<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Jan</first-name><last-name>Faktor</last-name></author><book-title>Georgs Sorggen um die Vergangenheit</book-title><annotation><p>Georg w�chst in einer der sch�nsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der �berirdischen Atomtest und sp�ter des brutal unterdr�ckten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der �berstrahlend-sch�nen Mutter h�lt er an seiner �berzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden � trotz der totalit�ren Verh�ltnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der famili�ren Zw�nge.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Georgs</first-name><middle-name>Sorggen um die</middle-name><last-name>Vergangenheit</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-23">12.5.2016</date><id>a4de4d08-3aac-4d01-afe7-1fe4b75b1e84</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Georgs Sorggen um die Vergangenheit</book-name><publisher>Kiepenheuer &amp;&amp; Witsch </publisher><year>2010</year></publish-info></description><body><title><p>Jan Faktor</p><empty-line/><p>Georgs Sorggen um die Vergangenheit</p></title><section><epigraph><p>wir lebten, ohne unter den klebestreifen sonderlich zu leiden</p></epigraph><p>Die ersten Sorgen um meinen Penis machte ich mir schon vor etwa f�nfzig Jahren im Kindergarten � damals nur aus rein hygienischen Gr�nden. Um mit der Penisspitze nicht die Klobrille oder sogar die Innenseite der Sch�ssel zu ber�hren, griff ich beim Pinkeln mit der Hand zwischen meine Schenkel und dr�ckte meinen Apparat senkrecht nach unten. Damit wollte ich gleichzeitig verhindern, da� der Urinstrahl durch den Spalt unterhalb der Klobrille meine heruntergelassene Hose ben��te.</p><p>��Was machst du da? fragten dann die Erzieherinnen, die die Zufluchtsorte der Aufs�ssigen h�ufig kontrollierten.</p><p>��Nichts, nichts weiter.</p><p>Offenbar konnte ich meine Lippen und meinen Unterkiefer gerade frei bewegen. Man klebte mir den Mund nur an den Tagen mit Klebeband zu, an denen ich ununterbrochen redete und nicht anders zu stoppen war. Das papierene Klebeband wurde von den Erzieherinnen immer gro�z�gig angeleckt, und ich mu�te den Mund fest verschlossen halten, um die Feuchtigkeitslinie meiner Lippen vor der klebrigen Fremdspucke zu sch�tzen. Bald sp�rte ich schon, wie der Klebestreifen trocknete, sich zusammenzog und meinen Mund ein bi�chen kleiner machte. Dazu mu� man wissen: Wir � die Kleinen wie die Gro�en � lebten damals in Prag, ohne darunter sonderlich zu leiden, in einer totalit�ren Gesellschaft.</p><p>Wenn ich mir meinen Penis heute ansehe und mich kurz konzentriere, bekomme ich umgehend das Gef�hl, da� es sich um ein �sthetisches Gebilde handelt. Er sieht sch�n aus, etliche Details im Eichelbereich finde ich sogar wundersch�n. Seine �sthetik entdeckte ich allerdings erst relativ sp�t, etwa ein Jahrzehnt nach seinem Erwachsenwerden, etwa dreizehn Jahre nach seiner sp�ten Beschneidung, die meine Mutter nicht mehr aus n�chster N�he verfolgen, nicht mehr liebend begleiten konnte. Meine Mutter badete und pflegte mich in meiner Kindheit mit gro�er Inbrunst, strahlte dabei jedesmal intensiv � als ob sie mich gerade frisch geboren h�tte. Da� ich in die L�nge wuchs und immer gro�fl�chiger ges�ubert und gepflegt werden mu�te, st�rte sie �berhaupt nicht. Wenn eines Tages der strenge Tantenrat nicht eingeschritten w�re, h�tte meine Mutter sicher weitergemacht � und ich h�tte mich heute als Mutters Pflegefall pr�sentieren k�nnen.</p><p>Wie man sich dank dieser kleinen Information denken kann, war ich Mutters einziges Kind. Es ist aber nicht die ganze Wahrheit: Ich hatte um mich herum mehrere m�tterliche Wesen zur Auswahl und war auf meine Mutter nicht unbedingt angewiesen. Sie fiel als Bezugsperson sowieso �fter aus. Aber sie liebte mich trotz ihrer h�ufigen Depressionen und trotz meiner Widerspenstigkeit �ber alles, und ich versuchte sp�ter, ihre Liebe mit allen Mitteln weiterzugeben. Das n�tige Zeug dazu hatte ich nun mal. Wieso ich meinen Hodensack mit seinem unsichtbaren und geheimnisvollen Samenlabor � im Gegensatz zu meinem Penis � nie sonderlich sch�n finden konnte, besch�ftigt mich bis heute. Was den dunklen Sack im Konkurrenzkampf mit der Nr. 1 so bla� aussehen l��t, ist nat�rlich die ihm fehlende Orgasmusf�higkeit. Das gleiche gilt allerdings auch f�r die zartsch�nen Augenlider, die � egal, wie schnell man sie bewegt � nicht in der Lage sind, Lust zu spenden.</p><p>Die sp�teren Sorgen um meinen Penis betrafen in erster Linie seine angemessene Unterbringung; sie beherrschten mein Denken, �berschatteten meinen Alltag, lie�en mich oft wie einen sabbernden Idioten aussehen. Zum Gl�ck konnte ich bald das erste konkrete Ziel meiner W�nsche ins Auge fassen. Als Dana einmal bei uns �bernachtete, trug sie ein ziemlich durchsichtiges Nachthemd. Abends bekam ich das nicht mit. Um so intensiver erlebte ich es am n�chsten Morgen. Dana kam aus dem sogenannten G�stezimmer, das indirekte Sonnenlicht beleuchtete sie schr�g, und ich sah deutlich ihre steifen Brustwarzen und ihr dunkles Schamhaar. Von diesem Augenblick an war klar, da� ich eines Tages dorthin, genau an diese n�mlichen Punkte, gelangen wollte. Dana war ein reizend zierliches Wesen. Problematisch war nur, da� sie viel �lter war als ich. Sie war �ber vierzig, ich war damals sechzehn. Die n�chste Schwierigkeit bestand darin, da� sie die beste Freundin einer meiner Tanten war, nat�rlich auch die Freundin meiner Mutter.</p><p>Lange Jahre meines Lebens empfand ich das meiste von dem, was ich erlebt habe, als so peinlich und unertr�glich, da� ich froh war, es so nie wieder erleben zu m�ssen. Egal, wie gl�cklich ich in meiner Kindheit und Jugend immer wieder war, in der Regel fand ich die Umst�nde meiner Aufzucht f�rchterlich. Leider bauten sich diese Gef�hle mit der Zeit nicht ab, sie summierten und verformten sich, quetschten sich bis zur Unkenntlichkeit ineinander. Ich gew�hnte mir vorsichtshalber an, auf meine groteske Familie und auf mich mit Despektion herabzublicken. Ich sah uns wie von au�en durchs Glas, ich sah uns wie durch eine kalte Wasserwand. Meine Blicke k�hlten bei jeder neuen, naturgem�� oft minderwertigen Lichtbrechung weiter und weiter ab. In unserer Wohnung gab es f�r diese Art von Blicken etliche halberblindete Spiegel, den gr��ten von ihnen schlug ich bei einem Wutanfall kaputt.</p><p>Der Proze� der st�ndigen Herabsetzung hinterlie� in mir tief eingeritzte und eingestanzte Spuren. Und weil ich diese Art Selbstbesch�mung konsequent praktizierte, drohten meine Ekelgef�hle mich irgendwann vollkommen auszuf�llen. Sie machten ein fast hoffnungslos verschlossenes Wesen aus mir. In besonders schlimmen Kernzeiten verschlug mir meine Vergangenheit die Sprache so gr�ndlich, da� ich es nicht einmal wagte, unverst�ndlich zu murmeln. Ich konnte mich nur noch stumm wundern � �ber mich und alles, was es au�erhalb von mir noch so gab. Aber auch in besseren Zeiten hielt ich lieber dicht, wenn man von mir konkrete Aussagen verlangte.</p><p>��Wie f�hlst du dich?</p><p>��He? Hm.</p><p>Das hat sich grundlegend ge�ndert. Mein Name ist Georg, und ich habe jetzt endg�ltig keine Probleme mehr damit, �ber mich und meine Vergangenheit zu sprechen. Seltsamerweise war mir auch in den schlimmsten Perioden meines Lebens klar � und es stand trotz aller Dauerqualen immer au�er Zweifel � , da� mich eine helle Zukunft erwartete. Das erleichterte mir mein Vegetieren ungemein. Mein unersch�tterlicher Glaube an die Zukunft bewirkte n�mlich, da� meine Sorgen nicht vorrangig die jeweilige Gegenwart, sondern fast ausschlie�lich meine Vergangenheit betrafen. Ich mu�te mich andauernd sch�tteln, wenn ich zur�ckdachte. Wenn ich daran dachte, was ich gerade hinter mir gelassen, welchen Unsinn ich da und dort erz�hlt hatte, litt ich wie ein verst�mmeltes Versuchstier. Meine Besch�ftigung mit dem Vergangenen war f�r mich fr�her auch deshalb so qu�lend, weil ich gern zwanghaft phantasierte, was alles h�tte brutal schiefgehen k�nnen in meinem Leben � noch viel schlimmer h�tte ausgehen k�nnen, als es der Fall war. So graute es mir aber wirklich nur vor meiner l�stigen Vorgeschichte � egal, wie realistisch oder angstverfremdet ich sie in mir aufbewahrte. An die allt�glichen Abgr�nde war ich dagegen gew�hnt. Au�erdem war ich in meinem aktuellen, wenn auch oft reichlich abgr�ndigen Morast aktiv zugange, war wegen seiner z�hen Klebrigkeit stark geworden und konnte nebenbei zusehen, wie ich meinem vorverlagerten Gl�ck immer n�her kam.</p><p>Wenn ich im Zusammenhang mit meiner Vergangenheit W�rter verwende, in denen es ums� Denken �oder� Nachdenken �geht, hei�t das nicht, da� ich damals �ber mich wirklich nachgedacht h�tte. Es war h�chstens ein dumpfes Br�ten, wozu ich f�hig war. Bei uns zu Hause war es aus R�cksicht voreinander nicht �blich, den anderen verbal zu nahe zu treten, mit entsichertem Mund Fragen zu stellen und Antworten zu verlangen. Um gar nicht in Versuchung zu kommen, andere seelenpenetrant zu bel�stigen, dachten also auch die Kl�geren unserer Familie �ber sich selbst lieber nicht nach � und wegen der fehlenden �bung konnte es tats�chlich auch niemand von ihnen. Inmitten des engen h�uslichen Miteinanders empfand sich sowieso kaum jemand von uns als ein ausreichend abgegrenztes Einzelwesen; man spezialisierte und reduzierte sich funktional, wie man es von Bienen oder Ameisen kennt. In meinem gedankenlosen jungen Gehirn gab es daher viele freie Kapazit�ten � vielleicht ist deswegen mein Geruchssinn so h�ndisch hypertrophiert. Da� man Geheimnisse aus dem seelischen Unterleib �berhaupt preisgeben durfte, erfuhr ich erst mit sechsundzwanzig.</p><p>Was das Nachdenken betrifft, fehlten mir also jegliche Vorbilder, jegliche M�glichkeiten der Nachahmung oder Reibung; es fehlte mir auch an Material. Ich forschte nach nichts, ich speicherte nichts � infolgedessen wu�te ich fast gar nichts �ber mich. Als mich meine sp�tere Frau mit den einfachsten Gef�hlsfragen konfrontierte und klare Antworten verlangte, empfand ich ihr Insistieren als einen gewagten Versuch, meinen Brustkorb bis zum Hals aufzubrechen, um anschlie�end an meinem Gehirn von unten zu z�ndeln.</p><p>Sehr fr�h in meiner Kindheit entdeckte ich den Zauber meines breiten L�chelns. Ich kann mich noch erinnern, in welcher Stre�lage mir mein Trick zum ersten Mal gelang. Das Wohnzimmer war voller Menschen, eine breitgef�cherte, mir g�nzlich unbekannte Familie kam zu Besuch. Ich war winzig und mu�te trotzdem frontal gegen diese un�berschaubare Seelenansammlung antreten, mich der Pr�fung der doppelten Anzahl von Augen stellen. Viele M�nder grinsten mich an, Nasenl�cher weiteten sich, die Luft war voller Lungend�mpfe. Und jeder dieser K�rper war dabei, den Raum immer weiter aufzuheizen, jedermann gl�hte wie eine 100-Watt-Birne. Ich entschied mich, breit zu l�cheln. Ich kam, l�chelte und gewann. Ich gewann trotz meiner tiefen Angst und war verbl�fft, wie einfach es war. Alle Anwesenden waren von mir begeistert. Andere Kindergenossen konnten in solchen Situationen nur verkrampft grinsen, ich stellte dagegen ein naturidentisches Gesichtsprodukt her. Ich mu�te nichts sagen, mein L�cheln sagte alles: Ich war ein gl�ckliches Kind aus einer gl�cklichen Familie, und mir ging es gut. In meinem Leben l�chelte ich auf diese Weise nach und nach Unmengen von Menschen an. Leider kam ich mir dabei, je bewu�ter ich es betrieb, immer mehr wie ein Trottel vor.</p><p>Was Depressionen sind, erlebte ich schon ziemlich fr�h. Ich war zehn oder zw�lf. Aber auch Jahre sp�ter wu�te ich noch nicht, was dieses Gef�hl, das sich nicht mitteilen lie�, eigentlich war und wie es hie�. Traurigkeit war das nicht. Die Menge meiner Geheimnisse wucherte in mir kontinuierlich weiter. Als Kind hatte ich sowieso nicht viel Zeit zum Gr�beln, ich spielte dauernd Fu�ball. Ich spielte jeden Tag Fu�ball, obwohl ich nicht besonders gut spielte und trotz des Dauertrainings kaum technische Fortschritte machte. Bei Tortreffern, die in der Regel den anderen gegl�ckt waren, br�llte ich nie. Meine stumme Pr�senz auf dem Feld war trotzdem hochgradig emotional. Schnelle Bewegung versetzte mich schon immer leicht in Trance, bet�ubte mich wie eine Droge.</p><p>Zu meiner �berlebensstrategie geh�rte, da� ich keinen Fremdling in das Innere unseres Prager Wohnungslabyrinths hineinlie�. Wenn ich �berhaupt einen Besuch empfing, bestand er grunds�tzlich nur aus einer oder zwei meiner Cousinen vom anderen Ende des Flurs. Wer von au�erhalb kam, wurde so lange an der T�r aufgehalten und genervt, bis er wieder ging. Da� er die vielen seltsamen und so unterschiedlichen Namen an der T�r zu sehen bekam, war schon schlimm genug. Wenn ein solcher St�rer vor der T�rschwelle lange genug zerm�rbt wurde, kam er in der Regel nie wieder. Unsere Wohnung war hochgradig verunstaltet, sie war eine Mi�geburt voller Narben und h��licher Kompromisse. Leider war kein einziges Familienmitglied in der Lage, das zu erkennen. Auch die schlimmsten Geschmacksverbrechen wurden einfach ignoriert. - H��lich? Wieso h��lich? So etwas ist doch nie h��lich.</p><p>Den meisten Erwachsenen fehlte aber nicht nur jeglicher Sinn f�r �sthetik. Wegen der vielen divergierenden W�nsche und Bed�rfnisse, die es in unserer Zwangsgemeinschaft gab, wurde die aktuelle und oft nur l�cherliche Funktionalit�t der Einrichtung �ber alle Ma�en idealisiert, so da� der Wille, auch geringf�gigen �nderungen zuzustimmen, grunds�tzlich gegen null tendierte. Mein Grauen war nicht das Grauen meiner Damen, verzweifelt waren wir aber trotzdem alle. Manche Tanten retteten sich in Putz- und Wischzwang ihrer vertrauten Teilbereiche, ein solches Ventil hatte ich nicht. Die meisten Familienmitglieder waren gen�gsam und freuten sich einfach, den Krieg �berlebt zu haben. �ber ihren fehlenden Versch�nerungswillen mu�te man allerdings eher froh sein.</p><p>Unsere Wohnung war voll von dunklen M�belst�cken reicher und 1945 nach �sterreich geflohener Deutscher. Diese Einrichtung war zwar nicht nur h��lich � vor allem im Zimmer meiner Mutter gab es einige originelle Prachtexemplare � , alle verr�ckbaren Einzelteile der Einrichtung waren aber trotzdem gef�hllos, nur nach fragw�rdig praktischen Gesichtspunkten zusammengestellt; das hei�t � zusammengeschoben, aufeinanderget�rmt oder ineinander verkeilt. Die klobigsten, unm�glichsten Monster standen meiner Meinung nach in meinem Zimmer, und die Atmosph�re, die sie ausstrahlten, h�tte vielleicht einer verarmten Witwe entsprochen, nicht mir. Jedes einzelne St�ck, das die Gro�familie besa�, schien uns allen �beraus kostbar; und irgendwann leuchtete es auch mir ein, da� ich mich von bestimmten Dingen nie im Leben w�rde trennen d�rfen. Mit einigen besonderen, besonders gut riechenden M�belst�cken freundete ich mich mit der Zeit trotz allem an. Manche davon waren mir zeitweise n�her als meine Mutter.</p><p>In unserem Teil der Wohnung �nderte sich jahrzehntelang nur wenig; und wenn, dann geschah es zu seinem Nachteil. Meistens bekamen wir nach einer Wohnungsaufl�sung � auch als Erinnerung an den Toten, den wir pers�nlich gekannt hatten � irgendein dunkles, zu unserer Einrichtung nicht passendes Einzelst�ck geschenkt. Aber auch neue helle M�bel aus modernen sozialistischen M�belbetrieben w�ren f�r die Melange in unserer Behausung eine Katastrophe gewesen. F�r solche Neuanschaffungen hatten wir zum Gl�ck nie genug Geld. Tags�ber hielten sich diejenigen, die sich vertrugen, gern in dem gem�tlichen Zimmer meiner arbeitenden Mutter auf. Mein Zimmer verkam schon sehr fr�h zu einem reinen Schlafzimmer, zu einer Kleider-, W�sche- und Vorratskammer. Vorr�te hielten sich in diesem sonnenfreien Nordzimmer neben dem Treppenhaus sehr gut, weil wir dort praktisch nie heizten.</p><p>In der Wohnung gab es nicht nur zu viel H��liches, das ich vor Au�enstehenden verborgen halten mu�te, es gab dort vor allem Dinge, die ausgesprochen h��liche Fragen aufwerfen konnten. Und man traf dort Frauen, die seltsame Dinge erz�hlten � wohlgemerkt mit einem ausl�ndischen Akzent; eine von ihnen machte dabei sogar grobe grammatikalische Fehler. Au�erdem stritten sich diese Personen untereinander oft auf Deutsch oder Ungarisch. Dank meines Isolationismus dachte ich in meiner Kindheit eine ganze Weile, die meisten �lteren Frauen mit wei�en Haaren w�rden das Tschechische aus Altersschw�che nicht beherrschen.</p><p>Nicht alle diese wunderlichen Menschen, die sich bei uns tags�ber aufhielten, wohnten auch tats�chlich da. Dummerweise fehlte in der Wohnung auch so etwas wie mein Vater. Klein und dick, wie er war, war er zwar kein Ausstellungsst�ck, sein Auslagerungszustand war aber definitiv und w�re schwer zu bestreiten gewesen. In Mutters Zimmer befanden sich viele unterschiedliche Polstersessel, es stand dort aber nie ein Doppelbett. In meinem Zimmer schlief mein Vater auch nicht, daf�r schlief dort meine Hauptgro�mutter Lizzy. Da� in meinem� Kinderzimmer �zwei Betten standen, war � jetzt sch�ttelt es mich wieder � im Grunde noch geheimer als das Getrenntsein meiner Eltern.</p><p>Aus Sehnsucht nach weiblichen Wesen, die sich kraft ihres Amtes um einen bem�hen mu�ten, ging ich gern in diejenigen Gesch�fte, die von warmbl�tigen Frauen dominiert wurden. Abscheulich fand ich dagegen solche, in denen ein unbarmherziges m�nnliches Kommandoregime eingef�hrt worden war. Zum Gl�ck gab es solche L�den damals kaum. K�hlgesch�ftige und meist von M�nnern befehligte Selbstbedienungsl�den tauchten in unserer N�he erst sehr sp�t auf. Ich bin sowieso in einer Entwicklungsphase des Sozialismus gro� geworden, in der sich relativ viele Menschen feuerbest�ndige Illusionen �ber ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Perspektiven machen konnten. Deshalb war die Stimmung vielerorts im Lande zwar nicht die allerbeste, sie war im allgemeinen aber zufriedenstellend und definitiv um viele Qualit�tsgrade besser, als es sp�ter nach dem Einmarsch der Russen der Fall war. In Zeiten meiner Kindheit und Jugend gab es au�erhalb unserer Wohnung also � ich bin bis heute gl�cklich dar�ber � noch wirkliche Inseln des Gl�cks und des Optimismus. Eine davon war ein Stoffladen, ein Ort voller gepflegter, duftender Damen und unterschwelliger Erotik. Und nat�rlich auch voller �berwiegend h��licher Stoffe, die man in einem solchen Laden irgendwann auch kaufen mu�te, wenn man sich dort l�nger aufhalten wollte.</p><p>Von au�en betrachtet ging es mir in der innenarchitektonischen H�lle unserer Wohnung mehr als pr�chtig. Ich wurde umgarnt, bewundert und gepriesen. Ich wurde �ber alles geliebt. Daher ist es nur logisch, da� mein Leben eine permanente Geschichte des Verliebtseins geworden ist. Ich konnte mich blitzschnell auch in rein materielle Dinge wie Elektrokabel verlieben. Aber davon lieber sp�ter.</p><p>aus den lagern kamen nach dem krieg eher die damen zur�ck</p><p>Unsere riesige, in kleinere Wohneinheiten zerhackte Wohnung � neben Trennvorh�ngen geh�rten auch selbstgebastelte Pappw�nde dazu � war ein kompliziertes Gebilde, und die Familien, Familienteile oder ihre freischwebenden Reste waren f�r Au�enstehende nicht leicht zu �berblicken. Das Leben in unserer Wohnung beherrschten meine drei bis sechs Tanten beziehungsweise Gro�m�tter. Meine leibliche Mutter Anna geh�rte zum herrschenden Teil des Clans. Obwohl ich mir sicher bin, da� man die vielen Namen beim Lesen andauernd verwechseln wird, nenne ich sie hier trotzdem alle � und wenn schon, dann auf einmal: Zilli, Gy�rgyi, Klara, Peprl, Ludmila, Erna, Grete, Sidla, Renata, Lizzy, Eva, Anna und Urtante Bombe. Das sind zwar viel mehr als sechs, einen dieser insgesamt dreizehn Namen auszulassen w�re aber ein Verbrechen. Einige dieser Damen werden im Verlauf dieser Geschichte mehr Gesicht und Gestalt bekommen, andere kommen namentlich nicht wieder vor. Da� manche von ihnen mehr Pr�senz zeigten als andere, sagt �berhaupt nichts dar�ber aus, ob sie bei uns tats�chlich wohnten oder nicht. Die vierzehnte Apostelin war unsere Putzfrau Frau Slajsov�, die zweimal in der Woche kam, allerdings nicht alle R�ume betreten durfte. Bei ihren w�tenden Putzorgien ging immer viel zu Bruch, einiges wurde von ihr einfach kaputtgescheuert oder um irgendeine versch�nernde Oberfl�che gebracht. Sie schonte aber auch sich selbst nicht im geringsten, und ich bin mir sicher, da� der Ursprung ihres Namens im deutschen Wort ver-SCHLEISS zu suchen w�re. Ihre eigene Wohnung war angeblich vollkommen verdreckt. Bei allen Damen, f�r deren Geschichte sich in diesem Text aus rein dramaturgischen Gr�nden kein Platz finden wird � dies gilt selbstverst�ndlich nicht f�r die flei�ige Frau Slajsov� � , werde ich mich sp�ter im Jenseits gern noch entschuldigen.</p><p>Eine mit Namen �bers�te Skizze der Wohnung w�rde zu einer Kl�rung der Verh�ltnisse wenig beitragen. Unsere Wohnung erstreckte sich �ber die gesamte Etage eines gro�z�gig gebauten Mietshauses � und es gab dauernd irgendwelche Umschichtungen, Umbauten oder interne Umz�ge. Au�erdem hielt sich die eine oder andere Tante zeitweise im Ausland oder dauerhaft im Keller auf, andere kamen fast t�glich vorbei, �bernachteten gelegentlich, und die restlichen Mitglieder des Clans � in diesem Fall waren es M�nner � �bten ihre Macht als Phantome aus, lebten also nicht mehr wirklich. F�r die wechselnden Besucher, wom�glich auch f�r den aus v�llig areligi�sen Motiven erwarteten Messias, stand bei uns irgendwo immer ein Bett frei. Dazu eine Klarstellung � und diese betrifft auch den enormen Frauen�berschu�: Aus den KZs kamen nach dem Krieg nicht die Herren, sondern eher die Damen zur�ck.</p><p>Wenn ein Besuch beziehungsweise Langzeitbesuch erwartet wurde, kam bei uns einiges in Bewegung. Ein Teil oder zwei Teile des Flurs konnten mit Vorh�ngen abgetrennt werden, aus einer zugerammelten T�r�ffnung konnte eins der Zusatzbetten heruntergeklappt, bei Bedarf auch noch ein anderes von der Wand abgenommen werden. Diese sogenannten G�stezimmer engten die Bewegungsfreiheit eines Teils der Belegschaft stark ein, alle waren an solche Komplikationen aber l�ngst gew�hnt. Zu diesem zeitweiligen Durcheinander kam noch die wechselvolle Geschichte von diversen Kochnischen hinzu, die mit der Koalitionsbildung zwischen den Tanten und den Br�chen dieser Koalitionen zusammenhing. Eine unbewegliche Extrak�che war der Grund daf�r, da� eine seitliche Abzweigung des Flurs in grauen Urzeiten zugemauert worden war und es auch bleiben mu�te.</p><p>Da� aber kein falscher Eindruck entsteht: Alle diese Frauen waren bis auf eine Ausnahme richtige Damen aus gro�b�rgerlichen Verh�ltnissen, lebten fr�her in Villen und hatten mehrere Dienstboten. Meine liebste Gro�mutter Lizzy Schornstein war zudem mit der Baronin Sidonie N�dhern� � deutsch N�dherny (�bersetzt: Wundersch�n) � befreundet, kannte Karl Kraus pers�nlich und hatte in der Vorkriegszeit nichts dagegen, sich ab und an im Janowitzer Schlo� der N�dhernys von Borutin verw�hnen zu lassen. Wenn auch nicht so oft wie Herr Kraus.</p><p>Die Namen der wenigen, in der Wohnung kurzzeitig doch vorhandenen M�nner w�rde ich auch gern nennen, die meisten von ihnen spielten in meinem Leben aber keine pr�gende Rolle. Sie wurden entweder ins Nichts versto�en, oder sie hatten sich zu ihren heimlichen Geliebten gerettet � und man sprach von ihnen nicht mehr. Der einzige, der blieb, war der Onkel ONKEL, der eines Tages allerdings hinter einer Wand aus Schr�nken verschwand. Aber aufgepa�t: Dieser astreine Tscheche � also NichtJude par excellence � mauserte sich trotz aller seiner Schw�chen und seiner Fluchtman�ver zu einer der eindrucksvollsten m�nnlichen Gestalten meiner Kindheit. Allerdings erst posthum beim Schreiben dieses Textes.</p><p>Zu seinen Lebzeiten verbreitete Onkel ONKEL viel Angst und Schrecken � generations�bergreifend und in der Regel wortlos. So konnten wir alle, vor allem aber ich und meine Cousinen, fast t�glich neue Varianten der Furcht erleben und die Auswirkungen dieser �ngste auf unseren Stre�haushalt studieren. Onkel ONKEL herrschte unter anderem mit Hilfe seiner vielen gnadenlosen Werkzeuge, die vor allem mir pers�nlich viel Respekt einfl��ten. Wenn er gewollt h�tte, h�tte er uns mit seinen S�gen, Bohrern, Zangen, H�mmern oder Mei�el alle umbringen k�nnen. Er tat aber niemandem k�rperlich weh, uns Kindern nicht, den �berm�chtigen Frauen auch nicht. Den Anblick von Blut vertrug er sowieso nicht, bei Blutentnahmen wurde er oft ohnm�chtig. Mein Onkel war kein b�ser Mensch, er war vielmehr ein handwerklich begnadeter Mann mit Vorbildqualit�ten. �ber seine manuellen Gro�taten beziehungsweise �bergriffe, die immer eng damit zusammenhingen, da� er farbenblind und sein gestalterisches Gef�hlsleben verk�mmert war, wird noch einiges zu berichten sein. Seine technikgepr�gten Gewalttaten, die manchmal in �ble Desaster m�ndeten, hatten in der Regel irreversible Folgen. Daher war es oft vollkommen egal, ob seine Schandtaten den �brigen Familienmitgliedern sch�n, annehmbar, h��lich oder grundh��lich vorkamen. Von Hause aus war Onkel ONKEL eigentlich Pfarrer der 1920 gegr�ndeten� Tschechoslowakischen Kirche�(meine Definition: KATHOLIZISMUS minus PAPST plus JAN HUS). Nach dem Krieg wurde er aber Kommunist, verlie� seine Kirche und ging � wie viele junge M�nner damals � erst einmal zu dem frisch wuchernden Staatssicherheitsdienst.</p><p>Da� er sich eine Art Wagenburg aus Schr�nken gebaut hatte, war eine reine Verzweiflungstat. Bei einer sicher nicht ganz demokratisch verlaufenden Verhandlung �ber die Verteilung oder Umverteilung der R�umlichkeiten bekam er ein langgezogenes Durchgangszimmer zugesprochen. Und weil es f�r ihn allein eigentlich zu gro� war, wurde er dazu verurteilt, in seinem Bereich verschiedene W�sche-, Kleider-, Schuhschr�nke und Kleinkramregale unterzubringen; au�erdem einige Truhen, Kisten und einige besonders sperrige Gegenst�nde � darunter mehrere unterschiedlich lange und unterschiedlich stabile Leitern, zwei Staubsauger und einige zusammengerollte Teppiche.</p><p>Eines Tages baute er dann seine Befestigungsmauer und lie� f�r die Allgemeinheit nur einen schmalen Gang frei. Die L�sung war denkbar einfach: Er r�ckte die Schr�nke von der Wand ab, so da� ihre h��lichen R�ckseiten diesem neu entstandenen Korridor zugewandt blieben. Manche der Schr�nke drehte er dagegen andersherum � dabei bekam zwar er ihre R�ckseiten zu sehen, konnte aber sein Bett, seinen Schreibtisch und seinen heiligen Sekret�r dort heranr�cken. Praktischer ging es gar nicht. Der neue Korridor wurde sp�ter mit Wandleuchten best�ckt, und diese konnten mit Wechselschaltern ein- und ausgeschaltet werden. Den Eingang zu Onkels eigentlichem Innenbereich bildete ein schwerer, eine �briggelassene L�cke f�llender Vorhang, den niemand gern anfassen mochte. Wenn die Sonne nachmittags ums Haus kam und der Onkel seine Pfeife rauchte, sah man von ihm nur die dicken Rauchwolken oberhalb seines Bollwerks.</p><p>Dunkel kann ich mich noch an eine sicherlich viel zu sp�t anberaumte Verhandlung erinnern, bei der es um seine eigenm�chtige Zerschlagung dieses� Festsaales �ging.</p><p>��Und wenn wir mal ein gr��eres Fest ausrichten m�chten, was dann?</p><p>Was daraufhin geschah, pr�gte sich mir f�r immer ein. Mein Onkel war nicht dumm, er hatte alles bedacht. Er stand auf, lehnte sich gegen einen der Schr�nke und schob ihn mit Leichtigkeit an die Wand. In schneller Abfolge tat er das Gleiche mit zwei weiteren Schr�nken, wir wichen den fahrenden Kolossen aus und schwiegen. Die Gewaltt�tigkeit dieses massereichen Treibens war be�ngstigend. Einen vierten Schrank, der an Onkels Bett stand und dessen T�ren zum Gang zeigten, drehte er auf dem glatten Parkettboden ger�uschlos um hundertachtzig Grad und schaffte ihn auch aus dem Weg. Wie wir sehen konnten, hatte er unter allen Schrankf��en gro�e weiche Filzst�cke befestigt.</p><p>��Bitte, sagte er dann, wen wollen wir einladen?</p><p>Alle wu�ten aber l�ngst Bescheid: In seinem Zimmer w�rde nie ein Fest gefeiert werden. Und so war es dann auch.</p><p>Mein Onkel wurde einerseits � also tantenseits � zur Bedeutungslosigkeit degradiert, andererseits war er daran auch selbst schuld. Er wehrte sich oft nicht, und man hatte eher das Gef�hl, er sei mit dem Abschied aus der Klammer der Gro�familie durchaus zufrieden. Den allt�glichen Familienbetrieb hielt er sich sowieso eigenm�chtig und dauerhaft vom Leib � physisch mit dem dreckschweren Vorhang, seine eigentliche Nebelkanone war allerdings sein Fernsehapparat, der lange Zeit auch der einzige in der gesamten Wohnung war. Mit Hilfe dieses r�hrengl�henden Monstrums verschwand mein Onkel gern vollst�ndig in den ihm vorgegaukelten Welten und befand sich gleichzeitig auf einem sehr einsamen Vorposten. Nebenbei stand er dort als unser medialer Filter seinen Mann. Anfangs mu�te er mit einem einzigen Fernsehprogramm auskommen � erst sp�ter kam ein zweites hinzu. Er brauchte im Grunde niemanden. In seinen vier, streng genommen zwei eigenen W�nden erschuf er sich mit der Zeit eine so geheimnisvolle Realit�t, da� sogar meine beiden Cousinen � es waren seine T�chter � sich zu ihm wie zu einem Fremden verhielten. Beim Konsumieren des Fernsehprogramms tat Onkel ONKEL so gewichtig, da� ich immer das Gef�hl hatte, er w�re von gro�artigem Wissensdurst getrieben und w�rde sich vor dem Bildschirm gezielt auf neue umw�lzende Gro�projekte vorbereiten. Ich glaubte weiterhin an ihn � jedenfalls in handwerklicher Hinsicht. Wenn man ihn durch den Spalt seines Vorhangs ansprach, an dem eine kleine Glocke hing, rief er immer laut: � Psst! Nicht! Jetzt nicht! Sei still!</p><p>Wenn der Onkel von der Arbeit nach Hause kam, ging er als erstes zu seinem Fernseher und schaltete ihn ein. W�hrend das R�hrenger�t warmlief, zog sich Onkel ONKEL seine Hose aus und f�llte seine Pfeife. Onkels journalistischer Beruf war anstrengend, verantwortungsvoll und vielschichtig. Er war der alleinherrschende Chefredakteur, der stellvertretende Chefredakteur, der verantwortliche Redakteur und die Sekret�rin in einer Person, und die Fachzeitschrift f�r Energetik, Energiewirtschaft und Energiepolitik, die er vollkommen allein redigierte, las bei uns niemand. F�r niemanden von uns hatte sie je etwas bedeutet. Au�erhalb unserer Familie schien diese Monatsschrift au�erdem vollkommen unbekannt zu sein. Trotzdem d�rfte man meinen Onkel ohne weiteres als Karl Kraus der Energetik, Energiewirtschaft und Energiepolitik bezeichnen, denke ich. Obwohl ich zugeben mu�, da� ich ihn nie im Leben an einem einzigen Artikel in Manuskriptform habe arbeiten sehen.</p><p>Eine ganze Weile nach dem Einschalten zeigte Onkels Fernseher die ersten beweglichen Bilder und lief und heizte dann ohne Pause bis zum Schlafengehen. Das Einstiegsmodell war noch riesig, der winzige Bildschirm wirkte darin wie ein Guckloch. Mit der Zeit wurden Onkels Bildschirme selbstverst�ndlich immer gr��er. Weil er ein von der Technik begeisterter Mensch war, kaufte er in den Folgejahren grunds�tzlich alle Neuentwicklungen, die der sozialistische Elektronikbetrieb TESLA herausbrachte. An diesem Ausgabenposten sparte er nicht.</p><p>Sein Ritual beim Zuschauen blieb jahrzehntelang unver�ndert. Er legte seine weichen wei�en Beine auf seinen selbstgebastelten Nierentisch, rauchte dabei seine Pfeife und trank seine oft selbstkreierten Gesundheitslik�re und Kr�uterschn�pschen. Ab und zu kommentierte er erregt das Programm, und dank der zentralen Lage seines Zimmers wu�ten �ber seine Gem�ts- und Meinungslage jedefrau und jedermann Bescheid. Mit dem� jedermann �bin ich gemeint. In Onkels Schrankmauer gab es anfangs noch kleine Ritzen, durch die man ihn beobachten konnte. Als er diese nach und nach abdichtete, blieben uns allen nur noch links- oder rechtsseitige Durchblicksm�glichkeiten an seinem Eingangsvorhang �brig.</p><p>Als junger Mann mu� mein Onkel noch ausgesprochen lebendig und witzig gewesen sein. Eva, seine zuk�nftige Frau, war von ihm ganz hingerissen. Und sie wollte ihre Begeisterung auch mit ihrer Mutter teilen. Nachdem sie ihn das erste Mal mit nach Hause genommen hatte, fragte sie:</p><p>��Wie findest du ihn, sag mal.</p><p>Dieser Mann wird sp�ter dick oder krank � oder beides, meinte Lizzy trocken.</p><p>Den Mann, der mein Onkel war, nahm man nie wirklich ernst � hinter seinem R�cken sprach man von ihm wie von einem Trottel � , trotzdem hatten auch die st�rksten meiner vielen Frauen eine Heidenangst vor ihm. Ich war ihm als Kind nat�rlich hoffnungslos unterlegen. Zwischen ihm und den Frauen, die als Clique unbesiegbar waren, gab es eine Art Waffenstillstand. Pro forma wurde jedenfalls so etwas wie ein Gleichgewicht simuliert. Gegen�ber seiner Frau Eva hatte Onkel ONKEL allerdings gewisse, wenn auch nur beschr�nkte Vollmachten. Zum Beispiel durfte er sie zwingen, sich vor die Glotze zu begeben und gemeinsam mit ihm bestimmte Sendungen abzusitzen. Tante Eva, die nicht in der Lage war, sich von ihm scheiden zu lassen, bewohnte ein bescheidenes Nordostzimmerchen, das sehr weit von der Wagenburg entfernt lag. Wenn sie von ihrem Gebieter, meinem Onkel, zu einer Fernsehsitzung gerufen wurde, kam sie, setzte sich hin und widersetzte sich dem Terror dergestalt, da� sie sofort einschlief. Nach der Pflichtsendung mu�te sie sich noch einige Vorw�rfe anh�ren und durfte dann wieder gehen; manchmal wurde sie als eine Ignorantin schon w�hrend der Sendung verjagt. Und sie las dann flei�ig die halbe Nacht fremdsprachige B�cher, weil sie eine gebildete Frau war, sieben Sprachen sprach und relativ wenig Schlaf brauchte.</p><p>Manche Seltsamkeiten waren f�r uns Kinder nicht weiter verwirrend, wir waren einiges gew�hnt. Mit schwer verdaubaren Eindr�cken und unlogischen Informationsbrocken versorgte uns vor allem die Urtante Bombe. Urtante Bombe war in Wirklichkeit keine Tante von mir; das� UR �war in ihrem Fall sowieso nur ironisch gemeint. Sie wurde eher zwangsl�ufig zu dem, was sie war, weil sie in unserer Wohnung schon seit dem Kriegsende wohnte � l�nger als ich. Ihr Status und der Grad ihrer genetischen Assoziierung mit unserer Familie wurden nie ganz gekl�rt. Da aber auch die fast verwandtschaftlichen Beziehungen bei uns schon eiserne Verpflichtungen mit sich brachten, kam es nie in Frage, ihr Zimmer zu beanspruchen und sie auszuquartieren. Auch w�hrend eines ihrer Auslandsaufenthalte blieb ihr Zimmer ihr Zimmer. Schwer zu sagen, ob diese Urtante ein Gl�ck oder Ungl�ck f�r mich war. Dank ihrer �berstarken Pr�senz wu�te ich lange nicht, in welcher Zeit und welchem Land ich eigentlich lebte. Und auch nicht, in welche Richtung die Moldau flo�. Oberhalb des Altst�dter Wehres stand das Wasser relativ ruhig, und die Wellen bewegten sich je nach Windrichtung mal mit, mal gegen den Strom.</p><p>��Flie�t das Wasser nach links oder nach rechts?</p><p>��Siehst du das nicht? Nach unten! sagte sie und zeigte nach oben � also in die s�dliche Richtung.</p><p>��In Budapest war alles anders. Gro�z�giger, fast wie in Wien, meinte sie nach einer Weile.</p><p>Die von mir etwas sp�ter angefertigten Stammb�ume der beiden Familien � also unserer und der von Urtante Bombe � ber�hren sich in ferner Vergangenheit an zwei offengebliebenen Stellen; und zwar ausgerechnet in Budapest, wo seit dem Krieg nur noch einige kontaktscheue Reste der Familie festsa�en. Von diesen ignoranten Menschen, die sich � das ist k�rzlich bei einer Nachfrage mein Eindruck gewesen � l�ngst schon als ungarische Nationalisten f�hlen und reine Sozialneid-Antisemiten geworden sind, wird man leider nichts mehr erfahren k�nnen. Die Urtante kam als� displaced person �nach Prag, und ihre Zugeh�rigkeit zu uns gr�ndete sich sowieso nicht auf irgendwelchen verwandtschaftlichen Klarheiten. Sie war vor dem Krieg die Geliebte eines Anwalts gewesen, der ein Arbeitskollege meines noch vor dem Krieg verstorbenen Gro�vaters war. Nach dem Krieg versuchte Urtante Bombe bei anderen Verwandten in der Deutschen Demokratischen Republik unterzukommen, kehrte aber bald wieder zur�ck und wirkte etwas verwirrt. Und war noch kommunistischer geworden. Als ich sie sp�ter einmal nach den M�glichkeiten der ostdeutschen Bev�lkerung ausfragte, Fernsehprogramme aus der Bundesrepublik zu empfangen, sagte sie resolut:</p><p>��Aber das tut man nicht, das tut man einfach nicht.</p><p>Auf alten Fotos haben meine vielen Tanten trotz ihrer Unterschiedlichkeit oft einen �hnlichen Gesichtsausdruck: sie sehen etwas vorsichtig in die Ferne und l�cheln dabei leicht. Urtante Bombe bildet hier eine absolute Ausnahme. Ihre aufgerissenen Augen sind immer voller Schreck � wie vor einer jederzeit zu bef�rchtenden Bombenexplosion. Dabei war sie als Sozialistin grunds�tzlich voller Glauben an die Zukunft.</p><p>manchmal st�rzten ganze Vorhangsysteme zu boden</p><p>Da� meine private Zukunft sich zwischen den Nippeln und Spalten der fraulichen Neozoikallandschaften abspielen w�rde, schien mir mehr als nat�rlich zu sein. Und da auf mich diese Vorstellung nie beunruhigend gewirkt hat und ich kein feingeistiger Dichter geworden bin, bin ich beim Verschriften der Liebesthematik, beispielsweise auch beim Behandeln spezieller Stichworte wie VORFREUDIGE SAFTVULVA, Beihodennullbeitrag, ZERHEULTE ROTZE, Pollution verschm�hten Bulbourethral-Schleims, VERPILZTE VORHAUT, Abschiedsausflu� und einiger anderer, um gr��ere Geschmacksverbrechen herumgekommen � ich hoffe es jedenfalls. Zum Gl�ck hatte ich aber auch nie das Bed�rfnis, mir wegen meiner Nippel-, H�gel- und Spaltenphilie �bertrieben viel Jubel abzupressen. Nebenbei bin ich sowieso ein Gegner jeder ernstgewuchteten Poesie geworden, und mein Sch�del f�llt sich seit meiner Kindheit mit dunkler Leere, wenn ich gedichtartige Wortgebilde zu sehen oder zu h�ren bekomme. Kein Wunder! Der junge Georg wurde durch die Fernsehsendung� Das sonnt�gliche Str�u�chen der Poesie �tief furchig traumatisiert. Ein an ein Klavier gelehnter Schauspieler sagte zehn Minuten lang mit uns�glichem Pathos schw�lstige Reime auf, und die ganze Nation � nicht nur Georg � litt, weil jedermann auf den ausl�ndischen Spitzenspielfilm der Woche wartete.</p><p>Die Naivit�t, mit der ich alle m�glichen auf mich einwirkenden Kraftfelder und mich durchschreitenden Enersiequanten ertragen habe, kommt mir im Nachhinein erschreckend vor. Da ich mir in der Schule ein Schema �ber die f�r die Wetterbildung hauptverantwortlichen Luftstr�mungen nicht sph�risch vorstellen konnte, gab ich es irgendwann auf, mich mit den Gr�nden f�r Wetterver�nderungen zu befassen. Ich wu�te einfach nicht, warum es � unabh�ngig von der Sonnenstrahlung � drau�en manchmal viel k�lter oder w�rmer war, als beim Blick durchs Fenster zu erwarten gewesen w�re. Ich nahm das Wetter �ber drei�ig Jahre lang einfach hin � bis ich einiges endlich anhand von Satellitenbildern begriff. �hnlich naiv betrachtete ich die psychischen Dispositionen meiner Mitmenschen � und sch�tzte ihre seelische Aussteuer als etwas ein, das jeder im fertiggebackenen Zustand geliefert bekommen hatte. Und da die jeweiligen Seelen ganz offensichtlich nicht mehr umgebacken werden konnten, nahm ich beispielsweise an, jeder w�re gezwungen, auch mit seinen ihm untergeschobenen Macken f�r immer auszukommen � m�glichst auf der Basis eines Stillhalteabkommens. L�fte bliesen, Substanzen verteilten sich, Energien flossen � oder flossen nicht. Wenn zu uns bestimmte Menschen kamen und laut klagten, war mir seit dem Sabberalter intuitiv klar, da� den meisten von ihnen nicht zu helfen war.</p><p>��Wieso kommt aus mir nie Kunst heraus, wenn ich etwas aufschreibe? jammerte ein bekannter Journalist wiederholt bei uns.</p><p>Ich mu�te mich gl�cklicherweise nie darum k�mmern, was aus mir sp�ter herausstr�men wollen w�rde. Ich konnte ruhig warten, bis sich die f�r mich bestimmten �berraschungen konkretisieren w�rden. Da� z�hflie�ende Schmiersubstanzen oft �ble Flecke hinterlassen konnten, besch�ftigte mich meine ganze Kindheit �berraschenderweise auch noch nicht. F�r einen erwachsenen Mann und Familienvater, wie ich heute einer bin, ist eine solche L�ssigkeit kaum vorstellbar. Dabei lassen sich manche Flecke �berhaupt nicht entfernen, ohne die Substanz und Struktur des Flecktr�gerstoffes zu besch�digen. Ein ung�nstig plazierter Fleck kann eine ganze Hose ruinieren, einen grauenhaften Besucher auf einem farb-aktiven Fu�bodenbelag verewigen, einer Seele einen Schlachtstempel aufdr�cken. Wann habe ich begonnen, die oben genannten und mit ihnen verkn�pften Dinge in mir zu ordnen und zueinander in Beziehung zu setzen? Der Georg von heute, der nach der Kindergartenzeit auf den Toiletten Mittel- und Osteuropas vierzig Jahre lang falsch � das hei�t im Stehen � gepinkelt hat, wei� es leider nicht.</p><p>��Georg, Georg, Georg! hallte es von �berall. Dauernd ging es nur um Georg � trotzdem lie� man den Armen oft nur wundzappeln.</p><p>Wie unterschiedlich die Stellung eines fraulichen Beckens zu ihrem �brigen K�rper � zum R�cken, zu den Schultern und Schenkeln dieser oder der daneben stehenden Frau sein kann! Wie unterschiedlich sich dadurch die W�lbung eines Hinterns gestaltet! Und die Festigkeitsunterschiede der darin verborgenen Grundsubstanz! In welchem Alter ich angefangen habe, meine wertvolle Zeit mit diesbez�glichen Beobachtungen zu vertr�deln, kann ich mich ebenfalls nicht erinnern. Auf jeden Fall recht fr�h, und leider gibt es auf dieser Bahn, wie ich jetzt wei�, f�r Menschen wie mich irgendwann kein Zur�ck mehr. Wenn man einmal anf�ngt, edle Gender-Studien der heiligen �rsche zu betreiben, rutscht man zwangsl�ufig immer tiefer in diese Saftgrube, wird man als zuk�nftiger Invulvator kettenh�ndisch auf Dauer involviert, und es ist anschlie�end egal, ob man sich mit der aktuellen Rutschbahnbeschaffenheit im Sinne der Forschung besch�ftigt oder unterwegs nur ungl�ubig staunt. Wie richtungsstrebig man sich nebenbei auch zu winden versucht: Man bleibt im Zentrum des Themas trotzdem verfangen, bleibt ihm sozusagen treu. Ist es etwa ein Geheimnis, da� jede Frau ihr ORGAN DER MITTE auf jedem Schritt und Tritt bei sich tr�gt? Steigt die gef�hlte Temperatur des weiblichen ZENTRALORGANS aus dem Grund scheinbar immer nur an, weil sich ihm dieses � vom Bewu�tsein des jeweiligen Forschers gut abgeschirmt � gern im Dunkeln seines Sch�delinneren n�hert, �berhitzt wie ein Kleinkind nach dem Einschlafen? Die Vorstellungsgewaltigen unter den M�nnern sehen das frauliche Zentralmassiv zwangsl�ufig pausenlos vor ihrem inneren Hodenauge, stellen sich die Doppelw�lstchen, welche die vakante Mitte links und rechts umranden, r�umlich vor, h�ren fast, wie diese Doppellippen bei den Bewegungen der Schenkel, also bei jedem Schritt in einen leisen Massagevorgang verwickelt werden und dabei manchmal sogar zirpen � vom Schmatzen w�rde ich hier nicht gern sprechen wollen. Auch dieser Text wird zwangsl�ufig keinen anderen Weg nehmen k�nnen als den durch den Haupteingang. Und jetzt Posaunensalven, bitte! Schon der Einstieg bei derartig massiver Sogwirkung und bei so viel �berzeugungskraft � und der folgende allumfassende orgasmusnahestehende Erstku�! Wen kann es dann verwundern, da� man gleich nach dem anf�nglichen Innenkontakt im vulvalen Feuchtkanal von Gro�mut durchflutet wird und am liebsten ausrufen m�chte: Seid umschlungen, Millionen! Oder � bodenst�ndiger � etwas wie: Seid umschlungen, Millionen gelobter Eicheln! In wie viele Phasen meine private Gef�hlsachterbahn auch einzuteilen w�re, ich w�rde sie in diesem Text nicht nur alle gern benennen, sondern die einzelnen Zeitsegmente unbedingt auch chronologisch sortiert sehen. Ich w�rde daran aber sicherlich scheitern. Soll sich beim Lesen jeder sein eigenes Zeitschema zusammenbasteln � und jeder ein anderes, von mir aus. Ich kann sowieso jedem nur raten, sich auf die nat�rlichen Gezeiten seiner faunischen Weichteile zu verlassen. Ich lie� die Dinge beim Schreiben auch einfach flie�en und �berlie� den Rest dem zuverl�ssigen Selbstheilungsdrang, den auch jede andere, einigerma�en lebendige K�rpermasse besitzt. Da� ich dabei einige abgekapselte Altfurunkel aufgerissen, einige Ritz-, Ri�- und Widerhakenwunden frisch produziert habe, bestreite ich nicht. Nur keine Jahrestage feiern, nur keine Gedenkveranstaltungen organisieren, blo� nicht irgendwelche Zeit-, �bersichtsoder Bildtafeln aufstellen. Einmal sah ich von weitem eine Gedenkveranstaltung, die im Freien stattfand. Es war im kalten Januar, es ging um die Befreiung von Auschwitz. Auf eine Leinwand wurden hintereinander gr��liche Schwarzwei�fotos projiziert. Nat�rlich die bekannten Berge von Brillen, Schuhen und Haaren. Es kamen auch Skelette, Goldf�llungen und Gebisse an die Reihe. Als die Gebisse die Szene eroberten, taten sie es ausgesprochen dynamisch. Es kam eine Brise auf, die Leinwand wellte sich leicht � und die Gebisse begannen, leise zu kauen. Der Wind wollte sich partout nicht legen, und so kauten danach sogar auch die steifen Oberkiefer der benachbarten Sch�del aufeinander, auch in den Bildern der Leichenberge begann sich pl�tzlich das Leben zu regen. Schnell weg, sage ich nur. Und la�t mich � liebe Leute � blo� nicht weiter geschmacklos faseln. Nat�rlich ist es bedauerlich, wie reduziert ich mich den meisten Menschen in meinem Leben gezeigt habe � mit angesetzten Brustzwingen und festgezurrten Herzbanderolen, gez�hmt, wie ich nicht bin. Was N�he und Sympathien betrifft, bin ich auf extrem-elliptischen Bahnen oft in Schr�glage geraten, oft durch Geschmacklosigkeiten eigensinniger Wahlbr�der beseelt worden. Was blieb mir auch anderes �brig, als mich im Verborgenen mit vorbildhaft verdorbenen Menschen � gleichzeitig den Meistern ihrer egomanischen Befreiung � zu umgeben. Der ehrliche ALWAYS-MERRY-AND-BRIGHT-Henry, der treuherzige Henry Miller � der zarte, weiche, liebevolle Chronist seiner Kindheit in Brooklyn, geh�rt dazu. Dieser angebliche Leichtbau-Antisemit im Kreis seiner j�dischen Freunde, dieser verbindliche, seriell monogame Rennrad-Enthusiast, der mit seiner j�dischen Schicksalsbraut June sein Leben lang besch�ftigt blieb. Eine Tania gab es in seinem Leben auch. Jedermann sollte seine Alltagsschwere mal ablegen und bei Henry etwas dazuzulernen versuchen. Die wichtigste aller �bungen: Die OVARIEN von Geliebten WEISSGL�HEN zu lassen. Und dann nichts wie ab auf die bereits angeschwollene Ovarienbahn, um dem Meister kurz in die Augen zu schauen. Wenn auch Henrys Tania in Wirklichkeit Bertha hie� und nicht Selbstmord beging wie meine, sind wir trotzdem Verwandte. Und wir hatten in einem Punkt beide Gl�ck � wir haben im Leben keine l�cherlichen Gegner erwischt. Leider ist der apolitische Henry in einer ganz anderen Welt aufgewachsen als ich, und seine mit ihm nie zufriedene Mutter war aus einem mir mehr als fremden Kalkstein gehauen. Wenigstens gefiel Henry das sowjetische Eine-Meinung-sonst-Handzerquetschen-und-Herzraus-Regime auf Anhieb nicht. Und wenigstens versuchte er im Jahr 1938 den zweiten Weltkrieg zu verhindern, indem er einen Marsch von franz�sischen Kriegsversehrten organisieren und sie massenhaft zu Hitler schicken wollte � sie sollten m�glichst bis an die tschechoslowakische Grenze marschieren. Henry litt oft Hunger � ich nicht, er lie� sich von einigen seiner Frauen schlecht behandeln � in meinem Leben gab es keine solchen KREUZIGUNGEN IN ROSA. Was einem die sozialistische Stabilit�t gab, diese Art Zukunftssicherheit ohne Eigenbeteiligung, dar�ber kann Henry in der Realit�t nicht das Geringste erfahren haben. Immerhin war seine erste langj�hrige Sexpartnerin Pauline etwa um zwanzig Jahre �lter als er. Diese Konstellation glich fast der von mir und Dana.</p><p>In meinem Land stolperte man mit den Augen an jeder Ecke �ber die Losung� MIT DER SOWJETUNION AUF IMMER UND EWIG�- f�r ewige Zeiten, hie� es im Tschechischen. Dar�ber hatte man sich nicht zu wundern, und man wunderte sich dar�ber auch nicht. Und da� man bei allen Revolutionen erst einmal massenhaft Menschen umbringen mu�te, geh�rte zu jedermanns Grundwissen seit der Grundschule. Im Sozialismus geh�rte alles allen, und mir wurde erst viel sp�ter klar, wie gepr�gt ich vom Gef�hl des gemeinsamen Schicksals aller fortschrittlichen V�lker, auch vom Gef�hl des gemeinsamen Eigentums, gewesen war. Stra�en, Stra�enbahnen, Gullys, Laternen, die farbigen kleinen Pflastersteine der Gehwege, B�ume, Str�ucher und Singv�gel � das alles geh�rte auch mir. Wenn eine Stra�e zu viele Schlagl�cher bekommen hatte, wurde sie irgendwann neu asphaltiert. Wenn man L�cher in den Str�mpfen hatte, stopfte man sie wieder mit Stopfgarn � Stopfgarn und Nadeln gab es in den sozialistischen Gesch�ften fast immer zu kaufen. Wenn die Stopferei anschlie�end familienintern erledigt wurde, bezahlte man daf�r selbstverst�ndlich keinen einzigen Heller. Und da ich das Stopfen beim Handarbeitsunterricht in der Schule gelernt hatte und diese Fertigkeit nicht verlieren wollte, stopfte ich meine Str�mpfe oft selbst � ebenfalls umsonst, versteht sich. Wenn aber der Staat seine eigene Stra�e gestopft haben wollte, mu�te er daf�r, wie ich zuf�llig einmal erfuhr, eine Firma � seine eigene Firma wohlgemerkt � BEZAHLEN. Ich wei� noch, wie schockiert ich war, als diese derartig unanst�ndige Transaktion in meine Welt einbrach.</p><p>Daf�r, was ich in diesem Text meiner Mutter und den anderen Toten antue, werde ich auch noch bezahlen m�ssen. Die Schwere meiner Schreibvergehen wird nicht nur in meiner etwas unanst�ndigen Heftigkeit zu suchen sein. Ich war im Laufe dieser meiner Aufgabe gezwungen, auch einen Teil meiner politischen Loyalit�t � meiner Mutter und ihren ehemaligen Gef�hrten gegen�ber � aufzugeben. Alle diese Leute mehr oder weniger konsequent zu verraten, k�nnte man sagen.</p><p>Unsere Wohnung wurde optisch � auch wenn bei uns niemand �bernachtete � von penetrant gemusterten, meist sehr bunten Vorh�ngen beherrscht. Diese sollten irgend etwas abschirmen, verdecken, vereinheitlichen, im Grunde aber auch versch�nern � meist mit Hilfe von gro�fl�chigen Blumenmustern. Mein heutiger politischer und sonstiger Geschmack formte sich wahrscheinlich als Teil einer allumfassenden, vor allem aber auch �sthetikgest�tzten Rebellion. Ich rebellierte gegen fast alles, was mich zu Hause umgab, also auch gegen die in der Wohnung nicht ganz gleichm��ig, trotzdem reichlich verteilten Geschmacksverbrechen. Diese waren erdr�ckend, weil unser einziger Familienhandwerker Onkel ONKEL war � und Onkel ONKEL fand alles, was praktisch und billig war, zwangsl�ufig auch sch�n. Gleichzeitig benutzte er beim Bauen und Basteln mit Vorliebe gefundene, �briggebliebene oder einfach in Form und Beschaffenheit � also aus rein technischer Sicht � geeignete Materialien, die er dann kunterbunt in- und aneinanderf�gte. Sein Ausbaueifer wurde leider viel zu sp�t einged�mmt und strengeren Kontrollen unterworfen. Und wenn es sp�ter den Kollaps seiner vision�ren Etagenheizung nicht gegeben h�tte, h�tte er vielleicht bis zum bitteren Ende gew�tet, m�glicherweise seinen eigenen Sarg mit bunten Zierleisten verunstaltet.</p><p>Unsere nicht zueinanderpassenden Schr�nke waren in puncto Stil, Alter oder Abnutzungsgrad zu unterschiedlich, um ein harmonisches Bild abzugeben; sie hatten es aber trotzdem nicht verdient, hinter derart dumm-heiteren Sichtblenden gehalten zu werden. Manche dieser Schr�nke waren � samt ihren Kratzspuren und Verletzungen � ausgesprochen reizend und hatten Charakter. Die meisten ihrer Wunden waren mit der Zeit sowieso dank Staub, dank eingesaugter D�mpfe und dank vieler Politurschichten l�ngst geheilt. Dagegen konnte man hinter den gemusterten Stoffen nur ganz �blen bis abartigen Monsterkram vermuten, wenn nicht gar mumifizierte Leichen. Onkels Schrankmauer wurde nat�rlich auch verhangen � dort, wo sich viel Kleinkram befand, sogar doppelt. Im Zimmer eines meiner Schulfreunde standen ausnahmslos nur einfache alte M�belst�cke, die meisten aus weichem Holz � und sie waren mit der gleichen roten �lfarbe bepinselt. Der nicht ganz fachm�nnische, nicht immer deckende Anstrich und die vielen Farbtr�nen geh�rten dazu. Ich war begeistert und ging immer wieder hin, um diese mutige, zugleich auch einfach herzustellende signalrote Harmonie zu genie�en.</p><p>Unsere Vorh�nge waren nicht nur konzeptionell eine Katastrophe und ein gro�er Irrtum, sie hingen zu allem Ungl�ck noch auf nicht ganz stabil angebrachten Stangen, Leinen oder Leisten, auf denen die sozialistischen, nicht immer leicht gleitenden Haken, Ringe beziehungsweise Rollen klemmten und sich stauten. Bei ruckartigen Versuchen, diese trotzdem zu bewegen und den gestauten Stoff gerecht zu verteilen, st�rzten oft ganze Vorhangsysteme zu Boden. Daraufhin blickten einen die entbl��ten Schr�nke bitterb�se an � wie alternde Frauen, die sich ihrer K�rper bereits seit zwanzig Jahren sch�men. Manchmal brachen bei den Abst�rzen eingegipste Verankerungen aus der Wand, ein andermal wurden sogar irgendwelche St�tzwinkel aus dem Edelholz der Schr�nke herausgerissen. An den metallischen Klang einer im Bad �berdurchschnittlich oft kollabierenden Stange kann ich mich bis heute erinnern.</p><p>Vorh�nge dienten bei uns manchmal auch als Ersatzt�ren einzelner Schr�nke, wenn ihr Schlie�mechanismus kaputt war oder ihre Scharniere bei Karussellspielen der kleinen Cousine endg�ltig nachgegeben hatten. Einmal sollten sogar auf meinen eigenen Wunsch die T�ren zweier (wieder mal geerbter) Schr�nke, die ich nach der R�ckkehr aus der Schule pl�tzlich in meinem Zimmer vorfand, durch Vorh�nge ersetzt werden. Die durchfallgelb lackierten Arme-Leute-Unget�me waren so h��lich, da� ich einen Verzweiflungsanfall bekam. Ihre T�ren waren voller Zierleisten und vorget�uschter Schnitzereien, au�erdem hatten sie in der oberen H�lfte gro�e verglaste �ffnungen; in das Glas waren Bl�ten und Bl�tterkreationen ge�tzt. Als ich am Wochenende nicht zu Hause war � ich absolvierte den �blichen Zwangsbesuch bei meinem Vater � , wurden die T�ren entfernt. Die an ihrer Stelle vom Onkel angebrachten Vorh�nge waren nat�rlich wieder gebl�mt. Zu verhindern war dies nicht � geeignete Stoffe waren bei uns immer vorr�tig.</p><p>Mein und Gro�mutters Zimmer wurde danach noch h��licher, und es konnte mich nicht tr�sten, da� in diesem Zimmer im Jahre 1948 eine ganze Weile die Baronin N�dhern� gewohnt und sogar in meinem zuk�nftigen Bett geschlafen hatte. Sidi war nach dem kommunistischen Umsturz und dem Verlust ihres Schlosses damit besch�ftigt, ihre Flucht nach England vorzubereiten und wichtige B�cher, Dokumente und Schriftst�cke � unter anderem auch Karl Kraus' Briefe, dieses� Meer an Liebe�- in Sicherheit zu bringen. Der �berlieferung nach rauchte die Baronin in meinem Zimmer so wild, da� sie sich dort wie zur Tarnung regelrecht einnebelte. Sie rauchte aber, mit dem Kopf halb hinter ihrem aufgeschlagenen Mantelkragen versteckt, auch auf der Stra�e, was damals eine Ungeheuerlichkeit war. Sie hustete viel. Baronin N�dhern� wurde bei uns �brigens nie deutsch� N�dherny �oder sogar (um die zwei Vokalstriche gebracht und auf der zweiten Silbe betont)</p><p>�Nadherny �genannt. Die� y�-Endung ist im Tschechischen m�nnlich. �brigens hatte Sidi ihren Namen w�hrend der Okkupation selbst ver�ndert � also zu� N�dhern�zur�cktschechisiert.</p><p>In mein Zimmer lie� ich w�hrend meiner gesamten Kindheit nur ein einziges Mal einen Fremden eintreten. Der von mir ausgezeichnete Gl�ckspilz hie� Petr Skopka; ich, der Ungl�cksrabe, hatte Geburtstag. Es war Anfang November, drau�en war es �u�erst ungem�tlich, und die uralte mannshohe Gasheizung, die viel zu nah an meinem Bett stand, wurde wie �blich � vor allem aus Sicherheitsgr�nden � nicht angeworfen. Die Innereien des gu�eisernen Monstrums waren verwackelt, und das Abzugsrohr war vom Onkel etwas experimentell angeschlossen worden � es f�hrte von oben nach unten und verschwand in der Wand erst kurz oberhalb des Parkettbodens. Das Besondere an diesem Museumsst�ck war noch, da� man sein emailliertes Regulierungsr�dchen mit den Ziffern 1, 2 und 3 einfach aufdrehen und den luftigen Kraftstoff auch vollkommen flammenlos str�men lassen konnte. Eine Heizung dieser Generation kam noch ohne ein Kontrollfl�mmchen und ohne jegliche bimetallische Sicherung aus.</p><p>Die Geburtstage wurden bei uns schon am Vorabend gefeiert, meistens erst sp�t nach dem Abendbrot. Ich wunderte mich dar�ber immer wieder. Diesmal war aber einiges anders. Die Geburtstagsfeier fand am Nachmittag statt, au�erdem sollte irgendwann auch mein Vater vorbeikommen. Er kam tats�chlich, mit Skopka gab es aber schon nach kurzer Zeit einen Streit, dann einen verbissenen Kampf auf dem Fu�boden, obwohl es in meinem Zimmer f�r einen richtigen Kampf nicht genug Platz gab. Irgendwie sollten wir uns in einer schmalen Schlucht zwischen den t�rlosen Schr�nken und einem riesengro�en, fast nie genutzten E�tisch gem�tlich ausbreiten und spielen. Gleich nach dem Ringkampf ging Petr Skopka, der von den meisten mit seinem Nachnamen angeredet wurde, wieder nach Hause. Zum Gl�ck ist ihm wenigstens mein charmanter, gutgelaunter Vater positiv aufgefallen � und er erw�hnte ihn in der Schule mehrmals. So gesehen war diese Testfeier ein Erfolg. Da� mein Vater an dem Tag � wie �blich � leicht angetrunken war, ging mir erst viel sp�ter auf.</p><p>Mein durch die zwei zus�tzlichen Blumenschr�nke verunstaltetes Zimmer wurde nach dem Kampf mit Skopka f�r ein Jahrzehnt zu einer absoluten Sperrzone, und ich war erst in einer Notsituation wieder bereit, jemanden hereinzulassen. Der mit mir befreundete Gl�ckspilz Nr. 2 war nur besuchsweise in Prag und mu�te einen Abend irgendwo totschlagen. Wir sa�en unbequem auf dem ehemaligen Bett der Baronin, als Tisch diente uns eine wackelige Platte, die lose auf einem wuchtigen Schiffskoffer lag. Den gro�en E�tisch gab es nicht mehr. Dummerweise beschlo� meine liebe Gro�mutter Lizzy, Sidis ehemalige Freundin, sich ausgerechnet an diesem Abend auch in� meinem �Zimmer aufzuhalten. Sie setzte sich auf ihr Bett, begann mit ihren �blichen N�harbeiten und empfand die Situation als vollkommen normal. Das Gespr�ch zwischen mir und dem Freund stockte, und mir wurde immer hei�er im Kopf. Lizzy bekam unser Sprachw�rgen gar nicht mit, da sie uns als eine gut erzogene Dame nicht belauschte.</p><p>Pl�tzlich bewegte sich mein verschwitzter und verkrampfter Freund etwas ausladender als erlaubt und streifte heftig einen der Schrankvorh�nge. Urspr�nglich sollten diese zwar nur die h��lich verzierten Schrankt�ren ersetzen, jetzt standen hinter ihnen aber noch � und nur provisorisch angelehnt � zwei zusammengeklappte Campingst�hle. Die von mir nicht geliebten Sitzger�te (�f�r deine G�ste��) r�chten sich jetzt und kippten scheppernd nach vorn. Mein Freund vermutete einen feigen Angriff aus dem Hinterhalt, ging in Deckung und sch�tzte instinktiv seinen Kopf. Mich �berraschten die St�hle nicht mehr, ihre Aluminiumf��chen gerieten auf dem Parkettfu�boden immer wieder ins Rutschen � allerdings erfolgten die �blichen Invasionen meist anders und sanfter. Die St�hle kamen einem meistens unterhalb des Vorhangs langsam entgegengerutscht, und man konnte sie dann mit einem gezielten Tritt wieder zur�ckdr�ngen. Ich stand auf und richtete die St�hle auf � als ihre F��chen aber unten wieder zu rutschen begannen und ich mit Wut Vorhang trat, hielt es mein Besucher nicht mehr aus und ging. Ich sah ihn nie wieder.</p><p>ich sah den untr�stlichen penis in einer weiten, unwirtlichen h�hle wedeln</p><p>Zwischen meinen vielen Tanten gab es nicht nur graduelle Unterschiede im Verwandtschaftsgrad mir gegen�ber, in erster Linie unterschieden sie sich dadurch, wie sie den Krieg �berlebt hatten. Meine Hauptgro�mutter Lizzy und ihre beiden Schornstein-T�chter � also meine Mutter Anna und Tante Eva, die Frau meines Schrankghetto-Onkels � waren in diversen Lagern gewesen, unter anderem auch in Auschwitz. Meine slowakisch-ungarische Tante Gy�rgyi war nach Ungarn geflohen, hatte sich in Budapest versteckt und entkam Eichmanns Transporten nur mit Hilfe ihres Schutzpasses von Wallenberg; ihre Tante wiederum � ihre gleichaltrige� Urtante �Klara � war mit ihrem ganzen Schmuck irgendwo in der Pu�ta untergetaucht und hatte vom Krieg nicht viel mitbekommen. Meine n�chste Tante Erna hatte den Krieg in England �berlebt. Sie kannte das Brummen der Vl-�Motorr�der�, hatte vor allem die Momente verinnerlicht, wenn der laute Membranenantrieb � weit oben in der Luft � aussetzte. Wirklich zugesetzt hatten ihr dann sp�ter die V2-Raketen und die andauernd berstenden Fensterscheiben. Man konnte sie daher mit jeder Art von Krach mit �berraschungscharakter �rgern. Als Leidende durfte sie sich allerdings nie in den Vordergrund spielen. Da� sie auch sonst zur�ckgepfiffen wurde, wenn sie etwas erz�hlen wollte, hing aber eher damit zusammen, da� sie furchtbar naiv war und oft Unsinn redete.</p><p>Da� sie dumm war, wurde ganz offen auch in ihrem Beisein besprochen. Sie war aber eine sch�ne Frau und trumpfte trotz allem immer wieder auf � auch ohne einen gro�artigen Leidensweg vorweisen zu k�nnen. Ihre St�rken waren der Zauber ihres charmanten L�chelns und die Begabung, auf die Bed�rftigkeit der Bed�rftigen einzugehen und gleichzeitig ihre Schadhaftigkeit zu ignorieren. Ernas neue Bekanntschaften, denen ihr Mangel an Bildung und ihre Begriffsstutzigkeit noch nicht aufgefallen waren, lie�en sich von ihr gern beeindrucken und nebenbei plump manipulieren. Erna spezialisierte sich bei der Kontaktsuche auf Menschen, die aus uns vollkommen fremden Kreisen stammten, so da� wir immer wieder ausgesprochen exotische M�nner (�Das ist endlich der Richtige!�) zu sehen und seltsame Splitter der damaligen Realit�t beinah zu riechen bekamen. Wir erfuhren, da� es auf der Welt Spezialisten gibt, die sich mit dem Abzapfen von Bullensperma besch�ftigen, uns wurde klargemacht, da� Werkzeugmacher nichts mit der Herstellung von Zangen oder Schraubenziehern zu tun haben, und wir erfuhren endlich, da� unsere schmackhaft gew�rzten W�rstchen nebenbei aus Schlachtabfall, Fettgewebe, Augen, Hautemulsion, verschimmelten Semmeln, Knochenmehl, dem vollkommen anorganischen� A�-Gel und anderem Chemiedreck bestehen.</p><p>Tante Bombe war in Theresienstadt immer wieder krank geworden � nicht ganz schlimm, aber schlimm genug � , so da� sie allen Transporten entkommen konnte. Und sie blieb dort bis zum Kriegsende. Die Kellertante Peprl wurde irgendwo auf dem Lande in einem Schuppen versteckt, erz�hlte davon aber nie. Vielleicht gab es dar�ber nicht viel zu erz�hlen.</p><p>Von meinen vielen Tanten entfernte sich keine Einzige aus der Gemeinschaft, die ganze Zeit nicht. Sie fanden einander nach dem Krieg relativ schnell und schwei�ten sich zu einem festen Schutzklumpen zusammen. Eine etwas minderwertige Sonderstellung besa� die gerade erw�hnte Tante Peprl, die ich bei der Aufz�hlung weiter oben zum Gl�ck nicht ausgelassen habe. Sie wohnte ganz allein im Souterrain und verschwand aus meinem Bewu�tsein oft f�r Wochen � wie eine Ausgel�schte. Der Grund f�r das filmrissige Verh�ltnis zwischen uns wurde mir sp�ter etwas klarer: Die Arme wurde ausgerechnet im Zusammenhang mit meiner Geburt ausgesiedelt. Die leer gewordene, halbwegs in der Erdkruste steckende Souterrainwohnung des ehemaligen Hauswarts wurde f�r sie, nachdem meine Mutter von meinem noch anwesenden Vater geschw�ngert worden war, in Beschlag genommen und renoviert. Wenn die Kellertante Peprl im Sommer hinter ihrem vergitterten, ausnahmsweise aber doch offenstehenden Fenster sa� und ich ihr schattiges Gesicht entdeckte, erschrak ich.</p><p>��Wer wohnt hier unten? Kann man hier �berhaupt wohnen? fragten manchmal Schulfreunde, die mich unbedingt bis zur Haust�r begleiten wollten.</p><p>��Eine alte Frau, sagte ich so neutral und so schnell wie m�glich. Meistens ist sie aber gar nicht da.</p><p>Tante Peprl war aber immer da, darauf konnte man sich verlassen. Man mu�te f�r sie manchmal eilig Dinge besorgen gehen, die bei ihr trotz ihrer schriftlichen Bestellungen � diese steckten in einer Art von totem Briefkasten im Treppenhaus � immer noch nicht angekommen waren. Ich war eben nicht der Einzige, der sie wiederholt ausblendete. Die tats�chlich Toten unserer Familie � wie die drei Schornsteinbr�der � waren bei uns oben auf alle F�lle pr�senter als sie. Jedesmal, wenn ich Peprls winzige Wohnung betrat, �berraschte mich, wie zufrieden sie wirkte. Manchmal sa� sie im Dunkeln auf ihrem K�chenstuhl und meinte, beim Nachdenken m��ten im Grunde auch andere Menschen nicht unbedingt das Licht brennen lassen � nicht nur sie.</p><p>��Meine gr��te Freude seid ihr Kinder, wei�t du das? Und vor allem du, erz�hl das aber nicht den M�dchen.</p><p>Bei uns oben herrschte mehrheitlich die Meinung, Tante Peprl h�tte es dort unten sch�n ruhig, und wegen ihrer H�ftprobleme sei es auch ihr Wunsch gewesen, nicht so weit oben zu wohnen. Sie selbst sprach so �hnlich dar�ber.</p><p>Was f�r ein Gl�ck, meinte sie, da� sie trotz der schrecklichen Wohnungsnot in Prag so nah bei uns wohnen k�nne. Manchmal versuchte sie �ber ihre Existenz sogar zu scherzen � in der Art, wie sie es aus der oberen Familienetage kannte.</p><p>��Ich trainiere hier unten schon f�r den Friedhof.</p><p>Weit und breit gab es in Prag keine Familie wie die unsere. Die anderen Brutzellen der Gesellschaft waren wesentlich �bersichtlicher. Ich konnte mir lange Zeit trotzdem keine anderen Existenzumst�nde vorstellen und hatte auch gar keinen Grund dazu. Meine Normalit�t sah so aus, da� ich pausenlos und intensivst von lauter mir zugewandten Frauen umgeben war. Diese fragten mich zwischendurch nicht nur nach meinem allgemeinen Befinden, sondern auch nach ganz speziellen Dingen, die in anderen Familien, wie ich annahm, kaum abgefragt wurden. Unter Umst�nden bekam ich mehrmals am Tag folgendes zu h�ren:</p><p>��Hast du heute schon gekackt, Georg?</p><p>��Immer sch�n im Sitzen essen! Sonst rutscht dir alles gleich nach unten, und du bekommst dicke Beine.</p><p>��Hast du heute schon� gro�, sag mal?</p><p>Jedesmal war ein anderer Akzent dabei, manchmal kam die Frage aus Versehen auf Ungarisch.</p><p>��Kakilt�l ma m�r, Georg?</p><p>F�r ihre Penetranz konnte ich meine Damen problemlos bestrafen � mit harmlosen L�gen �ber eine langandauernde Verstopfung oder �ber Blut im Urin. Die kurze Erstarrung, die nach solchen Scherzen die ganze Wohnung durchfuhr, war erfrischend. Zu den mich liebenden Frauen konnte ich bald auch meine beiden Cousinen rechnen, die wesentlich schneller reiften als ich und auch in ihrer F�rsorglichkeit schnelle Fortschritte machten. Dabei war eine von ihnen j�nger als ich. Der Vater dieser beiden Kleinode, mein Onkel ONKEL, konnte mir als Gegenspieler und m�nnlicher Konkurrent niemals gef�hrlich werden. Ich allein war das m�nnliche Prachtst�ck unseres Geschlechts.</p><p>Die Schar der fraulichen Wesen um mich herum wurde noch durch etliche, nicht bei uns wohnende Gro�m�tter verst�rkt. Manche von ihnen waren allerdings nur virtuelle Gro�m�tter, weil sie enkellos geblieben waren. Bei diesen zus�tzlichen und ausnahmslos gro�busigen Wesen handelte es sich um die M�tter der gefl�chteten oder versto�enen M�nner. Diese oft schon verwitweten oder eben alleinstehenden �lteren Damen kamen, weil sie auf die lebenslustige und anziehende Gemeinschaft in unserer Wohnung nicht verzichten wollten. Sie schlugen sich logischerweise auf die Seite der Majorit�t und wetterten offen gegen ihr eigenes Fleisch und Blut, vor allem aber gegen ihre neuen Schwiegert�chter.</p><p>��Er war so ein s��er Junge! Leider ist er immer wieder an schlechte Freunde geraten � und jetzt an diese Frau.</p><p>Renata, die Mutter des Onkels, hielt sich, wenn es um ihren einigerma�en pr�senten Sohn ging, mit Kritik selbstverst�ndlich zur�ck. Die �brigen freundlichen Gesch�pfe hie�en Grete, Sidla und Ludmila, wobei die letztere eine echte Gro�mutter von mir war � der zu ihr geh�rende Sohn war mein mi�ratener Vater. Alle diese Omas und Fast-Omas kamen zu uns in erster Linie nat�rlich wegen uns Kindern, wollten uns wachsen und reifen sehen, und sie wurden in der Reihe der gro�en Dreizehn alle schon einmal aufgez�hlt. Besuchsweise kam zu uns noch die in dieser Aufz�hlung ebenfalls vorkommende Zilli, die �fter aus ihrer Kleinstadt nach Prag reiste und bei uns dann einige Tage wohnte � bei extremen Wetterverh�ltnissen waren es manchmal Wochen, ihr H�uschen war etwas bauf�llig. Zilli war nicht � wie Tante Bombe � die ehemalige Geliebte eines Anwaltskollegen meines Gro�vaters Schornstein, sie stand auf der Wertskala bedeutend h�her. Sie war die LEIBLICHE GELIEBTE dieses Gro�vaters und war eine kleine und wundersch�ne Dame. Ihre edle Herkunft sah man ihr sofort an. �ber meinen Gro�vater Schornstein mu� man unbedingt folgendes wissen � er war in unserer Familie das pr�senteste aller Phantome, obwohl er schon lange vor dem Krieg gestorben war. Er konnte zwar nicht mehr zum Leben erweckt werden, daf�r hatte er gen�gend Zeit, wie mir oft versichert wurde, uns allen vom Himmel aus zuzusehen.</p><p>Zilly und ihre ehemalige Rivalin � meine Hauptgro�mutter Lizzy � verstanden sich pr�chtig. Zilly und Lizzy waren seit langem die engsten Vertrauten, die alten Wunden hatten sich sogar schon vor dem Krieg gewandelt oder verfl�chtigt. Die beiden Frauen konnten sich stundenlang unterhalten, abendelang �ber die wunderbaren Extravaganzen und unerh�rten Scherze ihres geliebten Mannes und genauso geliebten Liebhabers austauschen. In seiner Kanzlei hatte Joseph Schornstein nur stundenweise gearbeitet, m�glichst nur vormittags. Dann ging er ins Cafehaus Royal, um seine Freunde, mitunter auch seine Frau zu treffen und mit ihnen allen seine Spa�e zu treiben. Zum Skifahren in die Alpen fuhr er am liebsten mit seiner Geliebten � also mit der sportlicheren Zilly. Mit Zillys Ehemann ging er regelm��ig fechten. Die beiden M�nner waren die besten Freunde.</p><p>Wenn ich in Gedanken durch die vielen R�ume unserer Prager Wohnung streife, �berkommt mich das Gef�hl, da� es dort vor Lustemissionen pausenlos geflimmert haben mu�. Egal, wohin ich ging, traf ich eine Frau, die mich anl�chelte und von mir begeistert war. Ich wurde oft ungebremst und unkontrolliert von physisch sp�rbaren Gl�ckswellen �berflutet. Auch der wunderbare Duft dieser Frauen mu� mich stark gemacht und geformt haben. Wie man heute genau wei� und farbfleckig illustrieren kann, unterlaufen gerade die Duftreize die gro�hirnrindliche Pr�finstanz, str�men ungefiltert in das limbische System und beschie�en mitunter munter auch den Schwanz.</p><p>Die Schattenseite meines Erwachsenwerdens war dadurch vorgezeichnet: Au�erhalb der Wohnung wurde ich vollkommen anders behandelt. Ich wurde mit giftigen D�ften traktiert, mit steifen Gesichtsz�gen abgeb�gelt, mit verst�ndnislosen Blicken in den Boden gestampft. Und wenn ich jemanden zu bed�rftig anglotzte, konnte dieser b�se Fremdling auch furchtbar feindselig werden. Ich h�rte trotzdem nicht auf zu hoffen. Zum Ausgleich schmi� ich manchmal Steine in provokant wirkende Fensterscheiben.</p><p>Meine Bereitschaft zu lieben war mir sicher anzusehen, und ich wurde bei der ersten Gelegenheit, die sich anbot, und ohne da� ich die auf mich zukommende Gef�hlseruption vorausahnen konnte, eines Tages zum Lustknaben erw�hlt. Es war bei einer Busfahrt, die vom Schriftstellerverband � dem Arbeitgeber meiner Mutter � organisiert worden war und bei der die aufgeweckte Jugend historisch wertvolle Burgen und Schl�sser besichtigen sollte. Der Tag zog sich hin, die Besichtigungen waren langweilig, und wir entfernten uns immer weiter von unserer m�tterlichen Gro�stadt. Die R�ckfahrt war dann endlos. Auf den besten Pl�tzen � als diese galten selbstverst�ndlich die auf der hinteren Sitzbank, weil sie von den mitfahrenden Erwachsenen am schlechtesten zu �berblicken waren � versammelten sich einige geschlechtlich akzelerierte M�dchen, die das Pech hatten, keine ad�quat entwickelten Jungs bei der Hand zu haben. Als es dunkel wurde, sprachen sie mich und meinen ebenfalls niedlich aussehenden Freund an und luden uns zu sich nach hinten. Dann legten sie los. Wir � klein wie wir waren � sa�en abwechselnd auf den Sch��en der liebeshungrigen und zahlenm��ig �berlegenen Schriftsteller- und Lektorent�chter und wurden pausenlos bearbeitet � das hei�t gek��t, liebkost, weitergereicht und zur�ckgezerrt. Es war unendlich sch�n, und ich hoffte, der Fahrer w�rde sich verfahren, nie wieder nach Prag zur�ckkommen und mein Gl�ck, die unbeschreibliche S��e in meiner Brust, ewig andauern lassen. Die M�dchen eroberten vor allem meinen Kopf und meinen Mund, ich pers�nlich nahm mir vor allem ihre Oberk�rper vor. Diese waren so wunderbar warm, au�erdem fehlten ihnen die �blichen Angst-, Scham- und Schutzschranken. Meine H�nde griffen bald nach den mir damals gewaltig vorkommenden Br�sten, und ich registrierte zum ersten Mal ihre Positions- und Konsistenzunterschiede. Die eigentliche Entdeckung war aber eine ganz andere: Kein einziges der M�dchen hatte etwas dagegen, dort so zielgerichtet angefa�t zu werden. Ich war voll und ganz in meinem Element, ahnte allerdings voller Unglauben, da� es doch eine Art Abschlu�, ein grausames Ende und einen Zustand danach geben w�rde.</p><p>Die Erwachsenen unterhielten sich vorne und wu�ten die ganze Zeit von nichts � oder wollten von dem entfesselten Unzuchttreiben nichts wissen. Unter den anderen Kindern gab es dagegen etliche Neider, die sich immer wieder umdrehten und angeekelt mit den K�pfen sch�ttelten � wie es echte Spie�er eben tun. Uns mit Liebe �bersch�tteten Menschenkindern war das vollkommen egal. Mich versetzte die wilde Dauerverschmelzung mit den auch au�er Kontrolle geratenen M�dchen in einen vollkommen unbekannten Ausnahmezustand. Von zu Hause aus kannte ich bereits einiges an Entz�ckung, eine derartige allerdings nicht. Sie stand mir aber � und zwar schon jetzt, nicht erst in der Zukunft � voll und ganz zu. Viel sp�ter wurde mir leider klar, da� die M�dchen an mir und meinem Freund das K�ssen haupts�chlich nur �ben, sich f�r viel wichtigere Eins�tze vorbereiten wollten. Vor ihren geschlossenen Augen sahen sie sicher ganz andere Kerle vor sich.</p><p>Dieser Erlebnisabschnitt der Reise fing aber etwas anders an, f�llt mir jetzt nachtr�glich ein. Eventuell wurde mein edelsch�ner Freund Michal als erster nach hinten entf�hrt; vielleicht hatte er sich sogar � er war ein Draufg�nger � selbst an die duftenden und auff�llig zurechtgemachten M�dchen herangepirscht. Als ich mich wegen des von hinten verd�chtig klingenden Gekichers umgedreht hatte, sah ich nat�rlich, was dort im Gange war. Diese Momentaufnahme taucht in meinem Erinnerungsnebel halbwegs deutlich auf. Wenn ich mich also nicht irre, habe ich mich dem lasterhaften Kreis aus eigenem Antrieb angeschlossen � und wurde zum Gl�ck auch aufgenommen. Aber egal, wie es wirklich war � dabeisein war alles.</p><p>Autobahnen gab es bei uns damals nicht, wir fuhren auf kurvenreichen, relativ engen Landstra�en, und wir fuhren nicht besonders schnell. Zum Schlu� war ich wie in Trance, und als wir anhielten und in der N�he des Verbandsund Verlagshauses, zu dem Mutters Zeitschrift geh�rte, abgesetzt wurden, hielt die traumhafte Stimmung weiter an. Ich bekam die letzten, logischerweise nur luftigen K�sse, und meine �berz�hligen Liebesobjekte verschwanden nacheinander. Die meisten Heimkehrer und Heimkehrerinnen wurden abgeholt, ich blieb am Ende allein und kam nicht von der Stelle. Und statt wie besprochen mit der ersten Stra�enbahn nach Hause zu fahren, blieb ich dort, wo ich war und wo mir in mir so sch�n war. Da� ich mit meinen Lippen unbekannte Frauenm�nder so ausgiebig verkosten durfte, da� ich ohne jegliche Schamgef�hle die Br�ste dieser gl�henden Wesen bef�hlen durfte, war ein Quantensprung, ein Sprung um Jahre nach vorn. An diesem Punkt hatte ich mich von meinen nur auf Phantasien angewiesenen Altersgenossen auf einen Schlag verabschiedet.</p><p>In die Realit�t des Abends brachte mich meine Harnblase. Ich mu�te auf der belebten Nationalstra�e einen bescheidenen Platz zum Pinkeln finden. Einen starken Druck im Unterbauch sp�rte ich schon w�hrend der Fahrt, ich konnte ihn dank meiner Dauererektion zum Gl�ck vernachl�ssigen � jetzt wurde der �berdruck unertr�glich. Mir war jetzt aber alles egal, ich war endg�ltig kein Spie�er mehr. Ich entbl��te mich und pinkelte an die erstbeste Laterne, bis mich ein Grobian anschrie:</p><p>��Was schweinst du hier, du Schwein.</p><p>Er lie� mich aber weitermachen, und ich konnte noch w�hrend der Entleerung in Ruhe gr�beln, ob das Verb� Schweinen��berhaupt existierte.</p><p>Dar�ber, da� mich eine wunderbare Zukunft erwartete, konnte es nach dieser Busfahrt gar keine Zweifel mehr geben. Ich war auch an profaneren Tagen von vielen aufreizenden Menschen umgeben, andere kannte ich kaum. �berall um mich herum gab es sie � einerseits brauchten diese Wesen zwar viel Liebe, andererseits waren sie auch uneingeschr�nkt bereit, Liebe zu geben. Offenbar lebte ich in der gl�cklichsten Stadt auf Erden. Als ich im Dunkeln nach Hause lief � in einer Stra�enbahn h�tte ich nicht f�r mich allein sein k�nnen � , sah ich, wie sch�n meine Stadt war, in was f�r einer zauberhaften Gegend ich wohnte. Wir wohnten wirklich sehr sch�n in unserer Stadt.</p><p>Der vorherige Satz ist einigerma�en ernst gemeint. Egal wann, egal wo, egal wem ich sagte, wo unsere Wohnung lag, lautete die Standardreaktion immer: � Sch�n, so sch�n, eine so wundersch�ne Gegend�</p><p>Und es war tats�chlich eine Ausnahmegegend, in der unser etwas in die Breite gezogenes und mit einer dunklen Staubschicht konserviertes Mietshaus stand. Das Zentrum von Prag war nicht weit, war problemlos zu Fu� zu erreichen, trotzdem gab es in unserer Gegend viel Gr�n und viele unbebaute Fl�chen. Das Renaissanceschlo� der K�nigin Anna � das Lustschlo� Belvedere � lag in Sichtweite, und ein riesiges barockes Stadttor thronte gleich um die Ecke. Das Tor, das auf Tschechisch� Piseck� br�na �hei�t, war an den Seiten mit Gras und B�schen bewachsen � und ist es bis heute, nur im anderen Pflegezustand. Von links und rechts sieht das Tor wie ein begr�nter H�gel aus. Die seitlichen H�nge, also die steilen und damals nicht umz�unten Steigungen konnte man vom B�rgersteig aus problemlos betreten. Da� es eigentlich verboten war, k�mmerte niemanden.</p><p>Zum Zusammenrotten von Jugendlichen war die Umgebung des Stadttores ideal. Oberhalb der Festungsgr�ben gab es etliche Ecken, in denen man auf dem massiven Gel�nder in einer Reihe sitzen und von diesen exponierten Posten den ganzen Nachmittag den �berblick behalten konnte. In der dunklen Durchfahrt des f�nfundzwanzig Meter tiefen Tores h�rte man oft kreischende M�dchenstimmen und ging erfahrungsgem�� von Grapschattacken aus. Die Kinder, die nicht beim Rauchen erwischt werden wollten, haben mit Vorliebe dort in der Dunkelheit geraucht und sich von den Autos, denen die Durchfahrt damals noch erlaubt war, nicht st�ren lassen. Das Stadttor war das eigentliche Zentrum des Geschehens, der Aktionsradius aller Beteiligten war aber wesentlich gr��er. Unterhalb der Stadtmauern, also in den ehemaligen Festungsgr�ben, wucherten teilweise dichte B�sche oder gestutzte und dicht gewordene Eibenhecken. In dem nahe gelegenen Chotek-Park, dem Lieblingspark von Franz Kafka, war der Wildwuchs in den Randzonen sowieso enorm. �berall konnte man zu ganz unterschiedlichen Zwecken untertauchen und dort f�r Stunden unbemerkt bleiben. Die �lteren Jugendlichen nutzten die vielen Verstecke nat�rlich nicht zum Spielen und schleppten dorthin ihre Br�ute ab. Wenn n�tig, verscheuchten sie dabei die j�ngeren und drohten ihnen Pr�gel an. Was sie dort mit ihren Weibern tats�chlich anstellten, konnten wir nur ausnahmsweise �berpr�fen, waren im Grunde nur auf die nachtr�glichen Prahlereien angewiesen. Nur ein einziger gab einmal zu, wegen eines BH-Verschlusses gescheitert und nicht sehr weit gekommen zu sein. Diese jungen B�cke kochten unsere Neugier nat�rlich nur zu gerne auf und lie�en uns ihre Anmach-Gespr�che einfach mit anh�ren.</p><p>��Komm mit, la� uns bumsen, komm.</p><p>��Jetzt nicht, hab' keine Zeit.</p><p>��Geht doch schnell, bist aber stur.</p><p>��Nein, will heute nicht.</p><p>��Warum gerade heute nicht?</p><p>��Hab' heute eben keine Lust.</p><p>��H�r mal auf, immer das gleiche zu plappern � wir verlieren nur Zeit.</p><p>��Ich will aber nicht.</p><p>��Mann! Jetzt h�tten wir schon l�ngst fertig sein k�nnen! Schei�e!</p><p>��Ich kann nicht.</p><p>��Hast du deine Tage? Mir macht das nichts aus. Komm doch.</p><p>��Will nicht, will heute nicht.</p><p>Das dickliche M�dchen war alles andere als sch�n, sah beim Sprechen immer wieder uns, das staunende junge Publikum, an, und sch�mte sich nicht � warum auch. Die junge Frau wurde begehrt und hatte die Macht, eine ganze geile Bande samt ihres Nachwuchses in Schach zu halten. Das nachfolgende Streitgespr�ch unter uns Jungkadern drehte sich vor allem um die Dauer des Geschlechtsverkehrs.</p><p>��Es ist ganz schnell vorbei. Ganz sicher, es geht wirklich ruck, zuck.</p><p>��Quatsch, auf keinen Fall. Das kann auch eine Stunde dauern. Und hinterher ist man m�de und mu� kurz schlafen.</p><p>Wir alle wohnten nicht nur DIREKT in der� Goldenen Stadt�, nicht nur in einer erotikgeladenen gr�nen Oase, nicht nur knapp unterhalb der Prager Burg � wir wohnten gleichzeitig unmittelbar auf der Bruchstelle zu dem n�rdlichen Rest der Stadt. Auf das W�rtchen DIREKT bildet sich jeder Tscheche gern etwas ein. Auch der brave Soldat Schwejk mochte Menschen, die nicht aus irgendeiner schmuddeligen Umgebung einer Stadt kamen, sondern DIREKT aus ebendieser Stadt. Sp�ter in meinem Erwachsenenalter ging es mit der Lobhudelei meiner Stadt und im besonderen meiner Wohngegend nahtlos weiter:</p><p>��Ach, Prag � eine so sch�ne Stadt, wundersch�n, wie kann man aus einer so sch�nen Stadt weggehen! In der N�he der Burg? Wirklich? So idyllisch?</p><p>Da� wir so sch�n wohnten, k�nnte der weitere Grund f�r die H��lichkeitsimmunit�t aller bei uns versammelten Erwachsenen sein. Vielleicht sahen sie die vielen grauenhaften M�belst�cke, Schr�nke und Vorh�nge im Schatten der Kulissen, die uns au�erhalb der Wohnung �berall umgaben. Hinzu kam noch der Glanz meiner Mutter. Meine Mutter konnte man vor einen egal wie verbrecherisch gestalteten Vorhang stellen, ihre Sch�nheit verlor dabei nur wenig. Die damals vom Feminismus noch vollkommen unber�hrten M�nner waren so verr�ckt nach ihr, da� sie ihr im Kino sogar von hinten an den Busen fa�ten. Meine Mutter lachte dar�ber und erz�hlte es mir br�hwarm. Ich wurde von ihr sowieso zunehmend mit unanst�ndigen Anekdoten und Witzen versorgt. So war unsere Gegend f�r mich nicht nur sch�n, sie war voller sch�ner Obsz�nit�ten. In einem von Mutters Witzen ging es um einen Texaner, der dauernd davon schw�rmte, wie gro� alles in Texas sei � nicht nur die Pr�rien, Felder und die Kuhherden, sondern auch k�rperliche Dinge. Sein Penis w�rde nat�rlich auch dazugeh�ren. Dieser Texaner versagte aber kl�glich, erz�hlte meine Mutter weiter, als er an eine Frau geriet, die zwar sch�n und begierig war, leider aber auch aus Texas stammte.�Mist! Ich wu�te nicht, da� sie auch aus Texas war!�</p><p>Mutter lachte �ber den Schlu�satz des Texaners wie wild. Ich fand es nur etwas unpassend, ausgerechnet von meiner Mutter mit dieser Art Ware beliefert zu werden. Nat�rlich sah ich aber alles bildlich vor mir. Ich sah sofort einen nach Umschlingung suchenden Penis in einer weiten, unwirtlichen H�hle wedeln, ich sah einen mit meinem Penis verwandten Leidensgenossen, der keinen Halt, keine Ber�hrung und kein Gl�ck fand. Meine Mutter trug mir aber auch Hochwertigeres vor, zum Beispiel Passagen aus schw�lstigen Liebesgedichten:�Der Mann zergeht in der Sehnsucht nach Aussaat, die Frau hat einen fruchtbaren Scho߅�</p><p>Meine Mutter war eine Bewunderin nicht nur der M�nner der Kunst, sondern auch der der Medizin. Von Kunst hatte sie einigerma�en eine Ahnung, sie schlo� sich trotzdem aber auch hier lieber den m�nnlichen Meinungen an. Die Experten in dieser Welt w�ren nun mal M�nner, meinte sie, die Frauen w�ren ihnen in jeder Hinsicht unterlegen.</p><p>��Angeblich erh�hen N�sse die Intelligenz. Ich m��te jeden Tag eine Kokosnu� essen, um hier wirklich mithalten zu k�nnen.</p><p>Ein Experte war f�r meine Mutter jeder, der sie mit einer klar ge�u�erten Meinung beeindruckte. Wenn dieser Mann au�erdem SCH�N war, stand er auf seinem Stufenpodest gleich noch viel h�her. Mutters Bereitschaft zu bewundern kannte vor allem bei den �rzten keine Grenzen, was f�r sie sp�ter fatale Folgen haben sollte. Gestorben ist sie viel zu fr�h, weil sie sich von ihrem nat�rlich sch�ngesichtigen Landarzt hatte einreden lassen, ihre R�ckenschmerzen k�men von Verspannungen der Muskulatur oder von eingeklemmten Wirbels�ulennerven und h�tten mit Herzbeschwerden nichts zu tun.</p><p>Mutters eigentlicher M�rder ist aber nicht ihr Hausarzt, Mutters M�rder bin ich. Ich behandelte sie eine Zeitlang ausgesprochen UNGUT, stie� sie wegen ihrer Zudringlichkeiten immer wieder ab. Und ich betrog sie mit ihrer Freundin. Meine Mutter hat sich meinetwegen jahrzehntelang gequ�lt und verzehrt. Die vielen Kr�nkungen, die zu unserer Beziehung geh�rten, trafen fast ausschlie�lich sie allein.</p><p>Hinzu kam noch, da� sie sich ab ihrem f�nfundvierzigsten Lebensjahr nicht mehr sch�n genug fand. Sie litt bereits unter den ersten Anzeichen des Alterns f�rchterlich, sch�mte sich f�r die kleinsten Unvollkommenheiten und erholte sich von ihren fortgesetzten Schockerlebnissen nicht mehr.</p><p>��Meine Haut am Hals, guck dir das mal an!</p><p>Wenn sie gerade nicht l�chelte, trug sie oft ein nach innen fallendes Leidensgesicht, das auf allen sp�ten Fotos von ihr zu sehen ist. Ab einem bestimmten Punkt gab es dann keine Fotos mehr. Da� ich zu ihr gegen Ende ihres Lebens etwas freundlicher und zugewandter sein konnte, rettete sie nicht.</p><p>Meine Mutter war im Grunde meine erste Geliebte, die ich qu�len durfte. Gr��tenteils tat ich es sogar mit Genu�. Als Sohn meinte ich, dazu einigerma�en das Recht zu haben.</p><p>fassgolt</p><p>Nat�rlich hatten wir in der Klasse einen Juden � und der benahm sich so, wie es von einem Juden auch zu erwarten war. Er hielt sich oft abseits von allen, hatte zu tausend Dingen eine andere Meinung, und wenn er einen anschaute, sah man in seinen Augen immer so etwas wie eine Herausforderung � wenn nicht sogar Spott. Au�erdem tanzte er auch bei ganz harmlosen Dingen gern aus der Reihe. Wenn bei einer Klassenunternehmung alle versuchten, auf dem B�rgersteig nur auf die Fl�chen mit den bla�rosa Pflastersteinen zu treten, lief er garantiert auf den blauen Teilen des Musters. Solche Exzesse wollte ich eines Tages nicht mehr dulden und beschlo�, ihn zur Rede zu stellen. Das bedeutete damals nichts anderes, als unsere K�rperkraft und unser Geschick sprechen zu lassen. Meine Bande stand geschlossen hinter mir, und wir lauerten Fassgolt eines Tages auf. Fassgolt war aber ein sehr guter L�ufer und Ausweichler, und er entkam uns. Das zweite Mal entkam er uns wieder. Irgendwann erw�hnte ich zu Hause das unertr�gliche Wesen von Fassgolt und gab dazu noch einen rassistischen Kommentar ab.</p><p>��Dabei sieht er nicht unbedingt j�disch aus.</p><p>Meine Damen waren entsetzt, bis Onkels Frau Eva sagte, sie kenne Frau Fassgolt pers�nlich, und die Fassgolts seien �berhaupt keine Juden. Vielmehr h�tten sie Vorfahren aus S�dtirol.</p><p>��Hat dir das bis jetzt niemand gesagt, Georg? WIR sind doch JUDEN, wir alle hier, du nat�rlich auch. Alle unsere �rzte und fast alle unsere Bekannten sind Juden � egal, ob sie im Dezember Weihnachtsb�ume nach Hause schleppen oder nicht. Und da� bei uns die Geburtstage meistens am Vorabend gefeiert werden � du hast dich neulich dar�ber gewundert � , hat damit zu tun, da� j�dische Feiertage bereits am Vorabend beginnen. Auch wenn wir uns sonst an gar nichts mehr halten�</p><p>��Gy�rgyi hat noch einen Milchtopf! sagte Gro�mutter Lizzy � und ich auch. Aber die Orthodoxen feiern die Geburtstage gar nicht, wi�t ihr das �berhaupt?</p><p>Das alles erschreckte mich ma�los. Da� man w�hrend des Krieges eine gewisse Zeit in einem KZ zu verbringen hatte, schien in meiner Welt das �bliche zu sein. Mit dem minderwertigen Jude-Sein stand es f�r mich �berhaupt nicht in Verbindung. Fassgolt bekam ab sofort meinen Schutz, und wir freundeten uns sogar vorsichtig an. Wir sind trotzdem zwei sehr unterschiedliche Juden geblieben.</p><p>viele der fliegen �berlebten nicht einmal die erste drehzahlstufe</p><p>Wenn ich mir meinen Onkel aus dem Ged�chtnis holen m�chte, sehe ich entweder seine fetten, trotzdem aber flinken Finger oder seine weichen wei�en Beine auf dem Nierentisch. Selbstverst�ndlich hatte mein Onkel � sp�testens seit seinem vierzigsten Lebensjahr � auch einen H�ngebauch. Diesen sehe ich vor mir, aber nur schwach und masseneutral. In meiner illustrierten Erinnerungschronik sind es ausgerechnet seine haarlosen Beine, die ein wesentlich einpr�gsameres Bild abgeben. Sein Bauch bereitete mir offenbar so viele zus�tzliche Sorgen, da� ich seine unertr�gliche Existenz lieber ausblendete. Die Probleme, die einem Mann eine solche Wulst bereiten mu�te, kamen mir von klein auf gewaltig vor: Wie schaffen es diese M�nner, nicht andauernd nach vorn zu kippen? Kommt man mit einem solchen Abstandhalter �berhaupt tief genug zwischen die Beine der begattungswilligen Frauen? Und wo finden die Hosen dieser M�nner auf der abfallenden unteren Bauchrundung einen vern�nftigen Halt? Wieso rutschen sie ihnen nicht andauernd auf die Schenkel? Der n�chste Fragenkomplex betraf das Wanst-Innere. Ich r�tselte, ob es darin irgendwelche zus�tzlichen Organe g�be, die diesen Volumenzuwachs ausmachten, oder ob nur der Magen-Darm-Trakt so aus dem Leim ging und aus dem Ruder lief. K�nnte sich ein derartiger Wildwuchs � zeitz�ndergest�tzt � auch bei mir ereignen? K�nnten sich die f�r diese Bauchg�rung zust�ndigen Hefesprossen in mir ansiedeln und sp�ter breitmachen? Auf welchem Wege konnte man sich eventuell anstecken? In meiner eher eingefallenen Bauchh�hle gab es keine Ausdehnungsr�ume f�r zus�tzliche Platzfresser, ich mu�te mich vorsehen. Die m�nnlichen B�uche pr�gten sich mir auf alle F�lle sehr fr�h ein, was eventuell auch mit anderen meinen Vater betreffenden Sorgen zusammengehangen haben k�nnte. Aber vielleicht war Onkels Bauch doch der eigentliche Musterhorrorbauch meiner Kindheit. Als ich viel sp�ter zum ersten Mal einen wei�en Riesenbovist auf einer Wiese fand und �berhaupt nicht wu�te, was f�r ein Gottesgesch�pf das war, mu�te ich als erstes an meinen Onkel ONKEL denken.</p><p>Andere m�nnliche K�rperteile � brisanter als Finger, Beine oder B�uche � bekam ich woanders zu sehen. Als ich einmal meinen Freund Petr Skopka auf dem Weg zur Schule abholen wollte, passierte, was passieren mu�te. Ausnahmsweise hatte ich an dem Tag noch etwas Zeit, mein Entschlu�, bei Skopka vorbeizuschauen, fiel spontan. Trotzdem war es l�ngst �berf�llig, an Ort und Stelle �ber unsere zuk�nftige Kooperation zu verhandeln. Es ging um seine dressierten Fliegen und die weiteren Ausbaustufen ihrer Ausbildung. Ich kam hoch, Petr war noch im Bad, und ich sollte mich im dunklen Flur auf einen Stuhl setzen und warten. Pl�tzlich ging eine T�r auf, und etwa in meiner Kopfh�he erschien ein dicker, schr�g zur Decke weisender Besenstiel. Ich kam mir vor wie im Kasperltheater. Jemand schob den Stiel weiter und weiter in den Zuschauerraum hinein � und erst dann erschien Vater Skopka, aus dessen Schlafanzughose das dunkle Holzst�ck hinausragte. Da er noch verschlafen war und seine Brille nicht aufhatte, sah er mich nicht und verschwand wortlos auf der Toilette. Der Gummizug seiner Hose war ziemlich schlaff � daher hatte sein Beinkleid nur vorn an dem steifen Haken etwas Halt. Hinten war Vater Skopka unbedeckt, seine Pobacken wackelten vollkommen frei. Ich erstarrte. Aus dem Kinderzimmer von Petr roch es nach den Beh�ltnissen der gefangenen Fliegen, die �ber Nacht oft massenhaft verendeten. Mir wurde in der stickigen Luft des fensterlosen Flurs leicht �bel, verst�rkt wurde mein somatisches Entsetzen durch eindeutige und h��liche Ger�usche aus der Toilette. War Herr Skopka ein Mutant oder ein Behinderter? Der Anschauungsunterricht bei mir zu Hause war einseitig und eindeutig unzureichend. Der Penis meines Onkels war in meiner Phantasie winzig, weich und wei� � wei� wie alles andere an ihm.</p><p>Mein Freund Skopka wurde kurz danach in die K�che geschoben, seine Mutter hatte noch ihr Nachthemd an. Frauen im Neglige waren f�r mich nichts Besonderes, und ich wollte mitgehen, Skopkas Mutter gab mir hinter dem R�cken ihres appetitgest�rten Schlechtessers aber stumme, trotzdem eindeutig abweisende Handzeichen. Ich sollte dort bleiben, wo ich war. Die K�chent�r ging zu, die besorgte Frau wollte ihren Sohn beim Fr�hst�ck bewachen und ihm jede Ablenkung ersparen. Meine Beine wurden unruhig, und ich wu�te nicht, was ich mit dem gewaltigen Eindruck, den Vater Skopkas Apparat auf mich gemacht hatte, anfangen sollte. Instinktiv f�hlte ich, da� es nicht klug gewesen w�re, seine m�glicherweise kompetente Frau zu befragen. Mir stand au�erdem noch die n�chste Begegnung mit ihrem Monstermann unmittelbar bevor. Ich �ffnete leise die Wohnungst�r und rannte weg.</p><p>Meinem Freund Skopka � dem Kind aus einem Rarit�tenkabinett � durfte ich den Grund f�r meine Flucht nicht verraten. Ich mu�te mich taktisch verhalten. Sein Versprechen, mir einige von seinen Kosmonautinnen abzutreten, stand auf der Kippe. Die gerade beschriebene Penisparade fiel in die Zeit der sowjetischen Erfolge im Weltraum. Die vierd�sigen Tr�gerraketen des legendenumwehten Sergej Koroljow explodierten nicht andauernd wie die amerikanischen � jedenfalls nicht vor aller Augen � , der Sputnik demonstrierte der ganzen Welt die �berlegenheit des Sozialismus, und die H�ndin Laika zeigte die Perspektiven des Lebens und Sterbens im Weltall auf. Ich kann mich noch an die gigantisch �berh�hte Stimmung erinnern, die nach solchen kosmosbezwingenden Gro�taten auf den Stra�en von Prag herrschte. Ohne jegliche Vorwarnung und im Widerspruch zum �blichen Alltagstrott wurde es pl�tzlich h�llisch laut, und die triumphale Musik lie� einen im ersten Schreck an Kleopatras Einzug in Rom denken. An den Stra�enlaternen hingen damals noch �berall riesige Lautsprecher. Deshalb konnte man in jedem beliebigen Moment, bei jedem beliebigen Anla� dezibelstark terrorisiert werden, die Stadt konnte sich fl�chendeckend wie auf Befehl in einen Festsaal voller Musik und Gef�hlstaumel verwandeln. Eine �hnliche Inkongruenz zwischen Stimmung, Ausstattung und Ambiente konnte man sp�ter, nachdem das Absurde Theater die Zensurschranken �berwunden hatte und in Prag endlich angekommen war, auf kleinen Experimentalb�hnen erleben.</p><p>Zuf�llig und beliebig waren die Beschallungsattacken nat�rlich nicht. Bald nach der musikalischen Einstimmung ert�nte eine aufgeregte, sich �berschlagende Stimme, die das jeweilige Gro�ereignis verk�ndete � und den Text der frohen Botschaft noch einmal und noch einmal wiederholte. Diese wuchtigen Bekanntmachungen waren f�r ohrenoffene Wesen wie mich, f�r Menschen mit leicht formbarer Gehirnmasse einmalig beeindruckend. Ich war gierig nach Gl�ck, und so eindeutig optimistisch stimmende Ereignisse waren im sozialistischen Alltag eher selten. Und dann gleich ein derartiger Ausbruch von Freude! Dabei h�tten die Lautsprecher, rein theoretisch, genauso den Ausbruch eines atomaren Weltkrieges verk�nden k�nnen. Diese oft im Doppelpack auftretenden und eher an gro�e Ohren erinnernden Apparate wurden normalerweise nie laut, man verga� fast, da� es sie �berhaupt gab. Sie taten mir wegen ihrer Unterbesch�ftigung furchtbar leid. Wenn ich ausnahmsweise mal aufsah, hatte ich regelm��ig das Gef�hl, sie h�tten am liebsten � also im Falle eines atomaren Angriffs � das zum Zudecken ben�tigte und vor der Radioaktivit�t sch�tzende Zeitungspapier ausspucken wollen; wenn sie es gekonnt h�tten. Aus den entsprechenden Kursen der Zivilverteidigung wu�ten wir �ber diese Dinge alle gut Bescheid. Ob die Lautsprecher �berhaupt funktionierten, war in der Zwischenzeit vollkommen unklar. Regelm��ig genutzt wurden sie nur einmal im Jahr am Ersten Mai.</p><p>Als im Jahre 1961 Gagarin ins All geflogen und wieder zur�ckgekehrt war, wurden alle Schallmauern der Freude endg�ltig durchbrochen. Die M�nner in der Begl�ckungszentrale waren au�er sich geraten, brachten sich in Rage von mindestens 5 Mach, konnten stundenlang nicht aufh�ren zu senden � und wahrscheinlich ruinierten sie damals ganze Teile ihrer Apparatur. Sie drehten und w�rgten an den Kn�pfen ihrer Verst�rker, lie�en die musikalischen Begeisterungswellen sich eruptionsartig �berschlagen, erlaubten den eingeladenen Prominenten, unsinnig laut in die Mikrophone zu br�llen � so laut, da� man sie wegen der �berschreitung der Pegelgrenzen gar nicht verstehen konnte. Einigen Sprechern barsten in den H�lsen vielleicht lange verborgen gehaltene oder auch ihnen selbst verborgene Gl�cksblasen. Technisch oder menschlich mu� an dem Tag jedenfalls einiges schiefgegangen sein. Nach dieser �ffentlichen Orgie blieben die Stra�enlautsprecher in meinem Stadtteil sehr lange still. Aus den folgenden Jahren kann ich mich jedenfalls an keine fl�chendeckende Freudeverteilung mehr erinnern.</p><p>Bereits w�hrend des allgemeinen Jubels um den zweiten Sputnik mit der tapferen Laika r�hrten sich in der Gesellschaft auch Menschen, denen nichts heilig war. Kurz nach Laikas Triumph kursierte in der Bev�lkerung ein Schm�hreim, der zus�tzlich noch nach einer Rock'n'Roll-Melodie aus Amerika gesungen wurde:</p><p><emphasis>Sovetsti muzici / vypustili druzici /Lajku do ni nacpali /a nazratjinedali. </emphasis>Frei �bersetzt hei�t es:�Sowjetische Muschiks schossen einen Sputnik ins All, pferchten die Laika rein und gaben ihr nichts zu fressen. �Viele Menschen waren �ber dieses Lied emp�rt, die <emphasis>Rock-Around-The-Clock-</emphasis>Melodie war aber bestechend, und den Text kannte bald jeder. Die arme Laika war allerdings an �berhitzung und Stre� gestorben, nicht an Hunger. Ihre Wegzehrung � vergiftetes Essen � hatte sie sogar dabei. Mein Freund Skopka blieb von jedem st�renden und nebens�chlichen Treiben in der Stadt unbeeindruckt, entschlo� sich vielmehr, den Boom zu nutzen und statt eines Hundes die viel leichteren Fliegen in den Himmel zu schicken. Eine Rakete hatte er zwar noch nicht � sprach nur vage von irgendwelchen Tests und Brennkammern � , als erstes wollte er lieber seine Kosmonautinnen auf Vordermann bringen. Das wichtigste Trainings- und Folterger�t war eine selbstgebastelte, durch einen kleinen Elektromotor angetriebene Zentrifuge. Die half ihm bei der Selektion der Fliegen effektiv, und die st�rksten Tiere kamen nach drei Durchl�ufen in ein ger�umiges und gut bel�ftetes Glas mit dem besten Futter. Dazu mu� man wissen: Viele der Fliegen �berlebten nicht einmal die erste Drehzahlstufe. Von seinen trainierten Spitzenexemplaren gab er mir am Ende leider kein einziges ab. Skopkas Einstellung zum Leben � so etwas wie sein Lebensmotto � entsprach mir trotzdem sehr: Auch eine Fliege mu� etwas leisten, bevor sie in den Himmel kommt. Von nichts kommt nichts. Skopka war technisch viel begabter als ich, im Vergleich zu mir war er aber ein wirklich miserabler Esser. Darin stimmte ich mit seiner Mutter �berein. Er bekam die Reste seines Fr�hst�cks manchmal mit auf den Weg, und wenn er aus der Sichtweite seiner hinter den Gardinen vermuteten Mama war, schmi� er alles in die B�sche.</p><p>Da� bei uns zu Hause alles M�nnliche kompromi�los ausgelagert werden mu�te, schien mir richtig und konsequent zu sein. M�nner h�tten unsere Harmonie nur gest�rt. Sie h�tten unser Zusammenleben durcheinandergebracht, h�tten sicher auch die fundamentalsten Regeln gebrochen oder sich sogar angema�t, neue Regeln einzuf�hren. Die Liebhaber meiner Mutter waren zwar nie ausgelagert worden, sie wurden aber auch niemals wirklich eingelagert. Dagegen machte sich Onkel ONKEL als ein Repr�sentant aller Ausgelagerten sehr gut, verk�rperte diese Rolle geistig wie auch durch seine Verortung ganz ausgezeichnet. Hinter seiner Schrankmauer steckte er im Grunde in einer Art Lagerraum. Seine Leidenschaft, Materialien f�r seine zuk�nftigen handwerklichen Aktivit�ten zu sammeln, wurde ihm dabei leider zum Verh�ngnis. Als unser Keller bis zur Decke vollgestopft war, mu�te er viele unersetzbare Fundst�cke, alle den Schrottsammlungen entrissenen Ersatzteile und alle verwendungsw�rdigen Materialreste direkt in seinem Zimmer unterbringen. Dadurch wurden diese Dinge so etwas wie seine Mitgefangenen. Da Onkel diesen Krempel in stabile Kartons stopfte, konnte er sie gut stapeln � und mit ihrer Hilfe seine Schrankbarriere bis zur Decke aufstocken. Irgendwann war aber das H�henlimit erreicht. Sp�ter engten die Kartons auch seinen Innenbereich ein. Onkels Schubf�cher waren schon immer vollgem�llt, quollen oft �ber oder lie�en sich �berhaupt nicht mehr �ffnen. Viele der unentbehrlichen Dinge waren wegen der nicht vorhandenen Systematik und fehlenden Kartonbeschriftung sowieso schwer zu finden, und der arme Onkel hauste auf immer sinnloser schwindendem Raum. Sein Lebensbereich glich zunehmend einem Recyclinghof, um nicht zu sagen einem Material-KZ. Die Rettung brachte etwas sp�ter sein ger�umiger Bauernhof. Um ihn � einschlie�lich aller Nebengeb�ude � ebenfalls zuzum�llen, brauchte er dann erstaunlich wenig Zeit, h�chstens zwei Jahre.</p><p>Als eine Art stabiles m�nnliches Vorbild blieb mir praktisch nur mein extramuraler Vater. In ferner Vergangenheit war er f�r mich eine Ikone gewesen, und egal, wie stark angeschlagen er von Anfang an war, eine Zeitlang war er eine. Dabei waren seine Qualen noch undurchschaubarer als die des Onkels, qualitativ waren sie sowieso v�llig anderer Natur. Und obwohl mir das Wesen meines Vaters etwas n�her war, war er als eine Leitfigur leider noch weniger brauchbar als mein Onkel. Und das will schon etwas hei�en.</p><p>Mein Vater mu�te nicht erst in eine qu�lende Enge getrieben werden, er steckte in seiner stinkigen Sackgasse sowieso seit langem fest. Dort arbeitete er konsequent an seinem Ende, zerfiel langsam vor aller Augen, bis er dann reif war und starb � mit nur f�nfzig Jahren auf Bauch und Buckel. Er war ein krankhafter und unverbesserlicher L�gner, ein Wrack voller destruktiver Ironie und beim Bezahlen an den Tankstellen zitterten ihm immer die H�nde. Wenn er Auto fuhr, trank er n�mlich nicht und mu�te seinen Tremor in Kauf nehmen. Wegen dieses Zitterns dachte ich als Kind lange, da� es ihm � ausgerechnet wenn es um Benzin ging � um die gr�nen Hundertkronenscheine leid tat. Ganz logisch war das nat�rlich nicht, da er sehr gut verdiente. Er war bei der� Geheimpolizei�, wie es unter uns Jungs hie�, wobei alle, die solche V�ter hatten, deren Beruf offiziell als� Staatsangestellter �anzugeben hatten. In Gastst�tten zitterte mein Vater nicht, beim Einkaufen auch nicht. Wenn wir in der Stadt unterwegs waren, verschwand er regelm��ig in dunklen Eckkneipen und kam im Handumdrehen l�chelnd wieder heraus, als h�tte er dort eine partielle Absolution erhalten. In seinen Augen d�mpelte das schlechte Gewissen.</p><p>Sein mitteldicker Bauch war ein nicht zu leugnender Schandfleck an ihm, insgesamt fand ich ihn k�rperlich lange Zeit eher anziehend. Seine Schultern wirkten kraftvoll, die Polsterung seines volumin�sen Brustkorbs � vorn wie auf dem behaarten R�cken � konnte man bei gutem Willen f�r Muskulatur halten. Seine Beine waren schlank und tadellos. Und das wu�te er auch. Wenn bei ihm ausnahmsweise Besucher auftauchten, zog er schnell eine Schnapsflasche aus einem der Kleiderschr�nke heraus, und bald danach � das war die Regel � lie� er seine Hose fallen und zwang den oder die m�nnlichen Besucher, das gleiche zu tun. Der Sch�nheitswettbewerb um die sch�nsten M�nnerbeine konnte beginnen. Mein Vater war dabei in seinem Element und kannte sich nicht nur in den strengen Beurteilungskriterien gut aus, als Siegertyp beherrschte er auch alle psychologischen Tricks, die in jeder modernen Kampfdisziplin eine gro�e Rolle spielen. Er nutzte beispielsweise geschickt die Verlegenheit seiner nicht ausreichend angetrunkenen Gegner, und wenn es ging, flirtete er nebenbei mit ihren Frauen. Beim eigentlichen Wettbewerb streckte mein Papa abwechselnd und ausgesprochen grazi�s seine Beine in die Luft, dr�ckte zwischendurch die Fu�spitzen gegen ein Sofa. Besonders in diesen Momenten spannte er gekonnt seine Muskeln an und brachte sie da und dort, besonders aber an den Waden, in eine wellenartige Bewegung. Er gewann immer. Da� sein Bauch sich nicht waschbrettartig wellte, z�hlte nicht. Alle lachten die ganze Zeit, bis ihre Wangen steif wurden und eine h��liche Dauerspannung eingraviert bekamen. Ich lachte auch, weil man bei Vaters Auftritten nichts anderes machen konnte als lachen.</p><p>Wenn ich einen �hnlichen Wettbewerb h�tte ausrichten d�rfen, h�tte ich � trotz meiner �ngste vor rachgierigen Killerb�uchen � unbedingt die m�nnlichen Bauchw�lbungen bewerten wollen. In der Stadt grassierte galoppierende Bauchverfettung, und ich h�tte auf diese Seuche tats�chlich gern aufmerksam gemacht. Ich sah, da� sich viele M�nner beim Laufen weit nach hinten neigten, um damit der gef�hrlichen Verschiebung ihres Schwerpunktes entgegenzuwirken. Sie waren, da ihnen ihre B�uche den Blick versperrten, nicht in der Lage, die vielen Unebenheiten auf den B�rgersteigen richtig einzusch�tzen, sie �bersahen oft kleine Kinder oder kleine bis mittelgro�e Hunde. Zur Freundlichkeit auf den Stra�en trugen sie daher wenig bei. Bei manchen von der Quellhefe Befallenen kam eine moosige Fettschicht sogar unter ihrer Stirnhaut zum Vorschein, ihre untere Gesichtsh�lfte war sowieso schon aufgequollen � und in ihren Augenh�hlen lagerte ebenfalls viel Abfall. Und auch die j�ngeren M�nner zeigten schon, in welche Richtung sie weiterwachsen w�rden � n�mlich nach vorn. Am liebsten h�tte ich diese jungb�uchigen und noch zu rettenden Anf�nger vor Fettbefall und Muskelabschlaffung gewarnt und ihnen eingeh�mmert:</p><p>��Ihr wollt doch euer Leben lang in die Frauen tauchen, oder etwa nicht? Denkt daran! Ihr m��t sogar tief genug in sie hineingelangen k�nnen, wenn euer Leben einen Sinn und eine Art Fortsetzung haben soll!</p><p>Und wenn ich das folgende, von der Brauindustrie gut geh�tete Geheimnis schon damals gekannt h�tte, h�tte ich noch hinzugef�gt:</p><p>��Vorsicht, M�nner! Im Bier stecken massenhaft weibliche Hormone � nicht einfach nur Gerste, Hopfen und Wasser! Vom Bier bekommt ihr nicht nur schwere B�uche, sondern auch �ppige Br�ste!</p><p>Meine Ern�hrungs�ngste und Verformungsphantasien brachten mich im zarten Alter dazu, pausenlos auf meinen Bauch zu achten, und schon zu Urzeiten �ngstigte ich mich um meine Figur. Wenn ich etwas mehr gegessen hatte und sp�rte, wie sich meine Bauchdecke w�lbte, zog ich sie mit Gewalt sofort wieder ein. Ich wollte nicht zulassen, da� meine Muskulatur nachgab, ich durfte nicht wie die vielen Nilpferde um mich herum lockerlassen und vor der Ausdehnungs- und Schwerkraft kapitulieren.</p><p>An meinem Vater war es trotzdem nicht sein Bauch, der mir das schlimmste Kopfzerbrechen bereitete. Es war etwas anderes, und es war trotz meiner starken Fokussierung auf das Verfettungsthema schwer zu greifen oder gar im einzelnen zu benennen. Bekanntlich stie� ich beim Nachdenken �ber viel einfachere Probleme schnell an meine Leistungsgrenzen. Das Geheimnis meines Vaters umh�llte sein Wesen wie eine verschmutzte und sowieso nicht transparente Fruchtblase. Diese Blase und ihr Inhalt befanden sich au�erdem in einem wilden Verwandlungsund Diffusionsproze�. Alles faulte hier bei voller Frische, bestand gr��tenteils aus Abscheidungsderivaten und F�ule-Isotopen, trotzdem nahmen alle diese Stoffe an der lebenserhaltenden Zellteilung offenbar noch teil. Wobei das beh�tete Fr�chtchen � mein Vater also � sich nur als ein kleiner Bauteil dieser koagulationsgeilen Verklumpung im instabilen Aggregatzustand benahm. So gesehen schien mein Vater nur ein durchweichtes Funktionsr�dchen eines g�renden Komplexes zu sein. Immerhin aber das Kernst�ck dieses einbetonierten Ganzen, das r�umlich der Ausdehnung seiner Wohnung entsprach, rein �u�erlich gesehen also seine Plattenbauwohnung genannt werden konnte. Vaters Behausung war tats�chlich kein Ding, es war ein lebendiger Organismus, monstr�s in seiner von Anbeginn der Aufl�sung geweihten Mutationsfreude. SO WAR ES, SO WERDEN DIESE S�TZE STEHENBLEIBEN, SO UND NICHT ANDERS WIRD MEIN VATER DEFINIERT. Es ist mir tats�chlich nicht m�glich � und es wird mir auch im folgenden nicht m�glich sein � , meine damaligen Eindr�cke etwas schlichter auszudr�cken, als ich es hier und jetzt tue.</p><p>Der Schmelztiegel von Vaters Wohnung war voller verwachsungsgeiler Spr��linge und zwang alle Einquartierten, mit der Einrichtung dieser h�uslichen H�lle irgendwann eins zu werden. Die Wohnung und ihre Einrichtung umschlangen einen regelrecht, umklammerten jeden in Sekundenschnelle und umklebten ihn so vollkommen, da� man als Besucher nach dem Verlassen der Wohnung Stunden brauchte, um sich wieder freizuh�uten. Auch als Kurzzeitbesucher dieses oberfl�chenagilen Betonbunkers mu�te man auf der Hut sein. Man wurde in den laufenden Verschmelzungsproze� sofort eingebunden � bei Tageslicht ging es los, abends und nachts hielten einen zus�tzlich und tausendfach kr�ftige Mikrokrallen fest. Ich, der von Sonnabend nachmittag bis Sonntag mittag durchhalten mu�te, war trotz aller Vorsicht schon nach wenigen Stunden fast verloren, f�hlte mich so gut wie machtlos. Und wenn ich meinen verbissenen Widerstand aufgegeben h�tte, w�re ich irgendwann festgezurrt worden, ich h�tte mich aus der sterbensfrohen und grenzenlos gro�z�gigen Umarmung dieser Wohnung nie mehr befreien k�nnen. Schon etwas Tr�gheit h�tte gereicht, um ein Mitglied dieser Endzeitgemeinde zu werden. Ich w�re dann, genauso wie die anderen, nur noch mit dem eigenen Entschwinden besch�ftigt gewesen. In dieser Wohnung wurde immer schon gestorben, war mein Eindruck. Und als sp�ter alle Erwachsenen wirklich tot waren und ich die Geschichte dieser � wie ich annahm � sich fortpflanzenden Verwesungshingabe bei Freunden zum besten geben wollte, bekam ich den schlimmsten Lachkrampf meines Lebens. Ich w�lzte mich als erwachsener Mensch auf einem dreckigen Fu�boden und kam und kam nicht hoch. F�r diesen Vorfall gibt es zuverl�ssige Zeugen.</p><p>Da� alle drei Behausungen meines Vaters, die ich kannte, so saftig und fruchtschwer wirkten, war nat�rlich kein Zufall. Die entsprechenden Keimlinge und Zersetzungsgifte, die f�r diese Art BELEBUNG sorgten, mu�te jedesmal mein Vater eingeschleppt haben � so gesehen war er f�r sein fr�h anberaumtes Ableben unmittelbar verantwortlich. Den Rest besorgten dann die befallenen und ihn umgebenden Dinge, sie �bernahmen selbst die Initiative, gaben schlie�lich keine Fluchtwege frei � und weil sich mein Vater in der Wohnung wenig bewegte, ging alles relativ schnell. Wenn die menschlichen und stofflichen Oberfl�chen moribund-biotisch zueinandergefunden hatten, wenn sie einmal miteinander in Austausch getreten waren, war die Abt�tung alles lebendigen Gewebes nicht mehr aufzuhalten. Die zunehmende Fruchtigkeit aller schwammig gewordenen Gegenst�nde und deren por�sen H�ute beg�nstigten und beschleunigten den Gang der Dinge zus�tzlich. Vaters Wohnung lie� seine Bewohner sanft schmoren, garte sie wie im R�mertopf, lie� keine D�mpfe entweichen.</p><p>Die Probleme aller Wohnungen meines Vaters manifestierten sich beispielsweise in Form einer ganz speziellen Geruchsmischung, die ich nie vergessen werde und die keine Malerarbeiten auf Dauer beseitigen konnten. Aus der Perspektive der gerade angesprochenen Moribund-Biose und � Symbiose gesehen, war es im Grunde auch Vaters Todesgeruch. Der organische Charakter der Wohnung zeigte sich beispielsweise in der stark klebrigen und jeden Appetit t�tenden Schicht, die �berall zu ertasten war. Aus allen Oberfl�chenporen kam etwas Schmieriges heraus � als ob dort alle Dinge mit hochproduktiven Dr�sen �bers�t gewesen w�ren. Die Menschen und Gegenst�nde dieser Wohnung schienen ihren Talg, ihre Sekrete und Sublimate miteinander abzustimmen, sich behutsam auszutauschen und bei dieser Produktion voneinander zu profitieren. Am Ende kam immer eine konstante Geruchs- und Schmiere-Melange zustande. Daher �nderte sich an der filmigen Beschichtung und dr�sigen Verfilzung der Wohnung trotz vieler w�tender S�uberungsaktionen von Vaters Frau qualitativ nie etwas. Offenbar verb�ndeten sich die organischen und anorganischen Schutz- und Schmutzschichten dieser Wohnung miteinander, schlossen untereinander � trotz der offiziellen Zusammenarbeit mit den Menschen � heimliche Vertr�ge ab und bildeten daher eine einheitliche osmotische Kampffront, die eindeutig gegen ihre menschlichen Koalition�re gerichtet war. �berall knisterte und schmatzte es, auch die jungfr�ulich abwehrst�rksten Oberfl�chen reagierten chemisch miteinander, entluden ihre sub-subkutane Spannung, bedr�ngten sich schmelzthermisch, saugten sich durch den nebenbei erzeugten Kondensationsunterdruck aneinander. Und alle sonst egal wie passiven Stoffe lie�en sich dieses Vergn�gen genausowenig nehmen und beteiligten sich an dem allgemeinen molekularen Treiben wenigstens als Katalysatoren. Nur die inerten Gase schauten zu und sahen, wie sich alle Beteiligten an die W�sche und unter die H�ute gingen, sich ineinander im R�ckw�rtsgang hineinfra�en und die gesamte Mensch-Ding-Wohnungsf�llung im Eiltempo eins werden lie�en. Die Spuren dieser Prozesse verdichteten sich periodisch zu verh�rteten� Baum�-Ringen, die in diesem Spezialfall von au�en nach innen zu wandern schienen � bis sie im verkrebsten Wohnungskern steckenblieben.</p><p>Ich h�tte im �ther von Vaters Wohnung gern nur � als wenigstens einen luftigen Haltepunkt � den separaten Geruch vom Zigarettenrauch, von frisch destillierten Exkrementen oder Angstschwei� in Rohform erkannt. Schweren Zigarettenrauch, frische Schei�e und klebrigen Angstschwei� roch man dort zwar ohne Ende, bei mir kam aber nie etwas in separater Reingestalt an � es handelte sich immer nur um hochkomplizierte Mischformen. Das Plattenbaubad und die kleine Plattenbautoilette hatten gar keinen Luftabzug.</p><p>Ungl�cklicherweise klebte und stank beim Vater � man wird es mir glauben m�ssen � auch das frisch gesp�lte Geschirr. Was also die muffigen Geschirrt�cher beim freudlosen Abtrocknen des Geschirrs nicht entsorgt oder was sie � dies war auch m�glich � an Stinkdreck eben neu verteilt hatten, dampfte und sublimierte vor sich hin und kam als unsichtbarer Angriff aus der Luft irgendwann wieder an. Alle Tassen f�hlten sich fettig an, auf dem Tee schwamm immer eine glitzernde, mit einem netten Farbspektrum kolorierte Schicht voller Kurven, Kreise und �uglein, und dem schlichten Versuch, das Licht einzuschalten, folgte oft gleich wieder das Ausschalten, weil der Finger an dem defekt-federlosen Kippschalter einfach haftenblieb. Ich fa�te nur das an, was ich unbedingt anfassen mu�te, und gr�belte �ber das zus�tzlich Gruselige, das nur seelisch Unhygienische und ideell Eklige, m�glichst nicht nach, um meine Denkqualen nicht noch zu verst�rken. Vielleicht �berdehnten sich nicht nur alle tektonischen Membranen, die dort zwischen Realit�t und Irrwitz lagen, vielleicht qu�lten sich da und dort nicht nur osmotische Absonderungspumpen und belasteten sich durch artesischen Druck nicht nur gegenl�ufige Lippendichtungen � sicher schwitzten dort aus Solidarit�t auch alle anwesenden Menschenseelen. Vielleicht tropfte ihr Ungl�ck pausenlos aus irgendwelchen der Humanwissenschaft noch unbekannten seelischen Tr�nens�cken. Vielleicht waren die in der Plattenbauwohnung versklavten K�rper bereits damit besch�ftigt, vorsorglich leichengiftigen Sauerteig zur Weitergabe an Nachgeborene anzusetzen, sich mit der Opferung der Filetst�cke ihrer eigenen lebenden Substanz daf�r abzustrafen, da� sie keine Sprache f�r ihre Qualen gefunden hatten.</p><p>Ich witterte bei meinem Vater vorsichtshalber immer nur das Schlimmste, meine sensorischen Vorverst�rker liefen dauerhaft auf Hochtouren. Und ich kam gezwungenerma�en zu der �berzeugung, alle um meinen Vater versammelten Menschen tr�gen in sich furchtbare Geheimnisse � und zwar solche, die nur mit dem Tod ges�hnt werden konnten. Und diese seien so schlimm, da� die armen Geheimnistr�ger sie auch voreinander verbergen mu�ten, wom�glich auch vor sich selbst. Mehr als logisch w�re dann, da� der einzige Kanal nach au�en, die einzige Erleichterungsm�glichkeit, die ihnen allen zur Verf�gung stand, das stille Absondern ihres saftigen Innenfluidums war � ein Absondern in Form von seelischem Smog. Ihnen schien am Ende doch nichts anderes �briggeblieben zu sein, als ihre unter Hochdruck produzierten Feinzuckungen, ihren in allen Organen vibrierenden Ekel in den �ther zu schicken � amplituden- oder frequenzmoduliert, wie auch immer.</p><p>M�glicherweise waren aber die Geheimnisse, �ber die ich jetzt spreche, nicht wirklich unaussprechbar. Wie schon angedeutet: Vielleicht waren diese Dinge allen Beteiligten einfach nur peinlich, und peinlich w�re ihnen sicher auch gewesen, wenn sie h�tten zugeben m�ssen, als Erwachsene nicht in der Lage zu sein, sich aus eigener Kraft von ihnen zu befreien. Vielleicht war die schmierige Paste, die sich in Vaters Wohnung �berall aufhielt, eben nur diese zum Material gewordene Peinlichkeit. Man mu� au�erdem bedenken, da� verzweifelten und seelenabwesenden Menschen pausenlos viele Unachtsamkeiten unterlaufen. Rein sachlich gesehen bestand der schmierige Klebefilm eventuell aus adh�sionsstarken Dreckpartikeln und nach und nach koagulierten Dispersionen, die sich mit den Jahren einfach angesammelt hatten und schlie�lich � �hnlich wie oxidiertes Fett � verharzten. Im Hinblick auf ein derartig d�mmliches und daher schutzw�rdig-schambehaftetes Unverm�gen � ein Unverm�gen, auch �ber die banalsten Dinge offen zu sprechen, ein Unverm�gen, sich klebefrei zu halten und aufeinander zu achten � war es allerdings besser, denke ich heute, da� auf dieses Unverm�gen ein Nachrichten-Embargo gelegt wurde.</p><p>Zus�tzlich zu der �blen Geruchstragik war Vaters letzte Wohnung, die er als Spitzendiener des Staates in einer modernen, frisch hochgezogenen Neubausiedlung zugeteilt bekam, im Winter immer �berheizt. Und in dieser Hitze dampfte alles doppelt intensiv. Der fensterlose und mit einem nur angedachten Dunstabzug versehene K�chenkern steckte praktisch in der Mitte dieses luxuri�sen Vegetierk�figs. Und obwohl sich der K�chendunst dann in allen �brigen R�umen gut ausbreiten konnte, f�hlte sich die dortige Luft trotzdem immer trocken an. In Vaters Wohnung erlebte ich meine Schleimh�ute als evolution�r nur mangelhaft ausgereift, meine aufgequollenen Kopfinnenr�ume befanden sich beim Vater dauerhaft im Ausnahmezustand. Hinzu kam noch der Beitrag meiner Gro�mutter Ludmila, die � als sie senil geworden war � in die Familie aufgenommen wurde; und diese wusch sich kaum. Au�erdem war noch mein schei�ender und schreiender Halbbruder da, und au�erdem die Angorakatze, die in der winterlichen Fernhitze besonders gelitten und geruchgedampft haben mu�. Die vielen Pflanzen und ihre Humusb�den atmeten ebenfalls pausenlos, und in den wenig gel�fteten Matratzen br�teten und vermehrten sich garantiert gewaltige Milbenst�mme. Apropos Pflanzen: Einer Palme mit vielen vitalen Luftwurzeln ging es in Vaters Wohnung so pr�chtig, da� sie bald die ganze Fernseh-Ecke in Beschlag nahm und den Fernseher bedrohte. Dieses tropische Ungeheuer profitierte anscheinend � als einziges dort gefangengehaltenes Gesch�pf � von den vielen D�nsten, D�mpfen und dem undurchdringlichen Gef�hlsdschungel der Wohnung, m�stete sich pausenlos an dem Harz der L�fte und der Ranzigkeit ihrer Niederschl�ge. Ger�che der Sexualit�t kannte diese Wohnung zum Gl�ck nicht. Sonst w�re sie eines Tages vielleicht zerlaufen wie ein f�nfzigj�hriger Camembert.</p><p>Der Unterschied zu meinem Zuhause war himmelschreiend. Offiziell war unsere gut gel�ftete Wohnung zwar so gut wie eine reine Frauenunterkunft, Sexualit�t gab es dort trotzdem. Sich in meine Mutter zu verlieben war nicht schwer. Alle m�nnlichen Besucher wurden mit so viel Charme und Liebreiz behandelt, da� es bei uns vor m�nnlicher Sehnsucht nach MEHR, also nach einer egal wie befriedigenden Steigerung, aus allen Ritzen nur so quoll. Und schon kurz nachdem der aktuelle Liebhaber meiner Mutter abends angekommen war, machten die beiden auf Mutters d�nnbeinigem Sofa Ger�usche. Ihre M�nner mu�ten n�mlich bald wieder nach Hause. Dort warteten ihre Ehefrauen mit dem inzwischen kalt gewordenen Abendbrot auf sie.</p><p>Bei meinem dicken, im Wrasenbad weichgegarten Vater gab es so etwas nicht. Seine Wohnung war m�nnlich, asexuell, bed�rfnislos � hier herrschten H�rte und gewisse M�nnerprinzipien. Er kochte aber auch gern � und am Wochenende sogar exzessiv. Ein halbes Jahr lang dann immer die gleiche Spezialit�t. Mein Vater hatte den Dienstgrad eines Majors, und in seinem Schrank stand ein Jagdgewehr. Dieses wurde ab und an auch benutzt, sogar innerhalb der Wohnung. Er selbst konnte aber auch mit blo�en H�nden t�ten, wenn er wollte � und sei es mit einer zusammengefalteten Zeitung, log er mir gern vor. In dieser von einem Krieger dominierten Wohnung, der vierzig bis sechzig Zigaretten am Tag rauchte, gab es keine n�chtlichen Ger�usche. Als wir bei einem Ausflug ein P�rchen mit einer zusammengefalteten Decke dabei erwischten, wie es sich ein Paarungsversteck suchte, meinte mein Vater kennerhaft � obwohl sein Fach eher die Spionageabwehr war � , Sex sei gesund. Mir wurde sogar im Urlaub freigestellt, in welchem Raum ich schlafen wollte: bei den beiden Eheleuten oder zusammen mit der senilen Oma und meinem Halbbruder, der lange Stunden, manchmal die ganze Nacht, im Bett hin und her wackelte. Aus Mangel an Zuwendung, wie ich heute wei�. Ich entschied mich � es war zweimal der Fall � f�r die komfortablere M�glichkeit. Mein Vater hatte nichts dagegen. Im Gegenteil, hatte ich das Gef�hl � er wollte mich bei sich haben.</p><p>��Du kannst gerne hier schlafen, kein Problem, Georg.</p><p>Ich kann mich an den fassungslosen Gesichtsausdruck seiner Frau erinnern. Zu einem lauten Protest fehlte ihr die Kraft. Und ich meinte damals, das zu verstehen. Unserem dicken Herrscher zu widersprechen h�tte lebensgef�hrlich sein k�nnen. Alle, die kleiner oder schw�cher waren als er, mu�ten sich vorsehen, dachte ich. Vorausgesetzt, sie wollten nicht wie eine mit der Zeitung an die Wand geklatschte Fliege enden. Dabei war er, der Idiot von Vater, so furchtbar schwach! Er, mein Erzeuger, dieses H�ufchen Ungl�ck, war ein lahmer K�fer, den man nicht einmal in eine hinuntergeregelte Zentrifuge h�tte stecken m�ssen, um ihn auf die Bretter zu hauen. Er war seit langem so weit, da� er jederzeit an seinem verkalkten, tabak- und alkohol-impr�gnierten Inneren zu krepieren drohte. Es h�tte gereicht, ihn nur mit einer Fingerkuppe anzurempeln � er w�re glatt wie eine Rotzblase geplatzt.</p><p>in seiner socke steckte eine heisse und vollkommen trockene gewehrkugel</p><p>Mein Vater war nicht nur dick, er war auch klein. Bei der Spionageabwehr war er nicht nur kraft seines Klassenbewu�tseins gelandet, sondern weil er sich dem Wehrdienst hatte entziehen wollen. Und ein einigerma�en treuer Staatsdiener war er nicht aus Dankbarkeit, sondern aus purer Faulheit � in anderen Berufen, auch als ein aktiver Spion, h�tte er sich viel mehr anstrengen m�ssen, h�tte zeigen m�ssen, was er wirklich konnte. Bei der Abwehr reichten ihm dagegen seine Intelligenz, seine destruktive Menschenkenntnis und seine Begabung als Gro�maul. Er war �fter bei internen, nat�rlich streng geheimen Schulungen, und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er sich dort � der gnadenlose Ironiker � auff�hrte: Er wu�te mit Sicherheit alles besser als die besten Ausbilder seines Ministeriums. Auch zu Hause vor dem Fernseher war er immer nur dabei, die Unf�higkeit, L�cherlichkeit, abgrundtiefe Dummheit der vielen Pappnasen zu kommentieren, die sich auf dem Bildschirm als Moderatoren, S�nger oder Schauspieler abm�hten. Aber nicht nur alle Spitzenleute unserer Unterhaltungsbranche waren Nullen und Arschl�cher, deren Leistungen kein Lob verdienten; genausoviel Ausschu� produzierten die besten Journalisten des Landes, ohne Ausnahme auch diejenigen, die in derselben Literaturzeitschrift wie meine Mutter arbeiteten oder publizierten. Diese Leute konnten gar nicht schreiben! Und nat�rlich waren auch unsere Spitzensportler nur mittelm��ig � sie waren f�r die Weltspitze zu langsam, zu schwach, zu ungeschickt, um bestehende Rekorde zu brechen oder um irgendwelche lahmen Torh�ter zu �berlisten. Vater sa� bei seinen Urteilsverk�ndungen in seinem von der Angorakatze zerfetzten Fernsehstuhl, rauchte hintereinander seine Zigaretten und sprach letztinstanzlich.</p><p>Vieles mu�te ich meinem Vater leider auch abnehmen, er argumentierte meistens sehr treffend und gewitzt. Und die damalige Unterhaltungsmaschinerie war wirklich f�rchterlich. Da� aber alle Kollegen meiner Mutter, auf deren Artikel das lesende Volk Woche f�r Woche sehns�chtig wartete, nicht schreiben k�nnen sollten � das war mir zuviel. Als ich es in diesem Punkt einmal wagte, ihm zu widersprechen und gleichzeitig meine Mutter zu loben, war er gn�dig mit mir.</p><p>��Es ist nett von dir, da� du deine Mutter in Schutz nimmst, Georg. Ich kenne die ganzen anderen Jungs aber von fr�her, ich kenne diese M�chtegerne noch vom Studium � und besser als du oder deine Mutter.</p><p>Mein Vater hatte auch seinen Ehrgeiz gehabt, sa� seit langem aber auf einer kleinen Tr�mmerhalde. In seinen armseligen Spionagealltag waren alle seine anderen Vorhaben schwer zu integrieren. Er fotografierte ab und zu wie besessen, um die anschlie�enden Arbeiten im umger�umten Badezimmer bald wieder abzubrechen und auf sp�ter zu verschieben. Er besa� au�erdem drei erste Kapitel dreier Romanprojekte. Sp�ter spielte er sich nur noch als Historiker auf und versuchte, anhand von hussitischen und anderen Chroniken zu beweisen, da� die Tschechen nicht nur im f�nfzehnten Jahrhundert ein Volk von K�mpfern gewesen waren, sondern es noch viel l�nger geblieben sind.</p><p>Letzten Endes konnte er uns allen und der Umwelt aber nichts wirklich Abgeschlossenes vorlegen und vor allem keine Erfolge vorweisen. Einiges konnte er allerdings sehr gut: gl�ckspendende Zigaretten in seinen braungelben Fingern hin und her rollen und seine gro�e Klappe in Gang halten.</p><p>Manchmal waren bei ihm bekannte Filmregisseure zu Besuch, die mit seiner Frau, die Dramaturgin war, beruflich zu tun hatten. Man verband auf diese Weise Berufliches, Privates und Geheimdienstliches. Vaters Frau hatte mit diesen Leuten n�mlich DOPPELT zu tun, wie ich jetzt wei�. Sie arbeitete inoffiziell als Agentin f�r Vaters Ministerium, allerdings f�r keine Auslandsabteilung, sondern f�r eine, die die einheimische Kultur be�ugen und behorchen sollte. Aus Sicherheitsgr�nden sah man das nat�rlich gern, wenn sich auch der andere Partner f�r die Firma einspannen lie�.</p><p>Die erw�hnten Besuche der Regisseure bedeuteten unmenschliche Qualen nicht nur f�r sie als K�nstler, sondern auch f�r mich, obwohl ich noch ein Kind war und zum Gl�ck kein Regisseur werden wollte. Mein Vater kam nach den ersten Qualit�tsschn�psen, die er auch den Regisseuren aufgezwungen hatte, in Fahrt und hatte es oft gar nicht n�tig, einen Sch�nheitswettkampf auszurufen. Mit Hilfe einiger boshafter Floskeln und mehrdeutiger Unterstellungen wurden diese Kunstschaffenden in eine geistige Kipplage gebracht, durch fortgesetzte Alkoholisierung geschw�cht � und sie konnten Vaters Frontalattacken immer weniger entgegensetzen. In ihren Augen sah man bald schon leichte Angst. Mein Vater kn�pfte sich vor allem die letzten Arbeiten dieser Filmleute vor und begann, sie ironisch auseinanderzunehmen. Er kratzte gezielt an den wunden Stellen ihrer Kreationen und trampelte punktgenau auf den Unstimmigkeiten, die aus �sthetischen, sachlichen oder geschichtlichen Gr�nden am peinlichsten waren. Zu einer dieser Attacken lieferte ich sogar pers�nlich scharfe Munition, als ich vollkommen naiv zugab, einen dieser anti-kolonialistischen Filme nicht verstanden zu haben. Mein Vater atmete tief ein und strahlte. Da� sein Sohn vielleicht etwas denkschwerf�llig-begriffsstutzig sein k�nnte, kam f�r ihn nicht in Betracht.</p><p>��Dieser Film soll auch etwas f�r die jungen Leute sein? Die Jugend kommt aus dem Kino noch d�mmer raus, als sie schon ist! Warum mu� man eine so einfache Geschichte so chaotisch erz�hlen, sag mal? Mein Vater war auf einigen Gebieten nicht ungebildet, und psychologische Methoden bei der Menschenjagd � beim Aushorchen, Austricksen oder Ausquetschen des Menschenmaterials � waren sowieso seine Spezialit�t. Nachdem sich die Filmleute die Tiefe ihrer Kr�nkung hatten anmerken lassen, hielt es mein Vater auch nicht f�r n�tig, gn�diger zu sein. Er erz�hlte besonders unglaubw�rdige Szenen nach, �berzeichnete sie und lachte herzlich � und dr�ngte die armen W�rstchen von Regisseuren dazu, wenn nicht herzlich, dann wenigstens genauso laut zu lachen wie er. Vaters absurde Kommentare waren teilweise tats�chlich begnadet gut formuliert. Und so lachten die landesweit bekannten M�nner letzten Endes �ber ihre eigene Mittelm��igkeit und �ber die ihrer Mitstreiter. Oder sie grinsten wenigstens. Dabei schrumpften sie auf ihren St�hlen sichtlich, wurden immer unkonzentrierter und bereiteten sich innerlich auf den Absprung vor � wenn nicht sogar auf den Sprung aus dem Fenster. F�r die weitere Belebung dieses Krampfeinanders mu�te wieder mein gnadenloser Vater sorgen, er holte einfach zum n�chsten Schlag aus.</p><p>Ich konnte dabei wenigstens meine Studien treiben und �ber die Macht des Spottens nachdenken; und dar�ber, wie leicht sich auch gestandene M�nner in wehrlose Gesch�pfe verwandeln lie�en. Das Pech dieser Leute war, da� sie ausgerechnet dank ihrer Leistungen, die einiges an Vorlieben, Leidenschaften und Sichtweisen verrieten, vor meinem Vater wie nackt dastanden. Mein Vater hatte dagegen absolut nichts zu bef�rchten � seine nur angefangenen Werke kannte niemand. Und weil �ber seine eigentliche Arbeit nicht gesprochen werden durfte, konnte auch die L�cherlichkeit seines b�rofaulen Abwehrkampfes niemals zutage kommen.</p><p>Dies war gleichzeitig aber auch sein Pech. Ausgerechnet dieser hundertfach frustrierte Mensch durfte das wenige, womit er sich h�tte vielleicht doch br�sten k�nnen, nicht bekanntgeben. Heute kann ich mir etwas besser vorstellen, welche Qualen der �rmste erleiden mu�te, wenn er auf immer und ewig dazu verdonnert war, �ber seine Berufserlebnisse und � heldentaten au�erhalb seiner Zirkel zu schweigen. Der kleine Dickmoppel brauchte aber unbedingt etwas, womit er sich gr��er machen konnte. F�r den Verkehr mit der Au�enwelt blieb ihm daher nichts anderes �brig, als mit frei erfundenen Phantasiegeschichten anzugeben. Da ihm dabei alle k�nstlerischen Freiheitst�ren und � tore offenstanden, enthielten seine Geschichten h�chstens nur harmlose Geheimnissplitter, sicher keine schutzw�rdigen Geheimnisse.</p><p>Bei der Verschleierung der ministerialen Interna, aber auch bei der �beraus qualifizierten Arbeit selbst half ihm sicher, da� er andere Menschen immer schon gern get�uscht hatte. Er habe auch als junger Mann dauernd gesponnen, erz�hlte mir meine Mutter mit leuchtenden Augen � sie bewunderte ihn f�r seine erz�hlerische Begabung immer noch. Trotzdem warnte sie mich vor seinen bunten Geschichten und verriet mir, da� mein Vater schon aus Prinzip l�ge, das L�gen als Sport betreibe und Dinge auch vollkommen zweckfrei und grundlos erfinde. Bald konnte ich es mit Hilfe unseres Telefonbuchs nachpr�fen: Mein Vater dachte sich tats�chlich Adressen und lange Telefonnummern aus. Sicher nur deswegen, um sich f�r sein exzellentes Ged�chtnis loben zu lassen. Bei Spazierg�ngen erkl�rte er im guten Deutsch irgendwelchen Touristen den Weg, gab mir gegen�ber dann aber zu, die Leute ins Ungewisse geschickt zu haben. Bekannten erz�hlte er von Urlaubserlebnissen, die � wie ich wu�te � so nie stattgefunden hatten.</p><p>Einmal nahm mich mein Vater sogar auf eine Spionjagd mit. Wir brachen etwas unvermittelt ohne besondere logistische Vorbereitungen auf, schien mir. Und wir fuhren ausgerechnet in ein Waldst�ck in der N�he, das ich von unseren regelm��igen Wochenendausfl�gen gut kannte. Es war schon dunkel, im Fernsehen liefen die besten Sonnabendsendungen. Der Spion kam tats�chlich vorbei und wurde mit vorgehaltener Waffe gezwungen, sich auf den dreckigen Boden zu legen.</p><p>Mein Vater fesselte ihn gekonnt, der Mann benahm sich dabei zahm wie ein Kind. Anschlie�end bekam ich die entsicherte Waffe in die Hand gedr�ckt, und mein Vater ging, um Verst�rkung zu holen. Das Gerede des Mannes, er w�re in der Lage, mit seinem gepanzerten Ferrari die Grenzanlagen zu durchbrechen und mit mir in den Westen zu fliehen, lie� mich kalt. Und ich hatte tats�chlich keinen Grund, mich auf ein abenteuerliches Leben mit irgendwelchen fremden M�nnern einzulassen. Warum sollte ich? Warum sollte ich meine duftende Frauengemeinschaft verlassen? Die Aussicht, im kapitalistischen Ausland ein ad�quates Frauenparadies zu finden, war gleich null.</p><p>Mein Vater kam bald ohne eine schwerbewaffnete Kampfeinheit zur�ck und war stolz auf mich. Er erkl�rte die Aktion f�r beendet und konnte nicht aufh�ren, mich f�r meinen Mut, meine Umsicht und Prinzipientreue zu loben. Er und sein l�ngst wieder entfesselter Freund meinten, ich w�re f�r den Beruf eines Spionenj�gers bestens geeignet. Als Erg�nzung zu dieser praktischen �bung erl�uterte mir mein Vater unterwegs � das tat er mindestens einmal im Jahr � den Unterschied zwischen Taktik und Strategie im Kampf der politischen Systeme. Diese Theorie geh�rte zu seinem Lieblings-Fragenkomplex. Nebenbei versuchte er mir oft noch eine andere Wahrheit einzuh�mmern:�ALLE �RZTE SIND DUMM. Egal, wieviel sie beim Studium geb�ffelt haben, sie sind dumm und bleiben dumm.�</p><p>Seine L�gereien nahmen kein Ende. Ich versuchte, wachsam zu sein, glaubte meinem Vater manchmal aber doch. Nachdem das erste sowjetische Passagierflugzeug mit D�senantrieb (die <emphasis>Tu 144) </emphasis>das erste Mal in Prag gelandet war, war mein Vater bei den nachfolgenden gef�hrlichen Testfl�gen angeblich mit an Bord. Als eine Fr�hjahrsflut eine neuerbaute Moldau-Talsperre bedrohte � Prag w�re nach einem Durchbruch weggesp�lt worden � , sa� er nicht irgendwo in Sicherheit auf der Lauer, nein! Er sa� � erz�hlte er mir jedenfalls � tapfer unten im Talsperrenbau. Dort an dieser zentralen und so gef�hrlichen Stelle wurde er dringend gebraucht. Er bewachte das Bauwerk klugerweise von innen, h�rte, wie die Betonw�nde �chzten. Nachdem die Milit�rfahrzeuge die ersten Nachtsichtger�te bekommen hatten, steuerte er einen Panzer sogar eigenh�ndig durch die Nacht. Und als geheime Akten aus einem See in S�db�hmen geborgen wurden, zog er die erste Kiste aus dem Wasser ins Boot.</p><p>Da ich immer zu strengstem Stillschweigen verpflichtet wurde, machte ich mich in der Schule zum Gl�ck nicht dauernd l�cherlich. Dummerweise dachte sich mein Vater aber gern auch technische Neuerungen aus � und diese waren alltagstauglich. Ich konnte es wagen, �ber sie frei und in aller Frische zu berichten. Leider waren es wieder nur aus Vaters technischem Unwissen geborene Phantasmagorien. Als ich diese Neuigkeiten stolz meinen Freunden zum besten gab, lachten sie mich gnadenlos aus.</p><p>��Eine magnetische Autobahn, auf der man nicht lenken mu�? Georg � bist du total bescheuert? Man lachte und lachte �ber mich, und ich h�tete mich davor, meinen Vater diesen Haien zum Fra� vorzuwerfen. Diese Auslacherei h�tte er sich n�mlich niemals gefallen lassen. Er h�tte sein Gewehr genommen und sich ger�cht. Mit seinem Gewehr spielte er gern, und er war weit und breit der einzige bewaffnete Mann, den ich kannte. Als sein Gewehr eines Tages in der Wohnung losging, erlebte ich ihn allerdings zum ersten Mal ernsthaft besorgt. Ich st�rzte nach dem Schu� ins Zimmer. Er schrie:</p><p>��SCHEISSE, SCHEISSE, SCHEISSE!</p><p>Mein Vater hielt sich am Bein fest, und in seinen Augen war nackte Angst. Wie sich aber herausstellte, galten die Sorgen dieses harten Mannes nicht unbedingt der Verletzung, sondern dem zu erwartenden �rger in seiner Beh�rde. An diesem Tag begriff ich, da� er dort offenbar wiederholt schlimmsten Unfug angestellt haben mu�te. Ich zog ihm vorsichtig seine Hose herunter und hielt auf seinen sch�nen Beinen Ausschau nach flie�endem oder spritzendem Blut.</p><p>��Es f�hlt sich so hei� an, das ist Blut � wie 1945. Ich kenne das von den Barrikadenk�mpfen.</p><p>Er blutete aber nicht. In seiner Socke steckte blo� eine hei�e, verformte und vollkommen trockene Gewehrkugel. Diese hatte er sich n�mlich nicht direkt ins Bein geschossen, sie war von der Betonwand seines massiven Plattenbaus abgeprallt, hatte sich durch den Stoff seiner Hose gebohrt und war � hei�er als jedes Blut � unter einer losen Socke gelandet. Mein Vater war nat�rlich trotzdem ein potenter Sch�tze und konnte wirklich alles treffen, was er wollte. Selbst wenn sein Ziel die Schwanzfedern eines Fasans waren, den er nur der �bung wegen anvisierte und gar nicht t�ten wollte. Mein Vater lud wiederholt einen Vertreter der k�niglich-niederl�ndischen Fluglinie KLM zu sich zu Besuch, weil er ihm offenbar irgendwelche Geheimnisse abluchsen wollte � und dies gelang ihm eines Abends tats�chlich. Die beiden tranken sich gemeinsam gute Laune an, br�llten vor Lachen, verschwanden immer wieder im Bad. Und als der nette Verr�ter des niederl�ndischen Volkes und der ganzen westlichen Welt auf der Toilette war, vertraute mir mein Vater die Brisanz des Augenblicks tats�chlich an.</p><p>��Er hat unserem Land einen gro�en Dienst erwiesen, einen ganz gro�en.</p><p>Wenn ich mich nicht irre, war dies das einzige Mal, da� mein Vater in meinem Beisein etwas Echtes, wirklich Staatsgeheimes preisgab � jedenfalls den Vollzug einer Absch�pfung andeutete. Offenbar war er nicht nur dank des Alkohols so weich geworden, sondern war auch von seiner Leistung ganz und gar �berw�ltigt. Ich stand ihm in diesem gro�en Moment als einziger Mann unmittelbar zur Seite, wir beide machten in dem Moment vielleicht Geschichte � �hnlich wie sp�ter Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Der niederl�ndische Verr�ter kam bald von der Toilette zur�ck, bekam sein n�chstes Schn�pschen, und mein Vater zog sein Gewehr aus dem Schrank. Zur Feier des Tages sollte jetzt richtig geballert werden, ein solcher Coup gelang einem nicht jeden Tag. Mein Vater machte das Fenster auf und suchte nach geeigneten Zielen. Er kannte keine Angst � und vor der H�rte der sozialistischen Gesetze mu�te er sich nicht sonderlich f�rchten. Das Gel�nde um die Neubauten herum war noch vollkommen zerw�hlt und �de, f�r die Plattenbaukinder war es trotzdem ein beliebtes, weil einziges Auslaufgebiet. Die beiden M�nner schossen bald auf weit entfernte Pf�tzen und freuten sich dabei wild, wie hoch das Wasser spritzte � wenn sie die Pf�tzen also getroffen hatten. Spielende Kinder sah man in der einsetzenden D�mmerung nicht, zum Gl�ck h�rte man aus der Umgebung der Pf�tzen sp�ter auch keine Schmerzensschreie. Vaters Frau hatte sich vorsichtshalber schon vor einer Weile in die K�che verzogen. Ich blieb die ganze Zeit bei den M�nnern und war von einem seltenen Hochgef�hl erf�llt. Ich wu�te, da� der tschechische Staat beim Kampf gegen das blutsaugerische Kapitalistenpack gerade ein gro�es St�ck vorangekommen war.</p><p>Nat�rlich hatte mein Vater auch seine sentimentale Seite. Als er einmal vom Begr�bnis eines seiner Kollegen kam, weinte er bitterlich. Der tapfere Genosse war angeblich bei einem gef�hrlichen Einsatz ums Leben gekommen. Ich war mir in diesem Fall aber ziemlich sicher, da� dieser Mensch einer der vielen Toten an der Infarktfront war.</p><p>Zu Vaters Beruf geh�rte nat�rlich ein beachtliches Machtgef�hl � und dieses tat ihm sicher gut. Daher gab er einige abgestandene Randinformationen aus seinem Berufsleben nebenbei doch preis. Manche davon � aus den f�nfziger Jahren, die knallhart waren � erz�hlte er immer wieder. Zu den einigerma�en erz�hlbaren Highlights geh�rte die Geschichte von einem Friseur, den er direkt in seinem Laden verhaftete und dem auf dem Weg zum Auto sein Darminhalt aus den Hosenbeinen tr�pfelte. Oder von einem Klassenfeind, der nicht reden wollte und dem er, da dieser mit dem Gesicht zur Wand stand, immer wieder seinen Kopf gegen die Wand knallte. Oder von einem, der aus dem Fenster � aber nur aus dem ersten Stock � auf einen leeren Kinderwagen sprang, obwohl mein Vater eigentlich nur in aller Ruhe mit seinem Mitbewohner reden wollte. Da tapferen M�nnern wie ihm � jedenfalls in den Anfangsjahren des Bereinigungskampfes � so gut wie alles erlaubt war, mu� ich leider annehmen, da� mein Vater auch t�tete.</p><p>Am aufregendsten waren seine Geschichten aus der ansonsten nicht �bertrieben ruhmreichen tschechischen Widerstandsbewegung w�hrend des Protektorats. Sein blutiger Kampf gegen die nazistischen Okkupanten, seine Sabotageakte, sein listiges Vorgehen w�hrend des illegalen Vertriebs von Flugbl�ttern und des illegalen� R�de pr�vo �waren unglaublich � auch weil er w�hrend des Krieges noch so jung gewesen war! Wie kurzsichtig und dumm seine L�gen waren, erfuhr ich etwas sp�ter in der Schule. Beim Lesen des Standardwerks �ber die Widerstandsbewegung, das� Die stumme Barrikade �hie� und zur Pflichtlekt�re ersten Ranges geh�rte, stellte ich fest, da� ich viele dieser Geschichten bereits kannte. Sie waren mit Vaters nur etwas anders ausgestalteten Versionen fast identisch.</p><p>Da� mir mein Vater kaum etwas Bewunderungsw�rdiges pr�sentieren konnte, was aktuell sichtbar und unkompliziert nachweisbar gewesen w�re, registrierte ich schon relativ fr�h � allerdings nur sehr dumpf. Bis ich den vernichtenden Blick auf seine Bruchbudenzauberk�nste wagen, seinen fortgeschrittenen Zerfallsgrad diagnostizieren und meinen Vater endlich aufgeben konnte, dauerte noch etliche Jahre. Ich wollte ihn vor dem vollst�ndigen Glanzverlust so lange wie m�glich bewahren. Auch jede Hochkultur sch�tzt seine Helden mit allen Mitteln, bringt gern l�stige Zeugen zum Schweigen, egal, wie authentisch ihre Zeugnisse sind.</p><p>Mein heldenhafter Vater brannte sich beispielsweise mit einem �tzstift, dem sogenannten H�llenstein, eigenh�ndig agile Hautwucherungen ab, die ihm nach seinen gnadenlosen Rasuren immer wieder nachgewachsen waren. Sie nur mit der Rasierklinge abzuschneiden reichte einfach nicht, die Huckel wuchsen immer wieder nach. Er lachte bei seinen H�llenstein-Operationen wie der Teufel pers�nlich � und er besiegte die b�sen Hautzellen tats�chlich, letztendlich mit der Kraft seines Willens, denke ich. Dabei handelte es sich bei diesen Wucherungen vielleicht um frisch keimende Krebsgeschw�re. Mein Vater kannte keinen Schmerz und auch gar keine Angst vor Krankheitserregern. Das demonstrierte er mir gern an seinem Unterarm. Er zog dort seine Haut hoch, stach sie mit einer langen, nicht desinfizierten Nadel aus dem N�hk�stchen durch und lie� den Hautstreifen los. Die Spitze und das Nadel�hr blieben auf der Oberfl�che sichtbar, der Mittelteil der Nadel lag unter der Haut. Mein Vater war sozusagen eingef�delt, ich h�tte an ihm farbige Muster sticken k�nnen, meinte er. Vielleicht war sein Blut l�ngst voller Keime. Mein Vater war aber nicht nur hart gegen sich selbst, er scho� in seinem Leben gnadenlos auch einiges an Kleinvieh ab, scho� in meinem Beisein sogar einige Hasen lebensgef�hrlich an � diese konnte er dann ohne einen Jagdhund allerdings nicht verfolgen. Mit den noch kleineren Tieren ging es etwas besser, und so w�re er theoretisch doch in der Lage, mich in der freien Wildbahn zu ern�hren. Einmal killte er ein Eichh�rnchen zum Abendbrot und briet das zarte Tier in der �ffnung eines Kohlenofens, bis es tiefschwarz war. Nach diesem Urlaub in der wundersch�nen und naturgesch�tzten Wildnis bekam ich von ihm ein echtes Luftgewehr geschenkt. Die Durchschlagkraft meiner Bleikugeln reichte leider absolut nicht f�r irgendwelche finalen T�tungsakte. Ich konnte gerade mal Singv�gel kurz bet�uben, falls ich sie zuf�lligerweise direkt am Kopf traf.</p><p>Die Vereinbarung zwischen meinen Eltern sah vor, da� ich meinen Vater jedes Wochenende besuchen sollte. Da� ich mich dieser verha�ten Pflicht irgendwann h�tte widersetzen k�nnen, kam mir �berhaupt nicht in den Sinn. Ich versuchte nicht einmal, mit meiner Mutter dar�ber zu sprechen. Vielleicht auch aus R�cksicht auf ihre Wochenendruhe, die sie seit ihrer �berstandenen TBC unbedingt n�tig hatte. Sie war sowieso nie sehr belastbar. Ihr Freund hatte an den Wochenenden in der Regel famili�re Pflichten, sie konnte sich ausschlie�lich ihrer eigenen Regenerierung widmen.</p><p>Zu meinem Vater trieb mich also einerseits die R�cksicht auf meine Mutter, andererseits das mir vorschwebende Gebot, meinen Vater auf keinen Fall verletzen zu d�rfen. Au�erdem lauerte auch eine Art diffuser Furcht in mir. Ohne mich w�re mein Vater ohne Halt, seine Wochenenden w�ren ohne mich vollkommen leer � und eines Tages h�tten sie eventuell b�se enden, h�tten sogar in einem Amoklauf in Wild-Ost-Manier gipfeln k�nnen. Mir war, als ob ich in Vaters explosiver H�lle dringend gebraucht w�rde. Also fuhr ich jedes Wochenende zu ihm � in der Hoffnung, mein Vater w�rde sich noch eine Weile �ber Wasser halten. Aus Angst vor den dort zu erwartenden Peinlichkeiten wurde ich schon unterwegs immer unsicherer. Je n�her ich dem Plattenbaughetto kam, desto verstockter wurde ich und riegelte mich ab. Als ein p�dophiler junger Mann, der in der Stra�enbahn neben mir sa�, mir unter meiner auf den Schenkeln liegenden Tasche an die Eier ging, reagierte ich nicht.</p><p>��F�hlst du nichts? fragte er mich neugierig und �beraus freundlich. Wie hei�t du denn?�� Georg. Er spielte weiter mit meinem weichen und auch verschreckten Penis in meiner kurzen Hose, und mir war vollkommen unklar, was sich zu seinem sicher nett gemeinten Getue sagen lie�e. Von solchen Dingen hatte ich noch nie etwas geh�rt. Blo� nicht auffallen, dachte ich bei mir � und blieb ruhig. �ber den Vorfall erz�hlte ich nat�rlich nichts, und weil Vaters Wohnung sowieso voller unausgesprochener Dinge war, fiel es gar nicht auf, wie verschreckt ich angekommen war. Als ich ein anderes Mal einem neugierigen Stra�enbahnschaffner erkl�ren sollte, wieso ich zu meinem Vater fuhr, war ich auch etwas �berfordert.</p><p>��Die Eltern sind also geschieden.</p><p>��Nein, sind sie nicht.</p><p>��Wieso wohnt dein Vater aber woanders?</p><p>��Er hat eben eine andere Frau.