<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Judith</first-name><last-name>Zander</last-name></author><book-title>Dinge, die wir heute sagten</book-title><annotation><p>Bresekow, ein Dorf in Vorpommern. Als die alte Frau Hanske stirbt, kommt ihre Tochter Ingrid mit ihrer Familie aus Irland zur Beerdigung. Ingrid hatte Bresekow vor vielen Jahren fluchtartig verlassen. Der Besuch ver�ndert vieles im Dorf, wirft gerade f�r die Familien Ploetz und Wachlowski alte und neue Fragen auf. Die Dorfbewohner beginnen zu sprechen, �ber ihr derzeitiges Leben und ihre Verstrickungen von damals. Bresekow war immer eine kleine Welt, eng, abgelegen und heute zudem vom Verfall bedroht.</p><p>Judith Zander l�sst drei Generationen zu Wort kommen. Sie erz�hlt mit ungeheurer Sprachkraft von einem verschwiegenen Ort im Nordosten Deutschlands, von Provinz und Alltag, von Freundschaft und Verrat, vom Leben selbst.Die Autorin wurde bei den 34. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt f�r ihren Auszug aus 'Dinge, die wir heute sagten' mit dem 3sat-Preis 2010 geehrt. Sie erhielt f�r diesen Roman den Preis der Sinecure Landsdorf 2010 und war nominiert f�r den Klaus-Michael K�hne-Preis 2010. Zudem wurde der Roman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2010 aufgenommen.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name/><last-name>dtv</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-23">23.5.2016</date><id>34ae5b01-c7fb-49e8-8dac-7560bf909c37</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Dinge, die wir heute sagten</book-name><publisher>Deutscher Taschenbuch Verlag </publisher><year>2010</year></publish-info></description><body><title><p>Judith Zander</p><empty-line/><p>Dinge, die wir heute sagten</p></title><epigraph><p>MEINEN ELTERN</p></epigraph><section><title><p><strong>JOHN &amp; PAUL</strong></p></title><p>IRGENDWANN WENN ICH EINSAM BIN</p><p>W�NSCHEND DU W�RST NICHT SO WEIT WEG</p><p>WERDE ICH MICH ERINNERN AN</p><p>DINGE DIE WIR HEUTE SAGTEN</p></section><section><title><p><strong>ROMY</strong></p></title><p>So glotzen sie vom Regal: die br�ckligen Leiber im spitzen Winkel, die Scheren die Schenkel, leichte Schlagseite beide. Zwielicht. John und Paul. Mehr gibts nicht zu sagen? Achso, Paul fehlt ein Auge. Nicht so schlimm, PAUL IS DEAD.�Das ist kein R�tsel, das ist offensichtlich. Wie auch immer. However. Was f�r ein Wort. Es ist gro�z�gig, niemand hier kennt es, aber es klingt wie die Wellen, wenn sie gem�chlich sich dem Strand �berlassen, die ganze Ostsee singt best�ndig however, however. Es klingt beinah wie ein Name.</p><p>Was wei� das Dorf schon davon, das kleine Kaff im Hinterland. Mamas dusslige Heimat,�Sammelstelle f�r Bekloppte�, wie Papa zu sagen pflegte, bevor wir herkamen vor einem Jahr, aus der Stadt, na ja Stadt. Und sechs Kilometer machen noch keinen Unterschied. Nur d�st jetzt vor der Haust�r der Acker, das geschorene Feld mit den blonden, harten Stoppeln, moddrig und m�rrisch, vom gleichen Schlag. Hinterm R�cken, auf der Lauer, die sogenannte Gemeinde, dort klatscht und tratscht und meckert und schuftet und lungert es wie ehedem. Und es guckt Fernsehen, haupts�chlich. Dar�ber der br�sige Himmel, die k�sige K�seglocke. Es stinkt im Dorf.�Alles Inzest�, sagt Papa.</p><p>Mittendrin der Eingang zur H�lle. Es ist nicht die Kneipe, wo bekanntlich� der Teufel Alkohol �haust. Es gibt keine Kneipe in Bresekow. Es gibt �berhaupt nichts. Es ist das Zentrum des Nichts, das sich kurz hinter Berlin auftut und bis Rostock nicht aufh�rt. Hier liegen die verschwiegenen Orte, nachl�ssig versch�ttet in einer Landschaft zum �bersehen, flach. Ein h�ssliches Endlein der Welt, �ber das man besser den Mund h�lt. Das Dorf kennt keine Aufregung, es regt sich nur gern auf. �ber ein Geheimnis, das nicht verheimlicht wird. Das wird nicht geh�tet, das wird sorgsam sich selbst �berlassen, das wird genannt: die Elpe. Es ist kein Fluss oder so, keine t�dlige alte Verwandte der Elbe. Man muss es sehen. Man will aber nicht.</p><p>Auf der Elpe treffen sie sich, allabendlich. Auf der Elpe bauen sie Schei�e, auf der Elpe machen sie sonstwas. Auf der Elpe saufen sie. Auf der Elpe kiffen sie. Auf der Elpe dr�cken sie sich in muffigen Ecken rum und zeigen sich ihre Solariumsb�uche und h�ngen unersch�tterlich dem Glauben an, ihre Zungen seien dazu da, sie sich gegenseitig in den Rachen zu stopfen. Es kreischen die M�dchen auf der Elpe, die Jungs teilen gerne aus. Auf der Elpe gibts Sauren Appel und Kloppe. Auf die Elpe geh ich nicht. Nein, meine Suppe ess ich nicht. Das ist nicht mein Bier, was da passiert, was da versch�ttet wird. Die Bomberjacken, die Woche f�r Woche speckiger werden. Die dr�hnenden Witze, die immer noch dreckiger werden k�nnen anscheinend. Die Ausw�chse, spillrigen Ranken, M�dchengesichter �berwuchert von Schminke, was gehn sie mich an. Die Wurzeln der H�lle.</p></section><section><title><p><strong>INGRID</strong></p></title><p>Die Heimat, na wenn schon.</p><p>�Da fahren wir also in deine Heimat�, sagt Michael, auf Deutsch, und grinst.</p><p>Du sagst:�Das ist nicht meine Heimat�, und da lacht er dich aus.�It�s not my heimat, you know, und sei froh, dass du so ein Wort in deiner einfachen Sprache nicht hast!�</p><p>Dann versucht er, dich in den Arm zu nehmen, du glaubst, ihretwegen, aber du willst nicht, du rennst raus in den Garten. Manchmal kann man dort das Meer h�ren, wie diesen Abend. Dass es hier noch �Kanal� hei�t, st�rt dich nicht, und ein Georg ist dir doch nicht bekannt, von fr�her, zumindest kein heiliger. Die Luft schmeckt kalt und salzig, und du denkst, das ist der Herbst, fr�h dieses Jahr, und du wirst seinen Einzug verpassen. Dann f�llt dir ein, dass dr�ben ja auch Herbst ist. Nur anders. Zwar auch, aber anders, da bestehst du drauf, stures Kind, wei�t aber nicht, was du meinst damit. Verseucht, in- und auswendig, heillos. So was. Du hast die neuen Strumpfhosen zum Schulbeginn im Kopf und den Zuckerr�bengeruch in der Nase, im Nacken ein Brennen wie von Hagebutten, die l�stigen Bengels.</p><p>Trotzdem, der Herbst tat stets gut. Die Langeweile h�rte auf. Man kam sich wieder brauchbar vor. �berhaupt anwesend. Im Sommer warst du nirgendwo, nicht im Bikini am See, nicht in der Eisdiele in der Stadt. Nicht im Heu mit irgendwem. Im Sommer hatte st�ndig einer Geburtstag. Im Herbst hast du kaum an irgendetwas denken m�ssen, au�er tr�ge an den Republiksgeburtstag, deinen eigenen hast du versucht zu vergessen. Alle anderen konnten das ja auch. Aber nun ist sie gestorben, die deine Mutter war, wer h�tte das gedacht, hat einen Todestag und du eine Pflicht.</p><p>FRISCH WEHT DER WIND/DER HEIMAT ZU/MEIN IRISCH KIND/WO WEILEST DU? Jetzt tu nicht so, das ist nicht neu. Das ging dir alle paar Wochen im Kopf rum, seit Michael es dir damals vorgelesen hatte.�Das steht doch nicht so da�, hattest du gesagt und gemeint: so auf Deutsch. Er hat dir das Buch hingehalten. Es war blo� ein Zitat.</p><p>Als du ins Haus zur�ckgehst, sagst du zu dir: nein. Was dich daran denn jetzt noch anbindet: nichts. Nein. Du f�ngst an zu weinen. Michael versteht das nat�rlich falsch. Er wei� nichts, nein. Es wird gut sein f�r seine Arbeit, sagt er.</p><p>OED UND LEER DAS MEER.</p></section><section><title><p><strong>DIE GEMEINDE</strong></p></title><p>Na wat seggst dootau nu isse doot</p><p>Joo nu isse doot ick heww dat</p><p>De Olsch</p><p>Ick hab dat erst gestern inne Zeitung</p><p>Wer hat denn</p><p>Na Peter</p><p>Nee ick mein wer hatse denn</p><p>Na Wietmann</p><p>De Paster? Wieso</p><p>Gehste hin wir gehn hin wolln doch ma h�rn</p><p>Wulln�w doch eis h��rn wat hei</p><p>Montach um dreie</p><p>�wwer ick heww joo goor nix taun Antrecken</p><p>Wier sei denn krank</p><p>Nee</p><p>Ach wei�t wat ick zieh die dunkelblaue</p><p>Dei Popelinjack</p><p>Ick hab sie ja noch na letzte Woche</p><p>Weckern k�mmt denn doo vun ehr ick mein</p><p>Na Peter</p><p>Wat wird denn nu mit dat Haus dat hat doch gar nich</p><p>Peter mit seine Familie</p><p>Ach der is is der verheirat ick dacht</p><p>Dat hemm�w em joo goor nich</p><p>Un de Dochter?</p></section><section><title><p><strong>PASTOR WIETMANN</strong></p></title><p>Am liebsten h�tten Sie sie ja wohl selbst unter die Erde gebracht, mein werter Herr Seelsorger, nicht? Aber dazu muss ich Ihnen leider mitteilen, dass dies denn doch Ihre schmalen Befugnisse �berschritten h�tte, halte mich aber in der Annahme, dass diese Tatsache Sie nicht weiter inkommodiert haben w�rde, wo es Ihnen doch schon seit vielen Jahren gelingt, sie tapfer zu ignorieren. Chapeau! Was ich aber meine, ist: Sie konnten die alte Hanske nicht verknusen. Um ihre Seele fiel Ihnen nicht ein sich zu sorgen, Sie wussten ja bereits, welchen locus inamoenus sie nach dem Entfleuchen aus dem welken K�rper sich schleunigst aufzusuchen gen�tigt sehen w�rde, ja? Nun, wenn der gro�m�chtige F�rst Rosshuf, den Sie oft so plastisch an die protestantisch nackte Wand modellieren, dass man wahrlich glauben m�chte, Sie seien bereits in den Genuss einer n�heren Bekanntschaft mit ihm gekommen wie weiland unser Sprachverbesserer, wenn er sich also als existent erweisen sollte und der rauhen Verschwendung von Tinte w�rdig, dann k�nnen Sie sicherlich, nachdem Sie das Pfarrhaus dereinst schlie�lich doch werden ger�umt haben, sich artig vor ihm verbeugen und sch�ne Gr��e von Frau Hanske verehren, sie war leider nicht abk�mmlich.</p><p>Ach Gott. Danke f�r diese Pfarrstelle in der �dnis und f�r den festen Glauben der Leute. Daran, dass ein Pastor zwar mehr als hinreichend, aber nicht unbedingt notwendig sei. So kann ich ihnen stets mehr geben, als sie erwarten. Ihre Erwartungen aber sind geringe. Sie haben nicht einmal erwartet, dass ich ihrer Sprache kundig sei.</p><p>Sprach der Bauer B�lschow zu seinem Weibe, als der Pastor vor�berschritt an ihrem rostigen Zaune und beide Eheleute ihm einen guten Tag entboten hatten, es hei�et in ihrer Sprache aber: �Tach� und wird f�r Personen gehobenen Standes ehrerheischend in die L�nge gezogen zu: �Ta-ach�, sprach also B�lschow laut und vernehmlich:�D�n Lackoopen warn�w all stutzen, de sull sick man bloot nich upsp��ln, d�n warn�w noch grugen mooken, Arndt ward em all denn Marsch bloosen!�</p><p>Der Pastor verf�gte sich darauf seines Weges und kommenden Sonntages in seine Kirche, allwo er von der Kanzel herab gewahrte das Ehepaar B�lschow, eintr�chtig beieinander sitzend in der zweiten Reihe rechter Hand, denn es war die Einsegnung ihrer Enkelin. Ein gar liebliches M�dchen und so klug, dass es allezeit Nutzen aus seinem Liebreiz zu ziehen wei�, allein doch wieder nicht gar so klug, als den Nutzen nicht teils mit dem Schaden zu verwechseln. Und nur der G�te unseres Herrn ist es zu verdanken, dass diesem Schaden noch kein sichtbares Zeugnis ward.</p><p>Und als nun die Reihe an dem Lied mit der Nummer 341 des Evangelischen Kirchengesangbuches war, siehe, da ward zur Feier des Tages dem Hirten des Herrn gegeben zu reden in Zungen, und er sprach:�Nu wulln�w ma eis dieset Leid singen un d�n Lackoopen vun D��wel d�n Marsch bloosen, dei sull sick man bloot nich upsp��ln. Ji m��ten juch nich grugen mooken looten vun d��m, wi k�nn�n em tiedig nauch stutzen!�</p><p>Und die Gemeinde hob an zu singen, denn es war ein leidlich bekanntes Lied, jedoch des Pastors Blick fiel auch auf jene, die untereinander aufgebrachte Worte fl�sterten, er aber betrachtete sie wohlgef�llig. GAR HEIMLICH F�HRT ER SEIN GEWALT,/ ER GING IN MEINER ARMEN G�STALT/DEN TEUFEL WOLLT ER FANGEN.</p><p>An die T�r der kleinen Kirche begab nach dem Gottesdienste der Pastor sich, um zu verabschieden seine Sch�fchen. Unter all ihnen aber konnte er nicht mehr finden die Eheleute B�lschow, und auch die nachfolgenden Sonntage musste er ihrer vergeblich harren. Bei sich aber dachte er: das Wort des Herrn, durch ihn verk�ndet, habe sie so sehr erbauet, dass sie f�rderhin keiner weiteren St�rkung bed�rften. Und er dankte Gott f�r alles, was Er an ihm getan hatte.</p><p>In der Wirklichkeit war es anders. Ich bin nicht spazierengegangen, und die Gemeinde hat nicht gesungen. Gesungen habe ich, und ich bin gelaufen, gejoggt, wozu sie hier nicht anders als �geschockt� sagen m�gen, was mich ihren kreativen Umgang mit der Sprache nur neuerlich bewundern l�sst, schaffen sie es doch damit, Ursache und Wirkung in einem Worte zu vereinigen.</p><p>Vergib mir, mein Gott, ich kann nicht anders. Meine N�chstenliebe ist mein Urteil, und umgekehrt. Und auch den sachten �rger �ber Anna Hanskes Ableben sieh mir nach, der aus dem eigenn�tzigen Trachten nach meinem Vorteil erwuchs, denn sehr zu meinem Vorteil w�re es gewesen, h�tte ich noch ein wenig l�nger am Beispiel ihres Lebens lernen d�rfen. UND H�T DICH VOR DER MENSCHEN SATZ,/DAVON VERDIRBT DER EDLE SCHATZ:/ DAS LASS ICH DIR ZUR LETZE.</p><p>Doch dann gab sie keine Antwort, an dem Morgen, sie lag noch in ihrem hohen, kurzen, schon lang wohl nur noch einseitig beschlafenen Bett, und ihr Tod war die letzte Lektion f�r mich. Sie hatte wie immer die T�r nicht verschlossen, der Tisch in der K�che war f�r das Fr�hst�ck gedeckt, als wollte sie sagen, halb so wild, komm rein und iss erst mal einen Haps. Niemand hat ihr wohl den Tod zugetraut, aber ich glaube, sie hat gewusst, mit wem sie es da zu tun hat, und dass es nicht lohnt, seinetwegen einen Aufwand zu betreiben. Mitnehmen wollen hatte ich sie zum Arzt in die Stadt, sie hatte �ber diesen Termin gelacht und mit dem Kopf gesch�ttelt und endlich recht behalten. Nun nahm sie mich mit. Die Sonne schien auf ihre Schulter, so dass man, als man sie anfasste und nicht weckte, nicht einmal erschrecken musste ob der K�lte des letzten Schlafes. Hoff�hrtig mag es sein, aber glauben muss ich es doch, dass ich der Einzige wohl war, der ein wenig um sie weinte. Ach, verzeih, Peter Hanske, wovon aber war dein Gesicht so rot und bildete einen so hehren Kontrast zum fernen Wei� deiner Schwester?</p></section><section><title><p><strong>HARTMUT</strong></p></title><p>Die war da. Die war wirklich da. Hat Britta erz�hlt, die mit Mutter hingegangen ist, komisch eigentlich, weil ja beide anscheinend gar nicht hinwollten, Britta hat immerzu rumgest�hnt, dass sie nichts zum Anziehen hat, und denn die ganzen Leute, sieht ja aus, als ob man auch nur gaffen will, und au�erdem, ne, was denn die alte Hanske sie angeht, und Mutter hat nur gesagt:�Na, doo m��ten wi woohl.�</p><p>Als ich gesagt hab:�Na, sie war ja wohl deine Freundin, oder nich, ihr wart doch fr�her und so�, hat sie mich blo� so von oben herab angeguckt und gesagt:�Jou-o, Hartmut, du weitst dat nu wedder allet b��der, n�. �Gnatzig war sie, hab ich genau gemerkt, weil sie da nu hinmuss, und dann trau ich mich auch noch, ich, der verlorene Sohn, sie da an was zu erinnern.</p><p>Sie spricht immer Platt mit mir, wenn sie schlechte Laune hat, also so gut wie nur. Hab ich schon rausgekriegt, dass das so eine Art Trotz bei ihr ist, ne, sone Macke. Die denkt n�mlich, wenn sie mit nem Lehrer Plattdeutsch redet, f�hlt der sich irgendwie dadurch beleidigt, weil Platt ja nur f�r kleine Leute ist. Weshalb sie das auch sprechen darf, weil sie ja zu den kleinen Leuten geh�rt,�klein, aber nich doof�, und deshalb kann sie auch� s��h gut�, wie sie sagt, Hochdeutsch, aber das hebt sie sich f�r die etwas Besseren auf, und f�r sich selber. Echt wahr, die spricht Hochdeutsch mit sich selber; ich hab sie mal belauscht, da hat sie so komische Sachen gesagt wie:�Warum hast du das blo� gemacht?�, und ich war erst nicht sicher, ob sie da mit irgendwem quatscht oder was, aber dann hab ich gemerkt, dass sie da hinten alleine ist in ihrer Bude und da irgendwie mit sich selber zu Gange. Na ja, was hei�t Bude, war vielleicht fr�her mal blo� die Veranda, aber wir haben das alles umgebaut, die Haust�r ist ja jetzt auf der andern Seite, und kein Mensch braucht heute noch ne Veranda, und da haben wir sch�n W�rmed�mmung und neue Fenster und Tapeten und alles gemacht, nicht dass du denkst. Die hats schon gut jetzt, die Mutter Wachlowski.</p><p>Montag Mittag ging das Theater dann los. Ich war grad aus der Schule da und den Kopf noch voll von diesen Itschies, ich k�nnt die alle. Alle zusammen in nen Sack stecken und ma ordentlich draufhaun. Manchmal bin ich ja daf�r, dass die Pr�gelstrafe wieder eingef�hrt wird, du kriegst denen ja nix mehr rein in ihren Kopp. Achte Klasse, Mann, und vom kleinen Einmaleins noch nie was geh�rt! Und denn sollen die auch noch ne Gleichung l�sen, das is aber nu zu viel verlangt, Herr Lehrer. Und kaum hab ich einen Fu� in mein trautes Heim gesetzt, und mit ordentlich Knast inne R�hren, sagt doch Britta, sagt die doch zu mir:�Hartmut, du musst noch ma los, Blumen besorgen, wir brauchen doch noch Blumen f�r die Beerdigung.�</p><p>�Was denn f�r Blumen�, sag ich,�is doch keine Hochzeit�. Aber wei�t ja, wie die ist, die l�sst einem keine Ruhe, die kann einem vielleicht aufn Nerven rumtrampeln. Ein ganz t�ckisches St�ck Weib ist das, weil, man sieht ihr das ja nicht an, ich hab ihr das ja auch nicht angesehen, damals, du siehst die ja nur so von au�en, und denn denkste, Mannomann, was Bessres kann dir gar nicht passieren. Denken doch alle, oder, dass der Hartmut da aber nen Sechser im Lotto gemacht hat, wa? Na ja, stimmt schon, sieht immer noch zehn Jahre j�nger aus, als sie ist, Britta, ne, sagen doch immer alle. Aber manchmal, echt.</p><p>War aber zum Schie�en, weil ich genau gemerkt hab, dass Mutter nu nicht wei�, ob sie mit ihrer vermaledeiten Schwiegertochter in eine Kerbe hauen soll oder nicht, aber da war wohl mal wieder ich dran, und Mutter f�ngt auch noch an:�Du hoolst jetz sofort paar wei�e Chrisantem ausse Stadt!�</p><p>Hatse nu n�mlich auch vor Schreck nicht gewusst, ob sie Hoch oder Platt sprechen soll, wahrscheinlich wegen Britta, die meckert sie zwar auch immer auf Platt an, und Britta immer:�Zum Gl�ck versteh ich dich ja nicht�, aber gleichzeitig will Mutter nu vor ihr ja auch nicht als� un-ge-bil-det �dastehn. Und nu hat Britta Oberwasser und sagt:�Los, nu mach schon, wir haben nich ewig Zeit�, und ich also los, was willst denn machen.</p><p>Aber dann denk ich auf einmal, wieso ist die denn schon so fr�h zu Hause, ist doch Montag, und ich frag sie, warum, und sie sagt:�Ich hab die in der letzten Stunde ne Klassenarbeit schreiben lassen, die junge Tetzke, die Referendarin, die hat das beaufsichtigt, da konnt ich schon nach Hause, wir m�ssen doch nachher gleich los.�</p><p>�Und wie bist du ohne Auto nach Hause gekommen?�, frag ich, weil der Opel ja in der Werkstatt ist, und da sagt sie doch glatt:�Rolf hat mich mitgenommen.�</p><p>�Ach, der hatte wohl auch schon Feierabend oder was�, sag ich, und sie:�Ja, die F�nfte hatte Wandertag, da musst er heut �keinen auf sportlich machen�, wie er sagt, und konnte schon los.�</p><p>�Und dich gleich mitnehmen, oder wie?��Sportlich�!</p><p>�Ja, war doch praktisch.�</p><p>�Na so was von praktisch, wa!�Ich glaub, ich spinn.�Na, is ja nix Neues!�</p><p>�Jetzt h�r aber ma auf, Hartmut�, sagt sie,�ich glaub, du spinnst, und das is nu wirklich nix Neues! Jetzt mach ma hinter!�</p><p>Ich also los in die Stadt und diese beschissenen Blumen gekauft von meinem beschissenen Geld, und wie ich zur�ckkomm, seh ich Ella, die grad vom Bus kommt, und ich hupe, aber die geht einfach weiter, also fahr ich auch weiter. Als sie reinkommt, sag ich:�Na, wie war die Schule, nich so doll, wa?�, aber glaubste, du kriegst ne Antwort?</p><p>Mutter und Britta sitzen da immer noch rum und schl�rfen Kaffee, zur St�rkung, sagt Britta, als ob irgendeine von denen wegsacken k�nnte, glauben die doch selber nicht, am allerwenigsten Mutter. Klucken da in ihren unbequemen schwarzen Klamotten, wie zwei fette schwarze Kr�hen, und Ella sagt doch glatt:�Wie seht ihr denn aus?�</p><p>Ich h�tt ja fast gelacht. Aber das sagt nu grade die Richtige.�Und wie siehst du aus?�, sag ich,�guck dich doch ma an, in dei�m ewigen schwarzen Pullover, der stinkt doch bestimmt schon!�</p><p>�Hartmut!�, sagt Britta.</p><p>�Brauchst mir ja nich zu nahe zu kommen!�, sagt Ella, und mir w�r wieder fast die Hand ausgerutscht.</p><p>�Elisabeth!�, sagt Britta.</p><p>�F�llt dir nix andres ein?�, sag ich.�Die wei� ja wohl, wie se hei�t, und ich auch.�</p><p>�Wir gehn jetz zur Beerdigung von Frau Hanske, willst du mitkommen?�</p><p>�Nee!�, sagt Ella.</p><p>Und dann kommen sie nachher zur�ck, und Britta sagt:�Gab guten Kuchen�, und dann sagt sie:�Wei�t du, wer da war?�</p><p>Ich sag:�Nee, will ich auch gar nich wissen�, und sie:�Na, die Tochter! Ingrid, so hei�t die doch, oder? Mitsamt Familie!�</p></section><section><title><p><strong>ELLA</strong></p></title><p>Was ist das nun wieder f�r einer? Guckt mich an und dann weg und dann wieder an. Stand schon da, als ich angekommen bin, hat mir zugenickt. Mach mich blo� nicht an, hab ich gedacht, aber ich glaub, der ist harmlos. Ziemlich blass, ziemliche Schlafzimmeraugen, keiner von der Elpe. Zu fein daf�r, sagen wir mal: gepflegt. Das ist ja echt ne Ausnahme hier, ne Seltenheit, na ja, ungef�hr so, als w�rd einer wie Ecki sich bei einem entschuldigen, was der �berhaupt nie machen w�rde. Einmal hat er lieber Pferde�ppel runtergew�rgt. Hat ihm nicht grade geschadet. Hat ihm sofort den grenzenlosen Respekt aller Elpe-Typen eingebracht, sogar ein paar von den �lteren haben ihm wie bl�d auf die Schulter gekloppt, als es rum war im Dorf. Nur die Weiber wollten nicht mehr mit ihm knutschen, hat anscheinend keine lange durchgehalten. Jetzt ist er der Boss. Arschloch.</p><p>�Sorry?�Das kommt aus dem Mund von dem geschniegelten Typen, er sagt auch:�Ich mein, wie bitte?�</p><p>Wie bitte? Ach Schei�e, hab ich wohl wieder laut gedacht. Doofe Angewohnheit, passiert mir auch in der Schule st�ndig, ich merk das gar nicht so, immer erst, wenn die andern schon komisch gucken oder kichern. Ich glaub, ich hab das von Oma, aber die redet inzwischen richtig mit sich selber, was die alle nat�rlich unm�glich finden,�jetzt verkalkt se�, sagt Mutti immer, aber Vati sagt,�nee, vergiss es, die is z�h wie n oller Truthahn, die �berlebt uns noch alle. �Und dann lacht er ganz kurz, vielleicht weil es nicht so aussehen soll, als wenn er das ernst meint, oder weil er sich seine eigene Mutter als Truthahn vorstellt, oder was wei� ich. Manchmal muss ich da mitlachen, weil Omas Hals ja wirklich so truthahnm��ig runterh�ngt, und ich hasse das, echt, weil Vati einen immer zum Lachen bringt, wenn man grad nicht lachen will, sonst nie. Und deshalb denk ich manchmal, dass es wahrscheinlich gar nicht so verkehrt w�r, wenn der olle Truthahn ihn �berlebt. Au�erdem, wenn seine Mutter so was ist, was ist er denn dann eigentlich?</p><p>�Schon gut�, sag ich zu dem Sorry-Typen, dass die neuerdings alle immer �sorry� sagen, wenn denn doch mal ne Entschuldigung f�llig ist, oder nur so, aber wie meint der das jetzt eigentlich, ich h�r das jedenfalls st�ndig, sogar von Mutti. Kommt mir zwar ganz sch�n bescheuert vor, aber ist ja anscheinend cool. Das ist auch so ein Wort. Vati kriegt Ausschlag, sagt er, wenn er das h�rt. Ich auch, braucht er aber nicht zu wissen. Mutti sagt das trotzdem, sie sagt, es rutscht ihr so raus, weil ihre Sch�ler das sagen. Glaub ich aber nicht, ich mein, dass es ihr rausrutscht. Die kommt sich n�mlich selber ganz sch�n cool dabei vor.</p><p>�Oh�, sagt er, er streckt mir die Hand hin, das soll wohl jetzt sone offizielle Vorstellung werden oder was, kaum macht man den Mund auf, r�cken sie einem gleich auf die Pelle. Seine Hand ist ganz warm und weich, f�hlt sich unglaublich gut an. Als w�rde man die eigene noch mal schnell unter die Bettdecke stecken, kurz nach dem Aufstehen.</p><p>�Ich hei�e Paul, Paul Ishley.�</p><p>Krass! Und das morgens um halb sieben an der Bushaltestelle. Eindeutig englischer Akzent, na logisch, der Name, Mann! Ein echter Engl�nder oder Ami oder was. Ich merk, wie ich ihn anstarr, und wie immer auch noch sch�n den Mund offen, beweist ja wieder mal herrlich meine Dorftrotteligkeit. Ich guck schnell runter, da sagt er:�Ich komme aus Irland.�</p><p>Irland? Wie jetzt? Achso. Er guckt mich an, und wie, der hat ein Talent daf�r.�Und du?�</p><p>Ich? Oh Gott.�Ich hei�e Ella, also Elisabeth � Wachlowski, und ich komme � �h, na aus dem Dorf hier. �Na toll. Ist ja wie im Film. Der Bus, na endlich.</p></section><section><title><p><strong>SONJA</strong></p></title><p>�Ja, Renate, ja, mach ich, ne, tsch�-��!�</p><p>Mach ich, mach ich, ja, na klar, Sonja macht ja immer, Sonja b�ckt einen Kuchen, Sonja bastelt mit den Kindern.�Du kannst doch so gut mit Kindern. �Ja, ja. Ach die Kinder, was k�nnen die daf�r, und wenn ich es nicht mach�� Die denkt sich, ich hab ja Zeit, ich bin ja zu Hause, ich komm ja sonst um vor Langeweile, wenn sie mich nicht anruft und mir Aufgaben zuteilt. Und als braver Christenmensch sagt man ja nicht nein. Nein, Renate, mach ich nicht, du kannst mich mal am T�ffel tuten. Such dir einen andern, die m�ssen sich n�mlich auch nicht alle den lieben langen Tag ihre �rsche vorm Fernseher plattsitzen.</p><p>Jaa, ich guck auch mal ne Talkshow. Aber nicht die bl�den, wo es nur um gro�e Busen, kleine Busen geht. Die tun ja alle, als m�ssten sie gleich sterben, blo� weil die entsprechende Oberweite fehlt, na. Ich hab nun immerhin auch schon vierzig Jahre damit �berlebt, oder na ja, also, jetzt nicht vierzig, aber. Manchmal kommt aber auch was Interessantes, zum Beispiel, wenn sich Leute nach soundsoviel Jahren wiedertreffen, und manche keifen sich dann immer noch an. Meistens hab ich das beim Mittagmachen an, und dann kommt Romy von der Schule und sieht mich da auf der Lehne vom Sessel sitzen, wenns grad spannend ist, aber ich setz mich nie richtig hin, muss ja immer mal nach dem Essen gucken. Dann kommt sie rein und trampelt mir den Flur voll und rollt mit den Augen, Mama, was guckst du denn schon wieder f�r einen Schei�. Ich glaub, sie hat Angst, dass ihre Mutter dabei langsam, aber sicher verbl�det. Sie hat mich mal gefragt, wie ich das aushalte, ob mir da gar nicht komisch wird, wenn diese � Friedhelm w�rd sagen:�Knallk�rper�, wenn die ihr doofes Zeug von sich geben. N�, hab ich gesagt, ich hab gar nicht genau gewusst, was sie meint. Na, ob mir das nicht irgendwie peinlich w�r.</p><p>�Peinlich, wieso�, hab ich gesagt,�nu �bertreib ma nich. Andre Leute gucken sich noch ganz andre Sachen an.�</p><p>�Ach, Mama, du verstehst nich, was ich mein�, sagt sie da, sagt sie neuerdings st�ndig, und ich wei� nicht, ob aus Prinzip oder weil sie mich wirklich f�r schwer von Kapee h�lt oder blo� zu faul ist, mir was zu erkl�ren. Ich hab manchmal Angst, dass sie ein bisschen �berheblich wird, die Leute denken wahrscheinlich sowieso, was ich da blo� f�rne arrogante Tochter hab, weil sie den Mund ja nicht aufkriegt, die gr��t auch nicht. Ich wei� ja, dass ich sie nerve, wenn ich immer sag, gr�� die Leute im Dorf, und sie macht das dann erst recht nicht. Sie sagt:�Warum soll ich die gr��en, ich kenn die doch gar nicht. �Ich wei� nicht, was ich dazu sagen soll. Aber die kennen mich alle, und auf dem Dorf ist das nun mal so?</p><p>Friedhelm kann solche S�tze gar nicht ab.�Romy!�, sagt er dann,�du kannst doch nicht���, oder:�du musst doch mal���Der nimmt das alles immer gleich so ernst, irgendwie ersch�ttert das sein Weltbild, das passt dann nicht in sein Konzept. Er liebt Romy �ber alles, manchmal denk ich, viel mehr als mich, aber er will nicht, dass sie so ist, und ich glaub, ich wei� auch, warum, das ist aber schwer in Worte zu fassen. Romy k�nnte das besser. Ich sag mal: weil sie ihn zu sehr an ihn selber erinnert. Er gr��t doch die Leute auch blo�, weil sich das eben so geh�rt. Im Grunde hat er mehr Schiss vor den Leuten als ich und Romy zusammen. Nur eben alle auf ne andere Art. Friedhelm ist ja nach au�en hin der beste, liebste, h�flichste Mann, den man sich �berhaupt vorstellen kann, und ich w�nschte, er w�rd diese Schokoladenseite mal �fter mit nach Hause bringen. Ich � wie bin ich eigentlich? Na doch auch h�flich, hilfsbereit, freundlich, das haben sie mir ja schon in der Schule immer auf mein Zeugnis geschrieben, und bei Romy steht zwanzig Jahre sp�ter das gleiche, auch noch mit den gleichen Floskeln, die machen sich da �berhaupt keinen Kopp. Als Lehrer verbl�det man wahrscheinlich auch. Dabei war ich oft auch n ganz sch�ner Querkopp, ich hatt zwar immer Schiss, und das Herz wummerte mir bis zum Hals, besonders in Stab�, da konnten sie einen ja gleich richtig drankriegen, aber ich hab schon den Mund aufgemacht, wenn mir was partout nicht gepasst hat. Romy w�rd da jetzt wahrscheinlich lachen. Wenn du das doch blo� mal machen w�rdest, Mama, na.</p><p>Aber die wei�, dass ihre Mutter k�mpfen kann. Dass ich f�r sie immer in die Bresche springen w�rd. Wie damals mit diesem Drachen von Schwimmlehrerin, diese Splei�rieter. Kommt die doch zu mir in�n Laden und behauptet, mein Kind hat den Entschuldigungszettel gef�lscht.�Das ist doch eine Kinderschrift!�, hat die zu mir gesagt. Und au�erdem h�tte Romy ja ihr Schwimmzeug mitgehabt. War nat�rlich doof von mir gewesen, und Romy h�lt mir das heute noch vor, wieso ich ihr �berhaupt das Schwimmzeug mitgegeben hab,�das ist typisch�, sagt sie,�immer deine �bervorsichtigkeit: �falls du doch noch schwimmen musst.��War aber wirklich meine Schrift, ich hab nun mal so eine Erste-Klasse-Schrift, wollte die aber nat�rlich nicht glauben. Da hab ich ihr mal ordentlich die Meinung gesagt, und dann hab ich sie so halb rausgeschmissen, na ja. Aber dann hab ich Angst gehabt, dass sie Romy nun erst recht schikaniert. Die konnten doch machen, was sie wollten, kam man ja nicht gegen an. Und Romy war eben schon immer sch�chtern, deswegen will sie ja mit Leuten am liebsten gar nix zu tun haben. War das immer ein Akt, wenn sie blo� mal um die Ecke laufen und Brot holen sollte! Manchmal denk ich, ich hab da was falsch gemacht. Geschwister w�ren wahrscheinlich gut gewesen, und ausgerechnet ich hab nur ein Kind, aber ging ja nun mal nicht. Was die da damals mit einem gemacht haben � ich m�cht nicht wissen, wie ich von innen ausseh. Die hatten mich ja schon aufgegeben.�Frau Pl�tz�, haben sie hinterher gesagt,�wir haben nicht mehr an Sie geglaubt.�</p></section><section><title><p><strong>ROMY</strong></p></title><p>Zum Gl�ck nimmt Papa mich morgens mit, obwohl das auch nicht ideal ist. Er muss um sieben auf Arbeit sein, ich aber erst um f�nf nach sieben in der Schule, da klingelt es zum ersten Mal, zum Reingehen, und eine fr�here Anwesenheit ist ja wohl kaum erforderlich. Keiner, der einigerma�en normal tickt, stellt sich vor sieben auf den Schulhof, schon gar keiner aus der Zw�lften, au�er Anita vielleicht, und eben die armen Schweine namens Fahrsch�ler, die bei tiefster Nacht aufstehen m�ssen, damit der Schulbus sie dann eine halbe Ewigkeit zur Schule zuckelt und noch mal eine andere halbe Ewigkeit vor Unterrichtsbeginn dort ausspuckt. Bei Regen, oder falls es wirklich mal �beraus kalt ist, d�rfen sie sich in den Essenraum setzen, und man versuche mal, sich was Trostloseres vorzustellen, als morgens um kurz nach halb sieben in einem grell mit Neonr�hren illuminierten und olfaktorisch nicht sonderlich ansprechenden Keller die Zeit abzusitzen, noch dazu mit der jeden Lebenssinn vernichtenden Frage, worauf man hier eigentlich wartet. Auf die Matheklausur in der ersten Stunde. �berhaupt, wer hat sich das blo� ausgedacht, wir sind die einzige Schule weit und breit, an der noch die sozialistische Zeitdiktatur des Proletariats herrscht, dabei ist es wissenschaftlich erwiesen, dass vor halb neun kein Mensch zu irgendwelchen h�heren Leistungen in der Lage ist.</p><p>Andererseits hat man dann wenigstens nachmittags seine Ruhe und kann meistens schon um eins entkommen. Das hei�t, nicht gerade mit dem Fluchtfahrzeug meiner Wahl, da muss ich dann doch in die Niederungen der Fahrsch�lerkaste hinabsteigen, da bleibt mir nichts erspart. Der Schulbus f�hrt den geballten L�rm �bers Land. Er ist nichts anderes als ein Stahltopf, in dem konzentrierte L�rmsuppe schwappt, und jedes Dorf, jedes erb�rmliche Kacknest kriegt seine l�rmdampfende Ration zugeteilt, eine Kelle voll an den Stra�enrand. Und man selbst mitten drin in der brodelnden Br�he. Verbleibende Garzeit: ein Schuljahr. Man kann nicht sitzen, man kann nicht denken, man wei� nicht, was man zu Ella Wachlowski sagen soll.</p><p>Die hat sich direkt neben mich gestellt, ich habe so was wie ein L�cheln zustande gebracht. Wir kommen ja jetzt aus demselben Dorf sozusagen. Ich seh sie da nie. Komisches M�dchen. Ich meine, ich wei�, die anderen denken auch, dass <emphasis>ich</emphasis> komisch bin, keine Ahnung, was Ella denkt, ob sie �berhaupt manchmal was denkt, aber sie ist es jedenfalls wirklich, ich meine, wirklich komisch, seltsam. Wenn ich vielleicht auch <emphasis>strange</emphasis> bin � ein Wort, das mir �brigens gar nicht mal missf�llt, ganz im Gegenteil, weil es ja gleichzeitig auch �fremd� bedeutet, und ich glaube, das bin ich hier eindeutig � Ella ist <emphasis>weird</emphasis>. Macht zum Beispiel den Mund nur auf, wenn sie was gefragt wird. Sie sagt oft,�wei� ich nich�, oder:�keine Ahnung�. Sie hat so eine Art, mit den Schultern zu zucken, man h�lt das nicht f�r m�glich manchmal, diese Teilnahmslosigkeit, oder was es ist. W�re sie ein Junge, w�rde ich sie f�r einen angehenden Psychopathen halten. Aber den gibts ja noch zus�tzlich. Dieser Sven, der sitzt in Chemie schr�g vor mir, und ab und zu dreht der sich ganz langsam so halb zu mir um, mit einem engen iltisartigen Blick, zumindest muss ich bei ihm immer an einen Iltis denken, und ich habe absolut keine Vorstellung, was das soll. Ich gr�ble jedes Mal dar�ber nach, es ist einerseits be�ngstigend, andererseits hochinteressant, da undefinierbar, ich bin sogar schon auf den Gedanken verfallen, ob das seine verdrehte Art ist, Interesse zu bekunden, also an mir, womit er dann weit und breit der Einzige w�re, ausgerechnet.</p><p>Manchmal denke ich, die beiden w�rden ein h�bsches P�rchen abgeben, also Ella und er. Sie sitzt wiederum in Chemie vor ihm, sitzt dort d�send und wei� nichts. Frau Pufesiels Redefluss, in dem es von s�chsisch kolorierten� Pyrametschen�,�L�ckmuspapierschen�,��rlen-M�yer-K�lbschen �und anderen Verniedlichungen wie von possierlichen Tierchen wimmelt, muss in Ellas Ohren wie das Rauschen eines fremden Meeres klingen, auf dessen Weiten sie schl�frig dahind�mpelt. Und dann, pl�tzlich, �bersp�lt sie unerwartet und gef�hrlich zischend eine Welle in Form ihres eigenen Namens,�Elisabeth!�, und sie schnappt nach Luft.</p><p>Jetzt wei� sie aber wohl doch mal was, sie kommt ziemlich dicht zu mir ran, der Bus schubst sie mir noch entgegen. Ich rieche ihren Pausenbrotatem, als sie fl�stert:�Hast du den Iren schon gesehn?�</p><p>�Was?�, frage ich. Ich bin mir nicht sicher, sie �berhaupt richtig verstanden zu haben. Ich �berlege kurz, ob auch sonst irgendwas nicht stimmt mit ihr, ob sie Aussetzer hat oder so.</p><p>�Na ja�, sagt sie blo�. Und dann wieder in diesem Fl�sterton:�Er sitzt da vorne. �Sie zuckt mit dem Kopf. Was soll das? Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute fl�stern, Mama macht das auch st�ndig, entweder man sagt, was man will, oder man l�sst es.</p><p>�Wer?�, frage ich.</p><p>�Ich wei� nich�, sagt sie, jetzt fast normal, als h�tte sie bereits gemerkt, dass sie mich krank macht und ich drauf und dran bin, das Gespr�ch abrupt und kommentarlos zu beenden. Als ob das eine meiner leichtesten �bungen w�re.</p><p>�Er hat blo� gesagt, dass er aus Irland is.�</p><p>Aus Irland! Das klingt wie vom Himmel gefallen hier. Mein Blick rastet auf einem dunklen Hinterkopf ein, den meint sie wohl. Ich traue mich kaum, ihr weitere Fragen zu stellen. Irgendwie glaube ich ihr auch nicht so richtig. Ich mustere sie von der Seite.�Wie hei�t er denn?�</p><p>�Ach, wei� ich nich. Hab ich vergessen. �Sie l�chelt und guckt mich ein bisschen kleinlaut an.</p><p>�Na ja�, sage ich.</p><p>Als der Bus an der letzten Bresekower Haltestelle bremst, steigt der sogenannte Ire tats�chlich mit uns aus. Nur wir drei, was aber immerhin schon eine Zuwachsrate von f�nfzig Prozent ausmacht. Er geht auf Ella zu und sagt wirklich� Hallo �zu ihr. Und mich trifft der Schlag.</p><p>�Du wohnst auch hier?�, fragt er mich.</p><p>�Ja�, sage ich, ich bin total verdattert. Ella guckt mich an. Wohl weil nichts weiter von mir kommt, sagt sie:�Das ist Romy. Sie ist auch vom Gymnasium.�</p><p>Ich finde das ganz sch�n dreist, kann aber nicht weiter dar�ber nachdenken. Mich besch�ftigt nur eins. Dieser Mensch sieht aus wie Paul. Paul McCartney. Wie Paul McCartney mit dreiundzwanzig wohlbemerkt.</p><p>Er gibt mir die Hand, er l�chelt.</p><p>�Ich bin Paul�, sagt er.</p></section><section><title><p><strong>JOHN &amp; PAUL</strong></p></title><p>GLAUBST DU AN EINE LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK</p><p>JA ICH BIN SICHER DASS ES ST�NDIG PASSIERT</p><p>WAS SIEHST DU WENN DU DAS LICHT AUSMACHST</p><p>ICH KANN ES DIR NICHT SAGEN ABER ICH WEISS DASS ES MEINS IST</p><p>BRAUCHST DU IRGENDJEMANDEN</p><p>ICH BRAUCHE NUR JEMANDEN ZUM LIEBEN</p><p>K�NNTE ES IRGENDJEMAND SEIN</p><p>ICH WILL JEMANDEN ZUM LIEBEN</p></section><section><title><p><strong>HENRY</strong></p></title><p>Warum sie mit dem Brief angekommen sind, wei� er genau. Sie haben vorher kein Wort gesagt, sie haben ihm sein Mittagessen gegeben, und er hat alles aufgegessen, weil sie das gerne sehen, aber manchmal sagen sie auch,�schling nicht so�, manchmal sagen sie auch,�der frisst wie ein Schwein�. Dann hat er seinen Mittagsschlaf gemacht. Am Anfang wollte er nie Mittagsschlaf machen, zu Hause hat er nie Mittagsschlaf gemacht. Hier hat er sich dran gew�hnt, wie sie es ihm gesagt haben,�du gew�hnst dich schon dran�. Bestimmt hat er geschnarcht, sie sagen dann immer,�du hast wieder ganze W�lder abges�gt�, und das h�rt er gerne und lacht dann, er lacht immer laut dar�ber, wenn sie wieder sagen, du hast ganze W�lder abges�gt. Sie machen ja blo� Spa�, aber ihm gef�llt das, dass er W�lder abs�gt und dass es auch noch lustig ist. Dass er beim Schlafen eine S�ge hat. Ich hab doch keine S�ge, hat er mal gesagt, und da haben sie alle gelacht. Er macht gerne Spa�, aber manchmal sagen sie,�jetzt reichts�,�jetzt h�r aber ma auf�, und wenn er mit den anderen Spa� macht, verpetzen die ihn, und dann sagen sie zu ihm,�das macht man nicht �und immer solche Sachen, und dann h�rt er nicht mehr hin, dann h�rt er n�mlich weg. Das kann er gut, das haben sie fr�her schon zu ihm gesagt, ja, das kann er, und manchmal haben sie gesagt, das ist das Einzige, was er kann, aber das stimmt nicht, aber das hat er ihnen nicht gesagt, dass er auch noch ganz andere Sachen kann, und auch nicht, dass er in Wirklichkeit das gar nicht so gut kann, wegh�ren, in Wirklichkeit wei� er n�mlich gar nicht, wie das geht, er wei� nur, wie man so tut, als wenn man wegh�rt. Ha ha, h�tte er hinterher am liebsten immer gesagt, ich hab gar nicht weggeh�rt, ich hab alles geh�rt, was ihr gequatscht habt, aber dann h�tten sie das ja gemerkt.</p><p>Und dann sind sie angekommen und haben gesagt:�Wir m�ssen dir was sagen, Henry�, und er hat erst mal wieder gelacht, weil sie so komisch ausgesehen haben, weil sie so ausgesehen haben, als wenn man nicht lachen darf. Sie haben gesagt:�Henry, deine Gro�mutter ist leider gestorben�, und dann haben sie ihm den Brief hingehalten, und er hat gelacht, weil er doch gar keine Gro�mutter hat, er hat doch gar keine Mutter. Und weil er doch gar keine W�rter lesen kann, schon gar nicht so viele W�rter auf einmal, so viele schwarze kleine W�rter, so viel Fliegenschiss, hat sie immer gesagt,�das ist doch nur Fliegenschiss�.�Da muss man sich nicht dr�ber aufregen. �Au�erdem wollten sie blo� sehen, was er macht, wenn sie ihm den Brief zeigen, das machen die n�mlich �fter, die zeigen ihm Sachen oder sagen Sachen zu ihm und wollen sehen, was er dann macht. Dann lacht er meistens, und dann sagen sie, er soll nicht immer blo� lachen, er soll mal was sagen, aber er sagt nichts, er nicht, er ist nicht so doof wie die andern, die sind doch alle doof.�Lass die doch alle�, hat sie immer gesagt, die sind doch alle doof,�die wissen das nicht besser.��Du wei�t das doch besser. �Er ist hin- und hergelaufen, er ist immer um den Stuhl drumrum und hat gesagt,�ich sag nichts, ich sag nichts, ich wei� das besser, ich sag nichts�. Sie haben gesagt,�Henry!�, und dann hat er gesagt:�Is Oma tot?�</p><p>Sie haben gesagt, ja, deine Oma ist tot, sie ist vorgestern gestorben, das steht in dem Brief hier, und dann haben sie wieder auf den Brief gezeigt.</p><p>�Das glaub ich nich�, hat er gesagt,�ich bin doch nich doof. Kommt Oma jetz aufn Friedhof, jetz gleich? Kommt sie jetz gleich in Himmel oder sonstwas?�Sie haben� Beerdigung �gesagt, und dass er da nicht hinkann, weil das n�mlich nicht gut f�r ihn ist, weil das n�mlich zu viel Stress ist und �rger, weil das nicht gut ist.</p><p>�Ich war das nich�, hat er gesagt, ganz laut,�ich war das nich�, sie haben gesagt, beruhig dich, du kriegst gleich was, was zur Beruhigung, gleich, er hat ganz laut gelacht und gesagt,�ich war das nich, ich war das nich, ich war das nich�, sie haben ihn festgehalten.</p></section><section><title><p><strong>MARIA</strong></p></title><p>Tja, und unsereins muss nu noch immer noch weitermachen mit dem Leben. Du hast das ja immer besser gehabt, Anna, nich, wie oft hab ich zu dir gesagt, du hast das gut. Aber neidisch war ich nich, das kannst du nich sagen, na, manchmal hab ich schon geguckt auf deine Kleider, besonders das blaue mit die R�schen, dabei hab ich ja gewusst, dass Blau mich gar nich kleidet, und du hattst so sch�ne blonde Haare, aber das is ja nu lange her, ach Gott, das is ja nu schon gar nich mehr wahr. Aber ich hab das alles noch im Kopf, ich, und du hast das vielleicht alles schon vergessen gehabt, du hast ja blo� noch gesagt,�na, Maria�, wenn wir uns mal �bern Weg gelaufen sind, und dabei hast du immer son bisschen traurig geguckt, das hab ich genau gesehn, und da hab ich immer gedacht, na, du hast ja auch allen Grund zum Traurigsein, aber denk man nich, dass du da nich auch selber dran schuld bist. Denn wenn da nu einer neidisch sein konnte auf einen, denn du auf mich, wenigstens so von au�en, aber ich sag dir, ich w�r nich neidisch auf mich gewesen, mir ging das auch nich so gut, wie das vielleicht aussah, du brauchst dir nu nich einzubilden, dass nur dir das dreckig ging, blo� dass das bei dir nu alle gesehn haben, und bei mir haben sie blo� Simon gesehn und haben gesagt, was ich f�rn guten Mann hab, und dass Maria Behn da aber ein unversch�mtes Gl�ck gehabt hat, und sp�ter haben sie denn Hartmut gesehn, und dass Maria Wachlowski da aber nu stolz drauf sein kann, dass ihr Sohn so gut war in der Schule und nu denn noch Lehrer geworden is, aber ich sag dir, mit Hartmut fings an.</p><p>Aber wenigstens is mir so was wie deine Ingrid erspart geblieben, das h�tt ich auch nich ausgehalten, ich hab mich immer gefragt, wie du das aush�ltst, na, du bist da ganz anders als ich, na, gewesen, immer, wenn ich wegen was die H�nde �berm Kopf zusammenschlagen wollt, hast du nur gelacht und gesagt,�is doch nich so schlimm�. Manchmal hab ich gedacht, dass du kein Herz hast, oder nich ganz gescheit bist, dabei warst du viel heller als ich, hast mich ja abschreiben lassen in der Schule und dann mit mir gemeckert,�Abschreiben is keine L�sung�, hast du gesagt und mir versucht was einzupauken, und das mit den Gef�hlen hast du gut versteckt, ich hab dich nie heulen sehen. Das hat mir als Erstes imponiert, dass du keine Heulsuse warst und die Jungs dich nich ausgelacht haben, ich glaub, nur deswegen wollt ich deine Freundin sein. Ich hab gedacht, dass du meinen Eltern gut gefallen w�rdst, weil die das Heulen ja nu auch �berhaupt nich leiden konnten, aber dann konnten sie dich auch nich leiden und haben mich ausgemeckert, weil ich nu eine mitgebracht hatte, die sich wohl f�r was Bessres h�lt,�verstooht dei denn keen Platt?�.</p><p>Ich wei� nich, ob du dich nu wirklich f�r was Bessres gehalten hast, aber wenn, dann hattst du keinen Grund dazu, sag ich dir, Anna Hanske, du am allerwenigsten. Das hab ich nich verstanden, wie du bei dem ganzen Dreck vor deine eigene T�r immer noch so tun konntst, als w�r da nix. Vielleicht konntst du nich f�r alles was, das mag ja nu sein, aber wenn einem so was alles passiert, kann man da nich noch stolz tun. Ich wei� ja, dass du die alle f�r bisschen beschr�nkt gehalten hast, wir haben da ja oft genug dr�ber gelacht, �ber Else und Martha und �ber Sieglinde, die, blo� weil sie Fritz Boohn gek�sst hatte, nu Angst hatte, dass sie ein Kind kriegt, aber da hab ich nur dir zuliebe gelacht, ganz wohl war mir nich dabei, ich hab gedacht, wenn die nu wirklich ein Kind kriegt. Das is mir wieder eingefallen, als ich denn das erste Mal schwanger war, und da musst ich denn erst richtig dadr�ber lachen, na wenns so einfach gehn w�rd, mit K�ssen, hab ich gedacht, da h�tt ich das aber lieber auch so gemacht, aber dann hab ich ja das Kind verlorn, und blo� paar Tage vorher hatt ich so �ber Sieglinde gelacht, weil die da ja auch schon eine Zeit verheiratet war, aber immer noch nich schwanger, vielleicht wartet die immer noch dadrauf, dass das mit K�ssen was wird, hab ich gedacht, und da hab ich denn allen Ernstes angenommen, so, das is nu die Strafe daf�r. Hochmut kommt vor dem Fall, das kam mir gleich in�n Kopf, das war mit das Erste, was die uns eingebl�ut hatten im Kommunionsunterricht, und ich Dummlack hab gedacht, dass das nu wirklich was mit Hinfallen zu tun hat, und hab immer penibel dadrauf aufgepasst, nich zu stolpern und lang hinzuschlagen, damit die nich denken sollen, dass ich vielleicht hochm�tig war. Ich dacht, denn lassen die mich nich zur Kommunion und ich krieg nich so ein sch�nes Kleid, bis dahin muss ich aufpassen, hab ich gedacht, danach is egal, da k�nnen sie es denn ja nich mehr r�ckg�ngig machen.</p><p>Sp�ter hab ich nich mehr gewusst, ob du mich da nu dazuz�hlst, zu die, wo du immer gesagt hast, die haben doch keine Ahnung. Das haben die doch auch mitgekriegt, was du von die denkst, und da hab ich das beinah verstehen gekonnt, dass die denn ein bisschen, na, schadenfroh waren, als das mit Ingrid passiert is. Vorher hab ich das nich gedacht, als dein Theo nich mehr wiedergekommen is, ich hab gedacht, es is vielleicht wirklich wegen dem l�tten Peter, was soll er denn nu von so ein fremdes Kind halten, aber da hast du mir leid getan, und ich hab auch gedacht, dass du vielleicht zu gut f�r Theo bist. Und sp�ter konnt ich auch nich verstehn, wie die da nu noch schadenfroh sein k�nnen, als Henry, das war doch wirklich schlimm, und die haben doch alle gesehn, dass du nu nix daf�r kannst, da kann man doch nich mehr schadenfroh sein, vor allem schon wegen Erna nich. Da hab ich das verstanden, warum du auf die alle runtergeguckt hast, aber richtig war das trotzdem nich die ganze Zeit, und danach denn auch nich mehr, man muss wissen, wann Schluss is, wann man dat Muul hulln m��t.</p></section><section><title><p><strong>DIE GEMEINDE</strong></p></title><p>Hest ehr all seihn</p><p>Dei seiht doch noch so ut as wie doomols</p><p>As wenn sei goor nich �ller</p><p>Dei is joo nu goor nich �ller worden dat blonde Hoor</p><p>Ick kann mich ja nur n bisschen erinnern als sie mit ihrm</p><p>Aber die hat dat doch nich</p><p>Nie het sei dat seggt wer denn nu</p><p>Dei het ehr Mudder qu��lt un denn noch dat mit d�n Henry</p><p>Nee nee</p><p>Und nu kricht se dat Haus oder wat dat Haus von Anna Hanske</p><p>Na is doch ehr Mudder �wwer Peter wat is mit em denn nu</p><p>Wat will die denn mit dat Haus wenn se da in England nu wohnt</p><p>Ach in Irland</p><p>Is denn nu ihr Mann uch n Irischer</p><p>Na der sieht doch schon so aus wie n so sieht doch nu kein Deutscher</p><p>�wwer is dat nu ehr Soohn oder vun em der Soohn</p><p>Na dat is doch tau seihn dat is doch n Hanske durch un</p><p>Der sieht ihr nu aber gar nich</p><p>Wie der olle Hanske dei wier noch</p><p>Nu kricht se wohl dat ganze Geld noch als Belohnung daf�r dat se</p><p>Und unsereins</p><p>Dei wulln doch nu nich hierbliewn</p><p>Na denn gut Nacht Marie</p></section><section><title><p><strong>INGRID</strong></p></title><p>Du hast keinen weiter angeguckt. Es w�re nicht m�glich gewesen, ohne sofort einen Blick aufzugabeln, sie h�tten alle gar nicht gewusst, wohin so schnell mit ihren Augen, h�ttest du aufgesehen, und du wolltest sie nicht noch mehr in Verlegenheit bringen, nicht wahr. Die meisten hast du erkannt, schon am Gang, an den versch�mten Fl�sterstimmen, als sie in die Kirche gestolpert kamen, an den H�nden und den gehegten Beerdigungsjacken, als sie wie kopflose Puppen auf einem altersschwachen Flie�band an dir vorbeiruckten und kurz ihre rauhe Hand in deine kalte legten, um dann eine Winzigkeit l�nger bei Peter zu verweilen. Er stand lang und sprachlos neben dir, f�r einen Augenblick wusstest du, dass er nicht dein Bruder ist. Aber umgekehrt, n�mlich, dass er sehr wohl der Sohn von Anna Hanske ist. Du bist die rechtm��ige Erbin, wie l�cherlich. Wie l�cherlich du da rumgestanden hast, mit Peter an vorderster Front, und dem Feind nicht ins Angesicht zu blicken wagtest und nur an deine R�ckendeckung dachtest. Du wusstest, dass Michael und Paul direkt hinter dir stehen, du hast dich an ihre Anwesenheit geklammert, ohne sie zu sp�ren, dein R�cken war kalt, als tr�ten deine Hacken bereits auf freies Feld, als w�ren da nichts als Stoppeln, deine Familie abgem�ht. Du hast dich nicht getraut, hinter dich zu greifen.</p><p>Der Pastor war dein Misstrauen nicht wert; als er dir die Hand gab, hast du in den graublauen Augen etwas gesehen, wof�r du dir keine Entsprechung denken konntest hier und was dich an der Information, er habe den sogenannten Leichenschmaus bef�rwortet und organisiert, zweifeln lie�. Und warum hatte Peter das zugelassen? Das fragst du doch nicht ernsthaft. Aber du hast eine Weile gebraucht, um dahinter nicht nur die Wehrlosigkeit Peters zu sehen, sondern auch die Klugheit des Pastors.</p><p>Der Kuchen kam dir widerlich s�� und schwer vor, er hat dich an die steifen, ger�schten Kindergeburtstagskaffeetrinken erinnert, bei denen es Muckefuck gab und man nicht kr�meln durfte. Beim Anblick der Sahnetorte wurde dir stets �bel, und du lehntest sie rundheraus ab, worauf man dir sowohl Undankbarkeit als auch Hochn�sigkeit vorwarf,�bei euch gibs wohl wat Bessres, wa�, und dir den Mund mit trockenem Sandkuchen stopfte, den man weder kauen noch schlucken konnte. Und so sa�t du da, mit einem Klumpen im Mund, der dich stumm machte und dir den Atem nahm, der den Gaumen bedr�ngte und ein schmerzendes Gew�lbe sein lie� und dir Tr�nen abpresste. Du wolltest keine Heulsuse sein. Du warst auch keine. Du hast nicht geweint, als S�werts Hund dich gebissen hat und du die Tollwutspritze in den Bauch bekamst; du hast vor ihnen nicht geweint, als das Blut dir aus der Schulter spritzte, an der das neue Messer stolz ausprobiert worden war; du hast nicht geweint vor ihm, damals, nachdem. Wieso h�ttest du das ausgerechnet jetzt �ndern sollen.</p><p>Aber du hast auf einmal gewusst, als du den Kuchen mit dem sauren Kaffee runtergesp�lt hast, dass es gut war, dass sie ihn gebacken hatten, f�r Anna Hanske. Dass es gut war, dass sie alle hier herumsa�en und an Anna Hanske denken und auf Anna Hanske trinken mussten, dass der Pastor es verstanden hatte, sie in ihren eigenen Br�uchen zu fangen. Anna Hanske war unter der Erde. Aber hatte es dort bequemer als die hier, wie versp�tete G�ste, an ihrem Tisch, wo man sich ja immerhin anst�ndig, immerhin benehmen musste, und Anna Hanske konnte endg�ltig kein gutes Benehmen mehr abverlangt werden.</p><p>Dieses Haus ist dir fremd. Hier hast du nicht gewohnt, zwischen diesen wurmstichigen Schr�nken, unter diesem schweren Dach hast du keinen Schlaf gefunden, hast du sowieso nicht. Welcher von den Balken hat einen Hauch deines trostlosen Atems, eins deiner Molek�le gespeichert? Es muss alles gel�scht worden sein, als du begonnen hast, dieses Haus aus dir Schicht f�r Schicht zu l�schen, bis es nur noch wie ein Abziehbild auf einem durchsichtigen Hintergrund klebte, wie die zarten, knittrigen Blumenbilder auf dem Spiegel in deinem M�dchenzimmer, bunter getrockneter Schneckenschleim, unber�hrbar, es muss begonnen haben, bevor du das Haus verlassen hast. Vielleicht war das der Grund daf�r, und wieder verwirren sich Ursache und Folge, und wieder versuchst du vergeblich, in diesen schlingernden Kreisen einen Anfang zu erhaschen. Lass das. Verkauf es, so schnell wie m�glich. Es ist deines Bleibens hier nicht l�nger. Als n�tig.</p><p>Als sie weg waren, bist du gedankenlos zu der Ecke gegangen, in der immer der Besen stand, und du hast ihn dort, nicht verwundert, gefunden und die Kr�mel von den Dielen gefegt,�ein Teppich kommt mir nicht ins Haus, so ein Dreckf�nger�, hatte Anna Hanske, ja, deine Mutter, auch �ffentlich, gesagt und gelacht �ber die Putzteufelinnen, die nicht ahnten, was in ihren Persern hauste. Dass die sie ihrerseits auslachten, wenn auch ohne Lust und nur mit H�me, wegen ihrer nackten Dielen, tat ihrer Heiterkeit keinen Abbruch, im Gegenteil.�Die Nachbarn machen immer die beste Kom�die�, sagte sie. Ja, hast du gedacht, besonders wenn wir die Nachbarn sind.</p><p>Peter war sofort und entschieden gegen eine Schenkung, das Wort erschien dir selber ma�los �bertrieben, du hast versucht, es n�chtern, deutlich, rechtlich auszusprechen bei diesem Telefonat, das dir nach mehr als zwanzig Jahren wieder die Stimme deines Bruders an dein, in deinem Ohr, wie soll dieser Satz zu Ende gehen? Er hat dich gefragt, ob du inzwischen mit Akzent sprichst. Du musstest dir eingestehen, dass du die Stimme nicht sofort und selbstverst�ndlich als die deines Bruders erkannt h�ttest. Auch nicht, wenn da noch Spuren des einstigen Stotterns gewesen w�ren, mehr, als diese kaum merkliche Achtsamkeit. Du k�nntest sagen: Er ist nicht dein Bruder. Und dass du nur deshalb das Wort �Schenkung� in den Mund nehmen musstest wie ein Fremdwort, das einem dann peinlich ist, weil der andere es nicht versteht, weil man das vorher wusste. Dass du nur deshalb sagen musstest:�Ich dachte, du k�nntest es vielleicht brauchen.�</p><p>Du hast nicht einen Moment angenommen, Peter k�nnte das Haus bewohnen wollen, so ein Wille w�re dir abwegig vorgekommen, dir. Peter sagte, er brauche nichts, er sei zufrieden mit seiner Wohnung in Neubrandenburg, es gehe ihm gut. Du hast versucht, dir vorzustellen, wie gut es ihm geht mit seiner Neubrandenburger Wohnung, in der er mit seiner Neubrandenburger Frau lebt, von der dir aber nie eine Vorstellung gegl�ckt ist, und erst recht nicht von seinen zwei Kindern, es waren doch zwei, oder.</p><p>�Ich dachte, du k�nntest es verkaufen�, sagtest du. Peter lachte, und du hast dich durchaus ge�rgert, durchaus wie fr�her, wenn er sich freundlich, �berlegen �ber die abwegigen Ideen der kleinen Schwester mokiert hatte. Du hattest durchaus den Eindruck, in seiner br�derlichen Stimme liege eine Zufriedenheit, und zwar dar�ber, dass etwas, worauf er lange gewartet hatte, endlich eingetreten sei, als er sagte:�Nein. Verkaufen kannst nur du es.�</p><p>Er stand allein, ernst und in Schwarz, im Ankunftsbereich in Tegel, du warst erleichtert, ihn gleich erkannt zu haben,�it�s him�, hast du zu Michael und Paul gesagt und in Richtung des unbeweglichen Mannes jenseits der Scheibe geblickt, der in deine Richtung sah und kein Zeichen des Erkennens gab. Dir fiel das Wort �unverwandt� ein. Du hattest kein schlechtes Gewissen, du f�hltest dich mit deinem Unbehagen im Recht, denn du hattest nachgerechnet, dass die Zeit, die ihr verwandt miteinander, zum Miteinander verwandt habt, bereits von der Zeit, in der ganze f�nf Briefe als seidene F�den zwischen euch hin- und hergegangen waren und versucht hatten, das K�NSTLICHE GESTRICKE zusammenzuhalten, um ein wenig, aber doch unsagbar deutlich geschlagen worden war. Michael fragte dich, ob er auch etwas Schwarzes h�tte anziehen sollen.�Maybe�, hast du gesagt, und er murmelte einen Vorwurf. Paul war seltsamerweise v�llig in Schwarz, was dir gar nicht aufgefallen war, weil er oft dunkle Sachen tr�gt, und du hattest es aufgegeben, ihm zu sagen, wie blass es ihn mache. Es war nur dumm, weil es nun aussah, als tr�ge er es zur stummen Zurechtweisung seiner respektlosen Eltern, es wirkte, wenn auch unbeabsichtigt, so aufgesetzt, dass du �rgerlich dachtest: Er kannte sie doch gar nicht. Und wie gesagt, du hattest kein schlechtes Gewissen.</p><p>Als du auf Peter zugingst, hast du dich dicht an Michaels Seite gehalten; der Gep�ckwagen, den er vor sich herschob, war dir wie ein Schutzschild. Du hast Peter nicht angesehen, bis du vor ihm standest, du hast w�hrend des kurzen Weges auf das Ger�usch deiner Abs�tze gelauscht und sinnlose kleine Dinge zu deinem Mann, deinem Sohn gesagt, auf die sie nicht geantwortet haben. Und dann habt ihr, Peter und du, im gleichen Moment Hallo gesagt, eure Stimmen gingen eine in der anderen unter, du h�ttest nicht sagen k�nnen, ob es tats�chlich Peter war, der dich begr��te, ob tats�chlich du es warst, aus deren Mund ein� Hallo �kam. Und so warst du erschrocken, als du dein folgendes� Na �zwischen all den Stimmen um euch herum deutlich, �berlaut h�rtest, als w�re dir etwas Pers�nliches, ein Medikament, ein Tampon, durch Ungeschicklichkeit aus der Handtasche gefallen, auf das sich nun ausgerechnet die Aufmerksamkeit richtete, obschon sich niemand traute, es aufzuheben. Dann umarmte dich Peter. Durch sein schlechtes Aftershave hindurch, f�r das du sofort seine unbekannte Frau verantwortlich machtest, konntest du jenen Geruch wahrnehmen, der dich mit schmerzvollen, groben Stichen wieder an einen verblichenen Fetzen anheftete, den du dir vor langer Zeit mit einem Ruck abgerissen hattest, und er war erschreckend viel gr��er als damals. Peter gab Michael und Paul, die beide nicht wussten, ob sie l�cheln sollten, die Hand, er sagte, ein wenig zu leise:�Na, denn wollen wir mal.�</p></section><section><title><p><strong>ELLA</strong></p></title><p>Ich habs ja gesagt. Aber immer erst mit den Augen rollen, hab ich �brigens genau gesehen, wei�te, immer erst so tun wie, immer erst denken, sie ist ja Romy Pl�tz, aus der Stadt, und was geht denn sie das an, was hier passiert. Lass die man reden, die Dorftrottel. Und dann hat sie ihn doch angestarrt, angestarrt, jawoll, genau wie ich heut morgen. Ich hab erst gedacht, was is nu los, weil die erst gar nichts gesagt hat zu ihm. Vielleicht hat sien Schreck gekriegt, dass ich nun doch keinen Schei� erz�hlt hab, dass das stimmt mit dem, Paul hei�t er ja, hat er dann auch noch mal gesagt, wie heut Morgen, aber da hab ich das gar nicht so mitgeschnitten. Kann nicht wahr sein, hab ich gedacht, die sagt ihm nicht mal, wer sie ist, also hab ichs ihm gesagt, und da hat sie erst komisch geguckt. Aber ist doch schei�e, nur so rumzustehn, was soll der denn denken, dass wir hier nicht mal sprechen k�nnen oder was. Aber na ja, da ist nun mal einer gekommen zum Anstarren, und zwar nach Bresekow, und nicht nach Anklam. Da kommt n�mlich auch keiner hin, normalerweise. Das machen sie doch auch bald dicht, da braucht sie sich gar nichts einbilden drauf. Hier ist sowieso Feierabend. Kein Schwein zieht hierher, freiwillig, die hauen doch alle ab, sobald sie k�nnen. Ich will nach Berlin, wie Thorsten. Oder in die Schweiz, sp�ter. Wie ist es eigentlich in Irland so? Er hat sich jedenfalls hergetraut.</p><p>Den ganzen Nachhauseweg musste ich ihn angucken, er kam mir ein bisschen vor wie ein fremdes Tier, also irgendwie artfremd oder wie man das nennt, wie n ausgeb�xter Wellensittich oder so was. Da hatt ich beinah n bisschen Angst um ihn. Das sieht man doch gleich, dass der nicht hierher geh�rt, hab ich gedacht. Die machen ihn fertig. Wenn die von der Elpe ihn erst mal zu sehen kriegen, ist es aus, da soll er blo� einen Bogen rum machen. Wenn, na zum Beispiel, wenn Ecki das spitzkriegt, dann stachelt der doch gleich die andern Idioten auf, und wenn Paul denn vielleicht noch was Falsches sagt�� Als ob man bei denen �berhaupt was sagen k�nnte, was nicht falsch w�r. Die halten das doch nicht aus, wenn einer anders aussieht als sie, n�mlich besser, besser riecht vor allem, und auch sonst, das sind doch nichts als feige Ratten. Die haben doch��</p><p>�Jaa, verdammt noch mal!�</p><p>Mann! Hat sich grade erst zum Mittagsschlaf hingelegt und schreit schon wieder nach mir, das geht jetzt den ganzen Nachmittag so.�El-la�, immer diese� El-la�-Jammerei, und dann sagt sie am Ende wieder, dass sie schon ganz heiser ist, und guckt mich an, als w�r das auch noch meine Schuld. Ich wei� ja, sie meint das nicht so, nicht so wie Mutti oder Vati, und sie kommt auch nicht wie die mit solchen doofen Aufgaben an, irgendwelcher Haushaltskram, blo� weil sie selber zu faul sind dazu. Wenn die dann immer sagen, sie haben keine Zeit, Lehrer haben eben nachmittags auch nicht frei, nicht so wie ich, ich wei�, und das sagen sie auch,�wir haben nicht so viel Freizeit wie du�, wenn ich das h�r, dann wei� ich schon Bescheid.�Das kann ja Ella machen�, da haben die sich richtig dran gew�hnt. Vor allem, seit Oma nicht mehr so kann und Thorsten weg ist, obwohl, den haben sie nie mit so was bel�stigt.�Nu tu ma nich so, als ob du dich hier �beranstrengen musst�, das ist so Vatis Spruch,�Arbeit hat noch keinem geschadet.�</p><p>�Keine Arbeit auch nicht�, hat Thorsten mir da mal zugefl�stert,�obwohl, vielleicht bei ihm!�Ich musste kichern, und da hats gleich ne Ohrfeige von Vati gegeben, zum Gl�ck wusste der nicht, worums eigentlich geht. Aber ich muss da jetzt immer dran denken, wenn er diesen bescheuerten Satz wieder bringt, und lach so in mich rein. Blo� mir f�llt so was nie ein oder immer erst hinterher, manchmal m�chte ich sone Antwort geben, wo denen einfach die Spucke wegbleibt, wo sie so von den Socken sind, dass sie nicht mal an ne Ohrfeige denken, und dann dreh ich mich einfach aufm Hacken um und gehe und bin weg. Was bleibt mir denn andres �brig, als auch einfach wegzugehen, ohne Thorsten ist das doch hier gar nicht mehr auszuhalten. Und dann sollen sie mal sehen, wo sie bleiben, und dann kann Oma rufen, so viel sie will, Ella ist nicht mehr da.</p><p>Aber das kann ich ihr ja nun auch nicht antun, dann ist sie mit den beiden Nervens�gen alleine hier. Und die kann sie nicht so scheuchen:�Mook mi eis den Bloosentee, �wwer ohne Zucker.��Wie sp�t is dat?��L��s mi noch eis de Dodesantiegen v�r.��Hest nu all��Und denn noch das Amen-in-der-Kirche:�Joo, joo, Undank is de Welten Loohn!�</p><p>Mit mir spricht sie meistens hochdeutsch, und ich sag, Oma, brauchst du nicht, ich versteh das schon, das Platt, aber sie sch�ttelt blo� mitm Kopf. Einmal hat sie gesagt:�Mit dir brauch ich doch nich Platt sprechen!�, aber ich hab nicht genau gewusst, was sie meint damit. Vielleicht verkalkt sie wirklich. Manchmal ruft sie mich, und wenn ich denn in ihrem Zimmer steh, wei� sie nicht mehr, was sie wollte. Zuerst war ich erschrocken, aber dann hab ich mich ge�rgert. Nicht, weil ich doppelt laufen muss. Sondern weil ich gemerkt hab, dass sie das blo� so sagt. Blo�, damit ich zu ihr komm, oder blo�, damit sie mich noch mal rufen kann. Jetzt �rger ich mich nicht mehr, oder nur noch dadr�ber, dass ich wieder mal so bl�d war und das nicht eher gemerkt hab. Sie macht das ja auch nicht, um mich zu schikanieren. Die will ja blo� Gesellschaft, blo�, dass mal einer nach ihr guckt. Und dann fragt sie mich auch jedesmal nach der Schule und nach den� Schularbeiten�, und ich denk immer blo�, ach, Oma. Ich kann ihr doch nicht sagen, dass mich der ganze Mist nicht die Bohne interessiert, dass ich die Hausaufgaben meistens nicht mach, oder nur so die Sachen, die sich in ner viertel Stunde abrei�en lassen. Zu Mutti sag ich, wenn sie fragt:�Oma hat mich ja abgehalten. �Und dann geht das Gemecker los, jeder mit jedem, jeden Tag. Manchmal wei� ich echt nicht, ob ich lieber, in Anf�hrungszeichen, in der Schule oder zu Hause bin.</p><p>Ein Baby wollten sie nicht mehr, aber daf�r Oma. Dabei h�tt ich gern noch ne kleine Schwester gehabt und die dann im Kinderwagen durchs Dorf geschoben, und kein bl�der Arsch h�tt sich an mich rangetraut. Ich h�tt mir glatt eingebildet, dass das mein eigenes ist und ich das jetzt vor allem besch�tze. Aber nu wird n Rollstuhl angeschafft, f�r Oma, und rat mal, wer den dann schieben darf.</p></section><section><title><p><strong>ROMY</strong></p></title><p>Jeden Abend zu Hause ist auch nicht das Wahre. Aber was will man denn machen, hier. Wenigstens hat man jetzt was zum dr�ber Nachdenken. Was aber auch nicht geht, weil jetzt Mama schon wieder in der T�r steht, rumguckt, guckt, was ich mache also, und schlie�lich sagt:�R�um doch endlich mal die Viecher weg!�</p><p>Sie hat aus ihrem Standardsatzrepertoire gew�hlt. Erst hab ich gedacht, sie w�rde sagen:�Komm doch zu uns, Fernsehn gucken. �Sie ertr�gt das n�mlich nicht, dass ich, ihre einzige Tochter, abends � allein � in meinem Zimmer sitze. Und immer � nur � lese. Dabei stimmt das gar nicht.</p><p>Ich habe nur meistens tats�chlich ein Buch in der Hand, wenn sie reinkommt, ich muss nur aufpassen, dass ich es nicht wie in einem albernen Film verkehrtrum halte und dann versuchen m�sste, ihr weiszumachen, ich �bte, f�r Notf�lle, das Entziffern auf dem Kopf stehender Zeilen, so wie ich manchmal als Kind versucht hatte, mir das Schreiben mit der linken Hand beizubringen, da es ja immerhin passieren k�nnte, dass ich mir den rechten Arm breche. Ich habe mir nie irgendwas gebrochen. Wahrscheinlich hat es mich deshalb so besch�ftigt, so wie einen eben Dinge besch�ftigen, von denen man glaubt, dass sie sowieso immer blo� andere erleben und man selbst eine ewig Unwissende bleiben wird. Das ist nat�rlich erst mal frustrierend; andererseits, aber da bin ich erst sp�ter drauf gekommen, gibt es einem auch so ein Gef�hl von � man kann es nicht anders als Erhabenheit nennen, die erregende Erkenntnis, dass man anders ist als die anderen. Und zu solcherart Erkenntnissen w�rde ich ja nie gelangen, wenn ich nicht ab und zu auch mal das Buch aus der Hand legte und mir einige Dinge durch den Kopf gehen lie�e, was nat�rlich meist damit verbunden ist, dass man rumsitzt und aussieht, als sei man in die gef�hrlichen Sph�ren des Nichtstuns und der Sinniererei entfleucht.�Was gr�belst du?�Als ob man so hirnverbrannt w�re, solche Fragen irgendjemandem au�er sich selbst zu beantworten, und schon das ist heikel. Sprich: Tagebuch. Das geht ja nun �berhaupt nicht. Ich meine, sich dabei��berraschen �zu lassen. Was unweigerlich zu schwersten Bedenken Anlass g�be, und da hab ich nun wirklich keinen Bock drauf. Es geh�rt eindeutig zu den Dingen, die man heimlich tun muss, obwohl ja doch jeder Bescheid wei�. Ich glaube schon, dass Mama zumindest ahnt, dass ich Tagebuch f�hre, aber indem ich nichts davon sage und sie mich nicht �berraschen lasse, schaffe ich ihr die M�glichkeit, sich nicht mit dieser Perversion besch�ftigen, und mir die Freiheit, mich nicht dazu erkl�ren zu m�ssen. Nat�rlich geht sie das ja auch gar nichts an, aber das sag mal einer Mutter. Sie w�rde wahrscheinlich� trotzdem gerne �mit mir� dar�ber reden�.</p><p>Dabei war ja ausgerechnet sie es, die mich darauf gebracht hat. Ich war elf, als wir beim Einkaufen im Supermarkt in einem dieser Aktionsk�rbe ein rosarotes B�chlein mit Mickey- und Minnie-Maus auf dem Einband entdeckten, die in Gala-Garderobe irgendeinen Tanz auf ihr imagin�res Parkett legten; erst auf den zweiten Blick sah ich das winzige Schloss und den verhei�ungensvollen Schriftzug: <emphasis>Diary</emphasis>. Kurz zuvor hatten wir in Englisch einen Text durchgenommen, in dem dieses Wort vorkam, und ich hatte mich dar�ber ziemlich gewundert, ich meine, dass ganz schulunterrichts�ffentlich eine Sache zur Sprache, ja tats�chlich zur �benden Aussprache kam, von der ich durch meine Kinderbibliothekslekt�re wusste, dass es normalerweise eine streng geheime ist. Und Mama fragte mich doch wirklich, ob ich es haben wolle, dieses Ding. Ich wusste sofort, dass ich es haben will, und das, ohne vorher jemals den Wunsch nach so was gehabt zu haben; ein blitzartiges Verlangen nach diesem nur aus leeren Seiten bestehenden Buch war pl�tzlich in mir, und zwar nicht weil, sondern obwohl es rosa und mit Mickey-Maus drauf war, und h�tte mich jemand nach irgendeinem anderen, langgehegten, innigeren Wunsch gefragt in diesem Augenblick, w�re mir garantiert rein gar nichts eingefallen. Aber ich merkte genau, auf wie wackligen F��en diese Wunscherf�llung stand, weil uns n�mlich beiden anscheinend nicht ganz wohl war bei der Sache, weil Mama offenbar eine �hnliche Peinlichkeit wie ich versp�rte, als sie fragte:�Oder nicht?�</p><p>Wahrscheinlich w�re sie doch einigerma�en erleichtert gewesen, wenn ich gesagt h�tte, ach nee, lass mal, und sie somit von ihrem etwas voreiligen Vorschlag entbunden, aber damit h�tte ich ja irgendwie <emphasis>meine</emphasis> Peinlichkeit zugegeben. Dass ich das nicht tat, bewies mir auch, dass es eine andere Peinlichkeit als sonst war, wenn ich gefragt wurde, ob ich etwas haben wolle, und ich dann meistens ablehnte, weil mir das gegen meine sogenannte Bescheidenheit ging.�Das Kind ist ja so bescheiden�, hie� es immer. Es ist mir auch heute noch schlichtweg unangenehm, W�nsche zu �u�ern, ich wei� auch nicht, wieso. Aber bei diesem ersten Tagebuch gab es nun kein Zur�ck mehr, da musste ich durch, und so sagte ich einfach:�Doch.�</p><p>�Na gut�, meinte Mama darauf, was ich wieder mal unm�glich fand. Als h�tte ich sie darum gebeten oder so. Ich sagte dann schnell, dass ich dringend aufs Klo m�sse, damit wir uns beeilten und ihr nicht noch irgendwas zu diesem Thema einfiele.</p><p>Zu Hause nahm ich das Buch unauff�llig aus der T�te, es war ganz kalt von dem ganzen Gefrierzeug drumrum. Sein Einband bestand aus weichem Plastik, wie diese Babybilderb�cher, nur dass es eben nicht f�r Babys war, ganz im Gegenteil. Babys haben keine Geheimnisse, aber ich hatte welche, oh ja, und dieses Buch gab mir die M�glichkeit, sie in Worte zu fassen. Ich kam mir bis heute nie wieder so erwachsen vor wie in diesem Moment. Ich versteckte es sofort in meinem Zimmer, und Mama hat es nie wiedergesehen.</p><p>Aber zu Weihnachten im Jahr darauf packte ich zu meiner gro�en Freude und Best�rzung ein weiteres Tagebuch aus. Das erste war fast voll, und so kam es mir gerade recht, aber ich wusste nicht, was mich daran peinlicher ber�hrte: dass ich ein Tagebuch � von meinen Eltern � geschenkt bekam, was mir wohl irgendwie ein Widerspruch in sich zu sein schien, oder die Abbildung darauf. Dagegen waren jedenfalls Mickey und Minnie verzeihlicher Kinderkram gewesen. Es handelte sich um ein Foto, das einen sogenannten gut gebauten Mann in wei�em Unterhemd und Latzhose mit einem Saxophon zeigte, daneben sa� ein kleiner Junge in ebensolcher Latzhose, auch bei ihm l�ssig nur �ber einer Schulter gehalten, auf der Motorhaube eines Oldtimers. Sonnenuntergangsstimmung. Auf der R�ckseite fand sich derselbe Mann noch mal ohne Junge und Saxophon, daf�r aber mit einer Rose, die er vertr�umt an seine Lippen hielt, in eine weite amerikanische Pr�rielandschaft gestellt.</p><p>Ich war entsetzt. Vor allem �ber die offenbar zugrunde liegende Annahme Mamas, dass ich so was gut finden k�nnte. Dabei konnte ich mir denken, warum sie ausgerechnet dieses gekauft hatte, und das machte es nur noch unertr�glicher: Sie war wohl der Meinung, dass ein� romantisches �Motiv wie dieses meinem pubert�ren Alter mit seinen romantisierenden Schw�rmereien entspr�che oder, und da lag der Kern des Pudels begraben, eigentlich entsprechen m�sste, denn da ich in diesen Dingen sehr zur�ckhaltend, und, wie Mama wohl bef�rchtete, zur�ckgeblieben war, meinte sie anscheinend, mir etwas auf die Spr�nge helfen zu m�ssen, so nach dem Motto, dass sie jedenfalls keine von diesen irgendwie verklemmten oder altmodischen M�ttern sei, sondern das genaue Gegenteil: offen, verst�ndnisvoll, hilfs- und gespr�chsbereit. Was man von mir nicht gerade behaupten kann. Das ist sowieso unser st�ndiger Streitpunkt. Dass sie irgendwelche Dinge f�r mich aussucht, besonders Klamotten, die sie� jugendlich �und� flott �findet, und dann nicht einsehen kann, dass ich mich zum Gesp�tt der ganzen Schule damit machen werde.</p><p>Ich wei� beim besten Willen nicht mehr, was ich zu diesem Tagebuch gesagt habe; ich habe es sorgf�ltig hinter die anderen Geschenke unter dem Weihnachtsbaum geschoben, denn einer Schmach wie der, dass irgendein Besuch, irgendeiner von meinen furchtbaren Verwandten es zu Gesicht bekommen k�nnte, f�hlte ich mich nicht gewachsen, nicht mal ich selbst wollte es angucken. Nach Weihnachten ist es mir dann wohl irgendwie gelungen, sein �u�eres zu ignorieren und mich daf�r eifrig der Aufgabe zu widmen, ihm ein Innenleben zu verpassen, was bei so viel t�glicher Peinlichkeit auch kein Problem darstellte, jedenfalls brauchte ich, noch bevor das Jahr wieder rum war, ein neues, und f�r dieses und auch alle weiteren kratzte ich mein kl�gliches, unregelm��iges Taschengeld zusammen.</p><p>Was Mama auch nicht ertr�gt, sind John und Paul. Wie sie so rumguckte, war mir klar, dass der Satz mit den� Viechern �k�me. Sie findet sie eklig. Tote Tiere im Regal, das ginge nun wirklich zu weit. Ich wei� nicht, was an zwei knochentrockenen Flusskrebsen, der eine hell, der andere dunkel, eklig sein soll. Sie sind nicht mehr die Frischesten, deshalb sollten sie ja auch weg. Da lagen sie, �bereinandergeh�uft in einer Pappkiste wie in einem sp�ten Massengrab, damals im Biologieraum. Gratis, zum Mitnehmen. Ich hab mir einen elfenbeinfarbenen ausgesucht, und einen cognacbraunen dazu. Und musste �ber Namen f�r die beiden nicht lange nachdenken. Jetzt spiele ich ihnen manchmal ihre Lieder vor, zur Erinnerung. Das rote Album, das blaue Album. Auch, um mich selbst daran zu erinnern, dass es vielleicht an und f�r sich und �berhaupt gar keinen Grund gibt, sich daf�r,�so was �zu m�gen, nun in Grund und Boden zu sch�men. Ich wei� auch nicht, aber zuerst war ich �berzeugt davon, es m�sse mir vor meinen Eltern wieder mal irgendwie peinlich sein. Keine Ahnung, wieso. Weil ich auf einmal die Musik <emphasis>ihrer</emphasis> Jugend gut fand? Dabei kenne ich die inzwischen besser als sie, tr�llere SHE LOVES YOU genauso mit wie ACROSS THE UNIVERSE, nat�rlich nur, wenn wirklich keiner da ist, und wenn ich Gl�ck habe, kann ich einen Blick auf zwei Krebse in R�ckw�rtsbewegung erhaschen, John und Paul, wie sie mir gerade zuzwinkern. Ich h�tte vier nehmen sollen, nat�rlich, f�r die FAB FOUR, aber ich wollte nicht unversch�mt sein. Ausversch�mt, wie sie hier sagen.</p><p>Das Telefon klingelt. Ich sitze wahrscheinlich am dichtesten dran, aber ich gehe nicht ran, ich denke gar nicht daran, und das ist auch nicht n�tig. Es hat sich inzwischen so eingeschliffen, dass immer Mama rangeht; sofern sie da ist, geht sie auf jeden Fall ran, falls sie gerade nicht kann, ruft sie vom Klo oder aus der Badewanne laut und panisch:�Nu geh doch mal einer ran!�, was dann immer einen mit Z�gern und St�hnen verbundenen Ausnahmezustand hervorruft. Ist sie nicht da, geht niemand ran mitunter, oder Papa und ich sagen so lange:�Geh du ran!�zueinander, bis es aufgeh�rt hat zu klingeln. Keiner von uns beiden hat Lust, Anrufe entgegenzunehmen, die in neunzig Prozent aller F�lle f�r Mama sind und oft l�stiger Art obendrein. Ich lasse mich aber nicht gerne von mir wildfremden Leuten belatschern, denen ich zuallermeist auch noch erst zu der Erkenntnis verhelfen muss, dass ich nicht Frau Pl�tz bin und auch nicht Sonja, sondern� die Tochter�. Die Tochter! Die Tochter scheut sich, ans Telefon zu gehen, um nicht� die Tochter �sein zu m�ssen. Es ist nicht weniger nervig, als zuerst f�r die Mutter gehalten zu werden:�Du h�rst dich ja genau wie deine Mutter an!�Ich hasse das, echt. Meine Mutter spricht zu Leuten �ber mich und nennt mich dabei� die Tochter�! Die Gardine, die Waschmaschine. Ich habe sie mal gefragt, ob sie nicht wenigstens �meine Tochter� sagen k�nnte. Sie hat sich sofort einsichtig gezeigt, nur, beim �bern�chsten Mal musste ich wieder� die Tochter �sein.</p><p>Nun kommt zu der Tochter abermals die Mutter und spricht:�F�r dich!�</p><p>Sie klingt beinah ein bisschen schadenfroh, vielleicht auch nur froh, schwer zu sagen, allerdings nicht verwundert. Ich bins jedenfalls. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, wer mich anruft, noch nicht mal recht, dass mich jemand anruft. Ich bequeme mich zum Telefon, das mit dem danebengelegten H�rer irgendwie verletzt wirkt, verrenkt, seiner urspr�nglichen Einheit schauerlich entfremdet, und nur eine spiralige Sehne h�lt die beiden Teile noch zusammen. Wie eine abgerissene Extremit�t hebe ich vorsichtig den H�rer auf, er ist noch warm, und etwas Lebendiges rauscht in ihm, dazwischen pl�tzlich eine undeutliche Stimme:�Willst du r�berkommen?�</p><p>Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass es Ellas Stimme ist, die mich da zu ich wei� nicht was einl�dt, zu sich jedenfalls, und ich war noch nie bei ihr. Irgendwie ist mir nicht ganz wohl dabei, was denkt die sich eigentlich: da redet man einmal mit ihr, und schon bel�stigt sie einen � durchs Telefon kommen im Grunde nur Bel�stigungen � , und offenbar mit dem h�chst zweifelhaften Ansinnen, sich mit mir � anzufreunden, oder was? Von ihrer Erkl�rung, so was soll es wohl sein, kriege ich nur noch mit:���und da haben wir eben gedacht, du k�nntest doch auch, also, na ja, r�berkommen�, sie kichert ein bisschen. Ich komm da nicht ganz mit.�Wer ist denn �wir�?�</p><p>�Na ich und � Paul.�</p><p>�Okay, Ella, bis gleich!�, h�re ich mich nur noch sagen und lege auf. Wo sind meine Schuhe?� Mama! Wo sind meine Schuhe?�Nat�rlich, im Schuhschrank. So ein Bl�dsinn, diese bl�dsinnige Ordnung, ich merke, wie mich das sinnlos w�tend macht, aber dazu hab ich jetzt keine Zeit.</p><p>�Wo willst du denn hin?�, fragt Mama.</p><p>�Zu Ella�, sage ich und kann das selbst nicht glauben. Mama freut sich. Ich bin schon halb aus der T�r, muss mir aber noch anh�ren:�Immer muss erst ein andrer auf dich zukommen! Nu freunde dich aber mal mit ihr an!�</p><p>Augenrollend trete ich auf die sparsam beleuchtete Dorfstra�e. Es zieht sich ein Pflastersteindamm durchs Dorf, geht abschnittsweise in rissigen Beton �ber, holperige Platten, aufgeweichte Lehmwege mit Schlagl�chern, die nach einem Herbstregen unauslotbar werden und nur f�r die Eingeborenen halbwegs berechenbar sind, und alles hei�t Dorfstra�e. Die Fremden werden identifiziert anhand der Schlammspritzer an den Seitenscheiben ihrer untauglichen Autos. Die sich seltsamerweise auf den ersten Blick in nichts von den Autos der Einheimischen unterscheiden, kein Mensch f�hrt hier einen Gel�ndewagen oder so, aber insgeheim scheinen alle von der Robustheit und Kampferprobtheit ihres Gef�hrts �berzeugt, nat�rlich ihres Gef�hrts allein weit und breit. Die Einzigen, die das wirklich f�r sich verbuchen k�nnten, sind meiner Meinung nach die Hass-Br�der, die wahrhaftig so hei�en und schon seit mindestens hundert Jahren in ihrem grauen Haus mit den gr�nen Fensterrahmen und schiefen Gardinen direkt an der Landstra�e geheimnisvoll vor sich hin leben, kauzig,�anners�, und die immer noch mit ihrem Pferdewagen auf dieser Landstra�e zum Einkaufen in die Stadt fahren. Stets zu zweit, wahrscheinlich muss einer auf die G�ule, die das Alter ihrer Besitzer nicht wesentlich unterschreiten d�rften, aufpassen, oder sie k�nnen nach so langer Doppelpack-Existenz einfach nicht mehr ohne den anderen.</p><p>�Dei hemm�n n annern Gloubn�, soll die stets wiederholte, aber einzige Auskunft meiner Uroma Hilda zu dem merkw�rdigen Gespann gewesen sein, und als ich Mama mal fragte, um was f�r einen anderen Glauben es sich dabei denn handelte, stellte sich heraus, dass bis jetzt keiner jemals das Bed�rfnis gehabt hatte, das wissen zu wollen. Aber auch auf ihren Briefen, falls sie welche kriegen, steht Dorfstr., Nummer sowieso, denn vor der Post sind alle Bresekower gleich.</p><p>�berm Acker h�ngt gelb und wie aufgepumpt der Mond, ein schwerer Ballon, der die Sterne aus seiner Bahn dr�ngt. Sie haben sich alle am restlichen Himmel zusammengeschoben, und das ganze Funkeln macht einen ein bi�chen taumelig, wenn man nach oben guckt. Fr�her hab ich mir vorgestellt, wie das wohl w�re, auf dem Mond zu wohnen, und zwar genau auf der Grenze, ein Bein im Hellen und ein Bein im Dunkeln sozusagen. Ob dann wohl eine H�lfte von mir immer schlafen k�nnte, w�hrend die andere die ganze Zeit wach sein muss. Bis ich gemerkt habe, dass es hier nicht viel anders ist. Hinterm Mond.</p><p>Ein Geruch nach Kompost und Gully, in einem Garten plumpst ein Apfel ins feuchte Gras. Zwei Hunde wechseln sich beim Kl�ffen ab, sonst nichts. Fast nichts, au�er meinen eiligen, leisen Schritten. Sommer ist, wenn man nicht mehr wei�, was Frieren ist; also ist der Sommer hiermit vorbei. Meine Schultern streben schon wieder Richtung Hals, die H�nde stecken tief in den Taschen, sowieso finde ich, dass Taschen an einem Kleidungsst�ck das Entscheidende sind.</p><p>Noch bevor wir gestern bei Ellas Vorgartentor angelangt waren, hatte ich alles erfahren, die n�heren Umst�nde, wie man so sagt. Vor drei Tagen haben die Glocken gel�utet, nachmittags um zwei, ein Montag. Die alte Anna Hanske war gestorben, war tot seit letztem Dienstag, was alle ziemlich �berrascht hatte, noch am Wochenende davor war sie auf ihrem schwarzen Nachkriegsfahrrad durchs Dorf gehuckelt. Ich mochte sie irgendwie, obwohl ich nie ein Wort mit ihr gewechselt hatte, h�chstens mal� Tach �gesagt, sie war die Einzige, bei der mir das nicht schwerfiel, sie war anders. Schweigsam, ja eigentlich nichts Besonderes hier, wenn damit �maulfaul� gemeint ist, aber sie war es auf eine andere Art, die jenseits dieser Verdruckstheit lag, die den Klatsch hervorbringt. Eine Krankheit sah man ihr nicht an. Sonst wei� ich nichts �ber sie, au�er dass keiner sie so richtig leiden konnte, anscheinend wegen der Sache mit diesem Henry damals, der bei ihr gewohnt hat und wohl �ber irgendwelche Ecken mit ihr verwandt war, dabei konnte sie daf�r ja nun nichts. Sie hat dann bis zum Schluss allein gelebt, in einem ziemlich gro�en Backsteinhaus, schr�g gegen�ber vom Friedhof. Nun musste sie die Stra�e �berqueren, und ihre Tochter war weit weg. Ich hatte das auch nicht gewusst. Die lebte seit Jahren in Irland, hatte einen Iren geheiratet und hat einen Sohn. Paul. Und jetzt sind sie hergekommen, am Sonntag, zur Beerdigung, und weil das Haus verkauft werden muss. Sie wollen ja nicht hierbleiben, logisch. Nur so lange, wie es eben dauert. Paul sagte, er h�tte nur unter der Bedingung mitgedurft, dass er hier gastweise die Schule besuche, also das Gymnasium, sein Vater hatte das so gewollt, wegen der� nutzvollen Erfahrung�, wie Paul sagte, und zur praktischen Verbesserung und Anwendung seines Deutsch, das er nat�rlich von seiner Mutter gelernt hat und meiner Meinung nach schon ziemlich perfekt spricht, bis auf den leichten Akzent, klingt �brigens sehr s��. Sein Vater schreibt gerade an einem Buch �ber Uwe Johnson und ist schon allein deshalb mitgekommen. Ich nehme mal an, er wird nicht viel finden. Frag doch mal einen hier nach Uwe Johnson, die gucken dich blo� bl�d an. Dabei hat er ihnen was Gro�es geschenkt, das haben sie blo� nicht angenommen. Das hat hier einfach keiner mitgekriegt. Seit Uwe Johnson kann man einen der h�ufigsten Laute des Plattdeutschen richtig schreiben, ich meine, dass er auch von Leuten, die des Plattdeutschen nicht m�chtig sind, richtig plattdeutsch ausgesprochen werden kann, und zwar das lange offene O, das gibts n�mlich eigentlich gar nicht. G�r nich, nach Johnson. Fast so wie in �Paul�. Und die hier qu�len sich immer noch mit Doppel-O und solchem Quatsch rum. Aber Eleganz war wohl noch nie unsere St�rke.</p><p>Jedenfalls, das ist also Paul. Der Enkel von Anna Hanske, wer h�tte das gedacht, dass die so einen Enkel hat, einen, der aussieht wie Paul McCartney himself und obendrein noch so hei�t, aber der war eigentlich alles zuzutrauen. Manchmal schockiert mich das, also, die Wirklichkeit, aber positiv. Ich meine, das geh�rt ja wohl wieder eindeutig zu den Dingen, die man zum Beispiel in einem Roman oder so niemals bringen k�nnte, weil sie einfach � na ja, zu romanhaft wirken��</p><p>Ein Pfiff, ein Klirren, ich zucke zusammen. Schei�e, daran hab ich nicht gedacht. Doch, nat�rlich, ich hab dran gedacht, die ganze Zeit hab ich dran gedacht und nur versucht, mich abzulenken, aber die Elpe l�sst sich nicht einfach �bergehen, im wahrsten Sinne. Ich dachte, ich bin mal mutig, ich dachte, ich nehme die Abk�rzung, �ber die Elpe eben, vorbei an den alten Silos und Kuhst�llen, aber nat�rlich haben sie mich bemerkt, wer wei� denn, in was f�r Dreckecken die �berall hocken, und jetzt johlen sie und rufen irgendwas, ich will gar nicht wissen, was. Die tun mir ja nichts, das trauen die sich nicht, ich bin ja Romy, ich bin die Tochter der Jugendclubleiterin, aber trotzdem, leg mal einen Schritt zu, Romy. Sie schaffen es immerhin, dass ich ins Schwitzen komme, und das wissen die, das wittern die wie Hunde, dreckige K�ter.</p><p>Bei Ella brennt kein Licht auf dem Hof, und ich falle fast in die Rabatten. Und wo ist verdammt noch mal die Klingel? Was ist denn das f�r ein Empfang!</p></section><section><title><p><strong>ECKI</strong></p></title><p>�Wer war�n dat, die Pl�tz, oder wat?�, hab ick blo� gefragt, und da sagt doch der Hoschi von B�rner:�Eh, Ecki, willste wat von der?�, wat nat�rlich wieder alle gleich mitgekriegt haben, und dat vor Sabrina, eh! Mann!</p><p>�Ecki is scharf uff die Pl�tz!�</p><p>�Ecki will die Gymmi-Tussi bumsen!�</p><p>�Eh, Ecki, frag doch ma Frau Pl�tz n�chstes Ma, ob du ma mit ihre Tochter���</p><p>���ob du ma mit ihre Tochter ne Nummer schieben kannst, eh!�</p><p>�Schnauze!�, sag ick,�Schnauze, Mann! Fick dich doch, B�rner! Glaubste, ick will wat von der flachen Fotze, eh, an der is doch gar nix dran. Gib ma dein Bier her, Toffi!�</p><p>�Flache Fotze, eh! Der is gut, Ecki!�</p><p>�Halt die Klappe, Gniedeck, ick brauch kein Papagei!�</p><p>Hat die jetzt gelacht, Sabrina? �ber mich, oder wat, oder wegen dem Papagei? Ick glaub, wegen dem Papagei, die is die Einzigste vonne Weiber, die �ber so wat lachen kann, war ja auch lustig, oder.</p><p>�Na, Sabrina, haste gute Laune heute? Eh, wei�te, B�rner, wie die Mathe-Maier immer sagt, ne, �mit Lust und gute Laune�, wei�te, und wie denn Thomas neulich gesagt hat: �ick hab aber keine Lust, Frau Maier, na jedenfalls nich dadruff!�, eh, und die ganze Klasse hat gegr�lt, uch die Weiber, und die Maier is puterrot geworden und hat denn blo� gesagt: �Schluss mit lustig!�, eh, wei�te, �Schluss mit lustig�! Ick h�tt mich wegschmei�en k�nnen h�tt ick mich! Die Alte, eh! Die merkt uch gar nix mehr! Eh, Sabrina, haste Lust heute? Kannst nachher mit zu mir komm�!�</p><p>�Nee, danke.�</p><p>�Eh, wieso denn nich, Sabrina. War doch geil letztes Ma, wei�t noch?�</p><p>�Halt deine verlogene Fresse, Ecki!�</p><p>��Verlogen�, eh! Wo haste dat denn her? Von meine Mudder, wa? Hat die n�mlich uch immer gesagt. Einma hatse zu mein Vadder und mein Onkel gesagt: �Ihr verlogenen Schweinehunde!�, da hatse denn gleich n Veilchen von mein Vadder f�r gekriegt, der hat ja uch immer gesagt: �Meine Alte is gen�gsam. Wenn ick se frag, ob ick ihr ma wieder Blumen schenken soll, sch�ttelt se schnell mitm Kopp � sind n�mlich immer blo� Veilchen!� Mein Vadder, eh!�� Sabrina, ick wei� wat, du kommst nachher mit zu mir!�</p><p>�Nee, danke. Kann ick drauf verzichten. Ick geh doch nich freiwillig in dat Dreckloch von dein Vadder!�</p><p>�Wat?�Hat die noch alle, die Schlampe? Die spinnt ja wohl! Wer sagt denn, dat wir in nem Dreckloch wohnen, wir hamn Riesen-Haus, Mann, so wat hat die doch noch gar nich gesehn, die in ihrer pupsigen Neubaubuchte!� Eh, Sabrina, sag dat nich noch ma! Kannst nachher mitkommen, und denn zeig ick dir ma unser Haus!�</p><p>�Blo� dat Haus, Ecki?�</p><p>�Halt endlich deine dreckige Schnauze, B�rner, du Missgeburt!�� Wat is jetz, Sabrina?�</p><p>�Nee, danke. Hab ick doch nu schon tausendma gesagt!�</p><p>Ja, du bl�de Fotze. Ick habt kapiert.�Wei�t ja gar nich, watte verpasst!�</p><p>�Eh, Sabrina, wieso sagste eigentlich immer �danke� zu Ecki, ick glaub, du bist verknallt in den! Na, der is jedenfalls in dir � eh, sag ma, spinnst du? Wat soll�n dat, Ecki! Und uff die Jacke, eh, die is neu, Mann, du Arsch���</p><p>Schade um dat Bier. Nu hat B�rner�t uffn Kopp. Aber dat ging nu echt zu weit. Aber nu lacht se wieder, Sabrina!</p></section><section><title><p><strong>SONJA</strong></p></title><p>Ich will ja blo�, dass sie nicht vereinsamt. Sie ist nun mal ein Einzelkind, und vielleicht werden die dann so, das kann unsereins sich ja gar nicht vorstellen, mit vier Geschwistern, na, und Friedhelm erst als einer von elf. Als ich ihn kennengelernt hab oder kurz danach, als wir erst ganz frisch zusammen waren, hab ich ihn gefragt, ob er Geschwister hat, und er hat blo� ja gesagt und nix weiter, da hab ich gemerkt, dass er da eigentlich nicht dr�ber reden will, aber nat�rlich, wie ich nun mal so bin, hab ich gleich wissen wollen, wie viele, und da hat er mich gar nicht angeguckt, als er gesagt hat:�Na, zehn.�</p><p>Ich hab gelacht, ich dachte, der will mich ver�ppeln, ach, du spinnst. Dabei hab ich aber gedacht, wenn der nun wirklich zehn Geschwister hat, was hab ich denn da f�r einen erwischt, und er hat gesagt:�Ja, meine Mudder, ick wei� uch nich���</p><p>�Ihr seid wirklich elf Kinder zu Hause?�, hab ich gefragt, ich glaub, ich bin sogar stehen geblieben, das war n�mlich auf einem unserer ber�hmten Spazierg�nge, wir sind ja immer spazieren gegangen, weil wir sonst gar nicht wussten, wohin; zu mir ging nicht, ich hatte kein eigenes Zimmer, und die ganze Bande war ja immer zu Hause, na, und zu ihm erst recht nicht, das war mir nun auch klar, er hatte mich auch nie mitgenommen, und er hat dann blo� noch gesagt:�Na, die sind ja nich immer alle da.�</p><p>Die �ltesten waren schon aus dem Haus, als die J�ngsten geboren wurden, aber ich konnt mir das trotzdem gar nicht vorstellen. Gleichzeitig hatte ich auch Respekt vor seiner Mutter, dass die es eben so genommen hat, wies kommt, dass die alle Kinder ausgetragen hat, und ich hab gedacht, das muss ja ne gro�e Liebe gewesen sein zwischen seinen Eltern.</p><p>Von meiner Mudder haben sie ja gemunkelt, dass die welche abgetrieben hat, selber, wie die das damals so gemacht haben, mit ner Stricknadel oder was wei� ich, das ist son Bild, was ich mir als Kind oder als Halbw�chsige schon immer mit Entsetzen ausgemalt hab. Ich dachte, das ist dann, wie wenn sie zu Ostern mit ner Nadel die Eier durchsto�en, zum Auspusten, und dann das ganze Gegatter unten rauskommt, ich konnt da nie hingucken, und als ich dann sp�ter f�r Romy Eier ausgepustet hab, hatte ich dieses Bild immer noch im Kopf, da wurd mir immer noch ganz anders, wenn ich dadran dachte.</p><p>Sp�ter hab ich dann geh�rt, dass sie wohl schon mich gar nicht mehr haben wollte, nach den beiden Jungs, sie soll geheult haben, als sie gemerkt hat, dass sie schon wieder schwanger ist, meine Oma hat mir das alles erz�hlt, auch, dass mein Vadder mal zu meiner Mudder gesagt hat, dass ich wohl gar nicht sein Kind w�r, und meine Mudder hat nix dazu gesagt. Sie hat nix dazu gesagt. Ich wei� nicht, ob sie nun wirklich was mit dem Beschke gehabt hat, wie die immer gesagt haben, der war ja unser Nachbar, und als ich das dann erst geh�rt hatte, hab ich den, glaub ich, immer ganz komisch angeguckt und versucht, mir vorzustellen, dass das mein Vadder ist.</p><p>Fakt ist, dass ich wirklich anders war als die andern, anders als meine Br�der sowieso, und auch mit Elke und Marlies, die sie dann nach mir auch noch bekommen hat, hatte ich fast gar nix zu tun, die waren mir total schnurz, obwohl ich die auch niedlich fand als Babys, und besonders Marlies haben die ja bet�dert, na und Elke war ja Vadders Liebling. Ich war auch drei Jahre �lter, und die beiden waren nur ein Jahr auseinander, genau wie die beiden Jungs, und ich musste blo� immer auf die aufpassen, das wei� ich noch. Wie ich das gehasst hab. Da wollt ich nachmittags zu meiner Freundin, sonnabends, wenn endlich Wochenende war, und dann hie� das,�nee, du bliwwst hier, eener m��t up de L�tten uppassen�, und� eener �war nat�rlich wieder ich.</p><p>Und da hab ich mir denn immer vorgestellt, dass das gar nicht wirklich meine Geschwister sind, dass ich gar nicht zu dieser Familie geh�r und die mich nur ausnutzen und ich blo� ihre Magd bin � ich hab mir das immer vorgestellt wie in den M�rchenfilmen � , aber eines Tages w�rden die noch alle zu mir aufschauen, und dann w�rd ich denen entweder die kalte Schulter zeigen � das hab ich nat�rlich immer gedacht, wenn ich schon geheult hab, vor Wut � , oder ich w�r die Gro�z�gigkeit in Person und w�rd nur abwinken und sagen, ach, schon gut. Oder ich w�rde sterben. Den Gedanken hatte ich oft. Ich hab mich hinter unserm Haus zwischen den B�schen versteckt und mir die Augen ausgeheult und mir dann ausgesponnen, ich w�rde sterben, und wie sie denn alle an meinem Grab stehen und um <emphasis>mich</emphasis> heulen w�rden. Was mich nur noch mehr zum Heulen gebracht hat, und da hockte ich denn zwischen den Stachelbeeren, und die dicken Fliegen schwirrten um mich rum. Eklige Biester, aber die waren �berall, auch drinnen, besonders in der K�che, gleich gegen�ber war ja der Bullenstall, und deswegen haben die denn immer diese Fliegenf�nger aufgeh�ngt, diese klebrigen Dinger, die aussahen wie Wurstpelle, die baumelten �berall von der Decke, keine zwei Tage, da waren die schwarz. Ich mocht im Sommer nie meine Freundinnen bei uns reinlassen. Sp�ter gabs dann dieses Insektenspray, Mux, davon war ja meine Oma so begeistert; wenn meine Mutter in die Stadt gefahren ist, hat sie ausm Fenster gerufen,�bring mi noch eis MUX mit�, und abends, bevor wir beide da oben in unserer Dachkammer zu Bett gegangen sind:�Ick gl��w, wi m��ten noch eis muxen. �Romy wollt sich kaputtlachen, als ich ihr das erz�hlt hab. Dabei mochte die als Baby auch �berhaupt keine Fliegen, sie hat dann immer so schreckhaft mit dem Kopf gezuckt, und sp�ter, als sie sprechen konnte, mich besorgt angeguckt und:�Mama, Fiege!�gesagt und dabei so die Stirn ganz kraus gemacht, und Mama hat die� Fiege �weggescheucht.</p><p>Wenn meine Mudder dann nach mir gerufen hat,�Sonja! Sonja!�, hab ich immer Angst gehabt, dass sie mich findet, und ich wusste nicht, was dann schlimmer gewesen w�r, das Gemecker, weil ich mich nicht gemeldet hab, oder die Frage, warum ich denn geheult hab. Das h�tt ja keiner verstanden, verstehen wollt mich da sowieso nie einer, au�er meine Oma vielleicht, der hab ich fast alles erz�hlt, besonders abends, wenn wir da beide im Bett lagen und ihr Kofferradio noch son bisschen vor sich hindudelte, manchmal kam sogar was Modernes, altmodisch war sie eigentlich nicht, meine Oma. Sie hat auch mit mir Fernsehn geguckt, auch meine Sendungen, und wenn denn da sone langhaarige Gruppe auftrat, hat sie gefragt:�S�n dat de B�dels?�Mit so was hat sie mich immer zum Lachen gebracht, ich glaub, sie wusste das auch.�De B�dels�, das war ja sozusagen n Schimpfwort:�Wie s��hst du denn ut, wien B�del!�Herbert mit seiner toupierten Matte hat das �fter zu h�ren gekriegt, das war eigentlich der Befehl, schleunigst zum Fris�r zu gehen. Meiner Oma war das egal,�loot em doch�. Sie war da nicht so, obwohl sie ja da schon alt war, und dann war sie sp�ter auch noch die Oma Hilda f�r Romy, wenn man sich das mal �berlegt, sie war ja die einzige Oma, die sie hatte. Ich glaub, an meine Mudder erinnert Romy sich gar nicht mehr, ich wei� gar nicht, ob sie �Oma� zu der gesagt hat. Mit meiner Mudder konnt ich nicht reden. Ich hab sie lieb gehabt, sie war schlie�lich meine Mutter, aber mal dr�cken oder so, das konnt die mich nicht. Da stand sie immer ganz steif, wenn ich, wie ich noch l�tter war, ihr in die Sch�rze kriechen wollt, wenn ich geheult hab,�nu is ja wedder gaut�, hat sie denn blo� gesagt. Sp�ter hab ich mich denn woanders verkrochen, alleine.</p><p>Aber einmal, das wei� ich noch, och, das war schlimm. Das war, als ich sie mit dem Messer geschnitten hab. Ich wei� gar nicht mehr, ich sollte irgendwas durchschneiden, ich glaub, ein St�ck W�scheleine, und meine Mutter hielt mir das so mit beiden H�nden stramm hin,�schnied eis d�rch�, und das ging schwer, und denn hab ichs auch durchgeschnitten, aber bin irgendwie abgerutscht mit dem Messer, und das war ausnahmsweise mal scharf, sonst gabs bei St�wsands ja immer nur stumpfeGniewen, das war gleich mit das Erste, wodr�ber Friedhelm sich mokiert hat, na jedenfalls: rutsch ab und schneid ihr doch in�n Arm, und das Blut spritzte gleich. Ich das Messer fallen lassen und nix wie weg, ich bin gerannt, gerannt, sone Schiss hatt ich. Wovor eigentlich? Die Mutter verletzen, was Schlimmres konnt ich mir gar nicht vorstellen, ich dacht, die rei�en mir den Kopf ab, das war nicht blo� Angst vor der Strafe, ich fand mich entsetzlich, ich glaub, ich wollt am liebsten vor mir selber weglaufen.</p><p>Ich hab mich dann den ganzen Nachmittag irgendwo versteckt und mich erst abends wieder nach Hause getraut, und da stand meine Mutter in der K�che, mitm dicken Pflaster �berm Arm, und die hat dann gesagt:�K�mm eis hier. Dat wier doch nich so schlimm!�, und dann hat sie mich kurz in den Arm genommen, aber ich stand da wie bed�ppert.</p><p>Aber selber konnte sie auch �berhaupt nicht mit so was umgehen, ich glaub, wir k�nnen alle kein Blut sehen, zum Beispiel Elke ist dann ja immer gleich blau angelaufen und hat nach Luft geschnappt und ist umgekippt. Einmal mitten im Kornfeld, und weg warse! Ich wei� gar nicht, wie die das beim Schlachten gemacht haben, ich hab mir mitm Kopfkissen die Ohren zugehalten, wenn das losging, wenn ich die Schweine quieken h�rte. Und dann kam der besoffne Trichinenbeschauer, und wir G�ren haben immer� Maschinenbeschauer �gesagt, weil wir gar nix damit anfangen konnten, na, war vielleicht auch besser so. Der linste dann kurz durch sein Mikroskop und sagte immer:�Alles in Ordnung�, und schon stand der Schnaps aufm Tisch. Und abends gabs Schwarzsauer, da haben die sich alle zehn Finger nach geleckt, besonders meine Mudder. Mir wurd schon vom Geruch ganz anders. Und meine Oma! Da war die ja gar nicht zach: die G�nse mit der Schere in�n Kopp gebohrt, nee! Und meine Mudder hat die Sch�ssel drunter gehalten. Das darf man ja heut gar keinem mehr erz�hlen.</p><p>Aber wie ich da vom Schlittschuhlaufen mit dem Loch im Kopp nach Hause kam, wusst meine Mudder gar nicht, was sie machen soll, und hat mich blo� entgeistert angeguckt und gesagt:�Sonja! Wat hest du denn mookt?�</p><p>Ich wei� gar nicht mehr, wie alt ich da war, vielleicht zweite oder dritte Klasse, und wir haben ja im Winter auf dem Teich beim Kulturhaus immer Eiskunstlaufen gespielt, erst haben wir uns Gaby Seyfert und Sonja Morgenstern und die andern im Fernsehn angeguckt, und dann sind wir selber los, und das waren noch so Schlittschuhe, eigentlich blo� Kufen, die man an die Schuhe schrauben musste, wovon dann die Schuhe mit der Zeit auch kaputtgegangen sind und weshalb unsere Eltern das gar nicht so gerne gesehen haben, da hie� das blo� immer:�Gl��w nich, dat ick di n poor nieje k��p!�Aber wenigstens waren wir drau�en, in der Bude hocken, das gabs ja nicht.</p><p>Ich wei� noch, dass ich an dem Tag Gaby Seyfert war, das wollte jede immer sein, und ich war ja sonst auf Sonja Morgenstern abonniert, Sonja musste logischerweise Sonja sein, wodrauf ich auch ein bisschen stolz war, trotzdem mocht ich meinen Namen nie. Vor allem wegen der Margarine. Das war wirklich kurios, aber das konnte ja keiner ahnen, dass die sich so was ausdenken. Meine Freundin hie� Marina, wir sind blo� drei Tage auseinander, und kurz nach unserer Geburt kamen dann diese beide Margarinesorten auf den Markt: SONJA und MARINA.�Unm�glich!</p><p>Aber an dem Tag jedenfalls durfte ich Gaby Seyfert sein und ich war stolz auf meine Pirouetten, also wenn man sich zweimal rumdrehen konnte, das war schon was, das gab dann schon mindestens ne f�nf komma acht. Blo� dann bin ich auf einmal hinten�ber gefallen und mit dem Hinterkopf auf ein St�ck von soner Eisenstange, die da im Eis steckte, in dem T�mpel lag ja alles M�gliche rum, vom Krieg noch oder was wei� ich, ich glaub, die haben auch alle ihren M�ll da reingekippt, aber ich bin dann wieder aufgestanden, mit brummendem Sch�del, und sag noch,�ach, nich so schlimm�. Aber denn merkte ich schon, wie das ganz warm wurde an der Stelle, die wehtat, und als ich meine M�tze abgenommen hab, war da ein gro�er Fleck drauf. Das war so helle Wolle gewesen, meine Oma hatte mir die gestrickt, und die sa�en immer ganz eng, diese M�tzen, ich mocht die eigentlich nicht, und ich dacht blo�, dass das aber Mecker gibt, wenn die das sehen,�dat geiht doch nich miehr ruut�. Ich hab blo� auf diesen Fleck gestarrt, es wurd schon dunkel, und das Blut sah ganz schwarz aus. Ich hab mich gar nicht getraut, meinen Kopf anzufassen, meine Freundinnen haben mich blo� ganz erschrocken angeguckt und gesagt,�du musst nach Hause, Sonja, los, ihr m�sst zum Arzt�, und dann bin ich nach Hause gerannt, ich stand so unter Schock, ich hab nicht mal geheult. Und meine Mudder sagte denn blo�:�Du m��tst tau de Schwester, du m��tst tau Schwester Ruthchen goohn!�</p><p>�Kommst du nich mit?�, hab ich sie gefragt, und da hat sie angefangen zu heulen und blo� wieder gesagt:�Gooh tau Schwester Ruthchen! Ick k�nn dat nich. Nu gooh!�, und dann musst ich los. Sie hat mich wirklich alleine gehen lassen, ich mein, da h�tt ja sonstwas passieren k�nnen, ich h�tt umkippen k�nnen unterwegs.</p><p>Aber ich kam dann mit einem gro�en Verband um Kopp zur�ck, und da hat sie immer noch in der K�che gesessen mit verheulten Augen und Kartoffeln gesch�lt.�Allet gaut?�, hat sie mit einer ganz komischen Stimme gefragt.�Wat het sei denn seggt?�</p><p>Und ich hab gesagt:�Die hat blo� gefragt: �Wo is denn deine Mudder?��� Aber is kein gro�es Loch.�</p><p>Und dann hat meine Mudder noch mal angefangen zu heulen, und ich hab �berhaupt nix mehr kapiert.�Wat is denn los, Mutti?�</p><p>Ich war auch w�tend. Aber sie tat mir auch leid. Genau wie sp�ter. Wie sp�ter, als ich dann genau gesehen hab, was mit ihr los ist, als sie angefangen hatte zu saufen, zu saufen genau wie der Olle, wir Kinder haben ihn ja auch blo� noch den� Ollen �genannt, und da ist mir denn auch nix anderes mehr eingefallen, als zu sagen:�Mensch, Mutti, h�r uff!�</p></section><section><title><p><strong>JOHN</strong></p></title><p>MEINE MAMA IST TOT</p><p>ICH KRIEGS NICHT IN MEINEN KOPF</p><p>OBWOHL ES SO VIELE JAHRE HER IST</p><p>MEINE MAMA IST TOT</p><p>ES IST SCHWER ZU ERKL�REN</p><p>SO VIEL SCHMERZ</p><p>ICH KONNTE IHN NIEMALS ZEIGEN</p><p>MEINE MAMA IST TOT</p></section><section><title><p><strong>INGRID</strong></p></title><p>Michael geht dir auf den Geist. Paul geht dir auf den Geist. Was soll diese ganze Fragerei. Stop getting on my nerves. Michael fragt dich Dinge, die er dich vor zwanzig Jahren h�tte fragen sollen, er fragt die Leute Dinge, die er besser in B�chern nachlesen kann. Die nicht stattgefundene Lautverschiebung im Niederdeutschen und ihre Auswirkung auf die mentale und soziale Verfasstheit der Sprecher. Eine Studie an Lebendmaterial. Was hat er rumzulaufen und den Leuten auf den Geist zu gehen, was hat er sie zu fragen nach W�rtern, die sie l�ngst vergessen haben. Und du, du treibst zur�ck in ihre Wortlosigkeit, entf�llst allen angelernten W�rtern, knallst hin auf dieser spiegelglatten Stummheit, aber du weinst nicht, Knie, H�nde, alles taub. Du rutschst zur�ck in die Augensprache deiner Kindheit, deiner Jugend, deiner sogenannten Vergangenheit, die nicht vergessen ist und nicht vergeben, aber die fernab von Worten liegt und zu der kein Hohlwort f�hrt. Die Leute umkreisen sie auf Schleichworten, senden pfeilschnelle Blicke, aber sie kommen nicht heran, es ist ein namenloses Land, �ber das sie sich abends dunkle Geschichten erz�hlen, das sie in wilden Farben malen und �ber ihre Kaffeetafel h�ngen, aber dem, der behauptet, jemals dort gewesen zu sein, wird eifers�chtig das Wort abgeschnitten. Und du kannst dar�ber nur grimmig lachen, denn du wei�t, dass niemand auch nur jemals �ber die Grenzen deines Landes geblickt hat, dass die Furcht vor der Stille sie allesamt fernh�lt.</p><p>Und es ist endg�ltig still geworden in Anna Hanskes Haus, aber du k�nntest nicht sagen, ob es jemals ger�uschvoller zuging, ob du als Kind den typischen Kinderl�rm, der in alle Ecken eines Hauses purzelt, um dich herum verbreitet hast, ob du wie das oberste Baukl�tzchen warst, das den m�hsam errichteten krummen Turm stets zum Einsturz brachte. Warst du nicht, sei ehrlich, denn das h�tte vielleicht anderes vorausgesetzt. Eine andere Zeit? Ach nein. Das war es nicht. J�ngere Geschwister? Du h�ttest sie verabscheut. Einen Vater? Kann sein. Eine gl�ckliche Mutter? War sie es nicht? Hat sie nicht immer das gemacht, was ihr gerade gefiel? Oder nur das, was sie f�r richtig hielt? Und war das nicht das Gleiche, bei ihr?</p><p>Du jedenfalls hast dich sofort und entschieden, entschieden auch ohne Wahl, an Peter angeschlossen, schon im Kinderwagen, oh ja, <emphasis>ihr</emphasis> hattet einen, und Peter schob dich durch die Gegend, �ber die aufgerissenen Wege, du hast selten geweint, nie geschrien, sagte er, er k�nne sich nicht erinnern, und das Schaukeln des alten Wagens, eine schwankende H�hle aus sich aufl�sendem Korbgeflecht, muss einen Stoff zwischen euch gewebt haben. Und er ist mit euch mitgewachsen, und ihr habt euch darin eingewickelt, und er war dehnbar. Er war eine Tarnkappe und ein fliegender Teppich, denn an Peters Seite konntest du immer ebenso unsichtbar und auf und davon sein wie er, wie der Junge, den es nicht geben durfte, hier, und den deshalb niemand beachtete, wie Peter Malius aus K�slin, dann Koszalin, Hinterpommern. Der Stotter-Peter. An ihn klammertest du dich in deinen Fluchttr�umen als an einen lebenden Beweis, dass es ein Jenseits gab, etwas, das hinausging �ber deine Schulmilch, die �belkeit und �rger verursachende sozialistische Errungenschaft, �ber deine St�ckchenspiele, die in verbissene, stumme K�mpfe ausarteten, wenn die anderen schlie�lich die St�ckchen nach dir warfen, �ber die verspannten Blicke deiner Mutter, sobald sie auf dich fielen, denn Peter kam aus diesem Jenseits. Und du wei�t noch, dass du lange Zeit glaubtest, dass er in Wirklichkeit eine andere Sprache spreche, eine, die er hinter seinen zerhackten W�rtern verbarg oder beim Sprechen als Blaupause mitlaufen lie�, und du wolltest Worte dieser Sprache aus ihm herauskitzeln, du betteltest ihn an und warst ma�los entt�uscht, als er ganz ernst zu dir sagte:�W-w-wirklich nicht, Ingrid!�</p><p>Du warst vielleicht auch nur darauf gekommen, weil er sowieso viel mehr W�rter kannte als du, st�ndig las er irgendein Buch, er hatte bald die ganze Dorfbibliothek durch, bis er dann nicht mehr hingehen durfte, weil immer mehr B�cher abhanden gekommen waren, und nat�rlich war er es gewesen, wer sonst. Wer sonst als Peter Hanske.</p><p>Er hatte sie auch tats�chlich alle, die vermissten B�cher, sie schliefen in den Staubflocken unter seinem Bett, und manchmal verirrte sich nachts eine Maus zwischen sie und rieb ihr Fell an den Leinenr�cken, ein Ger�usch, das du umstandslos wiedererkennen w�rdest, dazu das zarte Getrippel ihrer rosigen Krallenf��chen und Rufe, die fast ein Zirpen waren. S�mtliche tote M�use, derer du habhaft werden konntest, sammeltest du ein, du zogst sie vorsichtig aus den Fallen und legtest sie vor dich hin, mitunter waren es vier oder f�nf auf einmal. Du studiertest sie genau, du konntest halbe Stunden reglos vor ihnen hocken, sie hatten f�nf Finger und Zehen wie du. Und obwohl deine Mutter nicht mit dir schimpfte, wenn sie dich bei dieser Andacht �berraschte, obwohl sie vielleicht sogar l�chelte oder nur sagte,�ach, Ingrid�, und:�Wasch dir nachher die Finger�, war dir ihr Hinzutreten h�chst unangenehm, es kam dir wie eine falsche Entschuldigung vor.</p><p>Du l�stest alle von deiner Mutter in eurem Zimmer aufgestellten M�usefallen mit Bleistiften aus, die dabei zu deinem Erschrecken oft durchbrachen, was dich jedesmal zu einer Erkl�rung �ber einen leider schon wieder abhanden gekommenen, wahrscheinlich in der Schule geklauten Bleistift zwang und einer Bitte um einen neuen. Deine Mutter fragte dich etwas Unbeantwortbares, n�mlich, wo du blo� deine Schlusigkeit herh�ttest, und gab dir einen Bleistift, der noch gar keiner war und erst mittels eines stumpfen Anspitzers m�hsam mit einer Spitze versehen werden musste, und der Anspitzer war nicht von ungef�hr so stumpf, sondern von den St�ckern, die du ebenfalls damit bearbeitetest, um Pfeile aus ihnen herzustellen, denn Peter hatte dir einen Bogen versprochen, einen extra f�r Linksh�nder. In den folgenden Schuljahren drehtest du den eigentlich schon unbrauchbaren Anspitzer aus alter Anh�nglichkeit immer noch zwischen deinen Fingern hin und her und fragtest dich, ob wohl der kleine Finger von Christa in das Loch passen w�rde.</p><p>Was aus den B�chern geworden ist, wei�t du nicht, jedenfalls hat die Bibliothek sie wohl nie zur�ckgekriegt, und sie m�ssen die Existenz dieser zu gut gemeinten Dorfkultureinrichtung �berlebt haben, denn deren Verschwinden hast du noch mitbekommen, es war kurz vor deinem Verschwinden und erschien dir fast wie ein Symbol: daf�r, dass alles Gutgemeinte irgendwann doch nicht mehr gegen die realen Verh�ltnisse ankann. Und das kam dir richtig vor, traurig und triumphal.</p><p>Als Peters B�cher schlie�lich vermisst wurden, lagen sie bereits so lange unter seinem Bett, dass er sie wirklich schon ganz als seine eigenen betrachtete, und das Verwunderliche, das ihm das Ableugnen jeder Schuld auch so leicht und �berzeugend machte, denn sein Stottern lief dabei keineswegs ins Schlimme, Unverst�ndliche, wie sonst, wenn eine Aufregung ihn ergriff, das Verwunderliche und kaum noch mit dorfrechten Dingen Zugehende war nur, dass ihr Fehlen �berhaupt bemerkt worden war. Er hatte es geschickt, um nicht zu sagen raffiniert angestellt, was dich damals mit unb�ndigem Stolz erf�llte: Du bewundertest ihn daf�r, dass er nur die B�cher ausgesucht hatte, die aller Wahrscheinlichkeit nach niemand au�er ihm auslieh. An den Schnittkanten mit schwarzen Punkten wie mit Altersflecken �bers�te Romane; ein halb zerfallenes Schmetterlingsbestimmungsbuch, in dem dich vor allem die Abbildungen der Raupen in ihren Bann schlugen, solche hattest du hier noch nie gesehen; Liederb�cher in Fraktur, deren Noten er auf einer selbstgeschnitzten Fl�te zu spielen versuchte, ohne dass er sie lesen konnte, er orientierte sich lediglich an H�hen und L�ngen und bastelte daraus eine Melodie zurecht, die ihm tauglich erschien. Er brachte dir den Text dazu bei, und du sangst ihn mit deiner kleinen Reibeisenstimme. Manchmal sang Peter auch selber, und die W�rter liefen ihm ohne Stolpern dahin, wurden ein einziges Wort. Dein Kopf war voll von diesen wunderlichen Zeilen, deren Sinn sich dir nur in kleinen Br�ckchen erschloss, die du nichtsdestoweniger gierig schlucktest. Vielleicht war das ja Peters Sprache.</p><p>Au�erdem hatte er die B�cher nicht einfach nicht zur�ckgegeben. Sondern sie zuerst ausgeliehen und rechtzeitig, oft sogar weit vor Ende der Ausleihfrist, zur�ckgebracht, um sie dann erst bei einem weiteren Besuch, von der d�senden oder j�ckchenstrickenden Bibliothekarin unbemerkt, in seine Tasche gleiten oder aus dem vorsichtig ge�ffneten Fenster ins weiche Gras fallen zu lassen. Diese Methode schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Er konnte so beim ersten Mal den Inhalt des Buches auf lohnenswert oder nicht pr�fen, und sp�ter, sollte das Buch tats�chlich vermisst werden, w�rde der Verdacht nicht auf ihn fallen, denn er hatte es ja zur�ckgegeben, woran sich Fr�ulein Kunatsch doch bestimmt noch erinnerte, er h�tte doch noch gesagt, wie� l-l-langweilig �er es gefunden h�tte.</p><p>Wie sie dann trotzdem auf ihn gekommen sind, wer wei�, vielleicht der untr�gliche Instinkt der Gemeinschaft gegen�ber jedem Element des Fremden, fest stand jedenfalls, dass es niemand anders als Peter Hanske gewesen sei, auch wenn man ihm nichts beweisen konnte, was ihm zus�tzlich ung�nstig ausgelegt wurde und worauf Peter Hanske auf immer der Dorfbibliothek fernzubleiben hatte. Aber Anna Hanske hatte niemanden in ihr Haus gelassen, Fr�ulein Kunatsch nicht und nicht B�rgermeister M�llrich, sie kenne schlie�lich ihr Haus vom Keller bis unters Dach und auch das Zimmer ihres Sohnes, und ein Stapel B�cher w�re ihr da nicht unverborgen geblieben, und niemals h�tte sie ihrem Sohn eine solche Tat gegen das Wohl der Gemeinde durchgehen lassen, aber falls etwa Zweifel an der Wahrhaftigkeit ihrer Worte bestehen sollten, m�ge man doch bitte die Volkspolizei alarmieren. Das mochte man denn aber doch nicht. Und Anna Hanske sagte zu ihrem Sohn Peter:�Wenn du nich willst, dass ich unter deinem Bett aufr�um, dann mach du das und bau dir daf�r ein Regal. Und wenn einer kommt und sagt, er will was zum Lesen, und dich nach einem Buch fragt, das dir bekannt vorkommt, weils auf deinem Regal steht, dann hol das da runter und dr�cks ihm in die Hand und sag nich, wann ers wiederbringen soll.�</p><p>Du hast doch viel gelernt damals. Und abends im Dunkeln, wenn ihr im Bett lagt, das Licht schon l�ngst aus war, breitete Peter seine neuesten Sch�tze vor dir aus, er fragte immer:�K-kennst du d-d-das Wort���, und dann kam irgendwas, was du noch nie geh�rt hattest, und er erkl�rte dir, was es bedeutet, und wenn er sich erst eingeredet hatte, dann war das Stottern auf einmal weg, und manchmal lie� er dich vorher auch raten und h�rte deine Mutma�ungen sehr ernsthaft an und lachte nur ein bisschen. Und das vermischte sich mit den M�useger�uschen, du lauschtest auf ihr entz�cktes Quieksen und wie sie sich die winzigen eingetrockneten K�se- oder Speckst�ckchen aus den entsch�rften Fallen holten.</p><p>Einmal sagte Peter:�W-w-wei�t du, was �Jenseits� ha-ha-hei�t?�, und du wusstest es nicht, aber du konntest an seiner Stimme h�ren, dass es kein neues Wort war, dass es eines war, das er l�ngst kannte und das er sich aufgespart hatte, weil es ein besonderes sein musste.</p><p>�Was hei�t denn das, Peter?�, hast du gefl�stert, automatisch, fast g�nseh�utig, denn es schien eins von den Dingen zu sein, die man wissen und nicht wissen will zugleich, oder ganz kurz wissen und wieder vergessen, dieses aber verga�t du nie mehr.</p><p>�Na, z-zum Beispiel k�nnte ich sagen: m-m-m- m-m-meine M-mutter, du wei�t schon, meine rr-richtige, sie ist im Jenseits.�</p><p>�Wirklich?�, fragtest du, denn du hattest gedacht, diese wirkliche Mutter sei tot, irgendwie wegen des Krieges, von dem sie dir erz�hlt hatten, jedenfalls hatten sie dich dann wohl angelogen, wie immer, als sie gesagt hatten, Peters Mutter sei tot.</p><p>�Ja�, sagte Peter,�das w-wei�t du doch.�</p><p>Und du sagtest nichts mehr und nicktest blo�, obwohl Peter das im Dunkeln ja gar nicht sehen konnte. Er sollte ja nun nicht denken, dass du jemals daran geglaubt hattest, was sie dir so erz�hlt hatten. Peters Mutter war im Jenseits, im Jenseits, das war ja mal eine gute Nachricht. Vor Aufregung und Geheimnisschwere konntest du zuerst gar nicht in den Schlaf finden, seltsam milchige Bilder flimmerten in deinem Kopf. Vergeblich versuchtest du dr�berzuwischen, wie �ber die beschlagenen K�chenfenster, und das war dir Best�tigung genug, dass dahinter mehr zu sehen sein m�sste als euer Hof und das hellgraue St�ckchen Dorfstra�e und der abgebrannte schwarze Dachstuhl der Schnitterkaserne neben dem Friedhof, und immerzu dachtest du nur: da w�rdest du hinfahren, irgendwann, bald.</p><p>Und du seufztest, weil du ahntest, dass es f�r dich noch lange dauern w�rde, bis man dich dorthin lie�e, so lang wie die Schule mindestens, und du hattest kaum angefangen, und vielleicht w�rdest du ausrei�en m�ssen, wovon du keine andere Vorstellung hattest als das Beispiel des armen Georg, und den hatten sie nach f�nf Tagen� fast ganz nackig �und an einen Baum gebunden im Wald gefunden, und dabei war er schon vierzehn Jahre. Und sein Fahrrad war weg und sein Tornister und seine Jacke und seine Hose, und das hatten die Soldaten mitgenommen, die er nicht verstanden hatte, weil sie russisch gesprochen hatten, aber das durfte man nicht sagen, aber auch �Sowjetmenschen� durfte man in diesem Fall nicht sagen, denn in Wirklichkeit waren es ja� verbrecherisch als Soldaten der Roten Armee verkleidete �ganz normale� asoziale Elemente �gewesen.