<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Eugen</first-name><last-name>Ruge</last-name></author><book-title>In Zeiten des abnehmenden Lichts</book-title><annotation><p>Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und dar�ber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie f�hrt von Mexiko �ber Sibirien bis in die neu gegr�ndete DDR, f�hrt �ber die Gipfel und durch die Abgr�nde des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein gro�er Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Eugen</first-name><last-name>Ruge</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-19">12.5.2016</date><id>1518d2a9-0066-4704-a852-dbf82a185af8</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>In Zeiten des abnehmenden Lichts</book-name><publisher>Rowohlt</publisher><year>2012</year></publish-info></description><body><title><p>Eugen Ruge</p><empty-line/><p>In Zeiten des abnehmenden Lichts</p></title><epigraph><p>f�r euch</p></epigraph><section><title><p><strong>2001</strong></p></title><p>Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem B�ffelledersofa gelegen. Dann stand er auf, duschte ausgiebig, um auch den letzten Partikel Krankenhausluft von sich abzuwaschen, und fuhr nach Neuendorf.</p><p>Er fuhr die A 115, wie immer. Schaute hinaus in die Welt. Pr�fte, ob sie sich ver�ndert hatte. Und � hatte sie?</p><p>Die Autos kamen ihm sauberer vor. Sauberer? Irgendwie bunter. Idiotischer.</p><p>Der Himmel war blau, was sonst.</p><p>Der Herbst hatte sich eingeschlichen, hinterr�cks. Tupfte kleine gelbe Markierungen in die B�ume. Es war inzwischen September geworden. Und wenn er am Samstag entlassen worden war, musste heut Dienstag sein. Das Datum hatte er w�hrend der letzten Tage verloren.</p><p>Neuendorf besa� neuerdings eine eigene Autobahnabfahrt � �neuerdings� hie� f�r Alexander immer noch: nach der Wende. Man kam direkt auf die Th�lmannstra�e (hie� immer noch so). Die Stra�e war glatt asphaltiert, rote Fahrradstreifen zu beiden Seiten. Frisch renovierte H�user, w�rmeged�mmt nach irgendeiner EU-Norm. Neubauten, die aussahen wie Schwimmhallen: Stadtvillen nannte man das.</p><p>Aber man brauchte nur einmal links abzubiegen und ein paar hundert Meter dem krummen Steinweg zu folgen, dann noch einmal links � hier schien die Zeit stillzustehen: eine schmale Stra�e mit Linden. Kopfsteingepflasterte B�rgersteige, von Wurzeln verbeult. Morsche Z�une und Feuerwanzen. Tief in den G�rten, hinter hohem Gras, die toten Fenster von Villen, �ber deren R�ck�bertragung in fernen Anwaltskanzleien gestritten wurde.</p><p>Eins der wenigen H�user hier, die noch bewohnt waren: Am Fuchsbau sieben. Moos auf dem Dach. Risse in der Fassade. Die Holunderb�sche ber�hrten schon die Veranda. Und der Apfelbaum, den Kurt immer eigenh�ndig beschnitten hatte, wuchs kreuz und quer in den Himmel, ein einziges Gewirr.</p><p>Das �Essen auf R�dern� stand schon in der ISO-Verpackung auf dem Zaunpfeiler. Dienstag, fand er auf der Packung best�tigt. Alexander nahm die Packung und ging hinein.</p><p>Obwohl er einen Schl�ssel hatte, klingelte er. Testen, ob Kurt aufmachte � sinnlos. Ohnehin wusste er, dass Kurt <emphasis>nicht</emphasis> aufmachen w�rde. Aber dann h�rte er das vertraute Quietschen der Flurt�r, und als er durch das Fensterchen schaute, erschien Kurt � wie ein Geist � im Halbdunkel des Vorraums.</p><p>��Mach auf, rief Alexander.</p><p>Kurt kam n�her, glotzte.</p><p>��Mach auf!</p><p>Aber Kurt r�hrte sich nicht.</p><p>Alexander schloss auf, umarmte seinen Vater, obwohl ihm die Umarmung seit langem unangenehm war. Kurt roch. Es war der Geruch des Alters. Er sa� tief in den Zellen. Kurt roch auch gewaschen und z�hnegeputzt.</p><p>��Erkennst du mich, fragte Alexander.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>Sein Mund war mit Pflaumenmus verschmiert, der Morgendienst hatte es wieder mal eilig gehabt. Seine Strickjacke war schief gekn�pft, er trug nur einen Hausschuh.</p><p>Alexander machte Kurts Essen warm. Mikrowelle, Sicherung einschalten. Kurt stand interessiert daneben.</p><p>��Hast du Hunger, fragte Alexander.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>��Du hast immer Hunger.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>Es gab Gulasch mit Rotkohl (seit Kurt sich an einem St�ck Rindfleisch einmal fast t�dlich verschluckt hatte, wurde nur noch Kleinteiliges bestellt). Alexander br�hte sich einen Kaffee. Dann nahm er Kurts Gulasch aus der Mikrowelle, stellte es auf die Igelit-Decke.</p><p>��Guten Appetit, sagte er.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>Begann zu essen. Eine Weile war nur Kurts konzentriertes Schniefen zu h�ren. Alexander nippte an seinem noch viel zu hei�en Kaffee. Sah zu, wie Kurt a�.</p><p>��Du hast die Gabel falsch herum, sagte er nach einer Weile.</p><p>Kurt hielt einen Augenblick inne, schien nachzudenken. A� dann aber weiter: Versuchte, das St�ck Gulasch mit dem Gabelstiel auf die Messerspitze zu schieben.</p><p>��Du hast die Gabel falsch herum, wiederholte Alexander.</p><p>Er sprach ohne Betonung, ohne mahnenden Unterton, um die Wirkung der reinen Begriffe auf Kurt zu testen. Keine Wirkung. Null. Was ging in diesem Kopf vor? In diesem immer noch durch einen Sch�del von der Welt abgegrenzten Raum, der immer noch irgendeine Art Ich enthielt. Was f�hlte, was dachte Kurt, wenn er im Zimmer umhertapste? Wenn er vormittags an seinem Schreibtisch sa� und, wie die Pflegerinnen berichteten, stundenlang in die Zeitung starrte. Was dachte er? Dachte er �berhaupt? Wie dachte man ohne Worte?</p><p>Kurt hatte endlich das Gulaschst�ck auf die Messerspitze geladen, balancierte es jetzt, schon zitternd vor Gier, zum Mund. Absturz. Zweiter Versuch.</p><p>Eigentlich ein Witz, dachte Alexander, dass Kurts Verfall ausgerechnet mit der Sprache begonnen hatte. Kurt, der Redner. Der gro�e Erz�hler. Wie er dagesessen hatte in seinem ber�hmten Sessel � Kurts Sessel! Wie alle an seinen Lippen hingen, wenn er seine Geschichtchen erz�hlte, der Herr Professor. Seine Anekdoten. Komisch aber auch: In Kurts Mund verwandelte sich alles in eine Anekdote. Egal, was Kurt erz�hlte � selbst wenn er davon erz�hlte, wie er im Lager beinahe krepiert w�re � , immer hatte es eine Pointe, immer hatte es Witz. Hatte gehabt. Fernste Vergangenheit. Der letzte Satz, den Kurt zusammenh�ngend hatte sagen k�nnen, war: Ich habe die Sprache verloren. Auch nicht schlecht. Verglichen mit seinem heutigen Repertoire eine Glanznummer. Doch das war zwei Jahre her: Ich habe die Sprache verloren. Und die Leute hatten wirklich gedacht, sieh mal an, er hat die Sprache verloren, aber sonst�� Sonst schien er noch einigerma�en beisammen zu sein. L�chelte, nickte. Zog Grimassen, die irgendwie passten. Verstellte sich schlau. Nur hin und wieder unterlief ihm Sonderbares: dass er den Rotwein in seine Kaffeetasse goss. Oder auf einmal ratlos mit einem Korken dastand � und ihn schlie�lich ins B�cherregal steckte.</p><p>Miserable Quote: Ein St�ckchen Gulasch hatte Kurt bisher geschafft. Jetzt griff er zu: mit den Fingern. Schaute schr�g von unten zu Alexander herauf, wie ein Kind, das die Reaktion seiner Eltern pr�ft. Stopfte das St�ck in den Mund. Und noch eins. Und kaute.</p><p>Und w�hrend er kaute, hielt er seine beschmierten Finger hoch wie zum Schwur.</p><p>��Wenn du w�sstest, sagte Alexander.</p><p>Kurt reagierte nicht. Hatte endlich eine Methode gefunden: die L�sung des Gulaschproblems. Stopfte, kaute. Die So�e rann in einer schmalen Spur �ber sein Kinn.</p><p>Kurt konnte <emphasis>nichts</emphasis> mehr. Konnte nicht sprechen, sich nicht mehr die Z�hne putzen. Nicht einmal den Arsch abwischen konnte er sich, man musste froh sein, wenn er sich zum Schei�en aufs Klo setzte. Das Einzige, dachte Alexander, was Kurt noch konnte, was er aus eigenem Antrieb noch tat, wof�r er sich wirklich interessierte und worauf er sein letztes bisschen Schlauheit verwendete, war essen. Nahrung aufnehmen. Kurt a� nicht mit Genuss. Kurt a� nicht etwa, weil es ihm schmeckte (seine Geschmacksnerven, davon war Alexander �berzeugt, waren durch das jahrzehntelange Pfeiferauchen vollst�ndig ruiniert). Kurt a�, um zu leben. Essen = Leben, diese Formel, dachte Alexander, hatte er im Arbeitslager gelernt, und zwar gr�ndlich. Ein f�r alle Mal. Die Gier, mit der Kurt a�, mit der er sich Gulaschst�ckchen in den Mund stopfte, war nichts anderes als �berlebenswille. Das war das Letzte, was von Kurt �brig geblieben war. Was ihn �ber Wasser hielt, was diesen K�rper weiter funktionieren lie�, eine au�er Rand und Band geratene Herz-Kreislauf-Maschine, die sich selbst in Betrieb hielt � und sich wohl, so war zu bef�rchten, noch eine Weile in Betrieb halten w�rde. Kurt hatte alle �berlebt. Er hatte Irina �berlebt. Und nun bestand die reale Chance, dass er auch ihn, Alexander, �berleben w�rde.</p><p>Ein dicker So�etropfen bildete sich an Kurts Kinn. Alexander �berkam der starke Drang, Kurt wehzutun: ein St�ck K�chenkrepp abzurei�en und ihm die So�e grob aus dem Gesicht zu wischen.</p><p>Der Tropfen zitterte, st�rzte ab.</p><p>War es gestern gewesen? Oder heute? Irgendwann w�hrend dieser zwei Tage, als er auf dem B�ffelledersofa lag (reglos und aus irgendeinem Grunde immer bem�ht, nicht mit der blo�en Haut an das Leder zu kommen), irgendwann war ihm der Gedanke gekommen: Kurt umzubringen. Mehr als nur der Gedanke. Er hatte Varianten durchgespielt: Kurt mit dem Kissen ersticken oder � der perfekte Mord � Kurt ein z�hes Rindersteak servieren. So wie das Steak, an dem er beinahe erstickt war. Und h�tte Alexander ihn, als er schon blau anlief und auf die Stra�e taumelte und dort bewusstlos umfiel � h�tte Alexander ihn damals nicht instinktiv in die stabile Seitenlage gedreht und w�re nicht infolgedessen, zusammen mit Kurts Gebiss, auch der beinahe kugelrunde, durch endloses Kauen zusammengepappte Fleischklo� aus Kurts Rachen gerollt, dann w�re Kurt vermutlich schon nicht mehr am Leben, und diese Niederlage (wenigstens diese) w�re Alexander erspart geblieben.</p><p>��Hast du bemerkt, dass ich eine Weile nicht da war?</p><p>Kurt war jetzt beim Rotkohl � seit einiger Zeit hatte er die infantile Angewohnheit angenommen, die Abteilungen nacheinander zu leeren: zuerst das Fleisch, dann das Gem�se, dann die Kartoffeln. Erstaunlicherweise hatte er jetzt die Gabel wieder in der Hand � sogar richtig herum. Schaufelte Rotkohl.</p><p>Alexander wiederholte seine Frage:</p><p>��Hast du bemerkt, dass ich eine Weile nicht hier war?</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>��Das hast du also bemerkt. Wie lange denn: eine Woche oder ein Jahr?</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>Oder sagte er: Jahr?</p><p>��Ein Jahr also, fragte Alexander.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>Alexander lachte. Dabei kam es ihm tats�chlich vor wie ein Jahr. Wie ein anderes Leben � nachdem das Leben davor mit einem einzigen, mit einem banalen Satz beendet worden war:</p><p>��Ich schicke Sie mal in die Fr�belstra�e.</p><p>So hie� der Satz.</p><p>��Fr�belstra�e?</p><p>��Klinikum.</p><p>Erst drau�en war er auf die Idee gekommen, die Schwester zu fragen: ob das hei�e, dass er Schlafanzug und Zahnb�rste mitnehmen solle. Und die Schwester war nochmal ins Sprechzimmer gegangen und hatte gefragt, ob das hei�e, dass <emphasis>der Patient</emphasis> Schlafanzug und Zahnb�rste mitnehmen solle. Und der Arzt hatte gesagt, <emphasis>der Patient</emphasis> solle Schlafanzug und Zahnb�rste mitnehmen. Und das war�s.</p><p>Vier Wochen. Siebenundzwanzig �rzte (er hatte nachgez�hlt). Moderne Medizin.</p><p>Der Assistenzarzt, der wie ein Abiturient aussah und ihm � in einem irrwitzigen Aufnahmesaal, wo hinter Paravents irgendwelche Schwerkranken st�hnten � die Grunds�tze der Diagnostik erkl�rt hatte. Der Pferdeschwanz-Arzt, der gesagt hatte: Marathonl�ufer haben keine gef�hrlichen Krankheiten (sehr sympathischer Mann). Die Radiologin, die ihn gefragt hatte, ob er in seinem Alter etwa noch Kinder zeugen wolle. Der Chirurg mit dem Namen Fleischhauer. Und nat�rlich der pockennarbige Karajan: Oberarzt Dr.�Kaufmann.</p><p>Und noch zweiundzwanzig andere.</p><p>Und wahrscheinlich noch zwei Dutzend Laboranten, die das ihm abgezapfte Blut in Reagenzgl�ser gef�llt, seinen Urin durchleuchtet, sein Gewebe unter irgendwelchen Mikroskopen betrachtet oder in irgendwelche Zentrifugen gesteckt hatten. Und das alles mit dem erb�rmlichen, mit dem geradezu unversch�mten Ergebnis, das Dr.�Kaufmann in zwei Worte gefasst hatte:</p><p>��Nicht operabel.</p><p>Hatte Dr.�Kaufmann gesagt. Mit seiner knarzigen Stimme. Mit seinen Pockennarben. Seiner Karajan-Frisur. Nicht operabel, hatte er gesagt und sich auf seinem Drehstuhl hin und her gewiegt, und die Gl�ser seiner Brille hatten geblitzt im Rhythmus seiner Bewegung.</p><p>Kurt hatte jetzt auch das Rotkohlfach geleert. Machte sich an die Kartoffeln: trocken. Alexander wusste schon, was jetzt kam (falls er Kurt nicht sofort ein Glas Wasser hinstellte). N�mlich dass die trockenen Kartoffeln Kurt im Hals stecken blieben, dass er einen br�llenden Schluckauf bekam, sodass man glaubte, der Magen w�rde gleich mit herauskommen. Wahrscheinlich konnte man Kurt auch mit trockenen Kartoffeln ersticken.</p><p>Alexander stand auf und f�llte ein Glas mit Wasser.</p><p>Kurt, komischerweise, war <emphasis>operabel</emphasis>: Kurt hatte man drei Viertel des Magens herausoperiert. Und er a� mit seinem Rest Magen, als h�tte man ihm noch drei Viertel Magen dazugegeben. Egal, was es gab: Kurt a� immer den Teller leer. Er hatte auch fr�her immer den Teller leer gegessen, dachte Alexander. Egal, was Irina ihm vorgesetzt hatte. Er hatte es aufgegessen und gelobt � ausgezeichnet! Immer dasselbe Lob, immer dasselbe �Danke� und �Ausgezeichnet�, und erst Jahre sp�ter, nach Irinas Tod, als es gelegentlich dazu kam, dass Alexander kochte � erst da hatte Alexander begriffen, wie zerm�rbend, wie dem�tigend dieses ewige �Danke!� und �Ausgezeichnet!� f�r seine Mutter gewesen sein mussten. Man konnte Kurt nichts vorwerfen. Tats�chlich hatte er nie etwas verlangt, noch nicht einmal von Irina. Wenn keiner kochte, ging er ins Restaurant oder a� eine Butterstulle. Und wenn jemand f�r ihn kochte, bedankte er sich artig. Dann machte er seinen Mittagsschlaf. Dann seinen Spaziergang. Dann erledigte er seine Post. Was war dagegen zu sagen? Nichts. Das war es ja gerade.</p><p>Kurt tupfte mit den Fingerspitzen die letzten Kartoffelkr�mel auf. Alexander reichte ihm eine Serviette. Kurt wischte sich tats�chlich den Mund, faltete die Serviette wieder ordentlich zusammen und legte sie neben den Teller.</p><p>��H�r zu, Vater, sagte Alexander. Ich war im Krankenhaus.</p><p>Kurt sch�ttelte den Kopf. Alexander fasste ihn am Unterarm und versuchte es noch einmal mit Nachdruck.</p><p>��Ich � er zeigte auf sich � war im Kran-ken-haus! Verstehst du?</p><p>��Ja, sagte Kurt und stand auf.</p><p>��Ich bin noch nicht fertig, sagte Alexander.</p><p>Aber Kurt reagierte nicht. Tapste ins Schlafzimmer, noch immer mit nur einem Hausschuh, zog seine Hosen aus. Sah Alexander erwartungsvoll an.</p><p>��Mittagsschlaf?</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>��Na, dann wechseln wir mal die Windel.</p><p>Kurt tapste ins Bad, Alexander glaubte schon, dass er verstanden h�tte, aber im Bad zog Kurt die Windelhose ein St�ck herunter und pisste in hohem Bogen auf den Fu�boden.</p><p>��Was machst du denn da!</p><p>Kurt sah erschrocken auf. Konnte aber nicht mehr aufh�ren zu pissen.</p><p>Nachdem Alexander seinen Vater geduscht, ins Bett gebracht und den Badfu�boden gewischt hatte, war sein Kaffee kalt. Er schaute auf die Uhr: um zwei. Der Abenddienst w�rde fr�hestens um sieben kommen. Kurz �berlegte er, ob er jetzt die siebenundzwanzigtausend Mark aus dem Wandsafe nehmen und einfach verschwinden sollte. Beschloss aber zu warten. Er wollte es vor den Augen seines Vaters tun. Wollte ihm die Sache erkl�ren, auch wenn es sinnlos war. Wollte, dass Kurt Ja dazu sagte � auch wenn Ja das einzige Wort war, das er noch beherrschte.</p><p>Alexander ging mit seinem Kaffee ins Wohnzimmer. Was nun? Was anfangen mit der verlorenen Zeit? Wieder �rgerte er sich dar�ber, dass er sich Kurts Rhythmus unterworfen hatte, und der �rger dar�ber verband sich unwillk�rlich mit dem schon notorisch gewordenen �rger �ber das Zimmer. Nur dass es ihm jetzt, nachdem er vier Wochen nicht hier gewesen war, noch schlimmer vorkam: blaue Gardinen, blaue Tapeten, alles blau. Weil Blau die Lieblingsfarbe seiner letzten Angebeteten gewesen war�� Idiotisch, mit achtundsiebzig. Kaum dass Irina ein halbes Jahr unter der Erde gelegen hatte�� Sogar die Servietten, die Kerzen: blau!</p><p>Ein Jahr lang hatten die beiden sich aufgef�hrt wie Penn�ler. Hatten einander Herzchenpostkarten geschickt und ihre gegenseitigen Liebesgeschenke in blaues Papier eingewickelt, dann hatte die Angebetete wohl bemerkt, dass Kurt zu verbl�den begann � und war verschwunden. Zur�ck blieb der <emphasis>blaue Sarg</emphasis>, so nannte es Alexander. Eine kalte blaue Welt, die nun von niemandem mehr bewohnt wurde.</p><p>Nur die Essecke war noch wie fr�her. Obwohl, auch das nicht�� Kurt hatte zwar die Furniertapete nicht anger�hrt � Irinas Stolz: echte Furniertapete! Sogar das sogenannte Sammelsirium (Irina-Deutsch) war noch da � aber wie! Kurt hatte diese wildgewachsene Sammlung abstrusester Mitbringsel und Erinnerungsst�cke, die die Furniertapete mit den Jahren �berwuchert hatte, im Zuge seiner Renovierung komplett abgenommen, entstaubt, das �Wichtigste� (oder was Kurt daf�r hielt) ausgew�hlt und in �lockerer Ordnung� (oder was Kurt daf�r hielt) wieder an der Furniertapete platziert. Wobei er versucht hatte, schon vorhandene Nagell�cher �zweckm��igerweise� zu nutzen. Kurts Kompromiss�sthetik. So sah es auch aus.</p><p>Wo war der kleine Krummdolch, den der Schauspieler Gojkovic � H�uptling aller DEFA-Indianerfilme, immerhin!�� Irina einmal geschenkt hatte. Und wo war der Kuba-Teller, den die Genossen aus dem Karl-Marx-Werk Wilhelm zum neunzigsten Geburtstag �berreicht hatten, und Wilhelm, so wurde erz�hlt, hatte die Brieftasche gez�ckt und einen Hunderter auf den Teller geknallt � weil er glaubte, er werde um eine Spende f�r die Volkssolidarit�t gebeten��</p><p>Egal. Gegenst�nde, dachte Alexander�� Einfach blo� Gegenst�nde. F�r den, der nach ihm kam, ohnehin blo� ein Haufen Sperrm�ll.</p><p>Er ging hin�ber in Kurts Arbeitszimmer, das auf der anderen (wie Alexander fand: sch�neren) Seite lag.</p><p>Ganz im Gegensatz zum Wohnzimmer, wo Kurt alles umgekrempelt hatte � auch Irinas M�bel hatte er ausgetauscht, die sch�ne alte Vitrine gegen irgendein gr�ssliches M�bel aus MDF-Platten; selbst Irinas wunderbares, zeitlebens wackliges Telefontischchen hatte Kurt abgeschafft; und, was Alexander ihm besonders �belgenommen hatte, sogar die Wanduhr: die freundliche alte Uhr, deren Mechanik zu jeder halben und vollen Stunde zu schnurren pflegte, zum Zeichen, dass sie noch immer ihren Dienst versah, obwohl das Geh�use f�r den Gong fehlte, urspr�nglich war es n�mlich eine Standuhr gewesen, Irina hatte sie, einer Mode folgend, aus dem Kasten genommen und an die Wand geh�ngt, und Alexander konnte sich bis heute daran erinnern, wie Irina und er die Uhr geholt hatten und dass Irina es nicht fertiggebracht hatte, der alten Dame, die sich von der Uhr trennte, mitzuteilen, dass der Uhrkasten eigentlich �berfl�ssig war; wie sie extra einen Nachbarn hatten bitten m�ssen, beim Verladen des kompletten Uhrkastens zu helfen, und wie der riesige Kasten, den sie nur zum Schein abtransportierten, aus dem Kofferraum des kleinen Trabbi herausgeragt hatte, sodass das Auto vorn fast die Bodenhaftung verlor � im Gegensatz zum totalrenovierten Wohnzimmer war in Kurts Zimmer noch alles, und zwar auf gespenstische Weise, beim Alten:</p><p>Der Schreibtisch stand schr�g vor dem Fenster � vierzig Jahre lang war er nach jeder Renovierung wieder genau in die Druckstellen im Teppich gestellt worden. Ebenso die Sitzecke mit Kurts gro�em Sessel, in dem er mit krummem R�cken und gefalteten H�nden gesessen und seine Anekdoten erz�hlt hatte. Und auch die gro�e schwedische Wand (wieso eigentlich <emphasis>schwedische</emphasis> Wand?) stand wie eh und je. Die Bretter bogen sich unter der Last der B�cher; hier und da hatte Kurt ein zus�tzliches, farblich nicht ganz passendes Brett eingezogen, aber die kosmische Ordnung war unver�ndert � eine Art letztes Back-up von Kurts Gehirn: Dort standen die Nachschlagewerke, die auch Alexander mitunter benutzt hatte (Aber zur�ckstellen!), dort die B�cher zur russischen Revolution, da in langer Reihe die rostbraunen Lenin-B�nde, und links neben Lenin, in der letzten Abteilung, unter dem Ordner mit der strengen Aufschrift PERS�NLICH, stand noch immer � Alexander h�tte es blindlings herausgreifen k�nnen � das aufklappbare, ramponierte Schachbrett mit den Figuren, die irgendein namenloser Gulag-H�ftling irgendwann einmal geschnitzt hatte.</p><p>Das Einzige, was � abgesehen von neuen B�chern � in vierzig Jahren hinzugekommen war, waren ein paar der urspr�nglich zahlreichen Erinnerungsst�cke, die die Gro�eltern aus Mexiko mitgebracht hatten; das meiste war nach ihrem Tod in einer �berst�rzten Aktion verschenkt und verscherbelt worden, und auch die wenigen Dinge, von denen sich Kurt merkw�rdigerweise nicht hatte trennen wollen, hatten es nicht geschafft, ins �Sammelsirium� aufgenommen zu werden � angeblich aus Platzmangel, in Wirklichkeit aber, weil Irina ihren Hass auf alles, was aus dem Hause der Schwiegereltern kam, nie hatte �berwinden k�nnen. Also hatte Kurt sie �provisorisch� in seine schwedische Wand eingef�gt, und dort waren sie �provisorisch� geblieben, bis heute: Das ausgestopfte Haifischbaby, von dessen rauer Haut Alexander als Kind beeindruckt gewesen war, hatte Kurt mit Geschenkband an einer Regalsprosse aufgeh�ngt; die furchteinfl��ende aztekische Maske lag noch immer mit dem Gesicht nach oben im Vitrinenfach mit den unz�hligen kleinen Schnapsfl�schchen; und die gro�e, gewundene, rosafarbene Muschel, in die Wilhelm � keiner wusste, wie � eine Gl�hbirne eingebaut hatte, stand noch immer ohne Elektroanschluss auf einem der Unterschr�nke.</p><p>Wieder musste er an Markus denken: an seinen Sohn. Musste sich vorstellen, wie Markus hier umging, mit Kapuze und Kopfh�rern in den Ohren � so hatte er ihn das letzte Mal, vor zwei Jahren, gesehen � , musste sich vorstellen, wie Markus vor Kurts B�cherwand stand und die Regalbretter mit den Stiefelspitzen anstupste; wie er die Dinge, die sich in vierzig Jahren hier angesammelt hatten, durch seine H�nde gehen lie� und auf Gebrauchswert oder Verk�uflichkeit pr�fte: Kaum jemand w�rde ihm den Lenin abkaufen; f�r das klappbare Schachbrett bekam er wom�glich noch ein paar Mark. Einzig das ausgestopfte Haifischbaby und die gro�e rosa Muschel w�rden ihn vermutlich interessieren, und er w�rde sie in seiner Bude aufstellen, ohne sich �ber ihre Herkunft Gedanken zu machen.</p><p>F�r eine Sekunde tauchte der Gedanke auf, die Muschel mitzunehmen, um sie dort, wo sie herkam, ins Meer zu werfen � aber dann kam es ihm vor wie eine Szene aus einer Fernsehschmonzette, und er verwarf den Gedanken wieder.</p><p>Er setzte sich an den Schreibtisch und �ffnete die linke T�r. Im mittleren Schubfach ganz hinten, in der uralten ORWO-Fotopapierschachtel, lag, versteckt unter Klebstofftuben, seit vierzig Jahren der Schl�ssel zum Wandsafe � und er lag immer noch da (pl�tzlich hatte Alexander die bl�dsinnige Vorstellung angefallen, der Schl�ssel k�nnte verschwunden sein und seine Pl�ne w�ren im Eimer).</p><p>Er steckte den Schl�ssel vorsichtshalber ein � als ob ihn jetzt noch jemand wegnehmen k�nnte. Trank einen Schluck kalten Kaffee.</p><p>Seltsam, wie winzig Kurts Schreibtisch war. An diesem Tischlein hatte Kurt sein Werk verfasst. Hier hatte er gesessen, in einer medizinisch schwer bedenklichen Sitzhaltung, auf einem Stuhl, der eine ergonomische Katastrophe war, hatte seine Pfeifen geraucht, seinen sauren Filterkaffee getrunken und im Viereinhalb-Finger-System auf seiner Schreibmaschine herumgeh�mmert, tack-tack-tack-tack, Papa arbeitet! Sieben Seiten t�glich, das war seine �Norm�, aber es kam auch vor, dass er zum Mittagessen verk�ndete: Zw�lf Seiten heute! Oder: F�nfzehn! Eine komplette Spalte seiner schwedischen Wand hatte er auf diese Weise zusammengeh�mmert, ein Meter mal drei Meter f�nfzig, alles voll mit dem Zeug, �einer der produktivsten Historiker der DDR�, hatte es gehei�en, und selbst wenn man die Artikel aus den Zeitschriften, in die sie eingebunden waren, und die Beitr�ge aus den Sammelb�nden herausnahm und sie � zusammen mit den zehn oder zw�lf oder vierzehn B�chern, die Kurt verfasst hatte � in eine Reihe stellte, hatte sein Werk noch immer eine Gesamtregalbreite, die fast mit der des Lenin�schen Werks konkurrieren konnte: ein Meter Wissenschaft. F�r diesen Meter Wissenschaft hatte Kurt drei�ig Jahre geschuftet, drei�ig Jahre lang die Familie terrorisiert. F�r diesen Meter hatte Irina gekocht und W�sche gewaschen. F�r diesen Meter hatte Kurt Orden und Auszeichnungen, aber auch R�ffel und einmal sogar eine R�ge von der Partei erhalten, hatte mit den vom ewigen Papiermangel gebeutelten Verlagen um Auflagenh�hen gefeilscht, hatte einen Kleinkrieg um Formulierungen und Titel gef�hrt, hatte aufgeben m�ssen oder hatte mit List und Z�higkeit Teilerfolge erzielt � und nun war alles, alles MAKULATUR.</p><p>So hatte Alexander gedacht. Wenigstens diesen Triumph hatte er nach der Wende geglaubt verbuchen zu k�nnen: Alles das, so hatte er geglaubt, habe sich nun erledigt. Diese angebliche Forschung, dieses ganze halbwahre und halbherzige Zeug, das Kurt da �ber die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zusammengeh�mmert hatte � das alles, so hatte Alexander geglaubt, w�rde mit der Wende hinweggesp�lt, und nichts von Kurts sogenanntem Werk w�rde bleiben.</p><p>Aber dann hatte sich Kurt noch einmal auf seinen katastrophalen Stuhl gesetzt, mit schon fast achtzig, und hatte klammheimlich sein letztes Buch zusammengeh�mmert. Und obwohl dieses Buch kein Welterfolg geworden war � ja, zwanzig Jahre fr�her w�re ein Buch, in dem ein deutscher Kommunist seine Jahre im Gulag beschrieb, m�glicherweise ein Welterfolg geworden (nur war Kurt zu feige gewesen, es zu schreiben!)��, aber auch wenn es kein Welterfolg geworden war, so war es doch, ob man wollte oder nicht, ein wichtiges, ein einzigartiges, ein �bleibendes� Buch � ein Buch, wie es Alexander nicht geschrieben hatte und nun wohl auch nicht mehr schreiben w�rde.</p><p>Wollte er das? Hatte er nicht immer davon geredet, dass er sich zum Theater hingezogen f�hlte, gerade weil Theater etwas Verg�ngliches war? Verg�nglich � klang gut. Solange man keinen Krebs hatte.</p><p>Die M�cken tanzten im Sonnenlicht, Kurt schlief noch immer � dabei hie� es doch, alte Leute schliefen nicht mehr so viel. Alexander beschloss, sich ebenfalls ein wenig hinzulegen.</p><p>Als er schon im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, fiel sein Blick auf den Ordner mit der Aufschrift PERS�NLICH, der ihn schon immer angezogen, den zu �ffnen er aber nie gewagt hatte � obwohl er als Jugendlicher nicht einmal vor der erotischen Fotosammlung seines Vaters zur�ckgeschreckt war. Bis Kurt ein Sicherheitsschloss in die Schrankt�r einbauen lie�.</p><p>Er nahm den Ordner heraus: Zettel, Notizen. Kopien von Dokumenten. Obenauf mehrere Briefe, mit violetter Tinte geschrieben, wie es vor vielen Jahren in Russland �blich gewesen war:</p><p>�Liebste Ira!� (1954)</p><p>Alexander bl�tterte�� Typisch Kurt. Selbst seine Liebesbriefe hatte er akkurat zweiseitig beschrieben, in gestochener Schrift, alle Seiten bis zum Letzten gef�llt, und zwar in gleichm��igem Zeilenabstand, ohne dass die Zeilen am Ende eines Briefes auseinanderr�ckten oder sich dr�ngten oder dass irgendwo der Rand einer Seite zus�tzlich beschrieben war�� Wie hatte der Kerl das gemacht? Und bei alldem die irritierend �berschw�nglichen Anreden, mit denen er Irina �bersch�ttete:</p><p>�Liebe, liebste Irina!� (1959)</p><p>�Meine Sonne, mein Leben!� (1961)</p><p>�Meine geliebte Frau, mein Freund, meine Gef�hrtin!� (1973)</p><p>Alexander stellte den Ordner zur�ck und stieg die Treppen hinauf zu Irinas Zimmer. Er lie� sich auf das gro�e, mit einer Art Teddyb�rfell bezogene Sofa fallen, versuchte ein bisschen zu schlafen. Stattdessen sah er wieder den pockennarbigen Karajan, der sich, wie aufgezogen, in seinem Drehsessel hin und her wiegte. Die Gl�ser seiner Brille blitzten, die Stimme wiederholte immer wieder denselben Satz�� Schluss damit. Er musste an etwas anderes denken. Er hatte einen Entschluss gefasst, es gab nichts mehr zu denken, nichts zu beschlie�en.</p><p>Er �ffnete die Augen. Betrachtete Irinas Kuscheltiere, die auf der Lehne sa�en, ordentlich nebeneinander � so wie die Putzfrau sie aufgereiht hatte: der Hund, der Igel, der Hase mit seinem angekokelten Ohr��</p><p>Und was, wenn sie sich geirrt hatten?</p><p>Absurd, dachte er, dass Irina bis zum Schluss <emphasis>dein Zimmer</emphasis> gesagt hatte. <emphasis>Ihr schlaft oben in deinem Zimmer</emphasis>, der Satz klang ihm pl�tzlich im Ohr. Dabei konnte man sich wohl kaum ein Zimmer vorstellen, das mehr als dieses die perfekte, wenn auch sp�te Verwirklichung eines M�dchentraums darstellte: rosa W�nde. Ein Rokokospiegel, besch�digt, aber echt. Am Fenster stand ein wei� angestrichener Sekret�r, an dem Irina sich gern in nachdenklicher Pose hatte fotografieren lassen. Und die zerbrechlichen Vermutlich-auch-Rokoko-St�hlchen posierten so anmutig im Raum, dass man sich nicht daraufsetzen mochte.</p><p>Und tats�chlich, sobald er sich Irina hier vorzustellen versuchte, sah er sie auf dem Fu�boden sitzen, bei ihren einsamen Orgien, wenn sie ihre kr�chzenden Wyssozki-Kassetten h�rte und sich allm�hlich betrank.</p><p>Und dort das Telefon, noch der DDR-Apparat, der fr�her unten gestanden hatte. Noch derselbe Apparat, in den sie mit tonloser Stimme diese vier Worte gesprochen hatte:</p><p>��Saschenka. Du. Musst. Kommen.</p><p>Vier Worte aus dem Mund einer russischen Mutter, deren ganzer Stolz es gewesen war, ihren Sohn <emphasis>niemals im Leben</emphasis> um irgendetwas gebeten zu haben:</p><p>��Saschenka. Du. Musst. Kommen.</p><p>Und nach jedem Wort ein langes, atmosph�risches Knistern, sodass man versucht war aufzulegen, weil man glaubte, die Leitung sei unterbrochen.</p><p>Und er? Was hatte er gesagt?</p><p>��Ich komme, wenn du aufgeh�rt hast zu trinken.</p><p>Er stand auf, ging zu dem wei� angestrichenen Sekret�r, in dessen un�bersichtlichen Geheimf�chern sie nach Irinas Tod ihre Alkoholvorr�te gefunden hatten. �ffnete ihn, begann wie ein S�chtiger ihn zu durchsuchen. Lie� sich wieder aufs Sofa fallen. Es gab hier keinen Alkohol mehr.</p><p>Oder hatte er �saufen� gesagt? Ich komme, wenn du aufgeh�rt hast zu saufen?</p><p>Vierzehn Tage sp�ter war er zum Beerdigungsinstitut gefahren, um seine Mutter wieder zum Leben zu erwecken�� Nein, er war hingefahren, weil es noch irgendwelche Formalit�ten zu erledigen gab. Aber dann, schon auf der Stra�e, hatte ihn die fixe Idee �berkommen, er k�nnte seine Mutter wiedererwecken, wenn er nur zu ihr <emphasis>sprach</emphasis>. Und nachdem er zweimal um den Block marschiert war und sich die Sache auszureden versucht hatte, war er schlie�lich hineingegangen und hatte seine Mutter zu sehen verlangt und hatte sich auch nicht davon abbringen lassen, als man ihm fachkundig riet, sie doch lieber so in Erinnerung zu behalten, wie sie �im Leben� gewesen war.</p><p>Dann hatte man sie hereingerollt. Ein Vorhang ging zu. Er stand neben einer nachl�ssig zurechtgemachten Leiche, die, zugegeben, seiner Mutter nicht un�hnlich sah (abgesehen von dem zu kleinen Gesicht und den ziehharmonikaartigen F�ltchen auf der Oberlippe), stand neben ihr und wagte nicht, sie anzusprechen vor den beiden Mitarbeitern des Beerdigungsinstituts, die hinter dem Vorhang lauerten, so dicht, dass man ihre Schuhe am unteren Rand des Vorhangs sah. Nur um �berhaupt etwas versucht zu haben, ber�hrte er ihre Hand � und stellte fest, dass sie kalt war: kalt wie ein St�ck Huhn, das man aus dem K�hlschrank nimmt.</p><p>Nein, sie hatten sich nicht geirrt. Es gab ein R�ntgenbild. Es gab ein CT. Es gab Laborwerte. Es war klar: Non-Hodgkin-Lymphom, langsam wachsender Typ. Gegen das es � wie taktvoll ausgedr�ckt!�� bis heute keine wirksame Therapie gebe.</p><p>��Und was hei�t das, in Jahren ausgedr�ckt?</p><p>Und dann drehte sich dieser Mensch eine Ewigkeit auf seinem Stuhl hin und her, mit einem Gesicht, als sei es eine Zumutung, eine solche Frage beantworten zu m�ssen, und sagte:</p><p>��Eine Prognose werden Sie von mir nicht h�ren.</p><p>Und seine Stimme schnarrte � wie der Sauerstoffapparat des alten Mannes in seinem Zimmer.</p><p>Zeitma�e. Zw�lf Jahre: die Wende. Unerreichbare Zeit. Trotzdem versuchte er nachzusp�ren: Was wogen zw�lf Jahre?</p><p>Klar, dass die zw�lf Jahre vor der Wende ihm unverh�ltnism��ig l�nger erschienen als die zw�lf Jahre danach. 1977 � das war eine Ewigkeit! 1989 dagegen � ein Rutsch, eine Stra�enbahnfahrt. Dabei war doch einiges passiert, oder?</p><p>Er war abgehauen und wieder zur�ckgekehrt (wenn auch das Land, in das er zur�ckkehrte, verschwunden war). Er hatte einen ordentlich bezahlten Job bei einem Kampfkunst-Magazin angenommen (und wieder gek�ndigt). Hatte Schulden gemacht (und wieder zur�ckgezahlt). Hatte ein Filmprojekt angezettelt (vergiss es).</p><p>Irina war gestorben: <emphasis>sechs Jahre</emphasis>.</p><p>Er hatte zehn oder zw�lf oder f�nfzehn Theaterst�cke inszeniert (an immer unbedeutenderen Theatern). War in Spanien, Italien, Holland, Amerika, Schweden, �gypten gewesen (aber nicht in Mexiko). Hatte eine unbestimmte Anzahl Frauen gev�gelt (deren Namen er nicht mehr zusammenbrachte). Hatte sich � nach einer Zeit des Umherstreunens � wieder auf so etwas wie eine feste Beziehung eingelassen��</p><p>Marion kennengelernt: <emphasis>drei Jahre.</emphasis></p><p>Kam ihm aber jetzt gar nicht so kurz vor.</p><p>Ihm fiel ein, dass er ihr hatte Bescheid sagen wollen. Immerhin war sie die Einzige, die ihn besucht hatte � obwohl er sich auch ihren Besuch ausdr�cklich verbeten hatte. Allerdings musste er zugeben, dass es dann gar nicht so schlimm gewesen war. Nein, sie war nicht, wie er bef�rchtet hatte, �bertrieben f�rsorglich gewesen. Hatte ihn nicht mit irgendwelchen Spr�chen aufzuheitern versucht. Hatte ihm keine Blumen mitgebracht. Sondern Tomatensalat. Woher wusste sie, worauf er gerade Appetit hatte? Woher wusste sie, dass er geradezu panische Angst davor gehabt hatte, im Krankenhaus Blumen geschenkt zu bekommen?</p><p>Anders gefragt: Warum war er eigentlich nicht imstande, Marion zu lieben? War sie zu alt? So alt wie er selbst. Lag es an den zwei oder drei blauen �derchen, die an ihren Oberschenkeln durchschimmerten? Lag es an ihm?</p><p>�Liebste, allerliebste Irina!�� Meine Sonne, mein Leben!�</p><p>Nie hatte er einer Frau je so geschrieben. War das altmodisch? Oder hatte Kurt Irina geliebt? Hatte dieser alte, pedantische Hund, hatte diese Maschine Kurt Umnitzer es fertiggebracht zu <emphasis>lieben</emphasis>?</p><p>Bei diesem Verdacht wurde Alexander so �bel, dass er aufstehen musste.</p><p>Es war kurz nach halb drei, als er die Treppe hinabstieg. Kurt schlief noch. Marion, wusste er, war in der G�rtnerei: zu fr�h, um sie anzurufen. Stattdessen rief er die Auskunft an. Eigentlich hatte er direkt zum Flughafen fahren wollen. Aber jetzt rief er an, lie� sich gleich von der Auskunft verbinden, wurde weiterverbunden, landete schlie�lich an der richtigen Stelle und z�gerte doch, als sich herausstellte, dass die Buchung eines Fluges ohne weiteres f�r morgen m�glich war. Vorausgesetzt, er besa� eine Kreditkarte.</p><p>Besa� er.</p><p>��Also, soll ich nun buchen oder nicht, fragte die Dame am anderen Ende, nicht unh�flich, aber doch in einem Ton, der ausdr�ckte, dass sie sich nicht ewig mit dieser Lappalie aufhalten wollte.</p><p>��Ja, sagte er und gab seine Kreditkartennummer durch.</p><p>Als er den H�rer auflegte, war es 14:�46�Uhr. Er blieb einen Augenblick im Halbdunkeln stehen, wartete darauf, dass ein Gef�hl hinterherkam � kam aber nicht. Nur die Melodie fiel ihm ein � von Oma Charlottes uralter Schellackplatte, die ihm beim Umzug auf den Gehweg gefallen und in tausend St�cke zersprungen war:</p><p><emphasis>Mexico lindo y querido</emphasis></p><p><emphasis>si muero lejos de ti��</emphasis></p><p>Die �Goldene Gr�te�. Wie ging es weiter? Wusste er nicht mehr. Ob man so was in Mexiko noch bekam? Nach einem halben Jahrhundert?</p><p>Er ging in den �blauen Sarg�, sammelte seine Kaffeetasse ein, brachte sie in die K�che. Blieb kurz am K�chenfenster stehen, warf einen Blick in den Garten. Suchte, als sei er ihr wenigstens diese Sekunde des Andenkens schuldig, im hohen, goldenen Gras die Stelle, wo Baba Nadja einst stundenlang in geb�ckter Haltung gestanden und ihre Gurkenbeete besorgt hatte�� Sah aber nichts. Baba Nadja blieb spurlos verschwunden.</p><p>Er holte den Werkzeugkasten aus der Kammer und ging in Kurts Zimmer.</p><p>Zuerst nahm er das alte Schachbrett heraus, das links neben Lenin stand, klappte es auf. �ffnete den Ordner mit der Aufschrift PERS�NLICH. Griff einen Packen Papiere, gerade so viel, wie in das aufklappbare Schachbrett passte. Legte ihn hinein. Holte eine gro�e wei�e Plastikt�te aus der K�che. Steckte das Schachbrett hinein. Ganz automatisch. Ruhig, sicher, als h�tte er das lange geplant.</p><p>Das Geld, dachte er, w�rde er nachher auch in die T�te stecken.</p><p>Dann w�hlte er den breiten, oft schon missbrauchten Stechbeitel aus dem Werkzeugkasten, schlug ihn in den T�rspalt des mit dem Sicherheitsschloss versperrten Unterschranks. Es krachte, Holz splitterte ab. Schwieriger als gedacht. Er musste s�mtliche Schubf�cher aus der anderen H�lfte des Unterschranks ziehen, bis die Zwischenwand so weit nachgab, dass die T�r aufsprang: Fotos. Ein erotisches Kartenspiel. Videos. Ein paar einschl�gige Magazine�� Und da war sie, er hatte sich nicht geirrt: die lange rote Plastikschachtel mit Dias. Nur ein einziges Mal hatte er die Schachtel ge�ffnet, hatte das erstbeste Dia gegen das Licht gehalten, seine Mutter erkannt, halb nackt, in eindeutiger Pose � und das Dia eilends zur�ck in die Schachtel gesteckt.</p><p>Er holte den W�schekorb aus dem Bad und packte alles hinein.</p><p>Der einzige Ofen, der in der Wohnung verblieben war, stand im gro�en Zimmer. Er war jahrelang nicht mehr geheizt worden. Alexander holte Zeitungspapier, zwei h�lzerne Buchst�tzen aus Kurts schwedischer Wand, es waren die Eulen, und das Brat�l aus der K�che. Tr�nkte das Zeitungspapier darin. Z�ndete das Ganze an��</p><p>Pl�tzlich stand Kurt in der T�r. Freundlich, ausgeschlafen. Die d�nnen Beinchen ragten aus seinen Windelhosen heraus. Seine Haare standen kreuz und quer wie die �ste des Apfelbaums drau�en. Neugierig tapste Kurt n�her.</p><p>��Ich verbrenne deine Fotos, sagte Alexander.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>��H�r zu, Vater, ich werde wegfahren. Verstehst du? Ich fahre weg, und ich wei� noch nicht, f�r wie lange. Verstehst du?</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>��Deswegen verbrenne ich das. Damit es niemand hier findet.</p><p>Kurt schien nichts ungew�hnlich zu finden. Er hockte sich zu Alexander neben den Korb, schaute hinein. Das Feuer kam jetzt in Gang, und Alexander begann, die Spielkarten einzeln hineinzuwerfen. Dann die Fotos, die Magazine�� Die Videos, dachte er, w�rde er nachher in die M�lltonne werfen, aber die Dias mussten verbrannt werden. Nur, wo war die Schachtel?</p><p>Er sah auf: Kurt hielt die Schachtel in den H�nden. Reichte sie ihm.</p><p>��Und? Was soll ich damit, fragte Alexander.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>��Wei�t du, was das ist, fragte Alexander.</p><p>Kurt �berlegte angestrengt, rieb sich die Schl�fe, wie fr�her, wenn er nach Worten gesucht hatte. Als w�rde er durch die Reibung elektrische Energie in seinem Gehirn erzeugen wollen, einen letzten Impuls.</p><p>Dann sagte er pl�tzlich:</p><p>��Irina.</p><p>Alexander sah Kurt an, sah ihm in die Augen. Er hatte blaue Augen. Hellblau. Und jung. Viel zu jung f�r das zerfurchte Gesicht.</p><p>Er nahm ihm die Schachtel ab, klopfte die Dias heraus. Warf sie, jeweils eine Handvoll, ins Feuer. Sie verbrannten ger�uschlos und rasch.</p><p>Er zog Kurt an, k�mmte ihn, rasierte noch rasch die Stellen nach, wo die Pflegerin Stoppeln gelassen hatte. Dann machte er Kaffee (f�r Kurt, aus der Kaffeemaschine). Fragte nicht erst, ob Kurt Kaffee trinken wollte. Dann war der Spaziergang dran, Kurt rannte schon zur T�r wie ein Hund, der die Regeln kennt und sein Recht fordert.</p><p>Sie gingen Kurts Runde: <emphasis>zur Post</emphasis>, wie es fr�her hie�, obwohl der Weg zur Post nur ein Bruchteil von Kurts t�glicher Strecke war; dennoch hatte Kurt sich stets mit den Worten <emphasis>Ich geh mal zur Post</emphasis> zu seinem Spaziergang abgemeldet � und auch als er l�ngst nichts mehr zur Post zu bringen hatte, fuhr er fort, <emphasis>zur Post</emphasis> zu gehen, und dieser Kurt�schen Pedanterie, immerhin, verdankten sich die siebenundzwanzigtausend Mark im Wandsafe. Denn eine Zeitlang hatte Kurt noch seine Geheimzahl gekannt und war in der Lage gewesen, Geld aus dem Automaten zu ziehen, und da er sonst nichts auf der Post zu erledigen hatte, zog er eben Geld. Immer tausendmarkweise. Einmal hatte er achttausend Mark in der Brieftasche gehabt. Alexander hatte das Geld genommen und in den Safe gelegt. Und so war er der Einzige, der von dem Geld wusste.</p><p>Sie gingen den Fuchsbau entlang, vorbei an den Nachbarh�usern, deren Bewohner Alexander einmal alle pers�nlich gekannt hatte: Hier hatte Horst M�hlich gewohnt, der Wilhelm zeitlebens f�r einen sowjetischen Meisterspion gehalten und bis zum Schluss zu den Verfechtern der Theorie von Wilhelms Ermordung geh�rt hatte; dort war das Haus von Stasi-Bunke, der nach der Wende noch ein paar Jahre im Garten Gem�se gez�chtet und immer freundlich �ber den Zaun gegr��t hatte, bevor er ger�uschlos verschwand; dort hatte Sportlehrer Schr�ter gewohnt; dort der aus dem Westen gekommene Arzt; und da, schlie�lich, am Ende der Stra�e, war das Haus seiner Gro�eltern. Es war bereits �r�ck�bertragen�. Jetzt wurde es von den Enkeln des ehemaligen Besitzers bewohnt, eines mittleren Nazis, der mit der Fabrikation von Scherenfernrohren f�r die Wehrmacht reich geworden war. Die Erben hatten das Haus renoviert und neu angestrichen. Die pr�chtige Natursteinterrasse, die Wilhelm durch �berm��iges Betonieren zum Einsturz gebracht hatte, war wieder instand gesetzt. Und der neu verglaste und mit allerlei Fensterschmuck ausgestattete Wintergarten sah so fremd aus, dass es Alexander schwerfiel zu glauben, dass er wirklich mit seiner Gro�mutter Charlotte dort gesessen und ihren mexikanischen Geschichten gelauscht hatte.</p><p>Dann bogen sie in den Steinweg ein, Kurt schniefend, nach vorn gebeugt, aber Schritt haltend. Hier, auf dem glatten Asphalt, waren sie fr�her Rollschuh gelaufen und hatten mit Kreide auf der Stra�e gemalt. Dort war der Fleischer gewesen, wo Irina blindlings die schon im Hinterzimmer gepackten Pakete gekauft hatte. Dort die �Volksbuchhandlung�, jetzt Reiseb�ro. Und dort der Konsum, Betonung auf der ersten Silbe (und tats�chlich hatte es mit Konsum wenig zu tun), wo es vor sehr langer Zeit � Alexander konnte sich gerade noch daran erinnern � Milch auf Marken gegeben hatte.</p><p>Und da war die Post.</p><p>��Die Post, sagte Alexander.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>Dann sagten sie nichts mehr.</p><p>Sie stiegen den H�gel zum alten Wasserturm hoch. Von hier aus hatte man einen sch�nen Blick auf die Havel. Sie setzten sich auf die Bank und schauten lange in den allm�hlich sich r�tenden Himmel.</p></section><section><title><p><strong>1952</strong></p></title><p>�ber Neujahr waren sie ein paar Tage an der Pazifikk�ste gewesen. Ein Kaffeelaster brachte sie von dem kleinen Flugplatz nach Puerto Angel. Ein Bekannter hatte den Ort empfohlen: romantisches Dorf, malerische Bucht mit Felsen und Fischerbooten.</p><p>Tats�chlich war die Bucht malerisch. Abgesehen von der betonierten Kaffeeverladerampe.</p><p>Der Ort selbst: zwanzig oder f�nfundzwanzig H�uschen, eine verschlafene Poststelle und ein Kiosk, an dem es alkoholische Getr�nke gab.</p><p>Das einzige zu mietende Objekt war eine winzige, immerhin mit Ziegeln gedeckte H�tte (die die spanischst�mmige Vermieterin �Bungalow� nannte). Darin stand, unter einem von der Decke herabh�ngenden Moskitonetz (das die Vermieterin �Pavillon� nannte), ein Eisenbett. Daneben zwei Nachttischchen. An ein paar hier und da in die Pfosten eingeschlagenen N�geln hingen Kleiderb�gel.</p><p>Vor dem �Bungalow� gab es eine �berdachte Terrasse mit zwei wackligen Liegest�hlen und einem Tisch.</p><p>��Ach, wie sch�n, sagte Charlotte.</p><p>Sie ignorierte die Flederm�use, die kopf�ber unter dem Dachvorsprung hingen, also im Grunde mitten im Zimmer, da, wie hier �blich, zwischen Wand und Dach ein handbreiter Spalt klaffte. Sie �bersah das gro�e, scheckige Schwein, das durch den Garten streunte und rings um den Verschlag, den die Vermieterin Bad nannte, die Erde aufw�hlte.</p><p>��Ach, wie sch�n, sagte sie. Hier werden wir uns erholen.</p><p>Wilhelm nickte und lie� sich ersch�pft im Liegestuhl nieder. Seine Hosenbeine rutschten hoch und gaben ein St�ck seiner d�rren, blassen Waden frei. Ohnehin mager, hatte er in den letzten Wochen noch einmal f�nf Kilo abgenommen. Seine eckigen Gliedma�en sahen aus wie der Liegestuhl, in dem er sa�.</p><p>��Wir machen ein paar sch�ne Ausfl�ge in die Umgebung, versprach Charlotte.</p><p>Allerdings stellte sich heraus, dass es so gut wie keine �Umgebung� gab.</p><p>Einmal fuhren sie � mit einem Kaffeelaster � ins nahegelegene Pochutla und besuchten den chinesischen Kolonialwarenladen. Wilhelm stakste abwesend durch das �ber und �ber vollgestopfte Gesch�ft und blieb vor einer gro�en, polierten Schneckenmuschel stehen.</p><p>��F�nfundzwanzig Pesos, sagte der Chinese.</p><p>Das war allerhand.</p><p>��So eine wolltest du doch, sagte Charlotte.</p><p>Wilhelm zuckte mit den Schultern.</p><p>��Wir kaufen sie, sagte Charlotte.</p><p>Sie bezahlte, ohne �ber den Preis zu verhandeln.</p><p>Ein anderes Mal gingen sie zu Fu� bis Mazunte. Die Str�nde waren mehr oder weniger alle gleich, mit dem Unterschied, dass der Strand in Mazunte von dunklen Flecken �bers�t war. Den Grund daf�r erkannten sie bald, n�mlich als sie sahen, wie die Fischer eine gewaltige Wasserschildkr�te bei lebendigem Leibe aus ihrem Panzer l�sten.</p><p>Nach Mazunte gingen sie nicht wieder. Auch a�en sie keine Schildkr�tensuppe mehr.</p><p>Dann war endlich Silvester. Die M�nner des Dorfes hatten tagelang und unter gro�em Geschrei Kaffee verladen. Jetzt hatte man ihnen ihren Lohn ausgezahlt. Gegen drei Uhr waren alle betrunken und gegen sechs bewusstlos. Es wurde still im Dorf. Nichts r�hrte sich, niemand war zu sehen. Wie jeden Abend hatten Charlotte und Wilhelm sich ein kleines Feuer gemacht, von dem Holz, das der <emphasis>mozo</emphasis> ihnen f�r ein paar Pesos sammelte.</p><p>Es wurde fr�h dunkel, die Abende waren lang.</p><p>Wilhelm rauchte.</p><p>Das Feuer knisterte.</p><p>Charlotte tat so, als interessiere sie sich f�r die Flederm�use, die lautlos wie Sternschnuppen im Schein des Feuers vorbeihuschten.</p><p>Um zw�lf Uhr tranken sie Champagner aus Wassergl�sern, und jeder a� seine Weinbeeren auf: ein hiesiger Brauch, zum Jahreswechsel zw�lf Weinbeeren zu essen. Zw�lf W�nsche � einer f�r jeden Monat.</p><p>Wilhelm a� alle Beeren auf einmal.</p><p>Charlotte w�nschte sich zuallererst, dass Werner am Leben sei. Daf�r verbrauchte sie gleich drei Beeren. Kurt lebte, von ihm hatte sie inzwischen Post. Er war, aus Gr�nden, die er im Brief nicht erw�hnte, irgendwo im Ural gelandet, inzwischen verheiratet dort. Nur von Werner � nichts. Trotz der Bem�hungen Dretzkys. Trotz der Suchanfrage beim Roten Kreuz. Trotz der Antr�ge, die sie beim sowjetischen Konsulat gestellt hatte � den ersten schon vor sechs Jahren:</p><p>��Bewahren Sie Ruhe, B�rgerin. Alles geht seinen Gang.</p><p>��Genosse, ich bin Mitglied der Kommunistischen Partei, und das Einzige, worum ich bitte, ist zu erfahren, ob mein Sohn lebt.</p><p>��Dass Sie Mitglied der Kommunistischen Partei sind, hei�t nicht, dass Sie Sonderrechte genie�en.</p><p>Das Schweinsgesicht. Erschie�en sollen sie dich. Da hatte sie die Beere zerbissen.</p><p>Dann schon lieber Ewert und Radovan: je eine Beere.</p><p>Eine Beere, um die Strafe in Typhus umzuwandeln. In heilbaren Typhus. Eine, um die Typhusepidemie auf Ewerts Frau Inge auszudehnen, die neuerdings Chefredakteur war.</p><p>Auf einmal waren es nur noch drei Beeren. Jetzt hie� es haushalten.</p><p>Die zehnte: Gesundheit f�r all ihre Freunde � wer war das?</p><p>Die elfte: f�r alle Verschollenen. Wie jedes Jahr.</p><p>Und die zw�lfte Beere�� zerbiss sie einfach. Ohne sich etwas zu w�nschen. Pl�tzlich war es geschehen.</p><p>Im �brigen war es zwecklos. F�nf Mal schon hatte sie sich gew�nscht, dass sie im kommenden Jahr nach Deutschland zur�ckkehrten. Gen�tzt hatte es nichts, sie sa�en immer noch hier.</p><p>Sie sa�en hier � w�hrend dr�ben, im neuen Staat, die Posten verteilt wurden.</p><p>Zwei Tage sp�ter flogen sie zur�ck nach Mexiko-Stadt. Am Mittwoch war Redaktionssitzung, wie immer. Wilhelm war zwar aus der Leitung der Gruppe abgew�hlt, hatte aber seine bisherigen Funktionen bei der <emphasis>Demokratischen Post</emphasis> behalten: Er machte die Abrechnung, verwaltete die Kasse, half beim Umbruch und bei der Verteilung der auf ein paar hundert Exemplare geschrumpften Auflage.</p><p>Aber auch Charlotte f�hlte sich zur Teilnahme verpflichtet. Die Redaktionssitzung war einmal die Woche, und man wusste nicht recht, ob sie nicht gleichzeitig auch Parteiversammlung war. Je kleiner die Gruppe wurde, desto mehr vermischte sich alles: Parteizelle, Redaktionskomitee, Gesch�ftsf�hrung.</p><p>Sieben waren noch �brig. Drei davon waren die �Leitung�. Das hei�t: zwei � seit Wilhelm abgew�hlt worden war.</p><p>Charlotte hatte M�he, die Sitzung durchzuhalten, sa� gekr�mmt am Ende des Tisches und war kaum in der Lage, Radovan in die Augen zu schauen. Inge Ewert redete dummes Zeug, kannte nicht mal die Breite des Satzspiegels, verwechselte Kolumne und Signatur, aber Charlotte unterdr�ckte jeden Impuls, sich einzumischen oder einen Vorschlag zu machen, und in dem Artikel, den man ihr zum Korrekturlesen gab, �bersah sie absichtlich Druckfehler, damit die Genossen in Berlin auch wahrnahmen, auf welches Niveau die Zeitschrift gesunken war, seit man sie als Chefredakteur abgel�st hatte.</p><p>Wegen �Versto�es gegen die Parteidisziplin�. Sodass Charlotte keinen anderen Weg gesehen hatte, als ihrerseits einen Bericht an Dretzky zu schicken. Ihr �Versto� gegen die Parteidisziplin� hatte n�mlich haupts�chlich darin bestanden, dass sie am 8.�M�rz, am Frauentag, eine W�rdigung des neuen Gleichberechtigungsgesetzes der DDR gebracht hatte, obwohl der Vorschlag mehrheitlich als �uninteressant� abgelehnt worden war. <emphasis>Das</emphasis> war der eigentliche Skandal.</p><p>Sie f�gte hinzu, dass Ewert in der Friedensfrage eine �def�tistische Haltung� einnahm und dass Radovan in der f�r die politische Arbeit in Mexiko besonders sensiblen Judenfrage (die <emphasis>Demokratische Post</emphasis> hatte noch immer viele b�rgerliche, j�dische Leser) gegen die Linie verstie�, die Dretzky, als er noch in Mexiko war, begr�ndet hatte.</p><p>Das war unfair, sie wusste es. Aber war es fair, ihr einen �Versto� gegen die Parteidisziplin� vorzuwerfen?</p><p>��Kannst du bis Anfang Februar etwas f�r die Kulturseite liefern?</p><p>Radovans Stimme.</p><p>��Eineinhalb Normseiten, regionaler Bezug.</p><p>Charlotte nickte und kritzelte etwas in ihren Kalender. Hie� das, sie war f�r den politischen Teil nicht mehr zuverl�ssig genug?</p><p>Abends badete sie � fast schon eine Gewohnheit am Tag der Redaktionssitzung.</p><p>Am Donnerstag und am Freitag gab sie Nachhilfeunterricht, Englisch und Franz�sisch, jeweils drei Stunden (und verdiente an zwei Tagen mehr als Wilhelm in einer Woche bei der <emphasis>Demokratischen Post</emphasis>).</p><p>In der �brigen Zeit, bevor Wilhelm nach Hause kam, baumelte sie auf dem Dachgarten in der H�ngematte, lie� sich vom Hausm�dchen N�sse und Mangosaft bringen und schm�kerte in B�chern �ber pr�kolumbianische Geschichte: wegen des Artikels f�r die Kulturseite, so hie� die Ausrede, die ihr niemand abverlangte.</p><p>Am Wochenende las Wilhelm, wie stets, das <emphasis>Neue Deutschland</emphasis>, das immer im Packen und mit vierzehnt�giger Versp�tung aus Deutschland kam. Da er weder Spanisch noch Englisch konnte, war das <emphasis>ND</emphasis> sein einziger Lesestoff. Er las jede Zeile und war, mit Ausnahme von zweimal einer halben Stunde, die er mit dem Hund spazieren ging, bis zum sp�ten Abend besch�ftigt.</p><p>Charlotte k�mmerte sich um den Haushalt: Sie besprach mit Gloria, dem Hausm�dchen, den Speiseplan f�r die kommende Woche, sah Rechnungen durch und goss ihre Blumen. Seit langem z�chtete sie auf der Dachterrasse eine K�nigin der Nacht. Sie hatte sie vor Jahren gekauft, in der zwiesp�ltigen Hoffnung, dass sie nie sehen w�rde, wie sie bl�hte.</p><p>Am Montag rannte Wilhelm gleich fr�h in die Druckerei, und Charlotte rief Adrian an und verabredete sich mit ihm gegen Mittag.</p><p>Schon lange hatte Adrian ihr die Kolossalstatue der Coatlicue zeigen wollen. Er hatte ihr oft von der aztekischen Erdg�ttin erz�hlt, und sie kannte bereits ein Foto: eine grausige Figur. Ihr Gesicht war auf merkw�rdige Weise aus zwei im Profil zu sehenden Schlangenk�pfen zusammengesetzt, sodass je ein Auge und zwei Z�hne einer der Schlangen geh�rten. Aus ihrem Scho� schaute der totensch�delartige Kopf ihres Sohnes Huitzilopochtli hervor. Um den Hals trug sie eine Kette aus abgehauenen H�nden und herausgerissenen Herzen: Symbol der Opferriten der alten Azteken.</p><p>Man habe sie vor mehr als hundertf�nfzig Jahren unter dem Pflaster des Z�calo gefunden, sagte Adrian, w�hrend er an seinem Kaffee nippte und Charlotte ansah wie vor einer Pr�fung.</p><p>Sie war zum ersten Mal in der Universit�t. Alles, selbst die Kaffeetassen in Adrians B�ro, erschienen ihr heilig. Und Adrian selbst schien ihr noch imposanter, seine Stirn vergeistigt, seine H�nde noch feiner als sonst.</p><p>��1790 hat man sie ausgegraben und in die Universit�t gebracht, sagte Adrian. Aber der damalige Rektor entschied, sie wieder am Z�calo vergraben zu lassen. Drei Mal hat man sie wieder vergraben � so unertr�glich fand man ihr Antlitz. Und auch danach stand sie noch jahrzehntelang hinter einer Leinwand und wurde Besuchern nur als eine Art Abstrusum gezeigt.</p><p>Sie folgte Adrian durch ein Labyrinth von G�ngen und Treppen, dann standen sie im Innenhof, Adrian drehte Charlotte sanft um � und sie sah auf die F��e von Coatlicue. Sie hatte eine mannshohe Statue erwartet. Vorsichtig wanderte ihr Blick hinauf bis in vier Meter H�he. Sie schloss die Augen, wandte sich ab.</p><p>��Ihre Sch�nheit, sagte Adrian, besteht darin, dass das Grauen in der �sthetischen Form gebannt ist.</p><p>Im Januar schrieb sie zwei Normseiten �ber die Dialektik des Sch�nheitsbegriffs in der Kunst des aztekischen Volkes.</p><p>Im Februar wurde ihr Artikel vom gesamten Redaktionskomitee einschlie�lich Wilhelms als <emphasis>zu theoretisch</emphasis> abgelehnt.</p><p>Im M�rz begann es v�llig unplanm��ig zu regnen, und Adrian machte ihr einen Heiratsantrag.</p><p>Sie hatte nichts mit Adrian. Allerdings hatte sie auch nichts mit Wilhelm, der seit seiner Abwahl aus der Parteileitung sexuell inaktiv war.</p><p>Sie sa�en auf den Treppenstufen der Sonnenpyramide von Teotihuac�n, wohin sie, nicht zum ersten Mal, mit Adrian gefahren war. Charlotte blickte �ber die tote Stadt hinweg auf die weite, h�glige Landschaft, die sich Tal von Mexiko nannte, obwohl sie in Wirklichkeit zweitausend Meter hoch lag, und glaubte pl�tzlich, dass sie in der Lage sei, <emphasis>den ganzen Dreck hinzuschmei�en</emphasis>.</p><p>Stattdessen: einmal im Leben die K�nigin der Nacht bl�hen sehen.</p><p>Aber als sie an diesem Abend nach Hause kam und Wilhelm neben dem Hund auf dem Fu�boden sitzen sah, wusste sie, dass es unm�glich war.</p><p>Und davon abgesehen: W�rde sie je ihre S�hne wiedersehen, wenn sie in Mexiko blieb?</p><p>Und davon abgesehen: Hatte sie wirklich vor, den Rest ihres Lebens Kinder reicher Leute zu unterrichten? Oder die Hausangestellten eines verwitweten Universit�tsprofessors zu kommandieren?</p><p>Und davon abgesehen: mit neunundvierzig!</p><p>Im April kam ein Brief von Dretzky, komischerweise datiert auf den ersten April. Wie sie dem Briefkopf entnahm, war Dretzky inzwischen Staatssekret�r im Bildungsministerium. Er ging mit keiner Silbe auf Charlottes Bericht ein. Vielmehr teilte er mit, dass zwei Einreisevisa im sowjetischen Konsulat f�r sie bereitl�gen, und bat sie, umgehend die R�ckreise anzutreten, um f�r ihre neuen Aufgaben zur Verf�gung zu stehen: Charlotte sollte als <emphasis>Direktorin</emphasis> das Institut f�r Literatur und Sprachen an der demn�chst zu gr�ndenden Akademie f�r Staats- und Rechtswissenschaft �bernehmen, und Wilhelm, welcher, wie Dretzky schrieb, als sogenannter Westemigrant nicht, wie es sein Wunsch gewesen w�re, in den neuen Geheimdienst �bernommen werden durfte � Wilhelm sollte <emphasis>Verwaltungsdirektor</emphasis> der Akademie werden.</p><p>An diesem Abend gingen sie durch den Almeda-Park, lie�en sich im Strom der Menschen treiben. Von fern t�nte eine Mariachi-Kapelle her�ber, und sie a�en Tortillas mit K�rbisbl�ten wie fr�her.</p><p>Aber es war nicht wie fr�her.</p><p>Drei berittene Polizisten bewegten sich langsam, wie in Zeitlupe, durch die Menge. Alle hatten gro�e, schwere Sombreros auf, so gro� und schwer, dass sie sie eher balancierten als trugen, was den drei Reitern ein w�rdiges und zugleich l�cherliches Aussehen gab. Die Repr�sentanten der Staatsmacht, die ihnen vor zw�lf Jahren das Leben gerettet hatte�� Abwegige Idee: dass alles blo� ein Aprilscherz war. Aber war es nicht auch abwegig, dachte Charlotte, dass Dretzky Wilhelm zum Verwaltungsdirektor einer Akademie machen wollte? Wilhelm hatte nicht die geringste Ahnung von Verwaltung. Wilhelm hatte, im Grunde genommen, von nichts eine Ahnung. Wilhelm war Schlosser, sonst gar nichts.</p><p>Zwar war er tats�chlich einmal � auf dem Papier � Co-Direktor der <emphasis>L�ddecke &amp; Co. Import Export</emphasis> gewesen. Aber erstens hatte er dies � aufgrund einer lebensl�nglichen Geheimhaltungsverpflichtung � nicht einmal in seinem von der Partei verlangten Lebenslauf angegeben. Und zweitens war L�ddecke Import Export nicht mehr als eine von den Russen finanzierte Scheinfirma gewesen, die dem Geheimdienst der KOMINTERN zum Schmuggel von Menschen und Material diente.</p><p>In Mexiko hatte Wilhelm ewig gebraucht, um eine Arbeit zu finden, und was er schlie�lich fand, war eine � wenngleich gutbezahlte � Anstellung als Leibw�chter eines Diamantenh�ndlers, die, abgesehen davon, dass es gegen Wilhelms proletarische Ehre verstie�, Leben und Eigentum eines Million�rs zu bewachen, vor allem deswegen deprimierend war, weil Wilhelm stets das Gef�hl hatte, dass er f�r seine Dummheit bezahlt wurde. Mendel Eder hatte ihn angestellt, nicht obwohl, sondern weil er kein Spanisch sprach und es dem H�ndler durchaus gelegen kam, wenn ein Taubstummer neben ihm sa�, w�hrend er seine Verhandlungen f�hrte.</p><p>Erst sp�t, als die meisten Exilanten schon wieder in Deutschland waren, hatte Wilhelm begonnen, f�r die <emphasis>Demokratische Post</emphasis> zu arbeiten, aber auch wenn er in seinem Lebenslauf �Gesch�ftsf�hrer der Demokratischen Post� als letzte Arbeitsstelle angegeben (und die Anstellung bei Eder zu �Frachtdienst Firma Eder� herunterstilisiert) hatte, musste Dretzky doch wissen, dass die Erstellung der Spendenabrechnung f�r die <emphasis>Demokratische Post</emphasis> nicht im Entferntesten mit der Verwaltung einer ganzen Akademie zu vergleichen war.</p><p>��Dann bin ich jetzt ja gewisserma�en dein Vorgesetzter, sagte Wilhelm und klopfte eine Zigarette aus seiner Schachtel.</p><p>��Wohl kaum, sagte Charlotte.</p><p>Was ging in diesem Kopf vor?</p><p>Schon mehrmals war ihnen die R�ckkehr in Aussicht gestellt worden, aber immer war am Ende etwas dazwischengekommen. Zuerst war es am Durchreisevisum f�r die USA gescheitert. Dann war kein Geld mehr in der Reisekasse, weil andere Genossen wichtiger gewesen waren. Dann behauptete das sowjetische Konsulat, dass keine Papiere f�r sie vorl�gen. Und schlie�lich hie� es, sie h�tten die Erlaubnis zur Einreise wiederholt nicht genutzt, sodass sie sich nun gedulden m�ssten.</p><p>Aber dieses Mal schien es anders zu laufen. Tats�chlich wurden ihnen auf dem Konsulat Einreisevisa ausgeh�ndigt. Sie bekamen eine direkte Schiffspassage, sogar mit Rabatt. Obendrein wurde Wilhelms Billett (warum ausgerechnet Wilhelms?) aus der Parteikasse erstattet � obgleich sie inzwischen genug Geld gehabt h�tten, um die �berfahrt selbst zu bezahlen.</p><p>Charlotte begann sich um die Aufl�sung des Haushalts zu k�mmern, k�ndigte Vertr�ge und verkaufte die K�nigin der Nacht mit Verlust zur�ck an den Blumenladen. Es war erstaunlich viel zu erledigen, und erst jetzt merkte sie, wie sehr sie in das hiesige Leben verstrickt war; jedes Buch, dessen Mitnahme sie erwog, jede Muschel, jedes Fig�rchen, das sie vorsichtig in Zeitungspapier wickelte oder wegzuwerfen sich entschloss � alles war mit Erinnerungen an ein St�ck Leben verbunden, das nun zu Ende ging. Aber gleichzeitig, w�hrend sie alles und jedes auf seine Brauchbarkeit im neuen Leben pr�fte, begann auch ein Bild dieses neuen Lebens in ihr zu entstehen.</p><p>Sie erwarben f�nf gro�e Schrankkoffer, setzten einen Teil ihres kleinen Verm�gens in Silberschmuck um und kauften von dem Rest verschiedene Dinge, von denen sie annahmen, dass sie im Nachkriegsdeutschland schwer zu bekommen waren, so beispielsweise eine Schweizer Reiseschreibmaschine (allerdings ohne �߻), zwei Garnituren ausgesprochen praktischen Hartplastikgeschirrs, einen Toaster, zahlreiche Baumwolldecken mit indianischen Mustern, f�nfzig Dosen des ebenfalls sehr praktischen Nescaf�s, f�nfhundert Zigaretten, au�erdem in reichlichem Umfang Kleidung, von der sie glaubten, dass sie sowohl dem Klima als auch ihrem neuen gesellschaftlichen Status entsprach. Statt heller, luftiger Sommersachen probierte Charlotte nun hochgeschlossene Blusen und dezente Kost�me in verschiedenen Graut�nen an; sie lie� sich eine Dauerwelle machen und besorgte sich eine schlichte, aber elegante Brille, deren schmales schwarzes Gestell ihrem Gesicht eine glaubw�rdige Strenge verlieh, wenn sie vor dem Spiegel den Blick einer Institutsdirektorin probierte.</p><p>So, zwar in alter Kleidung, aber mit neuer Brille und neuer Frisur, traf sie sich noch einmal, ein letztes Mal, mit Adrian. Sie gingen, wie schon oft, in ein kleines Restaurant in Tacubaya, dessen einziger Nachteil darin bestand, dass das sowjetische Konsulat in der N�he war. Adrian bestellte zwei Gl�ser Wei�wein und <emphasis>chiles en nogada,</emphasis> und noch bevor das Essen kam, fragte er Charlotte, ob sie wisse, dass man Sl�nsk� zum Tode verurteilt habe.</p><p>��Warum sagst du das, wollte sie wissen.</p><p>Anstatt zu antworten, erg�nzte Adrian:</p><p>��Und zehn andere auch � wegen zionistischer Verschw�rung.</p><p>Adrian legte eine <emphasis>Herald Tribune</emphasis> auf den Tisch.</p><p>��Lies, sagte er.</p><p>Aber Charlotte wollte nicht lesen.</p><p>��Hier wird doch gerade bewiesen, sagte Adrian, w�hrend er mit dem Zeigefinger auf die Zeitung pochte, dass sich nicht das Geringste ge�ndert hat.</p><p>��Kannst du bitte mal leiser sprechen, sagte Charlotte.</p><p>��Na bitte, sagte Adrian, du hast jetzt schon Angst. Wie soll das dort dr�ben werden?</p><p>Das Essen kam, aber Charlotte wollte nichts essen. Eine Weile sa�en beide vor ihren gef�llten Chilis. Dann sagte Adrian:</p><p>��Der Kommunismus, Charlotte, ist wie der Glaube der alten Azteken: Er frisst Blut.</p><p>Charlotte nahm ihre Handtasche und rannte hinaus auf die Stra�e.</p><p>F�nf Tage sp�ter bestiegen sie das Schiff, das sie nach Europa bringen sollte. In dem Moment, da die Leinen gel�st wurden und der Boden unter ihren F��en ein wenig, vielleicht nur um Millimeter nachgab, wurden ihre Knie weich, und sie musste sich mit �u�erster Anstrengung an der Reling festhalten. Der Anfall verging, von Wilhelm unbemerkt, nach einer Minute.</p><p>Die K�ste verschwand im Dunst, das Schiff wandte sich dem Ozean zu und begann, eine schnurgerade Spur Kielwassers hinterlassend, seine Fahrt. Der Wind frischte auf, an Deck surrten die Wanten, und bald waren sie umgeben vom endlosen Grau, das in jeder Richtung bis zum Horizont reichte.</p><p>Die Tage wurden lang, die N�chte noch l�nger. Charlotte schlief schlecht, tr�umte immer denselben Traum, in dem Adrian sie durch eine Art unterirdisches Museum f�hrte, und wenn sie erwachte, fand sie nicht wieder zur�ck in den Schlaf. Stundenlang lag sie im Dunkeln, sp�rte das Stampfen und Schlingern des Schiffs, sp�rte, wie sein Rumpf im Ansturm der B�en erzitterte. Und zehn andere auch, hatte Adrian gesagt. Warum hatte sie nicht wenigstens die Namen gelesen? Fragen. Was machte Kurt im Ural? Warum gelang es dem Roten Kreuz auch nach Jahren nicht, Werner zu finden? Sie war eine schlechte Genossin. Ihr Kopf, wenn sie ehrlich war, verstie� st�ndig gegen die Parteidisziplin. Und fast h�tte auch ihr K�rper dagegen versto�en.</p><p>Am Tag verkroch sie sich vor Wilhelm und versuchte Ordnung in ihren Kopf zu bekommen. Was w�re sie heute, fragte sie sich, ohne die Partei? Kunststopfen und B�geln hatte sie gelernt an der Haushaltsschule. Noch heute w�rde sie kunststopfen und b�geln f�r Herrn Oberstudienrat Umnitzer, der sie mit seinen Sch�lerinnen betrog, noch heute w�rde sie sich die Herablassung ihrer Schwiegermutter gefallen lassen und sich dar�ber �rgern, dass Frau Paschke ihre W�scheleine belegte � wenn nicht, mit Wilhelm, die Kommunistische Partei in ihr Leben getreten w�re.</p><p>In der Kommunistischen Partei hatte sie zum ersten Mal Respekt und Anerkennung erfahren. Erst die Kommunisten, die sie urspr�nglich f�r eine Art von Banditen gehalten hatte (als Kind hatte sie sich immer vorgestellt, dass sie in die H�user eindrangen und die gemachten Betten einrissen, weil ihre Mutter erz�hlt hatte, die Kommunisten seien �gegen die Ordnung�) � erst die Kommunisten hatten ihre Talente erkannt, hatten ihre Fremdsprachenausbildung gef�rdert, hatten sie mit politischen Aufgaben betraut, und w�hrend ihr Bruder Carl-Gustav, f�r dessen Kunststudium ihre Mutter in barbarischer Weise gespart hatte � Charlotte erinnerte sich noch jetzt mit Bitterkeit daran, wie sie, um Gas zu sparen, zum Bewachen des Pfeifkessels abgestellt wurde und wie die Mutter ihr mit dem Stullenbrett auf den Hinterkopf schlug, wenn sie es vers�umte den Pfeifkessel rechtzeitig, n�mlich <emphasis>bevor</emphasis> er pfiff, abzudrehen��, w�hrend also Carl-Gustav als K�nstler gescheitert und im Schwulenmilieu Berlins versackt war, kehrte sie, die nur vier Klassen der Haushaltsschule besucht hatte, heute nach Deutschland zur�ck, um ein Institut f�r Sprachen und Literatur zu �bernehmen, und das Einzige, was ihr wehtat, war, dass ihre Mutter diesen Triumph nicht mehr erlebte; dass sie ihrer Mutter nicht noch ein lapidares Schreiben schicken konnte mit dem Briefkopf <emphasis>Charlotte Powileit. Institutsdirektorin</emphasis>.</p><p>Aber dann kam wieder die Nacht. Der Schiffsleib schlingerte durch die Dunkelheit, und kaum war Charlotte eingeschlafen, war Adrian da und f�hrte sie durch verschlungene unterirdische G�nge, an deren Ende etwas Schlimmes auf sie wartete�� Sie erwachte von ihrem eigenen Schrei.</p><p>Indessen schien es Wilhelm von Tag zu Tag besserzugehen. Eben noch, auf der anderen Seite des Ozeans, hatte er unter chronischer Schlaflosigkeit gelitten und sich �ber mangelnden Appetit beklagt. Aber je weniger Charlotte a�, desto gr��er schien Wilhelms Hunger zu werden. Er schlief gut, machte t�glich, auch bei dem gr��ten Dreckswetter, ausgedehnte Spazierg�nge an Deck und beschwerte sich, wenn er mit seinem durchweichten, aber offenbar unverw�stlichen Tardan-Hut zur�ckkam, dass Charlotte die ganze Zeit in der Kabine hockte.</p><p>��Ich bin seekrank, sagte Charlotte.</p><p>��Auf der Hinfahrt warst du nicht seekrank, entgegnete Wilhelm.</p><p>Er, der zw�lf Jahre lang auf jeder Abendgesellschaft herumgestanden hatte wie ein vergessener Spazierstock, der bis zum Schluss kein spanisches Schild lesen konnte und Charlotte zu Hilfe rufen musste, wenn ihn ein Polizist ansprach, erwies sich auf einmal als Kenner und Liebhaber Mexikos und unterhielt die Gesellschaft am Kapit�nstisch mit wirklich erstaunlichen Erlebnisberichten, und obwohl er seit seiner Hamburger Zeit � <emphasis>L�ddecke Import Export</emphasis> � immer in R�tseln und Andeutungen sprach, waren bald alle �berzeugt, er habe den Weg zwischen den beiden Ozeanen zu Pferde zur�ckgelegt, habe in Puerto Angel vom Kanu aus Haifische geangelt und pers�nlich den vom Urwald �berwucherten Maya-Tempel Palenque entdeckt � w�hrend Charlotte ihren Zwieback in Kamillentee tunkte.</p><p>Der eisige Wind, mit dem sie das neue Deutschland empfing, schien Wilhelm nicht das Geringste auszumachen. Aufrecht stolzierte er durch das Hafengel�nde, die Hand am Hut, so zielgerichtet, als kenne er sich hier aus. Charlotte trippelte hinterher, mit hochgezogenen Schultern.</p><p>Dann waren sie in einer Baracke, ein bleicher Mann st�berte in ihren Papieren, und w�hrend Charlotte noch �berlegte, ob man einen Z�llner im neuen Deutschland mit �B�rger� oder �Genosse� anredete, hatte Wilhelm die Angelegenheit geregelt und sogar schon ein Taxi bestellt.</p><p>Was sie von der Stadt zu sehen bekamen, unterschied sich im Grunde kaum vom Hafen, und obwohl Charlotte auf den ersten Blick keine unmittelbare Zerst�rung erkennen konnte, sah eigentlich <emphasis>alles</emphasis> zerst�rt aus: die H�user, der Himmel, die Menschen, die ihre Gesichter hinter hochgeschlagenen Kragen verbargen.</p><p>An einer Ecke wurde aus einer Tonne Suppe verkauft.</p><p>Zwei Gestalten versuchten, einen �ber und �ber mit Ger�mpel beladenen Leiterwagen den Bordstein hinaufzuziehen.</p><p>Allm�hlich d�mmerte Charlotte, dass der Hut mit dem schwarzen Halbschleier, den sie extra f�r die R�ckkehr gekauft hatte, eine Fehlentscheidung gewesen war.</p><p>Wilhelm kommandierte den Gep�cktr�ger herum. Charlotte gab dem verdutzten Mann zwei Dollar Trinkgeld.</p><p>��Du �bertreibst, sagte Wilhelm.</p><p>��Du auch, sagte Charlotte.</p><p>Der Zug fuhr ein, gef�hrlich zischelnd. Es roch nach Eisenbahn: die typische Mischung aus Ru� und Exkrementen. Charlotte war lange nicht mehr Eisenbahn gefahren.</p><p>Sie sah aus dem Fenster. Die Landschaft zog vorbei, zum gleichm��igen Tam-Tam des Fahrwerks. Der Wald triefte vor N�sse. Auf den Brachen lagen die schmutzigen Reste des ersten Schnees. Aus einem Schrankenw�rterh�uschen stieg Rauch auf, und gerade noch im Vorbeifahren erhaschte Charlotte, wie der Schrankenw�rter begann, die Schranken hochzukurbeln.</p><p>��Schrankenw�rter, sagte Wilhelm. Triumphierend, als sei damit irgendetwas bewiesen.</p><p>Charlotte reagierte nicht, schaute weiter aus dem Fenster. Versuchte, irgendetwas Tr�stliches zu entdecken; versuchte, sich an dem backsteinroten Kirchturm zu erfreuen; versuchte, beim Anblick der Landschaft so etwas wie Heimatgef�hle zu empfinden. Die von B�umen ges�umten Chausseen, immerhin, erinnerten sie daran, dass es auch in Deutschland so etwas wie Sommer gab. Lauer Fahrtwind, Wilhelms <emphasis>BMW R 32</emphasis> mit Beiwagen, in dem die Jungs sa�en. Ahnungslos. Lachend.</p><p>Der Zug hielt, die Abteilt�r ging auf. Ein Hauch von Braunkohleru� und kaltem Regen wehte herein. Der Mann gr��te nicht, zog seinen Mantel nicht aus, als er sich setzte; es war ein abgewetzter dunkler Ledermantel. Seine Schuhe waren lehmverschmiert.</p><p>Der Mann musterte sie kurz aus dem Augenwinkel, holte dann eine Brotb�chse aus seiner Aktentasche und entnahm ihr eine schon angebissene Klappstulle. Er kaute lange und gr�ndlich, legte das zu drei Vierteln aufgezehrte Brot wieder in die B�chse hinein. Dann holte er das <emphasis>Neue Deutschland</emphasis> aus seiner Aktentasche und schlug es auf, und Charlotte fiel sofort eine �berschrift auf der ihr zugewandten R�ckseite des Blattes ins Auge:</p><p>DIE PARTEI RUFT DICH!</p><p>Charlotte sch�mte sich. F�r ihren Hutschleier. F�r ihre Angst. F�r die f�nfzig Dosen Nescaf� in ihrem Koffer�� Ja, die Partei brauchte sie. Dieses Land brauchte sie. Sie w�rde arbeiten. Sie w�rde mithelfen, dieses Land aufzubauen � gab es eine sch�nere Aufgabe?</p><p>Der Mann hielt das <emphasis>ND</emphasis> jetzt so, dass sie den unteren Teil der Seite einsehen konnte: Nebens�chlichkeiten, die sie aber pl�tzlich interessierten. Wie sch�n zu denken, dass sie, wenn sie wollte, tats�chlich heute abend ins Stern-Kino Berlin-Mitte gehen k�nnte � <emphasis>Weg zur Hoffnung</emphasis> wurde gespielt, Charlotte war bereit, auch das als gutes Omen zu nehmen, und es r�hrte sie � warum?�� fast zu Tr�nen, als sie unter der Rubrik STREIFLICHTER las:</p><p><emphasis>Bestellungen auf gro�e Weihnachtsb�ume sind bis sp�testens 18.�Dezember schriftlich oder telefonisch an die Konsumgenossenschaft Gro�-Berlin aufzugeben.</emphasis></p><p>Der Mann klappte die Zeitung ganz auf, sodass f�r Charlotte die Titelseite sichtbar wurde, und wie von selbst fiel ihr Blick auf eine Bildunterschrift mit den Worten:</p><p><emphasis>Der Staatssekret�r im Bildungsministerium, Genosse��</emphasis></p><p>Und jetzt h�tte eigentlich kommen m�ssen: Karl-Heinz Dretzky.</p><p>Kam aber nicht.</p><p>Der Zug ruckelte �ber ein Weichenfeld. Charlotte taumelte im Gang hin und her, sp�rte kaum, wie sie anstie�. Mit M�he erreichte sie die Toilette, riss � mit blo�en H�nden � den Klodeckel auf und erbrach das wenige, was sie zum Fr�hst�ck gegessen hatte.</p><p>Sie klappte den Deckel hinunter, setzte sich drauf. Das Tam-Tam der Zugr�der ging ihr jetzt direkt in die Z�hne, direkt in den Kopf. Sie sp�rte noch immer den kalten, pr�fenden Blick, der sie �ber den Rand der Zeitung hinweg getroffen hatte. Schwarzer Ledermantel � ausgerechnet. Es war alles klar, alles passte zusammen.</p><p>Eingeschleust hie� das entsprechende Wort. Eingeschleust durch den zionistischen Agenten Dretzky.</p><p>Es quietschte und kr�chzte, als k�nnte der Zug auseinanderbrechen. Sie hielt ihren Kopf mit beiden H�nden fest�� Oder drehte sie durch? Nein, sie war ganz bei Verstand. War so klar im Kopf wie schon lange nicht mehr�� H�tte wenigstens da gestanden: der <emphasis>neue</emphasis> Staatssekret�r�� Sie kicherte fast vor Vergn�gen dar�ber, wie fein sie die Nuancen zu unterscheiden gelernt hatte. Der neue Staatssekret�r: Das hie�e, es gab einen alten�� Aber es gab keinen alten. Er existierte nicht. Sie waren die Proteg�s eines Nichtexistenten. Sie waren selber so gut wie nichtexistent. Auf dem Ostbahnhof w�rden M�nner in schwarzen Lederm�nteln stehen, und Charlotte w�rde ihnen folgen, ohne Widerstand, ohne L�rm. W�rde Gest�ndnisse unterschreiben. W�rde verschwinden. Wohin? Sie wusste es nicht. Wo waren die, deren Namen nicht mehr genannt wurden? Die nicht nur nicht existierten, sondern nie existiert hatten?</p><p>Sie stand auf, nahm den Hut ab. Sp�lte den Mund aus. Betrachtete sich im Spiegel. Idiotin.</p><p>Holte die Nagelschere aus ihrer Handtasche und trennte den Halbschleier von ihrem Hut ab. Wenigstens das wollte sie sich ersparen.</p><p>Der Mann stand im Gang und rauchte, sie quetschte sich an ihm vorbei, ohne ihn zu ber�hren.</p><p>��Wo warst du denn so lange, wollte Wilhelm wissen.</p><p>Charlotte antwortete nicht. Setzte sich, schaute aus dem Fenster. Sah die Felder, die H�gel, sah sie und sah sie nicht. Staunte, dass sie jetzt vor allem �rger empfand. Staunte dar�ber, was sie jetzt dachte. Sie dachte, dass sie an etwas Wichtiges denken m�sste. Aber sie dachte an ihre Schweizer Schreibmaschine ohne �߻. Sie dachte daran, wer wohl in den Genuss der f�nfzig Dosen Nescaf� kommen w�rde. Sie dachte an die K�nigin der Nacht, die sie (zu einem miserablen Preis!) an den Blumenh�ndler zur�ckgegeben hatte. Und sie dachte, w�hrend drau�en ein Film ohne Inhalt ablief, w�hrend ein Traktor �ber ein Feld kroch��</p><p>��Ein Traktor, sagte Wilhelm.</p><p>� w�hrend der Zug an einem kleinen, dreckigen Bahnhof hielt��</p><p>��Neustrelitz, sagte Wilhelm.</p><p>� w�hrend die Landschaft flacher und trostloser wurde, w�hrend monotone Spaliere aus Kiefern vorbeiflogen, unterbrochen von Br�cken und Stra�en und Bahn�berg�ngen, an denen nie jemand stand, w�hrend Telegrafendr�hte in sinnloser Eile von Mast zu Mast h�pften und Regentropfen schr�g �ber die Scheibe zu kriechen begannen � sie dachte daran, wie Wilhelm vor fast einem Jahr in Puerto Angel im Liegestuhl gesessen hatte, dachte an die d�rren, blassen Waden, die aus den Hosenbeinen herausstaken��</p><p>��Nanu, der Schleier ist ab, sagte Wilhelm.</p><p>��Ja, sagte Charlotte, der Schleier ist ab.</p><p>Wilhelm lachte. Das Wei� der Augen blitzte auf in seinem braungebrannten Gesicht, und sein kantiger Sch�del gl�nzte wie poliertes Schuhleder.</p><p>Oranienburg: ein Wegweiser an der Stra�e. Erinnerungen an Ausflugskneipen, wo man f�r ein paar Pfennige Kaffee bekam und im Schatten einer Kastanie mitgebrachte Brote verzehrte; an Badestr�nde, an sonnt�glich gekleidete Menschen, an die Stimmen von H�ndlern mit Bauchl�den und an den Geruch hei�er Bockwurst. Jetzt, bei der Durchfahrt, glaubte sie f�r eine Sekunde, es handle sich um ein anderes, ihr unbekanntes Oranienburg: eine Ansammlung sinnlos verstreuter Geb�ude, die, wenn sie �berhaupt je bewohnbar gewesen waren, allesamt verlassen aussahen.</p><p>Ein zerborstener Mast. Milit�rfahrzeuge. Die Russen.</p><p>Eine Frau mit Fahrrad stand am Bahn�bergang, im Fahrradkorb ein Hund. Pl�tzlich wusste Charlotte, dass sie Hunde nicht leiden konnte.</p><p>Dann Berlin. Eine abgebrochene Br�cke. Zerschossene Fassaden. Dort ein zerbombtes Haus, das Innenleben entbl��t: Schlafzimmer, K�che, Bad. Ein zerbrochener Spiegel. Fast glaubte sie, noch die Zahnputzbecher zu erkennen. Der Zug rollte an dem Geb�ude vorbei � langsam, wie auf einer Stadtrundfahrt. Fast bedauerte Charlotte die Bewohner dieses Landes: Was f�r ein Aufwand!</p><p>Nichts kam ihr bekannt vor. Nichts hatte mit der Metropole zu tun, die sie Ende der drei�iger Jahre verlassen hatte. Gesch�fte mit armseligen, handgemalten Schildern. Leere Stra�en. Kaum ein Auto, wenige Passanten.</p><p>Dann wieder eine Menschenschlange vor einem Geb�ude. Standen dort, stumpfsinnig, grau.</p><p>Ein paar Arbeiter, die inmitten dieser Hoffnungslosigkeit ein winziges St�ck Stra�e flickten.</p><p>Dann begannen die Gleise sich zu verzweigen.</p><p>��Ostbahnhof, sagte Wilhelm.</p><p>Mit weichen Knien stolperte Charlotte durch den Gang. Die Zugbremsen quietschten. Wilhelm stieg aus, nahm die Koffer entgegen. Charlotte stieg aus. Der Bahnhofshimmel � das Erste, was sie wiedererkannte. Die Tauben auf den Stahltr�gern. Dr�ben vom S-Bahnsteig her die schwungvolle Ansage:</p><p>��Zuuur�ckbleimbitte!</p><p>Vorsichtig sah Charlotte sich auf dem Bahnsteig um.</p><p>��Du bist ja ganz gelb im Gesicht, sagte Wilhelm.</p></section><section><title><p><strong>1.�OKTOBER 1989</strong></p></title><p>Der Irrsinn begann kurz vor acht Uhr morgens.</p><p>Es war Sonntag.</p><p>Es war still.</p><p>Einzig das ged�mpfte Tschilpen der Spatzen drang, wenn man hinh�rte, durch das halbge�ffnete Schlafzimmerfenster und brachte einem zu Bewusstsein, wie still es war. Es war die Stille eines abgeschnittenen Ortes, der seit �ber einem Vierteljahrhundert im Windschatten der Grenzanlagen vor sich hin d�mmerte, ohne Durchgangsverkehr, ohne Baul�rm, ohne moderne Gartenger�te.</p><p>In diese Stille hinein schrillte das Telefon in heimt�ckischen Abst�nden.</p><p>Manchmal glaubte Irina, schon an der Art des Klingelns zu erkennen, dass es Charlotte war. Sie lag r�cklings im Bett, mit angezogenen Beinen, h�rte durch die Schlafzimmert�r, wie Kurt aus der K�che kam, wie das Parkett unter seinen F��en knarrte, w�hrend er die sechs Meter Rauml�nge durchma�. Wie er endlich den H�rer abnahm und sagte:</p><p>��Ja, Mutti.</p><p>Irina schloss die Augen, sch�rzte die Lippen. Versuchte, ihren �rger zu unterdr�cken.</p><p>��Nein, Mutti, sagte Kurt. Alexander ist nicht bei uns.</p><p>Wenn er mit Charlotte sprach, sagte er �Alexander� statt Sascha, was in Irinas Ohren merkw�rdig klang: dass ein Vater den eigenen Sohn �Alexander� nannte � so sagte man im Russischen nur, wenn man sich siezte.</p><p>��Wenn ihr um elf verabredet seid, sagte Kurt, dann wird Alexander wohl um elf kommen�� Hallo?�� Hallo!</p><p>Offenbar hatte Charlotte aufgelegt � ihre neueste Masche: einfach aufzulegen, wenn sie das Interesse an dem Gespr�ch verlor oder wenn sie die Informationen, die sie brauchte, bekommen hatte.</p><p>Kurt ging zur�ck in die K�che.</p><p>Irina h�rte ihn scharren und klappern: Fr�hst�ck machen. Seit neuestem hatte Kurt sich in den Kopf gesetzt, dass <emphasis>er</emphasis> am Wochenende das Fr�hst�ck machte � wohl um zu beweisen, dass auch er f�r die Gleichberechtigung war.</p><p>Irina verzog das Gesicht und trauerte f�r ein paar Sekunden der verlorenen Morgenstunde nach: der einzigen Stunde, die ihr geh�rte, wenn niemand anrief, niemand ihr auf die Nerven ging, sie in aller Stille ihren Kaffee trank und ihre erste Zigarette rauchte, bevor sie sich an die Arbeit machte, was f�r ein Genuss. Wie auch das winzige Schn�pschen, das sie sich manchmal, in letzter Zeit, genehmigte. Nur eins, da war sie eisern. Um sich zu wappnen f�r den Tag. Um den Irrsinn auszuhalten.</p><p><emphasis>Ihrsinn</emphasis>, wie Irina sagte.</p><p>Seit Wochen ging das jetzt so: T�glich rief Charlotte an, bestellte irgendwas, erteilte Auftr�ge, nahm sie wieder zur�ck, �nderte sie, erteilte sie erneut: Ob Irina selbstklebende Etiketten besorgen k�nne f�r die Beschriftung der Blumenvasen. Wie jedes Jahr hatte Charlotte Blumenvasen in ganz Neuendorf zusammengeborgt, und obwohl es immer problemlos geklappt hatte, hatte Charlotte sich pl�tzlich in den Kopf gesetzt, dass die Blumenvasen beschriftet werden m�ssten, damit jeder die richtige Vase zur�ckbekam.</p><p>Warum eigentlich? Warum, fragte sich Irina, war sie tats�chlich losgefahren und hatte diese verdammten Etiketten besorgt? Einen halben Tag lang hatte sie s�mtliche Schreibwarengesch�fte der Stadt abgeklappert � das sagte sich leicht: Parkpl�tze suchen, Baustellen umfahren (immer die gleichen, sich seit Jahren nicht von der Stelle bewegenden Baustellen), an der Tankstelle anstehen (eine halbe Stunde lang sich mit Dr�nglern herumstreiten), sich �ber vergebliche Wege �rgern, weil man, wenn man endlich einen Parkplatz gefunden hatte, am Gesch�ft ein Schild �Wegen Inventur geschlossen� vorfand � und war am Ende, weil es nat�rlich in keinem einzigen Schreibwarenladen Etiketten gab, mit einer Flasche Kognak zur DEFA gefahren, um den Chef des Gro�bildlabors zu bitten, ihr ein paar von diesen verdammten Etiketten zu besorgen�� Dabei waren Wilhelm die Blumen sowieso vollkommen gleichg�ltig. Irina erinnerte sich gut daran, wie er letztes Jahr in seinem Ohrensessel gesessen und � einem Kind gleich, das immer denselben Witz wiederholt � jeden Gratulanten mit demselben Satz abgewatscht hatte:</p><p>��Stell das Gem�se in den Blumentopf!</p><p>Und seine Schranzen hatten jedes Mal schallend gelacht, als w�re das sonst was f�r eine Geistesleistung.</p><p>Wilhelm h�rte schon lange nicht mehr gut. Halb blind war er auch. Er sa� nur noch in seinem Ohrensessel, ein Skelett mit Schnurrbart, aber wenn er die Hand hob und sich anschickte, etwas zu sagen, verstummte alles und wartete geduldig, bis er ein paar kr�chzende Laute hervorbrachte, die anschlie�end eifrig von allen Anwesenden interpretiert wurden. Jedes Jahr bekam er irgendeinen Orden verliehen. Jedes Jahr wurden irgendwelche Reden gehalten. Jedes Jahr wurde derselbe miserable Kognak in denselben bunten Aluminiumbechern serviert. Und jedes Jahr, so schien es Irina, war Wilhelm von noch mehr Schranzen umgeben, sie vermehrten sich, eine Art Zwergengeschlecht, lauter kleine Leute in speckig grauen Anz�gen, die Irina nicht unterscheiden konnte, die immerzu lachten und eine Sprache sprachen, die Irina tats�chlich, auch beim besten Willen, nicht verstand. Wenn sie die Augen schloss, wusste sie schon jetzt, wie sie sich am Ende dieses Tages f�hlen w�rde, sp�rte ihre vom falschen L�cheln erstarrenden Wangen, roch die Majon�se, die ihr aufstie�, nachdem sie aus lauter Langeweile das kalte Buffet durchprobiert hatte, schmeckte das Aluminium-Aroma des in bunten Bechern servierten Kognaks.</p><p>Ohnehin betrat sie das Haus ihrer Schwiegereltern nicht gern, schon der Gedanke daran war ihr unangenehm. Sie hasste die dunklen, schweren M�bel, die T�ren, die Teppiche. Alles in diesem Haus war dunkel und schwer. Alles erinnerte sie an ihre Leidenszeit, sogar die toten Tiere, die Wilhelm an die W�nde genagelt hatte. Nein, auch nach dreiunddrei�ig Jahren hatte sie nicht vergessen, wie es war, die Ritzen in der holzvert�felten Flurgarderobe zu putzen. Wie sie Haferflocken hatte kochen m�ssen f�r Wilhelm: Unten an der Treppe stehen und lauschen, wann Wilhelm oben aus dem Badezimmer kam, und dann � husch!�� in die K�che, die Flocken einr�hren, damit sie, wenn sie serviert wurden, nicht klebten�� Nie im Leben war sie so hilflos gewesen: der Sprache nicht m�chtig, wie eine Taubstumme, die verzweifelt in den Gesten und Blicken der anderen Orientierung sucht.</p><p>Und Kurt?</p><p>Kurt hatte, w�hrend sie, das Kind am Rockzipfel, in der W�schekammer stand und Wilhelms Hemden b�gelte, bei Charlotte auf dem Sofa gesessen und Weintrauben gefuttert. So war das gewesen. Zusammen mit dieser Frau Stiller.</p><p>Frau <emphasis>Doktor</emphasis> Stiller, pardon.</p><p>Sie h�rte, wie Kurt ins Zimmer kam, irgendwas auf den Tisch stellte, wieder in die K�che ging. Jetzt war es gleich halb neun. Bis zehn Uhr musste sie die Blumen abgeholt haben. Dann noch ins Russenmagazin, die <emphasis>Belomorkanal</emphasis> holen. Au�erdem wollte sie noch Pelmeni kochen � wenn Sascha schon mal zum Mittagessen kam.