<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Stephan</first-name><last-name>Thome</last-name></author><book-title>Grenzgang</book-title><annotation><p>Alle sieben Jahre steht Bergenstadt Kopf: Beim traditionellen� Grenzgang �werden die Grenzen der Gemeinde bekr�ftigt � und alle anderen in Frage gestellt. Auch f�r Kerstin und Thomas, die in der kleinst�dtischen Provinz h�ngen geblieben sind, nachdem sich ihre Lebenstr�ume zerschlagen haben: Sie reibt sich auf zwischen pubertierendem Sohn und demenzkranker Mutter, er ist nur deshalb Lehrer, weil die Unikarriere eine Sackgasse war. Aber beide geben sie ihre Suche nach dem Gl�ck nicht auf.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Thome,</first-name><last-name>Stephan</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-23">12.5.2016</date><id>5eba7852-6132-49ec-8266-8d9c731e8cbe</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Grenzgang</book-name><publisher>Suhrkamp</publisher><year>2009</year></publish-info></description><body><title><p>Stephan Thome</p><empty-line/><p>Grenzgang</p></title><epigraph><p>F�r Dorothee Schmidt und Martin Brendebach,</p><p>die von Anfang an mit marschiert sind.</p></epigraph><section><title><p>Erster Teil. Der Stein �</p></title><section><title><p><strong>1</strong></p></title><p>Trotz allem, denkt sie: Der Garten ist ein Traum. Von Osten her brechen Sonnenstrahlen durch die Ligusterhecke, legen sich waagerecht �ber aufbl�hende Beete und nehmen die St�mme von Birken und Kastanien in Besitz. Eine Stille aus Vogelgezwitscher und Insektengesumm f�llt die schattenk�hle Luft des beginnenden Tages und l�sst alle anderen Ger�usche verblassen: Verkehr auf der Hauptstra�e und Sch�lergeschrei unten im Ort. Ein Netz aus wei�em Tau bedeckt die Wiese, l�st sich langsam auf, wo Sonnentupfer durch das Blattwerk fallen, und beteiligt sich am Wechselspiel von Licht und Schatten. Schmetterlinge umgarnen den Flieder in seinem blauen Tongef��.</p><p>Im Morgenmantel steht Kerstin auf der Terrasse und dr�ckt sich die Zeigefingerspitzen gegen die Schl�fen. Ein Auto kommt vom Maibaumplatz den Rehsteig herab, passiert das Haus und biegt links ab, talw�rts und fast ohne Gas, wie in nachbarschaftlicher Sorge um die morgendliche Ruhe. Dann kehren Stille und Vogelgezwitscher zur�ck, als w�ren sie zwischen Hecken und B�umen in Deckung gegangen.</p><p>Hinter ihr im Haus rauscht die Wasserleitung.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck und der ersten Tasse Kaffee f�hlt sie sich beinahe gut, beinahe dem Tag gewachsen, obwohl sie wieder schlecht geschlafen hat und erst die Gartenarbeit am Nachmittag diesen Anflug von Kopfschmerzen vertreiben wird: ein Druckgef�hl dicht unter der Sch�deldecke. Ohne Zypiklon entl�sst ihr Schlaf sie schon um vier Uhr morgens in die fahle D�mmerung eines weiteren Tages, aber jetzt ist es neun, und Kerstin macht einen Schritt nach vorne, sp�rt die W�rme der Sonne angenehm an den nackten Fesseln. Jedes Jahr im Fr�hling gibt es einen Tag, an dem sie das Gef�hl hat, der n�chste Sommer ziehe wie ein gro�es Versprechen herauf, reite ihr von den gr�ngl�nzenden Bergr�cken am Horizont entgegen, und obwohl sie es besser wei�, l�sst sie sich verzaubern von seinem Anblick und ist machtlos gegen den Glauben, dass in diesem Sommer alles besser werden wird.</p><p>��Und warum nicht? w�rde Anita sagen. Jedenfalls besser als Selbstmitleid.</p><p>��Stattdessen Selbstbetrug.</p><p>��Du m�sstest nur auf mich h�ren und endlich wegziehen aus diesem Kaff.</p><p>Kerstin l�sst die H�nde sinken und sch�ttelt den Kopf. Vielleicht ist es die schiere L�nge des Hinterl�nder Winters, die sie gegen�ber dem Sommer so leichtgl�ubig macht. Dieses Jahr hat bis in den M�rz hinein Schnee gelegen, und in ihrem R�cken zieht sich immer noch ein feuchter Streifen entlang des Winkels von Terrassenboden und Hauswand und verbreitet den Geruch alter Zeitungen. Und �brigens kann sie nicht wegziehen. Erstens weil sie nicht wei� wohin, zweitens wegen Daniel, drittens wegen ihrer Mutter, und viertens �</p><p>Sie l�sst den Blick durch den Garten schweifen und bleibt an der gro�en Hecke h�ngen. Meinrichs haben ihre Seite trimmen lassen vor einer Woche und nicht vers�umt, �der Frau Nachbarin� anzubieten, die fr�hlichen Helfer aus der Behindertenwerkst�tte auch auf die andere Seite zu schicken. Der �Frau Nachbarin� � so als w�ren sie sich nach fast sieben Jahren des Namens noch immer nicht sicher, als g�be es zum Beispiel kein Schild neben der T�r, an die Frau Meinrich eigens gekommen ist, um das Angebot zu �berbringen. Mit diesem vorwurfsvollen Gesichtsausdruck, den Kerstin erst noch lernen muss als eine bestimmte, dem Alter eigene Form der F�rsorglichkeit zu verstehen. (Viertens schlie�lich: Was geht das Anita an?) Dankend hat sie abgelehnt und auf ihren Sohn verwiesen, der mit seinen sechzehn Jahren wohl in der Lage sei, eine Hecke zu stutzen. Sie Gl�ckliche! Frau Meinrich � m�rrisch, dauergewellt und zu aufdringlich parf�miert � hat sich auf ihren Stock gest�tzt und nicht n�her erl�utert, worin sie das Gl�ck ihrer Nachbarin sieht. Dass seine steile politische Karriere Meinrich Junior bis ins ferne Wiesbaden verschlagen hat, geht kaum als Ungl�ck durch, und deshalb wei� Kerstin auch im R�ckblick nicht zu entscheiden, wie viel Aufrichtigkeit in Frau Meinrichs Bemerkung gelegen hat und was gegebenenfalls das andere gewesen sein mochte.</p><p>Durch die Hecke hindurch sieht sie eine schemenhafte Bewegung im Garten ihrer Nachbarn. Erst neulich wieder war ein Bild im <emphasis>Bergenst�dter Boten</emphasis>, auf dem Klaus Meinrich die Aktentasche des hessischen Ministerpr�sidenten vor sich hertrug, mit messdienerhaftem Ernst in der Miene, w�hrend der Ministerpr�sident selbst nebenher schritt und sein �bliches, routiniertes Gesicht machte. Immer noch tr�gt der Junior den B�rstenhaarschnitt des Vaters, und soweit ein Schwarzwei�bild dar�ber Aufschluss gibt, scheinen sich auch die Blutdruckwerte einander anzun�hern. Tipptopp ist eins der Lieblingsw�rter des Alten, egal ob es um Frisuren, Hecken oder Politiker geht, und Daniel kann ihn imitieren, wie er dabei eine Miene macht, als zitiere er griechische Klassiker im Original. Wie schon Platon wusste: Hauptsache tipptopp.</p><p>Im Innern des Hauses wird die Badezimmert�r ge�ffnet. Der Gedanke an Daniel, den sie gerade hat festhalten wollen, entgleitet ihr wieder. Das Quietschen orthop�discher Schuhe setzt einen Moment aus und dann wieder ein, und Kerstin f�hlt ihre R�ckenmuskeln steif werden, als h�tte sie eine falsche Bewegung gemacht. Langsam durchquert ihre Mutter die Diele. Den Stock hat sie sich unter den Arm geklemmt, so dass die Spitze beim Gehen gegen die Wand tippt, denn in den H�nden tr�gt Liese Werner ihren Zahnputzbecher, der gegen alles Zureden seinen festen Platz auf dem Nachttisch neben dem Bett hat. Sonst stehlen ihn �die M�nner�. Auf dem Esstisch steht das Fr�hst�cksgeschirr, und Kerstin sieht im Geist die Stockspitze eine weitere Kaffeekanne �ber die Kante schubsen, w�hrend ihr K�rper sich weiter versteift, je l�nger das Ger�usch zerspringenden Glases ausbleibt. Dann verstummt das Quietschen der Schuhe, K�hle flie�t von der Terrasse ab, und in Kerstins R�cken st��t ein Blick, nein, st��t nicht � stupst, ber�hrt sie mit der sanften, kindergleichen Hilflosigkeit des Alters. Eigentlich, f�llt ihr auf, hat die Hecke noch kaum ausgeschlagen; sie wird also Schwierigkeiten bekommen, ihrem scharfsinnigen Sohn zu erkl�ren, warum sie trotzdem geschnitten werden muss.</p><p>�Muss ich denn dann meine Medizin noch nehmen?�</p><p>Vogelgezwitscher f�llt ihren Garten. Bl�tter h�ngen reglos in der Morgenluft. Herzlichen Gl�ckwunsch, Kerstin, denkt sie. Dann schlie�t sie die Augen.</p><p>�Hast du schon, Mutter. Gleich nach dem Fr�hst�ck.�</p><p>�So?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Da waren doch wieder welche im Haus heute Nacht.�</p><p>�Nein, niemand.�</p><p>�In der K�che. Ich hab sie geh�rt, ja.�</p><p>In der K�che hab ich <emphasis>dich </emphasis>geh�rt, denkt Kerstin. Um halb zwei. Unerwartet schwer scheint die Sonne auf ihre Lider und verursacht einen Eindruck von formlosem Rot, das weder nah noch fern, noch sonst wie bestimmt ist, nur eine Farbe, die vor ihrem Auge schwimmt und sich warm anf�hlt. Angenehm warm.</p><p>�Zw�lf Grad waren�s am Morgen. �Mehrmals am Tag kontrolliert ihre Mutter das Thermometer auf der Fensterbank, und Dr. Petermann sagt, dass Demenzkranke h�ufig dieses auff�llige Interesse am Wetter entwickeln. F�r die M�nner allerdings hat auch er keine Erkl�rung, au�er der, die alles erkl�rt: das Alter.</p><p>�Ganze zw�lf Grad�, wiederholt ihre Mutter.�Das wird noch was geben, ja.�</p><p>�Jetzt sind es mehr.�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Jetzt ist es w�r-mer.�</p><p>�Wird bald wieder, ja�, sagt ihre Mutter nach einer Pause, in der Kerstin ihrer eigenen Stimme nachgehorcht hat, der Anstrengung des lauten Sprechens in einzelnen Silben. Sie bekommt davon Falten um die Augen und Schmerzen hinter den Schl�fen und bringt es sowieso nicht l�nger �ber sich, mit geschlossenen Augen den Hang hinabzusprechen. Langsam wendet sie den Kopf.</p><p>Im blauen Alltagskittel steht Liese Werner in der offenen T�r, den Stock unter der Achsel und den Unterarm schr�g abgewinkelt, mit einer Hand am T�rrahmen. Die andere Hand h�lt den Becher. Letztes Jahr um diese Zeit hat sie noch bei Hans gewohnt und am f�nfzehnten in Bergenstadt angerufen, aber an diesem Morgen deutet nichts auf ein Wissen um den Geburtstag ihrer Tochter, und Kerstin hat es beim Fr�hst�ck unterlassen, sie daran zu erinnern.</p><p>�Du hast noch Wasser im Becher, pass auf�, sagt sie, bedacht auf ihren Tonfall.</p><p>�Bitte?�</p><p>�Du tropfst. Da!�</p><p>Etwas Pinguinartiges liegt in der Kopfbewegung, mit der ihre Mutter an sich herabsieht.</p><p>�Trocknet schon wieder�, sagt Kerstin. Der kurze Moment aus Sonne und Stille verfl�chtigt sich, und sie hascht nach ihm wie nach einem vom Wind fortgewehten Hut.�Ist das nicht herrlich, das Wetter? Der erste richtige Sommermorgen und � nein, lass es einfach von selbst trocknen. Mutter!�Sie macht einen Schritt nach vorne, w�hrend ihre Mutter sich b�ckt, um den nassen Fleck auf dem Boden zu beseitigen, der unterdessen gr��er wird, weil Kerstin den Arm mit einem Ruck ergreift, wie immer erschrocken �ber die Weichheit des Fleisches, das sie unter ihrem Griff und dem Stoff des Kittels f�hlt.</p><p>�Lass einfach�, sagt sie noch einmal und sp�rt ihr eigenes L�cheln auf dem Gesicht wie ein Spannen zu trockener Haut.�Du k�nntest ein paar Schritte im Garten � oder auf der Terrasse, du k�nntest dich ein bisschen bewegen in der Sonne.�</p><p>�Der Doktor kommt heute Nachmittag, ja, und es ist noch nichts fertig.�</p><p>�Mutter, es ist Montag.�</p><p>�Hoffentlich verschreibt er mir was gegen mein schlimmes Bein. Und die Kopfschmerzen.�</p><p>�Doktor Petermann kommt mittwochs, jeden ersten Mittwoch im Monat, und er war erst vorletzte Woche da. Heute kommt er nicht.�</p><p>�Nicht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wir k�nnten Hans fragen.�</p><p>�Ist es wieder schlimm mit dem Bein?�Wie ein Loch im Boden hat sie die Frage vor sich gesehen und einen Schritt zur Seite machen und sagen wollen: Dein Bein braucht Bewegung, das ist alles. Die Kopfschmerzen, �ber die ihre Mutter neuerdings klagt, scheinen einer Art Rotationssystem anzugeh�ren, in dem sich die schmerzenden K�rperpartien abwechseln: Knie, H�fte, Schulter, Kopf, und wieder von vorne. Nur das Bein tut angeblich immer weh.</p><p>�Viel Schmerzen.�</p><p>�Vielleicht braucht dein Bein einfach ��</p><p>�Wir k�nnten Hans fragen.�</p><p>�Am Telefon kann er dir nichts verschreiben. Au�erdem ist jetzt Doktor Petermann dein Arzt.�</p><p>�Der kommt ja nicht.�</p><p>�Er war hier. Hast du ihn nicht gebeten, dir was zu verschreiben?�</p><p>�Er hat meinen Blutdruck gemessen, ja.�</p><p>�Ob du ihn nicht gefragt hast �?�Kerstin blickt in die w�ssrige Tr�bnis hinter dicken Brillengl�sern, auf diesen Schleier aus Unverst�ndnis, und sie w�nscht, Hans k�nnte das einmal sehen, statt immer nur am Telefon zu befinden, seine Mutter h�re sich gro�artig an. Kerngesund. Hans, der ihr beim Umzug dieses Lachen der Zuversicht ins Gesicht geschmissen und zum Abschied gesagt hat, so sei es das Beste f�r alle.</p><p>�Nicht?�, wiederholt sie.</p><p>Ihre Mutter steht nickend vor ihr, als w�rde sie im Geiste die n�chsten Schritte proben, das L�sen der Hand vom T�rrahmen, die halbe K�rperdrehung, das Ergreifen der T�rklinke.</p><p>�Dann will ich mal mein Bett machen�, verk�ndet sie schlie�lich.�Falls der Pfarrer kommt, ja.�</p><p>Kerstin sieht ihr nach, wie sie in ihrem Zimmer verschwindet, hinter einer T�r, die gezeichnet ist von den wei�lichen R�ckst�nden der vielen Aufkleber, die Daniel dort platziert hatte, als es noch sein Zimmer war. Der Raum besitzt ein gro�es Fenster zum Garten und Zugang zum Balkon, mit Blick �ber das Bergenst�dter Tal und zum Himmel dar�ber, den Daniel jeden Abend durch sein Teleskop betrachtet hat. Von den beiden Kammern im Keller sieht er nur die Einfahrt und Meinrichs Hecke und bekommt mit, wenn nachts der Schemen des Alten im Milchglasfenster des Badezimmers steht: gestikulierend, schimpfend, seine Prostata verfluchend, aber der Himmel ist nichts als ein kleines St�ck Nordosten zwischen Dachrinne und Hecke. Daniel hat es ihr gezeigt und die Schultern gezuckt: Darf ich vorstellen: Mein Anteil vom Besten f�r alle.</p><p>�Das Beste f�r alle� ist ein gefl�geltes Wort geworden am Rehsteig 52.</p><p>Sie geht ins Bad.</p><p>Drau�en fahren Autos vorbei, Kerstin duscht und bindet sich die Haare zum Pferdeschwanz, kippt das Fenster und putzt sich die Z�hne, w�hrend Dunstschleier zum Fenster hinausziehen. Ein St�tz-BH in Fleischfarbe h�ngt �ber der Stange vor dem Heizk�rper.</p><p>Wie immer kommt es pl�tzlich. Einen Moment lang steht sie vor dem beschlagenen Spiegel, rei�t die Augen auf und atmet tief durch, wie in der K�che beim Zwiebelschneiden. Da ist ein Pochen hinten im Hals, und das Ger�usch ihres eigenen Atems kommt ihr vor, als st�nde sie drau�en auf einem weiten Feld. Trotz des offenen Fensters scheint der Dunst im Bad immer dichter zu werden. Den Blick auf ihre F��e gerichtet, z�hlt Kerstin die Sekunden. Wundert sich �ber die r�tselhafte Pr�zision, mit der dieses R�derwerk der Erinnerung in ihr arbeitet und in zwei Umdrehungen den Sprung in ein anderes Bad schafft. Manchmal reicht ein fleischfarbener St�tz-BH aus, um alles ins Rollen zu bringen. Anita hat Recht, sie muss weg hier. Und langsam atmen. Warten. Sie schaut in den Spiegel, als ob sie ihren Sohn darin s�he, in jenem anderen Bad, an das sie sich nicht erinnern will und das jetzt sowieso anders aussieht. Man nimmt den Mann, wie er ist, aber das Bad r�umt man um. Nur Daniel sieht sie, der nach einem schwarzen Teil greift, es am einen Ende baumeln l�sst und die zwei K�rbchen betrachtet, die sich wie eine Atemmaske auf Mund und Nase legen lassen. Ein jugendlicher Akt der Neugierde. Das Gef�hl von Seide zwischen den Fingerspitzen. Langsam verzieht sich der Dunst vor ihrem Spiegel und sagt ihr, wie es ist: vierundvierzig Jahre und allein. Sie hat gelernt, ihre Tr�nen zur�ckzuhalten, aber Fragen gibt es, die m�ssen gestellt werden: Wei� ihr Sohn, wie die Frau riecht, die ihr Exmann v-�-g-e-l-t? Und Tage gibt es, da glaubt sie den Verstand zu verlieren, wie im Handumdrehen, als h�tte sie nie einen besessen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Sie sitzen einander gegen�ber in Granitznys B�ro und sprechen mit langen Pausen, in denen sie sich mustern wie Gegner vor dem Kampf. Immer ist das so, selbst wenn sie �bers Wetter reden, und dann sp�rt Weidmann sich mit durchgedr�cktem R�cken im Besucherstuhl sitzen, die Unterarme auf die Lehnen gelegt, waagerecht wie sein Blick. Jedes Mal denkt er das Gleiche: Der Schulleiter sieht aus wie eine Mischung aus Buddhafigur und einem Operntenor im Sp�therbst seiner Karriere. Nicht nur sein K�rperumfang, auch die zu lange nicht geschnittenen und zu oft nicht gewaschenen Haare passen dazu, der speckige Kragen seines Jacketts und � wenn er es auszieht � die Schwei�flecken unter den Armen; aber das Merkw�rdige ist: Das Aussehen tut seiner Autorit�t keinen Abbruch, beinahe im Gegenteil. Granitzny ist respekteinfl��end fett, man glaubt an ihm etwas von diesen Machtg�rteln wahrzunehmen, die sich kiloweise um gewisse Politiker legen im Lauf der Jahre. Manche M�nner sind dick, so wie B�ume Rinde haben, und Granitzny ist zwar kein Politiker, aber eine Witzfigur schon gar nicht. Selbstsicherheit und Unersch�tterlichkeit strahlt er aus, wenn er sich wie jetzt im Schreibtischstuhl zur�cklehnt, bis die Knopfleiste seines blauen Hemdes in Hochspannung ger�t und die Krawatte auf seinem Bauch liegt wie eine schlafende Katze. �u�erlichkeiten sind dem Rektor des St�dtischen Gymnasiums Bergenstadt nicht nur egal, er nimmt sie erst gar nicht zur Kenntnis. Weidmann wei� nicht warum, aber Granitzny erinnert ihn an Schlegelberger. Erinnert ihn an den Alten mit einer Beharrlichkeit, wie es nur bei �hnlichkeiten der Fall ist, die nicht sofort ins Auge springen.</p><p>Schlegelberger war hager, zum Beispiel, und ist es wahrscheinlich noch.</p><p>�Was halten Sie von der Sache?�, fragt Granitzny schlie�lich aus der Tiefe seines Stuhls.�Kommt Ihnen das nicht komisch vor?�</p><p>��Komisch� w�re nicht mein Wort�, sagt Weidmann.�Nicht, wenn so was in meiner Klasse passiert.�</p><p>�Ausgerechnet Daniel Bamberger und ausgerechnet Tommy Endler, das meinte ich. Nicht �komisch� komisch, sondern: merkw�rdig. Unerkl�rlich. �Ununterbrochen sieht Granitzny ihn an, und wie immer f�hlt Weidmann sich unbehaglich, wenn er so taxiert wird, egal ob damals von Schlegelberger oder jetzt von seinem Chef. Egal von wem. Er beschr�nkt sich auf ein Nicken und sieht nach drau�en auf den Schulhof: Oberstufensch�ler lungern auf den Rondellen herum, ein paar schlendern unauff�llig Richtung Fahrradst�nder, um zu rauchen. Die Sonne scheint auf den Ort, auf die Stra�enz�ge und H�user, die wie die Reihen eines riesigen Amphitheaters im Morgenlicht liegen. Zum ersten Mal in diesem Monat entspricht das Wetter dem Kalender, sieht der Mai nach Mai aus. Ein gr�ner Ring aus B�umen schlie�t den Ort ein und uml�uft das Tal, zieht sich von H�gel zu H�gel und durch den gesamten Landstrich, der nicht ohne Grund �Hinterland� hei�t.</p><p>Man k�nnte bis Kassel wandern, vier oder f�nf Tage lang, ohne einmal aus dem Schatten der B�ume zu treten.</p><p>�Wie auch immer. Mit dem Vater, J�rgen Bamberger, bin ich gut bekannt, wie Sie wissen, und den werde ich heute Vormittag mal einbestellen. Kennen Sie einander eigentlich?�</p><p>�Wie man sich so kennt hier.�</p><p>Granitzny nickt und gestattet seinen Gedanken eine kleine Abschweifung. Weidmann erkennt es an seinem Blick.</p><p>�Sie sind in keiner Gesellschaft, oder?�</p><p>�Ab und zu geh ich zum Rehsteig. Selten.�</p><p>�Kein Grenzg�nger.�</p><p>�Kein echter.�</p><p>�Dabei ist Ihr Vater mal zweiter F�hrer gewesen. Einundsiebzig?�</p><p>�Einundsiebzig.�</p><p>�Nicht Ihr Niveau, nehm ich an.�</p><p>�Nein.�</p><p>Wahrscheinlich redet sonst kein Kollege so mit Granitzny, aber dem imponiert es, wenn einer schon mal an der Universit�t unterrichtet hat, darum quittiert er die Antwort nur mit einem Nicken. Man sieht das Schloss vom Rektorzimmer aus, den runden, an die Schachfigur erinnernden Turm und das Schieferdach des Geb�udes, das wie ein gekentertes Schiff �ber den gr�nen Wipfeln treibt.</p><p>�Dann zur�ck zum Gesch�ftlichen. Rehsteig � da wohnt doch Daniels Mutter. Kennen Sie die? Kerstin � hei�t sie noch Bamberger?�</p><p>�Werner. Sie war bei Elternabenden ein oder zwei Mal. �Er sagt auch das mit Blick aus dem Fenster. Granitzny hat diese Art, Fragen zu stellen, die einen argw�hnen l�sst, er kenne die Antworten selbst und wolle seinem Gegen�ber nur auf den Zahn f�hlen � diese Marotte allerdings erf�llt Weidmann nicht mit Unbehagen, sondern mit einem Anflug derselben Unersch�tterlichkeit, die Granitznys K�rperf�lle ausstrahlt. Der muss schlie�lich nicht alles wissen. Wer sich zu tarnen versteht, braucht nicht Versteck zu spielen, so viel hat er gelernt in den letzten sieben Jahren, hat es auch zu Konstanze gesagt neulich und prompt zur Antwort bekommen: Ich wei�, dass du nicht gl�cklich bist. Aber du bist selbst schuld.</p><p>Neun Uhr f�nfundzwanzig verk�ndet die Uhr �ber der offenen T�r zum Sekretariat. Montag der f�nfzehnte Mai, und die Sonne drau�en erf�llt ihn mit einer Melancholie, wie es selbst der Bergenst�dter Winter nicht vermag, trotz seiner �berl�nge. Zum Teufel mit alldem, denkt er.</p><p>�Sehen Sie, es w�rde jetzt von Ihnen erwartet, dass Sie sagen: Okay, mit der Mutter rede ich. �Granitzny h�ngt in seinem Stuhl, als w�re er beim Zahnarzt.</p><p>�Was soll ich ihr sagen?�</p><p>�Dass ihr Sohn � dass ihr Sohn sich zwar gewisserma�en artgerecht, aber unkorrekt verhalten hat an der Schule und dass wir uns Konsequenzen vorbehalten.�</p><p>�Artgerecht?�</p><p>Unerwartet beh�nde richtet sich Granitzny auf und kommt dem Schreibtisch so nah, wie es sein Bauch gestattet. Seine Miene ist aufgeweckt jetzt, neugierig und l�sst so etwas wie Vorfreude erkennen. Wahrscheinlich ist auch das ein Effekt der Jahreszeit und des pl�tzlich umgeschlagenen Wetters. Dem Rektor sitzt der Schalk im Stiernacken, und seit er nicht mehr raucht, erlaubt er sich manchmal, seinen Launen einfach nachzugeben.</p><p>�Es w�rde mich interessieren, wie Sie als Sechzehnj�hriger waren.�</p><p>Einen Moment lang sehen sie einander in die Augen � Granitznys Tr�nens�cke k�nnte man f�r angeklebt halten, so schwer sind die � dann ruft Frau Winterlich aus dem Nebenzimmer:</p><p>�Unauff�llig. Hab seine Mutter nie klagen h�ren.�</p><p>Weidmann nickt, sagt aber nichts. Unauff�llig ist wahrscheinlich besser getroffen, als Frau Winterlich ahnt. Unauff�llig passt.</p><p>Granitzny lehnt sich wieder zur�ck, augenscheinlich unzufrieden.</p><p>�Frau Winterlich, w�rden Sie uns zwei Kaffee bringen.�</p><p>�Ich muss gleich los. �Weidmann zeigt auf die Uhr, um halb zehn gongt es, aber nicht mit Granitzny:</p><p>�Sie haben eine Freistunde jetzt, wissen Sie das nicht?�</p><p>Granitzny hat einen zusammengefalteten Liegestuhl neben dem Heizk�rper stehen, und wenn das Wetter es zul�sst, sieht man ihn nachmittags um f�nf, wenn nicht einmal mehr der Hausmeister sich noch auf dem Schulgel�nde aufh�lt, im offenen Hemd vor dem Haupteingang sitzen und Zeitung lesen. An sechs Tagen in der Woche rollt sein silbergrauer Ford als Letzter vom Parkplatz, und am siebten gibt es dort sowieso keine anderen Wagen. Ohne Granitznys unerm�dlichen Einsatz w�rde es nicht einmal das Schulgeb�ude geben, diesen zweist�ckigen Neubau in den Lahnwiesen. Das hier ist Granitznys Schule, Genitivus possessivus ohne Abstriche.</p><p>�Wenn ich mit ihr rede�, sagt Weidmann,�m�sste ich aber pr�ziser werden. Als Mutter w�sste man ja gerne, welcher Art die Konsequenzen sind, die wir uns vorbehalten.�</p><p>�Wie sch�tzen Sie�s ein, ich meine: Ist doch kein Fall f�r einen Verweis von der Schule.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Die Pr�gelstrafe ist abgeschafft, was bleibt noch?�</p><p>�Eine ungem�tliche halbe Stunde im Rektorzimmer.�</p><p>�Seh ich kommen.�</p><p>�Zu �berlegen w�re, ob man die drei in verschiedene Klassen steckt.�</p><p>�Da seh ich Probleme mit den Kollegen.�</p><p>�Und ich glaube nicht, dass Tommy Endler der Einzige war, den sie � soll man �Erpressung� sagen?�</p><p>Mit einer Handbewegung wischt Granitzny das Wort beiseite.</p><p>�Was mich interessieren w�rde: Warum macht der kleine Bamberger da mit? Sieht ihm doch nicht �hnlich, oder? Die beiden anderen hab ich schon h�ufiger zur Schnecke gemacht, aber Daniel Bamberger ��</p><p>Frau Winterlich kommt mit zwei Kaffeetassen herein. Sie und Granitzny sind ein Fall f�r Cartoonisten: er der Elefant und sie mit dieser vogelhaften Art, den Kopf zu bewegen, als picke sie ihrem Gegen�ber unsichtbare K�rner aus dem Gesicht. Sie ist schon Sekret�rin gewesen, als Weidmann hier noch zur Schule ging, das hei�t nicht hier, sondern im alten Schulgeb�ude in der Rheinstra�e, das seit dem Umbau das Rathaus beherbergt. Strenger Dutt und graue Strickweste, und niemand an der Schule kann sich vorstellen, wie es nach den Sommerferien sein wird, das Sekretariat zu betreten, ohne Frau Winterlich darin.</p><p>�Hormone�, gibt sie jetzt zu bedenken und dreht ihre spitze Nase in Weidmanns Richtung.�Sind alles die Hormone. Milch?�</p><p>Weidmann winkt ab. Zwanzig Minuten sp�ter tritt er hinaus auf den hinteren Schulhof, in den Glanz der Vormittagssonne auf immer noch taufeuchten Lahnwiesen. Bis zum Rand des Schulhofs geht er, steigt �ber den meterhohen Rasenwall gegen das Fr�hjahrshochwasser und folgt dem schmalen Teerweg Richtung Turnhalle. Von der Endg�ltigkeit abgesehen, ist der �bergang vor allem tr�stlich � das Verschwinden der Sehnsucht und der Eintritt in eine Art Leere, die einen mit viel weniger Angst erf�llt, wenn man erst mal drin ist. Es ist deine alte Schwarzseherei, blo� dass sie jetzt einen Zug ins Zynische bekommt. Konstanze glaubt n�mlich, dass Zynismus die letzte Stufe vor der Verzweiflung ist und nicht etwa die erste danach. Au�erdem kann eine junge Mutter mit Resignation nichts anfangen, egal wie souver�n die daherkommt, und vielleicht hat er�s auch einfach falsch erkl�rt. Hat das Gef�hl, den Trost darin �bertrieben ausgemalt und sich am Ende verraten � zum Beispiel damit, keine Fotos von dem Kleinen sehen zu wollen.