</p><p>�D-das hei�t �R�uber��, hatte Peter zu dir gesagt und dabei gegrinst, aber du wusstest nicht, was es dabei zu grinsen gab. Georg musste dann nicht zur�ck zu seinem Pr�gel-Onkel, er musste dann in ein Kinderheim. Und danach sagten sie, dass sowieso alle Kinder, die ausrei�en, ins Heim gesteckt werden, ob Pr�gel-Onkel oder nicht.</p><p>Doch vielleicht d�rfte Peter eher dorthin, nach Jenseits, zweifellos hatte ihn seine Mutter nur nicht mitgenommen, weil er noch nicht alt genug daf�r war, aber er war immerhin neun Jahre �lter als du, und er w�rde dich vielleicht mitnehmen, er w�rde dich doch nicht alleine hier lassen, nicht Peter. Oder war es am Ende genauso unwahrscheinlich und geradezu entsetzlich unm�glich, dass Peter zu seiner Mutter fuhr, wie dass man dich zu deinem Vater reisen lie�e?</p><p>�Das schlag dir man ausm Kopf�, hatte deine Mutter gesagt und mehr nicht. Und etwas in der Art, wie sie sich von dir wegdrehte, wie sie hastig den Deckel vom Kochtopf nahm, ihn scheppernd danebenwarf und sich auf die hei�en Finger pustete, wie sie die Kelle schnappte und den Wrukeneintopf durchw�hlte, hielt dich davon ab, auch nur eine weitere Frage zu stellen, schon gar keine mit �warum�. Das hattest du dir sowieso bald abgew�hnt, zumindest bei deiner Mutter, und zwar gerade weil sie dir jedesmal Antworten darauf gab. Sie sagte:�Was soll ich dir was vorschwindeln�, und dann kam eine lange komplizierte Antwort, und du glaubtest, du m�sstest immer so tun, als ob du alles verst�ndest. Sie pr�fte dich aber nie. Oder sie sagte gleich, dass sie das auch nicht w�sste, was aber so selten vorkam, dass du fast darauf zu hoffen begannst. Es war eine Abk�rzung, auch eine zu deiner Mutter, sie zog dich damit an sich heran, oder war es umgekehrt, sie wusste es also auch nicht. Sie wusste es also auch nicht, warum dein Vater im Westen war und was er dort so machte. Aber sie sagte dir, dass das kein Anlass sei, herumzulaufen und damit anzugeben, worauf du nat�rlich auch nie gekommen w�rst. Ihr k�mt ja auch ganz gut ohne ihn aus. Du konntest dir ohnehin nicht vorstellen, wie ein Noch-besser-Auskommen h�tte aussehen sollen, du wusstest, dass ihr besser dran wart als die meisten im Dorf, sonst w�rden sie dich ja nicht st�ndig �rgern, denn die waren ja blo� neidisch. Aber du warst nicht neidisch, schon gar nicht auf ihre V�ter, du hattest ja auch einen, und zwar im Westen, und er konnte dir gar nichts, er konnte dich nicht zum Kartoffelstoppeln schicken oder nach Karnickelfutter, und deine Mutter sagte, ihr h�ttet selber genug Kartoffeln, und ihr hattet keine Karnickel,�wer soll die denn schlachten�.</p><p>Nur dass man ihn nicht mal besuchen konnte.�Das soll man nich�, sagte deine Mutter,�das soll man nich, weil die Deutsche Demokratische Republik Angst hat. N�mlich Angst um ihre B�rger, aber die hei�en jetzt glaub ich auch anders, dass n�mlich ihren armen B�rgern im Westen was passiert, denn das ist ja gef�hrlich, so alleine in der Weltgeschichte rumzuspaziern, und dann verlaufen die sich da vielleicht, weil die sich ja da nich auskennen, und da steht auch kein Schild, wo sie langm�ssen, und dann kommen sie nich mehr wieder. Und dann w�r sie traurig, unsere Republik. So wie Georgs Onkel, davon hast du doch geh�rt, wie der traurig war, als Georg ausgerissen ist. �Du hattest aber blo� geh�rt, dass Georgs Onkel gesagt hatte:�D�n Mistbengel, den schloog�k dot, wenn dei mi noch eis unner de Ogen k�mmt!�, aber dann hatten sie ihn ja ins Heim gesteckt.</p><p>Am n�chsten Morgen fragtest du Peter, ob Jenseits so etwas �hnliches sei wie der Westen. Peter lachte auf und sagte:�Tja, k-k-kann man wohl so sagen. J-jedenfalls wei� k-keiner was G-genaues dr�ber. �Das kam dir auch so vor.</p><p>Wo Peters Vater war, wusste auch keiner.�Vielleicht hast du gar keinen�, sagtest du zu ihm, und weil er dich dann so anguckte, versuchtest du es mit deinem Trost, der eigentlich nur f�r dich war und dich zu der Zeit wie ein kleiner fester Panzer umgab:�Macht doch nix!�Machte doch nix, als du auf die Betonplatte fielst und dir das Knie aufschlugst, machte doch nix, dass Klaus B�rner dich hingeschubst hatte, machte doch nix, dass deine Mutter dich rausgescheucht hatte, nachdem du den ganzen Vormittag in deinem Zimmer eingeschlossen gewesen warst und es doch nicht aufger�umt hattest. War doch alles nicht so schlimm, Peter. Aber Peter belehrte dich gleich, dass jeder einen Vater habe, auch wenn er ihn nie zu Gesicht bekomme, das st�nde nun mal fest. Fest st�nde aber auch, dass sein Vater� g-garantiert nicht �im Westen w�re, er h�tte es ja nicht mal bis hierher mit seiner Mutter und ihm geschafft, also w�re er h�chstens ganz im Osten, wahrscheinlich aber wirklich tot. Zumindest hoffe er das, ja genau. Als Peters Blick in deine weiten Augen fiel, sagte er:�Oder w-willst du etwa, dass hier e-e-irgendwann a-a-einer ankommt und sagt, er ist mein V-vater und will mich m-m-mitnehmen?�</p><p>Und dein Pferdeschwanz sauste wie eine Peitsche ganz schnell zwischen deinen Ohren hin und her, und dein� Nein-nein �und die Tr�nen flogen um dich herum.</p><p>Zum ersten Mal empfandest du so etwas wie Dankbarkeit gegen�ber deiner Mutter. Jedenfalls war es eine ihrer guten Ideen gewesen, Peter einfach zu behalten. Du wusstest zwar nicht, was sie bewogen hatte, dann auch noch dich zu kriegen, aber vielleicht fasstest du die Sache falsch auf. Vielleicht hatte gar nicht sie ausgerechnet dich gewollt, sondern mehr etwas f�r Peter, und nun war sie entt�uscht, weil es andersherum gekommen war, weil du Peter bekommen hattest. Das konnte sie nun nat�rlich schlecht zugeben, weil du ja ihr richtiges Kind warst, aber hintenrum versuchte sie anscheinend, es wieder gutzumachen, und schenkte Peter einen Tuschkasten mit zw�lf Farben und sagte zu dir:�Du bist doch noch zu l�tt dazu, nich�, und holte einen Drops f�r dich aus ihrer Sch�rzentasche und merkte gar nicht, dass du nicht danke sagtest. Oder? Das h�tte doch immerhin sein k�nnen.</p><p>Stop it. Was kramst du denn hier herum wie in einer pl�tzlich entdeckten Truhe, von deren Existenz du ja gar nichts ahntest, welch �berraschung. Bl�dsinn. Die echte Truhe aus Kirschholz, wurmstichig, fandest du an ihrem alten Platz unter der Treppe, und au�er ein paar leeren Keksdosen und einem Kinderfotoapparat war nichts darin. Anna Hanske hielt nichts vom Aufheben, hielt nichts vom Horten nicht mehr oder noch nicht benutzter Dinge f�r sp�tere, schlechtere Zeiten. Sie hing diesem Aberglauben nicht an. Was sie nicht sofort gebrauchen konnte, kam weg, wurde verschenkt, und die Leute nahmen gerne und sagten,�na, dei hemm�s joo!�.</p><p>Und so stie�est du in der Truhe nicht auf abgelegte Kleider, Fotoalben, Spielsachen, Teekessel. Wei�w�sche f�r deine Aussteuer. Daran hatte sie wohl auch nicht geglaubt, sie hatte auch keinen Grund dazu gehabt. Die Truhe enthielt keinen Hinweis auf Peter und keinen Hinweis auf dich, ihre �bersichtlichkeit erleichterte dich; kein Hinweis auf die Zeiten, in denen der dunkle h�lzerne Leib dich verborgen gehalten hatte und die Rufe Peters oder deiner Mutter nur ged�mpft zu dir gedrungen waren, keine Spur deines hei�en Atems, deiner schwitzigen Finger und der aufregenden Vorstellung, dass du diesmal den schweren Deckel vielleicht nicht mehr aufbek�mst.</p><p>Und auch von dem, was du damals zur�ckgelassen hast, ist alles verschwunden. Tats�chlich, alles. Und das wusstest du vorher, denn sonst w�rst du nicht hierher gekommen, nicht wahr. Denn tats�chlich hast du alles damals zur�ckgelassen, nicht wahr, das war es doch, was du dir sagtest, dass du alles zur�cklassen m�sstest, nicht wahr, und du sagtest dir, dass du es deiner Mutter dalassen w�rdest, denn besser bei ihr als bei dir, nicht wahr, und besser das als du. Nicht wahr, gar nicht wahr, denkst du, nein. Und doch geschah alles nach deinem Willen, aber geschehen konnte es doch nur mit ihrer Hilfe. Und du merktest das nicht mal, noch nicht mal, als du jenseits der Grenze warst und ihr Satz in deinem Kopf zitterte:�Das Beste ist nich immer das Bequemste.�</p><p>Und von da an hast du ihn dir immer wieder vorgesagt, so oft, dass er fast zu deinem eigenen Satz wurde, und du hast gar nicht gemerkt, wie er sich mit den Jahren langsam umgedreht hat, bis du dich nicht mehr weiter an seinem Schwanzende festklammern konntest, bis er dir sein Maul mit den Reihen kleiner spitziger Z�hne gezeigt hat und du ihn endlich richtig herum zu lesen glaubtest.�Das Bequemste���Aber es stimmte doch nicht. Du kannst ihn jetzt zur�ckhaben, deinen Satz, Anna Hanske, denn er stimmt hinten und vorne nicht. Aber sollte mich wundern, wenn du das nicht gewusst h�ttest.</p><p>Der kleine Fotoapparat war nicht deiner gewesen, schon gar nicht Peters, so was gab es doch damals noch gar nicht, so ein Ding mit gelber Plastikverblendung, f�r Kassettenfilme, und heute nicht mehr. Es lag kein Film darin, nur die leere Kassette, zum Gl�ck. Ein nutzloses, putziges Objekt, das du beinah zwischen deinen H�nden verschwinden lassen kannst, wie in einem r�ckw�rts ablaufenden Film, eine harte gelbe Nuss, die nach und nach die Bruchst�cke ihrer Schale wieder umschlie�en. Dann h�ltst du ihn vor deinen Bauch und dr�ckst auf den Ausl�ser, wieder und wieder und immer rascher, dazwischen drehst du das R�dchen f�r den Filmtransport weiter, immer weiter, klick und ratsch und klick und ratsch, es stellt sich ein Rhythmus ein, der dir fast Spa� macht, drei�ig Aufnahmen der dunklen Dielen, die vielleicht etwas �ber das unmerkliche Vergehen der Zeit aussagen k�nnten. Das Nichtvergehen.</p><p>�What�s that?�, fragt Paul, und du zeigst ihm dein nasses Gesicht und sagst:�Nothing.�</p><p>Beim Abendbrot sagst du nichts. Dir rutscht das Glas aus der Hand, du hebst es nicht auf, die Tischdecke sieht aus wie ein vollgepinkeltes Laken, Michael und Paul sehen dich an.</p><p>�Stop getting on my mind, my alarm clock, my cookie, my balls!�Michael und Paul sehen dich an.</p></section><section><title><p><strong>JOHN</strong></p></title><p>MUTTER DU HATTEST MICH ABER ICH HATTE NIEMALS DICH</p><p>ICH WOLLTE DICH ABER DU WOLLTEST MICH NICHT</p><p>ALSO MUSS ICH DIR SAGEN</p><p>LEB WOHL LEB WOHL</p><p>VATER DU VERLIESST MICH ABER ICH VERLIESS NIEMALS DICH</p><p>ICH BRAUCHTE DICH ABER DU BRAUCHTEST MICH NICHT</p><p>ALSO MUSS ICH DIR SAGEN</p><p>LEB WOHL LEB WOHL</p><p>KINDER MACHT NICHT WAS ICH GEMACHT HABE</p><p>ICH KONNTE NICHT GEHEN UND ICH VERSUCHTE ZU LAUFEN</p><p>ALSO MUSS ICH EUCH SAGEN</p><p>LEBT WOHL LEBT WOHL</p><p>MAMA GEH NICHT</p><p>PAPA KOMM NACH HAUSE</p></section><section><title><p><strong>ELLA</strong></p></title><p>�Das ist bestimmt deine Freundin�, sagt Paul, er hat das Klopfen auch geh�rt.</p><p>�Sie ist nicht meine Freundin!�Ist mir jetzt wieder so rausgerutscht.</p><p>Paul grinst.�Aber bald.�</p><p>Was soll das denn hei�en? Ist er Hellseher oder was. Ganz geheuer ist er mir sowieso nicht, da war die Idee, Romy anzurufen, gar nicht mal so �bel.</p><p>Sie ist das �brigens wirklich. Wieso klingelt die nicht wie jeder normale Mensch. Braucht wieder mal ne Extrawurst. Ich mach die T�r auf, und Romy l�chelt, als wenn sie sich nun gleich entschuldigen will. Ich muss auch l�cheln auf einmal, und Paul guckt mit genausonem L�cheln erst Romy an und dann mich und dann wieder Romy.</p><p>�Komm rein�, sage ich schlussendlich, damit hier heut noch was passiert. Aber kaum hab ich die T�r zu, bleibt die schon wieder stehen, die Jacke halb an, halb aus, und starrt die alten Platten an.</p><p>Vati hat die vorhin auf den Flur gestellt, f�r den An- und Verkauf. Seit sie sowieso alles auf CD h�tten und der Plattenspieler ja nun endg�ltig �bern Jordan w�r, na ja. Was sich fast so anh�rte, als wenn er froh dadr�ber w�r, als wenn er nun endlich einen Grund hat, und ich hatte ziemlich Lust, ihm das ins Gesicht zu sagen. Wie beknackt ich das finde, und dass ichs schon immer beknackt gefunden hab, und dass er nun sieht, was er davon hat, dass er nun n�mlich dasitzt mit dem ganzen Krempel und nicht wei�, wohin damit. Das mit dem An-und-Ver passt ihm ja in Wirklichkeit auch nicht, wei� ich genau, und blo� weil Mutti das gesagt hat und ihm nix Bessres eingefallen ist.</p><p>Aber den Mund aufgemacht hab ich nat�rlich doch nicht, muss ja nicht sein, der w�r doch gleich wieder auf Hundertachtzig gewesen. Ich hab mir nur innerlich eins gegrinst, jedenfalls so lange, bis er mich gefragt hat, ob ich etwa eine Platte zur Erinnerung behalten will, an die guten alten Zeiten, und dann hat er gegrinst. Damit ich sp�ter noch wei�, dass es so was auch mal gegeben hat, weil wir, also ich und seine Sch�ler und die ganze bl�de Jugend von heute, solche Sachen ja viel zu schnell vergessen, und so weiter. Die Oberlehrer-Tour.�Keine Angst, ich vergess das schon nich�, hab ich gesagt. Wie denn auch, hab ich gedacht.</p><p>Jetzt b�ckt Romy sich und zieht eine Platte raus. Und sagt:�Wow!�</p><p>Ich glaub, mir wird gleich schlecht. Von ihr h�tte ich das nun echt nicht gedacht. Dass die solche W�rter benutzt, solche von der �cool�- und �sorry�-Sorte. Ich dachte, na ja, ich wei� auch nicht. War vielleicht doch keine so gute Idee. Sie glotzt auf die Platte und ihr Gesicht ist die helle Begeisterung.�Das ist ja das WHITE ALBUM!�</p><p>�Ja�, sag ich blo� und hoffe, dass sie jetzt nicht auch noch �cool!� sagt. Das WHITE ALBUM, na und! Ich w�nschte, wir w�rden uns langsam mal in mein Zimmer bewegen, ich hab schlie�lich nicht extra aufger�umt, damit wir hier auf den kalten Fliesen von einem Bein aufs andre treten und den alten Mist angucken. Aber da sagt Paul, und seine Augen fangen an, so �hnlich wie die von Romy zu gl�nzen, was zwar jetzt kitschig klingt, aber wie soll man das sonst nennen, und ich kenn dieses Gl�nzen, es ist gef�hrlich, Paul sagt:�Du magst die Beatles?�</p><p>Da ist es, dieses Wort, vor dem ich Schiss hatte. Aber lie� sich wohl nicht vermeiden, schon als Romy so auf die Kiste geguckt hat, hab ichs geahnt, dieser alberne Name, was soll das �berhaupt bedeuten? DieBeatlesdieBeatlesdieBeatles. Das wollt ich doch nie mehr h�ren. Ich h�tte das Zeug eigenh�ndig auf dem Flohmarkt verkauft daf�r, verscherbelt h�tt ichs, je seltener, desto billiger. Ich h�tte Mutti und Vati zwingen sollen, das nur noch �ber Kopfh�rer zu h�ren, ich h�tte sagen k�nnen, Oma vertr�gt das nicht, ich muss noch was f�r die Schule lernen. Zum Gl�ck kommen sie ja selber kaum noch auf die Idee, �berhaupt irgendwas anzuh�ren. Jetzt hei�t es nur immer,�Ella, mach diesen Mist leiser, das h�lt ja kein Mensch aus!�Wie oft hab ich mir gew�nscht, ich h�tte das einmal, nur einmal zu ihnen gesagt. H�tt ich ne Backpfeife f�r gefangen, mindestens, egal. Aber unsereins hat immer blo� gekuscht, sogar Thorsten. Na ja, nicht immer, h�tte sonst wohl kaum so viel Katzenk�ppe und Stubenarrest und Ohne-Abendbrot-ins-Bett gegeben. Die halten nix von antiautorit�r oder wie das hei�t. Aber all die Jahre ALL YOU NEED IS LOVE!</p><p>Und dann das vorhin schon wieder, immer dieses Misstrauen. Dass ihre Tochter Elisabeth was anstellen k�nnte, was ausfressen, und wat solln denn blo� die Leute sagen! Dann w�rds ja gleich wieder hei�en, siehste, Lehrerkinder sind auch nicht besser, im Gegenteil, die sind schlimmer als alle andern. Sind sie ja auch, schlimmer dran n�mlich.</p><p>�Heut abend kommt n Junge vorbei�, hab ich gesagt,�er hei�t Paul, er kommt aus Irland.�</p><p>�Achso?�, hat Mutti gesagt, das w�r doch dann wohl der Enkel von der alten Hanske, der Sohn von ihrer Tochter, die da damals abgehauen ist, von der Ingrid Hanske, na ja, jetzt w�rd sie ja wohl anders hei�en.</p><p>�Ishley�, hab ich gesagt.</p><p>�Wie?�, hat sie gefragt, und dann gleich:�Ella, mach keine Dummheiten! Von vorher fragen h�ltste ja wohl nich mehr viel���Und ob sonst noch jemand kommen w�rd.</p><p>Als ob jemals einer zu mir kommen w�rde!� Ich ruf Romy Pl�tz an�, hab ich gesagt.</p><p>Hab mich dann fast gefreut, auf Paul, und auf Romy, und dann haben die nichts Bessres zu tun, als von den Beatles zu quatschen. Verdammt, eh! Aber wer rechnet denn mit so was! Ja ja, wahrscheinlich muss einer wie ich mit so was rechnen, das ist wie ein verdammter Fluch oder so was, von den verdammten Beatles verfolgt, k�nnte nen guten Filmtitel abgeben. Oder HELP! Vielleicht w�rd ich sie ja auch m�gen. So wie Romy. So wie Paul. Sie haben jetzt s�mtliche Beatles-Alben aus dem Karton gekramt und �ber den Boden verteilt und sich dazwischen hingepflanzt, auf den� nackten Boden�. Da wurdste doch immer gleich angefurzt,�Ella, steh auf!�.�Verk�ll juch nich den Mors!�Oma. Und die hier meckert keiner an, die verk�hlen sich einfach ihren Hintern und holen sich ne Blasenentz�ndung und H�morrhoiden und plappern sich die Titel der Alben vor. Ich bin gar nicht mehr da. Wieder mal.</p><p>Doch, ich bin da, das ist es ja grade. Ich kann nichts daf�r! Vielleicht w�rd ich sie auch m�gen, ich kann mir das vorstellen, ja, kann ich. Aber nicht mit diesen Alten! Waren die gr��ten Beatles-Fans im ganzen Bezirk Neubrandenburg, und da auch noch stolz drauf. Wei� der Fuchs, wie die an das Zeug gekommen sind, ohne Westverwandtschaft, jedenfalls offiziell. Sch�n bescheuert, mit sonem Hobby dann Lehrer zu werden, und noch gleich beide! Westpakete gabs nicht. Aber einmal gabs Besuch, das muss kurz vor der Wende gewesen sein, ich kann mich noch ganz gut dadran erinnern, und da w�rn die beide ja fast in Ohnmacht gefallen.</p><p>Mutti hatte n�mlich sone Art Gro�cousine in Hamburg, und die hat wohl irgendwann rausgekriegt, dass sie Verwandtschaft im Osten hat, und auch irgendwie die Adresse von Onkel Helmut, und dann hat die dem einfach nen Brief geschrieben. Da hatte sie nat�rlich auch gleich den Richtigen am Wickel. Weil, der hat sich in seiner schmierigen Art nun gedacht, dass aus dieser Tante bestimmt irgendwas rauszuholen ist, so geldm��ig, und hat die doch glatt eingeladen. Und dabei hat er ihr dann auch gleich noch von uns erz�hlt und hat sich gar nichts dabei gedacht, das hat er dann hinterher zumindest gesagt, und das wundert mich gar nicht, denn das w�r ja mal ne �berraschung, wenn Onkel Helmut mal was denken w�rd. Und prompt kriegen wir auch nen Brief von ihr, dass sie uns dann auch besuchen kommen will, wenn sie da ist, und wie sie sich da schon drauf freut, und so weiter.</p><p>Ich seh noch, wie Mutti da geguckt hat, und Vati ist total ausgerastet und hat sie angeschrien, was er vorher noch nie gemacht hatte, war sonst eher umgekehrt.�Dein d�mlicher Bruder, son d�mlichen Bruder kannst auch blo� du haben, hetzt uns deine vermaledeite Tante aufn Leib, was will die denn hier, die hat doch keine Ahnung, die st�rzt uns noch alle ins Verderben st�rzt die uns doch�, so was. Und bl�derweise hab ich gedacht, dass er recht hat, auch wenn ich gar nicht genau wusste, wieso, aber wie er das so gesagt hat, das ging mir gar nicht mehr ausm Kopp, ich hab wirklich Schiss gehabt und hab mir die ganz horrorm��ig vorgestellt, diese Tante von Mutti, und dann war mir Mutti auf einmal auch ganz unheimlich, dass die so eine Tante hat. Und dass sie uns das nie gesagt hat, wer wei�, wieso.</p><p>Das hat dann noch ne ganze Zeit gedauert, und wir dachten schon, da passiert gar nichts mehr, die kommt nie, und wir haben schon gar nicht mehr die ganze Zeit dadran gedacht, und Onkel Helmut haben wir nicht mehr besucht, weil der jedesmal blo� davon gequatscht hat und immer gesagt hat:�Die kommt!�, und gegrinst hat.</p><p>Aber dann war sie doch auf einmal da. Onkel Helmut hat uns angerufen. Mutti hat zu ihm gesagt:�Spinnst du, das geht nicht�, und so, aber Onkel Helmut konnt es der Tante ja schlecht verbieten, was er zu Mutti auch gesagt hat und weshalb sie dann den H�rer aufgeknallt hat und gesagt, dass Helmut f�r sie ein f�r allemal gestorben w�r. Und kurz danach ist die auch tats�chlich bei uns anger�ckt und hat gesagt, wir sollen� Tante Rosalind �zu ihr sagen, da musst ich lachen, aber sie hat nicht gemeckert. Sondern mir was zum Naschen geschenkt und ein dunkelblaues Kleid, das mir eigentlich schon zu klein war, aber ich hab das trotzdem immer angezogen, solang es ging, obwohl ich sonst Kleider gehasst hab, aber das hab ich mir immer angepellt, nur zu Hause nat�rlich,�damit kannst du doch nicht rausgehn�, hat Mutti gesagt, bis der Rei�verschluss geplatzt ist, und dann kams aber auch sofort weg. Noch mehr hab ich Thorsten um seine M�tze beneidet, so eine karierte, aber der war nun erst beschissen dran, weil drau�en durfte er die auch nicht aufsetzen, und drinnen mit M�tze, na ja. Zum Gl�ck kam dann die Wende. Aber das hat ja da noch keiner geahnt, und dann sa� da diese Westtante bei uns in der Wohnstube, und das ganze Dorf wusste schon Bescheid.</p><p>Aber wo sie nun schon mal da war, haben Mutti und Vati sich wohl so gedacht, k�nnen sie ihr auch ihre Sch�tze zeigen, schlie�lich war sie die einzige Gelegenheit weit und breit. Das wurde uns ja auch jeden Tag eingesch�rft, dass wir das ja keinem erz�hlen sollen, was wir f�r Musik zu Hause haben, weil sonst Mutti und Vati vielleicht nicht mehr arbeiten d�rfen und vielleicht ins Gef�ngnis m�ssen und Thorsten und ich ins Heim. Zum Gl�ck brauch ich das keinem zu erz�hlen, hab ich gedacht. Aber manchmal hab ich mir versucht vorzustellen, wie es wohl so w�r im Heim.</p><p>Jedenfalls haben sie dann Tante Rosalind ihre ganzen Beatles-Platten unter die Nase gehalten und waren m�chtig stolz dadrauf, die wollte aber, glaub ich, gar keine davon h�ren.��ber das Alter bin ich ja nu schon raus, nech�, hat sie gesagt. Oma hat sich gut mit ihr verstanden,�das is ne feine Frau�, hat sie zu mir gesagt, mit der w�rde sie endlich mal ordentliches Deutsch reden k�nnen, und die w�rde das gar nicht komisch finden. Ich hab mich blo� gewundert, woher Oma die Westsprache kennt.</p><p>Ich glaub, die ist gar nicht so lange geblieben, h�chstens zwei Tage oder so, aber jetzt im Nachhinein kommt mir das wie ein endlos langer Besuch vor, weil wir alle die ganze Zeit nicht wussten, was wir eigentlich machen sollen, wir konnten ja nun auch nicht mit ihr die Dorfstra�e rauf und runter. Thorsten und ich haben MENSCH-�RGER-DICH-NICHT mit ihr gespielt und sie hat uns gefragt, wann wir Geburtstag haben und Mutti und Vati. Mutti hat dann zum Schluss zu ihr gesagt, dass sie uns auf keinen Fall Pakete schicken soll, aber die hat das wohl irgendwie falsch verstanden.</p><p>Und so war dann das Ende vom Lied, dass kurz vor Muttis Geburtstag ein ganz flaches Paket ankam, von Tante Rosalind, und dadrin war eine Beatles-Platte, ich glaub, Help!. Da war das Theater erst gro�! Aber was wollten sie machen. Das Dilemma war nur, als Mutti die Platte ganz vorsichtig aus der H�lle genommen hat, ist sie auf einmal in zwei Teile auseinandergefallen. War ja klar, was passiert war, wahrscheinlich hatten die bei der Post irgendein schweres Paket da draufplumpsen lassen, nur dass Mutti jetzt dachte, dass die das extra und mit Absicht und� aus purer Missgunst �gemacht h�tten. Die hat total verr�ckt gespielt, die ganze Zeit rumgeheult, dass mir am Ende auch ganz komisch wurd und ich beinah mitgeheult h�tt, dabei war ich ja eigentlich froh, sozusagen. Sie hat sogar versucht, die wieder zusammenzukleben, aber ging nat�rlich nicht, schon gar nicht mit KITTIFIX.�Aber ich seh sie da noch sitzen, ganz steif, mit den Ellbogen schr�g nach au�en, und die beiden Plattenteile aneinandergepresst, und man durfte nichts sagen. Ich musste mir so das Lachen verkneifen, besonders als nach einer Stunde Rumsitzen und Zusammenpressen das Ding dann wieder auseinandergeklappt ist, als sie losgelassen hat! Hat die geheult, vor Wut!</p><p>Ansonsten wahrscheinlich Schwarzmarkt. Aber die m�gen da bis heute nicht dr�ber reden, zumindest nicht mit mir,�das is ja nu vorbei, Gott sei Dank�, sagen die maximal dazu, als wenn die Schiss haben, dass da jetzt noch einer kommen und sie irgendwie daf�r belangen k�nnte, oder als wenn ich das nun immer noch rumerz�hlen k�nnte,�aus purer Missgunst�! Sieht ja jetzt fast so aus, als ob sie Beweisst�cke aus dem Haus schaffen. Ich versteh das nicht. Ich mein, wozu denn erst der ganze Aufwand. Und ein Akt war das immer, wenn Vati wieder mal sonnabends nachmittags noch nach der Schule nach Berlin gefahren ist, was man denn auch wieder keinem erz�hlen durfte. Und dann kam er mitten in der Nacht zur�ck, ich konnte nie einschlafen, bis er nicht zur�ck war, obwohl er ja doch nie was andres mitgebracht hat als eben irgendeine neue Beatles-Platte, und manchmal nicht mal das. Die haben sie dann immer gleich noch nachts geh�rt, und ich hab das auch geh�rt, und auch, was sie da nebenbei gemacht haben, und morgens gabs Fr�hst�ckseier und Kuchen und die Beatles und ich hab auf mein Ei und meinen Kuchen geheult, vor Wut, weil ich mir nun f�r die n�chste Zeit s�mtliche W�nsche, die ich so hatte, gleich� abschminken �konnte.</p><p>F�r was andres hatten die nie Geld �brig. Die andern kriegten ein Monchichi aus dem Intershop, und Sarotti-Schokolade, bei uns gabs zu Weihnachten Unterw�sche, Garnituren.�Na, gef�llt dir die neue Garnitur?�Ich krieg Ausschlag bei dem Wort! Und Strumpfhosen! Und die Beatles, sogar unterm Tannenbaum. Ich wollte WEIHNACHTEN IN FAMILIE von Frank Sch�bel, den mochte ich. Aber das war nur f�r die andern, f�r uns gabs was Besondres, das hat nicht jeder, yeah, yeah, yeah. Mutti hat versucht, mit mir zu tanzen danach. Ich bin weggerannt. Dieses Gl�nzen auf ihrem Gesicht, und wie sie Vati dann angeguckt hat. Ich hab mich geekelt vor diesen Typen, vor ihren doofen Frisuren. Mir war das irgendwie peinlich, ich hab mich richtig gesch�mt. F�r Mutti und Vati, aber eigentlich noch mehr f�r mich selber, ich hab gedacht, wie bekloppt muss man sein, um so bekloppte Eltern zu haben, oder so �hnlich. Manchmal hab ich ja gedacht, das sind gar nicht meine Eltern, und das war sogar noch, bevor Vati das damals zu Mutti gesagt hat, und da hab ich noch gedacht, sie haben mich aus irgendeinem Heim geholt, und Thorsten erst recht.</p><p>Ich wusste nie die Titel der Songs, ich war die ganze Zeit blo� damit besch�ftigt, ihre klebrigen Melodien aus dem Kopf zu kriegen, diese Texte, die ich auswendig konnte, bevor ich sie �berhaupt kapiert hab, da wars dann eh schon zu sp�t. Ich versuch ja immer noch, morgens aufzuwachen und sie nicht singen zu h�ren in meinem Kopf, die haben ihre verdammte Band da reingebeamt oder was wei� ich.</p></section><section><title><p><strong>PASTOR WIETMANN</strong></p></title><p>Da habe ich mich also entschieden, den Vorstellungen der Leute vom Leben eines Pastors doch noch Gen�ge zu tun. Allzu leicht aber wollten sie es mir nicht machen und haben mir Steine aufgeh�uft auf dem Wege der Rechtschaffenheit, der erste Stein aber hei�t Misstrauen, denn sie trauen dem Worte Gottes nicht aus dem Munde eines st�dtischen Studierten, der zweite Stein aber hei�t Missgunst, denn sie verg�nnen dem Pfarrer nicht das Pfarrhaus, alldieweil es schon anderweitig behaust ist, der dritte Stein schlie�lich hei�t Missbilligung, denn sie billigen nicht die Wandelhaftigkeit ihres Hirten, der zun�chst Mutter und Vater verlie�, um einem Hirtenweibe anzuhangen, und dann das Hirtenweib verlie�, um seine Schafe alleine zu weiden, so dass man der Vermutung anheimfallen k�nnte, dass auch seine Schafe einst eine verlassene Herde sein w�rden.</p><p>�ber diese Steine aber setze ich mit Gelenkigkeit meine Beine, und wenn sie zuerst auch nur aus Neugier mir Geh�r zu schenken begannen, so h�rten sie doch, und wenn die Wohnung, die sie mir gaben, auch nur ein zweizimmriges Geh�use ist, so ist es doch genug und leicht zu reinigen, und wenn sie auch ihre M�nder kr�useln und Mutma�ungen vielf�ltigen Ausdruck verleihen und der Gedanke an des Pastors m�gliche, immerhin m�gliche Verkehrtheit, die eine geschlechtliche sein k�nnte, sie um ihre Seelenruhe bringt, so wissen sie damit doch nicht mehr �ber mich, als die Gemeinde von ihrem Pastor wissen soll, und wissen damit nichts �ber mich und nichts �ber Kathrin und nichts �ber Elena.</p><p>Und so sitze ich hier in meiner nur durch ein Uhrticken getakteten Stubenstille bei d�nnem Kaffee und einem selbstgezogenen R�bengem�se und warte dem�tig auf die Eingebungen des Geistes f�r die Niederschrift der Predigt, welche erbaulich zu h�ren sein soll am f�nfzehnten Sonntage nach Trinitatis. Und auch etliche Gedanken zur Vorbereitung des Erntedankfestes sind schon in meinem Kopfe hin und her gegangen. Und Herr Seelsorger Arndt musste gar wohlgef�llig nicken dazu.</p><p>So hatte sich also damals Bernhard Wietmann, zwanzig Jahre, entschlossen, einer von den Guten zu werden, und dies unterschrieben mit seinem Namen auf dem Antrag auf Immatrikulation f�r die Theologie, evangelische, anno neunzehnhundertundsiebzig zu Greifswald. Und das Gute und der Mut gingen zu jenen Zeiten noch Hand in Hand, aber das Gute durfte das Gute nicht sein, denn das war einer anderen Sache Pr�dikat nun, und das alte Gute war nur noch ein Aberglauben, und der Mut ward eine Gutm�tigkeit bei den einen, und bei den anderen ein �bermut. B.�Wietmann, Erstsemester, aber war guten Mutes. Und t�glich pr�fte er sich, ob er das Gute auch k�nne und wolle und solle.</p><p>Wie aber war es bestellt um den kategorischen Imperativ? Nun wohl nicht gar so burgenfest, als dass er bis zu seiner Vikarszeit es einmal gewagt h�tte, in sich zu horchen, ob er es denn auch zur Ausf�hrung bringe, das Gute, da aber konnte er es mit einem Ja beantworten. Denn war es nicht recht und gut, dass er Kathrin gewonnen hatte, und nicht nur ihr Herz f�r sich allein, sondern auch f�r die gute Sache, die gute alte, und abgezogen von der schimpflichen neuen, die Sozialismus gehei�en ward und sich trefflich vergleichen lie� mit dem MEHRZWECKGEL�NDE, an dem ihn in zartem Alter so oft sein Weg vorbeigef�hrt hatte und das, bei genauerer Betrachtung, gar keinem offenen Gel�nde �hnlich war, sondern einer lose und windschief �berdachten Halle, was indes keine weiter �berraschende Entt�uschung darbot, nachdem man ihm schon den Gedanken abspenstig gemacht hatte, es lie�e sich darauf der M�rz wecken, und auch diente es gar nicht mehreren Zwecken, sondern nur einem. Denn sorgsam und dem�tig hatte er seine Rollschuhe wieder verpacken und einen stillen R�ckzug antreten m�ssen, als die Vertreter beider Mannschaften eines Handballspieles sich als rauh und absolutistisch erwiesen hatten und dies auch f�rderhin blieben und er sonach nimmermehr das Rollschuhlaufen erlernte.</p><p>Erlernt aber habe ich den Zweifel, und zwar als eine seltene und selten verlangte F�higkeit, und sie erschien mir unn�tz und bewahrenswert zu gleichen Teilen, wie ein altes Handwerk. Und wie auch die alten Handwerke als dem Fortschritte der menschlichen Gesellschaft entgegenstehend angesehen waren, so war auch der Zweifel ein R�ckstand, den es, wo nicht zu entfernen, zu verdr�ngen galt. Und wir wurden gelehrt, Gebete zu widmen denen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden, und ich f�hlte mich eingeschlossen in die Gebete, denn dies, der Zweifel, war mein Glauben. Und etliche Jahre darauf erst wagte ich, meinem Verfolger ins Angesicht zu blicken, und siehe, es war kein anderer als der Zweifel. Seit dieser Zeit aber legt er t�glich Fragen mir vor, wie Felsen gewaltige, geringe wie Sandk�rnchen, und sie alle gehen auf den Reim, was es denn wohl auf sich habe mit dem Guten im Menschen. Und zum Exempel bin ich geneigt, allemal mich selbst zu w�hlen, denn das Wort: RICHTET NICHT, AUF DASS IHR NICHT GERICHTET WERDET war mir das Schwerste stets, und so nahm ich zur S�hne meiner Schw�che mich selbst zum Ankl�ger sowohl wie auch Angeklagten. Und im gewichtigen Buche des Zweifels, den ich gleichwohl nicht Gewissen zu nennen pflege, denn ebendieses setzte wohl die Anwesenheit des guten Kernes in der menschlichen Schale voraus, die ob der Z�higkeit und Faserigkeit selbiger einstweilen noch ungewiss bleiben muss, in diesem Buche also finde ich, sooft ich es aufschlage in meinem Geiste, die verblichenen, zu Teilen unleserlichen, zu Teilen noch gut zu gewahrenden Fragen meiner l�ngst vergangenen Erdentage, als auch ebenso die mit schwarzer Tinte spitzig gestochenen meiner j�ngst hinter mir gelassenen.</p><p>Sprich: die letzte Woche. Und solcherart nichtsnutzige Gedanken kommen mir stets freitags, wenn ich �ber der Predigt br�te wie ein altes Huhn, n�rrisch hoffend, es m�ge doch einmal etwas anderes herauskommen als gelbe K�ken; der Sonnabend besch�ftigt mich mit haush�lterischen Erledigungen und kleinen Arbeiten, und Sonntag � ist eben der Sonntag. Der Freitag ist ein erb�rmlicher Tag. Unser Herr starb an einem Freitag, und zur Erinnerung daran ist Karfreitag immer Mistwetter, immer schon gewesen, darauf w�rden sie hier alle einen Schwur ablegen. Und der da starb am Kreuze hatte sich noch nicht mal etwas vorzuwerfen. Er brauchte keiner von den Guten sein. Da steh�k doch dr�ber, h�tte er locker sagen k�nnen, sagte er aber nicht, eben darum, quod erat demonstrandum.</p><p>Und unsereins muss sich selber martern. War es denn gut, in der im gar trockenen Munde gef�hrten Rede zu Anna Hanskes Grablegung gar Etliches zu bezeugen von ihrem Leben, das mir nur aus Peter Hanskes Bericht bekannt geworden war, aber still zu schweigen von dem, was zwischen seinen Worten klar wie Tr�nen hervorgeglitzert hatte und hervorgelockt worden war vom scharfen best�ndigen Winde der gemeindlichen Rede? War es denn gut, mich darob zu bes�nftigen damit, dies im Sinne Ingrid Hanskes vollzogen zu haben, und mich alsdann dem Verst�ndnis, mit etwas anderem ihr Gutes getan zu haben, widersetzte, als sie mir, w�hrend ich ihr ein St�ck vom Kuchen reichte, zuraunte:�Das war man eine gute Idee, Herr Pastor�, und ich nur milde l�chelte wie einer, der getan hat, was sich nun einmal geziemte?</p><p>War es denn gut, dass ich wiederholten Males mit meinen Schritten einen Bogen beschrieb um Hartmut Wachlowskis Ehegattin, als ich ihrer ansichtig wurde von ferne auf ihrem Hofe und also den Umweg an der Stra�e entlang nahm und mir in n�mlicher feiger Weise zuredete, dies gesch�he, sie nicht zu besch�men mit einer im Grunde wohl entbehrlichen Erinnerung? Und hatte ich nicht obendrein am Anfang den Versuch unternommen, mir vorzuf�hren, dass dies Weib wom�glich gar nicht selbiges sei, dass ich vor langen Jahren in den Gem�chern meines Onkels selig einmal mit erschreckten, wiewohl ungenierten Augen angetroffen?</p><p>Und schlie�lich, war es denn gut, dass ich nach meinem Mittagsmahle am vergangenen Sonntage aus dem Fenster sah und meinen alten Nachbarn Gniedeck gewahrte, wie er mit seinen schwachen H�nden die Axt schwang in seinem Garten mit gro�er M�he und einen Haufen Holz spaltete und ich nicht herauseilte, ihm zu helfen, und bei mir dachte, es w�re der Tag des Herrn, an dem wir unsere Arbeit sollen ruhen lassen und stattdessen nach Greifswald fahren zu Elena?</p><p>Und diese sonnt�glichen Ausfl�ge w�ren ein Quell gar vieler neuer Fragen, die meiner T�chtigkeit und dem Vorhaben, dem kommenden Sonntage eine erbaulich zu h�rende Predigt zu geben, nun sehr entgegenst�nden. Was aber ist so T�chtiges daran, der Gemeinde mit wohlgesetzten Worten �ber erhabene Dinge in den Ohren zu liegen und nicht allein die geistigen, auch die Kr�fte des K�rpers zu sammeln, wenn ich sp�ter am Tage mich im Laufschritt werde ert�chtigen, solang dies alles nur zu meinem eigenen Wohlbehagen geschieht?</p><p>Auch mir ist bekannt die junge Legende von der Rechtschaffenheit und T�chtigkeit eines Pastors im Dorfe Bresekow, der sich nicht zu schade war, helfend mit kr�ftigen Armen und gewichtigen Worten und starkem Glauben anzupacken, als der gro�e Bullenstall lichterloh brannte, und sich den Flammen entgegenwarf und Tier um Tier heraustrieb aus dem Inferno. Und nachher gab man meinem Vorg�nger Schnaps und viel Klopfen auf die verr�ucherte Jacke �ber der Schulter, und nie, sooft ich seiner gedenke, kann ich anders, als mir diese Jacke als einen im Feuerwinde wehenden Talar vorzustellen, und man nahm ihn endg�ltig auf als einen Ebenb�rtigen und Vorbildlichen, einen Primus inter Pares, in die Gemeinde. Und sp�ter ist er fortgegangen und seine Spuren verloren sich in Bresekow und in der Welt, und wenn er nicht gestorben ist, so tut er Gutes noch heute.</p><p>Und darauf wurde f�r das Dorf Bresekow in Ermangelung regelrechter Amtstr�ger ein Seelsorger mit Namen Arndt angeschafft und samt den Seinen ins Pfarrhaus gesetzt, und siehe, er fand Zulauf unter den verirrten Sch�fchen mit nach ihrem Geschmacke gew�rzten saftigen Reden, und die Gemeinde blieb unbehelligt von der kirchlichen Autorit�t, bis man diesem Zustande meinte abhelfen zu m�ssen, und dann kam ich, ausgerechnet.</p></section><section><title><p><strong>ROMY</strong></p></title><p>Sogar das einzige Live-Album hatten sie! Eigentlich bin ich ja froh, nicht zu der Zeit gelebt zu haben, auch wenn ich mir das manchmal ausmale. Die Beatlemania. Ich w�re verr�ckt geworden. Ich h�tte mir einen karierten Minirock �ber meine zu schmalen H�ften gezogen und mit der Meute gekreischt. Ich h�tte mich haltlos in John verliebt, vielleicht sogar in Paul. Ich w�re genauso gewesen wie alle anderen. Oder eben gerade nicht, so wie jetzt, aber auch so wie jetzt nur heimlich. Was f�r eine Vorstellung: Ich w�re aus Prinzip kein Beatles-Fan geworden! Das w�re sogar noch verr�ckter gewesen. Manchmal habe ich Angst, f�r immer unansehnlich und siebzehn zu bleiben.</p><p>Und dann das: Letztes Jahr, am Ende der Zehnten, sollten wir in Musik ausnahmsweise mal nicht vorsingen, diese ewige Blamage auf Zensur, bei der es den meisten ja nicht um die Zensur geht, sondern darum, sich m�glichst wenig zu blamieren; einige Jungs machten ja, sobald sie irgendwie die Pubert�t erreicht hatten, deshalb gleich auf ganz cool, blieben stur auf ihrem Platz hocken und erkl�rten, lieber die Sechs in Kauf zu nehmen als zu singen, was mich an Polizeiverh�re denken lie�. Nur dass es hier eigentlich kein Geheimnis zu wahren gab, wir wussten ohnehin alle, von fr�heren Versuchen, denn die meisten waren nicht gleich so konsequent gewesen, was da verheimlicht werden sollte. Somit erntete diese Art von Renitenz auch nicht den vielleicht erhofften Beifall, denn ausgerechnet die jeweils eigenen Kumpels sahen sich um ihr Vergn�gen gebracht und setzten dem Singe-verweigerer so lange zu � �eh, sing doch, nu sing doch, Ronny/ Martin/Christian��, bis Herr Stiehl sagte,�sing doch selber, Christian/Martin/Ronny�.</p><p>Herr Stiehl ist unleugbar nicht gerade der Gr��te und nebenbei auch nicht der Hellste, generell wird er seit mehreren Generationen, und es sollte mich nicht wundern, wenn sogar einige Lehrer darunter w�ren, nur entweder� Stengel �oder� Rumpelstiehlzchen �genannt. Ein Kuriosum, an das sich aber alle bereits bis zum �berdruss gew�hnt haben, ist, dass er stets� Schtiel �sagt, wenn er von �Stil� spricht, entweder merkt er es einfach nicht, oder er macht es extra, weil er das am Ende �beraus witzig findet, beides ist ihm zuzutrauen. Tats�chlich scheint er aber auch eine besondere Vorliebe f�r das Wort zu haben; wenn ihn zum Beispiel der Tonfall eines Sch�lers den n�tigen Respekt vermissen l�sst, sagt er:�Nicht in dem Schtiel, mein Freund!�Es geht die Legende, dass ein Sch�ler mal in einer Arbeit das Wort �Stil� konsequent durch das Wort �Stengel� ersetzt haben soll: Der Stengel dieser Sinfonie��</p><p>Unser Rumpelstiehlzchen nun hatte ein bisschen gebraucht, dann aber erkannt, dass sich mit dieser einfachen Replik,�sing doch selber�, die Disziplin in der Klasse schlagartig wiederherstellen lie�. Seitdem setzte er dieses erstaunlicherweise immer wieder effektive Mittel st�ndig und v�llig unvariiert ein, denn auch die Jungs wichen kein bisschen von ihrem Verhaltensmuster ab, aber sie sind bekanntlich auch nicht die Hellsten, und schon gar nicht die Gr��ten, noch nicht mal f�r ihre m�hsam ergatterten Freundinnen, die sich nerv�s nach jedem Autot�rklappen auf dem Schulparkplatz umdrehen, weil eine andere vielleicht einen besseren Fang gemacht hat und also jetzt einem Auto entsteigen kann, mit dem sie von einem Typen-mit-Auto vorgefahren wurde. Nur ein weiteres Muster. Bis dann mal einer, Ronny, als er von Herrn Stiehl wieder mal zum Vorsingen aufgefordert wurde, zu eben Herrn Stiehl sagte:�SDS!�, worauf Herr Stiehl, nicht der Hellste, ihn verst�ndnislos anguckte, worauf Ronny sich zur ausf�hrlicheren Variante aufschwang:�Sing doch selber!�</p><p>Da sage noch einer, interdisziplin�res Lernen f�nde an der Schule nicht statt. Ich nahm es als anschauliches Beispiel f�r das, was uns in Biologie als Evolution nahegebracht worden war. Damit war Herrn Stiehls Unterricht eigentlich dem Untergang geweiht. Aber auch er entschied sich, wahrscheinlich instinktiv, f�r eine Anpassung an die neuen Umst�nde und unterbreitete uns zum Ende der Zehnten, dass die letzte Singekontrolle zugunsten eines Vortrags mit selbst zu w�hlendem Thema wegfallen w�rde. Wahrscheinlich glaubte er sogar, damit einige wankelm�tige Seelen in seinen Kurs f�r die Elfte und Zw�lfte hin�berretten zu k�nnen. Mehr Willensfreiheit, weniger Pr�destination. Ich habe Musik abgew�hlt. Ich will nicht behaupten, dass es mit diesem Vortrag zusammenhing, ich hatte mich sowieso schon f�r Kunst entschieden. Das ist nicht so von vornherein zum Scheitern verurteilt, da kann man immer irgendwas zusammenschmieren und es dann als originell beurteilen lassen. Das haben sich die meisten Jungs �brigens auch gedacht. Womit ich nat�rlich nicht sagen will, dass ich irgendwas zusammenschmiere.</p><p>Jedenfalls, Herr Stiehl postulierte, er wolle uns alle Freiheiten lassen, als �bung f�r selbst�ndiges Arbeiten in Vorbereitung auf die Abiturstufe und blabla, als gro�es Thema gebe er lediglich vor:�Revolutionen in der Musik�. Wenn �berhaupt an irgendwas, dachten wahrscheinlich alle zuerst an die Franz�sische Revolution und so was wie: nicht schon wieder! Aber dann d�mmerte uns, dass es vielleicht mehr um musikalische Revolutionen ging, Herr Stiehl in seltener Verschlagenheit enthielt sich jeglichen Kommentars. Ich hatte keine Ahnung von Musikgeschichte, was haupts�chlich daran lag, dass es das erste Mal in all den Jahren nicht enden wollender Musikstunden war, dass die �berhaupt� aufs Trapez �kam, wie Mama manchmal sagt. Sie l�chelt dann, weil sie ja wei�, dass es nicht so hei�t, aber nicht genau, wie es denn hei�t. Zuerst wusste ich es auch nicht, dann wusste ich es irgendwann und hab sie berichtigt, sie hat es sich aber nicht gemerkt, dann habe ich gemerkt, dass sie das offenbar auch gar nicht will, dann habe ich aufgeh�rt, sie zu verbessern, zuerst aus Trotz und so einem Na-ich-wei�-jedenfalls-wie-es-richtig-hei�t-�berlegenheitsgef�hl, inzwischen aber auch, weil ich es eigentlich ganz gerne h�re, wenn sie es sagt. Ich glaube, das ist der einzige Fall. In dem die Toleranz �ber das Verlangen siegt, die hochgekrempelten Zehn�gel mit Gegengewalt wieder geradezubiegen. Zum Beispiel Tante Elke und Tante Marlies mit ihrer Mir-und-mich-Verwechselkrankheit. Die verwenden Dativ und Akkusativ im Prinzip synonym, jedenfalls ist es mir noch nicht gelungen, da irgendeine Regel abzuleiten, au�er der, dass sie es regelm��ig falsch machen. Ich kann nicht anders, als sie st�ndig zu verbessern. Sie lachen, rollen mit den Augen, winken ab.�Ach, Romy, du schon wieder!�Die Nachsicht, die ich ihnen nicht g�nne, lassen sie mir angedeihen. Ich wei�, dass ich furchtbar bin. Aber es ist fast schon ein Spiel. Wenn sie anrufen und ich ausnahmsweise doch mal ans Telefon gehe, wenn Mama nicht da ist, sagen sie zum Schluss etwas, das ungef�hr die gleiche Funktion hat wie �Amen�:�Denn gr�� ihr ma sch�n!�Das ist zwischen uns zum Zitat geworden. Ich sage zu Mama:��Gr��-ihr-ma-sch�n� hat angerufen�, und sie fragt dann h�chstens noch:�Welche?�</p><p>Also, die Musikgeschichte, damit wars nicht weit her, das Einzige, was ich zum Beispiel von einem wie Beethoven wusste, war, dass er taub gewesen war, was mir zugleich auch als das Interessanteste erschien. Das ist sowieso so ein Ding bei mir, dass ich mir mit Vorliebe, geradezu automatisch, die nutzlosen Details merke, w�hrend das gro�e Ganze, die Sachen, die in Klausuren abgefragt werden, mich eher langweilt. Wahrscheinlich hat mich das auch zu meinem Vortragsthema verleitet, in Kombination mit meiner ma�losen Arroganz, denn das ist es doch, was sie von mir denken, nicht zuletzt meine eigene Mutter: dass ich arrogant bin. Wie das mit meiner ebenso allgemein bekannten Sch�chternheit zusammenpassen soll, haben sie sich dabei offenbar noch nicht �berlegt.</p><p>Aber ich. Ich glaube, dass Ersteres eine nat�rliche Folge von Letzterem ist, eine Schutzma�nahme. Man nehme nur einmal John Lennon. Er galt Zeit seines Lebens als schrecklicher Arrogantling. Von sich selbst sagte er, er sei lediglich schrecklich sch�chtern. Nat�rlich hat auch die Sch�chternheit zu meiner Vortragswahl beigetragen. F�r einen kurzen Augenblick hatte ich an die Beatles gedacht, ungef�hr im selben Augenblick aber auch: Das geht nicht. Wieso, warum, keine Ahnung, nur dieses Gef�hl, das geht nicht, was mir heute zugegebenerma�en l�cherlich vorkommt. Manchmal frage ich mich, ob das das ganze Leben so gehen soll: dass alles, was man macht, einem nach sp�testens drei Monaten oder so l�cherlich vorkommt. Ich habe das jedenfalls st�ndig, meine Tageb�cher � wie das allein schon klingt! � la die Memoiren einer Siebzehnj�hrigen, v�llig l�cherlich � sind ein l�ckenloser Beweis daf�r. Trotzdem lese ich gerne darin, sie geben mir ein Gef�hl von, na ja, �berwindung. Oft muss ich lachen.</p><p>Die Beatles gingen also nicht, das stand fest, irgendetwas daran war mir wieder mal peinlich. Jedenfalls konnte ich mir keinen denken, der diese gerade erst beginnende Leidenschaft, deren Ursprung mir merkw�rdig unklar ist, ich wei� nur, dass ich irgendwann eine uralte Kassette mit Beatles-Hits aus der Stadtbibliothek ausgeliehen und zu Hause sorgf�ltig vor meinen Eltern versteckt hatte, mit mir teilen oder auch nur nachvollziehen k�nnte. Das war ungef�hr so wie eine heimliche Verliebtheit, und wenn ich auf irgendeinem Gebiet �berhaupt Erfahrungen vorweisen kann, dann auf diesem.</p><p>Ich kenne alle Zust�nde heimlicher, einseitiger und gemeinhin ungl�cklich genannter Verliebtheit, und wei� daher auch, dass sie eben nicht ungl�cklich macht, jedenfalls nicht die ganze Zeit. Sondern nur zu sch�tzungsweise f�nfundzwanzig Prozent. Wenn man bedenkt, wie viele Leute mit sogenannten gl�cklichen, gegenseitigen und �ffentlichen Verliebtheiten ungl�cklich werden, ist das eine vertretbare Lebensform, denke ich. Zumindest vor�bergehend. Und irgendwie geht es ja immer vor�ber. Zurzeit ist es Tobias Schneider, er ist ein Jahr �lter als ich, und ich glaube, es liegt in den letzten Z�gen. Seit er im Sommer sein Abi gemacht hat, sehe ich ihn kaum noch, und das ist ein Problem. Denn auf das <emphasis>Sehen</emphasis> kommt es an. Und auf das <emphasis>Gr��en</emphasis>, oh Gott, was f�r ein ewiges kitzliges Martyrium! Wir kennen uns fl�chtig, von irgendwelchen Junge-Gemeinde-Nachmittagen und Projektwochen her, und haben insgesamt vielleicht drei unvollst�ndige S�tze miteinander gewechselt, und manchmal, wenn wir uns mehr oder weniger zuf�llig trafen, eher weniger, denn im Laufe der Zeit hatte ich, was Schulweg und Schulgeb�ude betrifft, einen raffinierten Laufwegeplan entwickelt, der auf wochenlanger Beobachtung all seiner beobachtbaren Bewegungen beruhte, gr��te er mich manchmal und manchmal nicht. Wie ein sch�ner oder schlechter Traum hatte das Einfluss auf den ganzen restlichen Tag, nat�rlich auch die Tatsache, ihn gar nicht zu sehen, so dass ich behaupten konnte, eigentlich die ganze Zeit unter Tobias-Einfluss zu stehen, was in mir eine Art von Gef�hlen ausl�ste, die andere Leute vielleicht f�r ihre Heimat aufbringen. Es beruhigte mich. Zumindest war das bis vor kurzem noch so, jetzt hab ich gerade so was wie Fernweh.</p><p>�brigens begann diese ganze Tobias-Schneider-Geschichte auch verr�ckterweise mit einem Traum, v�llig aus dem Nichts heraus tr�umte ich eines Nachts von ihm, eigentlich was total Belangloses: Ich fand seine Brieftasche, die merkw�rdigerweise aus gelbem Leder war � wochenlang besch�ftigte mich dann haupts�chlich diese Frage: warum gelb? (ich interessierte mich auch gerade f�r Traumdeutung, nat�rlich auf etwas gehobenerem Niveau als gelb gleich Neid und Eifersucht, obwohl ich zeitweise auch f�r solche platten Schemen nicht ganz unempf�nglich war und sie wohl blo� verwarf, weil ich mir auch damit keinen Reim auf die Sache machen konnte)�� jedenfalls, nach dem Aufwachen wusste ich: der oder keiner. Weshalb ich auch mit einer gewissen irrationalen Hartn�ckigkeit seit mehr als zwei Jahren an diesem Tobias-und-ich-Traum h�nge, Vorherbestimmung und all das. Dabei k�nnte ich ihn zum Beispiel sowieso nicht heiraten, schon allein wegen seines Nachnamens. Mamas an diesem bestimmten Idol orientierte Namenswahl f�r mich muss nicht auch noch auf solch explizite Weise Gen�ge getan werden. Nicht, dass ich �berhaupt jemanden heiraten wollte. Und ich wei� ohnehin, dass es aussichtslos ist, ich meine, das mit Tobias und mir. Das scheint geradezu eine Regel heimlicher Verliebtheit zu sein. Vielleicht h�ngt sie mit der anderen zusammen, der obersten und ersten: Eine heimliche Verliebtheit muss in jedem Fall und unter allen Umst�nden geheim bleiben. Sternchen, Fu�note: Diese Regel bedarf keiner Begr�ndung. Man k�nnte aber eine anf�hren: Auf Verst�ndnis zu hoffen ist sinnlos. Die Beatles gingen also nicht. YOU�VE GOT TO HIDE YOUR LOVE AWAY.</p><p>Um es kurz zu machen: ich entschied mich f�r Arnold Sch�nberg. Das war hochn�sig, kurzsichtig und brav. Ich hielt mir was auf meine Lekt�re zugute, denn gerade hatte ich DER TOD IN ROM von Wolfgang Koeppen gelesen, und zwar au�erhalb des Deutschunterrichts und v�llig freiwillig. Die Figur des Siegfried, der, wie ich als ambitionierte und vor dem Nachwort nicht zur�ckschreckende Leserin herausgefunden hatte, Arnold Sch�nberg darstellen sollte, erschien mir nicht sonderlich sympathisch, aber interessant genug, um mir die Idee einzuimpfen, dass dieser Vortrag mir gerade recht k�me, um mein Wissen �ber Sch�nberg zu erweitern. Vielleicht war es auch so, dass mir niemand Besseres einfiel, ich zu faul war, musikalische Lexika zu w�lzen, und mir das Buch gerade recht kam. In jedem Fall hatten mich nat�rlich die dramatischen und anr�chigen Stellen gereizt, die mir haupts�chlich im Ged�chtnis geblieben waren, diese Sache mit den r�mischen Strichjungen und der Konflikt mit seinem Nazi-Vater und so. Unter Zw�lftonmusik konnte ich mir gar nichts vorstellen, und das hat sich auch nicht wesentlich ge�ndert, was auch nicht zu erwarten war bei einer, f�r die schon der Quintenzirkel, der im Jahr davor von Herrn Stiehl noch pflichtschuldigst in sein Programm gequetscht worden war, eine hoffnungslose �berforderung darstellte. Herr Stiehl, als ich ihm meine Sch�nberg-Wahl kundtat, zog die Augenbrauen hoch und und seufzte:�Na, da hast du dir ja was vorgenommen!�</p><p>�Ich wei߫, sagte ich mit einem Anflug von Triumph in der Stimme. Dabei wusste ich nicht mehr, als dass ich nun Gott sei Dank ein gutes Vortragsthema hatte: Herrn Stiehls musiklehrerhafte Kritikpfeilchen w�rden sich so wirkungslos gegen die massive, auf hohen Felsen thronende Burg ausnehmen, dass er gar nicht erst versuchen w�rde, sie zu verschie�en. Leider � oder zum Gl�ck � hatte ich noch nicht bemerkt, dass auch ich nicht von der Zinne hinunterschaute, sondern hinauf, aus wackliger Lage auf bestenfalls halber H�he.</p><p>Ein Problem waren zum Beispiel schon allein die sogenannten Tondokumente, die wir in unseren Vortrag einbauen sollten. In der Stadtbibliothek hatten sie nat�rlich nichts, geschweige denn in der mickrigen Schulbibliothek. Also blieb mir nichts anderes �brig, als Herrn Stiehl selber zu fragen. Er grinste, glubschte mich durch seine dicke Hornbrille an, sagte:�Na, hast wohl nix gefunden, wa?�, obwohl ich ihm genau das ungef�hr f�nf Sekunden vorher mitgeteilt hatte, und bestellte mich f�r nach der sechsten Stunde in seinen Musikraum.</p><p>Mir war den ganzen Tag nicht wohl bei dem Gedanken. Mit einem mulmigen Gef�hl stieg ich um eins die dunklen Treppen rauf; der Musikraum liegt in einem efeubewachsenen Seitenfl�gel, in dem nur noch ein weiterer Raum f�r Unterricht genutzt wird, fr�her diente er, glaube ich, als Internat. Eigentlich sch�n, besonders der gro�e Balkon, zu dem vom Musikraum eine T�r f�hrt, fasziniert mich, wir d�rfen aber nicht rauf, aus irgendeinem willk�rlichen Schulverbotsgrund, den wir hinnehmen wie alles Schulisch-Unbegreifliche, die Schule w�re ja nicht mehr die Schule, w�rde sie pl�tzlich dem Rechtfertigungszwang des wahren Lebens unterliegen. Wir w�rden uns ganz sch�n verloren vorkommen, glaube ich.</p><p>Es war hei� an dem Tag, alle schienen nach dem Schlussklingeln so schnell es ging geflohen, denn das ganze Geb�ude und der Schulhof waren pl�tzlich menschenleer, kein Blatt regte sich in der staubtrockenen Luft, und blo� ich schlich noch umher und irgendwo � hoffentlich, hoffentlich nicht � Herr Stiehl. Ich hatte Durst, seit Stunden. Und das kam blo� daher, weil Katharina in ihrer �blichen Dreistigkeit mich gefragt hatte, ob ich was zu trinken h�tte,�Ey, Romy, haste was zu trinken?�, und ich in meiner �blichen Sch�chternheit, die die Lehrer f�r H�flichkeit und Hilfsbereitschaft halten, mich nicht getraut hatte, Katharina den Inhalt meiner Flasche vorzuenthalten, und Katharina mit Hilfe ihrer Dreistigkeit diese bis auf den letzten Tropfen ausgeschl�rft hatte, nicht ohne zwischendurch angewidert zu bemerken:�Das is ja Pfefferminztee!�Wahrscheinlich war das ein hinreichender Grund f�r sie, mich weiterhin mit Verachtung zu strafen, nach dem Motto: Wer Pfefferminztee trinkt, kriegt doch nie einen ab. Und wahrscheinlich w�re es aussichtslos, Katharina den Unterschied zwischen Kausalit�t und Koinzidenz erkl�ren zu wollen.</p><p>Das k�hle, kellerdunkle Treppenhaus h�tte ich als Erleichterung empfunden, w�re ich nicht mit jedem Schritt einem kleinen, bebrillten Monstrum n�hergekommen. Als ich vorsichtig den Musikraum betrat, war er leer. Das Sonnenlicht fiel gr�nlich durch die alten Fenster, es war stickig, obwohl die T�r zum Balkon offen stand. Offen stand wie eine einzige Versuchung. Das ist die Gelegenheit, dachte ich. So ger�uschlos wie m�glich ging ich darauf zu. Ich wei� auch nicht, was ich mir eigentlich davon versprach, davon, endlich diesen Balkon zu betreten. Er w�rde ja nun nicht gerade unter meinem unwesentlichen Gewicht zusammenbrechen. Was ich allerdings nie erfahren sollte. Denn kaum hatte ich die Balkont�r erreicht, beinahe schon ber�hrt, erscholl Herrn Stiehls Stimme vom anderen Ende des Raumes her:�Na, da bist du ja endlich!�</p><p>Ich fuhr wirklich ein bisschen zusammen, wie ertappt, aber Herr Stiehl interessierte sich gar nicht f�r mein verbrecherisches Vorhaben, sondern nur f�r meine nicht existente Versp�tung, anscheinend wollte auch er so schnell wie m�glich hier raus. Gut, dachte ich, in sp�testens f�nf Minuten hast dus �berstanden.</p><p>�Komm ma mit�, sagte Herr Stiehl, und w�hrend ich noch kurz und instinktiv z�gerte, ihm zu folgen, wurde er auch schon wieder ungeduldig:�Na los, nu komm schon!�</p><p>�brigens f�llt es Herrn Stiehl nie ein, uns etwa zu siezen, was anscheinend auch keinem von uns komisch vorkommt, w�rde er es tun, w�re die Irritation gr��er. Er verschwand durch eine kleine, ins Dunkel f�hrende T�r neben der Tafel, und ich trabte ihm wohl oder �bel hinterher. Mir schossen s�mtliche Ger�chte, die ich jemals �ber Herrn Stiehl geh�rt hatte, durch den Kopf, die allesamt darin kulminieren, dass er� mal was mit einer Sch�lerin gehabt �haben soll, vor ewigen Zeiten, als sogar Mama noch zur Schule ging, die ihm mal bei einem Ausflug verschiedener Ch�re begegnet war und daher meine Vorbehalte gut verstehen kann; als ich ihr erz�hlte, dass wir Herrn Stiehl in Musik kriegen, war sie geradezu entsetzt, was mir zu denken gab. Auf diesem Ausflug mussten sie in einer Scheune im Stroh schlafen, und ausgerechnet Herr Stiehl hatte sich neben Mama gelegt,�mit Absicht�, wie sie anmerkte, ohne n�her zu erkl�ren, worin genau diese Absicht ihr gegen�ber bestanden h�tte.�Na ja!�, sagte sie blo�, als ich sie fragte, und er habe sich bis auf den Schl�pfer ausgezogen und f�rchterlich geschnarcht, und sie selbst habe die Nacht �ber kein Auge zugetan und sich trotz der Hitze fest in ihre muffige Decke gewickelt. Diese im Prinzip d�rftige Episode erzeugte, vielleicht gerade aufgrund ihrer D�rftigkeit, hinter der ich wohl sonstwas vermutete, ein heilloses Assoziationenwirrwarr in mir, und ich sagte zu Mama, und, wie ich heute denke, auch, um mich selbst zu beruhigen:�Aber es ist doch gar nichts passiert, oder?�</p><p>�Nein � das nicht�, gab sie gedehnt zu,�aber die andern haben ja auch immer gesagt, pass auf, der macht Stiehl-Augen. Wenn du wei�t, was ich mein!�</p><p>So genau wollte ich es aber gar nicht wissen, immerhin hatte ich noch mindestens drei Schuljahre mit Herrn Stiehl vor mir.</p><p>Ich wei� nicht, ob diese Geschichte mit der Sch�lerin dann vor oder nach Mamas Erlebnis passiert ist, jedenfalls soll er die auf eben solch einem Ausflug� verf�hrt �haben, und die Munkelei hatte sich hochgeschaukelt bis zu Schwangerschaft und Abtreibung und vorzeitigem Schulabgang des M�dchens. Ich konnte mir das Ganze eigentlich nicht so richtig vorstellen, ich meine: Herr Stiehl! Womit sollte er sie denn becirct haben? Etwa durch eine Fahrt in seinem senfersatzfarbenen Wartburg? In dem er immer noch mit stolzgeschwellter Brust und quietschenden Reifen um die Schulecke und �ber den Hof feuert, ohne R�cksicht darauf, ob sich die Sch�lerschaft noch rechtzeitig durch eine Hechtrolle in Sicherheit bringen kann, um ihn dann nicht wie alle anderen auf dem Schulparkplatz, sondern direkt vor dem Eingang zu seinem Reich, besagtem Seitenfl�gel, abzustellen. Allerdings wird immer wieder behauptet, in dieser bunten Welt sei alles m�glich, woran ich manchmal auch geneigt bin zu glauben, mal mehr, mal weniger gern.</p><p>Dieses Hinterzimmer, in das ich Herrn Stiehl gefolgt war, entpuppte sich als eine Art Musikalienlager, verschiedene Instrumente lagen teils in Regalen, teils auf St�hlen herum, darunter sogar ein Saxophon, und ich fragte mich, ob Herr Stiehl wohl darauf spielen k�nnte, und stellte es mir vor. Ich konnte mir pl�tzlich kein passenderes Instrument f�r ihn denken. Jedenfalls ging mir die allgemeine Saxophonbegeisterung und alles, was subkulturm��ig oder wie man es nennen soll damit zusammenh�ngt, schon zu dem Zeitpunkt geh�rig auf die Nerven, und der Gipfel ist jetzt erreicht, seitdem Melissa, schon der Name! sich aufschwingt, das coolste aller sich irgendwie als cool empfindenden Individuen an unserer Schule zu werden, sich die Haare mit Henna rot f�rbt und angefangen hat, bei jeder noch so bl�den Veranstaltung in der Aula uns mit den Ergebnissen ihres Saxophonunterrichts zu bel�stigen, und komischerweise kommt niemand auf die Idee, das nicht toll zu finden. Das Saxophon jedenfalls ist f�r mich der Inbegriff der Schmierigkeit. Vielleicht bin ich nur langzeitgesch�digt durch dieses geschmacklose Tagebuch, das ich damals zu Weihnachten bekam, aber daf�r vermutlich auch lebenslang immun gegen das Gift dieses fast schon obsz�nen Getr�tes, bei dem sich doch automatisch das Bild von r�tlich beleuchteten, verrauchten Bars einstellt und wahrscheinlich auch einstellen soll, in denen sich gestrauchelte Existenzen einen Whiskey nach dem anderen in die Kehle gie�en und dabei lediglich einen einzigen Gedanken in ihrem whiskeyerweichten Hirn am Glimmen zu halten verm�gen, n�mlich wie sie jetzt schnell noch jemanden in die Kiste kriegen. Oder, noch schlimmer, der M�chtegern-Casanova, der die gerade erst aufgegabelte Neue zu sich nach Hause einl�dt, um ihr seine Kochk�nste angedeihen zu lassen; z�chtig bekleidet, er im neuerdings rosa Hemd, sie im adretten Kost�mchen, sitzen sie sich gegen�ber; wenn sich ihre Blicke wie zuf�llig treffen, schauen sie schnell auf ihren Teller, auf dem sie die Ordnung der pr�zise angerichteten Seezunge in Champagner an Rucola-Gorgonzola-Salat durch Hin- und Herschieben der Bestandteile zerst�ren, sozusagen als Sinnbild f�r den nun kurz bevorstehenden Einbruch der Lotterhaftigkeit, denn sp�testens nach dem zweiten Glas Rotwein legt Casanova eine CD mit Saxophoninstrumentals ein und wartet nun, unter Einsatz seiner erfahrenen H�nde, sek�ndlich darauf, dass das abgef�tterte und abgef�llte Weibchen endlich seine Beine breitmacht.</p><p>Herr Stiehl schloss verschiedene Schr�nke auf, deren T�ren sich wie von allein knarrend und sperrangelweit vor ihrem Herrn und Meister �ffneten, und w�hlte ger�uschvoll darin herum, es klang fast wie ein Schmatzen, wenn die durchgebl�tterten CDs aneinanderklatschten. Mein Eindruck, hier quasi in seine Privatgem�cher eingelassen worden zu sein, best�tigte sich, als mein Blick auf ein schmutzigwei�es Unterhemd fiel, das schlaff �ber einer Stuhllehne hing. In diesem Halblicht konnte ich es nicht erkennen, aber ich vermutete, dass Herrn Stiehls beigefarbenes Hemd ausufernde Schwei�flecken unter seinen Achseln aufwies, der ganze Odor dieses engen Kabinetts sprach jedenfalls daf�r. Es dauerte eine Weile, bis Herr Stiehl fand, was er suchte, und ich hegte schon die Bef�rchtung, dass er gar nicht genau w�sste, ob er �berhaupt etwas f�r mich h�tte, und ich am Ende umsonst hergekommen w�re. Dann drehte er sich pl�tzlich um und lie� mir seinen kurzen Arm entgegenschnellen,�Da!�, von dessen knorpeligem Ende ich eine CD pfl�ckte.</p><p>Es waren Klavierwerke von Sch�nberg, mehr h�tte er nicht.�Danke�, sagte ich. Ob ich damit was anfangen k�nne, fragte er. Ich wusste nicht genau, was er meinte: Ob mir Sch�nbergs Musik gefalle, so im Allgemeinen? Oder ob ich es f�r den Vortrag gebrauchen k�nne?� Ich hoffe es�, sagte ich und hoffte, dass ich mich f�r die richtige Interpretation seiner Frage entschieden hatte und sie keine weiteren nach sich z�ge.</p><p>�Vielen Dank�, schabte ich mir noch mal wie Belag von meiner klebenden Zunge und betrachtete das schon als Einleitungsworte zu meinem Abgang, als er sagte:�Wart ma. Ich hab noch was f�r dich.�</p><p>Oh nein, dachte ich, nicht das. Ich hatte schon von seiner Angewohnheit geh�rt, Sch�lerinnen manchmal S��igkeiten zu schenken, irgendwelche backsigen Bonbons und Schokoladenostereier kurz vor Weihnachten, die er hier offenbar hortete, und fast erwartete ich, dass er in seine Hosentasche greifen und etwas daraus hervorziehen w�rde. Schon allein der Gedanke daran versch�rfte meinen Durst gleich noch mal um mindestens f�nfzig Prozent. Aber er verschwand um die Ecke und kam wieder mit zwei B�chern, das eine sei f�r mich,�und das andre gib ma Anita!�.</p><p>Damit war ich entlassen. Meine innere Verfasstheit besserte sich entsprechend meinem R�ckweg in Stufen: Zun�chst, als ich wieder in den Musikraum trat, wurde es heller und mir damit schon wesentlich lichter zumute, danach, auf der k�hlen Treppe, verlor sich die dr�ckende Luft und ein wenig die Unertr�glichkeit meines Durstes, drau�en endlich umfing mich die Fr�hsommerluft, die Ger�usche der Wirklichkeit drangen an mein Ohr, und froh schwang ich mich auf mein Fahrrad und fuhr nach Hause.</p><p>Ach, jetzt h�r auf, Romy. Das taugt ja doch nicht f�r eine Geschichte.</p><p>Und ganz wahr ist es auch nicht. Denn noch bevor ich aus dem Musikraum raus war, hatte ich nat�rlich einen Blick auf die beiden B�cher geworfen. Das eine trug den Titel KOMPONISTEN DES ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERTS. Das andere diesen: YESTERDAY.�WIE DIE BEATLES DIE WELT VER�NDERTEN. Begossener Pudel ist gar kein Ausdruck, so wie ich die Treppe runterschlich. In mir sofort das starke, gerechte, ohnm�chtige Gef�hl, dass hier ein Irrtum vorliegen m�sse. Wie im M�rchen, dachte ich, oder wars in der Bibel, in irgendwelchen Sagen, gab es nicht solche Geschichten, in denen der Held, die Heldin einer schrecklichen Verwechslung unterliegt, und erst am Ende wird die wahre Natur aller Beteiligten offenbar? Aber mir fiel kein einziges Beispiel ein, nur an Allerleirauh musste ich pl�tzlich denken, das M�usepelzchen. Aber es wollte nicht auf Anita passen, hinter deren Trampelhaftigkeit sich � ja, was verbarg? Doch nicht etwa eine Vorliebe f�r die Beatles. Das konnte einfach nicht sein.</p><p>Ich hatte sofort Herrn Stiehl im Verdacht. Anita war fast zwei Wochen krank gewesen und fiel bei ihrer R�ckkehr aus allen Wolken, als sie von dem anstehenden Vortrag erfuhr, denn keiner hatte auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass man ihr diesen Umstand vielleicht mitteilen m�sste. Zwar wurde irgendwer abbeordert, ihr die Hausaufgaben zu bringen, und zum Gl�ck hatte es nicht mich getroffen, sondern Linda, die auf die Schnelle nun nichts daran zu �ndern vermochte, in der geringsten Entfernung zu Anita zu wohnen, n�mlich im selben Aufgang, aber auch Linda verschlampte Herrn Stiehls��bung zur Selbst�ndigkeit �komplett, was man ihr nicht ver�beln konnte, da Musik in unser aller Bewusstsein den denkbar niedrigsten Stellenwert einnahm, immer hart an der Grenze zur Verdr�ngung. Und so hatte Herr Stiehl wohl Erbarmen mit Anita gehabt und ihr kurzerhand das noch von niemandem besetzte Thema �Beatles� aufs Auge gedr�ckt, was nur meine Vermutung zur allgemeinen Haltung den Beatles gegen�ber best�tigte.</p><p>Nein, das M�usepelzchen war ich. Versteckte mein edles, stolzes, sternenschimmerndes Wesen unter einem grauen Mantel, der aus Versatzst�cken von Zur�ckhaltung, Pflichtbewusstsein, Menschenscheu, Harmlosigkeit und Bl�sse zusammengeflickt war, und wagte es nicht mal, den goldenen Ring in die Suppe zu werfen, war noch �ngstlicher als die Prinzessin. Weil sich wohl der Verdacht aufdr�ngte, wirklich keine zu sein. Ich w�rde nie mit dem Prinzen tanzen.</p><p>Beide B�cher nahm ich vorl�ufig mit nach Hause. Die Komponisten DES ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERTS h�tte ich am liebsten in die Ecke gefeuert. Ich legte es auf den Schreibtisch und lie� meine schlechte Laune beim Mittagessen an Mama aus. Den Grund erfuhr sie nat�rlich nicht. Mein Interesse an Arnold Sch�nberg war unter null gesunken, daf�r verschlang ich das Beatles-Buch, obwohl es mir nicht viel Neues mitzuteilen hatte, denn aus der Stadtbibliothek hatte ich l�ngst s�mtliches verf�gbare Material ausgeliehen und mir einverleibt. Ich h�tte einen Vortrag aus dem Stegreif, nicht schleppend vom Blatt, sondern frisch von der Leber weg halten k�nnen. Ich h�tte schon allein daf�r eine Eins bekommen. Ich h�tte mit meiner Sachkenntnis und farbig erz�hlten Anekdoten beeindruckt, mit meiner Begeisterung die ganze Klasse samt Herrn Stiehl angesteckt, ach was, hingerissen. Ich h�tte mich in den Arsch bei�en k�nnen.</p><p>Nun sollte ich dieses Thema, dieses Buch, wenn auch nicht diesen Triumph, Anita �berlassen? F�r kurze, aber immer wiederkehrende Momente erwog ich, es einfach einzubehalten. Es erschien mir ungef�hrlich � schlie�lich wusste Anita nichts von diesem Buch und Herrn Stiehl w�rde bei ihrem mittelm��igen Vortrag nicht auffallen, ob sie es nun benutzt hatte oder nicht � und nicht direkt ungerecht, eher im Gegenteil. Das war meine erste Erfahrung auf diesem Gebiet, von dem ich schon geh�rt, na wohl eher gelesen hatte, dass es n�mlich B�cher gebe, als deren nat�rlicher Eigent�mer man sich betrachte, ob sie einem nun geh�ren oder nicht, und meistens geh�ren sie einem nicht. Ich habe nie ein Buch geklaut oder so, war aber �fter nahe dran, wobei mir dann aber immer der Aufwand, die Unannehmlichkeiten in keinem gesunden Verh�ltnis zum Gewinn zu stehen schienen. Ja, ich bin ein Schisser, �ngstlich, bequem und feige. Auch bei diesem Buch fiel mir ein Grund ein, es nicht tun zu m�ssen, denn schlie�lich w�rde Herr Stiehl es irgendwann von Anita zur�ckfordern, jedenfalls war das wahrscheinlicher, als dass er es vergessen w�rde, obwohl das bei ihm nicht ganz au�erhalb des M�glichen lag, aber ich wollte es nicht drauf ankommen lassen, Anita w�rde also wieder mal aus allen Wolken fallen, und was dann? Ich bin nicht gut im L�gen. Genaugenommen bin ich beinahe fast g�nzlich unf�hig dazu.</p><p>Ungef�hr drei Tage vor dem Vortrag nahm ich YESTERDAY mit in die Schule und gab es der �berraschten Anita. Sie sagte, dass sie nun eigentlich schon fertig sei mit der Ausarbeitung ihres Vortrags, was wiederum mich �berraschte, oder eigentlich auch nicht, bei Anita. Ich meine, wer eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn schon auf dem Schulhof steht und Lehrern Gespr�che aufdr�ngelt. Ich selbst hatte gerade mit der Arbeit angefangen, nach meiner �blichen Methode, mit dem geringstm�glichen Aufwand ein optimales Ergebnis zu erreichen. Diese Methode wird in neunundneunzig Prozent der F�lle best�tigt. Jedenfalls bei mir. Denn dazu geh�rt, wie manche irrt�mlich glauben, nicht nur nat�rliche Faulheit. Sondern auch � muss ich es eigentlich aussprechen?�� nat�rliche Intelligenz. Die bei den meisten � nun ja.</p><p>�berrascht war ich dann trotzdem. Nicht von Anitas Vortrag, der war ungef�hr so, wie ich mir das gedacht hatte, und eine einzige Marter f�r meine Seele. Und dann lie� sie als Beispiel ausgerechnet ROLL OVER BEETHOVEN ert�nen, was sie anscheinend besonders originell im Hinblick auf das Thema fand, nur dass es kein Original der Beatles ist, wusste sie leider nicht und Herr Stiehl offenbar auch nicht. Die nachtr�gliche Bemerkung, dass der Song auf das Konto von Chuck Berry ginge, erschien mir dann aber doch zu oberschlau, um sie wirklich loszulassen, und auch irgendwie sinnlos. Die Beatles geh�rten nicht hierher, eindeutig.</p><p>�berrascht war ich nur von mir selber, dass ich es trotz ungew�hnlich schlechter Vorbereitung, nur mit Hilfe der mageren Informationen aus Herrn Stiehls Buch, im Prinzip nicht vorhandenem musikalischen Verst�ndnis und dazu noch absoluter Unlust schaffte, einen ganz passablen Vortrag aus dem Hut zu zaubern. Vielleicht haben es die eingebauten Zitate aus dem TOD IN ROM rausgerissen, die vornehmlich der Streckung der ohnehin schon d�nnen Wissenssuppe dienen sollten, aber so was zieht anscheinend immer. Herr Stiehl gab mir eine Eins. Ich war erleichtert. Dar�ber, dass dieses schm�hliche Kapitel nun endlich abgeschlossen war.</p></section><section><title><p><strong>HARTMUT</strong></p></title><p>Ich hab gedacht, die Sache w�r ein f�r allemal gegessen. Als sie denn damals weg war, dachte ich, na, da isses nun wenigstens vorbei, ne. Da brauch ich mir nun keinen Kopp mehr machen, weg ist weg, war mir auch egal. Und jetzt bin ich schon die ganze Woche nicht im Dorf gewesen, hab mich nicht blicken lassen, nicht mal zum Fu�ball, und Hansi kommt nachher an und sagt, Mensch, wo warst du denn.</p><p>�Wir ham die fertiggemacht, die Ducherower, richtig rund gemacht ham unsre die, die haben den�n paar Dinger ringeknallt, Mann, da haste wat verpasst, sag ick dir, wieso warste denn nich, du wolltst doch komm�!�</p><p>�Ja, wollt ich�, hab ich gesagt,�ging nich.�</p><p>�Wieso?�, fragt der da.</p><p>Wieso kann der nu nicht einfach sein Maul halten. Ich sag gar nix, blo� noch:�Na, Mann!�, und guck ihn so an wie: Nu h�r ma auf mit der Nerverei.</p><p>Da sagt er:�Achso.�</p><p>Ich sag:�Wie: �achso�?�</p><p>Und er:�Na, wegen Britta, oder wat? Hat die n Zappen oder wat?�</p><p>�Ach�, sag ich,�das nu nich grade.�</p><p>Da guckt der mich erst an wien Auto und f�ngt denn auf einmal an zu grienen, �ber sein ganzes breites Bauernt�lpelgesicht, ne, wei�t ja, wie der grienen kann, hat der ja schon fr�her immer gemacht, wenn er nicht weiterwusste, in der Schule oder wo, hat der angefangen zu grienen, so richtig doof, die haben den deswegen ja auch alle immer f�r bekloppt gehalten, die Lehrer und so. Aber so doof ist der nu auch wieder nicht. Sagt der doch:�Achso, jetz versteh ick�� Na! Da w�r ick ja uch lieber zu Hause gebliebn. Bei deine Britta!�</p><p>Und grinst mich mit seinem Schweinegrinsen immer weiter an. Ich h�tt ihm ja am liebsten eins aufs Maul gehaun. Aber ist ja nun mein Kumpel Hansi, nich, Hansi, bist doch mein bester Kumpel, denkst du doch, ne.</p><p>�Ja ja�, sag ich blo�, und er lacht. Soll der doch denken, was er will, ist mir doch egal. Wird der nat�rlich gleich rumerz�hlen, ist n�mlich son richtiges olles Klatschweib, Hansi, der kann nicht anders. Ich sag immer, der braucht auch keine Frau, macht der schon alles selber. Und nun spinnt der sich was zusammen �ber Britta und mich, als ob ich nu mitten am Sonnabendnachmittag nix Bessres zu tun h�tt als�� Zum Piepen, eh! Dabei hat Britta ja nun am allerwenigsten damit zu tun, ich muss blo� aufpassen, dass die nun nicht noch Wind davon kriegt. Ich wei� nicht, was die eigentlich wei� dadr�ber und was nicht, ich glaub, ich hab ihr im Suff da mal was erz�hlt. Ich dachte, das h�tte die l�ngst vergessen, aber wie sie dann nach der Beerdigung anstolziert kam und sagte, dass ich ja nie drauf kommen w�rde, wer, oder nee, wie hat sie noch gesagt � na, jedenfalls, dass� die Tochter �von der ollen Hanske dagewesen w�r, wei�t, da tut die noch so, als ob sie nicht genau w�sste, dass die Ingrid hei�t, dass das Ingrid war.</p><p>Und dann, Donnerstag, komm ich so mit dem Auto von der Schule und bin grad aus der letzten Kurve raus, will ich also noch mal ordentlich Gas geben, da seh ich auf einmal, wie sie da auf der andern Stra�enseite langl�uft, Ingrid, wie sie mir quasi entgegenkommt. Und ich merk erst, als ich vorbei bin, dass ich ganz langsam geworden bin, nur noch knappe fuffzig, aber jetzt hab ich auch keine Lust mehr, schnell zu fahren, muss eh gleich abbiegen. Aber ich dachte, was l�uft die da so auf der Landstra�e rum, was soll das werden, wenns fertig ist, so alleine, macht die da n Spaziergang oder was, und denn noch auf der falschen Seite, wenn da nu irgendein Idiot angerast kommt und die Kurve nicht kriegt, na, son Schei� hab ich gedacht.</p><p>Keine Ahnung, ob sie mich gesehn hat, na, ich mein, erkannt, erkannt hat sie mich wohl nicht, so schnell, die kennt ja auch mein Auto nicht, die denkt ja nicht, dass der kleine Hartmut nun mit so einem Schlitten durch die Gegend f�hrt, ne. Britta sagt ja auch immer, dass das �bertrieben ist, wozu braucht ein Dorfschullehrer sonen Riesen-Audi, aber wenns irgendwo hingehn soll, ne, zu Eberts oder ins Theater oder was, da will sie auch immer, dass wir mit dem Audi fahren, wozu haben wir den denn, sagt sie denn. Und ob sie sich nu mit ihrem feinen Anputz in den ollen Opel quetschen soll, oder was. Hat sie ja recht. Aber ich denk blo�, wo hat sie den Fummel nu schon wieder her, und denn guckt die mich so an, als h�tt sie da nur drauf gewartet, und ich sag auch noch:�Sieht gut aus.�</p><p>Weils ja stimmt, sieht ja alles gut aus an ihr, die kann anziehn, was sie will. Hab mich nicht umsonst in sie verguckt damals, und da war ich ja nicht grade der Einzige. Aber da hab ich nat�rlich nicht dran gedacht, dass ne sch�ne Frau nu auch lauter sch�nes Zeug braucht, zwei Kleiderschr�nke voll und n ganzes Haus voll und aufm Hof nicht blo� irgendeine Karre, sondern eine, die auch zu sehen ist, und das bisschen Urlaub braucht man nun auch nicht im eigenen Garten zu verplempern, das hatten wir ja lange genug, und man soll doch auch was sehen von der Erholung, man will doch auch n bisschen braun werden, und die Zeiten, als man den ganzen Winter so totenblass rumlaufen musste, sind ja nun Gott sei dank auch vorbei. Gibt doch jetzt alles.�Wir hams ja�, sag ich dann manchmal so, das nimmt die aber voll ernst.</p><p>�Ja genau, Hartmut�, sagt sie dann,�ich geh�r jedenfalls nicht zu den Knauserheinis, die alles auf die hohe Kante legen und den Kitt aus den W�nden fressen.�</p><p>War schon klar, auf wen das gem�nzt war, auf Mutter n�mlich. Aber die hats ihr dann mal gesagt, sagt die doch:�Na, viel anners sieht dat nu auch nich aus, deine Joghurtpl�rre und diese Toffuus.�</p><p>Na und Ella, die hat vielleicht gelacht, manchmal kann die ja lachen! Wurd denn nat�rlich auch gleich angeschnauzt von Britta:�Ja ja, ihr lacht man, ihr k�nnt blo� dumm quatschen und fett werden. Wer im Glashaus sitzt, ne�� Was denkst du denn, wie du in zehn Jahren aussiehst, guckt dich doch jetzt schon keiner an!�</p><p>Mann, war die fuchtig. Aber Ella zuckt blo� mit den Schultern und sagt:�Wenn das hier so weitergeht, leb ich in zehn Jahren sowieso nich mehr.�</p><p>Und da f�ngt doch Britta mit einmal an zu heulen und sagt zu Ella, wie sie denn so was sagen kann, und wieso denn immer alle auf ihr rumhacken, also auf Britta, und dass sie niemals einen wie mich h�tte heiraten d�rfen, wo man ja schon an der Mutter sehen kann, was mit dem los ist, na, die ganze selbstmitleidige Tour � obwohl ich ja nun gar nichts daf�r kann, hab ich ihr auch gesagt, dass ich nun wirklich nichts daf�r kann, und dann war ich noch so doof und wollt sie in�n Arm nehmen, da kriegt die doch n Anfall und schubst mich weg und schreit mich an, dass ich blo� zusehn soll, ich Schlappschwanz � hat die wirklich gesagt � , wie sie blo� son Trottel nehmen konnte und ach, was wei� ich nicht noch alles, na, war wieder mal schlimm jedenfalls, aber so hab ich die echt noch nie erlebt. Na, ich hab mich denn erst mal verpisst, bis die sich wieder einkriegt.</p><p>Wie ich wiederkomm, sagt sie zu mir, dass wir nun erst mal neues Geschirr kaufen m�ssen.</p><p>�Zieh dich an�, sagt sie,�wir fahrn gleich mal los�, und ich denk, ich guck nicht richtig, als ich in die K�che komm. Da liegt der ganze Mist da rum, alles voller Scherben. Ich konnt mir grade noch verkneifen zu fragen, ob sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.</p><p>�Sag ma, spinnst du?�, sag ich.�Wir sind hier nich im Film, Britta!�</p><p>Sagt sie:�Na und. Die bringen doch Gl�ck!�</p><p>Und da musste ich nun wieder dran denken, als ich Ingrid gesehen hab. Ob das mit ihr genauso�� Ist ja affig, ich wei�, aber ich hab mir vorgestellt, dass ich sie, na, dass sie nun meine Frau w�r, ist ja Quatsch, aber�� Ich konnt mir das nicht vorstellen. Ich konnt mir nicht mal vorstellen, dass sie �berhaupt heult oder so. Ich hab mich nicht getraut, Britta zu fragen, ob Ingrid bei der Beerdigung und so, war doch ihre Mutter, na ja, ist ja auch egal.</p></section><section><title><p><strong>MARIA</strong></p></title><p>Neuerdings sind die alle so komisch, so fuchtig, als ob ich da nu was f�r kann, und dann denken die noch, ich merk das nich. Da kommt doch Martha Haase an, wie ich neulich aufm Kirchhof war und son bisschen um Simons Grab rumgeharkt hab, man muss ja nu auch ma n bisschen vor die T�r, nich, und sah nu auch nich nach Regen aus, das regnet ja sonst hier in einer Tour, hab ich manchmal so das Gef�hl, und denn zieht das auch immer so inne Beine, dass ich denn gar nich kriechen kann und andauernd Ella rufen muss, und wenn ich denn da so sitz in meine Stube, die haben sie ja fein gemacht, und ich hab ja auch danke gesagt, danke, Hartmut, hast fein gemacht, dabei mocht ich die alte Stube lieber, und nu denk ich manchmal, dass das gar nich mehr mein Haus is, und wenn ich da so sitz, denk ich manchmal an meinen Simon, nich, Simon, und dass ich nu bald wieder bei dir bin, du warst ja immer gut zu mir, auch wenn ich immer mal gedacht hab, na ja, ich bin vielleicht nich ganz die Richtige f�r dich, aber du warst der Richtige f�r mich, und du warst immer gut zu mir, und das war doch zehnmal besser als mit Anna und ihrem Theo, auch wenn die das nich wahrhaben wollt.</p><p>Und wie ich sie so gr��, Martha, zeigt die doch so mitm Kopp nach Annas frisches Grab hin und sagt:�Na, da m��tst du dir jetz woohl drum k�mmern, wa!�</p><p>Ich wusst gar nich, was ich dadrauf nu sagen soll. Ich wei� schon, wie die das gemeint hat, so aufn Kopp gefallen bin ich ja nu auch nich. Und da hab ich mich nu wirklich zum hundertsten Mal gefragt, Anna Hanske, was mich da damals blo� geritten hat. Dass nu ausgerechnet du meine Freundin wurdst. Von alle M�dchen in Bresekow und Putlitz und Damitz und wer da noch alles mit uns in die Schule ging, warst du doch nu die, die ich am wenigsten brauchen konnt, und meine Eltern und Karl und Heini haben das auch gleich gesehn, und ich Sturkopp dachte aber nun Anna und sonst keine. Und das stimmte ja auch, sonst war da ja auch keiner, der nu ausgerechnet mit mir sich anfreunden wollt, mit das mickrige Katholenm�dchen aus Putlitz. Und das kriegt man nu heut immer noch aufs Brot geschmiert und is im Prinzip nich besser dran wie als l�ttes Kind.</p><p>Und Martha hatte gro� posaunt, die Zeit, wo wir da beide in der LPG-K�che gearbeitet haben, dass sie ja nu meine beste Freundin w�r,�nich, Maria�, hat sie gesagt,�wir sind doch jetz gute Freundinnen geworden�, und dass sie das ja schon immer wollt, n�mlich meine Freundin sein, und sich aber wegen Anna, weil ich ja� immer so dicke mit Anna �war, gar nich getraut h�tt, aber jetz, wo ich mich nu auch mal �fter blicken lass im Dorf und mich nich mehr so in mein Haus und bei mein Simon verkriech, hat sie gesagt. Und da war mir das erst peinlich, dass ich mal� so dicke �mit dir war, Anna, aber ob du das nu glauben w�rdst oder nich, das hat mir sp�ter leidgetan, dass ich denn so �ber dich geredet hab, und das tut mir heut noch ehrlich leid, aber das h�tte ja nu auch nich so weitergehn k�nnen mit uns, wo w�r ich denn da sonst hingekommen. Aber das mit Martha Haase, das hab ich da schon nich gewollt, und hab bei mir gedacht, na, nu spuck mal nich so gro�e T�ne, Martha, das wolln wir erst mal sehn. Aber bisschen gefreut hab ich mich auch.</p><p>Aber dass ich auch n bisschen misstrauisch war, wie sie nu alle auf einmal um mich rumscharwenzelt sind, das war schon richtig, denk ich, und so bin ich nunmal, so war ich schon immer, schon als kleines M�dchen. Ich konnt das nich glauben, wenn unser Pfarrer mir was geschenkt hat, einen roten Apfel aus seinem Garten oder einen Keks, dass der das einfach so macht, ich dacht immer, das reicht nich, wenn ich denn danke sag, der will noch irgendwas andres von mir, dass ich jetzt ganz artig sein muss oder in der Messe ganz stillsitzen muss. Und meine Mutter hat� danke, Herr Pfarrer �gesagt und mit dem Kopf genickt, und wenn er dann um die Ecke war, hat sie mir den Apfel aus der Hand genommen und gesagt,�so, nich dat du nu gl��wst, dat dat allet f�r di is, do kricht nu jeder wat von aww�, und denn hat sie den Apfel in Viertel geschnitten und blo� grad so das Kerngeh�use raus, dass die Schlusen vonne Kerne da noch drin waren, und die mussten mitgegessen werden und wehe, man hat die ausgespuckt. Und denn kriegte Karl ein St�ck und ich ein St�ck und Heini ein St�ck, Lisbeth war ja noch ein S�ugling und Reni noch gar nich auf der Welt, und wenn mein Vater sein St�ck nich wollte, dann hat Karl das gekriegt, weil meine Mutter denn immer gesagt hat, sie macht sich nich so viel aus �pfel. Und ich hab mir auch nich viel aus �pfel gemacht, aber essen musst ich mein St�ck trotzdem.</p><p>Bei dir, Anna, bei dir musst ich nie was essen, was ich nich mocht, und das hat mir gleich gefallen. Gleich am ersten Tag, wie du das erste Mal nach der Schule meine Hand genommen und gesagt hast,�So!�, da hast du mich gleich mit zu dir nach Hause zum Mittagessen genommen, und ich hab da gar nich gro� dr�ber nachgedacht und bin dir einfach hinterher in eure gute Stube, denn bei euch wurd gar nich in der K�che gegessen. Und wie deine Mutter da so stand in ihrem sch�nen Kleid, so ein sch�nes Kleid, obwohl sie schwanger war, und ich kannte das ja blo� von meiner Mutter, dass sie denn immer die ollen Kittel angezogen hat, wenn der Bauch in ihre Kleider nich mehr reinging, und die waren nu lange nich so sch�n wie dieses gelbe Umstandskleid von deine Mutter, also, das vergess ich mein Lebtag nich, und wie sie sich auch gar nich gewundert hat, dass ich da nu dabei war.�Na, denn kommt mal rein�, hat sie blo� gesagt, und da hab ich gemerkt, dass ihr auch zu Hause� ordentlich �sprecht, wie unser Lehrer Herr Pittelkow uns das beibringen wollt, und da dacht ich so, kein Wunder, dass du das so gut kannst, Anna, dass unsereiner da nich mithalten kann. Aber ab da wollt ich das dann lernen, so richtig, und das ganze Mittagessen �ber hab ich �berlegt, wie ich dich das nu fragen kann, ob du mir das beibringst, das ordentliche Sprechen.</p><p>Und es gab K�nigsberger Klopse, das wei� ich noch, als w�r das gestern gewesen, und das war an einem Freitag, und das durft ich meinen Eltern nich erz�hlen, weil die ja dachten, dass man freitags kein Fleisch essen darf, dabei gabs bei uns sowieso h�chstens Sonntag mal ein Huhn oder ein Karnickel, meistens Karnickel, und das mocht ich nich, weil das immer wie eine Katze aussah, wie das da so lag aufm Tisch. Und ich hab gesehn, wie du die Kapern rausgep�kert und mit der Gabel an den Rand geschoben hast, und so hab ich das denn auch gemacht und keiner hat was gesagt, aber wie ich da so auf dem Klops rumkaute, hab ich mir gedacht, dass ich das mit dem Hochdeutsch, wie Herr Pittelkow das nannte, dass ich das auch nich zu Hause erz�hl.</p><p>Und denn gab das noch Nachtisch, Anna, ich wurd ja nich wieder, und den hab ich mir denn auch noch hintergeschoben, obwohl ich schon nich mehr konnt, aber das hat alles so gut geschmeckt bei euch, und ich kannt das ja sonst nich so. Und denn bin ich nach Hause, immer die Landstra�e lang nach Putlitz, und mir war, als m�sst ich das nu alles gleich wieder ausspucken, so stramm war mir der Magen, aber ich dacht, das darfst du nich, Maria Behn, das darfst du nich, behalt das blo� alles sch�n drinne.</p><p>Und wir wohnten gleich an der Stra�e, gleich da, wo das reingeht nach Putlitz, und ich sah meine Mutter schon von weitem ausm Fenster h�ngen, und da musst ich nu immer drauf zu.�Wo k�mmst du denn nu all her? Weitst du nich, wo du tohus b�st?�Na, da wusst ichs denn wieder. Und wie ich reinkomm, sagt sie, dass es nu zur Strafe kein Mittag mehr gibt, dass sie das nu schon Karl gegeben h�tt. Und da wollt ich ja erst nich so richtig raus mit der Sprache, aber wie sie mich denn noch mal fragt, wo ich gewesen bin, hab ich denn gesagt, dass ich bei Anna Hanske war, weil sie mich mitgenommen hat, und au�erdem, dass ich da schon gegessen hab.</p><p>�M��tst du di nu all bi anner L�� d�rchfuttern? Krist hier nich nauch?�, so was hab ich mir denn alles von meine Mutter anh�ren k�nnen, weil sie das nu wohl auch gewurmt hat, dass das nu gar keine Strafe f�r mich war, dass ich kein Mittag mehr krieg, gab aber Wei�e-Bohnen-Eintopf und war ja schon schlimm genug, dass denn Karl und Heini wieder die ganze Stube mit ihre � na, Bl�hungen verpesten, und ich musst da ja noch mit Heini in ein Bett schlafen, und nur eine Decke, und er hatte so spitzige Kniee, und was hab ich immer gefroren am R�cken, weil die Decke so knapp war.</p><p>Denn hat sie sich aber wohl gedacht, meine Mutter, dass das nu gar nich so verkehrt is, und hat gesagt:��wwer denn bedank di n�chstens gef�llichst uch un segg de Fru Hanske n sch�nen Gru�, ick bring ehr denn ma eis wat v�rbi. �Aber das konnt ich mir nu gar nich vorstellen, dass meine Mutter in ihre Kittelsch�rze da bei euch auf euer Geh�ft marschiert, und ich hab n�chstes Mal auch nix gesagt, und meine Mutter is auch nie zu euch hin.</p><p>Na, und irgendwann war das denn ja so weit, dass ich gar nich mehr mittags nach Hause bin, sondern immer bei dir gegessen hab, und wenn schlechtes Wetter war, durften wir sogar bei euch in der Stube bleiben oder bei dir in dein Zimmer, aber sonst sind wir immer raus und immer im Dorf umher und �berall rumgestrolcht, und da kam das denn, dass die Leute� Annamaria �zu uns gesagt haben, zusammen,�kiek eis, doo k�mmt Annamaria allwedder�, wenn sie uns gesehn haben. Und denn war das auch meistens schon abends, wenn ich gesagt hab,�so, nu muss ich aber, Anna�, und du hast mich denn immer noch den halben Weg gebracht, und mit dem Hochdeutsch ging das auch immer besser.</p><p>�Na Frollein�, hat mein Vater zu Hause gesagt,�du m�chst di woohl goor nich mihr schuppen, wat? Nu k�mm eis mit und help mi mitte Heuhners�, und denn musst ich noch den H�hnerstall mit meinem Vater ausmisten, und die Schulaufgaben waren auch noch nich fertig, und meistens wurden die das auch nich mehr, und denn bin ich morgens so fr�h los, wies nur ging, und hab dich abgeholt und ruckzuck alles von dir abgeschrieben, und du hast gesagt, dass ich das nich nur so abschreiben kann, weil Herr Pittelkow das sonst doch merkt, aber ich war so flusig, ich hab sogar noch beim Abschreiben Fehler gemacht, und Herr Pittelkow hat das nich gemerkt. Du warst sowieso besser als ich, aber bei Herrn Pittelkow hatten wir das beide nich einfach, der war ja son ganz Forscher, und wie denn das erst mit die Hitlerei losging, da war der ja obenauf.</p><p>Und denn bin ich einen Nachmittag zu dir hin, das war ein Sonnabend, und ich hab mich so gefreut, weil ich sonnabends sonst immer zu Hause bleiben musst und meine Mutter beim Waschen helfen, ich musst immer aufn Hocker klettern und dann mit so eine Holzlatte die W�sche in dem gro�en Kessel umr�hren, und das war schwer, und immer der hei�e Dampf mir ins Gesicht. Ich wei� nich mehr, wieso ich an dem Tag keine W�sche machen musst, aber dass ich gleich nach dem Mittag zu dir bin durch den hohen Schnee, das wei� ich noch. Das war nich lang nach Weihnachten, ich hatte noch N�sse �brig vom bunten Teller und zwei Pl�tzchen, und die wollt ich dir mitbringen, aber eins hab ich schon unterwegs gegessen. Und wie ich denn endlich bei euch war, war ich ganz nassgeschwitzt von dem langen Weg, und wie ich da immer so durch die Schneewehen durch musst die ganze Zeit, und meine Mutter hat noch gesagt:�Du b�st woohl nich gescheit! Bi dat W��der!�, aber ich bin trotzdem los. Und ich wei� nich, wieso, Anna, aber ich hatt gleich son komisches Gef�hl, wie ich da an eure T�r gekloppt hab, und denn kam erst keiner, aber ich hab ja Licht gesehn bei euch, und ich hab gekloppt und gekloppt und war schon bald am Heulen, weil mir ja auch so kalt war, und der nasse R�cken und die kratzige Wolle, und denn hast du endlich die T�r aufgemacht mit ein ganz verweintes Gesicht. Und ich hab dir die N�sse und das eine Pl�tzchen hingehalten, aber du hast das gar nich angeguckt, blo� mir so ganz grade ins Gesicht, und hast gesagt:�Meine Mutter stirbt.�</p><p>Ich hab dich angestarrt und war nu ganz vonne Socken und hab blo� gefragt:�Warum denn, Anna, woher wei�t du denn das?�, weil ich das gar nich glauben konnt, die sch�ne Frau Hanske, und was wird denn da blo� mit dem Baby in ihrem Bauch? Aber das Baby war auch schon gestorben, am Abend vorher wars losgegangen, mehr als ein Monat zu fr�h, und wie es rauskam, war das schon ganz blau gewesen und hat keine halbe Stunde gelebt. Und das war ein Junge gewesen, und du wolltst doch immer so gerne einen Bruder. Und deine Mutter hat so geblutet, das ganze Bett voll, hast du gesagt, und ich konnt mir das gar nich vorstellen, ich wusst ja gar nich, wo sie denn nu rausblutet, und dachte wirklich, sie w�r vielleicht geplatzt von der Anstrengung, weil meine Mutter denn ja auch immer so geschrien hat dabei. Und deine Mutter war gleich nach Anklam gekommen, ins Krankenhaus, und ich hab zu dir gesagt, dass du doch so was nich sagen darfst, dass sie nu stirbt.</p><p>�Wir k�nnen heute nich spielen, Maria�, hast du blo� noch gesagt, und ich hab genickt und bin wieder los.</p><p>Den ganzen Weg �ber hab ich gedacht, ich muss beten, ich muss f�r deine Mutter beten, dass die nich stirbt, aber das hat so geschneit, das wurd immer schlimmer, und mir war schon angst und bange, dass ich nu gar nich mehr nach Hause komm, dass ich nu auch sterben muss, und ich hab gebetet,�lieber Gott, lass mich nach Hause kommen, dann werd ich auch ein ganz langes Gebet f�r Frau Hanske sprechen, aber lass mich man erst nach Hause kommen�, und ich dacht, damit der liebe Gott auch sieht, dass ich das ernst mein, hab ich immerzu gesagt,�lass Frau Hanske nich sterben, lass Frau Hanske nich sterben�, und wie ich denn doch endlich bei unserm Haus war, da war mein Schal ganz gefroren vom Weinen und vom Schnee, der is mir ja nur so ins Gesicht. Und was hat meine Mutter geschimpft mit mir, aber ich konnt gar nix mehr sagen, weil meine Lippen ganz steif waren, und der Frost brannte in den Backen.</p><p>Und denn kamen auch noch Heini und Karl von oben runtergepoltert, und mein Vater kam vom Stall rein und denn ging mir alles durcheinander, ich hab gar nich mehr geh�rt, was die nu alle zu sagen hatten, blo� dass Heini geweint hat, das hab ich noch gesehn, und da hab ich ihm das Pl�tzchen gegeben, das war schon ganz durchgeweicht. Und mein Vater hat mich hochgetragen, und meine Mutter hat mir die nassen Sachen ausgepellt und mich gleich ins Bett gesteckt und mir noch die W�rmflasche gebracht, aber half alles nix. N�chsten Tag war ich krank. Und ich hatte so hohes Fieber, dass sie schon dachten, das w�r eine Lungenentz�ndung, und schon fast den Doktor holen wollten, aber denn haben sie mich doch wieder alleine hingekriegt mit Wadenwickel und H�hnersuppe, und damit ich nich erst anfang, mich dadran zu gew�hnen, an das� Faulenzen�, musst ich eine Woche sp�ter wieder in die Schule, und ich konnt mich kaum auffe Beine halten und bin ganz komisch nach Bresekow getorkelt. Aber ich hab immer an dich denken m�ssen, Anna, wie ich da so lag, und was denn nu mit deine Mutter w�r, und dass dir das viel schlechter geht. Und als ich in die Schulstube komm, warst du schon da und hattest ein schwarzes Kleid an und hast gesagt:�Maria! Wo warst du denn blo�?�</p><p>Und da hab ich gesehn, dass du recht gehabt hattest, mit deine Mutter. Aber da dr�ber hast du gar nix mehr gesagt, au�er einmal, viel sp�ter, wo du mich gefragt hast, ob ich mir das Grab angucken will. Ich wollte gar nich so richtig, bin denn aber trotzdem mit dir mit aufn Friedhof, und da hatten sie schon alles sch�n bepflanzt und geharkt, und die Sonne schien so sch�n auf die Blumen, und ich hab mir vorgestellt, wie sie deine Mutter in ihrem sch�nen gelben Kleid begraben haben, und einen Grabstein hat sie auch schon gehabt, den gibts nu schon lange nich mehr, aber ich wei� noch genau, was da draufstand, den hab ich mir immer wieder angeguckt, bis ich das auswendig konnte: Dorothea Hanske geborene Wilders Achtzehnter Neunter achtzehnhundertneunundneunzig bis Neunter Erster neunzehnhundertdreiunddrei�ig, und dann noch so ein Schn�rkel da drunter.</p><p>Und ihre Mutter, was ja deine Oma gewesen war, die war eine geborene Finckelmann gewesen, von den reichen Finckelmanns aus Anklam, die das gro�e MODENGESCH�FT F�R DAMEN UND HERREN gleich neben KARSTADT hatten und die dann auf dem Judenfriedhof begraben worden war und nich neben ihrem Mann auf dem Alten Friedhof, weil ihre Schwester das so wollte. Das hast du mir alles erz�hlt, und siehst du, ich wei� das noch. Und deine Mutter is da manchmal hin mit Blumen zum Judenfriedhof, aber nich oft, weil sie sich mit ihrer Mutter verzankt hatte, als sie den Hanske, deinen Vater, geheiratet hat, obwohl ihre Mutter selber von zu Hause ausgerissen war mit deinem Opa, und lieber is sie zu ihrem Vater auf den Alten Friedhof. Und nu konnt sie sein Grab nich mehr pflegen und konnt nich mehr zu ihre Mutters Grab, na, und das war ja vielleicht auch besser so. Und dass da denn nie einer nach gefragt hat, Anna, da hattest du ganz sch�n Gl�ck.</p><p>Na, das hei�t, gefragt hat wohl schon einer, das war ja noch im selben Jahr, glaub ich, wie da einer ankam, so ein Offizieller, und durchs ganze Dorf is und bei jedem an die T�r gekloppt hat und gesagt hat, das w�r nu wegen der Volksz�hlung, und denn wurd f�r jeden so ein Zettel ausgef�llt, wann man geboren is und was von Beruf und welchen Glauben, und sp�ter hat denn mein Vater auch so einen Ausweis gekriegt, wo alles �ber ihn drinstand, sogar seine Fingerabdr�cke warn da drin, das hat er uns gezeigt, aber nur so auf Abstand, anfassen durft den keiner, den Ausweis. Und ich hab dich gefragt, ob dein Vater auch so einen gekriegt hat, und du hast gesagt, nein. Ich hab mich erst nich getraut zu fragen, wieso nich, ich dacht, vielleicht h�tt er was ausgefressen, und da war ich stolz, dass mein Vater aber nu so einen Ausweis gekriegt hat, wenn den nich jeder kriegt. Aber da hast du gesagt, dass es wegen seinem Auge is, weil er ja vom Krieg her auf einem Auge blind war, und denn hast du noch gesagt, dass er gesagt hat, dass er da auch ganz froh dr�ber w�r, dass er keine von diese Kennkarten, so hie� das ja n�mlich, dass er die nich gekriegt hat, weil mit den Fingerabdr�cken, das w�r wie bei einem Verbrecher, und er w�r ja schlie�lich kein Verbrecher, auch wenn er im Krieg Leute totgeschossen h�tt, aber das w�rd ja wohl nich z�hlen. Da hab ichs aber mit der Angst gekriegt und ganz laut gesagt:�Mein Vater is aber auch kein Verbrecher, und der war auch gar nich im Krieg�, und da hast du blo� gesagt:�Na, weil er noch zu l�tt war, und da muss er jetzt vielleicht�, denn daf�r w�r der Ausweis, hat dein Vater gesagt. Das konnt ich gar nich verstehn, weil ja gar kein Krieg war, und wie du gesagt hast,�zu l�tt�, konnt ich mir das auch gar nich vorstellen, weil mein Vater son Spacker und Langer war und es mir nu gar nich in�n Kopp wollt, dass er ja auch mal ein l�tter Bengel gewesen war. Und da musst ich auf einmal lachen, weil ich mir meinen Vater vorgestellt hab, so wie er da war, nur kleiner, und wie denn einer zu ihm gesagt hat:�Dootau b�st noch tau l�tt�, wie er das zu mir gesagt hat, als ich einmal mit seinem Fahrrad fahren wollt, und da hatt ich auch eine Woche f�r gebraucht, bis ich mich getraut hatte, ihn das zu fragen, aber blo� Karl durft das manchmal.</p><p>Und denn kamen die ja nachher noch mal. Und da hatten sie grad mit dem Krieg angefangen, und wie das dann an unsere T�r kloppt, och, das wei� ich noch wie heut, wie meine Mutter und wir Kinder da Angst hatten, dass sie uns nu den Vater wegnehmen, f�r ihren Krieg, dass er nu losmuss in�n Krieg. Aber die wollten blo� wieder so ein Zettel ausf�llen, und meine Eltern mussten da sogar ihre Heirats- und Geburtsurkunden und die von ihre Eltern vorzeigen, und das hatten die alles gar nich so parat, das gab vielleicht ein Kuddelmuddel, kann ich dir sagen. Und denn hat auch Karl seinen Ausweis bekommen, und er war ja noch n bisschen jung, da haben sie ihn nich gleich eingezogen, und meine Mutter hat immer gesagt, Gott sei Dank, n�mlich dass sie nich gleich ihren ersten Verehrer geheiratet hatte mit siebzehn, sondern meinen Vater, denn sonst w�r ihr Sohn vielleicht heut schon tot, so hat sie immer gesagt, aber denn musste Karl ja nachher doch los und Vater auch, und der is ja nich wiedergekommen und Karl auch nich.</p><p>Und f�nfundvierzig haben sie denn auch noch Heini geholt. Und er war grad drei Wochen weg, als der Brief kam. Und denn bin ich meine Mutter nich mehr vonne Seite, weil sie immer gesagt hat:�Wenn ick man blo� nich katholisch wier!�, denn w�rd sie sich n�mlich was antun, hab ich gedacht, und sie war ja da blo� noch Haut und Knochen. Und Simon war auch noch nich wieder da, und ich schon schwanger mit das zweite Kind, das wurd ja denn auch nix.</p><p>Und wie das nu mit dir war zu der Zeit, dadran kann ich mich gar nich mehr so genau erinnern, nich, wie du das nu eigentlich gemacht hast. Da haben wir uns nich oft gesehen, zu der Zeit, weil ich dir das wohl auch n bisschen krummgenommen hab, dass du dich nich gefreut hast, als ich gesagt hab, ich heirat jetz den Simon Wachlowski, da hast du ja blo� gelacht und gesagt:�Na, wei�t das auch genau?�, und ich hab gesagt:�Nat�rlich, was denkst du denn, denkst, ich erz�hl Leuschen, Anna? Er hat doch meinen Vater gefragt!�</p><p>Und wie du das denn gemeint hast, das will mir bis heut nich in Kopp, wie du gesagt hast:�Na das mein ich ja. �Aber ich glaub, du warst da wohl blo� n bisschen neidisch, was, Anna, dass du mir das nich geg�nnt hast, das will ich ja nu nich sagen, aber bisschen neidisch warst du. Dass nu ich mal die Erste war, du hattst da ja auch schon dein kleines Techtelmechtel mit Theo, den hattst du dir ja in Anklam angelacht, wie er mal auf Urlaub war, aber nu war er wieder an der Front, und ob der nu jemals zur�ckkommen w�rd und dir denn auch noch n Antrag machen, das wusst ja nu keiner, ob er denn nich l�ngst ne andre h�tt, da hast du ja auch dran gedacht, kann ich mir denken. Und Simon musst ja auch gleich los, aber da war das doch nu besser, noch fix zu heiraten, als denn so inner Luft zu h�ngen, und dass ich da nu zu jung gewesen w�r f�r, das stimmt ja nich, die andern h�tten auch mit siebzehn geheiratet, wenn sie einen gehabt h�tten, und ich hatt kurz vorher das erste Mal meinen Tr�del bekommen, und worauf h�tt ich denn nu noch warten sollen, meine Mutter hatte gesagt,�nu b�st erwachsen�, und da hat sie ja recht gehabt, mit zweiundzwanzig w�r das auch nix andres gewesen, au�er, dass ich denn vielleicht Simon nich mehr gekriegt h�tt.</p><p>Und du warst denn ja auf einmal auch ganz alleine bei euch, als dein Vater mit seinem einen Auge am Ende denn auch noch in�n Krieg musst, und da warst du denn ganz alleine mit deine neunzehn Lenze in dem gro�en Haus. Da bin ich denn manchmal hin zu dir, aber helfen durft ich dir nich, das hast du nich erlaubt, du hast dir um mich immer mehr Sorgen gemacht als um dich,�Maria, du musst dich n bisschen schonen�, hast du gesagt und mir einen Stuhl hingestellt und einen Teller mit Essen, mit so Sachen, die wir bei uns schon lange nich mehr zu sehen gekriegt hatten, wo ihr das blo� noch alles herhattet.�Ausm Keller�, hast du gesagt,�iss man, is gut f�r dein Kind�. Hat aber auch nix mehr genutzt.</p><p>�Wenn blo� Vater heil wiederkommt!�Du hast nich gejammert, aber das hast du immer gesagt, und ich hab mich dabei immer n bisschen gewundert, weil er ja nu doch auch schon l�ngst nich mehr heil war, als er losmusst, aber du hast wohl gedacht, dass er sich blo� nich noch das zweite Auge ausschie�en l�sst.</p><p>�Na, und dein Theo?�, hab ich denn mal gefragt, weil du �ber den nie was gesagt hast.</p><p>�Na, der auch!�, hast du gesagt, mehr nich. Mehr war da nich rauszukriegen aus dir, aber ich wei� noch, als du das gesagt hast, hast du dich gleich umgedreht und dir denn kurz mit dem Sch�rzenzippel �bers Gesicht gewischt, aber das war das einzige Mal, wo ich so was bei dir gesehn hab. Wo du vielleicht bisschen geweint hast.</p><p>Aber du hast doch Gl�ck gehabt, Anna Hanske, siehst du, dein Vater is wiedergekommen und sogar dein Theo, und keinen �rger hast du gehabt wegen deine Gro�mutter, und wenns nu vielleicht doch Gott gibt, denn w�rd ich sagen, dass ers aber gut mit dir gemeint hat, dass er dich ja in Ruhe gelassen hat, und da k�nntst du vor ihm auffe Kniee fallen und f�r danken, wenn du nu noch leben w�rdst.</p></section><section><title><p><strong>HENRY</strong></p></title><p>Wenn er erst mal hier raus ist, kauft er sich vielleicht eins, genau so eins wie Stefan, das ist ja klar, und dann k�nnen sie gar nichts mehr machen. Weil er dann weg ist von hier, weil er dann n�mlich wieder in Bresekow ist, und dann k�nnen sie nicht mehr sagen, dass das nicht gut f�r ihn ist, und Oma kann das auch nicht mehr sagen, weil sie schon tot ist, und Erna. Nein, nein, nein, Erna auch nicht, sie ist weg, sie ist weg. Und dann wohnt er ganz alleine in Omas Haus, weil Oma ja weg ist, und Onkel Peter ist auch weg, und keiner darf da einziehen, blo� er, und auch nicht seine Mutter, wenn sie auf einmal kommt. Wenn sie auf einmal vorbeikommt und sagt, ich wollt doch mal sehen, was Henry macht. Und dann sagt er, dass er jetzt hier wohnt, weil Oma tot ist, und weil einer auf das Haus aufpassen muss, und wenn sie fragt, ob sie jetzt auch hier wohnen darf, dann sagt er, nein, dann sagt er, dass sie bleiben soll, wo der Pfeffer w�chst. Wo der Pfeffer w�chst, ha ha, wo der Pfeffer w�chst, er hat immer gelacht, wenn Oma das gesagt hat. Wenn er gefragt hat, wo seine Mutter ist und wann sie denn mal kommt und wie sie denn aussieht und warum sie denn nicht da ist und wo sie denn �berhaupt ist. Dann hat sie gesagt, dass er aufh�ren soll zu fragen, dass seine Mutter eben nicht mehr da ist und dass seine Mutter jedenfalls nicht so viel gefragt hat wie er. Was sie denn gefragt hat, seine Mutter.�Henry, jetz is gut. Geh ein bisschen nach drau�en.�</p><p>Er wollte aber gar nicht nach drau�en, weil die andern immer gesagt haben, wenn er ankam:�Guck ma, da kommt Haha�, und dann haben sie gesagt, na Haha wie gehts na Haha willste heut wieder Steffi hinterher willst ihr ma untern Rock gucken wa die hat aber heute Hosen an eh komm ma her Steffi sag ihm ma dat er dir heut nich untern Rock gucken kann dat er sich verpissen soll na los oder nee nee ick wei� wat sag ihm ma dat er dir denn ma erst sein Ding zeigen soll na los Haha zeig ihr ma dein Ding vielleicht l�sst se dich denn ma unter ihren Rock gucken die is ganz scharf dadrauf dat du ihr ma dein Ding zeigst los zeig ihr ma deinen kleinen Pimmel oder genierste dich nu uff einma brauchst dich doch nich zu genieren den hat doch nu sowieso schon dat halbe Dorf gesehn oder wei�t dat nich mehr Haha blo� Steffi nich die hat dat ja leider verpasst wa Steffi da is dir aber wat entgangen kann ick dir sagen aber sag ma bittebitte zu Haha denn zeigt ern dir vielleicht noch ma nu hab dich ma nich so wir sind doch deine Freunde oder wir sind doch alle Hahas Freunde oder dat willst du doch immer dat wir deine Freunde sind. Und dann haben sie gelacht, und er hat auch gelacht, und dann haben sie noch mehr gelacht, und er hat� ha ha �gemacht,�ha ha, ha ha�.</p><p>Er wollte aber gar nicht Steffi sein Ding zeigen, und Steffi wollte auch gar nicht seine Freundin sein, als er sie gefragt hatte,�Willst du meine Freundin sein?�, weil sie doch so sch�ne Haare hatte, so sch�ne lange Haare, aber er hatte sich nicht getraut zu fragen, ob er ihre langen Haare mal anfassen darf, und er hatte gedacht, wenn sie vielleicht seine Freundin sein will, dass er ihre Haare dann mal anfassen darf, da hatte sie gesagt:�Hau ab, such dir eine ausse Klapse!�, und jetzt stand sie da und sagte:�Eh, da kommt Stefan�, und sagte:�Hau ab, Hanske!�</p><p>Aber dann kam Stefan an mit seinem neuen Moped, und er wollte gar nicht abhauen. Er wollte Stefan auf seinem Moped fotografieren mit seinem Fotoapparat, er hat immer gesagt, ich fotografier euch, mit meinem Fotoapparat, den hat er immer in seiner Jackentasche gehabt, so klein war der. Aber da war kein Film mehr drin, aber er hat trotzdem fotografiert. Und Stefan hat angehalten und hat seinen Helm abgenommen, und da hat man erst gesehen, dass das wirklich Stefan war, und dann haben sie gefragt, wo er das denn herhat, das Moped, und da hat Stefan gesagt:�Hat mir mein Alter spendiert�, und dann hat Mirko gefragt, ob er mal damit ne Runde drehen k�nnte, und dann hat Stefan gesagt:�Du spinnst wohl!�Und er hat auch gesagt:�Du spinnst wohl!�</p><p>�Musst du grad sagen, Wichser!�, hat Mirko da zu ihm gesagt und ihn weggeschubst, aber Steffi hat gesagt:�Lass den doch!�</p><p>�Na geh ihm doch gleich ein�n blasen!�, hat Mirko da zu Steffi gesagt und hat gelacht, und einer hat gesagt:�Na los, Steffi, kannste doch!�, und alle haben gelacht, und er hat auch gelacht.</p><p>Aber Stefan hat gesagt:�Eh, Steffi, willste ma mitfahrn?�, und Steffi hat� klar doch �gesagt, und er hat gesagt:�Ich auch, ich will auch ma mitfahrn, Stefan!�, aber Stefan hat gesagt:�Ick bin doch nich schwul!�Und alle haben gelacht, und Steffi hat auch gelacht und hat sich auf das Moped gesetzt hinter Stefan, und dann ist er losgefahren mit Steffi, und er hat Steffis lange Haare gesehn, wie sie hinter ihr hergeweht sind, und das sah aus wie das Korn, wenn die M�hdrescher das ernten und auf den H�nger pusten.</p><p>Wenn er doch blo� mal wieder den M�hdreschern zugucken k�nnte. Im Sommer hat er immer nix Bessres zu tun gehabt, als den M�hdreschern zuzugucken.�Du hast wohl nix Bessres zu tun�, haben sie dann gesagt. Mitfahren durfte er ja nicht,�dat geht nich�, haben sie gesagt. Werner Meier hat gesagt,�dat geht nich, Henry�, und die andern haben ihn gar nicht angeguckt, wenn er gefragt hat. Ich fotografier euch auch, hat er gesagt, aber sie haben ihn nicht mitfahren lassen. Dabei wussten sie gar nicht, dass er gar keinen Film mehr hat. Aber einmal hat er gesehen, wie Werner Meier mit seinem M�hdrescher �bers Feld ist, und er hat gedacht, du bist aber heut langsam, Werner Meier, nu gib mal Gas, Werner Meier, gib doch Gas, was kriechst du denn so langsam wie ne Schnecke, du lahme Schnecke, Werner Meier, lass mal lieber mich fahrn, dann kannst du sehn, wie ich Gas geb. Aber dann hat er gesehen, dass da einer neben Werner Meier sitzt in seinem M�hdrescher, und das sah ein bisschen aus wie Nadja Klier, und die war genauso alt wie er, und nun sa� Nadja Klier in Werner Meiers M�hdrescher und fuhr mit ihm �bers Feld. Und er stand am Rand und guckte Werner Meiers M�hdrescher hinterher bis zum Ende der Reihe, und als er gewendet hatte und nun direkt auf ihn zukam, sah er, dass das wirklich Nadja war, die neben Werner Meier sitzt, und Werner Meier hat gar nicht gradeaus geguckt. Und er hat ihnen zugewinkt, aber Werner Meier hat nicht zur�ckgewinkt und Nadja auch nicht. Und er stand noch eine Stunde da oder zwei Stunden, bis sie fertig waren, bis sie das ganze Feld abgem�ht hatten, und als Werner Meier angehalten hat, ist Nadja Klier aus dem M�hdrescher gehopst und hat Werner Meier zugewinkt und nach rechts und links geguckt, und da stand er, aber Nadja hat ihn nicht angeguckt. Und Werner Meier hat ihn auch nicht angeguckt, sondern ist blo� weggefahren mit seinem M�hdrescher.</p><p>�Eh, Hanske, verpiss dich, du schwule Sau�, hat dann noch Mirko oder irgendeiner gesagt. Und dann ist er nach Hause.</p><p>Als sie ihn gefragt haben, warum er das gemacht hat, hat er mit dem Kopf gesch�ttelt. Als sie ihn gefragt haben, ob er nicht wei�, warum er das gemacht hat, hat er gelacht und gesagt, dass sie das nicht wissen,�ihr wisst das nicht�, sie wussten das nicht, gar nicht, und Erna wusste das auch nicht, weil er das nicht gesagt hat, weil das keiner wissen braucht. Sie haben gefragt, ob es wegen dem Geld gewesen ist, ob er Ernas Geld haben wollte, und da hat er mit dem Kopf gesch�ttelt. Was er denn dann wollte, haben sie gefragt, und er hat nichts gesagt, und sie haben gesagt, dass er �berlegen soll, und er hat sich was �berlegt, und dann hat er gesagt, dass es wegen dem Moped gewesen ist, weil er doch so ein Moped haben will, so eins wie Stefan. Dann haben sie gesagt, dass er dann also doch das Geld wollte, und er hat gesagt, nein, und sie haben gefragt, warum er denn das Geld nicht mitgenommen hat, und er hat gesagt, wegen Erna.</p><p>�Weil Erna pl�tzlich reingekommen ist?�, haben sie gefragt, und er hat gesagt:�Nein. �Weil Erna das doch nicht wissen sollte.</p><p>�Was?�, haben sie gefragt. Er hat nichts gesagt.�Dass du ein Moped wolltest?�Er hat nichts gesagt. Er hat �berlegt.</p><p>�Henry�, haben sie gesagt.</p><p>�Ja�, hat er gesagt.</p><p>�Aber sie war doch dann tot�, haben sie gesagt.</p><p>�Alles Quatsch�, hat er gesagt,�alles Quatsch mit So�e, alles Quatsch�, aber keiner hat gelacht.</p></section><section><title><p><strong>DIE GEMEINDE</strong></p></title><p>Na nu k�mmt dat woohl alls ma wech</p><p>Meinst dat se dat nu</p><p>Nee doo s�n doch so L�� doow��st dei hemm</p><p>�wwer wat wulln dei denn mit</p><p>Der olle Mist dat is doch alles</p><p>Dat f�llt doch alles schon zusamm f�llt dat doch da kannst</p><p>doch nix mehr</p><p>Na so Investoorn glaub ick oder oder so K�nstler die wolln da</p><p>wat wei� ick</p><p>Dei wiern sich noch �mkieken</p><p>Hier in Br��skow dei hemm woohl nich miehr</p><p>Dat f��hlt nu grad noch</p><p>Solche mitn Piepmatz untern Pony</p><p>�wwer denn het dat wenigst ma n Ende mit dat jungsche Volk</p><p>doo dei mooken doch</p><p>Nur Mess mooken dei doch doo dei hemm doch nix anners</p><p>miehr in Kopp as</p><p>Doo passiert noch eis wat</p><p>Dat segg ick di</p><p>Bis da ma wat passiert</p><p>Na weitst noch wie der Olle ma eis vunne Trepp</p><p>Na dat wier ja noch doo heww ick ja doo noch arbeit</p><p>In Bullenstall musst ick</p><p>Un wenn er denn �mmer ankoomen is mit sein Trecker denn</p><p>wier hei doch allwedder</p><p>Dei wiern doch �mmer all besoopen</p><p>�wwer wat hemm wi doo nich alls fieert diene Hochtiet dat</p><p>weit ick noch dat wier</p><p>Doo wier dat alls noch in Ordnung</p><p>Und einma ham wir ne Auszeichnung</p><p>Joo</p><p>F�r unsre Br��skower Elpege</p><p>Un nuu</p><p>Nu k�mmt dat woohl alls wech</p><p>Dat stell di eis v�r</p></section><section><title><p><strong>ECKI</strong></p></title><p>�Eh, Ecki, ick glaub, Stefan kommt dieset Wochenende.�</p><p>�Wodrich?�</p><p>�Na, wer�n sonst. Gibt doch blo� ein Stefan hier, oder wat?�</p><p>�Wieso?�Toffi wieder, eh!</p><p>Sagt B�rner:�Na, du bist doch blo� Toffi! Wa, Toffi!�B�rner, eh! Ick k�nnt mich ja manchma wegwerfen. Wenn der schon sein Maul aufmacht. Da kannste entweder nur rinschlagen, oder du schmei�t dich weg, eh!</p><p>�Na, oder willste jetz, dat wir dich uch Stefan nenn�?�, sag ick denn noch.�Dat k�nnt ja zu Verwechslung�n f�hrn, wat? Am Ende noch. Wa, Toffi!�</p><p>�Am Ende f�ngste denn uch noch an, von deine �Kameradschaft� zu quatschen!�Da gackern se, die Weiber, und Toffi uch. Hat ma wieder die gro�e Klappe, Jacqueline. Na, recht hat se.</p><p>�Dat lass ma blo� nich Stefan h�rn!�</p><p>�Na und, ick hab keine Schiss vor dem, B�rner! Nich so wie andre.�</p><p>�Schnauze, du Schlampe! Von dir lass ick mir doch gar nix sagen! Kann ick ja ma Stefan erz�hln, wat du so von ihm denkst, kann ick ihm ja allet ma erz�hln! Sost ma sehn, wat denn passiert, wat der denn mit dir macht, so schnell kannste gar nich gucken!�</p><p>�Ach, halt die Fresse, B�rner!�</p><p>�Wat, Ecki, wat wist du denn jetz? Halt du ma die Fresse! Hat se doch verdient, die olle Schlampe, dat Stefan se sich ma vornimmt. Da will ick denn aber dabei sein, wenn er�n ihr von hinten reinschiebt, ick glaub, die muss ma orntlich durchgebumst werden!�</p><p>�Musst du grad sagen, B�rner, du altes Schwein! Hast wohl doll n�tig, wa? Kann ick ja nur dr�ber lachen. Kannste lange warten, bis ma eine die Beine breit macht f�r dir. Guck dich doch ma an! Oder habt ihr kein Spiegel zu Hause? Kannste dir doch abschmatzen, Wichser! Du bist doch nix andret als n alter Wichser! N alter Arschkriecher, kriechst doch Wodrich bald in Arsch, wenn er kommt, Stefan hinten, Stefan vorne. Biste schwul, oder wat? Dat kann ick ja ma Wodrich erz�hln, datte ne schwule Sau bist, ma sehn, wat er dazu sagt! Ob er dich denn immer noch in seine tolle Kameradschaft ham will, du Arsch. Oder ob de ihm denn gleich ma den Arsch hinhalten kannst, vleicht sind die da ja auch alle andersrum!�</p><p>�Eh, Jacqueline, pass uff���</p><p>�Wat is?�</p><p>Schei�e, Mann, dat h�tt int Auge gehn k�nn�n! Wo hat�n der uff einma dat Messer hergehabt? B�rner, eh, dieser Hoschi, wollt jetz Tatsache uff Jacqueline los, oder wat? Ick glaub, der is wirklich n bisschen psycho, w�r ick jetz nich dazwischen � Mann! Aber recht hat se! H�tt sich sonst uch keiner getraut, B�rner dat ma zu sagen, bis uff mir vielleicht. Einer muss ja ma wat sagen.</p><p>Aber nu f�ngt der schon wieder an.�Eh, Ecki, wat sollte�n dat eben? Glaub nich, dat ick dat vergess, dat glaub ma nich!�</p><p>�Komm, reicht jetz, B�rner!�</p><p>�Nee, dat reicht noch lange nich! Wat sollte�n dat eben, h�? Warum nimmste denn nu die Fotze in Schutz? Haste nich geh�rt, wat die gesagt hat? Dat wir alle schwul sind, und so, dat hat se gesagt!�</p><p>�Kann mich nich erinnern. Jeenfalls hat se nich gesagt, dat ick schwul bin. Hat se uch kein Grund dazu, wa, Jacqueline!�</p><p>�Ach so is dat! Die willste jetz uch noch bumsen, oder wat? Na, die Schlampe macht ja uch f�r jeden die Beine breit, die w�rd sogar f�r ihrn K�ter die Beine breit machen, macht se bestimmt uch. Aber wat sagt�n Sabrina dazu, Ecki, datte nu die Nutte bumsen wist, h�, Ecki? Wat sagst�n du dazu, Sabrina?�</p><p>�Halt die Klappe, B�rner!�</p><p>�Oder macht ihrt denn zu dritt? Na klar, wat, alle dreie, und die ihr K�ter uch noch dazwischen, klar, Mann! Die S�ue! Ha!�</p><p>B�rner, eh, die olle Arschnase, der hat doch voll n Platten, da h�r ick doch gar nich mehr hin, dat juckt mich doch gar nich, wenn der wieder ma austickt, die sind doch alle nich ganz knusper bei die, seine Schwester, eh! Die is ma ne Zeitlang immer mit ohne Schl�pper rumgerannt, und die hat dat uch jedem gesagt oder manchma uch gezeigt, wir ham ja immer gesagt,�zeig doch ma, Moni, nu zeig doch ma�, und erst wollt se ja nich so richtig, aber denn is se einma bei mir angekommen und hat gesagt,�wist ma sehn�, und denn hatse�t mir gezeigt, die kleine geile Sau, eh, und wie se denn noch gesagt hat,�darfst uch ma anfassen, wist ma�, und wie ick denn gesagt hab,�nee, lass ma�, ick h�tt die doch nich angefasst, die Drecksau, und wie se denn noch ma gesagt hat,�nu fass doch ma an, los, ick lass dir, na los, darfst mir uch ficken�, da musst ick denn vielleicht lachen, Mann! Ick mein, da war ick zw�lf oder so, na, nich, dat ick da noch nich an so wat gedacht h�tt, aber doch nu nich mit B�rner seine bekloppte Schwester! Und denn hatte die uch noch so fette Pickel uffn Arsch, ��h, und gestunken hat die, Mann! Aber dat Komische war, dat ick denn uch noch paarma von ihr getr�umt habt nachts, dat ick mit ihr und so, dat war vielleichtn Schei�!