</p><p>Vor dem Wort� Scheidung �hatte ich eine Heidenangst. Offensichtlich auch meine Mutter, die nie von so etwas Sch�ndlichem wie einer Scheidung gesprochen hatte. Als ob das pure Benennen dieser unbestreitbaren Tatsache so etwas wie eine gesellschaftliche Exkommunikation zur Folge h�tte haben k�nnen. Nachdem mich meine Mutter mit ged�mpfter Stimme irgendwann sp�ter aufgekl�rt hatte, fragte ich erschrocken, ob meine vielen Tanten �ber diese Scheidung Bescheid w��ten. Zu diesem Zeitpunkt lag diese Lappalie schon etwa zehn Jahre zur�ck.</p><p>Wenn ich unterwegs zu meinem in einem geheimnisumwitterten Trennungszustand lebenden Vater war, wollte ich aus guten Gr�nden niemanden treffen. Ich fuhr f�r drei�ig Heller quer durch die Stadt und zitterte vor Angst, irgendein Mitsch�ler k�nnte mich von au�en erblicken oder sogar in den gleichen Wagen einsteigen und mich zur Rede stellen. Deswegen hatte ich immer etwas zu Lesen dabei, und ich las und las und las. Und wenn mich zuf�llig irgendein Idiot aus meiner Klasse ansprach, las ich weiter. Ich sagte ihm nur kurz, ich m�sse etwas zu Ende lesen, und lie� ihn einfach neben mir stehen. An den Wochenenden war ich im Prinzip ganz gern allein. Das Gute bei meinem Vater war, da� dort im Grunde alle allein waren, jeder f�r sich � und wenn ich dort l�ngere Zeit in Ruhe gelassen wurde, ging es mir nicht mal so schlecht. Ich konnte zum Beispiel ungest�rt alle Schubf�cher und Schr�nke der Familie inspizieren.</p><p>Aus den �beraus ordentlich gef�llten Schr�nken der v�terlichen Wohnung atmete es, wenn man sie �ffnete, seltsam anders, als zu erwarten war. Aus den sauberen Krypten der toten Kleider quoll eine so strenge Luft, da� man erstarrte und einem zur �belkeit keine Zeit blieb. Au�erdem boten diese Ger�che auch einem erfahrenen Duftforscher interessante Neuigkeiten. Nicht einmal die frisch gewaschene W�sche roch bei meinem Vater gut, nat�rlich auch nicht die chemisch gereinigten M�ntel, die noch im chemiefrischen Zustand versenkt worden waren. Nachdem ich einmal verschimmelte Mantelkragen entdeckt hatte, w�nschte ich mir zum n�chsten Geburtstag ein Mikroskop.</p><p>Von den nicht e�baren Vorr�ten verschiedener Drogerieartikel oder dem kaum brauchbaren Handwerkszeug meines Vaters war nichts anderes als Muffigkeit zu erwarten. Daf�r fand ich ausgerechnet in diesen Schubf�chern n�tzliche Dinge wie dickliche Patronen aus Vaters Dienstpistole. Schie�pulver konnten Skopka und ich immer gut gebrauchen.</p><p>Sonntags nach dem Mittagessen durfte ich nach Hause gehen. Der Moment, als sich die T�r hinter mir schlo�, war herrlich � obwohl ich mich erst einmal nicht traute, ihn wirklich zu genie�en. Ich atmete immer freier und tiefer ein, die neue, nicht klebrige Woche konnte langsam beginnen. Zu Hause erwarteten mich l�chelnde, duftende Frauen, die oft viel zu viel erz�hlten statt zu wenig. Mein Vater hatte, wie schon mehrmals erw�hnt, auch eine Frau an seiner Seite. Da� diese weiter oben im Text so konturlos, unauff�llig und grau ausfiel, ist nat�rlich kein Zufall. Ich sollte diese Frau trotzdem etwas sorgf�ltiger beschreiben. Sie war flei�ig, verrichtete alle Arbeiten still und geduldig, trotz der vielen sichtbaren Ergebnisse ihrer Hausarbeit machte sie allerdings nie den Eindruck, in Vaters und meiner Wirklichkeit hundertprozentig vorhanden zu sein. Ihre Seele beschwitzte die Atmosph�re vielleicht weniger als die meines Vaters, eventuell verpestete sie die Wohnung subtiler als er, sie � Vaters Frau � litt dabei aber sicher viel bewu�ter. Und sie trank kaum Alkohol. Ihr Leid wandte sich eher gegen sie, fra� sich nach innen, es zehrte an ihr und hielt sie schlank. Sie war steif, blond und sicher auch wegen ihrer inneren Starre dauernd ersch�pft. Wenn sie sich zwischendurch r�cklings auf ihr Sofa fallen lie�, die Arme nach oben nahm, also neben ihrem Kopf nach hinten legte, war ihr Brustkorb so flach wie der eines jungen Mannes. Ich beforschte sie in dieser f�r sie typischen Lage wieder und wieder. Von ihrem Busen sah ich meistens nur ihre leicht angedeuteten Brustwarzen. So etwas wie eine Brustw�lbung verschwand in der R�ckenlage vollst�ndig. Sie wirkte in diesen Momenten vollkommen resigniert. Da� sie meinen Vater verachtete und aus dem Grund in meiner Gegenwart so beharrlich schwieg, begriff ich erst lange nach ihrem Krebstod. Bevor sie meinen Erzeuger geheiratet hatte, mu�te ihr mein Vater versprechen, nicht mehr zu trinken. Auf diesem wackligen Versprechen ruhte dieses gewagte Ehe-Experiment erstaunlich lange. Und tats�chlich kann ich mich an keinen lauten Streit zwischen den beiden Eheleuten erinnern. Vielleicht sahen er und seine Schattengattin keinen Sinn darin, auf diese Weise ihre kostbare Energie zu verschwenden. Manchmal fiel dort stundenlang nicht einmal ein leises Wort. Auch ich war nat�rlich still und besch�ftigte mich gern verbissen und bescheiden mit meiner Modelleisenbahn. Als Pubertierender kam ich sp�ter einmal mit einem auff�lligen schwarzen Hut an. Der Hut hatte eine freche, vollkommen gerade Krempe. Mein Vater br�llte mich entsetzlich laut an � ich stand noch im Treppenhaus � und schickte mich postwendend nach Hause. Er lie� mich nicht einmal seine stinkende Gruft betreten und war fest davon �berzeugt, mich damit bestraft zu haben. Ich verlie� die Vorstadth�lle und war � die inzwischen schon etwas rissigen Plattenbauten im R�cken � der gl�cklichste Wochenendmensch seit langem. Ich hatte zwei freie Tage vor mir und wu�te, wie wenig f�r die n�chste, egal wie unschuldige Provokation ausreichen w�rde.</p><p>Die Aufenthalte bei meinem Vater haben mich leider f�r Jahrzehnte gesch�digt. Ich wurde dort viele Jahre lang an jedem Wochenende zu einem fast vollwertigen Mitglied dieser verschwitzten, mit der Klebeschichtproduktion besch�ftigten Gemeinschaft und war in meiner partiellen Treue auch sp�ter nicht in der Lage, diese geheime Zugeh�rigkeit ganz abzustreifen. Gelernt ist gelernt, eingebrannt ist eingebrannt. Wochenenden sollten f�r mich daher etwas L�hmendes behalten, mein Leben lang. Aber auch in der Woche konnte ich mich in ganz anderen peinlichkeitsgetr�nkten Zusammenh�ngen wie eine klettende Laus f�hlen � und ich erkannte mich als eine solche und verga� nicht, woher ich meine Lausegef�hle hatte. Da ich Vaters Beispiel in mir trug, glaubte ich sowieso, eine vollst�ndige Reinigung und vor allem Schutz vor diesem Gef�hl w�re unm�glich. Meine bland verlaufende Pubert�t bescherte mir leider Gottes eine relativ fette Haut, und ich bekam in besonders heftigen Entwicklungsphasen das Gef�hl, meine Umwelt tats�chlich mit schmierigen S�ften und unhygienischen D�nsten zu verpesten. Da� mein Vater unterdessen weit hinter mich zur�ckgefallen war, tief in seinem alkoholisierten Schlamm feststeckte und keine Macht mehr �ber mich hatte, half mir bei meiner Befreiung nur bedingt.</p><p>als er die messerklinge aus seiner handfl�che zog, blieb die wunde trocken</p><p>Ohne Mutters au�ergew�hnliche Sch�nheit w�re das Leben in unserer mi�gestalteten Wohnung vollkommen anders verlaufen. Meine Mutter beeindruckte die unterschiedlichsten Menschen. Sie gewann sie schon in den ersten Sekunden ihres Erscheinens f�r sich � begl�ckte mit ihrer Lebendigkeit aber keineswegs nur M�nner. Mutters wieherndes Lachen, ihre w�rmenden Augen und ihre �berw�ltigende Haarmenge fielen �berall aus dem Rahmen; ihre Grazie beim Rauchen war sowieso unnachahmlich. Und weil sie in einer Literaturzeitschrift arbeitete, die sich in den sechziger Jahren zum geistigen Zentrum der tschechischen Intellektuellen entwickelt hatte, geh�rten die triebstarken M�nner, die dort ihre Sch�nheit brennen sahen, zu den besten K�pfen des Landes. Also den besten, die das Land vordergr�ndig zu bieten hatte.</p><p>Dazu mu� man wissen: Die M�nner und Frauen der alten b�rgerlichen Eliten gab es an der gesellschaftlichen Oberfl�che praktisch nicht mehr � sie waren entweder emigriert, oder sie wurden mit einem klassenk�mpferischen Ruck an den Rand gedr�ngt, um dort allm�hlich zerm�rbt zu werden. Nach 1948 wurden diese Menschen jedenfalls ausnahmslos durch seelische oder k�rperliche, garantiert grobschl�chtige Fleischw�lfe gejagt � in schwersten manuellen oder stark minderwertigen Berufen, in Arbeits- oder Vernichtungslagern. Wegen der unmenschlichen Bedingungen und der starken radioaktiven Belastung, vor der niemand gesch�tzt wurde, kann man die Letztgenannten nicht anders nennen. �ber den Toren einiger dieser Lager prangte zum Trost der H�ftlinge die altbekannte, ins Tschechische �bersetzte Losung� Arbeit macht frei�-�Praci ke svobode�,�Durch Arbeit zur Freiheit�.</p><p>Die Macher von Mutters Zeitschrift und die �brigen Erregten, die diese Zeitschrift mit ihren Artikeln belieferten, hatten erst einmal � das hei�t bis zur russischen Invasion von 1968 � gut zu lachen. Und sie lachten viel, sie bewegten einiges mit, vieles schien eine Zeitlang tats�chlich aufw�rtszugehen. Sogar die marode Wirtschaft machte den Eindruck, etwas stabiler in ihrem Schlamm zu stecken. Die Essays und Artikel der f�hrenden Intellektuellen dieser Jahre hatten oft weniger mit Literatur und Kultur zu tun, statt dessen verst�rkt mit Innenpolitik, und sie durften immer ehrlicher ausfallen. Folgerichtig geh�rten ihre agilen Autoren zu den Vorbr�tern der Prager Reformbewegung � womit der Gro�teil der privaten Besucher meiner Mutter dazu bestimmt war, sich sp�ter unter den neuen Abgestraften wiederzufinden.</p><p>Zum Gl�ck war das Zimmer meiner Mutter noch das sch�nste in der ganzen Wohnung, und alle die Philosophen, Literaturkritiker, Schriftsteller, Journalisten und Politologen, die um meine Mutter in den fr�hen Jahren warben oder sie einfach gern besuchten, mu�ten im Flur nur eine relativ kurze Strecke �berwinden. Der �brige Teil des Flurs lag hinter einem meist halboffenen Vorhang. Bevor die Besucher in Mutters Reich eintauchten, bekamen sie noch einen weiteren gebl�mten Vorhang zu sehen, mehr aber nicht. Leider roch es im Flur wegen der divergierenden Kochd�nste nie besonders gut. Die Luft wurde dort au�erdem von einem riesigen, mit einer Gasflamme betriebenen K�hlschrank verpestet.</p><p>An Mutters Tisch sa�en oft mehrere m�nnliche Prachtexemplare, und alle wirkten in der Regel entspannt. Nat�rlich versuchten sie, sich bei den geistreichen und meist politischen Diskussionen nach M�glichkeit gegenseitig zu �bertrumpfen. Sie alle waren eher� zuf�llig �vorbeigekommen,�hatten gerade in der N�he zu tun gehabt�. Mindestens einer von ihnen brachte eine Flasche Wein mit. Die M�nner scherzten auch mit mir, wenn ich mich zeigte oder von meiner Mutter gerufen wurde, und ich kannte diese Leute meist nur ihren unscheinbaren Vornamen nach. Die gesellschaftliche Bedeutung aller dieser M�nner wurde mir erst klar, als sie im achtundsechziger Fr�hling auf gro�en Fotos in den Zeitungen auftauchten, um dorthin sp�ter als Feinde wieder zur�ckzukehren � in �berschriften von w�tenden Artikeln, auf viel kleineren Fotos oder ganz ohne Bild. Als einer von ihnen � einige Jahre nach dem Einmarsch � wieder mal gro� abgebildet wurde, war er vollkommen nackt. Auf dem bei ihm w�hrend einer Hausdurchsuchung gefundenen Foto lag er mit seiner aktuellen Geliebten auf einer Grabplatte. Die Bildunterschrift lautete: MEIN KAMPF F�R DIE MENSCHENRECHTE.</p><p>Mutters fester Liebhaber konnte selbstverst�ndlich nur einer werden � und einer wurde es dann nat�rlich auch. Mein Vater war bei uns normalerweise nicht einmal als Phantom vorhanden � er st�rte also niemanden. Genau das gleiche galt f�r meinen Onkel. Der neue Partner meiner Mutter kannte sich in der Wohnung bald bestens aus und durchquerte unseren Flur still, man mu�te seine Pr�senz nicht unbedingt bemerkt haben. Da sich unsere Wohnung wegen der vielschichtigen �berbelegung nie ganz leerte, wurde die Eingangst�r von au�en mit einem drehbaren Knauf versehen und am Tag nicht abgeschlossen. Au�erdem hatte meistens jemand sowieso seinen Schl�ssel steckenlassen. Die T�rklingel (lx, 2x, 3x, 4x, 5x oder 6x klingeln) war aus zwei praktischen Gr�nden stillgelegt worden. Einerseits wollten die Kriegsphobiker unter uns nicht dauernd in Alarmzust�nde versetzt werden, andererseits war es sowieso nicht m�glich, die einzelnen R�chelanf�lle der alten Klingel wirklich zu z�hlen. Der Liebhaber meiner Mutter machte also eigenst�ndig die T�r auf, �bersah mich in dem oft unbeleuchteten Flur, und sein zielstrebiger Antritt hinterlie� schlie�lich nur eine vor�bergehende, trotzdem intensive Luftdruckwelle. Der eine gebl�mte Vorhang bekam davon auch etwas ab und wallte eine Weile.</p><p>Wenn Erwin oder der depressive Oskar zu meiner Mutter kamen, wurde lange und ernsthaft diskutiert und kaum getrunken, wenn Ladislav kam, wurde viel herumgebl�delt und gelacht, Franta hielt allen lange Vortr�ge, und auf gezielte Nachfragen reagierte er so, da� er der Fragestellerin bewies � also meiner Mutter, oft waren aber auch ONKELS Frau Eva oder meine Gro�mutter Lizzy dabei � , wie widersinnig ihre Fragen gewesen waren. Als Twist aufkam, brachte uns Otomar diese Tanztechnik mit Hilfe eines Handtuchs bei, das er sich beim Tanzen am R�cken hin und her rieb. Diese M�nner waren auch die ersten, die unsere Wohnung mit Platten der Beatles beehrten � sich beim Zuh�ren allerdings sehr wunderten, wieso sich in England auch seri�se Gentlemen um die Konzertkarten pr�gelten.</p><p>Einer von Mutters Bewunderern � speziell von Mutters Lachen � war Klaudius, ein blinder marxistischer Philosoph, der sp�ter nach dem Einmarsch der Russen einer der schillerndsten Dissidenten werden sollte. Klaudius bewarb sich um meine Mutter irgendwann in den fr�hen f�nfziger Jahren. Seine Beliebtheit bei den Frauen wurde mit der Zeit so �berw�ltigend, da� er jedesmal mit einer anderen Freundin ankam. Alle seine Geliebten waren erstaunlich h�bsch.</p><p>��Wie machst du das, Kl�do, da� du immer so sch�ne Br�ute findest? fragte ihn meine Mutter einmal, als seine Freundin pinkeln gegangen war.</p><p>��Bei mir geht es immer ganz schnell. Ich kann sie doch nicht sehen, mu� sie gleich anfassen � das Gesicht, den Busen�</p><p>Klaudius war in der Stadt oft auch allein unterwegs, lief lange Strecken einfach zu Fu� � ohne Stock. Er fragte auch nicht gern nach dem Weg, bat normalerweise nie um Hilfe. Prag sei doch nicht besonders gro�, meinte er.</p><p>��Wie das in meinem Gehirn funktioniert, wei� ich nicht, ich merke mir eben alles. Inzwischen kenne ich jede Bordsteinkante, ich wei�, wo welche M�lltonnen stehen.</p><p>��Und wenn sie woanders stehen?</p><p>��Meistens sp�re ich das � und einiges renne ich einfach um. Fr�her gab es zum Gl�ck nicht so viele Baustellen wie jetzt. In mir ist so viel Kraft, das glaubt ihr nicht!</p><p>Klaudius war tats�chlich ein b�renhafter Kerl, den Laternenmasten zwar kurz stoppen, ihm aber niemals Furcht einjagen konnten. Einmal sah ich ihn in unserer Gegend allein marschieren und schlo� mich ihm heimlich an. Auff�llig an seiner Erscheinung waren im Grunde nur seine dunklen Brillengl�ser. Ansonsten lief er nicht langsamer als andere. Nur vor Stellen, wo der B�rgersteig zu enden drohte, oder vor Hindernissen, denen er zu nahe kam, verlangsamte er unmerklich und schnalzte. Auf meinem Weg nach Hause verfolgte ich ihn eine Weile. Irgendwann sagte er:</p><p>��Bist du das? Ich bin gerade unterwegs zu deiner Mutter. Er streichelte mich am Kopf, genau oberhalb meiner piepsigen Stimme � und half mir damit aus der Verlegenheit.</p><p>��Woran hast du mich erkannt?</p><p>��Im Moment l�uft hier sonst niemand, der mich kennt � und in dieser Richtung� das konntest nur du sein. Au�erdem hast du einiges von deiner Mutter geerbt. Darf ich dein Gesicht anfassen? Warte! Mach die Augen zu, ich werde dich bis zur Haust�r f�hren.</p><p>Ich gab ihm meine Hand, im Gesicht sp�rte ich noch seine ungew�hnlichen Griffe. Er fa�te alles, auch unbelebte Dinge, vollkommen anders an als man selbst. Die Haltung seiner Finger war eine andere, seine Handfl�chen waren bei den Ber�hrungen ebenfalls voll im Einsatz. Er versuchte, soviel Oberfl�che, soviel an Struktur zu fassen zu bekommen wie nur m�glich.</p><p>��Hast du keinen Blindenstock?</p><p>��Der st�rte mich nur, ich mu� beide H�nde frei haben. H�rst du die Autos auf der Stra�e? Es ist eine Einbahnstra�e � also schon die Mickiewicz. Und links h�rt man die Wand, versuche darauf zu achten, wie sich die Mauer anh�rt � und die Nischen der Hauseing�nge. So lese ich die Hausnummern ab, diese Stra�enseite endet mit der Nummer f�nfzehn.</p><p>��Als ich noch kleiner war, versuchte ich auch manchmal mit geschlossenen Augen zu laufen, wie ein Blinder eben, sagte ich.</p><p>��Das funktioniert aber nicht, wenn man zwei gesunde Augen hat, nicht wahr? Pa� auf, wir gehen jetzt auf den anderen B�rgersteig, ich mag die G�rten mit den gu�eisernen Z�unen, die Apfelb�ume m��ten schon bl�hen. Und wenn wir in der H�he der dreizehn sind, sagst du mir Bescheid � wir begr��en dort die B�ste von Frau Garrigue Masaryk, winken ihr einfach �ber die Fahrbahn zu.</p><p>��Woher kommt dieses komische Garrigue? Sie war doch Amerikanerin.</p><p>��Aus Brooklyn, richtig. Ihr Vater kam aber aus D�nemark, den Namen hatte er allerdings von seinen hugenottischen Vorfahren. Meine Freunde lesen mir dauernd vor, alles m�gliche, wei�t du. Ich k�nnte dir dar�ber noch mehr erz�hlen. Die B�ste ist wirklich ein Unikum, vielleicht ist es der einzige Ort im Land, an dem der Name Masaryk in aller �ffentlichkeit noch zu sehen ist. Aber jede Ecke von Prag hat etwas Besonderes � und einen eigenen Klang, du kannst versuchen, darauf zu achten. Mein Lieblingsfach ist Geographie, wei�t du das? Ich sammle Stadtpl�ne und Landkarten, besch�ftige mich besonders mit Afrika, Asien und S�damerika, Europa kenne ich schon gut genug. Au�erdem sammle ich Inseln.</p><p>��Wie das?</p><p>��Ich will nach und nach alle Inseln der Erde kennen, und ich kenne sie fast alle, auch die ganz kleinen � und nicht nur dem Namen nach. Ich merke mir gleich ihre Fl�che, alle Fl�sse, den jeweiligen h�chsten Berg, wie viele Menschen dort leben und so weiter. Wei� du, wann die hiesige Befestigung gebaut wurde, das barocke Tor?</p><p>��Nein.</p><p>��1721. Aber da� euer Haus 1912 gebaut wurde, wei�t du bestimmt. Vor einigen Jahren, bevor der Putz abfiel, war die Jahreszahl noch zu sehen.</p><p>Wir gingen eine Weile schweigend, bis er meine Hand etwas fester dr�ckte.</p><p>��Der Zaun wird bald zu Ende sein, den offenen Raum dahinter kann man h�ren. Und wenn eine Querstra�e abgeht, ist nach zwei, drei Schritten der B�rgersteig zu Ende. Du hast zu fr�h gebremst � hast geblinzelt, nicht wahr? Vor dieser Kante m�ssen wir keine Angst haben, wir m�ssen doch nach rechts.</p><p>Manche der Bewunderer meiner Mutter kamen �fter als die anderen, andere kamen pl�tzlich gar nicht mehr � gr��ten uns bei Zufallsbegegnungen nicht wirklich herzlich. Und wenn sie mit ihren Gattinnen unterwegs waren, gr��ten sie vorsichtshalber gar nicht. Manche sahen dabei furchtbar traurig aus. Wenn ich an diese Eindr�cke denke, wird mir klar, da� ich so etwas wie gemeinsam auftretende, also funktionierende Ehepaare praktisch nicht kannte. Prag war f�r mich voller m�nnlicher Einzelk�mpfer. Au�erdem voll von ihren mit dem gemeinsamen Haushalt besch�ftigten Ehefrauen, �ber deren Leben ich allerdings nur wenig erfuhr. Als ich klein war, durfte ich den M�nnern noch bestimmte Fragen stellen.</p><p>��Hast du eine Frau?</p><p>��Zu Hause habe ich eine, ja.</p><p>Bei den gr��eren Zusammenk�nften waren allerdings auch Frauen dabei, das waren aber ganz besondere Erscheinungen. Die meisten von ihnen schrieben, kritisierten oder philosophierten auch � dabei versuchten sie aufgrund ihrer guten Erziehung aber nie, ihre m�nnlichen Kollegen in Bedr�ngnis zu bringen. Meine Mutter war unter den Damen die unumstrittene Nummer eins, jedenfalls die Attraktivste von allen. Sie wu�te es und nutzte ihren Charme, wo es nur ging. Als Intellektuelle litt sie daf�r oft unter abgr�ndigen Minderwertigkeitskomplexen.</p><p>��Ist er aber sch�n, sagten die Damen gern in meine Richtung, wenn sie mich im Flur trafen. Oder:</p><p>��Ich wu�te, da� er sch�n ist, da� er aber so sch�n ist, ahnte ich nicht.</p><p>Diese Spr�che n�hrten einerseits meine Visionen, die meine zuk�nftige Frau betrafen, andererseits f�hlte ich mich unter der Gesichtsoberfl�che oft, �hnlich wie meine Mutter � intellektuell nicht ausreichend ausgestattet, ungen�gend gebildet und rhetorisch sowieso ein Zwerg. Meine Mutter war einige Zeit mit dem sch�nen, allerdings auch etwas kleinen Ladislav zusammen. Der selbstverst�ndlich verheiratete Ladislav trug auf seinem gro�en Sch�del eine wuchtige, nach hinten gek�mmte M�hne, er und meine Mutter pa�ten ganz gut zusammen. Drau�en liefen sie oft sogar eingehakt herum, so da� ich von Mitsch�lern erfreuliche R�ckmeldungen bekam.</p><p>��Ich habe gestern deine Mutter mit deinem Vater gesehen.</p><p>F�r Sekunden konnte ich mich �ber eine solche R�ckmeldung freuen und versuchte au�erdem, auf meine m�gliche �hnlichkeit mit dem sch�nen Ladislav stolz zu sein. Sp�ter war Otomar, der Twistt�nzer und Filmkritiker, an der Reihe, f�r ihn interessierte sich allerdings auch eine von Mutters engsten Freundinnen. Ich erlebte einen Spaziergang dieses Dreiergespanns mit. Otomar � Otek genannt � war an dem Tag eher schweigsam, meine Mutter und ihre Freundin boten daf�r alles, was man zum gegenseitigen �berbieten so braucht � sie redeten, lachten, l�chelten, stichelten, sahen dauernd zum schweigenden Otek her�ber, sahen sich auch gegenseitig pr�fend bis b�se in die Augen und versuchten vergeblich, Otomar zu einer verst�rkten Hinwendung nach links oder rechts zu animieren. Mutters Freundin schlaffte irgendwann ab, ihre geistigen Reserven und ihre Sch�nheit reichten f�r diesen Kampf nicht aus. Meine Mutter gewann. �ber die Hintergr�nde dieses Kampfes berichtete mir meine Mutter erst Jahre sp�ter, kurz nachdem ihre ehemalige Rivalin emigriert war. Der �ber den Dingen stehende Otomar hatte � erz�hlte mir bei dieser Gelegenheit meine Mutter � von dem damaligen Kampf um seine Seele angeblich nichts mitbekommen, wartete offenbar nur das Ergebnis ab.</p><p>��Die Frau w�hlt den Mann, pr�gte mir meine Mutter bei ihren Schulungen f�rs Leben ein.</p><p>Von der Notwendigkeit der Ausbildung in Liebesdingen war sie so fest �berzeugt, da� ich mir manche Weisheiten immer wieder anh�ren mu�te:</p><p>��Die Frau mu� aber trotz allem immer so tun, als ob sie gew�hlt worden w�re.</p><p>Wer damals etwas auf sich hielt, war ein Reformer. Und dank der marxistisch-leninistischen Flurbereinigung der f�nfziger Jahre war unser Land tats�chlich zu einer reformbed�rftigen, aber auch reformresistenten Problemzone geworden. Als in den sechziger Jahren der politische Druck gelockert wurde, war denjenigen, die sich noch als ein Teil des Systems empfanden, erlaubt, �ber den Zustand der Gesellschaft �ffentlich nachzudenken und Mi�st�nde zu kritisieren. Wer sich an die Regeln hielt und sich mit der Vorab-Zensur abfand, dem geschah auch nichts. Die besonders ungeduldigen Intellektuellen dieser Jahre lieferten aber immer frechere Analysen der Schieflage, die Zensur lie� immer mehr zu � und die mutigen und auch die weniger mutigen K�pfe begannen auf diese Weise an den Grundfesten des Systems zu r�tteln. Perspektivisch r�ttelten sie alle gemeinsam auch an ihrer eigenen Existenzgrundlage. Die Ideologie war l�ngst verrottet, und mit den Ketzereien steckten sich allm�hlich auch viele der fr�her so eisernen Machtkader an. Man korrigierte immer unversch�mter alte Dogmen und leuchtete dabei voller Hoffnung. Den gefragten Zeitschriften bewilligte man unterdessen immer gr��ere Papierkontingente. Das Volk wurde dadurch allerdings nicht bes�nftigt, es wurde eher begieriger und hatte immer weniger Angst. Am Ende waren die alten Machtstrukturen � samt allen Sicherheitsdiensten � so gef�hrlich aufgeweicht, da� die Rettung des Ganzen nur noch durch ausw�rtige Armeen bew�ltigt werden konnte. Es kam, wie es kommen mu�te.</p><p>Der Freundeskreis, zu dem meine Mutter geh�rte, driftete in der Zeit der 68er Fr�hlings- und Sommermonate auseinander � alle waren ungeheuer besch�ftigt und hatten f�reinander kaum Zeit. Nach dem russischen �berfall und der politischen Implosion r�ckte man wieder n�her zusammen, und alles war fast wie fr�her. Nur personell wurde das Land gr�ndlich umgekrempelt. Alle Redaktionen, Verlage, Universit�ten und Institute hatte man von konterrevolution�ren Elementen gereinigt, und die meisten Philosophen, Kritiker, Journalisten und Schriftsteller wurden wegen der streng einzuhaltenden Arbeitspflicht �ber Nacht Proletarier � sie putzten Fenster, heizten veraltete Dampfkessel, wurden Nachtw�chter, Handlanger, Stra�enkehrer. Die Treffen des Freundeskreises, der inzwischen keine gem�tlichen Redaktionsr�ume mehr hatte, wurden in unterschiedlichen Wohnungen abgehalten, um das Risiko zu verteilen � und alle paar Wochen sa� man bei meiner Mutter. Die Neuproletarier lachten wieder, sie lachten fast genausoviel wie fr�her und �hnlich proletarisch wie fr�her.Einige von Mutters Bewunderern waren Russen � S�hne von Fl�chtlingen, die nach der Oktoberrevolution in die antibolschewistische Tschechoslowakei gekommen waren und zwanzig Jahre sp�ter dann � vor den Nazis � nicht unbedingt zu fl�chten brauchten. Diese begabten slawischen Br�der agierten und benahmen sich zwar l�ngst genauso tschechisch wie alle anderen, sie waren aber trotzdem anders. Ausladender, lauter, intensiver. Ihr Hinterland war immer noch die weite Steppe ihrer Vorfahren � und sie alle tranken lieber Wodka als m�hrische Weine. Die Wodkaflaschen, die sie mitbrachten, �ffneten sie m�helos mit einem kr�ftigen, von unten gef�hrten Schlag gegen den Flaschenboden. Der eine von ihnen schleuderte manchmal mit der gleichen Wucht seine Gl�ser in eine bestimmte Zimmerecke. Ansonsten blieben die meisten von Mutters Freunden in den schweren Zeiten nach dem Einmarsch sehr tapfer, sie klagten manchmal nur �ber die allt�gliche k�rperliche Ersch�pfung.</p><p>��Wie soll ich den zweiten und dritten Teil zu Ende schreiben? Ich falle abends um neun mit dem Kopf auf die Schreibmaschine und habe dann die halbe Tastatur als Abdruck im Gesicht.</p><p>Nur wenige von diesen Leuten verlegten sich in dieser Zeit aufs Trinken. Der Gl�serwerfer war allerdings schon lange gef�hrdet gewesen. In der Zeit, als er nur in Ma�en trank, schrieb er wunderbare Tiergeschichten f�r Kinder und Jugendliche, auf die man ihn allerdings nie ansprechen durfte. Wenn er stark angetrunken war, schon gar nicht.</p><p>��La� mich bitte in Ruhe mit meinem Schrott!</p><p>Als er einmal kam, um einige Ersatzgl�ser vorbeizubringen, fragte ihn meine mitf�hlende Mutter unvorsichtig:</p><p>��Wie geht es dir, Jossip?</p><p>��Schlecht, sehr schlecht. So schlecht, wie es mir jetzt geht, ging es mir noch nie in meinem Leben.</p><p>Kurz danach schob er ein Brett, auf dem ein Laib Brot lag.n�her zu sich, griff sich ein scharfes Messer und hielt es verkehrt herum � mit der Spitze nach unten.</p><p>��Ich zeige euch, wie schlecht es mir geht. Aber keine Angst, ich werde nicht bluten. Nachdem meine Mutter das Brot an sich gerissen hatte, durchstach Jossip seine linke Hand. Zum Beweis hob er den Unterarm an � und die Holzunterlage kam mit.</p><p>��Auch wenn ich mein breites Jagdmesser mit den Rillen genommen h�tte, h�tte ich nicht geblutet. Wenn ich nicht will, kommt kein Tropfen aus mir.</p><p>Und tats�chlich: Als er das Messer aus seiner Hand zog, blieb die Wunde trocken.</p><p>��Wenn ich bei der Jagd verletzte Tiere t�ten mu�, sieht es etwas anders aus.</p><p>Er wickelte sich ein nicht besonders sauberes Taschentuch um seine Faust, tr�pfelte etwas Wodka drauf, nahm sich vom Tisch noch eine Serviette und verlie� die Wohnung.</p><p>Dana, meine zuk�nftige Geliebte, war Bildhauerin, hatte mit Politik nicht viel zu schaffen, trotzdem wurde auch sie eines Tages beruflich kaltgestellt. Da sie sich nicht anpassen wollte, schlo� man sie aus dem K�nstlerverband aus. Daraufhin fand sie f�r sich eine praktikable L�sung � sie zog aufs Land, wo sie von einem Gem�se- und Obstgarten, au�erdem von zwei kleinen Feldern auf Niemandsland leben wollte. Ihr Geld verdiente Dana mit diversen ihr zugespielten Auftragsarbeiten. Meistens tauchte ihr Name dabei nirgends auf. Manchmal kassierte das Geld sogar jemand anders f�r sie und gab es ihr in bar.</p><p>��Das Land kann es sich leisten, auf seine begabten Leute alle zwanzig Jahre zu verzichten, sagte sie einmal, meinte aber nicht sich selbst.</p><p>��Ich kann an meinen Sachen zum Gl�ck weiterarbeiten. Ich mu� nicht Fenster putzen, mu� keine U-Bahn bauen oder in einem Heizungskeller wie ein Bratapfel schmoren.Die Zersetzung der kommunistischen Seele meiner Mutter begann schon fr�h. Wieder in erster Linie dank ihrer Bewunderer, zu denen auch einige �rzte mit deutsch klingenden Namen geh�rten � anderen vertraute meine Mutter sowieso nicht. Nachdem sich V�terchen Stalin vorgenommen hatte, die kosmopolitische �rzteverschw�rung aufzudecken und dieses Problem zu l�sen, schrie einer dieser �rzte voller Panik:</p><p>��L�ge, L�ge, alles gelogen!!!</p><p>Da war ich aber noch zu klein, um seine Angst zu verstehen. Das war einige Jahre sp�ter schon etwas anders, und diesem Vorfall verdanke ich die erste klare Erinnerung an ein politisches Ereignis. Meine ansonsten immer � auch morgens � gepflegt zurechtgemachte Mutter lief mit weitaufgerissenen Augen und wirren Haaren unseren langen Flur entlang und schrie:</p><p>��Die Russen sind in Ungarn, die Russen, die Russen� Sie fahren mit Panzern gegen die Leute� in den Kellereing�ngen liegen Berge von Leichen. Klaras Schwester kann die T�r nicht �ffnen.</p><p>��Was, wieso?</p><p>��Die Russen haben in Ungarn interveniert.</p><p>��Und? fragte ich.</p><p>��Sie sind in Budapest einmarschiert.</p><p>��Die Russen sind doch �berall.</p><p>��Stimmt nicht. Bei uns sind sie nicht.</p><p>Hinten in der Wohnung wurde Tante Bombe aufgeschreckt und rief mit schl�friger Stimme:</p><p>��Die Rote Armee wird den �rmsten schon helfen.</p><empty-line/><p>der gitarrist wurde von saftigen Stromst��en gekr�mmt</p><p>Die Schwanzgr��e spielte in der Grundschule noch keine besondere Rolle. Unsere Schw�nze waren dort h�chstens als kleine dunkle Flecke an unseren kurzen Trainingshosen pr�sent, daf�r aber regelm��ig. Egal, wie lange man nach dem Pinkeln auch die letzten Tropfen aus der Harnr�hre auszutreiben versucht hatte, beim Sportunterricht hatte trotzdem jeder Zweite oder Dritte einen nassen Fleck sitzen � frontal und bestens sichtbar. Diese roten Trainingshosen waren aus reiner Baumwolle, und deren fest gewebter Stoff wurde durch Feuchtigkeit nicht nur ein kleines bi�chen dunkler, sondern fast schwarz. Und eine zweite Stoffschicht, die die Reste der Feuchtigkeit aus dem Inneren der Pi�r�hre h�tte aufnehmen k�nnen, besa�en sie nicht. Und weil das Warensortiment damals so schmal war, im Sportunterricht praktisch alle das gleiche anziehen mu�ten, litten jedesmal alle Jungs wie ein Mann, auch diejenigen, die gerade mal unbefleckt waren.</p><p>Man konnte sich mit den Schandflecken unserer Schamgegend aber auch ganz anders besch�ftigen. Bei mir zeigte sich hier bereits meine zuk�nftige Begeisterung f�r die Physik, und ich dachte beim Sportunterricht oft dar�ber nach, was die Fl�ssigkeiten dazu bringe, sich mit aller Macht und so r�cksichtslos auszubreiten. Termini wie� kapillare Elevation �kannte ich damals noch nicht, da� die Fl�ssigkeitsmolek�le in der Lage sind, einen zur Verzweiflung zu bringen, war dank des Sportunterrichts aber auch den schlimmsten Lernignoranten unter uns vertraut. Den M�dchen, nehme ich an, erz�hlten unsere dunklen Schandmale in erster Linie von der Penetranz unserer in uns lauernden Fl�ssigkeiten,weniger von der Gemeinheit und Primitivit�t unserer Bekleidung. Das weitere Problem unserer quasi Uniformhose war ihr bequemer Standardschnitt, der uns beim Turnen alle nur denkbaren Bewegungen erm�glichen sollte. Wegen der breiten �ffnungen f�r die Schenkel hatten wir im Schritt so viel Freiraum, da� wir beim Sitzen � wenn wir nicht aufgepa�t hatten � den wi�begierigen M�dchen unsere hervorquellenden Hodens�cke preisgaben, eineiig oder zweieiig, manchmal rutschte einem einfach alles heraus. Hier w�re uns eine anschmiegsame zweite Innenschicht, die alle unsere Einzelteile zusammengehalten h�tte, ebenfalls willkommen gewesen.</p><p>Zum Gl�ck spielte bei den rangbestimmenden K�mpfen in der Grundschule nicht nur die Gr��e unserer Schw�nze keine Rolle, auch die Gr��e unserer Eier war unerheblich. Das einzige, was z�hlte, war die reine Muskelkraft � au�erdem die Schnelligkeit beim Ansetzen des Schwitzkastens und die Perfektion, mit der man die Umklammerung auf Dauer aufrechterhalten konnte. Bei den immer wieder ausbrechenden Ringk�mpfen mu�te man den w�tenden Gegner einfach so fest packen, da� er von alleine nicht wieder freikam � dabei mu�te man einerseits gnadenlos, andererseits umsichtig und geduldig sein. In meiner z�hen Person f�gten sich alle f�r solche K�mpfe n�tigen Fertigkeiten so gut zusammen, da� ich mich bis zur f�nften Klasse nie als der untenliegende, zappelnde und r�chelnde W�rgling ergeben mu�te. Neben meiner k�rperlichen �berlegenheit spielte sicher auch die innere Kraft eine Rolle, die mir meine vielen Frauen auf den Weg gegeben hatten � eben die �berzeugung, da� ich der Beste und St�rkste von allen war. Faustk�mpfe gab es in der Grundschule kaum � und wenn sie ausnahmsweise stattfanden, wurden sie zwar als eine h�here Kampfform respektiert, gleichzeitig aber mit Ekel angesehen. Sie markierten eher einen Regelbruch.</p><p>Meine Dominanz l�ste sich schlagartig in nichts auf, alseinzelne Individuen in der Klasse wie �ber Nacht einen halben Kopf gr��er geworden waren als ich � und auch l�ngere Arme bekommen hatten. Diese Grobiane waren aber, was mein Gl�ck war, gleichzeitig die schwarzen Schafe der Klasse, und weil sie ungehorsame, st�rende Rebellen waren, waren sie seit geraumer Zeit meine besten Freunde. Und von diesem Zeitpunkt an brauchte ich sie nicht nur als Verb�ndete gegen die Lehrer, ich brauchte einen ausreichenden Schutz vor faustbrutalen Elementen aus den Parallelklassen. In meinem Leben f�gte sich wieder einmal � wie es auch sp�ter der Fall sein sollte � alles wundersam g�nstig zusammen.</p><p>In der sechsten Klasse gab es noch eine weitere kleine Verunsicherung. Wir alle kamen in eine andere, viel gr��ere Schule, wo man mit vielen stammesfremden Elementen aus der erweiterten Umgebung zusammengew�rfelt wurde. Die Hierarchien mu�ten vollkommen neu bestimmt werden. Ich hatte aber wieder mal Gl�ck: Meine Harte-Jungs-Fraktion wurde nicht geschw�cht oder �berboten, sie bekam durch zwei riesige Kerle, die sitzengeblieben waren, sogar eine ungeahnte Verst�rkung. Au�erdem zogen diese beiden Kumpel dank ihres virilen Geschlechtssogs unweigerlich M�dchen an. Wir, die b�sen Jungs, waren von da an komplett. Einige der fr�heren bandenm��igen Bindungen l�sten sich dagegen vollst�ndig auf � auch die ber�chtigte Affenbande, von der sp�ter noch ausf�hrlich die Rede sein wird, gab es nicht mehr. Von den Affen-K�mpfern blieb im kollektiven Ged�chtnis nur ihr ungew�hnlicher Name �brig, obwohl fast alle ihre Mitglieder unter uns als Einzelpersonen noch zu finden waren.</p><p>Es brachen sowieso neuartige, trotzdem vergleichbar wilde Zeiten an. Die Bildung von Zusammenrottungen eines neuen, GESCHLECHTLICH GEMISCHTEN TYPS war in voller Fahrt. Und f�r die Bedeutung jeder Clique und ihr Selbstvertrauen war � wie man sich denken kann � entscheidend, welche weiblichen Prachtexemplare sie angelockt hatte und auf Dauer auch an sich binden konnte.</p><p>Einer unserer beiden Sitzenbleiber war eine Art Terminator und hie� Richard. Er warf seine Gegner, die sich anfangs noch auf K�mpfe mit ihm eingelassen hatten, mit Leichtigkeit durch die Luft, ohne sich um eine besonders g�nstige Wurfposition bem�hen zu m�ssen. In dieser Zeit �nderten sich sowieso die Kampfsitten, und ich mied, wenn es nur ging, jegliche Auseinandersetzungen. Das Herumw�lzen auf dem Boden, bei dem ich noch gewisse Chancen gehabt h�tte, galt endg�ltig als kindisch. Wenn man sich schlug, schlug man den Gegner mit den F�usten tats�chlich ins Gesicht. Und das war mir zuwider, das tat ich aus Respekt vor dem Gewebe und Knorpelbeiwerk der anderen einfach nicht gern � und nat�rlich auch aus Sorge um meine eigene Nase, meine Augen und Lippen, im Hinblick auf mein leicht zu ersch�tterndes Gehirn und die eventuell mangelhafte Rei�festigkeit meiner Ohren.</p><p>Meine neuen Freunde � vor allem die beiden Sitzengebliebenen � waren nicht nur viel gr��er als ich, mit ihnen verfuhr die Natur auch grunds�tzlich anders. Einer sprach es einmal direkt an � bei ihm w�rde die Energie nicht vordergr�ndig ins Gehirn, sondern in andere K�rperteile str�men. Die Penisse der beiden Vorreiter waren tats�chlich graduell gr��er. Sie waren schon dunkelh�utig und � im Gegensatz zu meinem blassen Freund � ohne weiteres vorzeigbar. Beim Pinkeln sagte der Terminator gern:</p><p>��Ist das nicht ein Bulle?</p><p>Und sein Ding war tats�chlich auch im Ruhezustand ein Prachtexemplar. Wohlgeformt und gut gen�hrt. Mein Glied wartete auf seine gl�ckliche Zukunft trotzdem mit Geduld.</p><p>Der n�chste meiner neuen schlechten Freunde war sogar zwei Jahre �lter als ich � und dieser Mensch wagte Dinge, die meine bisherige Welt grunds�tzlich umw�hlen sollten. Er sprengte die Ketten des kindlichen Anstands, wagte denSprung in die n�chste Tiefendimension. Eines Tages steckte er im Kino zwei M�dchen aus unserer Clique je einen Finger in ihren jungfr�ulichen Schlitz.</p><p>Wahrscheinlich nicht wirklich tief hinein, er war aber unter ihre Schl�pfer gelangt, war in den warmen Bereich zwischen den Lippenpaaren vorgedrungen. Und die beiden Lippenh�terinnen haben es einfach geschehen lassen. Beide! Offenbar sogar mit dem Wissen �ber die Parallelit�t des Zugriffs. Unglaublich! Unnachahmbar! Gigantisch! Die beiden legten sich angeblich ihre T�schchen und Pullover so in den Scho�, da� niemand etwas beanstanden oder neiden konnte. Ich auch nicht � ich sah nichts und wu�te von nichts. Mein Kumpel hatte also � nur einige Meter von mir entfernt � einen Finger im oder am Scheidchen links und einen, vielleicht sogar zwei Finger im oder am F�tzchen rechts gehabt. Und ich h�tte mich damals nicht einmal getraut, mir eine derartige Extrem-Expedition vorzustellen. Nach diesem Vorfall wurde die Begehrmaschine in mir logischerweise auf eine h�here Gangart gestellt.</p><p>Im Unterricht sa� ich grunds�tzlich in der letzten Reihe � bei meiner Intelligenz mu�te ich nicht pausenlos aufpassen � , und ich konnte mich anderweitig, zum Beispiel mit diversen Koordinierungsaufgaben, erotischen Phantasien oder mit sexueller Weiterbildung besch�ftigen. Im Gespr�ch waren pl�tzlich Dinge, die ich nicht auf Anhieb verstand; und ich mu�te sie gr�ndlich analysieren. Wenn die Weiber wirklich� drei L�cher �h�tten � wie sichtbar waren sie dann, da� man �ber sie so klar wie meine Freunde reden konnte? Wie waren sie angeordnet? Wie gut zug�nglich waren sie � jedes dieses Dreigestirns? Und wieso waren es �berhaupt drei und nicht gleich vier? Mit Nachrichten �ber das� dritte Loch f�r Kinder �hatte mich meine aufkl�rerische Mutter im so zarten Alter verwirrt, da� ich zu dem damaligen Zeitpunkt noch keine Hemmungen hatte, die �ltere Cousine ums Vorzeigen zu bitten.Bei meinen aktuellen Gr�beleien behielt ich die ganze Klasse gut im Blick und best�tigte mir schon damals die Regel, da� man Frauen auch von hinten ansieht, ob sie gut aussehen oder nicht. Ihre Art, den Kopf oder die Arme zu bewegen, ist bei den Sch�nen, die sich ihrer Anmut und Anziehungskraft bewu�t sind, eine andere. Notgedrungen setzen der Gang der Sch�nen und ihre K�rperhaltung verst�rkt Sehns�chte frei, in ihrer alles andere als geduckten K�rperlichkeit steckt viel mehr Stolz, der bewundert werden kann � und werden will. Diese Gesch�pfe spielen mit ihren Haaren anders, sie kleiden sich geschmackvoller, sie nehmen die auf sie gerichtete Gier an und schm�cken sich mit ihr. Sie sch�tzen sich also nicht, setzen ihre Oberfl�chen furchtlos jeder starken Glotzb�e aus, lassen alle diese Energien einfach in sich hineinstr�men � und vertreiben dabei die letzten Reste kindlicher Plumpheit aus ihren H�ften. Und auch wenn die weniger Beg�terten unter ihnen zur W�rdigung ihrer Sch�nheit unbedingt ein bestimmtes Kleid brauchen, treiben sie das daf�r n�tige Geld am Ende irgendwie auf.</p><p>Als ein Kopfmensch verkehrte ich nebenbei auch in den gesitteteren Kreisen der besseren Sch�ler. Diese Jungs tauschten sich teilweise gr�ndlichst �ber schulische Dinge aus, berichteten dar�ber, was sie gerade lasen, verrieten manchmal sogar, was sie selbst �ber die Wirklichkeit erdacht hatten. Sexualit�t wurde dort nur rein theoretisch behandelt � am liebsten als etwas, was einem nur zuf�llig um mehrere Ecken zu Ohren gekommen war.</p><p>��Ich habe geh�rt, da� der Penis gr��er wird, wenn man ihn in die Hand nimmt, sagte einer.</p><p>Das Gute an meinen anderen, sexuell weiterentwickelten Freunden war � wie bereits angemerkt � , da� sie genau dem entsprachen, wonach die um uns herum reifenden Jungfrauen suchten. Ich geh�rte somit zu einer Clique, in der sich alles einfand, was zum gl�cklichen Erdenleben n�tigwar. Die sch�nsten Frauenwesen, die in den erregendsten Klamotten steckten und mit ihren langen, mehrheitlich blonden Haaren f�r Daueraufruhr und f�r Erregung auf Hunderte von Metern sorgen konnten, waren dabei � und die Ausnahmeerscheinungen aus den Parallelklassen stie�en zu unserer wachsenden Gemeinschaft nach und nach auch noch hinzu. Wir waren laut, auff�llig und aggressiv, trotzdem fanden wir in der Gruppe so etwas wie einen Ruhepunkt. F�r mich hatte dieser Halt etwas von einem nahrhaften Mutterkuchen. Wir alle trugen Jeans � was damals alles andere als selbstverst�ndlich war � , unsere Weibchen wechselten nach und nach zu Minir�cken, die im harten Konkurrenzkampf immer k�rzer wurden. Und die Pr�senz der vielen nackten Beine, die uns gemeinschaftlich entz�ckten, das rasante Wachstum der im Prinzip uns allen geh�renden Busenpaare, die physische N�he der multiplizierten weiblichen Vollkommenheit� das alles verwandelte uns Penistr�ger bald in so etwas wie selbstbewu�te M�nner. Jedenfalls dann, wenn wir nicht als Einzelwesen in der Stadt verstreut, sondern ineinander trieb-ideell verhakt und miteinander verschwei�t waren.</p><p>Als ein aufgeregter Haufen hatten wir miteinander unglaublich viel durchzuhecheln � jeden Tag, wochenlang, monatelang, pausenlos bis zu den n�chsten Ferien. Und wir lernten dabei jeden Tag etwas hinzu, so da� ich heute keine Minute dieser Jahre als eine verlorene Zeit betrachten kann. Wir l�sterten und urteilten gnadenlos, wir �bten uns in Frechheiten jeder Art, au�erdem in Ironie und auch darin, Kr�nkungen m�glichst mit tapferer Miene zu �berstehen. Wenn es w�hrend kurzzeitiger Wutanf�lle sein mu�te, bewarfen wir uns behutsam mit Pflastersteinen. Wir waren unverwundbar, schamlos und von Erwachsenen schwer zur Vernunft zu bringen. Vor uns lag eine wilde Zukunft voller Freiheit � au�erdem voller wegweisender Brustwarzen, entbl��ter Schamhaare und nackter Haut. Wir waren dazu bestimmt, mit allen Ejakulatwassern gewaschen und allen Scheidensekreten geschmiert zu werden.</p><p>Bei den ersten Rockkonzerten gingen dann die n�chsten D�mme zu Bruch. Die f�r uns damals ungewohnt sch�delbrechende Soundst�rke ging mit uns durch, wir betraten Energiebereiche, deren Existenz wir allerdings l�ngst schon gewittert hatten. Schon nach den ersten metallischen Akkorden der Gitarren und wenigen Schlagzeugschl�gen verloren wir die Besinnung, und die Mutigsten von uns warfen sich gleich, nicht erst nach einer Schamfrist, vor die F��e der Musiker. Das Besondere an dem Saal im Elektropalast war, da� die Bands in gleicher H�he, also vor uns auf dem Parkettboden spielten. F�r die Musiker war vieles auch noch neu. Man sah manchen an, wie sie �ber das von ihnen ausgel�ste pathologische Treiben auf dem dreckigen Fu�boden staunten. Aber man steckte sich gegenseitig an. Auch die bed�chtigeren unter den Spielern waren bald au�er sich und verga�en alle strombedingten und sonstigen Gefahren. Ich behielt immer noch etwas Kontrolle �ber mich und registrierte, ab wann es der stark adrenalisierten Band an die Substanz ging. Die Musiker sp�rten irgendwann � wie nach einer Bet�ubungsspritze � keinen Schmerz mehr. Nach einer Spritze vom Zahnarzt kann man sich von innen die halbe Mundh�hle kaputtbei�en, bei den Musikern waren vor allem ihre Finger in Gefahr. Die durch die Stahlsaiten zerfetzte Haut ihrer Zeige- oder Mittelfinger f�rbte sich mit steigernder Ekstase langsam rot, warf Blutstropfen ab, und ich h�tte sie abschl�rfen k�nnen, wenn ich gewollt h�tte. Ihre Plektren � immer wieder Mangelware � waren nach einer Weile alle kaputt oder auf dem Fu�boden verstreut. Vor allem der an der Begleitgitarre w�tende Spieler schabte sich seine verschorften Wunden regelm��ig frei. Sein Fingerfleisch war zwar nicht unser Fleisch, sein auf die Gitarre spritzendes Blut war nicht unser Blut, wir h�tten unserFleisch und Blut aber ohne weiteres auch hergegeben. Trotz aller Bewu�tseinstr�bung bekam ich manchmal auch noch mit, wenn einer aus der Band zus�tzlich von einem Stromsto� gekr�mmt wurde. Kurzschl�sse waren damals an der Tagesordnung, zwangen die Bands in der Regel aber nicht, eine feige Pause einzulegen. Die meisten der Verst�rker waren nicht mit Transistoren best�ckt, sie protzten noch mit vielen gl�henden R�hren und strahlten eine Affenhitze ab. Wegen der besseren K�hlung hatte man sie von ihren Geh�usen befreit, die Explosivit�t und Gef�hrlichkeit der Lage war gut sichtbar und ohne weiteres greifbar. Um uns herum stand sowieso alles unter hochgepeitschter Spannung. Auch die Lautsprecher � die �lteren Jahrg�nge jedenfalls � waren damals nicht niederohmig, die entsprechenden Verst�rkerausg�nge brummten tats�chlich noch unter der Gleichstromkraft von genau hundert Volt.</p><p>Wir feuerten begeistert auch die Techniker an, die nebenbei pausenlos zu tun hatten. Manchmal l�teten sie sogar bei laufendem Konzert an den durchgebrannten und verstummten Teilen der Apparatur. Und wenn sie nicht weitere Kurzschl�sse verursacht hatten und aus einem der Lautsprecher pl�tzlich wieder Kanonendonner kam, konnten wir ihnen in ihre gl�cklichen Augen blicken. Diese ganze sich wie aus dem Nichts reproduzierende Realit�t nahm irgendwann auch mir die Reste meiner Zur�ckhaltung � und aus meinem Hals kam tierisches Br�llen. Uns allen war l�ngst deutlich, da� dies genau das war, was der Welt aktuell verk�ndet werden mu�te � und klarer lie� sich die Botschaft nicht artikulieren. Die Kraft war bei uns, und wir wu�ten, da� sie jederzeit wieder freigetanzt, freigelacht und als eine zusammengeballte Sprengladung eingesetzt werden konnte. Von da an wu�ten wir au�erdem, da� das Leben noch viel mehr zu bieten hatte, als wir uns bislang hatten einreden lassen. Das Loslassen fiel uns leicht, irgendwelche Einf�hrungskurse hatten wir nicht n�tig. Als wir nach denKonzerten nach Hause gingen, sahen wir uns gegenseitig keinesfalls befremdet an. Es war nachmittags, wir waren n�chtern. Wir waren allerdings dreckig, heiser und verschwitzt � trotzdem voller Sch�nheit. Und wir waren alle noch am Leben.</p><p>Im Laufe der Jahre wurde langsam klar, da� sich in unserer Gemeinschaft nicht nur die St�rksten und Lebendigsten zusammengefunden hatten, sondern auch die Gef�hrdeten. Einige, die in der Clique weich aufgehoben gewesen waren, wurden sp�ter leicht bis schwer verr�ckt, zwei von unseren M�dchen nahmen sich unabh�ngig voneinander und in schneller Folge das Leben � wenige Jahre, nachdem die Clique auseinandergefallen war.</p><p>Als sie noch alle da waren, liefen die M�dchen manchmal in einer Reihe vor uns � mitten auf der Stra�e. Wenn keine von ihnen fehlte, waren es sechs. Und im Sommer, wenn sie alle Minir�cke anhatten, bewegten sich vor uns zw�lf wundersch�ne schlanke Beine. Manche waren gerader als andere, manche dr�ckten sich im Kniegelenk mehr nach hinten als andere, nicht alle trugen den Schwerpunkt des zu ihnen geh�renden Oberk�rpers genauso w�rdevoll und harmonisch, wie man es ihnen gew�nscht h�tte. Vollkommen waren sie trotzdem alle. Und ich wei� noch, da� ich damals schon r�tselte, wieso man so etwas wie die R�ckseite eines Knies �berhaupt als sch�n empfinden kann; ausgerechnet die � besonders harten funktionalen Zw�ngen unterworfene � Quetsch- und Biegezone eines Gelenks, das unter �rzten als� vom Gott im Zorn erschaffen �gilt. Links und rechts sieht man dort � also an dieser abgewandten und wenig beachteten Schattenseite des Knies � zwar stolzsehnige Muskelstr�nge, der Rest wird dagegen lediglich von einem etwas plumpen und wulstigen Mittelteil gebildet.</p><p>In der absch�ssigen Seitenstra�e des Diplomatenviertels gab es wenig Verkehr, die M�dchen, ihre Beine, H�ften.Schultern, ihre F��e, deren Spitzen so unterschiedlich schr�g nach au�en gerichtet waren oder � was damals modisch war � leicht nach innen zeigten, hatten die ganze Stra�enbreite in der Regel f�r sich allein. Durchfahrende Autos zwangen uns ab und an zu tr�gen Ausweichman�vern, konnten unsere Formation aber nur kurzzeitig durcheinanderbringen, manche Automobile � die Sterne des damaligen Designhimmels � lenkten uns dagegen unanst�ndig stark ab, verwirrten uns regelrecht erotisch. Die Eleganz des Citroen DS war verst�rend, da dieses Auto offensichtlich von M�nnern gebaut worden war, die nicht nur in ihrem Arbeitsleben permanent verliebt waren. Ganz andere Gef�hle provozierte dagegen die tiefliegende Kraft des Mercedes 230 SL. Es war der W 113er � das noch nie dagewesene Wunder mit dem an den Seiten nach oben gew�lbten� Pagodendach�. Wenn seine Reifen mit Spikes beschlagen waren, klirrte es auf den br�unlichen Katzenk�pfen der Pflastersteinstra�e wie auf einer Tanzfl�che mit zwei Dutzend Steppt�nzern.</p><p>Ich glaube nicht, da� ich etwas verzerre, wenn ich im Zusammenhang mit diesen Prager Jahren dauernd von Erotik spreche. Prag war schon seit meiner zarten Kindheit einfach voll von Zeugnissen und Spuren, die einen wie grelle Blinksignale aufschreckten und den Alltagsgleichlauf mit Synkopen durchsetzten. Alles, was konnte, fuhr aus der schlaffen Vorhaut hinaus und pr�sentierte sich ungesch�tzt, gl�nzend und eichelfest. Die hammerstarken und trotzdem unzuverl�ssigen Antibabypillen aus der heimischen Produktion hatten damals noch einen sehr schlechten Ruf (Bartwuchs als Nebenwirkung!), und �berall lagen benutzte Pr�servative herum. An ihnen klebten noch gekr�uselte Schamhaare, innen schwammen � frisch oder vergammelt � die von uns so genannten� fl�ssigen Kinder�. Woher kamen alle diese Gummis? Man sah sie meistens nah an den H�userfassadenoder in den Vorg�rten der H�user liegen. Ich nahm daher an, da� sie von vorsichtigen Liebhabern verheirateter Frauen aus den Fenstern geworfen worden waren. Auch in den vielen dichten B�schen unserer sch�nen Parks knisterte es andauernd, weil nicht nur die Jugend und spielende Kinder diese Dschungelzonen zum Schutz vor fremden Blicken nutzten. In diese Verstecke verkrochen sich auch �ltere Liebespaare, die sich besonders leidenschaftlich k�ssen und umarmen wollten. Manche schoben sich so unvorsichtig gegen die W�nde aus �sten, bis sie ins Wanken kamen. Und wenn sie Pech hatten, fielen sie aus einem der am Rand gepflanzten Eibenhecken auf den �ffentlichen Parkweg. Manche dr�ckten sich wiederum so heftig aneinander, da� sie bei ihren Gleichgewichtsk�mpfen in irgendwelche dort reichlich vorhandenen Kothaufen traten. Nur die wenigsten dieser Verunreinigungen stammten von Hunden. Die heftigen Liebesaktivit�ten fanden teilweise in tiefer liegenden Geheimg�ngen statt, die ich schon seit langem kannte und gewisserma�en auch als meine ansah. Dank meiner Vorkenntnisse war ich in der Lage, mich diesen Verstecken jederzeit von unterschiedlichen Seiten zu n�hern, sie notfalls aus irgendwelchen Baumkronen zu observieren. Die erwachsenen Eindringlinge w�hlten sich nach den Umarmungsakten aus den kratzenden und staubigen B�schen heraus, schabten sich � bevor sie fl�chteten � den schlimmsten Dreck von den Schuhen oder Kleidern. Und sie lie�en mich oder uns dar�ber gr�beln, ob sie vorgehabt hatten, sich auch zwischen den Beinen zu begegnen. Einiges konnten wir uns so genau noch nicht vorstellen. Manchmal hatten wir das Gef�hl, ihre Organe w�ren bereits ganz nah beieinander gewesen.</p><p>Auch der eher unscheinbare Bastler Skopka, der in der neuen Schule in meiner Klasse � wenn auch nicht direkt an meiner Seite � geblieben war, ver�nderte sich. Er qu�lte keine unschuldigen Fliegen mehr, war weiterhin ein technischaktiver Nachwuchskader, trotzdem zwangen die unsichtbaren erotischen Kr�fte auch ihn, sich im Leben anderen Dingen zuzuwenden. Als er im Fotozirkel professionelle Reproduktionstechnik mitbenutzen durfte, fotografierte er nicht nur unsere wundersch�ne Stadt, nicht nur sch�ne Landschaften oder Naturph�nomene, er fotografierte nebenbei auch aufreizende Frauen aus irgendwelchen Westzeitschriften ab � meistens nur ihre Gesichter; die Bildausschnitte schlossen h�chstens noch die Busengegend mit ein. Anschlie�end vergr��erte Skopka seine Idole auf die allergr��ten Papierformate, die er auftreiben konnte. Diese �berdimensionierten K�pfe hingen dann in seinem gro�en Zimmer an der Wand. Und da man ihn nicht dauernd besuchen durfte, fuhr man gern mit dem Fahrrad an seinem Haus vorbei, wo er im ersten Stock wohnte. Die sch�nsten seiner M�dels waren so plaziert, da� man sie auch von drau�en gut sehen konnte. Sein Topgesicht geh�rte einem typisch angels�chsischen M�dchen mit langen blonden Haaren, einem Mittelscheitel und vielen wunderbaren Sommersprossen. Die leicht vorstehenden oberen Z�hne gaben diesem Wunderwesen den reizendsten Mundausdruck, und die wegen der Sonne leicht zusammengekniffenen Augen schienen voller sexueller Erwartung zu sein. Diese Favoritin meines begabten Freundes Petr Skopka war lange Zeit das aufregendste Frauengesicht, das ich kannte.</p><p>Eine Entwicklung zur ruhigen Intellektualit�t war damals in Prag tats�chlich nicht m�glich, f�r mich jedenfalls nicht. Massive St�rungen meiner Aufmerksamkeit gab es in meiner Kindheit von Anfang an � auf jeden Fall so lange, wie ich zur�ckdenken kann. Schon in der ersten oder zweiten Klasse versetzte ein M�dchen den m�nnlichen Rest der Klasse in �u�erste Unruhe, indem es in der Pause verraten hatte, an dem gerade so hei�en Tag keinen Schl�pfer angezogen zu haben. Die Unruhestifterin war unter ihrem Rock also nackt. Sie erz�hlte es zwar nur ihrer besten Freundin.trotzdem verbreitete sich die Nachricht in der Klasse wie ein Lauffeuer, und die nachfolgenden Unterrichtsstunden waren eine einzige Katastrophe. Den Jungs fiel andauernd etwas aus der Hand, und sie suchten die schwer auffindbaren Dinge lange auf dem Fu�boden, krochen durch die G�nge, kamen nicht hoch, kollabierten wiederholt. Pausenlos b�ckte sich jemand oder balancierte in einer gef�hrlichen Schr�glage, einige �bersch�tzten dabei die Bodenhaftung ihrer Stuhlf��chen und fielen um. Und diejenigen, die sich gerade ausruhten und nicht unterwegs waren, h�rten gar nicht zu, wenn die Lehrerin sie etwas gefragt hatte. - Kann mir jemand verraten, was heute los ist?</p><p>Nat�rlich reiften auch meine Cousinen zu richtigen Frauen und versetzten mich mit ihrer K�rperlichkeit wiederholt in Alarmzust�nde � und das ebenfalls von klein auf. Ihrem Vater, dem Onkel ONKEL, erz�hlten sie von ihren Geheimnissen nichts, ihre Mutter arbeitete Tag f�r Tag aus freien St�cken bis zum Umfallen � und die beiden Kn�spchen hatten keinen anderen Vertrauten als mich. Ich war zwar nicht der �lteste von uns dreien, ich war aber ein Mann; und die beiden Frauen sahen in mir gem�� der � wenigstens in der Theorie vorhandenen � Familienkonzeption denjenigen, der alles besser zu wissen hatte. Die j�ngere Cousine steckte sich in den Anf�ngen unseres Trio-Daseins gerne alles m�gliche in die Ohren oder in die Nase. Eines Tages blieb ihr eine Erbse in einem der Nasenl�cher stecken und lie� sich nicht herausschnauben. Die Ungl�ckliche kam zu mir, auch weil ich eine gute Taschenlampe und verschiedene Lupen besa�. Nach der aufregenden Untersuchung � das Innere einer Frau, gibt es etwas Sch�neres?�� beschlossen wir, die Sache zu beobachten und erst einmal nicht zu melden. Das war aus mehreren Gr�nden schade, weil ich damit meine unzureichende Kompetenz bewiesen und die Perspektive verspielt hatte, bei Untersuchungen wichtigerer �ffnungen mitmachen zu d�rfen. Nach zwei Tagen sp�rte die Cousineeinen leichten Druck in der Nase und bekam Kopfschmerzen. Nach zwei weiteren Tagen suchte sich schon ein Keimling den Weg zu mehr Licht.</p><p>Bei den Untersuchungen unserer Mundh�hlen durfte ich trotzdem weiter mitmachen. Bei uns allen kamen damals beim Husten � oder wenn man tief im eigenen Rachen mit dem Finger stocherte � elastische, gelb-eitrige Flocken aus der Schleimhaut zum Vorschein, die die Form von Pinienkernen hatten, manchmal aber doppelt so gro� waren. Besonders im Winter war die Ernte reichlich. Die Erwachsenen sollten von diesen Fundst�cken nichts mitbekommen. Wir zeigten uns unsere Absonderungen dagegen sehr gern, sammelten sie in einem Gl�schen. Das letzte gro�e Geheimnis war dann die erste und viel zu fr�he Menstruation der �lteren und vollkommen unaufgekl�rten Cousine. Sie zeigte mir, dem Mann, ihr Blut, und wir beide bekamen gro�e Angst. Meine Schlu�folgerung, sie w�rde nie Kinder bekommen k�nnen, lag auf der Hand. Unsere enge Gemeinschaft zerfiel dann aber sowieso bald. Ich tauchte in das wilde Leben meiner Clique ein � und die beiden Cousinen wollten mit diesem verdorbenen Haufen nichts zu tun haben. Sie waren gesittete und fr�h zu B�rgerlichkeit neigende Wesen. Und wir entfremdeten uns schon w�hrend dieser meiner ersten Absprungphase immer mehr. Ich verbrachte die ganzen Nachmittage mit meinen Leuten im Park, oben auf dem gr�n-buckligen Stadttor oder in gerade elternfreien Wohnungen und sah die Cousinen an manchen Tagen kaum noch. Es verbot sich fast, bei unseren t�glichen Treffen der Clique zu fehlen. Mein guter Status dort beruhte unter anderem darauf, da� ich Gitarre spielen konnte. Und ich wollte m�glichst jeden Tag spielen und mit den neu einstudierten Songs gl�nzen. Mein Englisch wurde auch dank meines Privatunterrichts immer besser.</p><p>Am l�ngsten ging ich mit Tanja, und meine Liebe zu Tanja war die tiefste, die mir in dieser Zeit geschenkt wurde.Tanja war die h�ftschmalste Frauengestalt aus der Clique, trug immer die engsten Jeans oder einen fast nicht vorhandenen Minirock. In ihren lockeren Pullovern kamen ihre breiten und etwas spitzen Schultern einmalig zur Geltung, und die Art, wie aufrecht sie ihren schmalen Oberk�rper durch die Gegend trug, war ph�nomenal. Eine vergleichbar reizende K�rperhaltung war mir bis dahin nicht begegnet. Die Ausnahmequalit�t ihrer K�rperlichkeit begriff ich � ERKANNTE SIE � nicht erst unter Alkoholeinflu�. Bei Partys durfte ich mich aber endlich auch mit ihrem herrlichen, unter ihren T-Shirts sonst kaum auffallenden Busen besch�ftigen.</p><p>Tanja begeisterte mich noch aus einem weiteren Grund: Sie hatte pausenlos gute Laune, lachte und kicherte bei jeder Gelegenheit, konnte sich nie satt lachen. Und sie hatte eine unwiderstehlich sprechende Mimik. Ansonsten war sie ein anst�ndiges M�dchen, woran ihre Bereitschaft, sich als einzige von mehreren auf einmal k�ssen und streicheln zu lassen, nichts �ndern konnte. Sie war die erste, die sich sp�ter � es war im zweiten Jahr ihrer Lehre � das Leben nahm. Die Russen waren gerade einmarschiert, moralisch und kulturell zerfiel das Land im Zeitraffertempo. Bald danach brachte sich Adela um, auch sie geh�rte zu jenen, die fr�her pausenlos etwas zu kichern hatten. In den siebziger Jahren wirkliche Lust am Leben zu behalten � oder sogar die fr�here gute Laune � war fast unm�glich. Tanja konnte wegen ihrer nur mittelm��igen Zensuren nicht studieren, beim Theater kam sie � wie ihr Bruder in den sechziger Jahren � auch nicht unter, und bei der Ausbildung zur Buchbinderin mu�te sie den ganzen Tag in einem schlechtbeleuchteten Kellerraum der Stadtb�cherei arbeiten. Die Werkstatt befand sich tief unter der Erde, und die Fenster waren schmal, so da� Tanja von der Au�enwelt nur vorbeieilende F��e zu sehen bekam. Da� ich Tanja in den Tod h�tte folgen k�nnen, kam mir damals noch nicht ausreichend verlockendvor. Und ich bewegte mich in der Zeit, als sie sich mit Gas vergiftete, sowieso in ganz anderen Kreisen. Tanjas Tod verdampfte seltsam weit von mir. Ich war inzwischen ein Gymnasiast.</p><empty-line/><p>dana</p><p>Das gro�e Schleichen unserer beiden K�rper zueinander war l�ngst eingel�utet, trotzdem kamen und kamen wir nicht von der Stelle � zwei Jahre lang. Welche der kleinen Muskeln aus der Umgegend der Augen daf�r zust�ndig sind, Bed�rftigkeit zu signalisieren, wu�te ich damals nicht einmal ansatzweise, Danas trichterf�rmige Blicke konnte ich aber ohne weiteres deuten, und sie waren kaum zu ertragen. Besonders dann, wenn ich ihren naturgepr�gten K�rpergeruch in die Nase bekam. Sie lebte in einem Bauernhaus und besa� viele Tiere � deswegen schleppte sie immer ein f�r sie charakteristisches Humus-, Federvieh- und Pelztierduftgemisch mit sich. Wir mu�ten uns beide ausgiebig qu�len, bis unsere Vernunft eines Tages endlich verbraucht war. In der Zwischenzeit hatte sich auch einiges um uns herum ge�ndert, und ich wurde etwas erwachsener � wenn auch unver�ndert naiv wie d�rr. Die Russen waren ins Land gekommen, um bei uns f�r immer zu bleiben.</p><p>Dana hatte etwas wunderbar Zur�ckgenommenes. F�r mich hatte ihre weibliche Unsicherheit den Vorteil, da� ich mich bei ihr wie ein mutiger Tatmensch f�hlen konnte, der ich eigentlich nicht war. Ich mu�te keine �berm�nnliche Arbeit leisten. Dana mu� sexuell vollkommen ausgehungert gewesen sein, wenn auch anders als ich. In unseren geschlechtlichen RBM-Phasen (soll hei�en: rapid body movements) bekam sie einen schlafwandlerischen Gesichtsausdruck. Ob sie dazu auch schon fr�her geneigt hatte, wu�te ich nicht. Sie dar�ber auszufragen war absolut unm�glich. Ich bekam bei ihr regelm��ig das Gef�hl, ihr K�rper und ihr Kopf w�rden sich zeitweilig voneinander verabschieden; eben dann, wenn ihre Erregung einen Grad erreicht hatte, dem die intellektuelle Draufsicht nicht gewachsen war. Und nicht unwichtig: Dana hatte damals schon graue Haare. Das gefiel mir ungemein � alles, was vor uns lag, war so pr�chtig verboten. Ehrlich gesagt w�rde ich jedem seine Dana w�nschen. Dana war f�r mich greifbar nah und auf eine Weise verf�gbar, wie es andere weibliche Familienwesen normalerweise nicht sind. Sp�ter hie� es, sie w�re von mir sexuell abh�ngig gewesen. Dabei war ich nichts anderes als ein verzotteltes B�ndel Gier.</p><p>Auf unserem Kippbettgestell f�r Besucher, das aus Halbzoll-Wasserrohren (Stahl, verzinkt) und einem T�rfl�gel zusammengebastelt war, mu�te man heftige Bewegungen unbedingt meiden. Wegen der d�nnen Vorh�nge war man auf diesem Schlafplatz jedem, der den Flur betrat, praktisch ausgeliefert. Der Flur wurde hier in den Zeiten der Belegung zwar nach M�glichkeit gemieden und r�cksichtsvoll �ber die Durchgangszimmer umgangen � allerdings nicht immer.</p><p>��Erna hat nachts so schlecht geschlafen, ich mu� hier durch.</p><p>Leider ist Sex in v�lliger Erstarrung �berhaupt nicht praktikabel. Der Rahmen des Bettgestells machte zwar einen massiven Eindruck, da die Stahlrohre mit gu�eisernen Verbindungsst�cken zusammengeschraubt waren � das dauerprovisorische G�stezimmer war als Versteck trotzdem eine einzige Schwachstelle. Die gebl�mten Als-ob-W�nde aus Stoff reagierten auf jede kleine Luftbewegung, auf Husten oder H�steln sowieso. Und bei Ger�uschen, deren Grund unklar und deren Quelle nicht zu sehen ist, wird auch ein normalerweise tr�ger Mensch hellh�rig. Als die schlimmste Ger�uschquelle entpuppten sich allerdings die vom Onkel gewagt ausgekl�gelten Behelfsscharniere aus Leder, die den Bettrahmen mit der Wandverankerung verbanden; davor war mir das Knurren dieser Streifen aus Massivleder nichtso negativ aufgefallen. Ich lag auf Dana, sie lie� ihre Beine steif aneinandergepre�t und war dort unten wahrscheinlich sowieso viel zu trocken � jedenfalls war das der Eindruck, den mir meine Eichel meldete. Objektiv gesehen hatte ich w�hrend unserer ersten Nacht absolut keine Chance, vorw�rtszukommen. Wir konnten uns w�hrend dieser Abm�hungsphasen aber wenigstens extrem leise verhalten. Ich durfte Dana am Hals und um die Ohren herum k�ssen, mit ihren kleinen Br�sten spielen. Mit ihren f�r meine Begriffe riesigen Brustwarzen durfte ich wirklich alles machen, was ich wollte. F�r meinen Penis, der viel zu lange unter gewaltigem Dauer�berdruck stand, war das alles eine schlimme Tortur � und sicher alles andere als gesund.</p><p>Diesem langgezogenen Lustspiel ging nat�rlich einiges voraus. Ich umarmte Dana bei einem Spaziergang w�hrend eines Gespr�chs �ber ihre Tiere, und weil sie dabei einfach weiterredete, konnte die leichte Umarmung nach und nach etwas unz�chtiger werden. Es geschah auf einem Waldweg in der N�he ihres Bauernhauses. Als ich mit der Hand weiter vorrutschte und auf dem Umweg �ber den R�cken ihren rechten Busen erreichte, hatte ich gewonnen. Sie protestierte auch jetzt nicht. Und als ich dann schon unter ihrem Hemd auf der nackten Haut war, atmete sie sogar leicht aus, so da� ich besser unter ihren flachen BH gleiten konnte. Dieser Vorsto� war k�stlich und voller Perspektiven. Das n�chste Vorspiel � diesmal war es bei uns in der Stadt � provozierte sie (denke ich) relativ arglos, indem sie sich in einer Kneipe viel zu breitbeinig hinsetzte und einen Fu� auf der Sitzkante meines Stuhls abstellte. Sie sa� neben mir und war mir zugewandt � und ich hatte so lange ihren Schritt und die normalerweise eher verborgenen N�hte ihrer Jeans vor Augen, da� ich nicht umhinkonnte, als mit dem Zeigefinger in ihrem Schritt herumzuzeichnen. Ich strich w�hrend des Gespr�chs kommentarlos an den N�hten lang, im �brigen Raum konnte man davon nicht viel mitbekommen.Seit einiger Zeit brachte mir meine �ltere Cousine das N�hen mit der fu�betriebenen N�hmaschine bei.</p><p>��Kappnaht, sagte ich, eine tolle Erfindung, mu� nicht ges�umt werden � ein so fortgeschrittener Schneider bin ich aber noch nicht.</p><p>Selbstverst�ndlich fuhr ich mit dem Finger haupts�chlich an der vertikalen, also an der brisanteren Naht lang und malte mir Danas Schamlippen aus, ohne �berhaupt zu wissen, was die Schamlippen einer erwachsenen Frau aus n�chster N�he alles zu offenbaren haben. Leider schrie uns der Wirt, den Danas oberhalb der Tischkante sichtbares Knie st�rte, pl�tzlich an:</p><p>��Runter mit dem Dreckfu� da!</p><p>Die Sitten wurden nach der 68er Okkupation immer rauher. Dana nahm ihren Fu� herunter, wehrte sich nicht gegen den Ton, mich machte der machtbewu�te Fettklops hinter dem Tresen sowieso zu einem Kaninchen. Kneipiers geh�rten im Sozialismus zu einer reichen und schwer angreifbaren Kaste. Alle Kneipen geh�rten zwar theoretisch dem Volk, also uns allen, waren wie Gaswerke, M�belkombinate oder Kurzwarengesch�fte Volkseigentum, in vorderster Front konnten aber ausgerechnet Kneipiers oder Fleischer am Staat am besten vorbeiwirtschaften, und sie benahmen sich dementsprechend wie Privatunternehmer. Und da sie ihre Gewinne nicht zur Sparkasse bringen durften, horteten sie ihre Hundertkronenb�ndel zu Hause in Koffern. Wir bezahlten an der Theke und gingen nach Hause. Dort blieben wir eine Weile im Treppenhaus stecken, wortlos und unbeholfen wie zwei Jugendliche, es war noch hell. Ich dr�ckte Dana irgendwann gegen die stark abf�rbende Hausflurwand � und weil ihre Jeans einen leichtg�ngigen Rei�verschlu� hatte, konnte ich ihr problemlos zwischen die Beine fassen � mit dem �ber uns schwebenden Risiko, da� jemand seine Wohnungst�r oder unten die Haust�r pl�tzlich aufrei�en w�rde. Durch die Verkettung gl�cklicher Umst�nde gelang mir �berraschend sogar ein Nacktangriff auf ihren Schamh�gel, da Dana ein H�schen mit einem vollkommen erschlafften Gummizug anhatte. Ihr nachfolgender Gesichtsausdruck war herrlich � voller Staunen und Unglauben �ber so viel Mut. Da sie trotzdem geduldig und passiv blieb, wurde mir klar, da� ich mit ihr noch viel mehr w�rde anstellen d�rfen. In aller Unwissenheit und Unschuld, versteht sich.</p><p>Wenn Dana von vornherein eine grundlegende Frauenweisheit meiner Mutter befolgt h�tte, w�re es zu diesem fr�hzeitigen Ausflug in ihr Buschgel�nde nie gekommen. Meine Mutter meinte einmal, eine Frau m�sse immer einwandfreie H�schen tragen, da sie nie wissen k�nne, wann sie sich w�rde ausziehen m�ssen. Als ich es auf Danas Schamberg voller ungeahnt langer und gekr�uselter Haare nicht mehr aushalten konnte und mich zu ihrem Lippenpaar vorarbeitete, w�hlte ich weiter in den Informationsbrocken, mit denen mich meine Mutter f�r das sp�tere Geschlechtsleben vorbereiten wollte. An sich fand ich Mutters kurze Schulungen, diese regelm��ige Streuung von Pikanterien eher absto�end � auch wenn sie f�r Gespr�che auf dem Schulhof durchaus n�tzlich waren. Da� sich die fraulichen Innenr�ume so feucht anf�hlen, regelrecht vollgesabbert sind, war f�r mich bei diesem Vorsto� auf der Treppe allerdings ein kleiner Schock. Dar�ber hatte mir meine Mutter nie etwas verraten. Seit dem Vorfall mit dem schlaffen Gummiband war Danas Unterw�sche tadellos � eine Zeitlang jedenfalls.</p><p>Was die Ann�herung unserer � meiner und Danas � Gesichter, Lippen und Zungen betrifft, klappte es nie wirklich zwischen uns. Sie lie� sich von mir ohne jegliche Abwehrman�ver zwar k�ssen, ihr stummer Mund blieb aber auch mimisch stumm. Wie schon angedeutet: Unsere horizontal-zwischenseelische Beziehung war von Anfang an eine wortlose; und sie blieb es auch. Wir waren beide � dumpf benebelt wie wir waren � nicht in der Lage, die Masse an Verstrickung, die wir uns und den anderen eingehandelt hatten, beim Namen zu nennen. Im Grunde versuchten wir, unsere Verbindung wie eine nicht existente zu behandeln. Nach so viel Schweigen gab es f�r unser Getue irgendwann keine passenden Worte mehr.</p><p>Unsere Stummheit brachte uns aber auch etwas Positives � unser Miteinander war voll ungekl�rter Ausdauer. Worte lenken ab, n�chtern aus. Ich hatte zum Gl�ck gen�gend Vorw�nde, Dana zu besuchen � wegen ihrer Tiere, wegen dem kleinen Rest eines nahe gelegenen Teiches, der anfangs noch nicht voller Schlamm war und in dessen brauner Br�he (�wie im Ganges�, meinte ein mit Dana befreundeter Indologe) man noch baden konnte. Aber auch wegen meines legitimen Bed�rfnisses, mich auf meinem Rennrad k�rperlich abzureagieren. Zu meinem Vater fuhr ich an den Wochenenden inzwischen nicht mehr. Meine Touren wurden immer l�nger und endeten oft in Danas Haus. Dort konnte ich nebenbei meine unertr�glich gewordene Hauptstadt kurz vergessen. Auf gef�hrliche Liebesspiele in der Prager Wohnung lie�en wir uns nur in Ausnahmef�llen ein.</p><p>Ich m�chte die Geschichte meiner und Danas anf�nglichen Ineinandern�herung zu Ende erz�hlen � jedenfalls noch etwas �ber den Verlauf unserer erstinstanzlichen Qualen loswerden. Die einzelnen Begegnungssch�be waren zu meinem Leidwesen jedesmal endlos, und das ganze Prozedere zog sich im Grunde �ber Wochen hin. Trotzdem empfand ich alle diese Vortriebsphasen als eine Einheit. Da sich mir Dana wochenlang nicht �ffnen wollte und ich wiederholt stundenlang nur fruchtlos auf ihr herumlag, entschlo� ich mich eines Tages, mit meinem Kopf nach unten zu tauchen. Ich k��te und leckte sie vorsichtig, trotzdem aber ausgiebig � und hatte dabei die berechtigte Hoffnung, sie w�rde ihren passiven Widerstand irgendwann aufgeben. Nachdem icheinmal wieder auf ihre Kopfh�he gekommen war, versuchte ich es unten erneut � mit der Aussicht, die Befeuchtung w�rde mir beim Vorw�rtskommen helfen. Gegen Danas totale Unentschlossenheit war ich aber machtlos. In einer besonders langen Nacht � meine Bem�hungen hatten sich �ber Stunden hingezogen � g�nnten Dana und ich uns eine kleine Pause. Wir hatten beide Hunger bekommen. Dana brachte aus der K�che etwas trockenes Brot und einen freigiebigen Salzstreuer. Nach der Trockenbrotmahlzeit schmeckten Danas Lippen eine Weile furchtbar salzig.</p><empty-line/><p>die storche und der reiher kamen im winter ins haus</p><p>Dana w�re liebend gern ein Teil unserer Familie geworden, und sie war so gut wie ein Teil unserer Familie, obwohl sie dummerweise keine J�din war. Nebenbei gesagt war mein Vater auch keiner. Bei Danas Gehemmtheit grenzte es schon an ein Wunder, da� uns sp�ter auch kompliziertere Griffe und Verrenkungen gelungen waren, da� wir miteinander hinter dem Scheidenrand so glatt zurandekamen. Ihre Sexualit�t konnte sie mit ihren viel zu kleinen oder viel zu scheuen Tieren nicht teilen, mit meinem Onkel ONKEL auch nicht. Ich war der Stellvertreter unserer Sippe, der einzige Mann, der zu haben war. Dana h�tte mich gern in Eigeninitiative erobert, verriet sie mir sp�ter, wenn ihr dieser Zugriff nicht als Inzest vorgekommen w�re. Sie h�tte mich gern sogar noch viel fr�her verf�hrt, wenn sie zu solchen Aktivit�ten ausreichende Begabung gehabt h�tte. Sie habe mich schon zu Zeiten begehrt, als ich angefangen hatte, mich zu rasieren. Diese Beichte kam einmal kaum h�rbar aus ihr heraus. Es war vollkommen ungewohnt, sie so etwas sagen zu h�ren.</p><p>Vor�bergehend f�gte sich alles sauber ineinander, wir wurden mit der Zeit so etwas wie ein ideales Paar: Mein Herz samt seiner mit ihm direkt verbundenen Samenblase war riesig, meine Begeisterungsf�higkeit f�r alles Weibliche unersch�pflich, und die vielen in der Goldenen Stadt zappelnden Jungfrauen waren alles andere als beinoffen. Trotz ihres Alters war Dana keine zweite Wahl f�r mich. Sie entsprach �u�erlich dem, was ich begehrte � sie war leicht eckig gebaut, m�dchenhaft fest anzufassen, dank des Landlebens und der k�rperlichen Arbeit zu einer Art Jungtiermutiert. Dabei war sie nicht wirklich h�bsch. Dessen war ich mir zwar bewu�t, ich empfand es aber anders. In meinen Augen war sie wundersch�n. Sie war so leicht, da� ich mit ihr luftig, mitten im Zimmer ticken konnte. Au�erdem entsprach Danas schlampig-rebellisches �u�eres meinen postpubert�ren Idealvorstellungen, sie mu�te weit und breit keine Konkurrenz f�rchten. In ihren Ansichten war sie sowieso jung geblieben. Au�erdem begegneten wir uns in unserer Unerfahrenheit: wie zwei Jugendliche, wie ein Br�derchen mit einer etwas �lteren Schwester bei einem durch Sommerhitze losgel�sten S�ndenfall.</p><p>Irgendwann hatte sich in mir so viel an bunkerbrechender Energie und Ignoranz eingefunden, da� ich Danas restliche Verschalungen durchbrechen konnte. Vielleicht war das im allerletzten Moment � mein sexueller �berdruck war m�glicherweise schon dabei gewesen, mich in ein psychotisches Meerschweinchen zu verwandeln, wer wei�. Weil sich Dana hatte zerm�rben lassen und eines Tages nachgegeben hatte, rettete sie nicht nur meinen Geist, sondern auch meinen Penis � diesen konkret vor Hautverlust durch zu h�ufige Abschabung. Ich liebte an ihr so etwas wie das Konzentrat des besten, was ich an sch�n gereiften, egal wie betagten Frauen so liebte, was ich gern roch und zu Hause jederzeit � dort selbstverst�ndlich asexuell � ber�hren durfte.</p><p>Dana bekam von mir all das, was eher die destillierte weibliche Essenz meiner Tanten und Gro�m�tter h�tte bekommen m�ssen. Danas sanfte und passive Art zwang mich zu handeln, ihre Zur�ckhaltung lie� in mir neue Haltlosigkeiten keimen. Sie machte mich in meiner Phantasie zu einem riesigen Kerl, der ich auch nach zehn oder zwanzig Jahren � ehrlich gesagt bis heute � nicht bin. Manchmal war sie auch etwas st�rrisch, gab nicht gleich nach, lie� mich zappeln und kochen. Gibt es etwas Aufregenderes? In der Regel aber war sie in ihrer Begeisterung, so uneingeschr�nkt begehrt zu werden, ausgesprochen zahm. Sie lie�sich von mir sogar am hellichten Tag in einem �ffentlichen Garten unterhalb der Prager Burg beschlafen, obwohl es ihr absolut nicht behagte. Sie schlief mit mir auch mal nachts mitten auf einem Feldweg � um mit mir gemeinsam f�r die Berechtigung der Frage� Why don't we do it in the road?�zu demonstrieren. Ich konnte einfach nicht aufh�ren, Dana unvern�nftig und schweren�ternd zu lieben, ich war uners�ttlich, dauernd au�er mir. Ich h�tte sie am liebsten pausenlos neben mir gehabt, jederzeit zur Verf�gung. Sie allein, sie, nur sie, sie ohne Beigaben � vor allem ohne ihr absolut unerotisches Bestiarium.</p><p>Ich war nie ein begeisterter Menschenretter und Menschheitshelfer und bin es bis heute nicht. Ich war vor allem aber auch nie ein gro�er Tierfreund. Ich mochte Danas arme Bauernhausgesch�pfe nur notgedrungen, alleiniger Herr �ber ihr Leben und Tod zu sein w�re f�r mich eine Strafe gewesen. Wenn mir an Danas viehischem Miteinander etwas gefiel, dann war es h�chstens das Abgefahrene und Abnorme des Ganzen. F�r gelebtes Chaos konnte ich mich immer nur dann begeistern, wenn es nicht mich, sondern andere belastete. Dana mochte die Verursacher und Protagonisten ihres zoo-artigen Durcheinanders trotz aller Exzesse �ber alles � war einfach eine Altruistin der Sonderg�te. Da� sie es als Frau an meiner Seite war, lie� ich mir au�erhalb der Stadt gern gefallen. Ich sah Dana bei den F�tterungs- und anderen Ritualen gern zu, mich beeindruckten dabei auch ihre Leichtigkeit und Geduld. Wenn ich allerdings l�nger zusehen mu�te, wie sie mit ihren Sch�tzlingen sprach und sich dabei zum bestimmerischen Leittier verwandelte, f�hlte ich mich bald wie ein viel zu vern�nftiger Ziegenbock oder ein depotenzierter Hund.</p><p>Das Dumme war, da� Dana in ihrer vor allem auf Tiere ausgerichteten Hingabe keine Grenzen kannte. Wenn sie sich von der Bildhauerei erholen wollte, machte sie gro�eSpazierg�nge in ihrer H�gellandschaft und sammelte alle verletzten Gesch�pfe, die sich anfassen und fangen lie�en. Diese mu�ten anschlie�end nicht nur �rztlich behandelt und aufgep�ppelt, sondern oft dauerhaft versorgt werden. Ihr Bauernhof f�llte sich im Laufe der Jahre mit Leben. Und da Dana im Winter ihre St�lle nicht beheizen konnte, kamen dann viele der Tiere ins Haus. Der stinkende Dachs � �Eiterbeule �genannt � konnte zum Gl�ck drau�en bleiben, das an beiden Vorderl�ufen teilamputierte und immer noch sehr scheue Reh auch. Alfons und der andere fu�lahme Storch, au�erdem noch der altersschwache Fischreiher mu�ten im Winter aber einziehen, vergn�gten sich allerdings vorwiegend in der k�hleren, im Winter nicht genutzten Haush�lfte. Daf�r hausten alle ihre prominenten Papageien das ganze Jahr in der Bauernstube, Eichh�rnchen lebten in der K�che in gro�en K�figen und wollten � um ihre Nu�vorr�te nicht im Stich zu lassen � im Winter gar nicht ins Freie, Schildkr�ten geh�rten seit Jahren sowieso zu Danas Haushalt. Die Aufz�hlung ist hier aber lange noch nicht zu Ende.</p><p>Zum Gl�ck hatte Dana einen netten Nachbarn, der die Pflege ihrer Hausbelegschaft �bernahm, wenn sie in die Stadt fahren wollte. Wenn Dana ihr Dorf verlie�, fuhr sie meistens zu uns nach Prag. Beim Verlassen ihres Zoos kam ihr manchmal � ihr eben auch, gab sie zu � ihr unm�rchenhaftes Tierh�uschen, das voller Gesch�pfe ohne Vernunft war, pl�tzlich pervers vor. Wenn wir uns im Winter � manchmal gemeinsam � dem Haus n�herten, konnten wir nie wissen, was uns erwartete, was Danas liebe Tierkinder in ihrer Freizeit angestellt hatten. Das Haus steckte eben voller Leben, das hei�t auch Zerst�rung. Immer wieder wurde dort gestorben. Dana zerteilte im Winter den hellen Windfang und l�nglich auch die H�lfte des Flurs mit Netzen und Decken und lie� dort das zweifl�glige Bussardpaar hausen. Jeder dieser Bussarde hatte nur einen intaktenFl�gel, auf der anderen K�rperseite nur einen Stumpf. Die Sommervoliere war f�r sie wegen ihrer Fluglahmarschigkeit angeblich zu zugig. Wenn man das Haus betreten wollte, mu�te man sich an den Netzen und Decken der Bussarde erst m�hsam vorarbeiten und die beiden �ngstlichen Bewacher st�ren. Zum Gl�ck wurde schon im Herbst auch ein tiefer liegendes Fenster auf der Seite des Hauses zum Ersatz-Eingang umfunktioniert.</p><p>Ausgerechnet im Schlafzimmer tobte das zuk�nftige Bussardfutter � in gro�en Kisten, f�r die sich dort genug Platz fand, wurden im Winter M�use gez�chtet. Der Raum war k�hl und konnte gefahrlos gel�ftet werden. Die M�use vermehrten sich pr�chtig und besch�ftigten sich relativ laut. Viel leiser, aber um so geruchsintensiver waren die Fische im Bottich, die f�r den Reiher geliefert wurden und im Winter in der K�che planschen durften. Danas drei etwas unterversorgte und relativ autonome Katzen hatten aus Sicherheitsgr�nden keinen Zutritt ins Haus, krochen zum Ausruhen und Schlafen an der Au�enwand des Hauses hoch und hatten ihre Quartiere in der N�he der Schornsteine auf dem Dachboden. Rumps, rumps, bremsss � h�rte man, wenn sie dort losrasten und abrupt zum Stehen kamen, um punktgenau eine in Freiheit lebende Maus zu fangen. Wie sie der Maus danach mit ihren Backenz�hnen und einem einzigen Bi� den Sch�del knackten, um den K�rper im St�ck � samt Haut � verschlingen zu k�nnen, h�rte man nicht mehr. Unten im Haus waren f�r die M�usejagd die St�rche zust�ndig.</p><p>Ungl�cklicherweise wu�te man �ber das gro�e Herz von Dana in allen umliegenden D�rfern Bescheid, und die Leute brachten immer neue lahme Kreaturen vorbei. Jeder rechnete damit, Dana w�rde nicht nein sagen k�nnen. So wurde sie auch zu Rettungsaktionen f�r verungl�ckte Schw�ne oder angeschossene Hasen gerufen und kam oft gar nicht zum Arbeiten.Da� es in Danas Haus etwas stank, versteht sich von selbst. Und da� Dana aus Geldmangel nicht viel heizen konnte und deswegen auch wenig l�ftete, machte die Geruchssituation nicht besser. Ich gew�hnte mich daran. Die offensichtliche Verkeimung der R�ume w�rde mich wenigstens, dachte ich damals, gegen alle m�glichen Krankheiten immun machen. �ber die Gefahren der m�glichen Virenmutationen wu�ten wir damals noch nichts. In der Dunkelheit entwischte ab und zu ein Feder- oder Pelztier aus seiner Behausung, wuselte unterm Bett oder hing in den Vorh�ngen. Der Fu�boden im Haus war undefinierbar dreckig, und Dana hatte es irgendwann aufgegeben, ihn sauberzuhalten. Von ihr lernte ich wenigstens, da� man auch mit dreckigen F��en ins Bett gehen kann � man zieht sich einfach saubere Socken �ber.</p><p>Dana hatte sich bei ihrer Bildhauerei fr�her auf wild zusammengeschwei�te Drahtgebilde spezialisiert, deren Sockel sie mit Beton ausgo� oder mit Steinen beschwerte, und nachdem sie alle Hohlr�ume mit Schaumstoff ausgef�llt hatte, bewarf und bepackte sie diese Innereien mit einem Gemisch aus Holzwolle, Gips, Zement und Wasser. Wenn sie keine Holzwolle mehr hatte, nahm sie einfach Stroh. Ihr Hof war �bers�t mit Unget�men und Gestalten aus unterschiedlichen Zeiten. Es waren ihre � wie sie meinte � verblassenden Beweise, da� sie fr�her etwas mehr Ehrgeiz besessen hatte. Viele ihrer Wei�linge alterten dort bereits seit Jahren.</p><p>��Ich dr�cke mich vor der Arbeit ganz gern. Die Tiere sollen mich im Grunde st�ren.</p><p>Wind und Wetter setzten Danas Statuen und Plastiken allj�hrlich brutal zu, besonders w�hrend des Winters, und sie entwickelten ihr Eigenleben. Die Gipsschicht quoll auf, br�ckelte und bl�tterte ab. Das gefiel Dana so sehr, da� sie im Winter, wenn es zu wenig geregnet oder geschneit hatte.mit Wasser nachhalf. Sie wollte die Zerst�rungsarbeit der frierenden Feuchtigkeit im Fr�hjahr unbedingt sehen. Es sollten sich neue Risse bilden, die K�rper sollten nach und nach lose Teile absto�en � aus eigener Kraft eben. Ausstellen durfte Dana sowieso nicht. Bald setzten ihre Unget�me auch Moos an, die ersten Samen blieben an ihnen haften und gingen auf, ihre gipsernen Steher wurden immer gr�ner. Ihr Alter konnte man irgendwann an ihrer Verunkrautung ablesen. Die ganz fr�hen Arbeiten von Dana waren noch fig�rlich. Dana mochte sie nicht mehr und meinte, sie geh�rten ihr gar nicht mehr.</p><p>��Ich habe ihnen l�ngst ihre Freiheit wiedergegeben. Sie sind so etwas wie entlassene Sklaven und k�nnen tun, was sie wollen.</p><p>Man k�nne an ihren M�nnern, Frauen, Greisen und Kindern beobachten, meinte Dana, da� manche von ihnen im Alter ausgesprochen weise w�rden. Damit spielte sie auf die Gelassenheit derer an, die bereits nur aus ihren schaumig bedrahteten Innereien bestanden und trotzdem nicht klagten. Als Dana bei der Begr�nung einmal nachhelfen wollte und die �lteren Statuen, die sie am wenigsten mochte, mit Erde bewarf, kam ihr ein neuer Einfall: Sie bepackte die Figuren, wo es ging, gezielt mit Muttererde und bepflanzte sie mit Hauswurz.</p><p>��Lebt weiter und la�t mich in Ruhe, sagte sie ihnen regelm��ig in der irrigen Hoffnung, sie w�rden sich eines Tages doch auf den Weg machen � oberirdisch zum Horizont oder senkrecht nach unten.</p><p>��Vivite semper! verwandelte sie sp�ter die Ansprache an ihre Verwesungskrieger.</p><p>Hauswurz geh�rt, wie ich in dem Zusammenhang erfuhr, zur Gattung der Semperviva. Weil Dana ihren Gipsmonsterbau doch nicht ganz aufgeben wollte, war der Hof irgendwann so gut wie voll. Danas abstrakte Plastiken aus sp�teren Jahren waren noch gr��er und schwerer als diealten und konnten mit den bescheidenen Mitteln von Danas Freunden kaum bewegt, geschweige denn �ber die Feldwege transportiert werden. Diese Neuzuw�chse waren au�erdem feiner gegliedert und hatten viele Engstellen, in denen sie h�tten brechen k�nnen. Und vor allem knisterten sie vor unbewu�ter Materialverspannung, meinte Dana.</p><p>��Sie st�ren mich schon in ihrer Grundidee, so geht das nicht weiter.</p><p>Eines Tages kam ihr die ideale Entr�mpelungsidee, die auch ihrer laufenden Tierkundschaft mehr Freiraum bescheren sollte. Sie beschlo�, ihre nicht ganz lahmen, also transportablen Skulpturen auszusetzen und irgendwo drau�en auf Wanderschaft zu schicken. Sie w�rden in der Landschaft schon allein klarkommen, meinte sie, und vielleicht viel besser als unter Aufsicht.</p><p>In einem sozialistischen Land waren viele Ideen und Aktivit�ten absolut nicht realisierbar, dieses Vorhaben schien Dana aber durchaus m�glich. Im Sozialismus geh�rte nun mal alles allen, und die Wirklichkeit stimmte manchmal zuf�llig mit der Theorie �berein � auch wenn es einfach der allgemeinen Tr�gheit, Schlamperei und Verantwortungslosigkeit zu verdanken war. Zum Gl�ck verstand sich Dana mit dem B�rgermeister ausgezeichnet und hatte au�erdem einen guten Draht zur F�rsterei. Und wenn auch alle F�rster, wie man vermutete, mit der Staatssicherheit kooperierten und alles Wald- und Wiesen-Verd�chtige melden mu�ten, konnte sich die Staatssicherheit nicht um alles k�mmern. Die Truppe war offenbar dauernd ausgelastet, unterbesetzt und das Tschechenvolk als Ganzes ausgesprochen umtriebig. Aber eventuell wu�ten die Genossen in Danas Fall sogar Bescheid, und Dana hatte Gl�ck mit ihnen. Aus Angst vor m�glichen St�renfrieden legte sie die Transporte trotzdem in die D�mmerung, am liebsten in die Zeit der idiotischen Quizsendungen oder Serien, die niemand im ganzen Land vers�umen wollte. Sp�ter waren keine Transporte mehr n�tig, da sich Dana entschlossen hatte, direkt vor Ort, also drau�en in der Landschaft zu bauen.</p><p>Danas K�rper war der erste Frauenglobus, den ich gr�ndlich und in allen Winkeln erforschen durfte. Ich wollte alles sehen, riechen und schmecken � seit vielen Jahren stand dieser Wunsch ganz oben auf meiner Wunschliste. Ich war schon im Kindergarten daran interessiert, alle st�renden Widerspr�che und Unklarheiten empirisch zu kl�ren. In einem vorsintflutlichen Aufkl�rungsbuch (Pilsen, 1913), mit dem mich sp�ter mein agiler Schulfreund Skopka � kurzfristig mit schweinischirdischen Dingen besch�ftigt � verr�ckt machte, stand beispielsweise, da� das gutgepflegte weibliche ORGAN nach Bananen riechen w�rde. Die m�nnliche H�lfte der Klasse war daraufhin au�er sich vor Neugier, wozu zus�tzlich unser sozialistisches Pech beitrug � echte Bananen gab es viel zu selten. Aber wir w�ren auch mit gereiften Bananen in den H�nden machtlos gewesen. Die vielen neu aufgewirbelten Informationen nachzupr�fen war einfach unm�glich. Bis heute geht es mir so, da� ich im Wald, der nach ausgiebigen sommerlichen Regeng�ssen satt und schwer duftet, geneigt bin, mich nach gutgepflegten Vaginen umzusehen statt nach Pilzen. Der wohlige VAGINALDUFT war damals jedenfalls in aller Munde, autosuggestiv im Grunde fest in unseren Nasenh�hlen verfangen, und wir konnten bei unseren Vaginalgr�beleien wenigstens die Angst vergessen, uns k�nnte unter Umst�nden die gef�hrliche Phallus-F�ulnis drohen � oder sogar der finale Gliedverlust. Aus dem Pilsner Aufkl�rungsbuch wu�ten wir inzwischen alle, wohin die� Spirale des Onanismus �f�hren konnte.</p><p>Wir hatten in der Schulzeit aber auch noch andere, wenn auch inhaltlich verwandte Themen zu bearbeiten. In der Klasse wimmelte es von Busenknospen, die emsig mit der Zellteilung besch�ftigt waren und sich dauerhaft in unserem Grapschradius befanden. Diese Teile f�llten die Blusen der M�dchen immer dramatischer, und viele Kn�pfe und Knopfl�cher kamen dabei unter Zugspannung. Der gew�lbte Stoff zwischen den einzelnen Knopfverbindungen gab dadurch den Sichtweg auf die Unterhemden oder sogar auf kleine Areale der nackten Haut frei. Wozu waren diese an sich funktionslosen und so hypertrophierten W�lbungen �berhaupt gut, wenn die in ihnen steckenden Milchdr�sen noch so winzig waren? Um diese zu sch�tzen? Vor uns? Die Br�ste schienen nur deshalb auf der Welt zu sein, um Aufmerksamkeit zu erregen, um zu reizen. Das dichterische Wort� vnady �schien dies � etymologisch gesehen � nur zu best�tigen. Auf die Br�ste bezogen bedeutet es im Tschechischen die� K�derinnen�,�Anlockerinnen�,�Anmacherinnen�. Irgendwann tauchte in der Klasse nat�rlich auch ein alter, von Samenspuren gezeichneter Raubdruck von Henry Millers� Wendekreis des Krebses �auf. Die weltweit erste �bersetzung in eine Fremdsprache erfolgte seinerzeit ausgerechnet ins Tschechische � schon im Jahr 1938.</p><p>Die M�dchen aus unserer Klasse um eine Riechprobe ihrer sicher gutgepflegten Bananenh�lsen zu bitten traute sich trotz des kollektiven Rauschzustandes niemand. Unser Hauptsitzenbleiber Richard, der Terminator, verwirrte uns mit seinen Witzen leider noch zus�tzlich. Um hygienische Bananen ging es dabei nicht mehr:�Ein Blinder geht am Fischladen vorbei und sagt: &gt;Seid ihr das, M�dels?&lt;�Manchmal sprach er au�erdem vom� Fotzenk�se�,�Futk�selingen �oder vom� Futquark�. Wer auf diesem Gebiet sp�ter keine Erfahrungen machen sollte, dem war und ist nicht zu helfen.</p><p>Bei Dana war einiges � was Ger�che anging � etwas anders (oder woanders anzutreffen), und ich lernte hinzu. Wir k��ten uns ohne Ende, dabei schmeckte ihr Mund �berraschenderweise tats�chlich dauerhaft nach Fisch. Ich fragte nicht, warum, liebte diesen Geschmack und wollte ihrenMund lange gar nicht anders haben. Irgendwann kam leider heraus, da� sie einen faulenden Zahn hatte und auf keinen Fall zum Zahnarzt gehen wollte. Wir k��ten uns weiter, mir machte es nichts aus. Au�erdem wu�te ich, da� sie tats�chlich auf keinen Fall zum Zahnarzt gehen konnte. Sie hatte ein etwas abartiges Kiefergelenk und durfte den Mund nicht allzuweit auftun � sonst w�rde sich ihr Unterkiefer wieder auskugeln. Danas Z�hne waren sowieso herben Einfl�ssen ausgesetzt. Sie lebte im Winter fast nur von reinem Honig, hatte ich den Eindruck, den sie umsonst von ihren Dorffreunden bekam. Sie l�ffelte und l�ffelte, bis sie satt wurde.</p><p>��Im Honig steckt alles drin, was ich brauche. Und in Bohnen und Brennesseln. Du kannst gerne Kartoffeln essen, mit so viel Salz, wie du willst. Neulich bin ich auf einer Honigschnitte eingeschlafen.</p><p>�Honig in den Haaren��sang ich kurz, dieses Lied von Suchy kannte damals jeder.</p><p>��La� mir meinen Honig, bitte!</p><p>��Du kannst auch eine Suppenkelle benutzen. Was du nicht verdaust, lecke ich dir unten ab. Kartoffeln bekam Dana von irgendwelchen Einheimischen. Diese holten sie von den Feldern der Genossenschaft. Im Sozialismus kamen bescheidene Landbewohner, die zus�tzlich einen gr��eren Gem�segarten hatten, fast ohne Geld aus. Dana hatte einen kleinen Garten mit Obstb�umen, au�erdem wuchsen auf ihrem Grundst�ck nat�rlich Unmengen von Brennesseln. Da� uns beim Sex die St�rche durch die offene T�r zusahen, kam uns nicht mehr abartig vor. Das waren wir gewohnt. Die beiden m�nnlichen St�rche gaben im Fr�hjahr auch keine Ruhe, bis sie ihre Eierattrappen aus Holz zum Ausbr�ten bekommen hatten. Den Papageien waren unsere Geschlechtsakte auch egal, nur der noch nicht erw�hnte alte Hund mu�te raus, weil er in entscheidenden Momenten gern jaulte. Gegen tierische Augenhatten wir also nichts einzuwenden. Wer uns wirklich nicht sehen sollte, waren Menschen. Und unter den Milliarden Menschen unseres Planeten gab es einen ganz besonderen, der uns auf keinen, aber auf gar keinen Fall h�tte sehen d�rfen. Dieser Mensch war meine schreckhafte Mutter. Sie ganz allt�glich-unschuldig aufzuw�hlen, also sanft zu ersch�ttern, w�re an sich schon ein kleines Schwerverbrechen.</p><p>Unterschwellig hatte meine Mutter den Braten sicher gerochen. Vielleicht aber auch nicht. Sie verlie� Prag, ohne sich anzumelden. Dana hatte kein Telefon. Drau�en war sch�nes k�hles Wetter, meine Mutter schnappte sich ihr Fahrrad, fuhr mit dem Zug in die nahe gelegene Kleinstadt und mit dem Fahrrad dann weiter. Dana konnte sich eine solche Spontaneit�t wegen ihrer Tiere nie leisten, unerwartete Besucher kamen aber immer wieder mal. Ich machte offiziell gerade eine Rennradtour in Nordb�hmen. Wir waren laut, die Papageien waren laut, meine sch�ne Mutter klopfte nur leise, durch die dreckigen Fenster sah sie nichts, und als keine Antwort kam, ging sie schnurstracks ins Hausinnere. Die T�r war leider nicht verriegelt. Dana kniete, war nach vorn gekippt, mit dem Kopf hatte sie sich zwischen ihren Kissen eingew�hlt. Ich steckte in ihr von hinten.</p><p>Menschen beim Sex zu �berraschen ist nicht wirklich erfreulich. Den eigenen, nicht ganz erwachsenen Sohn bei dieser etwas groben Besch�ftigung zu ertappen mu� f�r meine teilweise doch etwas kindlich gebliebene Mutter grauenhaft gewesen sein. Sie br�llte so laut, als ob sie gerade Zeugin eines Mordes geworden w�re � und sah dabei aus wie eine Verr�ckte. In Danas Bett wurde aber tats�chlich gemordet � eine Freundschaft auf alle F�lle. Au�erdem fickte sich ein Sohn gerade vor seiner Mutter weg, fickte sich zwischen die Erwachsenen, statt �sthetisch auf seinem Rennrad durch die Landschaft zu gleiten. Ich hatte gerade Mutters einzig wahre Liebe verraten, die in ihrem seelischen Schatzk�stchen am Glimmen gehalten wurde. Au�erdem tat ich etwas, was mir in ihren Augen noch nicht zustand und wozu sie mir pers�nlich, theoretisch jedenfalls, selbst den Startschu� geben wollte. Meine gl�ckliche, trotzdem weiter etwas kindliche Jugend war nach diesem Vorfall allerdings lange noch nicht zu Ende.</p><p>Nach dem Eklat in unserem Beischlafzimmer war einiges nicht mehr bedenkenlos m�glich. Als ich und Dana fr�her einmal zur Badestelle am Flu� gingen und meine Mutter vor uns lief, konnte ich heimlich und vollkommen angstfrei Danas nackten R�cken streicheln. Damals war mir �berhaupt nicht bewu�t, was f�r Verwirrtricks und Schattenschl�ge � regelwidrig und �bergriffig � wir eigentlich ausgef�hrt beziehungsweise verteilt hatten. Wir waren das Liebespaar, wir waren mit frischer Lebendigkeit erf�llt, liefen stolz und selbstsicher. Aber nur wir wu�ten, woher diese Kraft kam. Obwohl Dana bekannt gewesen sein mu�te, da� sie keine hervorstechende Sch�nheit war, f�hlte sie sich trotzdem wie eine solche. Und ich h�tte mich theoretisch mit ihr freuen k�nnen. Sie empfand sich pl�tzlich aber attraktiver als meine Mutter, was � strenggenommen � eine Frechheit war. Meine Mutter trampelte und wackelte an solchen gemeinsamen Tagen tats�chlich weniger anmutig, wirkte verunsichert und benahm sich viel ungeschickter als sonst � und ahnte dabei sicherlich nicht, warum. Wogegen ich, feiger Hund, mich nebenbei freuen konnte, da� sie sich qu�lte. Es war meine Rache f�r alles, was mir zu Hause, in dieser netten Enge, �ber den Kopf wuchs. Mir bereitete es sowieso schon l�nger ein gewisses Vergn�gen, meiner Mutter das Lieben meiner Person zu erschweren. Es reichte schon, ihr die gewohnte N�he zu verweigern. Aber ich konnte auch nicht anders � ich konnte sie in meiner N�he, so wie fr�her, nicht mehr ertragen.</p><p>Etwas Substantielles habe ich �ber meine mich liebende Mutter noch nicht verraten: Sie konnte sich im Handumdrehen in eine w�ste Diktatorin verwandeln. Da sie allt�gliche Dinge mit keinem Partner auszuhandeln hatte, f�llte sie oft Entscheidungen, gegen die zu opponieren unter keinen Umst�nden erlaubt war. Einmal zwang sie mich � sie selbst hatte gerade ihre Tage � mit Ohrfeigen ins kalte Osteewasser (13 Grad), weil man als B�hme �berall ins Meer gehen m�sse, wenn man es vor der Nase habe. Au�erdem vergewaltigte sie mich einmal sogar. Zwar nicht genital, trotzdem penetrierend � mit einer Banane. Ich war noch ziemlich klein und sah die abgepellten Innereien dieser Frucht, die meine Mutter gerade stolz nach Hause gebracht hatte, zum ersten Mal. Ich roch au�erdem pl�tzlich etwas, was ich noch nie gerochen hatte � und begann, r�ckw�rts zu fliehen. Sie verfolgte mich mit ihrem weichspitzen Penetrator und versuchte, mir die von au�en etwas angefaulte Exotenwurst zwischen die Z�hne zu schieben. Ich kam r�ckw�rts bis zum Fenster, kletterte r�ckw�rts aufs Fensterbrett und dr�ckte mich r�ckw�rts gegen die Fensterscheibe. Weil es danach nicht weiterging, sp�rte ich zwischen den Lippen bald schon meinen ersten Bananen- und Spuckebrei.</p><p>Um das Bild meiner Mutter zu vervollst�ndigen, mu� ich �ber sie noch folgendes verraten: Sie war ihrem Wesen nach ein Raubtier. Sie a� kaum Obst und Gem�se, hatte sogar eine ausgepr�gte Angst vor einer� Vitaminvergiftung�, wie sie immer wieder sagte. Ich schlie�e daraus heute, da� sie � �hnlich wie die Raubtiere � Vitamin C einfach metabolisch synthetisierte. Am ehesten steckte in ihr eine Raubkatze, was sich aus ihrer Art, wie sie einen greifen und packen konnte, schlie�en lie�. W�hrend der Grundschulzeit schaffte sie es den ganzen kalendarischen Winter lang, mir auch beim Tauwetter mit Gewalt lange Unterhosen anzuziehen. In sp�teren Jahren oft einfach mit moralischer Gewalt. Sie setzte mich damit regelm��ig schlimmsten Gefahren aus, da alle K�lteweichlinge in der Schule mit Begeisterungbesch�mt wurden. In Wutanf�llen schlug ich zu Hause oft mit F�usten gegen die edel ge�tzten T�rverglasungen unserer T�ren. Ersetzt wurde das kaputte Glas nach und nach durch un�sthetische Mattscheiben unserer sozialismuskranken Glasbranche. Widersinnigerweise f�hlte sich meine m�hnenstarke Mutter genetisch mit den Pferden verwandt � auch ihrer edlen Sch�nheit wegen. Gemein hatte sie mit ihnen aber h�chstens nur noch das gelegentliche Wiehern-M�ssen. Beim Niesen schrie sie immer wie eine Wahnsinnige.</p><p>Ich und Dana haben die meine Mutter betreffenden Rache- und Genu�-Nebeneffekte w�hrend unserer gemeinsamen Zeit nie benannt, nie angesprochen, wir w�ren dazu sowieso nicht in der Lage gewesen. Wir wu�ten von gar nichts. Was uns nicht daran hinderte, unsere kleinen Siege still zu feiern. Man k�nnte diese Verwicklungen aber doch noch anders sehen: Gerade dank unseres Nichtwissens konnten wir diese Dinge vielleicht erst so genie�en, wie wir es taten. Jeder auf seine Art. Dana geno� ihren Triumph, eine Sch�nheitsk�nigin zu sein, und lie� ihre weibliche Vormachtstellung nicht nur meine Mutter sp�ren. Sie war nun mal die Nummer eins, sie wirkte manchmal sogar unabgebl�tterter als meine frischh�utigen Cousinen. Und sie bemerkte beispielsweise genau, wenn ich meine Mutter beobachtete und mich f�r ihr wenig harmonisches Hantieren sch�mte. Dana und ich sahen uns daraufhin einmal an, sch�mten uns beide, wu�ten aber nicht, ob es Scham war. Wir waren verliebt und hatten von der Natur, dachten wir, die Lizenz bekommen, alles andere und alle anderen aus dem Weg zu schaffen. Diese Lizenz schlo� das Recht mit ein, auf die Schmerzen der anderen nicht achten zu m�ssen. Ich sehe noch vor mir, wie es meine Mutter durchfuhr, nachdem sie einen meiner Blicke, der in Richtung Dana ging, abgefangen hatte. Ich sah Dana beim Umziehen zu, saugte sie mit meinen Augen an und wurde dabei unvorsichtig. Meine Mutter hatte zu diesem Zeitpunkt ihr Buch abgelegt, las nicht mehr, studierte offenbar meine Mimik. Im Grunde mu� sie in dem Moment alles begriffen haben � um es schnellstm�glich wie ein Unding zu vergessen.</p><p>An diesem mit vielen scharfkantigen Zeichen beladenen Badetag war es hei�, meine Tastnerven krochen regelrecht wie Tentakel aus mir heraus. In diesem physiologischen Ausnahmezustand h�tte ich mich ohne Skrupel � wie ein Flegel von Blutegel � an jedes verf�gbare Frauenfleisch heranmachen k�nnen. Wie sollte ich es also schaffen, Dana nicht mit den Augen abzuschleimen? Dana war f�r mich in dem Moment die anziehendste Frau auf Erden, ich hatte Zugriff auf sie � ich und niemand sonst. Meine Mutter war an dem Tag, bevor wir alle baden gingen, mit ihrem Freund stundenlang unterwegs gewesen � die beiden wollten unbedingt eine Burgruine erkunden � , und ich, Dana und ihre Tiere hatten im Haus freie Bahn. Und da ich und Dana nicht die ganze Zeit miteinander schlafen konnten, zugleich das Reden im Bett aus gutem Grund mieden, blieb uns nichts anderes �brig, als wie eine 9 und eine 6 nebeneinanderzuliegen und uns gegenseitig zu befingern, zu bespielen und zu bewundern. Wir durften das alles miteinander tun und brauchten zum Gl�cklichsein nichts anderes. Was zu meiden war, waren tats�chlich nur Worte � zwischen uns und nach au�en hin. Einmal hatte es w�hrend einer sanft langgestreckten Kopulation dieses Tages ein unpassendes kurzes Gespr�ch gegeben. Da� es dabei um meine Mutter ging, war nat�rlich kein Zufall. Trotzdem � mein Penis wurde infolge der m�tterlichen Vision schlagartig etwas weicher und drohte auszurutschen. Dana, die auf mir sa�, verhinderte das geschickt, und wir h�rten vorsichtshalber auf zu reden. Dana freute sich dann wortlos � trotzdem riesig � , als sie zu sp�ren begann, wie ich in sie wieder hineinwuchs.</p><p>Nach und nach kannte ich ihren ganzen K�rper, ihre vielen Oberfl�chendetails auswendig. Und ich fand auch alleUnvollkommenheiten, alle Anzeichen ihres Alters � manchmal sogar ausgerechnet diese � wunderlich anziehend. Ich fand es ebenfalls anziehend, wenn sie mit irgendwelchen widerspenstigen Dingen ausnahmsweise auch mal grob, unelegant oder sogar h��lich umsprang. Als K�nstlerin achtete sie sonst in allen, auch ganz banalen Schieflagen streng auf die �sthetik der Dinge und stellte sie mit unauff�lligen Mitteln schnell wieder her. Beim Essen gab es auf ihrem Teller beispielsweise nie ein unsch�nes Durcheinander. Die Proportionen in der Anordnung und die Farbigkeit stimmten, auf die Gewichtung zwischen Beilage, Fleisch und Gem�se achtete sie auch noch nebenbei. Die So�e verteilte Dana so, da� ihr Teller m�glichst nicht verschmiert wirkte. Und beim Zerteilen achtete sie von Natur aus auf den Goldenen Schnitt.</p><p>Ihr etwas breites Becken fand ich � obwohl ich es vielleicht lieber etwas schmaler gehabt h�tte � auch ausgesprochen reizend, es beherbergte sowieso meine neue feuchte Heimat. Und es sollte so breit bleiben, wie es war. G�nstig f�r unsere Beziehung war allerdings auch, da� wir uns nur selten sehen konnten. Ob mir ihre Muttermale auch so sehr gefallen w�rden, wenn ich mit ihnen jeden Tag h�tte spielen k�nnen � oder sollen � , bezweifle ich. Wenn sie mich manchmal vom Telefon ihres Nachbarn anrief und niemand in meiner N�he war, fragte ich sie als erstes, was sie anhatte, welche Unterw�sche sie darunter trug, was mir ihre Schamlippen zu sagen hatten. Dummerweise hatten wir in der Klasse auch eine Dana. An einem Tag brachte ich die beiden aus Sehnsucht durcheinander und fragte meine Mitsch�lerin unvermittelt nach der Farbe ihres Schl�pfers.</p><empty-line/><p>die t�ren</p><p>Die an der Nord-Ost-Ecke des barocken Tores ans�ssige Clique der �lteren wurde immer rabiater � verbal wie auch physisch. Ihr fr�heres Liebeswerben � �La� uns bumsen, komm�- hatte ich noch gut im Ohr, sp�ter redeten sie viel �ber technische Dinge � Transistorradios oder Tonbandger�te. Viele dieser �lteren hatten inzwischen aber auch echte Motorr�der � das hei�t 50-Kubikzentimeter-Maschinen, die� Pionyr �hie�en und in ihrer blechernen Ummantelung viel m�chtiger aussahen als die mit Pedalen ausgestatteten Mofas Marke� Stadion�. Der technische, vor allem aber Ansehen verschaffende Unterschied zwischen den beiden Fahrger�ten war riesig � die �lteren Mofas wurden im Volksmund noch� Ziegenkeuchen �genannt. Wie diese Leute mit ihren hochwertigen Pionyren umgingen, war furchterregend. Sie veranstalteten manchmal kleine Motorradrennen um einige H�userblocks, einen Helm trug damals noch niemand. Immerhin verteilten sie vor dem Rennen einige nicht motorisierte Freunde an wichtigen H�userecken, die Schmiere stehen und Fahrradfahrer warnen sollten. Autofahrer sollten auf sich selbst achten, bremsen und ausweichen lernen. Eines Tages kamen die Burschen auf die Idee, ein Rennen am steilen Hang des begr�nten Tors zu veranstalten. Diese halsbrecherischen Cross-Rennen wurden selbstverst�ndlich in Amerika erfunden und hei�en in der �brigen Welt deswegen auch Hillclimbing � im Tschechischen allerdings schlicht und einfach� Rennen am steilen Hang�. Die Hang-Rennfahrer legten eine Bohle vor die B�rgersteigkante, einige Ziegelsteine und eine Stahlplatte vor die Begrenzung der erdigen Torflanke. Der folgende Wegnach oben, also die eigentliche Steigung, war gut freigetrampelt, links und rechts davon vegetierten einige B�sche.</p><p>Bis nach oben schaffte es niemand, die Motorkraft reichte nicht einmal f�r die erste Hochebene des Tores. Daf�r aber waren die Unf�lle, die die Jungs uns vorf�hrten, spektakul�r und vor allem im Grad ihrer Materialverachtung ungew�hnlich. Sie retteten sich oft im letzten Moment in die B�sche und mu�ten ihr Ger�t, wenn ihre Helfershelfer � links und rechts der Steigung plaziert � es nicht auffangen konnten, einfach nach unten purzeln lassen. Blech knirschte und verbog sich, Auspuffe wurden flachgedr�ckt oder abgerissen, Glas der Scheinwerfer ging zu Bruch. Und niemand wollte als erster vorschlagen, das Rennen abzubrechen. So wie sie mit Werten und mit Material umgingen, gingen sie sonst auch mit ihren Gegnern um. Es gab Spannungen und Schl�gereien, diese fanden � h�rte man jedenfalls � an unterschiedlichen, von Sekundanten verabredeten Orten statt. Und eines Tages wurde eins der Motorr�der angez�ndet und brannte aus. Erst dann erschien die Polizei. Von dem gro�en� Rennen am steilen Tor �hatte man in der Wachstube seinerzeit �berhaupt nichts mitbekommen.</p><p>Einige Tage nach dem Brand klopfte nachmittags jemand heftig bei uns an die T�r. Weil ich sonst nie Besuch bekam, war ich normalerweise nicht gemeint, wenn es an der T�r Ger�usche gab. Aber Klopfen konnte genausogut auch Unheil bedeuten. Ich ging hin, in der Wohnung regte sich sonst niemand � und vor mir stand die gesamte Motorradmeute. Ich war mir sicher, da� mich jemand der Brandstiftung beschuldigt haben mu�te. Am meisten f�rchtete ich mich vor einem der Schl�ger � er hatte ein extrem flaches Gesicht, und die Haut, mit der dieses bespannt war, sah immer leicht ger�tet aus. Vielleicht war daran seine Leber nach �berstandener Gelbsucht schuld, vielleicht Alkohol oder hoher Blutdruck. Und egal, wie medizinisch ahnungslos ich damals war, solche bedrohlichen k�rperlichen Signale registrierte ich ganz deutlich. Auf jeden Fall sah dieser Mensch immer geladen und w�tend aus und hatte riesige F�uste. Es war sein Motorrad, das abgebrannt war. Angeblich k�mpften und rivalisierten die Burschen um irgendwelche Br�ute, die in den B�schen angeblich von dem einen oder anderen stehend flachgelegt wurden � dauernd oder abwechselnd� den eigentlichen Wahrheitsgehalt dieser Ger�chte kannte niemand. Vor der T�r standen auch der immer fesch frisierte Pegina und einer, der den Spitznamen Tarantel hatte � aber auch einer der Monik-Br�der war dabei. Von den beiden Br�dern wird sp�ter noch kurz die Rede sein � und von ihrer sensiblen Schwester Libuse Monikov�.</p><p>Neun harte Burschen standen also vor meiner Wohnungst�r. Sie sahen an diesem Tag allerdings ungewohnt friedlich aus. Einer von ihnen hielt eine Schallplatte in den H�nden, und bald wurde klar, worum es ihnen ging. Alle in der Gegend vorhandenen Plattenspieler waren f�r diese heilige Platte nicht gut genug. Und im weiten Umkreis war offenbar bekannt, da� ich � in Wirklichkeit meine Mutter � einen nagelneuen Plattenspieler mit einer Stereonadel besa�. Die Bande wollte sich die Platte bei mir anh�ren.</p><p>��Es mu� eine Stereonadel sein, meinte der Besitzer der Platte. Wir haben zu Hause Stereo, mein Vater spinnt aber im Moment.</p><p>��Unser Radio ist leider nicht stereo. Kommt aber, unbedingt.</p><p>Der Hillclimbing- und Schl�gertrupp zog sich im Flur die Schuhe aus. Wir gingen zum Grammophon, auf dem ein uraltes Monoradio aus schwerem Holz stand. Meine Mutter war arbeiten.</p><p>��Der Sound wird gut, meinte jemand.</p><p>��Gutes altes R�hrenger�t, sagte ein anderer.</p><p>��Hat aber keine H�hen, sagte der n�chste und hatte vollkommen recht.Das eigentliche neue Grammophon war ein richtiges kleines Schr�nkchen auf d�nnen Beinen, seine hellackierte Vorderwand lie� sich hochklappen und ins Innere hineinschieben. Es war eine Art Schrein. Die meisten meiner Besucher knieten davor wie vor einem Minialtar, andere sa�en im Schneidersitz, der Rest blieb respektvoll stehen. �bersetzt hie� die Band, die auf dem Umschlag zu sehen war, etwas schlicht� Die T�ren�. Schon bei den ersten schnellen Stick-Schl�gen ahnte ich kurioserweise, da� es auch Explosionen geben w�rde. Diese kamen dann auch. Mir s�gten sich aber schon die ersten bedrohlich verzerrten Gitarrent�ne tief in mein Gehirn � und das f�r immer. Die Stimme des S�ngers klang absolut ungesch�tzt, frei von jeder L�ge � und dieser Mensch war auch optisch eine unheimliche Erscheinung, er war zum Verlieben sch�n, geschlechts�bergreifend.�The Doors �machten eine Musik, wie ich sie noch nie geh�rt hatte. Niemand spielte so ohne Selbstzweifel Keyboard wie der Blonde mit der Brille. Und Jim Morrison schien bei aller H�rte ein sanfter Kerl zu sein. Wenn er klagte, klang es mutig, und er tat es, ohne zu jammern. Sein Sommer war lange noch nicht zu Ende, seine Stimme schien dar�ber trotzdem Bescheid zu wissen.</p><empty-line/><p>die bes��te schien leicht nach innen zu l�cheln</p><p>Mein Reifen wurde seit meiner Windelzeit nicht nur durch die h�usliche Erotisierung des Alltags begleitet, sondern gleichzeitig mit Informationen aus Politik, sogar Weltpolitik unterlegt. Zum Gl�ck, sage ich mir heute. Sonst h�tte mich eines Tages vielleicht der sexschleimige Ekel eingeholt und in irgendeinem Bordell auf ein Traumsofa kotzen lassen. Wenn ich hier von Politik spreche, meine ich es nicht im verw�sserten Sinn des Wortes � wie irgendein umtriebiger Sch�nformulierer. Meine Mutter, deren erotische Pr�senz W�nde und Mauern durchstrahlen konnte, lebte gleichzeitig f�r und durch die Politik � und das ganz konkret, sie tickte synchron mit den Weltereignissen, ihr Wissen war immer auf dem aktuellsten Stand. Da� ich, das Kind, daran unmittelbar partizipieren konnte, habe ich unter anderem einer kinderfingerdicken Zeitschrift aus Westdeutschland zu verdanken, die Mutters Redaktion Woche f�r Woche bezog und die meine Mutter � sie arbeitete in der Auslandsabteilung � regelm��ig mit nach Hause brachte. Diese Zeitschrift hie߻Der Spiegel �und bedeutete auf Tschechisch� zrcadlo�. So wuchs ich von Angesicht zu Angesicht mit Reizen auf Hochglanzpapier auf, die sich w�chentlich erneuerten und mit denen die Normalsterblichen in Prag nicht in Ber�hrung kommen konnten. Und unser� Spiegel �war nicht nur voller Politik, er quoll au�erdem �ber vor raffinierten Reklamen, auf denen mit der Zeit immer mehr engelsgleiche Frauenwesen abgebildet waren. Solche Sch�nheiten liefen in Prag nirgendwo herum, das sozialistische Regime w�re nicht einmal technisch in der Lage gewesen � trotz reicher Erfahrungen beim L�gen undT�uschen � , uns eine Parallelexistenz solcher Apostelinnen mitten in unserer Gesellschaft vorzugaukeln. Die Mangelwirtschaft pr�sentierte sich lieber realistisch, das hei�t trostlos. In diesem Kontext wirkte� Der Spiegel �schon �u�erlich wie eine Provokation und Anklage. Ich bl�tterte in meinem und Mutters� Spiegel�, tauchte in die Gemischtwarenwelt dieses konkurrenzlosen Magazins, in dem neben Bildern von Leichen die weibliche Vollkommenheit einen damals noch bescheidenen, aber festen Platz hatte. Wirklich nachvollziehbar war dieses Nebeneinander f�r mich nicht, ich f�hrte es damals, glaube ich, auf die Durchsetzungskraft der Sch�nheit zur�ck. Da ich mich ausgerechnet auf die Probleme der fraulichen Reize konzentrierte, blieb das geplante Entziffern der Texte oft auf der Strecke. Aber immerhin � im gro�en und ganzen wu�te ich, wo es auf der Welt brannte, und in mir sammelten sich Fragen, die ich meiner Mutter bei Gelegenheit � mit Vorliebe morgens unter ihrer Bettdecke � stellen konnte.</p><p>Sie hielt mir au�erdem regelm��ig politische Vortr�ge � und das tats�chlich von klein auf, noch bevor� Der Spiegel �begonnen hatte, uns zu begleiten. Sie nannte diese kleinen Vortr�ge scherzhaft� politische Schulungen�. Und meine Mutter war tats�chlich in der Lage, mir hochprofessionell die Verh�ltnisse in den entlegensten Gegenden der Erde zu erkl�ren; ob es dabei um das im Weltatlas kaum zu findende Land Ruanda-Urundi ging � als gerade die verwickelte Teilung dieser ehemaligen Kolonie in Ruanda und Burundi im Gange war � oder um Vietnam mit der vor einigen Jahren eroberten, fr�her aber als uneinnehmbar geltenden franz�sischen Festung Dien Bien Phu. Den Fall von Dien Bien Phu hatte meine Mutter als junge Journalistin vorausgesagt, besser gesagt sich vorausgew�nscht � und zwar noch lange vor dem milit�risch beeindruckenden und raffinierten Sieg der Vietnamesen. Meine Mutter war sehr stolz auf ihre Kenntnisse und ihren �berblick, wobei siesich bei ihrer weltumspannenden Supervision � etwas gewichtsverf�lschend � besonders auf extreme Diktaturen, brutale Milit�rjunten oder wegen des brutalen Mordens einsam gewordene Tyrannen konzentrierte. �ber den V�lkermord an den Armeniern wu�te ich seit meinen Kindertagen Bescheid, den Lebensweg des Schl�chters Idi Amin Dada verfolgten ich und meine Mutter seit der Karriere dieses Idioten beim Milit�r. Der Einmarsch der fortschrittexportierenden Chinesen in Tibet blieb in mir dank meiner Mutter ebenfalls fest gespeichert.</p><p>Mutters politisch-geographisches Wissen hatte allerdings gewisse Grenzen: Weil sie seinerzeit in das Ghetto von Theresienstadt und nach Auschwitz �bersiedeln mu�te, wurde sie um ihre Gymnasialzeit gebracht und ging nach dem Krieg und einem Ruck-Zuck-Abitur direkt auf die Universit�t. Sie holte vieles selbst�ndig und gezielt nach, ihr fehlten aber trotzdem die gesamte geistesgeschichtliche Bildung, vollst�ndig auch alle naturwissenschaftlichen Grundkenntnisse. Und so sehe ich meine wundersch�ne Mutter bis heute vor mir: Sie steht wie eine professionelle Vortragende mitten im Zimmer, in der Hand den� Spiegel �mit einem breitaufgeplusterten Gesicht darauf (immer wieder dem aus Bayern) und erz�hlt mir beispielsweise vom Poker um die Gr�ndung des Staates Israel � also �ber das Dilemma der Engl�nder, die stillen �ngste der Amerikaner und die falschen Hoffnungen der Russen. Sie erz�hlt und erz�hlt und hat von der kapillaren Elevation, von Bruchrechnung oder Altphilologie keinen blassen Schimmer. Erotischer und aufregender kann politische Bildung trotzdem nicht sein, glaube ich.</p><p>Der vollkommen nackte R�cken der badenden Marilyn Monroe � 1962 im� Spiegel �abgedruckt � erregte damals noch gro�es Aufsehen, die nachfolgenden Leserbriefe waren voller Emp�rung. Ab 1962 begann man aber endlich auch auf der Titelseite beeindruckende Frauengesichter abzudrucken � und nach und nach bauten die Frauen ihre Pr�senz auch in der Reklame immer weiter aus. Genau zum richtigen Zeitpunkt, mu� ich mit Erleichterung sagen. So reifte an meiner Seite auch� Der Spiegel�, reifte nebenbei die gesamte Werbekultur.</p><p>Einen Haken hatte meine Zusatzausbildung aber schon � ich war f�r die Schule viel zu gut informiert. Ich wu�te beispielsweise �ber die wirtschaftlichen und anderen Katastrophen in der Sowjetunion Bescheid, die der Bev�lkerung aller Bruderstaaten verschwiegen worden waren. Ich erw�hnte einmal das massenhafte Abschlachten von Pferden, die unter Chruschtschow als nutzlose Grasfresser abgestempelt worden waren � mit der Folge, da� der Kraftstoffverbrauch drastisch in die H�he scho�. Auf dem Land fuhr man wegen jeder Schachtel Machorka einfach mit dem Traktor einkaufen � jedenfalls dann, wenn der gesamte Fuhrpark nicht gerade komplett lahmgelegt war. Meine Mutter hielt mir nach einer meiner Entgleisungen einen wichtigen Vortrag �ber� Politik als die Kunst des M�glichen�, den sie mit Churchills listigem Spruch abschlo�:�Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen. �B�se Fallen warteten aber sowieso �berall. Ich griff manchmal spontan auf n�tzliche Begriffe wie die� sowjetische Einflu�sph�re �zur�ck � im offiziellen Sprachgebrauch war dieser Begriff nat�rlich tabu. Dem Volk wurde zum Beispiel auch der eigentliche Name des �gyptischen Staatspr�sidenten und Sowjetfreundes NASSER � was auf tschechisch� Schei� drauf �bedeutet � verheimlicht, und er wurde geschickt in Nassir umgewandelt. Oder da� der widerspenstige Kardinal Mindszenty immer noch � seit 1956 wohlgemerkt � mitten in Budapest in der amerikanischen Botschaft lebte, schien auch niemand mehr zu wissen. Bald erz�hlte ich �ber politische Angelegenheiten in der Schule lieber gar nichts mehr.Unsere Clique hatte in der ersten H�lfte der sechziger Jahre zusammengefunden. Den meisten war die Politik zwar egal, apolitisch waren wir � so wie wir uns benahmen � aber nicht. Als ein politisches Abenteuer sehe ich vor allem unseren erotisch unterf�tterten Widerstand gegen die Schulleitung. Die totalit�ren Kr�fte unter den GENOSSEN LEHRERN witterten in unserer gravitationsstarken Zusammenrottung eine Gefahr, eine gesellschaftliche Eiterbeule, die nur Unheil streuen konnte. Und sie irrten sich nicht. Unser Drang nach Freiheiten war ansteckend, war vor allem wegen des dauerhaft vorhandenen Samendrucks und der starken Duftmarken, die die M�dchenk�rper pausenlos abgaben, nicht wirklich beherrschbar � er entzog sich oft auch unserer eigenen Kontrolle. Obwohl wir damals noch nicht miteinander schliefen, standen wir schon alle in den Startl�chern und zitterten vor Aufregung. Den Anfang machte einer unserer Sitzenbleiber, der Besitzer des gutgen�hrten� Bullen�. Er hatte ein ausw�rtiges, cliquenfremdes M�dchen zur Hand &amp; zum Glied, das mit ihm ab und zu schlief. Die Nichtmeer-Jungfrau kam zu ihm zu Besuch, blieb eine halbe Stunde und ging dann wieder � so einfach war das. Ihr Gang beim Verlassen des Hauses war (im Vergleich zu vorher) unver�ndert und verriet uns �ber das gerade Abgelaufene �berhaupt nichts. Wir, die �ber den Zeitpunkt der Zusammenkunft unterrichtet waren, standen an der Ecke, quatschten und waren darauf aus, alle verwertbaren Informationen zu sammeln. Leider hatte sich das Geflecht der Fragen angesichts dieses Defilees eher vergr��ert � es ging um Fragen, die wir uns in ihrer Konkretheit gegenseitig nicht unbedingt stellen wollten. Einen Eindruck �bermittelte uns das bes��te Wesen allerdings doch: Es schien leicht nach innen zu l�cheln.</p><p>Unsere Clique war gegen die Lehrergewalt gut ger�stet. Manche von uns waren schwer zu treffen, weil ihnen alle Zensuren und Beurteilungen gleichg�ltig waren. Anderewaren dagegen viel zu intelligent, um Angst vor den Machtmitteln der Schule haben zu m�ssen. Unser wirklicher Gegner vor Ort war jemand anderes � es war der muskul�se, in einer schuleigenen Kellerwohnung hausende Hausmeister. Er war an sich ein humorvoller, alkohol- und lebensfroher Mensch, mit dem man sich an manchen Tagen unproblematisch, wie von Mann zu Mann, austauschen konnte. Er hatte aber auch ganz andere Seiten. Im Alltagsgesch�ft setzte er auf die disziplinierende Wirkung von Gewalt. Mehr noch: Nachtr�gliche Bestrafungen hielt er f�r l�cherlich und an sich schon f�r einen Ausdruck von Schw�che. Er bestrafte am liebsten pr�ventiv, ohne die Wahrheit wissen und irgendwelche Schuldigen ausmachen zu wollen. Seine Ma�regelungen SOLLTEN offenbar, wie mir sp�ter aufging, ungerecht, unverh�ltnism��ig und kulturlos sein, um ihre spezielle Wirkung zu entfalten.</p><p>Wenn der Mann manchmal � beispielsweise fr�h vor dem Unterricht � schlechte Laune hatte, wartete er grimmig am Eingangstor und beobachtete seine in die Schule einstr�menden Sch�fchen besonders aufmerksam. Er fokussierte verbissen und scharf alle, die aus der Reihe tanzten oder irgendwelche Auff�lligkeiten zeigten, konzentrierte sich dabei vor allem auf die notorisch Frechen. Alle Wiederholungst�ter hatten nat�rlich mit einer versch�rften Zuwendung zu rechnen. Manche der j�ngeren Sch�ler waren in der Fr�he oft viel zu munter und aufgekratzt, benahmen sich unvorsichtig und mu�ten schon im zarten Alter ihr Lehrgeld zahlen. Wir, die wir wegen unserer Gruppenbildung und der bandenm��igen Aufs�ssigkeit bekannt waren, pa�ten schon besser auf � wenn auch nicht immer. An bestimmten Tagen reichte dem Scharfrichter lediglich, wenn ihm jemand etwas zu auffordernd in die Augen geschaut hatte oder sich traute, durch seine schon mehrmals beanstandete Kleidung aufzufallen � oder� immer noch nicht beim Friseur �gewesen war. Manchmal wollten wiraber ausdr�cklich, da� der Krieg ausbrach, und wir konnten ihn jederzeit bekommen. Eine kleine gezielte Bemerkung reichte vollkommen. Und wir wu�ten genau, wie der Mann � bei aller H�flichkeit, versteht sich � am besten zu reizen war.</p><p>��Wie brennt's heute? sagte einer beispielsweise, um anzudeuten, da� der Mann vielleicht doch lieber den Heizkessel kontrollieren gehen k�nnte.</p><p>Nach einer solchen Attackenbitte lief der Mann rot an, rannte los und verpa�te dem Frechling und potentiellen Schwerverbrecher einen zentnerschweren Fu�tritt in den Arsch. Diese Strafe geh�rte zum Standard, unser Hausmeister behandelte zarte Jungs genauso wie die robusten. Er trug grunds�tzlich schwere Arbeitsschuhe, die oft mit Asche, Kohlenstaub oder anderem Dreck bedeckt waren. Seine �berfallartigen Stiefelattacken erfolgten oft impulsiv, eine verbale Provokation war nicht immer unbedingt n�tig. Alles ging blitzschnell, in den meisten F�llen fiel bei dem ganzen Vorgang kein �berfl�ssiges Wort. Alle schauten stumm zu, und die Genossen Lehrer lie�en den Mann jahrelang richten. Seine Treffer schmerzten oft mehrere Tage nach.</p><p>Seltsamerweise habe ich an die warme Gewaltt�tigkeit des Herrn ERBEN, der genauso wie einer unserer Nationaldichter hie�, ausgesprochen gute Erinnerungen. Einerseits imponierte er mir als ein Kraftprotz, andererseits wu�te ich, da� jeder von uns ihm gegen�ber doch etwas Schuld abzutragen hatte. Wir waren jung, fr�hlich und lebten nicht verlassen in einem Kellerloch. Andere Erlebnisse waren f�r mich in dieser Zeit vielleicht pr�gender als diese Fu�tritte, hatten daf�r aber keine besondere Anschubkraft. Die Fu�tritte besa�en sie, und die arschblauen Flecke zeugten davon wie amtliche Stempel. Sie haben meinen Werdegang auf keinen Fall behindert. So gesehen habe ich an dieser Stelle keinen Grund, um meine Vergangenheit �bertriebenbesorgt zu sein. Meine Vergangenheit ekelte mich in bestimmten Zeiten aber trotzdem unendlich an, und ich begann � punktuell jedenfalls � , diejenigen Menschen zu verabscheuen, die ostentativ mit einem dauerhaften Zufriedenheitsl�cheln herumliefen und meine Art von Ekel aus Eigenproduktion offenbar nicht kannten.</p><p>Mir wurde immer wieder vorgeworfen, mich z�gen ekelerregende Objekte und Vorg�nge magisch an. Es ist zugegebenerma�en nicht ganz unwahr, ich ekelte � und ekele � mich in meinem Leben nicht nur ungern. Ich betrachtete alles Unappetitliche aber immer schon als etwas N�tzliches, beispielsweise als einen zukunftsorientierten Lieferanten von N�hrstoffen. Ich verinnerlichte den Ekel jedesmal, zerinnerlichte und verdaute ihn ohne R�ckst�nde, phantasierte in diesem Zusammenhang gern �ber die s��en, in egal welchem Ekelbrei atomar doch bereits vorhandenen Fr�chte � rote Erdbeeren, blaue Heidelbeeren oder meine geliebten gr�nen Stachelbeeren. Auf diese Weise konnte ich jedes in mir abgespeicherte Grundmaterial � nicht den Ekel als solchen � in vollkommen neutraler Form f�r sp�ter retten. Meine Zukunft sollte unbedingt strahlen und duften. In den Ferien fiel ich einmal in eine Jauchegrube. Danach begriff ich, da� man deswegen � entgegen der festen �berzeugung einiger meiner Tanten � vor Ekel nicht unbedingt zu sterben brauchte. Ich merkte vielmehr, da� sich jeder Dreck problemlos abwaschen lie�.</p><p>Ein einschneidendes Ekelerlebnis betraf dummerweise aber auch die Sexualit�t. Als ich eine Zeitlang bei der M�llabfuhr arbeitete, mu�te ich Tag f�r Tag mit vielen rauhen und nicht unbedingt nur nach Seife und Deos riechenden Mitarbeitern klarkommen. Der unappetitlichste von ihnen war allerdings nicht der schlimmste Grobian und Schwei�-stinker, sondern ein Halbidiot, der au�erdem ein sex- und religionsbesessener Fanatiker war. Seine Frau war auch etwas intelligenzgest�rt, daf�r �bertraf die sexuelle Leistungsf�higkeit der beiden alle mir bis dahin bekannten M�nnerprahlereien. Diese geh�rten w�hrend der Fr�hst�ckspausen sowieso zum Pflichtprogramm. Der Musterkatholik und seine Frau, die ihren Potenzprotz in den Pausen oft besuchen kam, verbrachten wahrscheinlich ihre gesamte Freizeit mit Ficken. Und auch die Frau war stolz auf diese gottgegebenen und dem Allm�chtigen offenbar gewidmeten Rituale. F�r die beiden war es, sie deuteten es sogar an, eine Art heilige Pflicht�bung. So erkl�rte ich mir ihre Schamfreiheit. Wir bekamen jeden zweiten Tag erz�hlt, wie oft bei ihnen in der Nacht wieder gerammelt worden war, sechsmal, siebenmal, achtmal � und bei der n�chsten Berichterstattung ging es genauso langweilig weiter. Von unseren Fr�hst�cksbroten tropfte regelrecht der fremde, mit Scheidenschleim vermischte Samen in Str�men herunter. Sex, Sex, purer Sex, nichts anderes als � doch geistloser � Sex. Bald wurde mir schon beim Anblick der sich n�hernden Samenabnehmerin und � entsorgerin �bel, und ich versuchte, wenn es ging, drau�en auf einer Bank zu fr�hst�cken. Bei meinem M�llabfuhrbetrieb, in dem insgesamt sowieso keine hohen hygienischen Standards galten, zeigte mir der Sex zum Gl�ck auch diese seine desinfektions- und transzendenzresistente Seite. Wenn es im Leben mancher Individuen nur um Sex gehen sollte, dachte ich, k�nnten sich solche Leute auch in einen Zoo einsperren lassen, um dort vor aller Augen irgendwann zu sterben � vor Scham oder schamlos, auf jeden Fall aber fickend. Auch andere Bilder qu�lten mich: Wenn ich mein Leben auf dieser Welt als ein Bulle zu fristen h�tte, h�tten mich unweigerlich Hinterbacken von K�hen angezogen; und auch die schlimmsten Fliegenschw�rme oder kotverschmierte H�ften h�tten mich von meiner Kuh-Liebsten nicht fernhalten k�nnen.</p><p>Trotz der gerade geschilderten Erlebnisse und Phantasien m�chte ich vorausschicken, da� meine Geschichte sich vorwiegend in sittlichen und appetitlichen Bahnen bewegen wird. Trotzdem: Um mich herum ging es nun mal dauernd mehr oder weniger um Sex. Daran kann ich wenig �ndern. Lachende M�dchenm�nder trainierten nebenbei ihre Lutschlippen, sie trompeteten � schien mir � Takte aus noch auszuf�hrenden Orgasmus-Ouvert�ren, alle weiblichen H�ftbewegungen luden zum Sex im n�chsten F�nfjahrplan ein, und sogar das Pissen war eine sexbeladene Handlung. Ich wei� nicht, ob es immer so und f�r jeden genauso sein mu�, damals in Prag war man � und blieb man � in dieser Sexklammer aber wie gefangen. Viele Menschen waren nach dem Krieg aus dem Exil oder vom� totalen Einsatz �im Dritten Reich zur�ckgekehrt, andere hatten mehrere Jahre Konzentrationslager hinter sich. Und denjenigen, die daheim geblieben waren, sa� die Angst tief in allen ihren Knochen. Die politische und existentielle Bedrohung setzte leider bald wieder ein. Gewisse Freiheiten mu�ten die tschechischen Stalinisten dem Volk aber auch in den h�rtesten Zeiten des Klassenkampfes lassen. So blieb die Sexaus�bung im Sozialismus die ganze Zeit straffrei, und das wenig produktive, stre�reduzierte Wirtschaftssystem, das vielerorts auch w�hrend der Arbeitszeit diverse Hobbyaktivit�ten tolerierte, legte ungeahnte Vitalreserven frei.</p><p>Dabei geh�rten die tschechischen Parteikader lange zu den sch�rfsten und ideologisch strengsten im Ostblock � und den sichtbar treusten. Das Prager Stalindenkmal, das einige hundert Meter von meinem Haus entfernt stand, war das gr��te der ganzen Welt. Und wenn auch die Sl�nsky-Prozesse zu einem Symbol f�r den kommunistischen Terror wurden, mordete man nach 1948 in viel gr��erem Ausma� lieber ohne �ffentlichkeit � bei Verh�ren, nach geheim abgehaltenen Prozessen oder in den unz�hligen Arbeitslagern. Aber auch sp�ter in den sexualisierten Zeiten meiner Jugend geh�rte Todesgefahr zum Alltag � allerdings die Gefahr eines neuen sozialistischen Typs. Die historische PragerBausubstanz wurde irgendwann so marode, da� abst�rzende schwere Simse oder ganze Balkone immer wieder auf Passanten herabfielen und manche auch erschlugen. Auf den B�rgersteigen lief man deswegen nicht gern an den H�userw�nden entlang, man dr�ngelte sich in der N�he der Bordsteinkanten und lie� sich lieber vom vital werdenden Stra�enverkehr bedrohen.</p><p>Im Grunde kann es einen nicht verwundern, da� das denkw�rdige Jahr 1968 auch auf der h�chsten Ebene, dem sogenannten Politb�ro der kommunistischen Partei, ausgerechnet mit einem sexistischen Spruch eingel�utet wurde. Die hochw�rdigen Genossen stritten sich im Dezember 1967 tagelang, gifteten sich an und konnten sich nicht einigen. Letzten Endes ging es um die Trennung von Funktionen und um die Neubesetzung des Chefsessels. Der bis dahin allm�chtige Pr�sident Novotny wurde von dem j�ngeren Lubomir Strougal, dem damaligen stellvertretenden Ministerpr�sidenten, mit folgenden Worten attackiert:�DIESE MEINE H�NDE HABEN VIELE FRAUEN�RSCHE GEHALTEN, AN IHNEN KLEBT ABER KEIN BLUT. �Daraufhin wurde bei der Anfang Januar abgehaltenen Plenarsitzung des Zentralkomitees � nachdem Novotny als erster Parteisekret�r FREIWILLIG abgedankt hatte � der j�ngere nette Alexander Dubcek in diese Funktion gew�hlt. Einm�tig, wie es hie�. Dubcek war nicht so frauenbesessen wie Strougal. Er war vor allem � wollen wir jedenfalls hoffen � einigerma�en blutunbefleckt.</p><p>Mein alter Freund Petr Skopka war � was das Hobbytum betrifft � nie zu stoppen gewesen, und er bastelte auch als erwachsener Mann nat�rlich immer weiter. Als junger, noch studierender Ehemann baute er zu Hause harmlose, wenn auch erschreckend gro�e Flugzeugmodelle. Und weil er nach einigen Konflikten mit der Macht, die auch wieder mit eher harmlosen Bastelaktivit�ten zusammenhingen.letztendlich sogar oppositionell wurde, ging er nach dem Zusammenbruch von 1989 in die Politik. Eines Tages wurde er pl�tzlich B�rgermeister unserer wundersch�nen Stadt Prag. Er, der Fliegenqu�ler, er, mein Mitsch�ler, dessen Vater einen bestialisch langen Penis besa�, derselbe Skopka, der einst mit seinen riesig vergr��erten Pin-up-M�dels einen ganzen Stadtbezirk � statt ihn zu bes�nftigen oder zu bilden � in Dauerunruhe versetzt hatte. Ich war stolz auf ihn und gl�cklich, da� er, gerade er und kein anderer an der Zukunft von Prag basteln durfte � und nicht nur manuell, sondern geistig und planerisch. Leider stolperte Skopka einige Jahre sp�ter � ausgerechnet Skopka � �ber eine schlichte Sexaff�re.</p><p>Auch wenn unter den Literaturnormopathen jegliche die Romanhandlung betreffende Ank�ndigungen verp�nt sind, greife ich hier trotzdem vor und erz�hle die Geschichte meines Freundes an dieser einen Stelle kurz weiter: Skopka wurde eines Tages beim Testen seines nach einer Verl�ngerungsoperation l�dierten Penis leider erwischt und vor die �ffentlichkeit gezerrt. Als B�rgermeister einer freiz�gigen Stadt h�tte er das politisch vielleicht �berlebt. Er hatte aber Pech � der mit Einwegspiegeln ausgestattete Puff war eine illegale Einrichtung und zahlte keine Steuern. Aber keine Angst! Damit ist Petr Skopkas interessantes Leben lange noch nicht zu Ende erz�hlt. Er bleibt uns allen in diesem Buch noch erhalten. Mir in meinem realen zuk�nftigen Leben sowieso � als Freund, Ratgeber in tausend und einer praktischen Angelegenheit und als ein mich unerm�dlich und mit einer Me�latte begleitender Simultanl�ufer.</p><p>Bei einem Ausflug eines Teils unserer Clique gingen wir einmal von einem kleinen Dorfbahnhof an uns gleichg�ltigen Feldern entlang und waren die Lebensharmonie selbst. Wir n�herten uns Schritt f�r Schritt, H�ftbewegung f�r H�ftbewegung dem leeren Wochenendhaus der Eltern einer unserer Blondinen. Um uns herum lag eine ereignisloseLandschaft, kein W�ldchen war in Sicht, nur am Stra�enrand k�mpften einige aufgegebene Obstb�ume ums �berleben. Meine Gitarre hatte ich selbstverst�ndlich dabei. Die von mir gerade als m�gliche Wochenendschmuserin anvisierte Z. hatte es im Zug nicht geschafft, pinkeln zu gehen, und h�tte es drau�en auf der Landstra�e gern nachgeholt. Ihr fehlte aber der Mut, sich zu offenbaren � au�erdem sprach noch etwas anderes dagegen: Ihre dr�ckende Blase bereitete ihr ein recht intensives Klitorisvergn�gen. Geeignete Verstecke gab es sowieso nirgends. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir von ihren lustvollen Qualen nicht das geringste. Sie war bei diesem sonnig-friedlichen Gang � wir gingen alle nebeneinander, ich spielte und sang � nur etwas stiller als sonst. Gegen Abend erz�hlte sie uns dann beim s��en Obstwein, wie gern sie irgendwo am Stra�enrand gepinkelt h�tte, wie gern sie hinter einem Geb�sch verschwunden w�re. Und wir gaben ehrlich zu, da� sie keine B�sche n�tig gehabt h�tte und wir ihr gern zugesehen h�tten. Und nachdem wir Z. versprochen hatten, nicht zu lachen, verriet sie uns, wie sie es mit dem Entleeren ihrer Harnblase auch ohne B�sche angestellt hatte. Ganz einfach: Sie lie� ihren Urin heimlich und portionsweise ab � eben peu � peu ins Freie. Es mu� etwas wie das weibliche Ejakulieren gewesen sein. Der Saft lief ihr beim Gehen an den Beinen lang, hinterlie� eine schmale Spur, erz�hlte sie, diese verlor sich unauff�llig im Staub der alten Landstra�e. Zum Gl�ck gab es damals noch solche nicht asphaltierten Wege � Stra�en vierten Grades, wenn ich mich nicht irre. Wieder und wieder machte sie ihren s��en, hinter dem Kitzler sitzenden Schlie�er oberhalb der Staubstra�e vierten Grades ganz kurz auf und dann wieder zu. Sie hatte Zeit, der Weg war lang genug. Ihre Beine trockneten schnell, ihre Schuhe, die sie irgendwann in die H�nde nahm, trockneten nach und nach auch. Die Hitze und die allgemeine Trockenheit kamen ihr entgegen. Ich sehe das Geschehenheute viel plastischer vor mir als damals, als ich es sinnlich nicht unbedingt verinnerlichen wollte. Ich sehe ihre langen schlanken Beine, die innen ben��t waren und deren Haut in der Sonne gegl�nzt haben mu�, ich sehe ihre gutgeschmierten Schenkel, die unter ihrem zum mobilen Pinkeln praktischen Minirock leise aneinanderklatschten. Wie erotisch und s�� kommt es mir heute vor. Leider fand ich diese Beichte damals unappetitlich bis absto�end und meine damaligen Freunde auch. Und es tut mir bis heute leid, unsere s��e Pisserin f�r ihre damalige Offenheit nicht belohnt, sondern indirekt besch�mt zu haben. Wir haben bei ihrer Beichte zwar � wie versprochen � nicht gelacht, waren �ber die Geschichte aber alles andere als erfreut. Und das sah man uns einfach an. Wir fanden auch ihre goldenen langen Haare pl�tzlich etwas weniger anziehend � als ob diese mit Urin gest�rkt worden w�ren. Der ganze Abend verlief vielleicht deshalb wenig prickelnd. Wir wollten uns daf�r wenigstens ordentlich bet�uben und tranken viel zu viel von unserem mitgebrachten Billigwein. Obstweine gab es damals in jedem Gem�segesch�ft zu kaufen. Zur Strafe bekamen in der Nacht alle einen �blen Durchfall � nur die zur�ckhaltende Z. einen nur m��igen. Das sch�nste an unserem Landaufenthalt war die morgendliche und unumg�ngliche S�uberungsaktion. Wir alle hatten keine Lappen und keine Handt�cher dabei, flie�end warmes Wasser gab es in dem einfachen Bauernhaus auch nicht, und wir hatten keine andere Wahl � wir zogen uns alle aus und spritzen uns einfach mit dem Wasser aus dem Gartenschlauch gegenseitig ab. Und dabei sollte und MUSSTE ausgerechnet zwischen die hingehaltenen HINTERBACKEN gezielt werden � etwas vorsichtiger auch auf die Schamh�gel und auf das bei der Blondesten tats�chlich blonde Schamhaar. Unglaublich war das � Befruchtung mit einer schier unersch�pflichen Fl�ssigkeitsmenge! Das Brunnenwasser war furchtbar kalt, abwechselnd mu�te sich einer wie ein Besessener mit einer rostigen Doppelkolbenpumpe abqu�len. Dieser aktuelle Pumpensklave wurde angebr�llt und angetrieben, den Wasserdruck konstant zu halten. Ihm wurde dabei wenigstens wieder warm. Derjenige aber, der das spritzende Ende des Schlauchs halten durfte, fror dagegen. Wir konnten und konnten mit den Spritzorgien nicht aufh�ren.</p><p>Wie schon erz�hlt, fand man auf den friedlichen Stra�en meiner weltbekannten Stadt damals dauernd benutzte Pr�servative. Aber nat�rlich war auch der ungesch�tzte Verkehr in dieser VorAids-�ra in vollem Gange, hinterlie� blo� keine sachlich-materiellen Spuren � nur uneheliche Kinder. Die Prager M�nner mu�ten nun mal au�ereheliche Beziehungen unterhalten, um ihre �bersch�ssigen Energien zu kanalisieren. Das Leben war aber gleichzeitig auch voller H�rten. Diese begegneten einem eher zuf�llig, flackerten an der Oberfl�che auf, wenn man ab und an etwas (Zuschauer-) Gl�ck hatte. �ber allt�gliche Gewalt und Kriminalit�t wurde sonst nur im Telegrammstil, vor allem aber stark selektiv berichtet. Die kompakte Polizeirubrik der Zeitungen hie� SCHWARZE CHRONIK, SCHATTEN VON GESTERN oder so �hnlich. Ein typisches Textbeispiel:�Der achtzehnj�hrige P. R. versuchte im Stadtpark von xxx die dreizehnj�hrige F. G. zu vergewaltigen. Eine Polizeistreife verhinderte die Tat. �Punkt. Und so �hnlich fleischlos und b�ndig ging es dann weiter � bevorzugt wurden hier selbstverst�ndlich die bosheitsneutralen und auch im Sozialismus nicht vermeidbaren Verkehrsunf�lle vermeldet. Im f�hrenden Parteiblatt� R�de pr�vo �hie� die Rubrik ehrlicherweise AUS DER SCHWARZEN CHRONIK. Die Pr�position AUS deutete immerhin an, da� es sich bei diesen fettgedruckten Meldungen nur um eine vorab getroffene Auswahl handelte. Diese Minimalnachrichten wurden oft fett oder sonstwie auff�llig gedruckt und bildeten auf densonst optimismusverw�hnten Zeitungsseiten einen kleinen Schandfleck � und das sollten sie auch. Wenn es l�ngere Artikel zu gezielt ausgew�hlten Kriminalf�llen gab, sollten diese in erster Linie abschrecken und erziehen. Die verschwiegenen F�lle �berlie� man der Mundpropaganda.</p><p>Ich pers�nlich wurde nie Zeuge eines Verbrechens, daf�r erlebte ich einmal eine Art �ffentlicher Hinrichtung auf dem Altst�dter Ring, ausgerechnet in unmittelbarer N�he der Stelle, an der im siebzehnten Jahrhundert die Elite des Landes � Spitzen des b�hmischen Adels und andere prominente Geistesgr��en, tschechischer wie deutscher Zunge � dezimiert wurde. 1621 lie�en die Habsburger, die bei der Schlacht auf dem Wei�en Berg gewonnen hatten, siebenundzwanzig edle Herren evangelischen Glaubens k�pfen. Dem gelehrten Jan Jesensky � dem Rektor der Universit�t und Vorfahren von Milena Jesensk� � schnitt man als Erstes seine gelehrte Zunge heraus. Zum Strafkatalog der Habsburger geh�rte au�erdem eine beispiellose Vergewaltigung und religi�se Unterdr�ckung des ganzen Landes, es folgten Enteignungen von gigantischen Ausma�en. Die erw�hnte Schlacht von 1620 war f�r mich, der in Prag 6 aufwuchs, immer pr�sent. Der Wei�e Berg lag nur einige Stra�enbahnhaltestellen entfernt, und bei allen Ausfl�gen in die westliche Richtung mu�te man an diesem ehemaligen Schlachtfeld vorbeifahren. Bei der jetzt zu schildernden Szene � etwa dreihundertf�nfundvierzig Jahre nach dem gegenreformatorischen Aderla� � ging es nur um das Abschlachten einer einzigen Frau.</p><p>Prag der sechziger Jahre � und was dort an Brutalit�t noch m�glich war! Die Situation, wie sie sich mir anfangs bot, war im Grunde vollkommen harmlos. Die Hinzurichtende wollte nichts anderes als eine oder zwei Wassermelonen f�r ihre Familie erstehen, ganz gew�hnliche Wassermelonen � au�en gr�n, innen rot. Zuckermelonen gab es bei uns damals so gut wie nie, wegen dieser h�tte es sichvielleicht gelohnt, einen Menschen umzubringen. Aber wegen einer Wassermelone? Um die zu erz�hlende Geschichte zu verstehen, mu� man eins wissen: Wenn es in Prag Wassermelonen gab, dann gab es sie nur ganz kurze Zeit. Der Einmarsch der Melonen erfolgte immer nur �berfallartig, geschah ohne jegliche Vorwarnung. Wenn diese gr�nen Kugeln irgendwo im S�den M�hrens oder in der Slowakei gereift waren, ergossen sich bald ganze Berge von ihnen � wie von Naturgewalten der w��rigen Zellteilung getrieben � in die Stadt. Diese Str�me wurden dabei nur unzureichend kanalisiert. An geeigneten oder wenig geeigneten Orten wurden volle LKW-Fuhren abgeladen und beim Stra�enverkauf an den Mann und die eine oder andere Frau gebracht.</p><p>Schon beim Aufbauen der Verkaufsst�nde bildeten sich lange Schlangen. Die Menschen hatten ja Zeit. Der Verk�ufer am Altst�dter Ring, wo ich gerade unterwegs war, benahm sich schon im Vorfeld des gro�en Ereignisses laut und war voller Lebens- und Gesch�ftsfreude. Und weil er so beeindruckend extrovertiert war � im Sozialismus war diese Art schamlos positiver Prachtlaune im Stra�enbild eine Seltenheit � , blieb ich stehen und bewunderte sein gekonnt inszeniertes Schauspiel eine Weile. Da� ich so lange stehenblieb, hatte aber noch einen anderen Grund: Ich hatte die Vorahnung, da� der Mann plante, in gro�em Stil zu betr�gen. Seine gute Laune erkl�rte ich mir mit seiner Vorfreude, an diesem Tag noch reicher zu werden, als er es sicher schon war. In der Tschechoslowakei gab es zwar fast gar keine privaten Gesch�fte mehr, Gem�severk�ufer geh�rten aber � neben den schon erw�hnten Fleischern und Kneipiers � zu denen, die doch ihren heimlichen Privatschacher betreiben konnten. Da� diese Leute nicht nur den Staat, sondern generell alle betrogen, also auch ihre Kunden, war ein �ffentliches Geheimnis. Der massenhafte Melonenverkauf bot einem Bereicherungsprofi zus�tzliche und schwer kontrollierbare Freir�ume. Die Passanten waren sogierig nach den Melonen, so beseelt durch die Vision der baldigen Gl�cksexplosionen daheim, da� sie zu irgendwelchen Kontrollma�nahmen nicht f�hig waren. Ihre trockenen Mundschleimh�ute machten sie denkschwach. F�r die staatlich organisierte Melonenbescherung hatte man sowieso dankbar zu sein. Dem unersetzbaren Verk�ufer im Grunde auch.</p><p>Das Spektakel begann � und ich hatte mich nicht geirrt. Der Mann betrog relativ offen, er schien auf seine Unversch�mtheit fast stolz zu sein. Er schmi� die Melonen auf seine Waage, und lange bevor sich die Anzeigenadel beruhigen konnte, schrie er schon den frisch errechneten Preis laut �ber den Platz. Vielleicht irrte er sich manchmal auch leicht nach unten, das war aber eher zu bezweifeln. Wie eine Intelligenzbestie im Kopfrechnen sah er nicht aus. Er quatschte zwischendurch fr�hlich mit den Kunden � und wie geschossen schrie er mitten in seinem Gerede schon die n�chsten Phantasiezahlen. Er wurde immer lauter, seine Stimme donnerte �ber den halben Altst�dter Ring. Widerspruch war bei dieser Bombenstimmung absolut nicht m�glich. Alles mu�te sowieso ganz schnell gehen, die Schlange war lang und breit. Alles lief friedlich und freundlich ab � bis zu dem Zeitpunkt, als sich eine Frau traute, die Richtigkeit des ihr genannten Preises h�flich in Frage zu stellen. Der Preis komme ihr seltsam vor, und es h�tte eventuell sein k�nnen, da� es sich um einen kleinen Irrtum handelte. Der Mann blieb kurz sprachlos, starrte die Frau an. Sie wiederholte ihre Bitte, den Preis ihrer zwei Melonen neu zu berechnen. Sie wolle nur genau wissen, wie dieser zustande gekommen war.</p><p>Der Mann erholte sich und lachte endlich laut auf. Er schmi� die eine der beiden von der Frau ausgew�hlten Melonen noch einmal auf die Waage, dann die zweite � und pr�sentierte den neuen Preis. Der Gesamtpreis war jetzt tats�chlich um einige Heller niedriger � ein fairer Kompromi�, h�tte man meinen k�nnen. Um jegliche kopfrechnerische Kontrollen irgendwelcher Schlaumeier zu st�ren, multiplizierte und addierte er noch einmal alles laut nach, er tat dies in hohem Tempo und voller Erregung. Immerhin �ffnete er seine betriebsinterne Buchhaltung f�r alle, jeder konnte��berpr�fen�, wie er auf die neue Zahl gekommen war � auch die arme Frau. Sie gab sich trotzdem nicht zufrieden und weigerte sich zu zahlen. Ihr Pech war, da� die Ungeduld in der Schlange wuchs und sie von dort keine Unterst�tzung erwarten konnte.</p><p>��H�ren Sie gut zu, junge Frau, ich habe den Preis korrigiert! Haben Sie das kapiert? Sie halten alle auf!</p><p>��Es kann nicht stimmen, tut mir leid. Wenn ich es �berschlage � f�nf mal drei und� und so weiter, komme ich h�chstens auf f�nfzehn. Ich konnte Ihnen bei dem Tempo nicht folgen.</p><p>Der Verk�ufer schmi� vor Wut beide Melonen auf einmal in die Schale und bespuckte die Gewichte auf der gegen�berliegenden Plattform seiner angerosteten Zungenwaage � von seiner guten Laune war nun nichts mehr zu sp�ren. Er multiplizierte den Kilopreis in doppelter Lautst�rke und in zwei getrennten Rechenstufen neu, und siehe da � er h�tte sich vorhin beinah selbst betrogen. Er hatte beide Male viel zu wenig berechnet!</p><p>��Danke, danke f�r die Nachhilfe, junge Frau, es war viel zu wenig! schrie er triumphierend. Ich habe mich zweimal zu Ihren Gunsten vertan!