</p><p>Von der Umgehungsstra�e weht Verkehrsl�rm her�ber, nicht im kontinuierlichen Rauschen der Sto�zeiten, sondern als das tropfenweise Vorbeiziehen einzelner Wagen. Alle sind auf der Arbeit oder zu Hause. Weidmann sieht auf die Uhr: F�r den �blichen Freistundengang durch die Lahnwiesen bleibt keine Zeit mehr, also passiert er die Turnhalle und geht auf eine kleine halbkreisf�rmige Fichtengruppe zu. Auf der Holzbank in deren Mitte sitzen manchmal knutschende Sch�ler, aber jetzt ist sie frei.</p><p>Vielleicht t�uscht er sich auch mit diesem Gef�hl, mit dem Trost ebenso wie mit der Endg�ltigkeit, mit allem eben. Vielleicht ist es nicht nur Melancholie, mit der diese verdammte Sonne ihn erf�llt. Die Hecken der Wochenendgrundst�cke schlagen aus, die Luft unter den B�umen riecht nach Rinde und Moos. Schei�spiel. Das gro�e Tamtam des heraufziehenden Sommers. Entlang der Lahn stehen Pappeln Spalier, scheinen sich aufzul�sen im glei�enden Licht. Alles schon auf Grenzgang gemacht, sogar das Gr�nzeug.</p><p>�Reden Sie also bitte mit der Mutter. In ihrer Eigenschaft als ��Ein L�cheln und eine kurze Pause, in der Granitznys Schalk sich das Wort �Junggeselle� verkneift.�Als Klassenlehrer.�</p><p>Beim Maibaumaufstellen vor zwei Wochen sind sie einander begegnet, fl�chtig nur, und trotzdem hat sich sein Eindruck von damals erneuert: dass sie eine Fremde ist im Ort, anders als er, aber genauso fremd. Immer noch zugezogen nach so langer Zeit, ohne den orts�blichen Zungenschlag, der ihn auch nach zehn Jahren in Berlin noch mit der Frage konfrontiert hat: Wo kommen Sie denn her? Mit dieser skeptischen Betonung auf dem �Sie�. Es stimmt, dass sie gut aussieht, auf unauff�llige Weise, ein wenig blass und ein wenig so, als lachte sie nicht oft genug. Im Fehlen von Schmuck oder Schminke hat er eine Eitelkeit eigener Art zu entdecken geglaubt, als w�rde sie sagen: F�r euch nicht.</p><p>Also wird er mit ihr reden. Nach einem Blick auf die Uhr steht er auf. Von dieser Bank hinter der Turnhalle ist nur das letzte Ende der Parkpl�tze zu sehen, und als er einen Schritt um die Fichten herum macht, sieht er einen neuen, metallic-blauen Saab mit offenem Verdeck ausrollen und die letzte Parkbucht besetzen. Offenbar hat Granitzny gleich nach ihrem Gespr�ch zum H�rer gegriffen. J�rgen Bamberger steigt aus, piept das Auto zu und wirft einen Blick die sonnigen H�nge hinauf, bevor er Richtung Eingang verschwindet.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Den Veilchenstrau� sieht sie erst, als sie mit einem Fu� drauf steht. Sie atmet diesen unverwechselbaren Duft ein und blickt an sich herunter, weil sie weicher aufgetreten ist als erwartet, und da liegen sie vor ihr: eine Handvoll violetter Bl�ten, die Stiele in ein feuchtes Taschentuch geschlagen � nun alles zerknautscht � auf der Fu�matte vor ihrer T�r. Kerstin hebt den Fu�, steht starr vor Verwunderung und blickt die Stra�e hinauf und hinab. Verlassen ruht der Rehsteig in der Sonne. Bei Brunners, ihren Nachbarn zur anderen Seite, steht ein Kirschbaum in voller Bl�te, rund und wei� wie ein aufgepfropfter Schneeball. Nirgendwo ein Mensch zu sehen. Sie nimmt den Strau� auf und h�lt sich die Bl�ten unter die Nase. Anita hat ihr fr�her Blumen zum Geburtstag geschenkt, aber die lebt am Starnberger See und beschr�nkt sich am f�nfzehnten Mai auf Anrufe, und von den wenigen Menschen, die ihr normalerweise zum Geburtstag gratulieren, leben �berhaupt nur zwei in Bergenstadt; ihre Mutter scheidet aus, und der Gedanke, Daniel k�nnte vor der Schule am Rehsteig vorbeigekommen sein und ihr einen stummen Blumengru� vor die T�r gelegt haben, l�sst zwar ihr Herz h�her schlagen, verliert darum aber nichts von seiner Abwegigkeit.</p><p>Kerstin geht ins Haus zur�ck, stellt nach einer Inspektion des Taschentuchs die Veilchen in eine Glasvase und diese anschlie�end erst auf die K�chenanrichte, dann auf den Esszimmertisch. Ein violettes, duftendes Fragezeichen. Umso r�hrender ob seiner Verwundung durch ihre unachtsamen F��e. Der Anblick begleitet sie auf dem Weg den Kornacker hinunter, am alten Landratsamt im Park vorbei, zu K�nig�s � ein Edeka-Markt eigentlich, aber es steht immer noch K�nig�s drau�en dran, und beim Eintreten sp�rt sie noch immer die Sonne auf der Haut und wei�, dass es sich in Wahrheit um etwas anderes handelt. Etwas, das f�r eine Weile sogar die Vorfreude auf eine Woche mit Daniel im Haus �berstrahlt, obwohl es genau genommen ein Nichts ist: die kurze Pause hinter einem Fragezeichen �</p><p>L�chelnd biegt sie um die Ecke zur Gem�setheke, von der bei K�nig�s erfahrungsgem�� nicht viel zu erwarten ist und wo eine andere Kundin sich gerade kritisch �ber die Tomaten beugt. Frau Preiss, Lindas Mutter, erkennt Kerstin, als die den Kopf wendet und dabei eine Bewegung macht, als w�re sie beim Klauen erwischt worden.</p><p>�Na, so eine �berraschung!�</p><p>�Tag, Frau Preiss. �Sie bemerkt das fr�hliche Tremolo ihrer Stimme und schlenkert den Einkaufskorb, als wollte sie Obst und Gem�se einladen, von selbst hineinzuspringen.</p><p>�Guten Morgen. �Frau Preiss nimmt zwei Tomaten und dreht sie in der Hand. Die Frisur kommt Kerstin neu vor, k�rzer und etwas zu bauschig auftoupiert f�r ihren Geschmack. Dazu steigt ihr Parf�mduft in die Nase, m�glicherweise Veilchenaroma, aber Frau Preiss� Blick klebt auf den Tomaten und l�dt nicht ein zu Freundlichkeiten. Unentschlossen streichen Kerstins Augen �ber gr�ne Gem�sek�sten, auf der Suche nach einer beil�ufigen Bemerkung, die nicht Zuflucht zum Wetter nimmt. Sie kennen einander kaum, tauschen gelegentlich am Kornacker Gr��e von Auto zu Auto und treffen sich, seit die Versammlungen stattfinden, dann und wann bei den Rehsteig-Frauen. Vor zwei Wochen oben auf dem Maibaumplatz haben sie zuletzt ein paar Worte gewechselt. Jetzt f�llt ihr ein, dass Linda ihr seit kurzem manchmal auf dem Motorroller begegnet, Hans-J�rgen Preiss und ihr Exmann derselben M�nnergesellschaft angeh�ren und dass es f�r Bergenst�dter Verh�ltnisse eigentlich ungew�hnlich ist, wenn Herr Preiss zur Rheinstra�e und Frau Preiss zum Rehsteig geht � was aber zu den Dingen geh�rt, f�r die sie sich nicht interessiert.</p><p>Pilze kann sie keine entdecken, auch keine Auberginen, und der Broccoli sieht aus, als h�tte er Schlimmes hinter sich. Soll sie <emphasis>das </emphasis>sagen?</p><p>Frau Preiss erteilt den Tomaten eine seufzende Absage und bl�st das Schweigen auf wie einen Luftballon kurz vor dem Platzen. Dann scheint sie sich einen Ruck zu geben, wendet den Blick Kerstin zu und muss kichern, bevor sie fl�stert:</p><p>�Bei K�nig�s Gem�se zu kaufen ist ein bisschen so, wie wenn man sich ein Haustier aus dem Tierheim mitnimmt. �Sie hat sich ihre Sonnenbrille ins blondierte Haar geschoben und ein Muttermal auf der Stirn, �ber der linken Augenbraue.</p><p>�Sie meinen, man tut ein gutes Werk?�</p><p>�Ich meine, man wei� nicht genau, was man sich ins Haus holt.�</p><p>Sie sehen einander an, und Kerstins Hand in der Luft w�re beinahe auf Frau Preiss� Unterarm zu liegen gekommen, aber dann greift sie nach dem gelblichen Broccoli und sagt:</p><p>�Der hier allerdings m�sste eingeschl�fert werden, oder?�</p><p>Frau Preiss bekommt kleine Falten in den Augenwinkeln, wenn sie lacht, ein nat�rliches, helles, ganz unblondiertes Lachen.</p><p>�Es sei denn, er r�hrt Ihr Herz so, dass Sie ihn mit nach Hause nehmen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich nehm ihn. �Tats�chlich streckt Frau Preiss beide H�nde aus und nimmt das welke B�ndel in Empfang. Legt es in ihren Bastkorb, l�chelt Kerstin zu und geht weiter zu den Getr�nken. Ihr teures Parf�m weht wie ein Schleier hinter ihr her.</p><p>Vor der Scheidung hat es einmal einen Abend zu viert gegeben, jedenfalls steht Kerstin dieses Bild vor Augen, Herr und Frau Preiss nebeneinander, sein damals schon fast kahler, eckiger Sch�del und das feine, zerbrechliche Gesicht seiner Frau. Und ihr Eindruck, dass sie trotzdem zueinander passen, ein Gef�hl von Harmonie vermitteln, ganz ungezwungen. Er hat versucht, einen Witz zu erz�hlen, und sie, ihn daran zu hindern, und irgendwas daran hat ihr gefallen. Du kriegst doch eins mit dem Besen nachher. Oder so �hnlich. Den Witz hat Herr Preiss trotzdem erz�hlt, aber an den erinnert sie sich nicht.</p><p>Erst als sie sich vor der K�hltheke erneut begegnen, hat sie Gelegenheit, noch einmal auf den Broccoli zur�ckzukommen:</p><p>�Sie wollen den nicht wirklich kaufen.�</p><p>�Jetzt liegt er in meinem Korb, jetzt nehm ich ihn auch mit.�</p><p>�Sie m�ssen wenigstens verlangen, dass Sie ihn zum halben Preis bekommen.�</p><p>Frau Preiss� Blick hat an den R�ndern etwas von seinem L�cheln eingeb��t und gibt Kerstin zu verstehen, dass die Gattin des Inhabers von <emphasis>Preiss Damenunterw�sche &amp; Dessous </emphasis>an einer Supermarktkasse nicht um Rabatt bittet.</p><p>�Aus Prinzip�, sagt sie schnell.</p><p>Frau Preiss zuckt die Schultern.</p><p>�Wie geht�s Ihrem Sohn? Linda sagt, dass die Lehrer inzwischen regelrecht Angst vor ihm haben, wenn es um Mathe und Physik geht.�</p><p>Im Restaurant oben im Schloss haben sie gesessen, jetzt f�llt es ihr ein. Vor sieben Jahren? Vor acht? Vor zehn?</p><p>�Das sind so seine Hobbys. Bisschen ungew�hnlich wahrscheinlich in dem Alter.�</p><p>�Glauben Sie�s mir: Besser als alles, was in dem Alter nicht ungew�hnlich ist. �Frau Preiss� L�cheln ist wieder vollst�ndig. Ihr Solariumsteint l�sst das Goldkettchen in ihrem Halsausschnitt ebenso hervortreten wie die kleinen F�ltchen, die sich dort eingenistet haben, und am liebsten w�rde Kerstin einfach aussprechen, was ihr durch den Kopf schie�t: In unserem Alter, nicht wahr, ist gutes Aussehen irgendwie ein Balanceakt � und dass sie beide ihn eigentlich ganz gut meistern.</p><p>Sie sagt es aber nicht, und so ger�t das Gespr�ch wieder ins Stocken. Kerstin f�hlt die Luft aus dem K�hlregal um ihre nackten Waden streichen. Frau Preiss� letzte Bemerkung kommt ihr vor wie das �ffnen einer T�r, und sie wei� selbst nicht, warum sie darauf schlie�lich mit einem Blick auf die Uhr reagiert.</p><p>�Tja, dann ��</p><p>�Der halbe Vormittag um und zu Hause noch nichts geschafft.�</p><p>Einander zunickend nehmen sie verschiedene Wege Richtung Kasse, Kerstin entscheidet sich f�r Pilze aus dem Glas, kauft drei H�hnerbrustfilets und bummelt am Zeitschriftenregal entlang, auf der Suche nach etwas f�r Frauen, was auch ihre Mutter lesen kann.</p><p>Sobald um Viertel nach zehn die ersten Berufssch�ler den Markt betreten, nehmen K�nig, der Sohn, und seine Mitarbeiterinnen die strategisch wichtigen Stellen ein und �berwachen die Regale mit Salzgeb�ck, S��igkeiten und Getr�nken, denn Videokameras gibt es bei K�nig�s nicht. Kerstin stellt ihre Waren aufs Band: Eink�ufe wie damals zu Studentenzeiten, nur das N�tigste f�r die n�chsten Tage, das sich in zwei H�nden nach Hause tragen l�sst. Sie zahlt und beobachtet aus den Augenwinkeln die Waren-Armada, die aus Frau Preiss� Korb heraus- und auf dem Band vorr�ckt, angef�hrt von zwei Sektflaschen, abgeschlossen von diesem j�mmerlichen Broccoli.</p><p>Sekt, denkt sie, h�tte sie sich zu ihrem Geburtstag eigentlich auch g�nnen k�nnen.</p><p>�Dann auf Wiedersehen. �Sie tritt hinaus auf den Parkstreifen, wo die Sch�ler jetzt in Gruppen stehen, rauchen und Cola trinken und einer feixend so tut, als w�rde er seine aufgerauchte Zigarette in Frau Preiss� Cabrio werfen. Kerstin legt ihr Portemonnaie in den Korb und steht einen Moment still, als h�tte sie ihren R�ckweg vergessen. In einer der Sch�lergruppen explodiert eine Lachsalve. Die Sonne scheint vom Schlossberg herunter, ein Licht, das die bewaldeten H�nge herabrollt und sich in den Stra�en ausbreitet, und am liebsten w�rde Kerstin jetzt so wie auf der Terrasse die Augen schlie�en und die W�rme genie�en. Sie freut sich auf den Nachmittag im Garten, mit oder ohne Daniel.</p><p>Als sie die T�r hinter sich h�rt, nimmt sie den Korb in die andere Hand, sieht nach links und rechts und setzt im selben Moment an, die Stra�e zu �berqueren, in dem Frau Preiss hinter ihr fragt:</p><p>�Wo haben Sie Ihren Wagen stehen?�</p><p>�In der Werkstatt, wieder mal.� Sie dreht sich um.</p><p>Frau Preiss hat ihren Korb auf den R�cksitz gestellt, die Beifahrert�r ge�ffnet und l�sst sie offen stehen, als sie ums Heck herum zur Fahrert�r geht.</p><p>�Ich nehm Sie mit.�</p><p>�Danke.�</p><p>Die Ledersitze sind warm von der Sonne. In der Kniekehle, wo Kerstins Rock endet, f�hlt sie den Griff einer hei�en, gro�en Hand, w�hrend Frau Preiss den Schl�ssel dreht und ein Schwall dumpfer B�sse aus den Boxen springt wie ein zu lange eingesperrtes Tier. Ein paar Sch�ler drehen die K�pfe.</p><p>Frau Preiss dr�ckt eilig den Lautst�rkeregler, und der Sprechgesang verschwindet hinter Motorenger�usch.</p><p>�Verzeihung. Ich klaue die CDs meiner Tochter, um auf dem Laufenden zu bleiben. Bei den Kindern geht ja heute alles �ber Musik, und im Moment h�ren sie einen t�towierten, schwarzen Ami, der so �hnlich hei�t wie sehr wenig Geld. Kennen Sie den? Mir gef�llt er auch, wahrscheinlich ist es furchtbar obsz�n.�</p><p>�Mein Sohn h�rt wenig Musik, und ich ��</p><p>�Meine Tochter h�rt rund um die Uhr Musik, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Au�er in der Schule, hoffentlich. �Frau Preiss hat den Wagen gewendet und seine K�hlerhaube so weit auf die Stra�e geschoben, dass jemand ihr schlie�lich die Vorfahrt lassen muss.</p><p>�Danke�, sagt sie zu sich selbst.�Wieso h�rt Ihr Sohn keine Musik?�</p><p>�Das wei� ich nicht. Er interessiert sich f�r Sterne.�</p><p>�Sterne. Sie meinen ��Ihr rechter Zeigefinger zeigt da hin, wo um diese Zeit keine Sterne zu sehen sind.</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie romantisch. Meine Tochter interessiert sich f�r Stars. Waren die zwei nicht mal verliebt ineinander?�</p><p>�Ist ein paar Jahre her, aber die Hochzeit war jedenfalls fest versprochen.�</p><p>�Ach ja. �Frau Preiss h�lt am Zebrastreifen, wo zwei Grundsch�ler selbstbewusst die Arme nach vorne strecken.�Lernt was Sch�nes, ihr S��en. �Damit f�hrt sie wieder an und nimmt mit Schwung die Abzweigung zum Kornacker. Kerstin f�hlt den warmen Druck der Sitzlehne im R�cken, die Musik ist nur noch ein leises Rauschen jetzt. Vor genau vier Jahren, f�llt ihr ein, ist sie mit Anita um den Starnberger See gefahren � J�rgen und Daniel paddelten �ber Pfingsten auf der Dordogne �, mit offenem Verdeck und sonnenbebrillt, w�hrend die Sp�tnachmittagssonne eine Schicht Gold auf das Wasser legte. An einem Uferrestaurant haben sie gehalten, dessen Parkplatz aussah wie der Genfer Autosalon. Heller Kies und gestutzte B�ume. Auf langgezogenen Terrassen und unter wei�en Sonnenschirmen Gesichter, die Dollars und Schweizer Franken lachten, und Anita und sie hatten kaum Platz genommen, als die Pl�tze am Nebentisch auch schon von graumelierter Abenteuerlust besetzt wurden. Anita lie� sich Feuer geben, da waren sie zu viert. Kerstin hat ihre Freundin beobachtet, ihre flirtenden Blicke, die M�helosigkeit ihres Charmes, w�hrend ihr selbst das L�cheln so langsam und unaufhaltsam aus dem Gesicht rutschte wie eine zu gro�e Brille. Und irgendwann hat sie die Maske einfach fallen gelassen und die Hand auf ihrem Oberschenkel dem dazugeh�rigen Zahnarzt zur�ckgegeben.</p><p>Warum? Anitas Frage auf dem Heimweg. Neben der Stra�e der nun dunkle See, wie ein Loch in der Erde, mit tausend Lichtern drum herum, damit niemand hineinf�llt. Ihr vierzigster Geburtstag, zwei Jahre nach der Scheidung, und an nichts erinnert sie sich so gut wie an das nagende Gef�hl, von allen, in allem und um alles betrogen worden zu sein.</p><p>�Sie k�nnen mich da an der Ecke rauslassen�, sagt sie.�Die f�nfzig Meter bis ��Aber Frau Preiss ist schon nach rechts abgebogen und nimmt den Fu� vom Gas.</p><p>�Hier?�</p><p>�Das w�r nicht n�tig gewesen. Hier rechts. Sie k�nnen vorne bei Meinrichs wenden.�</p><p>Der Wagen h�lt, Musik l�st das Motorenger�usch ab, und Kerstin muss einen Moment suchen, bis sie den T�rgriff in der Armlehne findet. Sonnenbeschienen und mit kleinen Rissen im Stra�enbelag liegt der Rehsteig vor ihnen.</p><p>�Ich w�nschte, mein Flieder w�rde so bl�hen. �Frau Preiss nimmt die Sonnenbrille ab, um den Strauch neben Kerstins Haust�r in Augenschein zu nehmen.</p><p>�Hier vor dem Haus ist es schwierig. Zu viel Schatten.�</p><p>�Bei mir bl�ht er auch im Garten nicht richtig. Ich mache was falsch.�</p><p>�Mit Flieder kann man nicht viel falsch machen. Schneiden, wenn der Frost vor�ber ist. Auf Blattl�use achten. �Sie zuckt mit den Schultern.</p><p>�Ich hab kein Talent daf�r. Vor einigen Jahren hatten wir diesen Rosenstock, pr�chtiges Gew�chs, bl�hte ganz von selbst. Irgendwann habe ich beschlossen, mich drum zu k�mmern, ihn zu schneiden, zur�ckzubinden, und binnen zwei Jahren war�s nur noch ein k�mmerliches Etwas, hatte kaum noch Bl�ten.�</p><p>�Das kommt vor. Aber bei Rosen gibt�s ein altes Hausmittel: Kaffeesatz. Fragen Sie mich nicht warum, aber es hilft. Ich gebe immer, was im Filter bleibt, unten aufs Beet.�</p><p>�Es ist ein Beispiel von vielen. In meinem Garten w�chst nur, was von alleine w�chst. Unter meinen H�nden ��Frau Preiss sieht auf die eigenen Handfl�chen, als st�nde die Erkl�rung dort.�Wahrscheinlich hab ich schlechtes Karma.�</p><p>Ihre Blicke begegnen sich �ber der Gangschaltung. Jetzt, wo die Sonne auf ihr Gesicht f�llt, zeigen sich die Falten in Frau Preiss� Augenwinkeln auch, wenn sie nicht lacht. F�r einen Moment sieht ihr Gesicht aus wie Porzellan, dann sagt sie:</p><p>�War nur ein Witz. Ich glaub nicht an Karma. Ich lese nicht mal mein Horoskop.�</p><p>�Ich schneide Ihnen was ab von dem Flieder auf der Terrasse. Zwei Minuten. �Kerstin �ffnet die T�r, bevor Frau Preiss sie am Arm fassen und zur�ckhalten kann. Ihr R�cken, ihr Hintern sind noch warm vom aufgeheizten Sitz. Erst im Schatten des Vordaches dreht sie sich noch einmal kurz herum, w�hrend eine Hand im Korb nach dem Schl�ssel sucht.</p><p>�Zwei Minuten.�</p><p>Frau Preiss nickt.</p><p>In der Diele h�ngt D�mmerlicht. Ihre Mutter hat nicht nur die Terrassent�r geschlossen, sondern auch die Vorh�nge zugezogen, als ob die Maisonne ein Feind w�re, den es sich vom Hals zu halten gilt. Kerstin stellt ihren Korb auf den Esstisch neben die Veilchen und �ffnet die T�r. Der Garten ist voller Sonne jetzt, sie f�llt nicht mehr durch die B�ume, sondern steht hoch �ber dem Tal und verstr�mt wei�es Licht. Vom Geruch des n�chtlichen Regens ist nichts geblieben. Sie wird den Gartenschlauch anschlie�en und gie�en m�ssen.</p><p>Auf der Fensterbank des Wohnzimmers, au�en, liegt eine Gartenschere.</p><p>Sie h�rt Schritte im Zimmer ihrer Mutter und kurz darauf die T�r. Schmetterlinge fliegen auf, als sie einen Ast des Flieders zur�ckbiegt und die Schere ansetzt.</p><p>�Du bist�s. Ich dacht schon, es w�ren wieder Fremde im Haus.�</p><p>Mit geschlossenen Augen atmet sie den Duft des Flieders, das S��e, das aus den trichterf�rmigen Bl�ten wabert und die Sonne warm �ber der Terrasse verteilt hat. Ja, sagt sie, ohne die Lippen zu bewegen. Ja, ja, ja. Vorsichtig legt sie den abgeschnittenen Ast auf den Terrassenboden.</p><p>�Ich hab mein Bett gemacht, ja. Man wei� nie.�</p><p>�Gut.�</p><p>�Und die T�ren stehen offen wie bei den Zigeunern.�</p><p>�Ich muss noch mal raus, will nur kurz ein paar Bl�ten abschneiden. �Sie nimmt den n�chsten Ast und denkt, dass es nicht die unterschwelligen Vorw�rfe in den Worten ihrer Mutter, sondern ihre eigenen Entschuldigungen sind, wor�ber sie sich �rgert. Sie hat das Recht, ihre T�ren offen stehen zu lassen bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Und sie hat gro�e Lust, diesen Montag, ihren Geburtstag, zum Tag der offenen T�r zu erkl�ren. Da sieht man wenigstens, wenn jemand Blumen bringt.</p><p>�Da steht jemand.�</p><p>�Da sitzt Frau Preiss in ihrem Auto und wartet, bis ich ihr den Flieder rausbringe.�</p><p>�Da steht jemand.�</p><p>Sie legt den zweiten Ast auf den Boden und richtet sich auf. Ihre Mutter blickt durch Diele und Haust�r Richtung Stra�e, wo Frau Preiss ausgestiegen ist und sich �ber den Zaun beugt, um an dem Fliederstrauch zu riechen. Sie winkt und macht einen Schritt Richtung Gartentor.</p><p>�Augenblick noch�, ruft Kerstin, unschl�ssig, ob sie Frau Preiss hereinbitten soll, einen pr�fenden Blick auf ihre Mutter werfend, die das Winken nicht bemerkt zu haben scheint und immer gut ist f�r die pl�tzliche Aufforderung, die Polizei zu rufen.</p><p>�Frau Preiss hat eine Tochter, die in Daniels Klasse geht.�</p><p>�Prima. Hast du meine Haftcreme mitgebracht?�</p><p>�Du hast nicht gesagt, dass du welche brauchst.�</p><p>�Sonst h�lt die Prothese nicht, ja.�</p><p>Sie geht zur�ck auf die Terrasse, beeilt sich mit den restlichen �sten und kommt schlie�lich mit einem Strau� zur�ck, der ihr selbst �bertrieben gro� erscheint. Er l�sst sich kaum mit einer Hand fassen.</p><p>Frau Preiss lehnt mit dem Stei� gegen ihren Wagen, beide Arme auf die T�ren gest�tzt und h�lt ihr Gesicht in die Sonne. Noch immer s�uselt leise Musik aus den Boxen, wie Wasser, das �ber einen Brunnenrand l�uft.</p><p>�Ist ein bisschen mehr geworden�, sagt Kerstin entschuldigend und unterdr�ckt den pl�tzlichen Wunsch, Frau Preiss zu sagen, dass sie Geburtstag hat.</p><p>�Meine G�te! Ich bitte Sie, Frau Bamberger, das w�re doch nicht ��</p><p>�Werner. Ich hei�e wieder Werner, seit ��</p><p>Frau Preiss l�sst den Mund offen stehen und legt wie in Zeitlupe ihre Hand darauf, w�hrend ihre Augen weit werden vor Schreck.</p><p>Der Fliederstrau� ist zwischen ihnen, als w�ren sie pl�tzlich zu dritt.</p><p>�� Entschuldigung. �Es klingt wie ein letztes Wort vor der Ohnmacht und h�lt Kerstin davon ab, einfach �ber den Lapsus hinwegzugehen und Frau Preiss den Flieder in den Arm zu legen wie vorher bei K�nig�s den todgeweihten Broccoli. In irgendeinem Gesch�ft in Bergenstadt passiert ihr das jede Woche, auch jetzt noch, sechs Jahre nach der Scheidung.</p><p>�Schon gut.�</p><p>Aber Frau Preiss sch�ttelt den Kopf hinter ihrer Hand und sagt:</p><p>�Nein.�</p><p>�Mir passiert das oft.�</p><p>�Umso schlimmer.�</p><p>�Ist eben so�� auf dem Land, hat sie hinzuf�gen wollen, unterl�sst es aber. Soweit sie wei�, kommt Frau Preiss von hier.</p><p>�Das ist es, was ich vorhin meinte mit dem Karma und den Pflanzen. Unter meinen H�nden � Ich bin nicht aufmerksam genug. �Frau Preiss hebt den Blick, und ihre H�nde ber�hren einander kurz, als Kerstin ihr den Flieder gibt. In der Diele ert�nen quietschende Schritte, und Kerstin hofft, ihre Mutter werde erstens im Haus bleiben und zweitens nicht pl�tzlich die T�r von innen abschlie�en.</p><p>�Der braucht viel Wasser.�</p><p>�Danke. Ist das Ihre Mutter?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie sind mir nicht b�se, oder?�</p><p>�Nein.�</p><p>Frau Preiss nickt und l�chelt, h�lt den Flieder in der Armbeuge wie ein Kind und erinnert Kerstin an eine Schauspielerin, deren Name ihr aber nicht einf�llt. Die schmalen Lippen sind es, die ihrem Gesicht diesen Eindruck von Zerbrechlichkeit geben. Die Musik aus dem Auto ist verstummt.</p><p>�Ich muss los.�</p><p>�Danke f�rs Bringen.�</p><p>�Danke f�r den Flieder. �Frau Preiss bettet den Strau� sorgf�ltig auf den R�cksitz, steht einen Moment neben dem Auto, als m�sse sie nachdenken, und sagt:�Warten Sie�, bevor sie sich noch einmal �ber die R�ckbank beugt. Mit einer Flasche Sekt in der Hand richtet sie sich wieder auf.</p><p>�Nein, das ��Kerstin hebt abwehrend die H�nde und sch�ttelt den Kopf.</p><p>�Doch, unbedingt.�</p><p>�Es ist weder n�tig noch ��</p><p>�Ich bestehe darauf. �Wieder stehen sie sich gegen�ber und sehen einen Moment lang aneinander vorbei. Wahrscheinlich sind es Begebenheiten solcher Art, derentwegen sie so selten unter Menschen geht. Dauernd passiert ihr das, immer nehmen die Dinge auf einmal eine Wendung ins Gezwungene und halb Peinliche, in die Randbereiche der L�cherlichkeit, wo sie ihren Stolz zusammenraffen muss wie ein zu langes Kleid auf matschigem Boden. Und dabei l�cheln, l�cheln, l�cheln.</p><p>�Sehen Sie, ich wei� ja, dass heute Ihr Geburtstag ist. �Frau Preiss spricht so leise, als w�re es eine Erkl�rung der intimeren Art, die sich nur mit Blick auf den Gartenzaun �ber die Lippen bringen l�sst.</p><p>�Woher wissen Sie das?�</p><p>�Es ist, wenn Sie so wollen, mein Job, als Schriftf�hrerin der Rehsteigfrauen. Ich f�hre die Mitgliederliste, und da stehen alle Geburtstage drauf, weil es bei runden Geburtstagen ab f�nfzig aufw�rts bekanntlich �blich ist, dass gesungen wird. Was ja in Ihrem Fall � also herzlichen Gl�ckwunsch.�</p><p>Weil die Flasche im Weg ist, wird aus dem Handschlag eine sch�chterne Ber�hrung der Arme, dann steht Kerstin auf dem B�rgersteig und wei� nicht, was sie sagen soll.</p><p>�Danke�, bietet sich immerhin an. Angenehm rund und glatt liegt die Sektflasche in ihrer Hand.