</p><p>Und denn uch noch Klausi, wat B�rner sein Bruder is, der hat uch voll n Schuss weggehabt, der is immer mitte Schubkarre durcht Dorf und hat allet M�gliche eingesammelt, na, wat so rumlag, Steine und St�cker und uch manchma M�ll und so, und wenn den einer gefragt hat, wieso, hat er immer blo� gesagt,�na, guck doch ma, wie dat hier aussieht, so geht dat doch nich!�. Dat war Klausi, aber da war ick noch ganz l�tt, den ham se denn irgendwann abgeholt. Und nu is blo� noch B�rner �brig, den ham wir nu anne Hacken.�Eh, Gniedeck, jetz h�r ma uff mit der Schei�-Kokelei da!�</p><p>�Wieso? Bist du jetz hier der Uffpasser, oder wat, Ecki?�</p><p>�Nu h�r uff, Gniedeck, oder merkste dat nich? Hast dir schon dein ganzet Spatzenhirn wegger�uchert, wa? Dat h�lt doch kein Mensch aus, Mann, wa Ecki, sag ihm dat doch ma, dat dat hier keiner aush�lt!�</p><p>�Hab ick doch grad gesagt!�</p><p>�Ick kokel hier so lange, wie ick will, Mann!�</p><p>�Dat kannste vielleicht bei deine Alten in euerm Runkelr�bengarten machen, aber nich hier, kapiert? Mann, dat is allet morschet Holz hier, wenn die dat mitkriegen!�</p><p>�Mir doch egal. Haste Schiss, oder wat, Ecki?�</p><p>�Schnauze, Mann, verpiss dich!�</p><p>�Verpiss dich doch selber! W�rd gern ma wissen, wat Stefan dazu sagen w�rd, dat du dich hier so uffspielst. Der h�tt dat nich gemacht!�</p><p>�Na und! Wiste denn ne Sondergenehmigung von Wodrich, datte hier kokeln darfst, oder wat?�</p><p>��Sondergenehmigung�, Ecki, dat is gut, �Sondergenehmigung von Wodrich�, eh!�</p><p>�Ja, nu is gut, Toffi!�</p><p>�Der macht dat doch sowieso blo�, um seine F�rze zu �bert�nchen!�Jacqueline, eh!</p></section><section><title><p><strong>SONJA</strong></p></title><p>Was soll ich mit denen denn machen? Manchmal denk ich, das ist alles sinnlos. Was wollen die eigentlich, was wollen die eigentlich von mir? Die lachen sich doch blo� kaputt �ber mich, die Alte, na. Aber wenn die Alte denn mal nicht da ist, wenn kein Club ist, dann kommen sie an: Frau Pl�tz, wieso war denn gestern kein Club, wieso ist denn blo� Mittwoch und Donnerstag, wieso m�ssen Sie denn zu den Hoschis nach Grewenthin, wieso denn nach Schmalditz, diese Flachk�ppe, die brauchen doch keinen Club. Ja, wieso, wieso? Mir passt das doch auch nicht. Aber das wurd nun mal so festgelegt, weil eine Gemeinde alleine sich keine Jugendclubleiterin leisten kann oder will, und das haben sie auch gleich gesagt, als sie mir die ABM angeboten haben, dass ich da aber drei Clubs zu betreuen hab, immer zwei Tage hinternander, Montag bis Sonnabend. Tja, was sollt ich denn machen, sollt ich nee sagen, das konnt ich ja wohl schlecht.</p><p>Meine Vorg�ngerin, die Nielich, die hatte das ja gut im Prinzip, die hatte blo� den Club hier in Bresekow, und das mit den drei Clubs, das wollte die dann nicht machen, konnte sie ja auch gar nicht, ohne Auto, aber n bisschen stinkig war die denn doch, als sie geh�rt hat, dass ich nun die Stelle krieg, ausgerechnet ich, die noch kein Jahr hier wohnt, und andre h�tten das ja wohl viel n�tiger, die w�rden da schon viel l�nger drauf warten. Tja, da frag ich mich aber doch, wieso sich denn keiner weiter drum beworben hat, so dass die letztendlich mich gefragt haben. Die Nielich, die ist ja wohl anscheinend davon ausgegangen, dass sie das nun bis in alle Ewigkeit machen kann, und da ist die denn nat�rlich aus allen Wolken gefallen. Und seitdem ist die komisch zu mir. Die tut zwar immer so,�na, Sonja, wie geht dir dat�, aber g�nnen tut die mir das nicht.�Ick hab dat ja damals immer �so und so gemacht, mit so was kommt die jedesmal. Die tut grade so, als ob sie da nun Wunder was veranstaltet h�tte, dabei hat die sich doch da n Bunten gemacht, die hat sich doch blo� ihr Hinterteil da plattgesessen und Kaffee geschl�rft, ich war ja mal da, als sie noch in Amt und W�rden war und ich aber schon geh�rt hatte, dass ich die Stelle jetzt krieg, und ich wollte mal gucken, was die so machen. Und da sa� die und hat gestrickt! Ich hab gefragt,�sag ma, Gisela, was machst du denn so mit denen�, und da hat sie denn paar Sachen aufgez�hlt,�na, ma ins Kino, ma zum Baggersee, und denn ham wir uch ma gegrillt letztens�. Und da hat sie noch zu mir gesagt:�Du, Sonja, ick muss mir hier nich den Arsch uffrei�en, die wolln doch sowieso nix, und denn musste dir noch bl�d kommen lassen, wei�t, da mach ick mir doch hier nich krumm f�r, und f�r die paar Piepen!�</p><p>Und dann, wo sie raus war und ich nun ihre Nachfolgerin wurde, sagt die doch glatt zu mir:�Na, da zieh dir ma schon warm an, da lass dir ma immer wat einfalln f�r die Bagage! Die sind sonst nur am Rumn�rgeln! Ach, und denn musst du ja nu uch noch immer fahren, wa? Na viel Spa� denn!�</p><p>Und was soll ich dir sagen? Die hatte recht, die Nielich. Und zwar mit beidem.</p><p>Ich glaub, das ist, weil die gar nix mehr anfangen k�nnen mit sich. Die sind so leer,�das kannst du dir gar nicht vorstellen�, sag ich immer zu Romy.</p><p>�Doch, kann ich�, sagt sie, ich glaub, ich geh ihr manchmal ganz sch�n auf die Nerven mit meinen Club-Geschichten. Aber ich bin dann immer so froh, dass mein Kind nicht so ist, dass Romy ganz anders ist, weil h�tt ja sein k�nnen, dass sie auch so w�r, dass sie auch mit denen rumh�ngt und Schei�e baut, und dann? H�tt doch sein k�nnen. Ich mein, wir kommen doch auch nirgendwo anders her, Friedhelm und ich, wir sind doch auch blo� vom Dorf, wir haben doch auch nie gro� was andres zu sehen gekriegt. Wir habens ja auch grade mal bis Anklam geschafft, und da war man damals schon stolz drauf, da hab ich schon gedacht, jetzt bin ich da raus. Wie ich dann mein kleines Zimmer in Anklam hatte, und das war mir ganz egal, dass das ohne richtige K�che und Bad war, blo� so abgeschlagen mit nem Vorhang, und das Klo eine Etage tiefer aufm Hausflur, und dass ich immer die Kohlen ausm Keller bis ganz da hoch schleppen musste, wenn Friedhelm nicht da war, der war ja die Woche �ber in Berlin. Aber ach, das war sch�n, wenn er dann am Wochenende kam, meistens schon Freitagabend, und ich war dann auch nicht traurig, wenn er Sonntag wieder losfuhr, wir hatten beide unsre Arbeit, und so ne Woche ging immer schnell rum. Und ich hab ja gemerkt, dass er gerne in Berlin ist, dass ihm das Spa� macht da, mit seinen Kollegen und auf der gro�en Baustelle.</p><p>Heute kann er sich so was gar nicht mehr vorstellen. Wenn das nun noch mal hei�en w�rd, los, auf Montage, das w�rd der nicht machen. Der wei� gar nicht, wie gut er das hat. Muss blo� bis nach Anklam, war noch nie arbeitslos, h�chstens mal im Winter paar Wochen zu Hause, und da f�llt ihm dann gleich immer die Decke aufn Kopp. Da bin ich immer heilfroh, wenn er wieder anfangen kann und nicht mehr jeden Tag auf der Couch rumliegt, der gew�hnt sich das dann n�mlich so richtig an, so ne Stinkenfaulheit, grad mal, dass er n bisschen Mittag macht, da muss ich ihm aber auch vorher genau sagen was und am besten schon alles hinstellen. Dabei hat er sonst auch nur Langeweile. Deshalb sag ich immer, er soll nicht so auf seine Arbeit schimpfen, auf seine bl�den Kollegen, und wie ihn das alles ankotzt, der flucht so viel in letzter Zeit. Das kann immer schneller vorbei sein, als man denkt, hab ich ja bei mir gesehn, na, und was sollte denn dann erst werden. Ihm sind ja schon die paar Stunden zu viel, die er alleine ist, bis ich vom Club komm, und wehe, das wird mal sp�ter als achte.�Maann, wo bleibst du denn, wat klaarst du denn da so lange rum?�Der wei� n�mlich auch nix mit sich anzufangen. Und nun haben wir schon n zweites Auto angeschafft, obwohl das eigentlich �berhaupt nicht drin ist, aber ich muss fahren, er muss fahren, und wie das zuerst war, so ging das ja auch nicht, dass ich dann immer mal mitm Bus gefahren bin, der ist aber schon �ber eine Stunde eher da, und dann musste Friedhelm mich abends abholen. Oder ich hab ihn morgens um halb sieben zur Arbeit gefahren, und er musste dann nachmittags mitm Bus zur�ck, na, und das fand er ja erst mal doof, er sagt, er kam sich vor wie der letzte Trottel. Da musst er n�mlich erst noch ne halbe Stunde in Arbeitsklamotten in Anklam rumlaufen, bis der Bus fuhr, er sagt, wo sollt er denn da hin, manchmal ist er durchn Park,�wie n Penner�, sagt er. Und dann das Busfahren an sich, wie fr�her, nur dass fr�her eben keiner n Auto hatte, da war das normal,�und heute gucken se dich bl�d an�, sagt er. Ist ja auch doof.</p><p>Ich fahr gerne Fahrrad, aber glaubst, ich mag mitm Fahrrad nach Anklam fahren, oder zu einem von meinen Clubs? Wei�t, wie bl�d ich mir dabei vorkomm, wenn die denn mitm Auto an mir vorbeifahren,�kiek, dat is doch Sonja�. Ja, so wie fr�her, als ich immer mitm Fahrrad von Anklam nach Bresekow und zur�ck gejachtet bin, in der Mittagspause, erst, als ich das Zimmer noch nicht hatte, weil ich da auch nicht wusste, wohin in Anklam, das waren ja zwei Stunden, und alle Gesch�fte zu bis auf KONSUM, und sp�ter, weil ich dann mal schnell meine Oma besuchen wollte, die hatte doch da nun keinen mehr zum Reden, und die Alten haben da ja schon gesoffen. Und dann wollt sie mich immer am liebsten gar nicht wieder los lassen, und ich hab gesagt,�Oma, ich muss, ich muss doch wieder�.</p><p>Und nun haben wir zwei Autos und sind immer noch nicht zufrieden. Weil Friedhelm nun immer mit dem kleinen ollen Fiat zur Arbeit fahren muss, weil ich mit dem nicht klarkomm, ich bin eben so an den Opel gew�hnt, und dann lauert er, dass ich endlich komme und er mit dem Opel noch mal los kann, meistens blo� so durch die Gegend, zu seinem Kanal, noch mal die Angel reinwerfen oder was wei� ich, weil er mit dem kleinen nicht rumfahren mag,�wie seh ick denn aus dadrin�, sagt er. Na ja, wirklich n bisschen reingequetscht. Aber nun ist das auch wieder fast wie vorher, wo er zu Hause Achten gelaufen ist, blo� weil das Auto nicht da war. Dabei muss er nirgendwo hin. Aber das Auto muss vor der T�r stehen.</p><p>Ich wei� auch nicht. Wenn wir vielleicht mal in Urlaub fahren w�rden. All die Jahre waren wir ganze drei Mal weg, zuletzt vor vier Jahren, glaub ich, L�neburger Heide. Da wollten wir nun auch endlich mal was sehen vom goldenen Westen, na. Au�erdem war das noch halbwegs erschwinglich. Romy wollte partout nicht mit und hat uns so lange angebettelt oder vielmehr mit Argumenten bombardiert, nach dem Motto, dass wir uns zu dritt sowieso blo� die ganze Zeit streiten w�rden � das war ja grad unsere Streitzeit � und dass ich ruhig auch mal mit Friedhelm alleine sein k�nnte und sie doch nichts anstellen w�rde, wir kennen sie doch und so weiter, bis wir sie dann wirklich zu Hause gelassen haben, ganz wohl war mir ja nicht dabei. Und dann war ich eben mit Friedhelm alleine, und das ging ungef�hr drei Tage, dann hab ich gemerkt, dass er am liebsten schon wieder zu Hause w�r. Das kann vielleicht anstrengend sein mit ihm! Vogelpark, Heidepark Soltau, alles sch�n und gut, aber am besten is doch in l�tt Anklam. Romy war bester Laune, als wir wiederkamen, sie hatte sogar einen Kuchen gebacken. Ich glaub, sie hatte mehr Urlaub gehabt als wir.</p><p>Die Male davor, das war ja noch zu DDR-Zeiten, und wie hat man sich da gefreut, wenn man da mal einen Ferienplatz ergattert hatte. Das erste Mal sind wir nach Eisenach. Da hats eigentlich die ganze Zeit nur geregnet. Und Romy hatte da ihre erste Bockphase, ich hab mein liebes Kind ja kaum wiedererkannt. Und Friedhelm musste f�r sie den Esel spielen, bis zur Wartburg hoch, weils an der Eselstation gar keine Esel gab.</p><p>Paar Jahre sp�ter, als Romy schon zur Schule ging, dann Alt T�plitz bei Potsdam. So ein Bungalow gleich am See, und in dem neben uns hat eine tschechische Lehrerin mit ihrer Tochter gewohnt, die war so alt wie Romy, und die haben sich auch angefreundet, obwohl die ja gar nichts miteinander reden konnten. �u�anka hie� die. Einmal kommt Romy an und sagt, sie braucht das Federballspiel, �u�anka will mit ihr Federball spielen. Ich guck sie gro� an. Wie sie ihr das denn gesagt hat. Aber so sind eben Kinder. Ach, das war ne sch�ne Zeit da. Und wie Friedhelm denn einmal mit Teewurst angekommen ist, obwohl er Mettwurst wollte,�ja, ick wei� auch nich�, hat er gesagt,�ick hab Mettwurst gesagt, und die hat mir Teewurst gegeben�. Und da hat er sich denn wohl nicht mehr getraut, was zu sagen. Und die Br�tchen hie�en Schrippen.</p><p>Wenn ich jetzt sag,�Friedhelm, lass uns doch ma in Urlaub fahren�, ist seine erste Frage:�Wovon?�Wer soll das bezahlen, das ist immer so sein Satz.�Sieh du erst ma zu, dat du n bisschen Geld nach Hause bringst. �Ja ja.�Du bist doch so bl�d und tr�gst noch alles zu deim Club hin.�</p><p>Aber was soll ich denn machen. Wenn die mich angucken und sagen,�Frau Pl�tz, ick bezahl n�chstes Mal, ehrlich�. Und denn haben sie n�chstes Mal wieder nicht die drei�ig Pfennig f�rn Kaffe. Aber Kaffe muss immer da sein. Und Saft. Und dann wollen sie auch mal Kuchen oder Sandwiches, und da muss ja alles eingekauft werden daf�r. Und bezahlen muss ich das erst mal und dann sehen, wie ich mein Geld wieder reinkrieg. Nat�rlich k�nnt ich mich hinstellen und sagen, pah, gibts nicht mehr, ihr k�nnt zu Hause essen und trinken. Aber das ist doch dann auch nix. Dann kommt ja auch keiner mehr, und sie h�ngen woanders rum und kippen Bier, Bier gibts ja bei mir nicht, und machen Mist, oder ich sitz da mit zwei Hanseln oder ganz alleine rum, denn da sein muss ich ja sowieso. Dann haben sie pl�tzlich alle was andres vor, aber was, sagen sie mir auch nicht, wenn ich dann beim n�chsten Mal frag, na ja, wieso auch. Und dann ist es wieder rappelvoll, und alle wollen sie gleichzeitig was von mir, das ist wie im Kindergarten, das finden die einfach herrlich, wenn sich einer was f�r sie ausdenkt und sie nicht selber ihren Kopf anstrengen m�ssen, wie sie ihre stinkende Langeweile loswerden.</p><p>Ich wollt ja mal Kinderg�rtnerin werden. Ich hatte deshalb sogar Konfirmation <emphasis>und</emphasis> Jugendweihe gemacht, weil sie mir eingeredet hatten, ohne Jugendweihe w�rd das nicht gehen, w�r ja auch nicht gegangen, nur dass es dann auch so nichts wurd. Wegen meinem angeblichen Sprachfehler, ich k�nnte die Zischlaute nicht richtig aussprechen. Komisch, dass das sonst nie einer gemerkt hat. Zwar sagten sie, ich k�nnte zum Logop�den gehen damit, aber gro�e Hoffnungen haben sie mir nicht gemacht. Die wollten mich einfach nicht. Das Arbeiterkind, und dann noch in der Kirche. Tja, damit waren erst mal alle meine sch�nen Hoffnungen futsch.</p><p>Pastor Maltzahn war dann so nett und hat sich richtig um mich bem�ht und was mit einer kirchlichen Einrichtung vermittelt, aber wie ich die Zusage bekam, wollt ich pl�tzlich nicht mehr. Da kriegte ich richtig Schiss auf einmal. Ich hatte Angst, dass ich dann irgendwie so nonnenhaftig werden m�sste, und das wollte ich auf keinen Fall, das war mir dann zu viel. So viel hatte ich da mit Glauben und so ja auch noch nicht am Hut. Ich mein, man war ja jung, viel zu jung eigentlich, um irgendwelche richtigen Entscheidungen treffen zu k�nnen, aber trotzdem haben die alle schon mit achtzehn, neunzehn geheiratet und Kinder gekriegt, und wenn du mit zwanzig noch nicht unter der Haube warst, so wie ich, da wurdste doch schon komisch angeguckt, dann haben die schon gedacht, mit einem stimmt was nicht.</p><p>Manchmal denk ich, dass ich blo� deshalb Friedhelm dann so schnell geheiratet hab, dass ich zu ihm gesagt hab:�Eigentlich k�nnten wir auch heiraten�, und er:�Meinst du?�, von ihm w�r da nie was gekommen, und einer musste es ja mal in die Hand nehmen. Aber ich war mir auch total sicher, dass er der Richtige ist, ich hab gedacht, ich hab den besten Mann der Welt. Da hatte ich dann auch gerade angefangen zu arbeiten, und nun konnts losgehen mit dem eigenen Leben. Da war ich ja nun Verk�uferin geworden, ausgerechnet das, was ich nie machen wollte. Aber f�r was anderes h�tte ich noch ein Jahr warten m�ssen, und meinen Eltern noch weiter auf der Tasche liegen oder gar noch zwei Jahre EOS in Anklam � das wollten die Lehrer ja unbedingt, dass ich zur ERWEITERTEN OBERSCHULE geh, wie das hieߠ� das ging ja nun �berhaupt nicht, da h�tt ich mir aber was anh�ren k�nnen.</p><p>�Du m��tst joo nu irgendwat mooken�, hat meine Mutter blo� gesagt, aber ich war ja viel zu sp�t dran in dem Jahr, ich hatte mich ja auf den Kindergarten verlassen und ewig nicht entschieden, weil ich auch nicht wusste, wie ich Pastor Maltzahn das nun beibringen soll. Kein Arsch in der Hose. Und dann war die Kacke am Dampfen, dann gabs blo� noch Planstellen f�r Verk�uferinnen und Friseusinnen, und Friseuse ging auch nicht, denn das wurden ja nun wirklich blo� die allerletzten Sitzenbleiber, und ich mit meinem guten Zeugnis! Das wollte auch meine Mutter eigentlich nicht, aber die h�tt das nicht so schlimm gefunden, Hauptsache, ich wurd �berhaupt irgendwas. Aber dann sagten sie, dass sie dieses Jahr sowieso blo� Achte-Klasse-Sch�ler nehmen, ich war also sozusagen �berqualifiziert, wie sie das heut so nennen. Tja, und da blieb blo� noch Verk�uferin.�Aber ick verkauf keine Wurst!�, hab ich gesagt.</p><p>Gelernt hab ich dann bei FOTO-OPTIK, und das hat mich erst mal angekotzt, weil mich das erst nicht die Bohne interessierte, und ich hatte auch kein bisschen Ahnung davon, Kameras und Uhren und so. Au�erdem hatte meine Chefin mir gleich gesagt, dass sie mich nach der Lehre nicht �bernehmen kann, dass ich dann woanders hinmuss. Da hab ich erst recht nicht eingesehn, wozu. Aber irgendwie musst ich die drei Jahre ja rumkriegen, und mit der Zeit hab ich mich da ganz wohl gef�hlt. Son kleiner, dunkler Laden, nicht viel los, so dass ich Zeit hatte, das ganze Sortiment zu studieren und mir erkl�ren zu lassen. Wenn die Chefin nicht da war, die ist oft zum Friseur oder einkaufen, das hat die richtig ausgenutzt, dass sie nun einen hatte f�r den Laden, die hatte auch gleich gro�es Vertrauen in mich, konnt sie ja auch haben, also wenn sie weg war, hab ich oft nur aus dem Fenster geguckt. War ja mitten in der Stadt, und Leute hab ich ja schon immer gern beobachtet, schon als meine Mutter mich als Kind mit in die Stadt genommen hat, das fand ich immer toll. Die ganzen Menschen, und keinen kannte man, nicht so wie aufm Dorf, wo man schon von weitem sehen konnte, da kommt Beschke oder da torkelt Karlchen Kr�wer lang. Einmal, als ich bei unsern Verwandten in Petershagen bei Berlin �ber die Ferien war, sind die mit mir auch in den Berliner Tierpark gegangen und dachten, das w�r nun aber was f�r mich. Wars auch, blo� dass ich die ganze Zeit nicht die Tiere, sondern die Menschen angeguckt hab, die vielen, vielen Menschen.�Nu kiek dir ma nich fest, dat geh�rt sich doch nich, kiek doch ma lieber hier die sch�nen Tiere���Aber ich konnt mich nicht von den Menschen losrei�en. Das hat meine Tante noch Jahre sp�ter jedem erz�hlt, das konnte die gar nicht fassen, wie man so stur sein kann.</p><p>Und dann stand ich da hinterm Schaufenster und hab wieder blo� die Menschen angeguckt, wie in nem Stummfilm, und um mich rum die ganzen Uhren, tick tack tick tack, das hab ich bald gar nicht mehr geh�rt, nur wenn sie dann alle gleichzeitig anfingen zu schlagen, da hat die Chefin ja penibel drauf geachtet, dass die alle richtig gingen, wenn das dann ding dong ding dong in den verschiedensten T�nen ging, dann wusst ich, dass wieder eine Stunde rum war.�Mensch, die Zeit vergeht!�, hat meine Chefin dann immer gesagt, aber ich hab das damals gar nicht so empfunden. Und heute sagt man das selber, und dabei hab ich dann manchmal die ganzen Uhren in dem Laden vor Augen, tick tack tick tack.</p><p>Kunden kamen gar nicht so viele, jedenfalls nicht im Vergleich zu SCHUHE oder KURZWAREN sp�ter, wo sie einem ja fast die Bude eingerannt sind manchmal. Wenn in der Ladent�r das Schild hing WEGEN WARENANNAHME GESCHLOSSEN, dann haben sich manche schon mal vorsichtshalber davorgestellt, um ja die Ersten zu sein, auch wenn das dann noch zwei Stunden dauerte. Das waren immer aufreibende Tage. Einerseits hat man sich ja gefreut �ber die ganze neue Ware, und das Beste konnte man sich gleich selber einheimsen, das haben wir dann erst mal nach hinten gelegt. Aber dann musste das alles gez�hlt werden, dieser ganze Kleinkram, Garnrollen und Kn�pfe und alles, und oft stimmte das nicht, die hatten uns oft weniger geschickt. Und drau�en standen schon die Leute und murrten, wie lange dauert das denn noch. Manchmal waren wir dreist und haben die Uhr auf dem Schild zwischendurch noch eine halbe Stunde weitergedreht und uns hinten erst mal nen Kaffe gekocht. Da wollten die ja drau�en fast verr�ckt werden und haben an die Scheiben gekloppt, aber das hat uns gar nicht gejuckt. Aber irgendwann mussten wir ja aufmachen, und dann ging das los, das Gedr�ngel, die haben sich da bald in die Haare gekriegt, und die Schlange bis zum n�chsten Haus, wegen Wolle! Das glaubt doch heut keiner mehr.</p><p>Einmal hab ich richtig Mist gemacht, aber das musst ich dann auch selber ausbaden. Eine Frau war einfach ohne zu bezahlen gegangen, ich hab das gar nicht mitgekriegt. Ich geb ihr den Beutel r�ber und w�nsch ihr noch ein sch�nes Wochenende, ich kannte die sogar, und ich hab das nicht gemerkt, weil schon die N�chste dr�ngelte und bedient werden wollte. Erst abends, bei der Abrechnung, ist mir das aufgefallen, und ich wusste auch sofort, wer. Und ich hab geheult, weil ich das ja dann aus meiner eigenen Tasche bezahlen musste, und die hatte nicht wenig mitgenommen. Aber wohl mehr noch, weil ich das nicht verstehen konnte: wie man so dickdreist sein kann. Die kam dann auch eine ganze Weile nicht, aber irgendwann doch wieder, und wer ist rot geworden? Ich!</p><p>Bei FOTO-OPTIK war das nie so stressig, das war ja auch alles relativ teuer, das meiste, was wegging, waren Kassettenfilme, schwarzwei�, die Technik gibts heute gar nicht mehr. Das war eigentlich ein gutes System, und erschwinglich. Ich hab Romy sp�ter auch so eine kleine Kinderkamera geschenkt, die war vorne aus so rosa Plaste, gabs auch noch in gelb und blau, aber ich dachte rosa, f�r ein M�dchen, und die hat da viel mit fotografiert.</p><p>Oft kamen so �ltere Herren, und die waren immer sehr nett zu mir,�na, M�dchen�, haben sie gesagt, oder:�na, Fr�ulein�, haben Sie denn auch das und das heute. Die wollten dann ganz bestimmte Sachen, Filter oder Entwickler oder Fotopapier, da musste man schon Ahnung haben. Und da kam dann mein Ehrgeiz wieder durch. Ich hab mir die Bedienungsanleitungen mit nach Hause genommen und studiert, und je mehr ich mir angelesen hatte und �ber die verschiedenen Kameras wusste, desto interessanter fand ich das, ich konnte die Kunden dann auch richtig beraten, so dass mich sogar meine maulige Chefin gelobt hat,�Mensch, Sonja, wie du dat so machst!�.</p><p>Unser Fotograf, der die Filme f�r die Kunden entwickelt hat, hat einmal mit einer angeblich kaputten Mittelformatkamera, die ein Kunde zur�ckgebracht hatte, auch Fotos von mir gemacht und mich dann zu sich ins Labor gerufen, als er den Film entwickeln wollte. Dabei hat er mich dann auch ein paar Sachen alleine machen lassen, das fand ich faszinierend, da w�r ich dann am liebsten auch Fotografin geworden.�Sch�n schwenken, immer sch�n sachte schwenken!�Und da schwamm dann pl�tzlich mein Gesicht im Entwicklerbad, und ich guckte ganz ernst, auf dem Bild und auch so, glaub ich, ich war ja hochkonzentriert, und ich schwenkte und schwenkte, und ich wurde immer deutlicher und deutlicher, und schwupp, genau im richtigen Moment, ohne dass Herr Holle was gesagt hatte, zog ichs raus und ab ins Fixierbad. Der Holle hat mir ganz anerkennend zugenickt,�Mensch, Fr�ulein St�wsand�, und mir die Fotos geschenkt. Und alles w�hrend der Arbeitszeit.</p><p>Einmal hab ich mich getraut, ihn zu fragen, ob er verheiratet ist, wegen dem Namen, weil ich das ja lustig gefunden h�tte.</p><p>�Nein�, hat er gesagt, und dann:�Frau Holle ist schon im Himmel.�</p><p>Da musst ich sp�ter immer dran denken, wenn ich ihn getroffen hab, und er ist stehen geblieben und hat sich gefreut, mich zu sehen, und mich gefragt, wies mir geht. Ich hab ihn das nie gefragt, ich musste immer an seine Frau Holle denken.</p><p>Wenn Romy sich diese Fotos anguckt, sagt sie:�Mama, da siehst du am sch�nsten aus. �Ich wei� nicht. Damals fand ich die viel zu ernst. Da hatte ich eigentlich gar keinen Grund daf�r. Der Ernst des Lebens, na, der war noch gar nicht da. Da gings ja noch haupts�chlich dadrum, sonnabends schwofen zu gehen und einen abzukriegen und ansonsten bis n�chsten Sonnabend die Arbeit oder, noch schlimmer, die �de Berufsschule zu �berstehen. Da hatte man schon immer sonntags abends schlechte Laune, wenn man an die erste Stunde montags gedacht hat, Warenkunde oder so was. Oder da hatten wir auch so komische Sachen wie Elektronische Datenverarbeitung, und hat ja damals kein Mensch gewusst, wozu, die Technik daf�r hatten wir noch nie in echt gesehen, Computer, das konnte sich gar keiner vorstellen, das hat man stur auswendig gelernt. Und weil da keiner dran denken mochte, hat auch keiner sonntags abends noch die restlichen Hausaufgaben gemacht, sondern da wurde sich erst mal in den Gemeinschaftsraum gehockt und der Krimi geguckt, und das mit dem morgens dann fr�her Aufstehen, das wurd nat�rlich nie was. Blo� ich bin meistens fr�her hoch, oder zumindest gleich wenn der Wecker geklingelt hatte und die andern ihre fetten �rsche noch mal rumdrehten im Bett. Blo� weil ich nicht wollte, dass die mich beim Waschen sehen, und da hatte ich den Waschraum dann noch f�r mich alleine. Zwar haben die sich dann auch dadr�ber mokiert, dass ichs wohl gar nicht erwarten k�nnt, aber wenigstens nicht �ber meine Figur, dass da ja nun gar nix dran w�r, das ging ja schon zu Schulzeiten immer so,�kein Arsch und kein Tittchen, sieht aus wie Schneewittchen�, haben die Jungs gerufen. War ja auch so, und ich sah ja wirklich n bisschen wie Schneewittchen aus, mit den dunkelbraunen Haaren bis zum Hintern und die blasse Haut. Und die andern, besonders dann die in der Berufsschule, waren so richtig dicke Dorfplautschen, mit achtzig Doppel-D und nem Arsch wien Drei-Taler-Pferd, da haste schon genau gesehen, wo das mal hinf�hrt, die w�rden mal nicht anders aussehen als ihre M�tter, bei denen die bunte Kittelsch�rze �berm Bauch schneerte, und die dicken Fleischerarme passten grad mal so durch die �rmell�cher.</p><p>Und nun guck dir heute die dicke Roswitha Rohalla an, wie ihre Mutter, die blaart auch genauso mit ihren G�ren rum. Und versauert in ihrem Neubau. Aber damals, da war sie dicke da, im wahrsten Sinne. Da war sie ja so was wie unsere Obermackerin, das hat sie sich nicht nehmen lassen, da das Zepter zu schwingen. Sieht man schon auf den Bildern, wie sie da mit ihrem dreisten Grinsen �ber uns thront.</p><p>�Wer ist das denn?�, hat Romy gefragt.�Ist die etwa auch Verk�uferin geworden?�Ich glaub, das w�r f�r sie der blanke Horror gewesen, sich von der was verkaufen lassen zu m�ssen. Aber ist sie ja geworden, Verk�uferin, wenn auch man grade so, und die haben sie dann in den EISENWAREN gesteckt, und das wollt nun wirklich keiner machen, das war noch schlimmer als KURZWAREN, die ganzen Schrauben z�hlen. Da tat sie mir dann fast leid, und ich hab sie paarmal besucht, obwohl ich sonst eigentlich auch Schiss vor ihr hatte, aber ich glaub, die mochte mich ganz gerne, gerne ge�rgert hat sie mich nat�rlich auch.�Na, Sonja. �Wenn sie so schon ankam mit ihrem breiten Grienen. Dann hatte sies meistens auf mich abgesehen. Besonders einfallsreich war sie aber nicht. Ging immer blo� darum, dass ich ja n bisschen mickrig aussehe und n bisschen blass bin und ob ich denn nun schon nen Freund hab und so, da hat sie bei allem nat�rlich immer sich als Ma�stab genommen. Und gleich hinterher die Frage, ob ich sie die Hausaufgaben abschreiben lass, da hat die sich gar keinen Kopp gemacht. Die wusste ja auch, ich lass sie abschreiben, �fter hat sie denn blo� noch gesagt,�eh, gib ma deine Hausaufgaben her�, und ich hab sie ihr gegeben, h�tt ich nee sagen sollen? Na, dann h�tt ich aber f�r den Rest der Lehrzeit nix mehr zu lachen gehabt. Das konnte die �berhaupt nicht ab, wenn einer mal nicht so wollte wie sie, wenn sich mal einer widersetzt hat. Sogar die Lehrer hatten teilweise Manschetten vor der. Die ist immer irgendwie durchgerutscht, obwohl die faul war wie nur was, ich hab die nie was lernen sehen. Aber jede Woche n andern Kerl. Weshalb die sich dann letztendlich auch gar nicht so unwohl gef�hlt hat da im EISENWAREN, da hatte sie ja haupts�chlich mit M�nnern zu tun.</p><p>Einmal, wie ich sie besucht hab und schon anfing mit� Mensch, Roswitha�, und sie bedauern wollte, grient die mich an und sagt:�Wei�te, ick hab hier einen uffgegabelt, aber picobello, sag ick dir!�</p><p>Und dass das was Festes w�r und sie den vielleicht sogar heiraten w�rd.�Mensch, Roswitha�, sag ich.</p><p>Und wie ich dann paar Wochen sp�ter wieder hinkomm, da wollt ich n�mlich sogar was kaufen, ich glaub, nen Hammer, weil ich da grade mein Zimmer gekriegt hatte, sagt sie:�Soll ick dir wat sagen, Sonja? Ick hab mir hier einen angelacht, aber ganz picobello, sag ick dir!�</p><p>Und ich denk, na, das ist dann wohl wirklich mal was Festes, wenn sie immer noch so von dem schw�rmt, und sag blo� so,�na, haste mir ja letztens schon erz�hlt�, und da sagt die doch:�Ach, Quatsch, Sonja, der doch nich mehr! Dat war doch nix. Aber der hier, der sagt, der liebt mir wirklich. Aber davor hatt ick noch n andern, der war uch nich verkehrt, bis uff dat er immerzu mit mir int Bett wollt, dat wurd mir denn zu viel, ick mein, man is ja uch kaputt von dat Rumstehn hier den ganzen Tach���</p><p>Solche Sorgen hatte ich ja nun nicht. Eigentlich wollte ich gar nichts� Festes�, oder na doch, schon, aber ich hatte auch immer Angst um meine sogenannte Freiheit, ich wollte mich nicht einengen lassen, jedenfalls nicht so fr�h. Eigentlich fand ich das klasse, alleine zu sein. Die Jungs, die ich hatte, die man so kennenlernte auf Disco, das hielt ja immer alles blo� von zw�lf bis Mittag, wirklich gewollt hab ich keinen von denen, und mehr als H�ndchenhalten und n bisschen rumknutschen war da ja auch nicht. Und das war mir dann schon zu viel, wenn die dann st�ndig ankamen bei mir zu Hause oder sp�ter manche auch im Laden, da fand ich die alle doof.</p><p>Einmal hatt ich einen kennengelernt, in Anklam, in der MELODIE, der hatte nen wei�en Anzug an, und meine Freundin wurd vor Neid gr�n und gelb, als der mich dann zum Tanzen aufforderte.�Mensch, Sonja, du kannst ein Gl�ck haben�, sagte die nachher. Ich glaub, blo� deswegen hab ich dem dann gesagt, wo ich arbeite, ich dachte doch nicht, dass ich den noch mal wiederseh. Aber der ist dann tats�chlich zu mir in den Laden gekommen, ich war grade hinten und h�rte blo�, wie einer fragte:�Ist Fr�ulein Sonja da?�</p><p>Fr�ulein Sonja! ich dacht, ich werd nicht wieder, und meine Chefin rief denn auch,�Sonja!�, und da stand er dann in seinem wei�en Anzug und fragte, ob wir mal ins Kino gehen wollen. Da wollt ich schon nicht mehr, aber ich hab ja gesagt. Und meine Chefin hat sich richtig f�r mich gefreut. Und dann kam der Tag mit dem Kino und ich also hin, und ich sah ihn schon von weitem davor warten, und wieder in diesem unm�glichen wei�en Anzug, und mir wurd hei� und kalt zugleich, und jeder Schritt fiel mir schwerer, meine F��e das reinste Blei, als wenn ich zum Schafott m�sste. Pl�tzlich war mir alles egal. Ich drehte mich aufm Hacken um und bin weggerannt, war mir schei�egal, was der von mir dachte. Aber der kam mir ja noch hinterher.</p><p>�Sonja�, hat er gerufen,�bleib doch mal stehen!�</p><p>Aber ich blieb nicht stehen, hab mich blo� umgedreht und geschrien:�Geh weg!�Ich war w�tend, richtig fuchtig war ich. Was die Leute wohl gedacht haben!</p><p>Aber das war immer so: Sobald ich einen hatte, wollt ich den auch wieder loswerden. Wenn ich Romy das erz�hl, findet die das unm�glich, wie ich denn blo� so herzlos sein konnte. Besonders, als ich meinen beiden Freundinnen hinternander die Freunde ausgespannt hab, obwohl mir gar nix an denen lag, der eine war sogar richtig h��lich. Aber ich hatte gemerkt, dass ich Schlag bei denen hab, und das hab ich dann einfach ausgenutzt, ich h�tt ja selber nicht gedacht, dass das so leicht geht. Ich hatte dann auch kein schlechtes Gewissen, ich hab gedacht, wenn die sich so schnell ablenken lassen, dann taugen die sowieso nix. Ich glaub, ich kam mir noch geradezu edel dabei vor, dass ich den beiden nun gezeigt h�tte, was ihre D�mlacks von Freunde wert sind. Aber das gab nat�rlich Knatsch. Da war denn erst mal Funkstille zwischen uns, ziemlich lange, das war meine Strafe, und da hab ich erst mal �berlegt, ob ich da nun vielleicht doch n bisschen zu weit gegangen war.</p><p>Das renkte sich dann zwar wieder ein nach ner Weile, aber die halten mir das heute noch vor, besonders Rosi, ich glaub, die hat den wirklich geliebt, den H��lichen, ich wusste gar nicht mehr, wie der hie�, bis sie mal gesagt hat:�Aber dat mit Detlef damals, nee, Sonja, dat war nich sch�n���</p><p>Detlef! Genau. Das ganze Gesicht voller Pickel, und dann noch diese dicke Brille, ich glaub, der hat auch geschielt. Der war dann richtig traurig, als ich ihm gesagt hab,�du, ich glaub, das geht doch nicht so mit uns�.</p><p>�Wieso nicht?�, hat er gefragt,�wieso denn nicht?�, immer wieder, und ich sollt ihm doch den Grund sagen. Aber das konnte ich ihm doch nun auch nicht antun. Da hab ich dann gesagt, ich hab n andern.</p><p>�Wen denn?�, hat er dann noch wissen wollen, das war vielleicht ne Klette.</p><p>�Kennst du nicht�, hab ich gesagt.</p><p>Kurz dadrauf hab ich dann wirklich Friedhelm kennengelernt, und das war gleich was ganz andres. Der war der Erste, der saubere Fingern�gel hatte, das ist mir gleich aufgefallen. Bei den andern waren die ja �fter so schwarz, als h�tten sie Mutters Garten damit umgew�hlt, nee, das konnt ich �berhaupt nicht ab. Wenn einer dreckige Fingern�gel hatte, den hab ich gleich wieder abgesto�en.</p><p>Und jetzt: Kommen diese jungen M�dchen zu mir und erz�hlen mir von ihren Jungs-Erlebnissen.�Frau Pl�tz, wir m�ssen Ihnen ma wat erz�hlen���Und dann kommt irgendeine Kleinigkeit, der hat mich angeguckt, mit dem war ick drei Tage zusammen, mit dem davor aber fast zwei Wochen, und zu Anfang hab ich immer drauf gewartet, dass die mal zum Punkt kommen, ich dachte, das muss ja nun wunder was Wichtiges sein, wenn sie dir das schon erz�hlen. Blo� da kam nix weiter, das wars. Aber war man nicht fr�her genauso? Ich hab meiner Oma das alles erz�hlt, die war immer auf dem Laufenden mit meinen ganzen Liebesgeschichten, na, so viele waren das ja nicht. Die hat auch richtig mitgefiebert und blieb so lange wach, bis ich von der Disco kam, und dann musst ich ihr alles br�hwarm erz�hlen. Ich glaub, ich h�tt sonst gar nicht gewusst, wohin. Meine Freundinnen hatten mit sich selber zu tun.</p><p>Ich glaub auch, die M�dchen, die erwarten gar nicht, dass ich da gro�artig was zu sag, nur zuerst hab ich mir da immer n Kopp drum gemacht und gedacht, dass die mir vielleicht was ganz andres sagen wollen, wirkliche Probleme, und sich nun blo� nicht trauen, und dann hab ich mir Vorw�rfe gemacht, dass ich die nicht versteh und so, und hab das alles Romy vorgekaut, bis die gesagt hat:�Mensch, Mama, das sind doch nicht deine Kinder!�</p><p>Na, da hatte sie ja was gesagt! Da hatte ich denn ja erstn schlechtes Gewissen. Ich hab gedacht, wenn Romy nun was hat, und ich merk das nicht, weil ich blo� noch mit meinen Jugendlichen zu tun hab.</p><p>�Romy, du sagst mir doch, wenn was is, ne?�, hab ich da schnell gesagt, und sie:�Was denn?�</p><p>Und dabei hat sie mich so misstrauisch angeguckt, dass ich gedacht hab, mein Kind hat wirklich ein Problem und sagt mir das blo� nicht.</p><p>�Romy, du wei�t doch, dass du mit mir �ber alles reden kannst, oder?�</p><p>Da hat sie denn blo� mit den Augen gerollt, aber ich hab nicht lockergelassen.�Romy!�</p><p>�Ja doch!�Und dann ist sie einfach aufgestanden und in ihr Zimmer, das war ja nicht zum Aushalten.</p><p>�Romy, bitte!�, hab ich ihr hinterhergerufen, und dann ist sie tats�chlich zur�ckgekommen, hat mich ganz ernst angeguckt und gesagt:�Sag ma, Mama, hast du irgendein Problem heute?�</p><p>Einmal gabs aber wirklich ne schwierige Situation, da kam Jacqueline B�lschow zu mir und fragte, ob sie nachher, wenn die andern weg sind, mal mit mir reden k�nnte. Da war ich erst mal schon von den Socken, weil die doch sonst immer die gro�e Klappe hatte und sich von mir gar nix sagen lie�. Sie hat sich dann auch bis zum Schluss da rumgedr�ckt, und ich hab gefragt:�Na, Jacqueline, worum gehts denn?�, und sie hat gesagt:�Um meine Freundin.�</p><p>�Welche denn?�, wollt ich wissen, aber da sagt sie, das darf sie nicht sagen. Das kam mir schon komisch vor. Aber bis ich ihr dann alles aus der Nase gezogen hatte, das dauerte noch ne Weile, so hatte ich die noch nie erlebt. Jedenfalls, ihre Freundin h�tte das erste Mal mit einem Jungen geschlafen und nun panische Angst, dass sie schwanger sein k�nnte.</p><p>�Haben die denn nich, na � verh�tet?�, frag ich, und sie:�Wei� ick nich � nein.�</p><p>Mir schwante schon was. Aber ich konnte ihr doch nun nicht ins Gesicht sagen, dass ich glaub, dass sie selbst diese Freundin ist.</p><p>�Wat w�rden Sie denn jetz machen?�, fragt sie mich, und ich merk schon, dass sie dem Heulen n�her als dem Lachen ist.</p><p>�Abwarten�, sag ich. Da guckt sie mich an, als w�r ich verr�ckt geworden.</p><p>�Du kannst da jetzt erst mal sowieso nix machen�, sag ich, und dann f�llt mir ein, dass es ja um die Freundin geht und sag dann noch schnell:�Und deine Freundin auch nicht.�</p><p>Und dass man erst gucken muss, ob man seine Regel bekommt oder nicht, aber dass sie das ja selber wei� und so weiter, und dann guckt sie mich wieder so an und nickt dann blo� und sagt:�Danke.�</p><p>Ich kam mir vielleicht bel�mmert vor. Das Bl�deste war, so bl�d ist man ja manchmal, dass ich denn auch noch stolz auf mich war, dass die so ein Vertrauen zu mir hatte, im Ernst. Aber was ich da nun eigentlich machen sollte�� Ich meine, das M�del war erst vierzehn, und ich hab mir vorgestellt, wenn nun Romy mit so was ank�me, was w�rd ich denn da machen? Hatte ich sie �berhaupt richtig aufgekl�rt? Ich konnte mich gar nicht erinnern. Mit vierzehn waren wir damals noch halbe Kinder.</p><p>Sind die ja heute auch noch, aber manchmal denk ich, die sind gar nicht richtig jung. Das Schlimme ist, dass du bei denen heute schon siehst, die werden wie ihre Alten. Und nicht blo�, weil sie nix andres k�nnen, die wollen auch gar nix andres. Neulich kommt Berndi zu mir und sagt:�Wissen Sie wat, Frau Pl�tz, ick hab jetz ne neue Freundin.�</p><p>Und ich freu mich f�r ihn, weil er ja nun so lange seiner Verflossenen nachgetrauert hatte, und seine Mutter hatte ihm auch die ganze Zeit damit in den Ohren gelegen, warum er die denn nicht behalten h�tte, die war doch son nettes M�dchen und hat auch immer geholfen und alles, und wie ich denn mal Berndi fragte, warum er sie dann nicht behalten h�tt, sagte er, dass eine von der Sorte ihm reicht, n�mlich seine Mutter.</p><p>�Dat ging nich, Frau Pl�tz, ick hab die geliebt, aber die hat mir sogar gesagt, wat ick anziehn soll und dat meine Schuhe dreckig sind und son Schei�, da konnt die sich dr�ber uffregen, den ganzen Tach lang!�</p><p>Und wie er mir dann das von seiner Neuen erz�hlte, sag ich so:�Na, Berndi, dann biste ja jetz gl�cklich, wat?�, aber da sagt er:�Nee, Frau Pl�tz, ick glaub, meine Mutter mag die nich, und denn geht dat ja uch wieder nich. Die l�sst sich blo� bedienen, sagt meine Mutter, und dat stimmt uch. Dat is jetz blo� ma so zwischendurch, glaub ick, dat is nix Richtiges. Sagt meine Mutter ja auch.�</p><p>Ich wusst gar nicht, was ich dazu sagen soll. Tja, wenn Mutti das sagt�� Genauso mit der Musik. Die ist ja so von der Sorte, wo Romy sagen w�rde, dass sich einem da die Zehn�gel hochkrempeln. Das ist ja manchmal selbst mir zu viel, und dabei h�r ich gerne mal n satten Schlager. Aber das geht bei denen in einer Tour mit Wolfgang Petry und wie die alle hei�en, ich dacht, ich spinn, wie die da mal so ne CD mit Schlager rauf und runter reingelegt haben.</p><p>�Sagt mal, das is doch nich euer Ernst, oder?�, hab ich gefragt, ich dachte, die wollen mich verarschen. Da haben sie mich ganz gro� angeguckt und gefragt:�Wieso?�</p><p>�Na, dat h�rt sich ja an, als wenn ihr euch an der Plattenkiste von euern Eltern vergriffen habt!�, sag ich, und dadrauf Sabrina:�Joo, meine Mutter h�rt dat uch gerne.�</p><p>Na lass sie, dacht ich, immer noch besser, als wenn sie hier mit ihrem rechten Zeug ankommen. Das hatten sie ja erst auch versucht. Da gabs aber keine Diskussion.</p><p>�Gibts nich�, hab ich gesagt,�pack gleich wieder ein!�Mir wird wirklich schlecht bei so was, manchmal kann ich das schon nicht h�ren, wenn die nur �Deutschland� oder �deutsch� sagen.</p><p>�Au�erdem ist es verboten, und ich will mich hier nich strafbar machen�, das fiel mir zum Gl�ck noch dazu ein, als sie aufmucken wollten.</p><p>�Nu h�rn Sie sich das doch erst ma an���Und dann hielten sie mir so die CD hin, aber ich mochte die nicht mal anfassen.�Pack weg�, hab ich gesagt,�bei mir landet das sonst gleich im M�ll.�</p><p>�Dat d�rfen Sie gar nich, dat is ja mein Eigentum.�</p><p>Da hats mir gereicht.�Ich kann ja ma die Polizei herbestelln, und denen kannst du denn mal was �ber dein sogenanntes Eigentum erz�hlen!�War nat�rlich n bisschen hart von mir, und ich dacht, jetzt springt er mir gleich an die Gurgel, Maik B�rner war das, mit dem ist �fter nicht gut Kirschen essen.</p><p>�Wenn Sie dat machen���</p><p>�Ja, was dann?�Bisschen Schiss hatt ich schon, aber da musst ich jetzt durch. Einmal konsequent sein, Sonja, hab ich gedacht. Wenn du das schon bei deinem eigenen Kind nicht konntest, dann wenigstens jetzt, und die hier habens auch n�tiger. Er hat dann aber gar nix weiter gesagt, Maik B�rner, sondern ist blo� raus und hat die T�r hinter sich zugeknallt.</p><p>Im Nachhinein denk ich, dass das vielleicht nicht so clever war von mir. Ich mein, das einfach zu verbieten. Aber wie ich das h�rte, hab ich rotgesehen, ich dachte blo�, nicht bei mir, weil bei der Nielich durften sie das ja anscheinend alles, die hat sich doch gar nicht dadrum geschert. Hauptsache, die hatte ihre Ruhe. Und nun komm ich auf einmal und sag, das geht nicht, ist ja klar, dass denen das nicht in Kram passt. Aber ich glaub, die wollten auch einfach mal sehen, wie weit sie gehen k�nnen bei mir. Trotzdem h�tt ich vielleicht erst mal mit denen reden sollen. Aber bringt das was, das ganze Reden? Das geht doch hier rein, da raus. Und was h�tt ich denn sagen sollen? Dass Hitler ein Schwein und der gr��te Verbrecher war, dass sie doch mal an die ganzen Juden denken sollen in den KZs und ob sie sich denn nicht sch�men? Da lachen die sich doch tot. Da kommen sie dann nur wieder mit ihren Ausl�nder-Parolen, dass die Ausl�nder sich hier breitmachen, dass die Ausl�nder ihren Eltern die Arbeitspl�tze wegnehmen und so weiter.</p><p>�Sagt mal, glaubt ihr das wirklich?�, hab ich da mal ganz entgeistert gefragt, und ob sie denn �berhaupt schon mal einem direkt begegnet w�ren, aber da haben sie blo� gesagt:�Na ja, gehn Se doch mal durch Anklam, nur noch Kanacken!�Was der reinste Bl�dsinn ist. Da sieht man h�chstens mal einen ausm Asylbewerberheim, die aus Togo, und die nehmen nun wirklich keinem was weg, im Gegenteil, die k�nnen einem leidtun. Die langweilen sich hier doch zu Tode. Einer spielt jetzt bei Lok Anklam, und der ist gut, sagt sogar Friedhelm. Aber der hat kein bisschen Akzeptanz, wenn der spielt, br�llen die eigenen Fans:�Wir brauchen keine Affen!�Fragt sich blo�, wer hier die Affen sind. So viel Borniertheit, das h�lt man nicht aus. Aber du kriegst das nicht raus aus die ihren K�pfen, das seh ich ja schon bei meinen eigenen Br�dern, und wie sollen denn da die Kinder sein. Meine Jugendlichen hier, die haben das doch auch nicht von ungef�hr, die k�nnen einem eigentlich auch blo� leidtun. Und ob ich da nun was sage oder nicht.</p><p>Ach, manchmal denk ich, ein bisschen hilft es doch. Bild ich mir vielleicht auch blo� ein. Aber wenn mal einer nicht in die gleiche Kerbe haut wie alle andern um sie rum, wenn einer mal sagt: stopp, vielleicht macht das schon was aus. Denn die m�gen mich ja auch, die haben mir sogar Romm� beigebracht, da mussten die ganz sch�n Geduld mit mir haben, aber die wollten unbedingt, dass ich mitspiel. Vielleicht, damit sie einen haben, der immer verliert. Und die fragen mich ja auch st�ndig nach meiner Meinung �ber alles M�gliche. Vielleicht auch blo�, damit sie sich dadr�ber kugeln k�nnen, was die Alte so von sich gibt. Aber wenn dann nur mal einer von denen f�r zwei Sekunden dr�ber nachdenkt, da h�tt ich schon was gewonnen. Aber dann gehen sie nach Hause und h�ren sich ihre Schei�-Musik an und n�chstes Mal steh ich wieder vor dem gleichen Berg von Dummheit, vor dem gleichen Misthaufen, und such vielleicht die Nadel dadrin, das letzte bisschen Verstand.</p><p>Aber den saufen sie sich auch noch weg. Was die so konsumieren, schon blo� allein das Bier, da wundert man sich, dass da noch keiner an Alkoholvergiftung eingegangen ist. Aber das ist ihr ganzer Stolz, wie viel sie am Wochenende wieder in sich reingekippt haben und was sie dabei dann f�r Schei�e gebaut haben. Einmal grient Toffi mich an und sagt:�Mann, Frau Pl�tz, ick hab Sonnabendnacht zu Hause den ganzen Perserteppich von meine Eltern vollgekotzt!�</p><p>Und ich, naiv, wie ich bin, frag noch ganz erschrocken:�Mensch, Toffi, wat hattest du denn?�</p><p>�Ach, gar nix, blo� fast ne ganze Flasche Sauern Appel gebechert!�</p><p>Als ich das Romy erz�hl, sagt die blo�:�Na, da siehste doch schon, dass die nich ganz rund laufen!�</p><p>�Ach Mann, Romy�, sag ich,�die k�nnen einem doch leid tun. Keiner bes�uft sich ohne Grund.�</p><p>�Das mein ich ja�, sie dadrauf.�Keiner bes�uft sich ohne Grund mit Saurem Appel.�</p><p>Hat sie vielleicht auch wieder recht. Und jetzt fiebern sie schon Halloween entgegen, obwohl das noch �ber einen Monat hin ist. Da brauchen sie sich aber gar nicht drauf spitzen. Das gibts bei mir sowieso nicht, Halloween. Was soll das �berhaupt sein, da gehts doch blo� um Leute Erschrecken und b�se Geister, das ist doch schon bald Okkultismus, und das soll man nun auch noch feiern. Und ausgerechnet am Reformationstag. Horrorfilme wollten sie da gucken, und Anne sagte zu mir:�Da kann ick denn wieder gar nich einschlafen nach�, und ich frag sie, warum sie sich denn dann so was anguckt, und da zuckt sie blo� mit den Schultern.�Na ja, die andern gucken doch auch.�</p><p>�Also, das kommt gar nich in Frage�, hab ich gesagt. Ich kann doch nicht jeden zweiten Mittwoch zu meinem Bibelgespr�chskreis rennen und dann mit der Jugend Halloween feiern. Ich wollt aber nun nicht lang und breit mit denen dadr�ber debattieren, ich hab einfach gesagt:�Wir machen ein Herbstfest. �Und zwar eher, wenn das Wetter noch einigerma�en ist, dann brauchen sie sich nicht mehr so lange langweilen, vielleicht k�nnen wir sogar noch grillen. Ach, ich versteh sie ja auch. Ist ja sonst nix los hier. Das Dorffest �bern�chstes Wochenende wird ja wohl auch eher ne lahme Veranstaltung werden, da mag auch keiner einen Finger f�r krumm machen, Hauptsache gibt Bier und Braunen. Na ja, Bes�ufnis war das schon immer, erst recht zu unsrer Zeit damals, aber wenigstens waren das noch richtige Feste, da ist das ganze Dorf hingekommen, und meine Mutter hat sich in Schale geworfen und ist mit ihren d�nnen Trittchen durch die Modder.</p><p>Einmal haben sie Pastor Maltzahn besoffen gemacht, da war ich aber noch ziemlich jung und hab das hinterher nur so durch meine Alten mitgekriegt, wie die sich dadr�ber aufgehalten haben. Und die hattens grade n�tig. Das muss in dem Jahr mit dem gro�en Brand gewesen sein, als der Bullenstall brannte. Meine Mutter hat mich wachger�ttelt und gesagt:�Stooh up, stooh up, de Bullenstall brennt!�</p><p>Weil wir wohnten ja gleich gegen�ber, und die hatten Angst, dass das Feuer auf unser Haus �bergreift, und dann musste ich blo� schnell die Stiefel anziehen und meinen Anorak �ber und dann nix wie raus, das war schlimmer als Gewitter, wo sie einen auch immer geweckt haben und alle Papiere zusammengesucht.</p><p>Fr�hmorgens war das, stockduster und eine eisige K�lte, mir blieb fast die Luft weg, auch wegen dem Rauch, der zu uns r�berzog. Das war mitten im Winter und an die minus zwanzig Grad oder so, die Schl�uche von den Feuerwehren waren teilweise eingefroren, die kamen ja von �berallher an mit Tat�-Tata, und dann konnten sie fast gar nix machen.</p><p>Wir dann im Galopp durch den Schnee an dem brennenden Stall vorbei, paar H�user weiter zu einer Freundin von meiner Mutter, zu der Kahl, und ich seh noch die gro�en Flammen, das war wie im Traum, wenn man wegl�uft und nicht von der Stelle kommt, der Stall wurd immer l�nger, und dann das Br�llen von den Tieren, und ich hatte grad zu der Zeit immer so einen Alptraum von einer Kuh, vor der ich weglaufen wollte und nicht konnte, und die kam immer n�her mit ihrem gro�en Maul, das kam mir nun alles in Kopp und ich war wie gel�hmt, meine Mutter musst mich ziehen, und ich dachte, wenn nun unser Haus abbrennt, dann ist der Aufsatz weg, den ich noch abends bis halb in die Nacht f�r Deutsch geschrieben hatte, dann war die ganze Arbeit umsonst, und ich krieg ne F�nf. Das war mein einziger Gedanke, und ich hab geheult.</p><p>Und dann seh ich, wie uns Pastor Maltzahn auf der Dorfstra�e entgegengerannt kommt mit ner Mistforke, und schon ganz rot im Gesicht, und die Haare standen ihm noch vom Schlafen in alle Richtungen ab, und denn hielt der die Forke auch noch so, als ob er damit nun auf einen loswollte, und ich hab gedacht, das darfst du nicht denken, aber gedacht hab ichs doch, n�mlich dass er einen ganz guten Teufel abgeben k�nnte, zum Fasching, aber er war doch der Pastor, und dann dacht ich, wenn jetzt unser Haus abbrennt, dann bin ich schuld, weil ich das �ber Pastor Maltzahn gedacht hab.</p><p>Das haben wir dann alles von der Kahl ihrem Haus aus beobachtet, wie die versucht haben, das Feuer zu l�schen und die Tiere rauszutreiben, und unser Pastor ist immer wieder rein, mitten ins Feuer, und hat die Viecher mit seiner Mistgabel rausbugsiert, die sind ja bei so was nicht zu bewegen, die rennen ja direkt in die Flammen. Die haben sie dann alle r�ber in die KfL-Werkst�tten getrieben, wegen der K�lte. Aber richtig gew�tet hat er da, Richard Maltzahn, und die andern M�nner angetrieben und rumkommandiert, und die haben vor Schreck pariert. Das h�tt dem keiner zugetraut von denen, die haben den ja vorher ganz misstrauisch be�ugt, weil er nun ja auch noch von woanders war und Hochdeutsch sprach, na, und nen Pastor hat doch da sowieso keiner ernst genommen, h�chstens die Alten. Aber danach hat ihm mein Vadder auf die Schulter gekloppt undn Schnaps gegeben. Da hat er denn dazugeh�rt auf einmal.</p><p>Und dann haben sie ihn beim Dorffest noch mal hochleben lassen und ordentlich abgef�llt, dass er nicht mehr alleine nach Hause konnte. Vielleicht hat das da angefangen. Denn aufzuh�ren, das hat er nachher nicht mehr geschafft, und er war doch der Pastor, auch f�r die, die dann Richard zu ihm sagten. Und seine Tochter, die hie� Gerda und wurde meine beste Freundin. Die haben sie immer gepiesackt, die hatte ganz rote Haare und alles voller Sommersprossen, und die Bengels haben gerufen:�Rotes Haar und Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen!�</p><p>Aber das hat ihr gar nix gemacht, oder zumindest hat sie sich nix anmerken lassen, denn gelitten hat sie, glaub ich, schon, aber das wurd mir erst viel sp�ter klar. Einmal haben sie mich in der Pause ins Lehrerzimmer bestellt. Was ich denn mit Gerda Maltzahn will. Ich hab erst gar nicht gewusst, was die meinen. Na, ich w�r doch so ne gute Sch�lerin und so vorbildlich und will doch bestimmt mal in die Partei eintreten, da h�tten sie gar keine Bedenken, aber dann k�nnte ich doch nicht mit einer Pastorentochter befreundet sein, das w�rde ich doch bestimmt einsehen. Ich hab die blo� angestarrt.</p><p>�Sonja, wir m�chten, dass du deine Freundschaft mit Gerda aufgibst.�</p><p>Ich wei� nicht, wie ich aus diesem Lehrerzimmer wieder rausgekommen bin. Aber seitdem hatte ich jedenfalls keine Bedenken mehr, wenn mein Vadder am Abendbrotstisch auf den Staat geschimpft hat, auf die� rote Saubande�. Seitdem war Gerda meine beste Freundin, und ich dachte, dass keiner uns jemals auseinanderbringt. Und ihr Vater hat mir das Schwimmen beigebracht, und sie haben mich mitgenommen zum Zelten am Kummerower See und an ihrem Geburtstag in die Operette nach Greifswald. Das war die Extra�berraschung von ihrem Vater,�jetzt fahren wir alle Mann nach Greifswald�, hat er gesagt, und sie hat sich so gefreut. Ich hab erst gedacht, ��hh, Operette, und dann war das so sch�n, das war das Sch�nste, was ich je erlebt hatte, und ich konnt gar nicht schlafen danach und war wie aufgezogen und hab das alles haarklein meiner Oma erz�hlt. Aber das war ihr irgendwie nix, sie hat dann blo� gesagt:�Na, nich dat du nu ��werkandidelst!�Und auf dem R�ckweg vom Theater, das wei� ich noch, sind wir in ein Gewitter reingekommen, und da hatt ich immer Schiss vor. Son Auto hat doch keinen Blitzableiter, hab ich gedacht, wenn da nu der Blitz einhaut, aber ich hab nix gesagt und war ganz still. Und Gerdas Vater hat das wohl gemerkt und gesagt, dass wir keine Angst zu haben brauchen, und dann hat er uns das erkl�rt, warum der Blitz nicht ins Auto einhaut, n�mlich dass das wie so ein Metallk�fig oder so ist, und dass wir ganz sicher sind, und wie er das so gesagt hat, da hatte ich auf einmal �berhaupt keine Angst mehr. Erst sp�ter, weil die ja immer gesagt haben, dass der Trabi blo� aus Pappe ist, ist mir das noch mal eingefallen, und da dacht ich, wenn er nu nicht recht gehabt h�tt, Pastor Maltzahn.</p><p>Gerda hat einmal ein Bild von mir gemalt, das sah richtig echt aus, da hab ich fast nen Schreck gekriegt, dass ich so ausseh, aber das stimmte. Sie konnte ja so gut zeichnen, da hat sie allen was vorgemacht, aber die dicke Mennig hat ihr trotzdem blo� immer ne Zwei gegeben. Da hab ich mich dr�ber aufgeregt, viel mehr als Gerda, die hat blo� gesagt,�lass doch�. Wenn wir zusammen was gezeichnet haben, war ich immer n bisschen neidisch, aber dann hab ich wieder gedacht, na egal, n�tzt ihr ja doch nix, in der Schule. Ging ja st�ndig alles blo� um die Schule. Aber nachmittags, wenn ich nicht grade alleine war oder Kaninchenfutter holen musste, dann war ich mit Gerda unterwegs, mit dem Fahrrad �ber die D�rfer, �ber alle Berge bis zum Dunkelwerden.</p><p>Als sie dann weggezogen sind, hatte ich schon andere Dinge im Kopf. Da bin ich mit Rosi und Marina los zur Disco, und Gerda durfte meistens nicht, und wir hatten sie eigentlich auch nicht so gerne dabei, weil sie immer fr�her als wir nach Hause musste, und einer musste sie bringen, und getanzt hat auch nie einer mit ihr, au�er ich, und da tat sie mir immer blo� leid, da hatte ich irgendwie immer n schlechtes Gewissen, wieso eigentlich.</p><p>Wir haben uns noch l�nger geschrieben, und auch in den Briefen war sie gnadenlos ehrlich wie immer, und das war mir manchmal fast zu viel. Wie sie von ihrem Vater schrieb, dass er zu viel trinkt, dass er manchmal angetrunken in den Gottesdienst geht, dass er an zwei Sonntagen hinternander die gleiche Predigt gehalten hat. Dass sie nicht wei�, was sie machen soll.</p><p>Und was hab ich ihr geschrieben? Dass es mir gut geht, was nicht stimmte, dass ich oft an sie denke, was auch nicht stimmte, dass die Lehre mir Spa� macht, was erst recht nicht die Wahrheit war, und was die Wahrheit war, hab ich nicht geschrieben. Dass ich meistens alleine bin. Dass mir oft langweilig ist. Dass ich eigentlich keine Freundin mehr hab. Dass mein Vadder s�uft, dass meine Mudder auch angefangen hat, dass mein Vadder meine Mudder gr�n und blau schl�gt, dass ich zur LPG muss und sie krank melden. Dass ich nicht wei�, was ich machen soll.</p><p>Na ja, Gerda hat dann aufgeh�rt, mir zu schreiben, aber auch nicht einfach so. Ihr letzter Brief war kaum ne halbe Seite lang, und sie hat sonst sechs oder acht geschrieben, das war f�r sien Klacks, w�hrend ich mich immer mehr rumgequ�lt hab, �berhaupt zwei oder drei vollzukriegen. Sie hat da nix weiter geschrieben, als dass ihr Vater gestorben ist. Aber �gestorben� hat sie nicht geschrieben. Sondern so, wie es war. Und er war Pastor.�Mein Vater hat sich letzten Mittwoch aufgeh�ngt. Meine Mutter hat ihn gefunden, aber er war schon tot. �Und dass sie mir jetzt nicht mehr schreiben k�nnte, und ich soll nicht fragen, warum, und ihr auch nicht mehr schreiben.</p></section><section><title><p><strong>JOHN &amp; PAUL</strong></p></title><p>UND WENN ALL DIE UNGL�CKLICHEN MENSCHEN AUF DER WELT SICH VERST�NDIGEN</p><p>WIRD ES EINE ANTWORT GEBEN: LASS ES SEIN</p><p>AUCH WENN SIE GETRENNT SEIN M�GEN GIBT ES IMMER</p><p>NOCH EINE M�GLICHKEIT</p><p>DIE SIE SEHEN WERDEN</p><p>ES WIRD EINE ANTWORT GEBEN: LASS ES SEIN</p></section><section><title><p><strong>ROMY</strong></p></title><p>Das werd ich nie kapieren, wo die ihre Klingel haben, vielleicht ist das die Wachlowski�sche Art, sich vor ungebetenen Besuchern zu sch�tzen. Ich aber wurde wieder mal gebeten, was gar nicht n�tig gewesen w�re, ein Wort h�tte gen�gt, also: ein Name. Und w�hrend ich noch �berlege, ob ich ihn vor mir selber aussprechen soll, geht die T�r auf.</p><p>�Ich hab dich gesehen, vom Fenster aus�, sagt Ella und l�chelt ein bisschen verlegen.�Ich hab Kuchen gebacken. Muss blo� noch Guss rauf.�</p><p>Sie l�sst mich vorgehen in ihr Zimmer, ich suche mir den roten Sessel aus, der, in dem Paul das letzte Mal gesessen hat, weshalb mir mein Hintern darin jetzt fast als unrechtm��iger, na ja, Besitzer vorkommt, aber noch ist wohl nichts endg�ltig festgelegt.</p><p>�Der ist toll�, sage ich, Ella l�chelt wieder, eigentlich ist sie ganz h�bsch, man sieht das sonst gar nicht so. Zumindest hat sie das, was immer mein Wunschtraum war: lange dunkle Haare. Meine eigenen sind ja blo� undefinierbar gelb und irgendwie nicht der Rede wert.</p><p>Ich stelle mir Ella in einem mongolischen Epos vor, wie sie unter bleischweren Wolken mit wehender schwarzer M�hne auf einem Steppenpferd mit ebenso wehender M�hne �ber die Steppe reitet, ihr Haar die Todesflagge des dr�uenden Krieges: Wird sie den k�hnsten aller Krieger, ihren herrlichen Geliebten, noch erreichen in seiner Jurte, noch verk�nden k�nnen ihm die schreckliche Botschaft, bevor das feindliche Heer gleich einem donnernden, vernichtenden Ungewitter �ber die unbewehrte Siedlung hereinbricht?</p><p>�Paul ist noch nicht da�, sagt Ella, was ich ja sehe.�Ich hoffe, er kommt noch�, f�gt sie pl�tzlich hinzu, und dann, fast entschuldigend:�Es ist ziemlich viel Kuchen.�� Ich mach den mal fertig.�</p><p>Die Treppe gibt bei jedem ihrer Schritte ein knarzendes Ger�usch von sich, obwohl man genau h�ren kann, dass Ella versucht, sacht aufzutreten, nicht nilpferdm��ig hinunterzupoltern, und damit wahrscheinlich das erste Mal die wahrscheinliche Ermahnung ihrer Eltern befolgt: Polter nicht so die Treppe runter. Und alles wegen mir? Paul ist ja noch nicht da. Vielleicht auch blo�, weil frisch gebohnert ist, dieser altert�mliche, wie aus einem versunkenen Jahrhundert wieder aufgestiegene Bohnerwachsgeruch dringt bis in Ellas Zimmer. Ich hatte ihn v�llig vergessen. Er muss quasi mit der DDR verschwunden sein, die ich kaum kennengelernt habe, kaum hatte ich ihren Namen schreiben gelernt, war sie schon wieder weg. Im Moment f�llt mein Leben in zwei H�lften auseinander, wie ein geteilter Apfel, und genau wie ein Apfel auch nicht in zwei gleich gro�e: Die eine H�lfte bekommt den Stiel, mehr vom Kerngeh�use und auch mehr Fruchtfleisch, bei mir hei�t sie wiedervereinigtes Deutschland, und die kleinere, unkompliziertere DDR, und sie ist es deshalb, weil ich ein achtj�hriges Kind war, als mein Leben zwei H�lften bekam. Die mit der Zeit so antrockneten und verschrumpelten, dass sie beim Gegeneinanderhalten nicht mehr zusammenpassen. Und merkt der Apfel die Teilung? Ich merke nichts. Oder nur so kleine Sachen, Unterschiede im Aroma, Bohnerwachs.</p><p>Unsere Hosenboden waren nachher immer voll von rotbraunen Schmierstreifen, wenn wir in unserem alten, aber ehrenwerten Mietshaus wieder mal die Treppe runtergerutscht waren, runtergehopst von Stufe zu Stufe auf unseren kleinen Hinterteilen, so schnell, dass man wirklich schon fast von Rutschen sprechen konnte, nahe an vierundzwanzig Stufen pro Sekunde. Das gab Mecker, das ging nicht mehr raus, und unsere Hintern wurden gr�n und blau, ganz ohne Schl�ge. Und einmal bin ich tats�chlich drauf ausgerutscht, und der Schock war gr��er als der Schmerz, denn ich h�tte doch nie gedacht, dass das wirklich passieren w�rde, wie ja auch nie einer wirklich auf einer Bananenschale ausrutscht, obwohl ich diesen Slapstick da noch gar nicht kannte, weil sich ja, wie allgemein bekannt und bewitzelt, Bananen bei uns derart an der Grenze des M�glichen und Erringbaren bewegten, dass man die meiste Zeit verga�, dass es sie �berhaupt gab, und das war auch besser so, denn es gab sie ja nicht. Mein Hintern tat mir mindestens eine Woche lang weh, trotzdem konnte ich es nicht glauben, dass alle Warnungen und Prophezeiungen meiner Mutter aufs Genaueste und also Dem�tigendste eingetroffen waren. Ich glaube so was immer noch nicht, ich habe das fast k�rperliche Gef�hl, ich darf nicht, ich darf gar nicht erst damit anfangen.</p><p>Und es ist derselbe Hintern, der sich jetzt in Paul McCartneys Sessel schmiegt, der ja Ellas Sessel ist, und beinahe warte ich drauf, dass es poltert, dass Ella ausrutscht mit ihren ausgeleierten Pl�schlatschen auf der gebohnerten Treppe.</p><p>Mein Blick wandert durch ihr Zimmer. Es ist erstaunlich normal. Erstaunlich gem�tlich. Na was hast du denn erwartet, Romy? Eine Bierdosensammlung? Schwarzgestrichene W�nde, eine Grufti-H�hle? Das Einzige, was mich ein wenig befremdet, sind die Augen von Kurt Cobain, die mich von der Wand gegen�ber anstarren, sehr wei�. So was gibts also noch, hab ich l�nger nicht gesehen. Aber auf den Schulfesten kramen sie auch noch jedesmal SMELLS LIKE TEEN SPIRIT raus, und, ich gebe es zu, auch zu meiner Freude, denn es ist ja wenigstens was, wonach man mal tanzen kann, nachdem man vorher ungef�hr zweieinhalb Stunden rumgesessen und auf� was Gescheites �gewartet hat. Es ist immer ein Elend. Man fragt sich, warum man �berhaupt noch hingeht, zu diesen Herbstb�llen, Schneeb�llen, Faschings- und Sommerfesten. Weil Nichthingehen noch unertr�glicher w�re, weil man dann zu Hause sitzen und sich �rgern w�rde, die einzige Chance, sich vielleicht mal irgendwo zu� am�sieren�, gerade durch eigene Schuld zu verpassen, w�hrend sich alle anderen vielleicht, vermutlich, h�chstwahrscheinlich gerade� k�stlich am�sieren�, und man am n�chsten Tag in der Schule wie der letzte langweilige Trottel dast�nde, weil man wieder mal nichts mitgekriegt h�tte und sowieso �berhaupt keine Ahnung, wor�ber gerade getuschelt wird? Ja.</p><p>Au�erdem nat�rlich: Tobias. Um ihm �ber den Weg zu laufen, einen Blick, ein L�cheln, Molek�le seines Duftes zu erhaschen, wom�glich sogar: ein Gr��en. Es bleibt mir gar nichts anderes �brig, als hinzugehen. Weil ich in einer st�ndigen Panik vor den Geschossen des Schicksals lebe, die allesamt aus einer Kanone mit der Aufschrift �Verpasste Gelegenheit� abgefeuert werden. Ich habe das l�ngst durchschaut, aber aus irgendeinem Grunde komme ich nicht aus der Schusslinie.</p><p>Und dann sitzt man doch nur wieder rum und betrachtet mit einer Mischung aus Verst�ndnislosigkeit und Abscheu die bizarren P�rchen, die sich im Eins-Zwei-Tip-Schritt zu Eins-Zwei-Tip-Musik �bers Parkett schieben, beobachtet seine eigene Laune beim Absacken in tiefste Kellergew�lbe, und wenn man einen Blick von ebenso trostlos rumsitzenden Leuten auff�ngt, rollt man mit den Augen, beteuert sich gegenseitig, wie �de man es f�nde, und �u�ert in Variationen die Meinung, dass sie doch endlich mal� was Gescheites �spielen k�nnten. Komischerweise herrscht da eine seltene Einigkeit zwischen mir und Leuten, mit denen ich sonst gar nichts oder nicht mehr sehr viel zu tun habe, also zwischen mir und den Coolen. Was idiotischerweise eine Selbstbenennung ist. Ich h�tte das nicht f�r m�glich gehalten, bis mich Susanne � und sie war wirklich mal meine Freundin � einmal nach einer Faschingsfeier, bei denen die meisten� von uns �nicht dabei waren, weil sie anscheinend schon was Besseres vorhatten, und Susanne selber krank gewesen war, fragte, wer denn alles da gewesen sei und ob sie was verpasst habe. Ich sagte, dass zumindest ich da gewesen sei, und z�hlte dann noch ein paar andere auf, worauf sie befriedigt feststellte:�Also die ganzen coolen Leute waren nicht da.�</p><p>Das war kein Witz, und ich lachte auch nicht.</p><p>�Nein�, sagte ich,�nur die uncoolen.�</p><p>Da ist ihr das ber�hmte ironische Susanne-Grinsen f�r einen kurzen Augenblick abhanden gekommen. Sie fing dann schnell irgendwas Belangloses an, aber ich hatte keine Lust zu antworten und sagte, ich h�tte jetzt keine Zeit mehr. Ich glaube nicht, dass die Anzahl der F�lle, in denen jemand wirklich unter Zeitdruck steht, wenn er dies �u�ert, die F�nf-Prozent-Marke �bersteigt. �Keine Zeit� ist wahrscheinlich schon seit Menschengedenken ein Synonym f�r �keine Lust�, vermutlich ist dieser Prototyp aller Notl�gen bereits vom erlernten ins angeborene Verhalten �bergegangen, und so d�rfte auch Susanne die Botschaft instinktiv erfasst haben. Allerdings nur die halbe. Denn f�r das Eigentliche, das ich sagen wollte oder h�tte sagen wollen m�ssen, das, was beim Anblick dieser ganzen coolen Clique in mir wie Magens�ure in der Speiser�hre hochsteigt, brennt und mich st�ndig aufsto�en l�sst, fehlen mir nach wie vor nicht nur der Mumm, sondern auch die Worte. Und das verursacht mir neben diesem unbeschreiblichen Ekelgef�hl die gr��te �belkeit.</p><p>Vielleicht liegt es blo� daran, dass es sich bei der H�lfte davon um Leute handelt, mit denen ich mich mal angefreundet hatte, als sie uns alle in der sechsten Klasse auf dem Gymnasium zusammengew�rfelt hatten und die alten Freunde teils in der Realschule geblieben, teils sowieso schon nicht mehr das waren, was man als Kind ganz selbstverst�ndlich so bezeichnet hatte. Da kamen mit den neuen F�chern und den neuen Lehrern auch diese neuen Freundschaften �ber einen, oder was man so Freundschaften nannte, wenn man den einen oder anderen Nachmittag zusammen verbrachte, gemeinsam �ber Lehrer und Mitsch�ler herzog und sich gegenseitig zum Geburtstag einlud. Aber an meine legend�ren Kindergeburtstage, bei denen Mama der Zeremonienmeister war, die tollsten Spiele mit uns veranstaltete und wir oft nicht mehr konnten vor Gackern oder auch heulend in der Ecke sa�en, weil jemand anderes den Preis bekommen hatte, an diese Geburtstagsfeierlichkeiten, die einen derartigen H�hepunkt in meinem Jahresablauf darstellten, dass ich bereits Wochen vorher kunstvolle Einladungskarten fertigte und nicht mehr durchschlafen konnte, kamen diese sp�teren Feiern schon nicht mehr heran.</p><p>Und wie l�cherlich mir das jetzt vorkommt, wie ich jedes Jahr aufs Neue bei dieser �berfahrt, mit geringf�gig wechselnder Besatzung, versucht habe, auf einem fatalen Kurs abzubremsen, vielleicht gar, eine Schubumkehr einzuleiten, und First Officer Mama gab sich nach wie vor alle M�he. Niemand guckt gern zu, wenn sein Schiff durch Aufprall auf einen Eisberg auseinanderzubrechen droht, und so machte ich einfach die Augen zu. Es muss das Vorgef�hl dieses Ekels gewesen sein, das ich nicht wahrnehmen wollte, auch nicht, als Susanne und Anja sich zu vertraulichen Gespr�chen f�r eine halbe Stunde im Bad einschlossen, nicht, als Nadine und Beate gleich nach dem Kaffeetrinken zu einem Spaziergang aufbrachen und erst kurz vor dem Abendbrot wieder eintrudelten, und als keiner mehr zu irgendetwas anderem als Rumsitzen-und-�ber-Leute-L�stern zu bewegen war, ebenfalls nicht. Bis ichs kapiert hatte, mir gar nichts anderes �brig blieb, als endlich mal was zu kapieren. Und das muss eigentlich schon vor meinem siebzehnten Geburtstag eingetreten sein, der zweifellos die Kr�nung darstellte. Jedenfalls konnte ich mir hinterher keinen einzigen vern�nftigen Grund mehr nennen, der mich dazu veranlasst hatte, meine Freundinnen noch einmal einzuladen.</p><p>Wir steckten gerade mitten im Umzug nach Bresekow, die Wohnung war schon halb ausger�umt, und �ber allem hing vermischt mit dem Melassegeruch der Zuckerfabrik etwas, das ich als z�hfl�ssige Hektik bezeichnen w�rde, was mir in einem Aufsatz nicht mal als Oxymoron durchginge, denn die gleichen Dinge, die wir in hochliterarischen Texten als sogenannte sprachliche Mittel wie abgerichtete Tr�ffelschweine aufst�bern sollen, werden uns in eigenen ja als sogenannte Ausdrucksfehler angestrichen. Aber es war diese Art von Stimmung, in der man die ganze Zeit nerv�s ist, weil sich etwas ver�ndert, aber auch gerade deswegen wie halbseitig gel�hmt. Es ging etwas definitiv zu Ende, und zwar mehr als nur die siebzehn Jahre, die ich in dieser pupsigen Heimatstadt zugebracht hatte. Ich kann nicht sagen, dass das Gef�hl inzwischen aufgeh�rt h�tte. Aber ich habe mich dran gew�hnt. Es hat fast etwas Erregendes bekommen, dieses Atmen in letzten Z�gen. So, als k�nnte gleich morgen irgendwas Tolles oder so passieren. Irgendwas eben. Paul zum Beispiel, vielleicht. Andererseits muss man immer noch zur Schule, und solange das nicht aufh�rt, wird gar nichts wirklich aufh�ren, und gar nichts wirklich anfangen.</p><p>Dieser Geburtstag sollte nun gleichzeitig die Funktion einer Art Abschiedsparty erf�llen, was eigentlich albern war, ich meine, wir zogen von Anklam in ein sechs Kilometer entferntes Dorf und lie�en damit nicht gerade die Grenzen der bekannten Welt hinter uns, nur dass sich das f�r meine allesamt in Anklam wohnenden Freundinnen anscheinend anders darstellte, denn sie waren es, die es so nannten:�Du machst also ne Abschiedsparty!�Es klang, als freuten sie sich drauf. Und ich f�hlte mich zu irgendwas verpflichtet.</p><p>Fragte erstens mal unseren Pastor, den wir inzwischen duzten und mit seinem Vornamen, Konrad, ansprachen, was auch so eine Idee der anderen und mir selber einigerma�en unangenehm war, auf eine �hnliche Art wie seine �bergro�en Ohrl�ppchen, ob ich f�r meinen Geburtstagsabend den Kellerraum im Gemeindehaus bekommen k�nnte. Konny, wie wir ihn unter uns nennen, hatte erwartungsgem�� nichts dagegen, seine Antwort war wie �blich luftgepolstert mit Ausdr�cken der Sorte� selbstverst�ndlich�,�na meinetwegen gerne�,�aber klar doch�, er hatte� Verst�ndnis �f�r meine� Situation�. Ich war kurz irritiert und �berlegte, welche� Situation �in aller Welt er blo� meinte, ich f�hlte mich durchschaut, ohne zu wissen, in welcher Hinsicht. Was wusste er �ber mich? Na ja, blo� dass wir gerade aufs Dorf zogen.</p><p>�Ihr wollt wohl nicht zwischen Umzugskartons feiern, was?�, sagte er mit einem Ausma� an Verst�ndnis, das weit �ber meins ging, und lie� darauf sein hohes, kurzes Kichern ab, bei dem er keine Miene verzieht.</p><p>�Nicht so gerne�, sagte ich blo�, denn jetzt ging es darum, einem dreist�ndigen Gespr�ch mit ihm zu entkommen, das hei�t einem seiner gef�rchteten Monologe, die sich zu neunzig Prozent um seine Zeit in Namibia drehen, wo er jahrelang mit seiner Familie gelebt und einer deutschsprachigen Gemeinde vorgestanden hatte, bevor er nach Anklam sozusagen versetzt worden war, und f�r die er �berall Gespr�chsankn�pfungspunkte sucht und ungl�cklicherweise auch findet.</p><p>�Na ja, ich wei� noch, wie wir damals mit Sack und Pack nach Namibia sind, und Ruth, also meine Frau, hochschwanger���Worauf er eine seiner nicht minder gef�rchteten Kunstpausen einlegte, mit denen er, wenn sie in seinen Predigten auftreten, der ganzen Gemeinde regelm��ig ein schlechtes Gewissen verursacht, zun�chst nur, weil die and�chtigen Zuh�rer sich fragten, ob sie Anlass f�r dieses pl�tzliche Verstummen gegeben hatten, weil einer unter ihnen vielleicht nicht and�chtig genug zugeh�rt hatte, jetzt, weil sie in dieser Pause der besch�menden Tatsache inne werden, dass sie allesamt den Worten des Pastors nicht gen�gend Aufmerksamkeit geschenkt haben, da sie sich beim besten Willen nicht an seinen letzten Satz, n�mlich nicht an den Grund f�r die Pause erinnern k�nnen und �berdies sich zusammenrei�en m�ssen, in ebendieser Pause nicht einzunicken. Man muss also leider sagen: Konny und seine Diktion erfreuen sich keiner sonderlichen Beliebtheit.</p><p>Zu Unrecht, wie ich in diesem Augenblick fand, warum wollte denn niemand das Gute daran sehen? Das Gute daran ist, dass man diese L�cke in seinem Sprech- und vermutlich auch Denkprozess dazu nutzen kann, sich zu verabschieden, was ich also tat.</p><p>�Ach ja, Romy, na dann�� Vielleicht schau ich am Samstag mal vorbei, aber ich kann nichts versprechen. �Ich hatte keine Ahnung, was ich dazu sagen sollte, und nickte nur vorsichtig. Beinahe verst�ndnisvoll.</p><p>Punkt zwei war die Bowlingbahn. Die ist relativ neu und nimmt unter unseren sp�rlichen Freizeitaktivit�ten einen gewissen Stellenwert ein. Das hei�t, zuerst war mir das ja wie ein etwas zweifelhaftes Vergn�gen vorgekommen, einfach deshalb, weil ich seit jeher eine starke, wenn auch, zumindest meinen Eltern, unerkl�rliche Abneigung gegen popul�re Vergn�gungen aller Art empfinde. Und ich kann gar nicht sagen, wie gl�cklich ich mich sch�tze, dass die Zeit, als man noch veranlasst wurde, mit Mama und Papa Sonntags- und Ferienausfl�ge zu irgendwelchen Stadt- und Strandfesten, historischen Spektakeln und T�pferm�rkten zu unternehmen, mittlerweile ein f�r allemal ausgestanden scheint. Wobei, wohlgemerkt, nicht die Umst�nde dieser Veranstaltungsbesuche � mit Mama und Papa � in erster Linie so peinigend auf mich wirkten, sondern die Veranstaltungen an sich. Schon als Kind waren mir, obwohl ich wie alle anderen auch hindallerte und Zuckerwatte zu meinen erkl�rten Leibgerichten z�hlte, zum Beispiel Rummelpl�tze ziemlich zuwider. Es ging etwas Anr�chiges, Rohes und Dreistes von ihnen aus, das bis heute seine einsch�chternde Wirkung auf mich nicht verloren hat. Der Gedanke daran, dass Tante Marlies immer mal was mit sogenannten Rummelfritzen gehabt haben, ja, regelrecht verr�ckt nach ihnen gewesen sein soll, diesen kleinen, muskul�sen, speckigen Typen, die gef�hrlich grinsten, wenn sie die Wagen der Berg-und-Tal-Bahn herumschleuderten, drehte mir schon damals den Magen um, war allerdings auch so faszinierend � eine Faszination von der Sorte, die sich beim Anblick von Monstrosit�ten einstellt � , dass er sich nie ganz verdr�ngen lie�.</p><p>Die Bowlingbahn ist harmloser, das hatte ich gleich gesehen, als einmal unsere Klasse einen Nachmittag dort verbracht und sich bei mir sogar ein kleines unvermutetes Talent herausgestellt hatte. Zwar gibt es die �blichen ihrem Bierbauch Nach- und Vorschub leistenden M�nner mittleren Alters, aber genauso Frauengruppen, an denen das Nervigste nur ihr h�ufiges Juchzen ist, und sogar regelrecht seri�s wirkende Leute, dar�ber hinaus eine resolute Chefin, unter deren Regiment es vermutlich nicht mal zu Ans�tzen von Ausschweifungen kommen w�rde. Zu meiner �berraschung sammelt sich dort also nicht eine Querschnittsmenge aller dubiosen Bev�lkerungsgruppen Anklams und Umgebung, was vielleicht daran liegt, dass sich DER CLUB als altbew�hrte Sammelstelle gleich nebenan befindet. Wahrscheinlich hat man bei der Namenswahl dieser einzigen Disco Anklams erst gar keine Zweifel aufkommen lassen wollen, allerdings ist die Bestrebung, falls es eine gibt, dem Ziel der Coolness, das mit dieser Namensgebung gesteckt ist, auch nur ein St�ckchen n�herzukommen, �ber all die Jahre vergeblich und DER CLUB ein erb�rmliches Bumslokal geblieben. Wo sich unfehlbar jedes Wochenende eine Klientel trifft und betrinkt, der man schon im n�chternen Zustand eigentlich nicht begegnen m�chte. Typen wie die von der Elpe. Von uns verirrt sich kaum mal einer da hin, und wenn, dann ist er meistens bem�ht, diese Verirrung nicht publik werden zu lassen. Mutma�liche Ursache f�r sie ist eben die Alternativlosigkeit, die besagten Schulfesten nur eine umso unverh�ltnism��igere Wichtigkeit verleiht. Ich war ein einziges Mal da, zum Geburtstag einer fr�heren Freundin, und seitdem ist mir klar, dass DER CLUB f�r meine eigenen Geburtstagsfeiern und �berhaupt auf keinen Fall in Frage kommt. Ich mietete f�r meine Party eine Bowlingbahn von acht bis zehn.</p><p>Au�erdem wollte ich meine bescheidenen Kochk�nste auf ihren individuellen Zenit treiben und selbst�ndig sowohl unsere ber�hmte K�sesuppe als auch einen dreischichtigen Kuchen, wobei es sich um ein beinahe schon Torte zu nennendes Gebilde aus Pudding und Sahne handelte, fabrizieren. Dazu: Bowle. Beliebtestes Ges�ff nicht nur auf Omageburtstagen, sondern auch auf denen der Jugend, da es bei diesen wie bei jenen vornehmlich als L�sungsmittel zur Tarnung von drei Vierteln eines Dreiviertelliters dient und folglich auch genauso schmeckt. M��ig zu sagen, dass meine Bowle dieser billigen Mode nicht folgen, sondern mit ihrer feinen Martini-Note auch h�herentwickelten Geschmacksknospen Gen�ge tun sollte. Nun ja, der Konjunktiv: Bis mir das mit dem Martini n�mlich einfiel, war es bereits Sonnabend nachmittag, und das Angebot des einzigen noch offenen Supermarktes in Anklam ging, neben den �blichen Abartigkeiten wie GOLDKRONE, der hiesigen Schattenw�hrung, �ber Gin nicht hinaus, und ich muss an dieser Stelle mal Folgendes loswerden: Gin ist, abgesehen von GOLDKRONE, das allerwiderlichste alkoholische Erzeugnis, das die Menschheit je ersonnen hat, besonders in Form von Gin Tonic! Zwar h�lt sich meine Erfahrung auf diesem, ja, und nicht nur auf diesem, Gebiet in ziemlich �berschaubaren Grenzen, aber etwas noch Gaumenmissbrauchenderes ist einfach nicht vorstellbar. Ich wei�, dass ich mit dieser Aversion wieder mal allein dastehe, ungef�hr so allein wie mit meiner Aversion gegen Volleyball, aber das ist ein anderes Thema. Beides genie�t �brigens unter meinen fr�heren Freunden gr��tes Ansehen, und der Wind, der mich �ber die d�rre Ebene zunehmender Distanz von ihnen best�ndig anweht, tr�gt mitunter den Brechreizgeruch von Gin Tonic in meine Nase, legt mir die staubige Unbarmherzigkeit von Volleyball auf die Zunge.</p><p>Zum Geburtstag an sich gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Irgendwie ist mir das auch alles ein bisschen peinlich. Als ob es <emphasis>mir</emphasis> peinlich sein m�sste! Das ist so wie mit diesen Talkshows, das halte ich auch nicht aus, wie die Leute sich da zum Klops machen. Aber hier liegt die Sache noch ein bisschen anders, immerhin ging es ja um <emphasis>mich</emphasis>. Und das Peinliche daran war vielleicht nur, dass es �berhaupt nicht um mich ging.</p><p>Da sa� das Geburtstagskind dann allein im ockerget�nchten Gemeindehauskeller zwischen Tellern und Torte und wartete eine geschlagene Stunde auf seine Geburtstagsg�ste und fragte sich, ob es sich im Datum geirrt hatte. Doch siehe, um kurz vor acht tat sich die T�r auf, und der erste Gast trat ein. Es war Susanne. Ihre Begr��ung:�Hallo! Wo sind denn die anderen?�</p><p>Ich sagte, dass sich das leider auch meiner Kenntnis entz�ge, aber vielleicht sei das alles ein Missverst�ndnis. Vielleicht warteten inzwischen alle anderen schon an der Bowlingbahn auf mich, w�re doch m�glich, oder? Ich glaube, f�r einen Augenblick war ich wirklich �berzeugt davon. Aber als wir dann an der Bowlingbahn ankamen und kein Schwein da war, wunderte mich das eigentlich schon nicht mehr, und nur Susanne versuchte noch notd�rftig, ein bisschen Verbl�fftheit aufrechtzuerhalten.�Aber du hast doch gesagt, um acht, oder nicht?�</p><p>�Ich habe um sieben gesagt, um sieben im Gemeindehaus.�</p><p>Susanne zuckte mit den Schultern.�Tja.�</p><p>Sie setzte sich zu mir auf die flache Mauer, sprang aber gleich wieder auf und fing an, vor mir hin- und herzulaufen, ihre Arme im Takt ihrer Schritte zu schwingen und in gewissen Abst�nden tief Luft zu holen, um sie mit Nachdruck wieder auszusto�en. Ihr Atem hing f�r Momente wei� und formlos wie ein best�ndig wiederholter Vorwurf in der frostigen Luft. Insgesamt sah es so aus, als warte nicht ich, sondern sie auf etwas. Insgesamt sah es so aus, als warte sie darauf, dass ich sage: Du kannst gehen.</p><p>Es war weit nach halb neun, als schlie�lich Anja eintraf, die Susanne umarmte, als h�tten sie sich mindestens elf Monate nicht gesehen, und behauptete, sie w�re schon mal da gewesen, was mich zwar in meiner Missverst�ndnis-Annahme best�tigte, leider aber auch in der, wie diese Missverst�ndnisse zustande kommen: weil mir offenbar nie jemand richtig zuh�rt.</p><p>Anja �berreichte mir ihr Geschenk, der Form nach zu urteilen ein Kalender, auf dessen Erscheinen man sowieso todsichere Wetten abschlie�en kann, wenn man gegen Ende des Jahres Geburtstag hat, und weshalb auch zu Neujahr immer wenigstens drei Exemplare Obdach in meinem Zimmer beanspruchen. Und ich wei� nicht, ob diese Kalender�berversorgung seit meiner fr�hesten Jugend die Ursache meiner Besessenheit von allem, was mit Zeit und ihrem Vergehen zu tun hat, darstellt oder ob erst diese zwanghafte Passion mich dazu veranlasste, tats�chlich allen Kalendern Platz sowohl an meinen vier W�nden sowie auch in meinem Tagesablauf einzur�umen. Denn es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht in einem von ihnen und meistens sogar allen bl�ttere � als wollte ich �berpr�fen, ob die Zeit auf allen gleich vergeht, beziehungsweise eine absurde kleine Hoffnung best�tigt finden, dass sie es nicht tut � , um komplizierte Berechnungen zu meiner Jahresplanung anzustellen, vielleicht um mir vorzugaukeln, ich h�tte dabei ein W�rtchen mitzureden, nur um sie gleich darauf wieder zu vergessen, was mir die M�glichkeit bietet, am n�chsten Tag die gleiche Operation aufs Neue vornehmen zu k�nnen. Es ist eine Art von Freizeitbesch�ftigung.</p><p>Zwischendurch, in der Schule, kommen mir S�tze in den Kopf, die so unwiderlegbar wie panikverursachend sind, S�tze wie: HEUTE IST DER ERSTE TAG VOM REST DEINES LEBENS.�Oder: WENN DIE ZEIT DAS KOSTBARSTE IST, WAS WIR HABEN, IST DIE ZEITVERSCHWENDUNG DIE ALLERGR�SSTE VERSCHWENDUNG.�Mit der Zeit destillierte sich daraus in meiner geheimen Brennerei ein Tr�pfchen mit dem Namen CARPE DIEM, das je nach Stimmungslage und Genussmenge anregend bis schock- oder ohnmachtsausl�send wirkt, oft in Verbindung mit der Frage: Was tue ich hier eigentlich?</p><p>Womit der ganze Geburtstag schon kurz und b�ndig zusammengefasst w�re, denn wom�glich bedeutet es eine doppelte Zeitverschwendung, �ber eine solche auch noch eingehend nachzudenken. Also sei nur noch Folgendes zum Thema angef�hrt:</p><p>Irgendwann tauchten auch die anderen auf. Das Bowlingspiel entwickelte sich zu einer �den Art von Fiasko. Niemand au�er mir zeigte Interesse daran. Als wir um zehn gehen� mussten�, war dies mit einer allgemeinen Erleichterung verbunden. Beate hatte noch eine Freundin von sich samt ihrem Freund und wiederum dessen Freund mitgebracht. Das Essen im Gemeindehauskeller wurde auch von ihnen gut angenommen. Der dadurch hervorgerufene Mangel an Tellern verurteilte mich zum Zugucken und anschlie�endem hastigen Ausl�ffeln meiner K�sesuppe, w�hrend die ersten schon darauf warteten, sich verabschieden zu k�nnen.�Aber iss mal ruhig erst noch auf. �Christine hatte urspr�nglich gleich im CLUB bleiben wollen, weil sie dort mit ihrer Freundin zur Oldie-Party verabredet war, ein Ereignis, das ungef�hr alle zwei Wochen stattfindet, und ich habe immerhin einmal im Jahr Geburtstag, das ist ja nun schon �bertrieben oft. Folglich hatte ich es als gro�e Gnade zu betrachten, dass sie sich doch noch bequemte, sich meiner vorbereiteten Speisen zu erbarmen. Der Rest der Gratulanten rutschte noch eine halbe Stunde wie unfreiwillige Abgesandte, die die Stellung halten sollen und es nicht schnell genug geschafft hatten, sich zu weigern, auf den beige-braun gemusterten Gemeindehausst�hlen hin und her und versuchte, die Unterhaltung zur Aufrechterhaltung der freundschaftlichen Beziehungen mit Austausch �ber nicht Anwesende zu bestreiten.</p><p>Dann bin ich allein. Ich lege die Beatles ein. Ich schiebe den Volume-Regler weit �ber die Mitte der Skala und singe laut HELP! mit. Und alle folgenden Songs. Ich singe alle Stimmen, ich bin John, Paul, George und Ringo, ich spiele alle Instrumente. AND I FEEL FINE. �</p><p>Ich war erst ein paar Schritte vom Haus weg vorsichtig den dunklen Weg zur Stra�e entlanggetappt, als ich Konny sah. Er kam mit gro�en, wippenden Schritten und vorn�bergebeugt direkt auf mich zu und bemerkte mich doch erst, als er fast mit mir zusammenstie�.</p><p>�Nanu, Romy! Was machst du denn hier drau�en? Ist dir nicht gut? Ich wollte gerade mal vorbeischauen, mal hallo sagen wenigstens, hatte ich ja versprochen, oder?�</p><p>Ich guckte auf sein �berdimensionales Ohrl�ppchen.�Du kannst wieder nach Hause gehen�, sagte ich, und das Du kam mir zum ersten Mal nicht komisch vor, mir war, als spr�che ich mit einem Kind.�Es ist vorbei.�</p><p>Schon an der Stra�e angelangt, h�rte ich Konny rufen:�Herzlichen Gl�ckwunsch �brigens!�</p><p>Im orangen Licht der Stra�enbeleuchtung schwamm ich nach Hause, und meine ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf meinen Schatten, der beim Passieren einer Laterne langgezogen vor mir lag, auf dem Weg zur n�chsten stetig schrumpfte und, wenn ich die H�lfte �berschritten hatte, pl�tzlich hinter mich zur�cksprang, womit das Spiel in meinem R�cken von neuem begann. Als ich schlie�lich aufsah, zogen die geheimnisvollen Anlagen der Zuckerfabrik meinen Blick an, die wie von innen heraus blaugr�n leuchteten und kurz vor ihrem Start in eine andere Galaxie zu stehen schienen.</p><p>Am n�chsten Tag ging ich aufr�umen, und beim Anblick der sogenannten Geschenke, die noch zwischen den resteverklebten Gl�sern und Tellern, den Zerfallsprodukten von Kuchen und Knabberzeug rumlagen, �berlegte ich kurz, ob sie den gleichen Weg wie die zerkn�llten Servietten und anderen Abf�lle gehen sollten. Aber dann beschloss ich, sie mitzunehmen, mit in die Umzugskartons zu packen und sorgsam aufzuheben, als kuriose kleine Mahnmale, denn auf ihre Art waren sie wirklich denkw�rdig. Anjas etwas l�ppischer Kalender nahm sich noch verh�ltnism��ig gut aus gegen die Kerze in Apfelform mit Apfelduft von Beate, eine Idee, die ihr Gehirn nicht halb so strapaziert haben d�rfte wie mein �sthetisches Empfinden. Das Sch�rfste war eigentlich das gemeinsame Geschenk von Nadine und Christine: ein blaues Teelichtgef�� auf einem blauen Plasteuntersetzer nebst drei blauen Glasperlen, zu einem gesch�tzten und von Mama best�tigten Preis von zehn Mark. Nicht nur, dass ich jeder von ihnen nicht mehr wert war als ein gro�es Eis, es ist ja auch so originell, derartig n�mlich, dass man dieses edle Objekt ruhig �fter mal als Geschenk zur Anwendung bringen kann, ein Gedanke, der dazu gef�hrt hatte, dass bereits drei dieser Dinger in verschiedenen Farbausf�hrungen bei mir zu Hause Staub fingen. Es h�tte der Beginn einer wunderbaren Sammlung werden k�nnen. Der Satz bei der �bergabe:�Es ist nicht viel, aber es kommt von Herzen!�brachte mich ziemlich in die Bredouille, denn ich wusste nicht, ob ich erst lachen und mich dann erbrechen sollte oder umgekehrt.</p><p>Die gr��te Ern�chterung bescherte mir allerdings Susanne, von der ich doch immerhin etwas mehr Stil erwartet h�tte, wenn schon nicht mehr Ehrlichkeit. Neben einem Paar Socken von ERNSTING�S FAMILY schenkte sie mir ein Buch von Ingrid Noll, DIE H�UPTER MEINER LIEBEN. Nicht lange vorher war Ingrid Noll Gegenstand einer Pausenunterhaltung zwischen uns gewesen, die eindeutig, aber offenbar einseitig zu der Erkenntnis gef�hrt hatte: Ingrid Noll und ihre Erzeugnisse bilden exemplarisch die Wasserscheide in unserer Freundschaft und ein un�berwindliches Sympathiehindernis f�r mich. Was aber diesem kaum mehr zu �berschauenden H�henzug zwischen uns noch einen zus�tzlichen Kamm aufsetzte, war die Tatsache, dass besagtes Buch zahlreiche Kniffe und Rillen auf seinem R�cken aufwies und somit nicht mehr ganz taufrisch sein konnte, sondern schon eine Weile in Susannes B�cherschrank zugebracht haben musste, und nicht nur das. In dieser sp�ten Vormittagsstunde hatte ich nicht wenig Lust, die H�upter meiner lieben Freundinnen �ber den verklebten Laminatboden rollen zu sehen.</p><p>Kurz vor Susannes achtzehntem Geburtstag dieses Jahr verfestigte sich in mir die Idee, ihr ein neues Buch und ein getragenes Paar Socken zu schenken. Aber dann war sie gar nicht da, sondern mit ihren Eltern nach Venedig gefahren, und sp�ter hat sie die Feier auch nicht nachgeholt, und wenn doch, so war ich jedenfalls nicht eingeladen.</p><p>Ich habe keine Ahnung, wen ich zu meinem achtzehnten Geburtstag einladen soll.</p><p>Auf Ellas Schreibtisch liegen verstreute Bl�tter, Zeichnungen, stimmt, das kann sie. In der Schule h�ngen ein paar Bilder von ihr an den Flurw�nden, die nie einer anguckt. Und obwohl ihr da keiner das Wasser reichen kann und sich die anderen Exponate aus dem Kunstunterricht wie Kinderkrakeleien ausnehmen, treibt es wohl auch in diesem Fach � man kann ja nicht abschreiben � die anderen nicht gerade zu ihr. Wieso eigentlich, was ist falsch an ihr, ich wei� das selbst nicht mehr so genau. Wie sie jetzt so mit dem Kuchen reinkommt, denk ich, es k�nnte sie doch einer heiraten, bald. Sie sieht auf einmal sehr erwachsen aus. Wie eine echte Frau.</p><p>�Paul ist da�, sagt sie, ich merke, wie sie sich freut. Ich lausche seinen Schritten auf der glatten Treppe, und jeder Schritt l�st ein kleines Ziehen in meinem Magen aus, das mir sagt, dass ich kein St�ck von Ellas Kuchen runterkriegen werde. Hast du ihn auch vom Fenster aus gesehen, will ich fragen, verkneife es mir aber und nehme mir ein St�ck Kuchen.</p><p>Paul kommt rein, wir sagen� hallo �und� na�, ich bin wieder mal von den Socken, er sieht wirklich aus wie�� Als wir am Sonntag mit ihm in Anklam waren, ihm die Stadt gezeigt haben, das hei�t die paar Ecken, bei denen man zumindest nicht sofort vor Scham im Boden versinken m�chte, hatte ich f�rmlich erwartet, dass uns alle Leute hinterhergucken w�rden, fassungslos. Aber es war nur wie immer: ausgestorben. Au�er ein paar rumlungernden Nazis, dreieinhalb Rentnerpaaren und einem Togolesen auf einem Fahrrad gab es kein sichtbares Leben, und ob es noch irgendwo verborgenes gab, zum Beispiel in den� Arbeiterschlie�f�chern �rund um den Markt, wo es doch auch gar keine Arbeiter mehr gibt, war mehr als zweifelhaft. Wir gingen ins SANSI-BAR, das einzige Caf� am Ort, Paul guckte das Schild an und grinste. Der Sch�pfer dieses Namens geh�rt wirklich bestraft, mehr aber noch der des EISBECHERS SANSI-BAR, und sollte mich nicht wundern, wenn es sich dabei um denselben handelt. Ich konnte Paul nur dringend von einer Bestellung dieses blauorangenen krokantkontaminierten Ekelpaketes abraten. Und auch noch die drei verbliebenen M�glichkeiten ausf�hrlich diskutieren, denn bis die schlappe Bedienung auftauchte, verging eine gute Viertelstunde. Und ungef�hr das Doppelte, bis wir das, was das Servierfr�ulein mit hochgezogenen Augenbrauen notierte, als erdreisteten wir uns gerade, das Allerausgefallenste aus den antipodischen Gebieten zu ordern, endlich vor uns stehen hatten. Wahrscheinlich k�nnen sie nur den EISBECHER SANSI-BAR.</p><p>�Probier mal den Kuchen, sehr lecker�, sage ich hastig und �berm�tig zu Paul. Ich bin es einfach nicht gewohnt, dass mich jemand l�nger als eine Zehntelsekunde direkt anguckt. Also wie in aller Welt soll ich normal dabei bleiben? Was man in der Schule lernt, lernt man f�r die Schule.</p><p>�Ist ein Rezept von meiner Oma�, sagt Ella und rollt mit den Augen.�Das ist das Gute an ihr. Aber die macht mich verr�ckt!�Sie lacht.�Gro�eltern! Komische Erfindung. Sei froh, dass du keine hast.�</p><p>Das sagt sie tats�chlich. Ist nun wohl wieder typisch Ella, gedankenlos. Dabei wei� sie Bescheid �ber meine sogenannten Gro�eltern, wie alle. Sie kennt die Geschichten. Den Klatsch und die Wahrheit �ber das Elend, den Suff, und wie sie daran krepierten, erst sie, dann er. Sie war so besoffen, sie hat ihre eigene Tochter nicht erkannt in Anklam auf der Stra�e. Mama ist an ihr vorbeigegangen und hat sich die Augen ausgeheult. Er hat sie geschlagen, verkloppt, regelm��ig, sie blieb Tage im Bett. Er hat seine S�hne aufeinander gehetzt wie beim Hahnenkampf und lachend zugeguckt und mal den einen, mal den anderen angefeuert. Er war Hermann, Manni, Der Olle, sie Edeltraud, Traudel. Er hatte einen Tumor im Kopf und die Schuld an den Hacken. Die Worte wollten nicht mehr aus seiner Kehle heraus. Das wei� Ella nun vielleicht nicht. Ihr Mundwinkel zuckt ganz unbefangen, tats�chlich, und ich bewundere sie ein bisschen daf�r.</p><p>Pl�tzlich fragt Paul, mit Kr�meln an seinem McCartney-Mund:�Was f�r H�user sind das? Ich meine, die mit die kaputten Fenster, ein paar sehen aus wie�� wie f�r Tiere, K�he, und die anderen? Sie sind alle verlassen, oder? Aber es gibt immer Ger�usche, da sind Leute, abends, Jugendliche, glaube ich. Ihr kennt sie?�</p><p>Ella hat sofort aufgeh�rt zu grinsen. Ich seufze.�Das ist die Elpe.�</p><p>�Was?�, fragt Paul, nat�rlich. Ich kann nicht sagen, dass ich es direkt bef�rchtet hatte. Ich meine, dass er danach fragt, nach der Elpe. Aber jetzt, wo es so weit ist, kommt es mir fast vor, als h�tte ich drauf gewartet, auf eine etwas perverse Art. Ich empfinde die Erleichterung derer, die sich letztlich in ihr Schicksal ergeben. Und ich mag dieses Gef�hl, ich merke, dass ich es auf eine fatale Weise suche: mit dem R�cken zur Wand zu stehen. Es w�re so viel sinnloser und erm�dender gewesen, die ganze Zeit darauf zu hoffen, dass sie ihm entginge, die Elpe. Was f�r ein beknackter Name im Grunde. Ich seufze noch einmal. Wie soll man das erkl�ren? Es ist etwas, das es wohl nur hier geben kann. Wo dei L�� dat Muul nich upkr��gn. Es ist die Abk�rzung einer Abk�rzung.</p><p>�Die Elpe�, sage ich.�Das sagen die hier so, die Jugendlichen, und inzwischen wahrscheinlich das ganze Dorf. Es kommt von �LPG�, und das hei�t: �Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft�. Das war eine Art staatlicher Landwirtschaftsbetrieb zu DDR-Zeiten, das gabs �berall, in jedem Dorf. Erst mussten nach dem Krieg die Gro�grundbesitzer und Nazis ihr Land abgeben an die Landarbeiter und kleinen Bauern, das wurde aufgeteilt, und ich glaub, sogar verlost, und das nannte sich Bodenreform, und dann mussten die Bauern ihr Land wieder zusammenlegen, und das nannte sich dann LPG, und es wurde gemeinsam bewirtschaftet, so dass alle das Gleiche davon hatten, n�mlich alle nichts. So ungef�hr, genauer wei� ich das auch nicht.�</p><p>�Und jetzt?�</p><p>�Ist es vorbei, und Bauer will nun auch keiner mehr sein, ich glaube, das ist jetzt so �hnlich wie vorm Krieg, mit den Gro�grundbesitzern und so.�</p><p>�Und mit die Nazis?�Paul lacht.</p><p>�Na ja�, sage ich und gucke Ella an, die aber keine Reaktion zeigt.�K�nnte man so sagen. Das wollen die da auf der Elpe ja jedenfalls alle ganz gerne sein. Die haben sich da richtig eingenistet. Die Dorfjugend. Aber guck dir die Eltern an: auch alles �echte Deutsche� und nebenbei noch Idioten und S�ufer, aber der liebe Nachwuchs h�lts zu Hause nicht aus und alleine auch nicht und zusammen erst recht nicht. Weshalb sie sich dann auch ab und zu einfach mal kloppen m�ssen und sich gegenseitig ihre Springmesser zeigen. Und dazu noch die M�dchen, doof wie Stulle, aber bauchfrei, und im Kopf nichts andres als, na ja.�</p><p>Ich glaube, das geht gerade ein bisschen �ber Pauls Verst�ndnis.</p><p>�Und ihr?�, fragt er.</p><p>�Wir gehn da nich hin�, platzt Ella hervor und guckt dann, als w�re ihr etwas rausgerutscht, das sie sofort bereut. Dieses �wir� klingt mir im Ohr, und ich glaube, ich sehe sie ebenso �berrascht an wie Paul, wenn auch aus einem anderen Grund. Ella blickt irgendwie schuldbewusst zwischen uns hin und her. �Uns�!</p><p>�Ich wei� auch nich�� Mir wird schon schlecht, wenn ich das Wort nur h�r � die Elpe!�Sie verzieht das Gesicht.</p><p>�Das ist nichts f�r uns�, sage ich. Aber die Hoffnung, Paul damit abspeisen zu k�nnen, verdampft sofort unter seiner n�chsten sengenden Frage.</p><p>�Warum, was machen sie da, auf die � auf der Elpe?�Er spricht es ein wenig wie �LP� aus. Was mich fast schon wieder in Entz�cken versetzt. Ella verdreht nur die Augen.</p><p>�Sie saufen.�</p><p>�Sie kiffen�, sage ich, ich h�tte fast �ficken� gesagt, aber das machen sie wohl doch nicht, jedenfalls, wohl nicht wirklich, wer wei�.</p><p>�Was ist so schlimm daran?�, fragt Paul. Ich sehe ihn gro� an. Pl�tzlich steht Ella auf und geht raus. Es sieht beinahe normal aus, so, als ginge sie aufs Klo, und den Impuls, ihr hinterherzulaufen, tue ich als �berst�rzt ab, und ich bin froh, anscheinend endlich mal halbwegs angemessen zu reagieren, indem ich einfach sitzenbleibe und Paul ansehe, nicht vorwurfsvoll. Aber irgendetwas in mir wei� Bescheid, wei�, dass Ella nicht nur uns und das Zimmer verlassen h�tte, sondern auch das Haus, wenn sie nicht zuf�llig hier wohnen w�rde, das ganze Dorf, wenn sie k�nnte.</p><p>Paul fragt noch einmal:�Was ist so schlimm daran, ich meine, kiffen, ihr habt doch auch schon bestimmt, I mean, wir k�nnten doch auch mal, also, vielleicht verkaufen sie uns etwas � wenn ihr wollt, don�t you?�</p><p>Dieses dunkle Seegr�n in meinen Augen auf einmal, alles Gr�n schwappt von seinen Augen in meine. Einmal ficken mit Paul McCartney, please. Von mir aus auch auf der Elpe.</p></section><section><title><p><strong>ELLA</strong></p></title><p>Um die Zeit ist da wahrscheinlich kein Schwein. Ich bin trotzdem gleich den andern Weg lang, muss man ja nicht drauf ankommen lassen, hab ich gedacht, aber eigentlich erst danach, erst, als ich auf einmal gemerkt hab, dass ich einen Umweg fahr, den bl�den Weg mit dem Kopfsteinpflaster, dass ich da also automatisch lang bin, automatisch den Umweg! Mann! Das h�ltste doch im Kopp nicht aus. Ich muss weg hier. Vielleicht schmei� ich doch noch die Schule. Und dann einfach weg, bye bye, Mutti und Vati, bye bye, Bresekower Kacknest. Bye bye, ihr�� ihr ganzen�� Arschl�cher, Wichser, ihr, na ja. Kommt mir vor, als w�rd ich langsam die ganzen W�rter verlernen. Wird Mutti sich aber freuen. Die Flotte Britta. Die leider eine nicht ganz so flotte Tochter hat, tja, Pech gehabt, liebe Britta. Wei� ich ja, dass die sich f�r mich sch�mt.</p><p>Aber eins kann sie ja nun nicht, n�mlich abstreiten, dass sie wirklich und wahrhaftig mit mir verwandt ist, dass ich von ihr abstamme, stell dir vor. Vati wollte sich da anscheinend mal lieber was andres vorstellen, hatte er ja auch bessere Chancen als Mutti, aber nur theoretisch. Praktisch hat sie ihn wieder ruckzuck plattgemacht, platt wie ne Flunder mit ihrem mordsm��igen Redeschwall, warn ja beide total besoffen, aber im Gegensatz zu Vati hat Mutti noch halbwegs verst�ndliche W�rter rausgebracht, und davon jede Menge. Und in einer Lautst�rke, kein Wunder, dass ich davon wach geworden bin. Ich dachte erst, irgendwas Schlimmes ist passiert und bin aufgestanden und zur Treppe und hab mich dann da hingehockt und die belauscht. Eigentlich hab ich blo� aus Muttis Antworten mitgekriegt, worums geht. Wie die Vati dann abgekanzelt hat, von wegen er w�rd sie ja wohl nicht mehr alle haben, er sei doch nicht mehr zurechnungsf�hig, einen, der solchen hirnrissigen Schei� erz�hlt, den m�sste man ja von Rechts wegen gleich in Ueckerm�nde anmelden, und dass sie selber nicht ganz bei Trost gewesen sein muss, als sie ihn geheiratet hat, die Tour. Ob er denn keine Augen im Kopp hat!� Wenn einer Ellas Vater is, dann ja wohl du!�Mehr �hnlichkeit w�rd doch schon gar nicht mehr gehen, wir w�rn beide so was von schwierig und misstrauisch, das w�r ja nicht zum Aushalten. Und dann hat sie angefangen zu heulen und dann war nix mehr zu verstehen, und ich bin wieder ins Bett.</p><p>Ist mir im Prinzip auch egal. Ich mein, ob er nun mein richtiger Vater ist oder nicht. Das h�tte dann auch nix mehr ge�ndert. Schlie�lich hatte er die ganze Zeit so getan, als wenn ers w�re, und zwar so echt, dass ers wahrscheinlich auch ist. Au�erdem kann ich mir nicht vorstellen, wers sonst sein k�nnte, hier im Dorf kommt mir keiner so vor, und ansonsten h�chstens einer von Muttis Kollegen, und das w�rd nun auch keinen Unterschied machen, w�r ich trotzdem n bl�des Lehrerkind.</p><p>Ich hab ihm das auch nicht �belgenommen, jedenfalls nicht mehr als die ganzen andern Sachen, und da war ich ja schon dran gew�hnt. Ist ja klar, dass er bei Thorsten nie auf so was gekommen w�r, da h�tt er sich doch lieber die Zunge abgebissen. Ist ja auch so was von offensichtlich, dass Thorsten sein Sohn ist, oder, bei den guten Schulleistungen, und so vorbildlich und �berhaupt, und wo er nun die blonden Haare herhat, na ja, Opa soll ja auch welche gehabt haben. Aber mit Ella, hat er sich gedacht, das w�r wohl zu verschmerzen, da h�tte er wenigstens endlich einen Grund gehabt. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Da h�tte seine liebe Frau dann gar nix mehr zu melden, oder zumindest nicht mehr so viel, und an Ella br�uchte man auch keine guten Worte mehr verschwenden, die m�sste froh sein, �berhaupt einen zu haben, zu dem sie �Vati� sagen darf.</p><p>Sch�ner Bl�dsinn. Hat jedenfalls nicht funktioniert. Das Verr�ckte ist, dass ich ihm fast dankbar bin daf�r. Ich meine, was, wenn er nun recht hat? Dann muss er froh sein, dass ich �berhaupt noch �Vati� zu ihm sage. Und mir �berhaupt noch den ganzen Mist anh�re, den er so zu versenden hat. Manchmal, wenns grad wieder schlimm ist, guck ich ihn so an, guck ihm so ganz gradeaus in die Augen und sag gar nichts und denk nur: Du bist ein Fremder. Ich hab nix mit dir zu tun. So was. Das hilft.</p><p>Nicht, dass ich nun �fter auf Muttis Seite w�r, wenn sie sich streiten. Da ticken die beide immer so derartig aus, das hei�t, noch mehr als sonst, dass man, solange man noch nicht auf demselben Beknacktheitslevel ist, logischerweise f�r gar keinen sein kann. Da will man nur, dass der L�rm aufh�rt. Deshalb hab ich mir f�r die F�lle Ohropax besorgt. Und wenn ich dann so an ihnen vorbeigeh und sie rumfuchteln seh und wie unter Wasser alles nur noch so undeutlich und vermischt mit dem Rauschen h�r und Mutti dann so anguck, kommt mir das manchmal in Kopp: Wenn sie das wirklich gemacht hat! Und dann find ich sie f�r ein paar Sekunden ganz gut.</p><p>Wor�ber ich aber erst viel mehr nachgedacht hab, war das mit dem� schwierig �und� misstrauisch�. Stimmt doch gar nicht, hab ich gedacht. So denkt die also �ber mich. Das war wie ein kleiner Schock, viel mehr, als dass Vati vielleicht nicht mein Vater ist, oder so kam mir das jedenfalls vor, vielleicht hab ich das auch blo� verwechselt. Aber immer, wenn Mutti die n�chsten Tage mit mir geredet hat oder mich nur angeguckt, hab ich dadran gedacht. Dass sie denkt, dass ich schwierig und misstrauisch bin und genauso wie Vati. Und da war ich erst w�tend auf sie, und dann hatte ich Angst, dass das stimmt. Und vielleicht ist das ja dann alles blo� deshalb passiert, kurz danach, diese Schei�e. Diese Schei�e auf der Elpe. Weil ich nicht so sein wollte.</p><p>Und das hat man nun davon. Einmal ums halbe Dorf auf dem Kn�ppeldamm, man h�ngt auf dem Sattel wien Affe aufm Schleifstein und stuckert so im Schneckentempo durch die Gegend, die Handgelenke zittern, es kribbelt einem in den Ohren, und man kann sich nicht kratzen, weil man mit beiden H�nden den Lenker festhalten muss. Ist das hier eigentlich noch so was wie Zivilisation? Mutti nennt das:�Walachei�, also alles, was nicht zu unserm tollen Haus und unserm tollen Garten geh�rt, was auf der andern Seite von unserm tollen Zaun liegt. Vati scheint das nicht zu jucken.�Na du kennst ja auch nix andres!�, sagt Mutti zu ihm.</p><p>Aber auf die Idee konnte nun wirklich blo� wieder er kommen: mitm Kartoffelkorb! Den er irgendwo im Schuppen ausgegraben hat, wo er selber ganz begeistert von war,�guck ma, Ella, der geht doch, das�s noch Vadder seiner, deutsche Wertarbeit�, und dann hat er mir den einfach hinten aufs Fahrrad geschnallt, und so musst ich los damit. Und bei diesem Schei�ding von Korb schlie�t der Deckel nicht mehr richtig, von wegen sch�n sicher und kann gar nix rausfallen, und ich holper von Schlagloch zu Schlagloch, dass ich jedesmal denk, jetzt kippt er, dass ich denk, jetzt kipp doch endlich! Ich stell mir das vor, wie in Zeitlupe: Das Ding knallt runter, und alle Platten fallen raus, eine nach der andern, alle rutschen aus ihren H�llen, hopsen vom Weg schnurstracks aufs Feld zu, rollen in einer Staubwolke �ber den Acker, Angriff der Killer-Lakritzschnecken oder so, und dann ab ins Geb�sch, in den Graben, auf Nimmerwiedersehen. Ich stell mir das sch�n vor.</p><p>Stattdessen lunsch ich vorsichtig um jede Ecke. Wenn die das n�mlich erst mitkriegen, Ella f�hrt Schallplatten spazieren, na danke. Aber die lungern wahrscheinlich im alten Kindergarten rum, was jetzt der Jugendclub ist. Auch total daneben, aber das merken die gar nicht. Da ist noch der ganze Kinderkram drin, Spielzeug, die Tierbilder an den hellblauen und gelben W�nden, Plastetassen, die kleinen St�hle und Toiletten und niedrigen Waschbecken, und dann geht einer wie Ecki da vielleicht aufs Klo und hat echt Probleme, das �berhaupt zu treffen, und pinkelt genau wien Kleinkind alles daneben. Obwohl, bei seinen knappen Einsfuffzig�� Die meisten von denen sind da wirklich noch zum Kindergarten gegangen, ich ja auch, und dann sind wir nach Schmalditz in die Schule gekommen, und paar Jahre sp�ter hat er zugemacht, weils nur noch drei Kinder oder so gab in Bresekow. Aber n paar mehr Jugendliche, und da haben sie sich gedacht, machen wir mal nen Jugendclub auf, dass die Jugend von der Stra�e wegkommt, weil, das ist ja hier so gef�hrlich in den Stra�en von Bresekow, und jetzt klucken die da alle wieder rum, jetzt sind sie wieder da, die Kinder.</p><p>Oder im� Bussi�. Auch son Wort. Morgens um halb sieben sitz ich im� Bussi �zwischen den Kippen und leeren Bierflaschen und warte, und wenn ich die Augen zumach, muss ich aufpassen, nicht wieder einzupennen. Wird bald zu kalt zum Sitzen sein, und dann tritt man von einem Bein aufs andere, als wenn man aufs Klo muss, und genau danach riechts ja manchmal auch, und dann w�nscht man sich, dass der Bus schnell kommt, und gleichzeitig, dass er nicht kommt. Nie mehr. Aber dann m�sste man f�r immer hierbleiben.</p><p>Neuerdings wartet Romy mit mir. Ich glaub ja, es ist wegen Paul, na von mir aus. Er wird bald wieder weg sein, einfach weg. Also l�sst er besser die Finger von uns, seine schmucken, sehr wei�en Finger. Ich w�rd die gern zeichnen. Die sind sch�ner als alles, alles in diesem Kaff. Schei�e. Er wird weg sein, ohne sich die wei�en Finger an Ella dreckig gemacht zu haben. Und so solls auch sein.</p><p>Ich hab keine Lust auf diese Schei�e. Einmal hab ich gedacht, ich w�r verliebt in einen, und dann hab ich ihn von einer Sekunde auf die andre nur noch gehasst. Und dann dacht ich, ich hab die Schnauze voll, aber geholfen hats nicht, sonst w�r ich wohl kaum in Franks Zimmer gelandet auf der Klassenfahrt in der Zehnten, und mit Frank in seinem Bett. Ich war so besoffen wie alle andern, und ich war die Neue und noch nicht wie alle andern schon jahrelang aufm Gymnasium und nun auch blo�, weil Mutti und Vati mich da noch nicht ganz aufgegeben hatten.</p><p>�Das is deine Schang-se!�, hatte Vati gesagt.</p><p>Da nutz ich die mal besser, hab ich wohl gedacht und mit den andern dieses ungenie�bare Ges�ff aus den Plasteflaschen getrunken, das die Jungs aus Sprite und Klosterfrau-Melissengeist zusammengemixt hatten. Irgendwann waren blo� noch die Jungs und ich �brig, und einer hat gesagt:�Na los, Frankie!�, und gekichert, und Frank hat gesagt:�Halt die Schnauze!�</p><p>Aber am Ende hab ich dann doch auf Franks Bett gelegen, und Frank hat angefangen, mich abzuknutschen, �berall, und mir wurd so schlecht dabei, dass ich Angst hatte, ich w�rd Frank sein Bett vollkotzen, aber Frank hat nix gemerkt und blo� an meinen Sachen rumgezerrt und mich �berall abgeknutscht, bis ich gesagt hab:�Okay�, weil ich wollte, dass er endlich aufh�rt mit dem Gesabbere. Au�erdem war ich neugierig, ob ers wirklich machen w�rde. Er hat gar nix gesagt, ist blo� runter vom Bett und hat seine Hose ausgezogen, und ich meine auch, und dann hat er wie wild in seiner Tasche rumgew�hlt und geflucht, und als ein Auto vorbeigefahren ist, hab ich kurz seinen wei�en Hintern gesehen, und dann hab ich die Augen zugemacht.</p><p>Auf einmal wusst ich, dass das auch Franks erstes Mal ist, und da w�r ich am liebsten gleich wieder raus aus seinem Bett, ich hab gedacht, wenn der nun was falsch macht. Aber dann hat ers anscheinend doch richtig gemacht, jedenfalls hab ich geblutet wien Schwein, sein ganzes Laken voll.</p><p>�Mann, das h�ttste aber auch sagen k�nnen!�</p><p>Wieso, hab ich gedacht. Aber dann war mir pl�tzlich einiges klar. Was der von mir gedacht hat. Was die alle von mir gedacht haben. Wieso eigentlich?</p><p>�Hast du ja auch nich�, hab ich gesagt, und da hat er nix mehr gesagt. Das Laken hat er zusammengekn�llt und ist damit zum Waschraum.</p><p>�Das geht eh nich mehr raus�, hab ich gesagt. Aber er wollte es in der Dusche verbrennen, was nat�rlich nicht funktioniert hat, das h�tt ich ihm auch gleich sagen k�nnen. Denn damit hatte ich nun wirklich mehr Erfahrung als er. Einmal hatte ich versucht, meine ganzen Klamotten bis auf eine Hose und einen Pullover zu verbrennen, bei uns im Garten, ging aber nicht. Als Vati das mitkriegte, gabs Backpfeifen, ich glaub, mehr f�r meine Doofheit:�Mensch, dazu nimmt man Spiritus!�</p><p>�Hast du noch was von dem Melissengeist-Zeug �brig?�, hab ich Frank gefragt.</p><p>�Nee�, hat er gesagt,�haste noch nich genug?�</p><p>Ich hatte mehr als genug. Von Frank und von mir selbst und allen andern. Ich hab erst mal ins Waschbecken gekotzt, und dann bin ich aufs Klo und hab mir ne halbe Klopapierrolle in den Schl�pper gepackt, obwohl da auch nix mehr zu retten war, und dann hab ich Frank noch n bisschen zugeguckt, wie er da immer noch vor der Dusche gekniet hat und mit seinem Feuerzeug rumgefummelt und sich die Finger verbrannt und geflucht hat. Wenigstens hat er gut gerochen, hab ich gedacht.</p><p>�Stoff brennt nich so leicht.�</p><p>�Halt die Klappe!�, hat Frank gesagt. Dann hat er das angekokelte Laken zusammengewurschtelt, und wie er sich das so vor die Brust gehalten hat, sah das aus, als h�tt er ein Baby dadrin, und dann ist er damit an mir vorbei und raus auf den Hof, ich glaub, zum M�ll.</p><p>Am n�chsten Tag haben wir uns vorsichtshalber nicht angeguckt. Aber ich glaub, er hat nicht grade Schiss gehabt, dass ich das nun �berall rumerz�hlen w�rd. Brauchte er auch nicht, ich hab die Klappe gehalten. Und mit keinem mehr geredet. Und nur einmal, als er in irgendsoner Kirche, die wir besichtigt haben, dicht an mir vorbeigegangen ist, hat er genuschelt:�Vergiss es einfach!�Und ich habs vergessen.</p><p>NOTHING�S GONNA CHANGE MY WORLD.�Aufh�rn, aufh�rn da oben! Ich schaff euch zu einer, dies nicht anders haben will, der k�nnt ihr was vortr�llern.</p><p>Bei Pl�tzens h�ngen gar keine Gardinen vor den Fenstern, obwohl sie unten wohnen. Wodr�ber sich nat�rlich schon das halbe Dorf aufgeregt hat.�Na ja, wenigstens so halbe h�tten sie ja vormachen k�nnen�, hat Mutti gesagt. Wie wir. Damit man wenigstens noch einen kleinen Zipfel hat, hinter dem man sich verstecken kann, wenn man Leute drau�en beobachtet.</p><p>�Vielleicht haben sie nix zu verbergen�, hab ich gesagt. Da war sie gleich wieder auf der Palme.</p><p>�Das hat doch damit nix zu tun! Das is doch blo� sone Mode.�</p><p>Ich hatte Lust, sie noch ein bisschen zu �rgern:�Pauls Oma hatte auch keine.�</p><p>�Wer? Ach, die war doch verr�ckt!�</p><p>Besonders verr�ckt kommt mir Romys Familie nicht vor. Ich glaub, sie hat ziemlich Gl�ck gehabt mit ihren Eltern. Jedenfalls darf sie alles M�gliche. Ich hab sie neulich mal gefragt, was denn ihre Eltern dazu sagen, dass sie jetzt st�ndig mit Paul und mir rumh�ngt und �fter sp�t nach Hause kommt und so.</p><p>�Na ja�, hat sie gesagt.�Mir w�r lieber, die w�rden gar nix sagen.�</p><p>�Na mir erst! Machen deine auch immer so doofe Bemerkungen?�</p><p>Romy hat genickt und mit den Augen gerollt.</p><p>�G�nnen die dir auch nix?�, hab ich sie gefragt. Da hat sie mich ganz perplex angeguckt.</p><p>�Na eher im Gegenteil!�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Na ja, die wollen doch �immer nur das Beste� f�r einen und so!�</p><p>�Den Spruch kenn ich!�, hab ich gesagt.�Und die meckern nich rum, wenn du abends erst um elf nach Hause kommst?�</p><p>�Nee, sag ich doch. Die freuen sich!�</p><p>�Die freuen sich? Wie jetzt?�</p><p>Ich hab zugeguckt, wie Romy den Zipfel von ihrer Bluse bis zum untersten Knopfloch aufgerollt hat, und hab wunder gedacht, was da jetzt kommt, und dann hat sie gesagt:�Na � f�r mich eben, irgendwie.�</p><p>�Is doch toll! Oder nich? Dann is doch alles in Ordnung, oder?�</p><p>�Na ja, im Prinzip schon�, hat Romy gesagt, aber es h�rte sich an, als wenn sie noch was hinterher sagen wollte, so was wie: �aber�. Aber hat sie dann doch nicht.</p><p>Ich wei� nicht, ob ich mein Fahrrad an die wei�e Klinkerwand stellen soll. Steh ich also mal wieder bl�d in der Gegend rum. Ich k�nnte auch einfach wieder abhauen. Aber dann h�tte ich immer noch die Beatles am Hals, und wahrscheinlich hat sie mich sowieso schon gesehen. Was soll ich denn eigentlich sagen?</p><p>Auf einmal kommt Romy um die Ecke, mit einem leeren W�schekorb und roten H�nden. Sie sieht mich nicht, die guckt wer wei� wohin, ich mach schon den Mund auf, aber es kommt nix raus, was denn auch sagen, so in die Luft, vielleicht k�nnt ich mich r�uspern oder so was, wie die das im Film so machen. Romy zuckt zusammen.</p><p>�Mann, hast du mich erschreckt!�</p><p>�Hier, von meinen Eltern�, sag ich und dreh mich halb zum Handwagen um. Romy kommt n�her und sieht die Platten.</p><p>�Ella! Is das dein Ernst?�Sie sieht fast erschrocken aus.</p><p>�Ich hab damit nix zu tun�, sag ich, und sie:�Doch, hast du!�</p><p>Sie stellt den W�schekorb ab und umarmt mich, so ein bisschen. Ich wei� nicht, was ich machen soll. Am besten gar nichts.</p><p>�Ich wei� gar nich, was ich sagen soll�, sagt Romy.</p><p>Na, am besten gar nichts. Sie fragt:�Hast du Lust, zum Kaffe zu bleiben?�</p><p>Ich nicke und stelle das Fahrrad an die Hauswand. Romy nimmt die Platten aus dem Korb, die Singles rutschen ihr weg, ich fang sie auf, und wir packen alles in den W�schekorb. Sie hat ganz sch�n zu schleppen. Ich halte die T�r f�r sie auf. Pl�tzlich dreht sie sich um und sagt ziemlich au�er Atem:�Findest du nich auch, dass er aussieht wie Paul McCartney?�</p><p>Sie grinst und ist ein bisschen rot, ich glaub, nicht nur von den Platten. Ich wei� auch gleich, wen sie meint.</p><p>�Nein, find ich nich!�</p><p>Musste das sein? Mann, Romy! Wie soll ich ihn denn jetzt noch angucken, ohne dass��</p><p>�Meine Eltern waren auf dem Konzert letztes Jahr, in Hamburg. �Ich wei� auch nicht, wieso ich das jetzt noch sage.�Die sind da extra hingefahren, f�r einen Tag! Zum Gl�ck waren sie gar nich erst auf die Idee gekommen, mich mitzunehmen. Einer musste bei Oma bleiben, und das war mir auch echt lieber. Das war richtig sch�n, endlich mal Ruhe! Das war der beste Tag in den ganzen Sommerferien. Aber als sie dann zur�ck waren, da wurds daf�r gleich doppelt schlimm, da haben sie einem dann in einer Tour vorgeschw�rmt, wie toll das gewesen w�r, aber eigentlich haben sie die ganze Zeit blo� von Hamburg gequatscht, ne echte Gro�stadt eben, und wie doof das w�r, dass man sie da fr�her nicht hingelassen hat, die Schei�-DDR, und wir hatten ja sogar Verwandtschaft da, und nicht mal zu seinen eigenen Verwandten konnte man und bla bla bla, und ich w�rd ja gar nicht wissen, wie gut ich das hab.�</p><p>�Ja und�, sagt Romy,�und deine Eltern, die haben doch Paul auch schon gesehen, finden die denn nicht, dass er aussieht wie Paul McCartney, ich mein, fr�her?�</p><p>�Ach, ich glaub, die wissen gar nich mehr, wie der aussah�, sag ich.