</p><p>Die Masse war durch die Dramaturgie der Szene so beeindruckt, da� die neue Multiplikation ohne Widerrede als korrekt hingenommen wurde. Niemand konnte sich zu diesem Zeitpunkt trauen, dem Marktmathematiker Paroli zu bieten. In meinem Kopf war es sowieso schon schwarz vor Wut, ich h�tte keine Zahl festhalten, geschweige denn mit ihr operieren k�nnen. F�r die Frau war der neue Preis ein schwerer Schlag. Sie war schockiert und begann, laut zuweinen � dabei hatte sie sicher auch ihre um die Melonen so gut wie betrogenen Kinder vor Augen. Und der Verk�ufer schlug nach, wurde immer h�hnischer, rechnete der Frau noch einmal und noch einmal vor, wie sie ihm Unrecht angetan und ihn beinah arm gemacht h�tte. Alle sahen dieser Demontage zu, ich, der Frauenbewunderer und zuk�nftige Besch�tzer auch. Ich war nicht nur vollkommen sprachlos, sondern auch viel zu jung, um gegen den Mann antreten zu k�nnen. Damit hatte ich diese �ffentliche Hinrichtung � eine Art mittelalterlicher Entehrung � leider zugelassen, zugelassen wie alle anderen. Erst im Nachhinein malte ich mir immer wieder aus, was ich h�tte tun, wie ich der Frau h�tte helfen k�nnen. Ich h�tte vortreten m�ssen, mir das ermittelte Gewicht aufschreiben sollen � und dann den Preis in aller Ruhe auf einem Zettel ausrechnen k�nnen. In dieser Zeit h�tte der Schwindelverkauf weitergehen k�nnen.</p><p>Das Drama ging dann noch weiter. Der von jeglicher Schuld entlastete Verk�ufer begann, die Frau zu beschimpfen und sich als Anwalt der wartenden Masse aufzuspielen. Er h�hnte �ber den mathematischen Unverstand der Bel�stigerin � und er konnte mit seinen Tiraden auch bei dem inzwischen wieder angelaufenen Verkauf seiner Melonenberge nicht aufh�ren. Die Frau tat zum Gl�ck das einzig richtige � sie fiel in Ohnmacht und knackte hart auf die Pflasterung der Hinrichtungsst�tte. Einige umstehende Passanten � nicht ihre Gegner aus der Schlange, die ihre Warteposition h�tten verlieren k�nnen � trugen sie zu einer Bank und legten sie hin. - Wir brauchen einen Arzt!</p><p>Wie ich sp�ter erfuhr, hatten pfiffige Gem�seh�ndler an ihre Waagschalen oft Schlaufen aus d�nnem Draht angebracht. Eine solche Schlaufe hing unterhalb der Tischplatte, war gut getarnt und konnte bei Bedarf mit der Fu�spitze belastet werden.</p><empty-line/><p>r�cklings schob er sich wie eine dampfgetriebene W�hlmaus die g�nge lang</p><p>Hoffentlich hat niemand kritiklos angenommen, mich � den naiv tr�umenden Georg � h�tte tats�chlich eine schattenlose Zukunft, so etwas wie ein Kontinuum an Gl�ck erwartet. Falls ich Anl�sse zu derartigen Visionen geliefert haben sollte, tut es mir leid. Da mir b�swillige Mitmenschen schon mal T�uschung aus niederen Motiven unterstellt haben, lasse ich mir in diesem Zusammenhang ruhig vorwerfen, ich h�tte mich der etwas harmloseren Verkl�rung schuldig gemacht. Relativ unschuldig darf ich mich tats�chlich f�hlen. Ich habe nie an konkreten Zukunftspl�nen gebastelt und habe �ber sie daher auch nie berichten k�nnen � nicht in diesem Text, genausowenig m�ndlich. �ber sie zu phantasieren h�tte sowieso kaum Sinn gehabt, da meinem fr�h verfestigten Gef�hl nach alles l�ngst feststand � inklusive der ferneren Zukunft. Auch diese befand sich von Anbeginn an im lieferfertigen Zustand, war auf mich positiv eingestimmt � ma�geschneidert wie sie war � , und sie war nat�rlich einigerma�en hell, wie sie auch f�r jeden anderen Menschen auf der Welt zu sein h�tte. Meine Zukunft war auf alle F�lle dazu da, sich eines Tages von sich aus zu entfalten, war immer schon dabei, auf mich in aller Ruhe zuzugehen.</p><p>In der Zeit, als das ganze Konglomerat meiner qualreichen Eigenarten in mir noch tiefer verborgen lag, sah ich im Gesicht wie weichgesp�lt aus. Dank der wenigen von mir existierenden Fotografien kann ich jetzt mit Sicherheit sagen: Meine Frisuren waren nichts anderes als eine konsequente Serie von d�mlichen Karikaturen. Meine m�glichst grauen Anziehsachen waren mir meist nicht grau genug.unsichtbar war ich aber nicht. Ich hie� damals genauso wie heute, lange Jahre wollte ich aber unbedingt anders hei�en. Auf keinen Fall Georg.</p><p>Ich hatte zwar immer fest an meine nicht zu bef�rchtende Zukunft geglaubt, ganz logisch war mein Glaube aber keinesfalls. So porenoffen, wie ich aufwuchs, h�tte ich meine Zukunft niemals mit Freude erwarten d�rfen. Zum Gl�ck hatte sich mein seelischer Selbsterhaltungstrieb um keinerlei Logik geschert. Es reichte, mich leicht zu sch�tteln, Fu�ball zu spielen oder morgens anders aufzuwachen � und ich hatte alle Zweifel vergessen, war wieder munter und �beraus fr�hlich. Wenn meine d�ster dr�ckenden Zust�nde trotzdem nicht restlos verschwunden waren, versuchte ich schnellstens, sie wenigstens von meinem �u�eren zu entfernen, sie wie die altgriechischen Schlammk�mpfer mit ihren Schabeisen schichtweise abzukratzen. Als ich sp�ter � endlich und ehrlich � begann, mir wie ein unreines Wesen aus einer anderen Welt vorzukommen, half diese Oberfl�chenbehandlung leider nicht mehr. Meine Seele war mir immer wieder� die Qualit�t dieses Gef�hls war punktuell erschreckend� meine Seele wurde mir eklig auf eine so eigenartige Weise, da� es mir nie gelang, auch nicht in der Zeit der Kulmination und der Zeit meiner ersten intensiven Schreibversuche, f�r diesen Ekel ein stimmiges Bild zu finden. Dann kamen noch meine unsch�nen Pickel hinzu. Ich bezeichnete mich manchmal gern als eine Eiterproduktionsanlage. Und mir ist jetzt schon klar, da� ich � um dieses Kapitel nicht zu �berfrachten � noch einmal werde versuchen m�ssen, mir meine inneren Qualspiele anzusehen und die folgende Abhandlung aufzustocken.</p><p>Das gr��te Verbrechen in unserer Familie war das L�gen. Und obwohl ich nach den bei uns geltenden Anstandsregeln nie log, hatte ich immer das Gef�hl, trotzdem in der N�he von Tods�nden zu leben, so auch in der unmittelbaren N�he des L�gens. Ich mu�te notgedrungen l�gen oder beinahl�gen, weil ich eben nicht in der Lage war, das, was sich pl�tzlich doch bewu�t in mir regte, nach au�en zu kehren. Und ich durfte es auch auf keinen Fall tun, nicht einmal eine unfr�hliche Andeutung davon sollte nach au�en dringen. Ich schaffte es als Kind � unz�hlige Jahre, einfach so lange, bis die Dinge nicht mehr aktuell waren und bis aus ihnen Scherze geworden waren � , auch enorm wichtige W�nsche und enorm wichtige Forderungen zu unterdr�cken; falls ich �berhaupt wu�te, was ich mir h�tte w�nschen oder was genau ich h�tte fordern sollen.</p><p>Erst nachdem ich meine saftige Schambegabung entdeckt hatte, wurde mein Innenleben etwas greifbarer. Meine Scham dar�ber, wer ich eventuell war, brachte die geistige Wende. Was mit meiner Scham belegt war, begann ich mir konsequent zu merken und versuchte, es nicht nur roh zu speichern, sondern es auch ansatzweise zu deuten. Sch�men konnte ich mich immer besser, zum Gl�ck wieder vollprofessionell und unauff�llig.</p><p>Mein Leben wurde f�r mich irgendwann zur H�lle, und ich wu�te genau, wo sich in Prag der Einstiegsbereich zur H�lle befand. Wenn man das Tor der ber�chtigten psychiatrischen Klinik von Prag-Bohnice passiert hatte, konnte man sich nicht mehr verlaufen. Der Eingang zur H�lle befand sich irgendwo im Haus drei oder vier. Nachdem ich in der Grundschule �berraschend einmal eine F�nf im Diktat � also ungen�gend � bekommen hatte, sagte zu mir ein Mitsch�ler, der sp�ter Spitzenkoch in einem Hotel auf dem Wenzelsplatz wurde:</p><p>��Wenn es mit dir so weitergeht, Georg�</p><p>Weil ich mit meiner Mutter manchmal Bekannte besuchen mu�te, die in der Irrenanstalt von Bohnice festsa�en, wu�te ich tats�chlich, wohin man sich als eine gescheiterte Existenz zu wenden und wohin man unter Umst�nden zu verschwinden hatte. Beruhigend war dabei, da� der dortige Chefarzt zum Bekanntenkreis meiner Mutter geh�rte.Meine Talfahrt setzte nicht gleich nach dem mi�gl�ckten Diktat ein, viele Jahre sp�ter kam sie aber tats�chlich und vollkommen folgerichtig in Gang. Diese Talfahrt hatte viele Phasen, hinterlie� einige gruselige Sedimentschichten � und ich konnte, wenn ich wollte, jederzeit auf sie zur�ckblicken. Die Entdeckung meiner tiefsitzenden Unsicherheit fiel ausgerechnet in die gl�ckliche Bl�tezeit meiner Clique. Meine Verzweiflung dar�ber meldete sich erst vorsichtig an, ich begann aber allm�hlich zu ahnen, da� sie nicht dabei war, gleich wieder abzutauchen oder zu schrumpfen, sondern vielmehr ins Kraut zu schie�en. Mein unsicherer Seelendreck machte sich in mir besonders dann breit, wenn ich meine so souver�ne und mich sch�tzende Bande nicht um mich hatte, wenn ich also auf den Stra�en und Pl�tzen meiner sch�nen Stadt auf mich allein gestellt war. Zum Ausl�sen einer Verzweiflungsattacke reichte dann irgendeine komplizierte Begegnung oder Begebenheit. Warum mu�te ausgerechnet ich miterleben, wie eine Frau wegen zwei Melonen auf die Pflastersteine umgehauen wurde? Warum mu�te ausgerechnet ich dazu begabt sein, Menschen, die ich traf, so aufzuweichen und aus ihnen IHRE hartn�ckigsten Unsicherheiten so gnadenlos herauszukitzeln, da� sie sich m�glicherweise silagieren lassen wollten? Dabei hatte ich sie oft kurz zuvor noch beobachtet, wie sie mit anderen gescherzt und gelacht hatten � in meinem Beisein stotterten sie dann pl�tzlich, wurden rot, kippten ihre Augen pausenlos nach unten, verstummten schlie�lich wie abgew�rgte Pulsadern und �berlie�en es mir, mich f�r ihr Ungl�ck schuldig zu f�hlen. Schon w�hrend der gemeinsamen Qu�lerei ha�te und verfluchte ich mich, lie� braune Kr�ten aus den verr�cktesten Verstecken wie Helikopter aufsteigen, scho� gnadenlos Kanonenkugeln auf unschuldige Dritte ab und federte den R�cksto� mit meinem flachen Brustkorb ab. Offenbar forderte ich von mir und von meinen Begegnungspartnern eine Art von Ehrlichkeit, die einige verschorfte.normalerweise ausreichend gesch�tzte Grundwunden zum Platzen brachte. Nebenbei sp�rte ich die ganze Zeit, wie sich in meinem Schlund z�her Schleim sammelte � so da� in mir schlie�lich auch eine fette Kr�te festsa�. Eine Kr�te, die sich dringend auf eine Flugbahn � eine eher ballistische � begeben wollte, um sich ihren feuchtbodenst�mmigen Verwandten anschlie�en und sich mit ihnen paaren zu k�nnen. Wenn ich wieder allein war, beneidete ich beispielsweise ebenm��ige Grasfl�chen um ihre nat�rliche Stille � was noch die friedlichste aller m�glichen Abschl�sse, die idealste aller zu phantasierenden Auslaufzonen war.</p><p>Anfangs � sagen wir in meiner Bettn�sserzeit � vermehrten sich die in mich zu Hause eingepflanzten� wie h�tte ich sie damals nennen sollen? ich hatte nicht einmal die primitivste Fachterminologie zur Verf�gung� vermehrten sich die in mir lauernden Vorh�llenw�rmer nur langsam, nach und nach verb�ndeten sie sich aber miteinander und verkrallten sich in meinem aufnahmebereiten Fleischsein, verhakten sich in allen meinen Muskelfasern, Gef��- und Darmtraktwindungen so gut, da� sich in mir eine regelrechte seelische Kloakenwirtschaft � an solchen frei kreierbaren Termini mangelte es mir nie � herausbilden konnte. Eine Affinit�t zum Ungl�ck besa�en bei uns zu Hause sowieso alle � allerdings auch F�higkeiten, mit dem eigenen Ungl�ck einigerma�en zivilisiert umzugehen. Positiv daran war, da� ich von klein auf nicht nur die unterschiedlichen Arten der Verzweiflung, des Umgangs mit der Verzweiflung vor Augen hatte, ich konnte nebenbei auch die seltsamsten Varianten des Ungl�cklichseins miteinander vergleichen. Wenn auch viele der Strategien meiner N�chsten etwas sonderbar waren, man brachte sich bei uns wenigstens nicht um. Man machte weiter, besch�ftigte sich Tag f�r Tag mit egal wie l�cherlichem Kleinkram, stolperte eben von Hindernis zu Hindernis, bis es einem wieder besserging. Die Tanten sprachen �ber ernste Angelegenheiten meistens deutsch miteinander und verwendeten dabei �berdurchschnittlich oft das Wort� Verzweiflung�. Ich war allerdings nicht gezwungen, ihre Verzweiflung besonders ernst zu nehmen. Einerseits sollte ich ihre auf Deutsch gef�hrten Gespr�che nicht unbedingt verstehen, andererseits hatte ich mir das Wort� Verzweiflung �falsch �bersetzt. Ich wunderte mich nur, wieso die Frauen andauernd (typisch!) so viele ZWEIFEL hatten, warum sie also dauernd an allem knabberten und zweifelten.</p><p>Ich hatte tats�chlich keine Chance, ein ausgeglichenes Leben in einer wenigstens tendenziell zur Harmonie neigenden Umgebung zu f�hren. Die aus vielen Quellen gef�tterten Verr�cktheiten meiner Tanten h�tten auch viel kernigere M�nner hochkomplexe Neurosen entwickeln, dauerhaft gr��lich schiefe Nervenwurzeln schlagen lassen. Meinen Onkel ONKEL � dieses Beispiel ist plastisch genug � hatten sie in eine schwere Internierungsneurose getrieben. H�tte er sich gewehrt! H�tte er es gewagt, und egal wie kulturlos! In dem Fall h�tten f�r mich � als greifbares Anschauungsmaterial � wenigstens einige Brosamen von rudiment�ren Kampftechniken abfallen k�nnen. Kernig war dieser Mann leider nur wenig mehr als ein Weichei. Er hatte oft einen bestimmten Blick, der mich bis heute bei allen m�glichen� Kerlen �rasend macht: Dieser Typ Mann � in der Regel war er fr�her Berufsoffizier unserer Volksarmee� Dieser Typ Mann � der Zivilwildnis nun schutzlos ausgeliefert � t�uscht gern vor, �ber etwas tiefsinnig nachzudenken, wobei ihm aufgrund der leergefegten Anspannung um die Augen anzusehen ist, da� in seinem Gehirn die totale Windstille herrscht. Das ist jetzt aber eine irref�hrende Abschweifung � ich will auf etwas ganz anderes hinaus: die mich belastenden Einfl�sse wurden mit der Zeit nicht weniger, sondern mehr. Die tantenseitigen Verhaltensmacken f�hrten zur Neu-Induktion weiterer Abnormit�ten onkelseits � und diese hatte ich zus�tzlich zu verkraften, wie auch diejenige, die ich au�erh�uslich aufgelesen hatte. Das war mein Alltag, ich kannte nichts anderes, ich kannte es nicht anders. Und wenn sich labilisierte Individuen � ich meine meine Tanten � eine schiefe Normalit�t zusammenbasteln, dann ist es eben ihre Normalit�t. Wenn kaputte Lebensl�ufe kreativ fortgesetzt werden, dann ist es eine legitime Fortsetzung dieser Lebensl�ufe � egal, ob dabei neue gem�tshinkende Geister gez�chtet werden. Damit meine ich mich. Wie gl�cklich alle Trittbrettgeister, die zur famili�ren Vorgeschichte geh�rten, tats�chlich gewesen waren, ist irrelevant. Ich hielt fast alle diesbez�glichen Familienlegenden vorsichtshalber f�r wahr. Daher waren alle m�glichen Familienmitglieder � ob sie nun glaubhaft ins Positive verzerrt waren oder nicht � wenigstens dazu pr�destiniert, f�r immer meine zum Gl�cklichsein einladenden Leitfiguren zu bleiben.</p><p>Alle unsere bei uns herumtorkelnden Erinnerungsverwandten schlichen an mir wie betatschbare Lemuren vorbei. Und sie wirkten oft plastischer als einige meiner wirklich noch atmenden N�chsten � agiler zum Beispiel als meine Kellertante Peprl. Diese vegetierte wie unter Tage des Alltags, lebte im Grunde in einer Art Vestib�l der Unterwelt. Und als ich einmal aus den Ferien nach Hause kam, war sie tats�chlich verschwunden. Als sie noch lebte, f�hrte ich sie einmal in den Park und hatte sie beim Fu�ballspielen vollkommen vergessen. Beim Einbruch der Dunkelheit war sie auf ihrer Bank leider nicht mehr zu sehen gewesen.</p><p>��Peprl ist gar nicht zu Hause.</p><p>��Sie ruht sich bei mir aus. Georg hatte sie im Park vergessen.</p><p>Aber auch einige der �berirdisch siedelnden Frauen � beispielsweise Urtante Bombe � bewegten sich in einer Realit�t, die me�technisch nur schwer zu erfassen gewesen w�re. Ideologisch lebte sie sowieso eher auf einer Insel wie Kuba.verga� in ihrer Sonderzone sogar die Pflicht zur famili�ren Solidarit�t. Als Mutters teure italienische Pumps mit schmalen goldfarbenen Abs�tzen nach zwei Tagen auseinanderbrachen, freute sie sich leise. F�r sie war es nur ein weiterer Beweis f�r die Sinnlosigkeit der kapitalistischen Ausbeutung, ein Beweis f�r den unausweichlichen Untergang dieses Wirtschaftssystems. Manche dieser Atmenden watschelten herum, hatte ich das Gef�hl, wie in einem Versuchslabor mit stark ver�nderter Gravitation. Die Vergangenheit g�rte und blubberte bei uns hinter jeder T�r und jedem Vorhang. Aber wir gestalteten unsere Sorgen um die Gegenwart und Vergangenheit trotzdem so lebendig wie nur m�glich. Da� bei diesem ewigen Wiederk�uen des Vergangenen trotzdem vieles vollkommen unverdaut blieb, kann man getrost annehmen.</p><p>Ich will mich unbedingt davor h�ten, �ber die Zust�nde bei uns zu Hause zu richten und nachtr�glich nur klugzuschei�en. Ich war ein Teil des Ganzen, ich lie� mich zum familienbraven Wiederk�uer und Wiederbeleber bereitwillig aufziehen. Das bei uns aus Preu�endeutschland � sicherlich via Wien, also dank des �sterreichischen Rundfunks � angekommene Wort� Vergangenheitsbew�ltigung �verstand ich lange nicht. Noch lange Zeit nach dessen Auftauchen empfand ich dieses BEWALT- &amp; (VER)WALTUNGS-Wort als einen Griff in ein noch leicht dampfendes H�ufchen. Die Tanten hatten �ber dieses Wort gelacht, als sie es zum ersten Mal geh�rt hatten. Wenn gute Devisen aus Deutschland im Anmarsch waren, lachten wir sp�ter �ber das Wort Wiedergutmachung. Wir freuten uns �ber dieses Geld aber trotzdem au�erordentlich � und gaben es so schnell wie m�glich aus.</p><p>��Wieso keine Rollschuhe?</p><p>��Die sind zu teuer. Vielleicht das n�chste Mal.</p><p>Das n�chste Mal gab es dann aber nicht. Zu den vermeintlichen, am Anfang des Kapitels angesprochenen Irref�hrungstendenzen hinsichtlich meiner Zukunft mu� ich noch eines anf�hren: Hinter dem Glauben an meine gl�ckliche Zukunft stand und steht kein nachtr�glich beschlossener Besch�nigungswille. Ich h�tte nicht behaupten k�nnen, ich h�tte inmitten von Frohsinn gelebt, wenn es nicht auch wahr gewesen w�re. Ich wuchs tats�chlich inmitten von Fr�hlichkeit auf, und diese gab es bei uns dauernd zu h�ren, zu tasten und zu riechen. Beim Essen auch zu schmecken. Fest steht allerdings, da� ich in unserem nahrhaften Haushumus viel zu lange steckenblieb. Bei uns geh�rten Enge und N�he zur vertraglich zugesicherten Pflicht, der Umgang miteinander hatte etwas von einer Dauerumarmung. Dieses Aneinanderkleben und Klebenbleibenm�ssen st�rte uns Kinder, egal, mit wie vielen Rezeptoren wir �bers�t waren, keineswegs, wir stellten nichts dergleichen in Frage, gingen keiner Tante aus dem Weg. Aus diesem Grund war ich am Puls aller anderen wirklich nah dran; egal, ob die dazugeh�rige Gef�hlsf�rbung transparent war, benannt worden war oder nicht � und ob l�chelnd vorgebracht oder nur ged�mpft froh. L�chelnd oder sogar strahlend wurde bei uns selbstverst�ndlich auch �ber die Umgebrachten gesprochen. Au�erdem war es �berhaupt nicht wichtig, ob die einzelnen Ungl�cke f�nfzig, drei�ig oder erst zwei Jahre zur�cklagen. Die dazugeh�rigen historischen Daten, Gesellschaftsordnungen, Kriegs- und Friedenszeiten wurden dauernd durcheinandergebracht, in unseren Kinderk�pfen konnte auch l�ngst vergammelte Geschichtssubstanz frisch wie ein knuspriger, mit Knoblauch und Majoran abgeschmeckter Kartoffelpuffer erscheinen.</p><p>Gro�mutter Lizzy � meine Bettnachbarin � verlor im Jahre 1961 auf dem Weg von der W�scherei einen Kissenbezug und weinte anschlie�end auch �ber ganz bestimmte k�rperliche Schmerzen aus dem Jahr 1916, die der �sterreichische Soldat Schornstein, ihr Ehemann, bei seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg ertragen mu�te. Nachdem das W�schest�ck von einer Nachbarin auf einem Zaun entdeckt, an den Initialen erkannt und uns gebracht worden war, klaffte bei uns die Wunde am Unterkiefer meines Gro�vaters trotzdem noch weiter. So war es aber in Ordnung, die Intensit�t meiner N�chsten entsprach mir voll und ganz. Wenn dieselbe Gro�mutter Lizzy wegen eines f�rchterlich dummen Zufalls oder fatalen Fehlers, der ihr am 1.11.1942 passiert war, immer noch litt, litt ich eben strahlend mit. Sie hatte damals auf die Reise nach Theresienstadt ihren Wecker mitgenommen, was � warum auch immer � streng verboten war. Und sie konnte es sich bis zu ihrem Tod nicht erkl�ren, wieso der Wecker an diesem ersten November und ausgerechnet bei der Gep�ckkontrolle zu l�uten begann. Der erste November war � ein Zufall oder nicht � der Todestag ihres Mannes.</p><p>Die spezifische Art der Vergangenheitsbew�ltigung, die bei uns praktiziert wurde, nahm nie ein Ende. Tante Klara und Tante Gy�rgyi waren in der Grundschule in denselben ungarisch-j�dischen Jungen verliebt. Dieser floh mit seinen Eltern aus der Slowakei schon 1938 nach Pal�stina und war seit einer Ewigkeit verheiratet � weigerte sich aber hartn�ckig zu verraten, welche von den beiden M�dchen er damals sch�ner gefunden hatte. Eigentlich wurde von ihm seit Jahrzehnten erwartet, endlich von seinen damaligen LIEBESGEF�HLEN zu sprechen. Klara und Gy�rgyi h�tten �ber ihr Liebesdrama gern einen Roman geschrieben. Ich meine zwei � jede einen anderen.</p><p>In meiner Familie wurde mir infolge des allgemeinen Gef�hlschaos � wie man sich denken kann � viel zum Staunen geboten. Und auch wenn ich manchmal nur wie ein stummer Statist danebenstehen und in meiner Verwirrung nicht nachdenken konnte, �bte ich mich wenigstens im Studium von Details, speicherte nebenbei Ger�che von besonders exotischen Besuchern, imitierte zur Probe Zuckungen einer unter Stalin inhaftierten � also nach dem Krieg WIEDERinhaftierten � Dame, wunderte mich �ber die h��lichen Gesichtsz�ge meiner auf der Treppe heimlich weinenden Mutter. Wenn Herr Goldst�cker kam, war seine Zeit als Parteih�ftling kein Thema mehr, es gab viel wichtigere und vor allem aktuellere Dinge zu besprechen. Nicht nur ich � auch Eduard Goldst�cker und meine Mutter blickten viel lieber nach vorn. Worauf ich hinauswill: Man g�nnte mir keine freie Minute, in der ich mich h�tte langweilen k�nnen. Leider war ich damit nicht zufriedengef�ttert, wurde vielmehr in jeder Beziehung ma�los. Wenn auch der Trupp aller unserer Haushysterikerinnen harmlose Aufregungen zu Gro�ereignissen aufbauschen konnte, war es mir einfach nie genug. Ich wei� noch, wie ich Kinder aus kaputten Familien voller Geschrei beneidete, weil sie aus so bodenlosen und scheinbar noch viel interessanteren Verh�ltnissen kamen. Seelendreck, Verdorbenheit und Ha�tiraden beispielsweise � so etwas kannte ich noch nicht gut genug, und ich h�tte es gern auch zu Hause geboten bekommen.</p><p>In den offen destruktiven Familien g�be es nicht nur andere und viel absto�endere Dinge � handgreifliche Attacken beispielsweise � zu erleben, solche Familien h�tten noch ganz andere Vorteile gehabt: Man h�tte derartigen Ansammlungen von Idioten, Gewaltt�tern und Drecksgnomen zur gegebenen Zeit viel einfacher den R�cken kehren und diese Leute ihrem Schicksal �berlassen k�nnen. Man h�tte auf einen Schlag den Schlu�strich ziehen k�nnen. Das kam bei uns dagegen nicht in Frage, so etwas durfte man nicht tun. Dazu waren die Mitglieder meiner Familie zu reizend und die bei uns vorhandenen koh�siven Kr�fte viel zu stark. Die meisten waren an ihrem Ungl�ck ganz und gar unschuldig, waren �u�erst verletzbar und gaben ihre Schutzlosigkeit offen zu. Mein Onkel, der in seiner Schutzzone au�erhalb � so gut wie au�erhalb � jeden Mitgef�hls vegetierte, konnte an meinen diesbez�glichen Hemmungen nichts weiter �ndern.Im Nachhinein kommt mir unsere Schutzgemeinschaft wie ein gro�er Kindergarten vor. Diese sp�te Sicht auf das damalige Durcheinander verdanke ich, ehrlich gesagt, meiner Frau. Die meisten Erkenntnisse �ber meine Familie wurzeln in den frechen Spr�chen, die aus dem schamlosen Mund dieses hinzugekommenen und so anders gearteten fraulichen Wesens kamen. Meine Frau schaffte es sogar, die bei uns l�ngst gef�llten und hundertmal best�tigten Urteile �ber den Onkel ONKEL umzusto�en: ER HATTE BEI DIESER FRAUEN�BERMACHT DOCH KEINE ANDERE WAHL, ALS SICH EINZUMAUERN. Sie scheute sich von Anfang an nicht, im Sinne der Seelenhygiene besch�mende Wahrheiten auszusprechen, und meinte beispielsweise eines Tages eben: IHR SEID HIER ALLE NOCH WIE KINDER, GEORG! Nun bin ich aber so geknetet worden, wie ich geknetet worden bin. Und daran, da� ich etwas kindlich geblieben bin, konnte meine klarsichtige Frau auch durch jahrelanges Hinterfragen nicht viel �ndern. Ebensowenig konnten es unsere vollkontaktreichen Beziehungsk�mpfe.</p><p>Bei uns zu Hause herrschte Wildwuchs, Sonderlichkeit geh�rte zur Norm, und alle Macken, auch Breitbandmacken, waren erlaubt, wenn auch nicht fl�chendeckend beliebt. Unsere Entwicklung und unser Weiterkommen �berwachte kein Oberhaupt, kein gerechter und weiser Herrscher. Uns allen w�re aber auch mit dem besten Coach von au�en nicht zu helfen gewesen, denke ich. Wir waren so etwas wie ein generationsloser Sonderbrei. So gesehen war es sicher kein Zufall, da� ich auch im sonstigen Leben besonders solche Originale sch�tzte, die aus der Art fielen, mit psychischen Auff�lligkeiten Punkte machten, von anderen Parallelgenossen auf Anhieb zu Ekelpaketen abgestempelt wurden. Ich pers�nlich sch�tzte meine Tanten als schwer erziehbar ein. Im Gegenzug empfanden die Tanten mich als durchaus vollkommen.Zu den Begeisterungsprofis z�hlte nat�rlich auch meine Mutter. Sie schw�rmte f�r dieses und jenes, immer wieder mit der unverf�lschten und wie neugeboren-neuerwachten Frische einer Heranwachsenden. Wenn ich an meine Mutter denke, sehe ich sie, wie sie auf jedem Schritt mit initiierenden Erlebnissen konfrontiert wird � und nicht aufh�ren kann zu staunen. Dahinter stand vielleicht die grenzenlose Dankbarkeit daf�r, da� sie tagt�glich den gew�hnlichen Nachkriegsalltag �berhaupt genie�en durfte. Meine Mutter kam immer wieder mit leuchtenden Augen nach Hause und erz�hlte irgendwelche Ungeheuerlichkeiten, Sensationen oder Anekdoten. Sie fand es konsequent, da� einer ihrer Kollegen seinen bei einer Redaktionssitzung kritisierten Artikel einfach aufgegessen hatte. Einmal konnte sie sich kaum beruhigen, als sie erfuhr, da� ein Junge, den sie gekannt hatte und der irgendwann vor dem Krieg seinen eigenen Urin getrunken hatte, nach dem Einmarsch der Deutschen tats�chlich Nazi geworden war. Fast jedes Jahr brachte meine Mutter die ersten Fr�hlingsknospen irgendwelcher B�sche mit nach Hause und betete sie wie Vorboten eines gro�en Weltwunders an. Und wir waren beide fr�hlingsgl�cklich, wenn wir den � angeblich auch Steine ansteckenden � Aufbruch der Natur nicht verschlafen hatten.</p><p>��Wo halten die Pflanzen ihre Uhr versteckt? fragte mich meine Mutter, weil ich in der Schule Naturkunde hatte.</p><p>��Und wie sieht die Zeit aus? fragte ich zur�ck und zitierte damit einen damals popul�ren Chanson.</p><p>Vielleicht war meine Mutter nicht dauernd au�er sich, sie war es aber oft. Unbedingt im Zusammenhang mit gro�en wissenschaftlichen Entdeckungen oder bei Ungl�cken. Als eine amerikanische Wasserstoffbombe bei einem oberirdischen Test alle Berechnungen �bertraf und dreiundzwanzig nichtsahnende japanische Fischer mit Flockengest�ber �berraschte und verstrahlte, verlie� sie das erste Mal ungek�mmt die Wohnung. Aber diese Erinnerung kann so nicht stimmen, zu diesem Zeitpunkt war ich erst drei Jahre alt. Als der angebliche virale Ursprung aller Krebserkrankungen gefunden worden war (Dr. Helene Toolan und ihrem Hamster-Test sei gedankt � ENDLICH!), gl�hte meine Mutter wie eine Alarmleuchte, lief durch alle Zimmer und scheuchte die ganze Tantenschar auf. Sie erz�hlte uns mit dem aktuellen� Spiegel �in der Hand, da� dar�ber hinaus eine revolution�re Behandlungsmethode gefunden worden sei (die von Dr. Issels), und meinte voller Erleichterung, da� 4711-Toni, eine Gro�gro�achteltante, die ausnahmsweise nicht bei uns wohnte und deren Vater vor dem Krieg in Ostrau Vertreter der K�lner Firma gewesen war, hoffentlich nicht w�rde sterben m�ssen. Oder sie schilderte mir Chruschtschows Trommelfeuer vor der UNO und spielte mir sein legend�res Auf-den-Tisch-Hauen mit einem Schuh nach. Sie schlug mit einem Pantoffel auf den Tisch und freute sich �ber meine aufgerissenen Augen. F�r mich sah es so aus, als ob sie in New York pers�nlich dabei gewesen w�re.</p><p>Ich war lange Jahre Mutters Lehrling, Mutters Anzutschkind, und ich lernte es gr�ndlich, mich genauso wie sie �ber jeden Unsinn, Reinfall, jede Neuigkeit oder jeden Quantensprung der Technik zu freuen, mich von allen ankommenden Wellen �bersch�umen zu lassen. Es war sch�n, gemeinsam mit ihr in die H�nde zu klatschen, es war heilsam, neben meiner Mutter zu lachen und mich von den s��en Seiten des Lebens unterhalten zu lassen. Vulkanausbr�che liebten wir genauso wie etwas erfrischendere Naturereignisse. Die Vulkane als solche vor allem wegen ihrer exotischen Namen: Krakatau, Kilauea, Popocatepetl. Sie geh�rten zu den Eckpunkten von Mutters partiellem geographischen Wissen, sie leuchteten auf meinem inneren Globus wie die gl�henden Enden ihrer Zigaretten, die ich zu sehen bekam, wenn sie mir im Dunkeln etwas zum Einschlafen erz�hlteund dabei rauchte. Gern malte sie mit ihrer Zigarette au�erdem spiegelverkehrte Leuchtspur-Buchstaben in die Luft, die ich zu W�rtern zusammensetzen sollte. Aber nicht nur Vulkane, auch alle gew�hnlichen Orte, an welchen wir uns mal tats�chlich aufgehalten hatten, strahlten dank Mutters Energie wie Supernovae, sie strahlen f�r mich bis heute. Deshalb wei� ich immer noch topographisch genau, wo mir manche Neuigkeiten oder Geschichten erz�hlt wurden. Unsere Wohnung, viele Ferien- oder Ausflugsorte, die Routen in die Innenstadt, unsere Allee zum Hradschin oder die Wege in die Parks von Prag 6 � alles ist gepflastert mit kleinen Leuchtpunkten. An diesen Markierungen wurden sp�ter aber auch meine Begleitzweifel belebt. Und die gro�e, bereits angesprochene Quizfrage lautete: W�re es bei einem solchen Grad an erregibler Dauerversorgung nicht besser gewesen, mich eher auf eine angesengt-kakophonische statt auf eine harmonische Zukunft gefa�t zu machen?</p><p>Meine induzierte Aufgeregtheit steigerte sich oft stark ungesund, warf mich gern aus der Spur. Diese Entgleisungen, also meine privat-internen Ausnahmezust�nde, wollte ich aus gutem Grund mit niemandem teilen � instinktiv auch nicht mit meiner Mutter. Wie sie sich sozial einordnen lie�en, konnte ich allein nie ganz kl�ren und nahm erst einmal an, solche Zust�nde w�ren pathologisch � und au�erdem �u�erst selten. Ich betrachtete diese warmen Schlammlawinen als sublime Heimsuchungen, die zu verk�nden sich sowieso nicht geh�rt h�tte. Zwischenzeitlich f�rchtete ich sogar, auf eine abartige Seelenmutation hinzusteuern. Tats�chlich zeigte kein Mensch �u�ere Anzeichen daf�r, ein mir �hnlicher Sonderling werden zu wollen. Niemand sonst erstarrte auf der Stra�e wie ich, um sein inneres �berkochen zu �berstehen. Mit einer beseelten Trauerweide im Park kommunizierte ich sowieso schon seit langem als einziger, hatte ich das Gef�hl. Die Weide stand unten im Park, ich ging an ihr jeden Tag mehrmals vorbei und konnte sie au�erdem � eifers�chtig wie ich war � aus meinem Fenster beobachten. Zu unserer ersten physisch intensiven Begegnung kam es sp�tabends, es war bereits dunkel, und ich war unerlaubterweise aus der Wohnung entwischt, um den Arbeitern zuzusehen, die w�hrend dieser � einer einzigen � Nacht Stra�enbahngleise und Weichen einer nahe gelegenen Kreuzung vollst�ndig auswechseln mu�ten. Die Weide interessierte mich an diesem Abend eigentlich nicht. Trotzdem schaffte ich es nicht, an ihr einfach vorbeizurennen. Sie hauchte mich so feuchtwarm und luftbewegt an, da� ich stehenbleiben mu�te. Sie erinnerte mich an einen g�hnenden Tiger im Zoo, dem ich einmal zu nah gekommen war. Zwar fielen dauernd auch einige meiner Freunde durch gewisse Abnormit�ten auf, sie wirkten sich auf sie aber nicht besonders verst�rend aus, hatte ich den Eindruck. Hinter ihren Abnormit�ten mu�ten andere Regungen gestanden haben. Die Verr�cktheiten meiner Schulfreunde traute ich mich in der Regel auch mit keinem Wort zu kommentieren, uns h�tten sowieso die passenden Tauschvokabeln gefehlt. Einer dieser Freunde � er war klein, dick und nicht besonders klug � setzte in der Schule gern auf seine k�rperliche Pr�senz. Besonders dann, fiel mir auf, wenn sich sein Verstand in einer Sackgasse befand. Wenn sich dieser Kumpel pl�tzlich und ohne Anla� auf den Fu�boden in den Dreck warf und dort herumzukriechen begann, waren kein Geist, keine Worte, nichts Artikuliertes mehr gefragt. Er gab dabei h�chstens wildes Wiehern oder Quietschen von sich. Ich sah so etwas Originelles gern, ahnte aber schon damals, da� sich vieles auf der Welt meinem halbgewalkten Verstand w�rde komplett entziehen wollen. Dieser Freund, den ich phasenweise wirklich mochte, kroch auf dem Fu�boden nicht so, wie ich es von Soldaten aus Kriegsfilmen kannte, er scherte sich allerdings wie ein guter Soldat auch nicht um seine Kleidung, schob alle Schnipsel, Sand und Staub wie ein Besen vor sich her. Er warf sich gleich von Anfang anauf seinen fleischigen und f�r solche Kommandoaktionen g�nstig fettgepolsterten R�cken und schob sich im Klassenraum kraftvoll wie eine W�hlmaus unter Wasserdampf die G�nge lang. Erst einmal von vorn nach hinten, dann auch quer zwischen den B�nken � offenbar hatte ihn der Ehrgeiz gepackt, mit dem kompletten Raum auf R�ckenf�hlung zu kommen. Dieser frisch-entfesselte Prager Themroc verstand seine eigene rasende Botschaft sicher genauso wenig wie wir.</p><p>Meine Mutter pflegte und salbte sich jeden Tag gr�ndlich. Und weil sie kein Sparbuch besitzen wollte, gab sie im Grunde ihr ganzes �bersch�ssiges Geld f�r Parf�ms, Schmuck, Kleider und Schuhe aus. Konnte ein mitf�hlender und verst�ndnisvoller Mensch zu so einem reizenden Gesch�pf wie meine Mutter unfreundlich sein oder sie sogar schlecht behandeln? Konnte man so etwas Unschuldig-Wertvolles verlassen und dadurch ins bodenlose Ungl�ck st�rzen? Eigentlich h�tte dies ein Ding der Unm�glichkeit sein m�ssen. Zum Gl�ck gelang mir irgendwann doch der Absprung � sp�t und erst nach mehreren Anl�ufen. Ich versuchte, den Abschied immer wieder blitzartig durchzuziehen, etwas Langgezogenes wie eine kontrollierte Abl�sung h�tte man mir nicht erlaubt. Bevor die r�umliche Trennung noch nicht endg�ltig vollzogen war, f�rchtete ich mich vor einer Schlacht, die in ein Schraubenzieherstechen, Hammer-Sch�delhauen oder Kettens�genkreuzen h�tte �bergehen k�nnen, statt chirurgisch sauber ausgef�hrt zu werden.</p><p>Schlechte Laune verbreitete meine Mutter nur kurz vor ihrer Menstruation; das geschah aber nur alle vier Wochen und dauerte meist relativ kurz. Oft fiel der hormonelle Stimmungsabfall aber schw�cher aus, und ihre Freude am Leben blieb �u�erlich konstant. Daf�r war sie immer wieder mal schwer depressiv. Dummerweise in vollkommen unregelm��igen Abst�nden � und aus� v�llig unerkl�rlichen Gr�nden �sowieso. In diesen Phasen brauchte und wollte sie absolute Ruhe, man mu�te sie einfach nur von allen h�uslichen Pflichten befreien. Meine Mutter wurde in eine Art psychohygienische Quarant�ne geschickt. Auf ihren Wunsch gab es sie sozusagen gar nicht. Wir sollten mit ihr m�glichst nicht sprechen. Ihre �rzte, die bei uns sowieso als Heilige galten, hatten es so angeordnet und uns keine Regelverst��e erlaubt. Man �berlie� meine Mutter also ihren Qualen, ihr Zustand galt als leicht ansteckend. Ihr Stimmungsabfall sollte h�chstens� mit Verst�ndnis begleitet �und� respektiert �werden. Dabei konnten wir gar nicht wissen, was es in Mutters Innerem zu verstehen oder zu respektieren gab. Unsere Zur�ckhaltung schmeckte trotzdem ganz edel.</p><p>Aufgrund dieser zeitweiligen Abschottung blieb meine Mutter von allen �blichen Aufregungen verschont, und das tat ihr offenbar wirklich gut. Nach ihrer R�ckkehr unter uns Gesunde war auf einen Schlag alles wieder in Ordnung, und ich sah wieder VIEL GLANZ IN IHREM AUGE. Unsere Begeisterungsst�rme �ber die Welt konnten wieder ausbrechen und f�r eine Weile andauern. Letzten Endes war meine Mutter eine ausgesprochen starke Frau. Zum Gl�ck! Ich brauchte sie so, wie sie war, ich brauchte ihre Kraft relativ lange. Sie selbst hatte pr�chtige genetische Grundlagen geerbt und hatte mir einiges davon abgegeben. Da� sie die Konzentrationslager �berlebt hatte, lag keinesfalls nur an Zufall und Gl�ck, meinte sie. Meine Mutter hatte � das sind ihre Worte � Vitalreserven eines Pferdes. Leider war sie gleichzeitig ein unangenehmer Gegner und k�mpfte in ihrer Not auch mit ungew�hnlich �blen Mitteln. Wenn es sein mu�te, setzte sie beispielsweise schamlos � ohne mit einer einzigen Arschbacke zu zucken � ihre Durchf�lle ein.</p><p>Im Zusammenhang mit den Eigenarten meiner Mutter versuchte ich dar�ber nachzudenken, woher der Drang nachpositiven Erregungszust�nden bei uns �berhaupt herr�hrte. Religi�s waren wir alle nicht, religi�s waren auch alle Schornsteinbr�der und die anderen ihrer Generation nicht gewesen. Trotzdem empfand ich unseren Willen zur Entz�ckung als religi�s, jedenfalls als eine an die Religion angelehnte Vorgabe f�rs Leben, als eine Pflicht, sich auf der Welt um jeden Preis wohl zu f�hlen. Irgendwo hier wurzelt vielleicht auch die kulturelle �chtung jeglicher Jammerei � im Leben wie in der Kunst. Das Jammern �ber Schicksalsschl�ge, unverschuldetes Pech und �hnliches stufte ich schon immer als unanst�ndig ein, jedenfalls wirkte es auf mich zu jeder Tageszeit l�stig und st�rend � als w�rden sich Niederlagen einfach nicht geh�ren.</p><p>Meine frauheit-zentrierten, aber auch sachwelt-orientierten Aufwallungen von Begeisterung m�ndeten bei mir � egal, wie kurzzeitig und punktuell sie waren � oft unmittelbar in Verliebtheiten. Dabei waren die �berg�nge von diesen diffusen Gef�hlssch�ben zu den konkreteren starken Liebesgef�hlen mehr als flie�end. Ich konnte mich w�hrend v�llig unterschiedlicher Phasen meines Lebens � bitte nicht lachen � in vollkommen gew�hnliche Eckh�user verlieben, ich konnte mich in ganze Geb�udekomplexe verlieben, wenn mir dort etwas Begl�ckendes widerfahren war. Ich liebte beispielsweise f�nf Jahre lang ein Krankenhaus, in dem man mir einmal eine so honigs��e Narkose verpa�t hatte � die sch�nste Narkose meines Lebens � , da� ich lange Jahre nach einem Vorwand f�r eine m�gliche Folgeoperation suchte. Nat�rlich war es f�r mich absolut kein Problem, mich in ganze Ansammlungen, in stark durchmischte Zusammenballungen oder sogar Gro�gruppen von Frauen zu verlieben � ohne weiteres in alle auf einmal. Ein Liebesgef�hl entwickelte ich zum Beispiel aber auch, wenn mir auf der Stra�e ein verwahrlostes junges Wesen mit ebenm��igen Gesichtsz�gen � ein weibliches oder m�nnliches � aufgefallen war. Ich verliebte mich nicht unbedingt indiesen konkreten Menschen, zum Vorschein kam eher mein Wunsch, da� derjenige, der f�r seine innere Vollkommenheit inzwischen etwas getan hatte, auch die ihm zustehende Zuneigung und Wertsch�tzung bekommen sollte � von wem auch immer. Diese Gef�hle galten in demselben Moment vielen anderen Lebewesen, die ich aktuell zwar nicht vor Augen hatte und mit meinen guten W�nschen nicht unmittelbar erreichen konnte, die mich aber trotzdem � telepathisch blieben wir sowieso pausenlos verbunden � um eine Art Zuspruch baten.</p><p>��Du siehst so ersch�pft aus, Georg � was war heute los?</p><p>Das seltsame Pflichtgef�hl, die erotisch-�sthetische Ausstrahlung eines jeden Menschen als einen Heiligenschein anzusehen und zu ehren, wurde zweifellos im Sog der Aura unserer Wohnung geformt. Auch die dort siedelnden Frauen verausgabten sich andauernd, speisten alle Bed�rftigen mit einer Kraft, die woanders eher bei der Gartenarbeit verschwendet wurde. Wenn bei uns ein Handwerker zugange war, verlie� er die Wohnung mit dem L�cheln eines Verliebten. F�r mich waren dabei nicht nur diese M�nner mit ihren affenhaft behaarten Armen immer ein Erlebnis, auch das gespr�chsbedingte Aufbl�hen der einen oder anderen Tante zu beobachten bedeutete so etwas wie eine �bung im Menschenm�gen. Ich bewunderte notgedrungen die verschiedensten Lebewesen � die agierenden wie die empfangenden � f�r ihren Lebensmut, und dies unabh�ngig davon, ob ihnen beim Gl�cklichwerden zu helfen war oder nicht. Oft waren sie leider dabei, mangels Weitblick eher auf ihren eigenen Untergang zuzusteuern � lieben wollte ich sie trotzdem. H��liche Menschen liebte ich nicht unbedingt, Leichen auch nicht und Haufen von KZ-Leichen schon gar nicht. Wenn es mir sehr gut ging, gab es f�r mich allerdings �berhaupt keine H��lichkeit auf der Welt, gar keine absto�enden Mi�geburten. Und wenn diese Mi�geburten sogar von innerem Leuchten erf�llt waren�So etwas wie Liebesregungen �berkamen mich auch bei ungew�hnlichen Lichtverh�ltnissen oder beim Anblick �sthetisch anmutender, wenig beachteter Details auf den B�rgersteigen � also vergessener und an Menschen wie mich gerichteter Signalsedimente. Ich agierte lange wie ein Vorschulkind, dessen Augen notgedrungen eher Nahziele auf der Erdoberfl�che anvisieren und in der Bodenn�he pausenlos etwas finden. Das irgendwo am Anfang meines Lebensberichts erw�hnte Erlebnis mit dem Elektrokabel fand ich seinerzeit schon, jedenfalls recht bald, etwas abnorm � ohne da� mir bei dieser Erkenntnis jemand beistehen mu�te. Und es ber�hrt mich bis heute so seltsam peinlich, da� ich jedem nur raten kann, solche Abnormit�ten lieber niemandem anzuvertrauen � geschweige denn sie aufzuschreiben.</p><p>Ich n�herte mich unserem Haus und sah am Zaun in einer Nebenstra�e eine hochgewachsene Frau stehen, sie hatte wundersch�ne lange Haare. Es d�mmerte etwas. Ich wich von meinem Weg ab, machte einen Bogen, um der geheimnisvollen, am Zaun so elegant wartenden Erscheinung n�her zu kommen. Ich war schon fast dabei, zu dieser Frau so etwas wie Liebe zu empfinden, bis ich feststellte, da� es dort gar keine Frau gab. Eben nur das bl�de, am Zaun h�ngende Starkstromkabel. Ein Gl�ck � das m�chte ich an dieser Stelle anf�hren � , ein Gl�ck, da� mein Vater diesen Text nicht mehr wird lesen k�nnen. Ich sehe seinen unbeirrbarironischen Augenausdruck vor mir, der mich jederzeit zum Weichk�se h�tte degradieren k�nnen. Zus�tzlich dachte mein Vater �ber mich dauernd Dinge, die von Grund auf nicht stimmten. Und seine Urteile waren so boden- und bezugslos, da� es sowieso unm�glich gewesen w�re, gegen sie anzugehen. Wenn er um besondere Ernsthaftigkeit bem�ht war, irrte er besonders grotesk.</p><p>��Georg, du wirst ein Mathematiker!</p><p>��Solche Leute brauchen wir! lallte und nickte dazu einer seiner Saufkumpane.WOZU h�ttet ihr meine mathematischen F�higkeiten gebrauchen k�nnen, ihr Trottel? Zum <emphasis>Z�hlen </emphasis>eurer Biere und Schn�pse? Das frage ich meinen Vater und seine sicher auch schon l�ngst toten Freunde bis heute.</p><p>Beim w�rmenden Erwarten meiner Zukunft war es oftmals am kl�gsten, einige meiner fr�heren Gegenwarten � besonders die peinlichen � einfach abzuschreiben. Die bereits erw�hnten sedimentierten Hinterlassenschaften lagen irgendwann wie kompakte Lehmschichten in Sicherheit, tief unter mir begraben. Die gl�cklicheren und viel dickeren Lagen ruhten friedlich dazwischen, von meiner starken fr�hen Urschicht, die wohlig vor sich hindampfte, ganz zu schweigen. Trotzdem war ich mehrmals nahe daran, meine Vergangenheit kurzerhand in ein Einzelst�ck zusammenzukn�deln, zusammensacken zu lassen � in der Hoffnung, sie irgendwann in einem amorphen Klumpen verkommen zu sehen. Wenn ich mich eines Tages nicht entschlossen h�tte, �ber meine Vergangenheit zu schreiben, w�re es dazu sicher auch gekommen. Der Wunsch, meine Vergangenheit als eine Einheit g�ren zu lassen, blieb mir aber auf Dauer erhalten. Das Bild eines solchen nicht selektierbaren Haufens geisterte in mir jedenfalls immer wieder und roch verf�hrerisch. Wer h�tte sich in diesem Gemisch nicht gern mitaufl�sen lassen? Und vielleicht ist diese Wunschtendenz der Grund daf�r, da� ich eine �hnliche Zusammenkn�delungstendenz auch hinsichtlich meiner Zukunft entwickelt hatte. Als ein tschechisch sprechender Mensch bin ich sowieso vorvergangenheitslos aufgewachsen. Die Vorvergangenheit ist im modernen Tschechisch ausgestorben. So gibt es in meinem Land vor der Gegenwart praktisch nur eine einzige Vergangenheit, nach der Gegenwart im Grunde nur eine einzige Zukunft.</p><p>Daf�r geht das Tschechische mit den Verben an einer anderen Stelle �u�erst diffizil um. Und wom�glich rettetemich diese andere und f�r Fremde fast unerlernbare Feinheit unserer slawischen Sprache davor, mich in einen menschlichen Komposthaufen zu verwandeln. Jedes Verb gibt es bei uns im Grunde zweimal, und jedes dieser P�rchen schleppt gewisse Anh�ngsel von Feinheiten, etliche Manipulationsm�glichkeiten mit Vorsilben mit sich; au�erdem gewisse Spannungen, die den dazugeh�rigen sogenannten Aspektkorrelationen immanent sind. Jedes der jeweiligen Paare eignet sich nicht nur zur Erfassung der Wirklichkeit, sondern dient auch der Vorf�hrung seiner eigenen problematischen Doppel- bis Mehrfachexistenz.</p><empty-line/><p>Lizzy</p><p>Meine wichtigste und konstanteste Bezugsperson wurde schon sehr fr�h meine Hauptgro�mutter Lizzy. Sie wurde es nicht nur wegen Mutters TBC und ihrer l�ngeren Aufenthalte im Sanatorium, diese Rangordnung besiegelten nach und nach auch Mutters h�usliche Abschottungskuren. Und meine Gro�mutter blieb mein eigentlicher Bezugspunkt bis zu ihrem Tod. Gro�mutter Lizzy war das stabilste Wesen aus der gesamten Frauenherde um mich herum, sie war au�erdem diejenige, die auf uns Kinder, egal, was wir angestellt hatten, nie b�se sein konnte. Ich durfte sie necken, soviel ich wollte � sie am�sierte sich mit. Ich konnte �ber sie lachen, wieviel ich wollte � sie freute sich, da� ich fr�hlich war. F�r mich und meine Cousinen war sie au�erdem so etwas wie ein Abfalleimer f�r Apfelgriebse. Es war aber ihre eigene Schuld. Sie hatte uns verboten, jegliche Essensreste wegzuwerfen � so auch die Apfelinnereien. Au�erdem behauptete sie wiederholt, nichts schmecke ihr besser als das Kerngeh�use.</p><p>��Die Schale und das Fruchtfleisch sind f�r euch Kinder gesund und wichtig, der Griebs ist f�r alte Leute eine Art Medizin.</p><p>Wir sollten � mit dem Rest des Apfels in der Hand � immer zu ihr kommen und ihr den Griebs einfach in den Mund schieben. Sie zerkaute ihn vor unseren Augen bis auf den Stengel und schmatzte danach demonstrativ. Sp�ter konnte ich mich als bescheidener Helfer zum Gl�ck revanchieren. Lizzv lie� sich von mir und nur von mir ihre zunehmend borstigen H�rchen aus ihrem Kinn zupfen. Ich machte diese Arbeit gern, und irgendwann wurde ich unersetzbar � alle anderen trauten sich einfach nicht, ihr beim Ziehen ihrer Borsten weh zu tun. Und es tat ganz sicher weh, egal, wie Lizzy es bestritt. Die Tr�nen kullerten ihr aus beiden Augen, wenn ich mich an ihr zu schaffen machte. Sie l�chelte dabei trotzdem liebevoll und beruhigte mich. Ihr leichtes Schnurrb�rtchen lie�en wir nach einer gr�ndlichen Beratung allerdings lieber in Ruhe. Ihr Kinn s�uberte ich daf�r gr�ndlichst, arbeitete mich auch noch weiter nach oben neben Lizzys Mundwinkel, auf dem Kinn entfernte ich auch alle feineren H�rchen. Die starken Borsten, die immer unbedingt gezupft werden mu�ten, offenbarten tiefe, gut sichtbare Porenl�cher. Ich fand Lizzy trotz allem wundersch�n, sie sah � mit oder ohne Kinnh�rchen � sowieso immer wie eine kultivierte Dame aus und blieb es auch in ihren von ihr nicht wegzudenkenden K�chensch�rzen. Sie war mir f�r meine Dienste sehr dankbar, freute sich �ber diese Verj�ngungskuren regelm��ig � steigerte sich darin sogar. Und sie geno� einfach auch die Zeit, die wir miteinander auf diese Weise schmerz- und freude-intensiv verbringen konnten, k�rperlich so nah beieinander. Kurz nach der Entborstung ging sie zum Friseur und kam mit einem ondulierten Kopf wieder heim, oft hatte sie sich ihre grauen Haare sogar mit einer lila T�nung veredeln lassen. Sie wollte mir gefallen, und ich verriet ihr nicht, da� sie sich � was mich anging � den Friseur manchmal auch h�tte sparen k�nnen. Ich umarmte sie und sagte, sie sei wundersch�n mit ihren Wellen und ihrem lila Schimmer. Danach strahlte sie noch heller als sonst und war �bergl�cklich. Viel mehr verlangte sie von mir nicht. In ihrer Selbstlosigkeit stellte sie nie besondere Forderungen, mein pures Ich war f�r sie als Geschenk des Himmels ausreichend.</p><p>Meine Mutter war meine Ern�hrerin und war ein ebenm��iges Naturwunder, da sie aber � wie gesagt � zu oft pausierte und sich manchmal furchtbar tyrannisch benahm, konnte sie niemals ein wirklich schattenloses Liebesobjektabgeben. Ich hob meine Gro�mutter Lizzy auf diese vakant gewordene Stelle � mit einer gez�ckten Pinzette in der Hand, umsichtig und libidin�s ungesch�tzt. Sp�ter begann ich zu ahnen, da� ich hier vielleicht nach der Erkl�rung f�r meine wildstreunende Begeisterung f�r die Sch�nheit �lterer Frauen suchen k�nnte.</p><p>Manchmal kam Lizzy unverhofft zu mir und sagte, sie wolle sich kurz ausruhen. Ich lag oft auf meinem Bett � wenn es nicht zu kalt war, konnte ich dort am besten lesen. Da Lizzy Angina pectoris hatte, f�r Teile der Familie trotzdem pausenlos im Einsatz war und oft schwere Taschen oder W�schepakete schleppen mu�te, �berkamen sie manchmal kleine Ersch�pfungsanf�lle. Beim Abendbrot kippte sie manchmal vor M�digkeit pl�tzlich zur Seite. Sie h�tte sich viel �fter ausruhen sollen, meinten alle. Wenn sie zu mir kam, um sich auszuruhen, war es mir eine Freude, sie zu empfangen.</p><p>��Leg dich ruhig hin, sagte ich und wu�te genau, was sie vorhatte.</p><p>Sie wollte sich nur kurz zu meinen F��en legen, quer �ber das Bettende � bei ihrer K�rze und mit ihrem etwas gekr�mmten R�cken pa�te sie ohne Probleme dorthin.</p><p>��Wie ein H�ndchen, sagte sie selbst.</p><p>Sie legte sich hin, ich las weiter und bewegte mich nicht. Danach wurde es sehr still. Lizzy lag bequem und sch�n entspannt, sie zappelte nicht, rutschte nicht vom Rand, auch ihre Glieder machten sich nicht selbst�ndig � und sie st�rte mich tats�chlich nicht. Ihr eigenes Bett, das bedeckt im gleichen Zimmer stand, blieb unber�hrt. Sie atmete in ihrer Embryonalstellung oft so leise, da� ich Angst um sie bekam, oft h�rte ich aber bald schon ihr zartes Schnarchen und sah, wie sich ihre Gesichtsmuskulatur lockerte � sie glich eher einer Katze als einem Hund. Als Frau war sie schon eine Ewigkeit allein. Ihren Mann � sein famili�rer Kosename war Papilla � hatte sie nie aufgeh�rt zu liebenund ihn wie einen Halbgott zu verehren. Er war derjenige der drei Schornsteinbr�der, der auf uns pausenlos vom Himmel hinuntersah. Seine Br�der taten es seltsamerweise nicht. Papilla war noch in einer gl�cklicheren Zeit bei einer riskanten Abfahrt in den Alpen gestorben.</p><p>So lagen wir beide auf dem Bett, in dem schon Baronin N�dhern� geschlafen hatte. Und wenn Karl Kraus vorbeigekommen w�re, h�tte er sich �ber unsere zarte Symbiose sicher gefreut. Lizzys Nickerchen waren nie ausgedehnt, sie stand bald wieder auf und ging kochen oder n�hen oder r�umen. Ich konnte mich etwas ausstrecken. Ich hatte nie das Gef�hl, viel im Leben f�r sie getan zu haben, sie sch�tzte meine gelegentliche Gastfreundschaft und meine kleinen Dienste, die ich mit der Zeit um das Servieren von ausgel�ffeltem Grapefruitfleisch leicht erweitern konnte, aber trotzdem sehr hoch. Wenn sie krank war, lie� sie sich nicht gern von anderen bedienen, sie pflegte sich am liebsten allein � leise, unauff�llig, sie klagte nie. Um ihre Genesung voranzubringen, badete sie so lange im hei�en Wasser, bis sie im Gesicht rot wurde wie ein Krebs � und am n�chsten Tag war sie in der Regel tats�chlich wieder gesund und voller Optimismus. Ihren Optimismus versuchte sie sowieso in jeder Lebenslage zu wahren. Auch ihr erster Eindruck von Auschwitz war seinerzeit � trotz einiger Auff�lligkeiten � nicht der schlechteste. Nach einem kurzen Blick aus der Fensterluke sagte sie zu ihren T�chtern noch im Viehwaggon:</p><p>��Hier wird es gut sein.</p><empty-line/><p>er sparte sich im geheimen einen sch�tz zusammen</p><p>Wir hatten nie viel Geld, bei uns sah es immer etwas �rmlich aus, meine Tantendamen empfanden sich allerdings nie als arm. Sie konnten sich zwar nicht viel leisten, trotzdem gaben sie ihr Geld, wenn welches da war, liebend gern aus � mit dem befriedigenden Gef�hl, anderen Menschen dadurch etwas zukommen lassen zu k�nnen. Die Fabrik, die einem Teil der Familie � im Grunde also uns allen � vor dem Krieg geh�rt hatte, war nat�rlich ein staatlicher Betrieb geworden, und wie wir alle wu�ten, gab es dort nur Chaos und die sozialismus-�blichen Produktions-, Qualit�ts- und Lieferprobleme. Die ganze Frauenschar war �bergl�cklich, mit diesem Dauer�rgernis nichts zu tun zu haben. Meine Damen hatten sich nicht einmal unmittelbar nach dem Krieg � noch vor dem gro�en Zugriff des Volkes, also dem Massenraub von 1948 � bem�ht, die Fabrik zur�ckzufordern. Dazu fehlten ihnen einerseits die M�nner, andererseits wu�te man, wie irrelevant bis l�stig der immobile Besitz in Krisenzeiten sein kann. Die Damen forderten damals � Karl Marx stand bei uns lange hoch im Kurs � nicht einmal ihre (unsere!) pr�chtigen Mietsh�user zur�ck. Sie �berlie�en sie der Allgemeinheit, ohne lange zu �berlegen. Sie meinten zu wissen, wem die Zukunft geh�ren w�rde: dem Sozialismus nat�rlich. Da� ihm konsequenterweise sp�ter der Kommunismus folgen w�rde, hatte doch Karl Marx, unser zweitkl�gster Jude nach Jesus Christus, wissenschaftlich und zweifelsfrei bewiesen. Um uns herum gab es aber auch andere Stimmen.</p><p>��Glaubt ihr ernsthaft, da� dieser verbitterte Mensch mit Blut und Eiter am Anus der Menschheit wirklich Gl�ckw�nschen konnte? Ein Slawenhasser und Rassist war er obendrein.</p><p>Marx hin oder her: Meine Damen f�hlten sich ausreichend reich � auch ohne Geld und ohne jegliche Ausbeutungsm�glichkeiten der Arbeiterklasse, einfach aus Gewohnheit. Und dieses Gef�hl sollte sie nie verlassen. Die meisten von ihnen waren fr�her sogar sehr reich gewesen � besser gesagt: einer ihrer N�chsten war es tats�chlich. Und sie kannten es gar nicht anders. Au�erdem wurden sie zur Noblesse erzogen und waren es gewohnt, sich in Gesellschaft immer zur�ckhaltend zu benehmen. Und vornehm, wie man war, protzte man mit dem Reichtum nicht wie ein Parvenu. Dabei blieb es dann auch ohne Besitz. Dazu f�llt mir folgendes ein: Da� unsere Totenmaske von Karl Kraus bei Freunden in New York zwischengelagert worden war und dort nach dem Krieg auch blieb, schien f�r alle vollkommen in Ordnung zu sein � sie geh�rte uns trotzdem weiter.</p><p>Weil in unserer Wohnung tats�chlich einige wertvolle M�belst�cke herumstanden, konnten sich dort meine Damen mit etwas Phantasie wie in einer traditionsreichen und f�r sie angemessenen Bleibe vorkommen � egal, wie abgeschabt, durchgewetzt oder beinschwach die Wohnungseinrichtung inzwischen war. Manche Einrichtungsgegenst�nde, Teppiche zum Beispiel, bekamen einige der Tanten von ihren ehemaligen Nachbarn tats�chlich wieder, das meiste, was bei uns nach der gro�en Kriegsrochade herumstand, stammte allerdings � wie berichtet � von vertriebenen Deutschen.</p><p>Ich habe lange dar�ber gegr�belt, wieso keine meiner Damen �ber die �rmlichkeit und H��lichkeit unserer Behausung geklagt hat. Dabei war unsere relative Armut gut sichtbar, da und dort problemlos zu tasten � sogar an der Kleidung der einen oder anderen Dame, zum Beispiel an den mit Lacktropfen versiegelten Stellen, an denen dieLaufmaschen ihrer Str�mpfe zum Stillstand gebracht worden waren. Einmal wollte ich Tante Erna auf dem verschneiten B�rgersteig st�tzen und rutsche mit meiner Hand durch den kaputten Pelz in ihre Achselh�hle. Ihr ausnahmsweise schuldbewu�ter Blick war unverge�lich. Ganz nachf�hlen konnte ich die bei uns sonst herrschende Gelassenheit nie wirklich. Zwischen den Tanten gab es in diesem Punkt aber offenbar keine gro�en Differenzen. Vielleicht spielte hier auch wieder der rauschb�rtige Karl Marx eine Rolle. Die Damen dachten eventuell, der Sozialismus m�sse � wie jedes aus dem Nichts auferstandene Unternehmen � h��lich, �rmlich und klein anfangen; erbl�hen k�nne er und w�rde er erst sp�ter. Die Tanten stolperten also in ihrer tadellosen Haltung �ber gef�hrlich zerkl�ftete und sich nach oben biegende R�nder der h��lichen Linoleumbahnen im Flur, blieben an irgendwelchen zersplitterten Kanten h�ngen und zerrissen sich dabei wiederholt ihre kunstvoll ausgebesserte Kleidung. An ihren Kost�men und R�cken sah man sowieso immer irgendwelche fadenscheinigen Stellen. Die Tanten ertrugen alle m�glichen Ankleideprobleme meistens mit Gleichmut, die gemeinsamen N�hkr�nzchen waren sowieso beliebt. Und sie wu�ten sich auch anderweitig zu helfen: Sie beklebten beispielsweise � ohne Onkel ONKEL um Hilfe bitten zu m�ssen � besonders aggressive Stuhlkanten mit hautfarbenen Heftpflastern; au�erdem entwickelten sie mit der Zeit bestimmte Abwehr- oder Vermeidetechniken. Im Flur wichen sie den schlimmsten Fu�bodenfallen traumwandlerisch aus und beachteten diese Schandflecke einfach nicht mehr.</p><p>Das graue Linoleum im Flur war braun-gelb-rosa gesprenkelt. Der Sch�pfer dieses f�rchterlichen Musters konnte sicher nicht ahnen, da� sich sp�ter blutjunge �stheten wie ich ausgerechnet �ber diejenigen Stellen freuen w�rden, an denen dieses Muster abgetreten und nicht mehr zu erkennen sein w�rde. �berall, wo das Linoleum gar nichtmehr vorhanden war, sah man breite und von fr�her stark durchgetretene Dielenbretter. Der sch�nen Holzmaserung konnte der eingefressene Dreck nicht viel antun � und ich liebte dieses Holz, das voller Echtheit war. Die Linoleuml�cher wurden gr��er und vermehrten sich nat�rlich auch dank meiner Mitarbeit. Ich knickte die rissigen R�nder dieses Belags gern um, brach die verh�rteten, auf der Unterseite teerschwarzen St�cke aus und ver�nderte dadurch die Umrisse der einzelnen linoleumbefreiten Gebiete. Diese bekamen von mir allm�hlich sogar Eigennamen wie England oder Irland, das gr��te Loch hie� Australien. Die Tanten f�hlten sich beim Betreten des st�ndig wachsenden Archipels nicht viel anders, als wenn sie �ber ein denkmalgesch�tztes Parkett schweben w�rden und dabei h�chstens irgendwelchen empfindlichen Intarsien ausweichen m��ten. Wenn eine von ihnen wochenlang in irgendeiner unm�glich gemusterten Sch�rze herumlief, mu�te erst ein Au�enstehender andeuten, ihr Kost�m, das sie darunter trug, k�me nicht gen�gend zur Geltung.</p><p>Eines Tages nahm sich der materialkampferprobte Onkel die Schande unseres Flurs vor und verlegte einen elastischeren, also fortschrittlicheren Fu�bodenbelag. Da Onkel ONKEL farbenblind war � das hei�t rotgr�n-sehschwach � , mu�te er sich um die farbliche Harmonisierung hinsichtlich der vielen roten, gr�nen (und mit ihnen verwandten) Farbt�ne der Vorh�nge nicht k�mmern. Der Fu�boden war jetzt immerhin einfarbig, leider penetrant hellblau. Dieses Linoleum hatte der Onkel einem Bekannten SEHR G�NSTIG abgekauft. Die Ritzen zwischen den Bahnen vernagelte er mit berillten Aluminiumstreifen, die sich leider etwas wellten und bald zu neuartigen Stolperfallen mutierten. Es g�be noch viel h��lichere Farben, meinte meine Gro�mutter Lizzy, die immer grunds�tzlich versuchte, an jedem Reinfall oder Mi�geschick etwas Erfreuliches zu finden.</p><p>Als Baronin N�dhern� bei uns lebte, war sie auch schonverarmt, trotzdem � wurde mir berichtet � wirkte sie vornehm wie eh und je. Und sie war es gewohnt, herrische Befehle zu erteilen. Aus ihrem Schlo� in Janovice wurde sie zuerst von den Deutschen verjagt, dann hausten dort die Russen, schlie�lich bediente sich an der Einrichtung auch noch die tschechische Dorfbev�lkerung. Die Baronin pa�te in vielerlei Hinsicht zu uns. Sie wollte im zuk�nftigen tschechischen Kommunistenparadies allerdings nicht bleiben, wollte nach England auswandern, sp�ter eventuell nach Argentinien. Ihre Verarmung empfand sie aber auch als Erleichterung � �hnlich wie meine Damen. Sie brauchte sich endlich keine Sorgen mehr �ber den baulichen Zustand des Schlosses zu machen, die aufreibende Arbeit im Park und Garten fiel weg, bei St�rmen mu�te sie wegen ihrer wertvollen B�ume keine �ngste ausstehen.</p><p>Als Baronin N�dhern� bei uns wohnte, war das Tantenkartell noch nicht vollst�ndig. Wir waren noch nicht alle eingetroffen oder � wie ich � noch nicht geboren. Was das Liebesleben der Baronin angeht, gab sie sich, wie man wei�, alles andere als pr�de. In dieser Hinsicht war sie bei uns auch passend untergebracht. Da� sie eine Zeitlang � rein formal gesehen waren es dreizehneinhalb Jahre � mit einem Verr�ckten verheiratet war, pa�te zu uns ebenfalls hervorragend, denke ich. Ihr verr�ckter Gatte hie� Graf Thun und Hohenstein. In diesen dreizehneinhalb Jahren war unsere Baronin daher keine Baronin, sondern eine echte Gr�fin. Und korrekt wie sie war, unterschrieb sie auch so. Und nicht zu vergessen � sie war zus�tzlich noch Ehrendame des k. u. k. Damenstifts in Graz. Ihren Schmuck besa� sie gr��tenteils noch, ihr eigentlicher Schatz waren aber � wie schon berichtet � Kraus' Briefe, die sie in einem Koffer aufbewahrte. Diesen Koffer, der unter meinem zuk�nftigen Bett zwischengelagert worden war, �bergab sie vor ihrer Flucht ihrem Anwalt Herrn Turnovsky. Den volumin�seren Teil ihrer Sch�tze � beispielsweise die Widmungsexemplare derB�cher von Kraus, Rilke, Altenberg und einige besondere Ausgaben der� Fackel�- lie� sie in der K�niglich Niederl�ndischen Botschaft zur�ck. Meine Gro�mutter Lizzy Schornstein funktionierte dabei als eine der Vertrauenspersonen.</p><p>Wir besa�en zu meiner Zeit auch noch etwas Schmuck aus der Vorkriegszeit, Teile des vergoldeten Silberbestecks, kleine wertvolle Kunstgegenst�nde. Leider ging bei uns dauernd etwas verloren. Wir a�en grunds�tzlich � und daran war nicht zu r�tteln � auf fein gest�rkten Tischdecken. Nach dem Essen und dem Abr�umen des Geschirrs wurde die Tischdecke an den Ecken hochgezogen, zum Fenster getragen, um dort gr�ndlich ausgesch�ttelt zu werden. Es war eine praktische Gewohnheit und wegen der immer hungrigen Prager Spatzen au�erdem einfach Pflicht. Dummerweise war unser deutscher Kronleuchter etwas schwachbirnig best�ckt, und in Mutters Zimmer war es dadurch abends nie hell genug. Und ungl�cklicherweise legte meine Mutter beim Essen gern ihren Schmuck ab. Mit den vielen Kr�meln und sonstigen Essenresten wurden auf diese Weise nach und nach Teile des Familienschmucks entsorgt, aber auch manche neu gekaufte Halsketten, Broschen und Armreifen. Nebenbei wanderten durch unsere Fenster die letzten Reste des Silberbestecks.</p><p>Gemeinsame Mahlzeiten der Gro�familie kamen praktisch nie zustande. Die Essenszeiten der einzelnen Damen waren zu unterschiedlich, die � leichten, versteht sich � Spannungen wechselten zu oft, und die vom Krieg oder Frieden gepr�gten Koalitionen blieben nie stabil. Aus dem Grund gab es in unserer Wohnung mehrere autonome Kochnischen. Letzten Endes machten aber vor allem verschiedene �berempfindlichkeiten der Damen gemeinsame Mahlzeiten allzu kompliziert, so da� man auf sie letztendlich verzichten mu�te. Erna durfte wegen ihrer Platzangst nicht dort hingesetzt werden, wo sie schon einmal Engegef�hle entwickelt hatte, oder dort, wo sie bef�rchtete, beim Essen und Bauchabf�llen wieder welche zu bekommen. Und wenn sie sa�, wollte sie sich nach kurzer Zeit schon wieder umsetzen. Gy�rgyi hatte Rheuma, und f�r ihr Empfinden zog es in der Wohnung �berall � egal aus wie feinen Ritzen der weitentfernten Fenster. Einmal zog es aus einem schwach beheizten Nebenraum, ein anderes Mal aus einem undichten Kleiderschrank.</p><p>��Dieser Schrank ist voller kalter Luft!</p><p>Gy�rgyi sp�rte alle k�hlen Luftbewegungen einzeln, schien sogar ihre Vektorst�rken und � richtungen zu erkennen. Sie f�hlte sich durch die winzigsten Str�mungen (�� hier aus dem Parkett!�) regelrecht bedroht. Sie fl�chtete oft nach kurzer Zeit in ihr gut abgedichtetes und �berheiztes Zimmer. Dort wu�te sie genau, wo die erkaltete Luft am brutalsten zu Boden fiel, und hielt sich meist in der Raummitte auf. Ihr Bett stand genau f�nfundzwanzig Zentimeter von der Wand entfernt. Das gemeinsame Essen wurde aber noch durch andere Verwicklungen verhindert. Urtante Bombe durfte nie mit dem R�cken zur T�r sitzen, bei Gewitter oder starkem Wind nicht mit dem R�cken zum Fenster � und auch nicht zur T�r. So sa�en wir abends am Tisch meistens zu dritt oder zu viert. Gro�mutter Lizzy, ich und meine Mutter Anna. Die vierte war, wenn ihr die Abendbrotflucht gelang, Onkels Frau Eva.</p><p>Zum unvermeidlichen und doch gesamtfamili�ren Ritual geh�rte der gegenseitige Tausch der Koch�bersch�sse und diverser Essenreste (�Ich kann das nicht zum vierten Mal��). An der pausenlosen Tauschb�rse nahmen alle teil � also auch die separatistischen Selbstversorger � , egal, ob es momentan irgendwelche Auseinandersetzungen gab oder nicht. Verwertet wurde alles, was einigerma�en e�bar war, nichts durfte weggeworfen werden, selbst wenn es schon leicht schimmelte. Einmal versuchte Lizzy sogar einen Flaschenkorken zu essen � genauer gesagt einzelne brotkr�mel�hnliche St�cke, die von einem Korken stammten. Onkels Frau a� abends oft zweimal � zuerst mit ihrem Mann, mit ihm im Grunde aber nur pro forma und wenig. Danach kam sie zu uns, brachte etwas mit und a� h�bsch weiter, um nicht noch d�nner zu werden.</p><p>Der sparsame Onkel ONKEL kochte ungl�cklicherweise gern � und� gut �hie� bei ihm billig. Eine bestimmte Sorte Blutwurst war damals sehr billig. Das, was er in seinen T�pfen aufbewahrte, sah immer undefinierbar aus und roch nach Tod. Der zus�tzliche Zweck seiner genu�feindlichen Kocherei war vielleicht aber auch, jegliche Zuschauer und alle potentiellen Mitesser zu vertreiben. Er a� am liebsten allein, und alle lie�en ihn gern allein. Uns Kindern machte sowieso gro�e Angst, WIE verbissen er a�. Ich konnte den Anblick kaum ertragen, trotzdem schaute ich ihm beim Essen nach M�glichkeit doch immer wieder zu. Er schmi� sich die Essenhappen ganz schnell in den Mund und kaute sie dann extrem lange � kr�ftig, w�tend, erbarmungslos. Dabei w�lbten sich seine Schl�fen ungew�hnlich stark, pulsierten so gewaltig, da� ich an ihnen mit den Augen regelrecht haftenblieb. Solche Bewegungen, solche sprechenden Sch�delaktivit�ten kannte ich von keinem anderen Erwachsenen und f�hlte mich durch Onkels Zermalmungsorgien regelrecht bedroht. Ich sah die rhythmischen Bewegungen seiner Kiefer, stellte mir das Aufeinanderprallen seiner Backenz�hne vor und phantasierte, da� er dort problemlos auch meine K�rpermasse h�tte in Mus verwandeln k�nnen. Trotz dieser ausufernden Kau�bungen schien Onkels oft stummer Mund mit der Zeit immer kleiner zu werden, zog sich infolge seiner Verbitterung immer mehr zu. Und da Onkel ONKEL insgesamt sehr wenig sprach, reichten ihm beim Kommunizieren im Grunde nur einige Standards�tze. Einer davon war: GLAUB' ICH NICHT.- Aber ich habe das selbst gesehen!</p><p>��Und ich stand daneben!</p><p>��Glaub' ich nicht.</p><p>Was die vom Onkel ONKEL ausgehenden bedrohlichen Signale angeht, wirkte sich leicht entsch�rfend aus, da� er so etwas wie ein Mensch des Neutrino-Blicks war. Er sah durch einen durch � manchmal jedenfalls � und sah dabei nichts. Er schien in diesen Augenblicken tats�chlich nichts zu erfassen, sein Blick besa� absolut keine energetische Ladung, wie es auch bei den Neutrinos der Fall ist. Die Funktion dieses Blicks war klar: Wenn er seine Privatheit auch au�erhalb der Schrankburg bewahren wollte, mu�te er andere Menschen in durchsichtige Luftfiguren verwandeln. In der schmalen Umgehungsgasse seines Raums mu�te man sich, wenn er einem entgegenkam, an die Wand oder in die weicheren Vorh�nge dr�cken, da man Angst haben mu�te, von ihm angerempelt oder umgerannt zu werden.</p><p>Seine Sparsamkeit trug immerhin Fr�chte. Er verdiente gut und verwertete � wo und wie es nur ging � erfolgreich Materialien, die die VOLKSEIGENE Staatswirtschaft an allen Ecken und Enden aussonderte. Diese gab vieles tats�chlich als Abfall frei, lie� Brauchbares gammeln, fragmentierte und verschenkte sich in ihrer Tr�gheit h�chstselbst. In diesem Zusammenhang von Diebst�hlen zu sprechen w�re absolut falsch. Fast alle Familienv�ter bedienten sich an den �bersch�ssen dieser changierenden Chaoswirtschaft. Jedermann wurde dadurch zwar nicht reich, mein Onkel wurde es doch. Aber er mu� noch andere Quellen angezapft haben, sch�tze ich. Er wurde jedenfalls der einzig Reiche unter uns. Dieser grimmig-geheimnisvolle Mann sparte sich heimlich einen gro�en Schatz zusammen. Und ich wei� bis heute nicht genau, wie, wieso und wozu.</p><p>Da� mein Onkel entlarvt und auf dem von der fraulichen Einheitsfront errichteten Pranger noch gnadenloserfestgezurrt werden konnte, war meine Schuld. Als Onkel ONKEL einmal auf Dienstreise war, machten meine j�ngere Cousine und ich uns daran, den heiligen Innenbereich seines Zimmers systematisch zu durchforschen. Wir st�berten dort so lange, bis wir beispielsweise einen Stapel an ihn gerichteter Liebesbriefe entdeckten. Es waren vorwiegend �ltere Briefe von einer Frau, die es als seine Bekannte � oder nach wie vor doch etwas mehr?�� aktuell noch gab. Wir kannten sie jedenfalls. Da� eine Frau diesen d�steren wei�-beinigen Fettklops �berhaupt lieben konnte, �berraschte mich ma�los. Aber noch mehr der implizite R�ckschlu�, da� offenbar auch Onkel ONKEL lieben konnte. Mir lieferte diese Entdeckung jedenfalls Stoff zum Nachdenken f�r mehrere Jahrzehnte. Damals waren wir mit diesem Fund absolut �berfordert, nach solchen immateriellen Geheimnissen hatten wir im Grunde gar nicht gesucht. Die Peinlichkeit, die einen Menschen bef�llt, wenn er unerlaubterweise von Intimit�ten eines anderen angehaucht wird, kenne ich aus dieser Zeit. Auch die Hemmung, die entlarvenden Nacktheiten gegen den Betroffenen zu nutzen.</p><p>Nat�rlich waren wir uns schon vor der Aktion sicher, da� es beim Onkel ONKEL viele interessante und aufregende Dinge zu entdecken geben w�rde. Onkels hussitische Wagenburg beherbergte ein seltsames Sammelsurium von Gegenst�nden, deren Zweck uns allzuoft schleierhaft war. Bevor wir auf die Briefe gesto�en waren, hatten wir beispielsweise hochwertige Ger�tschaften f�rs technische Zeichnen in der Hand, muffig riechende Massage-Utensilien aus rotem Gummi, die offenbar elektrostatisch aufgeladen werden konnten, weiter noch seltsam scharfkantige Karteikartenreiter aus d�nnem Blech � Tausende davon in vielen flachen Schachteln; alle schon etwas angerostet, teilweise sogar ineinandergerostet. Mein Onkel sammelte bekanntlich alles, sprach �ber die vielen Einzelposten seiner Sammlung aber nie � so wie er �ber alles andere auch nichtsprach. Ihn gezielt auszufragen w�re einer glatten Provokation gleichgekommen. Dementsprechend wenig konnten ich und meine Cousine wissen, was uns bei unserer Tiefenexpedition erwartete. Onkel ONKEL hielt sich lange Stunden, ganze Abende, lange N�chte in seiner immer voller werdenden Burg auf, erkl�rte oft nicht einmal dann, was er trieb, wenn er uns alle mit uns�glichen Arbeitsger�uschen st�rte. Manchmal legte er seinen Neutrino-Blick vollst�ndig ab und glotzte so ungn�dig hegemonial um sich, da� einem im Kopf alles zu Staub zerfiel, was man sich �ber ihn notd�rftig zusammengereimt hatte.</p><p>Was uns zu unserer Aktion angetrieben hatte, war klar: Alles, was wir �ber den Onkel und Vater zus�tzlich in Erfahrung bringen konnten, h�tte f�r das Miteinander mit ihm vorteilhaft sein k�nnen. Jeder, der es schaffen w�rde, in diesen Mann kurz hineinzulugen, h�tte ihn sicher besser verstehen, folglich sich vor ihm auch zielgerichteter in acht nehmen k�nnen. W�hrend ich die aufregenden, f�r meinen damaligen Geschmack allerdings unvorstellbar schamlosen Briefe las (�� la� Dein Pimmelchen meine Lippchen aufkn�speln��- so ungef�hr, ich paraphrasiere hier nat�rlich nur), w�hlte sich meine hausfraulich begabte Cousine weiter und tiefer in die W�schekommode ihres Vaters hinein. Sie war vorsichtig, legte die sortiert aufbewahrten Pullover, Flanellhemden und Unterhosen stapelweise zur Seite, um sie platzgleich wieder zur�cklegen zu k�nnen. Als sie sich in die hinterste Ecke vorgearbeitet hatte, entdeckte sie ein verschn�rtes S�ckchen.</p><p>��Hier ist etwas.</p><p>��Was?</p><p>��Etwas Gr��eres.</p><p>Das stimmte. In dem Sack steckte eine Blechkassette. Diese war etwas gr��er als ein Band des Gro�en Konversationsbrockhaus, nur viel leichter. Die Kassette war nat�rlich verschlossen. Beim Sch�tteln konnte man darin etwasPapierenes vermuten. Wir tippten auf Pornographie, meinten damit allerdings so etwas wie Fotos nackter Frauen auf Hochglanzpapier, also kunstvoll beleuchtete Akte in Schwarzwei�. Es h�tten dort aber auch Fotos diverser, uns vollst�ndig unbekannter Geliebter des Onkels lagern k�nnen. Mit dem Wort� Neugier �w�re unser hei�er Erregungszustand vollkommen falsch beschrieben, ich war jedenfalls au�er mir. Wir waren vielleicht nah dran zu erfahren, welche Frauen sich zu diesem Mann hingezogen f�hlten, sich als passend zu ihm empfanden, passender als seine Frau Eva, also meine drahtige Tante der sieben Fremdsprachen. Meine Cousine zitterte leicht, ich war ratlos und als Verantwortlicher dieses Kommandounternehmens von einem Sch�ttelfrostanfall auch nicht weit entfernt. Mit Schl�ssern kannte ich mich damals noch nicht aus, hatte beispielsweise die relativ einfachen Innereien von einem Schlo� mit Hakenfalle noch nie nackt gesehen. Grobe Gewalt anzuwenden kam nat�rlich nicht in Frage. Und mit den auf dem Fu�boden liegenden und noch nicht ganz durchgesehenen Briefen vor Augen f�hlten wir uns beide so unwohl, da� es nicht in Frage kam, die geheimnisvolle Kassette hinauszutragen und bei der Frauenschar abzuliefern. Mir kam bald eine rettende Idee, die meine Karriere als Bastler und Gelegenheitshandwerker begr�nden sollte. Mir fiel ein, da� ich beim letzten kleinen Ausflug in Onkels Wagenburg Spezialwerkzeuge entdeckt und bewundert hatte und ich wu�te noch, in welchem Regal sie lagerten. Ich zog Onkels gro�e Hebammentasche hervor, �ffnete sie, starrte auf deren Inhalt und wartete auf irgendeine rettende Idee. Anschlie�end untersuchte ich noch einmal gr�ndlich die Blechkassette und pr�fte m�gliche Schwachstellen. Auf den ersten Blick hatte sie leider keine. Alle Kanten und Ecken waren mit zus�tzlichen Formteilen aus verziertem Blech verst�rkt und fest vernietet, die Schlo�umgebung war sogar mit einer Messingplatte abgedeckt. Die beiden Scharnierleisten abzuschrauben war auch nicht m�glich. Sie waren mit Nietenk�pfen �bers�t. Da� ich die magische Kassette am Ende doch noch knacken konnte, macht mich � wenn ich an die vielen Nieten denke � bis heute stolz. Mir fiel auf, da� der Deckel mit dem unteren Teil zwar mit einem durchgehenden und massiven Scharnier verbunden war, der Verbindungsstift, der durch die einzelnen �sen f�hrte, im Grunde aber nur aus einem einzigen langen Draht bestand. Dieser Stift war links und rechts nicht abgesichert, ragte auf einer Seite sogar �ber das Ende des Scharniers hinaus. Ich holte mir eine langgriffige, vorn sich verengende Flachzange, fa�te das eine lose Ende des Stifts, dr�ckte fest zu � und zog. Meine Cousine hielt dabei die Kassette fest zwischen ihren aufgeregt hei�en Schenkeln. Beim ersten Versuch rutschte ich mit der Zange noch ab. Das nackte Drahtende bekam dabei leichte Kratzer. Beim zweiten Versuch gelang mir der Zugriff, und der Stift setzte sich in Bewegung. Ihn anschlie�end mit der Zange gro�fl�chiger zu fassen und ganz herauszuziehen war kein gro�es Problem mehr.</p><p>Mit dem, was wir drinnen erblickten, handelten wir uns leider ein riesiges Problem ein � ein �hnliches, mit dem sich auch Geheimdienstler dauernd herumschlagen m�ssen. Sie d�rfen allzuoft nicht offenbaren, was sie wissen. Und auf uns kamen Entscheidungsqualen zu, von denen wir bislang keinen blassen Schimmer gehabt hatten. Die Kassette war voller Geld. Sie war voll von gr�nen Hundertkronenscheinen, die wir im Alltagsleben nur manchmal und nur einzeln zu sehen bekamen. In unserem Alltag bedeutete schon eine Zehnkronennote sehr viel Geld. Als Taschengeld kannten wir nur M�nzen.</p><p>��So sieht eine Million aus, sagte meine Cousine.</p><p>��Oder Hunderttausend. Davon k�nnte man Tausende Eistorten kaufen. Hunderte von Rollschuhen�</p><p>��Ein Auto.- Wir m�ssen es z�hlen. Das mit dem Scharnier � das mache ich nicht noch einmal. Das Stieleis� Nanuk �kostete damals eine Krone, das stiellose� Eskymo �f�nfzig Heller, eine Kugel Eis siebzig Heller. Und die gro�e Eistorte, der luxuri�se H�hepunkt der tschechischen Eisherstellungskunst, kam auf ganze dreizehn Kronen. Eine ganze Torte bekam ich pers�nlich nur ein einziges Mal geschenkt. Kino kostete drei, vier oder f�nf, bei �berl�nge maximal sieben Kronen. Onkels gr�ne Scheine waren geb�ndelt, ein kleines B�ndel enthielt f�nfzig, ein gro�es hundert Scheine � also jeweils f�nftausend oder zehntausend Kronen. In der Kassette steckten demnach zweihundertsechzigtausend Kronen. F�r uns war dieser Betrag unvorstellbar. Ich war dreizehn, meine kleine Cousine knapp zw�lf. Die gro�e Cousine hatte schon einen beachtlichen Busen, kam uns beiden zu vern�nftig vor und war als Konspirationspartnerin nicht zu gebrauchen. Ich und meine kleine Verb�ndete verbrachten daraufhin ein ganzes Jahr mit �berlegungen, wie wir die Sache auffliegen lassen k�nnten, ohne dabei zu Schaden zu kommen. Der Onkel galt als die barbarischste Instanz, die wir kannten. Ein Riese, der zum Schlimmsten, zu den h��lichsten Strafen f�hig war. Der Onkel schreckte uns wie ein Donnergott � und ein Donnergott h�tte problemlos richten k�nnen, auch ohne einen zu ber�hren. Unser Gef�hl, dieser Mensch h�tte uns beispielsweise fernerw�rgen k�nnen, war vielleicht nicht vollkommen falsch.</p><p>F�r uns war es schon ein Problem, den d�steren Mann um harmlose Hilfestellungen zu bitten und dadurch unsere Abh�ngigkeit zu offenbaren. Schon ein kleines Verlangen war mit tiefen Angstgef�hlen verbunden und kostete uns gro�e �berwindung. Meistens ging es um einfache handwerkliche Eingriffe bei Reparaturen von Spielsachen oder um fachm�nnische Beratung � also um Anschubhilfe zur Selbsthilfe. Der Onkel war der einzige Mensch weit undbreit, der in diesen Dingen wirklich bewandert war. Mein Vater war ein handwerklicher Trottel erster G�te � und war sowieso nicht vorhanden.</p><p>��MUSS DAS JETZT GLEICH SEIN? fragte Onkel ONKEL gleich drohend zur�ck, wenn man ihn bescheiden � bescheidenst!�� um Hilfe bat.</p><p>Die Frage war clever formuliert, lie� uns unsere Hilflosigkeit auf alle F�lle verst�rkt sp�ren.</p><p>��MUSS DAS JETZT GLEICH SEIN?</p><p>��NEIN! riefen wir unisono zur�ck und logen dabei aus einem guten Grund.</p><p>Die Antwort� Ja �h�tte bedeutet, da� wir eine Absage bis an unser Lebensende oder bis zum �bern�chsten Weihnachtsfest bekommen h�tten. Bei� Nein �hatten wir gute Chancen, da� er uns half � und oft machte er sich tats�chlich sofort an die Arbeit. Dabei h�tte � wirklich wirklich, lieber Onkel, lieber Vater � alles noch Zeit gehabt! Unser alberner Wunsch h�tte � wirklich wirklich, lieber lieber Onkel, lieber lieber Vater � auf KEINEN FALL SOFORT befriedigt werden m�ssen! Wir h�tten uns doch gern geduldet!</p><p>Aber Onkel ONKEL war bereits am werkeln, m�hte sich f�r uns in atemberaubendem Tempo ab. Wunderbar! Und er war so geschickt dabei � er war g�tig und unersetzlich. Er war der Gr��te und als ein solcher kurzzeitig ein liebenswerter Mensch.</p><empty-line/><p>baue keine bomben, spiele lieber fu�ball mit dem k�nigssohn</p><p>Da� mein dicker Vater ein faules und lebensunt�chtiges Gro�maul, ein Kettenraucher und S�ufer geworden war, war die Schuld seiner zweifelhaften Freunde. Das behauptete jedenfalls seine Mutter Ludmila, eine meiner drei bis vier Gro�m�tter. Analog dazu m�chte ich f�r die Nachwelt festhalten, wer und was in meinem Leben an meiner ungesunden Radikalisierung � bei gleichzeitiger Ironisierung jeder Radikalit�t � schuld war: Es waren die Chinesen unter Mao Zedong, der damals noch� Tse-tung �transkribiert wurde. Es war die chinesische Propagandamaschinerie, die auch nach dem katastrophalen Scheitern des� Gro�en Sprungs nach vorn �weiterlief und in der glorreichen Kulturrevolution hochgefahren wurde. Es war aber nicht Mao allein, nicht nur Mao und seine Partei � ich m�chte diesen Massenm�rder gern etwas entlasten: An meiner Formung und Deformierung war noch eine junge Frau, n�mlich die s��e Nie Yuanzi, schwer mitschuldig. Es war die zarte� NIE�, die den kulturrevolution�ren Massensturm von unten losgetreten und in vorderster Front vorangetrieben hatte. Die eigentliche gro�e Mitt�terin von Mao � seine Frau Qing Jiang � beeindruckte mich kaum, sie hielt sich sowieso eher im Hintergrund und war nicht besonders sch�n.</p><p>Auch wenn ich die Grundlagen f�r meine radikal ausgerichtete politische Bildung haupts�chlich von meiner Mutter bezog, war die chinesische Walze, die sich konsequent alle zwei Wochen erneuerte, nicht zu untersch�tzen. Mein Weg zur Schule f�hrte jahrelang an der chinesischen Botschaft vorbei, entlang eines langen gemauerten Zauns, an dem viele schmucke Glasvitrinen hingen. Sogar an dreiStellen � links und rechts von zwei Einfahrten und links und rechts des Personaleingangs. So ist f�r mich ein beachtlicher Teil meines geistig-politischen Unterbaus zwangsl�ufig mit den flachen Gesichtern und den niedlichen Strichaugen reizender Chinesinnen verbunden. Diese puppenartigen Gesch�pfe durfte ich t�glich auf stark vergr��erten Bildern bewundern, jeden Tag mindestens zweimal � und fast alle sahen dabei fast wie meine Favoritin Nie Yuanzi aus. Diese erotisch aufgeladene Variante der Indoktrination konnte bei mir auf keinen Fall ohne Folgen bleiben. Massenaufl�ufe ziehen mich seitdem magisch an. Wobei ich versichern mu�, da� sie mich gleichzeitig auf die schlimmste Art und Weise absto�en. Ich ekelte mich sowieso von klein auf vor jeglicher Gleichf�rmigkeit, f�r irgendwelchen kollektivistischen Freudentaumel lie� ich mich unter Zwang nie begeistern. Trotzdem konnte ich auch blind vor freiwilliger Entz�ckung werden, wenn mich � mich in meinen emotionalen Untiefen � die erotisch angehauchte Vorstellung packte, ich k�nnte in einer pulsgleich eruptierenden Masse aufgehen.</p><p>In meiner Kindheit war mir seitens meiner N�chsten so viel Bewunderung entgegengebracht worden, da� ich schon aus Selbstschutz nicht alles, was man ernst meinte und mir ernsthaft klarmachen wollte, ernst nehmen durfte. Diesen meinen Wohnungsn�chsten brachten meine regelfeindliche Sturheit und meine ironische Gnadenlosigkeit sp�ter bittere Fr�chte ein � nicht unbedingt eruptionsartig, insgesamt aber reichlich. Meine Aush�rtung und Aussturung k�nnte man eventuell auch mit meinem politischen Dasein im Zentrum Europas erkl�ren, das k�nstlich ein sowjetischasiatisches Flair verpa�t bekommen hatte � k�nnte man sozusagen auf die Auswirkungen meines tektonisch unsicheren Standorts zur�ckf�hren, eines Standorts am Kontinentalri� zwischen Orient und Okzident, wer wei�. Ohne S�ndenb�cke pr�sentieren zu wollen, mu�te ich irgendwann versuchen, mir dar�ber etwas Klarheit zu verschaffen � und dabei gleichzeitig mein zuhaus-hospitalisiertes Ich, meine Mutter mit ihrer ganzen Verwandtschaft und von mir aus auch das ewig gebeutelte russische Volk entlasten. Vielleicht treffe ich diesen Sachverhalt mit der folgenden Formulierung: Da ich im Scho� des Sowjetreiches wie gefangen war und dauerhaft mit einer Mentalit�t konfrontiert wurde, die durch mongolische Unterjochung, zaristisch-animaloide Menschenhaltung und leninistisch-stalinistische Massenschlachterei gepr�gt war, mu�te ich � um mein historisch entr�cktes und eher nach k.-k.-Gem�tlichkeit gierendes Seelchen zu retten � mit eigensinniger Ironie arbeiten, mu�te im Leben Brechstangengewalt anwenden, Brechmittel einsetzen, mit Stilbr�chen provozieren lernen. Wobei ich au�erdem noch die kraftvolle Art der Millionen von schwimmenden oder trabenden Fahnentr�ger aus China in mein Dasein zu integrieren hatte.</p><p>Die vielen seltsamen Kraftwellen, die auf mich in meiner Kindheit einschlugen, in diesem Text zu sortieren und gegeneinander abzuw�gen, wird mich noch einige M�he kosten. Die asiatischen Einfl�sse mehrten sich sogar. Nicht nur da� meine Mutter die Besetzung Tibets durch die Chinesen noch frisch in Erinnerung hatte und mit mir dar�ber weiter trauerte, an unserer Grundschule tauchte eines Tages ein echter asiatischer Prinz auf. Er kam aus Kambodscha, und sein Name war Norodom Sihamoni. Prinz Sihamoni, der Sohn des K�nigs Sihanouk, kam in die Tschechoslowakei, um in meiner Stadt europ�ische Ausbildung zu genie�en. Er wurde mein Mitsch�ler, war pl�tzlich einer von uns � gleichzeitig aber auch nicht. Er schwebte zwischen und �ber uns, blieb ein anderer. Er lernte allerdings sehr schnell Tschechisch, seine eigenh�ndig gebundenen Schleifen an seinen ma�gefertigten Schn�rstiefeln sahen auch bald passabel aus. Ausgerechnet als ich dieses Kapitel zu schreiben begann, wurde Sihamoni vom kambodschanischen Kronrat zum K�nig von Kambodscha gew�hlt � ohne es unbedingt zu wollen.</p><p>Norodom war ungeheuer sch�n, war eindeutig der Sch�nste von uns, in seiner aristokratischen Vornehmheit blieb er sowieso konkurrenzlos. Die Roten Khmer gab es damals noch nicht, von der Ausrottung von Bewohnern ganzer St�dte konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnen. Pol Pot war nach seinem erfolglosen Studium in Paris allerdings wieder in die Heimat zur�ckgekehrt. F�r mich stand mein Prinz wider besseres Wissen eher f�r einen exilierten Tibeter � f�r einen Mitk�mpfer und Leidensgenossen des Dalai Lama.</p><p>Prag war w�hrend meiner Kindheit sowieso voller Exilanten, sie geh�rten zum Stra�enbild. In die Tschechoslowakei kamen nach dem Aufstand der griechischen Kommunisten � Ende der 40er Jahre, also noch vor meiner Geburt � viele griechische Kinder, nach dem Milit�rputsch von 1967 folgten weitere Griechen. Nach dem Bruch ihres Landes mit der Sowjetunion waren bei uns viele stalingl�ubige Jugoslawen geblieben, die zu ihrem verr�terischen Tito nicht zur�ckkehren wollten oder konnten. Nach und nach schwappten immer wieder kleinere Emigrantenwellen zu uns her�ber, begreiflicherweise aus L�ndern, in denen der Sozialismus trotz der t�chtigen Hilfe der Sowjetunion und der anderen Bruderl�nder noch nicht gesiegt hatte, seine Errichtung also vorerst gescheitert war. In der Regel handelte es sich bei diesen� Wellen �aber nur um die Kerncliquen der jeweiligen Befreiungsbewegungen oder um die Kreise der radikalsten Fortschrittsbringer. Nachdem in Indonesien unter Suhartos Kommando Hunderttausende echte oder vielmehr angebliche Kommunisten (zus�tzlich auch noch Chinesen) abgeschlachtet worden waren � meine Mutter berichtete mir detailliert dar�ber � , kamen leider kaum Indonesier zu uns, obwohl an den Vorbereitungen des Aufstands auch tschechische Berater beteiligt gewesen waren. F�r eineFlucht war Prag einfach zu weit, China war n�her � und der Bruch zwischen dem Sowjetblock und China war damals schon vollzogen.</p><p>Zu uns str�mten daf�r viele ebenfalls fortschrittliche Kr�fte aus ganz anderen Teilen der Welt. So f�llte sich die Tschechoslowakei mit explosiven Bewu�tseinsinhalten von Widerst�ndlern aller Haut- und Haarfarben. Dank der gemeinsamen Idee der Weltrevolution wuchs damit aber gleichzeitig auch so etwas wie ein einheitliches Riesenkorps zusammen. Daf�r hatten jedenfalls die in Prag residierenden Referenten und Agenten aus der Sowjetunion zu sorgen. Die sowjetische Botschaft lag unweit meiner Schule, das Territorium der Residenz und der Handelsvertretung am Sibirischen Platz, das st�ndig erweitert und ausgebaut wurde, lag sogar neben und gegen�ber unserem Schulgeb�ude � die Russen umringten und umfa�ten uns bei ihren Gel�ndegewinnen wuchtiger als die Chinesen, regelrecht physisch und vollkommen vitrinenlos.</p><p>Von der wachsenden Pr�senz der Russen bekamen die vielen Schwarzafrikaner, Iraner, Pal�stinenser oder Portugiesen, die in der Goldenen Stadt gl�cklich angekommen waren, nicht unbedingt etwas mit, sie hatten andere Sorgen. Ihre Bewegungen mu�ten weiterfinanziert, die zur�ckgelassenen Kampfgenossen au�erdem mit Waffen versorgt werden. Unser friedliches Land verdiente nebenbei mit Waffengesch�ften recht gut, unsere traditionsreiche R�stungsindustrie war auf Weltniveau. Der damalige Exportschlager � der hei�begehrte Plastiksprengstoff� Semtex�- war in aller Munde. Wir hatten aber noch viel mehr zu bieten: mehrere Panzertypen, gepanzerte Truppentransporter OT-64 SKOT (das beliebteste Transportmittel von Idi Amin Dada!), leichte und schwere Kanonen, Flakgesch�tze 30 mm und die Nachfolgemodelle der legend�ren leichten Maschinengewehre BREN. Nat�rlich auch unsere vorz�glichen 9-mm- oder 7,65-mm-Pistolen. Und wenn auch vieleder leichteren Waffen bereits gebraucht waren, waren sie alle gut konserviert und gepflegt worden. Die in rauhen Mengen produzierte Qualit�tsmunition unterschiedlichster Kaliber d�rfte bei dieser Aufz�hlung auch nicht vergessen werden. Sp�ter kamen noch die fortschrittlichen Mini-Kalaschnikows� Skorpion �hinzu, die tschechische Variante von� UZI submashine gun�. Man bot diese zusammenklappbare Neuigkeit auch heimlich und preiswert auf dem Weltmarkt an. Bald interessierten sich f�r dieses tschechische Qualit�tserzeugnis auch Gangsterkartelle aus den USA und die Mafia.</p><p>Unser aus hegemonialer Sicht unverd�chtiges Land hatte besonders in Afrika einen hervorragenden Ruf, dort war die Tschechoslowakei eine Art Lieferweltmacht; als eine solche war sie aus kommerziellen Gr�nden auch mal bereit, die eine wie die andere kriegf�hrende Seite zu beliefern. Und meine goldstaubige Stadt war � wen w�rde das wundern � in den Kreisen der aktiven Revolutionsplaner ausgesprochen beliebt. Vor den leblosen und k�ltedurchstr�mten Stra�en von Ostberlin hatten die Revolution�re offenbar fast so viel Angst wie vor den Folterkellern in der alten Heimat. Prag entwickelte sich so zu einem globusweiten Drehkreuz und wurde neben Moskau eines der Sammelbecken aller m�glichen Polittr�umer. Nat�rlich kamen diese warmbl�tigen und W�rme gewohnten Menschen nicht nur wegen der Sch�nheit der Stadt und der Freundlichkeit unserer Parteifunktion�re zu uns. Die relativ weltoffene Metropole bot viel mehr Tarnm�glichkeiten als zum Beispiel Wladiwostok, Minsk oder Greifswald. Und die Westgrenzen waren nicht weit. F�r diese Sorte unserer ausl�ndischen G�ste wurde in Prag sogar eine besondere Universit�t gegr�ndet � die� Universit�t des 17. Novembers�- sowie andere geheimdienstliche Trainings- und Ausbildungslager der Spitzenklasse. Die sechs m�chtigen Au�enhandelsfirmen waren vom Geheimdiensteifer knisternde Ameisenhaufen. �hnlichemsig ging es in der Weltf�deration der Gewerkschaftsbewegung SOF und in der Zentrale des Internationalen Studentenverbandes zu diese beiden Niederlassungen lagen am Rande der Altstadt, und ihre munteren Funktion�re hatten die allerbeste Sicht auf den Sockel des 1962 abgerissenen Stalindenkmals. Speziell in der� Universit�t des 17. Novembers �bekamen die Studenten nicht nur ihre zus�tzliche marxistische �berbauorientierung, man bildete in ihnen gleichzeitig zuk�nftige Putschisten und Politoffiziere aus, die irgendwann sp�ter Regierungsmitglieder oder sogar Regierungschefs werden sollten. Ihr heimatliches Einsatzgebiet sollte in der Zukunft radikal umgebaut werden und unbedingt dem aktuellen Stand der Weltrevolution entsprechen. Die Ausbildungsst�tte der in unserem Land weilenden libyschen Staatsterroristen befand sich unweit des Schlachtfeldes vom Wei�en Berg. Diese M�nner hatten in dem studentischen Milieu von Prag einen Sonderstatus. Und vollkommen au�erhalb der offiziellen Realit�t lebten bei uns radikale italienische Kommunisten, die mit ihrem geheimgehaltenen Sender die ersehnte italienische Revolution vorantreiben wollten. In ihrer Heimat drohten ihnen Gef�ngnisstrafen. Einem von ihnen auch wegen der Hinrichtung von Mussolini, die seinerzeit spontan auf die Partisanenart, also nicht ganz rechtsstaatlich erfolgt war.</p><p>Und unser Prinz? Er war noch ein Kind und hatte mit derartig fortschrittlichen Umtrieben �berhaupt nichts zu tun. Norodom Sihamoni sollte bei uns einfach umfassend und erstklassig ausgebildet werden � wie ich auch � , und er wollte sowieso kein Revolution�r, sondern ein T�nzer werden. Der sozialismusfreundliche K�nig hatte seinen ersten Sohn nach Moskau und den zweiten nach Peking geschickt � erst der vierte ging sp�ter nach Paris. Prinz Sihamoni war in meiner Schule � diese war nach dem kraftvollen Rebellen und Selbstm�rder Majakowski benannt � nat�rlich der absolute Star. Schon wegen Norodoms edlerGesichtsz�ge waren wir im Vergleich zu ihm nur die graue Volksmasse, und wir blieben es die ganze Zeit. Ich hatte aber �berhaupt nichts dagegen. Er war einfach etwas H�heres, ich w�re sogar gern sein Untertan geworden, wenn ich unter seiner F�hrung beispielsweise gegen die Chinesen in Tibet h�tte k�mpfen k�nnen. Da� ich ihn als ein h�her angesiedeltes Wesen anerkannte, hatte sicher auch damit zu tun, da� ich mich dank meiner Herkunft eher als ein Paria, Ghettomensch und potentiell Sonderzubehandelnder zu f�hlen hatte. Norodom war immer tadellos gekleidet, bewegte sich im Gegensatz zu mir anmutig, und sein R�cken war immer gerade. Ich hatte schon damals eine starke Skoliose und fand zu Norodom leider � trotz seiner enormen Freundlichkeit � keinen wirklichen Zugang. Unser klassenschlimmster bulgarischer Rebell Dschagarow verschaffte sich ihn mit seinen subversiven Angeboten aber auch nicht. Er versuchte den Prinzen zu verrohen, zeigte ihm, wie man schuleigenes E�besteck bricht, um mit den Stummeln verriegelte Fenster zu �ffnen, f�hrte ihm beim Mittagessen vor, wie sich mit einem Messer, wenn man es unter die Tischplatte schob, maschinengewehr�hnliche Vibrier-Salven produzieren lie�en. Norodom sah sich alles h�flich an, mehr nicht. Dschagarow hoffte eine ganze Weile, bessere Karten als wir alle zu haben, und zeigte gelegentlich auf eine Weltkarte an der Wand. Bulgarien lag von Kambodscha etwas weniger weit entfernt als die Tschechoslowakei.</p><p>��Kommst du Fu�ball spielen? fragte ich den zuk�nftigen K�nig einmal.</p><p>��Nein, tut mir leid, Georg, ich habe Ballettunterricht. Vielen Dank f�r die Einladung.</p><p>Bei Schulfesten trat Norodom dann tats�chlich � es war exotisch und vollkommen un�blich bei uns � als Solot�nzer auf. Und er tanzte zu einer Musik, wie wir sie noch nie zuvor geh�rt hatten. Seine Auftritte stellten alle anderen Festbeitr�ge in den Schatten und enth�llten damit gleichzeitig deren Primitivit�t. Was wir � die Hoffnung der sozialistischen Republik � vorf�hrten, war eingetrichterter Schwachsinn, mit dem man uns an den Pioniernachmittagen gequ�lt hatte. Norodom trug beim Tanzen selbstverst�ndlich keine Pionieruniform wie wir, sondern ein enganliegendes, glitzerndes Kost�m mit fein gestickten Mustern. Zu allen seinen unerreichbaren Vorz�gen kam noch hinzu, da� ihn eine pers�nliche Freundschaft mit der kultivierten Direktorin der Schule verband. Es wurde oft dar�ber gesprochen, da� er sie auch privat besuchte, regelm��ig bei ihr zu Hause speiste, mit ihr ins Theater und in die Oper ging. Wahrscheinlich sollte sie � auftragsgem��, versteht sich � versuchen, ihm die k�nigliche Familie zu ersetzen, die selbstverst�ndlich in Kambodscha geblieben war. Zu den Chinesen ging der Prinz mit uns nie.</p><p>Da� ich von angehenden afrikanischen B�rgerkriegstreibern, ha�erf�llten portugiesischen Kommunisten oder von iranischen Schah-Gegnern umgeben war, da� ich diese aktuellen, zuk�nftigen oder ehemaligen W�teriche der Weltgeschichte ununterbrochen vor Augen hatte, war an meinem Werden nat�rlich auch beteiligt, egal wie begrenzt. Einige von diesen Leuten waren eher ruhigere Zeitgenossen, die sich einfach nur zur Ruhe setzen wollten und froh waren, keinen sinnlosen Kampf mehr f�hren zu m�ssen. Eine etwas kleinw�chsige iranische Widerstandstochter liebte ich heimlich, ihre Eltern, die ich auch kannte, hoben meine sch�ne Stadt in den Himmel, vom Ha� auf ihren b�sen Schah Resa Pahlewi war in dieser Familie nicht viel zu sp�ren.</p><p>Mir und meiner Mutter war sowieso klar, da� die vielen neuprager Radikalinskis sp�ter, wenn sie in ihrer Heimat zum Zuge kommen sollten, irgendwann wieder gest�rzt oder beseitigt werden w�rden � und sie taten uns leid. Meine Mutter hielt punktuell auch viel von konservativen Traditionalisten, verehrte Herrscher wie den Kaiser Haile Selassie von �thiopien, sprach mit Bewunderung �ber historische Gestalten wie den friedliebenden indischen K�nig Asoka, mit dem sie sich wegen eines Artikels �ber Buddhismus besch�ftigt hatte. Leider konnte sie auch V�terchen Stalin nicht ganz aus ihrem Herzen vertreiben � ihr imponierte immer noch, lange nach seinem Tod, da� er an seiner Uniform keine Orden getragen hatte, obwohl er sie sich h�tte tonnenweise organisieren k�nnen. Und sie zitierte gern � wenn auch mit einem ironischen L�cheln � den ber�hmtesten seiner Spr�che:�Wir Kommunisten sind Menschen eines besonderen Schlags. �In einem Winkel ihres Herzens z�hlte sie sich vielleicht immer noch zu dieser schlagkr�ftigen Sonderklasse Mensch.</p><p>Zu den Chinesen hatte meine Mutter selbstverst�ndlich eine sehr differenzierte Meinung � vor ihnen nur Angst haben wollte sie nicht. Sie erz�hlte mit gro�er Bewunderung, wie das ganze Riesenvolk irgendwann die Order bekommen hatte, die gesamte Fliegenpopulation totzuklatschen und dar�ber, da� die bedrohliche Fliegenplage dank der Tag und Nacht um sich schlagenden Chinesen tats�chlich auch besiegt worden war. Leider war meiner Mutter, eventuell aber auch dem� Spiegel �damals entgangen, wie es zu dieser Plage �berhaupt gekommen war. Man wei� es inzwischen. Das chinesische Volk sollte, um die sozialistische Ernte vor unberechtigten und nutzlosen Fressern zu sch�tzen, durch Dauertrommeln die V�gelpopulation dezimieren. Die chinesische Bev�lkerung hatte auch diese fr�here Order befolgt und hatte diszipliniert und ununterbrochen getrommelt � statt zu arbeiten � , trommelte so lange, bis die armen V�gel vor Ersch�pfung vom Himmel fielen. Das gr��te Trommelkonzert der Weltgeschichte war damit zu Ende � bald danach brach die Fliegenplage aus.</p><p>Warum erz�hle ich das alles? Ich wu�te von meiner Mutter einiges, trotzdem nicht alles. Und ich blieb beispielsweise, was den Einblick in meine Seele angeht, bis zu meiner sp�ten Heirat ein Ignorant � ein mitteilungsfeindlicher obendrein. Die Menge von ungel�sten Fragen, die ich in mir nur verwahren, h�chstens unproduktiv herumw�lzen mu�te, wurde immer gr��er, manche meiner Gef�hlswunden blieben lange Jahre suppend frisch. Eben dank meiner Unbelecktheit. Ich konnte mir beispielsweise nicht erkl�ren, wieso ich ein so b�ser Mensch geworden war. Ich wu�te nicht, aus welchen Quellen sich die in mir lauernden Aggressionen speisten, warum ich nicht auf irgendwen, sondern ausgerechnet auf meine liebe Mutter bitterb�se allergisch bis � und mit der Zeit zunehmend � unvers�hnlich w�tend werden mu�te. Nebenbei fiel mir immer wieder auf, da� ich mich � beim Durchsehen unseres� Spiegels �beispielsweise � von allen m�glichen h��lichen und unappetitlichen Bildern angezogen f�hlte. Wo auch immer es nach Endzeitstimmung, Ausl�schung und nach existentiellen Implosionen aussah oder roch, dort sah ich zuerst hin � und offenbar wollte ich auch gern dahin. Bei einem anderen Lauf der Geschichte h�tte ich mich eines Tages vielleicht in einem klassisch ausgestatteten Vernichtungslager wiedergefunden und w�re dort in die mir den Weg weisenden Fu�stapfen getreten.</p><p>Meine allt�glichen Erfahrungen sprachen ebenfalls eine klare Sprache. Wenn ich irgendwo � ich habe es bereits angesprochen � in eine Randzone geraten war, wurden diejenigen, die von der Allgemeinheit geha�t wurden oder zumindest jedermann in Erregung versetzten, umgehend zu meinen Idolen, Wunschpartnern oder sogar Vertrauensleuten. In der Schule, in den Ferienlagern, sp�ter in den sozialistischen Betrieben, bei den verschiedensten Zusammenk�nften oder an irgendwelchen vollgepi�ten Ecken war es so. Ich konnte mir nicht helfen � die B�rgerschrecks z�hlten im weiten Umkreis meistens zu den einzigen interessanten Individuen. Trotzdem beinhaltet dies nicht die ganze Wahrheit �ber mich � ich mochte doch auch den tanzenden Prinzen! Die vollst�ndige Erkl�rung f�r meine harmoniefeindlichen Neigungen und meine Normschiefe fand ich lange nicht. Im Grunde war ich nie wirklich einer von den von mir geliebten B�sewichten � ich war nie ein abgr�ndiger Gewaltanwender oder skrupelloser Selbstsch�diger. Ich war ein braver Junge, hatte gute Zensuren, gr�belte ausdauernd, wenn meine zwanghafte Privatlogik mit der schulischen oder staatlichen nicht �bereinstimmen wollte. Ich verhielt mich zu meinen Tanten und Gro�m�ttern liebevoll � aber auch zu Fremden, wenn sie mir gutgesinnt waren. Trotz alledem begann ich ausgerechnet meine eigene Mutter irgendwann zu hassen � aber darauf komme ich noch ausgiebig zur�ck.</p><p>In welchem Loch verschwindet manchmal das ganze in einem sonst vorhandene Mitleid? Wieso schw�chelt sogar auch die in einem gutausgepr�gte Anlage zum Mitf�hlen, nachdem sich ihrer eine besondere Sorte innerer Schweinehunde bem�chtigt hat? Nat�rlich wurden meine Vorfahren und Verwandten w�hrend des Krieges ausgesprochen schlecht behandelt, sogar au�erordentlich schlecht � und sie sind teilweise h��lich umgekommen. Und durch diese unfreundlichen Orte, in denen sie sich eine Weile alle aufhalten mu�ten, wurde auch meine fast noch kindhafte Mutter geschleust. Das alles erkl�rt meinen speziellen Werdegang aber wieder nicht ganz, scheint ihm sogar punktuell zu widersprechen. Und meine Cousinen sind trotz alledem liebe Kn�spchen geworden, nur ich nicht. Auf allen Fotos aus der Kindheit sehe ich wie ein zuk�nftiger Befreiungsk�mpfer aus. Aus mir h�tte auch ein kampferprobter irischer Held werden k�nnen, ein besessener Baske, t�rkenha�erf�llter Grieche, verbissener Urschweizer, ein zur blutigen Reinigung entschlossener Sizilianer oder ein von der n�chsten Landesteilung bedrohter Pole. Man kennt sie alle von historischen Fotos, man kennt den f�r sie typischen Gesichtsausdruck. Vielleicht bin ich ein etwas sp�t geborener antir�mischer Zelot, ohne es einen beachtlichen Teil meines Lebens geahnt zu haben � oder ein im Traum initiierter Kampfkader des Herrn, dessen formeller Auftrag f�r die Neuzeit von den Cherubim unterwegs verkramt worden ist. Dieser Auftrag h�tte von mir aus lauten k�nnen: die Schleifung Roms als Vergeltungsakt f�r die Zerst�rung des zweiten Tempels in Jerusalem des Jahres 70. Mit der Schleifung Roms meine ich es relativ ernst. Wer besch�ftigt sich heute �berhaupt mit der Frage der Verantwortung Italiens f�r die j�dische Diaspora? Wieso wird wegen des Nahost-Problems dauernd die UNO bem�ht und nicht die italienische Regierung?</p><p>Wenn ich mir zu b�se vorkam oder die Gefahr, nicht wiedergutzumachende Schuld auf mich zu laden, abgewendet worden war, suchte ich nach weiteren vergangenen Einfl�ssen, die mich in Prag eventuell noch im Griff gehabt haben konnten. Ich wollte die Verantwortung daf�r, wie ich geworden war, gern etwas breiter gestreut sehen. Ich sammelte diese Erkl�rungssplitter aber nicht nur meines inneren Friedens wegen, sondern auch, um diejenigen Moralisten der Familie � Tante Eva beispielsweise, die Mutter meiner lieben Cousinen � vor�bergehend abzulenken, die in mir in manchen Schrecksekunden einen potentiellen Verbrecher oder zumindest Seelenverderber sehen wollten. Wenn ich auf der S�dseite unserer Wohnung aus dem Fenster schaute, sah ich auf eine Einbahnstra�e, die geschichtstr�chtig nach dem polnischen Dichter, Freiheitsk�mpfer und Kryptojuden Mickiewicz benannt worden war. Mickiewicz wurde mein Patron, war in unserer Wohnung dank des roten und aus einigen Fenstern gut sichtbaren Stra�enschilds immer pr�sent. Au�erdem konnte ich aus den gleichen Fenstern die B�ste der Frau unseres Staatsgr�nders T. G. Masaryk sehen. Mickiewicz war ein Russenfeind, Masaryk f�hrte den Widerstand gegen die k.-k.-Monarchie. DieB�ste seiner amerikanischen Frau Charlotta Garrigue Masaryk war in der Mickiewiczstra�e an einem der H�user angebracht. Sie hatte dort w�hrend des Ersten Weltkriegs gewohnt, als ihr Mann im Exil gewesen war und Frau Garrigue bei jeglicher Kontaktaufnahme mit ihm � dem Separatisten und Hochverr�ter Masaryk � die Todesstrafe gedroht h�tte. Ich sah Charlotta Garrigue Masaryk von weitem im Grunde jeden Tag, ab und an schaute ich ihr beim Vorbeigehen auch in die Augen, wenn ich ausnahmsweise auf die andere Seite dieser befahrenen Stra�e geraten war. Das Besondere und Geheimnisvolle des Garrigue-Masaryk-Hauses war au�erdem, da� es eine interessant ausgebaute Dachgescho�wohnung besa� � was damals in Prag etwas Seltenes war. Die n�chste Merkw�rdigkeit: In der besagten Dachwohnung lebten ausschlie�lich erwachsene M�nner, zwei oder drei an der Zahl. In meiner Phantasie waren es unbedingt ganz au�ergew�hnliche Menschen � Verschw�rer, K�nstler oder �berirdische.</p><p>Ob die Mutter des polnischen Nationalidols Mickiewicz wirklich eine zum Katholizismus �bergetretene J�din war � und eventuell auch sein Vater Jude war � , wu�te bei uns zu Hause niemand mit Sicherheit, diese Pikanterie wurde aber ab und an wenigstens angedeutet; allerdings nur vorsichtig und etwas versch�mt. Man wollte vielleicht vermeiden, da� jemand auf die Idee k�me, mit dieser Information das polnische Volk zu reizen. Bei uns standen die lieben Polen � trotz ihres Antisemitismus � hoch im Kurs, meine Mutter konnte polnisch, kannte einige Warschauer Literaten. So kam es, da� man �ber Mutters Sch�nheit auch dort Bescheid wu�te. Dar�ber hinaus hatten die Polen die Boshaftigkeit des moskowiten Ungeheuers schon vor Jahrhunderten durchschaut, also wesentlich fr�her als die traditionell slawophilen Tschechen.</p><p>Ich sehe auf vielen Fotos aus der Kindheit � wie gesagt � etwas seltsam aus. Ich bohre mich mit meinen Augen festentschlossen bis feindselig in die Linse der Kamera � mittelbar im Grunde in die Person des Fotografen; wie einer, der kurz davor steht, den Bel�stiger anzuspucken oder anzuspringen. Meine Mundwinkel sind verzogen, die Lippen fest zusammengepre�t, die Backen leicht aufgeblasen. Warum blo�? Auf einem Foto steht meine �ltere Cousine neben mir, schaut nicht den Fotografen an, sondern ganz und gar konzentriert nur mich � und ist dabei voller Besorgnis. Die �rmste wirkt ungl�cklich, fast wie eine Mutter, die den Sohn vor einer Trag�die bewahren m�chte. In ihrem verzweifelten Gesichtsausdruck steht einiges geschrieben, was man mir vielleicht h�tte �fter sagen m�ssen und was man mir manchmal sicher auch sagte. Ich lege hier meiner liebevoll erregten Cousine eine chronologie-mi�achtende Auswahl entsprechender Mahnungen in den Mund:</p><p>��NEIN, NICHT, BITTE, NICHT!�� spucke nicht, schlage nicht, sei lieb, Georg! Wenn ich nur w��te, was mit dir los ist! Dabei ist alles in bester Ordnung! Also: Baue bitte nie wieder Bomben! Schie�e auch nicht dauernd mit diesen Knallger�ten aus hohlen Schl�sseln! Du willst doch deine beiden Augen behalten � du wei�t doch, was neulich passiert ist! Und richte auf keinen Fall spitze Gegenst�nde gegen deine N�chsten. Und noch etwas � schlachte bitte keine kleinen Tiere, vor allem auch keine unschuldigen Fr�sche, egal, wie h��lich sie aussehen. Du darfst nie wieder Zahnpasta in deren Eingeweiden verr�hren! Und versuche um Gottes willen nie wieder, eine Stra�enbahn in der gro�en Spitzkehre aus den Schienen springen zu lassen � mit diesen Eisenkeilen aus dem Hof, ich wei� Bescheid. Und noch etwas, und das ist das Wichtigste: Distanziere dich nie von deiner Mutter, Georg! Richte nie ein lautes Wort an sie! Das k�nnte ihr Ende bedeuten.</p><p>Wie bereits beschrieben f�hrte mein Weg zur Schule an einem Hunderte von Metern langen Zaun der chinesischenBotschaft entlang. Ob breitere Schichten der Prager Bev�lkerung von den dort h�ngenden Durchblick-�ffnungen in den fernen Osten viel mitbekamen, wei� ich nicht, ich und ein Teil meiner Mitsch�ler konnten uns diesem Vitrinen-Unterricht aber kaum entziehen. Und wir wollten es auch nicht. Es ging abwechselnd um alles m�gliche, das f�r die Chinesen als erfolgreich, sch�n und pr�chtig galt, womit sich also das gro�e chinesische Volk und seine Partei br�sten konnten. Die Bilder erz�hlten uns vor allem �ber die wirtschaftlichen Fortschritte in der Volksrepublik, zeigten uns aber auch die wundersch�ne Natur des Gro�reiches und stellten uns ihre Menschen vor � das hei�t die unterschiedlichen, in Liebe und Respekt miteinander koexistierenden Volksgruppen. Gro�en Raum nahmen dabei immer Gro�auftritte von Folklore-Kleinensembles und � Riesenensembles ein. Nachdem die Umw�lzungen w�hrend der KULTURREVOLUTION an der Reihe waren, sollten die Prager offenbar gleich mitinfiziert werden. Die Pr�sentationen wurden nicht nur weiter perfektioniert, sie wurden immer penetranter.</p><p>Da� diese marxistisch-maoistische Propagandamaschine � mitten im sowjetischen Machtblock � eindeutig etwas Subversives hatte, machte sie f�r uns um so interessanter. Farbfotos waren f�r uns damals eine absolute Seltenheit, die Chinesen stellten aber ausschlie�lich Farbfotos aus. Und was f�r welche! Sie kamen aus der irgendwo offenbar doch existierenden, unwirklich leuchtenden Kodakwelt, die wir bis dahin h�chstens nur dem Namen nach kannten. Die Farben waren schreiend klar, wirkten aber nicht unecht. Vorherrschend war nat�rlich � auf dem Hintergrund der blau-, grau-oder gr�nuniformierten Massen � das Rot der synchron geschwenkten Fahnen. Wir verstanden vieles nicht, studierten die Fotos deswegen gr�ndlich � vor allem auch die in einwandfreiem Tschechisch verfa�ten Bildunterschriften, Kommentare und l�ngeren informativen Zusammenfassungen. Fanatismus hatten wir in den Gesichtern unserer leibhaftigen Mitmenschen damals nie zu sehen bekommen, entdeckten ihn zum ersten Mal an den chinesischen Massenmenschen und bildeten uns damit in gewaltigen Schritten fort. Das alles war uns aber nicht nur unverst�ndlich und fremd. Die stumme, emotionsgeladene Pantomimik der Abgebildeten war durchaus nachvollziehbar � und wir f�hlten, da� vieles davon, was diese Menschen uns sagen wollten, nicht nur gelogen oder nur f�r die Kameras einstudiert war. Einiges davon geschah im fernen China wirklich.</p><p>W�hrend der Kulturrevolution erfuhren wir nat�rlich auch ALLES �ber Mao Tse-tung. Mao stand jetzt unangefochten im Zentrum der Berichterstattung, sein Kopf und sein K�rper waren proportional immer die gr��ten, kompositorisch wurde ER auf den einzelnen Bildern ebenfalls immer unmi�verst�ndlich dominant plaziert. Die Ausstrahlung seiner G�te und seiner Gem�tsruhe war bestechend. Die Fotografen und Retuscheure hatten immer ganze Arbeit geleistet. Auch Nie Yuanzi sah immer vollkommen aus � wie eine unsterbliche G�ttin, deren Kraft nie nachlassen w�rde. Sie ist heute � vierzig Jahre sp�ter � leider eine gebrochene einsame Frau, die unter anderem auch aufgrund ihrer insgesamt siebzehn Jahre Haft erkannt hat, gewaltige und zu sprunghafte Fehler begangen zu haben.</p><p>Da� Mao in China geistig der Gr��te war, wollten wir den Chinesen gern lassen. Da� er gleichzeitig auch der gr��te Wissenschaftler, der ausdauerndste Schwimmer und der begabteste Schriftsteller des Landes war, konnten wir den Propagandisten aber nicht ganz abnehmen. Ich kann mich an das Bild des schwimmenden dicken Mao im Jang-tse erinnern. Bei seiner Planscherei wurde er von sch�nen Rotgardistinnen begleitet, diese schwammen im Kreis um ihn herum und schafften es, nebenbei noch die roten Fahnen hochzuhalten und nicht na� werden zu lassen. Dieeigentlichen Rekordhalterinnen waren eigentlich sie, die es auf der Wasseroberfl�che viel schwerer hatten. Waren wir kl�ger als die Propagandaspezialisten des chinesischen Au�enministeriums? Wurde die Intelligenz des tschechischen Volkes etwa untersch�tzt? Zuverl�ssige Detailinformationen bekam ich erst vierzig Jahre sp�ter. Inzwischen wei� ich beispielsweise, da� der stinkig-ungewaschene Mao seine jungen Begleiterinnen gern der Reihe nach beschlief. Und zwar wirklich ausdauernd. Au�erhalb seiner gro�en Auftritte war der dicke Mann dagegen ein fauler M��igg�nger, der gern unterwegs war. Er lie� sich in seinem privaten Luxuszug oft einfach durchs Land fahren.</p><p>Manchmal trauten wir uns sogar auf das chinesische Botschafts- und Residenzterritorium, wurden in einem kleinen Empfangsraum h�flich begr��t und reichlich beschenkt: mit Maos Roten B�chern, F�hnchen, Plakaten, Brosch�ren. Hinterher am�sierten wir uns �ber unsere Beute, sind aber nie Feinde des chinesischen Volkes geworden. Wir sahen, wie enorm flei�ig die Chinesen waren. Wir staunten �ber die Bilder der Menschen, die ununterbrochen Tausende Kilometer marschieren konnten, wir bewunderten unerm�dliche Feldarbeiter, die beim Ackern gleichzeitig sogar lesen lernten. Jeder von ihnen trug am R�cken ein gro�es, auf Leinen gemaltes Schriftzeichen, so da� die anderen Lernenden und gleichzeitig Arbeitenden immer ein oder mehrere dieser Zeichen vor Augen hatten � und sie konnten sie sich nach und nach gut einpr�gen. Wir kannten auch die Legende von einem armen Jungen aus der vorrevolution�ren Zeit, der nur nachts � und bei nur schwacher Leuchtk�fer-Beleuchtung � hatte studieren k�nnen, bis er ein blinder revolution�rer Gelehrter geworden war.</p><p>Vaters Mutter Ludmila hatte mir oft geraten, mich von Skopka fernzuhalten. Da� ich so begeistert von seiner wi�begierigen Besessenheit erz�hlte, und nat�rlich auch vonseinem Drang, die engen Grenzen unseres Alltags � ideologiefrei, nur technikgest�tzt � zu sprengen, behagte ihr einfach nicht. Sicher hatte sie dabei die falsch gew�hlten Freunde ihres Sohnes, meines mi�ratenen Vaters, vor Augen. R�HRE DAS NICHT AN, R�HRE JENES NICHT AN! warnte sie mich. Aber ausgerechnet mein Freund Petr Skopka r�hrte alles m�gliche an, was andere Menschen in Ruhe lie�en � entweder aus Vorsicht oder aus Mangel an Phantasie. Gro�mutter Ludmila hatte, was Petr betrifft, nicht ganz unrecht. Seine zus�tzliche gro�e Begabung bestand ausgerechnet darin, auch �u�erlich harmlosen Dingen � wenn es der Wissenschaft diente � ein gewisses Sprengpotential zu entlocken. Skopka war der erste Mensch, dem ich mich wegen seiner Au�ergew�hnlichkeit und seines Einfallsreichtums absolut nicht entziehen konnte. Er war mir dauernd meilenweit voraus. Und daher durfte ich ihn, wenn ich die Zeichen der Zeit nicht verschlafen wollte, auf keinen Fall aus den Augen lassen. Er hatte Ideen, die ich selbst auch gern gehabt h�tte � sie aber einfach nicht bekam. Zum Tausch dieser Rollen kam es zwischen uns nie. Skopkas Ideen z�ndeten in mir aber wenigstens hei� und intensiv, wenn auch erst mit einer kleinen Versp�tung.</p><p>So war es schlie�lich nicht verwunderlich, da� ich an der Seite dieses Verf�hrers einer der ersten Fl�ssigbomben-Terroristen von Prag wurde � beinah jedenfalls. Nat�rlich hatte dies eine l�ngere Vorgeschichte. Meine Mutter hatte mir etliche Jahre davor � etwa um das Jahr 1960 � �ber den algerischen Befreiungskampf und den gnadenlosen, auch in Frankreich ausgetragenen Bombenterror viel erz�hlt, berichtete mir auch �ber den langgezogenen tiefen Konflikt zwischen Sartre und Camus. Mich interessierte das Ganze besonders deswegen, weil von dem algerischen Befreiungsterror auch meine ERSTE Liebe unmittelbar betroffen war. Eva H-ov�, in die ich Mitte der f�nfziger Jahre � es war in der ersten Klasse � verliebt gewesen war, lebte ausgerechnetin den Zeiten des Bombenkriegs der FLN mit ihrem Diplomatenvater in Paris. In Prag liefen die d�steren f�nfziger Jahre allm�hlich aus, bei uns zu Hause sprach man trotzdem dauernd �ber irgendwelche politischen Katastrophen � nat�rlich auch �ber die algerischen Bomben, die Menschen t�teten. Und ich erfuhr von meiner Mutter und aus dem� Spiegel �recht fr�h �ber diese Art von Machtaus�bung � also die M�glichkeit, seinen Machtanspruch laut genug und blutig anzumelden.</p><p>Einen triftigen Grund, mich von Skopka fernzuhalten, hatte ich nicht, alles fing vollkommen harmlos an. Und Skopka war seit langem sowieso f�r die unterschiedlichsten Facetten meiner Ausbildung verantwortlich. Einen Fotografen hatte er aus mir zwar nicht gemacht, ich wu�te aber genau, was man in der Dunkelkammer zu tun hat und was dort wie funktioniert � eben von Skopka. Ich hatte ebenfalls nicht vor, ein Kosmonaut zu werden, die in der Zukunft liegende Kosmoseroberung wurde aber auch zu meinem Anliegen. Und hier schlie�t sich teilweise der Kreis: Kosmoseroberung ist, wie man wei�, ohne gewaltige Verbrennungsprozesse nicht denkbar. Und Petr Skopka war � das kann ich nicht ganz leugnen � ein Experte auch in Sachen flammender und sonstiger Zerst�rung. Nat�rlich war es seine Idee gewesen, eine Stra�enbahn auf eine kurze Fahrt �ber die Pflastersteine zu schicken und zu beobachten, wie gut sie dort ohne Stromflu� vorw�rtsk�me.</p><p>��Eine Explosion, beruhigte er mich einmal, ist nichts anderes als eine harmlose Verbrennung, die Oxidation erfolgt dabei nur ungeheuerlich schnell. Und ein Verkehrsunfall ist � streng physikalisch gesehen � nichts anderes als Bremsen, also mal mehr oder weniger materialsch�digend, versteht sich.</p><p>Skopka besuchte zweimal die Woche, volle zwei Jahre lang, einen geheimnisumwitterten Chemiezirkel und war auch in seiner Freizeit ganz bei der Sache. In mir n�hrte ernebenbei kontinuierlich die Begeisterung f�r Explosivstoffe, bis ich mich bei dem Zirkel schlie�lich auch anmeldete. Dort langweilte ich mich aber f�rchterlich, litt vor allem darunter, mich nicht an der frischen Luft bewegen zu k�nnen. Und ich sah absolut nicht ein, warum ich das und jenes miteinander mischen sollte, was mir �u�erlich �berhaupt nichts sagte, optisch auch nach gar nichts aussah. Die meisten der verwendeten Substanzen verrieten nicht ann�hernd, was in ihnen steckte. Sogar wenn man sie angefa�t hatte � was man dummerweise gar nicht sollte � , geschah in der Regel nichts. Chemie war auf dieser Stufe der Besch�ftigung absolut unsinnlich, undurchschaubar, unspektakul�r. Nachdem aber Skopka immer neue Geheimnisse erfahren und mit ihnen heimliche Experimente angestellt hatte, hatte ich doch Feuer gefangen und wurde nach einer gr�ndlichen Schulung als Assistent engagiert. Eine Einweisung bestand zum Beispiel darin, da� er mir zeigte, wie man chemische Substanzen mit dem Geruchssinn erkundete � ohne sich der Gefahr der Schleimhautver�tzung auszusetzen.</p><p>��NIEMALS an die Fl�schchen�ffnung direkt mit der Nase herangehen, die Ausd�nstungen NIEMALS direkt in die Nasenl�cher einziehen! Den Kopf immer nur in sicherem Abstand halten, mit der freien Hand oberhalb des Flaschenhalses wedeln und die dadurch verd�nnten, eventuell �tzenden D�mpfe vorsichtig pr�fen.</p><p>Die ersten wirklich gef�hrlichen Experimente starteten wir mit S�uren � manche hatte Petr bei den Zirkelnachmittagen abgezapft, also geklaut, manche waren damals frei verk�uflich. Salzs�ure war in den Drogerien in unbegrenzter Menge zu haben.</p><p>��Jungs, wof�r braucht ihr das? Warum so viel?</p><p>��F�r die Toilettensch�sseln zu Hause, f�r das ganze Haus. Unsere M�tter wollen innen alles wei� haben, bis nach unten in den Siphon.Wir testeten zum Beispiel, was in den S�uren zischte und sich aufl�ste und was nicht, wir sprangen zur Seite, wenn die Reaktionen zu heftig wurden. Skopkas Arbeitstisch und dessen Umgebung gerieten oft unter Spritzerbeschu�, alles war voller Spuren der s�uerlichen Fre�gier. Der stark kurzsichtige Petr trug zum Gl�ck eine Brille, sein K�rper, Kopf und seine Kleidung sch�tzten mich als seinen immer in der zweiten Reihe stehenden Assistenten vor dem Schlimmsten. Skopkas Hosen und Hemden waren nat�rlich dauernd voller L�cher. Da� irgendwelche Abwasserleitungen in seinem Haus Lecks bekamen und es dadurch zu einer f�kalen �berschwemmung des halben Kellers kam, war wahrscheinlich unsere Schuld. Als ich einige Jahre zuvor einen langweiligen Spielkasten� Der junge Chemiker �bekommen hatte, ahnte ich nicht, was die Chemie in Wirklichkeit alles bewirken konnte.</p><p>Mit S�uren- und Basen-Experimenten war es irgendwann zu Ende, wir gingen zum Herstellen von praktisch nutzbaren Endprodukten �ber � das war viel interessanter. Die interessantesten von ihnen waren eindeutig die Sprengstoffe. Alle Zutaten wie Azeton, Nitroverd�nnung und irgendwelche Mittel gegen Unkraut (�Gras-Ex�) � also alles, was wir brauchten � gab es damals frei im Handel. Bei einem der Rezepte war auch Wasserstoffperoxid dabei. Dank der emsigen Islamisten kennt solche Rezepte f�r Fl�ssigsprengstoff heutzutage jedes Kind. Die drei oder vier ben�tigten Zutaten mu�te man sich allerdings auch damals � trotz der Ahnungslosigkeit der Drogisten � zeitversetzt und m�glichst in unterschiedlichen Gesch�ften besorgen. Wir betraten die L�den einzeln, jeder von uns kaufte grunds�tzlich nur eine einzige Zutat. Danach trugen wir den Stoff nach Hause, wechselten uns beim Kanistertragen ab. Mit dem ausgewaschenen Gef�� gingen wir sp�ter zur n�chsten Drogerie.</p><p>Als Reaktionsgef��e dienten uns gro�e Gurkengl�ser, die in unseren Zimmern frei herumstanden und f�rchterlichstanken � jedesmal mehrere Tage lang. Kein Erwachsener beschwerte sich, niemand fragte nach dem Sinn und Zweck des geheimnisvoll reifenden Mischinhalts. Das aus mehreren Litern bestehende Wasserstoffperoxid-Azeton-usw.-Gemisch sonderte beispielsweise eine d�nne Schicht wei�licher Flocken ab, die auf dem Glasboden liegenblieben. Wir wollten � teilwissend und vollkommen unschuldig, wie wir waren � keine Geb�ude in die Luft jagen, wir brauchten ausschlie�lich dieses Konzentrat, Derivat, diese Salzabsonderung oder was es war. Die Flocken mu�ten nach dem Ende der Reaktionszeit nur noch abgefiltert werden, die f�r uns uninteressante Fl�ssigkeit wanderte in die Toilette. Wir rauchten damals noch nicht und schmissen zum Gl�ck keine Kippen in die inzwischen tats�chlich schneewei�en Klosch�sseln. Als die zu Pulver zerfallenen Flocken auf dem Filterpapier getrocknet waren, wurde diese Kostbarkeit auf Papierquadrate verteilt. Auf jedes Pulverh�ubchen legten wir eine Stahlkugel, zogen die vier Papierenden in die H�he und verpa�ten jeder dieser Wurfgranaten einen gedrehten Schweif. Das Gescho� war hochexplosiv, zur Z�ndung reichte der einfache Aufprall der schweren Kugel. Der Krach � drau�en auf den Stra�en, versteht sich � war trotz der knapp bemessenen Dosierung jedesmal gewaltig. So etwas wie Blindg�nger produzierten wir nicht. Leider wollte Skopka aus �bermut auch mal eine primitive Z�ndschnur testen, bis ihm eine warm gewordene Granate zwei Finger und einen Daumen zerfetzte. Er trug, wie gesagt, zum Gl�ck eine Brille. Beim Arzt versuchte er zu behaupten, er sei im Geb�sch auf Glasscherben gefallen. Man lachte ihn aus. Als ein Jahr sp�ter die chinesischen Vitrinen zum ersten Mal hochgingen und abbrannten, wurden wir von der Polizei sofort aufs Revier geholt.</p><p>Letzten Endes ging in dieser mit chemischen Experimenten verbrachten Phase unseres Lebens alles gut aus. Wir verloren bei den feierlichen Explosionen keine lebenswichtigen Organe, unsere H�user oder H�userblocks brannten nicht aus, wir brachten niemanden um und wurden von unseren Familien in keine Besserungsanstalten gesteckt. Und bei den Anschl�gen auf die Chinesen waren wir eindeutig unschuldig. Das Innenministerium soll die Polizei angeblich sowieso bald angewiesen haben, die T�ter nicht allzu intensiv zu suchen. Heute wei� ich, da ich einige Tiefenrecherchen angestellt hatte, �ber die Hintergr�nde der beiden Angriffe noch mehr: Den ersten veranla�te eine Abteilung des Innenministeriums, den zweiten leisteten sich irgendwelche Diplomaten aus Nahost. Eine angrenzende arabische Botschaft f�hlte sich von den Propagandaorgien der Chinesen gest�rt.</p><p>Der� Tod in Schuhen �geh�rte allerdings schon fr�h zu unserem Alltag. In unserer Gegend wohnten einige brutale Typen, die sich ab und an aus �bermut und aus tiefdunkler Wut mit Pflastersteinen bewarfen. Und als einer am Kopf getroffen wurde, lag er kurze Zeit ausgestreckt auf der Stra�e � und war wie tot. Er regte sich nicht, zuckte nicht, und ob er atmete, konnte man nicht sehen. Einige Wochen sp�ter lief er wieder herum, wurde aber nie der Alte. Wenn er schneller vorw�rtskommen wollte, h�pfte er immer mit einem kindlich wirkenden Einfu�-Doppelsprung � abwechselnd jeweils auf dem linken und dem rechten Fu�. Oft blickte er ins Ungewisse und verkehrte au�erdem nicht mehr mit seinen alten Kumpanen. Seine alteingeschworene Bande war noch schlimmer als die sogenannte Affenbande, aber auch vor der Affenbande unseres unberechenbaren Dschagarow hatte man Angst zu haben. Hauptoperationsgebiet der Affenclique waren zum Gl�ck die steilen H�nge des Hirschgrabens. Die Wildnis dieser tiefen Hradschiner Schlucht auf der Burg-R�ckseite geh�rte teilweise schon zur bewachten Umgebung des pr�sidialen Gartens und seiner Wohnresidenz und lag au�erhalb unseres �blichen Bewegungsradius. Daher kamen uns beispielsweise die Affen in der N�he unseres barocken Stadttores nur selten in die Quere.</p><p>Eines Tages passierte etwas, wovor wir immer schon gewarnt worden waren. Einer von uns war leichtsinnig und fiel von unserem gel�nderlosen Tor auf die Stra�e. Er fiel vom frontalen Sims direkt auf die Pflasterung und starb tats�chlich bald. Damit hatten wir in dem nie offen ausgebrochenen Rivalit�tskampf mit der Affenbande einen gro�en Pluspunkt gemacht. An sich war dieser luftige Flug aber vollkommen harmlos und unspektakul�r, ihm ging �berhaupt keine aggressive Auseinandersetzung voraus. Ein buntes Stoffb�ndel segelte durch die Luft, man h�rte keinen Schrei, wegen des Stra�enl�rms fiel auch der Aufschlag wie ger�uschlos aus. Der Bursche, der nicht zu meinen n�heren Freunden z�hlte, sah �u�erlich unverletzt aus, seine Augen betrachteten uns ruhig eine ganze Weile. Er wirkte etwas leidend, hielt sich am Bauch fest, klagte aber nicht. Sein bester Freund streichelte ihn so lange, bis die Sanit�ter kamen.</p><empty-line/><p>die affenbande war schneller als das blut</p><p>Wenn ich unsere Familienetage verlie�, f�hlte ich mich wie befreit und atmete auf. Drau�en auf der Stra�e war ich das chaotische Geliebtwerden f�r eine Weile los, und hier hatte vieles eine gewisse, wenn auch nur sozialistisch bescheidene Ordnung. Der Staat billigte seinen Untertanen kein wirkliches Mitspracherecht zu, mu�te aber trotzdem mit einer begrenzten �ffentlichen Kontrolle rechnen. Als die Bezirksverwaltung alle vorhandenen Gel�nder der denkmalgesch�tzten Gegend bunt anstreichen lie�, gab es bei uns so etwas wie einen B�rgeraufstand. Das vom Dreck erschwarzte und stark rostende Metall der Gel�nderrohre erstrahlte pl�tzlich zwischen den einzelnen Pfosten in den Farben gelb, rot, gr�n � gelb, rot, gr�n � gelb, rot, gr�n� und abwechselnd immer so weiter. Allerdings hatten sich die Anstreicher an zwei Stellen verz�hlt.</p><p>Mehrere Stra�en der Umgebung � nicht nur meine � waren nur einseitig bebaut und hie�en nicht� Stra�e�, sondern� Basta�, was Bollwerk bedeutet. Die unbebaute Seite der jeweiligen Basta bildete eine nach unten zum Verteidigungsgraben fallende Backsteinmauer. Und auf den aus Stein gemei�elten Kronen dieser Mauern zogen sich aus Sicherheitsgr�nden die gerade beschriebenen Gel�nderstrecken hin. Wenn das Demonstrationsrecht � realsozialistisch das� Recht auf Stra�enumz�ge und Manifestationen �genannt � damals nicht nur auf dem Papier existiert h�tte, h�tten sich die Menschen sicher Parolen wie� Wir sind keine Papageien �oder� Ab nach Bolivien �einfallen lassen. Das Murren des Volkes war nach dem Pinselstreich der Verwaltung zum Gl�ck laut genug � und die gelben und gr�nen Abschnitte wurden nach und nach rot �berpinselt, bis alles einheitlich Signalrot war.</p><p>Eigentlich will ich aber auf etwas vollkommen Kontr�res hinaus: In unserer Gegend umgab mich insgesamt viel mehr Harmonie und Sch�nheit, als sie in unserer Wohnung zu finden waren. Die Rudimente meines Sinns f�r �sthetik formten sich eventuell dort unter freiem Himmel und nicht in irgendwelchen Museen oder Galerien. Inmitten unseres h�uslichen Gebrauchtm�bellagers war �sthetische Erziehung sowieso nur als eine negativistische Widerstandsschulung m�glich. Aber aufgepa�t: Obwohl meine sch�ne Gegend unendlich viele Vorz�ge hatte und in der Nachkriegszeit nur geringf�gig verschandelt wurde, war ihre Harmonie tr�gerisch. Die �u�ere Aura, die ihr w�hrend der vergangenen Jahrhunderte verliehen worden war und mit der sie alle Pragliebhaber problemlos beeindrucken konnte, verdeckte einiges ausgesprochen geschickt.</p><p>Wie brisant die Lage und die weitergefa�te Topographie des Umfelds meiner Stra�e in Wirklichkeit war, ist mir erst beim Schreiben dieses Kapitels aufgegangen. Bei diesem additiven Rundumblick und beim Sortieren dessen, was zu der sonstigen Gutm�tigkeit der Gegend absolut nicht passen wollte, sind sogar die noch zu beschreibenden Kommandoeins�tze der st�dtischen M�llarmee verbla�t. Und die Selbstgef�hrdung beim Balancieren auf dem Kranzgesims des Stadttors hat auch stark an Gewicht verloren. Je l�nger ich heute an die Umgebung meiner Wohnung denke, desto klarer wird mir, da� ich zwischen realen Explosionsund Implosionsherden oder seelischen Schw�rest�tten verfangen, von mehreren Pulverf�ssern regelrecht umstellt war. Tats�chlich befand sich in jeder Himmelsrichtung mindestens eine aktuelle Gefahrenquelle, ein Herd der aktiven Gewaltaus�bung oder ein Ort, der der passiven Gewalt-Erwartung diente. Dieser konkrete Ort erstreckte sich sogar bis in das Innere unserer Anh�he und lag so gut wie unterunseren F��en. Und all das, was ich gerade aufgez�hlt habe, ist durchaus wortw�rtlich und r�umlich konkret gemeint. Es gab hier sogar einen Ort, an dem pausenlos Planspiele zur gro�fl�chigen Eliminierung feindlicher V�lker geschmiedet worden waren. Insgesamt an F�NF SCHWERPUNKTEN ging es in meiner N�he, mittelbar oder unmittelbar, um Sterben, Zerst�rung oder Ausl�schung. Ich bewegte mich damals, habe ich das Gef�hl, im Innentrakt eines neuzeitlichen Drudenfu�es, auf den geometrisch nicht vorhandenen Achsen eines magischen F�nfzacks. Zuf�lligerweise bestand ausgerechnet auch meine Stra�e � weil sie der Festungsmauer folgte � aus f�nf Abschnitten.</p><p>�ber den f�nfzackigen Belagerungsring, in dessen Zentrum meine viermal gebrochene Stra�e stand, jetzt der Reihe nach.</p><p>Die Stra�enbahnen mu�ten sich � um von der Burg bis zur Moldau zu kommen � eine stark absch�ssige Stra�e quietschend hinunterbremsen, mu�ten sich au�erdem durch einige scharfe Kurven qu�len. Sie schafften es nicht immer problemlos, standen manchmal pl�tzlich lahm auf den Pflastersteinen der Serpentine und verstellten den Autos den Weg. Einmal lag unter dem Stahlkolo� sogar ein Junge, und es dauerte eine Ewigkeit, bis ein Lastkran kam und die Helfer und �rzte den Jungen befreien konnten. Beim Warten auf den Kran unterhielten sie sich mit ihm, scherzten vorsichtig, und der Junge versuchte, vorsichtig zur�ckzul�cheln. Die alten Stra�enbahnen bestanden aus einem Triebwagen und einem oder zwei Anh�ngern. Diese angeh�ngten Klapperkisten konnten � weil sie keine eigenen Motoren besa�en � zwar bergauf empfindlich zur Last fallen, sie waren aber nicht in der Lage, unabh�ngig Bremsstrom zu erzeugen. Die steile Abfahrt war sowieso nicht ungef�hrlich, da sich beispielsweise in einer der Kurven einige Weichen befanden. Eines Tages passierte das, wasirgendwann passieren mu�te. Die Stra�enbahn wurde unterhalb des Belvederes (des Lustschl��chens der K�nigin Anna) immer schneller, und die Fahrerin verlie� sich auf die sonst immer zuverl�ssige Bremsanlage � obwohl diese nicht mit mehreren Bremskreisen ausgestattet war. Ihr schmaler und niedrig liegender Wagentyp � im Volksmund� U-Boot �genannt � hatte etwas kleinere R�der als die rundlicheren Modelle, die Strecke war na�, und beide Wagen waren voll besetzt. Die Fahrerin geno� das Tempo viel zu lange, bis es irgendwann zu sp�t war. Bei der anschlie�enden Vollbremsung sprang das Doppelgespann wie ein w�tendes Walro� aus der ersten, leider in der Kurve liegenden Weiche, fuhr auf der Pflasterung geradeaus und kippte dabei um. Und bevor der Vorderwagen in die St�tzmauer des Berghangs krachte, hatte sich der Anh�nger mehrmals �berschlagen. Das Blut der Passagiere, die aus den kaputten Fenstern und der offenen Plattform des Anh�ngers hinausgeschleudert worden waren, verf�rbte die Ungl�ckskreuzung in unterschiedlichen Rott�nen. Und da es nicht sofort gerann, flo� es in kleinen Rinnsalen die abfallende Stra�e hinunter. Die d�steren Statuen des Mystikers und Symbolisten Frantisek Bilek, die auf der gegen�berliegenden Seite der Kreuzung vor Bileks ehemaliger Villa standen und dort immer noch stehen, schauten dem Gro�ereignis hocherregt zu.</p><p>��Endlich ein Schritt in die richtige Richtung! Auf zur Apokalypse! wieherte es lautlos aus ihren aufgerissenen M�ndern.</p><p>Nachdem die Verletzten abtransportiert worden waren, mu�te die Kreuzung ges�ubert werden. Die Feuerwehr bespritzte die Pflasterung so lange und gr�ndlich, da� sich das ger�tete Wasser bis nach unten ins Moldautal vorarbeiten konnte; es rann durch die Rillen der Schienen und folgte brav auch den sch�rfsten Kurven. Kurz vor der kleinseitner Haltestelle bildeten sich einige rote Pf�tzen. Seit dem Gro�unfall wurden auf dieser absch�ssigen Strecke mehrere Sicherheitsstops eingerichtet, die sp�ter auch die neuzeitlichen Stra�enbahnz�ge einhalten mu�ten.</p><p>Diese steile Schienenrutschbahn lag s�dlich meiner Wohnung, und ich hatte ausgerechnet ihren brisantesten Streckenabschnitt und die zu ihm geh�renden Gefahren pausenlos im R�cken � allerdings nicht in Sichtweite. Gelegentlich konnte man die Bremsman�ver aber h�ren. Wenn ein Triebwagen quietschte, daraufhin Bremssand auf die Schienen ejakulierte, kreischte er ganz sonderbar � und machte dabei den Eindruck einer in Schreckstarre geratenen Kreatur.</p><p>V�llig anderer Natur war die Gefahr, die vom nord�stlich unserer Stra�e residierenden Vulkan ausging. Im Vergleich zu diesem Unruheherd NUMMER ZWEI waren die Achterbahnkunstst�cke unserer altert�mlichen Stra�enbahnen relativ harmlos. Unser Vulkan konnte � wenn ihm danach war � die gesamte Gegend jederzeit und urpl�tzlich in Schrecken versetzen. Als ich klein war, dachte ich in manchen Zusammenzucksekunden, in der N�he w�rde ein �berdimensionierter L�we hausen. Der Vulkan f�llte sich regelm��ig und haupts�chlich an den Wochenenden, er f�llte sich mit emotional aufgeheizter Lava und hie� Sparta Praha. Sparta war einer der gro�en Prager Fu�ballklubs der (meistens jedenfalls) ersten Liga. Ich kannte den Spielkessel allerdings nur von au�en � sah immer nur die h��lichen R�ckseiten der hohen Holztrib�nen. Und auf mich wirkte das Unget�m tats�chlich wie ein zum Himmel ge�ffneter, stinkender und nicht begehbarer Berg. Ich spielte zwar dauernd Fu�ball, in das Stadion ging ich aus gutem Grund aber nie. Die darin brodelnde Menschenschmelze war mir unheimlich. Es konnte auch gar nicht anders sein � das dort unter Druck stehende Magma machte jeden famili�ren Zusammenhang l�cherlich, negierte jede Individualit�t, verwirrte auch manche gestandenen Kerle im Erwachsenenalter. Und mich pr�gte der Spartavulkan schon seit meinen ersten Lebenstagen � es waren gewaltige Sto�seufzer von Zehntausenden, Eruptionen eines Eintopfs aus miteinander verschmorten Seelen, das Aufheulen eines riesigen Leviathans, der Siegesjubel eines aufgeputschten Wasserkopfs ohne Gewissen, die mich bedrohten. Da� von diesem Vulkan eine massengeballte Bedrohung ausging, war auf eine Entfernung von Hunderten von Metern zu sp�ren. Man wu�te einfach: Dieser ungeheuren Kraftmasse durfte sich nichts in den Weg stellen, diese Masse w�rde � nachdem sie sich aus den mit Bierr�ckst�nden vollgepi�ten Ausg�ngen ergossen hatte � alles Erdenkliche niederwalzen. In dieser Masse hatte ein zartes B�rschchen wie ich nichts zu suchen, besonders in den Jahren, wenn Sparta Praha in die zweite Liga abgerutscht war. Wann die Spiele stattfanden, wu�ten wir nie, das Gebr�ll �berraschte uns alle immer wieder von neuem. Wenn sich das Ungeheuer pl�tzlich aufrichtete und seinen Riesenkopf in den Himmel oberhalb der Trib�nen hob, h�rte man zeitversetzt:</p><p>��HHHHHAAAAAAAAAAAAAAA�!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Kurz bevor diese im Ton abfallende Botschaft voller Entt�uschung (einer hatte sicher daneben geschossen) bei uns ankam, dr�ckte uns die dazugeh�rige Druckwelle die Vorh�nge ins Zimmer.</p><p>��HHHHHHHHHHHUUUU�!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! war k�rzer. Es hie� eher, da� der Torwart gehalten hatte. Genau wu�te das aber niemand von uns.</p><p>Wenn die Sparta-Mannschaft ein Tor (GGGOOOOOOO-OOLLLLLLL��!) geschossen hatte, gab es einen Aufschrei, den schriftbildlich ad�quat wiederzugeben leider unm�glich ist. Zur Illustration dieser Tor-Ekstasen mu� hier reichen, da� dabei von den D�chern oft lockere oder gesprungene Dachziegel flogen.</p><p>Zu einer Kindheit geh�ren robuste Kulissen, die im Ged�chtnis nicht allzu leicht zerbr�seln oder sich von sp�teren Erinnerungen nicht kleinkriegen lassen. Neben unserembarocken Tor, den �ppigen Resten der Festungsmauern, den unzug�nglichen H�ngen der Affenbande unterhalb der Parks im S�den (hinter der steilen Strecke der Stra�enbahn) waren es die monumentalen Geb�ude der bislang noch nicht erw�hnten Milit�rakademie im Westen, die zu diesem Ensemble von Kulissen z�hlten. Diese Akademie � die NUMMER DREI des besagten F�nfzacks � besa� ein gro�es, gutbewachtes Areal, auf dem besonders fruchtbare und f�r uns unerreichbare Kastanienb�ume wuchsen. Sonnabend nachmittags konnte man in den nahe dem Seiteneingang gelegenen Kinosaal gehen und sich einen Kriegsfilm ansehen. Etwas anderes als Kriegsfilme zeigten die Milit�rs nie � ich w�re aber trotzdem gern hingegangen, wenn ich nicht zu meinem Vater h�tte pflichtfahren m�ssen. Die Akademie � im Volksmund� Kadetka �genannt � lag in der N�he der Burg und war von meinem Haus etwa so weit entfernt wie das Stadion. Aufgrund dieser strategisch ausgewogenen Lage geh�rten zu meinem Leben � als Ausgleich zu den Fu�ballfans � viele Offiziersanw�rter und ihre ebenfalls uniformierten Offiziersdozenten, die sich jeden Tag von den Stra�enbahn- und Bushaltestellen zum Unterricht schleppten. Mit meinen und Skopkas Knallgranaten lie�en sich nicht nur die Fu�ballfans aus dem Hinterhalt effekvoll attackieren, auch die M�nner in den gr�nen Ausgehuniformen zuckten ganz h�bsch.</p><p>Nachdem sich die nur dem m�den Lernproze� verpflichtete Soldateska aus den Verkehrsmitteln ergossen hatte, lief sie meist wesentlich langsamer� zur Arbeit �als die �brige arbeitende Bev�lkerung. Von Marschieren oder wenigstens w�rdigem Schreiten konnte bei diesen Auftritten nie die Rede sein. In den H�nden oder auf den Schultern der M�nner sah man sowieso nie irgendwelche Waffen, auch nicht an ihren G�rteln. Diese Soldaten trugen nur Aktentaschen, Stoffnetze oder Papiert�ten mit Br�tchen und Speckw�rstchen.Dazu mu� man wissen: Die Eliten unserer im Jahre 1939 aufgel�sten Armee wurden w�hrend des Protektorats gnadenlos dezimiert. Die entlassenen Offiziere hatten ihre Strukturen f�r den konspirativen Widerstand genutzt und gingen in immer neuen nachr�ckenden Wellen in die Folterkammern der Gestapo und in den Tod. Die verbliebenen Reste, selbstverst�ndlich auch die R�ckkehrer aus den westlichen Armeen, erwartete nach dem Krieg ein �hnliches Schicksal � sogar auch ohne jegliche Beteiligung am neuen Widerstand. Die Verfolgungswelle begann gleich nach der 48er Machtergreifung � die Offiziere wurden verhaftet, gefoltert, au�ergerichtlich oder gerichtlich umgebracht; die Verschonten in die Armut getrieben, entehrt, vergessen. Nur ein Teil setzte sich ab. Die vakanten Offiziersposten wurden anschlie�end mit in Schnellkursen ausgebildeten jungen Kommunisten, m�glichst Arbeiters�hnen besetzt.</p><p>In meiner Zeit lagen alle Kriege dieser Erde in weiter Ferne, und ich konnte mir nie vorstellen, da� die an mir vorbeischlendernden Kampfausbilder oder gar ihre Kampflehrlinge anderen Menschen weh tun k�nnten, es sogar gern wollen sollten. Trotzdem � sie waren tagt�glich genau mit solchen und noch schlimmeren Dingen besch�ftigt. Die einen leiteten die anderen an, trieben sie vor sich her, gaben ihr ausl�schendes K�nnen weiter. In meiner unmittelbaren N�he wurden pausenlos Kriegsszenarien simuliert, Siegeschancen durchgerechnet, Menschenmassen auf Waagschalen geworfen. Der Zaun der Akademie war massiv, leicht zu �berwinden, wir betraten das Gel�nde trotzdem nie. Ganz in der N�he der Akademie residierte auch noch der Generalstab der Armee.</p><p>Der Norden unserer Gegend war lange Zeit � bevor die Zerst�rungskommandos ankamen � ausnahmsweise tats�chlich voller Frieden gewesen. Nur der Verkehr nahm immer mehr zu � und mit ihm w�lzten sich auf mich und meineFreunde unausweichlich bitterb�se tektonische Ereignisse heran. Diese wurden in den K�pfen zwar nicht milit�rischer, trotzdem �hnlich r�cksichtsloser Planer ausgebr�tet.</p><p>Unsere Hauptverkehrsader hie߻Boulevard der Verteidiger des Friedens�, dieser markierte die Grenze zu den n�rdlichen, stadthistorisch j�ngeren Au�enbezirken. In diesem Gebiet n�rdlich des Boulevards lagen alle unsere lebendigen Einkaufsstra�en � und der Boulevard selbst geh�rte nat�rlich auch zu dieser Gesch�ftszone. Noch weiter im Norden lagen die chinesische und �gyptische Botschaft � und auch noch andere Botschaften � , au�erdem das ruhige Residenzgel�nde der Amerikaner und weiter unten meine Schule. Unten im Tal dann der gr��te und �lteste Prager Park Stromovka � das ehemalige Wildgehege unserer K�nige. Unmittelbar um den� Boulevard der Verteidiger des Friedens �herum lag aber noch das, wor�ber ich jetzt erz�hlen m�chte � es waren die wuchernden Innenh�fe der gro�en Wohnkarrees.</p><p>Die Innenareale der einzelnen H�userblocks waren viel interessanter als die offenen G�rten oder mickrigen H�fe in meiner Stra�e � oder die H�fe der anderen, teilweise villendurchsetzten und nur einseitig bebauten Stra�enz�ge. Das charakterliche Innenleben der gro�en H�userblocks, ihr seelischer RAUM-ATEM, war von Stra�enkarree zu Stra�enkarree jeweils sehr unterschiedlich; die planlose Gestaltung dieser R�ume war mit der Zeit einfach in individuell gepr�gte Verkramung ausgeartet. F�r Uneingeweihte waren diese abgekapselten Areale jedenfalls schwer zu �berschauen und wirkten so gut wie un�berwindbar.</p><p>In den besseren, aber auch schlechteren Prager Vierteln gibt es gar keine Vorder- und Hinterh�user, in Prag gibt es sowieso so gut wie keine mit Wohntrakts zugebauten Innenh�fe. In Prag hat jedes einzelne Haus seinen eigenen in der Regel abgez�unten und mehr oder weniger dreckigen kleinen Hof, der von den kleinen H�fen der anderen angrenzenden H�user umzingelt ist � und die Summe dieser disparaten Einzelh�fe bildet das gerade beschriebene, von der Au�enwelt abgeschottete Gro�raumbiotop.</p><p>Die gef�hlten Eigentumsverh�ltnisse, die auf diesen parzellierten, trotzdem volkseigenen Fl�chen damals herrschten, waren ebenfalls bemerkenswert: archaisch, pervers kleinlich, zeitgefroren. Wenn auch dieser schrebergartenkolonie-�hnliche Raum damals niemandem wirklich geh�ren durfte, er geh�rte den vielen Anrainern in ihrer Phantasie doch. Die jeweilige halb-anonyme Menschenansammlung empfand sogar stark d�mmlich ihre Eigentumsrechte und vertrat sie unter Umst�nden verbissen.</p><p>��RAUS AUS UNSEREM HOF!!!</p><p>Bei unseren bandenm��igen Unternehmungen war es in Gefahrensituationen trotz aller physischen oder menschenhassbedingten Hindernisse nie ein Problem, quer durch diese H�fe in eine der dahinter- oder umliegenden Stra�en zu fl�chten. Die H�user wurden am Tag nicht verschlossen, die Hoft�ren auch nicht. Und wir kannten alle Schwachstellen der vielen armseligen Barrieren, kamen dank irgendwelcher M�lltonnen, Garagen- und Schuppend�cher, an den Teppichstangen entlang oder �ber dauerhaft aufgebaute St�tzger�ste immer problemlos weiter.</p><p>Wir waren nie wirklich zu fangen und schwer einzusch�chtern. Wenn man uns in den Hausfluren oder aus den Fenstern anbr�llte, waren wir am Ende der Schimpfkanonade schon l�ngst auf einem der benachbarten Grundst�cke. Wir konnten uns meistens zwischen mehreren unterschiedlichen Fluchtrichtungen entscheiden, in gr��ter Not waren wir au�erdem in der Lage, durch die dichten Kronen der auf der Mittellinie wuchernden B�sche zu schwimmen. Das machte auch die verbissensten Verfolger oft sprachlos � dabei w�re besonders hier ein Lamento mehr als angebracht, weil bei diesem Rudern im Gr�nbereich Unmengen an kleinen und gr��eren �sten zu Bruch gingen. UnserHauptfeind und der Hauptgrund, die Tauglichkeit unserer Fluchtwege regelm��ig zu pr�fen, war der freiwillige Parkw�chter und Helfershelfer der Polizei, der von uns DER LEDERNE genannt wurde. Er trug das ganze Jahr �ber einen � wie wir dachten � von der Gestapo abgestaubten Ledermantel, der allerdings eher gr�n als blauschwarz war. Die schlimmste Waffe des Ledermannes waren sein Jagdfernrohr und seine auf Hunderte von Metern nervt�tende Trillerpfeife. Auf dem Grasbuckel des Stadttors waren wir vor seinem Fernrohr beispielsweise nur hinter den Str�uchern und breiten Schornsteinen sicher.</p><p>Der staatsbrutale Angriff gegen unser Bandenwesen und die heilig-heilen Innenh�fe kam vollkommen unerwartet. So etwas wie eine B�rgerbefragung gab es zu diesem Gro�vorhaben am VIERTEN HORN meines F�nfzacks selbstverst�ndlich nicht. Die Verkehrsader von Prag 6, der� Boulevard der Verteidiger des Friedens�, war f�r den zunehmenden Verkehr in einem Abschnitt zu eng geworden � und Schuld an dieser langgezogenen Abw�rgung hatten unter anderem auch zwei von unseren beliebtesten H�userkarrees. Hier staute und sammelte sich alles, was in die westliche Richtung, also zu den Au�enbezirken und auf die Ausfallstra�en hinauswollte. Das gleiche galt nat�rlich f�r den in die Stadt einfallenden Gegenverkehr. Die Zeit dr�ngte.</p><p>Bei einer der Engstellen handelte es sich ausgerechnet um den gesch�ftigsten Ort unserer Gegend. Dieser Abschnitt des Boulevards bestand vorwiegend aus dreist�ckigen B�rgerh�usern aus dem neunzehnten Jahrhundert, in ihnen residierten alle unsere wichtigen Gesch�fte. Die B�rgersteige waren aus Raumnot eng und quollen dauernd �ber. Hier befanden sich die Fleischerei, der B�cker, der Friseur, die Konditorei, der Feinkostladen, die Schreibwarenhandlung, die Apotheke, zwei Kioske und vieles mehr. Zum Beispiel auch ein spezieller Laden, der f�r uns viel wichtiger war alsdie Konditorei und der ausschlie�lich Bonbons und andere trockene S��waren f�hrte. Nat�rlich war hier auch die Drogerie, in der wir uns mit den meisten Zutaten f�r unsere Wurfbomben versorgen konnten. Und mein geliebter Stoffladen geh�rte zu diesem Ensemble und versorgte mich und meine Cousine mit billigen Stoffen, als wir uns das N�hen mit der fu�betriebenen N�hmaschine beibringen wollten. Das Schaufenster des Optikers ging mich nichts an � ich hatte gute Augen � , um so mehr interessierte mich das Miedergesch�ft und das Gesch�ft mit orthop�dischen und medizinischen Hilfsutensilien. In die letztgenannten L�den sind ich und meine Freunde allerdings nie eingetreten.