um in Kassel Kurzfilm zu unterrichten?�</p><p>�Wieso nich�?�</p><p>Marleen z�gerte, sich f�r Grafikdesign einzuschreiben, sie dachte, die machten da Verpackungen f�r Medikamente. Dann merkte sie, dass alle hingingen, Hagen Kluess war Kult, der sprach mit hundert Studenten wie ein Arbeiterf�hrer. Im gro�en Seminarraum hingen noch Plakate, vom letzten Semester, dachte Marleen, bis sie merkte, dass diese f�r die erste Sitzung von Assistenten aufgeh�ngt worden waren, ein Stachel im Fleische der Anf�nger, die zweierlei dachten, Das schaff ich nie und Das kann ich auch.</p><p>�Das Mobiliar m�ssen sie nicht �bernehmen, morgen ist Sperrm�llabfuhr�, hatte der Vermieter gesagt, ein g�tiger Herr, der im Haus nebenan wohnte, das ihm ebenfalls geh�rte. Statt ihre M�bel herauszustellen, hatte sie den Vorabend genutzt und den Wohlstand der Nachbarschaft studiert, die es offensichtlich darauf anlegte, auch das Letzte abzusto�en, das den Krieg �berlebt hatte. Der K�chentisch mit Besteckschublade, die Fl�che unscharf marmoriert, echtes oder falsches Linoleum, war der zweitbeste Fund gewesen. Sie hatte blaue Flecken an der H�fte vom Schleppen, aber was f�r ein Triumph nach dem Putzen. Das Beste hatte sie schon am Nachmittag entdeckt, vom Fahrrad aus: sechs schwarze Lampen, die aus der Werkstatt eines Fotografen auf die Stra�e geschafft wurden. Sie bat die Witwe und ihren Sohn, die Lampen wieder reinzur�umen. Daraufhin wurde ihr das Atelier gezeigt � Nein danke, die gr��eren Ger�te k�nne sie nicht brauchen. Sp�ter kam sie noch zweimal zur�ck, auf dem Gep�cktr�ger ein Karton, und man half ihr sogar beim Packen. Als h�tte ganz Kassel sich verabredet, um Marleen willkommen zu hei�en; eine Stadt, deren freundliches L�cheln die zweifelhafte Perfektion dritter Z�hne blicken lie�, ein Biss ohne Nerven. Niemals w�rde sie hier zu Hause sein.</p><p>Und so, im geschenkten Provisorium, richtete sie sich ein. Eine der Fotolampen l�ste sie von ihrem Stativ und h�ngte sie pendelnd in der gr�nen K�che auf. Schob sie den Tisch direkt darunter, entstand ein Kreis, das war gut zum Essen. Zog sie den Tisch zu sich heran, bekam sie Licht von links oben, so dass ihre rechte Hand keinen Schatten warf. Sie machte es sich zum Prinzip, Essen und Arbeiten zu trennen, nicht einmal der Salzstreuer durfte stehenbleiben, als es an den ersten Entwurf ging. Die Aufgabe beim Typografen Tomas Weingart war, einen Buchstaben in einer quadratischen Fl�che darzustellen. Bei der Verlosung hatte sie das� e �gezogen, im Schriftmusterbuch die <emphasis>Rockwell</emphasis> gefunden, diese hochkopiert, und nun bewegte sie einen schwarzen Rahmen, bestehend aus vier Balken, als Quadrat auf den Buchstaben � den sie mit Tinte nachgezogen hatte � zu oder davon weg, so dass der Buchstabe einmal als Riese erschien und dann als Miniatur. Neunzehn von zwanzig Varianten schienen nichts zu bedeuten, nichts auszudr�cken, sie w�rde Weingart fragen, wie das sein konnte.</p><p>Das allerdings, zeigte sich am Dienstag, bot sich nicht an, w�re missverstanden worden als Kommentar zu den Entw�rfen der anderen, von denen keiner wirklich� stand�, wie Weingart es ausdr�ckte; ihrer war die Ausnahme. Marleens� e �hatte er in der Mitte eines gro�en Tisches platziert, ohne irgendetwas dazu zu sagen. Er hielt� p �und� c �und� y �rechts und links daneben, als wollte er ein Wort bilden, gab aber dann� p �und� c �und� y �zur�ck, w�hrend das� e �liegenblieb. Weingart fragte jeden nach seiner Arbeitsweise, wobei herauskam, dass alle zuerst den Rahmen festgelegt und dann versucht hatten, den Buchstaben einzupassen. Manche hatten zu eigenwillige Schriften gew�hlt, Gothic und Wildwest. Soeben sollte Marleen erl�utern, wie sie zu ihrem� e �gekommen war, als ein k�hler Hauch vom Flur hereinblies und jemand die T�r hinter sich schloss, das war der Junge mit der Wallfahrt. Dieser murmelte eine Entschuldigung in Richtung Weingart und legte seinen Entwurf auf den Tisch, ein winziges� m �in einem schwarzen Feld. Auch er, den Weingart Franziskus nannte, hatte sich an die <emphasis>Rockwell</emphasis> gehalten, die Empfehlung des Lehrers. Die Serifen am� m �waren kurioserweise nicht symmetrisch, so dass der Buchstabe wirkte, als bewegte er sich vorw�rts, eine Raupe.�Es gibt, glaube ich, keine andere Schrift, deren m-Minuskel in der Gr��e eines Fingernagels etwas hermacht�, sagte Franziskus.</p><p>�Warum ist es denn so klein?�, fragte Marleen.�Und wei� auf schwarz?�(�Wie es ja nicht die Aufgabe war�, h�tte sie fast erg�nzt.)</p><p>�Hauptsache, es haut hin�, sagte jemand, der Klaus hie� und einen schwarzen Zopf trug.�Was ist schon klein?�, parierte ein blasses M�dchen mit einem h�hnischen Zug um den Mund, das selbst keinen Entwurf vorgelegt hatte.</p><p>�F�r gew�hnlich�, setzte Weingart an � er sprach mit einem trockenen, rollenden� r�, sehr langsam, hie und da setzte er eine Kunstpause �,�liegt einem g�ltigen Entwurf die richtige Fragestellung zugrunde. Also?�Mit den H�nden gab er Franziskus und Marleen gleichzeitig das Wort.</p><p>Ein L�cheln huschte �ber das Gesicht des Jungen, der schwieg.</p><p>Marleen:�Ich habe meinen Buchstaben hochkopiert, bis er � bis er � so gro� war, dass man ihn leicht ausschneiden kann.�</p><p>Lacher bei den Skeptikern.</p><p>�Ich habe ihn geschw�rzt, weil Fotokopien kein gutes Schwarz haben. Dann ausgeschnitten mit dem Messer. Den Rahmen habe ich erst gezeichnet, nachdem seine Gr��e genau feststand. Um auszuprobieren, habe ich vier schwarze Balken benutzt, die ich wie mit einem Zoom gr��er oder kleiner gestellt habe. Ich meine geschoben.�</p><p>�Jetzt steht ein sehr schwerer Buchstabe in einem quadratischen Feld. Fast ber�hrt er die Au�enlinien. Der Abstand ist gering, aber lebendig, nahezu elektrisch�, hielt Weingart fest.</p><p>�Der Buchstabe sollte voll sichtbar sein, mehr war doch nicht gesagt worden�, kam es von Klaus.</p><p>�Ja, das ist richtig. Aber unser Fenster ist nun einmal ein Quadrat. L�sst man das kleine �e� der <emphasis>Rockwell</emphasis> auf zwei Seiten den Rahmen ber�hren, wird man es auf den beiden anderen Seiten beschneiden m�ssen.�</p><p>�Verstehe ich nicht�, sagte das blasse M�dchen, nun weniger feindlich.</p><p>�Das �e� ist in der Tat eine Spur h�her als breit�, erkl�rte Weingart.�Liegt es rechts und links an, w�rde man es in der H�he beschneiden m�ssen. Das sieht man auch an Fr�ulein��</p><p>�Marleen.�</p><p>�Marleens L�sung.�</p><p>�Beim �m� ist es noch drastischer�, sagte Franziskus,�weil es breiter l�uft. Zieht man es im Quadrat so gro�, dass es links und rechts anst��t, bleibt oben und unten ein wei�es Feld, zu viel Wei�, und das ist immer schwach, es sieht einfach nicht stabil genug aus. Deshalb habe ich die Frage umgekehrt: Wie klein kann ein Buchstabe in einer Fl�che stehen, ohne��</p><p>�� dass er seine Form verliert�; das war Marleen. Inzwischen hatte Weingart die beiden Buchstaben vertauscht, so dass� me �entstand, mit dem insektenhaften� m �und dem� e �dahinter wie ein Monument.</p><p>�Sehen Sie? Das ist schon fast ein Logo. Bleiben Sie dran�, sagte Weingart, bevor er die Aufgabe der kommenden Woche vorstellte, die Pr�sentation desselben Buchstabens,�aber dieses Mal umgekehrt, der Buchstabe ist gr��er als sein Quadrat, Beschnitt also unvermeidlich. Man muss ihn aber auf jeden Fall noch lesen k�nnen.�</p><p>Nachts sa� Marleen wieder an ihrem K�chentisch, vor sich das� m �und das� e�, die sie beide mit Tusche und Feder auf eine unbebilderte Postkarte kopierte, was aussah wie ein Muster avantgardistischer Kacheln. Auf der Vorderseite notierte sie:</p><p>�Liebe Mama, erst drei Wochen hier und mir dr�hnt der Kopf. Macht aber Spa�. Das e ist von mir, das m ist von Franz. Den kennst Du nicht (aber ich eigentlich auch nicht). Viel tolles Gequassel in Kassel. Deine Marleen�</p><p>Es hat etwas von einem Zirkus, bei dem man nicht wei�, ob das Pony im Kreis l�uft, weil die Leute zusehen, oder weil es eben seine Art ist. Es mag ein Beruf sein, die Zeltkuppel auf einem Seil zu durchschreiten, einen Stab in den H�nden, solange es aussieht wie reine Passion. Wer die Regeln lernt, ist verloren. Wer sie nicht lernt, ist ein Narr.</p><p>�F�r dich�, sagt Franz und meint Marleen,�ist der Buchstabe konkreter als seine Verwendung. Ein Spiel, nicht wahr? Aber vergiss nicht, die Bibel ist voller �e�s, Tausenden davon. Ist es nicht viel konkreter, die Bibel zu lesen, als einen Buchstaben zu zerlegen?�</p><p>Mit dieser Anschauung ist Franz nicht allein. Es gibt etliche, die zweifeln, ob man das ernst nehmen sollte, Weingarts Schattentheater der Buchstaben, diese Serifenalchemie. Sie zweifeln an den Aufgaben, an ihrer Menge, an den Vorgaben, an den durchgewinkten Abgaben, an den Begr�ndungen, am Zweck des Ganzen und an sich selbst. Franziskus Maria Orth ist ohnehin nur halb dabei. Nach Kassel pendelt er von G�ttingen aus, wo er eingeschrieben ist f�r Geschichte und� Pseudonebenf�cher�, er interessiert sich f�r Quellen und deren Deutung, Handschriften und Abschriften,�wer �berhaupt die Geschichte schreibt�. Vielleicht ist G�ttingen zu ernst und Kassel zu leicht.</p><p>�Mich interessieren nur Methoden�, sagt Franz.</p><p>�Methoden sind Mittel zum Zweck�, sagt Marleen.</p><p>�Das stimmt. Nur, den einen und den anderen Zweck kann man nicht vergleichen. Methoden vielleicht schon.�</p><p>Na also, denkt Marleen, Typo ist nicht Lesen, und Lesen ist nicht Typo. Das sagt sie aber nicht. Sie will keine Debatte und erst recht keinen Zank. Sie ber�hrt ihn an der Schulter, als sie sagt:</p><p>�Du willst also keine Filme drehen, keine Schriften zeichnen und Plakate machen auch nicht. Du kommst nur nach Kassel, um Methoden kennenzulernen.�</p><p>�Genau.�</p><p>Schade, dass er nicht sagt: Wegen dir. Die Gr�belei von Franz ist ein bisschen anstrengend. Aber lieber ein Gr�bler als ein Spr�cheklopfer. Sie mag, wie er spricht, dieses gewisse Z�gern. Man merkt, dass er sagt, was er denkt, es ist weder vorbereitet noch nachgeplappert. Manchmal h�rt sie, was er sagt, versteht es aber nicht, weil sie abgelenkt ist vom Licht in seinen Augen. Das legt sich in ihr nieder, das tr�gt sie in sich, Tag und Nacht. Wenn er weggeht, schaut sie ihm nach, wegen dieses Gangs, der bestimmter ist als der Gang seiner Gedanken, er geht wie �</p><p>�� ein Pferd�, denkt sie, aber verbietet es sich sogleich, will es sich nicht vorgestellt haben. Sie wundert sich am Morgen, allein in der gr�nen K�che, �ber den Traum,</p><p>�� ein Pferd, ganz allein und nackt in einer trockenen Landschaft, von hinten gesehen, das Fell gl�nzend, wie es sich entfernt, aber auch als es ganz klein ist, am Horizont, kann man seine Proportionen noch erkennen, seine Bewegung ��</p><p>Cristina w�rde sie davon erz�hlen, vielleicht, und Cristina w�rde lachen und fragen,</p><p>�Wie � ein Pferd � nackt?!�</p><p>Marleen, mit G�nsehaut:�Na eben unbeschlagen. Man h�rt es nicht. Und kein Sattel und kein Zaumzeug ��</p><p>�Du bist also nicht auf ihm geritten?�</p><p>Und weil es Cristina w�re, w�rde sie zugeben, dass das Pferd im Traum sp�ter kein Pferd mehr war. Es war verschwunden am Horizont und hat sich dann � unlogisch, klar � verwandelt, und die Frage, ob sie auf ihm� geritten �w�re, war ganz klar zu beantworten:�Doch. �Bei der Gelegenheit w�rde sie die Schwester fragen,</p><p>�Sag mal, wie war das eigentlich, als wir angefangen haben, uns �ber Jungs Gedanken zu machen ��</p><p>�Gedanken!�</p><p>�Haben wir uns das eigentlich so richtig vorgestellt, mit allen Details, knallhart ��</p><p>�Knallhart was?�</p><p>�Na, du wei�t schon. �An diesem Morgen, lautlos mit sich selbst sprechend, erscheint Marleen das schale Gr�n ihrer Fr�hst�cksk�che wie eine bl�hende Wiese. Dieses Franzpferd hat sich vor alles andere geschoben, vor die Erinnerung und die Wirklichkeit, vor die k�mmerlichen Erfahrungen, die man gemacht hat, weil es erwartet wurde und man hoffte, sich hinterher besser zu f�hlen oder jedenfalls nicht mehr ganz so dumm. Ein gewisser Vorteil jetzt, dass es darum nicht mehr geht. Dein Leib ist der Tempel Gottes, oder wie hie� das noch mal.</p><p>Es sind zwei Welten, die Nacht und der Tag, und der Kanal, der sie verbindet, obliegt der Obhut eines umsichtigen Schleusenw�rters. Sonst m�sste doch Marleen, als sie Franziskus wiedersieht, ganz schrecklich err�ten, was nicht der Fall ist. Sie sitzen in der zur Karlsaue hin verglasten Mensa, die abgegessenen Teller auf ihren Tabletts. Hier tickt sie, die Uhr der Freundschaft, denn alle springen immer gleich auf, wenn sie gegessen haben. Die beiden sitzen �ber Eck, die Tabletts so weit fortgeschoben, dass sie sich ber�hren, und haben ihre K�pfe spiegelbildlich in einer Hand versenkt. Sie fl�stern fast, obwohl es laut ist. Es f�llt Marleen nicht leicht, mit ihm zu sprechen, weil er jedes Wort auf die Goldwaage legt. Und was er wiegt, ist Blech. Andererseits ist Franziskus der erste Mann � der erste Mann im gleichen Alter �, der ihr wirklich zuh�rt. Der nicht auf das antwortet, von dem er glaubt, dass sie es gesagt habe, sondern auf das, was sie gesagt hat.�Du suchst nach einem Prinzip�, hat Marleen gesagt. Er �berlegt.</p><p>�Sofern du nicht irgendeins meinst, das w�re ja leicht zu haben. So was wie �Gott ist tot�, oder �Wir m�ssen die Welt nicht verstehen, sondern sie ver�ndern�. Behavioristisch, �Man muss seine Grenzen kennen.� Oder: �Man muss seine Grenzen kennenlernen�, das w�re dann das Gegenteil.�</p><p>�Das Gegenteil von was?�</p><p>�Seine Grenzen zu kennen.�</p><p>Marleen lacht und bei�t sich dabei auf die Unterlippe.</p><p>�Also nicht irgendeins ��Sie vermeidet das Wort� Prinzip�, um zu pr�fen, ob er wirklich bei der Sache ist, so wie seine Augen, die nicht durch sie hindurchsehen und auch nicht gaffen und vielleicht nicht einmal etwas wissen von der ihnen eigenen G�te.</p><p>�Nicht ein Prinzip, Marleen. Es geht um die Methode�, sagt er wieder. Er spricht jede Silbe, Me-to-d�, ohne sich dabei anzustrengen, sein� r �hat etwas von einer stumpfen Kante, einer Naht. Sie k�nnte ihn jetzt fragen, wo er herkommt, aber genauso gut k�nnte sie ihm sagen, wie sehr sein dunkles Haar ihr gef�llt. Tut sie aber nicht.</p><p>Franz holt weit aus.�In G�ttingen gibt es einen Dozenten, der mit uns Quellen liest. Das ist neu. Fr�her wurde die Geschichte von Professoren ausgelegt, und die Quellen waren etwas f�r � Doktoranden mindestens, glaube ich. Wir lesen im handgeschriebenen Protokoll eines Zunftmeisters, vor dem Buchdruck. Aber was hei�t schon lesen. Man muss das erst einmal entziffern, also transkribieren, und das Deutsche vom Lateinischen trennen. Das Lateinische ist leichter in heutiges Deutsch zu �bertragen als altes Deutsch, das nicht mehr Mittelhochdeutsch ist, aber auch noch nicht Hochdeutsch, ein Kauderwelsch. Wir sind nur zu f�nft. Die anderen k�mpfen mit den Buchstaben, mir f�llt das Transkribieren leicht. Wenn wir wissen, was da steht � aber das hei�t erst mal nur, dass wir es mehr oder weniger in heutiger Sprache wiedergeben k�nnen �, sind wir noch lange nicht am Ziel. Die neue Geschichtstheorie in G�ttingen geht davon aus, dass jeder Text auf Auslassungen beruht, zum Beispiel, weil ein Schreiber die Zensur f�rchten musste. Halb steht es also da, halb nicht. �Nicht buchst�blich denken�, ermahnt uns der Dozent immer wieder.�</p><p>Marleen denkt, jetzt ist er wieder bei dem Bibelvergleich. Er vergleicht Methoden, die unterschiedliche Zwecke haben. Aber es gen�gt ihr, f�r den Moment zu verstehen, was er meint.</p><p>�Also das Gegenteil von Weingart�, sagt sie, ihm die Br�cke bauend.</p><p>�Das denke ich auch. �Selbstvergessen, bewegt von seinem Bericht und wie ihm der gelungen ist, schiebt er mit dem Ellbogen sein Tablett krachend in das andere. Er entschuldigt sich nicht, sondern betrachtet geistesabwesend die abgegessenen Teller und ordnet ihr Besteck zu seinem, dann das Geschirr, die Milchpackung mit dem Strohhalm; er stapelt das volle Tablett auf das leere.</p><p>Seltsam, dass er seine typografischen Bl�tter weggibt. Ob sie es ihm nicht wert sind, aufgehoben zu werden, oder sind es Geschenke? Ende November jedenfalls besitzt Marleen drei davon, die Miniatur, das Monument und� in Perspektive�. Nur Franz ist darauf gekommen, den Buchstaben nicht von Hand darzustellen, sondern die� Perspektive �in der Dunkelkammer dreidimensional zu erzeugen: Sein� m �hat er negativ auf Folie kopiert, diese in die Negativb�hne des Vergr��erers geschoben. Zun�chst hatte er das Fotopapier im gelbgr�nen Licht des Labors zu einem Bogen gespannt, zu einem W�rfel gefaltet und so weiter und unter dem Licht der Projektion �berpr�ft, wie der Buchstabe sich auf dem Objekt darstellte. Schlie�lich entschied er sich f�r ein Rechteck mit ausgestellten Seitenfl�chen, wie die obere H�lfte eines Sargs. Das� m �hatte, in seiner Projektion, einen schweren R�ckenpanzer bekommen, seine Beinchen aber schwebten knapp �ber dem Boden, nicht ganz scharf, was lustig aussah. Licht aus, Rotfilter weg, belichtet. Das Objekt auseinandergefaltet, das Fotopapier entwickelt, gestoppt, fixiert, gew�ssert und getrocknet, das Typo-Foto bei Tageslicht wieder zum Objekt gefaltet. Sogar Weingart war perplex.</p><p>Marleen hat ihre Bl�tter und die von Franz, auch sein� m��in Perspektive�, im kleinen, leeren Zimmer an die Wand genagelt � me, me, me �, die Bildergruppe von links und rechts beleuchtet, und am Abend sitzt sie davor, allein, und versucht, sich einen Reim darauf zu machen. Denn so viel ist klar, Weingart hat sie und die anderen an der richtigen Stelle gepackt, wie man Welpen im Genick nimmt und sie dahin bugsiert, wo es Futter gibt. Merkw�rdig jedoch: Kaum jemand nimmt sich Zeit, den Bleisatz kennenzulernen, hundertsechzig Einzelst�cke im Setzkasten, die man kennen muss, nicht nur die Buchstaben und Satzzeichen, das Blindmaterial auch. Man h�lt den Winkelhaken freischwebend. Darin werden Zeilen aufgebaut, Letter f�r Letter, Zeilen gestapelt, bis sie ganze Seiten ergeben, Letterntafeln, die verschn�rt werden. Es ist so, als m�sste man mit den seitenverkehrten Buchstaben ein zweites Mal lesen lernen. Wie der Anfang am Klavier. Die Anleitung besagt, linke Hand dies und rechte jenes, aber dann setzt die Anleitung pl�tzlich aus, und man muss selber wissen, was man mit seinen H�nden macht. Der Vergleich stammt von Esmeralda, der Einzigen neben Marleen, die versucht, den Setzkasten zu bespielen. Esmeralda hat sich eine Episode aus <emphasis>Platero und ich</emphasis> vorgenommen. Marleen glaubt, die Geschichte vom Esel sei leichter zu meistern als ihre Seite aus <emphasis>1984</emphasis>, wegen der spanischen Kleinschreibung. Diese gewisse Unversch�mtheit von Majuskeln, sich auf der Seite breit zu machen wie K�nige, muss verhindert werden durch Spationierung. Jeder Zwischenraum, selbst der geringste, wird durch ein Scheibchen dargestellt, das man dem Setzkasten entnimmt, und, wenn doch nicht verwendet, in das richtige Fach zur�cklegen muss, weil man es sonst nicht mehr wiederfindet. Die jungen Frauen sitzen nebeneinander, damit sie in denselben Kasten greifen, auf drehbaren Hockern, um sich schnell bewegen zu k�nnen. Esmeraldas Text, weil sie links sitzt, w�chst in Richtung von Marleen und Marleens Text in Richtung Tischkante. Es ist gut, nicht allein zu sein dabei, weil die Detailarbeit einen ins Gr�beln bringt, aber Gr�beln hilft nicht weiter, die Strecke z�hlt, das Ma� des Ganzen, und das Ganze ist das Blatt, auf dem der Text am Ende schwarz und seitenrichtig erscheint, wenn er gedruckt wird. Erst dann sieht man die Fehler. Esmeralda findet das Wort� Fehler �unangemessen,�a-uto-ritarr�, sie nennt korrekturw�rdige Stellen� Ausnahmen�, das Wort hat sie aus dem W�rterbuch. F�r Marleen bleiben Fehler Fehler.</p><p>Bei Weingart st�mpert die eine H�lfte der Gruppe von Abgabe zu Abgabe, w�hrend die andere sichtbare Fortschritte macht. Esmeralda ist das� y �zugefallen. Marleen r�tselt, ob es so etwas gibt wie die Affinit�t eines Menschen zu einem Buchstaben, oder ob das schon Aberglaube sei. Wie das kommt, dass der Zufall sich verwandelt in ein pers�nliches Symbol.</p><p>�Hinrich, zum Beispiel�, murmelt sie in Gegenwart Esmeraldas,�tut sich schwer mit dem �k�. Egal, was er macht, es sieht immer ungelenk aus. Er hat damit �berhaupt nichts am Hut.�</p><p>�Am Chut?�, fragt das Y.</p><p>Das Y war vornehm in Erscheinung getreten, als halbhohe Figur in seinem Rahmen, eine klassizistische Sch�nheit, auf sich allein gestellt. Bei der zweiten Abgabe war es zum Greifen nah, nicht nur riesig, sondern auch k�rperlich, indem nur noch die Verzweigung erschien, pechschwarz, so knapp wie m�glich beschnitten, das Y eher zu vermuten als zu erkennen, w�hrend es tats�chlich nichts anderes war� als die Muschi einer Flamencot�nzerin in voller Bewegung�, das jedenfalls nuschelte dieser Klaus dem bleichen M�dchen ins Ohr, in der Mensaschlange, aber Marleen h�rte es mit. Dann,�in Perspektive�, war es in voller Figur wiedererstanden, die Enden �ber den imagin�ren B�hnenrand gelegt � die gebrochene Diva in einem Stummfilm.</p><p>Esmeralda, Tochter eines Lastwagenfahrers und einer Schneiderin aus Murcia, tat sich leicht mit den Aufgaben, aber haderte mit der Wirklichkeit. Sie war mit zwei M�dchen zusammengezogen, die sich nicht vertrugen. Da zog eine Sabine aus, Dorit h�ngte einen Zettel ans schwarze Brett, und als N�chstes stand, zu Esmeraldas �berraschung, jemand mit Zopf vor der T�r, Flaum am Kinn, und das war Klaus. Es war undenkbar, nach Murcia zu vermelden, dass sie mit einem Mann zusammenwohnte, und unm�glich, Klaus zu verbieten, ans Telefon gehen.</p><p>�Wie soll ich das erkl�ren? �Wohngemeinschaft�, das gibt es �berhaupt nicht auf Spanisch.�</p><p>�Wieso eigentlich nicht?�, fragte Marleen.</p><p>�Es gibt Wohn<emphasis>heime</emphasis>. Oder man mietet bei einer alten Dame. Die meisten bleiben einfach mit der Familie.�</p><p>�Das ist ja schrecklich�, entfuhr es Marleen.</p><p>�Schrecklich?�</p><p>�Dann ist man ja nie wirklich allein.�</p><p>�Und das ist schrecklich?�</p><p>�Na ja. Ich find� schon.�</p><p>Esmeralda klapperte eine Weile mit ihren Buchstaben.</p><p>�Bist du katholisch?�, fragte sie pl�tzlich.</p><p>�Ja�, antwortete Marleen,�das hei�t, eigentlich nicht.�</p><p>�Was?�</p><p>Marleen �berlegte einen Moment.</p><p>�Ja, ich bin katholisch.�</p><p>�Sag mal, Marleen. �Die war dabei, den Satz mit der Kolumnenschnur zu fixieren.�Musst du wohl auch Jungenfrau bleiben?�</p><p>Marleen musste lachen, und dabei rutschte ihr der Block �ber den Tischrand, polterte zu Boden, Buchstabensalat.</p><p>Esmeralda bezog ihr Lachen auf das Ungeschick beim Fixieren; sie wartete ab. Marleen fing sich,</p><p>�Jungfrau bleiben. Nicht Jungenfrau!�</p><p>�Ach so!�</p><p>Marleen war au�er Sichtweite, die Gevierte sammelnd unter der Werkbank. Sie stellte sich vor, Esmeralda s��e in einem K�fig, und nur sie, Marleen, k�nne die T�r �ffnen, nur sie allein. Es gibt aber auch Tiere, dachte Marleen, die in Freiheit verhungern.</p><p>S�mtliche Elemente wieder auf der Werkbank, sortierte Marleen sie St�ck f�r St�ck in den Setzkasten zur�ck.</p><p>�Entschuldigung�, raunte Esmeralda.</p><p>�Nein, nein, du musst dich � Esmeralda, warum willst du Jungfrau bleiben?�</p><p>�Ich will nicht, aber ich soll.�</p><p>�Warum?�</p><p>�F�r den Vater.�</p><p>�F�r den Vater?�</p><p>Pl�tzlich gro�es Gel�chter, Gurgeln. Die Arbeit stand still. Die Frauen sahen einander an, Tr�nen in den Augen, Marleens Nase der Zeiger in Esmeraldas Zukunft.</p></section><section><title><p><strong>Altstadt</strong></p></title><p>Erst jetzt f�llt ihr auf, dass der Ausdruck� Karnickelschein �etwas Unanst�ndiges meint, so als h�tten sich ihre Eltern unkontrolliert vermehrt. Sie legt die Bescheinigung �ber die� kinderreiche Familie �am Schalter vor, aber packt sie wieder ein, noch bevor sie die Fahrkarte bekommt. Vielleicht, denkt sie sp�ter, im Abteil, habe ich ja ein Dutzend Halbgeschwister in Indien? Abk�mmlinge der Erleuchtung. Sie unterdr�ckt ein Lachen, denn sie ist nicht allein.</p><p>Der Schmutz am Fenster verbindet sich mit dem Schmutz der Landschaft dahinter, unm�glich zu sagen, welcher graue Faden, welcher silbrige Klecks zum Sujet geh�rt und welcher zu dessen Abbildung. Der Zug windet sich durch die W�lder Nordhessens und steht dann als ratternde Vitrine �ber dem ostwestf�lischen Land. Wer wei�, was das Bild des Fensters f�r die anderen Fahrg�ste darstellt.</p><p>Sie sieht ihn in einem wei�en Laken, den Oliventon seiner Haut, seine schmalen H�nde, die H�ftknochen wie ein handgeschnitzer Rahmen um die Instrumente der Empfindung. Seine Augen sind emaillegrau, mit einem kaum wahrnehmbaren Bernsteinring um die Pupille, und dieser Ring wiederum eingefasst von einem hellen Zahnrad. Als w�re dahinter Licht. Sie sieht ihn im Fenster des Zugs, wie er die Augen schlie�t, um die Wandlung zu vollziehen, mein Leib, den ihr esset. Wie sie sich verboten hat, ihn haben zu wollen, und er dann, als er so weit war, die Schw�rze ihrer Furcht weggetupft hat, Lust und Trost zugleich. Drei Tage im Bett und in der Badewanne, da k�nnte man schon fast die Namen tauschen. Das ist Franz, da drau�en, auf den sanften wei�en H�geln Westfalens, aber es ist auch sie selbst, Marleen, gl�cklich, ersch�pft. Der Zugk�rper sch�ttelt sie und zerrt an ihr und versetzt ihr Sch�be, um sie zu erinnern an das, was sie begonnen hat zu werden, mit Franz, neben ihm, durch ihn, f�r ihn; das Quietschen der Lok im D�sseldorfer Hauptbahnhof eine Fanfare, der Rhein ein Silbertablett.</p><p>Am Neusser Bahnhof wartet der blassblaue Citro�n mit rostroten Adern an den Rockzipfeln, die Abgase treten sto�weise aus, ein nerv�ser Raucher. Tats�chlich raucht Lore Schuller, die am Steuer sitzt. Marleen �ffnet die hintere T�r, wirft ihren Koffer hinein mit zu viel Schwung, schl�gt sie zu und steigt dann vorne ein. Einen Moment z�gert sie, ihrer Mutter einen Kuss zu geben, weil die Zigarette, die diese mit rechts h�lt, im Weg ist.</p><p>�Du riechst wie ein Aschenbecher.�</p><p>�Aber ich bin ein Vulkan.�</p><p>�Erkaltet?�</p><p>�Das glaubst du. Hochmut der Jugend.�</p><p>Marleen kurbelt das Fenster runter, w�hrend der Bahnhof in Lores R�ckspiegel kleiner wird. Bei�end feuchtkalt zieht es von drau�en herein, so dass Marleen, auf ein Murmeln ihrer Mutter hin, das Fenster wieder schlie�t. Die schaltet den Wagen mit Feingef�hl, so dass man sein leichtes Schaukeln sp�rt, w�hrend er die gro�en Stra�en kreuzt, sich nach links neigend, geradezu verbeugend, als Lore im dritten Gang in die Pomona einbiegt. Noch nie hat Marleen die Lage und Gestalt der Pomona f�r etwas Besonderes gehalten, aber jetzt wundert sie sich doch �ber die Siedlung, die nur �ber eine Zufahrtsstra�e zu erreichen ist, fehlt nur noch die Zugbr�cke. Die Pomona ist im Rund gebaut wie eine Burg und hat sogar einen Turm bekommen, das Hochhaus am s�dwestlichen Ende, das Lore passiert, bevor sie in die Stichstra�e steuert und vor der Pomona 133 h�lt, die aufgebockte Front wie eine Festung. Marleen geht in den Hof und l�sst den Koffer fallen; sie besichtigt den Garten, eine halbwilde Sch�nheit. Durch die gro�en Fenster kann sie im Wohnzimmer den geschm�ckten Weihnachtsbaum sehen.</p><p>Cristina bringt Marleens Koffer ins Haus. Marleen findet ihn sp�ter im gemeinsamen Zimmer. Die Betten sind wie immer in gegens�tzliche Richtungen aufgestellt. Ein gro�es, gerahmtes Plakat ist dazugekommen, das den fl�chtigen Abdruck eines weiblichen K�rpers in Marineblau zeigt, mit dem stolzen Imprint des Modernen Museums in Stockholm.</p><p>�Cristina, Messe in Quirin um achtzehn Uhr�, sagt Johanna, ohne Marleen anzusehen, in der T�r stehend.</p><p>�Okay�, sagt Cristina.�Ich bin fertig. �Um Johanna zu gefallen, holt sie das kleine goldene Kreuz aus seinem K�stchen. Sie will die Kette �ffnen und wendet sich, als es nicht gelingt, stumm zu Marleen, die den winzigen Riegel mit dem Nagel des linken Daumens zur�ckzieht, die Enden der Kette �ber dem Nacken der Schwester zusammenf�hrt und den Verschluss einschnappen l�sst. Johanna sieht mit hochgezogenen Augenbrauen zu, als bereitete Marleen die Sch�ndung einer Hostie vor. Als die �lteste weg ist, schlie�t Cristina die T�r.</p><p>�Und?�</p><p>Um zwanzig vor besteigen sie das Fahrzeug, das sich selbst und die f�nf Insassen anhebt, bevor es losrollt. Johanna f�hrt, weil sie seit kurzem den F�hrerschein hat oder mehr noch, weil ein Einsatz in St. Quirinus eine w�rdige Anf�hrerin braucht. Auf dem Beifahrersitz Lore, die jeder Bewegung Johannas folgt, f�r alle F�lle. Auf dem R�cksitz Marleen und Cristina mit Linus in der Mitte. Er hat sein dunkelblondes Haar kurz schneiden lassen, mit einer verschwenderischen Locke auf der Stirn. Er tr�gt einen wei�en Leinenanzug, unpassend zur Jahreszeit, aber passend in der Konfektion. Marleen glaubt, dass sie den Anzug kennt. Der ist doch von Papa. Aber sie fragt lieber nicht. Pubertierende Jungs sind wie Sprengstoff mit Lunte.</p><p>Das Auto wird beim Hafen abgestellt, wo es selbst an Heiligabend aus den Lebensmittelsilos stechend riecht. Die Gruppe betritt das M�nster, als schon die Glocken l�uten. Johanna geht durch die vollbesetzte Kirche bis zur zweiten Reihe voran, wo unbegreiflicherweise das Drittel einer Bank reserviert ist, nicht namentlich, aber Johanna scheint damit gerechnet zu haben. Von den drei Messdienern sind zwei st�ndig kurz vorm Feixen, der dritte durchtr�nkt von Fr�mmigkeit.</p><p>�Schlimm, n�?�, fl�stert Cristina Marleen ins Ohr.</p><p>�Die Jungens? Unm�glich.�</p><p>�Es gibt da irgendwie Pl�ne, es hei�t, die nehmen bald auch M�dchen.�</p><p>�Glaub� ich nicht.�</p><p>�Aber du glaubst ja auch sonst nichts.�</p><p>Marleen macht sich ihre eigenen Gedanken, w�hrend der Pfarrer seine Marienbildchen abspult. Erst bei der H�lfte der Predigt merkt sie, dass er nicht �ber die Mutter des Jesuskindleins nachdenkt, sondern �ber dessen Vater. Der Pfarrer behauptet, im Haus des Glaubens sei der Vater immer nur Stellvertreter; auch Petrus, als gewisserma�en erster Papst, sei� eher ein berufener denn je ein tats�chlicher Vater gewesen�. Die Weihnachtserz�hlung mache wenig Aufhebens vom Vater, weil sie ihn verwechsle mit der Figur Josephs im Stall, eine Nebenrolle wie Ochs und Esel. Petrus, denkt Marleen. Ochs <emphasis>und</emphasis> Esel.</p><p>Sie bleibt auf der Bank sitzen, w�hrend der Rest der Familie vorn niederkniet. Auch Linus hat die Erstkommunion l�ngst hinter sich, die Firmung ebenfalls, aber zu den anderen Messen der Weihnachtsfeiertage, in die Johanna ihre Familie f�hren m�chte, kommt er nicht mit. Vielleicht, weil es ihm nicht so ernst ist oder weil er die Gelegenheit nutzen will, mit Marleen allein zu sein. Die mittlere Schwester ist zwar erst im Sommer fortgezogen, aber sie macht ihn staunen, eine aufregende Fremde. Zu zweit begehen sie die Pomona. Sie stehen vor dem Reihenhaus, der ersten Station der Familie Schuller in der damals entstehenden Siedlung.</p><p>�Hier haben wir mal gewohnt�, sagt Marleen, obwohl sie es selbst kaum glauben kann, wie man in einer solchen j�mmerlichen Scheibe von einem Haus hat wohnen k�nnen zu sechst.</p><p>�Ich nicht�, antwortet Linus.</p><p>�Oh, doch. Erinnerst du dich an ein rotes Auto, ein italienisches, das ganz wahnsinnig r�hrte?�</p><p>�Nur von Fotos.�</p><p>�Das war Papas Spielzeug. Damit hat er dich aus dem Krankenhaus abgeholt. Und Mama auch.�</p><p>�Mami�, sagt Linus.</p><p>Marleen stutzt einen Moment.</p><p>�Ja, Mami auch.�</p><p>Es sind neue Familien nachgezogen; die Namen an den Schellen der Reihenh�user sagen ihnen nichts.</p><p>Sie marschieren ein St�ck die Ringbebauung entlang, begehen �ber die schmaleren Wege den Kern der Siedlung und kehren dann nach Hause zur�ck. Sie bemerken � und sie bemerken es gemeinsam und erst jetzt �, dass wei�e H�user auf der Pomona rar sind, und ein Haus auf Stelzen, wie ihres, gibt es nicht noch einmal.</p><p>�Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?�, fragt Linus.</p><p>�Der Architekt.�</p><p>�Ein Architekt? Und warum so ein � so ein irres Ding?�</p><p>Marleen k�nnte jetzt sagen, dass sie das auch nicht wei�. Aber sie will ihren kleinen Bruder nicht entt�uschen.</p><p>�Das war modern�, sagt sie.</p><p>�Modern. War Papa fr�her modern?�, fragt Linus.</p><p>�So modern wie ein wei�er Anzug�, antwortet sie. Er grinst.</p><p>Als sie wieder im Haus sind, Marleen sitzt auf dem Klo, l�utet das Telefon. Linus geht ran. Im Hausflur wirkt seine Stimme doppelt so laut. Marleen h�rt mit:</p><p>�Ja, ich bin�s, Linus.�� Im Moment keiner.�� Erst Quirin, dann hat Mami gekocht.�� Eigentlich schon, ja.�� Nein, zur Waldorfschule.�� Halbe Stunde.�� Klar, mach� ich.�� Tsch�!�Beim Wiedersehen in der K�che mustert Marleen ihn eindringlich. Linus dreht sich die Locke, er schaut weg. Sie will ihn gerade zur Rede stellen, als die Haust�r aufgeht, dann kommen die Stimmen n�her, Mamas Zedernholzstimme und Cristinas s�uselnde M�dchenlage und Johannas ged�mpftes Blech, und als sie dann alle da sind und �ber das Weihnachtsgeb�ck herfallen und alle schnattern zugleich, redet auch Marleen drauflos, irgendwas, nur um ihre Tonlage drunterzumischen, die vierte Stimme. Es kommt Marleen so vor, als w�re die Pomona 133 daf�r gebaut worden, Stimmen aufzufangen, sie gr��er zu machen und �bereinanderzulegen, ein an- und abschwellender weiblicher Chor, und sie fragt sich, ob Linus, der wenig spricht und leise, ob er das h�rt. Ob er wei�, was er h�rt, die Glocken seiner Kindheit, ihren Ausklang.</p><p>F�r den Silvesterabend besteht Johanna auf der Mitternachtsmesse. Das h�tte sie wohl gern, dass Marleen eine Messe absitzt, die erste Stunde ihres zwanzigsten Geburtstags. Ganz andere Pl�ne hat die. Weil aber Cristina ohne Messe nicht will oder kann, sitzt Marleen mit Cristina um sechs in St. Pius, und erst danach nehmen sie die S-Bahn �ber den Rhein nach D�sseldorf.�Es gibt da ein Lokal, in dem war ich mal mit Papa�, sagt Marleen zu ihrer Schwester, aber dann, in der Altstadt, kommt ihr alles bekannt, wenn nicht vertraut vor, unm�glich, einen Weg wiederzufinden, den man vor Jahren nur mitgegangen ist, als Kind.</p><p>Nie wird sie vergessen, wie sich das anf�hlt, die schmalen Gassen, aufgeklappt wie Puppenstuben, die altert�mlichen Schilder, die Kakophonie von rheinischem Gesang und Freejazz aus den Kellergew�lben, die steilen Gl�ser, dunkel gef�llt, darunter runde Pappen auf speckig gl�nzenden, h�lzernen Tischen. Will man keinen Pfennig ausgeben auf einer Tour durch die Altstadt, sind Marleen und Cristina das ideale Paar, denn in jedem Lokal sitzen M�nner mit B�rten und dicken Brillen, M�nner mit B�uchen und Glatzen, die den Tresen besser kennen als ihr eigenes Bett, und macht auch mehr Vergn�gen:</p><p>�Na, ihr zwei, zwei Alt?�</p><p>Und daf�r m�ssen sie gar nichts tun. Sie m�ssen nicht sagen, dass sie aus Neuss sind, und sich deshalb auch nicht anh�ren, das sei gar nicht so schlimm, und sie werden auch nicht angestarrt oder gar begrapscht. Sie trinken einfach ihr Alt, sie schm�cken den Tresen, Cristina als M�dchenkopf aus einem Botticelli; Marleen als lebendig gewordene Riemenschneiderfigur. Sie winken, wenn sie gehen, schon ein Danke w�re zu viel, und die Herren rufen� Tsch��. In der n�chsten Stube das Gleiche von vorn.</p><p>Irgendwann, da laufen sie schon im Kreis, aber sie laufen nicht wirklich, sie tanzen, da h�lt Marleen nichts mehr, da plappert sie drauflos. Das erste Bild will ihr nicht gelingen, da wirkt ihr Franz wie ein z�nftiger Kerl aus Bayern, nee, eigentlich aus Tirol, was Cristina sogleich ausschm�ckt:</p><p>�Knickerbocker, Filzh�tchen mit Feder.�</p><p>�Quatsch, der tr�gt doch kein H�tchen mit Feder.�</p><p>�Dann isser auch nich� aus Tirol.�</p><p>�Aus S�dtirol. Die Mutter ist Italienerin, oder fast.�</p><p>�Oder fast gar nicht. Mal ehrlich.�</p><p>�Er ist mehr beim Vater in M�nchen aufgewachsen, aber auch bei der Mutter in Regensburg.�</p><p>�Klar, der macht �ne B�derkur in Budapest und feiert Karneval in Rio.�</p><p>Nach dem sechsten Alt ist Marleen dann fl�ssig, oh, wie gut sie ihn schon kennt, den G�ttinger Gr�bler, den Zweifler, den Pendler.</p><p>�Franz hat eine ph�nomenale Auffassungsgabe. Er kommt in einen Raum und kann dir sp�ter ein Dutzend Personen aufz�hlen, alle, aber auch, was die anhatten.�</p><p>�Das gibt�s manchmal bei Verr�ckten�, sagt Cristina, ein Lachen unterdr�ckend.</p><p>�Und er hat ein echtes Gesp�r f�r Buchstaben, aber er liest wie der Teufel.�</p><p>�Wie meinst du, aber ��</p><p>Marleen merkt nicht einmal mehr, dass sich Cristina �ber sie lustig macht. Es tr�gt sie davon. Sie vertraut ihrer Schwester den Traum mit dem Pferd an. Cristina ist begeistert,</p><p>�Ein nacktes Pferd! Jetzt versteh� ich, Marleen. Kein Wunder, dass es mit dir durchgeht.�</p><p>Sie gehen sonst nicht Arm in Arm, doch jetzt erweist sich das als g�nstig f�r das Gleichgewicht. Sie wissen nicht mehr, wo sie losgegangen sind, wie sp�t es ist und wo sie hinwollen, aber es kann noch nicht Mitternacht sein. Urpl�tzlich bleibt Marleen stehen:</p><p>�Hey, siehst du das an der Ecke?�</p><p>�Das an der Ecke.�</p><p>�Die Ecke!�</p><p>�Biste jeck?�</p><p>�Das ist Papas Lokal.�</p><p>Cristina ist gar nicht angetan von der winzigen Kneipe an der Ecke mit den merkw�rdigen beschrifteten Glasscheiben, aus der Rauch kommt, als w�rde es drinnen brennen. Aber da hat Marleen sie schon bis zur T�r gezerrt, dort werden sie hineingezogen von fremden Armen, von der Skifflemusik angesaugt, und sofort mit Schn�psen versorgt. Drei Minuten zieht Cristina den Kopf ein, bis sie begreift, dass Papa Petrus hier nicht ist, dann wird sie locker, sie sieht sich das an, diese Schnapsnasen, Fracktr�ger, verwegenen Ladies jenseits der vierzig, getrieben vom Banjo, gewiegt von der Posaune, die Musiker, oh Schreck, stehen auf dem Tresen. Marleen quatscht mit einem glubsch�ugigen Typ, fusselige schwarze Koteletten, als w�rde sie den schon immer kennen. Es ist so voll, dass umfallen unm�glich ist. W�hrend drau�en die Knallfr�sche hochgehen, als w�rde die Altstadt bombardiert, steigt die Kombo hinter der Bar herunter und zieht �ber die K�che ab. Jemand bedient den Plattenspieler: Es ert�nt eine Fanfare aus einem Synthesizer, die sich wiederholt, w�hrend aus einem Loch weiter hinten im Tresen eine Figur auftaucht. Erst der Kopf, dann der Rumpf, die Beine, eine Art Statue, vom Fasslift aus dem Keller an die Oberfl�che des Tresens getragen, wo sie nun stillsteht. Pl�tzlich schallt ein metallischer Beat aus den Lautsprecherboxen. Die Figur beginnt sie sich in Zeitlupe zu entkleiden. Es ist ein Mann.</p><p>Die Beleuchtung in der S-Bahn blendet die beiden. Der Schwefel des Feuerwerks hat sich in die Nase gefressen. Der Alkoholexzess r�cht sich mit der L�schung von einigen tausend Zellen im Gehirn. Aber das merken die Schwestern nicht. Was ihnen zusetzt, ist der pl�tzliche Entzug von Alt, Altstadt, �lteren, was ihnen fehlt, ist die gewaltige schunkelnde Kohorte, diese Lebensdr�hnung, die es so nur dort gibt, das Geldding, das K�nstlerding, das Alles-oder-nichts. Diese unverbr�chliche Saufbr�derschaft unter Freunden und Fremden, egal, Wiederaufbau gespiegelt in Wiederabbau, der Tag mit Wucht geworfen in die Nacht, seit Jahrzehnten, und soeben waren sie noch Teil dessen, eingepackt ins karnale Ganze. Die Lebensgier der Meute geb�ndelt im Auftritt der lebendigen Statue, von schr�g unten gesehen, reglos nackt im Gebr�ll f�r eine Minute, bevor jemand das Licht ausmacht, und als es wieder angeht, ist der Mann weg und sein Bild ins Ged�chtnis eingefr�st. Nun sind sie unterwegs in der Gegenrichtung, volltrunken und kaputt, in Wirklichkeit nur weggegangen, aber sie f�hlen sich verlassen, vom Rumpeln der Bahn ger�dert. Cristina kriegt kaum noch die Augen auf, die nun auch nicht mehr so florentinisch sind, und sie lallt.</p><p>�Mar� Marleen. Wie findst du eijtch l� l� l��</p><p>�Lesben?�</p><p>�L� l��</p><p>�Lebkuchen?�</p><p>�Eh, verarsch misch nit.�</p><p>�Ja, wat denn?�</p><p>�Lecken.�</p><p>�Wie rum?�</p><p>�Wie wie rum?�Das ist nun wirklich zu viel f�r Cristina, die Kleine, die links von rechts und oben von unten und den Rhein von der Autobahn nicht mehr unterscheiden kann.�Am Kaiser �schafft sie es noch gerade bis zur T�r und kotzt sich dann doch halbwegs auf ihr kleines Schwarzes. Marleen nimmt es nun in den Arm, das Kind, und tr�stet es die zwei Minuten bis zum Neusser Hauptbahnhof.</p><p>�Gefeiert, n�?�, sagt der Taxifahrer, der das Fahrzeug sachte in die Pomona schaukelt, damit die Kleine ihm nicht das Leder verdirbt, das hat noch gefehlt, vierachtzig Fahrpreis und eine halbe Stunde putzen in der eiskalten Nacht. Die Stra�en sind pl�tzlich �berfroren, knirschen, als h�tte die Erde eine G�nsehaut bekommen. In die Stichstra�e will er nicht einbiegen, zu riskant, die drei�ig Meter darunter k�nnen sie auch gehen. Also sich irgendwie gegenseitig dahintragen, zur Pomona 133.�Nee, Schei�e noch mal�, f�llt es Cristina ein.�Du hast ja Geburts�stag. Tut mir schreckich � tut mir schreckl�l�l�ch.�</p><p>Das Erste, was Marleen vom neuen Jahr erblickt, sind ihre Jeans und ein nicht ganz sauberer Schl�pfer, die sie vor dem Bett hat fallen lassen, in dem sie mittags um eins noch liegt. Sie f�hlt sich m�rbe, kalt und dreckig, dreckig zwischen den Zehen und unter den Achseln, unter den Lidern; dreckig im Kopf. Sie lugt zur anderen Seite des Zimmers und entdeckt ein matt sich hebendes und wieder senkendes B�ndel. Nichts zu h�ren, kein Atem, nichts. Recht hat Cristina, sich zu verstecken, und sie selbst taucht ebenso, obwohl die horizontale Lage den Kopf stechen macht, wieder unter der Decke ab. Wenn das rauskommt, was sie da getan haben. Der kleine Bruder, das wird er ihnen nie verzeihen. Der arme Linus, von den Schwestern nackt gefesselt und dann � stimuliert und damit gequ�lt. Erl�se uns von dem B�sen. Wenn nur ein Gerechter � der heilige Sebastian am Kreuz, halbnackt, blutend. Linus. Quatsch. Sie schnellt hoch, sitzt kerzengerade im Bett, die Augen aufgerissen, aus denen sie sich das Gelbe wischt. Der Samen, dem weinenden Bruder abgezwungen. Getr�umt. Oh Gott. Was nun. Beichte, Kloster, Verlies.</p><p>Vor ihrem Auge taucht das Bild eines Wasserglases auf, riesig, klar. Sie st�rzt in die K�che. Johanna wendet Fischst�bchen und schaut die verknitterte Schwester im verknitterten Nachthemd an wie J�ngstes Gericht. Marleen sch�mt sich. Im Wohnzimmer liegt ein P�ckchen mit lila Schleife, aber sie r�hrt es nicht an.</p><p>So ein k�siger Leib mit stinkendem Innenleben, das sich nach au�en kehrt. Wie eine Collage von Wunden und Narben. Ein Ziepen und Zerren unter den Haarwurzeln beim Waschen. Eine unbegreifliche Verkopplung von Atmen und Furzen. Und welcher Idiot ist darauf gekommen, das Haus wei� zu streichen? Es bei�t wie S�ure in den Augen. �ffnete sich der Erdboden, um sie zu verschlucken, es t�te ihr um sich selbst nicht leid.</p><p>Sie sitzt auf einem kleinen Findling, der am Rande des Teichs aufgestellt ist, im Mantel und in Hausschuhen, und starrt in das schwarze Wasser. Ein Dienstag. Es gibt keine Post. Es ist keine Post gekommen, nicht zu Weihnachten, nicht danach, nicht heute. Heute sowieso nicht: H�tt� ich auch nicht verdient. Trotzdem, es ist ein Dienstag, und die bringen keine Post. Er schreibt sowieso nicht. Ich bin�s auch nicht wert. Was das wohl soll, der erste Tag des Jahres, und niemand r�hrt sich. Und wenn schon, und wenn er selbst k�me, er w�rde sich ekeln vor mir. Und so weiter, immer im Kreis.</p><p>Ihr wird der Po kalt, sehr kalt, eine gerechte Strafe. Irgendwann kommt Cristina, oder ihr Geist, und holt sie rein. Mama sagt, sie sollte sich nicht gehen lassen. Sie soll was tun. Marleen l�sst sich von Cristina das verkotzte Kleid geben und steigt in den Waschkeller hinab. Selbst so ein Schonwaschgang dauert recht lang, wenn man durch das Bullauge zuschaut. Dann h�ngt sie das Kleid umst�ndlich auf einen B�gel, Rotz und Wasser. Als sie oben wieder auftaucht, ist es schon dunkel geworden.</p></section><section><title><p><strong>M�ller und Schmidts</strong></p></title><p>Drei Schwestern, drei Mahlzeiten t�glich, das macht das Leben angenehm. Die Tage �hneln sich wie Seeh�fen. �ber der Pomona ziehen, von Westen kommend, schwarzgerahmte Wolken hinweg, zwischendrin jagt das Licht herunter in Kegeln, die 133 �berstrahlt wie ein Segel. Das alles tauscht Marleen ein gegen Kassel, wo der Schneematsch den Radfahrern Fallen stellt, der Himmel tags�ber auf D�mmerung geschaltet ist, und die Stra�enbahnen durch die Schneisen rasen wie Axt auf R�dern. Sie geht im Flur auf und ab und guckt abwechselnd in die beiden Zimmer und in die K�che, weil die R�ume gr��er und bedeutender erscheinen, wenn man selbst nicht drin ist. Sie l�sst sich Eierkohle in den Kellerverschlag liefern, womit sie den Herd in der K�che heizt, ein unscheinbarer, wei� emaillierter Kasten, auf dessen beringten Eisenplatten man sp�t in der Nacht noch Wasser erhitzen kann, f�r die W�rmflasche; Marleen schl�ft im Kalten und nahezu bilderlos. Sie versucht sich an einer dreidimensionalen Typoaufgabe f�r Weingart, die sie verschleppt hat wegen zu Hause. Sie vermisst Franz, aber sie hat ja die Briefe.