</p><p>Romy packt die Platten auf ihre Liege. Sie nimmt eine nach der andern vom Stapel runter, guckt sie an wie das achte Weltwunder und stellt sie alle nebeneinander gegen die Kissenreihe an der Wand. Sie �berlappen sich wie die Kissen, die aussehen, als h�tten sie alle nen neuen Bezug gekriegt. Was f�rne Vorstellung: Beatles-Kissen! Beatles-Bettw�sche, Beatles-Handt�cher, Beatles-Zahnputzbecher. Zum Gl�ck ist da damals noch keiner drauf gekommen. Zumindest meine Eltern nicht, w�r ja zu auff�llig gewesen.</p><p>�Kaffe oder Tee?�, fragt Romy.</p><p>Ich wei� nicht, wann ich das letzte Mal Tee getrunken hab. Wahrscheinlich als ich das letzte Mal krank war oder im Ferienlager, das ist beides ewig her. Einmal war ich im Ferienlager krank, und da haben sie mir Kamillentee eingefl��t, was zwar ne Abwechslung zum �blichen Hagebutten-Abwaschwasser war, aber ungef�hr so eine wie von Mathe zu Chemie.�Kaffe. Ohne Milch.�</p><p>�Warum wolltest du die denn nich?�</p><p>�Was?�, frag ich.</p><p>�Na, die ganzen Beatles-Platten. Ich mein, du bist doch quasi damit aufgewachsen und so.�</p><p>�Erinner mich nich dadran!�</p><p>Romy lacht.�So schlimm? Aber du h�ttest sie ja auch verkaufen k�nnen, ich mein, so ne vollst�ndige Beatles-Platten-Sammlung ist doch bestimmt was wert.�</p><p>�Na ja�, sag ich blo�. Mann! Da macht man mal was Nettes! H�tt ich das gewusst. Ist ja schlimmer, als wenn man was ausgefressen hat. Und wieso guckt die mich jetzt so komisch an?</p><p>�Achso�, sagt sie.�Da hab ich jetzt wohl was falsch verstanden. �Sie wird richtig rot.�Also, tut mir leid, Ella�, sagt sie,�aber ich bekomm blo� ab und zu mal Taschengeld und nich so viel, also, da m�sst ich jetzt erst mal mit meinen Eltern reden, vielleicht als Geburtstagsgeschenk, brauchten die sich nich mal selber was ausdenken, w�r doch praktisch. �Sie l�chelt.</p><p>�Was?�Ich seh grade gar nicht mehr durch.</p><p>�Na, ich wei� ja nich, also � na, wieviel du so daf�r haben m�chtest.�</p><p>Ich glaub, ich starr sie an, als h�tt sie nicht mehr alle. Oder ich.�Spinnst du? Die sind doch geschenkt, Mann!�</p><p>�Echt?�Falls das �berhaupt geht, ist sie jetzt noch n bisschen r�ter geworden.�Also Kaffe.�</p><p>Sie geht raus, kommt aber gleich wieder.�Danke, �brigens.�</p><p>Kurz danach scheppert irgendwas in der K�che, und ich h�r, wie sie� Schei�e!�ruft.</p><p>Obwohl ihr Zimmer ganz sch�n gro� ist, kommts einem nicht so vor. Ich glaub, es ist noch gr��er als bei uns das Schlafzimmer, so quadratmeterm��ig, und das kam mir als Kind immer riesig vor, auch jetzt noch manchmal, aber mehr wie ein riesiger Bl�dsinn. Ich mein, die pennen da blo�! Da steht nix weiter drin als ihr klotziges Bett und ihr klotziger Kleiderschrank und Muttis verschn�rkelte Frisierkommode, die sie gleich nach der Wende unbedingt haben musste. Man g�nnt sich ja sonst nix. Mit goldnen Blumen auf den drei Spiegeln, wodrin sie sich von allen Seiten angucken und anhimmeln kann, sie sagt dazu:�kontrolliern�. Wenn wir irgendwohin wollen:�Ich muss mich noch mal kurz kontrolliern!�Und dann rennt sie zur Kommode und dreht den Kopf wie ne Eule hin und her und klappt dabei die beiden Au�enspiegel immer wieder vor und zur�ck, als wenn sie ihnen irgendwelche Flugbewegungen beibringen und mit dem ganzen Ding einfach abheben will. Wenn ich dann grinse, sagt sie: <emphasis>�Dir</emphasis> w�rd ein Blick in den Spiegel ab und zu auch mal ganz gut tun!�</p><p>Glaub ich allerdings nicht. Als wir die Kommode grade neu hatten, war ich ziemlich fasziniert davon. Zum Beispiel kann man sich ja in einem Au�enspiegel, wenn man den so dreht, dass er sich im mittleren spiegelt, so sehen, wie andere einen sehen, also richtig, nicht spiegelverkehrt. Das ist ja erst mal n Schock. Was aber wirklich fies ist: Wenn die Spiegel so stehen, dass der eine Au�enspiegel irgendwie noch mal die gegenseitige Spiegelung der andern beiden spiegelt, ich kann mir gar nicht genau vorstellen, wie das funktioniert, aber das ist jedenfalls zu viel, zu viel Spiegelung. Als mir das das erste Mal passiert ist, h�tt ich am liebsten sofort mit Muttis Parfumflasche den ganzen Spiegel zerkloppt, aber irgendwie hatte ich Schiss. Nicht wegen Mutti oder so. Als wir neulich bei mir im Zimmer gesessen haben, Paul und Romy und ich, hat Romy ne Spinne an der Wand entdeckt und ist sofort hochgeschossen und hat son ganz kurzen Schrei losgelassen und sich erst wieder halbwegs beruhigt, als Paul die Spinne mit meinem Stiftebecher eingefangen und nach drau�en bef�rdert hatte. Ich h�tt da einfach den Latschen genommen. Aber Romy hat gesagt, nicht mal das w�rd sie sich trauen, sie h�tte Angst, dass sie� das Vieh �nicht richtig trifft und das ihr dann entgegenspringt oder so. Ich hab gelacht, aber mit dem Spiegel gings mir eigentlich genauso. Und dann stand ich da und hab mich angestarrt wie Romy die Spinne, mich, mich, mich, das h�rte nicht auf, wurde nur immer kleiner und undeutlicher, und grade das war das Gruslige, weil ich ja genau wusste, dass da ganz hinten am Ende, auch wenn ichs nicht mehr sehen konnte, immer noch Ella war, und es gab ja gar kein Ende, nur immer weiter Ella, Ella, Ella, und alle guckten sie mich an mit so einem meschuggen Blick. Keine Ahnung, wie Mutti das aush�lt. Aber wahrscheinlich findet sie das� cool�: Die kriegt ja nie genug von sich.</p><p>Romys Zimmer sieht so aus, als obs auch nicht genug kriegen k�nnte, es sieht so aus, als wenn da nie einer kommt und sagt: Jetzt r�um doch endlich mal auf. Es macht einen ganz wuschig. Erst mal die ganzen B�cher. Viel zu viele f�r meinen Geschmack. Viel zu viele Blumenp�tte vor den Fenstern, und die Wand �berm Schreibtisch ist mit lauter Postkarten und andern Bildern beklebt, alles quer durcheinander. Und dann liegt �berall irgendwas rum, und bei den meisten Sachen wei� ich nicht mal, wof�r sie gut sein sollen. Dieser Beutel mit Wolle neben dem Sofa. Die bunt beklebten Schachteln in dem einen Regal, und dadr�ber zwei so komische Viecher, Krebse oder so was. Ob die echt sind?</p><p>Ich w�rd mich gerne irgendwohin setzen, aber ich dreh mich nur immer um mich rum, weil ich nicht wei�, wohin. Es gibt die Liege, das Sofa, einen Sessel und zwei St�hle, aber alles ist irgendwie schon besetzt. Von der Liege starren mich die Beatles an, wie irgendwelche bl�den Bengels, die sich im Halbkreis vor einen hinstellen und einen einsch�chtern wollen. Aber kaum dreh ich mich um, glotzen mir die Leute von den Postkarten entgegen, oder die Kakteen, die mir auch beinah lebendig vorkommen, oder diese dr�gen Krebse. Ich f�hl mich irgendwie � umzingelt.</p><p>Romy guckt mich ein bisschen misstrauisch an, als sie mit zwei Kannen wieder reinkommt.�Setz dich doch.�</p><p>Ich schieb die B�cher auf dem Sofa ein St�ck beiseite und setz mich hin. Es ist so ein Omasofa, mit einer ganz niedrigen Lehne, und man kann sich sowieso nicht anlehnen, weil dann die Beine in der Luft h�ngen, und dabei waren die Leute doch fr�her noch kleiner, oder? Auf einmal hab ich son Bild im Kopf, wie meine Oma mit meinem Opa auf sonem Sofa sitzt, und ihre Beine sind nur so lang wie die Sitzfl�che breit ist, wie zwei Puppen. Und wie sie dann zusammen in ihr Puppenbett gegangen sind und Vati gemacht haben, der gleich zwei K�pfe gr��er war, und dann hat er die Flotte Britta, die ja gr��er ist als er, wenn sie Hackenschuhe anhat, also fast die ganze Zeit, irgendwie dazu �berredet, mit ihm ins Bett zu gehen und noch gr��ere Kinder zu machen, und so werden die Leute immer riesiger und klobiger, und nix passt mehr.</p><p>Romy hat sich im Schneidersitz neben mich gesetzt, sie wippt ein bisschen auf und ab.</p><p>�Ist ein Erbst�ck von meiner Uroma. Das Ding hat wahnsinnige Sprungfedern, als Kind bin ich dadrauf immer rumgehopst. Aber dann ist meine Oma in den Neubau gezogen, und da warn die Decken zu niedrig. Oder ich auch irgendwann zu gro�.�</p><p>Sie springt auf, und ich kipp fast zur Seite.</p><p>�Die Milch!�</p><p>�Ich brauch doch keine Milch�, sag ich.</p><p>�Aber ich. Zucker?�</p><p>Ich sch�ttle den Kopf. Romy hat mir pechschwarzen Kaffe eingegossen. Mal was andres als Muttis koffeinfreie Pl�rre, die sie neuerdings schl�rft. Und sogar da sagt sie zu mir:�Aber nur eine Tasse!�Dass ich blo� nicht irgendwie abh�ngig werde.�Ist doch gar nix drin�, sag ich, und sie:�Alkoholfreies Bier ist auch nicht ganz ohne Alkohol. �Fr�her durfte ich nicht mal Cola. Ich hab ein P�ckchen Kaffe in meiner Schreibtischschublade versteckt. Mutti war nat�rlich sofort wieder misstrauisch:�Sag mal, hast du irgendwas in deiner Schreibtischschublade, wovon ich besser wissen sollte?�Wahrscheinlich hat sie gleich an Drogen oder so gedacht.</p><p>�Nein�, hab ich gesagt.</p><p>�Warum schlie�t du sie denn dann ab?�</p><p>�Weil n Schloss dran is.�</p><p>�Ella! Ich krieg das sowieso raus! Du bist in letzter Zeit so � apathisch. Irgendwas stimmt doch mit dir nicht!�</p><p>Ja, genau. Wenn hier was nicht stimmt, dann nat�rlich mit Ella.�Wahrscheinlich brauch ich einfach mal st�rkeren Kaffe!�</p><p>�Das vergiss mal lieber! Du rauchst doch nicht neuerdings, oder?�</p><p>�Nei-in!�</p><p>�Darf ich dann mal n Blick in deine Schublade werfen?�</p><p>�Das vergiss mal lieber!�</p><p>Das gab zwei Wochen Taschengeldentzug. Zum Gl�ck hatte ich mir grade vorher neuen Kaffe gekauft. Und mehr brauch ich eigentlich nicht. Bis auf ne Zigarette ab und zu.</p><p>�Was is das denn?�, frag ich Romy, als sie sich aus der andern Kanne eingie�t.</p><p>Sie sagt so was wie:��ll-gr�i�, klingt englisch.</p><p>�Was?�, frage ich.</p><p>�Schwarzer Tee�, sagt sie,�aromatisiert mit Bergamott�l.�</p><p>Mit was?� Mit Milch?�, frag ich.</p><p>�Ja�, sagt sie und grinst,�wie die Engl�nder.�</p><p>Wie Paul, denk ich. Aber der ist ja aus Irland. Oder haben sie uns das mal in Englisch erz�hlt? Als ich geh�rt hab, dass die Haferschleim zum Fr�hst�ck essen, hab ich nicht weiter aufgepasst.</p><p>�Magst du Haferbrei?�, frag ich.</p><p>Sie guckt mich angeekelt an.�Alles hat seine Grenzen.�</p><p>Stimmt, denk ich.</p><p>�Willst du mal probiern?�, fragt sie und h�lt mir ihre Tasse hin. Ich z�gre. Sie lacht.</p><p>�Keine Angst, ich hab keine Ratten verspeist. Aber ich kann dir auch ne andre Tasse holen.�</p><p>�Schon okay�, sag ich. Blo� weil das bei uns son totales Unding ist: aus der Tasse von dem andern zu trinken, die Gabel von dem andern zu nehmen. Als ob sich alle bei uns vornander ekeln.</p><p>�Schmeckt gut�, sag ich. Und das ist echt mal nicht gelogen.</p><p>�Find ich auch�, sagt Romy.</p><p>Ich geb ihr die Tasse zur�ck, ich wei� nicht, was ich sonst noch sagen soll. Romy sagt auch nix. Wir schl�rfen nur so vor uns hin. Als w�r das so ein doofes Spiel, bei dems darum geht, wer als Erster was sagt, und der hat dann verloren. Ich verlier.</p><p>�Wei�t du schon, was du machen willst, ich mein, nach dem Abi?�</p><p>Romy zuckt mit den Schultern.�Keine Ahnung. Studiern. Und du?�</p><p>�Wei� nich. Jedenfalls nich studiern. Zw�lf Jahre reichen. Zw�lf Jahre Schule, eh! �berleg dir das mal!�</p><p>Sie lacht.�Wieso machst du dann Abitur?�</p><p>�Gute Frage�, sag ich.�Wegen meinen Eltern wahrscheinlich.�</p><p>Romy sagt:�Ich konnt mir nie vorstellen, was ich mal werden will, nich mal so wie andre, die schon mit sieben Jahren wissen, dass sie S�ngerin oder Tier�rztin werden wollen. Ich wollt nie irgendwas werden.�</p><p>�Ich auch nich!�Das h�tt ich nie gedacht. Dass ihr das genauso geht. Auf ihrem Schreibtisch liegt son gr�nes Buch, ich hab sofort gewusst, dass das ihr Tagebuch ist. Ich hab nicht reingeguckt oder so, ich habs einfach so gewusst. Wahrscheinlich denkt sie die ganze Zeit �ber irgendwas nach, hab ich gedacht, �ber sich, und dann schreibt sie das alles auf. Wahrscheinlich wei� sie �ber sich selbst ganz genau Bescheid, ganz genau, was sie will. Oder wenigstens, was nicht.</p><p>�Ich mein, ich kann mir das �berhaupt nich vorstellen, son richtiger Job und so, und du gehst da jeden Tag hin und machst da jeden Tag deine Arbeit von morgens bis abends und das vierzig Jahre lang. Wenn du Gl�ck hast. Und wenn du noch mehr Gl�ck hast, interessiert dich das vielleicht sogar n bisschen, was du machst. Aber irgendwie will ich das nich. �Sie grinst.�Meine Eltern sind nat�rlich immer entsetzt, wenn ich so was sag!�</p><p>�Na frag mich mal. Ich sag sowas gar nich erst, und trotzdem liegen die mir st�ndig in den Ohren, was denn blo� aus mir werden soll und so, und dass ich noch irgendwann in der Gosse lande, wenn das so weitergeht. Aber ich intressier mich einfach f�r nix.�</p><p>Romy guckt mich an.�F�r gar nix? Ich mein, in der Schule, interessiern dich da nich n paar Sachen, ich mein, zumindest mehr als andre?�</p><p>�Nee. Mir is das alles wurscht. Ich glaub, das war gleich so, schon wie ich in die erste Klasse kam und die mit OMI UND LILO AM ZAUN anfingen. Als ich von meinem ersten Schultag nach Hause kam, hab ich gesagt: �Da will ich nich mehr hin!� Ich hab ja auch �fter geschw�nzt und so, und das als Lehrerkind! Da war immer was los! Mit der Zeit hab ich gedacht, is einfacher, doch hinzugehn und blo� drauf zu warten, dass es vorbei is.�� Na doch, manchmal hat mich auch was intressiert, aber wenn ich dann die ganze Stunde was dadr�ber h�rn musste und die ganzen Tafelbilder abmalen und dann zu Hause auch noch auswendig lernen, damit ich das dann inner Klassenarbeit noch mal hinschreiben sollte, da wars dann immer vorbei mit meim Intresse. Das war wie als w�r das zehnmal eingewickelt worden, in lauter Plastet�ten oder so, dass man gar nich mehr richtig erkennen kann, was es is. Oder wie mit Gummi. �Ich muss lachen. Aber Romy sieht aus, als wenn sie auf was wartet.</p><p>�Na, ich mein, also � mit Kondom. Hat Thorsten mal gesagt. Er hat gesagt, Sex mit Kondom is, als w�rdste n Bonbon mit Einwickelpapier lutschen. �Ich lache.</p><p>Romy grinst ein bisschen.�Wer ist Thorsten?�, fragt sie.</p><p>�Na, mein Bruder. �Das wei� sie ja gar nicht.</p><p>�Achso�, sagt sie.�Wie alt ist er denn?�</p><p>�Einundzwanzig. Er studiert in Berlin. Er is schon vor zwei Jahren ausgezogen. Und an ihn komm ich sowieso nich ran.�</p><p>�Wie � nich ran?�</p><p>Wie soll ich ihr das jetzt wieder erkl�ren? Sie ist ein Einzelkind und hats gut. Obwohl, ohne Thorsten w�r auch schei�e gewesen. So schei�e wie jetzt.</p><p>�Na ja, er war eben immer besser und so. Er hat immer alles richtig gemacht, jedenfalls f�llt mir nix ein, wo er mal richtig was falsch gemacht h�tte, mal richtig Schei�e gebaut oder so. Meine Eltern haben fast nie mit ihm gemeckert, im Gegenteil. Und alle m�gen ihn immer gleich, egal, wo er hinkommt, er sieht ja auch gut aus und so, er is nett. Und trotzdem kein bl�der Schleimschei�er, ich mein, nich so wie die, die den Lehrern in�n Arsch kriechen, die blo� so tun, als ob. Wenn er zu einem nett war, dann hat er das auch so gemeint. Mann, ich red, als ob er tot w�r!�</p><p>�Und deine Eltern haben ihn echt bevorzugt?�</p><p>�Klar. Mein Vater kommt ja immer bald um vor Stolz, wenn er von seinem tollen Sohn erz�hlt, das musste dir mal anh�rn! Aber komischerweise war ich trotzdem nie richtig neidisch. Er is eben mein Bruder, und er war nie irgendwie doof zu mir oder so, er hat zu mir gehalten. Wahrscheinlich is man nich neidisch auf einen, den man mag, oder?�</p><p>�Hm�, macht Romy. Sie sieht aus, als m�sste sie da erst mal drei Tage dr�ber nachdenken.�Wahrscheinlich nich�, sagt sie schlie�lich.</p><p>�H�ttest du gerne Geschwister?�, frag ich sie, blo� so aus Neugierde.</p><p>�Nein!�Das kam wie aus der Pistole geschossen.</p><p>�Wieso nich?�</p><p>�Ach, ich wei� nich. Ich kanns mir einfach nich vorstellen.�</p><p>Ich glaub, sie hat recht. Ich kanns mir auch nicht vorstellen bei ihr.</p><p>�Das Schlimmste w�r n Zwilling�, sagt sie.�Zwillinge find ich gruselig. Ich mein, eineiige. Allein schon die Vorstellung: Da is einer, der is genauso wie du! Das macht mich ganz krank, wenn ich nur dran denke!�</p><p>Meine Eltern wahrscheinlich auch. Ich muss an den Spiegel denken. Ich glaub, ich wei�, was sie meint.</p><p>�Ich mein, f�hlt man sich da �berhaupt noch als Individuum?�Romy guckt mich erschrocken an.</p><p>�Keine Ahnung. Aber die leben ja auch irgendwie, und manche finden das ja auch toll�, sag ich.</p><p>�Na ja, so toll, wie es eben is, nie alleine zu sein. Also auf die Dauer nich besonders, jedenfalls nich f�r mich. Ob die Eltern die am Anfang �berhaupt auseinanderhalten k�nnen?�</p><p>�Tja. Aber is da vielleicht auch egal���</p><p>Romy lacht.���ob nun die eine heute Hanni und die andre Nanni is und morgen umgekehrt?�</p><p>Wir lachen beide.�Komische Namen�, sag ich.</p><p>�Na ja, wei�t doch, HANNI UND NANNI, diese M�dchenb�cher. �Sie rollt mit den Augen.</p><p>�Was?�Da hab ich wohl was verpasst.</p><p>Romy grinst.�Da is dir aber ganz sch�n was entgangen, sag ich dir!�</p><p>Tja, vielleicht h�tt ich auch lieber solche B�cher lesen sollen. Statt� rumzugammeln �und mich� rumzutreiben�, wie das ja immer hie�. Ich wollt blo� m�glichst wenig zu Hause sein. Jetzt bin ich die ganze Zeit da. F�r Oma. Sag ich nur so. Ich w�r auch da, wenn Oma nicht da w�r.</p><p>Aber da musst ich erst mal dr�ber nachdenken. Wieso Romy eigentlich auch gleich so gegen die Elpe war, neulich. Ich mein, ihre Mutter macht ja den Club und so. Zwar kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Romy da hingehen und das gut finden w�rde. Dann w�rd sie wohl keine B�cher lesen und so und in ihr Tagebuch schreiben und jeden Tag� uff �t Gymmi �gehen. Und da liegt bestimmt der Pudel begraben, dacht ich so. Sie hat genau son Hass dadrauf wie ich, vielleicht hat sie genau so ne Schiss vor der Elpe. Aber aus nem andern Grund. Weil sies <emphasis>nicht</emphasis> kennt.</p><p>�Oh, hallo � du hast ja Besuch!�</p><p>Ich fahr zusammen. Mann! Ich hab gar nicht mitgekriegt, wie Romys Mutter reingekommen ist.</p><p>�Hallo, Ella! Na das is ja sch�n. �Sie l�chelt. Anscheinend freut sie sich wirklich.</p><p>�Guck mal, Ella hat mir die ganzen Platten mitgebracht, also, geschenkt, die ganzen Beatles-Platten!�Romy zeigt auf ihre Liege. Ihre Mutter macht so ein Ger�usch, als w�rd sie sich furchtbar erschrecken, und ich zuck noch mal zusammen.</p><p>�Mensch, Ella! Fiel dir das gar nich schwer, dich davon zu trennen?�</p><p>��berhaupt nich�, sag ich.</p><p>Frau Pl�tz l�chelt mich an.�Na, Mensch, das nenn ich gro�z�gig!�</p><p>�Pass auf, gleich sagt sie, dass ich mir da mal ne Scheibe von abschneiden k�nnte�, sagt Romy.</p><p>Ich guck sie erschrocken an, dann ihre Mutter. Aber die lacht blo�.</p><p>�Sagt mal, was is denn mit euerm Paul? Wollt ihr den nich anrufen? Der k�nnte doch auch herkommen, zum Abendbrot.�</p><p>�Ach�, sagt Romy.�Nein. Wir sehn uns ja morgen.�</p><p>�Achso.�</p><p>Ich glaub, Frau Pl�tz wollt noch was sagen, aber sie langt blo� nach der T�rklinke.</p><p>�Na ja, dann lass ich euch jetzt mal alleine.�</p><p>Als sie raus ist, frag ich Romy:�Wieso denn nich? Er h�tt doch eigentlich herkommen k�nnen, oder?�</p><p>Romy seufzt.�Ja. Eigentlich. Aber nich, wenn meine Mutter da is.�</p><p>Das versteh ich jetzt nicht. Ich mein, so schlimm ist ihre Mutter doch gar nicht. Romy zieht die Augenbrauen hoch.</p><p>�Man darf ihr gar nich erst die Gelegenheit f�r nachtr�gliche Bemerkungen und Befragungen geben!�</p><p>Was f�r Befragungen? Romys Mutter sieht eigentlich nicht so aus, als w�rd sie irgendwelche Bemerkungen machen. Jedenfalls nicht solche wie meine. Aber Romy schl�rft ihren Tee und guckt mich �ber die Tasse an, als h�tte sie das Logischste von der Welt gesagt.</p></section><section><title><p><strong>HARTMUT</strong></p></title><p>�Geh mal, Hartmut, nu geh mal!�</p><p>Die kann einen scheuchen! Dr�ckt sie einem die Blumen inne Hand, und nu geh ma, Hartmut. Einer muss ja.</p><p>�Wieso ich nu wieder?�</p><p>�Ach, Hartmut, ich bitte dich! Ich hab zu tun, siehst du doch, und soll nu vielleicht deine Mutter mit ihrem Bein da umherkrauchen? Die kommt doch heute wieder gar nicht hoch.�</p><p>�Und Ella?�</p><p>�Na, dass ich nicht lache! Ella! Die wei� doch gar nicht, wo der Friedhof <emphasis>ist</emphasis>! Oder dass ihr Opa da liegt, geschweige denn, was heut f�rn Tag ist. Au�erdem ist sie gar nicht da.�</p><p>�Wieso? Wieso nich da? Aber ma ganz nebenbei, Britta, ich h�tt da auch nich dran gedacht. Sterbetag und so. Na ja, Hauptsache, du hast das immer alles im Kopp.�</p><p>�Was soll das nu wieder hei�en? Wenn ich mich nicht darum k�mmern w�rd, na, da w�rd man ja bald ganz genau sehen, von wem Ella das hat. Du kennst doch auch keine Verwandten! Du w�rdst doch auch am liebsten so tun, als w�rst du vom Himmel gefallen, und tot is tot, ne! Keine Achtung! Hast du nicht. Nie gehabt. Was soll denn das erst werden, wenn ich mal unter der Erde bin. Da kannst du denn ja wohl nicht mehr deine Mutter vorschicken!�</p><p>�Na, da kannste ja blo� froh sein, dass ich mir eher die Radieschen von unten angucken werd als du, wa! Denn kannste immer sch�n um mein Grab rum mitte Harke und immer sch�n Stiefm�tterchen ruffpflanzen und dir immer sch�n vonne Leute bei zugucken lassen. Wie de sch�n um deinen armen Mann trauerst. Den de sch�n zu Tode gezetert hast. Nich, Britta?�</p><p>�Ach, sei doch still, Hartmut! Du wei�t doch nicht, was du redest, wei�t du doch schon lange nicht mehr. Schlimmer als deine Mutter. Ich wei� nicht, was mit dir los ist neuerdings. Aber wei�t du was: Ich wills auch gar nicht wissen! Intressiert mich nicht. Nicht die Bohne. Sind vielleicht deine Wechseljahre. Solls ja bei M�nnern auch geben, hab ich neulich erst gelesen���</p><p>�K�mmer du dich man blo� um deine eigenen �Wechseljahre� und deine �Tage� und deine �Orangenhaut� und was de dir sonst noch alles ranliest. Deine �Darmflora�!�</p><p>�Hartmut���</p><p>�Wird einem ja �bel bei!�</p><p>�Ach, leck mich doch am�� Allerwertesten!�</p><p>�Ha, das h�ttste wohl gerne, wa, Allerwerteste! Aber echt, Britta, warst auch schon ma origineller. Ich sag blo�: �verl�ngerter R�cken�! Ha! Als ob de nich n Arsch hast wie alle andern auch!�</p><p>�Ja genau, Hartmut. Hab ich. N Arsch, der sich nicht traut, seinem Vater n paar Blumen aufs Grab zu stellen!�</p><p>�Mann, krieg dich ein! Ich geh ja schon. Herrgott nochmal!�</p><p>Sterbetag! Hab ich nie kapiert. Aber Mutter auch immer mit ihrem ewigen Friedhofsbrimborium.�Deine Oma�,�dein Opa�,�meine Mutter�,�meine Schwester�,�deine Tante�,�meine Tante�,�die Cousine von meim Vater �und was wei� ich nicht noch alles f�r Schwippschwager und Neffcousins! Die ist doch rein besessen davon. Scheint aber auch sone Weiberkrankheit zu sein. Da denkste, du hast mal n ganz normalen Tag, alles erledigt, musst an nix denken, ne, kannst im Prinzip machen, was du willst, machst den Fernseher an, machst dir n Bierchen auf, zack, da steht garantiert Mutter inne T�r:�Hartmut, du denkst doch da an, dat Opa heut���Dat der olle Schorschki da vor siebenundwei�nich Jahren den Geist aufgegeben hat, was ihr Polacken-Schwiegervater gewesen ist. Als ob das nu nix Wichtigeres im Leben gibt, als wann einer gestorben ist. Als ob er damit nu irgendne Leistung oder so vollbracht h�tte, wo man ihm zu gratuliert. Wie beim Geburtstag. Genauson Schei� im Prinzip. Du wirst nu mal irgendwann geboren, kannste dich ja gar nicht gegen wehren, sozusagen, musste auch gar nix f�r tun. Ich versteh nicht, was dadran nu so Besondres sein soll, an dem Tag, mein ich, dass man den nu permanent feiern muss jedes Jahr.</p><p>�Gefeiert wird nich mehr�, hab ich zu Britta gesagt. Da war die auch sofort einverstanden mit.</p><p>�Bleibt ja sowieso immer alles an mir h�ngen�, hat sie gesagt. Bisschen bequem ist sie n�mlich auch, mal so unter uns gesagt. Das hatt ich gleich gemerkt damals.</p><p>�Wir schenken uns nix mehr.�</p><p>Da hat sie denn erst n bisschen bl�d geguckt. Weil, da hat sie nat�rlich gleich an sich gedacht, und dass es nu Ebbe ist mit den kleinen roten Pappschachteln von UHREN � SCHMUCK � MEYER und den sauteuren Dingern ausm W�scheladen, wo du daf�r bezahlst, dass m�glichst wenig dran ist. Na ja, hatt ich ja auch immer selber was von, hab ich ja extra so ausgesucht. Und wenn sie das denn ausgepackt hat�� Nie vor den Kindern.�Hartmut!�, hat sie dann gesagt, und ich hab gegrinst.�Da werd ich das wohl gleich mal anprobiern�, hat sie gesagt und ist damit ins Schlafzimmer, und nach ner Weile hat sie immer gerufen:�Hartmut, kommst du mal?�, und dann haben wir erst mal die T�r abgeschlossen.</p><p>�Na, ne Blume kriegste schon noch!�, hab ich gesagt. Dann hat sie wahrscheinlich kapiert, dass sie mir nu auch nix mehr schenken muss.</p><p>�Na, von mir aus.�</p><p>Da war dann endlich mal Schluss mit dem ganzen Getue. Dieser ganze Plunder, wo man noch so tun muss, als wenn man sich dazu freut, und dann stopfste das nachher doch blo� in die hinterste Ecke vom Schrank. Geschenke! Ich wei� gar nicht, was das soll. In dieser Familie hat jedenfalls noch keiner einem irgendwas geschenkt, wor�ber der sich wirklich gefreut h�tte. Hab ich nie erlebt. So was gibts auch gar nicht. Fr�her gabs nix, und heute willste nix mehr. Das Einzige � na ja, das warn die Platten. H�tt das damals einer geahnt, dass man das alles mal �bern Jordan wirft!</p><p>Ella hat mir mal n Taschenmesser geschenkt. Hab ich mich gefreut, ehrlich. Als Bengels hatten wir ja immer welche, und wenn nicht, haben wir uns eins gew�nscht oder drauf gespart, Taschenmesser musste sein. Keine Ahnung, wieso. Aber als Ella mir das dann schenkte, war das, als wenn du nem Maurer ne Geige schenkst. Erst dacht ich, das ist ja toll, aber dann wusst ich absolut nix damit anzufangen. Die erste Zeit bin ich immer mit dem Messer in der Tasche rumgelaufen und hab geguckt, ob ich nicht an irgendwas damit rumschnippeln k�nnte, das irgendwie mal benutzen, ne. Aber nix. Vaters Schuppen mit dem ganzen Holz und Krimskrams hatten wir ja auch schon lange abgerissen. Hat doch keiner mehr gebraucht, den alten Mist. Und ich bin ja nu auch nicht grade so der Bastler. Vogelh�uschen und so. Hab ich nie gemacht. H�tt ich ja gleich Werklehrer werden k�nnen. Eigentlich auch sch�n bescheuert. Hat man nu gelernt, jeden einzelnen beschissenen K�rper zu zeichnen und auszurechnen, aber nie son Ding gebaut und inner Hand gehabt. Gibt doch alles, gibt doch alles zu kaufen, und billiger, als wenn du dir das ganze Material daf�r ranschaffst und das selber zusammenpfuschst.</p><p>Mehr als ne W�scheleine hab ich nie durchgeschnitten mit dem Messer, und das auch blo�, weil wir da noch nicht den Trockner hatten. Aber ich schlepps trotzdem fast immer mit mir rum. Vielleicht kommt man ja doch mal inne Verlegenheit. Hab ich Ella nie gesagt, ich mein, dass ich die ganze Zeit ihr Messer dabei hab. Hat die wahrscheinlich l�ngst vergessen.</p><p>Einmal hab ich mich sogar auf nen bl�den Wandertag gefreut, weil ich dachte, na, das ist endlich mal die Gelegenheit, dein Taschenmesser auszuprobiern. Ich mein, ging ja durchn Wald und so. Aber als wir dann nach paar Stunden bei unserm Wanderziel angekommen warn und auf den Bus zur�ck gewartet haben, fass ich so in meine Tasche, und da hab ich das Messer inner Hand, und ich hatte den ganzen Weg �ber kein einziges Mal dran gedacht. So im Nachhinein wusst ich gar nicht mehr, was ich mir da nu vorgestellt hatte, von wegen das Messer benutzen und so. Was f�r ne Situation. Ich mein, was man sich manchmal so denkt, ne. So was gibts denn immer gar nicht.</p><p>Gleich sieme. Ich wollt eigentlich noch mit den Mathearbeiten vonner Neunten anfangen, wird nu auch nix mehr. Irgendwann muss ja auch mal Feierabend sein. M�ssen die eben noch paar Tage l�nger warten, man ist ja auch blo� n Mensch. Und als ob die da nu drauf warten. Auf ihre sechs von zweiunddrei�ig Punkte. Trotzdem n�rgeln sie immer rum. Hab ich erst gar nicht kapiert. Dann dacht ich, ist vielleicht so, wie wenn unsereins in�n leeren Briefkasten guckt und entt�uscht ist, obwohl sowieso blo� Rechnungen kommen. Bin gespannt, ob ich mal wieder irgendwo ne Zwei drunter schreiben kann. Vielleicht bei der kleinen Finke. Obwohl, die scheint neuerdings auch andre Sachen im Kopp zu haben.</p><p>Na wenigstens d�rfte ja um die Zeit und mitten inner Woche keiner mehr aufm Friedhof sein. Aber wei�te nicht. Manchmal kriegen die das auch im Kopp, die ollen Schlattern, und rennen um neune noch mal los und grugen sich fast zu Tode um so ne� nachtschlafne Zeit�, aber die Stiefm�tterchen m�ssen noch begossen werden. Na, sieht aus, als w�r keiner weiter da. Also hingestellt die Blumen und nix wie weg.�Und auch bisschen harken, Hartmut!�</p><p>Tja, Vater, da liegste nu und kannst nicht mehr gegen an, was sie hier mit dir veranstalten. Da kannste nu keinen Kommentar mehr zu abgeben. Dass sie dir hier jetzt die Vasen aufn Bauch stellen und n Stein aufn Kopp, wo ausgerechnet die zwei Sachen draufstehen, mit denen du nix zu tun hast, und von dem Ganzen, was dazwischen war, kein Sterbensw�rtchen. Wozu rei�t man sich da eigentlich so den Arsch auf, wa? Am Ende liegste doch blo� hier rum und wartest auf deine Marie. Wie im echten Leben. Und die kommt einfach nicht. Na, vergeht einem ja auch, wenn man jedesmal beim Harken den eignen Namen liest aufm Grabstein, wo blo� das eine Datum noch fehlt, und grade diese leere Stelle guckt einen ja an. Wie beim Computer, wenn da immerzu dieser schwarze Strich blinkt und einen gradezu dr�ngelt, nu endlich was hinzuschreiben. Macht einen ganz wuschig mit der Zeit.</p><p>Aber Britta hat damals gesagt, ist besser. Wenn wir gleich einen Stein f�r beide nehmen. War auch billiger. Und Mutter hatte nix dagegen. Ich glaub, die ist da sogar stolz drauf. Dass sie da nu ihren Namen in Goldschrift neben dem von ihrem Simon Wachlowski sehen kann. Von ihrem Mann. War sie ja ihr ganzes Leben stolz drauf, dass das ihr Mann war. Der Polen-Wachlowski. Keine Ahnung, wieso. Die hat alles f�r den gemacht. F�r den Kuhdoktor. Manchmal denk ich, k�nnt Britta sich mal ne Scheibe von abschneiden. Aber sagen tu ich das nicht, blo� nicht, nee! Na ja. Britta hat wahrscheinlich auch nicht grade Angst, ich k�nnt ihr weglaufen.</p><p>�Der Pole�! Den Namen hatt ich weg. Ich glaub, sagen die heut noch, aber nicht, wenn ich dabei bin. So was wirste ja doch nie los. Und eine Schiss haben die, eh. Das kriegen die auch nicht aus den Knochen. Die denken, eines Tages kommt der Pole r�ber mit Kind und Kegel und klaut alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist, das sch�ne Westauto und den Fernseher, ogottogott. Das ging doch schon immer so. Wenn das fr�her immer hie�,�dei s�nn woll ut Hinnerpommern!�. War ne schwere Beleidigung. Dabei waren das ja auch alles Deutsche, so von Rechts wegen. Aber da dachten die wohl, das hat schon abgef�rbt auf die, das Polackentum, dass die nu auch alle Kleister anne Finger haben.</p><p>Und das waren ja nu echte Polen, die Eltern von meim Vater. Aber wei�te, selber schuld, sag ich. Wenn die das hier nicht hinkriegen, sich nen eignen Tierarzt zu organisieren. Tja, da kam denn eben der Pole Grzegorz Wachlowski. Kam, sah und siegte, wie man so sagt. Der Schorschki. Auf Schorschki hat keiner was kommen lassen. Erstens mal war er� de Dokter�, und n Polen-Doktor ist immer noch besser als gar keiner, und f�r die Viecher war das ja wurscht, ob der nu polnisch r�ckw�rts spricht oder ordentliches deutsches Platt. Zweitens war er katholisch, und obwohl den� Katholschen �ja ansonsten nicht �bern Weg zu trauen war, warn die sich komischerweise einig, dass grade das Katholischsein ihn davon abhalten w�rd, den Viechern irgendwas anzuhexen. Nicht so wie der andre Halunke, den sie davongejagt hatten, nachdem der halbe Kuhbestand an Fu�f�ule oder so was eingegangen war, wodrauf die denn jahrelang ohne Tierarzt rumgewirtschaftet haben, wobei noch mal die andre H�lfte der Viecher fast draufgegangen ist. Zust�nde!</p><p>Aber Schorschki, den haben sie denn richtig eingeb�rgert. Der hat sich auch einwandfrei angepasst; an der Uni, wo der studiert hatte, da wurde nur Deutsch gesprochen, das konnte der schon flie�end, als er herkam, im Gegensatz zu seiner Agata, die hat sich hier ja nie richtig eingelebt. Die hat man fast nie zu sehen gekriegt, sagen sie, und besuchen mocht die auch keiner, man wusst ja nicht, was mit ihr reden. Ich kann mich kaum an die erinnern. Ich wei� blo� noch, dass die mir als Kind immer riesig vorkam und so aussah, als w�rd sie gleich inner Mitte durchbrechen. Irgendwie kam die mir immer nicht wien echter Mensch vor, wie sie so rumschlenkerte mit ihren langen Armen und durch die Gegend schwankte. Wie so ne Holzpuppe, die du so an F�den f�hrst, ne Marionette, und denn hat sie ja auch nie was gesagt, und wenn doch, hat mans nicht verstanden. Ich mocht das nicht, wenn die mich anfasste, die hatte immer so kalte Finger.</p><p>Aber Schorschki, den mocht ich ganz gerne. Der wollt mir immer alles erkl�ren und hat mich mitgenommen in�n Kuhstall und in�n Schweinestall, obwohl er da auch schon uralt war und eigentlich gar nicht mehr gearbeitet hat, das hat da ja Vater schon gemacht. Ich wei� noch, dass ich da immer n bisschen schissig war, ich dacht immer, dass son Vieh mich bei�t oder irgendwas. Mit den Viechern bin ich nie richtig warm geworden. Ich wollt auch nie n Haustier oder so, und wie Thorsten mal ankam und n Hund haben wollt, hab ich gleich gesagt, nee. Und schon gar nicht wollt ich nu Tierarzt werden, auch wenn Vater das gern gesehn h�tt. Na, und Mutter erst.�Mensch, Jung, du hast doch dat Zeug dazu!�</p><p>�Wozu?�, hab ich gefragt.</p><p>�Na, zum Studiern!�</p><p>Achso, hab ich gedacht, darum gehts. Dass aus dem Sohnemann nu auch was wird. Wo man stolz drauf sein kann. Wo man n bisschen mit angeben kann. Darum ging das doch nur, all die Jahre, Mann! Und was hab ich mich gequ�lt. Blo�, dass Mutter auch am Ende wieder n sch�nes Zeugnis zum Vorzeigen hatte. Von ihrem Vorzeigejungen. Dem die Schule so leicht vonne Hand geht. Schwachsinn! Ging nie leicht. Das hab ich aber erst so richtig an Thorsten gesehn. Da hab ich das erst kapiert. Wie das n�mlich aussieht, wenn einem das leichtf�llt. Der hat nie gesessen und gelernt, kann mich nicht erinnern. Und trotzdem eine Eins nach der andern. Zuerst hab ich ja auch noch gedacht, das hat er von mir. Haben doch alle gedacht, Mutter sowieso, auch wenn ich da schon der gro�e Versager f�r sie war. Da hatte sie ja nu wieder einen, auf den sie stolz sein kann, auch wenn sie sich wohl immer gewundert hat, wie ihr Versager von Sohn mit seinem Flittchen von Ehefrau so nen Sohn zustandebringen konnte. Tja, ist aber nun mal so. War ich ja selber stolz drauf. Aber ehrlich, manchmal hatt ich auch ne schei� Wut auf den. Wei� auch nicht, wieso. Aber wenn der mir wieder ne Eins unter die Nase hielt, echt, da h�tt ich dem manchmal statt f�nf Mark lieber ne Backpfeife gegeben. Ich dachte, irgendwann merken die das. Dass mein eigner Sohn mich zehnmal in die Tasche steckt. Und Thorsten, der hatte das doch schon l�ngst gemerkt. Auch wenn er sich nix anmerken lie�. War der viel zu schlau zu.</p><p>Und Ella nu: das genaue Gegenteil. Komischerweise h�ngt Mutter an ihr bald mehr als an Thorsten. Wahrscheinlich blo� deshalb, weil die in ihrem verqueren Kopp irgendwie denkt, dass Ella nu die gerechte Strafe f�r mich ist. Dabei ist die ja nicht doof oder so. Blo� faul. Und faul war ich nie, jedenfalls fr�her nicht. Heut ist mir manchmal alles egal. Manchmal denk ich, an Ella kannste sehen, was aus dir geworden w�r, wenn dir das damals auch alles egal gewesen w�r. Aber der Flei�, ich glaub, das war das Einzige, was ich wirklich von Schorschki geerbt hatte. Denn flei�ig war der, meine Fresse! Ich hab den nie sitzen sehen. Ich glaub, das war das auch, womit er die schlussendlich alle gekriegt hat. Weshalb denn keiner mehr misstrauisch war. Der war so flei�ig, dass er ja gar kein echter Pole mehr war. In Wirklichkeit war der doch flei�iger als die alle zusammen. Aber gesagt haben sie:�Fuul isser nich. �Und denn haben die sich sogar daf�r stark gemacht, dass er als alter Mann nicht noch an die Front muss und in seine eigne Heimat einr�cken, sondern als einziger Tierarzt f�r den ganzen Kreis dableiben kann. N Tierarzt brauchte man schlie�lich.</p><p>�Tierarzt wird immer gebraucht�, hat Vater denn auch gesagt. Aber inner DDR wurd auch alles andre gebraucht, oder zumindest so getan. Und da h�tten mich nu keine zehn Pferde zu gekriegt. Eigentlich hatt ich die Schnauze voll. Die zehn Jahre haben mir dicke gereicht. Aber ich hatte Empfehlung f�r die EOS, und Mutter kam fast um vor Stolz.</p><p>�Studier ich eben was andres�, hab ich denn gesagt. Und hab brav noch die zwei Jahre in Anklam gemacht, und denn dacht ich wohl, jetzt dreh ich den Spie� mal um, und bin denn brav nach Greifswald und hab Mathe und Physik gemacht, auf Lehramt. War damals auch Mode. Lehrer, Mann, das war was! Tierarzt war Bl�dsinn. Konntste ja gleich zur LPG gehn!</p><p>Und Britta, die h�tt doch nie einen genommen, der noch nachm Duschen nach Mist und Jauche stinkt und abends mit den gleichen Fingern an sie ran will, wo er den ganzen Tag an Eutern mit rumgefummelt hat. Aber Mathe und Physik, das hat ihr anscheinend zugesagt, jedenfalls hat das dann ja geklappt mit uns in Greifswald, wo ich eigentlich nie dran geglaubt h�tt. Als das damals mit Roli passiert ist, na, da hab ich mich erst recht nicht mehr an sie rangetraut. Ich hab gedacht, nu will sie bestimmt gar keinen mehr von uns sehen. Und erst hat sie sich ja auch n bisschen gehabt. Ich mein, nachdem wir denn das erste Mal, also, nachdem ich sie denn rumgekriegt hatte, sagte sie auch:�Na ja, da hatteste jetzt, was du wolltest, oder?�, und das klang so wie: Jetzt mach dich ma sch�n vom Acker, und denn haben wir uns wirklich ne Zeit nicht mehr gesehn. Aber denn sind wir uns doch mal wieder �bern Weg gelaufen, und da hat sie mich zu sich eingeladen, na ja, und denn bin ich eben zu ihr, immer wieder. Ich konnt nicht anders. Das war n Volltreffer, Mann! Die hat jedenfalls gehalten, was sie versprochen hat, so vom �u�eren her und so. Die hatte echt paar Sachen drauf, da konntste nur dazulernen. Einmal hab ich sie gefragt, ob sie noch an Roli denkt manchmal. Ich kriegte das irgendwie nicht ausm Kopp.�Ach, eigentlich nicht�, hat sie gesagt.�Na ja, war schon schlimm, ne. Aber guck ma, ich war ja noch n halbes Kind. Musste ja weitergehen. �Das stimmt, die war da ja knapp fuffzehn, als das losging mit Roli. Aber <emphasis>�Kind�</emphasis>: das kann man ja nu nicht grad sagen. Die hatte da schon ihren Namen weg. Die Flotte Britta. Und ging ja auch ziemlich schnell weiter bei ihr, nach allem, was man so h�rte. Wie ich bei der Armee war, war sie grad EOS.�Immer, wenn ich auf Urlaub kam, bin ich zur Disco, meistens in die MELODIE nach Anklam, das war ja so das EOS-Tanzlokal. Auch wegen Britta, die war oft da, aber ich hab mich immer noch nicht getraut, obwohl ich ja gesehen hab, dass die nix anbrennen l�sst. Fast immer mit nem andern Macker. Einmal mit so nem Schn�sel, da dacht ich, na, jetzt pass ma auf, S�hnchen, und forder sie zum Tanzen auf. Das war das erste Mal, ich hatt auch schon bisschen was intus. Da pflanzt der sich doch gleich vor mir auf und bietet mir Pr�gel an! Das halbe Hemd, ich wollt mich ja totlachen, und blo�, weil er gr��er war als ich. Ich hab mich ja sonst rausgehalten aus Kloppereien, aber da hat mir das gereicht, und ich h�tt den fertiggemacht, allein schon durch mehr Willensst�rke. Aber Britta ist dazwischen und hat zu ihm gesagt,�nu lass ma, Bertram�. Bertram! Erst war ich ja beleidigt: dass die offenbar dachte, der k�nnt <emphasis>mich</emphasis> fertigmachen. Aber dann war ich doch ganz froh. Erstens, dass ich nicht mitm Veilchen zur�ck in die Kaserne muss, und zweitens, weil Britta anscheinend wirklich Angst um mich hatte. Das war doch n gutes Zeichen.</p><p>Aber musste doch erst Greifswald kommen. Und da sagt sie mir eines Tages so Knall auf Fall:�Hartmut, ich krieg n Kind.�</p><p>Na, da war ich baff.</p><p>�Von mir?�, frag ich. H�tt ich mir mal klemmen sollen. Da fing sie n�mlich gleich an zu heulen: Na ja, von wem denn sonst, und was ich denn eigentlich von ihr denke, und dass ich wohl auch alles glauben w�rd, was ich so h�r, was die alle erz�hln, na und so.</p><p>�Ach Quatsch�, sag ich. Blo�, damit sie sich beruhigt. Ich mein, klar, wird wohl schon was drangewesen sein. Was die so rumerz�hlt haben von der Flotten Britta. Aber wie sie mich so anguckte, da hab ich ihr geglaubt. Da hab ich auf einmal gewusst, dass das mein Kind ist. Mann! Ich w�r fast in Ohnmacht gefalln.</p><p>�Macht doch nix�, hab ich gesagt.�Denn heiraten wir eben.�</p><p>�Im Ernst?�</p><p>�Klaro!�</p><p>�Na gut.�</p><p>Und da w�r ich bald noch mal hinten�bergefallen! Die Flotte Britta wird die Frau vom kleinen Hartmut, vom� Polen�, der sonst nie eine abgekriegt hat oder blo� immer die H�ssliche. Mutter hat denn zwei Wochen nicht mit mir gesprochen. Seitdem war ich unten durch bei ihr. Aber war mir wurscht. Und h�tt mir da einer erz�hlt, dass es nu doch so was wie Schicksal gibt, einen, der da oben sitzt und alles lenkt, da h�tt ich dem das glatt geglaubt.</p><p>Schei�e, wer ist das denn jetzt? Na, ich hau jedenfalls ab. Aber mal gucken, wo der hin will. K�nnt einer von den Jugendlichen sein, die treiben sich hier doch abends manchmal rum. M�cht nicht wissen, was die hier anstellen. Einmal warn zwei Grabsteine umgekippt. Na ja, kann auch so passiert sein. Und denn warn mal von paar Blumen die K�ppe ab, standen denn blo� noch die Stengel inner Vase. Aber die Hosenschei�er fangen auch schon an. Die eine hier, die L�tte, wie hei�t die noch gleich, die von den Schmuhls, na, die sind sowieso nicht ganz richtig. Die hat eine Zeit lang Sonja Pl�tz immer Blumen geschenkt, die hing der egaleweg am Rockzipfel und kam immer mit so komischen Blumen an, und Sonja hat sich schon gewundert, bis sich denn rausstellte, dass die die hier vom Friedhof hatte. Hat die einfach vonne Gr�ber runtergemopst. Die h�ngt auch nur noch hier rum, seit ihr Opa gestorben ist.�Ich geh ma mein Opa besuchen�, sagt die und geht denn hierher.</p><p>�Dein Opa is tot�, hab ich mal zu ihr gesagt.</p><p>�Ja, der liegt da jetz�, hat sie gesagt und zum Friedhof hingezeigt und mich angegrinst.</p><p>Mann, der macht sich da jetzt an dem Grab von der ollen Anna zu schaffen! Ruppt die ganzen Kr�nze da runter!</p><p>�Ey!�</p><p>Ha, isser ganz sch�n zusammengezuckt. H�tt der nicht mit gerechnet.</p><p>��n Abend, Hartmut.�</p><p>Schei�e, Mann! Das�s ja Ingrid! Hab die gar nicht erkannt, so von hinten, mit der komischen M�tze. Was rennt�n die hier rum?</p><p>�Ach, du bist das � Ingrid. Ich dacht�� Wird ja schon dunkel. Ich dacht nich, dass noch einer���</p><p>�Dacht ich auch nicht.�</p><p>�Achso.�</p><p>�Was, achso?�</p><p>Die sieht noch aus wie fr�her. Bisschen besser vielleicht sogar. Na ja, so von Dichtem � sieht man schon, dass sie kein junges M�dchen mehr ist. Aber trotzdem. Wie fr�her. Die blauen Augen, und wie sie einen anguckt damit. Na ja, damals hat sie mich ja nicht so oft angeguckt.</p><p>�Na, du wolltst wohl nich�� Wegen den Leuten���</p><p>�Ach, die Leute. Ja.�</p><p>Und nu? Da steht sie nu und guckt mich an. Als w�rd sie auf was warten. Dass ich was sage? Aber was denn? Vielleicht wei� sie l�ngst Bescheid. Nein! Kann sie ja nicht. Dass ich � dass <emphasis>ich</emphasis> Bescheid wei�.</p><p>�Mein herzliches Beileid, �brigens.�</p><p>�Sag mal, Hartmut�� Gibts hier irgendwo ein Messer oder ne Schere?�</p><p>�Nee. Glaub nich. So was darf hier nich rumliegen. Die Jugendlichen�� Ach, Mensch, wart ma! Ich glaub, ich hab n Taschenmesser dabei!�</p><p>Das Taschenmesser! Ich fummel das aus meiner Arschtasche raus und gebs ihr.</p><p>�Sch�n warm�, sagt sie. Sie legt da richtig ihre Finger drum, und das Messer ist gar nicht mehr zu sehn in ihrer Faust.�Ich hab immer kalte H�nde.�</p><p>Sie l�chelt! Seh ich auch zum ersten Mal.</p><p>�Na dann�, sag ich.�Werd ich mal nach Hause. Hab nochn bisschen�� na ja, Arbeit hat man immer. �Was red ich�n hier f�rn Stuss, Mann!</p><p>�Das Messer.�</p><p>�Achso, das Messer. Na ja.�</p><p>�Ich gebs dann Paul mit. Er ist doch �fter bei euch, oder?�</p><p>�Ja. Jaja. Ella � meine Tochter�� Ich glaub, die haben sichn bisschen angefreundet.�</p><p>�Sch�n�, sagt sie.�Danke.�</p><p>Danke?</p><p>�F�r das Messer.�</p><p>�Ach, keine Ursache. �Sch�n? Hat sie� sch�n �gesagt?</p><p>Britta wird sich wundern, wo ich so lange bleib. Na, ich sag nix. Ich sag, Hansi ist mir �bern Weg gelaufen, und wei�t ja, wenn der erst mal�� Wieso eigentlich? Wieso soll ich das eigentlich nicht sagen? Schei� drauf!</p><p>Mensch, Hartmut. Du bist aber auch n Trottel! Ich h�tt ihr doch helfen k�nnen, Ingrid. Mit den Kr�nzen. H�tt ich ihr doch helfen k�nnen. Wieso f�llt mir denn das jetzt erst ein?</p></section><section><title><p><strong>JOHN &amp; PAUL</strong></p></title><p>DU SAGST WARUM UND ICH SAG ICH WEISS ES NICHT OH NEIN</p><p>DU SAGST TSCH�SS UND ICH SAG HALLO</p><p>HALLO HALLO</p><p>ICH WEISS NICHT WARUM DU TSCH�SS SAGST</p><p>ICH SAG HALLO</p></section><section><title><p><strong>INGRID</strong></p></title><p>Morgen kommt einer vorbei. Das f�llt dir pl�tzlich ein, als du ins Haus trittst, nein, schon als du die Hand auf die Klinke legst oder sogar noch ein wenig fr�her, als deine Finger die Klinke, die T�r, das Haus noch nicht ber�hren. Und du k�nntest sagen, wie fr�her,�siedendhei߫, dabei war es stets ein Gef�hl, das am ehesten noch einem Fr�steln vergleichbar ist, einem Gefrieren, Blitzeis. Wenn dir nach einem sinnlosen, dem expandierenden Reich des Vergessens sofort zufallenden Nachmittag beim Zur�cktrotten ins Haus, ein tiergleiches, gewohnheitsm��iges Trotten, pl�tzlich,�siedendhei߫, die Klassenarbeit am n�chsten Tag einfiel, der Vortrag, das Lied, f�r die, f�r den, f�r das nicht gelernt, nicht ge�bt worden war, du: unvorbereitet. Ein kurzer Schauer im Nacken, der schnell verging. Du gew�hntest dir ein Improvisieren an, das meistens langte, selten durchschaut wurde, nie bis auf den Grund. Man unterstellte dir Faulheit, bestenfalls Schlusigkeit. Das stimmte nicht. Du warst nicht faul, wenn auch nicht flei�ig, du wusstest gar nicht, was das sein soll, du warst ein wenig vergesslich, ja. Aber nicht aus Ged�chtnisschw�che oder � wie soll man das nennen, du kennst nur das englische Wort: preoccupation. Andere Dinge. Du hattest keine anderen Dinge. Man k�nnte es beinah Vors�tzlichkeit nennen, Absicht. Etwas� mit Absicht �machen. Das war das Schlimmste. Das wurde nie begnadigt.</p><p>Du hast versucht, das alles, all diese Anforderungen, die ja nichts mit dir zu tun hatten, nicht wahr, die ausgegossen wurden, unterschiedslos, �ber alle, und was geht einen denn der Platzregentropfen an, der einen trifft, was kann man letztlich f�r den Jauchespritzer am nackten Bein � , du hast versucht, das alles auf Abstand zu halten, so weit weg, ein Drecklappen zwischen spitzen Fingern am ausgestreckten Arm. Du hast es dir selbst verschwiegen, und Verschweigen war deine zweite Haut.</p><p>Und Verschweigen war eine L�ge. Und l�gen durfte man nicht, nicht wahr. Also musste man doch erz�hlen, was man wusste. Also musste man erz�hlen, wenn man B�rbel war und dabei gewesen, dass die Kornblume von Ingrid, die so sch�n und akkurat gepresst auf dem wei�en Blatt klebte, viel sch�ner als die eigene, nicht wochenlang sorgf�ltig zwischen Zeitungspapier gelegt unter schweren B�chern langsam von einem fl�chtigen in ein n�tzliches Dasein �bergegangen war, sondern wirklich noch am Tage vorher am Feldrand hinter B�lschows Haus zwischen Mohn und Weizen sich im Juniwind gewiegt hatte, bis Ingrid, in deren Kopf sich wochenlang kein Gedanke an Kornblumen h�tte finden lassen, am Abend ein schlagartiges Verlangen nach ebendieser Kornblume gezeigt hatte und sie ausgerupft hatte und im Laufschritt nach Hause getragen.</p><p>Und dann musste man, wenn man Ingrid war und vom vergangenen Nachmittag bis zu dieser Heimatkundestunde in der seltsamen Erwartung, B�rbel, mit der man den Nachmittag lang durchs Dorf gelaufen war, w�rde sich einem als das, was man Freundin nannte, auch in Zukunft anschlie�en, ein wieder neues Verlangen bek�mpfen, n�mlich das, B�rbel kr�ftig vor die Brust zu boxen, auf dass sie r�cklings hinklatschte auf das beigegraue Linoleum. Boxen war wirksamer als Ohrfeigen, vor allem bei M�dchen.</p><p>Du konzentriertest dich auf das Gesicht der Lehrerin. Sofort war da zu sehen, dass sie B�rbels Worten Glauben schenken wollte. Sofort aber auch, dass ihre Konsequenz M�he hatte, sich zu der gewohnten, alles �berschattenden Breite auszuwachsen, da man ihr in der deutschen demokratischen Lehrerinnenausbildung gr�ndlich beigebracht hatte, den Glauben an Wunder aufzugeben, was sich schlecht mit der Tatsache vertrug, dass ein solches nun zart auf Wei� vor ihr lag. Auch B�rbel hatte nicht f�r alles eine Erkl�rung.</p><p>Du schwiegst. Dein Blick lag auf der Kornblume, und kurzzeitig versuchtest du dich abzulenken, indem du �berschlugst, wie viele Kornblumen wohl im Laufe der Zeit in dieser Schule und in der gesamten Deutschen Demokratischen Republik�� Du gabst es schnell auf, es lohnte sich nicht, zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. Du sahst, dass die H�nde der Lehrerin drauf und dran waren, das Klassenbuch aufzuschlagen und einen Tadel f�r dich einzutragen, mindestens eine F�nf. Aber sie schickte euch auf eure Pl�tze, und du verga�t alles sofort wieder unter der Anstrengung, Buchstaben f�r Buchstaben mit der falschen, mit der rechten Hand malen zu m�ssen. Du wusstest das da ja noch nicht: dass als Ursache zwei vertauschte Gehirnsph�ren anzusehen waren, also quasi eine Krankheit, die dir einen lebenslangen Entschuldigungszettel h�tte bescheren k�nnen, eine Schreib-, wenn nicht gleich eine Schulbefreiung, die dir zu der Zeit ganz wie eine Befreiung vom sogenannten Da-Sein erschienen w�re. Als ihr die welligen Bl�tter am n�chsten Tag zur�ckbekamt, stand auf deinem eine Drei. Eine Drei wie auf dem von Holger, dem immerhin zwei Tage fr�her als dir die Kornblumenhausaufgabe eingefallen war.</p><p>Deine Mutter sah dich da stehen, in der d�mmrigen K�che, wie dir die Blume lang und leblos an der Hand hing, sie sagte:�Gib her!�Sie machte Feuer im Beistellherd, sie legte die unwahrscheinlich blaue Blume vorsichtig zwischen die FREIE ERDE, auf den Tisch, auf dem schon das Abendbrot stand, sie schob alles beiseite, und als die Kohlen gl�hten, zerhackte sie sie mit dem Feuerhaken und f�llte die Glut in das schwarze B�geleisen. Sie b�gelte die Zeitung, und daran musstest du denken, als du sp�ter, viel sp�ter in England davon h�rtest, dass diese T�tigkeit eine ganz gew�hnliche ist unter den Aufgaben eines Butlers. Und w�re es nicht eine von diesen, n�mlich <emphasis>deinen</emphasis> Erinnerungen gewesen, du h�ttest l�cheln m�ssen �ber das wohl einzige Beispiel einer fruchtbaren Verbindung von Feudalismus und Sozialismus. Deine Mutter lie� die Zeitung abk�hlen und klappte sie langsam auf. Du sahst das Wunder.</p><p>Der Tisch steht noch in der K�che, und du bist dir sicher, dass er w�hrend all der Jahre hier gestanden hat, und dass du morgen, wenn Peter ihn abholt, die vier Eckpunkte eines Quadrats auf den Dielen finden wirst, kleine, aber deutliche Abdr�cke, wie man sie manchmal bei Toten zu beiden Seiten der Nasenwurzel sieht oder an den Fingern. Die Spuren der Dinge, denen stets die Rolle der �berlebenden zuf�llt. Sie m�ssen so tun, als w�rden sie noch gebraucht. Anderweitig.</p><p>Die St�hle sind schon weg. Peter hat sie in seinen kleinen Firmentransporter geladen und sie in irgendein Obdachlosen- oder Asylbewerberheim in Neubrandenburg gebracht. Er selber brauche sie nicht, und sie h�tten ja nun auch keinen besonderen Wert, und warum nicht anderen damit helfen, nicht wahr. Du bist dir nicht sicher, ob er das Wort �gemeinn�tzig� gebraucht hat, es kommt dir unwahrscheinlich vor. Du denkst daran, wie dieses Wort fr�her �ber seine Zunge geholpert w�re. Du hast genickt. Als er vorgefahren war, hast du auf der Seite des Autos in gro�er blauer Schrift und Anf�hrungszeichen lesen k�nnen: NIX WIE WEG. Darunter, kleiner: SCH�DLINGSBEK�MPFUNG, SCHIMMEL- UND SCHWAMMSANIERUNG, PETER HANSKE, Adresse, Telefonnummer. Du glaubtest erst, du h�ttest dich verlesen, denn was sollte das bedeuten. Nat�rlich wusstest du, dass Peter diesen Beruf hat: Kammerj�ger. Warum, aus welchem vermutlich ganz plausiblen Grunde, interessierte dich gar nicht. Du hattest dich gewundert, ja, aber im Grunde hatte es wohl nie ganz den Tatsachen entsprochen, Peter f�r unpraktischer zu halten als dich selbst, oder Anna Hanske, die ja immerhin doch auch und vor allem Peters Mutter war. Das wirklich Seltsame war nur dieser Slogan. NIX WIE WEG.�Wer hatte sich das ausgedacht? Peter war originell, gewiss. Aber auch genau, besonders mit Worten. Wie hatte er denn nicht merken k�nnen, dass dieser Spruch nicht witzig ist, jedenfalls nichts mit der dir bekannten Witzigkeit Peters zu tun hat, dass er nicht, wirklich ganz und gar nicht zu einer Sch�dlingsbek�mpfungsfirma passt, ja, b�swillig und richtig verstanden, die ganze Dienstleistung nicht nur dubios erscheinen l�sst, sondern ad absurdum f�hrt, und, das fiel dir fast als Erstes und Entscheidendes auf, dass er erst recht nicht zu Peter passt. Peter und NIX WIE WEG! Wenn einer �berhaupt anwesend war, die ganze Zeit gewesen war und f�r jeden, dann er. After all war er ja doch noch ein n�tzliches, beinah unentbehrliches Mitglied der Gesellschaft geworden, der Stotter-Peter, nachdem er erst mal das Stottern sein gelassen hatte. Und da war noch etwas, das mochtest du aber nicht zugeben. Das andere hast du �rgerlich und lachend Michael erz�hlt. Das nicht. Na, sags schon: Du f�hltest dich enteignet. Beklaut. L�cherlich gemacht und beklaut und genau dadurch l�cherlich gemacht. Von deinem eigenen Bruder.</p><p>Die Male, die er hier war, dir beim Aufr�umen, Ordnen, Ausr�umen geholfen hat, machten dich ratlos. Noch immer kennt er sich mit allem besser aus als du. Aber das ist es nat�rlich nicht. Das ist das Beruhigende. Du wei�t nicht, was es ist, nur, dass du wie als Kind keinen Namen f�r das hast und auch nicht haben willst, was vielleicht noch nicht mal die Bezeichnung �Gef�hl� verdient. Du fragst dich, albern, aber eventuell aufschlussreich, ob Peter irgendwo einen Zwillingsbruder aufgetrieben habe. Und er selbst w�re weg, weit weg, vielleicht nicht gerade in� Jenseits�, aber doch weit genug, und nur der Firmenwahlspruch w�re als letzter und schlie�lich doch noch ganz witziger Hinweis auf ihn geblieben. Und du h�ttest es jetzt mit diesem Zwillingsbruder zu tun, der, ebenfalls als Fl�chtlingskind, aber ganz woanders, aufgewachsen w�re, etwas geordneter, etwas akzeptierter, kein Stotterer, und trotzdem, wie die Zwillingsforschung herausgefunden hat, in wesentlichen Z�gen mit Peter �bereinstimmen m�sste, und wie solltest du, nach mehr als zwanzig Jahren, da �berhaupt einen Unterschied merken. Aber du hast ihn bemerkt.</p><p>Peter hat zu dir gesagt, wenn dir w�hrend der Tage, die du in diesem Haus seist, irgendetwas auffiele, solltest du ihm Bescheid sagen, er w�rde dann� anr�cken�.</p><p>�Was denn?�, hast du gefragt.</p><p>�Na, Ungeziefer, Schimmel, du wei�t schon. �Er hat gel�chelt, als w�re ihm irgendetwas peinlich.</p><p>�Mutter �habe das ja nie gewollt, dass er mal alles� auf Vordermann �bringe, das k�nntest du dir ja denken, was sie davon gehalten habe, von� der ganzen Chemie�. Das konntest du. Daneben auch, dass sie ihren Sohn nicht in dem roten Overall hatte sehen wollen, mit der Schutzmaske vorm Gesicht, mit der Giftspritze in der Hand, mit diesem Beruf.</p><p>Du hoffst, dass Peter morgen vor� dem �kommt, dass der Tisch dann weg ist. Er passt zu gut hierher, etwas anderes als dieser Tisch ist an der Stelle nicht denkbar, und du hast Angst, das dies auch� der �finden und also nicht nur das Haus, sondern auch noch den Tisch mit kaufen wollen k�nnte, um ihn genau hier stehen zu lassen, und das willst du nicht. Es ist kompliziert, aber wohl ungef�hr so: Du w�rdest darauf reagieren wie auf den frevelhaften Wunsch von jemandem, in einem Museum wohnen zu wollen. Nur eben umgekehrt. So wenig, wie du es guthie�est, wenn einer allein mehr von dem Museum h�tte als alle anderen, sowenig behagte es dir, wenn alle anderen, und das sind in diesem Fall alle au�er dir, mehr, und anderes, von diesem Museum h�tten als du. Damit bist du noch nicht diejenige, die im Museum wohnen will. Du willst es ja gerade nicht. Aber was soll unter diesen Bedingungen dann noch f�r die anderen bleiben? Vielleicht ist es doch einfacher, als du wahrhaben willst.</p><p>Es gibt nichts mehr zu tun, dein Fr�steln, der Schreck vorhin waren umsonst. Als ihr letzte Woche ankamt, Peter euch die T�r aufschloss und sofort anbot, Kaffee zu kochen, h�ttest du gerne gesagt, das sei nicht n�tig. Er k�nne ruhig nach Hause fahren, seine Frau warte doch bestimmt. Du wolltest allein sein, Michael und Paul h�ttest du am liebsten vor die T�r gejagt, seht euch doch erst mal ein bisschen um. Das ging nat�rlich nicht. Aber es ging doch auch nicht, dass sie hier alle zusammensa�en, in einer Art �berlappung von Mengen, von Parallelwelten, mit dir als beiden gleicherma�en zugeh�rigem Element, und beide schienen dir aufzulauern, eine deutbare Reaktion zu verlangen, waren gespannt, wie du deine zwiefache Zugeh�rigkeit � na: welchen Eiertanz du zwischen den Welten auff�hren w�rdest. Und was das f�r Eier waren, die es nicht zu zerbrechen galt.</p><p>Du hattest vorher vorsichtig mit Peter dar�ber gesprochen, am Telefon, und niemand au�er euch h�tte dieses abgehackte, nur aus Anl�ufen, R�ckziehern, Andeutungen bestehende Gespr�ch interpretieren k�nnen, kein interpreter es verdolmetschen, trotzdem hattest du das Gef�hl, pl�tzlich, wie in einem Moment �bergro�er Ersch�pfung, alles zu gestehen. Paradox, denn Peter war der Einzige, au�er deiner nunmehr endg�ltig schweigsamen Mutter, der ja bereits alles wusste. Aber es scheint beinah die gr��ere Befriedigung darin zu liegen, demjenigen eine Schuld zu offenbaren, der um diese Schuld schon wei� und f�r den sie keine Offenbarung darstellt. Man muss nicht erst diese l�stige Fremdheit �berwinden. Die, die ein Informationsgef�lle zwischen zwei Menschen notwendigerweise hervorruft und die im Aufkl�rungsmoment und den �berraschten Augen des anderen zu einer unertr�glichen Konzentration ansteigt. Nur durch sie sind eigentliche Gest�ndnisse so schwer, und so selten.</p><p>Du hattest Peter also gebeten, ein Schweigen zu bewahren, und warum, hat er sich denken k�nnen, nicht mal das musstest du gestehen. Trotzdem legte sich schon auf der Autofahrt von Berlin nach Bresekow eine klamme Furcht um dich, und als ihr dann zusammen in der K�che sa�t, hatte sie dich fest eingeh�llt und war dir zuwider wie kaltnasse Wadenwickel um den fiebernden, wehrlosen K�rper. Du brachtest zun�chst kein Wort heraus, aus Angst, genau dieses k�nnte das falsche sein, der Stein zu viel auf dem m�hsam errichteten Turm. Was wolltest du in dieser H�he? Jeder Blick hinunter machte dich schwindeln, also vermiedst du ihn, aber jetzt stand unten Peter und wusste nicht, ob er rufen durfte, und blickte best�ndig hinauf und du hinunter. Und ihr hattet Schwierigkeiten, euch �berhaupt zu erkennen.</p><p>Peter f�llte einen alten Pfeifkessel mit Wasser und stellte ihn auf den Gasherd. Du h�ttest behaupten k�nnen, den Kessel wiederzuerkennen, aber es war wohl doch nicht mehr derselbe, wenn er auch nicht viel j�ngeren Datums sein konnte. Du starrtest in die blaue Flamme, die ganz anders blau war als die Flammen der Herde in Berlin, in Norwich, in Dublin, auch in Kinsale, w�rmer w�rdest du sagen, wenn man dir nicht beigebracht h�tte, dass Blau eine kalte Farbe sei. Propangasblau. Die Flamme machte dir klar, dass du zu Hause bist. Sie behauptete es nicht nur, wie alles andere. �Zu Hause� hatte hier aber nichts mit Nestw�rme, mit Heimat und Gem�tlichkeit zu tun. Es war nur ein Fakt, wie der, dass ein Gegenstand an einem gespannten Gummiband mit desto mehr Wucht an seinen Ausgangspunkt zur�ckschnellt, je st�rker man es ausgedehnt hat, und du konntest nur hoffen, dass du nicht noch �ber diesen Ausgangspunkt hinausschie�en w�rdest, in eine Art negativen Bereich. Falls das nicht ohnehin unvermeidlich, l�ngst schon geschehen war.</p><p>Es st�rte dich sofort, wie Peter den Hausverwalter spielte, wie er eifrig, und, wie dir schien, ein wenig zittrig die Schr�nke auf- und zuklappte, mit den Tassen hantierte, wie er euch fragte, ob ihr erst mal das Haus sehen wolltet. Du konntest dich nicht beherrschen, ihn fragend anzusehen, und es war eine Frage, auf die er offenbar keine Antwort wusste. Die er vielleicht kaum verstand, so wie du ihn kaum verstehen kannst, in dieser Sprache, die er jetzt flie�end spricht. Die hattest du nicht gemeint, damals. Aber wie h�tte er sich sonst verhalten sollen? Es lie� sich doch nicht so tun als ob, n�mlich als ob nichts, es lie� sich doch nicht das Jahr Dreiundsiebzig an das Jahr Neunundneunzig Kante an Kante anlegen, und alles dazwischen verschw�nde in der Dunkelheit einer �berdimensionalen Kellerfalte, eine Kalenderreform sondergleichen. Im Grunde konntest du froh sein, �berhaupt so behandelt zu werden: wie unerwarteter, etwas schwieriger Besuch.</p><p>Wie zu Besuch sp�rtest du auch gleich einem zu engen Sonntagsschuh die dumme Verpflichtung dr�cken, etwas sagen zu m�ssen, als Peter euch zu den einzelnen Zimmern f�hrte, Worte wie �sch�n�, �interessant�, zumindest �aha�, aber der Mund war dir wie zugen�ht, bis dir aufging, dass dies die Gelegenheit gewesen w�re, diese Worte endlich in ihrer ganzen erpressten Verlogenheit auszustellen, und da warst du beinahe so weit, sie zu sagen. Aber auf einmal tat Peter dir leid. Wie er versuchte zu l�cheln, als er sagte, ihr h�ttet die Auswahl, Betten gebe es in diesem Haus noch immer mehr als genug, und wie das L�cheln dann ins Stottern geriet: du und dein Mann, ihr m�sstet nicht in dem Ehebett schlafen, auch das Sofa im Wohnzimmer sei sehr bequem. Nur, falls es euch, falls ihr das nicht wolltet.</p><p>�Ist sie darin gestorben?�, hat Michael dich hinterher gefragt.</p><p>�Ja�, hast du gesagt.�Nun stell dich nicht so an, was ist denn dabei. Ich nehme ihre Seite.�</p><p>Ganz geheuer war dir das zwar auch nicht. Doch das hatte mit etwas anderem zu tun. Viel mehr als die unwiderrufliche Abwesenheit deiner Mutter rief dieses Bett eine andere in dir auf, die so lange, fast Zeit deines Lebens, eine Abwesenheit gewesen war, dass eine Anwesenheit, von der sie ja immerhin mal ausgegangen sein musste, deiner Vorstellung gar nicht mehr gelang. Die deines Vaters. Gleichwohl schien seinem Fortsein nie etwas Definitives innezuwohnen, offenbar nicht einmal f�r deine Mutter, die sonst alles �berfl�ssige so schnell wie m�glich aus dem Haus zu schaffen trachtete. Das kurze, streng begrenzte Doppelbett blieb, auch nach seinem Tod. Jene Nachricht hatte keine Konsequenzen, sollte das Leben mit seiner Abwesenheit nicht wesentlich ver�ndern. Nicht ihres.</p><p>Und dieser Egoismus lie� einen Groll in dir wachsen. Obwohl du schon damals eingesehen h�ttest, w�re dir Zeit zum Nachdenken geblieben, dass das Bett bleiben musste, und du h�ttest dich gesch�mt, w�re es da pl�tzlich fortgeschafft worden. Es w�re ja ein einziges Eingest�ndnis gewesen. Das Eingest�ndnis einer zwei Jahrzehnte w�hrenden Hoffnung. Und wahrscheinlich hattest du dir die auch blo� eingebildet.</p><p>Du wusstest, dass Michael und du nicht recht hineinpassen w�rdet. Und als du in der ersten Nacht mit angezogenen Beinen dalagst und nicht einschlafen konntest und die Dunkelheit eine lange vergessene Vollkommenheit erreicht hatte, dachtest du dar�ber nach, dass dein unsichtbarer Vater wie ein Gott, wenn auch einer, an den du nicht glaubtest, �ber dein Leben gewaltet hatte. Du warst der Beweis f�r seine fast zur Sage gewordene kurze Anwesenheit. Ohne sie w�rst du nicht hier gewesen. Und ohne seine nicht minder entscheidende, dir im Grunde wichtiger erscheinende Abwesenheit w�rst du jetzt nicht wieder hier. Sondern immer noch.</p><p>Du wurdest nicht warm unter dem schweren, klammen Deckbett. Uralte Federklumpen dr�ckten dich in das Laken, dass du dich kaum zu bewegen wagtest. Du h�ttest dich gern an Michaels R�cken gedr�ngt. Aber du warst froh, dass er �berhaupt schlief. Auf einmal konntest du dir vorstellen, dass Anna Hanske in diesem Bett, eng wie ein Sarg, k�hl wie der Herbst, gestorben war, auf genau diesem Platz. Es machte dir nichts aus. Du konntest das Etepetete der Leute in diesen Angelegenheiten nicht verstehen. Als ob der Tod etwas Ansteckendes w�re. Als ob er einem nicht ohnehin das ganze Leben lang in den Knochen steckte.</p><p>Du warst �berrascht, aber erleichtert, das Haus von Erna Mehling wieder bewohnt zu finden, Gardinen vor den Fenstern, Astern im Vorgarten, offensichtliche, vielleicht offensive Normalit�t. Es war ja auch normal. Doch du wei�t genau, dass die Leute dort mit einem gewohnheitsm��igen Schauern vorbeigehen, sich fl�sternd darauf hinweisen, heimliche Fingerzeige. Und sie zeigen in eine Richtung, in der recht deutlich du wahrzunehmen bist, entfernt, aber unverkennbar. Du selbst siehst dich nat�rlich dort nicht. Was bilden die sich denn ein? Was hast denn du damit, sie k�nnen doch dich nicht. Du warst doch gar nicht da.</p><p>Nicht hier, in diesem kaum hundert Meter entfernten, viel zu nahen Haus. Es war von einer Aufger�umtheit, die dich befremdete, und beruhigte. Diese Ordnung hatte nichts mit der Klarheit Anna Hanskes gemein, sie �hnelte ihr nur auf eine dilettantische, durchsichtige Weise, doch Peter dahinter zu vermuten, erschien dir ebenso abwegig. Vielleicht sahst du alles falsch. Jedenfalls gab es kaum etwas zu tun. Kein gro�es Ausmisten. Das musst du dann doch von ihr haben. Diese fanatische Lust an der Entr�mpelung, von einem Augenblick auf den anderen Dinge anders anzusehen, n�mlich als M�ll und M�hlstein, l�stig und unbrauchbar, und weg damit. Aus den Augen und so weiter. Und trotz der vordergr�ndigen N�tzlichkeit und vorgeblichen Schaffenskraft liegt eine destruktive Energie darin, die dir die eigentliche Lust beschert und die dir geholfen hat, den Kuhstall zu �berstehen. Das Ausmisten war die einzige Arbeit, die dir Spa� machte, du hast sie zum Erstaunen und Gel�chter aller freiwillig �bernommen, sie haben sich halb totgelacht, als du die Forke schwangst, und sind in Deckung gegangen. Vielleicht ist ein Derivat dieser Energie auf Peter �bergegangen. Aber du hast es mehr geerbt als gelernt, denn einer Anerziehung h�ttest du dich widersetzt. Sie hat das gewusst und es gar nicht erst versucht. Aber nicht aus etwaiger Furcht vor dir. Eher aus � Respekt. Im �brigen war sie gegen dieses Formen nach dem eigenen Bilde. Und vielleicht war sie stolz darauf, dass sie dir auch das nicht beibringen musste. Denn das wuchs dir in Fleisch und Blut: Nie wolltest du, dass etwas, einer so sei wie du. Es reichte ja, wenn du so warst. Schon das schien oft zu viel. Du h�ttest dich oft gern selbst mit ausgemistet. Which didn�t work. At all. Das w�re ja etwas wie der sich selbst reinigende Besen gewesen. Und an so eine Erfindung war nicht zu denken.</p><p>Sp�ter, in Westberlin, hat man aber versucht, dir einen abartigen Ersatz als genau das unterzujubeln. Du hattest den Zettel mit der Adresse von einer Bekannten und zwirbeltest in der Enge deiner Jackentasche kleine St�ckchen davon ab, als du die aufgeschriebene Stra�e in Charlottenburg entlanggingst und den Hausnummern nachschautest wie abgerupften, zur Erde taumelnden Bl�tenbl�ttern. Und wie fr�her wolltest du nicht ganz verstehen, warum ausgerechnet das letzte die Wahrheit verk�nden sollte; du glaubtest es nicht, du zwangst dich dazu, es erregte dich.</p><p>Man m�sse der Wahrheit ins Auge sehen, hatte Vicky zu dir gesagt, wenn das so weiterginge, w�rdest du fr�her oder sp�ter� in der Geschlossenen landen�. Du warst dir nicht ganz sicher, was sie zu diesem Schluss hatte kommen lassen. Sie war Schauspielerin und nebenbei S�ngerin oder umgekehrt, du wusstest es nicht genau, dieser M�dchenzukunftstraum, noch dazu in seiner im Grunde noch l�cherlicheren Verwirklichung, hatte dich nie interessiert, und sie auch nicht besonders. Aber sie kam oft in diese Kneipe, in der du gearbeitet hast, und mit der Zeit hast du ihr einiges erz�hlt. Du hattest nicht den Eindruck, sie wolle dich aushorchen. Du schienst sie auch nicht besonders zu interessieren. Ihr war einfach langweilig, und das kanntest du. Neu war dir, dass diese Langeweile etwas Verbindendes sein konnte. Einmal sagte sie:�Glaub blo� nicht, ich bin eine von denen!�, und du hast erst gar nicht gewusst, was sie meint, warst aber sofort ein bisschen entt�uscht. Dann, als du es zu wissen glaubtest, wich die Entt�uschung zun�chst einer kleinen Scham: sie auf so einen Satz gebracht zu haben. Sahst du etwa aus wie� eine von denen�? Es war aber etwas anderes: F�r Vicky sahst du aus wie eine aus unvorstellbar tiefer Provinz. Vielleicht wusste sie schon, dass ihre provinziellen Vorstellungen vom Gro�stadtleben kaum zutrafen. Aber du hattest ja noch nicht mal diese Vorstellungen. Dir konnte man viel erz�hlen. Vermutlich wirktest du beeindruckbar.</p><p>Trotzdem kehrte die Entt�uschung wieder, aber als eine strenger, leicht verdorben schmeckende, wie �ber eine verpasste Gelegenheit, von der man im Nachhinein erf�hrt, dass man nie die leiseste Chance hatte, sie nicht zu verpassen. Nicht, dass du dir viel davon versprochen h�ttest. Aber es w�re immerhin mal etwas anderes gewesen als die aus deinem Bett purzelnden M�nner; manchmal war dir, als w�re da ein unaufh�rliches Purzeln aus deinem Bett, und du warst versucht, dich zu b�cken und nachzusehen, dir die Bescherung unter deinem Bett anzusehen und dir eine Schippe zu schnappen und diesen ganzen Haufen aus verstreuten M�nnerteilen, bestimmten Armen, Schw�nzen, M�ndern, Haupt- und Schamhaaren aufzuschippen und aus deinem Mansardenfenster auf die Stra�e zwischen die Hundeschei�e zu sch�tten. Aber am Ende w�ren sie doch nur in der Dachrinne h�ngen geblieben wie die tote Taube, die eine Zeitlang alles verstopfte. Dir war aufgefallen, dass sie so gut wie keine F��e mehr hatte, und du fragtest dich, ob sie daran gestorben war.</p><p>Dem sogenannten Psychologen erz�hltest du einiges, mehr Vicky zuliebe, und nicht mal so viel wie ihr, aber es gen�gte, um dich in seinem Blick als einen schweren Fall zu erkennen. Ab da fiel es dir leicht. Deine Geschichte erschien dir ganz unterhaltsam, ein bisschen sch�big und zweitklassig, wie irgendeine, die du heimlich gelesen hattest, nicht gerade Schullekt�re. Du machtest ein bisschen auf Spannung.</p><p>Die Zwischenfragen des Psychologen st�rten dich zuerst, aber du beantwortetest sie alle geduldig, obwohl du wusstest, dass auch er eine von Vickys Vorstellungen bildete. Aber du warst immer noch weltfremd. Immerhin gab er dir die M�glichkeit, dem Klang von Worten zu lauschen, die du lange nicht, und wenn, dann auch nur selten, ausgesprochen hattest. Diese Worte r�hrten dich. Du weintest eigentlich nicht zu der Zeit, aber im Zimmer des Psychologen, das dir stets wie freischwebend, umgebungslos vorkam, sobald du eingetreten warst und die T�r hinter dir zugezogen hattest, passierte es dir manchmal. �Passieren� war da schon das falsche Wort, du nahmst die �berg�nge kaum wahr. Gesichtshaut, die pl�tzlich nass ist und wieder abtrocknet. Ein Weinen mehr wie beim Zwiebelschneiden, und ohne das Brennen in den Augen.</p><p>�Reden ist der erste Schritt�, hatte der Psychologe gesagt. Und du redetest, bis dir einfiel, dass du diesen Satz kanntest. Den von Einsicht und Besserung, und das eine war auch so ein erster Schritt. Wolltest du Besserung? Vielleicht. Aber keine Einsicht. Und fast mehr in diesem Sinne: Sp�ter, als du h�rtest, dass man� seine Akten �anfordern k�nne, um� Einsicht �in sie zu nehmen, fiel dir gar nicht ein, das etwa auch zu tun. Du warst dir sicher, dass es �ber dich keine Akten gab. Du h�rtest auf mit dem Reden.</p><p>In deine pl�tzliche Verdunkelung schoss der Psychologe eine Leuchtrakete:�Sie sind sexuell traumatisiert.�</p><p>Du h�rtest harte T�ne aus dir herauskommen. Es muss ein Lachen gewesen sein. Du sagtest ihm, dass du ihn nicht l�nger f�r Unsinn bezahlen wolltest. Nichts fiele dir so leicht, wie mit M�nnern ins Bett zu gehen.</p><p>Da lebtest du knapp zwei Jahre in Berlin und hattest ein wenig den �berblick verloren. Die Pille war wichtig, sonst nichts. Die Namen der M�nner merktest du dir nicht, zumindest versuchtest du es.</p><p>Du sagtest das unwahrscheinliche Wort �bumsen�. Es war eine gute Gelegenheit. Das Bumsen sei ja das Einzige, was dich entspanne, �berhaupt normal bleiben lie�e.�Normal �sagtest du aus Provokation. Der Psychologe nickte. Du nicktest auch, als f�ndest auch du alle deine Vermutungen best�tigt. Du fragtest dich, ob er mit dir ins Bett gehen wolle, ficken sozusagen. Ein leichter �rger �berkam dich, als du dir sagen musstest, dass das nicht der Fall sei. Du murmeltest ein� fuck you�, als du die T�r �ffnetest und das Zimmer damit wieder in ein Haus in einer Stra�e einsetztest.�Fuck you �hattest du von Vicky gelernt. Es schien dir ungef�hr zu passen. Der Psychologe fragte dich, ob du was gesagt h�ttest. Du drehtest dich um und l�cheltest ihn zum ersten Mal an. Du sch�tteltest den Kopf.</p><p>Kurz darauf k�ndigtest du in der Kneipe. Es ging dir gut. Jedenfalls nicht schlechter als anderen, und du hattest doch einiges gesehen. Dir konnte man nichts mehr erz�hlen. Die M�nner erz�hlten dir alles. Einer hat dich im Suff geschlagen, du hast zur�ckgeschlagen, und da hat er sofort aufgeh�rt. Einer hat dich gefragt, warum du kein Geld nimmst. Er war freundlich.�Wer sagt, dass ich keins nehme?�, hast du gefragt, aber das hat er dir nicht abgenommen. Morgens, als er weg war, hast du f�nfundvierzig Mark neben deinem Kopfkissen gefunden. Du warst nicht beleidigt. Du hast dir eine Jacke gekauft.</p><p>Der neue Job im Caf� gefiel dir. Du mochtest die Studenten. An die freien Abende musstest du dich erst wieder gew�hnen. Ab und zu gingst du in den Nachtclub, in dem Vicky mit ihrer Band auftrat. Die Band war furchtbar, so ein Urteil glaubtest du dir inzwischen erlauben zu d�rfen, und Vicky war auch furchtbar, aber sie hatte eine gute Stimme. Ihre Stimme war sicher wie eine Stahlt�r. Warum lie� sie die offen stehen? Im Nachtclub sagtest du nie hallo zu ihr. Ihr traft euch nicht mehr. Einmal sahst du sie im hellen Mittagslicht, wie sie versuchte, eine viel befahrene Stra�e zu �berqueren, und ihre Versuche immer wieder abbrechen musste und schlie�lich aufgab und weiterging. Du wei�t noch, dass du dich fragtest, ob sie es jemals schaffen w�rde, die Stra�e zu �berqueren, und was, wenn nicht. So sieht eine Frau aus, die sich sagen l�sst, dass sie Depressionen hat, zwangst du dich zu denken. Du wolltest dir nichts sagen lassen.</p><p>Auf die Idee mit der Abendschule kamst du selbst. Du musstest aber erst drauf kommen, dass nicht die Schule das Unertr�gliche gewesen war. Dass diese Abendschule nur entfernt verwandt war mit der Schule in Schmalditz, mit der EOS in Anklam. Dass es diese Orte gar nicht mehr gab. Dass es eigentlich gar keine Schule sein w�rde.</p><p>Es fiel dir nicht leicht. Aus der freiwilligen Besch�ftigung wurde eine Anstrengung, die nach den acht Stunden im Caf� deine Abende ausf�llte. Aber sie f�llte sie aus, das war schon etwas. Du dachtest an die Studenten im Caf�. DU HAST JA EIN ZIEL VOR DEN AUGEN. Das war neu. Das hatten sie all die Jahre nicht geschafft. Du wolltest neu sein.</p><p>Und m�glichst allein. Du wolltest sogar wieder allein ins Bett gehen k�nnen. Nach einem viertel Jahr Abendschule war es so weit. In deiner Klasse gefiel dir keiner, und offenbar gefielst auch du keinem. Das war gut, das musstest du dir nicht mehr sagen. Du sp�rtest in jeder Faser, dass du sofort alles hinschmei�en w�rdest, wenn irgendwas dich aus dem Tritt br�chte, dem Rhythmus aus hastigen, fettfleckigen, oft unterbrochenen Hausaufgaben w�hrend der Stunden im Caf� und den langwierigen abendlichen K�mpfen mit Zahlen, Begriffen, Vokabeln, die immer aufm�pfigere Verbindungen gegen die Ordnung der Hefte eingingen, je n�her du dem Einnicken warst.</p><p>Zwei Jahre hattest du nichts. Du f�hltest dich absolut trocken, deine Haut kam dir staubig vor. Beim Abschlussfest trankst du mit jedem auf dein Zweikommaeins-Abi. Du gingst mit dem weichen Klaus aufs Klo, sp�ter mit Roland. Roland gabst dus richtig. Seine Lippen waren so spr�de, dass sie aufrissen, als du mit deinem Nagel dr�berfuhrst. Er wollte dich k�ssen, aber du dr�cktest ihn weg, und er plumpste auf den Klodeckel. Du starrtest auf seine Hose und er zog sie sofort aus. Roland gehorchte. Seinen Schwanz zwischen den Mahlsteinen deines Gaumens und deiner Zunge keuchte er immer wieder� Ingrid, Mensch, Ingrid!�, aber du machtest unbeirrt weiter, lie�t deine Z�hne sp�ren, dass er einen hohen, kehligen Laut von sich gab, und als du merktest, dass er im n�chsten Augenblick so weit sein w�rde, lie�t du ab von ihm, entriegeltest die Klot�r und gingst r�ber zum Waschbecken, um dir den Mund auszusp�len.�Mensch, Ingrid, was���, rief Roland und fluchte und zog die Klot�r wieder zu, und du konntest h�ren, wie er dein Werk zu Ende brachte. Als er rauskommen wollte, standest du vor der T�r und schubstest ihn zur�ck in die Kabine, auf den Deckel, �ffnetest seine Hose, setztest dich auf ihn und schobst dir seinen noch nicht ganz erschlafften Schwanz rein. Etwas anderes als dein Name fiel ihm auch dieses Mal nicht ein. Erstaunlicherweise wehrte er sich kaum, quiekte nurmehr. Du bereitetest ihm Schmerzen. Schmerzen. Ja. Roland. Es ging leicht, du kamst schnell und zornig und danach versetztest du ihm noch ein paar St��e und sp�rtest einen Wurm aus dir herausgleiten, und der Ekel lie� dich fl�chten. Er konnte nichts daf�r. Aber wenn er nun mal so hie�.</p><p>Der Mathelehrer fuhr dich nach Hause. Er fragte, ob du ihm vielleicht einen Kaffee machen k�nntest.�Fr�ulein Ingrid. �Nein, sagtest du und fasstest ihm in den Schritt. Sein Mercedes war ger�umig genug.</p><p>Am n�chsten Tag meldetest du dich krank im Caf�. Man hatte Verst�ndnis. Du bliebst drei Wochen im Bett. Dein K�hlschrank gab nicht viel her, also gingst du einmal in den winzigen Laden an der Ecke, brachtest aber haupts�chlich Kekse mit. Die Wurst war angegammelt, du a�t sie, ohne etwas zu schmecken. Das bisschen Schimmel am Brot w�rde dich schon nicht umbringen. Und wenn schon. Als du tags�ber nicht mehr schlafen konntest, sahst du nach, wie lange die Schlaftabletten reichen w�rden. Du sch�ttetest sie vor dich auf die Matratze und legtest eine wei�e Perlenkette daraus. Du h�ttest sie gern um den Hals gehabt, k�hl. Vorsichtig entferntest du eine Perle, stecktest sie dir in den Mund und sp�ltest sie mit der Fl�ssigkeit hinunter, die sich im Glas auf deinem Nachttisch befand. Es h�tte Wodka sein k�nnen, aber sicher warst du dir nicht. Die fehlerhafte Kette kam dir unsinnig vor. Du a�t sie auf. Du wusstest, wo der Fehler lag. Sie war nicht lang genug. Aber egal. Nach ungef�hr hundert Jahren klingelte das Telefon.</p><p>Eine Stimme sprach direkt in deinen Magen hinein, was du angesichts deines Zustandes unh�flich fandest.�Frollein Hanske, ick sag nur, det wart, Sie wissen Bescheid!�</p><p>Du versuchtest, noch schnell aufzulegen, bevor du auf das Telefon kotztest. Sowieso, dachtest du. Du warst gestorben, und zwar f�r jeden. Da sollte der Caf�-Kr�ske sich mal nichts einbilden. Du gingst wieder ins Bett. Aber das Bett geh�rte zur Wohnung, und die Wohnung geh�rte deiner Vermieterin, und die wollte bald vertr�stet sein �ber die bis auf Weiteres ausbleibende Miete. Mehrmals klingelte es, aber du �ffnetest nicht. Du fingst an, wieder rauszugehen. Aber nur nachts, und nirgendwohin. Einmal sprach dich ein Mann an, und du nahmst ihn mit, weil du an die Miete dachtest, aber dann sagtest du vor der Haust�r zu ihm, es ginge doch nicht. So viel w�rde er nie rausr�cken.�Ick <emphasis>habe</emphasis> Geld dabei�, sagte er emp�rt. Aber nicht genug. Und du wolltest nichts einrei�en lassen. Was war jetzt mit diesem Ziel.</p><p>Du strichst um dein Ziel herum. Du wolltest nichts, gar nichts, aber die Langeweile machte dir zu schaffen. Du last die wildwuchernden Aush�nge, aus Langeweile, eine WG wolltest du erst recht nicht. So einen kleinen, durchorganisierten Puff. BOTANISCHER GARTEN, hie� nicht eine Haltestelle so? HILFSARBEITEN.�Vermutlich schlecht bezahlt. Aber das Bild von Pflanzen legte dich nicht sofort lahm, also fuhrst du hin. Dort kamst du dir wieder dumm vor; du warst die erste und einzige Bewerberin, schienst aber nicht sonderlich willkommen zu sein. Vielleicht sahen sie dir etwas an. Vielleicht dasselbe, was du sahst, wenn du zuf�llig in einen Spiegel gucktest.</p><p>Man gab dir eine Aufgabe, das war gut, aber du konntest h�ren, dass es eine war, vor der man sich besser dr�ckte. Es w�rde nicht gerade der Kuhstall sein. Es war ein Gew�chshaus. Opuntia stand auf den Schildern dieser platten Kakteen. Du musstest fast weinen, sie r�hrten dich wie Tiere. Stolz und wehrlos, nur einige hatten lange, einzelne Stacheln, die Handschuhe, die man dir gegeben hatte, erschienen dir �bertrieben wie eine Waffe. Opuntia hatte abgebl�ht und musste umgepflanzt werden. Ihre matte Oberfl�che wirkte wie Haut, nur sch�ner, blaugr�n. Du strichst mit der flachen Hand �ber die kleinen br�unlichen Samtb�schel. Du sahst deinen Fehler sofort ein. Das war ein richtiger, eindeutiger Fehler, dachtest du. So haben Fehler zu sein. Sie m�ssen sofort weh tun. Winzige, nicht entfernbare Stachelh�rchen. Wiederholung unn�tig. So was war Liebe. Du warst ihnen nicht b�se. Du liebtest sie schon.</p><p>Du warst allein. Die ganze Zeit �ber hatte der Gedanke, kaum jemanden zu kennen in der ganzen halben Stadt, von kaum jemandem gekannt zu werden, mit keinem hier verwandt zu sein und �berhaupt schwer erreichbar in dieser Enklave, Exklave, dir gro�e Befriedigung verschafft. Sie steigerte sich zur Euphorie, als du vor dem Sekretariat der Uni mit wohl hundert anderen Leuten darauf wartetest, zur Einschreibung vorgelassen zu werden. Auf einmal fiel dir dein Vater ein, und der Gedanke kr�nkte dich. Er zerst�rte deine Absolutheit. Dein Vater war tot, ja, aber er war hier.</p><p>Er befand sich in einer Urne auf dem St�dtischen Friedhof Reinickendorf, so viel wusstest du. Du warst nie dort gewesen, fuhrst auch jetzt nicht hin, obwohl du nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt wohntest. Du f�hltest, dass das undankbar sein musste. Aber Dankbarkeit war eben auch etwas, was du endlich loswerden wolltest. Ein besonderes Talent dazu hattest du ohnehin nie gehabt. Und schien in diesen Westberliner Tagen nicht alles eine Frage des Talents? Das ersetzte dir einiges, andere W�rter, �Veranlagung�, �Potential�, und das Leben war schlie�lich kein Entwicklungsroman, oder? Ach, h�r auf, das Wort kanntest du da noch gar nicht. An der Beisetzung hattest du nicht teilgenommen. Du warst erst am selben Tag angekommen, noch rechtzeitig, aber du konntest den Friedhof nicht finden, verfuhrst dich, sprachst niemanden an, ein Taxi trautest du dich nicht zu nehmen, aus Angst, es verschl�nge sofort einen Gro�teil deiner Ersparnisse. Dann war es dir pl�tzlich egal. Du standest mitten auf einer Kreuzung, es muss irgendwo in Sch�neberg gewesen sein, v�llig falsch. Du fragtest dich, was gewesen w�re, wenn dein Vater lieber heilen Leibes unter die Erde gekommen w�re, wenn die Beh�rden nicht anderthalb Wochen Zeit zum Vertr�deln gehabt h�tten. St�ndest du dann hier? Diese Frage schien dir so wichtig, dass sie dich paradoxerweise die Wichtigkeit der Beerdigung nicht l�nger einsehen lie�. Du standest hier, und nur das z�hlte. Das war nicht so opportunistisch, wie es aussah. Erst da wurde dir n�mlich klar, dass dein Vater tot war. Toter als tot. Dass er ja nie gelebt hatte, nicht f�r dich. Also was solltest du auf dieser Trauerfeier. Schlie�lich war er nicht f�r dich gestorben. Du hattest gar nicht gemerkt, wie sich im Laufe der Zeit Gleichungen zwischen euch aufgestellt hatten, ein ganzes Gleichungssystem, und als es dich eines Tages schrecklich wie in einer Mathearbeit anflimmerte, konntest du nicht �berblicken, ob es mehr Gleichungen als Unbekannte waren oder umgekehrt. Sicher war nur, dass es entweder keine oder unendlich viele L�sungen gab.</p><p>Was deine Mutter betraf, so wagtest du dich nicht mal an eine Ungleichung. Auf welche Seite du dich auch geschrieben h�ttest, das Zeichen w�re doch immer auf dich gerichtet gewesen. Und so eine Selbstgerechtigkeit untersagtest du dir. Selbstmitleid, meinst du. Du hattest dich entfernt aus diesem System. Es musste doch verschiedene geben, wie in der Musik. Naturgesetze, ja doch, mein Gott. Dann musste es eben verschiedene Naturen geben. Zumindest war euch beiden das Gleiche klar, klargewesen schon, als du ihr sagtest, du w�rdest den Antrag stellen. Klargewesen auch, als du die Papiere erhieltst: Du durftest fahren zur Beerdigung eines Angeh�rigen ersten Grades, aber nur du, allein, ohne Angeh�rige welchen Grades auch immer. Ein R�ckholb�ndchen, das fast sofort riss.</p><p>So eine Klarheit. Die wollte dir sp�ter nie wieder gelingen, du verzehrtest dich nach diesem Gef�hl, das dich an jenem Morgen aufspannte wie ein Segel, als du heraustratest in die tonlose Februardunkelheit. Du hattest niemanden geweckt, aber dann stand Anna Hanske doch in der T�r, du hattest nicht daran gedacht, dich nicht umzudrehen. Und da sahst du es ihr klar und deutlich an: dass du diesen Weg nicht zur�ckgehen w�rdest. Vielleicht stimmt es nicht, aber dir war, als w�chse dir erst in diesem Augenblick die letzte Entschlossenheit zu. Deine Tasche war klein, wirkte unverd�chtig. Nur zwei oder drei lie�en sich nicht t�uschen. Du sahst nicht zu dem kleinen Fenster hoch, obwohl du wusstest, dass dort kein Winken sein w�rde.</p><p>Es kam dir wie eine Verabschiedung vor, als der blasse, nicht sehr gro�e Junge, �Mann� konntest du nicht denken, dir �ber den nun leeren Platz hinweg zuwinkte. Die anderen waren wieder verschwunden, in ihren Betten und Angelegenheiten, wie mit der Nacht zur�ckgesaugt, abgesaugt von dir, und der sich dort nur dank seiner schwarzen Jacke und seiner fast ebenso schwarzen Haare deutlich von der grauen Fassade hinter ihm abhob, �berscharf fast, dessen wei�es Gesicht sich in der Milchfarbe des Himmels aufzul�sen drohte, der da an seiner flatternden Hand hing wie ein Trauerflor, den der Januarwind gleich abrei�en und zusammen mit den �ber den Platz treibenden schmutzigroten Pappr�hrchen davonwehen w�rde, schien dir auf unbegreifliche Weise �ber alle Wahrscheinlichkeiten erhaben, als er auf dich zustakste, eine tapfere kleine Elster. Du bliebst einfach schief da stehen. Dir war, als fl�sse Niederprozentiges durch deine Adern, klebrige Lik�re. Als er dich fast erreicht hatte, als du sicher sein konntest, nicht mehr missverstanden zu werden, winktest du zur�ck, weil dir pl�tzlich sein Name wieder einfiel.</p><p>�Hallo. Ingrid�, sagte ein blaugefrorener Mund.�Wie sch�n.�</p><p>Du begriffst einen Augenblick nicht, dass der Satz schon zu Ende war. Er gab dir nicht die Hand. Er stand direkt vor dir.</p><p>�Hallo. Michael.�</p><p>Er nickte, als ob du etwas richtig gemacht h�ttest. Du versuchtest dich zu entscheiden, ob seine Augen braun oder gr�n waren, denn hinsehen konntest du nicht. Du versuchtest dich zu erinnern, ob du in der Nacht mit ihm geknutscht hattest, in der lauten Nacht, eingekeilt zwischen M�nteln, Haaren, Kotze und Knallern, Herren- und Heimatlosen, Kommilitonen, euren, und ob es noch im alten oder schon im neuen Jahr gewesen war. Das war doch wichtig. Du versuchtest, freundlich zu sein.</p><p>Du konntest ihn lange nicht richtig anfassen.</p><p>Es kam dir nicht richtig vor. Er war doch ein Fremdling in deiner Sprache. Du glaubtest, er w�rde alles falsch verstehen. Du w�rdest alles erkl�ren m�ssen. Du glaubtest, er k�nne das nicht lernen: akzentfrei mit dir zu reden. Wenn es schon sonst keiner konnte, nicht wahr. Du fingst an, dein Englisch auszubessern.</p><p>Eine Probe: F�r dieses Buch hattest du gerade noch genug Geld. Du kauftest es und schenktest es ihm. Du hattest geh�rt, es solle schwierig sein. Du a�t Michaels Brot und Michaels Suppen und fragtest ihn, warum er es nicht lese. Du h�ttest deinen� last penny �daf�r gespendet. Warum er denn �berhaupt so einen Schei� wie Germanistik studiere. Wo einem doch am Ende nur noch Goethe �berall rausl�uft, wo man nur noch Goethe sabbert und nach Goethe stinkt, pfui Deibel. Michael tat so, als h�tte er nicht alles verstanden. Er sagte, dass WILHELM MEISTER ihn genug besch�ftige. Da k�nne er sich nicht noch MUTMASSUNGEN� about some JAKOB �leisten. Er fragte dich, ob das hier eine Landschaft sei. Eine halbe Stadt mit ein paar� trees at the fringe�. Er fragte, wo du sp�ter arbeiten wolltest. Du sagtest, du wolltest keine Ponyfrisur. Er lachte.</p><p>Zwei Jahre sp�ter standest du heulend zwischen den englischen Baumfransen. Schwanger. Dieses Kind w�rdest du behalten, so viel war klar. Es war euer Kind. Ingrid war seine Mutter und Michael sein Vater. Ingrid Ishley.</p><p>Du st�rztest dich in die G�rten. Du dachtest nicht dar�ber nach, was dir an dieser Inszenierung von Natur lag. Ob das eine Landschaft war. Die G�rten gefielen dir einfach, und das war etwas in dieser Zeit. Ein Gef�hl so gut wie neu. Manchmal verreistest du f�r ein paar Tage. Die B�cher nahmst du mit, dein Notizheft, ein wenig Proviant. Dein Bauch hielt den schweren Rucksack im Gleichgewicht. Wenn du, nicht selten durchn�sst, immer hungrig, am Abend in dein B&amp;B-Zimmer kamst oder, wenn du nur in der n�heren Umgebung geblieben warst, in den kleinen, halbvergessenen G�rten Norfolks, zu Michael in die Wohnung, f�hltest du dich wie ein aus seinen Diensten entlassener Einsiedler. Es schien dir merkw�rdig, die L�nge deiner Haare und N�gel unver�ndert zu finden. Nur dein Bauch wuchs. Du dachtest: Er w�chst, immer weiter. Du wusstest nicht genau, wen du meinst mit �er�.</p><p>Einmal rutschtest du in einen Ha-Ha und knicktest dabei mit dem Fu� um. Du kamst nicht mehr raus. Du warst allein weit und breit. Der schlammige Grund schmatzte, als du versuchtest aufzustehen. Du a�t einen Apfel. Eine Weile lehntest du an der steilen Wand dieses ungew�hnlich tiefen, aber ohne Steine angelegten Gartenkunstmittels, bis du wieder zur�cksacktest, nachgabst. Du m�sstest das Kind eben in instabilen Verh�ltnissen geb�ren. Ha ha, dachtest du, und die Frage, woher diese unsichtbaren Gr�ben ihren Namen haben, beantwortete sich pl�tzlich von selbst. Als Einsiedler durfte man nat�rlich kein Kind haben. Jedenfalls nicht offiziell. Du fingst an, nach Michael zu rufen, es klang besser als �Help!�.</p><p>Nach Minuten oder Stunden sahst du einen Jungen �ber dir stehen. Er legte sich auf den Boden und hielt dir seinen Lederg�rtel hin. Du bandest deinen Rucksack dran. Gern h�ttest du auch deinen Bauch abgeschnallt. Der Junge war vielleicht zw�lf oder dreizehn Jahre alt, aber er schaffte es, dich an dem G�rtel ein St�ck hochzuziehen, dass du mit der Hand ein Grasb�schel ergreifen und mit dem unverletzten Fu� einen prek�ren Halt finden konntest. Du stemmtest dich hoch, der Junge half dir, zerrte an dir mit einer ausdauernden Kraft, zerriss dabei deinen Anorak und entschuldigte sich. Er trug geduldig deinen Rucksack neben dir her, als du in kleinen Schritten zum Ausgang humpeltest. Er wartete mit dir auf den Bus. Du fragtest nach seinem Namen. Er sagte, er hei�e Paul William Herrington,�like the fish, you know�. Du gabst ihm, was du noch an Geld bei dir hattest. Die Wehen setzten im Morgengrauen ein, fast einen Monat zu fr�h. Paul wurde in einem Krankenhaus in Norwich geboren.</p><p>In Kinsale, in Irland, in einem Haus, vor das du noch nicht das Wort �dein� zu setzen wagtest, erreichte dich zehn Jahre und einen Tag sp�ter der erste Brief von Peter. Du sahst ihm sofort die zahllosen Anl�ufe an. Die Handschrift war gleichm��ig, ohne Fehler oder Verbesserungen, und die Abs�tze � schon allein, dass es welche gab � passten nicht recht zusammen, schienen Konzentrate von im Laufe der Zeit entworfenen und wieder verworfenen Briefen zu sein.�Jetzt, wo es geht�, schrieb Peter. Es gelang dir nicht herauszufinden, worum es ihm ging. Du stelltest dir vor, Peter h�tte bis jetzt gebraucht, um deine Adresse herauszufinden, sich deiner Anwesenheit im selben Raum-Zeit-Kontinuum zu versichern. Es erschreckte dich. Dass das immer noch ging. Dass es so etwas wie Peters Anwesenheit gab. Adressen. Die grunds�tzliche Erreichbarkeit, sofern in siebzehneinhalb Jahren f�r dich und ihn in etwa siebzehneinhalb Jahre vergangen waren. Du hattest nicht geschrieben. Damals, als es nicht ging. Du wolltest keine Schwierigkeiten machen. Peters Brief war wie das Nicken von Michael, damals. Du schriebst zur�ck. Du machtest viele Abs�tze.</p><p>Michael wusste von diesem fernen Bruder. Hinter der Mauer, hinterm Mond, zu fern f�r dieses Leben. Peter war dein Zugest�ndnis an Michael gewesen. Es war zu sp�t, ihm etwas anderes zu erz�hlen. Als der zweite Brief kam, zwei Jahre darauf, ein hastiger, zugleich scheuender, mit vielen Streichungen zusammengequ�lter Brief, war es endg�ltig zu sp�t, ihm irgendetwas anderes zu erz�hlen.</p></section><section><title><p><strong>MARIA</strong></p></title><p>Das war auch so ein Wetter in dem Jahr, genau so ein malles Wetter. Morgens immer Sonne und keine Wolke zu sehn, und dann regnete das den ganzen Tag. Und kein Mensch auffe Stra�e, hat sich ja keiner mehr rausgetraut, na, und danach erst recht nich, die alten Weiber, die haben da alle den Schl�ssel zweimal rumgedreht. Die alte Hilda Roggelin. Sonja, was ihre Enkelin is, die wollt ihr das erst gar nich sagen, die wollt ihr nu keine Angst machen, aber haben ja nu doch alle davon geredet, die Schwestern und alle, und denn hat Sonja ihr das lieber doch erz�hlt, bevor sie das so nebenbei mitkriegt. Ich mein, das war ja ihre Freundin, nich, Erna Mehling war ja ihre Freundin, obwohl die n ganzes St�ck j�nger war. Aber in dem Alter kommt das da nich mehr drauf an. So alt wird unsereins gar nich mehr. Das hat Simon auch immer gesagt. Aber Erna war da auch nur ein Jahr �lter als ich jetzt, als das passiert is. Paar Tage sp�ter bin ich ganz fr�h zu Simons Grab hin, ich dacht, bevor das wieder anf�ngt, und das war ja sein Sterbetag, und dann hab ich das gesehn vom Kirchhof aus, Ernas T�r, dass da was r�bergeklebt war, dass keiner mehr raus und rein konnte, und da hab ich das erst geglaubt. Da hab ich das gesehn, das war zu sehn, dass das leer war, das Haus. Und ich wollt mir gar nich vorstelln, wie das gewesen war, was die so erz�hlt hatten, aber ich hatt das immerzu im Kopp.</p><p>Das war so ruhig an dem Morgen, und die Sonne schien in mein Fenster, und kalt war das, ich dacht, na, ich bleib ma noch paar Minuten l�nger im Bett, und denn ging das auf einmal tat�-tata, und denn kam der Krankenwagen oder die Polizei. Erst dacht ich, das brennt irgendwo. Da bin ich sofort aussem Bett. Da hatt ich immer solche Angst vor, wenn das irgendwo brannte. So wie damals, als deswegen die Schule ausfiel. Da kamen uns die Jungens entgegen und riefen immerzu:�De Schaul brennt, de Schaul brennt!�, aber das stimmte nich. Gebrannt hat das zwei H�user weiter, da war morgens der Blitz in die gro�e Kornscheune eingeschlagen und gleichzeitig hundert Meter weiter in�n Kuhstall, und das brannte lichterloh, das waren ja beides Reetd�cher gewesen. Und da mussten wir Kinder nu mit ran und die K�he auf die Wiese treiben und aufpassen, dass die nich wegrennen. Und ich wei� noch, wie wir beide stolz waren, Anna, dass wir da helfen durften, denn da wurden blo� die gr��eren Kinder f�r genommen, und wir waren noch gar nich so gro�. Und ich hatt eine Heidenangst vor dem Feuer, und ich wollte auch gar nich, dass die Schule mit abbrennt, auch wenn das nich so sch�n war in der Schule mit Herrn Pittelkow, aber immer zu Hause bleiben wollt ich auch nich, und dann h�tt ich dich ja auch nich mehr gesehn.</p><p>Und das war so ein Wetter an dem Tag. Wie sie gekommen sind, da schien noch die Sonne. Und wie sie sie denn rausgetragen haben, da hat das gegossen,�immer ruff uff ehr, immer ruff uff dat witte T�ch, wo se drunner lag�, wie Martha gesagt hat, die hat das ja alles gesehn von ihrem Fenster.</p><p>Und das hat sie auch gesagt, vorher, dass das nich gut geht, wodrauf Erna sich da blo� eingelassen hat, dass ihr das mal einer sagen muss, dass das nich geht. Aber gesagt hat sie Erna das nich. Und dass das nu so kommen w�rd, dass das nu so ein Ende nehmen w�rd, das hat Martha auch nich gewusst, da kann sie noch so schlau tun. Keiner hat das gewusst, auch wenn sie denn alle so getan haben: Dat hett�s nu davun.</p><p>Was wollt die blo� mit dem Bengel? Aber das war auch so eine, die nich nee sagen konnt. Und siehst du, das war nu der Unterschied zu dir, Anna. Du h�ttst das nie so weit kommen lassen. Ich will ja nich sagen, dass sie nu was daf�r konnte, Erna, dass das passiert is, aber bisschen war sie vielleicht doch schuld dran. Das war vielleicht so wie mit dir, Anna, du konntst vielleicht auch nix daf�r, dass dein Theo abgehauen is, und dass deine Tochter auch weg is, und alles, was passiert is, aber vielleicht doch. Ich mein, gewollt hast du das nich. Aber passiert isses ja, und da muss man sich doch fragen, warum. Erna konnt das nu nich mehr. Ach, die war viel zu gut f�r diese Welt. Die hat gedacht, sie k�nnt ihm irgendwie helfen damit. Die hatte auch keine Angst. Da war sie genauso wie du. Blo�, dass du auch keine Angst zu haben brauchtest. Dir h�tt er ja nix getan. Zuerst, wie das passiert war, hab ich gedacht, wenn er das nu mit dir gemacht h�tt, Anna. Aber das konnt ich mir gar nich vorstellen. Du hattst wie so was um dich rum, wie so einen Schutzmantel, an dich kam keiner ran, und Henry hast du schon zur R�son gebracht, wenn er wieder mal durchhaute. Was der auch angestellt hat, du hast dir nix anmerken lassen, er konnt dich nich �rgern damit, und du hast dich auch nich gesch�mt vor die Leute.�Komm, Henry�, hast du immer gesagt, und denn bist du mit ihm nach Hause, und ich wei� nich, ob du ihn bestraft hast und mit was, aber denn war erst mal wieder eine Zeitlang Ruhe. Anna, nee, ich h�tt mich in Grund und Boden gesch�mt. Wie du das so konntst.</p><p>Wie er da mitten auffe Stra�e, ach nee! Und alles hat zugeguckt, und die G�ren immer um ihn rum, und ein Gejohle! Ich dacht wunder, was da los war, und wie ich dichter komm, seh ich das, die ganze Schweinerei. Nee, das war ja nich mitanzugucken.�Ick k�nn doo goor nich henkieken�, hat Martha gesagt, aber gesehn hat sie denn doch alles hinter ihre Gardine. Wie er da mitten auffe Stra�e stand und da rumgefummelt hat an sich selber und seine Hose offen und alles hing raus, und keiner is hin zu ihm und hat ihn da weggeholt, vonner Stra�e. Die G�ren haben blo� gelacht. Und ich war noch so dumm zu sagen:�Was gibt das denn da zu lachen, schert euch nach Haus!�, und denn haben sie mich auch ausgelacht. Aber Herrgott, das ging doch nich.�Henry!�, ruf ich, und ich wei� genau, das war das erste Mal, dass ich ihn so angeredet hab, mit seinem Namen, und da war mir ganz komisch dabei, ich hatt auch bisschen Schiss, aber nich vor ihm, da hat das ja noch keiner geahnt.�Henry!�, sag ich.�Was soll denn deine Oma denken. Nu geh du man sch�n wieder nach Hause. �Aber er h�rte ja gar nich, der hatte blo� die Augen stier zum Himmel und machte nu immer weiter, und ich wei� auch nich, ich mein, ich war ja nu kein junges M�dchen mehr, aber ich hab mich so gesch�mt, ich w�r am liebsten weggelaufen, ich konnt das nich sehn. Aber einer musste doch was machen. Ich wollt grade zu ihm hin, ich h�tt ihm am liebsten ne Backpfeife gegeben, so ein Schweinigel, nee, und da seh ich mit Mal ein Auto ankommen, aber mit volles Karacho kommt der da angefahrn, und ich nix wie runter vonner Stra�e und die G�ren auch, und ich ruf noch:�Henry!�, aber Henry bleibt stehen, der steht da wie angewurzelt, und er sieht, dass der auf ihn zurast, er starrt den ja richtig an, und r�hrt sich nich! Ich denk, Mensch, das is doch der G�hlmann mit sein Wartburg, aber da war das auch schon zu sp�t. Ich dacht, ich werd nich wieder, wie der da so haarscharf an Henry vorbei is, dass Henry das Taumeln kriegt und mit seine Kapuze da am Spiegel h�ngen bleibt und schreit und schreit, wie er da mitgeschleift wird bis um die Kurve und denn da liegen bleibt mitten auffe Stra�e. Und der G�hlmann hat nich angehalten. Der is einfach weiter. Und Henry war erst ganz stumm, wie er da lag, und ich dacht wirklich, das wars nu mit ihm. Aber denn f�ngt der auf einmal an zu b�lken und macht ein Geschrei, als ob sie ihn abstechen, wien Schwein, so hat der gebr�llt, und br�llt und br�llt und h�rt nich auf, und die G�ren sind gleich um die n�chste Ecke und nix wie weg, und der l�tte Sohn von Dietmar Beier is als Einziger zu ihm hin, und den hat er weggeschubst, dass der hingefallen is, und denn is der auch weggerannt, und ich hab mich auch nich hingetraut. Ich dacht, irgendeiner muss dir Bescheid sagen, Anna, irgendeiner muss hin zu dir, aber denn warst du auf einmal schon da. Und hinter dir her kam Marthas Elke mit ihrem Mann, die hatten dir das vielleicht gesagt, und Elke hat sich da hingestellt mit verschr�nkte Arme und sich das angeguckt, und denn kam auch noch Heini aus seine T�r und sagte:�Ein Theater!�, und meckerte rum mit seine heisere Stimme, und Christel guckte ausm Fenster mit ihrem Helmut und sagte zu ihm:�De Bengel geh��rt doch inne Anstalt!�, und so laut, dass du das auch geh�rt hast. Und du hast Henry an sein Arm genommen und hochgezogen, und er hat immer noch geschrien, aber du hast ihn hochgekriegt, und denn hat man erst das Blut gesehn an sein Kopp, und seine Jacke war hinten auf.</p><p>�Mach die B�x zu, Henry�, hast du gesagt, und:�Nu komm!�, und denn hast du ihn hinter dir hergezogen und hast ganz gradeaus geguckt und keinen angeguckt und mich auch nich. Und ich dacht, ich geh denn mal lieber.</p><p>Sp�ter ging das denn los mit den M�dchen, dass er den M�dchen hinterher ist wie sie gesagt haben. Ich wei� nich, ob das stimmte, aber als G�hlmanns Tochter damit anfing, Carina, da hat doch keiner gedacht, dass sie nu l�gt. Ich mein, ganz ohne war die nich, aber wie denn auch noch ihre Freundin damit ankam und paar andre noch, da musste da ja was dran sein.�Wenn dat St�ck Schei�e mir inne Finger kommt�, soll der G�hlmann gesagt haben. Denn wollt er ihn erw�rgen, Henry, oder tothauen oder was wei� ich. Aber gemacht hat er nix, da haben ihn schon die andern von abgehalten, weil, er war ja nu schon drangekriegt worden wegen diese Fahrerflucht, und da musst er ordentlich was f�r bezahlen, und wenn er nu noch mal auf Henry los w�r, na, ich wei� ja nich. Da h�tten sie ihn am Ende denn doch noch f�r eingebuchtet, und das w�r vielleicht gar nich verkehrt gewesen, aber gesagt hab ich das nich, das hab ich blo� so gedacht da. Auch wenn er vielleicht recht gehabt hat mit Henry, ich mein, dass er da Angst um seine Carina hatte, denn bei Henry konnt man nie wissen. Aber richtig was angestellt hat der nich, ich mein, bis das mit Erna war, der is doch blo� allen aufn Senkel gegangen, aber getan hat er keinem was, der hat doch immer blo� gelacht, deswegen haben sie ja auch� Haha �zu ihm gesagt, zu Henry Hanske. Und wie die M�dchen nu mal so sind in dem Alter, die wollen doch, dass einer denen hinterherguckt und vielleicht auch hinterherl�uft, und wenn das nu blo� Henry war. Da hatten sie wenigstens gleich einen, wo sie sich dr�ber mokieren konnten, und vielleicht wollten die das gar nich, dass die Jungs denn losziehen und ihn sich vorkn�pfen. Da hat er schlimm ausgesehen danach. Aber er hat nich gesagt, wers war, und da hat ihn auch keiner gefragt, wer sollte das schon gewesen sein, das konnt sich ja jeder denken. Danach war denn erst mal Ruhe, bis sie denn wieder anfingen, Sachen �ber Henry zu erz�hlen, so schmutzige Sachen, dass er das mit Tieren macht und so, weil er ja so an Tiere hing, der wollt ja alles anfassen, K�he und Schafe und H�hner, und mit Katzen hat er egaleweg rumgek�tert, blo� vor Hunde hat er Angst gehabt, weil da wohl auch mal einer seinen Hund auf ihn losgelassen hatte, wie er noch l�tt war, aber sonst war der nur hinter die Viecher her, und denn haben sie so was erz�hlt, aber das hab ich denn nich geglaubt.</p><p>Ich wei�, Anna, du hast das nur gut gemeint. Aber das war zu viel f�r dich, in deinem Alter. Du hast gedacht, wenn schon deine vermaledeite Tochter sich nich drum k�mmert und einfach in Westen abhaut und nich mal sagt, von wems nu is, nich mal dir hat sie das gesagt, das is ja nie rausgekommen, ob das nu einer ausm Dorf war und wer oder einer ausse Stadt oder von sonstwoher, die hat sich ja auch ganz sch�n rumgetrieben, deine Ingrid, und das hatte sie denn davon, blo� dass das denn an dir h�ngen blieb, du hast gedacht, das w�r nu deine Aufgabe, das Balg von deine Tochter gro�zuziehen. Manchmal hab ich so gedacht, aber das hab ich auch nich richtig gedacht, blo� mal so, wie das einen so manchmal in Kopp kommt, da hab ich gedacht, wenn das nu Hartmut w�r, ich mein, der Vater, wenn nu Hartmut damals mit Ingrid, wenn die ihn nu damals � na, verf�hrt h�tt, ich wei� ja, dass Hartmut bisschen n Auge auf sie geworfen hatte, auf Ingrid mit ihre blonden Haare, das hab ich schon mitgekriegt, und wenn sie das nu ausgenutzt h�tt, denn durchtrieben genug war sie ja anscheinend, auch wenn sie nich den Mund aufkriegte manchmal. Gesagt hat sie nich viel. Aber stille Wasser, nich. Das kennt man ja. Aber wieso hat sie denn nich gesagt, dass er das war, ich mein, er h�tt ja zahlen m�ssen, und dass er nu nich aus eine ganz arme Familie kommt, das hat sie doch wohl gewusst, dass wir bisschen was auffe hohe Kante hatten. Auch wenn sie ihn nu vielleicht nich heiraten wollt, wei� der D��wel, warum nich, aber das Geld h�tt sie gekriegt, und so Sahne gings euch nu auch nich, als dass man da zu stolz zu h�tt sein k�nnen, wo sich ja rausgestellt hatte, dass ihr gar nich so viel geerbt habt von dem alten Hanske, gar nich so viel, wie alle gedacht hatten. Aber ich kann mir das auch nich vorstellen mit Hartmut, auch wenn er n Dummlack war ab und zu, wie bei Britta, aber ich mein, dass Henry nu von ihm w�r, das konnt ich nich glauben, son Bengel, der nich ganz richtig is.</p><p>Du wolltst ihn nich ins Heim geben, das wolltst du partout nich. Da hast du blo� gesagt:�Nein�, wie ich dich mal gefragt hab, und das hat mir �berwindung gekostet, das kannst du mir glauben. Das war kurz nachdem Ingrid weg war, nachdem sie nich zur�ckgekommen war und du da nu gesessen hast mit dem L�tten, und der konnt ja man grad paar Worte sprechen, nich so wie andre in dem Alter, die egaleweg drauflosplappern, und bei ihm hat man auch blo߻Mama �verstanden. Na, ne sch�ne Mama war das. Und die Zeit hat er erst nur geschrien. Der war ja nich zu b�ndigen. Und du sahst schlecht aus. Wie ich mal vorbei bin an dein Garten, da warst du drau�en, da hab ich dich gesehn,�Tach, Anna�, hab ich gesagt, und du:�Maria, willst nich reinkommen?�</p><p>Und das war das erste Mal seit ich wei� nich wie viel Jahrn, dass ich wieder in deine K�che gesessen hab. Ich wusst nich recht, was ich sagen sollt zu dir, ich war blo� verdattert, dass man dir das alles so ansieht auf einmal.</p><p>�Is schwer, nich?�, hab ich gesagt.</p><p>Du hast gar nix gesagt, vielleich blo� genickt, genau konnt ich das nich sehn, weil du mitm R�cken zu mir standst und Kaffe gekocht hast. Und wie du da so standst, musst ich dran denken, wie wir noch ganz jung waren und ich schon zum zweiten Mal schwanger war mit das zweite Kind, das ich verloren hab, und wie ich dich nach deinem Vater und nach Theo gefragt hab. Wie ich da auf deinen R�cken geguckt hab. Und wie da noch keiner wissen konnte, wie das ausgeht.</p><p>Du hast mir den Kaffe hingestellt, und denn haben wir uns blo� so gegen�bergesessen, und ich wusst nich, was du nu eigentlich von mir wolltest, wieso du gewollt hattst, dass ich reinkomm.</p><p>�Ich wei� ja gar nich, was ich ihm sagen soll�, hast du da gesagt.</p><p>Da war ich erschrocken. Ich wei� nich, wieso, aber da hatt ich auf einmal Angst.</p><p>Und denn hast du erz�hlt, dass den Tag vorher die Polizei dagewesen war, und sie hatten gesagt, dass deine Tochter eine Verbrecherin w�r, weil sie nu Republikflucht begangen h�tte, weil sie nich zur�ckgekommen w�r und nu schon zwei Wochen lang nich, und dass du auch schuldig w�rst, weil du das nich gemeldet hattst. Du hast gesagt, du h�ttst gesagt, dass deine Tochter erwachsen w�r. Ob du was von ihre Fluchtpl�ne gewusst h�ttst. Nein. Ob du sie angestiftet h�ttst. Nein. Ob sie sich bei dir gemeldet h�tt. Nein, wie denn. Zum Beispiel angerufen. Da h�ttst du gelacht.�Denn w�ssten Sie das doch l�ngst�, h�ttst du gesagt. Wie du das meinen w�rdst. Na, wenn hier ein Telefon klingelt, w�rd man das doch bis Anklam h�rn. Wieso.�Weil das so sch�n ruhig hier is�, h�ttst du gesagt. Eine Totenstille w�r das hier. Hier w�rd man alles h�rn. Und wenn hier ein Telefon klingeln w�rd, denn w�ssten alle auch, bei wem, n�mlich entweder beim B�rgermeister von Bresekow oder beim B�rgermeister von Putlitz, mehr Telefone w�rn dir hier jedenfalls nich bekannt. Frau Hanske, h�tten sie gesagt. Ob du das denn geahnt h�ttest, dass deine Tochter nicht zur�ckkommt. Nein.</p><p>�Das war gelogen, Maria�, hast du gesagt.</p><p>�Du liebe Zeit, Anna, hattst du denn keine Angst nich?�</p><p>�Ach Gott, Maria. Sag mir mal einen, der da nich die B�xen bis zum Stehkragen voll hat!�</p><p>Und du hast gewusst, dass sie nich zur�ckkommt? Das hast du doch gesagt, nich? Oder nich? Wie konntst du sie dann blo� fahren lassen, ich mein, wo sie ihren Vater doch gar nich kannte, ich h�tt das nich erlaubt, wenn Hartmut solche Flausen im Kopp gehabt h�tt, wenn ich das gemerkt h�tt, oder bei Rosi oder B�rbel, und wenn die mir noch so viel Sorgen gemacht h�tten. Aber anbinden konntst sie ja nu auch nich, ich wei�. Und wenn sie das da nich gemacht h�tt, dann n andermal. Ich will nu nich sagen, dass sie weg wollt von ihrem Kind, auch wenn manch einer das nu gedacht hat, so wie manch einer ja auch gedacht hat, dass das ihre Strafe war, so ein Kind. Aber sehr dran gehangen hat sie wohl nich. Und Anna, du k�nntest nu denken von mir, was du willst, aber�� Ach, ich sollt das nich denken. Ich wei� auch nich, ob das stimmt. Nur, wie man ja immer so sagt, dass der Appel nich weit vom Stamm f�llt.</p><p>Aber wie h�ttst du das auch aushalten sollen, wenn du nu zu doll an ihr gehangen h�ttst. Vielleicht w�r sie dann trotzdem weg.</p><p>Und denn solltest du ihnen sagen, wer der Vater zu dem Kind is. Da h�ttst du gesagt, dass du das nich wei�t. Frau Hanske, h�tten sie gesagt. Und ob du sie f�r dumm verkaufen willst. Du h�ttst gesagt, dass du nich l�gen willst. Ob du denn nich eine Vermutung h�ttst. Nein. Damit k�nntst du nu nich dienen. Aber sie sollten man ruhig ins Dorf gehen und danach fragen, da w�rn viele, die das gar nich erwarten k�nnten, ihre Vermutungen loszuwerden, da h�tten sie denn bald eine sch�ne Sammlung.</p><p>Jetzt w�rde das Kind jedenfalls erst mal in ein Heim kommen. Nein. Doch. Das w�rd immer so gemacht in solche F�lle. Da w�rd der Staat denn die Vormundschaft �bernehmen. Und denn m�sste der n�chste Angeh�rige entscheiden, ob er die Vormundschaft vom Staat �bertragen bekommen will, wof�r er denn einen Antrag stellen m�sste. Denn w�rdst du hiermit mal gleich einen Antrag stellen, h�ttst du gesagt. Und Henry k�nnten sie so lange ruhig dalassen, da m�sst der Staat gar nix �bernehmen. Frau Hanske, h�tten sie gesagt.�Wir sprechen vom Vater.�</p><p>�Es gibt keinen Vater.�</p><p>Da h�tten sie dich ausgelacht und h�tten dich gefragt, ob du an den Klapperstorch glauben w�rdst. Da h�ttst du gefragt, woran sie denn glauben w�rden. An einen Vater, der nur drauf gewartet hat, dass sie ihm nu nach drei Jahren sagen, dass er einer is, und ihm eine Vormundschaft anbieten? Na, da sollten sie Bescheid sagen, wenn sie so einen aufgetrieben h�tten. Du w�rst die n�chste Angeh�rige. Nee, du hast gesagt, du h�ttst gesagt:�Ich bin die einzige Angeh�rige, hier.�</p><p>�Maria, die wollen mir Henry wegnehmen�, hast du gesagt,�die wollen mir auch noch Henry wegnehmen.�</p><p>Da hast du mir leid getan. Und da hab ich gesagt, dass sie dir Henry nich wegnehmen wollen. Nur, und da hab ich denn all meinen Mut zusammengenommen, nur, ob das nich vielleicht so besser w�r.</p><p>�Was?�, hast du gefragt.�Was w�r so besser?�</p><p>Da h�tt ich am liebsten gar nix mehr gesagt, aber nu musst ich ja.�Na, ich mein ja blo�. Ob das im Heim nich besser f�r ihn w�r.�</p><p>�Nein�, hast du blo� gesagt. Mehr nich. Aber ich glaub, du warst mir gar nich b�se. Du hast nur ganz traurig ausgesehn.</p><p>Nee, diese Ingrid! hab ich gedacht. Dass die ihre eigne Mutter so ein Kummer machen muss! Wenn sie dich nu am Ende noch verhaften. Das h�tt ja passieren k�nnen, das konnten die doch machen. Aber denn haben sie doch blo� Henry abgeholt. Gleich am n�chsten Tag haben sie Henry abgeholt ins Heim.</p><p>Ein halbes Jahr sp�ter hattst du ihn wieder. Das kann ich mir vorstellen, wie du denen da aufn Senkel gegangen bist. Da hast du nich lockergelassen. Und du hast das wirklich geschafft. Du hast ihn wiedergekriegt. Das hat mich gar nich gewundert. Wenn du was wolltst, denn hast du das auch geschafft. Gewundert hab ich mich blo�, dass du das unbedingt wolltst. Dabei hattest du das doch gar nich so mit Kindern. So gut mit Kindern konntst du nich, das hatt ich bald gemerkt. Ich glaub, du wolltst auch nich unbedingt welche. Ich wei� noch genau, wie du mich angeguckt hast, als ich da damals zu dir gekommen bin und nich wusst, ob ich nu lachen oder weinen soll, und dir das auch erst gar nich sagen wollt, aber irgendeinem musst ichs doch erz�hln, und wem denn, wenn nich dir.</p><p>�Anna, nu b�n�ck schwanger�, hab ich gesagt und da wurd mir ganz hei� im Gesicht, so wie fr�her, als h�tt ich was angestellt und m�sst das nu sagen. Aber das war doch nu mehr was zum Freuen. Aber du hast blo� gesagt:�Jetzt schon?�</p><p>Und da hab ich mich irgendwie geniert, obwohl ich dacht, dass ich mich vor dir ja nu nich genieren muss, weil du noch gar nich so genau Bescheid wei�t, hab ich gedacht, wenn du das nu erst w�sstst, wie das so is mit der Ehe, wie ich mich denn erst geniert h�tt. Aber ich glaub, grad deswegen. Als w�r ich nu irgendwie, wie haben sie das immer noch genannt � gefallen, ja. Hochmut kommt vor dem Fall. Und war ich nich ein bisschen hochm�tig vielleicht gewesen, wie ich gesagt hab, ich heirat jetz den Simon Wachlowski, wo du Angst um deinen Theo hattst? So dumme Sachen hab ich da gedacht.</p><p>�Na, ich bin doch nu verheiratet�, hab ich gesagt, auf Hochdeutsch.</p><p>�Das stimmt�, hast du gesagt. Aber ich glaub, du wolltst was andres sagen. Und da hab ich mich ge�rgert �ber dich. Wie du nu so hochm�tig sein konntst.</p><p>�Na, wart, bis du dein Theo heiratst�, hab ich gesagt. Und ich dacht schon, ich h�tt was Falsches gesagt, weil du erst gar nix gesagt hast, und dann:</p><p>�Damit wird das auch nich anders.�</p><p>Ich glaub, da hab ich dich ganz entgeistert angeguckt.�Was? Was wird da nich anders?�</p><p>Und du hast blo� gegrient! Blo� gegrient hast du! Und da dacht ich, ich fall vom Stuhl.</p><p>�Ach, Maria, das wei�t du doch nu genauso gut wie ich!�</p><p>Na, das hattst du jedenfalls fein hingekriegt. Wer hier wohl nu Grund hatte, sich zu genieren! Aber das hattst du nu wieder so hingedreht: dass ich nu wieder wie die Dumme dagestanden hab. Nee, Anna, manchmal war das nich zum Auszuhalten mit dir!</p><p>Wie ich denn das zweite Mal schwanger war, hab ich mich schon gar nich mehr getraut, dir das zu sagen. Aber du hast mir das sowieso gleich angesehn. Verheimlichen konnt man nix vor dir. Und da warst du denn auch wieder ganz anders. Da hast du mir denn Mut gemacht, weil ich ja nu das erste verloren hatt und nu Angst hatte, dass das wieder so kommt, und da hast du mich gef�ttert mit das bisschen, was ihr noch mehr hattet als wir, und das war vierundvierzig, und du hast Sachen f�r das Kind gestrickt und hast gesagt, wenns so weit w�r, denn w�r der Krieg schon l�ngst vorbei, das k�nnt ja nu nich mehr lange so weitergehn.</p><p>�Aber Anna, das darfst du doch nich so sagen�, hab ich gesagt.�Was denkst du, was das wird, wenn wir nu verliern!�</p><p>�Na, wenn du nich willst, dass dein Kind das hier mitkriegt, denn betst du besser daf�r!�</p><p>Und siehst du, du hattest ja recht. Das Kind hat gar nix mitgekriegt. Das war noch gar kein Kind. Und der Krieg war denn ja auch vorbei. Und ich dacht, ich krieg nu gar keine Kinder mehr. Dass das nich geht bei mir. Ich wurd auch gar nich mehr schwanger die Zeit. Einerseits war ich ja froh. Und lieber gar keins als so ein fremdes, hab ich gedacht, weil, denn hattst du ja auf einmal diesen l�tten Peter von eine aus Hinterpommern. Und mit Peter war das genau dasselbe wie mit Henry, blo�, dass ich das erst recht nich verstehn konnt, wo das nu schon gar nich dein eignes war und du noch nich mal verheiratet, und dein Theo noch nich wieder da, und die Zeit, Anna, die schlimme Zeit, das war ja schlimmer als wie im Krieg. Man hatte doch gar nix zu bei�en die Zeit. Aber diesen l�tten Wurm, den hast du dir nich ausreden lassen. Was denn sonst aus ihm werden sollt, er h�tt doch sonst keinen mehr, hast du gesagt.