</p><p>Aber Kurt bestand darauf, dass sie liegen blieb, bis er den Kopf durch den T�rspalt steckte und sie mit kindlicher Stimme zum Fr�hst�ck rief. Und Irina tat ihm den Gefallen. Warum eigentlich?</p><p>Sie betrachtete sich in dem gro�en, ovalen Spiegel, der schr�g �ber ihr an der Stirnseite des Bettes hing�� Lag es am Licht? Oder daran, dass man sich in diesem verdammten Spiegel immer auf dem Kopf stehend sah? Der Spiegel kommt auch mal weg, dachte Irina und erinnerte sich im selben Moment daran, dass sie diesen Gedanken schon des �fteren gedacht hatte: immer sonntags, wenn Kurt Fr�hst�ck machte und sie hier lag und sich im Spiegel betrachtete.</p><p>Das Schlimmste war, dass sie anfing, in ihrem Gesicht Z�ge ihrer Mutter zu entdecken. Diese Tatsache entmutigte Irina. Gewiss, sie konnte noch immer ziemlich gut aussehen. Horst M�hlich, mit seinen Hundeaugen, w�rde ihr heute wieder inbr�nstige Komplimente machen, und selbst dieser ewig grinsende neue Bezirkssekret�r, ein geschlechtsloses Wesen, das eher aus Kunststoff als aus Fleisch zu bestehen schien � im Gegensatz zu dem alten, der zwar klein und dick, aber dennoch ein Mann gewesen war, sogar imstande, einer Dame die Hand zu k�ssen � , selbst dieser neue Bezirkssekret�r w�rde sich, wenn er sie begr��te, einmal mehr verbeugen als n�tig, und dabei w�rde, wenn nicht Bewunderung, so doch etwas wie Verlegenheit in dem Blick aufscheinen, der knapp an ihr vorbeiginge.</p><p>Aber das alles �nderte nichts daran, dass das Alter sp�rbar und unwiderruflich vorr�ckte, und seit ihre Mutter mit im Hause wohnte (Irina hatte sie vor dreizehn Jahren unter unvorstellbarem b�rokratischem Aufwand aus Russland her�bergeholt), hatte sie t�glich vor Augen, wohin dieses Vorr�cken f�hrte. Nat�rlich hatte sie schon immer gewusst, dass man alt wurde. Aber die Anwesenheit ihrer Mutter brachte ihr t�glich die Vergeblichkeit ihres Kampfes zu Bewusstsein, nagte an ihr, setzte in ihrem Kopf ketzerische Ideen in Umlauf, fl�sterte ihr die Versuchung ein, aufzugeben � als Frau. Wozu St�tzstrumpfhosen und Zahnfleischbehandlungen, wozu Haarteile und Sch�nheitsmilch, wozu alles Zupfen und �bermalen? Um irgendwelchen uninteressanten alten M�nnern mit Funktion�rshaarschnitten zu imponieren? Um des kleinlichen Vergn�gens willen, jedes Jahr wieder �ber Frau Stiller, Pardon, Dr.�Stiller zu triumphieren, deren Figur mehr und mehr einem Kartoffelsack glich und deren Gesicht sich infolge einer Bluthochdruckkrankheit mehr und mehr r�tete?</p><p>Das Telefon klingelte.</p><p>Wieder knarrten Kurts Schritte �ber sechs Meter Parkett. Vorbei an dem L�mmelsofa. Dicht an der Schlafzimmert�r entlang, und dann, endlich, seine Stimme:</p><p>��Ja, Mutti.</p><p>Unglaublich, dachte Irina, wie freundlich, wie geduldig Kurt mit Charlotte war.</p><p>��Nein, Mutti, sagte Kurt, jetzt ist es halb neun. Wenn ihr um elf verabredet seid, dann kommt Alexander in zweieinhalb Stunden.</p><p>Im Grunde, im tiefsten Herzen, kr�nkte es Irina. Ja, sie empfand es als eine andauernde, schwere Ungerechtigkeit: als weigere Kurt sich bis heute einzusehen, was Charlotte ihr damals angetan hatte.</p><p>��Mutti, ich wei� doch nicht, wann ihr verabredet seid, sagte Kurt.</p><p>Wie den letzten Dreck hatte Charlotte sie behandelt. Wie ein Dienstm�dchen. Und am liebsten, dachte Irina, h�tte Charlotte sie wieder zur�ckgeschickt, in ihr russisches Dorf � und Kurt mit Frau Dr. Stiller verkuppelt.</p><p>Sie h�rte Kurt in die K�che zur�cktapsen. Herrgott, wie lange brauchte denn dieser Mensch, um ein St�ck K�se auszuwickeln und zwei Teller hinzustellen? Und am Ende bildete er sich noch ein, er w�rde etwas zur Hausarbeit beitragen. Dabei schadete er mehr, als er nutzte. Einmal hatte er vergessen, die Kanne unter die Kaffeemaschine zu stellen. Ein anderes Mal gab es ungekochte Eier zum Fr�hst�ck � aber das Wasser hatte er exakt dreieinhalb Minuten gekocht!</p><p>Der einzige Lichtblick heute: dass Sascha zum Mittag kam. Das, dachte Irina, w�hrend sie die Decke abwarf, um ein paar Yoga-�bungen zu machen (oder was sie daf�r hielt) � das war die einzige angenehme Begleiterscheinung dieses Geburtstags.</p><p>Wie jeder andere hatte n�mlich auch Sascha seine �spezielle Aufgabe� � Charlotte liebte es, alle Leute mit �speziellen Aufgaben� zu betrauen, es gab sogar einen Blumenpapier-Verantwortlichen und einen Verantwortlichen f�r das Abwischen der infolge der schlecht funktionierenden Abf�llautomaten st�ndig verklebten Vita-Cola-Flaschen. Sascha war f�r das Ausziehen des Ausziehtischs verantwortlich. Aus irgendeinem Grund hatte sich Charlotte in den Kopf gesetzt, dass Sascha der Einzige sei, der den Ausziehtisch ausziehen konnte. Das war idiotisch, aber Irina h�tete sich, an diesen Irrtum zu r�hren. Wenn n�mlich Sascha, f�r elf Uhr bestellt, mit dem Ausziehen des Ausziehtischs fertig war, lohnte sich f�r ihn die R�ckfahrt nach Berlin nicht, sodass er die Zeit bis zum Beginn der Geburtstagsfeier gew�hnlich im Fuchsbau blieb, und dann w�rden sie, wie jedes Jahr, zusammen Pelmeni essen, mit saurer Sahne und Senf, wie Sascha es mochte.</p><p>Falls Catrin nicht mitkam.</p><p>Sie hatte nichts gegen Catrin mit C ohne h (und Betonung auf i: Catr�n!), abgesehen davon, dass sie nicht verstand, wieso Sascha sofort bei dieser Frau hatte einziehen m�ssen. Immer zog er sofort mit den Frauen zusammen, anstatt erst mal abzuwarten, sich ein bisschen kennenzulernen. Mal zu schauen, ob das �berhaupt ging. Er h�tte so sch�n hier wohnen k�nnen: Irina hatte extra den Dachboden ausgebaut, eine komplette Wohnung, praktisch, mit eigenem Bad.</p><p>Nein, sie hatte nichts gegen Catrin, dachte Irina, w�hrend sie eine passable Kerze zustande brachte, wobei es ihr, wenn sie ganz ehrlich war, r�tselhaft blieb, was Sascha an dieser Frau fand�� Nat�rlich, es ging sie nichts an. Und sie h�tete sich, auch nur ein Sterbensw�rtchen zu sagen. Dennoch wunderte sie sich, dass ein so gutaussehender, intelligenter junger Mann keine bessere Frau fand. Schauspielerin, angeblich. Sah er denn wirklich nicht, dass diese Frau <emphasis>h�sslich</emphasis> war? Unsch�ne Knie, keine Taille, kein Po. Und ein Kinn, um ehrlich zu sein, wie ein Bauarbeiter�� Sch�ne Augen hatte sie, das musste man ihr lassen. Obwohl, andererseits: dieser flatternde Blick, diese Unruhe in den Augen, wenn man sich mit ihr unterhielt�� Nie hatte Irina das Gef�hl, ihr wirklich nahezukommen. Immer schien diese Frau woanders zu sein, immer schien sie, und zwar fieberhaft, zu �berlegen, immer ging, w�hrend sie einen anl�chelte, etwas in ihrem Kopf vor.</p><p>Egal, dachte Irina und betrachtete ihre ausgestreckten Beine, die sie, wenn sie aufrichtig war, doch noch ziemlich ansehnlich fand, zumal im Vergleich mit Catrins Staketenbeinen, sodass sie beschloss, nicht das lange R�ckenfreie anzuziehen, wie im letzten Jahr, sondern, obschon weniger festlich, den ozeangr�nen Rock, der eigentlich ein bisschen kurz war f�r ihr Alter � egal, dachte Irina, sollen sie gl�cklich werden, oder auch nicht, aber einmal im Jahr, dachte sie, sollte es m�glich sein, dass Sascha allein nach Hause kam. Einmal im Jahr wollte sie mit Sascha Pelmeni essen wie fr�her. Was war daran verwerflich? Zumal Catrin ohnehin nicht gern Pelmeni a�. Und nach dem Essen, so stellte Irina es sich vor, als sie die Kerze mit leisem St�hnen beendete, nach dem Essen w�rde Sascha sich oben ein bisschen hinlegen, und dann w�rden die M�nner sich in Kurts Zimmer setzen und eine Partie Schach spielen. Irina liebte es, wenn die M�nner in Kurts Zimmer eine Partie Schach spielten und dazu ein Gl�schen Kognak tranken, und auch sie, Irina, w�rde sich, sobald sie mit dem Geschirr fertig war, ein Gl�schen Kognak eingie�en und sich schweigend � versprochen!�� dazusetzen (und Sascha h�chstens mal unter dem Tisch ansto�en, falls er einen gef�hrlichen Zug �bersah). Anschlie�end w�rden sie zusammen zur Geburtstagsfeier gehen � eine ertr�gliche, ja beinahe angenehme Vorstellung, jedenfalls soweit sie den kleinen Spaziergang durch das herbstliche Neuendorf betraf, eine Vorstellung, die geeignet war, noch fernere, noch unwahrscheinlichere Erinnerungen heraufzubeschw�ren, Erinnerungen an eine Zeit, als das Laub in Neuendorf noch verbrannt wurde, als Sascha noch an der Hand neben ihr hertrippelte��</p><p>Aber da klingelte zum dritten Mal an diesem Morgen das Telefon. Ehe sie sichs versah, war Irina aufgesprungen und hatte den H�rer in der Hand.</p><p>��Kannst du uns einmal in Ruhe fr�hst�cken lassen, fauchte sie, ohne Charlotte �berhaupt zu Wort kommen zu lassen.</p><p>Knallte den H�rer auf, starrte einige Augenblicke das Telefon an, als w�re es ein Tier, das sie gerade erlegt hatte, und w�re wohl imstande gewesen, es im n�chsten Augenblick mit einem Schlag zu zertr�mmern � aber es klingelte nicht noch einmal.</p><p>��Du musst dich nicht so aufregen, sagte Kurt.</p><p>Er stand hinter ihr, einen Eierbecher (mit Ei!) in jeder Hand.</p><p>��Du verteidige sie noch, fauchte Irina.</p><p>Kurt erwiderte nichts, stellte die Eierbecher ab und umarmte Irina. Es war eine v�terliche, ganz absichtslose Umarmung, bei der Kurt beide Arme ganz um Irinas K�rper schlang und sie sanft hin und her wiegte: �Tr�sten� hie� das in ihrer internen Sprache, und obwohl es Irina zuerst widerstrebte, lie� sie sich im Grunde genommen gern tr�sten, und sobald Kurt sie auf diese Weise in die Arme nahm, stellte sich ganz automatisch das Gef�hl ein, dass sie Grund hatte, sich tr�sten zu lassen: f�r alles Verlorene, f�r alles, was das Leben, und auch f�r alles, was Kurt ihr angetan hatte. Irina lehnte ihren Kopf an Kurts Schulter, lie� sich von ihm hin und her wiegen. Im gleichen Moment �ffnete sich kr�chzend die Zimmert�r ihrer Mutter � was dazu f�hrte, dass Irina erstarrte und auf das Schlurfger�usch lauerte, das wenige Sekunden sp�ter einsetzen musste�� Unwillk�rlich sah sie im Geist die gebeugte Gestalt mit ihrer selbstgestrickten Nachtm�tze, in der sie zu allen Jahreszeiten schlief, der Schl�sselkette, die sie zu jeder Tageszeit um den Hals trug, als m�sste sie f�rchten, dass Irina sie hinterr�cks aussperrte, sah die j�mmerlichen, mehr an Lappen als an Schuhe erinnernden Pantoffeln, die ihre Mutter am liebsten trug, weil ihre von �berbeinen verunstalteten F��e schmerzten�� Nadjeshda Iwanowna, das Gespenst, das ihre Zukunft verk�rperte.</p><p>Das Gespenst schlurfte n�her, blieb unsichtbar hinter der halbge�ffneten Wohnzimmert�r stehen, murmelte irgendwas.</p><p>Irina riss die T�r auf:</p><p>��Was willst du?</p><p>Irina sprach Russisch mit ihrer Mutter; in den dreizehn Jahren, die Nadjeshda Iwanowna hier lebte, hatte sie kein Wort Deutsch gelernt, abgesehen von Guten Tag und Auf Wiedersehen � was sie bedauerlicherweise aber zumeist verwechselte.</p><p>��Wann Sascha wohl heute kommt, fragte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Woher soll ich wissen, wann Sascha kommt, fauchte Irina. Setz dir lieber deine Z�hne ein und fr�hst�cke was!</p><p>��Brauche kein Fr�hst�ck, sagte Nadjeshda Iwanowna und schlurfte zum Bad.</p><p>Irina setzte sich und fingerte eine �Club� aus der Schachtel.</p><p>��Iss doch erst mal was, sagte Kurt.</p><p>��Ich muss erst eine rauchen, beharrte Irina.</p><p>��Iruschka, du musst dich nicht �ber alles so aufregen, sagte Kurt. Guck, wie sch�n die Sonne scheint.</p><p>Er machte eine Fratze, um Irina aufzumuntern.</p><p>��Brauche kein Fr�hst�ck, �ffte Irina ihre Mutter nach.</p><p>��Sie verhungert schon nicht, sagte Kurt.</p><p>Irina winkte ab. Kurt hatte gut reden, er k�mmerte sich nicht um Nadjeshda Iwanowna. Er wusste nicht, wie es in ihrem Zimmer aussah: die verschimmelten Lebensmittel, die Irina dort st�ndig fand, weil Nadjeshda Iwanowna immerzu irgendwelches halbverdorbenes Zeug in ihr Zimmer schleppte, um es dort zu essen � heimlich, weil sie partout beweisen wollte, dass sie niemandem zur Last fiel. Kurt musste nicht das Geschirr nachsp�len, das Nadjeshda Iwanowna aus notorischer Sparsamkeit in lauwarmem Wasser und ohne Sp�lmittel abwusch. Er musste nicht die Gurkenepidemie ertragen, die jedes Jahr um diese Zeit ausbrach, weil Nadjeshda Iwanowna sich unbedingt �n�tzlich� machen wollte, indem sie tage- und wochenlang die K�che okkupierte, um ihre selbstgeernteten Gurken einzulegen � eine T�tigkeit, die in Russland, im Ural, ihren Sinn gehabt hatte, die aber hier, wo man ein Glas saure Gurken f�r ein paar Pfennige in jedem Laden kaufen konnte, vollkommen sinnlos war.</p><p>��Furchtbar, sagte Irina, wenn man von lauter alten Leuten umgeben ist.</p><p>��Soll ich ausziehen, fragte Kurt.</p><p>Besonders komisch fand Irina das nicht, aber als sie zu Kurt hin�bersah, als sie ihn da sitzen sah mit seinem vom Leben zerfurchten Gesicht, seinen immer mehr ausufernden Augenbrauen (vor der Geburtstagsfeier unbedingt nachschneiden!) und seinen blauen Augen, von denen eines seit der Kindheit blind war und sich allm�hlich abgew�hnt hatte, die Bewegungen des anderen nachzuvollziehen (ein Makel, den Irina nach vierzig Ehejahren kaum noch bemerkte, wenngleich sie ihn gern zur Erkl�rung von Kurts Charakterfehlern heranzog, zum Beispiel seines �berm��igen Ehrgeizes und seiner notorischen Fremdgeherei) � als sie ihn so dasitzen sah, spitzb�bisch �ber den eigenen Scherz schmunzelnd, versp�rte sie pl�tzlich Zuneigung zu diesem Menschen. Mehr noch, sie versp�rte die �berraschende Versuchung, ihm alles zu verzeihen � jedenfalls in diesem Moment, da sie gewahr wurde, dass auch Kurt alterte; wenigstens in dieser Hinsicht lie� er sie nicht im Stich.</p><p>��Wei�t du, Iruschka, sagte Kurt, heute ist Sonntag, wer wei�, wie lange das sch�ne Wetter noch anh�lt. Lass uns ein bisschen rausfahren in den Wald, Pilze suchen oder irgendwas.</p><p>��Du suchst doch nicht gern Pilze, sagte Irina.</p><p>Und nicht nur dass Kurt nicht gern Pilze suchte � er fand auch nie welche. Was Irina aber, weil sie es mit dem blinden Auge in Verbindung brachte, nicht aussprach.</p><p>��Aber ich gucke gern zu, wie du Pilze suchst, erwiderte Kurt.</p><p>��Kurtik, ich muss Essen machen, ich muss das Geschenk holen f�r Wilhelm��</p><p>��Was denn f�r ein Geschenk?</p><p>Irina verdrehte die Augen.</p><p>��Wilhelm bekommt seit drei�ig Jahre dasselbe Geschenk!</p><p>Es handelte sich um zehn Schachteln <emphasis>Belomorkanal</emphasis>: klassische russische Papirossy, die Irina im Buffet des sogenannten Hauses der Offiziere f�r ihn besorgte � abscheuliches Zeug eigentlich, das Wilhelm aus reiner Angeberei rauchte, um seinen Genossen vorzuf�hren, wie er das Pappmundst�ck zu knicken verstand, w�hrend er seine drei Brocken Russisch zum Besten gab und vage Andeutungen �ber seine �Moskauer Zeit� machte.</p><p>��Iruschka, wandte Kurt ein, Wilhelm raucht seit zwei Jahren nicht mehr.</p><p>Das Dumme war: Kurt hatte recht. Nach seiner schweren Lungenentz�ndung (allerdings hatte er schon mehrere schwere Lungenentz�ndungen gehabt) hatte Wilhelm das Rauchen aufgegeben; beim letzten Geburtstag hatte er die <emphasis>Belomorkanal</emphasis> sogar an Horst M�hlich weiterverschenkt, der sich nicht entbl�det hatte, sofort eine Papirosse zu knicken und vor versammelter Mannschaft zu rauchen.</p><p>��Und wer kocht Mittag?</p><p>��Machst du was Einfaches, sagte Kurt.</p><p>��Was Einfaches! Irina sch�ttelte den Kopf. Sascha kommt � und ich mache was Einfaches!</p><p>��Warum denn nicht?</p><p>��Weil wir immer, wenn Sascha am ersten Oktober kommt, Pelmeni essen.</p><p>��Ach was, sagte Kurt, ist doch v�llig egal.</p><p>Er schlug die Kuppe seines Fr�hst�ckseis an und begann die Schalen in den Eierbecher zu pellen, eine Methode, die Irina r�cksichtslos fand, weil es unangenehm war, die Eierschalen dann wieder aus den Bechern zu klauben.</p><p>Aber sie sagte nichts. Nahm einen tiefen Zug, sodass ihr ein bisschen schwindelig wurde. H�rte, wie Nadjeshda Iwanowna aus dem Badezimmer kam.</p><p>��Ich gehe erst mal ins Bad, sagte Irina.</p><p>Als Irina aus dem Bad zur�ckkam, bl�tterte Kurt in der Zeitung. Sein Teller war noch immer unbenutzt, ohne Kr�mel.</p><p>��Warum isst du nichts, sagte Irina. Du kriegst blo� wieder Magenschmerzen.</p><p>��Wirklich kein einziges Wort, sagte Kurt. Keine Silbe �ber Ungarn, kein Wort �ber Fl�chtlinge, nichts �ber die Botschaft in Prag��</p><p>Er faltete die Zeitung zusammen, knallte sie auf den Tisch. Auf der Titelseite war gro� zu lesen:</p><p>IN DEN K�MPFEN UNSERER ZEIT</p><p>STEHEN DDR UND VR CHINA SEITE AN SEITE</p><p>Irina hatte die �berschrift schon gestern gesehen � es war die Wochenendausgabe des <emphasis>ND</emphasis>, die Kurt noch nicht gelesen hatte, weil gestern die <emphasis>Literaturnaja Gazeta</emphasis> aus Moskau gekommen war. Irina fragte sich, warum er diesen Mist �berhaupt noch las: <emphasis>Neues Deutschland!</emphasis></p><p>Kurt tippte mit dem Finger auf die Zeitung:</p><p>��Verstehst du, was die damit sagen wollen?</p><p>Irina zuckte mit den Schultern. Auch das Foto hatte sie schon gesehen: irgendwelche Bonzen, die in drei langen Reihen hintereinanderstanden, so grobk�rnig, dass man die zahlreichen Chinesen nur mit M�he von den Deutschen unterscheiden konnte. Ein ganz normales, typisches, d�mliches <emphasis>ND</emphasis>-Foto, aber doch besonders d�mlich angesichts der Tatsache, dass ihnen gerade die Leute wegliefen (eine Tatsache, die Irina jedoch, im Gegensatz zu Kurt, weniger mit Besorgnis als mit Schadenfreude erf�llte).</p><p>��Das ist eine Warnung, dozierte Kurt. Das bedeutet: Leute, wenn es hier zu irgendwelchen Demonstrationen kommt, dann machen wir das wie die Chinesen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Herrgott, nee wirklich, Beton, sagte Kurt. Beton!</p><p>Er nahm ein Wei�brot aus dem Korb und begann es mit Butter zu beschmieren.</p><p>Das Bild, das bei den Worten �Platz des Himmlischen Friedens� in Irinas Kopf auftauchte: ein d�nner Mensch im wei�en Hemd, der eine Kolonne von vier oder f�nf Panzern zum Stehen brachte. Sie erinnerte sich, wie sie vor dem Fernseher den Atem angehalten hatte, als der erste Panzer, Rauchwolken aussto�end und be�ngstigend schwingend, versucht hatte, sich an dem Menschlein vorbeizuman�vrieren. Sie wusste, wie man sich f�hlte so nah an einem Panzer. Zwei Jahre lang war sie, wenn auch nur als Sanit�terin, im Krieg gewesen. Sie erkannte einen T-34 am Anfahrger�usch.</p><p>��Du sprichst aber mal mit Sascha, sagte Irina. Nicht dass er irgendwelchen Unsinn macht.</p><p>Kurt winkte ab.</p><p>��Als ob Sascha auf mich h�ren w�rde!</p><p>��Trotzdem, du musst mit ihm sprechen.</p><p>��Was soll ich ihm denn sagen? Guck dir doch diesen Schwachsinn an � Kurt tippte mit dem Finger so heftig auf das <emphasis>ND</emphasis>, dass es Irina schmerzte � L�ge und Schwachsinn!</p><p>��Das erz�hle mal deiner Mutter heute nachmittag.</p><p>Irina angelte sich eine Zigarette aus der Schachtel. Kurt griff nach ihrer Hand.</p><p>��Komm, Irina, jetzt iss erst mal was.</p><p>Die Wohnzimmeruhr schnurrte ihr Neun-Uhr-Schnurren. F�r ein paar Augenblicke verharrten beide, wie auf Verabredung � man musste schon genau hinh�ren, wenn man die Zeit aus dem tonlosen Schnurren heraush�ren wollte. Dann sagte Kurt:</p><p>��In Ordnung, ich spreche mit Sascha.</p><p>Er begann sein Ei zu l�ffeln, hielt aber noch einmal inne und f�gte hinzu:</p><p>��Aber nach dem Fr�hst�ck gehen wir ein bisschen spazieren.</p><p>Irina nahm sich nun ebenfalls ein Brot aus dem Korb, beschmierte es mit Butter und K�se, rechnete durch, wie viel Zeit ihr zum Spazierengehen blieb, wenn sie das Russenmagazin einsparte. Andererseits: Sie hatte keine Lust spazieren zu gehen, schon gar nicht mit Kurt, der immer vorneweg rannte. Auch hatte sie gar keine passenden Schuhe.</p><p>��Soll ich Vera anrufen, fragte Kurt. Vielleicht kommt sie mit.</p><p>��Ach sooo, sagte Irina, darum geht es!</p><p>��Was? Worum geht es?</p><p>��Hast du Sehnsucht nach Vera, ja?</p><p>��Vera ist <emphasis>deine</emphasis> Freundin, sagte Kurt. Ich dachte, du langweilst dich mit mir allein.</p><p>��Vera war nie meine Freundin, sagte Irina.</p><p>��Wunderbar, sagte Kurt, dann gehen wir allein.</p><p>Irina schob das Brot weg, z�ndete die Zigarette an.</p><p>��Ira, was soll denn das jetzt.</p><p>��Nichts, sagte Irina. Du kannst mit Vera spazieren gehen.</p><p>��Ich will nicht mit Vera spazieren gehen, sagte Kurt.</p><p>��Entschuldige, sagte Irina, eben hast du gesagt, du willst mit Vera spazieren gehen.</p><p>Einige Augenblicke war es still. Dann kr�chzte eine T�r, und im Flur war das Schlurfen Nadjeshda Iwanownas zu h�ren, kam n�her, stockte�� Irina riss die T�r auf und reichte ihrer Mutter den Teller mit dem fertiggeschmierten Brot.</p><p>��Hier, iss das, befahl sie.</p><p>��Was ist das, fragte Nadjeshda Iwanowna, ohne den Teller anzunehmen.</p><p>��Herrgott, das ist ein Brot! Mit K�se! Denkst du, ich will dich vergiften?</p><p>��Ich vertrag keinen K�se, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>Irina stand auf, ging in das Zimmer ihrer Mutter, knallte den Teller auf den Tisch.</p><p>Erst als sie schon wieder im Wohnzimmer war, drang ihr der Geruch im Zimmer von Nadjeshda Iwanowna ins Bewusstsein � neben verschimmelnden Lebensmitteln und penetranten, wenngleich nutzlosen Fu�salben war es vor allem der alles �bert�nende, s��liche Muff des aus Russland mitgebrachten Mottenpulvers, das Nadjeshda Iwanowna in lebensfeindlicher Konzentration verwendete.</p><p>Irina �ffnete noch einmal die Zimmert�r und schrie:</p><p>��Und kannst du mal bitte l�ften!</p><p>Sie setzte sich, schlug die H�nde vors Gesicht.</p><p>��Willst du noch Kaffee, fragte Kurt.</p><p>Irina nickte.</p><p>��Entschuldige, sagte sie.</p><p>Kurt goss ihr Kaffee ein, schmierte dann, sorgf�ltig die noch etwas zu harte Butter verteilend, ein K�sebrot, gerade so wie das, das sie eben in das Zimmer von Nadjeshda Iwanowna gebracht hatte, und reichte es ihr.</p><p>��Iruschka, ich dachte, wir h�tten das hinter uns.</p><p>Ja, dachte Irina, ich dachte auch, das h�tten wir hinter uns.</p><p>Aber stattdessen sagte sie:</p><p>��H�re, Kurtik, geh allein spazieren, ich hab wirklich noch viel zu tun.</p><p>��Allein, sagte Kurt, allein geh ich jeden Tag.</p><p>��Dann geh in den Garten, sagte Irina, und schneide die Rosen ab.</p><p>��Die Rosen beschneiden? Kurt seufzte, und Irina f�gte hinzu:</p><p>��Ich bring dir nachher Kaffee raus und ein Brot mit Himbeermarmelade.</p><p>Kurt nickte.</p><p>��Imb�rmarmeladde, wiederholte er.</p><p>Denn in Wirklichkeit sagte Irina <emphasis>Imb�rmarmeladde</emphasis>. Sie sagte <emphasis>Ihrsinn</emphasis> und <emphasis>Imb�rmarmeladde</emphasis> und <emphasis>D�D��rre</emphasis> anstatt DDR. Seit drei�ig Jahren sprach sie so, beharrlich ihren eigenen Dialekt entwickelnd, und seit drei�ig Jahren neckte Kurt sie damit.</p><p>��Was ist jetzt falsch, wollte Irina wissen.</p><p>��Nichts, sagte Kurt, ohne die Miene zu verziehen. Und f�gte nach einer kleinen Pause hinzu: Die Marmeladde ist erst im B�r, dann kommt sie raus aus dem B�r, und dann bringst du sie mir in den Garten.</p><p>��Ach du, sagte Irina.</p><p>Schlug nach ihm, lachte aber.</p><p>Kurt tat, als fliehe er vor ihrem Angriff, und ging in sein Zimmer, um sich die Pfeife zu holen. In diesem Augenblick klingelte wieder das Telefon.</p><p>��Warte, ich geh ran, rief Kurt aus seinem Zimmer.</p><p>Er kam eilig zur�ck und legte die Pfeife auf den Tisch. Ging zum Telefon, nahm den H�rer ab.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>��Hallo, sagte Kurt, und an der Art, wie er �Hallo� sagte, erkannte Irina, dass es nicht seine Mutter war.</p><p>��Nanu, sagte Kurt. Warum denn?</p><p>Dann wurde Kurts Gesicht pl�tzlich grau.</p><p>��Was ist denn, wollte Irina wissen.</p><p>Aber Kurt hob nur die Hand, zum Zeichen, dass sie nicht st�ren solle. In den H�rer sagte er:</p><p>��Das ist doch nicht dein Ernst. Dann h�rte er eine Weile zu, sagte mehrmals leise:</p><p>��Ja�� Ja�� Ja��</p><p>Dann schien das Gespr�ch abzurei�en:</p><p>��Hallo, sagte Kurt. Hallo?</p><p>War es doch Charlotte? War irgendetwas passiert?</p><p>Kurt kam langsam zur�ck zum Tisch, setzte sich.</p><p>��Wer war das, fragte Irina.</p><p>��Sascha, sagte Kurt.</p><p>��Sascha?</p><p>Kurt nickte.</p><p>��Was ist denn, wo ist er?</p><p>��In Gie�en, sagte Kurt leise.</p><p>Ihr K�rper reagierte sofort � als w�re ihm ein Schlag versetzt worden, w�hrend ihr Kopf lange brauchte, um zu verstehen, was das bedeutete: Gie�en.</p><p>Lange sagte keiner von beiden etwas.</p><p>Nach einer Weile begann Kurt, sich eine Pfeife zu stopfen. Hin und wieder stie� er Luft durch die Nase, ein Ger�usch, das er machte, wenn er ratlos war.</p><p>Sein Tabaksbeutel knisterte.</p><p>Dann kr�chzte die T�r von Nadjeshda Iwanowna. Langsam, sehr langsam n�herte sich das Schlurfen dem Wohnzimmer�� Hielt inne. Dann, durch den T�rspalt, die Stimme von Nadjeshda Iwanowna, d�nn, aber eindringlich, in typischer Weise aufsteigend:</p><p>��Dass Sascha nachher nicht vergisst, ein Glas Gurken mitzunehmen.</p><p>Kurt stand langsam auf, ging um den Tisch, �ffnete die Zimmert�r ganz und sagte:</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, Sascha kommt heute nicht.</p><p>Nadjeshda Iwanowna war einen Augenblick ratlos, dann sagte sie:</p><p>��Macht nichts, die Gurken halten sich ja.</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, sagte Kurt�� Er hob beide H�nde, lie� sie wieder fallen und sagte:</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, setzen Sie sich bitte einen Augenblick.</p><p>��Habe schon gefr�hst�ckt, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Setzen Sie sich bitte einen Augenblick, wiederholte Kurt.</p><p>Nadjeshda Iwanowna schlurfte langsam um den Tisch herum, setzte sich auf den Rand eines Stuhls, stellte das mitgebrachte Glas Gurken auf den Tisch und legte ihre sehnigen, abgearbeiteten H�nde �bereinander.</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, sagte Kurt, die Sache ist die: Sascha kommt dann wohl eine Weile nicht.</p><p>��Ist er krank, fragte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Nein, sagte Kurt. Sascha ist im Westen.</p><p>Nadjeshda Iwanowna �berlegte.</p><p>��In Amerika?</p><p>��Nein, sagte Kurt, nicht in Amerika, im Westen. In Westdeutschland.</p><p>��Ich wei�, sagte Nadjeshda Iwanowna. Westdeutschland, das ist in Amerika.</p><p>Irina hielt es nicht mehr aus.</p><p>��Sascha ist weg, schrie sie. Tot, verstehst du, tot!</p><p>��Irina, sagte Kurt auf Deutsch, du kannst doch nicht so etwas sagen!</p><p>Zu Nadjeshda Iwanowna sagte er auf Russisch:</p><p>��Sascha ist nicht tot, Irina meint, dass er sehr weit weg ist. Dass er nicht mehr kommen wird.</p><p>��Aber zu Besuch, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Nein, sagte Kurt, auch nicht zu Besuch. Mehr kann ich Ihnen im Augenblick nicht sagen.</p><p>Nadjeshda Iwanowna erhob sich langsam, schlurfte zur�ck in ihr Zimmer. Die T�r kr�chzte, als sie sich schloss.</p></section><section><title><p><strong>1959</strong></p></title><p>Unendlich.</p><p>Achim Schliepner hat gesagt, man kann nicht bis unendlich z�hlen.</p><p>Alexander lag auf seiner Pritsche und tr�umte davon, bis unendlich zu z�hlen. Er tr�umte davon, dass er der Erste sein w�rde, der bis unendlich z�hlt. Er wusste schon, wie man z�hlt. Er z�hlte und z�hlte. Z�hlte sich in schwindelerregende H�hen. Millionen, Trillionen, Trillibillionen, Tausend Millionen Trillibillionen�� Und auf einmal war er da: unendlich! Beifall rauschte. Jetzt war er ber�hmt. Er stand in einem offenen schwarzen Tschaika, der sagenhaften sowjetischen Staatskarosse mit massenhaft Chrom und raketenartigen Heckfl�geln. Langsam rollte das Gef�hrt durch die Stra�e. Links und rechts standen die Menschen Spalier, so wie am Ersten Mai, und winkten ihm zu, mit kleinen, schwarz-rot-goldenen F�hnchen��</p><p>Dann bekam er ein Buch auf den Kopf. Das war Frau Remschel, sie passte auf, dass man schlief. Wer nicht schlief, bekam ein Buch auf den Kopf.</p><p>Die Mama holte ihn ab. Es d�mmerte schon. Bald kam der Mann, der die Gaslaternen anz�ndete.</p><p>��Mama, wann fahren wir denn zu Baba Nadja?</p><p>��Ach, Saschenka, das dauert noch.</p><p>��Warum dauert immer alles so lange?</p><p>��Sei froh, Saschenka, dass es lange dauert. Wenn du gro� bist, geht pl�tzlich alles ganz schnell.</p><p>��Warum?</p><p>��So ist das eben: Wenn man �lter wird, vergeht die Zeit schneller.</p><p>Verbl�ffende Erkenntnis.</p><p>Dann waren sie schon beim Konsum. Der Konsum lag etwa auf halbem Weg. Es war ein weiter Weg, besonders morgens. Der R�ckweg kam ihm immer k�rzer vor. Er �berlegte, ob es daran lag, dass er am Nachmittag schon wieder ein kleines bisschen �lter war.</p><p>��Willst du mit reinkommen, fragte die Mama, oder willst du hier drau�en warten?</p><p>��Mit reinkommen, sagte er.</p><p>Im Konsum gab es Milch gegen Marke. Mit einer gro�en Kelle f�llte die Verk�uferin die Kanne. Fr�her hatte das immer Frau Blumert getan. Aber Frau Blumert hatte man verhaftet. Er wusste auch, warum: weil sie Milch ohne Marke verkauft hatte. Hatte Achim Schliepner gesagt. Milch ohne Marke war streng verboten. Deswegen war Alexander entsetzt, als er die neue Verk�uferin sagen h�rte:</p><p>��Macht nichts, Frau Umnitzer, dann bringen Sie Ihre Marke morgen.</p><p>Seine Mutter suchte immer noch in ihrem Portemonnaie.</p><p>��Ich will aber keine Milch, sagte Alexander.</p><p>��Wie bitte?</p><p>Entsetzen hatte sich auf seine Stimme gelegt. Er konnte kaum sprechen.</p><p>��Ich will keine Milch, wiederholte er leise.</p><p>Seine Mutter nahm die Milchkanne entgegen.</p><p>��Du willst keine Milch?</p><p>Sie verlie�en den Laden, seine Beine bewegten sich kaum. Seine Mutter kniete neben ihm nieder.</p><p>��Was ist denn, Saschenka?</p><p>Silbenweise teilte er seine Bef�rchtungen mit. Seine Mutter lachte.</p><p>��Aber Saschenka, ich werde doch nicht verhaftet!</p><p>Er begann zu weinen. Seine Mutter hob ihn hoch und k�sste ihn.</p><p>Lapotschka nannte sie ihn: Pf�tchen.</p><p>Beim B�cker bekam er ein St�ck Bienenstich. Die S��e des Honigs vermischte sich mit dem Salz der Tr�nen auf seinen Lippen. Die Welt kam allm�hlich wieder in Ordnung.</p><p>��Aber Frau Blumert ist verhaftet worden, sagte er.</p><p>��Ach, Unsinn! Die Mama verdrehte die Augen. Wir sind doch nicht in der Sowjetunion!</p><p>��Warum?</p><p>��Ach, das rede ich blo� so daher, sagte die Mama. Nicht dass du Omi erz�hlst, in der Sowjetunion wird man verhaftet.</p><p>Sie wohnten im Steinweg. Unten wohnten Omi und Wilhelm. Oben wohnten sie: Mama und Papa und er.</p><p>Papa war Doktor. Kein richtiger Doktor, sondern Doktor im Schreibmaschineschreiben. Papa war sehr gro� und sehr stark und wusste alles. Mama wusste nicht alles. Mama konnte noch nicht mal richtig Deutsch.</p><p>��Na, was hei�t denn auf Deutsch �Kryssa�?</p><p>Schon war Mama au�er Gefecht gesetzt.</p><p>Andererseits hatte Mama im Krieg gek�mpft: gegen die Deutschen.</p><p>��Hast du welche totgeschossen?</p><p>��Nein, Saschenka, ich hab nicht geschossen. Ich war Sanit�terin.</p><p>Trotzdem erf�llte es ihn mit Stolz. Seine Mama hatte den Krieg gewonnen. Die Deutschen hatten verloren. Seltsamerweise war Papa auch Deutscher.</p><p>��Hast du gegen Mama gek�mpft?</p><p>��Nein, ich war, als der Krieg anfing, schon in der Sowjetunion.</p><p>��Warum denn?</p><p>��Weil ich aus Deutschland geflohen bin.</p><p>��Und dann?</p><p>��Habe ich Holz gef�llt.</p><p>��Und dann?</p><p>��Habe ich Mama kennengelernt.</p><p>��Und dann?</p><p>��Haben wir dich geboren.</p><p>Geboren, das stellte er sich so vor wie ein Loch in die Erde bohren. So �hnlich wie Omis Rasensprenger. Das war eine lange Stange mit Spitze, die wurde in den Rasen gebohrt. Der Rest war noch unklar. Es hatte mit Erde zu tun.</p><p>Sonntags kroch er zu seinen Eltern ins Bett. Er steckte sich den Finger in den Hintern und sagte:</p><p>��Riech mal.</p><p>��Pfuh, rief sein Vater und sprang aus dem Bett.</p><p>Verbl�ffende Erkenntnis: dass auch die eigene Schei�e stinkt.</p><p>Dann machten sie Fr�hsport mit Hula-Hoop-Reifen.</p><p>��Das ist jetzt modern, sagte Mama.</p><p>Mama war n�mlich modern. Papa war nicht so modern. Er wollte immer die alten Sachen behalten.</p><p>��Die Schuhe sind doch noch gut, sagte er.</p><p>Aber Mama sagte:</p><p>��Die sind nicht mehr modern.</p><p>Eindringlich: der Geruch, wenn Mama das Huhn �ber der Gasflamme absengte.</p><p>G�nstig: dass Papa lieber das Wei�fleisch a�.</p><p>Unbegreiflich: dass die Eltern freiwillig Mittagsschlaf machten.</p><p>Sp�ter Schachspielen. Papa gab ihm zwei T�rme vor, trotzdem gewann er immer.</p><p>��Morphy hat schon mit sechs Jahren gegen seinen Vater gewonnen, sagte sein Vater.</p><p>Das war aber nicht so schlimm. Er war ja erst vier. Erst mal musste er f�nf werden. Und dann hatte er immer noch Zeit. Sehr viel Zeit, um seinen Vater im Schach zu besiegen.</p><p>Die Wochentage: Montag bis Freitag. Und auch das wusste er schon: Es gab Erstenfreitag und Zweitenfreitag. Zweitenfreitag ging er n�mlich zur Omi.</p><p>Vorher baden. Die Haare k�mmen. Und dann, er ahnte es schon, holte Mama rasch noch die Schere heraus.</p><p>��Immer wenn ich zur Omi gehe, musst du mir an den Haaren schnippeln.</p><p>��Jetzt halt doch mal still.</p><p>��Das piekt aber!</p><p>Genau das war es � das typische Zur-Omi-Geh-Gef�hl: frisch gewaschen, Bademantel, und im Nacken piekten die abgeschnittenen H�rchen.</p><p>��Nun geh schon, Lapotschka, sagte die Mama.</p><p>Mama stand oben an der Treppe. Omi stand unten an der Treppe.</p><p>��Na, komm schon, mein Sp�tzchen, sagte Omi.</p><p>Er drehte sich um, winkte der Mama zu. Das sollte hei�en: Kannst ruhig gehen. Er wollte nicht, dass sie h�rte, wie Omi �mein Sp�tzchen� sagte. Er wollte auch nicht, dass Omi h�rte, wie Mama �Lapotschka� sagte.</p><p>Aber die Mama verstand ihn nicht. Blieb stehen, nickte ihm zu.</p><p>Langsam, sehr langsam, hangelte er sich am Gel�nder hinab, bis die Stufen sich kr�mmten und die Treppe in breitem Schwung in die Diele auslief, wo immer am Abend die rosa Muschel leuchtete, in die Wilhelm, keiner wusste wie, eine elektrische Gl�hbirne eingebaut hatte.</p><p>Omi-Welt. Hier war alles ein bisschen anders. Und er sprach auch gleich anders, so ein bisschen <emphasis>kompliziert</emphasis>:</p><p>��Omi, machen wir heute wieder unser Geheimnis?</p><p>��Selbstverst�ndlich, mein Sp�tzchen.</p><p>Zuerst wurde der Tisch gedeckt. Diensteifrig flitzte Alexander zwischen K�che und Salon hin und her, wie die Omi das gro�e Zimmer nannte.</p><p>Die Regeln des Tischdeckens (g�ltig nur f�r die untere Etage des Hauses): Die Servietten, in silberne Ringe gesteckt, lagen ganz au�en. Dann das Messer, dann die Gabel. Und dann das Stullenbrett. Bei Omi wurde n�mlich vom Stullenbrett gegessen. Das war sehr <emphasis>praktisch</emphasis>, weil man dann besser die Brotrinde abschneiden konnte. Wilhelm vertrug n�mlich keine Brotrinde. Der L�ffel wurde oben quer �ber das Stullenbrett gelegt. Den L�ffel brauchte man f�r Omis ber�hmte Zitronencreme.</p><p>Zitronencreme war Alexanders Lieblingsspeise. Er wusste auch nicht, wie das gekommen war. Eigentlich schmeckte ihm Zitronencreme �berhaupt nicht. Trotzdem war es nun mal seine Lieblingsspeise � bei Omi.</p><p>Au�erdem trank er bei Omi Kamillentee und a� Schmelzk�se und Leberwurst. Auch das geh�rte zum Omi-Gef�hl. Wie die H�rchen im Nacken.</p><p>Die Butter war so zu stellen, dass Wilhelm bequem rankam.</p><p>Das war�s.</p><p>Zwischendurch machten sie ihr Geheimnis.</p><p>Ihr Geheimnis bestand darin, dass sie in der K�che Toastbrot a�en. Schnurpsbrot hie� das. Die Sache war die: Wilhelm vertrug kein Schnurpsbrot. Und er vertrug es auch nicht, wenn andere Schnurpsbrot a�en. Er bekam davon G�nsehaut, sagte die Omi. Also mussten sie das Schnurpsbrot heimlich in der K�che essen. Mit Marmelade.</p><p>Bis Wilhelm erschien.</p><p>��Na, Hombre?</p><p>Dabei griff Wilhelm ihm derb ins Gesicht.</p><p>Wilhelm hatte zwar einen kleinen Kopf, aber gro�e H�nde. Das kam daher, dass Wilhelm fr�her einmal Arbeiter gewesen war. Heute war Wilhelm was Hohes. Aber die Arbeiterh�nde hatte er immer noch. Eine davon reichte aus, um Alexanders Gesicht zu bedecken. Alexander w�rgte, er hatte noch Toastbrot im Mund.</p><p>��Na, dann woll�n wir mal sehen, was ihr da angerichtet habt f�r ein� Affenfra�, sagte Wilhelm und stolzierte in den Salon.</p><p>��Wilhelm scherzt, raunte die Omi Alexander zu.</p><p>Dass Wilhelm so komisch war, lag, wie Alexander vermutete, daran, dass er nicht sein richtiger Opa war. Deswegen hie� er auch einfach nur Wilhelm. Wenn man versehentlich �Opa� Wilhelm sagte, dann klappte Wilhelm die Z�hne aus. Davor grauste Alexander.</p><p>Zum Abendbrot gab es Musik: aus dem Schallplattenspieler. Das war ein dunkler Schrank mit einer halbrunden Klappe, die man nach oben �ffnete.</p><p>Wilhelm war gegen Musik.</p><p>��Du immer mit deinem Zeug, sagte er.</p><p>Aber er war der Einzige, der den Schallplattenspieler bedienen konnte. Deswegen bettelte die Omi:</p><p>��Wilhelmchen, leg uns doch eine Schallplatte auf, Alexander h�rt so gern Jorge Negrete.</p><p>Schlie�lich nahm Wilhelm eine Platte aus dem Schrank, lie� sie aus der H�lle gleiten, nahm einen Pinsel und fuhr dann, w�hrend er die Platte so in der Hand hielt, dass er nur den Rand und die Mitte ber�hrte, in leicht �bertriebenen Kreisbewegungen �ber die Rillen, wobei er die Platte wieder und wieder gegen das Licht hielt. Dann suchte er eine Weile den Schniepel, der durch das Loch in der Mitte der Platte musste und den man ja, w�hrend man �ber dem Plattenteller hantierte, nicht sah � schwieriger Vorgang. Wenn das gelungen war, stellte Wilhelm die Geschwindigkeit ein, b�ckte sich, den Hals verdrehend, hinab, sodass Alexander ihm auf seinen glatzigen Kopf gucken konnte, und senkte vorsichtig die Nadel, bis das geheimnisvolle Knistern vernehmbar wurde�� Dann kam die Musik.</p><p>Goldene Gr�te. Alexander stellte sich eine vergoldete Fischgr�te vor. Unklar blieb, was das mit der Musik zu tun hatte. Da es bei seinen Eltern keinen Plattenspieler gab, war Goldene Gr�te im Grunde die einzige Musik, die er kannte. Die aber daf�r gut:</p><p><emphasis>M�xico lindo y querido</emphasis></p><p><emphasis>si muero lejos de ti</emphasis></p><p><emphasis>que digan que estoy dormido</emphasis></p><p><emphasis>y que me traigan aqu�</emphasis></p><p>Obwohl er kein Wort verstand: Den Refrain h�tte er mitsingen k�nnen.</p><p>��Wei�t du denn, warum die Indianer Indianer hei�en, fragte Wilhelm und klatschte sich eine Scheibe Brot aufs Brett.</p><p>Alexander wusste, warum die Indianer Indianer hie�en, das hatte Wilhelm bereits zweimal erkl�rt. Gerade deswegen z�gerte er.</p><p>��Aha, sagte Wilhelm, wei� er nicht. Keine Ahnung, die jungen Menschen!</p><p>Er klatschte sich eine Portion Butter aufs Brot und verschmierte sie mit einer einzigen Bewegung.</p><p>��Kolumbus, sagte Wilhelm, hat die Indianer Indianer genannt, weil er dachte, er ist in Indien. Comprende? Und wir nennen sie immer noch so. Ist das nicht ein Bl�dsinn?</p><p>Er schmierte sich eine dicke Schicht Leberwurst auf das Brot.</p><p>��Die Indianer, sagte Wilhelm, sind die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents. Ihnen geh�rt Amerika. Aber stattdessen��</p><p>Er legte sich noch eine saure Gurke aufs Brot, genauer, er <emphasis>warf</emphasis> sie aufs Brot, aber die Gurke fiel wieder herunter und rollte auf die Tischdecke.</p><p>��Stattdessen, sagte er, sind sie heute die �rmsten der Armen. Enteignet, ausgebeutet, unterdr�ckt.</p><p>Dann zerteilte er die Gurke, dr�ckte die Gurkenh�lften tief in die Leberwurst ein und begann ger�uschvoll zu kauen.</p><p>��Das, sagte Wilhelm, ist Kapitalismus.</p><p>Nach dem Abendbrot gingen Omi und Alexander in den Wintergarten. Im Wintergarten war es warm und feucht. Es roch s��lich-salzig, fast wie im Zoo. Der Zimmerspringbrunnen brummte leise. Zwischen Kakteen und Gummib�umen standen und lagen Dinge herum, die Omi aus Mexiko mitgebracht hatte: Korallen, Muscheln, Dinge aus echtem Silber, die Haut einer Klapperschlange, die Wilhelm eigenh�ndig mit der Machete erschlagen hatte; an der Wand hing die S�ge eines leibhaftigen S�gefischs, fast zwei Meter lang und unwirklich wie das Horn eines Einhorns; das Beste aber war das ausgestopfte Haifischbaby, dessen raue Haut Alexander zum Schaudern brachte.</p><p>Sie setzten sich aufs Bett (Omis Bett stand im Wintergarten, weil sie nur hier ruhig schlafen konnte), und Omi begann zu erz�hlen. Sie erz�hlte von ihren Reisen; von tagelangen Reittouren; von Fahrten im Kanu; von Piranhas, die ganze K�he auffra�en; von Skorpionen im Schuh; von Regentropfen, die so gro� waren wie Kokosn�sse; und vom Urwald, der so dicht war, dass man sich mit einer Machete einen Weg hineinschlagen musste, der, wenn man wieder zur�ckkam, schon wieder zugewachsen war.</p><p>Heute erz�hlte Omi von den Azteken. Das letzte Mal hatte sie erz�hlt, wie die Azteken durch die W�ste gewandert waren. Heute fanden sie die verlassene Stadt, und weil niemand dort wohnte, glaubten die Azteken, hier seien die G�tter zu Hause, und nannten die Stadt: Teotihuac�n � <emphasis>der Ort, wo man Gott wird</emphasis>.</p><p>��Omi, aber in Wirklichkeit gibt�s keinen Gott.</p><p>��In Wirklichkeit gibt�s keinen Gott, sagte Omi und erz�hlte, wie die G�tter die f�nfte Welt gr�ndeten.</p><p>��Denn die Welt, sagte Omi, war schon vier Mal untergegangen, und es war dunkel und kalt, und keine Sonne war mehr am Himmel, und einzig auf der gro�en Pyramide von Teotihuac�n brannte noch eine Flamme, und die G�tter versammelten sich, um zu beraten, und sie kamen zu dem Schluss: Nur wenn einer von ihnen sich opferte, w�rde es eine neue Sonne geben.</p><p>��Omi, was hei�t denn <emphasis>opfern</emphasis>?</p><p>��Das hei�t, einer musste sich in das Feuer werfen, um als neue Sonne am Himmel aufzuerstehen.</p><p>��Warum?</p><p>��Einer musste sich opfern, damit das Leben der anderen weitergeht.</p><p>Verbl�ffende Erkenntnis.</p><p>Mama brachte ihn ins Bett.</p><p>��Legst du dich noch zu mir?</p><p>��Heute nicht, sagte Mama, ich hab mir gerade die Haare gemacht.</p><p>Ihre Kleider raschelten, als sie ging.</p><p>Heute f�hlte er sich besonders unwohl. In der Dunkelheit spukten Bilder umher. Er dachte an den Gott, der sich ins Feuer werfen musste. Kipitalismus, das Wort tauchte auf. Es klang nach Hitze: �kipit� � russisch �es kocht�. In einer brodelnden Suppe schwammen Piranhas herum. Nicht den Finger reinstecken, sagte sein Vater. Im W�stensand tanzten barfu� Azteken, ihre Gesichter waren von Schmerz verzerrt. Wilhelm, Wilhelm, schrie Omi. Wilhelm kam und l�schte alles mit Gurkenwasser. Mama, im schicken Kleid, verteilte Schuhe an die Azteken. Es waren aus der Mode gekommene Damenschuhe. Die Azteken betrachteten sie sehr verwundert, zogen sie trotzdem an. Dann wanderten sie weiter durch die von Gurkenwasser durchtr�nkte W�ste. Ihre Abs�tze versanken im gelben Schlamm.</p><p>Alexander erwachte und kotzte: mit Zitronencremegeschmack. Danach hatte er drei Tage Fieber.</p><p>Im April hatte er Geburtstag. Er bekam einen Roller (mit Luftbereifung), einen Schwimmring und einen Raupenschlepper, elektrisch.</p><p>Es kamen: Peter Hofmann, Matze Sch�neberg, Katrin M�hlich und die stille Renate. Peter Hofmann a� drei St�cken Torte. Es wurde Topfschlagen gespielt.</p><p>Nun, da er f�nf war, stellte sich die Frage erneut:</p><p>��Mama, wann fahren wir denn zu Baba Nadja?</p><p>��Anfang September.</p><p>��Wann ist denn September?</p><p>��Jetzt wird es erst mal Mai, dann Juni, Juli, August, dann September.</p><p>Alexander war w�tend.</p><p>��Du hast gesagt, wenn man gr��er wird, vergeht die Zeit schneller.</p><p>��Wenn du gro� bist, Saschenka. Richtig gro�.</p><p>��Wann bin ich denn richtig gro�?</p><p>��Richtig gro� bist du mit achtzehn.</p><p>��Wie gro� bin ich dann? So gro� wie Papa?</p><p>��Bestimmt gr��er.</p><p>��Warum?</p><p>��Das ist eben so. Kinder werden meistens gr��er als ihre Eltern. Und die Eltern werden im Alter ja auch wieder ein bisschen kleiner.</p><p>Auf Deutsch sagte sie:</p><p>��Ein Pfund Schabefleisch, bitte.</p><p>Der Sommer begann.</p><p>Zuerst musste man noch um Kurze-Hosen-Erlaubnis feilschen. Aber schon bald, nach wenigen Tagen, legte der Sommer zu, verbreitete sich unmerklich, besetzte die letzten Winkel von Neuendorf, trieb die K�hle aus der feuchten Erde; das Gras war jetzt warm, die Luft schwirrte vor lauter Insekten, und niemand erinnerte sich mehr an die G�nsehaut am ersten Tag, als man kurze Hosen anhatte; niemand konnte sich vorstellen, dass der Sommer jemals zu Ende ging.</p><p>Rollschuh laufen. Stahlrollen waren modern. Es ratterte m�chtig. Wilhelm kam raus:</p><p>��Das ist ja nicht auszuhalten, Affentheater!</p><p>Flitzebogen bauen. Pfeile aus einem namentlich nicht bekannten Gestr�uch, Spitzen mit Kupferdraht umwickelt. Uwe Ewald schie�t Frank Petzold ins Auge. Krankenhaus, Riesenanschiss.</p><p>Mit Kreide auf der Stra�e malen. Peter Hofmann malt ein Hakenkreuz. Macht daraus aber sofort ein Fenster � durch Erg�nzung von Strichen.</p><p>Ebenfalls streng verboten: Betreten des Bunkers. Die Gro�en tun es trotzdem. Die Kleinen auch. Als Alexander den Bunker betritt, erscheint ein Phantom aus der Tiefe: nur ein Kopf, die Wangen rot leuchtend. Vor Grauen richten sich Alexanders Haare auf. Stumm flieht er zum Ausgang.</p><p>Nicht verboten, aber irgendwie auch nicht erlaubt: mit Renate Klumb Reiter und Pferd spielen. Sie muss sich ins Gras legen, b�uchlings, den Rock hoch. Er setzt sich drauf. Bewegen braucht Renate sich bei diesem Spiel nicht. Es reicht, dass sich Haut und Haut an einigen Stellen ber�hren.</p><p>Gr�ne �pfel fressen mit Matze. Und Durchfall.</p><p>Katrin M�hlich klemmt sich die Finger im Liegestuhl.</p><p>Im Sandkasten bei Hofmanns werden St�dte f�r Feuerk�fer gebaut. Die gibt�s jetzt in Massen. Die Steine sind von der Sonne warm, darauf sitzen sie, reglos, in Scharen.</p><p>Und gerade als der Sommer vollst�ndig zum Stillstand kommt, als die Tage sich nicht mehr von der Stelle bewegen, als die Zeit, allen Versprechungen zum Trotz, zu vergehen aufh�rt und Alexander es schon fast vergessen hat, sagt seine Mutter:</p><p>��N�chste Woche fahren wir zu Baba Nadja.</p><p>��N�chste Woche, verk�ndet Alexander, fahr ich in die Sowjetunion.</p><p>Achim Schliepner zeigt sich wenig beeindruckt.</p><p>��Die Sowjetunion ist das gr��te Land der Welt, sagt Alexander.</p><p>Aber Achim Schliepner sagt:</p><p>��Amerika ist gr��er.</p><p>Die Reise: Gr�ner Waggon. Schlafwagen, gem�tlich wie ein H�uschen auf R�dern. Man konnte auch Tee bestellen. Auf den Teegl�sern war der Kreml drauf. Um den Kreml herum kreiste ein kleiner Sputnik.</p><p>R�derwechsel in Brest. Breitere Spur f�r die Sowjetunion.</p><p>��Stimmt�s, Mama, die Sowjetunion ist das gr��te Land der Welt.</p><p>��Ja, nat�rlich.</p><p>Er erinnerte sich an nichts. Aber er kannte <emphasis>alles</emphasis>. Sogar den Geruch der Moskauer Taxis: halb nach angebranntem Gummi, halb nach Benzin. Ganz Moskau schien ein bisschen nach Taxi zu riechen.</p><p>Der Rote Platz: eine Schlange vorm Mausoleum.</p><p>��Nein, Saschenka, so viel Zeit haben wir nicht.</p><p>Daf�r Eskimo-Eis. Und Prostokwascha mit Zucker.</p><p>Die Metro: gigantisch. Vor der Rolltreppe hatte er ein bisschen Angst. Noch mehr vor den T�ren.</p><p>Dann nochmal drei Tage Zugfahrt. Swerdlowsk umsteigen. Dann noch einen halben Tag. Und dann, endlich, Slawa.</p><p>Der Bahnhof lag au�erhalb. Ein Jeep holte sie ab, umfuhr in weiten Schleifen die L�cher im Weg. Keine L�cher: Krater.</p><p>Die Siedlung. Bretterz�une. H�user aus Bohlen. Und jedes sah aus, als w�rde Baba Nadja dort wohnen.</p><p>Der Fahrer hupte, Baba Nadja trat vor die T�r.</p><p>��Warum weint Baba Nadja?</p><p>��Weil sie sich freut, sagte Mama.</p><p>Das Haus war klein. Eine K�che, ein Zimmer. In der Mitte des Hauses ein Ofen. Auf dem Ofen schlief Baba Nadja. Mama und Alexander schliefen im Bett.</p><p>Der Hof: eine Sauna, ein Stall. Der schwarz-wei�e Hund an der Kette hie� Drushba. Drushba hie� Freundschaft. Freundschaft bellte. Die Kette rasselte. Baba Nadja schimpfte:</p><p>��Freundschaft, halt�s Maul.</p><p>Im Stall wohnten die Kuh und das Schwein. Die Kuh war braun und hie� Marfa. Das Schwein hie� einfach nur Schwein. So wie Wilhelm einfach nur Wilhelm hie�.</p><p>Vor dem Schwein hatte er Angst. Wenn man es rauslie�, raste es �ber den Hof und quietschte. Auch Freundschaft hatte Angst vor dem Schwein. Vor Freundschaft brauchte man sich indes nicht zu f�rchten.</p><p>Stattdessen durfte er mit Freundschaft spazieren gehen. Er durfte �berhaupt alles. Er durfte aufs Dach. Er durfte durch riesige Pf�tzen waten. Nur nicht in den Wald.</p><p>��Keinen Schritt in den Wald, sagte Baba Nadja.</p><p>Denn im Wald verirrte man sich. Und dann fra�en einen die W�lfe.</p><p>��Und dann finden wir nur noch deine Knochen, sagte Baba Nadja</p><p>��Nun h�r doch auf, sagte Mama.</p><p>In den Wald durfte er trotzdem nicht.</p><p>��Auch die M�cken k�nnen dich auffressen, sagte Mama.</p><p>Aber das glaubte er nicht. Dann schon eher die W�lfe.</p><p>Sehr interessant: Wasser aus dem Brunnen holen. Baba Nadja hatte eine Art B�gel, den legte sie sich �ber die Schultern, links und rechts einen Eimer dran, dann gingen sie los. Der n�chste Brunnen war nicht weit. Den Eimer h�ngte man an einen Haken. Runter ging er von ganz allein. Alexander durfte mit hochkurbeln.</p><p>Einmal die Woche kam Brot. Dann stand eine lange Schlange vor dem Laden. Jeder bekam drei Laib Brot. Auch Alexander. Zu dritt bekamen sie neun. Jedes kostete elf Kopeken. Drei Brote a�en sie selber, sechs kriegte die Kuh. In Wasser eingeweicht. Die Kuh schmatzte. Es schmeckte ihr.</p><p>Elektrischen Strom gab es bei Baba Nadja. Gas gab es nicht. Baba Nadja kochte alles in einer Nische im Ofen. F�r Tee wurde der Samowar angeheizt. Es gab schwarzen Tee: fr�h, mittags, abends. Der Samowar summte. Baba Nadja spielte mit ihm Dummkopf, das Kartenspiel.</p><p>Abends kam Besuch: Pawel Awgustowitsch, mit Krawatte und Anzug. Ein seltsamer Mensch, d�nn und altmodisch. K�sste Mama die Hand.</p><p>��Eine Schande ist das, sagte Mama zu Baba Nadja: Pawel Awgustowitsch hat am Konservatorium studiert.</p><p>��Was will man machen, antwortete Baba Nadja. Gott hat es nun mal so bestimmt.</p><p>Anderntags kamen alte Frauen mit Kopft�chern. Sie sangen bis in die Nacht. Zuerst lustige Lieder. Dabei klatschten sie in die H�nde, manche tanzten sogar. Dann sangen sie traurige Lieder. Dann weinten sie. Zum Schluss umarmten sich alle und wischten sich die Tr�nen aus dem Gesicht.</p><p>��Schade, sagte Alexander, dass wir zu Hause nicht auch alle in einem Zimmer wohnen.</p><p>Wieder zu Hause. Zweitenfreitag zu Omi, jetzt hatte er was zu erz�hlen.</p><p>��Wir sind f�nf Tage Zug gefahren!</p><p>��Das ist sehr interessant, sagte Omi. Aber willst du das nicht lieber nachher beim Abendbrot erz�hlen, dann h�rt Wilhelm es auch. F�r Wilhelm ist das auch alles sehr interessant.</p><p>Die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Omi ermutigte ihn:</p><p>��Wir machen es so: Ich geb dir ein Stichwort, und dann legst du los.</p><p>Stichwort?</p><p>��Zum Beispiel �Sowjetunion�, erkl�rte Omi. Ich sage, zum Beispiel: Ich w�rde gern mal Urlaub in der Sowjetunion machen! Das ist f�r dich das Stichwort.</p><p>Wilhelm klatschte sich Butter aufs Brot.</p><p>��Die Indianer, erkl�rte er, sind heute die �rmsten der Armen. Unterdr�ckt, ausgebeutet, ihres Landes beraubt.</p><p>Omi sagte:</p><p>��In der Sowjetunion gibt es keine Ausbeutung und keine Unterdr�ckung.</p><p>��Das ist klar, sagte Wilhelm.</p><p>Omi schaute Alexander an und sagte noch einmal:</p><p>��In der So-wjet-u-nion gibt es keine Ausbeutung und keine Unterdr�ckung!</p><p>��Ach ja, sagte Wilhelm, du warst doch gerade in der Sowjetunion. Erz�hl doch mal!</p><p>Pl�tzlich war Alexanders Kopf leer.</p><p>��Na was, sagte Wilhelm, redest du nicht mit einfachen Leuten?</p><p>��Bei Baba Nadja, sagte Alexander, kommt das Wasser aus einem Brunnen.</p><p>Wilhelm r�usperte sich.</p><p>��Na sch�n, sagte er, kann schon sein. Als wir in der Sowjetunion waren, Lotti, wei�t du noch, da gab es sogar noch in Moskau Brunnen. In Moskau, stell dir das vor! Und heute? Du warst doch in Moskau, oder?</p><p>Alexander nickte.</p><p>��Na bitte, sagte Wilhelm. Und wenn du gro� bist, dann muss man nirgends in der Sowjetunion mehr Wasser aus einem Brunnen holen. Wenn du so gro� bist wie dein Vater, dann ist in der Sowjetunion l�ngst der Kommunismus angebrochen � und vielleicht schon �berall auf der Welt.</p><p>Dass s�mtliche Brunnen abgeschafft werden sollten, fand Alexander wenig erfreulich, aber er wollte Wilhelm nicht wieder entt�uschen. Deswegen sagte er:</p><p>��Die Sowjetunion ist das gr��te Land der Welt.</p><p>Wilhelm nickte zufrieden. Sah ihn erwartungsvoll an. Auch Omi sah ihn erwartungsvoll an. Und Alexander f�gte hinzu:</p><p>��Aber Achim Schliepner ist dumm. Der sagt, dass Amerika das gr��te Land der Welt ist.</p><p>��Aha, sagte Wilhelm, interessant. Und zu Omi sagte er:</p><p>��Und gew�hlt haben die auch wieder nicht, die Schliepners. Aber die kriegen wir auch noch dran.</p><p>Kindergarten. Nun war er schon in der gro�en Gruppe. Achim Schliepner war fort. Nun war Alexander der Kl�gste. Beweis:</p><p>��Ich war schon in Moskau.</p><p>Nicht mal Frau Remschel war dort.</p><p>��Und wenn ich gro� bin, dann fahr ich nach Mexiko.</p><p>Denn wenn er gro� ist, herrscht �berall Komponismus. Dann werden die Indianer nicht mehr ausgebeutet und unterdr�ckt. Niemand muss sich mehr opfern. Nur Klapperschlangen, die gibt es nat�rlich noch. Und Skorpione im Schuh. Aber da kennt er sich aus: Morgens die Schuhe aussch�tteln � einfacher Trick. Den hat ihm Omi verraten.</p><p>Es ist Sonntag. Alexander geht mit seinen Eltern die Stra�e entlang. Es ist die Th�lmannstra�e. Die B�ume sind bunt. Es riecht nach Rauch. Die Leute harken das Laub zusammen und verbrennen es in kleinen Haufen. Man kann Kastanien in die Glut werfen, die knallen nach einer Weile.</p><p>Sie gehen mitten auf der Stra�e, Hand in Hand: links Mama, rechts Papa, und Alexander erkl�rt, wie er sich die Sache so vorstellt.</p><p>��Ich werde gro�, dann werdet ihr wieder klein. Und dann werdet ihr wieder gro� und ich wieder klein. Und so geht das weiter.</p><p>��Nein, sagt sein Vater, ganz so ist das nicht. Wir werden zwar mit der Zeit etwas kleiner, aber nicht j�nger. Wir werden �lter, und irgendwann sterben wir.</p><p>��Stirbt jeder?</p><p>��Ja, Sascha.</p><p>��Sterbe ich auch?</p><p>��Ja, auch du stirbst irgendwann, aber bis dahin ist es noch ganz, ganz, ganz weit � so <emphasis>unendlich</emphasis> weit, daran brauchst du noch nicht zu denken.</p><p>Verbl�ffende Erkenntnis.</p><p>Unendlich: Dort hinten, wo alles sich im Rauch verlor, wo die B�ume allm�hlich kleiner wurden, dort hinten musste es sein. Dorthin gingen sie, seine Eltern und er. Die k�hle Luft streifte seine Wangen. Sie gingen und gingen, so be�ngstigend leicht, und doch fast ohne sich von der Stelle zu bewegen.</p><p>Wenn er l�chelte, dann aus Verlegenheit: weil seine Vorstellungen vom Gro�- und Kleinwerden so dummes Zeug waren.</p></section><section><title><p><strong>2001</strong></p></title><p>Der Flughafen sah aus wie ein Nachtasyl. Schlafs�cke, Schlangen an den Schaltern. Auf den Anzeigetafeln wimmelte es von gestrichenen Fl�gen. Die Leute schienen alle dieselbe Zeitung zu lesen. Titelbild: ein Flugzeug, das in einen Wolkenkratzer fliegt. Oder war es ein Marschflugk�rper? Eine Rakete?</p><p>Auch der Flug nach Mexiko hatte Versp�tung.</p><p>Alexander kaufte einen Reisef�hrer (den ber�hmten <emphasis>Backpacker</emphasis>, sanfter Tourismus), ein deutsch-spanisches W�rterbuch, ein aufblasbares Nackenkissen und � zur Einstimmung � eine spanische Zeitung. Ein Wort, das er auch ohne W�rterbuch verstand: <emphasis>terrorista</emphasis>.</p><p>Dann, endlich, doch der Check-in. Auf dem Weg zur Startposition das Sicherheitsballett der Stewardessen. Sie l�chelten unbeirrt, wenn man es l�cheln nennen wollte. Er versuchte, sich ihre Gesichter vorzustellen beim Absturz.</p><p>Gedanke im Moment des Abhebens: dass es immer noch ziemlich viele M�glichkeiten gab, ums Leben zu kommen. Beruhigend, komischerweise.</p><p>Er richtete sich auf seinem Sitz ein, so gut es ging � zwischen einem �bergewichtigen Goldkettchenmann und einer bleichen Mutter, die vergeblich versuchte, ihr Cola saufendes Kind zu b�ndigen. Er las nichts, versuchte erst gar nicht zu schlafen. Verfolgte auf dem kleinen Bildschirm vor seiner Nase lange den Kurs des Flugzeugs, die zunehmende H�he, die abnehmende Temperatur.</p><p>Er nahm alles an, was man anbot: Kaffee, Kopfh�rer, Schlafmaske. A� alles auf, was zum Mittag serviert wurde, selbst das r�tselhafte Dessert aus der Plastikschachtel.</p><p>Nach zwei oder drei Stunden begann der Film. Irgendein ganz gew�hnliches Action-Movie. Menschen schlugen einander, traten aufeinander ein, begleitet von Ger�uschen, die er noch aus den Kopfh�rern der Nachbarn h�rte. Nichts Besonderes eigentlich, au�er dass er es pl�tzlich nicht ertragen konnte. Warum zeigte man so was? Wie Menschen einander wehtaten?</p><p>Er setzte die Schlafmaske auf, st�pselte seine Kopfh�rer ein, schaltete die Programme durch.</p><p>H�ndel. Irgendeine dieser ber�hmten Arien: verhalten und von gef�hrlicher Melancholie. Vorsichtig h�rte er hinein, jeden Augenblick bereit, die Musik abzuschalten, falls sie ihm zu nahe ging.</p><p>Was aber nicht der Fall war. Er lehnte sich zur�ck, lauschte verwundert dem �berirdischen Sound der Arie � nein, eigentlich nicht �berirdisch, im Gegenteil. Ganz anders als Bach: irdisch, diesseitig. So diesseitig, dass es beinahe wehtat. Abschiedsschmerz, wusste er pl�tzlich. Der Blick auf die Welt im Bewusstsein ihrer Verg�nglichkeit. Wie alt mochte H�ndel gewesen sein, als er dieses Wunder komponierte? Besser, man wusste es nicht.</p><p>Und wie viel Zeit sich dieser Kerl lie�. Und wie einfach das alles war, wie klar.</p><p>Er musste an seine letzte Inszenierung in K. denken. Gewiss, wenn man wollte, konnte man sich damit beruhigen, dass die Kritiken dann doch nicht so verheerend gewesen waren, wie er es bef�rchtet hatte. Er erinnerte sich, wie er zur Premiere auf den Stufen gesessen hatte. Wie er, innerlich ersterbend, mit angesehen hatte, wie die Schauspieler auf der B�hne zappelten und schrien, ihre Kunstst�ckchen auff�hrten�� Das umst�ndliche, bunte B�hnenbild. Das aufwendige Lichtkonzept (f�r das extra noch ein teurer Tageslichtscheinwerfer zugekauft worden war)�� Alles zu viel. Zu angestrengt. Zu kompliziert.</p><p>War es das? Dieses Angestrengte und Komplizierte. War <emphasis>das</emphasis> sein Krebs?</p><p>Non-Hodgkin-Lymphom�� Und dann hatte dieser Kerl ihm die Krankheit erkl�rt: widerwillig sich auf dem Drehsessel hin und her wiegend, ein Plastiklineal in der Hand � hatte er wirklich ein Lineal in der Hand gehabt? Hatte er wirklich lustige kleine Kullern in die Luft gemalt, als er ihm etwas von den T-Zellen erz�hlte, die ihn langsam umbringen w�rden?</p><p>Das Absurde war, dass es sich um Abwehrzellen handelte. Um Zellen seines Immunsystems, eigentlich zur Abwehr fremdartigen Gewebes bestimmt, die sich aber, soweit Alexander verstanden hatte, nun selbst in feindliche Riesenzellen verwandelten.</p><p>Noch in der Nacht zuvor, in der Nacht vor der Diagnose, nachdem er stundenlang wach gelegen hatte, entnervt vom Rasseln des Sauerstoffapparates des alten Mannes, das unerbittlich durch die Ohrst�psel drang, irgendwann gegen drei Uhr, nachdem er sich alle Fragen gestellt, alle M�glichkeiten durchgespielt hatte, nachdem er schlie�lich aufgestanden und in den Flur geschlichen war und vergeblich versucht hatte, das Problem auf der anatomischen Karte zu lokalisieren � nach alldem hatte er schlie�lich gedacht: Egal, was es war, egal, wo es war, man w�rde es herausschneiden, und er w�rde k�mpfen, so hatte er gedacht, um dieses Leben, und bei dem Wort k�mpfen hatte er sich unwillk�rlich im Humboldthain seine Runden drehen sehen, um sein Leben laufen, hatte er gedacht, die Krankheit aus sich herauslaufen, laufen, bis nichts mehr von ihm �brig blieb als der Kern, als die Essenz, bis zwischen Haut und Sehnen einfach kein Platz mehr war f�r irgendwelches feindliches Gewebe��</p><p>Es gab nichts herauszuschneiden, nichts zu lokalisieren. Es kam aus ihm selbst, aus seinem Immunsystem. Nein, es <emphasis>war</emphasis> sein Immunsystem. Es war er selbst. Er selbst war die Krankheit.</p><p>Die Stimme in seinem Ohr malte ein paar kleine Schleifchen. H�pfte, gackerte. Lachte��</p><p>Er nahm die Schlafmaske ab. Pr�fte, ob jemand sein Err�ten bemerkt hatte�� Aber niemand k�mmerte sich um ihn. Der dicke Goldkettchenmensch (der es immerhin auch geschafft hatte, <emphasis>keinen</emphasis> Krebs zu bekommen) starrte auf seinen Schirm. Die bleiche Mutter versuchte ein wenig zu schlafen. Nur das Kind sah ihn an, mit gl�nzenden, colafarbenen Augen.</p><p>Mexiko, Flughafen. Warmluftgebl�se. Beil�ufig beim Betreten der Stadt (des Landes, des Kontinents) die Feststellung, dass es nicht so riecht wie der Nitratd�nger im Wintergarten seiner Gro�mutter.</p><p>Taxifahrt. Der Fahrer f�hrt wie eine gesengte Sau, schief auf seinem Sitz h�ngend, halb aus dem offenen Fenster gelehnt. Achterbahn. Alexander lehnt sich zur�ck. Der Wagen rast �ber mehrspurige Avenidas, der Fahrer rei�t das Steuer herum, f�hrt mit singenden Reifen im Kreis, irgendwie falsch herum, rast durch Nadel�hre, der Verkehr drau�en br�llt, scharfe Rechtskurve, dann wird die Stra�e schmal, links und rechts Menschen auf den Gehwegen, der Fahrer f�hrt bei Rot, jetzt, zum ersten Mal, bewegt er den Kopf, um zu schauen, ob die Stra�e frei ist.</p><p>Hotel Borges: Empfehlung des <emphasis>Backpacker</emphasis>. Im <emphasis>Centro historico</emphasis>, 35�Dollar die Nacht. An der Rezeption ein Milchgesicht im blauen Anzug, erkl�rt ihm etwas, das er nicht versteht. <emphasis>El cinco piso</emphasis>, so viel versteht er: f�nfter Stock. Das Zimmer ist gro�, die M�bel s�mtlich mit einer Spritzpistole auf Bordeaux umgespritzt, nicht mal geschmacklos. Alexander l�sst sich aufs Bett fallen. Und jetzt?</p><p>Alexander geht auf die Stra�e. Mischt sich unter das Volk. Es ist acht Uhr abends. Die Stra�en sind voll, er schwimmt mit der Menge, atmet den Atem der anderen. Kleine Polizisten, die trotz der Hitze schusssichere Westen tragen, pusten in ihre Trillerpfeifen. Als er �ber ein gullydeckelgro�es Loch im Gehweg stolpert, f�llt er den Entgegenkommenden in die Arme. Sie lachen, richten ihn wieder auf, den gro�en, tollpatschigen Europ�er. Dann ist er in einem Park. �berall werden Dinge feilgeboten. In riesigen Pfannen schmoren Fleisch und Gem�se friedlich nebeneinander. Es gibt Decken und Schmuck, es gibt alte Telefone, Kreiss�gen, Wecker, es gibt gep�kelte Schweinehaut, es gibt Dinge, die er nicht kennt, es gibt eigentlich alles: Federschmuck, Skelett-Hampelm�nner, Lampen, Kruzifixe, Stereoanlagen, H�te.</p><p>Alexander kauft einen Hut. Er hat, wei� er, schon immer einen Hut kaufen wollen. Jetzt gibt es Argumente daf�r. Jetzt k�nnte er sagen: In Mexiko braucht man einen Hut � wegen der Sonne. Aber er sagt es nicht. Er kauft den Hut, weil er sich mit Hut gef�llt. Er kauft den Hut, um gegen die ihm anerzogenen Prinzipien zu versto�en. Er kauft ihn, um gegen seinen Vater zu versto�en. Er kauft ihn, um gegen sein ganzes Leben zu versto�en, in dem er <emphasis>keinen</emphasis> Hut trug. Warum eigentlich? Dabei ist es so einfach! Ihm ist zum Lachen zumute. Er lacht sogar. Nein, nat�rlich lacht er nicht, aber er l�chelt. Er l�sst sich treiben. Jetzt erst geh�rt er wirklich dazu. Jetzt, mit dem Hut, ist er einer von ihnen. Jetzt kann er pl�tzlich Spanisch: Wie viel kostet�� Ich m�chte�� Taco, Tortilla?�� Gracias, Se�or�� Se�or! Er verbeugt sich f�rmlich, wie es sich bei der Verleihung eines Ehrentitels geh�rt. Die alte Frau kichert. Sie hat nur noch einen Zahn. Alexander treibt weiter. Futtert Tortilla. Gehen, stehen, Verkehr. Wieder Schw�rme winziger Polizisten, sinnlos pfeifend, k�nnte man meinen, aber jetzt, pl�tzlich, versteht er: Sie pfeifen � nichts weiter. Wie V�gel. Sie pfeifen, weil sie sind. Verbl�ffende Erkenntnis. Sie schlagen mit den Fl�geln, flattern mit den H�nden, undeutbar, irrelevant, w�hrend der Verkehr, irgendwelchen Naturgesetzen gehorchend, sich selbst reguliert.</p><p>Dann ist Musik zu h�ren. Keine Trillerpfeifen, richtige Musik. Undeutlich noch, hin und wieder springt eine Geige oder eine Trompete hervor: Geige und Trompete! Die typisch mexikanische Instrumentierung, wie auf der Schellackplatte von Oma Charlotte. Seine Erregung nimmt zu, er beschleunigt den Schritt. Jetzt klingt es, als stimmte ein riesenhaftes Orchester die Instrumente. S�nger scheinen sich einzusingen. Was geht da vor? Alexander steht auf einem hell erleuchteten Platz. Der Platz ist voller Menschen, darunter, er glaubt seinen Augen nicht zu trauen, in kleinen, an ihren jeweils einheitlichen Uniformen leicht erkennbaren Gr�ppchen, Hunderte Musikanten: Kapellen, gro�e und kleine, zehnk�pfige und zweik�pfige, mit wuchtigen Sombreros oder leichten Strohh�ten, mit Leisten goldener Kn�pfe oder silberner Borte geschm�ckt, mit Epauletten und Fransen, rosa, wei� oder marineblau, und sie alle machen Musik! Gleichzeitig! Unerkl�rlicher Vorgang. Wie das pl�tzliche Auftauchen r�tselhafter Insekten. Eine Prozession? Ein Streik? Singen sie gegen den Weltuntergang an? Ist hier der einzige Platz, von dem aus irgendein Gott sie erh�ren kann?</p><p>Alexander geht umher, lauscht wie in Trance, wandert von Kapelle zu Kapelle, sucht mit den Ohren seine Musik: Dort hinten�� Oder nein. Aber da�� So �hnlich! Steht pl�tzlich vor einem der S�nger. Sein Anzug lichtblau, das Hemd strahlend wei�, die Haare pechschwarz, und um den Hals tr�gt er eine bombastische Fliege.</p><p>��M�xico lindo, sagt Alexander.</p><p>Der S�nger sagt: S�!</p><p>��Jorge Negrete, sagt Alexander.</p><p>Der S�nger sagt: S�!</p><p>Die Musiker ziehen nochmal an ihren Zigaretten, stellen die Flaschen ab, ziehen sich die Hose hoch, r�cken ihre Sombreros zurecht, und pl�tzlich l�uft Omis uralte Schellackplatte: Rum-tata-rum-tata�� <emphasis>Voz de la guitarra mia�� al despertar la ma�ana��</emphasis></p><p>Ungl�ubig starrt Alexander den S�nger an. Die aberwitzige Fliege, das gl�nzende, pechschwarze Haar, die wei�en Z�hne, die unter dem Schnurrbart aufblitzen und Laute formen, die genau denen auf der Schellackplatte entsprechen, die vor tausend Jahren in tausend St�cke zersprungen ist��</p><p>Nat�rlich kann das alles nicht stimmen. Wahrscheinlich eine Sinnest�uschung. Ein Trickbetrug.</p><p><emphasis>M�xico lindo y querido</emphasis></p><p><emphasis>si muero lejos de ti</emphasis></p><p><emphasis>que digan que estoy dormido</emphasis></p><p><emphasis>y que me traigan aqu�</emphasis></p><p>Das Lied ist zu Ende. Er merkt, dass ihm Tr�nen �ber die Wangen laufen. Die Musiker lachen. Der S�nger fragt ihn:</p><p>��Americano?</p><p>��Alem�n, sagt Alexander leise.</p><p>��Alem�n, wiederholt der S�nger, laut, f�r die anderen.</p><p>��Ah, Alem�n, sagen sie.</p><p>H�ren auf zu lachen. Nicken anerkennend, als sei er den Weg von Deutschland zu Fu� gelaufen. Der S�nger klopft ihm auf die Schulter.</p><p>��Hombre, sagt er.</p><p>Alexander geht. Die Musiker winken.</p><p>Er geht langsam. Er singt. Es sind jetzt weniger Menschen auf der Stra�e. Er kauft ein Bier. Die Tr�nen trocknen auf seinen Wangen. Er atmet die Nachtluft, sie ist jetzt k�hler. Vielleicht nur, dass die K�rperw�rme der Menge fehlt? Die Trillerpfeifen schweigen. Sterne sind nicht zu sehen. Er ist in Mexiko. Wie viele Jahre galt es als sicher, dass er dieses Land <emphasis>niemals, nie im Leben</emphasis> betreten w�rde? Jetzt ist er hier. Jetzt geht er durch diese Stadt. Trickbetrug alles. Die Mauer. Der Krebs. Wer sagt, dass ich Krebs habe? Pl�tzlich, wenn er zur�ckdenkt, kommt ihm das alles irrsinnig vor. Die Diagnose: eine Behauptung. Das Krankenhaus: eine durchgeknallte Maschinerie, die Krankheitsbezeichnungen produziert. Was denn f�r eine Krankheit? Irgendwelche pH-Werte, irgendein Schei�. Einfach weggehen. Sich losrei�en aus dieser kranken, krankmachenden Welt��</p><p>Hier bin ich. Ich gr��e dich, gro�e Stadt. Ich gr��e den Himmel, die B�ume, die L�cher im Asphalt. Ich gr��e die Tortillaverk�uferinnen und die Musikanten. Ich gr��e euch alle, die ihr auf mich gewartet habt. Ich bin da. Ich habe mir einen Hut gekauft. Das ist der Anfang.</p><p>H�tte er den Musikanten Geld geben m�ssen?</p><p>Dieser Verdacht ist das Einzige, was ihn, als er einschl�ft, ein wenig beunruhigt.</p><p>Am Morgen wecken ihn die Hunde. Welche Hunde? Er schaut aus dem Fenster. Tats�chlich, auf dem Dach des Nachbarhauses zwei gro�e Mischlinge, einer zottig, einer kahl. Was bewachen sie dort? Den Schornstein? Das Dach?</p><p>Halb sechs, zum Aufstehen zu fr�h (obwohl es in Deutschland � er rechnet � halb dreizehn sein m�sste). Er zieht die Decke �ber den Kopf, es hilft nicht. Die Fenster sind einfach verglast, die Frequenzen durchdringend. Ein Heulen zuerst, dann ein Bellen. Einer der Heuler, der andere der Beller. Der Heuler f�ngt an, der Beller stimmt ein: Huhu � waffwaff.</p><p>Er steht auf, um zu sehen, welcher heult und welcher bellt. Es ist der Zottige, der heult. Der Kahle, der bellt.</p><p>Pause. Jetzt wartet er schon darauf: Huhu � wo bleibt das Waff-waff?</p><p>Die Ohropax fallen ihm ein. Er hat noch Ohropax in seinem Waschbeutel: von Marion, sie hat sie ihm damals ins Krankenhaus mitgebracht. Ohropax aus Kunststoff, so neumodisches Zeug. Aber besser als gar nichts.</p><p>Als er wieder im Bett liegt, f�llt es ihm ein: Marion! Er hat vergessen, sie anzurufen. Nicht vergessen, hat es nicht mehr geschafft�� Die Ohropax knirschen vorwurfsvoll in seinen Ohren. Das halbplastische Material dehnt sich aus, hat die Neigung, wieder aus den Ohren herauszukriechen�� Er wird ihr schreiben, denkt er. Liebe Marion, wird er schreiben, du wirst dich wahrscheinlich wundern�� Ich bin in Mexiko, weil ich�� Ja, was? Auf den Spuren der Oma�� Na, wunderbar�� Liebe Marion�� Und wie erkl�rt er ihr, dass er nicht angerufen hat?</p><p>Liebe Marion, ich kann gerade gar nichts erkl�ren. Ich bin pl�tzlich in Mexiko. Gut, dass ich die Ohropax habe, es gibt hier auf dem Dach Hunde�� Aber ehrlich gesagt: Knirschen. Das n�chste Mal, bitte, wenn es geht�� Oder ein Schlafmittel. Und zwar f�r die Hunde�� Huhu�� Welcher war nochmal welcher? Einer heult, und der andere ist jetzt ganz klein. H�rst du? Im Hintergrund. Hinter dem Knirschen�� Huhu�� Wo bleibt das�� Waff�� waff��</p><p>Er wacht auf, grelle Sonne im Zimmer. Um acht. Er steht auf, duscht sich. Betrachtet sich eine Weile im Spiegel. �berlegt, ob er sich rasiert. Setzt seinen neuen Hut auf. Was sieht er?</p><p>Na, was wohl: Einen Mann mit Hut. Siebenundvierzig. Blass. Unrasiert.</p><p>Er sieht �lter aus, als er ist.</p><p>Er sieht gef�hrlicher aus, als er ist.</p><p>Das gen�gt ihm f�rs Erste.</p><p>Der Fr�hst�cksraum des Hotels ist ihm zu steril. Zu europ�isch. Er fr�hst�ckt im Caf� gegen�ber. Ein altes Etablissement, fast Wiener Kaffeehausatmosph�re, seltsam nur die nackten, knallwei�en Neonr�hren, die das Ganze beleuchten. Die indianische Kellnerin sieht gelb aus in diesem Licht. Er verlangt ein typisch mexikanisches Fr�hst�ck. Er bekommt etwas Unklares, Pampiges. Rot und gr�n. Der Kaffee immerhin, der aus einer Metallkanne nachgeschenkt wird, ist gut. Beinahe dickfl�ssig. Man muss ihn mit Milch trinken.</p><p>Dann also Mexico City bei Tag. Immer hat er sich die Stadt bunt vorgestellt. Aber das sogenannte historische Zentrum ist grau. Es sieht kaum anders aus als irgendeine s�dspanische Gro�stadt, abgesehen davon, dass die H�user alle schief stehen. Der feuchte Untergrund, liest er im <emphasis>Backpacker</emphasis>, habe schon den alten Azteken zu schaffen gemacht.</p><p>Au�erdem liest er: Die Mexikaner nennen es nicht Mexico City, sondern DF � <emphasis>District Federal</emphasis>.</p><p>Au�erdem liest er �ber die <emphasis>Mariachi</emphasis>-Kapellen, die auf der <emphasis>Plaza Garibaldi</emphasis> jedem, der will, ein St�ndchen spielen. Der Platz, hei�t es, sei sehr �touristisch�. Die Preise seien entsprechend hoch.</p><p>Auf dem <emphasis>Z�calo</emphasis> wird gerade eine provisorische Halle gebaut, so gro�, dass man bef�rchten muss, bald w�rde hier Holiday on Ice gastieren. Er besichtigt die <emphasis>Catedral Metropolitana</emphasis>, die der <emphasis>Backpacker</emphasis> als Meisterwerk des mexikanischen Barock preist, schlendert durch die bombastische Kirchenhalle, steht ratlos vor der obsz�nen Pracht eines zwanzig Meter hohen, �ber und �ber vergoldeten Altars.</p><p>Neben der Kathedrale: der <emphasis>Templo Mayor,</emphasis> der gro�e Tempel der einstigen Aztekenstadt, besser gesagt: seine erb�rmlichen �berreste. Zerst�rt, gepl�ndert, dem Erdboden gleichgemacht, Zeugnis des Kampfes zweier Kulturen: der friedvollen christlichen und der blutr�nstigen aztekischen, welche ein Hern�n Cort�s mit <emphasis>etwas �ber zweihundert Soldaten</emphasis> (und einer geschickten B�ndnispolitik, ja, gewiss!) in wenigen Monaten plattmachte. Von den Ruinen des Tempels aus sieht man die R�ckseite der Kathedrale � und man sieht, dass sie aus den Steinen des Tempels gebaut worden ist.</p><p>Am Rande des Platzes: ein Indio in pomp�sem Federschmuck. Vor ihm, in einem Kreidekreis, zwei Einheimische, die er, Spr�che murmelnd, mit Weihrauch benebelt. Zehn oder zwanzig Leute stehen an: Alte, Junge, Paare. Abgesehen von einem Lendenschurz ist der Mann nackt. Er ist nackt, klein und dick und hat blaue Lippen.</p><p>In einer Nebenstra�e vier Kinder. Sie machen Musik. Das hei�t, drei machen Musik: Einer bl�st auf der Klarinette, zwei trommeln unbeholfen, und ein kleines M�dchen in etwas zu kurzen Hosen geht um und h�lt den Passanten den Hut hin. Das M�dchen ist nicht �lter als f�nf. Ihr Blick argw�hnisch, voller Scham. Alexander gibt ihr ein paar Pesos. �berlegt, ob er ihr das geben soll, was er glaubt, den Musikern von der <emphasis>Plaza Garibaldi</emphasis> schuldig zu sein. Tut es aber nicht. Bef�rchtet, er k�nnte sich blamieren � vor wem?</p><p>Er nimmt die Metro bis zur <emphasis>Insurgentes</emphasis>. Fliegende H�ndler steigen ein und aus. Schreien, verkaufen CDs mit schrecklicher Musik, die aus batteriebetriebenen Playern herausscheppert. Alexander �rgert sich, dass er den Kindern das Geld nicht gegeben hat.</p><p>Wieder �ber der Erde: die <emphasis>Avenida des los Insurgentes �</emphasis> Allee der Aufst�ndischen. Eine Alltagsstra�e, normaler, dreckiger als das Zentrum, aber auch nicht das, was er sich unter Mexico City vorgestellt hat. Menschen, donnernder Verkehr. Zwischen den Fahrspuren, auf einem kaum meterbreiten Mittelstreifen, fristen d�rre B�umchen eine unerkl�rliche Existenz. Die H�user am Rande der Stra�e: unbeholfene Stilkopien, irgendwann einmal, man glaubt es noch zu erkennen, von stolzen Besitzern errichtet, inzwischen verwahrlost, verwittert, mit schon wieder sich l�sender Farbe �bert�ncht, mit Plakaten beklebt. �ber den D�chern Ger�ste, gigantische Leinw�nde aufspannend, auf denen f�r 99-Pesos-Artikel geworben wird.</p><p>Er geht die <emphasis>Insurgentes</emphasis> s�dw�rts. Die Adresse liegt au�erhalb dessen, was der Kartenausschnitt im <emphasis>Backpacker</emphasis> abdeckt. Auf dem gro�en Stadtplan im Hotel hat er sich den Weg angesehen. Er geht nicht langsam, nicht schnell. Er geht vorbei an Kneipen und L�den, die nach der Mittagspause gerade wieder �ffnen. Vorbei an Drogerien und Fotol�den. Vorbei an Abwasserpf�tzen und an Baustellen, an kaputten Motorr�dern, kaputten Fahrr�dern, kaputten Leitungen: Eigentlich ist alles kaputt.</p><p>An einem Stand kauft er ein Taco oder eine Tortilla oder was das auch ist, obwohl er inzwischen im <emphasis>Backpacker</emphasis> gelesen hat, dass man an Stra�enst�nden nichts essen soll. Er isst trotzdem, aber das Taco oder die Tortilla oder was das auch ist schmeckt auf einmal verd�chtig. Er wirft es weg, nachdem er noch nicht mal die H�lfte gegessen hat. Er bekommt Durst, betritt ein kleines Restaurant im McDonald�s-Stil und bestellt einen Burger und eine Cola. Die Tische sind aus Plastik, alle kaputt, angeschlagen, mit Rissen. Ein Spielautomat jodelt. Zwei Jugendliche kommen herein, mit Kapuzen und h�ngenden Jeans. Seltsam, denkt er, w�hrend er seinen Burger kaut, dass die Jugendlichen �berall auf der Welt gleich aussehen � jedenfalls eine bestimmte Sorte Jugendlicher. Die beiden kaufen etwas, gehen wieder. Alexander schaut ihnen nach, wie sie �ber die Stra�e schlenzen, raumgreifend, gro�kotzig.</p><p>Drei Kilometer weiter biegt Alexander links ab, dann nochmal links und rechts, dann ist er am Ziel: die <emphasis>Tapachula</emphasis>. Eine schmale, baumlose Stra�e. Anstelle von B�umen: Stra�enlaternen und Masten, zwischen denen sich ein spinnenartiges Netz von Kabeln ausbreitet. Nummer 56�A: ein kaum vier Meter breites, zweist�ckiges Haus, er erkennt die Zinnen der Dachgartenbr�stung, von dort oben hat seine Gro�mutter heruntergeschaut, aber auf dem Foto, obwohl es schwarzwei� war, hat das alles irgendwie gr�n ausgesehen. Irgendwie tropisch und gro�z�gig.</p><p>Vorsichtig schaut er durch das vergitterte Fenster im Erdgeschoss. Kisten stehen dort, anscheinend ein Lager. Er klingelt, niemand macht auf. Er wechselt die Stra�enseite, betrachtet das Haus. Versucht, etwas zu empfinden. Wie empfindet man die einstmalige Anwesenheit einer Gro�mutter?</p><p>Das Einzige, was er empfindet: dass seine Fu�sohlen schmerzen. Sein R�cken. Seine w�hrend des Krankenhausaufenthalts merklich erschlaffte Beinmuskulatur.</p><p>An der Ecke winkt er ein gr�n-wei�es K�fer-Taxi heran, obwohl er im <emphasis>Backpacker</emphasis> gelesen hat, dass man keine Taxis auf der Stra�e heranwinken soll. Der Fahrer ist freundlich und tr�gt ein sauberes wei�es Hemd. Ein Taxameter ist auch da.</p><p>Der Fahrer biegt rechts in die <emphasis>Insurgentes</emphasis> ein, Richtung Norden, vollkommen korrekt. Der Verkehr ist z�hfl�ssig, das Taxameter rasselt. Dann biegt der Fahrer auf einmal links ab, obwohl das Zentrum eher rechts liegt. Vermutlich, so beruhigt sich Alexander, will er den Verkehr auf der <emphasis>Insurgentes</emphasis> umfahren. Aber anstatt die n�chste gr��ere Parallelstra�e zu nehmen, f�hrt der Fahrer weiter einen un�bersichtlichen Zickzackkurs, der vom Ziel wegzuf�hren scheint.</p><p>��Adonde vamos, fragt Alexander.</p><p>Der Fahrer antwortet irgendetwas, gestikuliert. L�chelt in den R�ckspiegel.</p><p>��Stopp, sagt Alexander.</p><p>��No problem, sagt der Fahrer in einer Art Englisch. No problem!</p><p>H�lt aber nicht.</p><p>H�lt drei Minuten sp�ter in einer verlassenen Gasse: Mauern, Wellblechd�cher, Verfall. Der Fahrer hupt kurz, bedeutet Alexander wort- und gestenreich, im Auto sitzen zu bleiben, und verschwindet.</p><p>Alexander wartet ein paar Sekunden ab, steigt aus. Aber kaum dass er sich, aus der niedrigen Autot�r windend, aufrichtet, steht er zwei Gestalten gegen�ber. Auf den ersten Blick, mit ihren Kapuzen, ihren weiten Jeans, sehen sie aus wie die beiden Typen aus dem Burgerrestaurant, aber dann sieht er, dass sie j�nger sind. Kaum �lter als sechzehn, schlaksig, d�nn. Einer, der Gr��ere von beiden, tr�gt einen flaumigen Oberlippenbart und h�lt in der Hand ein sch�nes, verziertes Messer. Der andere, kleiner, mit intelligenten, flink umherhuschenden Augen, zeigt auf das Taxi und fragt Alexander etwas.</p><p>Alexander versteht nicht, versteht aber doch: Ob er nicht das Taxi bezahlen wolle, so etwa. Bl�der Trick. Laut sagt er, auf Deutsch:</p><p>��Ich verstehe nichts.</p><p>��Dinero, Peso, Dollar, sagt der Kleine.</p><p>Alexander holt die Brieftasche heraus, entschlossen, dem Jungen nicht mehr zu geben, als das Taxameter anzeigt. Aber ehe er sichs versieht, hat der Kleine ihm die Brieftasche entrissen und pr�ft in sicherem Abstand den Inhalt. Unwillk�rlich macht Alexander einen Schritt auf den Kleinen zu. Der Oberlippenbart hebt das Messer, fuchtelt hektisch damit herum. Der Kleine nimmt das Geld heraus, es sind dreihundert Dollar und ein paar hundert Pesos, und wirft Alexander die Brieftasche zu. Sekunden sp�ter sind die beiden verschwunden.</p><p>Er �berlegt nicht lange, geht los. Er will weg hier. Er h�rt jemanden rufen. H�rt, wie der alte VW anspringt, sich n�hert. Eine Weile f�hrt der Taxifahrer neben ihm her, redet auf ihn ein. Alexander nimmt keine Notiz von ihm. Schaut geradeaus, geht einfach. Wie durch einen Tunnel.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis ihm das Wort einf�llt: Raub�berfall. Er ist ausgeraubt worden. Von zwei Sechzehnj�hrigen. Von zwei kleinen Jungs. Er f�hlt sich gedem�tigt. Und mehr noch als durch das Messer f�hlt er sich gedem�tigt durch die flinken, intelligenten Augen des Kleinen, die ihm gesagt haben, was er ist: ein bl�der, schwerf�lliger Wei�er, den man ausnehmen muss. Und? Ist er das etwa nicht? Ja, das ist er. Er sp�rt es. Er sp�rt den Betrug.</p><p>Er stiefelt weiter in die Richtung, in der er, wie er glaubt, irgendwann auf die <emphasis>Insurgentes</emphasis> sto�en m�sste. Es d�mmert. Die Gegend wird allm�hlich wieder belebter. In den H�usern gehen die Lichter an. Menschen stehen auf der Stra�e, starren ihn an, den bl�den, schwerf�lligen Wei�en: Betrug. Er sieht die Gesch�fte, die Kneipen: Betrug. Er sieht die Werbung �ber den D�chern, er sieht die Taxis, die in Scharen �ber die <emphasis>Insurgentes</emphasis> brausen, die fliegenden H�ndler, die ihm Schmuck oder Sonnenbrillen andrehen wollen: Betrug. Sogar beim Anblick der erb�rmlichen B�umchen auf dem Mittelstreifen, beim Anblick der hilflosen Stilkopien, beim Anblick des ramponierten Gehwegs oder beim Anblick der �berall herunterh�ngenden Dr�hte, beim Anblick der abgefetzten Plakate, der gelbget�nchten Bordsteine, der Mobilfunkantennen, der Stromleitungen, beim Anblick der auf McDonald�s getrimmten Imbissbude oder beim Anblick des Mannes, der dort im strahlend wei�en Hemd und mit dicken Ringen an seinen dicken Fingern vor die T�r des Etablissements mit blinkender Leuchtschrift tritt, wei� er: Es ist Betrug, und er wundert sich, dass er es nicht fr�her bemerkt hat. Er ist betrogen worden, sein Leben lang. Man hat ihn an der Nase herumgef�hrt (er kichert vor Freude �ber diese Erkenntnis). In Wirklichkeit ist <emphasis>alles</emphasis> Betrug, und die Wahrheit ist: Er ist ein bl�der, schwerf�lliger Wei�er, den man ausnehmen muss � was denn sonst?</p><p>Was hat er sich vorgestellt, um Himmels willen? Hat er wirklich geglaubt, jemand habe auf ihn gewartet? Hat er wirklich geglaubt, Mexiko w�rde ihn mit offenen Armen aufnehmen wie einen alten Bekannten? Hat er wirklich gehofft, dieses Land w�rde ihn � ja, was eigentlich: heilen?�� Jaja, so etwas �hnliches�� Ein h�ssliches Ger�usch entf�hrt ihm. Er lacht, er r�chelt. Er wei� es selbst nicht. Mechanisch setzt er einen Fu� vor den anderen. Die Wut treibt ihn vorw�rts. Er hat Durst, aber er geht, setzt einen Schritt vor den anderen. Sp�rt die Trockenheit im Hals. F�hlt sich heiser vom Reden � sogar vom Nach-innen-Reden. Jetzt tun die Fu�sohlen weh. Aber der Durst ist schlimmer. Das wei� er vom Marathon: Der Schmerz wird vergehen, aber der Durst wird schlimmer werden. Er sucht seine Hosentaschen nach ein paar �briggebliebenen Pesos ab: F�r eine Flasche Wasser reicht es nicht. Es fehlen drei Pesos. Aber drei Pesos sind drei Pesos. Es lohnt sich nicht, zu fragen. Niemand wird ihm drei Pesos schenken: einem bl�den, schwerf�lligen Wei�en. Nicht einmal, wenn er Krebs hat. Er setzt sich auf eine Bank. Ihm ist schwummrig im Kopf. Er erinnert sich an einen Marathonlauf in R., wo sie ihn akut dehydriert aus dem Rennen gefischt haben. Damals hat er nicht mehr gewusst, was er tat. Er rechnet nach: der Kaffee, die Cola � die einzigen Getr�nke an diesem Tag. Es ist hei�. Er ist bestimmt zwanzig Kilometer marschiert. Er versp�rt die Versuchung, in irgendein Caf� zu gehen und aus der Wasserleitung zu trinken. Aber das darf er nicht, sagt der <emphasis>Backpacker</emphasis>. Er muss weiter, darf nicht sitzen bleiben, sich nicht hinlegen. Wenn er sich hinlegt, ist er tot. Ein bl�der, schwerf�lliger, toter Wei�er. Er sieht sich selbst am Morgen tot auf der Bank liegen: Den Hut haben sie ihm geklaut, die Hose haben sie ihm geklaut�� Gerade klaut ihm jemand seine tschechischen Wanderschuhe, die er schon seit Jahren, und zwar noch immer mit denselben Schn�rsenkeln, tr�gt.</p><p>��Was machst du denn da?</p><p>Allm�hlich kapiert er, dass der Mann, der da vor ihm kniet und sich an seinem rechten Schuh zu schaffen macht, ein Schuhputzer ist.</p><p>��No, sagt Alexander. No!</p><p>Er zieht seinen Fu� zur�ck, stellt ihn von dem kleinen Schemel zur�ck auf die Erde. Der Mann putzt weiter, I make verry gutt price, sagt der Mann, w�hrend er putzt, l�chelt Alexander zu, verry gutt price. Alexander steht auf, aber der Mann h�ngt immer noch an seinem Schuh, Alexander geht los, der Mann wirft sich ihm in den Weg, eine Schmei�fliege, verry gutt quallitie, sagt die Schmei�fliege, unklar, ob er seine eigene Arbeit meint oder die Schuhe, Alexander will weitergehen, will die Schmei�fliege absch�tteln. Jetzt jedoch stellt sich ihm die Schmei�fliege in den Weg, zwei K�pfe kleiner als er, aber st�mmig:</p><p>��You have to pay my work, sagt die Schmei�fliege.</p><p>Schon hat sich ein kleiner Kreis Schaulustiger versammelt. Alexander dreht sich um, versucht in entgegengesetzter Richtung zu entkommen.</p><p>��You have to pay my work, wiederholt die Schmei�fliege.</p><p>Die Schmei�fliege hat die Fl�gel ausgebreitet, versperrt ihm den Weg, den Fu�schemel in der einen Hand, das Putzk�fferchen in der anderen. Alexander geht auf ihn zu, bereit zuzuschlagen. Doch er schl�gt nicht, er schreit. Schreit aus vollem Hals, schreit ihm mitten ins Gesicht:</p><p>��I have no money, schreit er.</p><p>Die Schmei�fliege weicht verbl�fft zur�ck.</p><p>��I have no money, schreit Alexander noch einmal. I have no money!</p><p>Und dann f�llt es ihm sogar auf Spanisch ein:</p><p>��No tengo dinero, schreit er.</p><p>Hebt die H�nde und schreit.</p><p>��No tengo dinero!</p><p>Schreit den Leuten ins Gesicht:</p><p>��No tengo dinero!</p><p>Dreht sich nach allen Seiten, schreit:</p><p>��No tengo dinero!</p><p>Die Leute wenden sich ab, er schreit ihnen hinterher. Wie die H�hner stieben sie auseinander. Sekunden sp�ter ist es leer um ihn herum, nur der Schuhputzer steht noch da: den Fu�schemel in der einen Hand, das K�fferchen in der anderen � so steht er da, stumm, und starrt auf den verr�ckt gewordenen, bl�den Wei�en.</p></section><section><title><p><strong>1961</strong></p></title><p>Wie immer am Freitag war sie die Letzte.