</p><p>Sie sind alle am Mittwoch gekommen, drei St�ck, eine halbe Stunde vor ihrer Abfahrt, der erste vom Weihnachtsfeiertag aus Regensburg, der zweite drei Tage sp�ter aus M�nchen, der dritte am letzten Tag des Jahres wieder aus Regensburg. Franz beschreibt jedes Blatt von vorn und hinten, mit d�nner Feder, die Abstriche bisweilen ungenau, aber dennoch ist jedes Wort ein Wortbild, steil und fest. Sie m�sste das nicht zweimal lesen, aber sie tut es:</p><p>�Ich mache es allen recht, oder habe es jedenfalls versucht. Der Vater hat mich immer mit Geschenken gek�dert. Lego und Eisenbahn und all dies Zeug. Valentina und Gert � meine Mutter und mein Stiefvater � waren nat�rlich dagegen, f�r sie mu�te immer alles �bewu�t� sein. Waren die schockiert, als ich zur Bundeswehr gegangen bin. Nach dem Motto, �Aber Bub, da wird doch gar nicht biologisch-dynamisch gekocht!� Zu Weihnachten nur Honigwachskerzen auf dem Tisch und zu Silvester kein Feuerwerk, weil das Geld dann den Kinderchen in der Dritten Welt fehlt. Ich versuche, nicht zur einen Seite zu neigen und nicht zur anderen. Die alternative Seite, um es allgemein zu sagen (denn am Ende gehen wir ja doch alle weder in Richtung Vater noch Mutter, sondern von beiden weg �), sieht sich selbst als non-materialistisch, aber mir stellt sich das nicht so dar. Nur ein anderer Begriff von �konomie. Mir macht es nichts aus, nirgends dazuzugeh�ren, falls das mein Schicksal ist. Aber ich meine nicht Dich. Du bist von all dem frei, warum auch immer.�</p><p>Merkw�rdig bleibt, dass er ihr keine Adresse genannt hat, mit der Begr�ndung, er w�rde pendeln; nun hat sie eine Regensburger Anschrift, aber ihr will so gar nicht einfallen, was man antworten k�nnte. Auf <emphasis>einen</emphasis> Brief vielleicht, aber auf drei?</p><p>Die Professoren tun sich schwer, in der ersten Woche des Jahres in Erscheinung zu treten, aber die Werkstattleiter sind alle da, so dass man in Erfahrung bringen kann, wie man im Portraitstudio ein Glanzlicht setzt oder die Fotosetzmaschine bedient. Junge M�nner b�rsten sich das Haar aus, wo die Mutter sie zuletzt gestreichelt hat, und junge Frauen �ben aufs Neue, nicht allzu h�uslich zu sein. Wer gro�e Ger�te bedient, die 16-Millimeter-Bolex auf dem Stativ, sieht unangreifbar aus. Jeder erfindet sich einmal pro Semester neu, verwandelt sich von einem Landsknecht in einen Lackaffen, vom blonden Gretchen zur B��erin, R�hrenjeans statt Bundfaltenhosen, Bluejeans statt Minirock, einer nimmt es pl�tzlich mit dem Waschen nicht mehr genau, der andere l�sst sich ein bizarres B�rtchen stehen. Die Herkunft wird verwischt; was bleibt, ist der Charakter. Dorit ist charmant und schneidend zugleich. Chris verstr�mt M�nnlichkeit und G�te. Gerhard, nach Worten suchend, hohl�ugig, wirkt immer wie gerade aus einem Albtraum erwacht. Brit, hochgewachsen, tr�gt ihren Kopf wie eine kostbare Bl�te; sie spricht nicht mit jedem. Alessandro hat Picassos Augen, zitiert aber bei jeder Gelegenheit Tucholsky.</p><p>Wer einen Klassenraum betritt, darin neun erwachsene Menschen, sieht Kameraden vor sich, Freunde vielleicht. Aber der Eindruck t�uscht, es sind auch Feinde darunter, und die Liebespaare richten es vorerst so ein, dass es niemand merkt. In den Wohngemeinschaften werden Ideen ausgebr�tet, Materialien getauscht, Moden gez�chtet. Die WGs sind die Heizwerke der Hochschule, Kaderschmieden der Fleischlichkeit, Netzwerke der Neigungen.</p><p>Die Stra�en und Pl�tze hei�en nach Ebert, Marx, Lassalle, Bebel, aber die H�user haben riesige Augen, Falten und Gr�bchen, die Hauseing�nge sind hoch und breit. Auf den Klingelschildern und drumherum wuchern die Namen. Im vierten Stock am Bebelplatz ist eine Wohnung mit sieben Zimmern seit dreizehn Jahren im Besitz von Kommunarden, die sich allerdings nicht mehr so nennen; weder ist ihr Zusammenwohnen� gesellschaftlich �motiviert, noch wollen sie die �ffentlichkeit davon �berzeugen. Das ist bereits geschehen. Die Familien der �rzte und Anw�lte, die im gleichen Haus wohnen, sind s�mtlich aus der WG im vierten Stock hervorgegangen. In diesem Winter sind die sieben Zimmer durchdrungen von einem Blechsound, ein Scheppern und Jaulen, zusammengehalten vom kaprizi�sen Gesang einer m�nnlichen Stimme. Man muss The Smiths nicht gleich in der ersten Woche m�gen. Auf die Dauer bleibt einem nichts anderes �brig. Das ist hier Kult: der englische Trotz, das fiese Motto, die augenzwinkernde Travestie. Der Name der Band ist �bergegangen auf die WG, Die Schmidts. Um mitzuspielen, nennt sich die Gruppe gegen�ber M�ller, was insofern passt, als der Hauptmieter der Wohnung, die zwei Zimmer weniger hat als die der Schmidts, so hei�t. Hendrik M�ller hat sein Grafikdesignstudium mit einer furiosen Serie auf dem Kopf stehender Motive abgeschlossen und arbeitet jetzt f�r die Bundesbahn. Anders als andere, f�rchtet er sich nicht vor dem Erfolg. Er bewohnt das gro�e Erkerzimmer und spielt auf seinem Thorens allt�glich <emphasis>Love over Gold</emphasis> oder <emphasis>Making Movies</emphasis>, seltener <emphasis>Sultans of Swing</emphasis>. Das erinnert ihn an die lockige Liebe seines ersten Semesters, wor�ber er jedoch nicht spricht. Eher hofft er, nicht ganz unbegr�ndet, dass der Sprungfedernklang dieser Gitarre weitere M�dchen mit Stil und Grazie in sein ungemachtes Bett h�pfen lassen wird.</p><p>Ein leinenwei�es Bett, kunstschmiedeisern gefasst; durch die geschlossenen Fensterl�den dringt ein Rest von Mondlicht, das Jesus am Kreuz, der vom Kopfende her traurig herabblickt, mattsilbern beleuchtet. So hat sich Esmeralda das vorgestellt, was ihre Mutter ihr als� Zusammensein mit einem Ehemann �angedeutet hatte. Stattdessen: keine Eheschlie�ung, keine Fensterl�den, ja, es ist noch nicht einmal dunkel, als sie sich im November mit einem melancholischen Jungen allein findet, der in Katjas Zimmer an einem Wochenende haust, w�hrend Katja, seine Freundin, abgehauen ist zu einem anderen. Esmeralda wei� nicht einmal, ob er Nicolaus hei�t oder Nicolai, aber sie �ffnet ihm, der nass ist von der Landstra�e, kalt und hungrig, an einem Freitagabend die T�r. Das gro�z�gige Nachgeben, ein schicksalhaftes �ffnen. Nico, traurig und l�stern, ist der Erste.</p><p>Am Sonntagabend ist die ganze WG wieder da, aber Nico weg f�r immer. M�ller wittert seine Chance und nimmt sich Esmeraldas an, aber nicht um sie zu heiraten, sonst w�re er nicht M�ller. Er gibt ihr den Namen Esm�, das hat er aus einer Kurzgeschichte. Esm� fl�chtet nach Weihnachten von M�ller zu den Schmidts, vom Liebe-�ber-Gold zum Z�hneknirschen, von Geld &amp; Connections zu den werdenden K�nstlern.</p><p>Esm� hat sich gegen die Endbetonung entschieden und wird jetzt Esme genannt. Der Name steht ihr, zumal sie ihr Haar jetzt k�rzer tr�gt, eine Ann�herung an die Kontur Sophie Scholls, soweit das bei Locken m�glich ist. Sie tr�gt eine moosgr�ne Baumwollhose, deren Oberfl�che so weich ist, dass man sieht, wer sie zuletzt ber�hrt hat. Dazu eine aprikosenfarbene Wildlederjoppe aus Spanien und solides Schuhwerk. Sie sieht jetzt schmaler aus, wendig, jungenhaft. Esme bewegt sich schneller als Esmeralda, sie hat sich ein Rennrad geliehen. In der ganzen Stadt sieht man ihren Po in Bewegung.</p><p>Dies ist nicht Amerika: Es werden keine K�niginnen gew�hlt, der Sch�nheit wegen oder der Popularit�t, und es gibt auch keine Faustk�mpfe unter jungen M�nnern, jenes Aufsch�umen von Testosteron und Adrenalin, das den Besiegten als Gedem�tigten zur�ckl�sst. Die Hierarchien der Hochschule, nahezu unsichtbar, sind nicht pyramidisch gezeichnet, sondern in Kreisen. Jungfr�uliche M�nner oder solche, deren Initiation ungl�cklich verlaufen ist, bewegen sich lange an der Peripherie. Was einen jeden retten kann bis an den �u�eren Rand des inneren Kreises, ist eine sichtbare F�higkeit, und sei es nur die, treffsicher Schriften bestimmen zu k�nnen. Eloquent soll man sein, aber nicht gelackt; man soll politisch durchblicken, aber nicht einer Gesinnung anheimfallen; man muss eine Zukunft haben, ohne Karriere machen zu wollen.</p><p>Eine Residenz am Bebelplatz, bei M�ller oder bei den Schmidts, f�hrt sicher in den inneren Kreis. Ger�chte gibt es viele, aber man f�llt doch nicht drauf rein. J�ngere sehen �lteren dabei zu, wie sie Eingebungen haben; dann haben sie pl�tzlich auch welche. So wie man im Liebesbett eine Sprache schneller lernt, lernt man hier k�nstlerische Sensibilit�t. Paare trennen sich selten im Streit. Die Kreise wachsen. Wissen und Ahnen, erotische und fachliche Reputation verschr�nkt wie Yin und Yang. Geld spielt keine gro�e Rolle. Die Kreise festigen sich von einem Semester zum anderen. Einige werden zu Vertrauten der Dozenten. Zum Gl�ck kann man nicht ewig studieren, sonst w�re bald kein Platz mehr dort, wo sich die Talente tummeln. Wer nach Jahren zur�ckkehrt, als Professor zum Beispiel, w�rde sehen, wer wem in welcher Rolle nachgefolgt ist, als K�nner oder Trickser, Vordenker oder F�rsprecher, Einheizer oder Guru. Jede Generation glaubt, die Rollen erfunden zu haben, in die sie schl�pft.</p><p>Die WGs rekrutieren ihre Neuen mit dem Elan der Snobs. Jeder kann sich bewerben, wer aber schlie�lich am K�chentisch sitzt, muss sich alle m�glichen Fragen gefallen lassen. Sie sind fast unbeantwortbar, weil die Antworten offensichtlich sind: Der Neue muss alles k�nnen und alles wollen, sich der Gemeinschaft �ffnen und mit ihr teilen. Aber es kommt nicht wirklich darauf an, was er sagt, sondern wie er es sagt. Esmeralda nehmen die Schmidts mit Kusshand. Aber als sie beschlie�en, das Fernsehzimmer hinter der K�che zu vermieten, weil die Kasse nicht mehr stimmt, kommt die Frage auf, ob man lieber einen Pendler will, eine Art Gast, oder ob der Platz hinter der K�che nicht doch vorgesehen w�re f�r die Seele des Betriebs, im Zweifelsfall eine Sch�ne als K�chin. Nicht, dass das jemand so sagt. �berhaupt ist die Belegung heikel, weil die sechs Zimmer immer nach Mann-Frau-Parit�t vergeben worden sind. Franziskus Maria w�re, allein vom Namen her, die unausweichliche Wahl. Tats�chlich stellt Franz sich vor, er erf�llt das Pendlerideal, wird Semesterferien in Bayern verbringen, kommt f�r nicht mehr als zwei N�chte aus G�ttingen; sie befragen ihn mehr als eine Stunde lang, was f�r ihn spricht, dann h�rt er eine Woche nichts, und als er anruft, sagt ihm ein M�dchen, das selbst nicht dort wohnt, es glaube, das Zimmer sei vergeben.</p><p>Marleen begreift nicht, warum Franz sich bei den Schmidts beworben hat. Ach, sie w�rde ihn auch tr�sten, wenn es sein m�sste, aber es muss nicht sein, denn Franz macht nicht die Schultern krumm und zieht den Kopf nicht ein und guckt nicht pl�tzlich an Leuten vorbei, nur weil es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Er bleibt der aufrechte, junge Mann mit dem forschen Schritt und den Augenfackeln, schwarzer Rollkragenpullover, Dufflecoat � das passt nicht zum Bebelplatz, niemals, nur dass er davon nichts wei�. Franz hat keine Angst vor G�ren mit Dreadlocks und Pal�stinenserfeudel. Er scheint nicht zu merken, was die in ihm sehen, einen, der mal dringend einen durchziehen m�sste, damit er auf die richtige Spur kommt. Oder Dorit, die jetzt bei M�ller wohnt und in Typo aufgeholt hat, die hinter seinem R�cken raunt, und zwar so, dass Marleen es h�rt:�Bei so einem hei�t es aufgepasst, der ist doch Opus dei.�</p><p>Marleen wird nicht mit der Herde dorthin traben, wo das Gras l�ngst heruntergekaut ist. Sie will aber auch kein Sonderling sein. Das hat sie schon hinter sich, Neuss, der Schulhof:</p><p>�Der ihr Vater ist abgehaun in so�n Sexkloster in Indien ��</p><p>�Ach du Schei�e!�</p><p>�Und der ihre Mutter hat was mit dem Kaplan von Pius.�</p><p>�Oh Gott, dann musse aber woanders beichten.�</p><p>�Wenn die �berhaupt richtig katholisch is� ��</p><p>Was will er denn nur, der Franz, bei den anderen, die schlecht �ber ihn reden? Am besten, er h�tte sie um das kleine Zimmer gebeten, das sie �brig hat. Sie selbst fragt ihn nicht, und auch sonst fragt sie nichts, was negativ beschieden werden k�nnte, sonst w�re ja sie die Bewerberin. Es muss von allein geschehen, vielleicht hilft das Gr�n in der Karlsaue oder das neue Semester, er wird sich am Ende doch entscheiden m�ssen, G�ttingen oder Kassel. Nie nimmt er sie mit nach G�ttingen, wo er mit drei anderen Historikern, die keine Namen zu haben scheinen, bei einer liebensw�rdigen, alkoholischen Witwe unterm Dach haust. Und Marleen ist nicht sicher, ob es dort nicht auch ein Liebesleben gibt, ob Franz nicht genau und in letzter Konsequenz das tut, von dem er sagt, dass er es tue, n�mlich alle M�glichkeiten abw�gen, die eine gegen die andere, um herauszufinden, was die beste aller Methoden sei. Was zu nichts f�hrt, und was zu was.</p></section><section><title><p><strong>Das Kleid</strong></p></title><p>Viele konnten gar nicht n�hen, oder falls sie es konnten, wollten sie nicht, so dass die Aufgabe an Esme und Bennie h�ngenblieb. Die Haust�ren der beiden WGs waren in diesen Tagen nur angelehnt, weil es bei dem Besucherstrom nicht mehr lohnte, jedesmal einzeln zu �ffnen. Wer Esme bei den Schmidts besch�ftigt fand, probierte es bei M�ller. Bennie, so anders als Esme, war konkret bis zur Kantigkeit, die Haut gl�nzend, die Brille fettig, die d�nnen Haare r�tlich. Beide konnten es wirklich, abmessen, zuschneiden, den Stoff durch die Maschine jagen. Bei Bennie aber musste man warten, sie n�hte nur ein Kleid zur Zeit, w�hrend Esme von zw�lf bis vier Ma� nahm und dann loslegte, bis in die Nacht. Das sch�rte die Eifersucht von J�rg und Axel, die sich mit Esme in jenen fr�hen Apriltagen abwechselten; sie am liebsten miteinander geteilt h�tten, aber so weit war es noch nicht.</p><p>Im Hausflur stand aufrecht ein gewaltiger Ballen billigsten Stoffs, der ein unruhiges Schwarz-Wei�-Muster zeigte, kein Glencheck, kein Zebra, kein Pepita, irgendetwas der vierten Art, das, wenn anprobiert von Dorit, Brit, Susanne, Esther, sie alle verwandelte in Kaufhausflittchen, Allerweltsm�dchen, Weiber von der Stange. Als der erste Ballen zu Ende ging, wurde ein zweiter angeliefert. Nach vier Tagen beschloss Bennie, das n�chste Kleid w�re ihr eigenes und dann Schluss. Esme h�ngte noch einen Tag dran, Gl�ck f�r Marleen, die sp�t mitbekommen hatte, dass es in diesem Semester keinen Plakatkurs gab, stattdessen� Das Kleid�, und so bekam sie auch noch eins. Esme musste f�r Marleen die Zimmert�r schlie�en, als sie Ma� nahm.�Ach ja�, sagte Esme, deren Deutsch nicht mehr holperte, sondern floss,�du bist auch katholisch. Im Herzen.�</p><p>Hagen Kluess pflegte aus seinem Porsche zu steigen wie ein Gott aus der Maschine. Er war sofort gegenw�rtig, �berall zugleich wie ein Duft, auf den Fluren, unter den Arkaden, im fotografischen Atelier, im Seminarraum eins und zwei. Er multiplizierte sich, ein J�nger links, ein J�nger rechts, dann ein Sch�ler links vom linken J�nger und eine Sch�lerin rechts vom rechten. Sah man eine schwarze Wolke kommen, war das Hagen Kluess. Wo eben noch der Professor Hof gehalten hatte, blieb ein Stellvertreter zur�ck, der sprach wie Kluess und dachte wie Kluess. Es war immer von Kluess die Rede oder von Hagen, und wenn er dann wirklich kam, von Montag bis Mittwoch, brummte das Geb�ude, ein unabl�ssiger Ruf nach etwas Neuem, ein st�ndiger, forscher Aufbruch, der alles mit sich riss. Tomas Weingart, gewappnet durch sein Schweizer Temperament, blieb davon unber�hrt.</p><p>Einst war Peter H. Kluess ein bleicher Student gewesen, mit einer starken Nase, das Kinn fliehend im Vergleich. Der hatte nicht selbstbewusst ausgesehen, aber war es; das Fl�chtlingskind, das lange braucht, um sich aus dem m�tterlichen Kokon zu l�sen, dann aber steht es unersch�tterlich. Sein Gesicht war nun verl�ngert um eine gewaltige kahle Stirn, diese begrenzt durch einen scharfen Haaransatz im Zenit des Sch�dels, sein dunkles Haar nach hinten gek�mmt. Den Mund, f�r das schmale Gesicht etwas kr�ftig geraten, hatte er durch einen gelegentlich von Hand gestutzten Vollbart gerahmt, die Unterlippe gest�tzt von einem lichtlosen Dreieck. Mit seinen flatternden Hemdkragen � in die Breite getrieben durch ein orientalisches Halstuch �, und in Jeans, Jacke wie Hose, sah er wie der Star einer Rockoper aus.</p><p>Im Jahr zuvor hatte er einen Ruf aus Berlin erhalten. Er hatte mit der Universit�t Kassel neu verhandelt und war geblieben. Jetzt bespielte er eine ganze Folge von R�umen und ein Beratungszimmer als Refugium. Dieses war belagert von jungen M�nnern, die berechtigt waren, alle Fragen zu beantworten, sofern sie nicht das �sthetische Urteil betrafen. Eigentlich war es eher ein Atelier, in das eine halbe Etage als Empore eingezogen war: Dort oben pflegte sich der Professor auf dem Sofa auszuruhen, und so war es manchmal nicht ganz klar, ob man mit den Assistenten oder HiWis allein war oder nicht. Die doppelte H�he des Ateliers bot eine gewaltige Aussicht ins Freie, die B�umchen noch kahl, die Bl�tter darunter als gelb-schwarzer Teppich, und Kluess war nicht zu sehen, als Marleen vorsprach, um sich f�r das Semesterprojekt einzuschreiben. Aus den Roth-H�ndle zweier lederbejackter Jungen, die sich gegen�bersa�en, stiegen blaue Rauchs�ulen auf. Sie musterten Marleen von oben bis unten und grinsten einander an, sie lie�en sie ihren Namen eintragen, eine Zeile war noch frei, und gaben ihr die� Lekt�reliste�. Die war monstr�s.</p><p>�Musste lesen. Hagen besteht drauf�, sagte etwas zu leise und schneidend der Schmale mit den dunklen Augen.</p><p>�Ach Quatsch�, kr�chzte der dickliche Blonde.�Was f�r Hagen z�hlt, ist der Entwurf. Superaffengeile Bildidee, und du bist der King.�</p><p>�Lekt�re ist Pflicht�, brummelte der Schmale.�Der Theweleit mindestens. Den musste draufhaben.�</p><p>�Kein Problem�, sagte Marleen.�Worauf l�uft das Ganze denn hinaus? Sollen das am Ende Plakate werden?�</p><p>�Plakate!�, bl�kte der Blonde.�Es gibt nicht jedes Semester Plakate. Das ist hier nicht die Langweilerakademie. Vielleicht gibt�s �nen Film. Bei Hagen wei� man nie. Bring erst mal �ne gute Bildidee. Das ist Minimum. Sonst fliegste gleich wieder raus.�</p><p>Marleen �berlegte einen Augenblick, ob sie ihren Namen von der Liste streichen sollte, still, und dann gehen. Stattdessen faltete sie das Blatt auf Achtelformat und verstaute es in der Hintertasche ihrer Hose. Die Assistenten gafften, als s�hen sie einen Striptease.</p><p>Dann trieb das Gr�n, Ideen wurden bebr�tet und schl�pften im Mai. Es gab keine Mappe mehr ohne schwarz-wei�e Fotos, und auf den Fotos sah man immer das schwarz-wei�e Kleid: die Passantin in der Gasse; die Hausfrau zwischen den T�pfen; die Lady an der Bar. Ganz f�r sich, ohne Modell, klirrte es als Flagge im Wind, geisterte durchs Fernsehen, wurde drapiert als Ramsch. Das schwarz-wei�e Unding diente als Vorhang, der sich �ffnet, und dahinter erschien, nat�rlich, die Frau entbl��t, als Pin-up oder Leiche. Die Tage wurden l�nger, und die M�nner bekamen etwas zu sehen, n�mlich ihre W�nsche im konvexen Spiegel, weil das Kleid kein sch�nes war, und die Frauen hatten so oder so ihren Spa�.</p><p>Um diese Zeit war Franziskus seine Bleibe gek�ndigt worden, eine klapprige Bude in Wilhelmsh�he. Zwar war er dort kaum gewesen, weil er die Kasseler N�chte ohnehin bei Marleen verbrachte, aber freiwillig bei ihr zu sein oder aus Notwendigkeit, war nicht dasselbe. Marleen hatte sich daran gew�hnt, dass er in den Semesterferien verschwand, nach Regensburg oder M�nchen oder wer-wei�-wohin und sie nicht mitnahm. Sein Pendeln zwischen G�ttingen und Kassel, zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten, das ahnte Marleen, schadete ihr nicht. Er war etwas sch�chtern, wenn es darum ging, sich ganz auszuziehen, aber umso sch�ner das Leuchten der Fr�chte beim Pellen im Halbdunkel; seine H�nde trocken und sein Herz fast zu h�ren, einer der nicht schw�tzt und nicht schmatzt. Wie eine Wippe, die auf der einen Seite mehr Gewicht braucht, damit die andere in die H�he geht, musste Marleen sich schwer machen, sich erden, um ihn in die Schwebe zu bringen; das interesselose Wohlgefallen, die unschuldige Wollust. Einmal, vielleicht aus Versehen, hatte er sogar danke gesagt; sie tat ihm gut, das wusste sie.</p><p>Er brachte, als er bei ihr einzog: eine schwenkbare Lampe, ein K�fferchen mit Unterw�sche und Schlafanzug, eine gerahmte Zeichnung und zwei Dutzend B�cher mit furchteinfl��enden Titeln. Jetzt, bei ihr wohnend, las er ihre B�cher einfach mit, und manchmal sah sie ihm dabei zu. Er studierte die Notiz �ber den Autor, dann bl�tterte er weiter bis zum Impressum, womit er sich eine Weile aufhielt. Er suchte das Inhaltsverzeichnis, w�hlte ein Kapitel und las dieses dann durch, ohne das Buch wegzulegen. Er las weitere Kapitel an; hielt sp�ter das Buch in einer Hand, als sch�tzte er das Gewicht; und bl�tterte es dann noch einmal durch wie ein Daumenkino.</p><p>Er brauchte Zeit, um seine Sprache wiederzufinden:</p><p>�Also, <emphasis>M�nnerphantasien</emphasis> ist ein absichtlich spektakul�rer Titel. Es geht aber eigentlich nur um das Bild, das M�nner von sich selbst haben, letztendlich um Klischees. Darauf will dieser Theweleit hinaus. Er schafft tonnenweise Material ran. Alles, was abgehandelt wird, wird vorgef�hrt im Sinne dieser Klischees. Es geht ihm nicht um etwas Faktisches, also wie es K�nigen und Helden ergangen ist oder so, sondern nur darum, wie M�nner ihre eigene Geschichte geschrieben sehen wollen. Was sie sich abverlangen. Es ist eine Art Schwarzbuch des m�nnlichen Stolzes.�</p><p>�Franz, wenn ich das durchlesen soll, geht der Sommer dabei drauf.�</p><p>�Wer wei�, ob Hagen Kluess und seine Spie�gesellen es �berhaupt ganz gelesen haben. Ich mache dir einen Vorschlag. Du suchst dir drei Fallbeispiele. Oder ich suche dir welche raus, wenn du willst. Das reicht erstens, um die Methode zu kapieren. Zweitens kann man sich drei Geschichten locker merken. Fragt dich jemand nach Theweleit, spuckst du einfach ein Beispiel aus. Das ist viel besser, als anderen vorzumachen, man h�tte f�nfhundert Seiten gelesen. Nat�rlich nimmst du nicht alle Beispiele aus dem ersten Teil des Buchs. Mindestens eins steht auf den letzten hundert Seiten.�</p><p>Diese Empfehlung �berraschte Marleen:�Machst du das in G�ttingen auch so?�</p><p>�Das kommt drauf an. Jedes Buch ist anders. Die <emphasis>Ph�nomenologie des Geistes</emphasis> zum Beispiel hat ein Vorwort, das sind f�nfzig Seiten. Bei vielen B�chern kann man das Vorwort �berschlagen, da ist es aber andersherum, man muss es Wort f�r Wort durchackern. Es zeigt die Methode Schritt f�r Schritt.�</p><p>Den Vermieter lie� Marleen wissen, dass ihr Lebensgef�hrte bei ihr eingezogen sei, eine bombastische Formulierung, wenn auch die rechtstaugliche.�Na, dann haben sich ja zwei gefunden�, kam zur�ck. Als sie ihm zu zweit begegneten, war sie vorsichtiger:</p><p>�Das ist Franziskus Orth.�</p><p>�Ach, der Lebensgef�hrte. �Sie biss sich auf die Lippen.</p><p>Franz hatte die Wirkung von Stroboskoplicht. In seinen Augen bekam alles diese metallische Unvermeidbarkeit. �ber den Illustrationsprofessor, von dem Marleen entt�uscht war, sagte er,�Das ist die Langzeitwirkung von Alkolhol. Das macht l�ppisch. �Tomas Weingart kommentierte er,�Ja, der h�lt sein Geheimnis zur�ck. �Selbst Hagen Kluess war f�r ihn ein l�sbares R�tsel:�Der h�lt euch auf Trapp, damit ihr nicht zum Denken kommt. �So fiel die Furcht der Novizin ab von Marleen; gerade an den Tagen, an denen Franz nicht da war, f�hlte sie sich stark, als h�tte sie eine unsichtbare Armee hinter sich.</p><p>Die Karlsaue zeigte sich als gewaltiges Naturtheater, schwergr�n. Die Abende wurden l�nger und l�nger. Marleen begann, wenn sie allein war, weite Wege zu laufen, durch die Karlsaue bis an den Stadtrand, ganz um den Bugasee und bis in die Stadt zur�ck; dann mit der Stra�enbahn bergauf nach Wehlheiden. Sie streunte umher auf den Anliegergrundst�cken der Vereine an der Fulda, die nicht gesichert waren, und sah den Ruderern zu. Auf einer ihrer Juniwanderungen fand sie den Baum.</p><p>Es waren eigentlich zwei gewaltige St�mme, zwillingshaft miteinander verwachsen. In die Au�enseite des glatteren Stamms waren Zeichen mit Taschenmessern eingeritzt, Herzen und Initiale. Am folgenden Abend kam sie wieder, mit dem Kleid, dem aus der Hochschule geliehenen Stativ, ihrer Nikkormat mit dem Zoom 35 bis 70 Millimeter und in der schwarzen Kamera Tri-X Pan f�r 36 Belichtungen. Die Baumst�mme gl�nzten matt, das Gestr�pp dahinter wie Schamhaar. Ja, sie stand vor einem naturgewachsenen Monument des Eros, einer Doppelerektion, von Einsamen und Liebenden aufgesucht und gezeichnet; in der Tat war die Mulde zwischen den St�mmen eine perfekte St�tze, um es im Stehen zu treiben. Sie nahm das Monument in verschiedenen Ansichten auf, noch unschl�ssig, was es hergeben w�rde.</p><p>�Superaffengeile Bildidee, und du bist der King�,</p><p>aber wieso eigentlich der King? Als Frau? Und w�hrend sie noch gr�belte, erkannte sie in den Messergraffiti eine Raute, eine Salmiform, senkrecht geteilt und mittig mit einem Kreis versehen. Ihr schwante, dass dies die Vorstellung eines Zw�lfj�hrigen von einer Muschi war, und dokumentierte das Ding, mit einer Andeutung der benachbarten Schnitzereien, den Herzen, den Initialen, frontal und scharf. Im sp�ten Tageslicht sahen die Graffiti nicht aus wie geschnitzt, sondern wie mit Filzstift auf Papyrus gekrakelt. W�hrend das Licht weiter nachlie�, starrte sie aus einiger Entfernung wieder das Monument an und erblickte darin pl�tzlich zwei in den Himmel ragende Beine, eine nackte Riesin, kopf�ber im Erdreich begraben. Sie drapierte das schwarz-wei�e Kleid in der Mulde. Die Schw�rzen zeigten schon keine Struktur mehr im Restlicht, so dass die wei�en Zackenformen umso deutlicher hervortraten. Sie dachte, diese Riesin tr�gt am Unterleib einen � wie hie� das noch mal, so einen glitzernden Minislip, wie T�nzerinnen in M�nnerlokalen. Das rahmte sie im Sucher ihrer Nikon, belichtete vom Stativ mit einer Sekunde aus halber Distanz, die Kindergraffiti frontal mitgenommen als Bild-im-Bild, die Scham der Riesin als zentrales Motiv, vom Kleid entflammt, dessen Muster bis an den unteren Bildrand z�ngelte. Um Mitternacht, in ihrer K�che, hielt sie den nassen Filmstreifen gegen das Licht.</p><p>Wie von Mama getuscht, dachte Marleen.</p><p>Anders als den meisten Studenten � den S�hnen und T�chtern von Lehrern, Handelsvertretern, Apothekerinnen � war Marleen die Gestaltung, inzwischen Visuelle Kommunikation genannt, nichts Neues, so dass sie nicht jenen Schub bekam von Stolz und Ambition, der die j�ngeren Semester antrieb und sie zu allen m�glichen Irrt�mern verleitete, sich selbst betreffend, die anderen, die Lehrenden und die Lehre. Sie wollte verstehen, wie Schriften gemacht wurden, nicht nur einzelne Buchstaben, sondern komplette Systeme, und die Kasseler Frage bestand f�r sie einzig darin, wie viel Tomas Weingart dar�ber wusste. Sie musste den Tresor erst �ffnen k�nnen, um zu erfahren, ob etwas drin war. Merkw�rdig, wie wenig die anderen sich daf�r interessierten. In Hagen Kluess� Atelier hingen pr�mierte Plakatentw�rfe von Sechstsemestlern in Schwarz-Wei�, die Schrift immer die <emphasis>Futura</emphasis>, entweder im Bleisatz zusammengest�mpert oder vom professionellen Satzbetrieb geordert. Die beherrschten noch nicht einmal den Fotosatz � Dilettanten!</p><p>Nicht weniger merkw�rdig als die Grafik bei Kluess war die Fotografie bei Leveke. Da war das Fotografieren verboten. Die Aufgaben bestanden ausschlie�lich darin, im Labor mit Licht auf Fotopapier zu zeichnen, was zu allerhand archaischen Stillleben f�hrte, K�mme, Linsen, Gabeln, H�nde.�Fangt klein an, es kann immer noch gr��er werden�, war die Maxime des Fotoprofessors Leveke, der� Korrekturen �nur zweimal im Semester vornahm, und dessen eigene Glanzleistungen Laborbelichtungen in K�rpergr��e waren, n�chtlich wirkende Choreografien, f�r Studenten schon aus Kostengr�nden unerreichbar. Eine studentische Hilfskraft von Hagen Kluess hatte den Schattenriss seiner Erektion eingereicht und r�ckseitig� Fangt klein an ��betitelt, was die Feindschaft der Professoren, schon vorher von beiden Seiten aufs Eitelste gepflegt, noch vertiefte. Vor allem m�nnliche Studenten schlugen sich leidenschaftlich auf Kluess� oder auf Levekes Seite, befl�gelt durch Anekdoten �ber Bosheiten, mit denen der eine den anderen �berzogen hatte. Die Studentinnen waren bei weitem vorsichtiger; eine kleine Gruppe, zu der auch Marleen eine Weile geh�rte, besuchte � wenn auch nicht ganz unbeschwert � beide der sich befehdenden� Klassen�. Auf diese Weise konnte man weder in der einen noch in der anderen Welt etwas werden, studentische Hilfskraft, Wortf�hrer, bester Kumpel oder der mit dem Abonnement auf den� ganz klar besten Entwurf�. Allerdings war Leveke drauf und dran, seine Assistentin zu heiraten; schon bald w�rde Hagen Kluess ihm in nichts nachstehen wollen und eine Studentin zur Frau nehmen, die seinen 911 w�rde fahren d�rfen, jedenfalls f�r die Zeit des F�hrerscheinentzugs. Leveke fuhr kein Auto und trank auch nicht.</p><p>Noch lief Marleen im Tempo des Kollektivs, aber sie begann sich zu f�rchten vor dem Sommer. Franz, da gab es keinen Zweifel, f�hrte zwei Leben zugleich, oder drei, und hielt sie getrennt wie der Chemiker seine S�uren. Seine charmante Art, anwesend zu sein, ahnte Marleen, war der Perfektion der Auslassung geschuldet. Die Zukunft, das war der blinde Fleck.</p><p>Im Juli kam Franz p�nktlich zur Pr�sentation des� Kleids�. Da waren sie, Kumpel und Spitzel, Liebende und Zerstrittene, Schmidts und einsame W�lfe. Es war zu warm im gro�en Seminarraum, die Tische aufgestellt zu einem gro�en Hufeisen. Alle hatten ihre schwarz-wei�en Fotos ausgepackt und so gelegt, dass Hagen Kluess, der auf der Innenseite des Hufeisens seinen Rundgang machen w�rde, sie sehen konnte. Einige standen, weil sie keinen Platz gefunden, oder weil ihre Arbeiten nicht fertig geworden waren, im Hintergrund. Marleen sa� neben Franz. Sie hatte die beiden Baumbilder vergr��ert, die gro�e Ansicht und das Detail; Franz hatte ein DIN-A4-Blatt vor sich. Darauf stand, mit Schreibmaschine ins wei�e Papier gehauen:</p><p>Anleitung f�r Performance, Juni 1987</p><p>30 Studentinnen der Visuellen Kommunikation� im Kleid �st�rmen die Pressevorbesichtigung der documenta 8,�besichtigen �das Fridericianum. Nach 15 Minuten sind sie urpl�tzlich verschwunden.</p><p>Franziskus Maria Orth, Kassel, im Juli 1985</p><p>Der schwarze Pulk erschien, die Lieblingsstudenten, Hilfskr�fte und Assistenten, und mit ihnen, etwas �bern�chtigt, Hagen Kluess. Er trug den Jeansanzug und neue, spitze Stiefel, die ihn gr��er machten, obwohl er nicht klein war. Ohne Vorrede oder Begr��ung begann er seinen Rundgang, w�hrend der Pulk am offenen Ende des Hufeisens zur�ckblieb. Der Professor beugte sich �ber die Arbeiten, kommentierte sie mit dr�hnender Stimme. Er fand eine Idee� frisch, aber noch nicht wirklich elegant ausgef�hrt�, eine Bildserie� naheliegend, vom Licht her aber magisch�. Nur einmal, bis zur Mitte des Rundgangs, nahm er ein Bild vom Tisch und hielt es hoch. Es zeigte Franz Josef Strau� im Fernsehen, der� das Kleid�, oder eigentlich nur dessen Muster, als Krawatte trug:�Darauf muss man erst einmal kommen. Von hinten durch die Brust ins Auge. �Wer eine empfindliche Nase hatte, konnte den Angstschwei� der jungen Leute riechen, denen Kluess sich n�herte.</p><p>Nun war er bei Marleen. Sie roch nicht, und sie f�rchtete sich nicht. Vor allem war sie nicht Partei. Sie geh�rte nicht zur Sekte. Kluess sp�rte das, wollte sie aber gewinnen. Er hielt ihre Bilder in die Runde, das Graffito als Detail in der linken, den dekorierten Baum in der rechten Hand.</p><p>�M�nnerphantasien�, sagte er.�Nicht �bel, oder?�Er legte die Fotos zur�ck und sah ihr in die Augen. Dann beugte er sich �ber das Blatt von Franz, las es, nahm es, und zerrupfte es in kleine St�cke, die er wie Herbstbl�tter zu Boden flattern lie�:�Hirnschmalz. Hirnwichse. Was wir hier brauchen, sind Bilder, Bilder, Bilder. �Franz stand auf, ein wenig bleich, doch ruhig. Er fixierte Kluess, der ihm auswich. Marleen versuchte, Franzens Blick aufzufangen, bevor er sich abwandte und im �u�eren Bogen des Hufeisens zur T�r strebte, nicht langsam und nicht schnell. Marleen z�gerte. Hagen Kluess war jetzt bei Dorit, der er Komplimente machte. Marleen schob ihre Bilder �bereinander, rollte sie, breitete sie dann wieder aus, packte sie noch einmal zusammen, schob den Stuhl zur�ck � er kreischte � und folgte Franz, der schon l�ngst drau�en war. Sie schloss die T�r hinter sich, lief, lief, rief nach ihm, Franz, Franziskus, Franz, aber er war nirgendwo, er wartete nicht, er sa� nicht in der Mensa, er hatte sich nicht in der Bibliothek versteckt. Dort verzog sich Marleen im oberen Stockwerk hinter das letzte Regal und weinte stumm.</p><p>So wie Kurzsichtige, deren Brille zerbrochen ist, schreckhaft erscheinen, so war auch Marleens Sicht der Dinge pl�tzlich verk�rzt, der Tastsinn verl�sslicher als der Orientierungssinn. Hilfe h�tte sie gebraucht. Alles, was Franz in der Wohnung hinterlassen hatte, war eine Klemmlampe und die gerahmte Zeichnung an der Wand. Kein Gru�, nichts. Der Schl�ssel im Briefkasten. Franz war einfach verschwunden. Sie sa� unbeweglich am K�chentisch, vor sich ihre Fotografien, und starrte an die gr�ne Wand, w�hrend sie sich fragte, ob er sie ohnehin hatte verlassen wollen; ob er sie, auch wenn es so schien, gar nicht wirklich verlassen h�tte; ob er � wenn sie bei Kluess sogleich aufgestanden und demonstrativ mit ihm gegangen w�re � jetzt mit ihr hier sitzen w�rde. Eine Antwort fand sie nicht. Sie hatte gro�en Hunger, es wurde irgendwann dunkel, auf sehr steile, dramatische Art, denn die K�che lag zum Hinterhof, und Marleen sa� immer noch da, wund, verw�stet, leer; die Frau ist Brei, schie�t es ihr durch den Kopf, die Frau ist das Meer. Aber was soll das bedeuten?</p><p>Sie isst wenig, schl�ft kaum, verpasst am n�chsten Tag die Endsemesterpr�sentation bei Tomas Weingart, gr�belt wieder bei D�mmerung. Sie rei�t sich da raus, indem sie zu putzen beginnt, erst Franzens Bett abzieht, dann staubwischt, dann den Herd auf Hochglanz bringt, und als sie die Wischlappen sucht, findet sie eine Plastikt�te, in der zwei Dosen Lack unangebrochen aufbewahrt sind, mit einem Sortiment von Pinseln und Terpentin. Sie �ffnet die Dose mit einem Schraubenzieher und ist sofort benebelt von den D�mpfen. Sie malt eine Probe zwischen Herd und K�hlschrank, ein zun�chst w�ssrig-blasser, dann, beim �berstreichen sich tiefrot schlie�ender Fleck. Sie tr�gt den Tisch in den Flur, r�ckt die Ger�te ab, bringt Fotolampen rein und schrubbt nun den gelackten Sockel, ein erster Angriff, das darf noch einmal gl�nzen, bevor es verschwinden wird, dieses Pseudogr�n, dieses Nichts. Eine Stunde vor Mitternacht beginnt sie, w�hrend die alten Fragen in ihrem Kopf kreisen, den Sockel, alles vom Nabel abw�rts blutrot zu �bermalen. Sie wei�, die Farbe wird am n�chsten Tag ein mattgl�nzendes Kaminrot sein, ein mexikanisches Rot, so wie der Dosendeckel es in Form eines Punktes zeigt, aber jetzt ist es ein Aderlass, ein R�tteln am wehrlosen Opfer, ein rotes Verspritzen, Tr�ufeln, Verlaufen, die ganze K�che eine Riesenwunde, pulsierend, ein ge�ffnetes Herz. Es tut so gut, sie schl�ft bei 500 Watt Beleuchtung auf dem K�chenstuhl ein, als sie fertig ist gegen Morgen. Es mag Mittag sein, als es l�utet � das L�uten ist aber ein lautes Schnarren, das wie Nadeln unter die Haut geht �, und Marleen, unser Wrack, �ffnet wie in Trance. Es ist Esme mit zwei Koffern.</p><p>�Esme, nein.�</p><p>�Bitte.�</p><p>Esmeralda, nach dem Familienbesuch in Murcia an Weihnachten, nahm Abschied von allem, was sie hatte sein sollen. Sie schrieb den Eltern selten und war zuletzt zu Pfingsten in der Kirche gewesen. Alle nannten sie Esme, und sie sprach lieber Deutsch als Spanisch. Sie pendelte zwischen Hochschule und Wohngemeinschaft. F�r Dorit hatte sie nackt Modell gestanden und f�r zehn Leute Paella gekocht. Von Hendrik M�ller als Liebschaft entdeckt, weich gemacht, weitergereicht, war sie bei den Schmidts in eine M�nage-�-trois gefallen, fast kein Abend ohne Besuch von J�rg oder von Axel, wobei J�rg zu den Schmidts geh�rte, Axel nicht. Aber J�rg und Axel waren gute Freunde &#x2012;�Oder wie nennt man so was?�&#x2012; und wenn J�rg bei Esmeralda blieb, schlief Axel in J�rgs Zimmer. Wenn J�rg, der fr�her aufstand als alle anderen, sein Zimmer brauchte, wechselte Axel zu Esmeralda, und bevor ihr Tag begann, war sie zwei Jungen zu Gefallen gewesen,</p><p>�Man riecht dann richtig, das kannst du dir gar nicht vorstellen.�</p><p>Aber Marleen konnte sich das durchaus vorstellen, Franz und sie hatten sich auch nicht immer gewaschen, bevor es wieder losging. Marleen rollten die Tr�nen herunter, w�hrend Esme erz�hlte, und diese f�hlte sich gut verstanden.</p><p>�Sie wollen am Ende alles von dir. Nix ist denen heilig. Sie wollen dein Haar, deine Augen, deinen Mund, deinen Busen ��</p><p>Marleen rang sich ein mattes L�cheln ab.</p><p>�Sie wollen dich von oben begucken und von unten. Sie wollen deine, du wei�t schon ��</p><p>�Deine Scheide�, sagte Marleen,</p><p>�� sie wollen das von hinten und von vorn, am besten noch zugleich, und dann gibt es ja auch noch das sch�ne Poloch. Und ich habe mich da drauf eingelassen, J�rg und Axel, f�r die war das so eine Art ��</p><p>Marleen fing an zu lachen unter ihren Tr�nen. Was ihr schmerzhaft fehlte, hatte Esme zu viel. Was f�r eine Koalition von Pechv�geln.</p><p>�Jedenfalls wei� ich nicht, wie ich wieder nach Hause fahren soll. F�r meinen Vater bin ich das kleine M�dchen, die J�ngste, ich soll sp�ter mal �gut� heiraten und so. Dar�ber habe ich gesprochen, ich meine, am K�chentisch der Schmidts wird �ber alles gesprochen. Und gestern Abend war Hendrik M�ller bei uns, und das Thema kam drauf, und wei�t du, was er gesagt hat?�</p><p>Marleen, keine Tr�nen mehr, sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Der sagt: �Ach Esm�, das macht doch �berhaupt nichts, so ein bisschen m�nnlicher Samen in dir drin�, und die Jungs grinsen, und die M�dchen nicken wie bekloppt.�</p><p>Marleen:�Aber es macht was aus.�</p><p>Esme:�Es macht klar was aus. Es macht sogar in Kassel was aus. Ich meine, guck dir doch mal die M�dchen an, wie Brit oder so, die das nicht wollen oder irgendwie nicht hinkriegen, und alle reden hinter ihrem R�cken. Aber in Murcia erst, wenn ich das beichte, ich meine, wenn ich die Wahrheit sage, was die mit mir gemacht haben ��</p><p>�Gemacht haben?�</p><p>Jetzt fing Esme an zu weinen,�Was ich gemacht habe! Ich bin eine Hure � dann stecken die mich in ein Kloster � und ihr ��</p><p>Marleen strich Esme, deren Kopf nun auf dem K�chentisch lag, �ber den Nacken,</p><p>�Dann seht ihr mich nie wieder!�</p><p>Nicht, dass Marleen nicht wusste, wovon Esme sprach. Sie dachte an den Bleisatz, wo man alles seitenverkehrt sah, ein Fl�stern, selbst der komplette Schriftblock,�der fixierte Satz �noch ein Geheimnis, und dann, wenn man mit dem Quast dr�berfuhr, das Papier bedruckte, schlug einem der Text entgegen, die Wirkung gesteigert, solange die Druckfarbe feucht war. Was das spanische M�dchen, das da aufgel�st in ihrer mexikanisch roten K�che lag, als Weg in die Verdammnis schilderte, kam Marleen keineswegs absto�end vor, vielleicht sogar beneidenswert.</p><p>Es brauchte zwei Tage und zwei N�chte, bis Esme aus dem Dunst ihrer Reue hervorkroch. Sie hatte �ber ihrem Bett die gerahmte Zeichnung bemerkt. Es war die Portraitstudie eines vergn�gten Lausbuben, der einen Gegenstand halb verborgen in seiner rechten Hand hielt. �ber seiner Schulter erschien ein weiterer Bube, mit einem festeren Gesicht und ausgef�hrtem Kragen.</p><p>�Nein�, sagte Marleen.�Es ist die gleiche Figur. In einem Gesicht finden sich alle Regungen.�</p><p>�Aber beide sind lustig.�</p><p>�Ja, auf unterschiedliche Art, das stimmt.�</p><p>�Wer hat es gemacht?�</p><p>�Gezeichnet? Das wei� ich nicht. Irgendjemand, vor hundert Jahren.�</p><p>�Was bedeutet es f�r dich?�</p><p>�Es bedeutet einen Unterschied, der keinen Begriff von Zeit braucht. Es soll, glaube ich � Es handelt vom Charakter. Der Charakter ist st�rker.�</p><p>�St�rker als was?�</p><p>�Als alles andere.�</p><p>�Meinst du?�</p><p>�Nein, das meint Franz. Das hat Franziskus gesagt.�</p><p>Esme sah Marleen an, Marleen das Bild. Pl�tzlich verstand Esmeralda, und sie dr�ckte das h�lzerne deutsche M�dchen an ihren warmen spanischen Busen, bis es nachgab. Als es unausweichlich wurde, die Tr�stung anzunehmen, begriff Marleen, was sie verloren hatte.</p></section><section><title><p><strong>Die Pomona</strong></p></title><p>Die Pomona 133 war unter Kindern beliebt gewesen, wahrscheinlich, weil der Fernsehraum �ber dem Garten schwebte, oder noch wahrscheinlicher, weil es f�r das Fernsehen keine Regeln gab. So kam es, dass sich Kinder auf einem wei�en Flokati niederlie�en wie ein Rudel Robben auf einer Scholle, um die Sesamstra�e zu sehen und das, was danach gesendet wurde, wobei es um die Programme zum Streit kam. Dadurch l�ste sich die Gruppe auf, die Siegreichen vor dem Fernseher vergr�tzt, weil alleingelassen, die anderen im Garten, den Fischreiher bestaunend oder Rauchzeichen sendend vom Bauhaus aus. Petrus Schuller wollte beweisen, dass� Kinder ihren eigenen Weg durch den Mediendschungel finden, vielleicht besser als wir selbst�, was bei anderen Eltern keineswegs auf Zustimmung stie�.</p><p>Hannelore Schuller fand es unbedenklich, wenn Kinder Schnulzenparaden guckten und die sch�nsten Peinlichkeiten im Garten nachstellten. Bedenken kamen ihr erst, als Marleen vor ihrer Einschulung begann, sich f�r Western zu interessieren, komplizierte Fabeln um Recht und Gesetz, die mit Schie�ereien endeten, so dass bei offenem Fenster die Pomona 133 klang wie Bonanza. Von ihrem Atelier aus konnte sie die Sache nicht wirklich verfolgen, aber ein gutes Zeichen war es gewiss nicht, wenn Marleen darauf bestand, sie gucke nicht alles, sondern nur den Anfang und das Ende, und sich dann angew�hnte, den Ton abzudrehen.</p><p>Die Entdeckung der Pomona: Mit der Dauphine �ber die Rheinkniebr�cke von der D�sseldorfer Altstadt nach Oberkassel, irgendwie im Hafen verirrt, auf die Neu�er Innenstadt zugehalten, das M�nster als Orientierung, s�dlich wieder raus, und wenig sp�ter die Einfahrt zur Plantage entdeckt. Die Pomona war schon weitgehend parzelliert, teils noch ungerodet, teils schon bebaut. Zur�ck nach D�sseldorf, erster Stock in Unterbilk, zwei Apfelbl�ten nicht mehr dran gedacht, oder wenn, dann mit vagen Sympathien. Zweiter Ausflug, Lore schon mit dieser Birnensilhouette des sechsten Monats, in der n�chsten Woche den Mietvertrag f�r Pomona 105 unterschrieben, beide, Petrus Schuller, Hannelore Schuller, den 20. August 1963. Die Kollegen in der Agentur haben sehr wohl gel�stert:�Zieht ihr in�nen Kleingarten, oder wat?��, noch das Auto eingetauscht, die ausgeblichene Dauphine gegen einen roten Alfa Romeo, damit die Leute in den anderen Reihenh�usern nicht d�chten, man geh�re dazu. Auf der Pomona war niemand� in der Werbung�, einerseits. Andrerseits leiht jeder, der Kinder hat, beim Nachbarn Butter und Milch.</p><p>Lore in der Nacht zum 23. November, die Wehen hatten schon begonnen, um sie herum das Raunen der fatalen Nachricht aus Amerika, war hineingeworfen in eine Zeitenwende, der Leichtigkeit beraubt, der sch�tzenden Blase, die sie umgeben hatte. Petrus schwadronierte von der Abrechnung mit dem� katholischen Pr�sidenten�, den die Puritanergesellschaft nicht ertragen habe, als h�tte er vergessen, dass Lore um seinetwillen konvertiert war. Etwas von der protestantischen Sorge um die Welt fiel in diesen Tagen auf sie zur�ck, in ihren Armen Johanna, das Baby mit den schwarzen Augen.</p><p>Als Lore ihn kennengelernt hatte, hatte Petrus Pomade im Haar gehabt, eine richtige Tolle, Mann und Junge in einem. Er war bei Brad Kilip &amp; Partner mit vierundzwanzig der J�ngste gewesen, eingestellt als jemand, der die �bertragung der Kampagnenentw�rfe auf wechselnde Illustriertenformate beaufsichtigen sollte, innerhalb eines Jahres die rechte Hand Oberholtzers geworden, des Assistenten von Kilip. Hannelore Fleck hatte er mit ihrer Mappe im Sekretaritat abgefangen und eine halbe Stunde sp�ter Oberholtzer vorgestellt,�Ober, sehen Sie mal, das ist die Fleck, die hat eine lockere Hand. �Am n�chsten Tag wurde sie angestellt.</p><p>Nicht, dass sie mit zweiundzwanzigeinhalb, Abg�ngerin der K�lner Werkschulen, einen Ehemann gesucht h�tte, aber das Leben als Fr�ulein Fleck unter dem Dach einer Beamtenfamilie in Kaiserswerth, kein Besuch nach zwanzig Uhr, bitte sch�n, war nicht das gewesen, was sie sich unter rheinischer Lebensart vorgestellt hatte. Petrus hatte immerhin zwei Zimmer in Unterbilk, ein bisschen dunkel, aber hoch und mit Stuck, Musiktruhe, Boschk�hlschrank, Biedermeiersofa � dieses geerbt �, und Ende Mai �58 war es schon so weit, ein paar Gl�ser Alt in der Altstadt, mit der Dauphine am Rheinufer auf und ab, lange Blicke vom Fahrersitz zum Beifahrersitz und zur�ck. Der Abend sollte unvergesslich bleiben, weil das Biedermeiersofa mittendrin zusammenbrach, w�hrend im Nebenzimmer, kritt-kritt, eine Single von Chuck Berry auf der Leerrille lief.</p><p>Nach Kennedy wurden sie zum ersten Mal unter den Ostermarschierern gesichtet, Lore in einem blau-wei�-gestreiften Rock wie umgedrehte Melittatasse, Johanna in einem Vorkriegskinderwagen mit riesigen Speichenr�dern, Petrus in seinen affigen Slippers mit Ledersohle:�Nie wieder Krieg!�und� Atomwaffen niemals!�(und nie wieder Sonntagsschuhe). Von zweihundert Teilnehmern waren sieben junge Paare aus der Pomona dabei, leicht zu erkennen an den Kinderwagen und Sportkarren. Auf der Pomona gab es keine Omas zum Aufpassen.