</p><p>�Ich h�tte Ihnen nat�rlich sofort bei K�nig�s gratulieren m�ssen. Wahrscheinlich denken Sie, ich sei nicht mehr ganz richtig oder so.�</p><p>�Ich mache selbst nicht viel Aufhebens um diese Dinge � meinen Geburtstag, meine ich.�</p><p>Frau Preiss nickt und macht zwei Schritte r�ckw�rts Richtung Fahrert�r.</p><p>�Gr��en Sie Ihre Mutter. �Sie steigt ein, wirft einen kurzen Blick in den R�ckspiegel, bevor sie losf�hrt und Kerstin zur�ckgeht ins Haus. Auf der Schwelle dreht sie sich noch einmal um, Frau Preiss hat gewendet und f�hrt in die andere Richtung, sieht aber nicht mehr her, und Kerstins Winken verliert sich �ber der leeren Stra�e.</p><p>Bis zum n�chsten Mal, denkt sie.</p><p>Hinter ihr im Haus zerspringt ein Glas, und sie hofft, dass es nicht das mit den Pilzen war.</p></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><p>�Ich sch�tze, das war�s dann. �Er stand in der T�r und blickte in den Raum zur�ck wie auf ein Foto aus vergangenen Zeiten: Ein helles Zimmer mit Regalen an den Seitenw�nden und zwei Schreibtischen in der Mitte, die eine einzige quadratische Fl�che bildeten. Am Anfang hatte er es merkw�rdig gefunden, seinem Kollegen gegen�berzusitzen und beim Aufblicken seiner konzentrierten Miene zu begegnen oder seine Finger �ber die Tastatur fliegen zu sehen, wenn Kamphaus schrieb. Schnell, pr�zise, fehlerlos. Sie hatten �berlegt, die Schreibtische anders zu stellen und sich die R�cken zuzukehren bei der Arbeit. Das hei�t, von ihm war der Vorschlag gekommen, und Kamphaus hatte die Schultern gezuckt und gesagt: Wie du willst. Dessen Konzentration war unzerst�rbar, immer schon gewesen. Der brauchte, wenn man ihn ansprach, zwei Sekunden f�r den Weg zur�ck in die Wirklichkeit. Auch jetzt blickte er auf und sah sich um, nickte und schien erst in diesem Moment zu registrieren, dass die rechte Seite des B�ros leerger�umt war und nur noch ein Karton auf dem Schreibtisch stand, die Tastatur, der Bildschirm, das Telefon. Sonst nichts mehr. Was im Regal noch an B�chern lag, war bereits Altpapier. Restm�ll. Und nat�rlich hatte Wilkens schon ein paar eigene Sachen hergebracht und auf die freien Regalb�den gestellt.</p><p>Die Tische jedenfalls waren dann doch immer so stehen geblieben.</p><p>�� ja�, sagte Kamphaus mit einem Anflug von Unbehagen, nahm die Brille ab und massierte sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel. Der wollte die letzten Minuten mit Anstand hinter sich bringen und dann in Ruhe weiterarbeiten.�Ist Schlegelberger denn �berhaupt da?�</p><p>Wie ein Wal mit offenem Maul war dieser Tag auf ihn zugeschwommen, �ber Wochen und Monate, aber jetzt hatte er nicht das Gef�hl, verschluckt worden zu sein, sondern auf offener See zu treiben, den Himmel zu sehen und die Wut zu vermissen, die zu empfinden nur nat�rlich w�re in seiner Situation. Warum war er nicht w�tend, und was war er stattdessen?</p><p>�Tut mir leid, dass ich deinen Habil-Vortrag verpasse�, sagte er, ohne auf die Frage zu antworten. Die T�r des Alten war zu, und er w�rde nicht klopfen, sondern einfach verschwinden auf Nimmerwiedersehen.</p><p>Kamphaus winkte ab.</p><p>�Werden doch blo� olle Kamellen.�</p><p>Weidmanns Hand in der Hosentasche spielte mit dem Schl�ssel. Sein Blick ging durch den Raum, auf der Suche nach etwas, das sich jetzt zertr�mmern lie�e mit einer letzten dramatischen, l�cherlichen Geste: keinem Aufbegehren, nicht mal einem Abreagieren, sondern dem Versuch, Wut in sich zu sch�ren durch einen k�nstlichen Ausbruch. �Olle Kamellen� sagte Kamphaus gerne �ber seine Arbeit. Weidmanns Blick fiel auf die gro�en Fenster und die beiden Pflanzen davor, die Konstanze mitgebracht hatte zur Einweihung des neuen Instituts. Dahinter ein gleichg�ltiger Hochsommerhimmel, in den Baukr�ne ragten. Die Goldkuppel der Synagoge gl�nzte in der Sonne.</p><p>Kamphaus konnte nichts daf�r. Der war brillant und obendrein kollegial, der hatte es nicht n�tig, die Arbeit seiner Kollegen schlechtzumachen. Nicht mal ein Karrierist war er, kein einsamer B�cherwurm mit bleicher Haut, sondern der Ehemann einer sympathischen, gutaussehenden Frau und Vater einer dreij�hrigen Tochter. Bevorzugte legere Jacketts und spanische Weine. Einer, der am Wochenende mit der Tochter in den Zoo ging, w�hrend andere sich die R�cken krumm sa�en in der Bibliothek. Kamphaus zeichnete sich eben durch die Begabung aus, mit Kind auf dem Arm einen Affenfelsen betrachten und dabei denken zu k�nnen, dass die Quellen mehr hergaben, als er bisher daraus gemacht hatte. Dass ein vor sechs Jahren gelesener Aufsatz genau den Hinweis enthielt, der ihm helfen w�rde, seine Darstellung argumentativ abzurunden. Ein �Kamphaus� war in der Geheimsprache des Instituts ein Einfall, auf den sonst keiner gekommen w�re. Der Funken Genialit�t, den weder Flei� noch Leidenschaft ersetzen k�nnen. Und lustig, wie die Affen sich gegenseitig das Fell k�mmten mit spitzen Fingern und sich in den Mund steckten, was sie fanden. Was f�r rote Hintern die hatten! Da lachte die Tochter, und er lachte mit ihr, denn gerade fiel es ihm ein: Den Aufsatz hatte er sogar noch, der stand ganz oben im Regal, im dritten Ordner links.</p><p>Und ein �Weidmann�, dachte Weidmann und h�tte beinahe ebenfalls angefangen zu lachen, war ein �Kamphaus�, auf den besser nie jemand gekommen w�re.</p><p>Kamphaus� Tochter hatte mit Wachsmalstiften ein Bild von den Affen gemalt, und es war ein Indikator f�r seinen, Weidmanns, Zustand, dass er erwog, es von der Wand zu rei�en, zusammenzukn�llen und Jan Kamphaus an den Kopf zu werfen. Der massierte sich gar nicht die Nase, sondern strich sich die Verlegenheit aus dem hageren Gesicht, seinen Anflug von Mitleid mit dem Verlierer.</p><p>�Ich glaub ja immer noch, dass es auch anders gegangen w�re�, sagte er, die Augen auf den Bildschirm gerichtet, mit der zweiten Gehirnh�lfte immer noch bei seinem Text.</p><p>Ein gro�es, gut ausgestattetes B�ro, in dem sie die letzten anderthalb Jahre zusammengearbeitet hatten. Kamphaus� Regale standen zum Bersten voll mit B�chern, Ordnern und Mappen. Drau�en die subtile Gemeinheit eines Sommertages. August. Wir werden drei Tage lang Sonne haben, hatte seine Mutter am Telefon gesagt. Weidmann stand vor der T�r, und alles, was er tun konnte, war, einen Moment sp�ter zu gehen, als er gehen musste. Sich der letzten Pflicht des Geschassten zu widersetzen und nicht lautlos zu verschwinden. Ohne auf Kamphaus� �u�erung zu reagieren, sagte er:</p><p>�St�rt�s dich nicht, wie Wilkens immer die Luft durch die Z�hne zieht? Immer dieses ts, ts, wenn er versucht, sich zu konzentrieren?�</p><p>Wilkens konnte nat�rlich auch nichts daf�r, aber der war ein anderer Fall. Sollte er nicht wenigstens die B�cherkartons aus dem Regal fegen, die da standen als Vorhut des Neuen? In Reih und Glied, Kante auf Kante, so ordentlich wie Wilkens� Hemdkragen, wie sein Seitenscheitel und die Angewohnheit, lateinische Wendungen in seine Rede einzubauen. Vielleicht war doch ein Funken Wut in ihm, aber viel zu klein, um ihn in Flammen zu setzen und zu Taten zu treiben. Also stand er da und wartete.</p><p>Eine Antwort bekam er nicht.</p><p>Sei ein Mann. So hatte es Konstanze ausgedr�ckt.</p><p>Abwesenheit von Gef�hlen, stellte er fest, ist auch ein Gef�hl. Seltsam luzide, nicht einmal unangenehm, eine Empfindung mit einer gewissen Verf�hrungskraft: Kante auf Kante am Rand der eigenen Fassung zu stehen. Aber er w�rde sich nicht gehenlassen. Wilkens war zwar ein Trottel, aber kein Feind. Schlegelberger war das Gegenteil von einem Trottel und ebenfalls kein Feind, au�erdem �berm�chtig. Der wusste um seine Unantastbarkeit, die im Lauf der Jahre eine Innenseite bekommen hatte, eine majest�tische Gleichg�ltigkeit gegen�ber Sch�lern, die die in sie gesetzten Erwartungen nicht erf�llten. Das galt als Regelversto�, und setzte man Schlegelberger die Pistole auf die Brust, w�rde er wahrscheinlich darauf hinweisen, er habe sie schlie�lich nicht gemacht, die Regeln. So ziemlich die einzige Illusion, die der alte Knochen sich erlaubte.</p><p>Wie eine S�ule aus stummem idiotischem Protest stand er in seinem ehemaligen B�ro.</p><p>�W�rdest du dich eigentlich selbst als Dicksch�del bezeichnen?�, fragte Kamphaus.�Ich n�mlich schon.�</p><p>�Dich selbst als ��</p><p>�<emphasis>Dich</emphasis>. Das war seinerzeit ein ernsthaftes Angebot, die Habil noch mal ��</p><p>�Das war kein ernsthaftes Angebot, sondern eine kalkulierte Dem�tigung. �Er sagte das so ruhig und bestimmt wie m�glich, erkannte an sich selbst den Habitus des souver�nen Gelehrten, mit dem er bei Konferenzen auf Einw�nde oder im Seminar auf Fragen von Studenten reagierte und der ihm in diesem Augenblick wie eine Verkleidung erschien, so als h�tte er sich beim Bergenst�dter Grenzgang in das Kost�m von Mohr oder Wettl�ufer geworfen.�Eine kalkulierte Dem�tigung�, wiederholte er. <emphasis>Speech pattern</emphasis>, sagten sie dazu in Amerika.</p><p>Was w�rde er eigentlich k�nftig mit seinem Gelehrtenhabitus anstellen?</p><p>Kamphaus machte immer noch mit seiner Brille rum, setzte sie zwar auf die Nase, aber schielte von innen dagegen, als wollte er die Gl�ser nach Spr�ngen absuchen.</p><p>�Eine Dioptrie mehr als die letzte�, sagte er missmutig,�und irgendwie stimmt die Entfernung nicht. �brigens soll ich dich von Mareile gr��en und dir alles Gute w�nschen.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Schei�spiel, was?�</p><p>�Du wirst Wilkens ja gar nicht so lange ertragen m�ssen, wenn das mit dem Ruf nach Leipzig klappt.�</p><p>Darauf erwiderte Kamphaus wieder nichts, sondern bewegte seine Maus, machte einen Klick und legte dann die H�nde in den Scho�, �ber Kreuz.</p><p>F�r einen Moment genoss Weidmann den Unglauben, der mit geradezu k�rperlicher Qualit�t von ihm Besitz ergriff. Er w�rde die T�r hinter sich schlie�en und nie wieder zur�ckkehren in diesen Raum, sondern ein Leben beginnen, das er nie gewollt hatte und �ber das er in diesem Moment nichts wusste au�er eben: es nicht gewollt zu haben. Ein schwindelerregendes Gef�hl. Drau�en schien die Sonne auf ein flaches Meer aus D�chern, in das die Geschichte ein paar L�cken gerissen hatte, die nun eifrig wieder gef�llt wurden. Vielleicht war es Adrenalin, was in ihm wallte, dieses K�cheln, das er desto st�rker sp�rte, je stiller er stand. Und dann das Verpuffen. Drau�en summte die Stadt und drinnen Kamphaus� Computer, und noch weiter drinnen pochte sein Puls hinter den Schl�fen. Er �berlegte, seinen Kollegen zum Mittagessen einzuladen, aber das Wissen, dass Kamphaus sich zur Annahme verpflichtet f�hlen w�rde, nahm ihm die Lust.</p><p>Er selbst trank selten, aber wenn, dann heute.</p><p>�Was ich nicht verstehe�, sagte Kamphaus,�du hast doch die ganze Zeit gewusst, dass Schlegelberger der Anti-Theoretiker par excellence ist.�</p><p>�Ich hab geglaubt, ich k�nnte ihn �berzeugen.�</p><p>�Das hast du wirklich und allen Ernstes geglaubt?�</p><p>�Hast du schon gegessen?�</p><p>�Um halb eins geht mein Zug nach Bielefeld. Gastvortrag.�</p><p>�Ich bring die Schl�ssel weg und komm noch mal vorbei.�</p><p>Er ging durch den Flur Richtung Sekretariat und bekam f�r das Aush�ndigen der Schl�ssel eine Quittung der Form� Na denn, allet Jute, wa ��Nur Auto, Wohnung, dies und das blieben am Schl�sselbund zur�ck, der sich leicht anf�hlte in der Tasche, ihn an fr�her erinnerte, aber ihm fiel nicht ein woran genau. Drau�en auf dem Parkplatz wurde gearbeitet, ein Teerbelag ersetzte das tiefe Gel�uf aus Sand und Matsch, um dessen wassergef�llte Gruben alle Mitglieder der hier untergebrachten Institute zwei Jahre lang wie die Flamingos herumgestelzt waren. Endlich jeht et wieder mit Abs�tzen, hie� es in den Sekretariaten. N�her zum Eingang hin wurden dunkle Bodenplatten in ihr Sandbett gelegt. Das Geb�ude warf einen fein geschnittenen Schatten bis zum Rand der Invalidenstra�e.</p><p>Kamphaus sah erst auf, als Weidmann nach dem Karton auf seiner ehemaligen Tischh�lfte griff. Stifte, Taschenrechner, postit-Zettel, die letzten zwei B�cher und eine Kaffeetasse mit dem verwaschenen Schriftzug der <emphasis>Pennsylvania State University</emphasis>.</p><p>�Ich bin weg�, sagte er.</p><p>�Ich bring dich runter.�</p><p>In den Fluren waren kaum Studenten unterwegs, nur unten vor dem Bibliothekseingang standen kleine Gr�ppchen. Keine bekannten Gesichter darunter, stellte Weidmann erleichtert fest. Es kam ihm vor wie das erste echte Gef�hl seit langem; eins, das er nicht mit Gedanken aus sich herauskitzeln musste, um es zu empfinden. Dann standen sie drau�en auf der Rollstuhlrampe, der Baul�rm der Stadt vertraut und nah, das T�r-zu-Signal einer Tram wurde vom Wind in ihre Richtung getragen. Kamphaus streckte ihm die Hand entgegen:</p><p>�Immerhin hast du noch dein Staatsexamen.�</p><p>�Ich hoffe, das klappt mit Leipzig�, sagte Weidmann.</p><p>�Alles Gute.�</p><p>Du mich auch, dachte er und ging.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>W�hrend drau�en der Tag die Versprechungen des fr�hen Morgens wahr macht, dr�hnt drinnen eine sonore Pastorenstimme durch die Essdiele und vermischt sich mit der guten Laune von HR 3 in der K�che. Kerstin steht am Herd, und ihre Mutter h�rt die Aufzeichnung des gestrigen Gottesdienstes, in einer Lautst�rke, als g�lte es das Evangelium dem gesamten Rehsteig zu verk�nden. In den n�chsten Tagen wird sie die Kassette auch noch ein zweites, drittes und viertes Mal h�ren, bevor Kerstin sie schlie�lich am n�chsten Sonntagabend ins Gemeindehaus zur�ckbringt und gegen eine neue eintauscht. Die Gebete und Lieder begleitet Liese Werner mit lauter Stimme, w�hrend sie auf ihrem Sessel am Fenster sitzt, die Beine ausgestreckt �ber einen zweiten Stuhl, mit geschlossenen Augen. Kerstin hat es ein paar Mal beobachtet und nicht gewusst, ob der Anblick sie r�hrt oder ihr unheimlich ist.</p><p>Als die Orgel wieder einsetzt, stellt Kerstin das Salatsieb in die Sp�le und dreht das Radio eine Spur lauter. Trotz des gekippten Fensters h�ngt in der K�che ein unangenehmer Dunst. Fast eine Viertelstunde hat sie gebraucht, um die Scherben und den Inhalt des Champignonglases einzusammeln und die letzten St�cke � farblich dem Linoleum angepasst � zwischen den K�chenm�beln aufzufischen. Jetzt wird es H�hnerbrustfilets in Zwiebeln und Sahnesauce und ohne weitere Zutaten geben. Daf�r mehr Nudeln. Kerstin w�scht die Fleischst�cke und bekommt wie immer G�nsehaut von dem glatten, kalten Gef�hl an den Fingern.</p><p>In ihrer und Anitas Wohnung in K�ln hat den ganzen Tag das Radio gespielt. Ein alter Transistor, dem man manchmal einen Klaps versetzen musste, damit er sich auf seinen Sender konzentrierte. Dazu Anitas Plattensammlung � die hatte sich immer schenken lassen, was ihr gefiel, und genug M�nner gekannt, dass ihr vieles gefallen konnte und sie trotzdem alles bekam. Damals haben sie jedes Wochenende im Flur getanzt, zwischen herumliegenden Schuhen und im st�ndigen Kampf um die F�hrung. Ein Tango fatale mit Lockenwicklern im Haar. Anita war eine miserable Sch�lerin, renitent aus Prinzip und am Tanzen erkl�rterma�en nur als einer Form des Vorspiels interessiert.</p><p>Sorgf�ltig tupft Kerstin die Filets trocken. Sie selbst hat das Tanzen sogar an der Uni studiert, und an manchen Tagen tr�umt sie immer noch von einem eigenen Tanzstudio. Kein Walzer- und Rumba-Geschiebe, wie es die Tanzschule Meier alle zwei Wochen im B�rgerhaus f�r die Jugend von Bergenstadt veranstaltet, sondern ein Studio f�r Jazz- und Bewegungstanz, echtes Training f�r junge Frauen, die das Leben noch vor sich haben. Ein gro�er heller Raum mit Spiegelwand, so wie der �bungsraum in K�ln, mit einer langen Stange vor den Spiegeln, B�nken an der Seite, einer Stereoanlage mit gro�en Boxen. Davor eine Gruppe junger M�dchen in Stretchhosen und Trikots, verschwitzt auf dem Boden hockend, w�hrend sie die Musik aussucht, im Kopf die n�chste Schrittkombination durchgeht und mit einem Ohr zuh�rt, wor�ber die M�dchen giggeln.</p><p>Mach dir nichts vor, hat Hans gesagt. Du hast es zwanzig Jahre lang nicht geschafft, so ein Studio aufzumachen. Und jetzt, wo Mutter bei dir einziehen soll, sprichst du von �Pl�nen�.</p><p>Dabei ist sie letzten Herbst tats�chlich losgegangen, um sich einen Raum anzusehen, den zweiten Stock �ber dem alten Modegesch�ft Radheber, dessen R�ume leer stehen, auch jetzt noch. Das ehemalige Lager im zweiten Stock. Man h�tte die W�nde neu machen und isolieren m�ssen, aber die Gr��e war ideal, und es gab zwei angrenzende R�ume, aus denen man Umkleidekabinen h�tte machen k�nnen. Sogar eine Toilette war vorhanden.</p><p>��Mit welchem Geld?</p><p>Sie hat ein bisschen angespart, aber Scheidungen von Selbstst�ndigen sind finanziell immer schwierig, das hat der Anwalt ihr damals gleich als Erstes gesagt. Die haben zu viele M�glichkeiten, das eigene Monatseinkommen durch alle m�glichen �betriebsbedingten Kosten� nach unten zu dr�cken, auch wenn J�rgen nat�rlich jegliche Trickserei emp�rt abgestritten hat. Er, der Aufrechteste unter den Aufrechten. Wenn sie wollte, k�nnte sie demn�chst wieder eine �berpr�fung und Angleichung der Unterhaltszahlungen verlangen, seine Kanzlei scheint gut zu laufen � aber sie will nicht. Und wenn sie ehrlich ist, hat sie an das eigene Studio auch nie wirklich geglaubt, sondern sich nur den Traum bewahren wollen, als Trost f�r gewisse Stunden. Ab und an eine Immobilienanzeige im <emphasis>Boten</emphasis>, ein Telefonat, und im Keller liegen auch noch Kataloge von Ausstatterfirmen, mit denen man sich in Verbindung setzen k�nnte wegen Schuhen, Trikots etc., was die M�dchen eben so brauchen w�rden. Freundinnen aus K�lner Tagen haben es gemacht und Erfolg gehabt.</p><p>��In K�ln. Wie gro� w�re der Interessentenkreis in Bergenstadt?</p><p>Es gibt Dinge, die geschehen nicht. Die bestehen aus zu vielen einzelnen Schritten: zur Bank gehen, einen Kredit aufnehmen, mit Firmen wegen der Renovierung verhandeln, einen Innenarchitekten konsultieren, ein Gewerbe anmelden, die Ausstattung aussuchen, ein Programm aufstellen, Kurse einteilen, Preise festlegen, ein Logo entwerfen, Handzettel drucken, Anzeigen schalten, und das alles, bevor sie zum ersten Mal den CD-Spieler auf Play stellt. Zu viele Hindernisse, jedes f�r sich genommen nicht gro�, aber alle zusammen un�berwindlich. Es ist nicht Hans� Schuld, sie h�tte es einfach nie erw�hnen sollen. Genau genommen sind sie ihr n�mlich peinlich, diese Tagtr�ume, die im selben Verh�ltnis zur Wirklichkeit stehen wie Wolken zur Erde.</p><p>Der Pfarrer im Zimmer ihrer Mutter spricht den Segen. HR 3 k�ndigt die Nachrichten an. Mit vierundvierzig macht man nicht pl�tzlich ein Tanzstudio auf.</p><p>Dann klingelt es an der T�r.</p><p>Klingeln ist ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass Daniel nicht einfach ins Haus schleicht und sich in seinem Zimmer verkriecht, sondern sein Eintreffen ank�ndigt und gewillt ist, die Begr��ung seiner Mutter �ber sich ergehen zu lassen � was er ihr an ihrem Geburtstag schlie�lich auch schuldig ist. Ansonsten verbietet sie sich �berh�hte Erwartungen: Er wird kein Geschenk haben, und sie wird sich untersagen auszusprechen, dass seine Anwesenheit ihr Geschenk genug ist.</p><p>Sie trocknet sich die H�nde. Wirft einen Blick auf den Veilchenstrau�, w�hrend sie l�chelnd durch die Diele eilt. Wer k�nnte blo� �? Dann bricht wie ein angeschossener Verbrecher ihr Sohn durch die Dielent�r. Sein verzerrtes Gesicht, eine bittere Grimasse, als wollte er sagen: Hier bin ich, Abschaum der Erde! Ohne stehen zu bleiben, wirft er seine Tasche in die Ecke und rauscht an ihr vorbei, die Kellertreppe hinunter. Wind weht durch die Diele, der Knall seiner Zimmert�r l�sst die W�nde erzittern. Dann Stille, und noch bevor sie eine Stimme h�rt, wei� sie, dass drau�en jemand vor der Haust�r steht.</p><p>�Kerstin, bist du da?�</p><p>Ihr Exmann. Es ist ein Gef�hl, als h�tte sie zu schnell ein Glas Eistee hinuntergest�rzt, w�hrend sie ihm entgegengeht und versucht, die Geschichte zu erraten, die er ihr jetzt erz�hlen wird, die Geschichte zu Daniels Gesicht. Seine linke Wange ist rot gewesen. Vielleicht wird es n�tig sein, sehr laut zu werden.</p><p>Er steht auf halbem Weg zwischen Haus- und Gartent�r. H�lt die Autoschl�ssel in der Hand. Sieht gut aus.</p><p>Im T�rrahmen bleibt sie stehen und verschr�nkt die Arme. Der Durchzug weht ihr eine Haarstr�hne ins Gesicht, und sie l�sst es geschehen.</p><p>�Wie geht�s dir?�, fragt er, aber sie findet es besser, die Rollen sofort zu verteilen.</p><p>�Was hast du mit ihm gemacht?�Sie neigt den Kopf, und ohne die Verschr�nkung ihrer Arme zu l�sen, zeigt sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf ihre Wange, malt einen unsichtbaren Kreis darauf.</p><p>Er h�lt ihr mit den Handfl�chen eine Bitte um Geduld entgegen. Tr�gt Krawatte und ein blaues Kurzarmhemd, zeigt ihr seine behaarten, muskul�sen Unterarme, scheint gut in Form zu sein, so wie er da steht: Die Sonne strahlt auf sein grauer, aber nicht d�nner werdendes Haar, auf seinen kompakten Oberk�rper mit der feinen Linie zwischen den Brustmuskeln, die sie nicht sehen kann unter Hemd und Krawatte, aber sie sieht sie trotzdem. Wie ein Netz mit Apfelsinen h�lt sie ihre Erinnerungen in den verschr�nkten Armen und f�hlt, wie das Netz zu rei�en beginnt, sieht sich schon in die Knie gehen und die Fr�chte einsammeln, die �ber den Boden rollen bis zu seinen F��en. Tadellos polierte Schuhe.</p><p>�Erst mal: Herzlichen Gl�ckwunsch � tja, zum Geburtstag�, h�rt sie ihn sagen und sieht ihm hart ins Gesicht. Verbietet sich jedes Nicken, jede Antwort.</p><p>�Sprechen wir hier drau�en vor der T�r?�, fragt er.</p><p>�Willst du meiner Mutter Guten Tag sagen?�</p><p>F�r einen Moment schlie�t er die Augen gegen die Sonne, und sie freut sich, dass er Kraft sch�pfen muss. Nicht dass er es sich anmerken l�sst, aber sie erkennt die schr�ge Falte auf seiner Stirn. Mit einem Ohr horcht sie hinter sich, in die Stille des Hauses, riecht den Duft ihres Shampoos. Steht sicher gegen den T�rrahmen gelehnt.</p><p>�Also?�</p><p>�H�r mir zu. Was ich dir sage, klingt verr�ckt, und du wirst tausend Gr�nde finden, es nicht zu glauben. Leider stimmt es aber. Ich wei� es auch erst seit eben, seit ich in der Schule war, weil Granitzny mich angerufen und zu sich bestellt hat. �Er macht eine Pause und tritt einen Schritt zur�ck, versucht sie von der T�rschwelle wegzulocken, von dem Sockel, auf dem sie steht. Sie streckt den R�cken.</p><p>Licht scheint auf den Rehsteig, als w�rde es von �berall kommen.</p><p>So viel Sonne, denkt sie, vertr�umt f�r einen Moment und sieht Richtung Kreuzung, wo eine Gruppe Grundsch�ler vorbeizieht, bergauf zur Hornberger Stra�e. Ihr S��en, w�rde Frau Preiss ihnen zurufen. Habt ihr was Sch�nes gelernt? Ihr gef�llt der Gedanke, dass im Haus der Preissens ein Strau� von ihrem Flieder steht, sicherlich gut platziert vor einem der gro�en Frontfenster.</p><p>� Hat er gerade Erpressung gesagt?</p><p>Sie sieht ihn nicht an, w�hrend er erz�hlt. Sieht auf den Flieder und die Birke ganz links in der �u�ersten Ecke des Grundst�cks, um deren Stamm herum das Gras ausged�nnt und von br�unlicher Farbe ist. Was er ihr zu sagen hat, ergibt keinen Sinn. Sie sp�rt seinen Blick auf ihrem Gesicht. Es gibt eine Abmachung, der zufolge ein Treffen vorher am Telefon vereinbart wird; kein pl�tzliches Hereinplatzen, An-der-T�r-Klingeln, Im-Garten-Stehen, sie hat darum gebeten, er hat es akzeptiert, und nun steht er da und erz�hlt von jemandem, den er ausgerechnet Daniel nennt und der sich in seiner Schule auff�hrt wie ein Mafioso. Zum Gl�ck tr�gt sie keine Sch�rze, sie hasst Sch�rzen, aber unter seinem Blick ist es, als tr�ge sie doch eine. Sie will das nicht h�ren, es ist ihr Geburtstag, und sie will auch diesen Blick nicht auf ihrem Gesicht. Ungeduldig �berlegt sie, ob der Herd ausgestellt ist, ob das Nudelwasser schon kocht. Wieso erz�hlt er ihr das alles?</p><p>Sie m�chte sich auf seine Worte konzentrieren, aber es ist, als st�nde sie am Rand einer Autobahn und versuchte, die Autos zu erkennen, die an ihr vorbeirasen.</p><p>�Ich komm nicht mit�, h�rt sie sich sagen.�Was ist das f�r eine Geschichte? Was soll das?�</p><p>Er h�lt inne, und sie will verhindern, dass er weiterspricht.</p><p>�Wer hat sich das ausgedacht? Du kannst nicht einfach am Montagmorgen hier reinplatzen und mir solche Geschichten erz�hlen.�</p><p>�Ich hab den Montagmorgen bei Granitzny verbracht � hatte ich auch nicht drum gebeten.�</p><p>�Wieso haben die mir nicht Bescheid gesagt?�Es gibt da ein paar Dinge, die gekl�rt werden m�ssen, bevor sie die Geschichte glaubt.</p><p>�Wei� ich nicht. Sie haben gefragt, Granitzny hat gefragt, ob er dir Bescheid sagen soll oder ob ich das �bernehme. Wahrscheinlich wird auch der Klassenlehrer ��</p><p>�Haben sie dich gefragt.�</p><p>�H�ttest du�s lieber von ihm erfahren?�</p><p>�Hast du ihn geschlagen?�Das Einzige, was sie ihm entgegenzusetzen hat.</p><p>�Ja.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Aus Wut, nehm ich an. Aus Entt�uschung. Emp�rung. �Auf seiner Stirn glitzern Schwei�perlen. Da ist nicht der Hauch einer Einladung zu Streit und Widerrede in seinen Worten, und beinahe w�re sie nach vorne getaumelt, hinein in dieses Fehlen von Aggressivit�t. Sie fragt sich, ob er am Morgen Sex gehabt hat mit seiner viel zu jungen Frau. Zwei Meter entfernt von ihr steht er in der Sonne. Seine Gefasstheit ist unertr�glich. Er hat die Geschichte erz�hlt wie einen Bericht aus der Zeitung, hat gesagt: Wut � als h�tte jemand gefragt: Emotionaler Zustand mit drei Buchstaben?