</p><p>Da� der� Boulevard der Verteidiger des Friedens �zu eng war, fiel den Stadtplanern schon in den drei�iger Jahren auf, als dieser Boulevard noch Belcredi-Stra�e hie�. In den drei�iger Jahren hatte man aber schon an unser aller Zukunft gedacht und zwei Neubauten um etwa acht Meter zur�ckgesetzt. Die Nischen, die vor diesen weiterhin modern wirkenden H�usern entstanden waren, waren Orte der Ruhe und der Ausdehnung, im Sommer hatten sie dank der kunstvoll gestutzten Zierb�ume fast etwas Mediterranes. Der Pedik�r, Herr Bamsa, lud bei sch�nem Wetter seine Damen hinaus aus seinem Laden und plazierte sie auf St�hle, die er auf dem B�rgersteig in eine Reihe stellte. Man sah dort oft mehrere zufriedene Frauen mit nackten Beinen sitzen, ihre F��en steckten in emaillierten Waschsch�sseln mit warmem Wasser � und man stellte sich bildhaft vor, wie ihre �bersch�ssige Hornhaut quoll und immer heller wurde. Herr Bamsa benutzte zum Sitzen eine niedrige gepolsterte Fu�bank. Er arbeitete abwechselnd und unterschiedslos gr�ndlich an den einzelnen Zehen und Fu�sohlen � unterhielt sich allerdings mit allen Damen auf einmal. Wenn wir auf der Flucht vor dem ledernen Gestapomann waren, mu�ten wir aufpassen, nicht �ber die Damenbeine zu stolpern oder in die seitlich abgestellten Sch�sseln zu treten.Das Tempo der kommenden Zerst�rung war f�r sozialistische Verh�ltnisse enorm. In k�rzester Zeit wurden ganze H�userreihen entmietet, etliche meiner Mitsch�ler mu�ten auch die Schule wechseln und verschwanden unwiederbringlich in irgendwelchen grausigen Siedlungen am Stadtrand. Dann kamen die Abri�birnen angewackelt und die Bagger angestunken. Manche dieser Fahrzeuge prahlten schamlos mit einem gro�en Schriftzug � dem sprechenden Namen ihrer Firma: Volkseigener Betrieb DEMOLICE. Das Spezialger�t wie die Abri�birnen kam von der Firma DE-STRUKTA. Die Demolierung hatte noch etwas Aufregendes an sich, und wir sahen sogar ein, da� auch die zur�ckgesetzten modernen Prachth�user f�r die neue Verkehrsader nicht weit genug zur�ckgesetzt worden waren. Und man konnte sich aus einem Grund sogar freuen: Endlich w�rde auch Schlu� sein mit den unsch�nen Szenen bei den allj�hrlichen Milit�rparaden am 9. Mai. In der Engstelle kam es immer zu gewissen Quetschungen der sonst tadellosen soldatischen Marschblocks. Die neue Zeit sollte nach Prag 6 einfach Tag f�r Tag problemlos und vielspurig angerollt kommen � egal ob auf Lastautos, in dicken sowjetischen Wolgas oder durchgesch�ttelt in den Zweitaktern aus der DDR. Prag 6 sollte f�r die ankommenden G�ste, bevor sie in der Enge der Innenstadt steckenblieben, etwas von der Monumentalit�t einer Gro�stadt vermitteln. Gro�z�gig breite Stra�en waren in Prag tats�chlich Mangelware.</p><p>Der b�se Schock kam, als nach dem Abri� die sonst verborgenen und �ffentlichkeitsscheuen H�userr�ckseiten zum Vorschein kamen � also die Hoffassaden der boulevardabgewandten H�userzeilen, die stehengeblieben waren. Diese Fassaden waren nie dazu bestimmt gewesen, innenhof-fremden Blicken ausgesetzt zu werden. Auch als diese Fassaden noch neu waren, mu�ten sie nicht sonderlich repr�sentieren, sie sollten nur einigerma�en funktional sein, mehr nicht; jetzt waren sie zu allem Ungl�ck noch unvorstellbar dreckig. Wir sch�mten uns pl�tzlich f�r ihre Nacktheit, sch�mten uns gemeinschaftlich, sch�mten uns wie der Gro�teil der noch nicht ganz abgestumpften Erwachsenen von Prag 6. Diese Scham schien sich au�erdem unabh�ngig davon zu entfalten, wie stark man sich mit den verbliebenen H�usern und ihren Bewohnern verbunden f�hlte. Und man begriff, wie geheim es war, da� diese zerschundenen H�userr�cken so unansehnlich waren. Der immaterielle Part des aktuellen verkehrsplanerischen Angriffs � hinterr�cks auf dem Umweg �ber die �sthetik � war besonders emp�rend. Hier k�mpften nicht ehrlich und frontal bemannte Bagger gegen unbemannte H�user oder umgekehrt, hier wurden einfach entbl��te Schamteile der verletzbaren Stadtseele jedem hergelaufenen Spie�er zum Drauftreten vorgesetzt.</p><p>Die Unterw�sche auf den Leinen flatterte pl�tzlich ungesch�tzt vor Spannern jedes Geladenheitsgrades, die versch�nerten oder umfunktionierten Balkone unter zerfetzten Markisen waren den Kommentaren aller bastelw�tigen Besserwisser ausgesetzt. Andersfarbig angepinselte Fensterumrandungen klagten sich selbst an � denunzierten sich im Grunde als konzeptionslose und egoistische �bergriffe. Zus�tzlich weinten viele der entsprechenden Fensterb�nke links und recht wie aus wimperlosen Augenwinkeln, weil die modernen sozialistischen Wandfarben nicht wirklich wasserfest waren. Wir h�tten mit den besch�mten Fenstern gern gemeinsam geheult. Der Hauptgrund unserer Trauer war aber ein anderer � alle unsere Hof-Verstecke, in denen wir uns vor brisanten Konflikten oder nach erfolgten Angriffen sammeln konnten, waren nichts mehr wert, alle unsere Fluchtwege waren f�r jedermann einsehbar und lagen wie auf einem Pr�sentierteller.</p><p>Infolge der Verbreiterung der Chaussee ging naturgem�� das ganze dortige Leben zugrunde, und weil der Publikumsverkehr ausblieb, verschwanden aus den umliegenden Stra�en nach und nach auch andere wichtige Gesch�fte. In den verlassenen Ladenr�umen wurden daraufhin Verkaufsstellen f�r betrieblichen Spezialbedarf untergebracht. Man konnte sich � t�glich, wenn man wollte � unf�rmige Dichtungen f�r irgendwelche Grubenpumpen besorgen oder passende Tresore bestellen. In dem Gesch�ft f�r Tresore standen zu allem Ungl�ck nur unansehnliche Geldkassetten im Schaufenster, weil man dort auf irgendwelche Probleme mit der Statik der Fu�b�den gesto�en war. Ein Tresor soll sich sogar eigenst�ndig durch den Fu�boden in den Keller verdr�ckt haben. Eine Sparkassenfiliale blieb der Bev�lkerung als einzige erhalten � das muffige Geldgetue an deren Schaltern ging uns Nicht-Erwachsene aber noch nichts an.</p><p>Die R�ckseiten der stehengebliebenen H�user wurden irgendwann neu verputzt und gestrichen, sch�big und schamhaft sind sie aber trotzdem f�r immer geblieben. Mich macht ihr Anblick jedenfalls bis heute w�tend. Die Zeit, in der ich mich beim Klettern �ber die Hofz�une unvorstellbar dreckig machen und R�ckzugsm�glichkeiten hinter irgendwelchen suppenden M�lltonnen gebrauchen konnte, ging allerdings schon bald nach der Sch�ndung und Zerschneidung meiner Gegend zu Ende. Und irgendwann wollte ich meine Zeit fast ausschlie�lich mit meiner Clique und f�r alle Spie�er gut sichtbar verbringen � lieber auf einem B�rgersteig als in einem Hof und m�glichst dort, wo ich gemeinschaftlich st�ren und bewu�t provozieren konnte.</p><p>Der Stubenhocker Petr Skopka blieb nat�rlich weiter mein Freund und war wie gewohnt immer schwer besch�ftigt. Er hatte inzwischen kaum Zeit, parallel zu seinen Stubenaktivit�ten auch noch drau�en im Freien Unfug zu treiben. Au�erdem hatte er drei kaputte Finger. Wir trafen uns aber auch in fr�heren Phasen unserer Freundschaft manchmal l�ngere Zeit gar nicht, sahen uns nur in der Schule. Das lag unter anderem daran, da� Skopka riskante Aktionenmit �bertriebenem K�rpereinsatz immer schon mi�billigt hatte. Auch aus einem ganz praktischen Grund � wegen seiner starken Brille war er viel zu lahm und langsam. Bei anspruchsvolleren Kommandounternehmen wollte ihn deswegen niemand dabeihaben. Zu einem Bruch kam es zwischen uns beiden trotzdem nie. Kurioserweise verrieten wir in der Schule beide niemals restlos, wie viele Gemeinsamkeiten uns eigentlich verbanden. In der Cliquenzeit entfremdete ich mich meinem lieben Petr leider noch etwas mehr, viel mehr, als unserer Freundschaft guttat. Petr war f�r die clique-�blichen Umgangsarten psychisch aber wirklich nicht passend ger�stet. Und ich h�tte ihn wegen des sich abzeichnenden Sitten- und Flei�verfalls dort sowieso nicht gern als Zeugen gehabt.</p><p>��Ihr steht die ganzen Nachmittage nur so herum, ist das nicht langweilig, Georg?</p><p>Er verabscheute Herumlungern wie die Pest. So reiften wir beide noch etwas unabh�ngiger voneinander als in der Vergangenheit, verloren uns aber trotzdem nie aus den Augen. Manchmal tauschten wir uns auf dem Schulweg aus � intensiv und wie unter Zeitdruck; Skopas Aufkl�rungskampagne, bei der reichlich Vaginalduft aufgewirbelt worden war, lag weit hinter uns. Die Themen wechselten sich schnell ab, und ich war froh, als Skopka wieder einmal schwach wurde. Er hatte als aufmerksamer Beobachter der Realit�t bemerkt, da� der auf den Hinterbeinen stehende L�we im tschechoslowakischen Staatswappen au�er einem Doppelschweif am Hintern auch vorn einen fast richtigen kleinen, allerdings hodensacklosen Schwanz hatte � getarnt in Form eines Fellzipfels. Der auf Kontinuit�t bedachte Skopka pflegte noch immer seine schon in der fr�hen Kindheit angelegte Briefmarkensammlung, und so konnten wir die wechselnde Gestaltung des tschechischen L�wen mit einer Lupe studieren. Wir waren erleichtert, da� niemand auf die Idee gekommen war, den tierischen Penis durch das slowakische Wappen oder den f�nfzackigen Stern zu verdecken. F�r Skopka war es ein besonderes Ereignis, als unser Arbeiterpr�sident Novotny eines Tages �berraschend zum sch�nsten Staatsmann der Welt gek�rt wurde. Auf den Briefmarken sah er wirklich wie ein Edelmann aus. Diese Auszeichnung hatte ihm zwar nicht die UNO, die WHO oder UNESCO verliehen, sondern ein internationaler Philatelistenverband, aber immerhin. Skopkas Stolz auf unser Land fand ich in diesem Zusammenhang etwas �bertrieben, auch weil unser Pr�sident eher als eine dumme Witzfigur angesehen wurde. Im Parteijargon hie� er sogar� Das blasse Nichts�. Aber bei allen unseren Differenzen � Petr und ich gingen miteinander immer vorsichtig und respektvoll um. Und er war seinerzeit beispielsweise froh, da� ich nie ein festes Mitglied der allseits verschrieenen Affenbande geworden war.</p><p>Als meine Cliquenzeit anbrach, gab es die ber�chtigte Affenbande nicht mehr. Lange Jahre hatte ich mich allerdings � fast durchgehend und trotz vielschichtiger Bedenken � von dieser Vereinigung stark angezogen gef�hlt. Und als es einmal zu einer vor�bergehenden Ann�herung gekommen war, war ich �bergl�cklich. Die geplante Kooperation hatte mir neue Perspektiven er�ffnet, und ich konnte hoffen, wieder vergleichbar aufregende Dinge wie bei der Herstellung der Wurfgranaten zu erleben. Der Anf�hrer der Bande war niemand sonst als der Bulgare Dschagarow � der ehemalige erfolglose Verderber unseres kambodschanischen Prinzen. Mit Dschagarow kam ich nur au�erhalb der Schule schlecht klar. In der Schule waren wir uns wesentlich n�her, er war so etwas wie ein Parallelentwurf von mir. Er hatte wie ich keinen richtigen Vater vorzuweisen und war als Bulgare sogar noch gebrandmarkter als ein einheimischer Jude. Nur mein kraushaariger zuk�nftiger Cliquenkumpel Sternk�ker � ein Spr��ling aus einer hinterkaukasischen Familie � konnte sich mit ihm als Exot einigerma�en messen. Dschagarow brachte mir in der Schule die schlimmsten bulgarischen Schimpfw�rter bei, allerdings mit der Warnung, sie auf keinen Fall zu verwenden.</p><p>��Wenn du so etwas zu einem Bulgaren sagst, schl�gt er dich mit den F�usten tot oder durchl�chert dich mit einem Maschinengewehr!</p><p>Da er beim Prinzen keinen Erfolg gehabt hatte, versuchte er nicht nur mich, sondern auch andere anf�lligere Individuen zu verrohen � zunehmend mit Hilfe seiner exotischen Schimpfw�rter. Die allerschlimmste dieser Beschimpfungen klang lautmalerisch und sogar ausgesprochen maschinengewehr-rhythmisch:�MAMATA GAMATA PUTKA MRSNA. �Da ich mich etwa vierzig Jahre lang an das Nutzungsverbot gehalten habe, konnte ich die versprochene Wirkung dieses Zauberspruchs nie nachpr�fen � auch nicht die Richtigkeit dieses phonetisch so eindrucksvollen Satzes. Heute wei� ich: Dschagarow beherrschte seine Vatersprache nicht wirklich. Eine dreckige Mutterfotze kommt in dem Spruch zwar vor, vom Ficken ist darin allerdings � und in einem verbalen Angriff dieses Kalibers w�re dies ein Mu� � nicht die Rede. Und� gama(ta)�bedeutet komischerweise� Tonleiter(die)�. Seinen magischen Phantasiespruch� Mamata gamata putka mrsna��bersetzte mir Dschagarow damals frei und einigerma�en richtig als� DIE FOTZE DEINER MUTTER IST DRECKIG�. Eine Tonleiter fehlte in der �bersetzung allerdings, statt� gamata �h�tte es sowieso� gadna�(widerlich) hei�en m�ssen � also� Mamata gadna��.</p><p>Weil die Mitglieder der Affenbande sich im Hirschgraben und au�erdem in den wilden H�ngen, mit denen das Letn�-Plateau zur Moldau hinabfiel, perfekt auskannten, waren sie zum Zeitpunkt meiner Quasi-Aufnahme wie berufen dazu, die in diesem Gebiet stattfindenden Bauarbeiten auszuspionieren. Das Prager Volk munkelte damals, die Partei- und Staatsspitze baue sich dort einen Atombunker undverbinde durch Tunnel alle wichtigen Regierungsgeb�ude der Stadt miteinander. Diese Vermutung entsprach � wie man heute wei� � gr��tenteils auch der Wahrheit. Das geheimnisumtratschte Bauareal befand sich zwischen dem Gel�nde des ehemaligen Stalindenkmals und dem steil abfallenden Abk�rzungspfad f�r Fu�g�nger � im Volksmund das� Mauseloch �genannt. Von unserem Haus aus gesehen lag es in s�d�stlicher Richtung. Damit bin ich bei der letzten Spitze meines f�nfzackigen Drudenfu�es angelangt, die letzte L�cke schlie�t sich � und ich habe inzwischen gen�gend Anhaltspunkte daf�r, den Ort, an dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, als vollst�ndig umstellt zu empfinden.</p><p>Die Affen waren wegen des baulichen Angriffs auf ihr Gebiet schwer ver�rgert. Im Grunde agierte der Staat auf dem von ihnen beanspruchten Gel�nde, er schlug in die s�d�stliche, besonders unzug�ngliche H�lfte des Affenlandes tiefe Schneisen. Da� aus geographischer Sicht das Wirkungsgebiet der Bande durch das� Mauseloch �und die f�r den �brigen Verkehr bestimmte Serpentine immer schon zerschnitten war, war dagegen nie ein Problem gewesen. Man agierte gern in beiden H�lften des Hangs, hatte dank einer zwischen den beiden Teilen errichteten Fu�g�ngerbr�cke sogar die M�glichkeit, sich schnell auf das gegen�berliegende Gebiet zur�ckzuziehen. Die Affenbanditen waren sowieso immer viel beweglicher als alle ihre Rivalen. Als das Blut-Wasser-Gemisch in den Schienen ins Tal hinunterlief, umgingen sie durch ihre geheimen Pfade das polizeilich gesperrte� Mauseloch �und waren unten auf der Kleinseite schneller angekommen als das verd�nnte Blut.</p><p>F�r einen Bunker war die s�dliche Spitze des Letn�-Plateaus aus strategischer Sicht ideal. Die Prager Burg, der offizielle Sitz des Pr�sidenten, war relativ nah. Und mit Hilfe eines entsprechenden Verbindungstunnels konnte auch die nahe gelegene Milit�rakademie problemlos eingebundenwerden. Die dort gerade unterrichtende oder im nahen Generalstabsgeb�ude sicher oft anwesende Generalit�t mu�te bei einem atomaren Schlag unbedingt mitgesch�tzt werden. Meine Stra�e befand sich ausgerechnet auf der geometrischen Verbindungslinie des Bunkers und der Burg, und ich hatte eine Zeitlang das Gef�hl, aus der Tiefe kommendes Knattern von Pre�lufth�mmern zu sp�ren. Viele Jahre sp�ter war ich mir so gut wie sicher, diese Ger�usche beim Bau der zweiten Prager U-Bahn-Strecke wiederzuerkennen. Die Metrolinie A wurde tats�chlich direkt unter unserem Haus gebuddelt � allerdings quer zu der seinerzeit nur phantasierten Bunkerverbindung zur Prager Burg. Wie ich jetzt wei�, wurde ein derartiger Geheimtunnel nie gebaut und war nicht einmal geplant worden.</p><p>In der N�he der zuk�nftigen zentralen Bunkerblase lagen noch andere, f�r das Land �berlebenswichtige Geb�udekomplexe. Das fliesenwei� leuchtende Innenministerium stand protzig nur einen Sprung hinter dem Gel�nde des Stalindenkmals, das Amtsgeb�ude des Ministerpr�sidenten und der Regierung lag gleich unterhalb des� Mauselochs �an der Moldau. Der dazugeh�rige Eingang in die Eingeweide des Bergs war hier unten sogar sichtbar � getarnt als ein Tor zu einem Hochspannungstransformator. In der N�he befanden sich � und das war mehr als g�nstig � au�erdem noch das riesige Geb�ude der zentralen Planungskommission und weitere Ministerien, wenn auch am anderen Flu�ufer. Dort thronte vor allem auch das eigentliche Machtzentrum des Landes � das Zentralkomitee. Und zum Zentralkomitee der Partei geh�rte nun mal sein zentraler Wasserkopf � das schlagkr�ftige Politb�ro, das den Schutz zuallererst n�tig hatte.</p><p>Unter dem Areal des Stalindenkmals hatte man schon immer ausgedehnte Bunkeranlagen vermutet. Diese brauchten jetzt mit dem sich weiter ins Berginnere hineinfressenden Superbunker nur verbunden zu werden. Unsere ganzeGegend war sowieso schon voller unterirdisch gef�hrter Rohre und geheimer Leitungen. Da man neben dem Hradschiner Burgareal und dem Veitsdom keinen hohen Schornstein aufstellen konnte, leitete man die Fernw�rme zur Burg und anderen staatswichtigen Geb�uden aus einem weitentfernten Kraftwerk in Prag 7. Die Geometrie dieser hei�en Verbindungen sah man deutlich im Winter, weil auf ihnen der Schnee nie liegenblieb. Sichtbar waren diese Spuren besonders auf den Rasenfl�chen der Parks. Eine dieser Tauspuren konnte ich direkt aus meinem Fenster sehen.</p><p>Der neue Bunkerkomplex wurde aber nicht nur beheizt, er war angeblich auch mit jedem anderen erdenklichen Komfort ausgestattet. Mitten im Berg sollte sich sogar ein modernes Krankenhaus befunden haben. Und nicht zu vergessen: An der �u�ersten Spitze des Letn�-Plateaus stand auch noch die bombastische Kram�f-Villa, die die Regierung als G�stehaus f�r hohe Staatsbesuche nutzte. Ein Staatsgast h�tte im Notfall einfach mit dem Fahrstuhl oder mit einer Rutsche in das Innere des Berges hinabsausen und beispielsweise � wenn er Fidel Castro hie�e � in der klimatisierten Intensivstation des Krankenhauses eine Zigarre rauchen k�nnen.</p><p>Der ganze Berg, auf dem sich meine Stra�e befand, wurde nach und nach also ausgeh�hlt und von innen mit meterdicken Betonw�nden ausgekleidet. Das konnte ich aus meinen eigenen Beobachtungen schlu�folgern. Der im angrenzenden Park Tag und Nacht arbeitende F�rderturm war gut sichtbar, die Zementsilos schickten periodisch h��liche Staubwolken in die Luft, man h�rte pausenlos gro�e Betonmischmaschinen brummen. Von den Wachen am Baustellentor wurden au�erdem in regelm��igen Abst�nden riesige Lastwagen voller Schiefer-, Quarz- und Sandsteinger�ll hinausgewunken. Die stark geschichtete Gesteinsstruktur des Berges kannte ich gut, beim Klettern in den H�ngen � am� Mauseloch �beispielsweise � kam man mit den gef�hrlich br�ckelnden Pelokarbonat-Schichten oft in Ber�hrung. Die schwerbeladenen riesigen Laster kamen nat�rlich nie leer zur Baustelle zur�ck � die meisten waren randvoll mit Kies, Stahlruten oder dicken Stahlplatten beladen.</p><p>Mein Antrieb, sich der Affenbande anzuschlie�en, speiste sich noch aus einer anderen Quelle. Es gab Ger�chte, die Partei- und Staatsf�hrung horte irgendwo dort im Untergrund (unter dem marmornen Stalin-Sockel?) die besten Kartoffeln, die der tschechische Boden hergab � und die Kader w�rden die begehrten l�nglichen� H�rnchen �nur unter sich verteilen. In den L�den sah man diese Delikatesse tats�chlich nie. Meine Mutter emp�rte sich, diesmal aber nicht gegen unsere Bonzen. Sie fand es unw�rdig, solchen Ger�chten Glauben zu schenken, und unanst�ndig, sie ungepr�ft zu verbreiten.</p><p>��Das kann nicht stimmen. So etwas d�rfen die Parteileute nicht, so etwas tun sie auch nicht! Unser Vorteil � also der der Affenbande und nun auch meiner � war, da� unsere Staatsf�hrung sich damals keiner aktuellen terroristischen Bedrohung ausgesetzt f�hlte. Videokameras gab es damals zwar schon, man nannte sie� industrielles Fernsehen�- diese Technik war aber aufwendig, und die Kameras waren viel zu gro�. �berwachungstechnik wurde auf der Baustelle also nicht installiert, offenbar auch keine Lichtschranken, keine Stolperfallen, von Selbstschu�anlagen aus DDR-Produktion gar nicht zu sprechen. Besonders mannstark schien dieses geheime Objekt auch nicht umstellt worden zu sein. Das Volk wu�te, da� es einiges nicht wissen durfte, und lugte meistens nicht einmal zwischen die Bretter der Z�une. Die Wachen hatten zwar einige Hunde, diese waren aber offensichtlich � abgestumpft durch die vielen Laster-Abgase und �bers�ttigt von den Ger�chen aus einer Ausfluggastst�tte in der unmittelbaren N�he � etwas indifferent bis riechfaul geworden. Das hatte die Affenbande schon im Vorfeld in Erfahrung gebracht. Und obwohl man von den B�umen der Umgebung das ganze Gel�nde problemlos �berblicken konnte, entschied Dschagarow eines Tages, ein Kommandounternehmen zu starten.</p><p>��Eine Pr�fung vor Ort ist immer besser. Dschagarow war ein erfahrener Anf�hrer. Er teilte die Mannschaft in zwei Voraussp�her f�r die� eigentliche Operation �und in einen Basistrupp, der direkt auf dem Gel�nde Stellung beziehen sollte. Dieser Basistrupp sollte von einer ausgemachten Stelle aus die Fluchtwege � also die Schwachstellen des Zauns � �berwachen und nach M�glichkeit freihalten. Dann gab es noch den� Schmiertrupp�. Ich stand als untergeordneter R�ubergast also Schmiere � ganz allein. In der gerade laufenden Probephase hatte ich nur den Status eines Geduldeten. W�hrend der Vorbereitung waren mir allerdings alle geheimen Kriegspfade der Bande im Hang unterhalb der sowieso immer bewachten Kram�f-Villa gezeigt worden � an sich schon ein gro�er Gewinn f�r mich. Ebenfalls vor der Aktion hatte ich von Dschagarow erfahren, woher er sein Wissen f�r derartige Eins�tze bezog: Wenn seine tschechische Mutter nicht zu Hause war, sah er sich oft Kriegs- und Spionagefilme an, besonders gern bulgarische Spionagestreifen, die damals nicht zuf�llig so beliebt waren � sie hatten offenbar ein gewisses Niveau. Sie besa�en vielleicht sogar so etwas wie Realit�tsn�he.</p><p>Unser Angriff auf die Verteidigungsbastion des Staates verlief v�llig unspektakul�r. Als einer der Sp�her hinter einem Sandhaufen einige Arbeiter mit Bierflaschen erschreckt hatte, kam es zu einem nicht besonders geordneten R�ckzug der gesamten Mannschaft.</p><p>��Haut blo� hier ab, Mann! schrien die M�nner ged�mpft.</p><p>Auf dem freien Gel�nde hinter dem Zaun rannten wir anschlie�end nicht im Pulk auseinander und nicht in dieselbeRichtung. Da� wir uns so weitfl�chig verteilt hatten, war eher panikbedingt, entsprach nur teilweise unserem Plan� C�. Ich lief bis nach unten zur Moldau und dann sogar bis zui �bern�chsten Br�cke. Anschlie�end wechselte ich auf die andere Moldauseite, ging am Landwirtschaftsministerium, an der Parteizentrale, an der Zentrale der weltumspannenden Gewerkschaftsbewegung und an der Juristischen Fakult�t vorbei � und kehrte erst �ber die Karlsbr�cke und die Kleinseite zur�ck. Als wir uns an einer verabredeten Stelle im Chotek-Park nach etwa zwei Stunden trafen, erfuhr ich, da� auf der Baustelle �berhaupt nichts Verd�chtiges zu sehen gewesen war. Nat�rlich auch keine einzige fallengelassene Kartoffel. Als ich meinem Vater von unserer Aktion und den Ger�chten �ber die Kartoffeln und das Krankenhaus � leise auf seinem Balkon � erz�hlte, sah ich ihn zum ersten Mal bla� werden. Er verriet mir nichts und verbot mir, Dschagarow in der Zukunft als meinen Kumpel zu betrachten. An den Wochentagen hatte mein Vater allerdings keinerlei Macht �ber mich.</p><p>In meiner unterbunkerten und umstellten Gegend reiften und w�teten � in anderen Bandenformationen als ich oder Dschagarow � unter anderem auch die rabiaten Monik-Br�der. Diese beiden hatten eine Schwester, die ich damals pers�nlich leider nicht kannte. Sie hie� Libuse Monikov� und sollte viel sp�ter eine bekannte Schriftstellerin werden. Libuse war in ihren jungen Jahren, wie ich jetzt wei�, im Gegensatz zu ihren Br�dern ein eher sanftes Wesen. Sie war um einiges �lter als ich und fiel damals auch anderen Zeitgenossen nicht sonderlich auf � in motorisch-negativer Hinsicht wie ihre Br�der schon gar nicht. Der gro�e F�nfzack hat uns allerdings alle gepr�gt.</p><p>Die Baustelle des Bunkers wurde irgendwann fertiggestellt und anschlie�end mit Erdreich abgedeckt. Die entsprechende Ecke des Park wurde wieder begr�nt. Oberirdisch sichtbar blieben dort nur die vergitterten und in Friedenszeitennicht verbarrikadierten Sch�chte der Bel�ftungsanlage. Diese breiten �ffnungen wurden geschickt in einen Teil der alten Festungsmauer eingelassen. So etwas wie einen Eingang f�r das Volk gab es nicht. Unweit des Bunkerareals standen damals noch die kubistischen, schwarzget�nchten Holzbaracken des Studentenwohnheims KOLONKA. Dort hatte Anfang der f�nfziger Jahre � also vor und nach meiner Geburt � der Schriftsteller Milan Kundera gewohnt, gelernt und als studentischer Vertreter gewirkt. An Dramatik hat es in meiner Gegend nicht gemangelt.</p><empty-line/><p>man w�rmte sich die h�nde im Schneegest�ber</p><p>Nach dem Einmarsch der befreundeten Armeen begann � wie schon berichtet � der massenhafte gesellschaftliche Abstieg der landeseigenen Eliten. Mutters Chefredakteur und etliche andere ihrer Kollegen wurden Fensterputzer oder einfache Arbeiter, viele Schriftsteller verschwanden in Heizungskellern, Historiker, Politologen und Philosophen mu�ten sich umgew�hnen und an ihren Werken nachts arbeiten, weil sie Nachtw�chter geworden waren. Die gef�hrdeten Meinungsf�hrer emigrierten vorsorglich � bei weitem aber nicht alle. Der blinde Klaudius hatte als Behinderter das Recht auf eine Schonfrist und durfte eine Weile namenlos seinen Untergebenen von fr�her zuarbeiten; nachdem er schlie�lich entlassen wurde, durfte er nur von Blindenwerkst�tten besch�ftigt werden. Meine zweisprachig aufgewachsene und viersprachig bewanderte Mutter wurde �bersetzerin. Wie es damals �blich war, brauchte sie dazu mindestens einen physisch existierenden und politisch unbelasteten Menschen, der ihr seinen Namen zur Verf�gung stellte � die �bersetzungen wurden dann unter diesem Namen ver�ffentlicht. Diese Helfer hie�en im Volksmund� Dachdecker�. Sie kassierten pro forma die Honorare und reichten sie weiter. Mindestens eine gutwillige Seele auf der Auftraggeberseite wu�te auch Bescheid.</p><p>Jeder gesellschaftliche Aufstieg � oft aber auch schon ein bescheiden organisierter Nicht-Absturz � wurde in der Nach-Invasionszeit ausschlie�lich denjenigen erlaubt, die es mit der Moral nicht allzu streng nehmen wollten. In mir steckte viel zu viel an sturer, in der Familie tradierter Moral.</p><p>Und ich hatte niemanden zu ern�hren, ich mu�te niemandenbesch�tzen. Ich konnte es mir leisten, die frisch angebrochene und mit Knochenf�ule befallene Zeit mit Abenteuern zu verbringen, und w�nschte mir nichts anderes, als irgendwo ganz unten zu landen. Meine einzige konkrete Aufgabe bestand darin, mir passende H�rtepr�fungen auszusuchen, die zu meiner gr�ndlichen und nicht allzu qu�lenden Reifung beitragen w�rden. Anschlie�end wollte ich an der Seite einer reizenden Frau nur noch gl�cklich werden, mehr nicht.</p><p>Vor mir lagen lauter unbekannte und aufregend s��e Dinge. Im Gegensatz zu den politisch Abgestraften war ich jung und f�hlte mich jeder harten Arbeit gewachsen. Und von Bohumil Hrabal wu�te ich sowieso, da� Gl�ck, Wahrheit und andere weltbewegende Dinge �berall zu finden waren. Von Hrabal wu�te damals allerdings jedermann, wie witzig und lebendig es in den Enklaven der einfachen Leute, in den schmuddeligen Kneipen und den Quartieren aller m�glichen Randgestalten zugehen konnte. Die unz�hligen Schweren�ter aus seinen B�chern waren so etwas wie Zeitgenossen und Br�der von jedem, der sich in sie beim Lesen verliebt hatte. Man vermutete sie �berall.</p><p>Dazu mu� man wissen: Hrabal schrieb schon seit seiner Jugend, konnte aber unter den Nazis, anschlie�end auch unter dem neuen Regime nicht publizieren. Als in den sechziger Jahren seine Erz�hlungen nach und nach herausgebracht werden durften, waren es reife Meisterwerke. Sie waren schockierend anders als alles, was es sonst zu lesen gab, sie waren so tief und zugleich so einfach zu verstehen, da� sich auch Jugendliche auf sie st�rzten, die sonst �berhaupt keine Literatur lasen. Und weil Hrabal seine Texte sehr lange zur�ckhalten mu�te, erschienen seine B�cher hintereinander in erschreckend schnellem Rhythmus. Hrabal hat das Tschechische gereinigt und bereichert, keine �bersetzung in eine Fremdsprache wird diese Qualit�ten widerspiegeln k�nnen. Die Leute machten dauernd hrabal-schwere Anspielungen, man sprach und intonierte etwasanders, man lie� spontan und hemmungslos jeden Unsinn aus sich flie�en � mit der �berzeugung, etwas Tiefe w�rde sich darin, wie bei Hrabal eben, schon finden. Wenn man auf den Stra�en junge Leute � meine Zeitgenossen � vor Lachen laut br�llen h�rte, konnte man sicher sein, da� sie sich gerade �ber die neusten Hrabalgeschichten ausgetauscht hatten. Etwas anderes las man eine Zeitlang gar nicht. Einen kleinen Haken gab es dabei allerdings: Viele der Geschichten von Meister Hrabal spielten nicht in der Gegenwart, sie waren teilweise in einer so gut wie versunkenen Welt angesiedelt. Jeder Leser mit Phantasie wurde trotzdem ein Teil dieser r�ckverwurzelten Kunstwelt. Daher war man, besonders wenn man � wie ich � in den sechziger Jahren zu lesen begonnen hatte, nicht ganz von dieser Welt. So gesehen leisteten sich die Tschechen, leisteten wir uns alle in dieser Zeit den Luxus, in unserem Alltag Literatur zu leben. Erst die Russen brachten uns die Realit�t wieder.</p><p>Die Jahre bis zum Einmarsch waren dagegen voller unschuldiger Naivit�t und Optimismus, man leckte sich an den neuen Freiheiten �berall satt, l�ffelte, wo es nur ging. Von den kommenden Abst�rzen ahnte man noch nichts, man freute sich ungehemmt auf alles, was die Zukunft noch bringen sollte. Und jedermann versuchte � frei nach Hrabal eben � , wenigstens punktuell auch die einfachsten Dinge des Alltags wie Weltereignisse zu feiern. Man �rgerte sich grunds�tzlich nicht, geno� die kleinen oder gr��eren Absurdit�ten des Lebens und lachte �ber sie so viel wie m�glich � egal, wie weit man vom vern�nftigen Weg schon abgedriftet war. Bildlich gesprochen: Man �ffnete im Winter die Fenster und w�rmte sich weit drau�en die H�nde � wie in Hrabals Erz�hlung� Prager Krippenspiel�. Ein Mann reibt sich dort seine H�nde im Schneegest�ber, weil es im ausgek�hlten Geb�ude, in dem er gerade zu tun hat, noch wesentlich k�lter ist. Das Geb�ude ist zu alledem eine ehemalige Synagoge voller abgestellter Theaterkulissen � daherauch voller ehemaliger Inszenierungen. Vielleicht haben wir es dem von Hrabal unabsichtlich eingeleiteten mentalen Training zu verdanken, da� das tschechische Volk rechtzeitig auf seine sp�tere Nacheinmarsch-Proletarisierung vorbereitet wurde. Als der Kahlschlag dann begann, stand man im Grunde in den Startl�chern.</p><p>Nachdem unser Land von den befreundeten Armeen befriedet worden war, kam es allerdings nicht zur Bildung einer gro�en subkulturellen Gemeinschaft aus weisen und fr�hlichen Individuen. Dazu war die Realit�t nicht witzig genug � und auch die humorvollsten und weisesten M�nner des Landes wurden in ihren niederen Berufen irgendwann m�de und tiefernst. Die meisten Tschechen kehrten sowieso nach und nach � trotz Hrabal � wieder zu ihrem Pragmatismus und ihrer Verschlagenheit zur�ck. In den vergangenen Jahrhunderten war unseren Vorfahren meistens auch nichts Besseres �briggeblieben.</p><p>Ich hatte vor, unbedingt zu den vielen Alt- oder Neuproletariern zu fliehen. Das schien mir der einzig klare Radikalschritt und einzig m�gliche Ausweg zu sein. Dort unten wollte ich vor allem � verdreckt wie nur m�glich � f�r sp�tere Zeiten sauber bleiben. In dieser h��lichen Zeit, dachte ich, m��te das Leben gerade dort ganz wahrhaftig sein, den substantiellen Dingen jedenfalls am n�chsten. Einfache Stra�enkehrer kannte ich schon � ein mit meiner Mutter befreundeter Schriftsteller war einer � , dieses Leben fand ich aber nicht aufregend genug. Und nur bedingt lustig. Dieser Bekannte fegte sich im Park � ganz in Gedanken versunken � einmal an einer echten Leiche vorbei und wurde daraufhin von der Polizei verh�rt.</p><p>��Sie fegten einfach weiter und beachteten den toten K�rper gar nicht? Diesen Unsinn sollen wir Ihnen glauben?</p><p>��Es war viertel nach sechs, und ich war furchtbar m�de, sagte der Mann � und die Polizisten freuten sich.</p><p>��Seid ihr Schriftsteller �berhaupt Menschen?Die M�llabfuhr hatte im Sozialismus den furchtbarsten Ruf, die M�llabfuhr war das allerletzte. Allerdings schon lange vor der russischen Invasion. �belgelaunte bis aggressiv geladene M�llm�nner geh�rten in Prag schon seit meiner Kindheit zum Stadtbild. Gl�hende Wildheit auszustrahlen war f�r diese Leute Pflicht und Bestandteil ihres Berufskodex, kleine Kinder mit dreckigen H�nden oder noch dreckigeren Handschuhen zu erschrecken war ihr Kulturprogramm. Aber �ble Wut mu�te immer im Spiel sein. Der Lohn f�r die Beseitigung von jedermanns Dreck beinhaltete einfach das Recht auf Rache, das Recht auf das R�ckschleudern von Absonderungen, die irgendwo �bergequollen waren und in die geordnete Wirklichkeit nicht pa�ten. Und wenn es schon nicht der stinkende und materielle Dreck sein durfte, dann wenigstens der abgrundtiefe seelische. Wenn einer dieser Dreckf�rsten freundlich gewesen w�re, h�tte er sich der gr�bsten Imagesch�digung schuldig gemacht.</p><p>Alle diese M�nner hatten in ihrem Leben schon viel zu viel Schmutz gesehen, trugen Unmengen an Stinkbildern in sich � das sah man ihnen an. Sie waren aber nicht einfach SCHLECHT GELAUNT, gaben ihre Brutalit�t nicht nur durch den �ther ab, die Folge ihrer Geladenheit war, da� sie auch real, das hei�t physisch gef�hrlich waren. Sie wirkten immer gehetzt und arbeiteten unter � was den Arbeitsschutz betrifft � extrem ung�nstigem Zeitdruck. Da� sie als gemeingef�hrliche Zeitbomben in Anmarsch waren, sp�rte man schon auf Hunderte von Metern. Wenn sie dann anr�ckten, erschrak man noch zus�tzlich, weil etwas Grunds�tzliches gar nicht mitgekommen war � ihr Denken und F�hlen schien von ihnen weit entfernt zu sein. Sicher waren die Seelen dieser M�nner � ohne da� man es bemerkt hatte � wie ein Vorauskommando an einem vorbeigerauscht. Eine andere Erkl�rung f�r die erschreckend bewu�theitsarmen Auftritte der M�llarbeiter gab es nicht. Sie waren nie ganz bei sich.Nat�rlich wollten sie ihre Tagesrouten vor allem aus dem Grund schnell abgrasen, weil sie ihre geheimnisumwitterten Pausen so lange wie nur m�glich zelebrieren wollten. Au�erdem reagierten sie sich bei ihrem donnerlauten Treiben einfach ab. Sie konnten vollkommen legal Fu�g�nger gef�hrden, konnten zeigen, wer der Herr der Prager Stra�en war. Und jedermann wu�te Bescheid: Wenn eine M�llmannschaft wie eine kompakt zusammengef�gte Tonnenwalze unterwegs war, konnte man leicht zum Kr�ppel gemacht, im schlimmsten Fall zu Biomasse zerquetscht werden.</p><p>�ber die technische Seite der Schreckensherrschaft der Prager M�llarmee sollte man einiges wissen: Die M�lltonnen der Firma MEVA hatten damals nicht nur keine eingepre�ten Chips in ihren Bodys wie ihre heutigen Schwestern, sie hatten nicht einmal eigene R�der. Und sie waren auch im leeren Zustand � weil sie aus massivem verzinktem Blech gefertigt waren � relativ schwer. Sie hatten aber wenigstens keine Ecken und konnten von den Entsorgungsspezialisten in Schr�glage auf der Kante fortbewegt werden. Sie wurden unter Zuhilfenahme des Deckelgriffs, der so als Knauf genutzt wurde, GEROLLT. Das geschah einh�ndig und sah �berraschend �sthetisch aus. Wenn genug Platz da war und viele der rundlichen Tonnen gleichzeitig entsorgt werden mu�ten, rollte ein Mann in der Regel zwei Tonnen auf einmal � mit jeder Hand eine, gegenl�ufig, versteht sich. Beide Tonnen waren dabei zu seinem K�rper hin geneigt � die linke drehte sich im Uhrzeigersinn, die rechte andersherum � , und so ging es schnell geradeaus. Die geschickte und gest�hlte Muskelmasse des Mannes, die Tr�gheit der Tonnen oder vielmehr die Tr�gheit des gesamten K�rper-Tonne-Gesamtgef�ges dominierten dann das Geschehen. Ein unverge�licher, g�ttlicher Anblick war das!</p><p>Bei dem Rollmarsch dieses panzer�hnlichen Mensch-Tonnen-Vehikels hatte � wenn der Tonnenlenker sich dem Spottseiner Kollegen nicht ausliefern oder die H�me seitens der Bev�lkerung nicht einhandeln wollte � seitlich nichts zu wanken, der Steuermann durfte sich die Richtung nicht von den Tonnen diktieren lassen, er und nur er hatte bei seiner Fahrt das Gewaltmonopol. Die M�nner wu�ten nat�rlich, da� sie gleichzeitig Objekte der Bewunderung waren � und sie genossen es im Verborgenen auch. Sie waren so etwas wie Magier, Akrobaten und Dompteure in einem, T�nzer der Schwergewichtsklasse, f�r mich waren sie die Meister aller Schwergewichtstanzverb�nde der Welt. Sie waren jederzeit in der Lage, einer fast unz�hmbaren, wild rotierenden Doppelmasse eine gewisse Ruhe zu geben und einen konstanten Richtungsvektor vorzuschreiben � und dies ausgerechnet mit Hilfe ZWEIER Lenkr�der. Wo gibt es auf der Welt etwas �hnlich Unm�gliches? Was sie uns regelm��ig vorf�hrten, war einfach hohe Kunst.</p><p>Das Vorw�rtskommen bedurfte allerdings eines hohen Grades an Konzentration. Ein starrer, schr�g zum Boden gerichteter Blick geh�rte dazu. Und so gesehen konnten dabei Fu�g�nger, Kinderwagen oder Haustiere unm�glich beachtet und geschont werden, pl�tzliche Ausweichman�ver w�ren auch beim besten Willen nicht durchf�hrbar. Die Fu�g�nger und ihre Hunde mu�ten selbst sehen, wo sie blieben, wohin sie sich in Sicherheit bringen konnten. Sie hatten fr�hzeitig oder eben im richtigen Moment zur Seite zu springen. Auch die tauben, blinden oder behinderten Menschen unter ihnen sollten das Zittern der B�rgersteige in ausreichender Vorwarnzeit sp�ren lernen.</p><p>Die Arbeit der M�nner konnte in Prag niemand auf die leichte Schulter oder unter die leise Fu�sohle nehmen. Wenn diese oft b�rtigen B�renm�nner � es waren tats�chlich richtige M�NNER!�� ihren gro�en Auftritt hatten, dann herrschte Krieg. Die meisten Menschen, die gerade unterwegs waren, achteten auf einen ausreichenden Sicherheitsabstand, blieben ebenfalls lieber in Bewegung � siewechselten flink die Stra�enseite, verteilten sich dynamisch um das Epizentrum des Sturms. Nur Dummk�pfe blieben stehen und glotzten. Wenn eine Tonne nach dem Um- und Auskippen ausgeklinkt und auf die Pflastersteine der Stra�e fallengelassen wurde, h�rte sich das an wie ein Kanonenschu�. Die Tonnen wurden anschlie�end gegen Bordsteinkanten geknallt, sie wurden �ber Stufen, Treppen und Treppchen gerollt � und wenn es n�tig war, f�hrte die Rolltour auch durch Hausflure, Durchfahrten, H�fe und Einfahrten. In resonanzstarken Gew�lben dr�hnte es dann wie in der H�lle, wie in den Kathedralen der gefallenen Engel. Und wenn die M�nner weitergezogen waren, sah es � nach der �berall verstreuten Asche oder den versch�tteten farbenfrohen Fl�ssigkeiten zu urteilen (oft waren rote oder rotbraune So�en dabei) � tats�chlich wie nach einem Krieg aus. Man konnte sich ohne weiteres vorstellen, durch die Stra�en w�ren gerade feindliche K�mpfer gezogen, mordend und brandschatzend.</p><p>Auf einer solchen Tour h�tte man beinah die Leiche meiner Gro�mutter Lizzy zur�ckgelassen. Die gewissenhafte Lizzy sah auf dem B�rgersteig ein St�ck Abfall und hob es in ihrem sittlichen Streben nach gemeinschaftlicher Vervollkommnung der Stadt umgehend auf. Der ankommenden Tonnenwalze wollte sie es anschlie�end �bergeben und dem Tonnenlenker mitteilen, da� dieses Abfallst�ck einem vorauseilenden Kollegen aus einer der bereitgestellten Tonnen herausgefallen war. Zu der �bergabe kam es nicht. Lizzy wurde mit voller Wucht angerollt und umgeworfen.</p><p>��Bl�de Kuh, schrie sie der Mann an, wo hast du deine Arschaugen?</p><p>Ein j�ngerer M�llmann erschrak und wollte der alten Frau wieder auf die Beine helfen, in Sekundenschnelle bekam er daf�r einen kaltbl�tigen Faustschlag in den R�cken.</p><p>��Renn lieber um die Ecke, du Idiot! Wenn ich dort warten mu�, gibt es noch mehr davon!Mein Schlachtplan f�r die n�chste Zukunft war klar: Wenn schon auf den M�llgrund sinken, dann wirklich, wenn schon manuell arbeiten, dann dort, wo der Sozialismus am h��lichsten war. Ich wollte mich ekeln und den zivilisatorischen �berresten so nah wie m�glich kommen. Es sollte mich aber noch viel M�he kosten, bis ich in meinen ertr�umten Dreck eintauchen durfte. Die M�llabfuhr sollte es aber unbedingt sein. Ich hatte das Getue der M�llm�nner sowieso schon lange im Visier, und der seltsam stabile, fast inhaltsunabh�ngige Gestank ihrer Tonnen lag seit meiner Kindheit fest in meinem Geruchsged�chtnis gespeichert. Und als klar wurde, da� ich bei der Pr�fung meines Ha�faches� Die Geschichte der Arbeiterbewegung �nur durchfallen konnte � es h�tte aber, wenn ich unvorsichtig oder sogar ausf�llig geworden w�re, noch schlimmer kommen k�nnen � , verlie� ich eines Tages meine grauenhaft verschulte und ideologisch immer wachsamer werdende Universit�t. In dieser hochschul�hnlichen Einrichtung, die man nach heutigen Ma�st�ben schwer eine Universit�t nennen k�nnte, f�hlten sich nur kindische, politisch vertrottelte Kleinstadtelemente und Halbgeister wohl. Ich mu�te mir jeden Tag ansehen, wie meine Mitstudenten nach den mit ordin�rem Klingeln beendeten Vorlesungen wie Herdenwesen die Treppen heruntertrampelten und dabei vergn�glich juchzten. Und ich mu�te mich dagegen wehren, mich von ihrer Fr�hlichkeit animieren zu lassen. Sie, die mehrheitlich aus der Provinz kamen, waren voller Begeisterung auch aus dem Grund, weil sie ihren Provinzst�dten entfliehen und die Hauptstadt Prag bev�lkern durften. Sie ahnten nicht, wie grauenhaft sich Prag inzwischen ver�ndert hatte. Ich hatte mich von diesen Leuten nicht einmal verabschiedet, war frei und ging in das zentrale Personalb�ro des M�llimperiums.</p><p>��Mir gef�llt die Arbeit.</p><p>��Wir nehmen Sie nicht.- Sie brauchen doch Leute, �berall steht das.</p><p>��Ich kann Sie mit den M�nnern nicht zusammenarbeiten lassen, das stehen Sie niemals durch.</p><p>��Ich schaffe alles. Das sind eben richtige M�nner, ich komme dort schon klar.</p><p>��Es kommt nicht in Frage, Sie wissen �ber die Arbeit gar nichts. Man steht um vier Uhr fr�h auf, alle sind etwas m�rrisch. Manche Kollegen haben au�erdem � ich meine HATTEN immer wieder mal � leichte Alkoholprobleme�</p><p>��Mir ist alles recht.</p><p>��NEIN!!! - und diese Antwort war endg�ltig.</p><p>Sp�ter habe ich es zwar doch noch geschafft, mich unter die M�llbeseitiger zu mischen, in Prag habe ich mir aber erst einmal einen anderen Traum erf�llt. Ich wurde Fahrer bei der staatlichen Wohnungsbauverwaltung im Zentrum unserer ergrauten Stadt, konnte den ganzen Tag mit einem Kleinlaster herumkurven, in den engen Stra�en und auf dem wackeligen Pflaster Stadtrallye fahren, Menschen und andere rennende Hindernisse zur Seite scheuchen. Wenn ich schlechte Laune hatte, konnte ich das Auto, das mir nicht geh�rte, nach Belieben qu�len. Als ich eines Tages eine ganze Ladung Toilettenbecken geladen hatte, wurde ich regelrecht euphorisch. Ich hatte es fast geschafft! Ich war endlich ungef�hr dort, wo ich die ganze Zeit hatte sein wollen � auch wenn ich mit dem Dreck erst einmal nur indirekt zu tun hatte. Meine Klosch�sseln waren unbenutzt, ich war vorl�ufig noch auf der saubereren Seite des Dreckgesch�fts.</p><p>Um mich herum wuchsen gleichzeitig Bedenken. Nachdem ich nach der Arbeit � wie ein richtiger Mann eben � in der einzigen ernstzunehmenden Kneipe unserer Gegend ein gro�es Bier bestellt hatte, wackelte der alte Kneipier ausnahmsweise schwerm�tig mit dem Kopf und sagte:</p><p>��Du trinkst jetzt also auch. Wie alle anderen. Wie hei�t du eigentlich?</p><p>��Georg.Bis dahin hatte mich der sonst eher cholerische Mann nur als einen Frischling gekannt, der an seiner strategisch einzigartig liegenden Eckkneipe � sie liegt gegen�ber dem barocken Tor und hei�t bis heute� Na valech�, was so viel wie� Auf den Schanzen �bedeutet � immer nur brav vorbeigegangen war oder am massiv gemauerten Zaun auf der gegen�berliegenden Stra�enseite mit anderen Halbstarken und ihren Br�uten stundenlang herumgestanden und sich des Lebens gefreut hatte. Die Bedenken der Intellektuellen, die um meine Mutter schlichen, waren noch ernster.</p><p>��Reise lieber aus, Georg, hau einfach ab, sagte einer immer wieder. Ihr verbl�det hier alle. Eine ganze Generation ohne Bildung, das wird grauenhaft. Nur Trottel und politische Schleimer studieren noch. Geh in den Westen.</p><p>Solche Spr�che heizten in mir leider gewaltige �ngste vor Gehirnerweichung und meiner drohenden Degenerierung an. Ich f�hlte mich intellektuell tats�chlich stark unterfordert. Ich wollte zwar Menschen und das rauhe Leben im Abseits studieren, �ber das alles irgendwann auch schreiben, verbl�den wollte ich dabei aber auf keinen Fall. Meine Texte sollten Niveau haben, die St�rken von Hemingway, Dos Passos, Saroyan, Kerouac und Hrabal vereinen und mich aus den gesellschaftlichen S�mpfen irgendwann wieder nach oben bringen. Um nichts auf der Welt durfte ich � eine bessere Metapher daf�r gibt es f�r mich bis heute nicht � zum onanierenden Schotten am Brunnenrand werden. Dieser Schotte aus einem typischen Schottenwitz war damals in aller Munde. Der onanierende Mann spritzt sich nebenbei Wasser aus dem Brunnen in den Mund und sagt:�Whisky und Frauen, das ist f�r mich das Allergr��te.�</p><p>Tagt�glich konnte ich sehen, da� der Sozialismus zwar nicht besonders gut funktionierte, trotzdem war es verwunderlich, da� er �berhaupt noch funktionierte. Dazu gab es verschiedene Theorien. Ein philosophisch begabter Br�tchenausfahrer, der fr�her Ba�gitarrist einer bekannten Rockband war, offenbarte mir in einer Kneipe seine origin�re Br�tchen-Theorie. Die B�cker st�nden auch im Sozialismus unter dem Zwang, jeden Tag Unmengen von Br�tchen zu backen � und das tun sie, weil sie auch welche essen wollen. Au�erdem wollen morgens auch alle anderen Menschen frische Br�tchen essen � sonst g�be es im Land bald gef�hrliche Aufst�nde. Und so springe der Motor der ganzen Gesellschaft jeden Tag in der Fr�he �berhaupt an, meinte mein neuer Freund. Andere Arbeiter, so wie Ingenieure, Putzfrauen oder Wissenschaftler, w��ten dann ganz genau, da� sie auch ein bi�chen w�rden arbeiten m�ssen, um beim B�cker am n�chsten Tag wieder ihre Br�tchen zu bekommen. Sie w�rden nicht allzuviel arbeiten m�ssen, aber gerade so, da� das wirtschaftliche Gemeinwesen, an dessen Anfang die am fr�hesten aufstehende B�ckergilde st�nde, am Funktionieren gehalten w�rde.</p><p>Der Sozialismus funktionierte in gewissen Grenzen tats�chlich. Und tats�chlich hatte er das der Initiative und Kraft vieler verantwortungsbewu�ter Menschen zu verdanken, die nicht stillsitzen konnten, die ihre Arbeit ernst nahmen und auch nicht zulie�en, da� die antriebsschw�cheren Teile der Gesellschaft mit einem Bummelstreik das Land lahmlegten. Viele dieser Flei�igen schufteten sich dabei � ungl�cklich �ber so viel Ignoranz und Idiotie um sie herum � regelrecht kaputt. Sie opferten sich f�r einen Staat, der nicht dankbar sein konnte, der sich selbstzerst�rerisch auffra� und dessen Seele schon seit langem tot war.</p><empty-line/><p>nun haben wir, was wir wollten</p><p>In den goldenen Sechzigern belegte man etwas liberaler gesinnte Parteifunktion�re gern mit einem paraphrasierten Friedrich-Engels-Zitat:�DER ANTEIL DER OHRFEIGE AN DER MENSCHWERDUNG DES FUNKTION�RS�. Mit der allgemeinen Menschwerdung ging es damals tats�chlich vorw�rts. Und man sah nicht allzugern zur�ck, die blutigen Siege sollten irgendwann doch lieber vergessen werden. Schlie�lich hatte unser sch�ner Pr�sident Novotny schon im Jahre 1960 den endg�ltigen Sieg des Sozialismus verk�ndet und damit alle Feinde des Fortschritts f�r abgeschafft erkl�rt. Die Inhaftierten wurden nach und nach im Stillen freigelassen, juristisch rehabilitieren wollte man sie vorsichtshalber aber nicht. Rehabilitiert wurde in den sechziger Jahren schlie�lich nur eine kleine Minderheit � die Opfer der innerparteilichen S�uberungen.</p><p>Was die f�nfziger Jahre betrifft, waren f�r meine Mutter und ihre Freunde h�chstens die Sl�nsky-Prozesse ein Thema gewesen. Dieses Justizverbrechen mauserte sich mit der Zeit zu einer Art Vorzeige-Schattenseite des damaligen Regimes. Dabei war Sl�nsky � parteiintern schon in den drei�iger Jahren� zrzav� potvora�,�DAS ROTHAARIGE MISTVIEH�, genannt � selbst ein furchtbarer Stalinist.</p><p>Bei uns zu Hause spielten die Verbrechen des Staates nur punktuell eine Rolle. Zum Beispiel wenn Herr Eisler zu Besuch war, der nach seiner R�ckkehr aus der englischen Emigration verhaftet und zu zw�lf Jahren wegen Spionage verurteilt worden war. Oder wenn man einem der gebrochenen� kleinb�rgerlichen Elemente �zuf�llig auf der Stra�e begegnet war.- Er war ein gro�z�giger netter Mann, hatte die ruhigsten H�nde, die ich je gesehen habe. Jetzt sieht er vollkommen durchsichtig aus.</p><p>��Wer war das? fragte ich nach der Begegnung.</p><p>��Ich habe in seiner M�belfirma im B�ro gearbeitet � vor dem Studium.</p><p>Meine Mutter erz�hlte mir im Laufe der Jahre �ber einige Begegnungen dieser Art. Manche der Menschen, die� Pech gehabt hatten�, erkannte man kaum wieder, sagte sie. Sie w�rden schleichen, statt zu gehen � als ob ihr seitlich orientiertes Humpeln mit der Gehrichtung nicht harmonieren w�rde.</p><p>��Ich habe Sie beinah nicht erkannt, begr��te meine Mutter einmal einen bekannten Bohemisten, der als Katholik das kommunistische Regime von Anfang an nicht angenommen und viele Jahre im Gef�ngnis verbracht hatte.</p><p>��Sch�n, da� wir uns treffen! Bin so froh, gerade Sie zu sehen, rief Herr Professor begeistert. Mir geht es leider nicht gut, wissen Sie, ich lebe sehr isoliert � und weit drau�en an der Peripherie. Au�erdem bin ich vollkommen allein geblieben.</p><p>��Das tut mir furchtbar leid.</p><p>��Als ich im Gef�ngnis war � vielleicht haben Sie davon geh�rt � , hat sich meine ganze Familie mit Pilzen vergiftet. Ich durfte nicht mal zur Beerdigung.</p><p>��Ja, nat�rlich, ich wei� das. Wir alle waren furchtbar emp�rt. Sie haben noch viele Bewunderer, wissen Sie das? Viele Ihrer Sch�ler denken oft an Sie.</p><p>��Das freut mich, das freut mich sehr.</p><p>��Wissen Sie, ich bin gleich nach dem Krieg und dem Lager Kommunistin geworden, nicht erst nach Achtundvierzig. Im Krieg haben die Kommunisten die meisten Opfer gebracht.</p><p>��Das sagt die offizielle Geschichtsschreibung, meineLiebe � unter uns gesagt. Ich gebe euch jungen Menschen aber keine Schuld, Ihnen schon gar nicht. Aber wissen Sie, wen ich neulich getroffen habe?</p><p>��Ja?</p><p>��Den blinden Klaudius, er lief v�llig allein herum. Er war auch mein Sch�ler, als ich noch unterrichten durfte. Er macht sich bis heute furchtbare Vorw�rfe wegen der S�uberungen von damals. Die jungen Kommunisten haben an der Fakult�t furchtbar gew�tet � das ist wahr.</p><p>��Klaudius ist bald selbst unter die R�der gekommen.</p><p>��Zum Schlu� haben wir zusammen sogar gesungen, stellen Sie sich das vor. Ich habe meine Lebendigkeit auch nicht ganz verloren.</p><p>��Kl�da singt ja so gern.</p><p>��Und er hat auch Humor. Wir gingen in eine Kneipe, tranken etwas und sangen dann � leise, versteht sich � das alte Aufbaulied:�Ted' kdyzm�me, co jsme chteli��-�DA WIR NUN HABEN, WAS WIR WOLLTEN�. Aber lassen wir das, das Leben geht weiter. Sie sind so wunderbar jung geblieben � trotz des Lagers!</p><p>��Sie haben doch viel mehr hinter sich, Herr Professor, bei mir waren das nur drei Jahre � und ich war viel j�nger.</p><p>��Es war nicht so schlimm, f�r meine Familie war es viel schlimmer. Was mich betrifft, habe ich furchtbar viel Zeit verloren. Acht Jahre � meine Arbeiten bestehen aus einem Haufen von Fragmenten. Und jetzt spielen meine Augen nicht mehr mit.</p><empty-line/><p>ihre Waschlappen waren voller hautpartikel, hautfett und hautbakterien</p><p>Dana besuchte ich in gr��eren Abst�nden weiter, nat�rlich heimlich, und wir schliefen flei�ig miteinander. Mir war sowieso nicht klar, wie diese Gewohnheit beendet werden sollte. K�rperlich ging alles wunderbar widerstandslos von der Hand und vom Glied � au�erdem wie immer wortlos, ohne anstrengende Vorspiele mit Ann�herungsdiskussionen oder Fragestunden. Wenn ich Lust hatte, konnte ich ihr dort, wo sie gerade war, die Hose herunterziehen und sie in den unm�glichsten Stellungen besamen. Auf dem K�chentisch, im Bad auf der Waschmaschine, im Flur an der Wand oder sonstwo einfach freistehend � ob sie momentan gerade ihre Tage hatte oder nicht. Beim Planen meiner Besuche konnte ich mich danach gar nicht richten. Als aus ihr einmal ein ganzer R�hr&amp;Gerinn-Blutkuchen mit Spermagarnierung herausfiel und auf den Fu�boden klatschte, kommentierten wir es lieber nicht.</p><p>Weil es wegen unserer Stummheit nie klar war, ob und wann Dana einen Orgasmus hatte, gew�hnte ich mir an, oft als erstes ihre Klitoris mit dem Mund zu verschlingen, bis sie sich durch ihre Atmung verriet. Wirklich behaglich war mir bei unserem k�rperreduzierten Getue irgendwann nicht mehr. Wir wurden und wurden uns trotz der vielen Schleimit�ten �berhaupt nicht vertrauter. In meiner eingenebelten Zukunft kam Dana vorsichtshalber nicht vor. Und sie lie� mich im Gegenzug auch einfach zappeln � einfach aus Ratlosigkeit, denke ich. Wie konkret sie sich mit ihrer eigenen Zukunft besch�ftigte, wu�te ich nicht.</p><p>��Woran denkst du, traute ich mich manchmal zu fragen.</p><p>��An gar nichts weiter.- Ich sehe schon an deiner K�rperhaltung, wenn du ganz woanders bist.</p><p>��Es waren gar keine Gedanken, nur schwimmende Bilder.</p><p>��Aber an etwas hast du dabei doch gedacht.</p><p>��Ich habe nur gebildert.</p><p>Zum Ausgleich f�hrten wir gelegentlich �berraschend geistbeladene, aber vollkommen unpers�nliche Gespr�che. Mich trieb mein postpubert�res Bed�rfnis, mich f�rs H�here vorzubereiten, und ich h�rte Dana oft einfach nur geduldig zu. Ich bewunderte sie, und sie geno� es. Dabei hantierte sie beim abstrakt-formalen Theoretisieren schon immer mit nur angedeuteten Denkfiguren, und ihre Zuh�rer schreckte sie damit normalerweise eher ab. Bei uns zu Hause wurde �ber ihre Art zu philosophieren gelegentlich gel�stert. Die von ihr produzierten Gedankensplitter wirkten ber�hrungsscheu und waren aufeinander nur sehr lose bezogen � trotzdem bis zur v�lligen Unbrauchbarkeit miteinander verknotet. Im Zusammenhang mir ihrer Arbeit verabscheute Dana dagegen jede Theorie und war im Grunde nie gezwungen, ihre Gedankengebilde auf Stringenz pr�fen zu lassen.</p><p>��Stell dir das vor wie drei Schienenstr�nge, die versuchen, sich nicht zu treffen � es aber m�ssen. Und es sind immer drei. Auf dem unvermeidlichen Schnittpunkt steht dann der alte, frisch aus der Eierschale geschl�pfte Baum. Er war von Anfang an vollkommen� wie die jungen Bl�tter, �ber die wir neulich gesprochen haben. Wei�t du noch? Dort, wo man hinstrebt, ist schon alles fertig. Man mu� immer nur das Sterben neu gestalten. Wei�t du, was ich meine, Georg?</p><p>��Ja, ungef�hr.</p><p>��Ich habe in der letzten Zeit auch viel �ber das Sprechen nachgedacht, �ber das in der Stimme steckende Verm�gen, Nuancen auszudr�cken. Hier h�re ich manchmal tagelang nur dieses Kreischen, Klappern oder Quieken. Du hast neulich in Prag Gitarre ge�bt und gesungen. Hier w�re das deplaziert � das Landleben l��t es im Grunde nicht zu, es w�re Verschmutzung. Diese Art von Rhythmus oder Takteinteilung produziert die Natur von sich aus nicht � zum Gl�ck, aber aus gutem Grund, denke ich. Sie braucht es einfach nicht, und so soll es auch bleiben. Das Atmen und der Herzschlag sind eher dazu da, nicht wahrgenommen zu werden, oder? Aber die Stimmen � die sind gef�hrlich, sie sind einerseits Aussto�, andererseits eine potentielle und wie unter Zwang entgegenzunehmende Penetration. In das Taktma� und in Resonanzgef��e eingezw�ngte Stimmen kommen bei mir regelm��ig als Schmerz an. Deswegen vertrage ich hier kein Radio. Vibrationen haben immer mit dem �berschreiten von irgendwelchen Schwellen zu tun. Diese federn sich gern eigenm�chtig ab, b�umen sich auf, liegen eine Weile scheinbar ruhig auf dem Boden, richten sich aber pl�tzlich wieder auf � wom�glich sogar kerzengerade. Es ist eine Illusion zu denken, man schreite voran, indem man irgendwelche Stufen �berwindet. Bei der Fortbewegung � dem FortSCHRITT sozusagen � kommt es h�chstens darauf an, nicht mit den eigentlich st�renden Str�mungen in Konflikt zu kommen. Ich kann keine Uhr tragen, sonst h�tte ich nie eine klare Linie zeichnen oder eine Rundung gl�tten k�nnen.</p><p>Anfangs fiel es mir leicht, mich f�r ihre Monologe zu begeistern, jetzt hatte ich manchmal das Gef�hl, da� sie mich � oder andere Zuh�rer � kraft ihrer R�tsel eher in Schach halten und nebenbei Bewunderungszoll kassieren wollte. Ob ihr ihre Bed�rftigkeit bewu�t war, wu�te ich nicht. Auf ihre Wortfl�sse zu reagieren hatte jedenfalls gar keinen Sinn. Sie erwartete es nicht und f�hlte sich eher gest�rt, wenn jemand versuchte mitzureden. Und ich stellte mit Erschrecken fest, da� sich zwischen uns etwas mischte, was ich auch von zu Hause gut kannte. Zu Hause nannte ich es die ENTFERNUNGSABHANGIGE MUTTERALLERGIE. Wenn ich meine Mutter einige Tage nicht gesehen hatte, freute ich mich, sie zu Hause wieder anzutreffen. Ich freute mich immer noch, wenn ich sie in einer gewissen Entfernung vor mir sah � wenn sie dann aber direkt vor mir stand, mich mit ihren Augen verschlang und manchmal vor Freude kindisch mit den Armen wedelte, war es mit der Zuneigung auf einen Schlag vorbei.</p><p>Zwischen mir und Dana verkeilte sich langsam eine sanfte Gereiztheit. Sie war an mich de facto fest gebunden, ich war dagegen die ganze Zeit frei. Ihr lief die Zeit davon � mir aber nicht. Die Tiere schienen die unharmonischen Schwingungen zwischen uns zu wittern. Der Storch Alfons wurde irrationalerweise eifers�chtig und attackierte mich, zwischen den Papageien gab es ungew�hnlich heftige Streitigkeiten, und die Eichh�rnchen wirkten depressiv. Bei einem Beischlaf in der K�che �berraschte mich einmal eine furchtbare Beklemmung in der Brust, und ich hatte zum ersten Mal das Gef�hl, da� ich irgendwann sp�ter herzkrank werden k�nnte. Auf jeden Fall schn�rte mich so etwas wie ein Schuldgef�hl ein, und ich war mir so gut wie sicher, etwas grunds�tzlich Unrechtes zu tun. Kurz danach wurde ich tats�chlich bestraft � und ziemlich hart. Dana hatte einen Blechkuchen aus ENTkernten Kirschen gebacken, ein einziger Kern war aber doch dringeblieben. Als ich mit voller Wucht auf ihn bi� und mir die H�lfte eines Backenzahns abbrach, war ich dar�ber nur kurz entsetzt. W�tend war ich �berraschenderweise gar nicht. Ich war sogar zufrieden � als ob ich eine Art Strafe abgeb��t h�tte. Mir war, als ob von mir sowieso erwartet worden w�re, vivisezierte Organteile abzugeben � f�r Dana, f�r meine Mutter oder f�r eine andere Frau, die ich wegen der aktuellen Verstrickung irgendwo warten lie�.</p><p>An Dana st�rten mich pl�tzlich Dinge, die ich fr�her eher reizend fand, und was mich schon immer gest�rt hatte, st�rte mich jetzt dreifach. Teilweise begann ich mich voreinigen Dingen bei ihr zu ekeln. Die �berall vorhandenen Dreckkulturen r�steten weiter auf und waren dabei, auch meine eigenen K�rper�ffnungen und Schleimh�ute anzugreifen � vollkommen kulturlos.</p><p>��Ausflu� � so etwas hatte ich noch nie! Ist das Ausflu�? Die ganze Sudelwirtschaft, das Unkonventionelle daran, verlor rapide an Frische und Anziehungskraft. Und ich sah Danas Keimaufzuchtsfarm immer mehr ihre wenig putzigen Perspektiven an. Einmal entdeckte ich in der uralten Waschmaschine nasse� saubere �W�sche, die Dana vergessen hatte aufzuh�ngen.</p><p>��Wie lange liegt das Zeug schon drin?</p><p>��Hab ich vergessen� drei, vier Tage vielleicht.</p><p>��Das Zeug g�rt schon. Und stinkt! Hast du �berhaupt Waschpulver?</p><p>Was im Haus au�erdem stank, waren alle Wisch-, aber auch Waschlappen. Danas Lappen f�r die K�rperpflege wurden grunds�tzlich nie in die Dreckw�sche getan. Au�erdem wurden sie, weil sie nicht luftig aufgeh�ngt wurden, nie richtig trocken. Der Faulgeruch, den sie nach einer gewissen Zeit verbreiteten, war immer der gleiche. Nach der Theorie von Dana wuschen sich die Lappen bei der S�uberung der K�rperoberfl�che selbst mit. Dank Seife, Reibung und gr�ndlicher Sp�lung seien sie die Sauberkeit selbst, meinte sie. Da� die Lappen voller abgeschabter Hautpartikel, Hautfett, Hautbakterien sein mu�ten, lie� sie nicht gelten. Ich versuchte es mit kurzen Vortr�gen.</p><p>��Die ganze Feuchtigkeit zieht aus dem Bad nicht weg und kondensiert. Und deine Lappen sind voller Leben, zucken schon. Biologie ist langweilig, einiges habe ich inzwischen aber mitbekommen.</p><p>��Ich schmei� die Lappen ab und zu weg. Sie f�hlen sich mit der Zeit etwas klebrig an, vielleicht hast du recht.</p><p>��Dein Bad ist eine einzige Schimmelzelle � dein gr�ner Salon.Danas K�che sah in der Regel auch gr��lich aus. Da� Tassen und Teller mehrmals genutzt wurden, war noch das geringste Problem. Dana lie� auch ungewaschene T�pfe und Pfannen tagelang herumstehen, bis alle daran klebenden Reste festgetrocknet waren und sich tats�chlich schwer abwaschen lie�en. Das Fett wurde ranzig, verharzte nach und nach auch auf den Metall- und Holzgriffen. F�r den Kampf gegen die diversen Verkrustungen erfand Dana irgendwann eine naturnahe Methode. Sie trug die unerfreulichsten Krustentr�ger zu einem nahe gelegenen Bach, legte sie in die Str�mung und beschwerte sie mit Steinen. Manchmal verga� sie dort die T�pfe oder Pfannen tagelang, fuhr weg. Nach starken Regenf�llen mu�te sie in hohen Gummistiefeln ihre K�chenausr�stung suchen gehen. Oft waren die einzelnen St�cke auf Hunderten von Metern verteilt, manche verschwanden in verschlammten Biegungen des Baches f�r immer. Danas Reinigungsmethode hatte noch einen Schwachpunkt: Im kalten Wasser blieb alles Fette weiter fett, nach dem Einsammeln mochte man nichts anfassen � man blieb an der Fettschicht regelrecht kleben. Ich kannte das von meinem Vater.</p><p>Danas Haushalt hatte mich fr�her allerdings auch mit begl�ckenden Erlebnissen beliefert � mit Zeugnissen der fluidalen Selbstreinigung beispielsweise. Ich hatte beobachtet, da� die allgemeine Verdreckung nicht so stark anwuchs, wie sie aufgrund des st�ndigen Neuzuwachses theoretisch h�tte wuchern m�ssen. Ein Teil des Drecks war mit der Zeit doch verschwunden � irgendwann, irgendwohin, ohne jegliches Fegen, Wischen oder Wienern, ganz und gar unauff�llig. Die in Ruhe gelassenen Dreckpartikel verteilen sich offenbar eigenst�ndig, setzen sich neu zusammen � und diejenigen, die sich gerade in einem Bewegungs- oder Transformationsproze� befinden, werden gerechtigkeitshalber nicht zum Dreck gez�hlt. W�hrend der umfangreichen Selbstreinigungsprozeduren werden die eigentlichen Dreckpartikel notgedrungen dauernd zerdr�ckt, eingerieben, weitergereicht � oder sie fressen sich eigenst�ndig in irgendwelche geheimen Verstecke ein. Nebenbei werden sie ab und zu abgeleckt, eingezutscht, resorbiert, bei gegenl�ufigen Aktivit�ten wiederum sauber ausgeschieden, aufnahmefreudig verd�nnt, verlustreich pulverisiert � und sie fliegen anschlie�end mit irgendwelchen V�geln als Kot in Richtung Mittelmeer. Mit diesem reinigenden Abtransport beziehungsweise der oberfl�chenaktiven Tiefenzirkulation schien es bei Dana irgendwann vorbei zu sein.</p><p>Einmal �berraschte uns eine gr��ere Gruppe Bekannter, die Dana spontan besuchen wollte. Das erste, was wir von diesen Leuten zu sehen bekamen, war ein Schuh mit einer zertretenen Kackwurst. Eine junge Frau war knapp vor Danas Hof in einen Hundehaufen getreten.</p><p>��Mu� ich irgendwie abwaschen, sagte sie und ging schnurstracks zum Sp�ltisch.</p><p>Niemand hielt sie auf, niemand sagte etwas, Dana schon gar nicht. Ich wollte eine Weile nicht glauben, da� das, was diese Frau m�glicherweise vorhatte, tats�chlich passieren w�rde. Im Abwaschbecken lagen noch ungewaschene Teller und Bestecke. Die Frau drehte den Wasserhahn auf und lie� den Dreck von ihrem Schuh herunterlaufen und herumspritzen. Der urspr�ngliche Tellerdreck erstrahlte kurz in seiner gerade beendeten Noch-E�barkeit. Man h�tte es als eine anschlie�ende Rache bewerten k�nnen, da� die Gem�sesuppe, die Dana ganz und gar unschuldig zu kochen begann, voller seltsamer kleiner Nudelchen war � f�r Teigwaren sah diese Einlage aber viel zu organisch, um nicht zu sagen lebendig aus. Als ich beim Essen begriffen hatte, da� es sich um W�rmer handelte, kippte ich meinen Teil der Wurmkolonie in den Ausgu� � also zu den inzwischen fast vergessenen Kotspritzern. Allerdings mu�te ich die anderen G�ste zu Ende essen lassen.</p><p>Nebenbei hatte ich wenigstens Zeit, die W�rmerquelle zusuchen. Die Reste der Brut fand ich schlie�lich im Gef�� mit getrocknetem Wurzelgem�se. Die W�rmer zappelten nicht, waren irgendwann mitdehydriert worden. Die gutgew�rzte Suppe wurde von allen gelobt. Da� Dana ihre G�ste bewirtete, war an sich eine Ausnahme. Normalerweise k�mmerte sie sich um nichts weiter, wenn Besuch kam. Sie wartete eher, bis die Leute ihre Verpflegung und/oder auch Unterbringung selbst in die Hand nahmen � und beobachtete interessiert, wie unterschiedlich sie es taten.</p><p>Die vielen organischen Reste, die in der K�che �berall gut erreichbar lagerten, lockten seit langem unterschiedliche Ameisenv�lker ins Haus. Ihre Wander- und Umzugsrouten wurden regelm��ig frequentiert, und die Streckenf�hrung quer durch die R�ume blieb relativ konstant. Wenn im Abwasch etwas Leckeres �briggeblieben war, nahmen die Ameisen gern auch einen gr��eren Umweg in Kauf. Hinterher war alles blitzblank. Besonders rege waren die winzigen Pharaoameisen � und diese kamen eines Tages sogar direkt aus dem Ausgu� gekrochen. Dana unternahm auch gegen diese Plage nichts weiter, da sie von anderen Heimgesuchten Bescheid wu�te:</p><p>��Die wird man sowieso nicht los.</p><p>Da� mich Danas Hygiene-Ignoranz anfangs so anzog, wurde mir langsam unheimlich. Bei uns zu Hause w�ren manche Dinge nie m�glich gewesen, nie zugelassen worden. Eines war bei der Anzahl von Frauen allerdings nicht zu verhindern � bei uns wurde dauernd menstruiert, pausenlos sah man irgendwo breitgeklatschte Blutstropfen liegen, und mir hatte diese � kriegsbedingte, dachte ich � Bluterei fr�her so viel Angst gemacht, da� ich �ber ihre fortpflanzungstechnische Seite lange nichts wissen wollte. Dabei war sie mir irgendwann diffus erkl�rt worden. Trotz (oder wegen?) der harten Lager j�hre � in der Zeit blieb die Menstruation grunds�tzlich weg � bluteten manche der Damen bis ins hohe Alter, jedenfalls �berraschend lange.Eine wirklich scheu�liche Angelegenheit passierte bei uns zu Hause nur ein einziges Mal. Schuld daran war allerdings die von den Tschechen �bernommene Leidenschaft f�r Kuttelflecke. Die zerkl�fteten Kutteln stammen bekanntlich aus dem ersten Rindervormagen, dem Zottenmagen. Dort finden zwar zum Gl�ck lediglich die ersten Zersetzungsprozesse statt, trotzdem m�ssen die Kutteln ordentlich gewaschen werden. Gro�mutter Lizzy war einmal etwas vertr�umt und warf die Kutteln, die vom Schlachter nur grob abgesp�lt worden waren, leider gleich ins kochende Wasser. Die Suppe wollte sp�ter allen, die sich f�r sie angemeldet hatten, nicht so recht schmecken. Nachdem das Geschmacksproblem analysiert worden war, einigte man sich auf eine positive, egal wie halbkorrekte Abschlu�formel:</p><p>��Jetzt wissen wir wenigstens, wie Schei�e schmeckt.</p><p>Unter Dana litten leider auch alle ihre technischen Ger�te, sie waren ausnahmslos in einem f�rchterlichen Zustand. Wenn ich bei ihr war, konnte ich den Anblick verwackelter Steckdosen oder entbl��ter Kabelenden nicht ertragen, auch nicht die Ger�usche quietschender Kugellager oder klemmender T�ren. Deswegen werkelte ich bei ihr andauernd herum. Es machte mir zwar auch etwas Spa�, die M�he war im Grunde aber vergeblich, der Allgemeinzustand des Hauses besserte sich einfach nicht. Und Dana wollte es offenbar auch nicht anders. Wenn die N�hmaschine grauenhafte N�hte produzierte, war einmal die Spannung des unteren Fadens viel zu straff, das andere Mal klemmte der obere Faden irgendwo � und die Spannung stimmte wieder nicht. Das �bern�chste Mal steckten hinter der Spulenkapsel festgebackene Fussel.</p><p>��Sie n�ht aber noch, meinte Dana.</p><p>Da� die Batterien in ihren Taschenlampen ausliefen, war die Regel. Warum aber alle Abflu�rohre � trotz gelegentlicher Reinigung � dauernd voller Dreck nicht gekannter G�te waren, war seltsam. Dieser Dreck bildete in den Rohreneine Art Teppichboden, oft lagen darin langgestreckte schmale L�ufer � geflochten aus Haaren und pflanzlichen Fasern. Wir freuten uns beim Anblick der befreiten Dreckmasse immer wieder von neuem. Das war in dem Zusammenhang aber auch das einzige Vergn�gen. Bei uns zu Hause produzierten wir und unsere Umwelt niemals einen derartigen Rohr-Schmant und nicht ann�hernd so viele Faserkuchen.</p><p>Weil ich handwerklich vieles noch nicht wirklich beherrschte und einiges erst lernen mu�te, beging ich oft b�se Fehler. Ich schaffte es beispielsweise nicht, einen Stuhl aus Hartholz zu stabilisieren, obwohl ich der Meinung war, mit Holz einigerma�en umgehen zu k�nnen. Bei dieser Reparatur hatte ich sogar zwei Stahlwinkel und viele Schrauben verbaut, der Stuhl wackelte aber trotzdem weiter und brach eines Tages unter Danas dickem Nachbarn zusammen. Der sah sich die reparierten Schwachstellen unter der Sitzfl�che gleich an � noch auf dem Boden im Liegen. Dabei entdeckte er meine Winkel und die vielen lockeren Schrauben � diese steckten n�mlich in v�llig ausgeh�hlten, beim Schrauben freigeleierten L�chern.</p><p>��Welcher Idiot war hier dran? So ein Schwachsinn! Die L�cher h�tte man vorbohren m�ssen, geleimt ist hier auch nichts.</p><p>Nach diesem Vorfall bekam ich einen Schreck, ich k�nnte hier bei Dana eines Tages zu einem Onkel-Ableger mutieren. Oder vielleicht zu einer noch viel schlimmeren Kreatur � Onkel ONKEL war im Vergleich zu mir ein wahrer Zauberer. Warum ich den Stuhl nicht geleimt hatte, konnte der Nachbar nicht wissen. Ich hatte nicht nur keinen Leim dabei, mir fehlten l�ngere Zwingen, mit denen ich die ganze Sitzfl�che h�tte umfassen k�nnen. Da� ich beim Schrauben in das edle harte Holz glatte Krater hineingew�hlt hatte, qu�lt mich bis heute.</p><p>Im stillen Konkurrenz- und Abgrenzungskampf mit meinem Onkel entwickelte ich irgendwann eine Leidenschaft f�r alle Arten von Werkzeugen. Mir sollte nie wieder ein passendes oder sogar rettendes Werkzeug f�r einen speziellen Eingriff fehlen. Eine Zeitlang kaufte ich wahllos alles m�gliche, was ich bezahlen konnte. Und ich konnte es: Ich fand immer eine ahnungslose Tante, die die Notwendigkeit dieser oder jener Anschaffung akzeptierte und mir das n�tige Geld gab. In Prag gab es damals einige �berraschend �ppig sortierte Eisenwarenl�den, und Werkzeuge waren zum Gl�ck �berhaupt nicht teuer. Besonders gern kaufte ich exotische, kurios aussehende Arbeitsger�te, bei denen ich nicht einmal wu�te, f�r welche Arbeiten sie eigentlich gedacht waren. Ich war mir aber sicher: In meiner gl�cklichen Zukunft w�rde es kein besch�mendes Versagen mehr geben. Und tats�chlich gab es sp�ter immer wieder solche Momente. Manchmal erst nach zehn oder f�nfzehn Jahren kam ein dreibackiger Abzieher zum Einsatz, ein um die Ecke bohrender Futteraufsatz oder beispielsweise ein d�nner, ganze f�nfunddrei�ig Zentimeter langer Schraubenzieher.</p><p>Meine fr�hen handwerklichen Eins�tze sind im Grunde aber nicht mein Thema. Die eigentliche Problembaustelle war damals selbstverst�ndlich Dana selbst. Und mich umschimmelte das dumme Gef�hl, sie in ihrem Haus auf Dauer doch nicht allein lassen zu d�rfen. Bei Frauen hatte ich sp�ter nie etwas dagegen, wenn sie Hilfsbed�rftigkeit abstrahlten. Bei Dana wu�te ich aber nicht, wo ich h�tte anfangen sollen. Bei Wasserrohren, Batterien, Ameisenrouten? Und egal, wie viele Vitamine und Mineralstoffe sie dank ihrer Brennesselsuppen zu sich nahm, sie lebte furchtbar ungesund.</p><p>Meine Fluchttendenzen hingen im Grunde, wie schon angesprochen, nicht mit Danas Hygieneproblemen oder ihren teilweise unertr�glichen Tieren zusammen. In ihrer ganzen Sanftheit � und das merkte ich erst relativ sp�t � steckteunterschwellig auch etwas furchtbar Diktatorisches. Weil ich so viel j�nger war, ordnete ich mich in der Regel bedenkenlos unter, irgendwann war es mit meiner Bedenkenlosigkeit aber zu Ende. Dana brachte ihrer verseuchten Umgebung, ihren kr�nkelnden Ger�ten oder ihren unerzogenen Schutzbefohlenen unendlich viel Toleranz entgegen, wollte aber doch alle wichtigen Entscheidungen allein und diskussionslos treffen. Mit ihren Tieren ging das gut. Unauff�llig manipulativ, nat�rlich immer im denkbar sanftesten Ton, praktizierte sie das aber auch im Umgang mit mir. Und das f�hlte sich oft grausam falsch an.</p><p>��Machen wir das lieber nicht anders? Doch lieber nicht so� Das wird bestimmt viel besser.</p><p>Dana konnte nie gelernt haben, Kompromisse auszuhandeln. Au�erdem steckten in ihr zu viele seltsame Geheimkr�fte. Diese seelischen Dunkell�cher schienen in ihr so tief verkramt zu sein, da� an sie niemand herankam � sie selbst offenbar auch nicht. Schon in den Phasen unserer k�rperzentrierten Dauerbesch�ftigung war es zu Ausbr�chen gekommen, die ich lieber schnell wieder verga�. Sie war beim Sex, wie gesagt, sehr still und zur�ckhaltend, auf Dauer bekam es ihr aber doch nicht. Und so wurde sie manchmal � mit einem Orgasmus hatte das nichts zu tun � von stillen Spasmen heimgesucht. Sie b�umte sich pl�tzlich � f�r mich, der gerade intensivst mit dem Streicheln ihres Schamhaars oder ihrer Br�ste besch�ftigt war, blieb es ein R�tsel � aus ihrer R�ckenlage lautlos auf, dr�ckte ihren Bauch in die Luft, hob ihren ganzen Oberk�rper zu einer Br�cke und noch einmal und noch einmal mit voller Kraft. Einmal sagte sie dazu einen einzigen Satz:</p><p>��Ich hab vor zwanzig Jahren jemanden sehr geliebt.</p><p>Wer das war, verriet sie mir nicht. Ein anderes Mal begann sie ohne eine Ank�ndigung oder Erkl�rung meinen gesamten Oberk�rper abzulecken. Es kitzelte, und ihre trocknende Spucke k�hlte schnell ab. Ich lie� sie an mirarbeiten, wunderte mich nur, was sie davon hatte. Meine Haut war nach der Fahrradfahrt sicher ziemlich salzig � vielleicht fast so salzig wie ihr Mund nach unserer mittern�chtlichen Salzbrotmahlzeit hinter den Vorh�ngen.</p><p>Wir hatten nat�rlich nicht verh�tet. Sie hatte die Notwendigkeit dazu nie angesprochen, und bei uns zu Hause hie� es immer, Dana h�tte fr�her sehr gern Kinder gehabt, w�re aber ganz und gar unfruchtbar. Und weil sie es sicher auch war, k�mmerte sie sich gyn�kologisch um gar nichts mehr. Eine derartige L�ssigkeit fand ich gro�artig. Einen Schrecken jagte sie mir einmal aber doch ein, als sie kurz verlauten lie�, sie sei schon seit zwanzig Jahren nicht beim Frauenarzt gewesen � zu anderen �rzten ginge sie schlie�lich auch nicht. Und obwohl klar war, da� unsere Familie eine ganze Schar beschnittener Gyn�kologen h�tte in Marsch setzen k�nnen, wollte sie dar�ber nichts h�ren.</p><p>��Jetzt geht es nicht mehr, die w�rden mit mir furchtbar schimpfen. Ich komme mit meinen Kr�utern schon klar.</p><p>Bei Dana vergammelten nebenbei auch wertvolle Kunstwerke. Sie hatte von ihrem Vater, der Maler und Kunstsammler war, einige Bilder der tschechischen Moderne geerbt. Und ich ahnte lange nicht, da� die dunkel gewordenen und teilweise von V�geln betr�pfelten Bilder von bekannten Malern stammten. Kein Zufall, da� ausgerechnet Dana auf die Idee gekommen war, ihre eigenen Skulpturen mit Dreck zu bewerfen.</p><p>��Das da ist ein fr�her Filla, einen Sp�la habe ich auch, den sieht man jetzt hinter den B�chern aber nicht � ist mir sowieso zu bunt.</p><p>In irgendwelchen Koffern bewahrte sie au�erdem einen Haufen Korrespondenz ihres Vaters aus der Vorkriegszeit auf. Sp�ter wollte sie alles dem Nationalen Literaturarchiv �bergeben. In der aktuellen politischen Situation kam es f�r sie allerdings nicht in Frage.- Den Idioten gebe ich es nicht, �berlasse es lieber meinen M�usen oder am besten Wanderratten.</p><p>Die M�glichkeit, da� in naher Zukunft auch Dana mit Haut, Haar und Kleidung das Beuteziel irgendwelcher Zerfallsbeschleuniger werden k�nnte, schienen inzwischen auch einige wirbellose Tiere zu wittern, hatte ich das Gef�hl � Motten und fliegende Ameisen stiegen in ganzen Formationen auf, Wespen w�teten oft scheinbar grundlos und ungew�hnlich laut, und verr�ckt gewordene Marienk�fer verb�ndeten sich manchmal mit M�cken und flogen in der Gegend regelrechte Angriffe auf alle warmbl�tigen Oberfl�chen.</p><p>Das Ende unserer sexuellen Beziehung brachten uns allerdings nicht irgendwelche Krankheiten, meine �ngste oder mein wach gewordener Sinn f�r Hygiene, dieses Ende wurde bei einem Ausflug zu Danas Bekannten im Nachbardorf eingel�utet. Diese besa�en ein ber�chtigt sch�nes Anwesen, und sie veranstalteten dort manchmal Gartenfeste. Wir lie�en die Tiere unser Dreckparadies bewachen und fuhren auf zwei furchterregenden Fahrr�dern kurz entschlossen hin.</p><p>Vor einiger Zeit hatte mich der blinde Klaudius auf einige Bildhauer neugierig gemacht � und auf seine Meinung verlie� ich mich gern. Kl�da empfing in seinem Wohnzimmer den ganzen Tag gebildete und hochbegabte Besucher, lie� sich pausenlos alles Wichtige erz�hlen, beschreiben, vorlesen. Am Ende eines jeden Tages wu�te er �ber vieles in der Welt wieder bestens Bescheid. Bei einem Treffen, das bei meiner Mutter stattfand, sagte er:</p><p>��Seltsamerweise haben wir momentan keine gro�en Maler. Alle wichtigen Schriftsteller publizieren nicht oder sind im Ausland, beim Film und im Theater k�nnen auch die begabtesten Leute nicht zeigen, was sie k�nnen. Nur die Bildhauer l��t man noch einigerma�en in Ruhe, und viele davon sind gro�artig, geh�ren wirklich zur Weltklasse.</p><p>Er nannte dann einige Namen, Danas Nachbar war dabei.Dana selbst hatte mir �ber ihren Kollegen nie viel erz�hlt. Sie lebte vollkommen anders als er, die beiden respektierten einander lediglich � mehr aber nicht. So wu�te ich nur, da� der Gastgeber beruflich zu den nicht vollst�ndig Ausgegrenzten geh�rte und teilweise auch gr��ere offizielle Auftr�ge bekam. Seine Frau Yvette war Malerin. Das Geh�ft der beiden sollte ein Kleinod und Wunderwerk sein. Der abseits stehende Bauernhof war aber nicht einfach nur wundersch�n, wie man schon von weitem sehen konnte, er war traumhaft �sthetisch gestaltet und auch ausgesprochen funktional ausgebaut. In der Scheune gab es zwei Ateliers. Englischer Rasen bedeckte das ganze Gel�nde und war auch in den letzten Winkeln kurz geschnitten und edeldicht. Eine saftige Brennessel f�r eine geschmacksfreie Brennesselsuppe sah man nirgendwo. Da und dort standen Plastiken aus Granit, dazwischen einige aus Holz. Die aus Holz waren riesig, und obwohl sie nicht gegenst�ndlich waren, wirkten sie bedrohlich wie fleischfressende Drachen. Kunst entdeckte man �berall. Aus dem Dach des Hauptgeb�udes erhoben sich kleine Schreckgestalten � oder ihre Teile wie Hexenkrallen und Teufelshufe. Bei genauerem Hinsehen waren es aus Ton gebrannte Einzelst�cke, deren Sockel wie Dachziegel geformt waren und sich zwischen die anderen Dachziegel schieben lie�en. Aber auch die W�nde des Hauses waren keine glatten W�nde, man entdeckte � vor allem an den Ecken � unterschiedlich stilisierte Fratzen aus Sandstein. Sie waren fest eingemauert, drum herum war alles sauber verputzt. Dana zeigte mir einen Kopf, aus dessen Ohr und Auge eine Flamme herausscho�, mu�te mir aber nicht weiter verraten, wer damit gemeint war.</p><p>Auch die unwichtigsten Nebengeb�ude waren bestens restauriert und solide mit Hilfe von Teer, Alt�l und Kreide behandelt worden. An allen Au�enw�nden, auch an diesen Schuppen hing au�erdem etwas Sch�nes, zur Kunst erhobenes Ready-Gemachtes oder Gemaltes. Dana und ich schauten uns oft an, ich dachte meistens an ihre gr�nen Dreckm�nner.</p><p>Was uns bei dem Fest au�erdem noch erwartete � also die Hauptattraktion � , konnten wir anfangs noch nicht ahnen. Der extrem sonnige und warme Fr�hlingstag brachte die sonnenverr�ckte Yvette auf die (spontane?) Idee, da� sich alle ausziehen sollten. Alle sollten vollkommen nackt herumlaufen, so wie Yvette es auf dem Grundst�ck auch oft tat � so oft, wie es nur ging. Es sprach rein praktisch nichts dagegen. Das Geh�ft stand weit genug vom Dorf entfernt, das Grundst�ck war gro� und au�erdem zur Landstra�e hin mit dichten Hecken abgeschirmt. Das nudistische Vorhaben machte trotzdem � wie man mitbekommen konnte � fast alle verlegen.</p><p>Der Gastgeber war ein bulliges Exemplar von einem resoluten Hammer-, Mei�el- und Stemmeisen-Mann � , und da� er Alkoholiker mit ungesunder Gesichtshaut war, tat seinem beeindruckenden �u�eren keinen Abbruch. Gefeiert werden sollten allerdings nicht die beiden Gastgeber als das Hohe Paar � das eigentliche Ausstellungsst�ck des Tages sollte eindeutig Yvette sein, Yvette allein. Sie war viel j�nger als ihr Mann und eindeutig das sch�nste Wesen weit und breit. An dem Tag sicher die sch�nste Frau auf Erden, das ideale Traumst�ck, das man sich f�r die Weitergabe der eigenen Gene vorstellen konnte. Und da sie sich als erste ausgezogen hatte, konnte es jeder beurteilen. Sie war makellos gebaut und besa� Br�ste, an deren Proportionalit�t und Plazierung alles voller Harmonie war � wie bei einer griechischen Statue. Ihre Schultern hielt sie selbstverst�ndlich gerade und stolz. Au�erdem hatte sie eine riesige Lokkenm�hne, angemessen buschige Venush�gelbehaarung, und in der H�fte war sie au�ergew�hnlich schmal. Da ihr R�cken aber eine saubere Gesamtgeometrie aufwies und ihre Wirbels�ule im Kreuz korrekt durchgedr�ckt war, waren ihre Arschw�lbungen trotz ihres Knabenbeckens ausreichend markant. Zu meiner Beruhigung h�tte ich an ihr gern etwas Unvollkommenes entdeckt, es war aber einfach unm�glich. Weil auch Yvette klar war, da� sie die Allersch�nste war, strahlte und lachte sie pausenlos � und das machte sie nat�rlich noch anziehender, peitschte ihre Attraktivit�t in unertr�gliche H�hen. An dem Tag begriff ich, warum mich schlanke Frauen mehr anzogen als dicke: Die schlanken und zierlichen Frauenk�rper w�rden bei der Kopulation mit einem Penis gegebener Gr��e verh�ltnism��ig expansiver ausgef�llt als die dickeren.</p><p>Dana und ich waren nicht als ein Paar gekommen, au�erdem verk�rperte Dana nach au�en eher meine Familie, ersetzte sozusagen meine Mutter. Das anstehende Gesellschaftsspiel war, wie gesagt, nicht nur uns unangenehm � trotz aller Proteste wurde am Ende aber niemandem erlaubt, angezogen zu bleiben. Dana war �berraschenderweise �berhaupt nicht gelassen und �ber die Situation erhaben. So kannte ich sie gar nicht, sie litt sichtlich und vergab dadurch noch zus�tzliche Sch�nheitspunkte. Was mich betrifft, hatte ich in erster Linie f�rchterliche Angst vor akut drohender Dauerkrampf-Erektion. In meiner Brust zog sich unterdr�ckte Panik zusammen, meine leicht angelaufene Eichel brannte im Innern, meine s�mtlichen Erektionsblut-Sperren und Samen-Schleusen warteten nur auf die entsprechenden Startsch�sse. Dana hatte zwar keine schlechte Figur, war aber nicht die J�ngste, au�erdem beanspruchten ihre Br�ste zu wenig Luftraum. Und Br�ste, die der Umwelt kein Volumen abzweigen, entfalten beim aufrechten Gang die naturgewollte Fernwirkung nur unzureichend � f�r die �berwiegende ALLGEMANNHEIT jedenfalls (mein altes Thema seit den fr�hen Schultagen). Solche Br�ste entsprechen der genetisch kodierten Zweckdienlichkeit also nicht ganz programmgem�� und werden daher nicht wirklich ernst genommen � egal, wie erigibel ihre Warzen oder wie milchproduktiv die in sie m�ndenden, an sich ausdehnungsbescheidenen Milchdr�sen sein sollten. Danas K�rperhaltung war, wie ich jetzt feststellen mu�te, auch nicht die beste, und ihre Backenz�hne � wie ich wu�te � waren teilweise b�se dezimiert. Das sah man ihr zum Gl�ck aber nur dann an, wenn man sie bei ihren Kauman�vern genauer beobachtete. Wieso Yvettes straffe Haut jetzt schon so gleichm��ig br�unlich aussah, war mir schleierhaft. Dana und ich waren wei�, zwischen Danas schmalen Schenkeln klaffte eine luftige L�cke, mein R�cken war �bers�t mit beuligen Pickeln.</p><p>Dana hatte gegen Yvette absolut keine Chance, meine Chancen bei Yvette waren gleich null, Dana und ich f�hlten uns wie zwei Wracks kurz vor einem Ausrangierungsverdikt. Dana sammelte mit der Zeit etwas Mut zusammen und behauptete sich auf dem Fleischjahrmarkt klugerweise einfach verbal. Sie verursachte mit ihren Zauberspr�chen allerdings zus�tzliche Irritationen. Diese t�rnten die M�nner nat�rlich gar nicht an, depotenzierten sie eher; Dana bekam auf diese Weise aber wenigstens auch attraktivere M�nnerexemplare gut in den Griff. Trotz ihres Minibusens und der Sichtl�cke zwischen den Schenkeln.</p><p>��Die Zukunft n�hert sich auf fremden H�rnern, Sie verstehen mich, nicht wahr? Wer f�llt, wird nicht aufgespie�t. Wer f�llt, liegt zwar im Dreck, von unten aus dem Dreck kommen aber wenigstens die lila Erdbeeren � f�r mich allerdings ein Symbol f�r nur vermeintliche, d�mmlich d�monisierte Gefahr. Kennt man von irgendwo, nicht? Von den Franzosen aus den Zwanzigern� oder?</p><p>��Na, ich wei� nicht.</p><p>��Nein, passen Sie auf! An dem fig�rlichen Wortbild stimmt doch etwas nicht � die Zukunft selbst ist mit H�rnern immer gut bewaffnet gewesen.</p><p>Auch andere Frauen konnten sich, da sie mit unendlich vielen Makeln besprenkelt, behangen und bepackt waren, mit Yvette absolut nicht messen und w�ren vor Scham sicheram liebsten unter den englischen Rasen gekrochen. Sie beobachteten dauernd ihre ersch�pften und im Innern inzwischen nur aus Fl�ssigmagma bestehenden M�nner, die dauernd auch noch andere � nicht nur Yvettes � gl�ckversprechende K�rperoberfl�chen musterten und einigerma�en spuckefrei �ber gro�e Distanzen besabberten. Ich spreche hier nat�rlich auch �ber mich. Zur Auswahl gab es auf dem Gel�nde mehrere j�ngere Sch�nheiten, sogar auch einige zarth�utige M�dchen mit noch fr�hlingsfrisch durchschimmerndem Schamhaar. Dana hatte auch mich gut im Blick. Irgendwann sollten wir alle in den Gem�segarten kommen, um Salat und anderes Gr�nzeug f�r das gemeinsame Mittagessen zu holen. Der Gem�segarten war als Ganzes nat�rlich auch eine Art Kunstwerk und Ausstellungsst�ck. Ich kam eher zuf�llig hinter Yvette zum Einsatz und konnte mein Gl�ck nicht fassen, als sich diese g�ttliche Erscheinung pl�tzlich freiheraus b�ckte, um irgendwo etwas Unkraut zu j�ten und auch an dieser Stelle die gestalterische Vollkommenheit herzustellen. Was ich dabei pl�tzlich und vollkommen unverhofft zu sehen bekam, kurierte mich auf einen Schlag. Da� mir Yvette ihren wunderbar pelzigen Fotzh�gel entgegenstreckte und dabei ihre ganze Scham �ffnete, war pl�tzlich zweitrangig. Ich sah, da� sie um den Anus herum irgendwelche Ausw�chse, Wucherungen sitzen hatte, deren Existenz auf Menschenk�rpern mir bis dahin vollkommen unbekannt war. Waren es �u�ere H�morrhoiden?�� Waren es Analprolapse?�� Waren es Marisken?</p><p>Oder waren es Folgen einer mi�gl�ckten Operation? fragte ich mich � und das gleiche frage ich mich bis heute. Ich drehte mich instinktiv schnell weg, so da� ich noch mitbekam, wie sich ein ebenfalls stark abgelenkter und mit einem scharfen Spaten ausgestatteter Helfershelfer gef�hrlich verletzte. Er hatte seinen Spaten � verzweifelt durch seine unerf�llbare Ficksehnsucht, nehme ich an � in die Erde rammen wollen und hackte sich dabei beinah einige Zehen ab.Die After�ffnung meiner zuk�nftigen Lebensgef�hrtin, �berlegte ich mir hinterher, w�rde aussehen m�ssen wie ein zarter Babymund. Auf jeden Fall w�rde sie frei sein m�ssen von egal wie gearteten Kutteln.</p><p>Wie es nach diesem erotischen Foltertag zwischen mir und Dana weiterging, ist schnell erz�hlt. Als wir nach Hause kamen, wollte ich sie als erstes ins Bett bugsieren � und sie sagte w�tend NEIN. Das war neu und bedeutete den totalen Bruch unserer einvernehmlich festgebumsten Regeln. Weil wir aber innerseelische Dinge generell nicht gewohnt waren zu besprechen, verlief auch der an diesem Tag eingel�utete Trennungsproze� vollkommen wortlos. Auch wenn folgendes damit nicht unbedingt zusammenh�ngt: Beim Fellatio hatten ihre Lippen und ihre Zunge �hnlich artikulationsschwach agiert. Unser Sex hatte inzwischen sowieso etwas Rituell-Maschinelles, und ich war w�hrend unserer gemeinsamen Zeit � was das Sprechen betrifft � eher auf das Zuh�ren spezialisiert. Zwischen uns kam es also zu keiner Aussprache, der weitere Gang der Dinge blieb offen, bedeutete im Grunde aber das Ende. Ich h�rte irgendwann auf, Dana zu besuchen, von ihr kamen keine einladenden Signale. Wer von uns in den n�chsten Monaten sexuell mehr litt, wei� ich nicht. Wenn wir uns begegneten, gaben wir uns einfach die Hand.</p><empty-line/><p>sein auge blieb trocken, flo� nicht aus</p><p>Den Penis meines Onkels habe ich als Kind nur ein einziges Mal gesehen. An dem Tag und in dem Augenblick war er besonders klein und schrumpelig gewesen, deswegen auch �berraschend dunkelh�utig, und sah wie eine Kackwurst aus, die an einer falschen Stelle herausgekommen war. Mein Onkel konnte zu allem Ungl�ck kein�?�aussprechen. An sich hat es im Land der Tschechen und M�hren nie als ein Verbrechen gegolten, trotzdem qu�len sich die meisten der NUR-28-Konsonanten-Sprecher in der Kindheit mit seltsamen Sprech�bungen, um wegen des fehlenden neunundzwanzigsten Mitlauts nicht aufzufallen. Manche lernen es trotzdem nie und benutzen ihr Leben lang ein gequ�ltes Ersatz-�?�. Auch einer unserer Pr�sidenten mu�te sich mit dieser Konsonantenkr�cke begn�gen. Onkel ONKEL hatte bei uns von Anfang an � wie mehrfach geschildert � keinen besonders guten Stand. Er leistete sich immer wieder Fehlgriffe, die man nicht vergessen und die man ihm auch nie ganz verzeihen wollte. Wenigstens konnte man einige originelle Anekdoten � hinter Onkels R�cken versteht sich � mit Vergn�gen zum Besten geben und Onkels schlechten Ruf in der Stadt auf diese Weise festigen. Als Tante Eva nach der Entbindung nach Hause kam und mit meiner ersten Cousine im K�rbchen auf dem Treppenabsatz stand, hielt er ihr statt Blumen eine Sch�ssel mit kochendem Wasser entgegen. Sie sollte darin ihre H�nde desinfizieren. Aber wie schon einmal angesprochen: Der k�rperwuchtige Onkel ONKEL r�ckt trotz allem mit w�rdiger Gewalt ins Zentrum meines Interesses und �berschattet mit Leichtigkeit die eine oder andere liebensw�rdige Tante. Und noch etwas anderes setzt sich dabei vorsichtig in Bewegung: Ich beginne mich mit meinem Onkel solidarisch zu f�hlen. Beides h�tte ich mir fr�her nicht tr�umen lassen. Als junger Mann soll Onkel ONKEL witzig und lebendig gewesen sein. �ber seine Beitr�ge zur guten Laune wurde uns Kindern aber grunds�tzlich nie etwas erz�hlt, keiner seiner Scherze ist Teil der familienkollektiven �berlieferung geworden. Viel sp�ter sagte ich mir in diesem Zusammenhang: Die Vorstellung, da� das Matriarchat eine bessere Welt h�tte hervorbringen k�nnen, w�rde sich garantiert als illusorisch erweisen.</p><p>Aufgrund meiner neu entdeckten positiven Regungen f�r meinen Onkel will ich ihm auf keinen Fall unrecht tun � und ich m�chte nicht, da� mich meine lieben Cousinen, Onkels T�chter, irgendwann verfluchen und zum Teufel schicken � in eine H�lle, die von sadistischen Weibsbildern betrieben und von versklavten Onkelknechten am Laufen gehalten w�rde. Ich tue schon etwas Gutes, denke ich, wenn ich �ber diesen Mann schreibe. Ohne diese Aufzeichnungen w�rde es heute nicht mal ein kleines Restchen meines kolossalen Onkels geben, weil nach seinem Tod alle seine angesammelten Sch�tze � aber auch Fotos und alles Schriftliche � in den M�ll wanderten. Leider begehe ich mit meiner sich steigernden Hinwendung aber auch ein kleines Verbrechen. Es war ein eindeutiger Wunsch von ihm, nicht nur kostenneutral und grablos, sondern auch ganz und gar namenlos aus dieser Welt zu verschwinden, sich also schnellstens in pulverisierten D�nger unserer Felder und Wiesen zu verwandeln. Strenggenommen bedeutete das in seinen Vorstellungen, denke ich, da� er absolut KEINE ERINNERUNGSR�CKST�NDE zur�cklassen wollte. Das mindeste, woran ich mich in diesem Text unbedingt halten mu�: Onkels wahrer Name wird nicht verraten. Ich bleibe bei dem neutralen, daf�r gedoppelten Tarnnamen.</p><p>In diesem Verschwindenwollen steckte nat�rlich etwas Feiges. Zu Lebzeiten war mein Onkel dagegen � in handwerklicher Hinsicht jedenfalls � ein extrem mutiger Mann. Leider setzte er gleichzeitig seine partielle Clownsrolle durch diverse Mi�geschicke immer weiter fort � fast als wollte er der ihn umdr�ckenden Meinung, er sei irreparabel l�cherlich, entgegenkommen und diese irgendwann auch endg�ltig besiegelt sehen. Trotzdem f�hrten seine fleischigen Zauberh�nde in der Wohnung eine Art Parallelexistenz, und sie blieben �ber Jahre trotz Onkels angeblich angeborener Faulheit grenzenlos geschickt.</p><p>Mein Onkel, dieser entthronte Leithammel, der f�r unsere Gemeinschaft lebensnotwendig war, f�hrte lange Jahre alle schwierigen und hochqualifizierten Arbeiten � wenn er in Gang kam � grunds�tzlich ein-mann-diktatorisch aus. Jedenfalls so lange, bis er den tobenden Sackgassenkampf gegen die Frauen, aber auch den Kampf gegen seine eigene Tr�gheit verlor. Er versteifte besonders effektvoll, wenn er bockig war, und in der Versteifung war es f�r ihn sicherlich am �konomischsten, seine Einsiedlerruhe zu genie�en, als gegen sie anzuk�mpfen. Irgendwann entdeckte er endlich, stelle ich mir vor, sein Bed�rfnis nach R�ckzug und Einkehr, lernte, seine innere Stille mit dem Dr�hnen seines Fernsehers unter einen harmonieprallen Hut zu bringen. Er sprach mit der Zeit immer weniger und tat immer weniger. Und irgendwann wollte, sollte oder DURFTE er auch nichts mehr tun. Nachdem er in seinem Fernsehsessel (es war ein regelrecht k�niglicher OHRENSESSEL � ein durchgesessenes, milbenschwangeres und fleischgleich verfettetes Monster, das einem auch in Onkels Abwesenheit Furcht einfl��te) definitiv versackt war, umpolsterte er sich vollst�ndig, fra� sich eine ausdrucksarme Fettschicht im Gesicht an und baute leicht ab. Dann r�hrte er schon auf der Grundlage seiner hochgez�chteten Widerstandsethik sowieso nichts mehr an. Dar�ber konnte sich allerdings niemand von uns wirklich freuen � unsere Wohnung, die sich nach seinem letzten handwerklichen Gro�angriff nie wieder erholen sollte, f�llte sich mit kaputten Ger�ten und schw�renden Schwachstellen. Diverse Probleme warteten nur darauf, sich zu Schwerpunkten chronischer Katastrophen aufzuschwingen.</p><p>��Bei mir brennt eine Birne nur manchmal, flimmert so. Und Ernas Steckdosen sind hei�.</p><p>��Ja, ja, ich mach's irgendwann.</p><p>��N�chstes Jahr?</p><p>��Vielleicht.</p><p>Nach und nach wurde ich � einfach aus Not � inoffiziell zu Onkels Nachfolger ernannt. Qu�lend war dabei, da� ich nicht nur von Onkels handwerklicher Kompetenz weit entfernt war, ich kam vor allem an sein Tempo und seine Entschlu�kraft nie heran.</p><p>��Georg ist so langsam (aber s��), er ist so �bergr�ndlich (reizend, oder?), er baut f�r die Ewigkeit (wie r�hrend!), hie� es, wenn ich f�r kleinere Instandsetzungsarbeiten engagiert wurde und nach mehreren Tagen immer noch nicht fertig war.</p><p>Onkels erbitterter Kampf gegen die gro�e Frauenschar durchlief eine wechselvolle Geschichte. Ein einstechendes Zwischenspiel in seinem Ohrensessel-Verwachsungsdrama bildete ein Arbeitsunfall, nach dem Onkel ONKEL etwas schlechter sehen konnte. Zum Verh�ngnis wurde ihm leider seine Begeisterung f�r neuartige Ger�te, Werkzeuge oder neu erfundene Arbeitsutensilien. Als im Lande die ersten Teppichmesser auftauchten und unter M�nnern � manchmal nur anhand von Abbildungen � als eine sensationelle Innovation diskutiert wurden, besorgte sich mein Onkel bald ein ganz und gar reales Exemplar. Woher er seinen Cutter hatte, wu�te niemand. Das St�ck kann nur Importware aus dem kapitalistischen Ausland gewesen sein. Er zeigte uns allen � stolz und offenherzig � diese handwerkliche Wunderwaffe, schob die schr�ge und mit Bruchkerben versehene Klinge hin und her, also rein und raus aus dem schmalen Geh�use. Dummerweise belastete er die Klinge ineiner Schw�chesekunde auch seitlich und hatte nicht bedacht, da� geh�rteter Stahl nicht auch noch biegsam sein kann. Ein Klingensegment brach bei diesem �berm�tigen Akt ab und scho� ihm direkt ins Auge. Onkel st�rzte wie ein Verr�ckter in Ernas K�che, wo gerade einige Damen zu einer Beratung zusammengekommen waren, und schrie:</p><p>��He! He! Schei� HCS-Stahl!</p><p>��HCS, was bedeutet HCS? fragten die Tanten.</p><p>Der Onkel versuchte mit seinem entsetzten Gesichtsausdruck den Ernst der Lage zu untermalen und zeigte auf seine Wange, um sein angestochenes Auge nicht zu verdecken, also f�r den n�tigen Blickkontakt freizuhalten.</p><p>��Zahn abgebrochen?</p><p>��Hast du auf etwas Eisenhaltiges gebissen?</p><p>Die Segmentspitze steckte zum Gl�ck nur in der Hornhaut, und Onkels Auge flo� nicht aus. Sein technologisches Vorsprungswissen behielt er allerdings f�r immer f�r sich, weigerte sich eisern-stahlfest, uns die Abk�rzung HCS zu erl�utern. Sein Schweigen, wenn er gefragt wurde, seine Weigerungen, wenn er angefleht wurde � also seine NEINS � waren ber�chtigt. Als Louis Armstrong in Prag war und sein Konzert live �bertragen wurde, lehnte er es ab, den Fernsehapparat lauter zu stellen. Die ganze Familie sa� vor seiner h��lichen Kiste, und meine Mutter versuchte ihm, ihrem Schwager und Kunstfremdling, mehrmals zu erkl�ren, Jazz m�sse laut geh�rt werden.</p><p>��Satchmo wird nicht noch einmal nach Prag kommen.</p><p>��Nein, er ist laut genug.</p><p>Viel �rger und Streit gab es immer wieder wegen Onkels penetranter Raucherei. Alle ha�ten den Geruch seines t�dlich starken, meist billigen bulgarischen Pfeifentabaks, baten ihn oder rieten ihm, aus gesundheitlichen Gr�nden mit dem Rauchen aufzuh�ren oder wenigstens die Tabaksorte zu wechseln. Manchmal ging man zu leeren Drohungen �ber, die sich Onkel gern rauchend anh�rte.-Wenn ich ein eigenes Zimmer h�tte, h�tten wir alle unsere Ruhe.</p><p>Da� wir Ruhe gehabt h�tten, war eine Illusion, was aber die Rauchbel�stigung anging, durfte er sich tats�chlich unschuldig f�hlen. Sein Rauch verbreitete sich in der Stratosph�re seiner Schrankburg relativ ungebremst und wurde mit jeder T�rbewegung in die restlichen R�ume gepumpt. Die durchl�ssigen Stellen, also die Lecks seiner Barrikade vollst�ndig abzudichten war in der Tat unm�glich.</p><p>Eines Tages �berraschte uns mein Onkel mit einem gro�en Clou. Er hatte offenbar im Stillen an einem ausgefeilten Plan f�r eine Rauchabzugsanlage gearbeitet, die nach der Phase der gr�ndlichen Recherchen, der Projektierung, der Anschaffung aller Komponenten und der letztendlichen Installation das Problem tats�chlich behob. Daraufhin erntete er spontan viel Bewunderung und wurde mit ehrlich gemeintem � aber auch mitleidigem � Lob �bersch�ttet.</p><p>Das sozialistisch unf�rmige und keinesfalls leise arbeitende Luftabzugsger�t war leistungsstark und stand auf dem Fu�boden, um wenigstens die Sicht aus dem Fenster nicht zu versperren. Leider war das Unget�m � weil mit dicken flexiblen Schl�uchen ausgestattet � unendlich h��lich und eher f�r Chemielabore oder f�r Schwei�arbeiten in irgendwelchen Hohlr�umen konzipiert. Aber das war nicht unser Problem, auch Onkel ONKEL kannte solche feingeistigen Hemmungen nicht. Der schlagende Vorteil seiner rettenden L�sung: Das saugende Schlauchende konnte der liebe Onkel ONKEL mit Hilfe eines mobilen St�nders direkt neben sich plazieren. Er konnte also direkt in das dunkle Loch hineinpaffen und dabei nat�rlich auch m�helos fernsehen. Der Rauch breitete sich im Raum gar nicht erst aus. Meinen ausschlie�lich auf Funktionalit�t bedachten Onkel st�rte es �berhaupt nicht, da� ihn das dunkle Loch pausenlos anstarrte und ihm den Rauch regelrecht aus der Lunge zog. Der pustende Schlauch, der an die� Aussto��ffnung �des Wirbelmonstrums angeschlossen war, f�hrte am Ende durch zwei Fensterscheiben nach drau�en. Das hei�t: In diese Scheiben hatte Onkel vom Glaser gro�e runde L�cher schneiden lassen m�ssen, und die entsprechende Fensterh�lfte des Doppelfensters lie� sich nach der Installation nicht ohne weiteres �ffnen. Onkels Zimmer bekam nebenbei den Charme einer Giftmischerwerkstatt.</p><p>Bei der L�ftung seines Schrankgeheimnisses � also der Preisgabe seiner geldgef�llten Blechkassette � half mir und meiner j�ngeren Cousine nach einem Jahr Wartezeit der reine Zufall. Als Tante Bombes autonomer ELEKTRISCHER K�hlschrank � der das gasbetriebene gemeinsame Stinkunget�m in den Schatten stellen sollte � angeliefert wurde, passierte folgendes: Der Lieferant nahm beim �berwinden einer Schwelle zu viel Fahrt auf, und bevor er realisieren konnte, da� er sich nicht in einem ger�umigen Zimmer, sondern in einem schmalen Korridor befand, raste er in Onkels Burgmauer und ausgerechnet in den R�cken seines Kleiderschranks. Eine d�nne Holzplatte platzte auf, eine Leiste l�ste sich und ein Teil der R�ckwandf�llung fiel auf den Fu�boden. Das S�ckchen mit der Kassette, das sich im Schrank sehr weit hinten befand, lag pl�tzlich vorn und war vom Gang aus ohne jeglichen Aufwand greifbar.</p><p>��Guck mal, ein Blechtresor, sagte die �ltere, nichtsahnende Cousine.</p><p>Die j�ngere tat so, als ob sie die hervorquellende W�sche ihres Vaters ordnen wollte, lief anschlie�end in die Wagenburg und brachte von der anderen Seite den Packen der Liebesbriefe mit.</p><p>Was danach genau hinter den Kulissen geschah, welche Art von Aussprachen, Vereinbarungen, Kl�rungen es gab, erfuhren wir drei Nachwachsenden nie. Gab es ein Verh�r oder sogar eine Anklageerhebung� Alle gegen einen�? - ich habe es auch sp�ter nicht erfahren. Tante Eva, Onkels Frau.war bei uns eine gro�e Autorit�t, und sie verh�ngte �ber diese Sache offenbar ein strenges Moratorium. Aber sicher war einiges auch f�r sie im Dunkeln geblieben. Ein Auto wollte Onkel ONKEL sowieso seit langem kaufen, ein Bauernhaus auf dem Lande ebenfalls. Das war allerdings sowieso ein Teil seiner fr�heren und �berhaupt nicht geheimen Planungen.</p><p>��Ein Auto mu� zuerst her, um das Haus auf dem Lande �berhaupt suchen zu k�nnen, sagte er immer wieder.</p><p>Da� kurze Zeit sp�ter ein Kaufvertrag f�r das Auto unterschrieben wurde, kann mit dem schockierenden Geldsegen nicht direkt zusammengehangen haben � die Kaufanmeldung war schon einige Jahre alt. Nahm man dem Onkel einen Teil des Geldes einfach ab? Mu�te er seine geheimen Quellen offenlegen � oder sogar seine noch geheimeren Pl�ne? Aus Evas Moratorium wurde ein Grabgeheimnis. Onkels Sonderschatz wurde aber � nehme ich an � aus �berhaupt nicht geheimen Quellen gespeist, er wurde eventuell nur kontinuierlich und konsequent gef�ttert. Garantiert wurde er aber � denke ich heute � von einem streng gesch�tzten Privatteil seiner Bewu�theit verwaltet, in dem er eine Art phantasierter Freiheit genie�en konnte. Irgendwo schwebte ihm vielleicht doch ein anderes Leben vor, eine M�glichkeit, sich W�rde zu organisieren und notfalls eben zu kaufen. Das w�re nur zu verst�ndlich gewesen. Das lange erwartete Auto stand tats�chlich irgendwann vor unserem Haus � es war der rundliche Zweitakter� Wartburg �aus der Deutschen Demokratischen Republik.</p><p>��Das beste Zweitakterauto der Welt, meinte Onkel ONKEL.</p><p>Im Zusammenhang mit dem Kauf gab es anfangs leise Forderungen, Onkel solle bed�rftige Familienmitglieder mit seinem Tuckermobil bei Bedarf auch transportieren � von irgendwo abholen oder irgendwohin bringen. Mein Onkel war aber ein Weigerungsprofi, und alle kannten bald seinenhammerstarken Trick: Immer wenn die Gefahr drohte, er k�nnte als Fahrer gebraucht werden, gab er vor, er h�tte� leider soeben �ein Schn�pschen getrunken.</p><p>��Schade! Tut mir leid. Hab gerade etwas�</p><p>In der Regel stimmte das, zum Beweis hauchte er den Fragenden auch gleich an. Und in der Tschechoslowakei galt damals, genauso wie heute in Tschechien, aus gutem Grund die strenge Null-Promille-Grenze. Kurze Zeit nach der Anschaffung des Autos kauften er und Eva ein Bauernhaus, an dem� sehr viel zu tun war�. An den Wochenenden konnten die zur�ckgelassenen Wohnungsbewohner also aufatmen. Im Umgehungsgang der Onkelsburg wurde laut gerufen, getrampelt, hin und her geschlurft, bei besonders ausgelassener Stimmung sogar gesungen, get�nzelt, bei Bedarf auch gegen die Schr�nke geboxt. Alles unter dem Motto: DER HAUSTYRANN IST BESIEGT UND VERTRIEBEN. Mit der Ausgelassenheit durfte man es aber nicht �bertreiben. Die hinter den Vorh�ngen hochkant lauernden Teppiche intensivierten gern ihr Eigenleben und kippten manchmal nach au�en, �berraschten einen wie schlechtversteckte Leichen.</p><p>Onkel ONKEL plante unterdessen noch eine ganz andere, hochgradig brisante Investition � und in diese wollte er offenbar nicht nur viel von seinem angesparten Geld stecken, in dieses Projekt sollten au�erdem seine ganze Ehre und die letzten Reste seiner Glaubw�rdigkeit investiert werden. Uns sollte es allerdings viel mehr Leid bescheren als alles, was dieser Mann bislang verbrochen hatte. Mein Onkel ONKEL � der einzige vollj�hrige Mann unserer Behausung � versprach uns den Bau einer ultramodernen Wasserumlaufheizung, die die ganze Etage mit W�rme versorgen und uns endlich die Sorgen mit unseren kohlenmonoxidal schwelenden Dauerbrand�fen und explosionsfreudigen Gasheizungen nehmen sollte. Bei seinen wiederholten Ank�ndigungen war Onkel voller Optimismus und wirkte �berhaupt nichtso, als ob man ihm dieses Projekt als eine Art Bu�e abgepre�t h�tte. Es war auf keinen Fall eine Strafaufgabe, es war sein ureigenes Prestigeunternehmen.</p><p>Aufgrund der Exklusivit�t seines handwerklichen K�nnens und aufgrund seines Wissensvorsprungs wollte man ihn beinah umgehend frei walten und schalten lassen, er selbst hatte aber um eine allgemeine Aussprache, also um die Einberufung einer Informationsrunde gebeten. Er wollte aus gutem Grund einen Konsens erreichen � wu�te offenbar nur zu gut, da� er grenzenlose Baufreiheit und gr�nes Licht ohne irgendwelche Rotphasen brauchen w�rde. In den hei�en Arbeitsphasen � und darauf wollte er uns vorbereiten � w�rde von den� Ma�nahmen �jedes Familienmitglied mehr oder weniger stark betroffen sein, jeder Raum mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen werden. Zum Gl�ck hatte Onkel ONKEL das Wort� Mitleidenschaft �in den Mund genommen � und einem (unserem!) Teil der Wohnung brachte dies tats�chlich die Rettung. Meine Mutter, die nicht gerne litt, wurde mi�trauisch und fragte, was sie sich darunter konkret vorzustellen h�tte. Die technische Seite der Sache, die sie daraufhin erl�utert bekam, verstand sie zwar nicht ganz, sie lie� sich aber nicht verwirren und blieb erstaunlich hellsichtig. �hnlich wie der einfache Bauer, der in einer Erz�hlung von Egon Erwin Kisch mi�trauisch wird, als ihm in dem von einem Bodenspekulanten diktierten Kaufvertrag pl�tzlich das Hilfsverb� WURDE �negativ auff�llt.�Was f�r ein WURDE?� Sie haben mir ein &gt;wurde&lt; einreden wollen! Von &gt;wurde&lt; haben wir aber nichts ausgemacht.�</p><p>��Bei uns nicht, auf keinen Fall! meinte meine Mutter. Ich will keine �berlaufbeh�lter oder Entl�ftungsventile sehen, ich will kein Gluckern h�ren, das in meinem Zimmer herumwandert. UMLAUF! Wenn ich das schon h�re. Kein Umlauf bei mir! Ich brauche meine Autonomie.</p><p>��Es wird nicht gluckern!�� Wozu dann die Entl�ftungsventile?</p><p>��Aber nein! Die sind nur in der Phase der Auff�llung des Systems von Bedeutung.</p><p>Mein Onkel verstand es geschickt, die technisch ahnungslosen Frauenhirne durch weitere, spitzentechnologisch demagogische �berzeugungsarbeit zu manipulieren. Nur meine Mutter zeigte sich von ihrer harten Seite, und bei ihrem NEIN blieb es auch.</p><p>Die ultimative Schlacht um die Etagenheizung sollte praktisch Onkels letzte ernstzunehmende sein. Ein Triumph w�re ihm und uns allen aus mehreren Gr�nden zu w�nschen gewesen, auch wenn die Gefahr bestanden h�tte, da� er seine abgesteckten Befugnisse mi�braucht und seine erstarkte Definitionskompetenz auf andere Gebiete umgelegt h�tte. Es kam aber, wie es kam, unsere Wohnung sollte nie wieder das werden, was sie einmal gewesen war. Und weil die mit diesem Vorhaben verbundenen Eingriffe in ihrer Mehrzahl irreversibel waren, konnten uns leider keine Sch�nheitsreparaturen oder reuigen Wiederherstellungsma�nahmen mehr retten. Wir mu�ten unsere Vergangenheit vergessen und uns � wie die allein gebliebenen Frauen nach dem Krieg � neu sammeln und orientieren. Onkels revolution�re Strafaktion bedeutete einfach das Ende unserer egal wie unsch�nen, trotzdem funktionierenden Idylle. W�hrend der Bauzeit sollten wir eine ganze Weile auf einer Schutthalde leben und auf dieser auch Knochensplitter und Knochenstaub, Muskelfasern und Sehnenschnipsel, Nervenzellen und Synapsen zur�cklassen. Seitdem hasse ich jegliche Baut�tigkeit in Objekten, in denen ich gleichzeitig wohnen mu�. Nebenbei l�utete mein Onkel � symbolisch auf jeden Fall � das endg�ltige Ende meiner Kindheit ein. Gerechtigkeitshalber wurde der Schreckensherrscher nach dieser Aktion gezwungen, sein manuell aktives Leben auf unserer Etage einzustellen. Aber der Reihe nach. Onkel ONKEL wurde wegen einiger kleiner, ihm schon anfangs unterlaufener Mi�geschicke gereizt und war sicher auch wegen des REIN THEORETISCH m�glichen Mi�erfolgs so verbissen, so erf�llt von Rachelust gegen bestimmte widerspenstige Materialien, da� in seinem m�chtigen K�rper punktuell zu viel an roher Kraft frei wurde. In ihm tickten etliche TNT-Megakilos einer falsch berechneten Sprengladung. Und er scho� tats�chlich einfach schon im Vorfeld mehrmals �ber das Ziel hinaus. Zweimal h�mmerte er sich � sauber arbeitende Kernbohrer oder Steinfr�sen gab es damals noch nicht � in ein anderes Zimmer durch. Beim ersten Vorfall geh�rte dieses Zimmer zu unserer Wohnung, im anderen Fall lag der Raum dummerweise im Nebenhaus. Zwischen unserem und dem in der gleichen Zeit gebauten Geb�ude nebenan gab es nur eine relativ d�nne Wand.</p><p>Bei dem gutgemeinten Aufkl�rungsgespr�ch hatte sich alles relativ problemlos, vor allem wirklich machbar angeh�rt, logisch und fortschrittlich sowieso. An dem Projekt konnte � das war auch mein Eindruck � nur eine irrational veranlagte Frau wie meine Mutter etwas auszusetzen haben. An sich w�rde diese w�rmespendende Einrichtung so ideal sein und so genial funktionieren m�ssen, wie eine neu errichtete Gesellschaftsform funktioniert h�tte, wenn in sie nur das Beste, was die Menschheit zu bieten hat, hineingerettet worden w�re. Ein alter gro�er Metallofen � beheizbar allerdings m�glichst nur mit gutem Koks � stand schon irgendwo bereit und wartete auf seinen neuzeitlichen Einsatz; in den Ofen sollte nach seiner Aufstellung ein ma�gerecht vom Fachmann zusammengeschwei�ter Kessel versenkt werden � mit vertikal verlaufenden �ffnungen f�r die lodernden Flammen und zugstarken Str�me von Rauch und Hei�luft. Das kalte Wasser w�rde hinein-, das warme aus dem Kessel hinausflie�en. Eine kleine Pumpe w�rde dieses� Zirkulat�- mit speziellen Zus�tzen angereichert � in Bewegung halten. Noch Fragen?</p><p>��Wie gro� ist die Pumpe?�� Nicht gro�.</p><p>��Ist sie aber vielleicht laut?</p><p>��Ist nicht sehr laut. Nat�rliche Zirkulation durch Schwerkraft ist in der waagerecht verlaufenden Rohrleitung nicht m�glich.</p><p>��Aha???!</p><p>Ein kleines Risiko bestand nat�rlich darin, da� es mit kleinen Etagenheizungen f�r Einzelhaushalte damals kaum Erfahrungen gab. Niemand im weiten Umkreis besa� etwas Vergleichbares, keine einheimische Firma produzierte solche Anlagen. Der Kapitalist hatte zwar angeblich schon vor dem Krieg welche gebaut und eingesetzt, die Ger�chte dar�ber �hnelten leider informationsarmen Legenden aus pr�historischer Zeit. Vielleicht wollte mein Onkel nebenbei in die Geschichte der sozialistischen Volkswirtschaft eingehen. Er w�re sicher einer der energiepolitischen Pioniere der Neuzeit gewesen, die ein solches H�llensystem eigenh�ndig gebaut und in Betrieb genommen h�tten. Und noch eine gro�e Unbekannte gab es, von der niemand von uns etwas ahnen konnte: Diese Heizung verf�gte selbstverst�ndlich �ber keinerlei Elektronik � aber auch �ber keinerlei andere einfachere Regulierungs- und Steuerungselemente. Au�erdem war sie nicht in der Lage, sich in kritischen Situationen eigenst�ndig abzuw�rgen. Alles hing vom Geschick des Heizers ab � aber auch von der Disziplin der Flammen, des Wassers und der Qualit�t der beim Bau des SYSTEMS eingesetzten Materialien.</p><p>Einiges wurde uns sicher bewu�t verschwiegen, manches an H�rden und Schwierigkeiten ahnte garantiert aber auch der arme Onkel nicht. Sein Enthusiasmus ri� einige mit, mich pers�nlich sogar mit einer ungeheuren Kraft, obwohl ich von der Neuerung dank meiner Mutter ausgeschlossen bleiben sollte. Seit Gagarins mutiger Erdumrundung war ich f�r technische Wunder leicht zu begeistern, meinen Freund und technikkundigen Vork�mpfer Skopka hatte ichals leuchtendes Beispiel immer vor Augen. Ich sah eine gl�nzende moderne Heizapparatur vor mir, sah unsere zufriedene Familie, die voller Bewunderung meinen Onkel beim Nachlegen von jederzeit bestellbarem Koks zusah. Ich witterte regelrecht schon die W�rme, wie sie sich durch die �berall in der Wohnung sich windenden Rohre bewegen und die aufnahmebereiten Heizk�rper f�llen w�rde. Die in der Luft wirbelnde Asche, der �tzende Rauch oder zischende Wasserdampf kamen in meinen Visionen nicht vor. Bei der Familie Skopka wurde selbstverst�ndlich noch mit �fen geheizt.</p><p>Als der BODY � ein riesiger eckiger Eisenofen � angeliefert wurde, war ich leicht entsetzt. Er sah ausgesprochen vorsintflutlich aus. War aber wirklich imposant � so einen Kolo�, der fr�her sicher eine ganze Werkhalle mit Kohlen beheizen konnte, hatte ich noch nie gesehen. Und ich wu�te sowieso, da� dies nur die �u�ere H�lle war, da� das eigentliche Herz der Anlage erst noch hinzukommen w�rde, um passend im Bauch des Monstrums versenkt zu werden. Der Heizvorgang an sich w�rde dann � unabh�ngig von �sthetischen �u�erlichkeiten � sowieso durch die Bewegung des Wassers geschehen: unsichtbar, dynamisch, eben dank W�rmeleitf�higkeit des Wassers, dank W�rmetauschvorg�ngen in den Heizk�rpern und dank anschlie�ender Luftzirkulation.</p><p>Onkels Haus auf dem Lande wurde f�r die n�chsten Monate den Winden, dem Regen, wilden Tieren und tobenden Jugendlichen aus dem Dorf �berlassen. Mein Onkel r�ckte unterdessen mit einem Helfer an � einem schon rein �u�erlich gewaltt�tig wirkenden Spezialisten. Die beiden M�nner wuchteten einige beeindruckend aussehende Ger�te die Treppe hoch und legten an den Wochenenden regelm��ig los. Da� wir alle uns vor dem Onkel aus gutem Grund zu f�rchten hatten, wurde jetzt offensichtlich. So gro�e Stemmeisen, Vorschlagh�mmer, Bohr- und S�ge-Ger�tschaften hatten wir noch nie gesehen. So gewaltige Schl�ge und Hiebe waren in unserer Gegenwart noch nie ausgef�hrt worden, so brutale Kraftakte und Materialabsonderungen f�r unser Gl�ck noch nie n�tig gewesen. Onkel und sein Kumpel hatten dabei vorerst blendende Laune und strahlten unersch�pfliche Zuversicht aus � mit oder ohne einer Bierflasche in der Hand. Die prim�re Zerst�rungsarbeit machte ihnen einfach riesigen Spa�. Alle Wohnungsbewohnerinnen zitterten w�hrend der akutesten Arbeitssch�be und fl�chteten nach M�glichkeit. Dadurch erhielten die beiden M�nner genau das, was sie wollten � die vollst�ndige BAUFREIHEIT. Manche der Arbeitsger�usche waren beeindruckend und unverge�lich, man h�rte die Flei�arbeit der beiden auch auf der Stra�e und im Hof.</p><p>��Nein! kreischte Erna, ich bekomme schon das gro�e Bibbern, wenn sich neben mir einer die Fingern�gel feilt!</p><p>Au�erdem roch man dauernd einiges, und man konnte das Fortschreiten der Arbeiten in der Regel auch unter den T�ren hervorkriechen sehen. �berall verbreitete sich feinster M�rtelstaub, er krabbelte durch alle Ritzen, blieb �berall liegen, beschichtete auch die glattesten Oberfl�chen. Alle Damen empfanden diese wei�e Pest schon als eine ausreichende Bedrohung, hatten aber absolut keine Ahnung, da� auf sie noch viel mehr zukommen sollte.</p><p>��Schlimmer als der Hunger und die Wanzen in Auschwitz wird es jetzt nicht sein, meinte meine optimistische Gro�mutter Lizzy.</p><p>Die Tr�ume vom modernen Heizungssystem wurden nach und nach konkret umgesetzt, die entsprechenden Voraussetzungen und Tatsachen geschaffen. F�r die vom Onkel ausf�hrlich beschriebenen Umlaufkreise, die auf manchen Strecken parallel verlaufen mu�ten, wurden breite und tiefe Schneisen in die W�nde geschlagen. Wo eine Holzt�felung vorhanden war, wurde sie mit einer unf�rmigen, zur Kreiss�ge umgebastelten Bohrmaschine demoliert, mehrere T�rfutter wurden oberhalb des Fu�bodens waagerecht oder schr�g aufgeschlitzt und wundersch�n abgetretene alte Hartholzschwellen mannhaft hochgezerrt. Das alles war aber absolut n�tig � die Warm- und Kaltwasserwege mu�ten auch den letzten Winkel der Wohnung erreichen. Bei dem Kampf mit den hartn�ckigen Schwellen quietschten einige rostige N�gel so, da� manche Tanten weinen mu�ten. Urtante Bombe bekam einen Sch�ttelfrostanfall. Bei diesen Arbeiten sackten oder verzogen sich viele T�rrahmen so drastisch, da� die entsprechenden T�ren eine Zeitlang nicht geschlossen, manche sogar �berhaupt nicht bewegt werden konnten. Die M�nner machten auch keinen Halt vor Parkettb�den, rissen zackige Schneisen hinein und f�llten die entstandenen Gr�ben mit h��lichen Brettern aus. Bei diesen wippenden und knarrenden Provisorien blieb es dann auch. Herrlich gefr�ste Fu�bodenleisten wurden meterweise herausgerissen und zerbrochen. Museumsreife Gasheizungen, die nicht nur explosionsw�tig waren, sondern auch regelwidrig an unzul�ssige Schornsteinz�ge angeschlossen worden waren, wurden entsorgt. Daran, da� f�r sie eventuell auch ein Ersatz h�tte angeschafft werden k�nnen, dachte dabei niemand. Gerechtigkeitshalber mu� ich allerdings eins anf�hren: Onkel ONKEL lie� seinen eigenen Lebensbereich genauso bluten wie die Lebensr�ume aller anderen Betroffenen. Wegen der zentralen Lage seines Zimmers teilweise sogar noch b�ser.</p><p>Der allgemeine Kahlschlag traf auch die Prachtst�cke der Wohnung � die verzierten hohen Kachel�fen, die der Wohnung bis zuletzt etwas Schlo�artiges verliehen hatten. Diese mu�ten der Moderne weichen, sie sollten sowieso niemals mehr zu etwas n�tzlich sein. Nichts, was dem Onkel und seinem Helfershelfer in den Weg kam, wurde verschont. Man mu�te den beiden inzwischen alles genehmigen und glauben � es gab sowieso kein Zur�ck. So hochgradig adrenalisierten Menschen, die sich zu derart mitleidslosen Attacken auf alle egal wie wertvollen Hindernisse berechtigt f�hlten, hatte man sich einfach zu beugen. Onkel ONKEL als der Gespannf�hrer war unaufhaltsam wie ein soldatischer Bulldozerfahrer, der von einem kurzzeitig siegesberauschten Generalstab vorgeschickt wurde � und der ohne die M�glichkeit, �ber das eventuell fragw�rdig gewordene Zerst�rungswerk R�cksprache zu halten, weiterk�mpfte.</p><p>��Bourgeoiser Schrott, lachte der Onkel, als er mit seinem Kompagnon die kaputten gr�nen Kacheln und hellen Schamottesteine dieser Kachel�fen herausschleppte und auf einen Haufen neben die M�lltonnen warf.</p><p>Es waren die letzten Akte dieser gro�en industriellen Rebellion, das letzte freudige Aufb�umen bei diesem mit der traurigen Person meines Onkels verbundenen Geschichtssprung. Fast die gesamte Wohnung war anschlie�end ohne jegliche Heizungsm�glichkeit, ein Testbetrieb eines kleinen Heizkreises � zur Probe � war nicht vorgesehen. Die ganze Bauerei war zeitlich sowieso l�ngst im Verzug. Thermodynamisch gesehen konnte jetzt aber �berhaupt nichts mehr schiefgehen. In den vielen Kan�len, breiten Schlitzen, Einschnitten und Mauer-Durchbr�chen lagen schon l�ngst � wie vorgesehen � die hochgelobten flexiblen Schl�uche. An sich war diese Installationsvariante � statt traditioneller Stahlrohre Plastikschl�uche zu verlegen � damals eine absolute Neuheit. Diese fortschrittlichen Schl�uche, die erstaunlicherweise mit simplen Schlauchschellen angeschlossen und miteinander verbunden wurden, sollten genausogut hei�es Wasser ertragen, das hei�t dicht bleiben und nicht platzen. Und man kam beim Verlegen ohne die �blichen und aufwendigen Schwei�arbeiten aus.</p><p>Endlich kam es dann zu der letzten Phase des Aufbaus: In den Bauch des Ofens wurde das Herz der Anlage versenkt � der lange erwartete wasserdichte Kessel voller Str�mungsl�cher. Der Sp�therbst und das unvermeidliche Desasterkonnten kommen. Diejenigen, die sich hatten anschlie�en lassen und sich von einem Teil ihrer M�bel hatten verabschieden m�ssen � an ihrer Stelle standen nun mal die furchtbar unf�rmigen Heizk�rper � , warteten ungeduldig auf den Startschu� und auf die W�rme.</p><p>Die stark w�rmes�chtige Tante Gy�rgyi starb beinah in dieser Zeit. Der Herbst hatte schon zeitig mit einer K�ltewelle begonnen. W�hrend dieser befand sich der zu versenkende Kessel noch in der Schwei�erwerkstatt. Nachdem dieses Prachtst�ck endg�ltig angeschlossen, die Anlage mit Wasser gef�llt und von den meisten Luftblasen befreit worden war, k�ndigte Onkel ONKEL endlich eine kurze Laufphase an. Alle verkrochen sich in ihren Zimmern, warteten gespannt und zitterten � jetzt eher vor Aufregung. Man h�rte lange Zeit aufmerksam zu � und man konnte einiges tats�chlich sehr gut h�ren oder als Ersch�tterung sp�ren. Man traute sich allerdings nicht in den Flur. Niemand hatte Lust, sich mit einer Kohlenschippe erschlagen zu lassen. Da� die Umlaufpumpe bereits lief, wu�te man schon � man sp�rte ihre M�hen mehr als deutlich. Die W�nde vibrierten regelrecht, in manchen Schr�nken klirrte das Geschirr. Die grobe Pumpe stand leider nicht auf einer Schaumstoff- oder gummiartigen Unterlage, so etwas wie federnde Schwingungsd�mpfer waren f�r die Montage wahrscheinlich sowieso nie vorgesehen gewesen. Schon in der kurzen Probephase bekam man das dumme Gef�hl, in dem elektrischen Pumpget�m w�rde etwas zermalmt � nebenbei auch ein Teil von einem selbst. Die geballte Gedankenenergie vieler Tantenhirne konnte dieser Wasserm�hle, die ihnen den Schlaf zu rauben drohte, bald nur einen schnellen Kollaps w�nschen.</p><p>Die Wohnung blieb trotz des aus dem Flur kommenden Krachs weiterhin kalt. Der Onkel schaufelte, knallte mit den gu�eisernen T�ren des Ofenbodys, wackelte an den irgendwann provisorisch angebrachten Thermometern.bewegte alle m�glichen Klappen und Sch�be � heizte eben. Im Flur war es hei� wie in der H�lle. Und der Onkel schwieg, schwitzte stark und murmelte vor sich hin. Daher erfuhren wir niemals, warum sein System, dieses beeindruckende und an sich ausreichend hei�e Monstrum, keine W�rme abgeben wollte. Keine W�rme, immer nur Wasser � kaltes Wasser, manchmal auch lauwarmes. Wir und die Nachbarn unter uns wurden mehrmals von mehreren kleinen oder gr��eren Wassereruptionen heimgesucht. Da sich der Onkel auch sp�ter grunds�tzlich weigerte, uns das Versagen seiner Befeuerungs- und Zirkulationsanlage zu erl�utern, verdammte er sich selbst zu seiner schon angek�ndigten und wirklich eisern-finalen Stille.</p><p>Onkel ONKEL blieb trotz allem ein Mann der Tat und r�ckte schon am n�chsten Tag nach dem Desaster mit gro�en Rollen elektrischer Kabel an. Er beschenkte au�erdem alle Betroffenen mit Radiatoren, organisierte den f�r die Normalverbraucher damals nicht genehmigungsf�higen, weil billigen Nachtstrom � und zwar unbegrenzt f�r den ganzen Tag � , und in den ihm ausgelieferten Wohnungsbereichen begann man praktisch �ber Nacht elektrisch zu heizen. Und eins mu�te man meinem Onkel lassen: Diese Variante der W�rmeerzeugung war ebenfalls MODERN und au�erdem hundertprozentig sauber � sogar unvergleichlich sauberer als die aufgegebene. In der �bergangszeit lagen �berall noch etliche provisorische und besonders dicke Verl�ngerungskabel herum, diese verschwanden aber nach und nach. Als ein geschickter Bastler und Elektriker versenkte Onkel ONKEL alle h��lichen Zuleitungen in den vielen, gro�z�gig bemessenen Schlauchkan�len. Trotzdem verlor die Wohnung seit dieser Zeit nie wieder den Charme einer Baustelle � dazu waren die Bausubstanzwunden zu gravierend. Und obwohl die Wohnung schon immer ein zernarbtes Provisorium gewesen war, gelang einem wie mir nie wieder, die kaputten Schwellen, die Negativspuren derherausgerissenen Kachel�fen oder die abgesackte Holzt�felung ganz zu ignorieren. Ich sah noch nach Jahren immer automatisch hin und litt. Dank ihres grenzenlosen Optimismus konnte dieser Katastrophe wieder nur meine Hauptgro�mutter Lizzy etwas abgewinnen: � Wenn diesem Mann etwas gelingt, kann man sich dar�ber oft auch nicht freuen. Es ist steril und ohne Seele.</p><empty-line/><p>entspannt schnippelten sie in meinem beisein an ihren schamhaaren herum</p><p>In meinem Leben gab es immer wieder Momente, in denen ich Lust hatte, irgendwelche Idioten abzuschie�en. Ich besa� sogar eine echte Pistole � ein schweres schmiedeeisernes Perkussionsger�t mit einem m�chtigen Lauf, Kaliber etwa 20 mm. Es war leider nur ein lahmer Vorderlader aus dem neunzehnten Jahrhundert. Einen Vorrat an Schie�pulver hatte ich schon, den popelte ich mir nach und nach aus den in Vaters Schubf�chern verstreuten Patronen zusammen. �ber deren Verbrauch und Verbleib wurde in seinem Ministerium offenbar nicht streng gewacht. Irgendwann war ich de facto schie�bereit, da in den Lauf meiner Pistole gew�hnliche Stahlkugeln aus Kugellagern pa�ten. In einem der von uns frequentierten Innenh�fe befand sich eine Reparaturwerkstatt f�r m�chtige Elektromotoren, so da� ich immer gen�gend Kabel, Klemmleisten, Stahlringe � und eben auch Kugeln aus Kugellagern � vorr�tig hatte. Wirklich geschossen habe ich mit meiner leicht rissigen Antiquit�t zum Gl�ck kein einziges Mal.</p><p>Richtige Waffen wurden in Prag nat�rlich frei verkauft � allerdings nur an Individuen mit den passenden P�ssen. Einmal fiel meiner Mutter eine Gruppe arabisch aussehender M�nner auf. Sie marschierten die Nationalstra�e lang, sahen nicht nach links oder rechts und wirkten f�r Touristen ungew�hnlich zielstrebig. Meine Mutter �berkam das Gef�hl, diese M�nner h�tten ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen � das stadtbekannte, kurz vor dem Jungmann-Platz liegende Waffengesch�ft. Sie betrat das Gesch�ft kurz nach dem F�nferkommando.-We would like to buy some pistols. The 75's are the best, with a 15 shot magazine.</p><p>��Nine millimeter � Luger. No problem.</p><p>��But not those heavy Makarows!</p><p>��We don't sell Russian Makarows.</p><p>��How many, how many can you give us?</p><p>��Five.</p><p>��Five for each of us?!</p><p>��Yes, sure. We have enough in stock.</p><p>��Twenty five 75's, please, sagte der Anf�hrer.</p><p>Die M�nner legten ihre P�sse hin, bekamen f�nfundzwanzig Pistolen, bezahlten bar und gingen. Ihr Kampf mu�te nach dem Sechs-Tage-Krieg weitergehen. Bei uns begann gerade der politische Vorfr�hling, und weil die staatliche Zensurbeh�rde immer zahnloser wurde, konnte meine Mutter ihren Artikel �ber den legal-lockeren Waffenhandel an der Theke auch ver�ffentlichen. Der kurze Text hie߻5 x 5 Geschenke f�r Nahost�. Irgendwann kam der Fr�hling richtig in Gang, die Zensurbeh�rde l�ste sich � noch vor der offiziellen Abschaffung der Zensur � auf eigenen Wunsch auf, und die Dinge bewegten sich auf den damals noch absolut unvorstellbaren Einmarsch zu.</p><p>Meine Mutter war in der Auslandsabteilung ihrer Zeitschrift eher f�r k�rzere Artikel zust�ndig, schrieb in den sechziger Jahren aber immer wieder auch ausf�hrliche, gr�ndlich recherchierte Reportagen � auch aus dem kapitalistischen Ausland. Selbstverst�ndlich mu�ten diese Reportagen etwas Fortschrittliches oder Fortschrittkonformes zum Thema haben. So berichtete meine Mutter �ber junge Kommunisten in England und ihren leicht schw�chelnden Stern (�Morning Star�), schrieb �ber die israelischen Kibbuzim, �ber die Berliner Mauer und �hnliches. Sie besch�ftigte sich aber auch mit der Problematik der Todesstrafe, mit der Suche nach der Identit�t von Traven oder dem letzten Stand der Shakespeare-Forschung. Beim Schreiben derArtikel � ihre Angst vor dem Urteil ihrer Kollegen war riesig � qu�lte sie sich dann manchmal wochenlang.</p><p>Mein Vater schrieb nicht, er versuchte mir anders zu imponieren. Und weil ihn in der Welt eher grob-m�nnliche Angelegenheiten interessierten, konnte er gelegentlich sogar auf realistische Schilderungen von Grausamkeiten zur�ckgreifen. Er schilderte mir mit Vergn�gen, wie die chinesischen Frontk�mpfer beim Kampf um Korea in solchen Massen starben, da� die nachr�ckenden Soldaten regelrecht �ber Leichenberge ihrer Kameraden, also die vor ihnen dezimierten Angriffswellen steigen mu�ten. Oder er spielte mir vor, wie sich die Vietnamesen in ihren unterirdischen Labyrinthen aufgeopfert hatten. Als die Franzosen mit langen spitzen Stahlruten nach den geheimen G�ngen suchten, hielten die Vietnamesen ihre R�cken bereit, boten also ihre Oberk�rper den stechenden Soldaten gezielt an und ersetzten so die fehlende Erdmasse. Sie lie�en sich unter Umst�nden t�ten, nur um den in Reihen systematisch vorgehenden Franzosen die Lage ihrer Hohlr�ume nicht preiszugeben. Mein Vater h�tte mich sicher gern zu einem � den Vietnamesen ebenb�rtigen � K�mpfer und Helden erzogen.</p><p>Ich lie� meinen Vater seine Geschichten absondern, nickte brav, und wenn das Mittagessen nahte, ging ich mit einer beigefarbenen Plastikkanne in die n�chste Kneipe frischgezapftes Bier holen. Drau�en verbrachte ich dann soviel Zeit wie nur m�glich, zur�ck ging ich etwas schneller. Ob mein Vater pers�nlich gegen die franz�sische Kolonialmacht unter dem weichen tropischen Boden mitgek�mpft hatte, blieb zum Gl�ck f�r immer sein Geheimnis. Wenn ich mich in seinem Beisein manchmal etwas freier gef�hlt und meine Vorsicht vergessen hatte, beging ich regelm��ig dumme Fehler. Am gef�hrlichsten wurde es f�r mich, wenn ich beim Erz�hlen versuchte zu scherzen.</p><p>Prompt konterte mein Vater mit einem frischen Prachtscherz, der gezielt meinen eigenen ironisch aufgriff und gnadenlos herabsetzte. Niemand beherrschte solche Man�ver besser als er � jedenfalls niemand aus meiner Umgebung. Mein Vater f�hrte mir in solchen Momenten vor, wie naiv und eingeschr�nkt ich war � und geno� triumphierend meine Gesichtsr�tung. Und weil er mich dabei ausdauernd anglotzte, gl�hte ich eine ganze Weile nach. Die Verwirrungen, in die mich mein Vater � subtil oder weniger subtil � dauernd hineintrieb oder hineinlaufen lie�, waren ganz anderer Natur als die offenen Kr�nkungen, die mir meine Mutter ab und an zuf�gen mu�te.</p><p>Das schmale Schlafsofa im Zimmer meiner Mutter stammte ausnahmsweise nicht von den geflohenen Deutschen. Es war ein modernes, trotzdem erstaunlich robustes M�belst�ck. Es hatte vier d�nne, sich nach unten verj�ngende Beine und wurde in den sechziger Jahren angeschafft. Im Stil war es trotzdem ein Kind der �sthetisch grausamen F�nfziger. Trotz seiner D�nnbeinigkeit hielt dieses Sofa zum Gl�ck einiges aus � wie schon kurz berichtet auch ausgedehnte Paar�bungen von Erwachsenen. Dieses M�belst�ck wurde unter anderem auch Zeuge einer Art Zusatztraumatisierung der Zweiten Generation � jedenfalls einer gro�en Kr�nkung meiner Person. Meine Mutter meinte eines Tages, ich d�rfe nach dem Aufstehen nicht mehr unter ihre Decke kriechen. Ich verstand sie im ersten Moment nicht richtig. So hatte unser Tag sonst immer begonnen, und so sollte es in meinem Leben auch weitergehen. Ein Leben ohne Mutters morgendliche W�rme, ohne das Verschwinden in ihrem Haardschungel und ohne ihren Duft w�re doch sinnlos. Unser Aufbruch in den Tag war sowieso voller Rituale. Unsere Kochnische war so winzig, da� wir beim gemeinsamen Fr�hst�ck radial (aber auch tangential) nur sehr eingeschr�nkt agieren konnten. Wir sa�en mit unseren halben Hintern auf einem gemeinsamen Hocker � und zwar im Neunzig-Grad-Winkel zueinander. Mutters Tisch wardabei die einzige vorhandene, in der eigentlichen Nische untergebrachte Arbeitsfl�che, mein Tisch war eine etwas zu tief liegende Holzplatte, die auf der Badewanne lag � weiter hinten stand dort noch eine verzinkte Sch�ssel f�r den Abwasch. Mei�ner Porzellan und einige Restexemplare unseres Silberbestecks werteten diese unrunde, nach au�en ge�ffnete Tafelrunde ein bi�chen auf. Wir konnten uns beim Essen nicht in die Augen sehen. Unsere winzige K�che befand sich � das werde ich nach dieser Schilderung nicht mehr bestreiten k�nnen � in unserem Badezimmer.</p><p>Da� ich nicht mehr unter Mutters Federbett kriechen durfte, war sicher richtig. Ich war dreizehn oder vierzehn und mu�te langsam zu einer angemessenen Selbst�ndigkeit gef�hrt werden � wenn n�tig auch unter Schmerzen und extremen H�rtebedingungen. Bestimmte Grenzen �berschritt meine Mutter im Umgang mit mir selbstverst�ndlich nie. Deswegen wurde auch meine Eichel unter meiner damals noch nicht abgetrennten Vorhaut nie gewaschen und begann mir irgendwann Probleme zu bereiten. Meine Mutter traute sich ebensowenig meine Geh�rg�nge zu reinigen, obwohl sie eigentlich f�r die Sauberkeit meines gesamten K�rpers alleinverantwortlich war. Bei einer schulischen Hygienekontrolle fiel mein �berquellendes Ohrenschmalz eines Tages nat�rlich auf.</p><p>Wenn ich manche meiner fr�hen Sorgeneinbr�che im Sinne der Qualit�tskontrolle heute pr�fe, f�llt mir auf, da� ich als Kind bestimmte Kategorien der Alltagssorgen mochte � jedenfalls mochte ich offenbar die Atmosph�re, die diese Sorgen mit sich brachten. Es waren nat�rlich solche, die nicht von mir, sondern eben von den Erwachsenen gel�st werden mu�ten. Wenn es Probleme gab � egal, welche � , wurden umgehend mehrere beschnittene Spezialisten alarmiert, herbeigerufen und einem famili�ren Kreuzverh�r unterzogen. Bei diesen Runden herrschte eine freudig erregte Atmosph�re voller Interesse und F�rsorglichkeit. Am sch�nsten war es, wenn die anwesenden weisen M�nner alle auf einmal bei uns eintrafen, ihren Tee aus unseren deutschen, teilweise zwiebelgemusterten Tassen tranken und gem�tlich �ber den besten Weg aus der Krise nachdachten. Im Fall meiner Vorhaut ging alles sehr schnell. Als einer dieser Medizinm�nner mein harmloses Sekret zu Gesicht bekam, das sich im Laufe der Zeit zu einer trockenquark-�hnlichen Kruste verdichtet hatte, sagte er resolut:</p><p>��Beschneiden! F�r seine Zuk�nftige oder vielmehr seine Zuk�nftigEN wird es sowieso besser sein. Du wirst dich dort aber trotzdem auch waschen m�ssen.</p><p>Bald wurde ich in ein herrliches, in SEIN Krankenhaus eingewiesen. Professor G. war dort der gro�e Chef, und als ich in Begleitung meiner Mutter ankam, wurden wir von ihm pers�nlich begr��t. Konsequenterweise wurde ich anschlie�end wie ein Privatpatient betreut, obwohl es so eine Patientenkategorie im Sozialismus �berhaupt nicht gab. Ich lag in einem Zweibettzimmer und nicht in einem gro�en mit f�nf anderen kaputten, schwerkranken oder sterbenden M�nnern. Die Schwestern waren mutterzuckerfreundlich zu mir, und bei der Operation bekam ich die s��este, weiter oben schon erw�hnte Narkose verordnet � den sch�nsten Rausch, den sich ein Mensch w�nschen kann. So gl�cklich wie nach dem anschlie�enden Erwachen war ich in meinem damaligen Leben bislang noch nie gewesen. Meine gl�ckliche Zukunft h�tte soeben begonnen, dachte ich eine ganze Weile. Da� mein ebenfalls bevorzugter Mitpatient in einer Nacht pl�tzlich starb, konnte an meiner erstarkten Zuversicht �berhaupt nichts �ndern.</p><p>Vielleicht sollte ich mich nicht �bertrieben konkret dar�ber auslassen, aber klare Anzeichen daf�r, da� so etwas wie das Weltjudentum doch existiert, gab es um mich herum damals zuhauf. In allen m�glichen L�ndern der Erde hatten wir irgendeinen mehr oder weniger n�tzlichen� Verwandten�-�unsere Leut�, dr�ckte man es in Anlehnungan das Jiddische aus. Diese Weltjuden waren bei uns durch Briefe oder materielle Zuwendungen dauerhaft pr�sent. Im Winter kam immer eine gro�e Kiste Jaffa-Orangen vom Onkel Hans aus Israel. Aus der T�rkei kamen sogar mehrmals im Jahr die besten Rosinen der Welt � die in Istanbul lebende Rosinentante Ruth war einsam, wollte uns in unserer sozialistischen Misere unter die Arme greifen, und andere rettende Ideen als Rosinenbombardements hatte sie einfach nicht. Insgesamt bekamen wir von ihr so viele Rosinen zugeschickt, da� wir sie teilweise an unsere uners�ttliche Putzfrau Frau Slajsov� verf�ttern mu�ten. Meine silbernen Tabletten gegen das Bettn�ssen schickte Onkel Otto aus New York, mit riesigen B�chsen voller unappetitlich schrumpeliger Oliven belieferte uns Rudi M�nk aus Milano. Die Schokoladen, die bei uns Kindern regelm��ig Oralorgasmen ausl�sten, kamen aus den Niederlanden. Von dort kamen au�erdem immer wieder einige Gulden, die in Tuzex-Wertbons umgetauscht werden konnten und alle m�glichen kapitalistischen Wunder ins Haus brachten.</p><p>��Der Westen hat's in sich, kommentierte man die pr�chtig funktionierenden Anschaffungen bei uns � auf Deutsch, versteht sich.</p><p>��Wartet mal ab, meinte regelm��ig Urtante Bombe; manchmal schwieg sie aber lieber.</p><p>Als ich einmal nachfragte, wer der Absender unserer sch�nen Gulden war, erfuhr ich, da� dieser Mensch wieder zu dieser typischen Sorte von Verbindungstr�gern geh�rte, die mit uns kein kleines bi�chen verwandt waren. In diesem Fall handelte es sich um den langj�hrigen Liebhaber der Frau eines Halbbruders meines Gro�vaters. Seine Geliebte, die Emrl hie�, sowie ihr betrogener Mann starben im Ghetto von Lodz. Indirekt �ber unsere Familie konnte dieser Liebende auf diese Weise die gr��tm�gliche N�he zu seiner verstorbenen Emrl herstellen. In die Tschechoslowakei � f�rihn war es schon eins der Einzugsgebiete des sowjetischen GULAG � wollte er leibhaftig auf keinen Fall einreisen. Wer die mir zuerst suspekten Pistazienn�sse schickte oder die gepre�ten Fladen aus getrockneten Aprikosen, wei� ich nicht mehr. Eine dieser Sendungen kam, glaube ich, aus Marokko. Wichtig war dabei etwas anderes: Damals, in der Tiefe der sechziger Jahre, mitten im Prag des angeschlagenen Turbofortschritts, spielten solche dinglichen Epiphanien die Rolle der �belsten Einstiegsdrogen � es handelte sich um Requisiten aus der endlos weiten Fata-Morgana-Welt hinter den engen Grenzen unseres Landes. Nebenbei demonstrierten diese Sendungen und ihre Inhalte nat�rlich auch die Durchl�ssigkeit aller m�glichen Grenzen. Die paradiesisch schmelzende Schokolade, die salzigen Pistazien, die gummiartigen Aprikosenfladen und und� bedeuteten aber nicht nur, da� es irgendwo eine ganz andere Art von Leben gab, die Aprikosenfladen brachten � ganz und gar materiell � den Geruch und die Atmosph�re eines marokkanischen Marktes zu uns, die f�r das Westgeld angeschafften Transistorradios von ungeahnter Empfangskraft belieferten uns mit unzensierten Nachrichten ohne Ende, mit den Orangen betraten einmal sogar israelische Spinnen unsere Wohnung. Ich wuchs zwar in der sch�nsten Ecke der sch�nsten Stadt auf Erden auf, trotzdem wollte ich aus dieser Stadt irgendwann auch verschwinden � und das um jeden Preis. Dieser intensive Wunsch war nie sehr konkret, mein Drang zur Flucht steckte in mir trotzdem fest. Wenn mich zwischendurch meine Unruhe packte, setzte ich mich auf mein j�disches Rennrad� Favorit�- zur�ckgelassenes Prachtst�ck eines nach Kanada emigrierten Verwandtensohnes � und fuhr kurzerhand raus aus der Stadt. Als sich eines Tages die M�glichkeit ergab, Prag tats�chlich zu verlassen, ging ich auch. Dann noch einmal und noch einmal. Nach einigen Versuchen habe ich es tats�chlich geschafft.Viele Bekannte meiner Mutter waren �rzte, aber nur einer war Gyn�kologe. Ich forschte oft in seinem Gesicht, ob sich das, was er jeden Tag vielfach zu sehen bekam, in seiner Mimik festgeschrieben h�tte. Er war ein offenherziger, gutgelaunter Mann, dessen Augen am�siert strahlten, auch wenn er gerade nicht l�chelte. Ich nahm an, den Grund f�r seine dauerhaft gute Laune zu kennen. Wie ich erst sp�ter erfuhr, war er au�erdem � und davon gab es ein ganzes Netzwerk in Prag � ein heimlich praktizierender Psychoanalytiker. Woher sich seine gute Laune haupts�chlich gespeist hatte, konnte ich abschlie�end nicht kl�ren. Wenn man mich fragte, was ich im Leben werden wollte, sagte ich meistens: Lastwagenfahrer. Die riesigen Lastautos der Marke� Tatra �entsprachen mir mit ihrem Gedr�hne, ihren riesigen R�dern und ihrem Gewaltgebaren ungemein. Ich konnte sie eine Zeitlang t�glich bewundern, als sie die Baustelle des Atombunkers belieferten und auszuh�hlen halfen. Irgendwelche alternativen Tr�ume h�tte ich gar nicht verraten k�nnen, weil ich keine hatte. Meine gl�ckliche Zukunft war im Grunde berufsneutral. Ich wu�te nur, was ich absolut NICHT wollte. Und das war das meiste, was um mich herum an gl�cklosen Existenzentw�rfen zu sehen war. Wohin ich mich auch wandte, gab es etwas Un�sthetisches, Ungesundes, Unfrohes. Egal, auf was ich mich konzentrierte, irgendwann watschelte mir ein infarktbedrohter Mann ins Bild � und so einer konnte ich einfach nicht werden wollen. Mein Vater warf sich manchmal ganze H�ufchen Nitroglyzerintabletten in den Mund. Er explodierte zwar nicht, starb aber trotzdem als erster. Als Onkel ONKEL tats�chlich einen Herzinfarkt bekommen hatte und im Krankenhaus lag, meinte seine Frau Eva trocken:</p><p>��Da mu� er durch.</p><p>In seiner Abwesenheit wurde in seiner Schrankburg ein Gef�� entdeckt, das ich und meine j�ngere Cousine komischerweise nicht zu untersuchen gewagt hatten. Darin bewahrte der Onkel irgendeine seltsame Substanz auf, die wie Schie�pulver aussah. Wie sich herausstellte, handelte es sich um die �berreste seines Bruders, der schon recht fr�h an einem Infarkt gestorben war. Dieser einge�scherte Onkelbruder sollte eigentlich in einem Urnenhain bestattet werden, aus Kostengr�nden schob es Onkel ONKEL aber immer weiter hinaus � bis alle den zwischengelagerten Aschemann verga�en.</p><p>��Diese Kulturlosigkeit! regte sich Eva auf und bedauerte wie schon oft, sich von ihrem Mann nicht l�ngst getrennt zu haben. Jetzt geht es nat�rlich nicht mehr, meinte sie.</p><p>Nachdem der Onkel aus dem Krankenhaus gekommen war, jammerte er konsequent bei jeder Gelegenheit, in der er sich ungerecht behandelt f�hlte. Besonders dann, wenn ein zu ehrliches Wort in seine Richtung fallengelassen wurde.</p><p>��Macht nur so weiter, ich werde sowieso nicht mehr lange da sein.</p><p>Nach der anschlie�enden Rehabilitation verordnete er sich � als Ausgleich zu den vielen Ungerechtigkeiten dieser Welt und im Widerspruch zu allen moderneren Fachmeinungen � eine so radikale Schonung, da� er danach noch fast vierzig Jahre am Leben blieb. Auf diese Weise schaffte er es sogar, am Ende die gesamte Frauenschar zu �berleben.</p><p>Da� unseren Messer-Jossip, der sich bei uns einmal die Hand durchstochen hatte, ein langes Leben erwartete, war eher unwahrscheinlich. Ein Mensch wie Jossip konnte ich also auch nicht werden wollen. Jossip verst�mmelte sich aus Wut immer wieder mal, seine Wunden waren inzwischen teilweise gut sichtbar. Ihm fehlte ein St�ck von einem Ohr (�f�r Vincent�), dann kamen zwei Fingerkuppen hinzu. Er hatte tiefe Schnitte am Oberarm, einmal durchstach er sich sogar seinen Oberschenkel.</p><p>��Ich wei� doch, wo die Schlagadern langlaufen, Leute� Nach seinen alkoholbefeuerten Gewaltakten ging es ihmimmer viel besser. Er lief wieder ruhig und zufrieden herum, erz�hlte offen und fr�hlich von der aktuellsten Selbstbestrafung, wirkte wie erl�st. Franz Kafka, der Meister des Kristallklaren, h�tte f�r mich unter den vielen Pragern vielleicht noch den besten aller V�ter abgegeben haben k�nnen � seinerzeit. Ich stellte ihn mir in dieser Rolle jedenfalls einmal vor, und es klappte recht gut. Sagte der aufmerksame Franz doch an der Ostsee zu seinem kleinen Neffen, der gerade gestolpert und hingefallen war:</p><p>��Wie geschickt bist du gefallen und wie geschickt wieder aufgestanden!</p><p>Mir blieb wirklich nichts anderes �brig, als mich an den Frauen zu orientieren. Von deren K�rpern und ihrer gesamten Pr�senz ging eine derartige Kraft aus, da� mit ihnen auch die wagemutigsten Muskelprotze, die mich ebenfalls in freudige Erregung versetzen konnten, nie mithalten konnten. Es gab nat�rlich auch warnende Stimmen um mich herum.</p><p>��Der Junge wird hier in eurer Weiberherde noch verr�ckt.</p><p>Als ich einmal im Ferienlager den falschen Waschraum angesteuert hatte, �berraschte ich eine unscheinbare, unter den Jungs f�r ihren Busen allerdings ber�chtigte K�chenfrau, die sich gerade ihren Oberk�rper einseifte. Ich blieb in der T�r stehen, sie war allein. Sie kreiste mit ihrem Waschlappen ausdauernd um ihre beiden Br�ste herum und setzte ihr Kreisen, nachdem sie mich im Spiegel bereits entdeckt hatte, noch ein wenig fort. Sie sah mich dabei leicht schuldbewu�t an wie eine Onanistin � wie ein Mensch, der um Vergebung bitten m��te. Und sie bedeckte sich mit ihren Armen erst dann, nachdem ich ihr blickgefunkt hatte, die an mich gerichtete Bitte akzeptiert zu haben. Strenggenommen vollzog die Frau ihre Schamreaktion recht sp�t, und ich war mit damals sicher: Sie wollte mir ihre beiden Busenbabys, auf die sie wahrscheinlich stolz war, tats�chlich vorf�hren. Ich verschwand dann einfach, ohne etwas zu sagen, und lie� die Frau als diejenige dastehen, die etwas Unrechtes getan h�tte.</p><p>Die n�chste fr�he Entdeckung eines vollkommen nackten Frauenk�rpers war etwas spektakul�rer. Als meine Mutter und ich einmal in Ostrau � in ihrer Geburtsstadt � Station machten, �bernachteten wir in einem Hotel. Meine Mutter ging abends noch allein spazieren und lie� mich in unserem Doppelbett allein. Daraufhin ging ich auch hinaus. Ich kletterte aufs Fenster und untersuchte den breiten Sims, der sich entlang der ganzen Fassade zog und den ich schon im Hellen entdeckt hatte. Es war ein lauer Abend, und ich verlie� das Zimmer voller Leichtigkeit. Aus dem dritten Stock sah ich den gro�en Teil der Innenstadt und hatte dabei das Gef�hl, Ostrau gerade auch f�r mich zu erobern. Ich lief an der Fassade lang und konnte immer weiter vordringen � auf dem Weg ums Haus herum gab es absolut keine Hindernisse. Wie im Sozialismus �blich bl�tterte �berall der Putz ab, der Sims war voll davon, wirkte an sich aber stabil. Schon im �bern�chsten Nebenzimmer kam die gro�e �berraschung: Ich sah durch die Vorh�nge eine nackte Gestalt und konnte mein Gl�ck im ersten Moment kaum fassen. Die Frau war nicht die j�ngste, nicht die schlankste, sie bewegte sich trotzdem sehr anmutig wie ein junges M�dchen � und vor allem vollkommen ungezwungen. Ich schwankte in meiner Begeisterung etwas, hinter meinem R�cken hatte ich zum Gl�ck noch zehn bis zwanzig Zentimeter betretbarer fester Fl�che � und mir ging es gut. Am liebsten h�tte ich geh�pft und getanzt. Die Nackte besch�ftigte sich mit ihrer Garderobe, hielt ihre Kleider einzeln hoch, stellte sich vor den Spiegel, t�nzelte und pr�fte sich streng. Ich konnte sie von allen Seiten taxieren. So eine sich ohne jegliche Scham bewegende Frau hatte ich bislang noch nie zu Gesicht bekommen. Wenn ich sp�ter meine eigeneFrau gefunden haben w�rde, w�rde sich diese vor mir genausowenig genieren. Der n�chste Beweis daf�r, da� die Zukunft traumhaft sein w�rde, war erbracht. Und Ostrau wurde in diesem Moment nicht nur Mutters, sondern auch meine Heimatstadt.