</p><p>Im S�den der Siedlung war ein Rest der Plantage stehengeblieben, eine enorme Wiese, eine Senke zur Bundesstra�e hin, die Verbindung mit der Br�cke nach D�sseldorf. Petrus fuhr selbst jeden Tag zweimal an der Siedlung vorbei, mit sechzig im vierten Gang, bevor er abbog, aber mit seiner guten Absicht war er wohl allein. Gewiss waren die Grundst�cke in der Senke die besten, der Siedlung abgewandt und nicht teuer, schon gar nicht im Vergleich zu D�sseldorf; aber der Krach! �ber dieses Thema war Petrus, n�mlich beim Ostermarsch 1965 (jetzt: Hush Puppies mit Kreppsohle), zur kleinen Gruppe der Pomos gesto�en, die lange berieten, den Siedlungsarchitekten befragten, mit den �mtern telefonierten, um schlie�lich, am 1. August 1967, der Stadt Neu� vorzuschlagen, einen Erdwall aufzusch�tten, um ein� ruhiges Wohnen im Gr�nen�, wie einst versprochen, wieder m�glich zu machen. Ein Debakel ahnend, begann die Erschlie�ungsgesellschaft, Konzessionen beim Kaufpreis zu machen. Befl�gelt von der eigenen Aktivit�t, erwarben die Schullers Pomona 133, eines der gr��ten Grundst�cke �berhaupt, und zahlten es, wie Oberholtzer staunte,�aus der Portokasse�. In der Tat war bis dahin genug angespart. Es reichte sogar, um den Alfa zu behalten und einen nagelneuen VW Variant Kombi in Leuchtendorange dazuzukaufen. Der allerdings L�rm machte f�r zwei.</p><p>Lore hatte ein helles und empfindliches Gesicht, in dem man lesen konnte, Tr�bnis zu erkennen an einem Quellen der Augen, Freude daran, wie sie kleiner wurden, kristallin, graublaue Murmeln, da fiel weggucken schwer. Petrus� Z�ge waren schon damals ledern und streng, die Brauen, dunkel, trafen sich fast in der Mitte, der Mund eher silbern als rot, etwas von einem Seetier, das man findet und �ffnet; ein h�hnischer Zug, der sich verkehren konnte in epikureisches Grinsen. Lore war klug genug, nichts gegen Elvis zu sagen, weil das das Herz eines Mannes verh�rtet und seinen Stecken weichmacht; sie setzte aufs Gegenteil. Kaum hatte es angefangen, ahnte sie, dass es nicht leicht werden w�rde. Er war in Nebensachen beredt und in Hauptsachen schweigsam. Die Leichtigkeit der ersten Wochen, immer am Rande der Groteske wegen der Verh�tung, war ihre eigene gewesen, ein Geschenk an ihn, etwas, das von ihrer Familie kam und das er nahm, als w�re es selbstverst�ndlich. Sie hatte die Schritte der flotten T�nze bald gelernt, die die �lteren unanst�ndig fanden; mit Polka hatte sie es schlie�lich auch nicht. Petrus war hingerissen gewesen, was der Rock�n�Roll mit den Gesichtern der M�dchen machte, ein Als-ob, die offenen M�nder, die schwach werdenden Augen. Aber sie blieben �ngstlich, das notorische Lichtaus, rankommen schon, aber. Dagegen Lore: der Tanz prima Routine, mehr nicht, ihre Nacktheit aber grazi�s, ihr Wohlsein darin offensichtlich. Und dann gab es noch eine �berraschung, als der Paartanz pl�tzlich altmodisch und die Musik immer schw�rzer wurde, lockerer, Bl�ser dazu: Das passte zu ihr, diese Mischung aus Einknicken und Boxen � oder wie sollte man das beschreiben?�� , noch mit Pferdeschwanz und doch schon in einer anderen Zeit.</p><p>Ernst und entschlossen war Johanna ihrem Vorkriegskinderwagen entstiegen, ein Kind von furchteinfl��ender Ruhe, das Petrus auf den Schultern trug wie eine Troph�e, ein Abbild seiner latinischen Physiognomie. Marleen kam beinahe glatzk�pfig zur Welt und wurde ein blondes Kind, so dass man h�tte sagen k�nnen, Gleichstand erreicht und Schluss. Vielleicht gab die Pomona den Ausschlag, der Rhythmus von Apfelbl�te und Frucht, der Eindruck, dass die Kinder aus den Vorg�rten in die Stra�en rollten. Jedenfalls war Marleen noch nicht ein Jahr alt, als Lore wieder schwanger wurde und Cristina also das, was man im Showbusiness die Zugabe nennt, der vertraute Song, aufgespart, um ihn dem atemlosen Publikum glitzernd zu F��en zu legen.</p><p>Johanna hatte fr�h laufen gelernt, um den �berblick zu behalten. Zur Verwunderung der Pomos weinte sie lautlos. Sie gab kampflos den h�lzernen Babysitz an Marleen ab, die ihrerseits ein H�llengeschrei machte, als sie von Cristina entthront werden sollte, so dass Petrus gen�tigt war, aus D�sseldorf einen zweiten mitzubringen; die j�ngeren Schwestern sa�en sich dann gegen�ber wie K�nigin im Spiegel. Johanna war erst drei und f�tterte Cristina wie eine Amme; mit vier las sie fl�ssig. Und wenn man ihr mit sechs die Bauaufsicht f�r die Pomona 133 �bertragen h�tte, w�re sie damit nicht ungl�cklich gewesen, eine Soldatin der Familie, der Stra�e, der Siedlung.</p><p>Vielleicht war es die stolze Vorgeschichte der r�mischen Gr�ndung � erfolglos belagert!�� , die es dem Rat der Stadt so schwer machte einzusehen, dass man ausgerechnet am Rand der Pomona einen Wall errichten m�sse. Und das nur wegen des Motorenl�rms. Die Pomos schlugen vor, bei der Vermessung und Errichtung selbst t�tig zu werden, und wollten sogar die Kosten �bernehmen, was den �mtern gar nicht gefiel, wo k�me man hin, wollte man dem gemeinen Volk die Ausf�hrung der Stadtbefestigung �bertragen. Jedenfalls, am 21. November 1968 beschloss der Rat dieser Stadt, einst Novaesium und Nussia, dann Nuys und Neus, Neu� abzuschaffen und stattdessen� zur Herbeif�hrung einer einheitlichen Schreibweise �die Stadt forthin Neuss zu nennen. Nie sollte jemand behaupten k�nnen, die gro�en Umw�lzungen der Zeit w�ren an der linksrheinischen Festung vorbeigegangen.</p><p>Was nun die Pomona betraf, geh�rte die �berhaupt zu Nuys? War diese Siedlung nicht ohnehin das gl�cklose Anh�ngsel eines zuk�nftigen Autobahnsystems, so dass sich die rebellischen Bewohner ans Landesstra�enbauamt wenden mussten? Und gab es nicht jenseits des Stadtkreises eine Unzahl von D�rfern und Siedlungen, gerahmt von Bundesstra�en und Autobahnen, die man, wenn das Beispiel der Pomona Schule machte, zu Sandburgen w�rde aufwerfen m�ssen? So leid es der Stadtverwaltung tat, da konnte man erst einmal gar nichts machen. Und �brigens: Wahlen standen an.</p><p>Eine solche Situation zu betrachten, gibt es zwei M�glichkeiten. Entweder stellt man fest, die L�sung ist nicht in Sicht. Oder man kommt zu dem Schluss, der R�ckweg zum Nichtstun sei versperrt und die Verantwortlichen w�rden demn�chst gegen den eigenen Willen zu handeln gezwungen sein. So dachte Petrus Schuller, ganz und gar ein Mann der Werbung, der es verstand, den Platz zu deuten, der sich zwischen R�ckschritt und Vorteil auftut, und deshalb, durchaus zum eigenen Nutzen, das Rad der Geschichte weiterzudrehen. Er brachte aus D�sseldorf einen Architekten mit, der, zwei Meter lang, den Beifahrersitz im Alfa ganz zur�ckfuhr, w�hrend Oberholtzer, der den Architekten empfohlen hatte und nur aus Neugier dabei war, auf der Fahrt �ber den Rhein Petrus in den R�ckspiegel sprach.�Das ist ja allerhand�, sagte Ober, nachdem er ausgestiegen war, sich die Knie unter seiner B�gelfaltenhose massierend. Da das Grundst�ck auf der Pomona keinen Zaun hatte, musste man sich erst einmal vergewissern, wo es endete.</p><p>Als w�ren seine Interessen nicht ber�hrt, lie� der Architekt h�ren:�Wenn dat W�llschen nit k�tt, sidder ihr aber jearscht. �Noch waren die M�nner unter sich.</p><p>Die Pomona 133 war �ber einen Stichweg zu erreichen, an dem linker Hand leicht absch�ssig drei Grundst�cke lagen. Das erste grenzte an den Siedlungsrundweg, das letzte an die Reste der Plantage dort, wo der Wall entstehen sollte, und das mittlere pr�sentierte Petrus schlie�lich als seins. Z�hlte man die drei angrenzenden Grundst�cke dazu, deren Zugang der n�chste Stichweg sein w�rde, ergab sich ein Karr�e von insgesamt sechs Grundst�cken.</p><p>�Dat macht drei Grundst�cksgrenzen, aber f�nf Komposthaufen, der eure nit mitjereschnet�, fasste der Architekt zusammen, der sich die zuk�nftige Bebauung lebhaft vorstellte.</p><p>Petrus verstand.�Das an der Ringstra�e wollten wir nicht, das ist das gr��te. Das in der Senke ist zu klein. Dieses ist ein Quadrat. Das gibt einem alle Freiheiten. �Er zupfte Unkraut von einem wei�grauen Quader, der die S�dostecke markierte.</p><p>�W�rde ich dichtmachen wie eine Burg�, sagte Ober.</p><p>�Einmal rum mit Atrium, dann is aber nix mie �brisch�, hielt der Architekt dagegen.�Wie hoch darf dat denn sin?�</p><p>Petrus:�Neun und ein paar Zerquetschte. Klassischer Dachfirst, wenn man einen will.�</p><p>Architekt:�Da k�nnt man drauf verzischten.�</p><p>Ober:�Es muss ja nicht die Villa Savoyen sein.�</p><p>Architekt:�Wieso nit?�</p><p>Von der 105 bis zur 133 waren es nur vier Minuten Fu�weg, aber der hatte etwas von einer R�ckkehr ins Paradies. Erst die Reihenhauszufahrt, K�che an K�che und Klo an Klo, dann die mittlere Bebauung, rotgraue Klinkerh�user inmitten schlummernder G�rten. Schlie�lich, s�dlich der Ringstra�e, die Reste der Apfelbaumplantage, jenseits der Bl�te und die Fr�chte kaum zu erahnen, so wie bei Lore selbst. Petrus war nicht der Katholik, dessen Sender auf Radio Vatikan stand,�Du bringst mir zw�lf Kinder zur Welt, und wenn du dran stirbst�, so nicht, aber er hatte sie dennoch bedr�ngt, die Antibabypille abzusetzen.�Es w�re so gut, noch einen Jungen zu haben�, und dann, als die Periode ausblieb, war er umgeschwenkt und hatte beteuert, um ein M�dchen w�re er genauso froh. Dreimal hatte Lore bei Kilip &amp; Partner ausgesetzt und war zuletzt im Herbst �67, nach Cristina, in die Agentur zur�ckgekehrt, Hose statt Rock, die Haare halblang, vier Wochen Konfusion wegen der neuen Spraytechnik, Illustrationen mussten jetzt gl�nzen wie die Motorhauben von Autos.</p><p>Am anderen Ende der Pomona traf Lore auf die Trias. Der Architekt hatte gerechnet, f�nfzehn Prozent des Baumbestands k�nnte man belassen. Garten nach S�den �ffnen, klar. Auf einen kleinen Notizblock mit dem Namenszug einer Altbierbrauerei hatte er einen zweist�ckigen Bau mit Flachdach gezeichnet, der teils auf Pfeilern stand. Herzliches Willkommen f�r Frau Schuller, diese �berrascht von Oberholtzers Anwesenheit. Zu viert standen sie an der s�dlichen Grundst�cksgrenze und deuteten auf ein imagin�res Haus: Die Fassade guckt nach Westen. Der Servicetrakt nach vorn, aufgebockt entlang des Stichwegs, Zufahrt zu Hof beziehungsweise Garten drunterweg. Der Wohntrakt wird als Riegel dazu quergestellt, teils aufgestockt, kommt auf die Zahl der Kinder an. Nach oben muss auf jeden Fall, wegen des Oberlichts, das Atelier.</p><p>�Was f�r ein Atelier?�, fragte Lore.</p><p>�Dat von �sch, gn�dije Frau�, sagte der Architekt.</p><p>Bald war der Baugrund sondiert, das Grundst�ck vermessen, wurden die B�ume gef�llt und die Wurzeln ausgegraben, und vor dem Frost stand die Unterkellerung komplett. Johanna mit riesiger Platzwunde am Nikolaustag durch einen Sturz, obwohl das Spielen auf dem Baugrundst�ck verboten war.�Oder deshalb�, wandte Petrus ein.�Vielleicht sollte man den Kindern zeigen, wie das geht.�</p><p>Seine Gabe, das Unvermeidliche kommen zu sehen: Im M�rz r�ckte die Stadt Neuss mit drei Schaufelbaggern an und begann Abbruchmaterial, das von Sattelschleppern gekippt wurde, zu einem Ringwall aufzusch�tten. So bauten die Stadt und die Schullers um die Wette, die Schullers waren zuerst fertig, am 1. November 1970 war Umzug, bei den Wallarbeiten Winterpause, im Februar ging es weiter. Der S�drand der Pomona sah aus wie eine Mondlandschaft. Die Kinder standen morgens um acht am Fenster, Panoramasicht auf die Gro�baustelle, weil das S�dgrundst�ck noch unbebaut war. Lore wusste, dass sie jetzt nicht durchdrehen durfte, die H�lle der Mutterschaft. Das irgendwie zu sch�ne Atelier. Es war gro�, licht, sauber, mit einem Marabuzeichentisch unter dem Oberlicht.�Ist meine Erfindung�, hatte Ober bei der Einweihung gescherzt. In der Tat, er hatte herausfunden, wie man die R�ckkehr der angeheirateten Illustratorin in eine hektisch expandierende Firma verhinderte.�Auftr�ge gibt es immer, das musst du nicht bef�rchten�, hatte Petrus gesagt, aber dieses Modell f�rchtete sie gerade, dass Petrus Auftr�ge brachte und Entw�rfe mitnahm � und sie bekam nur noch zu sehen, was sie sich selbst ausdachte. Am Kupferkessel l�uft ein Tropfen � eine Tr�ne herunter. Das sieht man nur, wenn man auf sich gestellt ist.</p><p>Die Pomona 133 geh�rte den Kindern. Lore fragte sich, ob es besser sei, deren Leben zu steuern oder sich mit ihnen treiben zu lassen. Sie skizzierte auf dem kleinen Block eine Revuenummer, die Phalanx der Girlies von links als Fragezeichen und von rechts als Ausrufungszeichen. Sogar Linus hatten die M�dchen angenommen wie Spielzeug, sie konnten es gar nicht abwarten, ihn zu baden, zu wickeln und in den Schlaf zu wiegen. Das ganze Kleingem�se aus der Reihensiedlung war dabei, das Ritual minutenweise in den Abend gedehnt; zum Gl�ck hatten die fremden Blagen ihre Zeiten. Johanna war immer die Anf�hrerin, ob es f�nfzehn Kinder waren oder vier. Marleen aber entzog sich.</p><p>Vielleicht war das mit den Western auch nur vorget�uscht. Lore setzte sich ins verlassene Fernsehzimmer, w�hrend eine dieser Serien lief, v�llig unverst�ndliches Zeug, erst recht ohne Ton. Lore setzte sich vor dem stummen Fernseher in einen Sessel. Marleen erschrak ein bisschen, als sie zur�ckkehrte, sie fremdelte vor der eigenen Mutter oder f�hlte sich ertappt, aber �berspielte das, offener Mund, die Augen niedergeschlagen. Sie fl�zte sich auf den Flokati. Vers�hnungsszene in der Familie, �berzogen gespielt. Die Ranch im Abendlicht. Und pl�tzlich sa� Marleen aufrecht, die Beine angezogen und die Arme drum herum geschlungen, den Kopf auf den Knien. Sie r�hrte sich nicht. �ber den Bildschirm lief der Nachspann: Titel, Darsteller, Produktion, die Schrift wie von Hand gepinselt, gezackt, flackernd, wei� auf schwarz. Marleen war sechseinhalb. Als die Ansagerin erschien, lie� sie sich fallen, rollte �ber den R�cken auf die andere Seite, blickte ihrer Mutter in die Augen und wisperte selig:</p><p>�Es ist immer genau gleich. Ganz genau gleich.�</p></section><section><title><p><strong>Ohne Binde</strong></p></title><p>Petrus gab vor, nicht zu verstehen, oder er verstand tats�chlich nicht, als Oberholtzer den T�rrahmen ausf�llte, wo er im Gegenlicht stehenblieb, den linken Arm �ber dem Kopf angewinkelt, als wolle er den T�rsturz aus der Fassung heben. Auf Petrus� Schreibtisch lag so etwas wie ein gyn�kologischer Comic, ungeschickt gezeichnet und beschriftet. Oberholtzer kostete seine Verbl�ffung aus.</p><p>�Werbung f�r Monatsbinden? Da w�rde ich aber eher auf die poetische Schiene setzen�, wehrte Petrus ab.</p><p>�Is� noch nicht so weit. Der Prokurist von der Hahn Kommanditgesellschaft tr�umt von einer Brosch�re, mit der er die fachliche �rzteschaft erreicht, mindestens, und damit alle Frauen und M�dchen im entsprechenden Alter, die sich dat dann aussuchen sollen.�</p><p>�Aussuchen?�</p><p>�Binde oder Tampon.�</p><p>Fast h�tte Petrus gefragt, was das sei, ein Tampon.</p><p>Er schwieg f�r einen Moment. Durch sein gekipptes Fenster brachte eine Brise den L�rm der Wirtschaftsstadt herein, ein Schieben und Poltern, als w�ren die Gehirne Lochkartensysteme in Bewegung.</p><p>�Und die hei�en ausgerechnet Hahn?�</p><p>�Warum nit?�</p><p>�Na besser als Storch.�</p><p>�Jung, die machen keine Pariser, die machen Tampons. Lass dir dat zu Haus mal erkl�ren. Und da kannste auch die Jem�lde bestellen.�</p><p>Am Nachmittag stand Petrus im Buchhaus vor dem Regal mit p�dagogisch wertvollen Ratgebern und wunderte sich �ber die Vagheiten des aufkl�renden Schrifttums. Nur der Sexualkunde-Atlas, versehen mit dem Vorwort einer progressiven Ministerin, gab Einsicht in den weiblichen Genitalapparat in einer Weise, dass sogar Petrus sich das ungef�hr vorstellen konnte. Er kaufte zwei Exemplare. Eins lie� er im B�ro, das andere w�rde er Lore zeigen, wenn die Kinder im Bett w�ren, oder wenigstens in ihren Zimmern. Man hatte sich gegen feste Zeiten entschieden, die M�dchen sollten lernen, den Tag und also auch die Nacht selbst zu planen.</p><p>Er hatte es nicht eilig, als er den roten Alfa aus D�sseldorf heraussteuerte. �ber der niederrheinischen Landschaft lag ein rosa Schimmer, eher der Verdacht einer Landschaft, einer Ausdehnung in die Ferne, die bis zur Nordsee reichen musste. Man sah eigentlich nichts, solange man sich bewegte. Also begann er, das Wolkenbild als Spiegel der Landschaft zu lesen, die sich verbarg, Schafherden, Nebelgeister. Der neue Auftrag verwirrte ihn.</p><p>Dass alles abh�ngt von Marias Blut. Ach, Unsinn, es soll das Blut Jesu sein. Ein Mensch von Fleisch und Blut, von einer Jungfrau geboren. Was dann einer Defloration per Geburt gleichk�me. Die Vermischung des Blutes des Hymens mit dem Blut der Plazenta. Das Blut als Zeichen der Fruchtbarkeit. Des Todes. Der Erneuerung. Der Verwandtschaft. Eine Verwandtschaft nur m�tterlicherseits. Kein Wort �ber die �chtung Marias. Der Wein als buchst�bliches Blut. Jedenfalls bei uns; bei den Protestanten vielleicht nicht. Die Angst der Frauen vor dem Blut, weil es die Scheide zur Wunde macht. Mit der Lanze reingestochen, um zu sehen, ob Jesus noch lebt. Zerst�ren diese Tampons nicht das H�utchen? Hatte Lore ihrs damals noch? Nimmt sie �berhaupt Tampons? Manchmal? Nie? Nehmen Protestantinnen eher welche als Katholikinnen?�� Ein rosa Schwamm im Westen, als er hinter der Pomona von der Stadtautobahn abbog.</p><p>Petrus hatte immer schon diese ausladenden Gesten gehabt, das �bertriebene Stirnrunzeln, den Gockelgang, den Charme eines Jungen, der seine Anz�ge zwei Nummern zu gro� tr�gt. Ein gewisser Stolz befiel ihn in Lores Atelier, mit der k�hnen gebogenen Stehlampe, die in einem kleinen Schirm �ber dem schr�ggestellten Zeichentisch endete, das Oberlicht jetzt schwarz. Im gro�en Fenster zeigte sich das Atrium als Nachtszene, in die ein matt leuchtendes Trapez geschnitten war. Das war das Licht vom Atelier selbst. Darin erschien gelegentlich eine riesige Figur mit zwei erhobenen Armen, wandernd, das war Petrus, ein Wei�weinglas in der Rechten und eine Camel-ohne in der Linken. Lore, am Zeichentisch, beugte sich �ber das Blatt, nahm einen feinen Pinsel, tauchte ihn in schwarze Tusche, tupfte ihn auf dem Schmierblatt fl�chtig ab, und schon sprang der Umriss des weiblichen Unterleibs vom Wei� des Blatts dem Betrachter entgegen. Petrus war hinter ihr stehengeblieben. Er sagte dazu nichts, weil er wusste, dass dies noch kein Entwurf war, nur ein Gedanke, aus dem Dunkel gefischt und festgehalten. Es gab Leute, die dachten in Bildern, und Lore war eine von ihnen.</p><p>Sie studierte den Leporello aus dem Hause Hahn.�Das ist ja ein ganz h�bsches Storyboard.�</p><p>�Also, wenn ich das richtig versteh��, sagte er,�dann richtet sich das an Frauen und erkl�rt ihnen die Umst�nde der Regel. Aber ist das n�tig?�</p><p>�N�tig f�r was?�</p><p>�F�r die Frauen, f�r die M�dchen. Ist das nicht Eulen nach Athen tragen?�</p><p>�Mehr als eine Eule kann ja nicht schaden.�</p><p>�Sind das nicht Sachen, die besser die M�tter ihren T�chtern erkl�ren?�</p><p>�Petrus, das ist ja ein ganz neuer Zug an dir. Wenn es um Autos, Deos, Limonaden und Zigaretten geht, dann glaubst du, dass die Welt Mangel leidet, dann ist dir kein T�t�r�t� zu viel. Warum nicht f�r dieses o.b.?�</p><p>�Sag mal � Hast du mal so ein � so ein o.b.?�</p><p>�Meine G�te, du bist aber aufmerksam. Habe ich nie benutzt. Bisher haben Binden gereicht.�</p><p>�Gereicht?�</p><p>�Ich meine, ich habe nie dr�ber nachgedacht. Ich bin nicht einmal darauf gekommen, Tampons auszuprobieren.�</p><p>�Das ist ja ideal�, sagte Petrus.�Du bist die moderne Frau �berhaupt. Du bist Mutter einer Tochter von acht Jahren. Du kennst nur das eine Produkt, das andere nicht. Du bist die Zielgruppe. Fangen wir an.�</p><p>Von den Firmengr�ndern im Jahr 1954 waren nur Brad Kilip und Oberholtzer �brig geblieben, aber auch Erika Beh, die Sekret�rin der ersten Stunde. Betriebswitz:�Wof�r steht denn B.?�Daf�r waren Heerscharen dazugekommen, Art-Directors, Texter, Analysten, Fotografen, Illustratoren; alle f�nf Jahre wurden drei neue Berufe erfunden. Man hatte nicht unbescheiden in der Beletage eines halben Altbaus begonnen (die andere H�lfte war im Krieg zerst�rt worden), dann das vierte Stockwerk f�r die Grafik gemietet, sp�ter den Empfang und die Konferenzr�ume ins Erdgeschoss verlegt, so dass die Beletage ein Think Tank wurde. Petrus aber war zufrieden mit� seiner Luke�, wie Oberholtzer das nannte, zwischen Grafik, Lay-out und Retouche. Ambitionen auf ein Chefzimmer hatte Petrus schon deshalb nicht gehabt, weil er es nicht leiden konnte, wenn sich andere bei ihm niederlie�en, er wollte lieber selbst im Haus unterwegs sein, und das Wachstum der Agentur hielt ihn am Laufen. Zuletzt, aber das war auch schon wieder drei Jahre her, hatte Brad Kilip das Hinterhaus gekauft, einen Nachkriegskasten, den man der L�nge nach auf das Gartengrundst�ck gestellt hatte, von Oberholtzer� Baracke �genannt. Die beherbergte den Nachwuchs, merkw�rdige Menschen mit allerlei Ticks. Eine zwanzigj�hrige Illustratorin arbeitete nur auf dem Boden sitzend, ein dreiundzwanzigj�hriger Art-Director hatte sich das Zimmer mit Silberfolie ausgeschlagen. Ganz hinten, hinter dem Archiv, betrieb ein Fotograf seine Dunkelkammer, die aber nicht nach Chemikalien roch, sondern nach Weihrauch � Petrus wusste, dass es kein Weihrauch war, aber es erinnerte ihn an seine Ministrantenzeit �; und vom Uher-Kassettenband kam die Stimme Jerry Garcias, deren rauer Suggestion der Fotograf, Gerd Roellicke, seine Sprechweise angen�hert hatte.�Oh Mann, das ist ja absolut groovy. �In der Baracke nannten sie ihn Grateful Gerd. Ein gro�er Raum, eigentlich die Kantine der jungen Kreativen, war durch ein Tischfu�ballspiel blockiert, wobei das Poltern der routierenden Stangen bei immer offenen T�ren im ganzen Neubau zu h�ren war.</p><p>Am n�chsten Tag, auf dem Weg zur Agentur, fuhr Petrus einen Umweg �ber Unterbilk, vorbei an der alten Wohnung, um zu sehen, ob es die Traditionsdrogerie mit dem Holztresen noch gab. Dieser tanngr�ne Namenszug, leicht schr�ggestellt, da war er. Ganz blass die Adresse der alten Inhaberin in der Glast�r, aber hinter dem Tresen standen zwei junge Frauen, eine pausb�ckige Blonde, der westf�lisch-l�ndliche Typ, und eine Dunkle mit Discotolle und sp�ttischem Mund, zu grell auf Rot geschminkt. Die Vagina im Gesicht tragen, dachte Petrus. Er sagte:</p><p>�Was w�rden Sie einem M�dchen von vierzehn Jahren empfehlen, um die Menstruation ab�, um, empfehlen bei der Monatsblutung. �Die beiden jungen Frauen sahen sich an. Sie verschwanden im System der Regale und kamen mit der ganzen Auswahl, den Binden von Camelia und Mimosept, dem amerikanischen Tampax und o.b. von Hahn, diversen Baumwolleinlagen und sch�tzenden Slips.</p><p>�Und?�</p><p>Die Blonde:�Das gibt�s alles.�</p><p>Die Dunkle:�Mehr ham� wir nich�.�</p><p>Petrus:�Und was w�rden Sie einer Vierzehnj�hrigen empfehlen?�</p><p>Das Landm�dchen machte auf Sphinx, die Discoqueen grinste schief:�Sie meinen, im Fall der ersten Periode?�</p><p>Petrus:�Ja, und f�r die Zukunft.�</p><p>Die Verk�uferinnen nestelten im Sortiment herum.</p><p>Die Blonde:�Am besten w�re eigentlich, sie w�rde selber kommen.�</p><p>Petrus:�Wer?�</p><p>�Das M�dchen.�</p><p>�Ach, sie ist so ungl�cklich. Und ihre Mutter ist verreist. Ich m�chte ihr wirklich nicht das Falsche geben.�</p><p>Das straffte die beiden. Sie standen jetzt grade. Ihre Gesichter wurden milde. Sie begannen, Petrus das Sortiment zu erl�utern, die modernen Binden zum Einkleben, zum Einlegen, die isolierenden H�schen (und wie chic sie doch w�ren, heutzutage), Tampax mit seiner Einf�hrh�lse,�das ist hygienischer�, sagte die Blonde,�aber muss gekonnt sein�, sagte die Dunkle.</p><p>�Und o.b.?�</p><p>�Davon m�ssen wir abraten�, deklarierte die Blonde.</p><p>�Nee, nee�, rief die andere,�die Dinger sind total zuverl�ssig. Mit dem Finger ziemlich tief reinschieben und am B�ndchen wieder rausziehen, das flutscht. �Dann fing sie an zu gackern. Die Blonde err�tete und wandte sich ab. Petrus kaufte alles. Die Dunkle sah ihm zu, wie er vor der gro�en Glasscheibe das Auto r�hrend startete, ihr greller Mund offen.</p><p>�Was war das denn f�r einer?�, fragte die Kollegin.</p><p>�Einer mit Geld�, antwortete sie.</p><p>Oberholtzer hatte zwei Konferenzr�ume� aalglatt �eingerichtet, mit Eamessesseln und Mir�-Grafiken, und dem dritten etwas� Altdeutsches �mitgegeben, damit Kunden wie Ernst Peters, Prokurist bei Carl Hahn, nicht fremdelten. So sa� Petrus Schuller mit Ernst Peters und Oberholtzer im Hirschzimmer, wie die jungen Leute aus der Baracke es nannten, obwohl kein Hirsch zu sehen war, sondern ein kleines Gem�lde aus dem sp�ten neunzehnten Jahrhundert, das einen Gie�er im Schein des Ofenfeuers feierte. Es gab einen Aktenschrank aus deutscher Eiche, einen eckigen Tisch statt eines runden und dar�ber einen gedrechselten Kranz mit sechs Limburger Gl�sern, die geistesabwesend vor sich hin funzelten. Frau Beh hatte Kaffee in der Thermoskanne gebracht, Kaffeesahne, W�rfelzucker, und sich zur�ckgezogen, so dass die M�nner unter sich waren.</p><p>Ernst Peters war ein Haudegen, ein Fossil aus Nachkriegszeiten, mit einer grauen Gesichtsh�lfte; wenn er diese zum Licht wandte, bekam sie ein wenig Farbe, und die andere H�lfte wurde grau. Er hatte sich durchgebissen, das sah man, wenn er die Z�hne bleckte, durch die sein Atem pfiff. Seine Knochen schlotterten im Stresemann. Peters war der Typ, bei dem man nicht wusste, ob er bei der SS gewesen war oder im Widerstand oder ein anderes Geheimnis hatte, das er nicht preisgeben w�rde, nicht unter zwei Promille. Aber Petrus hatte die richtige Idee und fragte Peters nach der Geschichte der Firma Hahn.</p><p>Hahn war ein Automann gewesen, in der letzten m�glichen Nacht vor den Russen gefl�chtet, und hatte dann im Westen Trage- und Haltegurte der aufgel�sten Wehrmacht zu zivilen G�rteln verarbeitet, sein Wiedereinstieg in Herstellung und Vertrieb. Aus einem Care-Paket hatte er einen Warenprospekt gefischt und diesen nach ihm unbekannten Produkten abgesucht, wobei das auff�lligste Tampax gewesen war, ein Baumwollproppen, den Frauen sich mittels eines� Applikators �einsetzen sollten, ein� Unget�m�, wie Hahn herausfand, als er sich das Original aus Amerika schicken lie�. Halb der Not gehorchend, halb der Intuition, verabschiedete er zun�chst� diese H�lse�, schlie�lich setzten Chirurgen saugende Tampons auch von Hand in blutende Wunden, das hatte er selbst im Lazarett gesehen. 1950 lizenziert, konnte man sich einen kleinen, aber steigenden Marktanteil sichern, und schlie�lich bekam die Firma im Tausch f�r eine schwedische Tamponlizenz die Rechte an erstklassigen Binden, Mimosept, so dass Hahn mitten in Europa der Einzige war, der beides herstellte, die Binde und den Tampon� ohne Binde�, den er wegen der Klage eines Konkurrenten, der Name mache die Binde schlecht,�o.b. �taufte. Das war die Idee eines Barons aus dem Bayerischen, der im Krieg Werbung f�r DKW gemacht hatte. Seit Jahren wohletabliert, scheiterte Hahn dennoch, wenn er versuchte, Anzeigen zu schalten. Die� Verletzung guter Sitten �wurde ihm vorgeworfen.</p><p>�Dat is doch Schnee von jestern�, meinte Oberholtzer.</p><p>�Das werden wir sehen�, sagte Peters, mit dem Ernst des Prokuristen Ernst.</p><p>Wie viele Sorten Kunden gibt es? sinnierte Petrus auf dem Weg nach Hause. Es gibt die, die mit dir Katz und Maus spielen. Du bist der Reklamefritze, du bist die Maus. Dann gibt es die, die zu einer Agentur kommen, als machten sie einen Ausflug zum Vergn�gungspark. Sie wollen unterhalten werden, und daf�r zahlen sie auch. Manche denken, wir w�ren so eine Art obere Beh�rde, oder Priesterschaft, die wollen ihr ganzes Dingens umkrempeln, mit unserer Hilfe. Und dann sind da eben immer noch Leute wie Ernst Peters, die l�ngst Werbeleiter w�ren, wenn ihre Firmen richtig Werbung machen w�rden. Sie werden als Prokuristen alt, bevor es richtig losgeht. Aber was hei�t alt, der Mann ist vielleicht zehn oder zw�lf Jahre �lter als du. Ob er verheiratet ist? Oder schwul? Ist er katholisch; gl�ubig vielleicht? Schwul und gl�ubig, oder verheiratet und agnostisch? Trinkt er Schnaps; hat er Angst vorm Fliegen; betatscht er seine Sekret�rin? Er l�sst nichts raus. Der ist ganz Binden und Tampons und so weiter. Ein Rumpelstilzchen der Hygiene. Niemand wei�, was den umtreibt. Aber was ist, wenn der Tampon wirklich ein Wunderding ist? So etwas wie der VW K�fer der Hygiene?</p><p>Lore war begeistert vom Warensortiment, das Petrus mitgebracht hatte. Ohne nachzudenken arrangierte sie es auf dem schr�gen Schreibtisch wie ein Display.��Mit Einf�hrh�lse�. �Hygienisches Monatsh�schen�. Klingt leicht gaga, wenn du mich fragst.�</p><p>�Wie findest du o.b.?�, fragte Petrus.</p><p>�Als Produktnamen?�</p><p>�Mhm.�</p><p>�Kennen viele. Klingt leicht. Locker. Was hei�t das denn?�</p><p>�Was glaubst du?�</p><p>�Okkulter Brocken?�</p><p>�Nee.�</p><p>�Onkel Bl�ker.�</p><p>�Silbenverteilung stimmt.�</p><p>�Ohne Bl��e.�</p><p>�Fast.�</p><p>�Ohne Binde?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Genial. Und wer ist Dr. Carl Hahn? Ein Frauenarzt � Typ Walter Giller?�</p><p>�Ein Forstwirtschaftler. Sp�ter Automobilbau.�</p><p>�Im Ernst?�</p><p>�Ernst hoch zwei.�</p><p>Lore klappte den Rock hoch und zog den Slip herunter bis zu den Waden.�Welches zuerst?�</p><p>�Tampax.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Da musst du dich � Da musst du deine Muschi nicht anfassen.�</p><p>�Und warum soll ich meine Muschi nicht anfassen?�</p><p>�Keine Ahnung�, sagte Petrus.�So stellen die Amerikaner sich das eben vor.�</p></section><section><title><p><strong>Weltliche Dinge</strong></p></title><p>Als die �lkrise ausgerufen wurde, hatte Petrus eine Idee. Man k�nnte doch die stolzen Benzinfresser abschaffen und zwei 2CVs kaufen, eine Ente f�r ihn und eine f�r die Familie. So wurde man den br�llenden Volkswagen los und den Alfa mit dem rostenden Unterboden. Das sah gut aus, die beiden lockren Franzosen nebeneinander, mit ihren Klappfenstern und den Scheinwerfern, die herausstanden wie F�hler, wobei Lores Frage unbeantwortet blieb, wie eine sechsk�pfige Familie mit einer wankenden Knatterm�hle w�rde in die Ferien fahren k�nnen.</p><p>Die Sommer bis 1968 hatten die Schullers noch in Zandvoort verbracht, als Mieter einer stillgelegten M�hle. Den Sommer drauf hatten sie Brad Kilips reetgedecktes Haus in Kampen bekommen. Weitere Entdeckungen: die Ile de R�; die D�nen n�rdlich von Kopenhagen; der Comer See, mit eigenem Steg und Motorboot; zuletzt eine Kate mit Garten auf dem R�cken Cornwalls. Wie weit man auch gefahren war, schnell folgten Krethi und Plethi, wie Petrus den wachsenden Stamm der Konsumenten zu bezeichnen pflegte. Nicht, dass ihn das gest�rt h�tte. Es durfte gern Trend werden, was man selbst bereits kannte. Die Skiferien hatten die Schullers aufgegeben, als Linus geboren wurde; eine Neujahrsmesse im K�lner Dom war stattdessen Ritual geworden.</p><p>Im November 1973 � sonntags Totenstille hinter dem L�rmschutzwall aufgrund eines Fahrverbots � schw�rmte Petrus von einer amerikanischen Kampagne f�r Olivetti. Es war das erste Mal, dass Brad Kilip &amp; Partner eine New Yorker Agentur ausstechen konnten, und daf�r waren Petrus und Oberholtzer alle zwei Wochen� dr�ben�.</p><p>�Wieso�, sagte er zu Lore,�ein Flugzeug braucht kein �l, das tankt Kerosin. �Am dritten Advent kam er wieder einmal zur�ck, die Pomona 133 erleuchtet wie Bethlehem, und lie� wissen, dass die amerikanische Kampagne einget�tet w�re, als Sahne auf dem Kuchen eine Einladung des stellvertretenden Vertriebsdirektors von Olivetti in dessen ungenutztes Haus bei Miami.</p><p>�Haben die nicht schrecklich hei�e Sommer?�, fragte Lore.</p><p>�Nicht im Sommer, Darling. Jetzt!�</p><p>Der Tannenbaum bei Miami war dann k�nstlich eingeschneit, und eine Kette winziger Lichter blinkte in metallischen Farben. Er fand sich etwas verloren in der Ecke eines h�lzernen Wohnzimmers einer kleinen Villa in einer Sackgasse, die am Strand endete, mit sieben weiteren, eng aneinanderger�ckten Villenminiaturen, die sich �hnelten. Linus stand so still vor dem blinkenden Baum, dass man h�tte glauben k�nnen, er geh�re zum Arrangement. Marleen und Cristina verbrachten den ganzen Tag am Strand, Johanna hatte sich gleich am 24. einen Sonnenbrand geholt. So blieb sie in ihrem Zimmer und las ein drittes Mal <emphasis>Momo</emphasis>. Am langen Esstisch hatte sie sich den Platz gegen�ber von Papa ausgesucht, wo sie kerzengrade sa� und alle Anwesenden strafte, indem sie ihren Anspruch auf Rudelf�hrerschaft pl�tzlich aufgab, ausgedr�ckt durch hartn�ckiges Schweigen.</p><p>Ihre Eltern hatten keinen Grund gesehen, sie in die Katechismuslehre zu geben, bevor sie danach fragte, so dass sie schon im zehnten Lebensjahr war, als sie angemeldet wurde. Petrus, der einst das Katholikentum f�r ein Lebensschicksal gehalten hatte, sprach nun von der� K-Religion�; er war wenig geneigt, Johanna dem� ollen Popen �mitzugeben. Wie alle anderen Dinge des Lebens � das Z�hneputzen, die Sch�nschrift, das Puppenhausdekor � nahm Johanna die katholische Lehre ernst und, soweit es m�glich war, w�rtlich, und damit sie nicht ein Wort in der Zwischenzeit verga�, hatte sie sowohl den Katechismus als auch das Neue Testament in Florida dabei, wo sie, weil es keinen Nachttisch gab, ihr K�niginnenbett mit den B�chern teilte, die <emphasis>Momo</emphasis>-Lekt�re morgens und abends gerahmt von den Tods�nden.</p><p>Das Fehlen dreier Neusser Gottesdienste allein an den Weihnachtstagen sowie der Neujahrsmesse im K�lner Dom stellte Johanna als Fall von Deprivation dar, auch wenn sie das Wort nicht kannte. Man hatte ihr das Kostbarste genommen und durch anderes ersetzt: Strand, Kino, Vergn�gungspark. Da stand sie vor der Raketenschleuder und zog einen Flunsch, w�hrend Marleen und Cristina zum Mond fuhren und sich vor Lachen nicht mehr halten konnten, indem sie sich unaufh�rlich zuriefen:�Nicht im Sommer, Darling, jetzt!�</p><p>Petrus merkte es erst in diesem Winter, aber Lore war schon fr�her aufgefallen, wie Johanna fr�mmelte. Sie fragte sich, ob Johanna dem Papa damit gefallen wollte, schlie�lich war es seine Konfession. Es zeigte sich jedoch, dass Petrus� Versuch, auf das Kind Einfluss zu nehmen � routiniertes Interesse, unterlegt von Spott �, zu dem unerw�nschten Ergebnis f�hrte, dass Johanna ihrer Sache nur noch sicherer wurde. Sie fieberte ihrer Erstkommunion entgegen, ein Ereignis, das ihr Vater� Kinderkommunion �nannte, aber die Tochter belehrte ihn, mit der Erstkommunion sei man kein Kind mehr, sondern ein vollg�ltiges Mitglied der heiligen R�mischen Kirche. Das sollte im April stattfinden, und es klang so, als wollte Johanna sich danach zur�ckziehen von allen weltlichen Dingen. Die Pomona 133 aber war voll davon: Citro�ns und Super 8, Mikrowelle und Whirlpool, Donna Summer und Fred Feuerstein. Ihr Expansionsdrang unterschied die Schullers von anderen Familien. Das Neue war immer besser als das Alte, das Ferne besser als das Nahe. Quirlige Ferienbekanntschaften waren n�rgelnden Verwandten vorzuziehen. Das Neusser Sch�tzenfest blieb ein Kuriosum, gewiss nicht der H�hepunkt des Jahres wie f�r viele B�rger dieser Stadt. Die Pomona 133 war eine Hochburg des Fortschritts. Es gab dort keine Pokale und keinen in Holz geschnitzten Sinnspruch. Und wenn, dann h�tte er gelautet: <emphasis>Don�t look back!</emphasis></p><p>Niemand wurde gezwungen mitzuziehen, aber die Verlockungen waren betr�chtlich. Marleens Einf�hrung in den Luxus und die Moden erfolgte noch in der Grundschulzeit. Das ganze zweite Schuljahr hatte sie eine Brille tragen m�ssen, die auf der rechten Seite mit einem Milchglas blind gemacht worden war. Nur schwer hatte die Mama sie hinwegtr�sten k�nnen �ber das, was andere Kinder ihr hinterherriefen. Im Herbst 1973, nach der R�ckkehr aus Cornwall, war das Ende der Ma�nahme gekommen. Eine letzte Fahrt mit Papa im rostigen Alfa zur Augenklinik in D�sseldorf, danach in die Altstadt: eine vornehm erleuchtete Halle ausschlie�lich brillentragende Optiker mit vornehmen langen H�nden, die immer neue Gestelle auf ledergepolsterten Tischchen pr�sentierten. Dort lie� man sie die durchsichtigen und die silberdrahtgerahmten Brillen probieren, mit denen sie aussah wie die kleine Ausgabe einer Sekret�rin. Erst vorsichtig, dann bestimmter lenkte sie der Optiker zu den rehbraunen Gestellen, von den zarten zu den kr�ftigeren, von den rehbraunen zu den perlmuttschimmernden und anthrazitfarbenen, bis sie die tropfenf�rmige Rodenstock im Gesicht hatte, eine Brille, die ihr etwas Eulenartiges gab und dabei lustig aussah, und um die Entdeckung zu feiern, hatte Petrus pl�tzlich die alte Kassenbrille parat, die sie noch einmal aufsetzte, ein Auge verdeckt durch das Milchglas, den Tr�nen nahe, und dann wieder die Rodenstock, da war die Sache klar; Abholung mit Ultraleichtgl�sern, n�mlich aus Plastik, �bermorgen. An jenem Tag, nach der Schule, nahm sie die S-Bahn, vom D�sseldorfer Hauptbahnhof die Stra�enbahn, ganz allein. In der Agentur wurde sie als Fr�chtchen aus der Pomona launig vorgef�hrt. Im Anschluss mit dem Taxi in die Altstadt. Anpassung der Brille am lederbezogenen Tischchen, ein halbes Dutzend Komplimente vom Optiker, 135 Deutsche Mark aus Papas schwerem Lederportemonnaie, danach ins Carschhaus, einmal hoch und wieder runter, �ber die Heinrich-Heine-Allee zu US-World, wo Petrus ihr eine knackige Levi�s verpasste und dazu ein weinrotes Sweatshirt von Fruit-of-the-Loom.</p><p>In der Schule sa� Marleen an ihrem Pult und tat so, als bemerkte sie nicht, wie ihr neuer Banknachbar sie anstarrte. Ingolf hie� der. Am Ende der Stunde verschwand die Brille in einem violetten K�stchen mit dem rennenden M�nnchen in Gold, das eigentlich ein� R �war. Sie nahm sich, w�hrend die Schulkameraden an ihr vorbei in die Pause str�mten, durchaus Zeit f�r diese Prozedur, inklusive Putzen der Gl�ser, das sollten die ruhig mal sehen.</p><p>Ingolf war ein st�mmiger Bursche mit apfelroten Wangen und dunklen Locken, die ihm bis �ber die Ohren wuchsen. Die ersten acht Jahre seines Lebens hatte er in einer Stadt verbracht, die sich Marleen als Blumenstadt in ewiger Bl�te vorstellte.</p><p>�Du kommst aus Astora, n�?�</p><p>�Nee, aus Hamburg, wieso?�</p><p>�Du hast zu Relindis gesagt, du kommst aus der Astora. Oder Dastora.�</p><p>�Aus der Diaspora.�</p><p>�Wo ist denn die Diastora?�</p><p>In Hamburg-Winterhude waren die H�user hoch und grau gewesen, die Stra�en dunkel, meistens war es Nacht. Immer regnete es. Auf den Stra�en waren Banden unterwegs, Protestanten mit blondem Haar und dicken F�usten. Man konnte kaum von der Schule bis nach Hause kommen, ohne verpr�gelt zu werden. Sie zwangen einen, in Hundeschei�e zu treten und riefen dann� Iiih, kock ma, �n Kathole, der stenkt!�Der Zahn, der Ingolf fehlte, hatte wohl auch damit zu tun. Das deutete er so an. Diaspora.</p><p>Schlie�lich war sein Vater, Flugzeugingenieur, nach D�sseldorf� gerufen �worden � das� Rufen �stellte Marleen sich vor als eine Durchsage per Lautsprecher �, und die Familie hatte sofort ein Haus in Neuss gekauft, eine Stadt, in der es zwar auch Protestanten gab, wie Ingolf wusste, aber� hier k�nn� die ei�m nichts anhaben�. Den Katecheseunterricht in Hamburg zu beginnen hatte� sich nicht mehr gelohnt�, und seine Eltern fanden, er solle es nicht �berst�rzen. So w�rde er damit im folgenden Jahr in St. Pius beginnen. Die Kirche hatte er sich schon einmal angesehen. Sie gefiel ihm nicht wirklich, weil sie zu lutherisch aussah. Sp�ter, nach der Erstkommunion, als Mini in St. Quirinus zu dienen war sein eigentliches Ziel. Dort wolle er sich dann vom Weihbischof firmen lassen. Marleen wusste nicht genau, was er meinte, wagte aber nicht zu fragen. Wollte er so eine Art Priester werden?</p><p>Johanna und ihre Kombattantinnen wurden getreue Katechesesch�lerinnen der Pfarre Heilige Dreik�nige, deren Kirche so alt war wie der Pfarrer selbst, doppelt weltkriegserprobt, w�hrend die n�chste Welle aus der Pomona nach St. Pius schwemmte, wo Marleen, Ingolf und die anderen in einem modernen Geb�ude vom Kaplan Valentin empfangen w�rden als die, die sie waren, n�mlich Kinder. Die Kinder flochten Kr�nze zu Erntedank. Sie bastelten Kometenlaternen f�r den herbstlichen Umzug. Sie w�rden die Geschichten aus der Bibel so nacherz�hlen, wie sie ihnen in Erinnerung geblieben waren. Wenn Kaplan Valentin vom Papst erz�hlte, w�rde dieser leuchtend erscheinen wie der Weihnachtsmann, weise wie Paulus und dem�tig wie ein Samariter. Die Kinder bewunderten den Kaplan, weil er den Papst so gut kannte, er hatte mit ihm selbst Abendbrot gegessen oder so.</p><p>In der Schule gab es keine b�se Bemerkung �ber die Eulenbrille, was vielleicht daran lag, dass Marleen jetzt so ganz anders wirkte, und das konnte durchaus zu tun haben mit diesem Ingolf, dem Neuen, den man auf gut Gl�ck neben sie gesetzt hatte. Dem fremden Jungen war sein Haar zu einer gewaltigen Wattekugel gewachsen, mit einem kastanienbraunen Schimmer. Marleen war �berzeugt, dass nur sie ihn sah, den Schimmer, beg�nstigt durch die neue Brille.</p><p>Aus der dritten Reihe gab es Beschwerden. Ein kleiner bebrillter �mmes, Sohn eines Innenstadtnotars, behauptete, ihm sei die Sicht auf die Tafel durch Ingolfs� Zottelhaar �versperrt. Am n�chsten Tag wiederholte er das, in gestelzten Worten. Ingolf bestand darauf, er habe nicht vergessen, zum Friseur zu gehen. Schlie�lich konnte man ein Duo aus der letzten Reihe bewegen, in die zweite zu ziehen, so dass Ingolf und Marleen sich im hintersten Winkel des Klassenraums wiederfanden.</p><p>�Was ist das f�r eine Hose?�, fl�sterte er.</p><p>�Pluh-Tschiens.�</p><p>�Woher?�</p><p>�Ju-Ess-W�rld in D�sseldorf.�</p><p>�Teuer?�</p><p>�Wei� nicht.�</p><p>Die Woche drauf trug er auch Pluh-Tschiens. Marleen verlor dar�ber kein Wort. Sie mochte ihn und alles, was er besa�. Er trug einen Winteranorak mit Pelzkranz in der Kapuze. Seine Schuhe waren aus rotbraunem Leder. Sein Schulranzen hatte Verschl�sse, die im Dunkeln leuchteten. Sein Schreibwerkzeug ordnete er nicht einzeln in ein Etui, sondern warf alles in einen l�nglichen Lederbeutel. Sein Radiergummi war ein w�ssrigwei�er Block, der nach Fr�chten roch. Darauf abgebildet war ein Dackel in Orange, Korngelb, Grasgr�n, Lila und Himmelblau, auf der R�ckseite die Spirale der Olympischen Spiele aus dem Jahr zuvor. Den Gummi lieh Marleen sich beim Rechnen jeden Tag, zehnmal in der Stunde, und schn�ffelte dran. Dann lag er zwischen ihnen wie ein Talisman. Die tragischen Spiele, aber die Farben der Zukunft. Schlie�lich hatte Ingolf ein Einsehen.</p><p>�Kannste haben.�</p><p>�Nee.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Wei� nicht.�</p><p>�Stell dich nicht so an!�</p><p>Jetzt besa� sie etwas, das roch, und es hatte mit Ingolf zu tun. Wenn niemand in der N�he war, durfte sie ihm sogar in die Haare fassen. In diesen Tagen wachte sie auf und fand sich schwebend. Zum Gl�ck war aus dem Scharnier der Brille eine Schraube verschwunden, so dass der Papa sie noch einmal nach D�sseldorf kommen lie�:</p><p>�Kann ich mit Ingolf?�</p><p>�Wer ist denn Ingolf?�</p><p>Die Aufmerksamkeit im Kleinen war noch nie der V�ter St�rke; ein Mann wie Petrus k�mmerte sich lieber um gro�e Kampagnen. Am n�chsten Tag w�rde er ein Flugzeug nach Amerika besteigen.</p><p>Um eins sa�en die beiden auf hohen roten Hockern und teilten sich eine Pizza, im R�cken die Altstadt und vor sich das gro�e Fenster, vor dem die Stra�enbahnen spektakul�r um die Ecke bogen, eine nach der anderen. Sie z�hlten die Passanten mit Pluh-Tschiens und fanden, das w�ren aber ganz sch�n viele. Sie waren nicht allein in dem Gewimmel und Get�se.</p><p>Marleen bem�hte sich, ihren Stolz zu verbergen, als sie den Jungen mit dem Wattehaar �ber die riesigen Zebrastreifen der K�nigsallee unter der aufgebockten Stra�e hinweg in den offenen und lauten Teil der Schadowstra�e lenkte, wo sie dann vor einem Haus aus Marmor und Glas standen. An der Rezeption der Agentur wurde Marleen als� Funkemarieschen �begr��t.</p><p>Ganz vorsichtig durften sie die gro�en Rollschubladen des Archivs durchsehen, in denen Entw�rfe, Andrucke und Plakate aufgehoben waren. Falls sie etwas mehr als zweimal fanden, konnten sie ein Exemplar mitnehmen. Ingolf entschied sich f�r die Seite aus einer Illustrierten, die ein vornehmes Stadthaus zur blauen Stunde zeigte, in dem ein einzelnes gelbes Licht brannte. Vor dem Haus, fast Schatten, ging ein Junker im Frack vorbei. Marleen sicherte sich ein Plakat, auf dem hinter einer vereisten Scheibe drei todschicke Nonnen zu sehen waren, die den Eindruck erweckten, sie w�rden aus einer Raumf�hre ins Weltall schauen.</p><p>Wieder in der Pomona, h�ngte sie sich das Plakat �bers Bett, vier Rei�zwecken und ein bisschen angeschr�gt. Mit einer gewissen Spannung erwartete sie die Reaktion ihrer Mitbewohnerin. Johanna tat so, als bemerkte sie das Bildmotiv gar nicht, und las still, dann laut den Slogan:�sexy mini � super flower � po pop cola � was soll das denn hei�en?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Marleen.�Hat Brad Kilip erfunden.�</p><p>Johanna stopfte ihren Katechismus in ein Wildledert�schchen und ma�, bevor sie das Zimmer verlie�, ihre Schwester mit dem Blick der Wissenden.</p><p>�Ich glaub�, du hast wirklich ein Schr�ubchen locker.