</p><p>�Tu das nie wieder�, sagt sie.</p><p>�Kerstin, ich war genauso geschockt wie du. Unser Sohn ist ein � jedenfalls war er an einer gemeinen Erpressung beteiligt.�</p><p>�Hast du ihn gefragt, was passiert ist? Hast du dir seine Geschichte angeh�rt oder ihn einfach �?�</p><p>�Er sagt nichts. Versuch du es. Er sagt mir ins Gesicht: Ich erkl�r�s dir nicht.�</p><p>Am liebsten w�rde sie ihm befehlen, sich umzudrehen und zur Stra�e zu blicken. Sie h�rt die Zimmert�r ihrer Mutter und greift mit einer Hand hinter sich, um die Haust�r weiter zuzuziehen.</p><p>Er steht reglos, die H�nde in den Hosentaschen, schickt einen Blick zur Hausecke.</p><p>�Haben die das mit den Leitungen hingekriegt, unterm Haus?�</p><p>�Einigerma�en. �Sie wei� nicht wohin mit den Augen, sieht zur Stra�e und bemerkt zum ersten Mal, dass er ein neues Auto hat. Das zweite in drei Jahren. Sportlich und trotzdem gro�, mit offenem Verdeck. Die Art von Auto, mit der man eine Midlife-Crisis bek�mpft, bevor sie sich einstellt.</p><p>�Und jetzt?�, fragt sie.</p><p>�Ich will, dass er im Lauf der Woche an einem Nachmittag bei mir vorbeikommt. Erstens will ich mit ihm reden, und zweitens: Ich will, dass er sich bei Tommy Endler entschuldigt, pers�nlich, ich will, dass er r�bergeht und sich entschuldigt.�</p><p>�Wei�t du, was das f�r ihn bedeutet?�</p><p>�Es bedeutet, dass er Verantwortung f�r sein Tun �bernimmt. Ich wohne mit Endlers Haus an Haus, wie soll das gehen mit so einer Sache.�</p><p>�Es geht also nicht um Verantwortung, sondern um gute Nachbarschaft. Und seit wann f�hrst du solche Angeberschlitten?�</p><p>Ein Verdrehen der Augen ist darauf seine einzige Antwort. Also muss sie weitersprechen.</p><p>�Sieht so aus, als h�tte sich dein durchschnittliches Monatseinkommen in den letzten drei Jahren ��Mit dem Kinn zeigt sie zur Stra�e.�Es waren doch drei Jahre, oder? Seit der letzten �berpr�fung.�</p><p>J�rgen sch�ttelt schweigend den Kopf.</p><p>Das Quietschen orthop�discher Schuhe entfernt sich Richtung Bad, so wie sie es am Morgen geh�rt hat, vom Bett aus, im bl�ulichen D�mmerlicht, das nicht verraten hat, was f�r ein Tag das werden wird. Und vielleicht wei� sie es jetzt immer noch nicht, kurz vor Mittag, im Schatten des Vordachs, vielleicht wird am Abend ein Zettel auf Daniels Bett liegen, <emphasis>Bin abgehauen</emphasis>, und sie muss mit der Polizei telefonieren und erkl�ren, wann sie ihn zuletzt gesehen hat. Der Tag hat einen Sprung bekommen, und vielleicht wird am Abend alles in Scherben liegen, alles. Und sie macht dumme Spr�che �ber Autos.</p><p>�Ich rede mit ihm.�</p><p>�Mit wem?�</p><p>�Mit Daniel nat�rlich. Endlers sind dein Problem.�</p><p>�Sag mir Bescheid, wenn du mit ihm gesprochen hast. Oder falls du vom Klassenlehrer noch Informationen bekommst. Du kannst mich jederzeit ��</p><p>�J�rgen, bitte. Ich werde dich nicht <emphasis>jederzeit </emphasis>anrufen.�</p><p>�Wei�t du, mit diesem �mein Problem, dein Problem� werden wir nicht weit kommen. Wenn es hier um Verantwortung geht, dann auch um unsere. �Da steht er, der Anwalt der Rationalit�t, mehrfach dekorierter Verfechter von Ma� und Besonnenheit, patentierter Erfinder der n�chternen Analyse. Sonnt sich in Selbstlosigkeit. Hielte sie in diesem Moment was in den H�nden, sie w�rde es ihm an den Kopf schleudern. Aber sie hat nur Worte.</p><p>�Unsere, ja. Also auch um deine, oder? Sei ehrlich, du willst mir doch nicht erz�hlen, dass du immer noch � Was hast du damals angegeben? Dreitausendf�nfhundert Euro, knapp. Du willst mir doch nicht erz�hlen, das sei dein aktuelles Monatseinkommen.�</p><p>�Willst du das jetzt wirklich besprechen?�</p><p>�Wo du schon mal da bist. �Eigentlich will sie nichts weniger als <emphasis>das </emphasis>jetzt besprechen, aber warum kommt er mit seinem neuen Wagen bei ihr vorgefahren und erz�hlt ihr diese Geschichten? An einem Tag, an dem sie sich ihrer Situation zu bewusst ist, als dass sie auch noch mit anderen Krisen umgehen k�nnte. Wie soll sie sich da gegen ihn wehren? Und im �brigen betr�gt er sie wirklich um Unterhaltsleistungen, frech und offen, und br�stet sich damit wahrscheinlich auch noch vor seiner �</p><p>�Okay�, sagt er leise.�Ich hatte das nicht vor, aber wenn du willst. Wir werden das in der Tat neu berechnen m�ssen, blo� � zwei Dinge. �Und f�r den Fall, dass sie nicht bis zwei z�hlen kann, hilft er ihr mit der entsprechenden Anzahl erhobener Finger.�Erstens gab es eine Reform des Unterhaltsrechts, hast du vielleicht geh�rt. Sie ist noch nicht in Kraft, wurde aber letzten Monat im Kabinett beschlossen. Darin werden sogenannte Zweitfamilien finanziell gest�rkt, das hei�t Familiengr�ndungen nach der Scheidung, insbesondere die Versorgung von Kindern, die daraus hervorgehen.�</p><p>�Du hast ��, setzt sie an und setzt wieder ab. Sieht den n�chsten Satz kommen, bevor er ihn ausspricht.</p><p>�Zweitens, Andrea ist schwanger.�</p><p>Er schaut sie an dabei, und sie schafft es nicht, rechtzeitig seinem Blick auszuweichen. F�r einen Moment ist sie erstaunt, wie wenig es weh tut. Sie kr�mmt sich gar nicht oder st�hnt auf, sondern steht gegen den T�rrahmen gelehnt und fr�stelt h�chstens ein wenig, da wo ihre Schulter die Wand ber�hrt. J�rgen sch�rzt die Lippen. Seinerseits ist das Wichtigste gesagt. Alles Weitere werden die Anw�lte besprechen, das hei�t ihr Anwalt, denn er ist ja selbst einer, wie praktisch, er hat das auch sicherlich schon mal durchgerechnet. Und �Zweitfamilie� ist ein sch�nes Wort. Die, mit der man sein Gl�ck versucht, nachdem die Erstfamilie in ihre Einzelteile zerbrochen ist. Man verl�sst sich ja auch nicht mehr alleine auf die staatliche Rente. Sie schmeckt ihren eigenen Sarkasmus gallig in der Kehle und stellt fest, dass das Netz mit ihren Erinnerungen l�ngst gerissen ist; Fr�chte rollen �ber den Boden, sie steht mit leeren H�nden da und muss den Blick oben halten, notfalls in die Richtung, in der er steht.</p><p>�Aha�, sagt sie.�Herzlichen Gl�ckwunsch. �Was soll sie sonst sagen? Automatisch macht sie einen Schritt zur�ck, ohne die Verschr�nkung ihrer Arme zu l�sen. Da er einfach nicht abhauen will, muss sie es eben tun. Obwohl es immer noch nicht weh tut. Eher ein Gef�hl von Taubheit. Und sie k�nnte es sich auch kaum verzeihen, wenn es ihr wirklich etwas ausmachen w�rde. Nach so langer Zeit.</p><p>J�rgen nickt, zufrieden mit dem kurzzeitig sachlichen Ton ihres Gespr�chs.</p><p>�Ruf mich heute Abend an. Wenn du mit ihm geredet hast.�</p><p>�Vielleicht. �Sie macht einen weiteren Schritt zur�ck, schiebt sich gegen die angelehnte T�r, in den Schatten des Hauses.</p><p>�Wie gesagt, ich wollte damit heute nicht auch noch anfangen. Das Gesetz tritt auch erst n�chstes Jahr in Kraft. Im April. Ich habe immer gesagt, ich nehme meinen Teil der Verantwortung wahr. Und das gilt.�</p><p>Sie sieht ihn bereits durch dieses h�ssliche, gelb genoppte Glas ihrer Haust�r, aber er spricht immer weiter.</p><p>�Versuch du unserem Sohn klarzumachen, dass er auch Verantwortung tr�gt. Er ist sechzehn. Du kannst ihn nicht mehr vor allem besch�tzen. �Alles ist gelblich, sein Hemd, seine Krawatte, sein Blick, sogar seine Worte kommen ihr gelblich vor, erinnern sie an eine s��liche Vitaminpaste, die ihr als Kind verabreicht worden ist, aus diesen gro�en Metalltuben, blau, die es damals noch gegeben hat.</p><p>Mit der linken Hand zieht sie die T�r noch einmal auf.</p><p>�Je schuldiger andere sind, desto unschuldiger kannst du dich f�hlen. Oder?�</p><p>�Eben nicht. Aber selbst wenn es stimmt, wenn unsere Schuld � oder meine, bitte sehr, meine � etwas mit seiner zu tun hat, dann folgt daraus nichts, nicht jetzt f�r den Moment, nicht f�r ihn. Und das m�ssen wir ihm klarmachen. Beide.�</p><p>�Du meinst, ich soll ihm auch noch eine knallen?�</p><p>�Du wei�t genau ��</p><p>�Du wirst auf deine Weise damit umgehen und ich auf meine. Wir k�nnen nicht pl�tzlich so tun, als w�rden wir ihn gemeinsam erziehen. Er wei�, dass es nicht stimmt. Er zieht jede Woche um. �Wieder erklingen Schritte hinter ihr, ihre Mutter schleicht durchs Haus und versteht nicht, warum um diese Zeit niemand in der K�che ist. Bestimmt haben fremde M�nner ihre Tochter geraubt.</p><p>J�rgen macht eine Bewegung mit den H�nden, die vermutlich hei�en soll: Rationalit�t ist offenbar nicht jedermanns Sache hier. Dann hat sie genug von ihm, will kein Wort mehr h�ren und sagt:</p><p>�Und jetzt hau endlich ab hier.�</p><p>Leise schlie�t sie die T�r, sein Schemen zerflie�t auf dem Weg zum Auto, der Motor springt an, dann ist er weg. Ohne nachzudenken, dreht sie den Schl�ssel im Schloss. Lehnt sich mit der Stirn gegen das k�hle Glas. Hinter ihr in der Diele steht ihre Mutter und klatscht vor Freude in die H�nde.</p><p>�Ei, bist ja doch noch da. Ich dachte schon, die M�nner h�tten dich mitgenommen, ja.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Er hatte den Karton in sein Auto gestellt und nicht gewusst, wohin er fahren sollte. Ein blau leuchtender Sommertag besetzte den Himmel �ber der Stadt, strahlte aufdringlich auf das Leben in den Stra�en herab und sprach allerlei unbestimmte Einladungen aus. Raus aus der Stadt � da war ein Drang in ihm, aber kein Ziel, das sich anbot, und eigentlich wollte er auch keines haben. Aber einfach losfahren wollte er schon gar nicht. Er ist nie einfach losgefahren, und au�erdem konnte er nicht so tun, als w�re vollkommen unerwartet sein Leben auseinandergebrochen an diesem sonnigen Augusttag, wenn in Wahrheit seit dem Fr�hjahr feststand, dass sein Vertrag nicht verl�ngert werden w�rde. Es war eine Habilitationsstelle gewesen, er hatte sich habilitiert, Schlegelberger gefiel nicht, was er machte � und der Alte wollte keinen im Stall, der nicht sein Brandzeichen auf dem Fell trug. Die Quellen sind das Brot des Historikers, lautete sein Credo. Und nicht etwa haltlose Theorien. Also war Weidmann durch die Stra�en gegangen, nicht ziellos, sondern auf der Suche nach einem m�glichst leeren Caf�. Frauen in Minir�cken, Frauen in engen Tops kamen ihm entgegen und sa�en ihm im Weg. Gaben sich der Sonne hin auf eine Weise, da konnte man als Mann nur von tr�umen. Eine beharrliche Geilheit war das Vehikel, das ihn der fehlenden Wut am n�chsten brachte. Ihm gingen Vokabeln wie �schamlos� durch den Kopf; Worte, die er sich nicht erinnern konnte jemals ausgesprochen zu haben.</p><p>Er trank ein Bier und dann zwei Riesling zum Essen und las Zeitung. Schr�der und die Seinen bekamen ganz sch�n was ab. Dann und wann schaute er auf sein Handy, obwohl er wusste, dass Konstanze mittwochs im Buchladen war und vor sieben nicht anrief.</p><p>Die Luft begann nach warmem Teer zu riechen. In Bergenstadt begann der Grenzgang. �ber Wochen hinweg hatte seine Mutter ihn am Telefon auf dem Laufenden gehalten �ber die Wahlen der Gesellschaften und die Besetzung der wichtigsten �mter, ohne zu fragen, ob ihn das interessierte, zu besch�ftigt damit, sich nichts anmerken zu lassen, nur um am Ende jedes Telefonats dann doch mit belegter Stimme zu sagen: Schade, dass dein Vater das nicht mehr �</p><p>Vielleicht hatte er deshalb abgesagt dieses Jahr. Auch deshalb.</p><p>Am Nachmittag ging er dann doch noch ziellos durch die Stra�en, mitten durch die Neue Mitte, aber im Zickzack entlang der Seitenstra�en, kaufte ein Buch, trank einen Kaffee und sah dem Licht zu, das sich zu neigen begann und seinen Weg durch die Baul�cken suchte. In der Halbdistanz steckte zweimal Schwarzrotgold im Reichstagsdach, wie Papierf�hnchen in einem Geburtstagskuchen.</p><p>Er bestellte Pernod und beschloss zu rauchen.</p><p>Amerika? Frankreich? Ein paar Konferenzbekanntschaften gab es, aber niemanden darunter, der ihm mehr als eine Gastdozentur anbieten w�rde f�r ein Semester oder zwei. Keine L�sung des Problems, sondern Aufschub und Ausflucht. �berhaupt wollte er sich noch f�r einen Moment den Luxus g�nnen, alle praktischen Erw�gungen zu unterlassen, und sich bis zu dem Punkt treiben lassen, wo irgendetwas ihn ansto�en w�rde, ein Gedanke, eine fremde Frau oder das unabweisbare Bewusstsein seiner eigenen J�mmerlichkeit. Abenteuerlust geh�rte zu den Eigenschaften, die er an anderen immer bewundert hatte. Tr�umen w�rde er nicht, aber die Formulare, die Konstanze ihm auf den K�chentisch gelegt hatte, wohlmeinend und bestimmt, die Antr�ge f�r das, was sie politisch korrekt die ��berbr�ckungszeit� nannte, w�rde er auch nicht ausf�llen. Sei ein Mann, hatte sie gesagt, und nun w�rde er versuchen einer zu sein � blo� vielleicht ein anderer, als sie w�nschte. Vor zehn Jahren h�tte er so reagiert wie sie, aber wie er jetzt reagieren w�rde, wusste er noch nicht, und wenn etwas dran sein sollte an dem Satz, dass Krisen Chancen sind, dann musste so viel Zeit eben sein.</p><p>�Zahlen�, sagte er der Bedienung, die ein bisschen auf <emphasis>Deux Magots </emphasis>machte mit ihrer langen wei�en Sch�rze und der schwarzen Jacke. Dann ging er weiter und versuchte sich von der Abendbrise anwehen zu lassen entlang der Spree. Das Licht dehnte sich �ber der flachen Stadt. In den Br�ckentr�gern nisteten Tauben. War er hier je zu Hause gewesen? Auch das geh�rte zu seiner Geschichte mit Kamphaus, der in Charlottenburg gro� geworden war und diese Ironie in sich trug, die weder bem�ht wirkte noch mit Ressentiment durchsetzt war. Die angeborene Begabung, nicht beeindruckt zu sein, sondern allem auf Augenh�he zu begegnen, ohne zu blinzeln. Wenn Kamphaus aus Bielefeld oder T�bingen kam und fragte: Riech ich nach Weide? hatte Weidmann das Gef�hl, sein ganzes Leben lang nach Weide zu riechen, und er fragte sich � nichts. Er sp�rte blo� den Druck des Alkohols auf seinen Schl�fen und den Durst, der kein Durst war oder jedenfalls nicht das, was er l�schen wollte. Ohne es zu merken, war er zur�ck Richtung Institut gegangen, stand vor dem Klinkerbau mit den hohen Fenstern und hatte das dringende Gef�hl, etwas tun zu m�ssen.</p><p>Die Bauarbeiter waren bereits nach Hause gegangen.</p><p>Als Konstanze schlie�lich anrief, sa� er seit einer halben Stunde im Auto und beobachtete das Ausgehen der Lichter hinter den Fenstern. Hier eins und da eins. Schlie�lich auch bei Schlegelberger.</p><p>�Wo bist du? Was machst du? Wie geht�s dir?�</p><p>�Im Auto. Nichts. Okay.�</p><p>Konstanze seufzte.</p><p>�Ich kann ja viel, aber dich vor dir selbst besch�tzen � das wahrscheinlich nicht.�</p><p>�Verlangt auch keiner. �Schlegelberger trat aus dem Eingang, sagte etwas halb �ber die Schulter zu jemandem hinter ihm und sprach dann weiter in sein Handy.</p><p>�Nein. Dabei w�r�s mir nicht unrecht, du w�rdest das von mir verlangen. Das oder was anderes. Dann h�tte ich n�mlich eine genauere Idee, was ich tun soll.�</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Merkst du, dass du dabei bist, keine besonders gute Figur abzugeben?�</p><p>�Sei ein Mann, wirst du als N�chstes sagen.�</p><p>�Sei ein Mann. Warum nicht?�</p><p>�Hast du schon mal gesagt.�</p><p>�Ich hab vieles schon mal gesagt, ich hab das meiste von dem, was ich dir sage, schon mal gesagt. Das ist der Punkt: Es bringt nichts.�</p><p>Ein wei�haariger, mittelgro�er Mann, unauff�llig und mit guten Manieren, beliebt bei der Verwaltung ob seiner H�flichkeit, weil er alles Herrische, den Napoleon in sich, nur in Seminaren und Konferenzen rauslie�. Eine weiche, leise Stimme, und das war etwas, was Weidmann schon als junger Doktorand gedacht hatte: H�te dich vor denen mit den leisen Stimmen. Nur kurz hatte er das damals gedacht, aber jetzt fiel es ihm wieder ein. Gutes Gef�hl, fr�her mal kl�ger gewesen zu sein.</p><p>�Bist du noch dran?�, fragte Konstanze.</p><p>�Du meinst, ich soll ein Lied pfeifen und einfach neu anfangen.�</p><p>�Du musst dich nicht verstellen. Sei sauer, traurig, frustriert, du hast allen Grund dazu. Aber erlaub der Sache nicht, dein Leben zu zerst�ren.�</p><p>Oder unseres, dachte er.</p><p>�Aha.�</p><p>�Du hast es immer gesagt: Wissenschaft ist ein Vabanquespiel. Wie <emphasis>Reise nach Jerusalem</emphasis>: Du musst im richtigen Moment, wenn die Musik aussetzt, deinen Hintern auf den freien Platz kriegen. Aber ob da gerade ein freier Platz in der N�he ist, bestimmen andere. Du kannst nur tun, was alle tun, und dabei Augen und Ohren offen halten � deine Worte.�</p><p>Seine Worte. Vielleicht h�tte er fr�her seine Indifferenz nicht so betonen sollen, seine innere Distanz zum Wissenschaftsbetrieb. Verstellung r�cht sich, wenn sie auf die Probe gestellt wird. Jetzt kam es ihm vor, als w�re er viel zu lange im Kreis gelaufen und h�tte die ganze Zeit �ber gewusst, dass auf dem zuletzt entfernten Stuhl sein Name stand; h�tte es zwar nicht gelesen, aber in den Mienen der anderen erkannt und w�re trotzdem immer weiter gelaufen, so wie die anderen auch. Dann Stille, Ende der Musik, alle sa�en auf ihren Pl�tzen und sahen ihm zu, wie er langsam auslief, eine letzte Ehrenrunde drehte und sich nichts sehnlicher w�nschte, als sich einreihen zu d�rfen unter die einzigen Kollegen, die er hatte. Keine Idee, wie es weitergehen sollte. Vorerst sa� er im Auto und beobachtete Schlegelberger, der das Jackett auszog, bevor er in seinen Mercedes stieg, dann langsam vom Parkplatz rollte und hinter den Resten des Bauzauns verschwand.</p><p>�Ein Hoch auf meine Worte�, sagte er.</p><p>�Ich kann mit Selbstmitleid nicht umgehen. Du hast immerhin noch dein Staatsexamen.�</p><p>Das Staatsexamen � jetzt also auch Konstanze.</p><p>�Ich hab sogar Abitur�, sagte er.�Ich k�nnte studieren. �Und er musste stark an sich halten, nicht hinzuzuf�gen: oder kleinen Migrantenkindern Deutsch beibringen. Er hatte sich unter Kontrolle, immer noch, er wurde sarkastisch, ihm lagen Gemeinheiten auf der Zunge, aber w�tend wurde er nicht. Thomas Weidmann, 36 Komma sieben Grad am Abend, h�chstens.</p><p>�Du k�nntest eine oder zwei der besseren Flaschen aus deinem Weinkeller holen und bei mir vorbeikommen.�</p><p>�Heute nicht.�</p><p>�Heute nicht. Heute willst du im Saft deiner eigenen Verletztheit schmoren. Und ich habe am Nachmittag noch gedacht, es w�re manches leichter, wenn wir zusammenziehen w�rden. Ich meine: zusammengezogen w�ren. Jetzt ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Was wirst du jetzt tun? Ich meine genau jetzt, heute. Oder morgen.�</p><p>�Grenzgang feiern. �Er wusste es selbst erst, als er es sagte. Nach Bergenstadt fahren und Grenzgang feiern.</p><p>�Du hast gesagt, da kriegen dich dieses Jahr keine zehn Pferde hin. Findet das dieses Wochenende statt?�</p><p>�Heute ist Kommers, ab morgen wird gewandert.�</p><p>�Wir sehen uns also dieses Wochenende nicht�, sagte sie, und er glaubte ihr resigniertes Nicken zu sehen.�Ich bekomme keine Chance, dir irgendwie behilflich zu sein. Nein?�</p><p>Das Licht in der Bibliothek ging aus, und kurz darauf kamen die beiden Hilfskr�fte aus dem Geb�ude, gefolgt von einer Handvoll Studenten. Die Autos fuhren mit angeschalteten Scheinwerfern jetzt, der Himmel zeigte noch Spuren von Violett, von Wolkenschleiern und einem b�igen Aufruhr, der den ganzen Tag nicht zu sehen gewesen war.</p><p>�Nehme nicht an, dass du Zeit und Lust hast auf drei Tage feiern in der Provinz.�</p><p>�Ich muss morgen und �bermorgen unterrichten. Wenn du�s mir etwas fr�her gesagt h�ttest ��</p><p>�Ich hab mich in diesem Moment entschieden. Das ist meine neue Spontaneit�t.�</p><p>�Immerhin. Und deine Mutter wird sich freuen. Gr�� sie. Du bist sicher, dass du nicht wenigstens noch essen willst, bevor du f�hrst.�</p><p>�Ich muss los, sonst wird�s zu sp�t.�</p><p>�Ruf mich an, wenn du da bist.�</p><p>�Bist du sauer?�</p><p>�Fahr vorsichtig, Thomas.�</p><p>Eine Stunde sp�ter stieg er aus dem Auto, weil er pinkeln musste. Der Parkplatz war dunkel, und im Geb�ude brannten nur noch die Lichter im Treppenhaus. Drau�en der Geruch von Sand und nassem Stein. Eine Stunde lang hatte er im Auto gesessen und weder Radio geh�rt noch Zeitung gelesen, sondern diesem Gef�hl in sich nachgesp�rt, dass das Leben der letzten zwanzig Jahre, und vielleicht sogar der n�chsten zwanzig, sich zusammenzog auf diesen Moment, dieses komprimierte Jetzt im Auto � aber er bekam das Gef�hl nicht zu fassen. 1999 war sowieso eine unwahrscheinliche Jahreszahl, der sich emotional nur schwer gerecht werden lie�. <emphasis>Lenk nicht ab</emphasis>. Eine Schattenzahl, kalendarisches Zonenrandgebiet, man glaubte ein Klicken zu h�ren und begann zu l�cheln �ber die Aufbr�che, die �berall so emsig plakatiert wurden. <emphasis>Wir sprechen von dir</emphasis>. Au�erdem fand er es schon schwierig genug, seiner eigenen Lebenssituation emotional gerecht zu werden, von Konstanze nicht zu reden. Wenige Fu�g�nger gingen abends durch diesen Teil der Stadt, und in dem Imbiss, den er nach ein paar Schritten betrat, vertrieb sich der Inhaber die Zeit am Gl�cksspielautomaten.</p><p>Er pinkelte, kaufte ein Bier und kehrte in seinen Golf-Kokon zur�ck.</p><p>Er musste los, aber er wusste nicht wovon. Schlussstriche lie�en sich so schlecht ziehen in diesem sumpfigen Gel�nde. Seine Mutter w�rde sich freuen und keine Fragen stellen, sondern in seinem Blick lesen, dass was nicht in Ordnung war. Und er w�rde ihr mindestens sagen m�ssen, dass sie ihn im B�ro nicht mehr anrufen solle.</p><p>Er trank sein Bier. Berlin machte sich gut hinter der Frontscheibe, leuchtete bescheiden in den Nachthimmel, floss m��ig betriebsam die Invalidenstra�e entlang und streckte sich aus wie ein geduldiger Patient auf seinem Bett. Die leere Dose erlaubte sich Weidmann aus der ge�ffneten Fahrert�r in den Sand fallen zu lassen. Dann beschloss er der Aufforderung zu folgen, die von dem Haufen Pflastersteine vor dem Eingang ausging.</p><p>Weidmann setzte zur�ck und parkte das Auto mit der Schnauze direkt vor der �ffnung im Bauzaun.</p><p>Die T�r lie� er offen, den Schl�ssel stecken. Bevor er den Steinhaufen erreichte, drehte er sich noch einmal um und vergegenw�rtigte sich die Route: Nach links, die Chausseestra�e rechts hinauf, immer geradeaus bis in den Wedding. Von der Seestra�e auf die Autobahn. Weder Zahnb�rste noch W�sche zum Wechseln hatte er dabei, aber das eine konnte man auf Rastpl�tzen kaufen, und vom anderen w�rde in Bergenstadt noch was im Schrank liegen.</p><p>Der Stein, den er in die Hand nahm, war schwerer als erwartet. Er blickte sich um, aber der Parkplatz lag leer, die Gesch�fte waren geschlossen, und die Bars befanden sich anderswo. Weidmann wog den Stein in der Hand und sah die Fassade hinauf. Zweiter Stock, Lehrstuhl f�r Neuere und Neueste Geschichte, Prof. Dr. Dr. hc. mult. Schlegelberger und seine illustre Mannschaft. Es war ihm eigentlich egal, welches Fenster er traf. Wenn du keinen Schlussstrich ziehen kannst, dann setz einen Punkt. Ein letzter Blick, vom Nordbahnhof n�herte sich eine Tram, und als er das Quietschen der Bremsen h�rte, holte Weidmann aus und schleuderte den Stein. Drehte sich noch in dem Moment der Stille um, den der Stein im Bogen durchflog, h�rte das Bersten von Glas und ging ohne Hast zum Auto.</p><p>Keine Sirene, kein Rufen, keine Reaktion nirgends. Nur sein Herz klopfte lauter als gew�hnlich, und seine Hand zitterte, als er den Z�ndschl�ssel drehte. Die Tram hielt noch, er hatte freie Fahrt. Im R�ckspiegel sah er das Spinnennetzmuster in einem der Fenster. In der Mitte ein schwarzes Loch. Es konnte Schlegelbergers Fenster sein, aber er war sich nicht sicher.</p></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><p>Kommers, dachte er, ist ein komisches Wort. Vorne kurz und hinten lang. Es bedeutet, dass alle auf den Marktplatz gehen, weil morgen der Grenzgang beginnt. Es bedeutet, dass es jetzt endlich losgeht. Sein Vater hatte ihm f�nf Mark gegeben und erlaubt zu kaufen, was er wollte, und seine Mutter hatte �Muss das sein?� gesagt und sein Vater �Ist schlie�lich nur alle sieben Jahre�, und dann waren sie losgegangen. Sein Taschenmesser steckte in der Hosentasche f�r den Fall, dass irgendwo ein Ast abgeschnitten werden musste. Beim Grenzgang gingen extra zwei ganz vorne im Zug mit �xten und S�gen, falls ein umgest�rzter Baum den Weg versperrte (obwohl das nie vorkam, meinte seine Mutter), er hatte die Fotos in der Zeitung gesehen, zusammen mit denen vom Mohr und den beiden Wettl�ufern. Der Mohr allerdings war in echt nicht schwarz, das wusste er, sondern arbeitete bei der Post.</p><p>�Jetzt tr�delt nicht so!�, rief er �ber die Schulter. Aber die kamen und kamen nicht!</p><p>Am liebsten w�re er Wettl�ufer. Einmal war er mit seinem Vater runtergegangen auf die Lahnwiesen und hatte beim Training zugeschaut. Schon im Mai hatten die angefangen, immer abends, und das Knallen war in der ganzen Stadt zu h�ren gewesen, sogar hinten am Haink�ppel. Sein Vater hatte ihm die Peitsche gezeigt von fr�her, aber verboten, damit im Garten zu spielen � zu gef�hrlich f�r ihn und die Rosen. Es war auch schwerer, als es aussah: Sie lie�en das Seil erst f�nf oder sechs Mal �ber dem Kopf kreisen, und dann kam�s drauf an, genau den richtigen Moment zu erwischen, um die Bahn zu �ndern und mit gestrecktem Arm zu knallen, immer vor dem K�rper, links oben und rechts unten, knall, knall. Sein Vater konnte es noch, aber nicht mehr so lange wie fr�her. Nobs sagte immer: Das geht tierisch auf die Arme. Es gab extra eine Schlaufe ums Handgelenk, damit ihnen die Wucht die Peitsche nicht aus der Hand riss. Letztlich war�s eine Frage der Technik. Muckis brauchte man auch. Technik und Muckis. Und tierisch Kondition.