</p><p>Sie war seit f�nf Uhr morgens auf den Beinen. Vor der ersten Briefkastenleerung hatte sie noch einmal, ein letztes Mal, den Artikel durchgesehen, den der Genosse Hager bei ihr bestellt hatte. Am Vormittag zweimal zwei Stunden Spanisch. Nach dem Mittag das Realismus-Seminar: Fortschrittliche Literatur Nordamerikas. Pl�tzlich, w�hrend sie sprach, hatte sie bemerkt, dass sie gerade James Baldwin mit John Dos Passos verwechselte.</p><p>Autodidakt. Das Wort kam ihr in den Sinn, jetzt, um Viertel nach vier, w�hrend sie ihren Schreibtisch aufr�umte:</p><p>Sie als Autodidakt solle sich nicht noch in fremde Fachgebiete einmischen � Harry Zenk auf der gro�en Leitungssitzung vor einem halben Jahr, als sie, Charlotte, sich bereit erkl�rt hatte, ein Seminar zum f�nfzigsten Jahrestag der mexikanischen Revolution anzubieten.</p><p>Sie packte die Kontrollarbeiten ein, die sie am Vormittag hatte schreiben lassen, suchte eine Weile unkonzentriert nach ihrem Stift (sie hatte Hunderte Stifte, aber dieser, ausgerechnet, war ihr Lieblingsstift), gab schlie�lich entnervt auf. Sie brachte die dreckigen Teegl�ser ins Sekretariat und wusch sich � zum f�nften Mal heute � die H�nde, ohne jedoch das Gef�hl g�nzlich loszuwerden, Tafelkreide zwischen den Fingern zu haben. Schlie�lich zog sie noch den Aktenschrank zu, den Lissi, ihre Sekret�rin, vergessen hatte abzuschlie�en � auch Lissi war nat�rlich l�ngst �ber alle Berge. Bedauerlicherweise klemmte das Holzrollo. Charlotte stemmte sich mit aller Kraft auf den Griff; der Griff brach ab. Sie ging ins Vorzimmer und knallte Lissi den Griff auf den Schreibtisch, Zettel dazu: HAUSMEISTER. Ausrufezeichen.</p><p>Allerdings fiel ihr im selben Moment ein, dass der Hausmeister gerade, vor wenigen Tagen, in den Westen abgehauen war. Langsam zerkn�llte sie den Zettel, warf ihn in den Papierkorb. Sie lie� sich in Lissis Schreibtischstuhl gleiten, st�tzte den Kopf in die H�nde. Starrte lange das Walter-Ulbricht-Portr�t an, das noch immer von einem feinen, hellen Schatten umgeben war, den ein anderes, gr��eres Portr�t an der Wand hinterlassen hatte.</p><p>Harry Zenk soll Prorektor werden.</p><p>Der Fischgeschmack stie� ihr auf. Sie hasste Fisch, sie a� ihn nur wegen der Fisch�le.</p><p>��Als Frau, hatte Gertrud Stiller heute beim Mittagessen gesagt, musst du doppelt so viel leisten, um dich durchzusetzen.</p><p>Doppelt und dreimal so viel.</p><p>Charlotte stand auf, nahm die Dokumente, auf denen �Nur f�r den Dienstgebrauch� stand, aus dem nicht mehr abzuschlie�enden Schrank sowie � man konnte nie wissen � ein paar westliche Zeitungen, die sich im Laufe der Zeit dort angesammelt hatten, stopfte alles in ihre Aktentasche und ging.</p><p>Im Flur klickerte eine defekte Neonr�hre.</p><p>An den T�ren waren noch immer die Flecken zu sehen, die die Russen nach dem Krieg mit ihren Machorkas eingebrannt hatten.</p><p>Die Wandzeitung k�ndete vom neuesten Triumph der sowjetischen Technik und Wissenschaft: Vorgestern war ein Sowjetb�rger namens Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum geflogen.</p><p>Drau�en war es warm. Pl�tzlich war der Fr�hling gekommen, Charlotte hatte es nicht bemerkt. Sie beschloss, die zwei Kilometer zu Fu� zu gehen, den Weg durch das Bahndammw�ldchen, ein wenig entspannen, das sch�ne Wetter genie�en. Schon nach wenigen hundert Metern begann sie zu schwitzen. Die Aktentasche wog schwer. Sie trug noch immer die dicke Strickjacke unter dem Mantel. Bilder aus ihrer Kindheit gingen ihr pl�tzlich durch den Kopf: ein warmer Tag, das wei�e Wollkleid, das sie � jetzt erinnerte sie sich � immer hatte tragen m�ssen, wenn ihre Mutter sonntags mit ihr in den Tiergarten ging, um dem Kaiser, wie es hie�, ihre �Aufwartung� zu machen. Und dann hatte Charlotte den Kaiser angeniest. Mit einem Mal war das ganze Szenario wieder da: Der Kaiser selbst, der sich forschen Schrittes n�herte, in breiter Reihe mit seinen Br�dern und Ordonnanzen; das viel zu warme, entsetzlich kratzende Wollkleid auf ihrer nackten Haut; die derbe Hand ihrer Mutter, die sie mit ganzer Wucht traf, w�hrend sie noch die Augen geschlossen hatte.</p><p>Den Rest des Tages hatte sie zur Strafe in der Kammer verbracht, wo sie vor Asthma fast umkam, ohne dass ihre Mutter sich davon r�hren lie� � sei es, dass sie Charlotte f�r eine Simulantin hielt, sei es, dass sie tats�chlich insgeheim ihren Tod w�nschte. Ich w�rde die Lotte drum geben, so hatte die Mutter einmal zur Nachbarin gesagt, und Charlotte erinnerte sich an ihre M�rtyrermiene und das Kreuz auf dem hochgeschlossenen Kragen � ich w�rde die Lotte drum geben, wenn Carl-Gustav �normal� w�rde.</p><p>Die Schule des Lebens. W�re sie nicht durch diese Schule gegangen � w�re sie heute, was sie war? Madame Zackzack: ihr Spitzname bei den Studenten. Die glaubten, das �rgere sie. Weit gefehlt! Charlotte umfasste die Aktentasche mit beiden H�nden�� Nein, dachte sie, Madame Zackzack gab nicht auf. Madame Zackzack w�rde k�mpfen. Harry Zenk Prorektor! Na, das wollen wir doch mal sehen.</p><p>Wilhelm war nat�rlich wieder im Keller, in der �Zentrale�, wie er den ehemaligen Weinkeller nannte, den er zu einer Art Versammlungsraum umgestaltet hatte. Im Haus war es dunkel, besonders wenn man aus der blendenden Sp�tnachmittagssonne kam. Nur die Muschel, in die Wilhelm einen Schalter einzubauen vers�umt hatte, leuchtete Tag und Nacht � eine Verschwendung, die Charlotte wettzumachen versuchte, indem sie es vermied, das Licht einzuschalten, w�hrend sie sich ihrer Schuhe und ihres Mantels entledigte. Blindlings fand sie ihre Hauspantinen und stieg eilends die Treppen hinauf: Um sechs w�rde Alexander zum Spanischunterricht kommen.</p><p>Sie holte sich frische W�sche aus dem Schlafzimmer, dann ging sie ins Bad und duschte ausgiebig. Seit Doktor S�� diagnostiziert hatte, dass ihr Asthma die Folge einer Hausstauballergie war, betrachtete Charlotte das Duschen als medizinische Behandlung und hatte keine Hemmungen mehr, sich diesen Luxus mehrmals am Tag zu g�nnen � morgens nat�rlich kalt, aber nachmittags und abends duschte sie warm, wusch sich die Haare, lie� das Wasser lange �ber Gesicht und Augen str�men, reinigte mit Wohlgef�hl Nasen- und Mundh�hle. Wenigstens diesen Vorteil hatte der Auszug von Kurt und Irina ja doch: dass nicht st�ndig jemand irgendwo im Haus Wasser aufdrehte, sodass man sich, infolge des ohnehin geringen Wasserdrucks in Neuendorf, entweder verbr�hte oder abgeschreckt wurde wie ein Fr�hst�cksei.</p><p>Nach dem Duschen schl�pfte sie in die bereitgelegte Baumwollunterw�sche, zog, schon im Vorgef�hl des Fr�stelns, das sie gleich, beim Verlassen des Badezimmers, �berkommen w�rde, ihren nicht mehr ganz salonf�higen, aber kuschelig-warmen Kaschmirpullover �ber und hatte pl�tzlich die Idee, dem ganzen Luxus noch eins draufzugeben, indem sie n�mlich Alexander f�r heute abbestellte und sich stattdessen ein bisschen hinlegte, bis Wilhelm zum Abendbrot aus dem Keller kam. Hatte sie es sich nicht verdient nach dieser irrsinnigen Woche?</p><p>Sie ging hinunter in den Salon und rief Kurt an.</p><p>��Gut, sagte Kurt, dann bis morgen.</p><p>Bis morgen?</p><p>��Autotour, sagte Kurt.</p><p>��Herrgott ja, ich freue mich, sagte Charlotte.</p><p>Im Wintergarten war es gut. Der Zimmerspringbrunnen brummte, es herrschte eine fast tropische Luftfeuchtigkeit. Seit Doktor S�� ihr verraten hatte, dass hohe Luftfeuchtigkeit gut gegen die Allergie war, verbrachte sie die meiste Zeit im Wintergarten. Genauer gesagt: Sie hatte schon vorher die meiste Zeit im Wintergarten verbracht, aber nun tat sie es mit wissenschaftlicher Begr�ndung. Sie schlief sogar hier, sobald es die Jahreszeit zulie�.</p><p>Sie legte sich auf das Bett, allerdings ohne sich zuzudecken, damit sie nicht einschlief: Sie wollte nicht, dass Wilhelm sie schlafend fand. Jetzt, wo der Kreislauf erschlaffte, begann sie trotz der beinahe tropischen Raumtemperatur zu fr�steln. Es st�rte sie nicht, sie genoss es sogar. Es erinnerte sie sanft an gewisse, l�ngst abgeschriebene Empfindungen, allerdings lie� sie es dabei bewenden. Weiter zu denken fand sie unanst�ndig in ihrem Alter. �berfl�ssig. Vollkommen abwegig. Ob Wilhelm noch daran dachte? Wieso hatte er sich bei ihrem Auszug aus dem Schlafzimmer beschwert? Ohnehin schliefen sie ja seit langem getrennt: Schon im gemeinsamen Schlafzimmer hatten die Betten zwei Meter voneinander entfernt gestanden. Was wollte er also? Litt er darunter? Sollte sie es, ihm zuliebe, noch einmal tun? Allein der Gedanke an das Wasserglas auf Wilhelms Nachttisch ern�chterte sie: Schon 1940 in Frankreich, im Internierungslager Vernet, hatte Wilhelm durch den Skorbut alle Z�hne verloren, und wenn noch nicht alle, dann den Rest auf dem Weg nach Casablanca. Du lieber Gott, was f�r eine Zeit, was f�r �ngste, was f�r ein Durcheinander�� Ihr wurde schummrig. Zenk fiel ihr noch einmal ein, mit seinen wirklich prachtvollen Z�hnen: Nein, Zenk war nat�rlich nicht im Internierungslager gewesen, dachte Charlotte. Zenk war nirgends gewesen. Au�er, vermutlich, in der Hitlerjugend��</p><p>Als sie wieder die Augen �ffnete, war es dunkel geworden. Im Haus war es still. Charlotte ging durch die K�che zum ehemaligen Dienstboteneingang (die T�r zwischen der K�che und den Wohnr�umen hatte Wilhelm idiotischerweise zugemauert, jetzt musste man immer, auch wenn man das Mittagessen aufdeckte, den langen Weg �ber die Diele nehmen) und rief die Kellertreppe hinunter:</p><p>��Wilhelm?</p><p>Durch die Doppelt�r zum ehemaligen Weinkeller war Grummeln und Lachen zu h�ren. Es war jetzt halb zehn, und die sa�en noch immer da unten. Charlotte stieg die Treppe hinunter, durch ihr Erscheinen hoffte sie, die Aufl�sung der Runde zu beschleunigen. Ger�uschvoll �ffnete sie die T�r. Aus dem Zigarettendunst wehte ihr eine etwas zu joviale Begr��ung entgegen, die ihr umso mehr das Gef�hl gab, ein Eindringling zu sein. Die �bliche Mischpoke war versammelt: Horst M�hlich und Schlinger, ein junger Genosse, der Charlotte durch seinen �berm��iger Eifer auf die Nerven ging, auch Weihe, der gar nicht in der Partei war, sa� dort; au�erdem ein paar andere, die Charlotte weniger gut kannte. Auf dem gro�en Eichentisch zwischen �berquellenden Aschenbechern, wichtig aufgeschlagenen Notizheften, zwischen Kaffeetassen und Vita-Cola-Flaschen lag eine Art Plakatentwurf.</p><p>EINE LOKOMOTIVE F�R KUBA!</p><p>Darunter, in fehlerhaftem Spanisch:</p><p>LA VIVA REVOLUTION!</p><p>��Entschuldigung, ich wollte nicht st�ren, sagte Charlotte, pl�tzlich entschlossen, sich kampflos zur�ckzuziehen. Aber bevor sie die T�r schlie�en konnte, rief Wilhelm:</p><p>��Ach, Lotti, kannst du uns nicht rasch ein paar Brote zurechtmachen, die Genossen haben Hunger.</p><p>��Ich schau mal, was da ist, murmelte Charlotte und stapfte die Treppe hoch.</p><p>Einen Augenblick stand sie in der K�che, verdattert �ber so viel Dreistigkeit. Schlie�lich nahm sie, wie fremdgesteuert, ein frisches Mischbrot aus dem Brotfach (Gott sei Dank hatte Lisbeth eingekauft) und begann es in Scheiben zu schneiden. Warum tat sie das? War sie Wilhelms Sekret�rin? Sie war Institutsdirektorin!�� Nein, sie war nat�rlich <emphasis>nicht</emphasis> Institutsdirektorin. Zu ihrem Bedauern hatte man die Institute in �Sektionen� umgetauft, sodass sie sich nun, weniger klangvoll, nur noch �Sektionsleiterin� nannte, aber das �nderte nichts in der Sache: Sie war berufst�tig, sie arbeitete wie ein Pferd, sie bekleidete einen wichtigen Posten an jener Akademie, an der die k�nftigen Diplomaten der DDR ausgebildet wurden (Guinea hatte als erster nichtsozialistischer Staat die DDR bereits anerkannt und die Anerkennung nur auf Druck der Bundesrepublik wieder zur�ckgezogen!). Sie war Sektionsleiterin an einer Akademie � und was war Wilhelm? Ein Nichts. Ein Rentner, vorzeitig pensioniert�� Und wahrscheinlich, dachte Charlotte, w�hrend sie, blind vor Wut, in den K�hlschrank starrte, auf der Suche nach irgendwas, das sie auf die Brote schmieren konnte, wahrscheinlich w�re Wilhelm nach seinem Scheitern als Verwaltungsdirektor der Akademie <emphasis>vor die Hunde gegangen</emphasis>, wenn sie nicht selbst zur Bezirksleitung gerannt und die Genossen angefleht h�tte, Wilhelm irgendeine wenigstens ehrenamtliche Aufgabe zu geben. Sie selbst hatte ihn ermutigt, den Posten des Wohnbezirksparteisekret�rs zu �bernehmen, sie hatte ihm eingeredet, dass dies eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe sei � das Problem war nur, dass Wilhelm dies inzwischen selbst glaubte. Und, was noch schlimmer war: Die anderen glaubten es offenbar auch!</p><p>Sie entschied sich f�r die runde Schachtel Schmelzk�se und ein Glas saurer Gurken und begann, die auf dem Tablett ausgelegten Brote zu bestreichen�� Wohnbezirksparteisekret�r: Das war der Mann, der den Parteibeitrag der zehn oder f�nfzehn Veteranen zwischen Th�lmannstra�e und OdF-Platz kassierte � nichts weiter. Aber was machte Wilhelm? Hielt irgendwelche geheimen Versammlungen ab, da unten in seiner Zentrale, plante irgendwelche �Operationen�. Zu den letzten Kommunalwahlen hatte er eine <emphasis>motorisierte Einsatzstaffel</emphasis> organisiert, um denjenigen, die am fr�hen Nachmittag immer noch nicht gew�hlt hatten, Agitatoren auf den Hals zu schicken: Den ganzen Rasen hatten diese Trottel zerfahren! Seine neueste Idee: die Lokomotive f�r Kuba. Neuendorf, mit seinen nicht einmal zehntausend Einwohnern, sollte das Geld f�r eine Diesellok aus dem Karl-Marx-Werk aufbringen. �berall sammelten sie wie verr�ckt, die Jungen Pioniere brachten Altstoffe weg, und am Ende sollten die Leute noch etwas f�r eine gro�e Tombola hergeben, die am n�chsten Wochenende im Klub der Volkssolidarit�t stattfinden und den H�hepunkt der ganzen Aktion darstellen sollte.</p><p>Unglaublich, wie er die Leute einzuwickeln verstand, dachte Charlotte, w�hrend sie die Brote mit Schmelzk�se bestrich. Mit seinen Andeutungen, seinem Gehabe. Mit seinem Hut, den er zu jeder Jahreszeit trug. Fast war er, sie musste es zugeben, schon eine Ber�hmtheit in Neuendorf. Stand andauernd in der Zeitung, auch wenn es nur die Lokalpresse war. Die Leute kannten ihn, sie gr��ten ihn auf der Stra�e. Nicht sie, <emphasis>er</emphasis> wurde gegr��t. Die Leute erz�hlten sich irgendwelche unerh�rten Geschichten�� Wie machte der das? Nein, man konnte nicht sagen, dass Wilhelm solche Geschichten in die Welt setzte. Aber irgendwie, wei� der Teufel�� Er nagelte sein Lasso an die Wand in seiner Zentrale � und schon waren die jungen Genossen �berzeugt, Wilhelm sei ein begnadeter Lassowerfer gewesen. Er schenkte Cuba Libre aus, und schon glaubten alle, er kenne Fidel Castro pers�nlich! Und wenn er Nescaf� auf �mexikanisch� trank (was nichts anderes hie�, als dass er das Pulver zuerst mit Kaffeesahne anr�hrte, sodass dann eine kleine Schaumkrone auf dem Kaffee entstand) und dazu eine russische Papyrosse rauchte, war eigentlich allen klar, dass Wilhelm in Mexiko das sowjetische Geheimdienstnetz aufgebaut hatte.</p><p>Wenn die w�ssten, dachte Charlotte. Sie hielt einen Augenblick inne (sie war gerade dabei, die winzigen Gurken in winzige Scheiben zu schneiden). Hielt inne und dachte an Hamburg: Wilhelms �Geheimdienstt�tigkeit�. Drei Jahre lang hatte er im B�ro gesessen und Zigaretten geraucht. Das war Wilhelms �Geheimdienstt�tigkeit�. Drei Jahre auf verlorenem Posten. Nichts ging mehr. Nachrichten �ber Verhaftungen trudelten ein, und Wilhelm sa� da und wartete. Worauf eigentlich? Worauf hatten sie eigentlich gewartet? Wof�r hatten sie ihr Leben riskiert? Sie wusste es nicht. <emphasis>Jeder wei� nur so viel, wie er wissen muss</emphasis>, sagte Wilhelm. Und sie, anstatt mit den Jungs nach Moskau zu gehen, war in Deutschland geblieben und hatte die Ehegattin gespielt: zur Tarnung. Fast war sie � das konnte man nat�rlich keinem erz�hlen � froh gewesen, als alles aufflog und sie Hals �ber Kopf abhauen mussten. Mit Schweizer P�ssen. Bei Wilhelms Berliner Dialekt. Du lieber Gott, das war ein Geheimdienst. Nicht einmal anst�ndige P�sse konnten sie einem beschaffen.</p><p>Erb�rmlich, die Brote: Der frische Teig war beim Bestreichen gerissen. W�tend verteilte Charlotte Gurkenscheiben darauf, obwohl sie, je mehr sich die Sache dem Ende n�herte, desto sicherer war, dass sie <emphasis>nicht</emphasis> in den Keller gehen w�rde��</p><p>Was nun? Der Akademieapparat fiel ihr ein: Erst k�rzlich hatte Wilhelm einen Anschluss seines sogenannten Akademieapparates in den Keller verlegen lassen � ein internes Betriebstelefon, das Wilhelm, obwohl er bereits seit sechs Jahren aus der Akademie ausgeschieden war, unverdrossen weiterbenutzte. Sie ging zu <emphasis>ihrem</emphasis> Akademieapparat und rief Wilhelm auf <emphasis>seinem</emphasis> Akademieapparat an, um ihm mitzuteilen, dass die Brote auf dem K�chentisch standen � und obwohl sie im selben Moment von einem m�rderischen Hunger �berfallen wurde, verdr�ckte sie sich erst einmal aus der K�che, um nicht dabei zu sein, wenn Schlinger das Tablett holte.</p><p>Sie a� viel und schlief schlecht. Nachts gegen halb drei setzte der Harndrang ein, sie wankte durch den Flur wie ein Kind, �ngstlich und d�nnh�utig. Zur Wolfsstunde, wie ihre Mutter diese Uhrzeit genannte hatte, war sie von jeher den verschiedensten Anfechtungen ausgesetzt. Selbst die Muschel im Flur war ihr unheimlich; sie sah nicht nach links, nicht nach rechts, versuchte, an nichts Schlimmes zu denken. Aber als sie auf dem Klo sa� und darauf wartete, dass das letzte Tr�pfchen abging, kam ihr auf einmal der Verdacht, ihr Artikel k�nnte dem Genossen Hager missfallen haben; sie k�nnte sich v�llig verrannt haben und ihr Artikel sei in Wirklichkeit schlecht und kleinlich und r�ckw�rtsgewandt��</p><p>Am Morgen war der Gedanke immer noch da, wenn auch durch das Tageslicht gemildert. Trotzdem widerstand Charlotte der Versuchung, im Morgenrock zum Briefkasten zu rennen und nachzuschauen, ob das <emphasis>ND</emphasis> schon gekommen war. Sie stand auf wie immer, duschte kalt, bereitete sich einen Muckefuck und ein Toastbrot mit Butter, erst dann ging sie die Zeitung holen, brachte sie, zusammen mit Toast und Muckefuck, in den Wintergarten, schaffte es sogar, zuerst die Titelseite zu �berfliegen, auf der von kriminellen Machenschaften an der Sektorengrenze die Rede war, und bl�tterte dann geduldig bis zur Kulturseite � und da war er!</p><p><emphasis>Mehr als eine Frage des guten Geschmacks. Wolfgang Koppes Roman �Mexikanische Nacht� im Mitteldeutschen Verlag. Von Charlotte Powileit</emphasis></p><p>Es war nicht das erste Mal, dass etwas von ihr gedruckt wurde, aber Routine war es keineswegs. Obwohl sie den ganzen Artikel im Grunde auswendig konnte, las sie noch einmal jedes Wort, gen�sslich, mit Toastbrot und Muckefuck. Jetzt, wo er gedruckt stand, wirkte der Artikel noch fester, noch schl�ssiger als vorher.</p><p>Im Grunde genommen handelte es sich um eine Rezension, aber da sie auch grunds�tzliche Fragestellungen behandelte, hatte man Charlotte eine Halbseite einger�umt: alle sechs Spalten. Es ging um das Buch eines westdeutschen Schriftstellers, das j�ngst in einem DDR-Verlag erschienen war. Es war ein schlechtes, ein �rgerliches Buch, Charlotte hatte es von der ersten Seite an gr�ndlich missfallen. Es handelte von einem j�dischen Emigranten, der nach Deutschland � ins westliche Deutschland � zur�ckkehrte und feststellte, dass die faschistische Ideologie dort immer noch fortlebte. So weit, so gut. Anstatt aber � immerhin eine denkbare Alternative � in die DDR zu gehen, kehrte er nach Mexiko zur�ck, wo er ein bisschen �ber Leben und Tod philosophierte und sich schlie�lich das Leben nahm. Zwar war es spannend und sprachlich brillant, auch vertrat der Autor zweifellos eine antifaschistische Gesinnung � aber das war auch schon alles.</p><p>Noch das geringste �bel: Mexiko war vollkommen falsch dargestellt, als w�re der Autor nie da gewesen.</p><p>Gegen die Tatsache, dass die Hauptfigur homosexuell war, hatte Charlotte im Prinzip nichts einzuwenden, auch wenn sie, das musste sie zugeben, auf unangenehme Weise an ihren Bruder Carl-Gustav denken musste, wenn der Ich-Erz�hler seine homoerotischen Abenteuer mit minderj�hrigen mexikanischen Strichjungen schilderte: langatmig, zerm�rbend, ekelhaft.</p><p>Ihr Haupteinwand war jedoch politischer Art. Das Buch war negativ. Def�tistisch. Es zog den Leser in dunkle Sph�ren hinunter, machte ihn passiv und klein, stellte ihn hilflos in eine Welt, die grausam war und schlecht, zeigte keinerlei Auswege auf � weil es, so meinte der Ich-Erz�hler, keine Auswege gab. Seltsamerweise �berkam ihn diese Gewissheit ausgerechnet beim Anblick der Kolossalstatue der Coatlicue.</p><p>Anstatt in der Statue die Dialektik von Leben und Tod zu erkennen, anstatt sie als Ausdruck einer gro�en Idee und als Hervorbringung eines heroischen Volkes zu w�rdigen, erblickte der Ich-Erz�hler in ihr eines der �k�hnsten und k�ltesten Monumente der Vergeblichkeit�, ein �reines Bekenntnis zur H�sslichkeit der Existenz�, woraus er den Schluss zog, dass es am besten sei, allein in den Dschungel zu gehen � und darin zu verschwinden.</p><p><emphasis>Nein, dieses Buch, las Charlotte und fand sich mit jedem Wort, jeder Silbe im Recht, dieses Buch eignet sich nicht, um die Jugend zu einer weltzugewandten, humanistischen Haltung zu erziehen. Es eignet sich nicht, um die Menschen gegen das drohende atomare Inferno zu mobilisieren. Es eignet sich nicht, um den Glauben an den Fortschritt der Menschheit und an den Sieg des Sozialismus zu f�rdern, und deswegen geh�rt es nicht in die Regale der Buchl�den unserer Republik.</emphasis></p><p>Punkt.</p><p>Der Muckefuck war ausgetrunken, der Toast gegessen. �brig blieb ein komisches Ziehen im Bauch: Irgendwo in ihren Unterlagen lungerte noch eine Abbildung der Coatlicue, ausgeschnitten aus dem <emphasis>Siempre</emphasis>. Oder war sie von Adrian?</p><p>Die Versuchung, die Wirkung von Coatlicue zu pr�fen � fast zehn Jahre danach.</p><p>In der oberen Etage begann es zu rumoren: Acht Uhr, Wilhelm stand auf. Das Badewasser rauschte. Tats�chlich pflegte Wilhelm schon morgens zu baden und, w�hrend er in der Wanne sa�, eine Viertelstunde t�glich H�hensonne zu nehmen. Charlotte brachte die Zeitung zur�ck in den Briefkasten � ein bisschen albern, gewiss, aber der Stolz auf ihren Artikel war ihr peinlich, und sie wollte, dass Wilhelm die Zeitung vorfand wie immer und den Artikel selbst entdeckte.</p><p>Viertel nach acht standen die Haferflocken bereit. Wilhelm kam die Treppe herunter, in bester Laune, sie erkannte es am Schritt, und bereits in Krawatte und Anzug (einen Anzug trug er sogar unterm Blaumann). Er marschierte schnurstracks zum Briefkasten, holte sein <emphasis>ND</emphasis>, �berflog, wie gew�hnlich, die erste Seite, um sie, w�hrend er seinen Haferflockenbrei l�ffelte, zu kommentieren. Sein heutiger Kommentar:</p><p>��Ein Affentheater mit Westberlin. Dann muss man die Staatsgrenze eben abriegeln!</p><p>Dummes Zeug nat�rlich, aber Charlotte hatte nicht vor zu streiten. Sie schwieg, l�ffelte ihre Haferflocken. Wilhelm verstand nicht die Bohne von Au�enpolitik. Vierm�chtestatus, Potsdamer Abkommen: B�hmische D�rfer f�r ihn, dachte Charlotte. Sagte aber:</p><p>��Der Hausmeister ist auch weg.</p><p>��Der Wollmann?</p><p>��Genau, der Wollmann, sagte Charlotte.</p><p>��Zum Teufel mit Wollmann, sagte Wilhelm. Aber die jungen Leute! Verstehst du: Studieren auf unsere Kosten, und dann hauen sie ab. Da muss man den Riegel vorschieben!</p><p>Charlotte nickte und r�umte die Teller ab.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck ging Wilhelm <emphasis>ND</emphasis> lesen. Er tat dies am Schreibtisch. Noch immer, wie damals in Mexiko, las er <emphasis>jeden</emphasis> Artikel.</p><p>Charlotte widmete sich inzwischen ihren h�uslichen Pflichten, wartete aber in Wirklichkeit darauf, dass Wilhelm ihren Artikel entdeckte. Sie fing an, die K�che aufzur�umen, beschloss dann, dies Lisbeth zu �berlassen; streunte durchs Haus, �berlegte, was man mit den frei gewordenen Zimmern von Kurt und Irina anfangen k�nnte; war erneut gekr�nkt beim Anblick der M�bel, die sie, Charlotte, f�r Kurt und Irina gekauft hatte, als diese aus der Sowjetunion heimgekommen waren, und die Irina nun bei ihrem Auszug demonstrativ hatte stehenlassen � und war pl�tzlich wieder bei Zenk. Genauer gesagt, sie dachte dar�ber nach, wie sie das Problem Zenk bei Hager vorbringen k�nnte, falls Hager in den n�chsten Tagen anrief, oder, noch genauer, wie sie, ohne es direkt auszusprechen, klarmachen k�nnte, dass sie sich selbst, offen gestanden, f�r einen geeigneteren Prorektor hielt.</p><p>Als sie wieder nach unten kam, war Wilhelm bereits im Haus unterwegs.</p><p>��Bist du schon fertig mit dem <emphasis>ND</emphasis>, fragte Charlotte scheinheilig.</p><p>��Ja, sagte Wilhelm, kann das mit zur Tombola?</p><p>Er hielt eine Tischdecke hoch: in den mexikanischen Farben, handgewebt, mit Schlangen- und Adlermotiv.</p><p>��Nein, Wilhelm, die geht auf keinen Fall mit zur Tombola.</p><p>Hatte er den Artikel nicht gelesen? Oder hatte er blo� ihren Namen �bersehen?</p><p>Um zehn kam Lisbeth. Wie immer pflegte Lisbeth alle Fragen, auch die bereits gekl�rten, f�nfmal zu stellen�� Nein, Lisbeth, es wird nicht staubgesaugt, wenn ich im Haus bin�� Ja, heute W�sche�� Ja, Mittagessen um eins.</p><p>��Liest du eigentlich <emphasis>ND</emphasis>, Lisbeth?</p><p><emphasis>��Ich hab ja schon die M�rkische Volksstimme.</emphasis></p><p>��Ach was, <emphasis>M�rkische Volksstimme</emphasis>.</p><p>Aber Lisbeth war sowieso zu tumb. Sollte sie ruhig die <emphasis>M�rkische Volksstimme</emphasis> lesen.</p><p>Dann wieder Wilhelm, den wei�en Porzellanadler in der Hand, den der Vorbesitzer des Hauses bei seiner Flucht hinterlassen hatte.</p><p>Charlotte verdrehte die Augen:</p><p>��Wer soll denn das kaufen?</p><p>��Nicht kaufen! Wei�t du nicht, was eine Tombola ist?</p><p>Lisbeth fragte:</p><p>��Frau Powileit, soll ick Kartoffelbrei machen oder Kartoffelmus?</p><p>Charlotte z�hlte bis f�nf, um Lisbeth nicht anzuschreien, dann sagte sie:</p><p>��Das ist mir schnurzpiepegal, Lisbeth.</p><p>Um drei Uhr klingelte Kurt, p�nktlich wie immer. Charlotte hatte nach dem Mittag geschlafen, hatte das graue Kost�m angelegt und, zur Feier des Tages, einen dezenten mexikanischen Halsschmuck.</p><p>Alexander wartete am Auto, Irina ebenfalls � geschminkt wie ein Papagei, aber das war nat�rlich ihre Sache.</p><p>��Mein Schatz, sagte sie zu Irina. Mein Sp�tzchen, zu Alexander. Zu Kurt sagte sie: Kurt.</p><p>Das Auto war blau, winzig klein: ein Trabant. Man bestaunte es zun�chst von allen Seiten. Auch Wilhelm kam jetzt heraus.</p><p>��Kein Wort zu Wilhelm, raunte Charlotte Kurt zu.</p><p>Selbstverst�ndlich wusste Wilhelm nichts davon, dass sie Kurt f�nftausend Mark f�r das Auto geliehen hatte. Zu Wilhelm sagte sie:</p><p>��Nanu, willst du mitfahren?</p><p>��Ach was, sagte Wilhelm, f�r so was hab ich keine Zeit.</p><p>��Das Auto hat sowieso nur vier Pl�tze, sagte Kurt.</p><p>Alexander sagte:</p><p>��Mein Anzug kratzt.</p><p>Wilhelm klopfte gegen die Kunststoffkarosserie und erkl�rte:</p><p>��In Zukunft wird man alle Autos aus Plaste bauen.</p><p>��Und wie kommt man dahinten rein, wollte Charlotte wissen.</p><p>Das Auto besa� nur zwei T�ren.</p><p>��Du kannst vorn sitzen, sagte Kurt.</p><p>Aber Charlotte wehrte ab (nicht zuletzt aus Sicherheitsbedenken, immerhin war Kurt Anf�nger), und Kurt klappte einen Sitz um, sodass Charlotte � allerdings auf allen vieren � in den Fond des kleinen Gef�hrts kriechen konnte. Seltsame Idee, die T�ren einzusparen.</p><p>Am meisten �berraschte sie, dass Kurt auf dem Beifahrersitz Platz nahm, w�hrend Irina sich ans Steuer setzte.</p><p>��Wer f�hrt denn?</p><p>Beide drehten sich erstaunt um.</p><p>��Ich fahre, sagte Irina.</p><p>Genauer gesagt: Ich farre. Denn auch nach f�nf Jahren in Deutschland sprach Irina noch gebrochen Deutsch. Ein R�tsel, wie sie die Fahrpr�fung bestanden hatte.</p><p>��Mein Anzug kratzt, sagte Alexander.</p><p>Es war der Anzug, den Charlotte ihm zu Weihnachten geschenkt hatte.</p><p>��Wie kann denn der Anzug kratzen, wollte Charlotte wissen.</p><p>��Am Hals, sagte Alexander.</p><p>��Aber am Hals tr�gst du doch ein Hemd, wandte Charlotte ein.</p><p>��Kratzt aber trotzdem.</p><p>��Gut, sagte Irina, dann farren wir noch zu Hause vorbei, und du ziehst an was anderes.</p><p>Ein bisschen �rgerlich, dass das Kind derma�en verh�tschelt wurde. Ein intelligenter, aufgeschlossener Junge, aber so wie er erzogen wurde, war sein Ungl�ck vorhersehbar.</p><p>��Als ich so alt war wie du, begann Charlotte und wollte Alexander von dem kratzenden wei�en Wollkleid erz�hlen, das sie stets hatte tragen m�ssen, wenn ihre Mutter sonntags mit ihr in den Tiergarten ging, aber in diesem Augenblick ging der Motor los, und das ganze Gef�hrt rasselte wie eine Kaffeem�hle.</p><p>Irina hielt am Fuchsbau. Das Haus war von Bauger�sten umstellt. Auch f�r die Sanierung des Hauses hatte Kurt sich bei Charlotte eine gr��ere Summe geliehen.</p><p>��Dann ist das Auto also eigentlich mehr f�r Irina, erkundigte sich Charlotte, nachdem Irina und Alexander ausgestiegen waren.</p><p>��Mutti, ich kann nicht Auto fahren, du wei�t doch, dass ich blo� auf einem Auge sehe.</p><p>Charlotte schwieg. In der Tat, daran hatte sie nicht gedacht. Andererseits: Wozu brauchte Irina ein Auto?</p><p>��Au�erdem zahl ich dir das Geld ja zur�ck, sagte Kurt. Ich zahl dir monatlich zweihundert Mark, und wenn ich die Gehaltserh�hung bekomme, dreihundert.</p><p>��Darauf l�uft es hinaus, sagte Charlotte und verkniff sich, ja, sie <emphasis>verkniff sich</emphasis>, hinzuzusetzen: Du zahlst und Irina f�hrt.</p><p>Trotzdem sagte Kurt:</p><p>��Mutti, ich wei� nicht, warum du so feindselig bist.</p><p>��Ich bin nicht feindselig.</p><p>��Ich finde, sagte Kurt, wir sollten die Tatsache, dass wir jetzt getrennt wohnen, zum Anlass nehmen, ein neues Kapitel in unseren Beziehungen aufzuschlagen.</p><p>��Das finde ich auch, sagte Charlotte.</p><p>Sie mochte das Thema nicht ausdehnen. Es schmerzte sie, dass Kurt in dieser Sache so ungerecht war. Als ob es an ihr l�ge! Sie bem�hte sich schon seit geraumer Zeit um die Verbesserung der Beziehungen, und es kr�nkte sie, dass Kurt dies nicht einmal bemerkte. Nie erlaubte sie sich ein kritisches Wort �ber Irina: �ber ihre All�ren, ihre Verschwendungssucht, im Gegenteil, sie gab noch Geld f�r Irinas Hausbauprojekt, obwohl sie es, wenn sie ehrlich war, in jeder Beziehung ma�los fand. Jetzt brauchte Irina noch ein Auto�� Aber Leistung gleich null. Kurt ackerte, Kurt hatte promoviert, hatte sein erstes Buch geschrieben, ein gro�artiges Buch � w�hrend Irina noch immer nicht ihre Ausbildung als Dokumentaristin beendet hatte. Wie auch, wenn sie nicht einmal richtig Deutsch sprach.</p><p>Das alles sagte Charlotte nicht. Stattdessen fragte sie:</p><p>��Hast du eigentlich schon das <emphasis>ND</emphasis> gelesen?</p><p>��Ja, sagte Kurt, ich habe deinen Artikel gelesen.</p><p>Dann stiegen Irina und Alexander wieder ins Auto, Alexander im Pulli, und Charlotte versuchte es noch einmal:</p><p>��Als ich so alt war wie du��</p><p>Und wieder ging die Kaffeem�hle los, ein Kuriosum, dieses Auto, in dem man sich nicht einmal unterhalten konnte. Auf dem R�cksitz wurde man hin und her geworfen. Zudem fuhr Irina be�ngstigend schnell, donnerte �ber die Kreuzungen, ohne nach links oder rechts zu schauen.</p><p>��Muss man nicht Vorfahrt beachten, fragte Charlotte h�flich.</p><p>Niemand antwortete, vielleicht wussten sie nicht, an wen von beiden die Frage gerichtet war, oder sie hatten die Frage �berh�rt bei dem L�rm. Charlotte lie� es dabei bewenden.</p><p>Sie fuhren zum Park Sanssouci, dann hie� es aussteigen. Aber Alexander sagte:</p><p>��Ich will aber noch Auto fahren!</p><p>��Nachher fahren wir ja wieder zur�ck, sagte Kurt.</p><p>Doch das Kind war nicht umzustimmen: Auto fahren!</p><p>Irina sagte:</p><p>��Na, dann farren wir nach Cecilienhof.</p><p>��Das ist zu kurz, entschied Alexander. Ihr habt gesagt Autotour!</p><p>Unglaublich, was hier vorging. Tats�chlich wurde in Erw�gung gezogen, die Tour bis Bornim oder Neufahrland auszudehnen. Am Ende einigte man sich doch auf Cecilienhof, allerdings mit Umwegen. Alexander war zufrieden.</p><p>��Unser Auto hat einen Reservetank, teilte er mit.</p><p>Charlotte nickte.</p><p>Endlich Cecilienhof. Einparkman�ver � als handle es sich um ein Schiff. Kurt half ihr heraus, die reinste Kletterpartie, dann fragte er:</p><p>��Und? Wie findest du unser Auto?</p><p>��Gro�artig, sagte Charlotte.</p><p>Alexander wischte mit dem �rmel einen Vogeldreck von der Karosserie. Charlotte enthielt sich jeder Bemerkung. Mehrmals drehte Alexander sich noch nach dem Auto um, und Charlotte wartete, bis sie au�er Reichweite waren.</p><p>��Als ich so alt war wie du, begann sie zum dritten Mal, da musste ich jeden Sonntag mit meiner Mutter in den Tiergarten gehen, weil meine Mutter den Spleen hatte, dem Kaiser, der dort manchmal spazieren ging, ihre Aufwartung zu machen.</p><p>Alexander bekam gro�e Augen.</p><p>��Dem Kaiser?</p><p>��Genau, sagte Charlotte, Kaiser Wilhelm. Und dann warteten wir manchmal stundenlang, kommt heute der Kaiser, kommt er nicht, und immer musste ich ein wei�es Wollkleid tragen, das f�rchterlich kratzte. Ein richtiges Kratzekleid, sagte Charlotte � und pr�fte die Wirkung ihrer Worte in Alexanders Gesicht.</p><p>Es gab keine. Stattdessen fragte Alexander:</p><p>��Und kam dann der Kaiser?</p><p>Irina sagte:</p><p>��Jetzt h�r auf, Mutti. Wenn dir etwas Schlechtes im Leben passiert, musst du nicht w�nschen, dass es anderen auch passiert.</p><p>��Und kam dann der Kaiser, wollte Alexander wissen.</p><p>��Ja, sagte Charlotte, dann kam der Kaiser. Und ich habe ihn gehasst.</p><p>An der Badestelle am Ende des Heiligen Sees gingen Irina und Alexander Schw�ne f�ttern, Charlotte setzte sich mit Kurt auf eine Bank. Es ging ein angenehmer, leichter Wind. Man h�rte das Schilf rascheln.</p><p>��Nun, wie fandest du meinen Artikel, fragte Charlotte und setzte hinzu: Aber sei nicht so streng mit mir!</p><p>Sie merkte, dass Kurt herumdruckste.</p><p>��Na los, heraus mit der Sprache. Du fandest ihn also nicht gut?</p><p>��Ich verstehe dich nicht, sagte Kurt. Wieso du dich an so was beteiligst.</p><p>��Wieso denn beteiligst? An was denn?</p><p>Kurt schaute sie an. Auf einmal sah sie, dass er sie nur mit einem Auge ansah, und f�r einen Moment empfand sie so etwas wie Schuld � als sei sie, als Mutter, verantwortlich daf�r.</p><p>��Mutti, hier geht es doch um eine politische Kampagne, sagte Kurt. Hier versuchen Leute, einen h�rteren Kurs durchzusetzen.</p><p>��Aber das Buch ist schlecht, wandte Charlotte ein.</p><p>��Dann lies es nicht.</p><p>Kurt pl�tzlich ungewohnt schroff.</p><p>��Nein, Kurt, so geht das nicht, sagte Charlotte. Auch ich habe das Recht, meine Meinung zu schreiben. Auch ich habe das Recht, ein Buch schlecht und sch�dlich zu finden, und ich finde es schlecht und sch�dlich, und dabei bleibe ich.</p><p>��Es geht nicht um dieses Buch.</p><p>��Mir geht es um dieses Buch.</p><p>��Nein, sagte Kurt. Es geht hier um Richtungsk�mpfe. Es geht hier um Reform oder Stillstand. Demokratisierung oder R�ckkehr zum Stalinismus.</p><p>Charlotte griff sich entnervt an die Schl�fen.</p><p>��Stalinismus�� Auf einmal reden alle von Stalinismus!</p><p>��Ich verstehe dich nicht, sagte Kurt, und obwohl er ged�mpft sprach, klang seine Stimme scharf, und er betonte jedes Wort, als er sagte: Dein Sohn ist in Workuta ermordet worden.</p><p>Charlotte sprang auf, bedeutete Kurt mit der Hand, zu schweigen.</p><p>��Ich m�chte nicht, dass du so etwas sagst, Kurt, ich m�chte nicht, dass du so etwas sagst!</p><p>Alexander kam gelaufen und teilte mit, dass die M�wen den Schw�nen das Futter stahlen.�� Und weg war er.</p><p>Kurt schwieg, Charlotte schwieg ebenfalls.</p><p>Am Ufer h�rte man das Schilf rauschen.</p><p>Das Erste, was sie im Hause wahrnahm, war die stickige Luft, die sich wie ein alter Lappen auf ihre Lungen legte. Den Grund daf�r erkannte sie, als sie die Treppe zum Badezimmer hinaufstieg: M�hlich und Schlinger, jeder einen Pinsel in der Hand, machten sich im oberen Flur an einem gro�en Plakat zu schaffen und hatten � offenbar um beim Malen eine glatte Unterlage zu haben � den langen L�ufer zusammengerollt. Die Luft war von Staub erf�llt.</p><p>��Was macht ihr denn da, fauchte Charlotte</p><p>��Wilhelm hat gesagt, begann M�hlich��</p><p>��Wilhelm hat gesagt, Wilhelm hat gesagt, presste Charlotte heraus.</p><p>Im Bad nahm sie eine Prednisolon. Nach dem Duschen dr�ckte sie sich ein feuchtes Handtuch vor den Mund, um �ber den Flur zu kommen. Inzwischen hatten die beiden Wilhelm zur Verst�rkung geholt.</p><p>��Was ist denn los, wollte Wilhelm wissen.</p><p>Charlotte antwortete nicht, bahnte sich einen Weg durch den schmalen Flur, stie� versehentlich Schlinger an, der seinerseits aus dem Gleichgewicht geriet und auf das frischgemalte Plakat trampelte: direkt auf die � noch immer falsch geschriebene � <emphasis>revolution</emphasis>.</p><p>��Was ist denn in dich gefahren!</p><p>Charlotte ging weiter, ohne sich umzudrehen, stieg die Treppe hinab. Wilhelm hinterher, verstellte ihr den Weg zum Wintergarten.</p><p>��Kannst du mir mal erkl�ren, was los ist?</p><p>��Wilhelm, sagte Charlotte so ruhig wie m�glich. Es d�rfte dir doch bekannt sein, dass ich unter einer Hausstauballergie leide.</p><p>��Wie bitte?</p><p>��Haus-staub-al-ler-gie, sagte Charlotte.</p><p>��Du immer mit deinem Zeug, sagte Wilhelm.</p><p>Charlotte schob die Fl�gel der Wintergartent�r vor seiner Nase zusammen und schloss die Vorh�nge.</p><p>Sie legte sich aufs Bett, h�rte ihr Herz schlagen. H�rte ihren leicht rasselnden Atem. Auf der Zunge sp�rte sie noch den bitteren Abdruck der Prednisolon.</p><p>So lag sie eine Weile.</p><p>Der Zimmerspringbrunnen brummte.</p><p>Die K�nigin der Nacht fiel ihr ein. Die sie zum Blumenh�ndler zur�ckgebracht hatte, ohne sie bl�hen zu sehen.</p><p>�brigens: In Mexiko hatte sie nie Asthma gehabt.</p><p>Nachts tr�umte sie wieder schlecht, konnte sich aber am Morgen nicht mehr daran erinnern. Wollte es auch nicht.</p><p>Den Sonntag verbrachte sie damit, Unkraut zu zupfen.</p><p>Am Montag h�rte sie in den Nachrichten, dass eine von den Vereinigten Staaten ausger�stete Invasionsarmee in Kuba gelandet war.</p><p>Am Mittwoch war die Invasionsarmee aufgerieben.</p><p>Der Genosse Hager rief nicht mehr an.</p><p>Wilhelms Tombola wurde ein gro�er Erfolg. Der Kreissekret�r hielt eine Rede. Und der Vertreter der Nationalen Front verlieh Wilhelm die goldene Ehrennadel.</p></section><section><title><p><strong>1.�OKTOBER 1989</strong></p></title><p>Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so gesessen hatte, auf ihrem Bett, wo sie immer sa�, die Beine �ber den Fesseln gekreuzt, die H�nde im Scho�, als w�ren�s nicht ihre. Sie weinte nicht mehr. Ihre Tr�nen waren getrocknet, und die feinen Salzkrusten, die sie zur�ckgelassen hatten, kitzelten in ihrem Gesicht.</p><p>Drau�en war es sehr hell, als sie aufsah, so hell, dass es wehtat. Die Birken leuchteten gelb, ein warmer Herbst dieses Jahr, gut f�r die Ernte, dachte Nadjeshda Iwanowna. In Slawa wurden jetzt die Kartoffeln gemacht, die ersten Feuer rauchten schon, das Kartoffelkraut brannte, und wenn erst mal das Kartoffelkraut brannte, dann war sie gekommen, unwiderruflich: die Zeit des abnehmenden Lichts.</p><p>Nadjeshda Iwanowna schn�uzte sich und nahm das Strickzeug zur Hand, das sie irgendwann heute morgen auf dem Kopfkissen abgelegt hatte, die Socken f�r Sascha, dann kriegte sie eben Kurt, eine Socke war schlie�lich schon fertig, bei der anderen arbeitete sie sich gerade an die Ferse heran, von Socken verstand sie was, hatte schon viele Socken gestrickt, die ersten so gro� wie Eierw�rmer, drei�ig Jahre war das nun her, aber noch heute hatte sie den Geruch seiner Nackenhaare in der Nase, wenn sie daran dachte, wie er auf ihrem Scho� gesessen hatte, und sie hatten Maltschik-Paltschik gespielt, stundenlang, oder sie hatte ihm etwas vorgesungen, das Lied vom Zicklein, das nicht auf die Gro�mutter h�ren wollte, das wollte er immer h�ren, wieder und wieder, wird es vergessen haben, der Junge, obwohl er�s schon beinahe auswendig konnte mit seinen zwei Jahren, aber immer: Waruhum, waruhum, nur H�rnlein und Hufen, vergeblich gerufen, nur H�rnlein und Hufen, na, macht nichts, vielleicht schrieb er ja mal eine Postkarte, obwohl er wahrscheinlich Wichtigeres zu tun hatte dort, musste sich erst mal an alles gew�hnen, Amerika, sie kannte es ja aus dem Fernsehen, das andere Programm, zweimal schalten, sie guckte, ehrlich gesagt, meistens das andere Programm, Breschnew hatte sie genug geguckt, war irgendwie doch interessanter, Amerika, auch wenn man sich manchmal nicht hinzuschauen getraute, was die alles zeigten, wenn er sich blo� nicht vers�ndigte, dachte Nadjeshda Iwanowna, oder war, was im Fernsehen kam, blo� Fernsehen, und am Ende war�s auch nicht viel anders als hier, man konnte ja r�bergucken beinahe, oder war das noch Deutschland, was man da sah, �bern See, oder war Deutschland Amerika, also ein Teil davon, also der Teil von Deutschland, der ein Teil von Amerika war, zum Verr�cktwerden das Durcheinander, und wozu, wenn�s am Ende das Gleiche war, wie Ira behauptete, nur dass man dort alles kaufen konnte, hatte Ira gesagt, in dem anderen Deutschland, das Amerika war, aber verstehen verstand sie es nicht: An dem Platz, wo der O-Bus ankam, dort wo Sascha zur Schule gegangen war, da konnte man auch alles kaufen, nicht einmal rationiert, so viel du tragen kannst, Milch konntest du kaufen � in T�ten, das glaubte ihr keiner in Slawa, nur, ehrlich gesagt, ob�s an den T�ten lag oder weil sie staatlich waren, die K�he, und mit der Maschine gemolken wurden, jedenfalls dick wurde sie nicht, die Milch, wenn man sie stehen lie�, verdarb einfach nur, die Milch von den staatlichen K�hen, war eben doch was anderes, die eigene Kuh im Stall, Dickmilch mit Zucker, das hatte er gern gemocht, Quark hatte man auch, und Butter hatte man, alles hatte man, was man brauchte.</p><p>F�r die Ferse musste sie die Maschenzahl in drei Teile teilen, aber sie z�hlte nie nach, das machte sich irgendwie immer von selbst, dann die Maschen verschr�nken, und dann ging�s geradeaus, immer die Nadel lang, Kurt hatte die gleiche Gr��e, nur dass er die Socken nie trug, ehrlich gesagt, bedankte sich immer h�flich, wenn sie ihm Socken schenkte, das ja, aber was soll man machen, die H�nde wollten irgendwas tun, im Fr�hjahr war wieder der Garten dran, wenn sie�s erlebte, aber die Zeit bis dahin musste man ja auch irgendwie rumkriegen, immer nur fernsehen, man wurde ja dumm im Kopf, manchmal las sie das Buch, das Kurt ihr gegeben hatte, lesen konnte sie schlie�lich, hatte sich ja alphabetisiert, als sie nach Slawa kamen, wo die Sowjetischen waren, nur dass es zu dick war, das Buch, <emphasis>Krieg und Frieden</emphasis>, wenn man in der Mitte angekommen war, hatte man den Anfang schon wieder vergessen, �ber die Heumahd ging�s, daran erinnerte sie sich, schwere Arbeit, sie hatte genug Heu gem�ht in ihrem Leben, nach Feierabend, wenn sie vom S�gewerk kam, im August war die Heumahd, im September kamen dann die Kartoffeln dran, so war das gewesen in Slawa. Jetzt hatte sie nur noch die Gurken, aber die machten sich praktisch von selbst, nur gie�en musste man sie hin und wieder, Schlauch aufdrehen und fertig, so leicht war das Leben in Deutschland, das glaubte ihr keiner in Slawa, leicht war es, aber andererseits immer so vor sich hin, und Ira meckerte auch blo�, manchmal fragte man sich, ob es ein Fehler gewesen war, das Haus aufzugeben in Slawa, aber was soll man machen, die alten Knochen, wenn man nicht einmal mehr die Leiter hochkommt zum Windbretter�len, nein, sie beklagte sich nicht, aber irgendwie reichte es langsam, immerhin achtundsiebzig war sie, ihre Schwestern hatten nicht mal die zwanzig erreicht, Ljuba und Vera, irgendwo lagen sie, zwischen Gr�schkin Nag�r und Tart�rsk, und sie sa� hier noch immer, in diesem Deutschland, bekam sogar eine Pension, dreihundertdrei�ig im Monat, zuerst hatte sie noch f�r die Beerdigung gespart, hatte immer bef�rchtet, sie k�nnte sterben, bevor es f�r ihre Beerdigung reichte, und wer wei�, dann wurde sie wom�glich verbrannt, so etwas taten die hier, aber inzwischen reichte es drei Mal, und sie war immer noch da, stopfte noch immer ihre Rente ins Kopfkissen, hundert hatte sie immer gleich Sascha gegeben, Ira nahm ja kein Geld, hatte es nicht n�tig, verstehst du, hochm�tig, wie sie nun einmal war, das �rgerte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>Jetzt klopfte es an der T�r, Kurt war�s, ob sie denn mitkam nachher, zu Wilhelms Geburtstag. Herrje, heute morgen hatte sie noch dran gedacht, aber dann hatte der alte Kopf es vergessen, aber zugeben wollte sie�s nicht.</p><p>��Nat�rlich komm ich mit, sagte sie. Wie denn anders.</p><p>Nur der Blumenladen am Friedhof hatte l�ngst zu, �ch ty, rastjopa, was nun, eine Schachtel Pralinen hatte sie noch, hoffentlich nicht von Charlotte und Wilhelm, die schenkten ihr immer Pralinen, obwohl sie gar keine a�, aber schaden tat�s nix, hatte sie was anzubieten, wenn Sascha mit seiner Freundin kam, Kalinka oder wie, seine Neue, ob die mit nach Amerika war oder in Deutschland geblieben? Schlecht war sie nicht gewesen, die Arme ein bisschen zu d�rr, zum Arbeiten taugte sie nicht, aber arbeiten arbeitete sie auch nicht, sondern war Schauspielerin, D�nne brauchte man schlie�lich auch im Film, oder sie schenkte Wilhelm die Gurken, gute Gurken, uralische Art, mit Knoblauch und Dill, Sascha war immer ganz wild gewesen auf ihre Gurken, allerdings, ob�s zum Geburtstag das Richtige war, sie w�rde Kurt fragen, immerhin neunzig, das war schon was, und dabei sah er noch gut aus, Wilhelm, beinahe wie achtzig, und immer im Anzug, wie ein Minister sah er aus und sprach auch so, mit Bedeutung, merkte man gleich, dass er rumgekommen war in der Welt, mit dem Schiff waren sie �ber das Meer, Gott bewahre, einmal hatte sie es gesehen, das Meer, bis zum Himmel nur Wasser, das glaubte ihr keiner in Slawa, und ganz oben, ganz auf dem Rand, krochen winzige Schiffe entlang wie auf dem Dachfirst, schreckliche Vorstellung, da war ihr die Eisenbahn lieber, wenigstens war man auf Gottes Erde, und wenn�s erst mal fuhr, dann war es gar nicht so schlimm, wenn man sich erst einmal daran gew�hnt hatte, sogar schlafen schlief sie am Ende und wachte dann auf und war pl�tzlich in Deutschland und wusste nicht mal, wie weit es eigentlich war, Sascha hatte es ihr einmal zeigen wollen auf einer Karte, als ob man�s ersehen konnte auf einer Karte, wie weit es war, von Tart�rsk, beispielsweise, bis nach Gr�schkin Nag�r, das war auf der Karte vier Finger breit, aber in Wirklichkeit waren es vier Jahre, die sie gegangen waren, oder l�nger, sie wusste es gar nicht mehr, eine Ewigkeit waren sie gegangen, seit sie denken konnte, ein einziges Gehen. An Tart�rsk erinnerte sie sich, ehrlich gesagt, gar nicht mehr, wo sie geboren war, der Vater, der nicht vom Fl��en zur�ckgekehrt war, hatte Mutter Marfa gesagt, sp�ter hie� es dann pl�tzlich, er sei im Krieg gefallen, eine einzige Dunkelheit, aus der man kam, und das Erste, was sichtbar wurde, wenn sie zur�ckdachte, das war der Weg, ein schwaches, ein wackliges Bild: der Weg, der kein Ende nahm, und wenn sie nach unten schaute, sah sie die eigenen, dreckigen F��e, das war das Erste, woran sie sich erinnerte, und an den ewigen Durst und dass die Hand rot war von Blut, wenn man sich an die Stirn schlug, vor lauter M�cken.</p><p>Sie zog das Kleid �ber, das Gute, lila mit Goldfaden, auch ein bisschen, nun ja, �bertrieben in ihrem Alter, in Slawa konnte man so was nicht anziehen, aber hier trugen die Leute ja alles M�gliche, sogar die Alten, wenn sie beim Tanz gewesen war im Klub der <emphasis>Volkso-Dali-Rit�t</emphasis>, einmal im Jahr, Eintritt frei, da war sie gern hingegangen, als die F��e noch gingen, auch wenn sie die T�nze nicht kannte, die vorgeschriebenen, hatte einfach getanzt wie zu Hause, uralisch, Lik�rchen dazu, und dann tanzten sie auf einmal alle uralisch, mehr oder weniger, jetzt musste sie nur noch in ihre Schuhe reinkommen, gute Schuhe, hatte Ira ihr besorgt, aber bezahlt hat�s der Staat, das glaubte ihr auch keiner in Slawa, solche Schuhe, gute, lederne Schuhe, als Kind hatte sie immer Ausschau gehalten nach solchen Schuhen, wenn sie in irgendein Dorf kamen und sie vor der Kirche sa�, gehasst hatte sie das, die beiden Gro�en durften sich Arbeit suchen im Dorf, und sie, die Kleinste, musste die Hand aufhalten, den ganzen Tag lang, Kopf runter, Hand hoch, aber wenn keine Schuhe in Sicht waren, konnte man die Hand auch mal runternehmen, das hatte sie rasch kapiert, Fu�lappen brachten nix, Bastschuhe hin und wieder, aber sobald irgendwo Schuhe auftauchten, da hie� es Achtung, richtige, lederne Schuhe, so wie die, die sie trug, <emphasis>ottop�dische</emphasis> hie�en sie, so was kannten die gar nicht in Slawa, mit zw�lf L�chern auf jeder Seite, eigentlich schade, dass sie nun doch nicht nach Slawa fuhr, Nina hatte sie eingeladen, sogar ein Visum war da, aber was soll man machen, wo sie nicht einmal mehr bis zur Kirche kam mit diesen F��en, da halfen auch ihre <emphasis>Ottop�dischen</emphasis> nix, waren einfach hin�ber, die F��e, waren genug umhergegangen auf dieser Welt, bis Gr�schkin Nag�r, von Tart�rsk her, vier Jahre lang oder wie viel, nur gegangen, gegangen, jeden Sommer, von der Schneeschmelze an, bis in die Erntezeit, und dann gib Gott, dass der Kulak sich erbarm, und sei�s nur ein Pl�tzchen im Stall, wo man den Winter verbrachte.</p><p>Zum Rein-in-die-Schuhe musste sie die Schn�rsenkel immer fast ganz ausf�deln, jetzt kn�perte sie sich durch zw�lf L�cher wieder hinauf, band eine Schleife, und noch einen Knoten �ber die Schleife, zur Sicherheit, dann war es geschafft. Sie b�rstete sich die Haare, wobei sie nicht extra ins Bad ging, f�r ihre Zotteln gen�gte der Fernsehschirm, fand Nadjeshda Iwanowna, umso besser, wenn man sich nicht so genau sah, dann zog sie den Sommermantel �ber, drau�en war es noch warm, nahm statt der Handtasche, die sie bei solchen Gelegenheiten mit sich herumtrug � warum eigentlich, den Schl�ssel hatte sie sowieso an einer Kette um den Hals, und ihr Portemonnaie versteckte sie in einer extra eingen�hten Rocktasche � , nahm also statt der Handtasche das Glas Gurken, das seit heute morgen auf ihrem Tisch stand, setzte sich wieder aufs Bett und wartete, bis Kurt sie abholte. Es machte ihr nichts aus zu warten, wenn man wusste, worauf man wartet, im Gegenteil, dann wartete sie sogar gern. Ihr fiel ein, dass sie noch nichts gegessen hatte, das K�sebrot, das Ira ihr hingeknallt hatte, lag noch immer unangebissen auf dem Tisch, aber sie beschloss, es nicht anzur�hren, sie war ja kein Hund, schlie�lich, also blieb sie sitzen, das Glas Gurken im Scho�, und wartete, dachte an nichts, jedenfalls an nichts Bestimmtes, nur dass es seltsam war, an was sie heut dachte, das dachte sie, wie sie als Kind vor der Kirche sa� und nach Schuhen schaute, lange hatte sie nicht mehr daran gedacht, aber wo das gewesen war, keine Ahnung, das Dorf, die Gesichter, nichts mehr von alldem, vergessen, wie den Anfang des Buches, das <emphasis>Krieg und Frieden</emphasis> hie�, nur an den Tag, wo sie Ljuba fanden, daran erinnerte sie sich nat�rlich, wie sie im Schnee lag, dass man glauben konnte, es sei ein gefrorener Lumpen. Dass sie einen der M�nner mit einer Axt bedroht hatte, so hie� es. Und dann mussten sie ziehen, die �Unruhestifter�, mitten im Winter, immerhin gab ihnen der Kulak noch ein viertel Pud Brot, das wusste sie noch, und wie die Leute hinter den Fenstern standen und schauten, und dann � wusste sie nicht mehr. Keine Ahnung. Irgendwie kamen sie durch. Irgendwo kamen sie unter. Irgendwann � war es in diesem Sommer, war es im n�chsten?�� erreichten sie Gr�schkin Nag�r, noch zu dritt: Mutter Marfa, Vera, Nadjeshda.</p><p>An Vera erinnerte sie sich noch gut. Ljubow war die Sch�nste gewesen, hatte Mutter Marfa immer gesagt, aber Vera die Sanfteste, und so hatte Nadjeshda Iwanowna sie auch in Erinnerung, gottesf�rchtig und still, und noch heute fragte sie sich, wieso ausgerechnet Vera so ein grausames Ende gefunden hatte. Einen einzigen Winter hatte sie in Gr�schkin Nag�r noch erlebt. Das erste Mal, dass sie ein eigenes Zuhause gehabt hatten, der Vetter hatte ihnen die Kate �berlassen, sch�n die Ritzen mit Moos ausgestopft, der Ofen reichte zum Schlafen gerade f�r drei, abends brannte der Kienspan, es roch nach Harz, w�hrend man zusammen am Tisch sa� und vor sich hin werkelte. Der Samowar summte. Drau�en heulte der Wind, oder, wenn es ganz still war, dann heulten die W�lfe, weit entfernt, so schien es, aber wenn der Winter lange genug gedauert hatte, dann kamen sie, schlichen zwischen den H�usern von Gr�schkin Nag�r umher, und wenn man am Morgen die T�r aufmachte, fand man im Schnee ihre Spuren. Im Sommer waren sie feige, da wurde man eher von den M�cken gefressen als von den W�lfen, halb tot musste man sein, ehe sie einen anfielen, sagten die M�nner, wahrscheinlich war sie schon halb verr�ckt gewesen vor Durst, wer wei�, wie lange sie schon herumgeirrt war, wer sich verlief, lief im Kreis, so hie� es, gefunden hatte man sie in einer Entfernung von zw�lf oder f�nfzehn Werst, zwei Jahre sp�ter, den Zinkeimer brachte man, mit dem sie zum Beerensammeln gegangen war, und in dem Eimer, frag lieber nicht, noch heute bekam sie G�nsehaut, wenn sie dran dachte, was von ihr �brig geblieben war, H�rnlein und Hufen, nun wei�t du, warum, zweimal drehst du dich, zweimal streckst du dich nach den Beeren, schon hast du die Richtung verloren, gro� ist die Taiga, und schnell verliert man die Richtung, und dann merk es dir wohl, was �brig geblieben ist von dem Zicklein, nur H�rnlein und Hufen, vergeblich gerufen, nur H�rnlein�� Egal, wird�s vergessen haben, der Junge, wozu auch, in Deutschland gab�s keine W�lfe, alles geordnet in Deutschland, sogar der Wald, und wer wei�, ob es in Amerika �berhaupt Wald gab.</p><p>Jetzt klopfte Kurt.</p><p>��Ich schenk ihm ein Glas Gurken, sagte Nadjeshda Iwanowna. Oder ist das nicht gut genug?</p><p>��Das ist sehr gut, Nadjeshda Iwanowna, schenken Sie ihm ein Glas Gurken.</p><p>Ein guter Mann, Kurt, immer h�flich, immer mit Vor- und Vatersnamen, Ira konnte von Gl�ck reden, dass sie so einen gefunden hatte, dachte Nadjeshda Iwanowna, w�hrend sie sich aufrappelte, zwar gesessen hatte er auch im Lager, ein Ehemaliger war er, aber das hatte sie schon in Slawa gemerkt, dass die Ehemaligen anst�ndig waren, anst�ndiger als die Lagerverwaltung mitunter, das versoffene Pack, aber dass er�s mal so weit bringen w�rde, <emphasis>Professer</emphasis> war er, fuhr nach Berlin jeden Montag, mit einer Aktentasche, machte da irgendwas, sie wusste es nicht genau, aber von Staats wegen irgendwas, und Geld verdiente er, hatte Ira ein Auto gekauft, das glaubte ihr keiner in Slawa: Die Frau fuhr Auto, und der Mann ging zu Fu�, allerdings, wo war denn Ira?</p><p>��Wo ist denn Ira, fragte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>Kurt sch�ttelte den Kopf.</p><p>��Kommt nicht mit, sagte er.</p><p>��Wie denn, kommt nicht mit? Zu Wilhelms Geburtstag?</p><p>Kurt zeigte mit dem Finger nach oben. Jetzt h�rte Nadjeshda Iwanowna die Musik, die aus Iras Zimmer kam, die Musik kannte sie, Ira h�rte sie in letzter Zeit �fter, es war russische Musik, ein russischer S�nger, der um sein Leben br�llte, aber nicht die Musik war es, was Nadjeshda Iwanowna beunruhigte.</p><p>��Geht�s ihr nicht gut, fragte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Geht ihr nicht gut, sagte Kurt.</p><p>��Wegen Sascha, fragte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Wegen Sascha, sagte Kurt.</p><p>War trotzdem kein Grund zum Trinken, fand Nadjeshda Iwanowna. Geh�rte sich einfach nicht f�r eine Frau, wo gab es denn so was, die Frau trinkt, und der Mann ist n�chtern, man sch�mte sich wirklich, rauchen rauchte sie auch, das war alles nicht richtig, sich betrinken zu Wilhelms Geburtstag, als ob Sascha zur�ckk�me, wenn sie sich da oben betrank.</p><p>��Haken Sie sich bei mir unter, Nadjeshda Iwanowna, sonst st�rzen Sie noch.</p><p>Sie hakte sich bei Kurt unter, stieg Stufe f�r Stufe die Treppe vorm Haus hinab. Das Unkraut zwischen den Gehwegplatten h�tte man j�ten m�ssen, dachte sie, w�hrend sie zum Gartentor schritten, aber das war nicht ihre Sache.</p><p>��Hauptsache, es geht ihm gut dort, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Ja, sagte Kurt, das ist die Hauptsache.</p><p>Charlotte und Wilhelm wohnten in derselben Stra�e, nicht sehr weit, aber doch auch nicht nah f�r kaputte F��e. Zum Gl�ck waren die B�rgersteige in Deutschland gepflastert. Kurt hatte das Gurkenglas an sich genommen, sie gingen eingehakt, kleine Schritte. Vielleicht war er einfach nicht streng genug mit Irina, dachte Nadjeshda Iwanowna. Von ihr lie� sie sich ja �berhaupt nichts mehr sagen, alles wusste sie besser, ob�s um die Gurken ging oder um den Teig f�r Pelmeni, da geh�rten nun mal keine Eier rein, oder versuch mal, ihr zu sagen, sie soll weniger trinken, ein Donnerwetter gab�s da, was mischst du dich in mein Leben ein, wir sind hier nicht hinterm Ural, dabei, entschuldige, waren sie ja hinterm Ural, <emphasis>weit hinterm Ural,</emphasis> da kannst du nur T�r zu und Ruhe. Wahrscheinlich kam�s daher, weil sie keinen Vater gehabt hatte, Gro�mutter Marfa hatte sie nat�rlich verw�hnt, zuerst hie� es: Schande, Schande, ein Kind von dem Schwarzen, der Schwarze hatte sie immer gesagt, der �Zigan�, dabei war er �berhaupt kein Zigan, H�ndler war er gewesen, Petroleum hatten sie bei ihm gekauft, ein guter Mann war�s, Pjotr Ignatjewitsch, kein Trinker, nicht wie die Mushiks in Gr�schkin Nag�r, ein Herr war�s, beinahe, mit seinem Mantel und seinen Manieren, drei Pferde vor seinem Wagen, so viel gab es im ganzen Dorf nicht, und wenn es auch S�nde gewesen war, und sie bat Gott um Vergebung, aber insgeheim f�hlte sie sich unschuldig, denn w�re nicht Mutter Marfa davor gewesen, dann h�tten sie sich vor Gott und der Kirche getraut, er hatte es ihr versprochen, auf Ehrenwort.</p><p>��<emphasis>Er</emphasis> wollte mich ja heiraten, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Wer, fragte Kurt.</p><p>��Na, Pjotr Ignatjewitsch, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Aha, sagte Kurt, gewiss.</p><p>Aber sie sp�rte, dass er ihr nicht so recht glaubte.</p><p>��Er h�tte mich geheiratet, wiederholte sie, wenn nicht Marfa davor gewesen w�re, und dann sind wir ja weggegangen aus Gr�schkin Nag�r, sp�ter, als Ira schon gro� war, nach Slawa.</p><p>��In welchem Jahr war denn das, fragte Kurt.</p><p>��Als die Sowjetischen kamen.</p><p>��Als die Sowjetischen kamen, Nadjeshda Iwanowna, da waren Sie gerade zehn.</p><p>��Nein, nein, korrigierte ihn Nadjeshda Iwanowna, ich wei� es ja noch, das war, als der Vetter die K�he geschlachtet hat, weil es hie�, wer mehr als drei K�he hat, wird entkulakisiert, und dann haben sie ihn trotzdem entkulakisiert, <emphasis>weil</emphasis> er die K�he geschlachtet hat.</p><p>��Sie meinen, sie haben ihn erschossen.</p><p>��Werden ihn wohl erschossen haben, ist lange her.</p><p>��Und da sind Sie nach Slawa.</p><p>��Nu ja, erst wollte Marfa nicht hin, nach Slawa, da war�n ja die Sowjetischen.</p><p>��Aber in Gr�schkin Nag�r waren doch auch die Sowjetischen, haben Sie gerade erz�hlt.</p><p>��Ja, aber in Gr�schkin Nag�r, verstehst du, da war ja nicht viel mit sowjetisch, sechs H�user, nicht mal �ne Kirche zum Abrei�en. In Slawa rei�en sie Kirchen ab, hie� es. Da machen sie elektrischen Strom. Damit wollte sie nix zu tun haben, meine Mutter. Die war ja gegen den Fortschritt. Ich war ja nicht gegen den Fortschritt. Dass sie Kirchen abgerissen haben, das war eine Schande. Aber elektrischer Strom, warum nicht? Und Schule, hie� es, machen sie in der Stadt, da sind wir dann in die Stadt gezogen, haupts�chlich auch wegen Irina.</p><p>��In welche Stadt denn, fragte Kurt.</p><p>��Wie denn, in welche Stadt?</p><p>��Sie sagten, Sie sind in die Stadt gezogen.</p><p>��Ja, das wei�t du doch, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Also meinen Sie Slawa.</p><p>��Ja, klar, Slawa. Wohin denn sonst?</p><p>��Nat�rlich, sagte Kurt, wohin denn sonst.</p><p>Sie wechselten die Stra�enseite. Die Sonne schien durch die sch�tteren Baumkronen, w�rmte durch die Kleidung hindurch, bis in die Knochen. Nadjeshda Iwanowna genoss es, an Kurts Seite zu gehen, so eingehakt, fast schmeichelte es ihr, sogar ihre F��e hatte sie beim vielen Reden vergessen. Vielleicht, dass sie doch noch einmal zur Kirche ging, also zur orthodoxen, ein St�ck konnte man mit der Stra�enbahn fahren, und eine Kerze stiften f�r Sascha, auch wenn er nicht daran glaubte, vielleicht half es ja trotzdem, dass er endlich zur Ruhe kam, der Junge, oder sie gab mal was f�r die Kollekte, wenn�s daran lag, Geld hatte sie schlie�lich.</p><p>Das Haus von Charlotte und Wilhelm war ein sch�nes Haus. Das kleine T�rmchen, das auf der einen Dachseite herausragte, gab ihm sogar etwas von einer Kirche, Mutter Marfa h�tte es f�r eine Kirche gehalten, allerdings hielt sie ja jedes Steinhaus f�r eine Kirche. Der Eingang lag beinah zu ebener Erde, besonders dieser Umstand kam Nadjeshda Iwanowna herrschaftlich vor, man brauchte nur eine Stufe zu nehmen, dann stand man vor einer doppelt gefl�gelten T�r aus massivem Holz, mit Schnitzereien sogar und zwei goldenen Fischk�pfen.</p><p>Ein junger Mann im Anzug �ffnete ihnen, Nadjeshda Iwanowna kannte ihn, sie hatte ihn schon �fter bei Charlotte und Wilhelm gesehen, ein fr�hlicher Mensch, der immer lachte und sie �berschw�nglich begr��te, <emphasis>Babuschka, Babuschka</emphasis> sagte er, und Nadjeshda Iwanowna sagte: Gott sei mit dir, mein Sohn.</p><p>��Bogh s taboju, synok.</p><p>Zuerst betrat man einen kleinen Vorraum, von hier f�hrte eine Glast�r in den ger�umigen Flur, es gab sogar eine Nische f�r die Garderobe, die genau wie die Haust�r aussah, aus Holz und geschnitzt, nur dass Wilhelm sie angestrichen hatte, aber geschmackvoll, nicht wie Ira, die die M�bel wei� anstrich, dass es aussah wie Krankenhaus.</p><p>Jetzt kam Charlotte angerauscht, auch sie war ja �lter als Nadjeshda Iwanowna, aber immer noch fix auf den Beinen, und eine Frisur wie ein junges M�dchen. Auch wenn das Gespr�ch zwischen Kurt und Charlotte auf Deutsch stattfand, begriff Nadjeshda Iwanowna, dass Charlotte nach Irina und Sascha fragte, und konnte an ihrem Gesicht ablesen, dass sie nicht gl�cklich war �ber das, was Kurt ihr mitteilte: n�mlich, so vermutete Nadjeshda Iwanowna, dass Sascha in Amerika war. Immerhin nahm sie es mit Fassung, blo� Wilhelm sollte nichts erfahren, ni slowa Wilgelmu, wiederholte sie extra nochmal auf Russisch.</p><p>��Verstehen Sie, Nadjeshda Iwanowna, er ist schon ganz und gar��</p><p>Und dann machte sie eine schwer zu deutende Handbewegung. Was war mit Wilhelm? Ging es ihm nicht gut?</p><p>Tats�chlich war Wilhelm mager geworden, seit Nadjeshda Iwanowna ihn das letzte Mal gesehen hatte, er verschwand fast in seinem riesigen Sessel. Sein Blick war dunkel und seine Stimme gebrochen, als er sie begr��te.</p><p>��F�r dich, V�terchen, sagte Nadjeshda Iwanowna und �berreichte das Gurkenglas.</p><p>Wilhelms Blick hellte sich auf, er sah Nadjeshda Iwanowna an und sagte dann, mit Blick auf die Gurken:</p><p>��Garoch!</p><p>Aber es waren keine Erbsen.</p><p>��Es sind Gurken, erkl�rte Nadjeshda Iwanowna: Ogurzy!</p><p>��Garoch, sagte Wilhelm.</p><p>��Ogurzy, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>Aber Wilhelm, als wolle er ihr beweisen, dass doch Erbsen drin seien, lie� das Glas �ffnen und angelte eine Gurke heraus. Und obwohl es nun wirklich eindeutig eine Gurke war, in die er hineinbiss, sagte er:</p><p>��Garoch!</p><p>Nadjeshda Iwanowna nickte � so stand es also um ihn. Hatte sich auf den Weg gemacht, der alte Wilhelm. Jetzt verstand sie das Dunkle in seinem Blick, sie hatte es schon gesehen, bei Todgeweihten.</p><p>��Bogh s taboju, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>Dann machte sie sich daran, die G�ste zu begr��en. Sie kannte viele, wenn auch nicht mit Namen. Sie kannte den schweigsamen Mann mit den traurigen Augen, der Wilhelm das Gurkenglas aufgemacht hatte. Sie kannte auch seine Frau, eine blonde Person, die immer einen Kopf gr��er schien als ihr Mann � au�er, wenn sie nebeneinanderstanden. Sie kannte auch die Gem�severk�uferin aus dem Laden neben der Post, eine freundliche Frau, der sie zur Entnahme des zu zahlenden Geldbetrags bedenkenlos ihr Portemonnaie zu �berlassen pflegte. Auch den Polizisten kannte sie und den Nachbarn, dessen Hand immer feucht war und der sie immer mit <emphasis>Da sdrawstwujet!</emphasis> begr��te: Es lebe!�� nur <emphasis>was</emphasis> eigentlich leben sollte, sagte er nie. �berhaupt waren alle freundlich, auch die, die sie nicht kannte, die M�nner standen extra auf, sch�ttelten ihr die Hand und klopften ihr auf die Schulter, dass es schon peinlich war, nur der freundliche Herr im hellgrauen Anzug, der sich im letzten Jahr noch russisch mit ihr unterhalten hatte, sah sie an, als w�rde er sie nicht erkennen, seine Hand zitterte, und sein Gesicht war erstarrt, und er sah pl�tzlich aus wie Breshnew.</p><p>Sie setzte sich ans Ende der langen Tafel, man schob ihr extra einen kleinen Sessel heran, in dem sie so tief versank, dass sie kaum an die Tischplatte reichte. Sie bekam Kaffee und Kuchen, Gott sei Dank war der Kaffee nicht stark, und der Kuchen war k�stlich, sie verzehrte zwei St�ck, den Teller auf den Knien balancierend, w�hrend die anderen G�ste sich wieder ihren Gespr�chen zuwandten. Die Deutschen redeten viel, das war ja nichts Neues, alles Studierte, die hatten sich viel zu erz�hlen, f�r Nadjeshda Iwanowna war es nichts als der �bliche Schwall schnarrender, kehliger Laute. Ja, nat�rlich hatte sie Deutsch lernen wollen, als sie nach Deutschland kam, jeden Tag hatte sie sich hingesetzt und die deutschen Buchstaben gepaukt, aber dann, als sie <emphasis>alle Buchstaben auswendig</emphasis> konnte, <emphasis>das ganze deutsche Alphabet</emphasis>, machte sie eine verbl�ffende Entdeckung: Deutsch konnte sie trotzdem nicht.�� Und da hatte sie�s aufgegeben, sinnlos war�s, eine schwierige, eine r�tselhafte Sprache, die Worte kratzen einem im Hals wie trocken Brot, <emphasis>Chuttentak</emphasis> � zur Begr��ung, und zum Abschied � <emphasis>Affidersin</emphasis>, oder umgekehrt, <emphasis>Affidersin, Chuttentak</emphasis>, so ein Aufwand, blo� um jemanden zu begr��en.</p><p>Der Mann mit den traurigen Augen schob Nadjeshda Iwanowna einen kleinen, gr�nen Metallbecher hin und erhob sein Glas.</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, sagte der Mann.</p><p>��Da sdrwastwujet, rief der Feuchth�ndige und hob ebenfalls sein Glas in die H�he.</p><p>��Nu, satschjem, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>Eigentlich wollte sie nicht, aber auf einmal prosteten ihr alle zu, forderten sie auf zu trinken, egal, dachte Nadjeshda Iwanowna, einen konnte sie sich genehmigen, auf Wilhelms Geburtstag, sie kippte den Schnaps runter, aber in dem Augenblick, wo sie ihn runterkippte, fiel ihr ein, dass man so etwas in Deutschland nicht tat, in Deutschland nippte man ja immer blo� an den Gl�sern, es war ihr ein bisschen unangenehm, sich so vertan zu haben, zudem schmeckte das Zeug widerlich, sie war es nicht mehr gewohnt zu trinken, sie sp�rte, wie der Alkohol ihr in den Kopf hinaufstieg, und nach einer Weile kam es ihr vor, als w�rden die Leute noch mehr und noch schneller reden, die schnarrenden Deutschlaute schnarrten in ihren Ohren, fast wurde ihr ein bisschen schwindelig von so viel Mitteilungsdrang, so viel konnte doch gar nicht passiert sein seit letztem Jahr, dachte Nadjeshda Iwanowna, die einzige Neuigkeit, die ihr einfiel, war, dass Sascha in Amerika war.</p><p>��Sascha w Amerike, sagte sie zu dem Mann mit den traurigen Augen.</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, sagte der Mann.</p><p>Er griff zur Schnapsflasche, um ihr noch einmal einen einzugie�en, aber Nadjeshda Iwanowna wehrte entschieden ab. Sie war schon von einem Glas so betrunken, dass sie zwischen all den schnarrenden Deutschlauten sogar russische Worte zu h�ren begann, genauer gesagt, ein Wort oder, noch genauer, einen Namen: <emphasis>Gorbatschow</emphasis> hie� er, irgendwie kannte sie den aus dem Fernsehen, oder bildete sie sich�s blo� ein, mit dem Mal auf der Stirn, so einen gab es doch, aber wieso sie ihn immer im amerikanischen Fernsehen zeigten, war ihr unklar, war doch einer von den Unseren � oder?</p><p>Jetzt kam Melitta, Saschas Ehemalige. Nadjeshda Iwanowna erkannte sie sofort, obwohl sie sich herausgeputzt hatte wie eine Bojarin. Seit sie sich von Sascha hatte scheiden lassen, war Nadjeshda Iwanowna ihr weniger freundlich gesinnt, das musste sie zugeben, ein Ungl�ck war�s, wie er damals abgenommen hatte, der Junge, und Markus, ihr Urenkel, kam auch nur noch selten, seitdem. Als er klein war, da hatte er bei ihr auf dem Scho� gesessen, wie Sascha damals, und sie hatte ihm das Lied vom Zicklein gesungen, allerdings, verstehen verstand er ja nix, verstand ja kein Russisch, der Markus, brachten sie ihm ja nicht bei. Eine Zeitlang war er noch hin und wieder zu ihr ins Zimmer gekommen, um sich eine Praline zu holen, aber so was durfte sie ihm ja nicht geben, da war ja Melitta davor, als ob�s Gift w�re, und dann kam er gar nicht mehr, sie konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wann sie Markus das letzte Mal gesehen hatte, gro� war er geworden, aber d�rr wie ein Besenstiel, und blass wie Jesus am Kreuz, kein Wunder � wenn er nie etwas S��es bekam.</p><p>Sie sah, wie Markus seinem Urgro�vater ein Geschenk �berreichte, sie erz�hlten sich irgendwas, dann begann der Junge die Leute am Tisch zu begr��en, und w�hrend er St�ck um St�ck n�her kam, nahm Nadjeshda Iwanowna ihre Sprachkenntnisse zusammen, um ihren Urenkel wenigstens auf Deutsch begr��en zu k�nnen, zur Sicherheit sprach sie das Wort noch ein paarmal vor sich hin, bis er endlich heran war, er reichte ihr brav seine Hand, sie war zart und zerbrechlich, der H�ndedruck schwach, aber ein feines Gesicht hatte er, seine Stirn war hoch, und seine dunklen Locken erinnerten Nadjeshda Iwanowna eindeutig an Sascha.</p><p>��Affidersin, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>Ihr Urenkel schaute sie erstaunt an, dann schaute er zu seiner Mutter und lachte.</p><p>��Auf Wiedersehen, sagte Markus.</p><p>Und schon war er weg. Wand vorsichtig, aber bestimmt seine zarte Hand aus der ihren und verschwand.</p><p>Nadjeshda Iwanowna betrachtete ihre Hand, es kam ihr auf einmal vor, als h�tte sie ihm wehgetan mit dieser groben, abgenutzten Kartoffelhand, mit dieser S�gewerkshand, sie betrachtete die furchterregenden Adern, die auf dem Handr�cken hervortraten, die schrumplige Haut an den Kn�cheln, die von kleinen und gro�en Verletzungen aufgeworfenen N�gel, die Narben und Poren und Falten und die von Hunderten Linien durchfurchte Handfl�che. Irgendwie verstand sie sogar, dass er nicht angefasst werden wollte von so was.</p><p>Dann verstummten die schnarrenden Deutschlaute. Nadjeshda Iwanowna schaute auf, ein Mann mit einer roten Mappe erschien, das war, sie wusste es gleich, der Ordensverleiher, Wilhelm bekam ja fast jedes Jahr einen Orden, von Staats wegen, und ein Papier gab�s dazu, wo draufstand, wof�r er den Orden bekam. Das las der Mann jetzt vor, aus der roten Mappe, die er aufgeklappt in der Hand hielt, Nadjeshda Iwanowna lauschte ehrfurchtsvoll, auch wenn sie es im Einzelnen nicht verstand, so viel verstand sie: dass es hier um wichtige Dinge ging, sie lehnte sich in ihrem Sessel zur�ck, ihr Blick wanderte zum gro�en Fenster, w�hrend der Redner Wilhelms Leben erz�hlte, es d�mmerte schon, nur in den Wipfeln der B�ume war noch Licht, die Bl�tter in den Baumkronen umt�nzelten einander lautlos, und Nadjeshda Iwanowna glaubte den Abendhauch zu sp�ren, die K�hle im Gesicht, wenn man sich, nachdem man noch die Glut zusammengeharkt hatte, abwandte und �ber den pl�tzlich schon dunkel gewordenen Kartoffelacker zum Haus stapfte�� Bald, wenn die Ernte vorbei war, hatte Nina Geburtstag, Mitte Oktober, manchmal gab es schon Schnee, aber es war noch nicht kalt, und die Stimmung war gut, alle hatten sie ihre Kartoffeln gehortet, die richtige Zeit, um zu feiern, tags zuvor hatten sie zusammen Pelmeni gemacht, und dann wurde gesungen, getanzt, und dann wurde wieder gesungen, wenn alle ein Gl�schen getrunken hatten, die traurigen Lieder, dann weinten alle und fielen sich um den Hals, nun ja, und dann wurde wieder getanzt, so war das in Slawa, dachte Nadjeshda Iwanowna und h�tte beinahe vergessen zu klatschen, als die Rede zu Ende war und der Ordensverleiher Wilhelm den Orden ansteckte.</p><p>Dann schnarrten wieder Deutschlaute, schnarrten und schnatterten an ihren Ohren vorbei, jetzt st�rte es sie nicht mehr, der Schnaps hatte sich gesetzt, es war ihr warm im Leib und leicht in der Seele, und in Gedanken war sie in Slawa, in Gedanken ging sie die Bolschaja Lesnaja entlang und sah alles ganz deutlich: das Erzrot der schnurgeraden Schotterstra�e, das, wenn man die Stra�e entlangschaute, weit in der Ferne im lichten Gelb eines Birkenhains endete; die Stra�engr�ben, in denen Schweine sich suhlten; die Ziehbrunnen und die h�lzernen Trottoire; die mannshohen Bretterz�une, hinter denen sich einst�ckige Holzh�user verbargen, und eines von diesen H�usern war einmal ihres gewesen. Ja, vor sehr langer Zeit, fiel ihr ein, als ihre Hand noch jung und zart gewesen war, so jung und zart wie die ihres Urenkels Markus, da hatte eine Wahrsagerin aus dieser zarten, kaum lesbaren Hand ihre Zukunft gelesen und ihr Wohlstand und Gl�ck prophezeit � und so war es ja auch gekommen. Ein eigenes Haus hatte sie gehabt, eine eigene Wirtschaft, am Ende sogar eine Kuh, eine braun-wei� gescheckte, und sie hatte sie Marfa genannt, zu Ehren der Mutter, die es nicht mehr erlebt hatte.</p><p>Ja. Es war alles ganz einfach. Sie w�rde nach Slawa fahren, zu Ninas Geburtstag, das Visum hatte sie ja. Sie w�rde mit Nina in der K�che sitzen und Dickmilch l�ffeln. Sie w�rden zusammen Pelmeni machen, dann w�rden sie feiern, wer da noch �brig war. Und dann w�rde sie sterben, ganz einfach. Dort in der Heimat w�rde sie sterben, dort wollte sie begraben sein, wie denn anders, ein Gl�ck, dachte sie, w�hrend die Deutschlaute in ihren Ohren schnarrten, ein Gl�ck, dass ihr das jetzt noch eingefallen war, hier auf der Geburtstagsfeier von Wilhelm, aber sagen sagte sie�s keinem, so dumm war sie nicht, und das Geld, das sie im Kopfkissen aufbewahrte, das tauschte sie bei der Bank gegen Rubel.</p><p>��Nu dawai, sagte sie zu dem Mann mit den traurigen Augen und schob ihren kleinen gr�nen Metallbecher hin.</p><p>Der Mann mit den traurigen Augen goss Nadjeshda Iwanowna ein und lachte.</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, sagte der Mann.</p><p>��Da sdrawstwujet, rief der Feuchth�ndige.</p><p>��Bogh s toboju, sagte Nadjeshda Iwanowna und kippte den Schnaps in einem Zug runter.</p></section><section><title><p><strong>1966</strong></p></title><p>Vor zehn Jahren, auf den Monat genau, waren sie aus Russland gekommen. Derselbe milchwei�e Himmel hatte �ber den Feldern gehangen, hier und da sprossen, wenn man genau hinsah, bereits die Knospen, aber aus der Ferne war die Landschaft ebenso farblos gewesen wie heute, die Ortschaften ebenso menschenleer, und Kurt erinnerte sich, wie er aus dem Fenster des Kleinbusses auf <emphasis>das da drau�en</emphasis> gestarrt hatte: angeblich seine Heimat.</p><p>Sie hatten sich Goldz�hne machen lassen von ihrem letzten Geld, einen Schneidezahn jeweils, um anst�ndig auszusehen in Deutschland. Ihre guten Sachen hatten sie in einem extra K�fferchen verstaut, um sie nach der tagelangen Zugfahrt erst kurz vor der Ankunft anzuziehen, aber schon als Kurt ausstieg und Charlotte und Wilhelm auf dem Bahnsteig stehen sah, kam er sich sch�big vor in seinem sorgsam gestopften Jackett und den weiten Hosen, die er eben noch f�r ganz passabel gehalten hatte. Wilhelm hatte einen Kleinbus geordert, offenbar in Erwartung einer riesigen Menge Gep�cks, aber als sie in Slawa ihre Sachen sortiert hatten, schien sich fast nichts f�r das Leben in Deutschland zu eignen, und ihre Habe schrumpfte auf zwei Handk�fferchen und einen Rucksack zusammen � am Ende hatte er noch weniger aus der Sowjetunion mitgebracht, als er zwanzig Jahre zuvor, als F�nfzehnj�hriger, hingebracht hatte.</p><p>F�nfunddrei�ig war er gewesen, als er zur�ckkam, und auch wenn er � als eine Art Wiedergutmachung � sofort eine Stelle an der Akademie der Wissenschaften bekam (also an der �richtigen� Akademie, wie Kurt gern betonte, um den Unterschied zur Neuendorfer Akademie deutlich zu machen), war der Neubeginn alles andere als leicht gewesen. Wahrscheinlich war er der �lteste Doktorand, den das Institut je gehabt hatte. Sein Deutsch war nach zwanzig Jahren in Russland akzentgef�rbt. Er wusste nicht, was erlaubt war und wann man lachen durfte. Aus einer Welt kommend, wo man sich morgens mit dem Mutterfluch begr��te, hatte er kein Gef�hl daf�r, wie man den Honoratioren gegen�bertrat, geschweige denn f�r das feine Geflecht der Allianzen und Animosit�ten im sozialistischen Wissenschaftsbetrieb. Ein Jahr lang hatte ein � durchaus wohlgesinnter � Vorgesetzter geglaubt, ihn mit der �bersetzung von Texten aus dem Russischen besch�ftigen zu m�ssen. Und noch drei Jahre sp�ter war er vor allem als Dolmetscher seines Chefs mit nach Moskau gefahren.</p><p>Nun war er wieder in Moskau gewesen. Und obwohl ihm die Stadt noch nie so dreckig, so roh, so anstrengend erschienen war wie bei diesem Besuch � die langen Wege, die Betrunkenen, die allgegenw�rtigen �Diensthabenden� mit ihren griesgr�migen Gesichtern, sogar die ber�hmte Metro, auf die er immer ein bisschen stolz gewesen war, weil er als junger Mann bei Subbotniks an ihrem Bau teilgenommen hatte, alles war ihm auf die Nerven gegangen: die Enge, der L�rm, das guillotineartige Zuschnappen der automatischen T�ren (und wieso eigentlich lag diese verdammte Metro fast <emphasis>hundert Meter</emphasis> unter der Erde, und wieso, noch erstaunlicher, hatte er sich das damals nicht gefragt); auf dem Roten Platz war ihm der Fotoapparat aus der Hand gefallen, und auf dem Nowodewitschi-Friedhof, dem er aus Pflichtgef�hl einen Besuch abstattete, weil er einmal mit Irina dort gewesen war, um sich vor den Gr�bern Tschechows und Majakowskis zu verneigen, hatte ihn ein kalter Regen erwischt, ein Aprilregen, wie es ihn nur in Moskau gab, imstande, einen Menschen zu t�ten � obwohl das alles unangenehm und absto�end gewesen war, konnte er nicht leugnen, Genugtuung empfunden zu haben �ber die Hochachtung, die man ihm nun, nach zehn Jahren, pl�tzlich in diesem Land entgegenbrachte: dem Exstr�fling, dem �Auf ewig Verbannten�.</p><p>Das letzte Mal hatte er sein Hotelzimmer noch mit einem rum�nischen Kollegen teilen m�ssen. Dieses Mal hatte man ihn sogar vom Flughafen abgeholt, er hatte ein Doppelzimmer im Hotel Peking f�r sich allein bekommen, wenngleich, idiotischerweise, ohne Bad (typisch f�r die pomp�sen Hotels aus der Stalinzeit). Der ber�hmte Jerusalimski hatte sich begeistert gezeigt �ber sein neues Buch, hatte ihn �berall als <emphasis>den</emphasis> Experten auf seinem Gebiet vorgestellt und am Ende sogar pers�nlich eine Stadtrundfahrt mit ihm unternommen, und Kurt hatte eine diebische Freude dabei empfunden, sich nicht anmerken zu lassen, wie gut er das alles kannte: die Manjeshnaja, das Hotel Metropol und ach, sieh mal an, die Lubjanka��</p><p>Nur auf das Techtelmechtel mit der Doktorandin h�tte er lieber verzichten sollen, dachte Kurt, w�hrend sich der Trabbi mit einem melodischen S�useln durch eine unscheinbare Ortschaft schl�ngelte (da Kurt gew�hnlich mit der Bahn fuhr, konnte er die Orte auf der S�dumfahrung Berlins immer noch nicht voneinander unterscheiden). Das war dumm, dachte er, solche Dinge im Kreis der Kollegen. Obendrein war die Frau noch nicht einmal sonderlich attraktiv gewesen, sogar � im Vergleich zu Irina � besch�mend unattraktiv, aber mit diesem bestimmten Blick, diesem Augenaufschlag, da war er erledigt; es ging einfach nicht anders. Kurt fragte sich nicht zum ersten Mal, ob seine Schw�che in Bezug auf Frauen eher � wozu er als Marxist neigte � aus den <emphasis>Verh�ltnissen</emphasis> zu erkl�ren sei (n�mlich aus der Tatsache, dass er den gr��ten Teil seiner Jugend im Lager verbracht hatte) oder ob sie angeboren war, ob er sie tats�chlich von seinem Vater, den Charlotte als unglaublichen Schweren�ter darstellte, <emphasis>geerbt</emphasis> hatte.</p><p>��Nun erz�hl mal, forderte Irina ihn auf. Wie war es?</p><p>��Anstrengend, sagte Kurt.</p><p>Und das entsprach ja der Wahrheit.</p><p>Und es entsprach auch der Wahrheit, dass er t�glich im Archiv gewesen war. Und dass er auf dem Symposium einen unplanm��igen Vortrag hatte halten m�ssen. Dass der Verlag ihm einen Vorschuss gezahlt und dass die Zeitschriftenredaktion ihn um einen Artikel gebeten hatte. Dass Jerusalimski ihn zum Essen eingeladen und mit ihm eine Stadtrundfahrt gemacht hatte � das alles entsprach der Wahrheit, und fast begann ihm, w�hrend er erz�hlte, selbst einzuleuchten, dass zwischen alledem f�r ein Techtelmechtel gar keine Zeit gewesen war.</p><p>Auch dass er Sehnsucht gehabt hatte, entsprach der Wahrheit. Und dass er einsam gewesen war zwischen all den wohlgesinnten Menschen, von denen er keinen so gut kannte, dass er es gewagt h�tte, die Fragen, die ihn beunruhigten, auch nur anzutippen � zum Beispiel die Frage, inwieweit, nach Ansicht seiner Kollegen, eine Re-Stalinisierung der Sowjetunion drohte, nachdem der t�lpelhafte, aber doch irgendwie sympathische Reformer Nikita Chruschtschow (ohne den er, Kurt, noch immer als �Ewig Verbannter� hinterm Ural s��e) als Parteichef abgel�st worden war.</p><p>��Und ich war auf dem Nowodewitschi, sagte er.</p><p>Und Irina sagte:</p><p>��Machst du mir eine Zigarette an?</p><p>Genau genommen sagte sie: Maachst du mir Sigarjete? Und Kurt sagte:</p><p>��Ich maache dir Sigarjete.</p><p>Er z�ndete zwei Zigaretten an, eine f�r Irina, eine f�r sich. Sog den Rauch ein und sp�rte jetzt tats�chlich die Ersch�pfung, die er in seiner Erz�hlung �ber das anstrengende Moskau beschworen hatte. Es fr�stelte ihn sogar. Er betrachtete seine besch�mend attraktive Frau und dachte, schon jetzt ein wenig erregt, an den Abend, der ihm bevorstand.</p><p>Sascha hatte es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Fr�her h�tte er keine Gelegenheit ausgelassen, zum Flughafen mitzufahren, aber die Phase, wo er Flugzeugkonstrukteur werden wollte, war vorbei. Stattdessen nahm er jetzt mit dem Tonbandger�t neumodische Musik im RIAS auf und trieb sich bis in die D�mmerung mit zweifelhaften Freunden herum, darunter ein fr�hreifes M�dchen aus der Parallelklasse, das aus halb asozialen Verh�ltnissen stammte und jetzt schon, mit zw�lf, einen ansehnlichen Busen unter dem schmuddelig blauen Pullover trug.</p><p>Entsprechend verhalten reagierte Sascha auf das kleine Geschenk, das Kurt ihm aus Moskau mitgebracht hatte � es war Juri Gagarins �Moja doroga w kosmos� � Mein Weg in den Kosmos.</p><p>��Danke sch�n, leierte er, ohne das Buch auch nur anzusehen.</p><p>Er w�rde sich mehr um den Jungen k�mmern, beschloss Kurt. Sein Russisch wurde immer stockender. Auch seine Leistungen in der Schule lie�en zu w�nschen �brig. K�rzlich hatte er eine Drei mit nach Hause gebracht: eine Drei! Kurt erinnerte sich nicht, �berhaupt je eine Drei bekommen zu haben. Eine Drei, fand Kurt, fiel schon in den Bereich des Unanst�ndigen.</p><p>Nach einem Geschenk f�r Irina hatte er in Moskau vergeblich gesucht. Was konnte man ihr mitbringen? Gegen jede Art russischer Folklore war sie geradezu allergisch, und auch sonst, hatte Kurt festgestellt, gab es im Land der Gro�en Sozialistischen Oktoberrevolution eigentlich nur Mist, und so hatte er im letzten Moment eine Flasche �Sowjetskoje Schampanskoje� gekauft, die er, als Sascha im Bett war, unter ausschweifenden Entschuldigungen auspackte. Dann nahm er ein hei�es Bad, Irina entkorkte den Schampanskoje und offenbarte ihm, nachdem sie sich einen winzigen Rausch angetrunken hatten, die �berraschung: Das Schlafzimmer war fertig. Er hatte es schon geahnt, und doch staunte er, f�hlte sich � ein weiteres Mal � vor Irina schuldig. R�tselhaft war das: F�nf Jahre lang war er �berzeugt gewesen, dass Irina mit ihrem Umbau �bertrieb; f�nf Jahre lang hatte er versucht, den Umbau auf das Notwendige zu reduzieren, und wenn er ganz ehrlich war: Am liebsten h�tte er einfach mal alles ordentlich angestrichen, und fertig. Ja, er hatte es eilig! Die Zeit verrann, sein sp�t in Gang gekommenes Leben. Er hatte nachts Panikattacken bekommen. Es hatte ihm Angst gemacht, wenn Irina einfach irgendwelche W�nde einrei�en lie�, wenn er die Rohre und Leitungen sah, die da heraushingen, dieses ganze Zeug, das ja irgendwie wieder in die W�nde hineinmusste. Er hatte, auch das war vorgekommen, t�renknallend das Haus verlassen, sooft er mitbekam, dass Irina Unsummen ausgab, weil es unbedingt <emphasis>diese</emphasis> T�r, <emphasis>dieses</emphasis> Holz, <emphasis>dieses</emphasis> Rot sein musste, aber am Ende, das musste er zugeben, hatte Irina doch irgendwie recht behalten, auch wenn sie, und das war das R�tselhafte, im Einzelnen immer unrecht gehabt hatte.</p><p>Es war ein herrliches, ein wunderbares Schlafzimmer. Im Grunde ganz schlicht: Nur das Bett stand darin, ein einfaches, ungeteiltes Doppelbett, das es so in der ganzen DDR nicht zu kaufen gab, dazu der alte Schrank, �ber den Kurt zuerst blo� gelacht hatte. Der Teppichboden war wei�, wei� auch die W�nde, nur die Wand an der Stirnseite des Bettes war karminrot, und an dieser Wand hing, flankiert von zwei Leuchten, ein riesiger ovaler, von einem breiten, verschn�rkelten Goldrahmen eingefasster Spiegel, dessen �berm��ige Neigung keinen Zweifel �ber seinen Zweck zulie�.</p><p>��Was wohl die Handwerker gedacht haben, murmelte Kurt.</p><p>��Die haben schon das Richtige gedacht, sagte Irina und f�hrte seine Hand unter ihren Rock, wo Kurt zwischen Slip und Strumpf ein St�ck nackter, sich zu einem feinen P�lsterchen w�lbender Haut ersp�rte��</p><p>��Verr�ckt, sagte Kurt, als sie sp�ter nebeneinander auf dem Bett lagen. Eben, im Sektrausch, als sie irgendwie �bereinander und ineinander gewesen waren, hatte er f�r Augenblicke das Gef�hl gehabt, er w�rde sich verdoppeln � nicht nur bildlich, sondern <emphasis>tats�chlich</emphasis>. F�r Augenblicke, so erkl�rte er Irina, sei es ihm vorgekommen, als habe er mehr als nur zwei Arme und Beine gehabt und mehr als nur einen �Chui�, sagte er � �ber Anst��iges sprachen sie russisch.