�</p></section><section><title><p><strong>Jugendstil</strong></p></title><p>Nach Florida hatte Petrus verk�ndet, so solle man es wieder machen, Sonne mitten im Winter,�Das ist doch sehr erholsam. �Von einem Sommerziel, einst sein Ehrgeiz als Trendscout, war nicht mehr die Rede. Petrus reiste jetzt viel, nach London, New York, Tokio, nach Delhi, man m�sse die Agentur verinternationalisieren, sonst gehe sie unter. Wenn er verreist war, sah Lore in der Pomona 133 herunter auf die beiden 2CVs, die im Hof standen, und �berlegte, ob sie eine Gefangene sei, eine Gefangene an einer langen Kette.</p><p>Zu Johannas Erstkommunion war Petrus �bern�chtigt aus Asien zur�ckgekehrt, geistesabwesend, begl�ckt, unzug�nglich, die Haare immer noch dunkel, herausgewachsen, aber f�r die Kirche warf er sich in einen nagelneuen Smoking aus Hongkong, das lie� er sich nicht nehmen. Johanna war sehr ehrgeizig, was den Wei�en Sonntag betraf, den Tagesplan, die G�ste, und sie war stolz, ihre Eltern so festlich gekleidet zu sehen, die Mutter im grauen Kost�m, eine Bluse wie W�stensand, uralte Klunker um den Hals.</p><p>Johanna, inspiriert durch die Lehre in Dreik�nige, hatte sich bisweilen im Atelier festgesetzt und Lore religi�se Geschichten vorgetragen, die alle darauf hinausliefen, dass jemand den Glauben wiederfand, trotz widriger Umst�nde nicht verlor, oder zum ersten Mal die Gute Botschaft vom Opfertod Christi h�rte. Ihre F�higkeit, w�rtlich abzuspeichern und dennoch sinngem�� zu betonen, war allerdings bemerkenswert. Sie setzte sich kerzengrade auf einen birkenh�lzernen Hocker, warf ihren dunklen Pferdeschwanz nach hinten und sprach:</p><p>�Eine Frau wird in einen tiefen, schauerlichen Kerker geworfen. Sie hat keine Hoffnung, aus dem Verlies zu entkommen. Dort wird ihr Kind geboren. Von der Welt sieht es nicht mehr als kalte Mauern und D�mmerlicht. Seine Mutter aber erz�hlt ihm, dass es dort drau�en eine Welt gibt, die sch�n ist, Sonne und Mond, Blumen und V�gel. Das Kind h�rt zu. Und obwohl es diese Herrlichkeiten nie gesehen hat, so glaubt es doch daran, denn die Mutter hat es ja gesagt, und die Mutter sagt die Wahrheit. So lernt das Kind kennen, was es erst sp�ter in der Freiheit schauen darf.�</p><p>�Und wird es das schauen?�, fragte Lore.</p><p>�Ja, wie jedes Kind Gottes, aber es kann davon noch nicht wissen.�</p><p>�Offensichtlich nicht, denn es ist ja mit der Mutter eingesperrt.�</p><p>�Aber die Mutter wei� von der Herrlichkeit.�</p><p>�Sie erinnert sich.�</p><p>�Es ist ein Gleichnis: Die Kirche ist die Mutter und H�terin unseres Glaubens. Was sie uns zu sagen wei�, ist gr��er und sch�ner als alles, was wir uns vorstellen k�nnen.�</p><p>Das sind die Kammern der kindlichen Seele, runde, ovale, zapfenf�rmige Kammern, im D�mmerlicht reichlich geschm�ckt, mit samtenen Vorh�ngen und halb erblindeten Spiegeln versehen. Darin sind alle Geschichten ausgemalt, von der Sch�pfung bis zur Apokalypse, die Dogmen in Gold auf knorrige Balken geschrieben, die Verhei�ungen funkelnd hinter Alt�ren, die den buddhistischen �hneln, St�ck f�r St�ck selbstgemacht.</p><p>Johanna mit ihrem strengen Scheitel, ihrem bohrenden Blick, ihren zu gro�en F��en.</p><p>�Maria ist unsere K�nigin.�</p><p>�Sie ist die Mutter Gottes�, sagte ihre Mutter.</p><p>�Sie stand bei ihm und nahm an seiner Opferung teil. Das Schwert des Schmerzes durchdrang auch ihre Seele.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Sie war nicht nat�rlich. Denn ihr Leib war ohne S�nde.�</p><p>�Niemandes Leib ist ohne S�nde, Johanna.�</p><p>�Aber Marias schon. Deshalb blieb ihr Leib vor der Verwesung bewahrt.�</p><p>Lore �berlegte einen Moment, ob es kl�ger sei zu widersprechen oder Johanna gew�hren zu lassen.</p><p>�Deshalb blieb ihr Leib vor der Verwesung bewahrt�, wiederholte Johanna, immer noch gerade auf dem Hocker sitzend, die rechte Hand an der linken Brust.</p><p>�Im Himmel thront Maria als K�nigin aller Engel und aller Heiligen. Sie herrscht mit Christus �ber die ganze Welt. Mit barmherziger Mutterliebe umf�ngt sie s�mtliche Br�der und Schwestern ihres Sohnes.�</p><p>�Hatte Jesus Schwestern?�</p><p>�Die Schwestern Jesu sind wir.�</p><p>Lores eigene katechetische Bildung war holterdipolter vonstattengegangen, Kommunion und Firmung in einem; dass der katholisch gro� gewordene Gatte sie f�hren und festigen w�rde, war vorausgesetzt worden. Au�erdem war die Leidensgeschichte Jesu in beiden Religionen die gleiche. Die Marienlegende hatte sie nie internalisiert, schlecht gelernt, wie sie jetzt dachte.</p><p>�Mama, du bist doch auch getauft?�</p><p>�Ja. �Sie verschluckte das� nat�rlich�.</p><p>�Ich meine katholisch getauft?�</p><p>�Die Taufe ist universal. Ich bin gefirmt, wenn du das meinst.�</p><p>�Es sind beides Sakramente.�</p><p>�Das mag sein, mein Schatz.�</p><p>�Es ist gewiss so.�</p><p>Gern h�tte Lore Petrus gefragt, was er davon hielt. Ob es richtig war, Johanna in Dreik�nigen zur Messe gehen zu lassen. Ob man sie in ihrem Wissen bekr�ftigen oder ihren Eifer bremsen sollte. Oder beides. Und wie. Aber sie und Petrus hatten �ber Dinge des Glaubens nie gesprochen, nur �ber die Wahl der Konfession. Sie wusste gar nicht, was er wirklich glaubte, ob er glaubte; und so wenig, wie sie ihn danach fragen wollte, wollte sie gefragt werden. Man hatte sich eingerichtet im Zwischenreich, kurz vor dem Bekenntnis zum weltlichen Leben, das man f�hrte, in der Absicht, alles richtig zu machen oder nichts auszulassen, was bis vor kurzem als dasselbe erschienen war. Jetzt aber nicht mehr. Es war offensichtlich, dass Johanna sie missionieren wollte. Es schien Lore, sie h�tte besser am Protestantismus festgehalten, ein Terrain des Glaubens, das sie gegen Johanna und ihre Mariengl�ubigkeit verteidigen k�nnte. Etwa so:�Liebe Johanna, wir Reformierten sprechen selbst mit dem Lieben Gott, wenn es uns danach dr�ngt, und wir hauchen, was uns qu�lt, nicht in das Ohr eines Priesters. �In der Tat fragte sich Lore, ob Johannas Pfarrer eine tiefere Einsicht in die Familie Schuller hatte als diese in sich selbst.</p><p>Eine Weile fand sie Gefallen daran, gro�e Sommerpl�ne auf eigene Faust zu schmieden, mit vier Kindern ins Flugzeug und ab nach Alicante. Oder alle mit dem Nachtzug nach Rimini. Marleen und Cristina, immer wieder:�Das ist doch sehr erholsam. �Noch aber z�gerte Lore, ein Leben ohne Petrus zu beginnen, und sei es nur im Kleinen. Die Jugendstilvilla in Gruiten war weit genug weg f�r einen Schauplatzwechsel im Sommer 1974, doch nah genug an Neuss, so dass es keinen Grund f�r Petrus gab, sich nicht blicken lassen. Lore hatte beschlossen, auf Petrus zu warten um den Preis, dass sie die Stricke der Familie sp�rte, und keine Frage, die M�dchen ahnten B�ses. Sie alle machten Halt, was den Gespenstern Gelegenheit gab, nach ihnen zu greifen, manche bald, manche sp�ter.</p><p>Es war nicht weit von Neuss nach Gruiten, aber Petrus war fr�her immer findig darin gewesen, so zu tun. An einem Freitagabend hatte er geglaubt, die Autobahnen seien mit Sicherheit dicht. Ein anderes Mal war ihm eingefallen, man m�sse sich dringend um sein eigenes Haus k�mmern. Stand Gruiten wieder auf dem Plan, erinnerte er an all die Zecken im letzten Jahr, obwohl es nicht mehr als zwei Zecken pro Kind gewesen und schon drei Sommer seitdem ins Land gegangen waren. So hatte sich selbst in Lore das Gef�hl festgesetzt, ihre Eltern wohnten an einem entlegenen Ort, wie auf einer Hallig, die von Booten kaum bedient wurde. Sie ahnte aber, dass darin auch ein Kompliment lag, ein unabl�ssiges Werben von Petrus� Seite, sie in seine Welt zu ziehen, viel Laisser-faire mit Sprengseln von Weihwasser. Um der Gerechtigkeit willen, aber auch nicht �fter als zweimal im Jahr, war man die Grand-Grand-Tour gefahren � wie Petrus das nannte � zu seinen Eltern ins fachwerkgeschachtelte Bacharach, wo es selbst am Samstag sonnt�glich zuging, und weiter nach Gruiten, wo man das Unkraut sprie�en lie�, das Haus der Gro�eltern Fleck riesig, aber kein Fernseher, das fanden die Kinder sonderbar.</p><p>Marleen hatte es schon als Kleinkind entz�ckt, dass die Mutter in� Lolland �geboren worden war, und noch als Zweitkl�sslerin wollte das Gef�hl sie nicht verlassen, dass Gruiten in Holland lag. Obwohl einiges dagegen sprach. Man musste den Rhein passieren, an D�sseldorf vorbei, und tauchte dann ab in ein Labyrinth von Senken und Engf�hrungen, die einen vom Himmel entfernten, irdisch machten, man glaubte Eisenstaub im Haar zu haben, wenn man wieder zu Hause war. Sp�ter stellte sich heraus, dass der Neusser Sonnenuntergang in Holland stattfand. Gruiten aber � in der anderen Richtung � geh�rte zu einer Landschaft, f�r die niemand so recht einen Namen fand, diese Mischung von pl�tzlichen W�ldern und schnaufenden Fabriken; klapprige viergeteilte Fenster entlang dunkel schimmernder Asphaltstra�en; die St�rrigkeit von D�chern und Fassaden aus Schieferschindeln.</p><p>Petrus:�Das hat schon die Struktur des Ruhrgebiets.�</p><p>Lore:�Unsinn, es ist �berhaupt nicht proletarisch, sondern rheinisch-mittelst�ndisch.�</p><p>�Wir sitzen hier am nordwestlichen Ende des Bergischen Lands�, hatte Lores Vater bei jeder Gelegenheit wiederholt, bis er im Jahr zuvor gestorben war. Dennoch war es f�r die Pomos verwirrend, wie die Gro�mutter allein in der Einfahrt stand, um sie zu begr��en. Wegen der Ente war jedem nur kleines Gep�ck erlaubt. Das sah lustig aus, Lore und vier Kinder in dieser wackelnden Muschel, die T�ren aufspringend wie bei einem Adventskalender.</p><p>Was Haus und Garten betrifft, ist die Anwesenheit eines Ehepaares g�nstig. Man nimmt Mann und Frau wie Statuen wahr, links und rechts, die einen Ausschnitt rahmen, der als Bild gelten darf. So hatten die Schullerkinder �ber Jahre in aller Ruhe das Gruitener Haus betrachtet. Es gab einen kleinen Speisesalon mit dunklem Parkett, die Fenster wie Eisblumen, teils mit farbigen Scheiben; eine Bibliothek hinter einer zweifl�geligen Schiebet�r, leicht laufend wie ein Vorhang; eine mit Efeu bewachsene Kaminwand; einen Brunnen, den man sorgsam mit einem Eichenholzdeckel verschlossen hatte. All das war als unab�nderlich betrachtet worden. Nun trat Kl�rchen Fleck selbst in dieses Bild, das prompt begann, sich zu bewegen. Sie hatte den schweren, schwarzen Kohleherd entfernen lassen und durch einen� modernen �Elektroherd ersetzt. Die T�ren zur Bibliothek standen jetzt offen, durch Zierpflanzen in Porzellant�pfen blockiert. Im Garten waren zwei marode Kastanien gef�llt worden. Nicht, dass es wirklich anders war. Es lagen auch in dem gro�en Bad mit dem hellen Steinboden Handt�cher und Waschlappen bereit (zwei Waschlappen f�r jeden, einen f�r� oben �und einen f�r� unten�), rot f�r Johanna, gr�n f�r Marleen, blau f�r Cristina und wei� f�r Linus. Es schien, als w�re ein Licht auf Kl�rchen gerichtet worden, das sie n�her r�ckte, gr��er erscheinen lie�. Sie war aus ihrer Geschichte gesprungen wie ein K�ken aus dem Ei.</p><p>Marleen und Cristina waren unterwegs im Garten, jetzt hier und pl�tzlich dort, aber dann segelte Cristina weiter und Marleen blieb sitzen bei den Liegest�hlen, auf denen Kl�rchen und Lore still miteinander sprachen.</p><p>�Das ist ja auch gar nicht unser Stil�, sagte Kl�rchen, der Plural Gewohnheit. Marleen wartete ab, was ihre Mutter sagen w�rde, die zu wissen schien, was gemeint war.</p><p>�Was ist nicht euer Stil?�, fragte Marleen.</p><p>�Dieses Haus�, antwortete Kl�rchen. Marleen sah zum Haus, dessen r�ckw�rtige Fassade im Schatten lag, kleinteilig und verspielt, wohlmeinend und d�ster zugleich: ein perfektes Haus, das es in ihrer Erinnerung schon immer gegeben hatte.</p><p>�Aber das ist doch euer Haus�, sagte Marleen.</p><p>�Nein, ist es nicht�, sagte Kl�rchen.</p><p>Und w�hrend Cristina weiter durch den Garten der Kindheit taumelte und Johanna, unansprechbar, auf ihrem Bett lag und <emphasis>Krabat</emphasis> las, tauchte Marleen ein in die eigene Zukunft. Es dauerte einige Tage, bis sie das Gr�bste geordnet hatte.</p><p>Am schwersten zu begreifen war, dass die Deutschen einst b�se gewesen waren, die Holl�nder aber gut. Die Holl�nder wollten H�user mit gro�en Fenstern, die Deutschen bauten Panzer. Die Holl�nder hatten nichts gegen die Deutschen, sie holten ja den Gro�vater, um die Kunstgewerbeschule in Schoonhoven zu leiten. Und die Gro�mutter zeigte holl�ndischen M�dchen, dass man Tischdecken auch ohne Bl�mchenmotive weben konnte. Dann kamen die Deutschen mit ihren Panzern. Die Gro�eltern dachten, nun w�re alles aus, aber die Deutschen ratterten weiter nach Frankreich. Hannelore und Gustav waren ganz klein gewesen, damals, Marijke noch nicht auf der Welt. Die Holl�nder h�tten die deutsche Familie auch zum Teufel jagen k�nnen, wie Kl�rchen sagte, aber sie taten es nicht.</p><p>�Wir waren alle vereint in der Idee der Moderne�, sagte sie. Die Moderne, dachte Marleen, ist das Gegenteil von Krieg.</p><p>Das Haus, das sie schon lange kannte, war nach dem Krieg eine Schule geworden, Holland in Deutschland, und daf�r hatte die Gemeinde Gruiten das Jugendstilhaus zur Verf�gung gestellt. Marleen verstand nicht gleich, dass mit� Jugendstilhaus �dieses gemeint war, weil es zwar, wie sie sich dachte, sehr gem�tlich war, aber doch eher etwas f�r alte Leute. Nur offensichtlich nicht f�r Kl�rchen, die dort mit dem Gro�vater eher zuf�llig wohnen blieb, als die Schule geschlossen wurde, nachdem er, Erwin Fleck, zum Leiter der Grundlehre an die Folkwangschule berufen worden war.</p><p>�Hat das was mit dem Garten zu tun?�</p><p>�Dem Garten?�</p><p>�Die Grundlehre?�</p><p>�Oh nein, Lenchen. Im Atelier findet das statt. Das bedeutet, die einfachen Sachen zu lernen, Zeichnen und Drucken.�</p><p>�Ist das denn so einfach?�</p><p>�Wenn man�s kann!�</p><p>�Und wo ist hier die Schule gewesen?�</p><p>�Ach, fast im ganzen Haus. Was meinst du, warum wir da oben acht Schlafzimmer haben, und sogar gro�e.�</p><p>�Das waren alles Schulzimmer?�</p><p>�Werkst�tten, meine S��e.�</p><p>�Und was war in meinem Zimmer? Ich meine, wo ich jetzt drin schlafe?�</p><p>Die Gro�mutter �berlegte.�Das wei� ich nicht mehr so genau. Entweder das Fotoatelier oder die Werkstatt f�r Typografie.�</p><p>�Was ist denn das?�</p><p>�Das kann ich dir zeigen.�</p><p>Der Witwenstand Klara Flecks mochte zu ihrer pl�tzlichen Beliebtheit beigetragen haben. Aber vielleicht war es auch Solidarit�t mit Lore, der �ltesten, die ihre beiden Geschwister dazu brachte, an diesem Juliwochenende nach Gruiten zu kommen. Angereist war Gustav, Internist in Unna, mit seinem Sohn J�rg-Uwe, der als Einzelkind die schwierige Aufgabe hatte, dem Ehrgeiz seines Vaters und dem Phlegma seiner Mutter zu entsprechen. Marijke kam mit zwei Koffern aus Amsterdam, in denen, wie sie � etwas m�de und doch verf�hrerisch � sagte, sie alles habe, was man braucht. Im einen der Silberschmuck, den sie selbst herstellte und verkaufte, im anderen einige eher kurze Sommerkleider sowie drei�ig Gramm Marihuana. Das erw�hnte sie allerdings nicht in Gegenwart des Bruders.</p><p>Zur gleichen Zeit kam Ingolf aus D�sseldorf, der es sich nicht hatte nehmen lassen, allein zu reisen, eine halbe Stunde mit der Bahn in die Pampa. Er war kurz zuvor neun geworden. Seine ersten Jeans hatte er inzwischen auf der Mitte des Schenkels gekappt und dann mit der Schere Fransen geschnitten, so dass daraus hot pants mit halbtransparenten Beinkleidern wurden, was Marijke entz�ckte. Sie �bersch�ttete den Jungen mit Komplimenten, eifers�chtig be�ugt von Marleen und J�rg-Uwe, aus unterschiedlichen Gr�nden. Den Pseudoafro hatte Ingolf f�r den Sommer stutzen lassen, aber der Junge schien immer noch gr��er, als er war, und kr�ftiger auch, der breite Kopf und die roten Wangen.</p><p>Da es bei Gruiten keinen guten Schwimmplatz gab, fuhr man halb nach D�sseldorf zur�ck, um den Tag am Unterbacher See zu verbringen. Im Jahr zuvor hatte man aufgeh�rt, ihn auszubaggern. Schnell waren die Schwimmer und die Ruderer anger�ckt. Johanna, die eine gute Schwimmerin war, kam von der anderen Seite des Badesees zur�ck und berichtete, dort w�rden Leute nackig baden und sogar nackig auf der Wiese liegen. Sobald ihr langweilig wurde, erz�hlte sie es noch einmal. Und dann hatte sie Gl�ck, weil ein M�dchen aus Erkrath ihre Philippika mith�rte und ihr am Eisstand etwas zufl�sterte, was Johanna das Herz erw�rmte und was sie alsbald vor den Schwestern, dem Cousin und Ingolf als eigene Einsicht ausgab, dass n�mlich� das alles Protestanten sind�, denn� Katholiken machen so etwas nicht�, denn� wir wissen, dass die Unkeuschheit ein gro�es Ungl�ck ist, und um keusch zu bleiben, m�ssen wir schamhaft sein�. J�rg-Uwe, der einzige Protestant in der Gruppe, tat so, als ginge ihn das nichts an, w�hrend Ingolf, der mit Marleen ein Handtuch zum Liegen teilte, dieser ins Ohr nuschelte, dass das alles Quatsch sei und sie auf Sylt fr�her immer nackt baden gegangen waren, das nenne man Freik�rperkultur, und es gebe sogar Schilder daf�r.</p><p>Johanna hatte gedr�ngt, dass man rechtzeitig zur�ckfuhr, weil sie um sechs am Abend in Haan in der Messe sein wollte, worauf sie sich festgelegt hatte in dem Moment, als ihre Gro�mutter verriet, dass Gruiten haupts�chlich protestantisch und Haan haupts�chlich katholisch war. Auf diesen Kreuzzug begab man sich mit Lores Ente, Johanna im Beifahrersitz. Glaubensritter Ingolf hielt auf dem R�cksitz die Hand seiner Marleen. Lore folgte dann den Ritualen der Messe penibel, blieb aber w�hrend der Kommunion doch sitzen, so dass Johanna das bekam, was sie wollte, einen bewunderten Auftritt als fremdes Kind unter gl�ubigen Erwachsenen; und den Triumph, dass sowohl Ingolf als auch Marleen nicht mitmachen durften, selbst wenn sie gewollt h�tten, weil die Erstkommunion noch vor ihnen lag.</p><p>W�hrend Lore die Gangschaltung reindr�ckte und rauszog wie Orgelregister, nutzte Ingolf den R�ckweg von Haan nach Gruiten, um sich auszumalen, wie er nach der Erstkommunion Messdiener werden w�rde, nicht so ein Schussel wie der, den sie soeben gesehen hatten. Nein, er, Ingolf, w�rde ein� Mini �sein in makellosem Ornat, dem Sinn der Handlung in jedem Moment verpflichtet, sein Haar leuchtend wie eine Fackel der Verhei�ung, eine perfekte Show heiligen Ernstes. Er sprach das so nicht aus, aber der Ton seiner Stimme reichte, um mitzuteilen, wovon er tr�umte. Auch wiederholte Ingolf, er gedenke, dieses Amt in St. Quirinus auszu�ben, was immerhin das Neusser M�nster war, wo er auch die Firmung durch den Weihbischoff sp�ter erfahren w�rde. Es k�nne aber auch im K�lner Dom sein. Marleen sah ihn von der Seite an, wie er mit dem Auto in Kurvenlage ging, ein Engel, und phantasierte laut, dass sie das auch gern tun w�rde; dass auch sie gern Mini w�re; dass sie glaube, wenn man inst�ndig drum bitte, zuerst die Jungfrau Maria, dann den Herrn selbst und schlie�lich den Pfarrer, dass es m�glich sein werde, und nat�rlich stellte sie sich vor, dass sie den Dienst gemeinsam mit Ingolf versehen w�rde, gleiche Pracht und gleicher Ernst, Bluejeans unter dem Rock. Sie waren fast bei Gro�mutter Flecks Haus, als Johanna sich im Beifahrersitz umdrehte, Marleen fixierte und verk�ndete:</p><p>�Das wird niemals so sein, weil Frauen unrein sind. Sie k�nnen solche Dienste nicht versehen. Die Ordnung der Kirche ist gottgewollt, und du kannst es nicht �ndern.�</p><p>So f�hrte Johanna das Schwert gegen ihre Schwester. Die Bewunderung der Waffe �berstieg die Bedenken gegen deren Einsatz. Was sie dekretierte, war bei weitem merkw�rdiger als Ingolf, heimgekehrt aus der Diaspora, ahnen konnte. Denn Johanna und Marleen teilten ein Geheimnis, das als� Erste-Regel-Set �zu ihnen gekommen war, bestehend aus der instruktiven Brosch�re zur Menstruation, die ihre Mutter illustriert hatte, und diversen Beigaben der Firma Carl Hahn aus D�sseldorf. Die Idee war, M�dchen vor der ersten Blutung Binden und Tampons ausprobieren zu lassen. Johanna und Marleen hatten in diesem Fall als Testpersonen gedient, und Lore, die inzwischen selbst zu Tampons gewechselt hatte, konnte dem Talk der M�dchen so viel ablauschen, dass sie wusste, dass es � hi, hi � geklappt hatte, abgesehen von den eindeutigen Hinterlassenschaften im Badezimmer.</p><p>Am Sonntag erscheint Petrus. Er hievt Linus auf die Schultern, der seinem Papa in die Haare greift und� H�h!�ruft. Ansonsten ist die Stimmung in Gruiten etwas gedr�ckt. Ingolf und J�rg-Uwe spielen Tischtennis, verbissen um Punkte k�mpfend. Cristina will nicht spielen, nicht einmal Schiedsrichter sein, schaut aber stundenlang zu. Marleen hat sich von Gro�mutter Fleck die Bauhausb�cher zeigen lassen und studiert sie mit Lupe in Zeitlupe. Johanna hat sich in ihr Zimmer verkrochen. Sie antwortet nicht, als Petrus klopft. Er �ffnet also die T�r zun�chst nur um einen Spalt und findet sie auf ihrem Bett, Kissen �berm Kopf. Auf dem Boden liegen vier Ausgaben der <emphasis>Brigitte</emphasis>, Kl�rchens Abonnement. Aufgeschlagen sind Seiten mit Werbung von Carl Hahn in Sachen o.b., Petrus� eigene Kampagne. Er �berfliegt die Motive und ist wieder hingerissen von seiner eigenen Idee, die M�dchenfotos ganzseitig zu platzieren und auf der gegen�berliegenden Seite den Text einspaltig dranzuh�ngen, so dass er wirkt wie redaktionell erstellt. Petrus h�rt schon das Kl�tern der Goldmedaille vom Art Directors Club. Auch wenn ihn das alles jetzt schon nicht mehr interessiert.</p><p>Ein f�nftes Heft hat Johanna auf dem Bett begraben. Petrus entdeckt es, als er sich zu ihr setzt. Aufgeschlagen ist die Kr�nung der Kampagne, die Werbung f�r das� Erste-Regel-Set�. Das Foto zeigt ein nacktes zw�lfj�hriges M�dchen, das in einem altert�mlichen Spiegel seine knospenden Br�ste betrachtet. Petrus legt das Heft auf den Boden zu den anderen und streichelt Johanna, oder eigentlich das Kissen, was ungehaltenes Schluchzen zur Folge hat. Petrus wechselt zum Schreibtisch und liest im Katholischen Katechismus der Bist�mer Deutschlands.�F�r mein Leben: Ich will meinen Schutzengel lieben, ihn alle Tage and�chtig anrufen, seinen Ermahnungen treu folgen und daran denken, dass er mich �berall sieht. �Sehr trickreich, denkt Petrus, dieses� F�r mein Leben�. Die haben schon auch sehr gute Texter. Er liest laut:</p><p>�Ich will meinen Schutzengel lieben, ihn alle Tage and�chtig anrufen � und daran denken, dass er mich �berall sieht.�</p><p>�Sei.. ahnung.. eufolgen�, kommt von unter dem Kissen zur�ck.</p><p>Johannas Gesicht ist aufgequollen, die Augen sind rot unterlaufen, die Haare offen. Die Kindernarbe auf der Stirn tritt hervor. Sie schmollt, sie heult, sie tobt. Sie hat ihre Sprache verloren. Es reicht nur noch bis zum Fragezeichen. Sie will alles wissen �ber das Foto, �ber dieses M�dchen aus Kalifornien, umso lauter schluchzend, als Petrus es ihr erz�hlt. Er tr�ufelt ihr die Geschichte ein wie bittre Tropfen, die einzigen, die helfen. Falls sie helfen. Kampagnenklatsch, letztendlich, mehr nicht. Da ist sie wieder schniefend unter dem Kissen, dann trommelt sie gegen das Kopfst�ck ihres Bettes, und sp�ter rei�t sie sich das T-Shirt vom Leib, Beweinung Christi, Tr�nen wie gemalt. Sie ist wirklich noch ein Kind, sagt sich Petrus, aber sie f�hlt wie eine Frau. Er nimmt es, lallend und halbnackt, in die Arme und streichelt das M�dchen, bis es wieder sprechen kann. Den Rest des Abends weicht Johanna nicht mehr von Papas Seite, empf�nglich f�r jede Sorte von Schmeichelei.</p><p>Nachts, Petrus und Lore gemeinsam in einem Bett, das ist lange nicht mehr vorgekommen. Es ist Lores M�dchenzimmer von einst. Er fl�stert:</p><p>�Als N�chstes h�tte ich den Exorzisten rufen m�ssen.�</p><p>�Was war denn eigentlich los?�</p><p>�Da haben die Mauern gewackelt. Alles.�</p><p>�Wegen einer nackten Laura aus Beverly Hills?�</p><p>�Das war der Ausl�ser, glaub� schon.�</p><p>�Eifersucht.�</p><p>�Mmh. Die Kampagne macht sie eifers�chtig. Als h�tte sie �o.b.� erfunden.�</p><p>�Eifers�chtig auf die Kampagne!�</p><p>�Auf das ganze Ding eben.�</p><p>�Das ganze Ding.�</p><p>Sie kichern.</p><p>Lore:�Auf den Papa.�</p><p>Petrus:�Den Papa oder den Papst. Keine Ahnung.�</p><p>Sie dreht sich zu ihm und l�sst ihre Hand in seine seidene Pyjamahose gleiten. Die lockere Hand der Hannelore Fleck. Im n�chtlichen Garten h�rt man die Gr�ser lispeln.</p><p>�Ihr werdet ein Fleisch sein�, fl�stert Lore, und Petrus raunt:</p><p>�Aber subito.�</p></section><section><title><p><strong>Wandlung</strong></p></title><p>An einem Donnerstag im September nahm Marleen ihr Fahrrad, verlie� die Pomona �ber das Nadel�hr und strampelte entlang der gro�en Stra�e in Richtung Pius. Alles war zum Stillstand gekommen. Die Buchen und Birken waren noch gr�n, aber nicht mehr frisch. Die V�gel hatten l�ngst ihre Nester aufgegeben. Ruhig und stolz stand die Sp�tnachmittagssonne �ber Holland. Was geschehen sollte, war geschehen, und was geschehen w�rde, geh�rte in eine andere Zeit, eine andere Saison. Marleen war sp�t dran, aber sie beeilte sich nicht, wof�r es Gr�nde gab. Die Kette h�tte abspringen k�nnen. Sie mochte nicht verschwitzt im kirchlichen Unterricht sitzen. Vielleicht hatte sie einfach keine Lust.</p><p>Als sie in den Hof einbog, standen Fahrr�der da, zwanzig oder mehr, die besten mit den Vorderr�dern an die Stahltr�ger angeschlossen, manche frei herumstehend, eines � dem der St�nder abhandengekommen war � einfach auf die Kieselsteinplatten gelegt. Sie erkannte auch Ingolfs blauen� Schlitten �mit dem umgedrehten Rennlenker. Der Gemeindesaal grenzte an den Fahrradhof, aber ohne Fenster. Marleen war abgestiegen. Sie sah sich um. Sie fragte sich, ob der Hof sie traurig machte. Obwohl die Katechesezeit vor mehr als einem Monat begonnen hatte, war es �berhaupt das erste Mal, dass sie ihn sah, mit den Betonschr�nken f�r die M�lltonnen gegen�ber, ein wenig gepflegtes Beet dahinter. Oder ob sie so traurig war, dass sie deshalb den Hof betrachten musste. Sonst hatte sie immer ihr Fahrrad abgestellt, mit der einfachen Hinterradblockade gesichert und war weitergelaufen in den Gemeindesaal, den sie sich jedesmal vorgestellt hatte, mit seinen Holzst�hlen und seinem Geruch, bevor sie eingetreten war.</p><p>Marleen dachte eine Weile nach, obwohl sie nicht genau wusste, wor�ber. Sie hatte sich mit dem rechten Ellbogen auf den Fahrradsattel gestemmt, was zum Nachdenken besser passte als gerade zu stehen. Nur so viel war klar, sie w�rde �ber k�rzer oder l�nger entscheiden m�ssen, ob sie hineingehen w�rde oder nicht. Nicht, dass die anderen Kinder schon wieder herausk�men, w�hrend sie hier noch stand. Dann m�sste sie sagen, sie h�tte sich in der Uhrzeit geirrt. Im Vergleich dazu war es leichter, jetzt hineinzugehen und sich beim Kaplan Valentin f�r die Versp�tung zu entschuldigen. Missmutig beschloss Marleen schlie�lich, die Katechesezeit ein einziges Mal auszulassen, dieses Mal, und die verbleibende Zeit in der Neusser Innenstadt zu verbringen. Ist ja schlie�lich nicht verboten, dachte sie.</p><p>�Nicht verboten!�, rief sie laut, als der Gemeindesaal au�er H�rweite war. Ein Mann mit Hut schaute die kleine Radfahrerin verwundert an und sein Dackel ebenfalls. Marleen dachte, was sie nie zuvor gedacht hatte, dass es besser w�re, woanders zu sein. In K�ln vielleicht oder in Paris. Sie hatte in einer Bildstrecke gebl�ttert, die ein griechisches Inseldorf zeigte, alle H�user wei� unter tiefblauem Himmel. Den Bericht dazu hatte sie allerdings nicht gelesen, so dass sie nicht sicher war, ob das wei�e Dorf f�r sie das Richtige w�re. Sie las �berhaupt nicht sehr viel, nicht wie Johanna, nicht einmal ein Bruchteil davon. Immer hakte sie irgendwie fest; manche Worte verwechselte sie mit anderen. Am Vortag war sie zu einem Test bestellt worden. M�glicherweise habe sie eine Leseschw�che, hie� es. Sie fand nicht, dass man das erst testen musste, sie h�tte es denen gleich gesagt. Aber es waren keine Lehrer, sondern Psychologen, und die hatten sogar ein Wort daf�r. Sie war eine� Legali��, eine� Leganstisch��, sie hatte sich das nicht gemerkt. Noch stand es nicht fest. N�chste Woche w�rde man es wissen. Haha.</p><p>Das wichtige Wort aus Gruiten aber hatte sie parat.</p><p>�Haben Sie ein Buch �ber das Moderne?�, fragte sie in der Stadtb�cherei.</p><p>Der Mann b�ndelte einen Stapel Karteikarten mit einem Gummiband, legte ihn beiseite, nahm seine Brille ab und sah sie an. Marleen schaute durch ihre Eulenbrille zur�ck. Ihre Haut hatte das Gl�hen des Sp�tsommers. Mit einem leichten S-Schwung stand sie da, fliederfarbener Nicki, Levi�s, ein Buch in der linken Hand, das unschwer als Katechismus zu erkennen war.</p><p>�Setz dich�, sagte der Bibliothekar. Sie setzte sich auf die vordere Kante eines h�lzernen Freischwingers. Den Katechismus legte sie hinter sich.</p><p>�Es gibt sicher nicht nur <emphasis>ein</emphasis> Buch �ber die Moderne.�</p><p>�Kann man die ausleihen?�</p><p>�Das meiste kann man ausleihen. Was willst du genau wissen?�</p><p>Marleen starrte ihn an.</p><p>�Interessiert dich moderne Architektur? Modernes Theater? Moderne Malerei?�</p><p>�Nicht das Theater�, sagte Marleen. Sie verschaffte sich etwas mehr Platz auf dem Stuhl. Dabei fiel der Katechismus hinten runter.</p><p>�Hast du denn Zeit?�, fragte der Mann.</p><p>Das hatte sie noch nie jemand gefragt. Kein Erwachsener, jedenfalls.</p><p>�Bis sechs�, sagte Marleen.</p><p>�Dann schlie�en wir sowieso. Das reicht f�r einen �berblick. Den Katechismus kannst du auf meinen Schreibtisch legen. Ich zeige dir erst mal das Schlagwortregister.�</p><p>Am Freitagmorgen kam sie auf die Sekunde neben Ingolf zu sitzen, was ihn aber nicht davon abbringen konnte zu zischeln:</p><p>�Wo bist du gewesen gestern?�</p><p>�In der B�cherei.�</p><p>�Der B�cherei?�</p><p>Sie nickte, w�hrend die Klassenlehrerin einen Guten Morgen w�nschte und ein Brummeln, Quietschen und St�hnen zur Antwort bekam. Der Junge sah Marleen mit riesigen Augen an, immer wieder. Zur Pause duckte sie sich weg. Den Rest des Vormittags tat er, als wenn nichts w�re. Als sie mit dem Fahrrad einbog in die Pomona, stand er da vor dem Haus des Architekten, der sich vor die Siedlung gesetzt hatte wie ein Pf�rtner. Um die Bremsz�ge seines Rads hatte Ingolf blau-wei�e Schmuckverkleidung gewickelt. Er streichelte sich durchs Haar, das er wieder hatte wachsen lassen. Sie hielt an, weil sie wusste, vorbeizufahren h�tte gehei�en, seine Freundschaft zu verlieren, vielleicht f�r immer. Sie kannte die Schwierigkeit, jemandem in die Augen zu sehen, wenn man etwas nicht sagen will, dieses bl�de Grinsen, h�ndisch, obwohl Hunde nicht wirklich grinsen. Dabei wusste sie noch nicht einmal, was es war, das sie nicht sagen wollte.</p><p>�Der Kaplan Valentin hat gefragt, was mit dir is.�</p><p>�Hat dich gefragt?�</p><p>�Hat mich gefragt.�</p><p>�Und �?�</p><p>�Ich habe gesagt, dass ich mich k�mmere. Wir wollen unseres Bruders H�ter sein.�</p><p>�Ich wei�. Aber M�dchen z�hlen nicht.�</p><p>�Bruder oder Schwester, wir sind alle Kinder Gottes.�</p><p>�Du wirst Messdiener, und ich darf nicht.�</p><p>�Woher hast du das. Aus der B�cherei?�</p><p>Sie sah Ingolf an. Sie nahm die Brille ab, um sich mit dem Handr�cken eine Tr�ne aus dem Auge zu wischen. Das kam vom scharfen Wind der niederrheinischen Ebene. Da tr�nen die Augen manchmal.</p><p>�Indschie ��, nur sie durfte ihn so nennen.�Ich hab�s mir �berlegt.�</p><p>Was sie selbst �berraschte, denn sie hatte �berhaupt nicht �berlegt.</p><p>�Wir sollen das Blut Christi teilen�, hauchte Ingolf.</p><p>Lore, die mit der Ente vorbeifuhr, tat so, als w�rde sie das Paar nicht sehen.�Liebesdrama mit neun�, dachte sie.�Sch�ner Schei�.�</p><p>�Ich hab mir�s �berlegt�, sagte Marleen.</p><p>�Und wat?�Man h�rte noch, dass er nicht aus dem Rheinland kam.</p><p>�Ich komm nicht mehr. Ich will keine heilige Kommunion.�</p><p>�Biste jeck?�</p><p>Das Bild, das sie jetzt abgab, h�tte Marien alle Ehre gemacht. Die Tr�nen und dieses L�cheln, beides zugleich.</p><p>�Vielleicht bin ich jeck�, sagte sie.�Kann schon sein.�</p><p>Petrus, unterdessen, war nach der Stippvisite in Gruiten wieder in Amerika unterwegs und flog dann von Los Angeles nach Sydney, nochmals nach Hongkong und wieder nach Delhi, das alles, um seinen Aufgaben gerecht zu werden, einerseits Brad Kilip in der Welt bekannt zu machen und andererseits Oberholtzer von� Inspirationen �zu berichten, wozu alles geh�rte, was in D�sseldorf fremd war, exotische Drucktechniken, Nachrichtenwege, Artefakte und Riten. In Los Angeles hatte er den Grateful Gerd dabei, in Sydney die junge Art-Directorin aus der Baracke;�Indien kannste machen�, hatte Oberholtzer beschieden, aber� dat wird erst mal kleine M�nze bleiben, da kannste sischer sein�. Es konnte durchaus sein, dass es Petrus nicht nach Delhi und Goa trieb, um Brad Kilip bekannt zu machen, sondern weil er dort jene Leute wiedertraf, die er, ganz f�r sich, den� Jet-set des Abseitigen �nannte, durchgebrannte Manager aus New York, m�de Filmleute aus der Cinecitt�, schw�lstige Popmagnaten aus London und jede Menge einzelreisender Frauen, die unbedingt nicht mehr Norwegerinnen oder Australierinnen sein wollten, Inderinnen aber auch nicht. Von ihnen gedachte Petrus etwas zu lernen, das Verharren im Genuss, die Liebe zum Augenblick, er w�rde die Worte daf�r schon finden. Vor allem erwartete er mit einer gewissen Erregung das Wiedersehen mit dem Team vom <emphasis>stern</emphasis> in einer Stadt namens Poona, die er noch nicht kannte, die aber mehr Freaks zog als alle anderen zusammen,�ungeheure spirituelle Kr�fte�, hatte der Redaktionsfotograf gesagt. Die Verbindung zu den Journalisten war es, die Petrus das Gef�hl verschaffte, auf einer h�heren Ebene der Erfahrungskunde angekommen zu sein, ohne den Makel des Reklamefritzen, aufgenommen von den Cogniscenti, eine Plattform, von der aus zweierlei m�glich war, entweder die Werbung zu verlassen oder sie zu veredeln. Auf jeden Fall war Indien die Pforte zum Neuen, und dass er nicht wusste, was das Neue war, machte ihm keine Angst oder nur ein bisschen. Es tat ihm gut mit 41 Jahren, nachdem fast alles, was hatte gelingen k�nnen, gelungen war.</p><p>Lore, im August und September Empf�ngerin zweier handgeschriebener Briefe, las darin nicht das, was sie sp�ter darin lesen sollte. Sie wunderte sich zun�chst �ber die Verwandlung ihres Reklamegigolos in einen Sinnsucher, eine Verwandlung, die umso r�tselhafter war, als sie in ihrer unmittelbaren N�he stattgefunden haben musste.</p><p>Es war pl�tzlich noch einmal warm geworden. Das Atelierfenster war so weit es m�glich war ge�ffnet, das eine gro�e Glas �ber das andere geschoben, und Lore sah auf das Atrium hinaus, mit seinem in die Jahre gekommenen Sandkasten und dem veralgten Teich, an dem sich der Reiher schon lange nicht mehr gezeigt hatte. Pl�tzlich wurde sie des L�rms gewahr, ein Rauschen an der Schwelle zum Dr�hnen, ein unterirdischer Wasserfall oder ein Flugzeug �ber dem Haus. Es lie� nicht nach. Sie rauchte eine Zigarette, die einzige verbliebene am Tag, Camel Filter. Marlboro, hatte Brad Kilip herausgefunden, rauchten Leute, die sich Ziele steckten, und Camel jene, die sie schon erreicht hatten. Sie blies den Rauch durch die t�rhohe �ffnung ins Atrium. Es war kurz vor Mittag, Linus noch nicht aus der Schule zur�ck; noch nicht einmal sechs Jahre alt, hatte er darauf bestanden, allein zu gehen. Der L�rm blieb. Der L�rm, gegen den sie sich mit dem Erdwall hatten sch�tzen wollen, war �ber die Jahre offenbar um ein Mehrfaches angewachsen, lauter als die Luft selbst, wie Lore dachte. Sie horchte eine Weile, ob er nachlassen w�rde, aber er lag �ber der Pomona wie eine Glocke.</p><p>So h�tte sie fast das metallische D�ng-dong nicht geh�rt. Sie eilte zur Sprechanlage, es war nicht Linus, es war der Kaplan Valentin, ob sie einen Moment Zeit h�tte, und auf dem Weg zur T�r dachte sie: Diese verklemmten Kirchenheinis � Oh Gott, der kommt jetzt wegen Marleen � Ich werde nicht sagen, dass ich konvertiert bin � Petrus m�sste sich dem stellen � Vielleicht hat Johanna den geschickt, Quatsch, die ist doch in Dreik�nigen � Oder ich beichte, ob er will oder nicht,�wissen Sie, ich habe da so gewisse Phantasien, die mich verfolgen ��� Dann wird er schon wieder abziehen.</p><p>Der Kaplan reichte ihr jovial die Hand. Man kenne sich schon seit dem Beginn von Marleens Katechesezeit, aber Lore konnte ihn nicht zusammenbringen mit einem Mann in schwarzer Kutte, dem sie einmal fl�chtig die Hand gereicht hatte. Sie sagte, sie sei Marleens Mutter, obwohl das nicht weiter fraglich war. Er strebte auf eine Weise ins offene Haus, dass man meinen mochte, die Tasse Kaffee am Esszimmertisch, vielleicht sogar Wohnzimmertisch mit Kaffeesahne und Zucker w�re ihm sicher, aber Lore leitete den fremden Mann in ihr Atelier, wo das Fenster noch offen stand. Der Geruch der kalten Zigarette kam aus dem Ricard-Aschenbecher, der auf dem Hocker abgestellt war. Sie bugsierte den Ascher auf den Boden, deckte ihn mit einem kleinen Zeichenblock ab und schob dem Kaplan den Hocker hin, der ihn mit kl�sterlicher Bescheidenheit annahm. Selbst setzte sie sich auf ihren drehbaren Arbeitsstuhl, der lustig aussah, wenn man daf�r ein Auge hatte, mit seinen Armlehnen, die nach vorne hin anstiegen, als wollten sie Hallo winken. Auf dem Tisch lagen Serienentw�rfe eines M�nnleins mit zu gro�em Kopf in schwarzer Tusche; Lore illustrierte jetzt Kinderb�cher.</p><p>Der Kaplan hatte einen frischen Teint, braune Augen und mittelblonde Haare, die er hinten kurz trug und vorn lang genug, um sie sich gelegentlich aus der Stirn zu wischen. Lore glaubte, er sei j�nger als sie selbst, zumal sein Gesicht, etwas gepolstert, kaum Zeichen des Alters zeigte. Er kenne mittlerweile viele Kinder aus der Pomona, bemerkte er, aber sei noch nie in der Siedlung gewesen, was gleich zu Marleen � der Abtr�nnigen, wie Lore dachte � h�tte f�hren k�nnen. Stattdessen machte er eine Pause. Und schon erz�hlte ihm Lore von dem L�rm, dessen Unabl�ssigkeit ihr eben erst aufgefallen war, und von der Bauzeit, Johannas Sturz in die Grube und dem siegreichen Kampf um den L�rmschutzwall, dessen Vergeblichkeit sie nun einsah.</p><p>Er hatte sich vorgebeugt und die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf in die H�nde gest�tzt, die er zu einer Schale geformt hielt. Erst jetzt bemerkte Lore, dass er keine Amtskleidung trug, sondern schwarze Cordhosen und eine karierte Jacke, wei� gef�ttert, und Schuhe, die eher zum Country- und Westerngenre geh�rten.</p><p>�Ach ��, sagte er etwas gedankenverloren. Sie sah ihn erwartungsvoll an.�Das w�rde ich nicht ins Metaphysische heben.�</p><p>�Ins Metaphysische?�</p><p>�Den L�rm, meine ich. Sehen Sie, es mag ja etwas laut sein, aber wenn es den Wall nicht g�be, dann w�re es viel lauter. Insofern w�rde ich auch jetzt noch sagen, dass der Feldzug gelohnt hat.�</p><p>�Wissen Sie, was ich manchmal gedacht habe � Dass wir die Sache gewonnen haben, hat zu unserer Abkehr von der Politik gef�hrt. Der lokalen, meine ich. H�tte die Stadt uns l�nger warten lassen, s��en wir heute vielleicht im Gemeinderat.�</p><p>�Das w�rde ihm guttun.�</p><p>F�r einen Moment dachte Lore, er meine Petrus.</p><p>�Wem?�</p><p>�Dem Rat der Stadt. �Sie lachten, aber nicht laut.</p><p>W�hrend er nun wieder gerade sa� und die Arme ausfliegen lie�, betonend und deutend, lenkte er das Thema unversehens auf das, was er seine kleine politische Schulung nannte, die Begegnung mit Theologen in S�damerika, die sich gegen gewaltt�tige Regime stellten, Priester zu jener Zeit interniert, gefoltert, pl�tzlich unauffindbar in Argentinien.</p><p>Dabei sei es ja nie die Absicht der Kirche, die staatliche Obrigkeit zu ersetzen, zumal sie, die Kirche, ohnehin ein Paralleluniversum darstelle.</p><p>�Es geht nur darum, die alten Fehler gutzumachen. �Er strahlte von innen heraus, ohne zu l�cheln.�In Mexiko hat die Kirche die Leute dumm gehalten, absichtlich, die Eingeborenen von jeder Bildung, von jeder Partizipation abgeschnitten, und das �ber mehr als ein Jahrhundert. Ich war in Peru, aber nicht f�r die Kirche.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Als Arzt.�</p><p>�K�nnen Sie da nicht mehr helfen als � als ��</p><p>�Das dachte ich eben auch! Und ich habe meinen Teil getan, zwei Jahre lang. Aber es waren die Priester, die den Leuten die Br�cke gebaut haben in ein anderes Leben. Nicht umsonst nennt man das ja die Theologie der Befreiung.�</p><p>�Dann sind Sie umgeschwenkt?�</p><p>�Milde ausgedr�ckt, ja. Es gab dort auch einige �rzte-Priester, deren Weisheit und Voraussicht mir gro�en Eindruck gemacht haben. Dann bin ich erst einmal zur�ck nach Deutschland, um meine Kirche kennenzulernen. Mit der ich eigentlich nichts zu tun gehabt hatte, bis dahin.�</p><p>Der Kaplan Richard Valentin war bei Breslau als Sohn eines mittelst�ndischen Tuchfabrikanten zur Welt gekommen. Zu seinen ersten Erinnerungen geh�rten brennende D�rfer und St�dte. Die Mutter, verwitwet, fl�chtete mit dem Kleinkind nach Holstein und zog sp�ter, als man sich frei bewegen durfte, nach Fulda, wo sie ein Kurzwarengesch�ft betrieb,�ihre Tapferkeit vergoldet durch Lastenausgleich�. Lore sch�tzte seine Geburt auf 1941 oder zwei Jahre fr�her. So viel j�nger als sie w�re er nicht.</p><p>�Ich habe alles normal durchlaufen, Taufe, Kommunion, Firmung, aber ich wollte, ja was wollte ich. Ich wollte wohl in wei�en Sachen auf dem Tennisplatz stehen, mit dem Mercedes-Cabrio vor der T�r.�</p><p>Lore z�gerte einen Moment.</p><p>�Vor welcher T�r?�, fragte sie in dem Moment, als jemand schellte.</p><p>Sie lachten. Sie bat den Kaplan sitzen zu bleiben. Als sie wieder im Atelier erschien, brachte sie Cola und Bahlsenkekse und zwei Gl�ser, alles auf einem Tablett, das vor dem erstaunten Kaplan pl�tzlich Beine bekam und dann als Teetisch zwischen ihnen stand. Linus, der fr�h Schulschluss hatte, schaute herein, gr��te nicht und machte kehrt.</p><p>�Wer ist das?�</p><p>�Linus.�</p><p>�Wie bei den <emphasis>Peanuts</emphasis>?�</p><p>�Sie kennen die <emphasis>Peanuts</emphasis>?�</p><p>Es stellte sich heraus, dass der Kaplan nicht nur die <emphasis>Peanuts</emphasis> kannte. Er kannte auch Kalle Blomquist, das Sams, die kleine Hexe und <emphasis>Die Legende vom Schwarzen Mann</emphasis>, die Lore illustriert hatte.�Das spielt zwar in der Katechesezeit selbst keine Rolle, aber in den Kindergruppen nach der Erstkommunion durchaus.�</p><p>Womit er bei Marleen angekommen war.</p><p>Lore sah ihn ernst und schweigend an. Sie schaute in das Fach der richtigen Worte, und es war leer.</p><p>�Was glauben Sie�, fragte er,�hat Marleen dazu bewogen, die Katechesezeit zu unterbrechen?�</p><p>�Das hat sie Ihnen nicht gesagt?�</p><p>�Sie war ganz kurz in meinem B�ro. Als w�rde sie eine Presseerkl�rung verlesen. Das klang so: �Wenn ich zur Erstkommunion gehe, n�tzt mir das gar nichts, dann kann ich trotzdem nicht Mini werden.��</p><p>�Na ja, so etwas �hnliches hat sie hier auch gesagt.�</p><p>�Und haben Sie nicht � Ich meine, das ist doch �berraschend, finden Sie nicht? Ein M�dchen m�chte offensichtlich Messdiener werden. Bis zu dem Zeitpunkt hat sie � hat es dar�ber aber nichts gesagt. Marleen zieht eine Verbindung von der Eucharistie zu dieser Frage, obwohl doch der Sinn der heiligen Kommunion niemals darin liegen kann, �mter auf sich zu ziehen.�</p><p>Lore sah ihm zu, wie er sprach, und fragte sich, ob er stehend gr��er war als sie selbst. Da hatte sie, als er kam, nicht drauf geachtet. Andererseits, was ging es sie an.</p><p>�Sie orientiert sich da wohl an ihrem Freund.�</p><p>�Ihrem Freund!�, rief der Kaplan, den Ausdruck von �berraschung schon bedauernd.</p><p>�Ihrem Schulfreund, Ingolf. Der seine Kirchenkarriere bis zur Firmung schon geplant hat. Da f�hlt sie sich, wenn ich das recht verstehe, zur�ckgesetzt.�</p><p>�Wissen Sie�, sprach er leise, wobei seine Stimme dabei an Timbre gewann,�die Kirche ist zweitausend Jahre alt. Sie ist dennoch im Wandel. Erst seit wenigen Jahren sprechen wir wirklich mit unseren Gemeindegliedern, also in der Sprache ihres Landes. Vorher war es Latein. Es wird noch viel passieren. Sie hat nat�rlich recht � Ich kann es nicht bestreiten, wenn Marleen mich fragt, ob sie Ministrantin werden darf, n�chstes Jahr, dann muss ich dem Bischof folgen und Nein sagen. Ich w�rde versuchen, ihr die Gr�nde zu nennen ��</p><p>�Die, soweit unsere Tochter Johanna als Quelle in Frage kommt, darin liegen, dass Frauen �unrein sind�, was hei�en soll: menstruieren.�</p><p>Der Kaplan l�chelte.</p><p>�So etwas ist vielleicht fr�her gesagt worden oder wird an mehr oder weniger geeigneter Stelle noch heute wiederholt. Andererseits sah die Kirche fr�her hinter jedem Ofen eine Hexe sitzen, heute gibt es keine mehr. Will sagen: Mit den Ansichten werden auch die Gr�nde blasser, und bisweilen gibt es eine gr�ndliche Revision. Die Kirche bewegt sich schon, aber sie ist hierarchisch und international. Was niemals gef�hrdet werden darf, ist ihre Einheit. Deshalb leben bisweilen Traditionen fort. Eher weil man vergessen hat, sie zu befragen, nicht weil sie unab�nderlich w�ren.�</p><p>�Sie meinen, wenn Marleen dabeibleibt, kann sie hoffen, dass ihre Tochter irgendwann einmal Ministrantin sein darf?�</p><p>�Das fragen Sie mich?�</p><p>�Ja, das frage ich dich. Ich meine, Sie.�</p><p>Er lie� sich nichts anmerken.</p><p>�Ich glaube ja. Wissen Sie, diese Kirche ist gro�, aber nichts ist unm�glich. Wir predigen ja auch nicht die Gewissheit, sondern den Glauben.�</p><p>Sie kehrten �ber das Fernsehzimmer, wo Linus Werbung schaute, zum Eingang zur�ck. Der Kaplan ging neben Lore die breite Treppe hinunter.</p><p>�Ich m�chte sie nicht bedr�ngen. Es w�re nur gut, wenn Marleen mit mir das Gespr�ch suchen w�rde.