</p><p>Die waren ja nu alle f�nfundvierzig hierhergekommen, da wollt ja auch keiner mehr da bleiben, nach dem, was die alles geh�rt hatten vonne Russen, wie die Russen da gehaust haben inne Ostgebiete, da konnt dir das kalte Grausen kommen, wie die das so erz�hlt haben, und wie sie �berfallen worden waren auffe Flucht und die H�lfte das gar nich geschafft hatte bis hierher. Und was hatten wir f�r eine Angst, dass uns das nu genauso gehen w�rd, wenn erst die Russen bis hierher w�rn, dass uns das denn genauso dreckig gehen w�rd, und Anna, da hab ich gedacht, wenn das so kommt, denn bring ich mich um. Bevor mich einer vonne Russen anfasst, bring ich mich lieber um. Ich wollt sowieso nich mehr, die Zeit wollt ich gar nich mehr. Und da hab ich mich immer gefragt, wie du das so machst. Dass du gar keine Angst hattst, wie sie die alle bei euch einquartiert haben, die Fl�chtlinge, und erst warst du auch noch ganz alleine mit die, bis denn dein Vater zur�ckkam. Uns hatten sie ja auch welche zugeteilt, aber blo� eine junge Frau mit ihre Mutter, und die waren anst�ndig, und ich hatt ja da auch meine Schwiegereltern, und Simon war auch bald wieder da, und die haben sich nich gemuckt, und wie sie nu erst mitkriegten, dass Simons Eltern aus Polen waren, da waren sie nu ganz versch�chtert, da wollten sie nu gar nix mehr von uns nehmen, und da mussten wir denen erst sagen, dass wir ihnen nu bestimmt nix tun w�rden.</p><p>Aber die meisten hatten sie ja in die Schnitterkaserne gesteckt, und da sind denn auch paar noch gestorben, in das kalte Loch, und alles voller Wanzen, da h�tt ich um nix auffer Welt drin sein wollen, da waren gar keine Scheiben mehr drin, das sah schon damals nich viel anders aus als heute. Und da war auch die Frau dabei, die Mutter zu dem L�tten, und die war so krank. Und du bist da immer hin und hast ihr Brot gebracht oder mal eine Suppe, und das ging aber auf die Dauer nich, weil die andern dich schon b�se angeguckt haben, wie du gesagt hast, die hatten ja auch Hunger und sahen nu immer, dass die eine was kriegt und sie nich. Und denn hast du die auch noch in dein Haus geholt, die Frau mit ihrem l�tten Kind, aber das war blo� paar Tage, und da is sie denn gestorben. Malius hat sie gehei�en, jetzt wei� ich das wieder, Frau Malius, hast du immer gesagt, na, und ihr L�tter, das war ja Peter, und den hast du denn einfach behalten. Und das war auch gar nich so verkehrt zuerst, weil denn ja auch die Russen da warn, wo der Krieg vorbei war, und die hatten denn ja das Sagen, da haben sie auch gleich den B�rgermeister verhaftet, obwohl der nu gar nich son Nazi war, aber zwei Pistolen hat er gehabt, und das hat gereicht, und der is auch nich wieder aufgetaucht, und denn hatten die sich da im Gemeindehaus einquartiert, aber das war ja man nich sehr ger�umig. Und denn habt ihr auch noch zwei Soldaten ins Haus gekriegt, das war nu euer Pech, dass ihr so ein sch�nes gro�es Haus hattet, das hatten die sich ausgeguckt, und wie die Soldaten nu das Kind bei dir gesehn haben, da haben sie nat�rlich gedacht, das w�r deins, und denn haben sie dich auch in Ruhe gelassen, weil, Frauen mit Kindern haben die eigentlich nix getan. Die haben ihm immer �bern Kopp gestreichelt und� schjonn, schjonn �gesagt, hast du gesagt. Und dass das auch noch halbe Kinder warn, vor die man nu keine Angst zu haben brauchte. Hilda Roggelin hat das auch immer erz�hlt sp�ter, wie sie, wenn die Russen vorbeikamen, immer schnell nach ihre Tochter gerufen hat und sie auffen Scho� genommen hat und wie sie ihr denn immer wieder die Z�ppe geflochten hat und immer wieder aufgemacht und wieder neu geflochten, bis sie wieder weg waren, die Russen. Na, ich war jedenfalls froh, dass ich meinen Simon hatt. Und nich wie die Riesh�ft mit ihrem Polen, wo der Mann nu schon so lange weg war, und keiner wusst, ob er nu tot war oder nich, und denn hatten sie ihr den Polen gegeben, zum Arbeiten, und wie nu die Russen kamen, sollt er weg, und denn haben sie ihn ihr auch weggenommen und wohl wieder nach Polen geschickt, ob er nu wollt oder nich, und der wollt ja gar nich, weil die Riesh�ft, wie gesagt wurde, ja nu anscheinend mit ihm, na, weil er ja nu nich grad im Stroh schlafen musst, wie sie gesagt haben.</p><p>Und denn hab ich aber auch gedacht, wenn du da mal nu keinen Fehler nich gemacht hast, Anna, mit das Kind, wie das nu erst werden sollt, wenn dein Theo nach Haus kommt, wenn er kommt, wusste ja keiner, wo er abgeblieben war. Und denn kam er. Sommertag sechsundvierzig stand er vor deine T�r. Ach, der war ja blo� noch Haut und Knochen, da konntst du dir nu, wie wir immer so gesagt haben, ja n Splitter dran einrei�en. Und da kam er vonne Russen, da hatten sie ihn gehen lassen, da hattst du noch Gl�ck, Anna, dass das so fix ging, und das war vielleicht auch, weil er ja n bisschen n Roter war, nich, oder so getan hat, als wenn er einer w�r. Und denn hat er dich ja wirklich auch gleich geheiratet, da war der Sommer noch nich vorbei, wie du da Frau M�rz wurdst, blo� dass dich nie einer so angeredet hat. Und das mit Peter hat ihm anscheinend gar nix ausgemacht, vielleicht hat er erst n bisschen geguckt, aber wenn ihm das nich geschmeckt h�tt, denn h�tt er dich doch nich geheiratet, weil, da war er ja genauso wie du, wenn ihm was nich passte, denn hat er das nich gemacht. Und vielleicht haben sie deswegen immer alle gesagt, dass das n Sturkopp is, dein Mann,�son richtigen Stiesel�, hat Heini gesagt.�Dei d�cht nix�, da waren sie sich gleich einig.</p><p>Aber mitgeholfen hat er ja, da konnt nu keiner was sagen, blo� wie, das hat wohl den meisten nich gepasst. Er war ja auch son halber Studierter, und das wollt er nu gerne weitermachen, was er da vorm Krieg gelernt hatte, das technische Zeichnen, aber das ging ja erst mal nich, und vonne Landwirtschaft hat er nu eigentlich �berhaupt keine Ahnung gehabt, aber rumkommandieren wollt er. Er war ja auch der Einzigste, der die von sich aus gegr��t hat, die Russen, das wollten die, dass man die gr��t, aber wenn ich einen gesehen hab von die, blo� von Weitem, denn bin ich gleich auffem Hacken umgedreht und um die n�chste Ecke, und so haben das die meisten gemacht, oder manche waren auch ganz dreist und sind einfach so vorbei an die, und das gab denn oft �rger. Aber dein Theo is denn auch zu sone Schule hin f�r paar Wochen, da hatten sie ihn hingeschickt, zu so einem Lehrgang, wo das nu blo� um Politik ging, das hatten sie wohl gleich gesehn, dass das einer is, den sie sich son bisschen hinbiegen k�nnen. Und denn haben sie ihm paar vonne Bauern zugeteilt, und mit die musst er denn immer los und aufr�umen, kaputte H�user leerr�umen und Material, was man noch brauchen konnt, einsammeln und so was.</p><p>Und die Zeit hatte das ja auch schon angefangen mit das ganze Aufteilen, dass nu jeder was kriegte, das war nu gut f�r die Fl�chtlinge und die, die vorher gar nix hatten, sondern blo� f�r einen geschuftet hatten, der viel Land hatte, aber ganz gerecht war das auch nich. Wie bei dem Kattenburg, dem sie nu das ganze Land weggenommen hatten, und jeder von seine Arbeiter kriegte nu auf einmal ein St�ck, da wussten die ja auch erst nich, ob sie sich da nu freuen sollen, und der Kattenburg stand nu da, und der war nich schlecht zu seine Leute gewesen, das konnt man nich sagen. Bei uns mit unser klein bisschen Acker passierte da ja nix weiter, ihr hattet ja auch nich so viel, Anna, blo� dass euch denn die Russen noch das letzte Schwein weggenommen haben, das war vielleicht eine Sauerei, das hatten deine beiden Soldaten ausgeheckt, da wollten sie sich lieb Kind mit machen bei ihre Obersten oder was wei� ich, auf einmal hie� es, das Schwein wird geschlachtet. Na, da wart ihr nich die Einzigsten, wenn die das n�mlich in Kopp gekriegt haben, denn musst man was hergeben, ob man wollt oder nich. Uns haben sie in Ruhe gelassen, weil der alte Schorschki ja bisschen russisch sprechen konnt und sich mit die ganz gut vertragen hat, obwohl, leiden konnt er die auch nich. Aber das wurden mit der Zeit immer weniger H�hner und Enten im Dorf. Und denn nu auch noch euer Schwein, und das war ja das letzte, das andre, was noch �brig war, hatte dein Vater noch geschlachtet, bevor er losmusst in Krieg, damit du denn was zu bei�en hattst. Tja, aber wer sollt das nu schlachten, dein Vater war nich da und Theo auch noch nich, und der h�tt das glaub ich auch nich gekonnt, und n Schlachter war weit und breit nich zu kriegen. Und denn machten die sich selber bei, die beiden Jungschen, und du sagtest, h�tten die nich ihr Gewehr im Anschlag gehabt und dich damit vom Hof gescheucht, h�ttest du denen einfach paar runtergehauen.�Aber siehste, davon h�tt der L�tte nu auch nix gehabt, wenn nu seine zweite Mutter auch noch totgeblieben w�r. �Aber w�tend warst du, da konntst du erst gar nich dr�ber wegkommen, was die da nu f�r eine Riesensauerei gemacht haben, wie sie da mit dem Messer auf das arme Viech los sind, und du wolltst noch schnell Simon holen, weil du dachtest, er w�r der Einzigste, der dir helfen w�rd, wollt sich ja keiner mitte Russen anlegen, aber er war nich da, und wie du zur�ckkamst, wars schon zu sp�t, da lag das Schwein schon da in dem ganzen Blut, und deine Fl�chtlinge haben dir das denn alles erz�hlt. Wie sie erst versucht hatten, dem Schwein eins mitm Hammer �bern Kopp zu hauen, aber das denn nich liegenblieb, sondern wie wild �bern Hof rannte, und wie denn der eine versucht hat, das mit seinem Gewehr zu erschie�en, und das durften die eigentlich nich, einfach so schie�en, und denn hat er aber auch noch nich richtig getroffen, und das quiekte, das Schwein, und quiekte und rannte und rannte, bis es denn irgendwann das Taumeln kriegte und umgefallen is, und denn is der andre mitm Messer drauflos und hat das irgendwie abgestochen, aber lange hat das wohl gedauert, und wie du wiederkamst, standen sie da nu beide, und der eine mitm Hinkefu�, da war ihm n�mlich das Schwein dr�ber, und denn standen sie da und wussten nich weiter. Und denn musstet ihr die ganze Drecksarbeit machen, blo� abgekriegt habt ihr nix davon, nur den Bregen, das wollten sie nich. Aber danach sind sie dir aussem Weg gegangen, gar nich mehr inne Augen geguckt haben sie dir, hast du gesagt.�Diese D�mlacks!�</p><p>Nu hattet ihr blo� noch die K�he, aber die haben sie euch gelassen, von irgendwas musstet ihr ja leben, obwohl die auch schon alt waren und nich mehr viel gegeben haben. Wir hatten auch noch drei St�ck. Und denn fing das wieder mitte Milchkontrollen an. Alle vier Wochen, und das hat sich doch gar nich gelohnt bei unsre paar Viecher. Das bisschen, was wir zur Molkerei bringen konnten, und das hatte denn immer nich genug Fett, und denn haben sie wieder das Soll raufgesetzt, dieser ganze Quatsch. Und die Abendmilch, die blieb ja �ber Nacht da stehen inne Kannen, na, und wenn denn da morgens die Sahne drauf fehlte, das gab immer ein Theater, da hat denn jeder jeden schief angeguckt. Mit der Zeit haben sie das aber rausgekriegt, wer die Sahne klaut, und denn haben sie da so eine Leine hingespannt und dadran die Sch�ppkellen vonne Sahneklauer mit Name und Adresse dran aufgeh�ngt, und der Haase war auch dabei, Martha ihr Fritz, der hatte die Sahne an sone verw�hnte Cousine von Marthas Mutter inne Stadt verh�kert.</p><p>Aber das war ja noch gar nix gegen die �berf�lle, wenn sie die Molkerei ausgeraubt haben, zwei- oder dreimal is das passiert, dass da eingebrochen wurde und morgens am hellichten Tag die Bauern verkloppt wurden, wenn sie grad die Milch brachten, und einem haben sie sogar sein Pferd geklaut, und keiner wusst, wers war, irgendsolche Dahergelaufenen, die waren doch nich aussem Dorf. Und hat sich ja auch erst keiner richtig aufs Feld getraut, besonders die Frauen nich, wegen diese ganzen Rumlungerer und auch wegen die Soldaten. Nich mal du bist alleine gegangen, Anna, du hast dir auch immer paar von deine Fl�chtlinge mitgenommen, bis Theo wieder da war und sp�ter dein Vater. Der is wiedergekommen, wo nu schon keiner mehr mit gerechnet hatte, das war ja schon bald an Fuffzig ran. Und wie er das �berhaupt geschafft hatte, er konnt doch erst gar nich richtig vorw�rtskommen mit sein offenes Bein. Aber denn hat er sich doch noch mal aufgerappelt, und das Z�he, Anna, ich glaub, das hattst du von ihm.</p><p>Da h�tt dein Theo sich nu eine Scheibe von abschneiden k�nnen, aber denn hatte er nix Besseres zu tun, als deinem Vater sein Land abzuschwatzen, was er ja aber nich geschafft hat, und das lag ihm schwer im Magen. Wie das anfing mit der LPG, da hat er deinem Vater egaleweg damit inne Ohren gelegen, ob er nu nich auch sein Land abgeben will, aber der wollt nich, dein Vater. Da war er stur, obwohl er sich ja denken konnt, dass das �rger geben w�rd, woanders war Mord und Totschlag dadrum, na, was man so geh�rt hat, da konnt einem angst und bange werden. Wie sie das nu den Leuten beibringen wollten, dass sie ihnen den l�tten Zippel vonne Wurst, den sie gekriegt hatten, nu gleich wieder wegnehmen wollten. Ich mein, wir haben das denn ja auch gemacht, was sollten wir mit das St�ck Acker, Simon hatte ja auch ein ganz gutes Gehalt als Tierarzt, blo� dem ollen Schorschki wurd das bisschen schwer, dass das nu nich mehr ihm geh�rte, da hatte er ja immer viel Wert drauf gelegt, auf sein Eigentum, aber was wollten wir uns da Scherereien machen lassen wegen nix und wieder nix. Aber wie das losging, da wurd uns erst klar, was das f�r welche waren, die wir da gew�hlt hatten sechsundvierzig, das konnt ja nachher gar keiner mehr verstehen, dass wir da alle SED gew�hlt hatten, und ich wei� auch gar nich mehr, wieso. Aber ich glaub, das hing auch damit zusammen, dass die gesagt hatten, sie wollen die Ostgebiete nich abtreten, und da dachten ja nu die Fl�chtlinge, sie w�rden denn wieder zur�ckk�nnen, und wir haben das auch gedacht, dass wir denn wieder unsre Ruhe h�tten. Na, Schiete-baubau. Sch�n behumpst haben sie uns da. Denn durft man ja nich mal mehr �Pommern� sagen oder �Vorpommern�, das war richtig verboten. Ich wei� noch, wie ich grad Hartmut gekriegt hatte, dass Simon in die Stube kam und sagte:�So, nu wohnen wir in Mecklenburg, Bezirk Neubrandenburg.�</p><p>Ja, aber das war eigentlich ein gutes Jahr, zweiundf�nfzig, f�r uns beide, Anna. Wo wir nu beide mit unsre dicken B�uche rumgelaufen sind, und oft auch zusammen, und manchmal blo� so, zum Spazieren, da waren wir viel zusammen, da kann ich mich noch gut dran erinnern. Das war noch mal fast wie fr�her, wenn wir uns anne H�nde gefasst hatten und immer die Dorfstra�e rauf und runter sind und geschnattert und geschnattert haben. Wo sie uns� Annamaria �genannt haben. Und da hatt ich so das Gef�hl, dass nu vielleicht ein sch�nes Leben losgehen w�rd, dass wir uns nu irgendwie, na � einiger w�ren oder so, wo du nu auch bald eine eigne Familie haben w�rdst, ein eignes Kind, das wurd ja auch Zeit bei dir, f�nf Jahre verheiratet und noch kein Kind, da gab das schon Gerede dr�ber. Und ich wusst bei mir auch irgendwie, irgendwie hab ich das gewusst, dass das nu endlich ein Junge werden w�rd, dass Simon nu zufrieden w�r und vielleicht bisschen Ruhe geben w�rd, und das klappte denn ja auch. Und bei dir hab ich das auch gedacht, dass du einen Jungen kriegen w�rdest, und das w�r vielleicht auch besser gewesen. Das h�tt denn ja ein Spielkamerad f�r Hartmut werden k�nnen, das hatt ich mir so ausgemalt. Denn h�tt er sp�ter vielleicht nich diesen Roland, was dem B�rgermeister sein Sohn war, so anne Hacken geklebt. Aber wie ich denn mit meinem l�tten Hartmut zu dir kam und dein M�dchen sah, hab ich so bei mir gedacht, na, wer wei�, vielleicht kriegen die sich mal. Da bin ich denn aber bald von abgekommen. Kann einer sagen, was er will, aber deine Ingrid, die war schon als Kind komisch. Und immer nur bei Petern an Rockzippel. Kein Wunder, dass die Leute da nachher solche Sachen gemunkelt haben.</p><p>Nee, Anna, so war das nachher nie mehr mit dir. Wie denn Anfang dreiundf�nfzig dein Vater gestorben is und kurz danach Theo weg is von dir, da war das vorbei. Und du tatst mir auch leid, denn das war ja nu vielleicht doch nich deine Schuld, und ich wollt dir auch gerne helfen, aber ich wusst gar nich, wie, und denn hatt ich ja auch selber genug zu tun mit die drei l�tten Kinder. Da kam das denn doch ganz anders, als ich mir das gedacht h�tt, denn das war doch so sch�n gewesen mit uns. Wie wir uns da nachem Krieg Kleider aus alte Gardinen zusammengeschustert hatten, und du hattst sogar zwei Kleider von deine Mutter umge�ndert, und das eine davon hattst du mir angepasst, und damit sind wir denn zum Tanz gegangen. Das haben wir uns ja nich nehmen lassen. Wie sie den Dorfkrug wieder einigerma�en hergerichtet hatten und das erste Mal wieder Tanz in den Mai war, da sind wir gleich hingegangen, da warn wir denn immer son Kleeblatt, du mit dein Theo, und ich mit mein Simon. Und die haben sich auch beide gut vertragen, unsre M�nner. Was haben wir da geschwoft, und die Blaskapelle spielte, das war sch�n, das war ja wie wenn wir noch mal ganz jung w�rn, das holten wir nu alles nach. Und denn haben wir auch immer mal getauscht, dass denn du mal mit Simon getanzt hast und ich mit Theo, und er war ja son Langer und ich so l�tt, das gab nu bestimmt ein drolliges Bild ab, aber tanzen konnt er, da wurd einem ganz schwummrig, wie er einen so rumgeschleudert hat. Da konnt ich das denn manchmal verstehen, dass du dich in ihn verguckt hattst.</p><p>Da waren denn auch welche vonne Russen dabei, wenn was los war, und da mussten wir auch immer mal mit die tanzen, und da hatt ich immer Schiss. Das hat nu keiner gerne gesehen vonne M�nner, wenn ihre Frauen mit den Russen �bers Parkett schoben, aber was wollten wir denn machen, wir konnten doch nich nee sagen. Da h�tt so manch einer einem gerne was aufs Maul gehaun, aber ging ja nich. Na, mich haben sie ja meistens in Ruhe gelassen, aber dich haben sie egaleweg aufgefordert, Anna, du hattest ganz sch�n Schlag bei die mit deine blonden Haare. Und bei Theo hatten sie ja auch nix zu bef�rchten, der hat ja auch mit die zusammen getrunken, und das konnt nu keiner verstehn. Da hat er denn bald seinen Namen weggehabt:�Russenkuli�. Richtig leiden konnt ihn keiner.</p><p>Tja, und da h�tt doch nu keiner gedacht, dass ausgerechnet der abhaut. Und das haben sie dir denn in die Schuhe geschoben, und da waren sie auch noch schadenfroh.</p><p>Zuerst hat das gar keiner so mitgekriegt, weil, er war ja immer mal weg, da auf seine Schulung, wo er immer nach Berlin f�r musste. Damit er nu doch noch wieder das machen konnte, wo er ja schon die ganze Zeit drauf gelauert hatte, dass er nu als technischer Zeichner irgendwo eine Anstellung finden k�nnt, aber da musst er erst mal seine Ausbildung f�r fertig machen. Und du hast ihn das machen lassen und immer nach Berlin fahren lassen, obwohl ich mir vorstellen kann, dass du da vielleicht auch so deine Sorgen drum hattest, wie dein Vater, blo� dass der das auch laut gesagt hat, das hast du mir �fter erz�hlt, wie das da Knatsch drum gab bei euch. Und der hatte ja recht, dein Vater: Wer sollt sich denn dann um euer ganzes Anwesen k�mmern, das Haus und die Viecher und den Acker, wer sollt den denn dann bestellen, ewig w�rd er das ja auch nich machen, dein Vater, und Peter war ja noch n bisschen l�tt daf�r. Und den wolltst du auch l�nger inne Schule lassen, noch zwei Jahre bis nache Einsegnung, und das war auch noch son Thema, denn das wollten sie ja nich mehr, das mitte Kirche, das gab eine richtige Hetze damals, aber Peter hat seine Einsegnung gekriegt, da hast du dich nich kleinkriegen lassen, und Ingrid sp�ter auch noch. Dabei bist du fast gar nich zur Kirche gegangen, da hab ich mich gewundert, dass du da nu so drauf bestehst, wo das ja nur �rger machte, und �rger hattest du schon genug. Ich bin denn auch nich mehr so oft zur Messe nach Anklam wie fr�her mit meine Eltern, wie denn auch hinkommen, von Putlitz aus sind wir mitm Pferdewagen von unsre Nachbarn oder notfalls auch zu Fu�, aber Bresekow war ja nu noch n Ende weiter weg, und Simon war das auch nich mehr so wichtig mitte Zeit, wir hatten auch so genug zu rennen. Zu Weihnachten, ja, da sind wir immer hin, aber blo�, wenn nich so hoch Schnee lag. Und bei Rosi und B�rbel haben wir das noch gemacht mitte Kommunion, die wollten das auch unbedingt, weil sie denn ja ein sch�nes Kleid kriegten, so wie bei mir fr�her, also Rosi hat eins gekriegt, und das haben wir denn aufgehoben, bis B�rbel so weit war, die konnt das denn noch mal anziehen, das hatte sich denn wenigstens gelohnt. Bei Hartmut haben wir uns das gespart, und er wollt ja auch gar nich, er wollt lieber Jugendweihe wie alle andern. Und das war auch besser, er sollt ja auch studiern. Blo� Tierarzt wollt er nu partout nich werden, da war er nich ranzukriegen.</p><p>Und ich glaub, dein Peter wollt nu auch kein Bauer werden, aber was Bessres is er deshalb auch nich geworden. Und Theo wollt ja mit euch am liebsten ganz weg aus Bresekow, nach Demmin oder Neubrandenburg oder was wei� ich. Weil da ja nu alles kaputt war, und da, dacht er, k�nnten sie ihn vielleicht gut gebrauchen, dass er da vielleicht gut Geld verdienen k�nnt. Du wolltst das nich, das hab ich gleich gemerkt, dass du nich von hier wegwolltst. Und da wusstest du nu wohl nich, wie du ihm das ausreden sollst. Anna, wie du mir das so erz�hltest, da hab ich nich zum ersten Mal gedacht, dass das nich das Wahre is mit euch beiden, dass ihr vielleicht nich so gut zusammenpasst. Aber gesagt hab ich das nich. Vielleicht gibt sich das mitte Zeit, hab ich gedacht.</p><p>Aber denn is er nich wiedergekommen aus Berlin. Und du hast nix gesagt. Vielleicht hast du das erst selber nich geglaubt. Sonst w�rst du vielleicht auch nich zur Polizei gegangen, wie er eine Woche sp�ter immer noch nich wieder da war. Sp�ter hast du gesagt, dass dir gleich was geschwant hat, dass du aber erst gedacht hast, na, vielleicht musst er l�nger bleiben diesmal, und denn hast du dir auch Sorgen gemacht, weil die Zeit ja grad diese Krawalle waren oder Demonstrationen, wo sie auf die Stra�e gegangen sind inne Gro�st�dte, bei uns hat man das ja gar nich so mitgekriegt, aber da in Berlin war ganz sch�n was los. Und da hattest du nu Angst, dass er da irgendwie drin verwickelt wurd, und deshalb wolltst du auch erst nich zur Polizei, aber das war denn ja auch nich mehr auszuhalten, diese Ungewissheit, wo er nu abgeblieben war.�Besser eine schlimme Nachricht als gar keine�, hast du gesagt. Auffer Polizei haben sie dich denn erst mal ausgelacht, wie du sagtest, du m�chtst deinen Mann vermisst melden und er w�r zuletzt in Berlin gewesen.</p><p>�Tja, Frau M�rz, da kommen so einige abhanden heutzutage�, h�tten sie gesagt.</p><p>�Aber mein Mann doch nich, so is er doch nich�, h�ttst du gesagt. Da h�tten sie blo� mitte Schultern gezuckt. Wenn sie das immer vorher w�ssten, wie einer is, denn k�nnten sie ja was dagegen unternehmen.</p><p>Von den Demonstrationen h�tten sie gar nix gesagt, bis du denn danach gefragt h�ttest, und denn w�ren sie gleich ganz komisch geworden:�Ach so ist das, warum haben Sie das nich gleich gesagt, dass Ihr Mann einer von denen ist?�</p><p>Da h�ttst du gesagt, weil er keiner von denen w�r und du nur wissen wolltst, ob er dabei irgendwie zu Schaden gekommen w�r. Wodrauf sie denn gesagt h�tten, dass sie sich nich um jeden k�mmern k�nnten, der sich unvorsichtig verh�lt, aber wenn er dabei gewesen w�r, denn brauchtest du dir keine Sorgen machen:�Denn haben wir uns schon um ihn gek�mmert!�Sie w�rden dir dann Bescheid geben.</p><p>Blo�, dass erst gar kein Bescheid kam, und wie denn was kam, stand da blo� drin, dass sie ihn nich gefunden h�tten. Dass man daher annehmen m�sst, na, ich wei� nich mehr, wie sie das genau geschrieben hatten. Dass er in Westberlin w�r. Irgendwas von� unerlaubt �stand da. Aber helfen k�nnten sie dir da nu auch nich. Das war ja nu erst mal n Schlag f�r dich.�Na, wenigstens kein Knast und kein Krankenhaus�, hast du gesagt, aber da warst du auch dem Heulen n�her als alles andre. Und ich m�cht nich wissen, wie du da in Schlaf gekommen bist, immer mit diesen Gedanken im Kopp, dass du nu ganz allein dastandst mit die beiden Kinder. Das h�ttst du selber nich f�r m�glich gehalten, und ich glaub, das hat dich am meisten fertiggemacht, dass das so aus heiterm Himmel gekommen war, dass du da nich vorher was gemerkt hattest. Dass du ihn nich richtig gekannt hast, deinen Mann. Aber man steckt da ja nich drin, nich? Das hab ich auch zu Simon gesagt, der war auch ganz vonne Socken, wie er das h�rte. Und wie sich das nu erst rumgesprochen hatte, na, da ging das Schlattern los, das war ja nich mehr feierlich. Da kamen sie auf einmal alle bei mir an und wollten mich nu ausfragen. Aber ich wusst ja auch nix. Da wurd sich nu m�chtig dr�ber aufgeregt: Wie das denn sein k�nnt, das w�rd ja auf keine Kuhhaut gehn, so viel Frechheit, erst den Russenkuli spielen und wien Dunkelroter tun, und denn beier erstbesten Gelegenheit in Westen abhaun, nee, son falscher Fuffziger! So ging das die ganze Zeit, und du hast das ja mitgekriegt, auch wenn du nu so tun wolltst, als w�rd dich das alles nix angehn. Na, die feine englische Art war das ja auch nich gerade. Auch, wie das denn auf einmal hie�, er h�tt da ne andre gehabt, in Berlin. Und dass er mit der nach dr�ben w�r. Oder vielleicht auch gleich eine von da aufgegabelt h�tt. Da h�tt ihm das denn hier nich mehr gen�gt. Und sowieso h�tt er ja wohl von dir die Nase voll gehabt, so wenig, wie er zu Haus gewesen w�r, und wenn, denn h�tt er nix Bessres zu tun gehabt als mitte Russen zu saufen. Na, das w�r ja auch kein Wunder gewesen, so wie du ihn reingelegt h�ttst, erst h�ttst du ihm ein fremdes Kind aus Hinterpommern vorgesetzt, das er nu mit dir mitheiraten musst, und denn h�ttst du inne Zwischenzeit schon still und heimlich das Erbe von dein Vater aufgebraucht, und dabei h�tt doch jeder gewusst, dass ihr ordentlich was auffer hohen Kante hattet, schlecht w�r euch das nie gegangen,��mmer in Saus un Braus l��wt, �mmer nieje Schauh f�r den Bengel, anstatt dat se em ierst mool dat Stottern afw��hnt hett�, sagte Martha denn, und wie er denn gestorben w�r, dein Vater, da w�r da gar nix mehr �brig gewesen. Und dadrauf h�tt er ja blo� spekuliert gehabt, dein� Luftikus�, dass er da was abstauben k�nnt, sonst h�tt er dich doch nie nich geheiratet, und nu, Pustekuchen, ja denn mal nix wie weg.�Dat hemm wie joo glieks seggt, dat dei nix d�cht!�Da br�uchtest du nu gar nich rumjammern. Als ob du gejammert h�ttst, na, da kannten sie dich aber schlecht! Den Gefallen h�ttst du ihnen nich getan, und wenn da sonstwas passiert w�r. Da hattst du ja deinen Stolz.</p><p>F�r die Kinder war das nu zum Gl�ck nich so schlimm, auch wenn das nich gut war, dass da nu kein Vater mehr im Haus war, aber Ingrid war noch zu l�tt, um das mitzukriegen, die war ja noch kein Jahr alt, und Peter, na, ich sag mal, besonders traurig war er da wohl nich drum. Dass sein sogenannter Vater jetzt weg war, zu dem er ja nie �Vater� oder �Papa� gesagt hatt, auch wenn Theo ihm das gern angew�hnen wollt. Aber der hat doch genau gemerkt, dass da nix dahinter war. Dass das kein Vater f�r ihn war. Dass der blo� so angeredet werden wollt, obwohl er ja gar nich richtig sein Vater sein wollt. So einer war das n�mlich auch, dein Theo, son kleiner Scheinheiliger, da hatten die Leute schon nich ganz unrecht mit, weil, ich glaub, wenn Peter nu wirklich �Papa� zu ihm gesagt h�tt, w�r ihm das in Wirklichkeit, ich mein, so insgeheim, so nur f�r sich � auch wieder nich recht gewesen. Und der Jung h�tt einen richtigen Vater gebraucht, wo er nich blo� so Bummel hintenan gewesen w�r. Denn w�r das mit sein Stottern vielleicht auch besser geworden, er war ja gar nich zu verstehn manchmal, dein Stotter-Peter. Vielleicht warst du da auch bisschen entt�uscht von dein Theo. Vielleicht hast du denn gedacht, du m�sstst das nu irgendwie wiedergutmachen. Und Peter hatte das ja gut bei dir. Ich will ja nu nix sagen, aber manchmal dacht ich, dass du mehr an ihm h�ngst als an dein eignes.</p><p>Von Theo hast du nix mehr geh�rt. Das stand auch in diesem Bescheid drin, dass, wenn du was von ihm h�ren w�rdst, dass du das sofort melden solltst. Das hast du nat�rlich nich gemacht. Nich, dass du was von ihm geh�rt h�ttst. Aber gemacht h�ttst du das sowieso nich. Ich bin denn erst wieder paar Wochen sp�ter zu dir hin und wollt dir was aus unsern Garten mitbringen, zuerst hatt ich mich ja gar nich getraut, wie das noch ganz frisch war, ich wusst ja gar nich, in was f�r ein Zustand ich dich antreffen w�rd, und Simon hatte auch gesagt, ich soll nich gleich wieder hingehn. Und denn komm ich zu dir und sag denn so:�Mensch, Anna, was willst du denn jetz machen?�Aber ich glaub, das hast du mir irgendwie krummgenommen.</p><p>�Tja, was willst du denn jetzt h�ren, Maria?�, hast du gesagt.�Dass ich mich nu umbring? Oder dass das Leben ja weitergehn muss?�Da k�nnt ich mir nu was aussuchen.</p><p>Ich sag:�Ich mein, was soll denn nu mit das Haus werden?�Denn wie wolltst du das nu machen, das war ja wieder wie im Krieg, wie du ganz alleine warst, deine Fl�chtlinge hatten sie schon lange umquartiert, die hatten nu auch alle ihr eignes.</p><p>�Na, was soll damit schon werden, mit dem Haus? Das steht ja noch!�, sagst du da so, und da musst ich schon fast wieder lachen. Ja, so warst du. Das Land und das Vieh, hast du gesagt, dass w�rdest du nu doch alles der LPG� in Rachen werfen�. Daf�r w�rdst du denn aber auch was haben wollen. Da dacht ich erst, na, das schlag dir ma aussem Kopp, hat doch keiner was f�r gekriegt, im Gegenteil. Aber so blau�ugig warst du ja nich.</p><p>�Die brauchen eine im B�ro�, hast du gesagt.�Hier, aufm MTS-Hof. Und wer soll das denn sonst machen?�</p><p>Das stimmte. Da hatt ich gar nich mehr dran gedacht, dass du so was gelernt hattest. Wie ich geheiratet hab, da hattst du grade damit angefangen.�Kann ja nich schaden�, hattst du damals gesagt. Du warst die Einzigste aus unsre Klasse gewesen.</p><p>Denn hast du dich bedankt f�r das Gem�se, du hast dich wirklich gefreut.�Na, das bisschen���, hab ich blo� gesagt, und du aber:�Trotzdem, Maria!�</p><p>Und ich hab dich denn auch nix weiter gefragt, und wie ich denn schon fast wieder am Gehen war, fingst du auf einmal an: Du h�ttst seine Mutter in Anklam auffe Stra�e getroffen. Und sie h�tt dich erst gar nich erkannt, sie w�r nu wohl endg�ltig wirr im Kopp, aber du h�ttst sie am Arm festgehalten und gefragt:�Was is mit Theo, Frau M�rz, wo is Theo?�Und sie h�tt dich erst gar nich angeguckt, aber du h�ttst sie einfach festgehalten.</p><p>�Und die Leute haben schon komisch geguckt, aber das war mir doch egal�, hast du gesagt.�Ich musst doch was aus ihr rauskriegen, sie musst mir doch was sagen! Aber denn hat sie blo� zu heulen angefangen, und da hab ich sie losgelassen, und sie hat mich beiseitegeschoben und blo� gesagt: �Weg, weg!�, und ich wusst nich, wie ich das nu verstehen sollt.�</p><p>Und du hast mich angeguckt, als w�rdst du nu gar nix mehr verstehn.�Aber is auch egal, is doch schnurzpiepegal, was, Maria? Weg is weg.�</p><p>Ja, da hattst du wohl recht mit.</p></section><section><title><p><strong>DIE GEMEINDE</strong></p></title><p>F��hrt Peter denn nu noch �mmer hen nach em</p><p>Dat se den blot nich miehr rutlooten</p><p>Wo wolln se ihn denn</p><p>Na wo s�llt hei denn bliewen</p><p>Wenn er</p><p>Wenn hei mool</p><p>Nu wo Anna nich mehr is</p><p>Dat w�r ja sowieso nich mehr gegangen</p><p>Mit son gemeingef�hrlichen</p><p>Son Schwien</p><p>Un wat mookt siene Mudder f��hrt nich eis</p><p>Nee-e</p><p>Die war doch froh als se ihn</p><p>Dei s�ll em blot mitn��hm nach ehr Irland</p><p>Dat Luder</p><p>Nach ehr Irrnland wat dat h��rt sich doch all so an wie f�r</p><p>Die hat doch noch nich mal n schlechtes Gewissen hat die doch</p><p>nich sonst</p><p>Wer sowat fertigkricht</p><p>�wwer dat traut se sich nu nich nu het se Schiss inne B�xen</p><p>Dat m��t ehr ma eis einer upn Kopp tauseggn</p><p>Einer m�sst ihr dat mal aber ick kenn</p><p>Die kennt ja nu gar kein mehr</p><p>Kiekt goor kein nich an</p></section><section><title><p><strong>HENRY</strong></p></title><p>Als sie gesagt haben,�Henry, du hast Besuch�, hat er zuerst wieder gedacht, aber nur ganz kurz, dass sie das bestimmt ist, dass sie nun doch endlich gekommen ist. Einmal hat er gefragt:�Ist sie jetzt hergekommen zu mir?�, und sie haben gesagt, ja, dass sie da ist, und da musste er immerzu seine H�nde an der Hose abwischen, und da hat er gefragt, wie sie denn aussieht, weil er sie sonst vielleicht gar nicht erkennen w�rde, das w�re ja ein sch�ner Schlamassel, ha ha, wenn er vor ihr sitzen w�rde und sie gar nicht erkennen w�rde, ein sch�ner Schlamassel, ja. Aber sie haben blo� gesagt,�na, wie immer�. Wie immer? Da hat er sich gewundert, wo sie das nun wieder herwussten. Und da hat er gesagt:�Nein!�Und als er in den Besuchsraum kam, da war das blo� wieder Oma, die da sa�, mit Onkel Peter. Heute ist Onkel Peter alleine dagewesen.</p><p>�Hallo, Henry�, hat Onkel Peter gesagt und:�Na?�</p><p>Er hat gar nichts gesagt, und dann hat er gefragt:�Wo is denn Oma?�</p><p>Da hat Onkel Peter ihn angeguckt, wie Oma ihn fr�her angeguckt hat, wenn sie gesagt hat,�jetzt bin ich aber entt�uscht von dir, Henry�. Manchmal hat sie auch gar nichts gesagt, blo� geguckt.</p><p>�Ach, Henry, das wei�t du doch�, hat Onkel Peter gesagt,�du wei�t doch Bescheid.�</p><p>Ja, das wusste er. Bescheid wusste er, Bescheid. Wie Frau Liebig die bl�de Liebig in der MAKARENKO immer gesagt hat, wenn er was gemacht hatte oder wenn er was nicht machen sollte oder was machen sollte, was er nicht machen wollte, da hat die immer gesagt:�Du wei�t Bescheid!�N�mlich, dass er sonst wieder in die Abstellkammer muss, wo das so dunkel war und nach Chlor gerochen hat wie in der Schwimmhalle, wo sie ihn ins Wasser geworfen hatten, und er konnte doch gar nicht schwimmen, konnte er doch nicht, oder dass er ohne Abendbrot und viel eher als die andern ins Bett muss oder so was, was ihr dann eingefallen war.�Ich lass mir schon was einfallen f�r dich, Henry Hanske�, hat sie gesagt. Einmal durfte er am Wochenende nicht nach Hause, aber da ist Oma gekommen und hat ihn trotzdem geholt, h� h�. Aber Montag musste er wieder zur�ck in die MAKARENKO.</p><p>�Henry!�, hat Onkel Peter gesagt und er war richtig zusammengezuckt. Wieso musste Onkel Peter ihn denn so erschrecken?� Was ist denn los?�</p><p>�Wei� ich doch nich�, hat er gesagt. Das war doof, dass Onkel Peter heute alleine da war, doof, doof, doof, mit Oma war das nicht so. Wenn Oma da war, musste er nicht so viel mit Onkel Peter sprechen, blo� mitkommen musste der immer, weil er das Auto fahren musste, das konnte Oma ja nicht. Oma konnte ja nicht mal Moped fahren. Ha ha, Oma aufm Moped! Aber jetzt musste er alleine kommen, weil Oma nun weg war, das hat er ja gleich gewusst. Und Onkel Peter hat sich das schon gedacht, dass er das gewusst hat, das hat er ja gesagt. Blo�, weil er das nicht sagen wollte. Dass Oma jetzt mit seiner Mutter weg ist.</p><p>�Hat sie Oma denn nu mitgenomm oder was mitm Auto oder was�, hat er gefragt.</p><p>Onkel Peter hat:�Was?�gefragt, und er hat gesagt:�Na hast du doch gesagt.�</p><p>Dann hat Onkel Peter gefragt, was sie ihm gegeben haben.</p><p>�Na, Tabletten�, hat er gesagt,�drei St�ck.�</p><p>�Tabletten, ja�, hat Onkel Peter gesagt und mit dem Kopf gesch�ttelt.</p><p>�Ja-a�, hat er da gesagt. Als wenn Onkel Peter ihm das nicht glauben wollte.</p><p>�Warst du wieder laut, Henry?�, hat er gefragt.</p><p>�Gar nich.�</p><p>�Henry, h�r mir jetzt mal bitte zu, dass du das nicht wieder vergisst. Ich bin ja auch traurig, ne. Aber Oma ist doch tot. �Onkel Peter hat ihm richtig in die Augen geguckt, richtig doll in die Augen, aber er wollte das nicht. Dass Onkel Peter so guckt.</p><p>�Gar nich�, hat er gesagt.</p><p>Da hat Onkel Peter geschnauft.�Hast du das wirklich vergessen, Henry?�</p><p>�Gar nich.�</p><p>Und dann hat er ganz lange mit dem Kopf hin und her gesch�ttelt, damit Onkel Peter ihn nicht mehr so angucken kann. So wie fr�her, wenn er immer mit dem Kopf gesch�ttelt hat und� garnichgarnichgarnichgarnichgarnich �gesagt hat, so oft hinternander, wie er konnte, auch wenn Oma dann gesagt hat,�h�r auf, Henry, du sch�ttelst dir noch den Verstand raus!�.</p><p>�Gar nich�, hat er gesagt und gelacht,�stimmt ja gar nich�, aber vorgestellt hat er sich das doch, wie dann sein Verstand aus den Ohren rausfliegen w�rde in so kleinen Klacksen wie H�hnerkacke. Wie dann die ganze H�hnerkacke um ihn rum aufn Boden klatschen w�rde, bis sein Kopf ganz leer w�r, ganz leer wie ausgemistet, und Oma w�rde meckern �ber den ganzen Dreck, mach doch mal deinen Dreck weg, w�rde sie sagen. Wie wenn er sein Zimmer umgem�lt hatte, wenn da alles rumlag, Hosen und Socken und Apfelsinenpellen, oder wenn er eine Katze mit hochgenommen hatte, und er wollt sie doch blo� streicheln, blo� auf seinen Scho� nehmen und streicheln, und dann ist sie wie wild durch sein Zimmer, das Biest, und hat alles umgerissen, das Biest, und hat da hingeschissen, und einmal hat er eine gleich aus dem Fenster geschmissen, weil sie so wild wurde, und dann hat er geguckt, ob sie tot ist, aber sie war weg einfach weg.</p><p>Oder wenn er immer Kartoffeln sch�len sollte. Und die ganzen Schalen flogen aufn Fu�boden, und die Kartoffeln flutschten ihm aus der Hand und kullerten umher, und paarmal hat er sich auch geschnitten, und dann ist ihm vor Schreck sowieso die Kartoffel runtergefallen. Und Oma hat dann immer gesagt:�Sag mal, sollen wir nu die Schalen essen oder die Kartoffeln�, weil er immer so viel drangelassen hat von den Kartoffeln an der Schale, dass das so richtig dicke Schalen wurden.</p><p>�Ich hab kein Schwein mehr, Henry�, hat sie gesagt, und er hat gesagt,�doch�, und dann so gegrunzt wie ein Schwein, bis er sich halbtot lachen musste dadr�ber, und Oma hat auch gelacht manchmal, aber manchmal war sie auch b�se.</p><p>Wenn sie ihn erwischt hat dabei, war sie b�se. Wenn er wieder� Sowas �gemacht hat. So hat sie gesagt dazu, als sie ihn das erste Mal erwischt hat dabei, in der Truhe. Als er unbedingt in die Truhe rein musste. Weil er grad vom Boden gekommen war, weil er auf dem Boden war und rumgeschn�kert hatte in dem alten Zeug, was er auch nicht sollte, alte Klamotten und altes Spielzeug von Onkel Peter, womit er als Kind auch gespielt hatte, aber da konnte er sich nicht mehr so dran erinnern, und dann hatte er Lust, noch mal damit zu spielen, aber er wollte nicht, dass Oma das mitkriegt, weil er ja schon zu gro� daf�r war, aber manchmal hat er, ganz leise, damit gespielt, mit dem kleinen Holztrecker, wo er auf den Anh�nger so eine kleine Puppe gesetzt hat, und er konnte sich gar nicht vorstellen, dass Onkel Peter auch mit der Puppe gespielt hatte. Die hatte ein Kleid an, was man ausziehen konnte, und er hat so gerne die klitzekleinen Druckkn�pfe auf- und zugemacht, er hat sie aufgemacht und ihr das Kleid ausgezogen und die Druckkn�pfe wieder einen nach dem andern zugeknipst, und dann hat er die Puppe eine Runde mit dem Trecker rumgefahren, und dann hat er das Kleid geholt und die Druckkn�pfe wieder ganz langsam mit dem Fingernagel auseinandergemacht und ihr das Kleid wieder angezogen und die Kn�pfe gegen ihren R�cken gedr�ckt, und das schnippste so sch�n auf dem Plaster�cken, viermal, und manchmal hat er sie dann noch mal aufgemacht, hat er sie aufgerissen mit einem Ratsch, dass pl�tzlich wieder der rosane Plaster�cken rausblitzte, und dann hat er versucht, alle gleichzeitig zuzudr�cken mit den Daumen, und noch mal, bis es klappte.</p><p>Und dann ist er in die Truhe rein. Die Truhe stand unter der Treppe zum Boden, und Oma hat das erst gar nicht gemerkt, wenn er da immer rein ist und da drin gelegen hat, und er hat gedacht, wenn er mal mit den andern Versteck spielen w�rde, wenn sie ihn mal mitspielen lassen w�rden, dann w�rde er sich in der Truhe verstecken, und sie w�rden ihn �berhaupt nicht finden, oder wenn sie wieder hinterm Zaun stehen und ihn �rgern w�rden und� Psycho �zu ihm sagen w�rden oder� Stinker�, dann w�rde er sagen, na und, daf�r hab ich ein viel bessres Versteck als ihr, das ist hunderttausendmal besser. Aber Oma hat immer alles rausgekriegt, das hat immer gar keinen Spa� mit ihr gemacht, Oma hat ihn gefunden in der Truhe. Wo er grade� Sowas �gemacht hat. Wo er da gelegen hat zwischen den ganzen Handt�chern und Bettzeug und so was und wo er wieder gedacht hat, dass er jetzt vielleicht f�r immer da drin bleiben muss, wenn er den Deckel nicht mehr aufkriegt, der ging schwer, von innen ging der ganz schwer, und er konnte ja nicht Oma rufen, weil sie das doch nicht wissen sollte, weil sie dann doch meckern w�rde, weil er das doch bestimmt nicht durfte, da in der Truhe liegen, zwischen den ganzen Bettlaken und dem ganzen Zeug, was da alles so ordentlich drinlag, und er hat ja kaum da reingepasst, so eng war das, und er konnte nur auf der Seite liegen mit hochgezogenen Beinen, und beim ersten Mal war sein Ding ganz eingequetscht zwischen seinen Beinen, und das tat ein bisschen weh, und das war auch ein bisschen sch�n, und dann hat er seine Hand unter den Gummibund von seiner Trainingshose geschoben und in seinen Schl�pfer reingewurschtelt und hat sein Ding zwischen seinen Beinen rausgeholt, und das war ganz dunkel, und er konnte gar nichts sehen, stockdunkel war das, auch wenn er die Augen ganz weit aufgemacht hat, konnte er kein bisschen von sich sehen, und er hat ganz schwitzige H�nde gekriegt, und sein Ding konnte er nicht sehen, als wenn er gar nicht da w�r, blo� mit der Hand hat er gemerkt, dass er da war, mit der Hand, wo er sein Ding mit festgehalten hat, und das ist wieder ganz hart geworden, und dann hat er immer so hin und her gemacht mit der Hand, und die Spucke kam ihm aus dem Mund, und aus seinem Ding ist dann auch was rausgekommen, und das war sch�n, das war so sch�n wie wenn, wie wenn � ihm ist gar nicht eingefallen wie was.</p><p>Und einmal war das dann auf einmal hell. Und er konnte wieder alles sehen, aber erst nicht. Und da hat er Omas Gesicht gesehen. Und sie hat ihn ganz erschrocken angeguckt. Und er war auch ganz erschrocken und hat sie angeguckt. Und sie hat gesagt:�Henry!�Und er hat sein Ding losgelassen, und da war noch gar nichts rausgekommen aus seinem Ding. Und dann war das, als wenn er gleich heulen muss. Aber dann hat er ganz schnell seinen Schl�pfer wieder hochgezogen und die Hose hochgezogen und ist aus der Truhe raus. Und Oma hat gesagt:�Henry, so was macht man nich, Sowas, was du da gemacht hast eben!�Und dann ist er in sein Zimmer gerannt, weil Oma b�se war auf ihn, aber sie ist nicht hinterhergekommen.</p><p>Und dann war sie den ganzen Tag komisch. Und beim Abendbrot hat sie gesagt, dass er das nicht noch mal machen soll und dass er in der Truhe erstickt, wenn er den Deckel nicht mehr aufkriegt. Und er hat gedacht, dass Oma ihm blo� wieder Angst einjagen will. Weil, er hatte das ja schon �fter gemacht und war gar nicht erstickt, und dann hat er das auch wieder gemacht, aber nur wenn Oma nicht da war oder im Garten war, und er hat das ganz schnell gemacht, bevor er ersticken konnte.</p><p>Aber nachher war die Truhe dann leer, da war da gar nichts mehr drin. Da h�tte er gut reingepasst, aber dann ist er da nicht mehr rein, als Oma alles aus der Truhe rausger�umt hatte. Einmal, als er morgens aufgestanden war und aus seinem Zimmer gekommen ist, hat sie dadrin rumgew�hlt und alles rausgeholt, alle Handt�cher und alles Bettzeug, und das lag dann alles ganz unordentlich um sie rum.</p><p>�Was machst du denn da?�, hat er sie gefragt, und sie hat gesagt:�Siehst du doch.�</p><p>Und da hat er gesehen, dass da �berall so was drauf war, so komische blaue Kringel an einer Ecke, so wie Buchstaben oder was, aber er hat nicht genau gesehen, was f�r welche, und er hat sich auch nicht getraut zu fragen, und dann hat er auch die Flecken gesehen, auf manchen Sachen waren so Flecken drauf, so wie wenn er fr�her eingepullert hatte und dann so gelbe Flecken auf seinem Schlafanzug und auf seinem Laken gewesen waren, aber die waren nicht gelb, und Oma hat ihn angeguckt. Sie hat gesagt:�Henry, dein Kakao wird kalt �oder so was, was sie immer gesagt hat, wenn er getr�umt hat. Wenn er L�cher in die Luft gestarrt hat. L�cher in die Luft. Wie soll das denn aussehen. Ha.</p><p>Vielleicht wie bei Erna die L�cher in ihren Strumpfhosen, wo die L�cher die Beine hochliefen, einmal konnte er richtig zugucken, wie eins l�uft, bis unter ihren Rock, und noch h�her, aber das konnte er nicht sehen, erst zum Schluss. Blo�, dass die L�cher gar nicht richtig zu sehen waren, nur wenn man dichter dran war und ganz genau hingeguckt hat, weil in dem Loch gar nicht das Bein von Erna zu sehen war, gar nicht die Haut, sondern das dahinter war genauso grau wie das, wo das Loch drin war, und das konnte doch gar nicht sein. Das war doch Quatsch. Aber das war so. Und er hat da immer hingeguckt, ganz genau hingeguckt, immer, wenn er bei Erna war, hat er da hingeguckt, aber er konnte das nicht rauskriegen. Wieso das ein Loch war, was kein Loch war. Erst zum Schluss.</p><p>�Wat kiekst denn �mmertau up mine Beene?�, hat Erna gesagt. Und ein andermal hat sie gesagt:�Du kiekst na de Loopmaschn, wat?�Und er hat genickt.</p><p>�Na, ick k�nn mi nich egalewech nieje Str�mp k�pen. Ick m��t de annern noch n b��tn schon�n.�</p><p>Er hat sie angeguckt. Aber das war nicht zu sehen in ihrem Gesicht, wie sie das meint.</p><p>�Verstoohst mi nich?�, hat Erna gefragt, und er hat mit dem Kopf gesch�ttelt und genickt und gesch�ttelt, und Erna hat noch mal gesagt, blo� anders:�Verstehst du mir denn nich?�, und er hat sie angeguckt, und sie hat� ach �gemacht und so mit der Hand.</p><p>Aber sie war nicht b�se. Erna war nie b�se, au�er manchmal. Wenn er die Katzen mit reingenommen hat, wenn er sie unter seinen Pullover gesteckt hat, damit Erna das nicht gleich merkt, und sie dann mit reingenommen hat in Ernas Haus und dann so die Arme um seinen Bauch hatte, weil er doch die Katze festhalten musste, so ganz fest, weil die Katze die doofe nicht stillgehalten hat unter seinem Pullover, weil sie rauswollte, aber er konnte sie doch nicht rauslassen, weil, dann h�tte Erna das doch sofort gemerkt. Und dann hat sie ihn gekratzt, so richtig doll am Bauch gekratzt, und er hat� aua �und� Schei�e �gesagt, und dann musste er sie rauslassen, das Biest, und dann hat Erna gemeckert und war b�se.</p><p>Oder als er das mit den Streichh�lzern probiert hat. Das Schnipsen, wie man das so wegschnipst, das Streichholz, und sich das dabei anz�ndet und dann mit dem Feuer durch die Luft fliegt. Wie man das so halten muss, die Streichholzschachtel und dadrauf das Streichholz so schr�g mit dem Zeigefinger, so draufdr�cken muss man das auf die Seite von der Streichholzschachtel, und wie man das dann so mit der andern Hand wegschnipst, dass das dann anf�ngt zu brennen, wie er das bei Stefan gesehn hatte.</p><p>�Na, kannst dat uch, Haha, kannste nich, wa?�, hat Stefan gesagt und so ein Streichholz zu ihm r�bergeschnipst, dass ihm das fast ins Gesicht geflogen ist, das brennende Streichholz. Und dann hat Stefan ihm die Schachtel hingehalten, und er hat das auch probiert, aber er konnte das nicht, und das Streichholz ist einfach runtergefallen und hat gar nicht gebrannt. Und Stefan hat gelacht, und die andern.</p><p>�Zeig mal noch mal, Stefan�, hat er gesagt, und Stefan hat gesagt, gib her, und das noch mal gezeigt, wie das geht, und dann hat er das noch mal versucht. Aber das ging irgendwie nicht. Und dann noch mal, und da ist das Streichholz kaputtgebrochen, und alle haben sich totgelacht, ha ha ha ha ha.</p><p>�Noch mal, Stefan�, hat er gesagt. Stefan hat gesagt:�Wie hei�t dat?�, und er wusste erst nicht, was Stefan meint. Und die andern oder irgendeiner hat gesagt:�Eh, Hanske, kannste nich ma �bitte� sagen oder wat, m�ssen wir dir dat uch erst beibringen?�Und da hat er gesagt:�Bitte, Stefan, zeig mal noch mal, bitte�, und Stefan hat die Schachtel genommen und gesagt:�Kapierste ja doch nich. Mit deine Klofinger!�</p><p>�Pulste doch blo� in dein Arsch mit rum�, hat denn noch Mirko oder einer gesagt.�Stinker.�</p><p>�Gar nich�, hat er gesagt.�Selber Stinker.�</p><p>�Ey, pass blo� uff, sag ick dir! H�hnerficker!�</p><p>�Katzenficker!�</p><p>�Schwanzlutscher! Ey, der lutscht den Schwanz von Steegers K�ter!�</p><p>�Welchen denn, hihi?�</p><p>�Na, welchen wohl!�</p><p>�Gar nich wahr�, hat er gesagt.</p><p>�Macht Spa�, Hanske? Is geil, wa? Is geil inner Kuhmuschi, wa? Pass uff, dat er dir nich verlorn geht da drin, dein l�tter Pimmel!�</p><p>Und alle haben gelacht, blo� er hat geheult und ist dann gleich nach Hause gerannt. Aber als er das n�chste Mal bei Erna war und die Streichholzschachtel da liegen sah auf dem Herd, da hat er das noch mal heimlich probiert, und immer wieder, bis die ganze K�che von Erna voll war mit Streichh�lzern, bis Erna reinkam und gesagt hat:�Henry! Wat mookst du denn f�rn Mess mit de ganzen Rietstickn? S�lln wi noch afbrennen hier?�Aber hatte ja gar keins gebrannt.</p><p>Oder mit dem Geld, das mit dem Geld, als sie das mitgekriegt hat. Da war sie gleich b�se, ganz b�se war sie da. Als sie reingekommen ist. Als sie vom Friedhof gekommen ist, und er dachte doch, dass sie noch auf dem Friedhof ist, noch l�nger, sonst h�tte er das doch gar nicht gemacht. Wenn er das gewusst h�tte. Dass sie nun gleich reinkommt. Und er war noch gar nicht fertig. Er stand da noch an ihrem Schrank, wo das Geld drin war, ganz hinten, hinter ihren Pullovern, das konnte man gar nicht sehen, aber er wusste ja, dass das da war. Und blo� er wusste das, und er hat das auch keinem erz�hlt, Stefan nicht und den andern nicht und gar keinem, sonst w�ren die vielleicht noch gekommen und h�tten Erna das weggenommen. Vielleicht noch. Und Erna wusste gar nicht, dass er das wei�. Wo sie ihr Versteck hat, hinter den Pullovern. Das war doch babyleicht. Wenn sie ihm manchmal eine Mark oder zwei Mark gegeben hat, dann hat sie das immer aus ihrem Schrank geholt. Sie hat immer gesagt:�Teuw eis�, und da hat sie mit gemeint, dass er warten soll, in der K�che oder drau�en, und dass sie ihm gleich Geld gibt, und dann hat er die Schrankt�r knarren geh�rt von dem Schrank in der Stube, und einmal ist er ihr hinterher, so ganz leise, ist er ihr hinterhergeschlichen, und da hat er das gesehn durch die T�rritze, wo sie das herholt, und sie hat das gar nicht gemerkt. Und einmal, als sie weg war, ist er hin zum Schrank und hat den ganz leise aufgemacht, auch wenn gar keiner da war, aber trotzdem, und da war dann das Portemonnaie hinter den Pullovern. Und sie hat das gar nicht gemerkt. Sie hat ihm immer Geld gegeben, immer weiter, wenn sie� teuw eis �gesagt hat, gab das immer Geld, und als der olle Lehmann das mal gerufen hat nach ihm,�Teuw eis, ick waar di, teuw eis!�, als er bei dem im Garten einfach Himbeeren abgepfl�ckt hat, hat er wirklich gewartet, bis der zu ihm hingehumpelt war, weil er dachte, es gibt nun Geld, aber dann gabs nur was mit dem ollen Lehmann seine Kr�cke, und er hat� aua �gesagt und ist ruckizucki weg aus dem Lehmann sein Garten. Aber bei Erna gab es immer Geld, und da hat er sich dann im Konsum was f�r gekauft, Brausetabletten mit Multivitamin, die haben immer so was Sch�nes auf der Zunge gemacht, fast so sch�n wie� Sowas�.</p><p>Hier kriegt er nie Brausetabletten, blo� andre, und die machen gar nichts auf der Zunge. Da hat er mal zu Oma gesagt, sie soll ihm welche mitbringen, Brausetabletten mit Multivitamin, und Oma hat ihm beim n�chsten Mal welche mitgebracht, aber die haben sie ihm gleich weggenommen, und dann hat er geschrien, und dann haben sie ihm eine gegeben, aber mit Wasser, die Bl�dm�nner, die ist da im Wasser dringeschwommen und hat das Sch�ne im Wasser gemacht und ist immer kleiner geworden und als er sie rausfischen wollte und sich in den Mund stecken, ist sie kaputtgegangen, die Bl�dm�nner.</p><p>Erna hat auch immer Tabletten genommen, die waren in dem andern Schrank. Und dann ist immer eine Schwester gekommen und hat gesagt,�na, wie geht�t, Frau Mehling�, und hat die Tabletten rausgedr�ckt und in so eine Schachtel gelegt, in verschiedene F�cher, und eins war f�r morgens und eins f�r abends und eins f�r mittags und noch so eins, das stand da drauf, und das war so ein durchsichtiger Schiebedeckel. Da hat er immer bei zugeguckt, wenn er da war, und manchmal, wenn die eine da war, die er so gerne mochte, dann hat er gefragt, ob er die Tabletten rausdr�cken darf, weil er das so gerne gemacht hat, und sie hat ihm dann gesagt, welche, und sie hat die dann in die Schachtel gelegt, und sie hatte immer so glitzerige Fingern�gel. Die andre nicht, die war doof.</p><p>�Immer sch�n Oma Erna dadran erinnern�, hat die Nette gesagt.</p><p>�Ist gar nich meine Oma�, hat er gesagt.</p><p>�Trotzdem�, hat sie gesagt und ihm mit ihren Fingern mit den Glitzerfingern�geln in den Haaren rumgewuschelt.</p><p>Aber er hat Oma Erna gar nicht immer dadran erinnert. Manchmal hat er das vergessen. Manchmal einfach so nicht. Oma Erna hat das �fter vergessen, und dann gabs immer Mecker von der Doofen.�Frau Mehling, nee, soll Ihnen dat nu erst wieder schlecht gehen? Ick kann nix daf�r, wenn Ihnen dat wieder schlecht geht!�</p><p>Erna hat gar nichts gesagt, blo� genickt. Blo߻ja ja �hat sie gesagt.</p><p>Einmal ist er morgens zu ihr gekommen und hat gesehn, dass sie gar keine Tabletten genommen hatte. Und da hat er die Schachtel aufgemacht und selber alle genommen, erst die f�r morgens, und dann f�r mittags und dann das dazwischen und dann abends, bevor das wieder Mecker gibt. Au�erdem wollte er mal wissen, wie die schmecken, besonders die rosanen, ob die auch so was auf der Zunge machen. Aber die haben gar nicht geschmeckt, und die andern auch nicht, die wei�en waren ganz bitter. So wie die hier. Als dann die Schwester kam, ging das Erna schlecht, sie konnte gar nicht hochkommen aus ihrem Sessel und hat immer so mit der Hand auf ihrer Brust hin- und hergemacht.</p><p>�Menschenskind, Frau Mehling�, hat die Schwester gesagt, die doofe,�warum nehmen Sie denn auch Ihre Tabletten nich, hab ich Ihnen das nich gesagt, das nutzt doch alles nix, Sie m�ssen die doch nehmen, die helfen n�mlich nich, wenn die blo� so da rumliegen auf Ihrem K�chentisch, ist denn das die M�glichkeit, horre nee!�</p><p>Und Erna hat blo� gesagt:�Ach, Schwester, ick verg��t dat joo �mmer.�</p><p>Und dann ist die Schwester in die K�che gekommen, wo er gesessen hat, und hat gesagt:�Wat willst du denn schon wieder?�, und hat auf die leere Schachtel geguckt, und ihm ging das auch schlecht, aber er hat sich nichts anmerken lassen, sonst h�tte die doch wieder losgemeckert.</p><p>�Die hat die ja doch genommen!�, hat sie gesagt und mit dem Kopf gesch�ttelt.�Verkalkt uch langsam aber sicher.�</p><p>Gar nich, h�tte er am liebsten gesagt, gar nich wahr, Erna verkalkt gar nich, aber dann h�tte sie das ja gemerkt. Als sie aus der K�che raus war, ist er nach Hause gerannt, aber er konnte nicht, er konnte gar nicht schnell rennen, und dann ist er auf der Treppe gestolpert, und dann hat er da gelegen und alles vollgekotzt. Und Oma hat ihn ins Bett gebracht. Und am Montag brauchte er nicht in die Werkstatt, nicht in die Werkstatt zu den Bekloppten.</p><p>An dem Tag, als das passiert ist, als er � na, als er das mit dem Geld � das mit dem Geld gemacht hat, hatte Erna auch nicht ihre Tabletten genommen. Und er hat gesagt,�Erna, deine Tabletten�.</p><p>�Ja ja�, hat sie gesagt. Und dass sie jetzt zum Friedhof geht. Und ob er nicht mitkommen will.</p><p>�N��, hat er gesagt,�hast du Pudding?�</p><p>�In Isschrank, weitst joo.�</p><p>Ja, wusste er. Der Pudding war im K�hlschrank, das Geld war im Pulloverschrank. Aber wenn das nun weg war. Vielleicht war das gar nicht mehr da, vielleicht war das jetzt in einem neuen Versteck, vielleicht war das weg, weggeklaut, die doofe Schwester, die hatte das vielleicht weggeklaut. Er konnte gar nicht den Pudding aufessen. Er musste gleich nachgucken, gleich nachgucken, er wollte ja blo� mal nachgucken wollte er doch blo�. Und Erna hat gleich gedacht, er will das klauen, als sie reinkam und� Henry!�gesagt hat und er das ganze Geld in der Hand hatte, das ganze. Das war gar nicht im Portemonnaie gewesen. Als er den Schrank aufgemacht hat, hat er gewusst, jetzt ist es weg. Aber als er dann mit seiner Hand durch die Pullover gew�hlt war, da hat er auf einmal irgendsowas aus Papier gemerkt und hat das rausgezogen, und das war so ein Briefumschlag. Und da war das ganze Geld drin, viel mehr als im Portemonnaie, bestimmt tausend Mark oder eine Million, bestimmt so viel, wie Stefans Vater f�r Stefans Moped bezahlt hat, oder bestimmt noch mehr. Und Erna wollte sich doch gar kein Moped kaufen oder so was, Erna hat sich doch nie so was gekauft. Und Oma w�rde ihm nie so viel Geld geben, nie in ihrem ganzen Leben und in seinem.</p><p>Aber dann hat Erna� Henry!�gesagt und hat ihn erschreckt, richtig erschreckt hat sie ihn, die Olle. Weil sie gedacht hat, er will ihr das Geld klauen, die olle Erna.</p><p>�Wat hest du denn an min Schap tau seukn, segg eis! B�st du nich miehr ganz orntlich? Wat fummelst du da mit min Geld r�m? Giww eis dat Geld her!�</p><p>Aber er hat ihr das nicht gegeben, das Geld, und dann ist sie zu ihm hin und wollte ihm das wegnehmen, das Geld, wollte ihm das wieder wegnehmen.</p><p>�Ich wollt doch bloߠ��, hat er gesagt, aber da hat sie ihm schon eine gescheuert gehabt und� So, dat hest nu davun!�gesagt und:�Nu giwwst du mi glieks dat Geld!�</p><p>Aber hat er nicht, er hat blo� seine Arme vor sein Gesicht gehalten, weil sie noch mal hauen wollte, und dann hat sie noch mal gehauen und immer blo߻Henry! Henry!�, und dann war ihm das �ber, und dann hat er sie weggeschubst, so mit dem Arm. Er wollte das ja nicht. Dass sie gleich hinfliegt und so. Und das hat ganz sch�n gerumst, als sie mit dem Kopf an den Tisch geknallt ist und da gleich die Vase umgekippt ist und das ganze Blumenwasser raus. Und er hatte Angst, dass das einer vielleicht geh�rt hat, vielleicht noch. Und dann lag sie da so auf dem Teppich. Und er ist runter zu ihr und hat gesagt:�Erna!�Und er dachte, dass sie jetzt vielleicht tot ist.</p><p>�Erna!�, hat er gesagt und sie gesch�ttelt,�wach mal auf, Erna!�</p><p>Und dann ist Erna aufgewacht und hat ihn angeguckt und geschrien, gleich losgeschrien hat sie.�H�lfe! Helpt mi doch! De Bengel sp��lt verr�ckt! Helpt mi doch!�</p><p>�H�r auf!�, hat er gesagt.�H�r auf jetz, Erna!�</p><p>Aber sie hat blo� geschrien und wollte hoch, aber er hat sie nicht gelassen, sonst w�re sie doch weggerannt. Und h�tte das �berall erz�hlt. Dann h�tten das doch alle gemerkt. Und er hat sie festgehalten, und sie hat geschrien, die olle Erna, die bl�de Fotze, die olle Hexe, die!</p><p>�Olle Fotze!�, hat er auf einmal gesagt, ganz laut. Und dann hat er ihr eine gescheuert, damit sie aufh�rt.</p><p>�H��r up, Henry, h��r up!�, hat sie immerzu geschrien.�Gooh wech, mook, dat du wechk�mmst!�</p><p>Aber er durfte sie nicht loslassen, aber sie musste mit dem Schreien aufh�ren. Er h�tte sie gerne noch mal gegen den Tisch gerumst, damit sie aufh�rt. Aber ging nicht.</p><p>�Halt die Schnauze!�, hat er gesagt.</p><p>Und dann hat er die Blumenvase genommen, die sch�ne Kristallvase, die immer so sch�n glitzerte, und ganz bunt, wenn da die Sonne draufschien, so alle Farben auf einmal, und dann hat er ihr mit der Blumenvase eins �bergehauen. Blo� damit sie aufh�rt.</p><p>Aber sie hat nicht aufgeh�rt. Und dann hat er noch mal auf ihren Kopf draufgehauen, und noch mal, immer auf ihren Kopf drauf, immer auf sie drauf, und noch mal, bis das Blut rausgekommen ist. Und dann noch mal. Damit sie nicht wieder anf�ngt.</p><p>Und dann war das ganz ruhig auf einmal.</p><p>�Erna?�, hat er gesagt.</p><p>Aber Erna hat nichts gesagt. Sie hat blo� da so gelegen auf dem Teppich. Dann war gut. Nein. Nein.</p><p>Nein. Garnichtgarnichgarnicht. Gar nicht wahr. Sie hat doch was gesagt. Hat sie doch. Sie hat doch gesagt, oder nicht, hat sie doch gesagt. Ist nicht so schlimm, Henry. Macht doch nix. So wie Oma.</p><p>Er wollte nach Hause rennen. Wurde schon fast ein bisschen dunkel drau�en. Aber Erna, aber er musste doch nach Hause, wenn das dunkel wurde. Aber Erna, aber er konnte sie doch nicht wieder aufwecken. Erna hatte die Augen gar nicht richtig zu. Aber sie sollte doch richtig schlafen. Bis die Schwester morgen kommt, bis die Schwester sieht, was los ist, dass Erna das wieder schlecht geht, weil sie ihre Tabletten wieder nicht genommen hat. Er hat ein bisschen an Ernas Wimpern gezogen, damit die Augen richtig zugehen, blo� so ein bisschen, hat sie gar nicht gemerkt.</p><p>Hat sie auch gar nicht gemerkt, als er ihren Rock ein bisschen hochgezogen hat, weil da doch wieder so eine Laufmasche war, so eine graue, und er wollte blo� mal sehen, wo sie hinl�uft. Immer h�her. Bis wo die Strumpfhose zu Ende war, wo sie �ber Ernas Hemd r�bergewurschtelt war.</p><p>Blo� mal sehen wollte er das, wieso das kein Loch war, was das f�r ein Loch war. Und jetzt, wo Erna schl�ft, kann er sich das doch mal angucken, mal in Ruhe angucken, hat er gedacht. Er zieht sie ihr dann auch gleich wieder an, die Strumpfhose.</p><p>Und dann hat er das gesehn. Was das war. Dass das so �bernander war, zwei �bernander. Und er hat die auseinandergezogen, und das hat so geknistert, so richtig, und dann hatte die eine L�cher und die andre nicht. Alles Beschiss. Und das wurde schon dunkel, und das sah aus wie Staubflocken, Staubm�use, wie Oma dazu gesagt hat, wie das da lag, auf dem Teppich, die Strumpfhosen. Fr�her hatte er immer gedacht, das w�ren echte M�use, die Staubm�use, ha ha. Dass die richtig lebendig w�ren.</p><p>Aber Ernas Schl�pper war nicht doppelt, und da war auch kein Loch drin, wo man durchgucken konnte, wo man sehen konnte, was dadrunter war. Er wollte doch aber mal gucken. Wie bei Steffi, bei Steffi wollte er auch mal gucken, und sie hat immer gesagt,�hau ab, Hanske�, aber einmal hat sie ihn gucken lassen, auf der Elpe, als keiner da war, ganz kurz. Aber das war so dunkel da, und er hat gar nichts gesehen richtig. Und dann hat sie gesagt:�Na, merkste wat inner Hose?�</p><p>�Gar nich�, hat er gesagt, und dann ist er weggerannt.</p><p>So wie jetzt, bei Erna. Aber jetzt ist er nicht weggerannt. Jetzt hat er Erna ihren Schl�pper ausgezogen. Und dann hat er das gesehn. Aber da war gar nicht richtig was zu sehen. Und das war auch schon dunkel. Aber sein Ding. Wie in der Truhe. Das war wie in der Truhe, blo� anders, und dann hat er das rausgeholt und hat sich auf Erna draufgelegt, wie im Fernseher, wie bei Mirko im Fernseher, wo er das mal gesehn hat, wo Mirko gesagt hat:�Na, Haha, wat machen die da?�</p><p>Und er hat gesagt:�Wei� nich. �Er wollte das ja nicht sagen. Dass das vielleicht so was �hnliches war wie bei den K�hen, wie er das bei den K�hen �fter gesehn hat, wenn der Bulle auf die Kuh raufgesprungen ist, und fr�her hatte er da immer dr�ber gelacht, weil das so komisch aussah.</p><p>Und Mirko hat gelacht.�Ficken, Mann!�, hat er gesagt.</p><p>Und dabei musste man immer so hin und her machen, so wie die im Fernseher, und das hat er so gemacht auf Erna, so auf Erna draufgelegt, und Erna hat gar nichts gemacht, und das ging nur ganz kurz, nicht so lange wie in der Truhe. Und dann kam das schon raus, und er hat gedacht, dass er das jetzt immerzu machen will, mit Steffi. Auf der Elpe, wenn keiner da ist, oder ist auch egal. K�nnen auch alle zugucken, wenn er das mit Steffi macht.</p><p>Und dann hat er einen Schreck gekriegt. Weil das bestimmt schon ganz sp�t war. Und er musste nach Hause. War schon dunkel. Und er hat Erna den Schl�pper wieder hochgezogen, aber war alles nass, auf ihrem Bauch, war alles in ihren Bauchnabel rein und zwischen ihr Fett. Aber er hatte keine Zeit mehr.</p><p>Und am n�chsten Tag ist die Polizei gekommen. Und blo�, weil er das vergessen hatte. Das hat er ganz genau gewusst, da hatte er die ganze Nacht dran gedacht und gar nicht geschlafen. Blo� weil er vergessen hatte, ihr die bl�den Strumpfhosen wieder anzuziehen. Erst die heile, und dadr�ber die mit den L�chern. Damit das wieder ausgesehen h�tte wie kein Loch.</p></section><section><title><p><strong>ECKI</strong></p></title><p>Na guck ma einer an, nu kommt der doch noch hier angeschissen. Ick dacht ja schon, der haut einfach so wieder ab. Blo� ma kurz bei seine Alten ringeguckt, noch n Scheinchen von Omma abgeholt, und denn nix wie weg wieder hier, vonne Dorft�lpels, da kann er sich ja nu nich mehr mit abgeben. Na, ick bin uch bald weg.</p><p>�Hi, Stefan!�</p><p>�Ecki, altes Sackgesicht! H�ngst ja uch immer noch hier rum!�</p><p>�Na, muss ick ja���</p><p>�Wat, biste immer noch uffe Penne, bist h�ngengeblieben, wat?�</p><p>�Nee, is mein letztet Jahr.�</p><p>�Na, denn sieh zu!�</p><p>Sieh zu! Wat willn der Spinner? Als wenn der nich uch brav nacher Zehnten sein Abschluss gemacht h�tt und denn brav seine Schlosserlehre angefangen h�tt und immer noch bei seine Alten die Bude vollgefurzt h�tt, die ganzen drei Jahre. Na ja, da fand ick ihn ja noch ganz gut. Da hab ick doch gedacht, so mach ick dat uch, so wie Stefan, streng mir n bisschen an inne Schule, jeenfalls mehr als die andern Hoschis, denn krieg ick uch sone Lehrstelle, gleich hier umme Ecke irgendwo, vielleicht sogar bei Stefan sein Chef, brauch ick uch nich wegziehn, inne eigne Bude und so, bleib ick bei mein Vadder und kann dat ganze Geld f�r mich behalten. So wie Stefan, der hat dat ja schlau gemacht im Prinzip. Schei� uff die Alten, Mann, die h�ltste die Zeit denn uch noch aus, inner Woche biste kaum da, am Wochenende pennste.</p><p>�Und, haste schon wat danach?�</p><p>�Wie jetz, Lehre oder wat? Nee.�</p><p>�Na, mich hat der ja damals gleich genommen, gleich nache Schule, der kannte ja uch mein Vadder, der wusste ja, dat er dan Orntlichen kriegt und nich son Schluschek.�</p><p>Ja ja, Wodrich, dat wissen wir nu ja, dat du hier der Superman bist, ne! Geh die Weiber bumsen, Mann, die haben doch alle gleich feuchte Schl�pper gekriegt, wie se dich uffn Radar hatten, aber laber mich hier nich voll!</p><p>�Na, ma unter uns, Ecki, guck dich doch ma um hier, wat siehstn da? Dat sind doch alles Loser, alles Loser sind dat doch, wei�te, wat n Loser is? Gibt uch n richtiges deutsches Wort f�r: Versager! Echt, Mann. Guck doch blo� ma den da an, Mann, das�s doch einer vonne B�rner-Sippe, oder? Seh ick doch gleich.�</p><p>�Jo, das�s B�rner. Sandro. Der is eh nich ganz dicht. �Isser ja uch nich. Trotzdem, brauch Wodrich jetz trotzdem nich uff den rumhacken. Kommt der hier an und f�ngt an, �ber uns abzul�stern, oder wat?</p><p>�Na, is doch kein Wunder! Is doch alles Inzest bei die. Da v�gelt doch jeder jeden. Frag den doch ma, der hat bestimmt uch schon mit seine Schwester, und nich blo� dat. Der hat bestimmt schon bei Oma im Bett gelegen. �hh! Alles Abschaum is dat, richtig Abschaum, sag ick dir! Arbeitsscheues Pack! Fr�her h�tt�t sowat nich gegeben, wenn du wei�t, wat ick mein, wei�te? Aber Mann, du Ecki, du hast dat doch nich n�tig, mit die hier rumzulungern. Du musst ma zusehn, dat du wegkommst hier. Oder is dat wegen de Weiber?�</p><p>�Quatsch!�</p><p>�K�nnt ick ja verstehn, sind ja n paar bei. Aber Weiber gibt�t �berall. Ick hab ja fr�her uch nix anbrennen lassen, wei�te ja. Mann, wenn ick dadran denk, wo mein Schwanz schon �berall dringesteckt hat! Steffi, kennste die noch, die war geil. Die hatte wat druff, sag ick dir. Na, nu hab ick ja meine S��e, Susi, aus Eggesin. Wei�t wat, ick war uch ihr Erster! Schon ma eine geknackt? Geil, Mann! Wie hei�tn die da mitte dicken � Ohren?�</p><p>�Die? Das�s Jacqueline.�</p><p>�Ey, haste schon ma mit der?�</p><p>Mann, der geht mir vielleicht uffn Sack! Klar, klar hab ick schon mit Jacqueline. Denken die doch alle.</p><p>�Nee.�</p><p>�Na denn wird�t aber Zeit! Guck dir die doch ma an, ey! Und in drei Jahrn is die mit lang, da wird die fett, siehste jetz schon, musste jetz ernten! Und die andre da, die L�tte?�</p><p>�Wat jetz?�</p><p>Wat will der jetz mit Sabrina?</p><p>�Na die da, wie hei�t die?�</p><p>�Eh, Stefan, die kriegste sowieso nich.�</p><p>�Wieso nich, l�sst keinen ran, wa, noch Jungfrau, wa, wetten?�</p><p>�Wei� nich.�</p><p>Wei� ick wirklich nich. Aber wenn. Is mir uch egal. Sabrina, eh. Guckt mich nich mehr mitm Arsch an neuerdings. Dabei hab ick ihr neulich ne halbe Schachtel Konfekt geschenkt, im Ernst. Hatt ick bei meine Oma mitgehn lassen. Na, ick wusst erst nich genau, hab ick denn tagelang mit mir rumgeschleppt, waren ja uch immer die andern dabei. Aber einma is se mir abends alleine �bern Weg gelaufen, ick hab se schon von Weiten erkannt, obwohl dat schon dunkel war, ick wusst sofort, dat dat Sabrina is, und da hab ick gedacht, jetz oder nie.</p><p>�Hi, Sabrina�, hab ick gesagt, und sie, so ganz piepsig:�Hi, Ecki�, blo� so im Vorbeigehn, die is nich stehngeblieben. Und ick dachte so, Schei�e, traust dir ja doch nich, Ecki, aber denn hab ick uff einma doch gesagt:�Ey, Sabrina, wart ma!�</p><p>Und denn hat se sich so umgedreht, und ick hab ihr die Schachtel hingehalten,�hier, is f�r dich�, hab ick gesagt. Da hat se erst ma komisch geguckt, und ick hab gesagt:�Kannste ruhig nehmen, is nich giftig!�Obwohl, ick wusst ja uch nich, wie lange dat nu schon bei meine Oma rumgelegen hatte.</p><p>Und denn hat se dat uch genommen, und hat gesagt:�Danke.�</p><p>Und wie sie schon weiterwollte, sag ick denn noch:��brigens, du kannst uch ruhig �Christian� zu mir sagen.�</p><p>Aber da hat se denn nix mehr gesagt und is weitergegangen, und ick sag noch:�Hast geh�rt?�, aber da war se denn schonn Ende weiter.</p><p>Weiber, ey! Muss man denn immer irgendwat Abgefahrnes anstellen, dat die sich ma f�r einen intressiern? Kann man doch uch nich die ganze Zeit. Und ick hab ja nu schon einiges gemacht, einiges� uffen Kerbholz�, wie mein Vadder sagt, muss der grade sagen! Man m�sst ma wieder irgendwat richtig � Geiles machen, irgendwat. Blo� bl�d rumkokeln und ma ne Hundeh�tte abfackeln, so wie Gniedeck, dat is ja Pipikram.</p><p>�Und sag ma, Ecki, haste da nu schon ma dr�ber nachgedacht?�</p><p>�Wat?�Wat will�n der jetz schon wieder, Wodrich? K�nnt sich ma langsam vom Acker machen hier. Schleicht hier rum wien oller Uffpasser.</p><p>�Na wat ick dir letztens ma gesagt hab. Is schon n bisschen her, ick wei�. Na, wei�t doch, ob de nich zu uns kommen willst.�</p><p>�Achso, dat.�</p><p>Mann, f�ngt der nu wieder damit an! Will er mir nu wieder uffn Sack gehn mit seine schei� Kameradschaft, oder wat? Ecki, so einen wie dich k�nnen wir da gut gebrauchen! Na und! Soll ick mich nu uch noch geehrt f�hln oder wat?</p><p>�Ja, und? Haste dich entschieden?�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Wieso, wieso! Mann, Ecki, du musst doch wissen, ob de f�r oder gegen uns bist! Wen w�rdste denn w�hlen? Wenn jetz Wahl w�r, mein ick. Ick denk doch ma, so wie wir alle, dat, wat wir alle w�hlen, oder? Dat dat ma wieder wat wird mit Deutschland, ne!�</p><p>�Ja, na logisch.�</p><p>�Na siehste. Und? Denn biste doch f�r uns. Wat andres w�rd ick dir uch nich raten, ha. Also kommste zu uns. Und so einen wie dich k�nnen wir da immer gebrauchen. Einen, der n bisschen mehr will als hier nur rumkokeln. Wat is�n dat �berhaupt f�rn Assi?�</p><p>�Ach, das�s blo� Gniedeck. Dat macht der immer. Dat kriegste dem nich abgew�hnt.�</p><p>�Na, den m�sst ihr euch blo� ma orntlich vornehmen! Wat seid�n ihr f�r Safts�cke hier? Der fackelt euch doch die Bude hier ab!�</p><p>�Na sag ick ja uch!�Siehste! Stefan sagt dat uch! Brauchen die sich gar nich uffregen, wenn ick ma wat sag!</p><p>�Nee, aber ma im Ernst, Ecki. Ick mein, dat w�r doch wat! Wenn de sowieso noch nich wei�t, watte nache Schule machst. Kommste erst ma zu uns. Wir geben dir denn schon Uffgaben! Da kannst dich druff verlassen!�</p><p>Wat grinst�n der jetz so d�mlich? Der kann mich ma mit seim Schei�. Ick bin doch nich bl�d! Dat fehlte ja grade noch! Ick mein, ick bin ja uch daf�r, f�r Ordnung und so, und dat die Ausl�nder wegkommen. Aber deswegen lass ick mich doch noch lange nich von Wodrich oder irgendsoeim die ganze Zeit rumkommandiern! Reicht schon, wenn der sich hier ab und zu ma uffspielt.</p><p>�Na, sag mir denn Bescheid, Ecki. Ick muss jetz ma los.�</p><p>Wird uch Zeit.</p><p>�Ey, Stefan, wart ma!�</p><p>B�rner! Wat will der�n jetz noch?</p><p>�Wat is?�</p><p>�Na, wei�t, Stefan, wegen de Kameradschaft.�</p><p>Mann, B�rner, halt die Klappe!</p><p>�Wat is damit?�</p><p>�Na, wei�t doch, ick hab doch letztes Ma gesagt, na wei�t doch, dat ick da gerne, na, ob ick da nich mitmachen kann, Stefan.�</p><p>Wat? Ick glaub, ick werd nich wieder! Dem ham se doch echt int Gehirn geschissen, B�rner!</p><p>�Kann ick mich gar nich dran erinnern.�</p><p>�Na, du hast doch gesagt, ihr k�nnt jeden gebrauchen.�</p><p>Na, bis uff B�rner.</p><p>�Na, und, wat hab ick au�erdem gesagt?�</p><p>�Aber ick hab doch jetz ne orntliche Jacke, hab ick mir extra gekauft, und meine Fingern�gel sind uch kurz, hier, kannst gucken!�</p><p>Oh, Mann! Ick krieg die Krise!</p><p>�Na ja, lohnt blo� alles nix, wenn de dir weiterhin die Hosen vollschei�t! Oder wat stinkt hier so?�</p><p>Ha, dat is Wodrich! Nu haben se wieder alle wat zu lachen! So war der fr�her schon. Deswegen fand ick ihn ja uch gut. War ja mein Vorbild, sozusagen. Na ja. Wer kommt�n da angeschissen?</p><p>�Wer is�n dat da?�Wodrich hat den uch gleich gesehn. Das�s dieser Vogel aus Irland. Wat will�n der hier?</p><p>�Das der Enkel oder so von die olle Hanske, wei�te, die jetz tot is. Die sind extra von Irland hergekommen.�</p><p>�Von Irland?�</p><p>�Ja. Sind bald wieder weg.�</p><p>�Na, w�rd ick denen uch empfehlen! Also, tsch�� denn. Ey, Jacqueline, haste heut abend schon wat vor?�</p><p>Jacqueline! Mann, der hat dat echt druff. Aber wat kommt�n jetz dieser Typ direkt uff mir zu?</p></section><section><title><p><strong>ROMY</strong></p></title><p>Da hatten sie ja erst mal was zu gucken. Und zu tuscheln, im Ernst, das ging sofort los, �berhaupt nicht auff�llig. F�r Katharina und Katharina muss das der Schock schlechthin gewesen sein, die kriegten sich die ganze Stunde nicht wieder ein. Normalerweise dreht sich mir der Magen schon bei der Vorstellung um, Thema solcherart Konversation zu sein, aber diesmal war ich das genaue Gegenteil von not amused, und was da mein Herz so in Flatterei versetzte, war nur das m�hsam unterdr�ckte Lachen, der Triumph war einfach zu gro�, um sich noch irgendeinen Kopp zu machen. Na ja, konnte ich wenigstens mal was zur kollektiven Unterhaltung beitragen. Was von mir ja auch nicht direkt erwartet wird. Aber das war eindeutig zu viel: dass ausgerechnet unser hoher, und, nebenbei bemerkt, zum allgemeinen Anschmachten auserkorener Besuch aus Irland, Paul Ishley, ausgerechnet neben der in schulischen Belangen zwar ge-, ansonsten aber nicht weiter beachteten und zudem im Verdacht der Streberei stehenden Sch�lerin Romy Pl�tz Platz zu nehmen beliebte! Selbige war ja selber ganz verdattert f�r einen Moment. Bin ich ehrlich gesagt immer noch. Dabei war das schon gestern, in Kunst. Viola kam nicht, anscheinend krank, und ich freue mich schon, die Bank ganz f�r mich zu haben und nicht Violas Kontrollblicken auf meine st�mperhaften Zeichenversuche ausgeliefert zu sein � wirklich, das ist wie bei diesen unertr�glichen Leuten, die anderen st�ndig auf den Teller und jeden Bissen in den Mund gucken und dabei selbst das Essen vergessen, und schon plumpst einem die Kartoffel von der Gabel, und Viola kriegt auch nie was auf ihr Blatt in der Stunde, und wenn sie mal einen Strich zieht, radiert sie ihn sofort wieder weg, vielleicht aus Angst, jemand k�nnte ihn bemerken, ich schwanke in der Benennung ihres Stiles noch zwischen �magers�chtig�, �bulimisch� oder schlichtweg �geizig��� jedenfalls, da sitzt er pl�tzlich neben mir, Paul. Wir haben nur Kunst und Geo zusammen, weil sie ihn, in schicksalsimitatorischer Manier einem Zu-sch�n-um-wahr-zu-Sein vorbeugend, selbstverst�ndlich nicht in meine Klasse gesteckt haben, und in Geo sitzt er so weit vor mir, dass ich nur seinen Hinterkopf angucken kann, wie damals im Bus. Damals? Es ist grade mal anderthalb Wochen her. F�r die Zeit, die er hier weilt, wurde er in die a einsortiert, nat�rlich, die bl�de a kriegt wieder alles in den Rachen gestopft, und mit der a ist das ja so: Entweder man ist in der a oder man sch�ttet tiefste Verachtung �ber sie aus. Schon in der Unterstufe war a-oder-b eine mindestens ebenso existenzielle Frage wie die, ob man Spinatesser oder Gr�tzwurstesser ist � ich habe Studien dar�ber angestellt und bin zu dem von mir ohnehin vermuteten Ergebnis gekommen, wer Spinat mag, isst keine Gr�tzwurst und umgekehrt, obwohl beides ja ungef�hr die gleiche Konsistenz aufweist, weshalb ich �berhaupt darauf verfiel; ich selber kann mir nichts Verabscheuungsw�rdigeres als Gr�tzwurst vorstellen. Ich w�rde Paul ja gern fragen. Ja nur, um einen Verb�ndeten gegen die Gr�tzwurst und einen weiteren Beweis f�r meine Theorie zu finden. Inzwischen glaube ich sogar, es den Leuten ansehen zu k�nnen, und Paul sieht mir ganz nach einem Spinatliebhaber aus. Aber er w�rde wohl nicht so recht die strengen Bedingungen meiner Studie erf�llen, die ja voraussetzt, dass beide Gerichte dem Probanden bekannt sind, und ich k�nnte Paul wohl nur dazu begl�ckw�nschen, dass ihm der Anblick � ach, wenns nur das w�re � von Gr�tzwurst bisher erspart geblieben sei, und es w�rde ja unweigerlich zu einer Verf�lschung der Ergebnisse f�hren, wenn ich eine Entscheidung aufgrund meiner Beschreibung von Gr�tzwurst von ihm verlangte, denn wer w�rde sich dabei nicht, schon halb von einem Brechanfall dritten Grades gesch�ttelt, sofort und f�r immer dagegen entscheiden? Oder, sei ehrlich, Romy, ist es nur, um nicht letztlich doch noch etwas gegen den desiderierten Liebhaber � des Spinats � in der Minusspalte auflisten zu m�ssen? Als ob das noch viel n�tzte. Vielleicht n�tzte es.</p><p>Er hat einfach gesagt:�Dieser Platz ist frei heute, oder?�, und mich angegrinst, und ich h�tte am liebsten gesagt: Dieser Platz ist immer frei. Aber die Wahrheit klingt manchmal einfach zu sehr nach NDR-1-Schnulze.</p><p>Die Stunde war nat�rlich gelaufen. Die anderen waren, bis auf ein paar, die das auch nicht mehr als der Unterricht kratzte, noch zu sehr mit dem Wunder besch�ftigt, und ich � wohl auch. Blo� Pauls Aufmerksamkeit f�r Frau K�mmel schien nicht getr�bt, obschon nicht ersichtlich war, ob sie die wirklich durch ihren n�selnden Vortrag absorbierte oder nicht vielmehr durch ihren Pullover mit dem extra tiefen Ausschnitt. In der Abizeitung vom letzten Jahr wurde sie als� Miss Nabelschau �tituliert, und das trifft es, nicht nur, weil das in Deutsch eine ihrer aufgeschnappten Lieblingsschm�hvokabeln f�r Literatur ist. Meine Plus/Minus-Liste blinkte wieder kurz auf, allerdings zu kurz, um irgendetwas eintragen zu k�nnen.</p><p>Wir redeten nicht viel, mir fiel auch gar nichts ein. Jedenfalls nichts, was f�r ein abgehacktes Fl�stergespr�ch getaugt h�tte. Paul war blo� im T-Shirt, w�hrend ich fr�stelte, und sein Arm hing so dicht neben meinem, dass ich f�rmlich seine W�rme absaugte, von seinem Wohlgeruch ganz zu schweigen. Das haut mich sowieso jedesmal um. Es war komisch, aber ich hatte auf einmal fast so was wie ein schlechtes Gewissen. Als w�rde ich irgendwas Verbotenes, zumindest nicht ganz Koscheres tun. Ich meine, ich sitze da neben einem, der sich arg- und ahnungslos in meine N�he begeben hat, und hege Gedanken �ber ihn und w�rme mich an ihm und rieche ihn. Gerne. Ich ekelte mich fast ein bisschen vor mir. Als h�tte ich mich in so eine altj�ngferliche Schl�ssellochguckerin verwandelt, einen alten Knacker, der sich im Gedr�nge an jungen M�dchen reibt.</p><p>Ich fragte mich pl�tzlich, ob ich auch rieche. Und wie. F�r ihn.</p><p>Zeichnen ging dann auch nicht mehr. Wir sollten zwar noch die letzte Viertelstunde damit ausf�llen, aber von einem F�llen des Blattes konnte bei mir keine Rede sein. Im Prinzip war es wie mit Viola. Nur, dass ich auch gleichzeitig Viola war. Ich f�hlte mich wieder mal beobachtet und brachte aus Angst vor totaler Unf�higkeit keinen Strich zustande, obwohl Paul mich ja gar nicht beobachtete, sondern ich ihn, ich musste immer wieder hinsehen, zusehen, was da unter seinen H�nden entstand. Und es war seine eigene Hand, die er zeichnete, unverkennbar. Er kann das unglaublich gut, so wie Ella. Er hat neulich ihre Zeichnungen bemerkt, und Ella war erst ein bisschen embarrassed, hat sich dann aber doch eine halbe Stunde oder so mit ihm dar�ber unterhalten, w�hrend ich dagesessen und sinnlos Schokorosinen in mich reingestopft habe.</p><p>Ich habe mich in Chemie neben sie gesetzt. Frau Pufesiel hat zwar erst ein bisschen geguckt, aber nichts dagegen gesagt, wahrscheinlich hofft sie, dass Ella sich mit meiner Hilfe doch noch auf eine Drei hieven kann und meine Anwesenheit sie von allzu ungest�rtem D�sen abhalten wird. Ich lasse sie die Experimente machen, was einerseits ganz sch�n uneigenn�tzig von mir ist, denn das ist der Teil, den eigentlich ich gerne �bernommen h�tte, dieses Rumpanschen mit den ganzen bunten, stinkenden Sachen. Andererseits ist es auch zu meinem Vorteil, denn ich k�nnte unm�glich Ella die Berechnungen und die Schreibarbeit �berlassen, ohne zu riskieren, dass f�r uns beide innerhalb k�rzester Zeit acht Punkte auf dem Zeugnis zu einem hoffnungslosen Unterfangen w�rden. Es juckt sie einfach nicht. Aber ich glaube, sie strengt sich jetzt ein bisschen an. Mir zuliebe. Und ich komme nicht mehr dazu, meine Blattr�nder mit Krakelgebilden, schiefen Sternen und Songzeilen zu verunzieren. Und bin auch nicht mehr Psycho-Svens Blickpfeilen ausgeliefert, mit denen er jetzt h�chstens noch meinen R�cken harpunieren kann. Die ich aber abfange, weil ich mich ab und zu, unberechenbar und torpedoschnell, zu <emphasis>ihm</emphasis> umdrehe. Womit ich ihn schon zweimal zum Rotwerden brachte. Und Ella sagte zu mir:�Der gafft einen immer an, ne!�</p><p>�Dich auch?�</p><p>Da mussten wir beide lachen, was einen ersten strengen Blick von Frau Pufesiel provozierte. Seitdem ist sie misstrauisch: Sollten wir uns etwa doch aus Gr�nden der Sympathie und nicht nur aus solchen der solidarischen Hilfeleistung zusammengesetzt haben? Na, da kann sie ganz beruhigt sein: Wir helfen uns �u�erst solidarisch, n�mlich �ber ihren Unterricht hinweg. Als Ella neulich so von unten zu Frau Pufesiel auf ihrem Podest hoch�ugte und ihre �bliche �berdimensionale rote Haarschleife fixierte, um dann folgenden Kommentar loszulassen:�Also, wie mein Vater sagen w�rde: �von hinten Lyzeum, von vorne Museum��, versetzte uns das derartig in Heiterkeit, dass Frau Pufesiel sich gezwungen sah, ihr nicht gerade leicht zu ignorierendes Hinterteil herumzuman�vrieren und Ella des Unterrichts zu verweisen, womit sie nat�rlich in jeder Hinsicht die Falsche traf. Nicht nur, dass ich viel lauter gelacht hatte als Ella, auch die Strafe, war ich mir sicher, w�rde sie eher als Belohnung auffassen. Und ich musste sofort an good old Edgar Wibeau denken: KEIN AAS VON LEHRER TRAUTE SICH DOCH, MIR EINE F�NF ODER WAS ZU GEBEN. Das kenne ich. Nicht mal Frau Pufesiel w�rde mich jemals rauswerfen. Wenn der Mensch ein Gewohnheitstier ist, dann ist der Lehrer eine etwas primitive Maschine, st�ranf�llig, nicht umprogrammierbar, aber leicht zu manipulieren.</p><p>Ich bin froh, solche Dinge nicht �ber Mama oder Papa sagen zu m�ssen, wie Ella, die, als ich ihr meine �berlegung kundtat, sofort nickte:�Wie meine Eltern. �Ich wollte schon sagen, kein Wunder. Ich meine, die <emphasis>sind</emphasis> ja auch Lehrer. Aber ich glaub, ich hab auch so ganz sch�n Gl�ck gehabt, also, objektiv betrachtet und das st�ndige Angenervtsein, was wiederum sie annervt, was wiederum mich annervt, au�er Acht lassend. Das scheint ja normal zu sein. Angeblich befinde ich mich ja immer noch in der Pubert�t. T�ter�t. Schon das Wort klingt nach ausgedr�ckten Pickeln und sexuellen N�ten. Eins von beiden habe ich nicht.</p><p>Mama vorhin wieder:�Lad die beiden doch mal zu dir ein�! Ich �berlegte, ob ich jetzt eine Ausrede erfinden m�sse oder mich einfach weigere. Bei Ersterem kommt die Anstrengung davor, bei Letzterem danach. Ich entschied mich f�r einen etwas schwachen Kompromiss:�Wir sind jetzt aber schon bei Ella verabredet.�</p><p>Mama wusste offenbar auch nicht recht, ob das jetzt Fisch oder Fleisch war, und brachte nur ein� Aber �hervor, aber da war ich schon halb aus der T�r. Hin zu Ella und ihrem Bl�mchenkaffee, dem roten Sessel.</p><p>Und jetzt: sitze ich zur Rechten Pauls des Unfassbaren, und es kommt mir heute vor, als sei das schon immer so gewesen, als h�tte es nie etwas anderes gegeben, beziehungsweise anders: nicht, als w�re seit einer kurzen Weile etwas Besonderes, sondern endlich sozusagen der Normalfall wieder eingetreten, der Soll-Zustand, nach einer unn�tz langwierigen Unterbrechung. Wie bei Weihnachten: Wenn es endlich so weit ist, man das ganze Weihnachts-, Lichter- und Liederzeug wieder hervorkramen darf, nachdem man schon im September einen ersten Sehnsuchtsanfall danach hatte, mag man gar nicht mehr an das Vorher denken, jeder Gedanke an den Sommer zum Beispiel l�sst einen schaudern. An das Nachher erst recht nicht. Ein Nachher ist schlichtweg nicht denkbar. Zumindest gings mir fr�her so. Weihnachten war das Eigentliche, das Absolute, die wahre Zeit, die endlich n�chtliches Aufstehen, Sportunterricht und die ganze Ungerechtigkeit und �de der Welt �berwindet. Aber seit ein paar Jahren verblasst auch diese letzte Absolutheit der Kindheit immer mehr, und schon am Dreiundzwanzigsten schleicht sich der Gedanke ein, dass es alles sehr bald vorbei sein wird, dass es sich auch hierbei um etwas Vor�bergehendes handelt, dass es einen Januar gibt, einen n�chsten �tzenden Sommer.</p><p>Ich frage Paul:�Wie kommt dein Vater voran?�</p><p>Er hatte neulich erz�hlt, dass sein Vater tats�chlich versucht, die Leute hier auszuquetschen, nach irgendwelchen verschollenen plattdeutschen W�rtern und f�r seine Uwe-Johnson-Arbeit. Ich habe ihn auch selbst schon die Dorfstra�e langschlendern sehen, wirklich schlendern, womit er wahrscheinlich sofort neun von zehn Sympathiepunkten verspielt hat,�dei het woohl nix to daun!�, und der letzte d�rfte ihm sp�testens dann abhandengekommen sein, als er anfing, den ersten� uttauh�rchen�.</p><p>��berhaupt nicht�, sagt Paul.</p><p>Und dann sagt er:�Aber Ingrid, also, meine Mutter.�</p><p>Von zwei Dingen auf einmal verwirrt zu werden, macht es einem auch nicht gerade leichter, unbefangen zu reagieren. Meine Entscheidung ist instinktiv:�Du sprichst deine Mutter mit Vornamen an?�</p><p>Paul z�gert, er hat anscheinend die andere Frage erwartet.�Nein, also, nicht immer. Eigentlich, ich soll �Mum� sagen, aber manchmal ich sag Ingrid, und wenn ich denke �ber sie, also, du verstehst? Ich finde, �Mum� passt nicht zu ihr.�</p><p>�Einer will das Haus kaufen?�, fragt Ella.</p><p>THAT�S THE QUESTION.</p><p>�Ja�, sagt Paul.�Sie hat jemand gefunden, vielleicht.�</p><p>Vielleicht. Der Abend des sechsundzwanzigsten Dezember.</p><p>�Also fahrt ihr bald?�</p><p>Ella! Musste das sein? Wie soll ich denn jetzt noch��</p><p>Paul sitzt da, vorn�bergebeugt, die Arme auf den Knien, die H�nde wie in einer Bittgeste aneinandergelegt, ernst und sch�n, es steht ihm sehr gut. Er nickt, langsam und sch�n wie sein Lachen, und Ella seltsamerweise auch, sie f�llt, so scheint es, fast zufrieden in dieses Nicken ein.</p><p>Okay. Okay, okay, okay. Cool bleiben jetzt. Jetzt ist jetzt. Wie war das? ALLES HAT SEINE ZEIT, genau. Die Bibel. Die Puhdys. STEINE SAMMELN, STEINE ZERSTREUN. Cool bleiben, Romy. Heut ist heut, und morgen ist morgen. Und um den morgigen Tag braucht man sich keine Sorgen machen, weil man ja schon am heutigen genug davon hat. Genau. ALS ICH AUFSTAND, IST SIE GEGA-ANGEN. Aber jetzt ist � schei�e. Schei�e, schei�e, schei�e.</p><p>Und ich h�re es erst beim zweiten Mal, als Ella ihn schon entsetzt anstarrt. Paul sagt, es klingt ein wenig m�de:�Ich war bei die Elpe.�</p><p>Ich h�re das und kapiers nicht. Offenbar hab ich irgendwas verpasst. Einmal zur�ckspulen, bitte. Oder warum ist mir auf einmal wie an einem dieser verkorksten Tage, an denen man morgens eine Viertelstunde verschl�ft und das den ganzen Tag �ber nicht mehr aufholt?</p><p>Ich merke, dass ich genauso starre wie Ella, und versuche, mich zusammenzurei�en.�Was soll das hei�en?�</p><p>Paul guckt mich etwas bange an, dann l�chelt er.�Well, ich war einfach da, you see. Ich habe geredet mit ihnen.�</p><p>�Mit wem hast du geredet?�Ellas Stimme poltert noch eine Kellerstufe tiefer als sonst, vielleicht ist das ihre Form von Hysterie, und irgendetwas daran macht mich nerv�s, es w�rde mich nicht wundern, wenn sie pl�tzlich aufspr�nge und ihren mongolischen Krumms�bel z�ckte, um einen unverzeihlichen Verrat zu r�chen. Dann ist sie ganz stumm und scheint irgendwie in sich zusammenzusacken, ihr Gesicht zeigt eine milde Entt�uschung, oder entt�uschte Milde. Als h�tte sie ein Kind mit irgendwas �berfordert und w�sste nun nicht, wem sie die Schuld am Misslingen geben soll, sich oder dem Kind. Und in meinem Bauch g�ren hundert unreife �pfel.</p><p>�Wieso bist du da hingegangen? Was wolltest du da?�</p><p>Paul im Kreuzverh�r scheint immer mehr zu erm�den, ich rechne jeden Augenblick mit einem G�hnen. Ist mir schon klar, wie wir jetzt wieder dastehen. Vor ihm. Pastorent�chter. Wir knien vor Sankt Paul und langweilen ihn mit unseren irdischen Sorgen. Schlie�lich l�sst er sich doch noch herab, uns eine Antwort zuteil werden zu lassen:�Ich war neugierig.�</p><p>�Auf dieses Gesocks?�</p><p>Er schenkt mir ein heiliges Stirnrunzeln, und ich zittere, es m�ge nur das Wort sein, das sich seinem Verst�ndnis entzieht.</p><p>�Ich wollte es sehen mit meine eigene Augen, you know!�� Was ist schlimm dabei?�</p><p>Das ist doch nicht das richtige Wort. Schlimm. Es stand einfach f�r alle Zeiten au�er Frage. Ich merke, dass es mich nicht so sehr erschreckt, dass Paul seinen von lauter Anbetung vermutlich schon ganz blankgek�ssten Fu� dort hingesetzt hat. Ich finde es nicht schlimm. Es erschreckt mich, dass er �berhaupt auf die Idee kam. F�r Ellas an weiten Ebenen, nicht an einzelnen Grashalmen geschulten Hunnenblick macht das wohl keinen Unterschied. Sie guckt, als h�tte sie es f�rmlich herangaloppieren h�ren, dann schon, als noch kein schwarzer Punkt am Horizont zu erkennen war.</p><p>Nur eins interessiert sie noch, sie fragt mit geradezu inquisitorischer Strenge:�Und? Willst du das noch mal machen?�</p><p>Der arme S�nder Paul, der Ketzer McCartney kneift die Lippen zusammen. Um dann ein kurzes� Ja!�hervorplatzen zu lassen.�Ja. Noch einmal. Mit euch.�</p><p>F�r einen Moment bin ich wirklich sprachlos, und fast �berraschter dar�ber, dass es diesen Zustand tats�chlich gibt, als �ber dessen Ursache. Was vielleicht auch wieder nicht stimmt. Irgendwas stimmt doch hier schon die ganze Zeit nicht. Dann lache ich pl�tzlich. Okay, alles klar, uns so zu verarschen! Ich gucke Paul an und warte darauf, dass er mitlacht, von mir aus, dass er uns auslacht, ich blicke zu Ella, die drauf und dran war, Paul einen Vogel zu zeigen, und jetzt nur etwas unschl�ssig sagt:�Du spinnst�, und zu grinsen versucht. Das letzte Grinsen, bevor man sich in die Hosen schei�t.</p><p>Paul mustert Ellas Teppich, bis ich frage, auch auf die Gefahr der Komplettblamage hin:�Das ist doch nicht dein Ernst, oder?�</p><p>Sein Aufblicken l�sst mich erst mal wieder innerlich nach hinten�berfallen. Ich vergesse manchmal, dass er diese Augen hat. Zumindest versuche ich es, ha.</p><p>�Of course, it is!�</p><p>Klingt wie: Na, was denkt ihr denn? Dass ich bullshit rede?�� Ja, in gewisser Weise denken wir das wohl.</p><p>�Sie haben gesagt, ich soll wiederkommen. Sie sind nicht schlimm. Sie waren nett. Aber ich hatte Schwierigkeiten zu verstehen alles.�</p><p>�Dat kann�k mir vorstelln, ey!�Ella lacht kurz auf.</p><p>�Yeah, exactly! Ihr sprecht auch so, ich mein, wenn ihr nicht mit mir seid?�</p><p>�Nee!�Wir gucken uns an, Ella und ich, und wir lachen. Wir lachen es einfach weg, okay?</p><p>Paul sagt:�Ihr k�nnt euch etwas w�nschen jetzt.�</p><p>�Etwas w�nschen?�Noch mal das Gleiche, wir kriegen uns gar nicht mehr ein. Fast kommt es mir vor, als lachten wir Paul aus. Er lacht mit.</p><p>�Ja�, sagt er,�weil ihr habt das Gleiche, also, zur gleichen Zeit, I mean, wenn man sagt zusammen das Gleiche, dann kann man sich etwas w�nschen und muss so machen mit die Finger�, und er nimmt unsere H�nde und legt jeweils unseren Zeigefinger und Daumen zu einem Ring zusammen und beide Ringe ineinander.�Und jetzt w�nschen! Aber nicht sagen!�</p><p>Ich sp�re den Abdruck von Pauls Fingern auf meinen und wei� nicht, was ich mir w�nschen soll. Ich kann mich nicht entscheiden.</p><p>�Fertig?�, sagt Ella.</p><p>Ich m�chte wissen, was sie sich gew�nscht hat. Wahrscheinlich etwas, das nicht v�llig im Bereich des Unerf�llbaren liegt. Beziehungsweise von dem sie das nicht glaubt. Vielleicht ist das das Gleiche.</p><p>Paul sagt:�Wirklich, sie sind okay. �Weg. Einfach. Es. Lachen. Wir.�Ich glaub, sie sind einfach langwei-, no, eh���</p><p>�Langweilig? Ja, das glaub ich auch. �Langweilig ist gut.</p><p>�Nein, das andere. Sie haben Langweile, sagt man so?�</p><p>�Ja, das auch. Langeweile, die: eine gef�hrliche, ansteckende und nicht selten t�dliche Krankheit, siehe �todlangweilig�, die, nicht behandelt, im Endstadium oft mit dem Gebrauch von Kraftausdr�cken und Anf�llen von Zerst�rungswut einhergeht. Von Kontakt mit Betroffenen wird dringend abgeraten.�</p><p>Paul lacht, Ella guckt mich an, als h�tte ich auch irgendeine Krankheit, dann grinst sie ein bisschen. Ich habe Paul zum Lachen gebracht.</p><p>Er fragt:�Was ist das, �Kraftausdr�cken�?�</p><p>�Schei�e�, sagt Ella.�Mist, Kacke, verdammte Schei�e, verfluchte Schei�e, Schei�dreck, Fuck, fick dich, verpiss dich, du Arsch, Arschloch, Drecksau, schwule Sau, Missgeburt, leck mich, Wichser. Stinktier. Fotze. Halt die Fresse!�</p><p>�Wow!�, sagt Paul.</p><p>Ella rollt mit den Augen.�Ist eben <emphasis>mein</emphasis> Lexikon.�</p><p>�Klingt, als w�rst du heimlicher Stammgast auf der Elpe�, sage ich. Sie guckt mich an, fast erschrocken, als w�rde ich das ernst meinen. Ich lache.</p><p>�Jedenfalls, wir k�nnen hingehen�, sagt Paul.�Ich soll �die M�dchen� mitbringen. Das ist, was sie sagten.�</p><p>�Was?��Die M�dchen� mitbringen! Das haben sie sich so gedacht! Wie doof sind die eigentlich? Und Paul f�llt dadrauf rein. Sorry, Sweetie, aber da muss ich jetzt leider einen eindeutigen Minuspunkt notieren. H�tte ihn gar nicht f�r so naiv gehalten. Fast zufrieden sehe ich ihn an. Er l�chelt. Er versteht es falsch.</p><p>�Ja�, sagt er.�Und ich denke das auch.�</p><p>�Was denkst du auch?�</p><p>�Dass es gut ist, w�rde sein, wenn ihr � also, wenn ihr mitkommt.�</p><p>�Wieso?�, brummt Ella.�Traust dich wohl nich mehr alleine.�</p><p>Und Paul:�Nein, es ist, weil: ihr traut euch nicht alleine.�</p><p>Er l�chelt, l�chelt den Teppich an. Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Weil er recht hat. Weil er nicht recht hat.</p><p>�Ich will da gar nicht hin!�, sto�e ich blo� hervor.</p><p>Paul legt l�chelnd den Kopf schief, sieht tief unter seinen M�dchenwimpern zu mir auf:�Du kannst es nicht wissen, bevor du nicht warst dort.�</p><p>Und bevor ich noch irgendeinen Widerspruch einlegen kann, denn, oh ja, <emphasis>solche</emphasis> Situationen werden mich nicht wehrlos finden, ich rieche alle Arten von Besserwisserei, Belehrung, Wir-wollen-doch-nur-dein-Bestes drei Lichtjahre gegen den Sonnenwind, also � noch bevor ich �berhaupt die sich wie b�se Schlangen windenden Lippen auseinanderkriege, gelingt es Paul, dem Schlangenbeschw�rer, die unsichtbaren F�den zuerst meines, dann Ellas Blicks mit einem Ruck an sich zu ziehen und uns einzufl�ten:�Ich m�chte, dass ihr mit mir zu die Elpe geht, heute abend. Ich bitte euch.�</p><p>Er sagt es wie auswendig gelernt. Vielleicht ist es gerade das. Ich merke, dass auch er nerv�s ist. Auf Ella macht das keinen Eindruck, und ich sollte sie daf�r bewundern.</p><p>�Nein!�� Ich geh da nich hin!�Und ihre Stimme vibriert wie die tiefste Seite von Paul McCartneys Bass, ein Instrument, das nicht klagt, nicht aufheult. Sie geht raus, ich lausche auf das Knarzen jeder einzelnen Stufe, dann eine Stille wie der zunehmende Druck bei einem Tauchgang. Ich bin noch nie getaucht.</p><p>Paul sieht mich erwartungsvoll an. Als er endlich blinzelt, sage ich leise:�Warum. �Und dann:�Okay.�</p><p>Es ist mir egal pl�tzlich. Ich kann nichts mehr denken. Blo� noch: Das wird die H�lle. Aber es wird eine H�lle mit Paul, mit Paul.</p><p>Wir gehen schweigend die Treppe runter, das Knarren hilft, es klingt wie immer. Unten finden wir Ella im Dunkeln, sie starrt aus dem schwarzen Fenster.</p><p>�H�rt ihr das?�, fragt sie, wir h�ren nichts, wurschteln uns im Dunkeln schnell unsere Schuhe an, ertasten unsere Jacken. Als wollten wir niemanden st�ren, auch nicht uns selbst. Paul �ffnet die T�r, ich drehe mich noch mal zu Ella um, sie guckt kurz in meine Richtung und dann wieder aus dem Fenster. Das Fenster sieht absolut undurchsichtig aus und Ella mehr wie eine Besucherin in einer Ausstellung f�r moderne Kunst, die ratlos, aber verbissen eine einfarbige, vielmehr nichtfarbige Fl�che mustert. Sie versucht gar nicht hindurchzusehen.</p><p>�Bis morgen�, sage ich und ziehe die T�r hinter mir zu. Eine von diesen T�ren, die laut ins Schloss fallen und die man deshalb so langsam zumacht, dass man zwischendurch die Geduld verliert und denkt, man kriegt sie niemals zu.</p><p>Schritte wie auf Eiern, auf Paul zu. Ich kann nicht erkennen, ob er l�chelt. Ich w�rde es nicht mal sehen, wenn er mir die Zunge rausstreckte. Die H�nde in den Hosentaschen, stapfen wir los. Ich stelle mir vor, Paul h�tte mir seinen Arm angeboten, die feine englische Art sozusagen, ich h�tte mich �berhaupt nicht gewundert, ich h�tte es irgendwie sogar angemessen gefunden. Aber meine G�te, wir gehen zur Elpe, nicht zum Opernball. Den ersten Walzer meines Lebens werde ich auf dem Abiball tanzen, in einem dreiviertel Jahr, mit Papa, und wir werden uns gegenseitig auf die F��e treten.</p><p>Ich kann sie h�ren, die ganze Zeit schon, und je n�her wir der Elpe kommen, desto mehr habe ich den Eindruck, ich k�nnte sie auch riechen, das kann nur Einbildung sein.</p><p>�Riechst du das?�, fragt Paul, wir sind fast da, und er meint den Geruch von Gras oder Haschisch, den ich jetzt auch in der Nase habe. Ich hatte mehr an kalten Qualm und ungewaschene K�rper gedacht. Von ungehemmten R�lpsern geschw�ngerte Bierluft.</p><p>�Not too pretty, this shit they got�, sagt Paul und grinst mich an.�Pretty shitty, I�d say, but never mind.�</p><p>�What?�, frage ich, und wieso sind wir jetzt pl�tzlich englisch unterwegs. Ich meine, nicht dass ich was dagegen h�tte, aber es macht mich nerv�s. Als br�uchten wir mit �berschreiten dieser Grenze einen neuen Code, der uns zu Fremden macht. Ein Tarnspiel. Aber was, wenn ich das verwechsle: wenn es nicht gerade anf�ngt, sondern gerade aufh�rt?</p><p>�Bestimmt wir k�nnen rauchen mit ihnen.�</p><p>Sein Deutsch ist schlechter als sonst, aber ich bin erleichtert, ich denke an Herpes und sage:�Na muss auch nicht sein.�</p><p>Jeden Schritt von mir macht jemand anderes. Die Abenteurerin. Die Coole. Die Vorurteilsfreie. Die Feldforscherin. Die Treue schlechthin. Die vor Liebe Erblindete, pah. Keine Ahnung, wo die alle herkommen, aber ohne sie k�me ich keinen Meter vorw�rts. Ein Tappen im Dunkeln ist das hier sowieso, kein Weg, kein Licht, hier muss man sich auskennen. Mein Fu� bleibt in irgendwas h�ngen, Stacheldraht, verdammt, wer hat den da hingelegt? Niemand, nat�rlich.</p><p>Paul steht schon am Eingang zur alten Traktorenhalle und wartet auf mich. Ich bin mitten im Stacheldrahtgestr�pp stehen geblieben, gefangen wie ein dummes Tierchen.�Paul�, sage ich.</p><p>Und er:�Komm. �Er l�uft die paar Meter zu mir zur�ck, er h�lt mir seine Hand hin und sagt noch einmal:�Komm.�</p><p>Und ich w�nschte, dies w�re ein altmodischer Film, in dem ich einfach in Ohnmacht fallen k�nnte. Dabei habe ich das nie geglaubt, ich meine, dass das �berhaupt geht, wegen eigentlich nichts in Ohnmacht zu fallen, und geradezu absichtlich. Und diese Einfaltspinsel, die sich von so viel Vors�tzlichkeit �bert�lpeln lassen oder auch nur wohlerzogen so tun, als ob, wenn sie die Dame auffangen und besorgt sind. Aber in diesem Augenblick w�nschte ich, ich w�rde diese Praktik ebenfalls beherrschen, und Paul w�rde mitspielen. Ich nehme seine Hand.</p><p>Er zieht die klapprige T�r der Halle auf, und wir gehen hinein. Es ist kein bisschen w�rmer als drau�en, und im ersten Moment kann ich wenig erkennen. Ein paar Jugendliche hocken im Halbkreis, die Beleuchtung liefern Kerzen, was einen merkw�rdigen Gegensatz bildet zu dem Gegr�le und Gegackere, das uns entgegenschl�gt. Obwohl es so laut ist, werden wir sofort bemerkt, worauf ein paar Jungs in freudiges Johlen ausbrechen.</p><p>�Kommt rin�, ruft einer uns entgegen, ich glaube, er wird Ecki genannt, wie sein S�ufer-Vater, Knast-Ecki, wie sie sagen, von Eckhart, und wahrscheinlich wei� auch bei seinem Sohn keiner, wie der mit Vornamen hei�t. Paul geht auf ihn zu und sagt hallo, ich bleibe einen halben Schritt hinter ihm, fast hinter seinem R�cken, der zu schmal ist, um ein Versteck zu bieten, einen Schild. Das passiert nicht wirklich, das passiert doch nicht wirklich, die M�dchen be�ugen mich misstrauisch und kichern. Ecki grinst an Paul vorbei mich an und zieht dabei die Augenbrauen hoch, ein Clownsgesicht, denke ich. Ich hasse Clowns.�Klon �haben wir fr�her gesagt, und daran musste ich denken, als das Wort in Bio zum ersten Mal auftauchte und sich die Unheimlichkeit der einen mit der der anderen Existenzform zu vermischen begann. Zun�chst f�rbte der �Clown� auf den �Klon� ab, den ich mir fortan als b�se lachenden, hohlen Doppelg�nger dachte. Dann gewann der �Klon� die Oberhand und lie� mir alle Clowns der Welt als Produkte einer ungeheuren Vervielf�ltigung erscheinen, denn sind sie nicht wirklich alle gleich mit ihrer Schminke, hinter der sich wer wei� was verbirgt, mit ihrem mechanischen Lachen und den d�rftigen Sp��chen, die sich allesamt wie eine Tarnung, eine Ablenkung von etwas dahinter Lauerndem ausnehmen? Vielleicht ist Ecki ein Klon. Nicht nur der nicht weit vom Stamm gefallene Apfel. Sondern mit Stumpf und Stiel eine verj�ngte Kopie des schon verrottenden Ausgangsapfels. Vielleicht sind sie das alle hier. Vielleicht ist es das. Was gerade nur einen unf�rmigen Gedanken durch meinen Kopf jagt: Ich muss hier weg. Schei�e, es ist alles genau so, wie ich dachte, aber ich kann doch einfach gehen, oder nicht, warum gehe ich nicht. Wegen Paul? Romy, du hast ne Macke.</p><p>Paul setzt sich auf eine alte Decke neben Ecki, neben den H�uptling, denke ich und muss kurz schmunzeln. Mir wird ebenfalls Platz gemacht,�eh, rutsch ma�, sagt das M�dchen neben Paul zu ihrer st�mmigen Nachbarin und st��t sie dabei mit dem Ellenbogen in die Rippen; die sagt� au!�und schielt zu mir hoch, bevor sie ihren Hintern ein winziges St�ck zur Seite schiebt. Die andere versucht es mit mehreren dumpfen Hopsern, womit es ihr gelingt, die Dicke noch ein wenig weiter zu dr�ngen und endlich eine L�cke frei wird, in die ich hineinpasse, geradeso. Die Hopserin guckt mich kurz an,�geht�t?�, fragt sie zu laut, ich nicke. Mit den angezogenen Armen auf den angezogenen Beinen� geht�t�. Sie hei�t Sabrina R�tz, so viel wei� ich, hin und wieder l�uft sie mir �ber den Weg, manchmal gr��t sie, ein kurzes Piepsen, manchmal nicht. Sie ist so zugeschminkt wie die anderen und dreht schon die ganze Zeit an einer Haarstr�hne, auf deren Ende sie gedankenlos rumkaut.</p><p>�Eh, R�tzer, haste Hunger, oder wat?�, ruft ein verpickelter Typ ihr zu und lacht, die Meute stimmt ein.</p><p>�Halt die Klappe, Hoschi!�, sagt Sabrina und l�sst die Str�hne los.</p><p>Ein Joint wird rumgereicht, ich gucke zu, wie er zwischen den dreckigen Fingern�geln jedes Einzelnen aufglimmt.</p><p>�Reicht jetzt, B�rner, wolln auch noch andre wat von�, grunzt einer seinen vor sich hinstierenden Nebenmann an und wirft einen Blick zu Paul und mir r�ber.�Oder?�</p><p>Paul l�chelt, ich traue mich nicht, mit dem Kopf zu sch�tteln, um keine Grundsatzdiskussion �ber Haschischkonsum heraufzubeschw�ren. Beziehungsweise dar�ber, warum ich �berhaupt nichts dagegen habe, aber �berhaupt nicht will. Das kommt selbst mir im Moment ein bisschen zu komplex vor. Ich hoffe, dass das Ding aufgeraucht ist, bevor ich dran bin. Der, der B�rner genannt wurde, zieht noch einmal schnell und trennt sich dann von dem Jointrest, ohne seinen Kopf auch nur einen Zentimeter aus der einmal einjustierten Stierrichtung zu bewegen, nur sein Unterarm schwenkt kurz zur Seite. Pl�tzlich geht mir ein Licht auf. Burner. Nennen sie ihn deshalb so? Weil er mehr als alle anderen von dem Zeug verbrennt? Das ist ja geradezu � originell. Dann f�llt mir wieder ein, dass er wirklich so hei�t. Dass er zu� die B�rners �geh�rt. Romy, was ist denn blo� los?</p><p>Mir f�llt auf, dass keiner von denen versucht, beim Rauchen irgendwie cool auszusehen, wie die meisten bei uns in der Pause auf der Raucherinsel. Hat man erst mal mit Eintritt in die Elfte das Privileg erworben, sich dort hinbegeben zu d�rfen und nicht mehr heimlich auf dem Klo rauchen zu m�ssen, wo es ja kaum einer sieht, w�rde man sich nat�rlich lieber selbst entleiben, als zuzugeben, dass die Coolness eigentlich nicht besonders gut schmeckt, oder gar zu husten oder irgendwas hinterherzutrinken, weils vielleicht erst die f�nfte Zigarette ist, die man sich in seinem jungen Leben zuf�hrt. Was bei denen hier sicher nicht der Fall ist, trotzdem verziehen einige das Gesicht nach jedem Zug wie in Schmerz oder Verachtung, kippen eilig Bier hinterher oder spucken aus. Husten ohne Hand davor ist auch ziemlich angesagt. Au�er bei Ecki. Das seh ich ja sofort. Schon, wie er Paul eine Zigarette angeboten hat � mir �brigens nicht, wahrscheinlich sieht man es mir an, alles � und bei Pauls Kopfsch�tteln die Augenbrauen hochgezogen und sich selbst eine in den Mundwinkel gesteckt hat, und zwar so, als w�rde er das schon mindestens seit dem Kindergarten machen. Nur, dass es eben genau deshalb nicht so aussieht. Sondern wie bei unseren schmalbr�stigen Jungs.</p><p>Wer wirklich was auf sich h�lt, dreht nat�rlich selber, hantiert umst�ndlich mit Tabak, Papers und Filtern rum und tut somit ganz nebenbei der Allgemeinheit kund, dass er durchaus in der Lage ist, eine ordentliche T�te zu bauen, und dies, na logisch, auch regelm��ig zur Ausf�hrung bringt. Der Einzige, der nicht so ein Gewese drum machte, war Tobias. Er rauchte schon, wenn alle anderen noch rumfummelten, was mir unbewusst wohl immer als eine Metapher erschien f�r sein ganzes Tobias-Sein, ein Symbol, in jeglicher Hinsicht. Es machte mich noch sch�chterner, als ich ohnehin bin. Ich glaube, es ist wirklich so rum: dass ich mich genau deshalb in ihn verliebte. Er war, auf eine alternative Art, einfach mal der tollste Typ an dieser Schule. Was nun auch wiederum nicht <emphasis>so</emphasis> schwer war. Ich erwog sogar, seinetwegen mit dem Rauchen anzufangen, ich probierte heimlich mit Papas Zigaretten, ich kaufte mir Tabak samt Zubeh�r, was in Anklam schon ein ziemliches Unterfangen ist, beobachtete Tobias tagelang beim Drehen und brach mir selbst fast die Finger. Diese Gurken waren kaum anzuz�nden. Ich unterdr�ckte das Husten und sp�rte den Schwindel, den Geschmack trachtete ich so schnell wie m�glich wieder loszuwerden. Mir gefiel nur die Geste, die Pose. Ich beschloss, dass mir die Pose gen�gen w�rde. Es gibt Situationen, in denen muss man eine rauchen. Zum Beispiel jetzt. Also lege ich den Kopf ein bisschen zur�ck und schalte auf Innenmodus, betrachte mich selbst, wie ich den Rauch einer GITANE ohne Filter aussto�e, direkt in Eckis aufdringliche Augen.</p><p>Von der Zehnten zur Elften steigt der Raucheranteil besonders unter den M�dchen sprunghaft an. Schon allein, um ihren Angebeteten aus der Zw�lften nun endlich durch Einheit von Zeit, Ort und Handlung ein St�ckchen n�her zu kommen. Drehst du mir eine, Christian, Andy, Matze, Tobias? Ja, klar. Sogar die Nichtraucher stehen auf der Raucherinsel. Ich auch. Der Herdentrieb und so weiter, Tobias. Seit einiger Zeit gelingt es mir nicht mehr, mir sein Gesicht vorzustellen, das hat mich zuerst ganz verr�ckt gemacht. Jetzt flackert bei jedem Versuch ein anderes dazwischen, von dem ich mich ablenken lasse. Die Raucherinsel war nach den Sommerferien ohne ihn wie eine leere Zigarettenh�lse, ich sog die Luft ein, besser als gar nichts. Und schlie�lich kann man nicht ewig und abgesondert im tiefen Schatten des Schulgeb�udes seine Stulle m�mmeln, umgeben von Neuntkl�sslern. Wie froh man damals war, endlich neunte Klasse zu sein und in dieses Geb�ude wechseln zu k�nnen und nicht mehr das Geschrei der F�nftkl�ssler in den Ohren zu haben, auch wenn man dadurch pl�tzlich wieder von den �ltesten zu den J�ngsten wurde. Jetzt wieder die �ltesten. Und dann? Das h�rt ja nie auf.</p><p>Im Moment, in dieser Runde, komme ich mir viel �lter vor, beinahe tantenhaft, ein Klon meiner Mutter. Und gleichzeitig viel j�nger, entsetzlich jung und unerfahren, wie ich hier so zusammengefaltet hocke und keinen Piep sage. So muss ich auf sie wirken, oder, sowohl als auch. Wahrscheinlich sagt deshalb keiner was zu mir, flitzen ihre Blicke immer ganz schnell weg. Sie wissen ja, dass ich zwei, drei, vier Jahre �lter bin als sie. Aber das scheint in ihren Augen kein Vorteil zu sein. Eine Achtzehnj�hrige h�tte hier nichts, was eine Vierzehnj�hrige nicht auch hat, inklusive wechselnder Geschlechtspartner mit Auto. Nur dass die Achtzehnj�hrige ihre eigene Sozialkohle abfassen oder sich die Woche �ber in irgendeiner Hotelfachfrau-Lehre verdingen kann, bestenfalls. Aber das interessiert doch keinen, nicht mal die Achtzehnj�hrige.</p><p>�Willst du?�Paul h�lt mir den letzten Stummel des Joints vor die Nase.</p><p>Ich starre auf seine wei�en Finger und frage mich, wie lange er ihn wohl so halten k�nnte, ohne sie sich zu verbrennen. Oder wie er ihn mir �bergeben, ich ihn annehmen sollte, wo doch gar kein Ende zum Annehmen mehr da ist. Ich sch�ttele den Kopf, und Paul dr�ckt ihn schnell aus, die bl�den Weiber kichern schon wieder. Eine sitzt mir gegen�ber, ich nehme sie ins Visier, sie guckt weg, ich nicht, ich gucke sie einfach an, bis sie wieder hochguckt und sagt:�Is wat?�</p><p>�N��, sage ich.�Oder is was?�</p><p>Der Kleine neben ihr lacht meckernd auf, worauf auch die anderen in Heiterkeit ausbrechen.�Toffi, eh!�</p><p>Ich glaube, Paul grinst auch, aber ihn kann ich nicht ansehen, ich konnte die ganze Zeit noch nicht seinen Blick suchen, sein Gesicht, seine Augen, da klafft eine L�cke, ich starre auf den sandigen Betonboden vor mir und bin wie blind. Ich sage mir, ich kann ihn nicht ansehen, weil er direkt neben mir sitzt. Ich wei� nicht, was ich damit meine. Ich kann ihn nicht ansehen, weil er neben mir sitzt und sich ein Bier mit Ecki teilt.</p><p>�Habt ihr noch n Bier?�, frage ich.</p><p>Ecki schnalzt mit der Zunge.�Eh, Gniedeck, ham wir nochn Bier?�</p><p>Gniedeck, der bisher nicht wesentlich zur Unterhaltung sowie auch nicht zur Luftverbesserung beigetragen hat, weil er die ganze Zeit in das Maltr�tieren einer Kerze vertieft war, indem er verschiedene Gegenst�nde, unter anderem seine Stiefelkappe, in ihre Flamme hielt und ihren Wachsk�rper mit zahllosen Einstichen und Ritzungen versah, aus denen tr�pfelnd ihr Lebenssaft abfloss, l�sst jetzt wie aufgeschreckt von seinem Lustobjekt ab, langt hinter sich und kramt eine B�chse STIER-BIER hervor.</p><p>�Dat Letzte�, sagt er. Ich muss grinsen. Weil er nicht merkt, dass das keine rein quantitative Angabe war. Er reicht es Ecki r�ber und Ecki mir.</p><p>�War eigentlich meint, ne�, sagt B�rner und schielt zu Ecki hoch. Ecki feixt.</p><p>�K�nnt�t euch ja teilen�, kichert die Dicke neben Sabrina.</p><p>�Danke, nich n�tig�, sage ich.</p><p>Ecki klopft sich auf die Schenkel.�Ha!�</p><p>Toffi glotzt mich an wie ein Auto. B�rner nimmt wieder seine stoische Haltung ein. Der Name �Stier-Bier� wird bei ihm auf eine ganz neue Bedeutungsebene gehoben.</p><p>Als ich den Verschluss in die pl�tzliche Stille hinein knacken lasse, kommt es mir vor, als h�tte ich ein Ger�usch in der Preisklasse von R�lpsen produziert. Keiner sagt mehr was, alle gucken sie ihre Schn�rsenkel an und sehen aus, als w�rden sie irgendwas Entscheidendes erwarten. Von mir? Von Paul? Von Zeremonienmeister Ecki?</p><p>Die beiden reden auch nicht miteinander, und ich dachte, wunder wie sie sich schon angefreundet h�tten. Sie grinsen sich nur ab und zu an, und einmal hat Paul mit den Schultern gezuckt und Ecki ihm kurz draufgeklopft.</p><p>�Also, ick geh jetz�, sagt ein M�dchen und steht wie in Zeitlupe auf, so, als m�sste sie erst ihre langen Gliedma�en sortieren. Als sie sich vollst�ndig aufgerichtet hat, wirkt sie geradezu imposant, zumal aus der Froschperspektive. Eine St�rchin, die noch unentschlossen scheint, welchen der Fr�sche unter ihr sie aufpicken soll oder ob sie ihr nicht doch alle zu unappetitlich sind. Einen Moment steht sie noch so rum, keiner verabschiedet sie, keine von den anderen sagt, wart ma, ick komm mit. Dabei dachte ich, jetzt geht das gro�e m�dchenhafte Domino-Aufbrechen los. Erst als sie sich zum Gehen wendet, ruft der Picklige ihr nach:�Ey, musste in die Heia oder wat, Jacqueline?�</p><p>�Nee�, sagt Jacqueline,�oder hei� ick etwa Sandro M�ller?�</p><p>Sie bleibt stehen und dreht sich um.�Na los, M�ller, husch, husch nach Hause, sonst gibt�t wieder Mecker von Mutti! Aber denk nich, da�ck mit dir zusammen geh, du Spanner! Denn bleib ick ja lieber noch hier und langweil mich zu Tode!�</p><p>Sandro M�ller sagt:�Fotze!�Eher verhalten. Und dann, lauter, als h�tte es ihn erst einige �berlegung gekostet:�Du hast mir gar nix zu sagen, Jacqueline B�lschow, damit dat klar is, ja? Und wenn dir dat hier zu langweilig is, denn brauchst ja uch nich mehr herkomm�!�</p><p>Na, das ist ja mal ein Wort. Kann ich mich also auch in Zukunft davon suspendieren.</p><p>�Denn h�ttste ja keinen mehr, dem de uffe Titten glotzen kannst�, l�sst Jacqueline noch verlautbaren, bevor sie die T�r hinter sich zuknallt.</p><p>�Pissnelke!�, sagt Ecki.</p><p>�Pissnelke!�, wiehert Toffi,�Wo haste denn dat her, Ecki? Pissnelke, eh!�</p><p>Sabrina neben mir versucht, ein Kichern zu unterdr�cken. Ecki guckt zu ihr r�ber und sagt:�Von meim Vadder. Hat der immer �ber die Tussi inner Kneipe gesagt, wie dat hier noch die Kneipe gab, dr�ben in dat Kulturhaus, wo er immer mit mir hin is, wo ick noch l�tt war. Dat wei� ick noch, wie er dat immer zu die gesagt hat, wenn se ihm kein Bier mehr geben wollt, oder kein Schnaps. �Pissnelke� hat er denn immer zu die gesagt, und so laut, dat uch alle dat h�rn konnten! Manchma uch zu meine Mudder, wie se noch da war. Nu hat er ja keinen mehr, zu dem er dat sagen kann.�</p><p>�Au�er dir, wa?�, platzt die Dicke zwischen zwei Kaugummiblasen hervor.</p><p>Die Jungs gr�len. Ecki sagt:�Dat merk ick mir, Erna�, er grinst sie an,�dat merk ick mir!�Ein b�ser Clown.</p><p>�Ick hei� nich Erna�, mault die Dicke.</p><p>�Klar, Erna�, sagt Ecki.�Oder, Sabrina, die hei�t doch so, oder? Oder wie hei�t die, deine Freundin?�</p><p>Sabrina guckt nicht mal hoch.</p><p>�Na los, sag doch! Die hier wolln dat vielleicht uch ma wissen, hh?�</p><p>Ich will gar nichts wissen.</p><p>�Anne�, sagt Sabrina.�Dat wei�t du ganz genau.�</p><p>�Anne!�, johlt Ecki,�Anne, die dicke Wanne!�</p><p>Alles lacht.</p><p>�Is doch nu egal, Anne oder Erna! Beides beschissen!�</p><p>Ich trinke mein Bier, das irgendwie auch nicht weniger wird. �berlege, ob diese kalte Pl�rre es besser oder schlimmer macht.</p><p>Der gute Sandro muss noch was loswerden:�Die geht doch jetz blo� mit ihrm K�ter ficken, wa, B�rner?�</p><p>Schlimmer.</p><p>�Bist nu langsam ma fertig, M�ller?�, sagt Ecki.</p><p>Dann wieder allgemeines Geschweige, geradezu and�chtig. Vielleicht verstehe ich einfach das Muster nicht. Nach dem hier � ja was?��</p><p>�Wieso kommste eintlich nich �fter ma her?