</p><p>Wieso sich meine Frau vor mir nicht w�rde zieren m�ssen, war klar: weil sie mir davor schon ALLES AUSGIEBIG GEZEIGT haben w�rde. Ungekl�rt blieb f�r mich dabei nur, ob der tiefgreifende Zauber des M�senreiches von meinen ausgiebigen Studien w�rde unber�hrt � also auf Dauer unber�hrt � bleiben k�nnen. Ich mu�te mich erst einmal gedulden � eine Kl�rung war auf Anhieb nicht zu haben. Als ein wahrer Wissenschaftler freute ich mich dar�ber, da� eine so breitgefurchte Forschungsarbeit noch vor mir lag, und es war mir egal, wie anstrengend sie sein w�rde. Wie werden � gr�belte ich wiederholt � in einem die Anziehungskr�fte der M�se �berhaupt gen�hrt, wenn man sie normalerweise nie zu Gesicht bekommt? Oder von einem anderen Ende gefragt: Wie soll man unter diesen Bedingungen die in einem aus den Untiefen kommende M�senbesessenheit durch Blickkontakt und die entsprechende Bildbearbeitung �berhaupt kultivieren? Und wie sollen � frage ich mich bis heute � die an die Evolution angeketteten M�nnerm�nnchen sie verfeinert haben, wenn der aufrechte Gang die M�senstellung so gravierend und recht pl�tzlich ver�ndert hat? Warum jagen den M�nnern vulvale Sichtattacken angeblich Angst ein, wie ich einmal gelesen habe? Es kann doch nicht einfach daran liegen, da� dies das eine oder andere Mal im ung�nstigen Moment oder bei ung�nstiger Beleuchtung geschieht! Fragen �ber Fragen. Zu dieser Problematik hat, nebenbei gesagt, ein bedeutender experimenteller Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts bereits vielsagende Sprachspiele angefertigt:�� das Gekr�se wird immer gekr�ser, das B�se immer b�ser, das Lotterielose lotterieloser, das M�se immer m�ser��Heute will ich gar nicht mehr so viel zu sehen bekommen. Die phantasiegenerierten Bilder, die man sich jederzeit heraufholen kann, sind nicht nur viel reiner, sie sind sogar anziehender. Wenn sich mir zuf�llig ein Blick auf eine freigegebene M�senquelle bietet, sage ich zwar nicht nein, sehe aber � von Extremf�llen wie bei Yvette abgesehen � eher unger�hrt hin. Und besch�ftige mich mit dem M�senreich wie ein unparteiischer Juror unter beispielsweise mechanisch-praktischen Gesichtspunkten. Es ist in der Tat unglaublich, wie sich die Schamgegend der Frau f�r den Betrachter ver�ndert, wenn sich diese schamlos b�ckt � dies geschieht n�mlich �berhaupt nicht zum Besten des geh�teten Heiligtums. Der Schamh�gel dr�ckt sich dabei mit Gewalt zwischen die Schenkel und ist pl�tzlich viel zu weit nach hinten verlagert, befindet sich jedenfalls woanders, als es sich ein Unkundiger ausmalen w�rde. Zus�tzlich ziehen sich die Schamlippen dank geheimnisvoller Ziehkr�fte auseinander, und der ganze Vulvabereich wirkt gro�spurig verunstaltet. Die Vulva bl�ht dabei nicht fr�hlingshaft, sondern geradezu herbstlich auf, so da� man sich Sorgen zu machen beginnt, sie k�nnte auch einmal ganz verbl�hen � bei fehlender Vorsicht und Pflege beispielsweise. Das Gewaltt�tige der Wirkung in Extremlagen geht eindeutig auf das Kontrastprogramm zur�ck, das die m�seale Anschauungspalette einem normalerweise bietet. Im Ruhezustand pr�sentiert sich die eher nach innen gekehrte Gegend unaufdringlich und zart � um so h�rter kommt dann der H�pfer ins Gesicht, wenn die M�se in die Offensive geht! Als ob sie in diesem Moment aufh�ren w�rde, sich an die geltenden Regeln zu halten.</p><p>Meine Mutter und ich gingen in der DDR selbstverst�ndlich nie freiwillig zum FKK-Strand wie die schamlosen DeDeRons. Einmal aber waren wir auf Hiddensee wandern, und als wir aus einem W�ldchen und einem Schilfstreifen auftauchten, standen wir pl�tzlich mitten in deminkriminierten Strandabschnitt � und mu�ten einfach hindurch. Die vielen nackten Menschen wirkten auf mich wie eine siegreiche Armee � sie waren selbstbewu�t und schienen unverletzbar zu sein. Das verdankten sie dem Umstand, reimte ich mir zusammen, da� sie als Sieger keinen Schutz mehr n�tig hatten. Ihre � wie mir schien � sp�ttischen Blicke deuteten sogar noch mehr an: Diese Menschen w�rden eventuell auch au�erhalb des Strandes nicht einfach zu ersch�ttern sein. Ich sah die entspannt liegenden Frauen und f�hlte mich in der blendenden Sonne irgendwann � trotz meiner Kleidung � fast genauso unschuldig wie sie. Meine Mutter mahnte mich trotzdem mehrmals. Ich h�rte in ihrer Stimme pures Entsetzen und verstand es nicht ganz.</p><p>��Guck nicht hin, nedivej se tarn, nedivej se! schrie sie mich an � sie, meine angeblich praxisnahe Ausbilderin!</p><p>Auf mich wirkten auch diejenigen der nach der Sonne ausgerichteten FKK-Damen unschuldig, die mir ihren Schamh�gel � wenn dieser auf dem Sandburggef�lle h�her lag als ihr Kopf � regelrecht frontal entgegenschoben. Wenn sie dabei wie nebenbei noch den Kopf hoben, war das der Gipfel. Sie sahen einen vollkommen unger�hrt an � zivil wie beim Einkaufen. In meiner FKK-losen und � feindlichen Heimat h�tte ich Nacktm�sen � garniert mit solch ruhigen Blicken � niemals zu Gesicht bekommen. Ein typisches Exemplar einer absoluten Schamk�nstlerin war Vaters Frau. Wenn sie unterwegs in der Natur urinieren gehen mu�te, verschwand sie f�r mindestens zwanzig Minuten. Auch im dichten Wald ging sie extrem weit, so da� man sie auch mit einem Feldstecher nicht h�tte sehen k�nnen. Da sie leider eine schwere Orientierungsschw�che hatte, mu�te man sie manchmal suchen gehen.</p><p>Eine �hnlich selbstverst�ndliche und angenehm asexuelle Atmosph�re wie an dem Ostsee-Strand erlebte ich sp�ter noch einmal, als ich beruflich mit einer Ballettruppe zu tun hatte und mit den T�nzern und T�NZERINNEN auf Tourwar. Beim Umziehen vor den Auftritten schnippelten die Frauen seelenruhig an ihren Schamhaaren herum, gr�tschten dabei ihre Beinchen � und k�mmerten sich �berhaupt nicht darum, ob ihnen jemand ins Guckloch sah. Man sah auch nicht hin, ich bald auch nicht mehr. Wir waren alle Profis und betrachteten unsere K�rper n�chtern als Arbeitsger�te. Auch in die Duschen gingen wir gemeinsam und redeten dabei nicht anders als beim gemeinsamen Fr�hst�ck.</p><p>Kleine St�cke nackter Haut zu sehen ist im Grunde aufregend genug. Zum Nachdenken �ber das Eigentliche reicht es vollkommen, und wenn es um die Geheimnisse der hier behandelten Anziehungskr�fte des weiblichen K�rpers geht, ist es sowieso egal, an welchem Punkt man dabei ansetzt. Ich habe meine � bitte nicht lachen � NEUE BESCHEIDENHEIT relativ sp�t, erst inmitten des in unserem Land neuetablierten Kapitalismus entwickelt, obwohl die mitgekommene �berflutung mit sexuellen Reizen teilweise erschreckend war. Zum Gl�ck erregt mich also wieder � fast wie in alten Zeiten � schon der Anblick kleinster Ausschnitte warmer Frauenhaut. Ein St�ck Schulter, die Ansatzsteigung der Br�ste, ein Streifen Haut unter einer hochgerutschten Bluse, der Bauchnabel eines sich streckenden Oberk�rpers � solche Details bombardieren mich mit ausreichender Sprengkraft. Auf diesen fruchtbaren kleinen Feldern ist schon alles Wichtige vorhanden, hier k�nnen die Keime der Verschmelzung und Vermehrung eine ausreichende Menge Fadennetze auswerfen und k�nnen von hier aus mit ihren Wurzeln � wenn gew�nscht � weiter in die Tiefe tauchen. Fr�her war f�r mich sogar ein hei�er Blick auf der Titelseite einer l�cherlichen sozialistischen Zeitschrift aufregend genug gewesen. Meine neue Bescheidenheit hat also eine lange Vorgeschichte.</p><p>Bewegliche oder unbewegliche Pornoerzeugnisse konnte ich mir in der damaligen Zeit nicht besorgen; nachdem sie mit dem Kapitalismus angeschwemmt kamen, brauchte ichdie traurigen, beweglichen oder unbeweglichen Bilder nicht mehr. Als ich einmal � mitten in den neuen Zeiten � von weitem eine Serviererin sah, die im Vorgarten eines Cafes in einem hautfarbenen Oberteil bediente, lief ich in ein Blumenbeet hinein und verlor vor innerem Aufruhr beinah das Gleichgewicht. Ich war wie unter Schock. Ich hatte im ersten Moment gedacht, diese selbstbewu�te Frau w�re oben vollkommen entbl��t, liefe so in aller �ffentlichkeit. Und noch w�hrend der Bet�ubung und beim Anblick der zertretenen Blumen wurde mir klar: Nur das treibt mich an, nur diese Kraft bringt mich weiter, nichts anderes. An dem Tag war ich � auch weil gerade subtropische Temperaturen herrschten � zu nichts mehr zu gebrauchen.</p><p>Da ich es hasse, wenn man von Prosaschreibern mit bedeutungsbeladenen Tr�umen bel�stigt wird, w�rde ich in diesem alles andere als kurzen Text niemals einen Traum festhalten wollen, wenn es nicht unbedingt n�tig w�re. Beschreibungen sprachfreier Bilder finde ich sowieso dr�ge � nur um Olfaktorisches sich bem�hende Traktate sind noch peinlicher. Und Traumschilderungen sind einfach das Allerschlimmste, weil sie dank der Wichtigkeit jedes noch so seltsamen Details viel zu viel Erz�hlraum beanspruchen. Meine Tr�ume sind in der Regel sprachlos und duftlos. Am liebsten w�rde ich �ber bilderlose D�fte tr�umen und gespannt abwarten, ob sie noch st�rkere Schocks ausl�sen k�nnen als einen anspringende Mosen in der Realit�t. Und schlie�lich w�rde ich alles f�r mich behalten.</p><p>Der folgende Traum ist ein reiner Bildtraum: Ich betrete einen Raum, in dem meine �ltere Cousine mit Hilfe einiger Tanten und Gro�m�tter uriniert. Sie kniet oder sitzt seitlich � verkrampft und unbequem � auf ihrem Bett, neben ihr steht ein Nachttopf. Das, woraus sie uriniert und was sie des Gewichts wegen mit beiden H�nden halten mu�, ist ein riesengro�er, fetter und dunkelh�utiger trotzdem allesandere als erigierter � Penis. Er ist gro� wie eine mittelgro�e Salami, leicht gebogen wie eine Mettwurst, gef�rbt wie erythrozytenreiche Blutwurst im Echtdarm, prall wie Schinkenpolnische. Sagen wir etwa drei�ig Zentimeter lang, im Durchmesser an die sieben Zentimeter stark. An die Proportionen dieses Organs im erregten Zustand wage ich gar nicht zu denken. Die arme Cousine braucht in ihrer beschwerlichen Position unbedingt die Hilfe aller beteiligten Frauen � den pissenden Fettschwanz versorgt sie allerdings allein. Dieser wirkt in diesem recht instabilen K�rperarrangement � in dieser Schwanz-Piet� sozusagen � wie der ruhende Mittelpunkt. Alle die in ihrer Schr�g- oder B�cklage erstarrten Weibsbilder sehen mich gequ�lt und leidend an, ich schaue lange zur�ck und t�usche Verst�ndnis vor, nicke mit dem Kopf.�Ich wei�, ich wei� Bescheid�, versuche ich damit zu sagen. Eine andere Bezeichnung f�r das ganze Bildnis k�nnte lauten:�Ecce-Penis�. Ich deute den Verschw�rerinnen gestisch und mimisch das Versprechen an, �ber die Mi�bildung der Cousine niemandem zu erz�hlen. Und ich verlasse wieder den Raum, um die weitere Versorgung der Gehandicapten nicht zu st�ren.</p><p>Hinter den T�ren wurde bei uns nat�rlich ausgiebig auch �ber k�rperliche Intim-Angelegenheiten gesprochen. Zwar nur selten, daf�r aber laut genug. Sexuell aktiv waren bei uns nur meine Mutter und Tante Erna mit ihren wechselnden Auserw�hlten, und wenn etwas Sexprivates zu erfahren war, dann eben bei diesen beiden Frauen. Ich und meine j�ngere, mit mir mehr verb�ndete Cousine h�rten einmal hinter einer T�r zu, als sich unsere Tante Erna mit der Gro�mutter Lizzy beriet � und ihr einige ihrer Probleme und Eigenarten erl�uterte.</p><p>��Ich will noch auf den letzten Millimetern die Freiheit haben, NEIN zu sagen, bevor er reinkommt. Wei� du, was ich meine?�� Ja, nat�rlich. Es ist aber st�rrisch.</p><p>��Und was soll ich tun?</p><p>��Du mu�t nachgeben � und m�glichst mit Freude. Ich hatte f�r mein Leben noch ganz andere Regeln. Die Frau mu� lernen zu schweigen. Merk dir das.</p><p>In der Unterhaltung kamen die beiden sp�ter wieder auf das ORGAN zu sprechen, das Tante Erna offenbar noch weitere Probleme bereitete. Da ich und meine Cousine aber mit Gr�beln �ber die Bedeutung der� letzten Millimeter �besch�ftigt waren, hatten wir die �berleitung leider verpa�t.</p><p>��Du bist da vielleicht etwas entz�ndet, vielleicht kratzt du dich mit dem harten Klopapier an deinem Z�pfchen � beim Abwischen. Du mu�t aufpassen. Oder kaufe dir f�r die Devisen das weiche Westpapier, es ist dreilagig, deswegen sind die einzelnen Schichten besonders zart.</p><p>��Das ist mir f�r das bi�chen Pisse zu schade. Ich m�chte mit dir aber noch etwas anderes besprechen.</p><p>��Ja?</p><p>��Auf keinen Fall aber weitererz�hlen!</p><p>��Nein, keine Angst.</p><p>��Wenn ich stark erregt bin, kommt aus mir so viel Fl�ssigkeit heraus, da� ich mich sch�me. Es spritzt regelrecht aus mir. Vielleicht entwickele ich auch deswegen diese Angst, deswegen vielleicht dieses Zumachenwollen.</p><p>��Was f�r eine Fl�ssigkeit? fragte ich die Cousine anschlie�end.</p><p>��Wei� ich nicht, keine Ahnung � die spinnt einfach.</p><p>Viele Erkenntnisse �ber die Weiblichkeit und weibliche K�rperlichkeit mu�te ich mir im Leben allein erarbeiten. Da� in der Regel die Frau den Mann w�hlt und da� die Frau nicht nur w�hlen, sondern in Paarungsangelegenheiten auch letztendlich entscheiden sollte, empfand ich aus folgendem Grund vollkommen verst�ndlich: Die Penetration und alle anschlie�enden Befruchtungs-, Keimungs- und Reifungsvorg�nge spielen sich nun mal in der Frau, also an oder innerhalb ihrer K�rpergrenzen ab. Normalerweise jedenfalls.</p><p>Wie bereits geschildert rutschte der Aufkl�rungswille meiner Mutter gegen null, wenn ausgerechnet reale Ganzk�rpernacktheit im Spiel war. In unverf�nglicheren Situationen wurde sie aber sofort wieder p�dagogisch aktiv. Wenn vor uns ein weibliches Wesen lief, dem man unterhalb des Minirocks zwischen den Schenkeln hindurchsehen konnte, forderte mich meine Mutter auf, diesen Spalt zu beurteilen. Da� die stoffsparende Mode ausgerechnet in den sechziger Jahren aufkam, war daf�r �u�erst g�nstig.</p><p>��Was meinst du, ist es sch�n oder nicht? Gef�llt es dir?</p><p>��Sieht gut aus, schlanke Beine sind immer sch�n.</p><p>��Nein! meinte sie unwirsch. Wenn sich die Schenkel einer Frau nicht ber�hren, ist es unvorteilhaft. Sieht man bei mir etwa durch? Nein! Na bitte.</p><p>Unsch�n fand meine Mutter au�erdem, wenn eine Frau unproportioniert lange Beine hatte � wenn der Oberk�rper also unnat�rlich kurz wirkte. Das Tschechische hat f�r dieses Ph�nomen sogar einen speziellen Ausdruck parat:�vysoke chcani�, was �bersetzt nichts anderes als� HOHES PISSEN �bedeutet. Wenn zu dieser Disproportionalit�t noch ein viel zu kurzer Hals hinzukam, war meine fundamental-darwinistisch tickende Mutter nicht zu beruhigen.</p><p>��Guck dir das an, das geht so nicht.</p><p>Manchmal deutete sie drau�en in der �ffentlichkeit auf junge Frauen, die sie besonders attraktiv fand. Wenn sie an ihnen aber doch etwas Unvollkommenes entdeckt hatte, urteilte sie relativ grausam:</p><p>��Sie k�nnte eigentlich ansprechend aussehen, aber nur bei einer bestimmten Beleuchtung.</p><p>Da� manche Damen es nicht sein lassen konnten, in Richtung meines Unterleibs zu starren, mu�te ich auch bald feststellen. Als ich einer Nachbarin aus unserer Stra�e einmal etwas vorbeibringen mu�te, war sie ausgesprochen NETT zu mir, l�chelte mich pausenlos an, schmeichelte mir, redete immer weiter, so da� ich aus ihrer stickigen Wohnung ewig nicht herauskam. Und weil ich nicht unh�flich sein wollte, blieb ich und h�rte mir ihre vollkommen �bertriebenen Loblieder weiter an. Sie schw�rmte �ber meine Erfolge in der Schule und beim Ausdauersport, erw�hnte meine handwerklichen Gro�taten, �ber die ihr berichtet worden war. Als ich mich langsam r�ckw�rts in Richtung T�r schob und aus der T�r trat, blieb sie noch im T�rrahmen stehen, sah mir intensiv in die Augen, nagelte mich also auch noch im Treppenhaus fest. Dabei konnte sie es nicht lassen, immer wieder kurz meinen halbge�ffneten Hosenstall zu mustern. Ich hatte bereits vor einer ganzen Weile gemerkt, da� der Rei�verschlu� nach unten gerutscht war, war aber zu stolz, ihn unter dem aufgebauten Druck nach oben zu ziehen. Erst Stunden sp�ter begriff ich, da� diese Frau m�glicherweise davon getr�umt hatte, von mir verf�hrt zu werden � wenn nicht gleich, dann eventuell irgendwann sp�ter. Da� ich noch etwas nachreifen k�nnte, war in ihrem Blick auch noch verborgen gewesen, hatte ich den Eindruck. In ihrer Penetranz sprach sie auf alle F�lle eine Art unverbindlicher Einladung f�r die Zukunft aus. Und ich habe sie und ihre Offerte nicht vergessen, wie man sieht.</p><p>Von der kindesmi�br�uchlichen Busfahrt mit Schmuseexzessen habe ich ausgiebig berichtet, leider ist es zu derartigen k�rperlichen Abenteuern nie wieder gekommen � trotzdem tat ich gut daran, mich regelm��ig auch f�r die Bildungsfahrten anzumelden (mich mitanmelden zu lassen), an denen mehrheitlich Erwachsene teilnahmen. Bei allen mir erinnerlichen Betriebsbusfahrten, die quer durch unser Land f�hrten und mit langen Heimfahrten im Dunkeln abgerundet wurden, war die ideelle Marschrichtung immerdie gleiche � die Endstation hie� Unterleib, unter dem G�rtelstrich ging es dann also um Sex; egal, ob Innenministeriumsangestellte, Spionenf�hrer, Antispione oder momentan zur�ckgezogene Agenten in den Bussen sa�en oder ob es sich bei den Erwachsenen um Verlagslektoren,�� buchhalter, Schriftsteller oder schriftstellernde Journalisten handelte. Alle diese Erwachsenen legten irgendwann ihre Hemmungen und ihre Scham ab. Bei den Heimfahrten wurde nat�rlich getrunken, meistens irgendwelche m�hrischen Weine. Und als es drau�en d�mmerig wurde, begann man zu singen. Anfangs waren einigerma�en anst�ndige Liebes- und Weinanpreisungslieder an der Reihe, mit der Zeit wurden die Liedtexte aber immer schl�pfriger � bis die Hardcore-Nummern an die Reihe kamen.</p><p>�To je vocas myho muze / vzdyt' ho pozn�m podle k�ze� Das ist der Schwanz meines Mannes, den erkenn' ich an seinem Leder.�</p><p>Dieses offenbar allen jeweiligen Mitfahrenden bekannte Lied war damals regelm��ig auf dem Programm. Die Geschichte, die darin erz�hlt wird, ist wirklich kurios � und f�r mich blieb sie auch deshalb unverge�lich. Die besungene Frau, also das singende Ich, ist sich beim Anblick eines herumliegenden Penis erstaunlicherweise ganz sicher, wem das schlaffe W�rstchen geh�rt � sie identifiziert den Inhaber und ehemaligen Tr�ger an der Beschaffenheit der Haut. Wie oder warum es zu der Amputation gekommen ist, erkl�rt das Lied leider nicht. Diese Unklarheit am Rande schien aber niemanden zu st�ren. Da� die Frau � stutzte ich � eher vom� Leder �des abgetrennten Schwanzes spricht und nicht ein feineres Wort f�r Haut benutzt, hat zwar mit dem Reim und Rhythmus zu tun, die Abgebr�htheit der Ausdrucksweise schockierte mich trotzdem jedesmal. Ich erkannte unsere Begleiter, die bei Tageslicht so seri�s gewirkt hatten, nicht wieder. Und alle sangen mit. Meinem Vater war alles zuzutrauen � aber auch meine Mutter war jedesmal mit vonder Partie. Sie vergn�gte und am�sierte sich proletarisch wie alle anderen:�� den erkenn' ich an seinem Leder.�</p><p>In einem anderen auch sehr beliebten Lied, das traditionell gesungen wurde, weist der Liebhaber die Schuld f�r das Schw�ngern seiner Geliebten weit von sich und sagt:�Dazu war ich zu betrunken. Sie war es! Sie hat ihn in ihr H�ndchen genommen und sich ihn selbst reingesteckt��</p><p>And everybody:�Streik si ho tarn saamaaaa�, sang meine Mutter. Oder ich h�rte zwischen den Stimmen der Abwehrspezialisten oder M�chtegernspione meinen Vater:�Byl jsem vopilej� ich war zu betrunken, vzala si ho do rucicky� hat ihn in ihr H�ndchen genommen��</p><p>Als der schlimmste Verderber der tschechischen Jugend m��te aber wahrscheinlich unser Nationaldichter Jaroslav Vrchlicky bezeichnet werden. Er war eindeutig ein Genie und eine besessene, dauernd �berkochende Reim-Maschine, der sp�ter nur Viteslav Nezval das Wasser reichen konnte. Vrchlicky schrieb eine Unmenge von Gedichten, Epen und St�cken und �bersetzte alle dem Volk noch nicht bekannten Werke der Weltliteratur ins Tschechische. Wenn er ein Deutscher gewesen und hundert Jahre fr�her geboren worden w�re, h�tte Goethe nicht einen ehrf�rchtigen Kollegen wie Schiller, sondern einen wild herausfordernden und auch endlos gebildeten Universal-Rauschekopf zu ertragen gehabt. Ausgerechnet dieser �berproduktive und kreative Mann schrieb eines der �belsten pornographischen Epen, die das neunzehnte Jahrhundert erblicken sollte � den� RITTER GEIL�. Und weil dieses Fickepos seit seiner Entstehung in unz�hligen Privatdrucken erschienen war, geh�rt dieses Werk, das voller schockierender und auch hier nicht zitierbarer Reime ist, zum kulturellen Gemeingut des tschechischen Volkes. Auch w�hrend der sozialistischen �ra kannten es alle Generationen. Nur Vrchlickys �ble� Ode auf die Schei�e �geriet lange Zeit in Vergessenheit (�desAbends denke ich oft �ber die Schei� wurst nach / und wenn ich sie mir n�her ansehe, mu� ich jaulen vor Lachen oder vergie�e Tr�nen��).</p><p>Die pornographische Geschichte des ahnungslosen Ritters Geil ist relativ einfach gestrickt: Der verr�ckte Ritter steckt seinen Penis �berall hinein, wo er irgendwelche L�cher entdeckt, bis man auf seiner Burg den Grund seines sonderbaren Tuns begreift: Der ungl�ckliche junge Adelsmann ahnt nicht, da� es ausgerechnet unter den weiblichen R�cken eine passende �ffnung f�r sein Glied g�be. Der Ritter wird aufgekl�rt und umgehend erl�st, die Orgien nehmen daraufhin kein Ende � und Vrchlickys Reim-Eskapaden auch nicht. Wo bleibt hier Goethe mit seinen� R�mischen Elegien �oder� Venezianischen Epigrammen�?</p><p>Manchmal war ich � vielleicht dank der dauerhaften botenstoff-erotischen �berflutung � so verwirrt, da� ich reinen Unsinn redete. Als ich einmal auf der Stra�e von einer Bekannten unvermittelt gefragt wurde, wie es meiner Tante Gy�rgyi gehe, fiel mir ein vollkommen falscher Satz aus dem Mund heraus:</p><p>��Die ist doch gestorben.</p><p>Ich merkte schon w�hrend des Absonderns der ersten Silben, da� ich etwas vollkommen Verkehrtes aussprach, war aber ratlos, wie ich mir aus dem sinnlosen Ungl�cksloch wieder heraushelfen sollte.</p><p>��Ach, das tut mir leid! Wann war das, wieso wei� ich nichts davon? Wann ist das Begr�bnis, um Gottes willen?</p><p>��April, April, sagte ich kurz entschlossen und rannte weg.</p><p>Es war zwar l�ngst schon Mai, dieser Mai war aber kalt wie ein normal warmer M�rz, und ich bin bis heute davon �berzeugt, da� mein Spontanscherz noch das Beste war, was sich in dem ungl�ckseligen Moment tun lie�. Am Ende kam ich moralisch noch einigerma�en glimpflich davon. Unsere Gegend war gerade voller Kanonen und Panzer � unsere Armee mu�te abends und nachts auf dem Boulevard der Verteidiger des Friedens f�r die allj�hrliche Siegesparade �ben � und die Tanten einigten sich auf eine Formel, die sie auch nach au�en vertreten wollten: Ich sei wegen des ganzen Kriegsger�ts verwirrt gewesen und hatte nicht �berlegt, was ich sagte.</p><p>��Georg ist eben ein kleiner Witzbold, sagte man von mir au�erdem, er sollte es aber nicht �bertreiben.</p><p>Eine Weile zwang ich mich, so oft wie m�glich Witze zu rei�en, auch wenn mir �berhaupt nicht danach war.</p><empty-line/><p>den einmarsch haben wir gewonnen</p><p>Die Panzer und Panzerwagen, die in der Nacht vom zwanzigsten auf den einundzwanzigsten August 1968 eingeflogen wurden, rollten vom Flughafen Ruzyne die acht Kilometer lange Leninstra�e entlang, fuhren auf dem kreisrunden Platz der Gro�en sozialistischen Oktoberrevolution nach rechts, und nachdem sie dabei viel Asphalt pulverisiert hatten, steuerten die Panzer die Stra�e des Slowakischen Nationalaufstandes an � und die sogenannte Pulverbr�cke. �ber diese �berwanden sie unsere eingleisige lokale Eisenbahnlinie, um die weiterhin hindernisfreie Fahrt auf dem Boulevard der Verteidiger des Friedens fortzusetzen. Auf der richtigen Kreuzung nahmen sie dann den k�rzesten Weg in Richtung Innenstadt. Ihre Route tangierte erst das gro�e Gel�nde der Milit�rakademie und f�hrte anschlie�end durch die aus unseren Fenstern gut einsehbare Mickiewiczstra�e sowie durch die einst mit verd�nntem Blut befeuchtete Serpentine. Unterhalb der letzten Serpentinenbiegung lag an der Moldau schon der Regierungssitz, auf der anderen Flu�seite die Parteizentrale. Eine junge Frau aus unserem Haus winkte den durch die Mickiewiczstra�e fahrenden Soldaten �ber den Gartenzaun zu. Vorbeiziehenden Soldaten winke man eben. Das tue ihnen hier in der Fremde, so fern ihrer Heimat und so sp�t nach Mitternacht, sicher gut. - Das bin ich seit meiner Kindheit so gewohnt, meinte sie.</p><p>Kurze Zeit sp�ter stellten sich andere Prager den Panzern in den Weg und wurden �berrollt. Besonders viele Menschen kamen zum Rundfunkgeb�ude und kesselten die Panzer regelrecht ein.</p><p>Dabei gelang es einigen, mit Eisenstangen oder Spitzhacken L�cher in die F�sser mit Treibstoffreserven zu schlagen, die die Panzer im Huckepack trugen. Manche der Panzer brannten sofort los, bei anderen mu�te man mit Stoffetzen und Streichh�lzern nachhelfen. Mit solchen Nahk�mpfen hatten die Russen offenbar nicht gerechnet. Wenn man an die Panzer dicht genug herankam, hatte man einigerma�en gute Karten, nicht gesehen und nicht erschossen zu werden. Der Rundfunk sendete allerdings bald schon von woanders, die Redakteure meldeten sich weiterhin mit ihren vollen Namen. In den brennenden Panzern begann irgendwann die Munition zu explodieren.</p><p>Nachdem die K�mpfe abgeklungen waren, herrschte in der Stadt eine euphorische Stimmung, der Tagesrhythmus war wie verlangsamt, Stre� und Probleme hatten eher die Besatzer. Und ich erlebte Abenteuerferien erster G�te. Als beim Abrei�en eines Stra�enschildes ein Panzerwagen an mir vorbeifuhr und nicht scho�, f�hlte ich mich wie ein Held. Diese ersten Runden haben wir eindeutig gewonnen, die verstummten Besatzer hatten nach mehreren Tagen immer noch keins der Medien in der Hand. Die volkseigenen Druckereien druckten dagegen am laufenden Band Flugbl�tter und Notausgaben der Zeitungen, der Vertrieb lief reibungslos. Die Russen hielten wenigstens mit Panzern alle Br�cken besetzt, auf dem Altst�dter Ring stand im Kreis eine ganze Batterie von Flugabwehrkanonen. Da auch die Polizei und die Geheimdienste am Widerstand teilnahmen, hatten die Russen von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten. Aus Wut zerschossen sie uns nebenbei die Fassade des Nationalmuseums. Als Antwort hat man die dabei entstandene Fassadengrafik prompt nach dem sowjetischen Verteidigungsminister benannt � EL GRETSCHKO.</p><p>Wie hoch wir eigentlich verloren hatten, bekamen wir erst nach und nach zu sp�ren. Und irgendwann mit voller H�rte. Daher waren f�r mich die folgenden Jahre viel pr�gender als der kurze Sieg. Der gewohnte sozialistische Raubbau kam bald wieder in Gang, und die Tschechen traten jetzt unter russischer Aufsicht � regul�r nur gegeneinander an, das hei�t Mann gegen Mann. Und man konnte ganz sicher sein: Das gr��ere Schwein gewann immer.</p><p>Wohin der ganze Reichtum des Landes in den letzten zwanzig Jahren immer wieder verschwunden war, war marxistisch-leninistisch schwer zu kl�ren � er war aber nachweislich in ein unendlich tiefes Loch gefallen. Das geraubte deutsche Eigentum war weg, die Sch�tze der nach 1948 enteigneten tschechischen Privatwirtschaft waren ebenfalls in kurzer Zeit aufgerieben. Und nat�rlich hatte der Kollektivierungsraub des landwirtschaftlichen Bodens die neue Republik auch nicht reich gemacht, genausowenig wie der Raub aller relevanten Guthaben bei der W�hrungsreform von 1953 � bei dieser Armutssprechung auch jedes einfachen Sparers. Vor dem Krieg hatte die Tschechoslowakei zu den wirtschaftlich und kulturell f�hrenden L�ndern Europas geh�rt.</p><p>Nach dem Einmarsch kam der SPIEGEL noch weiter an, pausierte einige Wochen, trudelte dann und wann wieder ein. Irgendwann wurde meine und Mutters Quelle aber abgew�rgt, und unsere gl�ckliche Spiegelzeit ging zu Ende. Dieser Einschnitt war noch schlimmer als der bef�rchtete von 1962, als der b�se Franz Josef unseren Augstein ins Gef�ngnis hatte stecken lassen.</p><empty-line/><p>jede dieser drei�igtausend sch�nbeinigen frauen putzte sich t�glich die z�hne</p><p>In der Evolution wird man als Kreatur � vom anpassungsf�higen Einzeller bis zum umweltopportunistischen Wirbeltier � darauf getrimmt, die Realit�t so zu nehmen, wie sie ist: als die einzig annehmbare. Gleichzeitig wird uns empfohlen � offenbar um unsere Verzweiflungsanf�lligkeit zu mildern � , diese Realit�t als die nicht nur normalste und anpassungsw�rdigste, sondern als die in jeder Hinsicht beste aller lieferbaren zu feiern. Es gibt kleine V�lker, zu deren Kodex es geh�rt, den jeweiligen Herrscher des Staates, auf dessen Territorium sie sich gerade aufhalten, vorbehaltlos zu respektieren. Man k�mpft und stirbt f�r den Gebieter sogar, wenn Bedarf besteht. Mir leuchtet eine solche Haltung nicht ein. Auf mich umgem�nzt, h�tte ich mich irgendwann � statt f�r die Befreiung Tibets � f�r die Expansion der kommunistischen Unordnung beispielsweise in Afrika aufopfern m�ssen.</p><p>Ich wuchs langsam heran � nicht auffallend in den Himmel, aber immerhin. Und zum Gl�ck wuchs ich im Frieden auf. In meinen jungen Jahren wurde ich kein einziges Mal lobotomiert, lagerinterniert, psychiatrisiert, elektrogeschockt oder in irgendwelche Toiletten kopfgetunkt. Auch wohnungsintern drohte mir kein K�rperkrieg: Ich konnte frei entscheiden, ob ich das eine oder andere h�usliche Dogma ernst nahm oder nicht. In meinen ideal-nahen Freir�umen � und diese geno� und nutzte ich nat�rlich � konnten dann auch Biologie, Geologie oder Geographie ausgesprochen am�sant sein. Es reichte, meiner England-Tante Erna einige gezielte Fragen zu stellen oder ihr das angeblich Neuste aus der Schule zu erz�hlen.- Die Karpaten werden immer spitzer statt runder. Erna nahm einem alles ab. Sie glaubte sowieso, China l�ge auf der s�dlichen Hemisph�re und der Kilimandscharo st�nde auf Atlantis.</p><p>��Ich bin dumm, ich wei� es, sagte sie manchmal entwaffnend.</p><p>��Erna, essen K�nguruhs Kaninchenfleisch?</p><p>Mit zunehmendem Alter versuchte Erna, die unterschiedlichsten weltpolitischen Angelegenheiten vorsichtshalber auf einen Nenner zu bringen, und fragte bei Diskussionen gern mittendrin:�IST DA WAS MIT JUDEN?�</p><p>��Wie?</p><p>��Das mit Argentinien, es ist so weit weg.</p><p>��Darum geht es dort aber nicht. Machst du Witze?</p><p>��Nein.</p><p>��Es gibt aber einen Witz mit genau dieser Frage.</p><p>Unmittelbar nach dem Krieg war Tante Erna noch vergleichsweise geistreich gewesen. Als ein Nachbar aus dem Haus von meiner Mutter wissen wollte, ob man sie in Auschwitz geohrfeigt habe, bekam ausgerechnet Erna einen Lachanfall. Anschlie�end riet sie meiner Mutter, f�r einige Zeit nach England zu gehen.</p><p>��Bleib mindestens drei Jahre dort.</p><p>Meine Mutter hatte nach dem Krieg sowieso eine eigenwillige Neurose entwickelt und kam in Prag nicht wirklich zurecht. Sie fragte sich bei jedem Menschen, den sie neu kennenlernte, ob er sich im Lager einigerma�en anst�ndig oder � was sie eher annahm � wie ein Raubschwein benommen h�tte. England heilte sie in diesem Punkt dann tats�chlich, und sie h�rte auf, die Menschen nach ihrer KZ-Tauglichkeit zu beurteilen.</p><p>��F�r Konzentrationslager wurde man eben nicht geschaffen.</p><p>Meine Mutter kam im Sommer 1948 unter anderem deswegen zur�ck, um beim Aufbau des Sozialismus mitzuhelfen; au�erdem hatte sie beschlossen, doch noch zu studieren. Den Februarsieg ihrer Partei hatte sie trotz des Aufschreis der britischen Presse seinerzeit begr��t. Insgesamt war sie nur ein Jahr auf der Insel gewesen. Als sie zur�ckkam, stand in der Wohnung ein Zimmer frei. Baronin N�dhern�s Flucht �ber die Grenze nach Bayern war gegl�ckt, und die Baronin war l�ngst � die beiden Frauen vollbrachten eine Art Rochade � bei den von meiner Mutter so geliebten Engl�ndern.</p><p>��Die Insel wurde seit 1066 nicht erobert, nie wieder besetzt � das merkt man den Leuten einfach an, Georg.</p><p>England erholte sich nach dem Krieg langsam, in Deutschland arbeitete man am Wirtschaftswunder, nur um mich herum zehrte man von der Substanz und steuerte die Wirtschaft � trotz des anf�nglichen Aufbau-Elans � nach sowjetischem Muster ins Abseits. Und um auf das kapiteleingangs er�ffnete Thema der Realit�tswahrnehmung zur�ckzukommen: Mein Prag war ein idealer Ort f�r jemanden, dem das Gef�hl f�r die Greifbarkeit der Realit�t als der am besten annehmbaren Normalit�t dauernd entgleiten sollte. Wobei ich schon wieder dabei bin � DER WIEVIELTE VERSUCH IST ES SCHON?�� , meine Vergangenheit ausgerechnet durch W�hlen, Sudeln, R�tseln und und ordnen zu wollen.</p><p>In meinem Leben gab es wiederholt Momente, in denen ich mich au�erhalb der Wohnung wie im Feindesland bewegte. Ich f�hlte mich wie ein ausgesetztes Haustier oder wie eine von Biologen nur provisorisch klassifizierte Kreatur, die in einen falschen Dschungel entlassen worden war. Ich mu�te lernen, die Spannung, die das allgemeine Tummeln und Treiben in diesem st�dtischen Dschungel dauerhaft erzeugte, nicht allzu ungefiltert abzubekommen. Die attackenfreudigen Spannungen waren teilweise dinglichen Ursprungs. Das hei�t: Die Dinge stellten Forderungen. Auf den Prager Stra�en schlichen nat�rlich auch unz�hlbare Menschen herum � diese waren mir allerdings oft vielfremder, als es der dingdominierte Teil der Realit�t je sein konnte.</p><p>Manchmal erlebte ich den Alltag aber auch aalglatt unproblematisch, sp�rte fr�h genug, wie die diversen belebten und unbelebten Realit�tssplitter nur darum bettelten, in ihrem Frohsinn und ihrer Sinnhaftigkeit wahrgenommen zu werden; das hei�t m�glichst nicht anders als in ihrer Funktionalit�t beziehungsweise ihrem naturhaften Gewachsensein. Irgendwann wollte ich von diesen illusorischen Angeboten aber nichts mehr h�ren, konnte allerdings auch nicht aufh�ren, �ber ihre Daseinsberechtigung zu gr�beln. Diese meine, sagen wir,�intellektsarme Gef�hlsarbeit am Differenzieren und Abgrenzen �bedeutete in meinem Fall zwar einen gewissen Fortschritt, zur wirklichen Autonomie � zur Befreiung aus dem Trichter der Familie beispielsweise � reichte sie aber absolut nicht.</p><p>Die Forderungen der �berm�chtigen Wirklichkeit bauten � egal, wie ich mich zu ihnen verhielt � periodisch einen ungeheueren Membranendruck auf, und ich mu�te in jeder Lebenslage immer wieder f�r einen m�glichst drainagenreichen Ausgleich sorgen. Und mir wurde eines Tages klar: Wenn ich in der Zukunft extramural bestehen wollte, w�rde ich mir einige Tricks erarbeiten m�ssen. Zum Gl�ck bin ich am Ende nicht gescheitert: Ich entkam einem gammelsozialistischen Zugriff, zu einem feuer- oder explosionsgest�tzten Finalschlag gegen mich kam es nicht, und ich akzeptierte die vorwiegend M�NNERBEHERRSCHTE au�erh�usliche Realit�tswirrnis schlie�lich ohne Groll. Und ich trickste weiter, ich mu�te es tun. Ich erweiterte mein Seelenleben vorsorglich auf die Dinge selbst. Jedenfalls auf diejenigen, die es meiner Meinung nach wert waren. Es war sicher kein Zufall, da� in der Schule ausgerechnet Physik zu meinem wichtigsten Fach wurde.</p><p>Wenn ich drau�en herumlief, war ich dauernd damit besch�ftigt, die Umwelt in meiner Phantasie zu reparieren. ImSozialismus zerbrach, versackte, zersetzte sich sowieso pausenlos etwas oder bl�tterte dickschichtig ab. Ich litt darunter wie ein zwanghafter Verwalter, der f�r dieses Chaos die letzte Verantwortung zu tragen h�tte. Zus�tzlich flossen in meinem Inneren viele der erinnerten Bilder und der bebilderten Erinnerungen summarisch ineinander � wie Abw�sser aus Anschlu�kan�len in einen Hauptkanal. Und diese Bilder setzten ihr progredientes Rissebilden in mir fort, verwitterten wie bautechnisch mi�ratene Wandmosaiken. Als ein sozialistischer Untertan war man an alle Arten von Mosaiken gew�hnt. Diese am Sowjetgeschmack orientierten Versch�nerungswerke waren bei der damaligen Obrigkeit sehr beliebt, wurden zur Aufhellung des Alltags so oft wie m�glich eingesetzt � und sie waren in der Lage, auch die repr�sentativsten Sichtfl�chen auf einen Schlag zu verschandeln. Im R�ckblick betrachte ich die sozrealistischen Mosaiken als fleischgewordene Dekonstruktionen der ihnen zugrunde liegenden Idee. Sie br�ckelten in der Regel schon nach dem ersten sozialistischen Winter gravitationsgequ�lt zu Boden und schrien aus l�chrigen Gesichtern oder fleckigen Brustk�rben nach Erl�sung. Ich h�tte mich niemals wie der Sch�pfer am siebenten Tag ausruhen k�nnen. Ich sah aber bald ein, da� das meiste um mich herum nicht zu retten war. Hinter den br�ckelnden Wandmosaiken blinzelte bald schon die por�se und alles andere als f�r die rote Ewigkeit errichtete Ziegelsubstanz.</p><p>Mein Man�vrieren durch die institutionell zusammengeschusterte Wirklichkeit wurde regelrecht erfrischend, wenn es mir gelang, mich unterwegs auf kleine, eine gewisse �sthetik besitzende Details zu konzentrieren. Ich konnte mich bei ihnen kurz ausruhen. Und das war angesichts der H��lichkeit vieler befallener Oberfl�chen mehr als tr�stlich. In manchen Realit�tsbrocken steckte erstaunlich viel Seele, so da� die weiter oben kurz angerissene ding-bedingte Spannung sich vor�bergehend legen konnte. Bestimmte profane.partiell aber doch hoch�sthetische Artefakte wurden daher meine Verb�ndeten, sie forderten nichts mehr, sie wurden Teilhaber meiner Ordnung � oder vielmehr ich ein Teilhaber ihrer. Die Masse der �brigen, in Geiselhaft gehaltenen Dinge, ihr existentielles Ungl�ck oder � oft genug im Sozialismus � ihr falsch gew�hlter Einsatz- oder Aufstellungsort r�ckten in den Hintergrund. Mein wichtigster Trick bestand also darin, alles Absto�ende zu ignorieren und den unterwegs verstreuten, in seiner Autonomie und Anmut �berlebenden Kleinkram zu m�gen.</p><p>Ich untersuchte wie ein Kleinkind dauernd die Unterlage, auf der ich lief, oder die Kulissen, an denen ich mich vorbeischlich. Ich fokussierte die leuchtend polierten Erhebungen von Gullydeckeln, fand eingemei�elte Geheimzeichen auf den Bordsteinen, feierte widerstandsf�hige Muttermale der vielen gro�fl�chig befallenen H�userw�nde, freute mich �ber die zu Stein gewordene und �berall in der Stadt vorhandene Sorgfalt, die mir liebevolle und in l�ngst nicht mehr gepflegten Gr�bern ruhende Arbeiterh�nde hinterlassen hatten. Einmal entdeckte ich im Schrank einer billigen Unterkunft �berraschend originelle Kleiderhaken. Diese waren an den Innent�ren befestigt, bestanden aus stabilem Kupferdraht, und jeder von ihnen war etwas unterschiedlich geformt. Die Haken waren eindeutig das Werk eines heimischen Bastlers � aber was f�r eines! Alle Drahtenden wurden mit witzig gerollten Kringeln abgeschlossen, und diese neigten sich in unterschiedlichen Winkeln zueinander. An jeder Innent�r befanden sich mehrere solche Haken-Ensembles, ihre Anordnung hatte etwas Harmonisches, von peinlicher Spie�igkeit keine Spur. Vor allem die geringelten Enden besch�ftigten mich eine ganze Weile, ihr Zweck war mir ein R�tsel. Die verspielt wirkenden Drahtenden lagen flach am Holz der T�ren, zu etwas Praktischem konnten sie nicht kreiert worden sein. Irgendwann fiel mir eine f�r das Innent�rereignis passende Formel ein: NUR SO. Die Drahtenden waren� nur so �gebogen, in den Nutzalltag ohne jegliche Auflagen entlassen worden. Ein viel gescheiterer Mensch als ich, der meine Mutter bei einem Empfang in der israelischen Botschaft mit massiven Flirtattacken bedr�ngt hatte, h�tte dazu ein mittel- bis schwergewichtiges Diktum abgeben k�nnen � beispielsweise dieses:�Dann liegen die Kunstwerke nackt vor der Pr�fung ihres cui bono, vor dem sie allein das l�chrige Dach der heimischen Kultur beh�tet. �Die Werke dieses Mannes h�tte ich damals noch nicht verstehen, deswegen ihn auch nicht adorieren k�nnen, seinen wunderbaren Namen � Theodor W. Adorno � pr�gte ich mir aber f�r immer ein. Auch �ber seine Vitalit�t wu�te ich dank meiner Mutter auf einen Schlag Bescheid.</p><p>��Wir haben uns in Paris schon mal gesehen, nicht wahr, Verehrteste?</p><p>��Nein, Herr Adorno, das h�tte ich mir sicher gemerkt.</p><p>��Also war das in Rom? Widersprechen Sie mir bitte nicht!</p><p>Mein n�chster Outdoor-Trick bestand darin, da� ich versuchte, den festgelegten Zweck der Dinge nicht sofort zu bejahen, sondern die Dinge erst im vorverdauten Zustand an mich heranzulassen � sie mir von anderen Menschen sozusagen vorkosten zu lassen. Und manchmal gelang mir dann tats�chlich, das Erlebnisvergn�gen anderer zu simulieren. Meine Rettung waren aber haupts�chlich � wie bereits mehr als reichlich angesprochen � immer wieder die Frauen. Nur Frauen konnten mir einen dauerhaften, mit der Wirklichkeit der anderen harmonierenden Zugang bieten, und ich ahnte, da� ich ohne das frauliche Fluidum niemals eine Berechtigung f�r einen einigerma�en befriedigenden Realit�tszugriff bekommen w�rde. Dank der Frauen war mir die egal wie fragw�rdige Problemnormalit�t doch einigerma�en vertraut, und ich konnte immer wieder auch meinen Zukunftsglauben auffrischen. Dieses keusche undselbstlose An-die-Hand-Nehmen ist einer der Gr�nde daf�r, warum ich allen weiblichen Wesen f�r immer etwas schuldig bleiben werde.</p><p>Aus Dankbarkeit vervollkommnete ich mit der Zeit meine Begabung, in den Frauen grunds�tzlich nur ihre Sch�nheit zu sehen, auch wenn manche von ihnen mit ihr nicht �berm��ig beschenkt worden waren. Ich liebte es, den zur�ckgesendeten Blicken ablesen zu k�nnen, da� mein Interesse angekommen war und meine Aufmerksamkeit, meine Hochachtung angenommen worden waren. Seltsamerweise war diesem Spiel immer etwas beigemischt, was ich zum Gl�ck auch noch erkannt hatte. Als Mann besa� ich eine d�mmlich-ungerechte Definitionsmacht, eine Macht, um die ich niemanden gebeten hatte, die mir einfach aus geheimen Naturquellen zuflo� � und f�r die ich nie zu bezahlen brauchte. Letzten Endes ist die Natur aber doch gn�dig und auf einen Ausgleich bedacht. Beim handfesten Geschlechterkampf setzen die Frauen mitunter schwere Waffen ein, und ich war froh, �ber meine mir geschenkten Krafthebel Bescheid zu wissen. Meine Mutter war bekannterma�en auch keine einfache Gegnerin. Bei Machtspielen in der Kindheit wu�te ich immer von vornherein, wie diese ausgehen w�rden: Ich w�rde schreien, bis mir der Atem wegbleiben w�rde, und meine Mutter � gl�cklich, da� ich trotz des stumm aufgerissenen Mauls immer noch lebte � w�rde mich tr�sten.</p><p>Wie ich schon einmal geschildert habe, machte es mir nichts aus, gelegentlich ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, und ich verstand nicht ganz, warum die meisten Menschen diese Einrichtungen so verabscheuen. Es ist an sich sowieso seelenges�nder, sich �berall � eben auch im Krankenhaus � gl�cklich zu f�hlen. Ob man dort nun als Protektionskind oder als l�stiger Greis liegt. In den Prager Krankenh�usern tummelten sich immer schon, war mein Eindruck, Unmengen an reizenden und interessanten Damen, die angewiesen und auch gern bereit waren, sich um einen mit Hingabe und Begeisterung zu k�mmern. Ihre schwesterlichen Blicke waren voller Glanz und hatten wenig mit einge�bter Professionalit�t zu tun. Wenn ich mir pers�nlich einen oder mehrere Knochen brach oder fleischlich verletzt wurde, war ich nicht verzweifelt, sondern bereits auf der Liege im Krankenwagen �beraus froh. Ich wu�te, da� man mich am Ziel schon voller m�tterlicher Vorfreude erwartete. Als ich sp�ter einmal kollabiert war und auf dem Boden lag, fieberte ich einerseits der Rettung durch die von mir hochgesch�tzte Technik, andererseits den vielen lieben Helferinnen entgegen. Wenn sogar mehrheitlich sch�ne �rztinnen statt �rzte an meiner Wiederbelebung beteiligt waren, war ich im siebenten Himmel. Da� ich bei manchen meiner Unf�lle h�tte sterben k�nnen, kam mir nie in den Sinn. So etwas pa�te nicht in meine Lebensplanung. Meine Retter w�rden es niemals zulassen, die auf mich wartende Zukunft leer ausgehen zu lassen. Wegen dieser Zuversicht konnte ich, wenn meine Verzweiflung allzu gro� war, ohne weiteres auch gr��ere physische Risiken eingehen. Ich konnte zum Beispiel auf einer mehrspurigen Stra�e zwischen den Autos laufen, irgendwo unterwegs aus den Stra�enbahnen springen, nachts auf meinem nicht beleuchteten Rennrad durch die Stadt rasen und mich bei Bedarf an fahrenden Lastautos festhalten.</p><p>Meine Fokussierung auf die Frauen war selbstverst�ndlich auch l�stig � auch f�r mich, versteht sich. Ich konnte keine Stra�e entlanggehen, ohne meine Glotzaugen pausenlos in Zoombereitschaft zu halten. Ich war darauf trainiert, meine Linsen sofort scharf zu stellen, wenn in mein Sichtfeld etwas Frauen�hnliches geraten sollte. Jegliches Nachdenken war w�hrend dieses fruchtlosen Lauerns nicht m�glich. Wenn die gewitterten Objekte endlich auftauchten, wurden sie konzentriert auf Sch�nheit und auf sonstige f�r die Arterhaltung wichtige Merkmale untersucht. Dabei zogich meinen Hals manchmal so in die L�nge, da� es knackte. Zus�tzlich wurden die Zielpersonen ganzk�rperlich ausgeleuchtet und nat�rlich gleich aus irgendeinem, dem erstbesten Grund als Beute verworfen. Ich hatte in der Regel ja etwas anderes zu tun oder w�re meistens gar nicht in der Lage gewesen, den Mund aufzutun.</p><p>Zum Gl�ck wu�te ich aber, da� ich in der Glotz-Hinsicht nicht allein auf der Welt war. Als einmal eine hochgewachsene, devisen-modisch gekleidete und stark geschminkte junge Sch�nheit mit einer riesigen blonden M�hne unsere Gegend durchquerte, sah ich, wie im Handumdrehen das Leben mehrerer Stra�enz�ge in Aufruhr geriet. Es war schwer zu fassen, was eigentlich geschah, f�r meine wache Person war dieses Aufhorchen eines halben Stadtteils aber nicht zu �bersp�ren. Alle sichtbaren Lebewesen standen pl�tzlich wie unter Strom und waren voller endloser Neugier. Die komplette Menge der auf der Stra�e vorhandenen M�nner verwandelte sich in ein Rudel, das gerade durch eindeutige Alarmsignale informiert worden war. Es herrschte eine Stimmung wie in einer ausged�rrten Steppe oder in der winterlichen Taiga � jedenfalls wie in einer von Durst oder Hunger (oder von beiden) beherrschten Gegend. Eine Welle der sch�umenden Erwartung sauste nur so um die Ecken. Pl�tzlich erschienen dort neue und neue M�nnerk�pfe mit aufgerissenen Augen, aus allen Nebenstra�en kamen Individuen angeh�pft, um danach zu forschen, was f�r eine Sensation durch unser Viertel marschierte und mitten am Tag die Alltagsketten zu sprengen drohte. In manchen Gesichtern sah man sogar leichte Angst. Vielleicht meinten diese Vorsichtigen, ein Aufstand w�re im Gange oder ein Aufwiegler gerade dabei, ihn auszurufen. Diese Individuen hatten beinah recht � unser Viertel war von einem Aufstand nicht weit entfernt.</p><p>Als ein Mensch, der f�r die Realit�t irgendwann zugelassen werden und deswegen auch den Zweck seiner Zw�ngekennen wollte, mu�te ich mich fragen, auf welche Ziele meine Glotzerei eigentlich ausgerichtet war. Zumal es sich um ein Massenph�nomen des Weltm�nnertums zu handeln schien. Ich wollte also unbedingt wissen: Wohin sollen die Glotzaktivit�ten f�hren? Wie k�nnten diese Vorg�nge enden, und welche Erl�sungsvarianten b�ten sich uns M�nnern �berhaupt an? Die Antwort war eindeutig: Die leere Glotzerei f�hrt zu gar nichts, man sollte sie sich lieber sparen. Wenn sie im Alltag in eine griffige und gut geschmierte Realit�t �bergehen sollte, m��te sie in kurzen k�rperlichen Ber�hrungen der anvisierten Weibchen m�nden � in kurzem Schmusen, Dr�cken, Streicheln� im Lippenrutschen an ihren gestreckten H�lsen� und vielleicht in einem kr�nenden Ku� am Haaransatz hinter dem Ohr. Und was dann? Wie w�rden die Fortsetzung und die endg�ltige Befreiung aussehen? Sollte man sich anschlie�end mit hektischem Hin- und Hergeschiebe irgendwo vor fremden Menschen l�cherlich machen? Und wohin mit dem unvermeidlichen Ejakulat? Wie abwischen? Wohin entsorgen? Womit auswaschen oder von der Kleidung b�rsten? NICHT DOCH! Blo� nicht!</p><p>Manche Dinge mu� man einfach s�uberlich aufschreiben, um ihren Idiotiewert zu erkennen. Die zum Sackgassendasein verurteilten Glotz-Vorhaben sind l�cherlich, und man sollte sich h�ten, sich zu ihnen �ffentlich �berhaupt zu bekennen. Das Dilemma bleibt einem trotzdem erhalten, der Drang nach dem optimalisierten Abgrasen der m�glicherweise frei verf�gbaren Gl�cksangebote ebenfalls. Eine Befreiung vom Glotzdrang wird einem nur der Tod oder eine schwere Krankheit bringen. Trotzdem sollte man bei dem inneren Diskurs nicht schlappmachen, alle Modalit�ten zu Ende denken und gegeneinander abw�gen. Leider stolpert man dabei gleich �ber die n�chste und �bern�chste Schwierigkeit! Wie soll man die eigene Not einigerma�en kulturvoll in ein Damenohr trichtern? Gibt es vielleicht besondere, ausgesuchte Frauengestalten, mit denen man � im Rahmen einer gef�hlvollen Ann�herung, versteht sich � �ber sich als DEM SCHWEIN DER KULTURGESCHICHTE diskutieren k�nnte?</p><p>Es ist nat�rlich angenehmer, wenn man solche und �hnlich unter Samenbl�schendruck geratenen Angelegenheiten an anderen Mannesexemplaren studieren kann. Einmal sah ich unseren kiezeigenen alternden Dichter die Mickiewiczstra�e langgehen. Der kleinw�chsige Mann lief wie gewohnt etwas geb�ckt, hielt seinen Oberk�rper auch seitlich nicht wirklich gerade, seine ganze Erscheinung pr�gte notgedrungen eine gewisse Achsenkr�mmung. Wenn aber junge M�dchen irgendwo auftauchten, richtete sich der Mann kerzengerade auf. Er wurde ein St�ck gr��er, zog auch seinen Hals in die L�nge und zutschte sich mit seinen w�rmesensorischen Augen an die jungen K�rper heran, fixierte ihr venendurchschl�ngeltes Fleisch wie ein Vampir. Seine Augen glitten gerade noch �ber die D�cher der parkenden Autos; er konnte also unauff�llig in Bewegung bleiben, ohne da� ihm irgendwelche Details der lebensfrohen Weiblichkeit entgehen konnten. Er kostete alles aus, was zu haben war, lief insgesamt etwas langsamer, beschleunigte nur, wenn ihm ein parkender Transporter oder ein h�heres Fahrzeug den Blick zu versperren drohten. Und er zuckte wie ein �berraschtes Wiesel zusammen, wenn die M�dchen seine Observationsman�ver bemerkt hatten.</p><p>Beim jahrelangen Gr�beln dar�ber, wieso man fremde Blicke sp�ren kann, kam ich eines Tages auf die L�sung � unabh�ngig von Rupert Sheldrake und im partiellen Widerspruch zu ihm. F�r mich steht fest, da� wir Menschen so etwas wie einen optischen, besser gesagt SEHZENTRUM-GEST�TZTEN WITTERUNGSSINN besitzen. Ob die Entscheidung, aufrecht zu gehen, in der Steppe oder noch auf den B�umen fiel, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle � den feinen Geruchssinn der Vierbeiner mu�te derAustralopithecus, nachdem er sich aufgerichtet hatte, sowieso ablegen. Daf�r sollten unsere Vorfahren die M�glichkeit bekommen, ihre frei gewordenen Gehirnkapazit�ten f�r die Vervollkommnung ganz anderer F�higkeiten zu nutzen: Unter anderem f�r das m�glichst sichere Sp�ren von Blicken. Der Blickkontakt wurde zur differenzierten Verst�ndigung beispielsweise auch immer wichtiger � das Augenwei� wurde sichtbar, die Augenbewegungen nutzte man bei der Jagd verst�rkt zur lautlosen Kommunikation. Und der Geruchssinn verk�mmerte rapide weiter.</p><p>Die Tiere sp�ren � im Gegensatz zu uns Menschen � nicht unbedingt, wenn sie von den Blicken fre�gieriger Feinde verfolgt werden. Wenn der Wind g�nstig steht, kann sich die jagende L�win ihre Antilopen so lange ansehen, wie sie will. Der Australopithecus mit seinem verk�mmerten Geruchssinn mu�te sich aber unbedingt schnell umstellen, um nicht ahnungslos angefallen und gefressen zu werden. Er mu�te lernen, BLICKE ZU RIECHEN. Was der aufrechte Gang auch noch mit sich brachte, tut einem � nebenbei gesagt � heute noch weh: Bei diesem folgenschweren Vorgang KLAPPTEN DIE WEIBCHEN IHRE WARMEN �FFNUNGEN KALTM�SIG ZWISCHEN DIE BEINE, und die M�nnchen kamen nicht umhin, ihr Aggregat gef�hrlich vorgelagert zu tragen.</p><p>Das Nachdenken �ber meinen Gesichtssinn besch�ftigte mich mein Leben lang. Ich gr�belte oft �ber die Probleme der Kraft und Durchdringlichkeit meiner � auch geschlechtsindifferenten � Glotzereien nach, weil mein Glotzen den meisten meiner Mitmenschen in der Regel nicht gefiel. Ich entdeckte bei passenden wie unpassenden Gelegenheiten, wie unangenehm ich aufgefallen war, in manchen Haushalten galt ich sogar als schlecht erzogen. Und nachdem ich mehrmals erlebt hatte, da� sogar ehrw�rdige M�nner unter meinen Blickattacken zittrigen Respekt vor mir bekamen, wurde ich stutzig. Zum Gl�ck war ich nicht wirklich �berheblich und wu�te, da� mir eigentlich nichts Derartiges zustand. Bei meinen Streifz�gen mit meinen ausgefahrenen Glotzorganen benahm ich mich im Grunde unschuldig, hatte nichts B�ses im Sinn, wollte niemanden einsch�chtern, provozieren oder vom Sockel st�rzen. Ich wollte den Ehrenm�nnern, wie es �berall meine Art war, nur kurz und tief in den Raum hinter ihren Augenh�hlen schauen. Auch physikalisch gesehen ist es ein eher einfacher Vorgang � k�nnte man meinen. Aber: Kamen dabei nur harmlose Lichtsignale durch meine Netzhaut in mein Gehirn hinein, oder sendete mein Sch�del zus�tzlich geheime Strahlen in die umgekehrte Richtung? Trotz meiner Skepsis und meines diskreten Gr�belns verf�hrten mich meine Erfahrungen doch irgendwann dazu, da� ich leichte Gr��enphantasien entwickelte � ohne da� ich begr�nden konnte, auf welchen F�higkeiten oder Verdiensten diese �berhaupt beruhten. Ich wu�te aber nur zu gut, da� es mir ein leichtes war, bestrafungsw�rdige Rivalen auch vollkommen wortlos zu depotenzieren.</p><p>Ich sprach meine diesbez�glichen Erkenntnisse eine Ewigkeit nicht aus, behielt sie lieber f�r mich. Zu dieser Vorsicht hatte mich ein kleines Fr�herlebnis angehalten. Als ich einmal eine harmlose und f�r mich v�llig allt�gliche Beobachtung ausgesprochen hatte, merkte ich, wie alle Umstehenden � auch diejenigen, die von meiner Bemerkung gar nicht betroffen waren � mi�trauisch versteiften. Dabei war das, was ich ge�u�ert hatte, ganz und gar aggressionsfrei � jedenfalls im Vergleich zu meinen sonstigen Denk-Ketzereien. Ich sagte etwa folgendes:</p><p>��Wenn sich M. nach etwas umdreht, hebt er immer den Kopf leicht nach oben, dabei spannt sich sein Hals irgendwie an � und diese Spannung zieht sich bis zu seinem Augenwinkel. Er sieht dann pl�tzlich so �berheblich aus.</p><p>Eine arglose Bemerkung, k�nnte man meinen. Da meine Zuh�rer aber so irritiert reagierten, sp�rte ich, da� mein Spruch alles andere als harmlos, sondern unanst�ndig war � und ich wurde rot. Den Grund f�r die leichte Angst der Leute erkl�rte ich mir erst nachtr�glich, als ich wieder allein war. Weil ich in der Runde preisgegeben hatte, wie genau ich mir andere Menschen ansah � und wie gewohnt ich es anscheinend war, einiges auch zu benennen � , schwante allen, da� ich offenbar in der Lage war, aus jedem von ihnen etwas hervorzudeuten.</p><p>��Guckst du dir alle M�nner so genau an? Pa� auf, sagte einer noch, um meine Err�tung gegen mich auszuspielen.</p><p>Da� meine durchdringenden Blicke den meisten Menschen nicht behagten, da� sie sich von mir bel�stigt f�hlten, hatte leider einige handfeste Gr�nde. Alle diese Vorsichtigen lagen mit ihrem Mi�trauen also nicht ganz falsch. Hinter meiner Glotzerei stand nat�rlich auch so etwas wie das Verlangen nach KORREKTUREN. Ich h�tte dem einen oder anderen manchmal doch ganz gern ins Gesicht gegriffen und irgendwelche Unvollkommenheiten geradeger�ckt � Warzen abgekniffen, Muttermale wegradiert, Tr�nens�cke ausgewrungen, Mundwinkel hochgezogen, Runzeln gegl�ttet. Ab und an h�tte ich am liebsten aber auch tiefere Einschnitte vorgenommen, mich direkt zu den Seelen meiner Forschungsobjekte vorgearbeitet. Dank der bei mir irgendwann angekommenen Erkenntnis, da� f�r die meisten fleischlichen Oberfl�chensch�den der Menschen ihr Seelenleben verantwortlich ist, h�tte ich f�r diese Eingriffe auch eine klare wissenschaftliche Grundlage gehabt. In mir steckte nicht etwa ein geborener Therapeut � das, was ich anzubieten h�tte, h�tte man eher� Aktionistisches Modellieren �nennen k�nnen. Ich h�tte mir die Ungl�cklichen am liebsten mit Hilfe von fein-invasiven Mei�eln vorgenommen, h�tte mich an die Gr�nde f�r ihre Zukunfts- und Gegenwartsbitternis mit gezielt-angemessener Gewalt herangemacht, w�re in ihre eiternden Vergangenheitsgeschw�re getaucht, h�tte ihren Groll so schnell wie m�glich drainagiert, ihre Spannungen in die richtigen Kan�le geleitet undihre Wunden unter freiem Himmel ausschw�ren lassen. Ich h�tte den Blick der Menschen damit so schnell wie m�glich nur f�r die Wunder der Gegenwart frei gemacht. Ihre Haut w�rde sich daraufhin schon von allein straffen, ihre Tr�nens�cke w�rden sich eigenst�ndig trockenlegen und ihre Warzen eines Morgens einfach abfallen.</p><p>Diejenigen, die sich trauten, meine Blicke als eine Provokation aufzufassen, mu�ten notgedrungen auch ihre Wut zeigen.</p><p>��Was glotzt du, du Idiot.</p><p>��Renn mal gegen, sagte einer zu mir und hielt mir seine Faust entgegen.</p><p>Wenn ich meine Blicke absolut nicht unter Kontrolle hatte, immer wieder hinsehen mu�te und die Bel�stigten keinen weiteren Rat wu�ten, machten sie mir auch konkrete Angebote.</p><p>��Pr�gel gef�llig?</p><p>Die Blicke, die ich auf Frauen richtete, waren selbstverst�ndlich hochgradig bed�rftig. Diese weicheierischen Anteile kannte ich nur zu gut, wu�te aber lange nicht, wie leicht sie von Dritten durchschaut werden k�nnten. Als ich die vergleichbar ungesch�tzt hinausposaunte Bed�rftigkeit endlich unter die Lupe nahm, Blicke von M�nnern, die sich �hnlich armselig aufgef�hrt hatten, freilegte, wu�te ich schlagartig Bescheid. Ein Freund von mir schaute einer jungen Rezeptionsdame beim Verlassen eines Provinzhotels so lange und intensiv in die Augen, bis diese ihn anl�chelte. Ich fand die Situation furchtbar kindisch, und mein bester Freund tat mir leid. Aber ich sollte vielleicht nicht allzulaut kr�hen. Einmal fuhr ich durch die halbe Stadt in eine bestimmte Kneipe, um mir den Arsch einer Kellnerin von nahem anzusehen. Am Tag hatte ich sie und ihr Hinterteil nur fl�chtig aus der Stra�enbahn gesehen und war so unruhig geworden, da� ich noch einmal antanzen mu�te. Ich wollte diese Frau ganzheitlich und von allen Seiten begutachten.Nach der vollkommen sinnlosen Recherchefahrt hoffte ich, mich nie wieder auf ein solches Abenteuer einzulassen. Die Frau wirkte n�mlich � Arsch hin oder her � alles andere als gl�cklich, ihr Gesicht war � Ungl�ck hin oder her � schon von Natur aus disharmonisch, und mit ihrer gro�porigen Haut stimmte etwas nicht. Au�erdem fehlte ihr ein Backenzahn.</p><p>Um wieviel sch�ner waren dagegen, erinnerte ich mich, die alten Frauen unten den bl�henden Prager Linden! In jeder Saison gingen sie mit ihren Haushaltsleitern wenigstens einmal auf Wanderschaft. In unserer Gegend standen dann Unmengen von Omas in unterschiedlich luftiger H�he � �berall dort, wo die gelbstrahlenden �ste der Linden einigerma�en niedrig hingen. Alles duftete, die Frauen pfl�ckten die Bl�ten, und man konnte ihnen unter die R�cke sehen, wenn man Interesse am Wissen �ber die Heilwirkung der Lindenbl�te zeigte.</p><p>In der Kindheit hatte ich die naturdiktierten, geschlechtsgepeitschten Verhaltensstandards dauernd vor Augen. Ich sah, was zwischen M�nnern und Frauen im Prager Menschenzoo vor sich ging und offenbar auch nicht anders als auf diese kanonisierte Art zu laufen hatte. N�mlich wie am Flie�band und ohne jegliche Skrupel. Ein Herr Professor, der bei uns im Haus wohnte, schleppte dauernd sch�ne junge Studentinnen in seine Wohnung. Er war Junggeselle und lebte mit seiner uralten tauben Mutter zusammen. Ich sah ihn oft mit seinen reizenden Begleiterinnen im Treppenhaus, weil ich dort regelm��ig mit einem Tennisball Fu�ball spielte. Ihm gefielen nur sch�ne Frauen, sagte er einmal einem Freund meiner Mutter, der seinen vortrefflichen Geschmack gelobt hatte. Auch die Bekannten meiner Mutter � allesamt verheiratete M�nner � waren keine korrektiv tauglichen Bespiele f�r mich. Einige von ihnen unterhielten feste Beziehungen nicht nur zu ihren Zweitfrauen, sondernparallel auch noch zu ihren wechselnden Drittfrauen. Als Thema waren Untreue, Doppeltreue oder Trippeltreue bei uns immer pr�sent � und nie als etwas Au�ergew�hnliches oder Anst��iges kommentiert worden.</p><p>Bei meinen Beobachtungen ignorierte ich keinesfalls Einzelg�nger, die etwas anders funktionierten als die Mehrheit. Auch wenn ich manches lange �berhaupt nicht nachf�hlen konnte. Ein Bekannter meiner Mutter war beispielsweise entz�ckt von dicken Frauenwaden, sprach von ihnen mit einer solchen Hingabe und Offenheit, da� man ihm diese Vorliebe glauben mu�te. Mir blieb seine Leidenschaft so lange fremd, bis mir einmal auffiel, wie dieser Mensch pl�tzlich die Beine meiner Mutter zu fixieren begann. Im Normalzustand waren ihm ihre Waden und Schenkel sicher nicht dick genug, meine Mutter hatte ihre Beine aber gerade �bereinandergeschlagen � und ihre oben liegende Wade war dadurch breiter geworden, beulte sich aus und wirkte ungew�hnlich volumin�s. Der Mann war wie gel�hmt und zu einem vern�nftigen Gespr�ch nicht mehr f�hig. Er begann stotternd von seinem gro�en Ungl�ck aus alten Zeiten zu erz�hlen. Eine Jugendliebe von ihm � die Frau mit den dicksten Waden, die er sich ertr�umen konnte � hatte ihn von einem Tag auf den anderen verlassen und jemand anderen geheiratet. Und dieser Rivale hatte diese Wadenbeste als sie ihm insgesamt zu dick wurde � wiederum eines Tages verlassen. Selbstverst�ndlich hatte der Schuft diese Frau in ihrer ganzen Dickwadigkeit nie gew�rdigt.</p><p>Die ersten Vorgespr�che zum Thema� Die Frau und der Alltag �und� Das Mysterium des Zusammenlebens �f�hrte ich ausgerechnet mit ebendiesem wadenbesessenen Sonderexemplar von Mann, der sich zu einem partiellen Misogyn entwickelt hatte und in einer katastrophalen Ehe-Notgemeinschaft vegetierte. Auf meine freudig erregten Fragen bekam ich deswegen entsprechend h��liche Antworten.- Es ist furchtbar, tagt�glich die gleiche Frau� Sie putzt sich ausgerechnet dann die Z�hne, wenn man ins Bad will. �berall liegt ihre Unterw�sche herum.</p><p>��Aber das, genau das ist doch das Sch�ne daran. Jeden Tag zu sehen, wie sich die Frau, die EIGENE FRAU ihre Z�hne neben einem putzt� und die Unterw�sche dauernd durch die Luft wirbeln l��t!</p><p>��Nein! Glaub mir, Georg, das alles geht einem nur noch auf den Geist. Wenn sie zum Beispiel Schnupfen hat, bleibt im Waschbecken ihre angetrocknete Rotze dauernd kleben und l��t sich ohne Ber�hrung nicht wegsp�len. Eklig ist das. Au�erdem immer wieder diese blutigen Binden! Und wie die im M�lleimer stinken � schon nach k�rzester Zeit! Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Am n�chsten Tag willst du einfach nur raus auf die Stra�e, und du bleibst dort, so lange du laufen kannst.</p><p>Als ich bei einem Sport- und Turnfest in einem riesigen Prager Stadion Zehntausende braungebrannte nackte Frauenbeine gesehen hatte, wurde mir das Problematische meiner gro�fl�chig keimenden Sehns�chte �berdeutlich bewu�t � trotz meines zarten Alters. Die un�bersehbare Menge an Frauen, die es auf der Welt gab � im und au�erhalb des Stadions � , war an sich schon ein Grund zum Verzweifeln. Dieses Meer konnte ein Einzelwesen niemals mit Gl�ck beschenken. Dabei war jede dieser Frauen � jedenfalls nach den mir gerade pr�sentierten schlanken Beinen zu urteilen � eine umwerfende Sch�nheit. Jede von ihnen h�tte ein gl�ckliches Leben verdient, jede von ihnen versprach jedem einigerma�en seh-potenten Mann Gl�ck und Erf�llung. Auf der Zuschauertrib�ne sa� ich neben meiner Mutter und war lange sprachlos. Nachtr�glich sprach ich tagelang nur von den sch�nen Frauenbeinen, von nichts anderem � von diesen Zehntausenden und Abertausenden Beinen. Das Sportstadion Strahov ist � jedenfalls was die 60 000 Quadratmeter, also ganze ACHT Fu�ballfeldergro�e Turnfl�che betrifft � das europaweit gr��te Stadion. Die Fl�che konnte also auch die gr��te Menge an synchron turnenden Frauen aufnehmen. Das Sportliche, Harmonische, die Gleichzeitigkeit der Arm- und Beinbewegungen, die geometrischen Muster, die die Turnerinnen auf der riesigen Fl�che entstehen lie�en, alles, was ich sah, spielte f�r mich eine nur untergeordnete Rolle. Was sich mir eingebrannt hatte, waren ausschlie�lich die nackten Beine. Notgedrungen dachte ich sp�ter aber auch daran, da� sich alle diese drei�igtausend Frauen zweimal t�glich die Z�hne putzten � oder es zumindest h�tten tun sollen.</p><p>In meiner unmittelbaren N�he ging es punktuell aber auch ausgesprochen triebschwach zu � sogar bei einem jungen m�nnlichen Wesen. Er war mein Mitsch�ler, schien unter der Turnhose so gut wie penislos zu sein, au�erdem war er dicklich, langsam, trotz allem aber �u�erst freundlich. Sein Vater arbeitete � wie meiner � bei der� Geheimpolizei�. Dieser Bursche hatte bekannterma�en ein k�rperliches Geheimnis und durfte als einziger w�hrend des Unterrichts ungefragt auf die Toilette gehen. Worin sein Geheimnis bestand, wu�te leider niemand so recht. Als ich einmal vom Arztbesuch in die Schule kam und unerwartet die Toilette betrat, hockte dieser Leisetreter mitten im Raum oberhalb eines Fu�bodenabflusses und urinierte. Wir l�chelten uns an. Da wir beide gewisserma�en zum geheimpolizeilichen Nachwuchs geh�rten, habe ich �ber seine frauliche Art zu pinkeln niemandem etwas erz�hlt.</p><p>Dieses arme Gesch�pf hatte au�erdem eine von einer Herzoperation stammende Narbe mitten auf der Brust, und diese wurde in den Sommermonaten oft sichtbar. Weil der Bursche ein unsicherer, wehrloser Mensch war, mu�te er seine Narbe oft vorzeigen und sich bl�den Fragen aussetzen. Manche wollten immer auch noch mehr sehen, fragten ihn nach weiteren Narben. Vielleicht� da unten�? Au�erdem besa� er eine dauerhaft flie�ende Augenh�hle.Entlang seiner Nase bildete sich im Laufe jedes Vormittags eine braune Spur, die oft bis zu seiner Oberlippe reichte, in seinen Mundwinkeln nisteten immer H�ubchen von wei�lichem Schaum. Wahrscheinlich erleichterte er sich eben � vorsorglich libidin�s, k�nnte man meinen � auf diese Weise, tropfte gleich oben am Kopf aus. Im gro�en und ganzen war er ein neidloser und g�tiger Kerl. Als ich ihn nach vielen Jahren traf, war er rund und sah vollkommen zufrieden aus. Zu diesem Zeitpunkt war er auf alle F�lle viel gelassener als ich, der im Leben an der Seite von fraulichen Wesen noch einiges durchzustehen hatte.</p><p>�brigens: F�r Theodor W. Adorno und seine triebgesteuerte Attacke hatte meine Mutter gro�es Verst�ndnis. Adornos Frau sei so furchtbar h��lich, meinte sie.</p><empty-line/><p>beachte den einbrecher nicht � wir werden ihn einfach ignorieren</p><p>Auf mein formbares Wesen hat unter anderem auch ein sportives Prachtexemplar von Mann einen eindeutig positiven, wenn nicht sogar voranpeitschenden Einflu� gehabt. Es war der �u�erst bewegliche Herr Z�topek, der ber�hmteste tschechische Langstreckenl�ufer aller Zeiten. F�r diese Einflu�nahme reichte es vollkommen aus, da� Z�topek ab und zu an mir � und meistens nur am n�rdlichen Rand meines Wirkungsreviers � leise und unauff�llig vorbeihuschte. Er durfte oder wollte nicht abtrainieren, lief viel und oft und wurde manchmal auch im Osten beim Stalindenkmal, im Westen bei der Milit�rakademie und in der N�he der Burg gesichtet. Er war kein junger Mann mehr, aber wie schnell er immer noch laufen konnte! Sich im Leben zu behaupten und mit anderen mitzuhalten w�rde nicht leicht sein � das war mir schon damals klar. Z�topek mu� in der Villengegend gewohnt haben, die hinter dem Sportplatz meiner Schule lag. Einmal sa� er auf einer Parkbank, a� Kirschen und schnipste die Kerne in unsere Richtung. Er bescho� also meine wehrlose, in einer geordneten Formation zum Sportunterricht marschierende Klasse und l�chelte zweideutig. Jeder wu�te, wer Z�topek war, und jeder zitterte vor Angst � allerdings nicht wegen seiner Kirschkerne, sondern weil uns mehrere lungenverbrennende Aufw�rmrunden auf unserer verha�ten Aschenbahn bevorstanden.</p><p>Skopka brauchte keinen Stoffhasen vor der Nase wie ein Windhund, Petr Skopka sch�pfte gen�gend Antrieb aus gehirneigenen Quellen. Er reifte daher viel schneller als ich, und sein Tun wurde substantieller � es gedieh auch weitgehend schleim- und nackthaut-unabh�ngig. Trotz seiner Vern�nftigkeit blieb Skopka seinem t�dlich-destruktiven Bastlertum allerdings treu. Und weil er f�r alle radikalen Innovationen nach wie vor offen war, war er konsequenterweise dazu bestimmt, irgendwann systemgef�hrdend zu werden. Auf diese Weise hielt ich mich dauerhaft in der N�he eines Individuums auf, das gro�en �rger zu veranstalten drohte und das fr�her oder sp�ter wirklich �rger bekommen sollte.</p><p>Skopkas n�chste Gef�hrdung unserer friedliebenden Republik wirkte anfangs vollkommen harmlos. Er war Abonnent der Jugendzeitschrift� ABC der jungen Techniker und Naturwissenschaftler�, und umtriebig wie er war, fand er immer noch Zeit, alle m�glichen, dort propagierten Aktivit�ten mitzumachen. Die Zeitschrift stiftete ihre jungen Leser an, das und jenes zusammenzufummeln, zu verbessern oder selbst zu erfinden � und man versprach den Flei�igsten von ihnen, Artikel �ber ihre Flei�arbeit abzudrucken. Alle zuk�nftigen T�ftler und Nachwuchswissenschaftler waren wie elektrisiert. Ein Mitsch�ler aus unserer Parallelklasse berichtete in einer Glosse emp�rt, wieviel Wasser der Volkswirtschaft verlorenginge, wenn alle B�rger ihre Wasserh�hne leichtsinnig tropfen lie�en. Er hatte eine Stunde lang Wasser in einen Me�becher tropfen lassen, dann mit 24 multipliziert, dann mit sieben, schlie�lich � aus Vorsicht, vielleicht war es eine kleine Zensurma�nahme � mit dem Hundertstel der Einwohnerzahl von Prag. Die Zahl, die er in seinem kurzen Artikel nannte, war schockierend. Und alle kamen auf die naheliegende Idee, da� sicher ungeahnt viele Nachbarn und Freunde ihre Wasserh�hne ebenfalls tropfen lie�en. Wir alle waren aufger�ttelt und hielten unsere sozialistischen Augen weit offen. Skopka winkte ab und korrigierte bald die publizierten Zahlen � allerdings nur klassenintern und m�ndlich. Sein Artikel, in dem er riet, die oft nicht erh�ltlichen Dichtungen aus den Wasserhahn-Spindeln herauszunehmen, sie einzufetten und umzudrehen, wurde nicht abgedruckt.</p><p>In einer anderen Nummer der Zeitschrift wurde der Vorschlag einer neuartig verbesserten Kneifzange ausgezeichnet. An einer der Backen war ein Huckel angeschwei�t, so da� man mit dem so erh�hten Hebel N�gel aller Hartn�ckigkeitsgrade herausziehen konnte. Das lie� Skopka wieder nicht ruhen. Er meinte, dieser viel zu schmale St�tzhuckel w�rde in dem beim Hebeln zu stark belasteten Holz h��liche Druckspuren hinterlassen. Und er reichte umgehend eine verbesserte Version dieser Erfindung ein, in der an ebendiesen Huckel ein abgerundetes breites Pl�ttchen angel�tet (hart angel�tet!) worden war. Sein Vater fertigte ihm auf der Arbeit eine professionelle technische Zeichnung dazu. Skopkas Vorschlag wurde daraufhin tats�chlich abgedruckt. Er wurde sogar pers�nlich in die Redaktion eingeladen und bald zu einem externen Mitarbeiter ernannt. Das war der Anfang seiner neuen steilen Karriere.</p><p>Die Zeitschrift� ABC der jungen Techniker und Naturwissenschaftler�(kurz� ABietschko �genannt) rief kurz danach eine Bewegung ins Leben, die auf Skopka wie zugeschnitten war. Es war die sogenannte Bewegung der� Raumschiff-Besatzungen�. Diese neuartigen Zellen der technikbesessenen Jugend bekamen sofort einen unglaublichen Zulauf. Offensichtlich regten die V�ter dieser Idee im Jungvolk das Bed�rfnis an, anders als staatlich gelenkt voranzukommen � oder es zumindest zu versuchen. Viele Jungs witterten nat�rlich auch die Chance, auf diese Weise den l�stigen Pioniernachmittagen zu entfliehen. Sie blieben zwar offiziell weiter Pioniere, bastelten aber lieber an ideologiefreien Modellen, trainierten f�r die Schwerelosigkeit oder pr�gten sich Sternbilder ein, um sich bei intergalaktischen Fl�gen eigenst�ndig orientieren zu k�nnen. Die Palette der Themen war endlos, die alle zwei Wochen erscheinende Zeitschrift lieferte unabl�ssig Anleitungen, Anregungen.Tips und weiterbildende Artikel. Viele der zuk�nftigen Kosmonauten h�rten aber bald auf zu basteln und schoben ihre Raumschiff-Aktivit�ten nur vor, um der organisierten pionierlichen Langeweile vollst�ndig zu entkommen. Und die ewigjungen, vielleicht auch etwas infantilen Initiatoren der Bewegung ahnten wahrscheinlich nicht, was sie eigentlich angezettelt hatten. Unbewu�t war dieser Zug aber eindeutig gegen die Einheitstuerei des Staates gerichtet. F�r diese These spricht, da� sich die einzelnen Raumschiff-Mannschaften stadtviertelweise und hierarchisch organisieren, im Grunde ein autonomes Netzwerk bilden sollten. Um sich� auszutauschen�, wie es hie�. Man tauschte sich tats�chlich manchmal aus. Und auch wenn es nicht der Fall war, f�hlte man sich trotzdem einer autonomen Br�derschaft zugeh�rig � einer Art Freimaurerloge f�r Heranwachsende. Zus�tzlich war man � trotz eines Minimalaufwands � schon so etwas wie ein potentieller Kandidat f�r die herannahende und sogar vertikale Flucht aus der h�uslichen Enge. Au�erdem w�rde man, nachdem man eines Tages in der kasachischen Steppe oberhalb einer Rauchwolke in den reinen Himmel stach, alle anderen Bewohner der Erde ihre Kleinheit sp�ren lassen k�nnen.</p><p>Die Karriereanf�nge der meisten Raumschiff-Aktivisten waren erst einmal bescheiden. Von heute aus kann ich aber trotzdem behaupten, da� das, was ich an Skopkas Seite erleben durfte, eine geschichtstr�chtige Relevanz hatte. Ich wurde im Grunde ein Zeuge des ersten zarten, aber brisanten Versuchs, eine revisionistische Bewegung in der Tschechoslowakei zu gr�nden � mehrere Jahre vor dem viel bekannteren Prager Fr�hling. Daher sollte sich, denke ich, die aktuelle Geschichtsforschung irgendwann meinem Freund Skopka und den anderen Weltraum-Aktivisten zuwenden und sie als so etwas wie kleine Dubceks w�rdigen. F�r meinen Freund Skopka w�rde es mich freuen. Nach alldem M�hsal und den kleinen, trotzdem schweren Anf�ngen.Wer h�tte beispielsweise von ihm, diesem versponnenen Trainer unschuldiger Fliegen, fr�her so etwas gedacht! Und wer h�tte geahnt, da� seine erste oppositionelle Tat ausgerechnet mit der Eroberung des Kosmos zu tun haben w�rde! Skopka, der Fliegenqu�ler, Skopka, der nach dem Ostblock-Zusammenbruch erste demokratisch gew�hlte B�rgermeister von Prag � dieser Petr Skopka half schon als Vierzehnj�hriger, an den Grundfesten der sozialistischen Gesellschaft zu r�tteln und eine politische Parallelstruktur aufzubauen. Und diese war, wie man sich denken kann, dem Sozialismus wesensfremd und h�tte nur zum Ende der Einheitsharmonie zwischen Volk und Partei f�hren k�nnen.</p><p>Unter dem Motto der ganzen Aktion� Das All ruft �ging es in der Bewegung aber trotzdem einigerma�en sozialistisch zu. Das allgemeine Fiebern hing nat�rlich eng mit dem aktuellen kaltkriegerischen Wettbewerb der politischen Systeme zusammen. Unsere fortschrittliche Gesellschaftsform sollte auch in der Zukunft die Nase vorn behalten � vor den frech aufstrebenden Amerikanern. Da Skopka zu den Gr�ndungss�hnen der Bewegung geh�rte, wurde er auf Anhieb Leiter des Netzwerks von Prag 6, also ein Koordinator der einzelnen Raumschiff-Besatzungen � der sogenannte� Gouverneur �unseres Stadtteils. Er kannte die Gr�ndungsv�ter der Bewegung pers�nlich und sa� in einem zentralen Gremium als Vertreter der Basis � in einer Art Buddelkasten-Politb�ro. Au�erdem war er ein wichtiger Ideenlieferant f�r die Treffs, Wettbewerbe und Bastelvorhaben. Er wirkte sogar bei einem Auftritt im Fernsehen mit. Skopkas sich eng um die Weltraumtechnologie rankende Zukunft schien gesichert zu sein. Und obwohl seine Zukunft ganz anders ausgef�llt zu sein schien als meine, gl�hte Skopka genauso vor Optimismus wie mein erotisiertes Ich.</p><p>Eine oppositionelle Bewegung ist aus der ekstatischen Zellteilung der Raumschiff-Besatzungen nat�rlich nie hervorgegangen, die Hysterie legte sich nach etwa zwei Jahren, und die Bewegung schlief irgendwann ein. Ihre Initiatoren � die Redakteure der Zeitschrift� ABC der jungen Techniker und Naturwissenschaftler�- wurden daher nie als politische Verbrecher belangt, mu�ten sich nie vor einem Strafgericht verantworten. Und auch Petr trafen keine disziplinarischen Ma�nahmen. Er bekam daf�r ganz andere Sorgen. Die Konflikte mit seinem Vater spitzten sich schon auf dem H�henpunkt seiner Gouverneurskarriere dramatisch zu, und ausgerechnet in der Zeit des massenhaften Vergl�hens der Raumkapselbewegung wurde er beinah Opfer einer Gewalttat � genau gesagt eines v�terlichen Wohnungseinbruchs.</p><p>�ber den Ern�hrungsterror von Frau Skopkov� habe ich bucheingangs schon kurz berichtet, das au�ergew�hnliche Werden ihres Sohnes hatte aber noch andere h�usliche Schattenseiten. Skopka litt dort nicht �berm��ig, seine Besch�ftigung mit technischen Dingen lenkte ihn zum Gl�ck ab � und �ber sein Zuhause sprach er sowieso ungern. Er war extrem neugierig, ausdauernd und organisatorisch begabt, da er aber ein eher praktisch denkender Mensch war, plagte ihn in der Schule ausgerechnet meine geliebte Mathematik. Er wollte und konnte beispielsweise � noch als Weltraumaktivist!�� nicht begreifen, warum eine Zahl gr��er wird, wenn man sie mit einer anderen Zahl zwischen NULL und EINS dividiert. Von solchen schwierig zu �berwindenden Denkh�rden hatte es in Skopkas Schulzeit sogar mehrere gegeben � und er brachte immer wieder schlechte Zensuren nach Hause. Da� er von seinem Vater regelm��ig geschlagen wurde, wu�te ich lange nicht. Mir war nur aufgefallen, da� er sich beim Umziehen vor dem Sportunterricht oft sehr schamhaft verhielt.</p><p>Einmal begleitete ich ihn nach Hause, sein Vater war �berraschenderweise schon da � und wollte die letzte, sicher endlich benotete Mathearbeit sehen. Petr murmelte, die h�tten wir noch nicht zur�ckbekommen. Das war ein Fehler � dieses T�uschungsman�ver aus niederen Motiven machte alles nur noch schlimmer. Skopkas nicht geschlechtlich, sondern vor Mi�trauen erregter Vater durchw�hlte daraufhin den im Flur liegenden Schulranzen, fand die Arbeit mit einer VIER MINUS � schlechter w�re nur noch die F�NF � und befahl dem Sohn, die Hose herunterzulassen. Ich begriff erst einmal nicht, was die beiden vorhatten � und w�re in meiner solidarischen Ahnungslosigkeit sogar bereit gewesen, mich auch auszuziehen. So etwas wie Z�chtigung gab es in meiner Welt nicht, Schl�ge auf schmerzende K�rperteile vermutete ich im fernen neunzehnten Jahrhundert oder in der dritten Welt. Ich wurde aufgefordert, gut zuzusehen. Zum Schlagen wurde ein altes krummgewordenes Lineal aus dunklem Holz benutzt. Petrs Vater war gnadenlos, Petr selbst aber tapfer, tr�nte ger�uschlos. Der Tag der Rache kam bald. Petr und ich standen einmal gegen Abend in der N�he des barocken Tores, dem Zentrum unserer Gegend, und diskutierten, ob die Sowjets eine Chance h�tten, als erste auf dem Mond zu landen. Der schw�rmerische Petr war gerade dabei gewesen, so etwas wie den zuk�nftigen unbemannten Russentrampler� Lunochod �zu entwerfen, als wir im angrenzenden Park eine wankende Gestalt erblickten.</p><p>��Schnell weg, das ist mein Vater, sagte Skopka und rannte durch die tunnelartige Durchfahrt zur anderen Seite des Torh�gels.</p><p>Wir kletterten an einer der schr�gen B�schungen zwischen den B�schen nach oben, begegneten dabei niemandem. Auch auf dem oberen grasbewachsenen Plateau war kein Mensch. Die Situation war etwas ungewohnt. Hier trafen sich sonst die unterschiedlichsten Cliquen und Banden, Skopka geh�rte nicht unbedingt hierher. Wir legten uns in die breite s�dliche Rinne oberhalb des Torbogensund beobachteten den betrunkenen Schl�ger, der auf dem Vorplatz herumstolperte und nah dran war, auf die Granitpflasterung zu st�rzen. Vater Skopka lief an unserer Beobachtungsstelle schlie�lich vorbei � etwa acht Meter unter uns � , bog dann um die Ecke und setzte seine beschwerliche Wanderung an der Flanke des Tores fort. Vielleicht wollte er eine oder sogar noch mehrere Runden drehen � nach Hause h�tte er sonst geradeaus gehen m�ssen. Eventuell wollte er auf diese Weise Zeit gewinnen und etwas ausn�chtern. Von oben hatten wir die ganze Gegend gut im Blick, ohne dabei gesehen zu werden � und wir konnten sogar bei Positionswechseln in Deckung bleiben. Da der S�ufer den angrenzenden B�rgersteig nicht verlassen und die erste sanfte Kurve genommen hatte, konnte man davon ausgehen, da� er demn�chst tats�chlich zu der vermuteten l�ngeren Umrundung ansetzen w�rde. An der Nordseite des Tores befanden sich � und befinden sich bis heute � links und rechts noch die urspr�nglichen Verteidigungsgr�ben. Der Normalb�rger mu� hier den Umweg in Kauf nehmen � es sei denn, er will entlang eines der schmalen Trampelpfade in die B�sche pissen gehen. Skopkas Vater lief inzwischen um den linken Graben herum, wir hatten Zeit. Etwa nach der H�lfte seiner vermeintlichen Runde blieb er stehen und betrachtete den Himmel, an dem nichts zu sehen war. Dann setzte er seine Wanderung fort, und es war nun so gut wie sicher, da� er an der gegen�berliegenden Toreinfahrt bald wieder vorbeigehen w�rde. Petr entsicherte seine Hose, sie rutschte ihm dabei leicht nach unten. Auf dem Ansatz seines Hinterns sah ich frische Striemen. Wir standen oberhalb der Einfahrt, nah der Torbogenkante. Nur hier f�hrt der B�rgersteig direkt an der Wand entlang. Unsere Vorr�te an Knallgranaten waren l�ngst verbraucht, wir warteten eine ganze Weile, es d�mmerte. Ich war inzwischen auch pi�bereit � und als die unregelm��igen Schritte senkrecht unter uns zu h�ren waren, lie�en wirsynchron los. Da wir uns verborgen halten mu�ten und nicht unmittelbar an der Kante stehen konnten, sahen wir nicht, ob wir den L�ufer tats�chlich getroffen hatten. Petr hatte aber ein feines Geh�r und meinte, das Pl�tschern h�tte kurzzeitig etwas ged�mpft geklungen.</p><p>Dieser kleine Schauerregen machte Skopkas Vater sicherlich nicht viel aus, er schimpfte jedenfalls nicht h�rbar. Skopka untersuchte abends den Hut und Mantel seines Erzeugers, entdeckte dabei aber keine klaren Spuren mehr. Eine Geruchsprobe brachte auch kein Ergebnis, weil alle Kleidungsst�cke, die die chemische Reinigung eines sozialistischen Reinigungsbetriebes hinter sich hatten, sowieso streng rochen. Noch unmittelbar vor dem eigentlichen Pi�angriff hatte mich Skopka um ein absolutes Stillschweigen gebeten � und ich habe mich daran bis heute gehalten.</p><p>Wenn ich von Ger�chen spreche, mu� ich die unterschiedlichen Geruchsnoten erw�hnen, die die Wohnungen meiner Mitsch�ler kennzeichneten. Eine bestimmte Art Muffigkeit war von keiner dieser Behausungen wegzudenken, und sie blieb, wor�ber ich mich schon damals wunderte, erstaunlich konstant. Da und dort vorhandene Gro�m�tter trugen zu dem Geruchsklima immer entschieden bei, und je �lter sie waren, desto st�rker machten sie sich bemerkbar. Aber auch die Lichtverh�ltnisse waren an den Verdampfungsvorg�ngen oder der molekularen Zusammensetzung der Luft offenbar stark beteiligt. Je dunkler eine Wohnung war, desto stickiger roch sie. In manchen Fluren merkte man, da� sie nie gel�ftet wurden, in manchen K�chen roch es nach den immer gleichen billigen Mehlso�en, in manchen Schlafzimmern nach durchgelegenen und verschwitzten Betten. Bei manchen Mitsch�lern stanken Hunde, Katzen oder Meerschweine, bei einem, der immer etwas abgerissen aussah, stapelte sich in einer Ecke dreckige W�sche samt gelbbraun verf�rbter Unterhosen � seine Wohnung muffte besonders brisant. Prager Parterrewohnungen besa�en in der Regel mindestens eine feuchte Wand. Aber selbst wenn alle W�nde trocken wirkten, sogen diese R�ume die gr�nmoosige Luft der Innenh�fe zwangsl�ufig immer ein � durch alle vorhandenen Fensterritzen. Aber nat�rlich auch osmotisch mit allen noch durchl�ssigen Wandporen. Und noch etwas war am Klima jedes Hauses stark beteiligt � und dies darf in Prag bis heute auf keine leicht zu l�ftende Kappe genommen werden: Es ist das unbewegliche Duftmilieu der dunklen, sich im Hauskern befindenden Luftsch�chte � der so genannten LICHTSCH�CHTE; und in diese f�hren die schmalen Fenster aller Toiletten, Badezimmer und muffiger Besenkammern.</p><p>Bei der in Prag �blichen Bauweise gruppieren sich die Toiletten und Badezimmer um die Lichtsch�chte herum und haben keine Fenster nach au�en. So sind sie von jeglicher �bertriebener Frische oder von st�renden Wettereinfl�ssen gut abgeschirmt � daher wenigstens immer konstant temperiert; und sie erm�glichen es unter Umst�nden, quer �ber den Schacht Intimverrichtungen der Nachbarn zu beobachten oder ihren lauten Streitereien zuzuh�ren. Von diesen DUNKLEN Lichtsch�chten f�hlen sich automatisch nicht nur alte und junge Sp�her angezogen, dummerweise ziehen diese tiefen Grotten auch jugendliche Selbstm�rder stark an. Allein an unserer Schule gab es in meiner Zeit zwei solcher Spr�nge in den Abgrund. Weil unten in der Kellerebene der Sch�chte meistens aber hohe Schichten aus alten Scheuerlappen, blutigen Binden und feuchten Badezimmerl�ufern lagerten � bedeckt mit flauschigen Matten aus Staubm�usen � , endeten die beiden Selbstmordversuche nicht t�dlich. Es ist zu hoffen, da� mehrere dieser Verzweifelten, nachdem sie zwischen den dort sicher auch noch reichlich verstreuten Kondomen und Damenschl�pfern zu sich gekommen waren, zu neuem Leben erweckt wurden.Tante Gy�rgyis nicht gel�ftetes Zimmer roch nicht gut, Tante Peprls Verlie� dampfte kellerhaft, und der gemeinschaftliche Flur unserer Etage war auch kein olfaktorisches Vorzeigeobjekt. Onkel ONKELs Pfeifengeruch blieb bei uns trotz seines Rauchabsaugers sowieso immer gegenw�rtig, vermischte sich mit den Abgasd�mpfen unseres schon erw�hnten K�hlschranks, zum Gl�ck aber auch mit Mutters Zigarettenduft der Marke� Lipa�- was bezeichnenderweise Linde bedeutet. Unser Teil der Wohnung roch eindeutig viel besser als der Rest, und in unseren Zimmern duftete es oft sogar nach Wald. Meine Mutter und ich brachten uns aus dem Urlaub immer aufregende Ger�che mit � frisch harzende Splitter Waldholz, die bei Waldarbeiten liegengeblieben waren, Wacholder�ste mit Bl�ten oder Beeren � oder Pilze, die wir einfach nur trocknen lie�en und nicht unbedingt essen wollten. Das am besten duftende Holz kam aus Mutters nordm�hrischen Beskyden, ihrer eigentlichen Naturheimat bei Ostrau. Als ich einmal aus der Schule kam und ein beim Sportunterricht durchgeschwitztes Oberhemd nach Hause brachte � nicht meins, aus Versehen hatte ich mir ein fremdes geschnappt � , gab es in der gesamten Wohnung einen Aufstand. Alle rochen, da� bei uns ein Fremdling eingezogen war, alle bef�rchteten die Invasion eines eurasienfremden Skunks oder Opossums und suchten es �berall. Alle wu�ten, da� ein Wesen mit derartigem K�rpergeruch in unserer Gro�familie niemals geduldet werden w�rde. Die stinkende Quelle der Aufregung hing dabei reglos im Badezimmer.</p><p>Auch als ich und Gro�mutter Lizzy meine Mutter in ihrem Tuberkulose-Internierungslager besuchten, gab sie uns etwas gut Riechendes mit auf den Weg. Meistens ganze B�ndel von Gr�sern und Wiesenblumen. Die Zeit vor ihrem Weggang ins Sanatorium war seltsam bedr�ckend gewesen, auch wenn mir nie in den Sinn gekommen war, da� mir meine Mutter h�tte wegsterben k�nnen. Dabei hatte ihr Siechtum ein ganzes Jahr gedauert. Sie wurde immer schw�cher und m�der, und ihre sch�nen oder weniger sch�nen j�dischen �rzte r�tselten, was ihr gefehlt haben k�nnte. Und weil einer von ihnen Chefarzt der psychiatrischen Klinik von Bohnice war � meine Mutter und ich kannten uns dort bereits gut aus � , nahm er sie vorsorglich f�r mehrere Wochen zur Beobachtung auf. Ihr ging es dort �berhaupt nicht besser, und sie sah unter den vielen Problemf�llen auch einigerma�en verst�rt aus. Niemand kam in dieser Zeit auf die Idee, sie zum R�ntgen zu schicken. Irgendwann hatte sie sich in einem der Lungenfl�gel ordentliche L�cher freigel�ftet. Mit TBC war damals noch weniger zu spa�en als heute. Insgesamt fiel das Jahr der gro�en Trennung trotzdem in die eher harmonische Zeit unserer Beziehung, einfach in die Zeit, die eindeutig unsere gemeinsame gewesen war. Wenn meine Mutter �ber diese Periode sprach, sagte sie gern scherzhaft:�Ja, damals � ALS WIR BEIDE NOCH KLEIN WAREN.�</p><p>Wir beiden Kleinen erlebten damals wirklich allerlei, waren ungeschickt und unvern�nftig wie zwei Geschwister, die ohne v�terliche Aufsicht auskommen mu�ten. Einmal stellten wir die Haushaltsleiter auf und wollten gemeinsam eine Gardine aufh�ngen. Ich kletterte als erster nach oben, meine Mutter kam nach und l�chelte mich lieblich an. Ich konnte leider nicht zur�ckl�cheln, weil mein kleiner Finger im Spalt zwischen den beiden Leiterh�lften gerade in die Zange genommen worden war. Das Gewicht unser beiden K�rper dr�ckte ihn immer flacher zusammen, und ich wurde dabei so gr�ndlich ruhiggestellt, da� ich bis auf weiteres stumm blieb. Ich sah meine Mutter konzentriert an und litt. Unsere Gesichter waren auf der gleichen H�he, und meine Mutter fragte mich geduldig aus, forschte danach, was mir fehlte. Sie blieb liebevoll in meiner N�he, studierte weiter meine Mimik, streichelte mich. Aus meinen Augen quoll dabei leider so viel Wasser, da� mein Blick � zu meinemFlachfinger hin � verschwommen war, die Blickrichtung undeutlich blieb. So aufregend ging es bei uns also manchmal zu � damals, als wir beide noch klein waren. Das Gute bei solchen und �hnlichen Vorf�llen: Beim Tr�sten war meine Mutter wirklich ausdauernd, und wenn ich nach einer Stunde immer noch wimmerte, bekam ich weiterhin Trost gespendet, der tats�chlich frei von jeglicher m�tterlicher Ungeduld war; irgendwann auch frei von jeglichem Restschmerz meinerseits.</p><p>Als die Tuberkulose meiner Mutter wieder vollst�ndig ausgeheilt war und sie nicht gerade eine Depression hatte, konnte ich mit ihr wieder ungehindert lachen und endlos scherzen. Manche Scherze durfte ich mit ihr aber nie anstellen. Man durfte meiner Mutter keine abgetrennten menschlichen Gliedma�en pr�sentieren � das hie� zum Beispiel, da� ich meine Hand m�glichst nie hinter einer nur angelehnten T�r vorzeigen durfte. Manchmal wollte ich meine Mutter allerdings doch hysterisch schreien h�ren. Dann reichte es beispielsweise, unter ihr Bett zu kriechen und einen Fu� herauszustrecken. Ihre Schreie waren k�stlich. Und weil sie meine Spa�e regelm��ig unbeschadet �berstand, wollte ich sie in ihrer Erschreckbarkeit fit halten. Manchmal hing mein Fu� zur Abwechslung aus einem Schrank, ein anderes Mal versteckte ich mich hinter einem Vorhang und lie� meinen Kopf wie ein Erh�ngter baumeln � die Schlinge des Verl�ngerungskabels hielt ich dabei hinter mir mit zwei Fingern fest. Bei meinen Raubz�gen durch die Innenh�fe brachte ich manchmal Teile von Schaufensterpuppen mit � und wie zuf�llig lag dann mal ein Arm oder ein Knie auf dem Teppich.</p><p>Manche dieser kleinen Scherze gefielen meiner Mutter am Ende doch, jedenfalls sprach sie nie ein eindeutiges diesbez�gliches Verbot aus. Als sie mich w�hrend eines Gespr�chs mit einem unsympathischen Besucher zu lange nicht beachtet hatte, z�ndete ich unter dem Stuhl des Bel�stigers einkleines Feuerchen an und ging weg. Leider bekam dabei der nach dem Krieg nicht mitgefl�chtete Perserteppich einen gro�en schwarzen Brandfleck verpa�t. Manchmal legte ich meiner Mutter Zeitungsbl�tter unter ihr Bettlaken oder versteckte eine Plastikt�te mit kalten Kieselsteinen unter ihrer Decke. Als sie einmal besonders fr�h schlafen gehen wollte, n�hte ich schnell ihr Nachthemd am Kopfkissen fest � und beobachtete unauff�llig, wie sie voller Unglauben daran zog und den festen Zusammenhalt zwischen den zwei so unterschiedlichen Stoffteilen lange nicht fassen konnte. Sie zog ihr Nachthemd mehrmals hoch, das Kissen kam immer wieder mit. Bei den Handarbeiten in der Schule lernten wir gerade die Grundz�ge des N�hens.</p><p>Meine Mutter erz�hlte mir von meinem Vater nicht nur Schlechtes, sie hatte ihn fr�her m�nnlich anziehend, charmant und witzig gefunden. Vor der Hochzeit hatte sie ihn wirklich geliebt. Leider begriff sie schon wenige Minuten nach der Zeremonie, da� sie einen Fehler gemacht hatte. Die beiden liefen die Treppe des Altst�dter Rathauses hinunter, und sie f�hlte, da� sie diesen Menschen neben sich nicht lange w�rde ertragen k�nnen. Schon die ersten Monate des Zusammenlebens waren qu�lend, alle Tanten mischten sich in die Beziehung ein, mein listiger Vater dachte sich immer mehr Dienste und Sondereins�tze aus, weigerte sich grunds�tzlich, nach dem Baden seinen abgesetzten K�rperdreck aus der Badewanne zu entfernen oder seine Dreckw�sche in den W�schekorb zu stecken. Nach einem halben Jahr fuhr er in seinem Dienstwagen �ber die damals noch befahrbare Karlsbr�cke und sah dort eine junge Sch�nheit entlanglaufen. Und die wundersch�ne Frau auf dem B�rgersteig war niemand sonst als seine eigene Frau � und sie wirkte �ber alle Ma�en gl�cklich. Mein Vater war von ihr wieder wie verzaubert. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er schon woanders, seine Geliebte mit zartblonder Haut und vielen blau durchschimmernden Venenwar bei ihm aber noch nicht eingezogen � es gab noch ein Zur�ck. Er rief meine Mutter abends an und erz�hlte ihr, wie sie ihn auf der Br�cke bezaubert hatte.</p><p>��Du bist ein Trottel! Ich habe ausgerechnet auf der Br�cke beschlossen, mich von dir scheiden zu lassen.</p><p>In der Grundschule waren anfangs nur ich und Dschagarow die beiden Scheidungsschandflecke der Klasse. Viel sp�ter trennten sich pl�tzlich auch Skopkas Eltern � wenn auch nur r�umlich. Daf�r aber dramatisch. Mein Vater und meine Mutter hatten sich, wie mir immer wieder erz�hlt wurde, vor dem Scheidungsrichter seinerzeit noch leidenschaftlich gek��t, wonach dieser meinte, so eine sch�ne Scheidung h�tte er noch nie zelebrieren d�rfen. Bei den Eltern von Skopka lief einiges anders als bei meinen Eltern, der Trennungsgrund war aber der �bliche. Frau Skopkov� wollte nicht akzeptieren, da� ein Prager Mann, der etwas auf sich hielt, nicht ohne eine Zweitfrau auskommen konnte. Nachdem sie ihrem Langpenistr�ger auf die Schliche gekommen war, befahl sie ihm, zu seiner Geliebten zu ziehen � obwohl sie wu�te, da� diese junge Tussi gar keine eigene Wohnung besa�. Weil ihr Mann sich aber weigerte zu gehen, schmi� sie eines Tages seine Unterw�sche, etwas an Kleidung und griffbereite Teile seines Papierkrams in offene Kartons, stellte diese vor die T�r und lie� das Schlo� der Wohnungst�r auswechseln.</p><p>Als Vater Skopka heimkam, war er mit der Situation und der unvollst�ndigen Herausgabe seiner Habseligkeiten furchtbar unzufrieden. Er haute und h�mmerte an die T�r, w�tete im Flur und rief in den n�chsten Tagen pausenlos an. Frau Skopkov� blieb aber hart und stellte einfach weitere Kartons vor die T�r. Eines Tages kam ihr Mann dann wieder � allerdings mit Verst�rkung, er hatte einen Freund dabei. Und dieser fuhr beruflich einen Kleintransporter. Ich war gerade bei Skopka zu Besuch. Skopka hatte mich vielzu lange mit irgendwelchen optischen Experimenten gelangweilt � damit war jetzt Schlu�. Drau�en war sowieso wundersch�nes Wetter, und meine Clique sammelte sich l�ngst an unserem Gel�nder am Festungsgraben. Leider konnte ich die Wohnung jetzt unm�glich verlassen. Wir h�rten das w�tende Klingeln und H�mmern an der T�r, h�rten die Drohungen. Die Heftigkeit, die von Skopkas Vater ausging, war auch durch Ersch�tterungen zu sp�ren � er trat inzwischen kr�ftig gegen die T�r und brachte damit auch die auf Skopkas Tisch liegenden Linsen in Bewegung. Die Linsen gaben auf dem blanken Holztisch leise Ger�usche von sich, wir schwiegen. Skopka tat die ganze Zeit so, als ob die Art des v�terlichen Auftritts nichts Besonderes und sowieso zu erwarten gewesen w�re. Von seiner Mutter hatte er die strikte Anweisung, seinen Alten auf keinen Fall hereinzulassen. Sich daran zu halten machte ihm gro�e Freude.</p><p>��Ich brauche meine Krawatten! br�llte es vor der T�r.</p><p>��Beachte ihn nicht, sagte Petr, er h�tte es sich fr�her anders �berlegen sollen. Er wird sich schon beruhigen.</p><p>��Ich brauche meine Aktenordner, meine Krawatten und meine Medikamente.</p><p>��Ich soll den Idioten ruhig br�llen lassen, meinte meine Mutter. Also lassen wir uns nicht st�ren. Alles lief dann aber anders, als es sich Petr und seine Mutter vorgestellt hatten. Vater Skopka nahm irgendwann Anlauf, rannte die T�r ein und stand pl�tzlich im Flur. Ich staunte, wie leicht und reibungslos dies vor sich ging � wie in einer Filmszene mit pr�parierten T�rfl�geln. Dieser Mann schaffte es, eine verschlossene T�r einzurennen � sogar ohne den zweiten Mann und beim allerersten Versuch. Das Holz um das Schlo� herum hatte nachgegeben, war zersplittert und zerfasert, zeigte rohes Fleisch. Mein Vertrauen und meine Verliebtheit in das duftende Material Holz wurden dadurch nachhaltig ersch�ttert. Und es ist kein Zufall, da� ichmich sp�ter zunehmend von Metallen angezogen f�hlte � ohne sie allerdings wirklich zu lieben.</p><p>��Beachte ihn nicht, wir ignorieren ihn einfach, sagte Petr, ich mu� noch eine Konvexkonkavlinse dazwischenschieben.</p><p>Als er das sagte, schleppten sein Vater und dessen Freund gerade einen Schrank durch den Flur. Noch eine halbe Stunde lang suchte sich Vater Skopka schweigend einiges zusammen und ging wieder. Bis dahin mu�te ich bei Petr bleiben. Nach einem Monat zog Vater Skopka wieder ein. Die Wohnungsnot war in Prag so dr�ckend, da� noch viel schlimmer zerstrittene Ehepaare f�r immer zusammengekeilt bleiben mu�ten.</p><p>Mit Petr Skopka blieb ich trotz meiner Fu�ball- und Cliquen-Aktivit�ten weiter verbunden. Einmal kam er in der Pause zu mir und meinen Gleichgesinnten, als wir uns gerade �ber sexuelle Perversionen lustig gemacht hatten. Skopka wurde in dieser Zeit insgesamt � das hing sicher mit seinen verantwortungsvollen Gouverneursaufgaben zusammen � offensiver, und als er begriff, wie wir mit dem Thema Sex umgingen, stellte er uns zur Rede und hielt uns � trotz einiger gr�berer Versuche, ihn zu stoppen � einen Vortrag �ber den Ernst, der der Sexualit�t geb�hre. Seiner Meinung nach g�be es bei diesen Dingen �berhaupt nichts zu lachen. Die Sexualit�t sei ernst und NUR ernst zu behandeln, da sie der Fortpflanzung diene � also nichts Geringerem als der Erhaltung des Lebens auf Erden.</p><p>��Egal, wie l�cherlich Kopulation auch aussehen mag, witzig ist daran �berhaupt nichts!</p><p>��In der Schwerelosigkeit vielleicht aber doch!</p><p>��Ich kann dar�ber wirklich nicht lachen, antwortete Skopka leise und tapfer, b�ckte sich pl�tzlich und zog sich in gekr�mmter Haltung eine Socke glatt.</p><p>Skopka war immer noch dabei, die Gr�ndung weiterer Raumkapsel-Besatzungen anzuregen und diese dann auchkonsequent anzuleiten. Er suchte weitere Interessierte f�r die Bewegung � offenbar wollte er unbedingt Zuwachszahlen vorweisen. Ich half ihm manchmal aus alter Freundschaft, obwohl diese Besch�ftigung eher langweilig war. Beim Agitieren gingen wir von Wohnung zu Wohnung, besuchten die potentiellen Kandidaten. Manche waren Skopka von anderen empfohlen worden, manche hatte ich vorgeschlagen, weil ich einfach neugierig auf ihr Zuhause war. An sich war ich ein befugter und erfahrener Werber, da ich meine Clique ebenfalls als eine Raumschiff-Besatzung angemeldet hatte und formal als ihr Chef galt. Skopka duldete den Betrug eine Zeitlang, es besserte einfach die Statistik seines Gouvernements auf. Zum Gl�ck wu�te Skopka nicht, wie unversch�mt wir die dem Kosmos geweihten Aktivit�ten an manchen Nachmittagen parodiert hatten. Wir balancierten beispielsweise auf dem Gel�nde oberhalb der Festungsmauer und �bten mit ausgebreiteten Armen das Fliegen. In der Regel sprangen wir irgendwann zur Stra�e hin � nur der tolpatschige Kumpel Sternk�ker fiel einmal drei Meter nach unten in die Botanik, amputierte dabei einseitig eine Eibe, die seinen Fall zum Gl�ck etwas abgebremst hatte. Er zerri� sich dabei leider seine �sterreichische Jeans und ein Ohrl�ppchen.</p><p>��Du bist ein toter Mann, meinte jemand. In der Eibe steckt Taxin.</p><p>��Schei�e, meine Jeans! jammerte Sternk�ker. Die Beeren sind jedenfalls nicht giftig, die habe ich schon einmal gezutscht.</p><p>��Bist du bescheuert?</p><p>��Niemand hat sich das getraut, nur ich.</p><p>��Vielleicht solltest du an den Nadeln kauen, die sind auf jeden Fall deftiger.</p><p>Sternk�ker kletterte an der br�ckeligen Ziegelmauer hoch, rutschte weit oben aber wieder ab und sprang hinunter. Weil wir �ber ihn wieder lachten, nahm er mit blo�erHand eine ausgetrocknete Hundekacke und warf sie in unsere Richtung. Normalerweise waren wir aber eher nett zueinander. Meine Raumschiff-Mannschaft war absolut kein Schl�gertrupp und im Grunde harmlos. In Prag hatte es daf�r � lange vor uns � ganz andere Wilde gegeben. Es war aber nicht verwunderlich, da� ausgerechnet solche mit Legenden umgebenen Fr�chtchen des B�sen meine Idole gewesen waren. In den f�nfziger Jahren gab es beispielsweise die� Vysehrader Reiter�- eine Bande von kriminellen Jugendlichen, �ber die sich alle Prager Spie�er furchtbar aufgeregt hatten. Die Bande war vor allem in den s�d�stlichen Bezirken von Prag aktiv. Auf mich wirkte schon der poetische Name der Bande berauschend. Die Jungs waren in dieser Zeit eindeutig die �belsten Prominenten des Landes. Der im S�den oberhalb eines imposanten, in die Moldau fallenden Felsens liegende Vysehrad � die Hochburg � ist nicht nur aus der vorgeschichtlichen Zeit sagenumwittert und als besiedelte Festung �lter als die eigentliche Prager Burg � dort befindet sich au�erdem der Ehrenfriedhof des Landes. Dort ruhen viele der gr��ten Geister, die das tschechische Volk hervorgebracht hat � und die Vysehrader Gro�stadtbanditen, diese Schreckgestalten der neuen Zeit, waren in meinen Augen nah dran, sich zwischen die w�rdevollen Ahnen einzureihen. Egal, wie sadistisch und niveaulos sie gewesen waren. Sie �berfielen am Tag alte Menschen, begrapschten nebenbei Busen �lterer Damen, beraubten nachts P�rchen in den Parks, zerlegten geklaute Motorr�der, schlugen absolut r�cksichtslos ihre Gegner zusammen. Das Anziehende an den Burschen war, da� sie damals die auffallendsten Provokateure Prags waren, ihre pure Existenz traf die sozialistischen Moralstatthalter mit voller Wucht zwischen die Augen. Auch dank ihrer Haare, ihrer R�hrenhosen und der von ihnen verehrten Musik; diese nannte sich � f�r jeden B�rger mit gesundem Menschenverstand vollkommen unlogisch � Rock 'n' Roll.Das Herang�ren der neuen Generation war sp�ter in den sechziger Jahren nicht mehr zu stoppen, der W�rgegriff des Sozialismus schw�chelte sowieso. Kurz vor 1968 sahen die Musiker der Gruppe� The Primitives Group �so �bel aus, da� man gegen sie in den F�nfzigern auch milit�risch � wie gegen die� Vysehrader Reiter�- vorgegangen w�re. Kurz nach dem Ende der� Primitives �durchbrachen dann� The Plastic People of the Universe �endlich alle D�mme � und ich war endlich alt genug, um einiges davon direkt mitzuerleben. Ihre ersten Konzerte fanden in der Kneipe� Na Ofechovce �in Prag 6 statt � nur drei Stra�enbahnstationen von meiner Wohnung entfernt. Die plastischen Menschen entfachten bei ihren Konzerten gef�hrliche H�llenfeuer, lie�en Benzin spucken, f�rchterliches russisches Parf�m ins Publikum spritzen und warfen bei Freilichtauftritten Nebelgranaten aus Armeebest�nden von der B�hne. Beim Konzert in der Galerie� M�nes �spritzte das Blut aus einem frisch geschlachteten Huhn so weit in Richtung Publikum, da� sich einige Damen erbrachen oder ohnm�chtig wurden.</p><p>Den Trend zur psychedelischen Musik hatten andere Big-Beat-Bands der ersten Generation gr�ndlich verschlafen. Sie berauschten sich weiter am unspektakul�ren Gitarrensound und traten ordentlich bekleidet auf � manche sogar in zweiteiligen Uniformen, also in kragenlosen Jacketts und Faltenhosen, andere bekannte Bands wie die� Sputnici �immerhin in karierten Hemden. Skopka h�tte ausgerechnet diese Band sicher besonders gemocht, wenn er Zeit gehabt h�tte, zu derartigen Konzerten zu gehen.</p><p>Auf der B�hne im Freizeitpark� Julius Fucik �traten eines Nachmittags hintereinander mehrere brave Bands auf, der Unmut im Publikum war von Anfang an, auch schon bei den Sputniks, zu sp�ren. Beim Auftritt einer Band, die nach den Sputniks tats�chlich uniformiert auftrat, ging die Menge dann auf die Barrikaden � diese Burschen trugen um den Hals sogar farbige Schleifen, und ihre Musik war ebenfallsungenie�bar. Man w�nschte sich und erwartete musikalische Rebellion, bekam statt dessen � und im f�rchterlichsten Tschechisch � etwas �ber Liebe, regnerische Nachmittage und zu oft gef�rbte M�dchenhaare zu h�ren. Diese Gute-Laune-Musik kam inzwischen einer Provokation gleich.</p><p>��BEI BIG BEAT LACHELT MAN NICHT, IHR IDIOTEN, br�llte jemand mit einer tierisch lauten Stimme.</p><p>Etwas Aufr�hrerisches wollte und konnte diese Gruppe aber nicht liefern, die Stimmung im Publikum wurde bedrohlich. Die Leute pfiffen inzwischen so stark, da� die damals noch brustschwachen Verst�rker dagegen wenig ausrichten konnten. Ich sa� auf einer Seitenmauer und staunte. Die Musik gefiel mir auch nicht, so viel Wut, da� ich etwas h�tte demolieren wollen, sp�rte ich aber nicht. Und laut zu pfeifen mu�te ich noch lernen. Viele der aufgew�hlten Rockfans, bis dahin friedliche Besucher des Freizeitparks� Julius Fucik�, waren inzwischen nicht mehr zu stoppen, und die Zerst�rungsorgie konnte beginnen. Und ich sah etwas, was ich davor noch nie gesehen hatte � die Auswirkungen der gezielt UNfreundlich angewendeten Menschenkraft. Der Anblick der leicht nachgebenden M�belst�cke, die kurz davor noch so stabil gewirkt hatten, war unendlich am�sant. Ich sah trotzdem nur zu und blieb auf meiner Steinmauer sitzen � mein Respekt vor dem Material aus den tschechischen W�ldern, mein Respekt vor menschlicher Arbeit und vor intakten volkseigenen Gebrauchswerten war viel zu gro�. Gelenke der Klappst�hle st�hnten, Schirme knickten um, das Holz der massiven B�nke gab irgendwann auch nach. Schlie�lich kippten einige Budenw�nde um � sie fielen nach au�en, begruben M�lleimer unter sich, warfen einbeinige Biertische und freistehende Grillvorrichtungen um, verscheuchten herumstehende W�rstchenesser. Die uniformierten Musiker waren aber Profis und spielten trotz des Affenl�rms noch eine Weile weiter, beworfen wurden sie h�chstens mit Pappbechern.Irgendwann kamen einige Polizisten angerannt, hatten aber keinerlei Ausr�stung dabei und griffen nicht ein. Sie br�llten unh�rbar, hatten nicht einmal Megaphone mitgenommen � und man beachtete sie nicht. Die Bandtechniker stellten die Verst�rker irgendwann ab � und weil ich mich den Zerst�rern des sozialistischen Eigentums nicht wirklich zugeh�rig f�hlte, ging ich ohne jede Hektik nach Hause. Die Polizei schickte schlie�lich doch eine gr��ere Truppe vorbei, traf die wildgewordene Jugend aber nicht mehr an. Diese diskutierte die Ereignisse l�ngst schon irgendwo beim Bier und k�mmerte sich keinen Deut darum, was man am n�chsten Tag in der Presse �ber sie schreiben w�rde.</p><p>Der Prager Fr�hling meldete sich in den sechziger Jahren an mehreren Fronten, massiv dann seit dem Sommer 1967. Den Anfang machten die Schriftsteller auf ihrem Kongre� im Juni, dann waren � wie in jeder br�ckelnden Diktatur � die Studenten an der Reihe. Und ich erfuhr alles br�hwarm von meiner Mutter. Der Anla� f�r den studentischen Aufruhr war erst einmal banal. Weil die Leitung eines Studentenheims nicht in der Lage war, die rigorose Hausordnung durchzusetzen, strafte man die lernenden, aber auch anders nachtaktiven Hochsch�ler dergestalt, da� man ihnen � den Kollektivschuldigen, also den ganzen Blocks � immer wieder den Strom abschaltete. Eines Tages nahmen diese ihre bereits brennenden Kerzen in die Hand und machten sich auf den Weg in die Innenstadt. Ihre modernen Vorzeige-Unterk�nfte standen weit oberhalb der Stadt beim Turnfeststadion, in dem mir einst die 60 000 nackten Frauenbeine pr�sentiert worden waren. Zu Fu� kommt man von dort, wenn man durch die Gr�nanlagen von Petfin l�uft, sehr schnell hinunter in die Stadt. Die Studenten nahmen bei dieser Demonstration aber den l�ngeren Weg an der Prager Burg entlang. Unterwegs skandierten sie konsequent ihre relativ harmlose Losung:- WIR WOLLEN LICHT!</p><p>Sie passierten den Sitz des Pr�sidenten und erreichten durch die Nerudagasse sogar den oberen Teil des Kleinseitner Rings, hinter der Moldau lag schon das Zentrum. �ber den Flu� kamen sie nicht mehr, sie wurden auseinandergetrieben und zusammengeschlagen. An der Aufm�pfigkeit der Studentenschaft und ihrer Bereitschaft zum Aufruhr waren damals die Beatniks, allen voran ausgerechnet Allen Ginsberg, nicht ganz unschuldig. Man lie� Ginsberg als einen radikalen USA-Kritiker im Februar 1965 einreisen, und die Prager Studenten w�hlten ihn am Ersten Mai zum K�nig ihres historischen Stra�enfestes und Spektakels� Maj�les�. Die Ausgelassenheit, mit der diese Kr�nung gefeiert wurde, pa�te der Staatsmacht nat�rlich �berhaupt nicht, und Ginsberg wurde innerhalb einer Woche wegen Rowdytums, Trunkenheit, Rauschmittelmi�brauchs und Verherrlichung der Homosexualit�t ausgewiesen. Man hatte ihn von Anfang an bespitzeln lassen, hatte in seinem privaten Tagebuch gest�bert. Die Kleinb�rger waren �ber den Chaoten und Verf�hrer der Jugend emp�rt, und die Partei nutzte die Gelegenheit zu gezielten Schl�gen. Die frechen Studenten hatten sich bei ihrem von der Partei- und Staatsf�hrung so gro�z�gig genehmigten Umzug sowieso ungeheuerlich viele Freiheiten herausgenommen. Bei der Demonstration f�r mehr Licht � also zwei Jahre sp�ter � hatten sie keinen eingereisten Fremdrebellen mehr n�tig.</p><p>An der Grundspie�igkeit des kleinen Mannes haben leider auch die sp�teren freien acht Monate von 1968 nicht viel ge�ndert. In den siebziger Jahren standen die Kleinb�rger � egal, wie politisch andersdenkend sie waren � bei manchen Ereignissen wieder geschlossen hinter der Staatsmacht. Nach einem denunziatorischen Propagandafeldzug gegen die inzwischen in den real existierenden Untergrund abgetauchten� The Plastic People of the Universe �war die Aufregung �berall zu sp�ren.- Pfui! Die waschen sich nicht!� Wie sie nur aussehen!� Diese fettigen Haare! Und dazu noch der f�rchterliche Krach! Arbeiten sie �berhaupt? Haare abschneiden und ab in die Kohlengruben!</p><p>Wie einer dieser Rocker auf der Stra�e ha�erf�llt eingekesselt wurde, erlebte ich einmal ganz unmittelbar. An einer Stra�enbahnhaltestelle, an der ich umsteigen mu�te, stand nicht nur eine unansehnliche Ansammlung von Normalb�rgern, dort stand � abseits von allen � auch der Gitarrist und Keyborder der Plastic People, Josef Janicek. Er stand dort in seiner ganzen H��lichkeit: lange, nach vorn fallende Haare, eine extrem schiefe Nase im schiefen Gesicht voller Pickel und Pickelnarben, zerknitterte gr�ne Kutte, l�chrige Jeans, breitgelatschte Schuhe � in seinem Gesicht hielt er aber ein sch�nes ironisches L�cheln bereit und sch�tzte sich vor der ihn anfallenden Ablehnung. Er st�tzte sich auf seinen Gitarrenkasten, wartete geduldig � im Grunde brav wie alle anderen. Und er wu�te genau, da� er die Verk�rperung der aktuellen Pestgefahr war, Bote der schlimmsten Infektionsbrut, Pogromjude und Lynchjustizneger zugleich. Mit dem Ekel, der Wut und dem phantasierten Machtgef�hl der Menge, die die ganze Staatsmacht hinter sich zu stehen hatte, mu�te er gelernt haben zu existieren. Ich stand nicht weit von ihm, war voller Bewunderung, Begeisterung und Hilflosigkeit. So normal, kurzhaarig und ordentlich angezogen, wie ich war, bedeutete ich f�r ihn absolut keine fraktionelle Verst�rkung. Und ich w�re es f�r mein Gitarristen-und Widerstandsidol Janicek auch dann nicht gewesen, wenn ich meine Unsicherheit �berwunden und mich in meinen ordentlichen sauberen Jeans getraut h�tte, zu ihm zu gehen und zu sagen:</p><p>��Hallo, Bruder, ich kenne dich schon seit der Zeit bei der Primitives Group.</p><p>Im Rahmen der Kampagne gegen den rockmusikalischen Underground gab es nicht nur mehrere aggressive Artikel inder Presse, die Propagandaspezialisten lie�en im Rahmen einer Fernsehsendung sogar Ausschnitte aus beschlagnahmtem Filmmaterial der Plastics ausstrahlen. Auf diese Weise konnte ich �berhaupt einige ihrer illegalen Auftritte sehen, nahm �ber Mikrophon den Ton der ganzen Sendung auf � an Onkel ONKELS Fernsehapparat und hinter Onkels R�cken, versteht sich.</p><p>Im Sozialismus wuchs in einem wie nebenbei eine Art Dauerangst � kontinuierlich und unmerklich. Leicht auszumachen war diese Angst vor allem als Angst vor der Polizei. Und man bekam sie, ohne mit der Polizei unbedingt �rger gehabt zu haben. Als ich sp�ter an die Zerst�rungsorgien beim Freilichtkonzert im Fucik-Park dachte, wurde mir klar, da� diese Angst damals noch nicht in mir eingefressen gewesen war. Die gejagten und verfolgten Langhaarigen, die von den Kleinb�rgern sp�ttisch M�nicky � Mariechen � genannt wurden, kannten diese Angst dagegen schon seit langem. Und nat�rlich auch alle� Parasiten �unserer Gesellschaft � also diejenigen, die formell gerade keine regul�re Besch�ftigung vorweisen konnten. Aber unwesentlich sp�ter � im Grunde hing es mit dem Einmarsch der Russen zusammen � zuckte es in mir auch schon pr�ventiv vorsichtshalber beim Anblick eines jeden auf der Stra�e auftauchenden Polizisten. Dieser Staat durfte schon immer ungeniert zuschlagen und alle Z�chtigungsma�nahmen in den Medien als gerechte Wohltaten feiern � nach dem Russeneinmarsch setzte man diese Tradition wieder schamlos fort. Und ich wurde unweigerlich einer von denen, die sich schon seit der Machtusurpation von 1948 pausenlos bedroht gef�hlt haben mu�ten. Ich war inzwischen von den gleichen buntgemischten Schrecken umstellt. Dummerweise hatte ich zus�tzlich das Gef�hl, da� mir mein ideell-politisches Delinquententum anzusehen war. Das unwillk�rliche Zucken beim Anblick jeder polizeigr�nen Uniform wurde daher zur Regel. Auch die harmlosen Uniformtr�ger aus der Milit�rakademie, diesich in meiner Gegend weiterhin herumtrieben, mutierten f�r mich zu politischen Gegnern. In meiner Kindheit empfand ich noch alle Uniformierten als freundlich und hilfsbereit � und es wurde grunds�tzlich nicht gezuckt. Die Farbe der Polizeiuniformen war fr�her sowieso blau.</p><p>In den Jahren nach der Invasion steigerten sich in mir aus Wut gegen den �berall sichtbaren Zerfall, aus Verzweiflung �ber den Untergang von Kultur und Anstand aggressive T�tungsimpulse. Die �berschie�ende Wut kam manchmal so pl�tzlich in mir auf, da� ich sie schwer unterdr�cken konnte. Einmal ging ich mit einem kaputten Regenschirm �ber die Stra�e und merkte, wie mich zwei junge Dummk�pfe wegen des eingeknickten Regenschirmrands auslachten. Sie sa�en an der Kreuzung in ihrem h��lichen Lieferwagen, ihre Fenster waren offen � und sie lachten nicht nur, sie riefen mir auch noch etwas Sp�ttisches zu und qualmten dabei. In dieser Zeit h�rte ich mehrmals am Tag Strawinskys� Le sacre �und war voller wildester Energie. Au�erdem trug ich dank der gewaltigen Kraft der Musik ein �berma� an W�rde in mir, die ich mir auf keinen Fall beschmutzen lassen wollte. Die beiden Raucher im Auto hatten vielleicht nur gute Laune, ich war trotzdem au�er mir. Schon mein erstes gro�es Musikerlebnis in der Kindheit hatte mit bevorstehender Rache zu tun. Die f�nfzehn Paukenschl�ge nach Tybalts Tod � in Prokofjeffs Romeo und Julia � h�rte ich mir manchmal endlos lange an. Ich nahm den Tonarm immer wieder hoch, setzte die Nadel in die richtige L�cke hinter den� Tanz�, und� Tybalts Tod �begann von neuem � und ich wartete fiebrig auf die f�nfzehn qu�lend langsamen Fortissimo-Schl�ge, freute mich auf das anschlie�ende herrliche Katastrophengejaule und � trompete, sp�rte, wie sich diese Feier des Todes, die beste aller tragischen Stimmungen, die sich ein Mensch im Vorfeld eines Rachefeldzugs w�nschen kann, mit jedem Takt in mich tiefer hineinfra�.</p><p>Ich nahm � die beiden im Auto sitzenden Lachidioten imVisier und meinen kaputten Regenschirm in der linken Hand � den erstbesten Pflasterstein und warf ihn mit voller Wucht aufs Ziel. Dummerweise warf ich viel zu genau, und der Stein flog tats�chlich durchs offene Fenster in die Kabine, flog in Richtung des Beifahrerkopfes. In dem Moment rannte ich aber schon los und konnte nichts mehr sehen. Ich h�rte auch keinen Schrei, kein Hupen, keine quietschenden Reifen. Da die Presse in der �u�erst kompakten� Schwarzen Chronik �nur eine eingeschr�nkte Anzahl von Polizeiberichten bringen durfte (f�nf, sechs, sieben� mehr als zehn auf keinen Fall), erfuhr ich nie, was ich damals angerichtet hatte.</p><p>W�hrend der Tage des Wartens auf den eventuellen Zugriff der Polizei packte mich ein vernichtend schlechtes Gewissen wegen meiner verstorbenen Kellertante Peprl. Ich hatte mich von ihr seinerzeit nicht ordentlich verabschiedet, und mir wurde pl�tzlich klar, da� es f�r manche Dinge von einem Moment auf den anderen zu sp�t sein kann. Peprl war die erste bei uns, die starb. Sie starb im Krankenhaus, ich hatte sie dort nur ein einziges Mal besucht. Als ihr Ende nahte, hatte ich Ferien. Ein Besuch h�tte sowieso keinen Sinn gehabt, meinte jemand, Peprl h�tte angeblich niemanden mehr wahrnehmen k�nnen. Ich hatte mich damals auf die Erwachsenen, die meinten, �ber die restlichen Wahrnehmungsf�higkeiten von Sterbenden Bescheid zu wissen, verlassen. Dabei war Tante Peprl in ihrer K�rperh�lle sicher hellwach gewesen. Ausgerechnet sie hatte in ihrem Keller lange Jahre f�r den Tod ge�bt und ihre Sinne f�r alle m�glichen durch die W�nde oder das Doppelfenster zu empfangenden Signale gesch�rft. Wenn sie bei ausgeschaltetem Licht im Dunklen sa�, war sie doch � um sich nicht zu langweilen � sicher vor allem darauf aus, Vibrationen, Schattenw�rfe oder Ersch�tterungen zu empfangen. Ich behielt das Gef�hl, Tante Peprl viel schuldig geblieben zu sein, ihr irgendeinen Wunsch nicht erf�llt zu haben.</p><empty-line/><p>frau slajsov�</p><p>Unsere Putzfrau aus dem schon erw�hnten Stamme VER-SCHLEISS � Frau Slajsov� � war nicht nur herzlich und liebenswert wie alle mich umgebenden Damen, sie war g�nstigerweise auch noch putzw�tig. Und im Gegensatz zu allen mir bekannten Frauen war sie b�renstark. Sie war ein riesiges Weib, war gut fettbepolstert und wie ein Nutztier au�erdem reichlich mit Muskulatur bepackt. Sie hatte unmenschlich rauhe H�nde, von den Elephanten abgekupferte F��e und einen Arsch, der � was seine Gr��e betraf � in der gesamten Republik nur schwer seinesgleichen gefunden h�tte. Au�erdem besa� sie ballonartige Knie, auf die sie sich bei Bedarf mit voller Wucht fallenlassen konnte, ohne sich weh zu tun; und man sah sie dauernd irgendwo auf einem ihrer Knie herumkurven � oder auf beiden. Sie war eine Ringerin der schwersten M�belklasse und konnte beispielsweise auch halbwegs volle Kleiderschr�nke so fest anpacken, da� diese ihr folgten. Jedenfalls war sie in der Lage, bei Bedarf alle M�belst�cke, die die Spannweite ihrer Arme nicht �berschritten, allein anzuheben und parkettschonend anderswo abzusetzen. �ber solche und �hnliche Kunstst�cke von ihr wurde bei uns immer mit gr��tem Respekt gesprochen.</p><p>Frau Slajsov� im Zusammenhang mit dem guten Geruch unserer Wohnung nicht zu erw�hnen w�re nicht nur ungerecht � es w�re eine regelrechte Schandtat, eine verbrecherische Unterlassung erster G�te. Bei meiner Mutter, bei Gro�mutter Lizzy und mir durfte sie regelm��ig putzw�ten, und das tat sie auch. Sie putzte und s�uberte leidenschaftlich und l�chelte immer zur�ck, wenn man sie l�chelnd ansah. Tante Gy�rgyis Bereich und den des Onkels durfte sie dagegen nicht einmal betreten � sie h�tte dort auch nichts zum Lachen gehabt. Gy�rgyi lie� sowieso kaum jemanden zu sich herein, und Onkels Raum war voller sensibler Dinge, die niemals in eine Frauenhand geraten durften. Und Frau Slajsov� f�r ihre Distanzlosigkeit gegen�ber Mensch und Materie noch zu bezahlen kam f�r ihn au�erdem nicht in Frage. Bei Erna hatte Frau Slajsov� nur begrenzte Putzrechte, au�erdem wurde sie bei der Arbeit pausenlos vollgequatscht � das hei�t von Erna im Grunde beaufsichtigt. Zarte Gegenst�nde wie Vasen wurden vor dem Reinemachen aber nicht nur bei Erna rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Frau Slajsov� galt allgemein als gef�hrlich, da sie ihre Kraft oft zu hemmungslos einsetzte. Au�erdem arbeitete sie gern mit althergebrachten radikalen Putzmitteln � oft mit reinen Chemikalien. Solange darunter nur ihre H�nde litten, lie� man sie schaumfrei oder vielsch�umend walten, schalten, �tzen und zersetzen.</p><p>Der H�hepunkt des Jahres war f�r Frau Slajsov� der gr�ndliche Fr�hjahrsputz,�gruntov�ni �genannt. An diesem Tag bekam sie etwas h�heren Stundenlohn als sonst und hatte noch bessere Laune als sonst � aber nat�rlich nicht wegen der auch in diesem Fall bescheidenen Bezahlung, sondern wegen der vor ihr stehenden und edlen Gro�aufgabe. Diese bestand darin, die zu putzenden R�ume auf den Kopf zu stellen. Vor�bergehend sollte an dem Tag nichts bleiben, wie es war und wo es war. Schr�nke wurden von der Wand abger�ckt und auch von hinten mit Schaum gewischt und desinfiziert, schwere Teppiche wurden zusammengerollt und zum Klopfen in den Hof geschleppt, Matratzen auf den Balkon hochkant gestellt und alle Betten umgekippt. Nirgendwo sollte ein K�rnchen Staub unentdeckt haften- oder sogar klebenbleiben. Das eigentliche Putzobjekt, auf das sich Frau Slajsov� anschlie�end st�rzte, war der Parkettfu�boden � das in der Hierarchie sich amtiefsten befindende Objektwesen unser Wohnung, auf dem sich die sichtbare wie unsichtbare Quintessenz allen Drecks und aller �bel vermuten oder festmachen lie�. Unsere Fu�b�den waren, weil man bei uns jegliche Art Lackierung verabscheute, leider tats�chlich immer voller Flecke und anderer sichtbarer Dreckzeugnisse. Jeder zum Boden gefallene Tropfen SAUBEREN(!) Wassers � von Tee, Kaffee oder Wein ganz zu schweigen � hinterlie� Spuren. Sauberes Wasser helle, andere Substanzen eher dunkle Spuren, aber auch die hellen Stellen verd�sterten sich mit der Zeit. Der Totaleinsatz von Frau Slajsov� wurde irgendwann unvermeidlich.</p><p>Wenn am Tag des� Gr�ndlichmachens �ein Zimmer freiger�umt war, legte Frau Slajsov� los, r�ckte mit mehreren Eimern Wasser, mit Kernseife, rauhborstigen B�rsten, vielen h��lichen Lappen und einem Bausch Stahlwolle an. Familien, die eine solche Radikalkur in ihren Wohnungen nicht regelm��ig durchf�hrten, wurden von uns allen verachtet. Frau Slajsov� b�rstete das Parkett zuerst mit viel Schaum, scheuerte und schrubbte dann einzelne Parkettabschnitte mit ihrer rohen B�rste so gr�ndlich, bis das harte Holz samt aller Dreckpartikel weich und nachgiebig wurde. Der erste Eimer mit dem schlimmsten Dreckwasser roch am abscheulichsten, darin wurde sicher nicht nur Kernseife aufgel�st. Den anderen, etwas saubereren Drecklaugen mischte sie auf jeden Fall noch etwas zum Desinfizieren bei. Gummihandschuhe verabscheute Frau Slajsov� auch beim Gr�ndlichmachen. Beim anschlie�enden Reiben mit der Stahlwolle kam nat�rlich etwas Holzsubstanz abhanden � und das sollte auch so sein. Sie schabte die Oberfl�che einfach konsequent in einer Richtung so lange ab, bis sich vor ihren Knien eine l�ngliche Spur Schabholz ansammelte. Die nassen Holzkr�mel wanderten dann weiter mit ihr mit und wurden ab und zu zusammengefegt. Ihr Eingriff in die Tiefen der Parkettoberfl�che galt nat�rlich nicht nur den Flecken, dem eingefressenen Staub und dem Schmierdreck, sondern einfach allen mikroskopischen Lebewesen, die von uns in den oberen Holzschichten vermutet wurden. Am Ende war der Fu�boden sicher so gut wie keimfrei � kurzzeitig jedenfalls. Nachdem die schabende Frau Slajsov� in der N�he der T�r angekommen war, ging es an der Fensterseite wieder los. Das noch etwas feuchte Parkett wurde nach und nach gr�ndlich gebohnert und die letzten noch lebenden Keime grausam mit Wachs erstickt. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, war wenigstens ein Raum schon fertig � alles gl�nzte wie neu und roch unbeschreiblich nach totaler Reinheit. In der Wohnung herrschte das reinste Gl�cksgef�hl. So etwas wie der Neuanfang unser aller Leben war angesagt, die Vermehrung und Vervollkommnung alles Lebendigen � unsere, aber auch die der unz�hligen Keimst�mme � konnte von vorn beginnen. In den fertig geputzten R�umen wirkte alles wie ver�ndert, obwohl die M�belst�cke wieder an der gleichen Stelle standen, wo sie immer schon gestanden hatten. Nat�rlich strahlten alle fertig geputzten Oberfl�chen und gl�nzten dank der frisch aufgetragenen Politur, und nat�rlich strahlte auch Frau Slajsov� � sie war stolz und �bergl�cklich. Dieser himmlisch putzgeilen Ausnahmeerscheinung war am fr�hen Nachmittag erstaunlicherweise noch gar keine Abschaffung anzusehen, obwohl die Unerm�dliche schon l�ngst dabei war, das n�chste, bereits ausger�umte Zimmer zu schrubben.</p><p>Weil Frau Slajsov� alle gro�en Aufgaben liebte, bl�hte sie auch an den Tagen auf, an denen GROSSE W�SCHE dran war. Gro�e W�sche hie� bei uns in der Regel Kochw�sche, weil alles, was nicht unbedingt geschont werden mu�te, mit Vorliebe gleich mitgekocht wurde. Die Kochw�sche wurde in der ganzen Familie eine Weile gesammelt � so lange, bis der Berg f�r Frau Slajsov� gro� genug war. Unsere Gro�familie besa�, wie man sich denken kann, noch keine Waschmaschine. Am Vorabend des gro�en Waschtageswurde der riesige W�scheberg in eine Badewanne geworfen und unter Wasser gesetzt � zum zw�lfst�ndigen Einweichen. Am n�chsten Morgen begab sich die rauhh�ndige Slajsov� als erstes in die hinter den Kellern liegende Waschk�che, heizte den Kessel ein, rieb Kernseife, bereitete alles N�tige vor. Schlie�lich schleppte sie in Eimern die schwer gewordene nasse W�sche nach unten. Dort verschwand diese Ladung im beinah kochenden Wasser, und Frau Slajsov� verschwand ihrerseits auch � in den schweren Wasserd�mpfen. Sie wurde in ihnen trotz ihrer Breite und Gr��e tats�chlich so gut wie unsichtbar.</p><p>��Frau Slajsov�, sind Sie da?</p><p>��Nat�rlich, bleib aber lieber drau�en, Georg. Hier kann man nicht atmen � und der Ofen gl�ht. Der Grund f�r diese Zur�ckweisungen war klar � Frau Slajsov� war praktisch entkleidet, k�chelte so gut wie nackt. In der Waschk�che herrschte eine unvorstellbare Hitze, und die dort erreichte relative Feuchtigkeit lag sicher bei hundert Prozent. Was Frau Slajsov� zum Bleichen nutzte, wu�te ich nicht, der �tzende Geruch, der aus dem Raum str�mte, lie� einen aber das Schlimmste bef�rchten.</p><p>Frau Slajsov� f�hlte sich dort trotz allem wie in ihrem Element, hatte ich das Gef�hl. Sie wollte wie ein Fisch im Wasser alle Wonnen dieser dampfschweren Arbeit auskosten und weigerte sich grunds�tzlich, bei den Kocharbeiten das Fenster zum Hof zu �ffnen. Vielleicht wollte sie die Umwelt nicht verpesten, vielleicht f�rchtete sie, ihre optimale Betriebs-, also K�rpertemperatur zu verlieren und sich dabei noch zu verk�hlen. Etwas Frischluft kam in den Raum nur durch die angelehnte T�r zum Kellergang. Einmal sah ich Frau Slajsov� in den Nebelschwaden breitbeinig auf einem hohen Hocker sitzen und mit dem z�nftigen meterlangen Waschl�ffel die famili�re Kochbr�he r�hren. Sie sa� mit dem R�cken zur T�r, dem T�rspalt war sie dabei seitlich leicht zugewandt. Sie hatte nur ihren durchgehenden Unterrock an,�kombine �genannt, ihre �berdimensionalen Br�ste quollen �ber, B�stenhalter trug sie sowieso nie. Wie ich wu�te, hatte sie ihr Leben lang allein gelebt. Sie sa� etwas unruhig, erhob sich immer wieder leicht, setzte sich wieder hin und rieb ihre riesigen Arschbacken an der � im Verh�ltnis zu ihrem Unterleib � winzigen Sitzfl�che des Hockers. Dann hob sie ihren Sitzapparat wieder leicht an und stellte sich zur Abwechslung etwas breitbeiniger hin � und r�hrte, ruderte und schaufelte mit ihren nackten oberen Extremit�ten flei�ig weiter. Pl�tzlich packte sie den schweren Hocker regelrecht zwischen ihre m�chtigen Schenkel, rutschte auf ihm � trotz der gnadenlosen Umklammerung � nach vorn und schob sich dann wieder zur�ck. Anschlie�end fuhr sie wieder nach vorn, wobei sie ihren Schambereich anscheinend als Reibe- und Bremsklotz nutzte� Wenn ich damals jemanden gehabt h�tte, mit dem ich �ber diese Nummer von Frau Slajsov� h�tte reden k�nnen!</p><p>Es h�tte durchaus auch eine Frau sein d�rfen � eine familienfremde, versteht sich. Oder mein freigeistiger Gro�vater Schornstein, den ich manchmal aus seinem Ostrauer Grab gern herausgeholt h�tte � wenn schon nicht vom Himmel heruntergezogen. Was mir �ber ihn und die vergn�gliche Vorkriegszeit alles erz�hlt wurde! Er machte einmal einer Bekannten, die unangemeldet zu Besuch kam, die T�r auf, hatte aber lediglich sein Oberhemd an; darunter war er nackt.</p><p>��Ich bin immer gern bereit, wie Sie sehen.</p><p>Gro�vater Schornstein h�tte mir sicher einiges genau erl�utert und mir meine Karriere als M�senschaftler behutsam geebnet. Und ich h�tte Frau Slajsov� Geheimnis, aber sicher nicht nur dieses, viel fr�her l�ften k�nnen. Heute wei� ich beispielsweise auch ohne die Hilfe meines Gro�vaters, da� etliche Damen das wildstreunende Fremdinteresse an ihrem Zentralorgan alles andere als unerfreulichfinden. Sie f�hlen sich aber nat�rlich nur dann nicht peinlich ber�hrt, wenn die m�senmagnetische Aufmerksamkeit in der Wortwahl sittlich und erst einmal � IM ERNST!�� auf Narration und Deskription beschr�nkt bleibt.</p><empty-line/><p>in der Stadt gab es immer mehr rollstuhl-desperados auf crashkurs</p><p>In Prag war man umgeben von Diplomingenieuren. �berall auf den Stra�en, in den B�ros, auf Baustellen, in den Schlangen vor Gesch�ften, in Stra�enbahnen oder Theatern. �berall h�rte man:</p><p>��Guten Tag, Herr Ingenieur� ach, Sie sind es, Frau Ingenieur, haben Sie eingekauft?� Sie haben sich aber gar nicht ver�ndert, Herr Ingenieur� Sehen Sie mal, da geht Herr Ingenieur Kapr �ber die Stra�e�</p><p>Ich pers�nlich wurde auch von Diplomingenieuren umlagert. Mein Vater war einer, mein Onkel und erstaunlicherweise sogar meine Mutter. Onkels Frau Eva sowieso, sie war aber noch mehr. In unserem Mietshaus gab es dann noch zwei oder drei weitere Diplomingenieure, wenn nicht mehr � manche versuchten, �hnlich wie meine Mutter, ihren Titel geheimzuhalten. Diese Ingenieurdichte kam in Prag nicht deshalb zustande, weil man in der Vergangenheit auf technische Berufe so versessen gewesen w�re. Diesen Titel trugen neben den echten Hardware-Ingenieuren zum Beispiel auch alle tschechischen �konomen und Landwirte. Die ihnen eher zustehenden Titel Dipl.-�kon., Dipl.-Landw. gab es bei uns einfach nicht, was eine gewisse Tradition hatte. Und weil Fachschulabsolventen �berhaupt keine Titel trugen, war bei den Hochsch�lern auch das K�rzel� Dipl.��berfl�ssig � jeder� Ing. �war von Hause aus ein diplomveredelter Mensch.</p><p>Diese fehlende Differenzierung war nat�rlich etwas ungerecht. Alle techniklahmen, trotzdem titelstolzen� Ing.�-Tr�ger � also Land- und Forstwirte, �konomen, Verwaltungs-, Handels- oder Kaufmannswirte � wurden auf diegleiche Stufe mit den viel h�rter ausgebildeten Bauingenieuren, Maschinenbauern oder Chemikern gestellt. Da� diese von sich selbst eine viel h�here Meinung hatten, war vollkommen berechtigt. Die einzigen, die sich aus dieser undefinierbaren grauen Ingenieurmasse abheben konnten, waren die Architekten, die den Titel� Ing. arch. �tragen durften. Bei uns im Haus wohnte ein� arch.�, der aber einfach ein umtriebiger und begabter Tischler war, der sich nebenbei � also inoffiziell als Privatmann � auf das Entwerfen kompletter Wohnungseinrichtungen, also auf die Innenarchitektur spezialisiert hatte.</p><p>Die Aufwertung der nichttechnischen Berufe und die allgemeine Titel-Nivellierung sollte in der Nachkriegszeit vielleicht ausdr�cken, da� alle jungen Menschen beim Aufbau des Staates mit gleichwertiger Kraft und gleichem Engagement anzutreten h�tten. Sie sollten unsere sozialistische Wirtschaft z�gig zum Bl�hen bringen und sp�ter wissenschaftlich zum Kommunismus f�hren. Wir geh�rten nun mal zur sowjetischen Herrschaftssph�re, und in der UdSSR gab es dank Stalins Sprachverliebtheit und seiner Definitionskunst einst auch INGENIEURE DER MENSCHLICHEN SEELE. V�terchen Stalin meinte damit in den drei�iger Jahren alle dem Fortschritt dienenden Schriftsteller � also diejenigen, die noch nicht weggesperrt, nicht in Arbeitslager geschickt oder liquidiert worden waren.</p><p>Weil unser sozialistisches Land wirtschaftlich vorankommen wollte, mu�ten nat�rlich verst�rkt diplomierte �konomen und Landwirte ausgebildet werden. Die �konomische Hochschule von Prag bekam daf�r ein riesiges Geb�ude einer fr�heren Gewerbeschule zugeteilt, und weil dieses nicht ausreichte, nistete sich das Hochschulmonstrum auch in vielen anderen Geb�uden der Stadt ein. Die Landwirte wollten dieser Expansion nicht tatenlos zusehen und breiteten sich am Stadtrand im Norden der Stadt hemmungslos aus. In allen diesen zentralen oder dezentralen Geb�udekomplexen summte es von zuk�nftigen Ingenieuren wie in konkurrenzw�tigen Wespenst�cken. Bei der undifferenzierten Titelvergabepraxis blieb es dann die ganze Zeit.</p><p>Die kommunistische Generation meiner Eltern wurde fast fl�chendeckend mit den Ingenieurtiteln bedacht. Unter dem Dach einer gleich nach 1945 neu geschaffenen und ideologisch ausgerichteten� Sozialpolitischen Hochschule �begann man klassenbewu�te Journalisten, Soziologen, marxistische Philosophen, Spezialisten f�r den Wissenschaftlichen Kommunismus und Diplomaten auszubilden. Diese Hochschule sollte ein fortschrittliches Bollwerk gegen die b�rgerliche und damals noch nicht gleichgeschaltete Karlsuniversit�t bilden. Nachdem die Sozialpolitische Hochschule �berfl�ssig geworden war und aufgel�st wurde, bekamen alle ihre Absolventen die Ing.-Titel nachgeworfen � auf diese Weise auch meine Mutter und mein Vater, dem ich hier posthum den Titel� Stuben-Ingenieur der Spionageabwehr �verleihen m�chte.</p><p>In meiner Kindheit kannte ich also sehr viele Ingenieure � neben allen unseren Doktoren der Medizin im Grunde ausschlie�lich fast NUR Ingenieure. Darunter war zu meinem Leidwesen aber kein einziger ordentlich ausgebildeter Fachmann f�r irgendwelche durchstr�mten Apparaturen, summenden Aggregate, stolze Betonkonstruktionen oder transistorenbepackte Elektronikwunder. Und mit der Titelverseuchung wurde es in meiner Jugendzeit �berhaupt nicht besser, ausgerechnet nach dem Einmarsch kam es dann sogar zu einem neuartigen Dammbruch. In dieser Zeit mu�ten sich viele Intellektuelle abenteuerliche Berufe suchen und waren auf den unteren Ebenen der Gesellschaft gelandet. Und weil inzwischen kein Mensch mehr aus politischen Gr�nden erh�ngt oder erschossen wurde, blieben unserem Land ganze Divisionen von Ingenieuren und Doktoren vollst�ndig erhalten � nur ihre demographische Verteilung hatte sich verschoben. Vielen Titeltr�gern begegnete man inFabriken, auf sch�bigen Garagenh�fen oder vor d�steren Gro�k�chen mit E�n�pfen auf den Knien. Und sie streiften in der Regel ihre Scheu und L�ssigkeit ab, achteten sogar konsequent darauf, ordentlich tituliert zu werden. Man lie� sie dann eher in Ruhe. Ihre Vorgesetzten verlangten von ihnen unter Umst�nden keine k�rperlich allzu schweren Eins�tze, lie�en sie, wenn es der Parteisekret�r nicht sah, ihre B�cher lesen oder �ber ihren Manuskripten sitzen.</p><p>Der Ingenieurwahn griff merkw�rdigerweise also wieder um sich � w�tete nat�rlich auch verst�rkt in den oberen Etagen der Gesellschaft. Die Positionen der Verjagten hatten dort junge Nachwuchsingenieure besetzt. Sie kamen oft vom Lande, stammten aus einfachen Verh�ltnissen.</p><p>��Strawinsky? Kenne ich nicht � oder doch? Sicher ein sowjetischer �konom.</p><p>In einem Forschungsinstitut sa� sogar die ehemalige Putzfrau des Hauses im Chefsessel einer Abteilung, nachdem sie im Crashdurchlauf ein Ingenieurstudium absolviert hatte. Politisch war sie schon lange die institutsinterne Scharfmacherin Nummer eins gewesen. Im Grunde machte das Land in den siebziger Jahren eine besondere Variante geistiger Wiedergeburt durch. Niemand sch�mte sich mehr, ein Ingenieur zu sein. Man sch�mte sich auch sonst recht wenig. Inzwischen trugen auch studierte Spitzensportler diesen Titel gern �ffentlich, sahen keinen Grund daf�r, ihn wegen seiner Irrelevanz bei Leibes�bungen zu unterschlagen. Einer unserer Tennisspieler der Weltklasse, der als ein solcher einmal sogar Wimbledon gewann, war ein Diplomingenieur. Und man mu�te sich im Radio � es war im Jahre neunzehn-hundertdreiundsiebzig � solche S�tze anh�ren:</p><p>��Unser Spitzensportler Ingenieur Kodes gewann das diesj�hrige Wimbledonturnier! Ingenieur Kodes, Ingenieur Kodes, Ingenieur Kodes� ist tats�chlich der diesj�hrige Wimbledonsieger! Damit avanciert er eindeutig zum wichtigsten Sportler des Jahres.Der Kult des Ingenieur-Titels sa� im Land unausrottbar tief. Er kulminierte schon einmal in den sechziger Jahren � auf einem noch absurderen, noch ingenieur-fremderen Terrain. Der Titeltr�ger war Ing. Bobek. Pavel Bobek war unter anderem S�nger der bedeutenden Band� Olympic�, er war Rocker der ersten Generation, die f�r den gef�hrlich klingenden und von der Obrigkeit kriminalisierten Rock 'n' Roll den Tarnnamen BIG BEAT erfunden hatte. Ing. Bobek war der wichtigste Frontman unserer politisch und dann auch musikalisch erwachten Republik, als S�nger war er erstklassig, sang mit einer rauhen, stark gepre�ten Stimme. Sein Aufstieg begann in einer Zeit, als diese Musik der GROSSEN SCHL�GE kulturpolitisch erst durchgesetzt werden mu�te. Der Rocker Ing. Bobek war daf�r sicher der richtige Mann und spielte dank seines Titels bei der Etablierung des Rock 'n' Roll in der Tschechoslowakei eine bedeutende Rolle. Das Wort Bobek bedeutet im Tschechischen soviel wie K�tel.</p><p>Da� ich nur noch ganz nach unten, zum M�ll, zu den M�llm�nnern oder noch tiefer sinken wollte, war vor diesem Hintergrund nur logisch. Wie unertr�glich und l�cherlich das weitere Existieren inmitten der vielen Titeltr�ger geworden war, wurde mir einmal in der Stra�enbahn vorgef�hrt. Zwei noch junge, erstaunlich hellsichtige, au�erdem noch ungew�hnlich unbeschwerte Witzbolde standen dort am Fenster und beobachteten die Menschenmenge auf der Stra�e. Und kommentierten das Tun und Lassen besonders auff�lliger Individuen gnadenlos und titulierten sie messerscharf und pr�zise. Im Blick hatten sie eine Stra�enbahnhaltestelle, dahinter eine Baustelle samt einiger Bauarbeiter und einer Baugrube. Die vom �brigen Verkehr eingekeilte Stra�enbahn stand die ganze Zeit still.</p><p>��Guck dir mal diesen Doktor da an� typisch, in jeder Hand eine Flasche Medizin. Pilsner ist doch kein Bier, oder? Ist doch so. Der Mann ist ein richtiger Kneipendoktor.- He? Der Ingenieur mit der Pappschachtel auf dem R�cken, was schleppt er da, dieser Doppeldepp, ein richtiger Fachdoktor der Transportkunde ist das. Wie kann man sich derart unwissenschaftlich anstellen! Eine K�rperhaltung wie aus dem orthop�dischen Gruselkabinett. Und was hat er in der Schachtel �berhaupt drin? Ersatzbandscheiben f�r die ganze Familie vielleicht.</p><p>��Die Ingenieure verkommen klamottenm��ig immer mehr, merkst du das? Kaufen sich aus Solidarit�t nur die h��lichste Konfektion � nur weil sie von �hnlichen Rei�brett-Ingenieuren entworfen wurde. Und darunter tragen diese Leute vorzugsweise syrische Unterhosen, Hodenquetscher aus Nahost, wetten? Sie achten gar nicht auf ein ingenieurm��iges Auftreten, kennen keine Berufsw�rde.</p><p>��Und was sie mit ihren Glatzen immer anstellen � typische Ingenieurfuzzis, die sich ihre Kopfhaut beim Nachdenken versengt haben. Neuerdings schmei�en sich diese Leute ihre str�hnigen Seitenhaare �ber die kahlen Sch�del bis zum n�chsten Ohr r�ber � von einer Seite auf die andere, kleben sich die Str�hnen oben auf der Haut auch noch fest, angeblich mit Fotokleber oder Eiwei�. So ein Glatzkopfindianer kommt sich dann wie ein vollbehaarter Kaltbl�ter vor. Sie k�nnten sich �ber ihre Birnen genausogut Pflaumenmuspalatschinken oder trockene Kuhfladen werfen.</p><p>��Echte Kopfdressm�nner, Ausstellungsst�cke f�r den Export in die tropengequ�lten Bruderl�nder. Nur der Titel, nur der Titel ist wichtig � das ist ein und alles f�r sie. Und vor allem keine kritischen Blicke in den Spiegel werfen.</p><p>��Selbststudium, Vervollkommnung, Weiterbildung � f�r diese S�ulen der Gesellschaft sind das alles einfach Fremdw�rter. Dabei gibt es bei uns so viele gute Fachzeitschriften.�Die Welt der Sowjets�,�Die Sowjetfrau im Moderausch�,�Landwirtschaft in der Steppe und hinterm Polarkreis �und und.</p><p>��Guck mal, der in der offenen Windjacke � die geht ihmbis zu den Knien, solche echten Jacken-Ingenieure sehen wir immer gern. Und drunter ein falsch gepflegter, ausgeh�ngter Wollpullover von der Mami, der hinten sogar noch zehn Zentimeter l�nger ist als die Jacke. In die gro�en Jakkentaschen k�nnte er sich problemlos geklaute S�uglinge stecken. Und der da, der so herumwackelt, weil er in seine Umh�ngetaschen eingeschn�rt ist � das ist eine echte Einkaufsbeutelkreatur, dieser Esel mit Diplom, an allen Seiten h�ngt an ihm etwas dran, links und rechts, quer um den Hals, bravo! Dem Mann fehlt nur noch ein Herrent�schchen. Auf dem R�cken hat er nat�rlich noch einen Rucksack � kann dieses Ingenieurbaby �berhaupt noch atmen?</p><p>��Was ist aber jetzt los � hat er etwa gr�ne Haare? NEIN! In seinem Rucksack steckt einfach eine Palme!</p><p>��Aber, aber, wackeln tut er, hoffentlich kippt uns der Taschenmann nicht gleich um� zu welcher Seite, was meinst du? Dieser Ing. wird seine ganzen Umh�ngsei nur in der umgekehrten Reihenfolge wieder los, ist ihm das klar? Packt der Ingenieur seine Entpackung zu Hause ganz allein, oder wird er lieber eingeschn�rt bleiben, bis die Mama kommt? Und wieder so ein Unterhosenprofessor da dr�ben � steckt sich sein Hemd in seine Unterhose aus dem fortschrittlichen Syrien, so da� man das syrische Spitzenerzeugnis jetzt tats�chlich sehen kann. Undja�! Es ist eine syrische Unterhose, jetzt l��t sich auch der Aufn�her erahnen, endlich!</p><p>��Lauter Ingenieure, auch hier drin. Quetschen sich in unseren Wagen rein, bleiben an der T�r stehen, und hier in der Mitte k�nnte man Csardas tanzen. Warum diskutieren die zwei Professoren �ber diesen Gully � dort vor der Baustelle, siehst du sie? Jetzt taucht der n�chste Ingenieur auf, der mit dem Laster, sieh mal einer an! Wie geschickt der r�ckw�rts fahren kann, trotz der Ru� w�lken aus dem Auspuff. Rauchen tut er auch noch nebenbei! Augen voller Qualm und Tr�nen.- Und der Ingenieur hinten bei den Zements�cken ist bestimmt sein Beifahrer � der wedelt und wedelt, unterh�lt sich dabei aber mit der Tussi im Bauwagen. Bald wird er seinen Kumpel glatt in die Grube hineindirigieren, wetten?</p><p>��Vielleicht hat sich der R�ckw�rtsgang-Ingenieur ein paar Tricks bei den Flederm�usen abgeguckt. Und wie schnell er mit seinem Laster blindlings unterwegs ist, der traut sich was! Sein Beifahrerdoktorand wedelt und winkt, achtet auf gar nichts mehr. Vorsicht � die Zements�cke!</p><p>��Die sind jetzt hin! Zwei sind unter den R�dern, unwiederbringlich, sie werden wenigstens den Schlamm andicken. Jetzt kurvt der Lenkradingenieur tats�chlich raus aus der Ausfahrt � hat dabei sogar die Torpfosten stehenlassen. Bald wird er daf�r die beiden Gully-Professoren platt machen, wenn ihm keiner die Zigarette aus dem Mund nimmt.</p><p>Die Stadt verrottete zusehends. Innerlich wie �u�erlich. Und jeder kannte den Titel eines 1967 erschienenen Fotobandes mit Texten von Hrabal: DIESE STADT IST IN GEMEINSAMER PFLEGE DER BEWOHNER. Dieser ironisch-melancholische Wunschtraum besa� in den rosigen f�nfziger Jahren punktuell vielleicht noch etwas Realit�t. Damals fanden an den Wochenenden tats�chlich noch freiwillige Arbeitseins�tze statt, bei denen die Prager in Scharen die Stra�en ihrer Umgebung s�uberten und ihre in der N�he liegenden Parks pflegten � im Rahmen der sogenannten� Aktion Z�. Wir Kinder machten begeistert mit. Das� Z �stand dabei f�r ZVELEBOV�NI, was auf Tschechisch etwa Hebung, Belebung, Veredelung bedeutet. Dieser Aktionismus schlief irgendwann nat�rlich ein, und nach dem Einmarsch machte man im Rahmen der dumpfen Unzufriedenheit dann �berhaupt nichts mehr � f�r die Stadt nicht, nicht f�r den Staat, f�r den Sozialismus schon gar nicht. Jedenfalls nichts, was man nicht unbedingt tun mu�te � und auch das tat man m�glichst nur zum Schein. Dabeiwurde man in dieser Zeit der NORMALISIERUNG � dieses euphemistische Vergewaltigungswort war der St�tzpfeiler der offiziellen Rhetorik � pausenlos darauf getrimmt, alles besser zu machen als w�hrend der konterrevolution�ren VERIRRUNG von 1968.</p><p>Die allgemeine Schlamperei der Normalisierungszeit war trotzdem grenzenlos, auch in den Staats�mtern, bei der Polizei und der Stadtverwaltung � dort zelebrierte man vor allem die Fr�hst�cks-, Mittags- und Kaffeepausen. Und zwischendurch auch noch die Pausen f�r zwanglose Unterhaltungen, also die Besprechungspausen. Die Folgen bekam man immer wieder zu sp�ren. Man kontrollierte die Kanalisation nicht mehr, achtete nicht auf verd�chtige Absackungen und Absenkungen des Bodens, und eines Tages wurde bei starkem Regen eine Stra�e vollst�ndig untersp�lt. Der B�rgersteig samt einer Haltestelle �ffnete sich, und auf einen Schlag verschwand eine Menge Prager B�rger unter der Erde. Oder war das in Br�nn? Ehrlich gesagt las ich, seitdem die Russen im Land waren, �berhaupt keine Zeitungen mehr. Manche unserer Mitmenschen hielten sich bei der Absackung angeblich an den br�ckelnden R�ndern des Lochs noch eine Weile fest, bis auch sie den anderen folgten. In der Stadt lief jedenfalls � Br�nn hin oder her � eine Unzahl von zuverl�ssigen Augenzeugen herum. Den nichtssagenden Kurzmeldungen in der Presse, in denen dieses Ungl�ck verharmlost wurde, mi�traute man zutiefst. Um so aufgeregter wurde die Sache diskutiert, die Augenzeugen, die dem Ungl�ck nur knapp entkommen waren, waren unsere neuen Helden. Manche der Abgesackten wurden angeblich nie gefunden. Vielleicht waren aber auch gute Schwimmer dabei, meinte jemand.</p><p>Da� ein alter Mann aus unserer Nachbarschaft in Eigeninitiative Schilder mit einem roten Pfeil und der Aufschrift� BURG �an den Laternenpf�hlen befestigte, pa�te nicht unbedingt in diese lethargischen siebziger Jahre � der Mannhatte f�r seinen Eifer aber einen handfesten Grund. Er bastelte die Schilder selbst, sogar bei der Aufstellung kletterte er ohne fremde Hilfe auf seine wacklige Leiter. So best�ckte er nach und nach auch etwas entferntere Ecken der Gegend. Mit seinen Schildern wollte er nicht nur den armen, in unserer Gegend regelm��ig ungl�cklich werdenden Touristen helfen, er wollte auf seiner Parkbank einfach seine verdiente Ruhe genie�en. In dieser Zeit wurden wir leider alle bel�stigt, nicht nur er. Die Touristen stellten � tags wie nachts � jedermann die gleiche Frage:</p><p>��HRADSCHIN? Wo ist hier die Burg? We don't see any castle here. Can you help us?