�</p><p>�Ich bezweifle nicht, dass sie bei Ihnen etwas lernen kann. �Als sie an der Haust�r waren, fand sich auf ihrer Schulter seine rechte Hand, die, als er sie zur�cknahm, ihre Schulterbl�tter streifte wie der Ast eines Baumes, vor dem man sich duckt.</p><p>�Auf Wiedersehen.�</p><p>�Ganz bestimmt�, sagte er.</p><p>Lore schloss die T�r. Sie hatte diesen nagelneuen Patent-BH, den man mit geringem Druck auf den flach gezogenen Verschluss �ffnen konnte. Jetzt war er offen.</p><p>�Was wollte der?�, fragte Linus, als sie aus der anderen Richtung vorbeikam.</p><p>�Nach dem Rechten sehen�, antwortete Lore und schloss die T�r hinter sich.</p><p>Im Atelier war ein schwenkbarer Spiegel aufgestellt, um Vorlagen seitenverkehrt betrachten zu k�nnen. Und auch, weil sie gelegentlich sich selbst als Modell brauchte. Sie zog sich ihren Rollkragenpulli �ber den Kopf. Der BH kam mit. Sie sah ihre Br�ste im Spiegel an, volle Br�ste, die etwas fragend aufschauten, von vier Kindern keine Spur.</p><p>�Du bist das Mauerbl�mchen der Pomona�, dachte sie.�Das kann ja noch was werden. �Dann zog sie sich wieder an und widmete sich dem M�nnlein, das dabei war, sich in einen glatzk�pfigen Lufttroll zu verwandeln, dem sie in der Viertelstunde bis zum Mittagessen mit den Kindern einen gefl�gelten Tornister verpasste.</p><p>In der Pomona wurde Petrus nur noch selten gesichtet, ein beseelter Handelsreisender, aus dessen Koffern fremde Stoffe und Ger�che kamen, die sich im Haus ausbreiteten, und schon war er wieder unterwegs. Im November verga� er gleich drei Geburtstage � Lores, Johannas, Linus�. Zu Beginn der Adventszeit raspelte er s��e Worte von einem� Familientreffen �in Florida, er w�rde von Indien nach Amerika fliegen, hatte aber noch keine Zusage f�r das Haus dort; und bat Lore am 19. Dezember, die Kinder wie auf hei�en Kohlen, zu erfragen, was es koste,�mit der ganzen Bagage am 24. r�berzusetzen�. So dr�ckte er sich aus. Es kostete, wie Lore herausfand, so viel wie ein neues Auto. Er bedauerte das sehr:�Es wird hier jetzt erst richtig interessant. Die ganze Sache ist in Gr�ndung, mit Hand und Fu�, davon k�nnen Leute wie wir eine Menge mitnehmen. �Diese Worte, Petrus� Handschrift, kamen aus dem Fernkopierer, den Lore angeschafft hatte, um bei Auftraggebern Eindruck zu machen, ein k�hlschrankgro�es Ger�t im Hausflur, auf dem das Telefon stand. Die Absender-Kennung verriet eine Werbeagentur in Delhi, obwohl Petrus vorgab, in Poona zu sein. Nicht, dass es im Haus keinen Weltatlas gegeben h�tte.</p><p>�ber die Feiertage sollte die 133 erg�nzt werden durch Ingolf, der jetzt weinrote Feincordhosen trug, das ausgestellte Bein den Schuh verdeckend. Seine Eltern hatten sich in der Adventszeit zerstritten. Der Vater war in ein D�sseldorfer Penthouse gezogen, das er schon Monate zuvor heimlich gemietet hatte. Die Mutter hatte einen Skiurlaub im Zillertal, der Vater in Sils Maria gebucht, beide den Jungen bedr�ngend mitzukommen, w�hrend sie miteinander schon nicht mehr sprachen. Zuf�llig hatte Ingolf den Anwalt des Vaters am Telefon, den er in aller Ruhe belehrte, eine Scheidung seiner Eltern sei� aus kirchenrechtlichen Gr�nden �ausgeschlossen.</p><p>Nun sah man, dass ein gro�es Herz zu haben nicht schaden konnte. Marleen, die er einf�hlsam hatte wissen lassen, die heilige Kirche st�nde ihr immer offen und au�erdem habe sie in der Messdienerinnenfrage eigentlich recht, entging Ingolfs Verzweiflung nicht. Als er auf dem Pausenhof verlegen stotterte, half sie ihm weiter.</p><p>�Bei uns wackeln auch die W�nde.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Und ob. Wenn ich mir meine Mama angucke. Mein Daddy turnt seit einem halben Jahr in Indien rum.�</p><p>�Aber der kommt ja zur�ck.�</p><p>�Glaub� ich nich�.�</p><p>�Was?!�</p><p>In den n�chsten Tagen sah man sie immer zusammen, so wie am Anfang. Nach einer f�nften Schulstunde blieben sie einfach sitzen, legten, als alle gegangen waren, die K�pfe aufs Pult und fl�sterten sich ihre Geheimnisse zu. Marleen durfte wieder ihre Hand in Ingolfs Haar legen, wo sie liegen blieb wie ein Ei im Nest. So entstand der Plan, dass er sich dem Streit seiner Eltern vorerst entziehen sollte. Er solle, ersann Marleen, dem Vater andeuten, dass er mitkommen werde in die Schweiz, und der Mutter, dass �sterreich klarginge,</p><p>�Das merken sie ja nicht, wenn sie nicht miteinander reden.�</p><p>Ingolf grinste unter der getrockneten Spur seiner Tr�nen. Am letzten Schultag vor Weihnachten, so Marleen, w�rde er mit seinem Fahrrad in der Pomona 133 auftauchen und von dort aus zwei Anrufe t�tigen, deren Folge doch mit gro�er Wahrscheinlichkeit sein w�rde, dass die Eltern jeweils allein abreisten und Ingolf zur�ckbliebe.</p><p>Ingolf:�Du musst nur vorher deine Mama fragen.�</p><p>Marleen:�Och.�</p><p>Als es dann so weit war, log er gegen�ber dem Vater, er fahre jetzt doch mit der Mutter. Die aber war nicht so leicht zu �berzeugen. Er bem�hte sich, es so klingen zu lassen, als w�re Weihnachten bei den Schullers zu verbringen die nat�rlichste Sache von der Welt; keinesfalls durfte bei seiner Mutter die Furcht aufkommen, Ingolf k�nne ihr verlorengehen. Schlie�lich erschien sie in der Pomona mit ihrem schwarzen Mini, ein Paar Skier auf dem Dach, im Kofferraum Geschenke, und besprach sich mit Lore, die so tat, als w�rde Petrus zu Weihnachten zur�ckkommen, was sie selbst einen Moment lang glaubte. So fuhr Ingolfs Mutter davon, in der festen �berzeugung, der Junge suche f�r den schlimmsten Augenblick die Geborgenheit einer intakten Familie. W�hrend er in Wirklichkeit, auf seine Weise, ein aparter Ersatz f�r Petrus sein w�rde, ein Mann im Haus. In Vorahnung dessen, und sei sie noch so schemenhaft, trafen sich, ohne dar�ber miteinander zu reden, Lore und Marleen in kleinen L�genman�vern.</p><p>Ein richtiger kleiner Prinz war er. Marleen schenkte Ingolf ein Stehkragenhemd mit zwei vertikalen B�ndern glitzernder Pailletten, das ihr Petrus mitgebracht hatte, von Cristina bekam er d�nische Clogs, und Johanna h�ngte ihm ein h�lzernes Kreuz um, an einem schwarzen Lederband, so dass Ingolf mit seinen weinroten Cordhosen und seiner Haarpracht in den modernen R�umen der 133 wirkte, als w�re er soeben aus Haight-Ashbury eingeschwebt. Er umschw�rmte Marleen und betete heimlich mit Johanna, war in v�terlicher Weise z�rtlich zu Cristina, die ihn mit ihren florentinischen Augen still bewunderte, und trug Linus auf dem R�cken, der begeistert war von dem Wunder, pl�tzlich einen �lteren Bruder zu haben. Was die Messen betraf, waren alle mal dran, Pius, Quirin und Dreik�nige. Pius beehrten sie am Silvesterabend um sechs, wo die Messe vom Kaplan Valentin gelesen wurde. Lore nahm diesmal teil an der Kommunion, und als der Kaplan ihr den Becher reichte und ihr in die Augen sah, trank sie vom Blut Christi mit der ungeahnten Folge, dass sie den Kopf senkte und die Augen schloss und etwas im Licht einer Kerze vor sich sah: sich selbst und den Kaplan in vollst�ndiger Vereinigung. Sie sp�rte, wie ihr der Kopf rot anlief, und es war ihr gerade recht.</p><p>Am ersten Gesch�ftstag des Jahres 1975 sa� Lore, vom Betrieb im Foyer abgeschirmt durch eine graue Stellwand, beim Filialleiter der Deutschen Bank, mit einer kniffligen Frage. Wie konnte sie, als Ehefrau, es verhindern, dass ihr Mann einen Teil des gemeinsamen Verm�gens einer Sekte vermachte; und war es m�glich, sein monatlich aus D�sseldorf �berwiesenes Gehalt vor Abbuchungen aus der Ferne, die schon in erheblichem Umfang stattgefunden hatten, zu sch�tzen? Der Bankmann las, nur gelegentlich sich r�uspernd, die Unterlagen und gab dann Entwarnung. Das Haus, weitgehend abbezahlt, sei auf beider Namen eingetragen und mit einer Unterschrift allein nicht zu ver�u�ern. Noch ausstehende Kredite m�ssten selbstverst�ndlich weiter bedient werden, sonst drohte Gefahr. Er schlug vor, den Dispositionskredit des gemeinsamen Kontos auf null herunterzufahren und das Gehalt am Tag seines Eingangs � er versprach, darauf in den n�chsten Monaten pers�nlich ein Auge zu haben � auf ein anderes Girokonto zu �berweisen, das sie jetzt unter eigenem Namen, gesichert gegen Zugriff� einer anderen Person�, er�ffnen w�rde.</p><p>�Kann es da rechtlich Probleme geben?�</p><p>�Womit, gn�dige Frau?�</p><p>�Mit dem Transfer des Gehalts.�</p><p>�Nein. Sie haben die Vollmacht �ber dieses Konto, und Sie nutzen sie. Das ist alles. Das Problem k�nnte nur mittelfristig sein, wenn � ich meine falls � das Gehalt von � wie hei�en die jetzt noch mal � Kilip und Partner nicht mehr �berwiesen w�rde.�</p><p>�Ich bin selbstst�ndig�, sagte Lore.</p><p>�Gewiss�, antwortete die Deutsche Bank, sich ein fl�chtiges L�cheln erlaubend.</p><p>Am gleichen Nachmittag gab Lore die beiden Enten beim Citro�n-H�ndler ab, im Tausch f�r einen himmelblauen CS Break, ein Automobil von ungew�hnlicher Heiterkeit.</p></section><section><title><p><strong>Tempi Novi</strong></p></title><p>Paris ist keine Stadt, sondern eine Maschine. Der Motor brummt bei Tag und bei Nacht. Er betreibt den Stoffwechsel von Energien. Entzogen werden Artigkeit, Bescheidenheit und Mamastoffe, zugef�hrt werden Heldentropfen, Widerstandsbl�schen, Egozucker. Wille und Wirklichkeit spiegeln sich wie der Bizeps rechts und der Bizeps links. Auf den gro�en Pl�tzen stehen Obeliske, die in den Himmel zeigen, und auf den weniger gro�en Pferde samt Reitern.</p><p>Alles geht mit doppelter Geschwindigkeit. Man geht ins Bett und denkt, man h�tte nur die H�lfte erledigt. W�hrenddessen dr�hnt die Stadt, Deckel drauf und man liegt im Topf gefangen. Man wird bebr�tet und gegart. Man springt am Morgen beim Hupton durch eine sich von rechts und links gleichzeitig schlie�ende T�r, w�hrend der Boden, auf dem man landet, sich in Bewegung setzt. Leider steht man auf dem Fu� des Nachbarn. Man sagt hier gnadenlos� Pardon�, zwanzigmal am Tag, wenn es sein muss.</p><p>Irgendwo in dem Koffer oder in einer der beiden Taschen ist auch der Langenscheidt, noch aus der Schulzeit, aber Marleen kommt nicht dazu, ihn auszupacken. Sie ist so schrecklich m�de, von den Fahrten, dem Geplapper, dem B�ro, von den kleinen Kindern der Jaccottets am Abend, die sie sogar anstrengen, wenn sie schlafen. Sie geht zwei Wochen lang hungrig ins Bett, bis sie das Angebot annimmt, sich in der K�che zu versorgen. Das tut sie, wenn von den Kindern nichts mehr zu h�ren ist. Sobald die Jaccottets wieder zu Hause sind, schleppt sie sich hoch in die M�dchenkammer unter dem Dach, wo ein altes, zu kurzes Metallbett mit einer zu weichen Matratze steht.�D�fense �w�rde sie nachschlagen. Das k�nnte mit der Verteidigung zu tun haben, der Kriegszeit. Oder mit der Feuerwehr. Wenn sie nur nicht so m�de w�re.</p><p>Solange sie unterwegs ist, am Morgen, taucht es immer wieder auf, �berall. Sie wei� auch wo und erwartet es schon: An der Brandmauer um die Ecke steht es, fast unlesbar in br�ckelnden, pechschwarzen Buchstaben. Am Bauzaun vor der Metro ist es mehrfach zu lesen, in Abst�nden von sechs Metern, gesprayt. Am Gerichtsgeb�ude ist es auf Messingschilder graviert, f�r jeden Geb�udefl�gel einmal. Hoch �ber dem Eingang des Gymnasiums bemerkt sie es an einem sp�ten Nachmittag, auf dem R�ckweg, wegen der Schatten. Die Buchstaben stehen in riesigen steinernen Versalien �ber dem Portikus, als sei dies der Name der Schule: DEFENSE D�AFFICHER.</p><p>Kaum war Franz aus ihrem Leben entschwunden, stellte Marleen fest, dass sie in Kassel jeden kannte und dennoch einsam war. Alle hatten gro�en Spa߻an der Schule�, aber niemand schien ein Ziel zu verfolgen. Die einen wollten erst mal ihr kreatives Potenzial aussch�pfen, die anderen vielleicht� was in der Werbung �machen; einer wechselte zu den freien Malern und sprach danach nicht mehr mit den Illustratoren; die Filmleute tuschelten fortw�hrend �ber gr��enwahnsinnige Projekte, die in st�rrischen F�nfminutenfilmchen endeten. An denen hatten sie dann ein Jahr lang gearbeitet. Marleen aber verfolgte sehr wohl ein Ziel, n�mlich die Schrift zu verstehen. Esme hatte gesagt, bevor sie nach zwei Wochen wieder auszog, dass es das gar nicht gebe,�die Schrift�, es gebe nur Schriften, und die k�nne man lernen wie das Rechnen, anfangs nicht leicht, aber letztlich kein Geheimnis.</p><p>Mit diesem Ziel vor Augen, hatte Marleen in Kassel ihre Aufgaben erledigt, ihre Leistungsscheine eingesammelt. Sie las einige Standardwerke zur Geschichte der Schrift und wurde dann bei Tomas Weingart HiWi, obwohl sie mehr Hilfe war als Wissenschaftlerin, die Instruktion im Blei- und Fotosatz �bernehmend. Am Anfang des Sommersemesters wurde Weingart krank, und, weil er keinen Assistenten hatte, wurde sie gebeten, die Grundlehre zu beginnen. Wie jung die Neuen waren, unvoreingenommen, frisch, noch ganz Abitur und Lagerfeuer. Nat�rlich reizte das strenge M�dchen mit dem rheinischen Akzent ihren Widerstand, und einer, Beamtensohn aus Wiesbaden, fragte sie heiter und boshaft, was man in einer Typografieklasse denn lernen k�nne. Bei Weingart hatte sie sich abgeschaut, mit Verz�gerung zu antworten. W�hrend sie �berlegte, �berfiel sie ein Rauschen, ein wohliger Grusel. Sie antwortete dem jungen Studenten:</p><p>�Die Schrift bestimmt den Sinn all dessen, was wir tun. Wir lernen mit sechs oder sieben Jahren zu schreiben, danach sind wir keine Analphabeten mehr. Schrift ist �berall, und je mehr wir lesen, desto weniger sehen wir sie. Wenn wir uns also hier der Schrift zuwenden, dann befragen wir unsere Alphabetisierung. Wir versuchen, uns in den Zustand des Analphabeten zur�ckzuversetzen. Wir betrachten den Buchstaben, aber nicht seinen Sinn und auch nicht seinen Laut, sondern seine Gestalt. Wir verwandeln etwas, was bis dahin passiv war, in etwas Aktives. Seht euch die Ordnung des Setzkastens an, die nicht alphabetisch ist. Und warum ist sie das nicht?�</p><p>Das war eine m�gliche Antwort auf die Frage; in den Augen der jungen Leute hatte sie bestanden. Dabei war der Moment des Grusels nicht weniger wahrhaftig als die wohldosierte Antwort. Marleen ahnte, warum Weingart so vorsichtig gewesen war. Es gab da ein Reservoir der Empfindung, wie ein Atem, der einem in den Nacken blies, und wenn man sich umdrehte, war nichts zu sehen.</p><p>Und wieder Buchstabenverlosung, Peh und Ceh und Ypsilon, Buchstabe im Feld schwebend, Buchstabe die Einfassung ber�hrend, Buchstabe in Perspektive und so weiter. Jetzt, indem Marleen zusah, begriff sie: Der Buchstabe tendiert zum Lebendigen. Die Erstsemestler wiegen ihre eigenen Bl�tter mit Abscheu und Wehmut. Sie lieben ihre Buchstaben wie Teddys oder Puppen. Aber die Buchstaben erwidern ihre Liebe nicht.</p><p>Dann kam Weingart zur�ck, blass, aufgeschwemmt. Er sah ihr zu, wie sie unterrichtete. Als sie allein waren, sagte er:</p><p>�Also, es geht.�</p><p>�Ja, es geht.�</p><p>Man beginnt p�nktlich im Atelier von Passeraub, n�mlich um halb neun, und selten ist vor sechs Uhr abends Schluss. Marleen eilt zur Metro, sprintet durch den Tunnel, um den Anschluss zu erreichen, obwohl die Bahnen mit drei Minuten Abstand fahren. Wenn die Jaccottets Abendkonzerte geben, m�ssen sie vor halb sieben aufbrechen, um p�nktlich zu sein, zwei-, drei- oder viermal die Woche. Die Kinder drehen schon auf, bevor die Eltern aus dem Haus sind. Es geht immer etwas zu Bruch in den ersten Minuten, in denen Marleen mit den Kindern allein ist. Anfangs hat sie es mit Strenge probiert, aber das macht es nur schlimmer. Das liegt vielleicht an der Sprache, denn David, der kleine, spricht nur Schweizerdeutsch. Katie geht in die franz�sische Vorschule, aber wenn die Luft dick ist, wechselt sie in das Idiom des Bruders. Marleen gew�hnt sich: Man muss sich willenlos stellen. Wenn die Jaccottets nach Hause kommen, liegt Katie in ihrem Bett und ratzt wie ein Murmeltier. David liegt auf Marleen wie eine Raupe, schlafend, Marleen im Sessel, die Fernbedienung in der Hand, der Fernseher stumm, Tierfilme, Hollywood, MTV. Die Jaccottets �bernehmen sofort, David wird in seinem Gitterbett versenkt, und Marleen, die den Fernseher ausgeschaltet hat, bekommt ein Glas C�tes du Rh�ne, bevor sie nach oben geht. Der dicke Sonyverst�rker brummt und kratzt ein Cellosolo, das ist f�r Ann und Pierre die Nachtmusik. Da k�nnen sie sich selbst vergessen.</p><p>Und dann f�llt das Einschlafen schwer. Marleen versucht es mit Listen: Die Franzosen haben den Film, den Eiffelturm, die DS und Monet. Die Deutschen haben Bach, Helmut Kohl, C. Bechstein und Christian Klar. Unsinn. Wir haben Bach, Hermann Zapf, C. Bechstein und den Volkswagen. Die Schweizer haben die <emphasis>Helvetica</emphasis>. Die Schweizer haben Max Frisch. Sie haben den Franken. Aber darauf kommt es nicht an. Nicht in Paris. Der Boulevard ist kaum zu h�ren von der M�dchenkammer aus, die eigentlich eine Dienstm�dchenkammer ist.</p><p>Marleen muss schlafen, aber der Kopf l�uft weiter. Die Franzosen haben die Garamond, Truffaut, Toulouse-Lautrec und D�fense d�afficher. Die Schweizer haben Emil und � Godard. Emil z�hlt nicht wirklich. Aber Godard schon. Oder ist der doch Franzose? Wir haben � Marleen schl�ft.</p><p>Eine Woche lang ist die Kutsche unterwegs, die Fenster verdunkelt. Ihr gegen�ber sitzt Weingart, der sie bewacht, schweigend. An der Poststation Neuss, als die Pferde gewechselt werden, h�rt Marleen die Stimme ihrer Mutter, die ihre Herausgabe fordert. Weingart ruft, er leugne nicht, dass Marleen Schuller hier drinnen sei, aber er bestehe darauf, dass sie auserw�hlt sei, h�heren Aufgaben zu dienen. Wieder setzt sich die Kutsche in Bewegung. Schlie�lich, als die T�r von Uniformierten ge�ffnet wird, ist Marleen geblendet. Sie sieht nur Wei�. Aber sie kennt die Technik. Sie kann, was wei� ist, als schwarz sehen. Schwarz auf Grau ist das Kreuz der Nation, das sie empf�ngt. Das Tor, es entgeht ihr nicht, ist dem kleinen� m �nachgebaut, von Bodoni vielleicht, sehr delikat. Deshalb hat die Kutsche gehalten, weil sie da nicht durchpasst. W�hrend durch den linken Torbogen Leute entgegenkommen, w�hlt sie den rechten, nachdem sie Weingart, dessen Gesicht im Negativ erscheint, die Hand gereicht hat. Sie ist nun angekommen in der Hauptstadt Helvetiens, in Paris.</p><p>Es ist gut, vor dem Piepen des Weckers aufzuwachen. Das macht einen weniger empfindlich f�r die M�hen des Tages. Marleen steht auf. Das Licht ist rosarot. Die anderen Dachgauben, die sich zu ihrer eigenen im rechten Winkel als Flucht darbieten, sind bleigrau und taubenblau: als w�ren die M�dchenkammern die M�dchen selbst, die Gauben ihre Hauben. Sie stehen in Reihe, bereit, gerufen zu werden, die Gesichter leer. Das fr�he Licht umf�ngt sie und �berstrahlt nun ihre schlichten Gew�nder, die aus Drahtwolle geh�kelt sind. Es verspricht gute Gesch�fte und einen pr�chtigen Tag. Der r�tliche Schimmer l�sst die leeren Gesichter der M�dchen sch�n erscheinen. Sie geben sich, wenige Minuten nur, der Hoffnung hin. Sie sind bereit, ihre H�nde auszustrecken nach dem Apfel. Aber dann sind die D�cher wieder blau und grau. Der Dienst beginnt in f�nfzehn Minuten. Man muss bis dahin gewaschen sein.</p><p>Marleen kommt ins Atelier, gepeitscht von Tatendrang. Schnell hat sie erkannt, dass es f�r den Satz kein technisches Hindernis mehr gibt. Gew�hnliches Layout wird an der Maschine sofort erledigt. Anderes wird au�er Haus gegeben und kommt als Rolle oder gro�er Umschlag per Boten innerhalb von zwei Stunden zur�ck. Das Atelier ist gro� und sauber. Es ist nicht wirklich hell, es ist nur gut beleuchtet. Man sieht den silbrigen Schopf von Titus Passeraub. Sein K�rper erscheint als unwirklicher Schatten hinter einer gefrosteten Glaswand. Ihm geh�rt der letzte und der gr��te Raum, und wenn er vorgeht in die Werkstatt � so nennt er die Arbeitspl�tze der anderen �, sieht man ihn zuerst auf dem Gang, die gefrostete Glaswand nun hinter sich, im Profil. Er neigt zum Watscheln. Man h�lt ihn zun�chst f�r korpulenter, als er ist. Titus Passeraub ist nicht in seinem K�rper, er ist in Gedanken. Seine Gedanken sind bei der Schrift.</p><p>�Es ist mir gegeben, Formen wie Architekturen zu betrachten, in jeder Weise sie wenden zu k�nnen. Das ist bei mir schon immer so gewesen. Um dann zu einem Ergebnis zu kommen, muss man mathematische Definitionen anwenden. Diese zu beherrschen, habe ich gelernt. Erst in der Kombination beider Mittel � oder F�higkeiten � kann eine Schrift entstehen, die ihrer Zeit gewachsen ist, visuell und technisch, beides in einem. �Der junge, schmale Mann mit dem sch�tteren Haar und der riesigen Brille schreibt mit. Zun�chst glaubt Marleen, der Meister spreche zu seinem Sch�ler. Dann stellt sich heraus, dass er der Mitarbeiter einer Fachzeitschrift ist. Er berichtet �ber die <emphasis>Tempi Novi</emphasis>, Passeraubs neue Schrift. Dass Marleen von der nie etwas geh�rt hat, ist kein Wunder, denn sie ist noch nicht auf dem Markt.</p><p>Der erste Eindruck, wie immer, tr�gt. Passeraub erkl�rt sich nicht st�ndlich und nicht t�glich, er erkl�rt sich fast nie. Furrer und St�ssi, seine Teilhaber, herrschen �ber die Werkstatt. Fr�nzi L�thi nimmt Anrufe an. Eine Mademoiselle Monique sitzt vor einem Klotz von einer Maschine mit einem gl�sernen Auge und schreibt auf der Tastatur, die davor auf einem fahrbaren Tischchen liegt, mit zehn Fingern fliegend. Im Labyrinth des Ateliers, mit seinen semitransparenten Scheiben, arbeitet ein halbes Dutzend Assistenten. Davon ist die H�lfte mit Anwendungen besch�ftigt, Signets werden entworfen, komplette Erscheinungsbilder f�r mittlere Betriebe, das Layout f�r einen Jahresbericht. Die anderen arbeiten wirklich an Schriften. Andr�, ein gro�er Junge aus dem Basler Land, verbringt den Montag �ber Entw�rfen zu einem� e�. Fast h�tte sie zu ihm gesagt, dass dies <emphasis>ihr</emphasis> Buchstabe sei. Am Abend, die Aktentasche unter dem Arm, sieht Passeraub sich Andr�s Arbeit mit zusammengekniffenen Augen an. Er legt seinen Finger auf das Papier und ruft:�Den Auslauf leicht verst�rken!�Dann ist er weg.</p><p>Kein Radio im Atelier, keine Musik, kein Wort zu viel. Marleen ist gl�cklich. Noch macht sie Kr�melarbeit, aber das ist allemal besser als zuzusehen. Kaum ist sie wieder auf der Stra�e, l�uft ihr die Zeit davon. Sie bemerkt, dass die Pariserinnen sich schnell bewegen. Frauen flanieren nicht.</p><p>Ende September fragt Pierre, ob sie am Sonnabend mitkommen wolle in die Oper. Die Kinder seien dann bei einer befreundeten Familie auf dem Land. Marleen z�gert. Sie sollte jetzt besser nicht sagen, dass <emphasis>L�incoronazione di Poppea</emphasis> f�r sie im Moment nicht so wichtig sei. Pierre sagt,�Du musst nicht, Marleen. �Sie sagt danke. Kaum sind die Jaccottets aus dem Haus, geht sie hoch in ihre Kammer. Die Kraft reicht noch so eben, um sich auszuziehen, dann schl�pft sie unter die Steppdecke und zieht die Filzdecke dr�ber. Die ist braun und tr�gt am unteren Ende ein rotes Feld, in dem ein quadratisches Kreuz ausgespart ist.</p></section><section><title><p><strong>Rien</strong></p></title><p>Es gibt einen langen Tisch f�r die Arbeit im Kollektiv und f�r betriebsinterne Pr�sentationen. Es gibt zwei Arbeitspl�tze, in denen Schreib- und Zeichentisch kombiniert sind, die geh�ren St�ssi und Furrer. Auf einer Konsole steht jenes gro�e, kastenf�rmige Ger�t, an dem abwechselnd oder gemeinsam Monique und Alain arbeiten. Sie nennen den Kasten z�rtlich� la Citronique�. Alain sagt, es sei Moniques saure Schwester. Die Arbeitsfl�chen der Assistenten sind gro� genug, um mehrere Entwurfsb�gen nebeneinander zu legen. An einem gro�en Leuchttisch sitzt ein dicker junger Mann mit einer dicken Brille und schneidet Folien wie ein Graveur. Das ist Wendelin. Der Platz, den man f�r Marleen freimacht, hat einer Simone geh�rt, die das Atelier von einem Tag auf den anderen verlassen hat. Liegengeblieben sind Vorstudien einer modernen Schrift, und zwar ein fetter Schnitt, das sieht Marleen, w�hrend Niklas Furrer das Material mit den H�nden zusammenfegt und im Papierkorb versenkt.</p><p>�Das brauchen wir nicht mehr�, stellt er fest, mit der Unverr�ckbarkeit der Schweizer Diktion.</p><p>Zur�ck bleibt das Werkzeug: Stifte, Pinsel, Messer, Papier, Folien, Lineal, Zirkel. Tabula rasa.</p><p>Marleens Nische liegt jenseits des Flurs mit mattem Tageslicht von einem Fensterfries her, der auf den Hinterhof hinausgeht. Es gibt vier solcher Nischen ohne T�ren. Drei davon sind belegt vom Archiv. T�glich wachsend, wird es irgendwann den Raum brauchen, der jetzt Marleens Arbeitsplatz ist. Ein f�nftes Zimmerchen hat eine doppelte T�r, eine Lichtschleuse. Kaum zu begreifen, wie der dicke Wendelin sich in diese Zelle quetscht mit den Filmen aus der Citronique, Negative, die er entwickelt, im entlegensten Winkel des Ateliers. Am Ende des Flurs gibt es nur noch zwei T�ren, Femmes und Hommes. Sie bemerkt die Schatten derer, die vorbeikommen, auf ihrem Zeichentisch. Es hat aber keinen Sinn aufzuschauen, weil niemand stehenbleibt. Da der Flur in der oberen H�lfte verglast ist und ihre Nische keine T�r hat, erreicht sie das Mischlicht aus der Werkstatt. Wie um sie zu testen, gibt Furrer ihr vier Gro�buchstaben, Wei� auf Schwarz, die das Logo einer Boutique namens RIEN werden sollen. Furrer ist ein Mann von sanfter Ironie, seine Augenbrauen immer fragend. Er ist doppelt so alt wie Marleen.</p><p>�S�sind jungi L��d, wo � Das sind junge Leute, die alles selbst n�hen. Sie haben es auch mit einem M�nnerparfum probiert, das ein wenig zu streng geraten ist. Hier, sehen Sie das Bild. Ein schmales Ladengesch�ft, in der N�he vom Boul� Mich�, auf dem Weg zur Universit�t.�</p><p>�Ist das � Ist das f�r hier ein normaler Auftrag?�Besser kommt es erst einmal nicht raus. Es ist ja erst ihr f�nfter Tag.</p><p>Furrer wundert sich, wie forsch sie ist:�Ob er nicht zu klein ist, meinen Sie?�</p><p>�Ja, ich dachte ��</p><p>�Er ist klein, das stimmt. Aber wenn wir einen Auftrag annehmen, meinen wir es immer ernst. Da ist jeder Kunde gleich. Ob Cond� Nast oder Rien, der Entwurf muss �berzeugen. Nur bin ich selbst noch nicht �berzeugt. Die Versalien habe ich so entworfen, dass sie aussehen wie schmale Figuren, die soeben zum Leben erwachen. Das gef�llt mir. Das ganze Ding aber flattert. Bitte k�mmern Sie sich um die St�nde. Oder l�sen Sie es, wie Sie wollen. Sie sind frei.�</p><p>�Schwarz-wei�?�</p><p>�Ich finde schon. Die haben ja kein Geld. Dieses Logo soll �brigens universal verwendet werden, f�r Preisschilder, Rechnungen, Korrespondenz. Let�s keep it simple.�</p><p>Es dauert einige Stunden, dann hat sie�s, das E um 180 Grad gedreht, nach oben geschoben � Paternoster � und alle vier Buchstaben negativ in einen schwarzen Block gestellt. Furrer korrigiert daraufhin sein N, dass es eine Spur mehr ausl�dt, gibt es ihr zur�ck zur Montage. Am Ende des Arbeitstages h�ngt es in stechender Pr�zision auf Folie gedruckt am� Aushang�, ein Korkbrett in der Werkstatt, an dem man den Stand seiner Arbeit zeigen kann, wenn man m�chte.</p><p>�Es ist ein Blitz�, sagt St�ssi.</p><p>�Es ist nichts�, sagt Furrer. Marleen wird bleich. Dann begreift sie das Wortspiel. Passeraub steht als guter Hirte lockig im Hintergrund und nickt. Am n�chsten Morgen um neun erreicht sie die Nachricht, dass sie zu ihm� an den Platz �kommen soll.</p><p>Titus Passeraub sah man sein Genie nicht an. Zwar hatte er diesen ins Silbrige changierenden Haarschopf und ein ernstes, aufger�umtes Gesicht. Aber er war nicht sehr gro� und beugte sich, sitzend wie stehend, leicht nach vorn, was einen servilen Eindruck hinterlie�. Das aber hatte nichts zu tun mit seinem Selbstbild. Er war der entschiedenen Ansicht, den lesbaren Schriften im 20. Jahrhundert den wesentlichen Schub gegeben zu haben. Mit drei�ig Jahren hatte er die <emphasis>Kosmos</emphasis> fertiggestellt, eine in jeder Richtung ausgearbeitete Systemschrift, die man nur noch, Detail f�r Detail, in die Vorlagen des Fotosatzes einspeisen musste, und schon hatte man alles, von den feinsten kursiven Minuskeln bis zu den ultrafetten Versalien, englaufend, weitlaufend, ein Kosmos in der Tat f�r den Typografen im Einsatz. Seiner Sache sicher, hatte Passeraub bei dieser Gelegenheit Bezeichnungen wie� mager�,�halbfett �und� fett �abgeschafft und stattdessen die Schriftst�rken durch Zahlen wie 55, 65, 75 angezeigt, denn wer sich in seinem Kosmos bewegte, war kein Handwerker mehr, ja vielleicht schon Ingenieur. Ob sie auf Katzenpfoten daherkam oder mit Pauken und Trompeten, die <emphasis>Kosmos</emphasis> war f�r jeden Schriftgrad in jeder St�rke bis ins Detail dieselbe Sch�pfung im Kern, modern, aber nicht borniert; klar, aber nicht kalt; serifenlos, aber beseelt. Und das war nur der Anfang gewesen, Passeraubs Einstand bei Terreau &amp; Racine, deren Boom mit dem Fotosatz er �berhaupt erst erm�glicht hatte. Marleen war im Jahr zuvor auf die <emphasis>Kosmos</emphasis> gesto�en, zun�chst glaubend, dass es sich um eine ganz neue Schrift handelte. Dabei war diese �lter als sie selbst.</p><p>Marleen, wie sie in Titus Passeraubs Atelierraum erschien, war mittlerweile zweiundzwanzig Jahre alt. Sie sa� da in ihren Stuhl gegossen und h�rte ihm zu. Der Stra�enl�rm kam hoch vom Boulevard. Es war Herbst. Sie wunderte sich �ber Passeraubs Zuwendung: Warum sollte er ausgerechnet ihr, der Neuen, seinen j�ngsten Schriftentwurf vorstellen, der l�ngst fertig war und dessen Markteinf�hrung soeben begonnen hatte? Marleen aber h�rte von den inneren Stimmen auf die m�chtigste, die ihr sagte, dass sie hier am richtigen Platz sei. Es war ihre Aufgabe, Passeraub dabei zu lauschen, wie er die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> erl�uterte; sein letzter Versuch � daran lie� er keinen Zweifel �, dem Dr�ngen der Moderne nachzugeben und diese mit Umsicht r�ckzubinden an die Traditionen der Schrift, von denen Passeraub zu wissen glaubte, dass sie nicht technisch, sondern menschlich waren.</p><p>�Also, was denken Sie?�, fragte er.</p><p>Marleen hatte ein schmales Gesicht, eines, das die Luft teilt. H�rte man ihr zu, war man versucht sich umzudrehen, also ihrem Blick zu folgen. Was sie sagte, hatte nicht zwingend mit dem zu tun, wohin sie schaute.</p><p>Naheliegend war es, Passeraub beizupflichten und die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> als L�sung aller Probleme auszurufen, als Vollendung der modernen Schrift �berhaupt. Nur, wie sollte sie das begr�nden;�Gef�hl �oder� guter Geschmack �war hier bestimmt nicht gefragt. Au�erdem war klar, dass Passeraub die Vorteile seiner Schrift besser kannte als ausgerechnet sie. Gab sie seine Selbstbeschreibung zur�ck wie ein Papagei, hielt er sie f�r schwach im Kopf. Erw�hnte sie einen Vorteil, den sie selbst darin sp�rte � deren Unauff�lligkeit �, f�hlte er sich wom�glich verkannt oder, schlimmer noch, belehrt. Die andere M�glichkeit bestand offensichtlich darin, ihm zu widersprechen, auf die M�ngel der Schrift hinzuweisen. Die <emphasis>Kosmos</emphasis> war bereits minimalistisch gewesen, aber dennoch dynamisch, ein Resum�e, die letzte in der Reihefolge der Generationen, alle Vorteile in sich versammelnd, die <emphasis>Futura</emphasis> und die <emphasis>Helvetica</emphasis> als die �lteren Schwestern. Die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> dagegen schien keine Verwandten zu haben; ihre �hnlichkeiten waren die eines Klons. Ihren Namen konnte man ebenso als Verhei�ung begreifen wie als Drohung. Marleen dachte an ihren Plan, der ihr jahrelang vor Augen gestanden hatte: eine Schrift ohne Signatur zu schaffen, bereinigt von den Resten der in Stein gehauenen Sprache. Erst jetzt begann sie zu ahnen, dass es nicht dasselbe war, Traditionen auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner zu reduzieren oder sie zu schleifen wie l�stiges Dekor. Sie war sich auch nicht ganz sicher, ob sie den Unterschied zwischen der <emphasis>Kosmos</emphasis> und der <emphasis>Tempi Novi</emphasis> richtig erkannte, und sie m�sste Passeraub � und das wollte sie auch gleich tun � danach fragen, er war schlie�lich beider Erfinder, gar nicht zu reden von einer dritten und gewiss nicht unwichtigen Schrift, die irgendwie in der Mitte der beiden anderen stand, f�r einen Pariser Flughafen geschaffen worden war und sp�ter, weil sie f�r die allgemeine Markteinf�hrung einen Namen brauchte, <emphasis>Passeraub</emphasis> genannt wurde. Sollte es aber stimmen, dass die <emphasis>Kosmos</emphasis> die eine M�glichkeit darstellte und die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> die andere � zwei Enden des Spektrums, wenn man sich vornimmt, eine Schrift zu schaffen, die kein Eigenleben f�hrt �, dann g�be es nichts mehr zu tun. Das konnte �berhaupt der Grund sein, dass sie hier sa�, vorbestimmt durch geheime M�chte; dann w�re Passeraub als Moderner ein Gott der Gottlosigkeit, nicht im wirklichen Leben, sondern im Reich der Schrift, und sie w�re die Ketzerin, die nun gezwungen war anzuerkennen, dass den Kult der Gottlosigkeit zu begr�nden nicht mehr m�glich w�re, weil es ihn l�ngst schon gab. Sie m�sste ihm hier und jetzt ohne gro�es Aufheben beitreten, um danach f�r immer zu schweigen.</p><p>Dies war es, was Marleen durch den Kopf ging. Sie bemerkte kaum, wie das Licht auf dem Boulevard diffus wurde. Sie h�rte nicht das Rufen und nicht das Schreien. Sie wunderte sich, dass ihr Geruchssinn schmelzenden Kunststoff meldete, w�hrend sie �ber die Zukunft der Groteskschrift nachdachte. Sie glaubte, das Brodeln von Konfusion und Unheil, das in Waben zu ihr vordrang, h�tte zu tun mit ihren eigenen Gedanken.</p><p>Der Alltag des Typografen mochte auf Laien wirken, als w�rde eigentlich gar nichts geschehen. Erwachsene Menschen sa�en den ganzen Tag lang vor Buchstabengebilden. Anders als die Bildhauerei, die auch ihre Zeit brauchte, machte das Schriftzeichnen nicht einmal L�rm. Ein Typograf wusste von seinem schneckenhaften Fortschritt und war wahrscheinlich deshalb so gewissenhaft wie ein Uhrmacher. Ein Tag war aus seiner Sicht nicht lang, sondern kurz. Man vertat nicht viel Zeit mit Geschw�tz, man dehnte keine Mittagessen und trank auch keinen Wei�wein dazu. F�r eine wirkliche Unterbrechung des Arbeitstags musste die Citronique ausfallen oder �berhaupt der Strom, aber auch das war noch nicht wirklich ein Grund, die Arbeit am Zeichentisch ruhen zu lassen. Da drau�en war wohl wirklich etwas geschehen.</p><p>Die erste Frage lautete, ob man hinuntergehen sollte, um zu helfen. Aber in ein rauchendes Kaufhaus zu laufen, vor dem Feuerwehrautos und Rettungswagen parkten, schien wenig vern�nftig. Die zweite Option war, das B�ro zu r�umen, denn wenn es einen Anschlag gegeben hatte, konnte ein weiterer folgen. Es konnte auch der Kaufhausbrand au�er Kontrolle geraten. St�ssi tastete die gro�en Fenster zum Boulevard alle paar Minuten ab, um zu pr�fen, ob sie sich erhitzten.</p><p>Marleen war nun, als w�re sie ein Laufbursche, vergessen. Ihr fiel auf, dass Fr�nzi und sie in diesem Augenblick die einzigen anwesenden Frauen waren, wobei Fr�nzi gerade besonders besch�ftigt war, weil sie am Telefon versuchen musste, die Zeit anzuhalten. Die M�nner � in der heutigen Besetzung acht, und sieben von ihnen Schweizer � standen dicht beisammen in der Werkstatt. Wie eine Gruppe Pinguine sahen sie aus in ihrer schwarzen und wei�en Kleidung, mal in der Mitte des Raums, dann wiederum am Fenster, dann um den Arbeitsplatz Fr�nzis gedr�ngt.</p><p>Da war er, der Krieg, mitgebracht aus Algerien oder sonstwoher, im Koffer, unsichtbar, und vor ihren Augen aufgeflammt. Die Gegenwart wurde als Geisel genommen, der Schmerz per Zufall verteilt, der Stillstand erzwungen. Der Stillstand im Atelier Passeraub, Furrer und St�ssi fiel unter dieses Gebot der Verh�ltnism��igkeit, dass man nicht weiterbaut an den B�gen und Pfeilern der zivilen Gesellschaft, um sie solider, stimmiger, offener und sch�ner zu machen, Ziele, die sich die Schweizer Typografen auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Es konnte nicht richtig sein, einem Buchstaben seinen letzten Schliff zu geben, w�hrend da unten Menschen mit Verbrennungen aus dem rauchenden Geb�ude getragen wurden, und keineswegs alle lebend.</p><p>Marleen lernte damals das Schweizerdeutsch von David Jaccottet, einem Dreij�hrigen, und war �ber den Bueb und das B�rli noch nicht weit hinausgekommen. Sie verstand also fast nichts von dem, was seit zwei Stunden gesprochen wurde. Es wurde geraucht, was sonst nicht erlaubt war. Das Haus gegen�ber war inzwischen mit Flatterband abgesperrt; man hatte nur den Gehweg auf der Seite des Atelierhauses offen gelassen, wie Alain wusste, der sich mit Monique davongemacht hatte und gegen Mittag allein mit einem Dutzend daumennagelgro�er T�rtchen zur�ckgekehrt war. Sieben Tote habe es gegeben. Die Stunde der Mittagspause war gekommen, und die Gruppe wurde stiller, fl�sternd, r�ckte enger zusammen. Als Marleen begriff, dass sie beten w�rden, drehte sie sich auf ihren Mokassins schnell und leise zum Gang, an dessen Ende sich die Toiletten befanden.</p></section><section><title><p><strong>Das Staunen</strong></p></title><p>Nach Paris kam man als armer Migrant, als namenloser K�nstler, als Spross des Mittelstands mit Ambitionen. So war es auch bei Marleen gewesen, die ihr Studium in Kassel nach dem sechsten Semester abgebrochen � oder, wie sie ihrer Mutter erkl�rt hatte,�unterbrochen�� hatte, um f�r viertausend Francs im Monat als typografische Assistentin zu arbeiten. Sie w�rde Proben ihrer Arbeit nach Kassel schicken, von Weingart Seminarscheine bekommen und dann, in ein oder zwei Jahren, am Ende eines Semesters eilig die Pr�fungen absolvieren. Dies war der Part, den Lore Schuller, die selbst brav ihr Diplom gemacht hatte, nicht glauben wollte.</p><p>Passeraub hatte Marleen in einem zweiten Anlauf erl�utert, dass der Aufttraggeber der <emphasis>Tempi Novi</emphasis> darauf bestehe, der Schriftfamilie den ultrafetten Schnitt hinzuzuf�gen.�Glauben Sie, dass eine Leseschrift eine Anwendung von Ultrafett braucht?�, hatte er gefragt und sie, wie zuvor, in die Klemme gebracht, Zustimmung und Ablehnung gleicherma�en verd�chtig.</p><p>�In einem Katalog, zum Beispiel, um einen Slogan herauszuheben. Oder den Produktnamen.�</p><p>�Also schon!�</p><p>�Schon �hie� offenbar� doch�.</p><p>�Doch�, sagte sie kleinlaut.</p><p>�Na gut�, sagte Passeraub, v�terlich.�Dann machen Sie f�r mich den Entwurf. Pr�gnante Beispiele, so wie Sie wollen.�</p><p>�<emphasis>Tempi Novi</emphasis> Ultrafett.�</p><p>�Jo-ho.�</p><p>Jede Schrift lie� sich irgendwie aufblasen. Aber Passeraubs Ideal einer Leseschrift war, dass man jedes Wort gegen dasselbe Wort in einer anderen Schriftst�rke austauschen konnte, ohne viel Platz zu verlieren oder zu gewinnen. Am besten keinen. Das schien nahezu unm�glich. Andererseits lief der halbfette Schnitt, wie Passeraub ihn entworfen hatte, in der Tat kaum weiter als der magere. Sie lie� sich den gesamten Alphabetsatz auf Papier ausbelichten, vergr��erte das� H �und das� o�, halbfett, am Fotokopierer, schw�rzte die Buchstaben nach, zeichnete sie von Hand mit Tusche ab � dies waren die Techniken, die sie kannte. Man soll eine Schrift, hatte Weingart gesagt, wie einen Menschen kennenlernen, nach und nach. Man kann sie sogar, hatte er leise erg�nzt, f�r ihre Schw�chen lieben.</p><p>Die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> war serifenlos, aber keine dogmatische Schrift mit einem Kreis f�r ein� o �oder einem Kreuz f�r ein� t�. Das� a �war mit Dach gehalten wie in der <emphasis>Helvetica</emphasis>. Passeraub feierte die B�uche von� b �und� p�, indem er die vertikalen Striche nur zart anlegte. Das� y �hatte seinen Tanzfu�, das� i �hatte einen runden Punkt. Die Strichst�rken waren in geheimnisvoller Weise minimal variiert.</p><p>Was f�r eine Anf�ngerin sie doch war! Noch nie hatte sie einen kompletten Schriftschnitt selbst entwickelt. Entweder gab es einen fetten Schnitt oder eben nicht. Hatte eine Schrift zu wenig Varianten, nahm man eine andere. Die Anwendungen, die Designerspielchen hatten alle Kr�fte aufgesaugt, und eine gewisse kalligrafische Routine half jetzt nur insofern, als dass Marleen einen Strich zu Papier zu bringen wusste, wie sie es wollte � nicht so �hnlich. Nat�rlich wusste sie, dass der fette Buchstabe nach au�en wie nach innen w�chst, w�hrend er h�her nicht werden soll. Ein bisschen wie die breiten Reifen eines Rennwagens. Am Mittag wartete sie, sch�chtern, bei Furrer, bis der seine Aufgabe beendet hatte und sie bemerkte. Er betrachtete das� o �und sagte,�sehr sch�n.�� Ach so, die <emphasis>Tempi Novi</emphasis>. Haben Sie denn nicht die originalen Entw�rfe? Wenn Ihnen der Innenpunzen beim �o� schon fast zul�uft, was machen Sie dann erst beim �e�? Sie tappen ja noch im Dunkeln!�</p><p>Marleen verdr�ckte sich in die Mittagspause. Sie fragte sich, ob dies eine Pr�fung sei, die man nur bestehen konnte, wenn man resignierte. Wahrscheinlich warteten alle darauf, dass sie die Unm�glichkeit des Unternehmens einsah. Und erst wenn sie es zugeben w�rde, w�re sie eine von ihnen.</p><p>Als sie zur�ckkam, standen drei Schuber auf ihrem Schreibtisch. Sie enthielten, wie die K�rzel ahnen lie�en, Passeraubs gesamte Zeichnungen der <emphasis>Tempi Novi</emphasis> im letzten Zustand, mager, halbfett und fett. Es waren nichts anderes als Bleistiftnotizen auf einem transparenten Tr�ger, zwanzig Zentimeter hohe Konturen auf einer Linie. Sie begriff sofort, dass ihr dies zuvor gefehlt hatte. Sie nahm das� o �aus allen drei Registern und legte sie �bereinander. Das hatte etwas vom Querschnitt einer Zwiebel. So konnte sie sich zumindest vorstellen, wie es in die Breite gehen w�rde. Am Abend hatte sie schon die erste Reinzeichnung f�r� Hono�. Mit dem Silberblick der Naharbeiter sah sie von ihrem Schreibtisch zur T�r�ffnung, in deren Gegenlicht jemand stand, die Locken �berstrahlt, das Gesicht kaum zu entschl�sseln, wie fotografisches Korn. Das musste Passeraub sein. Er trat an ihre geneigte Arbeitsfl�che, legte seinen Zeigefinger auf das� n �und sagte:�Den Einschnitt betonen!�Er lachte �ber sein eigenes Ungeschick, und weg war er.</p><p>Die Stadt lie� sich anschauen wie Kino, sie sah nicht zur�ck. M�nner mit schmalen G�rteln �ber expandierenden B�uchen. Frauen im Galopp auf klappernden Schuhen. Kinder in Schuluniformen, sich zum Abschied k�ssend. Bust�ren, die sich zischend �ffnen. B�ume mit Eisenkragen im Asphalt. Metropolitain. Tabac-Presse. D�fense d�afficher. Da war ein Fuchteln und ein Schmatzen, ein Rufen und ein Augenzwinkern. An der Concorde stieg sie nicht um wie sonst, sondern lie� sich mit den anderen nach oben treiben. Die merkw�rdige Lust, M�nnern in Anz�gen zu folgen. Die sahen so aus, als w�ssten sie, wo es hingeht. Es wurden immer mehr, je n�her sie der B�rse kam.</p><p>Marleen fragt sich, warum es M�nner sind, denen man das Geld anvertraut. Warum es M�nner sind, die sich Frauen kaufen, und nicht umgekehrt. Sie fragt sich, ob es Dinge gibt, die ganz f�r sich und unab�nderlich sind. Oder ob alles beweglich ist. Und wenn alles beweglich ist, ob alles mit allem zusammenh�ngt. Sie ist so sehr in Gedanken, dass sie in der Konditorei nicht entscheiden kann, welches Geb�ck sie nehmen soll. Monsieur le Confiseur bedient selbst mit wei�er Haube. Die Konfusion der jungen Ausl�nderin mit diesem Blick, der durch die Dinge durchgeht, st�rt ihn gar nicht.</p><p>�Ein Himbeert�rtchen steht f�r das Verlangen�, sagt er.</p><p>�Und das da?�</p><p>�Ein Blaubeert�rtchen besiegelt die richtige Entscheidung.�</p><p>�Die da oben?</p><p>�Das sind Madeleines, Madame. Die Madeleine k�sst die Erinnerung wach.�</p><p>Hinter ihr stehen zwei Kundinnen. Sie am�sieren sich.</p><p>�Was ist mit dem Zitronent�rtchen?�</p><p>�Das Zitronent�rtchen meint den Augenblick. Es �ffnet ein Fenster in den Tag.�</p><p>�In welchen Tag?�</p><p>�In diesen, jetzt � Mademoiselle.�</p><p>Das nimmt sie und setzt ihren Weg in Richtung Marais fort. Und dann ist da einer, an den sie ihren Blick geheftet hat. Der ist soeben aus der Bibliothek gekommen, glaubt sie. Er streckt den K�rper und den Geist. Er kehrt zur�ck ins materielle Leben. Wie macht er das, dass er so kr�ftig ausschreitet, es aber aussieht, als schlenderte er?</p><p>Marleen h�ngt sich dran, geht ein bisschen schneller, holt auf. B�gelfalten, gestreiftes Hemd, Janker. Es k�nnte ja. Es k�nnte ein Landsmann sein. W�re da nur nicht dieser Rucksack. Der spricht dagegen. Sonst k�nnte es Franz sein. Franz drei Jahre weiter. Mein Gott, wie hat sie ihn vermisst. Anfangs. Dann versucht auszul�schen. Sp�ter wieder zugelassen. Wenn nicht sogar verehrt. Einmal hat sie ihm eine Postkarte an die Adresse der Mutter geschickt, aber ohne Absender und ohne Text. Zwei Wochen Pein, weil nichts zur�ckkam. Der aufgeschobene Abschied. Ein gutes Wort. Sie spricht nicht sehr laut, aber er ist zum Greifen nah,</p><p>�Franz?�</p><p>Er bleibt auf der Stelle stehen, sie f�llt in ihn hinein. Das Zitronent�rtchen st�rzt zu Boden. Sie tun sich nicht weh und sie k�ssen sich nicht, aber beides beinahe. Sie sehen sich in ihre erschreckten Gesichter.</p></section><section><title><p><strong>Plakatieren verboten</strong></p></title><p>Marleen war nicht ganz bei ihren Buchstaben dieser Tage. Sie war entweder mit Franz oder nicht mit Franz, und wenn sie nicht mit ihm zusammen war, dachte sie zumindest daran, schm�ckte es sich aus, verglich es mit fr�her. Das pl�tzliche Treffen an der B�rse war das Schwierigste gewesen, f�nf Minuten aufgeregtes Starren auf beiden Seiten, diese Dummheit, sich nicht zu umarmen, das Suchen nach Worten, die nicht weh tun. Schlie�lich hatte Franz gesagt, nach der Arbeit in der Bibliothek begehe er den Marais wie seinen eigenen Garten, und ob sie mitkommen wolle.