</p><p>Und Irina, noch immer in Wallung, umschlang seinen Leib mit den Beinen und fl�sterte ihm ins Ohr:</p><p>��Ich glaube, ich sollte meine Freundin Vera mal einladen��</p><p>Am n�chsten Morgen stand Kurt sp�t auf: um acht. Es war Sonntag, und Kurt hatte sich � unter Aufbietung seiner ganzen Disziplin � mit den Jahren angew�hnt, am Sonntag <emphasis>nicht</emphasis> zu arbeiten, ja er hatte sogar gelernt, sich auf den arbeitsfreien Sonntag zu freuen.</p><p>In Schlafanzug und Bademantel betrat er die K�che und deklamierte stehend und mit Pathos den Vierzeiler, den er sonntags beim Rasieren zu dichten pflegte, um seine Familie zu erheitern. Der heutige lautete:</p><p>Aus Moskau komm ich angehoppelt</p><p>und f�hle meine Kraft verdoppelt.</p><p>Mit Heiterkeit, schon beim Rasieren,</p><p>will ich euch alle infizieren.</p><p>Sascha verzog das Gesicht. Irina l�chelte still, w�hrend sie Kurt Kamillentee eingoss. Sie bestand darauf, dass er vor dem Kaffee eine Tasse Tee trank, wegen des Magens, und Kurt tat ihr den Gefallen.</p><p>Beim Fr�hst�ck er�ffnete ihm Irina, dass sie heute noch einmal losm�sse: Gojkovic komme, der jugoslawische Schauspieler, der in dem Indianerfilm, den die DEFA drehen wollte, die Hauptrolle spielte.</p><p>Kurt schluckte. Wei�brotkr�mel kratzten in seinem Hals. Seit Irina � er wusste im Grunde gar nicht als <emphasis>was</emphasis> � bei der DEFA arbeitete, kam es �fter vor, dass sie ihn in dieser Weise entt�uschte. Angeblich war es eine Halbtagsstelle, aber in Wirklichkeit arbeitete sie oft bis in die Nacht oder am Wochenende, und alles f�r nichts, denn am Ende verpulverte sie bei alldem mehr Geld, als sie verdiente, dachte Kurt. Sagte aber nichts. Nahm einen Schluck Kaffee, sp�lte die Wei�brotkr�mel runter. Ja, nat�rlich hatte auch Irina ein Recht zu arbeiten. Wenngleich es eine h�chst seltsame Arbeit war, mit irgendwelchen Schauspielern im G�stehaus der DEFA zu sitzen und Wodka zu saufen. Oder mit diesem Indianer durch die Gegend zu fahren. Kurt hatte ein Foto gesehen: Muskelprotz. Lie� sich mit nacktem Oberk�rper fotografieren, unglaublich.</p><p>��Das Mittagessen steht auf Herd, sagte Irina. Und um vier bin ich zu Hause.</p><p>Nachdem Irina gefahren war, ging Kurt, noch immer in Bademantel und Schlafanzug, in sein Zimmer. Er drehte die Heizung auf, setzte sich auf den Heizk�rper. Betrachtete, w�hrend er die zunehmende Hitze am Hintern sp�rte (ja, auch die Gasheizung war eine gute Idee gewesen!), die schwedische Importb�cherwand, die Irina ihm vermittels irgendwelcher undurchsichtigen (hoffentlich nicht kriminellen!) Transaktionen beschafft hatte. F�nf Jahre lang hatte er seine B�cher in Kisten von Zimmer zu Zimmer geschleppt. Jetzt standen sie da in vollkommener Ordnung, ein Anblick, der Kurt immer aufs Neue befriedigte � nur warum er den Krichatzki, das kleine, zerfledderte Lateinlehrbuch, das er zehn Jahre lang mit durchs Lager geschleppt hatte, bei seinen eigenen Werken eingeordnet hatte, war Kurt pl�tzlich unklar. Er nahm das Buch heraus, wusste aber nicht recht, wohin damit (kein Nachschlagewerk, keiner Periode zuzuordnen) � und stellte es wieder zur�ck.</p><p>Dann holte er die Vortr�ge und Zeitschriften seiner Moskauer Kollegen heraus, die Zettel mit Telefonnummern und Adressen, der �bliche Kram, den man von so einer Reise mitbrachte, das meiste war Mist, selbstverst�ndlich, die meisten Telefonnummern w�rde er, nachdem er sie sorgf�ltig in sein Telefonbuch �bertragen hatte, nie anrufen; die meisten Vortragsmanuskripte w�rden eine Weile in seinem Zimmer herumliegen, bis er sie, nach Wahrung einer Anstandsfrist, wegwarf. Kurt legte die Kopien, die er sich im Archiv hatte machen lassen, beiseite � und haute den Rest in den Papierkorb. Holte die Zettel mit Adressen und Telefonnummern wieder heraus, begann sie zu sortieren. Hielt auf einmal eine namenlose Nummer in der Hand, brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, zu wem die Nummer geh�rte�� und war einen Augenblick versucht, sie aufzuheben, als Rache f�r Gojkovic � aber dann musste er an den gestrigen Abend denken, an den goldenen Spiegel, an seine wundersame Verdopplung und an das Versprechen, das Irina ihm ins Ohr gehaucht und das sich sofort mit einem Bild verbunden hatte, das jetzt wieder vor seinen Augen aufstieg � gerade in dem Moment, als es drau�en klingelte.</p><p>Rasch steckte er den Zettel in die Bademanteltasche und marschierte zur Haust�r, noch immer das Bild vor Augen, es war ein Bild aus dem vergangenen Sommer, Urlaub am Schwarzen Meer, wo sie zusammen mit Vera gewesen waren, zuf�llig �brigens, denn sie hatten Vera �berraschend im Transitraum getroffen, Kurt hatte sie nur fl�chtig gekannt, eine ehemalige Kollegin Irinas aus deren Zeit im Archiv der Neuendorfer Akademie, die, wie sich herausgestellt hatte, zu ihrer Reisegruppe geh�rte und die, da sie, wie sich ebenfalls herausstellte, neuerdings geschieden war, allein nach Nessebar flog, und von dort � vom Strand in Nessebar � stammte auch das Bild, das Kurt, wie fl�chtig auch immer, bei den zehn oder zw�lf oder vierzehn Schritten vom Schreibtisch bis zur Haust�r durch den Kopf ging. Alle drei waren n�mlich das erste Mal an einem s�dlichen Meer gewesen, und alle drei waren beim Betreten des Strandes �berrascht gewesen, wie <emphasis>hei�</emphasis> der Sand in Nessebar war, Kurt hatte unwillk�rlich begonnen, von einem Fu� auf den anderen zu h�pfen, und dasselbe taten die Frauen, pl�tzlich h�pften sie alle drei, ein alberner kleiner Tanz, den sie auff�hrten, und was bei diesem Tanz mittanzte, waren Veras auf wundersame Weise oder vielleicht einfach durch einen sich l�senden Bademantelg�rtel zum Vorschein kommende <emphasis>Dinger</emphasis>, dachte Kurt, denn er wusste kein anderes Wort daf�r, es waren wirklich <emphasis>Dinger</emphasis>, schwere wei�e, von winzigen blauen �derchen durchzogene <emphasis>Dinger</emphasis>, die noch vor Kurts Nase tanzten, als er die Haust�r �ffnete und in ein rundes, schief l�chelndes Gesicht blickte, das er einige Sekundenbruchteile sp�ter als das Gesicht seines Parteisekret�rs G�nther Habesatt identifizierte.</p><p>��Nanu, sagte Kurt.</p><p>��Entschuldige, sagte G�nther und trat von einem Bein auf das andere, als m�sste er dringend pinkeln.</p><p>Aber G�nther musste nicht pinkeln. Eine Weile stand er, noch immer von einem Bein aufs andere tretend, in der Mitte von Kurts Zimmer herum, �u�erte sich bewundernd �ber das Haus und das Zimmer und die schwedische Importb�cherwand, lehnte Kaffee ab, bat aber um ein Glas Wasser und lie� sich dann in einem der schon etwas abgeschabten Schalensessel nieder, die aus Charlottes Haus stammten und in dem sich G�nthers betr�chtliche K�rpermasse verteilte wie in einer Badewanne. Insgeheim verachtete Kurt dicke Menschen. G�nther war im Gro�en und Ganzen ein netter Kerl, hilfsbereit, kein Intrigant, aber doch ein eher schwacher, ein anf�lliger Mensch, das jedenfalls glaubte Kurt aus der Tatsache schlie�en zu k�nnen, dass G�nther sich, wenngleich widerstrebend (oder jedenfalls den Anschein des Widerstrebens erweckend), hatte verpflichten lassen, Parteisekret�r zu werden. Auch Kurt hatte man angesprochen, aber er hatte � selbstverst�ndlich � abgelehnt.</p><p>Nachdem er das Glas Wasser � scheinbar ganz ohne zu schlucken � in seinem gro�en K�rper hatte verschwinden lassen, schaute G�nther sich noch einmal im Raum um, als k�nnte er jemand �bersehen haben, und begann mit gesenkter Stimme und unter Kopfwackeln und Augenverdrehen den Grund seines Erscheinens zu erl�utern. Die Angelegenheit war ebenso einfach wie dumm. Paul Rohde, ein immer schon etwas �berm�tiger und nicht immer disziplinierter Mitarbeiter aus Kurts Arbeitsgruppe, hatte in der ZfG das Buch eines westdeutschen Kollegen besprochen, in dem die sogenannte Einheitsfrontpolitik der KPD Ende der zwanziger Jahre kritisch beleuchtet wurde (welche, wie jedem klar war, in Wirklichkeit nat�rlich eine Spalterpolitik gewesen war, die die Sozialdemokratie verunglimpft und das Erstarken des Faschismus auf schlimmste Weise bef�rdert hatte!), und dann hatte Rohde dem westdeutschen Kollegen pers�nlich seine Rezension geschickt, versehen mit der Bemerkung, er m�ge entschuldigen, dass sie so negativ sei, die gesamte Arbeitsgruppe finde das Buch klug und interessant, <emphasis>aber in der DDR sei es leider noch l�ngst nicht so weit, dass das Thema Einheitsfrontpolitik offen diskutiert werden k�nne��</emphasis></p><p>Etwas Derartiges an einen westdeutschen Kollegen zu schreiben war nat�rlich unglaublich dumm, aber�� irgendetwas kapierte Kurt nicht. Mit wachsendem Unbehagen h�rte er sich an, wie G�nther vom Fortgang der Sache berichtete, welcher, kurz gesagt, darin bestand, dass die Abteilung Wissenschaft des Zentralkomitees der SED eine harte Bestrafung des Genossen Rohde forderte, welche morgen, am Montag, auf der Parteiversammlung beschlossen werden sollte, und bei dieser Gelegenheit � <emphasis>du wei�t ja, wie�s ist</emphasis> � wurden von Rohdes Kollegen, besonders aber von den Kollegen der Arbeitsgruppe, und ganz besonders von Kurt, dem Leiter der Arbeitsgruppe, �spontane� Stellungnahmen erwartet, und dar�ber, erkl�rte G�nther, habe er Kurt vorab informieren wollen, ganz im Vertrauen, versteht sich��</p><p>��Und woher, entschuldige, kennst du eigentlich den Inhalt des Briefes?</p><p>G�nther schien ihn nicht zu verstehen.</p><p>��Na, vom ZK, sagte er.</p><p>��Und das ZK?</p><p>G�nther verdrehte die Augen, hob seine dicken Arme und sagte dann:</p><p>��Tja.</p><p>Nachdem G�nther gegangen war, zog Kurt seine Arbeitsklamotten an und ging in den Garten. Das Wetter war gut, und gutes Wetter musste man irgendwie nutzen. Er holte die Harke heraus, aber es war kaum Laub da, also �berlegte er, ob er irgendetwas beschneiden k�nnte. Aber er war sich nicht sicher, die Knospen kamen bereits, wom�glich war es zu sp�t zum Beschneiden. Und obwohl er den Gedanken ans Beschneiden schon wieder aufgegeben hatte, suchte er noch eine Weile die Gartenschere, ohne sie allerdings zu finden. Stattdessen fand er ein paar Tulpenzwiebeln und beschloss, sie einzupflanzen. Eine Zeitlang ging er im Garten herum und schaute nach einem geeigneten Platz, konnte sich aber f�r keinen entscheiden. Sein Magen meldete sich: ein Grummeln, das Kurt f�r Hunger zu halten beschloss. Er brachte die Tulpenzwiebeln wieder in den Schuppen.</p><p>Als er das Haus betrat, drang aus Saschas Zimmer laute Musik: Beatmusik, die er neuerdings h�rte. Kurt klopfte an, trat ein. Sascha drehte die Musik ein wenig leiser. Er sa� am Schreibtisch, das Tonbandger�t stand direkt vor ihm, das Lehrbuch daran gelehnt, er war gerade dabei, irgendetwas in ein Schulheft zu schreiben.</p><p>��Du kannst bei dem L�rm keine Hausaufgaben machen, sagte Kurt.</p><p>��Is blo� Bio, teilte Sascha mit, w�hrend er mit einem kleinen silbernen Kreuz spielte, das er an einem Kettchen um den Hals trug.</p><p>��Nanu, sagte Kurt, bist du jetzt christlich?</p><p>��Nee, belehrte ihn Sascha. Ist ein Gammlerkreuz.</p><p>Gammler. Das Wort kannte Kurt aus dem Fernsehen � aus dem Westfernsehen. Dort war neuerdings �fter von Gammlern die Rede: langhaarigen Gestalten, die Kurt irgendwie mit dieser neuen Musik in Verbindung brachte und die, so viel war klar, Arbeit grunds�tzlich ablehnten.</p><p>��So, sagte Kurt. Willst du mal Gammler werden.</p><p>Sascha grinste.</p><p>Kurt drehte sich um, war schon dabei, das Zimmer zu verlassen, blieb aber noch einmal stehen.</p><p>��Mein Leben lang, sagte er, versuche ich dich zum Arbeiten zu erziehen. Und du��</p><p>Und auf einmal h�rte er sich schreien:</p><p>��Du wirst Gammler! Mein Sohn wird Gammler!</p><p>Er riss das Tonbandger�t an sich, das mit einem kl�glichen R�lpser verstummte, und marschierte los. Erst als er in seinem Zimmer ankam, bemerkte er, dass er das Kabel abgerissen hatte.</p><p>Noch w�hrend er duschte � er war zwar nicht dreckig geworden, aber nach Gartenarbeit duschte man nun mal � , ging ihm die Szene durch den Sinn. Er �rgerte sich, eigentlich �ber sich selbst, versuchte aber umso mehr, seinen Wutanfall zu rechtfertigen. Gewiss bestand keine akute Gefahr, dass Sascha �Gammler� wurde. Aber seine lasche Haltung, seine Faulheit, sein Desinteresse f�r alles, was er, Kurt, f�r wichtig und n�tzlich hielt�� Wie konnte man dem Jungen nur begreiflich machen, worauf es ankam? Der Junge war intelligent, keine Frage, aber irgendwas fehlte ihm, dachte Kurt. <emphasis>Irgendetwas dadrinnen.</emphasis></p><p>Der Krichatzki kam ihm in den Sinn, schon zum zweiten Mal heute: das Lateinb�chlein, das er durchs Lager geschleppt hatte, und einen Augenblick dachte er dar�ber nach, inwieweit die Sache p�dagogisch verwertbar sei: dass er sich <emphasis>sogar im Arbeitslager</emphasis> auf das Latinum vorbereitet hatte � etwas in dieser Art ging Kurt durch den Kopf, aber das war, musste er sich eingestehen, Unsinn. Er hatte sich im Lager nicht aufs Latinum vorbereitet. Er hatte gehungert. Und der Hunger hatte ihn derma�en bl�d gemacht, dass er sich manchmal gefragt hatte, ob der Schaden noch reparabel war. Viel hat jedenfalls nicht gefehlt, dachte Kurt und erinnerte sich, w�hrend er seine Beine mit der K�rperb�rste zu bearbeiten begann, dunkel an merkw�rdige, halb wahnsinnige Zust�nde, die ihn heimgesucht hatten, erinnerte sich an die Stimme, die nach und nach das Kommando �bernommen hatte, unbeteiligt, gleichg�ltig und immer � seltsam � in der dritten Person: Jetzt friert er�� Jetzt tut es ihm weh�� Jetzt muss er aufstehen��</p><p>Stopp. Falsches Programm. Das B�rsten nach dem Kaltduschen geh�rte zum Morgenritual, in das er versehentlich hineingerutscht war. Kurt legte die B�rste weg, betrachtete sich im Spiegel. Manchmal fiel es ihm schwer zu glauben, dass es ihn tats�chlich noch gab. Und dann kam ihm die Vergangenheit vor wie ein Loch, in das er, wenn er nicht aufpasste, wieder hineinfallen konnte. Irgendwann einmal, dachte er sich, w�rde er das alles aufschreiben. Wenn die Zeit reif daf�r war.</p><p>Er zog sich an und machte sich ans Aufw�rmen des Mittagessens. Es gab Rindsgulasch mit Rotkohl. Sascha kam � ohne Gammlerkreuz. Setzte sich an den Tisch, krumm, sein Blick bohrte sich in den Teller. Er stocherte mit der Gabel im Rotkraut herum, schob die Bl�ttchen einzeln in den Mund. Noch immer, auch mit zw�lf Jahren, hatte er die Angewohnheit, alles getrennt zu essen: Fleisch und Beilagen. Aber Kurt entschied, �ber das alles hinwegzusehen. Stattdessen versuchte er es noch einmal �vern�nftig�:</p><p>��Ich habe dir immer erlaubt, sagte Kurt, deine Musik zu h�ren � oder nicht?</p><p>Sascha stocherte im Rotkohl.</p><p>��Oder nicht, wiederholte Kurt.</p><p>��Ja, sagte Sascha.</p><p>��Aber wenn deine Begeisterung f�r diese Beatmusik dazu f�hrt, dass du Gammler werden willst, dann muss ich dir sagen, dass deine Lehrer recht haben, wenn sie so was verbieten. Tr�gst du das Ding etwa auch in der Schule?</p><p>Sascha stocherte im Rotkohl.</p><p>��Ich frage dich: Tr�gst du das Kreuz auch in der Schule?</p><p>��Ja, sagte Sascha.</p><p>Kurt merkte, wie der �rger erneut in ihm aufstieg.</p><p>��Bist du denn wirklich so d�mlich?</p><p>Kurt kaute zweiunddrei�ig Mal, wie der Internist es ihm geraten hatte, legte dann das Besteck aus der Hand und betrachtete seinen Sohn, der noch immer im Rotkohl stocherte. Betrachtete die schmalen Handgelenke (genauer: das rechte Handgelenk; das linke war unter der Tischplatte verschwunden), die gro�en, gebogenen Wimpern, die er von Irina geerbt hatte (und �ber die Sascha sich, weil sie angeblich m�dchenhaft aussahen, �rgerte), die schwer dressierbaren Locken, die von ihm, von Kurt, stammten (und derentwegen es in der Schule immer wieder �rger gab, weil ein hundertprozentig linientreuer Direktor bei jedem Millimeter, der an den Ohren �berstand, den Einfluss einer westlich-dekadenten Jugendkultur witterte). Und pl�tzlich empfand er ein unb�ndiges, fast schmerzliches Bed�rfnis, diesen Menschen vor all dem Ungewissen, das noch auf ihn zukam, zu besch�tzen.</p><p>In der Nacht rumorte sein Magen. Am Morgen verordnete Irina ihm eine Rollkur. Am Vormittag versuchte Kurt mit einem Heizkissen unter dem Pullover, noch ein wenig an seinem neuen Buch �ber Hindenburg zu arbeiten. Dann machte er sich, nur mit einer H�hnerbr�he im Bauch, auf den Weg.</p><p>Die Fahrt ins Institut war � seit dem Mauerbau � lang geworden. Fr�her waren die S-Bahnen direkt durch Westberlin gefahren, und f�r diejenigen, die angewiesen waren, die Westsektoren nicht zu betreten, hatte es Sonderz�ge gegeben, die zwischen Friedrichstra�e und Griebnitzsee nicht hielten. Nun gab es den �Sputnik�, der Westberlin weitr�umig umkreiste. Um ihn zu erreichen, musste Kurt zuerst mit dem Zubringerbus zum Bahnhof Drewitz und von dort aus eine Station bis Bergholz, das auf dem Sputnik-Ring lag. Mit dem Sputnik kam er, wenn es gutging, bis Ostbahnhof, und schlie�lich fuhr er noch f�nfzehn Minuten mit der S-Bahn bis Friedrichstra�e. Zum Gl�ck musste er diese Tour nur an wenigen Tagen auf sich nehmen, denn zu den erfreulichen Seiten des notorischen Mangels in der DDR geh�rte, dass es auch an B�ror�umen mangelte, weshalb die Mitarbeiter des Instituts f�r Geschichtswissenschaft angehalten waren, ihre, wie es hie�, h�uslichen Arbeitspl�tze zu nutzen. Die Besprechungen seiner Arbeitsgruppe legte Kurt f�r gew�hnlich auf den sowieso obligatorischen Montag. Im �brigen dr�ckte er sich, wo es nur ging, lie� sich, da er als Neuendorfer den weitesten Weg hatte, von zweitrangigen Veranstaltungen beurlauben, schw�nzte sogar, entschuldigte sich mit schwer �berpr�fbaren Busversp�tungen oder schob seine angegriffene Gesundheit vor: die Magenprobleme, die er, ohne es direkt auszusprechen, als eine Folge der Lagerhaft darzustellen verstand, was ihm bei seinen Vorgesetzten, auch wenn sie von seinen Lagererfahrungen mehr ahnten als wussten, versch�mtes Verst�ndnis einbrachte � und zwar ohne dass er bei alldem ein schlechtes Gewissen gehabt h�tte. Im Gegenteil, er betrachtete jede vermiedene Sitzung als gewonnene Arbeitszeit. Was f�r Kurt z�hlte, waren geschriebene Seiten, und in dieser Hinsicht � was die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen betraf � hielt er den unangefochtenen Rekord.</p><p>Von der Friedrichstra�e aus waren es nur noch f�nf Minuten zu Fu�. Das Institut lag schr�g gegen�ber der Universit�t in der Clara-Zetkin-Stra�e, eine ehemalige M�dchenschule, gebaut in der Gr�nderzeit, Sandsteinfassade, vom Kohlenru� mit den Jahren geschw�rzt und noch immer, auch zwanzig Jahre danach, gezeichnet von Einschussl�chern aus den letzten Kriegstagen. Am Pf�rtner vorbei f�hrte eine pomp�se Freitreppe ins Hochparterre, wo sich die Leitung des Instituts breitgemacht hatte. Kurts Abteilung lag im obersten Stock. Der bescheidene Versammlungsraum war schon stark gef�llt, als Kurt ankam, man musste noch St�hle aus dem Sekretariat holen; allerdings klumpten die zus�tzlich hereingebrachten St�hle im hinteren Teil des Raumes zusammen, w�hrend es vorn, wo gerade das kleine Pr�sidium Platz nahm, zunehmend d�nner wurde.</p><p>Das Pr�sidium bestand aus G�nther Habesatt, dem Institutsdirektor und einem Gast aus der Abteilung Wissenschaft des Zentralkomitees der SED, welchen G�nther als den Genossen Ernst vorstellte. Der Mann war ungef�hr in Kurts Alter. Er war nicht sehr gro�, eindeutig kleiner als G�nther und der Direktor, hatte graue, kurzgeschorene Haare und ein Gesicht, das st�ndig zu l�cheln schien.</p><p>Nachdem G�nther � steif und ganz ohne Augenverdrehen � die Versammlung er�ffnet und den einzigen Tagesordnungspunkt verlesen hatte, �bernahm der Genosse Ernst das Wort und begann, flankiert von G�nthers Beerdigungsgesicht und dem pointierten Nicken des Institutsdirektors, �ber die <emphasis>komplizierter werdende internationale Lage</emphasis> und den <emphasis>sich versch�rfenden Klassenkampf</emphasis> zu berichten. Anders als G�nther sprach der Genosse Ernst fl�ssig, beinahe eloquent, mit d�nner, aber durchdringender Stimme, die sich, wenn er etwas hervorheben wollte, einschmeichelnd senkte � und die Art, wie er redete, kam Kurt auf einmal bekannt vor, oder war es die seltsame Angewohnheit, sein Notizbuch umzubl�ttern, ohne hineinzuschauen, w�hrend er von den <emphasis>revisionistischen und opportunistischen Kr�ften</emphasis> sprach, innerhalb deren, so der Genosse Ernst, der <emphasis>Hauptfeind</emphasis> zu suchen sei, und bei dem Wort <emphasis>Hauptfeind</emphasis> senkte sich seine Stimme, und Kurt entdeckte Paul Rohde, der offenbar schon die ganze Zeit in unmittelbarer N�he des Pr�sidiumstisches gesessen hatte, grau, geschrumpft, den Blick ins Leere gerichtet, erledigt, dachte Kurt. Paul Rohde war erledigt, Parteiausschluss, fristlose Entlassung, pl�tzlich war es ihm klar. Hier ging es schon gar nicht mehr um Paul Rohde. Hier ging es l�ngst nicht mehr um irgendeinen verdammten Brief. Hier geschah das, was Kurt seit langem, genauer gesagt, seit der Abl�sung Chruschtschows (aber eigentlich auch schon vor der Abl�sung Chruschtschows) bef�rchtet hatte, Anzeichen hatte es schlie�lich genug gegeben, nur dass diese Anzeichen keine Anzeichen gewesen waren, begriff Kurt jetzt, sondern die Sache selbst: Das letzte Plenum, auf dem man kritische Schriftsteller niedergemacht hatte, die Absetzung des Kulturministers, der Bruch mit Havemann, <emphasis>das</emphasis> war es, es war <emphasis>da</emphasis>, es war im Institut, in Gestalt dieses Mannes mit dem Gesicht, das st�ndig zu l�cheln schien, mit der sich einschmeichelnd senkenden Stimme, mit dem Notizbuch, in dem er bl�tterte, ohne hineinzuschauen, w�hrend er die Versammlung aufkl�rte �ber die <emphasis>Rolle der Geschichtswissenschaft in den K�mpfen unserer Zeit</emphasis> und �ber den <emphasis>Zusammenhang von Parteilichkeit und historischer Wahrheit</emphasis>.</p><p>Es war still geworden im Raum, eine Stille, die sich auch nicht in H�steln und Rascheln aufl�ste, als der Redner zum Ende kam. Nun war Rohde dran: Selbstkritik. Kurt h�rte Rohde seinen auswendig gelernten Text sto�weise herauspressen, jedes Wort vorher abgesprochen, ganz klar, Kurt h�rte ihn schlucken, die Pausen dehnten sich unertr�glich, bis sich Worte wie <emphasis>feindlich</emphasis> � <emphasis>verantwortungslos</emphasis> � <emphasis>gehandelt��</emphasis> langsam zu satzartigen Gebilden f�gten.</p><p>Dann bat G�nther um Stellungnahmen. Der Abteilungsleiter meldete sich �spontan� zu Wort, verurteilte den Kollegen Rohde, welcher ihn schwer entt�uscht habe, und entschuldigte sich dann, unter dem beif�lligen Nicken des Genossen Ernst, f�r seine <emphasis>mangelnde Wachsamkeit</emphasis>.</p><p>Dann war Kurt dran, das war die Reihenfolge. Kurt sp�rte, wie sich die Aufmerksamkeit auf ihn richtete. Sein Hals war trocken. Sein Kopf war leer. Er war selbst �berrascht �ber den Satz, den er hervorbrachte:</p><p>��Ich bin nicht sicher, ob ich verstanden habe, worum es geht, sagte Kurt.</p><p>Der Genosse Ernst kniff die Augen zusammen, als k�nne er Kurt schlecht erkennen. Noch immer konnte man glauben, dass er l�chelte, aber sein Gesicht hatte sich in etwas Gemeines, Schweinsartiges verwandelt.</p><p>Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann beugte G�nther sich zu dem Schweinsgesicht hin. Es war jetzt so still im Raum, dass Kurt h�ren konnte, was G�nther fl�sterte:</p><p>��Der Genosse Umnitzer war letzte Woche in Moskau.</p><p>Das Schweinsgesicht sah Kurt an, nickte.</p><p>��Genosse Umnitzer, niemand zwingt dich, hier Stellung zu nehmen.</p><p>Und an alle gewandt erg�nzte er:</p><p>��Wir f�hren ja hier keinen Schauprozess durch, nicht wahr, Genossen?</p><p>Er lachte. Irgendwer lachte mit. Erst als der n�chste Kollege sprach, merkte Kurt, dass seine H�nde zitterten.</p><p>Seine Hand zitterte noch immer, als er sie hob, um f�r den Parteiausschluss Rohdes zu stimmen.</p><p>Dann hatte er Durst. Nach der Versammlung stieg er die Treppe hinunter, um dem Ansturm auf die Toiletten im oberen Stock zu entgehen, und als er die T�r der Herrentoilette ein Stockwerk tiefer �ffnete, stand er Rohde gegen�ber. Rohde sah ihn an, streckte ihm die Hand entgegen.</p><p>��Danke, sagte er.</p><p>��Wof�r, fragte Kurt.</p><p>Er z�gerte, die Hand zu ergreifen. Sie war, als er sie doch ergriff, kalt und feucht. Aber hoffentlich, dachte Kurt, schon gewaschen.</p><p>Kurz vor sechs war Kurt bereits auf dem Ostbahnhof, fr�her als sonst. Der Zug fuhr p�nktlich ab, blieb dann aber eine Station vor Bergholz stehen: Betriebsst�rung, der Schaffner bat um ein wenig Geduld.</p><p>Nicht dass eine Betriebsst�rung auf dieser Strecke etwas Au�ergew�hnliches gewesen w�re. Aber das halblaute Gerede der anderen Fahrg�ste ging Kurt pl�tzlich auf die Nerven. Er wollte nachdenken, doch in dem stehenden Zug schienen auch seine Gedanken blockiert zu sein. Er stieg aus, �berquerte unvorschriftsm��ig die Bahngleise und machte sich auf den Weg. Zwar begann es bereits zu d�mmern, aber bis Neuendorf waren es keine zehn Kilometer. Er kannte die Gegend, hier hatten sie im Herbst einmal Pilze gesucht. Statt jedoch der Stra�e zu folgen, die einen umst�ndlichen Bogen �ber ein Nachbardorf beschrieb, nahm Kurt von Schenkenhorst aus einen Fahrweg, der ihn ein St�ck nordwestlich wieder zur Stra�e f�hren w�rde � auf seinen Orientierungssinn konnte er sich verlassen.</p><p>Er ging z�gig, wenngleich seine Knie vor Hunger schon etwas weich waren. Am Ostbahnhof hatte er noch erwogen, eine Currywurst zu kaufen, hatte es dann aber, aus Angst vor Magenbeschwerden, unterlassen. Nun rutschte das Hungergef�hl allm�hlich in die Kniekehlen, Unterzuckerung nannte man das. Kein Grund zu Beunruhigung. Kurt wusste, wie lange der K�rper trotz Hunger noch zu funktionieren imstande war: lange. Der Himmel bew�lkte sich. Unwillk�rlich beschleunigte Kurt den Schritt. Allm�hlich kamen die Bilder von der Parteiversammlung wieder�� Das Schweinsgesicht. Die Augen. Die d�nne, s�gende Stimme: <emphasis>Wir f�hren ja hier keinen Schauprozess durch</emphasis>�� An wen, verdammt, erinnerte ihn dieser Mensch?</p><p>Der Weg f�hrte jetzt direkt in den Wald. Hier war es schon deutlich dunkler als auf dem freien Feld, und Kurt z�gerte. Ob er den Wald lieber umgehen sollte? Doch was war das schon f�r ein Wald. Ein W�ldchen war das. Wie oft war er durch die Taiga marschiert. Wie oft hatte er in der Taiga �bernachtet! Trotzdem st�rmte er jetzt im Eilschritt voran. Aber nun kr�mmte sich der Weg immer weiter nach Osten. Um nicht doch noch die Orientierung zu verlieren, bog Kurt scharf links ab und marschierte geradewegs �ber den weichen Moosboden ins Dunkle�� Und pl�tzlich wusste er es:</p><p>Lubjanka, Moskau 1941.</p><p>Jetzt sah er ihn vor sich. Frappierende �hnlichkeit: die schmalen Augen, der B�rstenhaarschnitt und sogar die Art, wie er den Aktenordner aufgeschlagen, wie er darin gebl�ttert hatte, ohne hineinzuschauen:</p><p>��Sie haben Kritik an der Au�enpolitik des Genossen Stalin ge�u�ert.</p><p>Der Sachverhalt: Anl�sslich des �Freundschaftsvertrags� zwischen Stalin und Hitler hatte Kurt damals an Bruder Werner geschrieben, die Zukunft werde erweisen, ob es vorteilhaft sei, mit einem Verbrecher Freundschaft zu schlie�en.</p><p>Zehn Jahre Lagerhaft.</p><p>Wegen antisowjetischer Propaganda und Bildung einer konspirativen Organisation. Die Organisation waren: er und sein Bruder.</p><p>Jetzt war ihm der weiche Waldboden unter den F��en auf einmal unangenehm. In der Ferne glaubte er das Bellen der Bauchs�gen zu h�ren, das unheimliche Br�llen der Baumriesen, wenn sie, sich langsam um die eigene Achse drehend, zu Boden gingen. Und nach einer Weile kamen auch Bilder, fl�chtig, zusammenhanglos: Z�hlappelle bei drei�ig Grad minus; der morgendliche Anblick der vereisten Barackendecke, ein Anblick, der verbunden war mit der Erinnerung an die dumpfe Gesch�ftigkeit von zweihundert Barackenbewohnern, die sich f�r den Tag fertig machten, an ihre Ausd�nstungen, den vom Hunger verdorbenen Atem, den Gestank ihrer Fu�lappen, ihres Nachtschwei�es, ihrer Pisse�� Schwer zu glauben, dass er das alles erlebt, dass er es <emphasis>�berlebt</emphasis> hatte. Erneut kam ihm der Krichatzki in den Sinn, den er in der Brusttasche zum Arbeitseinsatz geschleppt hatte � sein letzter Privatbesitz, abgesehen von seinem L�ffel. Der letzte Beweis daf�r, dass irgendwo da drau�en noch eine andere Welt existierte. <emphasis>Deshalb</emphasis> hatte er den Krichatzki (Zigarettenpapier!) nicht gegen Brot eingetauscht, hatte ihn mitgeschleppt in diesen Winter hinein, den schlimmsten, 1942/&#x200B;43, als es nichts mehr zu tauschen gab, schon gar kein Brot, das jeder selbst auffra�, 600�Gramm bei Normerf�llung, das bedeutet, mit allen Schlechtwetter-Koeffizienten, acht Festmeter Holz zu zweit, vierzehn B�ume t�glich, alles mit der Hand, Ein-Meter-Bohlen, entastet, bei 90�Prozent gibt es noch 500�Gramm schlechtes, glitschiges Brot, darunter verhungerst du: Bei 400�Gramm schaffst du die 400-Gramm-Norm nicht mehr, dann geht es abw�rts, irgendwann kriegst du den Blick, diesen Blick, den sie kriegen, bevor sie am Morgen steif auf der Pritsche liegen, dann tragen sie dich hinaus, so wie du die anderen hinausgetragen hast, an der Wache vorbei, wo sie kurz noch anhalten, und der Wachhabende dr�ckt seine Machorka aus und nimmt den Hammer, Vorschrift ist Vorschrift, und schl�gt dir, dem Toten, den Sch�del ein��</p><p>Kurt hatte sich an einen Baum gelehnt � es war eine Kiefer, er erkannte es am Geruch. Er hatte die Augen geschlossen, seine Stirn ber�hrte die Rinde. Noch immer blitzten vereinzelte Bilder auf, aber allm�hlich wurde es stiller in seinem Kopf. Stattdessen war da ein anderes Ger�usch. Eine Art �chzen. Ein Tier, ein gro�es Tier? Kurt kannte die Verhaltensregeln: sich tot stellen. Auf den Bauch legen und sich tot stellen, und wenn er dich umdreht (denn genau das taten B�ren), dann Luft anhalten. Aufh�ren zu atmen.</p><p>Kurt h�rte auf zu atmen, neigte den Kopf nach rechts und sah an der Kiefer vorbei auf eine kleine Lichtung, auf der, in einer Entfernung von zehn, f�nfzehn Metern, ein blauer Trabbi stand, der mit schnellen, regelm��igen Bewegungen auf und ab federte.</p><p>Trachajutsja, dachte Kurt: Die ficken.</p><p>Er holte seine Brille heraus und pr�fte das Kennzeichen � nicht Irina. Nicht der Indianer. Er atmete auf. Der eigene Atem kitzelte ihn im Hals, und sein Ausatmen ging in ein lautloses, glucksendes Lachen �ber. Dann schlug er einen respektvollen Bogen um das wippende Fahrzeug und machte sich davon.</p><p>Es tr�pfelte jetzt ein bisschen, aber der Regen kam nicht in Gang. Offenbar hatte sich ein Gewitter �ber der Havel verfangen. Kurt hatte die Richtung wieder, schritt jetzt gleichm��ig aus. Nein, er war hier nicht in der Taiga. Weder gab es hier Arbeitslager noch Braunb�ren, stattdessen standen blaue Trabbis im Wald, in denen die Leute fickten. Wenn das kein Fortschritt ist, dachte Kurt. Und war es nicht auch ein Fortschritt, wenn man die Leute � anstatt sie zu erschie�en � aus der Partei ausschloss? Was erwartete er? Hatte er vergessen, wie m�hsam die Geschichte sich vorw�rtsbewegte? Auch die Franz�sische Revolution hatte unendliche Wirrnis nach sich gezogen. K�pfe waren gerollt. Ein selbstgekr�nter Revolutionsgeneral hatte ganz Europa mit Krieg �berzogen. <emphasis>Jahrzehnte</emphasis> hatte diese � b�rgerliche � Revolution gebraucht, um bei ihren Zielen anzukommen. Warum sollte es der sozialistischen Revolution anders ergehen? Man hatte Chruschtschow abgel�st. Irgendwann kam ein neuer Chruschtschow. Irgendwann kam ein Sozialismus, der diesen Namen verdiente � wenn auch vielleicht nicht mehr in seiner Lebenszeit, in jenem winzigen Abschnitt der Weltgeschichte, dessen Zeuge er zuf�llig war und den er, verdammt nochmal, zu nutzen gedachte � jedenfalls das, was davon �brig geblieben war nach zehn Jahren Lager und f�nf Jahren Verbannung.</p><p>Es knatterte hinter ihm: Der Trabbi kam. Kurt trat beiseite und hob, was sonst nicht seine Art war, die Hand zum Gru�, blind gegen das Scheinwerferlicht, und empfand, obwohl er niemanden sah, eine gl�ckselige Verschworenheit mit den Fremden im Auto, die � sehr wahrscheinlich � soeben irgendjemanden betrogen hatten.</p><p>Jetzt regnete es tats�chlich. Es roch nach Regen und Wald und ein bisschen nach Zweitakter-Abgasen. Kurt atmete tief, atmete alles ein, schn�ffelte dem Trabbi hinterher, und der s��liche Abgasgeruch kam ihm auf einmal vor wie der Geruch der S�nde. Es war wunderbar, am Leben zu sein. Wunderbar � und verwunderlich auch. Und wie so oft in diesen Momenten, wenn er es kaum fassen konnte, dass er tats�chlich lebte, dachte er zugleich daran, dass Werner <emphasis>nicht</emphasis> mehr lebte: sein gro�er kleiner Bruder, der St�rkere, immer, der Sch�nere von beiden�� Aber w�hrend der Gedanke an Werner normalerweise mit einem Anflug von schlechtem Gewissen verbunden war, empfand Kurt dieses Mal etwas anderes, Neues, das nicht wie das schlechte Gewissen im Bauch sa�, sondern weiter oben, in der Brust, in der Kehle. Es war etwas, das die Kehle verengte und die Brust weitete und das Kurt nach einiger Zeit als Trauer identifizierte. Es war weniger schlimm, als er gedacht hatte. Und es war auch, seltsamerweise, nicht zu trennen von dem Gl�ck, das er empfand, sondern vermischte sich damit zu einer gro�en, die Welt einschlie�enden Empfindung. Was ihn schmerzte, war nicht so sehr der Tod, sondern das ungelebte Leben Werners. Zugleich aber empfand er es pl�tzlich als Trost, dass er an Werner denken, sich an ihn erinnern konnte, dass sein Bruder, solange er, Kurt, lebte, nicht v�llig verschwunden war, dass er � im Gegensatz zu seiner Mutter, die sich die Ohren zuhielt, wenn man von Werner sprach!�� seinen Bruder in sich bewahrte, ihn vor der endg�ltigen Vernichtung bewahrte, und er verstieg sich, w�hrend ihm das Regenwasser �bers Gesicht lief, zu der (zugegeben unwissenschaftlichen) Vorstellung, er k�nne f�r seinen Bruder mitleben, mitatmen, mitriechen, ja sogar � und jetzt fiel ihm seine wundersame Verdopplung ein � , sogar mitficken, dachte Kurt, und Veras <emphasis>Dinger</emphasis> erschienen in einem ganz neuen Licht: Mitficken, dachte Kurt, im Namen seines ermordeten Bruders.</p></section><section><title><p><strong>1.�OKTOBER 1989</strong></p></title><p>Manchmal verga� er, was zu tun war.</p><p>Es kam ihm so vor, als sei er �ber Nacht erstarrt.</p><p>Er rollte probehalber mit den Augen.</p><p>Seine linke Hand zuckte.</p><p>Er drehte den Kopf zuerst nach rechts, dann nach links.</p><p>Er sah, dass ihn aus dem Halbdunkel etwas angrinste.</p><p>Wilhelm nahm sein Gebiss aus dem Wasserglas und stand auf.</p><p>Er ging ins Bad. Er lie� Badewasser ein. Er brachte die gro�e H�hensonne Typ �Sonja� in Gang und setzte sich, ausger�stet mit einer dunklen Schutzbrille, in die Wanne.</p><p>Sein Kopf war leer. In seinem Kopf war nur das Grummeln des Badewassers. Im Grummeln des Badewassers war eine Melodie. Es war eine Melodie, die er kannte. Eine Art Kampflied, das ihn aber gleichzeitig traurig stimmte. K�mpferischtraurig. Leider fielen ihm die Worte nicht ein.</p><p>Schlamassel, das war das Erste, was Wilhelm an diesem Tag dachte.</p><p>Er nickte: Schlamassel � das war es. Er biss seine, wie er sie nannte, volkseigenen Z�hne zusammen, um dem Anflug von Melancholie entgegenzuwirken. So blieb er sitzen, bis das Wasser ihm an den Bauchnabel reichte.</p><p>Dass sein R�cken bei dieser Br�unungsmethode stets wei� blieb, st�rte ihn nicht. Niemand sah seinen R�cken.</p><p>Nach dem Baden rasierte er sich, wobei er zwei Finger auf seinen Oberlippenbart legte. Er litt zunehmend am grauen Star. Schon des �fteren hatte er sich versehentlich ein St�ck Bart wegrasiert, bis er schlie�lich zu der Zweifingermethode �bergegangen war, um wenigstens den letzten Rest Bart zu bewahren.</p><p>Er zog die langen Unterhosen �ber die kurzen und legte eine Lage mehrfach gefalteten Klopapiers ein. Er zog die Socken an und befestigte sie an den Sockenhaltern. Bedauerlicherweise war der Umfang seiner Waden geringer als der Umfang der Sockenhalter, sodass Wilhelm nichts anderes �brigblieb, als die Sockenhalter, damit sie nicht rutschten, in die Socken zu stopfen.</p><p>Er stieg die Treppe hinunter. In seinem Kopf meldete sich wieder die Melodie: k�mpferisch-traurig. Er biss die Z�hne zusammen. Seine Kniegelenke schmerzten beim Abw�rtsgehen. Seine F��e verschleppten den Takt.</p><p>Als er in der Diele die vielen leeren Blumenvasen sah, fiel ihm ein, dass er Geburtstag hatte. Anstatt, wie gewohnt, zuerst zum Briefkasten zu gehen, marschierte er in die K�che � bevor er seine Frage verga�:</p><p>��Sind die Blumenvasen beschriftet?</p><p>��Herzlichen Gl�ckwunsch, sagte Charlotte.</p><p>Sie sah ihn an, die Arme in die H�ften gestemmt, den Kopf auf typische Weise schr�g haltend.</p><p>Sie sah aus wie ein Vogel.</p><p>��Ich wei�, dass ich Geburtstag habe, sagte Wilhelm.</p><p>Er setzte sich und l�ffelte seine Haferflocken. Sie schmeckten nach nichts. Er schob den Teller weg und griff nach seinem Kaffee.</p><p>��Vergiss nicht, deine Tabletten zu nehmen, sagte Charlotte.</p><p>��Ich nehm keine Tabletten, sagte Wilhelm.</p><p>��Du musst aber deine Tabletten nehmen, sagte Charlotte.</p><p>��Papperlapapp, sagte Wilhelm und stand auf.</p><p>Er marschierte zum Briefkasten, aber der Briefkasten war leer. Es war Sonntag. Am Sonntag gab es kein <emphasis>ND</emphasis>. Fr�her hatte es auch am Sonntag <emphasis>ND</emphasis> gegeben, aber das hatten sie abgeschafft. Schlamassel.</p><p>Er ging in sein Zimmer und schloss die T�r. Wusste auf einmal nicht weiter � wieder so ein Moment. Wahrscheinlich lag es an den Tabletten. Schon seit einer Weile hegte er diesen Verdacht. Die Starre in den Gelenken. Die Leere im Kopf. Wer wei�, was f�r ein Zeug sie ihm gab. Die Tabletten machten ihn dumm. Sie machten ihn vergesslich. Sie machten ihn so vergesslich, dass er am Morgen verga�, dass er sich am Abend vorgenommen hatte, keine Tabletten zu nehmen.</p><p>Die Angst, das Ged�chtnis zu verlieren. Wilhelm versuchte sich zu erinnern, probehalber: aber an was?</p><p>Er ging zum Schrank und kramte den Schuhkarton heraus, in dem er, neben Orden und Medaillen, verschiedene Dokumente seines Lebens aufbewahrte. Er entnahm dem Karton einen Zeitungsartikel, der durch h�ufiges Falten bereits leicht besch�digt war. Er nahm die Lupe zur Hand und las:</p><p><emphasis>Ein Leben f�r die Arbeiterklasse.</emphasis></p><p>Darunter ein Bild, auf dem ein Mann mit kahlem Sch�del und gro�en Ohren zuversichtlich in die Zukunft blickte.</p><p>Wilhelm fuhr mit der Lupe in die Mitte des Textes. Unter dem Glas rutschten, sich aufw�lbend, die Worte hindurch:</p><p><emphasis>� trat im Januar 1919 in die Kommunistische Partei Deutschlands ein��</emphasis></p><p>Wilhelm �berlegte. Nat�rlich wusste er, dass er 1919 in die Partei eingetreten war. Er hatte es in Dutzenden Lebensl�ufen geschrieben. Er hatte es Hunderte Male erz�hlt: den Genossen, den Arbeitern vom Karl-Marx-Werk, den Jungen Pionieren, aber wenn er zur�ckdachte, wenn er wirklich versuchte, sich an den Tag zu erinnern, dann erinnerte er sich eigentlich nur noch daran, wie Karl Liebknecht zu ihm gesagt hatte:</p><p>��Junge, putz dir doch mal die Nase!</p><p>Oder war es gar nicht Liebknecht gewesen? Oder war das gar nicht beim Eintritt in die Partei?</p><p>Charlotte kam: mit Wasserglas und Tabletten.</p><p>��Ich habe zu tun, sagte Wilhelm und strich, um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen, mit einem Rotstift den Artikel aus � wie er gewohnheitsgem�� alle Artikel ausstrich, die er gelesen hatte, damit er nichts zweimal las. Gl�cklicherweise bemerkte er seinen Fehler sofort und wendete das Blatt, bevor Charlotte den Schreibtisch erreichte.</p><p>��Wenn du deine Tabletten nicht nimmst, sagte Charlotte, rufe ich Dr.�S�� an.</p><p>��Wenn du Dr.�S�� anrufst, dann sage ich ihm, dass du mich vergiftest.</p><p>��Du bist ja vollkommen �bergeschnappt.</p><p>Charlotte ging � mit Wasserglas und Tabletten.</p><p>Wilhelm blieb sitzen und betrachtete sein versehentlich ausgestrichenes Leben. Was nun? Eliminieren, sagte ihm sein konspirativer Instinkt. Er zerriss das Blatt und warf es in den Papierkorb�� Zum Teufel damit. Das Wichtigste stand sowieso nicht drin. Das Wichtigste stand in keinem seiner Dutzend Lebensl�ufe. Das Wichtigste war sowieso <emphasis>ausgestrichen</emphasis>.</p><p>Sein anderes Leben. <emphasis>L�ddecke Import Export</emphasis>. Die Hamburger Zeit. Seltsam, daran erinnerte er sich ohne M�he:</p><p>Sein Hafenb�ro.</p><p>Nachts der Wind.</p><p>Das Versteck f�r seine <emphasis>Korowin</emphasis> Kaliber sechs f�nfunddrei�ig � er w�rde es heute noch finden.</p><p>Jetzt war die Melodie wieder da. Er sah aus dem Fenster. Die Sonne schien. Der Himmel war blau, und zwischen den allm�hlich vergilbenden Bl�ttern der Eberesche hingen in roten Dolden die Beeren. Ein sch�ner Tag. Ein herrlicher, wunderbarer Tag, dachte Wilhelm und biss seine Z�hne zusammen. Versuchte, es wegzubei�en.</p><p>Wof�r?</p><p>Wof�r hatte er seinen Arsch riskiert? Wof�r waren die Leute draufgegangen? Daf�r, dass irgend so ein Empork�mmling jetzt alles zugrunde richtete?</p><p>Tschow, dachte Wilhelm: wie damals Chruschtschow. Seltsam, immerhin, dass beide mit �tschow� aufh�rten.</p><p>Er nahm den Schuhkarton, ging zum Schrank. Die Orden klapperten, als er ihn hineinstellte.</p><p>Er ging in die Diele. Einen Augenblick �berlegte er, was zu tun war. Als er die Blumenvasen sah, fiel es ihm ein. Er ging zur�ck in sein Zimmer und holte die Lupe. Dann griff er eine Blumenvase heraus. Auf der Blumenvase klebte ein Etikett. Auf dem Etikett stand � nichts. Er griff eine zweite Vase heraus: nichts. Er pr�fte die dritte��</p><p>Wilhelm marschierte in den Salon.</p><p>��Da steht ja nichts drauf, sagte er.</p><p>��Wo steht nichts drauf?</p><p>��Auf den Blumenvasen.</p><p>��Du, ich hab jetzt wirklich Wichtigeres zu tun, sagte Charlotte.</p><p>��Verdammt, ich habe gesagt, die Blumenvasen werden beschriftet.</p><p>��Dann beschrifte sie doch, sagte Charlotte und nahm eine Tischdecke aus dem Schrank, ohne sich weiter um Wilhelm zu k�mmern.</p><p>Gern h�tte er Charlotte erkl�rt, dass das bl�dsinnig war: Jetzt konnte man die Vasen nicht mehr beschriften. <emphasis>Vorher</emphasis> h�tte man die Vasen beschriften m�ssen, damit <emphasis>hinterher</emphasis> jeder wieder die richtige Vase zur�ckbekam. Aber es lohnte sich nicht, mit Charlotte zu streiten. Um mit Charlotte zu streiten, war seine Zunge zu schwer, und sein Kopf brauchte zu lange, um Worte aus seinen Gedanken zu machen.</p><p>Er marschierte zur�ck in die Diele. Was war jetzt zu tun? Er blieb stehen, betrachtete ratlos die Blumenvasen, die in Reih und Glied in der Garderobennische standen.</p><p>Pl�tzlich sahen sie aus wie Grabsteine.</p><p>Die Haust�r ging, Lisbeth kam. Raschelte mit den Kleidern. Brachte den Herbstgeruch mit herein. In der Hand hielt sie einen Strau� Rosen.</p><p>��Herzlichen Gl�ckwunsch, sagte sie.</p><p>��Lisbeth, du sollst kein Geld f�r mich ausgeben.</p><p>Lisbeth hielt ihm die Blumen hin, strahlte. Ihre Z�hne waren ein bisschen schief. Aber ihr Hintern war stramm, und ihre Br�ste schwappten durchs Dekollet� wie Wellen durchs Schwimmbecken.</p><p>��Aber nachher nimmst du sie wieder mit, befahl Wilhelm. Und jetzt mach mir mal einen Kaffee.</p><p>��Aber Charlotte hat�s doch verboten, dass ich dir Kaffee mach, fl�sterte Lisbeth: Wegen dei�m Blutdruck.</p><p>��Papperlapapp, sagte Wilhelm. Du machst mir jetzt Kaffee.</p><p>Er ging ins Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Was war zu tun? Er wusste es nicht, aber da er vor Lisbeth nicht zugeben wollte, dass er es nicht wusste, nahm er seine Lupe zur Hand und suchte ein Buch im Regal. Tat, als w�rde er ein Buch im Regal suchen. Fand aber den Leguan. Es war ein kleiner Leguan. Er hatte ihn vor langer Zeit mit der Machete erschlagen und ausstopfen lassen. War sehr gut ausgestopft, der Leguan, sah beinahe aus wie lebendig. War aber tot. War tot und verstaubte im B�cherregal, und Wilhelm tat es auf einmal leid, dass er den Leguan mit der Machete erschlagen hatte. Wer wei�, vielleicht w�rde er heute noch leben? Wie lange lebten Leguane?</p><p>Er nahm Meyers Lexikon, Band La bis Lu, und bl�tterte darin bis �legal�.</p><p>Dann kam Lisbeth und stellte den Kaffee auf seinen Schreibtisch.</p><p>��Pssst, machte sie.</p><p>��Komm her, sagte Wilhelm.</p><p>Er nahm einen Hundertmarkschein aus seiner Brieftasche.</p><p>��Das ist zu viel, sagte Lisbeth.</p><p>Kam aber trotzdem. Wilhelm zog sie dicht an sich heran und steckte ihr den Hundertmarkschein ins Dekollet�.</p><p>��Du Schlimmer, sagte Lisbeth.</p><p>Ihre Wangen r�teten sich, wurden noch dicker. Sie wand sich sanft aus seiner Umarmung, nahm das kleine Tablett, auf dem sie den Kaffee gebracht hatte, und ging.</p><p>��Lisbeth?</p><p>��Ja?</p><p>Sie blieb stehen.</p><p>��Wenn ich mal tot bin, hat sie mich vergiftet.</p><p>��Aber Wilhelm, wie kannst du denn so was sagen.</p><p>��Ich sage, was ich sage, sagte Wilhelm. Und ich will, dass du�s wei�t.</p><p>Eine kleine Weile glaubte er noch, den Abdruck ihrer Schwimmbeckenbr�ste an seinem K�rper zu sp�ren.</p><p>Es klingelte. Wilhelm h�rte, wie jemand kam. Dann war nichts zu h�ren. Grummeln. Dann erschien Schlinger. Mit einem Strau� Nelken.</p><p>��Ich geh gleich wieder, sagte Schlinger, ich wollte der Erste sein.</p><p>Wilhelm studierte gerade das Lexikon. Leguane, so hatte er inzwischen herausbekommen, wurden bis zu zwei Meter zwanzig lang. Wie alt sie wurden, konnte er leider nicht finden.</p><p>��Ich gratuliere dir zum Geburtstag, sagte Schlinger, und w�nsche dir, lieber Wilhelm, auch weiterhin viel Schaffenskraft und��</p><p>��Bring das Gem�se zum Friedhof, sagte Wilhelm.</p><p>Schlinger lachte.</p><p>��Immer gut gelaunt, sagte er. Immer einen Scherz auf den Lippen.</p><p>��Und, was hat sie gesagt, fragte Wilhelm.</p><p>��Wer?</p><p>��Charlotte.</p><p>Schlinger machte ein dummes Gesicht. Zog die Mundwinkel herunter, die Brauen hoch. Auf seine Stirn legten sich dicke, wurstige Falten.</p><p>��Ich wei� schon, sagte Wilhelm. Plemplem, der Alte. �bergeschnappt.</p><p>��Aber Wilhelm, du bist doch noch vollkommen��</p><p>��Was?</p><p>��Ich meine, du bist doch f�r dein Alter vollkommen��</p><p>��Plemplem, sagte Wilhelm.</p><p>��Aber nein, du bist doch geistig vollkommen��</p><p>Schlinger fuchtelte mit den Nelken herum.</p><p>��Ich bin <emphasis>ein bisschen</emphasis> plemplem, sagte Wilhelm. Aber nicht <emphasis>v�llig</emphasis> plemplem.</p><p>��Nein, nat�rlich nicht, sagte Schlinger.</p><p>��Ich merke noch, wo es langgeht.</p><p>��Aber klar, sagte Schlinger.</p><p>��N�mlich bergab.</p><p>Schlinger holte Luft, sagte aber dann doch nichts. Wackelte mit dem Kopf, man wusste nicht, ob er den Kopf sch�ttelte oder nickte. Dann, pl�tzlich ernst, mit zusammengekniffenen Augen:</p><p>��Es gibt, offen gestanden, Probleme. Aber wir werden sie l�sen.</p><p>��Papperlapapp, sagte Wilhelm.</p><p>Gern h�tte er Schlinger erkl�rt, dass Probleme � solche Probleme � nicht in der Kreisleitung Potsdam gel�st wurden. Gern h�tte er ihm erkl�rt, dass Probleme � solche Probleme � in Moskau gel�st wurden und dass das Problem gerade darin bestand, dass Moskau selbst das Problem war. Aber seine Zunge war zu schwer und sein Kopf zu tr�ge, einen so verzwickten Gedanken in Worte zu fassen. Deswegen sagte er nur:</p><p>��Tschow.</p><p>Schlingers Stirn legte sich in wurstige Falten. Sein Kopf kam zum Stillstand. Seine Augen schauten schr�g nach oben an Wilhelm vorbei.</p><p>Pl�tzlich sah er aus wie ein Leguan.</p><p>��Wie alt werden eigentlich Leguane?</p><p>��Wie bitte?</p><p>��Leguane, sagte Wilhelm. Kennst du keine Leguane?</p><p>��Das ist doch so eine Art Reptil.</p><p>��Ja, sagte Wilhelm, Reptil.</p><p>��Ich denke, sie werden alt, sagte Schlinger. Sein Kopf wackelte, und er machte ein Gesicht, als h�tte er etwas Intelligentes gesagt.</p><p>Als Schlinger gegangen war, fiel Wilhelm ein, was zu tun war. Er marschierte in den Salon.</p><p>��Ich ziehe den Ausziehtisch aus, sagte Wilhelm.</p><p>Aber Charlotte sagte:</p><p>��Das macht Alexander.</p><p>��Das mache ich selbst, sagte Wilhelm.</p><p>��Das kannst du nicht, sagte Charlotte. Das macht Alexander.</p><p>��Alexander! Seit wann kann Alexander <emphasis>irgendwas</emphasis>?</p><p>��Diesen Ausziehtisch kann nur Alexander ausziehen, das haben wir doch x-mal probiert.</p><p>��Papperlapapp, sagte Wilhelm.</p><p>Nat�rlich konnte er den Ausziehtisch ausziehen. Schlie�lich hatte er Metallarbeiter gelernt. Was hatte Alexander gelernt? <emphasis>Was war der eigentlich?</emphasis> Nichts. Jedenfalls fiel Wilhelm nichts ein, was Alexander sein k�nnte. Au�er unzuverl�ssig und arrogant. Noch nicht einmal in der Partei war der Kerl. Aber um mit Charlotte zu streiten, war seine Zunge zu schwer und sein Kopf zu tr�ge.</p><p>Wer wei�, was sie ihm f�r Zeug gab. Auch Stalin hatte man ja vergiftet.</p><p>Wilhelm ging in die Diele, wo die Grabsteine in Reih und Glied standen. Schwach leuchteten ihre leeren Etiketten im r�tlichen Licht. Wof�r, dachte Wilhelm. Die Idee, den Rotstift zu nehmen und ihre Namen draufzuschreiben � Wilhelm beherrschte sich. Ohnehin wusste er von den meisten nur die Decknamen. Die, allerdings, wusste er noch. Clara Chemnitzer. Willi Barthel. Sepp Fischer aus �sterreich�� <emphasis>Alle</emphasis> wusste er noch. W�rde sie niemals vergessen. W�rde sie mit ins Grab nehmen, bald.</p><p>Es klingelte, drau�en stand der Pionierchor. Die Pionierleiterin sagte: Drei vier, und der Chor sang das <emphasis>Lied vom kleinen Trompeter</emphasis>. Sch�nes Lied, aber nicht das, was er meinte. Nicht das, was ihm die ganze Zeit durch den Kopf ging.</p><p>Er summte es der Pionierleiterin vor, aber sie wusste es auch nicht.</p><p>��Egal, sagte Wilhelm.</p><p>Es war eine junge Pionierleiterin, fast selber noch Pionier. Wilhelm holte einen Hundertmarkschein aus seiner Brieftasche.</p><p>��Aber Genosse Powileit, das kann ich auf keinen Fall annehmen!</p><p>��Papperlapapp, sagte Wilhelm. Kauf den Kindern ein Eis, ist mein letzter Geburtstag.</p><p>Er steckte der Pionierleiterin den Hundertmarkschein ins Dekollet�.</p><p>��Dann nehmen wir es f�r die Klassenkasse, sagte die Pionierleiterin.</p><p>Ihr Gesicht hatte rote Flecken bekommen. Sie dirigierte die Kinderschar aus dem Garten. An der Pforte drehte sie sich noch einmal um. Wilhelm biss die Z�hne zusammen und winkte.</p><p>Er marschierte in den Salon. Marschierte, weil ihm st�ndig die Melodie durch den Kopf ging. Charlotte stand gerade am Telefon. Als er kam, legte sie den H�rer auf.</p><p>��Nimmt niemand ab, sagte sie.</p><p>Wilhelm sah, dass Charlotte nerv�s war. Instinktiv hakte er nach.</p><p>��Und � wo bleibt Alexander?</p><p>��Es nimmt niemand ab, wiederholte Charlotte. Kurt nimmt nicht ab.</p><p>��Na bitte, sagte Wilhelm. Da haben wir es wieder.</p><p>��Was haben wir?</p><p>��Schlamassel, sagte Wilhelm.</p><p>��Da ist irgendetwas passiert, sagte Charlotte.</p><p>��Ich zieh den Ausziehtisch aus, sagte Wilhelm.</p><p>��Du ziehst gar nichts aus, du l�sst mich jetzt einmal nachdenken.</p><p>��Papperlapapp, sagte Wilhelm. Wer zieht denn den Ausziehtisch aus?</p><p>��Du ziehst den Ausziehtisch jedenfalls nicht aus, sagte Charlotte. Du hast schon genug kaputt gemacht in diesem Haus!</p><p>Eine unversch�mte Behauptung, die Wilhelm h�tte entkr�ften k�nnen, indem er aufz�hlte, welche Instandsetzungsarbeiten er im Laufe von fast vierzig Jahren durchgef�hrt, welche Elektroger�te er repariert, welche Umbauten er bewerkstelligt, welche haushaltstechnischen Verbesserungen er vorgenommen hatte � viele schwierige Worte, zu schwierig, zu umst�ndlich, zu lang, und so machte Wilhelm lediglich einen Schritt auf Charlotte zu, baute sich, seine K�rpergr��e ausspielend, vor ihr auf und sagte:</p><p>��Ich bin Metallarbeiter. Ich bin siebzig Jahre in der Partei. Wie lange bist du in der Partei?</p><p>Charlotte schwieg. Sie schwieg!</p><p>Wilhelm wandte sich um und verlie�, um sich seinen kleinen Sieg nicht noch zu vermasseln, den Raum.</p><p>In der Diele standen zwei M�nner.</p><p>��Delegation, sagte Lisbeth.</p><p>��Aha.</p><p>Wilhelm gab beiden die Hand.</p><p>��Ihre�� Ihre��, sagte der eine Mann und zeigte auf Lisbeth.</p><p>��Haushaltshilfe, erg�nzte Lisbeth.</p><p>��Ihre Haus Hals Hilfe hat uns hereingelassen, sagte der Mann.</p><p>��Sch�ner Fisch, sagte der andere, auf die Muschel deutend, in die Wilhelm die Gl�hlampe eingebaut hatte.</p><p>Sie standen dicht beieinander, beide gedrungen, fast krumm, beide trugen etwas zu helle, zu saubere M�ntel. Der Mann, der Haus Hals Hilfe gesagt hatte, hielt einen Teller in der Hand.</p><p>Er r�usperte sich und begann zu reden. Er redete leise und umst�ndlich, die Worte l�sten sich langsam aus ihm heraus, so langsam, dass Wilhelm das letzte Wort schon vergessen hatte, bevor das n�chste aus dem Mann herauskam.</p><p>��Zur Sache, Genossen, mahnte Wilhelm. Ich hab zu tun.</p><p>��Kurz und gut, sagte der Mann, du erinnerst dich, Genosse Powileit, an, Stichwort Kuba, unsere, damals, Spendenaktion, und wir dachten, es w�re in deinem Sinn, wenn wir das Thema hier, also dargestellt als ein Fahrzeug, so wie es in unserem Werk hergestellt wird, thematisch, �h, darstellen.</p><p>Er hielt Wilhelm den Teller vor die Nase. Aha, dachte Wilhelm. Er holte einen Hundertmarkschein aus seiner Brieftasche und knallte ihn auf den Teller.</p><p>Da guckten sie. Aber an seinem Geburtstag wollte er sich nun wirklich nicht lumpenlassen.</p><p>Dann kam M�hlich: Punkt elf.</p><p>��Wilhelm, sagte M�hlich und sch�ttelte ihm die Hand.</p><p>Das gefiel ihm an M�hlich: dass er nicht viele Worte machte.</p><p>��Bring das Gem�se zum Friedhof, sagte Wilhelm. Wir ziehen den Ausziehtisch aus.</p><p>Sie gingen in den Salon und r�ckten den Tisch vors Fenster.</p><p>��Aber Alexander muss jeden Augenblick kommen, protestierte Charlotte.</p><p>��Papperlapapp, sagte Wilhelm. Papperlapapp!</p><p>Charlotte verlie� den Raum.</p><p>Sie zogen die Seitenteile bis zum Anschlag heraus. M�hlich fragte:</p><p>��Wilhelm, wie sch�tzt du die politische Lage ein?</p><p>Er schaute Wilhelm an. Schaute unter seinen gewaltigen Brauen hervor wie aus einer H�hle. Das gefiel ihm an M�hlich. Er war ein ernsthafter Mann. Wilhelm f�hlte sich zu einer Analyse ermutigt.</p><p>��Das Problem ist, sagte er, dass das Problem das Problem ist.</p><p>Er klappte ein Mittelteil um. M�hlich tat auf seiner Seite dasselbe. �berraschenderweise hielten die Mittelteile nicht, sondern knickten ein und fielen glatt durch den Rahmen.</p><p>��Verstehe ich nicht, sagte M�hlich.</p><p>��Hammer und N�gel, sagte Wilhelm. Du wei�t doch wo�s steht.</p><p>M�hlich ging in den Keller und kam wieder mit einem Hammer und N�geln. Wilhelm hob das Mittelteil auf, ma� mit Daumen und Zeigefinger den Abstand zum Rahmen. Dort setzte er den Nagel an. Setzte noch einmal ab, weil er sp�rte, dass seine Analyse M�hlich noch nicht hundertprozentig �berzeugt hatte, und sagte:</p><p>��Das Problem sind die Tschows, verstehst du: Tschow-Tschow.</p><p>M�hlich nickte sehr langsam. Wilhelm schlug zu.</p><p>��Empork�mmlinge, sagte er.</p><p>Er schlug zu.</p><p>��Def�tisten.</p><p>Er hielt einen Augenblick inne und sagte:</p><p>��Fr�her wussten wir, was man mit denen tut.</p><p>N�chster Nagel. Charlotte kam rein:</p><p>��Was macht ihr denn, um Himmels willen.</p><p>��Wir ziehen den Ausziehtisch aus.</p><p>��Aber ihr k�nnt doch da keine N�gel einschlagen.</p><p>��Wieso k�nnen wir nicht, fragte Wilhelm.</p><p>Er versenkte den Nagel mit einem Schlag in der Tischplatte.</p><p>��Dunnerl�ttchen, sagte M�hlich.</p><p>Und Wilhelm sagte:</p><p>��Gelernt ist gelernt.</p><p>Halb vier wurde die gro�e Schiebet�r zwischen den R�umen ge�ffnet, die Feier begann. Wilhelm hatte inzwischen zu Mittag gegessen und ein wenig geruht; Lisbeth hatte ihm noch einen Kaffee gekocht; sie hatte ihm Nasen- und Ohrenhaare beschnitten und dabei mehrmals mit ihren Schwimmbecken-Br�sten seine Schulter angestupst.</p><p>Das kalte Buffet war gekommen und stand auf dem Ausziehtisch. Alexander dagegen war noch immer nicht da � eine Tatsache, die Wilhelm erfreute. Mehrfach fragte er Charlotte nach ihrem Enkel, den er vor allem als <emphasis>ihren</emphasis> Enkel betrachtete, so wie er die ganze Familie vor allem als <emphasis>ihre</emphasis> betrachtete: Def�tistenfamilie. Irina mal ausgenommen. Immerhin war sie im Krieg gewesen. Im Gegensatz zu Kurt, der im Arbeitslager gewesen war � und sich jetzt als Opfer aufspielte. Der sollte froh sein, dass er im Lager gewesen war! An der Front h�tte der nicht �berlebt, als Halbblinder.</p><p>Jetzt klingelte es in einem fort, Charlotte rannte hin und her wie ein Huhn, w�hrend Wilhelm in seinem Ohrensessel sa�, hin und wieder von dem Kognak in seinem gr�nschimmernden Aluminiumbecher nippte und ein grimmiges Vergn�gen dabei empfand, die Gratulanten, die nacheinander vor seinen Sessel traten, mit immer demselben Satz in Verlegenheit zu bringen:</p><p>��Bring das Gem�se zum Friedhof.</p><p>Die Weihes kamen, tappelten beide im Gleichschritt herein und redeten mit gesalbten Stimmen.</p><p>M�hlich kam jetzt mit Frau, einer blondierten Zicke, die stets �ber Rheuma klagte, obwohl sie noch keine sechzig war.</p><p>Steffi, stets aufgedonnert, seit ihr Mann unter der Erde lag.</p><p>��Bring das Gem�se zum Friedhof.</p><p>Bunke kam jetzt herein, so gerupft wie sein Blumenstrau�, die Krawatte auf halbmast, eine Seite des Hemdkragens �berlappte das Revers. Schon beim Betreten des Raumes tupfte er sich den Schwei� von der Stirn. So einer war nun Oberst bei der Staatssicherheit � w�hrend man ihn, Wilhelm, damals nicht �bernommen hatte: <emphasis>Westemigrant!</emphasis> Bis heute kr�nkte es ihn. Auch er w�re lieber in Moskau geblieben. Aber die Partei hatte ihn nach Deutschland geschickt, und er hatte getan, was die Partei von ihm verlangte. Sein Leben lang hatte er getan, was die Partei von ihm verlangte, und dann: <emphasis>Westemigrant</emphasis>!</p><p>��Bring das Gem�se zum Friedhof.</p><p>Bunke tupfte den Schwei� ab und sagte:</p><p>��Do gann isch kleisch pleiben.</p><p>�</p><p>Gesichter tauchten auf, die Wilhelm nicht kannte.</p><p>��Wer bist du?</p><p>Frau B�cker, die Gem�severk�uferin.</p><p>Harry Zenk, Rektor der Akademie: war noch nie zu seinem Geburtstag gekommen.</p><p>Till Ewerts � nach Schlaganfall.</p><p>��Bring das Gem�se zum Friedhof.</p><p>�</p><p>Aha, der Genosse Kr�ger. Abschnittsbevollm�chtigter.</p><p>��In Uniform h�tte ich dich erkannt, Genosse. Bring das Gem�se zum Friedhof.</p><p>�</p><p>Die Sondermanns. Deren Sohn im Gef�ngnis sa�: wegen versuchter Republikflucht.</p><p>��Euch kenn ich nicht, sagte Wilhelm.</p><p>��Aber das sind doch Sondermanns, erkl�rte Charlotte.</p><p>��Euch kenn ich nicht!</p><p>Das Grummeln im Raum wurde f�r einen Augenblick leiser.</p><p>��Gut, sagte Sondermann. Dr�ckte Charlotte den Blumenstrau� in die Hand und verschwand, zusammen mit seiner Gattin.</p><p>�</p><p>Kurt kam mit Nadjeshda Iwanowna, aber ohne Irina.</p><p>��Irina ist krank, sagte Kurt.</p><p>��Und Alexander?</p><p>��Alexander ist auch krank, mischte Charlotte sich ein.</p><p>Def�tistenfamilie. Von Irina mal abgesehen. Und abgesehen, nat�rlich, von Nadjeshda Iwanowna.</p><p>Nadjeshda Iwanowna �berreichte ihm ein Glas Gurken.</p><p>Wilhelm w�hlte in seinem Ged�chtnis. Zu lang war es her, dass er in Moskau gewesen war, damals zur Ausbildung bei der OMS, und das einzige Wort, das er unter den Tr�mmern seines Russischs noch auffand, war <emphasis>garosch</emphasis>: gut, hervorragend.</p><p>��Garosch, garosch, sagte er.</p><p>Nadjeshda Iwanowna sagte:</p><p>��Ogurzy.</p><p>Wilhelm nickte.</p><p>��Garosch!</p><p>Er lie� das Glas �ffnen (von M�hlich � Kurt kriegte es sowieso nicht auf mit seinen Intellektuellenfingern) und a� �ffentlich eine russische Gurke. Fr�her hatte er russische Papirossy geraucht. Jetzt a� er wenigstens eine russische Gurke.</p><p>��Garosch, sagte Wilhelm.</p><p>��Du kleckerst, sagte Charlotte.</p><p>��Papperlapapp.</p><p>�</p><p>Wo blieb eigentlich der Bezirkssekret�r?</p><p>�</p><p>Daf�r pl�tzlich ein Kind. Das Kind hatte ein Bild in der Hand.</p><p>��Markus, dein Urenkel, sagte Charlotte.</p><p>Seit wann denn das? Wilhelm beschloss, nicht zu fragen. Er betrachtete das Bild, wie man Bilder betrachtete, die Kinder einem schenkten, und war �berrascht, als er pl�tzlich erkannte:</p><p>��Ein Leguan!</p><p>��Eine Wasserschildkr�te, sagte das Kind.</p><p>��Markus interessiert sich f�r Tiere, sagte die Frau, die neben dem Kind stand, die Mutter wahrscheinlich, Wilhelm beschloss, nicht zu fragen. Stattdessen sagte er:</p><p>��Wenn ich tot bin, Markus, dann erbst du den Leguan dort im Regal.</p><p>��Cool, sagte das Kind.</p><p>��Oder nimm ihn am besten gleich mit, sagte Wilhelm.</p><p>��Jetzt gleich, fragte das Kind.</p><p>��Nimm mit, sagte Wilhelm, mit mir geht es sowieso nicht mehr lange.</p><p>Er sah dem Kind nach, wie es die Runde machte, jedem Anwesenden artig die Hand gab, dann erst marschierte es zum B�cherregal und betrachtete den Leguan, noch ohne ihn an sich zu nehmen, lange und von allen Seiten�� Wilhelm biss die Z�hne zusammen.</p><p>�</p><p>Ein Mann im braunen Anzug und Goldrandbrille. Warum trat er nicht n�her? Warum blieb er dort stehen?</p><p>��Wer bist du, ich kenne dich nicht.</p><p>Der Stellvertreter, so stellte sich heraus. Des Bezirkssekret�rs. Wieso der Stellvertreter?</p><p>��Der Genosse J�hn ist leider pers�nlich verhindert, sagte der Stellvertreter.</p><p>��Aha, sagte Wilhelm. Ich bin auch pers�nlich verhindert.</p><p>Alle lachten. Wilhelm �rgerte sich.</p><p>Der Mann klappte eine rote Mappe auf. Er begann zu reden. Seine Augen waren blau. Seine Stimme hatte ungef�hr den Frequenzumfang eines Telefonh�rers. Wilhelm verstand nicht, was der Mann sagte. Wilhelm �rgerte sich. Der Mann redete. Seine Worte klapperten. Sie klapperten durch Wilhelms Kopf, ohne ihren Sinn zu offenbaren. Ger�usche. Papperlapapp, dachte Wilhelm. Metallarbeiterlehre. Parteieintritt�� Emigration nach Paris�� Pl�tzlich kapierte er. Das war sein Lebenslauf. Das, was aus dem Mund des Stellvertreters kam, was da sinnlos durch seinen Kopf klapperte � das war sein Lebenslauf. Der Lebenslauf, den er schon Dutzende Male geschrieben, den er schon zigmal den Grenzsoldaten, den Arbeitern vom Karl-Marx-Werk, den Jungen Pionieren erz�hlt hatte � und in dem, wie immer, das Wichtigste fehlte.</p><p>Alle klatschten. Der Stellvertreter kam auf Wilhelm zu. In der Hand hielt er einen Orden, wie sie zu Dutzenden in Wilhelms Schuhkarton lagen.</p><p>��Ich hab genug Blech im Karton, sagte Wilhelm.</p><p>Alle lachten.</p><p>Der Stellvertreter beugte sich zu ihm herunter und h�ngte ihm den Orden um.</p><p>Alle klatschten, auch der Stellvertreter, der die H�nde jetzt frei hatte.</p><p>Das kalte Buffet wurde er�ffnet. Zwischen den beiden R�umen begann ein unregelm��iger Verkehr, bis die Leute sich mit ihren Tellern an Tischen und Tischchen niederlie�en. Wilhelm sa� abseits im Ohrensessel und nippte an seinem gr�ngl�nzenden Aluminiumbecher. Er dachte an das Wichtigste. An das, was fehlte. An Hamburg und an sein Hafenb�ro. An die N�chte, den Wind. An seine <emphasis>Korowin</emphasis> Kaliber sechs f�nfunddrei�ig. Er <emphasis>dachte</emphasis> nicht daran, er erinnerte sich. Er f�hlte, wie sie in seiner Hand gelegen hatte. Er f�hlte ihr Gewicht. Er erinnerte sich an den Geruch � nachdem man den Abzug bet�tigt hatte�� Wof�r, dachte Wilhelm. Er schloss die Augen. Es grummelte in seinem Kopf. Gerede. Sinnlos. Papperlapapp. Nur hin und wieder � oder bildete er sich das ein?�� hin und wieder h�rte er jetzt durch das Papperlapapp hindurch ein heiseres Bellen: Tschow!�� Und nochmal: Tschow � tschow <emphasis>�</emphasis></p><p>Wilhelm �ffnete kurz die Augen: Kurt, wer sonst! Du bist selbst so ein Tschow, dachte Wilhelm. Def�tist. Die ganze Familie! Irina mal ausgenommen, die war ja wenigstens im Krieg gewesen. Aber Kurt? Kurt hatte w�hrenddessen im Lager gesessen. Hatte arbeiten m�ssen, wie schrecklich, mit seinen H�ndchen, mit denen er noch nicht mal ein Gurkenglas aufkriegte. Andere, dachte Wilhelm, hatten ihren Arsch riskiert. Andere, dachte er, waren draufgegangen im Kampf f�r die Sache, und am liebsten w�re er aufgestanden und h�tte von denen erz�hlt, die draufgegangen waren im Kampf f�r die Sache. H�tte von Clara erz�hlt, die ihm das Leben rettete. Von Willi, der sich vor Angst in die Hosen schiss. Von Sepp, den sie in irgendeinem Gestapo-Keller zu Tode folterten, weil <emphasis>ein Verr�ter zu wenig</emphasis> eliminiert worden war. So war es gewesen, Herr Professor Neunmalklug, der kein Gurkenglas aufkriegte. So war es damals � und so war es heute. Das h�tte er am liebsten gesagt. Und noch etwas h�tte er gern gesagt: �ber damals und heute. Und �ber Verr�ter. Und was jetzt zu tun war, h�tte er gern gesagt. Und worin das Problem bestand, h�tte er gern gesagt, aber seine Zunge war zu schwer, und sein Kopf war zu alt, um aus dem, was er wusste, Worte zu machen. Er schloss die Augen und lehnte sich in seinen Ohrensessel zur�ck. H�rte nicht mehr die Stimmen. Nur noch Grummeln in seinem Kopf, wie das Badewasser am Morgen. Und aus dem Grummeln kam eine Melodie. Und aus der Melodie kamen � Worte. Da waren sie pl�tzlich, die Worte, die er gesucht hatte: einfach und traurig und klar, und so selbstverst�ndlich, dass er im selben Augenblick schon verga�, dass er sie vergessen hatte.</p><p>Er sang leise, f�r sich, jede Silbe betonend. In leicht schleppendem Rhythmus, er merkte es wohl. Mit einem nicht beabsichtigten Tremolo in der Stimme:</p><p><emphasis>Die Partei, die Partei, die hat immer recht</emphasis></p><p><emphasis>Und, Genossen, es bleibe dabei</emphasis></p><p><emphasis>Denn wer k�mpft f�r das Recht</emphasis></p><p><emphasis>Der hat immer recht</emphasis></p><p><emphasis>Gegen L�ge und Ausbeuterei</emphasis></p><p><emphasis>Wer das Leben beleidigt</emphasis></p><p><emphasis>Ist dumm oder schlecht</emphasis></p><p><emphasis>Wer die Menschheit verteidigt</emphasis></p><p><emphasis>Hat immer recht</emphasis></p><p><emphasis>So, aus Lenin�schem Geist</emphasis></p><p><emphasis>W�chst, von Stalin geschwei�t</emphasis></p><p><emphasis>Die Partei � die Partei � die Partei.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>1973</strong></p></title><p>Dann hielt der Lkw, und die Heckklappe �ffnete sich.</p><p>Ein Kopf erschien. Der Kopf trug eine Uniformm�tze. Der Kopf begann zu schreien. An den Z�hnen bildeten sich kleine Speichelbl�schen, die im Licht der wei�en Laternen schillerten, bevor sie zerplatzten.</p><p>Im �brigen war nicht zu verstehen, was der Kopf schrie: Seltsame Sprache, die fast nur aus Vokalen zu bestehen schien.</p><p>Ein zweiter Kopf tauchte auf, dann noch einer, im n�chsten Augenblick waren es vier oder f�nf Uniformierte, die an der Heckklappe standen und br�llten, durcheinanderbr�llten, sich gegenseitig �berbr�llten.</p><p>Unter der Plane kam Bewegung auf. Die Leute ergriffen ihre Taschen und Beutel, sprangen nacheinander von der Ladefl�che. Stolperten im Dunkeln, blieben irgendwo h�ngen. Auch Alexander sprang. Seine Hand ber�hrte die grobe, aschebahnartige Oberfl�che des Platzes.</p><p>Am zweiten Tag begann er das Gebr�ll zu verstehen. <emphasis>Ifschriiii Asch</emphasis> bedeutete: im Laufschritt marsch. Und <emphasis>Kompiiii Schtischta</emphasis> bedeutete: Kompanie stillgestanden. Mit individuellen Abwandlungen.</p><p><emphasis>Am dritten Tag verstand er schon fast alle zusammenh�ngenden S�tze mit �Arsch�: Bewegen Sie Ihren Arsch, Sie Versager oder Ich bringe Ihnen das Wasser im Arsche zum Kochen oder, ebenfalls lehrreich: Beim Laufen ist der Arsch der h�chste Punkt des K�rpers.</emphasis></p><p>Am vierten Tag hatten sie zum ersten Mal Politunterricht: <emphasis>Neofaschismus und Militarismus in der BRD</emphasis>. Wer einschlief, musste den Rest der Zeit stehen.</p><p>Am f�nften Tag bekam er den ersten Brief von Christina. Er riss ihn sofort auf, las ihn noch auf dem Weg ins Zimmer. Las ihn noch einmal richtig, steckte ihn in die Brusttasche. Las ihn dann abends im Bett.</p><p>Der sechste Tag war ein Sonntag. Sonntags durfte man in den Kulturraum der Kompanie � wenn man die Ausgangsuniform anzog. Dort durfte man selbst mitgebrachten Kaffee trinken.</p><p>Alexander hatte keinen selbst mitgebrachten Kaffee. Er blieb im Zimmer. Las, auf dem Bett liegend, zum f�nften oder zehnten oder f�nfzehnten Mal den Brief von Christina. Las mit Erleichterung, dass sie nach seiner Abfahrt �den ganzen Tag traurig� gewesen war. Las mit Unbehagen, dass sie am Wochenende mit einer Kollegin aus der Bibliothek zum Scharm�tzelsee fahren w�rde: um sich �ein bisschen abzulenken�. Machte ihr � in seiner Antwort � kleine Vorw�rfe deswegen. Strich die Vorw�rfe wieder aus. Fing noch einmal von vorn an. Beschrieb den Blick aus dem Fenster: ein Neubaublock, dahinter ein Zaun. Er h�tte noch schreiben k�nnen: dahinter ein Panzer�bungsgel�nde. War sich aber nicht sicher � geh�rte das schon zu den milit�rischen Belangen, �ber die sie, wie gesagt wurde, zu schweigen hatten? Wurde der Brief kontrolliert?</p><p>Am siebenten Tag standen sie im Gel�nde, <emphasis>Linie zu einem Glied</emphasis> (was bedeutete: in drei Reihen), und warteten auf irgendwas (dass Stehen und Warten zu den Hauptbesch�ftigungen eines Soldaten geh�rte, hatte Alexander bereits gelernt). Noch immer hatte er leichte Kopfschmerzen vom Kaffeeentzug, der Stahlhelm dr�ckte, Teil eins, Teil zwei auf dem R�cken, die Gasmaskentasche um den Hals, die Kalaschnikow �ber der Schulter. Die Ohren, noch immer ungewohnt nackt, begannen zu zwicken im scharfen Wind, der unter dem weit ausladenden NVA-Stahlhelm hindurchpfiff, aber sie standen, es war ihnen nicht erlaubt, sich zu r�hren. Alexander sah auf den Nacken des Vordermanns, auf seine Ohren, welche genau so aussahen, wie seine eigenen Ohren sich anf�hlten, n�mlich knallrot � und musste auf einmal an <emphasis>Mick Jagger</emphasis> denken; fragte sich, was wohl jetzt, w�hrend er hier stand, auf diesem �bungsgel�nde, das <emphasis>Katzenkopf</emphasis> hie�, und auf die roten Ohren seines Vordermanns starrte, ein Mensch wie Mick Jagger tat. Undeutlich erinnerte er sich an ein Foto aus irgendeiner Westzeitschrift: Mick Jagger in seinem Schlafzimmer, in einem flauschigen Pullover und Leggins, ein bisschen weiblich, verschlafen, offenbar war er gerade aufgestanden, vielleicht, so stellte sich Alexander vor, w�rde er im n�chsten Augenblick in eine sonnige, gro�e K�che gehen, sich einen Kaffee br�hen, falls das nicht jemand schon f�r ihn gemacht hatte, w�rde ein frisches K�sebr�tchen und Weintrauben essen (oder wer wei�, was die da dr�ben a�en) und w�rde dann, w�hrend Alexander �ber den Katzenkopf robbte oder Trockenschie��bungen machte oder sich in <emphasis>Einzelspr�ngen</emphasis> �ber das Feld bewegte, ein bisschen auf der Gitarre klimpern und ein paar Einf�lle notieren, oder sich in einer bizarren Limousine zum Studio kutschieren lassen, um einen neuen Song aufzunehmen, den er dann auf der n�chsten Tournee der Welt�ffentlichkeit pr�sentierte, einer Tournee, bei der er, Alexander, nicht dabei sein w�rde, so wie er auf keiner Rolling-Stones-Tournee je dabei gewesen war und auf keiner Rolling-Stones-Tournee je dabei sein w�rde, niemals, dachte Alexander, w�hrend er mit Stahlhelm und Teil eins und Teil zwei auf dem Katzenkopf stand und auf die roten Ohren seines Vordermanns starrte, niemals w�rde er die Rolling Stones <emphasis>live</emphasis> erleben, niemals w�rde er Paris oder Rom oder Mexiko sehen, niemals Woodstock, noch nicht einmal Westberlin mit seinen Nacktdemos und seinen Studentenrevolten, seiner freien Liebe und seiner Au�erparlamentarischen Opposition, nichts davon, dachte Alexander, w�hrend jetzt irgendein Unterfeldwebel mit der Dienstvorschrift in der Hand erl�uterte, welche Position vom Sch�tzen beim Liegendschie�en einzunehmen sei, n�mlich <emphasis>in sich gerade, schr�g zum Ziel</emphasis>, nichts davon w�rde er je sehen, nichts davon w�rde er miterleben, weil zwischen hier und dort, zwischen der einen Welt und der anderen, zwischen der kleinen, engen Welt, in der er sein Leben w�rde verbringen m�ssen, und der anderen, der gro�en, weiten Welt, in der das gro�e, das wahre Leben stattfand � weil zwischen diesen Welten eine Grenze verlief, die er, Alexander Umnitzer, demn�chst auch noch <emphasis>bewachen</emphasis> sollte.</p><p>Das war am siebenten Tag.</p><p>Am f�nfundzwanzigsten Tag war Vereidigung. Die Zeremonie fand auf irgendeinem Platz au�erhalb der Kaserne statt. Reden, Fahnen. Pauken, Trompeten. Dann legten sie den Eid ab, den sie im Politunterricht hatten auswendig lernen m�ssen. Ihre Vorgesetzten gingen durch die Reihen und pr�ften, ob jeder den Eid auch tats�chlich sprach.</p><p>Nach der Vereidigung hatten sie das erste Mal Ausgang. Christina und seine Eltern waren angereist. Seine Mutter weinte, als sie ihn in Uniform sah. Alexander beeilte sich, sie zu beruhigen: Ihm gehe es gut, es sei ja kein Krieg, und sogar das Essen sei annehmbar.</p><p>Christina nach fast einem Monat zu umarmen war sonderbar. Sie war kleiner, zarter, als er sie in Erinnerung hatte, umgeben von einer �berw�ltigenden weiblichen Aura. Alexander sog die Luft ein, die sie durch ihre Bewegungen in Wallung brachte, f�hlte sich ungelenk und l�cherlich in seiner groben, schlechtsitzenden Uniform, mit seinem Topfschnitt und der albernen M�tze. Eine Sekunde lang glaubte er, das Erschrecken �ber seinen Anblick in Christinas Gesicht zu sehen, dann verfiel sie in eine unangebrachte Fr�hlichkeit.</p><p>Sie gingen durch eine unbekannte Stadt, die Halberstadt hie� und in der es von Soldaten mit ihren Familien wimmelte. Die Restaurants waren �berf�llt. Christina hatte die Idee, ein St�ck ausw�rts ein Restaurant zu suchen, aber Alexanders Ausgang war � selbstverst�ndlich � auf Halberstadt beschr�nkt. Also a�en sie in einem �berf�llten Restaurant, wo es nur noch Letschosteak gab, Letschosteak. Irina a� nichts, sondern rauchte. Man sprach, w�hrend man auf das Essen wartete, �ber dieses und jenes; Kurt schrieb wieder an seinem Buch �ber Lenins Exil in der Schweiz, hoffte, nach dem Amtsantritt Honeckers, nun doch auf Ver�ffentlichung; Wilhelm war wieder einmal schwer erkrankt � Alexander ertappte sich bei dem Gedanken, dass er zu Wilhelms Beerdigung wom�glich Sonderurlaub bek�me; Baba Nadja hatte sich entschlossen, in die DDR �berzusiedeln, und da der b�rokratische Vorgang Monate, wenn nicht Jahre in Anspruch nehmen w�rde, bangte man nun, ob die alte Frau die Wartezeit in Slawa noch �berstehen werde. Dann fuhren Kurt und Irina ab, damit <emphasis>die Kinder</emphasis> noch ein bisschen unter sich sein konnten.</p><p>Sie hatten vier Stunden Zeit. Alexander beschloss, Christina die Kaserne zu zeigen. Sie gingen �ber den Berg, die Betonplattenstra�e entlang, die direkt zum Panzer�bungsgel�nde f�hrte, und Alexander begann zu erz�hlen. Erz�hlte von Gewaltm�rschen mit Sturmgep�ck. Erz�hlte von Blasen an den F��en, von Munitionskistengriffen, die in die Finger schnitten, von gef�hrlichen �bungsgranaten und von Radioaktivit�t, ja sogar, und fast mit Stolz, davon, wie in der Nachbarkompanie jemand ums Leben gekommen war, nachdem er, von den Ausbildern unbemerkt, in die Gasmaske erbrochen hatte, und sp�rte, w�hrend Christina seine Erz�hlung hin und wieder mit einem anerkennenden <emphasis>Aha</emphasis> oder einem bedauernden <emphasis>Ach Gott</emphasis> kommentierte, dass das alles irgendwie falsch war, und zwar nicht wegen der �bertreibungen, die ihm unterliefen, nicht wegen der kleinen Pointen, die er unwillk�rlich zu setzen begann, sondern es war einfach das Falsche, es war nicht das, worum es ging.</p><p>Links, hinter hohen Bretterz�unen, tauchte die Russenkaserne auf, vergleichsweise bunt, orientalisch (der Zaun gr�n, die Geb�ude gelb, die Bordsteine gekalkt, der rote Stern am Tor frisch gestrichen), und auf der rechten Seite, weit einsehbar hinter Stacheldrahtzaun: das Grenzausbildungsregiment (flach, grau, quadratisch). Alexander z�hlte stumm die Fenster, um Christina �sein� Zimmer zu zeigen, unterlie� es dann aber. Was sagte der Anblick eines Fensters? Was sagte der Anblick eines Neubaublocks �ber die allgegenw�rtige Idiotie, �ber das Gef�hl des Eingesperrtseins, �ber die konkreten Kleinigkeiten, die einen Tag f�llten und ausmachten: die st�ndige k�rperliche N�he der Zimmergenossen, ihre Zoten abends vor dem Einschlafen, ihre Socken, die sie zum Ausd�nsten �ber die Stiefel legten, oder das Anstehen an den Pissbecken am Morgen, zusammen mit einhundert Mann, und die unfreiwillige Zeugenschaft beim Absch�tteln und Abklopfen und Abmelken des letztes Tr�pfchens.</p><p>Immerhin fand Christina den Anblick der Kaserne �nicht gerade erfreulich�, vermutete allerdings, dass so ein �Neubauobjekt� doch auch Vorteile h�tte, so zum Beispiel hinsichtlich von Sauberkeit und Hygiene.</p><p>Alexander schwieg. Er schwieg den ganzen R�ckweg �ber, schwieg eisern, allerdings ohne dass Christina dies zu bemerken schien, nahm sich fest vor, kein einziges Wort mehr zu sagen � und fing dann in der Gastst�tte, in der sie �berfl�ssigerweise noch einen Kaffee tranken, doch wieder an zu reden. Redete und �rgerte sich, dass er nicht den Mund halten konnte, dass er jetzt doch von Socken und Pissbecken redete, verachtete sich daf�r, war gleichzeitig sauer auf Christina, die, w�hrend er erz�hlte, schon auf die Uhr zu schauen begann und ihn schlie�lich � ein bisschen genervt, ein bisschen wohlmeinend � endg�ltig zum Schweigen brachte:</p><p>��Denk an deinen Vater, der hat wirklich Schlimmeres erlebt.</p><p>Er brachte Christina zum Bahnhof. Die Zeit war abgelaufen. Christina ging neben ihm mit ihrer Aura und ihrem Engelshaar, ihre Hand war kalt und ihr Schritt kurz, und Alexander hasste sie pl�tzlich. Und sehnte sich gleichzeitig nach ihr. Aber sie l�ste sich auf, sie verlie� ihn, den Jammerlappen mit seinem Topfschnitt und seiner Uniform, er musste sie festhalten, dr�ngte sie in einen Hauseingang, glaubte, sie m�sse sich anstecken lassen von seiner Gier, glaubte, als sie sich str�ubte, Gewalt anwenden zu m�ssen, versuchte sie umzudrehen, riss an ihren Strumpfhosen, aber Christina wehrte sich mit verbl�ffender Kraft, winselte seltsam, dann standen sie sich gegen�ber, schnaufend beide, und Alexander wandte sich ab und ging.</p><p>Es war noch nicht neun Uhr. Alexander setzte sich wieder in die Kneipe, bestellte Bier, bestellte Korn, dann noch ein Bier, schaute der Kellnerin hinterher, betrachtete ihre von einem schwarzen Rock nur knapp bedeckten Oberschenkel, deren fleischige Innenseiten beim Gehen aneinanderrieben, wenn sie durch den Gastraum schritt (im Unterschied zu Christinas Oberschenkeln, zwischen denen ein fingerbreiter Hohlraum klaffte), und Alexander h�tte, ohne nachzudenken, den kompletten monatlichen Sold eines Wehrpflichtigen in H�he von 80�Mark plus 40�Mark Grenzzulage abz�glich der bereits f�lligen Bier- und Kornrechnung hingelegt, um seine Hand zwischen die fleischigen Oberschenkel der Kellnerin des Restaurants <emphasis>Harzfeuer</emphasis> in Halberstadt legen zu d�rfen. Er bestellte Bier, bevor er das vorherige ausgetrunken hatte, erkundigte sich nach dem Namen der Kellnerin, sie hie� B�rbel, erkl�rte ihr mit unklarer Hoffnung, dass er bis vierundzwanzig Uhr Ausgang habe. Sie l�chelte, sch�ttelte ihr kastanienbraunes Haar aus dem Gesicht, r�umte Aschenbecher ab, sammelte Gl�ser ein, brachte neue, volle Gl�ser, bewegte sich mit fischartiger Geschmeidigkeit zwischen den zumeist von Soldaten besetzten Tischen, verschwand, tauchte wieder auf, warf ihm, so schien es, kurze, vielsagende Blicke zu, entbl��te beim L�cheln ihre Nagetierz�hnchen und brachte ihm schlie�lich, anstatt eines weiteren Korns, die Rechnung, wies sein gro�z�giges Trinkgeld zur�ck und ermahnte ihn streng, dass er jetzt losm�sse, wenn er p�nktlich in der Kaserne sein wolle.</p><p>Dann ging er die Betonstra�e entlang, �ber sich einen m�chtigen Sternenhimmel, der die Neigung hatte, immerzu einzust�rzen, in sich ein Letschosteak, das die Neigung hatte, aus ihm herauszust�rzen, sonst war ihm alles egal, er wunderte sich nur, dass er tats�chlich in Richtung Kaserne ging, dass er freiwillig dort wieder hineinging, falls er unterwegs nicht noch von einem Auto �berfahren wurde, wozu es aber aus unbegreiflichen Gr�nden nicht kam. Als er im Bett lag, begann sich alles, obwohl in der Dunkelheit unsichtbar, um ihn zu drehen, das Letschosteak war nun nicht mehr aufzuhalten und landete, statt im Klo, in einem der zwanzig Waschbecken des Kompaniewaschraums. Jetzt tauchte der UvD auf und befahl Alexander, die Felddienstuniform anzulegen (�u�erst schwierige Aufgabe), dann gingen sie zusammen �ber das Kasernengel�nde, Alexander erkl�rte dem UvD, dass er Christina liebte und dass sie einander �Bonny� nannten, nein, nicht Pony, sondern <emphasis>Bonny</emphasis>, wie es im Lied hei�t, dann waren sie an der Wache, man nahm Alexander das Koppel ab, brachte ihn in einen kleinen Raum, in dem nichts weiter stand als eine Pritsche, auf deren Stahlfedergitter nicht einmal eine Matratze lag, und als Alexander am Sonntagmorgen um sechs aus dem Karzer geholt wurde, damit er das Waschbecken, in das er erbrochen hatte, reinigen konnte, bevor die Kompanie aufstand, trug er, wie er in einem der zwanzig Spiegel des Waschraums sah, den Abdruck der Stahlfedern in der rechten Gesichtsh�lfte.</p><p>Noch an diesem Sonntag schrieb er einen reuigen Brief an Christina. Christina jedoch, die ihm bisher t�glich geschrieben hatte, schrieb ihm nicht, jedenfalls war am Dienstag und auch am Mittwoch kein Brief von ihr da. Am Donnerstag drohte Alexander ihr mit der Trennung und h�tte die Drohung am Freitag zur�ckgenommen, wenn nicht der Gefechtsalarm dazwischengekommen w�re.</p><p>Zum ersten Mal h�ndigte man ihnen nicht nur die Waffe aus, sondern auch zwei volle Magazine mit je drei�ig Schuss Munition. Beim anschlie�enden Appell erkl�rte der Kompaniechef, ein kurzbeiniger Mann mit scharfer Stimme, dass sie im Grenzabschnitt Sowieso zur Hinterlandssicherung eingesetzt w�rden, da eine sogenannte Lage entstanden sei: Ein Soldat der Sowjetarmee sei mit einem Autobus Typ <emphasis>Ikarus</emphasis>, einer <emphasis>Kalaschnikow</emphasis> und sechzig Schuss Munition unterwegs, vermutlich in Richtung Staatsgrenze zwischen Stapelburg und dem Brocken.</p><p>Sie fuhren etwas mehr als eineinhalb Stunden, wurden dann, immer in Dreiergruppen, irgendwo im Wald ausgesetzt, Alexander zusammen mit Kalle Schmidt, dem die H�nde zitterten, und Behringer, der schon mehrmals auf der Stube hatte verlauten lassen:</p><p>��Wenn die Arschl�cher mir wirklich an die Grenze lassen, hau ick ab!</p><p>Dann lagen sie an einer Weggabelung im Wald. Wo die Grenze war, wussten sie nicht genau. In der Ferne bellten Hunde. Bald war es so dunkel, dass sie einander nicht sahen. Im Wald krachte und quietschte es, allenthalben h�rten sie Schritte, Kalle lud seine Waffe durch und forderte unsichtbare Gestalten auf, die aktuelle Parole zu nennen, und auch Alexander lud seine Waffe durch, sah Gespenster, wenn er lange genug auf den schwach sich abzeichnenden Weg starrte, und achtete auf jedes Wort, auf jedes Ger�usch, das aus Behringers Richtung kam.</p><p>Nachmittags um vier waren sie abgesetzt worden. Gegen zw�lf Uhr nachts h�rten sie das typische Kreischen eines auf hohen Touren laufenden LO-Motors, der die Abl�sung brachte: Acht Stunden, die normale Grenzschicht � das war, was ihnen bevorstand, wenn sie nach der Ausbildung in eine Grenzkompanie versetzt wurden, acht Stunden t�glich, in wechselnder Schicht, ein Jahr lang. Alexander war es ein R�tsel, wie er das durchhalten sollte, er wusste nicht einmal, wie er <emphasis>bis Weihnachten</emphasis> durchhalten sollte, durchhalten, bis er Christina das n�chste Mal wiedersah.</p><p>Die Idee kam ihm in dem Augenblick, als der Offizierssch�ler verga�, seine Waffe auf Sicherheit zu �berpr�fen. Bei den beiden anderen, Kalle Schmidt und Behringer, die vor ihm auf die Ladefl�che gestiegen waren, hatte er die Kontrolle ordnungsgem�� durchgef�hrt, aber dann war der Lkw ein St�ck zur�ckgerollt und hatte den Offizierssch�ler beinahe umgeworfen, und w�hrend dieser den Fahrer zusammenschiss, war Alexander auf die Ladefl�che gekrochen und hatte sich stumm zwischen die anderen gesetzt: mit einer schussbereiten Waffe zwischen den Knien. Nach dem Vorfall, so sah er voraus, w�rde man m�helos rekonstruieren, dass die Kontrolle infolge des Fahrerfehlers vergessen worden war; dass die Waffe noch nicht gesichert war, sondern noch immer auf <emphasis>Einzelfeuer</emphasis> stand, konnte er, Alexander, ohne weiteres �bersehen haben; und denkbar war auch, dass er mit irgendeinem Teil seiner Ausr�stung am Abzug h�ngen blieb, dass die Waffe losging und an einer Stelle, die er sich in Ruhe aussuchen konnte, seinen linken Arm, den er �ganz zuf�llig� auf der M�ndung der Kalaschnikow abgelegt hatte, durchschlug. Es waren nur Millimeter, die ihn vom Zustand dauernder Wehruntauglichkeit trennten, sein Daumen lag jetzt auf dem Abzug, es gen�gte eine Bodenwelle, es h�tte die Einfahrt zur Kaserne gen�gt, nur war Alexander auf einmal nicht mehr sicher, ob der Sicherungshebel tats�chlich auf <emphasis>Einzelfeuer</emphasis> stand oder auf <emphasis>Dauerfeuer</emphasis>, sodass sich bei Bet�tigung des Abzugs m�glicherweise gleich zwei oder drei Sch�sse l�sten � und dann war die Frage, was von seinem Arm �brig blieb.</p><p>Erst bei der Abgabe der Waffen wurde bemerkt, dass noch das volle Magazin in der obendrein durchgeladenen Waffe steckte, und als Alexander zum Kompaniechef beordert wurde, rechnete er mit einem Anschiss, war auf alles gefasst, sogar darauf, den Rest der Nacht mit dem Gesicht auf den Stahlfedern zu schlafen. Aber zu seiner �berraschung bat ihn der Kompaniechef, sich zu setzen, und der joviale Ton, in dem er zu sprechen begann, h�tte Alexander beinahe verleitet zu korrigieren: <emphasis>Stief</emphasis>gro�vater � er hatte Wilhelm nie Gro�vater genannt, jedoch auch nicht <emphasis>Stief</emphasis>gro�vater, vielleicht unterlie� er es deswegen, den Kompaniechef zu korrigieren, zum Gl�ck: Die Mitteilung des Kompaniechefs lautete, sein Gro�vater, der Genosse Wilhelm Powileit, liege mit einer schweren Lungenentz�ndung im Krankenhaus, und sein Zustand sei so ernst, dass Alexander sich auf �das Schlimmste� gefasst machen m�sse.