�</p><p>Was? Die Frage erscheint mir komplett unsinnig, unsinniger als jede Verlegenheitsbemerkung. Aber Ecki nimmt mich lauernd aufs Korn; ich wei�, er wird nicht wegsehen, bevor ich nicht geantwortet habe. Das Leben ist ein einziges Tribunal. Ich denke, nur deshalb bin ich so gerne alleine. Es ist schon anstrengend genug, sich st�ndig vor sich selbst zu rechtfertigen.</p><p>�Na ja � ich glaub, ich hab den gleichen Grund wie Jacqueline.�</p><p>�Wat? Wat soll dat denn jetz hei�en?�</p><p>Ich habs geahnt.</p><p>�Gehste etwa uch mit dein K�ter���</p><p>�Schnauze, Mann!�Sandro M�ller verabreicht B�rner einen Katzenkopp und schmalzt mich dann auf eine unwahrscheinliche Weise an.�Musste nich druff h�rn, wat der Arsch sagt!�Seine Blicke heften sich an eine Stelle knapp unterhalb meines Kopfes, als sei er sich noch nicht so ganz sicher, ob er jetzt dahin starren soll, wo bei Jacqueline ihre nicht unerheblichen Br�ste angebracht sind. Oder ob es sich lohnt. Es lohnt sich nicht, schon allein, weil meine Knie einen langsam versteinernden Schutzwall bilden. Trotzdem kommt mir meine Jacke und jede Schicht darunter pl�tzlich durchsichtig vor.</p><p>�Achso�, sagt Ecki,�du findst dat wohl uch langweilig hier?�</p><p>Es klingt wie eine dieser Fragen, die man besser nicht mit ja beantwortet.</p><p>�Ja. �Was soll ich sonst sagen. Allerdings. Mein �ja� war nicht gerade ein �allerdings�.</p><p>�Wieso?�, bohrt Ecki.�Wat machstn du so in deine Freizeit?�</p><p>Etwas Unsagbares. Etwas hier absolut Unsagbares.</p><p>�Lesen. �Ich merke, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt, als h�tte ich gerade ein �u�erst abartiges Hobby zugegeben, ein Laster. Abartig ist aber auch relativ.</p><p>�Lesen?�Ecki scheint sich langsam zu fragen, ob es eine seiner besseren Ideen war, mich herzubestellen.</p><p>�Haste n Freund?�, fragt Sandro M�ller.�Nee, wa?�</p><p>Durchsichtig ist gar kein Ausdruck.�Nee.�</p><p>�Wusst ick!�</p><p>�Vleicht will se dat uch blo� nich sagen�, Ecki grinst,�wegen dem da. �Ein Kopfzucken in Pauls Richtung. Mir wird allm�hlich klar, warum Ecki hier der Anf�hrer ist. Er hat mehr Phantasie als die anderen. Paul sieht mich an, sieht mich nach einem halben Jahrhundert wieder an, es ist wie ein Schock, als w�rde jemand, den man l�ngst verschollen glaubte, pl�tzlich vor einem stehen, Kriegsheimkehrer oder so, und nur deshalb werde ich rot. Ich sage mir, dass er wohl nicht alles verstanden hat.</p><p>Ich sch�ttele mit dem Kopf, mehr f�r ihn.</p><p>�Willste ihn als Freund haben�, Sandro M�ller fixiert mich,�na, ick mein, w�rdste mit ihm�� also, na�� wei�t schon���</p><p>Gekicher. Ich gucke Sandro M�ller an, direkt auf seine Eiterpickel.</p><p>�Na�� wei�t schon�, nuschelt er.</p><p>�Mann, nu lasst ihr doch ma in Ruhe!�So wie M�ller vorhin schwingt sich auf einmal Ecki zu meinem Besch�tzer auf. Ich w�nschte, ich h�tte einen anderen. Nein. Ich w�nschte, ich k�nnte mein eigener Besch�tzer sein.</p><p>�H�ngste denn nie mit andern Leuten rum?�, fragt Ecki, beinahe verst�ndnisvoll.</p><p>�Doch�, sage ich.�Manchmal.�</p><p>�Ja? Mit wen denn so?�</p><p>Ich zucke mit den Schultern.�Kennt ihr nich.�</p><p>�Nee? Biste nich �fter bei die komische Wachlowski, ick hab euch doch da ma gesehn neulich.�</p><p>�Ja, na und?�</p><p>�Na, ick mein, wat willstn da, ick mein, die hat doch ganz sch�n ein� anner Waffel, oder?�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Wei� ick doch nich, wieso, aber sagen die doch alle. Ick seh die noch, wie die da damals mit Stucker, na, ick sag nix���</p><p>�Eh, wat denn, Ecki?�</p><p>�Sag doch ma!�</p><p>�Nee.�</p><p>�Wollt die nich heut Abend eintlich mitkommen?�, fragt Toffi.</p><p>�Mann, Toffi, biste scharf uff die?�</p><p>�Nein, wollte sie nich�, sage ich in das Gel�chter hinein. Was war das eben? Mir ist komisch auf einmal. Was als Verteidigung einer Freundin gedacht war, wird zur Verteidigung einer Fremden.</p><p>�Na, jeenfalls, wollt ick blo� ma sagen�, Ecki nimmt pl�tzlich den Blick von mir weg,�jeenfalls, kannst ja uch �fter ma hierherkomm.�</p><p>�Keine Zeit�, sage ich prompt.</p><p>Wie auf ein Stichwort hin wacht Gniedeck pl�tzlich auf:�Wieso?�</p><p>Ja, wieso? Ich kann doch jetzt nicht noch mit irgendwelchen � nicht existenten � Pflichten im Haushalt oder gar Hausaufgaben kommen.</p><p>�Ach, na ja, da red ich eigentlich nich dr�ber.�</p><p>Ich h�tte nie gedacht, dass es so leicht ist, von einem Augenblick auf den anderen zur interessantesten Person in einer Gruppe von Leuten zu werden, die sich so recht f�r nichts interessieren.</p><p>�Wieso?�, sagt Gniedeck noch einmal. Vielleicht ist es das einzige Wort, das er nach der Kerzenschlachtung noch zwischen seinen Wortschatzst�mpfen aufst�bern konnte. Im Moment ist es f�r alle das einzige Wort.</p><p>�Na los, sag doch!�</p><p>�Kannste ruhig sagen, wir erz�hln dat uch nich weiter!�</p><p>�Is dat wat mit Drogen?�, fragt B�rner.</p><p>Ich l�chle.</p><p>�Nein�, sage ich,�mit Hasen. Es is wegen den Hasen.�</p><p>�Hasen? Wat denn f�r Hasen?�</p><p>�Z�chteste Karnickel, oder wat? Wie mein Opa?�</p><p>Sabrina kriegt einen Lachanfall.</p><p>�Karnickel!�, sage ich ver�chtlich.�Wenn ich Hasen sage, dann mein ich auch Hasen, noch nie n Hasen gesehn?�</p><p>�In echt?�, fragt Toffi.</p><p>Und Ecki:�Nee, im Fernsehn, Mann!�</p><p>Alle gackern nur kurz auf, aus Angst, irgendwas Erhellendes zu verpassen.</p><p>�Und wat is nu mitte Hasen?�</p><p>�Was soll damit schon sein? Fell ab und ab in den Kochtopf. Meine Mutter macht den besten Hasenbraten weit und breit. Schon mal Hasen gegessen?�</p><p>�Wie jetz? Wo haste die denn her?�</p><p>�Wo ich die herhab? Na, wie stellt ihr euch das denn vor? Dass die mir zugelaufen kommen? Nee, da muss man schon selber was f�r tun, und da braucht man eben Zeit f�r. Jede Menge Geduld, ich wei� nich, ob ihr Geduld daf�r h�ttet, kann ich mir eigentlich nich vorstellen. Man muss da auch alleine gehen, sonst is ja gleich der ganze Wald in Alarm. Ich bin oft da drau�en, hier quer �bers Feld, ich kenn die Stellen. Wo man gut Hasen aufst�bern kann. Meist unter Baumst�mpfen.�</p><p>�Du gehst uff Hasenjacht?�</p><p>�Ja. Sprech ich irgendwie undeutlich?�</p><p>�Na, nee, aber���</p><p>Dem guten Ecki d�mmerts langsam, dass man noch geilere Sachen machen kann, als an die Blumentapete von nem ausgeweideten LPG-B�ro zu pinkeln.</p><p>�Mitm Gewehr?�</p><p>�Nee-e�, sag ich.�Mitm Messer.�</p><p>�Echt?�, fragt Toffi.</p><p>Ecki guckt mich nur noch ungl�ubig und irgendwie auch leicht s�uerlich an.</p><p>�Na, ich nehm doch kein Gewehr in die Hand. Auch viel zu auff�llig. Nee. Man muss sich nur einfach vors Loch setzen und lange genug warten. Irgendwann kommt schon einer raus. Aber man darf da nich d�sen. Da muss man n�mlich schnell sein, ganz schnell zupacken, und in der andern Hand muss man schon das Messer bereit haben, und dann zack, die Kehle durch. Ein Schnitt, keine Pfuscherei.�</p><p>Das M�dchen neben Toffi, h�chstens dreizehn, rei�t die Augen auf.�Du machst die tot?�</p><p>Ich bin kurz irritiert, weil die Betonung auf �tot�, nicht auf �du� liegt.</p><p>�Na, denkst du, ich f�hr die an der Leine spazieren?�</p><p>Nerv�ses Lachen.�Und wie viele haste da schon so gefangen?�</p><p>�Na, so � vielleicht ungef�hr zwanzig.�</p><p>�Zwanzig?�</p><p>�Na ja, man kriegt ja auch nich immer einen. Paar sind mir auch durch die Lappen gegangen, muss ich ja zugeben. Manchmal f�ngt man lange keinen. Dann muss eben was andres her, das staut sich sonst so an. Wisst ihr, wie bei Katzen, wenn die lange keine Maus fangen und einem dann in die Hacken krallen.�</p><p>�Und wat f�ngste denn?�</p><p>�Na ja, sollt ich vielleicht nich sagen, aber, na ja�� wir sind ja hier unter uns. Hunde.�</p><p>�Wat?! Du killst K�ter?!�Eckis Stimme hat M�he, nicht im �berschlag h�ngen zu bleiben.</p><p>�Na ja, so w�rd ich das nich nennen. Is ja auch leichter mit denen, die sind ja zutraulicher. Is euch noch nich aufgefallen, dass es n paar weniger geworden sind im Dorf? Die meisten denken dann ja sowieso, dass ihr Wauwi eben abgehauen is.�</p><p>�Mann, spinnst du? Ick k�nnt dich anzeigen deswegen!�</p><p>�Ach, Ecki, tu dir keinen Zwang an. �brigens hab ich mir Jacquelines Westi schon ausgeguckt, d�rfte euch doch recht sein. Aber ich wart noch n bisschen, bis sie ihn richtig dickgef�ttert hat.�</p><p>Es ist schwierig, nicht als Erste zu lachen. Aber es dauert ein paar Sekunden, und dann macht die dicke Anne auf einmal ganz schnell hintereinander:�H�h�h�!�</p><p>Paul grinst vor sich hin. Und ich versuche, nicht zu sehr loszuprusten, das ist auch so eine Anomalie bei mir. Dass ich am meisten immer �ber die Dinger lachen muss, die ich selber von mir gebe. B�rner zeigt mir einen Vogel. Toffi braucht ein bisschen und guckt erst von einem zum anderen, bevor er in die Laute miteinstimmt, die eher wie Reaktionen auf den comic relief in einem Horrorfilm klingen als nach echtem Am�sement. Au�er bei Toffi, der sich gar nicht wieder einkriegt.�K�ter!�, st��t er immer wieder hervor,�K�ter!�Ich mache mir Sorgen, ob er mitbekommen hat, dass der Hasen-Teil dazugeh�rte.</p><p>Ecki grunzt ein bisschen.�Mann, du hast echt ne Macke!�Er guckt vor sich hin, als h�tte er irgendwas zu seinen F��en entdeckt, das seine Gem�tsverfassung arg aus dem Gleichgewicht bringt. Dann scheint ihm pl�tzlich etwas einzufallen, und er grinst.</p><p>�Na, jetz wei� ick jeenfalls, warum de mit diese Wachlowski rumh�ngst. Gleich und gleich gesellt sich gerne, oder wie dat hei�t.�</p><p>�Ecki! Wo haste dat denn gelesen?�</p><p>Sie lachen, lachen wie immer. Ecki, der Anf�hrer, hat die Ordnung wiederhergestellt.</p><p>Ich versuche, mein schales Bier in einem Zug auszutrinken. Ich schaffe es nicht ganz, ein Rest bleibt drin. Ein Rest bleibt immer, denke ich. Wieso? Ich gr�ble, ob mir ein Beispiel einf�llt. Es f�llt mir keins ein. Im Moment.</p><p>Als ich schon Anstalten machen will aufzustehen, denn ich gehe jetzt, jawohl, mit oder ohne Paul, knufft mich auf einmal Sabrina in die Seite. Meine Hand wird kurz gegen die von Paul gedr�ckt, er reagiert nicht.</p><p>�Eh�, sagt Sabrina, ich sehe sie erschrocken an.�Eh, sag ma, du bist doch uch uffm Gymnasium.�</p><p>Ich wei� nicht so recht, ob das eine Frage sein soll, vorsichtig nicke ich.</p><p>�Wie isset�n da so?�</p><p>�Wieso?�Was Besseres f�llt mir auch nicht mehr ein. Wie solls da schon sein. Normal eben, irgendwas zwischen Stress und Langeweile. Ein Jahr noch, denke ich schon wieder, und dann?</p><p>�War ja nur ne Frage�, sagt Sabrina eingeschnappt, und zu Anne:�Und du halt gef�lligst dein Maul!�</p><p>Anne kichert unbeeindruckt weiter und vertraut mir dann an:�Sabrina will n�mlich uch ufft G�m-na-si-um!�, worauf sie sich halbtot lacht.</p><p>Es geht so schnell, dass ich nur noch ein Klatschen h�re und dann sehe, wie die eine sich halb heulend die Wange reibt, die andere ihre Hand.</p><p>�Haste nu davon�, sagt Sabrina und wendet sich wieder mir zu. Sie spricht so leise, als wolle sie mir ein Geheimnis offenbaren.</p><p>�Meine Klassenlehrerin sagt n�mlich, ick soll zum Gymnasium, ick h�tte dat Zeug dazu, ick hab uch ziemlich gute Zensurn���</p><p>�Streberin!�, nuschelt B�rner.</p><p>�Siehste�, sagt Sabrina.�Ick h�tt ja schon dieset Jahr hinsollen, aber wie die Schule letzten Monat wieder losging, bin ick erst ma, als wenn nix w�r, wieder nach Schmalditz. Da ham die mich denn ganz gro� angeguckt. Ick hab so getan, als w�sst ick von nix. Durft ick denn uch erst ma paar Tage bleiben, bis die vom Gymnasium bei meine Alten angerufen haben, wo ick denn bleiben w�rd und so���</p><p>Ecki lacht vor sich hin, viel zu laut, und blickt sich um, ein paar machen mit. Sabrina wirft ihm nur einen kurzen desinteressierten Blick zu.</p><p>�Na, und denn bin ick erst ma krank geworden.�</p><p>Ich schaue sie verbl�fft an. Sie kann das also. In Ohnmacht fallen.</p><p>�Aber nu muss ick mich bis n�chste Woche entscheiden. Schei�e, Mann!�</p><p>Ich stelle die bl�de Frage nun trotzdem:�Und warum willst du nich? Ich mein, aufs Gymnasium?�� Es is ganz okay da. �Das klingt so was von gelogen.</p><p>�Na ja, weil�� ick kenn doch da keinen. �Sie druckst ein bisschen herum. Dann sagt sie sehr schnell:�Na und weil die dat hier nich wolln, die denken denn ja, ick�� ick will wat Bessres sein. �Sie heult ganz unvermittelt los, damit habe ich nicht gerechnet.</p><p>�Denn geh doch, Heulsuse!�, ruft Ecki.</p><p>�Mann, lass sie in Ruhe, du Arsch!�, sagt Anne auf einmal.�Bist ja blo� neidisch!�</p><p>Und Ecki sagt nichts.</p><p>Ich wei� nicht, was <emphasis>ich</emphasis> noch sagen soll. Ich merke, dass ich sie nicht tr�sten kann, wei� auch gar nicht, ob das n�tig ist. Schlie�lich f�rdere ich einen Satz zutage, der mir selbst nicht besonders hilfreich vorkommt:�Du kannst nicht wissen, wie es ist, bevor du nicht da warst.�</p><p>Sabrina sieht mich an. So schnell, wie sie zu weinen anfing, hat sie auch wieder aufgeh�rt. Wie macht sie das? Sie sieht mich nur an, nichts weiter.</p><p>Pl�tzlich merke ich, dass Paul neben mir steht.�Ich denke, ich muss gehen jetzt�, sagt er. In die Runde. Zu mir nichts. Ich warte, aber es kommt nichts. Sowieso, denke ich, sowieso l�uft das hier alles doch schon wieder v�llig falsch. <emphasis>Ich</emphasis> wollte l�ngst aufgestanden sein. <emphasis>Ich</emphasis> wollte sagen, ich gehe. Und blo� wegen Sabrina R�tz. Ist mir doch egal, ob sie in ihrer Dorfschule versauert. Aber <emphasis>ich</emphasis> muss jetzt wieder folgsames Herdentier spielen und sagen, warte, ich komm mit. Aber da habe ich doch auf einmal so einen ganz schlechten Geschmack auf der Zunge, der direkt aus der Kehle kommt und kein einziges Wort passieren l�sst. Ich stehe auf. Die Angst, dass er sich einfach umdreht und geht. Dumme Angst. Ich will ihm nicht hinterherlaufen. Ich will nicht, dass sie es sehen.</p><p>�Also, tsch�� denn�, sage ich, und Paul:�See you.�</p><p>�Jo � tsch�� denn�, ruft Ecki, ein bisschen �berrumpelt. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist alles ganz normal, wie immer, und wenn ich mich jetzt umdrehte, s�he es vielleicht so aus, als w�ren wir nie dagewesen.</p><p>Als wir drau�en sind, bleibt Paul pl�tzlich stehen und legt mir von hinten seine Hand auf die Schulter:�Romy?�</p><p>Ich k�nnte auf der Stelle losheulen. Aber ich wende das optimierte Sabrina-Prinzip an. Ich h�re auf, bevor ich �berhaupt angefangen habe.</p><p>�Was ist?�Meine Stimme klingt so d�nn wie das Seil, auf dem sie balanciert.</p><p>�Nimmst du mich mit � ich mein, wenn du wieder gehst Hasen jagen?�</p><p>Ich lache, es bricht nur so aus mir raus, es sp�lt den schlechten Geschmack einfach weg, Paul und ich lachen, ich lache und lache, um nicht zu heulen, aber ich heule, aber es ist dunkel.</p><p>Paul fragt:�Und? Hast du noch Angst?�</p><p>�Angst?�, frage ich. Welche Angst. <emphasis>Welche</emphasis> Angst?� Wovor?�</p><p>�Vor sie.�</p><p>Ich wei�, dass er l�chelt.</p><p>�Vor <emphasis>ihnen</emphasis>�, sage ich �rgerlich.</p><p>Wir warten. Aufeinander. Schlie�lich fragt Paul:�Soll ich dich nach Hause bringen?�</p><p>Ich unterdr�cke jeden euphorischen Aufruhr an meinen Synapsen, denke: Deutsch-Konversationskurs f�r Anf�nger, und sage:�Danke, nicht n�tig. �Ein Rest bleibt immer.</p><p>�Sicher?�</p><p>�Ich habe keine Angst�, rufe ich �ber die Schulter.</p></section><section><title><p><strong>ELLA</strong></p></title><p>Muss ich jetzt hingehen? Ich hab Paul gefragt, ob er mal hingeht, ich hab mich nicht getraut zu fragen, ob wir zusammen gehen wollen. Er hat gesagt, ja, mal sehen, h�rte sich nicht so an, als wenn er unbedingt will. Aber er muss doch wissen, was los ist, ich mein, das kann doch nur wegen gestern Abend sein. Aber er hat nix gesagt. Ich hab auch nicht gefragt. Als Romy heut Morgen nicht zum Bus kam, hat er blo� mit den Schultern gezuckt und gesagt:�Vielleicht sie ist krank.�</p><p>Sie ist krank? Glaub ich nicht. So auf einmal? Wei� ich nicht, ob sie das kann. Ich konnt das eins a fr�her, einen auf krank machen.�Markieren�, wie Vati immer gesagt hat.�Nu markier ma hier nich rum. �Aber Schiss hat er doch gehabt, wenn das Fieberthermometer auf neundunddrei�ig acht stand. Konnt er ja nicht ahnen, dass ich den Trick von Thorsten hatte. Das mit dem Reiben an der Wollsocke, das hat funktioniert. Da w�r ich von alleine nie draufgekommen. Auch, als sie uns das in Physik sp�ter mit der Reibung und der ganzen Energie erkl�rt haben, w�r ich da nicht draufgekommen. Das war mein Gl�ck. Manchmal ist das n�mlich gar nicht so verkehrt, bisschen schwer von Kapee zu sein. Weil, Vati h�tt doch nie im Leben vermutet, dass seine doofe Tochter sich so was ausdenkt. Der hat doch immer gedacht, er kann mir ins Gehirn gucken,�ich wei�, was da drin vorgeht, nich dat du denkst�, hat er gesagt und mir dabei an den Sch�del gekloppt, und:�nich grade viel n�mlich�. Aber so doof war ich nun auch wieder nicht. Das hab ich nie geglaubt. Gab ja genug Gegenbeweise. Seit ner Weile hab ich eher das Gef�hl, ich k�nnte bei ihm reingucken. Zum Beispiel kann ich da ganz genau sehen, dass er bis heute keinen blassen Schimmer von der Sache mit dem Thermometer hat. Ich frag mich, wie er auf die Art Lehrer sein kann. Thorsten hat das �brigens nie gemacht. Der hat sich blo� immer eins gegrinst, wenns bei mir mal wieder so weit war. Wenn ich morgens aufgewacht bin und gewusst hab: heut kann ich auf keinen Fall zur Schule. War ja eigentlich auch ne Art Krankheit.</p><p>Irgendwann hab ich denn aber aufgeh�rt damit, war mir dann zu affig. Vielleicht hatte das auch was damit zu tun, dass sie uns damals diesen Film gezeigt hatten, gleich in der Sechsten. Son Aufkl�rungsfilm, ich glaub, der war noch gar nicht f�r uns, aber wahrscheinlich haben sie gedacht, sicher ist sicher, und das war ja auch kurz nach der Wende, und da dachten die vielleicht, das muss jetzt so sein, jetzt machen wir das wie im Westen. Keine Ahnung, ob sie das im Westen so machen. Jedenfalls, man wusste nicht so richtig, ob man sich nun ekeln oder totlachen soll, irgendwie beides. Die meisten hatten bestimmt Alptr�ume danach. Ich hatte welche. Ich mein, unsere Eltern w�ren aus allen Wolken gefallen, wenn man denen gesagt h�tte, sie m�ssten uns jetzt langsam mal paar reale Sachen erkl�ren. Man wusste zwar son bisschen was, aber nicht <emphasis>so</emphasis> genau. Ich hatte ja auch Thorsten manchmal nackig gesehen. Aber nicht <emphasis>so.</emphasis> Und zu der Zeit sowieso nicht mehr, da hat er immer die Badt�r hinter sich abgeschlossen, was besonders Mutti nicht in Kopp wollte. Ausgerechnet wenn er im Bad war, musste sie da auch unbedingt rein, und wieso er sich denn so hat. Furchtbar peinlich. Ich hab dann auch immer abgeschlossen, obwohl ich das eigentlich noch nicht brauchte.</p><p>Das mit dem Film ist �brigens auch nie rausgekommen. Weil wahrscheinlich keiner wusste, wie er das zu Hause erz�hlen soll. Was dann wieder den Nachteil hatte, dass wohl jeder fr�her oder sp�ter noch mal sone private Aufkl�rung �ber sich ergehen lassen musste. Unter vier Augen.�Ella, kommst du mal?�Als wenn es jetzt gleich Gemecker und irgendeine Strafe geben w�rd, und das war auch wie ne Strafe, blo� wof�r. Wahrscheinlich auch schon mal vorbeugend, f�r alle� Dummheiten�, die damit zu tun haben.�Mach keine Dummheiten�, das wurd ja bei jeder Gelegenheit gesagt. Aber anders als fr�her wusst ich danach genau, was Mutti damit meinte, schon wie sie guckte, wenn das zum Beispiel auf Klassenfahrt ging. Vielleicht hab ich das alles blo� deshalb gemacht. Aus Rache. Daf�r, wie sie mich bei ihrem Aufkl�rungsunterricht zwischendurch angegrinst hat, immer wenn sie dachte, dass sie mir nun grade was besonders Schockierendes erz�hlt hat. Das hat ihr n�mlich Spa� gemacht. Und ich musste mir das alles von Anfang bis Ende anh�ren und konnte nicht sagen, ich wei�, weil, denn w�r das Grinsen aber sofort weg gewesen, und immer noch besser das, als gefragt zu kriegen: woher? Das mit dem Film h�tte sie mir gar nicht geglaubt, und wenn doch, dann h�ttes Strafe daf�r gegeben, dass ich das nicht eher gesagt hab. Das war alles viel schlimmer als der Film, sogar schlimmer als diese Szene, wo einer sich einen runterholt, also �masturbiert�, und wo sie seinen Schwanz ganz gro� im Bild zeigen, und weswegen ich das dann vielleicht nicht mehr mit dem Fieberthermometer gemacht hab. Das war dieselbe Bewegung. Das Wort schoss mir wochenlang im Kopf rum, �Masturbation�, bei den bl�desten Gelegenheiten, als wenn dir einer pl�tzlich ganz kurz in die Magenkuhle haut. Ich glaub, das war mein erstes Fremdwort. Ich hab mich gefragt, ob es bei M�dchen so was auch gibt, aber <emphasis>wie</emphasis> denn? <emphasis>Das</emphasis> haben sie nicht gezeigt. Das musste man erst selber rauskriegen.</p><p>Komisch, aber Paul ist der Erste, bei dem ich nicht sofort an seinen Schwanz gedacht hab. Ich kann nix dagegen machen. Immer wenn mir einer n bisschen l�nger vor die Linse kommt oder ich mit ihm reden muss, hab ich pl�tzlich seinen Schwanz im Kopp, und das wars. Schei�egal, was er macht oder was er so von sich gibt, ich kann dann nicht mehr zuh�ren, ich ekel mich nur noch. Vielleicht nicht ekeln, aber irgendsowas, wovon einem alles vergeht. Sogar wenn er nett ist. So wie letztes Jahr mal dieser Tobias Schneider, der kannte mich ja auch nicht. Der hat das echt geschafft, mir eine von seinen Sch�lerzeitungen anzudrehen, blo� weil er irgendwas gesagt hat, wodr�ber ich lachen musste. Aber wie ich ihm dann das Geld gegeben hab und meine Finger kurz an seine gekommen sind, hab ich gedacht, dass er vielleicht grad vorher aufm Klo war. Die Zeitung hab ich im Essenraum liegen lassen.</p><p>Bei Paul kann ich nicht mal �Schwanz� <emphasis>denken</emphasis>. Erst gings nicht, weil er so anders war, so fremd, das hat mich wohl irgendwie abgelenkt. Und jetzt auch nicht mehr. Vielleicht ist das dann weg, wenn man sich kennenlernt. Anfreundet. Sind wir jetzt eigentlich Freunde? Ich mein, alle? Oder ist das immer was anderes, zwischen Paul und mir, und mir und Romy und Romy und Paul? Ob er irgendwas mit Romy gemacht hat? Er war heut den ganzen Tag so komisch. Nicht direkt zu mir, was ich ja noch verstehen k�nnt. Mehr so allgemein. In Bio, als Frau Waller ihn was gefragt hat, hat er blo� gesagt:�Ich wei� nicht. �Und das hab sogar ich gewusst. Die Waller hat ganz entt�uscht geguckt, weil sie n�mlich scharf auf ihn ist, merkt doch jeder. Und denn nimmt die auch glatt mich ran, weil, da war sie sich sicher, dass ich bestimmt keine Ahnung hab und ihr toller Paul also nicht doof da steht. Was sollt ich machen?� Keine Ahnung�, hab ich gesagt.</p><p>Nachher, im Bus, hat er nicht gefragt, ob wir uns heute treffen. Als wenn das ohne Romy sowieso nicht gehen w�rde. Ist ja auch so. Ich h�tte Schiss, dass mir gar nix einf�llt, mit Paul alleine. Dass wir dann beide blo� dasitzen und auf Romy warten.</p><p>Manchmal m�cht ich ihn anfassen, einfach so. Weil er aussieht, als ob man ihn gar nicht anfassen kann.</p><p>Vielleicht will er noch mal zur Elpe. Das kapier ich echt nicht. Kann sein, es ist anders f�r ihn. Trotzdem. Ich dachte, er w�r anders.</p><p>�Wasn das?�</p><p>Mann! Immer wenns grad gar nicht geht, kommt Vati angelatscht. Dabei wollt ich gleich wieder weg sein aus der K�che, hab mir nur schnell n Glas Tomatensaft eingekippt.</p><p>�Hey, Fr�ulein, ich red mit dir! Was trinkst�n da?�</p><p>Ach, leck mich doch.�Blut.�</p><p>Ich bin schon halb an der T�r, als Vati mich am Arm festh�lt. Der Saft plempert �ber. Ist gar nicht zu sehen auf dem schwarzen Pullover. Ich w�rd am liebsten aua sagen, sag ich aber nicht.</p><p>�Nu spiel dich ma hier nich auf. In letzter Zeit h�ltste dich ja wohl f�r wer wei� was, na, anscheinend f�rn Vampir. Kannste dich nich einmal wie n normaler Mensch benehmen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und wieso nich?�</p><p>�Na weil ich nich normal <emphasis>bin</emphasis>! Oder haste da neuerdings ne andre Meinung zu?�</p><p>�Wieso sollst du nich normal sein? Du bist auch nix andres als wir! Du bist auch blo� meine Tochter!�</p><p>Ich gucke ihm direkt in die Augen. Gen�gt eigentlich schon. Als er blinzelt, tut er mir fast leid. Er l�sst los.�Ach ja?�, sage ich.</p><p>Er sagt:�Ja, Ella�, aber da hab ich die T�r schon zu.</p><p>Das ist doch gelogen! Eine Schei�-L�ge ist das doch!</p><p>Oben kipp ich den Tomatensaft auf die Palme, die Mutti mir ins Zimmer gestellt hat. In meinem Schreibtischfach ist keine einzige Zigarette mehr. Sind alle gestern Abend draufgegangen. Also Treppe wieder runter und raus, erst mal raus. Ist mir egal, ob mich einer sieht. Ist mir schei�egal, ob mich einer in diesen Winterbotten sieht, ich hab jetzt keinen Nerv f�r Schn�rsenkel.</p><p>Es ist ganz sch�n hell drau�en. Ich wei� auch nicht, wieso, aber ich komm mir auf einmal wie rausgeschmissen vor. Als w�r ich hier die ganze Zeit blo� als Gast oder so gewesen, als w�rd ich jetzt auf ner v�llig fremden Stra�e in ner v�llig fremden Gegend rumstehen. Ich mein, auf den ersten Blick sieht nat�rlich alles wie immer aus, so, dass man schon gar nicht mehr hinguckt. Aber jetzt guck ich hin. Und das hat alles irgendwie �berhaupt nix mit mir zu tun.</p><p>Dass das Ding nicht mehr funktioniert, seh ich eigentlich schon von weitem. Ich geh trotzdem hin. Mit dreizehn hab ich meine erste Schachtel Kippen aus diesem Automaten geholt. Ich wei� noch, welche Marke, nat�rlich die falsche, die aber alle rauchen. Hat ein halbes Jahr gedauert, bis die alle war. Nachher bin ich auch noch paarmal hin, aber blo� im Dunkeln, mit Kapuze �ber, dass nicht einer noch was meinen Eltern zu erz�hlen hat, oder einer von denen mich erkennt. Ist aber alles ewig her. Heute w�rd ich mich das gar nicht mehr trauen, komischerweise. H�tt ich auch nicht gedacht, dass das jetzt schon losgeht. Dass man sich manche Sachen jetzt nicht mehr traut, wo man fr�her gar nicht dr�ber nachgedacht hat. Muss am Nachdenken liegen. Blo�, wo kommt <emphasis>das</emphasis> her? Bei uns in der Familie hat doch nie einer nachgedacht, h�chstens mal Thorsten, und das war mir immer zu anstrengend.</p><p>Die Markenschildchen sind ausgeblichen und haben ganz komische Farben angenommen, wie manchmal bei Gastst�tten, wo sie die Gerichte fotografieren und drau�en hinh�ngen und man nicht wei�, ob sie einen damit anlocken oder abschrecken wollen, gr�ne Pommes, blaue So�e. Sieht alles aus wie ne missgl�ckte F�lschung von nem Zigarettenautomaten, wie ne polnische Raubkopie oder so. Ich trete einmal dagegen, als h�tt ich Geld reingesteckt und es w�rd nix rauskommen, Reflex von fr�her, wir haben auch gegengetreten, wenn was rauskam, und kam ja immer was raus, also hatten wir eigentlich keinen Grund. Ich fass sogar ins Ausgabefach rein, liegt alles M�gliche drin. Elpe-Dreck. Irgendwas klebt. F�r einen Moment hab ich mich gar nicht geekelt. So wie fr�her, als Kind, als man mit sonstwas rumgemanscht hat. Und wie fr�her wisch ich mir die Hand an der Hose ab.</p><p>Der Automat ist jedenfalls so tot wie das olle Kulturhaus. Blo� deshalb hatten sie den ja da hingestellt, sp�ter, als da denn die Kneipe drin war. Das Schild h�ngt immer noch: USCHIS Dorfkrug. Leuchtet blo� abends nicht mehr. Saufen die jetzt eigentlich alle zu Hause, ich mein, nur noch?</p><p>Kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass da die Obermacker von Bresekow drin gewohnt haben, und dass dieser verkommene l�tte Park hintendran mit dem Modderloch von T�mpel drin, dass das mal n richtiger Garten war, wo die Gutsbesitzerg�ren drin gespielt haben und wo keiner rein durfte. Erz�hlt Oma immer von. Blo� ihr Schwiegervater durfte rein, weil er Tierarzt war und nach den Pferden gucken musste. War anscheinend ne Ehre, na ja. Und dass da mal n Flugzeug reingest�rzt sein soll, in den T�mpel. Im Zweiten Weltkrieg. Das hab ich ihr irgendwie nie geglaubt. Das konnt ich mir gar nicht vorstellen, wie das da reingepasst haben sollte. Na ja, ist ja vielleicht nicht direkt versunken, wie das mir nu wieder vorschwebte. Irgendwie passiert doch nie was richtig.</p><p>Und jetzt? Ich kann doch jetzt nicht zur�ck in meine Karnickelbuchte da oben, ich dreh durch. Aber ich kann auch schlecht wie Eckensteher Nante hier mitten auf der Plaza kleben bleiben. Die h�ngen bestimmt schon alle hinter ihren Gardinen. Wahrscheinlich wissen die gar nicht, wer ich bin. Segg eis, weckern is dat denn? Is dat nich de Dochter von�� Ist sie nicht, �tsch. Wieso muss man immer irgendwas <emphasis>von</emphasis> irgendwem sein? Die Tochter, die Schwester, die Freundin von � und zu.</p><p>Seit f�nf Minuten versuch ich, irgendeine Richtung einzuschlagen, irgendeine. Aber immer, wenn ich losmarschieren will, denk ich, nein, da lang nicht. Schlussendlich ist es vielleicht ganz egal, weil die hier alle ganz pl�tzlich ausgestorben sind und ich die letzte Bewohnerin von Bresekow bin, und das ist das letzte �von�, und alle Wege geh�ren mir. So sieht das jedenfalls aus.</p><p>Als ich mich umdreh, muss ich blinzeln, voll gegen die Sonne. Eine schei� Demse ist das heute. Irgendeiner hat anscheinend doch noch �berlebt und kommt da jetzt angeschlichen. Also andre Richtung, wieder nach Hause.</p><p>�Eh, Ella, wart mal!�</p><p>Ich bin so erleichtert, dass ich sofort ne Kehrtwendung mache. Das ist Romy!</p><p>�Was machst du denn hier?�</p><p>�Na ja � ich wohne hier, oder?�Sie grinst, als w�rd sie das selbst nicht ganz glauben.�Ich wollte grade zu dir.�</p><p>�Wieso? Wo warst du denn heute?�Krank sieht sie jedenfalls nicht aus, so blass ist sie ja immer.</p><p>�Zu Hause auf der Couch.�</p><p>�Hast du echt geschw�nzt?�</p><p>Sie lacht.�Wenn ich mich das mal trauen w�rd! Aber damit h�tt ich wohl fr�her anfangen m�ssen.�� Nee, ich war sozusagen unp�sslich.�</p><p>�Was?�</p><p>�Na ja, ich bin umgekippt, heute morgen. Lang auf den Wohnzimmerteppich. Ich dachte ja immer, das geht gar nicht, ich mein, bist du schon mal in Ohnmacht gefallen?�</p><p>In Ohnmacht gefallen! Wie soll das denn gehen? So was bringt auch blo� Romy. Ich sch�ttle den Kopf.</p><p>�Meine Mutter kriegte nat�rlich nen halben Herzinfarkt, ich bin ihr ja genau vor die F��e hingesunken. War aber blo�, weil ich �ber Nacht meine Tage gekriegt hatte, und dann ist mir immer morgens so schwummrig. Mir wird da manchmal richtig krisselig vor Augen und kotz�bel. Aber dass einen das so umhauen kann! Ich war ja gleich wieder da, und dann kribbelte alles, und mir war total kalt, aber ne halbe Stunde sp�ter war ich wieder ganz normal und h�tte eigentlich noch zur Schule k�nnen. Aber nu lag ich eingewickelt auf der Couch und sollte da gef�lligst auch bleiben. Hatte ich wenigstens mal Zeit zum Lesen.�</p><p>�Ich werd nie krank! Bei mir reichts noch nich mal f�r ne Sportbefreiung, und das w�r echt mal ne Befreiung! Ich wollt mir sogar mal extra den Arm brechen, aber ich wusste nich wie!�</p><p>Ich muss �ber mich selber lachen.</p><p>�Du bist echt verr�ckt, Ella!�, sagt Romy.�Find ich toll. Sag mal, ist dir kalt?�</p><p>Sie zeigt auf meine Winterstiefel. Meine F��e sind am Zerflie�en. Ich guck auf ihre Klapperlatschen.�N��, sag ich. Dann gackern wir wieder, die letzten G�nse von Bresekow, Romy und Ella.</p><p>�Zu mir oder zu dir?�, fragt Romy.</p><p>�Zu dir. �Romys Zimmer kommt mir wie der einzige Ort weit und breit vor, dens noch wirklich gibt. Ich hab Durst.</p><p>Ich frage:�Sag mal, denkst du manchmal, dass dein Vater gar nicht dein Vater ist?�</p><p>Romy guckt mich an.�Wieso? Ihr seht euch doch total �hnlich!�</p><p>Mann!� Das hab ich doch gar nich gefragt.�</p><p>Sie grinst blo�.�Kann man sich eben nicht aussuchen.�</p><p>�Hast �brigens nix verpasst in der Schule�, sag ich.</p><p>�H�tt mich auch gewundert. �Als sie die T�r aufschlie�t, sagt sie:�Du hast �brigens auch nix verpasst.�</p><p>Ich sag gar nix. Interessiert mich doch gar nicht. Was die gestern Abend da abgezogen haben oder nicht. Damit muss sie nun selber klarkommen. Jeder muss mit sich selber klarkommen. Sie sagt aber nix.</p><p>In der K�che trinkt sie aus der Flasche. Ich trau mich gar nicht, die Stiefel auszuziehen, weil ich Angst hab, dass meine quaddrigen F��e lauter Abdr�cke auf den sch�nen Dielen machen. Manchmal ist Teppich doch besser. Wieso sagt man eigentlich �unter den Teppich kehren�? Ich glaub, das meiste liegt oben drauf. Kann man blo� nicht sehen.</p><p>�Hast du auch Durst?�, fragt Romy und h�lt mir die Flasche hin. Ich trinke, ohne sie abzuwischen. Einen kleinen Schluck lass ich drin. Einen ganz kleinen, den keiner trinkt.</p><p>Wir wandern r�ber in ihr Zimmer, wo ich mich sofort auf das Sofa hau. Romy klappt die Abdeckung vom Plattenspieler hoch.�Was willst du h�ren?�</p><p>�Frag mich lieber, was ich nich h�ren will.�</p><p>�Schon klar�, sagt Romy. Sie bl�ttert in den Platten rum.�Ach, ich wei� auch nich. �Sie seufzt.�Irgendwie hat man immer das Gef�hl, dass einem das, was genau richtig w�r, fehlt.�</p><p>�Und was w�r genau richtig?�Ich hab nur so gefragt, aber kaum ist die Frage raus, interessiert mich die Antwort brennend.</p><p>�Tja, das ist es ja grade: Wenn mans w�sste, h�tte mans ja.�</p><p>�Oder auch nich�, sag ich, nur so wieder. Aber Romy starrt mich an, als h�tt ich ihr sonstwas an den Kopf geworfen. Sie zieht eine Platte aus der H�lle und legt sie auf, sie setzt sich mir gegen�ber.</p><p>�Wasn das?�, frag ich. Kommt mir nicht ganz wie das Richtige vor.</p><p>�Das vierte Klavierkonzert von Beethoven.�</p><p>Mann, jetzt klingt sie wie Stiehl! Wie die alle.</p><p>�Das mag ich am liebsten.�</p><p>Am liebsten wovon, liegt mir auf der Zunge.</p><p>�Magst du Beethoven?�Romy schiebt mir eine Schale mit S��igkeiten hin.</p><p>�Hast du vielleicht ne Zigarette?�, frag ich.</p><p>�Ella!�, sagt Romy. Wie die alle.�Nee. Na ja � nee. Ich k�nnt dir zwar eine von meinem Papa geben, aber dann riecht das hier ja nachher so verraucht, und meine Mutter���</p><p>�Wieso, <emphasis>du</emphasis> rauchst doch nich. Oder glaubt sie dir das nich? Oder petzt sie das dann meinen Eltern?�</p><p>�Ach Quatsch. Aber was sie dann wieder f�r Bedenken schiebt, auf so was kommt unsereins gar nicht. So ungef�hr, dass ich mir das auch angew�hnen k�nnte, blo� weil du das machst oder so, obwohl das ja wohl eher ein Grund w�r, es nicht zu machen!�</p><p>�Wie meinst�n das?�</p><p>�Achso, na ja, nicht wegen dir�� Ich mein bloߠ� Na, weil Nachmachen doch bescheuert ist. Dieser ganze Gruppenzwang!�</p><p>�Aber rauchen doch alle. Da kann man doch gar nich mehr sagen nachher, wer angefangen hat.�</p><p>�Ach, Ella.�� Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.�</p><p>�Wei� keiner.�</p><p>Romy nimmt sich ein St�ck Schokolade und zerkaut es. Dann noch eins. Sie futtert das weg wie Brot. Und dabei macht sie auch ein Gesicht, als m�sst sie auf trocken Brot rumkauen. Ich muss an Oma denken, wie die, als ich klein war, immer sagte:�Du m��tst dat lutschen, ganz langsam, dat dat up dine Tung zergeiht � denn hest miehr davun. �Hat sie nat�rlich blo� gesagt, weil sie sich nicht vorstellen konnt, dass man nu mehr als einmal im Jahr Schokolade kriegt. Aber ich hab das so gemacht. Blo� dass ich da, doof, wie ich nun mal war, gleich drei St�cke auf einmal in�n Mund gesteckt hab, und denn wurd das son Klumpen, und immer mehr, dass ich meine Zunge gar nicht mehr bewegen konnte, dass ich richtig Muskelkater in der Zunge davon kriegte, und ich wollt immer was sagen, aber das ging nicht, ich hab blo� Schokoblasen gespuckt. Danach konnten sie mich mal mit Schokolade, das zog bei mir �berhaupt nicht mehr. Ich stell mir vor, wie das bei Romy aussieht, im Mund drinnen, wie sie die Schokolade zu ganz kleinen St�cken zerkaut und die �berhaupt nicht schmelzen, weil sie gar nicht dazu kommen. Wie S�gesp�ne. Das gef�llt mir irgendwie.</p><p>�Du hast gerne Geheimnisse, oder?�</p><p>Wie kommt sie jetzt dadrauf? Sie l�chelt, sie kaut. Das geht nicht zusammen. Sie sagt:�Ich dachte n�mlich, dass du entweder gar keine hast oder ganz viele. Ich hab dadr�ber nachgedacht.�</p><p>Sie hat �ber mich nachgedacht. Was soll das denn? Ich denk doch auch nicht �ber sie nach. Ich mein, sie kann ja �ber mich nachdenken. Kann ich ihr ja nicht verbieten. Aber das dann auch noch zu sagen!</p><p>�Du sagst ja gar nix.�</p><p>�Na was denn?�</p><p>�Na ja, ob ich recht hab.�</p><p>�Ob du recht hast?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Doch.�</p><p>�Gar nich.�</p><p>Sie lacht.�Ach, egal. Tut mir leid, Ella. Vergiss es.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nein?�</p><p>�Du willst doch blo�, dass ich dir irgendein schei� Geheimnis erz�hl, Romy Pl�tz!�</p><p>�Nein, Ella.�</p><p>�Doch! Blo� dass du dich nich traust, mich richtig zu fragen!�</p><p>�Das stimmt doch gar nich!�</p><p>�Denkst du, ich bin doof?�� Ich erz�hl dir jetzt ein schei� Geheimnis, so ein richtiges Schei�-Geheimnis, und da kannst du dann dr�ber <emphasis>nachdenken</emphasis>!�</p><p>�Nein!�</p><p>Es geht sie auch �berhaupt nix an. Es kommt mir nur so komisch auf einmal vor, so was als Geheimnis zu haben. Als wenn man einen Klumpen H�hnermist in nem Safe aufbewahrt, blo� damit keiner wei�, dass da ein Klumpen H�hnermist drin liegt. Oder so. Blo� wieso hat mans denn erst da reingelegt? Also.</p><p>�Also � ich war mal ne Zeitlang �fter auf der Elpe, bei der Elpe. Als ich noch rausgegangen bin. Als ich noch dachte, dass das mein Dorf ist, ich mein, dass das mir genauso geh�rt wie allen andern, als ich das noch nich kapiert hatte. Ich bin da einfach so rumgelaufen. Na ja, vielleicht doch nich einfach so, ich wollte nich, dass sie mich sehen, jedenfalls nich immer.�� Ich wei� nich, aber ich kann irgendwie keine Katzen mehr sehen, keine jungen Katzen, wenn die zum ersten Mal rollig sind, wir hatten ja fr�her immer welche. Ich mochte das schon damals nich, ich hatte irgendwie Angst davor. Dass die dann auf einmal so wild sind, wie verr�ckt, ich wei� nich, ob du das kennst. Dann haben sie von mir immer was mit nem Handtuch �bergekriegt, oder mitm Besen. Selber schuld, hab ich gedacht, ich hatte �berhaupt kein Mitleid.�� Ich bin da rumgelaufen wie sone junge Katze.�</p><p>Ich merke, dass Romy nickt. Ich wei� nicht, wieso.</p><p>�Jedenfalls, ich hatte Schiss, immer son bisschen. Aber nie genug, um nich doch hinzugehn. Es war ja bloߠ� ich wollt den ja blo� sehen, Tommy. Stucker, kennst du nich. Kannst du froh sein. Der geh�rte zu dieser Wodrich-Clique, die hatten hier total das Sagen, da hatten die ganzen Typen, die sich jetzt hier aufspielen, noch gar nix zu melden. Die sind dann irgendwann auch fast alle gleichzeitig weg hier. Blo� Wodrich kommt noch ab und zu her. Wenn ich sein Auto stehen seh, da bei uns schr�g gegen�ber, dann geh ich nich vor die T�r. Dann geh ich nich mal den M�ll rausbringen, und wenn Mutti sich aufn Kopp stellt. Komisch, fr�her war ich gar nich zu Hause zu halten. Da wollt ich immer blo� raus, und immer blo�, um diesen verdammten Stucker zu sehen. Mann, war man doof, oder, ich mein, ich wei� nich, ich k�nnt mich ohrfeigen, jeden Tag.</p><p>Na ja, manchmal haben sie mich dann gesehen, manchmal nich, manchmal hat Tommy mich angeguckt, mit diesem Blick, diesem Stucker-Blick, den haben die doch alle, die ganze verfluchte Sippe, aber das is mir erst hinterher aufgefallen. Einmal hat er mich angegrinst. Ich dacht, das isses. N�chstes Mal bin ich bis zur gro�en Halle gegangen. Wo sie jetz abends sitzen, wo du gestern warst. So doof, eh. Mannomann.�</p><p>Romy guckt mich fragend an. Ich wei� nicht, ob ich das richtig erz�hle. Ob sie das kapiert. Ob man das �berhaupt richtig erz�hlen kann. Wie soll sie das denn kapieren?</p><p>�Das war genau zwei Tage nach meinem vierzehnten Geburtstag. Vielleicht war das bei dir ja anders. Aber ich dachte, nu kann eigentlich mal was Richtiges passieren. Ich wei� noch, dass ich Zahnschmerzen hatte an dem Tag. Aber das hat mich gar nich gejuckt. Ich bin zur Halle hin. Da hat er mich dann auch gefunden, na klar, die finden einen immer, der muss mich f�rmlich gerochen haben. Ich dacht gar nich dadran wegzulaufen. Ich stand da blo� wie angewurzelt an der Bretterwand und hab den angel�chelt. Er hat auch gel�chelt, oder mehr so gegrinst, und dann war er auf einmal direkt vor mir. �Na�, hat er gesagt, sein Mund war ganz dicht an meinem Gesicht, er war ja nich grade gro�, ich konnt riechen, was der zum Mittag gegessen hatte, n�mlich irgendwas mit Zwiebeln. �Na, haste dich endlich ma hergetraut.� Ich hab genickt, und denn hab ich die Augen zugemacht, ich dacht, jetzt k�sst er mich! Ich hab mich blo� bisschen ge�rgert wegen den Zwiebeln, aber egal, war ja schlie�lich Tommy. Aber dann war �berhaupt nich sein Mund auf meinem, sondern seine stinkige Hand, der hat mir mit seiner Pfote den Mund zugehalten. Und ich hab mich noch gewundert, weil ich wollt doch gar nich schreien oder so was, bis ich denn pl�tzlich das Messer in seiner andern Hand gesehen hab, und denn war er mit dem Messer auch schon an meinem Hals. �Wehe, du gibst einen Mucks von dir!� Ich konnt das gar nich glauben, wie er mich da in die Halle bugsiert hat, ich mein, das war doch Tommy, den ich die ganze Zeit wie verbl�det angehimmelt hatte. Er hat mich runtergedr�ckt, auf die Knie, der hatte ganz sch�n Kraft, und das h�tt ich auch nich gedacht, weil er doch so klein war. Ich wusste wirklich nich, was er von mir wollte, ich hab blo� geheult. Gar nich mal so richtig aus Angst, glaub ich, mehr aus � na ja, Entt�uschung oder so. Er wurd dann w�tend, als er gemerkt hat, dass er mir nu auch noch erkl�ren muss, was laufen soll. �Mann, du dumme Sau, du bl�de Fotze�, der kriegte sich gar nich mehr ein und hat mit dem Messer rumgefuchtelt und so abgehackte Anweisungen abgelassen. Er hat mich an den Haaren festgehalten und ganz dicht zu sich rangezogen, meine Nase schon an seinem Hosenstall, ich hab �aua!� geschrien und bin zur�ckgezuckt, und dabei hat mir das Messer in den Hals gepiekt, und das hat er gemerkt und es noch mal fester rangedr�ckt, und ich dachte, das blutet jetzt bestimmt, und ich wollt nich, dass das noch mehr blutet, weil Mutti oder Vati das sonst nachher gemerkt h�tt, und das h�tt �rger gegeben. Blo� deswegen! Also hab ich seine Hose aufgemacht und seinen dreckigen Schl�pper runtergezogen, und sein steifer Schwanz ist mir entgegengeklatscht, voll ins Gesicht. Er hat total abartig gest�hnt und geflucht, �nu mach schon!�. Seine Hand war richtig in meine Haare gekrallt, wie ne �berdimensionale Klette, die nie wieder rausgeht, und die Klinge vom Messer wurd ganz warm an meinem Hals, und da hab ich mich dr�ber gewundert. Ich hab mich die ganze Zeit dadr�ber gewundert. Und ich hab blo� geheult und gerotzt und geheult, ich hab ihn in den Mund genommen. Er hat so widerlich nach Pisse geschmeckt, und er hat ihn mir so tief reingeschoben, dass ich fast kotzen musste, ich dacht, ich muss ersticken, und ich h�tt auch gern gekotzt, seinen Schwanz und seine ganze Hose vollgekotzt, aber ging nich, und ersticken konnt ich auch nich. Und auch nich in Ohnmacht fallen. Das war ja das Einzige, was ich wollt in dem Augenblick: einfach nich mehr da sein. Weil ich �berhaupt nich glauben konnt, dass ich das grade bin.</p><p>Und dann passierte was, wo ich bis heut nich wei�, ob das nu gut war oder nich. Auf einmal sind Ecki und die anderen reingekommen, die ganzen J�ngeren, und die haben sofort losgegr�lt. �Iih, Stucker bumst die Wachlowski! Iih, wat willste denn mit der Polenschlampe, Mandy l�sst dich wohl nich ran, wa!�</p><p>Er war erschrockner als ich, hat mich sofort weggeschubst und losgebr�llt und die alle zusammengestaucht. Ich hab blo� zugesehn, dass ich wegkomm, nur gradeaus durch die B�sche, echt, wie sone junge Katze. Auf halbem Weg bin ich hingefallen, hab mir die Knie aufgeschlagen. Ich bin nach Hause gerannt, zu Mutti und Vati, und hab mich im Bad eingeschlossen und kein Wort gesagt. Nie. Niemals, hab ich gedacht. Und die ganze Zeit hat das keiner gewusst, au�er die Drecks�rsche vonner Elpe.�</p><p>Romy springt auf und geht raus. Ich gucke aus dem Fenster, die Sonne scheint immer noch, immer noch keine Wolke, als w�r noch mal Sommer. Irgendwas macht Ger�usche, wie ein Rhythmus. Als Romy wieder reinkommt, h�lt sie was in der Hand. Eine Zigarette. Sie sagt nichts, legt sie mir blo� hin. Dann geht sie r�ber zum Plattenspieler und nimmt die Nadel runter. Die Ger�usche h�ren auf. Sie dreht Beethoven nicht um. Ich fummel das Feuerzeug aus meiner Hosentasche und z�nde die Zigarette an. Die richtige Marke. Ich will das nicht denken, aber ein bisschen denk ichs doch: wie eine Belohnung.</p><p>�Der Schnitt am Hals war nich so schlimm. Ich hab trotzdem einen Rolli angezogen, mitten im Sommer. Meine Eltern haben mich da sowieso schon f�rn bisschen neben der Spur gehalten, gab zwar Kommentare, aber egal. Als Mutti meine Hose in der W�sche entdeckt hat, wollt sie wissen, woher das Blut kommt. Hab ich ihr also meine Knie gezeigt, nix gesagt. Da hat sie gesagt: �Mensch, Ella, benimm dich doch endlich mal wien M�dchen!�</p><p>Ich wollt mir die Haare abschneiden, selber, mit der K�chenschere, ganz kurz. Dass mich da keiner mehr dran festhalten kann. Ich hatt schon die ersten Str�hnen runter, als ich auf einmal �berlegt hab. Das war das erste Mal. Dass ich mal nich sofort einfach so was gemacht hab, sondern erst mal �berlegt. Und da hab ich mir �berlegt, dass das nich gut w�r. Erstens nat�rlich wegen Mutti und Vati, das h�tt Terror gegeben. Aber vor allem auch wegen denen. Ich dacht, wenn die mich erst mit kurzen Haaren sehen, isses ganz aus. Denn wissen die sofort Bescheid, so was riechen die. Und den Gefallen wollt ich denen nich tun. Ich wollt einfach so tun, als w�r �berhaupt nix passiert. Die Haare hab ich so gek�mmt, dass das Abgeschnittene gar nicht auffiel, und ich hab in�n Spiegel geguckt und sah genauso aus wie vorher. Blo� Oma hat das einmal mitgekriegt, als ich mich so bei ihr r�bergebeugt hab und die Haare zur Seite gerutscht sind. �Weckern hett di denn so schimpfiert? Wierst dat selber?��� Ach, Oma, hab ich gesagt, und das war das einzige Mal, wo ich fast geheult h�tt. �Dat tr�gt man heut so.�</p><p>Ich hab mir nix anmerken lassen, nich mal bei Thorsten. Aber ich hab gedacht, wenn der das nu auch mit seiner Freundin macht, also freiwillig, vielleicht macht die das freiwillig. Ich hab das gar nich ausm Kopp gekriegt. Aber ich hab mir nix anmerken lassen. Aber ich bin nich mehr rausgegangen. Ich lass einfach die Zeit vergehen. Ich bin immer noch die dumme Sau, verdammte Schei�e!�</p><p>Ich kann nix machen. Ich dr�ck die Zigarette in dem gro�en Blumenpott vorm Fenster aus, tief rein in die Erde, ich guck mir genau dabei zu. Aber als ich mich wieder umdreh, sieht Romy trotzdem, dass ich am Heulen bin. Ich sag noch mal:�Verdammte Schei�e. �Ich sag:�Warum hab ich das Arschloch nich einfach weggeschubst, er war doch nich viel mehr als ich, warum hab ich ihm nich einfach seinen verfickten Schwanz abgebissen!�</p><p>Ich muss lachen, heulen und lachen, und Romy: lacht ja auch. Ich glaub, ich mag sie zum ersten Mal richtig. Sie sagt:�Ella, ich wollte das nich.�</p><p>�Aber ich�, sag ich.</p><p>Sie sagt � nein, sie sagt doch nix. Sie nickt.</p><p>�Kommst du morgen wieder zur Schule?�, frag ich.</p><p>�Ja. Ja klar.�� Sag mal, warst du eigentlich mal in Polen?�</p><p>�Nee. Was soll ich�n da?�</p><p>Sie runzelt wirklich die Stirn. Ich dacht, so was kommt blo� in B�chern vor.�Ich dacht blo�. Weil du doch polnische Vorfahren hast, oder?�</p><p>�Vorfahren!�Weil der Polenschlampe zu mir gesagt hat.�Na ja, mein oller Opa. Den seine Eltern. Die sind irgendwann von Polen gekommen. Aber ich wei� nich, wieso. War hier vielleicht besser. Zu Vati haben sie ja immer �der Pole� gesagt, hat er sich dr�ber ge�rgert. Ich sprech aber kein Polnisch oder so.�</p><p>Sie grinst.�Macht ja nix. Hast du n�chsten Sommer schon was vor?�</p><p>�Nee, wieso?�</p><p>�Weil wir dann nach Polen fahren.�</p><p>�Wir? Wie soll das denn gehen?�</p><p>�Wie eine Reise eben geht. Du bist erwachsen, oder?�</p><p>�Keine Ahnung. Ich bin achtzehn.�</p><p>�Dir hat keiner mehr was zu sagen. Im Gegensatz zu mir. �Sie geht zum Fenster, macht es auf, nimmt die Kippe aus dem Topf und schnipst sie raus.</p><p>�Ella, ich hab nicht so ein Geheimnis. Ich wei� nicht, wie das ist. Bloߠ� zu Hause hocken kann man immer noch.�</p><p>Ich nicke.</p></section><section><title><p><strong>JOHN &amp; PAUL</strong></p></title><p>AMSEL DIE MITTEN IN DER NACHT SINGT</p><p>NIMM DIESE GEBROCHENEN FL�GEL UND LERNE ZU FLIEGEN</p><p>DEIN GANZES LEBEN LANG</p><p>HAST DU NUR AUF DIESEN MOMENT GEWARTET</p><p>AMSEL DIE MITTEN IN DER NACHT SINGT</p><p>NIMM DIESE HOHLEN AUGEN UND LERNE ZU SEHEN</p><p>DEIN GANZES LEBEN LANG</p><p>HAST DU NUR AUF DIESEN MOMENT GEWARTET UM FREI ZU SEIN</p><p>AMSEL FLIEG AMSEL FLIEG</p><p>IN DAS LICHT DER TIEFSCHWARZEN NACHT</p></section><section><title><p><strong>SONJA</strong></p></title><p>Da hab ich mich innerlich richtig gefreut. Aber ich sag nix, ich wei� ja, dass sie das nicht h�ren will. Aber wie ich da heut Abend vom Grewenthiner Club komm, kaputt und wie immer viel zu sp�t, und wie ich da Ella aus unserer Haust�r kommen seh, da dacht ich, na, nun haben sich zwei gefunden. Ich hab ja immer Angst, dass Romy andre eher abschreckt, allein, wie sie so ist, nicht mit Absicht. Oder vielleicht doch. Aber Ella sieht eigentlich nicht so aus, als wenn sie sich einfach abschrecken l�sst. Das ist gut. Ach, man braucht ne Freundin. Rosi hat mich angerufen. Einfach so. Sie wollte mal h�ren, wies mir geht. Na ja, wie gehts mir schon: Ich hab ihr von den Clubs erz�hlt, von den Jugendlichen, keine Ahnung, ob sie das versteht, ob sie das �berhaupt interessiert, sie hat mir aber zugeh�rt und nicht gleich wieder� nen guten Tipp �parat gehabt. Ich hatte ne ganze Weile lang �berhaupt keine Lust, sie zu sehen. Aber wie sie h�rte, dass ich jetzt paar Tage Urlaub hab, immer noch �berstunden von den Sommerfesten, da war sie richtig aus dem H�uschen, weil sie n�mlich auch grad Urlaub h�tt und ob ich da nicht mal vorbeikommen wollte, sie w�r ja sonst auch ganz alleine in dem gro�en Haus. Ich sag, wieso, ich dacht schon, da w�r irgendwas passiert. Aber ihr Mann ist zur Weiterbildung, und die j�ngere Tochter hat jetzt auch ne Lehre angefangen.�Das is richtig komisch�, hat sie gesagt. Da tat sie mir irgendwie leid. Ich dachte, wie soll das erst werden, wenn Romy aus dem Haus ist. Na jedenfalls: ich hab zugesagt. Mit �bernachtung! Das muss zwanzig Jahre her sein, dass ich das letzte Mal bei Rosi �bernachtet hab. Fahr ich am Donnerstag also nach Ueckerm�nde, Freitag muss ich ja schon wieder da sein, wegen den Vorbereitungen f�r das Dorffest. Eigentlich k�nnt ich gar nicht weg. Aber ach, mal muss man doch auch raus. War mir auch egal, was Friedhelm dazu sagen w�rd. Erst hat ern Gesicht gezogen, dann hat er� ja ja �gesagt. Die eine Nacht wird er schon �berstehen ohne mich. Und Romy ist ja auch noch da. Aber ich wei� nicht, ich glaub, die reden gar nicht miteinander, wenn die alleine sind.</p><p>Als ich vorhin die Wohnungst�r aufgemacht hab, war drinnen alles dunkel. Totenstill. Friedhelm nicht da, kein Abendbrot auf dem Tisch, von Romy kein Mucks.�Hallo�, hab ich gerufen, aber keine Antwort. Vielleicht war das falsch. Aber ich musste sofort zu Romys Zimmer hin und nachgucken. Ich musste doch gucken, ob sie nicht wieder umgekippt war. Da sa� sie, im Dunkeln.</p><p>�Romy�, hab ich gesagt.�Ich bin wieder da.�</p><p>Sie hat sich nur halb umgedreht, mich gar nicht richtig angeguckt.�Ja.�</p><p>�Alles okay?�</p><p>�Ja, wieso?�</p><p>Den Qualm hab ich genau gerochen. Nicht, dass sie denkt. Ich wollt auch erst was sagen, hab mir aber im letzten Moment auf die Zunge gebissen. Lass sie, hab ich mir gesagt, lass sie endlich mal. Sie ist jung. Sie muss doch auch mal�� ja, was? Sie muss �berhaupt nicht.</p><p>�Mach dir doch Licht.�</p><p>�Jaa. Gleich.�</p><p>Irgendwas hatte sie doch. Aber ich wollt nicht neugierig sein, vielleicht hatten sie sich gestritten. Ella sah auch so ernst aus. Vielleicht � vielleicht war es wegen Paul. Ich seh doch, was los ist. Dass mein Kind sich grade ungl�cklich macht. Und Ella? Zu dritt ist manchmal schlimmer als alleine. Kenn ich. Aber da m�ssen sie nun selber durch. Du kannst nicht immer helfen, Sonja Pl�tz, kapier das mal.</p><p>Aber ich konnte sie doch nicht so da sitzen lassen.</p><p>�Ich mach jetzt Abendbrot. Kommst du dann?�</p><p>�Ich hab keinen Hunger.�</p><p>�Aber du musst doch was essen�, hab ich gesagt,�denk an deinen Kreislauf!�</p><p>Und sie, gereizt:�Mama, ich bin siebzehn, nicht siebzig! Und ich muss �berhaupt nix! Wenn ich keinen Hunger hab, dann muss ich auch nix essen! Essen, immer nur essen���</p><p>�Du bist schon so d�nn!�</p><p>�Na und! Kann ja nicht jeder fett sein. Sowieso: Alle reden immer davon, dass die Dicken diskriminiert werden. Aber �ber die D�nnen darf man herziehen, oder was? Genauso mit diesem ewigen �Du-siehst-ja-so-blass-aus�, �Du-bist-ja-so-wei�-geh-ma-in-die-Sonne!� Wenn das kein Rassismus ist!�</p><p>�Romy!�</p><p>�Was?�</p><p>�Du k�nntest mir wenigstens Gesellschaft leisten.�</p><p>Aber denkste. Ich musste mir meine Stulle sch�n alleine hinterkauen. Das ist doch wohl das Mindeste. Dass man zusammen isst. Aber Friedhelm auch nicht da. Eben hab ich ihn �bern Hof laufen sehen, zusammen mit Werner. Da hab ich das Licht ausgemacht. Sie sind zu Jethke Schuppen hin. Mal wieder. Das kenn ich ja schon, aber dass das jetzt jeden zweiten Abend so geht � dass die da jetzt schon mehrmals die Woche sich einen hinterkippen � , das geht doch nicht. Ich sag ihm das auch, jedes Mal. Wenn er reinkommt und ich schon auf drei Meter Entfernung den muffigen Geruch von Jethkes Schuppen riech und seine Fahne. Er setzt sich dann zu mir auf die Couch, als wenn nix w�r. Ich wedel mit der Hand vor meinem Gesicht rum:�Puh! Muss das sein?�Oder ich geh gleich zu ihm und sag:�Hauch mich ma an!�Macht er ja auch noch brav. Und dann mecker ich, und er guckt mich an, als w�rd er aus allen Wolken fallen, jedes Mal, und sagt:�Mann, wat wist du denn? Darf man denn nich ma mehr n Bierchen trinken?�</p><p>N Bierchen! Ich wei� echt nicht, ob er mich f�r doof h�lt oder das selber nicht wahrhaben will. Dass er nicht blo� <emphasis>ein</emphasis> Bierchen trinkt, sondern drei, und auch nicht nein sagt, wenn ihm Werner die Pulle hinh�lt. Dass er das einfach nicht schafft, da mal nein zu sagen! Aber da nuckeln die denn alle drei an derselben Flasche. Ich find das eklig, ich mag ihn gar nicht mehr k�ssen. Na ja, das vermisst er sowieso nicht, wenn ich denn mal ankomm, hei�t es blo� immer:�Du sabbelst!�Und von meinem L�ffel essen oder so kommt nun schon gar nicht in Frage. Oder was essen, was ein anderer mit den Fingern zubereitet hat. Da sch�ttelt er sich. Aber mit den beiden Suffk�ppen aus derselben Flasche den Klaren in sich reinkippen, das geht.</p><p>Ich versteh meinen Mann nicht. Er hat das doch gar nicht n�tig, sich mit denen da hinzustellen. Er sagt zu mir:�Mann, mit Jethke kannste dich uch kein vern�nftiges Wort unterhalten, und Werner quatscht nur von seim Garten: �Du, Friedhelm, du, ick sag dir ma wat, Kartoffeln musst du reinmachen, Kartoffeln und paar Feuerbohnen, Feuerbohnen sind gut, ick geb dir welche, kannst welche von mir haben��� Der hat doch n Schuss weg!�</p><p>Ja, ich wei�, er hat ja sonst keinen hier. Und er genie�t das ja auch, mal vor die T�r zu kommen, im Gegensatz zu Anklam, wo man gleich auf der Stra�e stand, wenn man zur Haust�r raus ist.</p><p>Jetzt rauchen sie. Man kann sie fast gar nicht sehen, nur die drei Glimmstengel, wie Gl�hw�rmchen. Ich wei� aber trotzdem, welches Gl�hw�rmchen Friedhelm ist. Die Art, wie er raucht, das hat mir gleich gefallen damals. Das sah so m�nnlich aus. Damals haben alle geraucht, da hat gar keiner dr�ber nachgedacht, ob das sch�dlich sein k�nnte. Ich hab das nur mal probiert, aber das war so �hnlich wie mit der Mopedfahrerlaubnis, so richtig wollt ich das dann doch nicht. Bin ich lieber bei Rosi mitgefahren, und einmal sind wir im Stra�engraben gelandet, sie war ganz sch�n voll, glaub ich. Nein, das stimmt vielleicht nicht, dass ich Friedhelm nicht verstehe. Ich vermiss das ja auch manchmal, diese Zeiten. Als man jung war. Ich m�cht heutzutage nicht jung sein, das w�r mir viel zu kompliziert. Aber dass das eben alles schon so lange vorbei ist, das will man wohl manchmal nicht wahrhaben. Dass das nicht wiederkommt. Na ja, ich komm damit eigentlich ganz gut klar, ich denk da eigentlich gar nicht dran. Blo� dass das nun bei Friedhelm noch mal so hochkommt, da h�tt ich ehrlich gesagt nicht mit gerechnet. Denn was andres ist das doch nicht. Das erinnert ihn einfach an seine Jugend, mit paar Kumpels rumstehen und Bier trinken. Abends lange drau�en bleiben und an nix weiter denken m�ssen, schon gar nicht, dass da eine Frau auf ihn wartet. Dabei k�nnte der niemals nicht als Junggeselle leben. Manchmal, wenns grad wieder gar nicht auszuhalten war, hab ich gedacht, ich hau ab. Pack meinen Koffer und bin einfach weg, und dann kann er mal zusehen. Wies ihm dann geht. Ich bin dann wirklich wild entschlossen dazu. So lange, bis ich mir vorstell, <emphasis>wies</emphasis> ihm dann geht, und da muss ich dann noch mal heulen, aus Mitleid. Vielleicht w�rde <emphasis>ich</emphasis> ja noch damit fertigwerden. Ich denk �fter, ich brauch gar keinen Mann. Aber <emphasis>er</emphasis> doch nicht. Der w�rde sich doch sp�testens nach drei Wochen aufbammeln oder sich so zusaufen, dass er nur noch vor sich hinvegetiert. Richtig versumpfen w�rd er doch. Und das kann ich nicht verantworten. Man hat doch eine Verantwortung f�reinander, oder nicht?</p><p>Vielleicht hat Romy recht, wenn sie sagt, ich soll aufh�ren, Friedhelm wie ein Kind zu behandeln. Aber er <emphasis>ist</emphasis> ja auch wien gro�es Kind manchmal.�Wo is mein blauer Pullover?��Wo hast du meine Latschen schon wieder versteckt?�Ich wei� dann nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Tja, man hat eben immer alles gemacht. Wie meine Mutter, wie meine Oma, so ist man erzogen worden. Dabei hab ich gar nicht so einen Mann. Friedhelm ist ja nun alles andre als ein Pascha. Er hilft mir im Haushalt und macht eigentlich alles, worum ich ihn bitte, wenn auch mit Murren und fr�hestens nach der dritten Aufforderung. Im Prinzip hab ich ihn mir schon so hingebogen, wie ich ihn haben will. Aber dass er mal von alleine was macht, einfach aus Liebe zu mir (das will er ja gar nicht h�ren), das ist selten. Ich muss ihm alles sagen. Er hat sich da so dran gew�hnt. Wenn er irgendwohin muss, zum Arzt oder zum Amt, dann sagt er vorher oft,�ich wei� gar nich, was ich sagen soll�, oder:�Was soll ich denn sagen?�Und dann sag ich, wie selbstverst�ndlich und auch, wenn er gar nicht gefragt hat:�Na, pass auf, du sagst���Mit Romy mach ich das genauso, blo� dass die sich ab einem gewissen Alter dagegen gewehrt hat, und da ist mir das erst aufgefallen.</p><p>Vielleicht braucht er das ja deshalb, diese Abende. Um sich selbst noch mal was zu beweisen? Dass er noch nicht v�llig zum Pantoffelhelden geworden ist? Unterdr�ck ich ihn denn? Ich will ihn doch blo� bei mir haben, abends. Ich hab doch nix dagegen, wenn er sein Ding macht. Wenn er dazu stehen w�rd. Wenn er sagen w�rd, Sonja, mach, was du willst, ich geh jetzt einen trinken. Oder so. Und nicht immer diese Heimlichtuerei, dieses Anschwindeln. Das macht mich ganz krank. Ich <emphasis>bin</emphasis> krank, ich wei�. Wie soll man auch anders sein, wenn man aus so einer Familie kommt. Wo der Vadder s�uft, die Mudder s�uft, wo irgendwann zwei Br�der anfangen zu saufen, und jetzt vielleicht auch noch Marlies. Neulich treff ich unsere ehemalige Nachbarin, die jetzt mit Marlies im selben Haus wohnt. Die ist auch nicht ohne. Aber da sagt die zu mir glattweg:�Sag ma, trinkt deine Schwester? Ick hab neulich n Schreck gekriegt, wie ick se gesehn hab, wie so richtig son bisschen uffgequolln sah die aus!�</p><p>Und man kann nur zugucken und kann gar nix machen, gar nix, man kommt gar nicht an die ran. Sobald man einen Schritt auf sie zu macht, helfen will, weichen sie aus. Man kriegt die gar nicht zu fassen, man streckt die Hand aus und greift immer ins Leere. Wie Seife, die einem immerzu wegflutscht. Sie lachen einen aus. Ich hab Angst, dass mein Mann mir wegflutscht.</p><p>Ich wunder mich gar nicht, nein. Ich fall nicht aus allen Wolken. Ich hatte nie einen anderen Mann. Friedhelm hat nie gesoffen wien Loch, aber immer gerne einen getrunken. Es gab auch so Phasen. Als ich ihn kennenlernte, da war er ja furchtbar spack. Und dann hat er auch noch immer so enge Selastik-Hemden angehabt, nee! Aber das war auch die Zeit, wo er, wie er selber sagt, sich� vorwiegend fl�ssig ern�hrt �hat. Ich hab dann wohl ein bisschen, na � zivilisierend auf ihn eingewirkt. In Berlin, aufm Bau, da dacht ich erst, wunder wie w�st das da zugehen m�sst. Aber da wurd gar nicht so gesoffen, sagt Friedhelm, Bier, na ja, aber da musste richtig rangeklotzt werden und sie waren wohl froh, wenn sie sich abends noch n Kotelett braten und dann im Bett verschwinden konnten, da drau�en in Marzahn. Einmal hat er seinen ganzen Lohn verloren, oder der ist ihm geklaut worden. Als er nachts mit der S-Bahn in seine Unterkunft ist. Er sagte, er hatte den Umschlag so hinten in der Arschtasche stecken, und wie er den dann rausholen wollte, tja, da war er nicht mehr da. Das waren �ber tausend Mark. Und wir wussten gar nicht, wie wir jetzt �ber den Monat kommen sollten, mit meinen vierhundert. Aber ich hab nicht gemeckert, kann mich nicht erinnern. Ich wei� nicht, aber irgendwie war man da noch anders. Da hat man sich gar nicht son Kopp gemacht. Was sollte denn auch passieren. Du hast jeden Monat dein Gehalt gekriegt. Es ging uns gut damals. Ich mein, nicht unbedingt finanziell, wir waren im Prinzip immer arme Schlucker, bis heute, wir sind nie richtig da rausgekommen. Wir kannten ja gar nix andres. Aber so, so ging uns das gut.</p><p>Sp�ter, als Friedhelm dann bei der ZBO in Anklam war, hab ich mir �fter Sorgen gemacht. Da ging das doch nie ohne ne Buddel Schluck ab, im Prinzip war das bei uns in der Provinz schlimmer als in der Gro�stadt. Der ganze Betrieb war ja verrufen als Auffangstelle f�r solche, die sonst nix taugen. WER NIX WILL UND WER NIX KANN, DER GEHT ZUM BAU ODER ZUR BAHN. Ich hab mich immer ge�rgert dadr�ber: als ob das nicht eine hochverantwortungsvolle Aufgabe w�r, ein Haus zu bauen. Ich hab Friedhelm bewundert daf�r, dass er das kann, und immer ordentliche Arbeit, kein Pfusch, das w�rd ihm total gegen den Strich gehen. Wenn er was macht, dann macht er das auch richtig. Auch zu ZBO-Zeiten, er hat keine schiefe Wand gemauert. Aber ich hatte Angst, dass er da auf die schiefe Bahn ger�t. Die meisten da waren doch schon mittags mit lang. Und Friedhelm hatte auch so manches Mal ne Fahne, wenn ich von der Arbeit kam. Aber das war doch gang und g�be damals, doch nicht blo� aufm Bau, da hat auch so manche Verk�uferin ihren Flachmann in der Tasche gehabt. Sehen wollt das nie einer, getuschelt wurd immer. Bis das dann irgendwann nicht mehr zu �bersehen war, und dann hat man sie zur HO-Leitung zitiert, und da wurd dann� ein ernstes W�rtchen �mit ihr geredet, oder sie wurd in ne andre Verkaufsstelle versetzt, FLEISCH- UND WURSTWAREN, woandershin abgeschoben, wo den lieben Kolleginnen dann eingesch�rft wurde, auf sie aufzupassen, was man den lieben Kolleginnen nat�rlich nicht zweimal sagen brauchte, oder sie musste gleich als Klofrau gehen, das war so der letzte Notnagel. Rausschmei�en ging ja nicht. Bei uns musste niemand auf der Stra�e sitzen. Durfte er ja auch gar nicht. Romy hat mich mal gefragt, wann denn eigentlich die ganzen Leute einkaufen sollten, wenn alle von morgens bis abends gearbeitet haben.</p><p>�Haben sie ja nicht.�</p><p>�Ja, aber offiziell�, hat Romy gesagt.</p><p>Keine Ahnung. Friseurbesuch w�hrend der Arbeitszeit war nicht offiziell, aber normal. Es ging doch immer blo� darum, sich nicht erwischen zu lassen, und nicht darum, irgendwas geheim zu halten. Wussten ja doch alle Bescheid. Mit dem Saufen genauso.</p><p>Und ich glaub, das war auch gar nicht sone Angst um Friedhelm, die ich da hatte, sondern mehr wegen den Leuten. Das konnt ich nicht vertragen, dass er angetrunken im Kindergarten aufkreuzt, um Romy abzuholen. Ich wollt nicht, dass die so was �ber meinen Mann sagen. Die Maurer, ja ja. Reichte schon, wenn die so �ber meine Eltern redeten, und das stimmte ja. Die <emphasis>haben</emphasis> gesoffen. Blo� wieso, da hat nie einer nach gefragt. Ich auch nicht. Ich hab das nicht kapiert, meine Mutter, dass die so schwach war. Dass die sich von dem Ollen verkloppen l�sst und sich dann auch noch das Saufen von dem angew�hnen. Dass sie nicht mal versucht hat, ihm das abzugew�hnen.</p><p>Das wird ja mit dem Alter schlimmer, sagt man. So weit wollt ich das gar nicht erst kommen lassen. Was hab ich auf ihn eingeredet! Ich hab gedacht, das hilft, wirklich! Oder die andere Masche: Funkstille. Bock und Auszug ausm Schlafzimmer. Hilft alles nix. Er kommt dann an und l�sst die Ohren h�ngen und entschuldigt sich und:�Ick wei� gar nich, wat du hast�, und:�Sonja, nu muss uch ma wieder gut sein�, ja, und dann ist eben auch wieder gut, bis zum n�chsten Mal.</p><p>Und dann kam die Zeit, wo ich dachte, nun wird wirklich alles gut. Das war, als Friedhelm zum Glauben kam. Und das war eigentlich eine schlimme Zeit, f�r ihn. Als er das erste Mal diese Depression hatte. Wie aus heiterem Himmel, wusste doch keiner, wo das herkam, am wenigsten er selber. Komisch, ich dachte, das m�sste irgendeine ganz klare Ursache haben. Ich wusste gar nicht Bescheid. Nur, dass das was Seelisches sein musste. Dass da vielleicht ein Seelsorger helfen k�nnte. Aber ich dachte, wenn ich damit ankomm, dann zeigt er mir n Vogel, zu der Zeit. Wann war das? Romy muss so neun oder zehn gewesen sein. Ich hatte sie einfach zur Christenlehre geschickt, obwohl Friedhelm dagegen war. Oder es war ihm egal. Er hatte mit Kirche und so nix am Hut. Obwohl er das von zu Hause aus auch kannte, aber er sagt, er hat das gehasst, zum� Paster �zu m�ssen, zum Konfirmandenunterricht, und da noch was zu lernen. Schule war ja schon schlimm genug. Und dann gibt es aber so ein sch�nes Bild von ihm, zum Schie�en, wie er da ganz brav in seinem Konfirmandenanzug schief im Tulpenbeet steht, er nach links, die Tulpen nach rechts. Oder umgekehrt, von ihm aus gesehen.</p><p>Wir haben kirchlich geheiratet, weil ich das so wollte, obwohl wir da erst noch zum Eheunterricht mussten. Und Friedhelm ist brav mit mir da hingegangen, alles mir zuliebe. Weil das f�r mich erst die richtige Hochzeit war. Obwohl sich schon alle aufm Standesamt die Augen ausgeheult hatten. Das fand ich unm�glich. Das war da sowieso noch so ein Zirkus, weil wir unsere Ausweise vergessen hatten und unsere Eltern dann ihre vorzeigen mussten, und ich wei� noch, wie mein Vadder sagte:�Dat is mine Dochter. �Aber wie wir dann gleich hinterher in die Marienkirche sind und der Hochzeitsmarsch gespielt wurde und wir dann vorm Altar auf diesen sch�n geschm�ckten Hochzeitsst�hlen sa�en � da kamen <emphasis>mir</emphasis> bald die Tr�nen, da wusst ich auf einmal, das ist jetzt f�r immer und ewig. Sonst braucht man ja nicht heiraten, oder.</p><p>Wir haben Romy dann als Baby auch gleich taufen lassen, das hei�t, nicht gleich, sondern erst �ber ein halbes Jahr sp�ter, weil Friedhelm das partout nicht wollte und gefragt hat,�wozu dat denn noch�. Und meine Oma auf der andern Seite, die hat ja die ganze Zeit schon gedr�ngelt, dass das Kind nun endlich mal� d��pt warn m��t�, die hat das gar nicht verstanden, dass wir da erst noch gro� dr�ber nachdachten. H�tt ich auch gar nicht, wenn Friedhelm nicht auf einmal so stur gewesen w�r. Da hab ich mich denn erst mal gefragt, wieso ich das eigentlich unbedingt will. Und ich konnt das gar nicht so genau sagen. Blo�, dass mir nicht wohl dabei gewesen w�r, Romy nicht taufen zu lassen. Man will doch nur das Beste f�r sein Kind. Vielleicht war das so was wie sicher ist sicher. So klar wie heute war mir das noch lange nicht. Ich fand das eben einfach richtig. Und dann haben wir das auch gemacht, weil ich das so wollte. Und Friedhelm musste mit und versprechen, sein Kind im christlichen Glauben zu erziehen. Heute denk ich, das war auch gemein von mir, ihm immer alles so �berzust�lpen.</p><p>Und ich war das ja auch, die dann bei Arndt angerufen hat und gefragt hat, ob mein Mann nicht kommen kann, dem gehts schlecht. Und der hat sofort ja gesagt, ohne gro� zu fragen, daf�r bin ich ihm heut noch dankbar. Und Friedhelm, der hat auch ja gesagt. Und daran konnt ich schon sehen, wie weit es mit ihm war. Dass er wirklich Hilfe wollte, egal, woher. Mit meinem Vadder war das genauso. Als der im Sterben lag. Als ich diese Angst in seinem Gesicht gesehen hab, seine hohlen Augen, die mich immerzu angeguckt haben, als wenn er mir was sagen wollte, aber er konnte ja nicht mehr. Ich wei� nicht, manchmal kam er mir auch ganz weit weg vor, wie schon nicht mehr ganz hier, aber eine Angst war das in diesen Augen, ich wei� ja nicht, aber als wenn er sonstwas gesehen hat. Und dann hat er blo� genickt, als ich ihn gefragt hab, ob ich f�r ihn beten soll. Er hat blo� meine Hand gedr�ckt und ganz doll genickt.</p><p>Aber das war sp�ter. Das mit Friedhelm, das muss in dem Jahr gewesen sein, als meine Mudder starb. Schon Monate vorher hat sie ganz gelb ausgesehen, ganz schlecht, sie hat ja fast nur noch im Bett gelegen. Meistens zugedr�hnt. Ich war nicht mehr oft da. Ich hatte irgendwie �berhaupt keine Kraft mehr. Meine Oma war oft bei uns, sie kam immer freitags mit dem Einser-Bus, und dann hat sie manchmal geweint, wenns grad wieder schlimm war mit Traudel. Mit ihrer Tochter. Sie konnt damit nicht fertig werden.�Nee, mit Traudel, nee, ick verstoh dat nich, dat dei nich uph��rn k�nn. �Und sie hat mit dem Kopf gesch�ttelt und auf den Ollen, auf Manni, geschimpft. Ich glaub, sie hatte wohl wirklich das Gef�hl, dass er ihr ihre Traudel weggenommen hat. Sie war auch gegen die Hochzeit gewesen. Aber wo nun schon das erste Kind unterwegs war. Dabei war sie selber damals schon mit dem zweiten schwanger gewesen, als sie endlich ihren Ernst geheiratet hatte. Daf�r hatte sie noch den Arsch von ihrem Vater vollgekriegt. Sie hatte f�nf Kinder. Und sie hat die alle �berlebt. Zwei sind ja gleich als Baby gestorben. Die Leute haben immer irgendwas von Kr�mpfen gesagt. Epileptische Anf�lle? Wer wei�, wer wusste das schon. Der eine Sohn, der, der aus dem Krieg mit Typhus zur�ckgekommen ist und dadran dann auch gestorben, der soll das auch gehabt haben. Der andere, der war grad mal achtzehn, als er Ende vierundvierzig gefallen ist. Der war Kanonier. Ich hab immer dieses Foto angeguckt, wo er in Uniform drauf ist, wo sie hinten drauf die Todesanzeige geklebt hat. Da steht auch, dass ihr Mann z. Zt. IM FELDE w�r und der andere Sohn vermisst. Schon da gabs eigentlich blo� noch Traudel und sie. Und ich hab immer dieses runde Jungsgesicht auf dem Foto angeguckt, und die M�tze sah viel zu gro� aus, und ich konnt mir gar nicht vorstellen, dass das mein Onkel sein sollt.</p><p>Und nun lag Traudel im Krankenhaus, und das war alles abzusehen. Und ich war trotzdem erschrocken, als mein Vadder eines Morgens bei uns vor der T�r stand. Ich hatte sie am Tag vorher noch besucht. Meine Mutter. Sie hat kaum die Augen aufgekriegt, die hatten ihr wohl irgendwas gegeben.�Sonja�, hat sie gesagt, mehr eigentlich nicht. Das war gar nicht mehr meine Mudder. Aber wie mein Vadder vor der T�r stand, war mir kotz�bel. Ich wusst auf einmal, dass meine Mutter gestorben ist, ich mein, nicht blo�, dass sie gestorben ist. Sondern dass das meine Mutter war, als h�tt ich pl�tzlich wieder eine Mutter gehabt, gehabt, ja.</p><p>Meine Oma war grad bei uns, und wie sie Manni sah, hat sie gleich angefangen zu weinen. Ich konnt das gar nicht. Ich hab meine Oma angeguckt, wie sie nix gesagt hat und blo� geweint, und ich musst daran denken, was sie mir erz�hlt hatte. Als vierundvierzig der Postbote kam mit dem blauen Brief. Und er kam zu ihr, in ihr Haus. Wie sie da geschrien hat, nur geschrien, die ganze Zeit.</p><p>Das war zwei Tage vor meinem Geburtstag, als meine Mudder starb. Und das war hei�, und sie mussten sie fast sofort unter die Erde bringen. Aber ich h�tte sie noch mal sehen k�nnen. Ich hab nein gesagt.</p><p>Sie hat immer blo� gelacht und abgewunken, wenn ich gesagt hab: Mutti, soll ich mit dir zu Arndt gehen? Sie hat das �berhaupt nicht ernst genommen, oder heruntergespielt, als ob wir alle gar nicht w�ssten, was los ist, als ob wir alle spinnen w�rden. Oder, ich wei� nicht. Ich konnt das nie rauskriegen, ob sie das ernst genommen hat. Ob sie sich ernst genommen hat. Ob sie wusste, was mit ihr los ist. Wei� man was, was man nicht wissen will?</p><p>Ich kannte Arndt hier in Bresekow als Seelsorger, aber ich bin zu ihm, weil er damals schon die Suchtgef�hrdetenhilfe geleitet hat. Sie haben ihn und seine Familie damals ins Pfarrhaus geholt, nachdem Maltzahn weggezogen war. Einen neuen Pastor kriegten sie nicht. Aber Arndt war schon der richtige Mann f�r die Leute hier, der hat was gemacht. Ich hatte geh�rt, dass er schon so manch einen aus der Gosse geholt hat, dass er das schafft, die Leute trocken zu kriegen. Dass das was mit Glauben zu tun hatte, das war mir da noch gar nicht so wichtig. Ich wollte, dass er meinen Eltern hilft. Er hat mir zugeh�rt. Und das hat erst mal mir geholfen. Er war der Erste, bei dem ich mich nicht gesch�mt hab f�r meine� Alten�. Aber er hat mir ganz klar gesagt:�Die m�ssen selber herkommen. �Und dann hat er mit mir gebetet, und das kam mir erst mal komisch vor. Er hat gesagt: <emphasis>�Ich</emphasis> mach das nich. Die Leute denken immer, ich mach das, und sind mir denn sonstwie dankbar und wolln mir den Hintern k�ssen und kommen hierher, als w�r ich der liebe Gott. Ich sag immer, <emphasis>dem</emphasis> da m�sst ihr danken, vor <emphasis>dem</emphasis> da m�sst ihr uffe Knie falln�, wobei er so mit dem Finger nach oben gezeigt hat. Er hat so eine Art zu reden. Und da kam ich mir denn auf einmal ganz sch�n doof vor. Weil ich das ja wohl auch gedacht hatte.</p><p>Aber davon hab ich erst mal gar nix gesagt. Ich hab meiner Mudder blo� immer in den Ohren gelegen, dass ich mit ihr zu Arndt gehen w�rde. Da hat sie blo� gelacht. Oder dass er auch herkommen w�rde.�Sonja, nu h��r eis up!�Ja ja, was sollten denn da die Leute denken, nicht wahr. Da k�nnten die ja nun glatt noch denken, man w�r Alkoholiker. Aber das war auch noch was andres. Das w�r ja wie � wie ein Zugeben w�r das gewesen. Meinem Vadder braucht ich erst gar nicht damit kommen. Der hatte einen Stolz, das war schon bald sprichw�rtlich. Der hat nie nachgegeben. Nie� klein beigegeben�, Manni St�wsand. So kannte ihn jeder. Er war nicht unbeliebt, ganz im Gegenteil. Und deswegen war er immer obenauf. Und das mit dem Trinken, na ja. Da hat man dr�ber geredet, und denn hat man ihn wieder eingeladen, oder sich einladen lassen. Gro�z�gig war er. Und sein Wort galt was. Das wusst er. Gelitten haben sie alle unter ihm, meine Oma, meine Mudder, meine Geschwister, ich. Aber gesagt hat keiner was. Wir waren uns ja auch �berhaupt nicht einig gegen ihn oder so. Er hatte ja auch seine guten Seiten. Aber einer hatte immer zu leiden, und der hat dann alleine vor sich hingelitten, und die andern waren blo� froh, dass sie nix abgekriegt hatten. Er hatte auch so ein Talent, uns gegeneinander aufzuhetzen. Ganz gr�n waren wir uns sowieso nicht, wir waren gar nicht wie Geschwister. Blo� die beiden L�tten, Elke und Marlies, die haben zusammengehangen. Und Herbert und Siegbert, die beiden �ltesten, die waren wie Zwillinge. Und selbst die hat er gegeneinander ausgespielt, einmal hat er sie wie zwei H�hne buchst�blich aufeinandergehetzt, dass die sich richtig gekloppt haben, bis aufs Blut, drau�en vor der Waschk�che, und er hat sich auf die Treppenstufe gesetzt und sich das angeguckt und den einen und den anderen angefeuert, und die haben gar nicht gemerkt, wie er sich einen feixt. Und mir hat erst recht keiner geholfen, als er mich um den Tisch gejagt hat und mich zu fassen kriegte und mich an den langen Haaren gepackt hat und gegen die K�chent�r gedonnert, richtig mit dem Kopf dagegen. Weil ich mal was gesagt hatte. Und meine Mudder hat� Manni!�geschrien und ist rausgerannt. Und er hat gar nix gesagt, er war j�hzornig, aber er hat nie rumgetobt. Das ging ganz schnell bei ihm, pl�tzlich hatte er einen, ohne Vorwarnung. Das war eine ganz kalte Wut bei ihm, eine Wut, mit der man Menschen umbringt. Da war ich schon fast erwachsen, fast achtzehn.</p><p>Ich wollte nur weg. Und Friedhelm auch. Der hielt das auch nicht mehr aus zu Hause, mit den vielen Geschwistern, dieser ganzen Unruhe. F�r ihn hatte auch nie einer Zeit, so was kannte er gar nicht. Ich glaub, seine ganze Nervosit�t, das kommt alles daher. Als er das damals hatte, diese Depression hatte, und das kam ja wieder � , da hat er eigentlich zum ersten Mal �ber seine Familie geredet. Nicht, dass er mir vorher nix erz�hlt h�tte, im Gegenteil, die dollsten Schoten, und was sie als G�ren alles angestellt h�tten, und wie er seiner Schwester mit dem Feuerhaken eins �bergezogen hat und K�ken in der W�scheschleuder und alles solche Sachen. Aber wie ihm das ging dabei, ob sich da mal einer um ihn gek�mmert, seine Mutter ihn mal in�n Arm genommen hat oder so, da hat er nie was dr�ber gesagt. Ich hab auch nicht gefragt. Wenn er so erz�hlte, stand mir das Bild vonner wilden Horde vor Augen, die Pl�tzen-Bande, furchtbar zwar, aber immer noch besser als bei uns. Weil ich da so einen Zusammenhalt merkte. Egal, wie Mutter Pl�tz sonst so war, und ich kam ja nicht so klar mit ihr, aber ihre Kinder waren ihr Ein und Alles, da hat sie nix drauf kommen lassen. Das war manchmal auch nicht mit anzuh�ren: wie sie auf die Partner ihrer Kinder geschimpft hat, auf die Leute sowieso, Schuld waren immer blo� die anderen. Und das hat sich so festgesetzt in denen. So ist Friedhelm auch. Er verdr�ngt alles bis zum Gehtnichtmehr.</p><p>Ich hatte ihn noch nie so gesehn, so fremd, wie an dem Tag. Als er zu Arndt ist. Und ich wei� nicht, was genau da abgegangen ist, ich wei� das bis heute nicht, das war dann schon wieder sein Geheimnis. Das war schon dunkel, als er endlich wiederkam, regelrecht reingeschossen kam er, und ich kriegte fast Angst, wie er sofort anfing, alle Schr�nke aufzurei�en und die Schnapsflaschen rauszuholen. Vor allem, wie viele das waren! Ich wusste, dass er solche Verstecke hat, ich hatte ab und zu mal zuf�llig eins entdeckt, und das war dann immer wie ein Stich, das zuckte so richtig durch mich durch, wie ein Stromschlag. Wenn da hinter dem W�schestapel auf einmal die Buddel GOLDKRONE stand, halb leer. Ich mocht die gar nicht anfassen. Aber ich hab sie dann rausgenommen und ins Schnapsfach gestellt, das hie� schon bei St�wsands so, dieses Fach, was man so aufklappen konnte, die Bar, wo die ganzen Gl�ser drinstehen. Wo das hingeh�rt. Und wenn er von der Arbeit kam, hab ich gesagt:�Sag ma, wei�t du, was ich heut im W�scheschrank gefunden hab?�, und dann war der Abend gelaufen. Zuerst hat er sich n�mlich immer doof gestellt, wovon ich denn reden w�rd und so, dann:�achso, dat�, und gleich hinterher aber seine Standardantwort:�Na du meckerst doch sonst blo� wieder!�Und deshalb h�tte er sie versteckt, damit ich das gar nicht erst mitkriege und also keinen Grund zum Meckern hab. Das stimmt ja auch. Aber <emphasis>warum</emphasis> mecker ich denn? Weil mir das Spa� macht? Oder weil ich mir Sorgen um meinen Mann mach? Ich hab mir oft Sorgen gemacht. Das ist auch nicht besser geworden.</p><p>Er hat sich nicht mal gesch�mt. Das hat mich ja so auf die Palme gebracht. Dass er so tut, als w�r er voll im Recht. Vielleicht wollt ich blo� das. Dass er mal zugibt, dass was schei�e ist, dass er Mist gemacht hat.</p><p>Manchmal hab ich auch gar nix gesagt. Hab die Flasche blo� ins Fach gestellt und gedacht, er muss das doch merken. Vielleicht wirkt das mehr. Aber am n�chsten Tag war der Schnaps wieder weg, total verschwunden, als w�r nie was gewesen. Als w�rd ich unter Hallus leiden, wie meine Jugendlichen sagen.</p><p>Dann wieder Methode Holzhammer. Hab ich Abendbrot gemacht, und wenn er dann kam, stand die Pulle auf seinem Platz. Ohne Kommentar. Er hat sie beiseite gestellt und mit dem Kopf gesch�ttelt und angefangen, sich ne Stulle zu schmieren.�Hast du nix dazu zu sagen?�, frag ich. Und er:�Wat soll�ck denn dazu sagen � wenn du dich ma wieder kindisch benimmst?�Ich?</p><p>Einmal hab ich sie einfach stehen lassen, da, in seinem Versteck. Hab den Schrank wieder zugeklappt. Ich hatte �berhaupt keine Lust mehr. Dann muss er eben trinken. Wenn er meint. Ich bin doch nicht sein Kinderm�dchen. Er ist ein erwachsener Mann.</p><p>Nur, dass ers eben nicht ist. Nur da, als er von Arndt kam und den ganzen Alkohol in�n Ausguss gekippt hat, da hab ich so was gemerkt. So was wie einen eigenen Willen. Aber dazu musste ihm ja wohl auch erst einer die Leviten lesen. Immer muss erst einer von au�en kommen, muss erst was im Fernsehen gesagt werden � man soll mehr Kohl essen oder so � , damit ers glaubt. Ich z�hl ja nicht mehr.</p><p>�Bring ma Rosenkohl mit!�, sagt er dann, und zwar in einem Ton, der irgendwie genauso klingt wie damals, als er eine Flasche nach der andern aufgemacht und weggekippt hat, sogar das Bier, und, wie ich ihn aufhalten wollte, schlie�lich hatte das alles Geld gekostet, wie er da gesagt hat:�Damit muss Schluss sein, Sonja!�</p><p>Wenn er was macht, dann richtig. Aber auch so �berrichtig. Ich war ja total �berrascht, aber auch froh, dass Friedhelm Arndt so gut fand.�Der is in Ordnung�, hat er gesagt.�Der redet ma Klartext. �Und er ist danach, auch als es ihm besser ging, als eigentlich wieder alles normal war, mit mir zu den Lobpreisgottesdiensten nach Bresekow gekommen. Alle vierzehn Tage dienstags abends. Wir hatten da grade unser erstes Auto, den blauen KADETT, ne olle Sch�ssel eigentlich, aber ich war so stolz dadrauf. Auch auf Friedhelm, dass er das mit der Fahrerlaubnis einfach so gepackt hatte. Ich hab mich erst sp�ter getraut, bin auch beim ersten Mal durchgefallen. Da hab ich schon wieder an mir gezweifelt, an der ganzen Aktion, ob das �berhaupt notwendig ist, aber pl�tzlich war das notwendig. Zu DDR-Zeiten hat da keiner von uns beiden dran gedacht, da war gar nicht dran zu denken. Wir h�tten sowieso nie nen Trabi zusammengespart gekriegt, auch in zwanzig Jahren nicht. Ich wei� gar nicht mehr, wie wir fr�her eingekauft haben. Da w�ren wir abends gar nicht nach Bresekow gekommen, da h�tt es das alles sowieso �berhaupt nicht gegeben. Dass da einer frei in der Kirche spricht, kein Blatt vorn Mund nimmt. Da w�ren wir vielleicht gar nicht zum Glauben gekommen. Wenn man sich das mal so vorstellt.</p><p>Ich hab ihn kaum wiedererkannt, Friedhelm. Wie er pl�tzlich so Feuer und Flamme war. Dass es Gott gibt, und dass man nur durch Jesus zu Gott kommen kann und all das, das stand f�r ihn auf einmal alles fest. Er hatte da auch kaum Fragen, nicht so wie ich, am Anfang, als ich vieles gar nicht verstehen konnte oder wollte. Das war mir manchmal unheimlich. Ich war mir nicht so sicher, ob er das nun wirklich glaubt oder � na ja, denkt, dass er das nun glauben muss. Damit ihm das nicht wieder schlechtgeht. Aber ich dachte, lass ihn. Du kannst ihm das jetzt nicht wieder wegnehmen.</p><p>Er ger�t da manchmal ganz sch�n mit Romy aneinander. Wenn er so � fast fanatisch ist. Er l�sst ja nix gelten, was nicht mit dem, was Arndt predigt oder was wir so zu lesen bekommen, �berein geht. Besonders mit Israel. Und Romy widerspricht dann ja, schon aus Prinzip, die kann das �berhaupt nicht ab, wenn sie irgendwie bemusst wird. Nachrichten gucken ist immer schwierig mit den beiden. Meistens sagt gar keiner was. Aber ich seh genau, wie Friedhelm mit dem Kopf sch�ttelt und schnell zu Romy guckt, ob sie das auch mitgekriegt hat. Und wie Romy starr geradeaus in den Fernseher guckt. Ich geh dann meistens raus. Ich wei� so wenig dadr�ber. Aber blo� nicht noch was fragen. Dann halten sie mich beide wieder f�r total bl�d.</p><p>Wir haben ja auch eine Zeitlang versucht, Romy dienstags mitzunehmen. Sie ist auch mal mitgekommen, ein-, zweimal, als sie j�nger war. Aber blo� unseretwegen, damit wir Ruhe geben, und danach hat sie sich dann absolut dagegen gestr�ubt, gab auch Streit deswegen.�Wieso denn nich?�, hab ich gefragt.�Du glaubst doch auch an Gott, oder?�</p><p>Die Antwort war wieder typisch Romy:�Na und? M�ssen alle, die an Gott glauben, da jetzt hinrennen?�</p><p>Ich wusst erst gar nicht, was sie so furchtbar dadran findet, vielleicht wusste sie das selber nicht, jedenfalls hat sie nix Genaues gesagt. Im Prinzip haben wir da alle immer nur drumrumgedruckst, als m�ssten wir uns f�r irgendwas sch�men. Romy wollt da gar nicht mit mir dr�ber reden. Sie hat mir blo� gerne lauter schwierige Fragen gestellt, auf die ich auch keine Antwort wusste. Solche Sachen wie: Wenn Gott das alles vorhersehen konnte, wie das alles werden w�rde mit den Menschen und so, dass er sich st�ndig �ber sie �rgert, wieso hat er sie dann geschaffen? Was war vor Gott da? Was hat er die ganze Zeit gemacht vor uns? Was ist mit den anderen Religionen? Die k�nnen doch nix daf�r, die anderen Menschen, dass sie woanders geboren sind, wieso sollen blo� wir das Gl�ck haben, zuf�llig an das Richtige zu glauben? Und so weiter.</p><p>Und da brauch ich �berhaupt nicht kommen mit S�tzen wie: Das musst du eben einfach glauben. Ich wei�, da k�nnte sie ausflippen, wenn ich so was sage.�Annehmen�. Das ist das totale Reizwort f�r sie.�Das musst du einfach annehmen.�</p><p>Vielleicht wars das. Dass sie das deshalb so abst��t, diese Veranstaltungen. Weil da keiner solche Fragen stellt, alle blo� dasitzen und auf Arndt gucken. Und dann nat�rlich wieder dieses Gruppending. Das hat mich fr�her oft traurig gemacht. Dass mein Kind so menschenscheu ist. Dass sie nirgendwo dazugeh�rt. Aber sie will ja gar nicht. Das hab ich erst viel sp�ter gesehen, eigentlich jetzt erst: dass das nix mit Sch�chternheit oder so zu tun hat, jedenfalls nicht nur. Das ist einfach nix f�r sie.</p><p>Und wir? F�r uns ist das alles Gewohnheit. Ich wei�, dass Friedhelm oft keine Lust hat hinzugehen.�Warum gehst du dann?�, frag ich.�Arndt zuliebe? Gott wei� sowieso Bescheid. �Ich auch. Das hat n�mlich wieder ganz sch�n zugenommen. Was er so an Bier trinkt, und ja nicht nur Bier. Er hatte das eine Weile wirklich ganz ohne durchgehalten. Bis zum n�chsten Verwandtengeburtstag. Immer bis zum n�chsten Geburtstag. Da wird dann unweigerlich eingeschenkt. Und Friedhelm trinkt. Sollen ja nicht denken, dass er unter Sonjas Fuchtel steht. Dass sie ihn nun bekehrt hat und zu Arndt schleift.</p><p>Er trinkt auch, um schlafen zu k�nnen. Wenn er merkt, dass das kommt, die Depression. Ich merk das immer daran, wenn er sp�t noch ein Bier aufmacht. Noch mal rausgeht. Wenn er nix sagt. Er sagt �berhaupt nix mehr. Ich finde blo� wieder die Flaschen, hinterm Waschpulver, in der Garage.</p><p>Aber saufen tun immer blo� die andern. �ber Siegbert, �ber J�rgen, da k�nnen wir uns aufregen, bei jeder Feier aufs Neue. Das ist schon immer vorprogrammiert.�Mann, die ham aber uch wieder gekippt!�, sagt Friedhelm, wenn wir nach Hause fahren. Wenn ich fahre und er mit drei-acht im Turm neben mir sitzt. Ich will das nicht mehr. Diese st�ndigen Feiern. Wieso f�hrt man da hin? Ist doch immer das gleiche Blabla. Siegbert macht mich bl�d von der Seite an, st�nkert rum, ich bin sowieso ein rotes Tuch f�r ihn, und meine liebe Schw�gerin setzt ihr �bliches Grinsen auf, zieht die Augenbrauen hoch, wenn er mal wieder �ber die Str�nge schl�gt, und sagt:�Ach, Siggi�, und kichert. Herbert sitzt feixend in der Ecke.�Und, wie geht dir dat?�, fragt Elke. Und gackert dann den ganzen Abend mit Marlies rum, wie zwei Teenager, die sind auch noch nicht weitergekommen als meine Jugendlichen. Marlies ist jetzt Mitte drei�ig, ich hab neulich mal zu ihr gesagt:�Du gehst auch schon auf vierzig zu�, da war sie eingeschnappt. Hungert sich runter auf achtundvierzig Kilo und blondiert sich die Haare. Seit Jahren diese Pudelfrisur. Das blonde Gift. Da lacht sie, wenn wir das sagen. Ein Kerl nach dem andern. Ich wei� nicht, wo sie die alle herholt. Dass die alle anbei�en, sie sieht doch schlimm aus. Elke hat fr�her mal so ein Buch bei ihr gefunden. Mit Datum und Namen und allem, Kommentaren. Sie hat Buch gef�hrt �ber die Macker.</p><p>Und dann sitzen wir da �berm Kartoffelsalat. Und haben uns �berhaupt nix zu sagen. Wie kommt das? Dass ich mit denen verwandt bin, dass das meine Geschwister sind? Ganz abstreiten l�sst sich das ja nun auch nicht. Die Augen, der Mund. Ich kann das manchmal gar nicht glauben: dass ich kein Einzelkind bin. Ich bin eins. Ich hab gar keine Familie, das ist doch keine Familie. Nur meine eigene kleine, nur wir drei, wenigstens wir. Hab ich zumindest immer gedacht.</p><p>Ich mache mir Sorgen um Romy, pah! <emphasis>Wer</emphasis> vereinsamt denn hier? Sie ist jung, sie hat doch noch alles vor sich, alles Sch�ne. Da w�rd sie jetzt lachen. Mama! Sie wird das nicht so machen wie ich: immer da sein, nie nein sagen, sich �berall einbringen, n�tzlich machen. Und was hab ich davon? Ich wei�, so soll man nicht denken. Schon gar nicht als Christ. Ich M�chtegern-Christ! Und wo sind meine Freunde? All meine lieben Christen-Freunde? Wo sind sie denn? Ich seh keinen. Aber ist man nicht selber schuld? Wir haben uns so abgekapselt, Friedhelm und ich. Wir machen nie was. Mit wem auch.</p><p>Und mein toller Bibelgespr�chskreis, mittwochs, alle zwei Wochen? Ja, das war vielleicht mal gut, am Anfang. Aber die guten Leute sind alle weg. Die haben das da wohl auch nicht ausgehalten, Maritas ewiges� Ick-sag-euch-da-hat-er-mich-wieder-zu-halten-gehabt�, der Teufel n�mlich. Ob die das wirklich glaubt? Ich glaub, ja. Die hat sich sone richtige D�monenwelt gebastelt. Oder die haarstr�ubenden Dinger, die Helga immer losl�sst, wenn wir was zu einem Bibeltext sagen sollen, das ist nicht mitanzuh�ren. Neulich, das war die Kr�nung, da wusste ich echt nicht, ob ich einfach nur lachen oder laut Schei�e schreien soll: Die schwor Stein und Bein, dass wir Christen an einem besonderen Merkmal zu erkennen seien, n�mlich � oh nein, es ist wirklich zu bescheuert � n�mlich an einer W�lbung auf dem Kopf, Gott h�tte uns mit so einer W�lbung versehen! Und wie die sich dann alle gleich an ihren Kopf fassten! Na ja, also echt, da kann man sich ja auch blo� an den Kopf fassen, aber die haben alle ihren Kopf abgetastet, und dann fingen ein paar an zu lachen, ich auch, noch nicht mal am lautesten, aber Helga funkelte mich ganz b�se an, und hinterher kam sie zu mir und grollte, dass sie das nicht vergessen wird, wie ich sie so blo�stellen konnte! Wir k�nnen uns nicht besonders leiden, das steht mal fest. Mir reichte schon, wie sie erz�hlte, dass sie mit ihrer alten Mutter, seit die bei ihr wohnt, jetzt immer morgens eine Andacht macht, obwohl die gar nicht will,�da war se bockig, aber ick setz dat durch!�. Und alle nicken brav, und nur ich muss mal wieder der Quertreiber sein und den Friede-Freude-Eierkuchen � na, Frieden st�ren. Sabine guckt mich denn an, als w�r ich irgendwie au�erirdisch, meistens sagt sie dann, so, als h�tt ich sie grade aus dem Schlummer geweckt, so gaaanz laaangsam:�Sooon-jaa! Wie maainst du denn daas?�Und noch bevor ich antworten kann, springt Renate ein und legt mir Worte in den Mund, auf die ich im Traum nicht kommen w�rd, und dann greift sie fix zur Gitarre, und wir singen erst mal einen, schrumm-schrumm. Vielleicht h�tte nicht grade Arndts Frau den Kreis machen sollen. Ich mein, ja, sie ist Katechetin. Aber all die Jahre Christenlehre, die sind nicht spurlos an ihr vorbeigegangen, blo� dass sie zu ihren drei Akkorden nix dazugelernt hat. Und in einem Tempo immer, man kommt kaum zum Luftholen. Ich wei� gar nicht, wie Sabine das macht. Vielleicht singt sie nur jedes zweite Wort. Aber ich kann doch jetzt nicht auch noch wegbleiben. Was soll ich denen denn sagen? Ihr seid mir zu doof?� Mama, du musst dich doch nicht st�ndig rechtfertigen!�Muss ich aber in Wirklichkeit doch. Oder wegziehen.</p><p>Wietmann, der Neue, auf den hatt ich ja insgeheim sofort alle meine Hoffnungen gesetzt. Das hat mir gut gefallen, wie er zu Ostern hier seinen Antrittsgottesdienst hielt. Da waren sie alle erst mal baff. Wie er von der Auferstehung sprach und uns meinte. Wie gleich das Erste in seinem Gebet war, dass Gott uns aus der Gewohnheit rausrei�en m�ge, aus der� Glaubenslangeweile�, genauso hat er das gesagt. Dass wir nicht glauben sollen, wir h�tten nun ein f�r alle Mal die Weisheit mit L�ffeln gefressen. Das hat er anders gesagt, anders als Arndt. Der war �brigens gar nicht da, Renate auch nicht. Als ob sie nun Angst um ihr Haus haben. Manchmal versteh ich die nicht. Versteht mich einer? Versteht einer Wietmann? Ich glaub, der ist denen hier viel zu � viel zu kompliziert, oder so. Wieso, wieso, man kann doch nicht immer egaleweg im gleichen Trott weitermachen. Er hat recht. Aber die k�nnen das.</p><p>Kann sein, ich hab einfach mal wieder zu hohe Anspr�che. Vielleicht sollte ich das machen wie Dieter. Aber Dieter macht mich verr�ckt. Dieter <emphasis>ist</emphasis> verr�ckt, hab ich �fter den Eindruck. Ich denk manchmal, wenn da einer von au�en draufgucken w�rd, der w�rd doch denken, wir sind total beknattert. Wir Christen. Ich hab ja nix dagegen, dass er mir �fter Hannah herbringt und das offenbar auch irgendwie als selbstverst�ndlich betrachtet, dass ich auf sie aufpasse, mich mit ihr besch�ftige. Wenn sich schon die eigene Mutter dazu nicht in der Lage sieht und Ruhe braucht, immer nur Ruhe. Friedhelm und Romy geht das ziemlich auf die Nerven, und sie werfen mir das auch vor: dass ich mehr f�r andere da bin, es immer andern mehr recht machen will als meiner eigenen Familie. Aber was kann das Kind daf�r. Aber das ist das eine. Das andere ist, dass Dieter sich hier immer mehr wie der Oberpriester auff�hrt. Gereicht hat mir das eigentlich schon, als er mich einmal fragte, ob ich nicht bei diesen Gebeten mitmachen will. Wo rund um die Uhr in ganz Deutschland gebetet wird, f�r bestimmte Themen, und jeder bekommt eine feste Uhrzeit zugeteilt, und sie k�nnten noch einen gebrauchen f�r drei Uhr nachts. Logisch. Aber da hab ich endlich mal meinen Mut zusammengenommen. Das w�r ja alles gut und sch�n, aber dass ich glaub, hab ich gesagt, ich kann das nicht. Ich w�r froh, wenn ich nachts um drei mal schlafen k�nnte. Und ich w�rd mich nicht f�r was verpflichten wollen, was ich dann nicht richtig einhalten kann. So ungef�hr. In Wirklichkeit ging mir das auch total gegen den Strich. Nicht das Beten, noch nicht mal das Aufstehen nachts, aber dieser ewige� freiwillige �Zwang. Wie im Sozialismus. Und da sagt der doch glatt zu mir, Dieter:�Na gut, Sonja. Aber du musst ja wissen, wie viel dir Gott wert is. �Mir blieb die Spucke weg. Ich w�r ihm am liebsten aufn Fu� getreten, ich hatte grade die richtigen Schuhe daf�r an. Aber wir sind ja erwachsene Menschen, ach ja.</p><p>Ich wei� auch nicht, mit Dieter, der hat ja fr�her auch gesoffen,�oh, ich war n Schlimmer�, hat er mal gesagt und gegrinst. Wir sind ja zusammen zur Schule gegangen, aber er war in der a. Ich fand ihn immer so h�sslich, mit seinen Glubschaugen, ich wei�, ich darf so nicht denken. Er hat auch sp�t geheiratet, aber die sch�ne Christine. Da ist er stolz drauf. Blo�, die sind wie zwei alte P�tter, und sie noch wesentlich j�nger als ich. Sie schl�ft nur, ihr ist alles egal. Ihre Schl�pper, ihre Strumpfhosen, das kauft alles Dieter. Und was f�r Dinger. Omas Steinschl�pen waren gar nix dagegen. Als ich die das erste Mal auf der Leine gesehen hab, hab ich gedacht, die geh�ren der alten Frau Niederges��, die hei�t wirklich so, Romy will sich immer totlachen. Und ich denk, was fummelt denn Dieter an die ihre Schl�pper rum. Er macht ja auch die W�sche. Er ist nicht schlecht. Aber was die eigentlich mit dem Kind wollten, wei� ich nicht. Die sind total �berfordert. Nur f�r seine religi�sen Videos und seine Kassetten, so Aufnahmen von irgendwelchen Christentreffen und Predigten und Lieder, hat er immer Zeit. Er schleppt uns auch massenweise all dieses Zeug an, auch Rundbriefe und diese kleinen Heftchen. Ich wei� schon nicht mehr wohin mit dem ganzen Kram, ich stopf das �berall zwischen und krieg zweimal im Monat einen Anfall deswegen. Und dann immer seine Kontrollfragen:�Hast du das schon gelesen?�</p><p>Er kommt aber auch st�ndig mit irgendwas. �fter, wenn ich vormittags zu Hause bin, lass ich die Rollos runter, damit er mich hier nicht rumlaufen sieht. Ich schlie� inzwischen auch die T�r ab. Einmal stand er schon im Wohnzimmer, hab ich n Schreck gekriegt!</p><p>Und wir sind inzwischen einiges gewohnt. Ich dachte eigentlich, mich kann in der Hinsicht nix mehr schocken. Aber vor paar Wochen, das war echt die Kr�nung. Seitdem ist ja Funkstille. Klopft das doch eines Morgens bei uns an der T�r, um halb acht! Ich noch im Morgenmantel. Ich hab erst �berlegt, ob ich aufmachen soll. Aber er hatte mich ja sicher schon geh�rt. Stand n�mlich Dieter vor der T�r. Ich sag erschrocken:�Was is denn?�</p><p>Er streckt mir die Hand hin und sagt:�Nimm meine Hand!�</p><p>Ich nehm seine Hand, da sagt er:�Du bist ein K�nigskind! Benimm dich auch so!�</p><p>Ich glaub, ich hab ihn nur angestarrt.</p><p>�Du musst das jetzt auch zu mir sagen!�, f�hrt er mich an, als h�tt ich da schon l�ngst von alleine draufkommen m�ssen.</p><p>�Du bist ein K�nigskind.�� Verhalt dich auch so�, hab ich vor mich hingestottert.</p><p>�Benimm dich auch so�, sagt er.</p><p>�Was?�</p><p>�Na, so hei�t das.�</p><p>Da hatt ich mich denn langsam n bisschen berappelt.�Wo hast du das denn � �wieder aufgeschnappt, wollt ich sagen.�Wo hast�n du das her?�</p><p>Er druckste aber blo� rum und nuschelte wieder irgendwas.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ach � das hat mir neulich ma einer gesagt. Das is gut.�</p><p>Mehr war aus ihm nicht rauszukriegen. Ich musste auch aufs Klo. Bl�derweise war das auch mein erster Gedanke gewesen, als er das gesagt hat,�K�nigskind�. Mir kamen sofort die kleinen K�nigstiger in Kopp, wie das jetzt so der Spruch ist: Ich muss mal f�r kleine K�nigstiger. Bei meinen Jugendlichen hab ich das geh�rt. Da stand ich auch erst n bisschen aufm Schlauch, ich dachte, h�, was ist das jetzt wieder. Und was war das jetzt wieder bei Dieter? Da sag noch einer, das w�r langweilig hier. Aber das war beileibe noch nicht das Ende der Fahnenstange. H�tt ich das geahnt. Ich h�tt ihm gleich den Marsch blasen sollen.</p><p>Als ich den Nachmittag mit Romy vom Einkaufen komm, st�rzt uns Dieter entgegen. Man kann das nicht anders nennen. Romy rollte auch wie immer gleich mit den Augen. Ich h�tte sie vorwarnen m�ssen. Aber anscheinend hatt ich das sofort wieder verdr�ngt. Ich konnt blo� noch sagen, oh nee, und:�Sei freundlich. �Romy guckt mich an, aber da war er auch schon bei ihr. Mich hat er gar nicht beachtet. Er hat ihr die Hand entgegengestreckt, genau wie bei mir, aber Romy hatte an jedem Arm ne Einkaufst�te h�ngen und machte gar keine Anstalten, die abzusetzen. Da hat er seine Hand dann wieder fallen lassen und blo� gesagt:�Du bist ein K�nigskind, benimm dich auch so!�</p><p>Ich hatte schon Angst, dass sie lacht. Aber sie war wohl genauso verdattert wie ich, oder, nein, anders. Zwar hat sie ihn auch blo� angeguckt, aber sie ist ja nun ein St�ck gr��er als ich. Zwar auch nicht gr��er als er, aber trotzdem, ich h�tt schw�ren k�nnen, dass das f�r einen Moment so aussah, als wenn sie auf ihn runterguckt. Vielleicht kam ihm das auch so vor. Jedenfalls sagte er erst nix, und ich war schon drauf und dran, zu Romy zu sagen: Du musst das jetzt auch sagen.</p><p>Aber dann fing er sich, Dieter:�Du musst das jetzt auch zu mir sagen�, und griente Romy an.</p><p>Sie verzog keine Miene. Sie sagte:�Muss ich?�Und hat ihn einfach da stehen lassen. Sie ist einfach an ihm vorbeigegangen, und weil er nicht beiseitetrat, ist noch die eine Einkaufst�te gegen sein Knie geschlenkert, da waren die Wasserflaschen drin.</p><p>�Tach, Dieter�, sag ich blo�. Obwohl wir uns ja schon gesehen hatten, morgens.</p><p>Ich wollt ihr nun keine Vorw�rfe machen, Romy. Aber ich dachte, Friedhelm muss ich das vorher sagen, das endet sonst in einem Fiasko, das gibt den totalen Knatsch. Gabs dann sowieso. Aber da dacht ich noch, wenn Friedhelm das nun kurz und schmerzlos hinter sich bringt und er uns dann alle durchhat, dann gibt er Ruhe. Als Friedhelm abends kam, hab ich ihn schnell reingewinkt.�Du, ich muss dir was sagen���</p><p>Und prompt, beim Abendbrot, klopft es.�Geh hin�, sag ich zu Friedhelm. War auch Dieter. Ich hab meine Lauscher aufgesperrt. Dieter wollte wohl erst gar keine Missverst�ndnisse mehr aufkommen lassen.</p><p>�Pass auf, Friedhelm, ich sag dir jetzt was, und du musst mir das denn wiedersagen.�</p><p>�Na gut�, sagt Friedhelm. Ich hab ihn kaum geh�rt.</p><p>�Ja, aber du musst mir das denn auch wirklich sagen, ne!�</p><p>Ich glaub, er <emphasis>wollte</emphasis> nett sein, Friedhelm. Aber da hat ihm dass denn schon wieder gereicht.</p><p>�Nu schie� los!�</p><p>�Ja � ja. Du bist ein K�nigskind, benimm dich auch so.�</p><p>Und Friedhelm, wieder ganz leise:�Du bist ein K�nigskind benimm dich auch so.�</p><p>�Na, also denn.�</p><p>T�r zu.</p><p>�Musstest du auch seine Hand nehmen?�, frag ich Friedhelm.</p><p>�Wie?�� Na, ganz zum Schluss, da hat er mir die Hand gegeben, als er ging.�</p><p>N�chsten Nachmittag war ich im Garten. Mit Hannah, die mir immerzu zwischen den Beeten rumsprang und mir unbedingt� helfen �wollte. Ich versuch, ihr kleine Aufgaben zu geben, aber so komm ich nat�rlich auch nicht voran. Dann hat Dieter sich endlich blicken lassen, und ich denk, na, nu kann Papa sich k�mmern. Ich geb ihm die Hand und sag:�Na, Dieter�, und guck so auf Hannah,�hast du aber ne flei�ige Tochter!�Reagiert der gar nicht drauf. L�sst aber auch meine Hand nicht los. Ich guck ihn fragend an.</p><p>�Du bist ein K�nigskind benimm dich auch so!�, sagt er.</p><p>�Dieter�, sag ich,�das hast du mir ja gestern schon gesagt. Aber wir wissen doch, dass wir Gottes Kinder sind.�</p><p>Und als h�tt er da nur drauf gewartet:�Ja, genau � aber das kann man doch ma sagen, das is doch nix, wo man sich � ich sag ma � nix, wo man dr�ber schweigen muss, ne!�</p><p>Ich hatt schon das Wort �zerreden� auf der Zunge, aber ich wollt keine Diskussion anfangen, jetzt, wo Hannah dabei war und gro�e Ohren machte. Sie ist schon altklug genug manchmal, ich glaub, sie schnappt so einiges auf. Ich wollt sie auch nicht in so einen Konflikt bringen, sie h�ngt total an mir und logischerweise auch an ihrem Papa, aber nachdem sie neulich mal, als sie bei mir in der K�che sa� und ihren Griespudding gel�ffelt hat, pl�tzlich wie aus heiterm Himmel posaunte:�Papa is so doof!�, und mit einem Nachdruck, also, da wusst ich, das ist jetzt der Anfang. Der wird sich noch umgucken. Da kann er ihr noch so viele biblische Geschichten einblasen, und wirklich, sie kann die alle auswendig, sie wei� besser Bescheid als ich � , auf der sicheren Seite ist er damit noch lange nicht.</p><p>�Guck ma, Tante Sonja�, rief Hannah, sie wollte mir zeigen, wie sch�n sie mit ihrer Kinderharke den Weg geharkt hatte. Aber Dieter war noch nicht fertig:�Und deshalb kannst du das jetzt auch ruhig zu mir sagen!�</p><p>�Ja, kann ich, aber���Ich wollt noch was sagen, aber diese ganze Chose war mir auf einmal so was von egal. Also hab ichs gesagt,�Du bist ein K�nigskind, benimm dich auch so�, wie irrsinnig, dacht ich noch, und dann hab ich die Ger�tschaften wegger�umt, mich von Hannah verabschiedet, die sich wieder gar nicht von mir trennen wollte, und bin ins Haus gegangen.</p><p>Als ich paar Tage sp�ter den M�ll rausbring, seh ich, wie Fischbach aus seinem Fenster h�ngt und guckt, ob nicht einer guckt, ob er nicht einen zu sich ranangeln kann, und er macht den Hals lang, den� Gurkenhals�, wie Friedhelm sagt.�Fischbach und Pl�tz, dat passt, hihi, dat passt, wat?�, meckert er immer, Fischbach. Er sa� zweimal im Knast, weil er in KONSUM eingebrochen ist. Wegen Schnaps. Dann kam er zu Arndt. Wie er mich sieht, f�ngt er gleich an, mit den Armen zu fuchteln und mich zu sich ranzuwinken,�Sonja! Sonja! Komm ma her!�</p><p>Ich halt den M�llbeutel in die H�he, geh aber auf dem R�ckweg von der Tonne bei ihm ran. Er �berschl�gt sich fast mit seiner Fistelstimme:�Sag ma sag ma, war Dieter schon bei dir? Hat er dir auch seinen seinen komischen Spruch gesagt bei dir?�</p><p>Ich nicke.</p><p>�Sag ma dat geht doch dat geht doch nu zu weit oder sag ma?�</p><p>Ich sag:�Na ja, ich glaub, er meint das gut���</p><p>�Wat?�, piepst Fischbach.�Dat m�sst ihm ma einer sagen einer muss ihm dat doch ma sagen, dat dat zu weit geht dat dat nich geht!�</p><p>Und einer muss nat�rlich wieder ich sein, oder was?</p><p>Jedenfalls war ich vorbereitet, hatte mir auch ordentlich was zurechtgelegt, man muss ja nicht gleich ausf�llig werden. Ich brauchte auch gar nicht lange warten, noch am selben Tag, als ich grad zum Club loswollte, kam er anmarschiert. Auch immer so im Stechschritt auf einen zu, als m�sst man nun gleich nen Befehl von ihm entgegennehmen.</p><p>�Du, Sonja�, sagt er.</p><p>�Ja?�, sag ich. Wohl n bisschen schnippisch, denn er guckt mich an. Ich guck ihn auch an, ich denk, nun sag schon.</p><p>�Du, k�nntest du Hannah vielleicht morgen Vormittag wieder nehmen? Sie kann morgen nich in�n Kindergarten, sie hat Husten���</p><p>Schon wieder? denk ich. Da steckt doch wieder was anderes dahinter. Wahrscheinlich machen die morgen im Kindergarten was, was irgendwie wieder gegen sein Weltbild geht. Er l�sst sie doch st�ndig zu Hause, das Kind darf nicht mal mit ins Theater. Dann fiel mir wieder ein, dass er doch eigentlich das andere sagen wollte, oder, oder ich wollte doch was anderes��</p><p>���is zwar zu Hause, aber sie f�hlt sich auch gar nich wohl, sie muss morgen ma bisschen schlafen, das Gefahre auch immer zur Arbeit���</p><p>�Du, Dieter�, sag ich,�ich hab eigentlich gar keine Zeit, ich muss���</p><p>�Ja, aber Sonja, wart ma, eins muss ich dir doch noch sagen�, und er grinst mich an,�du bist ein K�nigskind���</p><p>���dann benimm dich gef�lligst auch so!�, polter ich ihm dazwischen. Er h�lt sofort den Mund. Damit hab ich nicht gerechnet, ich mein, auch, dass ich so��</p><p>�Ich mein � das hat auch nix mit Manieren zu tun, wie du uns hier�� was du so machst.�</p><p>Er ist dann einfach auf dem Hacken umgedreht. Ohne ein Wort.</p><p>Hannah hat er am n�chsten Tag nicht zu mir gebracht. Musste sie den lieben langen Tag mit ihrer tranigen Mutter in der Wohnung zubringen. Da hab ich das schon fast wieder bereut. Wer wei�, ob sie �berhaupt noch mal zu mir kommen darf. Wahrscheinlich bin ich jetzt auch gegen sein Weltbild. Macht man denn immer alles falsch?</p><p>�Hahh!�</p><p>Ich fahr zusammen.�Romy!�</p><p>�Mama! Musst du mich so erschrecken? Was sitzt du denn hier im Dunkeln rum?�</p><p>Sie kramt in der Schublade hinter mir, die, die nur noch ein kleines St�ck aufgeht, aber sie kriegt noch was rausgeangelt. Mit dem Feuerzeug z�ndet sie eine Kerze an. Ich stell die Kerze weiter weg. Sie muss mich nicht so sehen.</p><p>�Mama�, sagt sie.�Hast du was?�</p><p>�Ach, nix�, quietsch ich. In meiner Hosentasche ist noch ein Taschentuch, da schnaub ich erst mal kr�ftig rein. Ist ja schon besser.</p><p>�Willst du auch ein Glas?�Ich halt ihr die Weinflasche hin. Ein Glas wirds vielleicht noch.</p><p>�Her damit�, sagt sie.</p></section><section><title><p><strong>PASTOR WIETMANN</strong></p></title><p>Liebe Elena, werden wir wohl gar sehr schuldig aneinander, und wird es uns eines Tages, so von Tagen dann noch wird die Rede sein k�nnen � denn ES WIRD NICHT TAG UND NACHT SEIN, UND AUCH UM DEN ABEND WIRD ES LICHT SEIN <emphasis>�,</emphasis> wohl �bel zugerechnet werden, dass wir diese m�gliche Schuld getilgt glauben allein durch den Umstand, dass keines sich schlecht befinde, und wohler als viele allzumal, bei diesen Umst�nden? Diese Umst�nde aber, die, die das erste, und die, die das fortan stets erneuerte Zusammenlaufen unserer Wege begleiteten und jeden Sonntag noch begleiten, die liebe ich, und als ich dir in einer ehrlichen Sonntagsstunde einst sagte, mehr als dich, so nahmst du es nicht gekr�nkt und widerwortig auf, gekr�nkt h�chstens ein weniges, dass dieser Mann, von dem du allsonnt�glich nichts erwartest als das Einbiegen seines harmlosen Automobils auf den Parkplatz vor deiner Blockwabe, dass dieser Mann au�erhalb seiner Arbeit das Wort �Liebe� in den Mund nahm, statt nur wie sonstens die Schmiegsamkeit deiner Lippen, deiner Gazellenglieder. MEIN FREUND KOMME IN SEINEN GARTEN UND ESSE VON SEINEN EDLEN FR�CHTEN.</p><p>Diese Fr�chte aber, Elena, sind mitnichten die meinigen, sie sind es jetzt nicht mehr als zu den ersten seekranken Zeiten, als mein Schiff unter der Flagge des blassen Herzens noch best�ndig hin- und hergeworfen ward zwischen deines Namens Luv und dem Lee Kathrin. Niemals auch werden sie es sein, die meinigen nicht und nicht die der Anderen, zu deren Existenz kein Hinweis mir erging aus den Wochenberichten von deinem Greifswaldischen Sein, aus der Best�ckung deines Badezimmers, aus dem immergleichen Beerengeruch deiner Bettt�cher nicht. Aus keinem einzigen Molek�l deines ehrlichen Schwei�es. Weil es die deinigen sind, Elena, deine Fr�chte, ganz und gar, weil du eine seltene wahre K�nigin bist �ber das, was zu dir geh�rt, und nur das. Bei uns, mir und den Anderen, kann von Geh�rigkeit zu dir nicht die Rede sein, so wenig wie die umwandernden Monde in des Planeten Eigentlichkeit zu ihm geh�ren. Und so �be ich mich zu folgen den Worten eines Weisen, der kein anderer als mein Onkel, dazumal Professor der Kunsthistorie zu Greifswald, war und zuweilen riet, man lerne doch sich zu erfreuen an den Farben, die dem eigenen Farbkasten nicht zuz�hlbar seien.</p><p>Warst du, Kathrin, mir zuz�hlbar, ich dir? Ich war dir abz�hlbar, dies musstest du dir vom Staate, den du doch gelernt hattest nicht zu befragen, best�tigen lassen, und noch kurz bevor er selber schuldig geschieden ward von der Geschichte, wie ich von dir. Und er machte keine Umst�nde und z�gerte nicht, als er sah, dass es seine verlorene Tochter endlich verlangte heimzukehren. Und das nahmst du in Kauf und nicht l�nger mich, und um diesen Mut sollen dich alle beneiden und sich dabei ihre L�sterzungen abbei�en.</p><p>Und sieh, deshalb war es mir wie eine Z�chtigung, als du gingst, eine gerechte: Nicht l�nger konnte meine Ungen�gsamkeit sich deiner Gen�gsamkeit als eines Anlasses zu Zorn und Vorwurf bedienen und war zur�ckgeworfen auf sich selbst in ihrer ganzen Unf�rmigkeit, ihrer Kopflastigkeit, ihrem �den Dasein, nein, man muss sagen, lediglichen Funktion, ganz wie ein Virus nur Funktion ist, als Marterinstrument ihrer selbst. Perpetuum mobile.</p><p>Denn wohl war es gen�gsam gewesen und dem�tig, Kathrin, sich zu schicken in einen Bund, in dessen Grenzen das Wort SEID FRUCHTBAR UND MEHRET EUCH immer mehr wie ein Hohn zu klingen begann und auch nach zehn Jahren von Mehrung noch nicht und nicht mehr die Rede sein konnte. Und das Ausbleiben dieses Segens f�hlte ich begr�ndet in mir, denn unvorstellbar und monstr�s war mir seit je der Gedanke gewesen, dass etwas von mir ausgehen solle oder wolle, etwas sich herausl�sen aus mir, um sodann mir als ein Gegen�ber vor das Angesicht zu treten, mit einem Angesichte, das es als sein eigenes behauptet und das ich dennoch als ein Wasserzeichen des meinigen erkennen m�sste. Und du, Kathrin, die du keinen Begriff hattest von solcherart monadischem Unbehagen, musstest doch miteinbegriffen sein in seine Folgen, seine Folgenlosigkeit, und diese Leere rumorte gar sehr in dir, aber du wolltest das Nichthaben nicht �bert�nen lassen das Haben.</p><p>Was aber hattest du, was hattest du an mir? Einen Ungen�gsamen, der sich, alldieweil seine Geschicke sich besser und besser ausnahmen, um des Misstrauens willen gegen die Zufriedenheit sich nicht bescheiden wollte mit ebendieser. Und wiederum lie� er sich foppen von seinem Schatten, dem Zweifel, und w�hnte sich wohl gar als ein m�glicher Nachfahr Peter Schlemihls und wollte es schlauer anfangen als dieser und um keinen Preis diesen Schatten sich abschwatzen lassen, sondern um jeden Preis ihn behalten.</p><p>Kathrin, h�ttest du lauter gesprochen. Lauter als mein Onkel, doch das war schwer. Man lerne doch, sich zu erfreuen an den Farben des eigenen Spektrums. Denn was man hat, das hat man eine kurze Frist nur.</p><p>Und hast du nichts, bist du nichts, bist du kein Pfarrer, wie er im Buche steht. Kriegst du keinen Pfarrgarten mit Pfarrhaus dran. Kriegst du eine Pfarrstelle mit Balkon dran. Strafe muss sein. Was aber, falls er aufmucken tut und Hebel in Bewegung setzt, die Insassen des Pfarrgeh�uses hinauszuhebeln? Nee, nee, zu solcherart Kohlhaasigkeiten darf man ihm gar nicht erst den krummen R�cken st�rken und ihm noch gar mehr Respekt erweisen als den �brigen in diesem vielfenstrigen Hause Eingek�stelten. Und soll man es denn, wo er doch nun nicht anders behaust ist als Karl Gniedeck und Eugen-der-Beutedeutsche? Soll man nicht. Und muss man nun haben ein unsanftes Ruhekissen derhalben? Muss man nicht. Warum aber tut man umgehen den Pfarrer mit verkniffenen Augen, als h�tte man schlecht geschlafen? Und ist vergnatzt, als h�tten Pastor und Gewissensbiss in Personalunion einen um den Schlaf der Gerechten gebracht? Warum huscht man flink in seinen Bau, Herr Arndt, und k�mmt nur herf�r forthnightly dienstags als Fuchs im Kaninchenpelz, und warum f�hrt man gelegentlich dieses Auftauchens aber so wenig Blut in der Leber und nennt nicht beim christlichen Namen die Futterkonkurrenten, w�hrend man Galle ausspeit �ber Anklamer und Umgebungspastoren, Vertreter und Verwalter eines religi�sen Schlendrians sondergleichen, Safts�cke, Teufelsleugner? Denn keinen Namen sollen sie haben, keinen wie Arndt, nicht gedacht soll ihrer werden, denn Arndt allein wird berechnen wieder, wie viel Kamele durch das Nadel�hr gehen und welche. Wozu unabdingbar ist eine Verschlankung, sonderlich der geschwollenen Leber und des Denkorgans, von welchem zu amputieren sind alle Wucherungen seit der Aufkl�rung. Man werde ganz Ohr. Audire sape.</p><p>Ich wollte nicht h�ren. Als die Zigeunerin in ihrem buntdunklen Verschlag hinter dem Riesenrad auf der Fleischerwiese mir F�nfzehnj�hrigem in die feuchte Hand und geradewegs ins Milchgesicht sah mit ihren wassergr�nen Augen. Ich hielt sie f�r keine echte und gab ihren Worten keinerlei Glauben bei. Vorbei aber war es sogleich mit meiner astrologischen Phase, nicht l�nger interessierten mich Konstellationen, die Geburtsstunden meiner Freunde, die stets nur nach die Grenzen der Freundschaft fast �berdehnendem Dr�ngen und Versprechen, n�mlich auf nach genauesten Berechnungen erfolgender Prognose f�r die k�nftigen Geschicke, zum Beispiel mit Barbara oder Evi, herausgebracht werden konnten. Denn herausgebracht werden mussten sie ja zun�chst aus den Geb�rerinnen, und dass es sich dabei um die eigenen M�tter handelte, war auch den offenherzigsten Bescheidwissern Anlass zu spontaner Verweigerung aufgrund schamhaftigkeitsbedingter Unp�sslichkeit. Ich riet zu raschem Nachschlagen im Stammbuch, dessen Verwalterinnen man notfalls durch Vort�uschung eines Anfalls von Familiensinn f�r das Unterfangen einnehmen musste. Keiner indes war wohl so �berzeugend wie der ged�chtnisschwache Heiner, der, als er n�chtens mit der Taschenlampe �ber den Blutseintragungen hockend aufgeschreckt wurde, seelenruhig behauptete, ihm sei, er wisse auch nicht wie, sein dritter Vorname entfallen, und dieser nagende Verlust br�chte ihn gewiss um allen weiteren Nachtschlaf, sollte er nicht sofort die Reconquista seines Eigentums antreten d�rfen.�Viertel vier�, verk�ndete er mir am folgenden Tage.</p><p>�Und wie hei�t du nun vollst�ndig?�</p><p>Er sah mich nachdenklich an.�Keine Ahnung. Heiner reicht doch, oder?�</p><p>Aszendenten. K�mmerten mich nicht mehr, weniger noch, als ich erfuhr des Wortes eigentliche Bedeutung, sp�t dank der sich im selben versteckten Unrateimer wie Gottes- und Sternenkunde wiederfindenden Humanistischen Bildung und nur accidentaliter bei gefalls�chtiger Aneignung einiger Vokabeln aus meines Vaters Fremdw�rterbuche, denn auch ich hatte in jenen Zeiten ein Geschick mit einer Evi, nur hie� sie Margot und war die Tochter des Staatsanwaltes, welche ich gedachte mit b�rgerlicher Eloquenz zu mir hin- und von der Marschparole ihres Vaters abzuziehen, allein, Margot war eine dumme Trine. Margot, mein Gott. Aszendenten! Verzeichnet als mein Vater und mein Gro�vater in unserem Stammbuche. Ausgegangen bin ich aus einer Dynastie von Notaren, denen es gar wohlgef�llig und ascending gewesen w�re, h�tte ich mich bequemt zu erf�llen das von der wassergr�nen Zigeunerin in meine Hand gelesene Schicksal, n�mlich zu werden ein Absolvent der Jurisprudenz, ein Richter gar. Gr�ne Nixe, Wasserfrau, hinabziehen wollte sie mich in ihr nasses Reich vorzeitigen Todes, eintauchen glaubte sie zu k�nnen in mich und hervorzerren lange Algen, die mir einwuchsen seit zartester Jugend. Immer gedachte ich mit ihnen einzufangen die B�sewichte, immer zu peitschen die Tunichtgute und Sportlehrer, immer zog ich am linken �rmel, wenn der rechte l�nger war, stie� mir den rechten Fu�, wenn der linke schmerzte. Alles konnte ich ertragen, nur die Ungleichheit nicht, und damit nichts. Denn war nicht alles ungleich, ungerecht, aus den Verfugungen wie die blauwei�en Fliesen im Bad seit dem letzten Kriege, ein Makel, den zu bemerken mit einer Bemerkung als blasphemisch gegolten h�tte, denn allein zu preisen galt es den Fortschritt eines Badezimmers �berhaupt samt seiner Fliesen, wo doch ringsum nur R�ckschritt und Waschk�chen herrschten. Und war ich nun gekommen, sie einzurichten, diese keramische Welt? War ich nicht. Nichts lag mir entfernter, Zust�ndigkeit war etwas, das man nicht begehren konnte im Staate D.