�Was hei�t denn <emphasis>das</emphasis> eigentlich?�, hatte sie ihn gefragt und auf die blassgrauen Buchstaben gezeigt, DEFENSE D�AFFICHER, die einst pechschwarz auf eine Hauswand geschrieben worden waren, unterlegt von einem wei� get�nchten Band, von dem nur noch ein Hauch geblieben war.</p><p>�Plakatieren verboten!�, antwortete Franz.</p><p>�Ach!�</p><p>Sie malten sich das alte Paris aus, wie es einst gewesen war. Die Plakate vom Circus und von den Revuen auf Montmartre. Akkordeonspieler; Kinder, die mit Kreide die Stra�e markierten; hungernde Katzen in Rudeln. B�rger mit Melonenh�ten, Herren im Frack. Schaufensterauslagen: Spitzen. Korsetts. Der Eingang zu einem Club, dekoriert als ge�ffneter Schlund eines Monsters. Die Strickerinnen, die Milchm�dchen, die T�nzerinnen, die Huren, rauchend. Eine haushohe Wandbemalung: ein Mann im Profil, der ein Cognacglas zum Trinken neigt.</p><p>�Und es roch�, rief Franz.</p><p>�Es stank!�, br�llte Marleen.</p><p>Vor ihnen war ein alter Pudel an der langen Leine zur�ckgeblieben. Er hob das Bein. Auf dem B�rgersteig, dessen Neigung erst in diesem Moment sichtbar wurde, breitete sich eine Pf�tze aus, w�hrend der Pudel davonlief. Franz und Marleen blieben stehen. Die Pf�tze ging zun�chst in die Breite, Zacken und Zinnen, schloss sich nach unten und verlief dann in einem Rinnsal.</p><p>�Kennst du den Rorschachtest?�, fragte Franz.</p><p>Er war Stammgast in der Brasserie Au Vide Gousse, ein �ltliches Lokal im Gewirr der Stra�en jenseits der Bibliothek, d�ster und verraucht. Sie wurden an einen kleinen, quadratischen Tisch gesetzt. Sie sahen einander an, sie sahen aneinander vorbei; sie be�ugten sich, zwischendurch brachen sie in nerv�ses Lachen aus. Marleen dachte, wie unklug sie sei, ihr Herz an jemanden zu h�ngen, der sich f�r die Einsamkeit entschieden hatte, die Gr�belei, f�r den Zweifel als Prinzip. Sie war versucht, ihn zur Rede zu stellen, warum er sie pl�tzlich und ohne Nachricht verlassen hatte,</p><p>�Ich bin so einsam gewesen, so furchtbar allein, von dir und von mir selbst und von allen guten Geistern verlassen. Die K�che, wei�t du, die gr�ne K�che, habe ich rot gestrichen, blutrot, und am liebsten w�re ich gestorben in dieser K�che, ich bin nicht einmal mehr zu Weingart gegangen, ich wollte nichts mehr, nichts, bis Esme in der T�r stand und ��</p><p>Sie studierte stattdessen den vergilbten Zeitungsausschnitt in einem mattschwarzen Rahmen an der Wand �ber dem Tisch oder die erhabenen wei�en Buchstaben, PERNOD 51 PERNOD 45, die auf einem meerblau lasierten Aschenbecher rund liefen. Wenn sie zu Franz hinsah, traf sie seine Augen, die ihr auswichen. Er schien sich zu fragen, wer sie war. Und sie selbst wollte gern wissen, wer sie sei, und warum sie eine andere war in seiner Gegenwart, Gef�hle bis in die Zehenspitzen, ein Kitzeln auf der Kopfhaut, das unbegreifliche Rasen der Zeit. Vielleicht hatte sie vers�umt, es ihm zu sagen, und nun war die Stunde gekommen:</p><p>�Es ist doch so, mein lieber Franz, dass du gefl�chtest bist vor meiner Liebe. Erst bist du zu mir ins Nest gekrochen, und dann bist du entwischt. Ich wei� nicht, was du tust und getan hast und mit wem du deine Tage und N�chte verbringst und all das. Nein, ich will dich nicht davon abbringen. Du sollst nicht in einem Doppelbett mit mir liegen in einer Doppelhaush�lfte. Aber wir geh�ren zusammen � stimmt das, Franz � geh�ren wir nicht zusammen?�</p><p>�� ein Klecks, der mechanisch verdoppelt wird ��, h�rte sie ihn sagen.</p><p>�Wir sollten uns Ringe kaufen oder uns die Adern aufschlitzen und unser Blut trinken ��</p><p>�� und das Bild, mehr oder weniger symmetrisch ��</p><p>�� oder uns heimlich trauen lassen, von einem Priester, um Mitternacht ��</p><p>�� wird dem Patienten vorgehalten mit der Frage �Was ist das?��</p><p>�� und dann kannst du zur�ckschleichen in deine Bibliothek, weil ich dann nicht mehr f�rchten muss, ohne dich zu sein ��</p><p>�Und wenn er dann sagt: ein Ei, eine Spinne, ein Huhn, ein Auge oder so, dann ist er verr�ckt.�</p><p>�Warum das?�, fragte Marleen, die keine Ahnung hatte, wovon er sprach.</p><p>In dieser Nacht lag sie wach in ihrer Kammer, in der Gaube Restlicht wie Kohlestaub. Wie w�rde sie es machen? So w�rde sie es machen:</p><p>Sie w�rde ihn den Jaccottets vorstellen, bevor diese das Haus verlie�en, die Kinder w�ren nat�rlich aufgeregt, aber Franz w�rde mit ihnen sanft sein und duldsam. Katie war immer leichter ins Bett zu bringen als David. Sie w�rde Franz bitten zu fl�stern, bis sie sicher sein konnte, dass die Kinder schliefen. H�ndels Violinen striegelten die Bl�ser, w�hrend sie in der K�che K�se essen und Rotwein trinken w�rden, nicht viel. Das Concerto grosso aus dem Wohnzimmer ginge automatisch zu Ende mit einem fast unh�rbaren vierfachen Klicken, weit weg das Schnaufen Davids. Ihre Blicke w�ren bis dahin zur Ruhe gekommen, schweigend s�hen sie einander an. Das w�rde sie nutzen f�r den �bergang, ihre Hand in seinem Haar, ihr Mund auf seinem. Die Sofalandschaft, im L gebaut, w�re der Schauplatz, ein wohliger dritter Ort, nicht seins, nicht ihrs. Keine Kerzen, kein Laken, keine Verh�tung. Er w�re der andere Franz, der leibliche, Franziskus Maria, nicht sprechend, in jungenhafter Weise �berw�ltigt, jenseits seines Verstands. Sie w�rde beide H�nde auf seinem Po haben, um ihn ganz zu besitzen, ein Teil ihrer selbst. Das nahm sie sich vor: beide H�nde, wenn es so weit w�re.</p><p>M�de war sie am n�chsten Tag, aber es war nicht die M�digkeit der Gewohnheit, sondern die gro�er Erwartung. Die Gesichter der Kollegen schienen heller zu sein als sonst. Die Geistesgegenwart St�ssis wie vom Sch�pfer in seine Stirn geknetet. Alain mit seinem langen Kopf, seine Wimpern schwarze Quasten. Andr� wie von innen ausgestopft mit Pappmach�, der Marzipanmund offen stehend, Augen wie ein Labrador. Es war durchaus angenehm, ihm nah zu sein. Sie m�sste sich nicht �berwinden, wenn er z�rtliche Regungen zeigen w�rde. Er w�re der Richtige in dem Sinne, als er wahrscheinlich nicht der Falsche w�re. Er w�re recht wie aufrecht. Er w�re von allen Typografen, die sie mochte, der, den sie am liebsten mochte. Ein guter Entwurf. Ein Lebensentwurf wie die <emphasis>Kosmos</emphasis>, gut sichtbar, leicht zu entziffern, haltbar, uninteressiert an Sperenzien und Sensationen. Solche Gedanken verfolgten Marleen in ihrer Nische, w�hrend sie die Versalien K, Q und B aufblies, die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> ultrafett, das ungeliebte Kind. Am Mittag traf sie Franz.</p><p>Sie dr�ckte ihn an ihren Busen. Sie k�sste ihn auf den Mund. Er grinste ein bisschen schief. Das war neu an ihm, eine Andeutung vorsichtigen Bedauerns um die Mundwinkel, ein Hauch von Vergeblichkeit.</p><p>Von der Metro gingen sie die Rue du Bac hoch ��weil die so herrlich laut ist�, wie Franz sagte �, bogen am Quai Voltaire ein und nahmen die Rue des Saint P�res zur�ck zum Boulevard St. Germain. Sie deuteten auf Stra�enschilder, Einbahnstra�enschilder, die Namensz�ge der B�ckereien, der Juweliere, der Antiquare; die Rauten der Tabak- und Pressel�den. Eine Plakette an einer Postfiliale: D�fense d�afficher.</p><p>�Und nun�, sagte Franz, der stehenblieb,�tun wir so, als wenn es all das nicht g�be.�</p><p>�Was nicht g�be?�</p><p>�Die Beschriftung der Stadt.�</p><p>Sie beschrieben einander nun die H�userfluchten, die H�he und die Farbe der Fassaden, die Fensterreihen, das zuf�llige Ornament der offenen und der verschlossenen Fensterl�den.</p><p>Marleen:�Siehst du das rosa Haus, vor dem der wei�e Lieferwagen ��</p><p>Franz:�Kein Lieferwagen! Es gibt noch �berhaupt keine Autos!�</p><p>�Ach�, staunte Marleen.�Keine Autos! Briefk�sten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�M�lleimer?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Telefonzellen?�</p><p>�Nein.�</p><p>Nachdem sie gr�ndlich versucht hatten, sich eine Stadt reiner Bauk�rper vorzustellen, waren die bewegten Objekte dran. Lieferwagen ohne Beschriftung, Taxis ohne Taxizeichen, Busse ohne Werbung.</p><p>�Ziemlich trist�, sagte Marleen.</p><p>�Nicht weit von Irrenhaus�, sagte Franz. Sie lachten.</p><p>Sie holten sich Thunfischbaguettes, die sie auf der Stra�e a�en.</p><p>�Jetzt umgekehrt�, schlug Franz vor.</p><p>�Umgekehrt wie?�</p><p>�Es gibt nur die Beschriftung. Alles andere ist unsichtbar.�</p><p>Marleen blieb stehen; eine Olive rollte ihr davon, der eine Taube nachjagte.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis das Bild erschien, die Stadt gl�sern, die Beschriftungen schwebend, frontal und in ihren Fluchten, still und in Bewegung.</p><p>�Und Menschen?�, fragte Marleen.</p><p>�Keine Menschen�, sagte Franz.</p><p>�Kein Ger�usch, stimmt�s?�</p><p>�Absolute Ruhe.�</p><p>So standen sie da und sahen, was sonst niemand sah. Sp�ter blickten sie sich in die Augen; Franz lie� einen Finger �ber ihre Stirn laufen, die Nase herunter und �ber den Mund. Manche Passanten drehten den Kopf nach ihnen um.</p><p>Sie liegen auf dem Eisenbett im M�dchenzimmer, das Plumeau �ber ihre nackten Leiber gezogen, und gucken zur Decke auf, die gruselige Fissuren zeigt. An der Wand h�ngt eine Zeichnung, die zwei Studien eines m�nnlichen Gesichts zeigt. Franz hat kein Wort dar�ber verloren.</p><p>�Beschreib mir das Alphabet!�, sagt er.</p><p>�Wie das?�</p><p>�Ich bin Japaner und habe noch nie ein lateinisches Alphabet gesehen.�</p><p>�Das a ist eine Hohlform, aus deren hinterem Stamm ��</p><p>�� r�ckw�rtigem ��</p><p>�� aus deren r�ckw�rtigem Stamm ein Dach entsteht, das umgekehrt zur Schreibrichtung l�uft.�</p><p>�Was ist denn die Schreibrichtung?�</p><p>�Von links nach rechts.�</p><p>�B.�</p><p>�Das b ist eine vertikal gestellte halbe Schleife. Wenn der Strich die Linie ber�hrt ��</p><p>�Was f�r eine Linie?�</p><p>�Franz!�</p><p>�Wir haben in Japan keine Linie!�</p><p>�Die Linie tr�gt alle Buchstaben, so dass deren Unterseiten genau gleichauf liegen. Sie ist aber nur f�r den Gestalter da, im Buch ist sie nicht zu sehen.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Der aufrechte Strich ber�hrt die Linie. Die Ausbuchtung, der Bogen, reicht nur bis zu seiner halben H�he und deutet in die Schreibrichtung. Das ist also nach rechts ��</p><p>�Der Japaner ist nicht bl�d!�</p><p>Marleen gackert leise.�In der Handschrift sieht es etwas anders aus.�</p><p>�C.�</p><p>�Woher kann der Japaner denn unser Alphabet?�</p><p>�Hat ihm mal jemand aufgesagt. Der Japaner merkt sich alles. Also Vorsicht!�</p><p>�Das c wird auf halber H�he begonnen. Man muss f�r die Breite eines Buchstabens Platz lassen, denn der Strich wird gegen die Leserichtung gef�hrt.�</p><p>�Platz lassen?�</p><p>�Zum vorhergehenden Buchstaben!�</p><p>�Ach so.�</p><p>�� wird entgegen der Leserichtung nach links gef�hrt, im Bogen nach unten, ber�hrt die Linie und steigt dann wieder auf, aber wird nicht vollendet.�</p><p>�Das kann ich mir vorstellen�, sagt Franz.�Das a ist eine hohle Nuss mit Sonnenschirm. Das b ist eine Geisha, die auf dem R�cken ihr �fchen tr�gt. Das c ist der ge�ffnete Mund eine kleinen Kindes.�</p><p>�Wie leicht das klingt�, sagt Marleen.�Und wie schwer es in Wirklichkeit ist.�</p></section><section><title><p><strong>Scho� der Familie</strong></p></title><p>Das Wochenende hatte sie mit den Kindern verbracht. Marleen war Teil des Haushalts der Jaccottets geworden, eingeweiht in die Vorlieben von Katie und David, in die Rituale von Pierre und Ann. Bald bediente sie auch die Waschmaschine, darin ihre eigene W�sche und die der Familie. Sie kannte die Besitzst�nde im Badezimmer, Anns Duftfl�schchensammlung, die Pierre f�r �berfl�ssig hielt, und Davids Badewannenente, die Katie nicht anfassen durfte. Gelegentlich bediente sie sich bei den Tampons aus dem Schr�nkchen im gro�en Bad.</p><p>Kassel war ganz von ihr abgefallen, der Stundenplan, die Pfennigfuchserei, die Langeweile und die Einsamkeit. Paris war jeden Tag wie eine Reise, vom Dachversteck in die Brutkammer der Familie, von dort in die scheppernden Kolonnen der Pendler � das Atelier wie eine Lichtung im Wald. Immer machte sie zuerst eine Runde durch die Werkstatt und begr��te Fr�nzi, oder wer schon da war und noch nicht in die Arbeit versunken. Sie wollte Alain in eine Programmiererfrage verwickeln, aber an diesem Tag war Monique um halb neun allein mit der Citronique, deren kleiner Bildschirm in seiner Tiefe� Befehle �zeigte, irgendwelche unbegreiflichen K�rzel. Monique starrte in dieses kleine Aquarium der Zeichen, als sie sich zu Marleen wandte, die neben ihr stand; zwar erkannte sie Marleen, schien aber f�r einen Moment vergessen zu haben, wer sie selbst war.</p><p>�Hm, hm, � du wei�t ja, ich bin an der <emphasis>Tempi Novi</emphasis> dran. Es geht um einen noch fetteren Schnitt.�</p><p>�75.��</p><p>�Nein, fetter.�</p><p>�85.��</p><p>�Ja, so wird er wohl hei�en.�</p><p>�Okay-i.�</p><p>�Meinst du, dass man den Schnitt auch errechnen kann? Rein mathematisch, meine ich.�</p><p>�Ganz im Prinzip schon. Eine elektronische Matrix kann eigentlich alles. Allerdings sage ich dir jetzt schon: Es wird Passeraub nicht gefallen.�</p><p>�Dass wir das programmieren.�</p><p>�Nein, das ist dem egal. Ich meine die Belichtung, die dabei herauskommt.�</p><p>�Das kann sein. Aber du sollst die auch nicht <emphasis>ihm</emphasis> geben, sondern mir.�</p><p>�Okay-i. Am besten ist, du nennst mir eine Buchstabenfolge, die dir etwas bringt. Meistens arbeiten wir mit �Rafenduks�.�</p><p>�R-a-f-o-?�</p><p>�Nein, R-a-f-e-n-d-u-k-s.�</p><p>�Es w�re gut, wenn ein gro�es H und ein kleines o dabei w�ren.�</p><p>�Kein Problem. Ich finde etwas. Aber ganz auf die Schnelle geht das nicht.�</p><p>Marleen beschloss, nicht auf Monique zu warten. Sie zeichnete� Hono �neu und klopfte kurz vor Mittag an Passeraubs T�r. Er beugte sich �ber ihre Buchstaben, als g�be es etwas zu essen. Es h�tte nicht viel gefehlt, und er h�tte daran geleckt. Er blickte nur kurz zu ihr auf, verschmitzt, nahm eine Schere und schnitt jeden Buchstaben aus. Es sah so aus, als f�hrte er die Schere nicht ganz exakt, denn er nahm winzige Partikel mit, die als schwarze Sichelmonde, Halme und Haare auf seinen Schreibtisch fielen. Die ausgeschnittenen Buchstaben legte er in eine Schale, die er ihr gab:</p><p>�Das lassen Sie den Wendelin in Folie schneiden.�</p><p>Wendelin schnitt Folien mit einem Messer, das aussah wie ein Stift. Um die Vorlagen nachzuschneiden, beugte er sich sitzend vor, seinen Bauch am Arbeitstisch quetschend, und korrigierte fortw�hrend den Sitz der Brille im schwitzenden Gesicht. Das Original, wie es von Passeraub gekommen war, klebte er auf eine wei�e Unterlage. Die Folie, in die er die Form schneiden w�rde, fixierte er dar�ber. Es kamen eine ganze Reihe von Kurvenlinealen zum Einsatz, die er jeweils f�r Zentimeterstrecken nutzte; manches erledigte er freih�ndig, keuchend. Die rote Folie �berreichte er Marleen schlie�lich mit einer galanten Geste. Dann versank er wieder in seinem Stuhl und schwitzte �ber dem n�chsten Auftrag.</p><p>Als Marleen am fr�hen Abend ging, war Monique nicht mehr da und Alain belagert von Furrer und St�ssi.</p><p>Auf der Stra�e sp�rte sie ein Schaudern. Im Au Vide Gousse begr��te sie der Kellner wie einen Dauergast. Er brachte ihr, ohne dass sie ihn bestellt h�tte, den kleinen Milchkaffee. Unter die Untertasse schob er einen Umschlag. Darauf stand� M�. Marleen riss ihn auf. Sie fand eine beschriebene Seite mit einer Adresse als letzte Zeile: Franziskanerkonvent, Wohnheim, Sedanstra�e 23, Hamburg. Die Postleitzahl fehlte. Dar�ber stand:</p><p>�Marleen, ach Marleen. Was man nicht darf, steht an den W�nden. Aber was man darf, was einer wie ich darf, ich wei� es nicht mehr. Deshalb fliehe ich vor Dir, ich muss das tun. Vergib mir. Ja, es gibt etwas, das uns verbindet. Das war von vornherein so, ich wei�. F�r einen Augenblick, mit Dir, war die Zukunft zum Greifen nah. Ob Gott es so will? Ich bin ohne Zeichen und ohne Rat. Franziskus�</p><p>Sie wollte zahlen, aber der Kellner nahm das Geld nicht an.</p><p>Marleen behielt den Kopf aufrecht. Wie ferngesteuert lief sie von der Bibliothek bis nach Hause. Zu Hause, das war jetzt die Wohnung von Pierre und Ann, D�mpfe aus der K�che, wohltemperiertes Klavier. Der Scho� der Familie. Die Kinder l�ffeln dein Herz aus. Sie war schlaflos bis weit in die Nacht und wachte noch vor der rosa Stunde auf.</p><p>Sie verwarf ihre Bedenken und w�hlte in den Papieren unter dem Bett, wo sie Simones Entw�rfe gelagert hatte, unter dem Koffer, um sie wieder plan zu bekommen. Sofort sah sie, dass ihre Vorg�ngerin gescheitert war. In der Verst�rkung war die Schrift ihr plump geraten. Sie hatte kein Auge gehabt f�r den grazi�sen Anteil der Geometrie. Die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> war eine Schrift, die atmete. Das war es, was nicht verlorengehen sollte.</p><p>Marleen legte sich wieder ins Bett, fror, schlief schlie�lich dennoch ein, verschlief, bekam von Pierre einen Kaffee in der K�che und machte sich, anders als an anderen Tagen, zu Fu� auf den Weg. Es war weit nach Montparnasse. Schlierenhimmel, vage gelbliche Lichter, von beweglichen Blenden verschlossen zu grau. Ein Herbstwind wie eine unsichtbare Wand, die gegen die Laufrichtung schiebt. Sie hatte sich angew�hnt, stolz zu gehen, Bauch und Brust raus, Schultern grade, l�ssig und flott ausschreitend. �ber die Br�cke, die Seine ein quecksilbernes Band, durch das dr�hnende Saint Germain, mit Pauken und Trompeten nach Montparnasse. Aber sie nahm kaum etwas wahr von der Stadt. Vor ihren Augen standen s�mtliche Zeichen der <emphasis>Tempi Novi</emphasis>, als w�ren es Teile eines gigantischen Mobiles, das sie durchschritt. Sie war angekommen im Labyrinth der reinen Form. Man musste wiederum das Lesen verlernen und nur die Buchstaben fixieren. Kratzte man den Sinn weg, erschien die reine Gestalt. Wendelin brachte vom Labor die belichtete Computerschrift, das Positiv. Er lie� das Blatt auf ihren Arbeitstisch wehen wie eine Feder. Marleen aber sah nicht, wie sie h�tte sollen, die Schrift. Sondern sie las: Hamburgerfonts.</p><p>Wendelin sah, wie sie gefror:�Das h�tte ich dir gleich sagen k�nnen, dass man ein Schriftmuster am Computer nicht errechnen kann. �Er stand noch eine Weile neben ihr, aber sie r�hrte sich �berhaupt nicht mehr. In der Tat hatte Marleen Wendelin vergessen. Sie war mit ihren Gedanken in Hamburg, und da hing sie fest.</p><p>Es war schon Nachmittag, und Marleen fl�chtete aus dem Atelier, sobald sie konnte. Am Abend musste Pierre nur fragen, wie es ihr ging, und sie sackte dort, wo sie gerade stand, zusammen. Er schleifte sie halb, halb trug er sie zum Sofa. Sie weinte, erst ganz still und sp�ter lauter, w�hrend Pierre sie unbefangen zuerst im Haar und an der Schulter streichelte, dann dr�ckte, aufrichtete; Ann sah es von der K�che aus. Das war Pierres Stunde. Etwas im katholischen Urgrund, m�glicherweise, Beichte, Segnung, Trost.</p><p>Der Rest der Woche war eiserne Routine. Marleen zeichnete zwanzig Zentimeter gro�e Buchstaben auf eine Schriftlinie und dachte an nichts anderes mehr. Sie machte sich Schablonen, Doppel, Varianten. Sie vergr��erte den Computerausdruck dreifach am Kopierer und dekorierte damit die ganze Wand ihrer Nische. Sie w�rde den Hamburgerfonts anstarren, bis er nichts anderes mehr w�re als das, was er sein sollte, ein Beispiel. Sie w�rde eine Buchstabenm�nchin werden, Konvent Passeraub, Paris.</p><p>Am Freitagnachmittag zeigte sie Passeraub die Entw�rfe. Er nahm einige Korrekturen in den Bleistiftzeichnungen vor.</p><p>�Ja, so ist es richtig. Aber braucht es das?�</p><p>Marleen z�gerte. Das hatte er, glaubte sie, schon einmal gefragt. Aber was hatte sie geantwortet? Sie schaute unwillk�rlich auf das Kaufhaus gegen�ber. Aber es brannte nicht. Sie sagte:</p><p>�Nicht unbedingt.�</p><p>�Eben�, sagte Passeraub.�Vollenden Sie es auf jeden Fall.�</p><p>Marleen sah ihn ungl�ubig an.</p><p>�Wissen Sie, die jungen Leute, Neu York, das Marketing, die machen einen einfach verr�ckt.�</p></section><section><title><p><strong>Team Hamburg</strong></p></title><p>Vier Personen in einem Raum, italienisches Mobiliar, Parkett dunkel und glatt. Zwei M�nner von hinten gesehen, zwei von vorn, alle sitzen. Zwischen denen, deren Gesichter zu sehen sind, steht ein milchiges, randloses Gegenlicht, das von einem Fenster herr�hren muss. Der Teetisch in der Mitte des Quartetts hat zwei gro�e Speichenr�der auf der einen Seite und einen Griff auf der anderen, die Karikatur eines b�uerlichen Vehikels. Von den zweien, die man erkennen kann, ist einer b�rtig, ergraut, mit einem Krakelee im Bereich von Nase und Stirn: Weisheit und Amusement. Der andere ist blond und schmal, mit einem energischen Mund, der im Vergleich mit seiner beginnenden Kahlheit umso ungew�hnlicher wirkt. Er tr�gt eine randlose Brille. Der Kahle ist sehr viel j�nger als der mit dem Bart. Es liegt eine gewisse Spannung in dem schwarzwei�en Foto dieser Viererrunde.</p><p>Auf der Doppelseite, es ist ein Interview, ist dieses Bild oben links platziert. Ein weiteres, kleines Foto ist auf der rechten Seite in den Text eingelassen. Es zeigt grau und verschwommen einen Mann beim Meditieren oder jedenfalls am Boden sitzend in einem einfachen Kost�m, um den Hals eine Kette mit dem Portrait eines Mannes, der ihm �hnelt, langhaarig und b�rtig. Die Bildunterschrift verkn�pft beide Fotos, die hochgl�nzend gedruckt sind, �ber die Doppelseite hinweg:�Schuller, van Turnhout: Wer sagt, dass es nicht m�glich ist, Werbung ��/�� als immateriell zu betrachten�.</p><p>�Kennen Sie den?�, fragt Furrer, und legt das Magazin, aufgeschlagen, auf Marleens Arbeitstisch. Sie betrachtet das Bild links, dann das Bild rechts, liest die Bildunterschrift.</p><p>�Kennen w�re vielleicht zu viel gesagt. �Furrer grinst wie ein Lausbube und �berl�sst ihr das Magazin.</p><p><emphasis>Herr Schuller, Sie verunsichern die Werbebranche. Sie halten sie f�r bequem und veraltet.</emphasis></p><p>Schuller: Sie ruht sich auf ihren Pfr�nden aus, das ist richtig. Die Agenturen sind zu gro� geworden, zu unbeweglich, geldgierig. Wir wollen zweierlei: Uns den Kunden �ffnen und gleichzeitig �ffentlichkeit herstellen.�Tricks �interessieren uns nicht.</p><p><emphasis>Herr van Turnhout, mit Team Hamburg sind Sie, mit zweiundrei�ig Jahren, zum ersten Mal Mitinhaber einer Agentur. Wie sieht Ihre Zukunft aus?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Rosig. Wir haben geringe Kosten und viele Ideen. Au�erdem sind wir zuversichtlich, was Hamburg betrifft.</p><p><emphasis>Warum sind Sie, als shooting star der Branche in D�sseldorf, nach Hamburg gegangen?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Wir wollten raus aus dem Kl�ngel. In D�sseldorf ist Werbung zum Showgesch�ft geworden. Frankfurt w�re schon realistischer gewesen. Aber Hamburg ist gr��er und hat die besseren Gestalterschulen. Es braucht immer junge Leute, wenn es vorangehen soll.</p><p><emphasis>Deshalb ist Ihre Partnerschaft mit einem zwanzig Jahre �lteren Werber erstaunlich.</emphasis></p><p>Van Turnhout: Ja, Petrus � hat den richtigen Ansatz. Er ist eigentlich gar kein Werber, er ist ein Denker.</p><p><emphasis>Obwohl Poona nicht gerade als Schule des Denkens bekannt ist.</emphasis></p><p>Schuller: Weil wir griechisch gepolt sind, instrumentell, rhetorisch, fixiert auf den Staat. Es gibt nur wenige Versuche im 20. Jahrhundert, Gesellschaft neu zu begr�nden, und der Aschram von Poona war der interessanteste, ein west-�stlicher Divan, schwebend.</p><p><emphasis>Eine Erfahrung, die Sie, Herr van Turnhout, nicht teilen. Haben Sie etwas verpa�t? Steigen Sie demn�chst aus?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Gewi� nicht. Ich wollte immer schon Werbetexter sein und sonst gar nichts.</p><p><emphasis>Sie, Herr Schuller, haben offensichtlich nicht mit dem Bhagwan Shree Rajneesh gebrochen, obwohl Sie den Namen, der Ihnen gegeben worden war, nicht mehr f�hren. Ist Ihre Vorgeschichte f�r Ihre Kundschaft nicht ein wunder Punkt?</emphasis></p><p>Schuller: Meine Vorgeschichte ist die, da� ich kurz vor Kriegsende in eine Eliteschule der Nationalsozialisten aufgenommen wurde. Dort zwang man uns, w�hrend Deutschland rundherum zusammenbrach, in einen L�genkult. Niemand war so hilflos bei Kriegsende wie wir, die J�ngsten, aus einem pechschwarzen Nest gefallen, gebrochen.</p><p><emphasis>Sie wollen doch nicht sagen, da� Sie drei�ig Jahre sp�ter Ihre Agentur, Ihre Familie, Ihr Land verlassen haben, um in Poona� Demokratie zu wagen�?</emphasis></p><p>Schuller: Es gibt Dinge, die die Demokratie nicht l�sen kann und auch nicht soll oder mu�.</p><p><emphasis>N�mlich welche?</emphasis></p><p>Schuller: Alle eigentlich, die die Pers�nlichkeit betreffen. Sehen Sie, mir ist das widerfahren, der Nazikrempel, ich habe es mir nicht ausgesucht. Das kam �ber einen Onkel von mir, der zweiter oder dritter Mann im Gau war; mein Vater war ganz und gar dagegen, aber ein aufrechter Katholik konservativer Pr�gung hatte nicht viel zu sagen im letzten Kriegsjahr. Deshalb war die Erfahrung doppelt schmerzlich und hat zu einem Schweigen in der Familie gef�hrt. Ich habe, wie viele, aber nicht alle in der Bundesrepublik, versucht, durch Aufstieg und gute Laune zu kompensieren. Erst im Aschram bin ich zu mir selbst gekommen.</p><p><emphasis>Sie mussten 92 Rolls-Royce vor Ihrer Nase geparkt bekommen, um dem Materiellen zu entsagen?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Gerade das leuchtet mir ein. Es ist die Gegen�berstellung von Marke und Image. Der Ashram ist keine Marke, Rolls-Royce aber schon. Intelligenter h�tte man nicht ausdr�cken k�nnen, da� erstens Geld da ist und zweitens nicht gebraucht wird. Wer sagt, da� es nicht sogar m�glich w�re, Werbung als immateriell zu betrachten?</p><p>Schuller: Sie ist es.</p><p><emphasis>Das Image von Poona war sicher sehr wirksam. Die �bersiedlung des Aschram in die USA scheint jedoch nicht vollends zu gl�cken. Wird der Bhagwan bald Kunde Ihrer Agentur?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Warum nicht?</p><p><emphasis>Sind Sie, Herr Schuller, ein Poona-Dissident?</emphasis></p><p>Schuller: Es war ein Lebensabschnitt, eine Lehrzeit, im Modus der Selbstfindung. Jede Reise hat einmal ein Ende. Tats�chlich bin ich zum katholischen Glauben � zum Glauben meines Vaters, der allerdings nicht mehr lebt � zur�ckgekehrt.</p><p><emphasis>Was war in Ihrer D�sseldorfer Zeit Ihre wichtigste Kampagne?</emphasis></p><p>Schuller: Die wichtigste, aber eben auch enorm erfolgreiche Kampagne war die f�r <emphasis>o.b.</emphasis> Sie m�ssen heute niemandem, auch keinem Mann erkl�ren, was das ist. Die Schwierigkeit der Durchsetzung lag aber nicht bei den M�nnern, sondern bei den Frauen, den M�ttern, die selbst an Binden gew�hnt waren und den M�dchen den Umgang mit Tampons nicht vermitteln konnten. Deshalb haben wir eine Beratungskampagne gestartet, mit sehr viel Text, aber wir haben auch bewegende Bilder gebracht, um M�tter und T�chter gleichzeitig zu erreichen. Das hat geklappt.</p><p><emphasis>Mu�te man daf�r Katholik sein?</emphasis></p><p>Schuller: Vielleicht schon. Es gibt einen gewissen Kult um das Blut, und diesen galt es zu �berwinden.</p><p><emphasis>Herr van Turnhout, da m�ssen Ihnen als Protestant mit niederl�ndischem Hintergrund doch die Ohren schlackern.</emphasis></p><p>Van Turnhout: Sie haben ein zu enges Konzept von Werbung. Man mu� auch kein Kriegstreiber sein, um in einer Brosch�re die Vorz�ge des Leopard II darzustellen.</p><p><emphasis>Was w�re denn ein weniger enges Konzept?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Werber m�ssen wissen, in welcher Gesellschaft sie leben. Diese Gesellschaft ver�ndert sich, und wir als Werber sind mittendrin. Wir sollten uns als Agens begreifen, und nicht als reine Dienstleister, gl�ckliche Parasiten oder Selbstdarsteller mit gigantischen Budgets.</p><p><emphasis>Sie meinen, Sie k�nnen mit Hilfe von Werbung die Gesellschaft ver�ndern?</emphasis></p><p>Schuller: Man kann ihr Bilder mitgeben, in denen sie sich selbst erkennt.</p><p><emphasis>Texte auch?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Witzig, da� Sie das fragen. Klar,�Nicht ganz der Elephant �ist vielleicht nur ein flotter Spruch und bestens geeignet, das Publikum von zehn bis siebzehn an ein Schuhhaus zu binden. Aber ein Slogan ist auch ein Gradmesser f�r Humor, und ich bin froh, da� die Hamburger Jugend ihn weitergetragen hat auf den Schulhof, so wie den neuen Typus von Schuhen, die Hybridschuhe, auch.</p><p><emphasis>Sie haben sich, als Agentur, nach Hamburg benannt. Warum?</emphasis></p><p>Schuller: Das schien uns das geeignete Mittel, um uns auf die Landkarte zu setzen, buchst�blich. Team Hamburg ist als Idee gro� genug, steht aber nicht im Verdacht des Gr��enwahns.</p><p>Van Turnhout: Eine gewisse Rolle spielte auch die Freude dar�ber, da� einem das niemand verbieten kann. Ich erinnere daran, da߻Die Zeit �das Bremer Wappen in der Titelleiste f�hrt, weil Hamburg sich f�r eine Leihgabe oder Lizenz des eigenen Wappens zu schade war.</p><p><emphasis>Wollen Sie klein bleiben, oder soll es� Teams �rund um den Globus geben?</emphasis></p><p>Schuller: Wir sind schon jetzt nicht mehr wirklich klein. Es kommt darauf an, welche Kr�fte uns zuwachsen.</p><p>Van Turnhout: Anders als andere Agenturen haben wir es darauf angelegt, sehr schnell wachsen zu k�nnen oder auch wieder zu schrumpfen. Ein Hinweis darauf sind unsere Arbeitspl�tze, die aus fahrbaren Containern bestehen. Kein Mitarbeiter hat einen festen Platz. Wir sind Arbeitsnomaden. Je weniger festgelegt ist, desto schneller sind wir auch im Geist. Dieser Raum, in dem wir uns besprechen, ist die Ausnahme. Aber auch hier gibt es, wie Sie sehen, keine Hierarchie.</p><p><emphasis>Sie wollen also nicht nur dem Kunden dienen und in die Gesellschaft eingreifen. Sie wollen auch die Werbung selbst ver�ndern.</emphasis></p><p>Van Turnhout: Ja, aber nicht �ber den Art Directors Club.</p><p><emphasis>Sondern?</emphasis></p><p>Schuller: �ber die Werbung, die wir machen. Wir sind in Deutschland noch lange nicht dort, wo die Amerikaner sind. Die bauen Marken auf und pflegen sie. Wir erfinden Markennamen und laufen dann mit diesen dem Zeitgeist hinterher.</p><p>Van Turnhout: Deutschland ist immer noch ein Land der Ingenieure, die das Schicksal der Unternehmen bestimmen bis weit hinein in die Aufsichtsr�te. Man denkt, wenn das Produkt gut ist, wird es sich schon durchsetzen. Deshalb glauben viele Amerikaner, Heineken w�re ein deutsches Bier. Ein wirklich deutsches Bier kennen sie gar nicht.</p><p>Schuller: Sogar ein deutsches Nachrichtenmagazin soll erkannt haben, da� es ohne eine klare Darstellung nach au�en seinen Marktanteil nicht halten kann.</p><p><emphasis>Was war das erste, was Sie dem</emphasis> SPIEGEL<emphasis> geraten haben?</emphasis></p><p>Schuller: Die �ra der Anonymit�t ihrer Autoren zu beenden. Dadurch ist der Mythos des SPIEGEL-Stils entstanden, eine Art Branchengeheimnis, der jetzt aber, in Zeiten h�herer Individualisierung, dem Magazin mehr schadet als n�tzt. Jeder Autor ist eine Marke.</p><p><emphasis>Werden demn�chst Werber in der Redaktionkonferenz sitzen, um mitzureden, wor�ber berichtet wird?</emphasis></p><p>Schuller: Sie sollten gar nicht erst glauben, da� Sie entscheiden k�nnten, wor�ber berichtet wird. Wenn Sie aber ein Kriterium h�ren wollen, dann w�rde ich Ihnen immer raten, jetzt �ber das zu berichten, was morgen Geschichte ist.</p><p><emphasis>Zum Beispiel Sie.</emphasis></p><p>Schuller: Hoffentlich.</p><p>Van Turnhout: Wer jetzt Anfang sechzig ist, sollte in Fr�hrente gehen. Denn es steht eine gro�e Aufgabe bevor, allen, und zwar die �ffnung Osteuropas.</p><p><emphasis>Die Sie sich wie vorstellen?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Als Ende des sowjetischen Imperiums in kommunistischer Gestalt. Das jedenfalls vermuten die Auguren der Efeu-Liga-Universit�ten.</p><p><emphasis>Was bedeutet das f�r Sie als Werber?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Eine riesige Herausforderung. Denn wir werden es mit Millionen von Menschen zu tun haben, die mit Waren eine sehr begrenzte und mit Marken fast gar keine Erfahrung haben. Sie sind vollgestopft mit� Antikapitalismus �und� Antifaschismus�� falsche Zwillinge �, und es wird mindestens eine Generation dauern, diese Blase, dieses Vakuum aufzul�sen. Sie werden sich auf die Waren st�rzen, aber die Marken daf�r hassen, da� sie welche sind.</p><p><emphasis>Dann sollte man, der zuk�nftig neuen Klientel entgegenkommend, die Marken vielleicht eher schw�chen als st�rken?</emphasis></p><p>Schuller: Marken sorgen f�r Orientierung, sie sind wie Wegzeichen. Sie erkennen eine Stadt selten an ihrem Bild, viel eher an dem Schild, das am Stadtrand aufgestellt ist. Ich stimme da mit Boris van Turnhout vollkommen �berein: Marken werden Teil der politischen Landschaft sein. Wie bedeutsam sie wirklich sind, wird man erst erkennen, wenn der Kalte Krieg endet.</p><p><emphasis>Sie arbeiten am Ende des Kalten Kriegs?</emphasis></p><p>Schuller: Ja. In D�sseldorf haben wir ihn, ohne es recht zu wissen, durchaus gef�hrt. Wir haben uns eingeigelt in unserer Idee des Westens, die auf � die teils auf � Verdr�ngung gebaut ist. Darum bin ich nach Deutschland zur�ckgekehrt, weil ich erkannt habe, da� es Aufgabe der Werbung sein wird, den Kalten Krieg zu beenden. Die Branche w�rde ihn lieber fortf�hren, f�rchte ich.</p><p><emphasis>Coca-Cola in Moskau?</emphasis></p><p>Van Turnhout: Volkswagen in China.</p><p><emphasis>Rolls-Royce in Ihrer Garage?</emphasis></p><p>Schuller: Unwichtig.</p><p><emphasis>Wir danken Ihnen f�r das Gespr�ch.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Flokati</strong></p></title><p>Kein Kind hat eine Vorstellung von seiner eigenen Zukunft, weshalb die Frage� Was willst du denn mal werden?�so lustige Antworten hervorbringt. Kinder sind gebettet in W�nsche, wobei sie nicht unterscheiden zwischen den erf�llbaren und den unerf�llbaren. Eher zwischen geheimen und mitteilbaren. Kein Wort hat Marleen verlieren wollen �ber ihre Sendung, die darin besteht, die Welt mit einer Schrift zu begl�cken, einer Schrift, die nicht stolz aussehen w�rde oder schwer, nicht zackig und schon gar nicht wie Schreibschrift; einmal aber hat sie sich verraten, als Ingo in Gruiten war.</p><p>Ein Sommerabend, jener warme Hauch von Freundschaft, der bereits Kinder zu Liebenden macht: Ingolf � mit den Fransenshorts und seinem Wattebausch von Haar � vertraute ihr an, herabblickend in den stillgelegten Kalksteinbruch, dass er sp�ter einmal auf der B�hne stehen w�rde, als S�nger, und Marleen glaubte das sofort. Sie antwortete ihm, sie selbst wolle nichts weniger als angesehen werden, angestarrt. Viel lieber w�rde sie etwas erfinden, das �berall in Gebrauch w�re, ohne dass irgendjemand dar�ber nachd�chte.</p><p>�Wie der K�hlschrank�, riet Ingo.</p><p>�Nein.�</p><p>�Wie das Telefon.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wie eine Zigarette.�</p><p>�Ja, ein bisschen wie eine Zigarette.�</p><p>Sie w�rde, fl�sterte sie, und sie glaube, dass ihr das gelingen werde, eine Druckschrift schaffen, die so normal sei, dass sich niemand jemals fragen w�rde, woher sie stamme. Ganz locker und einfach. Wie Schreibmaschinenschrift vielleicht, aber nicht so pers�nlich. Ingolf sprang auf das Motiv unsichtbarer Ehre nicht an. Stattdessen fragte er:</p><p>�W�re das dann so, dass auch <emphasis>du</emphasis> die lesen kannst?�, und obwohl er gleich danach versuchte, es auszub�geln, war dennoch nichts mehr zu �ndern daran, dass er, der nicht einmal ein Instrument spielte, zu ihr gesagt hatte, sie k�nne nicht lesen. Was nicht ganz falsch war. Er hatte es schlie�lich als ihr Banknachbar zuerst bemerkt. Dort noch, am Steinbruch, beschloss Marleen, die Sache bis zu ihrer Realisierung f�r sich zu behalten, m�glicherweise f�r immer.</p><p>Fr�h war Marleen sich bewusst, dass ihre Eltern die ganze Republik bespielten. Mama kritzelte Figuren, die dann Prospekte und B�cher bev�lkerten, und Papa machte zwar nichts selbst, nicht wirklich, aber er buchte Anzeigen in Illustrierten, und wenn er das nicht t�te, sagte er, w�rden die eingehen wie Primeln. Vielleicht k�nnte man die Eltern da noch �bertreffen.</p><p>�Nein, nicht wie eine Zigarette. Eher wie Geld�, hatte sie zu Ingolf gesagt, bevor sie in das Schweigen fiel, das andauerte bis zum Ende der Schulzeit, als die Mutter sie irgendwann nach einem Berufswunsch fragte. So war die Idee, die Schrift f�r alle und f�r jeden Zweck zu erfinden, zur fixen Idee geworden, etwas, was sie still mit sich herumtrug, ein Vorrat oder ein Mantra. Noch mit sechzehn hatte sie keine Ahnung davon, dass Schriften zu entwerfen ein Beruf war. Sie dachte, sie w�rde die Schrift im Geheimen erschaffen, in einer Holzh�tte mitten im Wald, zum Beispiel, und wenn es dann so weit w�re, die gro�e Sache zu den Menschen zu bringen, w�rde sie nicht weiter in Erscheinung treten, noch besser ungenannt bleiben f�r immer.</p><p>In Kassel war sie sogleich M�ller-Brockmanns Lehre des typografischen Gitters verfallen, eine Flamme, die Weingart behutsam abregelte. Zwischen Ordnung und Starrsinn bestand definitiv ein Unterschied. Weingart f�hrte sie sanft, aber bestimmt zu den best�ndigeren Dingen, der Arbeit am Bleisatz, der Darstellung des einzelnen Buchstabens, der Kalligrafie, ahnend, dass sich hinter Marleen Schullers Beharrlichkeit ein dramatisches Temperament verbarg, der Wunsch, den Vorhang wegzurei�en, um etwas Ungeahntes zu schauen. Er wollte sie nicht durch eine gro�e Entt�uschung verlieren. Sie sollte langsam begreifen, dass hinter dem Vorhang nichts anderes lag als eine B�hne � aber auch hier wurde gespielt! Wie leicht konnte man im Irrgarten der Schriften den Mut verlieren. Franz hielt das Ganze f�r einen Bluff, Esme hielt es f�r biederes Handwerk, Hagen Kluess f�r den Schl�ssel zum Porsche, und Marleen war nicht selten w�tend auf Weingart, weil er ihr keine Antwort gab, weil er ihr nicht sagte, warum die Dinge auf der Welt so lagen, wie sie lagen. Weingart war der Torw�chter auf der Schwelle von Wunsch und Wirklichkeit.</p><p>Marleen war gewiss nicht seine erste begabte Studentin. Immer wieder hatte er beobachtet, wie sich gerade die Begabten an der Hochschule und ihren Ritualen aufrieben und oft, bevor sie in den Beruf eintraten, innerlich schon aufgegeben hatten. Deshalb beschloss er, als St�ssi Nachwuchs suchte, Marleen in eine Typowerkstatt zu schicken, die er, Weingart, f�r eine der besten in Europa hielt. Furrer, aus der Ferne, ohne sie zu kennen, baute ihr die Br�cke zu den Jaccottets. F�r Marleen war nun Paris alles und Kassel nichts. Hier hatte Passeraub die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> auf den Weg gebracht, und sie w�rde sich davon nicht erdr�cken lassen, von der Gr��e dieses Mannes, sondern ihm zuarbeiten, bis das Projekt vollendet w�re: das der Schrift, die alles konnte, aber letztlich unsichtbar blieb.</p><p>Marleen ging auf dem Weg zur Arbeit, im Dezember, kurz zur Apotheke mit dem blinkenden Kreuz, das weckte Vertrauen, da musste man sich keine Sorgen machen. Irgendwie hatte sie erwartet, die Probe zur�ckzubekommen, vielleicht mit einem farbigen Papierchen darin. Stattdessen bekam sie einen kleinen, braunen Umschlag, den sie auf der Stra�e aufriss, wo sie unter einem Himmel von Vorahnungen stehenblieb. Es kam ihr vor, als w�re die Nachricht � das Kreuz an der falschen Stelle des Formulars: nicht nicht schwanger, sondern schwanger � riesig auf die n�chstliegende Mauer projiziert. Eine bleierne Hand griff nach ihr, packte sie an den Haaren, ein G�r, ein l�stiges M�dchen, ein Dreck: Du bist nicht das, was du denkst, das du bist; du bekommst nicht, was du willst; du bekommst, was du nicht willst. Und selber schuld bist du sowieso.</p><p>��a va?�</p><p>Da hatte doch wirklich eine Pariserin im Kost�m angehalten, ihren Regenschirm leicht nach hinten gestellt und Marleen gefragt, ob sie helfen k�nne. Sich schlie�lich verwundert abgewandt, als sie keine Antwort bekam. Jemand aus der Klapsm�hle, dachte Madame vielleicht, also Vorsicht!</p><p>Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Marleen das Gef�hl, v�llig allein zu sein. Sie wusste einfach nicht, wen sie um Rat fragen konnte. Sie schrieb an den Konvent in Hamburg, das schon, aber es kam keine Antwort, nicht innerhalb einer Woche, und Marleen wusste, dass sie nicht w�rde warten k�nnen. Um, wie sagt man, eine soziale Indikation zu bekommen oder den Balg loszuwerden. Sie ging nicht mehr so flott. Ann sah das, Pierre schaute v�terlich dr�ber hinweg; sein Instrument war das Cembalo. Marleen war in Frankreich nicht krankenversichert. Mama hatte sie gewarnt, in Kassel immatrikuliert zu bleiben. Mein Gott, so ein blutiges Dingens, warum hast du mich verlassen.</p><p>An Weihnachten und zwischen den Jahren schloss das Atelier Passeraub, Furrer und St�ssi. Die Jaccottets boten ihr an zu bleiben, baten sie sogar darum, weil man doch gerade in diesen Tagen Kinderbetreuung brauchte (die Konzerte, die Gottesdienste, die Einladungen zum Jahreswechsel). Und in der Pomona war ohnehin nichts mehr wie fr�her. Trotzdem beschloss Marleen, nach Neuss zu fahren. Mit Cristina �ber alles sprechen. Vielleicht.</p><p>Es hat doch Nachteile, Sichtbeton wei� zu streichen. Es bl�ttert. Die Pomona 133 sieht nicht mehr so aus wie vor zwanzig Jahren. Der Teich ist ausgetrocknet, die Gehwegplatten zeigen eigent�mliche Neigungen. Eine Terrassenrollt�r l�sst sich nur noch unter Gefahr �ffnen und schlie�en. Die Bewohner sind nicht mehr dieselben, drei Zimmer an englischsprechende Studenten der Verfahrenstechnik vermietet, wobei die beiden Schotten bereits in ihre Heimat gereist sind, als Marleen ankommt. Der h�ufigste Besucher ist Valli. So nennt Lore den Kaplan Valentin, der allerdings schon lange kein Priester mehr ist, sondern wieder Arzt, und zwar an den St�dtischen Kliniken. Linus wirft ab und zu seine blonde Tolle aus dem Gesicht. Der dritte Student stammt aus S�dafrika und fliegt f�r den Jahreswechsel nicht zur�ck. Er, der hochgeschossene Junge mit Z�gen von Tintin, bewohnt das gro�e Zimmer, das sich fr�her Marleen und Cristina geteilt haben. Mit ihm verbringt Cristina ihre N�chte. Diese Art des Daseins entspannt sie sehr.</p><p>Marleen w�lzt das Telefonbuch und stellt fest, dass die Beratungsstellen so kurz vor Weihnachten geschlossen sind, mit Ausnahme der� M�tterberatung �in Krefeld. Sie leiht sich den Citro�n, �ber den R�dern rostrote Gerinnsel, und sitzt um 10:32 Uhr, wie die Uhr an der Wand anzeigt, einer Schwester im Ordenskost�m gegen�ber. Die hei�t leider Johanna. Marleen wei�, dass sie dieses Gespr�ch hinter sich bringen kann, wie sie m�chte: Sie braucht nur am Ende die Bescheinigung, dass es stattgefunden hat.</p><p>Schwester Johanna bedauert, dass� ein Kind �der heiligen Kirche verlorengegangen sei. Damit meint sie nicht den F�tus in Marleens Bauch, sondern Marleen selbst.</p><p>�Ich w�rde gern wissen, wer der Vater ist�, sagt die Schwester. Sie h�lt dabei einen Kugelschreiber in der Hand. Warme Augen hat sie.</p><p>�Ich wei�, wer der Vater ist�, sagt Marleen.</p><p>Die Schwester z�gert. Sie vermeidet alles, was nach Konfrontation klingt.</p><p>�Darf ich fragen, ob er Katholik ist?�</p><p>�Oh ja, das ist er.�</p><p>Marleen �rgert sich �ber sich selbst. Was geht diese Frau das an?</p><p>�Dann kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich mit der Idee eines Aborts anfreunden wird.�</p><p>Sie sagt Abort statt Abtreibung. Auch wenn die Schwester die zweite Silbe betont, denkt Marleen dabei an ein Klo. Sie ist sich pl�tzlich nicht mehr sicher, was die Bescheinigung betrifft. Ist es so, dass nur die Beratung bescheinigt wird � man ist beraten worden, und damit ist dieser Schritt abgehakt �, oder ist es so, dass sie auf dem Plan der Abtreibung bestehen muss und dieses auf einem Formular angekreuzt wird? Sie muss, soweit es Gr�nde braucht, vorbringen, dass sie auf sich gestellt sei und in Paris, zurzeit, mit einem Kind nichts anfangen k�nne. Sie l�sst den Kopf h�ngen und sagt gar nichts.</p><p>�Es wird heute jungen M�ttern allerhand Hilfe angeboten�, sagt die Schwester.�Sowohl von staatlicher als auch von kirchlicher Seite.�</p><p>�Ich wohne als Deutsche in Paris. Niemals komme ich von dort aus an Kindergeld.�</p><p>�Das m�sste man kl�ren. Sie sind doch erst in der f�nften Woche, wenn ich Sie richtig verstehe. Aber auch in der f�nften Woche ist ein Kind im Mutterleib als solches zu erkennen. Und wenn das Kind bei Ihnen aufw�chst, bedenken Sie das, wird es nicht danach fragen, ob Sie hier waren oder dort, ob Sie arm waren oder reich. Es wird einfach froh sein, unter Gottes Himmel wandeln zu d�rfen.�</p><p>10 Uhr 55 auf der Uhr des Citro�ns.</p><p>Das Auto schl�gt auf die Stra�e, als sie es vom Bordstein rollen l�sst. Die Fahrerin hat vergessen, die Hydraulik abzuwarten. Das holt sie jetzt nach, die Karosse zur Stra�e geneigt, langsam sich hebend. Schief und in der Luft. So �hnlich f�hlt sich Marleen.