</p><p>Alexander nickte, setzte ein Betroffenheitsgesicht auf, w�hrend er, innerlich jubelnd, den Urlaubsschein entgegennahm:</p><p>��Ich hoffe, Sie kommen noch rechtzeitig.</p><p>Am Morgen sa� Alexander in der Bahn. Eine fr�stelnde M�digkeit umgab ihn, aber er mochte nicht schlafen. Er sah aus dem Fenster, die Landschaft kam ihm, trotz der sp�therbstlichen Kargheit, bunt und �ppig vor, �berall war etwas zu sehen, D�rfer, K�he, B�ume, Menschen, die gelassen eine Stra�e entlanggingen. Er war ger�hrt von der Freundlichkeit des Schaffners, also von der Tatsache, dass er ihn nicht anbr�llte, sondern einfach nur um seine Fahrkarte bat, von der Freundlichkeit der Fahrg�ste, die es, und sei es nur aus Zerstreutheit, fertigbrachten, ihm den Vortritt zu lassen, die mit ihm sprachen, als w�re er ein v�llig normaler Mensch.</p><p>Die Fahrt dauerte � mit zweimal Umsteigen � lange. Vom Hauptbahnhof Potsdam aus fuhr man noch einmal zwanzig Minuten mit der Stra�enbahn bis in die barocke Potsdamer Altstadt, deren Hauptachse (benannt nach Klement Gottwald, dem M�rder Sl�nsk�s) jahrelang saniert worden war. Aber es gen�gte, wenige Schritte von der Hauptachse abzuweichen, und man befand sich in einer ganz normalen, das hei�t verfallenden Stra�e mit urspr�nglich h�bschen, zweist�ckigen Wohnh�usern, deren Fassaden nun grau und schwarz und vom aus l�cherigen Dachrinnen tropfenden Regenwasser gescheckt waren. Hier und da konnte man im Putz, sofern vorhanden, sogar noch Einsch�sse aus den letzten Kriegstagen erkennen.</p><p>Gutenbergstra�e sechzehn. Klingel funktionierte nicht. Die Haust�r war, wie so oft, abgeschlossen: Frau Pawlowski hatte Angst um ihre Katzen. Zum Gl�ck tauchte sie, mit Katzen, gerade am Fenster auf, erkannte Alexander nach kurzer Pr�fung, und obwohl sie ihn immer als Eindringling betrachtet hatte, gegen den Krieg zu f�hren war, erbarmte sie sich, nun da er in Uniform vor der Haust�r stand, deutete in Richtung Dachgeschoss und formte hinter dem Fensterglas den leicht von den Lippen abzulesenden Satz:</p><p>��Ick saach Bescheid!</p><p>Einige Augenblicke sp�ter drehte sich der Schl�ssel im Schloss, Christina erschien, ein bisschen zerzaust, mit hochgeschobenen �rmeln und einer Sch�rze um den Hals.</p><p>��Ach, sagte sie, einfach nur: Ach. Und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf hereinzukommen.</p><p>Er trottete hinterher, schnupperte den wohlbekannten Hausflurgeruch (halb Schimmel, halb Katzenpisse), betrachtete and�chtig das halbrunde Emaillebecken im oberen Flur, an dem sie ihr Wasser entnahmen, folgte Christina auf der krummen, knarrenden Treppe zum Dachboden, aus dem, vermittels zweier Lehmfachwerkw�nde, ein paar Kubikmeter herausgetrennt worden waren: das Mansardenzimmer, Christinas Mansardenzimmer, aber auch <emphasis>sein</emphasis> Mansardenzimmer, seine �Heimatadresse�, seit er vor fast einem Jahr hier eingezogen war (noch als Sch�ler und unter dem Protest seiner Eltern), und jetzt doch wieder Christinas Zimmer: Vom ersten Augenblick an f�hlte er sich wie zu Besuch. Anstatt sich, wie er es sich vorgenommen hatte, als Erstes die Uniform vom Leib zu rei�en und sie in die Ecke zu feuern, setzte er sich in einen der beiden Drehsessel, die einzigen Sitzgelegenheiten im Zimmer, und sah Christina zu, die mit hochgekrempelten �rmeln und fest um die Taille geschn�rter Sch�rze am K�hlschrank stand und Geschirr sp�lte, versuchte, ihre Stimmung zu erraten, beobachtete fasziniert, wie sie Teller abtropfen lie� und Tassen aufeinanderstapelte, wie sie, um frisches Sp�lwasser zu erw�rmen, den hohen Aluminiumtopf f�llte und den Tauchsieder einsteckte, und jede ihrer Bewegungen erschien ihm auf kaum zu ertragende Weise sinnlich.</p><p>��Willst du �n Kaffee, fragte Christina.</p><p>Alexander wollte keinen Kaffee.</p><p>Nachdem er sich umgezogen hatte (er nahm es als gutes Zeichen, dass seine Klamotten noch immer hier, in der Gutenbergstra�e, waren), fuhren sie mit der Bahn nach Neuendorf und statteten seinen Eltern einen Besuch ab. Irina, ein bisschen entt�uscht dar�ber, dass sie den Abend nicht bleiben, sondern noch auf den sogenannten <emphasis>Berg</emphasis> wollten (das hei�t, Christina wollte auf den <emphasis>Berg</emphasis>, Alexander h�tte sich lieber einen gem�tlichen Abend mit Christina gemacht, nahm es aber wiederum als gutes Zeichen, dass sie unbedingt tanzen gehen wollte: Sie sitze, so sagte sie, schon seit zwei Monaten allein in der Bude) � Irina also improvisierte ein �kleines� Abendbrot. Man a� zusammen, das hei�t, eigentlich a� nur Alexander: Irina, obgleich sie sich immer beschwerte, dass sie nie etwas mitbekam, verschwand gleich wieder in der K�che, um nur hin und wieder, Zigaretten rauchend, hereinzurauschen und kryptische Kommentare abzugeben; Kurt war es zum Abendessen noch zu fr�h (du wei�t doch, mein Magen!), und Christina stocherte ein bisschen in der Zwiebelsuppe, die Irina rasch gezaubert hatte � und nur Alexander, der au�er einem Mortadellabr�tchen nichts im Magen hatte, a�, stopfte ger�ucherte Schweinefilets und bulgarischen K�se in sich hinein, a� schlie�lich noch Christinas Zwiebelsuppe auf, w�hrend er dem Tischgespr�ch lauschte, das zwischen verschiedenen Themen m�anderte und, ausgehend vom allgegenw�rtigen Mangel in der DDR, in diesem Falle dem Mangel an Zwiebeln, auf die Erd�lkrise im Westen kam (wo, Gott sei Dank, auch nicht alles klappte) und von dort �ber den Jom-Kippur-Krieg und die ehemaligen Nazis in Nassers Armee zum �Krieg der Geschlechter� sprang (einem Film, der k�rzlich im Westfernsehen gelaufen war), um dann doch wieder in die real existierende Welt zur�ckzuspringen, n�mlich zu Christinas Bibliothek (wo man einen chilenischen Exilanten eingestellt hatte, der bei der Ermordung Victor Jaras dabei gewesen war) und schlie�lich, nach den unvermeidlichen Klagen �ber die Dummheit der Leser, zu irgendeinem politischen Handbuch, �ber das Christina und Kurt sich einvernehmlich am�sierten, weil der Name von Honeckers Vorg�nger in der Neuauflage <emphasis>vollst�ndig eliminiert</emphasis> worden war, nachdem er urspr�nglich auf beinahe jeder Seite gestanden hatte. Wie bei George Orwell, bemerkte Christina, die gerade George Orwell las, und als sie das sagte, verzog sich ihr Mund oder, genauer gesagt, eine Seite ihres Mundes, und zwar so, dass der Mundwinkel (und nur der Mundwinkel) zu einer fast beide Zahnreihen entbl��enden �ffnung aufklaffte, was ihr einen ironischen, kalten Ausdruck verlieh � wie immer, wenn sie �ber B�cher sprach, die Alexander nicht kannte. Dann stellte man fest, dass man sich bereits verquatscht hatte, Irina spendierte � <emphasis>Ausnahme Weise �</emphasis> ein Taxi, und erst als das Taxi schon da war, als Christina und Alexander die Steintreppe hinabstiegen und Irina und Kurt, einander umarmend, auf der Empore vor der Haust�r standen und ihnen mit dem jeweils �u�eren, freien Arm hinterherwinkten � da erst fiel ihnen Wilhelm ein, und man verabredete, dass die Eltern sie, zusammen mit Oma Charlotte, morgen gegen elf Uhr zum Besuch im Krankenhaus abholen w�rden.</p><p>��Ach, und zieh doch die Uniform an, rief Kurt Alexander noch hinterher.</p><p>Alexander blieb stehen.</p><p>��Uniform?</p><p>��Na ja, Wilhelm m�chte das gern.</p><p>��Das ist doch nicht dein Ernst, sagte Alexander.</p><p>Er schaute Kurt an. Dann Irina. Dann Christina. Ein paar Sekunden lang schwiegen alle. Dann sagte Alexander:</p><p>��Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich morgen die Uniform anziehe.</p><p>��Komm, so schlimm ist es nicht, sagte Christina.</p><p>��Ist vielleicht letzte Mal, sagte Irina.</p><p>��Ich versteh dich ja, sagte Kurt.</p><p>Aber er solle doch bedenken, dass er sonst (also ohne dass Wilhelm starb) gar keinen Urlaub bekommen h�tte. Und er k�nne sich doch im Auto umziehen. Und die Omi habe pers�nlich an seinen Regimentskommandeur telegrafiert. Und, Herrgott, bescheuert, ja, aber du wei�t doch, wie Wilhelm ist.</p><p>��Fahren wir jetzt oder machen wir Picknick, sagte der Taxifahrer.</p><p>Sie stiegen ein.</p><p>Vor dem <emphasis>Berg</emphasis> stand wie immer ein Pulk von Leuten, die allesamt keine Karten hatten. Eine Flasche Wodka ging um. Man wiegte sich zu der sich leicht �berschlagenden, durch Fenster und W�nde dringenden Musik, und gerade als Alexander und Christina ankamen, setzte das zweistimmige Gitarrenriff von <emphasis>No One to Depend On</emphasis> ein, traurig, schneidend, sch�n, ein Santana-Song, den die Delfine, wie es die Fans erwarteten, Takt f�r Takt, Ton f�r Ton, Seufzer f�r Seufzer nachspielten, so als st�nde Carlos Santana selbst auf der B�hne, und genauso originalgetreu kamen <emphasis>Fools</emphasis> von Deep Purple und sogar <emphasis>Hey, Joe</emphasis> in der Fassung von Jimi Hendrix her�ber, und in der ersten Pause �ffnete sich die T�r, und der T�rsteher stellte sich auf die Zehenspitzen und vollzog mit unbewegtem Gesicht das Ritual, das schlicht darin bestand, dass er seinen Zeigefinger �ber der Menge kreisen lie� und mit einem knappen <emphasis>Du, Du und Du</emphasis> drei oder vier Gl�ckliche bestimmte � ein Auswahlverfahren, das jeder <emphasis>Berg</emphasis>-Besucher kannte und akzeptierte, auch wenn � oder gerade weil?�� die Kriterien verschwommen blieben.</p><p>Christina hatte bei diesem Verfahren nie Schwierigkeiten gehabt. Sie erf�llte offenbar alle Voraussetzungen, um den Zeigefinger des T�rstehers auf sich zu lenken: ihre hellblonden Haare, ihre wasserblauen Augen, der schicke, rauchblaue Ledermantel, der, wie auch das knallkurze Acrylkleid, das sie unter dem nun absichtlich ge�ffneten Mantel trug, von ihrer im Westen lebenden Schwester stammte (beides unmittelbare Konsequenzen des Grundlagenvertrages zwischen der DDR und der BRD) � Christina kam sofort dran und zog Alexander hinter sich her, der auf diese Weise noch immer ganz selbstverst�ndlich mit durchgeschl�pft war.</p><p>Aber dieses Mal schob der T�rsteher den Arm zwischen ihn und Christina und sagte:</p><p>��Stopp.</p><p>��Der geh�rt zu mir, sagte Christina.</p><p>Aber Alexander, statt die � vielleicht ja wohlwollende � Entscheidung des T�rstehers abzuwarten, drehte sich um und ging.</p><p>Nun, nachdem er <emphasis>wieder mal alles versaut</emphasis> hatte, bestand Christina darauf, wenigstens noch ins Caf� Hertz zu gehen und ein Glas Wein zu trinken. Tats�chlich bekamen sie einen Platz, allerdings den bl�desten, im Gang gegen�ber der Kuchentheke, wo sie bei grellem Licht eine Flasche Rosenthaler Kadarka tranken, w�hrend Christina aus der Ferne alte Bekannte gr��te und hin und wieder jemand an ihren Tisch trat, sich �ber Alexanders Haarschnitt mokierte oder sich h�flich oder h�misch oder mitf�hlend nach seinem Befinden erkundigte, bevor er von einem genervten Kellner aufgefordert wurde, aus dem Gang zu treten � und zu alldem machte Alexander ein irgendwie passables Gesicht, versuchte Haltung zu wahren, sich nicht zu beklagen, nicht w�tend zu werden, nicht eifers�chtig (oder es wenigstens nicht zu zeigen) und keinesfalls von der Uniformfrage anzufangen � denn jetzt gab es nur noch ein Ziel, das er unter keinen Umst�nden gef�hrden wollte.</p><p>Auf dem Heimweg gelang es ihm sogar, so etwas wie gute Laune vorzut�uschen, er erinnerte Christina daran, wie sie das erste Mal � damals, im Kellermann-Haus � tanzen gewesen waren, wie er sie danach nach Hause und sie ihn zur Stra�enbahn und er sie wieder nach Hause und sie ihn wieder zur Stra�enbahn gebracht hatte, und Christina lie� es zu, dass er seine Hand um ihre H�fte legte, wie damals, er sp�rte die Bewegung ihrer H�ften, glaubte sogar, die aufregend grobe Textur des Acrylkleides unter dem Mantel zu ertasten, und stellte sich, w�hrend die Luft, die er einatmete, immer z�her wurde, alles M�gliche vor, Szenen am K�hlschrank, mit hochgeschobenem Kleid oder, weniger eilig, bei Plattenspielermusik und ged�mpfter Beleuchtung � aber als sie nach Hause kamen, war der Dauerbrandofen seit Stunden aus, die Zimmertemperatur war ann�hernd auf Au�entemperatur gesunken, Christina zog sich rasch und ohne Umst�nde aus und verkroch sich unter der Bettdecke, Alexander legte sich daneben, kam sich so unbeholfen vor wie beim ersten Mal, versuchte mechanisch und mit zunehmender Verzweiflung Christina zu erw�rmen, drang schlie�lich in sie ein und hatte, kaum dass er in sie eingedrungen war, einen ergiebigen, aber flachen Erguss.</p><p>Am Morgen unternahm er einen zweiten Versuch, noch schlaftrunken und mit dem Nachgeschmack von Alkohol und Zigaretten im Mund; sie rieben sich aneinander, ohne sich anzusehen, und brachten es, immerhin, mehr oder weniger zusammen zu Ende.</p><p>Alexander heizte den Dauerbrandofen an, stieg zwei Treppen zur Toilette hinab, brachte auf dem R�ckweg gleich Wasser mit und ging, w�hrend Christina Fr�hst�ck machte, noch einmal los, um Br�tchen von B�cker Braune zu holen. Sie l�ffelten ihre Fr�hst�ckseier, tranken, obwohl sie sich noch kein einziges Mal bei ihren Kosenamen genannt hatten, Kaffee aus ihren �Bonny-Tassen�, und Alexander fragte Christina, ob sie ihn noch liebte.</p><p>Statt zu antworten, fragte sie ihn, ob <emphasis>er sie</emphasis> noch liebte. Und dabei verzog sie den Mund, so wie sie ihn verzog, wenn sie von B�chern redete, die er nicht gelesen hatte, und Alexander kam der Gedanke, dass Christina vielleicht gar nicht so sch�n war, wie er immer geglaubt hatte. Dachte es � und erschrak noch nicht einmal dar�ber.</p><p>Um elf zog er, ohne ein Wort zu verlieren, die Uniform an, und sie stellten sich zusammen vor die Haust�r. Kurt und Irina kamen in ihrem neuen Lada, in dessen Fond Oma Charlotte sa�.</p><p>��Mein Junge, sagte die Omi.</p><p>��Na, siehst du, sagte Kurt.</p><p>��Er sieht aus wie deutsche Soldat, sagte Irina und wischte sich, bevor sie Gas gab, eine Tr�ne aus dem Auge.</p><p>Es roch nach fabrikneuem Kunstleder.</p><p>Die Borduhr des Lada 1300 zeigte vier Minuten nach elf.</p><p>Es war der 2.�Dezember 1973.</p><p>Alexander hatte noch f�nfhundertunddreizehn Tage zu dienen.</p></section><section><title><p><strong>2001</strong></p></title><p>Er hat gut geschlafen. Er will es Marion mitteilen � sie hatte wieder mal recht, denkt er, ohne ganz genau zu wissen, womit, aber wahrscheinlich schl�ft sie noch, er will sie nicht wecken. Er dreht sich noch einmal auf die Seite, zu Marion hin, zufrieden, dass sie da ist. Nur ist, als er die Augen �ffnet, die andere Seite des riesigen Doppelbettes leer.</p><p>Er zieht das unber�hrte Kissen an sich, zerknautscht es.</p><p>Immerhin hat er nicht geschwitzt diese Nacht, er hat kein Fieber, er leidet nicht unter Schmerzen oder �belkeit; in einem Internetcaf� hat er inzwischen die Symptome studiert, allesamt ziemlich unklar, <emphasis>unspezifisch,</emphasis> wie sie es nennen, doch eines l�sst sich nicht leugnen: dass die Lymphknoten, nach denen seine rechte Hand jetzt tastet, noch immer geschwollen sind.</p><p>Er nimmt die Ohropax aus den Ohren. Steckt sie, einer dummen Anwandlung folgend, unter das unber�hrte, jetzt zerknautschte Kissen. Steht auf.</p><p>Pr�ft, ob die Hunde tats�chlich noch da sind (positiv).</p><p>Putzt sich die Z�hne � neuerdings mit Mineralwasser, seit er im Internet gelesen hat, dass Non-Hodgkin-Lymphome mit einer h�heren Anf�lligkeit f�r Infekte verbunden sind. Und dann, wie ein Morgengebet, passiert auch der Text �ber die Lebenserwartung, den er im Internet gefunden hat, fast w�rtlich sein halbwaches Bewusstsein:</p><p><emphasis>Bezogen auf alle Non-Hodgkin-Lymphome, betr�gt die durchschnittliche F�nfjahres-�berlebenszeit f�r M�nner derzeit 62�Prozent, f�r Frauen 66�Prozent. Bei diesen Zahlen handelt es sich um Durchschnittswerte. Darin enthalten sind sehr viele Patienten, die zehn Jahre und l�nger �berlebt haben. Aus den Durchschnittswerten auf die individuelle �berlebenszeit R�ckschl�sse ziehen zu wollen hat deshalb keinen Sinn. Die Chancen auf ein m�glichst langes �berleben steigen, wenn Patienten f�r eine gesunde Lebensweise sorgen.</emphasis></p><p>Alexander f�hrt mit dem Fahrstuhl f�nf Stockwerke abw�rts. Neuerdings fr�hst�ckt er im Hotel. Statt fetter, un�bersichtlicher Pampe im Caf� gegen�ber r�hrt er sich ein M�sli zusammen, es gibt hier Joghurt und Fr�chte und mehrere Sorten Getreideflocken, wenngleich allesamt ger�stet oder kandiert. Es gibt sogar Vollkornbrot, beinahe wie in einem Hotel in Europa. Alexander tut sich von allem auf, entschlossen, keine Appetitlosigkeit zu dulden.</p><p>Er setzt sich ans gro�e Fenster. Nach einer Weile kommen die beiden Schweizerinnen � er hat sie im Hotel kennengelernt. Er wei� nicht genau, ob er w�nscht, dass sie sich zu ihm setzen, aber die Frage ist schon entschieden, bevor er sich dar�ber klargeworden ist. Drei Tage einer fl�chtigen, obendrein perspektivlosen Bekanntschaft reichen offenbar aus, um Verpflichtungen erwachsen zu lassen.</p><p>�brigens ist nichts gegen die beiden einzuwenden. Sie hei�en Kati und Nadja. Sie sind noch nicht drei�ig. Sie tragen Flip-Flops. Und reisen gerade um die Welt. Sie waren, wie sich herausgestellt hat, schon zwei Monate in Afrika, dann in Brasilien, Argentinien, Feuerland, Chile, Peru, Ecuador und noch irgendwo. Jetzt sind sie eine Woche in Mexico City, <emphasis>De-Effe</emphasis>, wie sie fachkundig sagen, irgendwo unterwegs haben sie auch einen Sprachkurs gemacht. Von DF aus fahren sie mit dem Bus nach Oaxaca, von dort weiter nach San Crist�bal de las Casas oder Palenque (die Reihenfolge wei� er nicht mehr genau), jedenfalls: Wenn sie mit Mexiko fertig sind, werden sie nach Sydney fliegen, um mit dem Van den S�dosten � oder war es der Nordwesten?�� Australiens �unsicher zu machen�, wie sie sagen, dann nach Neuseeland, um die Kiwis kennenzulernen, und schlie�lich nach Bangkok, von wo aus sie, falls sie nicht � einer Empfehlung ihres <emphasis>Backpackers</emphasis> folgend � noch einen Abstecher ins Mekong-Delta machen, nach Europa zur�ckkehren wollen.</p><p>Sie haben einen <emphasis>Round-the-world-Backpacker,</emphasis> wo alles drinsteht. Anhand dessen planen sie jeden Morgen die bevorstehende Tour. Gestern haben sie den Chapultepec-Park und das Anthropologische Museum besichtigt, und Alexander hat sich �berreden lassen, sich ihnen anzuschlie�en, weil, wie der <emphasis>Backpacker</emphasis> zu berichten wei�, das Anthropologische Museum in Mexico City zu den besten Museen der Welt geh�rt, aber vielleicht auch, weil er sich von den Frauen angezogen f�hlt � und abgesto�en: beides.</p><p>Es gibt, wie gesagt, nichts gegen die beiden einzuwenden. Kati, die jetzt als Erste an seinen Tisch kommt, ist eine nette, intelligente Person, jeder hier im Hotel w�rde sie wahrscheinlich als sch�n bezeichnen, und tats�chlich w�re es nicht �berzeugend, ausgerechnet das strahlend wei�e, ein wenig zu viel Zahnfleisch entbl��ende L�cheln als Gegenbeweis anf�hren zu wollen oder die �lig gl�nzenden, sauber enthaarten und, Herrgott, ein wenig gekr�mmten Schienbeine, die unter ihrem braunen Glockenrock hervorschauen.</p><p>��Hello, sagt Kati und setzt sich zu seiner Linken an den quadratischen, wei�gedeckten Tisch.</p><p>Sie spricht laut und rei�t im Moment, als sie Alexander begr��t, die Augen auf. Im krausen, frischgewaschenen schwarzen Haar tr�gt sie einen wei�en, ihre Stirn umschlie�enden Reif � wie ein Hygieneartikel, der das Fr�hst�ck vor Haaren bewahren soll. Das Sonnen�l, das sie reichlich benutzt, ist noch nicht ganz eingezogen, und an dem hauchfeinen Schorf an der Nasenwurzel sieht man, dass sie die Stelle zwischen den gezupften Augenbrauen einzucremen vergessen hat.</p><p>��Und, wohin soll es heute gehen? fragt Alexander, bef�rchtet aber sogleich, seine Frage k�nnte nahelegen, er wolle sie auch heute begleiten.</p><p>��Wahrscheinlich zu Frida Kahlo, sagt Kati. Warst du schon da?</p><p>��Nee, sagt Alexander und versucht, desinteressiert zu wirken.</p><p>��Und Trotzki ist ja auch gleich da irgendwo in der N�he, sagt Kati.</p><p>Jetzt kommt Nadja an den Tisch. Nadja ist etwas kleiner, �berhaupt etwas �weniger� als ihre Freundin, hat weniger wei�e, aber daf�r wahrscheinlich echte Z�hne und eine weniger eindeutige Haarfarbe. Daf�r tr�gt sie ein pinkfarbenes, tief ausgeschnittenes Top mit einer un�bersichtlichen, an Bondage erinnernden Tr�gerkonstruktion. Aber trotz dieser Auff�lligkeiten verschwimmt sie irgendwie, ihre Bewegungen sind schleichend, sie schl�pft lautlos zwischen Stuhl und Tischplatte, der Gru�, der aus ihrem Mund herausweht, ist kaum mehr als ein Lufthauch, und ihr Blick huscht �ber Alexander hinweg � man wei� nicht, ob ignorant oder verstohlen. Irgendwie wundert es ihn, dass Nadja Kommunikationswissenschaft studiert. Au�erdem studiert sie Germanistik, Psychologie, Indologie und ein bisschen Gesang (genau hat er das nicht verstanden), w�hrend Kati �nur� Jura, Politik und BWL-Touristik studiert, genauer gesagt: studiert hat.</p><p>��Was meinst du, fahren wir heute zu Frida Kahlo? fragt Kati in Richtung Nadja.</p><p>Nadja zupft an ihrem st�ndig verrutschenden Tr�gersystem, w�hrend ihr so etwas wie ein Schulterzucken unterl�uft.</p><p>��Trotzki, erkl�rt Kati, ist auch gleich da in der N�he.</p><p>��Trotzki? Nadja zieht die Oberlippe bis unter die Nase.</p><p>Kati f�llt etwas ein:</p><p>��Trotzki war doch auch Kommunist. Wie deine Gro�mutter.</p><p>Ungl�cklicherweise hat Alexander den beiden von Charlotte erz�hlt. Die Tatsache, dass seine Gro�eltern Kommunisten waren, hat Kati mit einem tonlosen �Oh� quittiert, als habe sie versehentlich eine besetzte Toilette betreten. Jetzt findet sie es jedoch interessant:</p><p>��Vielleicht kannten die sich ja?</p><p>��Kaum, sagt Alexander.</p><p>Er k�nnte jetzt von Wilhelm erz�hlen. Von den Spekulationen um Wilhelms Geheimdienstt�tigkeit, die Wilhelm immer dementierte, gleichzeitig aber zu sch�ren verstand, indem er, wenn es zum Beispiel um Trotzki ging, ein Gesicht machte, als ob es irgendetwas zu verheimlichen g�be, wenngleich er wahrscheinlich erst kurz vor Trotzkis Ermordung, falls nicht �berhaupt erst danach, in Mexiko eingetroffen war. Aber auch dar�ber gab es keine gesicherten Angaben. Er k�nnte auch erz�hlen, dass er, Alexander, im Haus seiner Gro�eltern einmal einem leibhaftigen Trotzki-Attent�ter begegnet sei � und komischerweise stimmte dies tats�chlich, auch wenn er erst zwanzig Jahre nach dem DDR-Besuch jenes mexikanischen Malers, Alfaro Siqueiros, erfahren hat, dass dieser nicht einfach wegen seiner �engagierten Kunst� und seines �Einsatzes f�r die Sache der Arbeiterklasse� in Mexiko im Gef�ngnis sa�, sondern weil er versucht hatte, Leo Trotzki mit einer Maschinenpistole umzubringen, wobei er sein Opfer unbegreiflicherweise verfehlte, obgleich er mitten in dessen Schlafzimmer stand.</p><p>Das k�nnte er sagen, sagt es aber nicht. Er holt sich noch etwas Toast und Kaffee und jetzt doch ein Fr�hst�cksei. Sp�rt, als er wieder am Tisch ankommt, dass die beiden �ber ihren Tagesablauf entschieden haben � und fragt nicht danach. Fragt nicht und wird nicht gefragt. Ist jetzt doch ein bisschen gekr�nkt. Und �rgert sich dar�ber.</p><p>Eine Stunde sp�ter sitzt er in der Metro. Nach seiner Zeitrechnung ist es Sonntag, aber von sonnt�glicher Ruhe ist nichts zu sp�ren: Die Metro scheint noch voller zu sein als sonst, die Leute sind aufgekratzt, manche tragen bunte Kost�me und mexikanische Flaggen. Ist das �blich, sonntags in Mexiko? Er muss einmal umsteigen nach <emphasis>Indios Verdes</emphasis>. Hier, am Rande eines riesigen Bus-Terminals, steht ein klappriger Bus mit einer wegen ihrer Gr��e sicherheitstechnisch bedenklichen Nationalflagge hinter der Frontscheibe und einem handgemalten Schild: <emphasis>Teotihuac�n</emphasis>.</p><p>Der Fahrer wartet, bis der Bus voll ist. Dann, schon w�hrend der Fahrt, geht ein junger Mann durch den Gang und kassiert, ohne Fahrscheine auszugeben, von jedem Fahrgast drei�ig Pesos.</p><p>Der Bus f�hrt durch Vorst�dte oder Vor-Vorst�dte, mit denen verglichen der Stadtteil, in dem die Jungs ihm das Geld abgenommen haben, wohlhabend genannt werden muss: Ameisenh�gel, graue Schachteln, nebeneinander aufgestapelt. Zwischen dem Wohngebiet und der Ausfallstra�e: Stacheldraht. Er versteht nicht, ob die Menschen am Hineingehen oder am Hinausgehen gehindert werden sollen.</p><p>Es ist weiter, als er es sich vorgestellt hat. Was hat er sich vorgestellt? Der Bus rollt jetzt durch eine steppenartige Landschaft. Zivilisationsm�ll. Kakteen, in denen sich bunte Plastikt�ten verfangen haben.</p><p>Er erinnert sich an ein Foto, winzig klein und schwarzwei�: seine Gro�mutter vor der Sonnenpyramide von Teotihuac�n. Eigentlich ist fast nichts zu erkennen. Eine Kaktee, glaubt er, war mit im Bild. Seine Gro�mutter, glaubt er, stand daneben, in heller Kleidung, weitem Rock, die Bluse bis oben zugekn�pft, sehr artig, zivilisiert, ein bisschen wie die wei�e Frau in <emphasis>King Kong</emphasis>, und hinter ihr, schwarz, silhouettenhaft: die Pyramide. Damals, als seine Gro�mutter ihm von der verlassenen Stadt erz�hlte, in deren Mitte die Pyramide steht, hat er sich, so glaubt er, die Stadt so vorgestellt wie morgens den Weg zum Kindergarten: leere Stra�en, Dunkelheit, die Gaslaternen leuchten noch, und der schm�chtige Mann, der morgens und abends mit dem Fahrrad durch Neuendorf f�hrt und mit einem langen, hakenbewehrten Stab die Gaslaternen entz�ndet oder l�scht, steht auf geheimnisvolle Weise mit jenem kleinen, h�sslichen Gott in Verbindung, der sich auf der H�he der Pyramide ins Feuer st�rzt, um als neue Sonne �ber der Erde aufzuerstehen.</p><p>Jetzt ist er froh, dass er allein unterwegs ist. Das Museum gestern hat ihn beengt. Offenbar, denkt er, vertr�gt er keine Museen, selbst nicht die besten der Welt: Vielleicht ist es Zeit, das zuzugeben? Die F�lle erdr�ckt ihn, die Vielzahl, die Menge. Er wei� nicht, ob er die Geduld der beiden Schweizerinnen bewundern soll. Auch er hatte sich, ihrem Vorbild folgend, einen Audiof�hrer geliehen, hatte eine Zeitlang versucht, den Informationen und Anweisungen zu folgen, und das Ger�t dann entnervt abgeschaltet, um zwei Stunden in einem Zustand vollkommener Haltlosigkeit zwischen Massen von Ausstellungsst�cken und Besuchern umherzuirren. Noch nicht einmal der aztekische Kalenderstein, den er von Wilhelms silbernen Manschettenkn�pfen her kannte und der pl�tzlich riesenhaft und steinern vor ihm auftauchte, konnte ihn aus seinem Zustand erwecken.</p><p>Danach verbrachten sie eine Stunde im Chapultepec-Park. Alexander setzte sich auf eine Bank, und die beiden Frauen, die im Museum immerzu und in einer Art, die ihn w�tend gemacht hatte, miteinander getuschelt und sich �ber irgendetwas am�siert hatten, legten sich auf die Wiese und schliefen sofort ein. Sp�ter, als sie in einem Caf� sa�en, suchte Alexander eine Gelegenheit, das Gespr�ch noch einmal auf das Museum zu lenken, nur um den beiden, aber vor allem sich selbst, zu beweisen, dass nichts von dem dort Gesehenen und Geh�rten bei ihnen h�ngengeblieben war, dass sie alles, davon war er �berzeugt, innerhalb von zwanzig Minuten wie einen Rausch aus sich herausgeschlafen hatten � aber die Frage, die ihm einfiel, n�mlich ob die Azteken an eine Art Paradies geglaubt h�tten, konnten die Frauen dann doch einigerma�en beantworten: Die Azteken, so war im Audiof�hrer gesagt worden, glaubten durchaus an ein Paradies, und Einlass in dieses Paradies erlangten die im Kampf Gefallenen, die auf dem Altar Geopferten und � waren es Kinder, wie Kati meinte? Oder, wie Nadja sich zu erinnern glaubte, im Kindbett gestorbene Frauen?</p><p>An der Paradiesfrage hatte sich ein Gespr�ch �ber die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Jenseitsvorstellungen und schlie�lich von Religionen �berhaupt entsponnen, wobei sich herausstellte, dass Kati und Nadja nicht nur �ber fast alle Religionen der Welt irgendwie ein bisschen Bescheid wussten, sondern sogar mehrere selbst praktizierten oder praktiziert hatten: Kati hatte wochenlang in einem Ashram gelebt, besuchte in der Schweiz regelm��ig eine tibetische Buddhismus-Schule, f�hrte aber auch ein Bildchen der Jungfrau Maria in ihrer Reisetasche mit; Nadja verehrte, wie Kati, den Dalai-Lama, hatte sich auf Haiti mit Voodoo-Zauber besch�ftigt, besuchte im �brigen Tantra-Kurse, glaubte an die Heilkraft von Bergkristallen und hielt es, wie auch Kati, nicht f�r vollkommen unm�glich, in Wirklichkeit Botschafterin einer au�erirdischen Zivilisation zu sein.</p><p>Erstaunlich, wie leicht ihnen das alles �ber die Lippen ging, wie m�helos und selbstverst�ndlich sie das alles zusammenbrachten, wie luftig, wie schwerelos diese neue Weltreligion war, wie ein rasch hingeworfenes Aquarell, denkt Alexander und erinnert sich, w�hrend er im Bus nach Teotihuac�n sitzt, an seine eigene, schwierige, verr�ckte, gewaltsame Begegnung mit <emphasis>ebenjenem</emphasis>, damals, in diesem Winter, dem Jahrhundertwinter, als alles zerbrach und die V�gel � buchst�blich � vom Himmel fielen. Er versucht sich zu erinnern: an den Moment, als <emphasis>es</emphasis> � ja, was eigentlich?�� ihn ber�hrte oder sich ihm zuwandte oder sich zu erkennen gab? Er wei� es nicht mehr. Der Moment entzieht sich der Erinnerung, er erinnert sich nur an das Davor und an das Danach, er erinnert sich, wie er tagelang (tagelang?) auf den Dielen irgendeiner Abrissbude gelegen und ohnm�chtig verfolgt hatte, wie der Schmerz ihn inwendig ausfra�; an Dunkelheit erinnert er sich; an seine wundgelegenen H�ftknochen � und er erinnert sich an das Danach, an ein Gef�hl der Erl�sung, der Einsicht, er erinnert sich daran, wie er eines Morgens mit dem lauwarmen Aschekasten in der Hand in den Hinterhof trat, wie er dort stand und aufschaute und wie er es sah: dort oben, im schwarzen Ge�st einer Hinterhofpappel.</p><p>K�rperchemie? Heller Wahnsinn? Oder der Moment der Erleuchtung? Tagelang war er danach mit dem L�cheln eines Verz�ckten durch die Stra�en gegangen, jede rostige Laterne war ihm wie ein Wunderwerk erschienen, der blo�e Anblick der gelben Bahnen, die auf der Hochstrecke �ber der Sch�nhauser ratterten, hatte Gl�cksgef�hle ausgel�st, und in den Augen der Kinder, die ihm, dem L�chelnden, ungehemmt ins Gesicht schauten, hatte er es mehr als einmal gesehen: das, wof�r ihm, dem atheistisch Erzogenen, kein Wort zur Verf�gung stand.</p><p>Besteht seine S�nde im Hochmut? Besteht sie darin, dass er tats�chlich geglaubt hat, nun ein f�r alle Mal und gegen alles gefeit zu sein? Oder besteht sie darin, dies alles irgendwann verdr�ngt und verleugnet zu haben? Ist es Reue, was ihm abverlangt wird? Soll er lernen, die Botschaft endlich anzuerkennen? Den Namen zu nennen, der den beiden Schweizerinnen so leicht �ber die Lippen geht?</p><p>Auf dem Parkplatz vor der Stadt Teotihuac�n stehen mehr Autos und Autobusse, als Alexander erwartet, mehr, als er bef�rchtet hat. Schubweise spazieren die Ankommenden an den Souvenirl�den vorbei zum Eingang. Eintrittskarten werden gekauft. Es ist hei� und staubig. Langsam zieht die Touristenkarawane die <emphasis>Stra�e der Toten</emphasis> entlang � die Hauptverkehrsachse der einstigen Stadt. Eine Stra�e mit Stufen: Die Azteken kannten kein Rad. Infolgedessen verkehrt auf der breiten, glattgepflasterten Magistrale bis heute nichts, was R�der hat. Selbst die Souvenirverk�ufer, die links und rechts in der prallen Sonne stehen, tragen ihre sp�rliche Ware hierher, bieten sie auf leichten Klapptischen an, beh�ngen sich damit oder bef�rdern sie in kleinen Bauchl�den.</p><p>Einer der Verk�ufer spricht Alexander an, begleitet ihn ein paar Schritte. Der Mann ist klein, nicht mehr jung. Seine Fingern�gel sind schwarz wie die kleinen Obsidian-Schildkr�ten, die er verkauft. Obsidian � das Gestein, aus dem einst die Messer der Priester gemacht waren, die den Geopferten bei lebendigem Leibe das Herz aus den Rippen schnitten. Alexander nimmt die Schildkr�te in die Hand, nicht um sie zu betrachten, eher um zu erfahren, wie sich Obsidian anf�hlt. Der Mann redet auf ihn ein, versichert, die Schildkr�te mit eigenen H�nden hergestellt zu haben, setzt den Preis herab � von f�nfzig auf vierzig Pesos: vier Dollar. Alexander kauft die Schildkr�te.</p><p>Dann steht er vor der Sonnenpyramide, ziemlich genau an dem Punkt, wo seine Gro�mutter vor sechzig Jahren gestanden haben muss, und fragt sich, was er eigentlich erwartet hat. Ist er tats�chlich so dumm gewesen, zu hoffen, dort oben, ganz auf dem Gipfel, w�re es leer? Dort k�nnte man, auch nur einen Augenblick, mit den Steinen allein sein? Er erinnert sich nicht. Er steht da, starrt auf die Pyramide. Seine Hand umschlie�t den Panzer der Schildkr�te wie den Knauf eines Messers. Dann, bevor die Verzweiflung ihn �berw�ltigt, st�rmt er los. Abwechselnd tauchen vor seinen Augen die braunen Wanderschuhe auf, einer staubig, einer geputzt�� zweihundertachtundvierzig Stufen glaubt er im <emphasis>Backpacker</emphasis> gelesen zu haben, die drittgr��te Pyramide der Welt. Er z�hlt nur den geputzten Schuh. Er muss es schaffen, ohne abzusetzen, wenigstens das. Aber die Stufen, die dieses Indianervolk gemauert hat, versto�en eindeutig gegen die Deutsche Industrienorm. Er sp�rt, dass er es zu schnell angeht. Er wei�, was in seinem K�rper passiert: Irgendwann steigt die Lactatkonzentration in der Muskulatur. Der Schmerz in den Oberschenkeln nimmt zu, bei gleichzeitiger Erm�dung. Eine Zeitlang k�mpft er dagegen an, als k�nnte er die K�rperchemie �berlisten. Er wird langsamer. Sein Herz dr�hnt bis in den Kopf hinein. Das Lungenvolumen scheint nicht mehr auszureichen. Er hat sechsundneunzig geputzte Schuhe gez�hlt. Als der Husten einsetzt, gibt er auf, muss sich setzen.</p><p>Den Kopf in die H�nde gest�tzt, betrachtet er die por�sen grauen Gesteinsquader, aus denen die Treppe gemauert ist. Links und rechts steigen die Leute vorbei, die er eben �berholt hat. Frauen in Flip-Flops. Eine Frau in Plateauschuhen, eine andere sogar in roten High Heels. Dann wieder Flip-Flops, zwei Paar, die bedrohlich auf ihn zusteuern: ein Paar schwarz, ein Paar pink��</p><p>Zuerst bleibt Schwarz stehen, sorgf�ltig enthaarte Schienbeine, �lig gl�nzend, ein wenig gekr�mmt.</p><p>��Du hast ja eine Wahnsinnskondition, sagt Kati.</p><p>��Ich denke, ihr wolltet zu Trotzki, sagt Alexander.</p><p>��Die Stadt ist zu voll, sagt Kati. Heute ist Nationalfeiertag.</p><p>Beide, sogar Nadja, scheinen nun doch erfreut zu sein �ber die zuf�llige Begegnung. Offenbar rechnen sie damit, dass Alexander sie nach oben begleitet, und sind verbl�fft, fast gekr�nkt und dann sogar ein wenig besorgt, als er nicht mitkommen will.</p><p>��Ist dir nicht gut, hast ein Problem?</p><p>��Nein, sagt Alexander. Ich warte hier.</p><p>Er bleibt auf den Stufen sitzen, sieht zu. Sieht zu, wie Leute an ihm vorbeisteigen: Leute in Basecaps, Leute in frisch gekauften Sombreros, Leute in kurzen Hosen. Leute mit Rucks�cken und Fotoapparaten, fette Leute in grellen T-Shirts, Leute auf allen vieren, schwitzende Leute, Leute mit Kindern, die kleine mexikanische F�hnchen tragen (Nationalfeiertag), M�nner mit Goldkettchen, ein �lterer Herr mit einem Wanderstock, Leute, die laut amerikanisch sprechen, Leute, �ber die sich einfach nichts sagen l�sst, blasse junge M�nner mit Dreitageb�rten, kakaobraune M�nner in blumigen Hemden, eine Frau mit Schal, ein junger Mann mit Rastalocken und einer Ananas, eine Gruppe japanischer M�nner in Anz�gen, schlanke M�dchen in knappen Shirts, bei denen ein St�ck Bauch herausguckt, dicke M�dchen in knappen Shirts, bei denen ein St�ck Bauch herausguckt, sie alle steigen, wanken, kriechen, klettern, marschieren, trippeln, kraxeln hinauf zu dem <emphasis>Ort, wo man Gott wird</emphasis>, Teotihuac�n, und kommen wieder herunter: �u�erlich unver�ndert.</p><p>��Und wie war�s, fragt Alexander.</p><p>��Wahnsinn, sagt Kati. Der Blick.</p><p>Sie steigen gemeinsam ab. Sie gehen die <emphasis>Stra�e der Toten</emphasis> noch bis zum Ende. Nadja liest aus dem <emphasis>Backpacker</emphasis> vor (in Kurzform und auf Englisch ist es die Geschichte vom Gott, der sich opfert, um als Sonne der f�nften Welt wiederaufzuerstehen) und kauft sich in einem der gro�en Souvenirl�den am Ausgang eine schwarze, grausig aussehende Obsidian-Maske, die sie an haitianische Voodoo-Masken erinnert.</p><p>Kati kauft sich eine Halskette aus Obsidian, passend zu ihren dunklen Haaren.</p><p>Auch Schildkr�ten aus Obsidian werden angeboten. Unauff�llig, ohne dass die Frauen es sehen, stellt Alexander seine Schildkr�te zu den anderen: den Hunderten, die hier auf den Verkaufstischen herumstehen.</p><p>Sie kosten f�nfundzwanzig Pesos.</p></section><section><title><p><strong>1976</strong></p></title><p>Wenn Irina den Ursprung jener Aprikosen h�tte erkl�ren sollen, die sie am Vormittag des Weihnachtstages in W�rfel schnitt, um sie, zusammen mit anderen Fr�chten, zur F�llung ihrer Klostergans zu verarbeiten, so h�tte sie mit der Geschichte vom Fu� beginnen m�ssen.</p><p>Schon oft hatte Kurt diese Geschichte erz�hlt � Irina wusste kaum noch, wann sie sie zum ersten Mal geh�rt hatte � , die Geschichte davon, wie der Ast eines fallenden Baumes Kurt im Herbst 1943 den Fu� zerschlug und wie der junge Leutnant Sobakin ihm das Leben gerettet hatte, indem er daf�r sorgte, dass Kurt, ohnehin am Ende seiner Kraft, nicht auf die Krankenstation kam (wo die Brotrationen noch knapper waren), sondern eine Zeitlang als Nachtw�chter an den rund um die Uhr beheizten Teer�fen arbeiten konnte � eine Besch�ftigung, die zudem noch lukrativ war, weil ganz in der N�he ein Kartoffelfeld lag. Sp�ter, nachdem Kurts Strafe in �ewige Verbannung� umgewandelt worden war, spielten er und Sobakin, inzwischen Hauptmann, in einem B�ro der Lagerverwaltung Schach, f�hrten, wie Kurt berichtete, ungew�hnlich freim�tige Diskussionen �ber Gerechtigkeit und Sozialismus, befreundeten sich � und entzweiten sich wieder, als sich beide in dieselbe Frau, n�mlich in sie, Irina Petrowna, verliebten. Damals war sie Zeichnerin im Projektierungsb�ro gewesen.</p><p>Nach dem Umzug in die DDR verloren sie Sobakin aus den Augen. Er verwandelte sich in eine anekdotische Figur, eine Figur aus einer fernen, abgeschnittenen, unwirklicher werdenden Welt � bis Kurt an einem hei�en Tag dieses Jahres gegen halb vier nachmittags einen Anruf aus dem Ministerium f�r Staatssicherheit bekam und von einem aufgeregten Anrufer gefragt wurde, ob er derjenige Kurt Umnitzer sei, der von 1941 bis 1956 in Slawa, Nord-Ural, gelebt habe: Ein sowjetischer General wolle ihn sprechen.</p><p>Sobakin hatte ungef�hr einhundert Kilo zugenommen, erdr�ckte Irina beinahe vor Freude �ber das Wiedersehen, war gl�cklich wie ein Kind �ber Kurts wissenschaftliche Karriere (habe er Kurt nicht immer schon <emphasis>umniza �</emphasis> russisch so viel wie �Schlaukopf� � genannt?), soff, wie selbstverst�ndlich im falschen, n�mlich in Kurts Sessel sitzend, eine Flasche Wodka aus, erz�hlte eine Menge Wunderliches �ber den kommenden Weltkrieg, den er f�r eine ausgemachte Sache hielt, und schlug beim Abschied versehentlich eine tellergro�e Beule in das Dach des fast noch ganz neuen Lada.</p><p>Sei es wegen dieser Beule im Dach des fast noch ganz neuen Lada, sei es wegen der Frage der Gerechtigkeit und des Sozialismus oder aus irgendeinem anderen Grund � zwei Monate sp�ter brachte der Postbote ein gro�es Paket in den Fuchsbau, schwer wie ein Ziegelstein, das nichts anderes enthielt als schwarzen russischen Kaviar.</p><p>Den geringsten Teil dieses Kaviars verzehrten Kurt und Irina selbst (ihr Kaviarappetit hielt sich in Grenzen, denn obwohl es in Slawa kaum ausreichend Lebensmittel gegeben hatte, war dort, ausgerechnet im Sommer nach Stalins Tod, ein ganzer G�terwaggon schwarzen Kaviars angekommen, �auf Zuteilung�, wie es hie�, und Kurt und Irina hatten sich derart an Kaviar �berfressen, dass Irina eine Art anaphylaktischen Schock erlitt und danach monatelang in der Angst lebte, das Kind, das sie unmittelbar nach Stalins Tod gezeugt hatten, durch �berm��igen Kaviarverzehr gesch�digt zu haben) � den geringsten Teil also verzehrten sie selbst; einen gr��eren Teil boten sie � typischerweise nach ausschweifenden Partys � Freunden zum Sektfr�hst�ck an; der gr��te Teil des Sobakin�schen Kaviars jedoch ging als Schmier- und Zahlungsmittel in den undurchsichtigen Kreislauf der unter Ladentischen und in Hinterzimmern gehandelten Waren ein.</p><p>In der Galerie am Stern erstand Irina gegen Zuzahlung von Kaviar mehrere St�cke der begehrten Waldenburg-Keramik, Ofenbrand mit br�unlichen Flugascheresten, die sie wiederum als Schmiermittel beim Erwerb von Dachfenstern verwendete; einen Teil der Dachfenster, die sie selbst nicht ben�tigte, brachte sie mit dem Pkw-Anh�nger nach Finsterwalde und tauschte sie dort gegen etwas breitere Dachfenster (100�cm) ein, welche alsbald Fischer Eberling aus Gro�zicker auf R�gen abholte und daf�r eine Kiste Aal hinterlie�, den er � nat�rlich illegal � in einer hinter der Garage versteckten Kammer ger�uchert hatte.</p><p>Zwei dieser Aale verspeiste Nadjeshda Iwanowna, die erst k�rzlich in der DDR eingetroffen war und ihre Anspruchslosigkeit unter Beweis stellen wollte (Esst ihr mal das gute Brot, f�r mich sind die Schlangen gut genug); drei Aale hob Irina f�r Sascha auf, der sie allerdings, wie er sagte, �aus Respekt vor dem Lebenswillen dieser Tiere� nicht essen wollte (fr�her hatte er immer Aal gegessen!); drei R�ucheraale bekam der Fleischer, der Irina die ber�hmten �blinden Pakete� packte, deren Inhalt (aus Rumpsteaks, ger�ucherten Schweinefilets oder gekochtem Schinken bestehend) den anderen Kunden nicht offenbart werden durfte; drei bekam der Autoschlosser; einen der Buchh�ndler; und zwei schlie�lich eine ehemalige Kollegin, aus deren v�terlichem Kleingarten jene getrockneten Aprikosen stammten, au�erdem Quitten und dickschalige Winterbirnen, die Irina sch�lte und w�rfelte und zusammen mit den schon eingeweichten Aprikosen sowie halbierten Feigen aus dem Russenmagazin, Rosinen (die sie anstelle von Weintrauben benutzte), Esskastanien (die sie eigenh�ndig auf den Caputher H�geln gesammelt hatte) und etwas strunkigen, deshalb feingeschnittenen Kuba-Orangen (die sie schlicht und einfach im Laden gekauft hatte!) in eine Pfanne gab, in reichlich Butter and�nstete, mit armenischem Kognak abl�schte und als F�llung in ihre Weihnachtsgans stopfte, die sie nach einem dreihundert Jahre alten Rezept zubereitete und die, weil das Rezept angeblich von burgundischen M�nchen stammte, <emphasis>Burgundische Klostergans</emphasis> hie�.</p><p>Obwohl die Gans gut f�nf Kilo wog, �berfiel Irina, als sie das ausgenommene, gewaschene, gesalzene, angestochene und gef�llte Tier in den Ofen schob, die schreckliche Frage, ob es f�r alle reichen w�rde. Sie rechnete die Personen zusammen, es waren sieben: Au�er Charlotte und Wilhelm war in diesem Jahr noch ihre Mutter dabei; und Sascha kam mit seiner Neuen.</p><p>Irina beschloss, auch die Innereien zu braten: Herz, Magen, Leber. Gew�hnlich briet sie die Innereien erst am n�chsten Tag und verzehrte sie zusammen mit den aufgew�rmten Resten der Gans im Laufe der Weihnachtsfeiertage � ein Hochgenuss! Irina liebte die bissfesten Magenw�nde und den s��lichen Lebergeschmack, wohingegen Kurt Innereien verabscheute, ebenso das Abnagen von Knochen; und auch Aufgew�rmtes sch�tzte er nicht, wenngleich er es nicht zugab. Aber sie kannte ihn: Er a� nicht gern an zwei Tagen das Gleiche.</p><p>Irina schnitt die Innereien in Portionsh�ppchen, w�rzte sie kr�ftig mit Pfeffer, warf sie in eine Pfanne mit hei�em Kokosfett und lie� sie auf kleiner Flamme brutzeln, w�hrend sie den Bratenfond vorbereitete, das Eigentliche, Wichtigste an der Klostergans: ein Gemisch aus Kognak, Honig und Portwein, das der Gans eine s��e, halb aus Honig, halb aus Fruchtzucker bestehende, pechschwarze Kruste verlieh.�� Nicht schlecht, wie die M�nche in diesem Burgund gelebt hatten. Wo war eigentlich Burgund?</p><p>Abgesehen von der burgundischen Gans war die K�che am Weihnachtstag deutsch. Au�er Rotkohl und Gr�nkohl gab es noch Th�ringer Kl��e (die komplizierteste aller Klo�varianten), Kartoffeln f�r Kurt, der keine Kl��e a�, au�erdem einen deftigen Rettichsalat als Vorspeise, rote Gr�tze als Nachspeise und selbstgebackenen Weihnachtsstollen zum anschlie�enden Kaffee � und das alles im �berfluss, denn nichts verabscheute Irina mehr als die Frage, <emphasis>ob es reichen w�rde.</emphasis> Ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie sich diese Frage gestellt. Ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie nach Brot angestanden; ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie halbverfaulte Kartoffeln gegessen (denn immer wurden die halbverfaulten Kartoffeln <emphasis>zuerst</emphasis> gegessen, sodass man schlie�lich <emphasis>immer nur</emphasis> halbverfaulte Kartoffeln a�); ihre ganze Kindheit hindurch hatte sie bei Winterbeginn auf die ersten Starkfr�ste gewartet, weil das magere Schwein, das Oma Marfa das Jahr �ber mit Abf�llen f�tterte, in der Regel erst � dann aber in aller Eile � geschlachtet wurde, wenn ihm bei Au�entemperaturen von minus f�nfzig Grad in dem aus d�nnen Brettern zusammengezimmerten Stall die Klauen erfroren waren.</p><p>Armes Schwein, dachte Irina.</p><p>Sie zupfte die �u�eren Bl�tter des Rotkohlkopfs ab, nahm das gro�e Messer, teilte, sich entschlossen auf den Messerr�cken st�tzend, den Kopf in zwei H�lften und empfand noch einmal, einen Atemzug lang, Genugtuung dar�ber, dass sie alldem tats�chlich entronnen war: sie, Irina Petrowna, das Kind mit den schwarzen Locken, f�r die sie geh�nselt wurde, weil sie verrieten, von <emphasis>was f�r einem</emphasis> sie gezeugt worden war.</p><p>Die T�r des Zimmers von Nadjeshda Iwanowna �ffnete sich mit einem langgezogenen Kr�chzen. Ihre Mutter erschien in der K�che:</p><p>��Pomotsch tebje?</p><p>Ob sie helfen solle. Aber Irina brauchte keine Hilfe, im Gegenteil, es st�rte sie, wenn ihre Mutter ihr in die T�pfe guckte.</p><p>��Die Innereien lass f�r mich �brig, sagte Nadjeshda Iwanowna in einem Tonfall, der einem Befehl nahekam.</p><p>��Mama, sagte Irina, du brauchst hier bei uns keine Reste zu essen, begreif das doch mal.</p><p>Nadjeshda Iwanowna zog ab, ihre T�r kr�chzte � man musste endlich einmal dem Tischler Bescheid sagen, dachte Irina, denn es lag, das wusste sie, nicht einfach am �l, sondern daran, dass das untere Scharnier am T�rrahmen schrammte.</p><p>Sie nahm die Innereien vom Herd, w�rzte sie noch einmal mit Paprika (Paprika immer zum Schluss, sonst verlor er sein Aroma!), schwitzte dann den feingeschnittenen Rotkohl an, gab geriebenen Apfel dazu, ein bisschen Salz und eine Prise Zucker, legte die mit Nelken gespickte Zwiebel in den Topf, l�schte alles mit Rotwein ab und erg�nzte es mit hei�em Wasser. Dann goss sie sich ein Bier ein � zum Kochen trank sie am liebsten Bier � und naschte schon mal ein wenig von den noch etwas zu hei�en, aber k�stlichen Innereien�� Nein, es war nicht etwa so, dass sie ihrer Mutter die Innereien nicht g�nnte. Die Sache war die, dass ihre Mutter es als ein <emphasis>Opfer</emphasis> ansah, die Innereien zu essen � und Irina war nicht bereit, dieses Opfer anzunehmen. <emphasis>Auch du isst heute Weihnachtsgans</emphasis>, dachte sie � und ertappte sich bei der Vorstellung, wie sie ihrer Mutter mit Gewalt ein St�ck G�nsefleisch hineinstopfte��</p><p>Kurt erschien, im Arbeitshemd � als sei das Dekorieren des Weihnachtsbaums <emphasis>Arbeit</emphasis>. Sie solle mal gucken kommen.</p><p>Kurt dekorierte den Weihnachtsbaum seit drei Jahren. Eigentlich hatte er den Weihnachtsbaum abschaffen wollen, nachdem Sascha ausgezogen war, aber Irina hatte auf Wahrung der Traditionen bestanden. Das w�re ja noch sch�ner! Was w�re Weihnachten ohne Weihnachtsbaum? Der Weihnachtsbaum und die Klostergans geh�rten einfach zu Weihnachten, und auch wenn Irina ein bisschen vor dem allj�hrlichen Besuch der Schwiegereltern graute, auch wenn sie schon jetzt die bem�ht einvernehmliche Atmosph�re sp�rte, die jedes Jahr an der Festtagstafel aufkam: die gestelzten Gespr�che, das umst�ndliche �ffnen der Geschenke, die vorget�uschte Freude bei allen (au�er bei Wilhelm, der jedes Jahr aufs sch�rfste gegen das Beschenktwerden protestierte und jedes Jahr doch wieder eine Flasche <emphasis>Stolitschnaja</emphasis> und eine Dose Eberswalder W�rstchen bekam, die er am Ende halb widerwillig, halb g�nnerhaft einsteckte oder, genauer, von Charlotte einstecken lie�) � auch wenn das alles im Grunde peinlich und anstrengend und bis zu einem gewissen Grad idiotisch war, bestand Irina auf der Einhaltung des Rituals, ja, mochte es in gewisser Weise sogar, und sei es blo� wegen der Erleichterung, die eintrat, nachdem die Schwiegereltern gegangen waren, wegen dieser Stunde, wenn Kurt das Fenster �ffnete und man sich erhitzt und ersch�pft und vollgefressen in die Sitzecke fallen lie�, eine Zigarette rauchte und einen Kognak nahm und sich gemeinsam �ber Charlotte und Wilhelm am�sierte.</p><p>��Ist er nicht zu kitschig, fragte Kurt.</p><p>��Ein bisschen schief, sagte Irina.</p><p>��Ja, aber findest du nicht, dass ein bisschen zu viel dran ist?</p><p>��Ach was, sagte Irina und betrachtete mit schiefem Kopf den schiefen Baum, dessen �ste dick mit Watte und Lametta belegt und mit bunten Kugeln beh�ngt waren, so wie es sich geh�rte, und obgleich der Baum, den Kurt ausgesucht hatte, im Grunde ein Schreckgespenst war: Sobald es dunkelte und die elektrischen Kerzen leuchteten, w�rde es nicht weiter auffallen.</p><p>��Die Lametta, sagte Irina, musst du noch machen ein bisschen nicht so klumpisch.</p><p>��Jawoll, sagte Kurt, die Lametta nicht so klumpisch.</p><p>��Was war jetzt wieder falsch?</p><p>��Nichts, sagte Kurt und l�chelte, was bei ihm immer ein wenig spitzb�bisch, ja fast � gab es das Wort?�� halunkisch aussah, weil sein Auge, das blinde, einen Tick aus der Bahn rutschte. Um nichts in der Welt h�tte sie damals, als er ihr das erste Mal in verschlissenen Hosen und Wattejacke gegen�berstand, geglaubt, dass dieser Halunke einmal ihr Mann werden w�rde.</p><p>Irina wusch den Gr�nkohl und blanchierte ihn kurz, damit er gr�n blieb. Sie musste mehr Geduld haben mit ihrer Mutter, dachte sie, w�hrend sie noch ein wenig von den Innereien naschte. Es war sinnlos, ihrer Mutter zu z�rnen, das Leben in Slawa hatte Nadjeshda Iwanowna st�rrisch gemacht, und im Grunde war es ein Wunder, dass sie noch lebte. Irina dachte an ihre letzte Reise dorthin, nach Slawa, vor wenigen Wochen, um Nadjeshda Iwanowna abzuholen: Slawa � Ruhm � , was f�r ein Name f�r einen Ort, in dem haupts�chlich Verbannte und entlassene Schwerverbrecher wohnten! Nichts hatte sich dort ge�ndert. Noch immer dieselben Schotterstra�en, dieselben Schlagl�cher, die ein Auto zum Umkippen bringen konnten; dieselbe Grobheit, derselbe Schlendrian; dieselben Betrunkenen, die vor dem Laden auf dem Holztrottoir sa�en und Irina wegen ihrer Kleidung anp�belten.</p><p>Im M�rz hatte man Petja Schyschkin beraubt, ihren letzten entfernten Verwandten: Nachts, bei sechsundvierzig Grad K�lte, hatte man ihn ausgezogen bis auf die Unterhosen, und Petja, nat�rlich betrunken, hatte vergeblich an den umstehenden H�usern geklopft und war auf dem Weg nach Hause erfroren.</p><p>Das war Slawa. Das war ihre Heimat.</p><p>Und es kam ihr, w�hrend sie den Gr�nkohl �ber der Sp�le abtropfen lie�, wie ein b�ser Traum vor, dass sie tats�chlich einmal verblendet genug gewesen war, m�glichst bald f�r diese Heimat sterben zu wollen: <emphasis>F�r die Heimat, f�r Stalin! Hurra!</emphasis></p><p>Irina steckte den Fleischwolf zusammen und begann den Gr�nkohl durchzudrehen, als Kurt die Ankunft der Kinder meldete.</p><p>Sie wischte sich die H�nde an der Sch�rze ab und ging in den Flur. Kurt hatte bereits die Haust�r ge�ffnet. Zuerst erschien Sascha. In seinem Lammfellmantel sah er aus wie ein russischer F�rst, fand Irina, sein Gesicht vornehm blass, die schwarzen Locken hatten nach der Armee Zeit gehabt nachzuwachsen � jene Zigeunerlocken, die Irina bei sich selbst so lange als Makel empfunden hatte und die sie erst als Vorzug begriff, als es zu sp�t war und ihr Haar zu ergrauen begann. Sascha blieb in der T�r stehen, wartete einen Augenblick und schob dann vor sich her und ins Haus hinein � <emphasis>die Neue.</emphasis></p><p>Was Irina bisher �ber die Neue wusste, war wenig: dass sie Melitta hie� (wie die Filtert�ten im Westfernsehen) und dass sie, wie Sascha auch, an der Humboldt-Universit�t studierte. Und dass sie <emphasis>die Frau f�rs Leben</emphasis> war, wie Sascha schon nach drei Monaten herausgefunden haben wollte. Vielleicht deshalb, vielleicht aber auch wegen der Filtert�tenwerbung hatte sie sich irgendwas vorgestellt, sie merkte es in dem Augenblick, als sie die Neue sah, aber so unklar ihre Vorstellung auch gewesen war � es war nicht das gewesen, was sie sich vorgestellt hatte.</p><p>Die Frau, die Irina ihre �brigens nicht besonders gepflegte Hand reichte, war klein und unscheinbar, ihre Haare waren schmutzig blond, ihre Lippen fahl, und das Einzige, was an diesem Wesen hervorstach, war ein Paar aufmerksamer gr�ner Augen.</p><p>��Schuhe ausziehen? fragte die Neue.</p><p>��Bei uns zieht man die Schuhe nicht aus, sagte Irina mit unverhohlener Missbilligung, denn sie fand es entsetzlich, wenn man von den Leuten verlangte, die Schuhe auszuziehen. Das war kleinlich und provinziell, und wenn jemand von ihr, von Irina, verlangte, die Schuhe, die sie sorgf�ltig und zu ihrer Garderobe passend ausgew�hlt hatte, auszuziehen und auf Str�mpfen oder in geliehenen Hauspantoffeln durch eine fremde Wohnung zu gehen, dann zog sie die Konsequenz und betrat diese Wohnung nie wieder.</p><p>Allerdings waren die flachen, gurken�hnlichen Schuhe, die die Neue trug, ohnehin kaum von Hauspantoffeln zu unterscheiden.</p><p>��Bei uns zieht man die Schuhe nicht aus, wiederholte Irina.</p><p>Aber die Neue, �bereifrig, tat es trotzdem: Drau�en sei so ein Dreckswetter. Jetzt �berlegte sogar Sascha, ob er seine Schuhe ausziehen solle.</p><p>��Nu eschtschjo by, zischte Irina: Das fehlte noch.</p><p>Sascha schaute zur Neuen, zu Irina. Zuckte mit den Schultern. Behielt seine Schuhe an.</p><p>Die Neue hatte Bl�mchen f�r Irina mitgebracht, ein paar d�rre, mitleidserregende Chrysanthemen, aber immerhin. Irina bedankte sich artig, nahm, w�hrend die anderen sich noch im Flur zu schaffen machten, stillschweigend ihre ausladenden Astern vom Esstisch und holte eine neue Vase. Als sie mit den Chrysanthemen ins Zimmer kam, referierte Kurt bereits �ber seinen Weihnachtsbaum. W�hrend er �ber seine Arbeit so gut wie niemals sprach, pflegte er buchst�blich �ber jeden Nagel, den er in die Wand schlug, ausufernde Vortr�ge zu halten.</p><p>Sascha fand den Weihnachtsbaum �vollkommen okay�, w�hrend die Neue den Baum ungl�ubig anstarrte.</p><p>Kurt schlug vor, darauf anzusto�en, dass man sich endlich kennenlerne, er fragte die Kinder, was sie trinken wollten, aber die Neue wollte �einfach ein Glas Wasser�. Kurt sagte:</p><p>��Mit Wasser st��t man nicht an.</p><p>Die beiden jungen Leute warfen einander einen Blick zu, bevor sie sich, fast im Chor, f�r �einen Schluck Rotwein� entschieden.</p><p>��Auf Weihnachten, sagte Kurt.</p><p>��Auf den Heiligen Geist, sagte Sascha.</p><p>��Danke f�r Ihre Einladung, sagte die Neue.</p><p>Und Irina sagte:</p><p>��Prost, ich bin Irina, und in diesem Hause wird sich geduzt.</p><p>Irina arbeitete stets bei offener K�chent�r. Wenn nicht gerade das Fett in der Pfanne zischte oder eine Maschine ging, h�rte sie die Stimmen aus dem Zimmer, meist die der M�nner, zweimal Umnitzer � da kam so schnell keiner zu Wort, immer hatten sie sich etwas zu sagen, immer redeten sie sofort und laut aufeinander ein, hatten dr�ngende Neuigkeiten auszutauschen, in diesem Fall, wie auch anders, �ber das Biermann-Konzert in K�ln, w�hrend Irina, der dieser Biermann-Rummel allm�hlich zum Halse heraushing, den Gr�nkohl durch den Wolf drehte und �ber die Kleidung der Neuen nachdachte: �ber den langen braunen Cordrock, die braunen Wollstrumpfhosen � und was trug sie da eigentlich obenherum? Irgendetwas Unf�rmiges, Unfarbenes. Und wieso, wenn sie schon kurze Beine hatte, trug sie nicht wenigstens hohe Schuhe? Gefiel Sascha das? War das der Geschmack der neuen Generation? Irina d�nstete Zwiebeln in Butter an, gab den Gr�nkohl dazu, f�llte den Topf mit Blanchierwasser auf und machte sich an die Kl��e.</p><p>Noch nie, dachte Irina, w�hrend sie rohe Kartoffeln zu reiben begann � f�r echte Th�ringer Kl��e brauchte man sowohl rohe als auch gekochte Kartoffeln (halb und halb oder, genauer gesagt, ein bisschen mehr rohe als gekochte)��, noch nie hatte sie einen Mann gekannt, der dicke Wollstrumpfhosen und Erdfarben bevorzugte. M�nner bevorzugten doch ganz andere Farben! M�nner waren scharf auf komplizierte Dessous, nicht auf Wollstrumpfhosen! Oder war Sascha anders? Anders als Kurt? Der auch mit siebenundf�nfzig noch nicht zur Ruhe kam, immer noch nach anderen Weibern schaute��</p><p>Sie nahm einen Schluck Bier, aber das Bier schmeckte pl�tzlich schal. Irina kippte den Rest in den Ausguss und holte sich ihr Rotweinglas aus dem Zimmer. Es war gerade von Christa Wolf die Rede, gro�artiges Buch, warf Irina ein, obwohl sie das Buch noch gar nicht zu Ende gelesen hatte, aber sie hatte so viele Diskussionen dar�ber geh�rt, dass sie schon zu vergessen begann, wie sehr sie der umst�ndliche Stil zerm�rbt hatte. Warum schrieb diese Frau so? hatte sich Irina beim Lesen gefragt. Worunter litt sie, wo sie doch alles hatte, sogar einen Mann, der ihr � so hatte sie reden h�ren � den Haushalt besorgte.</p><p>��Gro�artiges Buch, sagte Irina, nahm zwei Z�ge von Saschas Zigarette, ging wieder in die K�che und machte sich an die Arbeit.</p><p>Sie dr�ckte die Fl�ssigkeit aus der geriebenen Kartoffelmasse, gab diese in eine Sch�ssel und br�hte sie mit hei�er Milch ab. Dann schnitt sie ein paar daumenbreite Wei�brotw�rfel und briet sie knusprig. W�hrenddessen begann sie den Rettich in grobe Sp�ne zu raspeln � langsam wurden ihr vom Reiben die Finger steif. Ohnehin hatte sie sich die H�nde beim Umbau des Hauses ruiniert, beim Schleppen von Steinen, beim Abladen von Zement � unglaublich, was in so ein Haus an Zement hineinging. Sie nahm einen Schluck Wein, sch�ttelte ihre H�nde aus, und gerade als sie wieder die Reibe zur Hand nahm, erschien die Neue in der K�che: Ob sie helfen k�nne.</p><p>Aber Irina war so gut wie fertig, blo� die gekochten Kartoffeln f�r die Klo�masse mussten noch gerieben werden � das ging allerdings leicht, und im �brigen hatte sie nur eine Reibe.</p><p>��Oh, es gibt Kl��e!</p><p>��Th�ringer Kl��e, erkl�rte Irina.</p><p>��Ich liebe Kl��e, sagte die Neue und strahlte Irina an.</p><p>Nein, so h�sslich war sie nicht. Ihr Gesicht war im Grunde ganz h�bsch. Und wenn man genau hinschaute, entdeckte man unter dem Unfarbenen-Unf�rmigen sogar so etwas wie einen Busen. Man musste einfach mal mit ihr reden: sich so zu verunstalten!</p><p>Erst als die Neue die K�che wieder verlassen hatte, gab Irina an Rotkohl und Gr�nkohl noch je einen Essl�ffel Butter � und an den Gr�nkohl zus�tzlich einen L�ffel Senf: das Geheimnis des Gr�nkohls. Man musste nicht alles verraten.</p><p>P�nktlich um zwei Uhr klingelte es: Charlotte und Wilhelm standen vor der T�r � mit ihren Dederon-Einkaufstaschen. Was w�rde wohl dieses Mal darin enthalten sein? Eine abwaschbare Tischdecke? Irgendein Kuba-Kalender?</p><p>Wilhelm trat ein, wie immer wortkarg und steif; Charlotte wie immer redselig und aufgekratzt und voll des Lobes f�r alles, was Irina tat. Es war wirklich seltsam: Je �lter sie wurde, desto mehr lobte sie Irina, und zwar auf eine �bertriebene, ja l�cherliche Weise; schon beim Eintreten lobte sie die Ger�che, die aus der K�che drangen, schwor, noch mit einem Arm im Waschb�rpelzmantel, den Kurt ihr abnahm, den ganzen Tag noch nichts gegessen zu haben als ein Fr�hst�cksei (als tue sie Irina einen Gefallen, indem sie hungerte), fragte (bereits zum zweiten oder dritten Mal), ob die � in Wirklichkeit nicht ganz echte � Jugendstilgarderobe, die Irina wei� angestrichen hatte, neu sei, und lobte das selbst mitten im Winter noch lichte Haus, um schlie�lich in das immer wiederkehrende Lamento dar�ber zu verfallen, wie dunkel es bei ihr im Haus sei � Unterton: Ihr wohnt in einem Palast, und ich muss in einem Erdloch hausen!</p><p>Dramatische Wendung, als sie die Neue begr��te. Theatralisch, bedeutungsvoll:</p><p>��Wir haben schon viel von Ihnen geh�rt!</p><p>��Ich nicht, sagte Wilhelm.</p><p>Charlotte lachte, wie sie immer �ber Wilhelms Witze lachte, genauer gesagt, wie sie �ber seine Grobheiten lachte: als handle es sich um einen Scherz. Aber wahrscheinlich sagte Wilhelm einfach die Wahrheit: Was konnte Charlotte denn schon �ber die Neue geh�rt haben!</p><p>Auch Nadjeshda Iwanowna kam jetzt aus ihrem Zimmer. Charlotte breitete die Arme aus: Nadjeshda Iwanowna! Dabei hatten sich die beiden nur ein einziges Mal im Leben gesehen, n�mlich als Nadjeshda Iwanowna vor vier Jahren besuchsweise hier gewesen war. Aber auch Nadjeshda Iwanowna breitete nun die Arme aus und packte Charlotte mit ihren knorrigen S�gewerks- und Kartoffelernteh�nden, dr�ckte ihr links und rechts und wieder links einen Kuss auf, ein Missverst�ndnis nat�rlich, man sah regelrecht, wie der Naphthalingeruch, der in Nadjeshda Iwanownas Kleidung hing, Charlotte den Atem verschlug, rasch entwand sie sich der Umarmung, schluckte, fasste sich wieder und brachte in zwar nicht ganz akzentfreiem, aber mehr oder weniger korrektem Russisch ein paar Begr��ungsfloskeln zustande � w�hrend Wilhelm gerade mal ein <emphasis>Dobry djenj</emphasis> hinbekam, jedoch schon nicht mehr verstand, was Nadjeshda Iwanowna entgegnete:</p><p><emphasis>��Posdrawljaju s roshdestwom � gratuliere zu Weihnachten.</emphasis></p><p>Und Wilhelm sagte:</p><p>��Garosch, garosch!</p><p>Was wiederum Nadjeshda Iwanowna nicht verstand; offenbar hatte Wilhelm sagen wollen: <emphasis>gut, gut</emphasis>, indes klang, was er sagte, eher wie: <emphasis>Erbse, Erbse</emphasis>.</p><p>Nadjeshda Iwanownas �Gratulation zu Weihnachten� war insofern pikant, als Wilhelm Weihnachten grunds�tzlich ablehnte. Weihnachten, so Wilhelm, sei ein religi�ses Fest, und Religion sei vom Klassenfeind und diene dazu, die Gehirne der Arbeiterklasse zu vernebeln, solches Zeug, und deshalb konnte Wilhelm das weihnachtliche Brimborium nicht mit seinem Gewissen vereinbaren und nahm, wie immer, mit dem R�cken zum Weihnachtsbaum Platz.</p><p>Charlotte dagegen war <emphasis>entz�ckt</emphasis> �ber den Weihnachtsbaum und verdrehte, zum Zeichen, dass sie nicht mit Wilhelm einverstanden war, hinter seinem R�cken die Augen; sie war <emphasis>entz�ckt</emphasis> �ber die Tischdekoration, war <emphasis>entz�ckt</emphasis> �ber die sch�nen Blumen (gemeint waren die Chrysanthemen); sie war �berhaupt von allem <emphasis>entz�ckt</emphasis> und genehmigte sich, zu aller �berraschung, ein kleines Lik�rchen: Das habe sie sich, so erkl�rte Charlotte, auch mal verdient. Sie habe ja derartig <emphasis>geschuftet</emphasis> in letzter Zeit, sie sei ja <emphasis>vollkommen �berarbeitet</emphasis>, am Rande des <emphasis>Zusammenbruchs</emphasis> �</p><p>Irina verkr�melte sich in die K�che.</p><p>Zwischen den Umnitzer-Stimmen vernahm sie jetzt hin und wieder Charlottes Fl�tent�ne. Herrgott nochmal, auch das hatte sie �berlebt, dachte Irina, w�hrend sie die Extrakartoffeln f�r Kurt sch�lte, auch diesem Elend war sie entronnen, und vielleicht war es ja das, was sie an Weihnachten liebte: dass sie nachher die T�r hinter Charlotte schlie�en konnte, ihre eigene T�r, die T�r ihres eigenen Hauses. Wie hatte sie damals, als sie frisch aus Russland kam, Charlottes Haus bewundert! Und jetzt bewunderte Charlotte ihr Haus. Und manchmal, wenn Irina durch die R�ume ging und ihr Werk betrachtete, war sie, ehrlich gesagt, selbst erstaunt, wie gut ihr das alles gelungen war; dass beinahe jede der tausend Entscheidungen, die bei so einem Umbau getroffen werden mussten � und die sie alle allein traf, weil Kurt stets f�r die einfachste, billigste, unaufwendigste L�sung pl�dierte��, dass jede dieser Entscheidungen am Ende richtig gewesen war: die W�nde, die sie weggenommen, die sie gesetzt hatte, die wei� Gott aufwendige Vergr��erung des Wintergartens, der Entwurf des Anbaus, in dem neuerdings Nadjeshda Iwanowna wohnte, die Gr��e der Badewanne, die H�he der Fliesen, die Lage der Wasseranschl�sse oder der Heizk�rper, der Steckdosen, der Lichtschalter, der Platz f�r den Herd � alles, alles war am Ende vern�nftig und richtig gewesen, nur den nutzlosen Ofen, den sie nie heizten, h�tte sie, entgegen Kurts Rat, herausnehmen sollen (Kurts Weltuntergangsphantasien: Wer wei�, kommen schlechte Zeiten, dann braucht man den Ofen nochmal). Und den Dachboden h�tte sie gleich mit ausbauen sollen, statt, auf Kurts Dr�ngen, erst einmal eine Pause zu machen: Man kam so schlecht wieder rein.</p><p>Irina wusch die gesch�lten, aber ungeteilten Kartoffeln (auf ungeteilte Kartoffeln legte sie Wert!), goss das Waschwasser ab, salzte die Kartoffeln und schwenkte sie bei geschlossenem Topf, um das Salz zu verteilen. Dann goss sie vorsichtig eine Tasse Wasser hinzu, wobei sie den Topf schr�g hielt, um das Salz nicht wieder abzusp�len. Nur eine Tasse! Kartoffeln, wenn sie nach Kartoffeln schmecken sollten, geh�rten ged�nstet, nicht gekocht.</p><p>Sie setzte das Klo�wasser auf und begann die anderen, schon gekochten und abgek�hlten Kartoffeln f�r den Klo�teig zu reiben, als die Kinder eintraten.</p><p>��Wir decken den Tisch, sagte die Neue.</p><p>��Wir decken den Tisch, sagte Sascha.</p><p>��Ihr wisst doch gar nicht, wo das Geschirr steht.</p><p>��Ich wei� es, sagte Sascha.</p><p>��Alexander deckt den Tisch, sagte die Neue, und ich kann ja die Kl��e formen.</p><p>��Das mach ich selbst, sagte Irina.</p><p>Aber Sascha kramte schon im Besteckkasten, nahm nat�rlich das falsche Besteck, und als Irina ihm das richtige in die Hand dr�ckte, formte die Neue � mit ihren nicht sonderlich gepflegten Fingern�geln � bereits die Kl��e.</p><p>��Aber die Wei�brotw�rfel m�ssen noch rein, sagte Irina.</p><p>��Ich wei�, sagte die Neue. Meine Oma kommt doch aus Th�ringen!</p><p>Irina widmete sich notgedrungen ihrem Rettichsalat, h�ckselte Waln�sse, vermischte alles mit s��er Sahne, schmeckte es ab.</p><p>��Ist schon Salz im Klo�wasser, fragte die Neue.</p><p>Herrje, das h�tte sie beinahe vergessen. Und die Gans �bergie�en, verdammt, sie war vollkommen aus dem Rhythmus!</p><p>Rasch nahm sie die Topflappen, zog die Gans aus der R�hre und kippte die Kasserolle an, um den brodelnden Bratensaft aus der Tiefe zu sch�pfen.</p><p>��Die ist ja ganz schwarz, sagte die Neue.</p><p>��Das ist Klostergans, erwiderte Irina.</p><p>Tranchiert wurde am Tisch, die Verteilung erfolgte gem�� der jeweils anfallenden Teile: zuerst die Keulen � eine bekam Sascha, so weit war die Sache klar. Die zweite Keule bot sie der Neuen an. Kurt und die beiden �lteren Herrschaften a�en sowieso lieber Brustfleisch.</p><p>Die Neue schaute zu Sascha: Ob er denn nichts gesagt habe?</p><p>��Ach ja, sagte Sascha, Melitta ist Vegetarierin.</p><p>��Wie � Vegetarierin?</p><p>��Mama, sie isst kein Fleisch.</p><p>��Aber das ist doch Gefl�gel, sagte Irina.</p><p>��Ein kleines St�ckchen probier ich mal, sagte die Neue. Aber nicht gleich die Keule.</p><p>Irinas Blick machte die Runde � und fiel auf Nadjeshda Iwanowna: <emphasis>Auch du wirst heute Weihnachtsgans essen</emphasis>.</p><p>��Reich mal den Teller, sagte sie.</p><p>Nadjeshda Iwanowna reichte den Teller. Irina gabelte die Keule auf, aber an der Gabel blieb nur ein St�ck Kruste h�ngen. Sie tat Nadjeshda Iwanowna die Kruste auf, um im zweiten Versuch die Keule nachzulegen � aber in diesem Augenblick zog Nadjeshda Iwanowna den Teller weg.</p><p>��Ich habe schon genug!</p><p>Die Keule plumpste aufs Tischtuch.</p><p>��Nu tschjort poderi!</p><p>Fluchen konnte Irina noch immer nur russisch.</p><p>Nadjeshda Iwanowna bekreuzigte sich. Irina knallte ihr die Keule auf den Teller.</p><p>Ein paar Augenblicke herrschte ungewohntes Schweigen am Tisch, bis Charlotte, die sich offenbar durch den Vorfall an die Existenz von Nadjeshda Iwanowna erinnert f�hlte, zu plaudern begann, in einer Tonart, so betont harmlos, dass es Irina schon fast beleidigte:</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, kak nrawitsja wam u nas � wie gef�llt es Ihnen bei uns?</p><p>��Aber ich war doch schon hier, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Ja, sagte Charlotte, aber jetzt wohnen Sie hier, jetzt haben Sie Ihr eigenes Zimmer.</p><p>��Sch�nes Zimmer, sagte Nadjeshda Iwanowna, alles gut. Nur den Fernseher h�tten wir lieber in Moskau kaufen sollen.</p><p>��Aber Mama, mischte Irina sich ein, ich habe dir doch einen Fernseher gekauft! Du hast doch einen Fernseher!</p><p>��Ja, sagte Nadjeshda Iwanowna. Aber es w�r doch besser gewesen, wir h�tten ihn in Moskau gekauft.</p><p>��Ein Unsinn, sagte Irina. Als ob wir nicht schon genug Gep�ck gehabt h�tten! Und �berhaupt, der Fernseher, den ich dir gekauft habe, ist doch viel besser als alles, was wir in Moskau gekriegt h�tten.</p><p>��Ja, aber h�tten wir ihn in Moskau gekauft, sagte Nadjeshda Iwanowna, h�tte er Russisch gesprochen.</p><p>Alle lachten, Wilhelm sogar zweimal: einmal, als alle lachten, und einmal, als Sascha ihm den Dialog �bersetzte. Dann sagte er:</p><p>��Aber grunds�tzlich gibt es auch in der Sowjetunion sehr gute Fernseher.</p><p>Wieder trat Schweigen ein.</p><p>Dann sagte die Neue:</p><p>��Also, ich muss mal sagen: Es schmeckt wahnsinnig toll. Ich hab noch nie so guten Gr�nkohl gegessen!</p><p>��Vorz�glich, sagte Charlotte, die angeblich schon den ganzen Tag hungerte, sich aber dennoch nur M�useportionen auftun lie�.</p><p>��Also ich kann das Fleisch nicht kauen, sagte Wilhelm.</p><p>Und Kurt sagte:</p><p>��Das Fleisch ist vorz�glich. Nur die Kartoffeln sind, ehrlich gesagt, nicht hundertprozentig durch.</p><p>Dann friss Kl��e, dachte Irina, sagte aber nichts. W�rgte den �rger hinunter. Das war es eben: H�tte sie selber den Tisch gedeckt, w�re alles genau auf den Punkt. Aber wenn andere in ihrer K�che herumpfuschten��</p><p>Sie kostete ein St�ck Gans (sie hatte sich bisher kein Fleisch aufgetan, weil sie von den Innereien schon satt war) � und tats�chlich: Die Gans h�tte noch zarter sein k�nnen.</p><p>Den Rettichsalat a� keiner.</p><p>Immerhin hatte sie mit der roten Gr�tze Erfolg.</p><p>Abr�umen:</p><p>��Gebt die Teller her und bleibt sitzen, ordnete Irina an, so bestimmt, dass auch die Neue nicht aufzustehen wagte.</p><p>Nadjeshda Iwanowna s�belte noch immer, und zwar vergeblich, an ihrer Keule herum: Sie wurde nicht kleiner. Wilhelm hatte die Als-wir-damals-in-Moskau-waren-Platte aufgelegt.</p><p>Irina brachte die Tr�mmer ihrer Gans in die K�che.</p><p>R�umte Rotkohl und Gr�nkohl ab.</p><p>Auch von den Kl��en war mehr als die H�lfte �brig.</p><p>Sie setzte sich auf den einzigen K�chenstuhl, steckte sich eine Zigarette an.</p><p>Ein Bild kam ihr in den Sinn: Oma Marfa, Mutter Nadjeshda und sie � drei Gestalten, stumm �ber einen Kessel gebeugt, in dem, zwischen Kraut, graue Schweinefleischstreifen schwammen.</p><p>Wieso war man Vegetarier? War die Frau krank? Oder hatte sie Mitleid mit den Tieren?</p><p>Sascha kam in die K�che:</p><p>��Na, komm schon, wir rauchen eine zusammen.</p><p>Er nahm eine �Club� aus ihrer Schachtel, Irina hielt ihm das Feuerzeug hin.</p><p>��Bist du traurig, Mama?</p><p>��Nein, warum?</p><p>Sie rauchten schweigend ein paar Z�ge. Irina kam der Verdacht, die Neue h�tte Sascha geschickt.</p><p>��Warum ist sie denn Vegetarierin?</p><p>��Sie ist ja nicht richtig Vegetarierin, sie isst auch manchmal Fleisch.</p><p>��Aber man braucht doch Fleisch, sagte Irina. Der Mensch braucht doch Fleisch!</p><p>��Mama, du kannst doch einen Menschen nicht deswegen ablehnen.</p><p>��Aber ich lehne sie doch nicht ab, ich frage blo�!</p><p>Sie rauchten.</p><p>��Ein nettes M�dchen, sagte Irina.</p><p>��Ja, ist sie, sagte Sascha.</p><p>Sie rauchten.</p><p>��F�r mich ist das Wichtigste, dass du gl�cklich bist, sagte Irina.</p><p>Drau�en fielen ein paar vereinzelte Schneeflocken. Fielen in den von der D�mmerung schon geschw�rzten Garten, verschwanden.</p><p>Sascha dr�ckte seine Zigarette aus.</p><p>��Soll ich was helfen?</p><p>��Ach, Sascha. Geh mal rein, ich koch jetzt Kaffee.</p><p>Sascha nahm Irina an den Schultern, zog sie hoch und dr�ckte sie.</p><p>��Ach, Saschenka, sagte Irina.</p><p>Sch�n war es, einen so gro�en Sohn zu haben � der immer noch roch wie ein Kleinkind.</p><p>Irina setzte Kaffeewasser auf, f�llte die Reste in kleinere Sch�sseln, lie� die Kl��e in der gro�en Sch�ssel, weil sie keine passende fand. Stellte die geschlossene Kasserolle mit den Resten der etwas zu festen Gans in die Speisekammer. Stapelte neben der Sp�le das benutzte Geschirr.</p><p>Vielleicht war Sascha ja wirklich anders?</p><p>Allm�hlich, dachte Irina, w�hrend sie den Stollen mit zerlassener Butter �bergoss und mit Puderzucker best�ubte, allm�hlich wurde es anstrengend, Kurts W�nschen zu entsprechen. St�ndig seine pr�fenden Blicke zu ertragen. St�ndig dem Vergleich mit j�ngeren Frauen ausgesetzt zu sein: Ja, sie wurde �lter, verdammt, sie ging auf die f�nfzig zu � und offiziell war sie sogar schon dar�ber hinaus. Um zwei Jahre hatte sie die Beh�rden damals betrogen. Hatte die Sieben in ihrem Geburtsjahr in eine F�nf umgef�lscht, um in den Krieg zu d�rfen. Und auch wenn sie stets ihren wahren Geburtstag feierte und bei allen Freunden stets ihr wahres Alter angab � ihr �Ausweisalter� begleitete sie st�ndig wie eine fortw�hrende Drohung, die sich, und das war das Verheerende, immer � und immer schneller!�� erf�llte. Kaum stand ihr Ausweisalter im Raum, war ihr wahres Alter auch schon nachger�ckt, es war eine Zeitvernichtungsmaschine, dachte Irina, es war, als m�sste sie schneller altern als andere: <emphasis>F�r die Heimat, f�r Stalin! Hurra!</emphasis></p><p>Beim Kaffeetrinken gab es noch eine �berraschung, n�mlich dass die Neue <emphasis>Psychologie</emphasis> studierte. Nicht Geschichte wie Sascha.</p><p>��So etwas gibt es bei uns, staunte Charlotte.</p><p>��Tsychologie, sagte Wilhelm, das ist doch ist eine Tseudowissenschaft.</p><p>��Afterwissenschaft, verbesserte Kurt. Dem Genossen Stalin zufolge ist es eine Afterwissenschaft.</p><p>��Was ist denn eine Afterwissenschaft, fragte die Neue.</p><p>��Na, die Wissenschaft vom After, sagte Sascha.</p><p>��Also ich finde das sehr interessant, fl�tete Charlotte. Nein, im Ernst, Kinder, sehr interessant. Ich bin �berzeugt, es gibt einen Zusammenhang zwischen K�rper und, wie sagt man jetzt��</p><p>��Psyche, sagte die Neue.</p><p>Ihr Blick blieb, obwohl sie l�chelte, stechend.</p><p>Dann stand Kurt auf und sagte:</p><p>��So, Kinder, jetzt werde ich mal eine Weihnachtsmusik auflegen.</p><p>Das war das Zeichen. Die Geschenke waren bereits an den Sitzplatz des jeweiligen Adressaten gestellt worden, nur Charlotte behielt ihre Gaben immer im Dederon-Beutel und �bergab sie direkt � ein Regelversto�, �ber den Irina sich jedes Mal �rgerte. Nun begannen alle mit ihrem Geschenkpapier zu rascheln, knoteten umst�ndlich B�nder auf, falteten auseinander, strichen glatt � und Irina kam der Gedanke, ob die Neue anhand des Geschenkpapiers, das sie verwendet hatte, auf ihre �Psyche� zu schlie�en versuchte. Wer wei�? Psychologie � wie war das f�r Sascha? F�hlte man sich nicht st�ndig beobachtet, irgendwie?</p><p>Wilhelm, als Einziger, sa� unbewegt da, ohne sich um seine Geschenke zu k�mmern. Nadjeshda Iwanowna sprang auf und holte rasch noch die Socken, die sie f�r Sascha und Kurt gestrickt hatte. Charlotte war <emphasis>entz�ckt</emphasis> �ber das Reisenecessaire, das sie sich gew�nscht hatte � wozu eigentlich? Die Neue pr�fte ihr Parf�m, als w�re es eine Bombe (das n�chste Mal � wenn es ein n�chstes Mal gab � bekam sie eine Baumwollstrumpfhose); Kurt hatte eine Tabakspfeife bekommen und freute sich demonstrativ (das hei�t, er verfiel kurz in das Gebaren eines Sechsj�hrigen, steckte die Pfeife in den Mund, zog sich die Socken �ber die H�nde und erdichtete, �ber die Weihnachtsmusik hinweg, einen Gesang, in welchem sich �Pfeifen� auf �tut mich die K�lte nicht kneifen� reimte); Alexander probierte seinen Rasierapparat aus (sein eigentliches Geschenk, den mongolischen Lammfellmantel, hatte Irina ihm schon vorher geschickt, damit es jetzt nicht so unausgewogen aussah); und Nadjeshda Iwanowna, die ein gebl�mtes Wolltuch und � da sie in der Nacht fror, weil sie es gewohnt war, auf dem Ofen zu schlafen � ein Heizkissen bekam, fragte zehn Mal, ob das nicht alles zu teuer sei, bis Irina sie leise anfauchte.</p><p>Auch Irina hatte ihr Geschenk schon bekommen. Kurt hatte ihr ein Kleid und ein Paar passende Schuhe geschenkt, nat�rlich nicht wirklich, sondern in Form eines Kuverts mit Geld � Kurt war ja kaum in der Lage, eine Packung Kn�ckebrot allein zu kaufen, geschweige denn Damenkleidung��, aber Irina war es zufrieden. Mehr erwartete sie nicht. Von Sascha, der gerade mal zweihundert Mark Stipendium bekam (und eigentlich von Kurts � und von ihren � Zusch�ssen lebte), wollte sie nichts und hatte ihm sogar verboten, ihr etwas zu schenken; ihre Mutter hatte ihr noch nie irgendetwas zu Weihnachten geschenkt; einzig von Oma Marfa hatte sie einmal eine Puppe bekommen, selbst gefertigt aus Lappen und Stroh und von den anderen Kindern wegen ihrer Kopierstiftaugen verspottet � sie hie� Katja, und noch heute kamen Irina beim Gedanken an diese Puppe die Tr�nen. Und Charlottes Tischdecken warf sie sowieso � nach einer gewissen Anstandsfrist � auf den M�ll.</p><p>Jedoch, was Charlotte dieses Mal aus ihrem Dederon-Beutel zog, war keine Tischdecke. Auch kein Kalender. Sondern: DAS BUCH. Seit einem halben Jahr redete Charlotte von nichts anderem als von <emphasis>ihrem Buch</emphasis>, welches �brigens gar nicht <emphasis>ihr</emphasis> Buch war, denn sie hatte lediglich ein <emphasis>Geleitwort</emphasis> geschrieben, tat aber so, als sei dieses <emphasis>Geleitwort</emphasis> das Wichtigste an dem Buch, als k�nnte das Buch ohne ihr <emphasis>Geleitwort</emphasis> kein Mensch lesen! Kurz, dieses <emphasis>Geleitwort</emphasis> war jetzt endlich erschienen, samt Buch, und Charlotte schenkte jedem ein � nat�rlich signiertes!�� Exemplar. Alexander bekam eins, die Neue bekam eins (es wurde noch nachsigniert, weil Charlotte, wie sich herausstellte, den Namen nicht wusste), und Kurt und Irina bekamen zusammen eins.�� Nur dass Charlotte ihnen vor einer Woche schon eins geschenkt hatte.</p><p>Irina sah Kurt an. Kurt schaute zur�ck � halunkisch.</p><p>Und dann, endlich, nachdem Charlotte ihren Dederon-Beutel mit Gegengeschenken gef�llt, nachdem Wilhelm seinen Hut und Charlotte ihre Handtasche gefunden, nachdem Charlotte noch einmal beteuert hatte, wie <emphasis>entz�ckend</emphasis> alles gewesen sei, nachdem man die beiden bis zum Treppenabsatz begleitet und ihnen hinterhergewunken und ihnen noch rasch den vergessenen Regenschirm nachgetragen hatte � dann endlich schloss sich die T�r, und Irina, ob sie wollte oder nicht, verfiel in ein lautloses, hysterisches, aber doch befreiendes Lachen. Konnte auch nicht aufh�ren zu lachen, als Kurt sie tr�stend in den Arm nahm, musste sich losmachen, weil ihr K�rper sich vor Lachen kr�mmte. H�rte dann doch auf zu lachen, als es pl�tzlich verbrannt roch und Sascha im Wohnzimmer fluchte. Sah, wie Sascha beim Ausklopfen des Weihnachtsgestecks eine Tasse zerschlug � und fing wieder an zu lachen, als Sascha ihr einen angekokelten Pl�schhasen vor die Nase hielt: <emphasis>Hast du nicht mal ausgepackt, Mama.</emphasis> Sie lachte Tr�nen, und es dauerte lange, bis sie sich beruhigt hatte.</p><p>��So, jetzt brauche ich einen Kognak.</p><p>Kurt �ffnete das Fenster, der Rauch verzog sich. Alle waren erhitzt, hatten rote K�pfe. Man lie� sich in der Sitzecke nieder, machte es sich bequem. Noch immer wurde Irina von nachbebenartigen Lachkr�mpfen gesch�ttelt.</p><p>��Na, das war ja wieder was, sagte Sascha.</p><p>��Die werden alt, sagte Kurt.</p><p>Er stand noch einmal auf, holte den Kognak aus seinem gro�en Alkoholfach in der schwedischen Wand, goss Irina ein, goss sich selbst ein. Auch Sascha wollte nun einen Kognak.</p><p>��Na, komm schon, Melitta. Trink einen Kognak mit uns, sagte Irina.</p><p>Aber Melitta wollte keinen Kognak. Sondern lieber Wasser. Und jetzt, da sie gerade angefangen hatte, die Neue ein bisschen ins Herz zu schlie�en, war Irina beleidigt. Was war das f�r ein Benehmen! Oder war sie auch noch Antialkoholikerin? Vegetarierin <emphasis>und</emphasis> Antialkoholikerin!</p><p>��Gut, dann trinken wir eben allein, sagte Irina.</p><p>Die beiden jungen Leute warfen einander einen Blick zu � und da kapierte Irina pl�tzlich.</p><p>Da kapierte sie, dass diese Frau, diese unscheinbare Frau mit den kurzen Beinen und den stechenden Augen, mit ihren nicht sonderlich gepflegten Fingern�geln und ihrer Unfrisur � dass diese Frau im Begriff war, sie, Irina Petrowna, wahres Alter: noch keine f�nfzig, zur Oma zu machen.</p><p>��Das darf doch nicht wahr sein, sagte Irina.</p><p>��Mutter, sagte Sascha, du tust ja gerade so, als sei das ein Ungl�ck.</p><p>��Was ist denn passiert, fragte Kurt.</p></section><section><title><p><strong>1.�OKTOBER 1989</strong></p></title><p>Es gefiel ihm nicht: Muddel vor dem Badezimmerspiegel, Augenbrauen zupfend. Er beobachtete schon seit einer Weile, wie sie sich aufmotzte, normalerweise lief sie den ganzen Tag im karierten Hemd rum (am liebsten von J�rgen � solange es J�rgen noch gegeben hatte), und jetzt: St�ckelschuhe auf einmal, er hatte gar nicht gewusst, dass sie so was hatte, St�ckelschuhe, die Beinhaare hatte sie sich auch schon weggemacht mit diesem Wachszeug (Qu�ldinge), jetzt rupfte sie sich die Augenbrauen aus, weit vorgebeugt �ber das Waschbecken, man sah, wie sich unter dem Rock der Schl�pfer abzeichnete, grausam, man sah wirklich <emphasis>alles</emphasis>, so wollte sie da also hingehen, zu dem Geburtstag, bei dem, wie er wusste � und sie nat�rlich auch � , sein Vater sein w�rde. Nur, es gab auch etwas, das sie nicht wusste.</p><p>H�tte er es ihr sagen sollen? Sie hatte ihn nicht danach gefragt, nur irgendwie hintenrum, aber er hatte schon gewusst, worauf sie hinauswollte: <emphasis>Hat er denn gekocht f�r euch beide</emphasis>, solche Fragen. <emphasis>Wart ihr beide im Kino</emphasis>? Ja, wir waren im Kino � aber <emphasis>zu dritt</emphasis>. Hatte er nicht gesagt. <emphasis>Mit seiner Neuen</emphasis>. Hatte er nicht gesagt. <emphasis>Mit seiner Tussi.</emphasis></p><p>��Geh dich mal umziehen, sagte Muddel.</p><p>Markus r�hrte sich nicht, sah zu, wie sie anfing, sich die Wimpern zu tuschen, wie sie die Augen verdrehte, bis nur noch Wei�es zu sehen war, wie sie, wenn ihr die Tr�nen kamen, mit den Augen klimperte, bis sie wieder was sah, und er wunderte sich, wie routiniert sie das alles machte, wie gekonnt sie sich jetzt die Lippen anmalte, wie sie danach � mit haargenau denselben Grimassen wie die Tussi � die Lippen aufeinanderpresste und diese Schnute machte, wie sie das Gel auf den Fingerspitzen verteilte und in die frisch gewaschenen Haare strich, wie sie am Ende alles ein bisschen verzottelte und in den Spiegel guckte, so schr�g von unten, mit genau diesem Tussi-Blick � und obwohl er sich dar�ber wunderte, dass Muddel diese Dinge beherrschte, obwohl es ihm sogar ein kleines bisschen imponierte, mochte er nicht daran denken, wie sich die beiden heute nachmittag auf dem Geburtstag begegnen w�rden: die Tussi und Muddel.</p><p>��Zieh dir doch mal dein Hemd an, sagte Muddel, wir verpassen den Bus.</p><p>��Ich zieh kein Hemd an, sagte Markus.</p><p>��Na gut, sage Muddel, dann geh ich eben allein.</p><p>Sie betupfte die gezupften Stellen mit einem Wattebausch; Markus wandte sich ab und verdr�ckte sich in sein Zimmer.</p><p>Der k�rzeste Weg f�hrte �ber den Innenhof, wo zwischen hohen Stockrosen Muddels Ausstellungsst�cke standen. Sein Zimmer lag im mittleren Teil des Vierseitenhofs, der eigentlich nur drei Seiten hatte, direkt �ber der Werkstatt, manchmal h�rte er abends noch die T�pferscheibe grummeln. Er nahm die zw�lf Stufen in f�nf ge�bten S�tzen und knallte sich aufs Bett: aufs untere Bett, es war ein Doppelstockbett, J�rgen hatte es noch gebaut, damit Markus und Frickel zusammen �bernachten konnten, aber Frickel war weg, Frickel war mit seinen Eltern im Westen, und seitdem Frickel weg war, war es �de geworden in Gro�krienitz. Die besten M�dchen der Klasse wohnten in Schulzendorf, da brauchte man ein Moped. Wenn er vierzehn war, bekam er vielleicht eins, falls sie Geld hatten, sagte Muddel, aber jetzt mussten sie erst mal f�r einen Feuerbrandofen sparen, dann, sagte Muddel, w�rden sie richtig Geld verdienen. Allerdings hatte sie das schon �fter gesagt, richtig Geld verdienen, und jetzt hatte J�rgen das Auto mitgenommen, und das kotzte ihn auch an: die Zuckelei immer. Gro�krienitz lag wirklich am Arsch der Welt, und bis Neuendorf musste man zweimal umsteigen.</p><p>Er horchte, ob Muddels Schritte schon auf der Stiege zu h�ren waren. Was, wenn sie tats�chlich allein losging?</p><p>Was ihn wankelm�tig machte, war der Gedanke an die Dinge, die es im Haus seiner Urgro�eltern zu besichtigen gab. Nur zu gut erinnerte er sich an die gro�e Muschel im Flur, an die Kobrahaut im Wintergarten (die seine Urgro�mutter f�lschlicherweise f�r eine Klapperschlage hielt), an die S�ge des S�gefischs (eigentlich eines S�gerochens), an den ausgestopften Katzenhai und besonders nat�rlich an den nicht ganz ausgewachsenen Schwarzleguan in Wilhelms Regal � ein bisschen war es wie im Naturkundemuseum in Berlin: Anfassen durfte man auch nichts.</p><p>Ansonsten waren seine Urgro�eltern komische Leute. Irgendwann, es war lange her, hatten sie gegen Hitler gek�mpft, illegal, Nazizeit � hatten sie in der Schule gehabt, Wilhelm war sogar mal in seiner Klasse gewesen und hatte von Karl Liebknecht erz�hlt, wie sie zusammen auf dem Balkon gesessen und die DDR gegr�ndet hatten oder so �hnlich, verstanden hatte es keiner, aber gewundert hatten sie sich doch, was f�r einen ber�hmten Urgro�vater er hatte, sogar Frickel. Ansonsten war er schon ziemlich komisch. <emphasis>Ombre</emphasis>, sagte er immer, <emphasis>Ombre</emphasis>, was soll der Schei�, und die Uromi sagte <emphasis>Pipi machen</emphasis> statt pinkeln, behandelte ihn wie einen Dreij�hrigen, aber wunderte sich, wenn er die Hauptstadt von <emphasis>Honduras</emphasis> nicht kannte: He, Mann, was ist denn <emphasis>Honduras</emphasis>? Eine Motorradmarke?