</p><p>Auch hatte ich zuerst wohl noch bei mir gedacht, es sei um der sportlichen Bet�tigung willen und zur Absch�ttelung der Studierstubensteifheit von den adoleszenten Gliedern, als ich annahm den Posten des Schiedsrichters in der universit�ren Fu�ballerei. Kein bisschen verd�chtig erschien es mir, parteilos und trillernd in den Grenzen des gr�nen Gevierts mich zu bewegen, zu bewegen und nur zu bewegen. Wie eines M�rchens nur gedachte ich noch hin und wieder der falschen Zigeunerin, wie eines Dornr�schenfluches, den es entt�uschend wenig M�he gemacht hatte abzuwenden. Hatte man sich nicht blo� zuwenden m�ssen der Theologie und �berwinden den notariellen Willen des Vaters und nichtbeglaubigten des Gro�vaters selig, der gerade ob seiner Nichtanwesenheit, sondern �bergeordnetheit � so viel Glauben immerhin war ihnen gegeben � als ein argumentum auctoritatis herhalten musste?</p><p>Eines Nachmittags aber, kurz vor dem finalen Pfiffe in einer ereignisfreien Partie, wetterleuchtete es gleich wie von einem heiligen Blitze in meiner Gehirnkammer. Ich konnte kaum sagen, ob es Schrecken oder Erleichterung war, was mich der Tranigkeit dieses Spiels und meiner eigenen nicht eher als zur sechsundneunzigsten Minute ein Ende machen lie�. Tor! Potzblitz! Ein zigeunerverschlagener Schuss von der Mittellinie, und der Ball zappelte und zappelte im Netz meiner Nervenbahnen. Ich konnte mich eines L�chelns nicht erwehren. Dies also hatte das Weib gemeint? So sollte es ihr geg�nnt sein. Ich k�nnte wohl ohne Schaden zu nehmen ein solcher sportlicher Richter sein bis ans Ende meiner Tage. Auch k�nnte ich unbehelligt jederzeit fahren lassen diese T�tigkeit. Diese befriedigenste aller vergangenen, gegenw�rtigen und zuk�nftigen T�tigkeiten. Nein, nicht <emphasis>war</emphasis> ich Schiedsrichter, noch <emphasis>werde</emphasis> ich es sein, ich <emphasis>bin</emphasis> es. Ja, ich liebe sie, die gelben K�rtchen, die roten, die Effektivit�t meiner Pfeife, das Sortieren der Spieler in immer ausgefeiltere Kategorien. F�r die Fl�chtigkeit des Moments nach dem Abpfiff, wenn alles in eine kurze Erstarrung, eine winzige, unbeobachtbare, zu verfallen scheint, bevor der Wechsel in die Gel�stheit, auch Aufgel�stheit und die Zivilbewegung der Gliedma�en erfolgt, erwog ich ein Aufh�ren mit dieser Besch�ftigung, wohl um die Prophezeiung endg�ltig den Sph�ren der Gegenstandslosigkeit zuzuf�hren, und recht so, als h�tte es sich dabei wirklich um einen Gegenstand gehandelt, ein Sch�sselchen, Schl�sselchen, das ich wegwerfen konnte nach Belieben. Selbigen Augenblickes aber wurde mir offenbar, dass es vorerst besonnener sei, im Amte des Schiedsrichters zu verbleiben, allein aus pl�tzlicher Furcht, mit Ablegen dieses harmlosen endlich doch noch ein anderes Amt heraufzubeschw�ren. Tor, ich! Nicht nur, dass ich mich in feiger Verkennung meiner selbst ge�bt hatte, ich besa� nicht einmal die Courage, diese Feigheit auch bis zu ihrer notwendigen Konsequenz zu f�hren und den Beruf eines Gemischtwarenh�ndlers zu ergreifen etwa oder eines Maurers, nein, nicht auf Koexistenz und Aufbau richtete sich mein Streben, sondern auf Scheidung und Zerlegung, weshalb ich durch das Hintert�rchen der Theologischen Fakult�t mich, gro�z�gig wegschauend von mir selbst, wieder in mein innerstes Naturell einschlich und das Feigste unter der Sonne wurde, ein mit begrenzten Befugnissen ausgestatteter Gerichtsdiener. Trompeter des Obersten Richters, verstopfe ich mir den Mund mit dem t�nenden Instrumente und bin ein stolzes und stummes F�hnchen auf den Zinnen der Kanzel im richterlichen Sturmwinde. Und wenn die Unverst�ndigen kommen und angehen mich um ein Urteil in s�kularen und sakralen Fragen, so kann ich mit einem Sto� meiner Drommete hinsto�en auf den Passus im Gro�en Gesetzbuch wie auch auf meine Unbefugtheit; richten und mich selber glauben machen, nicht zu richten. Nur ein Hilfshirte sei ich. Und sortiere doch noch immer die Spieler in diesem Sch�ferspiel, sondere mit meinem Stabe die Schafe in solche und solche.</p><p>Frische Kategorien wachsen t�glich von selbst mir zu, immer neue, treiben Bl�ten, allein mit der Fruktifikation will es nichts Rechtes werden. Denn sch�n und belehrend anzuschauen sind wohl die gesammelten, gepressten und beschrifteten Hauchgebilde all der vergangenen Sommer, manch eines verblasst. Aber n�hren sie mich, diese fast substanzlosen, papierenen Wunderwerke? Wo nehm ich, wenn es Winter ist in Bresekow und keine Seele auf der Stra�e, sondern nur Hartmut Wachlowskis Eheweib, wie es eifrigen Sinnes seine Schritte gen Kirchhof lenkt, sich in meinem Blickfelde mehr und mehr vergr��ernd auf diesem Wege ohne Ab- und Auswege, wo nehm ich dann die Wegzehrung f�r mein R�ckgrat, das Gleichma� meiner Schritte und Atemz�ge, wenn das erste und leuchtendste, vielleicht sogar einzige echte Beispiel einer vor langer Zeit erfolgten Klassifizierung, nicht verblasst, rosarot wie an jenem fernen Tage, mir arglos entgegenkommt? Und ich bem�ht sein muss um alles andere als eine Rosar�te, wie damals, als meine Gesichtshaut dem Stoff ihrer Bluse geglichen haben muss, wenn schon nicht in Dederonseidigkeit, so doch in puncto Couleur. Dieser Bluse, flammend und schief gekn�pft, mit der sie aus meines Onkels Arbeitszimmer trat als� das Fr�ulein Britta�. Und bis heute bleibt mir verborgen, warum denn sie nicht verborgen bleiben konnte � denn nie h�tte ich gewagt, eigenm�chtig in des Onkels Arbeitsr�ume vorzudringen, sondern, obschon frisch examinierter Theolog, wie stets artig gewartet im Wohnzimmer, bis er das gew�nschte Buch mir gebracht haben w�rde � warum sie denn hervorkam mit einer nicht zu ignorierenden Bluse und den darunter befindlichen ebenso wenig zu ignorierenden, da nicht durch irgendeine Unterkleidung gemilderten Tatsachen holder Weiblichkeit, um mich anzusehen mit unschamhaften Augen, welche mich veranlasst hatten zur Er�ffnung dieser neuen Kategorie. Mein Onkel, nie habe ich ihn contenanceloser gesehen, seine blasse Haut nie gesprenkelter, sagte:�Das ist das Fr�ulein Britta.�</p><p>Ich, in einer merkw�rdig mit dem Zustande meines Onkels kongruierenden Verfassung, unternahm den Versuch der R�ckf�hrung, vielleicht gar in der irren Hoffnung des Ungeschehenmachenk�nnens, der R�ckf�hrung jedenfalls dieser Situation auf die breiten Stra�en des sozialistischen Realismus, heraus aus den dunklen Laubeng�ngen realer B�rgerlichkeit ausgerechnet mit der mir am unverf�nglichsten erscheinenden Frage, welche doch, oh Hirnverbranntheit, die verf�nglichste sein musste:�Studieren Sie Kunstgeschichte?�</p><p>Fr�ulein Britta lachte auf, dass ihr Herz, oder was dar�ber war, h�pfte:�Gott bewahre!�</p><p>�Das Fr�ulein Britta wird Lehrerin�, lie� sich, sich r�uspernd, mein Onkel vernehmen.</p><p>�Zeichnen und Deutsch. Falls ich die Pr�fungen n�chste Woche �bersteh�, zwitscherte das Fr�ulein, und ich kann nicht umhin, als in diesem meinem Erinnerungskintopp die auch in Schwarzwei� rotbebluste angehende P�dagogin meinem Onkel bei diesem Satze ein L�cheln zuwerfen zu sehen, das sich als entschieden mehr Deutungen offenstehend ausnahm als ein L�cheln studentischer Respekterweisung. Worauf sie sich empfahl.�Herr Professor.�</p><p>Auch meines Bleibens war es nicht l�nger, denn nicht mehr mit Sicherheit ausmachen konnte ich pl�tzlich, ob diese Gem�cher in der Tat die meines verehrten Onkels waren und mein Onkel �berhaupt noch selbiger. Er wiederum mochte mich nicht zum Verweilen bewegen, wie er sonstens zu tun pflegte. Und erw�hnte auch f�rderhin mit keiner Silbe dieses Nachmittages, der also versank im Flusse Lethe. Doch nur mein Onkel blieb bewahrt vor einem Wiederauftauchen, wenn vielleicht auch nur durch eigenes Abtauchen, keine Dekade sp�ter sa� er in Charons Boot.</p><p>Und Frau Wachlowski, gedenkt sie ihrer roten Bluse? Dankbar muss ich das Knie beugen, sollte diese Bluse in ihrem Rot �berstrahlen alles Nebens�chliche dieses Vorkommnisses und also auch mich, und fast sicher darf ich mich w�hnen, dass sie es tut, denn kein F�nklein blitzte auf in Britta Wachlowskis Aug, als sie in Bresekow erstmalig mir in den Weg trat. Fast gestolpert w�re ich �ber diese Person, die als Fremde zu sehen mir vom ersten Augenblicke nicht gelang. Sondern die sofort das T�rchen ihrer, nur ihrer Kategorie auftat und die zugeh�rige Begebenheit. Ich aber hatte keine Wohnung genommen in ihrem Oberst�bchen und woanders erst recht nicht, solches gewahrte ich gleich. Und nichts l�ge mir ferner, als nachtr�glich mit der zweifelhaften Referenz dieser gemeinsamen f�nf Minuten an einem Sommernachmittage des Jahres siebenundsiebzig bei ihr einzuziehen. Gott bewahre!</p><p>Und Gott bewahrte auch Fr�ulein Britta, lie� sie die Pr�fungen, auch die von meinem in Pr�fungsfragen gef�rchteten Onkel, �berstehen, lie� sie eine Lehrperson werden f�r Zeichnen und Deutsch, gab ihr einen Ehemann und Vater f�r ihre Kinderlein. Und nicht weiter h�tte ich nachgehangen dieser mich damals etliche N�chte mit Tr�umen auch unz�chtiger Art qu�lenden ich wei� nicht wievielten Szene eines Aktes, in der ich lediglich den bei jeder weiteren Auff�hrung gewiss streichenswerten fool vorstellte, wenn ich nicht eines Bresekower Sommertages, kaum einen Monat seit heut, gewahrt h�tte Mutter Wachlowski samt Sohnemann, beide mich gr��end. Denn wer k�nnte anders es gewesen sein, dieser helle J�ngling, als ihr, wie ichs rasch �berschlug, nunmehr einundzwanzigj�hriges erstes Kind, wo er doch deutlich, ach, �berdeutlich trug den ernst-verschmitzten Blick meines kunstgeschichtlichen Onkels selig, sein blondblankes Haar gar und die Goyanase, wie er selbst sie genannt?</p></section><section><title><p><strong>DIE GEMEINDE</strong></p></title><p>Sag ma Hartmut den</p><p>Den siehst �berhaupt nich mehr</p><p>Dei verkr�cht sich dei hett doch</p><p>Hett hei denn wat to daun</p><p>Womit</p><p>Dei wier doch n b��ten</p><p>Segg eis</p><p>Der Pole</p><p>Nee</p><p>Joo-o</p><p>Doo hett Maria jo �mmer Schiss hatt dat hei</p><p>Dat ehr Hartmut doo wier sei jo</p><p>Aber dat glaub ick nich</p><p>Hat doch jeder gewusst haben se sich doch schon dr�ber</p><p>Der Schisser blo� wenn er mit</p><p>Mit den B�rgermeister sein</p><p>Weckern wier</p><p>War da nich noch wat mit die Putzier</p><p>Aus Schmalditz</p><p>Un nu is dat Hartmut seine wer h�tt dat</p><p>Komisch is dat manchma</p><p>Un nu kiek den eis an den Bengel</p><p>Is dat Hartmut</p></section><section><title><p><strong>HARTMUT</strong></p></title><p>Wei� sie wenigstens Bescheid jetzt. Mit was f�r einem sie sich da abgibt. Hatse mich angeschult, als wollt ich sie verschaukeln, wie als Kind fr�her, die wollt ihrem Vati ja nie was glauben, die war misstrauisch bis sonstwohin, aber gesagt hat sie nix, fr�her nicht und jetzt auch nicht. Ich wusst nie, was die denkt. Ganz anders bei Thorsten. Der h�tt, genauso wie ich, erst mal gefragt, wieso und warum, wenn ihm einer erz�hlt h�tt, sein Kumpel w�r der Bruder von nem Psycho-, von, na ja, nem Psychopath oder so, hei�t doch so, oder? Kann man auch so sagen: von nem M�rder. Hei�t ja nun nicht gleich, dass der auch so wird, dieser Paul, ist ja Quatsch, aber trotzdem. Ich w�r vorsichtig. Auch wenn er nen andern Vater hat, nen richtigen, scheint ja n ganz Anst�ndiger zu sein, son halber Professor. Aber das w�rd ja nu bedeuten, dass Roli, dass das an Roli gelegen h�tt. Na ja, war schei�e, war echt schei�e, wie das gelaufen ist, aber sonst war er ja okay, Roli. Auch wenn er �fter paar Dinger gedreht hat, paar Extratouren, aber eigentlich blo� wegen den Weibern. Der konnt jede haben. Blo� Ingrid nicht. Ingrid konnt keiner haben. Und das kann ich mir vorstellen, wie ihn das gekratzt hat. Trotzdem, das ging zu weit. Aber warum hat sie denn blo� nix gesagt, hinterher? Die h�tt ihn ordentlich festnageln k�nnen, auch damals schon, auch wenn sein Vater n Bonze war. Aber ich h�tt doch nu auch nix sagen k�nnen, und wem denn � solange sie nicht den Mund aufmacht. Wie h�tt denn das ausgesehen, besonders, als er dann tot war, Roli, das h�tt ja am Ende so ausgesehen, als wenn ich � als wenn ich das am Ende � als wenn ich das nu einem andern in die Schuhe schieben wollt, einem, der sich nicht mehr wehren kann, und die wussten doch alle, dass ich � dass ich auf Ingrid, na ja, dass ich bisschen auf sie scharf war. Punkt. Wei�t, wie die sind, die Leute. Na ja, die h�tten nu wohl nicht grade gedacht, dass der kleine� Pole �die gro�e Ingrid � aber wenn, dann h�tt ich gleich was sagen m�ssen. Aber sollt ich nu Roli in die Pfanne hauen, wegen sonem Ausrutscher? Konnt doch keiner ahnen, dass dann�� Die h�tten mich doch fertiggemacht. Wegen Ingrid Hanske, Mann! Das h�tt doch keiner kapiert. Und sp�ter, als Roli, als er dann nicht mehr war, na, da w�r ich doch am Ende glatt in�n Kahn gegangen, wegen Mitwisserschaft oder so, weil ich nix gesagt hatte, eher.</p><p>Und h�tt ich das nu etwa alles Ella erz�hlen sollen? Kann ich doch nicht. Kann sie doch aber auch nicht mit dem Sohn von Ingrid rumlaufen lassen und denken lassen, alles w�r in Ordnung. Die kann doch jetzt nicht so tun, als w�r alles in Ordnung, Ingrid. Als h�tt sie nu ihre sch�ne kleine Familie und als w�r da nie was gewesen und als k�nnt sie ihr Leben lang weiter sich ausschweigen und nie was sagen. Sie tat mir eigentlich gar nicht leid damals, ich war blo� w�tend. Auf sie, ja. Weil ich dachte, Roli, der macht so was nicht einfach so. Und dann, weil sie nix gesagt hat. Und jetzt, denkt sie, kann sie einfach ihren Bengel zu uns schicken oder was, dass der sich an Ella ranmacht, dass der am Ende�� Vielleicht wei� sie das doch. Dass ich das wei�.</p><p>�Sag ma, wei�t du eigentlich, was das f�r einer is?�, sag ich zu Ella.�Du kennst den doch gar nich.�</p><p>�Aber du, oder was?�</p><p>In einem Tonfall wieder mal! Aber damit hat sie nicht gerechnet.�Allerdings! Poussierst hier mit einem rum, der nen Bruder inner Klapse hat! Na, wenns ma blo� das w�r.�</p><p>Sie glotzt mich an.�Was mach ich?�</p><p>�Ja-a�, sag ich,�jetzt tu nich so. Du wei�t schon, was ich mein. Klapsm�hle, Irrenanstalt, Ueckerm�nde, na, klingelts? Da ham se ihn eingebuchtet, den guten alten Henry, und jetzt sag mir nich, dass du den nich mehr kennst, den kleinen Schmierlappen, Henry Hanske, vor dem hattste ordentlich Schiss als Kind, wei�t noch? Tja, hilft ja alles nix, das is nu mal der Bruder von deinem Paul.�</p><p>�Das ist doch nich der Bruder von Paul!�</p><p>�Poohl�! Wenn ich das schon h�r! Son richtiger Schn�selname. Kann er zehnmal aus Irland sein, der Sohn von Ingrid Hanske aus Bresekow bleibt er doch. Und sie kam sich ja anscheinend auch immer was Bessres vor. Tja, wenn blo� das mit Roli nicht passiert w�r. W�r sie dann eigentlich hiergeblieben? Kann ich mir auch nicht vorstellen. Kann ich mir alles nicht vorstellen. Wie sie damals weg ist. Wie sie nach Irland gekommen ist, wie dieser irische Kerl sie gekriegt hat, wie sie da jetzt wohnt, einfach so. Wie sie dieses vermaledeite Balg gekriegt hat, dass das ihr Kind ist, Henry das Kind von Ingrid Hanske, das kann ich mir nicht vorstellen. Wie er da jetzt hockt, keine drei�ig Kilometer von hier, in seiner Zelle, und keine Ahnung hat, Henry. Schei�e.</p><p>�Und ob! Denkst du, ich denk mir das aus? Den hat sie noch hier gekriegt, Ingrid, Pauls Mutter, und den hat sie sch�n hiergelassen, den wollt sie nicht mitnehmen, klaro.�</p><p>Da hat sie geguckt, ja. Aber mehr nicht, blo� so gradeaus mich angeguckt, als w�rd sie das nicht kapieren. Als w�r sie auch nicht ganz richtig im Kopp, ich k�nnt da jedes Mal nen Koller kriegen, wenn die mich so anguckt. Ich wusst nicht, was sie denkt, ob das �berhaupt geht bei ihr, denken. Oder sich was merken. Kopp wien Sieb. Aber das musste sie doch noch wissen, was da los war, mit Henry, dass der die olle Mehling, na, zumindest dass er die kaltgemacht hat. Hab ich sie gefragt, ob sie das nicht mehr wei�. Aber glaubste, da kommt was? Null.</p><p>Kann ja sein, sie ist von mir. Wahrscheinlich schon. Aber wie sie so ist, das ist nicht von mir. Das hat alles Thorsten gekriegt. Thorsten den Charakter, Ella die Haare und die Augen, vielleicht. Da braucht ja nu keiner zu fragen, was mir lieber ist.</p><p>Hansi war nicht da. Ich musst erst mal raus, aufn Bierchen, aber Hansi war gar nicht da, blo� seine Alte. Ich hab blo� so aufn Hof geguckt, geklingelt h�tt ich sowieso nicht, blo� geguckt, ob er da irgendwo rumkraucht, aber da hat sich auch schon seine Alte ausm Fenster geh�ngt und zu mir r�bergeblaart, Hansi w�r aber gar nicht da, der w�r bei� Mutti�, �ppel hinbringen. Hat er Order gekriegt. Musst er zum Schwiegerdrachen. Hat er letztes Jahr auch schon gemacht, drei K�rbe voll �ppel in seinen Elefantenschuh geladen, passt er selber kaum rein. Ich sag,�wo willst du denn mit den ganzen �ppeln hin�, und er,�zu Schwiegermutter�, die w�rd dadraus Appelmus kochen, das w�rden sie dann wiederkriegen. Ich frag ihn, warum seine Madam das nicht selber macht, da zuckt er blo� mit den Schultern.�Macht die doch nich. �Logisch. Das Weib ist die Faulheit in Person. Haut sich mit ihren Schwimmreifen den lieben langen Tag aufs Kanapee und gibt Anweisungen. Na, das sollt mir mal passieren! Wie sie jetzt so im Fenster lag, hingen ihre Titten so richtig �bern Rahmen, die hat auch paar Euter, Mannomann! Ich konnt nicht anders, ich musst da hingucken. Jeder Kerl muss da hingucken. Hab ich mir vorgestellt, wie die das machen, Hansi und seine Alte, ich hatt das pl�tzlich im Kopp, son Bild. Wie er �berhaupt in sie, ich mein, die beiden Fettw�nste, wenn da die B�uche aufeinanderprallen, wie er das eigentlich macht. Stand ich nun so da, und da fragt sie:�Willst du reinkommen, Hartmut?�, und in was f�r einem Ton, da war mein Ausbilder bei der Armeen Schei�dreck gegen!</p><p>�Nee�, sag ich.�Gr�� ma Hansi.�</p><p>Aber ich mocht noch nicht nach Hause. Heut Abend, dacht ich, heut Abend muss ich mal wieder mit Britta. M�ssen wir mal wieder n bisschen die Sau rauslassen. H�tt ich sofort machen k�nnen, ich war richtig n bisschen juckig. Aber war ja noch zu fr�h. Erst mal n Bier. Aber wo? Kein Schwein weit und breit. Da seh ich auf einmal Friedhelm Pl�tz, wie er grad seine Garage abschlie�t, ne NETTO-T�te an der Hand mit was drin. Und was? Bingo.</p><p>�Tach, Friedhelm�, sag ich.</p><p>Er dreht sich erschrocken um.�Tach, Hartmut. Wat machstn du hier?�</p><p>Ich schiel so auf seinen Beutel und grinse.�Bist du alleine?�</p><p>�Ja�, sagt er.�Sonja is in Ueckerm�nde.�</p><p>�In Ueckerm�nde?�</p><p>�Na bei ihre Freundin, Rosi, wei� nich, ob du die kennst. Wist n Bier?�</p><p>�Klaro.�</p><p>�Komm, wir gehn rin. Sieht nach Regen aus.�</p><p>Bin ich ihm also hinterher. Ich war noch nie bei Pl�tz drin, ich kenn ihn eigentlich auch erst, seit er hier wohnt. Ich mein, fr�her, ja, hab ich ihn schon �fter mal gesehn. Aber die l�tten Pimpfe waren einem doch wurscht. Pl�tz, das war mir nur n Begriff, weils davon ja paar mehr gab, eine von seinen Schwestern war ja bei mir in der Klasse. Gar nicht so �bel, aber glaubst, ich wei� noch, wie die hie�? Sonne Blonde, ich dacht ne Zeitlang, wenn ich Ingrid nicht krieg, dann vielleicht die, Mensch, wie hie� die noch? Na, egal. Die war aber auch gr��er als ich. Und an die war denn sowieso kein Rankommen mehr, die hatte denn ja Bernd. K�nnt Friedhelm mal fragen, was die jetzt macht und so. Beim Klassentreffen letztes Jahr war die nicht. Waren so einige nicht.</p><p>Aber bisschen was wei� ich doch �ber ihn, Friedhelm. Friedhelm Pl�tz, der den PANZERKREUZER AURORA zerdeppert hat. Wonach ja die Schule benannt war, und die hatten son Modell davon im Treppenhaus stehen, der ganze Stolz, Mann. Und der Pl�tz rutscht das Treppengel�nder runter, wof�r sie einen an sich schon am liebsten eingeknastet h�tten � na ja, ich lass denen das heut auch nicht durchgehen, wo kommen wir denn da hin � , und kriegt also die Kurve nicht, Pl�tz, oder kann nicht rechtzeitig bremsen, jedenfalls, holt das Ding mit vollem Karacho vom Sockel. Keine Ahnung, was er daf�r gekriegt hat, muss aber dicht an der Todesstrafe vorbeigeschrammt sein.</p><p>�Setz dich�, sagt Friedhelm, aber ich sitz schon. Sch�ne K�che. Nicht so gro� wie unsere, aber reicht im Prinzip. Friedhelm macht das Bier auf.�Flasche oder Glas?�, fragt er.</p><p>�Flasche.�</p><p>�Is mir auch lieber�, sagt er.</p><p>Ist mir eigentlich gar nicht lieber, war blo� son Reflex. Zu Hause geht das ja nur mit Glas,�kultiviert�, wie Britta sagt. Hab ich nix dagegen, blo�, dass sie das extra sagt, immer noch. Am Anfang hab ich gesagt,�Mann, ich bin doch hier zu Hause�, weil, Glas, da w�r doch fr�her nie einer von uns draufgekommen, das haben sie einem nur in der Kneipe hingestellt. W�r da einer bei sich zu Hause, im Garten, beim Zelten oder so, mit Gl�sern rausger�ckt, na, den h�tten wir doch nicht mehr f�r voll genommen, das w�r uns doch n bisschen, na, ich will nicht sagen schwul vorgekommen, aber so w�rden die das heute nennen, h�r ich st�ndig.</p><p>�Prost!�</p><p>�Prost!�</p><p>Und nu? Muss ich jetzt was sagen? Er sagt ja auch nix. Was hab ich mir denn da eingebrockt. Hock ich hier mit nem stummen Fisch, daf�r sind sie ber�chtigt, die Pl�tzens. Dass die den Mund nicht aufkriegen. F�llt mir ja sonst nicht schwer, einfach loszuquaddeln. Aber so gut kennen wir uns nu auch nicht. Eigentlich gar nicht, wenn man sich das recht �berlegt. K�nnt ich h�chsten von Fu�ball anfangen, er geht ja sonnabends auch immer hin. Aber das letzte Gurkenspiel, Mann, da gibts an f�r sich nix zu zu sagen, Traktor Bresekow hat mal wieder vor sich hin gestottert��</p><p>�Na, wat macht die Schule?�</p><p>Die Schule? Wieso fragt er ausgerechnet danach, ist ja nu das Letzte, wodr�ber ich beim Feierabendbier reden will. Kommt mir vor wie fr�her, als l�tter Bengel, wenn Opa, mein Polen-Opa, wenn Schorschki mich das gefragt hat, genau das gleiche. Blo� dass der wirklich ne Antwort haben wollte, und zwar ne ausf�hrliche, der hat sich da immer sehr f�r interessiert. Ob sein Enkel nu auch das Zeug zum Viehdoktor hat, heidiwitzka! Ich hatt vielleicht Schiss vor dem.</p><p>�Muss ja�, sag ich.</p><p>�Sag ma, der Workuta, der is doch uch bei dir inner Klasse, oder, Ren� Workuta, der da hinten beim Sportplatz wohnt, neben dem Hanske-Haus?�</p><p>�Ja, wieso?�</p><p>�Nur so. Ick nehm den �fter zum Angeln mit, der kommt immer und fragt, wann ick denn ma wieder angeln fahr. Der is aber in Ordnung.�</p><p>�Ja, das�s n ruhiger Vertreter.�</p><p>Angeln! Das fehlte nu noch. Das soll er mal nicht denken, dass er mich daf�r begeistern kann, da dreh ich mich aber lieber noch mal rum im Bett.</p><p>��brigens, wei�t dat schon, dat se dat Haus nu verkaufen, dat dat nu einer kaufen will, mein ick?�</p><p>Wovon in aller Welt redet der? War wohl nicht son Geistesblitz, ausgerechnet mit Friedhelm Pl�tz Bier zu trinken. Obwohl, mit Hansi��</p><p>�Dat Hanske-Haus! Dat kauft nu einer aus Berlin, glaub ick, dat soll schon alles in Papier und T�ten sein, denn die wollen ja wieder zur�ck, oder, die Tochter���</p><p>Die Tochter! Also wenn ich �ber was nicht reden will, dann da, dr�ber. Aber irgendwie interessiert mich das jetzt mal:�Sag ma, kennst du die eigentlich, Ingrid, von fr�her?�</p><p>Dauert n bisschen, bis der Groschen f�llt. Er wusste anscheinend nicht mal, dass sie so hei�t. Er wei� anscheinend gar nix, oder blo� das, was jeder wei�.</p><p>�Achso�, sagt er.�Nee, kaum. Die war ja uch n Ende �lter, oder, war die nich so alt wie du?�</p><p>�Die is so alt wie ich, ja. War in meiner Klasse.�</p><p>�Und wei�t du denn wat dadr�ber?�</p><p>�Wodr�ber?�Mann, h�tt ich blo� nicht damit angefangen. Ich wei� nix, gar nix.</p><p>�Na, wie die in Westen abgehauen is, die is doch denn in Westen, oder? Ick mein, einfach so, oder hatte die n Ausreiseantrag oder so wat zu laufen?�</p><p>�In Westen, achso. Nee, ihr Vadder war doch da. Der is doch damals auch r�ber, noch vor der Mauer, als das noch ging, und der is denn gestorben, und da haben sie sie hinfahren lassen, zur Beerdigung. Kannst ma sehen, dass die auch ganz sch�n mitm Klammerbeutel gepudert waren, auf alle H�hneraugen blind, Mann. Das sah doch n Blinder mit Kr�ckstock, dass die nicht zur�ckkommt! Wie ich das h�rte, Ingrid is im Westen, da wusst ich, dass ich die, dass wir die nich mehr wiedersehn. Das wars.�</p><p>Friedhelm zuckt mit den Schultern. Der wei� nix, Mann!� Na ja, die hatte wohl nix zu verliern, wat, ick mein, in dem Alter, da kann man so wat noch machen. Da hat doch so manch einer dr�ber nachgedacht, oder? Ick mein, da hat man doch nu nich gro� an seine Alten gedacht.�</p><p>�Na, das nich. Aber, ich mein�� Die hatte doch n Kind!�</p><p>�Die hatte n Kind? Aber wieso, der Bengel kann doch nich viel �lter sein als Romy, oder wat? Sag ma, wie alt isn der?�</p><p>�Der doch nich, Mann! Henry! Der Verr�ckte!�</p><p>�Wat?�Nu f�llt er aus allen Wolken.�Doch nich der, der die alte Frau, wie hie� die denn noch���</p><p>�Mehling! Der hat die Mehling umgebracht, und was er vorher mit ihr gemacht hat, brauch ich dir ja wohl nich zu erz�hln, die Sau! Der war schon als Kind nich ganz dicht war der doch nich, der h�tt doch da schon weggeschlossen geh�rt! Aber die alte Hanske, die hatte auch n Schuss, die war doch v�llig �berfordert mit dem. Und Ingrid���</p><p>�Die is einfach abgehaun?�</p><p>�Sag ich doch.�� �brigens, lass ma dein Bier nich schal werden.�</p><p>Er guckt mich an, ganz abwesend.�Jaja�, sagt er und trinkt schnell n Schluck.�Aber da muss der doch noch ganz l�tt gewesen sein. Da kann die dat doch noch gar nich, ick mein, na, gewusst haben, wat mit ihm los is, dat mit ihm wat nich stimmt!�</p><p>�Wieso, denkst das merkt man nich sofort, so als Mutter? Au�erdem, da war der auch schon drei oder so, dreiundsiebzig war das, da hat sie wohl schon die Schnauze voll gehabt. Von allem, denk ich ma. Die musste ja inne Landwirtschaft�� Sag ma, Friedhelm, haste vielleicht ma n Schnaps?�</p><p>�N Schnaps? Na, h�chstens Braunen. Ja?�</p><p>Er springt sofort hoch und geht nach nebenan. Hat er wohl blo� drauf gewartet. Ich kann mir jetzt aber keinen ansaufen mit ihm. Er stellt die Gl�ser hin und kippt ein. Na, nu wirds gem�tlich.�Prost!�</p><p>�Aber, wann seidn ihr da ausser Schule gekommen, hat die den noch zu Schulzeiten gekriegt? Da hat Elisabeth, glaub ick, damals gar nix von erz�hlt.�</p><p>Elisabeth! Genau! So hie� die, seine Schwester. Elisabeth, komisch, genau wie Ella. Dass man das so vergisst.</p><p>�Sag ma, was macht die jetzt eigentlich?�</p><p>�Hm, wer? Achso. Na die wohnt jetzt bei Bremen, Elisabeth. Die sind damals alle gleich nach Oberwiesenthal, in die Spinnereien, dat lief ja ganz gut zu DDR-Zeiten, da haben die uch lange gewohnt, die haben nachher uch schon so gequatscht, so wie die Schluchtenjodler. Da war die schon mit Bernd zusammen, dat musst du ja noch mitgekriegt haben, den hat die denn uch geheiratet.�� Und die, Ingrid, hatte die uch einen von euch, oder wer war da der Vadder?�</p><p>�Wusste doch keiner! Mensch, Friedhelm, du kannst dir gar nich vorstelln, was da los war! Das hat doch noch keiner geahnt, zuerst, bei den Pr�fungen hat man ihr ja noch gar nix angemerkt, und denn haben sich erst mal alle verkr�melt, und Ingrid haste sowieso nie gesehn. Aber wie sich das dann rumsprach, so im Herbst, Ingrid rennt mitm dicken Bauch, na, da haben abern paar ganz fix gerechnet, da wurd sich denn erst ma ne Zeitlang schief angeguckt auffer Disco, aber mehr so aus Jux. �Gib ma ruhig zu, dat du da dran warst!� und solche Sachen, aber richtig geglaubt hat das keiner, das war einfach n Unding, Mann, dass Ingrid mit einem von uns, na, aber du kennst die nich. Das w�r wie das achte Weltwunder gewesen, wars ja auch. H�tt das einer zugegeben, ich mein, einer von uns: keine Ahnung, was dann passiert w�r. Nie h�tt das einer zugegeben! Der w�r sofort unten durch gewesen. War eben so. Obwohl mir auch keiner erz�hlen brauch, dass er nich bisschen scharf auf die war, gut sah die ja aus, so auf ihre Art, aber die war ja son totales R�hr-mich-nich-an. Deswegen, h�tt auch genauso passieren k�nnen, man h�tt dem auffe Schulter gekloppt, aber eher nich, und schon gar nich mit schwanger hinterher. Nee, da wusst keiner was. Und die hat nix gesagt, keinen Piep! Keine Ahnung, wieso. Und da war denn nat�rlich die Ger�chtek�che am Brodeln, da konnt das ja nur was total Perverses sein. Wie, dass das ihr Bruder war, Peter, na, ist ja nich ihr richtiger Bruder, aber trotzdem, das reichte schon. War mir auch egal. Wusste eh keiner was.�</p><p>�Vielleicht wusst die das selber nich. �Er lacht.</p><p>Ich sag:�Doch. Das wusste die.�</p><p>�Na, wei�t nich, stille Wasser, manchma���</p><p>�H�r uff, Mann! Die war nich so eine, Ingrid nich. Die h�tt nich ma Roli, dem die alle hinterhergehechelt sind, die Weiber, nee, nich ma Roli, wei�t, Roland, der Sch�ne Roland, wie sie immer gesagt haben, M�llrich, der Sohn vom B�rgermeister.�� Aber Roli, Mann! Und keiner wusst was! Friedhelm! Hast nich noch n Schnaps?�</p><p>�Ja, klar.�</p><p>Das Glas gie�t er randvoll und stellt mir die Flasche vor die Nase. Ich guck auf seins.�Haste da nich was vergessen?�</p><p>Er sch�ttelt mitm Kopp.�Nee, ick nich.�</p><p>�Nu mach keine Spirenzchen, Friedhelm! Du kannst mich doch jetzt nich alleine, na, nu komm!�</p><p>Er sch�ttelt mitm Kopp. Na, nu reichts. Steh ich ja wien S�ufer da. Ich nehm die Flasche und kipp ihm einen ein.</p><p>�Hartmut!�, sagt er.�Pass ma uff: Entweder du willst, dat ick mich zusauf � oder, dat ick dir zuh�r!�</p><p>�Mann, Friedhelm! Du hast doch keine Ahnung! Das kann man gar nich ohne Saufen ertragen!�</p><p>Er guckt mich an.�Ick schon.�</p><p>Auf ex. Teufelszeug. Treibt einem bald die Tr�nen inne Augen. Aber wenn man nu schon so beschissen dran ist wie unsereiner.�Mann, Friedhelm! Du wei�t gar nich, wie gut du das hast!�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Keiner hat das gewusst, Mann! Kein Schwein!�� Au�er ich.�</p><p>�Was: au�er du?�</p><p>�Na, keiner! Bloߠ� ich! Ich! Verstehste?�</p><p>�<emphasis>Du</emphasis>?�</p><p>�Na, nee, also, nich, was du denkst.�</p><p>�Achso? Wat denk ick denn?�</p><p>�Friedhelm, Mensch, das denkst du doch nu nich, oder? Dass ich � dass ich der Vater von Henry bin, das denkst du doch nich etwa?�</p><p>�Hab ick doch gar nich gesagt.�</p><p>�Na, denn is ja gut.�� Sag ma, du glaubst mir das doch, oder? Du musst mir das wirklich glauben, Friedhelm!�</p><p>�Ja doch! Ick wei� gar nich, wat du hier f�rn Uffriss machst! Du musst mir uch gar nix erz�hln, ick zwing dich doch nich. Au�erdem kann mir dat doch egal sein, ob du da nu der Vadder zu bist oder nich. Ick erz�hl dat doch uch nich weiter. Wat hastn du f�r ne Schiss?�</p><p>Der denkt das. Der denkt das jetzt wirklich.�Friedhelm! Ich kann das beweisen! Dass ich das nich war. Ich wei� doch Bescheid! Aber das wei� doch sonst keiner, Mann! Das h�tt mir doch keiner geglaubt. Der h�tt das nich zugegeben. Und Ingrid auch nich. Ich wei� nich, wieso, aber ich wei� das, ich wei� das einfach. Ich <emphasis>konnt</emphasis> nix sagen, verstehste?�</p><p>�Nee, nu versteh ick gar nix mehr. Kannst dich nich ma n bisschen sortiern, Hartmut?�</p><p>�Ja � nee. Wie er da morgens in die Schule kam und mich angrinste, ich seh das noch vor mir, ich wusst erst gar nich, wieso, aber er hat ja �fter so gegrinst, ganz besonders, wenn er was gemacht hatte. Und als die Tetzlaff fragte, ob einer wei�, wieso Ingrid nich da is, haben wir alle blo� mitte Schultern gezuckt, das kam �fter ma vor, dass die nich da war, besonders so in der letzten Zeit. Ich glaub, die hat sich auch nie n Kopp um Entschuldigungszettel gemacht oder so, die hat einfach gar nix gesagt und lieber n Tadel kassiert. So war die eben. Jedenfalls, das kam keinem komisch vor, dass sie nich da war. Und das hab ich dadran nie kapiert: wieso der da nich einfach sein Maul halten konnte. Das w�r doch nie rausgekommen, solange Ingrid nix sagt, und dann h�tt er das immer noch abstreiten k�nnen. Musste er dann ja gar nich, und das hab ich auch nich kapiert. Wieso die <emphasis>nix</emphasis> gesagt hat. Wei�t du eigentlich, wie beschissen das is? Wenn du so ganz alleine dastehst. Ich mein, so wie ich dann dagestanden hab? Als der zu mir gesagt hat, er wei� das? Und gegrinst? Er wei�, wieso Ingrid nich da is? Ich hab mir erst gar nix dabei gedacht. Ich dacht, jetzt kommt wieder irgendwas Versautes, wie der das so rausgehauen hat. Aber er hat blo� gesagt, �erz�hl ich dir nachher�. Und denn hat er mir das erz�hlt, in der kleinen Pause.�</p><p>�Wer? Der Sch�ne Roland?�</p><p>Ich glotz ihn an.�Woher wei�t du das?�</p><p>�Na ja���</p><p>�Hast du das etwa gewusst?�</p><p>�Quatsch. Hast du doch selber gesagt. Mensch, Hartmut!�</p><p>Sein Schnaps steht immer noch da. Trink ich den eben. Knall ich eben das Glas aufn Tisch, na und?� Noch einen!�</p><p>�Sag ma, musst du nich morgen in deiner Schule antreten?�</p><p>�Schule? Geh ich nich mehr hin! So eine Schei�e! So eine Sauerei, Mann! Der hat die vergewaltigt! Nu guck nich so! Ja, ich bin ja schon leise. Mann, einfach so, nachm Dorffest. War doch erster Mai gewesen. Erst Tanz in den Mai, n�chsten Abend noch mal. Die is doch zu so was nich hingegangen, Ingrid, normalerweise. Aber wie wir hinkamen, stand sie schon an der Bar. Und hat einen Schnaps nachm andern gekippt. Und ich wunder mich noch, aber dann war sie auf einma weg. Wir sind noch ne ganze Weile geblieben. An Ingrid hab ich gar nich mehr gedacht, hatte ja eh keinen Zweck. Aber als Roli nach Hause is, muss er sie irgendwo erwischt haben, er sagte, sie stand da einfach rum, im Park. Ich kann mir das nich vorstelln. Ich mein, dass die das freiwillig gemacht h�tt. Hat Roli auch nich gesagt. Ich wei� nich mehr genau, was er gesagt hat. Blo� noch: �Jetzt wei� sie ma, wie das is!��� Ich war wie vorn Kopp gesto�en. Und dabei dacht ich doch, dass der auf Britta scharf w�r, und das war ja nachher auch das Traumpaar, der Sch�ne Roland und die Flotte Britta. Mann! Und dann hatte er den Unfall.�� Eine Schei�e! Was sollte denn das blo� mit Ingrid? Ausgerechnet. Er � er konnte doch jede � haben, sogar � Brit-ta!�</p><p>Ich heul nicht, ich heul doch gar nicht, was kloppt er mir jetzt auf die Schulter, Friedhelm? Ist doch blo� der Schnaps, ist doch blo� dieses Teufelszeug��</p><p>�Is gut, Hartmut�, sagt er.�Dat musste ma raus.�</p><p>�Ick <emphasis>konnt</emphasis> nix sagen! Das war doch Roli! Und dann war er tot!�Da hab ich auch geheult, da brach f�r mich ne Welt zusammen. Als das hie�, Roli ist tot, da dacht ich, das geht doch gar nicht. Ich hab drei Tage nur in meinem Zimmer gesessen und geheult. Ich wollt gar keinen sehen, ich wollt auch nicht, dass das einer sieht. Als ob man nicht mal heulen kann, wenn einer stirbt. Wenn auf einmal alles vorbei ist. Wenn man wei�, man sieht den nie wieder.</p><p>�Wie isn dat eigentlich passiert damals? Ick wei� blo�, dat dat mitm Moped war, oder? Wann warn dat noch ma?�</p><p>�Siebzig. April siebzig. Er wollt doch blo� n Trecker �berholen, da kurz hinter Schmalditz, wo der Weg nach Melzin reingeht. Er is grad von Britta gekommen, sie hat das sp�ter ma gesagt. Jedenfalls, er is schon am �berholen, als der Trecker links abbiegt, in den Melziner Weg rein, der wollt da aufn Acker. Und ob der nu geblinkt hat und Roli das nich gesehn hat, oder ob der wirklich nich geblinkt hat � der hat nat�rlich hinterher gesagt, er hat geblinkt, was sollt der auch andres sagen, konnt ja keiner mehr beweisen. Roli war tot. Der ist voll �ber ihn r�ber, das gro�e Treckerrad. �ber seinen Hals, haben sie gesagt. Keine Chance.�</p><p>Friedhelm verzieht das Gesicht. Ja. Das mocht sich keiner vorstellen.�Der arme Roland�, hie� das dann immer.</p><p>�Und Ingrid? Hat die nie wat gesagt?�</p><p>�Nee. Vielleicht h�tt sie ja noch. Aber nu � hat die sich vielleicht auch gedacht, dass sie nem Toten nix nachreden will.�</p><p>�Wieso nachreden? Na, ick glaub, ick versteh dat schon. Wieso die nix gesagt hat.�� Aber eins versteh ick nich, Hartmut: Ick mein, dat du nu nix gesagt hast � vielleicht war dat am Ende sogar besser so. Aber dat du zu ihr nix gesagt hast, dat du nich zu ihr hin bist�� Wieso hast du denn mit ihr nich geredet, wo du als Einzigster Bescheid wusstest. Wieso � Mann, Hartmut, wieso hast du sie denn so im Stich gelassen?�</p><p><emphasis>�Ich?�</emphasis></p><p>�Nu reg dich nich uff! Aber ick mein ma, du h�ttst doch wenigstens mit ihr reden k�nnen.�</p><p>�Mit ihr reden? Friedhelm, du verstehst das nich! Das ging nich!�</p><p>H�tt ich mir doch lieber sonstwas abgebissen damals. Ich mocht sie doch nicht mal mehr angucken. Mit ihrem Bauch. Irgendwie war sie auch tot f�r mich. Ingrid. Die arme Ingrid. Nee, das hab ich nie gedacht.</p><p>�Wieso denn nich?�</p><p>�Ich wei� auch nich � sie war so anders���</p><p>Jetzt kippt er sich doch noch einen ein. Und mir nicht. Die Haust�r klappt. Friedhelm zuckt mit dem Kopp zur T�r. Schiebt mir schnell das volle Glas r�ber, plempert �ber. Trink ich aus. Die T�r geht auf, und seine Tochter kommt rein. Guckt mich an. Was guckt die mich so an?</p><p>�Na, dann werd ich ma�, sag ich und steh auf. Muss mich ma kurz abst�tzen.</p><p>�Geht�t?�, fragt Friedhelm.</p><p>�N�Abend�, sagt seine Tochter jetzt. Romy. Hei�t die doch, oder?</p><p>�Is � Ella � schon im Bett?�, frag ich.</p><p>�Wei� ich nicht�, sagt sie.</p><p>Ich geh raus.�Is � doch schon sp�t.�</p><p>Drau�en muss ich erst ma kurz stehenbleiben. Blo� ma kurz. Mann, muss ich pissen, und dann noch der Regen. Muss ich ma fix um die Ecke ma fix. Wie ich am Fenster vorbeikomm, ist ja nu ma offen, das Fenster, wie ich vorbeikomm, h�r ich:�Papa. Bist du besoffen?�Nee, der nicht. Der Papa.</p></section><section><title><p><strong>ROMY</strong></p></title><p>Soll ich jetzt einen Rock anziehen oder nicht? Was hei�t �einen�: <emphasis>den</emphasis>, den einzig akzeptablen, den ich besitze, mit Taschen. Ella zieht garantiert keinen an; so ein Kleidungsst�ck k�me ihr nicht nur nicht in den Schrank geschweige denn an den Leib, es k�me ihr wahrscheinlich nicht mal �ber die Lippen, genauso wenig wie �Bluse� oder �Strumpfhose�, zumindest nicht ohne Emp�rung und Notwehr. Dabei verh�lt es sich nicht so, dass da ein unm�gliches Bild entsteht, wenn man sich Ella darin vorstellt. Im Gegenteil. Das ist es vielleicht gerade. Ich glaub, sie will auf keinen Fall so werden wie ihre Mutter, und sei es um den Preis, das genaue Gegenteil zu werden. Niemand will werden wie seine Mutter. Da kommt es, verbreiteter m�tterlicher Irrglaube, gar nicht auf die Mutter an. Vielleicht, weil man insgeheim sp�rt, dass man als Mutter schon von vornherein verloren hat, und zwar gegen die eigenen Kinder, und alle schm�henswerten Eigenschaften nur aus dieser abgeschriebenen Position resultieren beziehungsweise �berhaupt erst zu dieser gef�hrt haben, Eigenschaften, deren Keime man hin und wieder schon in sich selber zu wachsen beginnen f�hlt, und die Angst: Am Ende kriegen sie einen. Am Ende wird man noch selber Mutter. Oh beklemmendstes aller Zukunftsbilder.</p><p>So weit meine ergebnislosen Betrachtungen im Vorfeld des sogenannten Dorffestes, womit ich keineswegs vom urspr�nglichen Problem abgekommen war, denn auch wenn man kein Anh�nger der Theorie ist, dass alles mit allem zusammenh�ngt, ist doch klar ersichtlich, wie die Rockfrage mit zuk�nftiger Mutterschaft zusammenh�ngt und also lautet: Soll ich jetzt wirklich einen Rock anziehen � das Wort bekommt geradezu eine metaphorische, die von Ella vielleicht intuitiv erfasste Bedeutung � und mich damit einreihen in die Horde, oder Heere, herrenloser Weibchen, die sich alle im gleichen abgegrabbelten Signalbaukasten <emphasis>Paarungsbereitschaft &amp; Fruchtbarkeit</emphasis> bedienen, soll ich� ganz normal �werden und schlie�lich doch den� ganz nat�rlichen �Wunsch entwickeln, zum Fortbestand der Menschheit beizutragen? Aber wir leben in modernen Zeiten, und ein Mann ist nicht mehr gleichbedeutend mit einem Kind, au�er in Personalunion, und �berhaupt, was f�r ein Mann denn? Davon kann ja hier wohl kaum die Rede sein.</p><p>Au�erdem bezweifle ich, dass irgendein m�nnliches oder anderes Wesen an meinen gr�n gemusterten Strumpfhosen Gefallen findet, ich daf�r umso mehr. Denn eigentlich ging es ja gar nicht um den Rock. Ich habe Strumpfhosen schon als Kind geliebt, nur dass man da noch nichts dadr�ber anziehen brauchte, sie hielten, was sie versprachen, n�mlich Strumpf und Hose in einem zu sein. Und noch lebten wir in seliger Unkenntnis der Leggins, die uns nur wenige Jahre sp�ter zusammen mit ihren degenerierten Artgenossen Radler- und Steghose heimsuchen sollte. Ich schw�rmte nur deshalb f�r den Prinzen in den M�rchenfilmen, weil er bestrumpfhost war, ein Bein gr�n, ein Bein rot. Bei der Prinzessin konnte man das ja leider nicht sehen, und als ich Mama mal fragte, was die denn unter ihren langen R�cken anh�tten, sagte sie glatt:�Nix. �Das war ihr wohl so rausgerutscht, denn als sie mein emp�rtes Gesicht sah, fing sie an, schnell was von Unterr�cken und Unterhosen zu erz�hlen, aber ich glaubte ihr kein Wort. Die Prinzessin trug keine Strumpfhose, soviel stand fest, und also auch, dass ich keine Prinzessin mehr sein wollte. Insofern ist die Strumpfhose, jedenfalls in ihrer Urform, nicht in der linoleumfarbenen Abart von Nylon, Perlon, Dederon oder Loch-an-Loch-und-h�lt-doch, ein durchaus subversives, die Signalwirkung des Rockes geschickt brechendes Utensil, das sich zudem weder den Vorwurf des Ent- noch des Verh�llens gefallen lassen muss, geradezu ein Schutzanzug, was man vom Rock nicht behaupten kann, mit dem sich doch wohl noch immer allgemein und instinktiv die Vorstellung verbindet: nix drunter.</p><p>Ich wei� nicht, was f�r eine Vorstellung sich mir bei diesen Anzieh�berlegungen mit einer so nichtsw�rdigen Veranstaltung wie dem Dorffest auf einmal verbunden hatte, aber sie versickerte sehr schnell in den Niederungen der Modder, durch die ich mit den beiden hierher gelatscht bin. Es regnet seit Tagen,�Katzen und Hunden�, wie Paul sagte, aber auch:�Ich bin nicht aus Zucker�, als ich ihm den Regenschirm anbot. Ich musste grinsen. Wie kann er so l�gen? Ella kam mit mir unter den Schirm, hakte sich bei mir ein, und wie wir da so im Slalom �ber die ausgestorbene Elpe und die Dorfstra�e stapften und wenigstens den gr��ten Pf�tzen auszuweichen versuchten, Zucker-Paul voran, hatte ich beinah Angst, der Regen k�nnte ihn tats�chlich wegwaschen, aufl�sen, und wie konnte ich mir sicher sein, dass das �berhaupt noch Paul war, der da als unkenntliche Kapuzengestalt in immer weiterem Abstand vor uns ging, in den Regen und die Dunkelheit hinein?</p><p>Durch meine wie �blich undichten Schuhe � es wird mir ewig ein R�tsel bleiben, wie Leute zu angeblich wasserdichten Schuhen kommen � schien mit zunehmender Wegl�nge nicht nur die N�sse f�rmlich in mich einzusickern, sondern mit ihr auch ein heilloses Gef�hl von � na ja, Verzweiflung klingt v�llig �bertrieben, Vergeblichkeit erst recht, aber etwas in der Art, und etwas Wohlbekanntes, wie ein R�ckenschmerz, den man langsam und unabwendbar heraufkriechen sp�rt, ein alter Feind, der durch jahrelange Bekanntschaft fast zum Freund geworden ist und auf einen irreparablen Haltungsschaden hindeutet. F�r einen Augenblick f�hlte ich das fast unwiderstehliche Verlangen in mir, mich lang in die Modder zu schmei�en. Aber: Haltung. Contenance. Seit Jahren bin ich mit mir selber uneins, ob ich genau das zum Prinzip meines Verhaltens machen sollte: sich rein gar nichts anmerken lassen, oder das genaue Gegenteil: hemmungsloses Rauslassen, noch bevor es zu irgendwelchen Anmerkungen kommt. Das Ziel beider Wege ist das gleiche, n�mlich Unangreifbarkeit. Zum Beispiel tr�ume ich seit mindestens genauso langer Zeit ja auch schon von der unangreifbaren Frisur, aber das ist ein anderes Thema. Mein ganzes Problem liegt in der absoluten Entscheidungsunf�higkeit, in diesem wie auch in jedem anderen Fall, also in der vermeintlichen Vermeidung angreifbarer, weil exponierter Positionen, weshalb es st�ndig zu halbherzigen Mischformen der allerangreifbarsten Art kommt. Man nehme ja nur mal diesen Rock, diesen verschossenen orangen Cordrock, weder kurz noch lang, weder weit noch eng, weder Rock noch sonst irgendwas, wie er verklemmt an der Strumpfhose klebt und sich wie zur Strafe bei jedem Schritt unf�rmig nach oben schiebt und ausbeult. Was in aller Welt wollte ich damit bezwecken? Na wenigstens muss ich mir nicht vorwerfen, mich des neuesten Modeauswuchses der Sorte Weder-Fisch-noch-Fleisch schuldig gemacht zu haben, dieses abartigen Rock-�ber-Hose-Tragens. Wenn ich auch schon so manches Mal das Gef�hl hatte, unter den Blicken Katharinas, Nadines und auch Susannes, mit meinen Klamotten den Gipfel der L�cherlichkeit erklommen zu haben, so muss ich doch neuerdings befriedigt feststellen, dass mich Katharina, Nadine und Susanne auch darin �berholt haben. Ich meine, was wollen sie <emphasis>damit</emphasis> bezwecken, au�er wie das letzte Hippierelikt auf der Flucht auszusehen? Das Ganze l�uft doch letztlich auf Folgendes hinaus: Ich will einen Rock anziehen, aber trau mich nicht, meine Beine zu zeigen, schon gar nicht meine nackten Beine im Sommer, also zw�nge ich den luftigen Sommerrock �ber die dicke Winterjeans, im Winter. Wie erb�rmlich! Nur mildert das auch nicht den Blick, mit dem ich selbst meinem Kleiderschrank neuerdings gegen�bertrete, n�mlich seit ich festgestellt habe, dass sein Inhalt dringend der General�berholung bedarf, und der Zeitpunkt dieser Feststellung f�llt zuf�llig ungef�hr mit Pauls Erscheinen hier zusammen. Sein Erscheinungsbild wiederum versetzt mich jedes Mal derartig in Entz�cken, dass es mich fast besch�mt, gerade weil daran gar nichts Besonderes oder Gewolltes ist, es ist auch nicht diese aufgesetzte Schlampigkeit. Es ist einfach � Paul. Man k�nnte es glatt zu einem Adjektiv machen, very paul, eins, das nur auf ihn zutrifft. Seine zwei Hosen, die eine schwarz, die andere braun, keine Jeans, haben beide diverse L�cher am umgeschlagenen Saum, die braune sogar eins am sehr oberen Oberschenkel, das aussieht wie ein Brandloch und ab und zu die Farbe seiner Unterhose erkennen l�sst. Als ich das zum ersten Mal sah, w�re ich fast so hirnverbrannt gewesen, ihn darauf hinzuweisen, ich meine, dass er ein Loch in der Hose hat. Das Wort �Unterhose�, zumal es sich dabei nicht um irgendeine, sondern um seine handelt, k�me mir bei ihm vermutlich gar nicht �ber die Lippen. Oder vielleicht doch, vielleicht leichter als bei jedem anderen. Da ist eine Offenheit bei ihm, geradezu um ihn�� Die nicht unwesentlich zu meinem Taumel beitr�gt. Wie auch seine bis knapp �ber die Ellenbogen gekrempelten Hemden, seine ganz einfachen und einfach perfekt sitzenden T-Shirts, die ihren Schnitt direkt aus den Sechzigern her�bergerettet zu haben scheinen, und �ber seine Frisur muss man ja ohnehin kein Wort verlieren: very paulmccartney. Kurzum: all das ist mir hier noch nie untergekommen, nicht mal in Ans�tzen, nicht mal bei Tobias, und das ist so was von zum Alle-Hoffnung-fahren-Lassen, dass man auf der Stelle konvertieren und den Karmeliterinnen beitreten m�chte, was einen zumindest des Kleidungsproblems auf ewig enth�be. Ich wei�, dass ich mich da nicht so reinsteigern darf. Nicht in etwas, das keine Woche mehr w�hrt. Aber habe ich vielleicht was Besseres zu tun?</p><p>Sp�testens als wir eben das Zelt betraten, das sie mitten auf der Wiese neben dem Sportplatz aufgebaut haben und das uns schon von weitem wie eine etwas zweifelhafte Oase wei� aus der dunklen Regenw�stenei entgegengeleuchtet hatte, kam ich mir v�llig overdressed vor, was umso seltsamer war, als meine Schuhe und auch das untere Drittel meiner gr�nen Strumpfhosen sich eine Dorfmatschtarnung zugelegt hatten, ein Spritzer, kein Spritzer. Die offensichtlich bereits anges�uselten Anwesenden starrten denn auch gleich auf meine Beine, und ich wei� nicht, welchen Abschnitt davon sie am unzumutbarsten fanden. Aber so dem�tigend wie auf unserem ersten Herbstball ist es nun auch wieder nicht, als wir, endlich in der neunten Klasse angekommen und teilnahmeberechtigt, uns aufgeregt fragten, was man blo� zu diesem Ereignis anziehen sollte, immerhin war es ein �Ball�, und irgendwer uns einredete, was hei�t irgendwer, Tamara mit ihrer Vornehmheitsmacke, wir sollten daf�r unsere Konfirmationsklamotten noch mal reaktivieren. Und so standen wir dann da, in die Ecke gedr�ckt, in unseren elend langen R�cken und Jabotblusen und glotzten auf die Jeansbeine, die zu den Takten von Wolfgang Petry und Metallica rumh�pften. Doch irgendwann war es uns egal, und wir h�pften mit. Irgendwann ist einem alles egal, und ich g�be viel daf�r, wenn sich diese Schwelle bei mir endlich mal stark absenken lie�e.</p><p>Trotzdem bin ich froh, hier zu sein, mit Ella, mit Paul. Was schon als mittelgro�er Triumph zu verbuchen ist, denn ich h�tte nicht gedacht, dass Ella ja sagt, als ich sie fragte, ob wir mit Paul zum Dorffest gehen wollen. Zum Dorffest! Noch vor einem Monat w�re mir das nicht im Traume eingefallen. Nun ja, die Dinge �ndern sich. Paul hatte mich gestern nach der gro�en Pause, als es schon geklingelt hatte und wir gen Eingang schlurften, gefragt:�Wir gehen zum Fest morgen?�, es klang mehr wie die Wiederholung einer bekannten Tatsache, und ich blo�:�Welches Fest?�Mir w�re auch nie eingefallen, das Dorffest als �Fest� zu bezeichnen, die Betonung liegt auf �Dorf�. Die Betonung liegt auf GOLDKRONE.�Aber ich wusste, es w�re sinnlos gewesen, Paul das ausreden zu wollen, er w�re auf jeden Fall hingegangen, so weit kenne ich ihn immerhin schon. Mir blieb wieder nur, mich zu wundern, woher er eigentlich diese Unerschrockenheit, diese Nichtabschreckbarkeit nimmt. Sie hat eindeutig was mit der Offenheit zu tun. Als w�re er nicht ganz von dieser Welt. Aber zum Gr�beln w�rde ich hinterher, im gro�en grauen Danach, noch genug Zeit haben, und weil das in naher Zukunft ist, sagte ich ohne �berlegen na gut. Nach der Elpe war ohnehin kein Platz mehr f�r Zimperlichkeit. Und vielleicht hat Ella was ganz �hnliches gedacht, vielleicht wollte sie nicht noch einen Abend allein zu Hause am Fenster stehen. Vielleicht machte es ihr mehr aus, als ich dachte. Und Paul: hatte rundheraus abgelehnt, als Beate und die anderen ihn in derselben gro�en Pause, und zwar noch vor meiner Zusage, gefragt hatten, ob er heute Abend mit zur Disco nach Schmalditz k�me. Allein das war mir schon Genugtuung sondergleichen, zumal sie es nat�rlich gar nicht erst f�r angebracht gehalten hatten, etwa auch mich zu fragen. Und dann, wie er es tat! Das euphorisierte mich derma�en, dass ich dachte, es w�rde f�r die n�chsten drei Jahre reichen oder mich zumindest den Rest der Schulzeit in einer goldenen Gem�tsruhe und l�chelnden Bed�rfnislosigkeit �berstehen lassen. Dass dem nicht so ist, merke ich Wankelm�tige zwar schon einen Tag sp�ter, aber dieser Moment wird mir bleiben: wie er einfach nein sagte. Nur:�Nein�, nichts weiter. Und sein� Ja�, als sie ihn daraufhin fragten, ob er schon was Besseres vorhabe. Das muss auch sie derart beeindruckt, fast eingesch�chtert haben, dass sie nicht mal wissen wollten, was. Keine Ahnung, was er dann gesagt h�tte. Aber keine Minute sp�ter wusste ich, dass er lieber mit mir zum Dorffest geht, und ich konnte mich nur nicht entscheiden, ob nun die Konkurrenz damit seine tiefste Missachtung oder ich seine h�chste Gunst geerntet hatte. Und wie immer, wenn ich mich nicht entscheiden kann, nehme ich beides.</p><p>Ich winke Mama und Papa zu, die sich haben breitschlagen lassen, die Fressalien zu verkaufen, das hei�t, Mama hat sich wie �blich verpflichten lassen, um nicht zu sagen selbstverpflichtet, und dann Papa so lange zugesetzt, bis er sich bereitfand, den Grill zu �bernehmen.</p><p>�Wollt ihr ne Wurst?�, ruft er uns zu, ich glaub, er freut sich sehr, uns zu sehen, was mir irgendwie �berhaupt nicht passt. Dass er seit geraumer Zeit auch die Meinung vertritt, ich m�sste mehr unter Leute, von der er auch noch glaubt, es sei seine eigene. Ich sch�ttle den Kopf und muss an neulich denken, als Ellas Vater bei uns in der K�che sa� und mit Papa gesoffen hat, so sah das jedenfalls aus. Ich wusste nicht, was ich seltsamer fand: ausgerechnet den bei uns sitzen zu sehen, mit dem Papa sonst gar nichts zu tun hat, oder festzustellen, dass zwar der, aber nicht Papa besoffen war. Irgendwas stimmte doch da nicht. Dass Papa mir dann auch noch was anbot,�Wist n Schnaps?�, nahm ich geradezu als Beweis. Trotzdem war auch pl�tzlich in dem Moment alles so richtig zwischen uns wie schon lange nicht mehr. F�r ein paar Sekunden hatte ich den Eindruck, dass wir uns zum ersten Mal als zwei selbst�ndige Menschen betrachten, die sich zuf�llig recht �hnlich sind.</p><p>Paul hat sich eine Wurst geholt, das Geld daf�r hat Papa entschieden zur�ckgewiesen. Keine Ahnung, was er von ihm h�lt, aber anscheinend mehr als Ellas Vater, der wohl schon ein paar bl�de Bemerkungen �ber Paul losgelassen hat. Als ich sie fragte, was denn, da ich mir gar nicht vorstellen kann, was es da Negatives zu bemerken gibt, hat sie blo� abgewunken. Wirklich, es ist mir unbegreiflich, wie jemand Paul nicht gutfinden kann, was auch fast wieder ein Problem darstellt, denn wie gut Mama ihn findet, muss ich mir ja t�glich nicht nur ansehen, sondern auch anh�ren. Sie w�rde ihn umstandslos als Schwiegersohn akzeptieren, und wie bitte sollte ich diesen Umstand akzeptieren?</p><p>Wir nehmen an einem der Tische Platz, die nicht mal zur H�lfte besetzt sind, wer auf sich h�lt, steht an der Bar. Mit einigem Erstaunen gucke ich auf Ellas Kartoffelsalat. Die scheinen sich ja beide recht wohl hier zu f�hlen, sie und Paul, w�hrend ich mir wie die wei�e Massai vorkomme. Ich dachte vorher, na gut, gehen wir hin, das ist die Gelegenheit, es mal zu sehen, auch wenns da nichts zu sehen gibt, aber dann wei� man wenigstens, wor�ber man spricht, abf�llig, wir setzen uns ja nichts aus, wir tun einfach so, als machten wir es f�r Paul, eine Art touristische F�hrung. Oder wie man zusammen in so ein bierernstes Museum spaziert, einzig mit dem Zweck, sich mutwillig �ber die Exponate lustig zu machen. Und dann lacht man unversehens alleine und kommt sich pl�tzlich sehr dumm vor und hofft, dass es sich umgekehrt verh�lt. Dass Paul das hier alles nicht sehr merkw�rdig zu finden scheint, wundert mich zwar, aber dass Ella sich wie in die Normalit�t schlechthin hineinhockt, stimmt mich beinahe misstrauisch.</p><p>Auf einmal entdecke ich Pauls Vater und in ihm schlagartig einen Verb�ndeten, denn f�r sein Hiersein, das mir wie ein Zeichen der Errettung vorkommt, wie ein bestimmtes Element im Traum, das einen pl�tzlich wissen l�sst, dass man tr�umt und also nicht wirklich zu dieser seltsamen Gesetzen gehorchenden Welt geh�rt, daf�r also kann ich mir keinen anderen Grund denken als eben einen, der meinem nah verwandt sein muss. Ich stupse Paul an:�Dein Vater ist da�, ich sage es ganz unwillk�rlich so, als m�sste das auch ihn erl�sen. Er guckt aber nicht mal hoch, ich sehe blo�, wie er mit den Augen rollt, als er sagt:�Ich weiߠ� field research, you know�, woraufhin er ein gro�es St�ck von seiner Wurst abbei�t. Er macht� ha-ah �und wedelt mit der Hand, sagt� hei߫und� gut �und wirkt insgesamt sehr besch�ftigt. Dann h�lt er sie mir hin, die Wurst:�M�chtest du probieren?�Er l�chelt. Ich starre auf dieses rosabraune, fettig gl�nzende, l�ngliche Etwas, das sich Bockwurst nennt und in seiner ganzen Art schamlos auf seinen kreat�rlichen Ursprung verweist, ja, fast selber noch Kreatur oder, schlimmer, eins ihrer abgetrennten Glieder zu sein scheint, ein pralles K�rperteil. Ich neige mich vor und nehme die Wurst vorsichtig zwischen meine Z�hne, ich versuche, sie nicht mit den Lippen zu ber�hren, und komme mir doch, ich wei� auch nicht, wieso � obwohl ich nat�rlich wei�, wieso � , ungeheuer obsz�n dabei vor. Dann knackt es,und ich habe ein St�ck davon zwischen Zunge und Gaumen. Bock-Wurst. Stier-Bier.</p><p>Gleich darauf schwenkt Paul die Wurst zu Ella, aber sie will nicht. Sie guckt ihren Kartoffelsalat an, dann zeigt sie, den Mund voll, mit der Gabel drauf und blickt hoch zu Paul, fragend. Er nickt, langt r�ber, und ich sehe zu, wie Ellas Gabel in Pauls Mund verschwindet. Und wieder zur�ckwandert in Ellas Hand. Ellas Mund. Ella schiebt mir den Teller hin. Ich sch�ttle den Kopf,�na los�, sagt Ella, und ich nehme schnell einen Haps. Er schmeckt erstaunlich gut. Er schmeckt wie � das ist unser Rezept! Ohne Eier, mit Gurken, und� DDR-Mayonnaise�, wie Mama das nennt, als h�tte sie gleich neben der Garage einen Bunker mit Restbest�nden. Ich gehe zu ihr.</p><p>�Einmal unsern Kartoffelsalat. Bitte.�</p><p>Sie grinst mich an.�Nimm doch auch ne Wurst.�</p><p>Wobei sie den Satz so intoniert, als wolle sie mich nicht in erster Linie zu einer Wurst, sondern zu einem �Auch� �berreden, einer ganz speziellen Ware, die es nur unterm Ladentisch gibt. Womit mir klar ist, dass sie das eben alles live und in Farbe mitbekommen hat.</p><p>�Ich will keine Wurst�, sage ich, und es klingt so bockig, wie nur L�gen klingen k�nnen. Ich bin hergekommen, um zu beobachten. Nicht, um auch unter Beobachtung zu stehen. Betonung auch auf �auch�.</p><p>Aus dem Augenwinkel sehe ich Ecki und Konsorten das Zelt entern. Das fehlt ja grade noch. Oh Schei�e. Mama merkt auch sofort wieder alles und sagt:�Die tun dir doch nix!�</p><p>Nein, die tun mir nix, oh Mann! Als ob es darum ginge! Aber wieso denk ich da erst jetzt dran? Wie doof bist du denn eigentlich, Romy? Regel Nummer zweihundertsiebenunddrei�ig: Wenn deine Mutter Jugendclubleiterin ist, kannst du nicht auf die Elpe gehen. Warum nicht? Darum nicht. Dass diese Regelverletzung bisher noch nicht geahndet wurde und mir deshalb noch gar nicht richtig zu Bewusstsein gekommen ist, liegt ja blo� daran, dass bisher noch nicht wieder Club war, weil Mama Urlaub hatte. Das war schon anstrengend genug. Aber jetzt auch noch t�glich zu zittern, dass Mama mich, ausf�hrlich in Kenntnis gesetzt von IM Gartenzwerg alias Ecki und seinen Helfershelfern, �ber meinen au�erplanm��igen Elpebesuch zur Rede stellt, ach was, auch nur anspricht, geht �ber meine ohnehin angegriffenen Seelenkr�fte. Dass sie erf�hrt, dass ich da war, ist das eine und vielleicht gar nicht so Uninteressante, denn ich w�re gespannt, ob sie dann immer noch die Ansicht vertr�te, ich solle mehr unter die Leute, oder ob sie dann anfinge, bestimmten Individuen den �Leute�-Status abzuerkennen. Grenzen zu setzen, was ja mal etwas direkt Erfrischendes h�tte. Das andere, den reinen Umstand unangenehm �berlagernde w�re nat�rlich das Gespr�chsprotokoll. Die Hasen und so weiter. Selbst Mamas gelassenste Reaktion darauf stellte immer noch eine schwere Heimsuchung dar, wenn nicht gar die schwerste: Sie w�rde vielleicht dar�ber lachen, es h�chst am�sant und ein wenig schockierend finden, was die einfallsreiche Tochter sich da wieder ausgedacht hatte, und: sie w�rde beif�llig nicken,�stolz �auf mich sein, mir f�rmlich auf die Schulter klopfen. Daf�r, dass ich mir� von den Jungs nix gefallen �lasse, dass ich endlich� Selbstbewusstsein �bewiesen h�tte, und alles mit dem Untertext: Siehste! Oh, wie sie alle, allen voran unser Geschichtslehrer Herr J�rg, immer um mein� Selbstbewusstsein �besorgt sind, es stets und st�ndig st�rken wollen, zum Beispiel, indem sie mir schon jetzt andeuten, ich solle doch die traditionell vor Ostern f�llige Judika-Rede halten. Herr J�rg zwinkerte mir zu. Herr W�rg. Mir wurde wirklich �bel, als er noch hinzuf�gte:�Sollst mal sehen, wie gut das f�r dein Selbstbewusstsein ist! Du kannst das doch!�Ich frage mich, ob ich mir eine derartige unausgesetzte Beleidigung eigentlich bieten lassen muss, und versuche mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Leute, die keine Ahnung haben, einen eigentlich auch nicht beleidigen k�nnen. Ich meine, wei� J�rg irgendetwas �ber mich, au�er dass ich seit der Neunten Geschichte bei ihm hatte und zwischenzeitlich auch mal Deutsch? Die Antwort ist ein uneingeschr�nktes Nein. Da wei� ich ja noch mehr �ber ihn, logischerweise, weil einfach mehr dabei herauskommt, wenn hundert einen beobachten als umgekehrt. Zum Beispiel, dass er sich seine Schnotterbremse f�rbt. L�cherlich!�� Nat�rlich <emphasis>kann</emphasis> ich es; ich wei� nicht, was sie alle dazu treibt, mich zu Sachen ermutigen meinen zu m�ssen, die mich schlichtweg nicht interessieren! Woher kommt blo� dieser unersch�tterliche Glaube, dass das, was man kann, auch das ist, was man will? Beziehungsweise umgekehrt: dass gewisse Defizite, die man auf einem Gebiet aufzuweisen scheint � zum Beispiel auf dem der Busenfreundschaft samt Bussi links und rechts mit Hinz und Kunz � , zwangsl�ufig auf Unverm�gen zur�ckzuf�hren seien. Und nicht auf Unwillen.</p><p>Ecki hat mich jetzt entdeckt und grinst. Er kommt gem�chlich auf uns zugeschlendert, ich starre wie das Kaninchen auf die Schlange. Hasen, Romy, Hasen. Blitzschnell schlage ich einen Haken und fasse Mama scharf ins Auge.�H�r zu: Egal, was sie dir erz�hlen � glaub es. Wenn du willst. Aber glaub nicht, dass ich irgendwelche Fragen dazu � oder zu interessanten verwandten Themen � beantworten werde. Es geht mir gut und es gibt keinen Anlass zur Sorge, und wenn du denen glauben kannst, dann kannst du auch mir glauben. Ende der Durchsage.�</p><p>Zwar hege ich noch die leise Hoffnung, die Erinnerung an diesen Elpe-Abend k�nnte sich bei Ecki und Konsorten inzwischen verfl�ssigt haben, in Rauch aufgegangen sein oder zumindest in den Normalfall, n�mlich meine Neigung, solchen Angelegenheiten stets eine viel gravierendere Bedeutung zuzumessen als alle anderen � ich wei� auch nicht, warum mir alles so unverh�ltnism��ig an die Nieren geht. Aber so was behalten die, so was geht in die magere Elpe-Geschichte ein. Im Grunde warten die auch blo� darauf, dass was passiert.</p><p>Ich sage:�Hi, Ecki�, als ich mich an ihm vorbeidr�cke, und stelle befriedigt fest, dass er kurz irritiert ist, auch, weil er nun seine perfiden Absichten zwischen mir und Mama aufteilen muss. W�hrend ich noch dar�ber nachdenke, ob das wirklich so clever war, ihn mit Mama allein zu lassen, denn wer wei�, ob er sich �berhaupt getraut h�tte, was zu sagen, wenn ich dabeigestanden h�tte, aber vielleicht ist das auch blo� wieder meine skrupul�se Denkart, sto�e ich kurz vor unserem Tisch beinahe mit einem Tanzpaar zusammen. Tats�chlich, es wird �bers Rasenparkett geschwoft, ich nehme erst jetzt richtig wahr, dass es so was wie Musik gibt, nun ja, St�rger�usche, Hirnsubstanz vertilgende Ohrw�rmer. Ich beneide Paul, der das meiste davon zum ersten und wohl auch letzten Mal h�rt und wenigstens die Texte ignorieren kann, wie wir bei den englischen Sachen. ER SCHENKTE MIR DEN EIFFELTURM BEIM ERSTEN RENDEZVOUS. Es zieht einem wirklich die Schuhe aus. Man kann nicht mal mehr fl�chten. Ich rolle mit den Augen, Paul lacht. Ella scheint das alles sowieso jenseits jeglicher Kommentarbed�rftigkeit zu finden. Wahrscheinlich macht das f�r sie keinen Unterschied, das oder die Beatles. Die Beatles! Das sind doch�� nein, sind sie nicht. Sind sie doch!� Was ist das?�, fragt Paul.</p><p>KOMM, GIB MIR DEI-NE HAA-A-A-A-A-A-AND, KOMM GIB MIR DEI-NE HAND.</p><p>Oh no!� Das ist � die deutsche Version�, sage ich und habe das Gef�hl, pers�nlich daf�r verantwortlich zu sein. Etwas schlie�lich doch zugeben zu m�ssen. Paul lacht. Er steht auf.�KOMM, GIB MIR DEINE HAND�, sagt er. Er h�lt auch Ella einen Arm hin, diesmal rollt sie mit den Augen. Ich nehme Pauls Hand, es kommt mir wieder wie etwas geradezu Verbotenes vor. Er dreht sich noch mal zu Ella um,�SAVE THE LAST DANCE FOR ME�, ruft er ihr zu, sie l�chelt wenigstens. Kaum stehe ich, wirbelt er mich schon herum. Wir tanzen, ja, wir tanzen! Eigentlich hopsen wir blo� herum, wir tanzen nicht richtig zusammen, aber doch miteinander, eindeutig. Ist mir egal, ob wir die Einzigen sind und ihnen allen gleich die Augen aus den H�hlen treten oder es kein Schwein juckt, dass ich mit Paul McCartney tanze, ist mir alles egal, sogar, ob es Ella egal ist, sogar, ob Paul. Das stimmt vielleicht nicht.�Deine H�nde sind kalt�, hat er gesagt, als ich vom Tisch aufgestanden bin. Aber ich merke, es ist nicht so sehr seine Ber�hrung, der sichere Griff, wenn er mich zu sich heranzieht, der Druck seiner Fingerkuppen auf meinen, wenn ich mich drehe. Das kenne ich jetzt schon. Was ich noch nicht kenne, ist diese Ausgelassenheit, die sich nicht mehr in �meine� und �seine� aufspalten l�sst. Das Enzym �wir�. Synthese und Ekstase, Reaktionszeit zwei Minuten, und dann? Verbeugt sich Paul, zackig und tief, einen Arm vorm Bauch, den andern abgewinkelt, als hielte er etwas darin, eine Gitarre. Und zwar eine f�r Linksh�nder. Ich lache verbl�fft auf, aber er sieht mich an, als w�sste er von nichts, und l�chelt nur, wie einfach so. Aber er wei� es doch auch nicht. Wei� man denn so was? Oder hat Ella es ihm gesagt? Ich werfe einen Blick zu ihr r�ber, aber sie guckt gar nicht her, sie hat offenbar andere Probleme. Ecki. Ich hab gerade noch mitgekriegt, wie er den Schnaps vor sie hingestellt hat, braunen Schnaps, und schon sitzt er ihr gegen�ber. Sie guckt nicht hoch. Paul will hingehen, vielleicht wittert er was, vielleicht meine Angst. Trotzdem halte ich ihn pl�tzlich fest,�wart mal�. Wir stehen nur ein paar Meter entfernt, aber mir ist, als ob ich Ella �berhaupt nicht helfen kann. Oder sollte. Oder will. Nur Beobachtung, das scheint mir wichtig zu sein. Dann f�llt mir das richtige Wort ein: �brauche�. Ich brauche ihr nicht zu helfen. Sie guckt sich nicht nach uns um. Nur stur auf die Tischplatte, das speckige rot-wei� gew�rfelte Wachstuch. Auf einmal hebt sie den Kopf, den Kopf mit den gl�nzenden schwarzen Haaren, langsam, und sieht Ecki an. Sie sitzt, auf ihre verschr�nkten Arme gest�tzt, vorn�bergebeugt da und sieht ihn direkt an, voll in die Glubscher, wette ich, mit ihren knallblauen Augen in seine verklebten, roten Schweins�uglein. Er grinst, er kapiert �berhaupt nichts. Er h�lt ihr sein Glas zum Ansto�en hin, er hat das feixende Prost, Ella! schon auf den Lippen, ich w�rde mir am liebsten die Ohren zuhalten. Ella nimmt ihr Glas � und mit einem Ruck, einem Schluck und ohne Ecki auch nur einen Moment aus ihrem Blick zu entlassen, ist der Schnaps in ihrer Kehle verschwunden. Das leere Glas auf dem Tisch h�lt sie immer noch fest. Sie hat es nicht aufgeknallt, sondern fast wie in Zeitlupe heruntergleiten lassen. Und sie sieht ihn immer noch an. Erst jetzt trinkt er sein Glas aus, verzieht dabei das Gesicht wie beim Rauchen, als h�tte Ella ihn gezwungen.�Von danke sagen h�ltste wohl nix!�Er lallt fast.</p><p>Ella zieht die Augenbrauen hoch.�Oh, ich dacht, das Wort kennst du nich. �Sie grinst ihn an, ganz kurz, und l�sst die Mundwinkel sofort wieder fallen. Die einzige Geste, an der ich ihre Nervosit�t ablesen kann. Daran, und wie sie das Glas festgehalten hat, danach. Vielleicht.</p><p>�Ts�, macht Ecki.</p><p>Wir gehen hin, als k�men wir gerade vom Klo, und doch wie Regisseur und Dramaturgin, hochzufrieden mit dieser Szene. Ich setze mich neben Ella. Paul bleibt stehen, fragt, ob wir was trinken wollen. Ecki winkt ab, als h�tte er schon einen halben Kasten geleert. Mir ist sehr nach Bier. Aber ich f�rchte, ich kann meinem armen M�tterlein nicht noch mehr Bedenken ins Herz pflanzen, sie wuchern darin wie verr�ckt, mehrmals t�glich versorgt mit dem Speziald�nger Mutterliebe.�Ne Cola. �Ella nickt.</p><p>�Hi, Romy�, sagt Ecki. Vielleicht hat er vergessen, dass ich ihm vorhin schon �ber den Weg gelaufen bin. Vielleicht hat er alles vergessen. Ich sage nichts. Ich sitze nur da, mit Ella. Er lauert. Er zappelt mit den Knien rum.�Mann, seid ihr maulfaul!�</p><p>Wir sagen nichts. Wir sehen uns nicht an, und ihn auch nicht.�Ts�, macht er.�Letztens warste gespr�chiger, Romy Pl�tz. �Dann steht er auf, plumpst noch mal zur�ck, steht wieder auf.�Na ja! Geh ick ma.�</p><p>Als Paul die Gl�ser abstellt, st��t Ecki mit seinem Hintern noch mal gegen den Tisch, die Cola schwappt �ber.�Sorry�, sagt er und grinst. Erst als er weg ist, im sicheren Hafen seiner Kumpane eingetrudelt, r�hren wir uns wieder, aber wir sehen uns immer noch nicht an. Ella nippt an ihrer Cola, ich trinke nach und nach das ganze Glas leer, ich merke es kaum und bin verwundert �ber den letzten Tropfen. Einer muss jetzt was sagen, und einer bin nat�rlich ich, ich muss jetzt was sagen, blo� was? Das Wetter: oh, es hat aufgeh�rt zu regnen; die Musik: Mann, wie bescheuert; der Abend: ach, na ja. Lasst uns gehen.</p><p>�Paul.�</p><p>Sein Name brennt in meinem Bauch wie die Kohlens�ure. Obwohl ich ihn gar nicht ausgesprochen habe. Weil ich � weil nicht ich ihn ausgesprochen habe. Sondern? Ich habe ihn genau geh�rt, wenn auch leise. Jemand muss ihn ausgesprochen haben. Mit Ellas Stimme. Paul guckt sie an, sollte mich nicht wundern, wenn er auch einen Sinn daf�r hat. Ich merke das meistens genau, wenn jemand ein Wort zum ersten Mal ausspricht. Vor allem bei mir selbst. Ich wei� nie, was ich davon halten soll. Schon gar nicht jetzt.</p><p>�Ich muss dir was sagen�, sagt Ella. Zu Paul.</p><p>�Was?�, fragt er.</p><p>Sie wirft mir einen Blick zu, den ich normalerweise als Aufforderung zu schleunigster Entfernung gedeutet h�tte. Aber das glaub ich einfach nicht. Sie ist doch nicht etwa drauf und dran, aus welch desperater �bergeschnapptheit auch immer, ihm etwas zu sagen, das mich nichts angeht. Und ob mich das was angeht! Trotzdem frage ich, so kalt wie noch m�glich:�Soll ich gehen?�</p><p>�Nein�, Ella sieht mich verwundert an,�du wei�t das doch auch noch nicht, oder?�</p><p>�Was?�, frage ich gereizt. Wie soll ich wissen, ob ich etwas wei�, von dem ich nicht wei�, was es ist? Ich versp�re eine gemeine Lust in mir, Ella die Grenzen ihrer Logik auseinanderzusetzen. Aber sie hat sich, meines gespannten Zuh�rens offenbar sicher, l�ngst wieder Paul zugewandt. Sie sagt mit ihrer tiefsten Stimme:�Du hast einen Halbbruder.�</p><p>Fast h�tte ich aufgelacht. Es klang wie in einem schlechten Ganovenfilm. Er hat einen Halbbruder, Gamaschen-Joe! Einen was? Es klingt auch nicht wie etwas, das vollkommen den Tatsachen entspricht. Eher wie � eine Prophezeiung. Andererseits viel zu konkret daf�r und gerade deshalb so unglaubhaft. Bestenfalls noch wie eine Diagnose von etwas zwar nicht Erfreulichem, aber im Grunde Harmlosem: Sie haben Senk- und Spreizf��e.</p><p>�Was?�, fragt Paul.</p><p>Ella kneift die Lippen zusammen.�Na ja � wie dein Bruder. Nur halb. Also � er hat einen anderen Vater, logisch.�</p><p>Logisch?</p><p>�Und � wer, ich mein, wer ist der Vater?�</p><p>Das erscheint mir vollkommen unlogisch. Dass er gerade diese Frage stellt. Offenbar geht das sogar �ber Ellas Logikverst�ndnis.</p><p>�Wieso � also, keine Ahnung. Aber deine Mutter � mein Vater hat das blo� gesagt, ich mein, er kannte sie doch � also, dass sie schon ein Kind hatte, als sie wegging � von hier. Einen Sohn.�</p><p>Ich bin kurz irritiert, als sie� von hier �sagt. Als w�re es das �Hier� gewesen, es h�rte sich komischerweise so an, als h�tte sie das Kind �von Hier� bekommen, als w�re �Hier� der Vater. Wie ein Vexierbild, oder so, wie mich fr�her immer Gesichter aus den Tapetenmustern ansprangen, die ich ewig anstarrte, so wie wir ihr beide jetzt auf den Mund starren, als k�nnte uns eine seiner Bewegungen verraten, worum es hier eigentlich geht. Um den Halbbruder, ja klar. Um den Au�erirdischen.</p><p>�Denkt ihr, er hat mich angelogen?�Ihre Augenbrauen schieben sich wie schwere Wolken zusammen.</p><p>�h � ja.</p><p>�No�, sagt Paul.</p><p>�Du wusstest das?�Ich bin nicht sonderlich erstaunt.</p><p>�Nein. Nicht genau. Ich wusste nicht das. Aber ich dachte immer, you know � sie ist � sie hat � wie ein Geheimnis, also � sie sagt nicht alles.�</p><p>Er sieht mich an. Ich nicke. Ich kenne sie gar nicht, seine Mutter. Ingrid.</p><p>�Und wo ist er, mein � Halb-Bruder?�</p><p>Ja, genau, wo ist er denn, der Mister Half-Brother? Semi-? H�rt sich beides nicht richtig an, es h�rt sich einfach nicht richtig an. Paul und ein Halbbruder! Kann ja jeder kommen und verk�nden, er sei der Neffcousin von Paul McCartney.</p><p>Ella seufzt, als frage sie sich, was sie sich da nun blo� eingebrockt hat. Tja.</p><p>�Na ja, also � das ist ein bisschen���</p><p>Aha.</p><p>���also � er hei�t Henry, Henry Hanske, und���</p><p>Nein!</p><p>���er ist nicht ganz, also � �Sie macht eine Drehbewegung mit dem Zeigefinger in H�he ihrer Schl�fe und presst die Lippen aufeinander.�Also � �</p><p>�Disturbed?�, fragt Paul.�Mad? Lunatic? Idiotic? Or just a bit crazy?�</p><p>Ella scheint einen Moment zu �berlegen, dann nickt sie.�Crazy. Ja.�</p><p>Paul klatscht in die H�nde, sch�ttelt den Kopf. Er murmelt etwas,�I knew it�, oder so.</p><p>�Nein�, sage ich.�Ill. Really ill. �Und zu Ella, gefl�stert:�Er war das doch, oder?�</p><p>Sie runzelt die Stirn.</p><p>�Die alte Frau�, zische ich.</p><p>�Achso�, fl�stert sie zur�ck.�Ja.�</p><p>Sie sieht aus, als h�tte man sie bei einem Fehler ertappt. Sie tut mir leid. Pauls Blicke pendeln zwischen uns hin und her, er runzelt die Stirn.</p><p>�Wollen wir vielleicht woanders hingehen?�, fragt Ella leise. Gute Idee, wirklich, die beste Idee an diesem Abend.</p><p>�Hi. �Auf einmal steht Pauls Vater neben uns. Paul sieht ihn an, als m�sste er sich erst erinnern, wer das ist.�Dad!�, sagt er.�Please, go home. Stop your fucking second hand life!�</p><p>Sein Vater verliert sein L�cheln, ganz pl�tzlich, als w�re es ihm vom Gesicht gefallen. Aber �berrascht wirkt er nicht. Jedenfalls nicht so �berrascht wie wir.�Hey�, sagt er blo�.�Don�t you tell me what I gotta do!�</p><p>Paul dr�ngt sich an ihm vorbei.�Research! You don�t know anything!�</p><p>�And you? Do you know somethin�?�Er springt kein bisschen aus dem Anzug. Paul bleibt nicht stehen, ruft ihm blo� zu, ohne sich umzudrehen:�At least I know somethin� about �er. �Wobei er merkw�rdigerweise das �I� betont. Solche Sachen fallen mir immer auf.</p><p>Wir rauschen f�rmlich an Ecki und Co. vorbei, Paul voran, Ella und ich hinterher.</p><p>�Mannomann, die hamt aber eilig! Flotter Dreier, wa?�, ruft Ecki uns nach. Oder irgendeiner. Irgendein Idiot.</p></section><section><title><p><strong>INGRID</strong></p></title><p>Du wolltest da nicht hingehen, es w�re dir nie in den Sinn gekommen, genauso wenig wie heute, es war genauso unm�glich. Es hat sich nichts ge�ndert. Das beruhigt dich, denn darin kennst du dich aus, in Unm�glichkeiten. Schlie�lich lebst du in einer. Aber du warst genauso alleine wie heute abend, und deine einzige Furcht war, jemand k�nnte kommen und es dir wegnehmen, dein Alleinsein. Endg�ltig, denn den Verdacht hegtest du seit L�ngerem. Dass da etwas eingerissen war. Dass du etwas hattest einrei�en lassen, mehr als ein H�utchen, und durch den Spalt zw�ngten sich Gesichter, die dir fremd vorkamen, weil du sie nie hattest sehen wollen, so widerw�rtig genau. Du hattest doch diese F�higkeit gehabt: jemanden zu erkennen, von Weitem, ohne in sein Gesicht sehen zu m�ssen. Sobald du ihn erkannt hattest, sahst du weg. Ihn. Das wolltest du dir lange zugute halten: dass du ihm nie in die Augen geguckt hast, oder fast nie. Dass du dir nie in die Augen gucken lie�est, in die Karten, nicht wahr. Nur Luschen, anyway. Deine Mutter wusste Bescheid, auch so. Auch sie glaubte nicht mehr an ein passables Blatt. Aber offenbar an die M�glichkeit eines Bluffs. Sie kannte deinen Partner nicht. Und doch h�ttest du mit keinem anderen spielen k�nnen. Es gibt so ein Wort, du kanntest es nicht: satisfaktionsf�hig. Das war keiner, du sowieso nicht. Er auch nicht. Aber er war wenigstens gr��er als du. Es war gar kein Spiel. Es war ein Duell. Am Ende war einer tot. Zuerst dachtest du, du w�rst es. Auch sp�ter noch verlie� dich der Argwohn nie ganz. Es gab keine Zeugen. Keine Sekundanten. Sogar er war ohne alle seine angetreten. Fast f�hltest du dich best�tigt in deiner Wahl. Fast glaubtest du, es h�tte eine gegeben.</p><p>Deine Mutter versuchte, dir in die Augen zu sehen, obschon das Licht l�ngst aus war, wenn du das Haus betratest, wenn du aus der Dunkelheit in die Dunkelheit kamst, an die deine Augen ebenso gew�hnt waren wie ihre. Sie sa� in der K�che und tat so, als h�tte sie nicht auf dich gewartet. Sie wusste, du w�rdest sie nicht fragen. Einmal tatest du es:�Was sitzt du denn hier?�</p><p>�Ach�, sagte sie, als schnappe sie nach Luft,�ich wollt noch nich ins Bett.�</p><p>�Ich auch nicht�, sagtest du.</p><p>Du glaubtest nicht, dass sie sich Sorgen machte, dass sie bef�rchtete, dir k�nnte� etwas passieren �im n�chtlichen Dorfe Bresekow. An dir ging doch alles nur vorbei. Obwohl sie unruhiger schien als sonst, regelrecht aufgekratzt manchmal. Als wittere sie etwas, als nehme sie etwas anderes an dir wahr. Etwas, das sie in Aufregung versetzte wie ein junges M�dchen, das sich allen m�glichen bunten Hoffnungen hingibt. Das schlaflos und sinnend im Dunkeln sitzt und nicht merkt, wie viel Zeit schon vergangen ist.</p><p>Sie erschreckte dich jedesmal. Du wusstest, sie w�rde dort sitzen, immer auf dem gleichen Platz, die Arme auf dem runden Tisch. Trotzdem. Es war jedesmal, als risse der Spalt noch ein bisschen weiter ein, du zucktest zusammen. Als versuchte auch sie noch, ihren Kopf hindurchzuzw�ngen, und gewaltsamer als er. Er hatte den Spalt nur zuf�llig entdeckt und sah ohne Neugier hindurch, sah gar nicht dich, sondern etwas, was ihm gefiel, f�r das er die Ursache zu sein glaubte. Furcht. Du f�hltest den kalten Boden an deinem R�cken, versuchtest, ihn mit so wenigen Stellen wie m�glich zu ber�hren, Ringer fielen dir ein, das Wort �Schultersieg�. Sie baumelten �ber dir, diese beiden Gesichter im Spalt, wie zwei Luftballons kurz vor dem Platzen. Sie guckten sich an und konnten sich nicht mehr halten vor Lachen. Ihre Lache fiel wie Konfetti auf dich. Du w�rdest f�r Jahre erkennbar sein als ein Gast dieser geschmacklosen Feier, f�r die du erst gar nicht die Einladung ausschlagen konntest, weil es keine gab. Du hattest nicht mal eine Sicherheitsnadel parat. Aber glaubtest du, du k�nntest platzen lassen, was sich da �ber dir aufgeblasen hatte, ohne dass es einen Knall g�be, glaubtest du das wirklich, an jenem Abend? Glaubtest du, du k�nntest einen Riss wieder zusammenflicken durch deinen blo�en Willen? Glaubst du das immer noch?</p><p>Du bist froh, dass Michael und Paul nicht da sind, noch nicht zur�ckkommen und das Licht anmachen, immer noch wegbleiben, von dir. Und wo k�nnten sie weiter weg sein als auf diesem � Dorffest, nicht wahr.</p><p>Wo h�tte er weiter weg sein k�nnen als dort, an diesem Abend, nachdem die Demonstrationen �berstanden waren, eine Art Faschingsumzug durch Schmalditz, so kam es dir stets vor, ein verordnetes Verkleiden. Monstr�s, keineswegs eine Demonstration: wof�r denn oder wogegen. Ja, du warst f�r den Weltfrieden, wenn es das war, was sie h�ren wollten, ja, du warst gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, wer nicht. Und, hat es etwas genutzt? Es stellte noch nicht mal eine Demonstration <emphasis>von</emphasis> etwas dar. Wovon denn, es gab doch nichts. Nichts au�er dem Vergehen von Tagen, dem Warten auf das Ende der Woche, das Ende der Schulzeit, das Ende des Lebens, nach dem nichts mehr kam. Daf�r musste man nicht auf die Stra�e gehen. Aber man musste.</p><p>Und musste man denn auch in den Dorfkrug gehen und gesellig sein und sich Schn�pse genannt� Schl�pferst�rmer �ausgeben lassen und sich �bers Parkett schieben lassen und sich anfassen lassen unter der blauen Bluse, drau�en, im Dunkeln? Nein, das musste man nicht. Aber du wolltest das sehen. Dass man das nicht musste, und aber auch, dass man daf�r nicht zu Hause bleiben musste, dass man sich sein Alleinsein nicht wegnehmen lassen musste, indem man es umschmieden musste in Einheitlichkeit oder Einsamkeit. Du wolltest es sehen: dein Alleinsein, ganz und ohne Risse, ohne auch nur eine fadenscheinige Stelle. Du zogst es an und gingst hin. Deine Mutter sa� in der K�che und versuchte wieder, in deine Augen zu sehen, aber sie sagte nichts, als du auch nichts sagtest, nur weggingst. Als du wiederkamst, sa� sie nicht mehr da. Daran kannst du dich nicht erinnern.</p><p>Es war voll, voller als auf jeder Versammlung, diese schw�nzte keiner. Das lie� sich keiner entgehen. Dich anzusehen. Du brachtest schon wieder etwas durcheinander. Es war doch kein Plan gewesen. Keiner, von dem einer was gewusst h�tte. Also eine �berraschung. Du erkanntest nicht sofort alle, du tratest vom Dunkeln ins Helle, du sahst sofort weg. Ihn konntest du nicht erkennen, also war er nicht da. Es machte dir nichts aus. Aber es brachte dich auf einen Gedanken, den du erst beiseite schobst, in den ersten Schnaps tunktest wie in Vergessen, der dir aber gleich wieder einfiel, als er sp�ter doch noch auftrat. Applaus. Wie h�tte er fehlen d�rfen, der Sohn des B�rgermeisters. Du warst dir sicher, du w�rst nie auf diesen Gedanken gekommen, w�re er von Anfang an dagewesen. H�tte er dich von Anfang an nicht angeguckt. Es war kein Plan, gewesen.</p><p>�Einen Schnaps, bitte�, sagtest du zum Kneiper, als du dich an die Bar setztest. Zu Eddi, dem �lteren der beiden Storcks, er war dir lieber.</p><p>�Frollein Ingrid!�, sagte Eddi Storck.�Na, dat is ja mal ne �berraschung!�Er blinzelte dich an, als k�nne er dich durch den Qualm nicht richtig sehen, kaum ausmachen, ob du es warst.�Also���Du hattest den Eindruck, er mochte dich. Trotzdem brauchtest du dir von ihm nichts gefallen lassen.</p><p>�Einen Schnaps, bitte, hab ich gesagt.�</p><p>�Ja � ja ja. �Seine H�nde flatterten hin und her wie seine Augen. Du wolltest nicht das achte Weltwunder sein. Du wolltest allein sein. Sichtbar f�r alle.</p><p>�Nen Pfeffi, Frollein Ingrid?�Eddi Storck ging dir auf die Nerven. Er wollte blo� nett sein. Du wolltest etwas anderes.</p><p>�Einen Klaren. Doppelt. �So musstest du nicht gleich wieder seine hellbraunen Augen bemerken, die aufgescheucht in ihrem engen Gehege umherflitzten wie Wachtelk�ken.</p><p>Der Schnaps war scharf und gut. Du trankst sonst keinen Alkohol, wann denn. Du sp�rtest ihn in der Kehle, im Magen, das war gut. Es war so, wie du es wolltest. Wie es auch mit ihm gewesen war, am Anfang. Nichts, was sich erkl�ren lie�e.</p><p>Du knalltest das Glas auf die Bar, es knallte von alleine, du wolltest das nicht, nicht wie in einem billigen Western. Dir war, als �bert�ne das Knallen alle Ger�usche im Saal, alle Gespr�che, �ber dich. Was bildetest du dir ein.</p><p>�Noch einen�, sagtest du leise. Eddi sah dich erschrocken an. Beim Einschenken ging ihm die H�lfte daneben. Der machts hier auch nicht mehr lange, dachtest du. Das �auch� fiel dir nicht weiter auf.</p><p>Er schob sich pl�tzlich in deinen Augenwinkel, zusammen mit ein paar anderen, die ihn weiter und weiter in dein Blickfeld dr�ngten, aber du lie�est es nicht zu, du drehtest den Kopf St�ck f�r St�ck in die andere Richtung, justiertest ihn genau so, dass gerade er, geradeso noch darin blieb, und verschwommen blieb. Ein Verschwommener. Der Hecht im Karpfenteich, verirrt. Hechte sind Kannibalen, das wusstest du von Peter. Aber du warst nicht von seiner Sorte, er erkannte dich nicht. Du warst wie ein Kind, das denkt, wenn es die anderen nicht sieht, k�nnen es auch die anderen nicht sehen. Wenn er bei dir lag, kniffst du die Augen zusammen, h�ngtest ihm einen Wimpernschleier um, so mochtest du ihn am liebsten. Wenn er aufbrach, nerv�s, hastig, drehtest du dich ebenso hastig um. Du warst nicht nerv�s, du wusstest nicht, was das bedeuten soll.</p><p>Als du dich umdrehtest, kniffst du die Augen zusammen, vielleicht war es eine Angewohnheit. Du sahst in den Saal wie in die Sonne. Jeder musste denken, dass du gerade ihn fixiertest. Gerade ihn fixiertest du nicht, aber auch sonst niemanden, du zeigtest dich. Aber niemandem. Du warst f�r niemanden da. Du musstest das nicht verstehen. Du warst da.</p><p>Es war Neumond. Zuerst sahst du nichts als das Flackern der Laterne, ein Wackelkontakt, vielleicht nicht mal das. Das Wort �nerv�s� fiel dir wieder ein. Nein. Du hattest in Ruhe deinen letzten Klaren getrunken, er brannte kaum noch, alles l�sst nach, hattest du gedacht, dann warst du vom Hocker geglitten, deine Beine waren lang genug, dass du nicht albern hattest herunterhopsen m�ssen, dann warst du �ber das Parkett und nach drau�en gegangen. Du versuchtest dich zu erinnern, welche Musik sie gespielt hatten. Es musste welche gegeben haben, du probiertest verschiedene Schlager in deinem Kopf, keiner passte. Es machte dich w�tend. Du warst nicht betrunken, so viel stand fest. Das machte dich auch w�tend. Du stiefeltest dreimal um das Kulturhaus, stolpertest dir einen Weg zurecht �ber Grasb�schel und durch Vorjahreslaub, du wolltest noch nicht ins Bett.</p><p>Der kleine Teich zog dich an, du tapptest bis zu seinem Rand, bis die N�sse deine Schuhspitzen durchdrang, und beugtest dich dar�ber, du konntest absolut nichts erkennen. Kein Entenflott, kein Spiegelbild, nichts. Du fragtest dich, ob es um diese Zeit denn schon Entenflott gab. Irgendetwas an der Frage erschien dir merkw�rdig, vielleicht, weil du noch nie dar�ber nachgedacht hattest. Du h�ttest fast gelacht. Dir kam das Flugzeug in den Sinn, das in den Teich gest�rzt war, es musste ein Ereignis gewesen sein, alle wussten davon, einschlie�lich dir, oh ja. Du stelltest es dir vor, du empfandest so was wie Mitleid. Mit dem Teich. Fast h�ttest du geweint. Niemals warst du Schlittschuh gelaufen auf diesem Teich, so wie jetzt die j�ngeren M�dchen, du konntest sie sehen aus deinem Zimmerfenster, durch die kahlen B�sche hindurch, sie blieben bis zum Dunkelwerden. Du dachtest, du k�nntest es vielleicht Heiligabend probieren, gegen f�nf, wenn es d�mmerte und alle bei der Bescherung hockten. Dir wurde auf einmal ganz wunderlich zumute. Du warst es nicht gewohnt, Pl�ne f�r die Zukunft zu machen.</p><p>Mitten auf der Dorfstra�e gingst du dem Park zu. Er musste da lang, als Einziger, sein Haus lag auf der anderen Seite der Landstra�e als eines von vieren, etwas abseits, das letzte Haus vor den Wiesen. In den Wiesen hattest du auf ihn gewartet, abends. Ein einziges Mal hattest du sein Zimmer betreten, nachmittags. Sein Bett mochte nicht viel schmaler als ein Doppelbett gewesen sein. Aber das konntest du gar nicht einsch�tzen. Du musstest den Umweg �ber Kossin nehmen, hin und auch zur�ck, an den K�hen vorbei, die dich anglotzten und muhten. Manchmal sah dich einer, aber gr��te nicht. Zur�ck brachte er dich ein St�ck, du wusstest nicht, wieso. Manchmal sagte er,�bleib mal stehen�, und dann hat er dich noch mal angefasst, und du konntest dich immer nicht entscheiden, ob du das Fahrrad fallen lassen solltest, um beide H�nde frei zu haben, oder nicht. Kann sein, er mochte es gerade so. Ansonsten habt ihr wenig geredet. Er brachte dich bis kurz vor Kossin.�Mach kein Licht an�, sagte er. Es fuhren kaum Autos.</p><p>Du setztest dich auf einen Baumstumpf im Park, mit den Fingern br�ckeltest du rechts und links von dir die morsche Rinde ab. Wenn er alleine kam, wolltest du es ihm sagen, ins Gesicht, in sein Roland-M�llrich-Gesicht. Wenn nicht, erst recht. Du wolltest ihn mit reinziehen. Er w�rde dir nie verzeihen. Das w�re ja noch sch�ner.</p><p>Der Sch�ne Roland. Du erkl�rtest dich selbst f�r verr�ckt, du sahst pl�tzlich alle Gr�nde ein, aus denen die anderen einen Bogen um dich machten, du sahst, dass es welche gab, du h�ttest gern selbst einen Bogen um dich gemacht, einen weiteren als sonst. Mitunter schobst du alles auf Peter. Er war nicht mehr da, er kam nicht mehr wie in seiner Lehrzeit jedes Wochenende nach Hause, schon lange nicht mehr, aber es schien dir erst jetzt aufzufallen. Er war Feinmechaniker, er war mit einem M�dchen zusammen, er war in Neubrandenburg. Es gab keine gute Zugverbindung, die Busse brauchten ewig. Er wollte heiraten, im n�chsten Fr�hjahr. Du hattest ihn gefragt, achtj�hrig, warum er denn nicht im Zeitungskiosk in Anklam arbeiten wolle. Du liebtest dieses Wort, du hattest lange ge�bt, um es in einem Rutsch aussprechen zu k�nnen, �berzeugt, dass kein anderer aus deiner Klasse dieses Kunstst�ck beherrschte. Du hast ihm in den Ohren gelegen. Er h�tte dir die ganzen bunten Hefte mitbringen k�nnen, die sonst immer schon weg waren, und die runden Kaugummis. Du h�ttest mit dem Fahrrad hinfahren k�nnen, na Peter, h�ttest du gesagt, und die anderen Kinder, auch die �lteren, h�tten sich nicht vordr�ngeln k�nnen. Weil er doch dein Bruder war. Und dein Bruder h�tte dich durch die schmale T�r an der R�ckseite gelassen, komm rein, h�tte er gesagt, und es w�re sehr eng und wunderbar im Kiosk gewesen, in dem Zeitungskiosk am Breitscheidplatz, wo deine Mutter einmal im Monat den GUTEN RAT F�R HEUTE UND MORGEN kaufte, wof�r man ganz fr�h aufstehen musste und mit dem ersten Bus in die Stadt fahren, aber du wolltest mit. Auf der Hinfahrt hast du das Wort ge�bt und hast immer wieder� Breitscheidplatz �gefl�stert, schnell hintereinander, wie ein Zungenbrecher, das konntest du schon gut, und es entstand eine lange Kette, so lang wie die Busfahrt, die hast du dir vielfach umgelegt, und wenn ihr fast da wart, wenn du ihn schon sehen konntest, den Breitscheidplatz, den Zeitungskiosk, konntest du kaum noch atmen. Und wenn es noch BUMMI oder FR�SI gab, dann hast du eins gekriegt. Und jedes Mal hast du deinen Hals gereckt und versucht, in dieses vollgestopfte H�uschen hineinzusp�hen, dein dringlichster Wunsch blieb es, einmal hineinzukommen, aber die Verk�uferin dadrin war nicht nett. Deshalb musste es doch Peter �bernehmen. Er h�tte dich reingelassen, sp�ter h�ttest du als Erste ein NEUES LEBEN gekriegt oder er h�tte es dir zur�ckgelegt, was h�ttest du mehr gewollt damals, du h�ttest ihm helfen k�nnen, in den Ferien, wenn du nicht wusstest, wohin mit dir.</p><p>Peter h�tte dir nicht helfen k�nnen. Du h�ttest ihm nichts erz�hlt. Dir war wenig peinlich, Gelegenheiten, sich zu blamieren, hat man nur vor Publikum, das hattest du selten. In der Schule machtest du einfach, was von dir verlangt wurde, oder du machtest es nicht, aber beides so ambitionslos, dass es kein Interesse weckte. Du wusstest, dass �ber dich getuschelt wurde, es wunderte dich ein bisschen, denn du hattest kein Geheimnis. Geheimnisse wurden erfunden, Geschichten, auch �ber dich und Peter. F�r die Jungs existiertest du gar nicht. Das ist nicht richtig. Sie nahmen dich wahr als eine Tatsache, eine Tatsache am anderen Ende der Welt, mit der sie sich nicht besch�ftigen mussten, als eine Feststellung, der nichts hinzuzuf�gen war. Dem kleinen Hartmut hattest du etwas angemerkt, eine Besch�ftigung. Aber anfangen konntest du nichts mit ihm. Er sah dich an, und das war hilfreich, denn so wusstest du, wie du seinen Leitstern nicht ansehen durftest.</p><p>Dein K�rper war dir nicht peinlich, die sich ausmodellierenden Formen, er war nun mal dein K�rper, einen anderen gabs nicht, und du konntest nichts Schlechtes an ihm finden. Als du dich ohne Bedenken in der Umkleidekabine vor den anderen M�dchen auszogst, hie� es, du stelltest dich zur Schau. Du trugst keine Minir�cke, erst sp�t einen BH, du wolltest keine Taschent�cher und Socken als Ballast. Du warst vollst�ndig.</p><p>Peter fehlte dir, die schl�frigen Gespr�che mit ihm, schl�frig auch und besonders am Nachmittag, wenn ihr im Weizen lagt oder in der dumpfen Hitze des Dachbodens, du h�rtest ihm zu und musstest nicht viel erz�hlen, das wenige, was es gab, reichte aus, auch durch eure langen N�chte hindurch. Die Peinlichkeiten konntest du f�r dich behalten, sie in dir verteilen wie Dinge ohne feste Form. Du kriegst sie nicht mehr zusammen, findest nicht einmal Silben. Das scheint dir ein Beweis f�r die Richtigkeit deiner Methode zu sein. Der Erinnerung vorzubeugen. Es gibt nur diese eine Ausnahme. Vielleicht, weil du die Versuchung schon wie die W�rme eines anderen K�rpers nahe deiner Haut sp�rtest, versucht warst, doch Worte f�r Peter zusammenzusetzen, ein paar kurze, b�se S�tze, um sie Peters Sprache hinzuzuf�gen. Vielleicht, weil es sich gar nicht um eine Peinlichkeit handelte, vielleicht, weil du das auch Peter weismachen wolltest. Vielleicht, weil du hofftest, er w�rde es dir weismachen. Und heilfroh konntest du sein, dass er w�hrend dieser ganzen unaussprechlichen Zeit nur ein einziges Mal nach Hause kam, und nur um zu verk�nden, es werde zu einer Heirat kommen im Fr�hjahr, und diese Nachricht das ganze Wochenende und auch die Nachtstunden ausf�llte.</p><p>R.�M.�Sie sprangen dich �berall an, in die Bank geritzt, mit einem gemopsten Fitzelchen Kreide an eine Wand geschmiert, in den grauen Sand auf dem Schulhof gezogen, diese Initialen, ein Menetekel. Oft auch ausgeschrieben, dieser Name, an den du dich nie gew�hnen konntest. Roland. Er klang auch nach einem Ort, nach einem Ort nicht halb so interessant wie� Jenseits�. Nichts zog dich dorthin. Er kam dir unbehaust vor, baumlos, eine Mondlandschaft, und beinahe h�tte dich gerade das gereizt, h�ttest du nicht in jeder Faser den Verdacht gehabt, dass der Ort Roland sehr wohl bewohnt sei, von einem einzigen Bewohner, der alles, jedes Staubkorn in diesem Land durchsetzte, der Eindringlinge niemals dulden w�rde. Ein solcher Ort aber erschien dir nicht neu. Und vermutlich war es das, vermutlich, nicht wahr. Er war gr��er als du. Von Anfang an wart ihr stumme Verhandler. Ihr habt euch nie betreten. Auch zum Schluss nicht, auch wenn Roland M�llrich kurzzeitig dieser Illusion aufgesessen sein musste. Der Anfang war das Klarste gewesen, weshalb du auch die ganze Zeit �ber nicht als verwirrt zu bezeichnen gewesen w�rest. Besch�mt ist etwas anderes.</p><p>In den Winterferien war er hinter dir im W�ldchen, dann vor dir. Du warst beim Reisigsammeln f�r eure gefr��igen �fen, du hattest Peters Aufgaben geerbt, du kamst ihnen nicht ungern nach. Immerhin etwas. Als Roland M�llrich auf einmal vor dir stand, sich in seinem Schwarz und Braun kaum abhob von den nassen Erlenst�mmen, der D�mmerung im W�ldchen, und dir eine Handvoll Zweige hinhielt, hattest du nicht das Gef�hl, pl�tzlich nicht mehr alleine zu sein. Du hattest es st�rker als je zuvor. Vage meintest du ein Mopedger�usch von einigen Minuten oder Stunden vorher im Ohr zu haben. Er l�chelte dich nicht an. Sein Land lie� keine Fanfare ert�nen. Er hielt dir das Reisig entgegen, l�ssig, wie etwas, das du verloren hattest. Du nahmst es ihm nicht ab. Du versuchtest, den Spott in seinen Augen ausfindig zu machen, so standet ihr. Bis du die sehr brauchbaren Zweige zu Boden fallen sahst, gegen einen Baum gedr�ckt wurdest und etwas Unbrauchbares auf deinem Mund sp�rtest, das deinem eigenen nicht ganz un�hnlich zu sein schien, auch in seinen Begierden. Du wehrtest dich nicht, du versuchtest mitzuhalten. Als er fertig war, als die W�rme und die Feuchtigkeit auf deinen Lippen sich in klamme K�lte zu verwandeln begannen, du wie abgerissen zur�ckfielst in den Februarnachmittag, schlugst du ihn ins Gesicht. Du hattest keine Handschuhe an, das machte dir Mut, auch die Tatsache der Linksh�ndigkeit, der Schlag kam von unerwarteter Seite auf ihn zu, traf ihn voll. Aber es war ein Reflex, untrennbar verbunden mit dem Vorangegangenen, der dritte Akt einer Trag�die oder Kom�die, du wusstest nicht genau, wahrscheinlich hattest du wieder nicht aufgepasst. Dann schlug er dich zur�ck, mit der Rechten, wie ein durch ungutes Eigenleben verz�gertes Spiegelbild, auch ins Gesicht, und du wundertest dich, warum er auf dem Moped keine Handschuhe trug. Kein Klaps, er hatte dich geohrfeigt, wie man eine Frau ohrfeigt, bestraft. Du heultest nicht, du sahst ihn nur an, ihm in die Augen, dieses eine Mal. Kein anderer h�tte zur�ckgeschlagen, dessen warst du dir sicher, jedenfalls nicht aus demselben Grund. Du warst zufrieden. Er hatte dich bestraft f�r diese Dummheit, f�r die Dummheit all der anderen dummen G�nse, deren Geschnatter und Fl�gelschlagen nur dem einzigen Zweck diente, Roland den Fuchs anzulocken. Roland der Fuchs schnappte sie sich aus �berdruss. Und du sch�mtest dich. Nicht f�r Brigitte, nicht f�r Christa oder B�rbel, so etwas war dir unbekannt. Du warst keine Gans. Es war schlimmer. Du tr�umtest Artfremdes, Besch�mendes, Z�hne, die sich in deinen Hals bohrten, dein Bett eine Sickergrube f�r Rinnsale aus warmem Blut, ein dunkles, ein gro�es Tier �ber dir. Tags�ber gelang es dir, deine Besch�mung in �rger zu verwandeln, das konnte doch nicht wahr sein. Es war dir peinlich vor dir selbst, dass dir dies nachts nicht gl�ckte, du dir immer weniger M�he gabst. Es d�mmerte, als Roland M�llrich vor dir stand, du konntest ihn kaum noch erkennen.</p><p>Dabei blieb es. Er drehte sich um, verschwand aus dem W�ldchen, du h�rtest sein Moped anspringen. Du hobst die Zweige zu deinen F��en auf, warfst sie zu den anderen in den Korb und gingst nach Hause. Nach den Ferien sah er dich nicht an. Du wusstest, es w�rde nicht dabei bleiben. Ein paar Tage sp�ter fandest du den ersten Zettel in deiner Mappe. Eine hastig hingeschmierte Bengelhandschrift. Die Botschaft schien gar nicht dich zu meinen, wie alle weiteren auch, es beruhigte dich irgendwie. HEUTE ABEND AN DER KUHKOPPEL.�Darunter, gr��er, das Menetekel. R.�M.�Es gefiel dir nicht. Es verdiente dein Misstrauen, du glaubtest nicht, dass eine Fremdbezeichnung eine Eigenbezeichnung werden k�nne, das w�re dir nie eingefallen. Aber ein paar Stunden sp�ter warst du da, und er war auch da, und du staunst h�chstens dar�ber, dass es eine Zeit gab, in der du genau wusstest, was �heute Abend� bedeutet.</p><p>Nat�rlich war er dein Erster. Wer sonst. Das hatte nichts mit Romantik zu tun. Nat�rlich wusste er das. Ersteres. Es tat weh, unverhofft und anhaltend. Du h�ttest fast gejubelt, w�re Jubeln etwas gewesen, was dir leichtfiel. Nicht dar�ber, dass du ihn in dir hattest. Du. Ihn. Sondern ihn, den Schmerz, den k�rperlichen, den fremden Schmerz, wie das pl�tzliche Wissen um die Existenz eines anderen, echteren Bruders, die du bis dahin nicht f�r m�glich gehalten h�ttest. Die du nicht selber erschaffen hast. Ein Bruder, der aus dem Nichts kam. Der dich mitnehmen w�rde dorthin.</p><p>Du lie�est es geschehen, du warst wie eine Folge konzentrischer Wellen, die fortw�hrend durch einen Impuls in ihrer Mitte erzeugt wurden. Etwas schuf dich. Bei jedem Mal, auch als mit der Zeit deine Wellen h�her schlugen, bald nahezu chaotischen Mustern folgten, ihn zu �bersp�len drohten, obwohl er mit aller Kraft dagegen anschwamm. Du wurdest es nie ganz los. Er �berlie� sich dir nie. In der Schule gab es euch nicht. H�chstens ihn. Die Zettel wechselten nie die Richtung, ein Sender ist kein Empf�nger, du h�ttest schreiben k�nnen, was du wolltest, eine erkennbare Reaktion darauf w�re ausgeblieben, du warst froh, dass du erst gar keinen Versuch unternehmen brauchtest. Ihr traft selten Absprachen f�r ein n�chstes Treffen, jeder knappe Abschied war vorl�ufig f�r immer. Dass alles ohne ein Sterbensw�rtchen bleiben musste, das sahst du sofort ein, du h�ttest es am liebsten selber angeordnet, aber dann w�re sehr wahrscheinlich das Gegenteil eingetreten. Ihr wart keine Freunde. Wahrscheinlich das Gegenteil. Er machte dir keine Versprechungen, vertr�stete dich nicht auf eine Zukunft, eine baldige, nach der Schule, wart nur, du dachtest gar nicht daran. In gewisser Weise wart ihr f�reinander geschaffen. Ihr lebtet, als g�be es keine Liebe. Eine Vokabel, wie �S�hne�, �Erl�sung�, irgendwo im verwilderten Pfarrgarten eures passiven Wortschatzes.</p><p>Du konntest nicht mehr nach Hause gehen am Abend des Ersten Mai im Jahr neunundsechzig. Du hattest zwei Stunden auf einem Baumstumpf gehockt, er besa� nicht mal ein paar frische Triebe, die du abbrechen konntest. Wie ein Pfropf, unf�hig, einen eigenen Lebenswillen zu entwickeln, der kr�ftig genug gewesen w�re, dich von deiner Unterlage abzul�sen und zu gehen und alles zu vergessen. Stattdessen musstest du auf den warten, der dich dort hinverpflanzt hatte, ein Wesen geschaffen hatte aus nicht zusammengeh�rigen Teilen. Du wartetest auf deine Abtrennung, Aufl�sung.</p><p>Aus Richtung des Kulturhauses drangen in Sch�ben L�rm- und Musikfetzen zu dir her�ber, immer dann, wenn es sein T�rmaul �ffnete und wieder Alkoholisches ausspuckte, Bruchst�cke vom harten Kern. Kotzbrocken, dachtest du. So viel Witz hattest du dir gar nicht zugetraut. Als du Roland darunter ausmachtest, seine Stimme, wenn auch keine Worte herausfiltern konntest, stelltest du dich hin. Du wolltest nicht so viel kleiner sein als er. Am liebsten w�rst du auf den Baumstumpf gestiegen. Er kam allein, du erwartetest, dass er betrunken sein w�rde wie alle anderen, doch anders als alle anderen schien er noch einen stabilen, zielgerichteten Schritt zu haben, dir war fast, als k�me er direkt auf dich zu. Aber du sahst ihn, lange bevor er dich bemerkte, dann stoppte er abrupt, und nach kurzem Z�gern sagte er exakt den Satz, den du seit zwei Stunden vorausgesehen hattest, ohne bis dahin eine Antwort darauf gefunden zu haben. Was machst du denn hier? Mit diesem Satz stolpertet ihr auf die B�hne, es galt, das St�ck ohne Aussetzer zu Ende zu bringen.</p><p>Er trat noch einen Schritt auf dich zu, fasste dich am Arm und schob dich ein St�ck tiefer in das Dunkel des Parks. Du machtest dich los. Du sagtest deinen einzigen Satz, den einzigen in dieser Zeit, in dem dir das Personalpronomen nicht wie ein Platzhalter, eine Figur vorkam.</p><p>�H�r zu, ich will das nicht mehr!�</p><p>�Schrei nicht so!�, sagte Roland, dabei hattest du nicht geschrien, du schriest nie. Vielleicht hatte er nur zum ersten Mal deine Stimme geh�rt.�Was willst du?�</p><p>�Nichts�, sagtest du, und das war die reine Wahrheit.�Gar nichts! Ich hab nie irgendwas gewollt, schon gar nicht dich!�</p><p>Aber Roland war nicht dumm.�Wer sagt denn, dass du mich gekriegt hast?�Er lachte auf.</p><p>Es hatte keinen Sinn. Es ist dir unbegreiflich, wie du diese absolute Sinnlosigkeit damals �bersehen konntest. Warum wolltest du eine Erkl�rung, Rechtfertigung, Abrechnung, Beschimpfung, warum erwartetest du das: von dir? Du warst ihm nichts dergleichen schuldig. Du h�ttest auf ihn h�ren sollen, als er sagte:�Geh nach Hause! Fr�ulein Hanske. Schlaf deinen Rausch aus!�</p><p>Diesen j�mmerlichen Zustand als Rausch zu bezeichnen, stellte nur die �bliche und dir schon vertraute Verkennung von Tatsachen dar. Aber anzunehmen, du k�nntest etwa schlafen, k�nntest etwa �berhaupt noch schlafen in diesen Wochen, kam einer Verleumdung gleich. Es schien dir allzu schwer, etwas zu unternehmen dagegen, das Gegenteil von etwas zu beweisen, was es gar nicht gab. Aber genau das musstest du jetzt tun. Du musstest etwas beenden, das niemals angefangen hatte.</p><p>�Es ist vorbei. Schluss, aus, finito!�Mehr fiel dir nicht ein.</p><p>�Was ist vorbei?�� Der Erste Mai?�Sein Lachen war ein Applaus, jedes Mal. Er wusste, dass er witzig sein konnte.�Na son Schiet!�</p><p>Als h�ttest du doch deinen Text vergessen. So standest du da. Erst jetzt kommt dir der Gedanke, es k�nnte eine Regung des Mitleids gewesen sein, die ihn dazu veranlasste, seine Hand fest um deinen Nacken zu legen und sie, als er dich zu sich herangezogen hatte, hinabgleiten und nach deinen Br�sten fassen zu lassen. Um dich St�mperin von der B�hne zu nehmen.�Na komm schon her.�</p><p>Du w�nschtest, alle deine Formen w�rden augenblicklich erstarren, kalt und feindlich werden wie Eis und nicht weiterhin so einladend an dir haften, so missverst�ndlich pulsierend. Du w�nschtest, seine Hand w�rde bei der Ber�hrung ebenso erstarren, diese K�ltestarre w�rde sie ganz von allein von dir abfallen lassen, seinen rechten Arm heraufkriechen und sein Herz, das du dir bei ihm stets nur rechts sitzend und trotz seiner Statur nicht gr��er als eine vorj�hrige Walnuss denken konntest, einfach aussetzen lassen. Stattdessen sahst du dich gezwungen, diese Hand wegzudr�cken, deinen Mund zu �ffen, unwillig wie beim Zahnarzt, und etwas dir Abgepresstes, D�mmliches zu sagen.�Verdammt, ich will nicht mehr mit dir � ich will nicht mehr mit dir ins Bett, und auch sonst nix, kapiert?�</p><p>�Und auch sonst nix!�Seine Stimme wurde rauer. Wenigstens etwas.�Was denn? Denkste, ich wollt dich heiraten, oder was? Und au�erdem, welches Bett denn, ha!�</p><p>Das stimmte. Eine Wiese war kein Bett. Eine Haut war keine Decke. Ein Roland M�llrich war kein Umgang. Du stie�t ihn mit aller Kraft weg, wie man ein Tor aufst��t, du wolltest durch, an ihm vorbei, aber das Tor erwies sich als viel leichter als gedacht, ein blo�es Hofgatter, das zur�ckfederte. Ein Roland M�llrich lie� sich nichts gefallen. Er schubste dich einfach um, du warst verwundert, wie einfach das ging, wie einfach das immer noch ging, wie fr�her Klaus B�rner, der aber ein feiger Hund gewesen war, und es deines Wissens immer noch war, und der sich nur von hinten an dich herangetraut hatte. Dein Hacken stie� an einen Graswulst, und schon kipptest du, schon landetest du mit dem Stei� auf einer Wurzel, schon blieb dir die Luft weg, und schon war es �ber dir, das Tier, und sagte:�Na das wolln wir doch mal sehn!�</p><p>Er riss deine Hose auf, die mit der unsichtbaren Druckknopfleiste, auf die du stolz warst. Du sahst ein, dass man immer auf die falschen Dinge stolz ist, f�r einen Rei�verschluss h�tte er vielleicht beide H�nde gebraucht, und dann h�ttest du mit beiden Armen auf ihn einschlagen k�nnen. Zwar warst du froh, wenigstens keinen Rock anzuhaben, aber auch �berrascht, dass das �berhaupt keinen Unterschied machte. Fast bewundertest du seine Geschicklichkeit, du fragtest dich, ob er �bung darin h�tte. Es schien dir schon da unfassbar, wie er dich so leicht hatte �berw�ltigen k�nnen, wie er dich, durch pure Willenskraft, in einer unab�nderlichen Lage halten konnte. Was war mit deiner Willenskraft? Vielleicht warst du einfach nicht die Unschuld in Person. Vielleicht dachtest du, in f�nf Minuten ist alles vorbei. Er zw�ngte sich zwischen deine Beine, er zw�ngte ihn dir rein, du w�rest gern ein Schraubstock gewesen. Mit der einen Hand dr�ckte er dich runter, mit der anderen hielt er dir den Mund zu, als h�ttest du erst jetzt einen Grund zum Schreien. Dir war auch jetzt nicht nach Schreien, oft dachtest du, das Schicksal einer Stummen w�re f�r dich kein schweres gewesen.</p><p>Es tat weh, alles tat dir weh, von Bet�ubung konnte keine Rede sein, du standest nicht unter Schock. Du fasstest klare Gedanken, zum Beispiel: Dein Bruder aus dem Nichts verriet dich. Du sahst nach oben, in die schwarzen Kronen der B�ume, die einfach nicht aufh�rten, die unabl�sbar mit dem schwarzen Himmel verbunden wirkten, an Sterne kannst du dich nicht erinnern. Nat�rlich. Du wusstest, dass der Mond da war. Er hatte nur die Augen zugekniffen, ganz zu. Der Mond, dachtest du.</p><p>Nach f�nf Minuten war das vorbei. Roland hielt sich nicht l�nger auf. Als n�tig. Er stand sofort wieder, ein Stehaufm�nnchen, ein rechter Winkel zwischen dir und seinem Hosenschlitz, den er eilfertig und pr�zise schloss, der letzte Handgriff einer notwendigen und doch auch zufriedenstellenden Arbeit. Die nasse K�lte des Bodens vermischte sich mit dem kalten Schwei� deines R�ckens, du sahst gar keine Veranlassung mehr, die beiden voneinander zu trennen, stemmtest nur deine Schultern hoch, st�tztest dich auf die Ellbogen, als geh�rte sich das so, als h�ttest du gerade, kraftlos und verklebt wie du dalagst, ein ungewolltes Kind geboren.</p><p>Im Gehen rief er dir etwas zu, und du brauchtest einen Moment, um aus den Tierlauten � oder vielleicht war es auch umgekehrt, vielleicht waren es menschliche T�ne, die da �berlaut an das Ohr einer Maus drangen � etwas zusammenzusetzen, das ungef�hr so geklungen haben mag:�Deine Muschi is auch schon ganz sch�n ausgeleiert, du l�sst dich doch von der halben LPG v�geln!�Bis du das in deine Sprache �bersetzt hattest, war der Park l�ngst wieder leer, mucksm�uschenstill, du fielst gar nicht auf, und nur diese Drohung zitterte noch kurz in der Luft. Du hattest es sofort so verstanden. Das w�re nicht n�tig gewesen. Du hattest nicht vor, irgendwem irgendetwas zu erz�hlen, du warst ihm genug zu Gefallen gewesen.</p><p>Als du endlich aufstandest, verwirrte es dich am meisten, deinen Schl�pfer noch an dir vorzufinden. Als w�re gar nichts gewesen. Du empfandest verschiedene Dinge auf einmal. Eines davon war Dankbarkeit. Gegen�ber dem Schl�pfer, der dich genau wie vorher baumwollen und wei� bedeckte und h�chstens hinten etwas angeschmutzt sein konnte. F�r einen irren Augenblick zogst du sogar in Erw�gung, er h�tte ihn dir wieder angezogen, aus dieser merkw�rdigen Sorgfalt heraus, die er stets hatte walten lassen, wenn er dir auf dem Nachhauseweg, auf dem Weg nach Kossin, noch mal unter das Shirt, das Nicki gefahren war und es danach sofort wieder heruntergezogen, zurechtgezupft hatte, als h�tte er stets alles ungeschehen machen wollen. Ein Verhalten, das dir nur potenziert erschien in diesem Gar-nicht-erst-Ausziehen des Schl�pfers. Aber das erst sp�ter. Ach ja. Ein ausgeleiertes Gummiband.</p><p>Du konntest nicht mehr nach Hause gehen an diesem Abend. Denn es war eine Morgend�mmerung, in der du schlie�lich euer Haus wie nach langer Abwesenheit und, wie es dir vorkam, nicht ganz p�nktlich erreichtest. Niemand wartete auf dein Eintreffen. Anders als Phileas Fogg hattest du es nicht geschafft, hattest du die Wette verloren, hattest zwar in einer Nacht die bekannte Welt umrundet, aber nichts gewonnen, du warst doch nur wieder in Bresekow vor eurem Haus angekommen, und zur Strafe w�rdest du f�r den Rest deines Lebens immer um diese wer wei� wie lange Spanne zu sp�t sein. Warum dir ausgerechnet dieses Buch jetzt einfiel, h�ttest du nicht sagen k�nnen. Du hattest es vor ein paar Jahren von Peter zum Geburtstag bekommen, da war schon Neubrandenburg zu seinem Ort, deinem Unort geworden, und du hattest es als erstes Zeichen eurer Entfremdung genommen, wenn nicht Schlimmeres. Die REISE UM DIE ERDE IN ACHTZIG TAGEN hattest du nur ihm zuliebe verfolgt, in der genau falschen Annahme, damit die Entfernung zwischen euch wieder schrumpfen lassen, euch wieder zum Ausgangspunkt zur�ckf�hren zu k�nnen. Es handelte sich um einen gro�formatigen Doppelband mit seltsam w�ssrigen Illustrationen, die zweite Geschichte hattest du nie geschafft, ihr Titel es offenbar nicht mal bis in dein Bewusstsein, denn du konntest ihn auf dem Umschlag, der dir in aller Deutlichkeit vor Augen stand, beim besten Willen nicht entziffern. Aus irgendeinem Grunde schien es dir aber unabdingbar, dieser Sehschw�che sofort abzuhelfen, als ginge es darum, ein entscheidendes Detail, das du bisher stets �bergangen hattest, einer Ermittlung einzuf�gen. In deinem Zimmer fandest du das Buch zwischen wenigen anderen, nur durch seine Gr��e etwas auff�llig. Du nahmst es heraus und starrtest verst�ndnislos auf die wei�en Buchstaben. VON DER ERDE ZUM MOND. Kann sein, du hattest dich geirrt.</p><p>Du zogst die orangen Gardinen zu. Deine Mutter weckte dich nicht. H�tte jemand in deinen Traum hereingefl�stert, dass es in Schmalditz eine Schule gab, h�ttest du laut lachen m�ssen.</p><p>Du bist dann aber doch wieder hingegangen, mit einem Entschuldigungszettel deiner Mutter, und das will dir heute am absonderlichsten erscheinen. Dass du dieser Dinge noch immer bedurftest, dass du es offenbar selber glaubtest: dass du erst sechzehn warst. Du denkst an Paul und fragst dich, wie er dieses Alter einfach und spurlos hinter sich lassen konnte, ohne dass du es selber merktest, ohne dass du das Gef�hl loswurdest, ihn noch auf Jahre besch�tzen zu m�ssen. Er kommt dir immer noch viel zu jung f�r alles vor. Du kamst dir nie zu jung vor, und anscheinend auch sonst niemandem. Seit damals bist du dir vielmehr oft um ein weniges zu alt vorgekommen. Schon vor den Pr�fungen, bis zu denen du unbehelligt bliebst von Zetteln und Blicken jeder Art, was du f�r ein Zeichen von unbemerkt wiedereingerenkter Normalit�t nahmst, schautest du auf dich selbst wie auf eine eigentlich lange schon abgegangene und nur durch eine b�rokratische Fehlleistung wieder zur�ckbeorderte Sch�lerin der POLYTECHNISCHEN OBERSCHULE SCHMALDITZ.�Du nahmst das mittelm��ige Zeugnis entgegen wie eine Stellvertreterin. Auf dem Abschlussfest vertratest du dich nat�rlich nicht, obwohl du neugierig gewesen w�rst, ob einer mit dir getanzt h�tte. Hartmut zum Beispiel. Auf dem Abschlussfest konnte man so was schon mal machen. Wenn man nicht zu viel wusste.</p><p>Diese Frage hat dich nie ernsthaft besch�ftigt. Ob einer was wusste, immer noch wei�. Es h�tte gar nichts ge�ndert. Angenommen Hartmut. Wie h�ttest du das erfahren sollen, wo es doch dazu einer eigenm�chtigen Entwindung seinerseits aus Roland M�llrichs Schlepptau bedurft h�tte, und wenn nicht mal du ganz in der Lage dazu warst, wie dann erst der kleine Hartmut Wachlowski? Angenommen, doch. Heimlich, hinter Rolands breitem R�cken. Dort h�tte er aber nicht lange ausharren k�nnen, wolltest du nicht nur einen l�stigen, sondern auch n�tzlichen Mitwisser in ihm haben. Nur gen�tzt h�tte es gar nichts, dir nichts und ihm nichts. Zu einer solchen Dankbarkeit ihm gegen�ber w�rst du nicht f�hig gewesen, die einen Verrat an Roli samt Folgen aufgewogen h�tte. Und du w�rst allemal nur diejenige gewesen, die den Sch�nen, den Armen Roland angezeigt, vor ein Gericht gezerrt und wom�glich hinter Gitter gebracht hat. Nicht diejenige, die Roland M�llrich vergewaltigt hat. Doch, genau: die, die <emphasis>ihn</emphasis> vergewaltigt hat.</p><p>Solche �berlegungen, auch andere, stelltest du damals gar nicht an. Erst im Nachhinein, im Jenseits, erschien dir manches unglaubhaft, und so fragw�rdig, wie nur Selbstverst�ndlichkeiten bei n�herer oder auch fernerer Betrachtung auszusehen pflegen.</p><p>Den Sommer �ber merktest du fast nichts. Dir wurde nicht unwohl, h�chstens in den Minuten, wenn deine Mutter dich abpasste und fragte, wie weit du schon in deinem Nachdenken �ber eine m�gliche Lehre gekommen seist, eine Empfehlung f�r die EOS hattest du ja zu deiner Erleichterung nicht erhalten. Deiner Mutter war es egal, zumindest hatte sie dich nicht �berreden wollen zu zwei weiteren Schuljahren, sie sah deutlich genug, dass davon auch nichts besser w�rde. Und wo nun schon Peter, und ganz grundlos, die h�here Bildung verschm�ht hatte, dachtest du insgeheim, brauchtest wohl nicht ausgerechnet du damit jetzt ankommen. Sie hegte auch nicht die Ansicht, dass man etwas werden m�sse, sondern nur die, dass man etwas machen m�sse, und ein Herumlungern �ber den Sommer hinaus h�tte sie nicht geduldet. Dir war langweilig, sonst nichts, und du bezweifeltest, dass eine Lehre diese Langeweile grunds�tzlich beheben k�nnte. Vor deinem inneren Auge schriebst du das Wort mit doppeltem e.</p><p>Dass du deine Regel nicht alle vier Wochen bekamst, war eher die Regel. Du vermisstest dieses unnat�rliche Kranksein nicht, wahrscheinlich hofftest du in diesen Monaten, es w�rde dich f�r immer in Ruhe lassen. Es muss tiefer Juli gewesen sein, als dir langsam zu Bewusstsein kam, was diese Ruhe bedeuten konnte. Es war nicht so, dass du nicht Bescheid wusstest; als dich dieses �bel mit dreizehn zum ersten Mal heimgesucht hatte, hatte dir keiner den Schrecken �ber etwas Unbekanntes mit einem noch gr��eren Schrecken �ber etwas Unausweichliches nehmen brauchen, wie gesagt, Anna Hanske neigte nicht zum Verheimlichen. Doch du hattest es aufgenommen als etwas, das auch nur die anderen, deine angetuschten Mitsch�lerinnen betraf. F�r dich war es lediglich eine �berfl�ssige Funktion deines K�rpers. Und dieses Desinteresse oder wie man es nennen soll, hattest du auch ein paar Jahre sp�ter nicht abgelegt. Es war dir undenkbar gewesen, dass du, du, �berhaupt in so einen Zustand h�ttest geraten k�nnen, den du jetzt � nun ja, bef�rchtetest ist schon ein zu straffes Wort, daf�r war die ganze Vorstellung kaum real genug. Warst du mit Roland zusammen gewesen, in jenen kurzen Stunden, kurz und klein, hattest du nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, in der gleichen Manier, wie du keinen Gedanken an die Zukunft verschwendetest. Es traf doch gar nicht auf dich zu.