</p><p>Oben am B�rgerhaus wartete er und schnitt sich einen Ast ab, der an eine Laterne gebunden war mit dunklem Draht, aber dann kam jemand vorbei und sagte� Na, na, na�, und er steckte den Ast wieder zur�ck. Besser war sowieso, sich frisch einen im Wald abzuschneiden. Buche war das Beste.</p><p>Sie w�rden am Marktplatz bleiben, bis es dunkel wurde.</p><p>�Jetzt kommt doch endlich!�, rief er. Sie kamen hinter ihm den Berg hoch und sprachen mit irgendwem, der auf der anderen Stra�enseite ging. Herr Endler wollte Tommy auf die Schulter nehmen, aber der wehrte sich. Seine Mutter ging so, wie nur Frauen gehen, mit verschr�nkten Armen (und dann gehen sie besonders langsam). Als ob sie �berhaupt keine Lust h�tte. Er klappte sein Messer auf und wieder zu. Mit seinem Vater hatte er gewettet, dass er alle drei Tage schaffte, die ganze Strecke. Wenn er alle drei Tage schaffte � und sein Vater das mit seiner Mutter geregelt bekam �, dann kriegte er die Peitsche.</p><p>�Wie Schnecken geht ihr�, sagte er, als seine Mutter endlich oben ankam.</p><p>�Der Marktplatz l�uft uns nicht weg. Hast du deine Uhr dabei?�</p><p>�Klaro.�</p><p>�Um halb zehn ist f�r uns Zapfenstreich. Allersp�testens.�</p><p>�Wir bleiben, bis es dunkel ist.�</p><p>�Um halb zehn ist es dunkel. Und wir gehen nach Hause. Wir m�ssen morgen um halb sechs raus.�</p><p>�Ich denke, wir schauen mal, wie dunkel es dann ist.�</p><p>�Daniel, h�r mir zu: Wir gehen um halb zehn nach Hause, und dar�ber wird auf dem Marktplatz auch nicht mehr diskutiert. Ich hab keine Lust, morgen ein quengelndes Kind �ber die Grenze zu ziehen. �Die war wieder toll gelaunt.</p><p>�Es ist nur einmal in sieben Jahren�, sagte er.</p><p>�Zum Gl�ck.�</p><p>Er h�rte die Musik auf dem Markplatz, und weil die anderen immer noch nicht kamen, zog er seine Mutter an der Hand und sagte:</p><p>�Wir gehen vor, sonst stehen wir um halb zehn immer noch hier oben.�</p><p>Am schnellsten ging es auf dem Fu�weg den Gartenberg runter, der so steil war, dass nicht mal Fahrr�der fahren durften. Als Nobs seine Stoppuhr bekommen hatte, waren sie von oben losgerannt und hatten eine Minute und siebzehn Sekunden gebraucht bis ganz nach unten zur Ampel. Hoch hatten sie�s noch nicht gestoppt, wegen der Schulranzen. Es gab den Weg und links daneben eine schmale Bahn, in die alle paar Meter ein oder zwei Stufen eingebaut waren. Mit einem BMX-Rad konnte man dr�berfahren, wenn keiner in der N�he war.</p><p>�Fahren wir n�chstes Jahr wieder in Urlaub?�, fragte er.</p><p>�N�chstes Jahr ist n�chstes Jahr.�</p><p>�Dieses Jahr fahren wir nicht, weil Grenzgang ist, aber n�chstes Jahr ist kein Grenzgang.�</p><p>�Ist ein bisschen fr�h, das jetzt zu entscheiden.�</p><p>�Wir k�nnten mal einen Wohnwagen mieten.�</p><p>�Wir werden sehen.�</p><p>�Abgemacht?�</p><p>�Wir werden sehen, Daniel.�</p><p>Er sp�rte ihre Hand auf seinem Kopf, in seinem Nacken und ihren Blick irgendwo anders. Schon den ganzen Sommer �ber war das so. Sie stritten nicht viel, aber sie sch�ttelten h�ufig die K�pfe und sprachen komisch, wenn er dabei war. Als m�ssten sie vorsichtig sein und gleichzeitig so, als w�re er nicht da.</p><p>Du und dein Schei�grenzgang. Das hatte sie in der K�che gesagt und dann nichts gegessen, obwohl sie sonst immer sagte: Wir essen alle zusammen, das hier ist schlie�lich kein Hotel.</p><p>�Was hei�t stagnieren?�, fragte er.</p><p>�Stehenbleiben.�</p><p>�Es hei�t auch noch was anderes.�</p><p>�Ich versteh dich nicht, wenn du den Berg runter sprichst.�</p><p>Also blieb er stehen, legte den Kopf in den Nacken und sprach dahin, wo ein Bussard kreiste:</p><p>�Es hei�t auch noch was anderes.�</p><p>�Es hei�t stehenbleiben. Nicht weitergehen. Nicht vorankommen.�<emphasis>Frag mir nicht dauernd L�cher in den Bauch.</emphasis></p><p>Sie stagnierten also, weil seine Mutter nicht vorlaufen wollte, sondern lieber warten auf die anderen und sich bei seinem Vater unterhaken. Hinter der Kurve konnte er die Leute auf dem Marktplatz schon sehen, und als er unten ankam, waren die anderen erst beim Kindergarten. Das Taschenmesser steckte in der Tasche mit dem Druckknopf, das fiel nicht mal raus, wenn er einen Handstand an der Wand machte. Zweiunddrei�ig Sekunden schaffte er, Nobs hatte es gestoppt und gesagt: Du bist tierisch rot im Gesicht.</p><p>Er winkte den Berg rauf und ging einfach weiter.</p><p>Der Marktplatz war voll. Neben der Eisdiele hatten sie ein Holzger�st aufgebaut f�r morgen, da oben standen dann die vom Komitee und der B�rgermeister. Die Stra�e war auch schon gesperrt, �berall gingen Leute, wie beim Stadtfest, auch eine Kapelle marschierte da lang, und f�r einen Moment f�hlte er das Trommeln in der Kehle. Mit Nobs hatte er vereinbart: Am Brunnen, aber zum Brunnen zu kommen war nicht so einfach. Leute standen auf den B�nken und wedelten mit den Armen und waren h�chstwahrscheinlich besoffen. Einer schrie so laut, dass man ihn kaum verstand:�Der Grenzgang 1999, er lebe ��Und alle anderen schrieen:�Hoch!�Drei Mal. Er musste schieben, um voranzukommen, weil immer die mit dem dicksten Hintern da standen, wo am wenigsten Platz war. Nobs konnte er noch nicht entdecken, aber kurz vor dem Brunnen hielt Tante Schuhmann aus der B�ckerei ihn am Arm fest, als er am Tisch vorbeiging, und fragte:</p><p>�Du bist doch wohl nicht ganz alleine hier?�Sie hatte einen Hut auf mit lauter Abzeichen dran.</p><p>�Fast�, sagte er.�Die anderen sind zu lahm.�</p><p>Neben ihr sa� Heinrich, der ihm mal die Backstube gezeigt hatte und der Mohr gewesen war im selben Jahr wie sein Vater Wettl�ufer. Auch davon gab�s ein Foto im Wohnzimmer, auf dem aber alle anders aussahen. Altmodisch halt. Heinrich hatte ein Riesengesicht und nickte allen Leuten zu, bis Tante Schuhmann ihn in die Seite stie� und sagte:</p><p>�Wir haben bestimmt was f�r den jungen Mann hier.�</p><p>Heinrichs gro�er Kopf nickte einfach weiter. Sie hatten Bons. Eine ganze Schlange kam aus seiner Hemdtasche und baumelte in der Luft, und zwei St�ck riss er ab und sagte:</p><p>�Grenzgangsgeld. F�r einen Bon gibt�s eine Fanta. �Auf seinem Hut waren noch mehr Abzeichen. Sein Hut war auch gr��er.</p><p>�Ich trink Cola�, sagte er.</p><p>�Oder Cola. Hauptsache kein Bier, alles klar? Vom Bier keinen Schluck.�</p><p>�Kapito�, sagte er. Dann ging er weiter.</p><p>Nobs sa� schon auf den Stufen. Um den Brunnen herum waren Theken aufgebaut, und dahinter stapelten sich Getr�nkekisten, und ein Kasten brummte, aus dem Strom kam. Die Lampions brannten noch nicht.</p><p>�Hi�, sagte er.</p><p>�Okay. �Nobs stand auf.�Das hier ist unser Bereich.�</p><p>Sie waren diejenigen, die aufpassen mussten, dass sich niemand was aus den Getr�nkekisten nahm oder die Stecker aus dem Stromkasten zog oder in den Brunnen pinkelte. An Grenzgang passierten Sachen, die sonst nicht passierten, und es war nicht leicht, den ganzen Brunnen zu �berwachen, weil er Stufen hatte und man nicht von einer Seite zur anderen gucken konnte. Einer von den Verk�ufern machte mit und stellte zwei leere Getr�nkekisten an den Baum, so dass sie draufklettern konnten. Sie wechselten sich ab: Einer hielt auf den Kisten Wache, und der andere ging Streife. Einmal ging Nobs Cola holen. Danach wechselten sie sich wieder ab.</p><p>Sie hatten noch gar nicht lange gespielt, als er Linda sah. Er drehte seine Runde, und sie stand da neben der Theke, hinter dem Brunnen, und bei der n�chsten Runde stand sie schon fast auf der ersten Stufe, und bei der n�chsten stand sie ihm im Weg.</p><p>�Was macht ihr?�, fragte sie.</p><p>Sie hatte einen Haarreif im Haar, so dass er ihre Ohren sah. Und eine Kette mit Perlen wie aus dem Kaugummiautomaten. Ziemlich bunt.</p><p>�Nichts�, sagte Nobs hinter ihm.</p><p>Sie gingen alle in dieselbe Klasse, aber das hie� nicht, dass sie Freunde waren oder so.</p><p>�Kann ich mitmachen?�</p><p>�Wir ��</p><p>�Nein�, sagte Nobs.�Wir schaffen das alleine.�</p><p>Sie zog an ihrer Kette, und dann nahm sie einfach eine von den Perlen und knabberte sie ab. Die Unterlippe musste sie nach vorne schieben, damit kein St�ck runterfiel.</p><p>Irgendwann gingen die Lampions an.</p><p>Er sah nicht auf die Uhr, weil er Angst hatte, dass die Zeiger dann schneller liefen. Manchmal sah er seine Mutter, da wo die von der Rheinstra�e standen, und immer wieder stand irgendwo einer auf und schrie: Der Grenzgang 1999, er lebe � Oder: Die M�nnergesellschaft Rheinstra�e, sie lebe � Und alle schrieen: Hoch! Hoch! Hoch! Einmal kamen zwei, um sich hinter dem Stromkasten zu k�ssen, und Nobs verdrehte die Augen. Die merkten nicht mal, dass sie beim K�ssen ihr Bier versch�tteten.</p><p>Dann holte er zwei W�rstchen, und sie setzten sich vorne auf die Stufen, wo man den Marktplatz runtergucken konnte, wo alles voll war mit Leuten und unten wieder eine Kapelle spielte. Es war noch nicht dunkel, aber auch nicht mehr hell, und als er nicht aufpasste, sah er die Uhr an der Bushaltestelle. Neun Uhr war�s.</p><p>�Wei�t du, was stagnieren hei�t?�, fragte er.</p><p>�Wenn man beim Baum die Rinde abmacht.�</p><p>�Du r�tst blo�. Es hei�t stehenbleiben.�</p><p>�Und du glaubst, man kann die Rinde abmachen, ohne stehen zu bleiben. Kannste ja mal versuchen.�</p><p>�Geht mit dem Taschenmesser sowieso nicht. Man braucht Macheten, wie im Urwald.�</p><p>Eine Weile sprachen sie �ber die richtige Technik, erst beim Holzmachen und dann beim Peitschenknallen, und die ganze Zeit guckte er auf die bl�de Uhr bei der Bushaltestelle, die in kleinen Spr�ngen auf halb zehn losging. Dann sagte er, was er schon die ganze Zeit dachte:</p><p>�Wir h�tten noch jemanden gebrauchen k�nnen, eigentlich. Wenn wir vorne sind ��</p><p>�Kein M�dchen.�</p><p>�Auf der hinteren Seite nat�rlich.�</p><p>Aber Nobs sch�ttelte den Kopf und sagte:</p><p>�M�chte blo� wissen, ob das gro�e Zelt schon steht.�</p><p>�Logo. Glaubste, die bauen das erst morgen auf.�</p><p>�Ich will�s aber sehen.�</p><p>�Ich muss um halb zehn nach Hause. �Und es war Viertel nach neun.</p><p>�Wenn wir rennen � am Altenheim vorbei, wo die kleine Br�cke ist. Nur kurz gucken.�</p><p>Er wollte kein Spielverderber sein, und er wollte das Zelt auch sehen, von dem sein Vater gesagt hatte, dass alle Leute, die in Bergenstadt wohnten, da reinpassten. Aber wenn�s sp�ter wurde als halb zehn, war das schlecht.</p><p>�Ich muss erst fragen�, sagte er.</p><p>Sie gingen den gleichen Weg zur�ck, den er gekommen war, aber Tante Schuhmann und ihren Mann entdeckte er nicht mehr. Es war noch voller als vorher, und von manchen Tischen tropfte Bier. An der Bushaltestelle kotzte jemand, und zwei andere standen daneben und lachten. Wenn er nach oben sah, war der Himmel dunkel. Sie gingen mitten auf der Stra�e, kletterten �ber die Absperrgitter, an denen Leute lehnten, und dann an der Eisdiele vorbei, wo die Rheinstra�e ihren Stand hatte. Seine Mutter sa� mit Onkel Hans am Tisch.</p><p>Er sah ihr an, dass sie geredet hatten. Nobs blieb beim Gitter stehen.</p><p>�Na, junger Mann. �Onkel Hans sagte immer �Na, junger Mann� und dann nichts weiter. Und er sagte� Hi �und stellte sich vor seine Mutter. Hatte Lust, sich mal kurz auf ihren Scho� zu setzen, aber das ging nat�rlich nicht. Auf dem Tisch standen zwei halbvolle Biergl�ser. M�de sah sie aus, drehte sich halb, st�tzte den Kopf auf eine Hand und sah ihn an.</p><p>Er tat so wie manchmal, wenn sie Witze machten: Wie die ganz Coolen im Fernsehen stellte er sich an den Tisch, wackelte mit den Schultern und nickte ein paar Mal, wie ein Rapper, und sagte:</p><p>�Na � Mama.�</p><p>Sie machte mit, kniff ein Auge zu, hob zwei Finger und sagte:</p><p>�Hey � D�niel. �Manchmal war sie nicht wie andere M�tter, sondern so als w�rde sie ihm gleich gegen die Schulter boxen aus Spa�. Manchmal tanzte sie im Wohnzimmer und sagte: Ganz sch�n flott deine Mutter, was? Aber nicht mehr oft, und er wusste nicht genau, wann es angefangen hatte aufzuh�ren.</p><p>�Bin fast so weit�, sagte er.</p><p>�Ist auch fast halb zehn.�</p><p>�Nur beim Zelt muss ich noch mal gucken.�</p><p>�Bei welchem Zelt?�</p><p>�Auf der Wiese.�</p><p>�Du hast noch zehn Minuten.�</p><p>�Mama, es kann sein, dass es ein ganz kleines bisschen l�nger dauert. �Sie holte Luft, und er hob die H�nde.�Kann sein, hab ich gesagt. Ich beeil mich ja.�</p><p>�Du erinnerst dich an unsere Abmachung, oder?�</p><p>�Es ist uns erst jetzt eingefallen. Ich will nur das Zelt sehen.�</p><p>�Einmal gucken und sofort wieder zur�ck.�</p><p>�Kapito. �Er lie� sich nach vorne fallen, in ihr Kopfsch�tteln hinein und roch das Parf�m an ihrem Hals. Seinen Vater sah er nicht. Hinter sich h�rte er Nobs die Erkennungsmelodie pfeifen.</p><p>�Schau dir das Zelt an, und dann komm schnell zur�ck�, fl�sterte seine Mutter ihm ins Ohr und nahm die H�nde von seinem R�cken.</p><p>Er rannte los und h�rte hinter sich Nobs� Schritte, dann beinahe neben sich und wieder hinter sich, die Bachstra�e runter, an der B�ckerei vorbei, �ber die Bahnschienen, zum Altenheim. Einen Moment lang glaubte er, rennen zu k�nnen bis zum Zelt, ohne m�de zu werden, so als w�rde ihm der Boden entgegenkommen, und er m�sste nur die F��e heben, sich einfach absto�en vom rollenden Asphalt. Aber als die Stra�e aufh�rte vor zwei rotwei�en Pfosten, war er doch au�er Atem. Nobs kam nur knapp nach ihm an.</p><p>�Zwei Minuten zw�lf � Mann.�</p><p>Sie lehnten sich an einen Pfosten und japsten.</p><p>�Um zwanzig vor � muss ich zur�ck � am Marktplatz sein. �Es stach in der Seite beim Sprechen. Hinter den Pfosten ging nur noch ein schmaler Weg am Lahnufer entlang, und es war weit bis zur n�chsten Laterne. Er h�rte den Fluss rauschen, aber den Festplatz konnte er nicht sehen, auch kein Zelt. Es standen zu viele schwarze B�ume davor.</p><p>�Okay, Mutprobe�, sagte Nobs.�Wer sich traut � alleine von hier bis zur Br�cke zu gehen.�</p><p>�Und der andere?�</p><p>�Ganz einfach: Du gehst zuerst, und ich guck auf die Uhr. In zwei Minuten komm ich nach. Es ist nicht weit bis zur Br�cke, aber tierisch dunkel. �Die B�ume waren noch dunkler als der Himmel.</p><p>�Soll ich pfeifen, wenn ich ankomme?�</p><p>�Nur wenn was passiert. Wenn du umknickst oder so.�</p><p>�Okay�, sagte er.</p><p>�Noch drei�ig Sekunden.�</p><p>Rechts standen ein paar Autos auf dem Parkplatz, und links das Haus war auch ein Altenheim, mit zwei Stockwerken, nicht so hoch wie das andere weiter vorne. Er konnte sich erinnern, dass er einmal drin gewesen war, als sein Opa im Bett gelegen hatte mit einem Schlauch in der Nase. Zwischen Haus und Parkplatz begann der Weg und verschwand nach ein paar Metern im Schwarzen. Das Wehr gurgelte hinter den B�umen.</p><p>�Los!�</p><p>Er ging ganz normal los, aber es waren nur f�nf oder sechs Schritte, bis alles um ihn herum dunkel wurde. Ein Ast streifte seinen Arm. Er kannte den Weg. Manchmal war er mit dem Fahrrad hergekommen, man konnte weiter bis zur anderen Br�cke fahren und dann noch weiter, an der Schule vorbei, bis wieder eine Br�cke kam und der Weg zur�ckf�hrte. Jetzt jedenfalls noch, n�chstes Jahr w�rden sie da die Umgehungsstra�e bauen. Und die Br�cke, zu der er gerade ging, gab�s nur im Sommer, die wurde vom Technischen Hilfswerk aufgebaut.</p><p>Die Luft wehte k�hl vom Wasser her, und sein Atem ging immer noch schnell.</p><p>Er musste langsamer gehen, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gew�hnt hatten und er die Wegr�nder sehen konnte. Es gab Dellen im Boden. Um ihn herum rochen die Hecken so, als ob es geregnet h�tte. Und unten, wo die B�ume noch keine �ste hatten, konnte er Licht auf dem Wasser sehen, aber nicht, wo es herkam.</p><p><emphasis>Du machst alles schlecht, was mit Bergenstadt zu tun hat. Merkst du das?</emphasis></p><p>�berall standen B�nke f�r die alten Leute aus dem Heim, und als er einmal nicht aufpasste, stie� er sich den Oberschenkel. Der Weg machte Schlangenlinien zwischen Hecken und kleinen B�umen, kleiner als die direkt am Ufer. Er hatte ungef�hr die H�lfte geschafft. Kurz blieb er stehen. Am Ende des Weges sah er eine Gestalt, aber ob es Nobs war, wusste er nicht. Er horchte und glaubte ein Lachen zu h�ren. Auf den Armen bekam er G�nsehaut. Manchmal hatte er abends Schiss, alleine in den Keller zu gehen und Saft zu holen. Fr�her hatte er geglaubt, da wohnte noch wer.</p><p><emphasis>Und du machst alles mit, was mit Grenzgang zu tun hat. Merkst du das? Jeden Schei�!</emphasis></p><p>Er ging weiter und entdeckte den Schatten der Br�cke �ber dem Fluss, vor ihm, wo der Weg eine letzte kleine Biegung machte, wo die einzige Laterne stand. Er konnte aber auch links gehen, �ber das Grasst�ck und dann �ber das Blumenbeet springen. Das war k�rzer, und er wollte kein Licht.</p><p>Wieder das Lachen. Vor der Laterne stand eine Bank, und darauf sa�en zwei. Er konnte nur Schatten sehen gegen den Schein der Laterne. Er musste aufpassen, nicht selbst ins Licht zu treten. Die Feuchtigkeit der Wiese kam durch seine Sandalen. Langsam ging er weiter, am schwarzen Rand des Blumenbeets entlang, und �ber ihm waren schon die �ste der gro�en B�ume. Seine Schritte gingen unter im Rauschen des Flusses. Ein Mann und eine Frau, die sa� halb auf seinem Scho� und wackelte manchmal mit dem R�cken, als ob sie gekitzelt w�rde. Er blieb stehen und sah hin. Sein Herz schlug nicht schnell und nicht langsam, aber st�rker als sonst. Er hatte die Br�cke so gut wie erreicht, musste nur noch �ber das Beet springen und die letzten Meter zum Flussufer gehen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Zwei Stunden lang fuhr er Strich einhundertzwanzig. Nach M�glichkeit hielt er sich auf der mittleren Fahrspur und unterdr�ckte das Verlangen, eine Toilette aufzusuchen, ebenso wie alle Gedanken an das, was er dennoch als die dunkle Gestalt einer begangenen und nicht wieder ungeschehen zu machenden Dummheit zu erkennen begann. Wie ein stummer Fahrgast sa� sie im Fond. Er konzentrierte sich auf den Verkehr, kniff die Augen zusammen gegen das anhaltende Trunkenheitsgef�hl und merkte erst kurz vor Magdeburg, dass er so verspannt war, als h�tte er die ganze Zeit �ber einen Schlag in den Nacken erwartet. Seine H�nde krallten sich ums Lenkrad. Von den Waden bis zu den Schultern, vom Stei� bis in den Nacken hatte er Muskelschmerzen wie nach einer durchzechten Nacht. Die A 2 f�hrte geradeaus durch flaches Land. Gro�e blaue Schilder trieben mal rechts, mal �ber ihm vor�ber. Beim n�chsten Rastplatz setzte er den Blinker.</p><p>W�hrend des gr��ten Teils der Fahrt durch Brandenburg war ein heller Schimmer am Horizont zu sehen gewesen, aber jetzt hatte die Nacht dicht gemacht, hielt die W�rme unter einer Wolkendecke gefangen und empfing ihn mit Milde und Benzingeruch, als er am hinteren Ende des Parkplatzes den Motor abstellte und die Fahrert�r �ffnete. Er hatte Hunger. Autos wischten vorbei, und die Lichter kamen ihm langsamer vor als die Ger�usche.</p><p>Einen Stein durch das Fenster des Instituts zu werfen!</p><p>Er versuchte den Geruch der Landschaft zu entdecken hinter Abgasen und den D�nsten der Rasthofk�che. Die Dunkelheit ringsum lie� auf Wiesen und Weiden schlie�en, nur am Horizont war Magdeburg als bleiche Pagode �ber der Ebene auszumachen. Statt die Toiletten aufzusuchen, �berquerte er den leeren Parkplatz und stellte sich an dessen r�ckw�rtigen Zaun. Der Asphalt war warm, Uringeruch hing �ber den B�schen und noch etwas anderes, das Weidmann gegen alle Wahrscheinlichkeit als Thymian bestimmte, fremd und w�rzig und wohl das Produkt seiner ersch�pften Phantasie. Noch w�hrend er pisste, nahm er eine Zigarette aus der Packung in seiner Hemdtasche. Seine Finger f�hlten sich steif an. Er lie� abtropfen, z�ndete die Zigarette an und sah seinen Schatten auf die Wiese fallen, als hinter ihm ein Wagen anfuhr. Im Osten f�hrte die Autobahn eine leichte Anh�he hinauf, die hinuntergefahren zu sein er sich nicht erinnerte. Er ging zur�ck, setzte sich auf einen Tisch aus Stein und st�tzte die F��e auf die davor stehende Bank. Weiter weg standen Fernfahrer um die offene F�hrerkabine eines LKW. Zehn Uhr. In Bergenstadt neigte sich der Kommers dem Ende zu, und alle machten sich auf den Heimweg, damit sie morgen fr�h um sechs, wenn die B�llersch�sse vom Schlossturm erklangen, bereit waren f�r das gro�e Fest.</p><p>Er hatte lange nicht mehr so gesessen und in die Nacht geraucht. Statt schlechten Gewissens machte sich eine Art von Verlangen in ihm breit, wie man es bei der Ankunft am Urlaubsort empfindet, diese Mischung aus Freude und Heimweh, jedenfalls wenn man in der Nacht ankommt. M�glichkeiten wurden zu Gedanken: nicht nach Bergenstadt, sondern weiter ans Meer zu fahren. Irgendwo in K�stenn�he w�rde eine Pension stehen mit Blick auf endloses Blau. Ein Gast ohne Gep�ck sein, der die Phantasie der Betreiber besch�ftigt, sie dazu bringt, noch einmal die Zeitung von gestern durchzusehen � Aber er wollte sich keinen Illusionen hingeben. Tageslicht w�rde seinem Gef�hl den Garaus machen, hier oder dort, in Bergenstadt oder am Meer. Er war nicht der Typ f�rs Provisorium. Er f�hrte Buch �ber die B�cher, die er las. Den Gedanken, seine Mutter anzurufen, erwog er und verwarf ihn wieder. Nichts w�rde er unternehmen, was ihn verpflichtete, zu tun, was er sich vorgenommen hatte � er tat es ja sowieso. Und er war zu m�de, um die Nacht durch zu fahren.</p><p>Mit langsamen Schritten ging er �ber den Parkplatz. Hier und da standen Autos mit Fahrr�dern oder Surfbrettern auf dem Dach, Kinder hingen schlafend in den Gurten oder tappten an der Hand ihrer Eltern Richtung Toilette. Eine Frau stillte ihr Baby, und Weidmann blickte diskret zur Tankstelle, wo M�nner neben Zapfs�ulen g�hnten, sich im Nacken kratzten und die Arme streckten. Der Anblick brachte ihm seine eigene M�digkeit zu Bewusstsein. Am vern�nftigsten w�re, ein paar Stunden zu schlafen, notfalls im zur�ckgeklappten Fahrersitz. Er betrat die musikunterlegte Stille des Aral-Shops, entschied sich nach einem Blick auf die m�rrischen Gesichter der Bedienungen gegen den nierenf�rmigen Theken-Parcours entlang der Essens- und Getr�nkeausgabe und begn�gte sich mit zwei abgepackten Sandwichs aus dem K�hlregal und einer Dose Bier. Ohne nachzudenken, aber nach einer schnellen Vergewisserung, dass sich vor der Kasse keine Schlange gebildet hatte, nahm er ein in Plastik eingeschwei�tes Magazin aus dem Zeitschriftenst�nder. Beim Bezahlen hielt er die Augen auf das Kaugummisortiment neben der Kreditkartenmaschine gerichtet. Albern, dieser erh�hte Penn�lerherzschlag. Als er schon drau�en war, fiel ihm ein, dass er auch h�tte tanken m�ssen.</p><p>Erst in einiger Entfernung von den Lichtern des Rasthofs fand er das Gef�hl wieder, das ihn beim Aussteigen empfangen hatte: Einsamkeit in ihrer fl�chtig s��en Form, derselben Form wie Erwartung � schlank und gleichzeitig schwungvoll gerundet. Er warf das Magazin auf den Beifahrersitz und h�rte Konstanze fragen: So schlimm?</p><p>So schlimm oder so sch�n. So bitter und so neu. Sein Alltag war in einem gro�en, blauen Plastiksack verschwunden und wartete unten bei den M�lltonnen auf die Weiterfahrt. Das Wort �Abwicklung� kam ihm in den Sinn: die Sachlichkeit einer Prozedur ohne handelndes Subjekt. Und Konstanzes R�cken, merkw�rdigerweise, der schlankste, grazilste, weichh�utigste Frauenr�cken, �ber den seine Finger und Lippen je gefahren waren, aber jetzt fuhr er weg von ihr, und auch das f�hlte sich � Er setzte sich wieder auf den Tisch, st�tzte die F��e auf die Bank. Es f�hlte sich gut an, einfach nur gut. Weidmann a� die zwei Sandwichs, trank Bier und rauchte. Wie das Wiederfinden eines Kartons mit alten Fotos, Briefen, Krimskrams in einem lange gemiedenen Speicher: die Wiederentdeckung eines versch�tteten Reichtums von rein pers�nlichem Wert. Es war unwahrscheinlich, dem eigenen Leben so schnell entfliehen zu k�nnen, und trotzdem kam es ihm so vor. Als w�re die A 2 eine Einbahnstra�e und Umkehr undenkbar. Er rauchte seine vierte oder f�nfte Zigarette, und zum ersten Mal schmeckte es ihm. Das hie� doch: Es bedurfte nur einer kurzen Zeit der Umgew�hnung, da war noch genug anderes Ich in ihm, ein z�hes und kampfbereites, das nicht einmal die stickige Luft einer deutschen Bildungsanstalt hatte zur Mumie werden lassen. Wie er es verwenden w�rde, wusste er noch nicht, einstweilen war er froh �ber die unerwartete Gesellschaft dieses anderen Selbst.</p><p>Ein Wagen rollte vorbei und hielt drei Parkbuchten entfernt. Die Scheinwerfer erloschen, das Licht im Innenraum ging an, synchrone Elternblicke richteten sich auf die R�ckbank. Im Kofferraum des Kombi stapelte sich das Gep�ck bis zur Decke.</p><p>Er war �berrascht, wie absurd ihm der Gedanke vorkam, Konstanze anzurufen.</p><p>Nach dem zweiten Klingeln hob sie ab.</p><p>�Ich bin�s�, sagte er und blies Rauch in die Nacht.</p><p>�Wo bist du?�</p><p>�Kurz vor Magdeburg.�</p><p>�Erst?�</p><p>�Viel Verkehr�, log er. Von seinem steinernen Abschiedsgru� ins Institut wollte er lieber nichts sagen. Sie w�rde ihn f�r wahnsinnig halten.