</p><p>Jetzt waren Schritte zu h�ren, er hatte es geahnt: dass es eine leere Drohung gewesen war.</p><p>��Markus, es ist sein Neunzigster. Vielleicht ist es sein letzter.</p><p>��Mir doch egal, sagte Markus und pustete den Traumf�nger an, der �ber ihm am Lattenrost des oberen Bettes hing.</p><p>��Das macht mich ein bisschen traurig, dass du so redest, sagte Muddel.</p><p>��Ich hab �berhaupt kein Geschenk, schrie Markus.</p><p>��Ach, ist doch egal, sagte Muddel.</p><p>��Das ist �berhaupt nicht egal.</p><p>Muddel �berlegte einen Augenblick und hatte, wie immer, sofort eine L�sung:</p><p>��Schenk ihm doch eins von deinen Schildkr�tenbildern!</p><p>Gro�krienitz, Dorfkern hie� die Haltestelle. Ihr Hof lag am Dorfrand, sogar etwas au�erhalb. Er ging drei Meter hinter Muddel: Sicherheitsabstand, damit sie sich nicht bei ihm einhakte.</p><p>Sie gingen �ber die toten Gleise, vorbei an der ehemaligen Feuerwehrgarage, wo jetzt irgendwas von der LPG lagerte, vorbei an der Baustelle, wo immer, jedes Wochenende, der Betonmischer r�hrte, ohne dass jemals irgendeine Ver�nderung sichtbar wurde, vorbei an dem von Enten zugeschissenen Dorfteich, vorbei am Konsum, wo sie sich, Frickel und er, manchmal nach der Schule ein Stangeneis gekauft hatten, vorbei an den niedrigen alten Gro�krienitzer H�usern, die man f�r tot h�tte halten k�nnen, wenn sich nicht hin und wieder im Fenster die Gardinen bewegt h�tten. Nat�rlich war ihm egal, was die Dorf-Iddis dachten, trotzdem war er ganz froh, dass Muddel jetzt wenigstens einen Parka �ber ihren Klamotten trug, auch wenn der Parka kaum bis �ber den Rock reichte. Weiter unterhalb blitzten im Sekundentakt ihre gemusterten Waden auf, und man sah und h�rte die St�ckelschuhe auf dem stark ramponierten Gehweg von Gro�kriewitz.</p><p>Falls es ihm gelang, dachte Markus, bis zur Bushaltestelle auf keine Fuge zu treten, dann fiel der Bus aus. Hier fiel �fter ein Bus aus, auf der Strecke verkehrten noch die alten Ikarus-Busse mit Heckmotor, und wenn dieser Bus ausfiel, war die Sache erledigt, denn sonntags fuhr der n�chste erst in zwei Stunden. Allerdings durfte man auch auf keine gesprungene Gehwegplatte treten, der Sprung galt als Fuge, und das war nicht so leicht. Muddel beschleunigte den Schritt, und Markus musste sich ziemlich konzentrieren.</p><p>Schon von weitem h�rte er das Probengeklimper, das aus der Kirche kam, er brauchte nicht aufzuschauen, um zu wissen, wen Muddel gr��te.</p><p>��Nanu, rief Klaus. Wohin soll es denn gehen?</p><p>Klaus war der Pfarrer.</p><p>��Du, wir m�ssen zum Bus, rief Muddel. Meine Mutter hat heute Geburtstag!</p><p>Markus schaute erstaunt auf, eine Sekunde nur, aber schon war�s passiert.</p><p>��Verdammter Mist, sagte Markus.</p><p>��Aber ihr kommt doch heute abend zur Friedensandacht, sagte Klaus.</p><p>��Mal sehen, ob wir�s schaffen, sagte Muddel.</p><p>��Das ist aber schade, rief Klaus ihnen hinterher. Gerade heute!</p><p>Der Bus fuhr ein, als sie die Haltestelle erreichten.</p><p>Der Heckmotor klirrte leise beim Anfahren. Der alte Ikarus beschleunigte tr�ge. Drau�en die Bilder, die er jeden Morgen sah, das Stoppelfeld, die Kiefern, die silbrigen Silaget�rme im Hintergrund (von denen Frickel immer behauptet hatte, es seien in Wirklichkeit Abschussrampen f�r russische Atomraketen).</p><p>Irgendwie hatte er das Gef�hl, seiner Mutter R�ckendeckung geben zu m�ssen.</p><p>��Ich geh nicht mehr zu meinem Vater, verk�ndete er.</p><p>��Was ist denn jetzt los, sagte Muddel.</p><p>Kurz erwog er die Nebenwirkungen dieser Variante: den Wegfall von Berlin, Kino, Naturkundemuseum � allerdings fand das alles so selten statt, dass es ihm pl�tzlich (und zwar besonders angesichts der Tatsache, dass er irgendwann, bald, gro� genug war, allein nach Berlin zu fahren) gar nicht so unm�glich erschien, auf die Gnade des Hin-und-wieder-von-seinem-Vater-abgeholt-Werdens zu verzichten.</p><p>��Der Arsch, sagte Markus.</p><p>��Bitte, Markus!</p><p>��Der Arsch, wiederholte Markus.</p><p>��Markus, ich m�chte nicht, dass du �ber deinen Vater so redest.</p><p>Der Bus hielt kurz, eine Omi stieg ein, setzte sich in die erste Reihe. Als der Bus wieder anfuhr, sagte Muddel:</p><p>��Ich war mit deinem Vater verheiratet, und wir haben dich zusammen bekommen, weil wir uns geliebt haben. Und die Tatsache, dass wir uns getrennt haben, hat mit dir nichts zu tun. Dein Vater hat <emphasis>mich</emphasis> verlassen, nicht <emphasis>dich</emphasis>. Okay?</p><p>��Schei�e Pisse mit Kotze, sagte Markus.</p><p>Irgendwie machte es ihn erst recht w�tend, wenn Muddel seinen Vater verteidigte. Er hatte sie beide verlassen � auch ihn! Er hatte seiner Mutter Dinge angetan. Zwar war er noch zu klein gewesen, um sich zu erinnern, behauptete Muddel, aber ein bisschen erinnerte er sich trotzdem daran: an das Verlassenwerden. An den Horror. An Qu�ldinge. Er erinnerte sich an Muddels Wimmern, leise, damit er nicht h�rte, was sein Vater im Nebenzimmer mit ihr machte, es hatte irgendwie zu tun mit An-den-Haaren-Ziehen, mit �ber-den-Fu�boden-Schleifen, <emphasis>Frauen abschleppen</emphasis>, hatte Muddel einmal gesagt, obwohl ihm nat�rlich inzwischen klar war, dass dies etwas anderes bedeutete � aber an das Wimmern im Nebenzimmer erinnerte er sich genau, und wie er dalag, starr vor Angst, und dass er immer krank gewesen war als Kind, das kam alles davon, vom Verlassenwerden, Muddel musste es schlie�lich wissen, als Psychologin, auch der Traum von den Fischk�pfen, manchmal mitten am Tag, bevor Muddel ihm einen Traumf�nger geschenkt hatte.</p><p>Die LPG kam in Sicht, ein verwahrlostes Gel�nde: �berall verrostete Maschinen im hohen Gras. Dann das Schweine-KZ, ein Bauwerk aus rohen Betonplatten, das ihm immer einfiel, wenn sie in der Schule das Lied singen mussten:</p><p><emphasis>Unsre Heimat, das sind nicht nur die St�dte und D�rfer �</emphasis></p><p>��Warum hast du eigentlich gesagt, dass <emphasis>deine Mutter</emphasis> Geburtstag hat?</p><p>��Ach, einfach nur so, sagte Muddel.</p><p>Aber er wusste, dass es nicht einfach nur so war. Es war Muddel peinlich vor Klaus, dass sie zu Wilhelms Geburtstag ging, irgendwie vertrug sich das nicht: Klaus � Kirche und Wilhelm � Partei. Nur: Klaus kannte Wilhelm ja gar nicht (und ihre Mutter auch nicht), sodass die Ausrede vollkommen �berfl�ssig war. Aber anstatt Muddel darauf hinzuweisen, fragte er:</p><p>��Ist Klaus eigentlich gegen die DDR?</p><p>��Klaus ist nicht gegen die DDR, sagte Muddel. Klaus ist f�r eine bessere DDR, mit mehr Demokratie.</p><p>��Und warum ist er dann Pfarrer?</p><p>��Warum denn nicht, sagte Muddel. Jeder kann sich einsetzen f�r mehr Demokratie. Als Pfarrer kann er zum Beispiel Friedensandachten organisieren.</p><p>Markus hatte keine Lust, das Thema fortzusetzen, er sp�rte schon, wie Muddel ihn wieder �berzeugen wollte, aber er fand die Friedensandachten einfach grausam, dieses Alle-an-den-H�nden-fassen-und-zusammen-Singen, das ganze Getue, und hinterher pennten alle bei ihnen auf dem Grundst�ck, soffen sich einen an und pissten in die Tomaten: f�r eine bessere DDR. Wie das gehen sollte, blieb sowieso ein R�tsel.</p><p>In der Ferne sah man jetzt Westberlin: die wei�en Schachtelneubauten, die aussahen wie Zukunft. Dort wohnte Frickel.</p><p>��Warum stellen wir eigentlich keinen Ausreiseantrag, fragte er.</p><p>��Wenn wir heute einen Ausreiseantrag stellen w�rden, sagte Muddel, dann w�rde er � und auch nur vielleicht � genehmigt werden, wenn du achtzehn bist. Oder zwanzig.</p><p>��Oder wir hauen ab, sagte Markus.</p><p>��Nicht so laut, sagte Muddel.</p><p>Die L�sung kam ihm auf einmal genial vor. Dann waren sie alles los: Gro�krienitz, die T�pferei. Und sein Vater guckte dumm aus der W�sche.</p><p>��Und wie willst du das machen, fragte Muddel.</p><p>��Na, wie alle � �ber Ungarn.</p><p>��So einfach ist das nicht, Muddel sprach leise, als h�tte sie die Omi vorn im Bus unter Stasi-Verdacht: Da brauchst du ein Visum f�r Ungarn, aber das kriegst du nicht mehr, und dann �berleg mal: Wenn wir r�bergehen, siehst du auch deine Freunde nie wieder.</p><p>��Doch, Frickel.</p><p>��Gut, Frickel. Und die anderen?</p><p>��Lars ist sowieso schon dr�ben.</p><p>��Und Oma und Opa? Und dein Vater?</p><p>��Der Arsch, sagte Markus.</p><p>��Markus, sagte Muddel, ist etwas zwischen euch vorgefallen? M�chtest du dar�ber sprechen?</p><p>��Schei�e Pisse mit Kotze, sagte Markus und sah zu, wie die wei�en Schachtelh�user langsam vorbeiglitten.</p><p>Als er eine gute Stunde sp�ter vor dem Haus seiner Urgro�eltern stand, erinnerte er sich auch wieder an die Messingt�rklopfer an der Haust�r. Sie hatten die Form von chinesischen Drachen, aber ihre aufgerissenen M�uler sahen auf einmal aus wie die Fischk�pfe in seinem Traum. Zum Gl�ck � gewisserma�en zur Entkr�ftung des B�sen � klebte unter den Fischk�pfen ein kleiner Zettel: <emphasis>Nicht klopfen!</emphasis>, und Markus erinnerte sich jetzt, dass im Haus �berall kleine Zettel geklebt hatten: <emphasis>Nur f�r G�ste</emphasis> oder <emphasis>Schalter au�er Betrieb</emphasis> oder <emphasis>Schl�ssel innen stecken lassen</emphasis>, sogar <emphasis>Achtung Keller</emphasis> stand an einer T�r, als k�nnte man in dem gro�en Haus manchmal vergessen, wo es zum Keller ging.</p><p>Noch bevor sie den Klingelknopf dr�ckten, �ffnete sich die T�r, und ein Mann im blauen Anzug und mit dicken, wurst�hnlichen Falten auf der Stirn stand ihnen gegen�ber.</p><p>��Genossin�� �h��, sagte der Mann.</p><p>Offensichtlich hatte er keine Ahnung, wen er vor sich hatte, tat aber so, als falle ihm blo� der Name nicht ein.</p><p>��Umnitzer, sagte Muddel und zeigte auf Markus: Der Urenkel.</p><p>��Der Urenkel, rief der Mann.</p><p>Er ergriff Markus� Hand und sch�ttelte sie.</p><p>��Donnerwetter, sagte der Mann. Donnerwetter!</p><p>Das Seltsame war, dass die Wurstfalten auf seiner Stirn unver�ndert blieben, auch wenn er lachte. Zu Muddel sagte er:</p><p>��Genossin, ich habe den Auftrag, Ihnen das Blumenpapier abzunehmen.</p><p>Muddel gab ihm das Blumenpapier, ohne die Anrede zu korrigieren.</p><p>In der Diele leuchtete die gro�e Muschel, ganz so, wie er es in Erinnerung hatte, nur dass ihm der Raum noch dunkler erschien als beim letzten Mal. Einige Sekunden standen sie verloren herum, dann tauchte, dicht vor ihnen, die Urgro�mutter auf wie ein Geist. Sie schaute sie fragend an, und schon bef�rchtete Markus, von ihr nicht erkannt zu werden, als sie sagte:</p><p>��Wunderbar, dass ihr kommt. Ich bin ja so gl�cklich!</p><p>Eine Frau huschte vorbei und nahm Muddel den Mantel ab.</p><p>��Wenn am Hintereingang kein Platz mehr ist, bringst du den Mantel in den Keller, rief die Urgro�mutter der Frau mit durchdringender Stimme hinterher. Dann wandte sie sich wieder ihnen zu.</p><p>��Grauenhaft, sagte sie.</p><p>Markus hatte keine Ahnung, was sie meinte.</p><p>��Ich bin am Ende, sagte die Urgro�mutter, ich bin wirklich am Ende.</p><p>Sie schlug die H�nde vors Gesicht, verharrte einige Augenblicke in dieser Haltung, bis es Markus unbehaglich zu werden begann. Pl�tzlich sagte sie:</p><p>��Kein Wort! Ist das klar?</p><p>Ihre Stimme klang wieder durchdringend und scharf.</p><p>��Kein Wort �ber Ungarn! Kein Wort �ber irgendwas! Das muss hundertprozentig klappen! Ist das klar?</p><p>��Alles klar, sagte Muddel.</p><p>Die Urgro�mutter beugte sich vor, fl�sterte jetzt beinahe:</p><p>��Er vertr�gt das nicht mehr.</p><p>��In Ordnung, sagte Muddel.</p><p>��Wunderbar, fl�tete die Urgro�mutter und strich Markus �bers Haar. Du bist aber gro� geworden!</p><p>��Er ist jetzt zw�lf, sagte Muddel.</p><p>Die Urgro�mutter nickte.</p><p>��Melitta, nicht wahr, du bist Melitta?</p><p>��Ja, sagte Muddel. Genau.</p><p>Noch einmal strich die Urgro�mutter Markus �bers Haar, schaute ihn l�chelnd an, um dann, wiederum abrupt, fast ein bisschen irrsinnig, die Tonart zu wechseln:</p><p>��Vamos, sagte sie. Hundertprozentig! Ich verlasse mich auf euch.</p><p>Gleich beim Betreten des Raums musste er wieder an das Naturkundemuseum denken, so ausstellungshaft war alles, so irgendwie pr�historisch, und es roch auch so: staubig und streng und nach gro�em Ernst; ringsum standen, wie eh und je, schwarze, verglaste Regale, und schr�g durch die gro�e Schiebet�r, welche die beiden R�ume zu einer regelrechten Halle verband, sah man den Wintergarten, in dem, wie ihm jetzt einfiel, der Hauptteil der Sch�tze lagerte.</p><p>In der Mitte des Raums war eine aus verschiedenen (und verschieden hohen) Tischen zusammengest�ckelte Tafel aufgebaut, daran sa�en schon eine Menge Leute. Sein Vater war nicht dabei. Auch Oma Irina konnte er auf den ersten Blick nicht finden; es waren zumeist alte, uralte Leute, die hier am Tisch sa�en und diskutierten, eine Saurierversammlung mit Kaffee und Kuchen, dachte Markus, aber so aufgeregt durcheinanderkr�chzend, als h�tte man sie gerade alle aus ihrer pr�historischen Starre erweckt, damit sie alles, was sie in Millionen Jahren zu sagen vers�umt hatten, heute nachholten.</p><p>Nur einer hockte abseits der gro�en Tafel, ganz links in der Ecke, im Schatten des durch die Terrassent�r einfallenden Lichts: ein Saurier, der die Wiederauferstehung nicht ganz geschafft hatte � tats�chlich erinnerte die ineinandergeschobene Knochengestalt mit ihren bis zu den Ohren aufragenden Knien, den �ber die Seitenlehnen h�ngenden Fl�gelarmen und der riesigen langen Schnabelnase an den fossilen Abdruck jenes ausgestorbenen Reptils, das Markus immer am meisten fasziniert hatte: Pterodactylus, Flugsaurier.</p><p>��Markus, sagte die Urgro�mutter zu dem Pterodactylus. Dein Urenkel.</p><p>��Gratuliere zum Geburtstag, murmelte Markus und hielt seinem Urgro�vater das Bild hin.</p><p>Der Pterodactylus hielt den Kopf schief, die Schnabelnase kreiste.</p><p>��Er h�rt nix mehr, fl�sterte die Urgro�mutter.</p><p>��Ein Leguan, kr�chzte der Pterodactylus.</p><p>��Eine Wasserschildkr�te, sagte Markus laut � auf eine weitere Pr�zisierung (dass es sich n�mlich um das Abbild einer echten Karettschildkr�te handelte) verzichtete er.</p><p>��Er sieht auch nix mehr, fl�sterte die Urgro�mutter.</p><p>��Markus interessiert sich f�r Tiere, sagte Muddel.</p><p>Der Pterodactylus sa� einen Augenblick reglos. Dann sagte er:</p><p>��Wenn ich tot bin, Markus, dann erbst du den Leguan dort im Regal.</p><p>��Cool, sagte Markus.</p><p>Dass ihm jemand etwas �vererbte�, war ihm noch nie passiert, und er war nicht sicher, ob man sich daf�r zu bedanken hatte, ob man sich �berhaupt freuen durfte. Das hie�e ja, sich auf Wilhelms Tod freuen. Aber Wilhelm sagte pl�tzlich:</p><p>��Oder nimm ihn am besten gleich mit.</p><p>��Jetzt gleich?</p><p>��Nimm mit, sagte Wilhelm, mit mir geht es sowieso nicht mehr lange.</p><p>��Aber erst allen guten Tag sagen, rief Muddel ihm hinterher.</p><p>Markus ging artig von einem zum anderen und lie� das immer wiederkehrende <emphasis>Der Urenkel, der Urenkel!</emphasis> �ber sich ergehen, peinlich, klar, aber irgendwie f�hlte er sich auch geschmeichelt.</p><p>��Die Jugend, fl�tete eine blondierte alte Frau.</p><p>��Da sdrawstwujet, br�llte ein dicker, schwitzender Mann, dessen Gesicht schon ganz rot war vom vielen Reden.</p><p>Alle hoben ihr Glas und tranken auf die Jugend.</p><p>Opa Kurt dr�ckte ihn sogar � nicht gerade �blich, normalerweise geh�rte Opa Kurt eher zu denen, die unn�tigen K�rperkontakt mieden, was Markus durchaus zu sch�tzen wusste; �berhaupt mochte er seinen Opa, und es tat ihm immer ein bisschen leid, wie Opa sich, wenn er hin und wieder bei seinen Gro�eltern zu Besuch war, m�hte, ihm irgendwelche Spiele beizubringen, <emphasis>aus denen man etwas f�rs Leben lernte</emphasis>. So war Opa Kurt: gutm�tig, aber anstrengend.</p><p>��Wo ist denn Oma Ira, fragte Markus.</p><p>��Oma geht es nicht gut, sagte Opa Kurt.</p><p>��Ist sie krank?</p><p>��Ja, sagte Opa Kurt. So muss man es sagen.</p><p>Zum Schluss kam Baba Nadja dran. Ihm grauste ein bisschen vor ihrem H�ndedruck. Baba Nadja wohnte dr�ben bei Oma Irina, und wenn man dort zu Besuch war, musste man immer in ihr Zimmer und guten Tag sagen, und dort stank es gewaltig, ein bestimmter, leicht s��licher Geruch, der einen regelrecht w�rgen lie�, sodass man versuchte, sofort wieder zu entkommen, sobald man seine Pflicht erf�llt hatte, aber da war die Falle schon zugeschnappt � H�nde wie Kneifzangen, die alte Frau, sie packte einen, quasselte einen voll mit ihrem Russisch und zog einen, w�hrend die Atemluft knapp zu werden begann, aufs Bett, und ihre Zangenpfoten �ffneten sich nicht eher, als bis man eine von ihren ekligen Pralinen gekostet hatte.</p><p>Sie meinte es gut, das war klar, und Markus lie� sich nichts anmerken, als er ihr jetzt die Hand reichte, unwillk�rlich atmete er durch den Mund und setzte ein irgendwie freundliches Gesicht auf, entschlossen, den Schwall unverst�ndlicher Laute �ber sich ergehen zu lassen � aber zu seiner Verbl�ffung sagte Baba Nadja nur ein einziges, zwar falsch (n�mlich auf der letzten Silbe) betontes, doch verst�ndliches Wort:</p><p>��Affidersin, sagte sie.</p><p>Auf Wiedersehen, sagte Markus erleichtert und machte sich auf den Weg.</p><p>Zuerst besichtigte er den Leguan, der nun sein Eigentum war: ein pr�chtiges Exemplar, ganz unbesch�digt, abgesehen von einer fehlenden Kralle. Der Schuppenkamm war ein bisschen verstaubt, und er freute sich schon darauf, ihn zu Hause mit einem feinen Pinsel s�ubern zu d�rfen. Ob er den Leguan gleich in Sicherheit bringen sollte, wer wei�, vielleicht hatte Wilhelm nachher schon wieder alles vergessen � aber wohin? Und es gab ja auch Zeugen f�r die Schenkung. Er beschloss, seine Besichtigung fortzusetzen, Muddels stumme Aufforderung, sich mit an die Kaffeetafel zu setzen, ignorierend.</p><p>Wilhelms Zimmer war weniger interessant als der Wintergarten, abgesehen von dem Leguan und abgesehen vielleicht von dem gro�en Sombrero und dem Lasso und dem bestickten Ledergurt (mit Revolvertasche!), die in einer zugemauerten T�rnische hingen. Dennoch nahm sich Markus die Zeit, alles noch einmal gr�ndlich zu pr�fen: das Silberzeug, Schalen und Aschenbecher, aber auch Sachen aus Gold oder aus blauem Kristall, wahrscheinlich sehr wertvoll, die sorgf�ltig drapiert in extra Abteilungen zwischen den B�chern herumstanden. Es gab auch eine russische Abteilung, darin eine von diesen ineinanderzuschachtelnden Holzpuppen, bemalte Holzl�ffel und so ein gl�sernes Ding, wo es schneite, wenn man es sch�ttelte, und mittendrin in dem Ding, winzig: der Kreml. Und Lenin, als Gipskopf, mit angeschlagenem Ohr.</p><p>Interessanter waren die Fotos, die in kleinen Stehrahmen auf der halbhohen Vitrine standen: Wilhelm auf einem pr�historischen Motorrad, in Uniform (?) und mit Lederkappe und Brille (nur an der Nase erkannte man ihn), daneben, in einem Beiwagen, ein Mann im Anzug: Karl Liebknecht vielleicht. Doch das Foto war schlecht, und einen Bart hatten damals wohl alle.</p><p>Ein Foto von einem Schiff: War es das, auf dem seine Urgro�eltern aus Mexiko zur�ckgekommen, oder das, mit dem sie hingefahren waren? Wie waren sie eigentlich damals aus Deutschland entkommen?</p><p>Au�erdem das Foto einer jungen, sch�nen Frau mit schwarzen, gl�nzenden Augen, und nur an der Art und Weise, wie sie noch heute die Haare trug, erkannte man, dass es sich um dieselbe Person handelte, die jetzt hereinflatterte und zischend ihre G�ste ermahnte.</p><p>��Bitte, Kinder, ich bitte euch!</p><p>Und schon klingelte es wieder. Die Urgro�mutter verschwand im Flur, das Palaver der Saurier, das nach der Ermahnung f�r einen Moment abgeschwollen war, nahm wieder an Lautst�rke zu, man redete, trotz Verbots, �ber die <emphasis>politische Lage</emphasis> und �ber Ungarn und das ganze Zeug, und Markus registrierte erstaunt, dass die Saurier dieselbe Meinung vertraten wie Pfarrer Klaus in Gro�krienitz:</p><p>��M�hr Demogradie, schrie der dicke Mann mit dem roten Gesicht, selbstvorst�ndlisch prauchen wir m�hr Demogradie!</p><p>Aber schon ging die Urgro�mutter dazwischen und klatschte in die H�nde:</p><p>��Genossen, rief die Urgro�mutter, Genossen, ich bitte um Ruhe!</p><p>Ein Mann im braunen Anzug war eingetreten. Er sah aus wie sein Schuldirektor Brietzke und hielt eine rote Mappe in der Hand, jemand lie� ein Glas klingen, eine Rede anscheinend, jetzt kam der offizielle Teil, dachte Markus. Wo blieb eigentlich sein Vater?</p><p>��Liebe Genossen, lieber, verehrter Genosse Powileit, begann der Schuldirektor, und sein Tonfall war schon bei diesen ersten Worten so erm�dend, so typisch Rede, dass Markus �berlegte, ob er, die letzte Unruhe nutzend, noch rasch versuchen sollte, in den Wintergarten zu entkommen, aber zu sp�t, ihm blieb nichts �brig, als abzuwarten. Er stand jetzt am Fenster, vor Wilhelms Schreibtisch � auch museumsreif, samt den altert�mlichen Utensilien, die darauf lagen: Brief�ffner (gleich mehrere), Holzstifte (rot), eine gro�e Lupe � , und erinnerte sich, w�hrend der Schuldirektor Wilhelms Lebenslauf ausbreitete, dass auch Wilhelm damals, als er in seiner Klasse gewesen war, vom �Kap-Putsch� erz�hlt hatte und dass er dabei verwundet worden war, und obwohl er gar nicht wusste, wie es dort aussah, hatte Markus seinen Urgro�vater schon damals am <emphasis>Kap Hoorn</emphasis> gesehen, mit Sombrero und gez�cktem Trommelrevolver zum Angriff reitend und � peng!�� vom Pferd fallend. So war es garantiert nicht gewesen, dachte Markus, vielleicht hie� einfach ihr Anf�hrer �Kap�? Vielleicht war das der Mann im Beiwagen? Fuhren sie gerade zum Putsch? Oder war das Foto aus der Nazizeit, als Wilhelm, wie der Schuldirektor jetzt berichtete, <emphasis>illegal t�tig</emphasis> gewesen war, und Wilhelm hatte sich als SA-Mann verkleidet? Sp�ter, sagte der Schuldirektor, musste Wilhelm aus Deutschland fliehen � nur <emphasis>wie</emphasis> er geflohen war, das verriet der Schuldirektor nicht, und Markus fragte sich abermals, ob es denn keine Grenze gegeben hatte in Deutschland? Wurde sie nicht bewacht? Und wo war eigentlich w�hrend der ganzen Zeit Urgro�mutter Charlotte?</p><p>��� dir, lieber Genosse Powileit, den Vaterl�ndischen Verdienstorden in Gold zu verleihen, h�rte Markus den Schuldirektor sagen. Das h�rte sich bombastisch an, Vaterl�ndischer Verdienstorden, ein bisschen nach Kaiser und Krieg, und auch noch in Gold, alle klatschten jetzt, der Schuldirektor ging auf Wilhelm zu, den Vaterl�ndischen Verdienstorden in der Hand, aber Wilhelm stand nicht mal auf, sondern hob nur die Hand und sagte:</p><p>��Ich hab genug Blech im Karton.</p><p>Alle lachten, nur die Urgro�mutter sch�ttelte den Kopf, dann steckte der Schuldirektor Wilhelm den Orden an, und alle klatschten wieder und standen auf und wussten auf einmal nicht, wie sie aufh�ren sollten zu klatschen, und klatschten immer noch, als die Urgro�mutter endlich mit schriller Stimme dazwischenrief:</p><p>Das Buffet ist er�ffnet!</p><p>Das Buffet stand im Nebenzimmer. Markus angelte sich rasch ein W�rstchen und marschierte in Richtung Wintergarten. Schon hatte er den typischen Geruch in der Nase, schon sp�rte er an den Fingerspitzen die schmirgelige Rauheit des Katzenhais, dessen Haut, wie die Haut aller Haifische, aus winzigen, sich st�ndig regenerierenden Z�hnen bestand, er hatte sogar schon, vorsorglich, darauf zu achten begonnen, das W�rstchen in der einen, der rechten Hand zu behalten, damit die Linke f�r die Ber�hrung mit dem Katzenhai sauber blieb � als er feststellte, dass der Wintergarten verschlossen war. An der Schiebet�r klebte, wie ein Siegel �ber die Ritze zwischen den Fl�geln hinweg, ein Zettel: <emphasis>Nicht betreten!</emphasis> Markus lugte durch die Glasscheibe. Es war alles, wie er es in Erinnerung hatte, dort die Kobrahaut und die S�ge, der Katzenhai zwischen den Bl�ttern des Gummibaums, nur der kleine Springbrunnen war au�er Betrieb, und wenn man sich ganz her�berlehnte, sah man, dass das Parkett vor der T�r, die auf die Terrasse hinausf�hrte, von einem Wasserschaden aufgequollen war, ja dass sogar Bretter fehlten. Schade, dachte Markus, nicht um den Fu�boden, sondern um die sch�nen Sachen, die ihm pl�tzlich ziemlich vernachl�ssigt und verwaist vorkamen � und er fragte sich, einmal auf den Gedanken gebracht, ob er die Kobrahaut und die S�gerochens�ge und den Katzenhai nicht auch <emphasis>erben</emphasis> k�nnte, doch wahrscheinlich war, wenn die Urgro�mutter starb, erst einmal Opa Kurt dran, und wenn Opa Kurt starb, sein Vater � eine lange, zu lange Folge, und die einzige Hoffnung bestand wohl darin, dies oder jenes vorzeitig geschenkt zu bekommen: Vielleicht war mit seinem Vater ja zu verhandeln? Wo blieb der eigentlich? Markus schaute sich um, aber nat�rlich war sein Vater nicht da. Immer wenn man ihn brauchte, war er nicht da: jetzt, zum Beispiel, um die durchgeknallte Urgro�mutter zu fragen, ob man mal in den Wintergarten durfte. Zum Kotzen, einen Vater zu haben, der nie da war. Andere V�ter waren da, nur er, Markus Umnitzer, hatte so einen Schei�vater, der immer nicht da war. Der Arsch.</p><p>Er ging zur�ck zum kalten Buffet, holte sich noch ein W�rstchen. Muddel sa� dr�ben im anderen Zimmer neben Opa Kurt, und da sie es nicht unbedingt gern sah, wenn er W�rstchen a�, dr�ckte er sich noch ein bisschen im �Buffet-Zimmer� herum, betrachtete gelangweilt die �berall herumstehende und herumh�ngende Indianerkunst, von der die Urgro�mutter immer schw�rmte, und schaute, als es wieder klingelte, unauff�llig nach, ob sein Vater endlich gekommen war. Und als er sein W�rstchen aufgegessen hatte und der Arsch noch immer nicht gekommen war, entschloss er sich, die Urgro�mutter selbst zu fragen, ob ausnahmsweise eine Besichtigung des Wintergartens m�glich war � aber als er sich die Finger an der Hose abgewischt hatte und sich nach seiner Urgro�mutter umsah, wurde es im anderen Zimmer pl�tzlich still, und einen Augenblick sp�ter war eine Stimme zu h�ren, eine leise, hohe Singstimme, fast zu hoch f�r einen Mann und fast zu rein f�r ein so gut wie ausgestorbenes Exemplar, doch die Stimme geh�rte tats�chlich Wilhelm, der in seiner dunklen Ecke sa�, mit geschlossenen Augen, und <emphasis>sang</emphasis>, einfach so vor sich hin sang, irgendeinen gerade ausgedachten Bl�dsinnstext, konnte man glauben: war es aber nicht, sondern irgendwas mit Lenin und Stalin, jemand versuchte sogar mitzusingen, konnte aber den Text nicht richtig, und Wilhelm sang allein zu Ende, solo, der Pterodactylus, kaum mehr als ein Haufen Knochen, den Orden an der Brust wie ein Olympiasieger.</p><p>Wieder klatschten alle. Wilhelm winkte ab, doch es half nichts, die Leute klatschten, als w�re das sonst wie toll gewesen. Nur die Urgro�mutter zog ein Gesicht: Wilhelm war ihr peinlich, man sah es, und Markus �berlegte noch, ob es der richtige Moment war, sie nach dem Wintergarten zu fragen, als � kaum zu glauben � der N�chste anfing zu singen. Besser gesagt <emphasis>die</emphasis> N�chste. Baba Nadja war es, die sich pl�tzlich im Takt hin und her zu wiegen begann und mit tiefer, rauer Stimme russische Laute hervorbrachte, welche sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen, Psst-psst, hie� es, sogar Urgro�mutter wurde niedergepsst, man warf Baba Nadja aufmunternde Blicke zu, schon fingen die ersten K�pfe an, sich im Takt zu wiegen, und nachdem Baba Nadja zum zweiten oder dritten Mal bei einer Art Refrain angekommen war, in dem das wohl einzige Wort vorkam, was alle verstanden, n�mlich <emphasis>Wodka, Wodka</emphasis>, fingen die Ersten an mitzusingen, immer an der Stelle <emphasis>Wodka, Wodka</emphasis>, w�hrend Baba Nadja ernst und stur eine Strophe nach der anderen ableierte, bis schlie�lich alle, am lautesten der Dicke mit dem Pavianarschgesicht, mitbr�llten: <emphasis>Wodka, Wodka</emphasis>, und sogar in die H�nde klatschten bei <emphasis>Wodka, Wodka</emphasis>. Unglaublich, was hier abging. Die Saurier-Party. Da verpasste sein Vater was, dachte Markus und schaute sich um, ob er nicht doch inzwischen gekommen war, aber statt seines Vaters sah er inmitten all dieser �berschnappenden Fr�hlichkeit, zwischen den gackernden, z�hnebleckenden und betrunkenen Gesichtern ein ernstes, ein abwesendes, ein von alldem vollkommen unber�hrtes Gesicht, ganz schmal und ganz schief und von kleinen, entz�ndeten Schmerzstellen unter den Augenbrauen gezeichnet.</p><p>Im selben Augenblick klirrte irgendetwas im Nebenzimmer, jemand schrie auf � und Markus hatte M�he, sich gegen die pl�tzlich durch die Schiebet�r str�menden Menschen vorzuarbeiten zu seiner Mutter.</p><p>��Was ist denn passiert, fragte er.</p><p>��Wir gehen, sagte Muddel.</p><p>��Warum denn jetzt schon?</p><p>��Das erkl�r ich dir drau�en, sagte Melitta.</p><p>Sie gingen, ohne sich von den Urgro�eltern zu verabschieden.</p><p>Den Leguan nahm er mit.</p><p>In der Nacht tr�umte er wieder von abgeschnittenen Fischk�pfen.</p></section><section><title><p><strong>1979</strong></p></title><p>Selbst der Schnee, mit dessen R�umung die Leute seit Tagen schon wieder nicht hinterherkamen, konnte die Gegend nicht ansehnlicher machen. Die hohen Mietsh�user links und rechts sahen erb�rmlich aus. Die Stuckfassaden waren vom Rauch der Kohle�fen geschw�rzt, wo nicht nacktes Mauerwerk bleckte. Die Balkone sahen aus, als k�nnten sie einem jeden Moment auf den Kopf fallen.</p><p>Ruinen schaffen ohne Waffen, der Witz fiel ihm ein: die Losung der Kommunalen Wohnungsverwaltung.</p><p>Dr�ben, im Wedding, waren schicke Neubauten zu sehen. Was dachten die Westberliner, wenn sie �ber die Mauer hinweg in dieses Elend schauten?</p><p>Haus Nummer 16 schien unbewohnt zu sein. Falsche Adresse? Die T�r stand offen. Kurt passierte einen ruin�sen Hausflur. An der Decke die Reste von Blumenreliefs. Dornr�schenschlaf.</p><p>Uralte Schilder: Hausieren verboten. Ball spielen verboten. Fahrr�der abstellen verboten.</p><p>Seitenfl�gel rechts. Abgerissene, aufgebrochene Briefk�sten. Die T�r stand sperrangelweit offen, lie� sich nicht schlie�en, weil eine dicke Eisschicht auf dem Fu�boden die Schwelle blockierte: Rohrbruch, dachte Kurt, das Wort dieses Winters. �berall waren nach dem gro�en Temperatursturz zum Jahreswechsel die Rohre gebrochen.</p><p>Kurt balancierte �ber den vereisten Boden, stieg zwei Treppen hinauf, klopfte an der T�r rechts. Hoffte, dass niemand �ffnete. Dann konnte er sagen, er habe es versucht. Nur, was hatte er davon? Irina w�rde die Polizei anrufen oder, noch schlimmer, selber hierherkommen � Gott bewahre. Wenn Irina <emphasis>das</emphasis> sah, war es aus.</p><p>Ger�usche. Schritte. Die T�r �ffnete sich, Sascha erschien. Er trug einen gr�sslichen, auff�llig geflickten blauen Pullover. Seine Haare waren kurz geschoren wie bei einem Str�fling. Er war mager geworden, sein Gesicht hatte einen merkw�rdig w�chsernen Glanz, und sein Blick war � irgendwie irr.</p><p>��Komm rein, sagte Sascha und machte eine Geste, als w�rde er ihn in einen Palast bitten.</p><p>Kurt betrat eine leere Wohnung. Er nahm kaum Einzelheiten wahr � es gab kaum Einzelheiten. Ein brutal kahler Flur. Eine K�che ohne ein einziges M�bel, alle K�chenutensilien standen auf einer alten Kochmaschine herum. Das Zimmer: blanke Dielen von roter Fu�bodenfarbe. Eine nackte Birne an der Decke. Ein Schrank. Eine Matratze. Eine blau angestrichene Schulbank, auf der eine Schreibmaschine stand.</p><p>Sascha wies auf den einzigen Stuhl im Zimmer.</p><p>��Setz dich, sagte er. Willst du �n Tee?</p><p>Kurt blieb stehen, schaute sich um.</p><p>Ein voller Aschenbecher stand auf dem Fensterbrett. Auf dem Fu�boden lagen B�cher.</p><p>��Ich bin noch nicht vollst�ndig eingerichtet, sagte Sascha.</p><p>��Aha, sagte Kurt.</p><p>Er schaute an den Eisblumen vorbei auf die Pappel im Hinterhof, die ihre schwarzen �ste dem Himmel entgegenstreckte.</p><p>��Hast du hier eine Zuweisung oder so was?</p><p>Sascha lachte, sch�ttelte den Kopf.</p><p>��Und wie kommst du hier rein? Woher hast du den Schl�ssel?</p><p>��Ich hab ein neues Schloss eingesetzt.</p><p>��Du willst sagen, du bist hier eingebrochen.</p><p>��Vater, die Bude steht leer. Da k�mmert sich kein Mensch drum.</p><p>Kurt betrachtete den gro�en braunen Kachelofen. Hinter der spaltbreit ge�ffneten gusseisernen T�r loderte ein Fl�mmchen. Neben dem Ofen stand ein Pappkarton mit Kohlen. Vorschriftswidrig, dachte Kurt. Laut sagte er:</p><p>��Na sch�n, gehen wir essen.</p><p>Inzwischen war es dunkel geworden. Nur die H�lfte der alten, von vor dem Krieg stammenden Laternen funktionierte noch. Ein M�llcontainer qualmte.</p><p>��Sch�n hier, sagte Kurt.</p><p>��Ja, sagte Sascha, die beste Gegend Berlins.</p><p>Sie gingen hintereinander, weil nur ein schmaler, ausgetretener Pfad im Schnee begehbar war. Sascha voran. Er trug eine abgewetzte, viel zu d�nne Milit�rjacke: Parka, sagte man wohl.</p><p>��Wo ist eigentlich dein Lammfellmantel, fragte Kurt.</p><p>��Ist noch bei Melitta.</p><p>��Noch bei Melitta, murmelte Kurt.</p><p>��Wie bitte, fragte Sascha.</p><p>��Nichts, sagte Kurt.</p><p>Endlich traten sie auf die Sch�nhauser hinaus. Jetzt gingen sie nebeneinander.</p><p>��Deine Mutter macht sich Sorgen, begann Kurt.</p><p>Sascha zuckte mit den Schultern:</p><p>��Mir geht es gut.</p><p>��Das freut mich, sagte Kurt. Dann kannst du mich ja mal dar�ber aufkl�ren, was eigentlich los ist.</p><p>��Was soll los sein. Ich bin da, ich existiere. Das Leben ist wunderbar.</p><p>��Melitta sagt, du willst dich scheiden lassen.</p><p>��Ihr wart bei Melitta?</p><p>��Melitta war bei uns.</p><p>��Wie sch�n, sagte Sascha.</p><p>��Darf Melitta uns nicht mehr besuchen?</p><p>��Aber bitte! Ich freue mich, wenn ihr euch pl�tzlich so gut versteht.</p><p>��Melitta ist die Mutter unseres Enkels, sagte Kurt. Und das haben nicht wir uns ausgesucht. Das war deine Entscheidung. Du wolltest heiraten. Du wolltest ein Kind. Wir haben dir damals abgeraten��</p><p>��Richtig, sagte Sascha, ihr habt uns geraten, das Kind zu t�ten.</p><p>��Wir haben dir abgeraten, Hals �ber Kopf zu heiraten, eine Frau, die du kaum kennst. Wir haben dir abgeraten, ein Kind in die Welt zu setzen mit zweiundzwanzig��</p><p>��Okay, sagte Sascha, du hattest recht, wenn du das h�ren willst. Gratuliere, du hattest recht. Bist du jetzt zufrieden?</p><p>An der Ecke Gleimstra�e war die Gastst�tte Vineta. An der T�r hing ein handgemaltes Schild: �Wegen technischer Probleme geschlossen�.</p><p>Auch das Restaurant auf der anderen Stra�enseite war geschlossen: �Montag Ruhetag�.</p><p>Sie gingen weiter Richtung Stadtzentrum. Der Verkehr kam in Wellen. Kurt wartete eine Pause ab, um nicht schreien zu m�ssen. Dann versuchte er es noch einmal:</p><p>��Es geht nicht darum, wer recht hat oder hatte. Ich mache dir keine Vorhaltungen. Aber du hast nun einmal geheiratet, du hast einen Sohn in die Welt gesetzt, und nun hast du eine gewisse Verantwortung. Du kannst nicht gleich alles hinschmei�en und wegrennen, weil es mal ein Problem gibt. Das ist nun mal so in einer Ehe, dass es auch mal Probleme gibt.</p><p>��Es geht nicht um Eheprobleme, sagte Sascha.</p><p>��Aha, sagte Kurt. Worum geht es dann?</p><p>Sascha schwieg.</p><p>��Entschuldige, aber ich finde, wir, als deine Eltern, haben eine gewisses Recht, zu erfahren, was los ist. Du verschwindest einfach f�r Wochen, du meldest dich nicht�� Kannst du dir wirklich nicht vorstellen, was bei uns zu Hause los ist? Baba Nadja weint den ganzen Tag. Deine Mutter ist vollkommen erledigt. Ich wei� nicht, um wie viele Jahre sie in diesen letzten Wochen gealtert ist</p><p>��Bitte mach mich jetzt nicht noch verantwortlich f�r das Alter meiner Mutter, sagte Sascha.</p><p>Kurt wollte etwas einwenden, aber Sascha lie� ihn nicht zu Wort kommen, wurde pl�tzlich laut:</p><p>��Ich kann mein Leben nicht nach dem Seelenfrieden meiner Mutter ausrichten, so leid es mir tut. Ich habe ein Recht auf mein eigenes Leben, ich habe ein Recht auf Eheprobleme, ich habe ein Recht auf Schmerzen��</p><p>��Ich denke, du hast keine Eheprobleme?</p><p>Sascha schwieg.</p><p>��Gibt es eine andere Frau?</p><p>��Ich denke, Melitta hat euch alles erz�hlt.</p><p>��Melitta hat uns gar nichts erz�hlt.</p><p>��Nein, es gibt keine andere Frau, sagte Sascha.</p><p>��Was dann?</p><p>Sascha lachte.</p><p>��Vielleicht hat Melitta ja einen anderen Mann? Das ist ja auch eine M�glichkeit!�� Hier gibt es Broiler.</p><p>Sie standen vor der Goldbroilergastst�tte Ecke Milastra�e. Kurt hatte weder Lust auf Broiler, noch hatte er Lust auf Neonlicht und Tische aus Sprelacart, aber vor allem hatte er keine Lust, in der K�lte anzustehen: Die Schlange ging bis vor die T�r.</p><p>��Was ist denn noch in der N�he?</p><p>��Da dr�ben ist das Wiener Caf�, sagte Sascha.</p><p>��Gibt es da was zu essen?</p><p>��Torte.</p><p>��Hier muss es doch irgendwo was zu essen geben, sagte Kurt.</p><p>��Balkan-Grill, sagte Sascha und zeigte in Richtung Alex.</p><p>Sie gingen weiter.</p><p>Der Wind blies heftig. Eine U-Bahn rasselte vorbei � hier fuhr die U-Bahn oben, als Hochbahn, w�hrend die S-Bahn unter der Stra�e kreuzte: Verkehrte Welt, dachte Kurt.</p><p>Er versuchte, den Gedanken, dass Melitta Sascha betrog, in seinen eigenen Vorstellungen einzuordnen. Dass Sascha Melitta betrog, h�tte ihn kaum �berrascht. Aber umgekehrt? Das war erstaunlich, und wenn er ehrlich war, empfand Kurt ein kleines bisschen, ja, Genugtuung: moderne Ehe! Gleichberechtigung! Da war er, Kurt, mit seiner traditionellen Ehe doch weiter.</p><p>Laut sagte er:</p><p>��Ich verstehe nat�rlich, dass dich das schmerzt.</p><p>��Das ist sch�n, sagte Sascha.</p><p>��Das versteh ich, sagte Kurt, auch wenn du�s nicht glaubst, ich hab ja auch ein bisschen Lebenserfahrung. Was ich nicht verstehe: Warum wohnst du in dieser Bruchbude?</p><p>��Soll ich im Tierpark wohnen?</p><p>��Ich w�rde gern wissen, warum du nicht deine Wohnung bewohnst.</p><p>��Das habe ich doch gesagt. Weil Melitta dort wohnt, mit ihrem��</p><p>Sascha wedelte mit der Hand durch die Luft.</p><p>��Wie � der <emphasis>wohnt</emphasis> dort?</p><p>Sascha schwieg.</p><p>��Aber du kannst dem doch nicht einfach die Wohnung �berlassen.</p><p>��Vater, die Wohnung bekommt sowieso Melitta zugesprochen.</p><p>��Aber du verlierst doch dein Anrecht.</p><p>��Worum geht es jetzt? Um die Wohnung?</p><p>��Entschuldige, sagte Kurt. Ein bisschen geht es auch um die Wohnung. Deine Mutter hat euch diese Wohnung besorgt, hat mit dir noch Tapeten geklebt, weil Melitta schwanger war. Und du schmei�t das alles hin, und deine Mutter kann dir die n�chste Wohnung besorgen.</p><p>��Siehst du, genau das ist es! Sascha blieb stehen, schrie jetzt fast: Genau das ist es!</p><p>��Ja, sagte Kurt. Genau das ist es.</p><p>Sascha winkte ab und ging weiter.</p><p>��Du bist wirklich derma�en unvern�nftig, rief Kurt hinterher.</p><p>Sascha ging weiter.</p><p>��Und eins sage ich dir: Wenn das rauskommt, dass du dort eingebrochen bist�� Das ist <emphasis>kriminell</emphasis>, ist dir das klar? Dann ist dein Studium beendet.</p><p>��Mein Studium ist sowieso beendet, sagte Sascha und betrat die Gastst�tte Balkan-Grill.</p><p>Kurt folgte ihm � notgedrungen.</p><p>Im Restaurant, gleich hinter der T�r, warteten bereits mehrere Personen auf einen Platz. Kurt und Sascha reihten sich ein, warteten ebenfalls. Tats�chlich war die Gastst�tte voll besetzt. Ein fetter, dunkelhaariger Kellner, den Kurt f�r einen Bulgaren zu halten bereit war, rannte hin und her, verbreitete Hektik. Er trug einen schwarzen Anzug und ein nicht mehr ganz frisches Hemd. Sein Bauch quoll �ber den Hosenbund. Sein Kopf schien vor Anstrengung geschwollen.</p><p>��Zwee ma Schoppskaa, zwee ma Keebap/&#x200B;Reis, schrie er in breitem Berlinerisch in die K�che.</p><p>Er war der Einzige, der sich erlaubte, L�rm zu machen. Die G�ste sprachen ged�mpft und meldeten sich scheu, wenn sie eine Bestellung nachzutragen hatten. Kurt musste pl�tzlich an das Parteilehrjahr heute nachmittag denken, eine d�mliche Pflichtveranstaltung, die, obwohl sie Parteilehr<emphasis>jahr</emphasis> hie�, einmal im Monat durchgef�hrt wurde. Thema heute: <emphasis>Theorie und Praxis der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft.</emphasis></p><p>��Wie lange warten Sie schon, fragte Sascha das Paar, das vorn in der Reihe stand.</p><p>Es waren zwei Personen mittleren Alters. Sie warfen einander einen Blick zu, bevor sie sich � anscheinend telepathisch � auf eine Antwort verst�ndigten, die der Mann aussprach, die die Frau jedoch lippensynchron mitbuchstabierte:</p><p>��Trei�isch Minuden.</p><p>Beide nickten bekr�ftigend.</p><p>��Is ja allet zu, erg�nzte ein anderer Mann. Wejen de Energiekrise! Man wundert sich, det �berhaupt noch wat uff hat.</p><p>Das Paar nickte.</p><p>��Kenn� Se den, fl�sterte der andere Mann � offenbar von so viel Zustimmung ermuntert: Wat sin� die vier Hauptfeinde des Sozialismus?</p><p>Das Paar wechselte Blicke.</p><p>��Fr�hjah, Somma, Herbst und Winta, sagte der Mann und kicherte in sich hinein.</p><p>Das Paar wechselte Blicke.</p><p>Sascha lachte.</p><p>Kurt kannte den Witz schon: G�nther hatte ihn vor der Parteiversammlung erz�hlt.</p><p>Sie verlie�en das Lokal nach f�nfzehn Minuten. Wenigstens hatten sie sich ein bisschen aufgew�rmt.</p><p>��Da dr�ben ist Stockinger, sagte Sascha. Ist aber teuer.</p><p>��Herrgott, sagte Kurt.</p><p>Sie wechselten auf die andere Seite der Sch�nhauser. Tats�chlich hatte Stockinger ge�ffnet. Obendrein gab es noch freie Tische. Allerdings stand ein Schild an der T�r:</p><p>SIE WERDEN PLATZIERT.</p><p>Nach einer gewissen Zeit erschien ein Kellner mit Fliege.</p><p>��Zwei Personen, sagte Sascha.</p><p>Der Kellner musterte ihn von oben bis unten: seine geflickte Jacke, seine ausgewaschenen Jeans, seine verschrammten, dreckigen Wanderschuhe.</p><p>��Leider ist zurzeit alles reserviert, sagte der Kellner.</p><p>��Aber da steht doch gar kein Schild auf dem Tisch, sagte Sascha.</p><p>��Ich sagte, es ist leider alles reserviert, versuchen Sie es doch dr�ben im Balkan-Grill.</p><p>Sascha marschierte an dem Kellner vorbei ins Restaurant.</p><p>��Sascha, lass doch, sagte Kurt.</p><p>Der Kellner ging Sascha hinterher, versuchte ihn, am Arm festzuhalten.</p><p>��Bitte fassen Sie mich nicht an, sagte Sascha.</p><p>��Bitte verlassen Sie das Restaurant, sagte der Kellner.</p><p>Sascha setzte sich an einen freien Tisch, winkte Kurt zu:</p><p>��Komm!</p><p>Ein zweiter Kellner kam, kurz darauf ein dritter. Kurt verlie� das Restaurant und wartete drau�en. Nach einer Weile kam auch Sascha heraus.</p><p>��Was soll denn das, warum bist du nicht reingekommen?</p><p>��Du, ich hab keine Lust auf Skandal, sagte Kurt. Wir suchen was anderes.</p><p>��Hier kommt nichts mehr. Das Peking ist schwul. Und die U-Bahn-Quelle hat h�chstens Bockwurst.</p><p>Sie gingen weiter Richtung Alex, jetzt auf der linken Seite der Sch�nhauser Allee. Kurt wartete eine Weile ab, bevor er die Frage stellte, die ihn seit f�nfundzwanzig Minuten besch�ftigte:</p><p>��Was hei�t denn eigentlich, dein Studium ist bereits beendet?</p><p>��Das hei�t, ich studiere nicht mehr.</p><p>��Hast du deine Diplomarbeit fertig?</p><p>��Ich schreibe meine Diplomarbeit nicht fertig.</p><p>��Sag mal, drehst du jetzt vollkommen durch?</p><p>Sascha schwieg.</p><p>��Du kannst doch nicht hinschmei�en, so kurz vorm Schluss. Was willst du denn machen ohne Diplom? Auf �n Bau gehen oder was?</p><p>��Wei� ich nicht, sagte Sascha. Aber ich wei�, was ich <emphasis>nicht</emphasis> will: Ich will nicht mein Leben lang l�gen m�ssen.</p><p>��So ein Quatsch, sagte Kurt. Willst du sagen, ich l�ge mein Leben lang?</p><p>Sascha schwieg.</p><p>��Du hast dir das Studium selbst ausgesucht, sagte Kurt. Niemand hat dich gezwungen, Geschichte zu studieren, im Gegenteil��</p><p>��Du hast mir abgeraten, ich wei�. Du hast mir immer abgeraten! Von allem! Ich kann froh sein, dass du mir nicht abgeraten hast, zu existieren.</p><p>��Jetzt red keinen Bl�dsinn, sagte Kurt.</p><p>Aber der Gedanke schien Sascha zu am�sieren.</p><p>��Ich existiere aber, rief er. Ich existiere!</p><p>Kurt blieb stehen. Er versuchte, seine Stimme so unaufgeregt wie m�glich klingen zu lassen.</p><p>��Ich bitte dich, h�r ein einziges Mal in deinem Leben auf meinen Rat. Du bist augenblicklich in einem labilen Zustand. Du solltest in einem solchen Zustand keine Entscheidung treffen.</p><p>��Ich bin vollkommen klar im Kopf, sagte Sascha. Ich war noch nie so klar im Kopf wie jetzt.</p><p>Sein Atem dampfte. Er schaute Kurt an. Da war er wieder: der irre Blick.</p><p>��Gut, sagte Kurt. Mach, was du willst. Aber dann��</p><p>��Was dann, sagte Sascha.</p><p>Kurt fiel nichts anderes ein als:</p><p>��Dann ist der Ofen aus.</p><p>��Oho, sagte Sascha. Oho!</p><p>��Du bist ja verr�ckt, sagte Kurt.</p><p>Seine Worte gingen im L�rm des anrollenden Autoverkehrs unter, und Kurt sagte es noch einmal, schrie es noch einmal:</p><p>��Du bist einfach verr�ckt!</p><p>��Du, schrie Sascha und zeigte mit dem Finger auf Kurt, du r�tst mir ab, Geschichte zu studieren, und bist selber Historiker! Wer ist hier verr�ckt?</p><p>��Ah, schrie Kurt. Jetzt machst du mir noch Vorschriften, wie ich zu leben habe? Das ist wirklich der Gipfel. Wenn du mein Leben gelebt h�ttest, w�rst du tot!</p><p>��Ach, jetzt kommt das, sagte Sascha pl�tzlich ganz ruhig.</p><p>��Ja, jetzt kommt das, schrie Kurt. Und obwohl der Verkehrsl�rm wieder abgeklungen war, schrie er weiter: Lebt wie die Made im Speck! Deine Mutter besorgt dir die Wohnung! Dein Vater bezahlt deine Autoversicherung��</p><p>Sascha zog einen Schl�ssel von seinem Bund ab und hielt ihn Kurt vor die Nase.</p><p>��Hier hast du den Autoschl�ssel.</p><p>��Mensch, anderswo hungern die Leute, schrie Kurt.</p><p>Sascha warf den Schl�ssel hin, drehte sich um und ging weiter.</p><p>��Ja, schrie Kurt, anderswo hungern die Leute.</p><p>Der Wind pfiff.</p><p>Eine Frau kam Kurt entgegen, machte einen gro�en Bogen um ihn.</p><p>Wieder fuhr eine U-Bahn vorbei, jetzt Richtung Alex. Die Leute im Innern sa�en reglos � wie Pappfiguren. So rollte die Bahn allm�hlich von der Hochbahnstrecke herab und verschwand in der Erde. Samt Pappfiguren. Zur H�lle, dachte Kurt, ohne zu wissen, was genau er damit meinte.</p><p>Der Autoschl�ssel, den Sascha ihm vor die F��e geworfen hatte, war im Schnee verschwunden. Kurt setzte die Brille auf. Der Schnee war schmutzig, vergilbt, Kurt scheute sich, mit der Hand hineinzugreifen. Er stocherte mit dem Fu� nach dem Schl�ssel, fand ihn aber nicht. Schlie�lich tastete er doch mit den H�nden danach � aber der Schl�ssel war weg: zur H�lle.</p><p>Kurt ging weiter. Ging seinem Sohn hinterher. Er ging z�gig, aber rannte nicht. Von der Stelle an, wo die U-Bahnen unter der Erde verschwanden, verwandelte sich die Sch�nhauser in ein kahles Gel�nde. Keine Kneipen mehr. Keine Schaufenster. Keine Menschen. Nur da vorn, f�nfzig, sechzig Meter vor Kurt, eine d�rre, kahlgeschorene Gestalt: sein Sohn.</p><p>Drehte sich nicht um, ging einfach.</p><p>Links tauchte der j�dische Friedhof auf: die lange Mauer, hinter der das Friedhofsgel�nde lag, das Kurt noch nie betreten hatte und auch nie hatte betreten wollen. Wenn er ehrlich war, verabscheute er Friedh�fe. Seltsam nur, dass man hier nie jemanden ein oder aus gehen sah. Seltsam auch, dass die U-Bahn hier so dicht neben dem Friedhof verkehrte: dass sie ihre Passagiere schon einmal probehalber unter die Erde brachte � gewisserma�en auf Augenh�he mit den Toten.</p><p>Was Kurt jetzt einfiel: Melitta hatte erz�hlt, dass Sascha neuerdings in der Bibel las. Dass er sogar irgendwie, so hatte Melitta behauptet, an Gott glaube��</p><p>War es das � der Irrsinn in seinen Augen?</p><p>Gegen�ber erkannte Kurt die seltsamen, ruin�sen Arkaden, �ber deren Ursprung und Sinn er vollkommen im Unklaren war, nur dass sich dahinter, irgendwo �ber den Hof, die Druckerei des <emphasis>Neuen Deutschland</emphasis> befand, wusste er, und die Tatsache, dass dort hin und wieder Gedanken von ihm durch eine Druckerpresse gingen, erfreute ihn irgendwie, auch wenn seine Artikel im <emphasis>ND</emphasis>, um die er meist anl�sslich irgendwelcher historischer Jubil�en gebeten wurde, bestimmt nicht zu seinen wissenschaftlichen Glanzst�cken geh�rten.</p><p>Lies erst mal so viel, wie ich geschrieben habe.</p><p>Obwohl, Quatsch. Zweiter Versuch:</p><p>Lies erst mal, was ich geschrieben habe, bevor du dar�ber urteilst.</p><p>Einpr�gen. Bei Gelegenheit benutzen.</p><p>Die Ampel an der Wilhelm-Pieck-Stra�e wechselte auf Rot � Sascha wartete. Erstaunlich, dass er sich noch an die Verkehrsregeln hielt.</p><p>W�hrend der Ampelphase hatte Kurt aufgeschlossen. Nebeneinander gingen sie �ber die Stra�e. Einen Augenblick �berlegte Kurt, ob er das Thema �Gott� ansprechen sollte � aber wozu? Und wie? Sollte er Sascha allen Ernstes fragen, ob er an Gott glaube? Schon das Wort klang, wenn man tats�chlich Gott meinte, nach Irrsinn.</p><p>Sie passierten die Volksb�hne. �Der Idiot� wurde gespielt.</p><p>Schweigend gingen sie weiter. Am Alex wurde noch immer gebaut. Der Wind klirrte in den Ger�sten. Die B�gel von Kurts Brille waren so kalt, dass ihm die Schl�fen schmerzten. Er nahm die Brille ab, schob den Schal vor die Nase und wunderte sich, wie er das damals ausgehalten hatte: f�nfunddrei�ig Grad minus � das war die Temperatur, bis zu der man sie zum Arbeiten hinausgeschickt hatte in die Taiga.</p><p>Bei Wind nur bis drei�ig.</p><p>Sie passierten den Schacht zwischen dem gro�en Hotel und dem Warenhaus und gingen dann, ohne dass Kurt h�tte sagen k�nnen, warum und wohin, quer �ber die Fl�che, wo der Wind sie in Wirbeln und St��en attackierte und ihnen Tr�nen in die Augen trieb. Kurt versuchte, die Augen mit der Hand zu sch�tzen, stemmte sich gegen die B�en, wankte auf unebenem eisigem Grund blindlings voran und h�tte nicht sagen k�nnen, ob sein Sohn noch immer neben ihm ging, drehte sich nicht nach ihm um, h�rte nichts, sp�rte den stumpfen Schmerz, der trotz Lammfellhandschuhen allm�hlich in die Fingerspitzen kroch, und stellte sich vor, wie er, wenn er nach Hause kam, w�rde eingestehen m�ssen, dass er Alexander auf dem Alexanderplatz verloren hatte, ausgerechnet, als sei es absehbar gewesen, dass dieser Platz ihn verschlingen, dass Sascha sich hier in Luft aufl�sen oder im Erdboden versinken w�rde � wirres Zeug, dachte Kurt. Was einem, wenn man nicht aufpasste, durchs Hirn schoss.</p><p>��Wo gehen wir eigentlich hin, fragte Sascha.</p><p>Sie standen jetzt vor der Weltzeituhr. In New York war es halb eins, in Rio halb vier. Ringsum ein paar verfrorene Gestalten, die sich leichtsinnigerweise trotz der K�lte hier verabredet hatten: war ein beliebter Treffpunkt, die Weltzeituhr, als sp�rte man hier etwas von der gro�en, weiten Welt.</p><p>��Zur H�lle, sagte Kurt.</p><p>��Dort ist auf, sagte Sascha. Lass uns reingehen. Ich frier mir den Arsch ab sonst.</p><p>Was Sascha meinte, war die Selbstbedienungsgastst�tte im Erdgeschoss vom Alexanderhaus. Kurt war ein einziges Mal dort gewesen. Vor zehn Jahren, als das Restaurant er�ffnet wurde, war es der letzte Schrei gewesen. Inzwischen hatte sich eine ranzige Patina �ber alles gelegt. Die Gestalten, die der Abend hereingesp�lt hatte, waren grobgesichtig und roh, und es schien Kurt, als seien die Leute alle behindert.</p><p>Aus einer Reihe von Automaten konnte man kalte Speisen ziehen. Auf einem Metalltresen stand hei�er Kesselgulasch, f�nfundachtzig Pfennig. Kurt �berlegte nicht lange, nahm eine Sch�ssel. Seit man ihm ein St�ck Magen herausoperiert hatte, hatte er sich abgew�hnt, Speisen auf ihre Sch�rfe oder auf ihren Zwiebelgehalt zu pr�fen: Er a� alles � und alles bekam ihm gut. Auch Sascha nahm Kesselgulasch. Sie gingen zu einem der Stehtische, l�ffelten ihre Suppe. Sie schmeckte nicht einmal schlecht. Kurts Stimmung besserte sich sofort, er war drauf und dran, eine zweite Portion zu holen, disziplinierte sich aber und ber�cksichtigte den Rat seines Arztes: Wenig essen und daf�r oft.</p><p>Nach dem Gulasch standen sie noch eine Weile am Tisch. Kurt schaute dem Verkehr nach, der hinter den gro�en Glasfenstern auf der dem Alexanderplatz abgewandten Seite vorbeirauschte, und ihm kam die verlockende Idee, mit dem Taxi zur�ckzufahren: wenigstens bis nach Karlshorst? Dann fiel ihm das Geld ein, das er noch immer abgez�hlt in seiner Manteltasche trug. Er holte die Scheine heraus, es waren zweihundert Mark, und wollte sie Sascha unter dem Tisch zustecken.</p><p>��Das ist noch f�r dich, sagte er.</p><p>��Ist nicht n�tig, sagte Sascha.</p><p>��Jetzt mach kein Theater, sagte Kurt.</p><p>��Ich hab alles, was ich zum Leben brauche, erwiderte Sascha.</p><p>Kurt �berlegte, ob er das Geld einfach unter die Gulaschsch�ssel klemmen und gehen solle, steckte es dann aber ein.</p><p>Sie verabschiedeten sich vor dem Restaurant, umarmten einander, wie sie es immer taten, nickten einander zu. Dann schlug Sascha den Weg ein, auf dem sie gekommen waren, w�hrend Kurt in Richtung Bahnhof ging. Auf der Treppe zur S-Bahn blieb er stehen: Schei� drauf, dachte Kurt, <emphasis>ich fahr mit dem Taxi</emphasis>! Er machte kehrt und stieg die Treppe wieder hinab.</p><p>Tats�chlich stand am Taxistand neben dem Bahnhof ein freies Taxi. Kurt kroch in den Fond des Wagens. Es war ein Wolga, ein breites Gef�hrt mit weichen Sitzen, das, wie alle Russenautos, nach Russenauto roch � ein Geruch, der ihn immer ein bisschen an Moskau erinnerte: Schon die alten Pobeda-Taxen hatten so gerochen.</p><p>��Neuendorf, Am Fuchsbau sieben, sagte Kurt und erwartete die Frage, wo das sei: Neuendorf? Fuchsbau?</p><p>Stattdessen faltete der Fahrer seine Zeitung zusammen und fuhr los.</p><p>Es war warm im Auto. Kurt zog seinen Mantel aus, nahm die zweihundert Mark (die ihm jetzt vorkamen, als h�tte er sie auf der Stra�e gefunden) aus der Manteltasche � und steckte sie wieder ins Portemonnaie�� Was erz�hlte er eigentlich Irina?</p><p>Der Wolga summte mit leicht �berh�hter Geschwindigkeit das Adlergestell entlang. Kurt ging die Geschichte dieses unerfreulichen Nachmittags durch. Pr�fte, ob besonders unerfreuliche Details sich abmildern oder unterschlagen lie�en, ohne dass es zu einer nachweislichen Falschdarstellung kam. H�rte sich mit verstellter, beschwichtigender Stimme zu Irina sprechen��</p><p>Sah ihr Gesicht. Sah den Lippenstift, der sich auf dem Filter ihrer Zigarette abdr�ckte. Ihre in letzter Zeit nicht immer sorgsam gezupfte Oberlippe, die zu zittern anfing, bevor sie zu einer erneuten Tirade gegen Melitta anhob��</p><p>Kurt rechnete: Durch das Taxi sparte er eine Stunde. Wie viel Zeit er mit Sascha verbracht hatte, lie� sich schwer �berpr�fen. Jetzt war es sieben�� Schei� drauf, dachte Kurt. Verdammt nochmal und schei� drauf.</p><p>��Kennen Sie die Gartenstra�e in Potsdam, fragte er den Fahrer.</p><p>��Von der Leninallee ab, fragte der Mann.</p><p>��Genau, sagte Kurt. Fahren Sie mich zur Gartenstra�e.</p><p>��Nicht zum Fuchsbau, fragte der Mann.</p><p>��Nein, sagte Kurt. Zur Gartenstra�e siebenundzwanzig.</p></section><section><title><p><strong>2001</strong></p></title><p>Entsetzliche Vorstellung, die ihn kurz vor der Abfahrt des Busses bef�llt: dass sich ausgerechnet dieser Mann neben ihn setzen k�nnte � ein gedrungener, b�uerlich aussehender Mestize, der sich ununterbrochen und unter saugenden, schmatzenden Ger�uschen mit einem Zahnstocher die l�ckenhaften Z�hne reinigt. Tats�chlich kommt der Mann, als Alexander schon auf seinem Platz sitzt, immer n�her, vergleicht umst�ndlich jede einzelne Platznummer mit der Nummer auf seinem Billett, bis endlich ein anderer Fahrgast ihm bei der Suche behilflich ist und feststellt, dass er schon lange an seinem Sitzplatz vorbeigegangen ist.</p><p>Der Platz neben Alexander bleibt leer. Daf�r gibt es eine andere Art von Folter. Kaum ist der Bus abgefahren, schaltet der Fahrer die Bordvideoanlage ein, und nach ein paar Minuten Werbung in eigener Sache beginnt ein Film, in dem ein �berdimensionales rosa Kaninchen mit durchdringender synthetischer Stimme die Hauptrolle spielt.</p><p>Die Fahrt soll sechs Stunden dauern. Schon nach einer Stunde hat sich Alexanders �rger �ber die L�rmbel�stigung zu einem veritablen Hass ausgewachsen: vor allem auf den Busfahrer, den er f�r zust�ndig h�lt, aber auch auf die Mitreisenden, die den Film vollst�ndig ignorieren und ihre Gespr�che in doppelter Lautst�rke fortsetzen, wenn sie nicht gerade, halb beif�llig, halb verschlafen mit dem Kopf wackelnd, auf den Bildschirm starren oder, unglaublich, sogar schlafen.</p><p>Alexander hat kaum geschlafen. Die Ohrenst�psel, die er unter das unber�hrte, dann von ihm zerknautschte Kissen gesteckt hat, waren bei seiner R�ckkehr aus Teotihuac�n verschwunden. Das Zimmerm�dchen musste sie beim Wechseln der Bettw�sche entsorgt haben. Vergeblich hat er die gelben, kleinen Kunststoffzylinder auf dem Nachttisch, im Bad und schlie�lich sogar im Abfalleimer gesucht � sie blieben verschollen. Entnervt vom Kl�ffen und Heulen der beiden Dach-K�ter, ist er fr�h am Morgen aufgestanden, und als der junge, glattgesichtige Mexikaner an der Rezeption behauptete, kein anderes Zimmer zur Verf�gung zu haben, hat er sich zum sofortigen Aufbruch entschlossen. Er fr�hst�ckte, bevor die Schweizerinnen auftauchten, packte seinen Rucksack und fuhr, begleitet vom Br�llen der Lautsprecherkisten hausierender CD-Verk�ufer, mit der Metro zum zentralen Busbahnhof, TAPO genannt, wo er ein Ticket f�r den n�chsten Bus nach Veracruz erwarb.</p><p>Veracruz: Er wei� nichts von dieser Stadt, au�er dass seine Gro�mutter hier mit dem Schiff angekommen sein muss. Und er kennt die Geschichte von dem Mann, der ins Hafenbecken sprang. Und dass irgendwann dieser <emphasis>Hern�n Cort�s</emphasis> hier mit seinen etwas �ber zweihundert Leuten gelandet war, um das Land der <emphasis>Mexica</emphasis> zu erobern, daran glaubt er sich zu erinnern. Sonst wei� er nichts.</p><p>Er k�nnte im <emphasis>Backpacker</emphasis> nachsehen � wenn er den noch h�tte. Hat er aber nicht. Hat ihn auf dem Nachttisch in seinem Hotelzimmer liegenlassen, absichtlich.</p><p>Nach zwei Stunden Fahrt ist der Rosa-Kaninchen-Film zu Ende � und ein neuer Film beginnt. Irgendwann gibt Alexander es auf, in <emphasis>keinen</emphasis> der vier f�r ihn sichtbaren, ja geradezu auf ihn zielenden Bildschirme zu gucken, und w�hrend er im Geist schon die n�tigen spanischen S�tze zusammensetzt, um in Veracruz von der Busgesellschaft einen Teil des Fahrpreises zur�ckzufordern (zumindest den Anteil f�r die erste Klasse � oder besteht das Erstklassige gerade in dieser r�cksichtslosen Berieselung, ist es gerade diese �Annehmlichkeit�, die den Preisunterschied ausmacht?) � w�hrend er also im Geist und schon im Bewusstsein der Vergeblichkeit durch das ovale Fensterchen mit einem Unformierten streitet, nimmt in den vier auf ihn gerichteten Bildschirmen eine eigenwillige Handlung ihren Lauf. Sie beginnt damit, dass ein junger Soldat im Zug ein M�dchen kennenlernt, welchem er �berraschenderweise schon einige Minuten sp�ter einen Verlobungsring ansteckt, den er zuf�llig in einer Pralinenschachtel bei sich tr�gt. Fast im selben Augenblick taucht ein Mann hinter den Weinst�cken auf und schie�t auf die beiden; es stellt sich heraus, dass es der Vater des M�dchens ist. Der Rest des Films spielt auf einem Weingut und handelt von verwickelten Familienangelegenheiten: Der Soldat liebt das M�dchen, der Vater tritt als St�renfried auf, zwischendurch werden Pralinen an zahlreiche Onkel und Tanten verteilt; es wird gezeigt, wie heiter die Weinernte ist, und wenn die Dramaturgie es verlangt, taucht eine gewaltige Landschaft auf, oder es erklingt eine Musik, die anzeigen soll, was die Protagonisten im jeweiligen Augenblick empfinden. Dann z�ndet der Vater versehentlich die Weinst�cke an, die erstaunlicherweise brennen wie Napalm�� Dann schaltet der Busfahrer das Video ab und h�lt zur Pinkelpause.</p><p>Vom Busbahnhof Veracruz aus nimmt er ein Taxi. Er fragt den Taxifahrer nicht nach einem Hotel, sondern gibt sicherheitshalber einen Stra�ennamen an, den er im Busbahnhof auf der Werbung eines Hotels im <emphasis>centro historico</emphasis> gefunden hat:</p><p>��Miguel Lerdo.</p><p>��Hotel Imperial, fragt der Taxifahrer.</p><p>��No, sagt Alexander.</p><p>Er gibt sich grimmig. Er ist zu allem entschlossen. Sie fahren eine breite Allee mit Palmen entlang, bis der Verkehr sich staut, dann versucht es der Fahrer in hektischem Zickzack durch die Altstadt. Schlichte, zweist�ckige H�user, meist pastellfarben, gebleicht von der Sonne. Es wimmelt von Fu�g�ngern. Es ist schw�l und hei�, und auf dem Kurs durch die schmalen Stra�en wehen durch das offene Fenster verschiedenste Ger�che herein: Frittier�l, Abwasser, der Duft aus offenstehenden Friseurl�den, Autoabgase, frischgebackene Tortillas, und an einer Stelle � sie m�ssen warten, weil gerade Plastiks�cke von einem Lkw abgeladen werden � riecht es tats�chlich nach dem Nitratd�nger aus Omis Wintergarten.</p><p>Alexander bezahlt, verstaut umst�ndlich seine Geldb�rse, bis der Taxifahrer au�er Sichtweite ist. Direkt neben dem <emphasis>Imperial</emphasis> steht ein kleineres, bescheideneres Hotel. Die �bernachtung kostet hier zweihundert Pesos. Er bezahlt eine Woche im Voraus und bekommt ein Zimmer im ersten Stock mit Blick auf einen h�bschen Platz, mit einem Campanile und Palmen, das Ganze von pastellfarbenen Geb�uden umgeben, die Alexander f�r Kolonialstil h�lt, vielleicht wegen der Arkaden, in deren Schatten sich zahlreiche Caf�s und Kneipen eingenistet haben. Dann �berkommt ihn die Bef�rchtung, der L�rm aus den Kneipen, besonders aus dem Hotelrestaurant, dessen Tische und St�hle sich direkt unter seinem Fenster ausbreiten, k�nnte ihm in der Nacht den Schlaf rauben, und er bittet die beiden M�dchen an der Rezeption um ein stilleres, abgelegenes Zimmer. Zwar versichern die beiden einhellig und mit mathematischem Ernst, dass der Platz in der Nacht ruhig sei, aber Alexander besteht auf dem Tausch. Anstelle des hellen, ger�umigen Zimmers mit Blick auf den Platz bekommt er ein kleines, fensterloses, das sein sp�rliches Tageslicht aus einem Glasbausteinschlitz bezieht und seine Atemluft aus einer Klimaanlage. Wahrscheinlich ist das Zimmer zu teuer bezahlt, aber sein Schlaf ist ihm wichtiger als eine sch�ne Aussicht.</p><p>Er isst in einem <emphasis>restaurante familiar</emphasis>, was immer das bedeutet. Der Kellner, ein vielleicht f�nfundzwanzigj�hriger Mann in einem babyblauen Polohemd, legt ihm seinen Notizblock auf den Tisch, damit er die Nummer des von ihm bestellten Gerichts selbst hinschreibt, und geht anschlie�end damit zu einem Tresen, wo die Bestellung von einer jungen, gesch�ftigen Frau entziffert und an zwei �ltere Frauen weitergegeben wird, welche flink und vor aller Augen die Gerichte zubereiten. Der Salat aus Garnelen und Kr�utern, den Alexander bekommt, ist frisch und schmeckt wunderbar, und trotz der bunten Igelit-Tischdecken, trotz der wei�en Plastikst�hle und der sperrangelweit offenen T�ren und sogar trotz der Neonr�hren an der Decke, die ungeachtet der Tageszeit eingeschaltet sind, strahlt das Restaurant beinahe so etwas wie Gem�tlichkeit aus, etwas H�usliches, Warmes, und vielleicht ist es gerade das, was Alexander f�r eine Sekunde innehalten l�sst, was ihm f�r einen Augenblick Schluckbeschwerden bereitet. Vielleicht ist es die betriebsame Eintracht hinter dem Tresen, wo die beiden Frauen, eine mittleren Alters und eine Uralte, jetzt den Fisch f�r ihn zubereiten. Oder ist es die winzige Geste des Kellners, der ihm, nachdem er den Garnelensalat auf einem flachen Teller vorsichtig durch den Raum balanciert und ihn, ohne mit dem Daumen in die So�e zu dippen, auf seinem Platz abgestellt hat, ermutigend zunickt und ihm � fast z�rtlich � die Hand auf die Schulter legt.</p><p>Die Dunkelheit kommt �bergangslos und ziemlich genau um sechs. Alexander macht noch einen Abstecher zur hellerleuchteten Hafenpromenade. Die Temperaturen sind jetzt ertr�glich, der Ozean atmet ihn an, aber auch hier scheint die Luft wie mit Wehmut getr�nkt. Alexander atmet vorsichtig und flach, um nicht zu viel davon in seinen K�rper eindringen zu lassen.</p><p>An der Kaimauer, wo eine Gruppe schwerbewaffneter Polizisten herumlungert wie eine Jugendbande, dreht er sich um, schaut zur�ck auf die Stadt Veracruz, betrachtet sie von der Seeseite aus: so etwa � abgesehen von dem vielst�ckigen Neubau direkt am Kai � muss sie sich den aus Europa Ankommenden dargeboten haben. So haben sie m�glicherweise Nacht f�r Nacht vom Schiffsdeck aus in die Tiefe der Hafenpromenade geschaut, hinein in das Land, das f�r viele die letzte Hoffnung bedeutete. Jahrelang, so reimt Alexander sich die Vorgeschichte jener Geschichte zusammen, die seine Gro�mutter ihm einmal erz�hlt hat � jahrelang waren diese Menschen auf der Flucht gewesen, waren in h�chster Not aus franz�sischen Internierungslagern entwischt, waren den nach Marseille vorr�ckenden deutschen Truppen entkommen, hatten in enervierenden Beh�rdeng�ngen Transitvisa oder Aufenthaltsverl�ngerungen ergattert, hatten Wochen oder Monate mittellos in einer trostlosen nordafrikanischen Stadt ausgeharrt, bis sich ein Schiff fand, das sie als Passagiere dritter Klasse �ber den Ozean brachte, und hatten dann, bei der Ankunft in Veracruz, nicht an Land gehen d�rfen, weil noch nicht alle Formalit�ten gekl�rt, nicht alle Genehmigungen erteilt waren. In dieser Lage waren einem der Wartenden die Nerven durchgegangen, und er war eines Nachts ins Hafenbecken gesprungen, um Mexiko schwimmend zu erreichen. Der Mann, so seine Gro�mutter, sei im Wasser verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Schon bald zogen �ber der Stelle, wo der Mann eingetaucht war, die Spitzen schwarzer, das Wasser sanft zerteilender R�ckenflossen gleichm��ig ihre Kreise.</p><p>Der Platz vor dem Hotel ist, als er zur�ckkommt, m��ig belebt, nicht so stark, wie er bef�rchtet hat, aber gerade noch so, dass der Tausch des Zimmers nachtr�glich gerechtfertigt erscheint. Allerdings bleibt ihm in dem stickigen, fensterlosen Raum nichts anderes �brig, als die Klimaanlage einzuschalten, die aber, wie sich jetzt herausstellt, an einen Lichtschacht montiert ist, der Schwaden ausgesto�enen Zigarettenrauchs mit sich f�hrt. Obendrein rasselt die Anlage, es dauert lange, bis er begreift, woran ihn dieses Rasseln erinnert � aber dann �berf�llt ihn die Erinnerung wie ein D�j�-vu, und er muss das Licht einschalten, um sich zu vergewissern, dass er nicht wieder im Krankenhaus ist.</p><p>Am Morgen hat er Kopfschmerzen, f�hlt sich schlecht. Er vermeidet es, nach den Lymphknoten zu tasten, er vermeidet alles, was ihn ankratzen, was ihn aus der Bahn werfen k�nnte. Er verzichtet aufs Kaltduschen, das ihm seit Jahren Gewohnheit ist, steigt mit leichtem Schwindelgef�hl die Treppe hinab. Als er auf den Platz hinaustritt, ist der mexikanische Himmel, der bis jetzt jeden Tag blau gewesen war, pl�tzlich bedeckt. Wenn er nicht w�sste, dass die Regenzeit in Mexiko erst im Mai beginnt, w�rde er sagen, dass es nach Regen aussieht.</p><p>Er findet rasch eine <emphasis>farmacia</emphasis>, genie�t einen gewissenlosen Augenblick lang die Allgegenwart multinationaler Konzerne, infolge deren es ausreicht, das Wort <emphasis>Aspirin</emphasis> auszuhauchen, um das gew�nschte Produkt zu erhalten. Als schwierig erweist es sich jedoch, dem Apotheker auch seinen zweiten Wunsch verst�ndlich zu machen. Er versucht es mit:</p><p>��Quiero algo para tapar las orejas.</p><p>Der Apotheker wiegt bedeutsam den Kopf hin und her beginnt dann, Alexander insistierende, aber unverst�ndliche Fragen zu stellen, auf deren Beantwortung er aber zu bestehen scheint, bis er schlie�lich, obwohl Alexander kaum artikulierte Laute hervorbringt, eine Erleuchtung hat, die sich in der emphatischen Wiederholung des Wortes <emphasis>ferreter�a</emphasis> niederschl�gt, und nun muss Alexander auch noch eine schwierige Wegbeschreibung �ber sich ergehen lassen, obwohl er inzwischen sicher ist, missverstanden worden zu sein: Auf keinen Fall will er sich etwas aus Eisen in seine Ohren stecken.</p><p>Er findet ein gro�es Kaffeehaus am Platz. Hier gibt es eine Unzahl von Kellnern in schokoladenbraunen Anz�gen, aber aufgrund der komplizierten Zust�ndigkeitsbereiche, die Alexander nicht sofort durchschaut, dauert es eine Ewigkeit, bis er � jeweils bei einem anderen Kellner � einen Kaffee, ein Glas Wasser und ein Croissant bestellen kann, eine weitere Ewigkeit, bis er alles bekommen hat, und am Ende dauert es noch einmal unendlich lange, bis er den f�rs Bezahlen zust�ndigen Kellner identifiziert hat und schlie�lich an seinen Tisch dirigieren kann. Sein Kopf droht zu platzen, als er das Kaffeehaus verl�sst. Noch drau�en auf dem Platz hat er das Gef�hl, nicht genug Luft zu bekommen. Er geht los, ohne zu �berlegen, ohne sich �ber die Richtung im Klaren zu sein, findet sich nach wenigen Minuten auf der Hafenpromenade wieder und atmet jetzt tief und durch gebl�hte Nasenfl�gel den �ber das Meer kommenden Wind ein, obwohl er noch immer so schwer, so feucht, so gef�hrlich duftet wie gestern.</p><p>Er marschiert Richtung S�den, die Kaimauer entlang. Der Wind wird b�ig, wirbelt Sand auf. Fast beil�ufig nimmt Alexander zur Kenntnis, dass im Hafenbecken mehrere, vielleicht zw�lfj�hrige mexikanische Jungs baden. Kreischend springen sie von der Kaimauer aus hinein, und weder Menschen noch Haifische scheinen sich um sie zu k�mmern�� Ein St�ck weiter gibt es sogar ein St�ck Strand, wenn auch menschenleer. Allerdings beginnt es jetzt auch zu nieseln, w�hrend der Wind noch immer Sand umherwirbelt, eine seltsame, aufr�hrerische Stimmung. Autos fahren mit viel zu viel Gas an. Eine Feuerwehrsirene geht. Und pl�tzlich ist niemand mehr auf der Stra�e, den Alexander nach dem Weg fragen k�nnte � dem Weg wohin eigentlich?</p><p>Nach zwanzig Minuten hat der Regen �ber den Sand gesiegt, und auch �ber Alexanders Glauben, dass es um diese Jahreszeit in Mexiko nicht ernsthaft regnen k�nne. Sein Hemd, seine Oberschenkel sind nass. Auf einmal gibt es keine freien Taxis mehr, und der Grund wird ihm klar, nachdem er in Richtung Innenstadt marschiert ist, um von dort aus mit dem Bus zur�ckzufahren: Es f�hrt auch kein Bus mehr � jedenfalls nicht der, der n�tig w�re. Zuerst hei�t es: Umleitung. Doch auf der Umleitungsstrecke wartet er vergeblich. Ein Taxi ist nirgends zu sehen. Er f�ngt an zu frieren, entschlie�t sich loszugehen.</p><p>Unterwegs, in einer Apotheke, versucht er noch einmal, das Ohrenproblem zu l�sen. Aber schon, als er mit nassen Schuhen und triefendem Hut eintritt, sp�rt er den Unwillen im Blick des von seinem Kassenbuch aufschauenden Apothekers. Wie ein <emphasis>begossener Pudel</emphasis>, genau diese Worte sind es, die ihm durch den Kopf gehen, wie ein begossener Pudel steht er vor dem alten Mann, bringt seinen Satz hervor � ohne erkennbare Wirkung. Ein paar Sekunden lang steht er da, sieht, wie sich Tropfen vom Rand seines Huts l�sen, w�hrend der alte Mann den Blick wieder in seinen Papieren versenkt � oder denkt er �ber die Frage nach, die Alexander gestellt hat? Alexander verl�sst den Laden, ohne den Ausgang der Sache abzuwarten.</p><p>Noch eine zweite Apotheke wagt er zu betreten. Diesmal bedient ihn eine junge Frau, die ihn anscheinend sogar versteht, das Wort <emphasis>tamp�n</emphasis> f�llt, das muss es wohl sein: ein Ohren-<emphasis>tamp�n</emphasis>, aber die Frau sch�ttelt den Kopf:</p><p>��No hay. No tenemos.</p><p>Gibt�s nicht. Haben wir nicht. Wozu auch? Was k�nnte dieses Volk der Krachmacher und Geh�rlosen mit Ohrst�pseln anfangen? Ein Volk, das klaglos Rosa-Kaninchen-Filme �ber sich ergehen l�sst. Ein Volk, das es fertigbringt, zwei Hunde auf einem schattenlosen Dach anzuketten, und das nur zu dem Zweck, dass sie den Schlafsuchenden den Schlaf zerbellen��</p><p>Er gibt es auf, den Pf�tzen auszuweichen und die den Fu�weg querenden B�che zu �berspringen. Die F��e sind sowieso nass. Alles ist nass, bis auf die Haut, bis darunter. Alles, so kommt es ihm vor, ist durchtr�nkt von der Trauer, die best�ndig �ber den Ozean heranweht, die alles hier in dieser Stadt �berschwemmt, die Leute zum Wahnsinn bringt und Ank�mmlinge �ber Bord gehen und im Meer versinken l�sst, spurlos. Er kauft in einem <emphasis>supermercado</emphasis> zwei Flaschen Wasser und hat pl�tzlich den Verdacht, auch das Mineralwasser, das hier in Veracruz in den Superm�rkten verkauft wird, k�nnte verseucht sein mit Trauer.</p><p>Dann liegt er in seinem fensterlosen Zimmer. Sp�rt, wie das Fieber steigt. Nimmt Tabletten, trinkt aus verseuchten Flaschen. Die Klimaanlage rasselt in seine ungesch�tzten Ohren hinein. Noch einmal steht er auf, schaltet die Anlage ab, aber es dauert nicht lange, dann hat er das Gef�hl, keine Luft mehr zu kriegen. Die Kopfschmerzen nehmen zu. Er h�rt Stimmen aus der Hotelbar. Er qu�lt sich noch einmal hoch, schaltet die Klimaanlage wieder ein, steckt sich Fetzen Klopapier in die Ohren. Nimmt eine weitere Tablette. Zieht sich die Decke �ber den Kopf.</p><p>Er liegt auf der rechten Seite, macht sich ganz klein. Jetzt beginnen Schauer durch seinen K�rper zu rieseln, zuerst einseitig, er verfolgt es in der Dunkelheit seiner Bettdecken-H�hle: Von den Nieren her kommend, erfassen sie zuerst die linke, oben liegende Beckenseite, von dort aus die Herzgegend, kriechen dann �ber den R�cken und zerplatzen auf dem Weg zum Nacken. Was, wenn sein angegriffenes Immunsystem dem Ansturm irgendwelcher fremdartiger Infektionskrankheiten nicht standh�lt? Der Sauerstoffapparat rasselt in seinem Kopf � auf einmal ist es sein eigener Sauerstoffapparat. Auf einmal ist er selbst der sterbende, alte Mann, dessen Sauerstoffapparat rasselt. Auf einmal kommt es ihm folgerichtig vor, dass er hier stirbt, in diesem Bunker in Veracruz, mutterseelenallein und mit Klopapier in den Ohren: Er hat es nicht anders gewollt. Es ist die logische, die zwingende Konsequenz seines Lebens.</p><p>Er muss sich auf die andere Seite drehen, um den Gedanken abzusch�tteln. Um die Bilder loszuwerden, die ihm durch den Kopf gehen. Er sucht andere Bilder. Er versucht, sich an irgendwas zu erinnern. Er versucht, zwischen den Schauern, die wellenartig gegen ihn anrennen, etwas Freundliches heraufzubeschw�ren, aber er sieht immer eines: Sieht sich durch fremde St�dte irren, immer nur das, als g�be es nichts anderes in seinem Leben, immer nur Stra�en, immer H�user, immer Gesichter, die zerplatzen, wenn er sie zu ber�hren versucht, das ist mein Lebensfilm, denkt er, w�hrend seine Z�hne aufeinanderschlagen, wenngleich in einer erb�rmlich gek�rzten Fassung, denkt er und versucht, sein Z�hneklappern zu unterdr�cken, um nicht noch mehr Geb�ude zum Einsturz zu bringen. Er wird eine andere Fassung verlangen, denkt er, er wird doch, verdammt nochmal, das Recht haben, seinen Film selber zu schneiden, denkt er, und bei�t die Z�hne zusammen, bis ihm der Kiefer wehtut, und dann wird es hei�, er rennt, alle verlassen die Stadt, er rennt durch die W�ste, die Luft brennt ihm im Hals, er rennt, sein Herz schl�gt in einer unglaublichen Frequenz, es zittert mehr, als es schl�gt, es geht steil bergauf, immer bergauf, ohne dass ein Gipfel zu sehen w�re, die W�ste ist schief, stellt Alexander fest, bis zum Horizont geht es immer bergauf, es ist unm�glich, den Anstieg zu schaffen bei der Hitze, mit dem Herzfehler in der Brust, nicht operabel, er wei� es, er m�sste anhalten, aber die Landschaft hinter ihm bricht ab, f�llt st�ckweise in den Abgrund, oder besser gesagt: in den Himmel hinein, der �berall ist, oben und unten, und durch diesen allgegenw�rtigen Himmel hindurch erstreckt sich als kaum meterdicke, br�chige Kruste � die Welt: verbl�ffende Erkenntnis. Dann sind seine Eltern neben ihm, halten ihn, den Herzkranken, an beiden H�nden. Sie tragen ihre Sonntagskleider, sein Vater Hosen mit Aufschlag wie in den f�nfziger Jahren, seine Mutter hohe Schuhe und den weiten Rock, unter dem er sich immer verkrochen hat, aber sie nehmen keine R�cksicht auf ihre Kleidung, sie laufen, klettern, kriechen die d�nne, schr�g in den allgegenw�rtigen Himmel ragende Kruste hinauf, rutschen ab, fallen, rappeln sich wieder hoch und ziehen ihn, den Herzkranken, hinter sich her, dr�ngen ihn zur Eile, gefasst zwar, aber unnachgiebig, in einem Ton, als versp�te man sich zum Kindergarten, ermahnen ihn weiterzugehen, sich nicht andauernd umzudrehen, dorthin, wo St�ck um St�ck abbricht, sondern nach vorn zu schauen, nach oben, wo, ganz in der H�he, am Ende der Welt, eine kleine Gruppe federgeschm�ckter Indios eine neue Welt herbeizutanzen versucht: Es sind f�nf oder sechs Mann, kleine Menschen mit Bauchansatz, die im Takt von einem Fu� auf den anderen treten. Die Musik, nach der sie tanzen, kommt aus einer Box, wie sie die U-Bahn-Verk�ufer um den Hals tragen, ihren Federschmuck haben sie gerade im Souvenirladen gekauft, und anstelle von Messern halten sie in den H�nden kleine schwarze Obsidian-Schildkr�ten.</p><p>Zwei Tage liegt er krank im Bett. Einmal steht er auf, schleicht, gekr�mmt vom Fieber, in einen Supermarkt, um Trinkwasser zu kaufen. Am dritten Tag packt er seine Sachen, bestellt an der Rezeption ein Taxi, l�sst sich, ohne etwas von der Vorauszahlung f�r das Zimmer zur�ckzufordern, zum Busbahnhof bringen und verlangt eine Fahrkarte zum Pazifik. Der Mann an Schalter legt ihm eine DIN-A5-gro�e Karte vor, Alexander tippt blindlings auf einen Ort am anderen, gegen�berliegenden Ozean, dem friedlichen, dem Stillen.</p><p>��Pochutla, sagt der Mann.</p><p>��Pochutla, wiederholt Alexander � ein Ortsname, von dem er sicher ist, dass er ihn noch nie im Leben geh�rt hat.</p><p>Der Bus f�hrt abends um sieben. Es ist ein Bus der Luxusklasse, es gibt Liegesitze und � es ist still. Der Ton der Videoberieselungsanlage ist, wie im Flugzeug, nur �ber Kopfh�rer zu bekommen. Alexander gelingt es, ein paar Stunden zu schlafen.</p><p>Am Morgen ist der Himmel wieder blau � irrsinnig blau. �berhaupt kommen ihm die Farben intensiver vor als an der Ostk�ste. Die armseligen H�tten am Stra�enrand strahlen rot und gr�n in der Morgensonne, die handgemalten Reklameschilder gr��en ihn im Vorbeifahren, und es kommt ihm kein bisschen seltsam vor, dass der Mann vor seinem winzigen Restaurant den Sand fegt. Irgendetwas � die Luft, der Himmel, die fragile Wellblech- und Pfahlarchitektur � verr�t die N�he des Pazifiks.</p><p>Dann ist er in Pochutla. Der Linienbus, in den er umgestiegen ist, l�dt ihn vor einer zum Caf� umgebauten Garage ab. Seine Knie zittern noch ein bisschen, als er aussteigt. Er f�hlt sich leicht. Er f�hlt sich wie frisch geh�utet. Die Morgenluft streift ihn wie eine Offenbarung. Die Sonne kitzelt auf seiner Haut. Er fragt die Besitzerin des Garagen-Caf�s, die gerade den Gehweg vor ihrem Laden schrubbt, in welcher Richtung es zum Meer gehe � und erf�hrt, dass das Meer noch immer f�nfzehn Kilometer entfernt ist. Man kommt, so erf�hrt er, nur mit dem Taxi dorthin, aber ein Bekannter der Garagen-Caf�-Besitzerin, so erf�hrt er, ist Taxifahrer, und die Garagen-Caf�-Besitzerin wird ihm Bescheid sagen. Ob er nicht inzwischen fr�hst�cken will?</p><p>Alexander stimmt zu, und die Frau � die, trotz des indianischen Einschlags, irgendwie aussieht wie fr�her, vor der Wende, die M�tter vom Prenzlauer Berg, die in aller Fr�he mit zwei Kindern auf dem Fahrrad durch den Berufsverkehr strampelten � , die Frau l�uft flugs zum gegen�berliegenden B�cker, um ihm eine paar frischgebackene Br�tchen zu bringen.</p><p>Gute Entscheidung. Er trinkt Kaffee. Er isst ein herrliches Marmeladenbr�tchen. Er sieht die Risse im gegen�berliegenden Bordstein, sieht das Glitzern in dem gerade von der Garagen-Caf�-Besitzerin gescheuerten Gehweg. Er sieht einen Mann, der winkend einem Taxi hinterherrennt. Sieht einen anderen, der aussieht wie ein blauer Elefant. Er sieht die wei�e, dazugeh�rige Elefantin. Ein Kind kommt ins Bild und bleibt stehen, und l�chelt.</p><p>Die Fahrt kostet f�nfzig Pesos, das wird im Voraus abgemacht. Die Stra�e windet sich allm�hlich abw�rts durch eine Landschaft, die so ausdruckslos ist, dass sie nur Vorfeld sein kann, f�r was auch immer.</p><p>Die Ortschaft hei�t <emphasis>Puerto Angel</emphasis>, wenn er richtig verstanden hat. Ein Ortsschild gibt es nicht. Links, schon in Sichtweite, der Strand. Rechts, vor einem Hang, ein paar unscheinbare, Wand an Wand stehende H�user unter dem �blichen Kabelgewirr. Ein Gem�segesch�ft. Eine <emphasis>ferreteria</emphasis>. Eine offenbar gerade in der Renovierung befindliche Bankfiliale.</p><p>Ohne dass Alexander darum gebeten h�tte, empfiehlt ihm der Fahrer ein Hotel, genauer gesagt, eine <emphasis>Casa de h�espedes</emphasis>, ein G�stehaus, und zwar mit einer Dringlichkeit, als bekomme er Prozente. Es hei�t <emphasis>Eva &amp; Tom</emphasis>. Alexander bef�rchtet, dass sich dahinter Deutsche verbergen, aber der Taxifahrer verneint energisch, und so steigt Alexander mit noch immer weichen Knien den steilen, irgendwann in eine Treppe �bergehenden Pfad zu <emphasis>Eva &amp; Tom</emphasis> hinauf.</p><p>An einer Art Rezeption unter Palmenbl�ttern empf�ngt ihn, nachdem jemand sie herbeigerufen hat, eine korpulente, nicht mehr junge Frau, die man wegen ihrer kupferfarbenen Br�une und ihres langen grauen, zu einem strengen Zopf zusammengebundenen Haars tats�chlich f�r eine Squaw halten m�chte. Sie tr�gt Flip-Flops und ein verwaschenes Kleid, bl�ttert unaufmerksam, beinahe widerwillig in einem gro�en Terminkalender und spricht Alexander dann �bergangslos auf Deutsch an, allerdings in einem schweren s�ddeutschen, m�glicherweise �sterreichischen Dialekt. Dann steigt sie mit ihm die aus groben Planken gezimmerte Freitreppe hoch, welche die verschiedenen Ebenen des G�stehauses verbindet.</p><p>Die oberste Ebene befindet sich ganz auf dem Gipfel des H�gels. Hibiskusbl�ten und Palmen. Von der Terrasse aus sieht man hinab in eine von m�chtigen Felsen umgebene Bucht, deren Blau ebenso <emphasis>irrsinnig</emphasis> ist wie das des Himmels dar�ber.</p><p>Die Zimmer befinden sich in einem einst�ckigen, gemauerten Trakt, der entschlossen, aber schludrig mit den typischen Frida-Kahlo-Farben (Rot-Blau-Gr�n) bemalt ist; und noch bevor ihm die �sterreichische Squaw das kleine, fensterlose Zimmer zeigt (das Licht kommt von oben: an einer Stelle sind die sichtbar auf den Sparren liegenden Dachziegel durch ein St�ck gewelltes Plastik ersetzt), noch bevor sein Blick �ber die sp�rliche, nur aus Bett, Moskitonetz, Tisch und Truhe bestehende Ausstattung schweift, noch bevor er den Preis erfragt (es kostet f�nfzig Pesos, f�nf Dollar) � hat er sich in die Vorstellung verliebt, an hei�en Nachmittagen in der unmittelbar vor seiner Zimmert�r aufgespannten H�ngematte zu liegen, im Schatten des Palmendaches und mit Blick auf das irrsinnige Blau des Pazifik.</p><p>��Und sch�tteln S� die Decken aus, sagt die �sterreichische Squaw: Es hat hier Skorpione.</p></section><section><title><p><strong>1.�OKTOBER 1989</strong></p></title><p>Eigentlich war es ein Katzensprung � aber Nadjeshda Iwanowna, die neben ihm ging, bewegte sich auf ihren kaputten F��en so langsam, dass es ihm vorkam, als sei das Haus seiner Mutter unerreichbar fern. Kurt glaubte auf der Stelle zu treten. Sein Bewegungsdrang wuchs mit jedem Schritt. Das pr�chtige Wetter wurde ihm unertr�glich. Das Ziehen in seinem Bauch nahm zu. Jetzt �rgerte er sich, dass er am Vormittag nicht einfach die T�r hinter sich zugemacht hatte und in den Wildpark hinausgegangen war, um ein, zwei Stunden lang gemessenen Schrittes zwischen den B�umen zu wandeln.</p><p>Es war zwecklos, mit Irina zu diskutieren. Sie sa� jetzt oben in ihrem Zimmer und h�rte Wyssozki. Das ganze Haus dr�hnte davon. Noch immer glaubte Kurt das durch T�ren und Fenster dringende Br�llen zu h�ren. Als br�llte da jemand um sein Leben. Eine Ungl�cksmusik, dachte Kurt. Eine Musik � wenn man es Musik nennen wollte � , die Irina dazu diente, sich in ihr Ungl�ck hineinzusteigern, das war es, was Kurt missfiel: dieser Drang, sich ins Ungl�ck hineinzusteigern, den Irina neuerdings, nachdem sie jahrelang nichts von ihren russischen Wurzeln hatte wissen wollen, mit ihrer <emphasis>ruhsischen Selle</emphasis> in Zusammenhang brachte.</p><p>Hinzu kam der Alkohol � ein Stoff, dem die <emphasis>ruhsische Selle</emphasis> ohnehin in einem besonderen Ma�e zugeneigt schien. Zwar hatte Irina, anders als er selbst, schon von jeher kr�ftig getrunken, allerdings war es bisher immer eine Art �gesellschaftliches� Trinken gewesen. Dass sie sich in ihr Zimmer zur�ckzog und sich, Wyssozki h�rend, in aller Einsamkeit betrank, war eine ziemlich neuartige Erscheinung. Gewiss war sie keine Alkoholikerin: Manchmal trank sie tagelang oder sogar wochenlang nicht. Und doch beunruhigte es Kurt, wenn er an die schier unbeherrschbare Kettenreaktion dachte, die ein einziger Kognak bei ihr ausl�sen konnte.</p><p>Diesen <emphasis>einen einzigen</emphasis> Kognak hatte Kurt ihr � nach der Nachricht von Saschas Flucht � nicht verwehren k�nnen. Aber kaum dass sie diesen <emphasis>einen einzigen</emphasis> Kognak getrunken hatte, hatte sie mit Vehemenz einen zweiten (und letzten) verlangt. Danach hatte sie begonnen, in fast unfl�tiger Weise �ber Catrin herzuziehen, die sie (vielleicht nicht vollkommen zu Unrecht) verd�chtigte, Sascha zur Flucht �berredet zu haben. Den dritten Kognak goss sie sich selber ein und drohte fast handgreiflich zu werden, als Kurt ihr die Flasche wegnehmen wollte. Nun fehlte nur noch, dass Kurt sie, um ihre Verzweiflung zu mildern, vorsichtig daran erinnerte, dass auch sie, da sie bereits �ber sechzig, also im Rentenalter war, das Recht hatte, ihren Sohn im Westen zu besuchen � und ihre Wut wendete sich gegen ihn, Kurt, weil er ihr zumuten wollte, ihren Fu� �ber die Schwelle <emphasis>dieser Frau</emphasis> zu setzen, und schlie�lich, nach dem vierten Kognak, sogar gegen Sascha, an dem sie sonst nie etwas Schlechtes zu finden bereit war: <emphasis>Mein Sonn hat mich verratten</emphasis>, hie� die Formel, in der ihre Entt�uschung ihren endg�ltigen Ausdruck fand, und wenngleich Kurt einen Hauch von Genugtuung dar�ber versp�rte, dass auch Sascha einmal etwas abbekam, hatte er tapfer Einspruch erhoben und wenigstens diese einfache Wahrheit vor Irinas vernichtenden und selbst f�r ihre Verh�ltnisse beeindruckend irrationalen Attacken zu verteidigen versucht: dass Saschas Flucht sich ja nicht gegen sie pers�nlich richte! Daraufhin hatte Irina sich mit dem Rest der Flasche und der merkw�rdigen Drohung, sich einen Hund anzuschaffen, in ihr Zimmer zur�ckgezogen, und Kurt hatte sich Bratkartoffeln gemacht.</p><p>Das hei�t, er hatte versucht, sich Bratkartoffeln zu machen. Dummerweise waren die in Scheiben geschnittenen Kartoffeln am Pfannenboden angebacken und beim Wenden zerbrochen, sodass die am Boden klebenden Inseln nach einer Weile zu rauchen begannen. Um das Ganze zu retten, hatte er zwei Eier dazugetan: Katastrophe mit Ei, so nannte er das Gericht. Und so schmeckte es auch.