</p><p>Sie hatte Johannas Zimmer bekommen, ganz fr�her Papas Arbeitszimmer, aber so nannte es keiner mehr. Ihr war, als schwebten gleich zwei Schwestern mit im Raum, die Schwester Johanna aus Krefeld und die leibliche Schwester Johanna, die das christliche Weihnachtsfest in Tel Aviv verbrachte, um die Familie ihres Verlobten kennenzulernen, verbunden mit einer Wendung in ihrer Geschichte religi�ser Passion. Marleen versuchte zu schlafen. Sie hatte das erste Mal das Gef�hl, dass da etwas war. Weil sie dir das einreden, dachte sie. Sie machen den F�tus zum Kind, und das Kind, null Hirnbetrieb, nichts, zum liebreizenden Kleinen, damit du nicht tust, was du tun willst. Na ja, willst. Was du vorhast. Wo es dich hintreibt. Was deine Bestimmung ist. Bestimmung? Bin ich dabei, verr�ckt zu werden?</p><p>Sie h�rte Stimmen. Unter sich und nebenan und von weiter weg. Man h�rt immer die Frauen, dachte Marleen, was ist mit den Frauen, dass sie es alle Welt wissen lassen m�ssen. Dieses Ah und Oh und Ja und Aua. Die lauteste war die j�ngste, die Waldorfschulfreundin von Linus. Dann war da das Rufen von Cristina. Und in der Ferne, was �ber die Hofbegrenzung vom Atelier zur�ckkommt: Das ist Mama. Ich komme zu Weihnachten nach Hause, und das Haus ist ein Bordell. Sie hielt sich die Ohren zu, aber dadurch wurden die Schreie lauter. Um Himmels willen, sagen wir. Marleen, du bildest dir das ein.</p><p>Beim Fr�hst�ck stellte sich heraus, dass die Wohngemeinschaft dem Haus guttat. Linus, der sich einen� aufgekl�rten Konservativen �nannte, wurde gefoppt von Cristinas Lover, der ihm sagte, dass er dann der erste w�re. Valli machte sich lustig �ber die katholische Kirche. Er sagte, sie betrachte ihn f�r immer als ihr Kind, er aber leugne die Vaterschaft. Dabei schaute er Marleen auf eine bestimmte Weise an. Der Schatten aus der Waldorfschule, Babs, war behende in der K�che und �berh�rte alles, was b�sartig klang. Sie passte nicht zu Linus. Es geht wieder nur ums Poppen, dachte Marleen. Bei Tageslicht besehen, war sie noch nicht einmal dagegen. Zumal sie niemand mehr in die Kirche n�tigte. Mama und Valli gingen zu einem protestantischen Gottesdienst, der schon um vier stattfand, weil es nur mit Kindern richtig voll wurde. Cristina nutzte die Gelegenheit, um sich mit ihrem Verehrer einzuschlie�en. Marleen lag auf dem uralten Flokati � so ein Drecksding!�� vor dem Fernseher und w�lzte ihr Ungl�ck. Am zweiten Weihnachtsfeiertag nahm sie die S-Bahn nach K�ln und von K�ln den Zug nach Paris.</p><p>Dort wartete, auf der Kommode im Flur bei den Jaccottets, ein Brief von Franz. Marleens Herz raste, w�hrend sie zur Kammer hinauflief. Diese gestochene Schrift. Da stand nicht� Marleen ��, da stand� Liebe Marleen �und� Ganz Dein Franz�. Sie raufte sich die Haare. Sie weinte ein bisschen, bevor sie las, zur Vorbeugung.</p><p>�Liebe Marleen,</p><p>ich habe beschlossen, in den Dienst der Kirche einzutreten, und ein Gel�bde der Keuschheit abgegeben. Schon vor Paris. Du, ich glaube es so sagen zu m�ssen, hast mich verf�hrt. Das kannst Du. Ich habe mich gefragt (w�hrend das geschah), wozu es gut sein soll, weil alles, und sei es im letzten Winkel, sein Gutes hat.</p><p>Es ist nicht m�glich, zu Dir zur�ckzukehren. Ganz im Gegenteil, ich werde Dich meiden m�ssen. Das Kind aber ist der Sache Sinn. Ich werde mich den v�terlichen Pflichten, was Geld angeht, nicht entziehen. Mir ist v�llig klar, was das alles f�r Dich bedeutet. Und ich w�rde Dich bitten, Dich nicht an mir zu r�chen; in der naheliegenden Weise, meine ich. Es w�rde mir das Herz brechen. Ganz Dein Franz�</p><p>In der K�che traf sie Ann, die allein war. Marleen, verweint, versuchte nichts zu verbergen. Ann, anders als Pierre, ber�hrte sie nicht. Sie sa� ihr gegen�ber und h�rte zu.</p><p>�Ich h�re dich�, sagte sie mehrmals, als spr�chen sie �ber Funk miteinander.</p><p>Zum Silvestergottesdienst der deutschen lutherischen Kirche waren erschienen: die Jaccottets komplett, Passeraub mit den fast erwachsenen T�chtern, Furrer mit seiner �thiopischen Frau, Fr�nzi L�thi mit ihrer Schwester. Die Predigt hielt Pastorin Passeraub. All das war neu f�r Marleen, die, am Ende ihrer Tr�nen, nahezu willenlos, zwischen David (mit B�rli) und Furrer (�mein Ex, �brigens�, fl�sterte Ann ihr ins Ohr) in der zweiten Reihe sa�. Man dankte Gott und pries ihn f�r seine weisen Entscheidungen. Einmal drehte sich Passeraub in der ersten Reihe um und sah Marleen lange an. Sie wusste, dass sie nie diesen Glauben teilen w�rde. Aber es war ein offenes Angebot. Sie w�rden sie nicht fallenlassen. Nicht mit Kind. Das war die Bedingung. Es war der Vorabend ihres dreiundzwanzigsten Geburtstags.</p></section><section><title><p><strong>T�te</strong></p></title><p>Marleen ging nicht mehr zu Fu� zur Arbeit und sie machte sich auch nicht mehr viel aus Schriften an W�nden. Sie kam sich durchsichtig vor, als k�nnte man in ihrem Leib den fischstummen Embryo mit den riesigen Augen sehen, so wie auf den schwedischen Fotografien. Sie f�hlte sich �berhaupt angeschaut, von Passanten, Kollegen, Boten, als st�nde ihr das Geheimnis, das Geheimnis der Erwachsenen, auf die Stirn geschrieben. Sie selbst beobachtete nun die anderen Frauen mit den gespannten B�uchen, was ihr bisweilen ein verschworenes L�cheln einbrachte, das sie, so gut es ging, erwiderte. Aber es wurde dadurch nicht besser. Sie vermisste Franz Tag und Nacht.</p><p>Sie wurde von grausamen Tr�umen heimgesucht, als w�rde sie einer Inquisition unterzogen.�Du bist doch schwanger�, sagten sie.</p><p>�Ja�, erwiderte sie,�ich bin schuldig geworden.�</p><p>�Du tr�umst von einer eigenen Schrift, nicht wahr?�</p><p>Sie schwieg.</p><p>�Sprich!�</p><p>�Aber ich will doch nur ��Jemand verpasste ihr eine Ohrfeige.</p><p>�Du willst sein wie Passeraub! Du dummes Luder!�</p><p>Schwei�nasses Erwachen.</p><p>Passeraub hatte lateinische Schriften studiert und sie nachahmend in Stein gehauen. Er hatte sie in Holzbl�cke geschnitzt und von Hand gestempelt. Er hatte den Bleisatz erlernt und schnell beherrscht � schneller als das Auge, wie Furrer sagte. Und dann war er, seine ganze kleine Schweizer Handwerkswelt hinter sich lassend, nach Paris gegangen, um mit Terreau &amp; Racine Schriften f�r den Fotosatz zu entwerfen, schon die <emphasis>Kosmos</emphasis> ein Universum. Der Fotosatz war damals eine gro�e Erfindung gewesen, eine Maschine, die Buchstaben so schnell auf einen Film blitzte, wie man die Tastatur zu bedienen wusste. Eigentlich nur ein Kasten mit Linsen und Prismen; Mikroskop, Kamera, Dunkelkammer, Telex, alles zugleich, aber nicht zu verstehen, weil lichtdicht verschlossen. Die Schriften mochten darin wohl in Trommeln oder auf R�dchen rotieren, eine Art Jukebox der Lettern. Passeraub hatte die Dimension der Erfindung begriffen: dass man in diesen Apparat alles hineinpacken konnte, was man wollte � Schriften aufgehoben in einer stufenlosen Matrix f�r alle Zwecke. Der Fotosatz wurde unvermeidlich, eingesetzt in allen Zeitungen, Agenturen, Satzbetrieben und Druckereien, vor allem, weil man den Schriftenfilm mit Fotofilm kombinieren konnte. Terreau &amp; Racine, ehemals eine Schriftgie�erei, lieferte nicht mehr Lettern, sondern Bilder von Lettern, Negative, miniaturisierte Archive. Da erschienen die ersten Lochkartenmaschinen wie Saurier im Vergleich. Fast drei�ig Jahre lang hatte es so ausgesehen, als w�re der Fotosatz unschlagbar effizient.</p><p>Die Insolvenz von Terreau &amp; Racine, wenige Jahre vor Marleens Eintritt ins Atelier, hatten Passeraub, Furrer und St�ssi �berlebt. Bald war Passeraub � wie ein Ph�nix aus der Asche, sagte Furrer � bei den <emphasis>International Office Machines</emphasis> unter Vertrag genommen worden. W�hrend Millionen von Sekret�rinnen, Setzern, Grafikern und Korrektoren mit den Systemen k�mpften, einsam wurden, verlacht, gek�ndigt, hatte Passeraub sein Handwerk und seine Weisheit hier zusammen- und dort wieder ausgepackt, ein Wanderer, ein Schlitzohr, mit allen Wassern gewaschen.</p><p>�Nun starren Sie doch nicht auf das Ding�, hatte er einmal zu Marleen gesagt. Sie hatte ihn nicht einmal fragen m�ssen, was er meinte, es w�re ohnehin sinnlos gewesen. Er h�tte es einfach wiederholt, m�glicherweise sogar im Dialekt und mit einem Blitzen in den Augen. Sie hatte ihn beobachtet in den folgenden Tagen, bis sie begriff, dass er nicht wirklich Buchstaben betrachtete, sondern das, was sie umgab, und das, was sie aussparten � so wie die besten Fotografen im Sucher ihrer Kamera das Negativ sehen, im Wei�en das Schwarze.</p><p>Passeraub, auf seine kauzige Weise, hatte ihr die T�r ge�ffnet, hinter der sich alles, aber auch wirklich alles, als Gegenteil des Konkreten zeigte, als Spiegelung, Hohlraum, Fl�che, Verh�ltnis von zu; und die Buchstaben waren nicht mehr als G�ste darin, den einen Tag herzlich aufgenommen und den anderen Tag gleichg�ltig rausgeworfen. Es gab keinen Grund, Buchstaben zu lieben. Es gab auch keine sch�nen Buchstaben und keine h�sslichen, nur eine Folge von richtigen oder eine Folge von falschen, und Passeraub sagte immerzu ja und nein, dazwischen war nichts, einfach gar nichts.</p><p>In diese Lage hatte er sich gebracht aus eigener Kraft. Was mit zwei H�nden zu machen war, hatte er getan; f�r den Rest gab es immer kluge Helfer, st�ndige und fl�chtige. Alain nannte ihn scherzhaft� Pass�, weil es Passeraub gleichg�ltig war, was hinter der Taste F5 oder F8 verborgen war, wie man ein System konfigurierte oder f�r eine Anwendung zurechtstutzte. Alain war sp�t eingestellt worden, weil niemand sonst bereit gewesen war, den Arbeitstag vor einem schwarzen Glas zu verbringen mit einem brummenden Kasten neben dem Knie. Er hatte Grafik studiert und sich im Mac eingefuchst, und als sich zeigte, dass die Welt des Mac rasch gr��er wurde, kam Monique dazu. Sie hatte von der ersten Klasse an Boole�sche Algebra gelernt,�ganz mein Ding�, bekannte sie, die kaum die <emphasis>Optima</emphasis> von der <emphasis>Kosmos</emphasis> unterscheiden konnte. Passeraub sah dar�ber hinweg, ein weiser Meister, nicht mehr die Spur von einem Schweizer Bauernbuben, der er einst gewesen war.</p><p>Noch war nicht klar, was Marleens Aufgabe sein w�rde. Der Arbeitsplatz einer Zeichnerin, keine T�r, kurz vor dem Klo. Gehalt eher bescheiden. Wenn man mal ehrlich war. Und der Rat, der kam, war nicht immer der erhoffte. Einmal, im Fr�hjahr, wurde sie zu Fr�nzi ans Telefon gerufen. Das war Simone, die fragte, ob am Arbeitsplatz eine Swatch liegengeblieben sei, so eine schwarze, minimalistische.</p><p>�Oh ja�, antwortete Marleen,�die liegt bei mir, nur ist die Batterie inzwischen leer.�</p><p>Aber das war nicht alles. Simone wollte wissen, wie es aussehe in Paris und bei Passeraub und �</p><p>�Sag mal, Marlene ��</p><p>�Marleen.�</p><p>�Sorry, Marleen. Sag mal, du hast es aber nicht auf dich genommen, die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> in Ultrafett auszuf�hren?�Das Du war vielleicht etwas schroff, da man sich nicht kannte, klang aber im alemannischen Tonfall schmeichelnd.</p><p>�Doch, das habe ich gemacht�, antwortete Marleen.</p><p>�Du meinst, dass er das akzeptiert hat?�</p><p>�Dass er was akzeptiert hat?�</p><p>�Eine Ultrafett.�</p><p>�Er hat sie doch selbst in Auftrag gegeben.�</p><p>�Nat�rlich, aber � Ich habe neulich die <emphasis>Tempi</emphasis> verwendet, f�r ein Buch. Und bei der Gelegenheit habe ich nach der Ultrafett gefragt. Die Antwort war nein, die g�b� es nicht.�</p><p>�Ja, das kann sein. Die Markteinf�hrung der Schnitte muss nicht gleichzeitig erfolgen. �Marleen war entschieden, den neutralen Ton durchzuhalten. Egal, was die am anderen Ende von ihr wollte. Sie stand schlie�lich mitten in der Werkstatt, an Fr�nzis Arbeitsplatz.</p><p>�Du bist ja mutig.�</p><p>War sie mutig? Marleen z�gerte. Da hakte die andere nach.</p><p>�Ja, ich habe mich schon bem�ht�, sang Simone in blumigem Hochdeutsch.�Aber die haben mich ins Messer laufen lassen! Passeraub hat sie schon haben wollen, das ist richtig, aber der St�ssi hat mich gar nicht unterst�tzt, im Gegenteil. Ich bin froh, dass ich jetzt Buchumschl�ge mache � die haben nicht die M�glichkeit, Entw�rfe zur�ckzuweisen, nur weil ihnen das Geld aus den Ohren lampt.�</p><p>Marleen dachte an die Entw�rfe, die sie aus dem M�lleimer gerettet hatte bis unter ihr Bett. Sollte sie dieser Simone einfach sagen, dass es ihr an Begabung fehlte? Dass St�ssi immer h�flich und oft auch ziemlich witzig sei?</p><p>�Ich habe mich da durchgebissen�, sagte Marleen. Die andere stutzte. Das konnte ein verdecktes Eingest�ndnis sein.</p><p>�Ich glaube nicht, dass sie Frauen dort wollen!�</p><p>Marleen machte mehrmals h�flich� Mmh, mmh�, lie� die Anruferin reden und nutzte deren n�chste Atempause, um zu sagen, dass sie die Uhr sofort verschicken w�rde, was Marleen auch tat, mit dem nagelneuen Logo der Boutique RIEN auf einer Postkarte. Die Copyrightzeile las sich, winzig:�Schuller�/�Atelier PSF�.</p><p>Rainer St�ssi erschien im Atelier immer im Anzug, kleinteilige Muster, Budapester Schuhe, Fliege, das einst blonde Haar nur noch als Kranz vorhanden und kurz getrimmt. Obwohl die Teilhaber keine offiziellen Funktionen, keine Titel hatten, war St�ssi der erste Ansprechpartner f�r die Kunden, im Franz�sischen fl�ssig, im Englischen vokabelreich. Er merkte sich Namen, Produkte, Ums�tze. Er hatte ein feines Sensorium f�r den Grad der Schwierigkeit. War eine Sache schwer �berschaubar, verlangte er schwindelerregende Honorare, war sie eine Angelegenheit von zwei Tagen, preiste er sie demonstrativ auf den geringsten Stundensatz. Er telefonierte viel und zeichnete wenig.</p><p>Niklas Furrer hatte mit St�ssi studiert. Furrer war ein gl�hender Anh�nger der grafischen Moderne gewesen, hatte jede Seite nach Raster gebaut, Text im Flattersatz, immer die <emphasis>Kosmos</emphasis>, Bilder exakt auf Spalte beschnitten (ein-, zwei-, dreispaltig, nie gr��er). So war das Optimum der Lesbarkeit zu erreichen, davon war er �berzeugt, Lesbarkeit im Redaktionellen, im Beh�rdlichen, in der Werbung, da gab es keinen Unterschied. Der Mensch wurde beschenkt durch Lesbarkeit, denn Lesbarkeit war demokratisch, f�r alle, f�r alle aufgekl�rten Menschen, die, wenn sie nur radikal genug w�ren, kollektiv zur Kleinschreibung wechseln w�rden: kleinschreibung, flattersatz, raster, demokratie. Und so weiter, Furrer hielt noch immer solche Reden, wenn man ihn lie�, Kunstgewerbeschule 1962, diese Lektion w�rde ihn nie mehr verlassen. Der Abstand zu dem, was er im Atelier wirklich entwarf, war bereits gro� und wurde gr��er, denn Niklas Furrer war ein Spieler, ein Zeichner, ein Mann der t�glichen kleinen Freuden, Ausnahmen und Doppeldeutigkeiten, daher diese eulenhaften, warmen Augen. Man verstand seine Scherze kaum, er nuschelte etwas zwischen Hochdeutsch und Dialekt. Alles, was man an ihn herantrug, wurde sogleich Gestalt, in der Mittagspause auf Papierservietten gekritzelt. Er konnte Buchstaben zeichnen, die g�hnen, und Buchstaben, die winken. Deshalb liebten ihn prosperierende kleine Firmen, deren Signets er aus dem �rmel sch�ttelte, �berhaupt nicht mehr Schweizer Schule.</p><p>Es h�uften sich Anfragen von Boutiquen aus der Rue Mouffetard. Die j�ngste hatte sich auf schmal geschnittene, schwarze Kleidung, gl�nzende Stiefeletten und nietenbesetzte G�rtel kapriziert, halb London, halb Tokio: T�te sollte sie hei�en. Furrer lie� das Schreiben der Eigent�mer, mit einer Fotokopie des ersten Warenkatalogs und einem Foto des Gesch�fts � Fensterfronten links und rechts einer st�hlernen T�r �, auf Marleens Schreibtisch liegen. Sie dachte eine Weile �ber das Wort nach und fand heraus, es lief wie� Otto�, vorw�rts wie r�ckw�rts, bis sie ihren Lesefehler bemerkte. Es war die Doppelung einer Silbe, mit dem Sch�nheitsfehler des Dachs �ber dem ersten� e�. Das Dach war aber gut, verstanden als Giebel. Sie probierte. Bei Furrer hatte sie sich abgeschaut, wie man das machte, Varianten schnell nebeneinander setzen und nichts korrigieren. Ihr geriet das Dach zu gro�, so dass es einen St�tzbalken brauchte, das ergab zusammen das T, ein H�uschen. Sie lie� die beiden� e �s drunterschl�pfen wie Tauben. Das ergab zwar nicht das Wort� T�te�, aber ein kompaktes Symbol. Am n�chsten Morgen f�hrte sie es im Detail aus und brachte es zu Furrer.</p><p>�Ist sehr sch�n geworden�, sagte der und zeigte es Alain, der raten musste, was es darstellte ��Keine Ahnung!��, durchgefallen. Marleen musste wieder ran und setzte das Wort TETE als schmales Band darunter. Furrer zeigte es St�ssi.</p><p>�Das ist schon gut, aber sie verkaufen weder D�cher noch Zelte. Es sieht zu h�uslich aus, und auch ein bisschen witzig. Ich glaube, diese Punker nehmen sich schrecklich ernst. Da ist nichts mit lustig. Vor allem muss es wichtiger aussehen, als es ist. Konzernformat. Wie Fiat oder Sony. �Marleen fragte, ob sie den Entwurf an Furrer zur�ckgeben k�nne, und der:�Warum das?�Sie wusste nicht warum und blieb also dran.</p><p>Unbesch�ftigt zu sein oder auch nur zu wirken kam in diesem Betrieb nicht in Frage. Der pausb�ckige Andr� mit seinen Versuchen �ber Western-, Halbwelt- und Jahrmarktsschriften; Wendelin, wie er belichtete Entw�rfe mit einer riesigen Lupe pr�fte (�Das nenne ich aber nicht randscharf!�); Fr�nzi, die, wenn sie nicht telefonierte, mit der Kugelkopfmaschine Rechnungen h�mmerte. Marleen w�re in der Tat gern, jedenfalls einmal am Tag, im Atelier herumspaziert, um jedem �ber die Schulter zu schauen und zu fragen, ob es vorangehe (und vor allem was!). Daf�r h�tte sie Praktikantin oder Boss sein m�ssen, Praktikanten aber gab es in dieser Werkstatt nicht. Marleen war gezwungen, ihren verfr�hten Eintritt in die calvinistische Gesch�ftigkeit als Vorteil zu betrachten; ein Jahr Arbeit, ein Jahr Gehalt, das war die Abmachung. Fr�nzi gab den Angestellten (nicht den Teilhabern) am letzten Freitag jeden Monats Cheques aus, die St�ssi, und wenn St�ssi auf Reisen war, Passeraub selbst, unterzeichnete. Dessen Signatur war fahriger, als man f�r m�glich hielt.</p><p>Die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> in Ultrafett zu �bersetzen, war f�r Marleen ein kurzes Abenteuer gewesen, ein Stochern in der Grammatik des Buchstabens, das sie komplett in Anspruch nahm, so sehr, dass sie sich selbst verga�. Leider war die Aufgabe jetzt erledigt, und Passeraub zeigte keine Neigung, sie weiterhin mit ungeliebtem Kniffligen zu besch�ftigen. Einmal hatte sie eine Eingebung und dachte, sie m�sste einfach eine halbe Stunde fr�her kommen, ihren Schreibtisch in Passeraubs Arbeitszimmer verfrachten und dann sich weigern, wieder abzuziehen. Johanna h�tte das so gemacht.</p><p>So kam es, dass die corporate identity f�r Kleinstunternehmer in ihre Nische sp�lte, zwei Auftr�ge pro Woche und mehr. Buchstaben in Logos zu zwingen kam ihr vor wie Kindergarten f�r Hochbegabte. Erw�nscht war eine bestimmte Mischung von Artigkeit und Rabaukentum, Analphabetismus und Bilderrausch. Man konnte sich darin nicht versenken wie in die echte Typografie, die Konstruktion von Alphabeten. Denn Logos und Signets brauchten Ideen, der Spleen war gefragt, die Montage nur noch Technik. Es war Niklas Furrer gewesen, der bemerkt hatte, dass Marleen, bei aller Strenge, ein H�ndchen f�r so etwas hatte.</p><p>Einen Nachmittag nahm sie sich frei, um das Ladengesch�ft von T�te zu besichtigen. Die Gr�nder waren kaum �lter als sie selbst. Einer hatte sich eine Silbernadel durch einen Nasenfl�gel gesteckt. Die Couturi�re trug einen ledernen Minirock, am unteren Ende ges�umt mit �sen rundherum. Das Ladenlokal war fast fertig, die Oberfl�chen wurden geschliffen. Erst jetzt begriff Marleen � hatte sie den Auftrag nicht Satz f�r Satz gelesen?�� , dass es nicht nur um Gesch�ftspapier und Einkaufst�ten ging, sondern auch um das Schild �ber dem Eingang, das sich die Clique, euphorisch, als emaillierten Klotz vorstellte, der zur Stra�e querstehen w�rde. Aber was hie� schon Schild:</p><p>�Das muss stehen wie ein Messer!�</p><p>�Wie eine Kamera, die die ganze Stra�e erfasst.�</p><p>�Das Ding muss so sexy sein, dass die Leute phantasieren, sie w�rden bei Nacht wiederkommen und es abmontieren.�</p><p>Das waren die Vorstellungen der Belegschaft, die ausschlie�lich aus Chefs bestand, alle in schwarzer Kleidung, schmal geschnitten, mit Nieten und �sen.</p><p>Marleen fragte:�Seid ihr so was wie Punks?�</p><p>Grinsen:�Wieso, kotzen wir auf die Stra�e?�(Der junge Mann fl�sterte fast!)</p><p>�Nous sommes New Wave�, sagte die Lady, wobei die englischen Worte klangen, als k�men sie durch eine D�se.</p><p>Marleen �bernahm die Kinder gegen sieben und hatte sie gegen halb acht im Bett, dann Janosch, dann ihr Atmen, halb weggeschluckt vom Rauschen der Stra�e da unten, und das Tick-tick war die untaugliche Leerrille einer Platte, die die Jaccottets vor dem Weggehen geh�rt hatten.</p><p>Sie setzte sich an den K�chentisch, nahm Notizblock und Kuli und zeichnete ihren Entwurf nach, das Dach �ber den beiden� e �s links und rechts. Weg damit. Variante: nur ein �, das Dach riesig. Dach ist Kopf, Kopf ist Dach! Ihrer Mutter w�rde das gefallen. Weingart w�rde sagen, das ist gut gef�hlt. Glaubte Marleen. Im n�chsten Moment kam es ihr kindisch vor.</p><p>Sie sah sich die K�che an, die saubere Kollektion der Messer, das gepr�gte Firmenlogo auf der K�hlschrankt�r, die altert�mliche Riffelung des Transistorradios. Sie machte die Runde zu den Betten der Kinder: Katie schlummerte unter den Bl�ten ihres Bettzeugs; David schnaufte in inniger Umarmung mit dem B�rli.</p><p>Als sie in die K�che zur�ckkam, sah sie das gerahmte Bild. Nie zuvor hatte sie es beachtet. Es war eine Schwarz-Wei�-Aufnahme als Poster, der Name des Fotografen darunter feierlich ausbuchstabiert. Es zeigte einen Jungen, der fr�hlich, von zwei gleichaltrigen M�dchen beobachtet, eine Kopfsteinpflastergasse hinuntersprang, unter dem Arm ein Baguette. Sie trat n�her heran. An der Hausecke war sogar das Stra�enschild zu erkennen: Rue Mouffetard. Pl�tzlich war sie hellwach.</p><p>Auf dem K�hlschrank lag ein Baguette im Halbschatten, das in der typischen Weise schnabelte. Marleen setzte sich an den Tisch und zeichnete den Bogen nach. Das gefiel ihr, wie das abhob. Sie erg�nzte das schwebende Dach mit einem vertikalen Balken zum� T�. Darunter schob sie wieder die beiden� e �s. Jetzt war es kein Haus mehr und kein Kopf � die Figur eines Athleten, vielleicht. Sch�n, aber noch nicht zu entziffern. Sie stellte das� eTe �auf ein Rechteck, ein Band, in das sie den vollen Namen in breitgezogenen Lettern setzte, im Negativ. Das tiefschwarze Band verwandelte sich in eine Stra�e, auf der ein Athlet sich n�herte. Sie musste an die Zeichnung einer schwarzen Katze denken, die sich mit hochgestelltem Schwanz vom Betrachter entfernt, auf der Jagd. War das nicht auch ein Motiv aus Paris? Marleen erlaubte sich ein Glas vom Roten. Sie a� vom Baguette. Als die Jaccottets zur�ckkamen, war sie �ber ihren Entw�rfen eingeschlafen.</p><p>�Ein wenig r�tselhaft darf es sein�, sagte Furrer.�Die bildliche Kraft ist entscheidend.�</p><p>�Vor allem ist es irgendwie frisch�, gab St�ssi zu.�Halb K�rper, halb Maschine. Sie m�ssen die �e�s noch schmaler f�hren, eckiger, fieser. Und gehen Sie nicht selbst hin, um es zu zeigen, schicken Sie einen Boten mit dem Entwurf auf Folie, nicht zu klein, tiefschwarz, scharf wie eine Klinge.�</p><p>Zwei Wochen sp�ter war der junge Journalist wieder da. Er beglotzte Marleen durch seine riesige Brille. Sie sa� in ihrer Nische, �ber einen handgeschriebenen Schriftzug gebeugt.�Nur eine kleine �berarbeitung�, sagte sie. Er notierte es. Mit dem Weitwinkel machte er ein Foto von ihr, auf sie hinunterblickend.</p><p>Es war Mitte April, als die Zeitschrift kam. Sie zeigte drei schwarz-wei�e Signets, RIEN, T�te, agn�s b., und ein Bild von Marleen in ihrer Nische, die aussah wie ein Gew�lbe. Das alles auf einer unteren halben Seite. Durch das Weitwinkel erschien ihr schmales Gesicht noch schmaler, w�hrend der Bauch in der Bildmitte sa� wie ein Ball. Der Text, in unterschiedlichen Schriftst�rken, war um die Bilder gemauert, auf Englisch, Franz�sisch und Deutsch:</p><p>�Wer die rasante Stadterneuerung �stlich des Boul� Mich� beobachtet, kennt die frischen, lichten, lauten Boutiquen wie T�te, Le Peuple Vert, RIEN und Bad Taste Lounge � ein Hauch von London h�lt Einzug in Paris. Die besten Signets kommen von einer jungen Deutschen, deren messerscharfe Skizzen den Imprint von Passeraub, St�ssi und Furrer tragen. Ausgebildet bei Tomas Weingart, verkn�pft sie den Beat des New Wave mit der schmiedeeisernen Solidit�t des Art d�co. Paris war schon immer reich an kommerziellen Zeichen von hoher Definition, aber das Logo von T�te ist nicht weniger als das Schmuckst�ck der Rue Mouffetard geworden, halb schwarzer Block im Aufmarsch, halb Superman landend, ein Typo-Werkst�ck, das in jeder Gr��e seine Kraft entfaltet, bis in die Miniatur eines Preisschilds. Marleen Schuller, 23, blickt mit feurigen Augen in die Zukunft, oder jedenfalls in die Ferne, w�hrend die Rundung in ihrem nicht so kleinen Schwarzen (by agn�s b., deren Logo f�r den japanischen Markt sie gerade �berarbeitet hat) von einer n�her gelegenen Mission k�ndet. Chapeau!�</p><p>Auf ihrem Schreibtisch fand sie einen Grand Cru. Der konnte nur von St�ssi sein. St�ssi war es, der die Laune hochhielt, Lobenswertes lobte, Entw�rfe aush�ngte, Geburtstage nicht verga�; ein Kurzportrait in der Fachpresse, in diesem Fall. Aber Marleen wusste, dass solche Aufmerksamkeiten nicht selbstlos gemeint waren. St�ssi war der Manager der Werkstatt, er konnte Arbeitspl�tze schaffen oder streichen. Er schnitt die Abteilungen zu auf ihre Aufgaben. Er besuchte sie an ihrem Arbeitsplatz, den guten Moment auskostend, und lie� sie wissen:</p><p>�Wenn Sie wirklich so versessen sind auf typografische Basisfragen, dann m�ssen Sie nur da r�berschauen. �Er wies mit seinen Augen durch die Glaswand auf die Citronique, an der zwei Gestalten klebten.�Unsere Branche ist ziemlich nachl�ssig gewesen, was Speichermedien betrifft. Aber die Gutenberggalaxis ist nicht unendlich. Alles, was wir k�nnen � was Sie k�nnen, Marleen �, muss am Ende niedergelegt sein in Programmen. Was unser Gewerbe brauchen wird, sind Leute, die tief ins Elektronische schauen, die die M�glichkeiten dessen kennen und trotzdem das Handwerk noch beherrschen. Denken Sie mal dr�ber nach.�</p><p>Man war durchaus fair gewesen, sie f�r ein Jahr zu bestellen. Nur, dass der Zeitpunkt der Entbindung mit einem der letzten Arbeitstage zusammenfallen w�rde. Sie musste an N�rdlingen denken, wo man irgendwann aufgeh�rt hatte, ihre zuk�nftige Abwesenheit zu erw�hnen. Vielleicht h�tte sie die milde Form des Ungl�cks w�hlen sollen, Uli Steidle heiraten, <emphasis>Sie welle zoohle?</emphasis> Damals hatte sie nein gesagt. Aber hatte sie jetzt ja gesagt? Wie war es dem Schicksal gelungen, Macht zu bekommen �ber ihre Bestimmung? Sie hatte es geschafft, ihre Schwangerschaft zu ignorieren (Vitamine rauf und Rotwein runter, das schon), aber vor allem hatte sie sich eingelebt, konnte inzwischen auf Franz�sisch antworten und verstand sogar das Schweizerdeutsch. Sie war dem Typopfad gefolgt bis dorthin, wo er eng wurde, wo man wusste, dass man nichts wusste, und jenseits dessen hatte sich eine Stadt aus Buchstaben aufgetan. Merkw�rdig, wie hart man erst gegen sich selbst werden musste, um nicht mehr zu vergessen als man lernte. Kaum zu fassen, dass sie beim Lesen im Franz�sischen weniger stolperte als im Deutschen: Haben die einfach die besseren Schriften? Quatsch, das muss etwas mit dem Spracherwerb zu tun haben. Allein der ganze Fernsehm�ll, den wir uns als Kinder reingetan haben, dass das erlaubt war, und wahrscheinlich habe ich schon mit acht geahnt, dass Papa stiften geht, und habe deshalb schief durch meine Brille geguckt. Pl�tzlich fiel ihr Ingolf ein, der Junge mit dem Afro und den Fransenshorts. Ihr wurde warm im Bauch.</p><p>Antoine wurde am 8. August 1988 im Diakonissenkrankenhaus geboren, Paris, 12. Bezirk. Man hatte Marleen nicht lange zureden m�ssen, damit sie die neue Bet�ubung �ber das R�ckenmark akzeptierte. Das Krankenzimmer war nicht klimatisiert, aber Antoine schien die Sommerhitze nichts auszumachen. Und Marleen geh�rte jetzt zu jenen Menschen, die wenig Gelegenheit haben zu fragen, wie es ihnen selber geht.</p><p>In der Woche drauf war sie schon wieder im Atelier, Antoine schlafend in einer Schlinge vor dem Bauch tragend. Sie wurde empfangen wie h�herer Besuch, die Arbeit blieb liegen, die Telefone wurden nicht mehr abgenommen. Furrer �berreichte ihr den Gehaltsscheck f�r den abgelaufenen Monat. Passeraub kam aus seiner Glaskabine, berufsuntypisch strahlend, w�hrend Antoine den Meister, oder ein Licht in seinem R�cken, extraterrestrisch beglotzte.</p><p>Marleen lie� sich das alles gefallen. Auf ihrem Schreibtisch fand sie die Anfrage an PSF f�r die Gestaltung eines Stra�enmagazins: Die Boutiquen stellen sich vor. Ein Logo war gefragt, das nicht nach altem Paris aussah und keinen Kiezmuff verstr�mte. Ob sich nicht Mademoiselle Marl�ne damit befassen k�nnte, falls sie nicht schon ihr Kind bekommen habe, wozu man dann gratuliere. Marleen lie� sich in den f�nfbeinigen italienischen Drehstuhl zur�cksinken, dessen wie ein Frack verl�ngerte R�ckseite sie federnd auffing.</p><p>Sie gab Antoine die Brust, der mit der Ber�hrung die Augen schloss. Sie betrachtete die Vorstufen vergangener Entw�rfe an der Wand ihrer Nische, die Rue Mouffetard in allen m�glichen Varianten, und immer noch die alten Ausdrucke von Hamburgerfonts in der <emphasis>Tempi</emphasis>. Etwas sp�ter sp�rte Marlen einen Schatten vom Gang her. Sie drehte den Stuhl, bis sie erkennen konnte, dass es Monique war. Die stand da, stumm, und sah der Mutter zu, wie das Kind an ihr saugte. Marleen mit ihrer Lesebrille wirkte, als w�re sie ihrem Arbeitsplatz nur f�r Minuten ferngeblieben.</p><p>�Alles gutgegangen?�, fragte Monique.</p><p>�Ich glaube schon�, sagte Marleen.</p><p>Antoine hatte sich zur�ckgelehnt und die Augen ge�ffnet. Monique nahm seine linke Hand und pr�fte die winzigen Finger.</p><p>�Das sind die Ziffern.�</p><p>�Ja richtig�, sagte Marleen,�eins bis zehn.�</p><p>Monique l�chelte nachsichtig. Marleen machte keine Anstalten, ihre feuchte Brust zu verbergen.</p><p>�Im Prinzip schon�, hauchte Monique.�Null bis neun.�</p></section><section><title><p><strong>Ein Umweg</strong></p></title><p>Wie warm es war im September, wie hei� unter der Mittagssonne zwischen den Blechkisten, die eine Modellschau all dessen abgaben, was in Detroit vom Band gelaufen war zwischen 1963 und 1981; das j�ngste Auto war acht Jahre alt. Kjell fragte den Verk�ufer zweimal, ob er glaube, dass� der Blaue �eine Fahrt von drei Tagen �berstehen w�rde, aber schon die Probefahrt war �berw�ltigend gewesen. Der Delta 88 war eines jener gro�en Autoschiffe, schwer, schwankend, stark, das Lenkrad mit einem Finger zu bewegen, die Bremsen prompt, die Schaltung automatisch. Das Heulen in f�nf oder sechs Tonlagen beim Anfahren ging �ber in ein fast unh�rbares, aber sp�rbares Pochen, das Herz eines Riesen. In den gro�en Scheiben zog die Stadt Austin vorbei, ein Bilderbogen.</p><p>�Wow, die Siebziger�, sagte Hans, als der Wagen vorfuhr.</p><p>Seine Sachen waren unvollst�ndig gepackt. Kjell versenkte die Koffer im Kofferraum, die darin verschwanden wie Handtaschen, und trug den Rest einzeln raus, das Auto r�ckw�rts geparkt vor dem fensterlosen Seiteneingang eines zweist�ckigen Hauses jenseits der Gleisanlagen. Sie verlie�en die Wohnung wie Amerikaner, mit schmutzigen Tellern auf dem Tisch, Erdnussbutter im Schrank und zwei Wochen Mietschulden.</p><p>Die Dobro, silbrig gl�nzend, lag auf dem R�cksitz. Hans dirigierte Kjell in die vierte Stra�e, bat ihn, neben dem Musikhaus zu parken, und hie� ihn, die Gitarre zu nehmen und tausend Dollar zu verlangen.</p><p>�Das musst du machen. Ich versteh� nichts davon�, sagte Kjell.</p><p>�Ist besser so, bestimmt. Guck mich an. Ich bin nichts mehr wert. �Da war etwas dran. Hans sah aus, dass man sich fragte, wozu er tausend Dollar brauche. F�r einen Sarg?</p><p>People�s Music f�hrte oben die Instrumente und das Equipment, im Souterrain die Musik. Kjell verkaufte erst die Gitarre und besorgte dann einige 8-tracks, Tonb�nder in Plastikgeh�usen von der Gr��e eines Buchs, sieben St�ck in einer schwarzen Plastikt�te, die er im Handschuhfach versenkte. Dann ging es los.</p><p>Noch in Texas wurde es dunkel, die Billboards schienen gr��er in der anbrechenden Nacht. Kjell fragte Hans, was er glaube, wie man so eine Landschaft nenne, Steppe oder Tundra. Hans sagte, er wisse das nicht. Aber er habe einmal ein Buch besessen, noch als Kind, in dem ein Junge in eine Stadt h�tte ziehen m�ssen, mit den Eltern, und was er dort vermisst h�tte, sei die Pr�rie gewesen. Deshalb habe er sich, als sein Geburtstag kam,�ein St�ck Pr�rie �gew�nscht, und die Entt�uschung sei gro� gewesen, als er es nicht bekam.�Deshalb habe ich das auch nie vergessen. Weil man als Leser doch h�tte wissen m�ssen, dass man eine Landschaft nicht versetzen kann; aber trotzdem, weil der Junge es sich so sehr w�nscht, h�lt man es selbst f�r m�glich.�</p><p>�Eine Fata morgana�, sagte Kjell, aber er kam nicht dazu, den Einfall zu erl�utern, denn er hatte den idealen Diner am Rand der gro�en Stra�e gefunden, mit Sitzgruppen, die hintereinander aufgereiht waren wie in einem Eisenbahnabteil. Sie waren mittlerweile im s�dlichen Oklahoma, und aus der Jukebox dr�hnte ein st�hlerner Countryhit. Die Bedienung riet ihnen freundlich ab, zwei kleine Portionen vom Kohlsalat zu bestellen, was begreiflich wurde, als die eine kam, ungef�hr ein Kilo in der Schale. Kjell a� mit gro�er Lust einen gewaltigen Burger, Hans fast nichts. Erst als Kjell beim Zahlen ein B�ndel Hundertdollarscheine auffaltete, fragte ihn Hans, wie viel er f�r die Dobro eigentlich bekommen habe.</p><p>�Elfhundertf�nfzig�, sagte Kjell.</p><p>�Donnerwetter, wie hast du das gemacht?�</p><p>�F�nfzehnhundert verlangt.�</p><p>�Du bist echt der Sohn eines Gesch�ftsmanns.�</p><p>�Unbestritten�, sagte Kjell.�K�nnen wir von dem Geld tanken?�</p><p>�Ja, nat�rlich. Es w�re aber gut, wenn genug �brig bleibt f�r das Ticket nach Schweden.�</p><p>Kjell sah Hans an, im harten Licht, das vom Diner auf den Parkplatz fiel.�Kannst du fahren?�</p><p>�Denk� schon�, sagte Hans. Dann bollerten sie weiter. Kjell neigte seinen Sitz zur�ck, der eigentlich ein Sessel war, blaues Kunstleder, justierte den Gurt nach, so gut es liegend m�glich war, und fiel in den Landstra�enschlaf, dessen Rhythmus der der Lichter ist, die das Auge, das geschlossene, erreichen. Irgendwann, mitten in der Nacht, gab es einen dumpfen Schlag, ein Rumpeln unter den R�dern, dann stand der Wagen; fahle, gerupfte B�sche im Scheinwerferlicht. Kjell schrie, Hans war stumm, den Fu� auf der Bremse, die Gangschaltung noch in Drive. Kjell legte sie um auf P, �ffnete den Verschluss des Gurts, dr�ckte die m�chtige Beifahrert�r auf und schrie noch einmal, denn in der Dunkelheit, jenseits des roten Schotters, von dem er nur eine Handspanne sah, tat sich ein Abgrund auf, aus dem ein kalter Wind blies. Er warf sich �ber Hans� Beine, um die unter dem Lenkrad versteckte Handbremse zu ziehen, drehte den Schl�ssel um, dann wieder halb zur�ck wegen des Lichts, fand die Warnblinkanlage nicht, hie� Hans aussteigen � aber nicht zum Stra�enrand gehen �, stieg �ber die Schaltung weg auf den Fahrersitz, umarmte drau�en Hans, der schlotterte, und besah sich dann das Auto von vorn. Im rechten Kotfl�gel war eine fausttiefe Delle und ein langer Kratzer dahinter. Das rechte Vorderrad stand auf dem �u�ersten Rand der befestigten Stra�e. Das Auto schwankte, als ein Mack-Lastwagen vorbeizog wie ein Haus auf R�dern.</p><p>Das war kurz vor Tulsa gewesen. Unbedingt hatte Hans �ber Tulsa fahren wollen, wegen irgendeines Musikers, der von dort stammte. Den Rest von Oklahoma und den ganzen Weg durch Arkansas lag er auf dem R�cksitz des Wagens, gegen den hellen Himmel des Automobils starrend, der wie ein Schirm die Lichter der folgenden, der entgegenkommenden und quer zur Fahrtrichtung stehenden Autos auffing und mischte wie die Palette des Malers, der sein Leben dem wei�en Bild verschrieben hat. Im Neonnebel eines Truckstops sah Kjell ihn an, wie er da lag, die Wangen schon eingefallen und mit einem Hauch von Grau, die Lippen schmal und farblos, die Stirn wie ihre eigene Nachformung aus Gips. Was war er doch f�r ein pr�chtiger Junge gewesen, stark, schnell, ein T�nzer; damals noch mit langen Haaren, ein Klempnersohn aus Kn�red, angelandet in Lund, unzufrieden oder noch nicht am Ziel.</p><p>Kjell hatte seinen Eltern eines Tages mitgeteilt, er habe das Souterrainzimmer einem Kommilitonen gegeben, Student der Psychologie, und da hatte es begonnen, das andere, das schnellere Leben. Ob Kjell nun Jungen liebte oder M�dchen, Hans war allemal das gr��ere Wagnis, dem musste man erst einmal die Dorfangst l�schen und das Tapetenmuster aus dem Kopf pausen. Was hatte der f�r einen wundersamen Trieb, der, als er es raushatte, sichtbar wurde im Gang, in der Drehung des Kopfes, in der Haltung der H�nde. Welche �berraschung, dass er passiv war, dass er genommen werden wollte, geschaukelt wie ein Kind; der feminine Teil noch nicht eindeutig, nicht vor New York. Erst waren sie nach Stockholm gefl�chtet, die ersten dunklen Bars, anfangs fremd die Riten unter Fremden. Bald hatte Hans rebelliert.�Du denkst, du hast mich gemacht, aber das ist Quatsch�, hatte er gesagt, b�se, funkelnd. Aber es stimmte. Es war nat�rlich das Geld aus Lund gewesen, Kjells guter Wille und seine Neugier auch: So war es m�glich, die braven Pfade der Universit�tsstadt zu verlassen, abzutauchen in der Unter-, Neben- oder Gegenwelt der Hauptstadt, bev�lkert von Strichern, Theaterleuten, Studenten der Kunstakademie, Politikern bis in den dritten oder auch den zweiten Rang. Hans musste einmal durch die H�lle, die f�r ihn keine war.</p><p>Bei Little Rock hatte Kjell eine Wachmachertablette geschluckt, die ihn weiterzog bis in den Morgen. Erst als es d�mmerte, wagte er, eine Musikkassette einzulegen. Sie waren unterwegs im Grenzgebiet dreier Bundesstaaten und zweier gro�er Fl�sse und derer Nebenarme, ein Sumpfgebiet, das von Stra�en und Br�cken zusammengehalten wurde, ein Spinnennetz. Hans, jetzt auf dem Beifahrersitz, die ersten Strahlen der Morgensonne in seinem Gesicht, kalter Schwei�, ein bitteres L�cheln,</p><p>�Du wei�t, dass das Plastikmusik ist?�</p><p>Kjell grinste. Er mochte nun einmal Lieder, die �ber Orchestermusik gesungen waren.</p><p>Dass Hans ein Ohr hatte, war zuerst einem Stockholmer Komponisten aufgefallen, dessen Musik klang wie M�wenkreischen �ber Gotland unterlegt mit dem Wummern der Werkshallen von Trollh�ttan. Er mochte den Jungen, nahm ihn in seine Altstadtwohnung mit, f�llte ihn mit Champagner ab, bevor er ihn vernaschte, und am Morgen wurde Hans verz�rtelt und bewirtet wie ein junger Gott. Der Komponist verriet ihm, er suche � zwar nur ein kommerzieller Auftrag und ihm eigentlich l�stig � die Titelmelodie f�r eine Fernsehserie, die von einem charmanten Gelegenheitsdieb handeln solle, und Hans sah in den Spiegel, in dem ihm ein ungewaschenes, spitzb�bisches Gesicht erschien, und pfiff dem Komponisten eine Melodie, ein finnisches Kinderlied, das er von seiner Mutter kannte, dem er einige frivole Schlenker hinzuf�gte. Der Komponist hie� ihn schweigen, machte eine Notennotiz mit Filzstift auf dem K�chentisch und dankte ihm zwei Monate sp�ter mit einem Replay jener Nacht und einem Scheck �ber f�nfzigtausend Kronen.</p><p>F�r Hans, dessen musikalische Fr�herziehung im Empfang gelegentlicher Backpfeifen bestanden hatte, war all das eine Entdeckung, eine einzige, so wie manch andere Schnaps und Liebe gleichzeitig entdecken und dann nicht mehr voneinander unterscheiden, k�nnen oder wollen. Er verbrachte die n�chsten Monate als M�dchen f�r alles in einem Studio bei Stockholm, in den M�nnerbars der Altstadt, in deren Hinterzimmern, mit Kjell bei Konzerten im Kulturhaus und in der Oper. Hans wusste nur so viel, dass er kein Musiker werden w�rde, denn er sang nicht besser als richtig, und f�r den Rest war es zu sp�t.</p><p>Kjell, nun schon mit glasigen Augen, war von der Autobahn nach Nashville eingebogen, war �ber den Fluss gerollt, er dachte f�r einen Moment, man k�nne das Blubbern dieses riesigen Motors als Vibration in den Scheiben der Gesch�ftsh�user sehen, auf die sie sich zubewegten. Sie richteten sich im Holiday Inn ein, das wie eine Burganlage am Westrand der Innenstadt klebte, schliefen bis in den fr�hen Abend und machten sich dann auf ins Ryman Auditorium, wo ein behuteter Countrys�nger aufspielte, meistens up-tempo, mit einer Bassbegleitung als Herzmassage. Kjell hatte dessen Namen noch nie geh�rt, und er h�tte auch nicht schw�ren m�gen, dass ihm das gefiel, die kupferne Stimme, das Kn�deln, die punktgenau auf Steigerung gebauten Harmonien. Aber Hans war in seinen Sitz gesackt, die Nerven angeschlossen an die Pedal-Steel-Gitarre, die ihre quecksilbrigen Str�me durch seinen K�rper jagte. Kjell konnte nicht anders, als bei der Zeile� If my time on earth were through �Hans anzusehen, der seinen Blick auffing, ohne zu verstehen.</p><p>Damals, als sie gerade in Manhattan angekommen waren, hatten sie viel �ber Musik geredet, die erste Station eine Bruchbude in der 98. Stra�e West und dann ein Loft an der Ecke West Broadway und Broome Street, an dem sie, obwohl es inzwischen mehr als das Doppelte kostete, festhielten bis zu diesem Tag. Es war die Zeit der Lederm�nner gewesen, und die Lederm�nner liebten Klaus Nomi, entflammt, als er lebte, und abg�ttisch, als er tot war. Kjell schrieb sich an der NYU ein, Hans wurde Mikrophonspezialist in einem unbedeutenden, aber ausgebuchten Studio in Brooklyn. Kjell hatte Hans und Hans hatte die Piers. Manchmal kam Kjell mit, als Freund oder Voyeur, das unglaubliche entfesselte Schauspiel von M�nnern im Halbdunkel mit Masken und Lederhosen mit seltsamen Aussparungen, nichts daran Zufall, sogar SS-Runen auf der Haut, ein Rausch von Symbolen und Signalen, die Schmerzgrenze nach oben offen; fremd war nicht fremd, sondern neu; wo einer schlappmachte, richtete sich der N�chste auf, ein Phalluskarussell. In den N�chten, in denen Hans allein nach Haus kam, verlor er kein Wort, die Augen feucht vor Schmerz oder vor Gl�ck; mit Daiquiri in die Badewanne. Sp�t am Abend spielte er dann <emphasis>Stand by Your Man</emphasis> aus der Boombox, dreimal, viermal, laut.</p><p>�Was hast du Schwuchtel blo� mit den Jodlern der Rednecks?�</p><p>�Du verstehst wirklich nichts, Kjell, gar nichts.�</p><p>�Dann m�sstest du auch Abba toll finden.�</p><p>�Tu ich auch. Lachsrogen aus der Tube, klasse!�</p><p>Hans hatte also Kontakte gemacht und war dann, mit zweiundzwanzig Jahren, nach Nashville gegangen, wo er als Koproduzent eines Hoffnungstr�gers � der richtige Mann unter dem falschen Hut oder der falsche Mann unter dem richtigen Hut � sein kleines Verm�gen einb��te, von alten M�nnern mit wei�en M�hnen Dinge im Studio lernte, von denen man in Brooklyn noch nie geh�rt hatte. Dennoch entging ihm nicht, dass er gemieden wurde, besp�ttelt, Kn�red light. Da alle Musiker mit dem Auto nach Nashville kamen, war ihm klar, dass er nur aufspringen musste, um Amerikaner zu werden, verlorenzugehen in Boulder, Omaha, Santa Fe, aber dann war es ein Produzent aus Texas, der ihn aufgabelte:�Nashville ist nat�rlich super profim��ig, aber der Spirit ist trotzdem nicht mehr ganz der alte. Die wirklich beste Stadt f�r Musik ist jetzt Austin, und �brigens, da schauen sie auch nicht herab auf Jungs wie uns. Wir schreiben da unsere eigenen Lieder. �Sogleich waren die Koffer gepackt. Es sollte sich bald zeigen, dass Hans ein enormes Ged�chtnis besa� f�r Songs und Musiker, und die Verkn�pfung von artist und repertoire war hier, wo t�glich eingespielt wurde, ein Beruf. Hans Solvin, A &amp; R, 414 S. First Street, Suite 615, stand auf seiner Karte. F�r seine Begriffe war er weit gekommen. Kjell vermisste ihn sehr in New York, verbrachte seine Tage in der Bibliothek der Universit�t und ging nie mehr auf die Piers. Stattdessen zu Beerdigungen, eine im Monat mindestens, eine jede wie die Versto�ung des Verstorbenen: weil es in Manhattan keine Friedhofspl�tze mehr gab.</p><p>Es war grau und windig auf der Tagesfahrt durch den Osten Tennessees, der nach Virginia weist wie eine ausgestreckte Hand. In der Nacht, sie fuhren �ber die Appalachen, war es abwechselnd klar und neblig. Das Auto fra� eine Menge Benzin. Hans sah die gro�en, leuchtenden Signale der Tankstellen und Motels wegkippen in einen schwarzen Himmel, eine nicht enden wollende Parade des Abschieds, die hinter den Lidern nachflackerte, er eingerollt in einen br�chigen Quilt, Lavendel und Rosen.</p><p>Zwischen Gewerbehallen, Schildern, Masten erschien im ersten Morgenlicht Manhattan. In diese Stadt waren sie gezogen, als noch alles m�glich schien. Jetzt kehrten sie, und das war klar, ein letztes Mal gemeinsam dorthin zur�ck. Kjell hielt an, der Motor grollend in der Parkposition; Hans kroch nun wieder nach vorn. Sie staunten eine Weile, w�hrend das Glitzern der Skyline zunahm. Und Hans sagte:</p><p>�Ich w�re im Traum nicht drauf gekommen, dass ich das erleben darf.