</p><p>Das Problem unseres sch�nen Stadtteils bestand nicht darin, da� man uns die Burg weggenommen h�tte. Unser Problem war, da� am� Boulevard der Verteidiger des Friedens �eine Metrostation mit dem � auf die amtliche Bezeichnung unseres ganzen Viertels bezogenen � Namen� Die Hradschiner �gebaut worden war. Diese Station lag allerdings auf der flu�abgewandten Seite der Burg, weit unterhalb der eigentlichen Burganh�he. Au�erdem wurden die Aussteigenden auf dem so eindrucksvoll verbreiteten� Boulevard �erst einmal in die vollkommen falschen Richtungen orientiert � also dorthin, wo die Burg eben NICHT lag. Und die Burg konnte man von hier beim besten Willen auch nicht sehen. Was man nach dem Auftauchen aus dem Untergrund sah, waren mehrere Bus- und Stra�enbahnhaltestellen, dieser Anblick war allerdings tr�gerisch. Bergauf zur Burg f�hrten von diesem Knotenpunkt aus nicht nur keine Schienen, sondern auch keine anderen Verkehrswege; alle vorhandenen Querstra�en waren l�ngst verbarrikadiert. Die Burg lag im Grunde nicht weit weg und war zu Fu� einigerma�en gut erreichbar � theoretisch jedenfalls. In unserer Gegend irrten also st�ndig Touristen umher, die ihre Stadtpl�ne in den H�nden hielten und versuchten, sie nach Norden auszurichten. Sie drehten sich dabei wiederholt um ihre Achse, k�mpften auf den kaputten B�rgersteigen mit ihrem Gleichgewicht und st�rten. Manche liefen erfolglos umher und sahen wiederholt zum Himmel in der Hoffnung, dort die riesigen T�rme des Veitsdoms zu entdecken. Die Burg und der Dom befanden sich dabei s�dlich von ihnen, verborgen hinter H�usern und den B�umen unserer Parks. Viele der Touristen gerieten in Verzweiflung. - BURG � CASTLE � CASTELLO � CASTILLO?</p><p>Unter den Burgsuchenden hatte auch unser Zentralkneipier zu leiden. Es war derselbe Mann, der sich Sorgen um mich gemacht hatte, ich k�nnte zum Biers�ufer werden. In der N�he der Metrostation gab es selbstverst�ndlich keine �ffentlichen Toiletten, und die fremdl�ndischen Orientierungsl�ufer mu�ten irgendwann � stre�geladen, wie sie waren � auch pinkeln gehen. Der Kneipier sah ihnen ihre gutgef�llten Harnblasen sofort an. Diese Leute hatten einen speziell fragenden Blick, hielten einen Stadtplan in der Hand und liefen leicht schuldbewu�t auf seine Kneipe zu. Wenn er diese Nur-Pissen-Woller sah, fackelte er nicht lange und verscheuchte sie m�glichst schon in seinem Vorgarten. Ob sie vielleicht auch essen oder trinken wollten, war zweitrangig � er mochte diese herumhetzenden Ausl�nder einfach nicht. Er f�hlte sich von ihnen von vornherein beleidigt, da diese Leute sein gem�tliches Gartenlokal nicht w�rdigen, sondern im Grunde nur weiterziehen wollten � zur Burg eben. Man sah den Mann oft, wie er aus der Kneipent�r hinausgerannt kam und auf Deutsch und Englisch br�llte:</p><p>��NEIN! HIER NICHT!�� DETS ENAF! NOU PISS! NOU DABBEL-J�-SI! WIR SIND EINE GASTST�TTE!</p><p>Von den meisten Menschen unbemerkt, kreuzte w�hrend meiner Kindheit ein pensionierter Stra�enpflasterer durch Prag, der sich auf das Ausbessern kleinfl�chiger B�rgersteigsch�den spezialisiert hatte. Offenbar konnte er den Anblick von kaputten B�rgersteigen nicht ertragen und wollte sich partout nicht zur Ruhe setzen. Ob er wenigstens f�r die sensibleren Prager ein Begriff war, wei� ich nicht � f�r mich war er es auf alle F�lle. Die verlotterte Stadtverwaltung war bei der Besch�ftigung mit sich selbst und beim hausinternen Herumgequatsche schon immer ausreichend gefordert, die Stadt wurde nach M�glichkeit sich selbst �berlassen. Neben der dauernd von neuem zerfallenden historischen Bausubstanz auch noch alle Prager B�rgersteige in Schu� zu halten, sogar kleinste Sch�den kontinuierlich beseitigen zu lassen war einfach zu viel verlangt. Die B�rgersteigpflasterung bestand zu allem Ungl�ck aus kleinen rosafarbenen und bl�ulichen Steinen und sollte bestimmte historische Muster aufweisen. Der alte Einzelk�mpfer fuhr auf eigene Faust mit seinem Handwagen tagaus, tagein herum, legte die kaputten Stellen frei, f�llte sie mit seiner speziellen Sand-Kalk-Mischung, belegte sie mit den Piastersteinen, klopfte dann mit gezielten kurzen Schl�gen auf jedes einzelne dieser Steinchen und lie� nach und nach die besch�digten Mosaikmuster neu entstehen. Wenn er sich vom Boden zu erheben begann, dauerte es eine Weile das Strecken seiner Knie fiel ihm schwer. Wenn er sich wieder aufgerichtet hatte, sah man ihm seine Schmerzen auch deutlich an. Am Ende stampfte er die reparierten Stellen mit einer h�lzernen Handramme fest. Sand, Kalk, Wasser und einen Vorrat an Pflastersteinen hatte der Mann in seinem W�gelchen immer dabei. Irgendwann gab es den Mann, der unser auseinanderfallendes Prag geflickt hatte, leider nicht mehr. Nach dem Einmarsch der Russen h�tte eine derartige Epiphanie sowieso nicht ins Stra�enbild gepa�t. Dieser Mann war f�r mich immer ein Vorbild, und er blieb es auch.</p><p>Der Allgemeinheit wurde in den siebziger Jahren etwas ganz anderes zum Staunen geboten. Besser gesagt � zum Glotzen, Anhimmeln und Nichtfassenk�nnen. Es war nichts G�ttliches, es waren ganz irdische Trupps konzentrierterschwedischer Bauarbeiter. Die Schweden haben uns im Drei�igj�hrigen Krieg unglaubliche Sch�tze aus der eigentlich uneinnehmbaren Prager Burg geklaut, da sie von einem verr�terischen M�nch hineingelassen worden waren � und haben uns die geraubten Kostbarkeiten nie wieder zur�ckgegeben. Vielleicht als eine kleine Entsch�digung boten sie uns jetzt etwas anderes an. Auf den Baustellen konnte der tschechische Mann, ausnahmsweise auch die tschechische Frau, Dinge sehen, die man im Sozialismus bis dahin noch nie gesehen hatte.</p><p>Gro�e und komplizierte Geb�udekomplexe konnte die sozialistische Bauwirtschaft nicht mehr eigenst�ndig bew�ltigen � in einem vern�nftigen Zeitrahmen jedenfalls. Sicher wollte man mit der Vergabe dieser Gro�auftr�ge verhindern, da� im Zentrum der Hauptstadt jeder sehen konnte, was auf einer einheimischen Baustelle alles passierte � oder eben nicht passierte. Man lie� also f�r teure Devisen die Schweden kommen � und ihre Zulieferer, also tschechische Firmen, bezahlte man ebenfalls mit harten Devisen. Was sich unsere Wirtschafts- und Parteikapit�ne damit eingehandelt hatten, ahnten sie nicht. An vielen Orten, in vielen B�ros stand oft die Arbeit still, weil die Belegschaft RICHTIGE ARBEIT SEHEN WOLLTE. Man lie� alles stehen und liegen und wanderte w�hrend der Arbeitszeit zu den Baustellen. Diese wurden regelrecht belagert, Menschen hielten sich dort stundenlang auf, standen wie festgenagelt an den Z�unen und schauten zu. Nach und nach wechselten sich dort ganze Menschentrauben ab, und wenn irgendwo ein besonders erstaunlicher Arbeitsvorgang gestartet wurde, verlagerten sich die Beobachtungstrupps einfach am Zaun entlang � in einer geschlossenen Formation wie ein Bienenschwarm.</p><p>Was hinter dem Zaun vor sich ging, war wirklich kaum zu fassen. Die Schweden arbeiteten �berhaupt nicht hastig, trotzdem unglaublich effektiv. Nichts stand still, alle Arbeiten schlossen sich nahtlos an die vorherigen an � und am n�chsten Tag war der Bau wieder sichtbar vorangeschritten. Deswegen mu�te man auch jeden Tag wenigstens einmal vorbeigeschaut haben. Die Schweden waren bald sichtlich genervt � kamen sich hinter dem Bauzaun wie zur Schau gestellte Exoten vor.</p><p>Das Tempo, mit dem die neuen Kaufh�user im Stadtzentrum wuchsen, geh�rte f�r die Tschechen zu einer Art Weltwunder. Auf den tschechischen Baustellen geschah trotz der Pr�senz vieler geschickter H�nde monatelang manchmal gar nichts � obwohl dort auch viele Arbeiter in Bewegung gehalten wurden und nachpr�fbar irgend etwas taten. Manche von ihnen standen nat�rlich auch manchmal herum, manche rauchten pausenlos, andere a�en oder warteten auf irgendwelches Material, das bis auf weiteres nicht lieferbar war. Trotzdem � an sich waren diese Leute nat�rlich nicht faul, sie machten sich tagt�glich ihre Gedanken, was sie als n�chstes anpacken k�nnten; und wenn dann ihre Stunde kam, legten sie auch los. Wirklich Tag f�r Tag ihres baulichen Berufslebens. In welchem schwarzen Loch ihre Arbeit verschwunden war, blieb letzten Endes schleierhaft � oft sicher auch f�r sie selbst. Als Au�enstehender konnte man ewig dar�ber gr�beln � bis man irgendwann feststellte, da� auf manchen Baustellen �berhaupt keine �nderungen des bereits Erreichten zu entdecken waren. Manchmal realisierte man erst mit einer Versp�tung, da� sich deswegen �berhaupt nichts tat, weil alle Arbeiter komplett abgezogen worden waren. Warum dann pl�tzlich nur diejenigen wiederkamen, die erst einmal nichts zu tun hatten, erfuhr man auch wieder nicht. Schon am Rohbau gr��erer Geb�udekomplexe wurde qu�lend lange herumgewerkelt, anschlie�end wurden diese Monsterkl�tze unendlich lange in ihrem Inneren ausgebaut � und man sah von au�en wieder keine Fortschritte. Vor allem diese Feinarbeiten konnten sich mehrere Jahre hinziehen. Als manmit dem Innenleben der Bauten endlich fertig war, ging es schon wieder mit den Reparaturen und Ausbesserungen am nicht ausreichend gesch�tzten �u�eren des Rohbaus los. Die strengen sozialistischen Winter hatten den in der Zwischenzeit nicht beheizten Geisterbauten sowieso schwer zugesetzt. Kurze Zeit nachdem diese Geb�ude bezogen worden waren, sah man ihnen schon die ersten Zerfallserscheinungen an und empfand tiefste Schadenfreude.</p><p>Bei den Schweden war alles anders. Man sp�rte eine Art Ablaufharmonie, wie man es von K�rperschaften der gro�en Kunst, zum Beispiel von Weltklasseorchestern, kannte. Man beobachtete das respektvolle Miteinander zwischen Mensch und Maschine, zwischen der unsichtbaren Leitungsebene und der ausf�hrenden Arbeiterschaft � und nahm das offenbar widerstandslos angenommene Ticken irgendwelcher riesigen Harmonogramme wahr. Es gab keine Hektik, keine Auseinandersetzungen oder vor Wut durch die Luft fliegende Werkzeuge, auch keine chaotisch abgelegten Materialreste, keine Berge von Schutt und Abfall. Die Overalls der Arbeiter waren oft sauberer als die Alltagskleidung einiger einheimischer M�nner, die von ihren Ehefrauen als Sorgeobjekte � Pflegef�lle auf Knabenniveau � aufgegeben worden waren.</p><p>Die Wut und Verzweiflung, die man auf den Stra�en �berall zu sp�ren bekam, wurde immer bedr�ckender. Einige Verzweifelte, die nicht in die allgemeine Ohnmacht verfallen wollten, suchten nach Entlastungsventilen � bis sie sie fanden und �ffneten. Eine junge Frau raste einmal aus Wut �ber die politische Situation und die Feigheit ihrer Mitmenschen mit ihrem Laster in eine wartende Menschenmenge. Es gab ein Blutbad mit einigen Toten, der Blutmenge entsprechend, gab es auch viele Augenzeugen � und weil man auf diese so angewiesen war, vermehrten sie sich mit der Zeit noch. Die Presseagentur erw�hnte trotz besseren Wissens nur einen� tragischen Verkehrsunfall�. Einiges bekam man aber ganz unmittelbar mit. Mir fiel zum Beispiel auf, da� die Anzahl der Menschen, die in der Stadt hinkten und humpelten, gestiegen war. Und wenn es sich ergab, da� man sie in ein Gespr�ch verwickeln und nach dem Grund ihres Hinkens fragen konnte, zeigten sie w�tend auf die vorbeifahrenden Autos:</p><p>��Die Schweine fahren einem in den Kurven einfach �ber die Fersen.</p><p>��Wirklich?</p><p>��Ja! Oder �ber die F��e! Auf der Kleinseite ist es am schlimmsten. Dort, wo die Kreuzungen durch die Seitenstra�en umfahren werden � am �jezd zum Beispiel. Diese Idioten kennen die Ideallinie und schneiden die Ecken einfach �ber die Bordsteinkanten. Und wenn gerade eine Stra�enbahn kommt, fahren sie trotzdem weiter, auch wenn es zu eng ist. Da� sie dabei �ber die F��e der Leute rattern und nicht �ber Pflastersteine, kriegen sie gar nicht mit.</p><p>Bei diesen Gespr�chen gab ich vorsichtshalber nicht zu, da� ich als Lieferwagenfahrer eines Tages auch zu den Fu�pl�tterern geh�ren k�nnte. Bisher hatte ich in meiner Arbeitszeit zwar noch niemanden verletzt, die Ecken, an denen man � nah am Limit, versteht sich � brutal �ber die Bordsteinkanten fuhr, kannte ich allerdings recht gut. Und nicht nur die im Zentrum, sondern auch diejenigen au�erhalb des Zust�ndigkeitsbereichs meiner Wohnungsbauverwaltung. Der allgemeine Brutalisierungstrend war tats�chlich nicht mehr aufzuhalten. In der Stadt vermehrten sich zus�tzlich noch ganz anders geartete Gewaltt�ter. Ich nannte sie die Rollstuhl-Desperados und empfand sie wegen ihrer Unangreifbarkeit als besonders gef�hrlich. Sie steuerten ihre Gestelle �hnlich risikoreich wie die Autofahrer � und da sie sich auf den B�rgersteigen ohne Einschr�nkungen und immer mit dem Vorfahrt-Gef�hl austoben durften, bewegten sie sich auf vorprogrammiertem Crashkurs. Siefuhren manchmal einfach schnurstracks durch die Menge, ohne R�cksicht darauf, ob sie von den Passanten rechtzeitig gesehen werden konnten oder nicht � und sie lie�en ihren Mitmenschen kaum Zeit zu reagieren. Auf die unvermeidbaren Unf�lle freuten sie sich offenbar schon und hatten als Behinderte wenig zu bef�rchten. Einen von ihnen kannte ich pers�nlich aus einer Kneipe. Er hatte die Stadt so satt, da� er vorhatte, samt Rollstuhl nach Amerika auszuwandern. Und er freute sich schon auf die Amerikaner, weil diese so freundlich l�chelnde Menschen seien. Die Amis w�rde er mit seinem Rollstuhl auch nicht anfahren wollen, niemals. Dort w�rde er sowieso einen behindertengerechten Buick fahren.</p><p>Aber auch die Helfershelfer der Behinderten � wenn sie als Schieber das Sagen hatten � �bernahmen bald den neu eingef�hrten Fahrstil, schoben ihre Sch�tzlinge mit so hohem Tempo durch die Menge, da� sie besonders pechbefleckten Bewohnern der Goldenen Stadt zus�tzlich zu ihren F��en und Fersen auch noch die Schienbeine l�dierten. Wer die Zeichen des neuen Zeitalters nicht erkannt hatte, also unaufmerksam oder fluchtunwillig blieb, mu�te mit noch schlimmeren Frontalkollisionen rechnen. Und wenn es zu einem Zusammenprall kam, wurden die Gesch�digten auch noch abgebr�llt.</p><p>��Arschloch, kannst du nicht aufpassen? feuerte der aufopferungsgeile Schieber wie aus einer abges�gten Schrotflinte. Siehst du nicht den Behinderten? Bald bist du auch so weit, pa� auf!</p><p>Ausgerechnet in dieser finsteren Zeit wollte die Stadtverwaltung wenigstens etwas Gutes f�r die Blinden tun und lie� an vielen Ampelkreuzungen neu entwickelte Jaulsignalgeber installieren. Das hatte zur Folge, da� das viel zu laute Gejaule w�hrend der Gr�nphasen den Menschen im weiten Umkreis den Schlaf raubte. Das Leben in Prag wurde aber aus vielen anderen Gr�nden unertr�glich. Die Abgebr�htheit und Gef�hlsstumpfheit ging so weit, da� man es wagen konnte, an den Abenden tapfere J�ger herbeizurufen, um in der Innenstadt die l�stigen und die alte Bausubstanz gef�hrdenden Tauben zu dezimieren. Das Abschie�en geschah vor aller Augen. Die J�ger kamen mit ihren kleinkalibrigen Gewehren und begannen systematisch, die Tauben ins Visier zu nehmen. Mitten in der Stadt, regelm��ig zum Beispiel auf dem Altst�dter Ring. Diejenigen V�gel, die sich auf die vielen Simse der umliegenden H�user oder auf entferntere D�cher gerettet hatten, wurden mit ruhigen Schritten verfolgt und � ahnungslos, wie sie waren � dort erwischt.�Peng�� und� Klatsch�,�Peng �und� (nach dem senkrechten Flug auf die Pflasterung)�Klatsch�. Ich h�re das bis heute.</p><p>Nachdem ich kein M�llmann werden durfte und nur ein einfacher Ausfahrer geworden war, wu�te ich, da� ich mich irgendwann w�rde umorientieren m�ssen. Etwas in mir wollte unbedingt aus der Stadt heraus. Den Anla� lieferte mir ein M�dchen, das eines Tages zwischen zwei parkenden Lastern vor mein bremslahmes Lieferauto gelaufen war. Das M�dchen kam mit einer leichten Gehirnersch�tterung davon. Ich lobte mich still f�r meine Reaktionsschnelligkeit, war mehr als erleichtert und auch stolz. Ich hatte im engsten Prager Stra�enlabyrinth, in das damals noch jeder Verkehrsverbrecher hineingelassen wurde, kompromi�los, trotzdem zentimetergenau fahren gelernt, und da ich bis dahin niemanden umgebracht hatte, war es wirklich h�chste Zeit zu verschwinden. Da� mein aktueller Beruf von der Politik unabh�ngig war, reichte mir inzwischen nicht mehr. Au�erdem hatte meine aktuelle Existenz auch mit einer bescheiden hellen Zukunft � trotz des wiederholten Ausfahrens von gl�nzenden Klosettsch�sseln � wenig zu tun. Und ich wohnte immer noch brav zu Hause.</p><p>Am Anfang meines Berufslebens wollte ich mich im Rahmen meiner M�glichkeiten noch verantwortungsvoll einbringen, meiner sch�nen Geburtsstadt etwas zur�ckgebenund wenigstens in einem begrenzten Umfang ein bi�chen Ordnung in das allgemeine Chaos bringen. Ich machte in meinem Betrieb auf ungesicherte Schwachstellen unserer Lagerhallen aufmerksam und warnte vor Dieben � bald danach wurde tats�chlich eingebrochen. Auf den Baustellen befestigte ich manchmal wackelige Bauteile, die drohten, Menschen zu erschlagen, unterwegs entfernte ich von den Fahrbahnen massive Metallst�cke oder ganze Aggregate, die marode Fahrzeuge verloren hatten, oder ich steckte in irgendwelchen Nebenstra�en augenf�llige �ste in offene Gullyl�cher, um diese wenigstens f�r andere Fahrer, die nicht immer aufmerksam nach vorn schauten, sichtbar zu machen. Meine sch�ne Stadt und mein Land waren aber nicht mehr zu retten. Sogar mein Lieferauto wurde trotz meiner F�rsorge gemeingef�hrlich, und ich konnte dagegen wenig ausrichten. Die Mechaniker meines Betriebes waren faul und schickten mich immer wieder weg, wenn ich sie auf irgendwelche Klapperger�usche aufmerksam machte. Sie schauten sich beim Vorbeigehen manchmal schnell das und jenes an, traten gegen die R�der, b�ckten sich leicht, um zu sehen, ob am Chassis noch alles dran war. Wenn ich dort Risse sauberwischte und sie ihnen zeigte, vertr�steten sie mich, der Zustand meines Autos sei au�ergew�hnlich stabil.</p><p>��Diese Risse sind uralt, daran hat sich seit Jahren nichts ge�ndert.</p><p>Als einmal ein Rohrleger von seiner Stra�engrube aus einen Blick unter mein parkendes Ungeheuer geworfen und mich darauf aufmerksam gemacht hatte, da� an der Antriebswelle kurz vor dem Differentialgetriebe vollkommen lose Schrauben baumelten, traute ich mich auf dem Garagenhof, einen Mechaniker anzubr�llen. Das war leider ein grober Fehler. Ich war ein Neuling, war viel zu jung und hatte die im Betrieb herrschende Hierarchie mi�achtet � als Strafe bekam ich vom Meister pers�nlich einen spontanen Schwergewichts-Arschtritt, den ich zwei Wochen sp�ternoch sp�rte. Die Tritte des Hausmeisters Erben w�hrend meiner Schulzeit waren wesentlich liebevoller.</p><p>Ungeheuerlichkeiten begegneten einem �berall, wohin man kam. Im Gro�handel f�r Kabel fiel mir einmal auf, da� man dort beim Verkauf der Meterware keine Latten oder andere Hilfsinstrumente zum Messen nutzte, sondern einfach nur an den Kabeltrommeln kurbelte. Einer der M�nner drehte und drehte und lie� das Kabel auf den Boden fallen. Der zweite kam dann mit einem Bolzenschneider vorbei und schnitt das� abgemessene �St�ck ab. F�r die M�nner stand, wie ich bald erfuhr, f�r jede Trommel fest, wieviel Kabelmeter bei einer Umdrehung � bei einem sicher vor vielen Jahren vorgenommenen Pilotversuch � abgewickelt w�rden. So gen�gte es ihnen, nur die reine Anzahl der Umdrehungen zu z�hlen, um die verlangte Meterzahl zu ermitteln. Man unterhielt sich dabei, die Trommel wurde locker und eher wie nebenbei bewegt, und in der Regel wurde offenbar auch gro�z�gig gez�hlt � lieber zwei Umdrehungen mehr als eine zu wenig. Dabei war die Schwachstelle der angewandten Methode niemandem aufgefallen. Niemanden k�mmerte, da� die L�nge der Schlaufen mit dem abnehmenden Durchmesser der restlichen Kabelschichten kontinuierlich abnahm.</p><p>��Bis jetzt hat sich dar�ber niemand beschwert, meinte einer. Wir machen das hier immer so.</p><p>��Bist du ein Schlaumeier oder kommunistisches Arschloch? fragte ein anderer.</p><p>Im Rahmen meiner eigenen Arbeitsaufgaben bedr�ckten mich leider noch andere Dinge. Ich mu�te mich an den allgemein �blichen Betr�gereien beteiligen � und diese wurden jeden Tag und von jedem einzelnen Fahrer auch unbedingt erwartet. Ich durfte auf keinen Fall aus der Reihe tanzen. Am Ende eines jeden Tages mu�te man sich lange Strecken und fiktive Fuhren zusammenphantasieren, auch wenn man sie an einem einzigen Tag gar nicht h�tte bew�ltigen k�nnen. Mit unserer Bezahlung hatte diese Praxis �berhaupt nichts zu tun. Wie ich bald mitbekam, wu�te die Buchhaltung �ber unser Treiben bestens Bescheid. Da wir Fahrer beim Tanken mit Gutscheinen zahlten, allerdings viel weniger Benzin verbrauchten, als der nach oben getriebenen Kilometerzahl entsprach, �ffneten sich in mir unbekannten Hinterzimmern Freir�ume f�r sozialistische Privatnutzung der erwirtschafteten Gutscheine. In die genauen Abl�ufe wurde ich allerdings nie eingeweiht.</p><p>Das obligatorische Ausf�llen des Fahrtenbuches war eine zeitraubende Arbeit, das manuelle Manipulieren des Tachometers war au�erdem unangenehm und riskant. Ich mu�te jeden Tag, bevor ich in die Garage einfuhr, irgendwo anhalten, den Tacho ausbauen und mit einem Schraubenzieher eine Weile an einer Schraube drehen. In der ruhigen Nebenstra�e unweit des Garagenhofes sah ich oft auch die anderen Fahrer, wie sie das gleiche taten. Als mir einmal eine �berwurfmutter, die das ganze Tachogeh�use an der Armatur von hinten festzuhalten hatte, in einen Hohlraum der Karosserie hineingefallen war, war ich vollkommen verzweifelt. Einer der Fahrer war gn�dig und half mir. Diese Gefahr kannte er, und er kannte auch die Geheimnisse der Karosserie. Und da mein Auto zum Gl�ck schon ziemlich durchgerostet war, nahm er einen robusten Schraubenzieher in die Hand und stach das Blech an einer Stelle einfach durch � gleich beim ersten Versuch. Ein Hammer war dazu gar nicht n�tig. Er w�rgte anschlie�end so lange im Hohlraum der S�ule, bis er eine gem�tliche �ffnung ausgehebelt hatte � und holte die feingewindige und unersetzbare Spezialmutter heraus.</p><p>��Ein Wunder, da� das Auto noch zusammenh�lt, sagte ich.</p><p>��Vielleicht nicht mehr lange. Ich bin mit meinem Fahrerh�uschen schon mal nach vorn geflogen. Du darfst nicht zu stark bremsen � bremst das Ding �berhaupt noch?Zum Gl�ck gab es noch die Wochenenden. Ich war schon seit einiger Zeit unter die Bergsteiger gegangen und fuhr regelm��ig zu irgendwelchen Sandsteinfelsen klettern. Was die Schwierigkeitsgrade betraf, z�hlte ich die ganze Zeit zu den Anf�ngern � trotzdem war es nicht schwer, auf die Idee zu kommen, in welche Richtung meine ersehnte Flucht aus Prag erfolgen k�nnte. Ich wollte unbedingt so weit weg von meiner Familie wie nur m�glich, wollte auch keine M�glichkeit mehr haben, Dana zu besuchen. Ich k�ndigte rechtzeitig bei meinem Betrieb, packte an einem Freitag etwas mehr Klamotten zusammen als gew�hnlich, und als ich schon auf der Treppe war, versetzte ich meiner Mutter den n�chsten gro�en Sto�, der sich in die lange Serie von schweren Todeshieben w�rdig einreihen konnte.</p><p>��Ich komme nicht wieder.</p><p>��Was hei�t das? fragte sie.</p><p>��Ich bleibe in den Bergen, fahre in die Slowakei. Ich will dort in erster Linie bergsteigen, beruhigte ich sie. Aber auch schreiben.</p><p>��Du willst weg vor mir, nicht wahr, Georg.</p><empty-line/><p>mutter anna iolanthe</p><p>Die folgende Frage blieb familienintern lange Zeit offen: Ist der liebe Georg erwachsen oder doch noch ein Kind? Daran sollte auch mein unartiges Verschwinden vorerst nicht viel �ndern. Man versuchte � aber das war schon immer so � , die eingespielte Kontinuit�t zu wahren. Sogar einige Jahre vor meinem Weggang wurde ich noch gefragt, ob mein STUHLGANG in Ordnung sei. Regelm��ig? Nicht zu hart?</p><p>��Gehst du morgens, Georg? Morgens ist es am ges�ndesten.</p><p>Was ich mittags gegessen hatte, wollte von mir meine liebste Gro�mutter Lizzy sowieso jeden Tag wissen.</p><p>��Um Gottes willen, Georg! Jetzt gibt es das gleiche zum Abendbrot � tut mir so leid.</p><p>Da� wir dort wohnten, wo wir wohnten, da� wir also so sch�n wohnten in Prag, hatte unsere Familie meiner Mutter Anna zu verdanken. Sie, ihre Mutter Lizzy und Schwester Eva hatten sich nach der Flucht vom Todesmarsch erst einmal nach Ostrau begeben. Meine Mutter hatte sich am schnellsten erholt und war als Ein-Frau-Vorauskommando bald nach Prag aufgebrochen, um eine gro�e Wohnung f�r alle, die zur�ckgekommen waren oder noch erwartet wurden, zu finden. Sie suchte sich die sch�nste Gegend aus und fragte den erstbesten Polizisten, der auf einer Kreuzung den Verkehr regelte, ob er ihr helfen k�nne. Dieser Mann wu�te zuf�llig, da� gerade eine pr�chtige Riesenwohnuns am barocken Tor, an der� Piseck� br�na�, frei geworden war.</p><p>��Die Familie Otto mu�te raus, Deutsche. Er war der hiesige Apotheker. Die Wohnung wird aber bestimmt geteilt werden m�ssen.Meine Mutter ging, resolut wie sie war, sofort zur zust�ndigen Wohnungsvergabestelle und bekam den Schl�ssel. Eine der n�chsten Amtshandlungen von ihr war der Gang zum Lagerhaus, in dem man vor der Deportation alle beweglichen Teile des Besitzes hatte deponieren m�ssen. Das einzige, was sie zur�ckhaben wollte, waren drei �lbilder � ihr eigenes Portr�t und die ihrer Mutter und Schwester. Als meine Mutter gemalt worden war, war sie zw�lf Jahre alt. Beim Abholen der Bilder war sie neunzehn.</p><p>��Keine M�bel, danke, davon haben wir genug.</p><p>Die meisten T�ren in unserer Wohnung schlossen nie ganz richtig, und wenn, dann nur mit gezieltem Kraftaufwand oder mit einem f�r jede T�r etwas anderen Trick. Und nach Onkels heiztechnischer Heimsuchung war alles nur noch schlimmer geworden. Jede einzigartig abgesackte, das hei�t nicht nur individuell verzogene T�r mu�te im Grunde als ein sensibles Einzelwesen behandelt werden. Und nicht alle bei uns konnten sich in alle unsere T�ren wirklich einf�hlen. Und so h�rte man tagt�glich, wie irgendwo � man wu�te meistens auch genau, wo � Holz an Holz stie�, sich Holz quietschend an Blechbeschl�gen rieb, wie eine unter Spannung stehende T�r wuchtig ausrastete oder eine andere im Schlie�blech des T�rrahmens nur ungen�gend einrastete. Diejenigen T�ren, deren Schnapper nicht vollst�ndig einfahren konnten, sprangen erwartungsgem�� bald wieder auf und machten sich auf den R�ckweg. Das machen generell alle T�ren, die nicht hundertprozentig senkrecht h�ngen; manche unserer T�ren hingen sogar sichtbar schief.�Buff�, machte es nach einer knapp bemessenen Ruhepause, wenn die betreffende T�r an das angrenzende M�belst�ck, einen Stopper oder an die Wand stie�. Warum erz�hle ich das alles? Ich war kein Kind mehr, und ich wollte � solche Impulse kannte ich lange genug � nicht nur weg von meiner ganzen Familie, ich wollte genausoweg von allen diesen T�ren und ihrem taktlosen Dauerkonzert.</p><p>Meine Mutter Anna himmelte mich an, blickte gern zu mir auf � und die Intensit�t, die dabei aus ihren unanst�ndig herausgedr�ckten Aug�pfeln auf mich einstr�mte, war f�r mich immer schwerer zu ertragen. Sie beobachtete mich beispielsweise mit Vorliebe, wenn ich Musik h�rte. Oft hampelte sie dabei wenig sympathisch, machte dazu unpassende Grimassen oder bewegte ihre H�nde im Takt. Daraus konnte ich schlie�en, da� sie nichts f�hlte. Wenn ich ihr die Sensibilit�t bestimmter T�ne in Tonleitern erkl�ren wollte, ihr beispielsweise die beiden Terz- und Septimevarianten auf der Gitarre vorspielte, wu�te ich nicht recht, ob die Bedeutung dieser grundlegenden, f�r Menschen wie mich beinah fleischzersetzenden Halbton-Unterschiede bei ihr �berhaupt ankam. Sie sah mich einmal voller Bewunderung an, als ich ihr einen kleinen Vortrag �ber Ironie in der Musik hielt. Ich spielte ihr zwei mehr als deutliche Stellen vor, die ich in der� Geschichte vom Soldaten �von Strawinsky gefunden hatte.</p><p>��Dieses Gehampele und die irrwitzige Intensit�t � das kann einfach nicht ernst gemeint sein. Als er das komponiert hat, war der erste Weltkriegswahnsinn noch voll im Gange.</p><p>��Interessant! sagte sie und strahlte mich an. Ich h�re das aber nicht, Georg.</p><p>Obwohl mir ihre Bewunderung kurzzeitig auch guttat, empfand ich sie � eben weil sie von ihr kam � als schwere Bel�stigung. Ich wurde gegen ihre Eigenarten immer allergischer, reagierte darauf regelm��ig mit einer Art Kopf�berdruck. Ich sah meiner Mutter beispielsweise deutlich an, wie eifers�chtig sich einige ihrer Gesichtsmuskeln versteiften, wenn ich mir eine andere Frau ansah. Theoretisch w�nschte sie mir nat�rlich eine passende und mir entsprechende � junge!�� Freundin, in diesem Wunsch steckte abergleichzeitig ein gro�es Problem. Meine Mutter war furchtbar verw�hnt, sie war es zu lange gewohnt gewesen, die Sch�nste und Anziehendste weit und breit zu sein. Und alle jungen M�dchen hatten viel feinere Haut als sie, wesentlich elastischere K�rper und oft auch bessere Laune � die beste Laune voller s��ester Ahnungslosigkeit. Manche Urteile meiner Mutter, die durch diese sie bedrohende Entwicklung gepr�gt waren, wurden zunehmend irrational. Oft fand sie auch ausgesprochen unbedarfte, manchmal sogar ausgerechnet h��liche junge Frauen wundersch�n. Und das konnte, dachte ich mir, nur mit dem frischen Gesichtsepithel dieser mittelm��igen Gesch�pfe zu tun gehabt haben � oder mit ihren knabenhaften Ges��en, die noch nichts auszusitzen hatten. Mir war es inzwischen etwas unheimlich, wie durchschaubar meine Mutter zu werden drohte. Schon sehr fr�h war es �berdeutlich, da� sie sich f�r alle weiteren Anzeichen des Alterns sch�men werden w�rde. Ich wollte ihr dabei nicht unbedingt zusehen.</p><p>Wenn ich meine Julie-Driscoll-Platte aufgelegt hatte, rannte meine Mutter schnell weg. Julie Driscolls Stimme war einmalig � schrill, selbstbewu�t, penetrant. Julie Driscoll k�mmerte sich in meiner Phantasie wenig darum, ob M�nner vor ihr Angst hatten oder nicht.�Season of the Witch �war einer ihrer besten Titel. Meine Julie war eine au�ergew�hnlich begehrenswerte Hexe, sie war das Gegenteil meiner Mutter, die ihre Kr�nkungen und Komplexe gern und gekonnt immer wegschluckte � l�chelnd, versteht sich. Julie Driscoll schien dagegen eine Art Kampfansage an die Adresse aller m�nnerf�gsamen Frauen herauszuposaunen. Meine Mutter kam aber auch mit meinen kreischenden Bulgarinnen nicht klar. Diese schrien ihr urslawisches, unter t�rkischer Herrschaft (Unterjochungsdauer: 500 Jahre) angesammeltes Leid mit ungehemmter Kraft heraus. Sie rissen noch genauso wie im Mittelalter ihre selbstbewu�ten M�nder auf und lie�en in ihren Brustk�rben lange Resonanzs�ulen vibrieren. Ihre seltsam gepre�ten Kehlkopfstimmen polarisierten unsere ganze Etage. Die bulgarischen Weiber trauten sich einfach, sich ihr Leid auch ansehen zu lassen. L�CHELN h�tte eine kreischende Bulgarin bei der dauerhaften Gesichtsverzerrung und der resonanzrelevant nach hinten gezw�ngten Halspartie sowieso nicht gekonnt. Ehrlich gesagt war ich bei uns der Einzige, den diese Musik wirklich begeisterte.</p><p>Auf Fotos aus der Kindheit sieht meine Mutter oft leicht eingeschnappt aus, manchmal auch etwas melancholisch; auf sp�teren Jugendbildern aus der Nachkriegszeit dann eher vertr�umt. Sicher war sie damals sogar zukunftsvertr�umt, so wie ich es sp�ter werden sollte. Auf diesen Bildern, auf denen man ihr �berhaupt keine KZ-Unannehmlichkeiten mehr ansieht, hat sie au�erdem eine ruhend wissende, fast weise Ausstrahlung. Dabei kam sie sich nie als wirklich wissend, ausreichend gebildet oder sogar weise vor. Aber an Sch�nheit scheint oft auch ein Schimmer von Weisheit zu haften � bei allen Defiziten, in aller Unschuld. Die gegenteiligen Klischees �ber die DUMMEN SCH�NHEITEN k�nnen nicht stimmen, sagte ich mir eines Tages, als ich wieder einmal alte gro�formatige Schwarzwei�bilder meiner Mutter studierte. Die Bilder stammten von meinem begabten Vater, dem seine Jugendfreunde prophezeit hatten, er k�nnte ein guter Fotograf werden.</p><p>Wenn ein sch�ner Mensch vor ein Midlife-Tribunal tritt, das nach einer strengen Pr�fung der Fakten �ber die Sinn- und Zweckhaftigkeit seiner Existenz zu befinden hat, kann sich dieser Tr�ger des zeitgem��en Sch�nheitsideals wenigstens einer Sache sicher sein: Er hat mit seinem �u�eren einen menschheitsgenehmen Dienst bereits abgeleistet. So gesehen hat er es im Leben viel einfacher als die weniger sch�nen um ihn herum, das Atmen und gelegentliche St�hnen f�llt ihm grunds�tzlich leichter. Au�erdem konnte er,der nicht nur als sch�n galt, sondern sich auch selbst sch�n fand, von einem h�her gelegenen Podest durchstarten. Seine Blickrichtung war eine andere, zu ihm wurde naturgem�� aufgeblickt.</p><p>Der gelassene, von den Wissenden gepr�gte Gesichtszug wird den Sch�nen umsonst, einfach wie nebenbei zur Verf�gung gestellt � zur St�rkung bekommen viele von ihnen sogar einen zus�tzlichen Wertcoupon zwischen die Schenkel geschoben. Diese Menschen besitzen eine sich selbst best�tigende AURA DER GEWISSHEIT im Grunde seit der Kindheit. Nach meinem Gef�hl haben sie eine gewisse Bedeutungssicherheit aber schon seit ihrer Zeugung in sich getragen � als eine milchige Vorahnung zumindest. Sie sind mit den Auswirkungen ihrer Aura aufgewachsen und gereift, sie sind unabl�ssig gest�rkt worden. Sie konnten ihr machtbehauchtes Selbstwertgef�hl andere Menschen jederzeit sp�ren lassen; egal, wie fragil ihre Aura oder wie h�rteungepr�ft ihr Selbstwertgef�hl w�hrend ihrer jungen Jahre sein mochten. Und nochmals ganz ohne Neid gesagt: Dank ihres Beitrags zur �sthetik der menschlichen Lebensr�ume haben diese Menschen tats�chlich nicht ganz ohne Sinn geatmet und gest�hnt, nicht zwecklos an den Energiereserven der Welt gezapft. Bis zum Zeitpunkt der Midlife-Pr�fung jedenfalls.</p><p>Da aber das Genie�en der Sch�nheit � der der anderen oder seiner eigenen � nat�rlich nicht alles ist, was ein Mensch auf Erden zu leisten hat, kann die Sch�nheit in der zweiten Lebensh�lfte zu einem ernstzunehmenden Pflegefall mutieren. Selbstverst�ndlich konnten nicht alle dieser Sch�nen die ihnen vorgesetzten H�rtepr�fungen unverletzt �berstanden, nicht jede Hochh�rde heil �berstolpert haben. Und wenn ein unsch�n angeschlagener Sch�ner abst�rzt, gibt er nach dem Entbl�ttern nicht unbedingt sch�nere Signale von sich als einige seiner weniger verw�hnten Mitmenschen.</p><empty-line/><p>niemand konnte ihn von seinen haaren, seiner n�sse und seiner nervosit�t befreien</p><p>In der Slowakei blieb ich erst einmal nicht lange. Das Wetter war scheu�lich, die winterliche Klettersaison war vorbei und die sommerliche Hochsaison noch in weiter Ferne. Ich hockte ganz allein in einer Schutzh�tte � und schlief allein in einem Schlafsaal mit zwanzig Betten. Eine �bernachtung kostete dort nur f�nfzehn Kronen. Ich hatte diese H�tte aber nicht nur wegen des Preises gew�hlt, sondern auch wegen der mittleren H�henlage � in die Ortschaften an der Bergbahn war es nicht �bertrieben weit, in die Hocht�ler ebenfalls nicht. Ich versorgte mich nat�rlich auch sonst sehr preiswert, a� fast ausschlie�lich Brot mit ger�uchertem Schmelzk�se. Tee und Pulversuppen konnte ich mir in einem mit Blech ausgeschlagenen Vorraum selbst kochen � auf meinem mitgebrachten Benzinkocher. Am Tag lief ich in der Gegend herum und sah mich nach Arbeit um. Abends sa� ich in der H�tte an einem langen E�tisch, an dem sonst ganze Klettermannschaften ihren Grog tranken und sich unsch�ne Konserveninnereien auf ihre Brote schmierten. Die Herbergsmutter � eine ehemalige Bergsteigerin der Nationalmannschaft � stand in der T�r zur K�che und wollte mit mir tiefe Gespr�che �ber die Einsamkeit in den Bergen f�hren. Sie sah immer noch beeindruckend sehnig aus und verschlang mich mit ihren Augen. Diese Augen hatten � wie ich wu�te � schon die Spitze des Nanga Parbat aus n�chster N�he gesehen. Ihre frostgesch�digte Nase und ihr sich offenbar dauerhaft abpellendes linkes Ohr schimmerten an den blanken Stellen im hellen Klitoriszartrosa, und die Frau sah in ihrer partiellen Pflegebed�rftigkeit reizend aus. Und ich h�tte, wenn mir danach gewesen w�re,mit ihr in ihrem Privatkabuff schlafen k�nnen � und ihren tapferen und mit Bergluft durchstr�mten K�rper nach weiteren interessanten Frostsch�den absuchen k�nnen.</p><p>Nach drei Tagen war ich leider so depressiv geworden, da� ich Magenkr�mpfe bekam, meinen Schmelzk�se nicht mehr riechen konnte und in ein Restaurant essen gehen mu�te. Nachdem ich unten in Smokovec eine Weile herumgelaufen war, kam es f�r mich pl�tzlich nicht in Frage, mich in einer gew�hnlichen Gastst�tte abspeisen zu lassen, und ich peilte das beste Lokal des Ortes an � das Restaurant des Interhotels Tatra. So zerknittert und ungepflegt, wie ich inzwischen aussah, h�tte man mich eigentlich nicht hereinlassen d�rfen. Im Speisesaal sa�en aber kaum G�ste.</p><p>��Haben Sie f�r heute reserviert?</p><p>��Leider nicht. Der Abstieg hat viel zu lange gedauert. Die Bergsteigerkluft war in der Gegend offenbar so etwas wie ein VIP-Ausweis, man lie� mich eintreten. Die Schweinesteaks im d�nnen Knoblauchmantel waren so k�stlich, da� ich am liebsten� repete �gesagt h�tte � also das gleiche noch einmal bestellt h�tte. F�r verfressene Tschechen in gew�hnlichen Kneipen nichts Ungew�hnliches. Fr�her funktionierte es in besonders traditionell gef�hrten H�usern sogar wortlos. Wenn man das Besteck nicht �berkreuzt auf dem Teller plazierte, sondern parallel zueinander neben dem Teller � nicht auf dem Teller � liegen lie� und einen entsprechenden Blick aufsetzte, wu�te der Kellner sofort, was dies bedeutete. Man war zufrieden, aber noch nicht ganz satt, und man wollte genau das gleiche noch einmal vorgesetzt bekommen. Der Gast konnte sich also ganz still verhalten, sich meditativ auf das dritte und vierte Mittagsbier konzentrieren und �berlegen, ob er anschlie�end vielleicht noch eine dritte Portion bew�ltigen w�rde.</p><p>Ich f�hlte mich an dem Abend im Interhotel f�r mein gutes Geld so liebevoll versorgt, da� ich in dieser mutterscho��hnlichen Einrichtung am liebsten gleich als Hotelgast geblieben w�re. Mein halbes Hunger- und mein ganzes Sehnsuchtsproblem l�ste ich anschlie�end ganz einfach � ich lie� mir f�r den n�chsten Tag einen Tisch reservieren. F�r das Mittag- und auch das Abendessen. Der n�chtliche Aufstieg zu meinem Zwanzig-Betten-Gemach war ein bitterer gesellschaftlicher Abstieg, und meine schwer gewordenen Beine streikten von Anfang an. Aus Verzweiflung vertilgte ich auf einem Rastplatz eine trockene Brotkante. Am n�chsten Tag kam ich nicht nur zum Essen in mein Hotel. Ich brachte mein ganzes Gep�ck mit � und die �berzeugung, keine andere Wahl gehabt zu haben, als dort ein Zimmer zu beziehen. Ich nahm sogar ein pr�chtiges Zimmer nach vorn. Ein Kabuff mit einem dreckigen Fenster zum Hof lehnte ich glatt ab. Ich stand lange auf dem Balkon, sah mir aus dem dritten Stock die Promenade an � und seitlich auch die Gipfel und die P�sse meiner geliebten Berge. Die Arbeitssuche verga� ich erst einmal. An vielen Gegenst�nden und Utensilien entdeckte ich den alten Namen des Hotels: GRAND. Hier war ich passend und endlich angemessen untergebracht. Gleich am ersten Abend durfte ich sogar etwas Kunst genie�en � im gro�en Speisesaal sollte ein Klavierkonzert stattfinden. Ein Pianist aus der Kreisstadt war in der ganzen Gegend mit kleinen Plakaten angek�ndigt worden und sollte auf dem Fl�gel, auf dem im Moment noch Servietten, Zahnstocher und Salzstreuer abgestellt waren, eine bunte Mischung aus klassischen, romantischen, aber auch modernen Klavierst�cken zum besten geben.</p><p>Der Start des Konzerts war leider schlecht konzipiert. Der K�nstler wurde von keinem Conferencier angek�ndigt, er kam vollkommen lautlos herein und stand in seinem Frack d�mmlich und viel zu lange neben seinem Ger�t. Jede dort zugebrachte Sekunde war eine falsch investierte.</p><p>Die Gesichtsmuskeln des Mannes befanden sich in einem hochfrequenten Spannungsspiel, versprachen nichts Gutes, und seine K�rperlichkeit besa� wenig an kunstfeuriger Ausstrahlung. Ich phantasierte sofort, da� er sich dauernd verklimpern w�rde. Er machte auf mich schon zu diesem Zeitpunkt den Eindruck eines Schicksalsgeschlagenen, der wahrscheinlich nichts anderes gewohnt war, als von einem Schreckerlebnis zum n�chsten zu torkeln. Viele G�ste bemerkten den Menschen gar nicht oder hielten ihn f�r einen Oberaufseher der Kellnerschaft. Da� wir so wenige waren, war f�r den Interpreten sicher ein Schock.</p><p>Im Saal sa�en verstreut � an ihren E�tischen wohlgemerkt � etwa f�nfzehn Zuh�rer. Ein Ehepaar klatschte leise und versch�mt. Der Pianist akzeptierte diese Begr��ung aber nicht und stand weiter reglos da. Einige a�en immer noch, unterhielten sich relativ laut und wu�ten gar nicht, da� sie st�rten. Mit Recht zeigte der Mann endlich seine Unzufriedenheit verst�rkt � mimisch wenigstens. Er fixierte mit b�sen Blicken die Applauss�umigen, versuchte vor allem die K�pfe derer unter Blickbeschu� zu nehmen, die ihm ihre Gesichter noch nicht zugewandt hatten. Wenn er konsequent gewesen w�re, h�tte er zur Herstellung der Ruhe unbedingt die reichlich vorhandenen Salzstreuer als Wurfgeschosse benutzt. Diese standen aufgereiht auf einem Nebentisch. Er h�tte unbedingt ganz schnell handeln m�ssen, tat aber nichts, t�nzelte leicht.</p><p>Sein Dilemma war zugegebenerma�en gewaltig. Er hatte keine Machtmittel zur Hand, besa� lediglich die ihm allein geh�rende Gewi�heit seines K�nnens und wollte sich nicht auf das Niveau der Betreuungssperson seiner selbst herabstufen. Au�erdem war er kein Mann des Wortes. Und er war allein. Dabei h�tte unbedingt jemand � wenn schon nicht mit Salzstreuern geworfen werden sollte � l�ngst zu kulturvolleren, trotzdem strengen Mahnungen �bergehen m�ssen. In seiner Ratlosigkeit begann der Mann am Deckel seines Fl�gels zu hantieren. Er fummelte dort so lange, bis ihm die St�tze aus der Hand fiel und seine Notenbl�tter ins Klavierinnere auf die Seiten rutschten.</p><p>Daraufhin konnte erden Deckel sogar bei passend kakophonischer Untermalung neu justieren. Als er damit fertig war, fing er an, sich mechanisch und mit geschlossenen Augen zu verbeugen. Einige klatschten deutlich und klar, wenn auch freudlos. Bei weitem waren es nicht alle.</p><p>Erst als der Mensch zu spielen begann, erinnerten sich die Kellner an das hektographierte Programm, da� sie h�tten verteilen sollen. Laut Programmzettel erwarteten uns nun Klaviertranskriptionen einiger Klassik-Evergreens und einzelne S�tze bekannter Klaviersonaten. Als H�hepunkt wollte uns der K�nstler au�erdem eigene Kompositionen vorstellen, die melodisch auf ber�hmten Arien und sogar Schlagern basierten. Der Abend sollte anscheinend unter dem Motto:�Kennen Sie diese Melodie?�stehen.</p><p>Ich war von Anfang an in keinem guten Zustand, die erste Hoteleuphorie war � schon nachmittags � so gut wie verflogen. Ich f�hlte mich furchtbar einsam und bedauerte inzwischen, meine menschlich so pr�sente Herbergsmutter verlassen zu haben. Bei dem Konzert ahnte ich von Anfang an nichts Gutes und hoffte stark, dieses Erlebnis w�rde mich nicht in noch tiefere Seelenabgr�nde herabziehen. Leider sa� ich relativ weit vorn � und ich sah nicht nur alles genau, was vor sich ging, ich h�rte auch vieles, was man bei einem Konzert nicht unbedingt h�ren sollte. Ich litt mit dem musikalischen Selbstqu�ler und � folterer von der ersten Sekunde an mit. Der Mann war so nerv�s, da� er �berall schwitzte. Da� ihm der Schwei� vom Gesicht auf die Klaviatur tropfte, h�tte noch als betriebs�blich gelten k�nnen, seine H�nde schwitzten aber ebenfalls enorm � und au�erhalb jeder Betriebstoleranz. Er rutschte, wie ich anfangs schon geahnt hatte, besonders oft von den schwarzen Halbtontasten ab, und ich sah, da� sogar seine Handr�cken vor Schwei� gl�nzten. Seine eher d�nnen und glanzlosen Haare schillerten bald wie pomadisiert. Und weil sie dank der Feuchtigkeit immer schwerer wurden, fielen sieihm wie einem Pudel dauernd �ber die Augen und blieben dort auf seiner nassen Stirn gnadenlos kleben. Irgendwann halfen ihm dagegen auch keine heftigen und schr�g nach hinten gerichteten Kopfbewegungen mehr. Bei diesen Einmalzuckungen sausten lediglich einige Schwei�tropfen durch die Gegend. Nat�rlich nicht ganze W�lkchen, wie man sie nach besonders harten Punchs beim Boxen beobachten kann.</p><p>Der �rmste mu�te irgendwann kurze Z�suren einlegen und sich von seiner Haarplage manuell befreien. Sein Spiel litt zu allem Ungl�ck au�erdem noch darunter, da� er mit seinen nassen Fingern beim Umbl�ttern an den Notenbl�ttern haftenblieb. Obwohl er sich gro�e M�he gab, das Tempo zu halten, und obwohl seine Griffe ge�bt wirkten, fand der Mann gegen die erstarkte Papierkoh�sion kein Rezept. Das durch die leichten Verz�gerungen verursachte Stocken war irritierend, f�r ihn sicher besonders. Vielleicht mu�te er deswegen sogar ganze Takte �berspringen. Inzwischen spielte es aber keine besondere Rolle mehr, ob Tschaikowskij mit einer jazzigen Synkope aufgefrischt wurde oder nicht.</p><p>Ich war nah daran zu fl�chten. Nachdem ich diese Alternative verworfen hatte, �berlegte ich eine Weile, ob ich nicht nach vorn gehen und dem Mann vielleicht unauff�llig helfen sollte. Ich h�tte unter dem Vorwand, seine inzwischen dauernd kollabierenden Notenbl�tter aufrichten zu wollen, nebenbei mit einer Stoffserviette seine Stirn, seine Handr�cken oder die Tasten� Nein, es war unm�glich. Niemand konnte den Mann erl�sen und ihn von seinen Haaren, seiner N�sse und seiner Nervosit�t befreien.</p><p>Er k�mpfte trotz aller Widrigkeiten weiter, blieb erstaunlich tapfer und musizierte voller Hingabe. Zu dieser geh�rte auch seine sicher gut einge�bte K�rpersprache. Er schwang seinen Oberk�rper hin und her, versteifte ihn bei l�nger gehaltenen Akkorden, um ihn an nachfolgendenweicheren Stellen wieder unsch�n zusammensacken zu lassen. Noch viel schwerer zu ertragen war aber etwas anderes � es waren die gut sichtbaren Atembewegungen seines Brustkorbs, die ihm die Aura eines grobschl�chtigen Schwerstarbeiters verliehen. Und er war tats�chlich einer! Physiologisch gesehen was es vollkommen legitim, da� sich seine enorme Anspannung ein Entlastungsventil gesucht hatte. Der Mann atmete aber so intensiv, da� ich es leider auch ganz deutlich h�ren konnte. Beim Einatmen pfiff und rasselte es in seinen Bronchien wie bei einem Asthmatiker, beim Ausatmen seufzte er tief. Ich bekam Angst um ihn und mu�te an das R�cheln von Sterbenden denken, das ich mir w�hrend meiner Jugend schon zweimal hatte anh�ren m�ssen � bei meinen im �brigen so sch�nen Krankenhausaufenthalten.</p><p>Die Atemger�usche des Mannes intensivierten sich in dramatischen Passagen enorm, beim Lufteinziehen schienen sogar seine N�stern zu flattern. Mit einer freudigen Anleihe bei den Pferden hatte diese Flatterei aber kaum etwas gemein � die Pferde tun es sowieso beim Ausatmen. Bei dem aktuellen �berlebenskampf ging es einfach um die ausreichende Zufuhr des ben�tigten Sauerstoffs. Der Schwergewichtsklavierk�mpfer konnte die Luft einfach nicht anders einziehen als implosionsartig durch seine Nase, da er gleichzeitig seine Lippen � offenbar aus mimikchoreographischen Gr�nden � fest aufeinanderpressen mu�te. Mir kam nebenbei noch ein anderer erschreckender Gedanke: Vielleicht war der Mann tats�chlich ein Asthmatiker und ehemaliger Patient eines der benachbarten Kurh�user � oder einer ganz anderen Einrichtung.</p><p>In den kurzen Pausen zwischen den einzelnen St�cken wischte sich unser Interpret �berall den Schwei� ab, s�uberte auch die Tastatur und versuchte, sich unauff�llig aus einem kleinen Fl�schchen etwas Fl�ssiges in den Mund zu spr�hen. Zwischen den einzelnen musikalischen� Komplexen �g�nnte er sich etwas l�ngere Pausen und verbeugte sich � noch sitzend und mit geschlossenen Augen � in Richtung des Publikums, obwohl nur vereinzelt und eher vorsichtig geklatscht wurde. Man wu�te beim besten Willen nicht, wie man sich verhalten sollte � jede Art von Beifall h�tte bei ihm wie ein ironischer Kommentar ankommen k�nnen. Die h��lichen Verbeugungseinlagen des sitzenden Mannes ver�rgerten sicher den einen oder anderen Gast zus�tzlich, irritierten in ihrer Unvernunft nur noch mehr � und bereiteten den Boden f�r den grausamen Abschlu� des Abends.</p><p>Das regul�re Ende des� Musikalischen Bouquets �erlebten wir zum Gl�ck nicht mehr. Der K�nstler entschlo� sich, uns ausgerechnet seine eigenen Kreationen schuldig zu bleiben. Vielleicht sollte es eine Art Strafe sein. Der viel wahrscheinlichere Grund war aber seine v�llige Entkr�ftung. Nach dem einigerma�en w�rdigen Schlu�akkord blieb der entromantisierte Titan eine Weile still sitzen, sammelte sich innerlich und trocknere sich erst danach gr�ndlich ab � ausf�hrlich und w�rdig. Daraufhin richtete er sich �berraschend energisch auf und bot uns frontal die schon wieder na� angelaufene Stirn. Der finale Beifall war voller Erleichterung, fiel aber ausgesprochen schw�chlich aus. Manche applaudierten gar nicht. Der Mann verbeugte sich schnell und mit Verve, verst�rkt in die Richtung, aus der der Applaus einigerma�en deutlich kam.</p><p>F�r die Allgemeinheit w�re es � taktisch gesehen � sicher gut gewesen, wenn wir alle einigerma�en laut applaudiert h�tten. Und ich h�tte gern allen Anwesenden die Vorteile einer egal wie unaufrichtigen W�rdigung nahegebracht, wenn es m�glich gewesen w�re. Ich bef�rchtete inzwischen schwere Endkampf-Komplikationen � unspezifisch, aber deutlich. Es schien sich etwas Schlimmes zusammenzubrauen. Kurz phantasierte ich �ber eine Bombe, die man in der N�he des Hotels h�tte hochgehen lassen k�nnen. Eine gutdosierte Ablenkungsexplosion h�tte uns � die Zuh�rer und den Pianisten � voneinander sicher am saubersten getrennt.</p><p>Der Mann verbeugte sich herausfordernd und mit gl�henden Augen inzwischen auch in die Richtung derer, die NICHT klatschten. Er wackelte und wackelte mit dem Oberk�rper immer heftiger, und weil einige mitleidige Damen seine gymnastische Einlage � wenigstens leise � weiter klatschend begleiteten, ging es eine Weile so weiter. Ich schwitzte vor Scham inzwischen fast so intensiv wie unser Vorturner in der Anfangsphase seines Klavierspiels. Als es im Raum wieder still wurde, blieb der Mensch trotzdem neben seinem Fl�gel stehen und begann anschlie�end zum Schrecken aller, sich in diese Stille abermals zu verbeugen. Es handelte sich eindeutig um eine Anklage. Ihn wurmte aber sicher nicht nur die fehlende Intensit�t unseres gerade abgelieferten Applauses, mit seinen feinen Ohren hatte er sicher auch dessen Widerspr�chlichkeit erkannt oder sogar einige konkrete Mi�t�ne herausgeh�rt.</p><p>Als Lohn f�r sein nachbebenartiges Wiederwackeln bekam der Mensch trotz des allgemeinen Widerwillens doch noch etwas Beifall gespendet. Sogar einige M�nner lie�en sich dazu herab � wahrscheinlich aber nur, um das Drama schnell beenden zu helfen. Danach begab sich der Mann tats�chlich auf den R�ckzug, setzte dabei aber seine Verbeuge�bungen fort. Dieses kindische Anbiedern w�hrend der inzwischen stillen, also applauslosen Endphase wirkte �berraschenderweise sogar passend � wie eine nach einem Rollenwechsel bewu�t angesetzte Kommentar-Darbietung. Man konnte meinen, dieser Mensch w�rde sich gerade selbst parodieren. Der eigentliche Zweck des langsamen Krebsganges war allerdings klar: In der Rolle des abgehenden Clowns konnte uns der Mann noch gut im Blick behalten, konnte sich selektiv in die Augen derer hineinbohren, die ihn besonders entt�uscht hatten. Gerade diese Individuen sollten jetzt vielleicht Mut beweisen � sie sollten aufrichtig zum Ausdruck bringen, da� sie ihn, auch als Menschen, tats�chlich nicht mochten. Eventuell hatte er aber irrigerweise doch noch gehofft, man w�rde ihn von seinem R�ckzug abhalten wollen. Er verschwand dann endlich.</p><p>Als ich nach einer kleinen Entspannungspause den durchn��ten Menschen wieder neben seinem Fl�gel stehen sah, konnte ich es kaum glauben. Das, was er sich gerade antat, war abgr�ndiger Masochismus. Er wollte es offenbar wirklich wissen � und nahm die Gefahr in Kauf, mit Gl�sern oder Aschenbechern beworfen zu werden. F�r den aktuellen Anerkennungsanlauf wandelte der Verbeugungsdesperado seine Taktik leicht ab. Er sah nach und nach bettelnd und regungslos in die Augen aller Willigen und Dankbaren von vorhin, also besonders in die Augen der Damen, die ihm in der ersten Abschiedsphase zugetan gewesen waren. Und nachdem ihm Ger�usche, die man als Klatschen gelten lassen konnte, zu Ohren kamen, begann er in die betreffende Richtung � und demonstrativ nur in diese � zu wackeln. Etwas war jetzt tats�chlich neu und anders. Dem Mann war es dank seiner Beharrlichkeit und seines Einf�hlungsverm�gens gelungen, eine einigerma�en rhythmische Harmonie zwischen seinen Bewegungen und einem Teil der Applauskulisse herzustellen. Aber es stellte sich noch etwas ganz Besonderes ein: Man konnte den Mann inzwischen fernsteuern, hatte ich den Eindruck. Als eine Dame � sicher nur, um uns allen ein Applaus-Ejakulat zu entlocken � etwas verschnellert zu klatschen begann, verbeugte sich der Mann tats�chlich etwas z�giger. Dabei traute er sich sogar, die Nichtklatschenden mit seinen strengen Augen wieder unter Blickbeschu� zu nehmen.</p><p>Mittlerweile h�tte man diesem Ausdauerk�mpfer sogar Bewunderung entgegenbringen k�nnen � und schon deswegen applaudieren m�ssen. Ich tat es mit einer gewissen Intensit�t und bekam von ihm einen langen, �beraus dankbaren Blick zugespielt. Zum Gl�ck bewegte sich der Menschw�hrend seines Wackel-Endkrampfs gleichzeitig aus dem Saal hinaus � nat�rlich bis zum Schlu� konsequent r�ckw�rts. Er verschwand aber nur, um NOCHMALS zu kommen! Man beachtete ihn diesmal aber wirklich nicht mehr, manche wandten sich ganz ab, andere sahen mit voller Absicht durch ihn durch. Alle waren gr�ndlich angeekelt, tauschten sich intensiv aus, viele lachten.</p><p>Der Interpret, der nicht mehr gebraucht wurde, verfolgte aufmerksam die Atomisierung seiner Zuh�rergemeinde, zog die Ignoranz der Menschen mit seinen breiten N�stern tief ein und sah auch deutlich, da� man seine k�rperlichen Eigenarten an manchen Tischen nachmachte. Kurz sa� er noch zusammengesackt auf seinem Drehstuhl und bekam aus Mitleid ein Glas Wei�wein von einem der Kellner gereicht. Ich versuchte, nicht mehr hinzusehen. Irgendwann war der Mann weg. Nach diesem Erlebnis pr�gte ich mir f�r immer ein: So tief darfst du nie im Leben sinken.</p><p>Nach vier Tagen des Hotelaufenthalts war leider mein Geld verbraucht, und ich war vollkommen demoralisiert. Wegen meiner sich steigernden Sch�chternheit hatte ich auch keine Arbeit gefunden. Dabei gab es Arbeit �berall. Ich schaffte es zwar, in einige ans�ssige Betriebe vorzudringen, in den Personalb�ros erz�hlte ich aber nur Dinge, die gegen meine Eignung sprachen.</p><p>��Nein, ich habe noch nie ein Schlo� von innen gesehen. Oder ich fl�chtete wortlos, wenn ich in dem Personalb�ro mehr als drei Augenpaare auf mich gerichtet sah.</p><p>��Pardon, sagte ich, verbeugte mich wie der Konzertpianist und ging.</p><p>In der Gegend hielten sich dauerhaft viele bekannte Bergsteiger auf. Man sah sie w�hrend der Woche in der Arbeitskluft herumlaufen oder in irgendwelchen Firmenfahrzeugen vorbeifahren. Manche dieser luftgegerbten Gesichter kannte ich aus der Zeitschrift� Der Bergsteiger�, die ich mir in Prag ab und zu gekauft hatte. Es waren meine Idole.sie hatten manche Extremrouten als erste bestiegen � und diese trugen ihre Namen. Sie lebten in den Bergen, um in ihrer Freizeit nichts anderes tun zu k�nnen, als wieder und wieder in die senkrechtesten W�nde zu steigen und ihre sehnige Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Ich konnte leider nichts mehr aufs Spiel setzen, ich war zu nichts zu gebrauchen. Infolge meiner Depression wurden meine Muskeln ohnehin so schlaff, da� ans Klettern gar nicht zu denken war. Ich w�re sicher schon beim Aufstieg in eine glitschige Spalte gerutscht. Ich meldete mich in Prag bei einem Freund an und verschwand mit dem erstbesten Nachtzug.</p><empty-line/><p>die quader standen ruhig, atmeten vor sich hin und waren sich selbst genug</p><p>In Prag pl�tzlich wie ein Tourist herumzulaufen, wie ein Unbehauster dazustehen, war f�r mich vollkommen neu. Berauschend war es leider �berhaupt nicht. Mein Freund wohnte in einer in vier Wohneinheiten zerteilten H�hle. Die Stra�en des Arbeiterviertels Zizkov waren absch�ssig und trotz ihrer Baumlosigkeit d�ster. Ihre D�sterkeit verursachte vor allem die Enge, den Rest besorgte ihr Dreck, der � auf der Stra�enebene reichlich vorhanden � an den Fassaden problemlos vier Stockwerke hochkriechen konnte. F�r B�ume h�tte es in dem Stra�engedr�nge gar keinen Platz gegeben. F�r mich war es eine Gegend voller st�dtischer Kulturlosigkeiten, und an so etwas war ich von fr�her �berhaupt nicht gew�hnt. Mehr noch � diese h��liche Seite meiner goldigen Stadt war mir aus n�chster N�he vollkommen unbekannt. Ich bekam das Gef�hl, in ein chemiedampf-geplagtes Industriegebiet irgendwo im Braunkohlerevier des Nordwestens versetzt worden zu sein � in eine �hnlich chlorophylfreie Untergangsw�ste, wie ich sie von meinen Rennrad-Erkundungsfahrten kannte.</p><p>Die Mitbewohner meines Freundes waren drei �ltere M�nner, die sich schon seit Urzeiten kannten. Ein vierter Mann dieser Br�derschaft war ein Jahr zuvor zu einer Frau gezogen und von ihr angeblich mit Rattengift umgebracht worden � m�glicherweise wegen seiner Briefmarkensammlung. So etwas gab es bei uns zu Hause auch nicht.</p><p>Die Diele der Wohnung war ger�umig und diente allen Bewohnern als Gemeinschaftsraum. Ein Horror f�r mich. Die K�che bewirtschafteten die M�nner gemeinsam. Ich durfte als ein illegaler Untermieter in einer verkramtenKammer auf einer Matratze schlafen und daf�r etwas in die gemeinsame Kasse einzahlen. Die M�nner rauchten viel und spielten andauernd Karten, ihre nichtssagenden Gespr�che waren endlos. Ich war aus der einigerma�en heilen Bergwelt praktisch �ber Nacht in einer Beziehungs- und Wohnein�de gelandet. Ich tr�stete mich damit, da� ich mir fr�her eigentlich derartige � oder noch viel �blere � Erfahrungen gew�nscht hatte. In meinen vorvergangenen Phantasien hatte sich diese Wirklichkeit allerdings viel aufregender angef�hlt. Die Abkoppelung von meinem m�tterlichen und tantenhaften Zuhause war darin ein angenehmer, wenn nicht sogar am�santer Schritt in Richtung Autonomie, ein �u�erlich zwar d�steres, trotzdem von zuverl�ssigen Strahlenquellen durchflutetes Intermezzo gewesen � eine Horizonterweiterung f�r h�here S�hne sozusagen. Das aktuell erreichte Vorstadium meiner Zukunft war leider nur unappetitlich und sauerstoffarm, und ich lie� alle Gedanken dar�ber, wie ich mein Leben konkret gestalten sollte, erst einmal lieber unber�hrt. In der K�che faulten hinter dem Abfalleimer haufenweise Essenreste, in einer Ecke der Diele wuchs ein Berg dreckiger W�sche. Mir war dank des unausrottbaren Geruchs der Wohnung dauernd �bel, und in einer hellen Sekunde fragte ich mich doch, wie mein erwachsenes Leben nach dem Wegfall aller mich sch�tzenden Tr�umereien sp�ter aussehen k�nnte. Und mir schwante, da� mein Dasein unter Umst�nden einmal auch die Anziehungskraft stinkender F��e und bakteriellseuchiger Achselh�hlen annehmen k�nnte.</p><p>Auf Umwegen �ber einen anderen Freund erfuhr ich, da� meine mich fernumschlingende Mutter furchtbar litt. Das war aber logisch � Trennungen sind eben schmerzhaft. Und alle Schmerzen haben auch ihr Gutes. Mir ging es auch nicht besonders. Mein Hauptproblem war, da� ich unter einem starken und nicht benennbaren Druck stand. Die Spannung in mir war so �berbordend, da� ich zu gar nichtszu gebrauchen war. Ich konnte nicht klar denken und keine Beschl�sse fassen, konnte mich auf �berhaupt nichts konzentrieren, nat�rlich auch nicht lesen. Meine Seele rotierte in mir intensiv in einer Art Leerlauf, gleichzeitig sch�umte und blubberte sie dumpf vor sich hin. Dieses Rotieren, Blubbern, Sch�umen � oder was es war � blieb dabei wie unter einem schweren Deckel stecken.</p><p>Auf der Stra�e steigerte sich daf�r meine Vorliebe zum ma�los unkontrollierten Herumglotzen. An sich � wie berichtet � nichts Neues bei mir, meine Glotzleidenschaft wurde aber zu einem ernsten Problem. Ich betrieb sie wie unter Zwang und nahm alles mit so krankhafter Neugier wahr, da� ich manchmal Angst bekam, mich �bergeben oder anders erleichtern zu m�ssen. Unerf�llte Menschenleben auf lustlosen Beinen, wissende Tiere, Tausende von Details in Vitrinen und auf B�rgersteigen, viel zu viele pl�tzliche Standortverlagerungen von ber�derten Vehikeln. Alle diese Stra�enbilder h�tten f�r mich nicht weiter �berraschend sein m�ssen � nicht das �ble DINGVERHALTEN, nicht das kindliche Tummeln der Sachwerte oder die ruhigen Geheimzeichen auf den Bordsteinen. Auch die eingezw�ngten und viel zu selten aktivierten Pimmel der M�nner waren meine alten Phantasieziele. Und pl�tzlich beherrscht das Stra�enbild ein Ehepaar � und ihr zusammengerollter Teppich auf Schultern, die aus dem Takt geraten sind, oder ein Kinderwagen mit unterschiedlich schr�g eingeknickten Achsen. ETWAS WAR NEU. Niemand entschuldigt sich bei mir, mich so gnadenlos mit Eindr�cken zu �berfrachten. Zwar war ich mit den meisten Stra�enorganismen � wie gewohnt � nur auf Distanz und nur imagin�r verbunden, vollst�ndig okkupiert f�hlte ich mich durch die von ihnen verursachte Bilderflut jetzt aber trotzdem. Pers�nliche Bekanntschaften h�tten sicher einiges gemildert.</p><p>��Wohin des Weges? h�tte ich am liebsten jeden einzelnen gefragt, oder:- Hei�en Sie nicht� Sie wissen schon� ich bin hier vollkommen fremd in der Stadt.</p><p>Die sich wild �berlagernden Aktivit�ten der Menschen mit ihren Handwagen, Goldkettchen oder sichtbaren Halsgeschw�lsten waren vielleicht dazu bestimmt, mich bis in meine Zukunft zu begleiten, mich �hnlich intensiv zu bel�stigen wie jetzt � jedenfalls �hnlich hochpr�sent zu sein, vergleichbar saugn�pfig. Und wenn sie mich irgendwann doch zerm�rben und besiegen sollten, w�rden sie die Reste meines Gl�cks sicherlich auch noch mit irgendwelchen kulturlosen Abf�llen verr�hren wollen. H��liche Zukunftsvisionen malt man sich wesentlich kontursch�rfer, weil konkreter aus als die sch�nen in ihrer Diffusit�t, merkte ich nebenbei. Das allt�gliche Grauen r�ckte unterdessen immer n�her an mich heran � die Seele dieses Grauens, nicht unbedingt ihre materiellen Devastate von den B�rgersteigen oder ihr angegammelter Abrieb aus der N�he von K�cheneimern. Die Schritt f�r Schritt sich vor dem Umfallen rettenden Menschenk�rper um mich herum wirkten nur teilweise l�cherlich. Ich dachte beim Anblick der tapfer wackelnden Gleichgewichtsk�nstler eher dar�ber nach, wie �hnlich wir uns alle sind, wie gleichf�rmig unsere st�ndig mutierende Gattung immerhin noch ist. Trotz der um sich greifenden Mi�achtung der Normen und des guten Geschmacks. Ich war voller Respekt: Die Spannungen und Zuckungen der an die f�nfzig in allen Gesichtern vorhandenen Muskeln � l�uft dort dr�ben etwa Dana?�� konnten Unmengen an Nuancen ausdr�cken, und jeder egal wie verwirrte Stra�enidiot war in der Lage, den Gro�teil der mimischen Signale an den anderen zu dekodieren. Lauter kleine Genies, keine Frage. Gleichzeitig ging ich davon aus, da� das Ausma� der das eigene Leben betreffenden Ahnungslosigkeit �berall erschreckend hoch sein mu�te. Ob diese Ahnungslosigkeit in den eigenen vier W�nden anschwoll, ob sie im Winter schrumpfte � dazu h�tte ich den einen oder anderen Experten gern befragt. Und ob es ihr, der Ahnungslosigkeit � UND MIR � guttat, wenn wir Menschen ungehemmt stra�enl�ufig blieben, mu�te auch ungekl�rt bleiben. Auf der Stra�e vergrub sie sich, die Ahnungslosigkeit, wenigstens nicht, blieb nicht mimik-neutral, schlaffte nicht ab, konnte sich den Blicken der Forscher und ihrer Adlaten nicht ganz entziehen � w�rde man mich etwa fremde Wohnungen inspizieren lassen? Oder wenigstens die H�fe? Hinter die aktuellen Zusammenh�nge zu blicken war auf alle F�lle nur �ber Umwege m�glich.</p><p>��Was wollen Sie hier? Ich hole gleich die Polizei.</p><p>��Der hat hier letzte Woche doch unsere Bettw�sche von der Leine geklaut. Den kenne ich!</p><p>Die Masse der offenen Fragen blieb nat�rlich unbeantwortet, schwoll im Minutentakt unaufhaltsam an, es war mehr als deutlich, da� ich gequ�lt wurde. Hatte beispielsweise der gerade geschleppte Teppich die richtigen Ma�e? Da� er h��lich war und farblich mit irgendwelchen Vorh�ngen nicht harmonieren w�rde, stand f�r mich dagegen fest. Und die Qualit�tsprobleme, mit denen alle sozialistischen Bruderl�nder zu k�mpfen hatten! Die gesamte sozialistische Familie basierte inzwischen auf Tauschgesch�ften, viele Teppiche kamen von sonstwo aus der Welt � als Entgelt f�r etwas, was die Staatsbanken der jeweiligen Bruderl�nder IM HALBSOZIALISTISCHEN AUFBAU mit Geld nie h�tten bezahlen k�nnen. Sollte ich mich l�cherlich machen und mir das aktuelle statistische Jahrbuch besorgen? Meine Informiertheit tendierte faktisch gegen null. Genauso unm�glich war es, mich selbst irgendwohin einzuordnen. Mich gab es hier gar nicht � und sollte es auch nicht geben. Ich konnte die Stadt nur aushalten, wenn ich mich st�ndig in Bewegung hielt, wenn ich die Frequenz der Eindr�cke steigerte und die Schichtung meiner Erlebnisse so hoch auft�rmte, bis kein Schimmer mehr hindurchkam. Ich wollte nichts anderes als laufen � ich wollte laufen, laufen,immer weiter laufen, so lange laufen, bis ich vor M�digkeit umfiel. Ich lief in Prag immer schon gern umher. Allerdings bewegte ich mich jetzt in einer ganz anderen Manier als fr�her. Ich mu�te meine Anwesenheit verheimlichen, hatte unendlich viel Zeit und wohnte nicht in der N�he der k�niglichen Burg. Auf diese Weise bekam die unantastbare Beziehung, die ich zu Dreck und Abfall, zum Ausgesto�enen und Abgesch�umten unterhielt, ein frisches Fundament. Fr�her n�herte ich mich den Abgr�nden nur des Studiums wegen und blieb dabei m�glichst in sicherer Entfernung � jetzt begann ich endlich, ein ehrlicher Teil des Stadt- und Universumsdrecks zu werden.</p><p>Das katzengoldige Prag hatte an den Peripherien unglaubliche st�dtische Grausamkeiten hervorgebracht oder sie dorthin abgesondert. Fast das Schlimmste waren die riesigen und architektonisch unterschiedlich verbrecherischen Plattenbaugebiete. Sie standen lange nach dem Verschwinden der Bauarbeiterhorden immer noch inmitten zerw�hlter Wiesen, die sp�ter einmal zu Gr�nanlagen sterilisiert werden sollten. Da und dort konnte man noch einigen vereinzelten und schwerverletzten Obstb�umen beim Sterben zusehen � und sich im Blickfeld dieser B�ume die ruhigen alten Obstg�rten vorstellen, die es dort einmal gegeben hatte.</p><p>Die l�nglichen oder turmartigen Wohnbunker waren billig und schlecht gebaut. Schon nach kurzer Zeit gebaren die virulenten Betonplatten � vor allem an den Ecken � breite Risse. Diese mu�ten von LANGSAMEN EINGREIFTRUPPEN auf gef�hrlich h�ngenden Plattformen provisorisch mit einer klebrig-gr�nlichen Masse zugeschmiert werden. Manche dieser Au�enw�nde wurden so gro�z�gig undicht, da� die Bewohner auf die Stra�e sehen konnten; etwas Regenwasser wurde ihnen gelegentlich auch noch hineingeblasen. Irgendwann verschwanden diese exponierten Seitenw�nde und Ecken doch hinter massiven Ger�sten und wurden monatelang bearbeitet. Nebenbei kamen dort auchHinrichtungskommandos zum Einsatz � so h�rte sich das jedenfalls an. Wie ich durch Nachforschungen feststellte, hing das pausenlose Schie�en aber nicht mit T�tungen von Pfuschern oder Verantwortungstr�gern zusammen. Die Arbeiter schossen lediglich mit mir bislang vollkommen unbekannten Bolzenschu�ger�ten und belegten die Betonw�nde mit D�mmplatten, die daraufhin unter h��lich grauer Verkleidung verschwinden sollten. Einer der Arbeiter meinte allerdings, dieser ganze Aktionismus w�re grundverkehrt.</p><p>��Die D�mmung ist Schrott � wie unsere Ingenieurklasse. Im n�chsten Fr�hjahr wird alles anfangen zu br�ckeln. Und dahinter wird sich nur Kondenswasser sammeln, das Regenwasser und die Schimmelpilze sowieso.</p><p>Da� ich mich in den Neubaugebieten von allen Seiten beschossen f�hlte, war nicht der Grund daf�r, da� ich versuchte, sie zu meiden. Mich zog sowieso eher die urspr�ngliche Bausubstanz der Stadt an. In diesen Vierteln konnte man an ruhigere Zeiten denken, in denen die Alltagsrealit�t noch in der Gesellschaft wurzeln durfte und nicht an irgendwelchen Schreibtischen von Neuzeit-Demiurgen entworfen � also nicht umgeworfen und bei Blasmusik vergewaltigt wurde, um zum dauerprovisorischen Richtfest gepeitscht zu werden. Ich suchte gierig nach diesen Rudimenten, wollte mir vorstellen, wie es sich an den R�ndern meiner Stadt fr�her vielleicht gelebt hatte. Die H�user der billig gebauten alten Arbeiterviertel waren niedrig, sie hatten kleine H�fe, in denen noch leere Hundeh�tten standen. Manche Stra�enz�ge wirkten eher kleinst�dtisch, fast d�rflich. Nur anhand der Ausdehnung dieser schlecht durchbluteten Vernachl�ssigungszonen konnte man noch erkennen, da� man sich in einer Gro�stadt befand. Die Nekrose war hier aber eindeutig auf Siegeskurs. Viele D�cher und Dachrinnen waren seit Jahren undicht, das Regenwasser flo� breitfl�chig an den W�nden herunter. Und weil die Fallrohre unten in der Regel verstopft waren, verbreitete sich die Feuchtigkeitauch von unten nach oben. Die feuchten Stellen setzten Moos an, auf den D�chern vegetierten schon die Birken, der Putz fiel ab und die W�nde zeigten rohes Fleisch. Und weil es sich nicht lohnte, diese �rmlichen Behausungen f�r die sozialistische Zukunft zu erhalten, wurde in sie auch nicht investiert. An ihrer Stelle sollten sp�ter sowieso Plattenbauten der n�chsten Generation, des n�chsten oder �bern�chsten F�nfjahrplanes � wenn es die Ressourcen eben erlaubten � zu stehen kommen. Aber den wenigen rekonstruierten H�usern sah man den zeitgeistgerechten Trend zum Niedergang auch schon an. Die sozialistischen Versch�nerungsma�nahmen hatten gegen die Witterung wenig Chancen, manche der frisch aufgetragenen Farben bl�tterten trotz ihrer Jungfr�ulichkeit gro�schuppig ab, oft hatten sich ihre wasserl�slichen Anteile schon l�ngst �ber die B�rgersteige ergossen; und an den neu verputzten Stellen quoll der M�rtel auch schon wieder zu beeindruckenden Beulenlandschaften auf. So konnte man im Zeitraffertempo sehen, wie die Fehlgeburten der geleisteten Arbeit Runzeln bekamen, wie die Fr�chte der geopferten Begabung und der ausgequetschten Restenergie lediglich darum k�mpften, im Verrottungswettbewerb m�glichst nicht zu gewinnen.</p><p>Aber das war immer noch nicht das Schlimmste an der Peripherie. Am schlimmsten waren die nicht genutzten Industriegrundst�cke, die die sozialistischen Betriebe zum Abstellen oder Zwischenlagern ihrer ausgedienten Maschinen, ihres nicht mehr reparablen Fuhrparks, ihrer unbrauchbar gewordenen G�ter nutzten � oder zum Entsorgen ihrer gef�hrlichen Abf�lle mi�brauchen durften. Manche Gegenden sahen vor allem abends apokalyptisch aus. �berall undefinierbare schwarze Berge von Schutt, auf denen man Silhouetten von spielenden Kindern sah. Dort stemmten sich wie in einem Freilichtmuseum technische Unget�me gegen die Abendsonne und glichen in ihrer Trauer erstarrten Sauriern. Diese funktionsfreudigen Wesen w�rden f�rdas Land nie wieder ruck-zucken d�rfen, sie langweilten sich wie eingeschlossene und vergessene Haustiere. In einem unbebaubaren Seitental fand ich eine Art Skansen von neuzeitlichen Pyramiden aus unterschiedlichen und unterschiedlich stark leckenden Industrief�ssern. Manche dieser Pyramiden blubberten und tickten dabei wie Bomben. Ihre besonders gewichtsgequ�lten unteren Kaskadenstufen signalisierten mit Morsezeichen, sich demn�chst mit Wucht erleichtern zu wollen. Sie drohten ganze Stra�enz�ge mit zyankalihaltigem oder anders giftigem Brei zu �berfluten. An manchen Fl�chen sah man aber auch interessante Industrierarit�ten und begriff, da� in einigen Betrieben offenbar noch vor kurzem mit Maschinen vom Anfang des Jahrhunderts gearbeitet worden war.</p><p>Um mich zu besch�ftigen, versuchte ich, den tieferen Zweck der besonders interessanten �berraschungen zu begreifen. Auf den ersten Blick sah man oft nur Materialreste, Bauschutt oder diversen Sonderm�ll, dabei handelte es sich teilweise eher um Restvorr�te, die an den freien Fl�chen f�r schlechte oder noch schlechtere Zeiten deponiert worden waren. Die gewieften Betriebsleiter wu�ten genau: Alle m�glichen Materialien k�nnten wieder knapp werden und w�rden eines Tages schwer aufzutreiben sein. Und was man einmal auf Lager hatte, w�rde man sp�ter als Tauschobjekt f�r andere Mangelg�ter verwenden k�nnen.</p><p>Zum Wesen der Mangelwirtschaft geh�rte seit langem noch etwas ganz anderes: Viele Betriebe produzierten massenhaft G�ter, die niemand mehr wollte, jedenfalls so massenhaft nicht gebrauchen konnte. Dabei kam es trotzdem nicht in Frage, aus diesem Grund ganze Produktionsstrecken aufzugeben und die Arbeiter zu entlassen � also produzierte man unverdrossen weiter und f�llte mit den �bersch�ssen irgendwelche Lagerhallen. Wegen der �berall dr�ckenden �bersch�sse bekamen die Betriebe irgendwann die Erlaubnis, die nicht absetzbaren Lagerh�ter im Rundfunk anzupreisen. Diese Idee war wirklich rettend. Und weil der tschechische Mensch an sich sch�pferisch ist, wurde diese Art Rette-sich-wer-kann-Werbung auf weitere Gebiete ausgeweitet. So verwandelten sich diese speziellen Werbeeinlagen, diese kurzen Entbl��ungen pl�tzlich zu einer Plattform f�r rege Tauschgesch�fte ganz anderer Art und hatten etwas h�chst Ordin�r-Verr�terisches an sich. Mit der Zeit wirkten sie auf mich � auch dank der drum herum pr�senten Kulturlosigkeit � immer pornographischer. Jedermann durfte sich an seinem heimischen Radio bald die absurdesten Tr�delbl�deleien und Offenbarungseide anh�ren.</p><p>�HALLO! Betrieb XXX hat eine �ltere, aber voll funktionsf�hige EXZENTERREVOLVERPRESSE RP-T 42 zu bieten und braucht dringend diverse Alu-Profile aller Arten und St�rken � es k�nnen auch Reste sein. Bitte melden unter der Telefonnummer��</p><p>Oder:�Wir haben mehrere Kompressortypen f�r Kohlehydrierung im Einsatz � au�erdem einige ausrangierte; suchen Partner zwecks Austausch von Ersatzteilen.�</p><p>Oder:�Brauchen unbedingt 8-Loch-Flansche Norm-III 70/150mm f�r unsere Salzs�ure-Fernleitung. DRINGEND!! Die Leckgefahr ist akut!!!�</p><p>Die ganze Wirtschaft wurde zwar zentral gelenkt, was die �bersch�ssigen Betriebsgrundst�cke betraf, hatten die Werksleitungen aber viel unternehmerische Freiheit behalten. Bei der Aufrechterhaltung des allgemeinen Notstandes war fast alles erlaubt. Und weil es so viel war, was unbedingt getan werden mu�te, blieb das, was nicht den Status einer Katastrophe besa�, unerledigt. Gammeln und gammeln lassen schien am Ende die vern�nftigste Devise zu sein. Schon die Sicherung des jeweiligen nackten Produktionsablaufs verlangte von allen Beteiligten oft das �u�erste an Kraft, �berall bewegte man sich an den Grenzen der Leistungsf�higkeit. Die Verantwortlichen waren oft herzkrankoder aufgrund der Vernachl�ssigung ihrer Z�hne schmerztablettenabh�ngig. Zum Aufr�umen oder Versch�nern von Tausenden von l�stigen Ecken oder ganzer Areale hatte man absolut keine Zeit, keine Manneskapazit�ten mehr �brig. Jeder Leiter klagte Tag f�r Tag, ihm w�rden� Leute fehlen�.</p><p>Bei meinen Wanderungen lernte ich, da� man auch vor jeder Art architektonischer Vorzeigeobjekte Angst haben mu�te. In ihnen offenbarte sich der noch nicht ganz erstickte gesellschaftliche Ehrgeiz, gleichzeitig steckten dabei alle � der Staat, seine Architekten und Baubetriebe � in unz�hligen Hemmschuhen. Meine Angst betraf nicht nur die mangelhafte Ausf�hrungsqualit�t dieser Prachtbauten, nicht nur die finale Doch-H��lichkeit ihres M�chtegern-Modernismus. In der Regel haperte es einfach schon grunds�tzlich an ihrer Gesamtkonzeption. Meistens handelte es sich um Einkaufs- und Dienstleistungszentren. Auf den zweiten Blick entdeckte ich an den Geb�uden immer irgendwelche st�renden � weil funktionslosen � Elemente, irgendwelche mangelhaft-logischen Vorspr�nge, kaum frequentierte Aufg�nge oder Ecken, die nur infolge machtvoller Schachz�ge von Parteisekret�ren dekoriert oder nach fiesen Interventionen der Gesch�ftsleitung freudlos genutzt wurden. Manche Plattformen wurden vom Volk trotzdem dauerhaft gemieden, weil sie nach jedem kleinen Regenfall unter Wasser standen � und auch unter Wasser blieben. �berproportionale Galerien schrien vor Langeweile, weil die Menschen einen viel g�nstigeren Zugang ins Geb�udeinnere gefunden hatten. Und wenn diese Abk�rzung durch eine Textilabteilung f�hrte, wurden dabei eben einige Kleiderst�nder umgerannt. In manchen viel zu engen Eing�ngen bedr�ngten sich die Menschen gegenseitig mit ihren Einkaufstaschen, kamen sich dort sozialistisch n�her. Der besorgungsorientierte Drang der K�rpertrauben dr�ckte die Eingangst�ren wiederholt gegen die T�rstopper, und die entstandenenHebelkr�fte waren auch f�r die robustesten T�rscharniere auf Dauer t�dlich, auch der beste slowakische Stahl schlaffte eines Tages ab. Die nicht genutzten Ecken und Winkel der Einzelhandelsparadiese wurden nach und nach vollgepi�t und vollgedreckt, und man gab es irgendwann auf, sie sauberzuhalten. Der Urin fra� sich ins Mauerwerk und blieb mit ihm chemisch auf immer und ewig verbunden. Aber die ungl�cklichen Ecken waren sowieso f�r nichts und wieder nichts auf der Welt, waren von Anfang an zum Verdrecken und Verrecken verurteilt.</p><p>Zu diesen Bauten geh�rten nat�rlich noch einige falsch konzipierte Fenster, die nachtr�glich mit billigen Ziegeln zugemauert und danach nicht verputzt wurden. Nach und nach wurden einige nicht zuzumauernde Schwachstellen an den Flanken der Geb�ude mit schlecht angestrichenen Gittern abgesichert, die Au�enw�nde zierten bald rostige Tr�nenspuren, und die mit Gittern besonders reichlich bedachten Schnapsl�den verwandelten sich in kleine Festungen und glichen primitiven Bankfilialen, wie man sie aus gesetzesfernen Provinznestern kannte. Irgendwann kamen die Zimmerleute und errichteten endlich an der passenden Stelle des Geb�udes eine provisorische Zusatztreppe aus Holz, die dort noch viele Jahre � also dauerhaft � zu bleiben und zu dienen hatte. Nebenbei st�tzten sie mit ihren Balken die experimentell zarten Stufen der disharmonisch breiten Aufg�nge, weil diese inzwischen viel zu viele Risse gebildet hatten. So sahen die neuzeitlichen Prachtbauten bald wie vergammelte, zum Abri� vorbestimmte Ruinen aus, die sich als halboffizielle Toiletten und �ffentliche Kotzanstalten regelrecht anboten.</p><p>Ich hielt es in der M�nnergemeinschaft nicht lange aus � und mu�te es letzten Endes auch nicht. Nachdem ich, der auserw�hlte Gl�ckspilz, in einer Telefonzelle ein Notizbuch mit meinen gesamten Adressen und Telefonnummern hatteliegenlassen, rief mich eines Tages ein slowakischer Gebirgstr�ger an. Er hatte mein Notizbuch gefunden, kurz bevor er in die Tatra zur�ckfahren mu�te. Und wollte nun wissen, wie er mir meine wertvollen Adressen und Nummern am besten �bergeben k�nnte. Ich mu�te also zur�ck in die Berge � genau dorthin, wo ich vor kurzem gewesen war. Die Zeit dr�ngte sowieso � ich h�tte eigentlich arbeiten gehen, das hei�t ein Arbeitsverh�ltnis nachweisen m�ssen. Arbeitslosigkeit gab es im Lande nicht, es herrschte im Gegenteil die strengste Arbeitspflicht. Und weil der Stempel des Betriebes � mit Datum � direkt in den Ausweis gedr�ckt wurde, konnte jeder Polizist an jeder Ecke feststellen, ob man aktuell besch�ftigt war oder nicht � also ein Gammler oder kein Gammler war. F�r die Menschen mit einem jungfr�ulichen Einstellungsstempel war das Alltagsmanagement dagegen ganz einfach. In der Arbeitszeit sozialistisch einkaufen, sozialistisch auf dem Betriebsgel�nde entspannen � das durfte man ohne Ende. Man mu�te sich das nur entsprechend einrichten. Die besonders Pfiffigen richteten sich in verborgenen Nischen ihrer Betriebe sogar bequeme Schlafpl�tze ein.</p><p>Ich h�tte dagegen � dank des gef�rchteten Paragraphen 203, mit dessen Hilfe� die Organe �aus einem einmaligen Vergehen problemlos ein Verbrechen fabrizieren konnten � bald verhaftet werden k�nnen. Theoretisch war man bereits nach sechs Wochen ein Verbrecher, und die Gef�ngnisse waren voll von Gammlern und Parasiten wie mir. Die Polizei wu�te, wo diese Leute am besten zu finden waren und an welchen Merkmalen man sie erkennen konnte. Oft hatten diese Leute nur versucht, sich eine Weile au�erhalb der Zugriffsm�glichkeiten von Kaderabteilungen durchzuschlagen, manche wollten sich einfach eine kurze Pause g�nnen. Meine Haare waren noch nicht allzu lang, und ich wirkte bei meinen Spazierg�ngen vielleicht sogar wie ein produktiv irrender Verantwortungstr�ger. Trotzdem � ich lebteschon l�nger von geliehenem Geld und war im Grunde ein klassisches Exemplar eines Parasiten. Ein Fahnenfl�chtiger war ich zum Gl�ck nicht. Ich war kurz vor meiner Flucht in die Berge �berraschenderweise ausgemustert worden � wegen einiger Knochenbr�che aus der Kindheit und aufgrund sp�terer, zum Teil aktueller Verletzungen, die ich mir bei St�rzen von Sandsteint�rmen zugezogen hatte.</p><p>Wieder in die Natur einzutauchen war heilsam. Und da� ich dort jemanden pers�nlich kannte, in diesem Menschen einen Verb�ndeten hatte, �nderte meine Situation grunds�tzlich. Ich f�hlte mich in den Bergen auf einen Schlag unvergleichlich besser. Auf der Schutzh�tte meines Notizbuchretters nahm man mich zwar nicht gleich auf, ich durfte mir zwischenzeitlich aber einen anderen Traum erf�llen. Ich wurde endlich zu einem FAST-M�LLMANN; mein Arbeitgeber war ein relativ harmloser Gartenbaubetrieb. Wir pflegten Parks, Wege, Stra�en und Pl�tze, wir leerten aber regelm��ig auch Abfallk�rbe und mu�ten manchmal auch fallengelassenen Dreck einsammeln gehen. Meine Mitarbeiter waren wilde, zum Gl�ck aber abstinente Roma und zahme, daf�r stark verwahrloste Alkoholiker. Ich befand mich tats�chlich ziemlich weit unten. Am Tag der turnusm��igen Leerung der Abfallk�rbe war die Stimmung unserer Truppe etwas verd�stert.</p><p>Niemand machte diese stinkende Arbeit gern, niemand b�ckte sich mit Begeisterung dem Dreck entgegen, den die Idioten von Touristen neben die �berf�llten Abfallk�rbe geworfen hatten. Wir fuhren los, waren grimmig, arbeiteten m�glichst schnell und waren � wenn es sein mu�te und wir aufgehalten oder gest�rt wurden � auch etwas unh�flich. An die unverf�lschte Wut unserer Gro�stadtkollegen aus Prag kamen wir aber nie heran. Dar�ber hinaus fehlten uns die rollbaren M�lltonnen.</p><p>In der Freizeit ging ich konsequent klettern oder machte lange Blitztouren �ber alle erreichbaren P�sse. Ich mu�tetrainieren und �berholte die lahmen Touristen mit einem Tempo, von dem sie nur tr�umen konnten. Vor der Arbeit als Lasttr�ger hatte mich eines Tages ein �lterer Bekannter aus Prag, als wir uns bei einer Tour zuf�llig trafen, allerdings nachdr�cklich gewarnt.</p><p>��Das stehst du niemals durch, Georg. Man tr�gt sechzig, siebzig Kilo auf den Schultern. Was das nur f�r den R�cken bedeutet, kannst du dir vielleicht vorstellen. Und die Strecken bis zu den H�tten sind furchtbar lang � an die sieben Kilometer. Bei einem H�henunterschied von achthundert Metern.</p><p>��Ich freue mich drauf.</p><p>��Nein, nein, Georg, h�r zu. Du gehst dabei wirklich ein. Ich habe es vor Jahren mal versucht, und da bin ich noch dauernd klettern gegangen. Ich habe einen der Tr�ger gebeten, mich sein Gestell abwechselnd tragen zu lassen, lauter Kisten mit Konserven.</p><p>��Hab ich auch schon probiert, ich kenne dort jemanden. Es ging.</p><p>��Glaub ich nicht! Nach drei�ig Metern w�nscht sich ein Normalsterblicher bei jedem einzelnen Schritt nur, da� er nicht umf�llt. Da� man in dieser Verfassung noch die Mor�nen �berwinden k�nnte, ist l�ngst reine Illusion. Falls man es bis zu den steilen H�ngen aber doch geschafft hat, steht man irgendwann vor einer Stufe von zwanzig Zentimetern und wei�, da� man nicht in der Lage sein wird, sich mit einem einzigen Bein hochzustemmen. Weder mit dem linken noch mit dem rechten. Und du bist so d�nn! Wieviel wiegst du, Georg?</p><p>��Sechzig Kilo.</p><p>��Man hat sich noch einmal auf dem R�cken, vergi� das nicht. Wenn man gut sein will, und das wollen dann sowieso alle, tr�gt man sogar noch mehr. Der Aufstieg dauert drei, vier Stunden, es sind Tausende von Schritten, Tausende von Stufen! Stell dir vor, du m��test � deine K�rpermasse mitgerechnet � hundertdrei�ig Kilo nach oben bringen. Man betet vor jeder Stufe, bis zum n�chsten Halt bei Bewu�tsein zu bleiben � und zwischendurch kann man die Kraxe gar nicht absetzen, stolpern darf man sowieso nie.</p><p>��Das wei� ich doch alles. Man mu� das Gewicht einfach gut verteilen. Die schweren Dinge m�ssen oben sein, m�glichst oberhalb der Schultern. Und Pausen kann man nur auf den gr��eren flachen Steinen einlegen, klar.</p><p>��Kluges K�pfchen. Oft ist man im Tal wirklich ganz allein, man sitzt auf seinem Stein und ist mit den Gurten an die Kraxe wie festgekettet. Und dann? So naiv darfst du doch nicht rangehen. Ich war damals nach einem halben Kilometer vollkommen erledigt.</p><p>Die Natur um mich herum war von der Politik unbelastet und von der R�cksichtslosigkeit der volkseigenen Industrie noch nicht gezeichnet. Kaputtgefahrene Prager Fersen und gepl�ttete Zehen, tote Tauben auf dem Altst�dter Ring oder Behinderte auf Kollisionskurs gingen mich nichts mehr an. Mitten in dieser Natur zu sein tat mir so gut, da� ich mir sicher war, als Lastentr�ger nicht zu versagen. Ob mein Kreislauf leistungsf�hig genug war und meine Muskeln auf Dauer wirklich durchhalten w�rden, wu�te ich nicht, mental war ich aber in H�chstform. Ich wollte auf keinen Fall unten im Tal bleiben � zwischen den fetten Urlaubern und faulen Kurg�sten. Auch das Interhotel� GRAND �lockte mich nicht mehr, ich kannte es jetzt als ein unerschrockener Entsorger einiger Abfallk�rbe vor seiner Stra�enfront. Ich wollte unbedingt oben in einer H�tte aus Felssteinen leben, oberhalb der allt�glichen Eile, oberhalb aller D�cher, aller Kurparks und ihres M�lls.</p><p>Wie es ist, fr�h mitten in einer stillen Landschaft zu erwachen, wu�te ich unter anderem dank Dana. Eine starke Beziehung zur Natur hatten auch ihre Freunde, die ab und zu bei ihr auftauchten. Darunter war ein bekannter Fotograf. Er kam immer wieder mal, um einsame, das hei�t einzeln stehende B�ume in der Umgebung zu fotografieren. Er hatte seit mehreren Jahren bestimmte Bilder im Kopf und verga� sie nicht. Die Fotos, die er bereits gemacht hatte, waren ihm meistens nicht gut genug, und oft fand er seine Lieblingsb�ume wiederholt nicht im richtigen Moment vor. In der Regel lag es am Licht oder an der Luftfeuchtigkeit oder an mehreren Faktoren gleichzeitig. Er kam au�erdem aus einem ganz anderen Grund � Dana wusch ihm bei dieser Gelegenheit seine angesammelte Unterw�sche. Wie es zu diesem Brauch gekommen war, fragte ich lieber nicht.</p><p>F�r das Gelingen der Baumaufnahmen war � von den Licht- und Feuchtigkeitsverh�ltnissen abgesehen � noch etwas anderes entscheidend: wieviel Kontrast der aktuell vorhandene Hintergrund gerade bot. Der Mann wartete schon mehrere Jahre darauf, da� auf einem bestimmten Feld wieder Gerste ges�t werden w�rde. Im klaren schr�gen Abendlicht schillern und leuchten die langen Gerstengrannen ungew�hnlich hell und bestrahlen die Bl�tter der umstehenden B�ume von unten. Nichts, was dort sonst wuchs, war ihm als Unter- und Hintergrund gut genug. Von allen B�umen liebte er besonders die Eichen. Die mu�te er sowieso im Fr�hjahr in dem Moment erwischen, wenn sie noch wenig Chlorophyll in den Bl�ttern hatten. Da sie etwas sp�ter schl�pfen als der Rest der Landschaft, setze sich ihr Babygr�n von der Umgebung besonders gut ab.</p><p>��Eichenbl�tter sehen anfangs br�unlich aus � aber nur kurz. Achte mal drauf, Georg.</p><p>Wenn dieser Mensch bei Dana auftauchte, die Luft aber feucht und das Licht deswegen zu diffus war, schlug sie ihm vor, bald wiederzukommen � und n�chstes Jahr sowieso.</p><p>��Mehr als zehn Unterhosen hast du doch nicht. Und drecksteif solltest du hier besser nicht ankommen.</p><p>F�r eine bestimmte Baumgruppe brauchte der Mann als Hintergrund ein bl�hendes Rapsfeld. Raps hatte es dortschon einmal gegeben, und er wollte die damalige Serie gern wiederholen. Bis auf diesem Feld wieder Raps ges�t wurde, dauerte es, wie ich sp�ter erfuhr, sechs oder sieben Jahre. Aber auch das Warten auf ein einziges Bild konnte eine Ewigkeit dauern. Oft sa� er an einer Stelle lange Stunden � oder er ging zwischendurch spazieren und kam erst nach Stunden wieder zur�ck. Und wenn er sah, da� die Sonne noch nicht weit genug war, um l�ngere Schatten zu werfen und sch�rfere Konturen in die Baumkronen zu zeichnen, wartete er weiter.</p><p>Wahrscheinlich bastelte sich dieser Mensch besonders w�hrend dieser Wartestunden eine eigene Erkl�rung daf�r, warum die Menschen menschleere Naturbilder so lieben und es bevorzugen, in der Natur wom�glich allein zu sein. Die Liebe zur Natur hinge seiner Meinung nach mit dem � nebenbei sozialismusfremden � Besitzdenken zusammen. In einer verlassenen Landschaft m�sse man sich die Natur nicht mit anderen teilen, meinte er. Man h�tte die Illusion, diesen Teil der Erde ausschlie�lich f�r sich zu haben, nur f�r sich allein.</p><p>In meinen Bergen war ich inzwischen wirklich oft allein, die Sommersaison war noch nicht angebrochen. Ich probierte manchmal verbotene und nicht ausgeschilderte Strecken aus, k�mpfte mich durch die Steinwildnis, betrat Nebent�ler �ber vereiste schmale Hangrinnen und traf lange Stunden keinen einzigen Menschen. Sporadisch schrieb ich an Dana kurze Briefe, verriet ihr unter anderem, da� ich einige Wochen in Prag gewesen war, und bat sie, es f�r sich zu behalten. Nebenbei konnte ich es nicht lassen, sie zu fragen, was sie gerade anhatte und was f�r W�sche sie daruntertrug. Aber eigentlich war ich neugierig darauf, wie es ihren Kubricks ging. Vor allem, wie es dem Kubrick Nummer drei ging und der Nummer vier und f�nf. An der Entstehung dieser drei hatte ich mitgewirkt.Die KUBRICKS waren Danas puristische Grasquader-Skulpturen, die sie direkt in der Landschaft baute, um sie dort auch stehenzulassen. Sie hatte ihren ersten Quader spontan KUBRICK benannt � warum, konnte man sich ungef�hr denken. Sie weigerte sich allerdings hartn�ckig, ihre grasw�chsigen Erhebungen plattzureden.</p><p>��Saint-Exupery sagt irgendwo, die Technik sei dazu da, um zu verschwinden.</p><p>��Wie hat er das gemeint?</p><p>��In ihrer Perfektion unsichtbar zu werden, vielleicht. Ich wei� es nicht genau. Auf alle F�lle hat er sich wunderbar geirrt. Ich mu� trotzdem oft an den Satz denken.</p><p>Danas weitere Quader wurden nur noch mit einfachen Ordnungszahlen bezeichnet. Sie bestanden gr��tenteils nur aus dem Material, das sich in der Umgebung auftreiben lie�. Ein Kubrick wurde im gro�en und ganzen von einer Holzkonstruktion aus gespaltenem Hartholz zusammengehalten. Zum Bau brauchte man au�erdem etliche Steine und viel Lehm, der aus einer stillgelegten Lehmgrube kam. Bevor es mit dem eigentlichen Bau losging, waren noch einige Vorarbeiten n�tig. Dana w�hlte mit einem handbetriebenen Erdbohrer L�cher in die Erde und versenkte lange Schaumw�rste darin, die Feuchtigkeit hochziehen und die Kubricks mit etwas Wasser versorgen sollten. Wie sie ihre sp�teren Kubricks genau baute, erz�hlte sie niemandem gern. Die W�nde wurden jedenfalls mit Weidenruten ausgeflochten und die Oberfl�che so dornig pr�pariert, da� sich daran ganze Grasb�schel halten konnten. Kubricks, besonders die Frischlinge, mu�ten in trockeneren Sommerzeiten gepflegt, ab und zu auch repariert werden � vor Gewittern wurden sie anfangs abgedeckt. Aber normalerweise standen sie still und bed�rfnislos da. Sie atmeten vor sich hin und waren sich selbst genug.</p><p>Urvater Kubrick und Kubrick zwei trockneten zu oft aus, die Nummer eins wurde irgendwann aufgegeben und derNatur �berlassen. Die sp�ten Exemplare bekamen noch eine andere Art Bew�sserung. Au�er der Saugvorrichtung hatten sie in ihrem Bauch einen kleinen, mit Folie ausgelegten T�mpel und konnten durch eine �ffnung betankt werden. Ich hatte seit dem Physik-und Sportunterricht in der Schule von der kapillaren Elevation eine ganz hohe Meinung und f�hlte mich mit den sich selbst befeuchtenden Kuben gewisserma�en verwandt.</p><p>Ich wurde kurz vor dem Sommer endlich als Tr�ger eingestellt, man brauchte unbedingt Verst�rkung. Da� ich oben auf der H�tte auch wohnen konnte, war ganz wichtig � und genau das richtige f�r mich. Einen viel besseren Fluchtort h�tte ich damals kaum finden k�nnen. Die Schutzh�tte lag weit oberhalb der Baumgrenze. Auf diese Weise lebte ich weit weg von allem, was hinter mir lag. Und ich wohnte so hoch �ber der Meeresoberfl�che, wie es in der kleinen Tschechoslowakei nur ging. Meine Mutter und die ganze Tantenherde verlor ich dort vollkommen aus den Augen, und folgerichtig verga� ich bald, Briefe an meine sogenannten N�chsten zu schreiben. Meine Mutter hat mir diesen Verrat nie verziehen. Noch schwerer betroffen war allerdings meine stille Gro�mutter Lizzy � in ihrem Fall tat es mir auch aufrichtig leid. Lizzy verzieh mir aber grunds�tzlich alles.</p><p>Ich hatte gar keinen Grund, mit jemandem b�se zu sein. Mein neues Leben machte mich nur gl�cklich, und meine Mutter war mir einfach egal. Und ich war so im Reinen mit mir, da� ich beim Schleppen der Lasten � trotz der Skepsis meines neuen Chefs � tats�chlich nicht zusammenbrach. Ich hatte mit drei�ig Kilo Gewicht angefangen, nach einem Monat war ich schon bei sechzig. Beim Aufstieg mit einer turmartigen Gasflasche, die �ber siebzig Kilo wog � zehn Kilo mehr als ich � , kam ich mir wie ein �bermensch vor. Die einfachen alten Tragkraxen aus Holz schienen einemEnergien unbekannter Vorg�nger einzufl��en. Au�erdem brach die Klettersaison an, und ich bestieg nach und nach alle wichtigen Gipfel. Auf wirklich schwere Routen traute ich mich zwar noch nicht, ich hatte aber Zeit. Die tschechoslowakische Armee hatte an mir allerdings, das wurde in den Bergen deutlich, einen durchaus brauchbaren Verteidiger des Sozialismus verloren.</p><p>��Schade, schade, hatte einer der Offiziere nach meiner Ausmusterung zu mir gesagt. Wir brauchen doch jeden Mann!</p><p>Irgendwann kam der Herbst, der Schnee fiel sehr fr�h. Die anderen Tr�ger, die nur �ber Sommer arbeiten wollten, verabschiedeten sich, und auf der H�tte blieben au�er mir nur der Leiter und mein einheimischer Freund, der allerdings auch im Tal bei den Eltern wohnen konnte. Nach gr��eren Schneef�llen schaffte es manchmal tagelang kein Trampeltourist, sich bis nach oben durchzuk�mpfen. Und weil mein Chef und mein Freund den ganzen Winter dauernd nur Ski fahren wollten � und m�glichst dort, wo es Skilifte gab � , blieb ich auf der H�tte oft ganz allein. Drum herum nur Berggipfel und unber�hrte wei�e Fl�chen. So viel Einsamkeit w�rde ich im Leben nie wieder geschenkt bekommen, das war mehr als deutlich. Der Winter war endlos, und ich h�tte ihn gern noch viel l�nger gehabt, nur f�r mich allein.</p><empty-line/><p>onkel ONKEL</p><p>Wie ich aus einigen flehenden Briefen aus Prag und gelegentlichen m�nzenverschlingenden Telefonaten erfahren hatte, gab es bei uns im Haus einige Ver�nderungen. In einen getrennt vermieteten Teil einer Wohnung im ersten Stock zog ein Geruchsmagier ein. Der Mann war angeblich sehr umg�nglich und verwickelte bald einen nach dem anderen in lange Gespr�che. Seine gewinnende Distanzlosigkeit war f�r alle ein Novum. Der Mann wu�te bald �ber viele private Angelegenheiten gut Bescheid, beriet den einen oder anderen bei pers�nlichen Entscheidungen, war trotz alledem aber nicht indiskret. Das Besondere an ihm war, da� er alle Bewohner des Hauses bald auch dem Geruch nach unterscheiden konnte. Ich pers�nlich bildete mir ein, ein sensibles Medium f�r Ger�che zu sein, und ich kannte viele schockartige Geruchserlebnisse � mit diesem Mann, der sich zu Demonstrationszwecken sogar auf Tests und Blindversuche einlie�, h�tte ich mich aber auf keinen Fall messen k�nnen. Zum Erkennen einer Person reichte ihm � wie einem Hund � nur ein Kleidungsst�ck, und angeblich bekam er beim Schnuppern sogar einen h�ndischen Gesichtsausdruck. Onkel ONKEL wurde zu seinem vertrautesten Mitbewohner und zum wichtigsten Berichterstatter �ber seine Riechkunst. Onkel war mehrmals dabei, als dieser Mensch im Treppenhaus erriet, wer kurz vor ihm hochgestiegen war. Er ben�selte kurz das Gel�nder und die Treppe, segelte mit seinen N�stern auch in den h�heren Luftschichten � und nannte den Namen.</p><p>Sein gro�er Kummer war, da� er keine eigene Toilette hatte und sie weder in sein Zimmer noch in seine kleine Abstellkammer einbauen lassen konnte. Er hatte nur eine Waschnische im Flur, seine Toilette war auf der anderen Seite des Treppenabsatzes und wurde auch von einer anderen Partei genutzt. Der handwerklich unterbesch�ftigte Onkel ONKEL empfahl sich ihm als der richtige Mann f�r derartige Spezialauftr�ge.</p><p>��Ich werde mir schon etwas einfallen lassen.</p><p>��In meinem Strang gibt es aber nur ein d�nnes Abflu�rohr, und das w�rde verstopfen.</p><p>��Das Problem kenne ich nat�rlich.</p><p>Diesmal machte Onkel ONKEL alles richtig. Er konstruierte f�r den Mann einen handbetriebenen Kack- &amp; Toilettenpapiermixer mit Schneckenbef�rderung. Das angeschaffte Klosettbecken wurde nach einigen unumg�nglichen Vorarbeiten auf ein erh�htes Podest gestellt und wirkte dort � auch dank eines auff�lligen Aufklebers � angeblich wie ein Kunstobjekt. Auf dem Aufkleber stand� SERVICE�, und ich konnte mir lange nicht vorstellen, da� es ausgerechnet mein Onkel war, der sich diesen Scherz erlaubt hatte.�SER VICE �hei�t auf Tschechisch n�mlich� schei� mehr�.</p><p>Nach dem Entleeren festgepre�ter Substanzen reichte es nat�rlich nicht, nur die Sp�lung zu bet�tigen. Man stieg vom Podest herunter und mu�te beim Sp�len gleichzeitig an einer Kurbel drehen. Das war dann aber auch alles. Onkels Mixmaschine nutzte das nat�rliche Gef�lle und litt nicht an R�ckstauproblemen � ihr Mechanismus war absolut zuverl�ssig. Die verfeinerte Jauche wurde mit sanfter Gewalt der rotierenden Schnecke einfach in das alte d�nne Abflu�rohr geleitet. Es handelte sich tats�chlich um eine innovative Leistung ersten Ranges � industriell gefertigte Anlagen f�r den Hausgebrauch gab es damals noch nicht. F�r den Geruchsk�nstler brachte die Einquartierung einer Toilette zwar unangenehme Gestanksattacken mit sich, trotzdem aber eine ungeheuere Steigerung seiner Lebensqualit�t.Heute tragen solche Ger�te die euphemistische und vollkommen sach-entfremdete Bezeichnung� Hebeanlage�. Jeder, der seine gemixten Exkremente heben lassen will, kann diesen Akt der Erhebung an die elektrisch angetriebenen Innereien eines Plastikgeh�uses delegieren. Diese setzen sich bei Bedarf zwar automatisch in Gang, verarbeiten die Ausscheidungen aber nur so lange, bis der ohne jegliche Sensibilit�t arbeitende Mixer sich selbst zugekotet hat. Fr�her oder sp�ter beginnt das Geh�use sowieso zu suppen. Allerdings ist die Hebeanlage tats�chlich in der Lage, die anger�hrte Suppe auch in die H�he zu pumpen. Die stehende Hydrokacks�ule steht dann allerdings unter suppenstatischem Dauerdruck und kehrt daher logischerweise auch gern zur�ck.</p><p>Onkel ONKEL und der Geruchsk�nstler wurden Freunde. Wegen dem Geruchsstau, der in dem ebenfalls vom Onkel zusammengezimmerten Toilettenverschlag zu bef�rchten war, bekam der Geruchsk�nstler nachtr�glich auch eine Luftabzugsanlage verpa�t. Es war ein baugleiches Modell, wie es Onkel oben auch besa�.</p><p>��Er mu� seine Nasenschleimh�ute unbedingt sch�tzen. Deswegen raucht er auch nicht und benutzt keine scharfen Gew�rze. Alkohol trinkt er nat�rlich auch nicht.</p><p>Die beiden sa�en oft zusammen in dem kleinen Wohnzimmer des Mannes im ersten Stock, und Onkel rauchte seine Pfeifen oft eben dort � und grunds�tzlich bei offenem Fenster. Wenn einer von den beiden auf die Toilette ging, konnte ihm der andere kurbelnd behilflich sein. Die dichten Rauchwolken, die bei Onkels Paff-Orgien oft dicht an der Hauswand aufstiegen, krochen wenig sp�ter in die Fenster der h�her gelegenen Wohnungen, also auch in unsere Wohnung. Anfangs hatte man den Onkel verd�chtigt, er h�tte mit seiner angez�ndeten Pfeife zwischendurch � trotz des strikten Verbots � andere R�ume unserer Wohnung betreten. Dabei rauchte er einfach die ganze Zeit zwei Stockwerke tiefer am Fenster seines neuen Freundes, lachte dort laut und leerte behutsam seine Lik�rfl�schchen.</p><p>Sonst passierte bei uns zu Hause nichts aufregend Neues. Wie mir gelegentlich �ber den allt�glichen Stillstand berichtet wurde, fand ich etwas erschreckend. Aber es half mir eines Tages wenigstens zu verstehen, warum bei uns alle am gl�cklichsten waren, wenn sich im Leben �berhaupt nichts �nderte oder zumindest wenig tat. Auch fr�her war es nicht anders gewesen: Wenn ich manchmal vorgeschlagen hatte, in unserem Wohnbereich eine Kleinigkeit zu versch�nern, war mein Wunsch als ungeh�rig abgetan und ich wom�glich als Spie�er verh�hnt worden. Alle �ppigeren Ver�nderungstr�ume waren bei uns sowieso verp�nt, galten als unvern�nftige und nicht ungef�hrliche Phantasmen; und rebellische Ans�tze, sie trotzdem zu realisieren, stufte man gleich als kriminell ein. War doch jeder Ver�nderer nur dabei, das Bestehende und immer noch einigerma�en Funktionierende aus REINER WILLK�R durcheinanderzubringen � also ohne jede existentielle Bedrohung und objektive Not. So gesehen konnten solche dazugeh�rigen Impulse nur in einem beinahe geistesverwirrten Seeleninneren geboren worden sein und w�rden sowieso nur ungesunde Verschwendung bedeuten. Solange drau�en keine Pogromstimmung aufkam, solange man nicht tats�chlich gezwungen wurde, sich zu r�hren, schien es ratsam, sich ruhig zu verhalten. Man sollte sich offenbar in Zufriedenheit �ben und es vermeiden, mit st�render Agilit�t seine Umwelt zu provozieren.</p><p>So gesehen war Onkel ONKEL tats�chlich nie einer vor uns. Politisch � also in einem Punkt � war er es aber zum Gl�ck doch. Politisch konnte man auf ihn z�hlen, obwohl er, um seine verantwortungsvolle Arbeit zu behalten, nach dem Einmarsch als einziger aus der Familie in der Partei geblieben war � also die S�uberungen heil �berstanden hatte.Meine Mutter und Tante Eva hatten sich selbstverst�ndlich geweigert, die milit�rische Okkupation als Befreiung zu sehen und f�r die br�derliche Hilfe gegen die Konterrevolution dankbar zu sein. Onkels Scham �ber die parteiliche Erniedrigung wurde taktvoll respektiert, und seine Parteimitgliedschaft bekam mit der Zeit den schlimmen Geheimnisses. Tante Bombe war schon immer parteilos, staatenlos</p><empty-line/><p>egal, was man ruft, unten h�ren die leute immer nur� hilfe!�</p><p>Im Winter kamen vor allem solche Bergsteiger auf die H�tte, die unbedingt die mit Eis und Schnee bedeckten Nordw�nde besteigen wollten. Die Tage waren kurz, oft mu�ten die Burschen mitten in der Wand biwakieren und kamen erst am n�chsten Tag mit abgefrorenen Fingerspitzen oder gef�hrlich unempfindlichen Zehen zur�ck. Das wollte ich ihnen nicht unbedingt nachmachen, ich wartete lieber auf den Fr�hling. Eins lernte ich aber dabei: Wenn niemand schrie, mu�te und sollte man sich auch keine Sorgen machen, man ging einfach schlafen. Es h�tte keinen Sinn gehabt, an irgendwelche Unbekannten, �ber deren Qualit�ten und Standorte man nichts wu�te, seine Gedanken zu verschwenden � helfen konnte man ihnen sowieso nicht. Wenn also im Tal kein Gebr�lle zu h�ren war, wurde die jeweilige Absenz beim Rettungsdienst nicht gemeldet. Die Leute kamen in der Regel alle zur�ck � und waren trotz ihrer L�dierungen immer gl�cklich. Blutende Wunden hatten sie nur selten.</p><p>Mit meinem eigenen Bergsteigerleben ging es im Fr�hjahr dann tats�chlich aufw�rts, wortw�rtlich bergauf. Als im Fr�hsommer ein begabter, aber auch gef�hrlich ehrgeiziger Bergsteiger im Tal auftauchte, wurde die Lage sogar dramatisch. Dieser Mensch wollte unbedingt in die Nationalmannschaft aufgenommen werden, um mit dieser im �bern�chsten Jahr auf eine Expedition in den Himalaja gehen zu k�nnen. So brach auf meiner kleinen H�tte die H�lle los, und auch ohne die vereisten Nordw�nde ging es pl�tzlich um Leben und Tod. Dieser besessene Kletterer � eigentlich war er ein Sandsteinspezialist � brauchte f�r seine Extremstrecken einen zweiten Mann und mu�te, um sich f�r die Nationalauswahl zu qualifizieren, hintereinander alle gef�hrlichen W�nde besteigen und m�glichst alle hochgradig schwierigen Routen absolvieren. Anfangs suchte er sich wahllos begeisterungsf�hige Freizeitsportler aus. Diese waren meistens aber nur einmal zu gebrauchen. Nach der R�ckkehr standen sie unter Schock und sahen extrem bla� aus. Sie wollten m�glichst nie wieder glatte Felsen sehen, wollten sich nie wieder wundern m�ssen, wie man �berh�ngende Felsdecken �berhaupt lebend verlassen kann.</p><p>Der Bergwandextremist hie� ausgerechnet Petr � genauso wie mein alter Freund Skopka � , und seine Anziehungskraft blieb trotz seines d�steren Leumunds ungebrochen. Petr war einfach pausenlos voller Gelassenheit und Freude. Wenn er auftauchte, konnte man sich nicht vorstellen, ihm k�nnte jemals etwas zusto�en. Abends schien er nie abgek�mpft und m�de zu sein, erz�hlte Anekdoten aus dem Leben in seiner Kleinstadt und machte sich �ber seine vaterlose Familie lustig, das hei�t besonders �ber seine eigene Mutter. Nebenbei zog er irgendwelche Touristen auf, tat es aber so gutm�tig, da� er niemals �rger bekam. Und er freute sich den ganzen Abend auf den kommenden, das hei�t den n�chsten gef�hrlichen Tag.</p><p>��Jungs, kann man mit der Lastenschlepperei ganz gut verdienen?</p><p>��Klar! antwortete er f�r uns alle. Jeder hat sich davon schon ein Haus gebaut.</p><p>Petr hatte einen schmalen, alles andere als tierischen Sch�del, daf�r hatte aber seine Figur eindeutig etwas Affenartiges. Seine Arme waren extrem lang, seine riesigen H�nde baumelten, wenn er sich nur ein bi�chen b�ckte, neben seinen Knien; so breite Schultern wie seine hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Und er war dauernd beim �ben � er kletterte zwischendurch an den W�nden und Ecken meiner Schutzh�tte herum. Die W�nde bestanden aus relativglatten Granitsteinen, und niemand au�er ihm konnte sich an den kleinen Unebenheiten der Granitquader lange halten. Petr schaffte es dagegen, um die ganze H�tte herumzuklettern. Dabei ist das seitliche Traversieren viel schwerer als jedes vertikale Aufsteigen. Abends machte er im Vorraum der H�tte bei unseren Klimmzug-Wettbewerben mit und gewann sie meistens. Nebenbei sah er sich wie auf einem Sklavenmarkt nach neuen Kletterpartnern um.</p><p>Ich war immer schon ein Leichtgewicht und hatte seit der Schulzeit keine Probleme, mich an Stangen oder Seilen freih�ndig � also ohne Beine � bis zur Decke hochzuhangeln. Jetzt kam noch mein seelisches Leichtgef�hl hinzu. Bei den abendlichen Wettk�mpfen schaffte ich manchmal mehr als zwanzig Klimmz�ge, und eines Tages konnte ich zu Petrs verlockendem Angebot nicht mehr nein sagen. Es herrschte sowieso Not am Mann. Petr hatte vor, den ganzen Sommer zu bleiben.</p><p>Schon bei unserem ersten gemeinsamen Aufstieg erfuhr ich relativ viel �ber sein Mutterleiden. In seiner dauerhaften Heiterkeit hatte er keine Hemmungen, seine famili�ren Probleme preiszugeben � egal, wie intim diese waren. Wie im Lande �blich lebte er noch zu Hause, seine Mutter hing an ihm wie eine Klette und hatte um ihn f�rchterliche Angst. Sie zitterte angeblich dauernd � egal, ob er, wie sie meinte, zu gedankenlos die Stra�en �berquerte, egal, ob er, wie sie meinte, viel zu schnell mit seinem Rennrad unterwegs war oder viel zu laut politische Witze erz�hlte. Ihr zuliebe h�tte er sich vor allem aber niemals in der N�he von irgendwelchen Felsen herumtreiben d�rfen. Dabei war Petr, was das Klettern anging, absolut nicht zu bremsen. Er war ma�los � schon auf den Ger�llh�ngen unterhalb der eigentlichen Felsw�nde kletterte er da und dort an vorgelagerten kleinen Felsvorspr�ngen und trainierte an passenden wie unpassenden Felsbrocken irgendwelche Griffe. Petr ertrug seine Mutter einigerma�en geduldig � offenbar auch dank seinesHumors. Er fl�chtete vor ihr allerdings so oft, wie er nur konnte.</p><p>��Auf zum Gipfel, bis der Mami schwindlig wird, sagte er immer wieder.</p><p>Zur Illustration der Beziehung pa�te, da� ihm seine Mutter einmal ein Glas selbstgemachter Mehlschwitze geschickt hatte. Er sollte sich aus dem Zeug So�en kochen.</p><p>Petr brachte mich in der Folgezeit mehrmals beinah um. Wir hingen manchmal stundenlang in unseren Strickleitern an Haken, die Petr in nicht ganz vertrauensw�rdige Spalten eingeschlagen hatte. Manche Abschnitte der Routen waren vollkommen senkrecht, manche waren noch schlimmer und ragten wie D�cher �ber uns. Das Hauptrisiko hatte zwar Petr zu tragen � er ging immer als erster � , mein Risikoanteil war mir aber hoch genug.</p><p>��Toller �berhang, freute sich Petr jedesmal wie ein Kind. An glatten W�nden rutschte er immer wieder kurz ab, blieb aber wie ein Gecko an kleinsten Unebenheiten kleben und setzte sich bald wieder in Bewegung.</p><p>��So darf man nicht klettern, Georg, das wei�t du. Drei sichere Punkte, nach M�glichkeit reversibel�</p><p>Irgendwann schlug er einen Haken ein und erz�hlte, wenn ich nah genug war, am�sante Gruselerlebnisse aus der Vergangenheit.</p><p>��In vielen W�nden gibt es wegen der �berh�nge kein Zur�ck mehr, beruhigte er mich gern. Abends bat er in der H�tte regelm��ig darum, den gro�en Abendabwasch machen zu d�rfen. Im Abwaschwasser w�rden die vielen Sch�rfwunden an seinen H�nden am schnellsten heilen, meinte er. Um zu trainieren, hatte er sich sowieso auch als Tr�ger einstellen lassen und schleppte zwischendurch Lasten wie alle anderen. Und weil unsere H�tte formell zu den Interhotels geh�rte und Petr uns manchmal � zus�tzlich zu seinen Abwaschdiensten � dabei half, die Konserven zu �ffnen und deren erhitzte Inhalte zu servieren, nannte er sich bei Nachfragen einfach Interhotelkoch.</p><p>Ein solcher war ich nat�rlich auch und wohnte im Grunde die ganze Zeit schon unter dem Dach unseres egal wie winzigen Interhotels.</p><p>Wenn Petr, der Spitzenkoch, beim Klettern von der Wand abfiel, blieb er trotzdem immer vollkommen ruhig. Ihm schien grunds�tzlich alles l�sbar zu sein. Manche Stellen waren leicht �berh�ngend, so da� er zu weit von der Wand baumelte und an die griffigen Stellen nicht herankam � dann zog er sich eben mit seinen d�nnen Spezialschlingen wieder hoch. Sein eiserner� Zug aufs Ziel�, sein Bewegungsdrang in Richtung Himmel hatten etwas Besessenes. Er kr�mmte und streckte sich manchmal stur im Takt wie eine Raupe, wirkte dabei wie ein mechanisch aufgezogener und au�er Kontrolle geratener Frankenstein. Wenn er sich durch irgendwelche Spalten hochschob, dabei gutm�tig fluchte und witzelte, gleichzeitig aber auch immer schwerer atmen mu�te, wu�te ich, da� ich allen Grund hatte, mich zu f�rchten � im gleichen Abschnitt w�rde ich mich auch bald hochqu�len m�ssen.</p><p>��Hier geht es ordentlich bergauf, wunderbar � kannst dich schon freuen, Georg.</p><p>Einen ganz b�sen Sturz fabrizierte Petr nur ein einziges Mal. Die Route war extrem br�ckelig, und nachdem er einen Stein zu schnell belastet und aus der Wand gezogen hatte, flog er ab � und weil er sich mit den Beinen offenbar leicht gegen die Wand gestemmt hatte, machte er in der Luft als erstes einen eleganten Bogen. Bei seinem Fall ri� Petr einen zwischendurch hastig eingeschlagenen Sicherungshaken aus der Wand, au�erdem noch einen Holzkeil aus einer breiten Fuge. Die erst k�rzlich erstbestiegene Kletterroute, eine saubere Direttissima, war ausgerechnet nach dem Formel-1-Fahrer Jochen Rindt benannt worden � dem gr��ten der vielen Formel-1-Toten, wie ich wenig sp�ter erfahren sollte. Petr flog immer weiter, flatterte an mir vorbei.machte sich auf den Weg nach unten. Das alles passierte sehr schnell und in vollkommener Stille. Petr hatte nicht einmal Zeit, den Anfang eines Fluchs anzudeuten.</p><p>Die letzten Haken, die �briggeblieben waren, waren diejenigen, mit denen meine Stellung gesichert war. Die Haken waren links und rechts eines im Grunde losen Steins eingeschlagen, der in einem breiten Spalt klemmte. Dank dieser beiden Haken klemmte der Stein wirklich fest, war von beiden Seiten regelrecht eingekeilt. Diese Zwei-Haken-Sicherung, die ich in der Zwischenzeit direkt vor meinen Augen hatte, sah etwas experimentell aus, das hei�t nicht ganz vertrauensw�rdig � Petr hatte an dieser Stelle aber keine andere Wahl gehabt.</p><p>Wie ich aus dem Physikunterricht wu�te, fliegt man schon nach drei Sekunden mit der Geschwindigkeit von �ber 100 Stundenkilometern. Irgendwann kam dann der Ruck � und dieser kam, da die oberen Fixpunkte fehlten, aus einer unerwarteten Richtung. �ber die n�chsten Momente wei� ich leider nichts. Ich wurde nach unten gerissen, mein K�rper war nur als ein steifer Bremsklotz gefragt. Als alles vorbei war, hing ich etwas schr�g an der Wand und f�hlte mich in meiner festgezurrten Seilschlaufe wie gefesselt. Petr baumelte weit unter mir, schien aber nirgendwo aufgeschlagen zu sein. Die beiden Sicherungshaken hielten den nach unten vektorierten Sto� aus � sie hielten den Stein fest, hielten sich gegenseitig fest, hatten die Belastung ertragen, die man zum Abbremsen eines 75-Kilo-K�rpers bei einer Geschwindigkeit von etwa 100 km/h eben braucht.</p><p>��Jochen Rindt hatte bei seinem Unfall einen solchen Punktevorsprung, da� er die Weltmeisterschaft am Ende trotzdem gewonnen hat � als Toter. Ein Ding, was? sagte Petr, als er wieder bei mir ankam.</p><p>Petr kletterte gleich weiter, ihm war tats�chlich nichts passiert. Daf�r war ich bald voller Blut. Mir fehlten an den H�nden, Armen und am Hals ganze Hautstreifen, die mirunser Seil heruntergeschmirgelt hatte. Anfangs waren die offenen Stellen � vor lauter Schreck, nahm ich an � noch vollkommen trocken gewesen, obwohl darin breitfl�chig ruhendes Muskelfleisch zu sehen war. Als ich meinen Stand verlassen wollte und seitlich auf die Sicherungshaken einschlug, erlebte ich noch eine weitere �berraschung. Die beiden Haken, die uns das Leben gerettet hatten, lie�en sich mit nur zwei erschreckend leichten Schl�gen sofort lockern.</p><p>Petr hatte den Sturz als eine v�llige Lappalie abgehakt, das systematische Absolvieren der Extremrouten ging weiter. Da wir gleichzeitig auch arbeiten, also Proviant, Brennholz und Baumaterial aus dem Tal schleppen mu�ten, waren wir manchmal etwas ersch�pft � bereits vor dem Aufstieg. Viele Entt�uschungen bereiteten mir in den Extremabschnitten ausgerechnet meine Arme. Mit ihnen mu�te ich oft lange oberhalb meines Kopfes ausharren, mit Karabinern und Strickleitern hantieren � und irgendwann nahte der Punkt, an dem ich mich nur noch als eine tickende Fallbirne empfand. Ich sah es im voraus kommen, konnte aber nichts mehr tun � die Oberarme waren leergelaufen, meine Finger rutschten ab, die H�nde �ffneten sich. Meine kurzen St�rze waren zwar relativ risikolos � Petr hielt das Seil grunds�tzlich kurz � , ich baumelte aber oft ungl�cklich in der Luft oder inmitten einer vollkommen glatten Felsplatte. Petr war geduldig und gab mir gute Tips, helfen mu�te ich mir dann selbst.</p><p>Manchmal wu�te ich nicht gleich, wie ich mich aus meinen verknoteten Schlingen befreien sollte, und schn�rte mich ab. Ein ruhiger Profi war ich immer noch nicht. Was ich praktizierte, war teilweise einfach� learning by falling�. Da wir keine Walkie-talkies hatten, brach unsere Kommunikation, wenn Petr hinter einer massiven Wandkante verschwunden war, manchmal vollkommen zusammen. Und das war fatal, wenn beispielsweise das Seil irgendwoklemmte oder ich an einer Stelle unbedingt mehr Bewegungsfreiheit gebraucht h�tte. Wenn ich nicht weiterwu�te, schrie ich lange in den Wind, mu�te mich schlie�lich einfach totstellen. Irgendwann seilte sich der neugierige Petr wie eine Spinne am Hilfsseil herab. Manchmal machte man sich unten im Tal Sorgen um uns, und�irgendwelche unterbesch�ftigten Kletterer, die die Lust �berkam, Menschenleben zu retten, riefen uns lauthals zu. In der Regel dann, wenn wir uns zu lange an einer schwierigen Stelle aufgehalten hatten. Petr pr�gte mir aber streng ein:</p><p>��Bleib immer ganz still. Egal, was man ruft � unten h�ren die Leute immer nur� Hilfe!�Mehrmals handelten wir uns b�se Komplikationen dadurch ein, da� wir keine Stirnleuchten hatten. Petrs gute Laune und sein Optimismus waren unersch�pflich � und er machte in seinem Aktionismus auch fatale Fehler. Er versch�tzte sich zum Beispiel in der Zeit, �berredete mich, nachmittags � nach dem Lastenschleppen vom Vormittag wohlgemerkt � doch noch schnell aufzubrechen. Zum Biwakieren nahmen wir nat�rlich nichts mit. Einmal wurde es wirklich knapp, ein anderes Mal rettete uns der Mond. Zuletzt blieben wir aber tats�chlich in der D�mmerung � und dann eben �ber Nacht � einfach in den Seilen h�ngen. Und ohne Licht am Helm waren wir zur Bewegungslosigkeit verurteilt. In dieser Nacht verriet mir Petr seinen Traum, den er eigentlich f�r sich behalten, also geheimhalten wollte.</p><p>��In Kalifornien gibt es eine senkrechte und vollkommen glatte Granitwand, tausend Meter hoch, stell dir das vor, Georg. Das Tal hei�t Yosemite, da geh�re ich hin.</p><p>Ich erz�hlte ihm endlich auch einiges �ber mich und meine Mutter. Und sp�ter schlief ich in meinen Schlingen sogar mehrmals ein. Als es heller wurde, ging es weiter. Vom letzten Sims der Wand sahen wir den Sonnenaufgang, und unsere kalt gewordenen roten Nasen gl�hten dabei wie Alarmleuchten.Ich hatte diese Balanceakte an den Abgrundkanten nicht nur gesund �berlebt, ich wurde �hnlich sorglos wie Petr. Als er abgereist war und mich zur�ckgelassen hatte, ging ich allein in die W�nde. Petrs Benimmregeln f�r die Extremrouten hatte ich �bernommen: Solange man an drei Punkten einen Halt hat, verschwendet man keine Vorstellungskraft darauf, da� es den freien Fall gibt. Was z�hlt, ist die entspannte Gegenwart. An irgendwelche Tanten, zerfallende St�dte, alternde M�tter, h��liche Paragraphen oder Schlafpl�tze in den Betrieben zu denken w�re gef�hrliche Zeitverschwendung. Vor Augen hat man den sichtbaren Abschnitt des Aufstiegs, in den n�chsten Sekunden gibt es einige Griffe zu bedenken und hinter sich zu bringen. Wenn sich meine vielen Tanten unterhalb der Felswand versammelt h�tten, h�tte es sicher ein herrliches Stimmenkonzert gegeben.</p><p>��Ist das etwa DAS KIND? Ist dieses zarte Wesen unser Georg? Nein, das kann nicht sein! Solche Qualen w�rde er uns niemals bereiten. Wie h�lt er sich dort fest? Was macht er so weit oben �berhaupt, warum klettert er immer h�her? Dabei geht es da �berhaupt nicht weiter!</p><p>��Ruhe da unten! Nat�rlich geht es hier weiter.</p><p>��NEiiiiN! w�rden sie st�hnen und schlie�lich in die Knie gehen. Nicht doch, komm zur�ck! Das alles kann nur b�se enden! Aber WIE kommt der Ungl�cksrabe �berhaupt herunter? Hast du etwas zu trinken dabei? Hast du eine Wollstrickjacke im Rucksack? Auf dem Gipfel wird es viel k�lter sein als hier � und du bist so d�nn angezogen.</p><p>Heute denke ich an meine Solotouren alles andere als schwei�- und schwindelfrei. Ich kletterte oft v�llig ungesichert, au�erdem wu�te auf meiner H�tte niemand, wohin ich aufgebrochen war. Ich f�hlte mich genauso unzerst�rbar wie mein Meister. Petrs lange Arme, seine am Sandstein trainierten Finger und seinen Traum vom Yosemite Valley hatte ich trotzdem nicht. Eines Tages verliebte ich mich indie Schwester eines Bergsteigers, die als Versorgungsmamsell mitgekommen war und auf der H�tte ebenfalls �bernachtete. Als abends Wein getrunken wurde, hatten wir beide das am Tisch laufende Gespr�ch irgendwann ausgeblendet und begannen uns spontan und vor aller Augen zu k�ssen. Um die anvisierten Lippen des anderen zu erreichen, mu�ten wir, da wir nicht nebeneinandersa�en, einer Weinflasche und zwei Kerzen ausweichen und unsere verdrehten H�lse leicht strecken. Ihre glatten Haare reichten, wenn sie sich im Sitzen etwas b�ckte, fast bis zum Fu�boden. Wir kannten uns erst seit zwei Tagen, hatten uns zwischendurch h�chstens dreimal kurz unterhalten und uns beim Begr��en nicht einmal die Hand gegeben. Unser Ku� war die erste k�rperliche Ber�hrung zwischen uns � und alle wu�ten das. Alle am Tisch schauten uns zu, die ganze Tischrunde wurde still und freute sich �ber die frisch geschl�pfte Liebe, die die erste Schallmauer durchbrochen hatte. Auch der sehnige und m�dchenlose Bruder freute sich �ber das Gl�ck seiner Schwester. Mein Leben war auf bestem Wege, noch besser und heller zu werden. Meine gl�ckliche Zukunft schien 2015 Meter oberhalb des Meeresspiegels m�glich zu sein.</p><p>Eines Tages kam �ber Funk die Nachricht, da� f�r mich ein Telegramm aus der Hauptstadt gekommen war � meine Mutter h�tte einen Schlaganfall bekommen. Ich mu�te nach Hause. So kehrte ich nach knapp zwei Jahren in die Gegenwart zur�ck.</p><p>Ich wurde praktisch �ber Nacht wieder zum beh�teten Kind der Familie und konnte dagegen wenig ausrichten. Wie derartige R�ckschaltungen in der Seele verschachtelt werden, ist mir bis heute nicht ganz klar. Mein aktueller Absturz war schlimmer als das halbe Sterben f�r Jochen Rindt. Mutters Schlaganfall war zum Gl�ck relativ harmlos. Sie erholte sich schnell, kam aus dem Krankenhausl�chelnd wieder heim und sah vollkommen unver�ndert aus. Sie sollte sich schonen. Eines Abends kamen mehrere �rzte unseres Vertrauens zu uns, riefen die ganze Familie zusammen und hielten uns abwechselnd kleine Vortr�ge. Das Fazit: Meine geschw�chte Mutter brauche liebevolle Zuwendung, Aufregungen aller Art seien zu vermeiden. Und sie m�sse das Rauchen aufgeben. Da meine Mutter das Rauchen aber auf keinen Fall aufgeben wollte, brach sie seit dieser� kleinen Episode �ihre Zigaretten in zwei H�lften und rauchte immer nur halb so viel � die vordere Zigarettenh�lfte geno� sie allerdings teerreich ohne Filter.</p><p>Meine ganze Energie war wie verflogen, ich war schwach und lustlos, f�hlte mich wie eine zerbrechliche Tonfigur � oder wie ein Reagenzglas vor einer drohenden Implosion. Zum Sporttreiben fehlte mir jede Motivation, und ich trainierte aus Ahnungslosigkeit auch nicht ab. Das hatte vor allem f�r meine Beinmuskeln verheerende Folgen. Bald konnte ich kaum stehen, meine aufgegeilten Beine, die in den Bergen an schwere Belastungen gew�hnt waren, taten Tag und Nacht weh. Ich f�hlte mich wie ein Invalide, in den Stra�enbahnen litt ich wie ein mi�achteter Greis. Wahrscheinlich um meine innere Verfassung sichtbar zu machen, begann ich sogar pl�tzlich, etwas geb�ckt zu laufen. Einen Sitzplatz bot man mir in den Verkehrsmitteln trotzdem nicht an.</p><p>Da ich oft keine Lust hatte, mich zu rasieren, gab ich es bis auf weiteres auf. So wuchs mein Gesicht nach und nach zu, und ich sah innerhalb kurzer Zeit wie ein anderer Mensch aus. Meine Mutter brauchte mich irgendwann nicht mehr als ihren Rekonvaleszenzbegleiter, ich kam von ihr aber trotzdem nicht weg. Theoretisch h�tte ich wieder in die Berge gehen k�nnen � meine Schreibmaschine, meine Kletterausr�stung, ein Teil meines Gep�cks und meine Gitarre waren immer noch dort � , ich f�hlte mich dem Leben in den Bergen aber absolut nicht gewachsen.An manchen sch�nen Abenden w�re ich fr�her unbedingt in die Stadt gegangen, h�tte mich mit jemandem verabredet � das alles kam jetzt nicht in Frage. Alle gaben mir sowieso direkt oder indirekt zu verstehen, da� ich zu Hause als Mann gebraucht wurde.</p><p>��Mein Tisch wackelt schon wieder der Abflu� � du wei�t schon irgendwo unter dem Waschbecken tropft es, ich h�re das�</p><p>Diese etwas hysterisch vorgetragenen Bitten waren im Flur an der Tagesordnung und inzwischen nur f�r mich bestimmt. Zu alledem hatte ich pl�tzlich keine Vorstellung davon, wof�r ich in meinem Leben sonst noch zu gebrauchen war als f�r den Dienst an meiner Familie. Ich h�tte meine Mutter, die tropfenden Wasserleitungen und meine menstruierenden Tanten nur verlassen k�nnen, wenn ich beispielsweise f�r eine Himalaja-Expedition geeignet gewesen w�re und man mich in die Mannschaft geholt h�tte. Das Nachdenken �ber meine helle Zukunft hatte in meiner aktuellen Verfassung �berhaupt keinen Sinn. Manchmal nahm ich meinen Schlafsack und verschwand nachts im Park. Solche kurzen Befreiungsversuche waren nat�rlich l�cherlich. Die Gefahr, von der Polizei entdeckt oder von freigelassenen Hunden angegriffen zu werden, war au�erdem gro�. Es war sowieso schwer, einen sauberen und gesch�tzten Schlafplatz zu finden. Im Park schlief ich meistens nur einige Stunden und kehrte in der Morgend�mmerung wieder heim.</p><p>Ich war voller Verstockungen, erkannte mich selbst nicht wieder. Ich sprach pl�tzlich furchtbar undeutlich und mehr nach innen als nach au�en. Daher verstand man mich akustisch immer schwerer. Auf der Stra�e wollte ich am liebsten niemandem begegnen, und wenn ich einen Bekannten traf, brachte es au�er den artikulatorischen Qualen auch noch inhaltsbezogenen Stre� mit sich. Ich mu�te in Kurzform und vor allem schl�ssig � also meinem vorausgesetzten intellektuellen Niveau entsprechend � erkl�ren, wie es um meine weitere Lebensplanung stand. Am besten ging es mir noch in meinem Zimmer. Dort f�hlte ich mich beh�tet und abgeschirmt, bekam aber auch dort Panik, wenn ich im Flur fremde Stimmen zu h�ren bekam. Ich wollte keine Menschen, ich wollte nur noch Musik h�ren, ich wollte stumm bleiben d�rfen und in meinem Kopf T�ne speichern.</p><p>Da� ich im Zimmer meiner Gro�mutter wohnte, pa�te mir seit meiner R�ckkehr immer weniger. Der einzige, der sich mal getraut hatte, mich wegen dieses engen Zusammenlebens anzusprechen, war der Freund unserer Familie Ludvik Vaculik. In seiner entwaffnenden Direktheit, f�r die er allgemein bekannt war, fragte er mich einmal:</p><p>��Ist das nicht seltsam, mit der eigenen Gro�mutter in einem Zimmer zu schlafen? Wie ist das? Wie kommt ihr miteinander aus?</p><p>In seinen Reden, Reportagen und auch in seinem Manifest�2000 Worte �sprach er die Dinge �hnlich direkt an, und er ging in seinen sp�teren Texten � den Feuilletons und in seinem Traumbuch � mit sich selbst und anderen Menschen nicht viel anders um. Der Schriftsteller Jifi Grusa benahm sich schon damals ausgesprochen diplomatisch. Als ich einmal eine Platte mit alter spanischer Musik � f�r Vihuela und eine Tenorstimme � aufgelegt hatte, klopfte er bei mir an und interessierte sich nicht f�r meine Wohnsituation und die zwei weit voneinander stehenden Betten, sondern nur f�r meine Schallplatte.</p><p>��Sechzehntes Jahrhundert, unglaublich.</p><p>In Prag zu einer eigenen Wohnung zu kommen war bei der herrschenden Wohnungsnot fast unm�glich. Anders unm�glich erschien mir die Vorstellung, Dana nur aus praktischen Gr�nden wieder zu begehren und mich in ihrem Tierheim einzuquartieren. Ich wollte nicht einmal, da� sie mich in meiner aktuellen Abbauphase zu sehen bekam. Und inweichem Pflegezustand sie sich gerade befand, wu�te ich ungef�hr. Der Tantenrat machte sich schon l�nger Sorgen um sie.</p><p>Meine Mutter war einmal auf die Idee gekommen, mich bei einer Wohnungsgenossenschaft anzumelden und dort auch einen Grundbetrag einzuzahlen. Dieser Mitgliedsbeitrag war aber angesichts des herrschenden Raummangels und der florierenden Bestechungswirtschaft l�cherlich. Sogar beim einvernehmlichen Wohnungstausch mu�te derjenige, der sich vergr��ern wollte, heimlich vereinbarte Unsummen an den Tauschpartner zahlen � im voraus und in bar, versteht sich. Zu einer Wohnung w�re ich, so wie ich geschaffen und finanziell ausgestattet war, nie gekommen. Die Vegetiergemeinschaft der drei alten M�nner, in der ich vor zwei Jahren untergekommen war, gab es sicher noch, das war f�r mich aber keine Alternative. Auch wenn der n�chste Mitbewohner mit Rattengift beseitigt worden sein sollte.</p><p>Ich war voller ungekl�rter �ngste, mein Herz klopfte grundlos, schwer und ausdauernd. Ich hatte niemanden, dem ich das, was in mir los war, h�tte beichten k�nnen. Aber ich wu�te sowieso nicht, wor�ber ich h�tte reden sollen. �ber solche Dinge wie grundloses Herzklopfen sprach man in Prag nicht. Mein �ngstliches Herz klopfte besonders stark, wenn ich auf der Stra�e eine Frau sah, die meiner Mutter �hnelte. Dummerweise sah ich meine Mutter phasenweise recht oft. Die geringsten Merkmale, die mich an sie erinnerten, reichten mir schon � etwas an der Kleidung, an der Kopfhaltung, am Gang. Irgendwann gestand ich mir, da� ich sie ha�te, verga� diesen explosionsartig hochgeschossenen Gedanken aber sofort wieder. Er war zu absurd. Mit meinem Leben vers�hnten mich kurzfristig nur meine langen Fahrradfahrten. Wenn Dana zu uns zu Besuch kommen sollte, versuchte ich irgendwo ausw�rts zu �bernachten.Drau�en in der Landschaft erw�rmten mich immer wieder diffuse Fluchtw�nsche, besonders wenn ich sch�ne, abseits stehende Bauernh�user sah. Gleichzeitig begriff ich, wie unselbst�ndig ich in Wirklichkeit war, wie unf�hig, in meiner Seelenenge frei zu handeln, praktische Entscheidungen zu treffen, mein kindliches Dasein beispielsweise mit einem Faustschlag auf einen unserer verwackelten E�tische zu beenden.</p><p>Inzwischen plagten mich nicht nur meine Beine und mein Herz, sondern auch mein Magen. Ich wurde von mehreren �rzten untersucht, wurde in der Klinik von Professor G. ger�ntgt, abgehorcht und abgeklopft � und man stellte fest, da� ich zu viel Luft im Bauch (METEORISMUS!) hatte. Langsam, aber sicher war ich � dies war die Meinung unseres privaten �rztekollegiums � auf dem besten Weg, Magen- oder Zw�lffingerdarmgeschw�re zu entwickeln. In Prag waren Verdauungstraktgeschw�re damals sowieso eine Modekrankheit, gegen die bestimmt auch Danas beste Kr�uter nicht geholfen h�tten. Man mu�te auf der Stra�e nur einen bestimmten Gesichtsausdruck aufsetzen, um eine Geschw�r-Diagnose von einem x-beliebigen Trottel verpa�t zu bekommen. Dieser wu�te auch gleich, was einem fehlte oder wovon man zuviel hatte � ZUVIEL S�URE beispielsweise� �berall h�rte man die gleichen Gespr�che.</p><p>��Du auch?</p><p>��Ja, am Zw�lffingerdarm. Und deine Geschw�re?</p><p>��Alles weg, habe inzwischen nur einen halben Magen. Mein Bruder hat so gut wie gar keinen.</p><p>Bald war ich soweit, da� man mich bei unserem, mit unserer Familie befreundeten Nervenspezialisten in der psychiatrischen Klinik in Bohnice aufnehmen wollte � zu einer Art Chefarztbehandlung, versteht sich. Auf den R�ntgenaufnahmen meines mit wei�er Kontrastmasse gef�llten Magens waren n�mlich keine Geschw�re zu entdecken gewesen. Vor mir �ffnete sich langsam die Perspektive einer Odyssee durch alle empfehlenswerten Kliniken des Landes.</p><p>Meine Zukunft gab es in dieser Zeit vorsichtshalber gar nicht. Ich war mit voller Wucht zu Hause angekommen, wohnte dort, wo ich die ganze Kindheit gewohnt hatte � trotzdem war nichts wie fr�her. In dieser Situation bekamen wir in der Wohnung einen Zuwachs � bei uns zog unverhofft Mutters langj�hriger offizieller Liebhaber ein. Er war ein gebildeter und begabter Mann, er war Schriftsteller und ein guter Erz�hler. �ber manche privaten Dinge erz�hlte er aber auch meiner Mutter nichts. Wahrscheinlich d�mpelte sein innereheliches Parallelleben auch noch weiter � irgendwo im Prager Normbereich. Bis zu dem aktuellen Ha�ausbruch seiner Gattin jedenfalls. Die seit Jahren Betrogene war inzwischen tablettenabh�ngig und trank. Trinken tat sie nur quartalsweise � dann aber richtig.</p><p>��Sie bewirft mich einfach mit Tassen und Tellern! Auf diesem Niveau spielt sich das jetzt ab bei uns! Soll sie die Teller auf den Boden schmei�en, wenn ich nicht zu Hause bin!</p><p>Da� sich in meiner N�he ein zweiter erwachsener Mann aufhielt, bedeutete f�r mich eine aufregende Abwechslung. Im Gegensatz zu meinem Onkel handelte es sich um ein Wesen mit stark behaarten Armen und einem festen H�ndedruck. Meine Mutter und ihr Freund verstanden sich stundenweise ausgezeichnet, waren es aber absolut nicht gewohnt, miteinander in einer Wohnung auszukommen. Als meine Mutter dreckige Socken neben dem Telefon liegen sah, sagte sie nachdenklich:</p><p>��Nein, das geht nicht, so geht das nicht.</p><p>Nach Hause konnte sie ihren Liebsten trotzdem nicht schicken. Bald fing der Mann an zu jammern, da� er das und jenes im Fernsehen nicht sehen konnte, und enth�llte damit, wie brav er seine Abende zu Hause offenbar sonstzu verbringen gewohnt war. Ab und zu sah er beim Onkel fern, litt aber unter dessen Stimmungsdiktatur und seiner Sturheit. Die Schrankburg wollte er bald nicht mehr betreten. Den ganzen Abend mit meiner Mutter reden konnte er aber auch nicht � und zum Lesen mu�te er angeblich allein im Raum sein.</p><p>Er fand eine exzellente L�sung. Er legte sich in die Badewanne, okkupierte das Bad f�r Stunden und las einfach dort. Und weil er kein abgek�hltes Wasser mochte, zog er dauernd den St�psel heraus und lie� warmes Wasser nachlaufen. Die Badezimmert�r war verschlossen, das Fenster zum Lichtschacht wie gewohnt auch. Und unser uralter, oft z�ndfauler Durchlauferhitzer verbrauchte nach und nach den nur begrenzt vorhandenen Sauerstoff.</p><p>In den Phasen des akuten Sauerstoffmangels verringerte sich wenigstens die Wahrscheinlichkeit, da� der Durchlauferhitzer aus Verpuffungs�bermut explodierte. Die immer wieder erfolgenden Explosionen, bei denen meistens das Abzugsrohr abgeschossen wurde, waren f�r den jeweiligen Badenden auch nicht ungef�hrlich. Mutters Freund lag also eines Tages friedlich in der Wanne und atmete beim Lesen vor sich hin � und als aus den Wasserd�mpfen die letzten Sauerstoffreste ausgebrannt und ausgeatmet waren, daf�r aber der Kohlenmonoxidgehalt angestiegen war, f�hlte der eingeweichte Mann pl�tzlich, da� sein Bewu�tsein ihn im Stich lassen wollte. Er schaffte es, mit den letzten Kr�ften aufzustehen, sein Buch vor den Wassermassen zu retten und zwei Schritte in Richtung Flur zu tun. Dann fiel er gegen die milchverglaste T�r.</p><p>Was mir durch die Glast�r entgegenfiel, war seltsam � ein trockenes Buch in den verkrampften Fingern einer verschwitzten Leiche. So etwas sieht man im Leben wirklich nicht oft. Der Mann versuchte noch kurz, durch die zersplitterte Scheibe weiterzukommen � instinktiv zum Sauerstoff hin. Zwischen uns schwankte sein trockenes, nochnicht blutbeflecktes Buch in der Luft. Ich stand still, mein behaarter Stiefvater n�herte sich mir zentimeterweise, aber doch erfolglos weiter, rollte dabei mit den Augen. Er hatte mehrere b�se Schnitte im Gesicht und an den H�nden, sein Blut kolorierte die in die unteren Glasscheiben ge�tzten Rosen tats�chlich rot. Zum Gl�ck hatte er sich bei seinem Stunt keine Schlagader verletzt.</p><p>Nachdem mein Neustiefvater aus dem Krankenhaus entlassen worden war, wurde er als ein Leidender wieder zu Hause aufgenommen. Und ich wu�te dank des schwadenschweren Vorfalls wenigstens, wie der Tod aussieht, wenn er versucht, einem eine Publikation aus dem Jenseits zu �berreichen.</p><empty-line/><p>im schnellen takt glitten Vorschlagh�mmer knapp an ihren k�pfen vorbei</p><p>Der blutbesiegelte Todessprung blieb nicht ohne Folgen. Meine Mutter wandte sich noch mehr ihrem eigentlichen von ihr niemals zu trennenden Partner zu � also mir. Ich fand kein Abf�hrmittel dagegen, kein Gegengift, ich wu�te nicht, wie ich sie von ihrer animalischen Liebe abbringen sollte. Strenggenommen tat sie nichts wirklich Verbotenes. Nur punktuell sah sie ihr Liebesobjekt � also mich � etwas zu lange und zu intensiv an. Oft deutlich �ber das Zeitlimit hinaus. Das hei�t �ber die Markierung, die einem der landes�bliche Anstand vorgibt. Was dieses �berma� an Glotzenm�ssen angeht, waren wir beide zwar verwandte Seelen, ich betrieb diese Unsitte aber zu anderen Zwecken und alles andere als inzestu�s. Sollte ich meiner Mutter bei ihren liebeschmelzigen Blickattacken ins Gesicht spucken? Das war unm�glich. Es w�re unangemessen, unhygienisch, ungut. Zwischen uns herrschte Frieden, ich hatte keinen greifbaren Grund, sie zu benetzen oder zu schlagen. Und weil zwischen uns Frieden herrschte, sprach auch nichts dagegen, miteinander ins Kino zu gehen, jemanden zu besuchen oder einen Ausflug zu unternehmen. Besonders unsere Ausfl�ge waren unverge�lich. Sie waren fast ausnahmslos grausam.</p><p>Meine Mutter liebte die Natur �hnlich wie ich, w�nschte sich, ins Gr�ne allerdings so bequem wie m�glich zu gelangen. Sie hatte keine Lust, in der mittelb�hmischen H�gellandschaft stundenlang in die Pedale zu treten, vor allem hatte sie aber Angst vor den vielen unaufmerksamen, aus Liebe zu derselben H�gellandschaft oft abgelenkten Autofahrern. Wir fuhren also mit der Stra�enbahn zum Stadtrand, meistens stiegen wir aber auf dem Busbahnhof in einen nach Diesel und Getriebe�l stinkenden Bus und wurden bis zum Ort unserer Wunschtr�ume durchger�ttelt und durchgesch�ttelt. Wir geh�rten dabei zu einer Gemeinschaft, die bei jeder Bremsung, bei jedem nicht sauber eingelegten Gang synchron zu einer �hnlichen Zuckung nach vorn oder hinten veranla�t wurde. Unser st�ndiger Begleiter war dabei der br�llende Motor, der bei den RTO-Bussen von Skoda sichtbar neben dem Fahrer, im Grunde direkt vor uns im Gro�raum thronte � abgedeckt mit einer gew�lbten, nur leicht gepolsterten Haube.</p><p>Meine Seele klumpte und w�rgte von Anfang an so extrem, da� die auf das Drau�ensein eingeplante Freude jedesmal nichts anderes als eine Totgeburt werden konnte. Egal, wie unbequem die Sitze im Bus waren, egal, wie schlimm wir zus�tzlich in manchen Kurven hin und her geworfen oder in Schlagl�chern hochgeschleudert wurden, mir kam diese Art Unternehmung trotzdem unertr�glich spie�ig vor. Ich wollte auf keinen Fall zu den schweigenden Langweilern und Bravlingen gez�hlt werden, die mit uns im Bus unterwegs waren. Wenn ich mit ihnen aber im gleichen Verkehrsmittel sa�, in die gleiche Richtung fuhr und aus einer �hnlichen Plastikflasche trank, deren farbige Kappe einem als Becher diente, war ich einfach einer von ihnen.</p><p>Irgendwann stiegen meine Mutter und ich aus, und wir starteten unsere sportive Wanderung oder betraten die zu besichtigende Sehensw�rdigkeit � eine Burgruine oder einen gepflegten Schlo�garten mit barocken Statuen. Da und dort gab es nat�rlich auch einigerma�en einladende Bierlokale. Wenn es sch�n war, konnte man irgendwo unter B�umen sitzen und sich einreden, man w�re ein Teil dieser unanfechtbaren Idylle. Einmal sa�en wir an einem malerischen Dorfplatz. Im Vorgarten der Kneipe sa�en schon einige biertrinkende Genie�er voller Vollkostvorfreude. Meine Mutter sah elegant aus, ich sah mit meinem zugewuchertenGesicht viel �lter aus � so wirkten wir vielleicht wie ein nur leicht ungleichaltriges Paar. Das Wetter war optimal, und die pr�chtigen, fr�her offensichtlich reichen Geh�fte, die sich in Sichtweite befanden, waren erstaunlich gut erhalten. Wir h�tten gelassen und gl�cklich sein k�nnen, trotzdem war es die H�lle. Die Bedr�ckung zwischen uns war so unmenschlich, da� ich � ausgerechnet auf diesem heilen Fleckchen der Dorfarchitektur � Lust hatte, augenblicklich zu verdunsten oder wenigstens wie ein zum Lokalkolorit passender Kuhfladen zu zerflie�en. Mein Rippenkorb war wie zusammengeknebelt, mein Herz klopfte mir die ganze Zeit sowieso schon mit Wucht gegen die Luftr�hre � und ich hatte bei jedem Atemzug zu tun, gen�gend Sauerstoff zu bekommen. Reden konnte ich deswegen kaum. Wir a�en Kn�del, viel zu viele Kn�del. Alle, die in dem Vorgarten sa�en, a�en ebenfalls Kn�del. Und das, was ich nach und nach einzeln schluckte, waren verformte kleine Schluckkn�del. Sie rutschten viel zu langsam in Richtung meiner sich nicht auftuenden � oder doch?�� Magengeschw�re, und die bildliche Vorstellung, die ich mir von meinem nerv�sen Magen gemacht hatte, bremste die Kn�delklumpen unterwegs noch zus�tzlich. Ich bekam anschlie�end das Gef�hl, mit lauter glitschigen Klumpen verf�llt zu sein � mit St�pseln, die in mir als s�urebest�ndige Bremskl�tze noch lange steckenbleiben w�rden. Und sicherlich w�rde ich schon in der nahen Zukunft auch �u�erlich zu einem typisch tschechischen Kn�delmann mutieren. Ich sp�rte regelrecht, wie in mir das gro�kn�delf�rmige Ekelpaket zu keimen und zu g�ren begann, und ich begriff, da� Pech und Ungl�ck mich eines Tages � mich, das gl�ckliche Kind � ohne weiteres in ein wutgem�stetes Arschloch verwandeln k�nnten. Etwas Grunds�tzliches lief in meinem Leben vollkommen falsch. Der aktuelle Kontrast zwischen meinen kn�deligen Untergangsphantasien und der harmonischen d�rflichen Umgebung war in seiner Intensit�t gef�hrlich.Andere Leben, auch das der wachd�senden und ergebenen Spie�er um uns herum, schienen mit der Welt dagegen einigerma�en eins zu sein.</p><p>��Was ist mit dir?</p><p>��Mir geht es nicht gut, bin bedr�ckt.</p><p>��So ein sch�nes Wetter, schade! Du brauchtest mehr Vitamine.</p><p>Mich konnte nur eines tr�sten: Wenn ich an so einem sch�nen Tag in der Stadt geblieben w�re, w�re nicht unbedingt meine Schrumpfbrust als Mittelpunkt meiner Sorgen dran, sondern eher mein unter �berdruck geratener Festk�rpersch�del. Ich tickte sowieso paradox: Wenn ich mich innerlich geschw�cht f�hlte, wurde automatisch mein gesamtes Inneres widersinnig produktiv. Ich wurde aus seelischen Schlammf�ngern und Fettabscheidern mit den unbek�mmlichsten Substanzen versorgt und trotz der zwischengeschalteten Schieber und R�ckstauklappen von gewaltigen Gef�hls-Eruptaten bel�stigt. Vielleicht waren diese Vorg�nge mondphasenabh�ngig, also weibisch, wer wei�. Ich wurde auf jeden Fall periodisch von schwer benennbaren Sensationen heimgesucht, f�r die ich irgendwann einen brauchbaren Behelfsbegriff gefunden hatte: DIE FISCHVERGIFTUNG. Ich f�hlte mich regelm��ig fischvergiftet, ohne daf�r verdorbenen oder �berhaupt Fisch essen zu m�ssen. Da diese Benennung auf der sachlichen Ebene nicht vermittelbar war, benutzte ich sie nur intern f�r mich.</p><p>Meiner Mutter ging es bei unseren gelegentlichen Kn�delessen auch nicht blendend. Ich sah ihr die Gerinnung ihrer anf�nglichen Freude genau an. Sie wollte einen sch�nen Tag an der Seite ihres hoffnungsvollen Sohnes genie�en, bekam aber nur ein gequ�ltes Gegen�ber zu sehen � und als Nachspeise noch eine unbegr�ndete Kontaktsperre vorgesetzt. Ich wu�te genau, da� sie neben mir ertrank. So wie es mir ging, hatte ich aber absolut keine Wahl � ich sah sie sinken und war darauf vorbereitet, sie untergehen zu lassen.Etwas in mir wollte sie sowieso endlich aus meinem Leben jagen. Sie jedenfalls an einen Punkt bef�rdern, an dem es kein Zur�ck mehr gegeben h�tte. Dazu gab es, wenn ich mir das reichhaltige Waffenarsenal vor Augen f�hrte, das jede K�che, jeder Werkzeugkasten enthielt, unterwegs jeder Pflasterstein- oder Eisenschrotthaufen beherbergte, allerlei M�glichkeiten. Wie h�tte mich meine Mutter im ersten Moment nur angesehen, wenn ich die griffbereite Speisegabel in meine Rechte genommen und ihre Hand pl�tzlich an die Tischplatte gegabelt h�tte?</p><p>Theoretisch h�tten wir uns auch umarmen und uns gegenseitig tr�sten k�nnen. Das lag aber weit au�erhalb unserer eingeschn�rten Welt. Wir konnten uns inzwischen nicht einmal leicht ber�hren. Ich erlebte sowieso gerade eine ber�hrungsminimalistische Zeit, und meine Mutter war fast das letzte Wesen, das ich mit gutem Gef�hl h�tte hautnah sp�ren wollen. Manchmal lie� ich sie tagelang zappeln, sprach mit ihr m�glichst nicht � oder sprach mit anderen Menschen und beachtete sie demonstrativ nicht � , bis sie pl�tzlich� grundlos �in Tr�nen ausbrach. Das passierte ihr einmal sogar im Beisein von Besuchern. Weil es f�r ihre Heulerei keinen sichtbaren Anla� gab, sch�mte sie sich daf�r und entschuldigte sich bei allen mehrmals � wirr und unlogisch.</p><p>In der Folgezeit nahm ich zweimal den Anlauf zu einem GESPR�CH. Ich wollte erkl�ren, da� es mit uns so nicht weiterginge. Kein leichtes Unterfangen: Man mu� bedenken, da� es bei uns zu Hause nicht �blich war, Kontroversen auszutragen, und da� Menschen, die sich stritten und einander sogar wie primitive Grobiane angeiferten, aus tiefster Seele verachtet wurden. Wenn ich in fremder Umgebung erwachsene Menschen laut losschimpfen h�rte, zuckte ich in Erwartung einer unvermeidlichen und garantiert vernichtenden Gewaltexplosion zusammen. Ich hatte es also niemals gelernt. Aussprachen als gesunde Reinigungsrituale zu betreiben. Jedes meiner hektisch angesetzten Kl�rungsgespr�che mit meiner Mutter blieb daher in einem vollkommen hilflosen Stadium stecken.</p><p>Ich hatte mir einige wenige S�tze zurechtgelegt, mehr aber nicht. Was meinen Ausf�hrungen fehlte, war in erster Linie eine ruhige Einleitung. Daran h�tte sich eine lautere, von mir aus w�tende Auseinandersetzung anschlie�en k�nnen. Ich war vor dem eigentlichen Start der Aktion aber leider so nerv�s geworden, da� ich � als Er�ffnung sozusagen � sofort hochgereizt, angespannt loslegte und viel zu schnell sprach. Ich blubberte dabei vor inhaltlich unbegr�ndeter, scheinbar nicht begr�ndbarer Feindseligkeit.</p><p>��La� mich mich sein, misch dich nicht� ich kann nicht dein ein und alles� du willst zu viel, ich kann nicht�</p><p>Auf mich selbst wurde ich nat�rlich genauso w�tend, weil ich noch zus�tzlich zu stottern begann. Meine Mutter erschrak �ber die geballte Ladung Lieblosigkeit, die sie von mir in dieser Form noch nie zu h�ren bekommen hatte.</p><p>��Was hast du blo� gegen mich, das ist furchtbar!</p><p>Da ich mich aber als schwach und unsicher pr�sentierte, deutete sich auf ihren Lippen bald so etwas wie ein leichtes Siegesl�cheln. Und wenn sie mich auch nicht wirklich auslachte, wu�te sie, da� der Boden f�r eine kleine Gegenoffensive reif war.</p><p>��Du hast keinen Grund, mit mir so h��lich zu sprechen. Sag es doch ruhig. Ich habe dir �berhaupt nichts angetan.</p><p>Sie hatte nicht ganz unrecht, eine �bergeordnete Wissende war sie trotzdem nicht. Vielleicht waren die W�nde unserer Wohnung, unsere Schr�nke, Vorh�nge, Wasserh�hne oder unser dummhellblaues Linoleum im Flur schuld an allem. Oder die Wohnungsnot, die Gravitation, Magnetismus, Oberfl�chenkoh�sion oder die stellenweise boshaft schwingende Erdkernenergie. Um vor Wut nicht zu platzen, kam ich irgendwann auf die rettende Idee, mit F�usten gegen die W�nde zu schlagen. Ich geno� den Schmerz, ichgeno� au�erdem, welchen Aufprall meine Handgelenke ertragen konnten, ohne zu zersplittern. Weil ich nicht in der Lage war, meine Mutter m�ndlich in die Mangel zu nehmen, entwarf ich einige Briefe. Ich entwarf diese Schriftst�cke ruhig und geduldig, �berarbeitete sie mehrmals, am Ende waren sie so unaufgeregt, wie es mir nur m�glich war. Und ich war fest davon �berzeugt, der Inhalt der Schreiben w�rde meiner Mutter sofort einleuchten. Kurzzeitig hatte ich sogar die Hoffnung, wir w�rden uns schreibend n�herkommen. Ich hatte mich gewaltig geirrt. Meine Mutter war schon von meinem ersten Brief, den ich als abgebbar und gut verdaulich eingestuft hatte, so verletzt, da� sie mir eine dreimonatige Schweigekur vorschlug.</p><p>��Du bist grausam. Solche Grausamkeiten sogar aufzuschreiben � das macht man einfach nicht.</p><p>Wenn ich mir die damaligen Briefe heute ansehe, finde ich sie vollkommen harmlos, beinah liebevoll. S�tze wie� du h�ltst mich immer noch an der Nabelschnur fest �oder� die Aggression, die du mir verbietest, wende ich gegen mich selbst �w�rde ich auch heute ohne weiteres unterschreiben. Wie wir aus der Krise herauskommen sollten, war nach diesem Mi�erfolg vollkommen unklar. Einer von uns h�tte sich nat�rlich umbringen k�nnen. Beim Phantasieren, wie ich es meinerseits am besten bewerkstelligen k�nnte, war ich beinah gl�cklich.