</p><p>Warum machte Irina eigentlich nie Bratkartoffeln? Mit Spiegelei. Mochte er seit seiner Kindheit. War ihr das zu profan? Und wieso, fragte sich Kurt, w�hrend er Zeit genug hatte, den Feuerwanzen auf dem buckligen Neuendorfer Gehweg auszuweichen, wieso sprach sie eigentlich, von Belehrungen unbeirrt, seit drei�ig Jahren alle langen Vokale im Deutschen kurz und alle kurzen umgekehrt lang aus: <emphasis>Ruhsische Selle</emphasis>��</p><p>��<emphasis>Er</emphasis> wollte mich ja heiraten, sagte Nadjeshda Iwanowna pl�tzlich.</p><p>Kurt wusste nicht gleich, ob sie mit ihm oder sich selbst sprach. Es stellte sich heraus, dass sie Irinas Vater meinte, von dem Irina (die ihn allerdings im Leben nur einmal und nur von weitem gesehen hatte) behauptete, dass er Zigeuner gewesen sei. Was Nadjeshda Iwanowna jedoch abstritt. Zuverl�ssig war keine der beiden Quellen. Irina neigte dazu, die Welt so zu sehen, wie sie sie sehen wollte, w�hrend Nadjeshda Iwanowna, die ja praktisch Analphabetin war, nur ein �u�erst fragmentarisches Bewusstsein von den Ereignissen hatte, die rings um sie geschehen waren: Kollektivierung, B�rgerkrieg, Revolution � Kurt hatte M�he, ihre Berichte nach verl�sslichen Anhaltspunkten zu ordnen. Und dass Nadjeshda Iwanowna jetzt, w�hrend sie zu Wilhelms Geburtstag schritten, von einer <emphasis>Stadt</emphasis> zu sprechen begann, in die sie gezogen sei, verwirrte ihn sogar f�r einen Moment:</p><p>��In welche Stadt denn, fragte er.</p><p>Tats�chlich meinte sie Slawa.</p><p>Kurt sah �die Stadt� vor sich: die Schotterstra�e, die �bermannshohen Bretterz�une links und rechts, hinter denen sich schiefe, eingeschossige Holzbohlenh�user duckten � eine Siedlung von nicht ganz neuntausend Einwohnern, flach zwischen die S�mpfe gebaut: der Arsch der Welt, dachte Kurt. Es gab wohl kaum einen Ort, der dreckiger, h�sslicher, unwirtlicher war als dieses verdammte Nest, in dem er � nach Beendigung seiner Haftstrafe � noch sieben Jahre als sogenannter ewig Verbannter zugebracht hatte. Allerdings, wenn er davon absah, dass er (�brigens ziemlich regelm��ig einmal im Monat) das gro�e Heulen bekommen hatte, wenn er gewahr wurde, wie die Zeit verstrich, ohne dass sich die Aussicht auftat, jemals wieder ein richtiges, ein normales Leben beginnen zu k�nnen � wenn er davon absah, musste er zugeben, dass es sogar in dem Drecksnest Gutes gegeben hatte.</p><p>Zum Beispiel die erste Suppe, die Irina f�r ihn gekocht hatte: Erbsensuppe aus der T�te oder, genauer, aus dem Paket (frische Erbsen hatte es nicht gegeben). Wie k�stlich! Auch wenn sie sich sp�ter, als Irina noch einmal so ein Paket aus Slawa mitbrachte, als kaum genie�bar erwies��</p><p>Oder morgens schwimmen im Fluss.</p><p>Oder die wei�en N�chte, wenn man bis zum Sonnenaufgang zusammen am Feuer sa� und allm�hlich die Zeit zu verlieren begann�� Auf ewig verbannt waren sie alle: eine Versammlung der Ewigkeiten. Wie lustig man sein konnte aus lauter Verzweiflung.</p><p>Oder die ersten Fotos, die Irina und er gemacht hatten. Den Fotoapparat hatte ihnen Sobakin aus Swerdlowsk mitgebracht, Entwickler hatten sie sich aus Pottasche und, wie hie� das Zeug, Natriumsulfit gemischt, und zwar, da die Verh�ltnisse genau stimmen mussten, unter Zuhilfenahme einer selbstgebastelten Balkenwaage sowie einiger als Gewichte dienender russischer Kopeken � und Kurt, der bei den �ersten Fotos� vor allem an bestimmte erste Fotos dachte, an die ersten, wie soll man es nennen, nicht f�r die �ffentlichkeit bestimmten Fotos, erinnerte sich jetzt, w�hrend er mit Nadjeshda Iwanowna am Arm zu Wilhelms Geburtstag schritt, ziemlich genau an den Moment, als auf dem Blatt, das im selbstgemischten Entwickler schwamm, die Konturen heraustraten, zaghaft zuerst, kaum deutbar, kaum wusste man, wo oben und unten war, bis vor dem dunkler werdenden Hintergrund pl�tzlich � wei� und m�chtig � Irinas H�ften hervorsprangen: So aufregend, dieser Moment, dass sie verga�en, das Blatt ins Fixierbad zu legen, und stehend in der Dunkelkammer �bereinander herfielen�� Schade, dachte Kurt, dass sie die Fotos vor der Ausreise aus der Sowjetunion hatten vernichten m�ssen.</p><p>Andererseits: Wer wei�, vielleicht war es wie mit der ersten T�tensuppe nach zehn Jahren Lager. Ohnehin mochte Irina von <emphasis>solchen Dingen</emphasis> (wie sie es neuerdings nannte) nicht mehr viel wissen. Ja, sie begann sogar alles, was sie einmal als erotisch und lustvoll empfunden hatte, mehr und mehr absto�end und niedrig zu finden: eine Art r�ckw�rtsgewandte Schwarzseherei. War das auch ihre <emphasis>ruhsische Selle</emphasis>? Oder war es die Eierstockoperation? Wie dem auch sei � das Leben mit Irina war auf einmal schwierig geworden. Und die Tatsache, dass Sascha im Westen war, w�rde es kaum leichter machen.</p><p>Was sagte er eigentlich Charlotte und Wilhelm?</p><p>Das Haus kam allm�hlich n�her. Man sah schon, hoch oben zwischen den herbstlichten Baumkronen, das Turmzimmer mit seinen halbrunden Fenstern und seinen Zinnen. Dort hatte er einst seine Dissertation getippt, und auch wenn der Turm im Grunde den Gipfel einer gewaltigen Geschmacksverirrung darstellte (das ganze Haus war ein ziemlich �bler, eklektizistischer Bau � ein neureicher Nazi hatte sich hier noch in den letzten Kriegstagen einen Traum verwirklicht), konnte Kurt nicht leugnen, dass er das kleine Turmzimmerchen immer gemocht hatte. Hier hatte sein zweites � oder sein drittes?�� Leben begonnen, und er erinnerte sich gern an die Stille �ber Neuendorf, wenn er morgens um halb sieben das Fenster aufgerissen und seine Schreibmaschine aufgestellt hatte, an die prickelnde Luft, an die gelben Bl�tter vorm Fenster, obwohl es ja, dachte Kurt, nicht immerzu Herbst gewesen sein konnte � aber anstatt sich jetzt mit der Frage zu befassen, warum die Platanen in seiner Erinnerung stets gelb waren, sollte er sich, dachte er, lieber allm�hlich Gedanken dar�ber machen, wie er die Fragen, die ihm gleich gestellt werden w�rden, beantworten wollte.</p><p>Obwohl es eigentlich nichts zum Nachdenken gab. Was hatte es f�r einen Sinn, heute, an Wilhelms Geburtstag, einen Eklat zu provozieren: Wozu? Wem n�tzte das? Wilhelm war ein starrsinniger alter Idiot, und eigentlich, dachte Kurt, h�tte er die Wahrheit verdient, als Strafe f�r seinen Starrsinn. Eigentlich, dachte er, w�hrend zwischen gescheckten Baumst�mmen jetzt die graue Fassade zum Vorschein kam, die massive T�r, die vergitterten kleinen Flurfenster, die das Haus endg�ltig zu einer Festung machten � eigentlich m�sste man es ihm sagen, dachte Kurt und versuchte, sich Wilhelms Gesicht vorzustellen: Heute, an deinem Geburtstag, m�sste man sagen, hat dein Enkel entschieden, dass er die Schnauze voll hat von euch, herzlichen Gl�ckwunsch! dachte Kurt und unterdr�ckte das Bed�rfnis, einen der d�mlichen T�rklopfer zu bet�tigen: Schon lange �rgerte ihn dieses <emphasis>Nicht klopfen!</emphasis> Dass man schon mit einem Verbot empfangen wurde! Zumal man ja, wenn das Schild nicht da klebte, �berhaupt nicht auf die Idee k�me zu klopfen, ja, wahrscheinlich k�me man noch nicht einmal auf die Idee, dass es sich bei diesen d�mlichen L�wenk�pfen um T�rklopfer handelte!</p><p>Kurt holte tief Luft, so tief, als m�sste er mit der eingeatmeten Luft f�r einige Stunden auskommen, und dr�ckte die Klingel.</p><p>Die T�r �ffnete sich, ein Gesicht erschien: ein rundes, ein dummes Gesicht � es gab kaum jemanden, fand Kurt, dem man schon auf den ersten Blick so deutlich ansah, was er war, n�mlich ein <emphasis>Funktion�rr</emphasis> � eines von Irinas beliebtesten Schimpfw�rtern. Kurt versuchte, sich rasch an Schlinger vorbeizuschieben, aber Schlinger, einmal im Besitz seiner Hand, wollte sie nicht wieder loslassen, sch�ttelte sie, nickte Kurt zu auf seine typische, unangenehm vertrauliche Art, und bedauerlicherweise ertappte Kurt sich dabei, wie er, und sei es blo�, um die Sache abzuk�rzen, zur�cknickte.</p><p>��Bitte auf die Genossin Powileit warten, rief Schlinger ihm hinterher.</p><p>Kurt dachte nicht daran, auf die <emphasis>Genossin Powileit</emphasis> zu warten, allerdings kam die <emphasis>Genossin Powileit</emphasis> schon angetrippelt, ehe Nadjeshda Iwanowna sich auch nur des Mantels entledigt hatte � flink wie eine Spinne, die sich auf ihre Beute st�rzt.</p><p>��Nanu, wo ist denn Irina?</p><p>��Irina ist krank, sagte Kurt.</p><p>��Krank? Was hat sie denn, wollte Charlotte wissen.</p><p>��Es geht ihr schlecht, sagte Kurt.</p><p>��Und Alexander? Sag jetzt nicht, dass es Alexander auch schlechtgeht!</p><p>��Mutti, es tut mir leid, begann Kurt. Aber Charlotte schnitt ihm das Wort ab.</p><p>��Also Kinder, wie stellt ihr euch denn das vor? Was soll ich denn Wilhelm sagen? Er wird heute neunzig!</p><p>��Jetzt h�r mir mal zu, Mutti��</p><p>��Ja, entschuldige, sagte Charlotte, entschuldige�� Aber ich drehe hier auch langsam durch. Ich kann bald nicht mehr!</p><p>Sie st�hnte, setzte ihren tragischen Blick auf.</p><p>��Der J�hn hat auch abgesagt, stell dir mal vor! Schickt einen Stellvertreter, unglaublich! Wilhelm wird neunzig! Er kriegt den Vaterl�ndischen Verdienstorden in Gold! Und der schickt einen Stellvertreter!�� Wo hast du denn deine Blumen?</p><p>��Ach, du Schei�e, sagte Kurt. Die hab ich zu Hause vergessen.</p><p>��Na, ist auch egal, dann nimmst du dir ein paar andere, sagte Charlotte. Ist ja genug da von dem Zeug.</p><p>Kurt schaute zur Garderobennische, wo schon unz�hlige Str�u�e im Halbdunkel vor sich hin d�mmerten, w�hrend die Stimme seiner Mutter wie aus der Ferne zu ihm drang��</p><p>��� und bitte, Kurt, wenn du jetzt reingehst, kein Wort �ber irgendwelche Ereignisse. Du wei�t schon: Ungarn, Prag�� Und nichts �ber die Sowjetunion.</p><p>��Und nichts �ber Polen, sagte Kurt.</p><p>��Genau, sagte Charlotte.</p><p>��Und nichts �ber das Weltall und nichts �ber den Mond, sagte Kurt.</p><p>��Kurt, ich bitte dich, er ist nicht mehr�� Charlotte verdrehte vielsagend die Augen�� Er hat nachgelassen, in letzter Zeit.</p><p>��Ich hab auch nachgelassen, in letzter Zeit, sagte Kurt.</p><p>Er entschied sich gegen die Blumen.</p><p>Als er das Zimmer betrat, sa� Wilhelm in seinem Sessel wie immer, sah aus wie immer und benahm sich auch so. Schon seit Jahren pflegte er die Gratulationen sitzend entgegenzunehmen, an sich schon dem�tigend, fand Kurt, und als Wilhelm ihn, kaum dass er eingetreten war, auch noch in seiner herrischen Weise nach Alexander fragte, versp�rte er abermals Lust, die Wahrheit zu sagen.</p><p>��Alexander ist krank!</p><p>Charlotte war ihm zuvorgekommen. Wilhelm nickte, er winkte Nadjeshda Iwanowna zu sich, nahm ihre Gl�ckw�nsche entgegen. Sie schenkte ihm ein Glas selbsteingelegter Gurken, und Wilhelm, der keine Gelegenheit auslie�, mit seinen Russischkenntnissen zu prahlen, versuchte es mit <emphasis>Garosch, Garosch</emphasis>! Wahrscheinlich meinte er: <emphasis>Charascho</emphasis> (gut), aber nicht einmal das brachte er zustande. In Wirklichkeit konnte Wilhelm kein Russisch, hatte nie Russisch gekonnt. Denn obwohl er gern von seinen �Moskauer Jahren� sprach, hatte es diese �Moskauer Jahre� nie gegeben. Zwar war er tats�chlich 1936 in Begleitung von ihm, Kurt, und Werner (die dann beide �aus Sicherheitsgr�nden� dort geblieben waren) nach Moskau gereist, um sich � wie Kurt vermutete � beim Nachrichtendienst der Roten Armee geheimdienstlich ausbilden zu lassen. Allerdings hatte sein Aufenthalt nicht Jahre, sondern allenfalls Wochen gedauert. Obendrein lag die streng geheime Ausbildungsst�tte irgendwo weit au�erhalb, sodass Wilhelm Moskau in Wirklichkeit kaum mehr als dreimal im Leben gesehen hatte: Garosch, Garosch!</p><p>Damit es auch alle mitbekamen, zitierte Wilhelm jetzt M�hlich heran, lie� sich das Gurkenglas �ffnen und � a� eine Gurke�� Und selbst das konnte er auf unnachahmlich gro�kotzige Weise: die Nachl�ssigkeit, mit der er die Gurke �ber dem Glas abtropfen lie�, wie er hineinbiss, wie er die angebissene Gurke, w�hrend er ungehemmt schmatzte, zwischen den Fingern hin und her rollte und sie betrachtete, als sei er die letzte Instanz zur Beurteilung der Qualit�t einer Gurke:</p><p>��Garosch, sagte Wilhelm noch einmal und gew�hrte nun endlich auch Kurt die Gunst, ihm zu gratulieren. Aber als Kurt ihm, den Abscheu vor Wilhelms gurkennassen Fingern �berwindend, die Hand entgegenstreckte, winkte Wilhelm blo� ab: Bring das Gem�se zum Friedhof.</p><p>Gem�se zum Friedhof? Jetzt war Kurt doch �berrascht: Hatte er tats�chlich, wie Charlotte es ausdr�ckte, �nachgelassen�?</p><p>Dann wandte er sich der Geburtstagsrunde zu. Fr�her waren zu Wilhelms Geburtstag hin und wieder ganz interessante Leute erschienen: Frank Janko, einmal j�ngster Divisionskommandeur der Internationalen Brigaden, oder Karl Irrwig, der, immerhin, gegen Ulbricht einen deutschen Weg zum Sozialismus hatte durchsetzen wollen. Oder auch Stine Spier, die Brecht-Schauspielerin, die Charlotte und Wilhelm noch aus dem mexikanischen Exil kannten. Aber Jankos Name wurde im Hause nicht mehr genannt, seit er wegen irgendwelcher angeblicher �Machenschaften� sechs Jahre im Gef�ngnis gesessen hatte; Karl Irrwig, der zwar aus dem Politb�ro ausgeschlossen worden, aber nicht vollst�ndig in Ungnade gefallen war, blieb irgendwann einfach aus; Stine Spier, die am Geburtstagstisch stets komische, oft auch politisch anr�chige Geschichten vom Theater zum Besten gegeben hatte, war von Charlotte vor zwei oder drei Jahren endg�ltig hinauskomplimentiert worden, und auf diese Weise waren nach und nach alle einigerma�en interessanten Leute verschwunden, bis am Ende <emphasis>das</emphasis> �brig blieb, was jetzt hier versammelt war:</p><p>M�hlich nat�rlich, Wilhelms gr��ter Bewunderer (eigentlich ein netter Kerl, aber von einer geradezu tragischen geistigen Beh�bigkeit); M�hlichs immer irgendwie kranke Frau, eine ehemalige Polizistin (blond und fr�her einmal so h�bsch, dass sie, w�re sie nicht hoffnungslos pr�de gewesen, durchaus f�r seine, Kurts, Troph�ensammlung in Frage gekommen w�re); daneben die Nachbarn von gegen�ber, einander �hnlich wie ein Mops dem anderen, die Namen hatte Kurt, wie jedes Jahr, vergessen: Er war fr�her Hausmeister in Saschas Schule gewesen und erledigte heute kleine Boteng�nge f�r Charlotte und Wilhelm; von ihr war Kurt nichts bekannt, au�er dass sie, so hie� es, einen k�nstlichen Darmausgang hatte (k�nstlicher Darmausgang: komische Idee); dann gab es noch den Abschnittsbevollm�chtigten, den Genossen Kr�ger, den Kurt immer nur von weitem sah, wenn er mit dem Fahrrad vorbeifuhr; Bunke nat�rlich, Bluthochdruck, Oberst der Staatssicherheit, der immer � <emphasis>Kr�� tisch, kr�� tisch, wo is tenn Irina!</emphasis>�� tat, als seien sie wei� Gott wie befreundet (dabei hatten sie ihn nur ein einziges Mal zum Tee eingeladen, um �ber die beiden Tannen in seinem Garten zu sprechen, die das Gurkenbeet von Nadjeshda Iwanowna verschatteten); Harry Zenk hatte sich ebenfalls hierherverirrt: ausnahmsweise ein intelligenter, ja sogar gerissener Mensch (jedoch dumm genug, sich zum Rektor der sogenannten Neuendorfer Akademie machen zu lassen); schlie�lich noch Gertrud Stiller, die immer err�tete, wenn sie sich allj�hrlich hier begegneten: Vor langer Zeit hatte Charlotte ihm diese Frau einreden wollen, wobei das eigentlich Besch�mende an der Angelegenheit war, dass Kurt diese M�glichkeit tats�chlich, wenn vielleicht auch nicht mit letztem Ernst, erwogen hatte � eins von Kurts geheimsten Geheimnissen, so geheim, dass er sich selbst kaum noch daran erinnerte; na und den Rest kannte er eigentlich nicht: irgendwelche Verk�uferinnen, Parteiveteranen, und, du lieber Gott, wie sah der denn aus!</p><p>��Flagamfall, sagte Till.</p><p>Tillbert Wendt, mit dem er im Kommunistischen Jugendverband Berlin-Britz gewesen war: ein Jahr j�nger als er selbst. Kurt versuchte, kein allzu entsetztes Gesicht zu machen.</p><p>��Und sonst?</p><p>Bl�de Frage.</p><p>��Fonft geht ef, sagte Till.</p><p>��Na, Hauptsache, wir sind noch am Leben, sagte Kurt und klopfte ihm auf die Schulter, obwohl er sicher war, dass er sich umbringen w�rde, sollte ihm <emphasis>so was</emphasis> passieren.</p><p>Fette Buttercremetorte h�tte er fr�her nicht anger�hrt. Aber seitdem man ihm zwei Drittel seines Magens herausoperiert hatte, machte ihm auch fette Buttercremetorte nichts aus. Auch Kaffee bekam er gleich, erwischte eine von den uralten, schon v�llig zerschrammten mexikanischen Hartplastiktassen, welche wie jedes Jahr das nicht ganz ausreichende �gute Geschirr� aus der Hinterlassenschaft des Nazis erg�nzten. Tats�chlich hatten Charlotte und Wilhelm ja <emphasis>alles</emphasis> zusammen mit dem Haus �bernommen (genauer gesagt: alles, was nach den sowjetischen Offizieren, die hier eine Zeitlang gehaust hatten, noch �brig geblieben war). Nur das Essbesteck mit dem winzigen Hakenkreuz, das hinter den Initialen eingraviert war, hatten sie aussortiert, was letztlich dazu f�hrte, dass man seine Torte hier von Nazi-Tellern l�ffelte � aber mit Besteck aus volkseigener Produktion.</p><p>��Da sdrawstwujet, sagte Bunke und hob seinen Aluminiumbecher.</p><p>Auch dieser eine Errungenschaft der DDR, samt dem Zeug, das dadrin war, und wenn sich Kurt dreiunddrei�ig Jahre lang geweigert hatte, Kognak oder, noch schlimmer, Goldbrand aus diesen Aluminiumbechern zu trinken � heute war er so weit.</p><p>��Auf Korbatschow, sagte Bunke. Auf die Berestroika in der DDR!</p><p>Till wehrte ab, als man ihm einen Becher reichte. Der Abschnittsbevollm�chtigte tat, als h�tte er nichts geh�rt. Die M�pse hatten schon bei �Da Sdrawstwujet� genippt. Nur M�hlich hob, sich vorsichtig umblickend, seinen Becher � lie� ihn jedoch wieder sinken, als Harry Zenk Einspruch erhob:</p><p>��Auf Gorbatschow � ja. Auf die Perestroika in der DDR � nein.</p><p>Und M�hlichs Frau � Anita hie� sie, jetzt fiel es Kurt ein � erwies sich tats�chlich als d�mlich genug, jenen Spruch beizusteuern, den der andere Kurt, der Politb�ro-Kurt (Kurt Hager, den Kurt insgeheim <emphasis>Kurt Arschloch</emphasis> nannte), k�rzlich in einem dann auch im <emphasis>ND</emphasis> abgedruckten Interview mit einer Westzeitschrift hatte verlauten lassen:</p><p>��Wenn unser Nachbar tapeziert, brauchen wir ja nicht auch gleich zu tapezieren.</p><p>Ein Neuendorfer Parteiveteran stimmte dem zu, und Bunke wandte sich pl�tzlich an ihn, Kurt:</p><p>��Kurt, sag du doch mal was!</p><p>Auf einmal schauten ihn alle an: Anita mit ihrer spitz gewordenen Nase; M�hlich begann schon zu nicken, bevor Kurt auch nur Luft geholt hatte; die M�pse mit exakt in gleichem Winkel geneigten K�pfen�� Nur Till, von alldem unber�hrt, versuchte beharrlich ein St�ck Torte in sein halbseitig gel�hmtes Gesicht zu bef�rdern.</p><p>��Prost, sagte Kurt.</p><p>��Ja, Brost, sagte Bunke.</p><p>Kurt kippte das Zeug in sich hinein. Es brannte, rieselte langsam die Speiser�hre hinab. Brannte sich allm�hlich durch � bis zu der Stelle, wo sich seit einigen Stunden ein Ziehen eingestellt hatte: nicht der Magen. Etwas unterhalb�� Was war das eigentlich f�r ein Organ, das ansprach, wenn der Sohn republikfl�chtig wurde?</p><p>Parteiorgan, dachte Kurt, war aber nicht in der Stimmung, das witzig zu finden, und vertiefte sich, um nicht weiter in die Gorbatschow-Diskussion hineingezogen zu werden, in seine Torte. Aussichtslos, dachte er, diesen Leuten seine Meinung �ber Gorbatschow begreiflich zu machen: dass Gorbatschow nicht weit genug ging�� dass er konzeptionslos und inkonsequent war�� dass sein Buch �ber die Perestroika nicht die Spur eines theoretischen Ansatzes enthielt��</p><p>Er war noch bei der Torte, als eine Person den Raum betrat, die Kurt nicht gleich zuordnen konnte: eine f�r diesen Kreis viel zu junge, ja auch viel zu attraktive Frau, die er erst erkannte, als er den schlaksigen Zw�lfj�hrigen sah, den sie in Richtung Wilhelm vor sich herschob�� Hatte sich aufgedonnert, sieh einer an! Sogar hohe Schuhe. Was hatte das wohl zu bedeuten?</p><p>Kurt schaute zu, wie die beiden vor Wilhelms Sessel Aufstellung nahmen, wie Melitta sich zu Wilhelm hinunterbeugte, wirklich knallkurzer Rock, Markus �berreichte Wilhelm ein Bild, und Kurt erinnerte sich, dass Markus auch ihm zum Geburtstag einmal ein Bild geschenkt hatte. Irgendein Tier, verdammt, er sollte es tats�chlich mal aufh�ngen, dachte Kurt und sah zu, wie Markus die Runde machte, zierlich und blass und ein bisschen verlegen, genau wie Sascha in diesem Alter, dachte er, und auf einmal blieb ihm nichts anderes �brig, als Markus an sich zu dr�cken: Ihm einfach, wie alle andern, die Hand zu geben, kam ihm zu wenig vor. Und pl�tzlich hatte er sogar das Bed�rfnis, Melitta an sich zu dr�cken, unterlie� es nat�rlich, r�ckte aber, nachdem er sie begr��t hatte, beflissen ein St�ckchen zur Seite, damit ein Stuhl f�r sie dazwischen gestellt werden konnte.</p><p>Sie trug gemusterte Str�mpfe. Ungl�cklicherweise sa� Kurt in seinem Sessel ein kleines St�ck tiefer als sie, sodass er, w�hrend er �berlegte, was er ihr Freundliches sagen k�nnte, durch den Anblick ihrer gemusterten Str�mpfe stark abgelenkt war. Jedes Kompliment, das ihm durch den Kopf ging, klang pl�tzlich, als wolle er ein fr�heres Vorurteil revidieren, und er brauchte einige Zeit, bis er herausbrachte:</p><p>��Gut siehst du aus.</p><p>��Du auch, sagte Melitta und schaute ihn mit gro�en, gr�nen Augen an.</p><p>��Na ja, wiegelte Kurt ab � obwohl er, offen gestanden, nicht vollkommen abgeneigt war, es zu glauben.</p><p>��Und wo ist Irina, fragte Melitta.</p><p>��Irina geht es nicht gut, sagte Kurt und erwartete, dass Melitta nun nach Sascha fragen w�rde.</p><p>Sie fragte nicht, vielleicht aber nur, weil Charlotte in diesem Moment in den Raum kam und, energisch wie eine Kinderg�rtnerin in die H�nde klatschend, ihre immer lauter werdenden G�ste zur Ruhe zu bringen versuchte: Der Stellvertreter war da. Ordensverleihung!</p><p>Kurt legte die Kuchengabel wieder aus der Hand und lehnte sich zur�ck. Der Redner begann mit trockener Stimme und einer selbst f�r einen <emphasis>Funktion�rr</emphasis> erstaunlichen Monotonie die Laudatio abzulesen, welche, von kaum merklichen Abweichungen abgesehen, nat�rlich die war, die immer gehalten wurde, wenn Wilhelm einen Orden bekam (was in letzter Zeit beinahe j�hrlich geschah, offenbar, weil er stets den Eindruck vermittelte, es k�nnte sein letzter Geburtstag sein � selbst darin hatte er eine gewisse Meisterschaft entwickelt): Wilhelms K�mpferbiographie, aus der alles, was irgendwie interessant h�tte sein k�nnen, mit den Jahren verschwunden war, ein gro�artiges Dokument des Stumpfsinns. Immerhin hatte es den Vorteil, dass Kurt nun, da Melitta sich dem Redner zuwandte, ungehemmt ihre gemusterten Str�mpfe betrachten konnte. Genauer gesagt, ihre Strumpfhose oder, noch genauer, die Stelle knapp unter dem Saum ihres Rocks, er wusste nicht, wie das hie�, wo das Muster ins Glatte �berging; und dass Melitta den Rock noch einmal zurechtzupfte, machte die Sache nur interessanter, weil der Rock sofort wieder zu verrutschen begann, w�hrend sich ihre Schenkel mit einem kaum h�rbaren Knistern gegeneinander verschoben.</p><p>Kurt sp�rte, wie sich in seinem Unterleib etwas regte, und er �berlegte, ob er sich schlecht f�hlen m�sse angesichts der Tatsache, dass es sich um seine ehemalige Schwiegertochter handelte�� Nein, eine wirklich <emphasis>sch�ne</emphasis> Frau war sie nicht, dachte Kurt, w�hrend der Redner davon berichtete, wie Wilhelm den Weg zur Partei der Arbeiterklasse fand, aber wenn er sie so ansah, gefiel ihm gerade das, ehrlich gesagt. Gerade das Nicht-so-Sch�ne, dachte Kurt, hatte bei Frauen auch seinen Reiz. Schwer zu erkl�ren. Vielleicht musste man ein bestimmtes Alter erreichen, um das zu begreifen.</p><p>Sein Blick wanderte �ber die aufregend grobe Textur ihres Rockes, tastete die nicht ganz blickdichte Bluse ab, streifte die muskul�sen Unterarme, verhedderte sich, w�hrend der Redner an Wilhelms ewige Kapp-Putsch-Verwundung erinnerte, in der zierlichen schwarzen Tr�gerkonstruktion, die Melittas breiten R�cken durchkreuzte, pr�fte die Wirkung des Lippenstifts in ihrem Gesicht, registrierte die sorgf�ltig gezupften Augenbrauen (und die leichte R�tung, die vom Zupfen zur�ckgeblieben war), und � es machte ihn traurig. Pl�tzlich r�hrte ihn der Anblick der jungen Frau, pl�tzlich sah er in ihr die Verschm�hte; Sinnbild all dessen, was Sascha in seinem Leben verworfen, verlassen, zerst�rt hatte und was er jetzt � typisch!�� einfach zur�cklie�. Aber zugleich � und Kurt wunderte sich, dass beides im selben Augenblick in einem einzigen K�rper existierte��, zugleich erregte es ihn auch, und es war, so schien ihm, gerade das Verworfene, Verschm�hte, was ihn erregte, gerade das verschm�hte Wollen und Gewolltwerden dieser Nicht-so-Sch�nen, das eben dadurch, dass es verschm�ht wurde, umso unverbl�mter hervortrat � gerade das erregte Kurt und lie� ihn, indem er das Wagnis wahrnahm, dem sich diese Frau mit ihrer Aufmachung aussetzte, sogar einen Ansatz f�r eine kleine <emphasis>Theorie der Erotik des Nicht-so-Sch�nen</emphasis> wittern, deren Ausarbeitung er aber vorerst vertagte.</p><p>Eine Zeitlang hielten sie sich die Waage: Traurigkeit und Anziehung, das Ziehen in seinem Bauch und die Regung tiefer unten, das <emphasis>Parteiorgan</emphasis> und die <emphasis>Opposition</emphasis>, dachte Kurt, aber als der Redner in einem langen, klappernden Satz (welcher nichts weiter mitteilte, als dass Wilhelm zweiter Gauleiter des Berliner Rotfrontk�mpferbundes gewesen war) die zwanziger Jahre durchquerte und unter konsequenter Auslassung der gro�en Niederlage im Jahr 33 ankam, gewann die Opposition in Kurts Hose allm�hlich die �berhand, und w�hrend die Gesellschaft in Feierlichkeit erstarrte, w�hrend die M�pse ihre K�pfe and�chtig schr�g stellten, w�hrend Till schlief (oder f�r seine Totenmaske �bte), w�hrend Harry Zenk mit geschlossenem Mund zu g�hnen versuchte und M�hlich ein Gesicht machte, als h�rte er das alles zum ersten Mal, befand Kurt sich l�ngst in Wilhelms Parteikeller: <emphasis>Antifaschistischer Widerstand</emphasis>, sagte der Redner, w�hrend Kurt in hastige Aktivit�ten verwickelt war, der lange Versammlungstisch spielte eine gewisse Rolle, die Bilder waren verwackelt, einzig das Muster der Strumpfhose sah er ganz scharf, genauer gesagt, die Stelle, er wusste nicht, wie es hie�, <emphasis>Illegalit�t</emphasis>, sagte der Redner, und als Kurt kurze Zeit sp�ter wieder in der erstarrten Gesellschaft auftauchte, war die Opposition in seiner Hose derma�en <emphasis>heldenhaft</emphasis>, sagte der Redner, erstarkt, dass es zwischen den Falten seiner Unterhose zu klemmen und zu kneifen begann.</p><p>Der Redner beendete seine Rede mit weiteren Lobpreisungen des unerm�dlich f�r die Sache Eintretenden. Kurt versuchte vergeblich, die Hose unter dem Tisch zurechtzuzupfen. Erst als der Beifall anhob, setzte die Schrumpfung ein, in dem Augenblick, als die erstarrte Gesellschaft wieder zum Leben erwachte und mit unverh�ltnism��igem Enthusiasmus die Rede des Stellvertreters zu beklatschen begann. Wahrscheinlich, dachte Kurt, notgedrungen mitklatschend, war keinem der Klatschenden klar, was er da eigentlich beklatschte. Nichts in der Rede entsprach im Grunde der Wahrheit, dachte Kurt, immer noch klatschend, weder war Wilhelm Parteimitglied �der ersten Stunde� (sondern hatte � urspr�nglich USPD-Mitglied � erst mit der Vereinigung beider Parteien zur KPD gefunden), noch stimmte es, dass er beim Kapp-Putsch verwundet worden war (zwar war er tats�chlich verwundet worden, aber nicht 1920 beim Kapp-Putsch, sondern 1921 bei der sogenannten M�rzaktion, einem katastrophalen Fehlschlag, der nat�rlich weniger gut in eine K�mpferbiographie passte). Schlimmer jedoch als diese kleinen Halbwahrheiten waren die gro�en Weglassungen, schlimmer war das notorische Schweigen �ber Wilhelms Taten in den zwanziger Jahren: Damals � und daran erinnerte sich Kurt noch sehr gut � war Wilhelm ein unbeirrter Verfechter der von der Sowjetunion verordneten �Einheitsfrontpolitik� gewesen, welche die F�hrer der Sozialdemokratie als �Sozialfaschisten� verunglimpft und sie sogar als das � im Vergleich zu den Nazis � schlimmere �bel dargestellt hatte. Eigentlich, dachte Kurt, <emphasis>immer noch klatschend</emphasis>, war Wilhelm � ganz objektiv betrachtet � pers�nlich mitverantwortlich, dass die linken Kr�fte sich w�hrend der zwanziger Jahre gegenseitig zerrieben und der Faschismus in Deutschland am Ende siegreich gewesen war. Noch 1932, erinnerte sich Kurt, <emphasis>schon wieder klatschend</emphasis> (n�mlich nachdem Wilhelm der Vaterl�ndische Verdienstorden in Gold angesteckt worden war) � noch 1932 hatte Wilhelm als zweiter Gauleiter des RFB in Berlin eine gro�e, gemeinsame Aktion von Nazis und Kommunisten mitorganisiert. Und noch nach der �Machtergreifung�, die in seiner Biographie nicht erw�hnt wurde, hatte Wilhelm die Sozialfaschismus-These vertreten, welche erst 1935 offiziell korrigiert worden war, um schon nach wenigen Jahren durch einen Freundschaftsvertrag zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland an Dummheit und Obsz�nit�t �bertroffen zu werden: Alles L�ge, dachte Kurt, <emphasis>immer weiter klatschend</emphasis>. Die ganzen zwanziger Jahre waren eine einzige L�ge � und die drei�iger Jahre auch. Auch der �antifaschistische Widerstand� war im Grunde genommen nichts als eine L�ge, denn der Grund, aus dem Wilhelm nicht �ber diese Zeit sprach, war nicht oder nicht nur, dass er ein hoffnungsloser Angeber und Geheimniskr�mer war, sondern dass die Geschichte des antifaschistischen Widerstands nichts anderes war (und vor dem Hintergrund der sowjetischen Politik auch nichts anderes hatte sein k�nnen!) als eine Geschichte des <emphasis>Misserfolgs</emphasis>, der <emphasis>Bruderk�mpfe</emphasis>, der <emphasis>Fehleinsch�tzungen</emphasis> und des <emphasis>Verrats</emphasis> � n�mlich des �gro�en Steuermanns� an denen, die in der Illegalit�t ihre K�pfe hinhielten. Als Kurt dann endlich, allerdings nur knapp vor der Allgemeinheit, aufh�rte zu klatschen, war von der Opposition nicht mehr �brig geblieben als ein komisches Gef�hl�� in der Hose.</p><p>Im ersten Moment, nachdem das kalte Buffet er�ffnet worden war, z�gerte er sogar aufzustehen, weil er bef�rchtete, auf seiner Hose k�nnte sich ein Fleck gebildet haben (was sich bei n�herer Pr�fung als unsinnig erwies), aber dann blieb auch Melitta sitzen, und Kurt vermutete, dass sie sitzen blieb, um ihn nach Sascha zu fragen, und blieb ebenfalls sitzen. Aber sie fragte nicht. Und bevor Kurt sich zu irgendetwas entschlie�en konnte, kam Bunke schon mit vollbeladenem Teller zur�ck, und gleich darauf kamen Harry Zenk und Anita, und sofort war die Gorbatschow-Diskussion wieder im Gang:</p><p>��Wir m�ssen unseror Bev�lgerung die Woahrheit soagen, forderte Bunke.</p><p>Und Kurt, vielleicht weil es ihn �rgerte, dass Melitta dem nickend zustimmte, mischte sich nun doch ein:</p><p>��Und wer bestimmt, was die Wahrheit ist?</p><p>Bunke schaute ihn verbl�fft an.</p><p>��Wer bestimmt das, fragte Kurt. Bestimmen wir das? Oder Gorbatschow? Oder wer?</p><p>��Genau, sagte Zenk. Die Wahrheit ist immer parteilich.</p><p>��Nein, sagte Kurt und �rgerte sich, derma�en missverstanden worden zu sein. Die Wahrheit, sagte er oder <emphasis>wollte</emphasis> es sagen � der Satz, den zu bilden er im Begriff war, h�tte in etwa gelautet: Die Wahrheit ist nicht etwas, das die Partei besitzt und an die Bev�lkerung als eine Art Almosen austeilt (worauf vermutlich einige grunds�tzliche Betrachtungen zum sogenannten Demokratischen Zentralismus, den realsozialistischen Machtstrukturen und der Rolle der Partei im Sowjetsystem gefolgt w�ren)��, aber dazu kam es nicht, weil die Aufmerksamkeit sich schon l�ngst von ihm ab- und einem Bereich schr�g links hinter ihm zugewandt hatte, zu der Ecke n�mlich, wo Wilhelm in seinem Sessel sa� und � nicht zu glauben � <emphasis>sang</emphasis>.</p><p>Zuerst erschien es Kurt als Gemurmel. Er brauchte einen Moment, um es �berhaupt als Gesang zu erkennen, und erst als die M�pse schon im Takt mitnickten und M�hlich nicht ganz textsicher (oder nicht sicher, ob man die Stalin-Stelle noch mitsingen durfte) einstimmte, begriff er, was Wilhelm da sang: Nee, d�mmer ging�s nicht. Oder nein, nicht dumm, dachte Kurt, sondern <emphasis>verbrecherisch</emphasis>. Im Grunde, dachte er, war es die k�rzeste Formel f�r das gesamte Elend. Im Grunde genommen, dachte er, war es die Rechtfertigung allen Unrechts, das im Namen der �Sache� begangen worden war, die Verh�hnung von Millionen Unschuldigen, auf deren Knochen dieser sogenannte Sozialismus errichtet worden war: die ber�hmte Parteihymne, die irgendein Waschlappen von Dichter (war es Becher oder war es F�rnberg?) sich zu dichten nicht entbl�det hatte: <emphasis>Die Partei, die Partei, die hat immer recht��</emphasis></p><p>Was tue ich hier, dachte Kurt, w�hrend er mit gel�hmten H�nden zusah, wie die Runde erneut in Beifall ausbrach, wie sich auf Anitas Gesicht ein beinahe gl�ckseliges L�cheln bildete, wie sich M�hlich � oder hatte er sich verguckt?�� eine Tr�ne aus dem Auge wischte. Wie Zenk zufrieden nickte, so als w�re er gerade von Amts wegen best�tigt worden. Auch Bunke klatschte mit, lachte wie �ber einen gelungenen Witz. Und die M�pse sahen sich an und nickten noch immer im Takt mit den K�pfen.</p><p>Einzig Melitta klatschte nicht oder brachte nur ein paarmal, pro forma, die Handfl�chen zusammen und warf Kurt einen vielsagenden Blick zu, den er mit hochgezogenen Brauen erwiderte. Er hoffte jetzt beinahe schon, dass sie ihn nach Sascha fragen w�rde, aber bevor sie ihr Gespr�ch fortsetzen konnten, begann schon wieder etwas zu rumoren, dieses Mal kam es von rechts, und wieder, weil es so unwahrscheinlich war, brauchte Kurt einige Augenblicke, um es als Gesang zu erkennen: Nadjeshda Iwanowna! Das Lied vom Zicklein, das sie Sascha immer vorgesungen hatte, als der noch klein war, ein monotoner Sprechgesang mit peinlich vielen Strophen. Aber der Anflug von Scham, der Kurt erfassen wollte, erwies sich als unbegr�ndet, denn nat�rlich zeigten sich alle begeistert von der <emphasis>russischen Babuschka</emphasis>, wetteiferten darum, ihre Verbundenheit mit dem sozialistischen Brudervolk unter Beweis zu stellen; schon nach der zweiten Strophe begannen die Leute vor lauter Dummheit auch noch mitzusingen, und im Nu herrschte eine Stimmung wie auf einer FDJ-Delegiertenkonferenz (obwohl Kurt, offen gestanden, nie auf einer FDJ-Delegiertenkonferenz gewesen war), und weil im Refrain des Liedes jede Zeile mit <emphasis>wot kak, wot kak</emphasis> � H�rt nur, h�rt nur!�� begann, glaubten die Leute zu verstehen, dass es sich um ein russisches Sauflied handelte, und br�llten im Chor: <emphasis>Wodka, Wodka!</emphasis>, und begannen sogar bei <emphasis>Wodka, Wodka</emphasis> rhythmisch zu klatschen, und schlie�lich versuchte Kurts rechte Tischnachbarin (irgendeine Neuendorfer Parteiveteranin), sich schunkelnd bei ihm unterzuhaken � was Kurt vollends erstarren lie�. Wie ein Stein sa� er inmitten der Geburtstagsgesellschaft. Alles schaukelte pl�tzlich. Die K�pfe, wie von den K�rpern abgetrennt, wogten auf und ab: Anitas blondierter Kopf, M�hlichs schwarzbehaarter Sch�del, Bunkes bl�ulich roter Ballon, der jeden Moment � jetzt gleich!�� zu platzen drohte.</p><p>��Ich glaube, sagte Kurt, nachdem endlich die W�lfe gekommen, nachdem sie endlich das Zicklein gefressen, nachdem sie es endlich bis auf die Knochen abgenagt und nicht mehr von ihm �brig gelassen hatten als <emphasis>H�rnlein und Hufen, vergeblich gerufen, nur H�rnlein und Hufen</emphasis> � ich glaube, sagte Kurt, ich sollte dir mitteilen, dass Sascha im Westen ist.</p><p>��Hm, machte Melitta.</p><p>��Tja, sagte Kurt.</p><p>Irgendwie hatte er mehr erwartet, aber Melitta schwieg, und auch Kurt wusste pl�tzlich nicht weiter. Einen Augenblick kam es ihm vor, als h�tte Melitta nicht verstanden, was er ihr mitgeteilt hatte. Ohne den Blick von der Kaffeetasse zu l�sen � es war <emphasis>ihre</emphasis> Kaffeetasse, eine Nazitasse, an deren Rand man deutlich den Abdruck ihres Lippenstifts sah��, sagte er:</p><p>��Ich wei� nicht, wie das jetzt mit dem Unterhalt ist, aber solange Sascha nicht zahlen kann, �bernehme ich das selbstverst�ndlich.</p><p>Dann krachte irgendetwas im Nebenraum. Kurt sah zu, wie die Leute aufstanden und nach dr�ben str�mten � einzig Markus kam, entgegen dem Strom, von dr�ben her�ber und fragte, was denn passiert sei.</p><p>��Wir gehen, sagte Melitta.</p><p>��Warum denn, n�rgelte Markus.</p><p>��Das erkl�r ich dir drau�en, sagte Melitta.</p><p>Markus nahm schmollend Wilhelms ausgestopften Leguan vom Regal.</p><p>��Den hat mir Wilhelm geschenkt, erkl�rte er Kurt.</p><p>��Das ist nett von Wilhelm, sagte Kurt und sch�ttelte �bertrieben die Hand, die Markus ihm entgegenstreckte.</p><p>Dann wollte er Melitta die Hand geben � aber sie umarmte ihn. Vor �berraschung fand sein Kopf nicht gleich den richtigen Weg. Sein Kinn stie� mit Melittas Stirn zusammen. In seinen H�nden, die nicht recht zuzugreifen wagten, f�hlte sich ihr Oberk�rper an wie ein St�ck Holz.</p><p>Kurt goss sich noch einen Goldbrand ein und ging ins andere Zimmer. Beil�ufig registrierte er, dass das Buffet zusammengebrochen war. Er blieb in einigem Abstand stehen und sah dem Treiben zu, das sich um das zusammengebrochene Buffet herum entwickelte.</p><p>Auf seiner Unterlippe sp�rte er den Abdruck von Melittas Stirn.</p><p>Der Goldbrand roch widerlich.</p><p>Er kippte ihn runter, stellte den Becher aufs n�chstbeste Regal. Dann setzten sich seine F��e in Gang, trugen ihn aus dem Zimmer, durchquerten die Diele und traten, den kleinen Vorraum passierend, ins Freie.</p><p>Er ging ein bisschen zu eilig, als k�nnte ihn jemand im letzen Augenblick noch zur�ckrufen. Als er das Gef�hl hatte, einigerma�en au�er Reichweite zu sein, stieg ihm eine blasphemische Freude zu Kopf. Kurt ermahnte sich zur M��igung. Behielt die Freude in sich. Lie� sie in kleinen Portionen entweichen.</p><p>Erst nach dreihundert Metern fiel ihm ein, dass er Nadjeshda Iwanowna vergessen hatte. Sein Schritt verlangsamte sich, ihm kam sogar der Gedanke, dass er umkehren m�sse � aber warum eigentlich? Sie w�rde auch ohne ihn nach Hause finden�� Kurt nahm seinen Schritt wieder auf, ging weiter. Ging den Fuchsbau entlang. Ging bis zur Nummer sieben, wo Irina vermutlich betrunken auf ihrem Sofa lag��</p><p>Ging vorbei an der Nummer sieben.</p><p>Er ging bis zum Ende der Stra�e, bog in den Seeweg ein. Er folgte dem Seeweg, wo die H�user, je weiter man sich vom See entfernte, immer profaner wurden. Die Heinestra�e f�hrte ihn ganz aus dem Villenviertel heraus und ins ehemalige Weberviertel, den �ltesten Teil Neuendorfs. Hier waren die H�user so niedrig, dass man die Dachrinnen mit der Hand erreichte. Kurt folgte dem Zickzack der kurzen, kopfsteingepflasterten Stra�en, die in dieser Gegend, wo es aus offenen Fenstern nach K�che und Alkohol roch, Klopstock-, Uhland- und Lessingstra�e hie�en. L�nger war die Goethestra�e, die am Friedhof vorbei zur Karl-Liebknecht-Stra�e f�hrte, welche wiederum l�nger als die Goethestra�e war. Am Rathaus von Neuendorf h�tte Kurt eine Stra�enbahn abpassen k�nnen � er h�rte sie mit barbarischem Quietschen die Rechtskurve nehmen, ging aber weiter. Erreichte die noch wesentlich l�ngere Friedrich-Engels-Stra�e, die Neuendorf mit der Stadt verband, und durchschritt, gerade als die Bahn ihn rasselnd und rumpelnd �berholte, den Engpass, an dem es st�ndig Verkehrsunf�lle gab und an dessen Ausgang, �ber der mit Stacheldraht bewehrten Mauer des Reichsbahnausbesserungswerks, seit Jahren (oder Jahrzehnten?) ein blassrotes Transparent mit der Aufschrift <emphasis>Der Sozialismus siegt!</emphasis> vor sich hin rottete.</p><p>Laub rauschte unter seinen F��en, als er die lange Strecke am Reichsbahnausbesserungswerk abschritt. Er �berquerte die sogenannte Lange Br�cke, passierte Fahrbahn und Schienen, bog am Interhotel ab und kam �ber die Wilhelm-K�lz-Stra�e zur Leninallee, Potsdams l�ngster, wenn auch gewiss nicht sch�nster Stra�e. Er folgte ihr zwei oder drei Kilometer stadtausw�rts, w�hrend die Stra�e immer dunkler zu werden schien, und bog dort, wo kaum noch eine Laterne brannte, rechts ein.</p><p>Gartenstra�e. Das zweite Haus links. Kurt klingelte zweimal kurz und wartete, bis sich oben im zweiten Stock ein Fenster �ffnete.</p><p>��Ich bin�s, sagte er.</p><p>Dann ging im Hausflur das Licht an, Schritte waren auf der Treppe zu h�ren. Der Schl�ssel knirschte in dem altert�mlichen Schloss.</p><p>��Na, das ist ja �ne �berraschung, sagte Vera.</p><p>Eine Stunde sp�ter lag Kurt r�cklings auf Veras Bett, noch in derselben Haltung, in der Vera es ihm, wie er es nannte, �m�ndlich� besorgt hatte, und nahm den unverwechselbaren Geruch von gebratenem Speck wahr, der durch die Wohnung geisterte. Er f�hlte sich erleichtert, aber auch ein bisschen entt�uscht, ohne sicher zu sein, ob es die typische postkoitale Ern�chterung war oder ob er zugeben sollte, dass es nicht ganz so gewesen war, wie er es erwartet hatte: Veras Schlafzimmer (er hatte es zum letzten Mal vor drei Jahren gesehen) erschien ihm noch verkramter und muffiger als in der Erinnerung. Das Licht ihrer Nachttischlampe war grell und hatte die blauen �derchen auf ihren � er hatte noch immer kein anderes Wort daf�r � <emphasis>Dingern</emphasis> auf ung�nstige Weise beleuchtet. Aber besonders hatten ihn die Falten gest�rt, die sich, w�hrend sie es ihm besorgte, vor Anstrengung auf ihrer Stirn gebildet hatten. Pl�tzlich hatte ihn der Gedanke bel�stigt, er tue es mit einer alten Frau, und er hatte die St�rung nur dadurch beheben k�nnen, dass er ihren Kopf in die H�nde nahm und ihr � ein kleines bisschen brutal � seinen Rhythmus und seine Tiefe aufn�tigte.</p><p>Als danach ihr warmes Gesicht auf seinem Bauch lag und er ihren Atem im Schamhaar sp�rte, war er ein bisschen verlegen gewesen, angesichts dieses Anflugs von Brutalit�t. Lange hatte er Veras R�cken gestreichelt und �ber ihre r�tselhafte, seit Jahren anhaltende Bereitschaft nachgedacht, ihm gelegentlich zur Verf�gung zu stehen. <emphasis>Bratkartoffelverh�ltnis</emphasis>, das Wort war ihm eingefallen � warum sagte man <emphasis>Bratkartoffelverh�ltnis</emphasis>? Verbl�fft hatte Kurt festgestellt, dass er diese einfache Frage nicht beantworten konnte, und vielleicht war es, abgesehen vom Hunger, auch das � der Wunsch, diesem merkw�rdigen Ausdruck einen Sinn zu verleihen, der ihn auf die Idee gebracht hatte zu fragen:</p><p>��K�nntest du mir Bratkartoffeln machen?</p><p>��Klar, hatte Vera gesagt und war aufgestanden und in die K�che gegangen.</p><p>Jetzt roch es nach Bratkartoffeln: Kindheitsgeruch. Kurt schloss die Augen, und der Geruch katapultierte ihn in Sekundenbruchteilen zur�ck in das Schlafzimmer seiner Eltern, wo er sich (obwohl es nicht erlaubt gewesen war) unter der Decke versteckt hatte. Fast glaubte er die Stimme seiner Mutter zu h�ren:</p><p>��Kurt, kommst du?</p><p>Er �ffnete die Augen. Staunte eine Sekunde lang �ber die seltsamen Umst�nde, in die er nach siebzig Jahren Lebens hineingeraten war. Setzte sich auf den Bettrand. Zog seine Unterhose an. Zog den schwarzen, nicht mehr ganz frischen Socken �ber den linken Fu�. Und wusste pl�tzlich, und zwar in genau dem Moment, als er zerstreut nach dem anderen, dem rechten Socken Ausschau hielt, <emphasis>dass es so weit war</emphasis>.</p><p>Es gab nichts mehr zu bedenken. Es gab keinen Grund, seine Zeit mit Nebens�chlichkeiten zu verschwenden: Rezensionen f�r die <emphasis>ZfG, ND</emphasis>-Artikel anl�sslich irgendwelcher historischer Jubil�en�� und sogar die Mitarbeit an dem Sammelband, der, da er Beitr�ge aus Ost und West enthalten sollte, mit einer durchaus verlockenden Konferenz in Saarbr�cken verbunden war, w�rde er � am besten aus gesundheitlichen Gr�nden � absagen und sich gleich morgen fr�h an den Schreibtisch setzen und anfangen, seine Erinnerungen zu schreiben, und zwar (auch das wusste er sofort) beginnend mit jenem Augusttag 1936, an dem er neben Werner an Deck des F�hrschiffes stand und zusah, wie der Leuchtturm von Warnem�nde im fr�hen Nebel verblasste.</p><p>��Kommst du, rief Vera.</p><p>��Ja, sagte Kurt.</p><p>Es fr�stelte ihn in der feuchten Luft�� Und er sp�rte das Pflaster, mit dem er die fein zusammengefaltete sowjetische Einreisegenehmigung an die Innenseite seines rechten Oberschenkels geklebt hatte.</p></section><section><title><p><strong>1991</strong></p></title><p>Wenn Irina h�tte erkl�ren sollen, woher die Aprikosen kamen, die sie f�r die F�llung ihrer Klostergans ben�tigte, h�tte ein Satz gen�gt: Die Aprikosen kamen aus dem Supermarkt.</p><p>Auch die Weintrauben kamen aus dem Supermarkt. Die Feigen kamen aus dem Supermarkt. Die Birnen, die Quitten, alles kam aus dem Supermarkt. Unter diesen Umst�nden, dachte Irina, war es eigentlich keine Kunst, eine Klostergans zu bereiten. Sogar Esskastanien gab es im Supermarkt, fix und fertig gebacken und gesch�lt, und nachdem sie sich letztes Jahr noch gestr�ubt hatte, Esskastanien fix und fertig im Supermarkt zu kaufen, hatte sie dieses Mal zugegriffen � wozu sich unn�tig Arbeit machen? Und doch war es gerade diese Kleinigkeit, die Irina f�r einen winzigen Augenblick aus dem Konzept brachte, denn normalerweise war dies das Erste, was sie tat: den Backofen anzumachen und, w�hrend er vorheizte, die Schalen der Esskastanien kreuzweise einzuritzen�� Fehler. Sie drehte den Backofen wieder ab und begann das Obst f�r die F�llung vorzubereiten.</p><p>Es war kurz nach zwei. Auf den verzinkten Fenstersimsen tickte das Schmelzwasser. Im K�chenradio liefen die Nachrichten des Deutschlandfunks. Gerade war von der bevorstehenden Aufl�sung der Sowjetunion die Rede.</p><p>Irina sch�lte die Quitten d�nn ab und schnitt sie dann in etwa ein Zentimeter gro�e W�rfel. Die Quitten waren hart, die Finger taten ihr weh. Bei solchem Wetter schmerzten ihre Gelenke besonders: der R�cken, die H�nde�� Und wer wei�, dachte Irina, w�hrend im Radio wieder einmal von der aserbaidschanischen Region Berg-Karabach die Rede war, wo Armenier (die Irina, und zwar nicht nur wegen ihres vorz�glichen Kognaks, f�r ein gro�es Kulturvolk hielt) heute Nacht zwanzig Zivilisten umgebracht hatten, wer wei�, dachte sie, was sie sich noch f�r Sch�den zugezogen hatte: die Holzschutzmittel, die sie eingeatmet hatte. Der Kamilit-Staub, von dem es auf einmal hie�, dass er krebserregend sei�� und alles vergeblich.</p><p>Irina spreizte ein paarmal die Finger und erinnerte sich an ihren Vorsatz, heute nicht an das alles zu denken � ein Vorsatz, der nicht leicht zu erf�llen war, wenn man schon morgens mit einem unguten Gef�hl im Bauch zum Briefkasten ging und die Post zuerst daraufhin �berpr�fte, ob ein gerichtliches Schreiben dabei war�� Dumm, ja nat�rlich! Dumm war es gewesen, das Haus nicht zu kaufen. Andererseits: Wer wei�, ob die Kommunale Wohnungsverwaltung das Haus �berhaupt verkauft h�tte? H�tte sie fragen sollen? Niemand hatte gefragt. Alle H�user in der Umgebung hatten der Kommunalen Wohnungsverwaltung geh�rt, und kein Mensch (au�er diesem merkw�rdigen Harry Zenk) war auf die Idee gekommen, das Haus, in dem er wohnte, auch noch zu kaufen: Wozu, wenn man irgendwelche hundertzwanzig Mark Miete bezahlte?</p><p>Und schon war sie mittendrin, in diesem H�tte-w�rde-k�nnte-Spiel. Ein Kognak t�te gut, dachte Irina, w�hrend der Bundestag ein Gesetz zur Einf�hrung der M�tterunterst�tzung in den sogenannten <emphasis>neuen Bundesl�ndern</emphasis> beschloss � damit waren sie gemeint, der Osten, seltsame Wortbildung, die neuerdings auftauchte: als h�tte man diese �neuen� L�nder gerade entdeckt, wie Kolumbus Amerika�� O ja, ein Kognak t�te jetzt gut, dachte sie, um das Gehirn ein bisschen von den immer gleichen Gedanken abzubringen�� aber sie hatte sich vorgenommen, heute nicht zu trinken, nicht nur wegen Charlotte, die sie nachher noch aus dem Pflegeheim abholen musste. Anschlie�end kamen die Kinder, Sascha mit dieser Catrin. Da musste sie n�chtern sein, wenn es nicht wieder zum Eklat kommen sollte.</p><p>Ersatzweise z�ndete sie sich eine Zigarette an. Im Radio ert�nte der wohlbekannte Piepton, und Irina hielt inne und lauschte�� dumme Angewohnheit. Fr�her hatte sie die Verkehrsmeldungen ignoriert, wie jeder normale Mensch. Aber seit Sascha in diesem Moers wohnte � ein Ortsname, der in Irinas Ohren wie <emphasis>mj�rs</emphasis>, russisch: <emphasis>fror</emphasis> klang��, seit er in diesem Moers wohnte, hatte sie hinzuh�ren begonnen, weil dieses Moers zu ihrer �berraschung hin und wieder in den Verkehrsmeldungen genannt wurde: <emphasis>A 57�Nijmegen Richtung K�ln: zwischen Kamp-Lintfort und Autobahnkreuz Moers f�nf Kilometer Stau</emphasis> � solche Meldungen waren es, die ihr das Gef�hl gaben, dass Sascha noch existierte. Und auch heute, da Sascha hierher, nach Neuendorf, unterwegs war, versuchte sie, anhand der Ortsnamen zu erraten, wie viel Versp�tung er haben w�rde, und schickte winzige Gebete zum Himmel, wenn irgendwo von einem Unfall die Rede war.</p><p>Eigentlich hatte sie gehofft, dass der Fall der Mauer Sascha wieder in ihre N�he bringen w�rde. Das war ihr erster Gedanke gewesen, als sie im Fernsehen die Bilder sah von Menschen, die sich weinend in den Armen lagen, und sie hatte hemmungslos mitgeweint und sich �ber Kurt ge�rgert, der die ganze Zeit stumm in den Fernseher geschaut und sich eine Pfeife nach der anderen gestopft hatte. Sie hatte geweint und gegen den idiotischen Gedanken angek�mpft, dies alles geschehe nur ihretwegen.</p><p>Aber anstatt zur�ckzukommen, war Sascha noch weiter weggezogen. Anstatt wieder nach Berlin zu gehen, wo die unglaublichsten Dinge passierten, anstatt daran teilzunehmen, anstatt seine Chance zu nutzen, zog er nach Moers�� Was h�tte aus ihm werden k�nnen, dachte Irina. Es schmerzte sie, wenn sie sah, was f�r j�mmerliche Figuren neuerdings im Fernsehen auftraten, w�hrend Sascha in seinem Moers sa�, irgendwo an der holl�ndischen Grenze. Ein Ort, den nicht einmal Kurt kannte�� Und warum? Weil Catrin dort ein Engagement bekommen hatte: am Theater in Moers! Zu mehr hatte es wahrscheinlich nicht gereicht, dachte Irina.</p><p>Aber nach dem Eklat, den es beim letzten Besuch der beiden im Sommer gegeben hatte, war sie entschlossen, nichts mehr zu diesem Thema zu sagen. Die kurze Zeit, die Sascha in Neuendorf verbringen w�rde, war zu kostbar, um sich zu streiten. Inzwischen musste man froh sein, dass er �berhaupt kam. Im letzten Jahr hatten die beiden kurz vor Weihnachten abgesagt und waren � seltsame Idee � �ber die Feiertage auf die Kanarischen Inseln geflogen, und Irina hatte Weihnachten allein mit Kurt und Charlotte verbracht. In diesem Jahr jedoch war sie entschlossen, noch einmal ein richtiges Weihnachtsfest stattfinden zu lassen: Wer wei�, vielleicht war es das letzte Mal in diesem Haus. Aber auch dar�ber, nahm sie sich vor, w�rde sie am heutigen Abend schweigen.</p><p>Sie w�rde eine Klostergans machen wie immer. Zum Kaffee gab es selbstgebackenen Stollen. Und wenn die Weihnachtsgans verzehrt und der Stollen gegessen war, dachte Irina, w�hrend sie die getrockneten Feigen und Aprikosen in Streifen schnitt, wenn das Politik-Gerede abgeflaut und das Geschenkeauspacken �berstanden war, wenn sie das Geschirr eingeweicht und Charlotte wieder ins Pflegeheim gebracht hatte, dann, dachte Irina, w�rde sie sich einen Kognak genehmigen � nur einen!�� und jene Stunde genie�en, die zu Weihnachten immer die sch�nste gewesen war: die Stunde <emphasis>danach</emphasis>, wenn sie sich in der Sitzecke niederlie�en und Kurt seinen Vanilletabak zu schmauchen begann, wenn die M�nner, nachdem man sich hinreichend �ber die kleinen und gro�en Katastrophen des Abends am�siert hatte, schlie�lich die �rmel hochkrempelten und noch ein, zwei Partien Schach spielten��</p><p>Im Radio begann eine kl�gliche Kirchenmusik zu dudeln. Irina drehte die Lautst�rke herunter, schaltete aber nicht ab, sicherheitshalber, auch wenn es nat�rlich reiner Aberglaube war zu bef�rchten, Sascha k�nnte etwas passieren, wenn sie aufh�rte, die Verkehrsmeldungen zu verfolgen. Sie nahm ein paar kr�ftige Z�ge von ihrer halb schon im Aschenbecher verglommenen Zigarette, dr�ckte sie sorgf�ltig aus. Dann zerlie� sie ein halbes St�ck Butter in einem halbhohen Topf, schwenkte das kleingeschnittene Obst darin und gab einen Schuss Kognak dazu. Ein Schwall s��en Duftes wehte ihr entgegen, und es war der Geruch von � <emphasis>Whisky</emphasis>, tschort poderi!</p><p>Irina betrachtete verdutzt die Flasche, die sie extra f�r den Weihnachtsabend gekauft hatte. Geschlagene zehn Minuten hatte sie vor dem Regal verbracht. Noch immer hatte sie sich nicht an die verwirrende Vielzahl der Marken gew�hnt. Das Einzige, was es neuerdings nicht gab, war � auch seltsam � armenischer Kognak. Daf�r gab es franz�sischen, griechischen, spanischen, italienischen, �sterreichischen und wei� der Teufel was noch. Und nach langem Hin und Her hatte sie sich schlie�lich f�r einen besonders teuren, indischen Kognak entschieden, was Ausgefallenes, hatte sie gedacht, f�r die Feiertage � und jetzt war es Whisky!</p><p>Sie kostete das Obst-Whisky-Gemisch � schmeckte nicht schlecht, aber eigent�mlich. Ihr blieb nichts anderes �brig, als die sch�ne, durch die halbierten frischen Weinbeeren besonders fruchtig geratene Fl�ssigkeit sorgf�ltig in ein Glas abzugie�en (viel war�s nicht, aber wer wei�, wozu man das nochmal verwenden konnte) und die Fr�chte noch einmal aufzusetzen � aber womit? Rum k�nnte gehen, dachte Irina. Zumindest f�r die F�llung der Gans. F�r den Sud w�rde sie mit Portwein und Honig auskommen.</p><p>Sie lie� die Fr�chte f�nf Minuten in Rum ziehen. Inzwischen k�mmerte sie sich um die Gans: nahm die Innereien heraus, legte sie in eine Sch�ssel, wusch die Gans, tupfte sie mit K�chenkrepp ab � K�chenkrepp, die Erfindung, deretwegen sich die Wende gelohnt hatte, pflegte Kurt neuerdings zu witzeln. Sie schnitt das �bersch�ssige Fett ab, nahm die Talgdr�se heraus, stach die Gans unter den Fl�geln an und rieb sie mit Salz ab, innen und au�en. Dann stopfte sie die F�llung hinein und n�hte das Tier zu, eine Verrichtung, die seit einiger Zeit, genauer gesagt: seit ihrer Totaloperation, unangenehme Assoziationen hervorrief�� Aber auch daran wollte sie lieber nicht denken.</p><p>Jetzt hatte sie vergessen, den Backofen vorzuheizen. Sie entz�ndete das Gas, setzte, dasselbe Streichholz benutzend, gleich noch Wasser auf und verbrannte sich ein bisschen die Finger, als sie sich, noch immer am selben Streichholz, eine Zigarette ansteckte. Dann betrachtete sie in Ruhe die Flasche, die sie versehentlich gekauft hatte: <emphasis>Single Malt</emphasis> stand drauf, von Whisky kein Wort � oder so klein, dass sie es ohne Brille nicht lesen konnte. Nun musste sie wenigstens einmal kosten, wie das Zeug pur schmeckte. Gerade als sie die Flasche ansetzte, stand Kurt in der T�r.</p><p>��Ich koste nur, sagte Irina.</p><p>Zum Beweis hielt sie die Flasche hoch, aber da sie bereits etwas f�r die F�llung verbraucht hatte, fehlte ein guter Teil.</p><p>��Na, wunderbar, sagte Kurt, dann muss ich jetzt wohl Charlotte abholen.</p><p>��Warte, ich schiebe die Gans rein, dann fahr ich, sagte Irina.</p><p>Kurt hob abwehrend die Hand:</p><p>��Ich nehm ein Taxi.</p><p>��Ich habe nichts getrunken, sagte Irina noch einmal.</p><p>��Kommt gar nicht in Frage, sagte Kurt. Ich mach das jetzt. Nur eine Bitte, Iruschka: H�r auf zu trinken. Heute kommen die Kinder��</p><p>��Ich trinke nicht!</p><p>��Gut, sagte Kurt, ist ja gut! Und verlie� die K�che.</p><p>Irina f�llte die Kasserolle zwei Finger hoch mit hei�em Wasser, legte die Gans hinein, schob sie mit geschlossenem Deckel in die R�hre und stellte die Kurzzeituhr auf eineinhalb Stunden. Dann zupfte sie die �u�eren Bl�tter vom Rotkohlkopf ab, nahm das gro�e Messer und halbierte den Kopf mit einem gewaltigen Schlag. Und dann nahm sie das Fruchtsaft-Whisky-Gemisch � und trank es. Erstens war es kein richtiger Alkohol. Zweitens �rgerte sie sich.</p><p>Sie nahm wieder das gro�e Messer zur Hand und begann, den Rotkohl in feine Scheiben zu schneiden�� O ja, sie �rgerte sich. Nicht nur, weil er ihr unterstellte, zu trinken � das auch! Aber auch wegen dieser vorwurfsvollen, beleidigten Tonart�� Als sei es sonst was f�r eine Zumutung, dass er seine Mutter abholte. Und sie, Irina, hatte auch noch ein schlechtes Gewissen! Dabei war es doch <emphasis>seine</emphasis> Mutter! Wieso galt es als selbstverst�ndlich, dass <emphasis>sie</emphasis> zum Pflegeheim fuhr? Blo� weil Kurt nicht Auto fahren konnte? Wenn es danach ging, konnte er gar nichts�� Und so war es ja auch.</p><p>Kurt k�mmerte sich um nichts, dachte Irina, w�hrend sie Rotkohl schnitt. Gewiss, so war es fr�her schon gewesen. Aber in letzter Zeit war es schlimmer geworden. Sie verstand ja, dass ihn das alles aufregte. Er k�mpfte gegen die, wie es neuerdings hie�: �Abwicklung� seines Instituts. St�ndig war er unterwegs. Fuhr nach Berlin, �fter als fr�her, sogar in Moskau war er noch einmal gewesen, weil irgendein Archiv pl�tzlich zug�nglich war. Er schrieb st�ndig Briefe, Artikel. Hatte sich extra eine neue Schreibmaschine gekauft: elektrisch! Vierhundert Mark! Kurt, den man schlagen musste, damit er sich ein Paar Schuhe kaufte, hatte sich f�r <emphasis>vierhundert Westmark</emphasis> eine Schreibmaschine gekauft � w�hrend sie noch immer ein schlechtes Gef�hl hatte, wenn sie das wertvolle neue Geld f�r Butter und Br�tchen ausgab��</p><p>Dabei war noch nicht einmal heraus, wie viel Rente Kurt nun, nach der Umstellung, bekommen w�rde. Von ihrer eigenen Rente ganz zu schweigen. Pl�tzlich sollte sie irgendwelche Arbeitsnachweise aus Slawa erbringen: Was f�r eine B�rokratie! Und dabei hatte sie immer geglaubt, die DDR sei b�rokratisch�� Auch ihre Zusatzrente w�rde sie vermutlich nicht mehr bekommen (die DDR hatte ihr eine Rente als sogenannte Verfolgte des Naziregimes zuerkannt, als Ersatz f�r die Ehrenrente, die sie als �Kriegsveteranin� in der Sowjetunion bekommen h�tte): Kaum anzunehmen, dass die westdeutschen Beh�rden sie daf�r belohnen w�rden, dass sie als Gefreite der Roten Armee gegen Deutschland gek�mpft hatte�� Und wenn sie jetzt noch das Haus verloren, dann gute Nacht. Selbst wenn man sie nach der �R�ck�bertragung� � auch eins der W�rter, die mit der Wende gekommen waren � weiter hier wohnen lie�e, w�rden sie die Miete auf Dauer kaum zahlen k�nnen. Und die Ironie dabei war, dass sie selbst durch den Ausbau des Dachbodens und den Anbau des Zimmers f�r Nadjeshda Iwanowna die Wohnfl�che des Hauses � und damit die zu erwartende Miete � beinahe verdoppelt hatte.</p><p>Sie goss sich noch einen winzigen Schluck ein. Bis sie Charlotte wieder ins Pflegeheim bringen musste, war der Alkohol l�ngst wieder raus. Den einen! Dann, versprochen, stellte sie die Flasche in die Speisekammer. Aber diesen einen brauchte sie jetzt: Die Vorstellung, dass irgendwann, bald, fremde Leute hier einziehen w�rden, fra� m�chtig an ihren Eingeweiden. Und fast noch schlimmer als der Gedanke, dass sie schamlos alles so, wie es war, �bernehmen w�rden, war die Vorstellung, dass die neuen Besitzer alles abrei�en w�rden, weil das DDR-Zeug ihnen nicht gut genug war�� Sie sah ihre K�chenfliesen schon auf dem Schutthaufen liegen�� O ja, sie erinnerte sich genau, wie sie diese Fliesen bei str�mendem Regen in irgendeinem Hinterhof auf ihren Anh�nger geladen hatte. Sie erinnerte sich an das halunkische Gesicht des Hausmeisters, der die Mischbatterie von irgendeinem Kontingent der Bezirksleitung �abgezweigt� hatte�� Sie erinnerte sich an alles, und sie erinnerte sich, als sie einen wirklich allerletzten Schluck aus der Flasche nahm, auch an das, was Kurt vor zwei Wochen zu ihr gesagt hatte:</p><p>��Dann suchen wir uns eben eine praktische kleine Wohnung. Das Haus ist doch sowieso zu gro� f�r uns zwei!</p><p>Noch immer tickte das Schmelzwasser auf den Zinkblechen. Das Radio berichtete wieder von der sich aufl�senden Sowjetunion, und obwohl Irina die Nachricht jetzt schon zum soundsovielten Mal h�rte, blieb sie, den Gr�nkohl in der Hand, vor dem Fenster stehen�� Einen Augenblick schaute sie in den aufgeweichten, noch halb mit Schneeresten bedeckten Garten, und es kam ihr auf einmal recht unwahrscheinlich vor: dass tats�chlich sie es gewesen war. Irgendwann einmal, in einer fernen Vorvorzeit�� dass sie es gewesen war, die auf dem Bauch �ber die kalte, schlammige Erde gekrochen war, heulend, fluchend, mit aufgescheuerten Fingern�� Und wie schwer ein Verwundeter war! Und wie der Weg bis zu den eigenen Linien immer l�nger und l�nger wurde�� Und gerade als sie �berlegte, ob es legitim sei, noch einen winzig kleinen, symbolischen Schluck auf den Untergang der Sowjetunion zu trinken, hupte es drau�en.</p><p>Sie ging rasch zum Flurfenster, schaute hinaus: Catrin zog gerade das Tor zu, und Sascha stieg aus einem gro�en silbergrauen Auto, neben dem ihr Lada wie ein Museumsst�ck aussah.</p><p>Irina hatte Catrin zum letzten Mal im Sommer gesehen, und sie erinnerte sich jetzt, dass ihr schon damals eine Wandlung aufgefallen war: Aus der immer irgendwie sperrig aussehenden, billig zurechtgemachten Frau war auf einmal so etwas wie eine Erscheinung geworden. Ob es an den Westklamotten lag (sie trug ein klassisches dunkles Kost�m) oder an der (vermutlich k�nstlichen) Sonnenbr�une � Catrin sah pl�tzlich aus wie die Frauen in den Katalogen, die der Brieftr�ger neuerdings ungefragt in den Briefkasten warf; zu allem �berfluss trug sie sehr hohe Schuhe, sodass sie Irina um beinahe zwei K�pfe �berragte.</p><p>Ganz im Gegensatz zu ihrer �u�eren Erscheinung benahm sie sich auff�llig scheu. Demonstrativ hielt sie sich an Sascha, versteckte sich halb hinter ihm. Sie begr��te Irina l�chelnd, mit leiser Stimme, schaute sie fragend von unten an (tats�chlich brachte sie es trotz ihrer K�rpergr��e fertig, Irina <emphasis>von unten</emphasis> anzuschauen), kurz und gut, ihr Verhalten kam Irina vom ersten Augenblick an falsch und gespielt, ja fast beleidigend vor.</p><p>Aber auch Sascha erschien ihr im ersten Augenblick ein wenig fremd. Vielleicht lag es blo� an der Frisur � er hatte sich die Koteletten kurz abrasiert, wie es jetzt Mode war. Seine ungewohnt weiten Jeans (fr�her hatte er auf knallenge Hosen Wert gelegt) und das schicke Jackett, f�r dessen grobgewebten Stoff Irina die rechte Bezeichnung fehlte, lie�en ihn irgendwie reifer, gesetzter erscheinen. Aber als er sie umarmte, nahm sie seinen K�rpergeruch wahr, und dann fehlte nur noch, dass sie das schimmernde Grau in seinen Haaren entdeckte, und ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen.</p><p>��Ach, Mama, sagte Sascha. Alles ist gut!</p><p>Sascha war, so schien es, in pr�chtiger Stimmung. Irina zupfte den Gr�nkohl aus und h�rte sich an, was er zu erz�hlen hatte: �ber die neue Wohnung � <emphasis>Ihr kommt doch bald mal!�� </emphasis>und �ber das neue Auto und �ber die <emphasis>verdammte Ostautobahn</emphasis>, auf der sie fast eine Stunde im Stau gestanden hatten; dann �ber Paris, wo sie neulich gewesen waren, das ihnen aber weniger gefallen hatte als London, obwohl das Essen in London grauenhaft gewesen war, <emphasis>fast so schlimm wie in der DDR</emphasis>, beteuerte Sascha und erz�hlte, wie sie vergeblich versucht hatten, in London <emphasis>Fish and Chips</emphasis> zu bekommen, w�hrend Catrin ihm kichernd zustimmte, von einem Fu� auf den anderen trat und st�ndig, in einer Weise, die Irina rasend machte, ihre K�rperhaltung ver�nderte.</p><p>��Womit sto�en wir an, fragte Sascha.</p><p>��Whisky?</p><p>��Egal, sagte Sascha. Es gibt n�mlich einen Grund! Ich werde am Theater in Moers inszenieren. Vor zwei Tagen habe ich den Vertrag unterschrieben.</p><p>Irina bem�hte sich, ein erfreutes Gesicht zu machen.</p><p>��He, Mama, das ist toll, sagte Sascha. Das ist das erste Mal, dass ich an einem richtigen Theater was inszeniere!</p><p>��Na dann, prost, sagte Irina � und stutzte.</p><p>��Hier scheint irgendwas anzubrennen, sagte Catrin.</p><p>Tats�chlich: Sie hatte vergessen, das Gas herunterzudrehen�� Rasch holte sie die Kasserolle aus dem Backofen. Das Wasser war v�llig verdampft, und es qualmte gef�hrlich.</p><p>��Soll ich helfen? fragte Catrin.</p><p>Aber Irina wehrte energisch ab.</p><p>��Bringt ihr mal eure Sachen in Saschas Zimmer, ich mache das.</p><p>Irina schloss die K�chent�r und inspizierte den Schaden � er hielt sich in Grenzen. Sie entfernte ein St�ck Haut vom R�cken der Gans, kratzte die Kasserolle aus, lie� sie kurz abk�hlen. Inzwischen verr�hrte sie ein halbes Glas Honig mit einem Dreiviertelliter Portwein, dann begoss sie die Gans damit und schob sie wieder in die R�hre.</p><p>��Alles klar?�� Sascha steckte seinen Kopf durch die T�r.</p><p>��Alles klar, sagte Irina.</p><p>��Na dann, sagte Sascha und hob noch einmal das Glas.</p><p>��Geht es dir gut, fragte Irina.</p><p>Aber Sascha, anstatt zu antworten, fragte zur�ck:</p><p>��Wie geht es dir, Mama?</p><p>��Gut, sagte Irina und zuckte mit den Schultern.</p><p>��Was ist denn?</p><p>��Du wei�t ja nicht, was hier los ist, sagte Irina. Du bist ja nicht hier.</p><p>��Ach, Mama, jetzt lass das doch mal.</p><p>��Und die Rente werden sie uns auch k�rzen, sagte Irina rasch, um von dem wunden Punkt � Moers � abzulenken.</p><p>��Quatsch, sagte Sascha. Das sind wieder so Ger�chte. Es geht euch gut! Ihr solltet das Leben genie�en! Fahrt nach Paris! Kommt uns besuchen!</p><p>Sascha nahm sie fest an den Schultern, schaute ihr ins Gesicht:</p><p>��Mama, Catrin hat nichts gegen dich.</p><p>��Das sage ich gar nicht.</p><p>��Dann ist ja alles gut, sagte Sascha. Okay? Alles gut?</p><p>Irina nickte. Sie klopfte zwei, drei Zigaretten aus der Schachtel, hielt sie ihm hin.</p><p>��Und noch eine gute Nachricht, sagte Sascha. Ich rauche nicht mehr.</p><p>Kurze Zeit sp�ter war auch Kurt wieder da. Ohne Charlotte.</p><p>��Tja, sagte er.</p><p>Dann berichtete er kurz und widerwillig: Es ging Charlotte nicht gut. Sie habe ihn nicht wiedererkannt, sei kaum bei Bewusstsein. Und der Arzt habe ihm zu verstehen gegeben, na ja, dass man sich auf das Schlimmste gefasst machen m�sse.</p><p>Einen Moment schwiegen alle. Sascha stand an der T�r zum Wintergarten und schaute hinaus (oder schaute er auf den kleinen, missratenen Weihnachtsbaum � <emphasis>Kurts</emphasis> Weihnachtsbaum: Lametta in Klumpen, blaue Kosmetikwatte als Schnee). Catrin machte ein Trauergesicht, als sei Charlotte bereits gestorben. Irina �rgerte sich.</p><p>Es war nicht recht, dass sie sich �rgerte, sie wusste es. Nat�rlich konnte Charlotte nichts daf�r, wenn sie jetzt starb. Trotzdem �rgerte sich Irina. Stumm zog sie sich in die K�che zur�ck und begann die Kartoffeln f�r die Kl��e zu sch�len. Sie versuchte, ihre Gef�hllosigkeit mit der langen Liste von Kr�nkungen zu rechtfertigen, die Charlotte ihr angetan hatte. Nein, sie hatte es nicht vergessen, wie sie die Ritzen in der Garderobennische ausgekratzt hatte. Wie Charlotte Kurt mit dieser Gertrud hatte verkuppeln wollen�� Die schlimmste Zeit ihres Lebens, dachte Irina, w�hrend sie die Kartoffeln aufsetzte und sich einen Whisky eingoss � wenigstens musste sie heute nicht mehr Auto fahren! Schlimmer als Krieg, dachte sie. Schlimmer als der erste deutsche Artilleriebeschuss, wei� der Teufel.</p><p>Sie trank den Whisky � das Zeug drehte ganz sch�n!�� und rauchte noch eine Zigarette an. Pl�tzlich musste sie lachen beim Gedanken an den M�lleimerhenkel, den Charlotte ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte: einen alten, verrosteten M�lleimerhenkel, unglaublich!�� Nein, das konnte man ihr nicht mehr ver�beln. Sie war alt und verr�ckt, und nun starb sie, allein, im Pflegeheim. Morgen w�rde sie nach ihr schauen, dachte Irina. Trotz alledem.</p><p>Sie legte die Zigarette auf dem Rand des Aschenbechers ab und machte sich daran, die rohen Kartoffeln zu reiben � Th�ringer Kl��e, halb und halb. Genauer gesagt, ein bisschen mehr Dings als umgekehrt, aber wie denn nun? Irgendwo musste ihr Kochbuch sein. Irina suchte ihr Kochbuch, aber nach einer Weile stellte sie fest, dass sie gar nicht ihr Kochbuch suchte, vielmehr kreisten ihre Gedanken noch immer um Charlotte�� Denn eins musste man sagen: In den letzten zwei Jahren, genauer gesagt, seit Wilhelms �berraschendem Tod � er war ausgerechnet an seinem Geburtstag gestorben, und obwohl er schon neunzig gewesen war, hatte niemand mit seinem Ende gerechnet � , seit Wilhelms �berraschendem Tod hatte Charlotte sich auf seltsame Weise gewandelt. Und das Seltsame war nicht etwa ihre pl�tzlich durchschlagende Verr�cktheit � ein bisschen verr�ckt war sie ja immer gewesen��, sondern wie mild und umg�nglich sie auf einmal geworden war. Pl�tzlich, so schien es, war die b�sartige Energie, die sie stets umgetrieben hatte, verpufft. Auf einmal hatte sie begonnen, Irina mit <emphasis>meine liebe Tochter</emphasis> anzureden. Schrieb Kurt wirre, aber fast z�rtliche Briefe oder rief mitten in der Nacht an, um sich f�r irgendeine Nichtigkeit zu bedanken�� bis sie schlie�lich eines Nachts in langen Unterhosen und mit ihrem mexikanischen Handkoffer vor der T�r gestanden und gefragt hatte, ob sie in dem Zimmer, das nach dem Weggang von Nadjeshda Iwanowna frei geworden war, wohnen d�rfe. Nun war es Kurt gewesen, der kategorisch ablehnte. Nein, nat�rlich hatte Irina sie nicht im Haus haben wollen. Aber sie ins Pflegeheim abzuschieben erschien ihr brutal, und auch wenn Charlotte sich widerstandslos einweisen lie�, k�mpfte Irina jedes Mal mit den Tr�nen, wenn sie sie dort zwischen all den Menschen antraf, die mit erloschenem Blick durch die G�nge irrten��</p><p>Im Kochbuch stand: <emphasis>Knapp 2/&#x200B;3 der Kartoffeln sch�len, waschen und auf der Haushaltsreibe fein reiben��</emphasis> Irina versuchte mit dieser Mengenangabe fertigzuwerden�� War das jetzt eigentlich mehr oder weniger als�� Du lieber Gott, sie musste aufh�ren zu trinken. Nur noch einen! Einen brauchte sie noch, um die Bitterkeit zu verd�nnen, die sich in ihrer Brust aufgestaut hatte. Denn wie Charlotte auch gewesen war, was sie auch getan hatte, so war es doch einfach unfassbar, dass es ein Weihnachtsfest ohne sie geben sollte. Ohne Charlotte und ihren Waschb�rpelz, ohne ihre Fistelstimme, ihre gek�nstelten Komplimente, ihre Prahlereien, ohne ihren Dederon-Beutel, aus dem sie mit gro�er Geste peinliche Geschenke verteilte � und auch wenn es das idiotischste Geschenk war, das sie jemals erhalten hatte, so war dieser M�lleimerhenkel, den Charlotte ihr <emphasis>freudestrahlend</emphasis> �berreicht hatte, das erste und einzige Geschenk gewesen, von dem Irina gesp�rt hatte, dass es von Herzen kam��</p><p>Einen, dachte Irina. Einen auf Charlotte, in ihrem Sterbebett.</p><p><emphasis>Aus dem Zimmer waren jetzt die Stimmen der M�nner zu h�ren, die �bliche Diskussion: Arbeitslosigkeit, Sozialismus�� Was hier geschieht, ist der Ausverkauf der DDR, sagte Kurt. Irina kannte das alles l�ngst, es wurde ja �ber nichts anderes mehr geredet, wenn sie Besuch hatten � allerdings hatten sie kaum noch Besuch. Pl�tzlich hatten die Leute alle zu tun. Obwohl sie ja eigentlich alle arbeitslos waren. Auch seltsam, dachte Irina. Die DDR war pleite, h�rte sie Sascha sagen, die hat sich selbst ausverkauft � es folgten Rechnungen, die sie nicht ganz verstand�� Wenn die Geh�lter hier eins zu eins, sagte Kurt, w�hrend Irina �ber zwei Drittel nachdachte, dann sind die Betriebe von heute auf morgen pleite. Aber Sascha sagte: Wenn sie nicht eins zu eins gezahlt werden, dann gehen die Leute r�ber�� Eins zu eins, dachte Irina. Oder eins zu zwei Drittel�� Ich verstehe das nicht, sagte Sascha, du hast doch selber st�ndig dar�ber geredet, dass der Sozialismus am Ende ist. Waren das blo� Worte�� Pl�tzlich kam ihr alles sehr fern vor�� Ich rede hier nicht von der DDR, sondern von Sozialismus, von einem wahren, demokratischen Sozialismus! Auch die Kl��e kamen ihr pl�tzlich sehr fern vor�� Es gibt keinen demokratischen Sozialismus, h�rte sie Sascha sagen. Darauf Kurts Stimme: Der Sozialismus ist seinem Wesen nach demokratisch, weil diejenigen, die produzieren, selber �ber die Produktion��</emphasis></p><p>Irina nahm eine Gabel und pr�fte, ob die Kartoffeln schon gar waren�� Egal, dachte sie. Bl�des Herumgestreite�� Ein Mal noch Weihnachten in diesem Haus. Ein Mal Klostergans. Ein Mal Kl��e, so wie es sich geh�rte. Und dann, dachte sie, k�nnen sie mich hier raustragen�� Und zwar mit den F��en zuerst! Prost. Sie kippte den Rest runter � aber es war kein Rest da. Also goss sie sich noch einen winzigen Rest ein und begann die Kartoffeln zu pellen. Auf einmal waren die Stimmen sehr nah:</p><p>��Aha, sagte Kurt, darf man jetzt also nicht mehr �ber Alternativen zum Kapitalismus nachdenken! Wunderbar, das ist also eure Demokratie��</p><p>��Na, Gott sei Dank, dass du in deinem Schei�sozialismus �ber Alternativen nachdenken durftest.</p><p>��Du bist ja wirklich schon vollkommen korrumpiert, sagte Kurt.</p><p>��Korrumpiert? Ich bin korrumpiert? Du hast vierzig Jahre lang geschwiegen, schrie Sascha. Vierzig Jahre lang hast du es nicht gewagt, �ber deine gro�artigen sowjetischen Erfahrungen zu berichten.</p><p>��Das mache ich schon noch��</p><p>��Ja, jetzt, wo es keinen mehr interessiert!</p><p>��Was hast <emphasis>du</emphasis> denn getan!�� Jetzt schrie auch Kurt: Wo waren denn <emphasis>deine</emphasis> Heldentaten!</p><p>��Schei�e, schrie Sascha zur�ck. Schei� auf eine Gesellschaft, die Helden braucht!</p><p>��Schei� auf eine Gesellschaft, in der zwei Milliarden Menschen hungern, schrie Kurt.</p><p>Pl�tzlich war Irina im Zimmer, sie wusste selbst nicht, wie. War im Zimmer und schrie:</p><p>��H�rt auf!</p><p>Es war einige Sekunden lang still. Dann sagte sie:</p><p>��Weihnachten.</p><p>Eigentlich hatte sie sagen wollen: Heute ist Weihnachten. Sie hatte sagen wollen: Sascha ist seit Monaten zum ersten Mal wieder da, also lasst uns diese zwei Tage in Frieden verbringen � so ungef�hr. Aber obwohl ihre Gedanken noch <emphasis>vollkommen klar</emphasis> waren, hatte sie seltsamerweise Schwierigkeiten zu sprechen.</p><p>��Weihnachten, sagte sie. Sie drehte sich um und ging wieder in die K�che.</p><p>Ihr Herz bummerte. Pl�tzlich war sie ganz au�er Atem. Sie st�tzte sich auf der Sp�le ab. Stand so einen Moment. Schaute in die blutige Sch�ssel, die immer noch auf der Ablage neben der Sp�le stand�� Vergessen: die Innereien. Sie nahm das gro�e Fleischmesser�� Konnte es pl�tzlich nicht. Konnte es nicht mal mehr anfassen, das Zeug in der Sch�ssel. Kam ihr pl�tzlich so vor, als sei das ihrs. Als sei es das, was man ihr herausoperiert hatte, dort, wo es wehtat, im Unterleib��</p><p>��Soll ich nicht doch was helfen?�� Catrins Stimme, f�rsorglich-freundlich: Ich kann rasch den Klo�teig��</p><p>��Ich mache das, sagte Irina. Das ist th�ringisch, sagte sie nicht, lieber keine schwierigen W�rter. Stattdessen sagte sie: Das ist halb und halb�� Aber ein bisschen mehr als��</p><p>��Ich wei�, sagte Catrin. Wie viele rohe Kartoffeln hast du denn drin?</p><p>Wie viele rohe Kartoffeln?</p><p>��Ich mache das, sagte Irina noch einmal.</p><p>��Das werden so f�nf oder sechs sein, sagte Catrin, w�hrend sie schon zur Reibe griff. Herrgott, das ist aber auch kompliziert��</p><p>Catrin sprach schnell, viel zu schnell, und Irina brauchte eine Weile, um die leisen, huschenden Silben einzufangen und wieder zusammenzusetzen. Aber als sie sie wieder zusammengesetzt hatte, lauteten sie:</p><p>��Wei�t du�� es gibt jetzt auch fertige Klo�masse�� Die ist, ehrlich gesagt�� gar nicht so schlecht�� Soll ich dir mal�� die Marke aufschreiben?</p><p>Irina nahm Catrin die Reibe aus der Hand.</p><p>��Entschuldige, sagte Catrin. War nicht b�se gemeint�� Ich meine nur, wegen der Arbeit.</p><p>��Ich. Mache. Das. Sagte Irina.</p><p>Erst als Catrin weg war, bemerkte sie, dass sie noch das gro�e Fleischmesser in der Hand hielt.</p><p>Sie legte das Messer weg. St�tzte sich einen Augenblick auf die Sp�le. Wenn man einatmete, tat es weniger weh. Irina atmete ein. Aber jetzt waren wieder die Stimmen der M�nner zu h�ren.</p><p><emphasis>��Du hast einfach nicht lange genug gesessen! Die h�tten dir nochmal zehn Jahre aufbrummen sollen!</emphasis></p><p>Die Innereien vor ihren Augen begannen zu tanzen.</p><p><emphasis>��Du hast �berhaupt keine Ahnung, was Kapitalismus bedeutet!</emphasis></p><p>Irina schaute die Wandfliesen an und versuchte sich auf das Fugenkreuz zu konzentrieren.</p><p><emphasis>��Der Kapitalismus mordet, schrie Kurt. Der Kapitalismus vergiftet! Der Kapitalismus frisst diese Erde auf��</emphasis></p><p>Irina atmete wieder aus. Sechzehn Uhr, Deutschlandfunk, sagte das Radio. Die Sowjetunion wurde zum dritten Mal aufgel�st. Trotzdem wunderte sie sich ein bisschen. �ber das Wetter.</p><p><emphasis>��Achtzig Millionen Tote</emphasis>, schrie Sascha. <emphasis>Achtzig Millionen!</emphasis> War sie das gewesen? Die H�nde. Der Bauch. F�r die Heimat, f�r Stalin. Sch�ner Beschiss. Wenn man immer nur�� einatmen k�nnte.</p><p><emphasis>��Zwei Milliarden, schrie Kurt.</emphasis></p><p>Zuerst kippte sie das Zeug in den M�ll: die Kartoffeln. Dann zog sie den Dingsbums an. Nur die Flasche war schwer�� aufzukriegen mit Handschuh. Auf die Heimat! Auf Stalin! Auf alle, die sie betrogen hatten!</p><p><emphasis>��Ja, die Kinder in Afrika, br�llte Kurt. Was ist daran komisch!</emphasis></p><p>Sie zog die Gans aus dem Ofen. Gans, dumme Gans. Da lag sie. Die Narbe war aufgeplatzt, das Loch klaffte. Tat weh, als sie hineingriff. Die Pampe raus, ohne Handschuh. Die F�llung. War hei�. Aber egal�� ging nicht anders. Sie atmete ein. Daf�r waren die Innereien ganz kalt. Sie nahm alles. Mit einem Mal. Stopfte es wieder hinein. Dumme Gans. Und hatte noch die Hand drin, hatte das Kalte noch in der Hand, au�en hei�, innen kalt�� als es in Rutschen kam. Die ganze K�che. Die Fliesen. Und tanzten. Nur, jetzt waren es Fu�bodenfliesen.</p><p>Catrin fasste sie unter die Arme.</p><p>��Fass mich nicht an, sagte Irina.</p><p>��Irina, sagte Catrin.</p><p>Und da kam es heraus, der Rest. Kam von selbst. Schrie sich von selbst mit heraus. Klebte mit dran, an dem Rausschrei, winziger Rest:</p><p>��Fass mich nicht an, du Aas!</p><p>Dann kam der Fu�boden wieder n�her. Die Fliesen. Tanzten. Aber die Gans war ganz still. Nach einer Weile. Lag ganz still auf den Fliesen. Die Gans, dumme Gans. Mit ihrem Loch in der Mitte.</p><p>��So, das war�s, sagte Sascha.</p><p>Muss man noch zun�hen, dachte Irina.</p></section><section><title><p><strong>1995</strong></p></title><p>Wie immer, wenn er freitags, am Ende der Woche, nach Hause kam, war er der Erste. Infolgedessen war er es, der den schwarzumrandeten Brief in der Post vorfand, adressiert an Melitta und Markus Umnitzer, obwohl Melitta schon seit drei Jahren Greve hie� (sie hatte Klaus� Nachnamen angenommen, sodass Markus der einzige Umnitzer war in der neuen sogenannten Familie).</p><p>Der Brief fiel ihm sofort auf, weil er so vornehm aussah. Er wusste nicht genau, ob er berechtigt war, ihn zu �ffnen, knickte ihn in der Mitte und steckte ihn in die Ges��tasche. Zun�chst gab es Dringenderes zu tun.</p><p>Er feuerte seine Dreckw�sche ins Bad, st�rmte hoch in sein Zimmer und packte die Soundkarte aus, die er im Computerladen in Cottbus gekauft hatte. Sicherheitshalber zerriss er gleich die Verpackung und stopfte sie in die unteren Schichten seines Papierkorbs (alles, was mit Computer zu tun hatte, galt Muddel als hirnlose Zeitverschwendung). Dann �ffnete er die nur notd�rftig mit einer Schraube befestigte Seitenwand seines Tower-PC, dr�ckte die Karte in den entsprechenden Steckplatz, verband sie per Kabel (kleine Klinke auf Cinch) mit seinem Stereo-Verst�rker, bootete den Computer und spielte probehalber eine Runde DOOM: Wahnsinn! Das R�cheln der Monster war so echt, dass man Angst bekam. Man h�rte das Krachen und das Nachladeger�usch der Schrotflinte und das schmatzende Insichzusammensacken der getroffenen Monster. Markus ballerte sich ins n�chsth�here Level und scheiterte dann mehrmals an einem von H�llenkreaturen besetzten Raum, in dem es einen Schl�ssel zu holen gab, den man zum Weiterkommen brauchte.</p><p>Auf einmal war es schon halb sechs. Muddel kam gew�hnlich gegen sechs aus Berlin. Seit sich mit Keramik nichts mehr verdienen lie�, arbeitete sie wieder als Psycho in der Floristik oder wie das hie� (irgendwas mit durchgeknallten Verbrechern), und Markus wollte weg sein, bevor sie kam. Im K�hlschrank fand er Essen zum Warmmachen, aber leider auch einen Zettel neben dem Herd mit einer ganzen Latte von Pflichten, die Muddel ihm auftrug. Er beschloss, das Essen nicht anzur�hren und den Zettel am Herd nicht gesehen zu haben. Er schnitt sich zwei dicke Scheiben Brot ab, legte K�se darauf und suchte, w�hrend er das K�sebrot a�, in seinem Zimmer vergeblich nach dem Dope, das er am letzten Wochenende irgendwo in dem Chaos gebunkert hatte. Dann ging es gef�hrlich auf sechs zu, er schmierte sich noch ein bisschen Gel in die Haare und verlie� das Haus.</p><p>Seit der Wende (oder sp�testens ein, zwei Jahre danach) war der S-Bahnhof von Gro�krienitz wieder in Betrieb genommen worden. Man brauchte keine vierzig Minuten bis ins Zentrum und keine zwanzig bis zur Gropiusstadt � zu Frickel. Das Komische dabei: Pl�tzlich hatte sich die Gropiusstadt, die Markus einst aus der Ferne bewundert hatte, als eine eher prollige Gegend entpuppt, w�hrend Gro�krienitz ein nobler Berliner Vorort geworden war, und das Haus, das Muddel irgendwann billig f�r Ost-Geld gekauft hatte, hatte sich als Hauptgewinn erwiesen. Als Klaus hier eingezogen war, hatten sie es komplett renovieren lassen, mit Gr�ndach und allen Schikanen: Geld spielte keine Rolle, Klaus war n�mlich auf einmal Politiker und sa� im Bundestag � Pfarrer Klaus, der in der Kirche von Gro�krienitz mit Blaupapier durchgepauste Gedichte verteilt hatte, war auf einmal Bundestagsabgeordneter und wei� der Geier was noch alles, flog jeden Montag nach Bonn und verdiente die fette Kohle. Und Muddel verdiente noch dazu, hatte sich einen silbergrauen Audi gekauft � w�hrend Frickels Mutter inzwischen geschieden und arbeitslos war und zusammen mit Frickel in einer Neubauwohnung in der Gropiusstadt wohnte.</p><p>F�r all das konnte Markus nicht das Geringste. Auch hatte er pers�nlich gar nichts davon, dass seine Alten pl�tzlich Geld hatten. Klaus, der neuerdings versuchte, auf Vater zu machen, legte Wert darauf, dass Markus mit seinem Lehrgeld auskam, er zog ihm sogar noch was ab, wenn er mal das Werkzeug drau�en im Garten liegenlie� oder versehentlich was kaputt machte, und Muddel fand sowieso alles richtig, was Klaus sagte. Die ging sogar sonntags zur Kirche. Und am liebsten h�tte sie ihn, Markus, auch gezwungen, sonntags zur Kirche zu gehen, was sich jedoch mit Hinweis auf die im Grundgesetz garantierte Glaubensfreiheit vermeiden lie�. Kaum vermeiden lie� sich dagegen der anschlie�ende �Familientag�, mal sch�n zusammen kochen, solche Sachen, oder, ganz �bel, Ausstellung zusammen besuchen � wenn nicht gerade der sogenannte Familienrat tagte, Deckname f�r Anschiss, weil er irgendwelche Pflichten wieder mal nicht erf�llt hatte oder wegen dem Hakenkreuz in seinem Zimmer, was �berhaupt nichts mit Nazis zu tun hatte, sondern aus Indien kam, Hinduismus und so, aber da wurden sie auf einmal hysterisch. Das alles war unglaublich �tzend, und doch hatte er immer so etwas wie ein schlechtes Gewissen, wenn er mit Frickel zusammentraf, kam sich verw�hnt und verweichlicht vor und versp�rte den Drang, besonders schlecht �ber das Leben in Gro�krienitz zu reden, andererseits � viel reden war auch nicht cool, sodass die Zusammenfassung der Woche zumeist kurz und pr�gnant ausfiel:</p><p>��Voll die Kotze, sagte Markus, als sie in dem vergammelten Steinpavillon die erste mit Gras gespickte Zigarette rauchten.</p><p>Und Frickel sagte:</p><p>��Schei� drauf.</p><p>Und reichte die Zigarette an Markus weiter.</p><p>Dann kamen Klinke und Zeppelin, und Zeppelin hatte die Idee, irgendeinem Schei�t�rken, der irgendeine Braut aus Zeppelins ehemaliger Klasse angemacht hatte, die Reifen von seinem Schei�-Opel zu zerstechen, aber erstens war es noch zu fr�h am Tag, und zweitens war der Opel nicht da, zum Gl�ck, denn obwohl Markus, um nicht weichlich zu erscheinen, sofort zustimmte, war die Idee � drittens � so gut wie Selbstmord.</p><p>Kurz vor Mitternacht kamen sie am Bunker an, Zeppelin kannte die T�rsteher. Sie stiegen die Treppe hinab. Schon hier war die Musik laut. Der typische s�uerliche, rauchige, modrige, versiffte Kellergeruch schlug ihnen entgegen, so penetrant, dass Markus nicht einatmen mochte, aber als sich die Stahlt�r �ffnete, droschen die Techno-B�sse auf seinen K�rper ein wie eine riesige, unsichtbare Faust, und es gab keinen Geruch mehr. Es gab nur noch den Sound und das bleckende Licht und die wabernde Menge und die unerreichbar fernen GoGos auf den Boxen, die ihre Haare herumwarfen und ihren Bauch kreisen lie�en und ihren Arsch kreisen lie�en und ihre Fotzen kreisen lie�en und gefickt werden wollten und niemals, niemals, niemals gefickt werden w�rden, jedenfalls nicht von ihm, nicht von Markus Umnitzer und nicht von Frickel aus der Gropiusstadt, und vermutlich auch nicht von Klinke und Zeppelin, obwohl sie zwei Jahre �lter waren und ein geiles Tattoo auf dem Oberarm trugen.</p><p>Zeppelin schob eine Ecstasy r�ber, Markus bezahlte gleich und sp�lte sie mit einer gro�en Cola runter (er vertrug Ecstasy nicht zusammen mit Alkohol). Eine Weile stand er noch herum und wiegte sich ein bisschen im Rhythmus und schaute nach anderen, erreichbaren Frauen, und je mehr er draufkam, desto mehr Superfrauen gab es auch auf der Tanzebene. Allm�hlich wich die Verlegenheit aus seinen Knochen. Zwar konnte er nicht tanzen, hatte noch nie tanzen k�nnen, aber langsam wurde er locker, eine Weile hatte er eine Art unsichtbaren K�rperkontakt mit einer kleinen, sportlichen, schmutzig blonden Frau in einem ausgeleierten Top, das andauernd verrutschte, sodass man ihre kleinen, runden, festen Titten sehen konnte, er starrte die ganze Zeit dahin, und sie lie� ihn. Schaute ihn kaum an, aber lie� ihn gucken. Er wurde ganz geil davon, obwohl ihre Titten, genau genommen, so klein waren, dass sie auch ein Mann h�tte sein k�nnen. Dann verlor er die Frau, tanzte eine Weile allein, trank ein Bier. Fing wieder an zu tanzen, hatte Augensex mit einer zerrissenen Strumpfhose, mit schwarzen Zombieaugen, und irgendwann war ihm alles egal, er fand sich auf einmal unglaublich sexy, dann war eine Weile nichts, nur die Musik, die ihm den Atem aus den Lungen drosch. Dann fand er die Schmutzigblonde mit den Sporttitten wieder, sie verst�ndigten sich mit den Augen auf was trinken, und irgendwann sp�ter, nachdem jeder von ihnen zwei Black Russian getrunken hatte, knutschten sie in einem Gang rechts vom Klo, er erkundete die tats�chliche Gr��e ihrer Titten, fummelte auch ein bisschen zwischen ihren Beinen herum, aber mehr war bei ihr nicht drin.