�</p><p>Im Broome-Street-Loft hatte sich viel getan, seit Hans damals weitergezogen war nach Nashville. Mit Holzeinbauten waren Kammern geschaffen worden. F�r die Garderobe gab es jetzt fahrbare St�nder. In der K�che, die zum Hinterhof hin komplett verglast und der einzige Raum war, in dem man den gewaltigen Autoverkehr nicht h�rte, stand ein riesiger Tisch, ein Shakerm�bel. Jemand war auf die Idee gekommen, die Farne, die im Hof wucherten, zu beleuchten. Tom Bryan war eingezogen, und mit ihm der Singsang aus Louisiana. Kam er allein zur�ck ins Loft, rief er� Faggots of America!�, zur allgemeinen Begr��ung; h�rte man nur das Klappern des zweifachen Schlosses und danach zaghafte Schritte, war er in Begleitung. Aber nichts hielt lange. Vielleicht irritierte es die jungen Frauen, wie ein Mitbewohner namens David � jovial, strahlend � Tom Bryan in die Arme nahm, einfach so, und ihn auf die Lippen k�sste. David war uptown aufgewachsen, der s�dliche Central Park sein Kinderspielplatz. Nun kam Hans als Vierter hinzu, ein rund um die Uhr betreuter Patient. Tom Bryan brachte niemanden mehr mit und widmete sich stattdessen dem Haushalt, der einem Hospital immer �hnlicher wurde. Hans verfiel schnell. Erst suchte er nach englischen Worten; nach sechs Wochen sprach er nur noch Schwedisch. Da fand Kjell, es sei an der Zeit, ihn in die Heimat zur�ckzubringen.</p><p>An einem grauen Morgen in Roissy war er mit Hans unterwegs von einem Terminal zum anderen. Hans war sehr d�nn und hatte dunkle Stellen am Hals. Er klammerte sich an Kjell, sie gingen langsam und wirkten aus der Ferne wie ein verwundetes Tier. In einem Selbstbedienungsrestaurant setzte Kjell den Freund auf eine Lederbank und stellte sich am Tresen an. Vor ihm war eine junge Frau an der Reihe, die, w�hrend sie bestellte, in die Ferne sah. Sie schien abwesend und entschlossen. So hatte Kjell Zeit, sie zu betrachten. Er gestand sich ein, dass er sie ungew�hnlich fand, und sprach sie an. Sich das Haar aus der Stirn streichend, versuchte er es holprig auf Franz�sisch, dann, als er merkte, dass sie keine Franz�sin war, wechselte er ins Englische. Es gelang ihm, sie aufzuhalten, w�hrend er sein Tablett f�llte, f�r Hans und sich. Sie folgte ihm an den Tisch, das Handgep�ck schon dabei. Sie sah Hans � und erschrak nicht. Ihr Fernblick schaltete auf Nahblick. Sie gab Hans die Hand und fragte ihn, wie es ihm gehe. Er antwortete in einer wohlklingenden Sprache, die sie nicht verstand. Kjell �bersetzte:</p><p>�Er sagt, sehr gut. Er freut sich auf seine Heimat.�</p><p>Kjell bemerkte eine Feuchtigkeit in den Augen der jungen Frau, deren Namen er noch nicht kannte.</p></section><section><title><p><strong>Eine Art Laienkunst</strong></p></title><p>Alle neuen Terminals waren mit der <emphasis>Kosmos</emphasis>, nein, mit der<emphasis> Passeraub</emphasis> beschildert. Marleen sa� an einer Caf�bar, in der schwarz-wei�en Handtasche, diese ein Geschenk von RIEN, ein Businessclassticket nach New York. Ihr fr�stelte bei dem Gedanken, Antoine in Europa zur�ckzulassen. Sie war als Kind einmal in Amerika gewesen; nun war sie erwachsen und allein.</p><p>Nicht, dass sie Grund zur Klage gehabt h�tte. Die Jaccottets waren zwei Jahre zuvor in die Cit� Bauer gezogen, eine einseitig bebaute Gasse mit Stadth�usern, von denen sie eins allein bewohnten, mit Garten. Marleen und das Kind hatten sie einfach mitgenommen. Sie brauchte nicht einmal mehr die Metro, brachte Katie zur Schule, David und Antoine zum Hort und ging zu Fu� zum Atelier. Wie gesch�ftig Montparnasse war, gerade geschnitten, hell, ohne urbanen Moder. Keine Rorschachtests auf dem Trottoir. Ann Jaccottet war als Bratschistin des Jahres zur Deutschen Grammophon gewechselt; das Quintett probte jetzt im Haus.</p><p>Als sie Paris verlie�, wurde Marleen von Bildern geradezu bedr�ngt. Bilder, die Fragen waren. Wie sie �berhaupt dahin gekommen war. Sie stellte sich vor, dass sich eine Pforte auftat und hinter ihr schloss. Sie w�rde Platz nehmen, der Platz setzte sich in Bewegung, alles war m�chtig und laut, danach stiller und geordnet, bis sie schlie�lich das Layout von oben sah. Dies alles gibt es also. So ist alles gemacht. Oder geworden. Die gro�en Pl�tze und die kleinen Gassen. Die grellen Lichter und die matten Funzeln. Die steingrauen Beh�rden und die graugr�nen Parks. Die Cit� Bauer und der Jardin du Luxembourg, Marais und Montparnasse, Brotschrift und Plakatschrift, kursiv und fett. Franz und Antoine, die N�he und die Ferne. Und der Barmann am Flughafen wunderte sich, was ein einfacher Kaffee auf die junge Frau f�r eine Wirkung hatte.</p><p>Sie konnte sich nur noch vage erinnern an ein m�nchisches Vorhaben, allein in einer Kammer gr�belnd �ber die letzte aller Schriften, etwas, das in die Welt geraten w�re als <emphasis>Zero</emphasis> oder <emphasis>Modernica</emphasis>. Eine Radikalit�t, die man nur herausbilden kann in der Abgeschiedenheit: So wie mancher Philosoph nicht mit dem K�nig spricht, sondern nur mit anderen Philosophen, und mit diesen auch nur �ber deren B�cher, aber am Ende ist der K�nig enthauptet und die Geschichte wird zur�ckgestellt auf null.</p><p>Es war so etwas wie ein Riesenrad, das sie aufnahm, aus der Menge l�ste, und sie langsam weiterdrehte; nun war sie oben und sah den Sinn der Sache ein. Sie war angekommen am Gipfel der Welt, die �bersicht als Selbstzweck. Dass du das siehst, Marleen: dass nichts unbeschrieben ist. Dass es nichts Wei�es gibt. Ihr Sitz schwankte. Der Barmann holte sie wieder auf den Boden. Es war Schichtwechsel, und er wollte kassieren. Erst jetzt, beim dritten Mal, erreichte sie die Ansage, dass der Air-France-Flug nach New York um mindestens eine Stunde verschoben sei. Sie zahlte, nahm ihr Gep�ck und zog um ins Selbstbedienungsrestaurant. Dort, am Tresen, sprach sie jemand an. Der war das Leben. Er hatte einen Freund dabei, den Tod.</p><p>Titus Passeraub, drei Tage zuvor angekommen, hatte sich im Waldorf Astoria einquartiert und jagte zweimal am Tag mit dem Taxi zum Headquarter von IOM, einem bronzen schimmernden Hochhausstab im Quartier der Vereinten Nationen. Im Hotel hatte er das neunte Stockwerk f�r sich ausgeguckt und f�r Marleen auch, w�hrend sein B�ro bei IOM im vierzehnten lag,�so dass man in den Stollen aufsteigt�, wie er Marleen das erkl�rte, die annahm, er meine damit die Arbeit. Es war nicht sein eigenes B�ro, sondern ein gewaltiger Konferenzraum, mit Tischen, St�hlen, Leuchtk�sten, Tageslicht, Computerbildschirmen und Rechenstationen, vor sich hinblinkend in Wandschr�nken. Man konnte den Raum verdunkeln und den Computerbildschirm auf eine wei�e Leinwand projizieren. Die Belegschaft war streng konfektioniert, fast wie eine Armee. M�nner wie Frauen bei IOM neigten zu Dunkelblau, zu Mittellaut, zu kurzen Frisuren, zu College- plus Eheringen, Alumni-Ansteckern; Kaffeebecher mit Deckel in der rechten Hand und eine gro�e Mappe unter dem linken Arm. Sie marschierten ein, warteten geduldig im Hintergrund, traten in festgelegter Reihenfolge, die Mappe ge�ffnet, zu Passeraub, der die Ausdrucke langsam durchbl�tterte, mit Stiften Anmerkungen machte, Kreise, Pfeile, Schraffuren, die er erl�uterte. An sein schwerf�lliges Englisch hatte man sich scheinbar gew�hnt. Erst, wenn die Mappe geschlossen war, sah er Miss Gowin, Dr. Catherine Van Der Rin, Jack O�Hare oder Gene Sloane in die Augen, was seine Korrektur besiegelte und etwas Ungesagtes hinzuf�gte: Dies war nicht die Zeit, um eigenen Gedanken nachzugehen.</p><p>Dr. Van Der Rin:�Marleene, what did he exactly mean when he said �?�Peinlich, peinlich.</p><p>Zu den Verpflichtungen der Besucher aus Paris geh�rten hektische Business-Lunches, bei denen die Angestellten schnatterten wie auf dem Schulhof, laute Betriebsscherze und feinziselierte Anekd�tchen aus dem Hinterland Amerikas, was jedermanns Kindheit war. Marleen a� so wenig wie m�glich, weil Passeraub sie am Abend ohnehin ins Restaurant einlud, und sie lie� sich nicht deshalb einladen, weil das Besteck aus Silber war und das Steak so �berzeugend� rare�, sondern weil sie versuchte zu begreifen, wie ein Konzern funktionierte. Passeraub, das war un�bersehbar, hatte IOM gut im Griff.</p><p><emphasis>International Office Machines</emphasis> hatte mit Lochkartenspeichern begonnen, dann Fotosatzmaschinen, Fotokopierer, Taschenrechner und elektrische Schreibmaschinen gebaut. Die Strategie des Konzerns fasste Passeraub so zusammen:�In der ganzen Welt ist so getan worden, als m�sste die technische Intelligenz einen Homunculus hervorbringen, einen elektronisch gesteuerten Arbeiter. IOM sind den anderen Weg gegangen. Es gibt nur eine Box, eine Schachtel, und da ist alles drin.�</p><p>�Nur Gehirn�, sagte Marleen.</p><p>�Rein operativ. Ausf�hrend bleibt der Mensch. Der wird entlastet.�</p><p>�Man muss nicht mehr kopfrechnen.�</p><p>�Ach, das sowieso nicht. Aber es braucht auch keine Buchhalter mehr, jedenfalls keine, die Zahlenkolonnen erstellen. Der Konzern hat eine ganz neue Form des technischen B�ros erfunden � und durchgesetzt. Das Einzige, was geblieben ist, ist die Sekret�rin. Man sieht es ja bei IOM selbst. Aber auch das wird irgendwann vorbei sein.�</p><p>�Schreibmaschine, Telefon, Notizblock. Das wird alles abgeschafft?�</p><p>�Nicht das Telefon.�</p><p>Pause. Sie a�en und sahen zu den Kronleuchtern. Passeraub war pausbackig, knopf�ugig, fast wei�haarig, die Ruhe selbst. Marleen f�hlte sich schwerer in seiner Gegenwart, der Erde nah.</p><p>�Man kann unm�glich wissen, was passieren wird, weil es daf�r kein Gesetz gibt. Es wird irgendwo von irgendwelchen Leuten entschieden, oder vielleicht noch nicht entschieden. Aber vorangebracht. Die gro�e Bedrohung f�r IOM ist der Personalcomputer, der aus Kalifornien kommt.�</p><p>�Ich dachte, IOM stellt selbst welche her.�</p><p>�Das schon. Und sie haben im Moment auch noch einen gewissen Vorteil, allein durch den Namen und den Vertrieb. Dennoch, der Name steht f�r Maschinen.�</p><p>�Der Computer ist auch eine Maschine.�</p><p>�Das k�nnen Sie laut sagen.�</p><p>Sie gr�belte eine Weile, was das bedeuten konnte. Passeraub sah ihr dabei zu.</p><p>�Fr�ulein Marleen, das ist genau, worum es letztlich geht. Es ist die Soft-Ware.�(Er sprach es deutsch aus.)</p><p>�Das Betriebssystem.�</p><p>�Das war mal das Betriebssystem. Inzwischen sind Schichten um Schichten von Anwendungen hinzugekommen. Schriften, zum Beispiel. Schach.�</p><p>Marleen zuckte zusammen. Hatte sie etwas nicht bemerkt?</p><p>�Ach so, im Computer meinen Sie?�</p><p>�Schach. Rechtschreibkontrolle. Bilddatenbank. Adressbuch. Das hei�t, wenn die Ger�te kleiner werden, bei zunehmend kompakter Soft-Ware � sehen Sie, das sind ja nur gel�tete Pl�ttchen �, dann kann eine einzelne Maschine alles. Und der sie bedient ebenfalls. Der ist dann der Direktor, der Vertriebschef, sein eigener Sekret�r. Nebenbei gibt er eine eigene Zeitung heraus, die er selbst schreibt und am Bildschirm montiert.�</p><p>�So sieht sie dann auch aus.�</p><p>�Im Moment sieht das tats�chlich alles schlimm aus. Und sagen Sie mir mal, Fr�ulein Marleen, wie man das �ndert.�</p><p>Marleen:�<emphasis>Passeraub</emphasis>?�</p><p>Passeraub lachte. Insofern Schweizer lachen.</p><p>�Nein, wirklich�, sagte er.�Wie kann man das �ndern?�</p><p>�Sprechen Sie von � so einer Art Laienkunst?�</p><p>�Ja, schon, Gestaltung f�r jedermann. Der Betriebswirt in Wisconsin, der Hautcremes vertreibt.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Er bestellt zum Beispiel kein Briefpapier mehr. Der Briefkopf kommt mit jedem einzelnen Brief aus dem Drucker, den der Computer als Nebenger�t f�hrt. Er entwirft seine Anzeigen selbst. Er beschriftet selbst das Gesch�ft. Alles aus der gleichen � ja, nennen Sie das noch eine Maschine?�</p><p>�Aber das ist doch tragisch. Man sollte dem Mann dringend empfehlen, sich an das Handwerk zu halten. Ich meine, er baut sein Auto ja auch nicht selbst.�</p><p>�Sehr gut, Fr�ulein Marleen. Damit nehmen sie die Position eines Teils des Vorstands ein.�</p><p>�Bei der Hautcreme.�</p><p>�Nein, bei IOM. Sie sehen die nicht, die Exekutivdirektoren. Die rauschen mit ihren Limousinen durch den Lincoln Tunnel�(er betonte die letzte Silbe), parken in der Tiefgarage und nehmen den Schnellaufzug in den drei�igsten Stock. Diese Leute bestimmen die Zukunft von IOM. Die eine H�lfte sagt, wir bleiben beim Office. Wir erg�nzen das System. Wir bauen die besseren Maschinen. Auch f�r den Satz.�</p><p>�Das w�re jetzt meine Partei.�</p><p>�Genau. Die anderen sagen, es ist Unsinn, sch�ne B�romaschinen zu produzieren, die selbst immer weniger leisten, und f�r elektronische Schriftsysteme Lizenzen zu kaufen. Sie m�ssen uns geh�ren. Wir m�ssen bei der Soft-Ware aufholen, sie ist Teil der Maschine.�</p><p>�Die dann doch immer komplizierter wird. Komplette Schriftsysteme, in der Druckerei, logisch, aber doch nicht im B�ro! Wie soll der Laie das bedienen?�</p><p>�Noch nicht! Das ist ja der Punkt. Da sind die Kalifornier ganz vorn dabei: Jedes Handwerk, das mit Typografie, Schriftverkehr und Gestaltung irgendetwas zu tun hat, wird St�ck f�r St�ck abgeschaut und in das Regelwerk der Soft-Ware �bertragen. Und zwar so, dass der Laie es vor sich sieht. Das hei�t, man muss nicht l�nger wissen, was eine Bembo ist. Man bekommt vom System eine Briefvorlage angeboten, die dann aussieht wie aus London geliefert, und zwar mit Titel, Text, Einzug, Zentrierung, Viertel, Achtel, Schmuckelementen � verstehen Sie? Und ein Kind wird es bedienen k�nnen.�</p><p>�Und warum macht IOM das nicht einfach auch?�</p><p>�Es gibt dazu Ans�tze, aber halbherzige. Der Vorstand ist eben gespalten. Eines Tages werden K�pfe rollen. Die einen oder die anderen. Und zwar dann, wenn es nichts mehr n�tzt.�</p><p>Nicht weit vom Hotel, an der Ecke zur Avenue waren Baumaterialien gestapelt, da setzte Marleen sich drauf. Sie hatte nicht den Eindruck, dass es dunkel wurde, sondern dass ganz im Gegenteil alles, was stand und sich bewegte, aus eigener Kraft zu leuchten begann. Versunken in ihrer gef�tterten Jacke sa� sie niedrig, in Nachbarschaft des Feuerhydranten, ohne zu frieren. Jedes f�nfte Auto war ein gelbes Taxi, fast jedes besetzt, die Scheiben meistens ein St�ck heruntergelassen, so dass man von den Fahrg�sten mindestens die Frisuren sah. Aber es waren nicht die Leute, die Marleen interessierten, sondern was auf die Beifahrert�ren geschrieben war, der Fahrpreis f�r die erste Neuntelmeile und wie viel danach. Was f�r merkw�rdige Ziffern, in ihren Rundungen wuchernd, aber an ihren schmalen Stellen nicht verbunden. Eine Schlange, die sich �ber einem Ast erhob, war eine�2�. Machte das jemand von Hand nach einer Vorlage? Oder gar freih�ndig, die Kalligrafie der Autolackierer? Sie versuchte, das Schriftmuster des einen Taxis zu speichern, um es mit dem n�chsten abzugleichen, aber das Schwarz und das Gelb fingen an, vor ihren Augen zu flimmern, vielleicht, weil ein schwerer Benzingeruch in der Luft lag. Die Passanten vom Zebrastreifen k�rzten den Weg ab und gingen, offenbar ohne sie zu sehen, sehr dicht an Marleen vorbei, die sich nicht r�hrte, �ber dem Kopf die Kapuze. Vor ihren Augen erschienen riesige, glatte Einkaufst�ten mit den schwarzen und goldenen, sumpfgr�nen und kupferfarbenen Signets benachbarter Luxusl�den. Pl�tzlich stoppte vor ihr ein schwarzer Schriftzug, der in delikaten Versalien CHANEL buchstabierte, drehte sich so, dass die Buchstaben zusammenr�ckten wie Schornsteine in Fernsicht, und eine Hand, eine lange, feine, manik�rte Hand n�herte sich der Marleens, �ffnete sie vorsichtig, hinterlie� etwas, und f�r einen Moment erschien noch einmal frontal der Schriftzug, erleuchtet vom Rot der Ampel, bevor er aus ihrem Blickfeld verschwand. Marleen pr�fte, was es war. Es waren zehn Dollar mit dem stolzen Portrait eines Gr�ndungsvaters.</p><p>Am Samstag fr�hst�ckte Marleen mit Passeraub.</p><p>�Und welcher H�lfte neigen Sie zu?�</p><p>Er verstand, dass sie nicht das kleine wei�e Br�tchen meinte.</p><p>�Ich f�rchte, dass den Kaliforniern die Zukunft geh�rt. Deshalb versuche ich immer und jeden Tag und auf jeder Ebene zu demonstrieren, was f�r ein Pr�zisionsmedium die Schrift ist und bleibt. Man muss sich die Anwendung denken wie � ein Messer, das stumpf wird. Sicher, die Schriftgie�ereien im alten Stil sind am Ende. Die gro�en Satzbetriebe stehen vor gewaltigen, eigentlich gar nicht mehr zu leistenden Investitionen. Dennoch, ganz gleich, welchen technologischen Weg Schriften nehmen, sie m�ssen entworfen, systematisiert, gesteuert werden, oder nicht?�</p><p>�Wissen Sie, wie hier die Taxis beschriftet werden?�</p><p>Passeraub war perplex. Dann fing er sich.</p><p>�Nat�rlich, mit Schablonen.�</p><p>�Ach!�</p><p>So wie es in irgendeinem Partysong hie�,�Rikki don�t lose that number�, hatte sich Marleen seit Roissy einen Zettel aufbewahrt, der sie nun, in der kleinen Extratasche ihrer Hose, wie ein Magnet nach Downtown zog. Man musste durch einen kommerziellen Schlund hindurch, Schmuddel und Glitzer, um am anderen Ende eine vertrautere Stadt zu finden, ein anderes London, eines nach Rasterplan, mit braunen und schwarzen H�usern, Feuerleitern zick-zack von ganz oben bis an die Oberkante des Erdgeschosses; mehrfach �berlackierte Hydranten; mit floralen Motiven dekorierte, eiserne S�ulen, die Schaufenster unterteilten; Stufen, die h�her gelegene Treppenh�user mit der Stra�e verkn�pften. Auf einer sa�en drei kakaobraune M�dchen und sangen vom kommenden Himmelreich.</p><p>Das Telefonh�uschen bestand aus einer Plexiglashaube, von einem Pfeiler gehalten, dem Autoverkehr abgewandt. Es dr�hnte derart, dass Marleen versucht war, den Anruf aufzuschieben und weiterzugehen. Hinter ihr gestikulierte jemand, sie lie� den vor, einen Strohblonden mit fast erstorbenen Augen, der eine lange Kombination w�hlte, sich mit dem H�rer das Ohr platt presste und in die Muschel schrie.</p><p>�Von nix �ne Ahnung�, bellte er, als er aufgeh�ngt hatte, und stierte Marleen an, bevor er davonst�rmte.</p><p>Sie warf eine M�nze ein und w�hlte die Nummer, die Kjell ihr gegeben hatte. Falls sie jemanden brauche, in New York. Auf der anderen Seite nahm jemand ab, war aber nicht zu verstehen und sagte dann gar nichts mehr.</p><p>Im Broome-Street-Loft legte ein gewisser David den H�rer neben das Telefon und lief vor bis zum gro�en Fenster. Er sah eine junge Frau mit mausbraunen, halblangen Haaren in schwarzen Jeans mit einer schwarzen aufgeplusterten Jacke, die auf der anderen Seite der Kreuzung, vor dem leeren Grundst�ck, in einen Telefonh�rer schrie.</p><p>�Kjell hat sich ein M�dchen geangelt�, rief er.�Wie kann das sein?�</p><p>�Zeiten �ndern sich�, antwortete Tom Bryan vom Hochbett, wo er las.</p><p>David:�Hol�n wir sie?�</p><p>�Das mache ich grade�, und schon war Tom Bryan mit einem Sprung auf den Holzdielen.</p><p>�Dieses Bl�mlein will ich brechen!�, brachte David n�selnd hervor.</p><p>�Sag ihr, dass wir kommen!�, rief Tom Bryan, schon halb in Stiefeln. David lief zur�ck zum Telefon.</p><p>Kaum hatte Marleen aufgelegt, klingelte es. Sie nahm den H�rer ab. Eine automatische Stimme von AT &amp; T sagte ihr, sie solle f�nfundzwanzig Cent nachzahlen. Sie f�hlte sich nicht gemeint und legte wieder auf. Das Telefon klingelte von Neuem. Sie hob nicht ab. Zwei Figuren kamen auf sie zu, zwischen ihnen ein Abstand, als wollten sie jemanden in die Mitte nehmen. Der eine hatte einen wohligen Eierkopf, kurz geschoren, ein gewisses Leuchten im Blick. Der andere war schmal, wie mit dem Bleistift gezeichnet, kraftvolle Haare bis fast auf die Schulter. Dieser nahm den H�rer ab, lie� ihn an der Strippe fallen, griff in die rechte Hosentasche und hatte dann drei M�nzen in der Hand und eine Packung Kondome. Mit der linken nahm er den Quarter, schob ihn in den metallenen Telefonkasten, griff nach dem baumelnden H�rer, legte ihn auf und verstaute den Rest wieder in der Hosentasche.�Hello�, sagte er, was klang wie gesungen.�Ich bin Tom Bryan. Und was auch immer <emphasis>der</emphasis> dir gesagt hat, er hei�t David. �Dann nahmen sie Marleen tats�chlich in die Mitte, kreuzten mit ihr die Broome Street, blieben stehen, schritten, als das Signal erschien, �ber den West Broadway und nahmen sie mit bis zum ersten Eingang im folgenden Block der Broome Street, eine metall- und blechbeschlagene T�r ohne Klingelanlage, mit zwei Schl�ssern, wovon Tom Bryan das eine, David das andere �ffnete, als w�ren sie aneinandergekettet. Oben wiederholte sich das.</p><p>Wie auch immer David und Tom Bryan ihre Sonntagnachmittage verbrachten, war nicht auszumachen. Sie hatten wohl auf Marleen gewartet, oder auf eine wie sie, die nun in der K�che mit den wilden Farnen auf einem Stuhl sa� und sich mit chinesischem Tee vollgie�en lie�, w�hrend die jungen M�nner in rhapsodischen Berichten und Beschreibungen vor ihrem inneren Auge die Karte Amerikas begannen auszupinseln: die f�nf Boroughs; die Adirondacks; Cape Cod; Three Mile Island; die Mason-Dixon-Linie; das Mississippidelta. David sprach schnell, Tom Bryan langsam. David faltete S�tze auf wie Leporellos, Tom Bryan lie� sie pl�tschern wie Quellen. F�r David waren die Dinge gemacht, f�r Tom Bryan gegeben. David hatte etwas zu verlieren, Tom Bryan hatte es schon verloren. Sie stellten ihr zahlreiche Fragen, nat�rlich, und freuten sich ma�los, als sie offenbarte, dass sie in einer Siedlung namens Pomona gro� geworden war.</p><p>�Nimm keinen Apfel von diesem M�dchen!�, rief David.</p><p>�Bedecke deine Scham�, maulte Tom Bryan. Noch gr��eres Interesse fand die merkw�rdige Geschichte ihres Vaters � wie kam denn das, dass Marleen davon sprach?�� , der als Kind in die Nazischule gezwungen worden war, als junger Mann eine Blitzkarriere hingelegt hatte und in der Mitte seines Lebens alles, auch sie selbst, Marleen, zur�ckgelassen hatte, um sp�ter als Werbeguru wieder in Erscheinung zu treten. Schlimmer noch, sie kannte den R�ckkehrer nur aus der Zeitung. Die beiden jungen M�nner waren ganz still geworden, hatten den Kopf in einen Arm gest�tzt, und zwar symmetrisch, indirekt erleuchtet durch die angestrahlten Farne vom Hof her, David hell und gegenw�rtig, Holland, und Tom Bryan aus einer andere �ra, Karthago. �brigens, nat�rlich k�nne sie bleiben, sie m�sse noch nicht einmal das Hochbett in der Nische nehmen, denn Kjells Bett sei schlie�lich frei, bis er, irgendwann, zur�ckkommen werde aus Schweden. Fast h�tte Marleen gesagt, nein danke, ich wohne im Waldorf Astoria.</p><p>Am Montag sah sie IOM mit anderen Augen: die genormten Scheitel der M�nner, die ausstaffierten Schultern der Frauen, die Acetatbrillen, die gl�nzenden Fingern�gel. Sie alle dienten in der B�romaschinenarmee, Rang festgelegt, Aufstiegsm�glichkeit gegeben, und das Glashaus gegen�ber den Vereinten Nationen war die B�hne, in der t�glich dieselben K�mpfe aufgef�hrt wurden: die Spieler gegen die Verwalter, die Konservativen gegen die Erneuerer, die Finanzleute gegen die Entwickler. Marleen sp�rte jetzt die Risse, die durch das Unternehmen liefen. Dr. Van Der Rin trieb alles voran, was den Anwender im B�ro entlastete. Sie glaubte an den allwissenden Apparat. IOM musste ihn nur weiterentwickeln, eine neue Generation zweij�hrlich, das war die Zukunft. Gene Sloane f�rchtete, dass IOM schon mittelfristig mit eigener Intelligenz unterliegen w�rde am Markt. Er wollte superschnelle B�romaschinen, die jedes System in sich aufnehmen konnten. Jack O�Hare trieben gr��ere Zweifel um: Sollte man nicht die allwissende Maschine ganz aufgeben und stattdessen ein Netzwerk von Komponenten entwerfen � der eine Teil roh, weil ohnehin verborgen, der andere Teil High Finish. Vergesst die Schreibmaschine! Die Menschen werden keine Aktentaschen mehr tragen, sondern IOMs. Jeder wird seine eigene Druckerei sein.</p><p>�Wir ergreifen nicht Partei, das habe ich verstanden�, sagte sie beim Abendessen zu Passeraub, der sich schon auf die Ehrendoktorw�rde freute, die die Universit�t Yale ihm im n�chsten Monat verleihen w�rde. Er hatte einen weichen Chablis bringen lassen, und er sah, wie der Marleen in die Wangen schoss, als sie davon kostete, und er sagte:</p><p>�Aber, egal, welche Option wir beraten, und wir ��</p><p>�Beraten jede.�</p><p>�� beraten jede, wir kontrollieren nur die absolut richtige Anwendung unverf�lschter Fonts ��</p><p>�� und implementieren neue ��</p><p>�� im elektronischen System.�</p><p>�Dennoch, arbeiten wir nicht an der Abschaffung unseres Berufs?�</p><p>Passeraub warf ihr einen wilden Blick zu. Dann widmete er sich dem Geschehen auf seinem Teller. Er kaute, �ber sie wegblickend zur pr�chtigen Decke des Speisesaals.</p><p>�Also�, antwortete er schlie�lich,�der Traktor hat den Ochsen ersetzt und die M�hmaschine den Knecht. Die Systeme werden gr��er. Was gestern noch einen Meister brauchte, braucht heute keinen mehr. Was m�chten Sie tun, Marleen, sich eine der verbliebenen Bleisatzpressen kaufen und Briefpapier f�r Nostalgiker drucken?�</p><p>Sie sah ihn verwirrt an.</p><p>�Oder was m�chten Sie, Marleen?�</p><p>Sie sah auf die Uhr.�Ich muss heute Abend mit meinem Sohn telefonieren.�</p><p>�Gewiss. Aber das meine ich nicht.�</p><p>�Ich h�tte gern einen unbefristeten Arbeitsvertrag, der mir ein solides Gehalt garantiert.�</p><p>�Den bekommen Sie. Sie h�tten ruhig schon fr�her fragen k�nnen. Das ist �berhaupt kein Problem.�</p><p>Sie verschluckte sich fast an ihrem Wein. Die Wangen leuchtend rot, die Augen schwimmend.</p><p>Sie wartete darauf, dass Passeraub noch einmal fragte: Was m�chten Sie, Marleen?</p><p>Aber er schnaubte nur, fra�, warf ihr kurze, funkelnde Blicke zu. Sie dachte, was f�r ein Kauz. Der Kellner brachte Zigarren.</p><p>Zwei Wochen sollten sie bleiben, und dies war der Dienstagabend der zweiten Woche. Als sie am Mittwoch, es war schon dunkel, zur�ckkehrten ins Hotel, lag in Marleens Fach ein Fax aus Paris. Das war der Arbeitsvertrag wie verlangt. Am gleichen Abend packte sie ihre Sachen, versicherte Passeraub, dass sie p�nktlich um neun bei der Arbeit erscheinen werde, und stieg in ein Taxi.</p><p>David holte sie wieder von der Telefonzelle ab. Tom Bryan kochte Nierensuppe, und David wendete Maiskolben auf einem elektrischen Grill. Sie waren sehr still.</p><p>�Hans ist gestorben�, sagte David, irgendwann, abgewandt.</p><p>�Oh�, sagte Marleen.</p><p>David drehte sich um, Tr�nen in den Augen.</p><p>�Oh�, sagte er, und versuchte ein L�cheln.</p></section><section><title><p><strong>Dingbats</strong></p></title><p>Antoine stand mitten im Loft auf dem h�lzernen Boden und war verstummt. Zuerst hatte er es in gebrochenem Schweizerdeutsch probiert. Weil doch der eine Mann auch David hie�. Dann hatte er es mit Franz�sisch versucht, ohne viel Erfolg. Mama sprach mit den Leuten, bei denen sie offenbar wohnen w�rden, in einer Sprache, die er nicht kannte. Das kam ihm, mit zweieinhalb Jahren, vor wie Betrug. Auch wunderte er sich �ber die Aufmerksamkeit, die Mama zukam. Bisher schien es eigentlich abgemacht, dass er die Hauptperson war, oder eigentlich Katie, dann er, dann der kleine David, er konnte sich so genau nicht mehr erinnern; das war ja schon mehr als zwei Tage her.</p><p>Und doch, die Neue Welt nahm Antoine mit Freuden auf. Man bewunderte seine gro�en, klaren Augen, seine aufrechte Haltung, sein selbstbewusstes Stapfen, seine marineblaue Strickjacke mit den wei�en Sternchen. Da er nicht sagte, was er essen wollte, riet man es, morgens, mittags und abends. Er musste kein M�sli mehr essen, und Pizza war etwas ganz Normales. David konnte sie sogar selber backen. Nicht David, der Bruder von Katie, sondern dieser David. Der vielleicht der Bruder von Tombreien war. Oder von Kjell. Oder von beiden. Er fragte nicht.</p><p>Den dritten Tag verbrachte er in der K�che, wegen des Besuchs. Ganz viele M�nner brachten ganz viele Balken. Wenn das nicht Baumst�mme waren. Daraus bauten sie ein Haus. Sie bauten es an die R�ckwand des Lofts. Es sah sehr sch�n aus, weil die Balken sich an den Ecken �berkreuzten. Zwei Fenster bekam es und eine T�r sowie ein Giebeldach aus heller, gespannter Leinwand. Als er sich schlie�lich aus der K�che traute, am Abend, fand er in der Blockh�tte ein Bett, eine Kommode, einen kleinen Tisch, eine Lampe, einen Stuhl und ein Bild an der Wand, das er gut kannte. Es zeigte, locker gezeichnet, zwei Kerle, die sich fast glichen, wobei der eine mehr grinste als der andere. Das waren auf jeden Fall Br�der.</p><p>Antoine konnte es kaum fassen, dass dies nun seins war. Einerseits.</p><p>�On va rester ici longtemps?�, fl�sterte er.</p><p>�Eine Weile, mein Schatz.�</p><p>�Il ya des cr�ches ici?�</p><p>�Krippen gibt es �berall. Hab Geduld.�</p><p>Am Abend dr�ngten sich in der H�ttent�r drei Figuren, vollkommen still, die K�pfe kaum zu sehen. Marleen, die vom Klo zur�ckgekommen war, wartete. Die drei M�nner sprachen nicht; sie hielten sich an Schultern und H�ften. Antoines Schlaflicht, von innen, zeichnete die Kontur der Gruppe. Dann l�sten sie sich, bemerkten Marleen, kamen zu dritt auf sie zu und schlossen sie in ihre Arme. Marleen fing an zu weinen. David trocknete ihre Tr�nen mit der Manschette seines Hundertdollarhemds.</p><p>Er war es auch, der Antoine im Kindergarten auf der Upper West Side unterbrachte, in den er selbst mehr als zwanzig Jahre zuvor gegangen war. Sie sa�en vor dem Schreibtisch der Leiterin, dieselbe wie damals, der gro�e David und der kleine Antoine, dieser stumm. David deutete an, dass das Kind einen Kulturschock erlitten habe, entwurzelt sei, vaterlos, aber zweisprachig, keinesfalls lernbehindert, als Antoine, fixiert auf einen Brownie auf dem Schreibtisch, danach langte, den Kopf zu David drehte und fast akzentfrei fragte:</p><p>�Can I have that?�</p><p>Marleen begann etwas zu sp�ren, wof�r sie keinen Namen hatte, etwas, das die Sch�deldecke von innen anzuheben schien und die Schritte leicht machte. Es war ihr durchaus recht, um Mitternacht ein Hochbett zu besteigen, um halb neun morgens mit Antoine das Haus zu verlassen, um sieben mit Einkaufst�ten zur�ckzukehren bei Dunkelheit. Es stimmte, dass in New York die Lebensuhr grausam tickte und das Geld leichter ausgegeben als verdient war, und dass das Quietschen der Untergrundbahnen in den Nervenkanal trieb. Dass die Leute mit Pappbechern um sich warfen und mit Ideen und beides wunderlicherweise verschwand. Denn wir wissen, wie einsam sie gewesen ist, Marleen.</p><p>Wie ein Hirtenhund entwickelte sie eine Vorliebe f�r Vollst�ndigkeit. Ja, es tat ihr im Herzen weh, als Tom Bryan ein Flugzeug nach New Orleans nahm, um im ererbten Haus einer Tante mit Nichten und Neffen die Weihnachtstage zu verbringen.</p><p>�Daran musst du dich gew�hnen�, versuchte David ihr das zu erkl�ren, w�hrend Antoine die vom Regen gl�nzenden Felsen des Central Park bewunderte.�Er ist da unten eher �rmlich aufgewachsen, eines von vielen wei�en Kindern, ich w�rde sagen, geradezu unbemerkt. Hat es mit der Milit�rakademie probiert, um seine M�nnlichkeit aufzuputzen. Ist bald abgehauen nach upstate New York, hat sich ein grandioses Hippiem�dchen geangelt, eine alternative Farm gegr�ndet. Anfang zwanzig und total gl�cklich. So muss man sich das wohl vorstellen. Ich war ja nicht dabei. Nach zwei oder drei Jahren hat sie ihn verlassen f�r einen, der experimentelles Cello spielte, und ihn als Bauernt�lpel verh�hnt. Das hat ihn gebrochen, da war nichts mehr. Er hat in �blen H�hlen gewohnt, in der Bronx, in Queens, Loisaida, bevor wir ihn aufgegabelt haben. Du hast ja mitgekriegt, wie die Cateringfirma ihn f�r Hochzeiten holt oder wenn was schiefl�uft. Ansonsten ist Nichtarbeiten f�r ihn Programm, das hei�t, er f�hrt von Juli bis September mit seinem Icecream-Lieferwagen durch die Suburbia von Lafayette und New Orleans, und dann kommt er zur�ck, die Taschen voller Geld. Er macht da unten auf gro�er Bruder, Familie, das ist der Schmelz des S�dens, aber � Das Haus der Tante ist ein Schuppen schr�g unterhalb der Autobahn. Und er wei� ganz genau, wo seine Familie zu finden ist. Hast du ja selbst schon gemerkt.�</p><p>An einem Samstagnachmittag, Tom Bryan war schon fort und David mit Antoine zu Bloomingdale�s Weihnachtsauslagen gucken, fand Kjell Marleen in der Badewanne liegend. Sie sagte ihm, bevor er umdrehen konnte, er solle ihr Gesellschaft leisten. Was er tat. Auf einem wei�en Plastikhocker sitzend, erz�hlte er ihr von Hans� letzten Tagen, seiner D�sternis, seiner Euphorie, dem Defilee der Freunde am Krankenhausbett, dem Mattwerden seiner Augen wenige Stunden vor dem Tod. Er schien durch Marleen hindurchzublicken, ihr K�rper im Schleier des Wassers, in dem sich vage die Zeichnung einer Gl�hbirne kringelte. Als er aufh�rte zu sprechen, stieg sie aus der Badewanne, dr�ckte ihn, der aufstehen wollte, auf seinen Hocker zur�ck und trocknete sich ab. Es war wie ein Tanz in Zeitlupe, unterlegt von der gurgelnden Musik des ablaufenden Wassers. Dann nahm sie seine Hand, und f�hrte ihn, da er zumindest nicht widerstand, mitten ins Loft, wo sie im Halbdunkel stehenblieben. Sie strich ihm seine Str�hne aus der Stirn und hob die Augenbrauen.</p><p>Marleen kannte sie gut, die m�nnliche Sch�chternheit. Draufg�nger fanden sich in ihren Betten nicht. Es schien ihr Schicksal zu sein, M�nner zu entbl�ttern, bis sie �berhaupt merkten, dass sie M�nner waren. Das in etwa dachte sie �ber Kjell. Da h�tte nicht viel gefehlt, und sie w�re wieder schwanger geworden, und doch fiel dieses Paar, sobald es vorbei war, entzwei, so wie die Sch�nheit im Spiegel, die sich selbst nicht wirklich k�ssen kann. Keiner von beiden nahm es schwer; sie begriffen dies als Ritus des �bergangs. Der n�chste Akt fand in der K�che statt, vor der Kulisse k�hn sprie�ender Farne. Marleen, die nie in ihrem Leben geraucht hatte, tat sich schwer mit der Marihuanat�te, aber einmal inhalieren reichte, um sie in jene andere Welt zu bef�rdern. Sie deutete in den Hinterhof und jauchzte:�Guck mal, Gras!�</p><p>Kjell sang ihr Songs aus seinen Lieblingsmusicals vor, <emphasis>Oh, What a Beautiful Morning, I Loves You, Porgy</emphasis> und <emphasis>Don�t Cry for Me, Argentina</emphasis>, und als David und Antoine an der T�r zu h�ren waren, gr�lten sie gerade� Hit me with your rhythm stick, hit me slow and hit me quick�, was sie sofort unterdr�ckten. Die Arme wie Windm�hlen und die Augen wie Brunnen, das gefiel Antoine gar nicht, und anstatt von Rentieren und Schneelandschaften zu berichten, zog er sich in seine H�tte zur�ck und schmollte. Als das Telefon klingelte, kroch er hervor und erkl�rte dem Anrufer, gegen jede Evidenz, dass Mama nicht zu Hause sei und auch sonst niemand, bis Marleen ihm den H�rer entwand.</p><p>Sie sa� unter ihrem Hochbett, fr�stelnd, und lauschte Cristinas Stimme. Die Weihnachtsvorbereitungen, ihre s�dafrikanische Hochzeit im Fr�hjahr, Gro�mutter Fleck im Krankenhaus. Marleen wusste, dass es nicht das war, weshalb sie anrief.</p><p>�Ach ja, und dein Franz hat angerufen. Valentin war dran und hat wohl l�nger mit ihm gesprochen.�</p><p>�Aber die kennen sich doch gar nicht.�</p><p>�Ich wei�. Er war einfach am Telefon. Zufall oder so. Marleen, das ist nun mal so, Valli wohnt jetzt hier.�</p><p>�Der Seelsorger im Haus.�</p><p>�Marleen, er ist nun wirklich ein Mann, der zuh�ren kann. Jedenfalls sind die ins Gespr�ch gekommen, und Franz hat so etwas gesagt wie, dass sein Versuch, sich einer �g�nzlich nach innen gewandten Gemeinschaft anzuschlie�en� � so hat Valli das wiedergegeben � letztlich nicht gegl�ckt ist. Franz hat sein Studium abgeschlossen, aber er vermisst ��</p><p>�Crissy, das hat er doch nicht vor allen ausgebreitet, der Kaplan?�</p><p>�Valentin ist doch jetzt wieder Arzt, Mann. Oberarzt, wenn du�s genau wissen willst. Nein, das hat er nicht vor allen ausgebreitet. Er hat mich, wie sagt man, ins Vertrauen gezogen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Nun. Franz wollte gern wissen, wo du bist, und Antoine, er h�tte seit Monaten nichts mehr geh�rt.�</p><p>�Okay, aber was geht mich das an?�</p><p>Ein transatlantisches Fauchen in der Leitung. Cristina schien gerade eine Pause einzulegen. Marleen f�hlte sich steinern, nachdem die Cannabiswirkung verflogen war.</p><p>�Crissy?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Was soll ich denn machen?�</p><p>�Das wei� ich auch nicht, Marleen. Warum bist du denn so auf Abwehr? Valentin hat gesagt, dass ich dir das sagen muss. Und ich finde, da hat er recht.�</p><p>Es war dieser Samstagabend, als Marleen sich einen gelben linierten Notizblock nahm und in der K�che, w�hrend Antoine das Schmollen aufgegeben hatte und nun von Schaufenstern berichtete, die er glaubte gesehen zu haben, von einer vollautomatischen, hydraulischen, blinkenden Weihnachtswelt, das Ganze in 3-D, was aber mit Antoines Sprachgemisch zu tun haben mochte, Kjell ein Zuh�rer mit Engelsgeduld, Marleen mit dem gelben Block auf den Knien ��� dass Marleen sich besann auf etwas, was eine Muddy ihr am Wochenende zuvor eingefl�stert hatte.</p><p>Muddy, die eigentlich Maria hie�, sprach ein hartes Englisch. Marleen hatte den Namen zun�chst missverstanden, und als es rauskam, fand Maria oder Mary, sie solle dabei bleiben. Muddy wohnte in der Etage �ber ihnen, zusammen mit Gabor, ihrer Jugendliebe aus Ungarn. Er war zuerst emigriert und hatte sie sp�ter nachgeholt. In Ungarn war er Setdesigner beim Film gewesen, hier betrieb er eine Firma f�r Film-Accessoires, was man dem Loft ansah, eine Wunderkammer der Unwahrscheinlichkeiten. Muddy hatte akademisch Zeichnen gelernt. Jetzt lebte sie von scherenschnittartigen, nahezu abstrakten Cartoons, die im <emphasis>New Yorker</emphasis> als Seitenf�ller dienten. Gleichzeitig belieferte sie w�chentlich die <emphasis>Village News</emphasis> mit einem Comicstrip �ber ein Emigrantenpaar, das in einem Loft lebte, in dem die unwahrscheinlichsten Dinge zum Weiterverkauf angesammelt waren, ein komplettes Inventar des h�uslichen Nordamerika der vergangenen hundert Jahre, das Muddy akribisch darstellte, am liebsten bei Nacht mit gruseligen Schatten. Irgendwie wollte es nicht recht vorw�rtsgehen mit dem Leben der beiden. Sie waren nicht ungl�cklich, oder falls sie es waren, konnten sie es nicht zum Ausdruck bringen. Jede Folge handelte von einer Falle im Alltag, in die das Paar tappte, ungeschickt und t�chtig, f�hllos und hilflos zugleich. Die Serie �ber die verschworenen Ungl�cksraben hatte Maria eine kleine Fangemeinde beschert. Soeben war ihr Vertrag mit der <emphasis>Village News</emphasis> um ein Jahr verl�ngert worden, und Muddy brauchte das Geld.</p><p>Allerdings, das hatte sie Marleen anvertraut, sei der Anekdotenstoff letztlich begrenzt, um nicht zu sagen aufgebraucht, so dass der Comic nur durch formale Erfindungen am Leben gehalten werden k�nne. Sie plante deshalb, die Helden demn�chst, zumindest gelegentlich, in einer Hieroglyphensprache sprechen zu lassen, die aber nicht die �blichen Symbole verwenden sollte � Hammer oder Totenkopf �, sondern weit weniger drastische Zeichen, die in Wirklichkeit Buchstaben darstellten, eine Geheimschrift, die die eingeweihten Leser auch entschl�sseln w�rden k�nnen. Marleen hatte ihr zu der Idee gratuliert. Die andere sah sie erstaunt an:�Ich dachte, Typo ist <emphasis>dein</emphasis> Beruf?�</p><p>Marleen, w�hrend Antoine noch immer plapperte, machte eine Liste: Kreis, Pluszeichen, Tropfen, Jesuskreuz, Frostsymbol und einige andere Formen, die sie meinte, an schmiedeeisernen Pforten in Paris gesehen zu haben.</p><p>�Und der Davidstern?�, fragte David.</p><p>�Die Zeichen f�r m�nnlich und weiblich�, schlug Kjell vor.</p><p>�Das Stoppschild!�, forderte David.</p><p>�Schnee�, fl�sterte Antoine.</p><p>Kjell und David waren au�er sich. Eine Geheimschrift zu erfinden war so viel erquicklicher, als sie entschl�sseln zu m�ssen.</p><p>Am Montag folgte wieder die Routine, Marleen mit Antoine per U-Bahn zum Kindergarten auf der Westseite, dann sie mit dem Taxi s�dlich um den Central Park zur Ostseite. Bei IOM lag in ihrem Fach ein Fax von Furrer, das besagte, sie m�ge im Januar nach Paris zur�ckkehren.�Sie werden dann Passeraub bis zum April auf drei oder vier seiner Reisen begleiten k�nnen, bis die <emphasis>Tempi Novi</emphasis> und alle anderen Schriften, die wir entworfen haben, bei IOM in jeder m�glichen Anwendung freigegeben werden k�nnen.�</p><p>In der Nacht zum Dienstag erschienen ihr Cristinas Augen, fragend, mutierend zu den bittenden Augen Franzens, dann ging der Traum �ber in Grau, terrain vague, und kehrte am fr�hen Morgen zur�ck. Jetzt waren es die Augen Tom Bryans, so nah, dass sie ineinanderflossen wie auf einem kubistischen Gem�lde. Er war warm und roch nach Borke. Als sie erwachte, standen ihre Br�ste wie Zitronen. Sie warf sich einen Pullover �ber, floh zu den anderen in die K�che und erg�nzte den fehlenden Buchstaben, das� e�. Es war ein Auge.</p><p>�Wie nennen wir das?�</p><p>�Wie nennen wir was?�</p><p>�Den Font.�</p><p>�Marleen.�</p><p>�Blauer Engel.�</p><p>�Glyph.�</p><p>�Stealth Font.�</p><p>�Broome Script.�</p><p>�Broome Street Glyphs.�</p><p>Marleen:�Genug! Wie nennt man Dinge, von denen man nicht genau wei�, was sie sind?�</p><p>David:�Aliens.�</p><p>Kjell:�Bullshit.�</p><p>David:�Niemals nennt man das Bullshit.�</p><p>Kjell:�Disambiguities.�</p><p>David:�Dingbats.�</p><p>Marleen:�Wie hei�t das?�</p><p>David:�Das, wo einem der Name nicht einf�llt? Dingbat.�</p><p>In dieser Woche vor dem vierten Advent entwarf Marleen ihre Geheimschrift, gab am Donnerstag eine Fassung bei Muddy ab, wusch sich am Freitagmorgen gr�ndlich die Haare und betrat um elf Uhr drei�ig das Zimmer von Gene Sloane. Der war bei IOM zum Leiter des B�ros f�r Schriftentwicklung bef�rdert worden, ein Mann wie aus einem Nachkriegsfilm, die kupferblonden Haare artig gek�mmt, Brille in Gold, gestreifter Schlips, von undurchdringlicher Freundlichkeit.</p><p>�Ich bin Marleen Schuller.�</p><p>Sloane musste lachen.�Erz�hlen Sie mir lieber etwas Neues.�</p><p>�Ich w�rde gern bei IOM arbeiten.�</p><p>�Wer w�rde das nicht? Haben Sie eine Greencard?�</p><p>�Noch nicht.�</p><p>�Was wollen Sie tun?�</p><p>�Was ich ganz gut kann, ist, Systeme zu �berwachen, Fonts installieren.�</p><p>�Gewiss. Aber sehen Sie, f�r diese Aufgabe werden Sie von Paris aus bezahlt. Wir sind f�r die Fl�ge aufgekommen, bisher. Es ist f�r uns wenig attraktiv, Posten zu �bernehmen, wenn wir nicht unbedingt m�ssen.�</p><p>Marleen war f�r einen Moment unschl�ssig. In ihrer Jackentasche hatte sie ein B�ndel gelber Zettel aus der K�che der Broome Street. Sie zog sie heraus und versuchte, sie zu gl�tten. Mit ihren aufgerissenen Perforationen sahen sie ziemlich sch�big aus auf Sloanes perfektem Schreibtisch.</p><p>�Ein funny Font�, sagte er.</p><p>�Was ist ein funny Font?�, fragte sie.</p><p>�So nennen wir auff�llige Schriften, solche zum Beispiel, die asiatisch anmuten, obwohl sie lateinisch sind. Das hier ist offenbar ein Hieroglyphenalphabet f�r Kinder.�</p><p>�Dingbat�, sagte Marleen stolz.�F�r Erwachsene. Das Auge ist ein �e�, der Davidstern ein �i�, der Mond ein Ypsilon.�</p><p>Sloane lehnte sich in seinem Drehstuhl, der ihn �berragte, zur�ck und fixierte sie, r�tselhaft grinsend.</p><p>�Dingbat � Dingbats! Und woher wei� der Anwender, welches Symbol welchen Buchstaben meint?�</p><p>�Per Software.�</p><p>�Das hei�t �?�</p><p>�Wenn einer auf Dingbats schreibt, dr�ckt er die Taste� e�, und es erscheint das Auge. Und andersherum auch.�</p><p>�So simpel! Das ist gut. Haben Sie das schon lizenziert?�</p><p>Marleen nahm die U-Bahn downtown. Die Ansprachen der Bettler klangen wie die Tiraden von Bu�predigern. Sie sah in ihre Gesichter, die stumpfen und die gl�nzenden. Gegen�ber sa� ein Herr im Wintertweed mit passender M�tze, die <emphasis>New York Times</emphasis> gefaltet auf das halbe Format. Sie las die �berschrift:�New Parliament Meets in Reichstag�.</p><p>Als sie nach Hause kam, war niemand da. Sie pr�fte die Uhrzeit. Es war halb zwei nachts in Deutschland. Sie nahm das Telefon, h�mmerte die Nummer in die Tastatur, die dabei T�ne von sich gab, und lauschte der Leitung unter dem Ozean, wie sie sich knisternd vergabelte bis in die Pomona 133. Noch in der Mitte des ersten Rufzeichens legte sie auf.</p><p>Sie ging durch die Schatten des Lofts bis zum Fenster am West Broadway. Langsam bewegten sich die Autos durch den Schnee. Das Brummen der Stadt war noch da, aber ged�mpft. Sie schob das Fenster hoch, ein Fenster wie eine Guillotine. Sie sah hinunter auf den Fu�weg, erhellt von den Strahlern der Bar, die Fu�g�nger Punkte mit Beinen.</p><p>Sie machte sich kein Licht. In der Dunkelheit erinnerte das Loft an Gabors Wunderkammer in einer von Muddys Zeichnungen, unbegreiflich und uralt. Im Vorbeigehen ertastete Marleen Tom Bryans Garderobe. Sie schlich vor bis in die K�che, die Farne in Zeitlupe schwarz winkend wie Fabelwesen. Sie kehrte um und lugte in Antoines H�tte. Das Schlafl�mpchen war hell genug, um die Gegenst�nde unterscheiden zu k�nnen. Von der Wand grinste der Bursche mit den zwei Gesichtern. Sie beschloss, Franz zu vergessen, wenn m�glich.</p><p>Auf dem R�ckweg zum Fenster, das noch offen stand, schienen ihr die Hochbetten wie H�user, das Loft wie eine Stadt im Kleinen. Wie Kjell sie ins Leben gezogen hatte. Wie am�sant David war. Wie ihr Herz schlug beim Gedanken an die R�ckkehr von Tom Bryan. Sie lehnte sich wieder aus dem Fenster. Es waren keine Autos mehr zu sehen, aber deren Spuren hatten sich in die verschneite Stra�e gezeichnet wie Notenlinien, Linien ohne Noten. Sie meinte, den Song bereits zu h�ren, wenn ihr auch nicht einfiel, wie er hie�. Sie w�rde schon noch draufkommen.</p></section></body><binary id="cover" 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