</p><p>Deine Mutter fing an, mit dir in Betriebe zu gehen, zur HO, zu KONSUM, ihr fuhrt bis nach Pasewalk. Du warst zu sp�t dran, das h�rtest du immer wieder. Du h�ttest es einfach sagen k�nnen, und dieses Unterfangen w�re f�rs Erste gestorben gewesen. Aber du konntest nicht. Normalerweise sahst du keine Notwendigkeit, deine Apathie zu unterf�ttern mit Beweggr�nden, diesmal versuchtest du, dir dennoch damit zu kommen. Du warst dir nicht sicher. Deine Mutter h�tte dich umgehend zum Arzt geschickt, am Ende w�re dabei herausgekommen, dass es noch nicht zu sp�t sei. Aber du kanntest dich l�ngst zu gut: n�mlich nicht als Typ f�r eine Rettung in letzter Sekunde. Jedes Sofort �berforderte dich seit jeher, l�hmte dich derart, dass du es regelm��ig hinbekamst, alles zu vermasseln. Was daran nun noch zu vermasseln w�re, �berlegtest du dir gar nicht erst, auch wogst du deiner Gewohnheit folgend eine �berforderung nicht gegen eine andere ab, nicht die deutlich sichtbare, aber vor�bergehende gegen die andere, der du kein weiteres Attribut zuzuordnen wusstest. Hatte man dich nicht gelehrt, Unsichtbarkeiten gleichzusetzen mit Unm�glichkeiten?</p><p>Es war zweifellos auch so: Sollte sich die Zukunft leider doch wieder als zu wenig unsichtbar erweisen � du musst es schon als Kind aufgegeben haben, �ber das Unmittelbare hinauszudenken, geradezu eine Unf�higkeit, die du da entwickelt hattest, eben weil alles doch immer so gekommen war, wie du es bef�rchtet hattest � so w�rde wenigstens ein Teil davon als Provisorium ausfallen, aufhebbar sein. Die Lehre, deren Eintreten dir im Grunde kaum wahrscheinlicher schien. Dein fortschreitender Zustand w�rde dich verl�sslich suspendieren, vielleicht f�r immer, �aufgeschoben� franste bei dir stets aus in �aufgehoben�. Es konnte allerhand passieren, nicht wahr.</p><p>Du nahmst es daher ohne sonderliche Gem�tsregung auf, als sich herausstellte, dass lediglich die LANDWIRTSCHAFTLICHE PRODUKTIONSGENOSSENSCHAFT willens war, dich in ihre Reihen aufzunehmen und zu einem Agrochemiker heranzubilden. W�rst du fr�her �berredbar gewesen dazu, quasi freiwillig in den sozialistischen Gang mit der� Landwirtschaft unserem wichtigsten Standbein �verfallen, w�rst du �ffentlich belobigt worden vor der Klasse, so wie Christa Pohley, die Wirtschaftskaufmann wurde und einziger Lehrling im LPG-B�ro deiner Mutter, wo hinter jedem der f�nf Fenster eine Dauerwelle bl�hte. Du konntest immer noch in der G�rtnerei anfangen, n�chstes Jahr. Als du die Kn�pfe an deinen Hosen versetzen musstest, begannst du zu ahnen, womit du dir diese Gelassenheit erkauftest. N�chstes Jahr! Wie kamst du dazu, ausgerechnet jetzt so zu tun, als glaubtest du an so einen Unfug wie das Vergehen der Zeit. N�chstes Jahr gab es dich doch gar nicht. Es w�rde ein Kind geben, eventuell, von Roland M�llrich. Von Roland, mit dem du in den Wiesen gewesen warst, und im Park, eins von beiden musste man als Ursache annehmen, was, war letztlich gleichg�ltig. Es war deine Dummheit und deine Schuld, und beides fra� schon jetzt so sehr, dass du die berechtigte Hoffnung hegtest, es w�rde dich am Ende g�nzlich zerlegen. Es w�rde Roland M�llrichs Kind geben. Wie konnte es da dich geben. Wo ein K�rper ist, kann kein anderer sein, auf die Dauer. Du tr�umtest nicht von Schlupfwespen und �hnlichem. Sie schwirrten dir am hellichten Tag durch den Kopf. Du erinnertest zwei Dinge �ber sie, einerseits das, andererseits: Sie waren n�tzlich. Ein Wort, das man nie ganz von der Zunge bekam. Es reimte sich prima auf M�llrich, auf B�rgermeisters�hne, die man in der ERWEITERTEN OBERSCHULE trotz erweiterter Bildung nicht lange w�rde bereden m�ssen, ein Papier zu unterschreiben. Welches auch immer. Es fand sich f�r jeden etwas, N�tzliches. So viel Bissigkeit hattest du dir gar nicht zugetraut. Du besa�t sie auch nicht. Noch nicht einmal Wut. Alles blieb stumpf.</p><p>Du fandest dich in einem Acht-Bett-Zimmer des Lehrlingswohnheims in Kie�ow wieder. Alle anderen Betten waren schon belegt gewesen, dir war das untere neben der T�r geblieben, ein Kissen, eine ausgemusterte NVA-Decke. Es war September, man musste noch nichts sehen, wenn man nicht wollte. Die Hosen kriegtest du nicht mehr ganz zu, die Druckkn�pfe sprangen auf, sobald du dich hinsetztest, aber du hattest einen G�rtel und einen weiten Pullover. Im Waschraum beugtest du dich tief �ber das Becken, nahmst die hinterste Dusche und drehtest dich zur Wand. Keiner zeigte ein gesteigertes Interesse an dir. Wie immer sprachst du wenig, man reagierte fast erschrocken, wenn du einmal den Mund aufmachtest. Sie waren das nicht gewohnt, diese lauten M�dchen. Manche sprachen sich mit Nachnamen an. Du warst �berzeugt, dass keine deinen kannte, du verwechseltest ihre. Nur bei Kathi warst du dir sicher, dass sie so hie�, Kathi Breitsprecher, die �ber dir schlief und alle ihre Anreden mit� Du, Ingrid �begann. Du hattest sie zuerst f�r j�nger gehalten als dich, wie ein paar andere, die nach der achten Klasse genug gehabt hatten von der Schule oder umgekehrt, tats�chlich aber war sie ein Jahr �lter als du, einmal sitzengeblieben. Das war dir in diesem Jahr unvorstellbar, dass jemand �lter sein konnte als du. Du wusstest, du w�rdest es ihr als Erste sagen, denn sagen musstest du es ja doch, besser als jemand anders. Gleichzeitig befielen dich bei ihr die gr��ten Bedenken, du f�hltest eine reale Angst, sie k�nnte anfangen zu weinen. Sie weinte oft, mitten in ihre S�tze. Wenn du Kathi ansahst, wusstest du, dass man sie nur verletzen konnte, ihre Haut schien dir beinahe durchsichtig. Keine Schale wie deine. Sie war viel kleiner als du, auch runder, alles an ihr, ihre braunen Haare legten sich nach jedem Waschen von allein in gro�z�gige Locken, ihr Mund formte best�ndig an einem kleinen o. Sie sprach auf ihre Umwelt ausschlie�lich mit Lachen oder Weinen an, aber mit was von beidem, blieb schwer vorherzusagen. Ihr konntet euch nicht entscheiden, was hassenswerter war: die leeren Stunden in dem nach Gr�tzwurst und S�gesp�nen riechenden Flachbau in Kie�ow oder die Landluft der Praxiswochen, auf den R�benfeldern, in den Kuhst�llen des Kreises Anklam. Ihr tr�umtet von Eutern. Den Augen der Treckerfahrer. Beide meintet ihr, das k�nne nicht ewig so gehen. Das verband euch. Aber Kathi war zuversichtlich.</p><p>Du h�ttest noch vor Ende des ersten Monats dort deinen Kopf mit Kathis s�mtlichen famili�ren Verh�ltnissen und Angelegenheiten ausstopfen k�nnen, so sicher versorgte sie dich t�glich mit immer neuem oder vielleicht auch immer gleichem F�llmaterial, du h�rtest selten zu. Das Loch in deinem Kopf wurde gr��er, du verga�t die einfachsten Dinge. Du gingst immer fr�her zu Bett. Einmal, als du dich auszogst, flog die T�r auf und die anderen, die sonst erst hereinpolterten, wenn du schon so tatest, als ob du schliefst, standen pl�tzlich um dich herum, und Elfi oder Barbara oder Liebmann sagte:�Eh, sag ma, biste schwanger oder wat?�, und piekte mit dem Zeigefinger in deinen Bauch, fast h�ttest du mitgelacht. Du hattest es vergessen. Zu sagen. Aber das klang wie eine von den Ausreden, die wohl nur du geduldet h�ttest. Du konntest dich nicht erinnern, wann jemand f�r dich eine erfunden h�tte.�Ja�, sagtest du. Sie emp�rten sich, sie �bertrieben, sie lachten noch ein bisschen in deine Ecke, aber es war nicht richtig lustig und nur zwei oder drei Spr�che lie�en sich anbringen. Du merktest ihre Entt�uschung. Kathi sagte:�Du, Ingrid, wirklich?�, und fing an zu weinen.</p><p>�H�r auf�, sagtest du.�So schlimm ist das nun auch nicht.�</p><p>�Aber Ingrid � ich freu mich doch so f�r dich!�</p><p>Du hattest Kathi untersch�tzt. Du begannst, alles zu �berdenken. Weinen f�r Lachen zu nehmen, und umgekehrt. Dir war jetzt manches Mal nach Lachen zumute.</p><p>Als deine Mutter dich am Wochenende lange mit einem Gesicht ansah, das sie ansonsten nur zu den Nachrichten von Planerf�llung und � �bererf�llung aus dem Radio aufsetzte, und dann sagte:�Ich hab mir das gedacht�, musstest du lachen. Sie sagte dir nicht, wie es weitergehen solle. Das verstand sich wohl von selbst. Das andere zu deiner Verwunderung nicht.�Und mit wem � �, sie r�usperte sich, du erkanntest es als keine ihrer Gesten wieder,�ich mein, und wer ist da nu au�er dir f�r verantwortlich?�</p><p>�Keiner�, sagtest du sofort und fast heiter, weil du nicht zu �berlegen brauchtest.</p><p>�Ingrid, h�r auf. So dumm bin ich auch wieder nicht, und du erst recht nicht. �Sie versuchte, wie eine Mutter zu klingen.�Du sagst mir jetzt, wer der Vater dazu ist.�</p><p>Du wolltest sagen, du w�sstest es nicht. Du h�ttest es vergessen. Tja. Einer aus Anklam, ach was, aus Berlin, aus dem Westen. Aus dem Jenseits, ha. Aber keine dieser Barrikaden erschien dir un�berwindbar genug. Es war besser, von Anfang an bei einer Version zu bleiben, der am leichtesten wiederholbaren, denn wer wei�, dieser Kopf.</p><p>�Nein�, sagtest du.</p><p>�Ingrid Hanske!�, sagte deine Mutter. Sie zuckte mit den Schultern, hielt sich an der Stuhllehne fest und sah angestrengt die Ritze zwischen Herd und Dielen an, als hoffte sie, doch noch weiter hineinsp�hen zu k�nnen.�Wie willst du denn das alleine�� Du denkst wohl, du brauchst �berhaupt keinen, was? Du���Sie h�rte pl�tzlich auf, drehte sich um und ging raus. So k�nnte es gewesen sein. Vielleicht, dass sie nicht mehr genau wusste, �ber wen sie sprach, Anna Hanske.</p><p>Kurz bevor du zum Bus musstest, dr�ckte sie dir ein Geschenk in die Hand. Ratlos, wohin damit, stecktest du es in die Tasche zu deiner W�sche. Im Wohnheim schliefst du sofort ein. Am Montag hattest du Geburtstag. Am Montag musstest du ins Lehrerzimmer. Du gingst gleich in den Sachen, in denen du aufgewacht warst.�Fr�ulein Hanske. Sie sind uns eine Erkl�rung schuldig.�</p><p>�Nein�, sagtest du und freutest dich, weil dir die Version schon in Fleisch und Blut �bergegangen war. Fleisch und Blut. Du dachtest einen Augenblick dar�ber nach. Die Lehrer bem�hten sich, einander ausreden zu lassen, so viel bekamst du mit. Es gelang ihnen nicht. W�hrend der eine noch blitzte, donnerte der andere schon hinein, und heraus kam das Wortgewitter namens� Konsequenzen�. Wenn du dich weiterhin ausschwiegest, w�rde es Konsequenzen geben. Du wusstest nicht, was du sagen solltest. Zu so viel Naivit�t. Wenn du dich nicht ausschwiegst, w�rde es trotzdem Konsequenzen geben. Das konnten sie doch sehen.</p><p>Nach dem Unterricht war dein Kopf wieder leer. Du sahst die Tasche neben deinem Bett und du sahst sie nicht. Es erschien dir v�llig sinnlos, W�sche in ein Fach in einem Schrank zu legen. Wozu blo�? W�sche zu wechseln. Waschen. Anziehen, ausziehen, anziehen. Du hattest das Gef�hl, die anderen zu imitieren. Wenn du hinter ihnen her in den Waschraum trottetest, dich wie sie nicht mehr verstecktest. Wenn du den BH-Verschluss l�stest, mit dem Waschlappen �ber die eine, die andere H�lfte des K�rpers fuhrst, schien es sich um Bewegungen zu handeln, die du erst von ihnen gelernt hattest. Du sagtest� gut Nacht�, wenn sie� gut Nacht �sagten.</p><p>Ein paar Tage sp�ter fiel dir das kleine P�ckchen wieder ein, mitten in Staatsb�rgerkunde. Du st�rztest sofort aus dem Raum, vielleicht w�rde auch das Konsequenzen haben, aber inzwischen besa�t du ein Gegengift: Privilegien. Die anderen traktierten dich nicht mehr mit Blicken oder dem Gegenteil, sie fl�sterten nicht mehr in deiner Gegenwart. Drau�en nahmen dir die Jungs das meiste ab, ein paar waren freundlich. Du hattest lange nicht in den Spiegel gesehen, als du es einmal tatest, erkanntest du dich kaum wieder: Das war nicht die, die du t�glich mit dir herumtrugst. Deine Haare leuchteten immer noch blond, deine Augen klarer als die Jauchepf�tzen unterm Sommerhimmel. Ach, h�r doch auf. Die hattest du da noch gar nicht gesehen. Deinen Zimmergenossinnen wurdest du eine Art Maskottchen.</p><p>Du fandest das Geschenk in deiner Tasche. Niemand beklaute dich. Beim Auswickeln kam ein Paar blauer Lederhandschuhe zum Vorschein, hundertmarkscheinblau. Du weintest in die muffige Decke, drei Tage lang, oder bis du wieder aufs Klo musstest.</p><p>Du kamst den Aufforderungen deiner Mutter nach, fast allen. Der Arzt aber sagte dir auch nichts Neues. Du bekamst einen Ausweis, auf dem stand MUTTERPASS, du stecktest ihn zu deinem Personalausweis und dem FDJ-Ausweis, in allen fandest du deinen Name und dir Zugeordnetes mit Schreibmaschinentypen geh�mmert, du fragtest dich oft, wer diese Person wohl sei, die sie dort so festzunageln versucht hatten, deren Dokumente du aus einem unerfindlichen Grund mit dir herumtragen musstest, ob es sie wohl wirklich gab, irgendwo. Manchmal hattest du Lust, sie kennenzulernen, nur um ihr endlich diese Ausweise aush�ndigen zu k�nnen. Es nahm langsam �berhand. Aber am Ende war es eine Art Spielgeld, und du wolltest dich nicht blamieren. Du musstest jetzt regelm��ig nach Anklam, du konntest daf�r halbe Vormittage herausschlagen. Manchmal gingst du danach in die BROILERBAR, morgens um zehn, und g�nntest dir von deinem Lehrlingsgeld ein halbes H�hnchen. Die eingebildeten Kellnerinnen kannten dich schon, aber du gabst viel Trinkgeld und sie dir einen Platz am Fenster. Wahrscheinlich hielten sie dich f�r eine Sitzengelassene, du sahst genauso aus. Komisch daran war nur, dass es dir wie eine irrige Annahme vorkam, �ber die man halb beleidigt, halb am�siert sein konnte. Amused. Sagt man das so.</p><p>Wenn du zur�ckkehrtest von diesen Untersuchungen, empfing Kathi dich stets mit der Frage:�Du Ingrid, alles in Ordnung?�Du sahst sie wohl immer verst�ndnislos an. Dir fiel die Geschichte von Jona im Bauch des Fisches ein. Als ob ihm jemand die gleiche Frage gestellt h�tte.</p><p>Sie fing an, deinen Bauch zu bef�hlen. Ihre H�nde waren sch�n warm, sie lachte.�Merkst du schon was?�Du wolltest darauf nicht antworten, und Kathi streichelte mitf�hlend deine Schulter.�Das kommt noch. �Du wolltest nicht wissen, was. Sie hatte einen Freund, der sie jeden Freitag abholte und in jeder Hinsicht ein Magnet war. Er klebte an Kathi wie sie an ihm, die �brigen Weiber an seinen Hacken. Er war einen halben Meter gr��er als sie, er gefiel dir. Aber er l�chelte die ganze Zeit. Sie hatte dich ihm gleich bei seinem ersten Besuch vorgestellt:�Das ist meine Freundin Ingrid. �Du hattest wieder das Gef�hl, diese andere Ingrid sei gemeint. Sie f�hrte dich ihm jedesmal vor wie etwas, auf das sie Grund hatte stolz zu sein. Jedesmal war dein Bauch gewachsen wie ein Verdienst. Du warst nett zu ihm. Als Kathi eines freitagnachmittags fragte:�Darf Helmut auch mal anfassen?�, sagtest du:�Ja, aber nicht mich. �Kathi brach fast sofort in Tr�nen aus und entschuldigte sich drei Tage lang, oder. Vielleicht zog nur Helmut seine Hand weg, das L�cheln nicht.</p><p>Du fuhrst nur noch jedes zweite Wochenende nach Hause. So brauchtest du nur halb so oft den Mund aufmachen, um� nein �zu sagen. Du sahst nicht ein, was so wichtig an dieser Information sein k�nnte, es ging ihr doch nicht ums Geld. Auch bei genauerer Betrachtung entdecktest du keinen Grund f�r ihre Hartn�ckigkeit. F�r deine dachtest du dir einen aus: Ihr wart somit doch quitt, du und sie. Enthieltet ihr euch nicht beide einen Vater vor? Genau. Schon das Wort �Vater� erschien dir �bertrieben, du kanntest niemanden, auf den es passte. Den anderen schien es �hnlich zu gehen, du fandest dich in einem unerwarteten Einverst�ndnis mit ihnen dar�ber, dass Ursachen ungekl�rt bleiben k�nnen.�So was passiert.�</p><p>Peter sahst du �berhaupt nicht mehr. Vielleicht kam er an den anderen Wochenenden, vielleicht solltest du ihm nicht unter die Augen kommen, so. Er hatte dich besorgt angesehen, als du ihn einmal in der Stube vorgefunden hattest, wie er den Ofen mit neun, zehn, elf Kohlen best�ckte, allzu kalt war es noch nicht gewesen, er hatte leise mitgez�hlt und dabei zu dir hochgeblickt. Diesen Ausdruck kanntest du gut an ihm, er beunruhigte dich nicht, eher im Gegenteil. Aber etwas in seinen Augen war geborgt. Von deiner, von seiner Mutter wom�glich, der es allzu unbehaglich geworden sein musste, etwas mehrere Wochen lang nur mit dir zu teilen. Und auf dich war kein Verlass. Zumindest hatte er von dir nicht wissen wollen, wer. Er wollte es nicht wissen.</p><p>Im Dezember fingen die anderen an, zueinander ins Bett zu kriechen. Auch Kathi machte dir dieses Angebot. Deine Eisbeine wurden nie warm. H�tte sie nicht so gebettelt, w�rst du hochgestiegen zu ihr. Von den anderen h�rtest du:�Na, du bist ja schon zu zweit�, oder auch:�nich ganz alleine�, dann kicherten einige. Nein, du warst beileibe nicht verr�ckt. Du konntest dir das nicht vorstellen, das. Nachts wachtest du oft auf, oder du konntest gleich nicht schlafen. Du h�rtest den Zinkeimer voll werden. Irene, so hie� sie doch, hatte� schneidend Wasser�. Sie hatten ihr den Eimer erlaubt. Mit der Zeit benutzten ihn alle, au�er Kathi und du. Ihr begleitetet euch gegenseitig den langen, frostdurchwehten Gang zum Klo. Aber lieber war dir, wenn du ihn alleine gehen konntest, wenn da nur deine eigenen Schritte tappten, wenn da niemand war au�er dir.</p><p>Niemand au�er dir war im Dorf. Sie hatten dich eine ganze Woche vor Weihnachten nach Hause geschickt mit dem Hinweis, du h�ttest dich auch im neuen Jahr nicht zur�ck nach Kie�ow zu begeben, sondern in deinem eigenen Dorf zu bleiben und dich zu schonen und vorzubereiten. Sie sagten auch, worauf, aber da h�rtest du schon wieder nicht hin. Die B�cher durftest du mitnehmen, Kathi versprach, dir alles Verpasste vorbeizubringen. Du wartetest nicht auf sie. Du bewachtest das Thermometer. Als es f�nf Tage lang best�ndig unter null geblieben war, st�ndlich strenger alle in ihre H�user pferchte, gingst du ohne vorherige Pr�fung los. Du hattest es nicht vergessen. Es wurde dunkel, wie du es gewollt hattest, die Kirche war lange aus, du hattest die Glocke geh�rt und dann nichts mehr. Peters Schlittschuhe hattest du auf dem Boden gefunden, du stelltest fest, dass du die Schrauben etwas lockern musstest, deine F��e waren inzwischen gr��er als seine vierzehn-, f�nfzehnj�hrigen. Du setztest dich auf das Schneepolster der wackligen Bank am Teich, wie die jungen M�dchen. Erst dachtest du, es w�rde nicht gehen, du konntest dich nicht weit genug hinunterbeugen, um die Schrauben festzuziehen, deine Finger wurden klamm, obwohl du schwitztest. Du hievtest die F��e quer auf die Knie, irgendwie schafftest du es. Es kam dir vor wie in der Schule, wenn im Sportunterricht das Ausf�hren einer an sich leichten �bung �berfl�ssigerweise erschwert wurde, durch einen Medizinball zum Beispiel, wie eine Behinderung. Vorsichtig stakstest du auf den unscharfen Teichrand zu, du hattest sofort Gleichgewichtsprobleme, ein gro�er, unbeholfener Schritt h�tte fast alles beendet. Als Kind hattest du immer gedacht, es m�sse �ungeholfen� hei�en, eine Art Partizip, und du hattest Peter nicht geglaubt, wenn er es dir vorgesagt hatte, geargw�hnt, er spreche es absichtlich falsch aus. Der Eisteich trug dich m�helos, es knackte nicht einmal, als w�rst du gar nicht da oder sehr leicht. In Schwung gebracht, schwankte dein K�rper kaum noch, du setztest einen Fu� vor den anderen und musstest nur aufpassen, nicht zu schnell zu werden, um die Kurven zu kriegen, das sogenannte �bersetzen hattest du nie gelernt. Das Eis war neu und unsichtbar, und morgen, wenn man die Kinder zusammen mit dem Festdunst wieder aus den Stuben l�ften w�rde, f�nden sie sich verdutzt dar�ber, wer ihnen ihr Eigentum, die Unber�hrtheit des Schnees weggenommen hatte. Ein plumper Vogel, von dem als Einziges bekannt war, dass er nicht fliegen konnte.</p><p>Es kam das Jahr neunzehnhundertsiebzig. Es begann im Februar. Dann kam das Jahr neunzehnhunderteinundsiebzig, und darauf muss das Jahr neunzehnhundertzweiundsiebzig gefolgt sein, aber du wei�t nicht, wann sie anfingen. Vom Jahr neunzehnhundertdreiundsiebzig wei�t du zumindest, wann es endete. Es war recht kurz und schon an einem Februartag vorbei. Wahrscheinlich war das alles eine einzige Zeit, ohne Monate, Jahreszeiten und �berg�nge, eine Anomalie. Man versuchte, dir etwas anderes weiszumachen, man ma� ein Kind in Zentimetern und Gramm und meinte, dir damit das Vergehen der Zeit bewiesen zu haben, gerade so, als verginge sie f�r jeden gleich, gerade so, als h�tte man dich vermessen. Bl�dsinn.</p><p>Seit einem Tag Anfang Februar war etwas da, das best�ndig gr��er wurde, das von Anfang an viel zu gro� gewesen war f�r dich und dir unbekannte Schmerzen verursachte, ein Wackerstein, der rumpelte und pumpelte, scheuerte und scheuerte. Du warst so wund die ganze Zeit, du merktest es schon gar nicht mehr. Manchmal hieltest du dich deshalb f�r schmerzfrei, aber es hatte doch nicht aufgeh�rt, es h�rte nicht auf, du musstest davon ausgehen, dass es nicht mehr aufh�ren w�rde. Du musstest ihm einen Namen geben, irgendeinen. Henry. Vielleicht hattest du ihn irgendwo gelesen. Im Krankenhaus hatten sie auch wieder gefragt. Aber es kam wohl �fter vor. Sie legten dir einen S�ugling an die Brust. Woher solltest du wissen, dass er zu dir geh�rte. Er biss dich, du h�ttest nicht geglaubt, dass man ohne Z�hne so bei�en konnte. Aber vieles war m�glich. Bis zum Schluss hattest du nicht geglaubt, dass du ein Kind zur Welt bringen w�rdest, dein Kind oder das von Roland M�llrich. Etwas kam aus dir heraus, und auch das nicht einfach so, sie mussten es herausziehen, es konnte alles M�gliche sein. Es tat weh, wie nur etwas Fremdes weh tun kann, dein eigener K�rper h�tte dir niemals solche Schmerzen verursacht. Du wolltest gar nicht wissen, was es war. Dein �nat�rliches� Kind. Du wusstest, was das bedeutet. Du verlegtest dich aufs Unnat�rliche. Dein K�rper war dein Verb�ndeter. Nach zwei Wochen lie� er sich nicht l�nger bei�en. In deinen Br�sten pochte es hei� und hart, du lie�t nichts mehr heran, nichts heraus. Du bekamst Penicillin, aber dein K�rper stellte sich schlau an, viel schlauer als du. Der Arzt beschimpfte dich. Du h�ttest eine Allergie angeben m�ssen. Du warst dir sicher, dass dein K�rper sie in der Hinderhand behalten hatte, um sie genau jetzt auszuspielen.�Grinsen Sie nicht so d�mlich!�, sagte der Arzt. Falls er �Sie� zu dir sagte. Deine Mutter r�hrte MILASAN an, w�hrend dein Magen das Berlocombin schlecht vertrug. Dir war, als l�gen Vorw�rfe in ihren Blicken. Dein K�rper hielt alles auf Abstand.</p><p>Du zerrupftest den alten Korb-Kinderwagen, du passtest schlie�lich nicht mehr hinein, und jemand anderes erst recht nicht. Du konntest unm�glich rausgehen. Deine Mutter brachte aus Anklam einen neuen an, er war gelb wie eine Strafe. Etwas anderes h�tte es nicht gegeben. Nat�rlich nicht. Es gab �berhaupt nichts anderes mehr. Du schobst ihn aus dem Dorf raus, am W�ldchen vorbei und zur�ck, immer den gleichen Weg, so konntest du ihn bald mit geschlossenen Augen gehen, mit Augen, in denen der enteignete Schlaf brannte, der Unschlaf, eine Enteignung jedenfalls, unscharf. Du sahst sie nicht, und sie sahen dich nicht. Sogar das Schreien lie� f�r eine Weile nach. Du h�rtest nichts, nicht mal ein entferntes Moped.</p><p>Nach vier Monaten bekamst du einen Krippenplatz. Sie sagten dir, du h�ttest sonst l�nger warten m�ssen. Es klang nicht wie ein Privileg. Es klang, als w�rst du schuld. Bruni Deetz� Baby war gestorben, einfach so, wie es hie�,�einfach so�, sagte die Schr�dersche in der Krippe und zog die Brauen hoch dabei. Bruni Deetz hatte noch f�nf oder sechs andere Kinder und tat dir nicht sonderlich leid.�Das sieht ja aus wie bei Deetzens�, sagten die Leute, wenn sich ein Haushaltsgef�ge nicht mit ihrem Gestaltungssinn von der Gr��e eines Scheuerlappens, eines Tischl�ufers deckte. Du fragtest dich, ob du jetzt auch dazu geh�rtest, und schobst das Wort �Assi� wie eine exotische, scharfe Speise auf deiner Zunge herum. Einfach so, dachtest du. F�r einen Moment, der so klein war, dass du nicht wei�t, wie dein Ged�chtnis ihn im Ger�mpel all der Jahre nicht verlieren konnte, sp�rtest du etwas wie Neid. So was passiert. Roland M�llrich war auch tot. Deine Mutter hatte es dir berichtet, du hattest verst�ndig genickt, beinahe wie eine Best�tigung. Einer Sache, die dir lange bekannt war, oder ihr. Es ver�nderte nichts. Au�er, dass du jetzt endg�ltig h�ttest herumlaufen und alles M�gliche erz�hlen k�nnen. Niemand w�re so dumm gewesen, dir zu glauben.</p><p>Du gingst zur�ck. So weit du eben konntest, dieses kleine St�ck. Dein Bett im Kie�ower Wohnheim war nicht belegt worden. Deine Mutter hatte nichts dazu gesagt, sie konnte schlecht sagen, sie sei froh, nicht wahr. Sie konnte schlecht sagen, ein kleines Kind sei ihr zuviel, wo ihr doch Peter nicht zuviel gewesen war und selbst du nicht. Sie konnte das: unbekannte Kinder aufziehen. Du warst an den Wochenenden da, allen. Es kam dir nie so vor, als seist du vermisst worden. Es kam dir nicht so vor, als vermisstest du etwas. Du w�nschtest es dir aber manchmal. Wenn das Kind dich anlachte, lachtest du zur�ck. Es gelang dir nicht, auch zur�ckzuweinen. Kathi arbeitete alles mit dir nach. Du ludst sie nie ein, sie dich oft. Du fuhrst nie hin, auch nicht im Urlaub, den ihr im Sommer nehmen musstet. Wohin mit dir. Im Bus half dir selten jemand, wenn du nach Anklam fuhrst. Manchmal war kein Platz mehr f�r einen weiteren Kinderwagen, dann drehtest du um und gingst wieder nach Hause. Es machte keinen Unterschied. In Anklam liehst du dir B�cher aus, von denen du zu wissen glaubtest, dass Peter sie mal gelesen hatte. Du erwogst des�fteren, dich zwischen den Regalen zu verstecken, dich einschlie�en zu lassen, wenigstens eine Nacht an einem fremden Ort zu verbringen. Aber der gelbe Kinderwagen vor der T�r h�tte dich immer verraten. Du wusstest das. Trotzdem warst du jedesmal �berrascht, falls man das so sagen kann, ihn beim Verlassen der Bibliothek dort vorzufinden. Ein paarmal w�rst du fast dran vorbeigelaufen.</p><p>Wie dumm, daraus eine Geschichte zu machen. Fast bist du so dumm, sie auch noch zu glauben. Peter, Paul and Michael. Sollen sie erz�hlen. Dir ist nichts passiert. Drei oder vier Jahre lang, was macht das schon aus. Wenn du Gl�ck hast, ein Zwanzigstel. Niemand kann sich ein Zwanzigstel vorstellen. So schmal, es passt beinahe gar nichts hinein, keine G�rtnerei und keine Hochzeit eines Bruders, keine Aussichten und keine drei Worte, kein normales Kind. Nur ein bisschen Geld, du quetschtest es aus dieser engen Spalte deines Lebens heraus, dr�cktest sie dabei so gut es ging zusammen, denn auch sie wollte best�ndig gr��er werden. Es gab nur ein Mittel. Du spanntest dich in sie wie in einen Bogen ein, du �berlistetest sie, denn sie dehnte sich von selbst, bis zu einem Punkt, an dem keiner ihre Spannung mehr h�tte halten k�nnen, dich, es gen�gte eine kleine Irritation, und schon trug dich der Februarwind an einen Ort, von dem noch niemand zur�ckkehrte.</p><p>(Wenn das Kind versucht hatte, zu dir zu sprechen, hattest du versucht zur�ckzusprechen.)</p></section><section><title><p><strong>HENRY</strong></p></title><p>Er hat fast schon wieder vergessen, wie der hie�, immerzu vergisst er das fast, aber dann f�llt ihm das wieder ein. Er darf heute Nacht gar nicht schlafen, er muss blo� so tun, als ob er schl�ft, mit Schnarchen und so, aber nicht richtig schlafen, sonst vergisst er das. Und sie sagen ihm das dann vielleicht nicht mehr und auch nicht, dass der da war, wenn er das auch mitvergisst. Er muss sich das merken. Wo der herkam. Aus Amerika oder was, aber nicht Amerika, aber so was �hnliches. Was da auch gleich bei Amerika ist, wo der her ist, der hat gesagt, er w�rd ihn da mal hinholen, wenn das geht, nachher. Das hat er gleich erz�hlt, nachher, aber die haben blo� wieder gelacht.�Du und Amerika! Das dauert aber noch paar J�hrchen, Henry.��Musste aber erst noch Englisch lernen, du ju schpiek Inglisch?�Inglisch. So hie� der. Nein. Jetzt wei� er das wieder, dass der so �hnlich hie�, mit Nachnamen. Weil der nicht richtig verwandt ist, oder er, blo� so ein bisschen, so mittel. Nein. Halb, halbverwandt, so hat der das gesagt.</p><p>�Du hast Besuch, Henry�, haben sie gesagt, aber er hat gesagt,�leck mich am Arsch�.�Freundchen�, haben sie gesagt. Dann haben sie ihm erkl�rt, wer das ist, aber er hat die ganze Zeit gedacht, dass das blo� wieder Onkel Peter ist, der war schon vor drei Tagen dagewesen oder zwei Tagen, er wollte das nicht, dass schon wieder Onkel Peter kommt und ihn besucht, doch nicht schon wieder.�Leck mich am Arsch�, hat er gesagt zu Onkel Peter letztes Mal, ha ha. Aber Onkel Peter hat ihm gar keine gescheuert, blo� wieder eine Frage gestellt, doofe Frage.�Was ist denn mit dir los�, hat Onkel Peter gefragt, er hat mit den Schultern gezuckt.�Hast du mir nix mitgebracht�, hat er gefragt, und Onkel Peter hat gesagt, doch. Aber er hat ihm das nicht gegeben, der Bl�dmann, der bl�de Sack Onkel Peter. Weil er sich nicht entschuldigt hat. Erst ganz zum Schluss, als Onkel Peter sich schon umgedreht hatte, da hat er sich noch mal zur�ckumgedreht, und dann hat er das gekriegt, Schokolade und so was, Kinderschokolade und so ein �berraschungsei, aber da war wieder keiner drin von die, von den Heppihippos, blo� wieder so Zusammenbauungsschei�e. Weil er dann Entschuldigung gesagt hat. Als Onkel Peter aufgestanden ist und sich umgedreht hat,�Entschuldigungentschuldigung�.</p><p>Aber das hat er gleich gesehen, dass das nicht Onkel Peter war, und vielleicht war das auch gar keiner von der Polizei und auch keiner von die aus Bresekow.�Den kenn ich doch gar nich�, hat er gesagt,�nu geh erst mal hin�, haben sie gesagt. Er hat sich umgedreht.�Den kenn ich nich.�</p><p>�Henry.�</p><p>�Ich kenn den nich. �Er musste fast heulen musste er fast.�Was ist denn mit dir los?�</p><p>Dann fiel ihm das ein auf einmal. Dass der vielleicht von seiner Mutter war, von seiner Mutter hergekommen, dass die ihn hergeschickt hatte. Weil sie vielleicht nicht selber herkommen konnte. Weil sie herkommen wollte. Aber weil sie nicht konnte, vielleicht.</p><p>�Hallo�, hat der gesagt, als er hingegangen ist. Da hat er gleich einen Schreck gekriegt, weil der gleich aufgestanden ist und ihm die Hand hingehalten hat. Und dann hat er gesagt, wie er hei�t, aber das hat sich so komisch angeh�rt, aber er hat ihm seine Hand gegeben. Wie im Fernseher, wenn sich da zwei Leute die Hand geben und dann der eine dem andern sagt, wie er hei�t, und der andere sagt dem andern das auch und dann angenehm.�Angenehm�, hat er gesagt, und er hat sich gefreut, weil er das schon immer mal sagen wollte, angenehm, einmal hat er zu dem einen hier gesagt, dass er ihm die Hand geben und dann seinen Namen sagen soll, damit er das sagen kann, aber der hat blo� gesagt,�spinnst du, du wei�t doch, wie ich hei߫.</p><p>�Du bist Henry�, hat der gesagt, und er wusste nicht, ob er ja sagen soll, weil das sich nicht so wie eine Frage angeh�rt hat.</p><p>�Hast du mir was mitgebracht?�, hat er sofort gefragt, damit er das nicht vergisst. Aber er wusste, dass das falsch war, gleich danach hat er das gewusst und hat sich mit der Hand auf den Mund gehauen, weil das so rausgerutscht war aus seinem Mund. Aber der hat blo߻oh �gesagt, und blo�:�Nein, Henry. Tut mir leid.�</p><p>�Macht nix�, hat er gesagt. Als der gegrinst hat, hat er auch gegrinst.</p><p>�Wei�t du, wer ich bin?�</p><p>Er hat genickt, weil sie ihm das ja gesagt hatten, aber er wusste das schon wieder nicht mehr, er hat mit dem Kopf gesch�ttelt. Und dann hat der ihm das gesagt, dass er so wie so was wie sein Bruder ist, blo� nicht ganz richtig, nur so halb.�Ich wollte gern dich kennenlernen�, hat er gesagt. Er h�tte den gerne gefragt, warum er so komisch spricht, aber er hat sich nicht getraut. Vielleicht kann der auch nicht orntlich sprechen, vielleicht sagen sie zu dem auch immer, sprich doch ma orntlich. Siehste. Er ist gar nicht der Einzigste.</p><p>�Bist du hergekommen von ihr jetzt oder was richtig von ihr?�, hat er gefragt.</p><p>�Wie bitte?�, hat der gefragt, wie Oma. Aber er meinte gar nicht Oma.</p><p>�Na, von ihr meine Mutter hat sie dich hergeschickt?�</p><p>Da hat der mit dem Kopf gesch�ttelt.�Nein. Sie ist���</p><p>�Kommt sie denn selber her, ja, kommt sie hat sie gesagt dass sie herkommt dass sie mich besuchen kommt?�</p><p>�Nein. �Der hat ihn angeguckt, so richtig in die Augen rein. Dann hat er noch mal nein gesagt.�Ich glaub�� sie kann nicht. Sie kann nicht kommen. �Und der hat auf einmal ausgesehen, als wenn er auch traurig ist, dass seine Mutter nicht herkommen kann. Aber er war gar nicht richtig traurig, weil er sich das ja schon gedacht hat, vorher. Dass sie immer nicht kann.�Macht ja nix�, hat er gesagt.</p><p>Und dann hat der sich so hingebeugt, so ein bisschen zu ihm, und hat gesagt, dass sie das gar nicht wei�.</p><p>Und er hat genickt, weil er sich das auch schon gedacht hat. Dass sie das gar nicht wei�, dass er hier ist. Und der hat das auch gesagt. Nein. So �hnlich. Der hat gesagt:�Also, sie wei� nicht, dass ich bin hier.�</p><p>�Bist du ganz heimlich hier, und sie wei� das nich?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Achso. �Achsoachso. Aber wenn der ganz heimlich hier war, dann durfte er das auch keinem erz�hlen, dann war das ein Geheimnis. Er wollte das aber gerne erz�hlen. Aber nicht Onkel Peter, Onkel Peter soll das gar nicht wissen, und wenn Onkel Peter ihn fragt, war der hier, dann sagt er, n�. Ha ha.</p><p>�Henry, wie lange musst du noch bleiben hier?�, hat der gefragt.</p><p>Er hat mit den Schultern gezuckt.�Drei Jahre.�</p><p>�Das ist nicht mehr so lange, du wei�t.�</p><p>�Oder zwei Jahre.�</p><p>�Ist es sehr langweilig hier?�</p><p>�Ja, ja ja, sehr langweilig, ganz langweilig ist das hier, alle sind langweilig.�</p><p>Da hat der gelacht, ein bisschen, und er hat auch gelacht, ha ha, auch wenn da gar nichts zum Lachen war.</p><p>Der hat gesagt, wenn er hier rauskommt, dann holt er ihn mal dahin. Wo er herkommt. Wo er wohnt, und dass das ganz dicht am Meer ist, dass man das Meer da immer h�ren kann, jeden Tag und jede Nacht, besonders in der Nacht. Er wollte erst sagen, dass er in der Nacht das aber gar nicht h�ren kann, weil er da schl�ft, weil er das nicht mag, wenn das schon dunkel ist drau�en. Aber vielleicht kann man das da ja immer h�ren, das Meer. Auch wenn man schl�ft. Er hat gefragt:�Ist das so �hnlich wie die Ostsee, das Meer?�Die Ostsee ist langweilig, immer wenn sie mit der MAKARENKO an die Ostsee gefahren sind, dann hat er sich das schon immer gedacht. Dass das wieder langweilig ist. Dass sie denn wieder meckern, wenn er blo� mal ins Wasser will, blo� mal auf die Holzdinger rauf und da langlaufen drauf und die M�wen mit seiner Stulle f�ttern. An der Ostsee darf man gar nichts.</p><p>Aber der hat gesagt, dass das Meer anders ist als die bl�de Ostsee. Dass da viel mehr Wellen sind.�So gro� wie ich, solche Wellen?�, hat er gefragt.</p><p>�Noch viel gr��ere manchmal�, hat der gesagt. Und dann hat der noch mehr erz�hlt, von dem Haus, wo der wohnt, und wie das da alles aussieht, aber er hat das nicht alles verstanden. Und er hat auch was erz�hlt, dass er in dem Haus bei Oma gewohnt hat und dass die jetzt auch weg ist, dass sie das gesagt haben. Und wie das da aussieht, und dass er paar Katzen hatte. Und dass er immer aufr�umen musste, aber das war nicht so schlimm wie hier. Und dass die Werkstatt auch nicht so schlimm war, bei die Bekloppten.�Ich wollt das doch nich�, hat er gesagt, und dann musste er richtig heulen musste er richtig, aber nur ganz kurz. Weil der dann seinen Arm angefasst hat und dann gesagt hat, dass er das wei�.�Ich wei߫, hat der gesagt.</p><p>�Du wei�t das? Woher wei�t du denn das?�</p><p>Der hat mit den Schultern gezuckt.�Na ja, ich kann mir das nicht vorstellen. Dass du das�� wie sagt man���</p><p>�Doch�, hat er gesagt,�doch, das stimmt. Ich hab das gemacht. Aber nich mit Absicht!�</p><p>�Ja�, hat der gesagt,�das ist, was ich sagen wollte: nicht mit Absicht. Ich wei� das.�</p><p>Der wei� das! Siehste. Und die Polizei wusste das nicht, die hat gedacht, er hat das mit Absicht gemacht, die bl�de Kackpolizei. Und Onkel Peter denkt das auch, und alle denken das, die alle in Bresekow, Stefan und die, und keiner kommt und holt ihn hier raus, und Oma auch nicht. Sie kann doch nicht. Sie kann doch nicht herkommen.</p><p>Und den Zettel hat er immer noch in seiner Hosentasche, den hat er schon ganz zusammengerollt, ganz klitzeklein, damit den keiner findet. Wo den seine Adresse draufsteht. Blo� er kann das nicht richtig lesen kann er doch nicht. Aber er hat das nicht gesagt. Damit der ihm doch einen Brief schreibt,�einen ganz langen�, hat er gesagt, dass er so einen will,�hundert Seiten�. Und der hat gelacht, aber der hat das versprochen. Versprochen ist versprochen. Und der hat gesagt, dass er ihr das sagt. Dass er hier war, zwar nicht gleich, aber nachher, irgendwann denn, dass er hier war.�Oma?�, hat er gefragt.</p><p>�Nein�, hat der gesagt und ihn ganz komisch angeguckt.�Ingrid.�</p><p>Und dann ist er ganz dicht an ihn rangekommen und hat ihn gedr�ckt, so wie Oma manchmal. Aber Oma ist das doch nicht. Ingrid. Oma hei�t Anna mit Vornamen, das wei� er, das wei� er ganz genau. Zuf�lligerweise, ja.</p><p>Er darf jetzt nie mehr schlafen. Weil doch hier kein Meer ist, er vergisst das sonst.</p></section><section><title><p><strong>JOHN &amp; PAUL</strong></p></title><p>WIR H�TTEN ES GEM�TLICH BEI STURM</p><p>IN UNSEREM KLEINEN VERSTECK UNTER DEN WELLEN</p><p>WO WIR UNSEREN KOPF AUF DIE SEEKISSEN LEGEN</p><p>IN EINEM TINTENFISCHGARTEN NAHE EINER H�HLE</p><p>WIR W�RDEN SINGEN UND HERUMTANZEN</p><p>WEIL WIR WISSEN, WIR K�NNEN NICHT GEFUNDEN WERDEN</p><p>WIR W�REN SO GL�CKLICH DU UND ICH</p><p>KEINER DA DER UNS SAGT WAS WIR MACHEN SOLLEN</p><p>ICH W�RE GERNE UNTER DEM MEER</p><p>IN EINEM TINTENFISCHGARTEN MIT DIR</p></section><section><title><p><strong>MARIA</strong></p></title><p>Dass das alles immer ganz anders kommt, wie man denkt. Das hatt ich ja schon beizeiten gemerkt. Aber dass das nu immer auch nich stimmt. Manchmal dacht ich, das muss doch nu noch mal anders kommen. Manchmal hatt ich mir bei eine Sache das Schlimmste vorgestellt, was passieren k�nnt, und ich hatt denn auch t�chtig Schiss dabei, weil vorstellen konnt ich mir immer alles gut, bis ich heulen musst manchmal, aber gemacht hab ich das blo�, damit das denn nich passiert. Ich dacht, das passiert denn nich. Das hatt ich schon immer, das war schon immer so meine Methode. Schon als ganz l�ttes Kind, wenn ich wieder was nich aufessen wollt, wenn ich das nich runterkriegte, und meine Mutter mir das auch nich reingestoppt kriegte, ich hab das denn wieder ausgespuckt. Und wenn sie denn sagte, meine Mutter, dass sie das mein Vater sagen wollt, wenn er abends kommt. Da hab ich mir das denn vorgestellt, den ganzen langen Nachmittag lang, wie er kommt und wie sie ihm das sagt und wie er denn ruft: Maria! und wie ich denn zu ihm muss und wie ich meine Schuhe ausziehen muss und mich vor ihn hinstellen, wie er da so sitzt auf dem K�chenstuhl und wie er mir denn mit seine schweren Stiefel auf die F��e tritt und meine F��e einquetscht, dass ich nicht weglaufen kann. Und wie er denn ausholt und mir Backpfeifen gibt, links eine und rechts eine, immer links und rechts, aber nich mehr, und wie ich denn fast umfall, aber ich kann ja nich. Und wie er denn mein Kinn mit seiner schwieligen Hand zusammendr�ckt und hochzieht und sagt,�kiek mi an, kiekst du mi woohl an�, und wie ich ihn angucken muss, auch wenn ich gar nix mehr sehen kann vor Tr�nen.�Dat mi dat nich noch eis v�rk�mmt!�Und ich musst mir das immer wieder vorstellen, und manchmal is das denn gar nich passiert. Aber manchmal doch.</p><p>Na, mit dem Runterkriegen war das denn sp�ter nich mehr so ein Problem, wo das denn erst mal wieder genug zu essen gab, und das hat ja noch lange gedauert, bis das mit die Marken vorbei war, aber wo man denn wieder einigerma�en was kaufen konnt, da war mir denn manchmal, als k�nnt ich gar nich mehr richtig satt werden. Uns ging das ja gut denn. Und Simon sagte immer,�Mann, was du essen kannst!�. Und das war ja nich blo� abends. Das hat man gar nich so gemerkt, was man da tags�ber in der LPG-K�che schon so weggefuttert hat. Die waren ja alle nich ohne da. Aber die M�nner mochten das, Simon auch. Wenn da n bisschen was dran war. Das war nich so wie heute, diese Bohnenstangen. Die is doch nicht ganz richtig, Britta. Z�hlt nu schon ihrem eignen Kind die Happen in Mund, und fr�her warn wir froh, wenn wir unsern Kindern was geben konnten. Aber das hab ich ihr schon gesagt, Ella, dass sie sich da nich drauf einlassen soll, auf diesen Schlankheitsfimmel. Sie w�rd schon sehen, wer da nachher die Nase vorn hat.�Wobei?�, fragt sie doch glatt. Da hatt ich mich wohl bisschen vergaloppiert, weil ich nu erst merkte, dass sie da vielleicht noch n bisschen jung f�r is, weil sie da wohl noch gar nich dran denkt, an so was. Ich wei� nich, was Britta immer mit ihr hat, die hat doch gar keinen Grund, ich sag blo�, andre sind da ganz anders in dem Alter. Wink ich sie also son bisschen zu mir ran und sag ihr denn ins Ohr:�Na, beim Heiraten�, und nick ihr so zu. Da guckt sie mich ganz entgeistert an.�Oma! Ich heirat doch nich!�Siehst. Na, ich wollt auch erst nich. Das hei�t, erst schon, blo� wie das denn so weit war, da wollt ich nich mehr. Aber da gew�hnt man sich auch dran. Blo� der Richtige muss das sein. Das muss nich der Sch�nste sein. Ich hab das ja bei dir gesehn, Anna. Gut sah er aus, dein Theo, das schon. Und gewundert hat mich das manchmal, das muss ich sagen, dass er dich genommen hat, wie er zur�ckkam. Wo du blo� noch ein Strich inne Landschaft warst, aber er war ja auch nich mehr. Blo� dass er sich ruckzuck erholt hat, kochen konntst du ja, blo� dass du auch selber was davon gegessen h�ttst, das hat man nich gesehn. Auch sp�ter nich, so richtig wurdst du nie mehr, du hattst ja gar nix zuzusetzen, und ich dacht immer, wenn dir nu mal was ankommt, was dann. Da hattst du Gl�ck, Anna, dass du nie krank wurdst, jedenfalls kann ich mich nich erinnern, dass du mal was hattst, schon als Kind nich, und wenn, denn hat man dir das kaum angemerkt, so warst du. Ich hab trotzdem immer einen Schreck gekriegt, sp�ter, wenn ich dich mal gesehn hab. Vielleicht blo� dadr�ber, dass ich dich gesehn hab. Anna, ich versteh das selber nich, weil ich jetzt so oft an dich denken muss. Aber zu der Zeit, da war das, als wenn ich dich manchmal ganz vergessen hatt. Und denn standst du auf einmal vor mir im KONSUM.�Oder ich hab dich von weitem gesehn, mit dein Fahrrad auffer Landstra�e, wie du nach Anklam oder irgendwohin gefahren bist, ich wusst ja gar nich mehr, was du so machst, ob du einen hast, den du besuchen kannst. Wirklich, auffer Elternversammlung, da war ich jedesmal ganz verdattert, dich da zu treffen, da fiel mir das erst wieder ein, dass unsre Kinder in die gleiche Klasse gehn. Manchmal wollt ich denn Hartmut bisschen aushorchen, �ber deine Ingrid. Ich wei� auch nich, wieso. Ob sie so is wie du fr�her vielleicht. Aber Hartmut musst man auch alles ausser Nase ziehn, besonders sp�ter, da hat er wohl gedacht, ich will ihn blo� aushorchen, ob er sich verguckt hat in sie. Na, das auch. Aber eigentlich war das wegen dir, Anna. Ich kann mich blo� an einmal erinnern, aber da war er noch l�tt, vielleicht grad man zweite Klasse, wie er da nach Hause kam und sagte,�Ingrid is doof�. Aber da war er selber schuld. Er hatt sie n�mlich wohl bisschen gepiesackt, mit Christa Pohley zusammen, das wei� ich noch, das war so seine kleine Freundin damals. Und dann hat sie ihn wohl gehauen, Ingrid, und Christa hat auch ihren Teil abgekriegt. Zuerst war ich da ja son bisschen f�nsch wegen, weil ich dacht, das geht doch nu nich, dass ein M�dchen solche Ruppigkeit an Tag legt, ich wollt schon zu dir gehn deswegen, Anna. Aber erstens h�tt ich mich gar nich getraut. Ich konnt mir schon ungef�hr denken, was du davon halten w�rdst. Und siehst du, eben deshalb hab ich mich denn auch gar nich so auf Hartmuts Seite geschlagen. Weil mich das an dich erinnert hat, weil du dir auch nix hast gefallen lassen.</p><p>Und nu sa�t du da jeden Tag ganz adrett in dein LPG-B�ro und ich stand blo� hundert Meter weiter in meine LPG-K�che und musste in die gro�en P�tte r�hrn, und mir lief das Wasser nur so runter, und du brauchtest blo� auf deine Maschine tippen, und ich bin fett davon geworden und du nich. Anna, das Leben is doch komisch, nich. Manchmal kam mir das so in Kopp. Wie sich das von au�en vielleicht anguckte. Von au�en guckte sich das ja so an, wie jeder das erwartet h�tt, ich auch, die feine Anna als B�rodame und Maria, die braune Maria, als K��ksch. Tja. Blo� dass das keiner so gesehn hat. Wenn das wohin ging, vonner LPG aus, �ber Land, oder tanzen oder zu eine Hochzeit: denn war Maria Wachlowski mit dabei, denn musst Maria mit, mit ihrem Simon. Und Anna, dich hat keiner gefragt. Und das war nich blo�, weil du keinen Mann hattst zum Mitbringen. Du wolltst wohl auch nich. Und das haben sie dir angemerkt, ich hab das auch gemerkt. Da braucht man gar nich erst fragen. Das w�r nix gewesen, mit dir und den andern Weibsen. Ich hatt zu der Zeit oft so das Gef�hl, dass mein Leben, na, dass das nu richtig in Ordnung kommt. Dass ich mich f�r nix mehr sch�men brauch. Und je mehr das so kam, desto mehr kam das bei dir andersrum. Bei dir kam ja alles in Unordnung, das muss man wohl so sagen, alles. Komisch war blo� eins dadran, und da r�tsel ich nu schon mein Lebtag dr�ber. Wei�t du, Anna, einmal hab ich doch von dir getr�umt, wie wir beide im Gebirge warn, im Erzgebirge, vonner Volkssolidarit�t aus. Ich war ja wirklich dagewesen, mit den andern, aber nu tr�umt ich, dass du mitw�rst, jedenfalls bist du mir irgendwie entgegengekommen und hast mich nur angel�chelt, und da wurd mir so warm ums Herz, so ein L�cheln war das, so kann in Wirklichkeit gar keiner l�cheln, und bisschen sahst du auch aus wie deine Mutter. Denn bin ich aufgewacht, aber ich wurd das den ganzen Tag nich los, das ging mir noch lange nach. Und auf einmal hatt ich wie so ein Bild im Kopp: wir beide auf einem Berg, blo� dass ich hochgeh und du runter, so kam mir das damals vor. Blo� dass ich dabei ganz sch�n schnaufen muss, weil das ja anstrengend ist, so bergan. Und du kannst l�cheln, weil du gar nix machen musst, das geht ja fast von alleine, das Runtergehn. Und soll ich dir was sagen: Genau so war das mit uns. Mir ging das immer besser. Aber was hab ich nich alles daf�r machen m�ssen. Dass ich die Frau vom Tierarzt Wachlowski war, das war das eine. Das andre war, dass ich mir dabei ja nix erlauben durft, keinen Patzer. Das w�r sonst alles auf Simon zur�ckgefallen, und das wollt ich nich. Und eine andere Freundin als dich hatt ich nich, und denn musst ich aber nu auf einmal die Freundin von alle sein, wenn ich bei die was zu bestelln haben wollt. Ich konnt nich einfach mal zu Hause bleiben. Und denn noch die M�dchen und Hartmut, aus die sollt ja nu auch alle was Gescheites werden. Ich hatt keine ruhige Minute, das ging immer so weiter. Ja, das war auch sch�n. Aber manchmal hab ich mir das insgeheim gew�nscht, dass ich das auch mal k�nnt. So wie du sonntags einfach ausm Dorf rausspaziern zum W�ldchen, in deine sch�nen Kleider. Da hast du dir gar nix bei gedacht. Das war dir schietegal, wenn die sich dadr�ber mokiert haben, wie du nu wieder ruml�ufst. Nee, Anna, manchmal fand ich das auch unm�glich. In dem Alter noch so� buntet T�ch�, wie das immer hie�, das musst nu vielleicht auch nich sein. Da hatt ich auch immer Angst vor, dass das einer �ber mich sagen w�rd, dass ich rumlauf wie ein Pfingstochse, ich hatt immer das Gleiche an, das war am besten. Simon hat zwar manches Mal gesagt,�nu kauf dir auch mal was Sch�nes in Anklam�, im BAUERNKAUFHAUS, aber ich hab das lieber gespart, das Geld, da war mir wohler bei. Aber manch einem is ja blo� wohl, wenn er sich dreimal am Tag inne andre Robe werfen kann. Dass Hartmut das so mitmacht. Jedenfalls, Anna, da wurd ich denn immer gar nich wieder, wenn ich dich so gesehn hab. Wo das bei dir doch nur bergab ging, und du konntst noch Lapaloma pfeifen dabei. Aber bergab ist doch anstrengender, hab ich mal geh�rt, dass das so auf die Gelenke geht.</p><p>Ich hab das erst gar nich so eng gesehn, Anna, das mit uns. Nich, dass ich das nich gemerkt h�tt. Aber ich hatt nu auch andre Sachen zu tun. Ich h�tt das auch nich gedacht. Ich mein, wo wir nu im selben Dorf wohnten, und gro� is das ja nu nich. Ich musst da manchmal dran denken. Wie ich immer die drei Kilometer von Putlitz nach Bresekow, nach dir hin gelaufen bin, und abends wieder zur�ck. Und das war mir nich zu viel, ich hatt auch gar keine Angst, wenn das denn schon schummrig wurd und wo ich doch sonst so schittrig war. Aber sowie ich bei dir war, oder ich braucht blo� an dich denken � schon war das weg. Angst hatt ich blo� vor eins: dass das auf einmal alles vorbei sein k�nnt, von ein Tag aufn andern, dass du morgens inner Schule zu mir sagst, so, Maria, nu will ich nich mehr deine Freundin sein. Ich wei� nich mehr, ob ich wirklich dacht, dass das passieren k�nnt. Das war vielleicht wie mit dem lieben Gott. Wenn sie mir immer gesagt haben, der sieht alles, alles, was du machst, Maria, und wenn du was Schlimmes machst, denn wird er dich daf�r bestrafen, wirst schon sehen. Und Hochmut kam vor dem Fall. Richtig geglaubt hab ich das immer nich, glaub ich. Aber vorstellen konnt ich mir das. Wie das sein w�rd, wenn Gott mich bestraft, und dass mir denn alle Haare ausfallen w�rden oder meine Mutter stirbt oder der Pfarrer mich in einen Turm einsperrt wie die Heilige Barbara, die mocht ich am liebsten. Wenn das gewitterte oder irgendwo brannte, denn hat meine Mutter mich immer gerufen,�k�mm, Maria, wi wulln eis b��den�, und denn haben wir zur Heiligen Barbara gebetet, dass der Blitz nich in unser Haus einschl�gt. Und wie mocht ich das gern mit den Kirschzweigen, wenn wir die am vierten Dezember ins Haus geholt haben, da war immer mein Vater f�r zust�ndig, der musst die abschneiden, die Barbarazweige, und denn bin ich jeden Morgen als erstes in unsre Stube mit nackte F��en, um nachzugucken, ob die schon aufgebl�ht sind. Da hab ich dran geglaubt, an die Heilige Barbara, ich wusst genau, wie die aussieht, die hatte auch so sch�ne blonde Haare wie du.</p><p>Und deshalb hab ich mir das vorgestellt, wie das w�r, wenn du mich nu �berh�ttst, wenn ich wieder alleine sein m�sst. Wie ich denn sterben w�rd, einfach so, dass das denn noch das Beste w�r, das hab ich mir vorgestellt. Damit das nich passiert. Dass wir keine Freundinnen mehr sind. Und siehst du, denn is das doch so gekommen, blo� dadran stirbt sich das nu nich.</p><p>Anna, das is vielleicht kindisch, aber siehst du, manchmal k�nnt ich heulen dadrum, dass ich gar nix von dir hab, gar kein Andenken, ich wei� nich, wo das alles geblieben is mit der Zeit, was du mir geschenkt hast immer mal, so kleinen Krimskrams, gepresste Blumen und eine Schachtel dazu und eine Kette aus Holzperlen. Und die B�cher. Wo is das alles geblieben? Das muss alles beim Umbau weggekommen sein, oder Britta hat das alles mal in M�ll geschmissen. Ich wei� auch nich, wieso ich blo� das eine Foto von dir hab, eins von die, die damals inner Schule gemacht wurden, von mir gab das auch so eins, aber das hab ich auch nich mehr. Und da siehst du so ernst drauf aus, so wie du sonst gar nich ausgesehn hast. Das liegt so lose in dem einen Fotoalbum, wo das eigentlich gar nich reingeh�rt, das war alles sp�ter da drin. Aber meistens hol ich das blo� raus, um dich anzugucken auf diesem l�tten Bild, das is schon ganz abgegrabbelt unten am Rand.</p><p>Das Einzigste, was ich noch von dir hab, das is, wie du geredet hast. Das Hochdeutsch. Das hab ich mir nich wieder abgew�hnt. Auch wenn ich das mit kaum einem geredet hab, au�er mit Simon zu Hause. Das mocht ich gleich an ihm. Das war so meine Zu-Hause-Sprache.</p><p>Irgendwas is doch da dr�ben los.�Ella!�Das h�rt sie wieder nich.�Ella, ich glaub, das brennt!�Da is sie doch, was is sie denn da drau�en, das brennt doch da dr�ben, das brennt, Anna!</p></section><section><title><p><strong>ELLA</strong></p></title><p>Na, wenn das mal nicht der erhebendste Anblick seit Jahren ist! Ich wei�, die Feuerwehr wird gleich da sein aus Anklam, unser altersschwaches Ding schafft das ja anscheinend nicht, und dann werden sie es l�schen, eine Ruine l�schen! Als w�r das ein Denkmal. Werden immer mehr Leute, und alles gafft, ich auch, ist ja sonst nix los, ja ja. Aber ich steh einfach da, mit verschr�nkten Armen, und guck mir das an wien � wien Bild, wien Feuerwerk. Das <emphasis>ist</emphasis> ein Feuerwerk, und was f�r eins! Damit geht hier eindeutig was zu Ende, und was Neues gibts nicht, genauso wenig, wie es ein Neues Jahr oder so was gibt, aber alle denken das, alle denken, dass hier noch was zu retten w�r, und machen sich wichtig. Soll mich nicht wundern, wenn wir alle gleich so ne Kette bilden m�ssen, wo die Wassereimer von einem zum andern weitergereicht werden schwapp schwapp, und Oberlehrer Wachlowski kommandiert marsch marsch. Am Arsch! W�rd mir einer sonen Eimer in die Hand dr�cken, w�rd er ihn aber sofort zur�ckkriegen: ins Gesicht. Kleine Dusche, dass er mal zu Verstand kommt. Die Elpe l�schen, wie hirnverbrannt kann man eigentlich sein! Dabei w�rd das das Feuer viel gr�ndlicher machen: Es w�rd sie ausl�schen.</p><p>Wie sch�n das aussieht, so gegen den dunkelblauen Himmel. Wenn man das wirklich malen k�nnte. Aber vielleicht ist das auch nur deshalb so sch�n. Weil man das nicht kann. Kann man sagen, was man will, Feuer auf Bildern taugt nie was. Wasser kriegen sie hin, manch einer sogar H�nde, aber Feuer nie. Das brennt einfach nicht, ich kann das nicht sehen. Hat auch was mit H�ren zu tun und dieser andren W�rme auf der Haut, nichts macht so eine W�rme wie offenes Feuer, das zieht einen f�rmlich an, immer n�her. Als Kind konnte ich das gar nicht erwarten, dass endlich wieder geheizt wurde. Als wir noch die �fen hatten. Ich durfte das nicht, aber das hat mich gar nicht interessiert. Ich hab trotzdem die Klappe aufgezogen und mich davorgehockt und mir das in Ruhe angeguckt: wie die Flammen das Holz fressen, und ich dachte wohl wirklich, sie fressen das, weil das Knacken f�r mich wie ein Zerbei�en war, und wie sie an den Kohlen lecken und nach und nach �berall reinkriechen, wie Fieber, das man quasi beobachten kann, so hab ich mir das immer vorgestellt, wenn ich Fieber hatte, dass ich von innen auch so bin, so glutrot, und dass man das eigentlich sehen m�sste, durch die Haut. Ich mochte das. Das Beste war, als einmal unser Weihnachtsbaum brannte. Wie schnell das ging. Als Vati mit dem Wasser kam, war er schon halb hin�ber. Aber dann dieses Ger�usch, als er es auf das Feuer kippte, und der Baum, der unten noch ganz gr�n war und oben verkohlt, und auf dem Fu�boden alles nass, und alles dunkel � da war ich auf einmal so traurig, dass ich heulen musste. Und Mutti dachte nat�rlich, vor Schreck oder so. Aber ich glaub eher, vor Wut. Weil Vati wieder alles kaputt gemacht hatte, weil er mir nichts g�nnte, nicht maln Feuer. Im n�chsten Jahr gabs sowieso ne elektrische Lichterkette, obwohl Oma dagegen war, ich auch.</p><p>Manchmal denk ich, ich hab blo� deshalb angefangen zu rauchen: um einen Grund f�r ein Feuerzeug zu haben, oder Streichh�lzer. Ich halt sie immer so lange fest, wie es geht. Alles andere w�re Verschwendung. Verschwendung von Sch�nheit. Ich hab schon immer gerne Sachen verbrannt, besonders Papier, es gibt sehr verschiedenes. Es gibt welches, das verbrennt, ohne gleich zerst�rt zu werden, zumindest ohne dass man es ihm ansehen w�rd. Als w�rd das Feuer es nur ausmalen mit einem ganz gleichm��igen Braun, oder als w�r das Braun schon immer unter dem Wei� gewesen, als w�rd das Feuer es abziehen wie eine falsche Haut. Das k�nnt ich mir immer wieder angucken, ich wei� nicht, es macht mich irgendwie � zufrieden oder so, es ist perfekt. Auch, dass man es dann nicht mehr anfassen darf, dass es nur noch zum Angucken da ist, und auch das nur kurz. Und dann ist es einfach weg. Ich zeichne fast nur noch auf solchem Papier.</p><p>Als ich letztes Jahr endlich den Computer gekriegt hab, war das zumindest ein ganz praktischer Ersatz. Nat�rlich kann nichts echtes Feuer ersetzen, auf die Dauer. Aber eine L�schtaste ist auch nicht schlecht, komisch eigentlich, dass L�schen und Verbrennen ungef�hr das Gleiche sein kann, und ich muss mir nicht st�ndign Kopp machen, wie und wo ich jetzt wieder die ganzen Bl�tter verbrenne, ohne dass das einer mitkriegt. Ich schreib sowieso nicht gern mit der Hand, das haben sie sich n�mlich so gedacht: dass sie einen einfach auf rechts umerziehen k�nnen, und dann w�rde man sch�n ordentlich schreiben wie jeder andere, als wenn nix w�r. Das Ergebnis ist, dass ich weder mit links noch mit rechts richtig schreiben kann, SCHRIFT war jedenfalls immer 4.�Als man dann in der Neunten diesen Schreibmaschinenkurs in der Volkshochschule machen konnte, hab ich mich daf�r gleich mal angemeldet. Und dann zu Hause auf Opas oller Schreibmaschine rumgehackt. Das gab sofort wieder einen Pluspunkt bei Oma. Manchmal tut sie mir leid. Sie denkt, dass ich wirklich so bin. Wie ihre Enkelin Ella, von der sie allen erz�hlt. Mutti nat�rlich wieder:�Willst du nu etwa Sekret�rin werden, mit Abitur?�Aber Oma:�Wieso, wat hast nu wieder mit ihr? Dat is doch ein guter Beruf! Bild du dir man blo� nix ein auf deine Faulenzerei!�</p><p>Manchmal stell ich mir vor, alle diese W�rter und S�tze m�ssten wieder von denjenigen, die sie ausgespuckt haben, St�ck f�r St�ck aufgegessen werden, wie der Cursor auf dem Bildschirm die Schrift frisst, es m�sste so was an Menschen geben: eine Delete-Taste. Nicht zum R�ckg�ngigmachen oder so, so einfach geht das nicht. So kommt mir das auch nicht vor, wenn ich da draufdr�cke. Es ist mehr wie der letzte Schritt einer Arbeit; wenn ich was geschrieben habe, kommt mir das am Ende nie fertig vor. Ich k�nnte das nicht, so wie Romy, ein Tagebuch nach dem andern f�llen und die irgendwo horten. Diesen ganzen Haufen von W�rtern dann am Hals haben. Ich denk, man schreibt es auf, um es loszuwerden. Aber das kommt mir eher wie eine Verdopplung vor, da hast du den ganzen Schei� dann noch mal � schwarz auf wei�. Wenn ich was aufschreibe, dann will ich es richtig loswerden. Ich schreibe es auf, aus mir heraus, und dann kommt es weg. Das geh�rt doch dazu. Das ist ein gutes Gef�hl: ein wei�es Blatt. Etwas ganz und gar geschafft zu haben, fertiggebracht.</p><p>Die wollen nat�rlich, dass ich hier weggeh, aber ich hab den besten Platz neben dem alten LPG-Tor, ich wei�, dass keiner au�er mir ein Recht dadrauf hat, da k�nnen sie noch so viel mit den Armen fuchteln, das seh ich doch gar nicht. Die sollen doch nicht so tun, als w�rd ihnen das nu pl�tzlich auf mich ankommen, die wollen sich doch nur wieder wichtig machen, sogar Ecki und seine Speichellecker, die ja wohl nun gar nix mehr zu melden haben, ich mein, wer h�tt das Ding denn sonst anfackeln sollen, kommt doch keiner weiter in Frage, oder. Ich kann stehen, wo ich will. Ich mach doch nix, und die sind doch blo� neidisch. Zwar wissen sie gar nicht wodrauf, aber ich: weil ich die Einzige bin, f�r die der Tag heute gut zu Ende geht. Blendend sozusagen. Oh Mann. Wenn das hier schon blendend ist � was ist dann eigentlich beschissen. Als ob ich das nicht wei�.</p><p>Einer versucht, mich wegzuzerren.�Eh, Frollein, muss erst wat passiern?�Die Sorte kenn ich. Ich rei� mich los und schubs ihn weg. Au�erdem lass ich mich nicht mit� Frollein �anquatschen.�Ja�, sag ich.</p><p>�Vorsicht!�, sagt er. Vorsicht! Ich bin doch die Vorsicht in Person, ich bin so vorsichtig, dass ich gar nicht da bin, kommt mir direkt komisch vor, dass der mich �berhaupt sehen kann. Ich seh jedenfalls jetzt erst, dass das der B�rgermeister ist. Ist er doch, oder? Ist mir wurscht. Ich mein, wurde der echt <emphasis>gew�hlt</emphasis> oder was? Da w�r Vati ja noch besser gewesen.</p><p>Ich kann sie jetzt h�ren, die Feuerwehr aus Anklam. Fr�her hatte ich fast Angst davor, vor dem Moment, wo sie an einem vorbeifahren und das Tat�tata auf einmal ganz falsch klingt, so ein Schreck, als h�tte sich die ganze Welt verdreht. Und wer sagt eigentlich, dass das nicht passiert. Es geht ganz schnell. Nur ein Moment, eigentlich gar nichts dazwischen. Ich geh nach Hause. Vielleicht blo�, damit sie nicht an mir vorbeifahren.</p><p>Von hier aus kann man nur die eine Ecke von unserm Haus sehen, es sieht aus, als ob es sich bewegt. Beinah, als ob es auch gl�ht, wie ein dunkeloranges Tier, das gerade aufwacht oder gerade noch tr�umt, dieses Flackern, das von der Halle r�berscheint, wie Zuckungen. Als ich n�herkomm, entdeck ich pl�tzlich Oma hinter der Scheibe, ihr Gesicht! Sie guckt einfach in die Dunkelheit raus, in meine Richtung, als w�r das Absicht, mich so zu erschrecken. Wie gruselig das aussieht, blo� ihr wei�es Gesicht, um sie rum alles duster. Hat sie nichts Bessres zu tun, als da hinterm Fenster zu hocken und mich zu beobachten? Ich werf ihr einen Blick zu, aber sie r�hrt sich nicht mal. Sie sieht aus wie tot. Ist sie tot, sieht man so aus, wenn man tot ist? Ich wei�, ich sollte jetzt rennen, schnell ins Haus rennen, die T�r zu ihrem Zimmer aufrei�en, die T�r, die nie ganz zu ist, damit sie auch alles mitbekommt, damit keiner an ihrer T�r einfach so vorbeigehen kann, was bin ich schon vorbeigeschlichen an ihrer T�r, und wenn sie das mitkriegte, hat sie mich zwar nicht gerufen, aber wieder was zum �belnehmen gehabt, dann hat sie sich gar nicht mehr blicken lassen, und man musste doch wieder zu ihr und fragen,�Oma, alles in Ordnung?�. Aber ich kann jetzt nicht, irgendwie kann ich nicht mehr, ich krieg meine F��e kaum noch hoch, das reinste Blei, oder als wenn der Weg klebt. Wenn sie tot ist, ist sie sowieso tot. Und keiner hat das mitgekriegt. Vor morgen Mittag oder so w�rde das keiner merken, und die ganze Zeit w�rde das so aussehen, als ob sie aus dem Fenster guckt. Vielleicht war das umgekehrt gedacht, komisch, dass mir das nie eingefallen ist. Vielleicht wollte sie durch den T�rspalt gar nichts von uns mitkriegen, sondern, dass wir was von ihr mitkriegen. Blo� was? Sie hat doch nichts gemacht, nichts Interessantes, mein ich. Manchmal Selbstgespr�che, das wollt ich nie h�ren. Ihre Geschichten auch nicht, sie kannte auch blo� drei oder so. Die von den K�nigsberger Klopsen, und eine von diesem Lehrer Pittelkow, die wohl lustig sein sollte, ich hab auch immer ein bisschen gelacht, ich kannte dann die Stelle ja schon, wo ich lachen muss. Und dann noch eine von Vati, als er klein war, das konnt ich mir sowieso nie vorstellen. Vati hat auch nie was gemacht. Ich bin schon auf der Treppe, da klopft sie auf einmal gegen die Scheibe. Ich zuck zusammen. Mann! Hat sie nicht mehr alle? Eine Tote, die gegen die Scheibe klopft. Eine Untote, oder was. Alles Absicht. Was denkt sie sich denn? Dass ich sie sonst nicht bemerke, na ja, so gut ist die Tarnung auch wieder nicht. Da h�tt sie nicht hinter die Gardine kriechen d�rfen, die Nase am Glas. Was erwartet sie? Dass ich ihr zuwink, sie anstrahle, ach, hallo Oma. Ich wink ihr zu. Ihr Gesicht ist ganz ernst.</p><p>Vielleicht hab ich das nur getr�umt. Was.</p></section><section><title><p><strong>ECKI</strong></p></title><p>Warn heut Mittag ma gleich die Bullen da, von wegen Brandstiftung und so. Ick lach mich tot. Wei� doch jeder, dat dat Gniedeck war, jeder von uns zumindest, aber doch blo� aus Versehn, ick mein � blo� aus Doofheit. Wollt doch keiner die Elpe abfackeln, kann ick mir jeenfalls nich vorstelln, hat doch keiner wat von. Dumm gelaufen, Mann. Aber hat uch wat Gutes, k�nnen sich nu wenigstens hier nich die Spinner breitmachen, die dat ja wohl kaufen wollten und ausbauen, irgend sone Zecken-�ko-Schei�e oder wat oder <emphasis>Kunst</emphasis> noch am Ende! Wie mein Vadder sagt: Geh�rn alle in Steinbruch! Hier rumgammeln uff unsre Kosten, wa? Und wo solln <emphasis>wir</emphasis> denn rumgammeln, ha! Kein Schwein zu sehn heut, ham sich alle gleich verpisst, als h�ttense Schiss. Ick hab nix gesagt. Ick war gar nich da. Stimmt sogar, war mit mein Vadder im Getr�nkecenter in Anklam, Nachschub holn. Na, Gniedeck is jeenfalls am Arsch, musste ja ma so kommen. Neulich, eh! Kommt der mit ner halben Buddel Stroh-Rum an und wir freuen uns schon. Hatt er seim Alten entwendet.�Reich ma r�ber�, sag ick. Aber glaubst, der macht dat? Wie son olles Titteng�r, eh,�nee, das�s meine, kriegt ihr gar nix von, das�s doch viel zu schade zum Wegsaufen�� zu schade, eh! Ick wurd nich mehr! Der hat doch ne Vollmeise hat der doch! Kippt er dat Zeug lieber int Feuer! Blo� wegen sone schei� Stichflamme, blo� weil er dat ma sehn wollt, wie dat brennt, Alk. Und denn blieb er uch noch so dicht bei stehn, Mann, und beugt sich da total behindert dr�ber�� Wenn Doofheit weh tun w�rd. Sagt man ja immer so. Na, manchma tut se wohl uch weh, hat ganz sch�n wat abgekriegt, der gute Gniedeck, voll abgesengte Augenbrauen nachher, Mann, Haare hat er ja schon vorher keine mehr gehabt. Wie dat nu wohl f�r die Polente ausgesehn hat, klar wie Klo�br�he, w�rd ick ma sagen. Dabei h�tt ick gedacht, er w�r nu erst ma kuriert. Tja. Doof bleibt doof.</p><p>Hat mich erst gar nich so gejuckt, ick mein, wie dat da so brannte gestern, na schei� uff die olle Halle hab ick gedacht, war sowieso allet nich mehr so wie fr�her wie dat da gewesen war. Als Wodrich und die noch da warn, wo wir noch viel mehr Leute warn, dat ging ab, Mann, irgendeiner hat immer wat gemacht, und wenn ick dat war. Blo� richtig geil fand ick dat uch nich gestern, obwohl nu endlich wieder ma wat los war, und dat brannte ja echt wie Sau, aber irgendwat war schei�e dadran, dat kam mir gleich in Kopp, ick wusst blo� erst nich wieso. Ick hab mich ge�rgert und wusst nich wieso, ick dacht, nu isset so weit! Nu fang ick uch bald an wie mein Vadder, der uff ein Schlag manchma losflennt, im Suff, wenn er ma wieder sein Moralischen hat, aber frag den ma, wieso, da brauchst uch gar nich erst fragen, dat wei� der selber nich. Ick verpiss mich jeenfalls immer, wenn ick merk, nu kriegt der gleich wieder ein zuviel. Aber das�s erst seit paar Monaten so, fr�her wusst der doch gar nich, wat dat is, heulen. Ick durft fr�her nich heulen, meine Mudder uch nich, da is der jedesma ausgerastet, und umso mehr hat se ja geheult, dat die uch nie damit uffh�rn konnt!� H�r uff�, hab ick gesagt, aber die hat sich lieber paar einschenken lassen,�h�r uff�, hab ick denn zu mein Vadder gesagt, aber dat hat uch nix gen�tzt. Ick stand blo� rum und konnt nix machen. Und siehste, so war dat gestern abend uch. Dat ging mir irgendwie uff die Eier, dat man blo� so rumstehn konnt und uch blo� gaffen wie die andern, wie die Zombies hinter ihre Gardinen. Aber am meisten hat mir dat eigntlich angekotzt, dat dat n <emphasis>Zufall</emphasis> war, ick mein, dat dat einfach so passiert is, ohne dat dat einer gemacht hat, ick mein, ohne dat dat einer wollte. Klar, is schei�e, dat die Halle jetz weg is, dat wir da nich mehr hingehn k�nnen, wo solln wir denn jetz hin, etwa zum Bussi? Ick mein, ick h�tt doch uch nie die Halle abgefackelt. Aber wenigstens w�r dat besser gewesen: wenn ick dat gemacht h�tt. Wenn dat alle gewusst h�tten, und keiner h�tt wat gesagt. Vielleicht sogar, wenn dat keiner gewusst h�tt. Nich ma Sabrina. Die kommt nich mehr, ick wei� dat, die geht weg. Ick geh uch weg. Aber nich nach Anklam, und uch nich nach Neubrandenburg. Richtig, mein ick. Wird mein Vadder erst ma Kopp stehn. Ick h�r dat schon: Wat wist du denn woanders, du Vadderlandsverr�ter, wenn dat nu jeder machen w�rd�� Na und! Wenn dat jeder machen w�rd, w�r dat hier bald ganz sch�n tote Hose, ick mein, noch mehr wie jetz. Denn w�r dat hier total leer, stell dir dat ma vor, denn haust hier vielleicht blo� noch ein oller Opa in seine H�tte, und denn kratzt der am Ende uch ab, wat nich ma einer mitkriegt, weil keiner mehr da is, denn is keiner mehr da, kein Schwein, denn wird dat hier wieder Urwald oder so, wuchert die ganze Schei�e wieder zu, wie auffer Elpe. Geil.</p></section><section><title><p><strong>DIE GEMEINDE</strong></p></title><p>Nee nee nee</p><p>Dat musst ja so weit</p><p>Ick heww dat koomen seihn</p><p>All de Johr</p><p>All de Johr hemms</p><p>Un keene F�erwiehr dat olle Vihekel dat</p><p>Wi hemm noch nie nich ne richtje</p><p>�wer fr�her</p><p>Aber fr�her</p><p>Weitst noch wie dat da brannt het mancheis</p><p>Einma</p><p>Der gro�e Brand Mensch wie lang is dat her dat muss</p><p>Wie der Bullenstall brannte</p><p>As de Stall un dotau noch de Scheun</p><p>Nich de Schaul dei nich</p><p>Do wiern wi jo noch ganz l�tte</p><p>Siebzig rum muss dat gewesen sein</p><p>Achtundsechzig als ick ausse</p><p>Apropro dat gibt jetz son Buch mit s�mtliche Leute</p><p>Nur so Fotos von neunundsechzig bis heute</p><p>Nee</p><p>Jeenfalls sind se alle drin na du nich</p><p>�wer die M�llersche inne Molkerei wie se da steiht</p><p>Und Sonja</p><p>Jaa Sonja in ihrm Laden da war die ja noch</p><p>Aber dat hab ick sofort</p><p>Dat war doch noch sch�n da bin�ck gerne hin</p><p>Un nu</p><p>Mit diese vermaledeiten</p><p>Kann se doch froh sein manch einer</p><p>Verdient doch nix da</p><p>Die hat doch wat Bessres</p><p>Verdient wa</p><p>Dat segg ihr ma</p></section><section><title><p><strong>SONJA</strong></p></title><p>Heut hatt ich den Club f�r mich alleine. Dabei dacht ich, es w�rd rappelvoll werden, jetzt, wo sie nicht mehr auf die Elpe k�nnen, erst mal, wurd ja alles abgesperrt, die Polizei war da. Als ich heute nachmittag dadran vorbeifuhr, kam mir das vor wie � wie das Ende der Welt, so gries und keine Menschenseele. Romy w�rd nu lachen und sagen, Mama, das <emphasis>ist</emphasis> ja auch das Ende der Welt hier. Aber ich mein das noch anders. Als w�r nu endg�ltig alles vorbei, oder als w�rden wir das jetzt erst merken. Das ist mitten im Dorf, dieses ganze Gel�nde, da muss jeder dran vorbei, wenn er von einem Ende zum andern will � obwohl das ja auch kaum noch einer macht: durchs Dorf gehen, wozu auch. H�chstens noch mal zum Friedhof, notgedrungen. Die meisten pflanzen jetzt Erika und Efeu, muss man sich kaum drum k�mmern. Aber was ich sagen will: Die Alten wie die paar Jungen, die leben alle nur noch in ihrem Haus, die bauen das aus noch und n�cher, aber mehr nicht, lauter einzelne H�user. Das ist kein Dorf mehr. In der Mitte ist nichts. Das kann man sehen, aber man muss nicht. Man kann sich in sein Auto setzen und wegfahren, nach Anklam, nach Greifswald, zum Baumarkt, die Gutscheine vom letzten Geburtstag einl�sen. Und wenn man zur�ckkommt, ist es dunkel.</p><p>Wie ich da heut so geschlagene f�nf Stunden im Club sa�, da herrschte eine Totenstille. Als um vier noch keiner da war, wollt ich eigentlich abschlie�en und losgehen. Gar nicht mal unbedingt nach Hause, obwohl ich auch nicht wusste, wohin sonst, bisschen rumfl�ckern in Anklam vielleicht, was ja auch Quatsch ist, trifft man auch blo� Leute, die einen kennen, und wer kennt mich da nicht. Na, Frau Pl�tz, heute frei? Au�erdem, es gibt ja auch nix mehr, wie viele Gesch�fte gibts denn noch, die kann man an einer Hand abz�hlen, sogar das KUNSTGEWERBE hat zugemacht, das war noch so die letzte Bastion. Leisten konnt ich mir das eigentlich nie richtig, aber ich war da gerne. Drei Etagen voll Schnickschnack, da hatt ich ja schon immer n Faible f�r, manchmal bin ich da blo� lang, um das Schaufenster anzugucken, besonders in der Weihnachtszeit, das hatten sie immer so sch�n gemacht. Neulich hab ich alte Fotos sortiert, mit Romy zusammen. Alle schwarzwei�, aber Romy hat bei fast jedem Bild auf die Gegenst�nde gezeigt und gesagt:�Ich wei� noch genau, wie das aussah, welche Farbe das hatte. �Keine Ahnung, wo das alles geblieben ist. Ich wei� nicht, wir lebten ja eigentlich viel primitiver als heute, mit Klo auf halber Treppe und Ofen und so, trotzdem war man zufriedener, oder, man konnt sich auch st�ndig irgendwas kaufen, und wenns blo� Borte zur Versch�nerung des K�chenregals war, da musst ich dr�ber schmunzeln, wie ich das noch mal so gesehen hab auf den Fotos, ich hab schon immer gerne meine Wohnung fotografiert.</p><p>Apropos: Letzte Woche war ich in der Buchhandlung. Nur so, ich wollt mir mal wieder ein gutes Buch kaufen, ich will eigentlich wieder mehr lesen. Aber glaubst du, du findest was? Schon gleich, wenn man reinkommt, springen einen ja diese ganzen Herz-Schmerz-Schinken an. Ich hab ja mal versucht, so was zu lesen, dieses eine, wo die alle so hell begeistert waren, sogar meine Chefin, und auch die D�lz in der Buchhandlung hat mir das w�rmstens empfohlen, na. Nach zehn Seiten hatt ich die Nase voll. Hab ich beim n�chsten Ausmisten gleich zum An- und Verkauf gebracht, ich wollt das gar nicht zu Hause rumstehn haben. Und dabei hatt ich die D�lz doch f�r ne intelligente Frau gehalten. Jetzt hab ich die gar nicht erst gefragt, obwohl die mich gleich in die Schmalz-Ecke lenken wollte. Ich hab so getan, als interessier ich mich f�r die Kalender, aber nicht mal ein gescheiter Kalender! Weiter rumgucken braucht ich gar nicht, da kommen ja blo� noch die Schulb�cher, die Gartenb�cher und Kochb�cher und Spr�che f�rs Poesiealbum. Ich war schon am Gehen, da seh ich das Buch gleich neben dem Ladentisch, ANKLAMS GESICHTER.�FOTOS VON 1968�BIS 1991. Zuerst hab ich mich �ber die krummen Zahlen gewundert, und �ber den Namen: Ralf Holle. Ist das der Sohn, dacht ich. Denn mein Herr Holle, der ist ja schon tot, und der hie� auch Edgar mit Vornamen, das wei� ich, Edgar Holle. Aber von ihm sind die Fotos. Die hat sein Sohn � siehst du, ich wusst gar nicht, dass der einen Sohn hat � der hat die alle aufgehoben und sortiert nach dem Tod von seinem Vater, und der hat buchst�blich bis fast zu seinem letzten Tag fotografiert, der konnt nicht ohne Kamera, das schreibt auch sein Sohn im Nachwort, als wenn die Welt erst dann richtig wirklich f�r ihn wurde, und als Kind h�tte er das wohl gar nicht gut gefunden, dass sein Vater ihn st�ndig geknipst hat, er war ja auch allein mit ihm. Einundneunzig ist er gestorben, hat er auch nicht mehr viel von der Wende gehabt, komischerweise, als das dann damals so kam, hab ich wirklich an ihn gedacht, ich dachte, jetzt kann er das endlich, wie er immer gesagt hat, immer so halb im Fl�sterton, er m�cht mal ganz woanders hin, mal ein ganz andres Licht sehen, ich wusste immer gar nicht, was er eigentlich meint damit. An Anklam hat er nie n gutes Haar gelassen, aber als seine Frau tot war, wollt er weg aus Prenzlau,�ich konnt da nicht bleiben�, hat er gesagt. Und in Anklam hatten sie eine Stelle f�r ihn, da ist er hergekommen achtundsechzig. Und hat immer wieder Anklam fotografiert, die Leute, meistens bei der Arbeit, war ja jeder auf irgendeiner Arbeit tags�ber. Ich musste das kaufen, das Buch. Ich glaub, ich bin sogar n bisschen rot geworden dabei, weil ich ja auch gleich das Foto von mir entdeckt hab. Komisch, das ist keins aus der Zeit bei ihm, da steh ich zwar auch hinterm Ladentisch, aber schon im KURZWAREN.�Die D�lz hat mich angegrinst beim Kassieren.�Sie sind da auch drin, ham Se schon gesehn?��N��, hab ich gesagt, aber ich konnt noch nie gut l�gen. Das war mir auch irgendwie komisch, pl�tzlich in einem Buch zu sein. Und auf seinen eigenen Fotos sieht man das irgendwie nie so: dass man auch schon zu einer ganz andern Zeit gelebt hat, dass man ja dabei war, und dass das total verschwunden ist. Erst zu Hause hab ich gemerkt, dass mein Name nicht stimmt, dass da unter dem Bild steht: MARINA ST�WSAND, HO-VERKAUFSSTELLE �KURZWAREN�. Marina, das war ja meine Freundin, die hat auch mit mir zusammen gelernt, aber die war dann in der SPOWA.�Ich wei� nicht, wieso der das verwechselt hat, oder ob das schon falsch beschriftet war von seinem Vater, kann ich mir aber nicht vorstellen. Und das war auch sp�ter, da war ich schon verheiratet. Ich seh schlecht aus, ganz d�nn, nicht mehr das Mondgesicht wie auf dem Foto, das er damals mit der reklamierten Kamera von mir gemacht hatte, das ich selbst entwickeln durfte. Das hier, das muss kurz nach dem Krankenhaus gewesen sein.</p><p>Das Komische war, dass ich nachmittags noch Riesenappetit auf Sahnetorte hatte, das h�tt mir vielleicht schon zu denken geben m�ssen, ich mach mir da sonst gar nix draus, aber ich hab Friedhelm losgeschickt, der musst mir ein St�ck holen. Da hatte ich schon hohes Fieber, und dann die Schmerzen im Leib, das strahlte bis in den R�cken. Der Arzt, der den Hausbesuch machte, dachte denn ja auch, das w�ren die Nieren, und verschrieb mir dann son Medikament, ich wei� nicht mehr, was das war, aber so wie das gewirkt hat, muss das die reinste Pferdekur gewesen sein. Sowie ich die runterhatte, die Tablette, bekam ich son ganz ekliges Gef�hl am ganzen K�rper, das war, als w�r ich gel�hmt, als w�rd nur noch mein Hals irgendwo rausgucken, da hatt ich zum ersten Mal wirklich Todesangst. Friedhelm ist dann noch mal zur Telefonzelle und hat nen Krankenwagen gerufen, und ich wei� noch, als sie mich dann holten, ist Romy wach geworden und hat geschrien, nach Mama geschrien, und Mama musst nun los. H�tt ich da schon geahnt, wie dick das alles noch kommt�� Das St�ck Torte hab ich �brigens gleich wieder ausgespuckt. Mit Wahnsinnsbauchschmerzen dann zum Krankenhaus. Die haben mich gleich dabehalten. Ich dacht, ich bin �bermorgen wieder zu Hause. Nach einer Woche dacht ich das nicht mehr. Nach einem Monat dacht ich, dass ich nicht mehr nach Hause komm. Da lag ich da immer noch mit aufgequollenem Bauch, ich wei� noch, das war ein Sonntag, und ich hab geschrien vor Schmerzen, ich konnt nicht mehr, ich hab einfach geschrien, bis sie gekommen sind und mir was gespritzt haben, ich glaub, das war Morphium. Jedenfalls h�rten die Schmerzen auf. Aber ich war in einem Zustand, wo ich nicht wusste, ob ich tot oder lebendig bin, ich <emphasis>sah</emphasis> mich da liegen. Sie hatten mir ja gleich einen Schlauch in die Scheide geschoben, durch den egaleweg Eiter abfloss, ich wei� nicht, was die nun dachten, was das ist. Sie haben mich mit Penicillin vollgepumpt und mit Schlafmitteln f�r die Nacht und mich um halb sechs geweckt und gewaschen, mir tat alles weh, der Waschlappen auf der Haut. Visite. Sie haben nix gesagt. Doktor Krafczyk, der Chefarzt der Gyn, hat gesagt,�na, Frau Pl�tz�. Er hat nie gel�chelt. Doktor Wehnig hat gel�chelt, aber immer so schief. Die Schwestern haben keine Stelle mehr zum Blutabnehmen gefunden. Der schwarze Assistenzarzt aus Mosambik hat mir �ber die Stirn gestrichen und gesagt,�arme Frau Pl�߫, er hat das tz immer wie � gesprochen, ich musste immer weinen. Ich wollte nicht weinen, wenn Friedhelm kam, und vor meinen Geschwistern, meinen Eltern schon gar nicht. Friedhelm hat mir von Romy erz�hlt, die andern haben von Romy erz�hlt, dass sie sie kugelrund f�ttern, mein Vadder sagte stolz, sie isst fetten Speck, dass sie schon laufen kann, dass sie keine Angst hat vorm Hund. Sp�ter haben sie mir Bilder gezeigt, Romy dick eingepackt auf einem Schlitten im Schnee. Ich hab mein eigenes Kind kaum erkannt. Wenn sie raus waren, hab ich geheult. Ich war ja froh, dass sie sich alle so k�mmern in Bresekow, das haben sie gemacht, ja, die waren rein verr�ckt nach Romy, meine Oma sowieso, sogar meine halbw�chsigen Schwestern. Trotzdem war mir das wie ein Alptraum. Das war mir jedesmal komisch, die zu sehen da in meinem Krankenhauszimmer, wie sie mit h�ngenden K�pfen um mein Bett rumstanden wie auf ner Beerdigung und versuchten, mit mir zu sprechen. Denn wie ich da so lag alle Tage, da dacht ich �berhaupt nicht an fr�her, an meine Kindheit oder so, das war alles weg, und da war ich eigentlich froh dr�ber. Ich dacht eigentlich nur an die Zukunft, dass ich ein Kind hab, f�r das ich da sein will, ich musste doch f�r mein Kind da sein. Ich wei� nicht, ob die auch gedacht haben, ich komm nicht mehr wieder. Ich wollte das nicht denken, ich dachte, das darfst du nicht denken, rei� dich zusammen, iss was. Ich konnte nicht. Ich konnte nix mehr essen, gar nix mehr bei mir behalten. Verdacht auf Magen-Darm. Ich musste einen Schlauch schlucken. Die Schwester lie� mich mit dem Schlauch im Mund da liegen. Ich konnte keinen Schlauch schlucken, ohne kotzen zu m�ssen, ich musste kotzen, aber ich lag auf dem R�cken und kam nicht rum, ich kam nicht rum. Mit mir im Zimmer lag eine B�uerin, die haben sie erst gequ�lt, was die aushalten musste, aber die hat immer noch plattdeutsche Witze erz�hlt, und ich konnt doch gar nicht lachen mit dem Bauch. Wie die das mitkriegte, ist sie aus ihrem Bett raus und zu mir hin und hat mir einfach den Schlauch rausgerissen und dann erst geklingelt. Und da hat sie noch Mecker f�r gekriegt. Dass sie mir das Leben gerettet hat. Aber seltsamerweise dacht ich auch nie, dass ich jetzt wirklich sterben m�sste, ich war ja noch so jung, ich konnt mir das nicht vorstellen, auch wenn mir das manchmal am liebsten gewesen w�r, Schluss mit der Qu�lerei. Verdacht auf Darmkrebs. Sie haben nix gemacht. Meine Eltern und Friedhelm wollten eine Verlegung nach Greifswald in die Uniklinik, ich glaub, die hatten mehr Angst als ich. Die �rzte wollten nicht, wer wei� weshalb. Ich wog noch sechsunddrei�ig Kilo. Sie haben diskutiert. Ich wei� nicht, ob das Absicht war, aber die T�r zu meinem Krankenzimmer stand auf, im Zimmer gegen�ber sa�en sie. Ich hab deutlich ihre Stimmen �ber den Flur geh�rt, die Stimme von Doktor Krafczyk, ich hab geh�rt, wie er gesagt hat,�ich mach sie auf�. Anscheinend waren nicht alle daf�r. Keiner hat gerne nen Toten aufm OP-Tisch am Ende. Doktor Krafczyk sagte,�wir operieren, Frau Pl�tz�. Alle �rzte w�rden dabei sein. Er hat mich noch mal untersucht, ich kam kaum noch auf den Stuhl. Als er fragte:�Wie viele Kinder haben Sie?�, wars aus. Ich kriegte nen Weinkrampf. Das war genau an Romys erstem Geburtstag.</p><p>Meine Mudder musste unterschreiben, Friedhelm, glaub ich, auch. Sie haben mir ein OP-Hemd angezogen, hinten offen, man kommt sich damit nackter vor, als w�r man wirklich nackt. Das letzte Hemd, wie man immer so sagt, das f�llt mir erst jetzt auf, das hab ich da nicht gedacht. Nur immer wieder: Du kannst nix machen. Sie haben mich dann auf den schmalen OP-Tisch gehoben, ich war ja leicht. So legen sie dich auch mal in den Sarg, das Gef�hl hatte ich. Wenn man gar nix mehr machen kann. Die Narkose war einfach nur entsetzlich. Ich sp�rte genau den Tubus in meinem Hals, ich wusste, dass irgendwas nicht stimmt, ich hatte furchtbare Angst, sie w�rden anfangen, mich zu operieren, ohne dass ich bet�ubt w�r, ich wollt schreien, aber ich konnt ja nicht. Dann gab es richtig so was wien Schlag, ne Ersch�tterung durch meinen ganzen K�rper, mir war, als w�rden mir Arme und Beine ausgerissen. Ein Arzt, dem ich sp�ter mal davon erz�hlt hab, hat mich ganz starr angeguckt und dann den Kopf gesch�ttelt:�Frau Pl�tz, das h�tten Sie nie erleben d�rfen. �Mir kam das auch teilweise nicht so vor: dass ich das bin, dass mir das alles passiert.</p><p>Als ich aufgewacht bin, wusst ich nicht, was los ist. Ich musste sofort kotzen. Dann merkte ich meinen Bauch, den gro�en Schnitt, einmal quer r�ber. Ich traute mich nicht hinzugucken. Doktor Krafczyk wirkte erleichtert. Er sagte, sie h�tten erst gar nichts gesehen, vor lauter Eiter. Alles verklebt. Dann h�tten sie endlich die Ursache gefunden. Normalerweise w�r ich tot gewesen, mit einem geplatzten Blinddarm. Aber irgendwas hatte sich abgekapselt, der Eiter war nicht in die Blutbahn gelangt, hatte mich nicht vergiftet. Ich hab das nie genau kapiert, es war mir auch egal, zu dem Zeitpunkt war mir alles so egal, ich lag da mit meinem zugen�hten Bauch voller Schmerzen und wollt keinen sehen, nicht mal Friedhelm, ich wollt nicht, dass er mich so sehen muss. Ich wollte Romy sehen, mein Kind, und das ging nicht. Es ging �berhaupt nix. Ich konnt nicht gehen, ich kam �berhaupt nicht hoch, ich durfte auch nicht. Ich konnt nicht essen, aber ich musste. Mein K�rper vertrug die k�nstlichen F�den nicht, es heilte nicht, ich kriegte Fieber. Sie haben die F�den wieder rausgezogen. Ich lag da mit einem offenen Bauch. Sie haben mir Mull, Drainagestreifen in die Wunde gestopft. Jeden Morgen neue. Jeden Morgen mussten sie die alten rausziehen, und die klebten. Ich konnte mir ein Leben ohne Schmerzen gar nicht mehr vorstellen, ein normales Leben wie vorher, das kam mir wie das Paradies vor. Ich dachte, das ist f�r immer vorbei. Nach diesen drei Monaten wusst ich ja kaum noch, dass es so was wie drau�en, die Welt da drau�en, Jahreszeiten und so, dass es das alles gibt, f�r mich gabs das nicht mehr. Ich war nur noch ein Strich, ich hatte nie gute Werte, ich hatte ganz verknorpelte Venen, am Ende haben sie mich in den Fu� gestochen. Ich dacht, sie entlassen mich nie. Aber mitten im Winter kam ich raus. Die Sonne schien, und es lag ein ganz klein wenig Schnee. Die paar Schritte zum Taxi ging ich wie auf Eiern, auf Friedhelm gest�tzt. Zu Hause konnt ich mein Kind nicht auf den Arm nehmen. Ich durfte auch nicht.�Sie d�rfen nicht schwer heben�, haben sie gesagt,�auch sp�ter nie�. Ich konnte keine Kinder mehr bekommen. Alles verklebt. Mein Kind erkannte mich nicht. Sie hatte Angst vor mir. Ich hatte Angst, dass das so bleibt, dass ich gar kein Kind mehr hab. Ich hab ihr ALLE MEINE ENTCHEN vorgesungen, da hat sie meine Stimme erkannt, oder ich wei� nicht, irgendwas an mir muss sie doch an ihre Mama erinnert haben.</p><p>Dann ging der Schnitt wieder auf. Ich merkte, wie es pl�tzlich warm und nass wurde, ich wei� noch, Romy stand vor mir und guckte mich an, und ich zog vorsichtig mein Hemd hoch. Ich wollte nicht heulen. Sie wollten mich wieder dabehalten. Aber ich hab mich geweigert, ich hab gesagt:�Nein. �Einfach nein. Ich glaub, ich bin eigentlich gar kein Typ, der was aush�lt, ich hatte einfach Angst. Sie haben mir erlaubt, jeden Tag zu kommen, um die Wunde versorgen zu lassen. Irgendwie heilte es dann.</p><p>Ich hab wieder gearbeitet, ziemlich schnell, aus der Zeit muss das Foto sein. Zu Romys zweitem Geburtstag haben wir die ersten Farbfotos gemacht. Meine spitzen Knochen gucken durch meinen Pullover. Sp�ter kam mal eine der Schwestern in den Laden, sie freute sich, mich gesund zu sehen.�Frau Pl�tz�, sagte sie,�jetzt kann ichs Ihnen ja sagen, also, wir haben da alle nicht mehr an Sie geglaubt.�� Komisch, das ist so lange her, aber das ist fast immer noch das gleiche Gef�hl, wenn ich da heute dran denk. Das war wien Schock, ich musst erst mal nach hinten und mich ausheulen. Da hab ich das erste Mal wirklich wieder an Gott gedacht, dass es den wohl doch geben muss.</p><p>Ich wollt alles anders machen. Ich wollt mich nie mehr mit Friedhelm streiten. Ich wollt mein Kind ganz anders erziehen, sowieso. Ich wollt nie wieder jammern. Aber solche Sachen halten drei Wochen, drei Monate, wenns hoch kommt, dann ist man wieder drin im alten Trott. Der Mensch ist komisch. Man macht nie das, was man will. Sondern immer nur das, was man kennt. In- und auswendig. Blo� sich selbst kennt man nicht. Und den andern eigentlich auch nicht. Kennt mich einer?</p><p>Au�erdem mach ich morgen was Verr�cktes. Ich geh nicht zum Bibelgespr�chskreis. �berhaupt nicht mehr. Ich fahr zum Chor nach Schmalditz, das wollt ich schon lange. Die haben da jetzt echt gute Leute, das kriegt richtig Qualit�t, ich hab die schon paar Mal geh�rt, und Brigitte hat auch zu mir gesagt,�Mensch, komm doch zu uns, mit deiner Stimme!�. Dabei kann ich nicht mal Noten lesen.�Kann doch keiner�, hat sie gesagt. Ich wollt ja sofort, aber bl�derweise f�llt die Probe genau auf den Bibel-Abend, tja. Tja.</p></section><section><title><p><strong>ROMY</strong></p></title><p>Das wars also, denk ich die ganze Zeit, mein Kopf ist mit diesem Satz gef�llt wie mit Watte, verstopft mit einer weichen, bet�ubenden Knirschigkeit, das wars. Jetzt hocken wir hier wie in Wodka getunkte sp�te Fliegen, zu Schmetterlingen hats denn wohl doch nicht gereicht. Ich denke an vorgestern, als wir fast ebenso wortlos aus Ueckerm�nde zur�ckkamen, Paul sich nur immer wieder bedankte, dass wir mitgekommen seien, dass Ella es ihm gesagt habe. Wir sind nat�rlich nicht mit rein, sondern mit kaum zu gebrauchenden Gef�hlen, kaum zu fassenden Gedanken durch die Stadt geschlichen, erst am Haff wurde uns etwas besser.�War das jetzt richtig?�, hat Ella gefragt, und ich konnte nur mit den Schultern zucken, weil ich gar nicht mehr wusste, was das bedeuten soll: richtig. Richtig vorstellbar war mir das ohnehin nicht, ein Halbbruder, <emphasis>dieser</emphasis> Halbbruder, und wie Paul ihm jetzt gegen�bersa�, was redet man mit einem, der einem fremder nicht sein k�nnte und gleichzeitig auf so fatale Weise verbunden ist?</p><p>Wir warteten ein paar Meter vom Ausgang auf ihn, ich sah ihn schon von weitem, noch hinter der Glast�r, sein rotes Gesicht. Wir winkten ihm zu, nicht wie jemandem, der auf uns zukommt, eher im Gegenteil. Ella z�ndete sich die n�chste Zigarette an, Paul fischte sie ihr aus den Fingern. Nach zwei, drei Z�gen hielt er sie mir hin, ich nahm sie ohne Z�gern, inhalierte tief und gab sie benommen an Ella zur�ck.</p><p>Den Wodka �brigens hab ich heute nach der Schule mit ihr zusammen gekauft, sie war auch gleich daf�r, als ich es vorschlug, was mich komischerweise �berraschte. Wahrscheinlich bin ich es einfach nicht gewohnt, gute Vorschl�ge zu machen, das hei�t, nicht mehr. Fr�her war es mir selbstverst�ndlich, die beste Idee zu haben, und meine Freundinnen tanzten nach meiner Pfeife. Wir bauen eine H�hle. Wir spielen Friseur, du bist die Kundin. Wir sch�tten deinem Bruder Waschpulver ins Badewasser. Keine Ahnung, wo sie alle geblieben sind, die Freundinnen, die Ideen, die ganze sogenannte Kinderzeit. An der Kasse mussten wir nicht mal unsere Ausweise vorzeigen, was ja eigentlich als Triumph zu verbuchen ist. Ich schreibe es aber Ellas Anwesenheit zu, und fast erleichtert mich das. �brigens sahen wir Tobias, also ich. Ich hatte gar nicht daran gedacht, hatte zum ersten Mal mein ausgefuchstes Observationssystem vernachl�ssigt, dem ich in letzter Zeit sowieso nur noch routinem��ig gefolgt war. Freitags in der ersten Pause vor Raum 5, dienstags auf dem Weg zum Chemieraum, wo ich sowieso kaum noch einen Gru� f�r ihn habe, weil ich meistens mit Ella schwatze, mittwochs nach der Schule bei PENNY. Ich warf noch Chips und Schokolade mit aufs Band, wir teilten uns den Preis, aber jetzt bin ich die Einzige, die davon nascht, um nicht zu sagen, Unmengen davon in sich reinstopft. Ich wei� verdammt noch mal, dass das eine �bersprungshandlung ist, ich habe eine Eins in Bio. Aber warum sagt denn blo� keiner was! Das ist der letzte Abend. Und der geht einfach so vorbei, vorbei wie jeder andere, und ich wundere mich irrsinnigerweise wieder mal �ber diese Taubblindheit der Zeit, die aber auch gar nichts merkt, kein bisschen langsamer, besonderer vergeht. Unsere Unf�higkeit. Als ob uns wirklich nichts bleibt, au�er uns sinnlos zu betrinken, zu sein wie alle anderen. Ach Paul, warum musstest du herkommen, in dieses Kacknest, ein Bernstein im Hinterland, unm�glich, wo man schon am Strand keine findet. Mama wusste wohl gar nicht, was sie sagte, als ich ihr in einem fr�heren Einsamkeitsanfall mal mein Leid klagte � und da ahnte ich ja noch nicht mal, wie schlimm es werden kann, denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man noch oder wieder einsam ist � und sie dann echt den Spruch mit dem Huhn brachte. Ich war nat�rlich beleidigt. AUCH EIN BLINDER TRINKER FINDET MAL EINEN KORN. Ich muss grinsen, obwohl mir zum Heulen ist. Ach, Paul. Nur damit ich dich sehen kann? POETRY IN MOTION, ha? Nur damit ich gezeigt kriege, was ich niemals haben kann? Danke, war nicht n�tig. Haben. Sein. Alles Bl�dsinn. Abschied nehmen. Das ist geradezu absurd. Man wei�, derjenige wird morgen um die Zeit nicht mehr da sein, ich meine, man wei� schon ganz, wie es sein wird, man hat die Traurigkeit schon in sich, wie eine Krankheit, die unerwartet fr�h ausgebrochen ist, man k�nnte fast sagen, die Inkubationszeit ist abgelaufen, bevor der eigentliche Erreger eindringen konnte, oder wie bei Pilzvergiftungen, wo schon die Vorstellung gen�gt, einen Giftpilz verzehrt zu haben, um echte Symptome auszul�sen. Hinkt wahrscheinlich alles. Aber �berhaupt, Pilze: Von wegen, man h�rtet ab mit der Zeit. Es gibt Pilze, die kann man eine ganze Weile lang essen. Und dann kommt das Mal, das Mahl, ja, zu viel, die endg�ltige Vergiftung. Ich glaube, morgen ist es so weit. Jedenfalls, soviel Schizophrenie muss man erst mal aufbringen, an einem Abschiedsabend normal zu wirken. Der, der schon weg ist, sagt:�Was denkt ihr: Wer war es?�</p><p>Ella schielt �ber den Rand ihres Glases, wir trinken Wodka aus Whiskeygl�sern, echt Bleikristall, jetzt zweite Garnitur aus dem K�chenschrank, ihre Mutter trinkt stilles Wasser draus, Ella nimmt noch einen Schluck vom W�sserchen, dann sagt sie langsam:�Wer war was?�</p><p>�Die Elpe!�, sagt Paul.�Das Feuer. Denkt ihr, es war���</p><p>Die LP! Ich werde es nie wieder anders denken k�nnen.</p><p>�Der doch nicht!�</p><p>�Wer?�Ich gucke Ella erstaunt an, sie wirkt pl�tzlich wieder munter.</p><p>�Ecki!�, st��t sie ver�chtlich hervor. Dabei scheint Ecki doch der Einzige zu sein, dem so was ernsthaft zuzutrauen w�re. Andererseits auch wieder nicht, Ellas Entschiedenheit leuchtet mir pl�tzlich ein. Das ist nicht die Tat eines Maulhelden. Eher schon eines Sven mit Iltisblick.</p><p>�Keine Ahnung�, sag ich.�Wahrscheinlich das, wonach es aussieht: die kleine Kokelei ist ein bisschen au�er Kontrolle geraten. Also dieser Gniedeck. Oder B�rner. Oder die bew�hrte Kollektivschuld.�</p><p>Paul lacht, obwohl ich bezweifle, dass er das verstanden hat. Aber er sagt:�Burner? They call�im Burner?�</p><p>Wir lachen mit. Ella winkt ab.�Ist doch egal. Weg ist weg.�</p><p>Weg ist weg, denke ich. Ob ihr das wirklich so leichtfallen wird? Ich kann nicht glauben, dass dieser Satz nicht auch f�r sie ein scharfer, oder schlimmer: ein stumpfer Schnitt ins Fleisch sein sollte, ins eigene am Ende. Sie geh�rt zu den Menschen, die sich selbst am besten verletzen k�nnen. F�r einen Moment �berlege ich, ob es Ella gewesen sein k�nnte. Ob sie die Elpe angez�ndet hat. Hoffentlich nicht, denke ich sofort, aber in dieses Vernunftpapier ist die andere Hoffnung eingewickelt, n�mlich dass es sich ganz genau so verh�lt. Ich w�nsche es mir. Ihr. Und vielleicht nur, um einen handfesten Grund f�r meine heimliche Bewunderung zu haben. Aber ich muss aufh�ren, sie zu verd�chtigen.</p><p>Paul schenkt nach, bei jedem anderen w�rde ich denken, er beabsichtige, uns besoffen und willenlos zu machen, vor allem bei jedem, der dazu so aufreizend vor sich hinpfeift. Ich <emphasis>bin</emphasis> willenlos, mein Gott. Ich <emphasis>kenne</emphasis> die Melodie. Paul grinst, ohne mich anzusehen, als h�tte er es bemerkt. Er kriegt gleichzeitig ein Pfeifen-perfectly-in-tune und ein Widerstand-ist-zwecklos-Grinsen hin, was mich nochmals in meiner Ansicht best�tigt, es bei ihm mit einem Wesen von einem anderen Stern zu tun zu haben. Und alle Vorsicht in den vorpommerschen Wind geschlagen, tja. Als er mich schlie�lich anblickt, ist das wie das Zeichen zum Einsatz, ich fange an zu singen, synchron mit ihm.</p><p>HEY JUDE, DON�T MAKE IT BAD, TAKE A SAD SONG AND MAKE IT BETTER, REMEMBER TO LET HER INTO YOUR HEART, THEN YOU CAN START TO MAKE IT BETTER.</p><p>Ich wei� nicht, was mich treibt, warum ich jetzt pl�tzlich lauter singen muss als die beiden zusammen, denn Ella, sie singt ja auch mit, Tatsache, leise und sicher, und ich schmettere hier los, als m�sste ich singen f�r zwei, f�r die fehlenden Flusskrebse wom�glich. Wir singen das Ding runter bis zum Ende, alle Strophen wie in der Kirche, wenn der Klingelbeutel rumgereicht wird und das Lied dann doch immer l�nger ist als � ja, als was? Mir f�llt nichts mehr ein, au�er das, was ich gerade auf der Zunge habe, also nur noch NANANANA, also: muss der Wodka sein, endlich. Wir l�cheln uns zu wie die Engelein. Muss der Wodka sein.</p><p>Da fragt Paul:�Ihr wisst, was John Lennon am Ende von STRAWBERRY FIELDS sagt, I mean: angeblich?�</p><p>�Angeblich �ist neu. Manchmal habe ich den Verdacht, er verstellt sich, er spricht in Wirklichkeit besseres Deutsch als wir.�Ja�, sage ich blo�, und Ella:�Wieso?�</p><p>�Na ja, es gibt diese � rumours���, er sieht mich fragend an,�Ger�chte�, sage ich, und komme mir vor wie eine aus reiner Gutm�tigkeit angestellte Souffleuse, der die Schauspieler ab und zu das Gef�hl geben m�ssen, sie werde wirklich gebraucht.</p><p>���Ger�chte, ja, dass Paul tot ist, also, Paul McCartney�, er l�chelt, oh, ich wei�, er wei� alles.�Und dass sie ihn ersetzt haben mit ein Double.�</p><p>Ella lacht. Das Gef�hl, dass sie mich auslacht.�Du wusstest das?�</p><p>�Es gibt ziemlich viele Hinweise�, sage ich, als m�sste ich die Internationale Union der Spinner und Fabulanten verteidigen,�angeblich. �Ich sehe Paul an, er nickt. Als h�tte ich etwas richtig gemacht. Ich r�uspere mich.�Zum Beispiel, dass er barfu� geht auf dem Abbey-Road-Cover, das ist ein Mafia-Symbol daf�r, dass jemand tot ist. Vor ihm John, ganz in Wei�, er k�nnte den Priester darstellen, George in Jeans, was ja mal Arbeitskleidung war, den Totengr�ber. Und Ringo geht in Schwarz hinterher. Alles klar? Ach ja, und dann noch das Auto im Hintergrund, der K�fer���</p><p>�Yeah, 28�IF, that means � achtundzwanzig falls, oder wenn, wie sagt ihr? Also, er w�re achtundzwanzig gewesen das Jahr�, er fl�stert jetzt fast, schelmisch,�aber nur, wenn er noch lebendig gewesen w�re.�</p><p>�Oder das Zeichen, das John �ber seinem Kopf macht auf YELLOW SUBMARINE, oder dass er auf einem Booklet-Foto von MAGICAL MYSTERY TOUR nicht wie die anderen eine rote, sondern eine schwarze Nelke hat, und es wurden auch lauter Zeilen aus Songtexten so interpretiert, WEDNESDAY MORNING FIVE O�CLOCK, der Zeitpunkt des Autounfalls���Ich merke, wie aufgedreht ich bin. Aber Paul l�chelt nur.�Well � solche Sachen.�</p><p>�Wow�, sagt Ella schmunzelnd.�Und jetzt h�lt Romy dich anscheinend f�r so eine � na, �h � Reinkarnation oder so was���</p><p>�Ach, spinn nich rum!�, fall ich ihr ins Wort. Was denkt sie sich eigentlich!� Paul ist Paul.�</p><p>Sie grinst.�Welcher?�</p><p>Dann sind wir auf einmal wieder stumm wie die Fische und glubschen auf unsere Gl�ser. Ich kipp mir den Rest schnell hinter � was Mama jetzt wieder zu diesem laschen Witzchen mit� hinter die Binde �reizen w�rde, dieser frivolen Versch�mtheit, von wegen, so was k�nne man als Frau ja nicht sagen. Als Frau! Oh Mann. Ich g�nne mir noch einen.�Noch jemand?�, frage ich, die Flasche schwenkend. Sie winken beide ab, Spielverderber. Dann eben nicht.�Prost!�, rufe ich und trinke, trinke auf Pauls McCartney-Sch�nheit, auf Ellas Mut, auf alles, was mir jetzt nicht einf�llt, und den Pickel an meinem Kinn und Bresekow, was wei� ich. Wenn alles literaturf�hig ist, dann ist erst recht alles trinkf�hig, oder? Ist das logisch? Wahrscheinlich ist nicht alles logikf�hig, wahrscheinlich gar nichts. Immer alles oder nichts, ja ja. Fr�her war das Schlimmste, bei MENSCH-�RGER-DICH-NICHT knapp zu verlieren, knapp zu gewinnen das Beste. Ich mochte das nicht, wenn ich alle vier im Haus hatte und der andere erst einen, es befleckte meinen Sieg irgendwie, mit Mitleid. Andererseits, wenn ich merkte, dass ich am Verlieren war, gab ich mir gar keine M�he mehr, ich hab nie wirklich gek�mpft, im Gegenteil, extra schlecht gespielt, und die Kunst war, es den andern nicht merken zu lassen; die Resignation war mir immer n�her, die vollkommene Niederlage, das Selbstmitleid. Ich wei�, ich muss irgendwann aufh�ren damit. Wenn ich erwachsen sein will. Oder falls. Ich hab auch nie gerne mit reparierten Sachen gespielt, das hei�t zuerst, wenn sie frisch geflickt, wiederhergestellt waren, der Kopf wieder auf dem Puppenhals; ich wusste, da war ein irreparabler Makel, es w�rde nie mehr so wie vorher sein, und ich heulte vor Widerwillen, und heulte ja �ber nichts anderes als das Vergehen der Zeit, die unweigerliche Abnutzung. Dann aber, wenn Mama sie mir wegnehmen wollte, genauso empfand ich das n�mlich, um sie� anderen Kindern �zukommen zu lassen, weckte das eine Panik und Wut in mir, die dazu f�hrte, dass ich die alten Puppen, die l�dierten Pl�schtiere um keinen Preis mehr hergeben wollte und sie nur umso fester ins Herz schloss und das Versprechen auf neue als v�llig inakzeptabel ablehnte. Vor allem, welche anderen Kinder denn! Es gab doch nur mich. Ich kann nicht sagen, dass diese Gef�hle inzwischen nachgelassen h�tten. Ich kann sie inzwischen nur benennen. Ich <emphasis>wei�</emphasis>, dass man nicht ewig und drei Tage an was h�ngen kann. Aber ich wei� auch, dass man nicht an nichts h�ngen kann, und au�erdem glaube ich grunds�tzlich nicht an Ersatz, schon das Wort! Sch�ne Schei�e. Muss mal mit Ella dar�ber reden, vielleicht��</p><p>Mitten in meine erb�rmlichen, aber in Anbetracht meines Zustandes � oder nur betrachtet in meinem Zustand?�� doch recht schl�ssigen �berlegungen s�gt die Stimme von Ellas Mutter:�Kommt ma bitte zum Schluss!�</p><p>Zum Schluss? Das Wort geh�rt abgeschafft.�Abgeschafft!�, sage ich laut. Paul sagt:�Komm, ich bring dich nach Hause.�</p><p>Was soll das? Woher dieses Einverst�ndnis, diese geschmacksneutrale Einsicht in die Notwendigkeit, als ob wir jetzt wirklich zu Bett gehen k�nnten und schlafen. Und morgen fr�h aufwachen und sich wie gehirngewaschen nicht an den Traum erinnern. Und warum bin ich es jetzt wieder, die das sagen, die den Knoten ins Taschentuch machen muss?� Was ist mit den Adressen?�</p><p>�Achso�, sagt Ella und guckt unschl�ssig von mir zu Paul und zur�ck, bevor sie sich hochbequemt und Papier und Stift holt. Wie ich Ella so mit links schreiben sehe und dann Paul mit rechts, kommt mir das wie eine infame Vertauschung vor, eine Verschw�rung fast. Er rei�t einen breiten Streifen ab und den noch mal in der Mitte durch, die eine H�lfte gibt er mir, die andere Ella. <emphasis>Nat�rlich</emphasis> steht auf ihrem Zettel das Gleiche wie auf meinem, aber f�r einen bl�den Moment habe ich die Idee, Paul k�nnte einer von uns eine falsche Adresse gegeben haben. TWO OF US SENDING POSTCARDS, WRITING LETTERS. Oder beiden. Sowie ich ihm meinen Schnipsel reiche, bin ich sicher, dass ich mich verschrieben habe, meine alte Anklamer Adresse hingeschludert oder irgendwas. Aber ich bin stark, ich �berlasse es dem Schicksal, zur Not Ella.</p><p>Als Paul sie jetzt umarmt, zwei Minuten bestimmt, will ich ihr wieder gar nichts �berlassen, bis mir einf�llt, dass das f�r mich ja erst noch kommt, und sofort bin ich bereit, sie zu bedauern, wie fr�her kurz vor meinem Geburtstag meine Freundinnen, die schon Geburtstag gehabt hatten. Ich sehnte ihn ja immer herbei, aber kurz vorher fing eine Gegenkraft in mir an zu walten, eine angstgeborene Verz�gerungslust, er sollte kommen, dieser Tag, und sollte nicht kommen, denn gekommen war so gut wie vorbei, und am Abend dieses Tages, wenn alle weg waren und ich schlie�lich doch ins Bett musste, passierte es nicht selten, dass ich weinte.</p><p>�Bis zum Bus�, sage ich zu Ella an der T�r, fast h�tte ich sie auch umarmt.</p><p>�F�nf Stunden�, sagt sie leise und halb in den Wind, als sollte nur einer von uns es h�ren. Oder keiner.</p><p>Paul kommt mir viel zu n�chtern vor. Ich habe mich wie selbstverst�ndlich bei ihm eingehakt, und immerzu denke ich nur, das ist das letzte Mal, das letzte, kapierst dus nicht, du musst doch was sagen, blo� was, doch nicht das, gibts denn nichts anderes, Wind und Wetter, kennst du den schon? Alles weg, jetzt schon. Ich gehe, tapse vor mich hin in diese mondlose Nacht, als g�be es immer nur den Fleck, auf den wir gerade unsere F��e setzen, jeder Schritt ein ungeheurer Vertrauensvorschuss auf die Materialisierung des n�chsten Flecks, wie es mich ersch�pft. Das elende Hoffen <emphasis>und</emphasis> das langweilige Erscheinen, es geht einfach immer weiter. Ich will das nicht. Das Hinwegkommen �ber jeden Fleck.�Bleib doch hier�, sage ich m�de und mache die Augen zu. Ich lasse mich von Paul f�hren bis vor meine Haust�r. Jemanden f�hren ist eben was anderes als jemanden entf�hren, sagt mein Schnapskopf. Was anderes.</p><p>Dann stehen wir uns gegen�ber in dem d�nnen T�rlicht, der Wind bl�ht meine Jacke auf, als wolle er den Abstand zwischen uns verringern, sollte ich doch noch einen Verb�ndeten haben in dieser Nacht, er zerbl�st Paul die dunklen Str�hnen, dass ich seine wei�e Stirn sehen kann, EBONY AND IVORY, ich wei� pl�tzlich, dass es dieses Bild ist, das wieder und wieder in mir aufsteigen wird. Ich will ihn schon umarmen, als er sagt:�Ein Moment�, und mit zwei Fingern etwas aus seiner Innentasche hervorzieht,�voil�!�.</p><p>Wie k�nnte ich kein Spiegelbild dieses L�chelns sein.�Oh, ich glaub, ich hab genug f�r heute Abend�, murmele ich.</p><p>�Aber ich nicht�, sagt Paul, gibt mir den Joint, f�rdert tats�chlich Streichh�lzer zutage und z�ndet eins an, es geht aus, auch das zweite, der Wind ist mein Verz�gerungskomplize, bei dem Wort bricht pl�tzlich etwas in mir auf, dieses seltsame Lied, ein Schlager, oder, verdammt, wie war das noch, DU BIST MEIN, nein, ICH BIN DEIN, nein, nicht das mit dem SL�ZZEL�N, aber ein Schl�ssel zu meiner Kindheit, oh Mann, wie mir immer dabei wurde, ein dunkles Zimmer, ich kann mich nur an ein dunkles Zimmer erinnern, nur ein schwaches Licht nebenan von der K�che und die erleuchtete UKW-Skala des Radios, ich verstand nichts und verstand alles, wie habe ich dieses verschl�sselte Lied geliebt, wie sonst nichts vor und nach den Beatles, wie konnte ich es so lange vergessen und nicht vermissen, schei�e, wie ging das noch, irgendwas mit, ja: WIR SIND BEIDE BEREIT. Wahrscheinlich totaler Schnulzenschwachsinn, aber die Melodie, ich hab sie jetzt. Nanana nana nana na, nana nana nana na, nananaana nana. SO NAH AM FEUER? Mir wird erst jetzt bewusst, dass Paul mir schon die ganze Zeit das ich wei� nicht wievielte Streichholz vor die Nase h�lt, gesch�tzt von seiner hohlen Hand, die Flamme hat fast seine Finger erreicht, aber er bl�st sie nicht aus. Ich stecke mir schnell die T�te in den Mund, neige meinen Kopf. Er sagt nichts, es ist wie ein Ritual, aber wie eins, das man zum ersten Mal ausf�hrt, wenn alles gerade erst anf�ngt. Eine Vorzeit, die noch nicht dunkel ist. Hah! Ich habs! ICH BIN DEIN DUNKLER CHERUBIM, DU DIE SPHINX IM SCHWARZEN KLEID. Ich lache den Rauch aus. Paul guckt mich neugierig an. Ich kann ihm nichts erkl�ren. YOU AND ME BURNING MATCHES, LIFTING LATCHES.</p><p>Wir setzen uns auf die Steintreppe, ich gebe ihm die verderbliche Marihuanazigarette, wenn meine Eltern das jetzt sehen, denke ich kurz, sie schlafen keine zehn Meter entfernt. W�rden sie wahrscheinlich gar nichts merken, w�rden sie nur sagen, du holst dir noch H�morrhoiden davon! Ich muss wieder lachen, Paul auch, ich winke ab, aber wir kichern noch ein bisschen vor uns hin. Nach Lachen kommt Weinen, klar. Aber morgen. Morgen wein ich, heute rauch ich, �bermorgen hol ich mir eine letale Lungenentz�ndung, und von mir aus auch H�morrhoiden gleich dazu, kommt dann ja nicht mehr drauf an. Shit happens.</p><p>Mein Magen rebelliert, und mir ist ein bisschen schwindlig, es tut gut. Am liebsten w�rde ich mich hinlegen, gleich hier auf die kalten Steine, zwischen die wirbelnden Bl�tter, die ganze Nacht, w�re sicher f�rderlich. Pauls linke Seite w�rmt schon die ganze Zeit meine rechte, er ist sogar noch ein St�ck heranger�ckt. Er dr�ckt den Jointstummel aus, gr�ndlich, guckt Richtung Acker. Ich traue mich zum ersten Mal, ihn ruhig zu betrachten, sein Profil. Die Nase ist anders. Aber er <emphasis>hat</emphasis> diese Wimpern. Er dreht sich zu mir, r�ckt ein St�ck von mir ab, meine Seite k�hlt sofort aus. Er sagt:�Wei�t du, ich wollte dir das noch sagen.�</p><p>Ich sehe ihm direkt in die Augen, sehe sogar bei dieser d�rftigen Beleuchtung das Gr�n, ich denke: oh mein Gott, und: oh mein Gott, mein Herz sitzt auf einmal weit oben im Hals, ich halts nicht aus, jetzt ist es so weit, jetzt ist alles zu sp�t, jetzt, wo alles zu sp�t ist, ach was, blo� jetzt sags schon, oh Paul.</p><p>�Es war eine Wette�, sagt er.</p><p>Ich starre ihn an, so starr wie meine Krebse.�Was?�, frage ich und wei� es l�ngst.</p><p>�Die Elpe�, sagt er.�Ich habe gewettet, mit Ecki. Dass ich es schaffe, also, euch mitbringen.�</p><p>Ich muss ihn jetzt ohrfeigen, nein. Mich. Ich stehe auf. An der T�r drehe ich mich noch mal um, das hohe Herz ist zu einem Klo� mutiert, aber auch auf die Gefahr hin, vorzeitig heulen zu m�ssen, frage ich:�Und? Hast du jetzt gewonnen?�</p><p>Er steht auch auf und kommt auf mich zu, ich versuche, ihn w�tend anzusehen, aber ich merke schon, dass dabei ein Ausdruck herauskommt, der sich von geistiger Zerr�ttung kaum unterscheiden l�sst.</p><p>�Nein�, sagt er.�Aber du.�</p><p>Und auf einmal ist mir das Seegr�n so nahe, dass ich anfange zu schwimmen, und dann ist da blo� noch der kurze weiche Widerstand meiner Lippen und seiner und die unerwartete Feuchtigkeit und unsere Zungen zwei kleine sich suchende Tiere. Schmetterlinge, eventually.��</p><p>WIR K�SSEN DIE NACHT?��</p><p>Meine Hand gleitet langsam aus seinem Haar, meine Wange vermisst sofort seine. Eine Weile stehen wir so, platt wie die Flundern. Schlie�lich entwirre ich unsere Finger, sage:�Warte. �Fummele zittrig den Schl�ssel hervor, flitze ins Haus, in mein Zimmer, zum Regal und wieder zur�ck. Ich nehme Pauls linke Hand. Und hinein lege ich John, den hellen Flusskrebs. Paul sieht ihn verwundert an.�Sing ihm ab und zu was vor�, sage ich.</p><p>Er steckt ihn vorsichtig in seine Innentasche.�Ich habe nichts, was ich dir geben kann�, sagt er.</p><p>�Paul!�, sage ich.</p><p>Er seufzt.�Oh my God. �Dann umarmt er mich, ich wei�, dass es nicht zwei Minuten sind, ich bin stockn�chtern auf einmal. Paul sieht mich an. Er versucht, nicht zu blinzeln, dem, was er in den Augen hat, nicht nachzugeben. Ich bin mit demselben Versuch besch�ftigt, derselben Versuchung. Paul nimmt meine Hand und k�sst sie, die feine englische Art, ich l�chle, indem ich die Lippen zusammenpresse, Paul sagt:�Ich muss noch mal zu Ella. Ich hab meine Tasche vergessen.�</p><p>TWO OF US RIDING NOWHERE.</p><p>Er k�sst mich auf die Wange, die Stirn, er ist mit drei Schritten auf dem Pflaster, die Dorfstra�e verschluckt ihn hinter der einzigen Laterne, hastig, windig, in ihrer Dorfdunkelheit.</p><p>�SAVE THE LAST DANCE FOR ME<emphasis>�,</emphasis> fl�stere ich. Du kannst mich mal, Paul McCartney, ich schlage heulend die T�r hinter mir zu, so laut es geht.��</p><p>Ich muss irgendwie, obschon blind, in mein Zimmer gefunden haben. Ich muss aufs Klo gegangen sein, denn meinem Magen gehts besser. Ich muss mich ausgezogen haben, mich hingelegt, denn ich liege in meinem eigenen, bekannten, nach mir, wem sonst, riechenden Bett. Es muss wie eine R�ckkehr gewesen sein, ich muss meine leicht durchscheinende H�lle dort liegen gesehen haben und aus Mitleid wieder hineingeschl�pft sein, wie sonst ist es zu erkl�ren.</p><p>Blo� schlafen, das will noch nicht wieder klappen. Einiges verlernt man doch. Ich kann das nicht mehr. Schlafen, wie geht das denn. Schlafen. Ich kann mir gar nichts darunter vorstellen. Ich kann nicht. Schlafen. Ich kann nicht schlafen, nein, schlafen kann ich nicht. Ich �berlege, welche Art von Defekt es sein k�nnte, verbreitet, selten, harmlos, nicht so harmlos, bedenklich, bedrohlich. In welcher Hinsicht. Ich �berlege, ob man daran sterben kann. Das w�re ja einfach. Also wahrscheinlich wieder nicht. Ich kann nicht schlafen. Worauf wartest du, auf ein Wunder? Du kannst ja nicht mal davon tr�umen. Schlaftabletten. Taugen doch heute nichts mehr. Ich kann nicht schlafen, wenn das mal nicht langweilig ist. Wie soll man auch schlafen, wenn man sich alle paar Sekunden Rotz und Wasser abwischen muss.</p><p>Als es allm�hlich grau wird in meinem Fenster, stehe ich auf.</p><p>Auf der flachen linken Hand, wie auf einem Teller, trage ich Paul in den Garten. Mit der rechten grabe ich ein Loch in die feuchtweiche Erde hinter den Erdbeeren. Ich begrabe Paul hinter den Erdbeeren, und ich gebe ihm den kleinen Zettel bei mit der ungelenken Jungshandschrift.</p><p>Das kannst du doch nicht machen. Aber was dann? Fortan abwechselnd YESTERDAY und TREAT ME LIKE YOU DID THE NIGHT BEFORE singen? F�r wen? Einen �briggebliebenen, alten, vertrockneten, ein�ugigen Krebs? I AM HE AS YOU ARE HE AS YOU ARE ME�� I�M CRYING.</p><p>Ich schreibe R.�I.�P. in die Erde, sie dr�ngt sich dick und schwarz unter meine N�gel. Ich glotze auf die Buchstaben, ohne etwas zu sehen. Nach zwei Minuten oder so f�llt mir auf, dass es fast unsere Initialen sind. Ich will schon die drei Striche an das I anf�gen, da denke ich: Vielleicht ist es was anderes. Seine Mutter hei�t doch Ingrid. Aber das R, das bin dann nicht ich. Ich lasse es so, wie auch immer.</p><p>I buried Paul.</p></section><section><title><p><strong>STRAWBERRY FIELDS FOREVER</strong></p></title><p>Sie steht schon da, als ich angeschlurft komme. Sie guckt nicht hoch, aber ich sehs ja doch.�Ich hab Schnupfen�, sagt sie, und ich:�Ich wei�. Ich auch. �Wir kriegen kaum ein Grinsen zustande. Sie gibt mir eine Zigarette.</p><p>Das ist doch Sabrina, oder? Sie sieht uns jetzt und l�chelt ein bisschen. Sie raucht auch. Wir l�cheln zur�ck, wie von sonstwoher.</p><p>�Denkst du, sie packts?�, fl�ster ich.</p><p>�Ich glaub, sie hats schon gepackt�, sagt sie.</p><p>Sind wir also wieder zu dritt. Hat sich doch kaum was ver�ndert.</p><p>Ab in den Bus, Sabrina geht ganz nach hinten, ein bisschen Coolness muss noch gewahrt werden, schon klar. Wir auf dem alten Viererplatz, sie setzt sich immer noch neben mich, gegen�ber haben unsere Rucks�cke jetzt je einen Platz f�r sich.</p><p>Bei� dir auf die Zunge, Mann, bei� dir auf die Zunge, die ist schon ganz wund, verdammt, jetzt wird nicht mehr geheult. Guck einfach aus dem Fenster.</p><p>Die Scheibe ist beschlagen, ich wische zweimal mit dem �rmel dr�ber, in den Schlieren taucht tropfnass das Stoppelfeld auf, die kr�ppligen Apfelb�ume, alles noch im Nebel. Alles bekannt. Fr�her dachte ich, dass man an den Ackerfurchen sehen kann, wie sich die Erde bewegt, wenn man so dran vorbeif�hrt und sie sich wegdrehen, wegdrehen. Mir ist, als h�tte ich das jetzt eine ganze Weile nicht gesehen, als h�tte es erst grade eben wieder angefangen.</p><p>Es gibt gar keinen Beweis.</p><p>�Sag mal: War er wirklich da?�</p><p>Sie streicht sich mit der Hand �ber die Stirn.�Keine Ahnung. W�rden wir sonst hier sitzen?�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>Der Bus bremst ab, wir sind schon in Anklam, als ich endlich doch frag, ich wei� nicht wie, meine Lippen sind schwer wie Blei:�Hat er dich gek�sst?�</p><p>�Nein�, sagt sie, es klingt gut. Es klingt genau so, wie ichs h�ren wollte. Ich sch�me mich richtig vor bl�der Erleichterung. Sie guckt mich an.�Dich?�</p><p>�Nein�, sag ich.</p><p>LET ME TAKE YOU DOWN</p><p>COS I�M GOING TO</p><p>STRAWBERRY FIELDS</p><p>NOTHING IS REAL</p><p>AND NOTHING TO GET HUNG ABOUT</p></section><section><title><p><strong>Informationen zum Buch</strong></p></title><p>Bresekow, Vorpommern. Die alte Anna Hanske stirbt, und ihre Tochter Ingrid hat� eine Pflicht�. Sie hat auch eine Schuld und einen Grund, der sie vor mehr als zwanzig Jahren aus dem Dorf trieb, aus der Vergangenheit eines halben Landes und eines halben Lebens. Beides kehrt mit ihr zur�ck und hat sich noch immer nicht und f�r niemanden zu einem Ganzen gef�gt, auch wenn das Gras dar�ber inzwischen so hoch gewachsen ist wie auf der Elpe, der leeren Dorfmitte, Brennpunkt einer haltlosen Jugend. Romy und Ella suchen lieber das Weite, stolpern auf Abwegen. Aber die Grasnarbe bricht auf, und zum Vorschein kommt Paul, der alles mit links in Schwung bringt und sogar die Luftgitarre richtig herum spielt, hervor muss auch Hartmut, eingerichtet in klammer Heimlichkeit und pl�tzlich bis zum Hals in der Modder, und Mutter Maria geht noch mal mit Anna Klopse essen. Bresekow, eine Sickergrube f�r Tr�ume und Goldkrone, eine Fundgrube randvoll mit Freundschaft und Verrat, Schweigen und Dingen, die mal gesagt werden mussten.</p></section><section><title><p><strong>Informationen zur Autorin</strong></p></title><p><emphasis>Judith Zander</emphasis> wurde 1980 in Anklam geboren und lebt heute in Berlin. Sie studierte Germanistik, Anglistik sowie Mittlere und Neuere Geschichte in Greifswald, anschlie�end am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben dem Schreiben von Lyrik und Prosa �bersetzt sie aus dem Englischen. F�r ihre Arbeit erhielt Judith Zander mehrere Auszeichnungen, u.�a. den Lyrikpreis beim open mike 2007 und den Wolfgang-Weyrauch-F�rderpreis 2009. �Dinge, die wir heute sagten� wurde 2010 f�r den Deutschen Buchpreis nominiert. 2011 erschien der Gedichtband �oder tau�.</p></section></body><binary id="cover" 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