</p><p>Auf einmal hatte jemand noch Dope dabei. Markus kiffte sich die Entt�uschung aus dem Hirn. Als sie gingen, hatte er das Zeitgef�hl vollkommen verloren. Er verstand nicht, wor�ber die anderen sich kaputtlachten. Sie warteten ewig auf eine Bahn. Die K�lte kroch allm�hlich in den leergetanzten, aufgeputschten und allm�hlich wieder erschlaffenden K�rper, und als er irgendwann auf der Bank erwachte, tat ihm alles weh, der Kopf, die H�fte, das Kreuz, er schaffte es kaum, in die gerade eingefahrene Bahn einzusteigen, und als er das n�chste Mal aufwachte, fand er sich in einer Bude wieder, die er nicht kannte, den Kopf auf den Schuhen von Zeppelin. Seine Kehle schmerzte vor Trockenheit. Und in seinem Sch�del waberte das Gehirn so stark hin und her, dass er auf dem Weg zum Bad fast das Gleichgewicht verlor.</p><p>Am Nachmittag gingen sie zu McDonald�s. Jetzt waren es noch ein paar mehr. Zwei Hools waren dabei, Freunde von Zeppelin, etwas verpeilte Typen, die unn�tig L�rm machten, sodass sie irgendwann bei McDonald�s rausflogen und zum n�chsten McDonald�s gingen, bis sie endlich gegen sechs wieder in den Club fuhren, zur Afterhour, wo dann im Wesentlichen wieder dasselbe passierte wie tags zuvor, nur dass Markus es dieses Mal, er wusste nicht wie, nach Gro�krienitz schaffte, wo er am Sonntagmittag in seinem Zimmer aufwachte, genauer gesagt, geweckt wurde, n�mlich von Muddel, die gerade vom Gottesdienst kam.</p><p>Er duschte lange, nahm zwei Aspirin, haute seine s�uerlich-schwei�ig-rauchig-modrig riechenden Klamotten, in denen er geschlafen hatte, in den W�schekorb und erschien in der gro�en, bei der Renovierung noch um das Doppelte vergr��erten Wohnk�che, wo Muddel und Klaus schon kochten (das hei�t Klaus kochte, und sie durfte irgendwas schnippeln), und erst jetzt, als Muddel ihm zwei Zwiebeln und ein Messer in die Hand dr�ckte, fiel ihm der Brief wieder ein, der noch immer in der Ges��tasche der Hose steckte, die jetzt im W�schekorb lag.</p><p>��Ich hab was vergessen, sagte Markus und ging nochmal ins Bad, um den schon etwas ramponierten und zerknitterten Brief aus der Hose zu ziehen.</p><p>��Das ist noch gekommen, sagte er und �bergab den Brief Muddel.</p><p>Muddel legte das Messer aus der Hand, wischte sich die H�nde an der Sch�rze ab, bevor sie den Brief �ffnete.</p><p>��Ach Gott, sagte sie.</p><p>Jetzt beugte sich auch Klaus �ber den Brief. Muddel warf ihm einen fragenden Blick zu, den Klaus nicht erwiderte. Pl�tzlich kapierte Markus, dass jemand gestorben war.</p><p>Muddel gab ihm den Brief, genauer gesagt, die inliegende, ebenfalls schwarzumrandete Postkarte, auf deren Vorderseite nichts weiter stand als:</p><p><emphasis>Irina Umnitzer</emphasis></p><p>7.�August 1927���1.�November 1995</p><p>Muddel schaute ihn an, er wusste nicht, was sie jetzt erwartete. Er hatte Oma Irina schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, und das letzte Mal, als er seine Gro�eltern besucht hatte, war sie stockbesoffen gewesen und hatte die ganze Zeit geheult und behauptet, sie heule nicht, und ihm am Hals gehangen und ihn andauernd mit �Sascha� angeredet. Danach war er nicht mehr da gewesen. Und jetzt�� Markus schaute den Namen an, der da stand und der zur H�lfte sein eigener Name war. Er schaute den Namen an, und alles andere ringsumher war f�r einige Augenblicke irgendwie weg, und ihm war ein bisschen �bel, aber vielleicht auch von gestern abend.</p><p>Er gab Muddel die Karte zur�ck. Muddel drehte die Karte um, setzte sich, las die R�ckseite und sagte zu Klaus:</p><p>��Am Freitag ist die Beerdigung. Goethestra�e.</p><p>Wieder sah sie Klaus fragend an.</p><p>��Also, ich gehe da auf keinen Fall hin, sagte Klaus. Da kommen die ganzen alten SED-Genossen��</p><p>��Sie war doch gar nicht in der Partei, sagte Muddel.</p><p>��Du kannst ja hingehen, sagte Klaus. Und es klang noch weniger �berzeugend, als er hinzuf�gte: Ich hab nichts dagegen!</p><p>Beim Kochen redeten Klaus und Muddel noch ein bisschen �ber Oma Irina (und ihren Alkoholismus), �ber Opa Kurt (ob er noch immer in der Partei war) und �ber Wilhelm, den Klaus gar nicht gekannt hatte, �ber den er aber sprach wie �ber einen Verbrecher. Markus �rgerte sich, dass Muddel ihm (wie immer) zustimmte. Er erinnerte sich, w�hrend er die einfarbigen gr�nen Servietten faltete und die gr�nen Kerzen auf den Tisch stellte, daran, wie sie damals zu Wilhelms Geburtstag gegangen waren und wie Muddel zu Klaus gesagt hatte, sie gingen zum Geburtstag ihrer Mutter, und wenn er jetzt schwieg, dann nur, weil er Muddel vor Klaus nicht blamieren wollte.</p><p>Beim Essen nervte Klaus wieder mit Politik, genauer gesagt, mit kleinen Geschichten, mit denen er sich wichtigmachen wollte: Wen interessiert es, was Helmut Kohl letzte Woche beim Mittagessen gesagt hatte oder dass im Restaurant des Bundestages L�ffel geklaut worden waren. Markus h�rte gar nicht hin, er hatte auf einmal m�chtigen Hunger. Es gab gebratenes Schweinefilet und Spinatkn�del, aber das Schweinefilet war mit Roquefort gef�llt, und Markus kratzte den Roquefort demonstrativ heraus, und Klaus �rgerte sich, man sah es ihm an. Schwieg aber.</p><p>Und dann war auf einmal �Familienrat� angesagt.</p><p>Es stellte sich heraus, dass wieder mal ein Brief von seiner Telekom gekommen war. Das �bliche: Fehltage, schlechte Noten, aber allm�hlich brannte die Sache.</p><p>��Es geht nicht darum, dass ich dir diese Lehrstelle besorgt habe, sagte Klaus � aber nat�rlich, dachte Markus, ging es in Wirklichkeit genau darum.</p><p>Er lie� den �blichen Psalm �ber sich ergehen, das Leben, der Beruf, und wenn du jetzt nicht�� Und dann sollte er �Stellung nehmen�.</p><p>��Es ist sowieso Beschiss, sagte Markus. Am Anfang hat die Telekom versprochen, dass alle �bernommen werden, und jetzt hei�t es auf einmal: nur einer!</p><p>Klaus wieder: Er k�nne sich ja auch woanders bewerben, und wenn man gute Leistungen h�tte und so weiter, und Markus fragte sich, was Klaus eigentlich f�r tolle Leistungen vollbracht hatte. Hatte er Bundestag studiert oder was? Und ob Klaus in der Lage w�re, die Matheaufgaben in der Berufsschule zu l�sen, Sinus, Cosinus, das wagte er zu bezweifeln! Und dann musste er g�hnen, einfach so � das Essen, die beiden letzten N�chte, es war ausnahmsweise <emphasis>nicht</emphasis> gegen Klaus gerichtet, aber Muddel regte sich pl�tzlich auf, ob er nicht mal die Hand vor den Mund halten k�nnte (als k�me es gerade darauf an, sich die Hand vor den Mund zu halten), und wie <emphasis>dankbar</emphasis> er sein m�sse, dass Klaus ihm die Lehrstelle besorgt h�tte blablabla.</p><p>��Ich hab ihn nicht drum gebeten, sagte Markus.</p><p>Das war hundertprozentig die Wahrheit: Er hatte Klaus niemals darum gebeten, ihm eine Lehrstelle als Kommunikationselektroniker zu besorgen (eigentlich w�re er gern Tierpfleger geworden, und wenn das nicht m�glich war, weil es angeblich keine offenen Lehrstellen gab, w�re er am liebsten Koch geworden, da gab es offene Lehrstellen, aber nein: Kommunikationselektroniker).</p><p>Aber das h�tte er lieber nicht sagen sollen. Sag die Wahrheit!�� Aber wenn man wirklich einmal die Wahrheit sagte, fing Muddel an zu schreien, genauer gesagt, versuchte zu schreien mit ihrer Stimme, die nie richtig aus ihr herauskam, und nachdem sie eine Weile geschrien hatte (Inhalt uninteressant), holte sie aus und knallte mit einer �bertriebenen Bewegung ein winziges Plastikt�tchen auf den Tisch:</p><p>Dope. Gras. Ein Stoff, der nach Markus� �berzeugung tausendmal ungef�hrlicher war als Alkohol, kein Grund, sich aufzuregen � aber Muddel regte sich auf. Muddel regte sich wahnsinnig auf. Ja, er hatte versprochen, kein Gras mehr zu rauchen (was blieb ihm auch anderes �brig). Allerdings bewies die blo�e Existenz der T�te ja nicht, dass er es tats�chlich geraucht hatte. Die noch vorhandene T�te bewies, genau genommen, eher das Gegenteil, fand Markus. Aber mit Logik war jetzt nichts mehr zu machen.</p><p>��Es reicht, sagte Muddel. Mir steht es hier oben! Verstehst du, bis hier!�� Sie zeigte bis dicht unter die Nase.</p><p>Darauf wieder die Pfarrerstimme:</p><p>��Wenn du nicht sofort umkehrst, Markus, dann m�ssen auch wir irgendwann��</p><p>��O Mann, sagte Markus.</p><p>��Du h�rst jetzt zu, schrie Muddel.</p><p>��Der hat mir gar nichts zu sagen, der Wichser, schrie Markus zur�ck.</p><p>Und dann, endlich, schrie auch der Wichser.</p><p>��Raus, schrie der Wichser, raus!</p><p>Markus packte seine Sachen und fuhr nach Cottbus.</p><p>Den Sonntagabend verbrachte er allein vor dem Fernseher in seiner WG und zappte sich durch �Wei�e Jungs bringen�s nicht� und einen behinderten Tatort und landete schlie�lich bei diesem Sexzeug mit neunhunderter Telefonnummern, worauf er sich einen runterholte.</p><p>Am Montagmorgen erschien er p�nktlich auf der Arbeit. Diese Woche war er dem technischen Kundenservice zugeteilt und fuhr mit einem erfahrenen Kollegen raus: Datenleitungen, Entst�rung. Der Kollege hie� Ralf. Er war schon mindestens vierzig. Drau�en regnete es, kalter Novemberregen, und man bekam klamme Finger. Einmal hielten sie an einer Imbissbude, und Ralf spendierte ihm eine Currywurst und hei�en Tee. Sie sa�en bei laufendem Motor im Auto, es war sch�n warm, und das einzige Bl�de war, dass Ralf die ganze Zeit so idiotische Musik h�rte.</p><p>Am Dienstagabend waren seine Mitbewohner wieder alle da. Sie holten sich ein paar Flaschen Bier und erz�hlten sich, was f�r Br�ute sie am Wochenende aufgerissen hatten. Es begann Markus ziemlich schnell auf den Keks zu gehen, er ging fr�h ins Bett, holte sich noch einen runter (diesmal auf die Schmutzigblonde mit den Sporttitten).</p><p>Am Mittwoch nach der Schicht dr�ckte er sich eine Weile im sogenannten Zentrum herum, beobachtete zwei Autofahrer, die sich wegen eines Blechschadens anbr�llten. Ging dann in den einzigen Club, der mitten in der Woche ge�ffnet war. Stand eine Weile in der Ecke und glotzte M�dels an.</p><p>Am Donnerstag versuchte er, ein bisschen Mathe zu lernen.</p><p>Am Freitagmorgen sagte er Ralf, dass er zur Beerdigung seiner Oma musste. Ralf fuhr ihn zum Bahnhof.</p><p>Gegen elf war er am Friedhof Goethestra�e. Fr�her war er manchmal mit den Gro�eltern hier vorbeigegangen, hatte von drau�en die Grabsteine oder alte Omis mit Gie�kannen gesehen, aber noch nie war er auf den Gedanken gekommen, dass das, was hinter der zerfallenden Mauer, hinter dem zwischen schiefen Eckposten h�ngenden Tor lag, irgendetwas mit ihm zu tun haben k�nnte. Immer war es ihm vorgekommen wie eine Exklave au�erhalb der Zeit, au�erhalb der Welt, und obwohl es ja ein Friedhof war, �berfielen ihn, als er ankam, sogar Zweifel, dass hier heute seine Gro�mutter beerdigt werden sollte. Aber tats�chlich war in einem verwitterten Schaukasten am Eingang eine Beerdigung f�r heute, zw�lf Uhr, angezeigt.</p><p>Obwohl es nicht unter null war, war es saukalt. Die Feuchtigkeit hing in den �sten, durchdrang alles, den Boden, die Luft und bald auch den alten schwedischen Soldatenmantel, den er sich in Berlin in dem Laden gekauft hatte, wo es Klamotten zum Kilo-Preis gab. Markus ging ein paar Schritte vor dem Friedhof auf und ab. Der Laden gegen�ber war mit Brettern vernagelt. Einzig ein Blumenladen war ge�ffnet, ein ramponierter DDR-Flachbau, der rings um das Schaufenster halbherzig mit <emphasis>tags</emphasis> bespr�ht war. Markus betrat den Laden. Hier war es warm, aber die Verk�uferin fragte ihn sofort, was er w�nsche, und eine Weile tat Markus, als suche er Blumen aus, und tats�chlich kam ihm die Idee, dass er ja Blumen f�r Oma Irina kaufen k�nnte. Aber er hatte nur noch knapp zehn Mark in der Tasche und beschloss, dass es kl�ger war, in der n�chstbesten Kneipe ein hei�es Getr�nk zu bestellen.</p><p>F�nfhundert Meter weiter fand er eine im Souterrain liegende Eckkneipe, die <emphasis>Friedensburg</emphasis> hie�. Er war der einzige Gast. Ein alter Boxer-Hund mit grausamen Krebsbeulen lag leise schnarchend neben dem Tresen. Ein Kellner mit d�nnen, nach hinten gek�mmten Haaren und einer bekleckerten Serviette �ber dem Unterarm schlurfte sehr langsam, fast in Zeitlupe, durch den Raum und stellte mit den Worten �Sehr zum Wohle, der Herr!� ein kleines Tablett vor ihm ab, auf dem sich eine Tasse Tee, ein Gl�schen Rum und eine Zuckerdose befanden. Markus kippte den Rum in den Tee und tat zwei L�ffel Zucker dazu, weil er vermutete, dass dies dazugeh�rte. Das Getr�nk stieg ihm sofort in den Kopf, und zum ersten Mal seit er von Oma Irinas Tod wusste, �berkam ihn so etwas wie Traurigkeit, und er war erleichtert, ja beinahe froh dar�ber. Er stellte sich vor, wie sie � Opa Kurt, sein Vater und er � gleich am Grab von Oma Irina stehen w�rden, eine wortlose, ergreifende Szene. Oder war auch ein Pfarrer dabei? Mit Regenschirm, wie in dem Film, den er mal gesehen hatte? Wo war eigentlich das Grab? Oder traf man sich erst mal am Eingang?</p><p>Als er � sicherheitshalber kurz vor zw�lf � wieder zum Friedhof kam, war der winzige Tee-mit-Rum-Rausch schon wieder verflogen. Pl�tzlich war die holprige Stra�e mit Autos zugeparkt, Menschen kamen von allen Seiten. Sie trugen Kr�nze und Blumen. Markus folgte ihnen eine Allee entlang, die auf ein kleines Geb�ude zuf�hrte. Vor dem Geb�ude ein Gedr�nge wie an der S-Bahn bei Berufsverkehr. Der Raum drinnen war vollkommen �berf�llt. Man klappte die Fl�gelt�r auf, damit die drau�en auch etwas sahen, und es kamen immer noch mehr Menschen, Paare, Gr�ppchen, einzelne Personen. Markus schaute sich die Gesichter an � ob das die alten Genossen waren, von denen Klaus gesprochen hatte: die Frau mit den gef�rbten Haaren, der Schauspieler, den er schon mal im Fernsehen gesehen hatte, oder dieser unglaublich dicke Mensch mit den chaotisch abstehenden Haaren�� Und der mit dem gro�en, rotblauen Kopf, war das nicht der Typ, der damals auf Wilhelms Geburtstag <emphasis>m�hr Demogradie</emphasis> gebr�llt hatte?</p><p>�ber K�pfe und Schultern hinweg warf er einen Blick ins Innere des Geb�udes. Ganz hinten stand ein gro�es schwarzes Kreuz. Links und rechts davon T�pfe mit Palmen, die sogar auf die Entfernung unecht aussahen. Etwas weiter vorn stand ein h�lzernes Rednerpult, das mit schwarzem Stoff beschlagen war � ziemlich unsauber, eine Rei�zwecke fehlte, und der Stoff schlappte an dieser Stelle herunter. Dann entdeckte er Opa Kurt, vorn rechts, in der ersten Reihe: ein grauer Kopf, in dessen Mitte sich ein kahler Kreis abzeichnete, und der dort, rechts daneben, das war er.</p><p>Musik erklang, klassisch, ein bisschen qu�kend �ber stark unterdimensionierte Lautsprecher. Das Gedr�nge beruhigte sich. Die Leute senkten die K�pfe. Dann trat eine Frau an das unsauber beschlagene Pult, keine Pastorin, wie man sofort sah, und begann zu reden:</p><p><emphasis>Irina, liebe Irina,</emphasis> sagte die Frau, als w�rde sie zu Oma Irina sprechen, <emphasis>noch viel Zeit bleibt bis zum Abschied � immer narrt uns dieser Gedanke��</emphasis> Aber wo war sie eigentlich?</p><p>Markus reckte sich. Dort vorn hatten die Leute ihre Blumen und Kr�nze abgelegt, ein riesiger Haufen um einen kniehohen schwarzen Hocker herum, auf dem wiederum so etwas wie eine Vase stand � aber wo war der Sarg? Umso seltsamer erschien es ihm, dass die Frau Oma Irina immerzu mit �du� ansprach, als s��e sie mitten unter den Leuten im Raum�� <emphasis>Dir waren die Menschen willkommen, an deine T�r klopften wir��</emphasis> Und auch wenn es vollkommen d�mlich war, pr�fte er vorsichtshalber, ob er nicht alles irgendwie missverstanden hatte, ob Oma Irina nicht einfach dort neben Opa Kurt in der vorderen Reihe sa�, oder neben ihm, seinem Vater, aber nat�rlich sa� sie nicht da. Stattdessen sa� dort die <emphasis>Tussi</emphasis>. Er schluckte vor Entt�uschung.</p><p><emphasis>Nausikaa nannte ich dich,</emphasis> sagte die Frau am Rednerpult�� Wer war Nausikaa? Keine Ahnung�� <emphasis>die Frau, aus antiker Zeit zu uns her�bergekommen��</emphasis> Er blickte sich vorsichtig um: Kapierte der Typ mit dem rotblauen Kopf, wovon hier die Rede war?�� <emphasis>von Kriegsz�gen, Verbannung, V�lkerwanderung, diese Frau, die unlebbares Leben lebbar macht��</emphasis> Der Kopf nickte�� <emphasis>dazu geh�rtest du, Irina. Das konntest du��</emphasis> Der Kopf nickte wieder � und Markus stellte sich vor, wie er die Schrotflinte rausholte und diesen bl�den, nickenden Kopf wegballerte.</p><p>Dann sprach die Frau pl�tzlich vom Kochen:�� <emphasis>aber es war nicht Wasser, was hier zur Suppe gegossen wurde</emphasis>, sagte die Frau. Zuerst glaubte Markus, sich verh�rt zu haben. Aber es war wirklich vom Kochen die Rede, zumindest vom Tischdecken: <emphasis>Dein Tisch war ein Kunstwerk</emphasis>, sagte die Frau, und dann wieder etwas geschraubt: <emphasis>Dein Tisch, die G�ste auffordernd, sich zu setzen, zu reden.</emphasis></p><p>Pause.</p><p><emphasis>Wusstest du, wie kostbar er war?</emphasis></p><p>Pause.</p><p><emphasis>Haben wir es dir gesagt?</emphasis></p><p>Fr�her, erinnerte er sich, ganz fr�her, da hatte die Oma manchmal Pelmeni gemacht, und er durfte helfen. Er wusste bis heute, wie es ging: Wie man den Teig anrichtete, ihn zu einer Wurst rollte. Wie man Scheibchen von der Wurst abschnitt und sie in Mehl (damit sie nicht festklebten), aber nicht in zu viel Mehl (damit sie sich weiterverarbeiten lie�en) zu d�nnen, knapp handtellergro�en Pl�ttchen ausrollte. Und dann das Schwierigste�� Und w�hrend die d�nne Stimme der Nichtpastorin durch die ge�ffnete Fl�gelt�r an ihm vorbei ins Freie flog, verschlug es ihn f�r Augenblicke in Oma Irinas K�che, er hatte den unverwechselbaren Geruch von Teig und Zwiebeln und rohem Hackfleisch in der Nase, und seine Daumen und Zeigefinger erinnerten sich pr�zise an die knifflige Prozedur: Einen Teel�ffel Hackfleisch auf jeweils ein Pl�ttchen tun, das Pl�ttchen zu einem Halbmond zusammenklappen, es ringsherum zudr�cken und schlie�lich die beiden Ecken des Halbmonds zusammenziehen und aneinanderheften, sodass eine Art H�tchen entstand�� <emphasis>H�ttchen</emphasis>, wie Oma Irina sagte, man konnte es ihr hundertmal vorsprechen, sie sagte es doch wieder falsch, und obwohl Frickel nie dabei gewesen war, hatte Markus sich immer ein bisschen gesch�mt, dass seine Oma so �russisch� Deutsch sprach.</p><p><emphasis>Dein Stuhl bleibt leer,</emphasis> h�rte er die Nichtpastorin sagen. Einen Augenblick hatte er einen Klo� im Hals, vielleicht weil er an den alten, abgeschabten K�chenstuhl denken musste, auf dem er beim Pelmenimachen gekniet hatte. Dann h�rte er neben sich jemanden schluchzen und war wieder in der Gegenwart.</p><p>Sah die Plastikpalmen.</p><p>Sah das schlampig mit schwarzem Stoff beschlagene Pult.</p><p>Sp�rte seine vor K�lte schmerzenden F��e.</p><p><emphasis>Und wir m�ssen es ertragen, sagte die Nichtpastorin.</emphasis></p><p>Sie lie� eine Pause.</p><p><emphasis>Die Stunde ist da.</emphasis></p><p>Das Schluchzen nahm zu. Auch der rotblaue Kopf wischte sich jetzt eine Tr�ne aus dem Auge. Aber je mehr es rings um ihn schluchzte, desto weniger f�hlte er.</p><p><emphasis>Wir m�ssen Abschied nehmen.</emphasis></p><p>Pause.</p><p><emphasis>Hab Dank.</emphasis></p><p>Die qu�kende Musik setzte wieder ein. Pl�tzlich tauchte � woher?�� ein M�nnlein auf, das aussah wie ein geschrumpfter Fisch in einer altert�mlichen Bahnuniform. Obendrein trug es eine mit einem Riemen unter dem Kinn befestigte Eisenbahnerm�tze. Das M�nnlein nahm dieses <emphasis>So-etwas-wie-eine-Vase</emphasis> vom Sockel und trug es wie eine Torte oder wie einen Pokal vor sich her, ganz langsam, und hinter dem M�nnchen kamen die anderen Leute, und die Ersten, die kamen, waren sein Vater und Opa Kurt. Die vor der T�r standen, bildeten jetzt automatisch so etwas wie ein Spalier, und er, Markus, stand pl�tzlich ganz vorn im Spalier. Er h�tte seinen Vater ber�hren k�nnen. Ja, er ber�hrte ihn fast! Aber sein Vater ging an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken.</p><p>Markus blieb neben dem Ausgang stehen, schaute der immer l�nger werdenden Prozession hinterher. Sie bewegte sich die Allee entlang, bog rechts ab, bog, als die Letzten hinter der Kurve verschwunden waren, noch einmal rechts ab und kroch dann, angef�hrt von dem M�nnlein mit der Eisenbahnerm�tze, wieder in die entgegengesetzte Richtung zur�ck, bis das M�nnlein stehen blieb. Hier war der Rasen frisch umgegraben, ein breiter Streifen, wie ein Gem�sebeet, das in lauter kleinere Beete unterteilt war. Auf den ersten lagen schon Blumen, und dort, wo die Blumen aufh�rten, war in der Erde ein Loch, so gro�, dass dieses <emphasis>So-etwas-wie-eine-Vase</emphasis> gerade hineinpasste, und in dem Moment, als das M�nnlein sich hinunterbeugte, um dieses <emphasis>So-etwas-wie-eine-Vase</emphasis> in dem Loch zu versenken, begriff Markus zweierlei:</p><p>Erstens begriff er, warum das M�nnlein seine Eisenbahnerm�tze mit einem Riemen unter dem Kinn befestigt hatte.</p><p>Zweitens begriff er, dass <emphasis>das</emphasis>, dieses <emphasis>So-etwas-wie-eine-Vase</emphasis>, seine Oma Irina war.</p><p>Auf dem R�ckweg begann es zu regnen. Sein alter Soldatenmantel war schwer. Es dauerte ewig, bis seine F��e warm wurden.</p></section><section><title><p><strong>1.�OKTOBER 1989</strong></p></title><p>Noch immer f�hlte sie sich wie vor den Kopf geschlagen. Mit M�he hatte sie die Verabschiedung hinter sich gebracht; hatte H�nde gesch�ttelt, hatte gel�chelt; hatte sich Bunkes betrunkenes Geschw�tz angeh�rt; hatte Anita zugenickt, die nicht m�de wurde zu beteuern, wie <emphasis>sch�n</emphasis> der Geburtstag trotz allem gewesen sei�� Hatte sich noch einmal bei Zenk entschuldigt.</p><p>Jetzt stand sie im Salon und betrachtete das Chaos, das Wilhelm verursacht hatte�� Wie ein verungl�ckter Vogel kam ihr der Ausziehtisch vor. Die beiden Platten ragten schr�g in die Luft. Das Zeug auf dem Fu�boden: Eingeweide eines verendeten Tiers.</p><p>Am liebsten h�tte sie sofort Doktor S�� angerufen: Handfeste Fakten � hatte er das nicht gesagt?</p><p>��Genossin Powileit, da brauchen Sie schon handfeste Fakten!</p><p>Da hatte er seine �handfesten Fakten�.</p><p>Sie trat einen Schritt vor, bef�hlte die Spitze des Nagels, der in der Tischplatte stak�� klopfte probehalber gegen das Holz. Pr�fte, ob es jenem grausigen Ger�usch nahekam, mit dem die Tischplatte gegen Zenks Sch�del geprallt war, als er sich auf das Buffet gest�tzt hatte, um sich vom �u�ersten Rand eine saure Gurke zu angeln�� Zenk, ausgerechnet! Sie sah ihn noch vor sich stehen, die zerbrochene Brille in seinen H�nden. Zitternd. Die gro�en Augen schwammen hilflos in seinem Gesicht��</p><p>Wer bezahlte eigentlich die Brille?</p><p>��Ich fang jetzt mal an, sagte Lisbeth.</p><p>Sie stand pl�tzlich neben ihr.</p><p>��Na gro�artig, sagte Charlotte. Ich dachte schon, du machst erst mal Urlaub.</p><p>Sie wandte sich ab und verlie� den Raum. Kurz erwog sie, sich ins Turmzimmer zur�ckzuziehen, f�r einen Augenblick, um zur Besinnung zu kommen. Es war der einzige Raum, der ihr in diesem Hause noch geblieben war. Aber die vierundvierzig Stufen bis dort oben schreckten sie, und sie beschloss, mit der K�che vorliebzunehmen.</p><p>In der Diele stie� sie mit Wilhelm zusammen. Charlotte riss die Arme hoch, die Luft blieb ihr weg. Wilhelm sagte etwas, aber Charlotte h�rte es nicht, sah ihn nicht an. Sie schlug einen weiten Bogen um ihn, ging rasch in die K�che. Schloss die T�r. Drehte vorsichtshalber den Schl�ssel um, horchte��</p><p>Nichts. Nur ihr Atem rasselte verd�chtig. Sie griff in die rechte Hosentasche, um zu pr�fen, ob die Aminophyllin-Tropfen an Ort und Stelle waren: Sie waren. Charlotte umschloss das Fl�schchen fest mit der Faust. Manchmal half es schon, das Fl�schchen fest mit der Faust zu umschlie�en und bis zehn zu z�hlen.</p><p>Sie z�hlte bis zehn. Dann ging sie um den �ber und �ber mit unabgewaschenem Kaffeegeschirr vollgestellten Tisch und lie� sich auf den Schemel fallen. Morgen, beschloss sie, w�rde sie Doktor S�� anrufen und sich einen Termin geben lassen. Handfeste Fakten!</p><p>Dabei hatte sie ihm doch schon jede Menge �handfeste Fakten� geliefert! Waren das keine �handfesten Fakten�: Die Rechnungen vom Schl�sseldienst � waren es zehn oder zw�lf? Weil Wilhelm st�ndig �berall Sicherheitsschl�sser einbauen lie� und dann die Schl�ssel verlor, genauer gesagt: versteckte und nicht mehr wiederfand�� War denn das nichts? Oder das <emphasis>ND</emphasis>, in dem er neuerdings jeden Artikel mit Rotstift ausstrich, damit er nicht verga�, was er schon gelesen hatte. Oder die Briefe, die er an alle m�glichen Institutionen verschickte�� Offen gestanden, die Briefe hatte sie nicht. Aber die Antworten: Antwort des Fernsehens der DDR, weil Wilhelm sich �ber eine Sendung beschwert hatte. Nur dass sich herausstellte, dass es eine Westsendung war. Und was tat Wilhelm? Wilhelm schrieb an die Staatssicherheit. Mit seiner roten Krakelschrift, die sowieso keiner lesen konnte. Schrieb an die Staatssicherheit, weil er den Verdacht hatte, der SONY-Farbfernseher, von dem die DDR ein paar tausend St�ck importiert hatte, bes��e eine feindliche Automatik, welche insgeheim immer auf Westen umstellte��</p><p>Und was sagte der S��?</p><p>��Aber Genossin Powileit, wir k�nnen ihn doch deswegen nicht ins Irrenhaus stecken.</p><p>Irrenhaus! Wer sprach denn von Irrenhaus? Aber irgendein Platz in irgendeinem ordentlichen Heim w�rde sich f�r Wilhelm doch finden lassen. Immerhin war Wilhelm siebzig Jahre in der Partei! Tr�ger des Vaterl�ndischen Verdienstordens in Gold! Was denn noch, bitte!</p><p>Eine Niete, der S��. Und so was nannte sich Kreisarzt. Dabei sah doch ein Blinder, wie es um Wilhelm stand. Alle hatten es heute wieder gesehen: Genug Blech im Karton! Wie sollte man denn das nennen? Da bekam er den Vaterl�ndischen Verdienstorden in Gold � sie hatte ihn noch nicht mal in Silber!�� und dann: Genug Blech im Karton! Ein Gl�ck, dass der Bezirkssekret�r nicht da war. Was f�r eine Blamage. Und seine Gesangsnummer. Dabei hatte sie Lisbeth ausdr�cklich gesagt, Wilhelm kriegt keinen Alkohol mehr. Er war ja schon n�chtern kaum zu ertragen. Und wie er die Leute behandelte: Bring das Gem�se zum Friedhof. Was meinte er �berhaupt: Bring das Gem�se zum Friedhof?</p><p>Charlotte hatte die Lampe in der K�che nicht eingeschaltet, aber das bl�uliche Licht der Stra�enlaterne drau�en erf�llte den Raum, und durch die zum Dienstbotenflur hin offenstehende T�r sah man jene andere, direkt in sein Zimmer f�hrende T�r, die Wilhelm vor f�nfunddrei�ig Jahren vermauert hatte. Erst jetzt, w�hrend sie dar�ber nachdachte, was Wilhelm mit <emphasis>Friedhof</emphasis> gemeint haben k�nnte, bemerkte sie, dass sie schon die ganze Zeit auf diese vermauerte T�r starrte. Der Anblick der vermauerten T�r war ihr unangenehm. Sie stand auf, schloss die T�r zum ehemaligen Dienstbotenflur. Lie� sich wieder auf den Schemel fallen.</p><p>Wenn Wilhelm mal aus dem Haus ist, dachte sie, kommt die T�r wieder auf. Immer der Umweg �ber die Diele: idiotisch. Immer das Rum und Num, als h�tte sie nicht genug zu tun. Jedes Mal, wenn sie irgendwas aus der K�che brauchte, rannte sie rum und num. Wenn sie Lisbeth suchte: rum und num. Was sie allein am heutigen Tag rum und num gerannt war! Handfeste Fakten! Auch ein handfester Fakt: wie Wilhelm das Haus St�ck um St�ck ruinierte. Wo man hinsah: handfeste Fakten!</p><p>Vielleicht, dachte Charlotte, sollte man tats�chlich alles mal fotografieren. Leider besa� sie selbst keinen Fotoapparat. Kurt besa� einen Fotoapparat, aber Kurt w�rde das nat�rlich nicht machen. Ob Weihe einen Fotoapparat besa�? Mit Blitzlicht? Wichtig! In der Diele funktionierte das Deckenlicht nicht. Obendrein hatte Wilhelm im oberen Flur die Fenster verdunkelt, damit die Nachbarn nicht ausspionierten, wann er zu Bett ging. Nun leuchtete in der Diele Tag und Nacht nur die Muschel, die sie einst aus Pochutla mitgebracht hatten. Und in gewisser Weise musste man froh sein, dass nur die Muschel leuchtete, so sah man wenigstens nicht, was Wilhelm hier angerichtet hatte: Fu�bodenfarbe! War das etwa kein �handfester Fakt�? Die Garderobe, die Treppe samt dem Gel�nder�� Jetzt strich er im oberen Stockwerk s�mtliche T�ren! Alles, was Holz war, strich Wilhelm mit rotbrauner Fu�bodenfarbe, und wenn man ihn fragte, warum er alles mit rotbrauner Fu�bodenfarbe streiche, dann sagte er: Weil rotbraune Fu�bodenfarbe am haltbarsten sei!</p><p>Was kam eigentlich �ber dem Kreisarzt? Bezirksarzt?</p><p>Oder das Bad. Sollte man ebenfalls fotografieren. Alles kaputt. Alles hatte er aufgeh�mmert mit dem Elektrohammer. Mosaikfliesen, kriegte man niemals wieder. Und warum? Weil er eine Fu�bodenentw�sserung hatte einbauen m�ssen. Fu�bodenentw�sserung! Seitdem ging das Licht in der Diele nicht mehr. Ja bitte sch�n, das war doch gef�hrlich! Wenn das Elektrische mit dem Wasser in Ber�hrung kam! Handfeste Fakten��</p><p>Den ganzen Tag fabrizierte Wilhelm nichts als handfeste Fakten. Im Grunde genommen tat er �berhaupt nichts anderes mehr. Vergriff sich an Dingen, von denen er nichts verstand. Reparierte Sachen, die hinterher kaputt waren. Und wenn sie ihm nicht hin und wieder zur Beruhigung ein, zwei L�ffel Baldriantropfen in seinen Tee mischen w�rde, wer wei�, dann w�re dieses Haus wahrscheinlich l�ngst abgebrannt oder eingest�rzt, oder sie w�re bereits an einer Gasvergiftung gestorben!</p><p>Oder seine Terrassenaktion. Das war �berhaupt das Schlimmste. Warum hatte sie nichts unternommen? Die Polizei gerufen? Nur zwei Zentimeter, hie� es�� wei� der Teufel, warum: Weil ihn das Moos zwischen den Natursteinplatten gest�rt hatte! Deshalb betonierte er die Terrasse! Das hei�t, Schlinger und M�hlich betonierten. Und Wilhelm kommandierte. Spannte irgendwelche Stricke, fummelte mit dem Zollstock herum. Und was war das Resultat? Jetzt lief das Regenwasser in ihren Wintergarten. Der Fu�boden hatte sich aufgel�st. Die T�r zur Terrasse war aufgequollen, die Scheibe geborsten��</p><p>Und was sagte der S��?</p><p>��Das ist bedauerlich, sagte der S��.</p><p>Bedauerlich! Ihr Ein und Alles! Ihr Arbeits- und Schlafraum! Ihr R�ckzugsgebiet! Ihr kleines St�ck Mexiko, das sie sich �ber die Jahre bewahrt hatte � vernichtet. Nun stieg sie mehrmals t�glich die vierundvierzig Stufen zum Turmzimmer hinauf, wo der Wind durch die Ritzen pfiff, wo sie, in Decken eingeh�llt, am Schreibtisch sitzen musste. Wo es an hei�en Tagen nach Staub und Dachbalken roch � ein Geruch, der sie auf dem�tigende Weise an den Geruch in der Kammer erinnerte, in die ihre Mutter sie zur Strafe einzusperren pflegte.</p><p>Schon beim Gedanken daran begann ihr Atem zu rasseln. Sie �berlegte, ob sie doch noch einmal zehn Tropfen Aminophyllin nehmen sollte. Allerdings hatte sie heute bereits zwei Mal Aminophyllin genommen, und seit Doktor S�� ihr gesagt hatte, dass eine �berdosis zur L�hmung der Atemwegsmuskulatur f�hren konnte, hatte sie st�ndig Angst, ihr Atem k�nnte stehenbleiben, pl�tzlich, in der Nacht, k�nnte sie aufh�ren zu atmen. Sie k�nnte aufh�ren, da zu sein, ohne es selbst zu bemerken�� Nein, den Gefallen w�rde sie Wilhelm nicht tun. Noch war sie <emphasis>da</emphasis>, und sie war entschlossen zu <emphasis>bleiben</emphasis>. Sie hatte noch einiges vor � wenn Wilhelm mal aus dem Haus war. All die Dinge, von denen Wilhelm sie abhielt: leben, arbeiten, reisen! Einmal noch nach Mexiko�� Ein einziges Mal die K�nigin der Nacht bl�hen sehn��</p><p>Jetzt kam es ihr vor, als h�tte es an der T�r gekratzt. Oder war das ihr Atem? Charlotte r�hrte sich nicht von der Stelle. Sie schaute, ob die Klinke der K�chent�r sich bewegte, aber stattdessen�� sie erschauerte: Langsam, sehr langsam �ffnete sich die T�r zum Dienstbotenflur, die sie eben geschlossen hatte, und es erschien, schwach angeleuchtet vom Kellertreppenlicht�� etwas Entsetzliches�� Krummes�� mit abstehenden Haaren��</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, rief Charlotte. Haben Sie mich erschreckt!</p><p>Es stellte sich heraus, dass Nadjeshda Iwanowna ihren Mantel gesucht und sich dabei im Keller verirrt hatte. Tats�chlich hatte Charlotte angewiesen, die M�ntel in den Keller zu bringen, weil die Garderobe ja voller Blumenvasen stand. Allerdings hatte Lisbeth die M�ntel wieder nach oben gebracht, als die Leute gingen. Nur Nadjeshda Iwanowna hatte ihren Mantel nicht bekommen, also musste er wohl noch im Keller sein, aber im Keller war er nicht, sagte jedenfalls Nadjeshda Iwanowna, und allm�hlich begann die Sache Charlotte auf die Nerven zu gehen. Sie hatte wirklich Wichtigeres zu tun, als sich um den Mantel von Nadjeshda Iwanowna zu k�mmern!</p><p>Aber dann hing der Mantel auf einmal in der Garderobe. Einen Augenblick �berlegte Charlotte, ob sie Lisbeth zur Rede stellen sollte: <emphasis>Wieso in der Garderobe?</emphasis> Stattdessen riss sie den Mantel vom Haken, hielt ihn Nadjeshda Iwanowna hin.</p><p>��Wo ist eigentlich Kurt, fiel ihr ein. Warum hat er Sie nicht gleich mitgenommen?</p><p>��Ne snaju, sagte Nadjeshda Iwanowna: Wei� ich nicht.</p><p>Dann suchte sie ihren �rmel, zuerst einen, dann den anderen, legte sich den Schal zurecht, kn�pfte, w�hrend Charlotte von einem Fu� auf den anderen trat, Knopf f�r Knopf ihren Mantel zu, pr�fte zweimal, ob ihre Schl�sselkette noch da war, pr�fte noch einmal die Knopfleiste, suchte ihre Handtasche und sagte schlie�lich, nachdem ihr eingefallen war, dass sie gar keine Handtasche mitgebracht hatte:</p><p>��Nu wsjo, pojedu.�� Ich fahre.</p><p>��Wieso denn <emphasis>fahren</emphasis>, sagte Charlotte. Peschk�m, zu Fu�!</p><p>��Njet, pojedu, beharrte Nadjeshda Iwanowna: Domoi! Nach Hause!</p><p>Vermutlich, dachte Charlotte, wollte sie nicht allein im Dunkeln den Weg gehen. Rasch lief sie in den Salon und rief Kurt an, damit er sie abholte � aber es meldete sich niemand. Unglaublich. Einfach die alte Frau hier sitzenlassen! Sie �berlegte kurz und rief ein Taxi.</p><p>��Saditjes, sagte sie zu Nadjeshda Iwanowna. Sejtschas budjet tax�!</p><p>��Njet, nje nada tax�, sagte Nadjeshda Iwanowna.</p><p>��Nadjeshda Iwanowna, sagte Charlotte. Ja otschenj sanjata � ich habe zu tun! Bitte setzen Sie sich und warten Sie auf das Taxi.</p><p>Aber die alte Frau wollte kein Taxi. Laufen wollte sie nicht, Taxi wollte sie auch nicht. Diese Unschl�ssigkeit machte Charlotte rasend.</p><p>��Spasiba sa wsjo, sagte Nadjeshda Iwanowna: Danke f�r alles.</p><p>Und ehe Charlotte sichs versah, war die alte Frau ihr um den Hals gefallen und umklammerte sie mit ihren Affenarmen. Charlotte versuchte vergeblich, ihre Nase von Nadjeshda Iwanownas Schal fernzuhalten, der nach Naphthalin und Russenparf�m roch � eine Mischung wie aus dem Waffenlabor.</p><p>Dann trippelte Nadjeshda Iwanowna in die Dunkelheit hinaus. Charlotte blieb einen Moment an der frischen Luft stehen und schaute der alten Frau hinterher, wie sie gebeugt und mit winzigen Schrittchen zum Gartentor ging � und verschwand. Ein Blatt segelte lautlos durch den Lichtkegel der Stra�enlaterne, und Charlotte beeilte sich, wieder hineinzukommen, bevor die herbstliche Melancholie sie �berfiel.</p><p>Einen Augenblick stand sie unschl�ssig in der Diele. Es war noch jede Menge zu tun, sie wusste nicht, wo beginnen. In der Diele schien so weit alles in Ordnung zu sein. Nur die Blumen mussten entsorgt werden, aber das hatte nat�rlich noch Zeit. �rgerlich war indes, dass die Beschriftung der Blumenvasen wieder mal nicht geklappt hatte, dachte Charlotte beim Anblick der Etiketten, die Irina � typisch!�� erst auf den allerletzten Dr�cker besorgt hatte: zu sp�t, um sie zu beschriften. Denn als die Vasen erst einmal hier gestanden hatten, wusste man logischerweise nicht mehr, wem welche Vase geh�rte � eine Tatsache, die jeder begriff, au�er nat�rlich Lisbeth, welche die Etiketten trotzdem draufgeklebt hatte. Da standen sie nun, die Vasen, mit leeren Etiketten�� Aber nanu?</p><p>Eines der Etiketten war beschriftet. Charlotte ging n�her heran. Rote Buchstaben, Wilhelms Krakelschrift:</p><p>TSCHOW, stand da. Einfach nur: TSCHOW.</p><p>Handfeste Fakten. Charlotte l�ste das Etikett von der Vase, um es jener Eisenkassette zuzuf�hren, in der sie schon seit l�ngerem alle wichtigen Dokumente aufbewahrte: Lisbeth konnte man ja nicht trauen. Die spionierte f�r Wilhelm. Allerdings war die Eisenkassette vierundvierzig Stufen entfernt. In die Hosentasche konnte sie das klebrige Ding schlecht stecken�� Also klebte sie es einstweilen an ihre Strickjacke.</p><p>Sie ging in den Salon und rief Weihe an: ob er einen Fotoapparat habe.</p><p>��Habe ich, sagte Weihe.</p><p>��Ich melde mich, sagte Charlotte und legte auf.</p><p>Im selben Moment fiel ihr ein, dass sie nicht nach dem Blitzlicht gefragt hatte. Sie rief Weihe noch einmal an und fragte, ob er ein Blitzlicht habe.</p><p>��Habe ich, sagte Weihe.</p><p>��Ich melde mich, sagte Charlotte und legte auf.</p><p>Das war doch ein fabelhafter Kerl, dieser Weihe. Beide, auch Rosi, obwohl sie so krank war. Auf die konnte man sich verlassen. Charlotte �berlegte, ob sie sich bei den Weihes schon f�r das Einsammeln der Blumenvasen bedankt hatte. Sicherheitshalber rief sie Weihe noch einmal an und bedankte sich f�r das Einsammeln der Blumenvasen.</p><p>��Aber Sie haben sich doch schon bedankt, Frau Powileit, sagte Weihe.</p><p>��Ich melde mich, sagte Charlotte und legte auf.</p><p>Dann wandte sie sich ihren Aufgaben zu. Es war noch eine Menge zu tun, und jetzt, wo sie allm�hlich in Fahrt kam, machte es sie nerv�s, dass Lisbeth noch immer unter dem Ausziehtisch steckte. Nur ihr Hintern guckte hervor.</p><p>��Was machst du denn da, fragte Charlotte.</p><p>Ohne ihre Frage zu beantworten, sagte Lisbeth:</p><p>��Sag mal, Lotti, haben wir nicht noch mehr Plastebeh�lter in der K�che?</p><p>��Ach was, Plastebeh�lter, sagte Charlotte. Das kommt alles auf den M�ll.</p><p>��In den M�ll?</p><p>��<emphasis>Auf</emphasis> den M�ll, sagte Charlotte. Wir sprechen hier immer noch Deutsch.</p><p>��Aber das is� doch schade, Lotti! Dann nehm ich es mit, wenn du�s nicht haben willst.</p><p>��Ach was, mitnehmen, sagte Charlotte und hatte im selben Moment die Idee, dass man das abgest�rzte Buffet vielleicht lieber fotografieren sollte, bevor Lisbeth es wegr�umte.</p><p>Allerdings klingelte es jetzt. Wer klingelte denn um diese Uhrzeit? �rgerlich, dachte Charlotte, man kam rein zu gar nichts! W�tend stapfte sie durch die Diele und riss die Haust�r auf.</p><p>��Taxi, sagte der Mann.</p><p>��Danke, das hat sich erledigt, sagte Charlotte und wollte die T�r wieder schlie�en, aber der Taxifahrer bestand auf einer Anfahrtspauschale.</p><p>Anfahrtspauschale, dachte Charlotte. Das wird ja immer sch�ner.</p><p>Aber sie hatte Wichtigeres zu tun, als sich mit dem Taxifahrer herumzustreiten. Sie dr�ckte ihm zehn Mark in die Hand. Und ehe der Mann das Wechselgeld herausgekramt hatte, verlor sie die Geduld und schloss die Haust�r.</p><p>Rasch ging sie in den Salon und befahl Lisbeth:</p><p>��Schluss jetzt!</p><p>Noch immer war von Lisbeth nur der Hintern zu sehen. Allm�hlich kam es Charlotte vor, als spr�che sie mit Lisbeths Hintern.</p><p>��Lotti, das geht nicht, sagte Lisbeth. Wir k�nnen das nicht einfach liegenlassen!</p><p>��Wir haben jetzt wirklich Wichtigeres zu tun, sagte Charlotte. In der K�che steht noch das ganze Geschirr. Und der Abendtee f�r Wilhelm muss auch allm�hlich aufgebr�ht werden, sonst beschwert er sich wieder, dass er zu hei� ist.</p><p>��Das Geschirr mache ich nachher noch, sagte Lisbeth, und den Tee kannst du doch rasch aufbr�hen, eh ich hier hoch bin.</p><p>��Selbstverst�ndlich, sagte Charlotte. Entschuldige! Ich hatte vergessen, dass du hier die Hausherrin bist!</p><p>W�tend stapfte sie in die K�che, schloss die T�r. Drehte vorsichtshalber den Schl�ssel um. Horchte.</p><p>Ihr Atem rasselte.</p><p>Niemals, dachte Charlotte, h�tte sie dieser Frau das Du anbieten d�rfen. Kein Respekt, kein gar nichts. Tanzte ihr auf der Nase herum. Machte, was sie wollte�� Wenn Wilhelm mal aus dem Haus ist, dachte sie, fliegt Lisbeth raus.</p><p>Sie umschloss das Fl�schchen in ihrer Hosentasche fest mit der Hand und z�hlte bis zehn. Dann bef�llte sie den Pfeifkessel und stellte ihn auf den Gasherd.</p><p>Seltsamerweise stand die T�r zum ehemaligen Dienstbotenflur schon wieder offen. Auch hatte jemand vergessen, das Licht auf der Kellertreppe auszuschalten. Ein schwacher Schein lie� auf jener T�r, die Wilhelm vor f�nfunddrei�ig Jahren vermauert hatte, die Konturen der Ziegelsteine hervortreten�� Rasch schaltete sie das Kellerlicht aus und schloss die T�r zum ehemaligen Dienstbotenflur.</p><p>Wenn Wilhelm mal aus dem Haus ist, dachte sie, kommt die T�r wieder auf. Idiotisch, das alles! Die Personalklingel hatte er auch abgeschafft, gleich als Erstes damals: weil es gegen seine proletarische Ehre verstie�! Aber sie durfte sich die Kehle wund schreien, wenn Lisbeth wieder irgendwo im Haus herumstreunte. Das verstie� nicht gegen seine proletarische Ehre. Sie war schlie�lich auch bereits sechsundachtzig! Z�hlte das nichts? Sie war auch bereits zweiundsechzig Jahre in der Partei! Sie war Institutsdirektorin geworden mit vier Jahren Haushaltsschule! Z�hlte das alles nichts? Z�hlte nur Wilhelms proletarische Ehre?</p><p>Sie lie� sich auf den Schemel fallen und lehnte sich mit dem Hinterkopf an die Wand. Der Pfeifkessel begann zu s�useln.</p><p>Auf einmal f�hlte sie sich sehr schwach.</p><p>Sie schloss die Augen. Das Wasser im Kessel begann zu knistern, zu puckern�� gleich w�rde sich ein leises Zischeln daruntermischen, sie kannte die Abfolge der Ger�usche genau. Hunderte, Tausende Male hatte sie neben dem Pfeifkessel gesessen, hatte dem Gefl�ster des Wassers zugeh�rt, und ihre Mutter hatte ihr mit dem Stullenbrett auf den Hinterkopf geschlagen, wenn am Ende auch nur der Ansatz eines Pfeifens zu h�ren gewesen war: Gas sparen, damit ihr Bruder studieren konnte. Daf�r hatte sie den Pfeifkessel bewacht, und das Komische war, nun war sie sechsundachtzig, ihr Bruder war lange tot, und sie sa� immer noch hier und bewachte den Pfeifkessel�� Warum, dachte sie, w�hrend das Zischeln allm�hlich in ein gleichm��iges Rauschen �berging, warum war <emphasis>sie</emphasis> es immer, die den Pfeifkessel bewachte�� w�hrend andere studieren durften�� w�hrend andere den Vaterl�ndischen Verdienstorden bekamen��</p><p>Das Rauschen setzte aus, ging in ein dumpfes Brodeln �ber. Charlotte stand auf und drehte das Gas ab, genau in dem Moment, als der Pfeifkessel im Begriff war, zu pfeifen. Mechanisch goss sie Wilhelms Abendtee auf, holte die Baldriantropfen aus dem Putzmittelschrank unter der Sp�le. Gab einen Essl�ffel davon in den Tee. Steckte die Baldriantropfen in die Hosentasche�� stutzte. Hatte pl�tzlich zwei Fl�schchen in der Hand: Beide gleich gro�, kaum zu unterscheiden��</p><p>Aberwitziger Gedanke. Charlotte nahm die Baldriantropfen aus der Hosentasche, stellte sie zur�ck in den Schrank und machte sich wieder an die Arbeit.</p><p>Lisbeth hockte noch immer unter dem Tisch.</p><p>��Du hockst ja noch immer unter dem Tisch, sagte Charlotte.</p><p>Lisbeths Hintern bewegte sich unendlich langsam unter dem Tisch hervor. Sie zog einen Eimer mit Scherben hinter sich her sowie verschiedene Beh�ltnisse, in denen sie noch verwertbare Reste gesammelt hatte.</p><p>��Hast du noch ein paar Plastebeh�lter mitgebracht? fragte sie. In der Hand hielt sie ein W�rstchen.</p><p>��Ach was, Plastebeh�lter, sagte Charlotte. Das kommt auf den M�ll.</p><p>��Das kommt nicht in den M�ll, sagte Lisbeth und biss in die Wurst.</p><p>Charlotte betrachtete Lisbeths kauendes Gesicht. Lisbeths Unterkiefer bewegte sich halb seitw�rts, mahlend, wie der eines Wiederk�uers�� Eine Weile sah Charlotte zu, wie sich Lisbeths Unterkiefer bewegte. Dann nahm sie ihr das W�rstchen aus der Hand und warf es auf den Tr�mmerhaufen, der vom kalten Buffet �brig war. Nahm noch zwei von den Beh�ltern, in denen Lisbeth Reste gesammelt hatte, und warf sie hinterdrein.</p><p>��Was machst du denn da, rief Lisbeth und hielt ihre H�nde sch�tzend �ber die restlichen Beh�lter.</p><p>Charlotte nahm den Eimer mit Scherben und kippte ihn ebenfalls aus.</p><p>��Was machst du denn da!�� Jetzt war es Wilhelms Stimme.</p><p>��Du halt dich raus, sagte Charlotte. Du hast heute genug Schaden angerichtet.</p><p>��Wieso ich, sagte Wilhelm. Das war der Zenk.</p><p>��Ach, der Zenk war das! Charlotte lachte vor Wut: Jetzt war es der Zenk! Ich habe dir gesagt, du sollst die Finger von dem Ausziehtisch lassen!</p><p>��Jaja, sagte Wilhelm. Das macht Alexander. Und, wo ist er, dein Alexander?</p><p>��Alexander ist krank.</p><p>��Papperlapapp, sagte Wilhelm. Politisch unzuverl�ssig.</p><p>��Jetzt red keinen Unsinn, sagte Charlotte.</p><p>��Politisch unzuverl�ssig, wiederholte Wilhelm. Die ganze Familie! Empork�mmlinge, Def�tisten!</p><p>��Es reicht, sagte Charlotte. Aber Wilhelm war nicht zu bremsen.</p><p>��Da!�� Er lachte, zeigte auf das Etikett, das an ihrer Strickjacke klebte. Da haben wir�s doch, kr�hte er. L�ufst noch Reklame f�r den Verr�ter!�� Und dann bellte er pl�tzlich. Legte den Kopf in den Nacken und bellte die Decke an: Tschow, bellte Wilhelm, tschow-tschow, und im Augenblick, als Charlotte beschloss, ihn tats�chlich f�r verr�ckt zu halten, schaute er sie mit vollkommen klarem Blick an und sagte:</p><p>��Die wussten schon, warum.</p><p>��Warum <emphasis>was</emphasis>, fragte Charlotte.</p><p>��Warum sie solche Leute weggesperrt haben, sagte Wilhelm und f�gte nach einer Pause hinzu: Solche wie deine S�hne.</p><p>Charlotte atmete ein, konnte auf einmal nicht ausatmen�� Sah Wilhelm an�� Sein Sch�del gl�nzte, die Augen blitzten in dem h�hensonnengebr�unten Gesicht�� Der Bart � war er schon immer so klein gewesen?�� h�pfte auf Wilhelms Oberlippe umher, ein B�rtchen, kaum gr��er als ein Insekt. H�pfte, kreiste, summte vor ihren Augen�� Dann war Wilhelm verschwunden. Nur seine Worte waren noch da, genauer gesagt, seine letzten Worte.</p><p>Oder, noch genauer, <emphasis>das</emphasis> letzte.</p><p>��Und was mache ich jetzt? Lisbeths Stimme. Soll ich den ganzen Mist wieder einsammeln?</p><p>��Du gehst jetzt nach Hause, sagte Charlotte.</p><p>Lisbeth schien nicht zu verstehen. Charlotte versuchte lauter zu sprechen:</p><p>��Ich sage, du gehst jetzt nach Hause.</p><p>��Aber Lotti, was soll denn das? Ich kann doch nicht</p><p>��Du bist gek�ndigt, sagte Charlotte. In drei Minuten verl�sst du das Haus.</p><p>��Aber Lotti��</p><p>��Und nenn mich nicht Lotti, sagte Charlotte. Sonst rufe ich die Polizei.</p><p>Sie ging in die Diele, setzte sich auf den Stuhl, auf dem sie sonst ihre Schuhe wechselte, und wartete, bis Lisbeth verschwunden war.</p><p>Dann wartete sie noch, bis ihre H�nde aufgeh�rt hatten zu zittern.</p><p>Dann ging sie in die K�che und schloss die T�r. Drehte den Schl�ssel um, horchte.</p><p>Ihr Atem war ruhig.</p><p>Sie goss Wilhelms Abendtee in seine Abendtee-Tasse. Nahm die Tropfen aus der Hosentasche. Gab zwei Essl�ffel in den Tee. Stieg achtzehn Stufen zum oberen Flur hinauf und stellte die Tasse auf Wilhelms Nachttisch.</p><p>Dann ging sie ins Bad und reinigte ihre Z�hne.</p><p>Sie stieg weitere sechsundzwanzig Stufen zum Turmzimmer hinauf. Sie entkleidete sich, faltete ihre Sachen St�ck um St�ck auf dem Stuhl zusammen. L�ste das Etikett von ihrer Strickjacke, zerriss es und warf es in den Papierkorb.</p><p>Die Socken steckte sie in die Schuhe.</p><p>Sie schl�pfte in ihr wei�es Baumwollnachthemd und legte sich ins Bett. Eine Weile las sie <emphasis>Oliver Twist</emphasis> von Charles Dickens. Zwar kannte sie das Buch bereits, hatte es vor vierzig Jahren schon einmal gelesen, aber in letzter Zeit las Charlotte am liebsten B�cher, die sie schon kannte und mochte, und am allerliebsten solche, die sie kannte und mochte und doch wieder vergessen hatte, sodass sie in den Genuss unverminderter Spannung kam.</p><p>Als Oliver Twist verletzt und bewusstlos im Graben lag, klappte sie das Buch zu, um sich die Aufl�sung f�r morgen fr�h aufzusparen.</p><p>Sie schaltete das Licht aus. Die Nacht war klar. Eine schmale Mondsichel stand am Himmel. Noch einmal fiel ihr Lisbeths kauendes Gesicht ein. Sie dachte an das Dienstm�dchen, das sie damals in Mexiko gehabt hatte: ein zierliches, lautloses Gesch�pf, das Charlotte � selbstverst�ndlich � stets mit <emphasis>Se�ora</emphasis> angesprochen hatte. Leider fiel ihr der Name nicht ein. Aber dann fiel er ihr doch ein: Gloria! Was war wohl aus ihr geworden? Gloria. Ob sie noch lebte?</p><p>Eine Weile lag sie mit offenen Augen und dachte an Gloria. Und an die Dachterrasse. Und an die mexikanische Mondsichel, welche immer so auf der Seite lag�� Mehr ein Schiff, dachte sie, als eine Sichel. Dann war Adrian da.</p><p>Sie wusste nat�rlich, dass es ein Traum war. Trotzdem versuchte sie, mit ihm zu reden. Versuchte ihn zu �berzeugen, obwohl sie zugleich begriff, dass auch das Teil des Traums war � jenes Traums, den sie seit der �berfahrt tr�umte. Adrian schaute sie an. In seinem Gesicht waren Lichtflecken, wie Reflexionen einer bewegten Fl�ssigkeit. Er sah gut aus. Aber auch ein wenig gespenstisch. Trotzdem folgte sie ihm. Sie stiegen hinunter in den Maschinenraum. Sie gingen durch ein Labyrinth von G�ngen und Treppen. Es dauerte eine Ewigkeit, und je l�nger es dauerte, desto unheimlicher wurde es ihr. Sie rannte ihm hinterher, aber obwohl er ganz ruhig ausschritt, hatte sie M�he zu folgen. Schon war Adrian ihr weit voraus. Sie sah ihn in einen Gang einbiegen. Er bog immer in diesen Gang ein. Und immer folgte sie ihm, auch wenn die T�r am Ende des Ganges vermauert war.</p><p>Glaubte Charlotte. Und wusste nicht, ob sie es blo� im Traum glaubte. Ob sie es immer im Traum glaubte oder nur dieses Mal. Oder ob sie jedes Mal glaubte, sie glaube es nur dieses Mal.</p><p>Die T�r war offen. Charlotte schritt hindurch. Nun war Adrian wieder da, l�chelte. Ber�hrte sie sanft, drehte sie um � und Charlotte sp�rte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten: Coatlicue. Gefiederte Schlange. Coatlicue mit dem Zwei-Schlangen-Gesicht. Mit ihrer Kette aus ausgerissenen Herzen.</p><p>Und eins davon, dieses dort, wusste sie, war Werners.</p></section><section><title><p><strong>2001</strong></p></title><p>Er schaukelt leicht, st��t sich hin und wieder mit den Fingerspitzen am Terrassengel�nder ab. Die s�ddeutschen Laute, die noch vereinzelt vom gro�en Tisch her�berkamen, sind verstummt. Verstummt ist auch das Schreien und Lachen, das gelegentlich vom Dorf heraufdringt, das Brummen der Automotoren, die geisterhaften Radiostimmen, die es hin und wieder von irgendwo heranweht, und das gesch�ftige Rumoren und Klappern aus der K�che des G�stehauses. Sogar die Palmenbl�tter haben aufgeh�rt zu rascheln. F�r einen Moment, in der gr��ten Nachmittagshitze, scheint die Welt stillzustehen.</p><p>Einzig das gleichm��ige Knirschen der Hanfseile ist noch zu h�ren. Und das ferne, belanglose Rauschen des Meeres.</p><p>Schwebezustand. Embryonale Passivit�t.</p><p>Sp�ter, nachdem er aus seinem halbdurchl�ssigen Schlaf erwacht ist, nachdem er sich aufgerafft hat, die Schwerkraft zu �berwinden, die ihn mit unwiderstehlicher Sanftheit in die H�ngematte dr�ckt, nachdem er sich einen Kaffee geholt und im Vorbeigehen, kurz von der Tasse aufschauend, die beiden gerade angekommenen Rucksacktouristen gegr��t hat, die, wie er selbst bei der Ankunft, fassungslos �ber den Ausblick auf der Terrasse stehen � sp�ter wird er sich, wie jeden Tag, auf die Bank hinter dem Frida-Kahlo-Trakt setzen, von wo aus man auf die Wellblechd�cher der H�tten sieht, in denen die mexikanischen Angestellten von Eva &amp; Tom wohnen, und Zeitung lesen.</p><p>Es ist immer dieselbe Zeitung. Immer die mit dem Flugzeug, das in ein Hochhaus fliegt. Er liest langsam. Er liest die Artikel wieder und wieder, bis er einigerma�en versteht.</p><p>Er versteht nicht alles.</p><p>Er versteht, dass der amerikanische Pr�sident gesagt hat, man befinde sich in einer monumentalen Schlacht gegen das B�se. Und dass Amerika der hellste Leuchtturm der Freiheit sei.</p><p>Er versteht, dass noch immer ein Teil der lateinamerikanischen Bev�lkerung hungert; dass ein Teil sich von M�ll ern�hrt.</p><p>Er versteht, dass die Einf�hrung des Euro als Zahlungsmittel auf Hochtouren l�uft und dass die B�rsen in aller Welt katastrophale Verluste verzeichnen.</p><p>Was er nicht versteht: Warum verzeichnen die B�rsen katastrophale Verluste? Wie h�ngt der Wert � etwa der Postaktie � mit dem Einsturz zweier Geb�ude in Amerika zusammen? Werden jetzt weniger Briefe versandt?</p><p>Was er ebenfalls nicht versteht, und auch nicht verstehen wird, wenn er den Artikel �ber die Armut in Lateinamerika heute nachmittag zum dritten und vierten Mal liest � zumindest wird das, was er verstanden haben wird, so unerh�rt klingen, dass er zweifeln wird, ob er richtig verstanden hat: dass sich n�mlich auf den M�llhalden lateinamerikanischer Metropolen eine besondere, kleinw�chsige Menschenrasse entwickelt hat, die angeblich besser geeignet ist, unter den Bedingungen der M�llhalde zu �berleben.</p><p>Nach dem Zeitungslesen wird er noch einmal zum Strand gehen, wird sich in den h�lzernen Liegestuhl setzen, neben dem der blaue Sonnenschirm steckt, f�r den er am ersten Tag eine erhebliche Leihgeb�hr bezahlt hat (und der seitdem selbstvergessen im Sand herumlungert), und dem Sonnenuntergang zusehen.</p><p>Der Sonnenuntergang wird sein wie immer. Alle pazifischen Sonnenunterg�nge, so hat er festgestellt, sind gleich: gro� und rot und von einer � er wei� noch nicht, ob beruhigenden oder beunruhigenden � Gleichg�ltigkeit.</p><p><emphasis>Liebe Marion. In letzter Zeit passiert es h�ufig, dass ich an dich denke. Oft aus geringstem und, zugegeben, manchmal unbegreiflichem Anlass. Dass du mir beim Anblick des Sonnenuntergangs einf�llst, mag noch angehen. Aber warum f�llst du mir ein beim Anblick eines blauen Sonnenschirms � wo du doch Blau nicht magst? Warum f�llst du mir ein, wenn ein Vogelschwarm von einer Stromleitung auffliegt? Warum f�llst du mir ein, wenn ich meine Hand auf den lauwarmen Sand lege?</emphasis></p><p>Wenn die Sonne unwiderruflich ins Meer abgetaucht ist, wird er als einziger Gast an einem der wei�en Plastiktische des �Al Mar� sitzen und Fisch essen. Er wird ein Glas Wei�wein trinken. Er wird dem perlmutternen Abglanz am Himmel nachschauen, der ziemlich exakt von derselben Farbe ist wie die Innenseite der gro�en, leuchtenden Muschel von Oma Charlotte.</p><p>Er wird sich dar�ber wundern, wie schief die Mondsichel h�ngt. Er wird (meist erfolglos) nach auf der Seite liegenden Sternbildern suchen.</p><p>Wenn es vollst�ndig dunkel ist, wird er ohne Eile die Stufen zu <emphasis>Eva &amp; Tom</emphasis> hinaufsteigen, wo noch immer die �bliche, von s�ddeutschen Lauten dominierte Runde um den Terrassentisch sitzt. Es sind lauter Bekannte von Eva, der Squaw, die sich jedes Jahr um diese Zeit hier versammeln: ein grauhaariger, kettenrauchender Mann im weiten, gebl�mten Hemd; ein etwas j�ngerer Glatzkopf, der zusammen mit dem Kettenraucher in einem Zimmer schl�ft; die Frau, der ein Zahn fehlt, im selbstgebatikten Kleid; ein weiterer Mann, den Alexander den <emphasis>Strohhut</emphasis> nennt, weil er zu jeder Tageszeit einen zerfallenden Strohhut tr�gt, passend zu seinen zerfallenden, ehemals wei�en Leinenklamotten; und ein Motorradrocker mit mehreren Ringen im Ohr.</p><p>Der Motorradrocker (der sich sp�ter als Personalrat eines gro�en deutschen Stadtkrankenhauses entpuppen wird) hat Alexander erz�hlt, dass sie alle, au�er dem Glatzkopf, sich in den siebziger Jahren hier kennengelernt haben und dass Eva und Tom hier h�ngengeblieben sind und aus einer verkifften Absteige f�r jedermann nach und nach dieses G�stehaus gemacht haben, und bevor er vom Motorradrocker erfahren hat, dass Tom lange tot ist, hat Alexander den <emphasis>Strohhut</emphasis> f�r Tom gehalten � vielleicht, weil er am lautesten von allen spricht, und zwar immer von irgendwelchen Reparaturen und Umbauten, und sich dabei regelm��ig �ber die Unzuverl�ssigkeit und die Tr�gheit der Mexikaner beschwert.</p><p>��Nur ein toter Mexikaner ist ein guter Mexikaner, wird er sagen, als Alexander an diesem Abend von der Treppe auf die Terrasse einbiegt, und der Mann in dem weiten, gebl�mten Hemd wird kichern, wie man �ber einen Witz kichert, den man, weil man ihn bereits kennt, selbst erz�hlt haben k�nnte, und sein Bauch wird unter dem weiten, gebl�mten Hemd auf und ab h�pfen.</p><p><emphasis>Am schlimmsten � am schlimmsten?�� ist es nachts, wenn ich unter meinem Moskitonetz liege und durch die j�mmerlichen W�nde meines Verschlags die Stimmen der alt gewordenen Hippies h�re, die da drau�en sitzen und sich ihre Geschichten erz�hlen. Dann denke ich besonders an dich. Warum gerade dann? Weil ich mich ausgeschlossen f�hle? Weil ich das Gef�hl habe, nicht dazuzugeh�ren? Aber ich habe immer, mein Leben lang, das Gef�hl gehabt, nicht dazuzugeh�ren. Obwohl ich mein Leben lang gern irgendwo dazugeh�rt h�tte, habe ich das, dem ich h�tte zugeh�ren wollen, niemals gefunden. Ist das krank? Fehlt mir irgendein Gen? Oder hat das mit meiner Geschichte zu tun? Mit der Geschichte meiner Familie? Wenn ich ehrlich sein soll: Nichts zieht mich, wenn ich unter meinem Moskitonetz liege, nach drau�en, an diesen Tisch. Und doch empfinde ich, wenn ich sie lachen h�re, eine fast schmerzhafte Sehnsucht.</emphasis></p><p>Er wird sein Bettzeug aussch�tteln, wie die Squaw ihn gehei�en. Dabei wird er an den Skorpion denken, den er vor wenigen Tagen auf der Terrasse gesehen hat. T�dlich sind die Skorpione hier nicht, jedoch beinahe handtellergro� und � von erstaunlicher Sch�nheit. So ger�hrt war er von der fragilen Konstruktion, dass er nicht f�hig war, das Tier zu zertreten. Die Squaw tat es � mit ihren Flip-Flops. Seitdem, glaubt er, verachtet sie ihn.</p><p>Noch lange werden an diesem Abend die Stimmen zu h�ren sein. Der Mann mit dem weiten, gebl�mten Hemd wird in seinen Bauch hineinkichern. Der Strohhut wird von der Unzuverl�ssigkeit und Tr�gheit der Mexikaner erz�hlen. Und irgendwann wird die Frau mit dem fehlenden Zahn eine Gitarre auspacken und Joan-Baez-Lieder singen, und die anderen werden einstimmen mit echter, aber zerst�rerischer Inbrunst.</p><p>Dann, irgendwann sp�t in der Nacht, werden nur noch die gelegentlichen Hustenanf�lle des Mannes mit dem gebl�mten Hemd zu h�ren sein und das an einen Alarmton erinnernde Zirpen einer Grille, und Alexander wird unter seinem Moskitonetz liegen und Briefe an Marion formulieren:</p><p><emphasis>Manchmal denke ich, dass ich dir gar nicht schreiben darf. Dass ich einfach verschwinden sollte aus deinem Leben. Dass ich das, was ich mir eingebrockt habe, nun allein ausl�ffeln sollte. Wie kann ich jetzt, wo mich die Krankheit erwischt hat, unter deine Decke kriechen wollen? Wie kann mir jetzt einfallen, Sehnsucht nach dir zu haben? Aber ich habe Sehnsucht. Und das Seltsame ist: Es ist nicht einmal schlimm. Doch, es ist schlimm, aber gleichzeitig tr�stlich. Es ist tr�stlich, dass es dich gibt. Es ist tr�stlich, an deine dicken schwarzen Haare zu denken. An den Geruch deines Nackens, wenn ich an deinem R�cken liege. Oder daran, wie du im Halbschlaf vor Behaglichkeit wimmerst.</emphasis></p><p>Gegen halb acht wird er aufstehen und sich von der mexikanischen Angestellten, die um diese Zeit als Einzige in der K�che herumwuselt, einen Kaffee geben lassen. Er wird eine Weile auf der Terrasse sitzen und die etwas zu hei�e Tasse in den H�nden halten und in den entstehenden Tag hinausschauen und seinen eigenen Atem h�ren, der ihn aus der Hohlform der Tasse anfl�stert.</p><p><emphasis>Oder an das Rascheln deiner Unterw�sche, wenn du dich umkleidest hinter der Schrankt�r. Oder an die Art, wie du, wenn du erregt bist, den Mund �ffnest.</emphasis></p><p>Ein Kolibri wird eine Zeitlang zwischen den Hibiskusbl�ten stehen wie ein gro�es Insekt. Und weiter oben, im Morgenhimmel, werden die schwarzen, geierartigen V�gel kreisen.</p><p><emphasis>Oder an deine Muskeln (die mich am Anfang besch�mt haben). Oder an deinen Bauch. Oder an deine von der Arbeit immer ein wenig rauen Handfl�chen.</emphasis></p><p>Dann werden auf dem riesigen, betonierten Anlegesteg die ersten Angler auftauchen, und f�r einen Augenblick wird Alexander mit der Frage besch�ftigt sein, wieso an diesem Anlegesteg eigentlich nie jemand anlegt. Als h�tte sich, wird er denken, der kleine Ort seinen Beinamen �Puerto� mit diesem Bauwerk ertrotzen wollen. Als habe man gehofft, dadurch die Schiffe des Meeres anlocken zu k�nnen.</p><p><emphasis>Oder dich von der Arbeit abholen. Du in Latzhose zwischen kniehohem Gr�n und wie du dir mit dem Handr�cken den Schwei� aus der Stirn wischst.</emphasis></p><p><emphasis>Oder deine Langsamkeit � habe ich dir das schon gesagt?</emphasis></p><p><emphasis>Oder wie du die Nase kraus ziehst und �Hm� machst.</emphasis></p><p><emphasis>Oder dieses verschlagene Aufblitzen in deinen Augen. Oder � darf man so etwas �berhaupt sagen?�� dein Gesicht, wenn du weinst.</emphasis></p><p>Einen Augenblick wird er versucht sein, das, was er gerade denkt, zu notieren � f�r den Fall, dass er den Brief einmal tats�chlich schreiben wird. Aber schon der Gang nach dem Schreibzeug, ja, schon Geringeres k�nnte, so wird er bef�rchten, seine Stimmung vertreiben.</p><p><emphasis>Ja, es ist tr�stlich, so an dich denken zu k�nnen, und manchmal frage ich mich: Vielleicht gen�gt das? Einerseits tut es weh, dass ich, als du greifbar nah warst, so fahrl�ssig mit alledem umgegangen bin. Andererseits mache ich gerade die seltsame Erfahrung, dass man nicht unbedingt besitzen muss, was man liebt. Einerseits zieht es mich zu dir, um nachzuholen, was ich zu geben vers�umt habe. Andererseits f�rchte ich, dass ich � nach dem, was mir die Medizin prognostiziert � umso mehr nur der Nehmende w�re. Einerseits m�chte ich dir das alles gern schreiben. Andererseits f�rchte ich, du wirst es als eine Art Heiratsantrag aufnehmen � und das ist es ja auch.</emphasis></p><p>Wenn er den Kaffee getrunken hat, wird er seine Laufschuhe anziehen und ein paar Kilometer laufen. Er hat sich Laufschuhe in Pochutla gekauft. Anfangs hat er es mit Spazierg�ngen versucht: wie Kurt � er hat gelacht, als er sich bei diesem Gedanken ertappte, er k�nne vielleicht operabel werden, wie Kurt, wenn er dessen Lebensstil imitiere. Aber bald stellte sich heraus, dass die Gegend kaum f�r Spazierg�nge geeignet ist. Das Hinterland, das er schon aus dem Taxi gesehen hat, ist kaum verlockend. Einzig der Strand w�rde zum Spazierengehen einladen, wenn nicht die einzelnen Buchten durch un�berwindliche Felsen voneinander getrennt w�ren. Man kommt nur auf der Stra�e von Bucht zu Bucht, und die Stra�e ist langweilig. Also l�uft er.</p><p>Er wird � wie immer, so auch an diesem Tag � in n�rdlicher Richtung die schmale, sich windende Asphaltstra�e entlangtraben, wird gelassen die Steigungen angehen, ohne den Puls in die H�he zu treiben, gerade so, dass er das Gef�hl hat, ewig weiterlaufen zu k�nnen.</p><p>Hin und wieder werden Autos vorbeifahren. Die Leute im Sammeltaxi werden die K�pfe nach ihm verdrehen. Fu�g�nger gibt es hier selten, und als er in der Ferne zwei M�nner auf sich zukommen sieht, wird er sich unwillk�rlich fragen, wie er ihnen, falls sie ihn ausrauben wollen, begreiflich macht, dass er nicht mehr als zwanzig Pesos bei sich tr�gt.</p><p>Es sind, wie sich schnell herausstellt, zwei M�nner mittleren Alters, sehnige, dunkelh�utige Gesch�pfe, die genau so aussehen wie die Arbeiter, die sich vor einigen Tagen vor der Kommunalen Verwaltung von Puerto Angel versammelt haben, um sich �ber die miserable Qualit�t des Trinkwassers zu beschweren. Sie werden ihn stumm, aber freundlich gr��en, wie nur M�nner M�nner zu gr��en imstande sind, und Alexander wird, er wei� nicht mal warum, von ihrem Gru� zu Tr�nen ger�hrt sein.</p><p>Dann kommt Zipolite in Sicht. Der Kioskbesitzer wird ihm von weitem schon durch �bertriebene (und eigentlich vollkommen unverst�ndliche) Gesten signalisieren, dass er das Wasser bereitstellen wird: Mit der Zeit hat Alexander sich angew�hnt, auf dem R�ckweg hier Wasser zu kaufen, anstatt mit einer Halbliterflasche in der Hand durch die Gegend zu rennen. Aber zun�chst, auf dem Hinweg, wird er noch vor dem Kiosk links abbiegen, zum Meer.</p><p>Nach ein paar hundert Metern wird er die Bucht von Zipolite erreichen. Es ist die Hippie-Bucht. Sie ist vielleicht zwei Kilometer lang und, im Gegensatz zur kleineren Bucht von Puerto Angel, wo auch Einheimische baden, fast ausschlie�lich von jungen, ausl�ndischen Touristen bev�lkert, die mit ihren Haartrachten und ihren Kettchen tats�chlich als Hippies durchgehen k�nnten � wenn sie nicht alle ein bisschen zu wohlgeformt, ein bisschen zu schick w�ren.</p><p>Um diese Zeit liegen sie noch in den H�ngematten; sie schlafen direkt am Strand unter den mit Palmenbl�ttern gedeckten Pfahlkonstruktionen, <emphasis>Palapas</emphasis> genannt, welche die zahlreichen kleinen Bars und Strandhotels � so vermutet er � billig vermieten. Einer jedoch, ein Wohlgeformter und Schicker mit blauen Augen und sonnengebleichtem Haar, wird sich ihm pl�tzlich anschlie�en, und Alexander wird, allen guten Vors�tzen zum Trotz, seine Schritte kaum merklich verl�ngern.</p><p>��Hi, wird der Wohlgeformte sagen. Where�re you just coming from?</p><p>��Puerto Angel, wird Alexander antworten, und der Wohlgeformte wird sagen:</p><p>��Wow, great!</p><p>Schon nach ein paar hundert Metern wird der Wohlgeformte anfangen zu schnaufen. Noch bevor die Bucht zu Ende ist, gibt er auf.</p><p>��Wow, great, wird er noch einmal sagen und seine Hand heben zum Gru�, und Alexander wird von diesem unverhofft leichten K.-o.-Sieg derma�en befl�gelt sein, dass er beschlie�t, bis Mazunte zu laufen.</p><p>Er war bereits in Mazunte, mit einem Sammeltaxi. Er hat das Schildkr�tenmuseum besucht. Schildkr�ten interessieren ihn nicht im Geringsten, aber der Motorradrocker hat ihm den Besuch des Museums empfohlen, und zwar so nachdr�cklich, dass es einer Beleidigung gleichgekommen w�re, dem nicht zu folgen. Fr�her, so hat ihm der Motorradrocker erz�hlt, sei in Mazunte eine Fabrik gewesen, in der die Wasserschildkr�ten, die jedes Jahr zur selben Zeit am Strand von Mazunte � und nur hier � ihre Eier ablegen, auf brutalste Art abgeschlachtet und zu Dosensuppe verarbeitet wurden. Nun sei das Abschlachten endlich verboten worden, und man widme sich stattdessen der Aufzucht und dem Schutz der Reptilien. Tats�chlich hat Alexander dann eine Stunde lang den Entwicklungszyklus der Wasserschildkr�ten studiert, hat die verschieden gro�en und kleinen Exemplare in den Becken betrachtet und war ger�hrt von der F�rsorglichkeit der Pfleger, die sich um die Schildkr�ten k�mmern, sie heilen und wieder aussetzen und sogar deren Eier, wenn sie von irgendeinem der Tiere nicht richtig am Strand vergraben worden sind, einsammeln und auf der Station zur Ausbrut bringen, und er beschloss, diesen Ort jenem kleinen Teil von Erfahrungen zuzuschlagen, die, im Gegensatz zu den vielen gegenteiligen, daf�r sprechen, dass sich die Menschheit allm�hlich bessert.</p><p>Die Sonne wird gut eine Handbreit �ber dem Horizont stehen, wenn er in Mazunte einl�uft, die H�user von Mazunte werden dunkle, kantige Schatten werfen, und Alexander wird, wenn er den breiten Strand passiert, noch durch die Schuhe hindurch die Hitze des Sandes sp�ren, in dem die Schildkr�ten ihre Eier vergraben. Die Bucht von Mazunte ist breiter als die von Zipolite, breiter und wilder und leerer. Das Meer, so ist ihm gesagt worden, ist gef�hrlich hier. Und der Himmel ist gr��er � falls es nicht an der kleinen Endorphin-Dosis liegt, die ihm sein K�rper nach etwas �ber zehn Kilometern spendiert. Auf seinem Gesicht wird sich ein L�cheln bilden. Die Beine werden laufen wie von selbst und seine F��e wie von selbst den festen Bereich auf der Strandb�schung finden, den schmalen Grat zwischen zu feuchtem und zu trockenem Sand, zwischen Wasser und Erde. Das Meer wird z�ngeln nach ihm. Das Meer will ihn berauschen. Er wird jubeln, unh�rbar, aber laut in das Rauschen hinein. Er wird die hochschie�enden Wellen spielerisch und mit genau bemessenen Schritten umlaufen. Er wird fasziniert sein von der Pr�zision seiner Bewegungen. Er wird das Gef�hl haben, als steuere er gar nicht selbst, als �bernehme sein K�rper die F�hrung, als l�se er sich allm�hlich von dem, was da steuert � und im selben Augenblick, im Augenblick der Schwebe, wird sich der Gedanke in sein Bewusstsein dr�ngen, dass das alles, das Da-Sein, vollst�ndig und unwiderruflich ausgel�scht werden wird, und dieser Gedanke wird ihn treffen mit einer Wucht, dass er M�he haben wird, sich auf den Beinen zu halten.</p><p>Wenn er an diesem Tag wieder in Puerto Angel ankommt, wird er vierundzwanzig Kilometer gelaufen sein. Er wird mit dem typischen, kleinen Ziehen in den Achillessehnen die Treppe hochsteigen, wird deutlich die hintere Oberschenkelmuskulatur sp�ren und den dumpfen Druck in den von hundert- und tausendfachen Stauchungen beanspruchten Gelenken. Er wird geduldig die obligatorischen Dehnungs�bungen an der Wand neben seinem Zimmer absolvieren, wird das Hohlkreuz auskr�mmen, bis sich die Versteifung mit einem befreienden Knacken l�st, und wird ohne besonderen Kraftaufwand die wieder einmal aufblitzende Hoffnung abwehren, dass seine Diagnose ein Irrtum sei. Er wird sich mit einer Trinkwasserflasche in der Hand noch im schwei�nassen Shirt auf die breite, steinerne Terrassenbr�stung setzen und es, zumindest eine Zeitlang, als angenehm empfinden, den harten Pfeiler im R�cken zu sp�ren.</p><p>Die beiden Rucksacktouristen, die gestern angereist sind, werden aus ihrem Zimmer kommen: zwei freundliche, junge Menschen, die gerade ihr Abitur gemacht haben d�rften: eine makellose Sch�nheit und ein hochaufgeschossener, etwas magerer junger Mann. Sie werden aus ihrem Zimmer kommen und Alexander fragen, wo man hier eine Schnorchelausr�stung ausleihen kann.</p><p>Die Frage wird Alexander nicht beantworten k�nnen.</p><p>Die beiden werden versichern, dass dies kein Problem sei. Sie k�nnten ja unten im Dorf fragen.</p><p>Sie werden ihm, wenn sie losgehen, zuwinken wie einem alten Bekannten, und Alexander wird zur�ckwinken. Er wird ihnen nachschauen, wie sie den Gang entlangschlendern und zur Treppe einbiegen; wie sie auf der obersten Stufe noch einmal kurz stehen bleiben, um, unh�rbar f�r Alexander, �ber irgendetwas zu verhandeln. Die Sch�ne wird ihre Stirn kraus ziehen. Der magere junge Mann wird ihre H�nde in seine H�nde nehmen. Seine Schulterbl�tter werden sich durch das erdfarbene T-Shirt abzeichnen wie gestutzte Fl�gel.</p><p>Alexander wird duschen gehen. Er wird, mit beiden H�nden gegen die Wand gestemmt, das warme Wasser �ber seinen R�cken und seine Beine laufen lassen: lange � solange das Wasser im Boiler reicht.</p><p>Dann wird er das zusammenklappbare Schachbrett seines Vaters unter den Arm klemmen und, trotz der Hitze jetzt ein wenig fr�stelnd, zum Strand hinabsteigen. Er wird sich in seinen Liegestuhl unter dem blauen Sonnenschirm setzen und wird sich, bevor er sich seiner Vormittagsbesch�ftigung widmet, bei einer der Mexikanerinnen, die hier am Strand umgehen, ein kleines Fr�hst�ck zusammenkaufen.</p><p>Er kauft immer bei derselben Frau und immer dasselbe: einen Plastikbecher mit gesch�ltem Obst und drei Tortillas; dennoch wird die Frau, wenn sie � nach Wahrung einer gewissen Anstandsfrist � neben ihm auftaucht und ihm ihre wenigen Waren vorlegt, ihn wieder mit demselben fragenden (aber keineswegs bittenden) Blick anschauen; sie wird, nachdem er seinen Obstbecher und seine Tortillas bekommen hat, im Kopf alles aufs Neue zusammenrechnen und zu einem Ergebnis kommen, das t�glich ein wenig differiert, was Alexander mit der jeweiligen Zusammenstellung des Obstes in Zusammenhang bringt (heute sind es Mango, Ananas und Melone), was aber praktisch keine Bedeutung hat, weil die Summe, die er ihr, unter Einrechnung eines kleinen Trinkgelds, am Ende zu �berlassen pflegt, ohnehin immer dieselbe ist. Es geht der Frau, so vermutet Alexander, lediglich darum, ihm � oder sich?�� das Gef�hl zu vermitteln, es handle sich hier um eine Transaktion zwischen gleichberechtigten Partnern, was nat�rlich nicht im Mindesten zutrifft. Nichts ist offensichtlicher als ihre Ungleichheit � eine Ungleichheit, die, so viel ist ihm klar, letztlich auf nichts anderem beruht als auf ein paar � obendrein gestohlenen � Banknoten.</p><p>Deshalb, oder vielleicht auch, weil der Hunger ihn allm�hlich kribbelig macht, wird Alexander beschlie�en, das Ritual abzuk�rzen und der Frau das Geld in die Hand zu dr�cken � und wird es dann doch nicht tun, sondern abwarten, bis sie mit umst�ndlicher Sorgfalt einen � von insgesamt drei � Obstbechern ausw�hlt, drei � von insgesamt sechs � Tortillas auf einen Pappteller schiebt und mit leerem Blick ihre unsichtbaren Zahlen zusammenrechnet; er wird ihre dunklen, an den Innenseiten jedoch kindlich rosigen H�nde betrachten, ihr schmales, strenges, von einem rauchblauen Tuch umh�lltes Gesicht, und wird sich fragen, wie alt die Frau ist: f�nfzig? Drei�ig? Wie hoch ist eigentlich die Lebenserwartung in Mexiko? Besser gefragt: Wie hoch ist eigentlich die Lebenserwartung einer Frau aus der mexikanischen Unterschicht?</p><p>Obwohl er vor Unterzuckerung schon ein wenig zu zittern beginnt, wird er abwarten, bis die Frau sich mit langsamen, vom Sand gebremsten Schritten entfernt hat. Dann wird er das Obst noch einmal gr�ndlich mit Trinkwasser absp�len.</p><p>Er wird alles Obst auf einmal essen. Er wird essen, zitternd vor Gier, und wird es, wenn er seine vom s��en Obst klebrigen, wie zum Schwur erhobenen Finger betrachtet, nicht vermeiden k�nnen, an Kurt zu denken, der irgendwo auf der anderes Seite der Erde durch ein verfallendes Haus irrt. Er wird sich fragen, ob Kurt ihn, Alexander, auf irgendeine dunkle, unklare Weise vermisst. Dann wird er, nachdem er auch die Tortillas gegessen hat, seine Finger mit etwas Sand und Wasser reinigen und das alte Schachbrett aufklappen, in dem er die aus Kurts Ordner mit der Aufschrift PERS�NLICH entnommenen Bl�tter verwahrt.</p><p>Er hat die Bl�tter wiederentdeckt, als er das erste Mal mit dem Motorradrocker Schach spielte. Anfangs hat er geglaubt, es handle sich ausschlie�lich um Briefe Kurts an Irina. In Wirklichkeit sind es verschiedene Schriftst�cke. Zum einen sind es tats�chlich Briefe: einzelne, ausgew�hlte Briefe an Irina, aber auch welche von ihr, sowie Kurts Briefe an ihn, Alexander, von denen Kurt � typisch � einen Durchschlag aufbewahrt hat. Zum anderen handelt es sich um Notizen, die Kurt in immer derselben, mageren Schrift auf die R�ckseiten alter Abrechnungen oder verworfener Manuskriptseiten geschrieben hat. Notizen � wof�r? Wor�ber?</p><p>Zuerst hat Alexander ungeduldig und unsystematisch gelesen. Kurts Handschrift, obwohl auf den ersten Blick akkurat, ist nicht leicht zu entziffern. Die �ber und �ber bekritzelten Seiten haben Alexander abgesto�en. Es roch nach Pflicht. Es roch nach Kurt. Es war, als k�me ihm in dieser Schrift noch einmal all das Fordernde, Raumgreifende, Beherrschende entgegen, das Kurt f�r ihn einmal bedeutet hat.</p><p>Manches ist unverst�ndlich geblieben, selbst wenn es ihm gelungen ist, die Buchstaben zu entziffern � als h�tte Kurt es darauf angelegt, den Inhalt dessen, was er notierte, zu verbergen.</p><p>Ein Eintrag �ber eine Parteiversammlung: Von �Rohdes Hinrichtung� ist die Rede. Von einem ZK-Mann, der Kurt an (unleserlich) erinnert. Von einem blauen Trabbi im Wald mit beschlagenen Scheiben.</p><p>Hier und da sogar Aufzeichnungen in Russisch, obendrein so kryptisch, mit Abk�rzungen gespickt, dass Alexander lange gebraucht hat, um zu begreifen, worum es sich �berhaupt handelt � n�mlich um Protokolle erotischer Erlebnisse. Warum hat Kurt das notiert? Warum in Russisch?</p><p>Gut leserlich: eine Beschwerde �ber Charlotte, die gerade einen Artikel �ber die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos schreibt:</p><p><emphasis>Keine Ahnung von nichts. Ruft sieben Mal t�glich an. Will wissen, wie viel Nullen eine Million hat.</emphasis></p><p>Kurioses gibt es mitunter auf R�ckseiten zu lesen: eine Beschwerde Kurts �ber eine ums Hundertfache zu hohe Gasrechnung oder einen Brief, in dem es um das kollektive Autorenhonorar f�r eine in Japan erschienene �Teilver�ffentlichung� geht, von der Kurt vierundvierzig Mark zustehen, die H�lfte in Valuta auszuzahlen, falls er ein Valuta-Konto besitze; ansonsten in Forum-Schecks: <emphasis>Bitte umgehend melden!</emphasis> Der Brief ist vom Institutsdirektor und einem Stellvertreter gezeichnet.</p><p>Es gibt auch Notizen, in denen Alexander vorkommt, wobei Kurts Erinnerungen von dem, was er selbst erinnert, erstaunlich stark abweichen: Er erinnert sich nicht, die Uniform f�r einen Krankenbesuch bei Wilhelm <emphasis>freiwillig</emphasis> angezogen zu haben; es wundert ihn, dass Kurt die blonde Christine als <emphasis>intelligent, aber ein bisschen zu hundertprozentig</emphasis> ansah; er fragt sich, wo er gewesen ist, als seine Mutter beim Anblick ihres uniformierten Sohns <emphasis>in Tr�nen ausbrach</emphasis>, weil sie sich, wie Kurt behauptet, daran erinnerte, wie ihr ein Vorgesetzter einmal befahl, einem verletzten deutschen Soldaten den Gnadenschuss zu geben � was sie verweigerte, obwohl auf Befehlsverweigerung die Todesstrafe stand. In Klammern: <emphasis>In Personenbeschreibung aufnehmen.</emphasis></p><p>Was ist das? Aufzeichnungen f�r einen Roman? F�r einen zweiten, in der DDR spielenden Teil seiner Memoiren?</p><p>An diesem Tag � am Tag von Mazunte � wird Alexander auf eine Notiz vom Februar 1979 sto�en. Selbstverst�ndlich erinnert er sich an diesen Winter. Dass jedoch von ihm, von Alexander, die Rede ist, wird er erst ahnen, als es ihm gelungen ist, dies zu entziffern:</p><p><emphasis>Ist offenbar durchgedreht.</emphasis></p><p>Und ein St�ck weiter unten:</p><p><emphasis>Belehrt mich, dass mein Leben eine einzige L�ge sei.</emphasis></p><p>Und noch ein St�ck weiter unten (und noch erstaunlicher):</p><p><emphasis>Melitta zufolge geht er neuerdings in die Kirche.</emphasis></p><p>Das Bild, das auftauchen wird: die Sch�nhauser Allee. Schmutzige Schneer�nder. Sein Vater geht neben ihm � aber wohin? Wohin gehen sie?</p><p>Ziemlich deutlich: wie Kurt pl�tzlich stehen bleibt und schreit, und es wird Alexander so vorkommen, als h�re er � vollkommen absurd � <emphasis>was</emphasis> Kurt schreit:</p><p><emphasis>In Afrika hungern die Leute!</emphasis></p><p>Es folgt eine Aufstellung aller geldwerten Zuwendungen, die er, Alexander, im Dezember 1978 erhalten hat � einschlie�lich der Weihnachtsgeschenke (zusammen zweitausendzweihundert Mark); es folgen Klagen dar�ber, wie sehr Irina seinetwegen � Alexanders wegen � leide; es folgt ein schwer zu entziffernder Satz �ber das Leben, das Kurt sich, wenn Alexander richtig liest, nicht <emphasis>versauen</emphasis> lassen will.</p><p>Am Nachmittag, wenn die hei�este Stunde des Tages sich n�hert, wird Alexander die losen Bl�tter wieder ins Schachbrett packen und zum G�stehaus aufsteigen. Der Motorradrocker wird ihn, als er ihn mit dem Schachbrett unter dem Arm kommen sieht, zu einer Partie auffordern, und Alexander wird zustimmen, obwohl die Nachmittagsschl�frigkeit ihm schon die Augen zuzudr�cken beginnt.</p><p>Wie immer, wenn sie Schach spielen, werden sie sich, um ungest�rt zu sein, auf die Bank hinter dem Frida-Kahlo-Trakt setzen, wo Alexander sonst die Zeitung vom zw�lften September liest, seitlich einander zugewandt, das Schachbrett zwischen ihnen, leicht geneigt, wie die Sitzfl�che.</p><p>Alexander wird mit f2�f4 er�ffnen, einer aggressiven, etwas leichtsinnigen Variante, die er oft � und anfangs mit Erfolg � gegen Kurt gespielt hat. Der Motorradrocker wird ganz unaufgeregt mit d7�d5 antworten, und Alexander wird, auch um einem sp�teren Dame h4 vorzubeugen, den Springer, den vor mehr als einem halben Jahrhundert ein H�ftling aus dem Holz einer sibirischen Zeder geschnitzt hat und bei dem, seit Alexander denken kann, die Schnauze fehlt, nach f3 ziehen.</p><p>Die H�hner der mexikanischen Angestellten werden hinter dem Maschendrahtzaun im fruchtlosen Sand herumpicken.</p><p>Alexanders Gedanken werden, w�hrend er mechanisch 2.�� c5, 3. e3 e6, 4. b3�Sc6, 5.�Lb2�Sf6 und 6.�Ld3 spielt, noch einmal zu jenem fernen Wintertag zur�ckkehren: zu den vereisten Gehwegen auf der Sch�nhauser, zu dem merkw�rdigen, ziellosen Gang, zu der Afrika-Szene�� Aber pl�tzlich wird der Film weitergehen: Alexanderplatz, kalter Wind. Das alte, l�ngst nicht mehr existierende Automatenrestaurant links neben der Weltzeituhr � ist das m�glich?</p><p>Der Motorradrocker, der �brigens Xaver hei�t, wird sich nach der beiderseitigen Rochade weit �ber das Brett beugen, sodass sein Kopf das halbe Spielfeld verdeckt, und Alexander wird, um nicht auf die r�tliche Haut sehen zu m�ssen, die an den lichten Stellen zum Vorschein kommt, seinen Blick in die Ferne richten und sich, w�hrend der Kopf des Motorradrockers nachdenklich �ber der Stellung zu wippen beginnt, pl�tzlich an Details erinnern: an die damals modernen, aber schon abgeschabten Stehtische aus Sprelacart; an den metallenen Tresen; an den Geruch von � war es Kesselgulasch? Er wird Kurt sehen, in seinem Lammfellmantel und seiner biederen Pelzm�tze, an einem jener Sprelacart-Tische stehend und seine Suppe l�ffelnd; er wird sich selbst sehen, von au�en: kahl geschoren, in seinem zerschlissenen Parka und � unglaublich, auch das wei� er noch!�� in jenem blauen, mehrfach und in nicht ganz passender Farbe geflickten Pullover, den zu tragen er damals f�r n�tig befand, weil er das unerkl�rliche Bed�rfnis versp�rte, absto�end zu wirken.</p><p>Der Motorradrocker wird Dame b6 spielen, und Alexander wird schon im Moment, da der Motorradrocker gezogen hat, sp�ren, dass er nicht die n�tige Konzentration aufbringen wird, um diesen eigentlich plumpen, kaum ernstzunehmenden Angriff auf seine durch die Er�ffnung f2�f4 leicht entbl��te K�nigsstellung zu entkr�ften.</p><p>Nach der Schachpartie, die er nach dem siebzehnten Zug aufgegeben haben wird, wird er sich in die H�ngematte vor seiner Zimmert�r legen. Er wird sich mit den Fingerspitzen am Terrassengel�nder absto�en, wird seine vom Laufen erm�deten Sehnen und Muskeln sp�ren, und w�hrend die Schwerkraft ihn in die Arme nimmt, werden allerlei Gedanken unkontrolliert in seinem Kopf umherspringen, Kolumbus wird ihm einfallen, der die H�ngematte nach Europa gebracht hat, und der Gedanke, es k�nnte sich um eines der gr��ten Missverst�ndnisse zwischen den beiden Kulturen handeln, dass Kolumbus beim Anblick des indianischen H�ngebetts nichts anderes sah als eine effektive M�glichkeit, Matrosen in Schiffen zu stapeln, wird Alexander f�r einen Augenblick als gro�e Entdeckung erscheinen; auch wird er sich fragen, ob er gleich h�tte L�ufer d5 spielen sollen; noch einmal wird ihm der h�ssliche, mehrfach und in nicht ganz passender Farbe geflickte Pullover einfallen, und er wird sich fragen, wieso es so sch�n, sogar tr�stlich ist, sich daran zu erinnern.</p><p>Dann werden die Palmenbl�tter aufgeh�rt haben zu rascheln. Verstummt sein wird das Schreien und Lachen im Dorf und das Geklapper in der hauseigenen K�che. Die Motoren werden schweigen, und schweigen werden auch die Radiostimmen, die sonst zu allen Tageszeiten aus den Lautsprechern einer gerade er�ffneten Bankfiliale her�berschwappen.</p><p>Einzig das Knirschen der Hanfseile wird noch zu h�ren sein. Und das gleichg�ltige, ferne Rauschen des Meeres.</p></section><section><title><p><strong>Informationen zum Buch</strong></p></title><p>Von den f�nfziger Jahren �ber das Wendejahr 89 bis zum Beginn des neuen Jahrtausends reicht dieser Roman einer Familie. Im Mittelpunkt drei Generationen: Die Gro�eltern, noch �berzeugte Kommunisten, kehren aus dem mexikanischen Exil in die junge DDR heim, um dort ihren Anteil am Aufbau der neuen Republik zu leisten. Ihr Sohn, als junger Mann nach Moskau emigriert und sp�ter in ein sibirisches Lager verschleppt, tritt die Reise vom anderen Ende der Welt, dem Ural, an. Er kehrt mit seiner russischen Frau zur�ck in eine Kleinb�rgerrepublik, an deren Ver�nderbarkeit er weiterhin glauben will. Dem Enkel wird die Wahlheimat von Eltern und Gro�eltern indes zusehends zu eng � bis er, ausgerechnet am neunzigsten Geburtstag des Patriarchen, in den Westen geht. Die Strahlkraft der politischen Utopie scheint sich von Generation zu Generation zu verdunkeln: Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts.</p><p>Ein halbes Jahrhundert gelebter Geschichte, ein Deutschlandroman voll �berraschender Wendungen und Details: gro� durch seine menschliche Reife, seine Genauigkeit, seinen Humor.</p></section><section><title><p><strong>Informationen zum Autor</strong></p></title><p>Eugen Ruge, 1954 in Soswa (Ural) geboren, studierte Mathematik an der Humboldt-Universit�t und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut f�r Physik der Erde. Er war beim DEFA-Studio f�r Dokumentarfilm t�tig, bevor er 1988 aus der DDR in den Westen ging. Seit 1989 arbeitet er hauptberuflich f�rs Theater und f�r den Rundfunk als Autor und �bersetzer.</p><p>2009 wurde Eugen Ruge f�r sein erstes Prosamanuskript �In Zeiten des abnehmenden Lichts� mit dem Alfred-D�blin-Preis ausgezeichnet.</p></section><section><title><p><strong>Impressum</strong></p></title><p>Rowohlt Digitalbuch, ver�ffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2011</p><p>Copyright � 2011 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg</p><p>Dieses Werk ist urheberrechtlich gesch�tzt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages</p><p>Umschlaggestaltung: ANZINGER | W�SCHNER | RASP, M�nchen</p><p>Umschlagabbildung: Stockwerk/&#x200B;Plainpicture</p><p>Schrift DejaVu Copyright � 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved. Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.</p><p>Konvertierung Koch, Neff &amp; Volckmar GmbH, KN digital � die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart</p><p>ISBN Buchausgabe 978 ��3 ��498 ��05786 ��2 (1.�Auflage 2011)</p><p>ISBN Digitalbuch 978 ��3 ��644 ��01411 ��4</p><p>www.rowohlt-digitalbuch.de</p></section></body><binary id="cover" 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