</p><p>Wie ein Blatt, das vor dem Versinken kurz auf der Wasseroberfl�che gelegen hat, ging ihr Gespr�ch in Schweigen unter. Fahrer- und Beifahrert�r des Kombi sprangen auf, Vater und Mutter stiegen aus, er �ffnete die linke, sie die rechte Seitent�r, alles synchron, eingespielt, famili�r. Erst als ein Kind getragen wurde und das andere selbst lief, wurde aus dem Muster ein lebendiges Bild.</p><p>�Warum rufst du an?�</p><p>�Wollte nur mal deine Stimme h�ren.�</p><p>�Ich hab aber keine Lust, einfach irgendwas zu sagen.�</p><p>�Sei nicht so kratzb�rstig. Ich sitze auf dem Rastplatz und hatte Lust dich anzurufen. Ich hab mir keinen Grund zurechtgelegt.�</p><p>Das �ltere der beiden Kinder, ein M�dchen im Kindergartenalter, kam in seine Richtung gelaufen und blieb in einigem Abstand stehen. Sah ihn an. Er winkte, und sie legte den Kopf schief und rannte zur�ck zu ihrem Vater. Genau genommen hatte er auch keine Lust, einfach irgendwas zu sagen.</p><p>�Soll ich ihn nicht lieber hier wickeln?�, fragte die Frau vom Auto aus.</p><p>Nein, dachte Weidmann. Er wollte nicht zum Beobachter intimer Kinderpflege werden. Die ganze Familie st�rte ihn, und Konstanze schwieg noch immer. Am Schreibtisch sitzend, in der Vorbereitung ihres Unterrichts unterbrochen, er h�rte leise Musik im Hintergrund und wunderte sich, dass es ihn nicht verlangte, dort hinter ihr zu stehen und ihr die Schultern zu massieren, bis sie beschloss, die restliche Vorbereitung am Morgen zu erledigen.</p><p>�Du wei�t es selbst�, sagte sie schlie�lich. Wie immer machte sie es ihm leicht, alles abzustreiten, sich der Wendung des Gespr�chs zu verweigern, nicht einzur�umen, dass er zwar w�rtlich genommen Recht hatte, aber wenn man alles andere einbezog � das Magazin auf dem Beifahrersitz, seine frei schwingenden Gedanken, die Bereitschaft zur Flucht �, dann nicht mehr. Alles in allem hatte er selten Recht, und vielleicht deshalb oder wegen der Entfernung zwischen ihnen verzichtete er diesmal auf Leugnung. Verteidigte sich eher gegen das Schweigen als gegen ihre Vorw�rfe.</p><p>�Das, was ich zehn Jahre und l�nger als meinen Beruf angesehen habe, ist heute ��</p><p>�Nicht heute�, unterbrach sie ihn.�Vor Monaten.�</p><p>Zu seiner Erleichterung hatte die Familie beschlossen, den Wickelraum im Rasthof aufzusuchen, und Weidmann sah ihnen nach, Vater und Tochter, Mutter mit Sohn. Es war ihm nie gelungen, eine Vorstellung von sich als Familienvater zu entwickeln: beim Vorlesen von Geschichten am Bettrand, der Kontrolle von Hausaufgaben, der Planung eines Kindergeburtstags. Da war etwas in der Muskellosigkeit von Familienv�tern, das ihm vorkam wie eine rote Clownnase oder eine Sch�rze mit <emphasis>Papa ist der Beste</emphasis>-Aufschrift. Wie ein Spritzer Ketchup auf der Brille.</p><p>Schwachsinn! hatte Konstanze dazu gesagt.</p><p>�Vor Monaten, ja. Vor einer im Vergleich zu den zehn Jahren davor relativ kurzen Zeit. Und vielleicht ist mir die Tatsache in ihrer Endg�ltigkeit erst heute so richtig zu Bewusstsein gekommen. Oder vielleicht wird sie mir erst in den n�chsten Tagen und Wochen so richtig zu Bewusstsein kommen, wer wei�.�</p><p>�Soll das eine Warnung sein?�</p><p>�Ich hab keine Lust, dir was vorzuspielen. Der Optimismus, den du von mir verlangst, ist gerade nicht verf�gbar. �Er stellte sich auch ehelichen Sex �de vor: M�de, missionarisch, monatlich. Beim Stichwort Familie nahm er alle Stereotype f�r bare M�nze, auch wenn zum Beispiel Kamphaus alles andere als ein Weichei war.</p><p>�Was mich �rgert, ist alleine deine Weigerung, dir helfen zu lassen � wie oft ich schon versucht habe, dir das zu erkl�ren. Ich kenne deine Theorie vom weiblichen Helfersyndrom, du hast einige Theorien, die mit deiner Intelligenz eigentlich unvereinbar sind, aber vielleicht hast du in diesem Fall sogar Recht: Ja, es verletzt mich, dass deine berufliche Krise zu unserer Beziehungskrise wird ��� sein scharfes Einatmen bei diesem Wort �berging sie einfach �,�ohne dass du auch nur die M�glichkeit in Betracht ziehst, wir k�nnten das gemeinsam meistern. Ich durfte einen Monat lang dein schiefes Gesicht ertragen, bevor ich auch nur in Kenntnis gesetzt wurde, dass dein Vertrag nicht verl�ngert wird. Wenn ich Vorschl�ge mache, die deine Zukunft betreffen, also konstruktive Vorschl�ge, setzt du eine Miene auf, von der ich nur hoffen kann, dass deine Studenten ihr im Seminarraum nie begegnet sind.�</p><p>�Ich habe mich f�r die versp�tete ��</p><p>�Entschuldigt, ja. Aber mit deinen Entschuldigungen k�nnte ich mittlerweile mein Bad kacheln. Ich bin als Kind mal zu meiner Mutter gegangen und habe gesagt: Mama, ich entschuldige mich f�r die n�chsten zehn schlimmen Sachen, die ich tun werde. Ich konnte damals nicht verstehen, dass sie das nicht angenommen hat. Es war doch ein aufrichtiges und obendrein gro�herziges Angebot.�</p><p>�Du sprichst in R�tseln.�</p><p>�Ich spreche in Gro�buchstaben.�</p><p>Sein Telefon kam ihm vor wie ein aufgedrehtes �berdruckventil. Er bereute seinen Anruf nicht, w�nschte aber, ihn zu beenden. In der Tat hatte er Konstanzes Hilfe nicht in Anspruch genommen, nicht aus Stolz oder falsch verstandener M�nnlichkeit, sondern weil ihre Hilfsbereitschaft die Tatsache �berging, dass hier ein gesamter Lebensentwurf, und zwar <emphasis>sein </emphasis>gesamter Lebensentwurf, zu Bruch ging und dass das keine Kleinigkeit war, der sich mit ein bisschen Zuversicht und positivem Denken beikommen lie�. Sie verstand diese Identifikation mit einem Beruf nicht, Konstanze kannte nur Jobs. Du kannst ebenso gut was anderes machen, hatte sie zu ihm gesagt, und das war der Punkt, an dem sich ihre gedanklichen Wege trennten und von wo sie nicht mehr zueinander zur�ckfanden: Er konnte nicht <emphasis>ebenso gut </emphasis>was anderes machen. Er w�rde etwas anderes machen m�ssen, aber er w�rde au�erdem bis ans Ende seiner Tage damit zu leben haben, dass seine Berufswahl � die weder Karrieresucht noch Bequemlichkeit, noch Zufall, sondern die Leidenschaft f�r eine Sache bestimmt hatte � fehlgeschlagen und er kein Historiker mehr war, nicht mehr im Vollsinn des Wortes. Das wurmte ihn, verdammt noch mal, und w�rde ihn noch l�nger als ein paar Monate wurmen, und jede Hilfsbereitschaft, die von der Pr�misse Arbeit ist gleich Arbeit ausging, war keine Hilfe, sondern die unausgesprochene Forderung, die letzten zehn Jahre der Hingabe an seinen Beruf zu entwerten, indem er ihn an den Nagel h�ngte wie einen abgetragenen Mantel.</p><p>Was er selbst nicht verstand, war der Drang, zusammen mit dem Beruf auch alles andere an den Nagel zu h�ngen, das ganze abgetragene Leben � nicht im biologischen, sondern im biographischen Sinn. Au�erdem bekam er allm�hlich Lust, selbst laut zu werden, aber stattdessen nahm er einen langen Schluck Bier, stie� auf am H�rer vorbei und fingerte mit der freien Hand die n�chste Zigarette aus der Packung. Er wollte kein Schauspiel abgeben auf dem n�chtlichen Parkplatz. Die Jahre in Berlin hatten seine angeborene Abneigung gegen alles Freakige nur noch verst�rkt, gegen Selbstgespr�che in der S-Bahn oder Ausf�lligkeiten im Park, gegen die Normalit�t st�dtischen Wahnsinns, egal ob echt oder inszeniert.</p><p>�H�rt sich alles sehr bekannt an�, sagte er nur.</p><p>�In der Tat.�</p><p>�Belassen wir�s dabei f�r heute.�</p><p>�Gute Fahrt. �Sie legte als Erste auf.</p><p>Weidmann rauchte die Zigarette zu Ende und setzte sich ins Auto. Das Covergirl glotzte ihn aus grell geschminkten Augen an, der Mund schl�sselreizf�rmig ge�ffnet, zwei H�nde mit falschen Fingern�geln pressten die Br�ste ins Bild. Er drehte es aufs Gesicht und sah nach drau�en: Ein Rasthof kurz vor Magdeburg, noch ungef�hr vier Stunden Fahrt lagen vor ihm, aber er wollte seine Mutter nicht um zwei rausklingeln, wenn sie so fr�h aufstehen musste � sie w�rde beginnen, sein Zimmer herzurichten und dann vor Aufregung nicht mehr einschlafen �, und mit einem weiteren Bier intus wollte er vorerst auch nicht zur�ck auf die Autobahn. Noch immer f�hlte er die Verspannung in Waden und Schultern. Eine Verh�rtung im Nacken. Also schlafen, falls es ging, zwei oder drei Stunden, und dann so weiterfahren, dass er p�nktlich zur Aufstellung auf dem Marktplatz in Bergenstadt ankam.</p><p>Weidmann stellte die leere Bierdose auf den Boden vor dem Beifahrersitz, lie� die Lehne des Fahrersitzes nach hinten und schloss die Augen. Sein Stei� schmerzte. F�nfzehn oder zwanzig Kilometer Fu�marsch lagen morgen vor ihm, darunter der Aufstieg zum Kleiberg. Zum Grenzgang vor sieben Jahren hatte er Konstanze mitgenommen nach Bergenstadt, das fiel ihm erst jetzt ein.</p><p>�Komm bitte hierher, Lucy�, h�rte er drau�en den Vater rufen. Lucy � dazu wollte ihm ein Song einfallen, aber stattdessen h�rte er den Schritten und Stimmen nach, die sein Auto passierten. Die Mutter hie� Anne, erfuhr er aus der Er�rterung eines m�glichen Fahrerwechsels. Der Vater dem Tonfall nach in leitender Position besch�ftigt. Wenn Weidmann die Augen aufschlug, sah er Scheinwerferlichter �ber den oberen Rand seiner Frontscheibe streichen. Mit wohltuender Entschlossenheit breitete M�digkeit sich in ihm aus, befahl das Ende der Gedanken, ordnete Schlaf an. Keine Widerrede. Nebenan klappten Autot�ren.</p><p>Der Stein, dachte er, aber da begann die Lehne unter ihm bereits nachzugeben. Anne, Lucy und die anderen fuhren ab. Man w�rde seinen Namen tuscheln im Institut, mehr nicht. Es gab keine Zeugen. Und er feierte Grenzgang. Der Stein �, aber wie es weiterging, wusste er selbst nicht. Irgendwie eben. So oder anders.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Die Wespen kommen. Zuerst ist es nur eine gewesen, die hinter der Glasscheibe der Verkaufstheke auf dem Streuselkuchen gesessen hat, dann sind es im Laufe des Nachmittags immer mehr geworden, und jetzt am fr�hen Montagabend, als sie sich an das Aufr�umen der Reste macht, z�hlt Anni Schuhmann f�nf, die �ber den liegengebliebenen Teilchen und Kuchenst�cken summen, die R�nder der Bleche bearbeiten, auf der Theke nach Guss- und Zuckerkr�meln suchen. Eine krabbelt vorwitzig auf der Schneide des langen Kuchenmessers hin und her. Es wird Sommer in Bergenstadt, mit einem Mal, wieder mal. Anni sieht auf die Uhr: Viertel vor sechs ist es.</p><p>Feierabendlicht ergie�t sich von Westen her �ber den Ort. Gegen�ber hat die Schattenlinie den unteren Rand der Fenster von Bambergers Kanzlei erreicht, hinter deren Lamellen sie manchmal sein Gesicht auftauchen sieht und sein Winken erwidert. Darunter liegt die Bachstra�e im weichen Schatten des anbrechenden Maiabends. Mohrherr f�hrt sein Taxi in den Hof. Anni Schuhmann wischt ein paar Kuchenkr�mel in die hohle Hand und l�sst sie in den M�lleimer rieseln. F�hrt mit einem feuchten Lappen �ber die Theke, h�lt inne und kneift sich mit zwei Fingern in die schmerzende Wade. Hinter dem Durchgang zur alten Backstube steht ein Stuhl, und manchmal sitzt sie dort f�r eine Weile im Halbdunkel und horcht die Stille des Treppenhauses hinauf, bis die Glocke �ber der Ladent�r sie zur�ck an die Theke ruft. Jetzt aber, obwohl h�ftabw�rts ihr K�rper immer dringlicher den Wunsch signalisiert, sie m�ge sich hinsetzen, h�lt das Licht sie im Laden fest. Etwas � sie legt den Lappen beiseite und wischt sich die H�nde an der Sch�rze ab, etwas � nichts Gl�nzendes, kein Strahlen, aber eine Art L�cheln liegt in diesem Licht. Vor wenigen Tagen sind die letzten gro�en Fr�hjahrsregen heruntergekommen, gestern sah der Himmel aus wie ein aufgew�hltes Meer, und heute scheint die Sonne und macht der Stadt ihre Versprechungen: lange Tage, laue Abende, den Geruch von Kartoffelbrott und Geselligkeit, den prall gef�llten Sommer vor Grenzgang.</p><p>� Grenzgang � sie nickt. Das ist es wohl, worauf ihre Gedanken hinauswollten.</p><p>Anni geht zur Ladent�r und stellt sich in den offenen Eingang, blickt die Bachstra�e hinauf und �ber die Rheinstra�e hinweg auf den schmalen Ausschnitt des Marktplatzes, den sie von hier aus sehen kann: das Kopfsteinpflaster und den Rand des Brunnens, den Eingang der Schlossapotheke. Auch da ist dieses Licht und spielt in den Bl�ttern der Linden. Wenn sie die Augen schlie�t, h�rt sie von weit weg die Musik des Spielmannszugs, das Getrappel der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster, das Peitschenknallen, die gespannte, feierliche, summende Stille �ber tausend K�pfen und das Flappen der Fahnen in der Morgenluft. Leise Ger�usche, die langsam n�her kommen: Ein Anschwellen in der Luft, ein Vibrieren des Bodens, und im n�chsten Moment wird daraus ein Wirbel, der sie zur�ckzieht durch die Jahre, die sich wie Bl�tter von Herbstb�umen l�sen und an ihr vor�berfliegen �</p><p>Aber bevor der Wirbel sie ergreift, �ffnet sie die Augen und blinzelt in den Abend. Hinter Bambergers B�rofenster ist eine Bewegung, die sie nur erahnen kann hinter dem Anprall von Licht auf der Scheibe, w�hrend schr�g gegen�ber Mohrherr aus seiner Hofeinfahrt tritt, sich die Hosentr�ger stramm zieht und ihren Gru� entgegennimmt mit einem forschen Nicken.</p><p>��s wead werra Somma�, ruft sie hin�ber, im Windschatten eines vorbeifahrenden Wagens.</p><p>��s wead oach Zeid. �Der grantelnde Tonfall Bergenst�dter Herzlichkeit, der noch einmal Gnade vor Recht ergehen l�sst. Mohrherr steht zufrieden auf dem B�rgersteig und h�lt Ausschau nach bekannten Gesichtern. F�hrt mit beiden Daumen die Hosentr�ger rauf und runter. Steht da, denkt Anni Schuhmann, wie ein K�nig, der gerade nicht wei�, wo sein Volk hin ist. Mit der Hand wischt er sich �ber seinen kahlen Sch�del und beendet die Audienz.</p><p>Anni geht langsam zur�ck in den Laden und tauscht ihre Sch�rze mit dem alten, kaum noch lesbaren Schuhmann-Schriftzug gegen das, was sie ihren Fummel nennt: ein rotes kurzes Teil mit gelben Lettern, die vorgeschriebene Uniform f�r den Verkauf von Scharnwebers Massenware. Kopfsch�ttelnd schl�pft sie hinein und wackelt mit der H�fte, so als probierte sie vor dem Spiegel ein ihrem Alter nicht ganz angemessenes Kleidungsst�ck. Ein Mal hat Scharnweber sie eigens wegen der Sch�rze angerufen, hat an den Pachtvertrag erinnert und �ber das einheitliche Erscheinungsbild seines Unternehmens und den damit verbundenen Wiedererkennungseffekt doziert, und seitdem erwartet sie den roten Lieferwagen mit den gelben Lettern in diesem rot-gelb-kurzen Fummel, morgens um sechs und abends um sechs, auf dass Scharnwebers Handlanger dem Br�tchen-Paten berichten k�nnen, dass die Einheitlichkeit des Erscheinungsbildes auch in der widerspenstigen Schuhmann-Filiale gewahrt wird.</p><p>Heinrich hat den Pudding f�r die Plunderteilchen noch eigenh�ndig auf dem Herd anger�hrt � sie �rgert sich immer noch, nie den Schneid besessen zu haben, Scharnweber das ins Gesicht zu sagen.</p><p>Als sie wieder nach drau�en blickt, kommt Lars Benner die Bachstra�e herunter, die Computertasche mit dem Schriftzug des <emphasis>Boten </emphasis>schr�g �ber Schulter und Oberk�rper gehangen, so wie Kindergartenkinder ihre Fr�hst�ckstaschen tragen. Wie immer bleibt er vor dem Schaufenster der Videothek stehen und sieht auf die Uhr, als w�rde er jeden Tag neu �berlegen: Erst B�ckerei oder erst Videothek, dann �berquert er die Stra�e und verschwindet f�r ein paar Sekunden aus ihrem Blickfeld, aber anhand von Mohrherrs Kopfbewegung im Fenster gegen�ber kann sie seinem Gang folgen, und als er durch die Ladent�r tritt, hat sie die rote Papiert�te mit den gelben Lettern schon in der Hand und zwei Vollkornbr�tchen und eine Nussecke hineingesteckt.</p><p>�Tach, Frau Schuhmann. �Das sagt er immer so, obwohl sie einander duzen.</p><p>�Tag, Lars. Wie immer, gell?�</p><p>�Wie immer. Und wenn�s noch Kaffee gibt ��</p><p>Sie stellt ihm die Tasse auf die Theke und muss l�cheln �ber die Art, wie er seine Brille abnimmt und mit dem Bund des Pullovers putzt, die Augen zusammengekniffen, genauso wie er es schon als Kind getan hat. Noch immer dasselbe sommersprossige Jungengesicht, strohblonde Haare und dieses Gebaren eines Halbw�chsigen, als wollte ihm trotz seiner zweiunddrei�ig Jahre das Erwachsensein nicht gelingen. Etwa alle zwei Monate erz�hlt sie ihm die Geschichte, wie er einmal in Shorts und Kniestr�mpfen in die B�ckerei gekommen ist und �eine halbe Nussecke bitte, aber die gr��ere H�lfte� verlangt hat.</p><p>�Was gibt�s Neues in Bergenstadt?�, fragt sie.</p><p>�Neues? Hier�? Er kugelt die Augen und bl�st in seinen Kaffee.</p><p>�So kurz vor Grenzgang.�</p><p>�Grenzgang ��</p><p>�Ich seh dir doch an, dass es was Neues gibt. �Sie spricht Hochdeutsch mit ihm oder jedenfalls das, was in Bergenstadt als Hochdeutsch gilt � seit der letzten Sitzung des Geschichtsvereins wei� sie, dass der �rtliche Zungenschlag genau genommen auf einem reduzierten Alphabet basiert, einer Abneigung gegen t, p und k etwa und einer Vorliebe f�r d, b und g. Und seit sie es wei�, h�rt sie es auch. Jemand von der Marburger Universit�t hat einen Vortrag gehalten �ber die Mundarten der Umgebung und dabei ein Wort benutzt, das Anni Schuhmann seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: Binnenhochdeutsche Konsonantenschw�chung. Es klingt, findet sie, wie eine Alterserscheinung, kommt aber auch bei jungen Leute vor, und davon abgesehen ber�hrt es sie seltsam, dass die Art, wie man in Bergenstadt eben spricht, auf einer Schw�chung beruhen soll. Von was denn?</p><p>Im �brigen sieht sie Lars Benner nicht an, dass es was Neues gibt, sondern redet nur so mit ihm wie immer.</p><p>�Bergenstadt bleibt Bergenstadt, aber�s singt und lacht nur alle sie�m Jahre�, sagt der.</p><p>�Gell. Das ist ja das Einzigartige. �Und nicht etwa das Einsichaadige. Noch einmal wischt sie mit dem Lappen �ber die l�ngst saubere Theke. Die letzte Stunde vor Ladenschluss geht langsam vor�ber, so als w�rde die Zeit versinken in diesem honigfarbenen Abendlicht.</p><p>�Erst mal abwarten, wem sie die gro�en �mter zuschanzen.�</p><p>�Haben denn noch nicht alle gew�hlt jetzt?�</p><p>Er l�sst sich Zeit, r�hrt noch einmal in seinem Kaffee und schaut in seine Tasse wie Mohrherr dr�ben in den fr�hen Abend.</p><p>�Bei manchen fehlt noch der dritte oder vierte oder sonst wer im Vorstand. Wie immer: Alle woll�n den hier ��Mit der Rechten kippt er sich ein unsichtbares Bierglas in den Mund.�Aber die Arbeit will keiner machen.�</p><p>�Und du?�</p><p>�Schriftf�hrer, wie letztes Mal. Un die Webseite mach ich angeblich mit jemandem zusammen. Mehr geht nich. Mein Tag hat auch nur f�m�zwanzich Stunden. �Er klopft auf seine Computertasche und verzieht den Mund zu einem Schmollen, genau wie damals, als Heinrich ihn gefragt hat, ob er denn auch bereit sei, die gr��ere H�lfte von einer Mark f�r seine Nussecke zu bezahlen.</p><p>Statt ihm wie fr�her mit der Hand durch die Haare zu fahren, nimmt sie die Messer aus dem wassergef�llten Einsatz in der Theke und legt sie hinter sich in die Sp�le. Eine der Wespen klebt tot am h�lzernen Griff des Brotmessers. Aus dem Stechen in ihrer H�fte wird ein taubes Gef�hl. Sie will Lars Benner gerade nach einem Artikel fragen, den sie am Morgen im <emphasis>Boten </emphasis>gelesen hat, da erklingt hinter ihrem R�cken die Glocke �ber der Ladent�r, und als sie sich umdreht, steht ihr Neffe vor der Theke und l�chelt ihr zu.</p><p>�Ach, schau an!�, ruft sie.�So eine �berraschung!�</p><p>Mit leisen Schritten ist er hereingekommen und sagt zur Begr��ung:</p><p>�Gut siehst du aus, Tantchen.�</p><p>Tats�chlich bringt sein Blick sie dazu, einen Moment lang verlegen an dieser l�cherlichen Sch�rze zu zupfen, als sie um die Theke herumgeht und sich auf die Zehenspitzen stellen muss, um ihn auf die Wange zu k�ssen.</p><p>�Tach, Herr Weidmann�, sagt Lars Benner.</p><p>Und er riecht gut; riecht so, wie er ist: eher weltm�nnisch als bergenst�dtisch.</p><p>�Geht�s dir gut, mein Lieber? Trinkst du einen Kaffee?�</p><p>Thomas dreht den Autoschl�ssel in der Hand, wendet den Kopf kurz nach links, aber Lars Benner scheint er kaum zu bemerken. Trotz der W�rme drau�en tr�gt er ein Sakko �berm Hemd und nickt dieses stille L�cheln in ihre Richtung. In Bergenstadt gibt es Leute, die ihren Neffen f�r einen halten, der sich f�r was Besseres h�lt. Ihr gegen�ber sagt es keiner, aber sie wei� es trotzdem und stellt mit einem protestierenden Kopfsch�tteln Tasse und Milchk�nnchen vor ihn auf die Theke. Verschlossen ist er. Sieht einem manchmal nicht in die Augen beim Sprechen, so als w�rde er kaum hinh�ren, h�lt nur den Kaffeel�ffel in seinen schlanken, immer gut gepflegten H�nden und � doch, denkt sie, verschlossen schon.</p><p>Sein Schweigen ist ihr ein wenig unheimlich, darum sagt sie, was sie sowieso gerade Lars Benner hat fragen wollen:</p><p>�Im <emphasis>Boode </emphasis>hon �ich gelese � hab ich heute gelesen, dass sogar aus Australien welche kommen zum Grenzgang. Hat dein Vater geschrieben, Lars, den Artikel. Die Greimanns, da gab�s fr�her die W�scherei am Marktplatz, und jetzt hei�en sie � Gr�ym�n oder so �hnlich und wohnen in Australien, also einer von ihnen, und der kommt mit der ganzen Familie rauf zum Grenzgang. Woher wei� dein Vater so was eigentlich?�</p><p>�Wird er recherchiert ha�m. Wer kommt von wo, also von weider weg, und hat wann in Bergenstadt gewohnd. Soll�ne Serie werden, immer montachs.�</p><p>�Von der W�scherei stand nichts drin. Nur dass neunzehneinundsiebzig ein Greimann zweiter F�hrer beim Gartenberg war, aber <emphasis>der </emphasis>ist nicht nach Australien gegangen, ganz bestimmt nicht, der hat im Kirchenchor gesungen. Das muss sein Sohn gewesen sein. Und ist doch komisch, wenn man pl�tzlich anders hei�t, oder? Ich meine, au�er wenn man heiratet nat�rlich. Ja, noch Kaffee?�</p><p>�Du hattest mir noch gar nichts eingeschenkt�, sagt Thomas.</p><p>�Ich hatte dir � Junge, und du sitzt vor deiner leeren Tasse und sagst nichts. Entschuldige!�Hastig schenkt sie ihm ein und vergewissert sich noch einmal, dass die Brot- und Kuchenmesser alle sauber sind und an ihrem Platz liegen. Das wird immer schlimmer mit dem Vergessen und l�sst sich immer schlechter verbergen � vor zwei Wochen ist das Licht im Laden an geblieben, bis abends um zehn Taxi-Mohrherr anrief und fragte, ob Scharnweber neuerdings Nachtbeleuchtung angeordnet habe. Sie nimmt das Wassergef�� aus seinem Einsatz und beginnt es unter der Sp�le abzuwaschen. Von drei Kunden ist sie am n�chsten Tag drauf angesprochen worden. Und wer wei�, wie viele es sonst noch bemerkt haben.</p><p>�N�chsde Woche geht�s mit de�n los, die nach Ami-Land gegangen sin�, sagt Lars Benner.�Sin auch ne ganse Menge.�</p><p>�Nach Amerika? Aus Bergenstadt?�Sie spricht �ber die Schulter, mit einem pl�tzlichen Gef�hl von M�digkeit, das ihr den R�cken hinaufkriecht und die Schultern steif macht und sie zwingt, die Hand mit dem Lappen am Rand der Sp�le abzusetzen.</p><p>�Vor Ewichkeiten halt.�</p><p>Sie dreht sich herum und wartet darauf, dass der Schmerz zwischen den Schultern wieder verschwindet. Taubheit, Steifheit, Stechen � immer beginnt es in der H�fte und breitet sich von da in alle Richtungen aus, je l�nger der Tag wird.</p><p>�Ja�, sagt sie zu ihrem Neffen.�Soll ich dir denn dann was mitgeben f�r morgen? Der Streuselkuchen h�lt sich doch.�</p><p>�Soll ich dir den Stuhl von hinten holen?�</p><p>�Nein, nein, nein. Und was ist mit Brot? Willst du Brot?�</p><p>�Danke, Tantchen, ich bin mit allem versorgt.�</p><p>Eben nicht, denkt sie, atmet h�rbar ein und aus und h�lt ihm trotzdem einen halben Laib Mehrkornbrot hin. Von wem denn bitte sch�n versorgt?</p><p>Drau�en sind die Schatten ein St�ck nach oben gewandert, und Mohrherr hat sich aus seinem Fenster zur�ckgezogen. Nachbarn gr��en im Vorbeigehen. Fr�her hat sie um diese Zeit mit Heinrich zusammen in der Ladent�r gestanden und mit Bekannten geredet, die die Bachstra�e hinauf- oder hinuntergingen. In dieser halben Stunde vor Ladenschluss, wenn kaum noch Kundschaft kam und Heinrich den Rat seines Hausarztes ignorierte und eine Feierabendzigarette rauchte. Das Licht erinnert sie daran. In den Jahren seit seinem Tod hat sie nicht aufgeh�rt, mit ihm zu sprechen, abends vor dem Einschlafen oder wenn keine Kunden im Laden sind. Liest ihm sogar aus der Zeitung vor. Berichtet ihm von den Wahlen und Vorbereitungen, von den Schmerzen in ihrer H�fte und dass sie nicht wei�, ob sie im August alle drei Tage schaffen wird � Mit einem Ruck rei�t sie sich aus ihren Gedanken. Bambergers Wagen steht nicht mehr in der Einfahrt. Stattdessen wird bald einer von Scharnwebers vielen Kastenwagen vorfahren, die Heinrich schon vor zehn Jahren Leichenwagen genannt hat, als ob er genau gewusst h�tte, was kommen wird. Die Uhr an der Wand zeigt f�nf vor sechs.</p><p>�So�, sagt sie in Lars Benners Richtung.�Dann schlie� ich gleich mal ab hier. �Ein ganzes Blech voll Streuselkuchen, Bienenstich, Puddingplunder und Zupfkuchen steht auf der Ablage vor der Theke. Montags kaufen die Leute Brot, keinen Kuchen. Von dem ungef�llten Bienenstich schneidet sie zwei St�cke ab, steckt sie in eine T�te und legt sie neben Thomas� Kaffeetasse auf die Theke.</p><p>�Ich bin schlie�lich deine Tante�, sagt sie streng.</p><p>Er nickt durch seine randlose Brille, und in Annis Kopf formt sich die alte, hundert Mal gestellte Frage: Wie kann es nur sein, dass ein solcher Mann �? Einer, der so freundlich ist und studiert hat und einen gut bezahlten Beruf mit Ferien und Pensionsanspruch. Eigentlich gar nicht vorstellbar.