</p><p>In dieser Zeit erf�llte ich mir einen meiner n�chsten Lebenstr�ume und wurde Hilfsschlosser in einer kleinen kommunalen Werkstatt. Wirklich erl�st f�hlte ich mich durch die manuelle Arbeit nicht, gespr�chiger wurde ich auch nicht, wenigstens war ich aber kaum zu Hause. Ich lernte schwei�en, erwarb sp�ter sogar einen Schwei�erpa� und war in meinem verstockten Inneren stolz, da� ich mir ein echtes Handwerk beibringen durfte. Die Arbeit mit Metall, das nicht so leicht zerbrach wie Holz und durch brutale Hammerschl�ge und andere Gewaltma�nahmen formbarwar, entsprach mir ungemein. Wenn ein Bauteil sich durch W�rme verzogen hatte, Wellen schlug oder nicht rechtwinklig war, fummelte man nicht lange und machte aus dem Werkst�ck� keine Schweizer Uhr�- wie der Meister sagte. Man nahm einfach einen schweren Hammer und ging zu unserer zentral gelegenen, sieben Zentimeter dicken Stahlplatte. Dort wurde das Ding einfach mit Gewalt und ohne jeden Widerspruch GERICHTET. Ich liebte au�erdem die Arbeit mit dem Winkelschleifer, und mir wird bis heute warm ums Herz, wenn ich den Geruch in die Nase bekomme, der sich beim gl�henden Abrieb der Schleifscheiben ausbreitet.</p><p>Wenn ich nach Hause kam, gab es trotz meiner vielen handwerklichen Erlebnisse kaum etwas zu erz�hlen. Die Arbeit machte mich m�de, und meine Mutter meinte, ich w�rde nicht nur Vitamine, sondern auch mehr Energie gebrauchen k�nnen. In meine Suppen schmi� sie deswegen immer einen L�ffel Schweineschmalz. Gespr�chiger machte mich das Schmalz leider auch nicht. Ich sa� oft zusammengesackt an unserem Teilfamilientisch und w�lzte lange den � den ganzen Tag gehegten � Vorsatz, eine Anekdote, eine Besonderheit oder �berraschende Neuigkeit zum besten zu geben. Ich wollte, da� wir miteinander wieder lachten. In der Regel blieb es bei meinem stummen Wunsch und bei meinen Pre�qualen. Ich war ein Mann des Metalls geworden, trotzdem war ich gleichzeitig das, was ich von fr�her nur allzugut kannte � klein Georg lieb zu Haus. Ein nettes Kind, fr�hlich wie fr�her, war ich aber eindeutig nicht mehr. Mir blieb nichts anderes �brig, als auf ein Wunder zu warten. Zwischendurch freute ich mich �ber ganz winzige warme Gef�hlssignale aus meinem Inneren, versuchte, auf kleinste Gleichgewichtsfunken zu achten, und redete mir ein, mich in einem etwas langgezogenen Inkubationsstadium zu befinden. In der angenehm schmuddeligen Werkstatt war ich mit der Realit�t fest verdrahtet, trotzdemwar mir klar, da� mich meine H�mmer, Winkelschleifer, Ledersch�rzen und Schwei�brillen als Menschen nicht wirklich voranbringen konnten. Mein kleines Land kam mir sowieso wie eine unsicher gelagerte, kippelige Metallplatte vor, ich war ein kleiner, darin eingenieteter Wurm, und was sich au�erhalb meines begrenzten Horizonts in der gro�en Welt tat, war f�r mich absolut unerreichbar. Aber auch hinter den R�ndern des kleinen tschechischen Kessels konnte es nicht einfach nur Gl�ck geben, dachte ich. Erdbeben, �berflutungen, Vulkanausbr�che, Meteoriteneinschl�ge � und vieles mehr. Unmengen an Verzweiflungskeimlingen hockten �berall auf der Welt geduldig wie Zecken, ganze Armeen davon warteten in stabilen Startl�chern auf ungesch�tzt-por�se Wirtsorganismen, jede Art von Unheil war jederzeit lieferbar � frei Haus, besonders f�r die �rmsten unter den Geschw�chten, versteht sich. Zus�tzliche menschliche Begleit- und Normalkatastrophen � das Portemonnaie samt Personalausweis verloren!�� , Morde, Schlangenbisse, Meniskusprobleme nicht mitgerechnet. Aber auch in meiner engen Hauptstadt war ich inzwischen so gut wie geliefert, hatte ich das Gef�hl. Bei einem meiner n�chtlichen Spazierg�nge p�belten mich einmal drei angetrunkene Frauen an.</p><p>��Den fotzen wir einfach ab! schrien sie mir nach. Renn doch nicht weg, B�rschchen, sag doch was.</p><p>Blo� nicht, schrie es in mir trotzig � in aller Stille sogar noch lauter als laut. Blo� nicht, hallte es in mir nach, la� das alles � DU HEILIGER HODENSACK-BIMBAM � nur ein Angsttraum sein. Ich bitte dich, mein lieber barmherziger Bimbam: Klapp' blo� nicht solche scheinbereiten Schenkel vor mir auf, gib meiner Welt doch nicht ein derartig M�SENLOSES ARSCHGESICHT! Meine �u�ere Attraktivit�t sank bei Tageslicht so stark ab, da� ich in den Augen vieler Frauen immer �fter vollkommene Gleichg�ltigkeit erblicken konnte. Das war wirklich neu.Aufs Metall zu hauen reichte mir irgendwann nicht mehr. Ich war inzwischen k�rperlich etwas besser dran, wollte wieder Sport treiben � und entschied mich spontan f�r Karate. Bei Karate trainiert man die Schl�ge zwar ohne Ende, beim K�mpfen � also den regul�ren K�mpfen � schl�gt man aber nicht zu, man tut sich also gegenseitig m�glichst nicht weh. Mit dem schwarzbeg�rteten Meister meines Vereins hatte ich leider etwas Pech. Er war klein und hatte schwere Minderwertigkeitskomplexe, die sich ihm in sein sozialistisches Sadistengesicht fest eingeschrieben hatten. Ich beklagte mich aber nicht, lernte Karate damals eben so und nicht anders kennen. Au�erdem lie�en sich meine Mitk�mpfer � wir alle befanden uns auf dem Weg zum fern�stlich H�heren � genauso widerspruchslos qu�len wie ich. Jammern war w�hrend des Trainings verp�nt, und Beschwerden waren sowieso nicht zugelassen � zu keinem Zeitpunkt, an keiner Stelle. Schmerzen in allen Schattierungen und aller Grade sollten dagegen als ein Segen hingenommen werden, und ich litt in dieser Zeit tats�chlich nicht ungern. Das, was sich unser Meister herausnahm, �berstieg leider oft die physischen Widerstandsm�glichkeiten unserer K�rper. Der Meister versuchte vielleicht, uns in eine m�rchenhafte Welt der� martial arts �zu entf�hren, mitten im Sozialismus ein St�ck Mittelalter des alten abgeschotteten Japans aufbl�hen zu lassen, im Grunde befanden wir uns aber in seiner Folteroder zumindest Dekompensationskammer. Zu der verrohten Stimmung in der Stadt pa�te unser pervertiertes Training allerdings einwandfrei. Da� in anderen Klubs und Vereinen kein vergleichbarer Terror herrschte, erfuhr ich erst sp�ter.</p><p>Der kleine breitschultrige Mann mochte keine Turnmatten � und fand es sowieso besser, wenn wir mit dem nackten Parkettboden in Kontakt traten. Wir mu�ten �ben, hart auf den harten Boden zu fallen und dabei hart zu bleiben. Wir mu�ten dauernd die ganze Turnhallenl�nge hin undher rollen, also in schneller Folge Rollen schlagen, noch eine, noch eine und noch eine � und wieder zur�ck. Regelm��ig und ausdauernd mu�ten wir au�erdem spezielle Liegest�tze trainieren, bei denen wir uns nur auf zwei Gelenke unserer F�uste st�tzen durften � auf das des jeweiligen Zeige- und Mittelfingers. Danach wurden unsere F�uste streng kontrolliert. Wer Druckstellen auch woanders hatte � sich also entlastet und geschummelt hatte � , mu�te weitermachen, seinen K�rper vor aller Augen bis zur totalen Entkr�ftung hochstemmen �ben, was fr�her oder sp�ter zu einer l�cherlichen Absackung f�hrte. In der Regel mu�te der Bestrafte am Ende jeder Hebung auf seinen schmerzenden F�usten sogar noch einen kleinen Sprung vorf�hren, sich also kurz in die Luft hochfedern � und wieder genau auf den zwei abzuh�rtenden Gelenken landen. Nach seinem finalen Kollaps gab es vorsichtshalber eine Endkontrolle.</p><p>Mir machten vor allem die Rollen auf dem Parkett furchtbare Probleme, weil mich dabei keine Gewebepakete sch�tzten. Ich war voller nicht abgepolsterter Knochen, Gelenkkapseln und Vorspr�nge. Ich verletzte mir besonders oft die Ellenbogen, quetschte mir irgendwelche Schleimbeutel kaputt, au�erdem waren mein Kreuz, die Schultern und die Arme dauernd mit Bluterg�ssen �bers�t. Zus�tzlich zu den vielen H�rte�bungen bekam man beim Training oft noch irgendwelche Zusatzstrafen aufgebrummt. Ich machte beim �ben von Katas � den festgelegten Bewegungsabl�ufen � immer wieder Schrittfehler, weil ich mir die einzelnen Positionswechsel nicht schnell genug merken konnte. Das gefiel dem strengen Meister ganz und gar nicht. Er pa�te gut auf oder kommandierte jemanden ab, der auf die Einhaltung der Schrittfolgen achten und die S�nder herauswinken sollte. Der Meister lie� daraufhin alle anderen weiter�ben, die schwarzen Schafe mu�ten entweder wieder ihre Gelenke ruinieren oder wie H�schen am �u�eren Rand der Halle H�pf marathon veranstalten. Manche fielen mitMuskelkr�mpfen irgendwann um. Nach einer kleinen Pause durften sie dann weiterh�seln. F�r diejenigen, die einfach in der Hocke blieben, weil ihnen die Kraft ausging, gab es nur Verachtung. Nach dem Ende der Strafrunden ging es weiter mit den Katas. Und beim n�chsten Fehltritt wurde man ohne Gnade erneut bestraft, auch die Krampfanf�lligen mu�ten wieder zum H�schenh�pfen antreten. Nachdem der Meister gemerkt hatte, da� mir die H�pferei nicht viel ausmachte, wurde ich mit Vorliebe zum Gelenkeschinden verurteilt. Wenn es um das abwechselnde Partnertraining der Bauchmuskulatur ging � man drosch seinem Gegen�ber mit voller Wucht gegen die Bauchdecke � , teilte mich mein Meister gern einem seiner treuen J�nger zu. Diese hatten sich mit der Zeit nat�rlich riesengro�e F�uste zugelegt und droschen mit der Schubkraft ihres ganzen Oberk�rpers und ihrer breiten Oberschenkel � aus der H�fte heraus, wie es so sch�n hei�t.</p><p>Eine Regel war beim Training besonders gemein: Man durfte sich um die Verletzten auf keinen Fall k�mmern. Wer sich so �bel weh tat, da� er sich nicht mehr r�hren konnte, durfte sich still auf einer Matte in der Ecke winden � den geheiligten Raum nach dem Abklingen der schlimmsten Schmerzen aber trotzdem nicht vorzeitig verlassen. Und tats�chlich schafften es nach gewisser Zeit auch diejenigen, die gerissene Sehnen oder angebrochene Knochen hatten, aufzustehen und � wenn das Training f�r uns alle vorbei war � sich eigenst�ndig nach Hause zu schleppen.</p><p>Diese Art Aufzucht war dazu gedacht, mit der Zeit auch zarte Geister zu brutalisieren. Wer das H�rteregime nicht aushielt, mu�te fr�her oder sp�ter einfach desertieren. Was mich betrifft, legte ich irgendwann meine fr�here Zur�ckhaltung ab und war bereit, bei Bedarf doch aufs lebende Fleisch meiner Mitmenschen einzuschlagen. Ich wollte das Training bald nicht mehr anders haben, als es war, pflegte mich an den trainingsfreien Tagen intensiv, um wieder regelm��ig antreten zu k�nnen. Mein K�rpergef�hl wurde trotz der vielen L�dierungen insgesamt immer besser, meine Beine kamen auf meinem j�dischen Rennrad wieder zu Kr�ften, und meine lahmarschige Verdauung lief wieder reibungslos ohne Magendruck oder Darmkr�mpfe ab. Zum Gl�ck bin ich beim regelm��igen Entleeren aber nicht so weit gesunken, da� ich den in der Slowakei aufgeschnappten Spruch GUTES SCHEISSEN IST HALBER BEISCHLAF f�r mich gelten lassen konnte. Bei den Katas, deren Ablauf ich mir irgendwann fest eingepr�gt hatte, liebte ich besonders das befreiende Schlu�gebr�ll � das� KIAI�, das den zuk�nftigen realen Gegner akustisch einsch�chtern oder gar umhauchen sollte. Meine KIAIs waren eine Art Karate-Orgasmen der Ersatzklasse. Die K�mpfe mochte ich auch, nahm mich dabei aber vor den Burschen in acht, die sonst beim Training besonders freundlich waren und dauernd l�chelten. Ausgerechnet diese L�chler verwandelten sich bei den K�mpfen in die verbissensten Schl�ger, ausgerechnet in ihnen steckte der st�rkste Vernichtungswille. Ihr L�cheln verschwand in der Kampfsituation vollst�ndig, man sah ihnen eher so etwas wie die reine Mordlust an.</p><p>Nat�rlich tr�umte ich auch davon, mit meiner Handkante irgendwann dicke Ziegelsteine zu durchschlagen. Diese Art Schl�ge hatten wir aber leider nicht ge�bt. Ich mu�te es heimlich f�r mich tun und drosch zu Hause mit meiner Handkante auf unsere h��lichen M�belst�cke ein, auf alle m�glichen Schr�nke, Kommoden, auf unsere Tische oder auf die W�nde. Die Verm�bel-Pr�gelfrequenz meiner zu bestrafenden Zielobjekte steigerte sich nat�rlich in Abh�ngigkeit davon, wie h��lich die einzelnen Pr�gelziele waren.</p><p>��Was tut er da?</p><p>��Was machst du, Georg, mein Lieber?</p><p>Au�erhalb des Trainingsraumes f�hlte ich mich bald unangreifbar und unverwundbar, dank der Abwehrtechnikden Normalb�rgern hochgradig �berlegen � und so wollte ich endlich auch im realen Leben zuschlagen. Das wurde uns nat�rlich strengstens verboten. Um mir nicht feige vorzukommen, suchte ich mir nachts beim Spazierengehen irgendwelche dicken gro�en Kerle aus. Sie sollten m�glichst gr��er, schwerer und st�rker sein als ich. Ganze Gr�ppchen zu erledigen w�re auch einem angehenden Karateka sicher m�glich gewesen, das wollte ich aber erst sp�ter in Angriff nehmen. Ich wu�te, da� diese Kunst nicht nur eine Frage der �bung war. Bei den blitzschnellen Entscheidungen �ber die sinnvolle Reihenfolge der Schl�ge und �ber die Bewegungsabl�ufe in bezug auf den hierarchisch einzusch�tzenden Gruppengegner spielte vielmehr die Intuition eine wichtige Rolle. In der Theorie war ich gut, f�r den praktischen Einsatz noch etwas unentschlossen. Ich ging auf die ausgew�hlte Zielperson in irgendeiner Nebenstra�e schnell zu und achtete vor allem auf das Nichtvorhandensein von Zeugen. Schon mein Gang und mein Blick sch�chterten diese M�nner furchtbar ein. Ein Mensch, dem man sich auf eine solche entschlossene Art und Weise n�hert, wei�, da� er geschlagen werden wird.</p><p>��Nein! ruft er dann, was ist los, ich hab doch nichts�</p><p>Solche Leute erstarren vor Schreck, und man kann sie schlagen, wohin man will. Es war eine Art Training am lebendigen Menschensack. Wegen der oft fehlenden oder mangelhaften Abwehr waren diese Trainingseinheiten nat�rlich vollkommen wertlos.</p><p>Mein Musikgeschmack �nderte sich in dieser Zeit rasant, ich wollte immer brutalere T�ne h�ren als je zuvor � und so unsch�ne, wie es nur ging. Zum Gl�ck erkrachte diese Art von Musik �berall, und ich war wie elektrisiert, wenn ich �ble Ger�usche, schmutzige Oberton-Derivate oder dumpfrhythmische Vibrationen zu h�ren bekam. Zum Beispiel an Baustellen, wenn Stahltr�ger in die Erde gerammt wurdenoder wenn Kampfarbeiter mit Pre�lufth�mmern antraten, um Betonruinen zu zerpulvern. Aber auch unser Haus war voller derart dreckiger Musik � dauernd wurde beim Bohren die Knorpelsubstanz des Hauses maltr�tiert, beim H�mmern die Mikrostruktur des alles zusammenhaltenden Fugenm�rtels geschw�cht. Au�erdem waren die Innereien vieler Wasserh�hne alt und ausgeleiert, und wenn sie aufgedreht wurden, produzierten sie ein unbarmherziges Rattern. Je grausamer diese Ger�usch-Absonderungen waren, desto besser. Das ganze Rohrsystem des Hauses fieberte manchmal mit, die W�nde zitterten, lose Gegenst�nde vibrierten, �berall gab es tonfarben-intensive R�ckmeldungen, Resonanzeffekte en masse. Das ganze Haus war ein Orchesterensemble, das von Tante Ernas Kreischen oft noch unterst�tzt wurde.</p><p>��Ich kann nicht mehr � wie die VI!</p><p>- �ber die haben die Engl�nder doch gelacht, hast du mal erz�hlt.</p><p>Eine Zeitlang konnte ich ausschlie�lich nur die� Plastic People of the Universe �h�ren, hatte mir alle greifbaren, illegal verbreiteten Aufnahmen besorgt und mit meinem Spulenger�t �berspielt. Ihre Konzerte wurden inzwischen nur in bestimmten Kneipen, nur im engen Umkreis des Undergrounds und erst einen Tag vor dem Auftritt bekanntgegeben � und ich erfuhr von den Konzerten immer erst im Nachhinein. Um so ma�loser h�rte ich mir meine Tonb�nder an, liebte die alles andere als elastische Radikalit�t dieser Rockmusik, geno� die gebr�llten Wutausbr�che. Das Volumen der hartplastischen Stimme von Milan Hlavsa war umwerfend:�UNGEZIEFER IN DER HAUT, UNGEZIEFER IN DEN HAAREN, UNGEZIEFER IM BLUT��Die spastischen Metaphern stimmten mit meinen eigenen Bildern �berein:�AM HIMMEL L�UFT EIN UNGEHEUER � IST DAS DIE LEPRA ODER DIE PEST?� DIE W�LFE KOMMEN AUS DEN BERGEN� DIE KR�HEN KREISCHEN H�SSLICH AUF��Die magma-hei�e Gef�hlslage dieser Leute war einfach auch meine:�DER APOKALYPTISCHE VOGEL KAUT EINE BLUTIGE MASSE ZU BREI� DER APOKALYPTISCHE VOGEL SPRITZT GIFT INS DENKEN� DER APOKALYPTISCHE VOGEL HUSTET SCHWEFELSTAUB�. Hlavsas Stimme war voller unerh�rter Kraft. Der gigantische �berdruck, den sein Brustkorb aufbauen konnte, h�tte meine eher zarten Stimmb�nder sicher auf der Stelle zerfetzt und sie wie Schleimreste aus mir herausgeschleudert. Hlavsa lief irgendwo in der gleichen Stadt herum. Ich war scheu und einsam � unf�hig, mich diesem verwandten und angeblich �beraus freundlichen Menschen zu n�hern.�IN EINER MAGISCHEN NACHT BEGANN DIE ZEIT� WIR LEBEN IN PRAG, DAS IST DORT� IN EINER MAGISCHEN NACHT BEGANN DIE ZEIT� WIR LEBEN IN PRAG� IN EINER MAGISCHEN NACHT WIRD HIER DER GEIST ERSCHEINEN� WIR LEBEN IN PRAG, DAS IST DORT�.</p><p>Wenn es Gelegenheit gab, sah ich gern zu, wenn die von mir so bewunderten Gleisarbeiter ihre Gro�eins�tze zelebrierten � ich ging genauso gern hin wie in der Kindheit. Diese besondere Berufsgruppe behielt noch in der Zeit der allgemeinen Demoralisierung ihr Arbeitsethos, vielleicht waren diese sch�nen M�nner inzwischen die letzten Arbeitsmohikaner des Landes. Sicher spielte es eine Rolle, da� die Gleisverleger gezwungen waren, stra�enmittig vor aller Augen zu arbeiten. Au�erdem mu�ten sie immer im strengen Zeitplan bleiben � und jedesmal auch wirklich fertig werden, da man die betroffenen Stra�enbahnlinien nicht tagelang stilllegen konnte. Manchmal wurden nur kleine Schienenabschnitte ausgewechselt, verschwei�t, die N�hte anschlie�end glattgeschliffen. In der Regel passierte das alles nachts, die gl�henden Funkengeysire sah ich dann noch beim Einschlafen vor mir.Die M�nner waren nat�rlich auch in der Lage, hochkomplizierte, mehrmals verzweigte und zus�tzlich noch gew�lbte Kreuzungen �ber Nacht aufzurei�en und auf der gesamten Fl�che noch in der gleichen Nacht neue Weichen und kurvengebogene Gleise zu verlegen, so da� am n�chsten Morgen der Stra�enbahnverkehr wieder rollen konnte. Im Laufe des n�chsten Tages wurden h�chstens die letzten Reste der Fahrbahn zugepflastert.</p><p>Ausgerechnet unsere blutgetr�nkte Kreuzung mit den vielen Weichen geh�rte zu denen, die oft repariert oder komplett erneuert werden mu�ten. Der Ablauf der entsprechenden Hau-Ruck-Aktionen war immer der gleiche. Am fr�hen Abend r�ckte eine riesige Kompanie an, die Kreuzung wurde mit museumsreifen Bogenlampen umstellt, einige wenige Baufahrzeuge und Pre�luftkompressoren brummten am Rande oder stanken still vor sich hin. Der Erfolg der ganzen Mission basierte vor allem auf reiner Muskelkraft � die Arbeiter, es waren an die f�nfzig Mann, standen �berall in Gr�ppchen herum oder waren am Rande mit irgendwelchen Vorbereitungen besch�ftigt. Auch die unvermeidlichen Zuschauer gingen irgendwann in Position oder nahmen sich vor, sp�ter wiederzukommen. Als ich kleiner war, hatte ich das Problem, da� ich nachts nicht allein auf die Stra�e durfte. Meine Mutter hatte bei einer Elternversammlung dankend aufgeschnappt, da� Grundschulkinder bis zwanzig Uhr zu Hause zu sein h�tten. Es war ein �bler mutterherrschaftlicher Trick, um mich zu b�ndigen und zus�tzlich zu knechten. Ich mu�te mich damals also, wenn ich diese Kreuzungswiedergeburten hatte verfolgen wollen, heimlich anziehen und mich hinausschleichen.</p><p>Die Arbeiter legten Punkt zweiundzwanzig Uhr los. Alle umliegenden Stra�en wurden abgesperrt, und auf der ganzen Kreuzung begann es zu wimmeln. Die M�nner bewegten sich nicht unbedingt schnell, daf�r aber hochorganisiert. Und ganz wichtig: Alle ihre Griffe waren von einer gewachsenen �sthetik. Man sah ihnen ihren individuellen Stolz an, auch den Stolz auf den Mannschaftsgeist. Zu diesem geh�rte der Anspruch auf die bedingungslose Pr�zision jedes einzelnen. Und sie wu�ten, wie genau sie beobachtet wurden. Im Sommer lief diese halbe Hundertschaft nat�rlich mit nackten Oberk�rpern herum. Auch einige ungew�hnlich elegante und auff�llig frisierte Herren fanden sich am Rande der Baustelle ein � wie von riesigen Magneten aus weit entfernten Bezirken angezogen. Solche feinen Gestalten hatte ich in gr��erer Zahl nur bei diesen Gelegenheiten zu sehen bekommen.</p><p>Bei der unter Leistungsdruck stehenden Aktion mu�te jeder Handgriff zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Alle m�glichen Teilmontagen auf Nebenschaupl�tzen waren aufeinander abgestimmt, Vorarbeiter verst�ndigten sich bei dem hymnischen Riesenkrach mit ausgekl�gelten Handzeichen. Au�erdem f�hrten die Arbeiter ab und an gewisse Glanznummern auf. Ich liebte es besonders, wenn mit Vorschlagh�mmern lange eiserne Pfl�cke in die Erde gerammt wurden. Es sprach nichts dagegen, diese Arbeit einen einzigen Mann machen zu lassen, man stellte daf�r aber immer zwei ab. Das auf die beiden zukommende Problem bestand vor allem darin, sich r�umlich-rhythmisch einwandfrei abzustimmen und zu erg�nzen. Die beiden M�nner stellten sich frontal zueinander, der Pflock steckte mittig zwischen ihnen. Dann ging es abwechselnd und im atemberaubenden Rhythmus los. Weil das Tempo so hoch war, schob sich der zu versenkende Stab erstaunlich schnell in den Boden, etwas ruckartig, �hnlich gleitend, wie es beim Daumenkino der Fall gewesen w�re.</p><p>Und es war wie im Kino. Diese rasende Hauerei, bei der im schnellen Takt zwei schwere H�mmer aneinanderglitten, abwechselnd aus gro�er H�he knapp am Kopf des geb�ckten Partners vorbeisausten und das Ende des Pflocks TREFFEN MUSSTEN, war umwerfend. Das war h�chste Kunst, diese Hauerei war gleichzeitig auch die beste Musik f�r meine Ohren.</p><p>Zum konkreten Ablauf der Hauerei noch folgendes: Nach dem erfolgten Schlag auf den Pflock mu�te der nach vorn geb�ckte Arbeiter immer sofort links zur Seite weichen, weil der Riesenhammer seines Gegen�bers schon auf den Weg in Richtung seines Hinterkopfes geschickt worden war � und zwar ohne jede R�cksicht. Der fallende Hammer nahm bald schon an Geschwindigkeit zu, der untere Mann richtete sich in einem kleinen seitlichen Bogen behende auf, die Bahn und die Aufprallstelle waren nun vollst�ndig frei, der beschleunigte obere Hammer sauste weiter und schlug dann mit voller Wucht zu � und der inzwischen oben angekommene Mann sammelte sich l�ngst schon gleitend zu seiner Entladung, sein Hammer war bereits im Zenit, der Mann legte los, lie� seinem jetzt gefragten Hammer seine Muskelkraft zukommen und konnte dabei genausowenig darauf achten, wo sich der Kopf seines Kumpans in diesem Moment befand. Die Vollkommenheit des Zusammenspiels erg�nzte die Sch�nheit der beiden pulsierenden K�rper noch zus�tzlich. Viele der anderen Arbeiter schauten w�hrend dieser kurzen Intermezzi zu, trotz des Zeitmangels � auch sie wollten den Anblick genie�en und nicht allein den Bordsteing�sten das ganze Vergn�gen �berlassen. Tack � tack � tack � tack � tack � tack� Ich erlebte nie, da� einer der M�nner danebengehauen, den Partner in rhythmische Bedr�ngnis gebracht oder umgebracht h�tte. Das schnelle Trommeln, das angesichts der gro�en Masse der H�mmer etwas unwirklich wirkte, war leider immer viel zu schnell zu Ende. Die M�nner richteten sich anschlie�end auf, die Arbeit um sie herum ging schon wieder weiter. Der Stolz der Hammerm�nner verbot es ihnen, sich nach anerkennenden Blicken umzuschauen. Zum Gl�ck kam nie einer aus dem Publikum auf die Idee zu applaudieren.</p><empty-line/><p>petr skopka</p><p>Skopka war im Grunde ein apolitischer Mensch, studierte Maschinenbau, konzentrierte sich zus�tzlich auf die Flugzeug- und Raketentechnik. Sein gro�es Vorbild war � neben dem verstorbenen Koroljow � der amerikanische Aerodynamiker Francis Melvin Rogallo, der lange mit der Entwicklung flexibler Tragfl�chen besch�ftigt gewesen war und schlie�lich f�r die NASA am Gemini-Projekt gearbeitet hatte. Rogallos Gleitschirme kamen bei der NASA zwar nie zum Einsatz, mit dem dreieckigen Fl�gel konnte sich der ein oder andere Mensch aber den Wunsch erf�llen, endlich wie ein neuerschaffenes Wesen l�ngere Zeit in der Luft zu kurven. Als die ersten Bilder der Rogallo-Drachen in den Zeitschriften erschienen waren, war Skopka wie getrieben und vernachl�ssigte sein Studium. Die Ger�te schienen � die Herrlichkeit dieser Vorstellung ging ihm nicht aus dem Kopf � im Zusammenspiel mit dem K�rper des Fliegers steuerbar zu sein. Man hing in ihrer relativ einfachen Rohrkonstruktion fast waagerecht und durfte sich, auch wenn man sich in puncto Wendigkeit mit Schwalben oder Stubenfliegen sicher nicht messen konnte, wie ein K�nig der L�fte f�hlen. Da es Skopka nicht gelang, einen Bauplan f�r den Fl�gel aufzutreiben, erarbeitete er schlie�lich eigenh�ndig � als Vorlage dienten ihm Fotos aus deutschen Zeitschriften � eine professionelle technische Zeichnung. Nach einem l�ngeren Besorgungskampf hatte er endlich alle n�tigen Leichtmetallrohre und � profile zusammen, und nachdem er auch noch Dacron f�r die Bespannung bekommen hatte, konnte er mit dem Bau seines eigenen Flugger�ts beginnen. Er war sicher einer der ersten in der damaligen Tschechoslowakei.Sein erster Flugversuch war leider alles andere als erfolgreich. Skopka hatte in seinen Berechnungen eine Kleinigkeit nicht ber�cksichtigt: Die gew�nschte Gleitf�higkeit 1 zu 3 w�re nur bei einem Gegenwind von mindestens sechs Metern pro Sekunde zu erreichen gewesen. Auch das Verh�ltnis bestimmter L�ngenma�e stimmte nicht ganz. Die durch die Perspektive verzerrten Fotos waren als Vorlage eben nicht ideal. Bei seinem ersten Start war Skopka voller Optimismus. Er lief mit seinem imposanten Fl�gel den Hang herunter, lief und lief, hob und hob aber trotzdem nicht ab � der ben�tigte Gegenwind kam ihm an dem Tag leider nicht entgegen. Er lief verbissen weiter, obwohl er keinen nennenswerten Auftrieb sp�rte und obwohl er wu�te, da� er wegen seiner Gr��e und seiner schweren Knochen nicht der Leichteste war. F�r ihn gab es keinen Grund, an seinen Berechnungen zu zweifeln, keinen Grund, irgendwann an den Abbruch der Raserei und an das rechtzeitige Abbremsen zu denken. Der Hang des kegeligen und baumlosen H�gels bei Louny hatte genau die richtige Neigung, und Skopka rechnete damit, in der n�chsten oder sp�testens �bern�chsten Sekunde abzuheben. Er lief wirklich schnell, lief so lange, bis der Hang mit einem scharfen Knick in der Ebene des Flusses Ohre endete und sein Fl�gel sich in den fruchtbaren Ackerboden hineinbohrte. Skopka brach sich bei dem Aufprall sein linkes Schl�sselbein und zertr�mmerte sich teilweise die linke Schulter. Logischerweise hatten auch die wertvollen Spezialrohre stark gelitten � das schmerzte Skopka noch viel mehr. Seine Genesungszeit nutzte er anschlie�end zur Weiterbildung. Beim zweiten Versuch wollte er alles richtig machen und endlich abheben. Als ich ihn in dieser Zeit einmal traf, war er nur in einem Punkt etwas skeptisch.</p><p>��Es ist leider nicht ganz klar, wie sich die Kommunisten zu der Fliegerei verhalten werden.</p><p>Skopkas bester Freund aus seinem Studium war ein Spezialist f�r massive, angeblich t�tungsf�hige Schleudern und Armbr�ste. Er baute sie, wie Skopka seinen Drachen, ebenfalls aus Leichtmetall. Allein schon die langen Gummiz�ge der langstieligen Ger�te konnten einem � sogar im schlaffen Zustand � Angst einjagen. Speziell die Schleudern wurden von diesem schie�w�tigen Menschen sch�pferisch weiterentwickelt. Sie hatten am unteren Ende des langen Haltegriffs einen Dorn und lie�en sich problemlos in die Erde rammen. Beim Schie�en stemmte man sich gegen die Schleuder mit einem ausgestreckten Bein. Auf diese Weise war es m�glich, die starken und langen Gummiz�ge ungeheuer weit zu spannen. Die beiden Bastler borgten sich eines Tages ein Auto, packten Skopkas Rogallo-Wing aufs Dach, Schleuder und scharfe Munition � spitze Stahlstachel � kamen in den Kofferraum. So bewaffnet brachen sie nach S�dm�hren auf, wo sich ebenfalls wunderbar kahle H�gel befinden. Es war im Herbst, Skopkas Freund wollte auf Hasenjagd gehen, au�erdem hatten die beiden vor, s�dm�hrische Weine zu verkosten. Kurz vor dem Ziel hatten sie sich leider verfahren und kamen so nah an die �sterreichische Grenze, da� man sie festnahm. Die Grenzer gingen sofort von versuchter Republikflucht aus, andere Vergehen kannten sie dort sowieso kaum. Als sie im Kofferraum das Waffenarsenal fanden (�Du wolltest deinem Freund Deckung geben, was?�), war es f�r alle Ausreden zu sp�t. Skopka war verzweifelt und wurde beim Verh�r irgendwann frech.</p><p>��Du wolltest also nur aus Spa� fliegen, du Spa�vogel?</p><p>��Nein! br�llte Skopka, der auch seinen zweiten Flugversuch als Fiasko enden sah, ich wollte aus der Luft auf unser Land schei�en!</p><p>Sein Rogallo wurde schlie�lich demoliert, und die beiden wurden verpr�gelt. Die gezielten Faustschl�ge hinterlie�en interessanterweise keine Bluterg�sse. Sp�tnachts warf man sie dann im Wald aus dem Auto. Und weil den Grenzern offenbar aufgegangen war, eventuell zu weit gegangen zu sein, verst�ndigten sie nicht die Staatsanwaltschaft. Und Skopka und sein Freund konnten weiterstudieren � auch weil eine entsprechende Meldung der �rtlichen m�hrischen Polizei von einer Sekret�rin der Fakult�t absichtlich verkramt wurde.</p><p>Als im Jahre 1977 die Charta gegr�ndet wurde, war Skopka mit seinem Studium l�ngst fertig und mit seiner Arbeit unzufrieden; unrettbar veraltete Motore f�r Kleinflugzeuge weiterzuentwickeln fand er l�cherlich. Au�erdem lag sein Betrieb am Rand von Prag, und Skopka hatte keine Lust, sich jeden Tag in den �berf�llten Bussen dr�ngen zu m�ssen. Zus�tzlich f�hlte er sich bei diesen Fahrten von den Busfahrern w�rdelos behandelt. Einmal schnappte er, als sich die barbarischen Lenker an einer Endhaltestelle unterhielten, etwas auf, was seinen Verdacht voll und ganz best�tigte.</p><p>��Die Idioten kullern wie eine Ladung Kartoffel, wenn man schnell genug bremst.</p><p>��In scharfen Kurven fallen sie gern die Treppen runter. Oder setzen sich den anderen auf den Scho�, krallen sich an irgendwelchen Frisuren fest. Im Spiegel sieht das irre aus.</p><p>Skopka unterschrieb die Charta <emphasis>77 </emphasis>und erf�llte sich infolgedessen einen anderen gro�en Techniker-Traum � er wurde Bauarbeiter bei der Metro. Mir ging es ausgerechnet in dieser Zeit psychisch so miserabel, da� mir einiges von Skopkas Werdeabstieg entgangen war. Ich war mit meiner Mutter, meinem Karate und meiner Metallverarbeitung ausreichend ausgelastet und f�r nichts anderes zu gebrauchen. An sich h�tte ich auch gern f�r das Gute an der Seite der Besten gek�mpft, dazu war ich inzwischen aber zu negativistisch geladen und vollkommen isoliert.</p><p>Zu den Schikanen, die die Charta-Unterzeichner �ber sich ergehen lassen mu�ten, geh�rte, da� man die Autobesitzer unter ihnen auf die Zulassungsstelle bestellte, um ihnenihre Papiere aus vorgeschobenen Gr�nden abzunehmen. Gern weitete man dies auch � im Sinne der wiederbelebten Sippenhaft � auf alle greifbaren Familienangeh�rigen aus. So bestellte man auch Skopkas Vater ein � in der irrigen Annahme, dieser w�rde sein Auto nebenbei auch seinem Sohn �berlassen. Bei der Gelegenheit lernte Vater Skopka zuf�llig den blinden Dissidenten Klaudius kennen, der kurioserweise tats�chlich auch ein Auto besa�. Gefahren wurde es allerdings von anderen � von seiner Frau, seinen Freunden oder Freundinnen. Zur Zulassungsstelle kam der Charta-Unterzeichner Klaudius wie gewohnt allein mit der Stra�enbahn. Er fuhr durch die halbe Stadt � ausger�stet nur mit seiner extradunklen Ray-Charles-Brille. Vater Skopka sah den bebrillten ruhigen Mann im Warteraum sitzen, und ihm fiel nicht ein, da� dieser Mensch blind sein k�nnte. Klaudius wurde irgendwann aufgerufen und betrat schnellen Schrittes das B�ro. Seine Pkw-Zulassung hielt er dabei in der Hand. Im Gegensatz zum alten Skopka wu�te er genau, was ihm bl�hte. Durch die noch halbge�ffnete T�r konnten schlie�lich alle Wartenden den Anfang eines denkw�rdigen Dialogs h�ren:</p><p>��Sind Sie mit Ihrem Pkw gekommen? schrie der �berarbeitete und �bel geladene Beamte.</p><p>��NEIN, HERR WACHTMEISTER, ICH BIN VOLLKOMMEN BLIND! br�llte Klaudius zur�ck.</p><empty-line/><p>sie betrat die landschaft, trat in sie hinein</p><p>Die Belegungsstruktur unserer Wohnung blieb im Grunde fast unver�ndert � war so gut und so schlecht wie in alten Zeiten. Nur Tante Gy�rgyi verlagerte ihre Kochnische in eines der B�der, kopierte damit unsere Bade- und Koch-Kombination. Ihr Gaskocher stand auf einem gef�hrlich wackeligen Brett, als K�chentisch diente ihr eine viel zu schmale Platte, die sie �ber die Badewanne legte. Wenn eine andere weibliche Person gerade baden wollte, konnte sie es darunter ruhig tun. Manchmal fielen ein paar Zwiebelringe, einige Tomatenscheiben oder Wurstw�rfel ins Wasser, man witzelte danach �ber Zwiebel-, Tomaten- oder Wurstb�der. Als einmal ein ganzes T�pfchen mit peperoni-haltigem ungarischen Letscho zwischen die Beine von Urtante Bombe kippte, gab es allerdings Krach. In der Wohnung galten sowieso ganz unterschiedliche hygienische Standards. Der Peperoni-Vorfall w�re bei Erna nicht m�glich gewesen. In der urspr�nglichen alten K�che, die von ihr dominiert wurde, war nicht einmal das H�ndewaschen im Sp�lbecken f�rs Geschirr erlaubt.</p><p>Mein Zuhause bekam f�r mich endg�ltig etwas Panoptikales, und ich pa�te als �bergereiftes Kind ganz ausgezeichnet darein. Ich ging sowieso wenig aus, da ich die untergehende Stadt au�erhalb der Wohnung immer unertr�glicher fand. So wurde ich immer mehr zu einem Stuben-Autisten meiner eigenen Liga und hatte bei der mich umgebenden F�rsorglichkeit keinen vern�nftigen Grund, depressiv oder bei Gelegenheit ausf�llig zu werden � mir fehlte ja nichts. Mein h��licher Bart wucherte leider nicht ganz gleichm��ig und sch�tzte mich vor fremden Blicken nur unzureichend.Auf der Stra�e versteckte ich mich gern zus�tzlich unter einer abgetragenen Schirmm�tze.</p><p>Wenn ich mich in der Stadt ausnahmsweise auf Gespr�che mit fremden Menschen einlie�, bekamen diese �berraschend schnell das Gef�hl, ich w�rde mich �ber sie lustig machen. Das war neu, und ich verstand es selbst nicht. Mir war absolut nicht danach, jemanden zu provozieren � dazu war ich viel zu schwach und demoralisiert, von ironischer Kraftprotzerei weit entfernt. Um nach au�en einigerma�en normt�chtig zu wirken, studierte ich meine Mimik vor dem Spiegel und versuchte, an mir zu arbeiten. Nebenbei entwickelte ich eine ganze Palette gesichtsgymnastischer �bungen. Weil ich fr�her mit den unterschiedlichsten Menschen gut klarkam, wu�te ich wenigstens, wie gew�hnliche Gespr�che zu klingen und mimisch-gestikulatorisch auszusehen hatten. So mimte ich bei Gelegenheit mich selbst, formte meine Nat�rlichkeit einfach nach. Ich spielte Leichtigkeit oder Ergriffenheit, t�uschte gegenstandsbezogenes Interesse vor � mit meinem ganzen Geschick und den Resten meines Charmes. Leider stand ich dabei oft unter starkem �berdruck. Wenn ich irgendwo am Tisch sa�, leitete ich meine �bersch�ssige Spannung in die F��e und die Wadenmuskeln ab, wo diese Krampferei niemandem auffallen konnte. Nach solchen Tischrunden f�hlte ich mich oft wie nach einer kleinen Bergtour, im schlimmsten Fall bekam ich Wadenkr�mpfe.</p><p>Normal war das alles nicht. Mich suchten, wenn ich gerade unter keinen aktuellen Karateverletzungen litt, sowieso schon dauernd diverse hypochondrische Phantasien heim. Die Reste meines Zukunftsoptimismus verlie�en mich zum Gl�ck aber auch in dieser Zeit nicht ganz. Wenn ich in eine lebensbedrohliche Lage kommen sollte, tr�umte ich, w�rde es bestimmt in der N�he einer spezialisierten Klinik der Fall sein. Selbst eine Herzattacke, die ich als Fu�g�nger mitten auf einer befahrenen Kreuzung bekommen sollte,w�rde mich in die T�r eines Rettungsfahrzeugs stolpern lassen.</p><p>Zu Besuch kamen zu uns dieselben Menschen wie fr�her, sie erschienen mir allerdings wesentlich seltsamer als fr�her. Eine Freundin von Erna hatte keine Nase, jedenfalls nur einen kleinen Rest davon. Wir Kinder hatten uns fr�her vor ihr gegruselt, hielten uns aber gern in ihrer N�he auf, wenn sie bei Erna zu Besuch war. Man konnte der Frau n�mlich bis in den Kopf hineinsehen. Und wir begriffen angesichts ihres Sch�dels schon damals, da� der Kopf eines Menschen nicht voller Gehirnmasse ist, sondern teilweise ziemlich hohl. Gleichzeitig war mir bei den Hohlraumstudien klar geworden, da� nicht alle zentral gelegenen Frauen�ffnungen als aufreizend gelten m�ssen.</p><p>Ein Arzt, ehemaliger Busenfreund von Tante Erna, �nderte alle halbe Jahre seine Gesichtsfarbe. Mal war er verd�stert grau, dann gr�nlich, ein Jahr lang sah er ziemlich gelb aus, danach fast wei�. In meiner letzten Erinnerung ist er bl�ulich. Er trug immer einen extravaganten Hut und nahm ihn auch in der Wohnung oft nicht ab. Einmal mu�te ihn Onkel ONKEL im Auto mitnehmen � ungern, versteht sich. Sie kurvten in Onkels lautem Wartburg durch die Stadt, der Verkehr war wie immer voller Nervosit�t, der Onkel bremste wutgeladen, oft erst im letzten Moment. Er stand wegen einer wichtigen Fernsehsendung, die er nicht verpassen wollte, unter Zeitdruck. Sein in dieser Zeit wei�blasser Mitfahrer nahm pl�tzlich seinen Hut ab und kotzte wortlos hinein.</p><p>��Ihr Hut! schrie Onkel ungl�ubig.</p><p>��Und Ihr Auto? sagte der Wei�ling und warf seinen Hut samt Inhalt noch w�hrend der Fahrt aus dem Fenster.</p><p>Dieser Mensch des verblassenden Farbspektrums litt angeblich an einer omin�sen Stoffwechselkrankheit, die nach und nach alle wichtigen Organe befiel � und sie dann allerdings wieder verlie�, ohne einen Schaden anzurichten. Dasbehauptete er jedenfalls. Wegen seiner Verf�rbungen nahm man bei uns allerdings an, er sei nicht nur krank, sondern vor allem tablettenabh�ngig. Als Arzt konnte er sich verschreiben, was er wollte. Zu seiner Selbstmedikation geh�rten eventuell Drogen und sicherlich auch noch experimentelle Mittel gegen seine Verf�rbungen. Vorsichtshalber lie� sich niemand von uns bei ihm behandeln. Nur meine Mutter hatte ihn in einer Notsituation einmal aufgesucht, und er hatte ihr einen so heftigen Pneumothorax unter die Rippen verpa�t, da� ihr die Luft weggeblieben war. Wegen seiner verfestigten fr�heren Zuneigung zu Erna kam er leider regelm��ig zu uns � gef�rchtet wurde er allerdings nicht wegen seiner medizinischen Gemeingef�hrlichkeit (�Immer schon zwei linke H�nde gehabt��), sondern wegen seines Ordnungssinns bei gemeinsamen Gespr�chen. Oft erst nach einer halben Stunde eines wie immer chaotisch verlaufenden Austauschs rief er laut:</p><p>��Stop! Wie sind wir �berhaupt auf dieses Thema gekommen?</p><p>Und er begann, im Schnelldurchlauf alle Spr�nge des Gespr�chs, die wilden Assoziationsketten r�ckw�rts zu verfolgen � bis er wieder beim Ausgangspunkt ankam. Alles hatte wieder seine Ordnung, man atmete aus. Nachdem er das allgemeine Durcheinander wieder zugelassen hatte, wu�te man, da� es irgendwann wieder ein Stop geben w�rde. Zu allem Ungl�ck vertrug er es nicht, wenn bei uns Kr�mel auf dem Fu�boden lagen. Er sammelte sie im Umkreis seines Stuhls einzeln auf ein H�ufchen und entsorgte sie sp�ter auf einmal � inzwischen tat er es, ohne um Erlaubnis zu bitten. Er vertrug au�erdem keine Flecke an den Gl�sern, polierte sein Glas als erstes grunds�tzlich nach, und wenn es noch m�glich war, putzte er wortlos auch die der anderen. Einer der Gr�nde, warum er sich bei uns wohl f�hlte und letztlich auch geduldet werden mu�te, war, da� er auch aus Ostrau kam � aus der Brutstadt unserer Familie. Erkonnte nicht aufh�ren, von der Herrlichkeit dieser damals so reichen Industriemetropole zu schw�rmen. Niemand war zwar seiner Meinung, �ber seine Loblieder und seine Begeisterung freute man sich trotzdem.</p><p>��So reich, so sauber, so freundlich! Man h�tte damals von den B�rgersteigen essen k�nnen. Alle, auch die Arbeiter, waren reich, au�erdem bekam jeder st�ndig Gutscheine in die Hand gedr�ckt wi�t ihr noch, diese Einkaufscoupons. Die Arbeiter bekamen sie jedenfalls in den Fabriken und kauften sich �berall alles, was sie wollten. Der Handel bl�hte, alle waren gl�cklich � und die Stimmung auf den Stra�en!</p><p>��Eigentlich stank die ganze Stadt nach faulen Eiern.</p><p>��Nein!</p><p>��Doch, doch. Das kam von dem ganzen Schwefel aus der Kohle, die Hoch�fen standen doch mitten in der Stadt. Ich war als Kind dauernd krank, krank von dem Ru� und den Giften.</p><p>��Das bi�chen Ru�!</p><p>��Ein bi�chen? Der Himmel war nie richtig zu sehen, von den Stahlwerken und aus den Kokereien str�mten unendlich breite Rauchwolken. Und auf dem Boden lag �berall eine dicke Dreckschicht.</p><p>��Ja, das stimmt. Nach dem L�ften mu�te man alle M�bel gleich wieder sauberwischen. In manchen Haushalten blieb auf Dauer alles nur noch unter T�chern verborgen, besonders die Polsterm�bel.</p><p>��Ostrau war doch bekanntlich die dreckigste Stadt auf der ganzen Welt, traute sich die n�chste Tante zu sagen. Ich sehe das noch vor mir � der Dreck fiel in dicken Flocken hinunter wie schwarzer Schnee. Und die Ru�k�rner waren gro� wie kleine Erbsen, die Kinder h�tten auf dem Ru� Schlitten fahren k�nnen.</p><p>��Sie schlitterten auch, mitten im Sommer!�Der n�chste Experte unseres Panoptikums war ein GUTER UND SCH�NER Internist, der das Leben eines � sagen wir � Kampf-Rauchers f�hrte. Er war einer von Mutters Vertrauten, als sie sich mit ihrer auch von ihm nicht erkannten Tuberkulose gequ�lt hatte. Dank seiner Sch�nheit wog dieses kleine Versagen aber nie wirklich schwer. Dieser von Frauen umschw�rmte Mensch h�rte etwa alle zwei Jahre auf zu rauchen. Wenn er wieder anfing, wu�te seine Frau, da� er im Krankenhaus eine neue Schwester als Geliebte gefunden hatte. Einmal sah ich ihn und seine Frau zuf�llig in der Stadt. Sie liefen auf der anderen Stra�enseite lang, zwischen ihnen klaffte eine gut sichtbare Bezogenheitsl�cke. Ich verfolgte und beobachtete die beiden eine Weile. Seitdem glaube ich zu wissen, welchen Gesichtsausdruck ein Mann im Beisein seiner Frau tr�gt, wenn er in Gedanken mit seiner Geliebten besch�ftigt ist. Er rauchte wie besessen.</p><p>Leider war dieser Arzt in spannungsgeladenen Zeiten � mit oder ohne Nikotin, also fast immer � ein furchtbarer Diskutant. Er redete allen alles aus und verhinderte damit nebenbei, da� man beispielsweise das Thema Untreue oder sein kompliziertes Suchtverhalten zum Gespr�chsthema machen konnte. Er war in der Lage, alle vom Gegenteil dessen zu �berzeugen, was sie zuvor gedacht hatten, das hei�t mit Gewi�heit zu wissen glaubten. Bei der n�chsten Gelegenheit war er allerdings ohne weiteres in der Lage, den finalen Beweis des genauen Gegenteils seiner eigenen Behauptungen abzuliefern. Er redete auf denjenigen, der sich ihm leichtsinnig in den Weg stellte, so lange ein, bis dieser Mensch � bei uns war es immer eine Frau � anfing zu weinen.</p><p>��Die Niederl�nder errichteten die humansten Kolonien der Welt. Wenn niederl�ndische Kolonien Vorbild f�r alle anderen gewesen w�ren, h�tten die Belgier bei der Vernichtung durch Arbeit nicht das neuzeitliche Massenmordeneingel�utet, die Engl�nder immer noch die besten Teeplantagen der Welt besessen � und die Deutschen h�tten sich in Afrika auch besser benommen. Und Hitler w�re uns eventuell erspart geblieben.</p><p>��Die Holl�nder haben in Indonesien furchtbare Massaker begangen, glaube ich. Habe ich jedenfalls geh�rt, wandte Tante Gy�rgyi vorsichtig ein.</p><p>��Nein! Das waren ganz harmlose Befriedungsma�nahmen. Die NIEDERl�nder waren viel zu intelligent, um Ha� zu s�en! Von Max Havelaar nie etwas geh�rt, was? Dieses V�lkchen wu�te schon immer, da� gute Behandlung zu einem guten Miteinander und ein gutes Verh�ltnis dann auch zur besseren Produktivit�t f�hrt. Jeder Niederl�nder l��t dem anderen einfach seine W�rde � �in zijn waarde laten�, sagen sie gern. Also wenn sich dazu eine Gelegenheit bietet.</p><p>��Die Deutschen sind im Grunde die besseren Juden, wandte die k�ltephobe Tante Gy�rgyi ein, um der finalen Schlacht um die Niederl�nder zu entgehen.</p><p>��He?</p><p>��Das fiel mir neulich so ein. Die Deutschen sind noch flei�iger, noch ordentlicher und akkurater als wir.</p><p>��Aber�</p><p>��Nein, nein, la� es bitte so stehen. Eigentlich m��te man nach Deutschland auswandern. Im Grunde beginnt hier in Prag schon der Balkan.</p><p>��Und dann immer jammern wegen� tehen tur��, griff Erna sie �berraschend erregt an.</p><p>��Genau! Tehen tur�, tehen tur� � das haben wir gern.</p><p>��Stimmt, meinte Gy�rgyi, der tschechische Quark ist so w�rgig-trocken und fest, nicht so leicht wie tehen tur� � den kriegen die Tschechen einfach nicht hin. Und pog�csa gibt es hier auch nicht. Ich will aber noch etwas zu den Gaskammern sagen. Die ganze Welt hat sich auf die Gaskammern und die Deutschen eingeschossen, dabei die Russen vollkommen aus den Augen verloren.- Die Russen haben f�r vieles keine eigenen W�rter, gar keine Ausdr�cke, unglaublich! rief unser sch�ner Internist unangemessen laut aus.</p><p>��La� mich doch ausreden! Mir ist hier nicht warm genug, ich gehe gleich.</p><p>��Bitte, bitte.</p><p>��Die Russen haben riesige H�ftlingskolonnen bei schlimmster K�lte in Marsch gesetzt � ohne Essen und ohne Decken, die Baracken waren noch nicht fertiggebaut.</p><p>��Das stimmt, meinte Tante Eva. Man t�tete die Leute einfach durch Schlamperei � und genauso massenhaft. �berlebt haben den Wahnsinn irgendwelche kriminellen Kannibalen. Im Grunde ist es vergleichbar mit den Gaskammern.</p><p>��NEIN! DIE K�LTE IST VIEL SCHLIMMER ALS GAS, T�TET LANGSAMER! schrie Tante Gy�rgyi erhitzt. Ich gehe jetzt.</p><p>��Jeder denkt sich sein Leben so oder anders zurecht, sagte Lizzy.</p><p>��Was soll das wieder bedeuten? fragte Gy�rgyi.</p><p>��Ich habe mich an diesen Spruch neulich erinnert, wei� aber nicht, von wem er stammt. Mit dir oder deinem K�lteproblem hat es aber nichts zu tun, entschuldige, Gy�rgyi.</p><p>��Es m��te hei�en: Jeder F�HLT sich sein Leben zurecht, sagte der ungeduldig paffende Internist. Habe ich recht? Nat�rlich habe ich recht.</p><p>Besondere Schwierigkeiten gab es, wenn bei uns Besuch aus dem Ausland aufkreuzte � zum Beispiel unsere reichen Verwandten aus Long Island, New York (die� Besitzer �der Totenmaske von Karl Kraus). Ich mochte diese beiden ehemaligen Ostrauer �berhaupt nicht. Die amerikanische Tante lachte breitm�ulig und so muskul�s, da� ich als Kind oft Angst hatte, sie k�nnte jederzeit auch zubei�en. �ber die H��lichkeit unseres Zuhauses mu�ten die beiden entsetzt gewesen sein, lie�en sich aber kaum etwas anmerken.Wenn sie in Prag waren, wohnten sie sowieso im Hotel. Zu einem schweren Eklat kam es, als man der Ami-Tante wegen ihrer H�ftschmerzen ein Schmerzz�pfchen empfahl � und ihr eines aush�ndigte. Man ahnte nicht, wie fremd f�r sie im fernen Amerika Arschz�pfchen geworden waren, wunderte sich nur, warum sie pl�tzlich ein Glas Wasser verlangte. Dann ging alles sehr schnell, und das fette Ding war ruck, zuck geschluckt. Danach herrschte eine Weile die totale Stille � bis jemand meinte, die Wirkstoffe m��ten auch auf diese Weise in den K�rper gelangen. Die h�ftleidende Frau bekam von dem Z�pfchen leider eine Gallenkolik und schwor, nie wieder nach Europa zu kommen. Dann ging sie zu guter Letzt auf die falsche Toilette und entdeckte dort Tante Erna, die sich vor ihr an diesem Tag verstecken wollte. Zum Schlu� wurde noch unser Land beschimpft, das nicht in der Lage war, immer ausreichende Mengen an Toilettenpapier zu produzieren.</p><p>��Man braucht doch nur den Durchschnittsverbrauch mit der Bev�lkerungszahl zu multiplizieren � und so viel Toilettenpapier herstellen wie eben n�tig. Wof�r habt ihr denn eure Planwirtschaft?</p><p>Manchmal hatte ich fast den Eindruck, in Ostrau vor dem Krieg zu leben. Daher pa�ten seit meinem Wiedereintritt in die Prager Troposph�re einige Menschen nicht in mein antiquiertes Umfeld, r�ckten zwischenzeitlich von mir weit weg. Danas Leben fand ich mittlerweile auch mehr als wunderlich. Mit meiner Mutter war sie allerdings l�ngst vers�hnt.</p><p>Als ich Dana doch einmal besuchte, kam mir schleierhaft vor, aus welchen Quellen ihr Chaos immer noch seine Lebensf�higkeit sch�pfte und wieso die lahmende Gemeinschaft noch nicht untergegangen war. Dana sah eingefallen aus, war gealtert. Von meiner Mutter wu�te ich, da� Dana seit l�ngerem �ber Bauch- und R�ckenschmerzen klagte,trotzdem aber nicht zum Arzt gegangen war. Das Haus befand sich in einem f�rchterlichen Zustand. M�use bewegten sich inzwischen in Scharen frei herum. Hinter einem K�chenschrank und einem Regal befanden sich offenbar einige Nester. Durch die Fugen der dazugeh�rigen R�ckw�nde sah ich da und dort einen d�nnen M�uschenschwanz h�ngen oder sogar seitlich herausragen. Da ich wenigstens diese Plage � in Danas Interesse � etwas reduzieren wollte, erkl�rte ich dem M�usevolk heimlich den Krieg. Ich rechnete mir gute Gewinnchancen aus. Die Nager sind zwar flink, haben auf ihren Schw�nzen aber keine Augen. Und nachdem Dana mit einem mit ihr befreundeten Landvermesser zu den Kubricks gegangen war, um ihnen irgendwelche geometrisch relevanten Koordinaten zu verpassen (oder sie zu �berpr�fen), nahm ich eine schmale Flachzange und zog die M�use an ihren langen Schw�nzen nach und nach ins Freie. Ich verf�tterte sie frisch an die Katzen und die �u�erlich nicht alternden St�rche. Wenn ich mit der Maus dem weniger scheuen Alfons n�her kam, warf er seinen Schnabelkopf weit nach hinten, baute sich vor mir schutzlos wie vor seinem Partner auf � und klapperte mir im voraus seinen Dank zu. Die Restm�use, die ich nicht erwischen konnte, weil sie sich hinter zu schmalen Fugen aufhielten und ihre Schw�nze nicht freigaben, erstach ich mit einem Brotmesser. Sie fielen naturgem�� nach unten, wo ich sie unter dem Regal einsammeln konnte. Nach der leicht blutigen Aktion bekam ich f�rchterliche Angst um alles, was im Haus noch lebte.</p><p>��Wegen meiner vielen Tiere darf ich nicht ernsthaft krank werden, hatte Dana schon fr�her mehrmals gesagt.</p><p>F�r die aktuelle Bedr�ckung im Haus gab es noch einen ganz konkreten Grund. Ausgerechnet durch Danas Gegend sollte die erste sozialistische und endlich RICHTIGE Autobahn in Richtung Br�nn gef�hrt werden. F�r Dana war das eine Horrorvorstellung. Sie hatte vorgehabt, f�r immer inder von ihr geliebten Landschaft zu bleiben. Den Dauerkrach der vorbeifahrenden Autos w�rde sie auf keinen Fall ertragen, meinte sie, niemals ausblenden k�nnen.</p><p>Ihre letzten Wochen konnte ich mir nachtr�glich grob rekonstruieren � ich versuchte es jedenfalls. Einiges ging aus ihrem etwas wirren Abschiedsbrief hervor.�Ich habe die Baggerh�rner schon gesehen��In den letzten Wochen, erz�hlte uns Danas Nachbar, wurden ihre Unterbauchschmerzen unertr�glich. Sie hatte ihre Tiere verscheucht oder verschenkt, manche mu� sie get�tet haben. Wohin sie sich selbst verkrochen haben k�nnte, wu�te niemand. Ihr Brief verriet nur etwas �ber� Sahneh�ubchen guter Tabletten�. Kurioserweise wurde Danas K�rper nie gefunden. Ich war mit meiner Mutter mehrmals wegen der Aufl�sung des Hausrats dort, zu den Kubricks und der nahenden Autobahnbaustelle ging ich aber nicht, verschob es immer wieder. Dagegen hatten die Bauarbeiten viel fr�her begonnen, als man erwartet hatte. Die Bagger und Planierraupen hatten die Landschaft rigoros zerw�hlt und begradigt, w�hlten und begradigten immer noch, fra�en sich weiter durch, die im Wege stehenden Grasquader waren dabei offenbar gar nicht aufgefallen. Auch mit dem Innenleben der kleinen Hindernisse hatte sich anscheinend niemand besch�ftigt. Als wir in Prag von zwei Polizisten befragt wurden, ging es vor allem um die Tatsache, da� Danas Haus vor einiger Zeit auf meine Mutter umgeschrieben worden war. Sehr gr�ndlich war die Befragung allerdings nicht. Viel wichtiger schien den beiden ein Exhibitionist zu sein, der sich in unseren Parks herumgetrieben haben sollte.</p><p>Dana konnte lange nicht f�r tot erkl�rt werden, das Haus geh�rte meiner Mutter aber trotzdem. Sie fuhr von Anfang an regelm��ig hin, machte dort lange Zeit nur sauber.</p><p>Ich lebte in Prag, lebte dort aber gleichzeitig nicht wirklich. Bei uns zu Hause wurden seit Jahren keine Tageszeitungenmehr gelesen � nicht das� R�de pr�vo�(�Rotes Recht�), nicht� Die Volksdemokratie �oder� Das freie Wort�.�Die junge Front �oder das Nachmittagsblatt� Das abendliche Prag �nat�rlich auch nicht. In den Medien gab es bekannterma�en drei Sorten von Nachrichten: Die wahren � zu denen rechnete man grunds�tzlich nur den Sport � , die wahrscheinlichen � das waren die Wetterberichte; bei den restlichen politischen ging man davon aus, da� sie gelogen, bewu�t zurechtgew�rgt oder voller wei�er Flecke waren. Bei uns h�rte man aus gutem Grund lieber den �u�erst kultivierten �sterreichischen Rundfunk, �sterreich Eins. Deshalb wu�ten wir beispielsweise �ber die �sterreichische Wirtschaft besser Bescheid als �ber die einheimische.</p><p>��Die armen �sterreicher! jammerte immer wieder die Wien-liebende Gro�mutter Lizzy. Eine Zeitlang machte ihr besonders das sinkende �sterreichische Bruttosozialprodukt gro�e Sorgen.</p><p>Die Atmosph�re in Prag wurde immer bedr�ckender. Ich war inzwischen voller Ha� auf alles, was mich umgab. Das Fernsehen war schon lange unertr�glich, der Rundfunk wurde bald genauso ungenie�bar. Um die geballten L�gen mit frischem Wind zu vermischen, war � bald nach dem Einmarsch � sogar ein neuer Sender gegr�ndet worden: Radio Vitava. F�r mich war das von Anfang an der Sender der Kollaborateure. Er hie� genauso wie der Propagandasender der Okkupationstruppen, der seinerzeit in der DDR installiert worden war und uns im fehlerhaften Tschechisch auf Linie bringen sollte. Im Grunde waren aber l�ngst alle Fernseh- und Rundfunkstationen gleichgeschaltet � die Unterschiede zwischen ihnen waren ohne Belang. Die Intonation der Sprecher wurde immer k�nstlicher, mich beleidigte schon jeder falsch angesetzte Ton ihrer Stimmen, vollkommen unabh�ngig vom L�gengehalt der Beitr�ge. Bereits die ersten ausgesabberten Silben empfand ich als einen gezielten Angriff auf meine Person und wurde auf alle dieseZeichen der Neuzeit bis aufs Kratzblut allergisch. In meiner Machtlosigkeit halfen mir leider keine Karateschl�ge, keine mit einer Knorpelschicht �berwucherten Gelenke, kein KIAI.</p><p>Ich schottete mich von allen lauten � nicht nur von den papierenen � Medien m�glichst ab, konnte aber nicht immer vor den Rundfunkbel�stigern fl�chten. In meiner Werkstatt war es zum Gl�ck meistens laut genug, das Radio wurde aber nicht immer vollst�ndig �bert�nt. Mein geliebtes Tschechisch f�llte sich in den M�ulern der Sprecherprofis mit v�llig �berfl�ssigen, gerngewichtigen Pausen und kleinen Zusatz-Z�suren. Die von den Ansagern gekonnt ziselierten S�tze bekamen au�erdem sinnwidrig akzentuierte und �bertrieben melodi�se Hebungen. Zus�tzlich zu denen, die zum nat�rlich gesprochenen Tschechisch sowieso geh�ren.</p><p>Ich versuchte im Rahmen meiner Seelenhygiene wenigstens, f�r die diversen Vergewaltigungsakte an der Sprache sachliche Beschreibungen und Termini zu finden. Die angestrebte �berkorrekte Intonation sollte uns offenbar � halb singend eben � gedankliche Tiefe, Wahrhaftigkeit und Empathie vorgaukeln. Dabei klang die zur Schau gestellte Lebendigkeit dieser Vorsinger nur nach unreflektiertem Kalk�l. Diese munteren Stimmen waren bem�ht, einen A-priori-Gleichklang mit uns H�rern herzustellen, uns alle auf den d�mmlichsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Anschlie�end sollten wir alle so etwas wie ein dauerfr�hliches Miteinander zelebrieren. Wer sich nicht einbeziehen lassen wollte, sollte � wie ich � unten im Dreck an der Seite des niederen Proletariats vergammeln, seinen Unwert verinnerlichen und beim Anblick der �brigen Verkrachten in sich gehen.</p><p>Leider stie�en die Sprachdeformationen erstaunlich viele Menschen �berhaupt nicht ab, und der Normalb�rger gew�hnte sich an das angebotene Verdummungstheater rechtschnell. Auch an den auff�lligsten intonatorischen Unstimmigkeiten st�rte man sich nicht anders als an harmlosen Verhaspelungen � und irgendwann wurden nicht einmal mehr die brisantesten NEUERUNGEN registriert. Der galoppierende Sprachbefall geh�rte zu unserem Alltag. Auch der allseits bekannte Spruch der� netten T�r �in der U-Bahn � �Ukoncete vystup a n�stup, dvefe se zaviraji�(Beenden Sie den Aus- und Einstieg, die T�r schlie�t) � klang in meinen musikverw�hnten Ohren grauenhaft. Dieser Singesatz folterte mich jahrelang, eisern bei jeder einzelnen Fahrt bis zum Aussteigen, konsequent in jeder Station, unz�hlige Male jeden Tag, wieder und wieder. Der Spruch emp�rte mich wegen der in ihm steckenden �berzeugung, F�rsorglichkeit auszudr�cken, qu�lte mich mit seiner selbstzufriedenen Gewi�heit, in der unver�nderlichen Frische auch zuk�nftig immer weiter t�nen zu d�rfen. Die ihm innewohnende aufgesetzte Freundlichkeit widersprach in erster Linie der VERACHTUNG, die uns der Staat jeden Tag sonst entgegenbrachte. Und weil dieser Staat ein zentral organisiertes Gef�ge war und alle seine Teile � auch alle seine Waggons, T�ren und Lautsprecher � f�r die gemeinsamen, von den Einheitsgangstern der Partei ausgerufenen Ziele zu k�mpfen hatten, war auch diese Stimme die STIMME DER PARTEI, sie war f�r mich ein Teil ihres unendlich m�chtigen Propagandachors.</p><p>Auf der Stra�e sprach man untereinander nat�rlich noch anders. Die melodi�se Verlogenheit expandierte aber trotzdem � ganz �hnlich sprachen pl�tzlich auch Redakteure von wissenschaftlichen Sendungen oder Verk�nder irgendwelcher Neuigkeiten f�r Bastler. Die ekligen Stimmhebungen verunstalteten bald jeden gew�hnlichen Aussagesatz, nach und nach wurde jede Nat�rlichkeit aus den offiziell gesprochenen S�tzen getilgt. Jeder Mensch, der in den Medien anders gesprochen h�tte, h�tte verraten, sich nicht an die geltenden Regeln halten zu wollen � man h�tte ihn fr�her oder sp�ter von seinem Mikrophon verjagt. Schlie�lich �bernahmen nach und nach auch alle Schauspieler diesen k�nstlichen Tonfall, und das Neu-Tschechisch fra� sich gnadenlos in die Kulturlandschaft ein. Ausl�ndische Filme, die synchronisiert wurden, konnten der Verunstaltung ebenfalls nicht entkommen � und auch filmische Gro�taten wurden dadurch ungenie�bar. F�r mich blieb das SYNTHETISCHE Neu-Tschechisch immer eine Kunstsprache.</p><p>Als ich zuf�llig einmal kurz eine primitive amerikanische Serie in Onkels Fernsehger�t verfolgte, traute ich meinen Ohren nicht. Die Perversion hatte die n�chste Qualit�tsstufe erreicht. Die Synchronsprecher versuchten mit Mitteln des entwurzelten Tschechisch, sich locker-kraftstrotzend und souver�n-freiheitsverw�hnt zu geben � eben amerikanisch. Ihre Stimmen �berschlugen sich regelrecht vor �bermut � allerdings v�llig inad�quat und unlogisch, eben unabh�ngig vom emotionalen Gehalt der Dialoge. Infolgedessen wirkten die auf dem Bildschirm agierenden Schauspieler wie Kinder unter Kokain, wie Manisch-Depressive, die gerade ihre positive Erregungsphase auslebten � oder wie Ferdydurkisten, die an einer unpassenden Stelle der Gesellschaftshierarchie in eine falsche Erziehungsanstalt gesteckt worden waren. Ich mu�te auch an Marquis de Sade und Peter Weiss' St�ck denken. Vielleicht verdrehte und parodierte hier ein neuzeitlicher Sadist, umgeben von der Nachwuchsgarde eines Irrenhauses, irgendwelche Vorlagen, deren urspr�ngliche Intention und ideologische Sto�vektorisierung mir nicht zug�nglich war.</p><p>Zur Beruhigung versuchte ich wieder und wieder, f�r den allgemeinen Sprechwahn und Sprachverfall Worte zu finden, suchte nach einem Satz, mit dem man diese partielle Abkoppelung der Sprache vom Seelenleben der Gesellschaft beschreiben k�nnte.�Was diese Leute bei ihrer pervertierten Beschallung mit uns treiben�, notierte ich mir eines Tages,�ist AUF EINLULLUNG UND �BEREINSTIMMUNGZIELENDER PARASEMANTISCHER TRANSPORT VON NUR MUSIKALISCH ZU ERFASSENDEN SIGNALEN � EIN TRANSFER, DER UNTERSCHWELLIG VONSTATTEN GEHT UND AUF DIE FINALE �BERST�LPUNG DER SCHEINBAR TRANSPARENT FEILGEBOTENEN INHALTE ANGELEGT IST. �Sicher war das aber nicht die letztg�ltige Definition des damaligen Verbrechens an meiner Sprache. Allerdings war auch ein von mir konsultierter Phonetiker nicht in der Lage, diese Beobachtungen der klanglichen Vorg�nge ohne weiteres einzuordnen, geschweige denn sie wirklich schl�ssig zu klassifizieren.</p><p>Das Volk sah sich die nicht nur sprachlich verunstalteten Machwerke im Kino und im Fernsehen trotz allem gern an. Und �ber die aktuellen Folgen der unterschiedlichen, vor allem der originaltschechischen Fernsehserien wurde mit vollem Ernst flei�ig diskutiert � wie �ber das wahre Leben selbst. Und was f�r niedliche und reizende Kinderfilme im Lande immer noch produziert w�rden! schw�rmte man bei den auswertenden Gespr�chen w�hrend der Arbeitszeit. Sie w�rden sogar erfolgreich exportiert � sieh mal einer an! Zu meinem Entsetzen mutierten die Leute langsam zu Notprogramm-Patrioten und versuchten, wenigstens auf etwas � und sei es aufgep�ppelter Schrott � stolz zu sein. Die gehaltreduzierten Unterhaltungsproduktionen waren allerdings �u�erst geschickt gestrickt � tats�chlich zu gleichen Ma�en f�r die zu erziehenden Kleinen wie f�r die klein zu haltenden Gro�en gedacht.</p><p>Auch bei der Benennung der Prager U-Bahn-Stationen beging unsere Obrigkeit ein schweres Verbrechen. Gegen alle �blichen sprachlichen Regeln wurden die einzelnen Stationen damals nicht schlicht nach dem entsprechenden Stadtteil, der anliegenden Stra�e oder dem zugeh�rigen Platz benannt, sondern adjektivistisch. Statt� Kleinstadt �sollte die Station an der Moldau pl�tzlich� Die Kleinst�dter�, die am anderen Ufer statt� Altstadt��Die Altst�dter �hei�en. Unsere Station bekam nat�rlich den Namen� Die Hradschiner �verpa�t. Dabei konnte der� Prag Hauptbahnhof �weiterhin den schlichten alten Namen behalten und wurde nicht in� Der Prager �umbenannt. Die U-Bahn-Station� Museum �durfte wahrscheinlich nur deswegen� Museum �hei�en, weil man sie schwerlich� Die Museale �nennen konnte. Das hinter dieser schiefen Benennungspraxis stehende psychologische Motiv erkl�rte ich mir bald: Alles hing wieder mit dem angestrebten NETTEN TON zusammen, mit dem man in jedem U-Bahn-Zug umsabbert wurde. Die g�tige Staats- und Parteif�hrung schenkte uns Pragern die ersehnte Metro mit allen ihren sch�nen Bahnh�fen, und sie wollte uns nach der feierlichen Er�ffnung unbedingt folgendes singen h�ren:�Freuen wir uns alle miteinand! Seien wir dankbar! Tanzen wir doch vorsichtig eine Bahnsteigpolon�se, statt nur verstockt herumzustehen. Es ist unser aller Metro � und wir wollen die n�chste angesagte Station NICHT mit der eigentlichen Altstadt verwechseln, es ist doch die pr�chtige� es ist UNSERE neuerbaute ALTST�DTER, und die n�chste wird unser aller KLEINST�DTER Station sein, und klatschen wir gemeinsam in die H�nde: Die �bern�chste, an dem beispielsweise auch unser lieber Georg aussteigen wird, ist unsere besonders sch�n gestaltete HRADSCHINER.�</p><p>Leider wurde ich � dauergequ�lt, wie ich war � nach und nach zu einem Radikalinski, redete wie ein Radikalinski und wurde als ein solcher gern besch�mt.</p><p>��Na, na, nicht so radikal, Georg, warum so radikal, junger Mann�</p><p>Das besonders Kr�nkende daran war, da� an diesen ruhig vorgetragenen Vorw�rfen etwas dran war. Und ich ahnte, da� es mir wahrscheinlich nicht helfen w�rde, noch mehr zu w�ten. Ich mu�te lernen, meinen Ekel zu schlucken � wie nach der in der Presse publizierten Selbstkritik meines Idols Bohumil HRABAL. Hrabal hatte sich irgendwannnicht mehr kr�ftig und gesund genug gef�hlt, um wieder als ein Ausgesto�ener existieren zu k�nnen, und er hatte sich dem Druck gebeugt. Pro forma, versteht sich. Seine Selbstkritik wurde in einem betont lockeren, freundlich gef�hrten Inteview untergebracht. Trotzdem konnte ich die B�cher, die dann offiziell erscheinen durften, aus Entt�uschung lange Jahre nicht lesen. Sie waren ohnehin nicht nur zensurbereinigt, sondern auch eigenh�ndig von Hrabal entsch�rft worden.</p><p>Die ganze offizielle Kultur wurde f�r mich vollst�ndig tabu, die Verlogenheit erfa�te inzwischen auch den allerletzten Winkel der Gesellschaft. Inzwischen mied ich auch symphonische Konzerte. Der Dirigent mu�te zur Er�ffnung des Konzerts zwar nicht bekennen, er w�rde die Politik der Partei unterst�tzen und den Einmarsch der befreundeten Armeen guthei�en, man wu�te aber, da� er eine derartige Erkl�rung �ffentlich abgegeben haben mu�te, wenn er dort stand, wo er stand. Einmal wollte ich mich �ber die NEUE GRAUSAMKEIT aber doch informieren und ging gezielt in ein ideologisch besonders verschrieenes Theater. Dort hatte, wie ich wu�te, ein politisch hartgesottener Regisseur � und nun auch Chef des Hauses � ein strenges Regime eingef�hrt. Seine Inszenierung war so grauenhaft, da� auch bekannte Schauspieler auf der B�hne wie Amateure wirkten. Au�erdem gab es dauernd b�se Pannen. Die Kulissenschieber schlampten und brachten zur falschen Zeit Dekorationen in Bewegung, in anderen Situationen fehlten auf der B�hne die n�tigen Gespr�chspartner. Es sah beinah nach Sabotage aus. Das Publikum am�sierte sich bei dieser Peer-Gynt-Inszenierung k�stlich.</p><p>Das eigentliche Erlebnis des Abends lieferte allerdings der Regisseur selbst. Weil immer mehr Zuschauer vorzeitig fl�chteten, entschlo� er sich, rigoros durchzugreifen. Schon eine Weile vor dem Schlu�vorhang versuchte er, die Fl�chtenden am Verlassen des Saales zu hindern. Erst versperrte er vorschriftswidrig von au�en einige der Ausgangst�ren, mit den Abgefangenen diskutierte er dann halblaut und schaffte es sogar, einige zur R�ckkehr zu bewegen. Als dann der Vorhang fiel, die Ausg�nge entriegelt werden mu�ten, st�rmten die meisten sofort zu den T�ren � nat�rlich ohne zu applaudieren. Der Mann hielt es nicht mehr aus und tat das einzige, was ihm �brigblieb: Er breitete seine Arme aus und stellte sich dem Strom entgegen.</p><p>��Nein, noch nicht! Applaus! schrie er. Es gab noch keinen Applaus!</p><p>Als die Menge versuchte, ihm auszuweichen und eine andere T�r anzusteuern, wechselte er � seine langen Arme hielt er die ganze Zeit weit ausgestreckt � zum anderen Ausgang und wiederholte seinen verzweifelten Appell:</p><p>��Nein, jetzt noch nicht! Das ist nicht richtig, das ist nicht fair!</p><empty-line/><p>Ostfront, m�rz 1944</p><p>In einer der Seitenstra�en vom Altst�dter Ring, in der der blinde Klaudius wohnte, konnte man �fter seinen mit einer gro�en schwarzen Brille geschm�ckten Kopf durch die Menge gleiten sehen. Egal, ob er sich allein auf den Weg gemacht hatte oder nicht, er blieb nie lange allein. Meist war er von mehreren gestikulierenden Bekannten und Freunden umgeben, der Schwarm bewegte sich in der verkehrsberuhigten Zone wie ein Touristengr�ppchen. Im Gegensatz zu den Touristen beachteten diese Leute keine Sehensw�rdigkeiten, diskutierten laut, und ihre Zahl blieb in der Regel nie konstant � manche verabschiedeten sich zwischendurch, andere kamen hinzu. Kl�da alias Klaudius zog mit seiner k�rperlichen und geistigen Pr�senz einfach Menschen an, sah dabei dank seiner Gr��e und seiner auff�lligen Brille wie ein Aussichtsturm aus � oder wie das Periskop eines U-Boots. Von manchen Freunden von fr�her wurde er� Teiresias �genannt, er mochte es aber nicht.</p><p>��H�rt auf damit, fr�her war ich schon mal der� Seher der Partei�. Dabei bin ich einfach nur blind.</p><p>In den f�nfziger Jahren war er tats�chlich von einem hohen Parteifunktion�r in den h�chsten T�nen gelobt worden:�Genosse Klaudius ist zwar blind, er SIEHT aber � und besser als viele andere Genossen aus unseren Reihen, er sieht in die Zukunft!�Aber schon Anfang der sechziger Jahre wurde der gro�e Seher wegen seiner Kontakte zu Tito-verdorbenen Jugoslawen verhaftet, verh�rt und in die Provinz ausgespuckt. Diese Strafaktion hatte unser sch�ner Pr�sidenten Novotny h�chstpers�nlich eingeleitet.</p><p>Nach dem Einmarsch von Achtundsechzig avancierteKlaudius endg�ltig zum Regimegegner auf Lebenszeit. Dank seiner Blindheit hatte er unter den Dissidenten eine Sonderstellung � er wurde von der Staatssicherheit geschont, zum Ausgleich aber um so mehr geha�t. Trotzdem hielten viele Freunde weiter zu ihm � auch im Verlauf der sch�rfsten Repressionen. Nat�rlich aber nicht alle.</p><p>��Letzte Woche sind mehrere Leute an mir vorbeigelaufen, ohne zu gr��en� kann ich aber verstehen. Ich erkenne sie auch, wenn sie miteinander nur ganz leise reden. Nachtr�glich hat sich bei mir einer entschuldigt � mit einem Zettelchen im Briefkasten, sein Sohn will studieren.</p><p>Klaudius hatte trotzdem gen�gend Verb�ndete. Er fand beispielsweise immer jemanden, der ihm zu Hause vorlas. Da� sich oft ein Schwarm um ihn bildete, konnte man als eine Art Kompensationsangebot verstehen. Klaudius war nach einem Ungl�ck in der Kindheit als einziger am Leben geblieben � als einziger aus seiner Dorfschule. Als seine einklassige Schule einen Ausflug zum nahe gelegenen Flu� unternahm, mu�te er als Blinder zu Hause bleiben. Es herrschte Hochwasser, die F�hre, die alle Kinder aufgenommen hatte, war �berladen und ging mitten im Strom unter. Danach war Klaudius in seinem Dorf als Kind praktisch allein.</p><p>In Prag wollte er nie gef�hrt werden, einhaken wollte er sich auch auf keinen Fall. Beim Nebeneinanderschlendern reichte ihm offenbar die Infrarotstrahlung der k�rperlichen 100-Watt-Birne, die Ger�usche der Schritte und das Rascheln der Kleidung. Wenn man die Richtung wechselte, ging er mit, reagierte so fein wie ein mit dem Partner abgestimmter Profi-T�nzer. Als ich ihn einmal mitten in einer Gruppe von Freunden laufen und gestikulieren sah, gesellte ich mich vorsichtig hinzu und blieb erst einmal still � gr��te vor allem aus Scheu nicht gleich. So bekam ich noch mit, wie er den Rest der L�nder Afrikas aufsagte.</p><p>��� Zaire, Angola, Sambia, Namibia, Botsuana� Ich bat die M�nner mit einem Zeichen, ihn nicht zu unterbrechen.Er hatte, wie ich sp�ter noch erfuhr, irgendwo an der geo-politisch schwierigsten Westk�ste angefangen: Senegal, Gambia, Bissau, Guinea, Sierra Leone� weiter �ber Togo bis K�nigreich Dahomey, das inzwischen Benin hie߅ und im Anschlu� an Kamerun hatte er den ganzen Norden und Osten abgearbeitet, sich schlie�lich ins Kontinentinnere durchgew�hlt, allm�hlich dann in den S�den.</p><p>��Soll ich noch alle asiatischen Fl�sse aufz�hlen, bis mir auch der Letzte glaubt? sagte er, nachdem er mit Swasiland und Lesotho die Aufz�hlung abgeschlossen hatte.</p><p>��Nein! Wir wollten doch �ber den bl�den Schwejk reden, sagte etwas ungeduldig sein Freund, der Politologe H. - noch bevor ich den Mund aufmachen konnte.</p><p>��Ich k�nnte euch gern auch den Verlauf der Ostfront beschreiben � vor Stalingrad oder nach Stalingrad, egal in welchem Kriegsjahr oder Kriegsmonat.</p><p>��Du wolltest doch selbst zu Schwejk�</p><p>��Nat�rlich! Ich habe mir neulich wieder mal den Schwejk vorgenommen � und zwar gr�ndlich. Wir sind aber mehr geworden, nicht wahr? Jemand l�uft mit.</p><p>��Hier bin ich, sagte ich nach zwei Schritten.</p><p>Er drehte sich um und fand schnell meine Schulter, meinen Arm und nat�rlich auch meine nach zwei Schritten in seine Dunkelheit ausgestreckte Hand. Seine Ber�hrung zu sp�ren war wieder ein kleines Erlebnis. Da� die Frauen es mochten, war kein Wunder.</p><p>��Du riechst �hnlich wie deine Mutter, Georg. Wann wurde dein barockes Tor gebaut? Das wei�t du aber l�ngst� Komm mit. Die ganze Welt ist von unserem Schwejk immer so begeistert � und mir geht das schon lange auf den Geist. Es ist ein Beispiel daf�r, da� Literatur auch viel Schaden anrichten kann � sie kann den Ruf ganzer Landstriche sch�digen oder ein Volk in eine Schieflage bringen. Wir als kleine Schwejks!�� inzwischen ist dieser Irrtum mit uns verwachsen wie ein schlecht plazierter Tumor. Zus�tzlich geistern inden Hinterk�pfen der Leute auch noch die Figuren von Hrabal herum. Als Ausl�nder stellt man sich gern vor, die Tschechen w�rden sich dauernd nur am�sieren, egal, wie scharf ihnen die Jauche ins Gesicht geblasen wird. Dabei bringt sich hier dauernd jemand um � oder emigriert und stirbt in M�nchen an seiner Verlorenheit. Und denjenigen, die aus diesem Kessel unbedingt rausm�chten, aber aus Angst hierbleiben, setzen gnadenlos ihre Magenbeschwerden zu. Wo sollen bei uns Leichtigkeit oder wurzelfeste Heiterkeit �berhaupt herkommen � bei diesem Mangel an Sonne und erlaubter Reife? Und bei dieser stehenden Prager Dreckluft, nebenbei gesagt? Und wenn in diesem Morast einer gerade nicht selbst depressiv ist, ist es zur Abwechslung sein bester Freund, den gerade die Frau verlassen hat und dem jede Klarsicht verlorenging. Leider sind wir keine stolze Nation, stimmt's? Die Hussitenzeit liegt schon viel zu weit zur�ck. Damals waren wir aber wirklich die Avantgarde von Europa � allen weit voraus, auch als es dann um die religi�se Vers�hnung ging.</p><p>��Egal, was du uns erz�hlen willst, Kl�do, sagte der Philosoph K, ich m�chte kurz eines loswerden: Bei solchen Zuschreibungen von au�erhalb � also auch bei diesem fremdl�ndischen Blick auf die angeblichen Schwejks � werden meistens Priorit�ten mi�achtet oder disparate Ebenen miteinander vermischt. Au�erdem wird der Grad der Bewu�theit, die bei den Leuten ja doch im Spiel ist, nicht ernst genommen.</p><p>��Das ist mir zu allgemein� hoffentlich reden wir nicht aneinander vorbei.</p><p>��La� mich das zu Ende bringen: Zwischenmenschlich, also UNTEREINANDER, geht es hier dauernd und trotz des politischen Drucks doch mit Witz und humorig zu, das sieht du bestimmt nicht anders. Die Leute albern ohne Ende � auch wenn es von Haseks Spielvorlage weit entfernt sein d�rfte. Auch sprachlich jonglieren die meisten gernherum, ausgiebig und ohne Ende. An sich sind die Tschechen als Ironiker wirklich begabt � egal, was f�r ein h��liches Bild manche magengequ�lten Gnome �u�erlich auch abgeben. Nat�rlich sind die Witzeleien meistens nichts anderes als geschickte Abwehr, man federt einen Teil der eingesteckten Schl�ge ab. Aber warum sollte dabei auch die nat�rliche Intuition versagt haben?</p><p>��Abwehr, abfedern� solche W�rter mag ich nicht, sagte der Kritiker und ehemalige Chefredakteur J. Er wedelte dabei mit seinem Fensterputzereimer und seiner Holzstange in der Luft, da er beim Sprechen gern mit beiden H�nden gestikulierte. Sich die Dinge auf Distanz halten ist heutzutage absolut n�tig.</p><p>��Was soll man mit der Alltagsh�rte sonst tun? fragte zwischendurch der Politologe H. Die Leute sch�tzen sich einfach vor Dem�tigungen. Wir verlieren aber den Faden, f�rchte ich.</p><p>��Trotzdem kann einem sozusagen die Art der Ausf�hrung auf die Nerven gehen, beeilte sich noch J., der ehemalige Chefredakteur, zu sagen, wobei er seinen Eimer auf die Stange f�delte und sich diese auf seine Schulter hob. Die Leute zerren dauernd auch an den ernstesten Realit�tssplittern � hochintelligent, keine Frage. Ganz bestimmte Tatsachen werden dabei aber nat�rlich ausgeblendet, einfach geschickt nicht einbezogen. Schei� Eimer, ich bin heute aber wirklich fr�h fertig geworden! sagte er noch und hatte inzwischen seine beiden H�nde frei. Sein Eimer baumelte auf der Stange hinter seinem R�cken.</p><p>��Moment! Ich will noch einen Satz loswerden und zusammenfassen, sagte K. Lacht aber nicht, es geht um die Lage der Nation! Ich pers�nlich gehe, was die aktuelle Situation anbetrifft, immer noch von einem intellektuellen Kultivierungsproze� aus � und dieser n�hrt sich eben von der lebendigen Alltagssprache. Trotz aller D�sterkeit um uns herum, trotz der Sprache der Medien, also egal, wieversprengt sich diese Kreativit�t an der Basis auch manifestiert.</p><p>��STOP! rief Kl�da, la�t uns doch endlich �ber Schwejk reden. Ich habe im Kopf einen l�ngeren Vortrag fertig, zum Abtippen habe ich jetzt aber absolut keine Zeit. Dabei geht es um das schlimmste Mi�verst�ndnis unserer Literaturgeschichte, meiner Meinung nach wurde es noch nicht schl�ssig benannt.</p><p>��Die Tschechen als Schwejks � das k�nnte man als einen volkst�mlichen Topos vielleicht auch stehenlassen.</p><p>��Nein! Es ist gef�hrlicher Unsinn! Ein einlullendes Klischee! Der Geniestreich von Hasek wird nur benutzt � und man dr�ckt sich einfach davor, im heutigen Dreck zu w�hlen. Dabei stinkt der Vergleich an allen Ecken und Enden, sagte Kl�da, wurde aber wieder unterbrochen.</p><p>��Schwejk entstand nicht W�HREND der Unterwerfung, sondern als es die Monarchie nicht mehr gab, mischte sich der ungeduldig gewordene Politologe H. ein. Die Figur ist sowieso das Ergebnis einer r�ckw�rtigen Projektion � damit will ich nat�rlich nichts gegen Hasek sagen.</p><p>��St�r' nicht meine Exponentialkurven, blaffte ihn Kl�da an. Wir haben nun mal seit mehr als f�nfzig Jahren dieses Buch und haben die dazugeh�rigen Interpretationen. Au�erhalb der Buchdeckel zappeln wir als Nation aber wie unbedarft weiter, lassen uns von entz�ckten Zaung�sten etikettieren � und verwenden das Klischee bei Bedarf auch noch selbst. Schwejk ist doch ein kleiner Held, oder? Jedenfalls wird er als ein solcher weltweit gefeiert� ein so einfach gestricktes Pappmodell! Und ein viel zu d�nnes Schutzschild obendrein.</p><p>��Bist du schon bei deiner Theorie, oder ist das erst die Einleitung zur Weiterleitung an die �berleitung? hakte H. nach.</p><p>��Ich m�chte jetzt nicht mehr unterbrochen werden! Im Kern geht es mir um folgendes: Schwejk ist eine reineKunstfigur. Und weil er eine so gro�artige Erfindung ist, ist er in vielem auch sehr wahr. ABER!�� dieser Mann ist nur innerhalb der Romankonstruktion das besondere Wesen, das uns ans Herz gewachsen ist. Und nur dort kann man ihn so gro�artig finden.</p><p>��Andere humoristische Konstruktionen sind auch nur dazu da, Emotionen unauff�llig zu bedienen � vielleicht nur anders als bei Hasek, wandte der eimertragende Chefredakteur ein. Und solche Humorgebilde basieren generell auf �bertreibung. Nebenbei k�nnen sie schamlos b�se sein � sie sind eben NICHT GANZ ERNST. Alles wie bei Hasek gehabt�</p><p>��Ja, ja, ich habe hier aber noch ein St�ck weitergedacht, sagte Kl�da ungeduldig. Keine Angst � ich will bei der Begr�ndung nur einige ganz konkrete Knotenpunkte ansprechen. Schwejk wird f�r die Wirklichkeit � und das ist der Kern meines Vortrags � f�r immer untauglich sein und hier immer nur ein Phantom bleiben, bleiben m�ssen. Auf dem Papier ist er dagegen nicht nur witzig, sondern auch glaubhaft. Ihr habt bestimmt den Film mit Hrusinsky gesehen � ich kenne ihn auch�</p><p>��GRAUENHAFT! Auch im Theater ist Schwejk unertr�glich.</p><p>��Da haben wir es doch! rief Kl�da so laut, da� sich Leute in der n�heren Umgebung umdrehten. Er funktioniert nur beim Lesen so reibungslos � dank unserer Phantasie. Die m�ssen WIR eben beisteuern � und erst dann kommt die Humormaschine wirklich in Gang. Bei vergleichbaren Verschiebungen ins Absurde l�uft es nat�rlich auch nicht viel anders, da hast du recht.</p><p>��Oscar Wilde oder Shaw� Haben sonstweiche ber�hmten Satiriker anders gearbeitet?</p><p>��Hasek ist aber einmalig und extrem, deswegen streitet man sich �ber ihn bis heute. Aber ich komme jetzt zu den anderen Knotenpunkten, diese betreffen den Lesevorgang: Wir reichern uns die egal wie absurden Handlungen von Haseks Akteuren beim Lesen automatisch mit Haseks Intelligenz und seinem Witz als Schreiber an. Ohne es zu merken, werden wir von ihm also mit kontextualem Wissen beliefert und bekommen die M�glichkeit, uns �ber die Gegenspieler von Schwejk zu erheben � nat�rlich auch �ber den dummen Schwejk selbst.</p><p>��Dar�ber habe ich aber schon mal geschrieben, sagte der Philosoph K.</p><p>��Das hier sind Vorg�nge auf einer Metaebene! Darum ging es bei dir nicht.</p><p>��Kann sein. Mir ging es um das Hybride in der Figur. Er ist dumm, er ist aber auch wissend � und wir wissen, da� er � manchmal jedenfalls � Bescheid wei�. Wobei wir auch wissen, da� er bei dem ganzen Schwachsinn, den er anrichtet, doch nur begrenzt intelligent sein d�rfte. In diesem Zusammenhang habe ich nachgewiesen, da� die These, Schwejk w�rde seine Dummheit die ganze Zeit nur vort�uschen, vollkommen unhaltbar ist.</p><p>��Ich habe diese ganzen Widerspr�che jetzt endlich aufgel�st, ob du es glaubst oder nicht! rief Kl�da so erregt, da� einige Passanten uns ruckartig auswichen. Au�erdem bekamen wir eine sichtbare Begleitung. Das wurde Kl�da durch gezielte Klopfzeichen mit dem Ellenbogen bekanntgegeben.</p><p>��Wenn wir uns klarmachen, fuhr Kl�da fort und lie� sich nicht st�ren, da� der Wissende in der Schwejkfigur eben nur Hasek ist, nicht Schwejk selbst, wird das Denkgeb�ude wieder sauber und problemlos begehbar. Hier liegt aber auch der Schwachpunkt der Transposition in die Realit�t! In unserer Realit�t ist der n�tzliche Genius von Hasek einfach nicht vorhanden. Die intellektuelle Draufsicht fehlt einem im Alltag sowieso oft genug, jedem von uns.</p><p>��Ostfront, M�rz 1944, du k�nntest den Herren hinter uns etwas Bildung zukommen lassen.</p><p>��Jetzt nicht. Ich bin mit dem Schwejk noch nicht fertig.In der Realit�t w�rde dieses Schwejkeln einfach auf halbintelligentes und schleimiges� Herumeiern �zusammenschrumpfen. Zum Lachen w�rde uns �berhaupt nichts �brigbleiben, h�chstens nur etwas L�cherlichkeit.</p><p>��Du wirst schon recht haben, sagte der Politologe H. Ich habe einmal versucht, mir Schwejk konkret in der Gegenwart vorzustellen � er w�re ein unertr�glicher Mensch, denke ich. Au�erdem h�tten seine Vorgesetzten die nur vorget�uschte Dummheit � vermutlich vorget�uschte oder wie auch immer � instinktiv als eine bewu�te Provokation eingestuft und gnadenlos bestraft.</p><p>��Genau! So dumm, wie er sich im Sozialismus angestellt h�tte, so dumm darf man heute auf keinen Fall sein! donnerte Kl�da. Jeder, der mit heiler Haut davonkommen m�chte, mu� sich durchschl�ngeln. Und ein geschickter Mensch provoziert niemals. Wenn jemand die Obrigkeit reizt, dann sind wir es, dann sind das die jungen Aussteiger � oder die Plastischen Rocker unseres blind rollenden Planeten. Und alle, die die Macht reizen, tun das nicht durch Schwejkeln, sondern durch Geradlinigkeit.</p><p>��Darf ich zusammenfassen? fragte der Philosoph K. Man kann � wenn ich das richtig sehe � von Gl�ck sprechen, da� es keine realen Schwejks geben kann. Wenn die Leute diesen Naivling jahrelang konsequent gespielt h�tten, w�ren sie in dieser Rolle irgendwann zu Kretins mutiert.</p><p>��Jemand sollte das Gespr�ch protokollieren, sagte Kl�da leise. Wer macht das? Etwas geb�ckt fl�sterte er noch leiser:</p><p>��Ich habe junge Leute, die es f�r das Jahrbuch noch abtippen k�nnten. Die haben eine superstarke alte Maschine � die schafft bis zu dreizehn Kopien! Die letzten sind sogar lesbar.</p><p>��Ich h�tte jetzt etwas Zeit, sagte H., obwohl Eins-zu-eins-Abschriften deine St�rke sind.</p><p>��Wir haben den Zusammenhang mit der sprachlichenWitzebene noch nicht drin, nutzte der Philosoph K. die entstandene Z�sur. Das war vorhin mein Ansatz � ganz am Anfang, falls das noch jemand au�er Kl�da wei�.</p><p>��Immer dieses Herumbl�deln � dar�ber wollte ich sowieso noch sprechen, sagte der Chefredakteur J. und verlagerte den Eimer auf die andere Seite seines R�ckens.</p><p>��Ich bin hier der Philosophieprofessor, oder? Und hier ist meine Universit�t, la� mich bitte wenigstens auf dem B�rgersteig vor meiner alten Arbeitsstelle ausreden! Es ist doch beeindruckend, wie lustig es hier im Lande immerhin noch zugeht. Es wird sogar � haben wir schon besprochen � hochgradig exzessiv gewitzelt. Die Leute versuchen, jedes brisante Thema in eine harmlose Geschichte zu verpacken, und fangen alles m�gliche spielerisch ab. Das ist an sich doch legitim � wie auch jede Verdr�ngung legitim ist. Die asiatischen Kampftheoretiker w�rden sicher meinen, die Tschechen w�rden auf diese Weise die Energie der Gegner f�r sich nutzen � um bei den Schl�gen unverletzt zu bleiben.</p><p>Wieso unverletzt? Eine Frage w�re sowieso noch zu kl�ren, sagte der durchsetzungsschw�chelnde Politologe H. Ob und in welchem Ma�e dieses Witzeln die reale Verfassung der Leute widerspiegelt � oder anders: wie ad�quat das ideologische Bombardement von ihnen �berhaupt verarbeitet worden ist. Leider passen sich die Leute den L�gen viel zu bedenkenlos an.</p><p>��Nebenbei bemerkt, sagte triumphierend der Philosoph K.: Genau das, also den Grad der Bewu�theit, habe ich davor auch schon ins Gespr�ch gebracht.</p><p>��Ohne Protokoll bleibt von dem ganzen Hin und Her nur Chaos �brig! rief Klaudius ungl�cklich. Zum Stichpunkt Dummheit haben wir auch noch nicht alles drin. Als wir die satirischen Konstruktionen verallgemeinert haben, haben wir das Besondere von Hasek leichtsinnig �bergangen: Das aus theoretischer Sicht Einmalige und Extreme ist bei ihm gerade die durchvariierte Dominanz der Dummheit. So gewagt hat mit dem Schwachsinn aller Graden noch niemand gespielt wie Hasek. Und hier wurzeln auch die Aporien der vielen Analysen.</p><p>��Ich m�chte auch noch eine Sache loswerden � obwohl man �hnliche Weisheiten eigentlich gar nicht aussprechen d�rfte, warf der j�ngere Schriftsteller P. H. ein.</p><p>��Sag mal, du warst die ganze Zeit sowieso viel zu still. Wir sind neugierig.</p><p>��Nein� doch lieber nicht.</p><p>��Was ist los?</p><p>��Es ist nicht wegen der Begleitung, ich m�chte das in mir noch eine Weile sortieren.</p><p>��Jetzt sind wir aber neugierig. P. H. sagte daraufhin leise:</p><p>��Eigentlich sollte man so eine Sau-Meinung lieber f�r sich behalten, irgendwann hat man die Korrektheit aber satt. Wenn ich mal sage, das Volk w�re dumm, regen sich immer alle auf. Ich sage es jetzt aber doch: DAS VOLK IST DUMM � und es ist es wirklich.</p><p>��Nein, niemand ist dumm! Vorsicht! Das gef�llt mir gar nicht, rief Kl�da.</p><p>��Ich war zum Beispiel ein �bler Fanatiker in der F�nfzigern, lachte der Philosoph K. - und auch als junger Professor war ich nicht viel besser. Dumm war ich trotzdem nicht, und die bekloppten Achtundsechziger sp�ter im Westen auch nicht.</p><p>��Wir k�nnen dar�ber morgen weiterreden, sagte Klaudius. Bei mir in der Wohnung wird es wenigstens abgeh�rt und ordentlich protokolliert. Und du wirst deinen dummen Spruch schl�ssig begr�nden m�ssen, bist doch ein kluger Schriftsteller � nicht wahr?</p><p>��Ich unterhalte mich doch oft mit normalen Leuten, schon aus Neugier, wehrte sich P. H. Was f�r ein Quatsch die sich eintrichtern lassen, das glaubt ihr gar nicht.</p><p>��Reden wir morgen dar�ber, okay?�� Das, was er meint� also was dahinterstehen k�nnte, ist vielleicht die Denkschlamperei der Leute, ihr emotionaler Vandalismus. Pfiffig sind sie trotzdem.</p><p>��Was mir dazu noch einf�llt, sagte H.: In ihrer unfreiwillig w�rdelosen Art machen sie sich oft etwas l�cherlich, ironisieren AN SICH SELBST, am lebendigen Leib sozusagen. Und auch wenn das nicht unbedingt Schwejkeln ist, gerade darin k�nnte eventuell ein St�ck davon stecken.</p><p>��Ich kann nicht mehr! rief Klaudius.</p><p>��So oder so, sagte der Philosoph K., die Intelligenz der Tschechen ist, was ihre sprachlichen F�higkeiten betrifft, auf jeden Fall beeindruckend. Das innovative Potential der Sprache ist zum Gl�ck auch enorm. Die Leute kreieren oft �ber Nacht Neologismen, irgendwelche K�rzel werden zu Verben, es gibt scharfgenau denunzierende Mi�bildungen � und alle diese Neuw�rter sind subversiv ohne Ende. Das m��test du den Leuten doch lassen.</p><p>��Das stimmt, sagte P. H.</p><p>��Mich st�rt dabei einiges trotzdem ma�los, mischte sich Kl�da ein. Zum Beispiel die vielen Diminutive. Sie sind oft inad�quat bis geschmacklos, alles m�gliche wird verniedlicht und verharmlost. Neulich hat mir jemand erz�hlt: Man bel�stigt die parteilosen Lehrer � nach ihrer Arbeitszeit wohlgemerkt � mit politischen Nachhilfeschulungen, und sie nennen diese propagandistischen Zwangsma�nahmen gem�tlich� posezenicko�, Nachsitzerchen.</p><p>��Die Sprache verr�t alles m�gliche � ob man es will oder nicht, sagte der Philosoph K. Neulich h�rte ich jemanden� pfihodicka�, Vorfallchen, statt Schlaganfall sagen. An sich hat das bei uns aber Tradition, denke ich � nach der tschechischen Blasmusik zu urteilen, m��te das Volk schon seit Generationen immer gut gelaunt gewesen sein. Und noch ein Beispiel f�r diese Art von Verniedlichung: Das Wort f�r Handschellen ist ein Diminutivum � �zelizka�. Eisenchen. Nett gesagt, oder?�� Nachsitzerchen, dieses� posezenicko�, bringt � analog zu den Handschellen � auch eine Art Freiheitsberaubung mit sich, sagte Kl�da. Mit der Tendenz, auch Tradition von mir aus, hast du bestimmt recht. Mit Schwejkeln haben diese Verniedlichungen allerdings wieder nichts zu tun.</p><p>��Hat jemand Lust zu lernen, wie man Schaufenster ruck, zuck sauber bekommt? Das ist auch kein Schwejkeln. Wegen meiner �bersetzungen ist es f�r mich existentiell, f�gte der Chefredakteur etwas entnervt hinzu.�Der eiserne Gustav �darf endg�ltig nicht erscheinen, wi�t ihr das schon? Wegen unserem lieben Pr�sidenten.</p><p>��Nur weil Hus�k Gustav hei�t?</p><p>��Genau, nur wegen dem GUSTAV.</p><p>Irgendwann l�ste sich die Gruppe auf, die M�nner hatten noch andere Wege vor sich und sicher noch viele interessante Dinge zu erledigen. Unsere Begleiter mu�ten sich entscheiden und sich auch voneinander trennen. Ich blieb mit Kl�da allein und ging mit ihm zur Bibliothek, wo er mit jemandem verabredet war.</p><p>��An uns kristallisiert sich das schlechte Gewissen, das die Leute mit der Zeit angeh�uft haben, sagte er nach einer Weile. Das werden wir noch zu sp�ren bekommen, warte mal ab. Die Volksseele vermutet hinter jedem Dagegensein intellektuelle �berheblichkeit.</p><p>��Hat dich jemand angegriffen?</p><p>��Nicht direkt, ich sp�re das aber. Trotzdem w�rde ich das nicht so pers�nlich nehmen. Ich bin ein gl�cklicher Mensch, mir fehlt nichts. �ber diese, im Grunde unsere Zeit sollten unbedingt j�ngere Leute etwas schreiben. Alles mu� aber noch etwas reifen, das ist klar. Von unserer Garde kommt zwar viel kluges Zeug, intellektuell erreicht man die Leute niemals wirklich. Man m��te Romane oder St�cke schreiben. Au�erdem sind wir Alten mit dem jetzigen Mist total verstrickt.</p><p>��Ich werde keine Romane schreiben, Prosa lehne ich sowieso ab. Ich will lieber auf alles draufhauen, m�glichst auf jedes einzelne Wort.</p><p>��Vielleicht nachdem du alles zerhauen hast, Georg, warte mal ab. Das Erz�hlen hat etwas Magisches, glaub mir. Im Grunde will man als Leser � in jedem Zeitalter � immer nur wissen, wie es weitergeht, und vor allem, wie es in seinem eigenen Leben weitergehen wird und ob es besser wird. PAPA, MAMA, WIE GEHT ES WEITER�</p><p>��Ist das nicht etwas kindisch? sagte ich vorsichtig.</p><p>��Nat�rlich! Aber egal, wie kindisch solche Sehns�chte sind, sie helfen einem weiter.</p><p>��Schreibst du weiter an den Erinnerungen?</p><p>��Nein. Ich wurde vor allem mit den f�nfziger Jahren furchtbar unzufrieden. Au�erdem stecke ich t�glich so tief in dem, was jetzt los ist� mir f�llt es sowieso schwer, mich mit meinem vergangenen Kleinkram zu besch�ftigen. Ich w�rde viel lieber Prosa schreiben, kann es aber nicht. Noch zu den Romanen: Wenn die Geschichte gut ist, kann man beim Lesen die eigene Gegenwart in die Zukunft verlagern und sie dort auch f�hlen. Als Leser durchbricht man im Grunde eine Art Schallmauer, fl�chtet aus dem Jetzt nach vorn� Ich h�re jetzt aber auf zu dozieren.</p><p>Nach einer Pause fragte er mich:</p><p>��Wohnst du noch zu Hause?</p><p>��Ja.</p><p>��Alles tolle Frauen um dich herum, wunderbare Menschen. Du solltest aber unbedingt ausziehen, h�rst du. Von deinem Vater wirst du dich nicht befreien m�ssen, das wird der Verr�ckte schon selbst erledigen. Ich kannte Lad'a vom Studium ganz gut, das wei�t du aber. Er war ein ganz gro�er Trickser, lernte immer nur kurz vor den Pr�fungen. Damals nannten ihn manche noch Ladios, das hat er dir vielleicht verschwiegen. Den Namen hatte er schon vor Urzeiten auf dem Gymnasium von seinem Griechischlehrer bekommen.- Von meiner Mutter kenne ich einen anderen alten Spitznamen von ihm � Tabakschnorros.</p><p>��Seine Eltern waren arm gewesen. Dein Gro�vater hat das ganze Leben die Prager Stra�enbahnen angestrichen, nicht wahr?</p><p>Nach der Implosion unseres Sozialismus, also der Umvolution von 1989, traf ich Kl�da noch zwei- oder dreimal. Eins der Gespr�che war etwas l�nger.</p><p>��Was ich neulich geh�rt habe! sagte er. Ich mu�te erst einmal l�nger nachdenken, wie der Mensch auf diesen Unsinn �berhaupt kommen konnte � dabei ist er kein Dummer. Er meinte, die Dissidenten h�tten in ihren Kreisen die ganze Zeit nicht jeden Normalsterblichen geduldet, weil sie sp�ter � sozusagen in weiser Voraussicht der zuk�nftigen Ordnung � die politischen Posten nur unter sich verteilen wollten.</p><p>��Verstehe ich nicht ganz.</p><p>��Mu�t du auch nicht, warte� Mir pers�nlich ging es gut, habe auch nie gejammert � aber die anderen, das waren doch alles mutige Leute, oder? Und die sollten damals spekuliert und auf den sinkenden Kurs der Kommunisten gesetzt haben? Absurd! Existentiell war alles vollkommen ungewi�. Vor allem die j�ngeren Leute hat die Polizei gezielt drangsaliert � gepr�gelt, kahlgeschoren, mit brennenden Streichh�lzern gequ�lt. Und die Volksseele verliert kein Wort �ber die eigene Feigheit.</p><p>��Alle sagen jetzt generell� unter den Kommunisten�. Egal, wieweit sie selbst mitgemacht haben.</p><p>��Das alles hat etwas Entr�cktes. Aber die Leute vergessen nichts und erlassen auch nichts � an sich ist das in Ordnung. Die J�ngeren hatten diesen Staat au�erdem nie gewollt � wir dagegen ja. Ich habe mich damals mit gro�er Begeisterung ins Zeug gelegt, war ein geschickter Agitator � das kannst du mir ruhig glauben. F�r solche Dinge bekommen wir jetzt auch ordentlich Dresche.- Da� der Mut aus der Dissidentenzeit so wenig z�hlt, finde ich trotzdem bescheuert. Von der Mitschuld k�nnte man euch einiges auch erlassen.</p><p>��Wir sind hier nicht in S�dafrika, von mir aus sollen die Leute ruhig stur bleiben. Das kollektive Wissen ist sowieso hartn�ckig, man m��te sich �ber das z�gerliche Vergessen eigentlich freuen. Die Rekatholisierung unter den Habsburgern ist beispielsweise auch nicht vergessen � und die begann vor �ber dreihundertf�nfzig Jahren. Die Tschechen sind bis heute nicht tief gl�ubig.</p><p>��Meinst du die Katholiken?</p><p>��Nein, das betrifft doch alle. Die Leute glauben bei uns generell eher pro forma, jedenfalls nicht wirklich inbr�nstig. Die Vergewaltigung traf damals die ganze Nation � und der Katholizismus war nichts anderes als die Religion der damaligen Okkupanten. Was uns davon geblieben ist, ist unsere Skepsis. Es gibt bis heute kaum Fanatismus. Man sollte mit den Leuten nicht zu streng sein.</p><p>��Das sagst gerade du?</p><p>��Ja, ich mu� es unbedingt so sagen. Wir f�hlten uns damals wie Menschen eines besonderen Schlags, wie V�terchen Stalin uns vorsagte � und wir waren auf unseren vermeintlich neuartigen Fanatismus auch noch stolz. Zum Gl�ck hielt das nicht lange an. Trotzdem: Dichter wurden hingerichtet oder in den Tod getrieben � und nicht wenige!�� , einfache Existenzen millionenfach kaputtgespielt. Mit uns sind d�nnpfiffige Emotionen durchgegangen, das wollen heutzutage viele nicht mehr wahrhaben. Auch die ganze nachtr�gliche Reformiererei in den Sechzigern � alles Illusion und Unsinn. Aber clever sind die Leute wirklich ohne Ende. In dem Vorwurf gegen die Dissidenten steckt ein hochintelligenter Dreh. Im Grunde rechtfertigt man das eigene Stillhalten nicht nur damit, da� man in gewisse Kreise� nicht reingelassen wurde�, man feiert gleichzeitig so etwas wie seine angeborene Weisheit � als ob man schonimmer Bescheid gewu�t h�tte� Wenn das aber wieder Schwejkeln sein sollte, dann gute Nacht.</p><p>��Inzwischen kommen sie sich vielleicht noch sauberer vor als du.</p><p>��Ich komme mir �berhaupt nicht sauber vor. Ich bin schuldig und bleibe es auch. Unsere Schei�partei hat die Leute um die M�glichkeit gebracht, unter normalen Verh�ltnissen erwachsen zu werden. Darauf h�tten sie aber ein Recht gehabt.</p><empty-line/><p>meine mutter lie� sich seine erinnerungen in ihr sch�nes ohr fl�stern</p><p>Da ich meine Schulfreunde, Freunde aus meiner alten Clique und auch die sp�teren vom Gymnasium mied, vereinsamte ich zunehmend und lie� mich bald darauf ein, die ber�chtigten Besuchsg�nge meiner Mutter mitzumachen. Sie ging in einem bestimmten turnusartigen Rhythmus zu allen alten Bekannten der Familie, pflegte diese unk�ndbaren Kontakte teilweise seit Jahrzehnten und verspr�hte dort gekonnt ihre Lebendigkeit. Diese besondere Dienstleistung wurde inzwischen auch von ihr erwartet. Von mir � dem Kind � erwartete man dagegen nichts weiter und konnte zu mir nicht einmal� Georg, bist du aber gro� geworden �sagen. Es w�re sowieso glatt gelogen gewesen. Da ich diese Leute allerdings schon seit der fr�hen Kindheit kannte, war es an sich angebracht, da� ich diese Kontakte nicht ganz einschlafen lie�. Au�erdem bestand die M�glichkeit, in ihrem Umfeld j�ngeren weiblichen Wesen zu begegnen.</p><p>Manche dieser alten Leute lebten relativ �rmlich, manche dagegen in ihren alten, vor dem Krieg herrschaftlich eingerichteten Wohnungen, denen man das Gro�bourgeoise sofort ansah. Sie besa�en immer noch pr�chtige, von angesehenen Innenarchitekten entworfene Polstergarnituren, zogen sich tadellos an � wenn auch die Damen des Hauses inzwischen eine l�ngere proletarische Vergangenheit hinter sich hatten. Manche dieser Bekannten waren Verwandte von weltbekannten Menschen. Frau S. war die Tochter von Franz Kafkas Lieblingsschwester Ottla, die n�chste Dame war Schw�gerin von E. E. Kisch, irgendwer war mit Max Brod verwandt oder eng befreundet gewesen, der n�chste mit der Werfel-Familie, der �bern�chste alte Mann war einber�hmter Shakespeare-�bersetzer und kannte seit seiner Jugend sowieso alle und jeden. Einer dieser alten M�nner war seit Jahren mit allen seinen Restkr�ften dabei, den Ulysses zu �bersetzen (�Ich qu�le mich damit immer noch��), der n�chste war Germanist und Altphilologe und war seit Jahrzehnten in erster Linie darauf konzentriert, sich von seinen j�dischen Unzul�nglichkeitsgef�hlen aufzehren zu lassen. Prag hatte f�r uns dank dieses etwas vergreisten Netzwerks etwas �bersichtlich Konstantes und Zeitloses, was vom aktuellen Geschehen in Prag so gut wie abgekoppelt war.</p><p>Der letztgenannte, �ber achtzigj�hrige �bersetzer war seit drei�ig Jahren leider nie wirklich gesund, f�hlte sich seit �ber f�nfzig Jahren als Dichter nicht gen�gend anerkannt und war schon seit seiner Jugend oft depressiv. Meine Mutter mu�te ihn vor allem nach seiner Inhaftierung in den f�nfziger Jahren immer wieder aufmuntern, auch bei unseren aktuellen Besuchen war das die ganze Zeit ihre Hauptaufgabe. Die Frau des alten Mannes bat sie immer wieder � telefonisch und heimlich � ausdr�cklich darum, ihren Mann bei den Besuchen etwas aufbauen zu helfen.</p><p>��Sie sind immer so intensiv! Das tut ihm immer gut.</p><p>Ihr Mann war wahrscheinlich der beste tschechische Nachdichter aus dem Deutschen, man durfte es ihm aber nie so pur sagen. Man h�tte damit seine eigentliche Gr��e als DICHTER in Frage gestellt. Wenn es doch mal um seine Nachdichtungen ging, war es unumg�nglich, wenigstens einmal das W�rtchen� kongenial �fallenzulassen.</p><p>��Neulich hat ihn einer loben wollen, das war furchtbar. Sagen Sie ihm bitte niemals, da� er der gr��te Nachdichter aller Zeiten ist! Er h�rt daraus sofort das NACH und NUR heraus.</p><p>Bei den Begegnungen konnte meine Mutter erz�hlen, was sie wollte. Dem Alten ging es dabei trotz seiner abgr�ndigen Untr�stlichkeit gleich viel besser. Er hatte als jungerMensch wild und hoffnungsvoll zu dichten begonnen, schrieb vor allem Liebes- und Naturlyrik. Nach dem Krieg, den er in England �berlebt hatte, war das Schreiben aber fast ausschlie�lich zu seiner Privatsache geworden. Daran sei nat�rlich auch der rechthaberische Adorno schuld gewesen, klagte er, nicht nur die Verh�ltnisse. Trotzdem betrachtete er sich noch drei�ig Jahre nach dem Krieg in erster Linie als ein Dichter. Und es war ratsam, bei dem Besuch eines seiner Gedichte aus den drei�iger oder zwanziger Jahren zu erw�hnen, am besten gleich irgendwelche besonders gelungenen Stellen zu zitieren. Grunds�tzlich �nderte das aber nichts. F�r seine Selbstzweifel gab es nat�rlich einige gute Gr�nde. Bei uns zu Hause wurden regelm��ig einige weniger gelungene Stellen aus seinem Werk zitiert, und wir am�sierten uns �ber sie gern. Verst�ndigungssprache war in diesen F�llen notgedrungen Deutsch.</p><p>��Ich m�chte nicht als eine��berreife Frucht �umworben werden, meinte gelegentlich Tante Erna, obwohl ausgerechnet sie eine solche war.</p><p>��Ich nicht als� tabuschwere Knospe�.</p><p>�Ich zermalme dein &gt;Nein&lt; in meiner Gier aus Schleim�, soll er bei einer Privatlesung mal deklamiert haben. Eventuell wurde ihm die Autorschaft dieser Zeile von ehemaligen Kollegen aber nur angedichtet. Er hatte vor allem Rilke, Heine und Schiller �bersetzt, Goethe hatte er seinem gr��ten, inzwischen allerdings verstorbenen Rivalen �berlassen m�ssen.</p><p>Mit meiner Mutter unterhielt sich der alte Dichter nat�rlich nur deutsch. Mich qu�lten beim Zuh�ren inzwischen nicht mehr die in den deutschen S�tzen viel zu sp�t auftauchenden Verb-Vorsilben, das Hauptproblem war hier das unertr�gliche Fl�stern des Alten. Er sprach so leise, da� ich in seiner Wohnung immer das Gef�hl bekam, mich in der N�he von einsturzgef�hrdeten Grabst�tten zu befinden � wenn nicht sogar in der Grabesn�he des gerade noch atmenden Gastgebers. Seltsam war, da� der Mann trotz seines Alters noch ein erstaunlich gutes Geh�r hatte, allerdings der Meinung war, seine Altersschwerh�rigkeit w�rde von Woche zu Woche schlimmer. Und weil er alle Schwerh�rigen und zu laut sprechenden Menschen ha�te, drosselte er aus Vorsicht seine eigene Stimme unverh�ltnism��ig und r�cksichtslos. - Mit welcher Lautst�rke mich alle immer anbr�llen!</p><p>Er selbst nahm leider an, er w�rde normal laut sprechen. Dabei kamen aus seinem Mund meistens nur leise gehauchte Wortschatten � verst�rkt h�chstens durch schleimvibrierendes R�cheln. Schon aus der Entfernung von zwei Metern konnte man ihn kaum h�ren, verstehen schon gar nicht. Das schaffte allerdings eine ganz besondere Gespr�chsatmosph�re und hatte einen nicht zu vernachl�ssigenden Nebeneffekt � meine Mutter mu�te im Laufe der Begegnung immer n�her an ihn heranr�cken. Er fl�sterte seine Erinnerungen � meist immer die gleichen � in ihr sch�nes Ohr und verplemperte mit ihnen unsere gemeinsame Gegenwart. F�r mich h�tte es verheerende Folgen gehabt, wenn ich mein akustisches Ausgeschlossensein angesprochen h�tte. Erlaubt war nur tr�bnislose Dankbarkeit.</p><p>Im Grunde wollte er meine Mutter nur f�r sich allein haben, ich sollte mich eher mit seiner zarten, gef�hrlich d�rren, trotzdem immer reizend l�chelnden Frau unterhalten � am liebsten in der kleinen K�che nebenan, in der immer genug zu tun und zu helfen sei, wie er gern betonte. Wenn ich nicht in der K�che war, sa� ich oft resigniert in einem separaten gro�en Sessel ein St�ck zu weit weg von den beiden Fl�sterturteln und h�rte nichts. Die Gattin des Alten interessierte sich f�r die tausend Mal wiederholten Geschichten sowieso nicht mehr, und wenn sie in der K�che fertig geworden war und sich leise zu uns gesellt hatte, schwieg sie meistens � wie ich auch. Den Monologisierer machte es sowieso unruhig, wenn er das Gef�hl bekam, jemand strebtedanach, irgendwelche konkurrierenden Gespr�chsthemen ins Spiel zu bringen. Auf diese Weise erfuhr er nichts Neues. Seine Frau und ich sahen uns ab und zu in die Augen und schafften uns nebenbei unser eigenes, noch leiseres Miteinander. �ber den Alten wurden schon immer verschiedene Anekdoten erz�hlt. Angeblich soll er schon als junger Mann manchmal so ungew�hnlich leise gesprochen haben, da� er sich selbst nicht pr�sent genug vorkam.</p><p>��Was habe ich gerade gesagt? scherzte er �ber sich, als es ihm noch m�glich war.</p><p>Im Krieg hatte er in der englischen Armee gedient und mu�te dort jahrelang furchtbar fr�h aufstehen. Er litt unter der st�ndigen M�digkeit, verbrachte angeblich die ganze Zeit im somnambulen Zustand. Als er einmal vor tschechischen Soldaten einen Vortrag �ber deutsche Geschichte halten sollte, sprach er wie aus einem Traum heraus, leider immer leiser und leiser � bis er bei seinem eigenen Vortrag einschlief. Diese Geschichte erz�hlte er sogar einigerma�en laut.</p><p>��Im Raum wurde es, das bemerkte ich noch, ungewohnt still. Es war kurz nach dem Fr�hst�ck, ich beugte mich �ber meinen Tisch und schwebte wieder halb in meinen Tr�umen. Allerdings wunderte ich mich eine Weile ganz bewu�t, wieso die vielen M�nner so ruhig vor mir sa�en. Und wieso sie so passiv waren � sie schrieben nicht, sie lasen nicht, nichts tat sich. Niemand sagte ein Wort, trotzdem wirkten sie alle wie gebannt, schienen auf etwas zu warten, sahen mich an � dann kippte ich wahrscheinlich nach vorn.</p><p>Eine andere Anekdote besagte, da� der junge Dichter damals � immer kurz bevor sein n�chster eigener Gedichtband erscheinen sollte � wie ver�ndert gewesen sei. Seine K�rperhaltung soll eine andere gewesen sein, er soll gr��er und muskul�ser gewirkt haben. Und als der Band dann herauskam, h�tte er eine Zeitlang doppelt so laut wie �blich gesprochen.Ich h�tte bei den Besuchen eigentlich auch gern mitgeredet, um mein Deutsch aufzubessern, dazu kam es aber fast nie. Ich langweilte mich und spielte nebenbei wenigstens mit der feinen Oberfl�che des pl�schigen Lehnstuhls, in dem ich sa�. Die H�rchen schimmerten teilweise ganz hell; wenn man sie mit der Hand in die andere Richtung strich, wurden sie wieder dunkel. Das alles spielte sich in den sch�nsten Bordeaux-T�nen ab. Bei uns zu Hause gab es keine Pl�schm�bel. Pl�tzlich donnerte mich eine laute Stimme wie vom Himmel an, eine Stimme, die ich so nicht kannte. Der Dichter konnte offensichtlich auch ganz anders:</p><p>��Verschmierst du dort unsere Schlagsahne, Georg?</p><p>Als wir einen Bekannten auf seiner neuen Arbeitsstelle � ABSCHIEBESTELLE, wie er sagte � besuchten, best�tigte sich mir einmal, wie wahr � oder fast wahr � alle abgedroschenen Redewendungen sein k�nnen. Konkret ging es um eine besondere Art der Tr�nenausscheidung. Ich ging auf die Hinterhof-Toilette der schmuddeligen B�ros, und im Vorraum, in dem ich mich entscheiden sollte, welchem Geschlecht ich angeh�rte, waren auf den Klot�ren keine Buchstaben, keine Symbole angebracht, sondern Pin-up-Bilder: Auf der einen ein wundersch�ner junger Mann mit entbl��tem Oberk�rper und einer Zigarre im Mund, auf der anderen eine G�ttin in Bikini. Als ich die stolze weibliche Traumfigur sah, schossen mir die Tr�nen nicht IN DIE AUGEN, sondern regelrecht AUS DEN AUGEN heraus � wie zwei kleine Geysire. Ich stand da und wu�te absolut nicht, welche T�r ich ansteuern sollte. Allerdings waren mir Zweifel vor derart verwirrend bebilderten Klot�ren �berhaupt nicht neu. Instinktiv zog es mich nat�rlich immer zu den Frauen � eben dorthin, wo diese sich oft in Scharen aufhielten und einzeln ihre H�schen herunterzogen.</p><p>Vieles war � wie gesagt � wie fr�her, fast wie in der Kindheit, trotzdem grunds�tzlich anders. Ich kannte meine Mutter inzwischen recht gut, und das relativ unkindlich. Und wie ich eines Tages erfuhr, kannte ich sie sogar wesentlich besser als ihr Liebhaber, obwohl dieser mit ihr � als seiner Zweitfrau � inzwischen mehr als zehn Jahre liiert war. Meine Mutter hatte einiges �ber sich einfach nie verraten. Und ihr Freund sah keinen Grund dazu, danach zu forschen. Von ihren Depressionen, �berforderungs�ngsten und Minderwertigkeitsgef�hlen hatte er keinen blassen Schimmer. Sie konnte alle ihre zusammenfaltbaren Makel meisterhaft �berstrahlen. Ihren Freund nannte sie sicherheitshalber ironisch� mein Herr�.</p><p>��Wie es mir gestern ging, mu� mein Herr nicht wissen. Es reicht, da� du alles mitbekommst. Ihre wichtigste Weisheit �ber Depressionen lautete sowieso:</p><p>��Eine Depression kommt und verschwindet wieder von alleine.</p><p>In dieser Zeit starb mein Vater, den ich tats�chlich nicht selbst umbringen mu�te. Da� er nicht lange leben w�rde, war zu erwarten gewesen. Er trank inzwischen nur noch und geh�rte in seinem Neubaugebiet zum festen Bestandteil einer leicht eingebildeten Alkoholikerclique � S�ufer mit einem IQ unter 120 h�tten in seinem Kreis keine Chance. Nachdem er in der Kneipe alle dr�ckenden Probleme des tschechischen Volkes und der �brigen Welt gel�st hatte, gr��te er torkelnd und fr�hlich oder torkelnd und w�tend jeden, den er auf der Stra�e mit seinem Tunnelblick erfa�t hatte, beschimpfte von weitem seine Nachbarn, die um ihn m�glichst einen Bogen machten, winkte gern auch meinem sich f�r ihn sch�menden Halbbruder zu � also seinem noch schulpflichtigen Sohn � , oder er t�uschte einen Jiu-Jitsu-Angriff vor, wenn die Freunde seines Sohnes sich �ber ihn lustig machten. Wenn er seine Frau und Mitbewohnerin traf, zog er sie, wenn sie allein war, gern wegen ihres Liebhabers auf, der ein einfacher Taxifahrer war.Als man meinem Vater seine verstopften Halsschlagadern reinigen wollte, mu�te er ins Krankenhaus. Er besoff sich heimlich auch dort � sogar noch in der Nacht vor der Operation. Mein Vater, der gerade zweiundf�nfzig Jahre alt geworden war, verabschiedete sich dann beim ersten Narkoseschub.</p><p>In seinem letzten Lebensjahr unternahmen mein Vater und ich � wer h�tte das fr�her gedacht � noch einige ausgelassene Sauftouren in der Innenstadt. Er und ich, wie zwei alte Bierkumpane, es war wie in einem b�sen M�rchen. An diesen Abenden machte er mich �berraschenderweise zu seinem Vertrauten. Im Grunde erkannte er mich damit endlich an und behandelte mich � meistens jedenfalls � wie einen ebenb�rtigen Erwachsenen. Einiges um uns herum befand sich tats�chlich im Umbruch, und wir waren, trotz einiger gravierender Unterschiede, doch zwei �hnliche, von dr�ckenden Umst�nden und b�sartigen Schicksalsschl�gen gepr�fte M�nner. Mich interessierte inzwischen die Politik nicht sonderlich. Was Kardinal Mindszenty in Wien trieb, nachdem er die amerikanische Botschaft nach f�nfzehn Jahren hatte verlassen k�nnen, lie� mich kalt. Und was aktuell in Vietnam oder etwas sp�ter in Chile los war, war mir auch relativ egal. In diesem Punkt unterschied ich mich nicht von meinem Vater und war mit den meisten meiner Landsleute auf einer Linie. �berall, wo der verha�te Sozialismus auf der Welt bek�mpft wurde, sollte er mit voller H�rte auch zur�ckgedr�ngt werden. Vaters frisch erbl�hter Antikommunismus war allerdings voller Halbwissen und nur noch irrational. Manchmal stimmte ich ihm bei seinen Ha�tiraden vorsichtshalber zu und hatte danach das unkluge Gef�hl, ein �hnlicher Trottel zu sein wie er.</p><p>Ich hatte in dieser Zeit � wie gesagt � keine Freunde, neue zu suchen kam nicht in Frage, und Frauen anzusprechen war f�r mich inzwischen vollkommen unm�glich. Meinen Vater kannte ich nun mal, und sich mit ihm auszutauschenwar schon nach dem ersten Bier meistens unproblematisch. Wir n�herten uns tats�chlich an und wurden kurz vor seinem Tod, wenn auch ohne wirkliche Konstanz, wieder so etwas wie Freunde. Vater hatte immer genug Geld dabei, er zahlte und zahlte, ich konnte auch in teuren Restaurants bestellen, was ich wollte.</p><p>Eine Zeitlang hatte mein Vater ein Verh�ltnis mit der ebenfalls alkoholkranken Gattin des Langzeit-Geliebten meiner Mutter. Mein Vater und diese langzeit-betrogene Frau � im Grunde die beiden fr�heren und jetzt �berkreuz gebildeten Paare � kannten sich nat�rlich noch von fr�her aus dem Studium. F�r kurze Zeit hatte sich um mich herum ein neu zusammengesetzter Kopulationskreis gebildet. Etwas sp�ter brachte mein Vater eine viel j�ngere Frau von seiner Arbeitsstelle mit, und er erlaubte mir beim Saufen sogar, sie anzubaggern. Hinterher am�sierten sich die beiden �ber mich. Nach Dienstschlu� schliefen sie manchmal miteinander � angeblich auf Vaters Schreibtisch. Bei der n�chsten Gelegenheit berichtete er mir stolz und ausdauernd nicht nur �ber seine Noch-Funktionst�chtigkeit, sondern auch dar�ber, wie niedlich mich seine Braut gefunden hatte.</p><p>��Diese gemeinsamen Bewegungen beim Sex! Es ist das Sch�nste, was es im Leben �berhaupt gibt! Aber du � mach dich vor ihr bitte nicht l�cherlich, Georg!</p><p>Er war kurz nach dem Einmarsch der Russen wegen� politischer Unzuverl�ssigkeit�, sicher aber auch wegen seines Alkoholismus entlassen worden � er konnte sich allerdings zu Recht als ein echter Reformer und Opfer von S�uberungen f�hlen. Trotzdem wurde er auf seiner neuen Arbeitsstelle als ein ehemaliger Stasimann nat�rlich geha�t. Dabei hatte er im ansteckenden Taumel des achtundsechziger Fr�hlings eventuell doch einiges ver�ndern und mildern, die Aktivit�ten seines Ministeriums mehr auf Aufkl�rung und weniger auf Bespitzelung lenken wollen. In diesemPunkt hatte er mich m�glicherweise nicht belogen. Aus der Partei war er selbstverst�ndlich ausgeschlossen worden. Sein liebes Ministerium zahlte ihm nach der Entlassung trotz allem einen Ausgleich zu seinem aktuellen Gehalt � so da� er genauso viel verdiente wie davor.</p><p>��Ich wei� immer noch viel, viel zu viel!!! br�stete er sich. Die Kommunistenschweine zahlen mir jetzt gutes Schweigegeld � m�ssen sie auch.</p><p>Seine neue Freundin war unsch�n und schamlos, zu meiner morbiden Stimmung pa�te das bestens. Pro forma war sie noch verheiratet, ungl�cklich war sie auch � und ich fand ihr Ungl�ck und ihre alkoholblasse Ausstrahlung ausgesprochen anziehend. Wir am�sierten uns alle drei k�stlich; nur ich manchmal etwas gequ�lt, wenn die beiden mich gerade aufzogen. Am am�santesten war es, wenn Vater am fortgeschrittenen Abend beschlo�, seine Freunde von fr�her aufzusuchen. Manche von ihnen hatte er jahrzehntelang nicht gesehen. Wir machten uns, angetrunken wie wir waren, auf den Weg. Mein Vater wollte selbstverst�ndlich auch gern mit seiner viel j�ngeren Freundin angeben. So standen wir pl�tzlich vor einer fremden T�r und klingelten, nat�rlich waren wir nicht angemeldet. Die Gesichter der �berrumpelten Leute sehe ich noch heute vor mir. Man bat uns h�flich hinein, uns abzuweisen traute sich niemand. Mein bestgelaunter Vater erkl�rte daraufhin die Party f�r er�ffnet. Ausreichende Weinvorr�te hatten wir immer dabei. Die Verlegenheit der Gastgeber, die meistens schon in Hausklamotten steckten oder sich im ersten Moment sogar in Unterw�sche zeigen mu�ten, war herrlich. Kraft unserer guten Laune brachten wir sie bald dazu, den �berfall als eine Geste der zwischenmenschlichen G�te und W�rme zu akzeptieren � f�r eine Weile jedenfalls. Die Stimmung kippte aber irgendwann, was unvermeidlich war. Mein meisterironischer Vater konnte es nicht lassen, die Gastgeber zu provozieren, und wurde mit der Zeit immerbissiger. Er machte sich beispielsweise �ber die Wohnung der Leute lustig oder dar�ber, da� die beiden Eheleute einander inzwischen immer mehr �hnelten.</p><p>��Wer von euch ist eigentlich Vaclav?</p><p>Ungehemmt plauderte er auch gern irgendwelche Intimit�ten von fr�her aus, die die Ehefrau seines ehemaligen Freundes nie h�tte erfahren sollen, besch�mte diesen Menschen so lange, bis wir hinauskomplimentiert wurden. Bei einem anderen Besuch ging es dank ausreichender Alkoholisierung sehr schnell zur Sache. Unser Gastgeber war ein zwei Meter gro�er Elektronik-Ingenieur, ein vielbesch�ftigter Erfinder und ein Lamm von Mann, die Gastgeberin eine zierliche seelendrahtige Frau.</p><p>��Pa�t ihr auch sonst ganz gut zusammen? fragte mein Vater.</p><p>��Wie bitte?</p><p>��Ich meine da unten, Pavel ist doch so riesig.</p><p>Zu einem Wettbewerb um die sch�nsten M�nnerbeine kam es nie. Mit Vaters Beispiel vor Augen probierte ich wenigstens, einiges an Alkoholmengen zu ertragen. Mich mit ihm zu messen kam f�r mich allerdings nie in Frage. Wieviel mein Vater trank, wenn er mal die Arbeit schw�nzte und den ganzen Tag nichts anderes tat, als zu trinken, erfuhr ich erst sp�ter von seiner erleichtertverwitweten Frau. Man hatte sie manchmal kurz benachrichtigt: HERR INGENIEUR, ihr Mann, liege vor dem Lokal � und habe nicht bezahlt. Dank dieses Umstands gilt als verb�rgt, da� mein Vater es in seiner Hochphase schaffte, vierzig halbe Liter Bier am Tag in seinen Bauch zu gie�en. Also zwei volle Zehn-Liter-Eimer. Um das vielleicht besser zu verstehen: In den Tiefen seines Herzens w�nschte er sich im Leben nichts anderes mehr, als irgendwann ein ernstzunehmender Schriftsteller zu werden.</p><p>In seiner Jugend war mein Vater ein harter Kampfsportler gewesen, sp�ter schw�rmte er gern davon. Aus seiner aktiven Jiu-Jitsu-Zeit gab es auch einige martialische Fotos. Als ich klein war, konnte er mich vor allem damit beeindrucken, da� er mich zu Demonstrationszwecken gnadenlos auf den Fu�boden schmi�. Er tat es aber elegant und ohne jegliche Kraftanstrengung, er mu�te nicht einmal seine �berlegene K�rpermasse einsetzen. Er t�uschte eine seitliche Bewegung vor und zwang mich damit trickreich, den Schwerpunkt meines K�rpers mitwandern zu lassen � zu meinem Fall reichte dann ein ganz leichter Tritt. Er trat ausgerechnet gegen den Fu�, auf den sich mein Balancegef�hl vorausschauend verlassen wollte und auf den ich gerade mein Gewicht verlagerte � das hei�t vorhatte zu verlagern.</p><p>Die Katerstimmung nach den n�chtlichen Ausfl�gen an der Seite meines Vaters war furchtbar. Ich mu�te fr�h aufstehen und in meiner Schlosserei erscheinen. Der Zauber des Metalls war inzwischen sowieso schon stark gemindert, meine weiteren Perspektiven waren unklar. Zum Schreiben fehlte mir die Kraft, und ich wu�te, da� in einer so bedr�ckten Stimmung kaum die Literatur entstehen konnte, mit der sich die Menschheit beeindrucken und begl�cken lie�e. Meinen Karateverein mu�te ich irgendwann feige verlassen, nachdem ich nach einem Kampfwochenende f�r mehrere Wochen untergetaucht war. Ich mu�te mich einfach auskurieren und erholen, hatte mich aber gleichzeitig nicht entschuldigt, war auch nicht zum Arzt gegangen. Deswegen gab es f�r mich kein Zur�ck mehr. Man h�tte mich dort � wenn ich nicht schlappgemacht h�tte � sicher immer wieder so zugerichtet, da� ich es irgendwann geschafft h�tte, auf den nicht genutzten Turnmatten in der Ecke sogar meiner Seele eine sch�tzende Knorpelschicht zu verpassen.</p><p>Ich trainierte trotzdem f�r mich weiter, vor allem die Schl�ge. Ich trainierte immer so lange, wie es mir meine schmerzenden Gelenke erlaubten. Wenn sich meine F�usteerholt hatten, machte ich weiter � und konnte eines Tages sogar einen Erfolg verbuchen. In meinem Zimmer schlug ich oft auf die gleiche Stelle einer Seitenwand, es war die Wand zum Nebenhaus hin. Der Putz hielt dort gut zusammen, weil er noch aus alten Zeiten mit einer Stofftapete bespannt war. Diese Wand war � gegen alle Regeln der Baukunst � relativ d�nn, das wu�te ich aber schon. Tante Eva hatte mir manchmal Beschwerden der Nachbarn �berbracht, die sich �ber die dumpfen Schl�ge in ihrer K�che gewundert hatten. Da� die seitlichen W�nde des Hauses so d�nn waren, war einmal auch meinem Onkel bei seiner Heizungsaktion zum Verh�ngnis geworden � wenn auch am anderen Ende der Wohnung. Gebaut wurde unser Haus au�erdem mit einfachem Kalkm�rtel ohne Zement; das hatte Onkel ONKEL damals schon diagnostiziert. Da� bei meinen �bungen die von mir bevorzugte Stelle mit der Zeit etwas nachgegeben hatte, merkte ich nat�rlich � aber gerade weil sie nachgab und weil sie inzwischen etwas weichgeklopft war, boxte ich ausschlie�lich nur dorthin. Bis sich diese Stelle eines Tages ruckartig vertiefte. Ein Ziegel schob sich mehrere Zentimeter in die Wand hinein und dr�ckte den ungl�cklichen Menschen im Nebenhaus den Putz von der Wand. Ein ganzer Fladen M�rtel fiel angeblich in irgendwelche gerade aufgetischten Suppen.</p><p>Als ich einmal wieder mit der Faust in die Wand schlug, schlug ich so heftig und ungl�cklich, da� ich mir ein Gelenk samt Gelenkkapsel besch�digte. Als ich das Knacken h�rte, sp�rte ich � neben dem Schmerz � auch einen angenehmen psychischen Ruck. Mir ging es pl�tzlich deutlich besser als noch einige Sekunden davor � wie unserem russischen, sich mit seinem Jagdmesser immer wieder abstrafenden Familienfreund Jossip. In einem hellen Moment der langsamen Rekonvaleszenz meiner Faust ging mir einmal auf, da� ich mit meinen Schl�gen wahlweise auch Mutters Gesicht h�tte zertr�mmern k�nnen. Das Wissen dar�ber, was sie inden Lagern durchgemacht hatte, hemmte mich dabei �berhaupt nicht. �ber meine Gnadenlosigkeit wunderte ich mich nat�rlich, schwor mir aber, sie lebensl�nglich geheimzuhalten.</p><p>Wegen meiner schmerzenden Hand war ich lange krankgeschrieben und mu�te meine Handgelenke konsequent schonen. Was ich in dieser Zeit allerdings problemlos �ben konnte, waren Luftschl�ge. Wenn mir danach war, wenn ich unbedingt meine Wut loswerden wollte, konnte ich in die Luft schlagen, wie ich wollte. M�glichst mit der ultimativen Karate-Wucht, die sich bekanntlich im ganzen K�rper zu sammeln hat und letzten Endes geistiger Natur ist. Gya-ku-zuki, Oi-zuki, Nagashi-zuki, Kizami-zuki, Ren-zuki, Dan-zuki, Morote-zuki, Age-zuki, Ura-zuki, Kagi-zuki, Mawashi-zuki, Awase-zuki, Yama-zuki, Heik�-zuki, Hasa-mi-zuki, Uraken-uchi, Kentsui-uchi, Haji-ate und so weiter. Seltsamerweise war das Schattenboxen fast genauso befriedigend wie das �ben mit Holz- oder M�rtel-Vollkontakt. Bei diesen �bungseinheiten erschien vor meinem fern�stlichen Auge oft meine Erzeugerin, ausgerechnet sie, immer wieder. Ich �bte weiter und versuchte, ihre phantasierte Pr�senz zu ertragen. Bei meinen l�cherlichen Lufthampeleien wurde mir aber auch klar, da� Mutter garantiert nur einen geringen Bruchteil meiner Wut verdient hatte. Ein Monster war sie nicht. Nur ich war langsam dabei, eins zu werden.</p><empty-line/><p>essen?�� hier kann man nicht essen �</p><p>DAS kann man wirklich nicht essen Die gemeinsamen Ausfl�ge mit meiner Mutter waren zwar meistens grauenvoll, trotzdem dr�ngte ich schon seit l�ngerem darauf, unbedingt einmal nach Christianstadt in Polen zu fahren. Meine Mutter redete sich immer wieder heraus und sammelte Argumente, die gegen diese Fahrt sprachen. In die Gegend f�hre sonst niemand, meinte sie, niemand kenne den Zustand der Stra�en, und was aus dem ehemals deutschen St�dtchen nach dem Krieg geworden sei, stehe sowieso in den Sternen. Und Hotels gebe es dort hundertprozentig auch nicht. Sie hatte sicherlich recht � ich wollte aber trotzdem hin. Die Stadt liegt nur etwa 120 Kilometer Luftlinie n�rdlich des Isergebirges. Da� sie heute niemand mehr kennt, liegt unter anderem daran, da� es diese Stadt dem Namen nach nicht mehr gibt � auch ihr fr�herer polnischer Name Krzystkowice existiert nicht mehr. Aber auch als Christianstadt noch einen Namen hatte, war die Stadt nicht �berregional bemerkenswert � und nachdem sie es geworden war, durfte davon aus Gr�nden der Geheimhaltung m�glichst niemand erfahren. In den Christianst�dter W�ldern befand sich w�hrend des Krieges die � was die Produktionsmengen anging � gr��te Munitionsfabrik des Dritten Reiches.</p><p>Trotz Mutters Unlust bereitete ich die Fahrt � MEINEN Ausflug � systematisch vor. Das war allerdings gar nicht so einfach. Auf manchen Karten tauchte nicht einmal der Name Krzystkowice auf, sondern nur das unweit liegende Nowogr�d Bobrz. Nachdem ich einige, auch �ltere Karten miteinander verglichen hatte, konnte ich unser Ziel aber endlich eingrenzen.�Bobrz. �hatte eindeutig mit dem diefr�here niederschlesische Grenze bildenden Flu� Bober zu tun. Am linken Flu�ufer, also auf der brandenburgischen Seite, gab es au�erdem noch einen Bahnhof � und die Eisenbahnlinie kreuzte den Flu� n�rdlich der beiden wichtigen Zufahrtstra�en. Der Bahnhof konnte nur der von Christianstadt sein, und Nowogr�d � die Stadt auf dem schlesischen Ufer � war eindeutig das fr�here Naumburg. Leider wu�ten einige von mir befragte Historiker �ber diese Lokalit�ten noch weniger als ich, sogar im J�dischen Museum konnte mir niemand sagen, was dort �berhaupt noch zu finden sein k�nnte. Da� das von der SS unterhaltene Au�enlager Christianstadt verwaltungstechnisch zum Konzentrationslager Gro� Rosen geh�rte, war mir dagegen nicht neu, das wu�te meine Mutter schon von damals. Das viel bekanntere Lager Gro� Rosen � Rogoznica � lag von Christianstadt aber sehr weit entfernt, fast hundertf�nfzig Kilometer. Zum Komplex Gro� Rosen geh�rten sowieso weit �ber hundert andere, weitverstreute Au�enlager. Auch Mutters Freund riet uns von der Fahrt dringend ab. Das ganze Gel�nde sei sicher chemisch oder sonstwie verseucht, meinte er � falls es �berhaupt zug�nglich sein sollte.</p><p>��Und wenn das Gel�nde jetzt von der polnischen Armee genutzt wird? Ihr kommt da vielleicht gar nicht rein.</p><p>In der Hohen Tatra hatten die Polen als unerm�dliche Schmuggler und Schwarzh�ndler keinen besonders guten Ruf, ich liebte sie aber trotzdem uneingeschr�nkt, ohne da� ich es begr�nden konnte. Bei schlechtem Wetter lie� ich polnische Bergsteiger oft im Holzschuppen der H�tte �bernachten und wurde bald als Hehler verspottet, schlie�lich nannte man mich� polnischer Vater�. Schon als ein solcher � ich hatte bei meinen polnischen Br�dern einiges gut � wollte ich mich von meiner Reise nicht abhalten lassen.</p><p>Eines Tages war es trotz aller Widerst�nde soweit. Ich besorgte einige Zloty, borgte mir ein Auto, und wir fuhren los. Vor uns lag nicht nur ein kurzer Ausflug, sondern einganzes gemeinsames Wochenende. Die Stimmung war nicht schlecht � auch meine Mutter hatte inzwischen die Neugier gepackt. Sie sah mich gern Auto fahren, und ein Ausflug an meiner Seite war genau das, wovon sie nicht genug haben konnte. Au�erdem hatten wir es kurz vor dieser Fahrt tats�chlich geschafft, uns einigerma�en zu vertragen. Mir pers�nlich half dabei ein kleiner Trick. Wenn mich meine Mutter mit irgendwelchen doppelb�digen Angeboten manipulieren wollte, mich mit ihren gernunsichtbaren F�den einwickeln wollte, �berlegte ich mir � um nicht w�tend zu werden � lieber einen passenden Scherz. Der sollte sie zwar treffen, er mu�te aber einigerma�en harmlos sein � so da� auch sie �ber ihn lachen konnte. Mit dieser Art Umgang konnten wir beide ganz gut leben. Meine Mutter lachte gern � notfalls auch �ber sich selbst � , und mir fiel es absolut nicht schwer, sie zu verspotten.</p><p>Wir fuhren in Richtung Norden, eine kleinere Landstra�e lang. Es war eine Nebenstrecke, die Onkel ONKEL angeblich oft nutzte. Auch mein Vater hatte sie mir einmal angepriesen. Diese Strecke war k�rzer als die von den meisten befahrene Ausfallstra�e, hatte allerdings einen unangenehmen Abschnitt, der mit gro�en Schildern als� Unfallschwerpunkt �gekennzeichnet war. Auch Onkel hatte wiederholt von den t�ckischen Gefahren gesprochen, die dort allen unaufmerksamen� Sonntagsfahrern �drohten. Diese Stra�e ist in einem etwa f�nf Kilometer langen Abschnitt vollkommen gerade � und f�hrt neben einer ebenfalls schnurgeraden Eisenbahnstrecke entlang.</p><p>��Die Aufmerksamkeit l��t nach, und beim �berholen brauchten die Unerfahrenen unbedingt mehr B�ume, um die Geschwindigkeit des Gegenverkehrs absch�tzen zu k�nnen.</p><p>Mein Onkel hatte recht. Meine Mutter und ich unterhielten uns, meine Aufmerksamkeit lie� nach, und als uns eine junge Frau auf dem Fahrrad entgegenkam und mir Unmengen an NACKTER HAUT zeigte, streifte ich leicht einen Pfeiler � zum Gl�ck war dieser nicht aus Stein, sondern aus Plastik. Meine Mutter begriff den Zusammenhang nat�rlich sofort. Der frische Kratzer an der Autot�r war zum Gl�ck kaum zu sehen. Und unser Bekannter war nicht engstirnig. Das Auto war sowieso voller Verletzungen und hatte au�erdem etliche naturbelassene Dellen, die an den Knickstellen bereits rosteten. Wir fuhren weiter, und ich nahm mir vor, ab sofort alles richtig zu machen. Ich hatte die ganze Strecke bis nach Christianstadt genau studiert und mir die Nummern der einzelnen Landstra�en notiert, mein Notizbuch und die Karten lagen allerdings noch auf dem R�cksitz. Als sich die erste entscheidende Abfahrt n�herte, sah ich, da� meine Mutter eingeschlafen war. Das war ung�nstig. Bei uns zu Hause galt der Schlaf als etwas Heiliges und jemanden zu wecken als grausam. Ich hielt also nicht an und bog ab, ohne nachzuschauen. Ich war mir sowieso sicher, den Weg kartographisch gut im Ged�chtnis zu haben � und das stimmte in diesem Fall auch. Einen b�sen Fehler beging ich erst viel sp�ter irgendwo in Liberec. Schon im Zentrum und dann auch am h��lichen Stadtrand boten sich immer wieder M�glichkeiten zum Abbiegen. Ich entdeckte aber �berhaupt keine f�r mich relevanten Richtungsschilder. Entweder waren sie gerade rostgeschw�cht zu Boden gegangen oder waren wenig intelligent angebracht � oder sie waren derma�en verdreckt, da� ich sie �bersehen hatte. Einige andere Schilder, die lesbar waren, hatten mit meiner geplanten Route wiederum nichts zu tun � schien mir jedenfalls. Ich fuhr also einfach die Hauptstra�e weiter, wunderte mich nur �ber ein linksseitiges Fl��chen und die Position der Berge. Etwas sp�ter begann ich den Ort Frydlant zu vermissen.</p><p>An sich hatten wir gar keinen zwingenden Grund, nach Polen anders als �ber die polnische Grenze zu fahren � also direkt nach Norden. Jetzt waren wir leider l�ngst auf demWeg in die Deutsche Demokratische Republik. Die weiter westlich liegende Wegvariante via DDR hatte ich bei der Planung l�ngere Zeit sogar favorisiert. Die Strecke w�re nicht wesentlich l�nger gewesen, die Stra�en eventuell besser � und Christianstadt lag beispielsweise in der H�he der Stadt Forst nur vierzig Kilometer hinter der Nei�e. Meine Mutter wachte auf, zum Umkehren hatte ich keine Lust mehr. Ich sagte ihr nur, ich h�tte mich spontan f�r eine andere Strecke entschieden. In Mutters verschlafenen Augen sah ich etwas Angst, die steilen H�nge links und rechts der Stra�e hatten tats�chlich etwas Bedrohliches, es begann zu regnen. Das ganze Bergtal sah an sich schon wenig einladend aus, und wie freundlich uns die vor uns liegende DDR empfangen w�rde, war unklar.</p><p>Aber das war lange nicht alles, was sich im voraus nicht absch�tzen lie�. Aus dem ganzen KZ-Bekanntenkreis meiner Mutter � die �briggebliebenen� Christianstadtm�dels �trafen sich regelm��ig � war in Christianstadt bislang niemand gewesen. Man war stolz auf uns und hatte uns gutes Gelingen gew�nscht. Ich bekam von den Damen sogar einige Skizzen �berreicht � leider stimmten diese Zeichnungen und Lagepl�ne kaum miteinander �berein. Bei dem letzten gemeinsamen Treffen sahen uns einige der Frauen etwas mitleidig an. Niemand aus ihrer Verwandtschaft hatte sich vor uns auf den Weg gemacht, in der J�dischen Gemeinde war einmal eine Gruppenfahrt im Gespr�ch gewesen, man hatte sie aber nie ernsthaft geplant.</p><p>Wir fuhren schweigend weiter, und meine Mutter, die nachts nur wenig schlafen konnte, �bergab mir die ganze Verantwortung und schlummerte wieder ein. Als wir zum Grenz�bergang Varnsdorf kamen, hielt ich auf der Seite einer unsinnig breiten betonierten Fl�che. Leider nicht unmittelbar vor den Grenzerh�uschen, sondern viel zu weit abseits � vielleicht auf einem Schandplatz f�r ertappte Zolldelinquenten. Ich wollte erst einmal meine Mutter wecken.in Ruhe unsere Ausweise hervorholen und mir die Details der neuen Route einpr�gen. Das umliegende Areal war gespenstisch leer. Es sah danach aus, als ob sich hier einige Macken der k�hl und planerisch denkenden Ostdeutschen ausgesamt h�tten. Was Platzangst ist � oder von mir aus agoraphobische Depression � , wu�te ich schon seit meiner ersten �berquerung des menschenleeren Alexanderplatzes an einem Sonntag in Ostberlin. Ob unser Auto noch auf dem tschechischen oder � so weit abseits und weit vorn � schon auf deutschem Boden stand, war unklar.</p><p>Gerissene Mangelwarenschmuggler h�tten sich sicher nicht so auff�llig verhalten wie wir, trotzdem erregte unser unlogisch abgestelltes Auto gro�es Mi�trauen. Aktiv wurde man aber nur in den deutschen Baracken; auf dieser Grenzlinie war man � was die slawischen Eindringlinge betraf � sicher schon einiges gewohnt. Den lethargischen Tschechen waren wir offensichtlich egal. Unser Drama konnte beginnen. Die DDR-Uniformen mit den oben aufgeplusterten und unten engen Breecheshosen, den hohen Schaftstiefeln, enganliegenden Jacken und durchgebogenen M�tzenb�den sahen den fr�heren Uniformen bis auf die Farbe und die fehlenden Hakenkreuze erstaunlich �hnlich. Aber Tradition ist Tradition, nach dem Krieg hatte man sich f�r diese �hnlichkeit offensichtlich bewu�t entschieden. Als die drei Nazi-Gestalten von zwei Seiten auf uns zukamen, erwachte das j�dische M�dchen neben mir aus schwerer Bewu�tlosigkeit. Es ri� die Augen auf, dann die T�r � und meine Mutter begann zu rennen, wie ich sie noch nie hatte rennen sehen. Vor dreiunddrei�ig Jahren war sie in der gleichen Gegend vom Todesmarsch gefl�chtet, es war nur ein St�ck weiter n�rdlich von Varnsdorf. Jetzt lief sie dummerweise nicht irgendwelchen Befreiern, besser gesagt der dr�hnenden Front entgegen, sondern nur weg. Die auf eine derartige Dreistigkeit nicht vorbereiteten M�nner rannten ebenfalls los, hatten gegen meine flinke Mutterallerdings keine Chance. Ihre Hosen und Stiefel sahen zwar z�nftig aus, vor allem die engen Schaftstiefel waren aber nicht schnellauftauglich. Au�erdem st�rte den einen seine Maschinenpistole, den anderen seine nicht korrekt verschlossene Stempeltasche, aus der bei jedem Sprung mehrere gelbe Karteikarten herausfielen � und der dritte Mann war einfach zu dick. Ich erstarrte und �berlegte mir ein mannhaftes deutsches Wort, um meiner Mutter einen drohenden Schu� in den R�cken zu ersparen.</p><p>��Halt, stehenbleiben! br�llte ein Grenzer � preu�isch streng und tierisch laut. Mein gesamter deutscher Wortschatz war kurzzeitig wie schockgefroren. Die milit�rische Diktion der Deutschen kannte man als Tscheche ausgesprochen gut � vor allem aus Kriegsfilmen, in denen man die Deutschen mit Vergn�gen auf Deutsch br�llen lie�.</p><p>Mit Antikriegsfilmen wurde man als B�rger der Tschechoslowakei sowieso kontinuierlich und mehr als gro�z�gig versorgt. Die Nazis wurden in ihnen von schmalgesichtigen DDR-Schauspielern gespielt, und wenn sie zwischendurch tschechisch sprachen, sprachen sie mit einem grauenhaften Akzent. So und nicht anders sprachen f�r uns einfach musterg�ltige Feinde � die musterg�ltigsten Feinde der ganzen Menschheit. Meine Mutter und ich waren pl�tzlich zur�ck im Krieg.</p><p>��S��tafte! To je posledni farow�ni! br�llte der Mann in einem unbeschreiblichen Tschechisch. Einer der Verfolger zog tats�chlich seine Waffe und scho� in die Luft.</p><p>��Das meine Mutter! br�llte ich endlich, SIE NUR SCHLAFEN!</p><p>In dem Moment scho� jemand von einer anderen Stelle zwei Leuchtraketen in den Himmel, Sirenen heulten los. Und man konnte bald beurteilen, wie gut die Deutschen auf meine Mutter vorbereitet waren. Aus irgendwelchen Buden rannten einige etwas unvollst�ndig angezogeneM�nner heraus. Diese Verst�rkung hatte vorschriftswidrig keine Jacken an und kaute noch � ihre Waffen schien die ganze Mannschaft aber auch beim Essen nicht abgelegt zu haben. Die bepistolten M�nner verstreuten sich im Gel�nde und kreisten meine Mutter ein.</p><p>Das Verh�r war kurz und schmerzlos, meine Mutter brauchte im Grunde nur ihre Auschwitznummer an ihrem Unterarm zu zeigen. Wir bekamen Kaffee, und man bot uns wunderbares Schwarzbrot an � leider waren die Scheiben mit einer Wurst belegt, von der uns ein Schweinsgesicht anl�chelte, und wir lehnten ab. Die gutgemeinten Belehrungen nahmen nebenbei kein Ende. Als wir herauskamen, erkannte ich das Auto nicht wieder. Eine andere Mannschaft � die technische Abteilung offenbar � nahm es, so gut es ging, auseinander. Alle T�rverkleidungen waren abgenommen, alle Matten herausgerissen, Tank ausgepumpt, Reservereifen abgezogen und ohne Luft. Korrekt wie sie waren, �ffneten sie unser Gep�ck erst vor unseren Augen. Zusammenbauen sollte ich das Auto anschlie�end selbst. Nach der Intervention eines Offiziers half man mir aber.</p><p>Wir �berlegten kurz, zur�ck nach Prag zu fahren, wollten aber keine Feigheit vor dem Feind zeigen. Au�erdem sah das Wetter wieder besser aus, und es gab auch die M�glichkeit, Geld zu tauschen. Wir passierten die Grenze, und ich konnte endlich in Ruhe meine Karten studieren. Die DDR-Route kam mir jetzt sogar g�nstiger vor als die polnische, auf alle F�lle war sie weniger bergig. Die vor uns liegende Strecke m��te au�erdem eine gutausgebaute Hauptstra�e sein. Auf dem Weg lagen Zittau und Ostritz, nach Polen wollte ich anschlie�end �ber den Grenz�bergang in G�rlitz. Und in Zgorzelec k�men wir dann wieder auf die urspr�nglich anvisierte Route zur�ck. Wir fuhren los und sahen uns unterwegs alles neugierig und genau an.</p><p>��Das war hier alles slawisch, dieses�-tz �ist eigentlich�-ce �wie Roudnice. Weiter westlich endet wieder alles mit� ow�, lenkte meine Mutter das Gespr�ch vom Eigentlichen ab � uns erwartete noch der n�chste Grenz�bertritt.</p><p>Nachdem wir einige Ortschaften passiert hatten, bekam ich das Gef�hl, im Land der ostdeutschen Demokraten ginge irgend etwas streng Seltsames vor sich, was ich aus meiner Heimat �berhaupt nicht kannte. Hier schien die Realit�t dergestalt zu stocken, da� sich alles Lebendige mehr oder weniger versteckt hielt, sich in Behausungen einbunkerte oder in Erdl�chern einmietete. Und dort in den Hohlr�umen sich vielleicht zus�tzlich das Schrumpfen verordnete oder sich f�r den Wiedereintritt in die Oberfl�chenatmosph�re darin �bte, durchsichtig zu werden. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, alle potentiellen Zuckungen und Regungen w�rden sich, falls es sie da oder dort eventuell gab, meinen egal wie weitwinklig schweifenden Blicken und meinen gezielten Fokussierungen geschickt entziehen. Aber woher kam diese Leere tats�chlich? Alles Lebendige konnte sich doch nicht die ganze Zeit mit Erdw�hlen, Schrumpfen oder mit transluzidmachendem Lichtfluten besch�ftigen. Mir fiel noch eine weitere Erkl�rungsvariante ein: Alles zuckend Lebendige k�nnte eventuell mit Spezialbulldozern zur Seite geschoben, sauberkantig geschichtet auf Paletten verladen und weitab aller Ausflugsstrecken abgestellt worden sein.</p><p>Ich kannte das flache Land DDR im Grunde nur vom Zug aus, war dort nie quer durch kleine St�dte und D�rfer gefahren. Wie paradigmatisch der menschenleere Alexanderplatz war, konnte ich nicht ahnen. Jetzt sah ich, da� auch auf zentral liegenden Marktpl�tzen oder singul�ren Hauptstra�en kleiner D�rfer genau die gleiche Leere um sich griff. Zus�tzlich wirkte auch die fl�chendeckende zwanghafte Ordnung und Sauberkeit � trotz lokal begrenzter baulicher M�ngel � undurchschaubar be�ngstigend. Meine alte Alexanderplatz-Beklemmung war wieder vollst�ndig wach. Die Vorg�rten wirkten wie gek�mmt, h��liche Z�une warenschmuck gestrichen, Auffahrten abgezirkelt und alles �brige �hnlich perfekt gegl�ttet und saubergefegt. Und wenn ich das Auto abbremste und genauer hinsah, entdeckte ich in den vorgelagerten G�rten tats�chlich keinen einzigen Unkrauthalm, keine abgefallenen Bl�tter oder vertrockneten Bl�tenbl�ttchen. Deutscher Boden � ALLES SCHWARZ! Auf einem Grundst�ck sah ich einige gro�gewachsene Tannen, also ein kleines W�ldchen � und der Boden dieses W�ldchens machte allen Ernstes einen fast besenreinen Eindruck. Ich hielt an und wollte mir dieses St�ck Unnatur noch einmal ansehen. Tats�chlich lag dort keine einzige trockene Baumnadel herum. An eine der Tannen stand sogar ein einsatzbereiter Besen gelehnt. Niemand kam auf mich zu, nichts r�hrte sich, nicht einmal eine Gardine bekam Zuckungen.</p><p>��Vielleicht bringen sich hier die Menschen in gro�em Stil um, um der Welt noch etwas mehr Ordnung zu spendieren oder f�r j�ngere Mitmenschen Platz zu schaffen. Und die Rentenkasse w�rde dadurch auch stark entlastet! Gute Genossen sterben doch mit f�nfundsechzig, nicht wahr?</p><p>��Wie das? Was spendieren? fragte meine Mutter unkonzentriert.</p><p>��Oder die Leute kasteien sich hier in Eigeninitiative � eben mit dieser Reizarmut und Leere. Pflichtbewu�t, beladen mit schlechtem Gewissen und kosteng�nstig obendrein. Meine Mutter war von der Gek�mmtheit des D�rfchens auch angewidert, wollte dar�ber aber nicht weiter scherzen, wir fuhren weiter. Es war Sonnabendmittag, alle a�en eventuell gerade ihr Mittagessen � und wenn sie es momentan tats�chlich taten, taten sie es extrem p�nktlich. Die DDR sah hier jedenfalls wie nach dem Einschlag einer Neutronenbombe aus. Etwas sp�ter wirkte diese strenggeb�rstete Welt aber immer noch nicht viel lebendiger. In einem Dorf stiegen wir aus und liefen kurz herum. Die Backsteinkirche gefiel uns, der neben ihr liegende Friedhof wirkte idyllisch.sah regelrecht einladend aus. Was wir dort entdeckten, taugte allerdings wieder eher zum Gruseln. Auf dem Gel�nde tobte offenbar ein t�dlicher Konkurrenzkampf � und es mu�te tats�chlich ein knochenharter Wettbewerb sein, der dort ausgetragen wurde. Ein Grab war sch�ner und abgezirkelter als das andere, ordentliche Bepflanzung �berall, ich konnte keine Unregelm��igkeiten entdecken, kein Grashalm spro� dort, wo er nicht wachsen sollte. Pfl�nzchen, die man als UNKRAUT bezeichnen k�nnte, gab es auch im weiten Umkreis der Gr�ber nicht. Auf den Wegen zwischen den Gr�bern sah man nicht einmal Schuhabdr�cke � auch der pflanzentote Hauptweg, auf dem wir liefen, war frisch geharkt. Wir hinterlie�en eine sch�ndliche Doppelspur.</p><p>��Diese Wege sehen aus wie Todesstreifen, oder? Und wir sind hier schon wieder die Grenzverletzer � heute zum zweiten Mal.</p><p>Jeder Winkel des Friedhofs wirkte wie geleckt, bis in die letzte Ecke war nichts unber�hrt gelassen worden. Und nach dem Beenden der verbissen-agilen Vernichtungspflege mu�ten die Menschen ihre Harken hinter sich her gezogen haben. Und wie gerade! Sie schlenderten dabei nicht einmal, keine zuf�llige Abweichung war zu sehen. Aber auch alle vegetationslosen Zwischenr�ume auf den Gr�bern selbst waren ohne jegliche Ausgelassenheit beharkt worden � bei ihrer geometrischen Schraffierung hatte man sogar noch strenger auf Parallelit�t geachtet als auf den Wegen. Nur um die Kr�mmungen sah man eine mit ruhiger Hand gef�hrte, der Rundung folgende Harkenspur. Da und dort gab es sogar Kratzmuster, die �ber Kreuz gef�hrt worden waren. Mein Favoritgrab wies ein Rhomboidmuster auf. Das war eindeutig das Werk des ortsbesten Gro�meisters, also des feingeistigsten Todes�stheten unter den Entropiegeilen.</p><p>��Stell dir vor, sagte ich, Sartre und Camus treffen sich hier in der ostdeutschen Provinz und philosophieren �berdas Leben, den Tod und die H�lle. W�re das ein Theaterst�ck!</p><p>��Sicher gro�artig � nur total langweilig, meinte meine Mutter.</p><p>Wir fuhren weiter und bekamen langsam Hunger. Wir kannten Ostberlin ein wenig, wir kannten au�erdem noch die Ostsseek�ste. Mit dem Essengehen war es in Ostdeutschland nie ganz einfach, da� es aber so weit kommen k�nnte, da� man gar nichts zu essen bek�me, wu�ten wir nicht. Meine Mutter fragte einen Mann aus dem Auto heraus � er sah uns von Anfang an wie zwei Volltrottel an.</p><p>��Essen? Hier kann man nicht essen. Die Kneipe macht erst um f�nf auf.</p><p>��Und gibt es wenigstens dann etwas zu essen?</p><p>��Bockwurst haben die sicher. Vielleicht auch S�lze? Ich wei� es nicht. Wir fuhren weiter, um es woanders zu versuchen.</p><p>��Hast du etwas verstanden? fragte ich meine Mutter.</p><p>��Ja. Zum Gl�ck war das kein S�chsisch.</p><p>In G�rlitz kamen wir schlie�lich v�llig ausgehungert an. Langsam war es eventuell zu sp�t zum Einkehren, hatten wir das Gef�hl � bei der hier tickenden Strenge. Die Stadt war in einem f�rchterlichen Zerfallszustand. Im Krieg war sie, wie man sah, zwar verschont geblieben, die sozialistische Zerst�rungsfront war hier aber l�ngst durchgezogen. Viele der H�user hielten sich mit letzter Kraft noch gerade, in den Seitenstra�en waren aber einige von ihnen schon mit gewaltigen Balkenkonstruktionen abgefangen und gest�tzt worden. Abgeplatzter Putz, kaputte Dachziegel und Splitter von Ziegelsteinen lagen dort auf den Stra�en weitgestreut herum, und die Menschen umkreisten sie � oder auch nicht. Trotzdem galt in diesen Seitenstra�en offenbar noch keine Helmpflicht. Wenn man irgendwo in offene Fenster der Parterrewohnungen hineinlugen konnte, herrschte dort dagegen eine perfekt minimalistische Starre.Eine solche Diskrepanz zwischen Innen und Au�en war auf der Welt m�glicherweise einmalig, dachte ich. In den Zimmern sah es aus, wie wenn bald geschlossene Formationen apokalyptischer Himmelsrichter ins Land einfallen sollten.</p><p>��Vielleicht stehen hier alle Mieter unter Dauerhypnose, sagte ich laut, ohne auf eine Reaktion meiner Mutter zu hoffen.</p><p>In einem St�ck von Beckett h�tte eine aufsicht-habende und in einer Wandluke steckende Frau � beispielsweise� Erstarrung-vom-Dienst �genannt � auftreten und endlosschleifend wiederholen k�nnen:�Hast du f�r den Fall deines Ablebens deinem Staat und deinen Kindern keine unn�tige Entsorgungsarbeit hinterlassen? Stimmt in deiner Wohneinheit auch die schrank- und kommoden�bergreifende Systematik beziehungsweise die Feinsortierung im Inneren deiner Schubf�cher? Hast du alle Kleider, die du nicht mehr ben�tigst, der Volkssolidarit�t �bergeben?�� Hast du f�r den Fall deines Ablebens deinem Staat und deinen Kindern keine unn�tige Entsorgungsarbeit hinterlassen? Stimmt in deiner Wohneinheit auch die schrank- und kommoden�bergreifende Systematik��</p><p>Zum Gl�ck schickte uns jemand tats�chlich bald in Richtung einer SPEISEGASTST�TTE. Diese sollte gleich am Rande der Altstadt liegen und tats�chlich warmes Essen anzubieten haben. Unterwegs auf der Landstra�e gab es mehrere Einrichtungen, die sich ebenfalls stolz Speisegastst�tten nannten. In einer, die nicht geschlossen war, h�tten wir sogar kalten Wurstaufschnitt essen k�nnen. Wir brauchten aber unbedingt eine warme Mahlzeit. Wir n�herten uns jetzt dem E�tempel, dieser Lausitzer Perle der S�ttigungskunst. Schon das Geb�ude wirkte kurios, so etwas wie dieses Restaurant kannte ich nicht. Die Ostdeutschen hatten nicht nur ihre standardisierten Kaufhallen aus massivem Beton gebaut, sie hatten genauso auch ihre FRESSHALLENaus Betonplatten hoch-, besser gesagt flachgezogen. Wir betraten eine solche Halle zum ersten Mal.</p><p>Auf der Stra�e standen einige Trabants und Wartburgs, aber nicht �bertrieben viele, auf der Treppe und im Vorraum sahen wir niemanden. Das waren wir inzwischen gewohnt. Dann kam aber der Schock � das Innere des unendlich gro�en Raums war brechend voll, trotz der fortgeschrittenen Zeit. Offenbar speisten hier alle Menschen aus der weiten Umgebung, die sich � egal wie zeitversetzt � etwas Gutes antun, sich an diesem Tag eben verw�hnen lassen wollten. Und die meisten kamen eventuell aus gesundheitlichen Gr�nden zu Fu�. HIER WAREN SIE JETZT ALSO ALLE � ausnahmsweise aufs Bedientwerden eingestellt, hochkonzentriert, zentralisiert in einer echten KONZENTRATIONSGASTST�TTE. In weiter Ferne sah man eine Kellnerin mit einem riesigen Tablett herumstolpern, sonst keine weiteren Kellnerkollegen. Wir blieben kurz stehen. Alle e�willigen G�ste sa�en brav und geduldig, massive Abspeise-Verz�gerungen hatte jede Familie offenbar fest eingeplant. Wenn es Gespr�che gab, dann nur im Fl�sterton. Gemessen an der appellplatzgro�en Fl�che war es in dem Raum gespenstisch still. Als wir uns wieder in Bewegung setzen und die Schwelle der Ess-Arena �berschreiten wollten, tauchte aus einer Seitent�r zuf�llig ein Kellner auf, hob warnend seine freie linke Hand, ri� den Mund auf � er mu�te aber nicht anfangen zu schreien. Wir zogen uns blitzschnell zur�ck � schon aus Angst vor m�glichem Leuchtpistolenfeuer.