</p><p>�Setz dich doch ein paar Minuten hin�, sagt Thomas.</p><p>�Du bist bestimmt viel zu besch�ftigt, um einzukaufen�, murmelt sie. Damals Konstanze und seitdem � sie h�lt die Ohren offen, aber da sind nicht mal Ger�chte. Wie oft in den letzten Jahren hat sie die Gespr�che mit ihren Kundinnen in die entsprechende Richtung gelenkt, aber herausgekommen ist dabei nichts. Niemand wei� was. Dabei hat er an der Schule Kolleginnen, und die k�nnen doch nicht schon alle vergeben sein. An Konstanze erinnert sie sich dunkel, die war einmal beim Grenzgang dabei, eine nette Frau, ein bisschen resolut, so wie Frauen aus der Stadt eben sind. Trauert man so einer ein ganzes Leben lang nach?</p><p>�Tante Anni?�Mit dem Stuhl in der Hand steht er neben ihr.</p><p>�Dos w�r wegglich nedd ��Sie will ihn abwehren, aber seine Hand legt sich auf ihre Schulter, sanft und bestimmt � und bestimmt sieht er ihr an, woran sie denkt.</p><p>�Ich helf dir mit den Sachen, wenn der Wagen kommt.�</p><p>�Der kann jeden Moment da sein.�</p><p>Mit einem Nicken stellt er den Stuhl ab. Zu gern w�rde sie ihn fragen, wie das alles gekommen ist damals. Pl�tzlich war er zur�ck in Bergenstadt und hat angefangen am Gymnasium zu unterrichten. Niemand konnte das verstehen, auch Ingrid nicht. Anni, �s ess m�ijen Jongen, awwer �ich ho oach k� Ahnunk, wos innem verg�dd. Und seitdem keine Frau, jedenfalls wurde ihr keine vorgestellt. Sieben Jahre lang!</p><p>Vielleicht ist es ein R�tsel ohne L�sung, aber niemand soll ihr vorwerfen, nicht nach der L�sung gesucht zu haben. Tapfer hat sie alle M�glichkeiten erwogen, darunter auch solche, die zu erw�gen ihr nicht leichtgefallen ist. Gebetet hat sie vor dem Schlafengehen, sie m�ge sich t�uschen mit den heikleren unter ihren Gedanken.</p><p>�Dann will ich mal�, sagt Lars Benner und legt zwei Euro auf die Theke.</p><p>�Gr�� deine Eltern�, sagt sie.�Sag deinem Vater, das war ein sehr sch�ner Artikel.�</p><p>�Und sag ihm, Brisbane schreibt man mit �e� am Ende.�</p><p>�Thomas!�Sie sch�ttelt den Kopf wie �ber die vorlaute Bemerkung eines Kindes und sp�ht nach drau�en, aber der B�rgersteig ist leer. Scharnwebers Lieferwagen scheint sich zu versp�ten.</p><p>Geholfen hat ihr niemand. Waschweibergedanken, war alles, was Heinrich eingefallen ist zu ihren zaghaften Versuchen, das Unaussprechliche zu sagen, ohne es auszusprechen. Also auf Umwegen: die Gepflegtheit seiner H�nde, zum Beispiel. Das Rasierwasser und die randlose Brille. Nat�rlich gef�llt das Frauen, aber das ist genau der Punkt, von dem ihre Gedanken ausgegangen sind: Er hat eben keine.</p><p>�Sa�ng Sie mir noch eins, Herr Weidmann: Ihre Klasse is doch die 10b, richdich?�Lars Benner hat sich in der offenen T�r noch einmal umgedreht und blickt in Richtung ihres Neffen.</p><p>�Unter anderem auch die. �Thomas sortiert Teilchen und dreht sich nicht um beim Sprechen. Oh, sie hat sich Ingrid gegen�ber nie auch nur zur leisesten Andeutung hinrei�en lassen, sondern den Gedanken erwogen mit aller ihr zur Gebote stehenden N�chternheit: Die Welt ver�ndert sich, dergleichen kommt vor. Ger�chten zufolge ist es gegenw�rtig in Bergenstadt drei Mal � vork�mmlich. Sie will keine Namen denken und beteiligt sich auch nicht an der Weitergabe solcher Ger�chte, aber ebenso wenig kann sie ihren Kunden das Reden verbieten. Sie ist Gesch�ftsfrau und tr�gt Verantwortung. Dann hat Anni die Liste entdeckt, ist dankbar f�r die Ablenkung und konzentriert sich auf das Gef�hl, dass es vom Nachmittag noch eine Bestellung gibt, die sie vergessen hat zu notieren.</p><p>�Drei Baguettes f�r Schneider�, murmelt sie, aber die stehen schon drauf.</p><p>�Da h�rt ma ja allerhand neuerdings�, sagt Lars Benner.�Ich mein, da soll ja einiges vorgefall�n sein.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Dass j�ngere Sch�ler � so�ne Art Schutzgeldgeschichte.�</p><p>Kurz sieht sie auf und begegnet dem Blick ihres Neffen: Unsinn, sagt der l�chelnd. Da hat wohl jemand zu viel Phantasie. Woraufhin Anni gest�ndig nickt und sich erinnert, was Heinrich immer gesagt hat: Hirngespinste einer alten Frau. Niemand k�nnte dar�ber gl�cklicher sein als sie selbst. Aber in Wirklichkeit sagt er:</p><p>�Lieber Lars, warum sollte dich das interessieren?�</p><p>�Wenn an unsam Gymnasium Schutzgeld erpresst wird, interessiert das, glaub ich, ganz Bergenstadt. Da w�rden Leute dann zu Recht erward�n, dass was inner Zeitung steht. �Lars� Finger weist durchs Schaufenster hinaus auf die andere Stra�enseite.�Der Sohn von unserem Staranwalt, h�rt ma, soll ja auch dabei gewes�n sein.�</p><p>�Daniel Bamberger?�Anni Schuhmann h�lt sich vor �berraschung eine Hand vor den Mund, beruhigt sich aber schnell wieder. Bamberger ist nat�rlich keiner der Namen, die ihr zu Ohren gekommen sind. J�rgen Bamberger ist diesbez�glich �ber jeden Verdacht erhaben, denn nicht nur hat er einen Sohn, nein, er war es auch, der damals Lars Benner seine Andrea weggenommen hat. Aber die beiden M�nner in ihrem Laden stehen einander pl�tzlich seltsam feindselig gegen�ber, auch wenn ihr Neffe weiterhin mehr �ber die Schulter spricht und nach jedem Satz einmal zu ihr hinsieht, als wollte er ihr signalisieren: Unfug, das alles. Mach dir um mich keine Sorgen.</p><p>�H�r zu�, sagt Thomas jetzt, und Anni kann sich vorstellen, wie er vor der Klasse steht und mit dieser ruhigen, festen Stimme � Im Grunde ist ja diese m�nnliche Stimme Beweis genug, und sie k�nnte aufh�ren, sich solche schlimmen Gedanken zu machen, die am Ende doch nur dazu f�hren, dass sie vor dem Schlafengehen einen Wacholder trinken muss. Und manchmal noch einen f�r Heinrich. Wie bestimmt er das jetzt sagt:�Genau wie an jeder anderen Schule gibt�s auch an unserer manchmal Streit zwischen Sch�lern. Manchmal haben j�ngere Sch�ler Probleme mit �lteren � dann gibt es Lehrer, die sich darum k�mmern. In manchen F�llen die Schulleitung. Aber wenn du glaubst, du k�nntest so eine Geschichte benutzen, um dich�� Thomas� Finger weist nach drau�en so wie vorher der von Lars ��an unserem �Staranwalt� zu r�chen, dann hast du etwas abenteuerliche Vorstellungen von deinem Beruf. Bleib lieber bei deinen Sch�tzenvereinen und Goldenen Hochzeiten.�</p><p>�Gab�s Erpressungen, ja oder nein?�</p><p>�Nein, gab es nicht.�</p><p>�Is doch ne klare Aussage. Tsch�ss, Anni.�</p><p>�Tsch�ss, Lars. Gr�� deine Eltern, ja?�</p><p>�Wird gemacht. �Dann ist er aus der T�r, und eine halbe Stunde sp�ter ist auch ihr Neffe gegangen, und Anni schlie�t den Laden ab. Wie immer hat er die Einladung zu einer Tasse Kaffee oben im Wohnzimmer abgelehnt. Sie tupft sich mit den Handr�cken gegen die Augen, w�hrend sie durch den winzigen Flur zwischen Laden und alter Backstube geht. H�tte sie ihn fragen sollen? Ist es denkbar, dass er ihr so etwas antun w�rde? Im Treppenhaus h�ngen gerahmte Bilder an den W�nden; Anni hat es so eingerichtet, dass unten die �ltesten Aufnahmen h�ngen: Familienfotos von vor ihrer Geburt, sie und Ingrid in ihren Sonntagskleidern, dann bei der Konfirmation in der Stadtkirche. Und so geht es die Treppe hinauf: Hochzeit, Heinrich bei der Entgegennahme des Meisterbriefes (f�llt kaum auf, dass es sich in beiden F�llen um denselben Anzug handelt), Aufnahmen der Neffen und Nichten. Thomas Weidmann mit Schult�te. Mit zu langen Haaren. Schlie�lich mit Doktorurkunde und widerwilligem Gesichtsausdruck. Und nat�rlich Grenzgangsbilder: Erst schwarz-wei�, dann farbig, die Aufstellung auf dem Marktplatz und die feiernde Menge auf den Fr�hst�ckspl�tzen. Alles ist �ppiger und gr��er geworden im Lauf der Jahre. Bilder von Heinrich im Mohrenkost�m f�llen den Flur im zweiten Stock. Eine ganze Reihe von Verwandten und Bekannten, wie sie von ihm gehuppcht werden. Lachende Gesichter mit schwarzen Backen. Nur entlang der Treppe zur Dachkammer ist noch Platz f�r die Fotos vom kommenden Grenzgang � und falls doch noch ein Wunder geschieht und ihre Gebete erh�rt werden: F�r die Bilder von Thomas� Hochzeit.</p></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><p>Sie steht in der Essdiele und wei� nicht, was sie weniger mag: die Stille im Haus oder ihr Horchen. Eine profunde Stille, ein Schweigen der W�nde, in denen nicht mal ein Heizungsrohr oder die Wasserleitung gurgelt. Drau�en sieht der Abend bereits wie Mitternacht aus. Sie hat im Wohnzimmer gesessen und in der <emphasis>Brigitte </emphasis>gebl�ttert, bis ihre Mutter hereinkam, im Bademantel, am Stock und ohne Z�hne, um Gute Nacht zu sagen.</p><p>��Gute Nacht, Mutter.</p><p>��Bitte?</p><p>��Gute Na-hacht.</p><p>��Ja. Sind die Fensterl�den alle unten?</p><p>��Alles in Ordnung.</p><p>��Kopfschmerzen sind das wieder, ich �</p><p>��Du musst dich einfach hinlegen.</p><p>Zehn Sekunden sp�ter hat sie den Kopf zur T�r gewandt und ist dem Blick ihrer Mutter begegnet und hat noch einmal Gute Nacht gesagt. Dann noch mal. Schlie�lich ist sie aufgestanden und in die K�che gegangen, ohne zu wissen, was sie dort will, und nun steht sie in der Essdiele, versucht sich zu erinnern, was sie zuletzt gelesen hat im Wohnzimmer, und wei� auch das nicht mehr. Alles weg bis auf ein Summen hinter den Schl�fen und diese unheilvolle Stille. Horcht sie darauf? Den ganzen Tag �ber hat sie versucht, einen klaren Gedanken zu fassen, und ist in diesem Moment noch ersch�pfter von der vergeblichen Anstrengung als von der Arbeit im Garten. Kein Laut kommt aus Daniels Zimmer. Sie w�scht sich in der K�che die H�nde. Den Gedanken, seinen Klassenlehrer anzurufen, hat sie verworfen oder zumindest verschoben, erst muss sie mit Daniel sprechen. Zypiklon ist auch keins im Haus. Sie �ffnet den K�hlschrank, nimmt die Flasche Sekt heraus und sieht sich im K�chenfenster stehen, gegen die Anrichte gelehnt, die Flasche in beiden H�nden. Bei Meinrichs ist alles dunkel hinter den gro�en Fenstern. Einmal ist Daniel am Nachmittag kurz auf der Terrasse aufgetaucht, sie hat ihn gesehen unten vom Beet aus, wie er eine Scheibe Brot und ein St�ck kaltes Huhn a�, in sich selbst versunken und mit einem Blick im Gesicht, der sagte: Nicht n�her als zehn Meter. Sie wei� nicht einmal, ob er sie �berhaupt bemerkt hat da unten zwischen den Str�uchern.</p><p>Auf dem Esstisch stehen die Veilchen und haben viel von ihrem Zauber eingeb��t. Anitas Anruf steht noch aus, ansonsten ist ihr Geburtstag vorbei.</p><p>Er war dabei, hat J�rgen gesagt. Da wurden j�ngere Mitsch�ler geschubst und unter Druck gesetzt, und auch ein paar Euro haben den Besitzer gewechselt. Ist das Erpressung? F�r J�rgen eindeutig ja, aber der hat es nun mal gerne, wenn die Dinge sich juristisch pr�zise benennen lassen. Ihr dagegen f�llt kein Wort ein f�r das Geschehen, also hat sie die Beete bearbeitet mit einem wahren Furor und nur manchmal innegehalten, um sich zu fragen, wie sehr die Nachricht von Andreas Schwangerschaft sie verletzt. Die Nachricht als solche wohlgemerkt, nicht etwa die Aussicht auf finanzielle Konsequenzen. Nicht allzu sehr, lautet die offizielle Antwort. Zum Gl�ck gibt es Dinge, �ber die sie sich mehr Sorgen machen muss. Aber jetzt am Abend, w�hrend andernorts vielleicht Namen erwogen und lachend wieder verworfen werden, kommt die Diele, kommt das ganze Haus ihr sch�big vor. Leer und d�mmrig.</p><p>Kerstin entfernt die Metallfolie vom Korken der Sektflasche. Unterdr�ckt ein Lachen, als ihr einf�llt, dass Anita nie Prost oder Zum Wohl sagt, sondern immer: Alkohol ist keine L�sung. Die Folie wirft sie einfach in die Sp�le. Ihre Finger sind m�de vom Fassen der Hacke, ihr R�cken vom B�cken, ihre Schultern vom Zerren an dem h�lzernen Griff. Die K�hle des Glases tut gut in den Handfl�chen, aber das ist das Einzige, was in diesem Moment guttut, und Selbstmitleid ist auch keine L�sung.</p><p>Plopp.</p><p>Herzlichen Gl�ckwunsch, denkt sie und nimmt den ersten Schluck aus der Flasche, bevor sie im Schrank nach zwei Gl�sern sucht. Trinkt sie sich hier Mut an f�r eine Unterredung mit Daniel, dem Schrecklichen? Einen Moment lang steht sie in der K�che und stellt sich vor, die offene Flasche durchs geschlossene Fenster zu schleudern, aus ihrer K�che raus und ins Meinrich�sche Badezimmer rein. Dazu den Blickkontakt mit Frau Meinrich durch zwei geborstene Fenster. Ihr Kopfsch�tteln: Erst l�sst die Frau Nachbarin ihre Hecke wuchern, und jetzt wirft sie mit <emphasis>S�hnlein Brillant</emphasis>. Hermann, kommst du mal?</p><p>Noch einmal setzt sie die Flasche an.</p><p>Es ist schwierig, die eigene Wut zu domestizieren, wenn sie so hin und her schwankt zwischen Hass und diesem anderen Gef�hl. Er hat sich kaum ver�ndert (denkt sie jedes Mal, wenn sie ihn sieht). �u�erlich nicht und auch sonst: Strahlt immer noch dieses Selbstbewusstsein aus, das sie einen winzigen Moment lang f�r ihn einnimmt, gegen ihren Willen und obwohl sie wei�, dass es sich eigentlich nur um eine Leihgabe der Umgebung handelt. Einmal hat sie zu ihm gesagt: Du passt hierher, als h�tte man den Ort f�r dich erfunden, aber in Wirklichkeit gilt das Umgekehrte. Der Ort hat ihn erfunden und zu dem gemacht, der er ist. Blo� kann sie schlecht behaupten, das nie attraktiv gefunden zu haben: seine Einfachheit und Durchschaubarkeit. Sogar diesen Anflug von Selbstverliebtheit hat sie gemocht, solange er ein Beitrag zu Ausgeglichenheit und ehelicher Harmonie war. Er verf�gt �ber diese ebenso beneidenswerte wie verabscheuungsw�rdige Begabung, stets mit sich im Reinen zu sein, notfalls ganz grundlos. Ein Mann, ein Wort, breite Schultern, ein Schwanz. Jemand, der h�lt, was er verspricht, und keinen Deut mehr.</p><p>Mit anderen Worten: Ein Arschloch, sagt sie sich jetzt. Zeugt mit einer anderen Frau ein Kind, einer j�ngeren und mit Verlaub d�mmeren, und in genauer Abstimmung auf die flankierenden Ma�nahmen des Gesetzgebers. In denen ist bestimmt von �Zumutbarkeitsgrenzen� die Rede. Oder von zu schlie�enden �Gerechtigkeitsl�cken�. Das klingt zwar b�rokratisch, stimmt aber haargenau: Knapp diesseits dieser Grenzen und in einer ebensolchen L�cke hat sie in den letzten Jahren ihr Leben gefristet. Blo� ist sie nicht davon ausgegangen, es k�nnte sich um eine Gerechtigkeitsl�cke zu ihren Gunsten handeln, denn so hat es sich nicht angef�hlt. Aushaltbar war es, mehr nicht. Es gab Zufriedenheitsl�cken, und sie ist auch schon mal an die eine oder andere Verzweiflungsgrenze gesto�en, aber im Gro�en und Ganzen war es auszuhalten. Und jetzt ist es damit bald vorbei. Kabinettsbeschluss.</p><p>Der Sekt von Frau Preiss ist k�hl und etwas zu s�� und insofern seiner K�uferin nicht un�hnlich. Kerstin sieht auf die Uhr: Will sie nicht Gefahr laufen, von Anitas Geburtstagsanruf unterbrochen zu werden, muss sie jetzt sofort mit Daniel sprechen. Die Sektgl�ser l�sst sie auf dem Tisch stehen, nimmt stattdessen zwei alte Senfgl�ser aus dem K�chenschrank und geht die Treppe runter. Bleibt noch einmal stehen, um vergebens zu horchen in diesem engen Kellerflur, der nur von einem Lichtstreifen unter Daniels T�r erleuchtet wird und von dem fahlen Schimmer, der ihr aus der Diele gefolgt ist. Keine Musik auch sonst kein Ger�usch.</p><p>Sie klopft vorsichtig mit dem Flaschenhals.</p><p>Nichts.</p><p>�Wenn du nicht Heraus sagst, komm ich mit erhobenen H�nden rein. �Ein Witz von fr�her, der fr�her einmal witzig war.</p><p>Schweigen.</p><p>Sie dr�ckt die Klinke mit dem Ellbogen, betritt den Raum mit dem R�cken zuerst und sp�rt seinen Blick schon, bevor sie sich umgedreht hat: Auf dem Bett liegt er, die Arme unter dem Kopf, die Schuhe an den F��en. Ein Gefangener in seiner Zelle. <emphasis>Buffalo </emphasis>steht auf seinem T-Shirt. Kurz streift ihr Blick sein Gesicht und irrt dann durch den nackten Raum. Er hat sich nie eingerichtet in diesem Zimmer, in dem er mit ausgestreckten Armen beinahe die Seitenw�nde ber�hren kann, hat keine Poster aufgeh�ngt und die B�cher nicht aus den Kisten ger�umt, nur sein Teleskop steht unter dem Fenster und setzt Staub an. Es kostet sie �berwindung, die T�r hinter sich zu schlie�en und die zwei Schritte bis zum Schreibtisch zu gehen, Flasche und Gl�ser abzustellen neben einem Stapel T-Shirts, den sie am Morgen reingebracht hat. Dieses Zimmer sagt: Mir geht�s nicht gut. Nur das. Es sagt nicht: Hilf mir.</p><p>�Ich geb einen aus�, sagt sie.</p><p>�Herzlichen Gl�ckwunsch. �Er ist ihr nicht gefolgt mit dem Blick, h�lt lediglich den Arm nach oben wie einen Kerzenst�nder, und sie dr�ckt ihm das Glas in die Hand.</p><p>�Z�hlt nicht.�</p><p>�Z�hlt nicht was?�</p><p>�Gratulieren ohne angucken.�</p><p>�Prost. �Er hebt den Kopf, gerade so weit, dass er sich das Glas an die Unterlippe setzen kann, schl�rft und stellt es sich auf die Brust.</p><p>Alkohol ist keine L�sung, will sie sagen, aber ihre Lippen zittern pl�tzlich.</p><p>M�bel von fr�her, furniertes Irgendwas, gr�nlich und abgeplatzt an den Kanten. Sie sagt nichts. Sie will es ihm nicht leicht machen und nicht schwer, will nur, dass er von sich aus den Mund aufmacht, und wei� gleichzeitig, dass sie ihm nicht gewachsen ist, wenn es ums Schweigen geht. Schon lange nicht mehr. Auf dem Schreibtischstuhl nimmt sie Platz, Lehne nach vorne, sieht ihren eigenen Schatten an der T�r und versucht Daniels Blick zu folgen. Da ist ein feuchter Fleck in der Zimmerecke. Hinter ihr dr�ckt die Nacht gegen das Fenster, die Schw�rze zwischen Kastanie und Garagentor.</p><p>�Wir k�nnten einen CD-Spieler kaufen�, sagt sie.�Einen tragbaren � zum Abwechseln.�</p><p>�Hab keine CDs.�</p><p>�Kaufen wir eben auch CDs. Oder brennen welche.�</p><p>Er nickt. Klackt die Spitzen seiner Turnschuhe zusammen.</p><p>�Das ist strafbar neuerdings. Raubkopierer kommen zum Vergewaltigen ins Gef�ngnis. �Reglos liegt er auf dem Bett, beinahe zu gro� f�r die Matratze und zu gro� f�r sich selbst.</p><p>�Deine Witze waren auch schon mal besser.�</p><p>�Ja � wann?�</p><p>Die Luft ist stickig vom stundenlangen einsamen Br�ten. Eine Sekunde lang kann sie J�rgen verstehen, der ihm einfach eine geknallt hat, und in der n�chsten Sekunde fragt sie sich, ob ihr Sohn vielleicht eine sadistische Art von Vergn�gen empfindet hinter dieser unbewegten Maske, an deren steinerner H�rte sich seine Mutter eine blutige Nase holt. Und ob er mit dieser Maske Tommy Endler gegen�bergetreten ist.</p><p><emphasis>Du kannst ihn nicht mehr vor allem besch�tzen. </emphasis>Oder so �hnlich.</p><p>Dabei gelingt es ihr nicht einmal, <emphasis>sich </emphasis>vor <emphasis>ihm </emphasis>zu sch�tzen. Der Sekt wird warm in ihrer Hand, und sie sp�rt einen Anflug von Sodbrennen in der Kehle. Obwohl Daniel eine Woche bei ihr und eine Woche bei J�rgen wohnt, hat sie immer in dem Glauben gelebt, dass sie beide ein Team sind, dessen Teamgeist auf der gemeinsamen Gegnerschaft zur Haink�ppel-Fraktion beruht. Aber dieses Zimmer � und das h�tte ihr schon fr�her auffallen m�ssen � spricht nicht daf�r, dass er den Rehsteig als sein Zuhause betrachtet, und wenn er das nicht tut, warum sollte er dann Teil eines Mutter-Sohn-Teams sein wollen? Purem Wunschdenken hat sie sich hingegeben all die Jahre, und nicht zum ersten Mal wundert sie sich �ber die Sicherheit, mit der sie sich in dieser blo� ertr�umten Welt bewegt. Der Kerl da auf dem Bett ist Solist durch und durch.</p><p>Sie w�rde gerne wissen, ob er von Andreas Schwangerschaft wei�, w�rde sich auch gerne einen zynischen Kommentar dazu aus seinem Mund anh�ren, aber nachfragen will sie nicht � aus einem vollkommen unangemessenen Gef�hl von Anstand heraus.</p><p>�Soll ich wieder gehen?�</p><p>Er zuckt die Schultern.</p><p>Sie leert ihr Glas und steht auf. F�hlt sich so unbehaglich, als w�ren von irgendwo zehntausend Blicke auf sie gerichtet und fragten: Was stehst du da?</p><p>�Irgendwann wirst du�s erkl�ren m�ssen�, sagt sie.�Glaubst du, dass du das kannst?�</p><p>�Man kann alles erkl�ren.�</p><p>�Ob <emphasis>du </emphasis>es kannst, war meine Frage. �Sie steht vor dem Bett und kann ihm jetzt ansehen, dass er sie absichtlich nicht ansieht. Sie folglich doch sieht, blo� nicht mit den Augen. Sch�nen Augen, als Kind schon und jetzt immer noch.</p><p>�Starr mich nicht so an�, sagt er.</p><p>�Was war in der Schule?�</p><p>��rger war in der Schule. Schei�e war in der Schule.�</p><p>�N�mlich, was f�r Schei�e?�Mit der Flasche in der Hand steht sie vor ihm, wie eine Trinkerin. Und er dreht sich auf die Seite, wendet ihr den R�cken zu.</p><p>�Dein Exmacker hat�s dir doch l�ngst erz�hlt. Was willst du noch wissen?�</p><p>Sie hat das schon oft erlebt und nie verstanden: Diesen Drang, allen Worten eine scharfe Kante zu geben, aus jedem Satz eine Waffe zu machen, mit allem zu verletzen, sich selbst, sie, alle. Ist das nur die Pubert�t oder das Resultat einer gescheiterten Ehe, eines Daseins als Verschiebemasse? Komische Vorstellung, hat er einmal zu ihr gesagt, dass es einen Vertrag gibt, in dem steht, wann ich wo lebe. Ist gar nicht lange her. Wieso komisch, hat sie zur�ckgefragt, wissend, dass es allzu offensichtlich ist und jede Frage sich er�brigt, und vielleicht hat sie ihm nur die Gelegenheit geben wollen, den n�chsten Satz so pr�zise in ihrem Herzen zu platzieren, wie nur die eigenen Kinder es k�nnen: Weil <emphasis>ich </emphasis>den Vertrag nie unterschrieben habe. Das ist ein Unterschied zwischen ihm und seinem Vater: Der zielt manchmal daneben, wenn er sie treffen will, dessen S�tze haben nicht diese giftige Spitze, der ist selbst in seiner Wut noch bergenst�dtisch beh�big. Daniel nicht: Schade, dass ich ausgerechnet ein Individuum bin, sonst h�ttet ihr mich einfach teilen k�nnen.</p><p>�Ich will es von dir h�ren.�</p><p>�Ich glaub nicht, dass du�s h�ren willst, und das trifft sich gut � ich will�s n�mlich auch nicht erz�hlen.�</p><p>Sie sp�rt genau, wie das Gespr�ch auf eine Eskalation zutreibt, weil er ebenso dicht am Rand seiner Fassung balanciert wie sie selbst, weil sein Tag keinen Deut besser gewesen ist als ihrer. Und jetzt begegnen sie sich auf diesem schmalen Grat, sie steht ihm im Weg und er ihr, jeder Satz ist ein kleiner Schubser, und so sehr sie hofft, das Telefon werde klingeln und allem ein Ende machen, so sehr ist sie entschlossen, nicht als Erste nachzugeben. Vielleicht wegen des Alkohols, vielleicht weil noch vom Mittag gen�gend Zorn in ihr schwelt, vielleicht weil dies ihr beschissener vierundvierzigster Geburtstag ist.</p><p>�Ich will es h�ren. Von dir. Jetzt.�</p><p>Langsam dreht er sich um, und sie kann sich nicht erinnern, jemals so viel Sarkasmus in seinem Gesicht gesehen zu haben.</p><p>�Knall mir doch eine, wenn dir danach ist.�</p><p>Noch erschrockener als �ber seine Worte ist sie �ber ihren Wunsch, genau das zu tun: ihm dieses freche Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen. Sie h�lt sich an der Flasche fest. Sein Blick flackert, er liegt auf dem Bett wie angeschossen, im R�cken verdreht, halb triumphierend und halb wie tot.</p><p>�Dann eben nicht. �Fest ihre Stimme, ohne Melodie. Ein spr�des St�ck Holz von einer Stimme. Sie nimmt das Glas vom Schreibtisch, und diesmal folgt ihr sein Blick vom Bett aus. Ein Baby-Blick, ein Verbrecher-Blick, als wolle er sagen: Lies es mir von den Augen ab, aber sie will nicht mehr. Langsam geht sie zur T�r; nicht so, als wartete sie auf ein Wort von ihm, nur einfach langsam. Dreht sich nicht um, weder drinnen noch drau�en, noch auf der Treppe, sondern geht in die K�che und kippt den Sekt in die Sp�le.</p><p>Die leere Flasche stellt sie neben den M�lleimer und erkl�rt ihren Geburtstag f�r beendet. Nimmt sich ein St�ck K�se aus dem K�hlschrank, um den pelzigen Geschmack auf ihrer Zunge zu bek�mpfen. Dann steht sie mit verschr�nkten Armen gegen die Anrichte gelehnt, mit einem so durchdringenden Gef�hl der Leere, dass es beinahe angenehm ist.</p><p>Neun Uhr. Zeit totschlagen ist so ein Ausdruck, den sie nie recht verstanden hat � eher ist es doch ein langsames Strangulieren, und die eigentliche Henkerskunst besteht auch nicht darin, Minuten oder Stunden rumzubringen, sondern Jahre. Nur um sich hinterher zu fragen, wo sie geblieben sind. Aber in diesem Fall stellt sich die Frage nicht, Daniels Blick war unmissverst�ndlich. Sechzehn Jahre lang hat ihre Hauptbesch�ftigung darin bestanden, ihren Sohn zu lieben, und das Ergebnis ist ziemlich ern�chternd.</p><p>Selten ist sie dem Telefon so dankbar gewesen f�r sein Klingeln. Mit Anita kann sie bestimmte Fragen zwar nicht besprechen, sie aber immerhin f�r eine Weile vergessen, w�hrend sie sich anh�rt, was ihr Freundin �ber Liebhaber, Schmuck und teure Reisen zu berichten hat.</p><p>�Werner. �Sie sagt es ein bisschen so wie in ihrem gemeinsamen Sch�tzchen-Ton von fr�her.</p><p>�Guten Abend�, antwortet eine M�nnerstimme.�Weidmann. Ich bin der Klassenlehrer Ihres Sohnes.�</p><p>�Ja. Ich meine: Guten Abend.�</p><p>�Tut mir leid, dass ich so sp�t anrufe.�</p><p>�Kein Problem. Ich bin ��verwirrt, geschockt, nicht ganz bei Sinnen und au�erdem vierundvierzig. Sie hat keine Ahnung, wie sie den Satz beenden soll, und l�sst ihn einfach in der Luft h�ngen. Zieht einen der St�hle vom Esstisch zu sich heran und nimmt Platz.</p><p>Warum muss sie jetzt ausgerechnet auch noch mit Weidmann sprechen?</p><p>�Ja. Ich nehme an, Sie wissen, weshalb ich anrufe.�</p><p>�Ich wei� Bescheid�, sagt sie.