</p><p>��Wir werden sicher plaziert, das kenne ich schon, meinte meine Mutter.</p><p>��Bekommt man von einem so strengen E�regime nicht gleich Verstopfung?</p><p>Wir standen im Rahmen der halboffenen T�r, saugten uns mit den Augen an den wenigen vorhandenen Tellern der bereits Speisenden und auch an den leeren Tischdecken derMasse der hungrigen Dulder fest und verstanden vieles nicht. In dem vor Begierigkeit �berquellenden Raum tat sich viel zu wenig, um auf ein Ende des allgemeinen Wartedramas hoffen zu d�rfen. Und nach einem gl�cklichen Ausgang unserer Hungerfahrt sah es noch weniger aus.</p><p>��Ich wollte nie wieder einen solchen Hunger haben, sagte meine Mutter. Der Hunger war im Lager das Schlimmste, f�r mich sogar schlimmer als die Wanzen.</p><p>Auf der gro�en Fre�fl�che war es zwar erschreckend still, eine dumpf aufgepeitschte Spannung verbreiteten die Beteiligten aber trotzdem. Alle warteten auf irgend etwas, nicht nur auf ihr Essen, hatte ich den Eindruck. Vielleicht wollten sie doch etwas anders leben und auch vollkommen anders abgef�ttert werden � und die meisten wu�ten sicher, da� man theoretisch auch etwas w�rdiger bewirtet werden konnte. Aber sie warteten trotzdem wie eine Zuchtherde, die sich in ihr Schicksal seit Generationen gef�gt hatte. Wohin, also in welche Kan�le diese Menschen ihre Spannungen ableiteten, war mir unklar. Vielleicht wandelten sie ihre innere Geladenheit direkt in kompakten Schenkelspeck um.</p><p>Endlich erschienen in der T�r zur K�che zwei neue Kellner � gleichzeitig, wie vom sozialistischen Himmel geschickt, konnte man meinen. Offenbar war ihre E�- oder Rauchpause zu Ende gegangen. Diese beiden machten sich an die Arbeit, die Kellnerin mit dem stolprigen Gang und ihr strenggesichtiger Leuchtpistolenkollege verschwanden wieder � und waren in dieser Phase der G�stebek�mpfung l�ngere Zeit nicht zu sehen. Aber selbst wenn vier flei�ige Kellner gleichzeitig im Einsatz gewesen w�ren, w�ren sie immer noch viel zu wenige gewesen. Nachdem in der N�he der Eingangst�r, vor der wir standen, ein Tisch beliefert worden war, konnten wir sehen, was man hier zum Sattwerden bekommen konnte. Und glaubten unseren Augen nicht.- Was tun sich die Leute hier schon wieder an? fragte meine Mutter trotz ihres Hungers mitleidig.</p><p>Die ostdeutschen Teller waren riesig, gr��er als die gr��ten tschechischen. Und sie waren hochbepackt mit Unmengen von kaloriengeladenen Substanzen. Als erstes fielen uns riesige Portionen Fleisch und Sauerkraut auf. Das bestimmt dank Schweineschmalz gl�nzende Sauerkraut war zus�tzlich mit vielen Speckgrieben verziert. Neben dem Krautgebiet lagen noch Berge von Rotkohl � ROH! Berge von Wei�kohl � ebenfalls ROH! ein riesiger Haufen zerkochter Kartoffeln fand auf den Tellern auch noch gen�gend Platz. Au�erdem breiteten sich auf den Tellern solche Mengen einer tiefbraunen So�e aus, da� die vielen e�baren Inseln zu schwimmen schienen. Auf dem Kartoffelhaufen thronte zus�tzlich ein etwa f�nfzig Gramm schweres St�ck Butter. Wie wir da und dort bereits ersp�hen konnten, a� man hier im Vorfeld grunds�tzlich noch eine gehaltvolle Suppe � eine r�tlich dickfl�ssige Abart eines Suppengulaschs mit Fleisch-, Wurst- und Gurkenst�cken, auf dessen Oberfl�che hohe Sahneh�ubchen schwammen. Die meisten dieser Esser in Warteschleife hatten sie sicher schon weggel�ffelt und dazu zwei angekohlte Toastbrot-Dreiecke gegessen, an manchen Tischen wurden diese allerdings noch zur�ckgehalten. Die Leute hatten sich also schon anfangs � und alles andere als schmalhansig � st�rken k�nnen. Den in einem extra Sch�sselchen servierten Einheits-Salat, der h�chstwahrscheinlich wieder nur aus geraspeltem und etwas abgeschmecktem Wei�kohl bestand, hatten die meisten auch schon verputzt. Vielleicht f�hlten sich einige dieser Egal-was-Verputzer damit schon einigerma�en abgef�llt und w�ren am liebsten nach Hause gefl�chtet, wenn sie sich das getraut h�tten. H�tten es ihnen die anderen anwesenden E�kader, also die auf Einheit, Gleichheit und Br�derlichkeit � DRUSCHBA!�� eingeschworenen Instanzen aber erlaubt? Und was ganz bestimmt auch nicht gestattet war: den Nicht-jedermannsSache-Wei�kohlsalat samt Sch�sselchen an die stellenweise undichten, mit Sauerkrautplatten w�rmeisolierten Au�enw�nde zu werfen. Jedenfalls sah man den tapferen M�nnern und Frauen an, da� sie litten � und wer wei�, wie lange schon; wie lange an diesem Tag, wie lange �berhaupt. Also seit welcher Lebensminute nach ihrer Geburt.</p><p>Diejenigen, die ihr Hauptessen vorgesetzt bekommen hatten, arbeiteten sich auf ihren rundtablettgro�en Tellern langsam, aber konsequent durch. Sie gingen offenbar nur selten aus und wollten ihre im Grunde amtlich bemessenen und ihnen gnadenlos zugeteilten Portionen bestimmt auch aus Pflichtgef�hl vertilgen � und vor ihren h�rtegepr�ften Mitmenschen sowieso keine Schw�che zeigen. Au�erdem hatten sie sich den Tisch hundertprozentig mit viel Geduld erk�mpft und hatten davor eine Ewigkeit in der Schlange gestanden! Eine Tischgemeinschaft in der N�he unseres Beobachtungspostens bekam wie aus heiterem Himmel � und sogar gleichzeitig � ein ganz anderes Gericht vorgesetzt. Und alle hatten das gleiche bestellt: fettriefende riesige Schnitzel, die gro� wie gro�fl�chige Pu�ta-Palatschinken waren.</p><p>��Nein! rief meine Mutter pl�tzlich laut.</p><p>Viele der Fre�s�cke blickten wegen dieses lauten Gef�hlsausbruchs b�se auf, und meine Mutter entschuldigte sich umgehend mit einigen h�flichen Handzeichen, legte sogar ihre Hand kurz auf ihren ungezogenen Mund.</p><p>��Ist mir rausgerutscht, tut mir leid, sagte sie noch halblaut in ihrem Prager Deutsch.</p><p>��Was ist los? fragte ich.</p><p>��Die Schnitzel schwimmen auch in einer So�e, ich glaube in der gleichen braunen So�e wie das Schmorfleisch, stell dir das vor! Die knusprige Panade wird doch gleich vollkommen pappig � und das sind dann doch keine Schnitzel mehr, oder?</p><p>Die Fresserei ging weiter, schmutzige Teller wurden nach einer l�ngeren Wartezeit sogar weggetragen � nicht ganzsystematisch, eher nach einem Zufallsprinzip, aber immerhin. Streng global betrachtet dauerte der allgemeine Stillstand aber doch weiter an. Dieser Eindruck wurde durch die K�rperhaltung derjenigen G�ste unterstrichen, die eindeutig l�ngst fertig waren, trotzdem aber regungslos sitzen blieben. Manche hatten sogar schon bezahlt, wie wir mit unseren eigenen Augen sehen konnten. So nahm ich schlie�lich an, da� die Sitzenbleiber ihre Tische mit Absicht blockieren wollten, und ich bekam Angst um uns. Die Atmosph�re im Raum war jedenfalls weiter voller offener Fragen, die mir und meiner Mutter das Warten nicht einfacher machten. Ich mu�te an eine Situation in einem Prager Park denken, wo ich auf einer Bank Mayonnaisesalat essen wollte � direkt vom weichen Packpapier, in dem ich die leckere Pampe gekauft hatte. Ich a� das schmierige Zeug mit Hilfe eines Br�tchens, ich a� es unelegant, unappetitlich und unversch�mt � einfach eine Spur zu �ffentlich. Und ich kam mir dabei � je mehr mayonnaiseverschmiert ich war � wie ein Sabberschwein vor. Viele schauten mich angewidert an, und ich verstand es erst einmal nicht ganz. Trotzdem mu�te ich den nicht essenden Parkbesuchern nachtr�glich recht geben � an meinem Verhalten war nat�rlich etwas Anst��iges. Ich hatte mich wie ein �berbed�rftiger, �rgerniserregender Oralonanist und � exhibitionist aufgef�hrt. Vielleicht sch�mten sich diese Menschen hier in der ostdeutschen Fre�arena auch, �hnlich wie ich damals. Zweihundert Menschen, die sich sch�mten � so gesehen konnte diese Art Speisung der F�nftausend keine gutchristlichen Schwingungen erzeugen. Meine Mutter zog sich von der T�r etwas zur�ck, ich blieb die ganze Zeit in der zur H�lfte offenstehenden Einla�pforte stehen und versuchte, den �berblick zu behalten � nebenbei kam ich mir wie ein nicht ganz machtloser Block�ltester vor.</p><p>Die schleppende Abfertigung der Betonsaalgemeinde kam partiell doch leicht voran, in manchen Territorien tat sichdagegen kaum etwas. Die dortigen S�ttigungsgemeinschaften wirkten inzwischen vollkommen erstarrt. Bei meiner Supervision des Geschehens konzentrierte ich mich gelegentlich auf die Kellner, die eventuell � wie ich auf einem Plakat im Vorraum gelesen hatte � Gastronomiefacharbeiter hie�en. Wenn die in dieser Einrichtung aktuell t�tigen Facharbeiter gerade in Aktion waren, machten sie einen fast professionellen Eindruck, wirkten bei jedem ihrer Einzelauftritte aber extrem gehetzt � und wenn sie wieder verschwunden waren, sah man sie immer eine ganze Weile nicht wieder. Halfen sie zwischendurch etwa in der K�che aus und standen den mit Ohnmacht k�mpfenden K�chen bei? Die Stimmung der Kellnerschaft wurde � trotz ihrer Absenz-, das hei�t G�ste-Ausbiend-Zeiten � jedenfalls nicht besser, verschlechterte sich eher mit der Zeit, und besonders bei einem der Kellner hatte ich das Gef�hl, da� er die in seinem Bereich ausharrenden Bel�stiger am liebsten mit Eimern voller so�enangedicktem Sp�lwasser verjagt h�tte. Hinter uns tat sich pl�tzlich etwas. Ein f�r die Vorbereitung des Fre�nachmittags abgestellter Gastronomiefacharbeiter schob gro�e mehrst�ckige Wagen heran, in denen sich diverse Torten mit unmenschlich hohen Schichten gehaltvoller Cremes und F�llungen befanden. Diese Arbeitskraft fehlte jetzt aber eindeutig im Saal! Das Kaffeetrinken stand bei den Ostdeutschen aber offenbar extrem hoch im Kurs. Das Kaffeetrinken und Kuchen-Allemachen war hier im Lande eventuell sogar ein t�gliches MUSS, dachte ich � und an einem Wochenende durfte diese E�pflicht nat�rlich auch nicht unterbleiben. Aber wie stand es � eventuell kurz vor der Erbrechgrenze � um das nachtr�gliche sportive TRIMMEN des Volksk�rpers? Unterwegs war mir zuf�llig ein Plakat zum Thema Volksgesundheit aufgefallen:�Jedermann an jedem Ort, einmal in der Woche Sport!�</p><p>Endlich erhoben sich zwei Familien aus dem mittleren Abschnitt des Saals und wackelten in Richtung des Ausgangs � also mir und meiner Mutter entgegen. Die Frauen hatten unglaublich pralle �rsche und zus�tzlich seitlich hervorspringende H�ften und Schenkel. Diese K�rperpartien waren so m�chtig und �berproportional, da� sie den Charme von unter den R�cken linksseitig und rechtsseitig angebrachten Kinderbadewannen verbreiteten. Die M�nner trugen wiederum so viel an k�rpereigener Biomasse um ihre Brustk�rbe herum, da� ihre abstehenden Arme wie leicht gel�ftete Fl�gel wirkten � �hnlich wie man es bei den ans Fliegen denkenden Putern kennt. Diese Mannesm�nner mu�ten durch die Reihen der Sitzenden daher mit seitlich verdrehtem Oberk�rper schreiten. Dabei stie�en sie mit ihren vollen und schwer �berblickbaren Rundb�uchen gegen etliche Schultern der Sitzenden oder besch�digten die eine oder andere ordentlich hergerichtete Kinderfrisur. Eine Weile war wieder kein einziger Kellnersoldat im Einsatz, eventuell wollten sich diese verzweifelten Bewirtungsk�mpfer �ber ihren Ha� miteinander austauschen und sich dabei ihre Verzweiflungstr�nen abwischen. Was ihre Facharbeiterqualen anging, hatten sie unsere volle Sympathie � einen R�ckzug anzutreten und das Warten aufzugeben kam f�r uns Hungergebeutelte trotzdem nicht in Frage.</p><p>Wir trauten uns nat�rlich nicht, den Raum eigenm�chtig zu betreten. Die freigewordenen Tische waren sowieso noch voller schmutziger Teller, ich behielt sie genau im Blick. Kurz mu�te ich den Mastodonten, die hinauswollten, Platz machen � und mich streifte dabei kurz die Bef�rchtung, sie k�nnten in meiner N�he einen Kreislaufkollaps bekommen. Sie alle hatten ger�tete Gesichter, von Bluthochdruck tr�nenvolle, leicht hinausgedr�ckte Aug�pfel, au�erdem dicke H�lse, die aus verschwitzten Hemden quollen. Zu unserem Erstaunen verlie�en sie das Geb�ude aber nicht vollz�hlig. Einige wollten sich drau�en vielleicht kurz die Beine vertreten, zwei kleine Abordnungen blieben �berraschenderweise im Vorraum zur�ck und pflanzten sich schweigend hinteruns hin. Und wir wu�ten gleich Bescheid. Auch nachmittags w�rde es Probleme bei der Eroberung von Tischen geben. Halb G�rlitz und Umgebung w�rde die Halle st�rmen und mit den fetten Cremetorten die Sehnsucht nach dem finalen oder wenigstens halbfinalen Gl�ck stillen wollen. Und tats�chlich studierten die Leute hinter uns die in den zwei Tortenmobils thronenden Kreationen, trafen schon ihre Vorauswahl und verglichen murmelnd die Anzahl und die H�he der einzelnen Cremeschichten. Ich stellte mir vor, wie sie dann abends vor dem Fernseher noch ihre fetten Chips, gehaltvollen N�sse oder klebrigen Schokoladenriegel knabberten und dazu ihre ostdeutsche S��cola mit Vodka oder ihr Bier tranken. Und wenn nachts der Hunger doch noch wiederkam, schoben sie sich sicher dicke Stullen mit Kalbsleberwurst voller Schweinefett in die H�lse.</p><p>Als Berufstr�ger in den Bergen hatte ich mich mit der Ern�hrung ausgiebig besch�ftigen m�ssen, um beim Lastenschleppen nicht zusammenzubrechen. Einige Neuzug�nge, die nur f�r die Ferien kamen und ihre Kr�fte testen wollten, lie�en sich manchmal nicht beraten, a�en fr�h nur Haferflocken oder ein St�ck Brot. Oft mu�ten sie unterwegs ihre Kraxen stehenlassen und noch einmal kilometerweit fr�hst�cken gehen. Ich wu�te ziemlich genau, wo wie viele Kalorien steckten. Und Kalorien holten wir uns damals vor allem aus Fett. Auch alte slowakische Bauern beurteilten damals Wurstsorten � selbst wenn es sich dabei um etwas Edles wie die ungarische Salami handelte � nach ihrem Fettgehalt. Als Tr�ger mu�ten wir viel Fett essen, wir suchten damals regelrecht nach Wurstsorten, in denen gen�gend versteckte Energien lauerten. Dann konnten wir die Touristen beeindrucken, wie wir mit siebzig Kilo auf den Schultern zwar nicht sehr schnell unterwegs waren, aber trotzdem immer noch aufrecht standen. In den Steigungen schafften wir Hunderte von hohen Stufen hintereinander � bis zum n�chsten regul�ren Halt. Wir gingen ruhig undohne seitlich zu schwanken. Dazu zwangen wir uns nicht unbedingt aus Vorsicht, sondern um nicht unn�tigerweise unsere Kr�fte zu vergeuden.</p><p>Ich wollte mir den Anblick des fl�chendeckenden E�-kampfes kurz ersparen und wandte mich zu meiner Mutter um.</p><p>��Der normale Mensch wei� einfach nicht, was er i�t. Er wei� nicht, wieviel an unsichtbarem �bersch�ssigem Fett er tagt�glich verschlingt, wie viele Augen, Schlachtabf�lle und undefinierbare Reste beispielsweise f�r die fein durchgedrehten Wurstsorten verwendet werden. Dieses Bla�rosa, wenn ich das schon sehe! Die todestolle Mortadella, der d�stere Blutschinken�</p><p>��Bierschinken hei�t das eher � und der ist hell.</p><p>��W�rstchen bestehen bis zu f�nfunddrei�ig Prozent aus reinem Fett, wei�t du das?</p><p>��Nein.</p><p>��Und dann noch dieses uns�gliche FRITTIEREN! Frittierte Leckereien saugen von dem Fl�ssigfett unglaublich viel auf � und zum Frittieren werden h��lich ges�ttigte Fette benutzt. Die ganzen fettigen Feinheiten und Fett-Unterschiede interessieren die Leute aber auch nicht.</p><p>Ich unterhielt meine Mutter mit meinem oecotrophologischen Wissen eine Weile, um uns die Zeit zu vertreiben. Ich hatte aber noch ganz andere Ideen, der Hunger brachte mich in Rage.</p><p>��In diesen sattmachenden Substanzen stecken unglaublich viele geheime Kr�fte, glaub mir. Mit einem solchen Energie�berschu� k�nnte man auf Anhieb ganze Armeen auf Vordermann bringen und sie sonstwohin, diesmal vielleicht bis nach Wladiwostok marschieren lassen.</p><p>��Georg, ich kann nicht mehr zuh�ren, st�hnte meine Mutter.</p><p>��Eigentlich m��ten diese Leute E�bares aus ihrem Inneren eher abgeben, Nahrung einfach f�r andere produzieren,sich regelm��ig etwas abschneiden und an Hungernde verf�ttern, oder? Oder sie k�nnten auf ihren breiten Schenkeln mobile Beete anlegen und dort Gem�se anbauen � was wei� ich, auf jeden Fall alles andere tun, als jeden Tag noch weiter zu essen.</p><p>Daraufhin erblickte ich pl�tzlich eine solche Sauerei, da� mir ein lautes und langes PFUUUUI! ausrutschte � und dieser Aufschrei war viel lauter als der l�ngst verhallte meiner Mutter, der die so�enweichen Schnitzel leid getan hatten.</p><p>��Was macht er denn � co to del�? DER MENSCH GIESST SICH LIMONADENSIRUP IN SEIN BIER!</p><p>��Hast du das noch nie gesehen? SEI ABER LEISE, bitte. Es ist kein normales Bier. Hier essen die Leute sogar riesige Fettberge vom Schweineknie � der Anblick h�tte dich heute bestimmt umgebracht.</p><p>Irgendwann kamen wir an die Reihe, unsere Vorfreude hielt sich aber in Grenzen. Auch wegen der w�tenden Gesichter der Bedienung. Wir waren nicht aus G�rlitz und waren extrem sp�t dran. Wir entschieden uns f�r die s�ttigende Einheitssuppe, auf die wir eventuell nicht allzulange w�rden warten m�ssen � also die Soljanka. Diese war offenbar noch nicht ausgegangen und kam �berraschend schnell an. Frecherweise verlangten wir, als wir beliefert wurden, etwas mehr Brot. Was wir bekamen, war aber eine Belehrung �ber das streng geregelte Angebot. Schlie�lich zweigte man f�r uns aber doch noch eine � eine einzige � diagonal durchgeschnittene und leider pappige KALTE Toastbrotscheibe ab. Wir bedankten uns h�flichst. Zum Hauptessen entschieden wir uns f�r etwas, was eigentlich eine Vorspeise war � Ragout fin. Meiner Mutter hatte es in der DDR einmal gut geschmeckt, und sie empfahl es mir. Es ging auch darum, schnell satt zu werden und m�glichst schnell wieder zu verschwinden. Als wir bestellen durften, traute ich mich nat�rlich nicht, noch einmal Brot zu verlangen, bat daf�r um eine Portion trockener Kartoffeln als Beilage.- K�nnten wir trocken Kochkart�ffeln noch haben? Eine Portie?</p><p>Der Blick des Kellners war t�dlich.</p><p>��S�ttigungsbeilage extra? Das sehen wir hier �BERHAUPT NICHT GERN!</p><p>Im selben Moment kam es zu einer seltenen Begegnung zweier Kellnerkollegen � und der gerade vorbeihuschende sagte wie nebenbei laut:</p><p>��Kartoffeln? Die Kartoffeln sind knapp, geht nicht.</p><p>��Sind die Gesch�fte noch offen? fragte meine Mutter.</p><p>��Wie soll ich das wissen?</p><p>Beim Weggehen drehte sich der Mann wie ein Triumphator doch noch um und sagte:</p><p>��Alle L�den haben um diese Zeit l�ngst geschlossen. Wir warteten auf unser Ragout fin und wu�ten, da� wir w�rden versuchen m�ssen, auf der polnischen Seite auf Brotraub zu gehen. Einige Konserven als Proviant f�r Notf�lle hatten wir dabei. Aber vielleicht g�be es in Polen sogar Sp�tverkaufsstellen. Wir warteten wieder endlos, und ich gab schuldbewu�t zu, unsere Reise, was die Verpflegung anging, schlecht durchdacht und vorbereitet zu haben. In Polen k�nnte es, fiel mir nebenbei ein, irgendwelche Versorgungsprobleme geben.</p><p>��Wir sind als Tschechen einfach verw�hnt, tr�stete mich meine Mutter. Bei uns kann man in jeder einfachen Kneipe gut essen.</p><p>Irgendwann bekamen wir ein Fl�schchen Worcesterso�e auf den Tisch geknallt. Danach tat sich wieder lange nichts. Nach weiteren etwa zwanzig Minuten erreichten uns die beiden bestellten, leider erschreckend kleinen Sch�sselchen mit einer wei�lichen, nicht leicht definierbaren So�enmischung. Immerhin roch sie aber interessant, und wir konnten unser Gl�ck kaum fassen. Ich stocherte kurz unter der So�enoberfl�che, entdeckte darin gr�ne, mir unbekannte Beeren, meine Mutter begann dagegen sofort zu essen.Pl�tzlich bekam sie einen unbeschreiblich entsetzten Gesichtsausdruck � wie ein kleines Kind, das in seinem Mundraum zum ersten Mal von einem dicken Erwachsenenhaar �berrascht worden war. Mutter spuckte den Mundinhalt wieder aus, und wir beide entdeckten in unseren bescheidenen Ragout-fin-Sch�sselchen dicke Schwarten, aus denen relativ lange Schweineborsten herausragten.</p><p>��Eigentlich macht man Ragout fin aus H�hnerfleisch, meinte meine Mutter.</p><p>An der Grenze waren wir an diesem Tag schon einmal im Krieg gewesen, jetzt kam er zum zweiten Mal auf uns zu. Wir w�rden uns beschweren m�ssen und mu�ten in dieser geladenen Atmosph�re mit dem Schlimmsten rechnen.</p><p>��Vielleicht steht uns eine Scheinerschie�ung mit einer Erbsenkanone bevor, versuchte ich die Stimmung zu heben.</p><p>Zum Gl�ck tangierte uns im Parallelgang die einzige weibliche Fachkraft, sie hatte noch die sanfteste Ausstrahlung von allen. Ich winkte ausladend und erregt mit beiden H�nden. Sie durfte uns jetzt nicht entwischen. Als sie angestolpert kam, merkte ich, da� sie stark kurzsichtig war.</p><p>��Sehen Sie mal bitte� das sind Borsten.</p><p>Sie verstand im ersten Moment nicht ganz, worum es ging, das Ragout fin war in ihrem Lokal sicher sehr beliebt. Sie beugte sich aber h�flich nach vorn und untersuchte unsere Sch�sselchen aus n�chster N�he. Ich untersuchte nebenbei ihren Busenansatz. Sie sagte dann n�chtern:</p><p>��Sie haben recht, das kann man wirklich nicht essen� ist aber ber�hrt. Sie m�ssen beide Portionen bezahlen.</p><empty-line/><p>ich bekam giftig rote haare und brandwunden von der kochenden granatenf�llung</p><p>Nach dem Bewirtungsdrama fuhren wir zum Grenz�bergang, wo es dank des sogenannten� kleinen Grenzverkehrs �relativ lebendig war. Die deutschen Traditionalisten in Uniform waren nicht verbissen, und wir �berquerten die Nei�e ohne Probleme. Die polnischen Landstra�en waren zum Schnellfahren nicht geeignet, waren aber viel besser, als ich erwartet hatte. Die k�nstliche Normalit�t von Ostdeutschland lag hinter uns, und obwohl in den D�rfern einiges nach Armut und hartem Leben aussah, f�hlten wir uns beide wesentlich entspannter, unterhielten uns aber kaum. Viele Dorfleute waren zu Fu� unterwegs, hatten kleine Handwagen dabei � und die meisten au�erdem Harken, Sensen, �xte, Spaten auf ihren Schultern � , andere waren auf ihren Feldern oder an ihren Behausungen schwer besch�ftigt. Dabei wirkten sie auch beim Anstreichen von Z�unen in Schieflage angenehm gelassen. Und ich f�hlte mich dauernd, vor allem au�erhalb der D�rfer, an vergangene Zeiten erinnert. Neben den �blichen gro�en Feldern sah man auch schmale, winzige, also nicht zusammengepfl�gte Handtuchfelder, die fast wie aneinandergereihte Gem�sebeete wirkten. Im gesamten Ostblock war die Kollektivierung mehr oder weniger rigoros durchgesetzt worden � ausgerechnet in Polen, wie auch in Jugoslawien, war sie gescheitert.</p><p>Der erste Eindruck von Krzystkowice war vollkommen unspektakul�r. Am Stadtrand gab es einige kleinere Industriebetriebe, ansonsten sah die Stadt �berhaupt nicht wie eine richtige Stadt aus. Und sie verriet nicht, in welcher Richtung sich so etwas wie ihr Zentrum befinden k�nnte.An einer weitl�ufigen und wenig belebten Kreuzung bog ich � nur dem Gef�hl nach � nach rechts ab, wo ich den Flu� vermutete, und bald fuhren wir schon �ber eine Br�cke. Rechts auf dem anderen Ufer stand eine Kirche, oberhalb der Kirche gab es einen Hang, auf dem einige K�he weideten � H�user gab es keine mehr, links und rechts sah man hier nur W�lder. Laut meiner Karten h�tten hier entweder Ausl�ufer von Krzystkowice liegen oder wenigstens schon Nowogr�d/Naumburg beginnen m�ssen. Die Landstra�e f�hrte relativ steil nach oben, dort auf der Anh�he lag die n�chste ruhige Kreuzung � mitten im Gr�n. Wir sahen niemanden, den wir h�tten ansprechen k�nnen. Der hiesige Mischwald wirkte etwas lieblicher als die endlose Kiefern- und Tannentaiga, die wir vor Krzystkowice durchquert hatten. Links von uns schimmerten zwischen den B�umen irgendwelche Mauern, ich fuhr also nach links. Bei den Mauern handelte es sich dann tats�chlich um die ersten H�user eines St�dtchens. Nach dreihundert Metern fuhren wir schon �ber einen viereckigen Platz, der von niedrigen Kleinstadth�usern umgeben war.</p><p>��Das kann unm�glich Christianstadt sein, sagte meine Mutter. Hast du irgendein Schild gesehen?</p><p>��Wir sind sowieso auf der falschen Flu�seite, sagte ich. Es ist ganz bestimmt Nowogr�d.</p><p>Wir entdeckten zum Gl�ck einen offenen Lebensmittelladen, kauften ein und a�en auf einer Bank etwas Brot, K�se und den undefinierbaren Inhalt einer kleinen B�chse. Als Nachtisch gab es die ber�hmten polnischen� Kuhbonbons�- milchig-weiche Karamelbonbons namens� Kr�wki�. Danach fuhren wir wieder langsam zum Flu� hinunter � auf die Bober-Br�cke zu. Auf der von Leere umgebenen Stadtkreuzung hinter dem Flu� bog ich nicht wieder dorthin ab, von wo wir hergekommen waren, und fuhr geradeaus in Richtung Westen. Die Stra�e war beidseitig bebaut, man hatte aber keinesfalls das Gef�hl, sich im Zentrumeiner Stadt zu befinden. Als wir uns einem Bahn�bergang n�herten, sah sich meine Mutter mehrmals unruhig um, erkannte aber nichts. Bei dem riesigen zugewucherten Bahngel�nde konnte von einem lebendigen Verkehrsknoten kaum die Rede sein. Ein kleineres Bahngeb�ude am Rande schien zugerammelt zu sein, �berdachte Bahnsteige gab es nicht, niemand wartete hier oder lief mit einem Koffer herum. Nur ein einziger Bahnsteig sah danach aus, da� er regelm��ig betreten wurde. Wir stiegen aus. Das �berdimensionierte Gel�nde mit den vielen Schienenstr�ngen wirkte im Verh�ltnis zur Gr��e der� Stadt �unanst�ndig. Christianstadt schien mehr eine Schienenlandschaft als eine Stadt zu sein.</p><p>��Alles wegen der Fabrik, die Z�ge fuhren �berall quer durch die W�lder.</p><p>��Wo ist aber dein Christianstadt? Ich hatte mir unter dem Namen eine richtige Stadt vorgestellt.</p><p>��Wir sind zur Arbeit immer nur durch den Wald marschiert. Den Platz im Zentrum habe ich vielleicht nur zweimal gesehen.</p><p>��Es gibt hier aber gar keinen Platz, nicht einmal das. Hier ist die Stadt schon wieder zu Ende. Wir m�ssen zur�ck.</p><p>Wir kehrten um, und ich stellte das Auto auf einem kahlen Gel�nde vor der uns inzwischen bekannten Kreuzung ab. Ein St�ck neben uns standen etwas zur�ckgesetzt mehrere h��liche Neubauten. Auf der anderen Stra�enseite sah ich eine schr�g verlaufende Reihe von einst�ckigen alten H�usern � und beim genauen Hinsehen machten diese tats�chlich den Eindruck, da� sie einmal einen kleinst�dtischen Marktplatz eingegrenzt haben k�nnten. Vor dieser H�userreihe standen einige B�ume mit dichten Kronen, sie geh�rten zu einer vernachl�ssigten Parkanlage. Und ich erkannte endlich, wo wir waren � wir standen tats�chlich auf dem Christianst�dter Marktplatz. Hinter der gr�nen Park-Oase, weiter in Richtung des Flusses, entdeckte ich dien�chste H�userreihe, also vermutlich die zweite Seite des ehemaligen Platzes. In den einigerma�en erhaltenen H�usern dieses� Marktes �gab es kleine verschlafene Gesch�fte. Auf unserer Seite der Zufahrtsstra�e war es dagegen bis zu den Neubauten kahl, die Stadtmitte war hier vollkommen gesichtslos. Genauso hatten wir das Zentrum von Christianstadt vor kurzem, zumal vom fahrenden Auto aus, auch wahrgenommen. Unser abgestellter alter Octavia war auf der �den Fl�che des Platzes das einzige Element, das im Moment f�r etwas Abwechslung sorgte. B�ume gab es hier keine. Hinter einem Busch in dem gegen�berliegenden Parkfleckchen tat sich etwas. Offenbar waren wir von dort schon die ganze Zeit beobachtet worden, ich sah mehrere aufmerksame Augenpaare.</p><p>��Hier, wo wir stehen, stand eine Kirche, sagte meine Mutter. Glaube ich jedenfalls. Wir werden hier bestimmt �berhaupt nichts finden, die Fabrik auch nicht.</p><p>��Ein Schild� Zur Gedenkst�tte �h�tten wir bestimmt nicht �bersehen, oder? fragte ich. Es m��te� pomnik �oder� miejsce pamieci �hei�en, etwas mit� pamiec�.</p><p>Wir hatten keine Wahl, mu�ten die Stra�enseite wechseln und auf unsere Beobachter zugehen. Ich f�hlte mich f�r die eventuell schwierige Begegnung einigerma�en gut ger�stet. Wir waren am Ziel und waren hier ohne weitere zus�tzliche Zwischenf�lle angekommen. Ich war mehr als erleichtert und f�hlte mich wie ein gew�hnlicher Tourist, den im Grunde alles interessiert � und dem einfach alles gef�llt, was er zu sehen und an Fremdheit angeboten bekommt. In dem kleinen Park hielt sich eine Ansammlung von bestgelaunten Trinkern auf. Sie hatten f�r ihre Zwecke einige Parkb�nke zusammenger�ckt und es sich dort gem�tlich gemacht. Da unser Auto auf der scharf beobachteten Kreuzung schon zum dritten Mal aufgetaucht war, waren wir sicher l�ngst ein Gespr�chsthema gewesen. Alle blickten voller Erwartung, einer ermunterte unskontinuierlich, n�her zu treten, schaufelte uns regelrecht heran.</p><p>Dank meiner vielen polnischen Kontakte in den slowakischen Bergen hatte ich keine Probleme, mich mit Polen zu verst�ndigen, meine Mutter auch nicht. Als wir sagten, da� wir das Lager und die Fabrik suchten, gab es ein gro�es Hallo. Alle wu�ten bestens, was wir meinten, und behaupteten, die Geheimnisse der umliegenden W�lder genau zu kennen. Offenbar waren sie allesamt kleine Lokalhistoriker. Und wir waren vielleicht seit einer Ewigkeit die einzigen Lagertouristen.</p><p>��Jak dlugo chca Pahstwo zostac? Bleiben Sie am besten eine ganze Woche, das Gel�nde ist riesengro�, sagte einer.</p><p>��Duzy las rozlegly, bardzo rozlegly teren, stimmten alle zu.</p><p>F�r alle Tschechen klingt die polnische Sprache niedlich und friedlich, sie hat vor allem � ganz egal, wer der Sprecher ist � einen kindlich unschuldigen Einschlag. Und weil auch Erwachsene so kindhaft sprechen und scheinbar unpassende Worte benutzen, tragen Begegnungen mit Polen a priori etwas Belustigendes in sich. Manche Ausdr�cke wirken veraltet, bei manchen ahnt man zwar, was sie bedeuten, im Tschechischen tr�fen sie aber empfindlich daneben, oder sie w�ren mehr als unangebracht, wenn nicht unanst�ndig. So ist die tschechisch-polnische Semikommunikation unausweichlich voller sprachlicher R�tsel und kontextualer �berraschungen, im Grunde spielt sich dabei immer eine Art unfreiwilliges Sprachkabarett ab � unabh�ngig von den Inhalten.</p><p>Unter den M�nnern gab es offenbar einen wirklichen Experten f�r die Geschichte der Sprengstoff-Fabrik und der dazugeh�rigen Lager, dieser Mann war vor einer Weile aber Zigaretten kaufen gegangen � und war nicht zur�ckgekommen. Wahrscheinlich wurde er irgendwo aufgehalten, meinte jemand. Man schickte einen j�ngeren Burschen, ihn suchen zu gehen. In der Zwischenzeit fragten uns die M�nner �ber das und jenes aus, wollten zum Beispiel wissen, wo wir �bernachten wollten.</p><p>��Wir suchen ein Hotel.</p><p>Die M�nner mochten Witze und am�sierten sich k�stlich.</p><p>��Auch nicht oben in Nowogr�d?</p><p>Sie winkten ver�chtlich �ber den Flu� in Richtung des H�gels und benutzten dabei mehrmals das beliebte Schimpfwort CHOLERA. Wir erfuhren nebenbei aber etwas mehr �ber Christianstadt. Christianstadt war vor dem Krieg ausschlie�lich deutsch, war reich und evangelisch gewesen � und als die Deutschen gefl�chtet und gegangen worden waren, wurde alles anders. Die Stadt wurde komplett neu besiedelt, die meisten der Neuank�mmlinge kamen von weit her, vor allem aus dem Osten.</p><p>��Die evangelische Kirche brauchte man nicht mehr, und sie zerfiel. Auch die H�userreihe da dr�ben war irgendwann nicht mehr zu retten. Man ri� alles ab.</p><p>��Man sieht nicht wirklich, da� es mal ein Markt war.</p><p>��Alles sollte anders, neu und sch�ner werden � so wie die Neubauten dort dr�ben.</p><p>��Sie k�nnen bei mir wohnen, ich habe ein G�stezimmer, schlug ein kleiner rotgesichtiger Mann vor. Sie k�nnen bei mir sogar etwas zu essen bekommen, ich arbeite als Koch in der Fabrikkantine. Mal sehen, was ich noch da habe.</p><p>��War die Dame schon mal hier? Im Krieg damals, meine ich, fragte ein anderer unserer neuen Freunde.</p><p>Einige lachten ihn aus und meinten, die sch�ne junge Frau sei damals sicher noch ein kleines Kind gewesen. Wir mu�ten uns entscheiden. Unterwegs hatten wir uns vorsorglich darauf geeinigt, den polnischen Antisemiten nichts zu verraten. Meine Mutter wollte vorgeben, Historikerin zu sein.</p><p>��Ja, ich habe hier gearbeitet.</p><p>Von einer Abk�hlung der Stimmung war daraufhin nichts zu sp�ren. Niemand wurde verlegen. Dabei war klar, da�meine Mutter keine franz�sische oder sonstige Kriegsgefangene gewesen sein konnte.</p><p>��Es war furchtbar, ich wurde hier gegen Ende des Krieges auch eingesetzt, sagte einer. Ich kann mich noch an die Leichen erinnern, als man die Juden beim Todesmarsch erscho� und am Stra�enrand liegenlie�. Es war im Januar oder Februar F�nfundvierzig, der Schnee schmolz etwas unter den K�rpern, sie froren dann fest.</p><p>Der junge Bote kam mit dem lokalen Spezialisten zur�ck, und wir bekamen endlich mehr �ber die eigentliche Fabrik zu h�ren, die zwar nur auf dieser Seite des Flusses im Norden liege � der Lagerkenner machte dabei allerdings eine fast Dreihundertsechzig-Grad-Rundgeste � , der ganze Komplex erstrecke sich aber leider auch durch die westlichen, teilweise auch die s�dlichen W�lder. Das n�rdliche Kernst�ck des Komplexes, wo noch die damaligen Produktionsgeb�ude st�nden, geh�re allerdings zum Armeegel�nde. Was die Armee dort triebe, wisse man nicht genau� Es sei streng geheim. Alle lachten bei dieser Behauptung auf und machten Gesten wie M�nner, die Zigarren rauchen.</p><p>��Grube cygara.</p><p>Jedenfalls sei es umz�unt und werde streng bewacht. Alle anderen Geb�ude k�nne man aber ohne weiteres betreten.</p><p>��Wo wurden die Granaten verf�llt? Unser Mann z�gerte kurz.</p><p>��Das alles liegt auf dem Armeegel�nde.</p><p>��Alles, was er nicht wei�, ist dort bei der Armee, sagte ein anderer.</p><p>Die Stimmung war gut, alle lachten wieder, unser Mann auch. Wir waren im Grunde alle � mehr oder weniger � slawische Br�der und Schwestern. Und ich hatte das Gef�hl, da� wir in diesen Leuten die f�r uns besten Partner vor Ort gefunden hatten. Andere, nicht angetrunkene Br�der und Schwestern h�tten sich mit uns sicher nicht so warmherzig eingelassen.- Ihr Tschechen habt die Schei�russen jetzt auch im Land, meinte jemand. Dabei habt ihr sie fr�her so geliebt, nicht wahr.</p><p>��Stimmt, sagte meine Mutter. Es gibt ein altes Sprichwort: Wenn ein Kosakenpferd aus der Moldau trinkt, sind wir frei.</p><p>Die M�nner lachten herzlich.</p><p>Wir erz�hlten uns dann noch das und jenes, die Zeit lief. Irgendwann rieten uns die umsichtigen M�nner, uns heute nur noch in der Stadt umzusehen und uns f�r den n�chsten Tag zu r�sten. Unser zuk�nftiger F�hrer versprach, uns morgen fr�h abzuholen. Wir gingen zum Auto, unser Quartiermeister sollte mitfahren � und wollte es auch unbedingt. Nach einer halben Minute stiegen wir schon wieder aus, die Wohnung befand sich gleich um die Ecke. Es war sp�tnachmittags, noch heute in den Wald zu gehen kam wirklich nicht in Frage. Das ganze Gel�nde sei angeblich an die zwanzig Quadratkilometer gro�, und die einzelnen Geb�ude l�gen voneinander weit entfernt. Unser Mann bat uns, beim Auto zu bleiben, er m�sse kurz aufr�umen.</p><p>��Wir mu�ten zur Arbeit immer ewig lange laufen � waren dauernd im Gr�nen, erz�hlte meine Mutter. Auch die Baracken im Wald waren gr�n gestrichen, in den ersten Tagen nach der Ankunft f�hlten wir uns wie in einer Naturidylle. Gegen Auschwitz war das jedenfalls paradiesisch.</p><p>��Etwas Unkraut mu� es auch in Auschwitz gegeben haben.</p><p>��Quatsch! In Auschwitz wuchs kein einziger Grashalm.</p><p>- He?</p><p>��War eben so. Und hier duftete alles. Allerdings summte der Wald Tag und Nacht, vibrierte und t�nte. �berall f�hrten irgendwelche Rohre lang, die Natur stand unter Druck, hatte man das Gef�hl.</p><p>��Das hast du zu Hause nie erz�hlt.- Deswegen sind wir doch hier, oder? �berall waren Pumpstationen und riesige Beh�ltnisse aus Beton verteilt, manche sahen wie Gasometer aus. Um diese Betont�rme oder � wannen herum war Erdreich aufgesch�ttet. Die H�gel sahen wie Pyramiden aus.</p><p>��Wurde hier immer noch gebaut?</p><p>��Ja, sicher, gebaut und gepflanzt. Auch auf den D�chern der Fabrikgeb�ude wuchsen B�ume, wegen der Tarnung. Und �berall gluckerte und pl�tscherte es � bis es krachte.</p><p>��Und was waren das f�r Rohre?</p><p>��Keine Ahnung � f�r Abwasser, Rohstoffe, oft roch es nach S�ure. Fr�her war die Gegend angeblich ein Naturschutzgebiet, erz�hlte uns unser deutscher Meister jedenfalls. Er steckte uns manchmal Essen zu. Die gef�hrlichsten Arbeiten lie� man nat�rlich die Juden machen.</p><p>��Wahrscheinlich lag deswegen alles so weit auseinander, sagte ich. Wenn ein Geb�ude hochging, blieben die anderen heil.</p><p>��Bei den Explosionen flogen aber � so waren die Dinger gebaut � nur die Au�enw�nde weg, also die Ziegel. Die Betonskelette blieben stehen.</p><p>Die unausgesprochenen Bedenken, was unser Quartier betraf, waren vollkommen berechtigt gewesen. Unser Wohlt�ter hatte zwar ein separates G�stezimmer, dieses lag aber hinter seinem eigenen. Wir w�rden also immer sein Schlafgemach durchqueren m�ssen. In unserem Raum stand ein Doppelbett, in dem eventuell fr�her die Eltern des Mannes geschlafen hatten, wenn sie dort nicht sogar gestorben waren. Nach dem Zustand der Bez�ge zu urteilen, wurde das Bett gut frequentiert � eventuell von seinen Freunden. Meine Mutter wurde bla�. Und ihre �ppige Haarm�hne plusterte sich sichtbar auf.</p><p>��NIEMALS! sagte sie, hier werde ich niemals schlafen. Hier sind bestimmt Wanzen. Im Lager ha�ten wir sie mehr als die Deutschen.- Nie ma pluskw, meinte unser Mann, der das tschechische Wort� stenice �offenbar kannte.</p><p>��Trotzdem. Sie m�ssen die Betten unbedingt neu beziehen, uns jedenfalls frische Bettw�sche geben, sagte ich.</p><p>Er hatte aber gar keine, keine saubere jedenfalls. Ich holte unser Geld heraus und sagte ihm, er solle sich von einem Nachbarn Bettw�sche leihen � und ihm etwas Geld als Pfand geben. Oder die Bettw�sche gleich kaufen. Er ging und lie� uns allein. Die Wohnung sah furchtbar verkeimt aus. Ich untersuchte schnell die K�che, machte auch den K�hlschrank mit den angepriesenen Betriebsspeisen auf. Der Mann hie� mit Nachnamen Olejnik, was man als �lmann �bersetzen k�nnte, er h�tte aber eher Maselnik oder Maszlowski � also Buttermann � hei�en sollen. Der K�hlschrank war gef�llt mit Butterklumpen in unterschiedlichem Ranzigkeitszustand und Zersetzungsgrad. Dazwischen lagen diverse angegr�nte oder sogar stark begr�nte Scheiben Wurst.</p><p>��Alles frisch aus der Kantine, sieht man.</p><p>��Wir haben viel zu wenig eingekauft, sagte meine Mutter. Und wir m�ssen sowieso hier weg. Drau�en sah es schon abendlich aus, unser geliehener Octavia, unser letztes Zuhause, wartete treu vor der T�r. Unser Mann war nirgends zu sehen. Wir gingen zur�ck zu der gro�en Kreuzung. Etwa f�nfzig Meter weiter in Richtung der st�dtischen Betriebe tauchten drei gestikulierende Gestalten auf, in einem Knick der Stra�e stand au�erdem eine andere Figur � schien aber nur auf der Stelle zu treten. Danach sahen wir noch eine mit der Bechterewschen Krankheit geschlagene, waagerecht nach vorn geb�ckte alte Frau. Die nach vorn geklappte Oma blickte beim Gehen in ihr breites Hexenk�rbchen, schien aber, trotz des nicht vorhandenen Ausblicks nach vorn, auch ein Ziel vor Augen zu haben. Als wir das begehrte Epizentrum der Gegend erreichten, kl�rte sich die Lage schlagartig. In einer Nebenstra�e befand sich die �rtliche Sp�tverkaufsstelle. Alle unsere Freunde waren dort, auch unser Quartiermeister, der einen B�ndel W�sche �ber den Arm trug. Er trank Bier aus der Flasche, von unserem ersten Geldschub hatte er aber sicher noch mehr eingekauft � zwischen seinen Beinen stand eine Einkaufstasche.</p><p>Wir wurden von der Runde freudig begr��t. Viele der �brigen Anwesenden schienen Bescheid zu wissen, wer wir waren. Sie nickten uns l�chelnd zu. Einige wirkten schon stark angetrunken, und ich war froh, Karate trainiert zu haben. Die Stimmung war aber friedlich, im Laden gab es sogar Obst zu kaufen, ich entdeckte noch gutaussehenden Joghurt in Gl�sern und zwei Sorten annehmbarer Fischb�chsen. Eine davon war aus russischer Produktion. Das Brot war erstaunlich frisch und billig, die Preise f�r Alkohol waren dagegen astronomisch. Ein halber Liter gew�hnlichen Wodkas kostete 56 Zloty, es gab aber noch teurere Sorten. Bei einem bescheideneren Verdienst von, sagen wir, eintausend Zloty waren sechsundf�nfzig Zloty eine Menge Geld. Drau�en roch es leider, besonders an der Flanke des Geb�udes, stark nach Urin und Exkrementen. Die Verkaufsstelle war keine Kneipe und mu�te selbstverst�ndlich keine eigenen Toiletten betreiben. Wir waren trotzdem guter Hoffnung, gingen noch � mit unserer Bettw�sche in den H�nden � zum Flu� spazieren, verzogen uns aber bald in unser Quartier und das Doppelbett.</p><p>Neben der Mutter zu liegen und zu lesen war vollkommen ungewohnt und alles andere als angenehm. Beide waren wir auf eine solche Zwangsann�herung �berhaupt nicht vorbereitet. Und zum Schlafen war es noch viel zu fr�h. W�hrend der kribbeligen Einschlafszeit hatte ich dauernd das Gef�hl, einer Inzestvereinigung recht nah zu sein � trotz der Absurdit�t aller anfallenden Vorstellungen.</p><p>Eine Schl�gerei soll es in der Nacht doch noch gegeben haben. Unser Buttermann kam irgendwann blutig nachHause, im Flur und auf der Toilette entdeckte ich schon nachts etliche Blutspuren. Sein Kissen sah fr�h bunt und verkrustet aus, seine Nase war geschwollen. Geschlagen h�tten sich aber andere, erz�hlte er, er sei nur auf dem Nachhauseweg hingefallen, �ber eine Wurzel gestolpert.</p><p>��Wo sind hier Wurzeln?</p><p>��Ich habe mich verlaufen. Wollen Sie nicht Butter zum Fr�hst�ck? Wurst habe ich auch. Unser ortskundiger Lagerf�hrer kam erst gegen zehn Uhr, wir standen schon fast eine Stunde auf der Stra�e und waren unruhig. Der Mann entschuldigte sich � er h�tte unbedingt gut ausgeschlafen sein wollen. Und er h�tte noch einen j�ngeren Freund aus dem Bett holen m�ssen, der unbedingt mitkommen wollte. Die beiden erkl�rten uns, man w�rde mit dem Auto �berall gut hinkommen, bis tief in den Wald. Anschlie�end wurde uns erl�utert, da� sie f�r die F�hrung etwas Geld haben wollten. Zweihundert Zloty, ich stimmte zu und bezahlte im voraus. Der j�ngere Mann verschwand sofort mit einem der Geldscheine und kam mit einer Flasche Wodka zur�ck. Wir fuhren los in Richtung der W�lder, durch die wir am Vortag gekommen waren. Schon kurz hinter der Stadt sollte ich nach rechts abbiegen, es war der zweite oder dritte vollkommen unscheinbare Waldweg. Ich hielt erst einmal an � die Einfahrt war eindeutig verboten. Das entsprechende Schild stand nur etwas schief und war angerostet, auf dem Waldboden lag au�erdem eine noch lesbare Warntafel.</p><p>��Wir k�nnten hier auch parken, sagte ich.</p><p>Die M�nner winkten ver�chtlich und meinten, in Polen hielte man sich nicht an Verbote. Auch bei heruntergelassenen Bahnschranken schl�ngele man sich hindurch, wenn es m�glich sei. Deswegen g�be es in Polen praktisch keine dieser einseitigen Schrankenstummel, diese w�rde man einfach umfahren.- Au�erdem: Sie wollen f�r die R�ckfahrt sicher Ihre vier R�der behalten, oder?</p><p>��Gibt es hier irgendwelche Orientierungstafeln? Oder etwas zum Gedenken?</p><p>��Nein, nichts, nirgends.</p><p>��Sind wir eventuell schon in Schlesien? fragte ich noch. Unterhalb der Stadt wechselte die Grenze die Uferseite.</p><p>��Nein, hier war noch Brandenburg.</p><p>��Mutter, h�r mal, auf der Karte konnte man das nicht so genau sehen.</p><p>Sie wollte aber nicht weiterkommunizieren. Der Weg war kein gew�hnlicher Waldweg. Er war betoniert und bestand aus so gutem Gemisch, da� die Oberfl�che kaum br�ckelte.</p><p>��Vielleicht fahren wir gerade auf dem Beton, den Eva glattgestrichen hat, sagte ich.</p><p>Die hiesigen Bauten, also auch alle Stra�enarbeiten, f�hrte damals � im Auftrag, versteht sich � die Siemens-Bauunion aus. Und Eva, Mutters Schwester, war eine Zeitlang zum Baumf�llen und eben f�r diese Wegearbeiten abkommandiert worden. Ihre Geschichten kannte ich gut, sie war die einzige, die viel und gern erz�hlte. Au�erdem war Eva die einzige, die vor einigen Jahren entsch�digt worden war � nicht aus staatlichen Mitteln, sondern direkt von der Firma Siemens. Das Westgeld war daraufhin gerecht zwischen den Frauen geteilt worden.</p><p>Wir kamen immer tiefer in den Wald und passierten zwei ramponierte Pfosten eines Einfahrtstors aus gelben Backsteinen. Bald kamen wir aber nicht weiter, weil der Weg von Eisenbahnschienen gekreuzt wurde � f�r das Auto lagen sie eindeutig zu hoch.</p><p>��LOS! sagten die M�nner auf Deutsch � das sollte sicher ein Scherz sein. Mozna, mozna. Ich weigerte mich trotzdem.</p><p>Wir stiegen aus, trugen ein paar zerbrochene �ste zusammen und legten Backsteine zwischen die Schienen.- Komme ich woanders auch wieder raus?</p><p>��Zaden problem, sagten sie � ein sehr beliebter Spruch in Polen.</p><p>Kurz danach sahen wir oberhalb der Baumkronen riesige und vollkommen intakte Schornsteine in den Himmel ragen, sie waren mindestens drei�ig Meter hoch. Sie geh�rten zu dem uns bereits angek�ndigten Kohlekraftwerk. Wir bogen ab. Das Kraftwerk-Geb�ude neben den Schornsteinen war aus Stahlbeton und schien ebenfalls gut erhalten zu sein.</p><p>�Wertarbeit�, sagte der j�ngere Mann wieder auf Deutsch.</p><p>Meine Mutter blieb die ganze Zeit stumm, ich lie� sie in Ruhe. Als ich anhielt, wollte sie im Wagen bleiben. Das Innere des Kraftwerks machte den Eindruck einer fensterlosen Kathedrale. Etwas Licht fiel nur durch einige Kanoneneinschu�l�cher und l�ngliche Schlitze im oberen Bereich, au�erdem noch durch runde �ffnungen, in denen fr�her irgendwelche Rohre gesteckt hatten. Der Innenraum war vollkommen leer, Zwischendecken waren eingebrochen, alle Brenn�fen, Turbinen, Rohre und F�rderb�nder waren nach dem Krieg offenbar abtransportiert worden.</p><p>��Die Russen nahmen alles weg, was sie gebrauchen konnten, und was sie nicht wollten, nahmen sich dann die Polen.</p><p>Der Bau war gigantisch, war nirgends abgesichert oder abgesperrt, der Boden der Halle war voller L�cher f�r die Luftzufuhr und den Abtransport der Asche. In dem schummrigen Licht h�tte man leicht stolpern und irgendwo verschwinden k�nnen. Betontreppen ohne Gel�nder schienen intakt zu sein, und die beiden marschierten bedenkenlos nach oben, ohne sich nach mir umzusehen. Da ich mir den Ausblick von oben nicht entgehen lassen wollte, stellte ich keine Fragen. Auf einem Treppenabsatz st�rkten sich die beiden mit Wodka. Etwa in der H�he des vierten Stockwerks gab es eine lange begehbare Plattform, von deren Rand man in einen breiten, schr�g nach unten verlaufenden Schacht hineinsehen konnte. Dort liefen fr�her zwei lange Transportb�nder f�r die Kohlen, sagten sie mir. Unten im Wald sah man hohe, aneinandergereihte Kohlebunker und die an ihnen entlangf�hrenden Eisenbahnschienen. Als ich von der Plattform aus eine etwas ramponierte Galerie betreten wollte, rief man mich zur�ck.</p><p>��Uwaga, uwaga, to troche niepewny teren! Ty dziury sa po rosyjskich czolgach. Ausgerechnet dort klafften in der Au�enhaut einige der lichtbringenden Einschu�l�cher � sie stammten, wenn ich es richtig verstand, von russischen Panzerkanonen. Als ich mir nochmals den gigantischen dunklen Innenraum, diese ehemalige Feuerh�lle in der ganzen Ausdehnung ansah, wu�te ich, da� es ein ganz besonderer Ort zum Gedenken an den Holocaust sein k�nnte. Etwas Gigantischeres w�rde man heute nirgendwo mehr errichten k�nnen.</p><p>Danach gingen wir noch in die Kellerr�ume. Wie dort der Abtransport der Asche abgelaufen war, konnte man sich gut vorstellen. Hinter irgendwelchen Umkleidekabinen im Erdgescho� entdeckte ich noch geflieste und relativ intakte Duschr�ume. Als wir zum Auto zur�ckkehrten, war meine Mutter nirgendwo zu sehen, kam aber bald aus dem Wald. Sie zeigte in Richtung einer Waldlichtung. Dort sah man zwei genauso hohe Schornsteine wie die hiesigen.</p><p>��Auch ein Kraftwerk, meinte der �ltere.</p><p>��Wieso?</p><p>��Wszystko podw�jnie, die Deutschen hatten sich alles doppelt hingestellt � wegen der flie�enden Produktion.</p><p>Offenbar gab es hier alles zweimal, da es rund um die Uhr keine Ausf�lle geben durfte. Es g�be auch zwei Wasserwerke, erz�hlte der �ltere noch, zwei Kl�rwerke, zwei Aufbereitungsanlagen f�r Nitrozellulose und f�r die S�urekonzentration.- Ja, kwas, richtig! sagte meine Mutter. Wir wu�ten �ber die Produktion aber sonst gar nichts, durften wir auch nicht.</p><p>��Ich wei� auch, wie die Fabrik hie�, also die Firma, sagte unser Mann � Ulme.</p><p>��Nein! Es war Dynamit-Nobel, �berall stand Deutsche Dynamit AG oder Alfred Nobel.</p><p>��Ja, ja, der Tarnname war trotzdem Ulme. Und die Fabrik wurde nie bombardiert � und wissen Sie, warum?</p><p>��Nein.</p><p>��In der Firma steckte auch amerikanisches Kapital. Und es ist keine sozialistische Propaganda.</p><p>��Die Amerikaner h�tten lieber hier ein paar Bomben abwerfen sollen, sagte meine Mutter � statt alle nur in Dresden.</p><p>��Daf�r warfen sie aus Versehen einiges in Prag ab, nicht wahr?</p><p>Wir fuhren weiter, links und rechts des Weges standen kleine Betonpfeiler � Alarmmelder, sagten die beiden. Der ganze Wald sei voll davon.</p><p>��Als ich klein war, hatte mich mein Vater hier oft herumgef�hrt, sagte der �ltere. Er hatte mir erz�hlt, da� auch IG-Farben an der Produktion beteiligt war.</p><p>Der ganze Wald sei nach dem Krieg voller Chemie und Abf�lle gewesen, alles sei furchtbar verseucht gewesen, erinnerte er sich noch. Der Staat habe sich um den deutschen Dreck nicht gek�mmert, Geld habe man f�r die Entsorgung sowieso nicht gehabt.</p><p>��Kurwa!</p><p>�ber dem Weg lag ein Baumstamm, wir stiegen aus.</p><p>��Przerwa, Pause.</p><p>Die M�nner hielten es nicht aus und holten wieder die Wodkaflasche hervor. Mutter wollte nicht, wirkte etwas apathisch, ich nahm einen Schluck aus H�flichkeit.</p><p>��Wo waren hier eigentlich die Lager?</p><p>��Lager waren da und dort, sie waren aber nicht gro� � manche nur mit vier Holzbaracken. Daneben waren noch H�user f�r die Bewacher, die K�che und so weiter. Im Lager beim Wasserwerk werden Sie das noch sehen, wir kommen da noch hin. Mein Vater wu�te alles noch ganz genau � hier ein St�ck tiefer im Wald lag irgendwo das ukrainische Lager, vielleicht waren dort aber Ungarn, also ungarische Juden, ich wei� es nicht mehr genau.</p><p>Ich stand auf, zwischen den Kiefern hinter uns schimmerte ein singul�rer schiefer Pfeiler aus den bekannten gelben Backsteinen. Davor zog sich eine sanft ansteigende Bodenwelle lang. Die B�ume waren dicht gepflanzt, man kam aber einigerma�en gut durch. Der �ltere Mann folgte mir.</p><p>��Die Zufahrt geht vom n�chsten Seitenweg ab, dort stehen auch die Torpfosten.</p><p>Hinter der Erhebung wurde mir klar, da� wir auf einem Lagergel�nde standen. Der allein stehende hohe Pfeiler entpuppte sich als ein kleiner Schornstein � daneben hatte sich offenbar die Lagerk�che befunden. Hinter dem Schornstein sah man den eingebrochenen Vorratskeller, ein St�ck weiter entdeckte ich eine l�ngliche tiefe Betongrube unter intakten Querbalken aus Stahlbeton � das seien Latrinen gewesen, erfuhr ich.</p><p>��Und die Tr�ge dort dr�ben? Ich zeigte auf die schmalen gemauerten Becken und betonierte Rinnen ein St�ck weiter.</p><p>��Das waren die Waschr�ume und die W�scherei.</p><p>Ich zeigte ihm stumm mit dem Finger auf den Lippen, er solle meine Mutter noch nicht rufen. Ihr Lager hie߻Am Schwedenwall�. Vor uns lag noch ein gr��eres planiertes Gel�nde, auf dem man noch gut die Fundamente der H�ftlingsbaracken sehen konnte, davor mu�te sich der Appellplatz befunden haben. Der Mann begann an einer Stelle mit dem Fu� im Boden zu schaben und holte ein zerdr�cktes Emailleschild heraus.</p><p>��Man findet hier �berall etwas, man braucht nur kurz zubuddeln. Wir fahren dann noch ein St�ck zur�ck zum Verwaltungsgeb�ude, dort finden wir mehr. H�tten wir gleich machen sollen. Wir gingen zur�ck.</p><p>��Wie sah dein Lager aus? fragte ich meine Mutter vorsichtig.</p><p>��Ich w�rde es bestimmt nicht erkennen. Der Wald sah anders aus, die B�ume waren viel h�her, das alles ist wahrscheinlich neu gepflanzt worden. Hinter dem Lager war eine B�schung, ein Wall.</p><p>��Du m��test mitkommen, glaube ich.</p><p>��Ich will da nicht hin, Georg.</p><p>��Sagten Sie B�schung? Eine lange B�schung zum Bober gibt es auch beim Wasserwerk.</p><p>Nachdem wir den Baumstamm aus dem Weg ger�umt hatten, sollte ich erst einmal wenden, um zu dem angeblich so wichtigen Verwaltungsgeb�ude zu kommen. Wir fuhren also zur�ck in die Richtung, aus der wir gekommen waren, passierten das Kraftwerk und bogen nach einer Weile wieder ab. Auf einem betonierten Hof vor einem zweist�ckigen Geb�ude lie� mich unser Exkursionsf�hrer anhalten, stieg aus und begann in einer Kuhle am Waldrand mit dem Schuh zu w�hlen. Ich nahm mir daf�r einen Ast, und bald fand ich zwei Registrierk�rtchen aus Metall, der eifrige Mann brachte weitere. Er putzte sie alle nach und nach mit seinem Taschentuch sauber. Die Namen der Angestellten � und der Zwangsarbeiter � konnte man jetzt gut lesen, auch ihren Beruf oder ihre� Verwendung�, nat�rlich auch ihre Nummer und ihr Geburtsdatum:</p><p>*</p><p><emphasis>�669Mucha, </emphasis>Wladislaus � Arbeiter � 23.4.23, Zawarau Kr. Buska � led. - Zawarau Kr. Buska -5 <emphasis>/669-E </emphasis>2.11.43�;</p><p>�540 Anicic, Risto � Elektriker � *19.8.20, Koplelica � ledig � Belgrad, Wojslawa u.66 � lie / 540 � E 12.10. 44�;�2230 Sinjkowa, Wjera � Arbeiterin � * 15.10.23, *Kalininka Kr. Donetz � led. - Kalininka Kr. Donetz � 4 / 2230 � E 10.9.42�.</p><p>Es waren aber auch �ltere Deutsche dabei, vielleicht Vorarbeiter:</p><p>�325 Merkel, Paul � Apparatewart � *17.12.92, Dauki/Kr. Calau � vh.2 � Grossan � 4 / 325 � E 27.7.42�. Herr Merkel � vh.2 � war damals offenbar zum zweiten Mal verheiratet gewesen, das �bliche K�rzel war� vh.�.</p><p>Konstruiert waren diese Blechk�rtchen wie die heutigen Kreditkarten, die Buchstaben waren darin maschinell eingestanzt. Auch die Gr��e war ungef�hr die gleiche. Man konnte die Angaben mit Hilfe von Kohlepapier sicher auch auf Karteikarten abziehen. Wir gaben die Suche irgendwann auf und gingen zum Auto. Nachdem wir wieder den am Wegrand liegenden Baumstamm passiert hatten, fuhren wir eine endlose Piste lang � immer tiefer in die Waldwildnis hinein. Meine Orientierung funktionierte inzwischen nicht mehr, ich gab die Hoffnung auf, da� ich von hier aus allein hinausfinden w�rde. Wir hatten mehrere Kreuzungen passiert, die Piste war nicht immer gerade, knickte mehrfach scharf und ohne einen einsehbaren Grund. Ganz pl�tzlich sollte ich anhalten und den Motor abstellen. Weit und breit war allerdings kein einziges Geb�ude zu sehen. Wir stiegen aus, der �ltere winkte geheimnisvoll. Mir war nicht ganz wohl dabei, und ich fragte ihn, was uns erwartete � er wollte es aber nicht verraten. Meine Mutter ging diesmal ergeben mit, der Wald wurde dichter.</p><p>��Bardzo interesujace miejsce.</p><p>Pl�tzlich �ffnete sich vor uns die Erde, im ersten Moment dachte ich an einen Krater. Es war aber etwas v�llig anderes, dieser Krater war rechteckig. Wir kamen n�her, vor uns zog sich eine riesige, tief in den Boden eingelassene Kl�ranlage in die L�nge. Das mit kleineren B�umen wild bewachsene Gel�nde sah gespenstisch aus, hatte den Charmeeines Ortes f�r kultische, an Gew�ssern stattfindende Bestattungsrituale.</p><p>��Alles Handarbeit der H�ftlinge, diese Senke. Wenn die Becken �berliefen, blieb der Dreck wenigstens drin, flo� nicht in den Wald.</p><p>Auf dem etwa zehn Meter unterhalb der Waldebene liegenden Areal waren kleinere und gr��ere runde Becken verteilt, alle waren vollgelaufen mit Wasser. Ihre Oberfl�che bedeckte die gew�hnliche� gr�ne Gr�tze�, in manchen schwammen tote Rehe. Der Gro�teil der Senke war von betonierten und eng nebeneinander liegenden Kan�len �bers�t, durch die der Dreck damals hin und her gejagt worden war. An der Seite standen Betonboxen, manche waren noch voll hart gewordenen Kalks.</p><p>��Hier wurden unter anderem die S�uren neutralisiert, das Abwasser mu�te zur�ck in den Flu�. Dort hinten sieht man noch die unterirdischen Abflu�rohre.</p><p>��Von hier aus � bis zum Flu�? Dazwischen liegt doch irgendwo die Stadt.</p><p>��Die Rohre gehen unterirdisch kilometerweit, kommen erst unterhalb der Stadt wieder am Ufer raus. Das zweite Kl�rwerk ist ein St�ck weiter, alles sieht dort genauso aus wie hier.</p><p>Bei der Weiterfahrt mu�te ich bald wieder anhalten, wir sollten uns noch das Geb�ude f�r die Gewinnung der Nitrozellulose ansehen. Die gefliesten Becken im zweiten Stock wirkten relativ intakt, die Treppen auch. Die Dachkonstruktion h�tten die Russen gesprengt � es wenigstens versucht. Die Betonbalken hatten aber nur zum Teil nachgegeben, manche knickten ein bi�chen ein. Auf dem R�ckzug aus dem Skelettgeb�ude sah ich an einer intakten Wand noch verbla�te kyrillische Buchstaben, im ersten Stock konnte ich durch die unteren �ffnungen der trichterartigen Becken in den Himmel blicken.</p><p>��Nach dem Krieg mu�te man hier noch sehr vorsichtigsein. Wenn der Staub trocken war, reichten zu einem Knall ein paar Funken. Einige Kinder hatten mal mit Steinen geworfen�</p><p>��Wie viele Geb�ude gibt es hier im Wald �berhaupt?</p><p>��Hunderte, angeblich waren es an die achthundert.</p><p>Mir war es jetzt schon l�ngst zu viel, wie es meiner Mutter ging, konnte ich mir auch vorstellen. Sie hatte schon vor diesem Halt ersch�pft ausgesehen und war jetzt wieder beim Auto geblieben. Sie unterhielt sich dort immerhin mit dem j�ngeren Mann � interessierte sich aber eher f�r seine Gegenwart, wie sich herausstellte. Technische Details, zumal industrielle, waren ihr sowieso nie wichtig. Ich versuchte trotzdem, sie kurz �ber die Nitrozellulose aufzukl�ren.</p><p>��Eigentlich hei�t das Zeug Zellulosenitrat,�� dinitrat oder � trinitrat� wei� ich von Skopka.</p><p>��La� das doch, Georg. Ich habe die meiste Zeit nur Granaten gef�llt und zusammengeschraubt. Und die F�llung tropfte uns dabei auf die H�nde und war hei�. Mein Problem waren dann die Brandwunden, weil sie nicht heilten � nicht irgendeine Zellulose. Auch noch nicht Zellulitis. Au�erdem waren wir pausenlos �berm�det, und bei der Arbeit war uns so sch�n warm, wir schliefen oft ein.</p><p>��Das wei� ich schon von Eva, in die Fabrik kommen wir aber leider nicht. Meine Mutter wandte sich den M�nnern zu, l�chelte und sagte:</p><p>��Von den Giften bekamen wir der Reihe nach epileptische Anf�lle, fielen um und sch�umten aus dem Mund. Ich bekam au�erdem wundersch�ne rote Haare. Alle, die etwas hellere Haare hatten, wurden rot.</p><p>Diese Geschichten kannte ich, mir waren sie mit dem gleichen L�cheln erz�hlt worden.</p><p>��Die beste Arbeit war noch die mit Pre�luft, wir mu�ten das Gewinde der H�lsen reinigen. Aber vielleicht waren diese Geschosse gar keine Granaten, wir wu�ten es nicht.</p><p>Wir fuhren einen langen Betonweg entlang, bogen irgendwann ab � in Richtung des Flusses, wurde uns gesagt. Bald konnte man durch eine Waldlichtung tats�chlich schon den breiten Turm eines der beiden Wasserwerke sehen. Wir waren wieder in der N�he der Stadt.</p><p>��Wie gesagt, oberhalb der B�schung zum Bober hin steht direkt an der Stra�e ein Lager. Es ist sehr gut erhalten, nur die Holzbaracken nat�rlich nicht. Danach m�ssen wir aber unbedingt noch zu dem Milit�rgel�nde fahren. An einer Stelle sieht man von weitem die Fabrikgeb�ude � nur durch den Stacheldraht, aber immerhin.</p><p>��Mir reicht es, sagte meine Mutter. Und ich will sowieso keinen Stacheldraht sehen.</p><p>Dem Mann lag aber offensichtlich viel daran, unser Interesse wachzuhalten. Und ich war ihm f�r seinen Eifer dankbar � ohne ihn w�ren wir hier vollkommen verloren gewesen. Im Grunde hatten wir aber eher eine F�hrung absolviert, die sich vor allem auf die Monumente beschr�nkte. Bis zu dem angek�ndigten Lager am Wasserwerk kamen wir dann leider nicht. Meine Mutter bat mich, an einer betonierten Kreuzung anzuhalten. An zwei Ecken standen dort hohe Betonpfeiler.</p><p>��Hier hing der Mann, wochenlang, sagte sie, er war Pole.</p><p>Sie lief noch einige Schritte weiter, dann fiel sie um. Sie lag auf dem weichen polnischen Waldboden und bewegte sich nicht. Die M�nner kamen angerannt und z�ckten ihre wertvolle Wodkaflasche. Ich rieb meiner Mutter die Schl�fen ein und go� ihr etwas �ber die Haare, um ihre Augen nicht zu treffen. Im Auto war noch eine Flasche Wasser, diese Abk�hlung half ihr aber auch nicht. Sie rollte mit den Augen und sprach pl�tzlich Jiddisch.</p><p>��Er hot gehat a batsiung mit a daytshke.Wir schafften sie ins Auto auf den Hintersitz.</p><p>��Zey hobn im getseylemt.</p><p>��Hier wurde vierundvierzig ein Pole gekreuzigt, sagte der �ltere, verr�ckt!</p><p>��Er iz dortn gehangen etlekhe vokhn, murmelte zwischendurch meine Mutter.</p><p>��Wie geht es am schnellsten hier raus? fragte ich.</p><p>��So lang.</p><p>Die beiden M�nner quetschten sich auf den Vordersitz, nahmen ordentliche Portionen Wodka zu sich, und wir fuhren los. Meine Mutter war einigerma�en bei sich und lag ruhig. Was ich am Anfang unserer Rundfahrt bef�rchtet hatte, traf leider bald ein. Der Schienenstrang, der uns hier den Weg versperrte, war noch h�her als der erste.</p><p>��Zaden problem. Alle fahren hier lang.</p><p>Die pl�tzliche Eingebung, solche Erh�hungen lie�en sich am besten im hohen Tempo �berwinden, schien mir auf einmal vollkommen realistisch zu sein � und vor allem zeitsparend. Vor der vorderen Schiene hatte jemand etwas Sand angeh�uft, diese Art Rampe lud zu einem H�pfer regelrecht ein � und ich wollte immer schon so elegant mit dem Auto springen k�nnen wie Belmondo. Ich gab im zweiten Gang ordentlich Gas, unsere 42 PS beschleunigten uns, der Motor heulte � und bald danach sa�en wir fest. Der motorschwere Octavia-Bug hatte zwar einen kleinen Sprung gemacht, die Vorderr�der krachten dann aber gegen die zweite Schiene und schafften es nur knapp, dahinterzuh�pfen. Bei diesem H�pfer bekam das Chassis, vorn nat�rlich au�erdem die Karosserie, einige harte Schl�ge ab � Metall traf auf Metall. Und weil die Hinterr�der noch vor der ersten Schiene stehengeblieben waren und das Chassis im wesentlichen aus einem dicken Mittelrohr bestand, war der sonst so hochbeinig wirkende Octavia auf den Gleisen wie mittig aufgebockt � und kippelte seitlich. Wenn ich Gas gab, drehten die Hinterr�der nur durch. Bei dem Aufprall war nochetwas anderes passiert � meine Mutter war vom Sitz auf den Boden gerollt.</p><p>��Er iz geven a polyak, sagte sie noch auf Jiddisch, nachdem wir sie auf den Sitz zur�ckgehievt hatten.</p><p>Danach war sie wieder nicht ansprechbar, war aber wach. Niemand aus der Familie sprach eigentlich Jiddisch, angeblich auch nicht vor dem Krieg � nicht in Ostrau, nicht in der Slowakei oder in Budapest. In Wien schon gar nicht.</p><p>Die Landstra�e war offenbar nicht weit, ich h�rte dort gerade ein Auto vorbeifahren. Der j�ngere Mann verabschiedete sich pl�tzlich wortlos und rannte los � im ersten Moment sah es nach einer kleinen Panikattacke aus. Es war aber gar keine Flucht � er hatte zwischen den B�umen einen Fahrradfahrer ersp�ht. Meine M�nner und der Fahrradfahrer versuchten, das Auto samt meiner Mutter kurz zu schaukeln, gaben es aber gleich wieder auf, und der Radfahrer fuhr mit Tempo los. Ich setzte mich still ins Auto. Schon bald trafen wie aus dem Nichts die ersten Helfer ein. Wieso es so schnell ging, war mir schleierhaft.</p><p>Einige der Leute waren unsere Trinker, es waren aber auch andere Hilfsbereite dabei. Einer zog sogar einen reizenden Miniaturleiterwagen hinter sich her, dieser war f�r meine Mutter aber eindeutig zu kurz. Bald danach erschien einer aus der Trinkerclique mit zwei Kinderschlitten und einem l�ngeren Seil. Seine Idee war erstklassig. Er schlug vor, die beiden Schlitten seitlich zusammenzubinden und meine Mutter draufzulegen.</p><p>��In stabiler Seitenlage. Zum Kalten Krieg geh�rte zum Gl�ck auch die Zivilverteidigung.</p><p>Ich holte eine Decke aus dem Auto, wir legten meine Mutter etwas gekr�mmt auf die Doppelliege und versuchten, sie auf dem Waldboden zu ziehen � wir mu�ten uns stark nach vorn beugen und sahen dabei wie Treidler an der Wolga aus. Ein Arzt m��te auch schon unterwegs sein, meinte jemand, wir sollten warten. Der Arzt kam tats�chlich baldangeradelt und sah in seiner etwas zerknautschten Zivilkleidung nicht wie ein Arzt aus, war aber offenbar einer. Der etwas ungl�cklich wirkende Mann untersuchte meine Mutter gr�ndlich, schickte dabei alle Fremden weg. Ein Blutdruckme�ger�t hatte er dabei, ein Stethoskop ebenfalls, er gab meiner Mutter irgendwelche Tropfen. Sie wirkte jetzt wieder relativ munter.</p><p>In der Zwischenzeit versuchten die M�nner unser Auto freizubekommen. Und sie schafften es ganz ohne schweres Ger�t. Sie schoben etwas unter alle vier R�der, federten das Auto mehrmals hoch und runter,�pumpten �es so lange auf und ab, bis einer kurz vor dem oberen Kulminationspunkt das Kommando gab:</p><p>��Te-RAZ!</p><p>Der Octavia h�pfte nach vorn, das Chassis und der Auspuff bekamen dabei die n�chsten Sch�den verpa�t, die Hinterr�der hatten die erste H�rde jetzt aber �berwunden � standen zwischen den Schienen. Dann wurde noch einmal gepumpt und bei dem n�chsten Sprung der hintere Schalld�mpfer fast abgerissen. Das Auto stand jetzt aber endlich hinter dem Gleisbett. Der Einlasser m�hte sich mit normaler Lautst�rke ab, der Motor sprang aber nicht an. Unten am Auto schepperte es m�chtig auch beim Anschieben.</p><p>Kurz danach erschien zwischen den B�umen � wie vom Himmel geschickt � ein Bauer mit einem Pferd. Und ich konnte endlich sehen, was man sich unter PFERDEST�RKE vorstellen sollte. Das Fahrzeug zu ziehen kostete das sch�ne Tier anscheinend keine M�he, es mu�te sich nicht einmal beim Anfahren sichtbar nach vorn stemmen, marschierte einfach locker los, und das Auto folgte ihm. Wir setzten uns alle in Bewegung und n�herten uns auf einem parallel zur Stra�e verlaufenden Weg langsam der Stadt. Ein wunderlicher Umzug: unser Auto von einem Pferd geschleppt � immer wieder etwas ruckartig, aber rechtschnell. Wesentlich ruhiger hatte es meine Mutter, die auf dem improvisierten Doppelschlitten sanft und langsam durch den Wald glitt. Man hatte ihr nicht erlaubt aufzustehen, ich sollte mich auch schonen und meine Mutter betreuen � durfte nicht mitschleppen. Ich lief also neben den Schleppern her. Hinter dem Lenkrad unseres sich entfernenden Octavia sa� von Anfang an jemand anders.</p><p>Im Grunde leistete unser Alkoholikertrupp spontan das, wozu heutzutage die Feuerwehr, die Polizei und der Rettungsdienst vonn�ten w�ren � eventuell noch das Technische Hilfswerk mit Ausr�stung f�r Industrieunf�lle, auf alle F�lle f�r Eins�tze auf chemisch verseuchtem Gel�nde. Hier kam man ohne Sirenen oder Martinsh�rner aus, es waren au�erdem auch keine �berz�hligen Feuerwehrmannschaften alarmiert worden.</p><p>In der Stadt wartete schon jemand auf uns. Dieser bereits reichlich mit Motor�l verschmierte Mensch hatte im Hof eine einfache Montagegrube. Er drahtete den Auspuff provisorisch fest, schwei�te irgendwo ausgiebig elektrisch und auch autogen, klopfte und schraubte danach noch kurz, und unter seinen goldenen H�nden sprang der Motor anschlie�end sofort an. Das Auto machte trotz allem Krach wie ein Rennwagen. Ich bezahlte den Zauberer, teilweise mit unseren tschechischen Kronen und dem Rest der DDR-Mark, dachte noch daran, das restliche Geld f�r unseren Buttersammler und Herbergsvater zur�ckzuhalten. Wir holten unser Gep�ck ab, es war sp�ter Nachmittag. Den Weg bis Zgorzelec kannte ich bereits, danach erwartete uns noch die �berquerung der Ausl�ufe des Isergebirges. Meine Mutter sprach inzwischen wieder Tschechisch.</p><p>��Nur weg, Georg, weg von hier, sagte sie.</p><p>��Blo� nicht wieder �ber Deutschland fahren, meinten unsere Freunde � nicht nach G�rlitz. Die Deutschen lassen euch mit dem kaputten Auto nicht durch.Eine Woche sp�ter bekam meine Mutter ihren zweiten Schlaganfall. Die Ausf�lle waren etwas ernster als bei dem ersten, im Gesicht war sie zum Gl�ck �berhaupt nicht entstellt. F�r Anna sei die Perspektive trotzdem schlimmer als der Tod, meinten alle und schirmten sie von der Au�enwelt ab. Nebenbei verst�rkte sich aber leider Mutters Gesichtstick � sie w�lbte dauernd die Lippen nach vorn. Davor hatte sie diese Unsitte einigerma�en im Griff gehabt. Jetzt wollte sie niemanden sehen und sprechen, wollte vor allem nicht gesehen werden. Sie hatte gleich vom Krankenhaus aus �berall ausrichten lassen, sie wolle nicht besucht werden. Nach der Entlassung und der R�ckkehr blieb sie noch eine Zeitlang zu Hause, zog aber bald aufs Land in Danas Haus. Sie sollte sowieso f�r l�ngere Zeit krankgeschrieben bleiben. Und als Verfolgte des Naziregimes wollte sie sich dann berenten lassen.</p><p>In der Prager Wohnung stand mir logischerweise ihr Prachtzimmer zu. Es war gro�artig, ein wahrhaftes Geschenk des Himmels � ich f�hlte mich kurzzeitig wie nach einer epochalen Eroberung. Bleiben wollte ich zu Hause aber auf keinen Fall. Alle machten mir sowieso direkt oder indirekt Vorw�rfe, obwohl der Schlaganfall bei unseren Vorfahren kein seltenes Ereignis war � und der Schlaganfalltod bei uns als der sch�nste von allen galt, oft sogar herbeigew�nscht wurde.</p><p>��Ausflug, Ausflug, das hat sie jetzt von deinem bl�den Ausflug, Georg.</p><p>��Das h�tte sie umbringen k�nnen, h�rte ich hinter einer T�r.</p><p>��Sie hat doch das ganze Leben furchtbar viel geraucht.</p><p>��Trotzdem.</p><empty-line/><p>manchmal lief der mann gleichzeitig in zwei entgegengesetzte richtungen</p><p>Ich war in meinem fr�heren Leben von Frauen � bis auf einige kurze Intermezzi � dauerhaft umstellt, und wenn ich dabei von ihren R�cken, Ger�chen, gleichzeitig auch von Sheldrakeschen Feldern ihrer Freundlichkeit umwedelt wurde, mu�te ich nie f�rchten, mir k�nnte etwas Schlimmes zusto�en. Direkt von ihnen gingen in meinem Fall nie ernste Gefahren aus � offen verletzende Aggressionen sowieso nicht. Ihre kleinen Verstimmtheiten oder leichten Eitelkeitsanf�lle �ngstigten mich ebenfalls nicht. Was aber regelrecht rettend war: In allen wichtigen Phasen meines Lebens fand sich im richtigen Moment das richtige weibliche Wesen an der passenden Stelle ein. Als ich einmal auf der offenen breiten Plattform eines Stra�enbahnanh�ngers stand, hielt ich mich, wie oft, nicht fest. Die Plattform lag in der Mitte des Wagens, man f�hlte sich dort ausreichend geborgen und vor unerwartetem Rauswurf gesch�tzt. Die Fahrten zu meinem Vater waren furchtbar lang, f�hrten durch die ganze Stadt, und ich kannte die vielen Stationen, Streckenabschnitte und alle ihre Problemstellen so gut wie auswendig. Trotzdem pa�te ich nicht immer auf. Die Stra�enbahnen wurden damals teilweise von jungen, im zweimonatlichen Schnellkurs angelernten Kr�ften� gelenkt�. Im Grunde brauchten diese Leute nur� Gas �zu geben oder zu bremsen � und hatten laut Stra�enverkehrsordnung au�erdem �berall und immer Vorfahrt. Und weil diese Kolosse wegen ihrer Masse sogar von Lastwagenfahrern respektiert wurden, h�tten sie durch die Stadt theoretisch in aller Ruhe gondeln k�nnen. Die jungen Wagenlenker wollten aber oft auch etwas schneller fahren als erlaubt, hatten sich alleSchwachstellen der besonders t�ckischen Kurven und alle Problempunkte der scheinbar geraden Strecken noch nicht fest eingepr�gt. Oder sie verga�en beim Tr�umen �ber ihre Zukunft einfach, da� auch die n�tigsten Ausbesserungen und Begradigungen der Schienen sich immer noch in der Planungsphase befanden. Oft zuckten der Triebwagen und dann die Anh�nger unerwartet heftig zur Seite. Die R�der ratterten und rumsten dabei � und der noch mit viel Holz ausgekleidete Wagenk�rper quietschte laut. Einmal bewahrte mich vor einem Hinauswurf auf die Stra�e eine �ltere Dame, die direkt vor mir stand. Diese dickliche Person hielt sich auch nicht fest, wir beide w�ren beinah unter die vorbeifahrenden Autos geschleudert worden. Die Frau fand im letzten Moment den Griff am Rand der Plattform, und ich, der kurz davor noch konzentriert in die Ferne gesehen hatte, stolperte erst einmal �ber ihre abgestellte Tasche. Auf die weichgepolsterte Frau fiel ich deshalb etwas versp�tet, daf�r mit zus�tzlicher Energie. Die Stra�enbahn war in voller Fahrt, der rasende Abgrund ganz nah. Die Frau kommentierte den Vorfall mit dem folgenden Satz: � Du w�rest wenigstens auf etwas Weiches gefallen.</p><p>In meinem Schreck bedankte ich mich f�r die Rettung nicht einmal. Beim Nachdenken war ich nie der Schnellste und konnte auch in diesem Moment aus mehreren Gr�nden nicht sofort reagieren. Die Wahrscheinlichkeit, gr�belte ich, nicht auf der Frau, sondern neben ihr auf der Granitpflasterung zu landen, w�re um ein Vielfaches gr��er gewesen. Und auch wenn ich mich an der Dame festgekrallt h�tte, h�tte es bei dem entscheidenden Aufprall auch ganz anders kommen und ich als Pflasterpuffer unter ihr enden k�nnen. Trotz aller dieser Bedenken habe ich ihre Liebensw�rdigkeit nie vergessen.</p><p>�Die Frau w�hlt�- das wu�te ich von meiner mich besonders in Liebesdingen schulenden Mutter seit langem. Meinezuk�nftige Frau, die ich eines Tages tats�chlich auch heiraten sollte, wohnte im gegen�berliegenden Haus in einer Dachgescho�wohnung. Wir trafen uns im allerletzten Moment, beide waren wir �ber f�nfundzwanzig, und ich befand mich zu diesem Zeitpunkt in einem miserablen Allgemeinzustand � war trotz ausreichender Nahrung ausgezutscht, ausgezehrt und ausgenervt. Au�erdem war ich gerade dabei, meine n�chste panische Prag-Flucht zu planen. Ohne diese entscheidende Begegnung w�re ich h�chstwahrscheinlich � wenn nicht direkt in meiner sch�nen Stadt, dann eben woanders � auf die eine oder andere Art zu Grunde gegangen, im besten Fall w�re ich in einer psychiatrischen Klinik voller netter Schwestern gelandet. Dort h�tte man mich allerdings garantiert mit den damals �blichen Hammermedikamenten ruhiggestellt und entsorgungsnah endtherapiert. Aus mir w�re irgendwann eine aufgedunsene stumpfruhige Kugel geworden, wie aus einem meiner Freunde aus meiner schulischen Clique.</p><p>Lange Jahre meiner Kindheit hatte ich meine zuk�nftige Frau leider nie zu Gesicht bekommen. Die l�nglichen schmalen Fenster ihrer Dachgescho�wohnung in der Mickiewiczstra�e waren relativ hoch angesetzt. Aus meiner Sicht verbrachte das gutbeh�tete M�dchen ihre gesamte Kindheit unterhalb der Fensterkanten. In ihrer Wohnung sah man immer nur einen alten wei�haarigen Mann aufstehen und sich wieder hinsetzen, au�erdem und noch viel �fter einen j�ngeren erwachsenen Mann, der allerdings sehr beweglich war. Man sah ihn dauernd durch die Wohnung schie�en, manchmal war er gleichzeitig in zwei R�umen zu sehen, lief dabei oft in zwei entgegengesetzte Richtungen. Sp�ter kam heraus, da� es sich bei diesem Mann um ihn und seinen Zwillingsbruder handelte. Eine erwachsene Frau sah man in den Fenstern der Wohnung nie, ein Kind eben auch nicht. Die beiden M�nner fielen auch noch wegen einer besonderen Eigenart auf: Der eine oder der anderestreichelte gern sein eigenes Gesicht, fuhr mit der Hand regelm��ig und ausgiebig �ber seine Wangen, Lippen und seinen Hals. Dieses meist morgendliche Ritual in der Fenstern�he war voller Z�rtlichkeit und spielte sich offenbar vor einem von uns aus nicht einsehbaren Spiegel ab. Vielleicht praktizierten diese Gesichtsmasturbation abwechselnd sogar beide der Zwillinge. Mein Onkel, der stolze Besitzer des ersten elektrischen Rasierapparates aus heimischer Produktion, hatte f�r diese scheinbare Selbstverliebtheit eine einfache Erkl�rung:</p><p>��Der Mann rasiert sich sicher woanders in der N�he einer Steckdose und sucht dann am Fenster nur die �briggebliebenen H�rchen.</p><p>Das gegen�berliegende Haus war insgesamt um ein Stockwerk niedriger als das, in dem sich unsere Wohnung befand � aus dem Grund wohnten ich und meine zuk�nftige Dachgescho�frau ungef�hr auf gleicher H�he, in der gleichen Etage sozusagen. Wir waren praktisch so etwas wie Flurnachbarn. Mein Interesse an der gegen�berliegenden Dachwohnung und ihren m�nnlichen Bewohnern hatte noch einen sachlichen Grund: Ausgebaute Dachgeschosse sah man in Prag damals selten, in meiner Gegend waren sie auf alle F�lle etwas Besonderes. Da� ich �ber diese Familie etwas mehr wu�te, als ich mir aus meinen Beobachtungen zusammenbasteln konnte, verdankte ich Tante Erna, die in ihrer Distanzlosigkeit im ausgedehnten nachbarschaftlichen Umfeld viele gute Kontakte unterhielt. Sie sprach � schamfrei wie sie war � trotz ihres undefinierbaren Akzents und ihrer manierierten Anglizismen Menschen an, die sie in der Gegend regelm��ig traf, und fragte sie geradeheraus nach ihrem Befinden, dem Befinden ihrer Mitbewohner und nach allen ihr als kl�rungsbed�rftig vorkommenden Neuigkeiten. Auf diese Weise kannte sie den gesamten kiezrelevanten Tratsch fast vollst�ndig. Da sie auch �ber uns alles m�gliche erz�hlte, alles, was ihr erz�hlw�rdig vorkam, bekam unsere Wohnung nach und nach Glasw�nde. Ich k�nnte in diesem Zusammenhang einige Spr�che aufz�hlen, als Beispiel m��te einer von Tante Gy�rgyi reichen:</p><p>��Ich frage mich, wieso man beim B�cker �ber meinen Fu�pilz Bescheid wei�.</p><p>�rger bekam Erna aber nur selten. Wir waren alle eher froh, gut informiert zu leben und einen vorgelagerten Kundschafterposten zu haben, der uns eventuelle feindselige Stimmungen melden w�rde. Aufgrund der tschechischen Gem�tlichkeit war es aber nie so weit gekommen. �ber die m�nnlich dominierte Familie von gegen�ber berichtete Erna selten, aber kontinuierlich. Da� die zwei Br�der sch�ne M�nner waren, war bei uns ohnehin ein Dauerthema, von gr��erer Tragweite war aber etwas anderes: Dank Erna wu�ten wir, da� der Familie vor vielen Jahren ein Kind verlorenging. Es war irgendwo von einer Terrasse gefallen und hatte den Sturz nicht �berlebt. F�r die �ltere Schwester des T�tlings waren die Fenster deswegen tabu. Als sie gr��er wurde und �ber die Fenster-Unterkante blicken konnte, mied sie die N�he der Fenster�ffnungen offensichtlich um so mehr. Drau�en hatte sie sicherlich � wenn �berhaupt � nur im Hof ihres Hauses gespielt. Als ich klein war, fiel sie mir in der Nachmittagswildnis der Umgebung nie auf, au�erdem ging sie offenbar in eine andere Schule. Hinzu kommt noch, da� ihre Stra�enseite die langweiligere war, und ich kannte dort niemanden. So �berquerte ich ihre Mickiewiczstra�e nur, wenn ich Frau Garrigue Masaryk einen Besuch abstatten und ihr in die Augen sehen wollte.</p><p>Das Kurioseste an der Dachgescho�familie war die exzentrische und uns pers�nlich vollkommen unbekannte Mutter des M�dchens, also die Frau eines der Zwillingsbr�der. Sie lebte angeblich allein in einem Schlo�turm. Vor Jahren hatte sie die Wohnung, ihre drei M�nner und die �briggebliebene Tochter verlassen � von einem Tag auf den anderen � und war nie wieder zur�ckgekommen. Sie hattein S�db�hmen den Direktor eines Schlo�museums gekannt, dieser hatte f�r sie eine Art Arbeitsstelle geschaffen � und sie konnte in einem Turm des Schlosses wohnen bleiben.</p><p>Von ihrer Tochter sah ich in sp�teren Jahren manchmal die Haare, noch sp�ter ihren ganzen Kopf � allerdings immer nur abgedunkelt im Rauminneren. Mit unserem Opernglas beforschte ich bei g�nstigeren Lichtverh�ltnissen auch ihr Gesicht. Solche erregenden Momente, die man beim Genie�en von nur fragmentiert gelieferten Bildern, beim Verfolgen von Echtzeit-Abl�ufen, von Klein-, Gro�- oder Scheindramen erleben kann, wollte ich auch sp�ter im Leben nicht missen. Man h�rt regelrecht das optische Knistern, Rascheln oder Rumoren, das die Akteure in der gegen�berliegenden Wohnung produzieren, und man ist nebenbei sogar gezwungen, mit den Beobachteten aktiv mitzudenken. Man f�llt das scheinbar sinnlose Hantieren der Leute behelfsm��ig mit Sinn auf und erg�nzt ihre pantomimischen Unterhaltungen durch m�glicherweise passende Worte. Was das nicht mitgelieferte Gef�hlsgef�ge angeht, ist man nat�rlich nur auf die eigene Phantasie angewiesen. Der weiteren Ausschm�ckung sind dabei keine Grenzen gesetzt.</p><p>Nachdem meine zuk�nftige Frau aus der kindlichen Versenkung aufgetaucht war, fand ich sie nicht einfach nur interessant. Das zus�tzlich Anziehende an ihr war, da� ihr und ihren M�nnern � trotz Ernas Zuarbeit und trotz aller fernoptischen Eindr�cke � ungew�hnlich viele Fragezeichen anhafteten. Die beiden Zwillingsm�nner waren bei Ernas Vorst��en sehr zur�ckhaltend gewesen, und ihr alter Vater, der oft die Eink�ufe erledigt hatte, hatte auf sie immer einen m�rrischen Eindruck gemacht. Das Besondere an dieser Familie war noch, da� sie f�r mich in einer Art Parallel-Vergangenheit lebte. Das folgende Ph�nomen kannte ich auch aus anderen Zusammenh�ngen: Wenn in meiner Gegenwart von Personen � Personen aus der Gegenwart � gesprochen wurde, die ich pers�nlich nicht kannte, nahm ich oftautomatisch an, es handele sich um Menschen aus der fernen Vergangenheit � im Grunde um bereits verblichene Wesen. Wenn ich diese Menschen sp�ter traf, hatte ich als erstes das nicht ganz falsche Gef�hl, Untoten aus dem Jenseits gegen�berzustehen.</p><p>Meine zuk�nftige Frau war ausgesprochen untot, als ich mit ihr das erste Mal sprechen konnte. Aus der N�he war sie noch beeindruckender als aus der Ferne, war allerdings ungewohnt direkt � um nicht FRECH zu sagen. Wir trafen uns an einem 28. Oktober.</p><p>Die dank T. G. Masaryk vollzogene Staatsgr�ndung im Oktober 1918 wurde in der sozialistischen Tschechoslowakei nicht gefeiert. Dieser Tag wurde uns im Grunde verschwiegen, weil 1918 ein kapitalistisch ausbeuterischer Staat gegr�ndet worden war. Man legte daf�r den gro�en Tag der Liquidierung der prosperierenden tschechischen Wirtschaft auf denselben Tag, und der 28. Oktober wurde zum� Tag der Verstaatlichung �erkl�rt, die im Tschechischen offiziell� Vernationalisierung �hie�. Man feierte also die damalige fl�chendeckende Enteignung aller kapitalistischen Elemente des Landes � und auf diesen Kahlschlag sollten alle auch noch stolz sein. Dabei traf und bestrafte dieser Radikalschritt fast die H�lfte der damaligen Bev�lkerung. An diesem Tag besuchte ich manchmal � wenn nichts dazwischenkam oder ich es nicht verga� � die tapfere Amerikanerin Garrigue Masaryk, die Frau unseres ersten Pr�sidenten. Da� ihre B�ste die Beseitigungs- und Bereinigungswut der f�nfziger Jahre �berstanden hatte, war tats�chlich ein kleines Wunder. Diesmal kam ich gar nicht dazu, zu der relativ hoch angebrachten B�ste aufzublicken. Ich traf meine Frau, die gerade aus der Haust�r trat.</p><p>��Ich wohne dort dr�ben, sagte ich.</p><p>��Ich wei�, und du hei�t Georg. Ich habe von dir schon viele schlimme Dinge geh�rt. Ich wohne hier auch schon ewig. Du warst irgendwann l�ngere Zeit weg, oder?�� Ich bin in die Slowakei gefl�chtet, war dort klettern und so.</p><p>��Also sinnlos dein Leben riskiert�</p><p>��Prag ist doch furchtbar, �berall nur Magengeschw�re und Mundger�che. In den Bergen habe ich nebenbei aber auch etwas Kultur, einmal sogar ein tolles Konzert erlebt. Du warst einige Jahre aber auch nicht hier.</p><p>��Ich war in einer Art Internat, und dann habe ich noch woanders studiert. �brigens ziehst du dich unm�glich an, wei� du das? In dieser Lederjacke siehst du aus wie eine Apfelsine auf Stelzen.</p><p>��Wieso haben wir uns fr�her nie auf dem Tor oder im Park getroffen?</p><p>��Ich war auf einer Schule f�r besonders Flei�ige.</p><p>��Also auch nachmittags.</p><p>��Auf jeden Fall l�nger. In die N�he dieser Klettermauern durfte ich sowieso nicht, auf das Tor schon gar nicht. Dort trafen sich ganz schlimme Typen, haben sich mit Steinen beworfen.</p><p>��Das war eher die Affenbande, aber auch noch andere�</p><p>��Und du?</p><p>��Wir sind zur Abwechslung vom Tor gefallen und waren tot. Und haben Bomben gebastelt. Aber ich habe dort oben oft Gitarre gespielt, stundenlang gesungen und gebr�llt. Das h�ttest du sogar von weitem h�ren k�nnen.</p><p>��Manche Idioten pi�ten manchmal von oben, standen an der Kante und pi�ten. Und dort gibt es �berhaupt kein Gel�nder.</p><p>��Du sagtest vorhin, du h�ttest von mir irgend etwas geh�rt. Was zum Beispiel?</p><p>��Das und jenes. Ich bin einfach neugierig.</p><p>��Von mir wirst du im Moment nicht viel erfahren. Ich bin ein bi�chen verstummt, singe auch nicht mehr.</p><p>��Aber du sprichst doch, Georg.</p><p>��Lachen tue ich auch viel weniger.- Bei euch wurde aber viel gelacht. Ich habe es bis zu uns geh�rt, wenn hier unten gerade kein Auto fuhr.</p><p>��Und was hei�t das? fragte ich.</p><p>��Du mu�t es ge�bt haben, das Lachen.</p><p>��Du warst f�r mich so etwas wie die Enkelin von Masaryk, jedenfalls ein Nachkommensfr�chtchen von Frau Garrigue. Das kann ich dir jetzt amtlich mitteilen. Als deinen Vater wollte ich mir keinen der Zwillinge vorstellen, weil ich sie nie unterscheiden konnte. Ich dachte eher an einen Nachkommen eines Freiheitsk�mpfers, du wei�t schon�</p><p>��Mickiewicz? fragte sie.</p><p>��Richtig.</p><p>��Ich habe keine Lust zu r�tseln, ich m�chte einiges einfach wissen, sagte sie ernst.</p><p>��Was denn?</p><p>��Ist dieser unbewegliche Dicke mit den nackten Beinen auf dem Nierentisch irgendein Stiefvater von dir?</p><p>��Nein! Das ist mein Onkel, DER Onkel � der einzige Mann au�er mir. Handwerklich ist er ein sehr begabter Mensch, vor allem aber ein mutiger. Nur sieht man ihm das nicht unbedingt an.</p><p>��Und sag mal � ist dieser Onkel so etwas wie ein Ausdauerschwei�er? Das war immer meine Hypothese.</p><p>��Nein. Er kann aber gut schwei�en.</p><p>��Mein Vater meinte dagegen, der Wei�beiner w�rde in seinem Zimmer mit Chemikalien experimentieren � und h�tte deswegen diesen L�fter.</p><p>��Der Rauch kommt von seiner Pfeife � und seinem Ungl�ck.</p><p>��Und wer ist die Frau mit den wirren Haaren und wilden Gesten?</p><p>��Das ist Urtante Bombe. Frag mich aber bitte nicht, warum sie so hei�t.</p><p>��Und wer ist die, die nur im Hochsommer l�ftet?</p><p>��Tante Gy�rgyi, die friert immer. Und hat Angst, da�ihre W�nde � �die W�nde, die W�nde�- abk�hlen und K�lte speichern k�nnten.</p><p>��Noch etwas: Ab und an wurden bei euch �ltere Frauen auf dem Balkon ausgesperrt. Auch im Winter.</p><p>��Das hing mit familienexternen Unvertr�glichkeiten oder irgendwelchen Absprachen zusammen. Manchen Bekannten mu�te man versprechen, da� sie eine bestimmte Person nicht antreffen w�rden � in der Regel ging es um Tante Erna. Die ist einmal steif ins Zimmer gefallen, als man sie wieder reinlassen wollte. Sie hatte ihren Mantel vergessen und traute sich nicht zu klopfen.</p><p>��Bei euch war es immer sehr lebendig, hatte ich jedenfalls den Eindruck � bei uns dagegen furchtbar still.</p><p>��Wegen der Helligkeit und der gro�en Fenster kann man unsere Zimmer bestimmt besser einsehen � es ist die S�dseite. Aber in die Kellerfenster von Tante Peprl auf der Nordseite konntest du nie geguckt haben, jetzt ist sie schon lange tot.</p><p>��Habt ihr die Frau etwa in den Keller abgeschoben?</p><p>��Ins Souterrain, Souterrain hei�t es eigentlich.</p><p>��War es bei euch nun lebendig oder nicht?</p><p>��Es war sehr unruhig, dauernd war viel los � bin deswegen leicht st�rbar. Ganz normal bin ich vielleicht auch nicht.</p><p>��Du �bertreibst, oder? Ich kenne dich lange genug � und das w�rde ich dir ansehen. Ich bin von Hause aus M�rchenforscherin.</p><p>��Was f�r eine Art Forscherin?</p><p>��Bin M�rchenforscherin, nebenbei noch eine Hexe, wenn du so fragst. Ganz sch�n d�nn bist du. Trotzdem bin ich ein realistischer Mensch. Ich m�chte gern wissen, wieso du noch bei deiner Mutter wohnst.</p><p>��Stimmt so nicht. Ich wohnte aber lange in einem Zimmer mit meiner Gro�mutter Lizzy � auf der anderen Seite zum Park.</p><p>��He?�� Naja. Die Wohnung ist gro�, so viele Zimmer sind es aber doch wieder nicht. Gro�mutter Lizzy ist aber der liebste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und du hast dagegen nur V�ter.</p><p>��Eine Frau h�tte es bei uns nicht ausgehalten.</p><p>��Was hei�t das?</p><p>��Das bedeutet, da� ich einen doppelten Vaterkomplex habe, zweifachen Nelson an der Seele, genau gesagt.</p><p>��Auch nicht schlecht. Zwei Dinge m��test du noch wissen: Ich bin von Hause aus M�llmann. Und das, was ich schreibe, sieht ziemlich seltsam aus, auch optisch. Viele behaupten, es sei eher Hackfleisch als Literatur.</p><p>��Das kann trotzdem was werden, oder? Au�erdem k�nnten wir aufs Land ziehen, ich habe gerade ein Bauernhaus geerbt.</p><p>��Das trifft sich gut. Ich m��te hier n�mlich sofort weg, sagte ich.</p><p>��Ich kann das Haus jetzt schon nutzen, teilweise jedenfalls.</p><p>��Ist das nicht Anmache, was hier jetzt abl�uft?</p><p>��Du hast mich vorhin unversch�mt angeglotzt, als ich aus der T�r kam. Das h�tte ich mich wieder nicht getraut.</p><p>��Ich bin von Geburt an optischer Penetrator.</p><p>��Ich habe manchmal gedacht, wenn ich dich von weitem sah: Der sollte mir nicht entgehen. Ich kenne sogar deine Telefonnummer: 32 52 09.</p><p>��Was bedeutet das genau, da� du das Bauernhaus� schon nutzen �kannst?</p><p>��Jemand wohnt dort noch, eine alte Frau.</p><p>��Eine oder gleich mehrere?</p><p>��Eine echte Wiesen-, Wald- und Kr�uterhexe. Man braucht da drau�en daf�r keinen Arzt.</p><p>��Ich mu� m�glichst weit weg von hier, sonst w�rde jeden Tag jemand zu Besuch kommen wollen. Oder einfach vor der T�r stehen.- Es ist weit genug. Und dort drau�en kann man unglaublich billig leben. Was ist mit deiner Mutter, Georg?</p><p>��Die lebt jetzt auch auf dem Land. Trotzdem ist es bei uns furchtbar eng, meine Gro�mutter und ich kochen zum Beispiel in unserem Badezimmer.</p><p>��F�r mich ist es total wichtig, da� man sich in so einem Haus ebenerdig bewegen kann. Im Grunde wohnt man auf der gleichen Etage wie die Natur. Im Winter k�nnten wir uns einen Pott Honig neben das Bett stellen und es uns gutgehen lassen. Selbstgemachten Obstwein trinken.</p><p>��Wie kommst du auf HONIG?</p><p>��Das kommt in einem witzigen M�rchen vor. Wir werden uns aber keinen Fernseher anschaffen, nicht wahr.</p><p>��Hattest du schon Honig in den Haaren?</p><p>��Nein, hab aber keine Angst davor, wie in dem Lied von Suchy. Sollen sie kommen, die Ameisen.</p><p>��Mach mal deine Augen richtig auf, sagte ich zu ihr. Kannst du das �berhaupt? Du hast so gut wie Schlitzaugen.</p><p>��Meine Gro�mutter war Putzfrau auf der chinesischen Botschaft. - DAS GIBT ES NICHT!!!</p><p>��Stimmt auch nicht. Du wei�t doch, wie alle tschechischen M�rchen beginnen:�Es war einmal, war aber auch nicht. �Meine Vorv�ter stammten sicher von irgendwelchen mongolischen Horden ab, nehme ich jedenfalls an. Oder von den tapferen Tataren.</p><p>��Das ist ja traumhaft. Ich komme dagegen von einem Nomadenvolk aus der W�ste.</p><p>��Das wei� ich.</p><p>��Kanntest du die chinesische Revolution�rin Nie Yuanzi? fragte ich noch.</p><p>��Nein. Nie geh�rt.</p><p>Wir machten eine Pause und sahen uns in die Augen. Ich gr�belte dar�ber, wie gut man sich mit M�rchenforschung ern�hren kann.- Ich mu� dich noch etwas fragen, sagte sie. Zwei wichtige Dinge.</p><p>��Bitte.</p><p>��Warst du schon bei der Armee?</p><p>��Bin ausgemustert, bin ein einbeiniger Fu�kr�ppel, wie du siehst. Ich mu� dich aber auch etwas fragen.</p><p>��Bitte.</p><p>��Wie bist du politisch?</p><p>��Du wirst mich nicht versto�en m�ssen, so geladen wie du bin ich aber bestimmt nicht. Jetzt aber meine zweite Frage: Liebst du deine Mutter?</p><p>��Was soll das?</p><p>��Ich will wissen, ob Georg seine Mutter liebt.</p><p>��Ich habe mich mit ihr inzwischen vers�hnt. Wir sehen uns jetzt allerdings nicht oft.</p><p>��Und hast du sie geha�t?</p><p>��Wie kommst du drauf?</p><p>��Es ist gerade mein Thema.</p><p>��Ich kann das nicht ganz leugnen. Vor einem Jahr sind wir zusammen nach Polen gefahren, das hat einiges ver�ndert, mein Karatetraining auch.</p><p>��Und vor der Polenreise? fragte sie.</p><p>��Ich habe irgendwann angefangen, Witze zu machen, wenn sie mir auf den Geist ging. Alles wurde dadurch viel einfacher � ohne gro�e Dramen.</p><p>��Dein Gl�ck. Ich h�tte dich sonst nicht nehmen d�rfen.</p><p>��Und wenn es mit uns beiden nicht klappt? fragte ich. Vielleicht werden wir uns noch furchtbar verletzen.</p><p>��Ich buche dich trotzdem fest. Im schlimmsten Fall f�r mein n�chstes Leben.</p><empty-line/><p>seine herzrhythmusst�rungen �berraschten ihn regelm��ig</p><p>Nachdem das Bauernhaus von Onkel ONKEL einigerma�en hergerichtet worden war � ich war etwa zehn Jahre alt � , wurde ich dorthin ab und zu mitgenommen. Ich sa� mit meinen Cousinen auf der hinteren Sitzbank des alten rundlichen Wartburgs, und wegen der erh�hten Verletzungsgefahr durften wir w�hrend der Fahrt niemals einschlafen. Sicherheitsgurte waren damals noch Zukunftsmusik; und der Kontrollterror, die Gurte ordnungsgem�� anzulegen, stand Onkels Familie erst bevor. Onkel fuhr souver�n, verbissen und schweigsam, wechselte die G�nge einf�hlend und getriebekundig. Er �u�erte sich nebenbei h�chstens zum aktuellen Stra�engeschehen, kommentierte das Verhalten der anderen Fahrer streng, aber gerecht. Gleichfarbige Wartburgs, die uns entgegenkamen, gr��te er mit der Lichthupe; in der Regel wurde er auch zur�ckgegr��t. Manchmal gab er uns R�tsel auf, die mit der Stra�enverkehrsordnung oder der technischen Ausstattung der Fahrzeuge in Verbindung standen. Wir wu�ten oft keine Antwort oder l�sten die R�tsel � trotz richtiger Vermutungen, gleichzeitig aber angsterstarrt � in der Regel falsch. Dadurch gaben wir dem Onkel immerhin die M�glichkeit, uns beinah kameradschaftlich zu belehren.</p><p>Onkel ONKEL hatte noch nie einen Unfall verursacht und war stolz auf seine Plakette an der Windschutzscheibe:�100 000 Kilometer ohne Unfall�. Er arbeitete gerade an der zweiten. Als einmal etwa zweihundert Meter vor ihm ein Motorrad wild hin und her zu schl�ngeln begann, war mein Onkel leider machtlos. Der Motorradfahrer konnte das Gleichgewicht irgendwann nicht mehr halten, kipptesamt seiner Maschine und seiner hinter ihm sitzenden Frau um � und ausgerechnet zur Stra�enmitte hin. Schlie�lich schlitterten die beiden � liegend auf der Fahrbahn � uns allen frontal entgegen. Onkel hatte bereits scharf gebremst, sagte noch kurz:</p><p>��Warum das?</p><p>Meine Cousinen und ich schliefen anweisungsgem�� nicht und sahen uns durch die Windschutzscheibe das Spektakel mit gro�en Augen an. Mir kam es vor, als ob uns Onkel ONKEL �berraschenderweise erlaubt h�tte, im Fernsehen einen aufregenden Film f�r Erwachsene zu sehen. Das im Liegen rasende Motorrad bremste selbstverst�ndlich auch � besser gesagt kratzte am Asphalt mit allem, was aus ihm seitlich hinausragte, der Aufprall fiel daraufhin ma�voll aus. Weil Onkels n�chste Plakette offensichtlich nicht gef�hrdet war und die beiden Unfallopfer schon vom Boden aus freundlich l�chelten, stieg Onkel ONKEL gut gelaunt aus. Die beiden Verunfallten klopften sich mit ruhigen Bewegungen den Stra�endreck ab, und nicht nur der Mann, auch seine Frau hatte die beste Laune. Es war meine erste Begegnung mit dieser Sorte von Menschen.</p><p>��Das war nicht so toll, sagte der Mann im weichen Schutzanzug. Bei meinen anderen Abfl�gen bin ich viel besser gelandet.</p><p>��Wie ist das passiert? fragte der Onkel.</p><p>��Reifenplatzer, VORNE! Ihr Auto hat aber keinen einzigen Kratzer, das habe ich immerhin hinbekommen.</p><p>��Sie haben die Maschine sehr gut hingelegt, alle Achtung. Und auch an Ihrer Frau ist alles dran!</p><p>��Oft kriegt man das wirklich noch sauberer hin, sagte der Mann und umarmte dabei seine tapfere Wiederaufgestandene. Die Entscheidung mu� man immer blitzschnell treffen � und wenn sie richtig ist, landet man butterweich auf dem Acker. Die allererste Regel dabei: Zwischen zwei B�umen immer mittig fliegenlEs war sp�ter Fr�hling, und an jenem Wochenende wurde ich in Onkels Dorf Zeuge, wie Onkel ONKEL und einige andere M�nner den Bau eines Schwimmbads F�R UNS KINDER in Angriff nahmen. Der B�rgermeister war dabei, einige Einheimische, aber auch andere wochenendaktive D�rfler aus Prag. Ein St�ck oberhalb von Onkels Haus war eine absch�ssige Wiese, die von einem kleinen Bach in zwei H�lften zerteilt war. Wem die Wiese fr�her geh�rt hatte, war nicht ganz klar, im Sozialismus spielte es aber keine besondere Rolle mehr. Der B�rgermeister, damals� Vorsitzender des Nationalausschusses �genannt, genehmigte das Vorhaben, die Leitung der Landwirtschaftlichen Einheits-Genossenschaft hatte auch nichts dagegen und wollte f�r die sp�teren Erdarbeiten sogar eine Planierraupe zur Verf�gung stellen, eventuell sogar einen Schaufelbagger von einer nahe gelegenen Baustelle vorbeischicken.</p><p>Auf meinen Onkel konnte ich in seinem Dorf stolz sein. Er wurde dort von allen Seiten und so laut wie m�glich� Herr Ingenieur �genannt und sehr respektvoll behandelt. Die �berzeugung der D�rfler, er sei ein in einem technischen Fach ausgebildeter Ingenieur, war offenbar schon �lteren Datums, und niemand schien einen Grund zu haben, an Onkels bautechnischer Kompetenz zu zweifeln. Mein lieber Onkel war wie verwandelt, er war der Chef � war pl�tzlich ein ganz anderer Mensch als der hinter Schr�nken eingemauerte Pfeifenraucher aus der Prager Wohnung.</p><p>Links und rechts des schmalen B�chleins, das bei starken Regenf�llen ungeahnte Wassermassen f�hren konnte, wurde als erstes gebuddelt und geschaufelt, bis an diesen zwei Stellen zwei tiefe eckige L�cher klafften. Auf diese setzte man im Laufe des Vormittags Teile von Schalungen aus Kantholz und Brettern und nagelte sie provisorisch zusammen. Andere M�nner schmissen ein St�ck weiter schon Kies durch ein gro�es Sieb und lie�en zwei gro�e Betonmischer brummen. Man war dabei, das sogenannte Zapfenhaus, den� M�nch�, zu bauen. Die umstehenden Kinder, wie ich auch, wurden nicht ignoriert, sondern ab und zu bautechnisch aufgekl�rt � besonders dann, wenn es zu Stockungen im Arbeitsablauf kam. Auch mein Onkel wandte sich uns mit einem L�cheln zu, wenn er das Gef�hl bekam, wir verst�nden irgendwelche aktuellen Schwierigkeiten nicht.</p><p>��Diese Pfeiler werden hier innen, genau gegen�ber, einen graden breiten Schlitz haben, aus Stahlprofil. Wenn man dann sp�ter starke Holzbohlen reinschiebt, wird das Wasser nicht weiterflie�en k�nnen und sich ruck, zuck stauen. Kapiert? Im Moment warten wir auf ein st�rkeres Schwei�ger�t � die Schienen, also diese U-Profile, m�ssen an der Armierung gut verankert werden.</p><p>Die M�nner hatten zwei Kasten Bier dabei und waren ausnahmslos fr�hlich. Ein Propagandafilm h�tte unseren Sozialismus nicht wirkungsvoller anpreisen k�nnen. In die vorbereitete Schalung wurde irgendwann eine Art primitive Armierung geschoben, an diese dann die U-Profile erst mit biegsamem Draht befestigt, dann gr�ndlich verschwei�t. Zum Schlu� verschwand das rostige Gesamtkunstwerk hinter der Schalung aus Holz vollst�ndig � das hei�t bis auf die beiden einander zugewandten U-Profile. Anschlie�end konnte endlich � meine Ungeduld war gro� � der l�ngst fertige Beton gesch�ttet, gekippt, ger�ttelt und gestaucht werden. Wir Kinder warteten danach, was noch alles passieren w�rde, es passierte aber nichts mehr. Und niemand kam in dieser Phase des Geschehens auf die Idee, uns zu belehren und das vorl�ufige Ende der Veranstaltung zu verk�nden. Die M�nner waren nicht mehr ganz bei sich. Ein Bierkasten war inzwischen schon leer, und wir langweilten uns. Eigentlich h�tten wir l�ngst woanders spielen k�nnen. Alle Erwachsenen sa�en weiter herum, unterhielten sich, keiner der M�nner sp�rte offenbar besondere Lust, nach Hause zu gehen. Man lie� uns wenigstens nebenbei � es war eine absolute Ausnahme � an den nicht ganz leeren Bierflaschen nuckeln. Das anfangs erw�hnte Raupenfahrzeug kam nicht, und es wurden nat�rlich auch keine Erdmassen bewegt. In meinen Vorstellungen wuchs diese Talsperre trotzdem l�ngst ins Gigantische.</p><p>��Geht es morgen weiter? traute ich mich irgendwann zu fragen.</p><p>��Nein, Junge. Der Beton mu� erst einmal aush�rten.</p><p>��Und wie lange dauert es?</p><p>��Wir machen n�chste Woche weiter, vielleicht aber erst in zwei Wochen. Ihr braucht noch etwas Geduld. In der Woche m�ssen die Pfeiler sowieso noch gr�ndlich bew�ssert werden, das ist ungeheuer wichtig! Beton darf nicht zu schnell trocknen, er w�rde sonst Risse bekommen. Aber der Sommer ist sowieso noch weit.</p><p>Danach wurde der leicht angetrunkene Mann nachdenklich und sagte etwas betr�bt:</p><p>��Merke dir eins. Junge. Wirklich hart wird Beton erst in vierzig Jahren, erst nach vierzig Jahren erreicht er seine endg�ltige Reife. Da werde ich schon ganz woanders sein.</p><p>Erstaunlicherweise war Onkel ONKEL nach vierzig Jahren � das friedliche Einschlummern des Sozialismus lag da schon �ber zehn Jahren zur�ck � immer noch am Leben. Nur der frauliche Teil der Gro�familie existierte nicht mehr. In der alten Wohnung nicht, auch in Altersheimen lebte keine einzige meiner Tanten. Onkel ONKEL war der letzte Repr�sentant meiner Eltern- und Tanten-Generation, ein ph�nomenaler �berlebensk�nstler. F�r mich pers�nlich war er so etwas wie ein Held seines singul�ren Pfeifenrauch-Holocaust. Die drei Grundprinzipien seiner Kampfstrategie gegen den Tod lauteten: Schonung, Schonung, Schonung. Onkels Frau Eva war auch schon lange tot. Sie starb an Krebs, und weil sie ihr ganzes Leben zu allen Menschen ohne Ausnahme � auch zu den ausgesprochenenEkelpaketen unter ihnen � immer so gut gewesen war und sich dauernd aufgeopfert hatte, endete das Leben dieser gebildeten und feinen Dame in purem Ha�. Ihr asexuelles Leben in ihrer engen Kammer war insgesamt mehr als trostlos verlaufen � gl�ckreduziert war es auf alle F�lle. Bei einem anderen Lauf der Geschichte w�re sie sicher eine bekannte Medizinerin und Wissenschaftlerin geworden. Leider hatte sie sich nach dem Krieg entschlossen, dem neuen Staat m�glichst umgehend und unmittelbar zu dienen � und entschied sich gegen ein� viel zu langes �Medizinstudium. Sie wurde �konomin, machte Karriere in einem Forschungsinstitut, alle Katastrophen waren damit vorprogrammiert. Bis zum achtundsechziger Einmarsch waren es nur die wirtschaftlichen, danach kam ihr ganz pers�nlicher Absturz � im Rahmen der politischen Massenentlassungen, versteht sich. Folgerichtig beschimpfte sie in den letzten Wochen ihres Daseins nicht nur ihn, ihren nur mit seinen Pfeifen verwachsenen Mann, sondern auch ihre T�chter und deren Kinder, die sie allesamt als Raubtiere, bestenfalls als parasit�re Egoisten einstufte. Auch ich wurde den vielen Schweinehunden dieser Welt zugeschlagen und am Sterbebett nicht empfangen.</p><p>So wie fr�her, wenn im Umkreis der Familie jemand gestorben war, lie� der Onkel auch beim Begr�bnis seiner Frau die verfettet-weiche Muskulatur seines Gesichts kurz nach unten sacken. Seine h�ngenden Backen sollten � in der Manier einer Trauerweide � tiefe Verzweiflung ausdr�cken. Einen Augenblick sp�ter konnte er wieder so vollst�ndig l�cheln, wie es ihm nach seinem langen Leben voller Mimik-Minimalisierung nur m�glich war. Die federkernlosen, daher auch spannungsfreien Polster seines Gesichts waren selbstverst�ndlich schon seit Jahrzehnten dabei, den Gro�teil von Onkels Regungen zu absorbieren � falls diese in ihm �berhaupt aufgekommen und von ihm freigegeben worden waren. �berraschenderweise konnteman meinem Onkel einiges trotz seines unkernigen Pappgesichts problemlos ansehen. Seine w�rdegeladene Dauerselbstmitleidsmiene wirkte dabei nur wie eine transparente, d�mmlich verteidigte Folie. Als ich es als Erwachsener einmal gewagt hatte, einen vorsichtigen Scherz auf seine Kosten zu machen, verbl�fften mich seine ganzk�rperliche Verunsicherung und das wehrlose Entsetzen in seinen Augen. Und ich wagte es NIE WIEDER, ihn am lebendigen Leib der Gefahr der Besch�mung auszusetzen. Auch deswegen, weil es dank seines l�cherlichen �u�eren viel zu einfach gewesen w�re: Er trug �berdimensioniert gro�e Brillen, seine buschigen Koteletten verfilzten sich oft mit seinen steifen Ohrmuschelh�rchen, und seine kurzen Dreiviertel-M�ntel hingen �ber seinem Bauch wie eingelaufene F�nf-achtel-Jacken.</p><p>Irgendwann hatte es der Onkel ONKEL nicht mehr n�tig, den anderen etwas vorzugaukeln, weil er nun mal vollkommen allein war. Er bewohnte zum Schlu� als der letzte Mohikaner einen abgetrennten Teil der Wohnung zum Norden hin, die �brigen Zimmer wurden teilvermietet. Seine T�chter und Enkelkinder sah er kaum. Seine Herzrhythmusst�rungen bekam er mit einer �blen Regelm��igkeit und war au�erdem wegen seiner wackligen Knie nur eingeschr�nkt mobil. Trotzdem blieb er wenigstens partiell unternehmungsfreudig. Er besa� schon seit vielen Jahren keinen Wartburg, sondern einen Trabant � den zweitbesten Zweitakter der Welt � , und da er vor vielen Jahrzehnten einen Herzinfarkt erlitten hatte, herzrhythmusgest�rt und kniekollapsgef�hrdet war, prangte an einem Seitenfenster seines Trabants ein gro�er Schwerbehindertenaufkleber: ein auf die Spitze gestelltes schwarzes Dreieck auf gelbem Hintergrund, das wie ein amputierter Judenstern aussah. Die Frontscheibe seines Autos h�tte inzwischen auch mit vielen�100 000-km-ohne-Unfall-Plaketten �vollbesprenkelt, vielleicht sogar undurchsichtig zugeklebt sein k�nnen � diesePlaketten gab es aber nicht mehr. Trotzdem fuhr Onkel ONKEL bis ins hohe Alter, ohne da� es von der Allgemeinheit gew�rdigt werden konnte, tats�chlich unfallfrei. Als wir einmal gemeinsam zum Friedhof fahren wollten, kam ich vom Bahnhof etwa f�nf Minuten zu sp�t. Statt auf mich in der Wohnung zu warten, sa� er eingeschnappt-vorwurfsvoll-versteinert (und angeschnallt) in seinem Wagen und sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. Er allein schien dabei das d�rftige Innenvolumen des Trabants zu etwa drei Vierteln auszuf�llen, mit seiner schlechten Laune ohnehin ganz und gar. An sich war es also egal, ob man gerade hundertprozentig schuldfrei war oder nicht wenn man zu ihm ins Auto steigen mu�te, tat man es grunds�tzlich, auch fr�her schon, mit schlechtem Gewissen.</p><p>Mein Onkel verbrachte seine meist etwas � wenn auch ma�voll � verl�ngerten Wochenenden regelm��ig in seinem Bauernhaus. Das Haus stand (ein gro�es Plus) etwas abseits des Dorfes und war leider (ein gro�es Minus) ein beliebtes Objekt f�r erfahrene oder sich einarbeitende Einbrecher. Einer der umherziehenden und die Liberalit�t des neuen Staates nutzenden Kriminellen brach nach seinen kurzen Gef�ngnisaufenthalten am liebsten immer wieder bei Onkel ONKEL ein. Und weil er sich im Haus immer gut benommen und dort ordentlich gewirtschaftet hatte (�Kr�mel gefegt!�), schlo� ihn mein Onkel irgendwann in sein rhythmusgest�rtes Herz. W�hrend der letzten und leider etwas l�ngeren Haftzeit schrieb ihm Onkel sogar Briefe, schickte auch einige P�ckchen.</p><p>Bei der Fahrt zu seinem Haus nahm mein Onkel immer, also auch in den letzten f�nfzehn Jahren seines Lebens, als er ein signalgelb-stolzer, trotzdem aber alles andere als lahmer Invalide war, grunds�tzlich eine wilde Abk�rzung durch den Wald. Trotz des geduldigen Zuredens seiner T�chter fuhr er nicht gern durchs Dorf, scheute einfach den l�stigen Umweg �ber die Landstra�e. Er k�nne die Waldstrecke blind fahren, argumentierte er. Dabei gab es auf dem Waldweg doch immer wieder Unf�lle. Die wassergef�llten Schlagl�cher waren tief, der Huckel in der Mitte des Weges war hochgew�lbt und ri� regelm��ig den einen oder anderen Auspuff ab, besch�digte den einen oder anderen Unterboden; auf dem Weg lagen oft dicke �ste herum, die sich unter den R�dern unerwartet aufrichten konnten. Da� sein Trabant au�erdem dauernd neue Kratzer abbekam, nahm Onkel ONKEL gelassen auf � seine Karosserie war nun mal aus Plastik.</p><p>Wirklich ernste Gefahren gingen sowieso eher von anderen Autofahrern aus. Auf dieser Strecke gab es nur wenige Stellen, an denen man den entgegenkommenden Autos ausweichen konnte. Und die vitalen B�sche an den Seiten, die niemand beschnitt, das teilweise hohe Gras und die �brige Vegetation machten den Weg zu einem regelrechten Tunnel. Die Natur wucherte den Weg teilweise so drastisch zu, da� man dort oft nicht nur nicht ausweichen, sondern die vielen Kurven erst im allerletzten Moment einsehen konnte. Und wo das Gras �ber die ganze Breite des Weges wuchs, war die Piste auch im trockenen Zustand extrem rutschig. Zwei andere Prager, beide ebenfalls Trabantfahrer, stie�en dort einmal frontal zusammen. Beide hatten an einer Stelle � so wie jeder, der sich dort auskannte � kr�ftig beschleunigt, um eine besonders feuchte Mulde mit Schwung zu nehmen. Und sie konnten dann nur zusehen, wie sie trotz der gleichzeitigen Doppel-Vollbremsung dem zweifachen Totalschaden entgegenrutschten.</p><p>Der umsichtige Onkel ONKEL blieb von solchen dummen Zuf�llen verschont, ihm ist nie etwas derartiges zugesto�en. Trotzdem wurde eine seiner Fahrten zu seinem Haus doch seine letzte. Er hatte alle Problemzonen im Inneren des Waldes wie ein erfahrener Rallye-Fahrer passiert und gekonnt auch die letzte Kurve genommen � laut Polizei mit einem Rad auf der B�schung und dem anderen auf demHuckel in der Mitte des Weges. Auf der absch�ssigen und endlich gut �berschaubaren Strecke schlug die Pechfalle dann zu, Onkel ONKEL machte eventuell auch einige Fehler. Sein Hauptfehler bestand allerdings darin, da� er jahrelang bei den Reparaturen und Durchsichten seines Trabants geschummelt hatte. Als erstes rutschte er offenbar vom Bremspedal ab, und als er zum zweiten Mal � vielleicht viel zu heftig � auf die Bremse trat, versagte diese vollst�ndig. Sein zus�tzliches Pech: Mit dem Motor bremst ein Zweitakter dieses Kalibers auch bei eingelegtem Gang kaum mit. Vor Schreck versuchte Onkel ONKEL nicht einmal die Handbremse zu ziehen, sein Herz spielte wahrscheinlich auch l�ngst verr�ckt.</p><p>Als das kleine Auto mit dem gro�en gelben Aufkleber immer schneller wurde, steuerte mein Onkel den Bach an, um in der Vertiefung des Baches m�glichst sanft zum Stehen zu kommen. Dann sah er wahrscheinlich aus dem Fenster seines knautschzonenfreien Fahrzeugs und beobachtete, wie die Landschaft an ihm immer schneller vorbeiglitt. Die Krankenhausschwestern berichteten, Onkel ONKEL habe mehrmals gemurmelt:�Mittig, mittig. Immer mittig zwischen den B�umen.�- Gab es auf der Wiese �berhaupt B�ume? fragten sie.</p><p>Die Badestelle gab es nicht mehr, strenggenommen hatte es sie sowieso nie wirklich gegeben. Nachdem damals das Zapfenhaus von der Schalung befreit worden war, waren die genossenschaftlichen Raupenfahrzeuge gekommen, hatten die Beckenvertiefung ausgehoben und mit dem Aushub den Damm aufgesch�ttet. Anschlie�end war der Durchla� zugerammelt worden, und die Badestelle lief voll. Baden konnte ich darin leider nie. Als ich nach mehreren Wochen wieder ein Wochenende mit den Cousinen verbringen durfte, war aus dem lehmigen Wiesengrund schlimmster Schlamm geworden, der au�erdem so aufgequollen war, da� die dar�ber tr�bende Wasserschicht f�r freieSchwimmbewegungen, vor allem der der Beine, �berhaupt nicht reichte. Niemand wollte das Becken freiwillig betreten, das Waten im tiefsten Morast war anstrengend. Einmal wurde dort wenigstens � ohne mich � eine wilde Schlammschlacht veranstaltet. Dann kamen St�rme und starke Regenf�lle, der ebenfalls l�ngst aufgeweichte Damm brach durch und wurde hinweggesp�lt. Die Wiese wurde mit der Zeit wieder eine Wiese. Nur der tief verwurzelte, zweieinige M�nch blieb wie ein Zwillingsgrab oder Doppelmahnmal stehen � mitten im Hang, umgeben von einem schmucken Brennesselbeet. Als der tapfere und bis auf einige Ausnahmen doch lebenst�chtige Onkel auf den M�nch zuraste, war der vierzigj�hrige Beton schon etwas br�ckelig geworden, f�r einen Trabanten war er trotzdem ein ausreichend harter Brocken. Wenn es jemanden interessieren sollte: Den allerletzten H�rtegrad erreicht Beton wesentlich fr�her � bereits nach achtundzwanzig Tagen, das hei�t nach vier Wochen.</p><p>Der allerletzte Wunsch des Onkels mu�te leider unerf�llt bleiben. Wie ich irgendwo weit vorn erw�hnt habe, wollte Onkel ONKEL seine Leiche � in erster Linie aus Kostengr�nden � der Universit�tsklinik �berlassen. Also� der Wissenschaft und Forschung zur Verf�gung stellen�, wie er immer wieder betonte. Weil er aber bereits obduziert worden war, nahm ihn die Uni-Klinik nicht an. Zwar habe ich � ebenfalls weit vorn, an derselben Stelle dieses Textes � versprochen, Onkels grabplattenloses Verschwinden nicht zu entweihen, seinen wahren Namen also nicht zu verraten. Ich m�chte hier aber wenigstens seinen Spitznamen aus der Jugendzeit preisgeben. Die wenigen von mir festgehaltenen ERINNERUNGSR�CKST�NDE haben, denke ich, ein Recht auf eine namentliche Zuordnung. Onkels Spitzname lautete KREN. In der Schulzeit nannte man meinen Onkel also kurz und b�ndig KREN, was im Tschechischen Meerrettich bedeutet. �ber das Entstehungsgeheimnis dieses ungew�hnlichen Namens ist leider nichts bekannt, nicht einmal Onkel ONKELS Frau Eva wu�te Bescheid. Einige Jahre nach Onkels Tod besuchten meine Frau und ich unsere alte Prager Gegend. Auch hier waren die meisten Immobilien inzwischen � von den alten Eigent�mern oder neuen Besitzern � rekonstruiert worden. Oft waren sie nicht wiederzuerkennen, bei einigen von ihnen handelt es sich um architektonische Jugendstilwunder. Mein altes Haus schien so gut wie entmietet zu sein, ein Total-Umbau war voll im Gange. Die Eingangst�r stand weit offen, wir gingen hinein. Irgendein rabiater Handwerker hatte eine Briefkastenreihe besch�digt, sie hing etwas lose und neigte sich nach vorn. Vor langer Zeit hatte sich hinter dem Kasten ganz links der tote Briefkasten meiner Kellertante Peprl befunden. Sie hatte dort ihre Einkaufsw�nsche deponiert � wer sie dann erledigte, war oft vom Zufall abh�ngig gewesen. Ich bat meine Frau, kurz stehenzubleiben, ging hin und steckte meine Hand blind in den entstandenen Hohlraum � und ich fand tats�chlich einen mit Peprls verwackelter Schrift geschriebenen, f�nfunddrei�ig Jahre alten Zettel, ohne Zweifel ihren letzten. Sie hatte nur zwei bescheidene W�nsche gehabt:</p><p><emphasis>F�R MORGEN BRAUCHE ICH FRISCHE MILCH UND DREI BR�TCHEN DANKE IHR LIEBEN</emphasis></p><empty-line/><p>Nachtrag</p><empty-line/><p>tele-skopka des j�ngsten tages</p><p>Skopka geht es mit seinem verl�ngerten Penis � seinem TELE-SKOP � blendend, und er ist �bergl�cklich, sich als ein viel zu akkurater B�rgermeister vom heimt�ckischen Rathausleben verabschiedet zu haben. Er ist Manager und inzwischen auch Mitinhaber einer mittelst�ndischen Hightech-Firma in S�db�hmen und nachtr�glich � auf der ideologischen Ebene � auch innerlich mit dem ersten tschechoslowakischen Kosmonauten Vladimir Remek vers�hnt, der im Jahr 1978 � also ein Jahr nach der Charta <emphasis>77 </emphasis>und zehn Jahre nach dem Einmarsch � als der erste zu belohnende Nicht-Russe ins All mitfliegen durfte. Skopkas Firmenkompagnon ist ein t�ftlerisch hochbegabter Schwabe, der viel Geld und einige fr�here Ideen in dieses Joint-Venture-Unternehmen eingebracht hat und inzwischen am liebsten nur Oden auf die geschickten tschechischen H�nde schreiben m�chte. Der Exporthit der beiden Partner sind Teleskop-Arme f�r Forschungssatelliten. Sie beliefern mehrere Weltraumprogramme.</p><p>��Neulich habe ich aus Versehen deine alte Nummer gew�hlt � und dein Vater war dran.</p><p>��Und? fragte Skopka.</p><p>��Ich habe gesagt, da� ich mich verw�hlt h�tte und eigentlich mit dir sprechen wollte. Und er meinte, du w�rdest inzwischen nur noch in Flugzeugen sitzen und sowieso nie erreichbar sein.</p><p>��Er ist neidisch.Einige Minuten sp�ter waren wir schon bei einem ganz anderen Thema. Als vor beinah vier Milliarden Jahren die ersten Bakterien angefangen h�tten, sich des Lebens zu erfreuen, erz�hlte Skopka voller Begeisterung, h�tte es auf der Erde noch keinen Sauerstoff gegeben. Die Atmosph�re sei absolut ungenie�bar gewesen.</p><p>��Interessiert dich das?</p><p>��Ja, ja, grob wei� ich dar�ber aber Bescheid.</p><p>��Warte, es ist noch viel aufregender, als du denkst. Etwas sp�ter, erz�hlte Skopka weiter, also irgendwann im Laufe der n�chsten Milliarde Jahre h�tten die Cyanobakterien zwar die Photosynthese erfunden, mit dem Atmen und dem Genie�en des Alltags sei es trotzdem nicht aufw�rtsgegangen, jedenfalls nicht gleich.</p><p>In der Zeit, als Skopka und ich in unterschiedliche Gymnasien gingen, liefen wir bei unseren gelegentlichen intensiven Unterhaltungen manchmal so lange in eine Richtung, da� wir, ohne es zu merken, das ganze Stadtzentrum durchquerten und in einem der entgegengesetzten Vororte landeten. Einmal im oberen Teil von Vinohrady bei den Friedh�fen, ein anderes Mal in Pankr�c � eine ganze Weile nachdem wir �ber die neue Br�cke das Nusle-Tal �berquert hatten. Danach liefen wir die sechs bis acht Kilometer wieder zur�ck. Diesmal redeten wir am Telefon, und das Gespr�ch, in dem es um unsere V�ter und um die ruhmreiche Geschichte der Cyanobakterien ging � au�erdem um die Gef�hrlichkeit, genaugenommen Giftigkeit von Sauerstoff und um weitere evolutionsrelevante Dinge � , zog sich in die L�nge.</p><p>��Die ganze Erde, also ihr gesamtes Oberfl�chen-Eisen, rostete Dutzende Jahrmillionen einfach vor sich hin, am�sierte sich Skopka. Appetitliche Wesen wie du und ich h�tten niemals genug zum Atmen abbekommen.</p><p>��Vielleicht h�tten wir gelernt, Eisenoxydkekse zu verwerten.- Kann sein, die Bakterien konnten das aber nicht. Viele Arten gingen an Sauerstoffvergiftung einfach zugrunde. Einige haben sich zum Gl�ck aber verkrochen, sich auf die Lauer gelegt, und manche davon � also diese Viecher von damals, stell dir das vor � LEBEN HEUTE IN UNSEREM DICKDARM!</p><p>Skopka sa� gerade in einem Tokioter Hotel und wollte sich auf keinen Fall langweilen. Nachdem wir mehrere lebbare Fortsetzungsszenarien der Erdgeschichte durchgespielt hatten, einigten wir uns auf eine Abschlu�erkl�rung: Es hat noch furchtbar lange gedauert, bis man hier auf Erden gefahrlos husten und schimpfen konnte, sich Penisse verl�ngern lassen und sich �ber eine Satellitenverbindung etwas erz�hlen konnte.</p></section></body><binary id="cover" content-type="image/jpeg">/9j/2wBDAAUDBAQEAwUEBAQFBQUGBwwIBwcHBw8LCwkMEQ8SEhEPERETFhwXExQaFRERGCEYGh0dHx8fExciJCIeJBweHx7/2wBDAQUFBQcGBw4ICA4eFBEUHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh7/wAARCAGkAQEDASIAAhEBAxEB/8QAHAAAAQQDAQAAAAAAAAAAAAAAAAEFBgcCBAgD/8QAYBAAAAUDAQQEBwwECAsFBgcAAAECAwQFBhESBxMhMRQVQVEIIjJhcYHRFhcjNkJSVXSRk6GxM2JygiQmNUOisrPBGDQ3VFZzdZKU0tM4U2WjtERjZJXCwyUoRWaF4fD/xAAZAQEBAQEBAQAAAAAAAAAAAAAAAQIDBAX/xAA1EQACAgEDAgQEBAUEAwAAAAAAAQIRAwQSITFBBRNRYSIycYEUkaHBFSM0sdEkJWLwQ1Lh/9oADAMBAAIRAxEAPwDqe0YEJVuU904MTiwn+ZTnl6A69VUv6Nh/cp9g1bN+K1N+qo/IPAA0uq6Z9Gw/uk+wHVdM+jYf3SfYN01DHUQA1Oq6d9HQvuU+wHVdO+joX3KfYN3PnBkAaXVdO+joX3KfYDqunfR0L7lPsG7kGQBpdV036Ohfcp9gOq6b9HQvuU+wbvDvBwAGl1XTfo6F9yn2A6rpv0dC+5T7Bu8O8HAAaXVdN+jof3KfYDqum/R0P7hPsG6eBjksgDU6rpv0dC+4T7AdV036Ohfcp9g3SMu8BgDS6rpv0dC+5T7AdV036Ohfcp9g3AvAAaXVdN+joX3KfYDqum/R0L7lPsG7w7wcABpdVU36Ohfcp9gOqqb9HQvuU+wbvAHAAaXVVN+joX3KfYDqum/R0L7lPsG6eBiYA1Oq6b9HQvuU+wHVVO+joX3KfYNshkWABpdVU36Ohfcp9gOq6d9HQvuU+wbp4CZAGn1VTfo6F9yn2AKlU3P8nQvuU+wbgT1gDVOlU36Oh/cp9gx6qpv0dD5f9wn2Dd4d4XhgAU7uGv8ANWP9wgD1AALEs74q0v6sj8g7GfANNnfFWl/VkfkK78JS/JFnWo3EpZ4q1U1MsLz+iRw1LLzlksekRulZ0xYpZZbYnvtN202pZCjiOPFUqkn9LGiq1br9tXIvR5XmFcF4Ui9WlVkNEf8AtM/+mE8HvZFDnwkXVdcbpiph76NHd4pUR81rLt7MesdFswITUPoaIUZMYk6d0lsiRjuxyHJeZPm6PpzWi0qUNm593dFV7PNvdrXNLRT6k25RJzhkTZPK1suKPsJZF+ZELgUolJI0lqI+JGRigPCI2Q0KTbtQueiRW4Mqnsb99trxGnm05Nfil8si457eQcfBKvN+vWhLosx1bz9JWlCFrUZqNpWdGfRgy9QsZyT2yOep0+HLi8/B0XVPsXetWktR5wRZFDzfCVtyPOeje5+uHunFIUfwPEyP/WC+HeEdz9k/yHH3g50mn1fbfWYtThxpUcostZtvtktPB9vvFySaaSHh2HDOGSWVWoosUvCitcuHuYrn2sf9QL/hR2v/AKM1z7WP+oLZ9wNlY+KdE/4JHsB7gbK/0Ton/BI9gy1k9SrNoX/43+Ymzi64l6WpFr8FiQwxINWG38aywoy449AkxmSS5jTpVNg0uGmJTokeJHQXitMtkhJeohUnhRX9OtC1Y9OpDu5qNVWpBPH/ADTKca1J/W4kRekx0lLbHczxYcLz5o4odxz2l7cLTsyQ9TyNyq1VpehUWKfkH+us+CfRxPzCuT8KgzPCLIQZ93Wp5/sh7eD1sapfU8W8rjjnJelnvYkN5vKEJVyUou0zLiXzc9/LoQqbT+h9D6BG6Lp0bjdlox3aeWByisk1d0e/LLQaaXlKDm11d0Vns226WldzyYMp3qapLXpbjyVeK7+yvGD9B4MW0TmSyXEc8+EDscgzKfKum14TUKdHbU7IjstYQ8lPaWOSy/EPHgs7Qpd1UGRQqu8TtQpqUm26peVvMnkiM+8yxgz85DUZNS2yMajTYsmHz9O+F1XoXcatDajPjp4ihpvhM2tHfW2dBrOUqNJ8Wew/9YL5PyfUOMfB8pkCrbZnIlRhRZcYm5K1NvISsskvhwMTJOUWki+G6XDnhknlV7VZaP8AhRWsZfyBWf8Ayf8AqDZpfhN2XIlk1MplWgM/KfcShaS9SFGYtL3B2V/orRcfUkewRa/Nj9nXDR5DEWiwadIJtW5kRmEoUhWOBnguJeYKyepYz8Pm6eNr7k8oVZptdpjNUpMxqZDeLLbraskoORlwHKPgbT5cS9K3bilmqO7FOVz5ONrJH4kv+iQ6sU4SGzUoyIklkzG8U90bPLrtN+GzPFdjRctwUq3aU9U6zNaiRGSyta1fgRczPzEKMrvhQU2NJNNFt1c2OXA3ZMncavQRJV+OBAbuk1jbXtoO34rymaWwam2SSetCGkn4z3dqPH4oIdM2JYFsWbS24VJpjBrSXjyXW0qdWfeasDFyk/h6HrlhwaPGvPW6T7dKKepnhRwHny6faDzLJ81sTydMv3dBC7rMu+37vpZTqBUmpbRcFpI8ONn3KSfEgXTZ9tXPDOJWqPElIMsEZtkSk+gy4kOUHUydiG3hlhMlw6Y4tGvgeFxFnx9Kk/mLc4PnlFx6bS6yLWFOMlzXWztQuQb6xVIFIgP1CpymosRhOpx1xWEpLvMbTDyHWUuIPKVERkfmMcw+GjV5aqvRLcSs0w1suSXSI/LVnSn7PG+0ayS2xs8Wh034nOsV0P1z+E5Qok9TFCozlTjp/wDaXZG4Sr0FpUf24GlTfCmguSkon2k8hnkbkWcTx/7poL8xZ2yvZ1btn0KPHiQozkhSCU9KdaI3HDxzz2B7vKx7buymuQazTWHUqQaUOpSSXGvOk+wxjZkq7PX5+gU9rg2vWz3s66aHd1IbqtBnIlR1eURcFIV2pUR8SMSAjLHPsHImxA6pY3hCPWwlTnQ3XHYL5mnxVkktbavTw/pGOu/F0+obxz3Lk8uu0sdPkqDuL5RUgAAG6R49zLFs8/4qUz6uj8hy54Xj7lQ2s0ujb090iCySS+at1xWo/sJA6is/4qUz6uj8hzB4XrC6btWpdbNo9yuCyaT+etpxRqL7DQOGb5T7HgX9UvozqulQmKfTo8KO2htqO0lpCUlgiIiwGa9byt6zo7Mi4qgiGy+5u21bta9R4z8kjDpb9Ui1mkQ6pDXrjy2EPNn3kosiP7S7AoF+RoUeuplKREdNxvcO6OJljiO3NcHzEoKV5Ogxr20bLFJNK7maMjLiRxHT/wDpDts/vOxLilyotpzIz8hpsnHktRlNHpzgjPKSzxMQqo+D/s5hwX5bpVRKGW1LUo5XAiIs9wr3wMDSq+a6bfBtUEtJH2FvCHLzJbkmfTek08tPPLibuNdTqtw8tK/Z/uHEuym9aZY20qp1+pxZkhpbcmKTUYkms1KeSerxjIseIf2jtlz9Gv8AZP8AIcfeDrSqbXNslVg1WBFmxihSnCbkNJcTqS+2RHg/SYmW90aN+FbFp87mr6fuWZ/hPWaXDqG4v9xj/qBU+E7ZylEkqDcWTPBeKx/1BaJbPbDxxs6gn/8Ax7XsB73thlxKzqAR/wCz2vYG3L6nn87Qf+j/ADHulykVCAxMbJSUPNpcIlFxIjLI5P8ACtJdZ2zU6lb0ySmOxGQR8kG46epX5DraO03HZQyygkIRgkpIuBEXYOTvCzjvUvazT6403hJxGHUH89bbp6i+zSGo+Q7eCf1XHWjq+Kw3GjtNtIShtDaUoQksEkiLGCG1kN1DqUWp02LUIrhOMSWUONqLkZGWSDjgsDv0PkS5Z5PoJxlbZ8lJwY4/8Hr+L/hDO0ZsjNpa50BPbgkalJP/AMsddVKSzCgSJb7hNtMtqWtR8iIiyOSPBsT19t4fuDGppPSpij7jc1JT/XHny/NE+x4bxptRfTadeH5B/sjiPYnclItDaxIq1dfVGi4fRrJs1eUfmHbq/IP0DiLYlbdIvHazIpNeYOVFJL69BOKR5J96TIXNe6NG/BlHydRu6bTow9vezIi/lqR/wbnsEWvXwhbcaozrdptyqnUXstNamFNpbUfIzzxP1CTe8BstVxVb8gz/ANoyP+cQza/sLtuDZ8mrWjEkU6dTm1ylJOU66TyEJ1GRZM8L4cPWK3kS7HPB/DJTUfir3qv0PTwTbEq1Jkz7urTO4cmM7mO2vgvQaiUajLszghau2Wa7T9ltyTI54cbgOafWWP7xW/gl3nVLjodSpNVkuSXaZu9065xUpterGT7eKVCydrlOequzC46dHL4V+nuEj0kWf7gxpeXwcNY5fjvj9V+XBS3gSUuPpuCsrby6S0xWlnzwfjrL0eQOmEmkiM+wcweBdWGGpVaoLjul5xCZjKD7i8Rfr8gdOFg0qLsDB8iNeMX+LnZXXv37MUrUR3U0RkeDIoj3/INObta2PS3Cek16C+vlqdhOmf8AUDe74OmzvJmSarlRmZn0rv8AUKV8JewbZsNmkRbd6SUiYbhvE8/vDwnTp9HExJ5JxVuj0aTSaLPljig5W/odhU16PLhsTYjpOR32ycaURYI0mWSP7BT/AITOy6dfDNNrlGWfT6YhaDYLhv0KMj4H3kecekWbYBfxHoRf+HMf2aQx1TafaFOvUrOmT3G6obqGibNhenUsiMvGxjkY6SqUafc+bpp5MGffj6x/sc92ltrvSxUFQ7jpC6i2wehtEklNSW0/N1cjx2cPWLMt7wkrQmJQiq0yq01xXNW7S42XrI8/gLjqNLp1RinHqEGLMbP5D7RLT9hiB3FsV2fVlk09TdAdP+chr3f4cvwHPZOPR2e96rRZ+cmNxb9GTC2a/Q7kpaKlRKkxNZWZlqbUXin3GXMj8xh7JHDPmHFD0er7EttLbLU1T8clIWoy5PRVc9SfN43rTkdrtmSkZLlgbhO+p5dfo46dxlF3GXKKkAFx5gDrR4SxrN+KdL+qp/IQzb7YCL9tPozCSTU4mp2I5+tjBpPzH+ZEJpZnxTpf1ZH5B27BlxUlTOmLNPDNTh1RyTsa2tTdnanLNviFMbiRj+CUbat7D/UUn5nanHqyL0Tth2aqZJ07tgpRjko1Er7MZDle+z61LxJPX9KblLQWlDxeK6ku4lFxwIA54Ndgqmb9Eitk3nO46SjR9ujV+I5JThwuT6WXNotU9804y710Iptc2yJu9tVjbPY8uadS+Adkk2otaD4KSntIjLmo8FjPpDZ4GjK2NoNxsPJNDrMUm1p7j1pF72Rs5tGzCUqgUlqO8tOlUhZa3tPdrPjjgXDzDeoNlW9Q7kqdw02FualU/wDGXdZ4Vxzy5cw8t7lJs0/EMUdPLT4ocPv3+5I5JYaX+yf5DjHYZddFs3avV6tXpJx4psyWMk2tZ6lPIUXBJH2JHZ6vG8Uy4GWDFZSdheziRJckOUZ41urNaz6U5xM/WLkg200ctBqcOGGSGW6kux4/4QOy76dk/wDy9/8A5Qf4QOy76dk//L3/APlHr7wezP6De/4xz2gPYHszx/Ib3/GOe0T+Yb/27/l+hNLNuak3bQm63Q31SITqlJQtTZoMzI8HwPiId4Qezxd+WohNPJpNZhKNyGtzkrPBaD8xl+JEJlZdtUm06I3RaNHVHhNKUpCFLNRkZnk+Jh8MiMh0a3Lk+bDLLBLdj7dDk/YrtadsP+KF8tSmYsYzJpW6VvI3E/FWXPR3H2fs+TePvw7NdzvCuyHju8bP2YyN6+dm9nXmaV16isPvJLBPoLQ7ju1FxwIE54NthHJ3qJlcSjOdz0hGj+pq/Ec/jXCPpZc2k1Et804y710IFts2zKupj3HWCy9ITO+Aku7tWp7V/NoTz49p9otPwdNmy7BthblQJB1aoaFycfISWdKPVk/WZiSWTs2s2z3CeolFabkEnT0hwtbuP2z4iZNF5hYRd7pHLVazG8PkaeNR731YO+RkcdeDA2SdvL5/OZlEOx1pI0Gk+RlxEFtXZbZtsXAdco1NcYmmSyNZvrV5XPmY1KDbTRjR6yODFlg+s1ROiItA0q21v6RLZ/7xlaf6JjeLyQiiyQ2eBKjlDwMZm5vStUzlvYOv07tzH/1jqtxJLSaTLJGWDIQW2Nllm25cRV+jUxyNPI14X0hw04XzLTnGBPUlnmJji4Rpnr8Q1MNTn82Hsci7WbUuLZftC93FrRjVTDd3iVl5LKleU253IPv/ALxb9o7drGq9OS5Up5UeURfCMSO/zKLgYtGfDjzYjsSWw2+w8k0ONuJ1JWk+ZGXaQq2veD7s6qajcZhzaWs/8zfwkvQlRGQ47JRlcD2PV6fPjUdQna6NfubNw7cdntKhreaq/WTpF4jMRGpSvWeE/iOWdpdQui7Z3u9rMN1qnzXyjxFfzaUl5KU9/bx7TyOm7f8AB/2eUp7evRJtUX2dMfyn/dSSSE0uyx7buihR6HV6a25T460uMtNlo3aiIy4Y7MKMsCTxTyP4jrpfEdLop3iTd8Wbtg8bIoX+zmP7NI5+8K6zayxcUO/6LHeUhCUdJcaLiyttRaF//wB9mkdJ06KzAhsw4yDQww2lttPzUkWCIeslCX2zZWglJMuJGXAx3lDdGj5um1b02bzIq/8ABTWzfb9Z1ZpSUXHM6pqSEFvN42rdOH2mgyzw8xiTz9s+zaEybjlzxneHBDKFrUfqIg3XDsH2dVh43eq36a4fbAeNoi9CeKS+wN1P8HDZ5Fd3j7tbnfqyJZEn7EJSOf8AMXoex/w6bv4l7cFNyDqe2nbWiVEhGmm60IUoy/QxU89Su8/G9asDspBElOE8scAyWzbdFtuAUCi01iEwXY0nGfOZ9p+kPZdgsIbeWefXaxahxjFVGKpFTAGIB0PEWPZvxTpf1VP5B4DNZvxTpf1VP5B4AAFAAAAAAAgACAAoACgACYCgAAEIZcAgQAKAggUAATAAoAAAAAAAAABAoAARAYQKAC2BAAEABgKAAEsQKfMGSCGfEAVGAJkAFLGs34p0v6q3/VDsGizj/inS/qrf9UVTtz2j12lV+mWRZbLXX1Q8fpDnksI49/DPiqPJ8iLkeRG6OmLE8rpF0kRdijMebhqzwIUM9s1209F6Qe1nL+M7rC9Oe7Vj+4OWxTaHXapdE6x73ZPr6nlqOQg8JcLh8kix8pJkZcy/HMcnNNUd8mh+ByxTU661f/wu81cBiahW+2raMzYlFbai/wAMrcw8Qo3nz5Sv1S7uZ8u8ygNMs7btchdY1y+Ood8Woo0cvILu8TBfioxXK+ETDpXNbpyUV7nQiD/UCqwReSOb5F0bVNkNTYO8JLdyW88ejpTZ+M358mWdXmPgfYZC9zrLU61F1mlyCdaehm/HdSXAyNOojBSTMZdNLHTu0+jHj9oGS+SY5j2Z1DbZf1Gk1al3zCYZZlLjmh+OnVlJEfY0feJFU6P4QlOguSo94Uuetss9HbjMpNRelTRfmMxyXzR3yeHuEtu9X/32L6z4nDAPkCs9gm0I9oNBkHMinEqdPNDcpBeSszLgsu7OD4dgYNq+1CutXQ1YWzxgplfd4OvYSaI/bp8bhnHEzPgXr4a8yNWcY6LMp+W1TXX0RdmT7gauwUB73W2t6OT721TdSj/mvG0l+8X/AChbI2gXdat8sWHtN+GcnaSg1JHJfySzgvGyfDPAyPnnORFP1VHR6Li4ZFJ+iL+047QhqwKv8Iy4q3a+zs6pQqicKWUptBL0ErKTznmIjQaNt8rNCh1BjaBTEtSmW3y/g6c4UnOP0XnCU6dUZxaRTjuc0l72dBHyGBilKXbG3lNSZXNvqluRW3Um4gmU+OnPjfzfcPDwprzuy0WaAm2KiuI7KU4TpJaSvXp048oj7zEc9qtlhonkyrFjkm2XrwAK+2L323fVnMTHVIRU43wM5pPyVl8r0HzIa/hC3BWbb2YS6pQZvQ5yJDKUOkklYSpZErgZGXIVyVWcvw0/N8vvdFj9oyEc2dVCVVbDt+oTnDelyaZGffc0kWpa2kqUfDzmYkhchpHGSqxQACCgTxQvAUXaV53NM8JOv2tLqZuUeOhw2I+7T4vBrHHGe0+3tF3lySCdnTNglhcVLurMlHxAZ8OYpPa9eVy0PbLZtAptSNimz3WemMk2hW9JT2kyyZZLgXYNnwobruKz7ZpMy3akqE7JmG04ZNpXktBnjxiPtIcvMSTbOuLRSyTjFPr0LkLkFFS+DXe9Qu+1JbNdkm7V6bJU1J1IJKjSfFBmRcO8vULYNRY8w6Jpq0cs+CeDI8c+qENHbkKaeXoHKKdr951XbLGg0yrmigSKyiO2wbSDStolkk8K06uOO/tHWGfFL0CRyKXQ6anRZNNt39+So8ACgGjhZYNoJxbFMP8A+FR+QpTbvZ92wNo9M2jWjAKpORW/hY3lK1JM/k8zI0njBcftF12er+KFLM/81R+QgbG0k2dtcixatFjxoy28wZO8PU44enCccuPjfYM5EmuT1aKc4zcoq0lyvYjND8Iekkso1123V6DJ16TNTe8QX5K/oiZWivZzdV0qvG3XqfKrZI0uuksyfItOni3zLhw4kQl9eoVGrsbo9ZpMCpM/MlR0uF+I51qVFpNk+EzbkC0HjYalmnpUZJqMm0qzlPoMizg+X2DMnJPnk7444c8H5cXB19f3HCpNFcfhhx4s/ixSmiNpP7Dalp/pryOkm8YHNe0hxVj+E1SbumIPqypNpbcc5EjKdyr04ylXoMdGRJDMmO2/HdS60sspUk8kZBj7k16tYnHptX59xg2o0KPcdiVilSG23CdirU2Sy4JcSWpCvUoiP1CtfBlqx1HYPLSvP8EVJZRnu06y/riXbfbyi2ls9qJ70usJrKmIjZeUpSuBmXoIzP1Bh2DUF6hbCMSGTZemxnZZoMsYJZeJ/QJIxJN5LLiSWke/q5Kv3K88HDaXZtoWdUKdX6p0SQ5UnHkp3K15SaUlnxSPtSYsWtbf9njcBxumT36lNcSaWYzcZaTcVjgWVEREIj4KFq2vW9n9Qk1u26PVJCas6hL0uE26sk6UHjKiM8cRZV07J7BqFEmRGbTosFTjR6XocJDLqFY5kpBEGNy2Kj0ax6WOrnui+vqRTwXrYqtDt6tV6ss9FfqyydbjH5SEp1GRmXZnPLzBh8EqMVWuC8LunfCzVyzaJXdrNS1/b4v2B28D2qzajs9qlFqD7rp0+YbLBuHndtG2kiR6jJX2hg8Hepe4jabdNgVn+DE++aoTzvi740f8yFZL9kxFVRfY3n3uWoi/m4/IvS7Lrt212GH7gqKIDTytDalpMyUeM44EK+ua6dit01OnTKvW4kqTAWaoiyVIbNtRmk+GjGeKS5ix7mtq37mjNR69So1QbaVqbS8nJJPGMkOa/CThWVb9RoVAtqgwotS6a2/JdaR5DedJJ9Zqz+4N5JOPxI8fh+GOWSg20/aiyPC/Mj2ToNPI5rWPxDPaW3+06Ta1KpiqRXnnIsNplZtx0GRmlJEZ+X5g7eF1/kiZLt6Yz+RiwNncdg7Ct8zYbMzpjGT0l8wheXN0bUoQ0UHON8v2Ijam3S1rjuSDQolJrrMmYvQhT0dJISeM8TJR4EW8LFWbgsEjLJHUFEf++0L3Qw2lRK3LZGXIySWRRHhYrL3Q2Dw//UT/AK7IuRNx5M+HyjLVJxjXD/sxuvGPJ2N7V41y0lk2rTriybqTDbfiNrPuT8n55fvkJd4T8tiXsOlS46tTCnoxtrL5RGsuIsS9bap93W1LoVTTmNJaxkuaFlxSsvORkRjk+4rhqtJ2Z3JstudSjm0t6O5ANzOVsk4XDjzLtT5j8w5T+C12PVpf9VkhKPzRav3Xr9jqbZF/kqtM/wDweJ/YJEq+R+6Irsi/yU2p/saH/YIEq+T6h6F0PiZV8b+pmA+YAhgQ5ssP/tg3R/q3/wCqyOkkl4o5rpqm7d8MipKqXwDNVi/wZw+SzUlGPxQovSOkUq4cOQ54+/1Po+JK5Y5dtiOdtv8A/wBofZ2Rc+kR/wD1BDd8NMj9xVAx9J//AG1Bp2sSCrXhS2dBp/w7sBcZb2PkYeNavsQnPrDv4anxKoPf1n/9tQw/lke3Bxm0/wBP8mvSNOz7wgmEn8BS7uhp7fE6Vkv6Wrhj/wB6QsDwgroctPZfUZ8aQcec9iNFWnmTi+0vQWVeoRbwkaDIn7N6dcVNQrrOgOtzW3EeUlvSRKP0FwV+6IvWa+1tk2gWVbzB66YzGTUaq2nyUuacqSfoxp/fBvZwcoY1mccr6K932/yQ47eO2bt2SRH2d3Me0yJJ9prckErj+zy9Q7GLkOd9v6Up287PEoLxU7six3dIIdFF5I3jVNo4+JZXlx4pvun/AHKjAAA62fKosazvilS/qqfyEM2t7K6NtBSzKkOvQKnFLTHmMc0lzIlFwyWePMTOzfinS/qqfyDtjzjLSkqZ0x5JYsm+DplDRtn+26HH6ribTop0/GNbzGp3HpNKj/pCQbLtkMOz60dwVWqyK7WlJNPSXSMiTntIjNR5xgsmZi2MBccOQKCid563LOLXC+iojV+2jRr0t92j1qPrZXxQtPBbSuxST7DIVRSdk+0i08xLI2kobgHzYmRs6PQRksvs0i+UJM+agKLSfAxXBN2c8Wsy440uno1ZR9u7DX37kbuK/bqk3LKStLhMKQaWkqJWcHkzNSf1cEnzC5ahEKRTn4iDJsnWlNkeOCcljkN4iB6RmONLoTLqcmVpzfTp7Ff7FbBc2eWvIoztVKpremLkm6mNuSLUSSxp1K+bzyJ66ngrzkPQIYJJKkYyZJ5JOUnyysNjmzWVs/qldkHX01OLU3EuIZKFujaNJqxlWs9XldxD22r7LaHtAYaVMU9Bnsn8BLZ4GXmUXyi//wBniLI5IBjKRfLjVdjr+LzLL5t/EUVF2c7Z4kXqtjatGOnILQS1RPh9HfkyM8/v+sYK8HylHb6GVV+W/XVS2pL9TfY17zRnxdOoueeZmYvhLZBFNkJ5Ue51/iGoXyOvokiDbXrGcv60+o26uinr37bu+VH3vk54adRc894rljYVezLKWWtstVabQkkIS3FdIkkXZ+nF/adPYFzkV44vqYhq80FUJfoUXG2K320+04e2arLShRKNJxnPGx2fpxLtq+zV2+J1vyuvOgHSJRPmSou93vFB48sseT5+YsbdpGWM9oigk7EtZlk02+V9BEpwgk88FgVTtt2PsbRHIktmrdTz4/iG9uN6TjfzVJ1Fy7DzwyfeLYCY84SSkqZzwZZYZ+ZB0xms6knQLYpNFN7pHV8JmLvdOnXu0EnVjszjOA9hBkNHNuxDBjgFMBEAKy2w7LqZtCjxVuyXYFRh6iZlNlnJHzSouGovNntPvMQ9iwNt0OD1XH2nsrp3kFrY+G0ftmk1Ef74voy84xMvOMOCkemGsyY4qCppeqsqzZLsjg2VUH61OqL1Yrj+rXMdRp8o8menJ8fPnIcNtuzd7aPSYMBqtJpXRJRP6lRd9q8U04xqTjmLFyFwDgqox+Jm57+42SaczJorlLkETjTrBsudmpJpwf4Ct9jOyFvZ1UqlPOtqqjsxJNtmqMTW5bzk0+Uec+L3chbeE5GBEnCuAqiu5I6icE1F8PqVntC2aP3XtCty6UVnoaKNpzG6Lr32F6vK1Fj7DFmpL4PAyIBdoqRic91FRAAAWzJY9m/FOl/VkfkHgM9m/FOl/VU/kHkuQAxwDAUAAQiCgAAEMBEFABKAIFABQAEABKAKECgUAAAAAAQKAAAQAAUAQKAAAQAAABQAAAECgACBQAAB2g7AGZZAFRAAAAWFZ3xVpf1ZH5CGVnaDXmL3q1vUKzZFZOntsredRMbaxrTkuChNbOL+KtL+rI/IQiy8e/ffef8AN4P9mYxPsdsCXxN9l+6HG19obNTrqLdq1CqtBrS2jdRHmIToeSXlbpxJmS8eobka8239p0uyOguJcj09M3pOrgeTxpx/eI7tSNr309mnRv5TKoStH+o6Ore/hgaNMz/hRVrP+jbf9qG53R0WGLjceOL/AFo3JW0i5vdjW7et2x3K0VJW0h98pyGuK0ai4KL0/YJRZFduasOSyuG03KAlokbk1SkO73Oc+TyxgvtFaWw1d7u1vaL7lZ1Gi4lRN/1hHcd1fwctOnQosduc+YWlaLN2tNPe6udSJThmW56vjraJJdudSjz2dwsW2xljCMUkl0XrfRGttRu12ybTeuEqcc9phxCXUJc0mlCjxq5HyMPUyswYlBerb76UQGo5yVPKPBbvTq1ejAW4qY1WKDOpT/FqXHWysvMpJkf5iiFVWoVHYbS9nxP/AP469Uvcs8Xa2ltfjK9BMJ4g3Rzx49yX15+hO5O055nZhT70KguqXUHUNsQ994yt45pQecdvPkFRe20YzSR7KphJPt6wa4Bu28U9ulbLqXTabpSmJU4EeMSuRaFESc/YHxqJtcwkzrNnaeHDq6Ry+9FcndHeKhs3JLlvrft6HttEvWo2xMolPgUB2r1CrrcQ0wh9LeDQklHxPh2hknbTa/b6EzrysOo0elGrSuW3Jbf3Z96kpPJF5xqbdHaszd9gu0SNGlVNM6QTLT7mhCj3ZZyfYIrtdn7QZFAjRNoFNpsG1n5jaJzlOkKdeLJ+Jz5J1YyMSm4s6YcOOcVaXPvz1rguS9rupNpUdFSqPSXlvOJajR4zRuPSHFckIT2mIXJ2k3tTGyqta2ayo9DSep59me27IZb+eprhjHbx4D22jqQnaxszTJ/k9bk4vG8nfkwW6/e8rAc9pFRvunLc6jtujVOldFM5LkyZoV26k6e3xP7xtzZxjixxUVXX396JrRajDrFMYqVOkokxJDZONOoPJKIxCqVtNp07aY/ZbUVw0oN1pubq+DcfbSlTjReciV+BjRsi84kTYM3dRUmHTGI8N5aYUf8ARIMlYJPrP8xUEx12kbMKS9FoVzFcVPqXXMqU7T3UIW4Z/DalcNKdP4JGZTo1i0km5Jro6+50FtSuxNj2e/cS4a5qWnG0bpKySZ6lEnmfpDjaFwQLnt2JWqc5qZktEsizk0K7UH5yPJGK62/VFmtbCk1eIeWZb0N9n9lbicBY+rZztIa4mVr3M+a/NFnqT/Vc/MRyafsFp4PF/wArf6UTDZ3eca69n0a8X2SpsV4nlLS64Rk2TbikGZnw+bkRcto13Vo1TLL2fP1WjmfwMyXPbib8vnoQrJmg+w+0Qu1zcPwJ5W6zr6PM5d3SnM/hkWs/IrUayaa7ZdNhz3SYZ0NvPE0jd6CzxFTb4EsUINuu7Rt7PrxhXfTXnmGnYc2I5uZkN79Iw53H5u4xEadtPuisv1LqTZ+5UI0Gc9CU8VQSjUptWD4GkLsjrkufe11U2rW1R6PV4qIzktdPXr32veadasFkyIvxEa2QM7QlRLlO3Z1ssQfdHO8WfGdW4St5x4pWkvsITc+KNxxQ+Nyriuros6i3LXHrXqdYrltro7sNK1tx1yUuG6lKNWcp5cckNXZPfsC/6CqpxWjiPNL0PxlrypvuV50n2H24PuHpUG6+1s2rXuklUyRO6I/lUBhbTenQeOC1KPPrFP2RDl2js9tDaVSSM46oiItwMkeScjZ8V0i+cj8hq6Zzhi8zHKnTul+Rc1o3gi4LiuajIimyqhSijqXrzvcpznGOH4j22d3Sm76E9U0RFxN1MejGhStWd2rGrPnEG2JPsSdoO0uRGdS609V2HELTyUk0KxgM2xhjaIdtVD3Mz7Zbp/XEvxKjDfW7ne/OQ6RY9QKbYnpoJSa4qv1RZMG80Stqc6xehmlyJT0zek6+CiM0lpxjh5Xf2CPO7Sbnl3FWqXb1iu1VqkyujPPdOQ1lWM8lCOWE3X2/CXrfujcprlQOgIyqAhaG9O8TjgszP8RnaLV6rv2/fclMoLDfW6d91lGcd8bQXk6FpEUm1Zt4YwbUueE/bksmyK7cNV6Wqu2s/Q9ykja3klDu9znONPLGC+0NNEv2rV+wfdNQLYcnSDkuMphdKShRkhw0GrUZY7M4D5ajd2oYWV0zKG8veFp6ujONFp7c61qEU8Gn/JY1/tCZ/brFi7PL2b9Ghub2r3gu5XLc97aQVTbilKUz1i3wQasZzyFlWvOqNUoLE2qUtVKlu6yXFU6Tht4UZF4xcDyREfrFewTL/Chml/8Atlo//PULaIZhfNnXVqENuxVaTKhwAZAGjylj2d8UaX9WR+Qhlb2f3C9eVTuOg3u/Q11FDKXW2qay/wDo04Li4RiZWd8UaX9WR+QdxWrKpuPQgVqbPkUi43bmqVeqNdrLjW5J+aSNLSD5k2hBESM+sbbVltN7TZV7lOcNyRTkwujaeBYPOrP9wmGnj+6DT+QqSNefk7P2+xWUnZ3cTV11quUC+5FF63cacebbpjL3kI0kWV5Ejs+gXJSHn1V69JVwIWRbpDkBhjdn28WyLORKtJBdJAlRHkcvm5+xhp7RXsHZjCibVpV9lUZKlPkaih8m0umgka/sI+HnFjBRmrEZSg3T6kQ2jWl7s7dTSk1BynOtyWpLT6WUuaVtqyk9J8DDOiy9oiTLO1uaZF2dRxP+UWJgkgwShpxTEcskq7fQitw2iVYr1t1Z2caXaI+t4y3RHv8AUjTj9Xv4BdplptXtZs23HJa4RSVNmTyEEo0GhxK+R886cesSr5oXHMSrCyuFbe3Qit7WbBu62k0iqPOocaUh1iWweh1h1PJxB9hiKSNm93VVg6VcO0iXOoRloditU1qO9Ib5aVvJM88OB4SWRaoAaLHLKKpFYlsob9w9Es86y91bT5iX5KN3jpbZKNW6Vx4Fky7+QsOREbkMLYfQS21oNCknyMjIbmQZEpISySl1ZV72yvebKUWCdcc6Oy8lxmQbOVISl7eacZ492RLLwtiFc9py7en53T7ZJS4XlNrSZGlZecjIjEjALSDzZH3739yGbPbIjWpYEe0FyDqEdonkrW4jG8S44pZkZZP52BHKbszua30Lg2htElUqkGeW4cmmtzNz5kLUaTIvMrULXPkEBRQ8yTbciudneziNZtwVers1abPeqzTBSFST1KNxs1mpef1jXy7MBvpuzO6aLIqXUG0eZTYs6c9N3JUyO9pW4rJ8VkYtXSkGkgUUh+IyN3J39iI0i2a2m2anSrguh6tSJyXEFKXFbZ3aVt6cElBEXDmNqybVj23Y8O1VvHOjxmDZUtxBFvCMzzkuXaJOARoimV3sq2bw7AdrXQpz0pqpSEuoQ4kiNpKc4Tnt8rmHnZ1aaLOo0imszFykPTXpWtacGW8Vq0+oSoAR4NTySne7uQuLZbbG1SdfXTVqclU9MLo2jgkiNJ6s54+T3doYnNndxQ7hq9Ut2+5NIbqkrpLzBUxh4tWMeUvJizdXH90KR8eXYLsIstEYtCi3JTek9fXe9XycSRNkunsx9192RZ9YTZraabNtdNDblqlpS+68Tik6T8dZqxj1iVACqM7+pEWLNQ1tMevTpqjW7TUwej6OBYVq1Zz+GBLu4LjzgPmQUHLcVGAYgCiFj2b8U6X9VT+QdyDPZvxTpf1VH5B5FAAAAAIAKAAAAAACBQAAAECgAlAAYqMCTAooUYqMKkyACgAeBjku8ALgGAmoIa/OAMwgQjGQACAZgAAAAAABABQAKAAAAAAfMIFPmAKhyAIAAWPZnxUpf1VH5B4DRZvxUpf1VH5B3AAZACmEAAAAAAAAAAAAAAAnyRoVWoR6bTpM+UokMR2lOuKPkSSLJjeT5AarmpvXFvVGkmokpmxXI5mac4JSTL+8Cor6jydp1w0Nq5GKxR6Yt9ByItHcga0rbPyCW9qzxLiZpLh5xLNnlwe6O2GKg4x0aWRqZmsf9y+hRoWgvMRp4ebAhVCvObQ7YYo1Ttet9e0phMRMNiIp1ErQnBLbdSWgyPzmQlOy2lT6XaSDqraW6jOkvTpSE/za3Vms0erOPSRiLrSO0ouMXKa6Pj6DdtHrdxRr3tG26DNiwirXSt88/H32ndN6iwWS/MLTa3dVIvOBbNzJgTI1SacVCnxI6mT3jZalIdSalEWUkZkZfNMN21np8HaNYtwNUipT4VPOd0lUKObqm9bSUpyRd5/kYzpsmr3jtBo1W6hq9IpVFRIWT9QY3RynHG92lKUHxIiI1Hk+YjfJuKi8dtdmWNUnlMU19xJ+MlpSiPzkRirrHqd83Ha1PrS72ocRUtk1mydKSo0Hkyxnel3dws+qtKcpUhKUmajZWREXbwMUBYdv2TBtqlJuHZlcblXjoSt90qTIxvCP8Qk+SYOYP1+if9zohojNPE8ngsmK0p0+8q5eV1wadXYNPiUeYhhsnIG+M9TSV/PLvFmFg2yPBpIyLgKgo+zumVzaBek+5qEt9pyoN9CeW4pBLb3KM40mWeOQl8RjBUb3dPzJTsquaq3DDq7FZRGVNpVSchLkxEGTEjSSTJSMmffgy7DITwi4CvNjkCdRYFYt6RFfZhU2qOt0w3EY1xVYWjj8rGo05/VFhZ4CxMZkoy2roZAAAUwAAAAAAAAAAAAAHYEMKAAVAALgAEssazPipS/qqPyDv3Bos34p0v6qj8g79wFMj5BAGAAAAAAAAAAAAAAAIFAAAIRFnOCyMsEEABACGFAAoOYT1g5AyBRSAECgBMBQAAAAAAAAAAAAAAAWAAAAAAHYAAVEAAAMli2cf8UqX9WR+Qd88Ay2ef8AFGl/VkfkFpVcptUm1GDCkpclUx9LExGlRbtZoJZERmXHgZcgNVY8AEbtO66Dczk9qjzTfdp8g40tBtqSbbhGZY8YizyPiXALBu6gzbwl2nFna6tDaJ6Qxul+Ig+3Vp09pdvaJZdjTaZJD5BB5OKJtClqPCUkZmfmEDj7W7NfhHPQ7WThEasyOo5u7wXyte6048+QtCMJyXCLCCCO1m6aHS7VO6ZE9KqOTaXektJNxJpUZEkyJJGZ5MyDdS9oFEqE5uEzGryHnVaEKdoc1tvPnUtoiIvOYtoeXN9iaHyCBmcr1ObuFu31SD6ycjHJSzoVxbI8ZzjHMaFw3tb1AmsQJ8mQ5OfSakRYsVyS7pLmZobSZkXnMS0FFvoiUgMR21ruoNzIkHR5puuRl7uQw40tp1lXctCyJST9JDYoFwU+t9P6vkG90Ca5BkfBKRodRjUnjz5lxLgLaGyS6j2oYp5hroVZgVbpnQXlOdDlLivZSZaXE4yX4jKuVKJRaPMq9Rd3MOGwt99zSatKEJNSjwXHkRgRocwGILG2n2gtbaZM2dAS8pKWXJ1LlRW3DPlhbraU/iHi6ropFsUxupViStmM68hhBttLdUpa/JSSUEZnkDWyT6EhyFLkIlRr3pNVqLcKNGrba3M6TkUaWwksFnipxokl9oLgv23aJU+q5Ts2RPJG8VGhQHpLiUfOMm0ngvSJaGyfoSsKGO1rio9z0tNTokwpMc1GlXimhaFFzSpKiI0mXcZD2qdap8CqQKXIeNMuoGsoyCQZks0FlXEuBcO8WzNc+47DIMlSrdOp9XpdKlyDblVNa0RkaDPWaEGtXEuXAu0NtxX3QKDVkUicuc5OcZ36WIkB6Qrd5xq+DQfaDZVGT6ErCkI9blzU64Euqp7VSbJkyJfTKe/F5929SnPqGNHu2hVe2nbigTTdprJu7x3dL4bszJfDGeGk+wSxtRIwg0KROjVWmRqlBd3kWU0h5leDLUhREZHg/MY8ZFZgx6/HoSnszpMZ2U23pPi22pCVHnlwNxBesUzQ6gEYuW9KDb0tmHUZLqpb6NbcWKwuQ8afnaGyM8ecLbF3US5SfRSpDxvxjIn2JLC2Hm88S1IWRKIj7DxxEs1sb6EoAITU9oVuU6ty6M71tImQ9HSEw6XIkJa1lqTlTaDLiQcDu2kItWTdEg5bFNitrddU/DdZdSlPEz3ayJfZ3cQ3IuyfoSTPnCiORbmo021vdPEmk7Sjjqkb5KTPCEkZnw55LB8A70yXHqECPMir1sPtJcbXjGpKiyRikcSrsecAMAAhYlm/Fal/Vkf1REdmWPd3tFLt62a/9O2JbZ3xWpf1ZH9UFJoNOplSqlRhsqRIqj5PylGsz1rJJJI8Hy4JLkFGlKk16/5KR2ZS2bWrj9wyV7qDV6jV4M9Z8kusPuusq9SN8QdNkkSRH2oQqhMb0zqxQJE+SXaW8kkpBepGhPqE+qGzi0p9sSLbmU9x2nPzlz1tm+vO+Uo1GZHnPMzD6mh04rhTX9yrrBMXohOazxutWrGOXMclCj1ZNTGd0uv/AFDjOIjgv/6tX5Dn6wX9pLWxVoqFTbakU1Ed7cb2U+cjGVZ+D0aO/hqwOg3UEttSFcUqSZH6wz25QqdQLej0OmMLbgsJUhCFLNRkkzMz4nx7THTZfJwx59kGqvlFV34zGZ8FZDNMdW7DOnQjYU5z060YyJdaitqXSofXSrKOl8N/0NErfYx8jWePtDzJsq337HRZb0R1VHJlDO6369WlJ5ItedX4hvpWzS3KXOYmw36/vmFEpCXa5Lcbz50m5gy8xiNc2dHlUobV62aFRL/8xEAy/wBGnP7cgtmdH99m+ukain64e63nPo3R06dPm3m+EtdoFOcuhm5Dac6xZinESveHp3ZnqMtPLmGu6LEoVw1WLVag3KaqMXJMTIclcd5KT+TqQZZLifPvEqjPmc37V+p6wCt47+qfREl150Bjpqyzjd6l7vPZq5+fGOzAq+xvfG62vL3I+5boHunmbzrLf73eeLnGjhjGkWtaFoUS1WJLdHjuoVJc3r7rzy3XHVd6lKMzMbFvUCn0LrDq9g2usJrk5/xjVqdXjUfHlyLgLVkWSMW0uSJbCeserrj626N0/wB0UvpPRc7nX4udGrxsekPe2f8AyT3bj6Dm/wBgsPNDo0CjdM6Aypvpspct/KjPU4vGo/wHpXqbEq9Jl0qoNqdiTGFsPoJRpNSFlpUWS8xmKulGXL49xEb5On+83UiqZo6H1MevectW64f0sCI7U+s/egsvX/K3WFL09J1f4xwxvO3yvK7eYlMbZNZTUyPJeh1KcqOsltJnVSRJQky/UcWafwEju+16NdNJRS6yw45HQ6l5smn1tKStPkmSkGR8AadHXHmjCSrnmxjtb3yzqRe6V+1Dp3yypxyd9n988YDJOptZK96/Utntcp/W+I7dUp1UaUbOdPiqJSfHT4vdkhIqFs/oVFqjdShSK0p9GeMiqyZCVZLHFC1qSf2DOuWJQqzXk16QmdEqhNbk5UCY7GWpHco0KLPrE2syssFJ9PyNDZLUClTbliTKGzSK3FqCetEMPm6066tlC0uJM+9Kk9hBt2u9d+7ey/c91b1lvJu66fr3X6EuejiJraNr0e1oTsOjR1NNuuG64pxxTjjiz5qUtRmZmNip0Wnz6vT6pJYNcunGs4y9RloNadKuHbwDaZc6ZUr/ALvffUsf3Ze5vddKlbnqvfas9HXnVvOzlyGze/umLbtDO1Opyl+59Wesd5u9O/8A/d8RZ9SoFNqFXplWlsGuVTFrXGVrMtJrQaFcC4HwPtDTdWz+27lrDVXqTU9E1pjo6XYtQejnu85x8Gou0KOizc3XajZsz3XHAk+7DqY5W9+B6s3u73ekue845zkV3sb/AOzrU8fNqf8AXeFjWjadMtlElFLeqSykGWsplQek8s8t4o8c+wY0S1KLRbaXblNhmzTnN5qZ3qzzvDM18c5457xquTKmtrj60JsuMve4trJl/JUb+zSGmq4PbnRCPl7nKh/6iGPGFsqtaIqObDldSmMZbtvruXoIi5Fp3mMCVvUiEdxsXA4yo5zMRyIhes8btakKUWOXNtP2CJGZzSba5uyBW4ai2s3op3cdck1GRC1/5po8Xz6dfPHb5xla1Snv7W34tw0Wjx6v1NvN9T5zr3wW906F60I+VxLgJRdNkUG46hFqUxmSxPi/oZcSSth5Pm1JMuA87asS3reqrlVp0d/p7qFIekvSFuuOkoyM9ZqM8+SWO7AjTZtZI9/SiAMHfBbYL29xp26RGqF0jrVLxn+h8XTu/XnPmEo2kFWT2IXP1/0DrHqaTvuhatznQfk6uP2jcrGza2apW5lYkFVW5kzRvlxqpIj6tKdJcG1kXIObVp0dNoSrVcTOfp0ppbTpPzHXXDQvOS1qUau3vEUWjUskXTXav0KZUcuzdnq4B+LbVwUJxyMfPo01UXxkeZLnMv1tXeLu2d8LEoBf+Hsf1CHjWLRolXtNNrVCIbtJS0hpLOsyMkoxo488ljmHelQGKbT40KKSkx47SWmkmedKUlgi+waSpmM2ZZI0vUrAAyAFnGixLN+KdL+qp/IPGAz2b8U6X9VT+QeRSGOkgaSC8QcQAmMDIuAAAAPiMcDLAAAgAoAAhkEwMggAUIZBQADHSDSFyDIAyGIUAAAAAAAIZBQABCLAAoAAmCBgKACCYIGCCgApiRF3BQoABjgZdoMAPmAKiAAAAsSzvilS/qyPyD0QZbO+KNL+rI/Ia1uV5utTq7EaYcbVSKj0Bw1clq3LTuovNh0i9QAkAUuQjFmXMzc0OoyWY7kfoFTk09RL+Wplek1l5jDSm9KnUJk9Ft2w/VokNamulKkpYRIcRwWlrUXj4PKdXBOUnxEs0ok9z5gZDBaNxRLkojdTiNPMmTimX47ydLjDqDwttRd5GI1Gv2szFTnabZUuXDhzH4inW5jJKWppZoM0oMyPsFQUEWJkgoZLcrcCv0CNW6a6bkWSzvEGfAy8x9wi9Cvi5K3S4lTg2M+7DlIJbbhVOOWU55+UM2RRLCAIntBuxFn2+mrPwJE1JyG2TZj8VeOeMl3jCo3xSmWqBIhLKfFrctuNHfZWRpLWkzJXnLgLZVBvoS5ZFgCSEXva5/c7HgJagPT5tRlpiRY7aiTqWZGrJqPgkiJJ8R5W3dE2dW3aJV6G/S5yWOkN/CpdadbzpM0rT3HwwZEfmCxtddeCWnzCnyEXv+6WrToJ1E4b8+Q44TUaIzjW8s8npIz4eSSj9Qc7dq0at0GFWIqsx5jKXmz7yUWRTLjxfYdQog028ai/W5tMty3nap1f4sqQt5LLSXNJK3STPyl4Unhy48w62jXma/SjmNsSYzrbqmJEZ9Jkpl1J4UnuP0lwMSzTjRJDIJgQYr9p5UWTUFxZRvN1B6nMRG06nZLzazRhBducavMnifASmjypUqmR5E6GqDJcQSnI6lks2z7tRcDP0BYcaHEA81ny4ium7/rM6r1uDRLMlVNNInqhPOFOZZI1ElKuBLPuWQojHcWQAMVpV2NcttQ65DQ62zKQaiQ6WFJMjMjI/QZGQxsyus3DQEVZhlbKFSZLGlR8csvrZM/WbZn6wJtH4KQhuz294d3tVTdRnob9PmOR3GnflJSoyS4XmVg/sGNgXxBvGoVmLBjvNopckmN6vyXs58ZPm4GImivFNK6JmFEFrF4VNNzz6FR7Ufq7kFplx11MtDJFvdWC8f8AZMO9m3A3cdHVMKK/CkMSHI0mM9jU062eFJyXA8H2kFk2kjyXeAQeu33T6Ve1OtpyE6opSUG9K1fBxlOGaWkr4cDWpJkQkldqCKRQ6hVHEG43DjOPqSR8yQk1Y/AW0VwlHqhzCiGWZe1NuW0VXGlDsFhnWUpuR4qmVI8oj9A9tnN1t3jbZVpqE9CI5DrJsu+URtrNHH/dETTEsc4Xa6EuCCt39oNRdiVCsUm15VSosCQ6y6+2+knnN0o0umho+ek0q5mWccBPabKZnU9iXHUamZDZONqxjKVFkgTsSjRVgAAFMli2d8UqX9XT+Qr+2rQbqlz3tMfqNwwdVf8AEREqDkdC09EjeNpLnx1FnzCwrN+KdL+ro/IOxkXHsEoqdFY7CIa4lsV2OopRkVw1EkLkajU4nfqwrUflekadk3DT7HpbluXOmXAlw5khbThxnFtym3HluJW2aSPV5eky55IWuSSLgWCGWks57Q20qNyy7pOVEG2TxJbdJq1WlQn4PXVWeqDUZ3gptsyQ2jJdhqS2lZl3rMRax7wpFAh1ymTkVFdQ65nupjMU2Q445qfWaUowjCjP0i4j7MgNCc6tCc9+BGqCyWqohOy2kzqRs/jRqkybE95L0qSyf82t1almn1aiL1Cs9mlQs6lUWjHVLoudmY0hGuET07cksj8nQktOjzeSOgxjoTz4AuxrzVTTITtXQpyk0NTadSU16Aoyx2b5IgFy0eZbl+2vQoUBaqA/X2qhDNhrxYSsL3rPDyUGatZelYvQ8duDBgs4PB+oaatkhm2x216kB2tdCOJTOuaG/PpJTCW7LY172nOEk9D6d34ycZMtRcsl3hnsCXIcvUmKFWqxXaD0NXSXJxKcJh3UnRoeWRKWZlnURmoWwZEZYMiMjASSQWC4EJRFkrsVbcZVu49qrEWjOxIjdsx9845MjLebcefSaSIiSpPFKM9vy/QN3ZAVRpjdYtSplqcpkw3I7iGlIbWw945adRnyWbheUfIWLpyZnwMz58AYNJ5LgFEeS+xVVu1yJZ9auKl3EiRD6RV3ahEe3C1okNOkR4I0kfjEZGWnnjHeJXYlUrFapbtRqtNTTmnZLnQ2TbUh02NR6VOJMzwpXPHD0CUmRH2ASWAUQ52UPR7XrEZipXnRznTqzTa5UHI1PeyTTjBvrJxptPYpacmSvnEn5Pii2qdUV3JaTc+lOnEdlsamlvNGZsr86TxxSfZ5hICIy5ERDHTgsEREQqVGpZdyuhjtmBXIcZxFarzdWeUrKHExCY0l3YIzyKUpZW0i7r3O5a1cNKdVXnDYbgvyWkOo3Tfjnu+B+Nkv3R0IlJkfIZERZyZJ+wJImPNtbb7/AGIVsfbmN7PoDUqKqMTZuojoWxuXDYJxW6UtHYs0aTPzmYTY2261YzLTrakLKo1DJGX/AMa+JzjzBCSRFwIi9BBFUR5Li16uzntqNcVv0CDWqLHkLk1NU6jvsILBoeXMeONIPzIUZkf6qxOdklFboN13XTI0VxmLGKntNGrjqIoxZ8btPJ8RZWE8uHDzDIsFx4ZPmMxjRuebd2KQuddDibWrlduCu16ktuw4PR+gOyUJcwTurO5LjjJc+/h2iWbG0PMWpKbUzKRBTUHzgLlI0vusGrJOL4EZmozUeVeMfMxYJp45IiIz5ngIREXYKlTsjy7oba9P0KRctm7btoty1OJLhxW61JN2OmRCcKSlEdWIpEe8Ik/o0q4pPitWciYrrLtzbD5tVcirjPy6M8bjKi8ZCybUSi+0jE+5cSCESSLgREXdgEqJLLfYoiZRKu0ulWnS4qo8G640R2oGRGRNpabxNz4viqcaS0jj2qE92Mx3I9t1hpTRtkVxVUmyMuaemO4E8xyMscOXACSMu4u3kMqIlmvsUQ69b7TtVU2u4LRuUpEg1QaeUhbb69WEuE1oNtzeFpPyfs5i2rGerMi0aQ/cMc49WciNqmN4xocx4xfaH48n2gGkqEsllRAAAU5lj2b8U6X9VT+QeAz2b8U6X9VT+QeAAgUAAJQAAAQoAAEFABQAAAAAAAAAAAAAgAAoAAAAAAAAACAAgACgAoBAoAIhMACgAoAAAAAD5hAGfEAVGAAAJZYtnHi1aX9WR+QckusqTrStJp7yPgGu0MHalMI+XRU5+wVZVHTtmlXHY1PM471UnoRRm0nxSidwUaefkmmSrPIsEM2bjGy60rbURGRkZHyMhkNKlQmadT4sCM2SI0VlDLSS+SlJERF+A3RoyA8XFobQa3FpQkuZqPBEPYVvtFZYqt+21b9VkK6pksyn3Yijw3NdRu9Da+8iJS16e3T5hmRqMSdwZkScwUiFKZktHyW0slJP1kNnmQrmLTKXbW1OmUy3YrFPjVCmSpE2JHSSG1KbWyltzQXBJ+Ooslz9QsQj4jRnJxx6nr2BM4ILkIouwCGu24hS16VpVp4Hg+QzbMlI1JMjLvIxRVgy3bVuS6a88paqNKuadCnlxxHc3hbuSf6nHQs+zxD7DFibEjzssoJ5yRxi/MxmMrOuTFSu+OCbkFCEQBo5iYIeTsiO0okuvtNmfYpZEY9MGKeu6kU6rbVquVQs33S7mkQzbL4H4DLj+f0i088Fyzy49gjdG4R3dy4UqJRZIyMvMYURHZdTJ9ItFiJPZKO4bzrqIxO7zoqFuKUhnV26UmRCX4FMyVIC5BFBQhgRGsU2PvTbU8ylRcyU4RH9g9yMjLJGRl2GQ55YocSo35fb7+zxq63E1cvhXVxyJr+Dt+J8Jx8/AWxsdcNzZlQHDknL1wm/hDz9nHjw5eoEzrkx0rsmJBQhEAwOJiZhN4nUSTURKPkWeJg+SKEvu6XDv2o3EmLVXWLYlNNwnI8B5bK2i/x/KyLR5HDiflNCN0jpixPJJpF/YCmNOny2J8JibFcJxh9BONqLkaTLJGNwU50BDE/nDMhio8JM+zAFG9dQhMz24Ts2MiS75DSnSJavQnmY3T/uFI0WkUWp7LWbnq9AXXqnMSp2fUGlNolMrIzzpccWWndn4pYPhp5C0LEqTVYsyjVVh2W41LiNvJXKMt6olFnKtPDIidm3jpVfqQIAyALuOe0sSzfinS/qqfyGrULXo0+5oNwy4uufAbNEZzPk5zk8cu08d2Vd42rN+KdL+qp/IPAFToCCgAAEDFc1u0u4orUepsKUbDhOsPNLNDzCy5KbWXFJ+cg+gAXRG7ctWk0OS9KjHOkS3ySTsubLXIeUkjySdbhmZJ8xYISMGAYAjdimYxWR6eAzB2AXoR6Ha1GjU6pwUxd5Gqr778xt09ZOLe/Sc+w+4btvUeDQaNFpFMZNmHFRoaRnOCDn6ggUHK+rMgAAAEDbHpcRitSau23iVJZbZdV3pQajT/XMOWAoAQKAAAAhhQABlpNDp1Km1KXCYUh6pyOkSlGoz1r0knPm4JIe1ApcSiUtmmQG1IjM5JtJnnSRnnAc8g9QBuxQhhQADBREaTI+0g0U+g02DR10dpjXCXr1tunr3mszNWrPPJmYeQASxsoVKiUWkwqXBSpEWE0TLCDUZ6UFwSXqLgHT5IAgFFCGWSCgAEKmbO6BJkvubiczHkqUuRDYnvNxXjVzNTJK0Hnt4ce0SKgUqHRaFFpNPa3UWGwlllGc6UpLBEHMYlzArZUQAAEohY1m/FOl/VU/kHkM9m/FOl/VU/kHfjnkKBQAMIRkeQAuAoTIQzx5wAoMALiEACg44CZLUSTPifLiDPEyI+XPiAFAfIIfPHaD0gBQALzhFHjHIsgBcBQhGFzxAAEyAzIscvMEyWccMlzAC5AE9BAIyPu7jwYAUBEAjLiRHnHPiE4EeO0AKFCBMkXMyIAZAGJGR8jIyAWDLvLzASjLgDAxynB8cEQXly4gUUATj5wme7iAMuAxPmYC4c+YXJH2gCocACgAhYlm/FOlfVkfkKktN23/AHwqmmfFsrp3umf3S5NW0VHVvPE0s7viefJ8biLcs74pUv6sj8gh29QVVDrBdEpypu8J3pPRkb3WXJWrGc+cCjfPUZ7UKIRGeOpqj/bQRXFTmVGjbZb2uNuU+dJgRKeVUjI4l0dTL2Xy87RklX7OsXOcZnfIf3aTdSRpSvHEiPmX4DFcKMa3jNhszeSSXVGXFZFyI/tAEa2PO77ZNaLpKNWuhw1aj5nllIY9odOcqt827GTQaRWjRT6i5uanINptPwkMtRYacyfHHk9vMhYcSOzFjtx47TbTTaCQhDadKUpLkREFNho3ie0EbhJNGv5REeMln1EAKu2c9bp2O1zql9fW8dyqMsRiXrKHIQ46SGEKPgpCFEkkn3difJJrpKrO3tnvWdLjv3C5LZ6atp0+mPR//aVSi8tWO3eclae3AuNiJHjkso7DTJOLNxe7RjUo+Zn3n5x4RaXTYs6RNjU2EzKkfpn0MpJxz9pXM/WAKs2rPPQNsVEr7TjiU0SgyJzqU/LZKVHQ9nzE2tavSkh67F5Uip3zd9wSUymVVmJTpqGX+BsNGqWhpGPknu0INRfOUoWm5DjPHrfYbdcNo2lKWnOUHzT6PMMmYzDLiltMoQa0khRpLBmRZ0l6sn9oApCo3NVTv73fx6PVHqDCqXUq5xPtlG6AXiPu6dWrhK0q1afIZ8rBiW7WqbVKncVqR6NVF0+ooVMfiulxRvUM5SSy+Ug8mRl588yIT8qfDKF0IozfRtJo3OnxNJ8y08sD1VGaUpC1NINTfkKNPFPo7gBCtk9Y69K5qpuZEdTlYShxh/y2XERIyHEH2ZJaVFw4Bw2qMvqs1+oxEGuZSHEVSOkua1MK1qR++glo/eEkYisR9e6ZQ3vFa16E41H3mPdSUqQaVERkZYMjAEG2ZSU19yr3pHdQ/FqskkQHE5wcNgtCDIv1lb1X7xCsDkW573xy35Lfvn684YdPrLrPV+i051brVw0/o93+qOgYMWPBjIjRGG2GUFhDbadKUl5iIeHVFP60606DF6dp0dJ3Rb3T3aueABC9s8CZU02rHpk5cCpdcqchSCNRpbeTClqQa0l5aNRFqT2pyXaNbZFVZNYuS95UuOqLJRPisyY58SaeRDZS4RH2lqI8H2lgxYrrDbjqFuNkZtq1IUZeSeMZL1DFqO0064400lKnF6lqIuKjxjJ+oAN9x1un23R3KxV5HR4LTjbbrpkZkjW4lBGfcWVFk+wsmIXsZqcVVJuusrkIVDXctRdbfQ5qbNklEZKI/YLFlMMSo648hlt5lZYUhaSUlRecjHk1AhtwEwUQ46YpJ0bkmkk3p7tOMYAFQbOKtWW71iVur0Sp0+FdxyPhX1tGSndRuQyIkOGaf4KlZKykvGSXaPa53KnB28z6zSVPPLplvw3XoKTyUqMp2TvUkXatOErT3mnT8oW+qJGWTZLYbMmzI2y0+QZdpdwxKOymUqSllsnlIJBuafGMi5cfWf2gCF7CpSJuyqlTWXFutyHJTqFqzk0nJdxz48sBo22xjqFfsCmlTIFTN+rv5iznTQy5iG95RklXLn5J8hZkaM1HZSyy2lttJYJKSwRccjF+JHfdacfZbcUyrW0pRZNCsYyXqMwBCbpnqsrZqaYFNjRqiZ9DplMpx5bOW6r4NCckjKdSsqMyLxcq4Br2KyZlGkVOyqlSqnTihGUqm9NfQ6p5hzOs9SFKItLpL4Z4EohZrkdhw0GtlCjQrUgzLyT7/wATGCojByUvm0g3UJNKV44kR8y/AgBSrKqod0uSLjVH9xLVfksFpkH/AI5v/gnJPD9ER+IScmRL0GrxeU0210OkVKzpEmo09iXJYNomFuIM9GXm84PszghNFwYTkdyM5EYWy4o1OINBGSjM8mZl28RsSI7MhndOtIcR81RZIAQm/oLtA2WVqPZ0ToLzMZxbSIhGg0Z8tSccdWnJljtwI5RXLMavS1T2crpKluKd6zKmumeuD0dwyU+Rc177c4NfjeMfnFuGSTzwLkG+m0ml01152BTYcRx88uqYZSg3D7zwXEAVPetJere2Wsbu1qNX0x7ehK0VGYtjdGb0jijS0vJng85xyLmJjsQlKmbI7SfVMlTTXS2FHIk/pnPFLivifH1n6RLkx4yZapKWGycWgkLXjioi5Fn1mMoUWPEZSxGZQyygvFQhOCL0EAKrAEyAAWPZvxUpf1VH5B27g0Wb8VKX9UR+Qd+4AKAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAATBZGQTn6QBHKRd1FqsVMuLINMU2kO794tDZEpre4Mz7SRgz7skHUp8FS1oKYwa0I3iiJ1PBHzufLzipnNnVSplpQKTFqTMdFNfiznDN0/0qElv8G5rJKTNOouBkWpXDHARh212Y7bbbc2FSWGH0vRpbb5v9MJyNHjNo1JZJCm9+4njgyI8eLgAXrPr1Kh0t6puTWlxmYjkwzbUSjNlBZUoiLnwHt1tTjSlRTouFoNxGXk+Oguay4+T5xUhWqVTp5x4U6Pv5qJZoJ5X6QjjSmz8lpGpJKlNngiwRch4XVs6ns9dS11Fs2KkS0RWnFkTbDz6n220l8GteNUpPIyIvGySgBciqnTkukyuYyl7C1aDcLOEeUfPkQ3GXEOx940tK0KLKVJPJGKec2d12pJqfS3I7XWnSVmht/KGFu9JIv5nWrxZHz0F5vnW9FjNRWER2GkNNNoJKUNp0pSRdxEAKoAFyAAWNZnxUpf1VH5B3INFm/FOl/VUfkHfuACgBgAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAIYUAAYb2gzJ9rT4dPz0p5BILSokrNBqLXoM+BL06tJnw1YzwyK6mWdctTtekU2TTaXClMpkxnN0a9LDfivR1J56lb9iOasnw8bBnzFxaQaQBUqbHnoXmTT2pCipT0L4J1Ots3I0dOUqUnHlMuJ5dqclgecOyKjKRpqNvU1ZvyobpPayR0eMwbPwG75J1btWUI8XKlceQt7SXcENJfNADRaNPdpdFZhOISg21OYSk8kRG4oy/AyD13hAd4AqHAAoABqU2+63ApkWIwiHum0EhJKbMzx9o2z2h1/5sT7tX/MAAAPfEuD5sP7s/aD3w6/8ANh/dn7QAAB74lwfNh/dn7Qe+JcHzYf3Z+0AAAe+JcHzYf3Z+0HviXB82H92ftAAAHviXB82H92ftB74lwfNh/dn7QAAB74lwfNh/dn7Qe+JcHzYf3Z+0AAAe+JcHzYf3Z+0HviXB82H92ftAAAHviXB82H92ftB74lwfNh/dn7QAAB74lwfNh/dn7Qe+JcHzYf3Z+0AAAe+JcHzYf3Z+0HviXB82H92ftAAAHviXB82H92ftB74lwfNh/dn7QAAB74lwfNh/dn7Qe+JcHzYf3Z+0AAAe+JcHzYf3Z+0Hvh3B82H92ftAAAJ74lwd0P7o/aD3xLg7of3R+0AAAvvh3B3Q/uj9oD2iXB82H90ftAAABbRLg+bD+7P2hT2h180n4sP7s/aAAAj/AF5N7mf9wAAAD//Z</binary>
</FictionBook>