�Im Groben jedenfalls.�</p><p>�Im Groben. Mehr wei� zurzeit niemand von uns. Darf ich fragen, wie es Daniel geht?�</p><p>�Er schweigt.�</p><p>�Das tut er oft, nicht wahr?�</p><p>�Ja. �Sie wei� nicht, wie weit �ber H�flichkeit und Verpflichtung hinaus ihre Bereitschaft reicht, mit Weidmann �ber ihren Sohn zu sprechen. Vor zwei Wochen beim Maibaumaufstellen hat sie eine Weile mit ihm geredet und dabei den Eindruck nicht loswerden k�nnen, dass er etwas herausfinden wollte, aber was genau, blieb ihr unklar. Wahrscheinlich waren ihm die Vorf�lle an der Schule damals schon bekannt, und so kommen ihr im Nachhinein seine Lobreden auf Daniels schulische Leistungen eher zweifelhaft vor. Nicht gelogen, aber auch nicht ganz aufrichtig.</p><p>Weidmann ist ein Schleimer, hat Daniel einmal zu ihr gesagt, aber ein Schleimer kann jeder sein, mit dessen Sympathie oder Anteilnahme ein Sechzehnj�hriger gerade nichts anzufangen wei�. Sie selbst w�rde ihn als einen gro� gewachsenen, gut gekleideten Mann ihres Alters beschreiben, mit einer angenehm tiefen und verglichen mit der Monotonie des hiesigen Zungenschlags melodi�sen Stimme. Alleinstehend, soweit sie wei�, damals jedenfalls und jetzt wohl immer noch, und vielleicht merkt man ihm das ein klein wenig an. Seine S�tze sind nach hinten offen, nicht flirtend, nie zweideutig, er hat am Maibaumplatz keine Anspielungen auf den letzten Grenzgang gemacht, aber er spricht eben anders als die zufriedenen Zuhause-Esser der M�nnergesellschaft Rehsteig. Ein Beispiel f�llt ihr nicht ein, und vielleicht merkt man es auch nur, wenn man es sowieso wei�.</p><p>�Und darf ich fragen, wie es Ihnen geht?�, hakt er nach.</p><p>Schleimer, denkt sie unwillk�rlich. In diesem Punkt ist sie ihrem Sohn nicht un�hnlich: Anteilnahme von Fremden erregt ihr Spottbed�rfnis, so als w�re sie selbst die einzige Person auf der Welt mit der Lizenz zum Mitgef�hl mit Kerstin Werner, geschiedene Bamberger, als w�rden alle anderen automatisch den Tatbestand der unerw�nschten Einmischung erf�llen. Und darauf stehen hochgezogene Augenbrauen und so ein Zucken im Mundwinkel, an dem zum Beispiel ihr Exmann mehr als einmal verzweifelt ist.</p><p>�Sie d�rfen�, sagt sie,�aber Sie k�nnen sich die Antwort auch denken. �Und wenn er jetzt sagt, dass er sie gerne von ihr h�ren will, aus alter Verbundenheit, dann wird sie ihn wohl in die Schranken weisen m�ssen.</p><p>�Ja�, sagt er.�Was Daniel angeht, m�chte ich Ihnen versichern, dass ich ihn sehr mag. Er ist ein sympathischer Kerl, eher still und sehr klug, und ich werde den Gedanken nicht los, dass das ein Teil des Problems sein k�nnte. Ich meine, seine Intelligenz geh�rt ihm noch nicht ganz, er ist sich irgendwie selbst voraus.�</p><p>Sie ist ihm dankbar f�r sein Verst�ndnis � und trotzdem:</p><p>�Was er getan hat, sieht nicht nach einer Demonstration von zu viel Klugheit aus, oder?�</p><p>�So meinte ich es auch nicht. Nennen wir es eben nicht Intelligenz, ich meine einfach, dass er mehr versteht, als er eigentlich verstehen oder verarbeiten kann. Und dass ihn das verunsichert und seine Pers�nlichkeit ins Ungleichgewicht bringt.�</p><p>�Weshalb er Dinge tut, die ihn noch mehr ins Ungleichgewicht bringen?�</p><p>�Weshalb er Dinge tut, die ihn st�rker und selbstsicherer erscheinen lassen, als er ist. �brigens sind Sie nat�rlich nicht verpflichtet, mit mir dar�ber zu sprechen. Es ist blo� meine Pflicht, Ihnen das Gespr�ch anzubieten.�</p><p>�Ich wei�. Danke.�</p><p>�Und es ist auch nicht meine Absicht, Ihren Sohn zu analysieren oder dergleichen. Es ist blo�, dass ich als Klassenlehrer auch etwas in der Bredouille bin, weil man von mir nat�rlich erwartet h�tte, dass ich solche Vorkommnisse fr�her mitbekomme und unterbinde.�</p><p>�Ja. �Soll sie sich jetzt f�r sein Ungemach entschuldigen?</p><p>Sie h�rt eine T�r im Keller, ohne zu wissen, ob es ein �ffnen oder Schlie�en ist, ob Daniel also angefangen oder aufgeh�rt hat, ihrem Gespr�ch zu lauschen. Und sie wird das Gef�hl nicht los, dass Weidmanns Eifer, Daniel zu verstehen, noch �bertroffen wird von seinem Bed�rfnis, ihr zu zeigen, wie gut er ihn versteht.</p><p>�Sind Sie noch dran?�, fragt er.</p><p>�Ich bin noch dran, aber etwas ratlos, wie ich nun <emphasis>Ihrer </emphasis>Bredouille, wie Sie es nennen, begegnen soll. Ich wei� von alldem ja erst seit heute.�</p><p>�Um Himmels willen, mit meinen Problemen wollte ich Sie nicht belasten. Nein, es geht darum: Wie Sie wahrscheinlich wissen, hat Ihr Exmann heute mit Herrn Granitzny gesprochen, und die erste Frage ist nun, ob Sie ein solches Gespr�ch ebenfalls w�nschen. Um Sie sozusagen offiziell von Seiten der Schule in Kenntnis zu setzen �ber das Geschehene und �ber das weitere Vorgehen.�</p><p>�Ist das so eine Art Einladung zur Vorladung?�</p><p>�So k�nnte man es nennen. Es ist aber Ihre Entscheidung. Auf jeden Fall m�chte ich Sie bitten, die Einladung der Schule zum Elternsprechtag wahrzunehmen. Ist Ihnen die Einladung zugegangen?�</p><p>�Ja�, l�gt sie.</p><p>�Wenn Sie m�chten, gibt es auch die M�glichkeit, dass wir uns vorher treffen, und es m�sste nicht in der Schule sein. Ich w�rde gerne ein paar Sachen erfahren. Ich habe den Eindruck, dass es �ber Daniels, sagen wir: nicht ganz gleichgewichtige Pers�nlichkeit hinaus vielleicht noch einen Grund gibt f�r sein Verhalten.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Ich w�rde das ungern am Telefon besprechen. �Er will ihr lieber verst�ndnisvoll in die Augen blicken und sagen: Ich hab dich doch schon mal getr�stet. Wieder meldet sich ihre Spottlust, aber erstens wird zu Recht von ihr Kooperationsbereitschaft erwartet, zweitens ist sie nicht gewillt, in dieser Sache ihren Exmann zum Sonderbevollm�chtigten zu erkl�ren, und drittens: Sie muss reden, sie muss mit irgendwem reden, sie kann nicht noch einen und noch einen und noch einen Tag wie heute verbringen, sich im Garten den R�cken buckelig harken, ohne zu wissen, was zum Teufel mit ihrem Sohn los ist.</p><p>�Verstehe�, sagt sie. Unten geht wieder eine T�r, und schlurfende Schritte bewegen sich Richtung Treppe. Dann die Treppe hinauf.�Was schlagen Sie vor?�</p><p>�Ich richte mich nach Ihnen. Wenn Sie m�chten, komme ich bei Ihnen vorbei. Wenn Sie an einem Nachmittag in die Schule kommen wollen, finden wir auch da einen Ort. Wenn Sie einen Spaziergang am Rehsteig vorziehen ��</p><p>Daniels Gesicht taucht �ber dem Dielenboden auf, zwischen den Gitterst�ben des Treppengel�nders. Ein anderes Gesicht jetzt, unbeteiligt, unger�hrt. So guckt er, wenn er nicht zeigen will, dass ein Gespr�ch mit ihm � unter Aussparung gewisser sensibler Themen � grunds�tzlich m�glich ist.</p><p>Ich beobachte meinen Sohn wie einen launischen Kater, denkt sie. Und hat Weidmann gerade �Spaziergang� gesagt?</p><p>�Das muss ich mir �berlegen.�</p><p>�Tun Sie das. Leider gibt es noch etwas, was ich Ihnen zwar nicht sagen muss, aber ich glaube, es Ihnen nicht ersparen zu k�nnen. Sie kennen Lars Benner?�</p><p>�Ja�, erwidert sie, so kurz und knapp, als spucke sie Gift aus.</p><p>Daniel wirft ihr einen Blick zu, der so viel sagt wie: Lass dich nicht st�ren, ich st�re blo�.</p><p>�Ich habe ihn heute zuf�llig in der Stadt getroffen. Er hat mich auf die Vorf�lle in der Schule angesprochen, von denen er offenbar wei�, in vager Form jedenfalls. Fragen Sie mich nicht woher. Auf dem Land spricht sich eben nichts so schnell herum wie das, was niemanden etwas angeht.�</p><p>�Weiter. �Sie h�rt Daniel in der K�che rumoren.</p><p>�Ich wei� nicht, was er vorhat. Dieser Lars Benner ist ein durch und durch einf�ltiger Typ, scheint mir. Und jetzt glaubt er vielleicht, dass er, wenn er sich dieser Sache annimmt und sich f�r die einsetzt, die er f�r die Opfer der Geschichte h�lt, also Tommy Endler zum Beispiel, dass er sich damit � Verstehen Sie, was ich meine? Ist ja bekannt, dass er Ihren Exmann nicht mag.�</p><p>Willkommen in Bergenstadt! Wo jeder jeden kennt und allen alles bekannt ist. St�rt das au�er ihr eigentlich niemanden?</p><p>�Ja�, sagt sie.�Ich verstehe Sie gut. Vielleicht verstehe ich sogar ihn. Vielleicht w�rde ich an seiner Stelle genauso denken.�</p><p>�Trotzdem werden Sie nicht wollen, dass diese Dinge demn�chst im <emphasis>Boten </emphasis>stehen.�</p><p>�Nein. �Daniel kommt mit der leeren Sektflasche in der einen Hand aus der K�che und hebt den Daumen der anderen, als wolle er sagen: Respekt, Mama. Tapfer, tapfer. Sie wendet den Blick Richtung Terrassent�r, sieht den Strau� Veilchen auf dem Tisch und ist sich sicher, dass ihrem Sohn auch dazu noch eine Bemerkung einfallen wird.�Ich rufe Sie an.�</p><p>�Gut.�</p><p>�Auf Wiederh�ren. �Sie legt auf, ohne seine Verabschiedung abzuwarten. Zwanzig nach neun zeigt die Uhr.</p><p>�Weidmann, stimmt�s?�Daniel spricht in den offenen K�hlschrank, aber laut genug.</p><p>�Daniel, h�r zu.�</p><p>�Bist du sicher, dass du an meiner Stelle genauso denken w�rdest. Und falls ja: Wie denke ich denn?�</p><p>�Wieso praktizieren wir beide nicht f�r den Rest des Abends das Prinzip getrennte Stockwerke?�</p><p>Er kommt langsam aus der K�che, mit derselben unger�hrten Miene.</p><p>�Weil�s dir im Keller zu dunkel ist?�Dann schlurft er weiter, eine Scheibe Brot und ein St�ck Wurst in der Hand und bleibt nur noch einmal stehen, das Gesicht hinter Gittern.�Aber vor Weidmann nimm dich in Acht. Der hat�s, wie man wei�, auf einsame Frauen abgesehen. Sind die Veilchen da von ihm?�Er verschwindet, bevor sie antworten kann, und ihr f�llt sowieso nichts sein. Seine Zimmert�r schlie�t sich, in der Essdiele tickt die Uhr. Niemals h�tte sie den Sekt einfach so wegsch�tten d�rfen. Sie presst die Lippen aufeinander und sperrt die Augen weit auf und glaubt sich zu erinnern, dass das am Morgen schon einmal geholfen hat. Mit einer Hand greift sie hinter sich und l�scht das Licht. Dann knipst sie es wieder an. Melodramatisch will sie auch nicht sein. Sie muss da jetzt durch, und sie fragt sich, ob ihr Sohn gef�hlskalt ist oder Weidmann Recht hat in seinem Verst�ndniseifer. Sie selbst versteht n�mlich gar nichts.</p><p>Zum Beispiel auch nicht, warum Weidmann pl�tzlich mit ihr spazieren gehen will.</p><p>Ihre Tr�nen, da sie nicht von zuckenden Schultern oder Schluchzen begleitet werden, l�sst sie nicht als echtes Weinen gelten. Die geh�ren eher in die Kategorie Ersch�pfung. Auf der Suche nach einem Ger�usch nimmt sie den Telefonh�rer ab und legt ihn wieder zur�ck auf die Gabel.</p><p>Jetzt zum Beispiel. Jetzt w�re es die Aufgabe eines Mannes, im Wohnzimmer zu sitzen und von der Zeitung aufzublicken, wenn sie hereinkommt, zu nicken und mit einer Hand �ber ihren Nacken zu fahren, w�hrend sie erz�hlt. Er k�nnte ruhig �Alles halb so wild� sagen oder �Das wird schon wieder�, sie verlangt keine �berm�nnlichen F�higkeiten. Himmel, er d�rfte sogar die Augen verdrehen und sich anmerken lassen, dass er lieber �ber den n�chsten Sommerurlaub sprechen w�rde. Nur da zu sein h�tte er, physisch, m�nnlich, beidh�ndig; einer, dem man irgendwann ohne Hintergedanken vorschlagen kann, ins Bett zu gehen.</p><p>Weiter geht sie selbst in Gedanken nur selten. Da ist eine Grenze, die sie lieber unbewusst �berschreitet, im Traum manchmal oder morgens im Halbschlaf; dann krallt sie sich ins Kopfkissen, w�lzt sich umher und kommt mehr zuf�llig auf ihrer eigenen Hand zu liegen. Dann duschen, lange und hei�, bis Fenster und Spiegel aussehen wie mit Papier beschichtet und ihre Haut eine W�rme absondert, die fast �</p><p>Let�s call it a day, hat Anita fr�her gesagt, wenn sie bis zum Morgengrauen zusammen in der K�che hockten und schlie�lich kaum noch aus den Augen gucken konnten vor M�digkeit. Jetzt fl�stert sie den Satz leise vor sich hin und sp�rt, wie m�de sie ist, hundem�de. Ausnahmsweise erlaubt sie sich, auf das Z�hneputzen zu verzichten. Sonst gibt es schlie�lich niemanden, der Nachsicht mit ihr hat.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>�Mama, ich seh gar nichts. Ich sehe �berhaupt nichts!�</p><p>�Daniel, ich hab�s dir schon mal gesagt: Frag Onkel Hans, ob er dich auf die Schultern nimmt.�</p><p>�Komm zu mir, junger Mann, ich nehm dich hoch.�</p><p>�Nein!�</p><p>So ging das schon den ganzen Morgen. Kerstin tauschte einen Blick mit ihrem Bruder, w�hrend Daniel sich an ihre H�fte klammerte, den Kopf in ihre Seite dr�ckte und ihn gleich darauf wieder nach vorne drehte, um in das Meer aus R�cken, Nacken und Hinterk�pfen zu starren, das sich vor ihnen auf dem Marktplatz ausbreitete. Ganz Bergenstadt war an diesem ersten Grenzgangsmorgen auf den Beinen, reckte die H�lse und verfolgte den Einmarsch der M�nnergesellschaften und Burschenschaften.</p><p>�Was haben sie dem gestern blo� gegeben.�</p><p>�Lass gut sein Hans, er ist m�de.�</p><p>�Ich bin nicht m�-de!�</p><p>�Dann h�r auf zu jammern und komm auf meine ��</p><p>�Hans. �Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. Ihre Schl�fen taten weh. Ein pulsierender, tickender Schmerz hatte sich dort festgesetzt, den jedes Ger�usch ausschlagen lie�, so wie diese flimmernden Anzeigen an Stereo-Anlagen und Radios. Vom Kaltenbach herab ert�nte Blasmusik, und �ber die K�pfe der Menge hinweg sah sie die Rehsteigfahne sich dem Marktplatz n�hern, schwebend und schaukelnd wie eine Marionette �ber dem Rand einer Puppenb�hne. Immer wieder kam der Vormarsch zum Stillstand, die Kommandos der Reiter mischten sich unter die Musik, bis sich in tausend kleinen Schritten eine Gasse bildete und die M�nner weiter vorankamen.</p><p>Kerstin drehte sich um zu ihrem Bruder:</p><p>�Ich geh mit ihm ein St�ck n�her ran, da hinten, wo weniger Leute sind. Wir kommen wieder hierher zur�ck. �Sie nahm Daniel bei den Schultern und dirigierte ihn durch die dicht stehenden Menschenreihen. In sich sp�rte sie, wie einer nach dem anderen die d�nnen F�den rissen, an denen ihre Selbstbeherrschung hing. Zum Teufel mit Grenzgang, Blasmusik und diesen G�ulen, zum Teufel mit dem ganzen verdammten Bergenstadt!</p><p>�Au-a!�Daniels Gesicht war gegen einen Rucksack geprallt.</p><p>�Da vorne wird�s besser.�</p><p>�Ich verpasse alles, Schei�e, ich hab �berhaupt nichts mitbekommen.�</p><p>�Da vorne siehst du den Rehsteig einmarschieren. Direkt vor uns.�</p><p>�Jetzt kommt der Mohr�, rief jemand, und sie verst�rkte ihren Griff und schob Daniel auf den Platz vor dem Rewe-Markt zu, wo die Menschenmenge lichter wurde. Wie ein breiter Strom zogen die H�te und winkenden H�nde der Rehsteig-M�nner den Marktplatz hinab, z�giger jetzt, die Fahne hatte schon beinahe den Brunnen erreicht. Von dort, wo sie Daniel hinsteuerte, w�rden wieder nur R�cken zu sehen sein, aber sie ging weiter. Zu viele Blicke auf ihrem Gesicht. Zu viel von allem.</p><p>Sie hatten kaum ein wenig Freiraum um sich, als unten bei der Bushaltestelle das Peitschenknallen der Wettl�ufer ert�nte. Kleine Echos explodierten zwischen den Fassaden der Fachwerkh�user. Daniel zitterte f�rmlich vor Wut und Entt�uschung.</p><p>�Wir gehen falsch, Mama. Wir m�ssen da runter, ich will endlich was sehen!�Seit dem gestrigen Abend hatte seine Stimme diesen Klang, als k�nnte sie Glas schneiden. Ein schrilles Organ des Protests. Er reagierte so empfindlich, als w�re seine Haut eine einzige offene Wunde, und Kerstin sah ihn an mit der Hilflosigkeit einer jungen Mutter angesichts ihres pausenlos schreienden Babys.</p><p>Da war kein Zelt! Da war �berhaupt kein Zelt! Den ganzen Heimweg �ber hatte er das wiederholt, immer lauter werdend, so als w�te er gegen eine gemeine Unterstellung an, besinnungslos und blind. Er stie� die Worte einzeln hervor: Da � war � kein � Zelt! Spuckte sie den beiden Erwachsenen ins Gesicht, die ihn schlie�lich jeder an einer Hand nach Hause zerren mussten, w�hrend er sich mit gestreckten Beinen gegen den Boden stemmte. Und sie hatte kein gutes Gef�hl gehabt, den ganzen Abend nicht. Da war es mit den Kopfschmerzen losgegangen.</p><p>Vor ihnen schloss sich die Gasse wieder. Sie standen abseits des gro�en Treibens, weiter weg von allem als zuvor, im R�cken des Geschehens. Kerstin vermied es, ihrem Sohn ins Gesicht zu sehen.</p><p>�Wir trinken einen Schluck, und dann gehen wir an der anderen Seite weiter, vor den H�usern.�</p><p>�Ich hab keinen Durst.�</p><p>�Aber ich. �Sie nahm ihren Rucksack von den Schultern und kramte zwischen Taschent�chern, �pfeln und einer Bonbont�te nach der Aspirinpackung. Um sie herum standen ein paar Alte und M�tter mit Kinderwagen. Jemand versuchte vergebens, seinen Hund zu beruhigen. Weiter hinten, aus einem Fenster �ber dem Rewe-Markt blickte eine Frau mit Kopftuch, als schaute sie Kindern bei einem absonderlichen Spiel zu. Ohne die Packung hervorzuziehen, dr�ckte sie sich zwei Aspirin in die hohle Hand, nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack, schluckte die Pillen und trank. Wolken ballten sich �ber dem Marktplatz. In der Nacht war Regen gefallen � sie hatte es geh�rt, sie hatte nicht geschlafen �, und jetzt zog grauer Rauch �ber das Tal, schnell und schwer und voller Unheil. Wie sie diese drei Tage hinter sich bringen sollte, ohne zu schreien, war ihr nicht klar.</p><p>Das Knallen der Peitschen zitterte �ber den K�pfen. Sie sah die langen Schn�re durch die Luft fahren, erkannte etwas von den wei�en M�tzen der Wettl�ufer mit dem bunten Federbusch an der Seite, das Kost�m, in dem sie vor vierzehn Jahren zum ersten Mal ihren Mann gesehen und gedacht hatte: Gott, sieht das komisch aus. Die Kopfbedeckungen erinnerten an Funkenmariechen.</p><p>�Gehen wir jetzt endlich weiter?�</p><p>�Daniel, ich will, dass du aufh�rst, mich st�ndig anzupflaumen, okay? Wir gehen jetzt da runter und suchen einen Platz, wo wir was sehen k�nnen. Und wir sehen sp�ter sowieso den ganzen Zug noch mal, wenn er eine Runde durch die Oberstadt dreht. Da sind dann auch nicht mehr so viele Leute.�</p><p>�Ich will jetzt was sehen.�</p><p>�Dann los. �Sie steckte ihre Regenjacke in den Rucksack und nahm ihn wieder auf die Schultern. Entlang der Ladenzeile an der linken Marktplatzseite, an der Spielh�lle und dem Redaktionsgeb�ude des <emphasis>Boten </emphasis>vorbei gingen sie auf die Einm�ndung des Gartenbergs zu, da wo Daniel sich gestern noch einmal umgedreht und verabschiedet hatte, um den Rest des Abends mit Nobs um den Brunnen zu patrouillieren.</p><p>Sie sah den Mohr H�nde sch�tteln und mit seinem Bart jungen Frauen schwarze Flecken auf die Backen malen. Lachen und Johlen folgten ihm wie der Lichtkegel eines B�hnenscheinwerfers.</p><p>Ihr Sohn sieht immer so ernsthaft aus beim Spielen, hatte Evi Endler gestern Abend gesagt, als ihre, Kerstins, Blicke wieder einmal zu lange Richtung Brunnen gerichtet waren. Eine dieser Bemerkungen, derentwegen sie ihre Nachbarin bei aller Sympathie f�r ein wenig einf�ltig hielt. Meistens konnte man ihr am Gesicht ablesen, was sie als N�chstes sagen w�rde. <emphasis>Jetzt </emphasis>sah er ernsthaft aus, aber jetzt spielte er auch nicht.</p><p>Sie erinnerte sich an seinen Blick, gestern Abend, als er schon im Bett lag. Die Augen offen gegen die M�digkeit, ein Flackern der Aufgebrachtheit in den Pupillen, immer noch zu angespannt, um schlafen zu k�nnen. Einen Verdacht hatte sie schon die ganze Zeit �ber gehabt, aber nicht nachfragen wollen in Hans� Gegenwart; sie w�rde es nicht nur fr�h genug, sondern viel fr�her erfahren, als ihr lieb war. Und sie hatte sich darauf vorbereiten wollen, innerlich, ohne zu wissen wie.</p><p>Den gesamten Sommer �ber hatte sie ein komisches Gef�hl gehabt. J�rgens Besessenheit mit seinen Grenzgangsveranstaltungen, die Begeisterung, mit der er das Haus verlie�, und die Schweigsamkeit, mit der er zur�ckkehrte, die Zunahme von Meinungsverschiedenheiten und die Abnahme von Z�rtlichkeiten, kurz: diese schleichende Abw�rtsbewegung irgendwann ab Mitte Mai. Aber �ber Monate hinweg hatte der konkrete Anhaltspunkt gefehlt; ein Name, eine L�ge, ein Zettel mit einer unbekannten Telefonnummer. Unter anderen Umst�nden ein Grund zur Beruhigung, aber einmal geweckt, wuchs ihr Misstrauen mit jedem Streit und leistete ihr Gesellschaft w�hrend der einsamen Abende im Wohnzimmer. Brachte sie dazu, an Hemdkragen zu schnuppern und nach Widerspr�chen in seinen Erz�hlungen zu fahnden. Beruhigung, wenn auch eine der bitteren Art, stellte sich erst ein, als irgendwann dieser nie zuvor geh�rte Name fiel, ein isolierter Vorname blo�, und als etwas sich einschlich in seine Stimme � der pure �rger dar�ber, dass sie nachfragte:</p><p>��Wenn diese Andrea F�hrerin der M�dchenschaft Rheinstra�e ist, warum muss dann jemand von der M�nnergesellschaft auf ihren Geburtstag?</p><p>��Was soll das denn hei�en: �Wir geh�ren eben alle zusammen�?</p><p>��Und du bist sicher, dass die anderen G�ste das nicht seltsam finden? Immerhin bist du zehn bis zwanzig Jahre �lter als der Durchschnitt da.</p><p>��Dann hat sie also den gesamten Vorstand der M�nnergesellschaft eingeladen?</p><p>��So, und warum nicht?</p><p>��Schon klar, aber warum ist ausgerechnet der zweite F�hrer so besonders bef�higt, die Gesellschaft zu �repr�sentieren�?</p><p>��Sympathisch, ach so.</p><p>��Ich bin nicht zickig, ich frage, warum es dir nicht m�glich ist, einen Samstagabend zu Hause bei deiner Familie zu verbringen. Einen im Monat.</p><p>Und so weiter und so weiter. Nat�rlich war sie zickig, so zickig, wie man eben wird, wenn man versucht, seine Kr�nkung nicht zu zeigen (weil der Versuch, sie doch mal zu zeigen, alles andere als ein Erfolg gewesen ist). Und trotzdem: Unter der F�hrerin einer M�dchenschaft konnte sie sich nichts anderes als Spielzeug vorstellen, Phantasiefutter, dessen ein Mann vielleicht von Zeit zu Zeit bedurfte, aber Ehen gingen nicht an Spielzeug kaputt. Irgendwann war die Party vorbei, und das Spielzeug wurde in die Ecke gestellt oder von jemand anders �bernommen, es war lediglich eine Frage der Zeit. Sie hatte auch hier und da die Ohren gespitzt und zum Beispiel erfahren, dass diese Andrea einen Freund namens Lars Benner hatte, also nach g�ngigem Verst�ndnis gar nicht zu haben war. Um nicht nur die Rolle der Wartenden zu spielen, hatte sie den Namen Andrea ihrerseits dann und wann ins Spiel gebracht, hatte immer mal wieder mit ironischem Unterton kleine Bemerkungen gemacht und war mit geringf�giger Abstufung der Subtilit�t so vorgegangen wie vor zwei oder drei Jahren, als sie Daniel davon hatte �berzeugen wollen, dass Schreckschusspistolen ein bl�des Spielzeug sind, etwas f�r Kinder, denen nichts Besseres einf�llt als Peng, Peng, Peng.</p><p>�Soll ich mich noch einen Moment zu dir legen?�Sie h�rte Hans unten im Wohnzimmer rumoren und kurz darauf das Ploppen eines Korkens. Was der neuerdings vertrug, war geradezu unheimlich. F�nf oder sechs Bier und jetzt noch ein paar Gl�ser Wein drauf, und morgen um f�nf w�rde er aufstehen, als sei nichts gewesen. Sie hatte keine Lust mehr, weder auf Alkohol noch auf ein Gespr�ch mit ihrem Bruder, auf seine Erkl�rungen, warum die Scheidung von Marianne unausweichlich war; alles in einem Tonfall, als ginge nicht gerade seine zweite Ehe in die Br�che, sondern als h�tte er diesen neuen Wanderweg ausprobiert und festgestellt: Ganz hielt der die Versprechungen des Reisef�hrers nicht. Sie f�hlte Daniels Nicken unter ihrer Hand auf seiner Stirn. W�rmer als sonst war die.</p><p>�Dann rutsch mal.�</p><p>Da war etwas an Hans, was sie auch an ihrem Mann nicht mochte: dieser Stolz auf die eigene F�higkeit, in bestimmten schwierigen Situationen n�chtern zu analysieren und die notwendigen Schl�sse und Konsequenzen zu ziehen. Und nach zehn Jahren Ehe wusste sie auch, warum sie es nicht mochte: weil die F�higkeit erstens eine Unf�higkeit und zweitens der eigentliche Grund war f�r die vermeintlichen Notwendigkeiten, die sich aus ihr ergaben. Diese N�chternheit bestand aus nichts anderem als der F�higkeit, das als unvermeidbar zu erkennen, was sehr wohl vermeidbar w�re, w�rde man die N�chternheit f�r einen Moment durch Mitgef�hl ersetzen. So einfach gestrickt waren M�nner, und die ganze Schwierigkeit bestand darin, trotzdem mit ihnen zu leben.</p><p>�Leg dich endlich hin jetzt.�</p><p>Erst als sie den Rand seiner Bettdecke �ber sich schlug, merkte sie, wie kalt ihr war. Sie zog ihren Sohn zu sich heran, nahm klaglos sein in ihre Achsel gemurmeltes� Du riechst nach Rauch �hin und h�rte von unten das Quietschen der Terrassent�r. Sobald sie ins Wohnzimmer ging, w�rde Hans ihr auch noch den Rest seines Ehedramas auseinandersetzen, und sie konnte nur hoffen, dass wenigstens J�rgen bald nach Hause kam. Den ganzen Abend hatte sie kaum ein Wort mit ihm geredet, ihn nur dann und wann beobachtet vor dem Hotel Kronert, wie er auf Schultern und Tische klopfte, mit Hinz und Kunz anstie�, �ber dies und das lachte, wie er sich auf so banale Weise wohl f�hlte, dass sie bald nicht mehr gewusst hatte, ob er ein oberfl�chlicher Mensch oder sie eine an ihrer eigenen Missgunst erstickende Kr�te war. Warum lie� sie ihm nicht sein harmloses Vergn�gen? Andere richteten ihre vom Familienleben angekratzte M�nnlichkeit durch die Anschaffung von Motorr�dern auf, heizten am Wochenende durch die engen Kurven des Ederberglandes, brachen sich das Genick oder wurden lebensl�nglich zu Pflegef�llen. J�rgen zw�ngte sich lediglich alle sieben Jahre f�r drei Tage in eine Uniform � die ihm gar nicht schlecht stand �, band sich einen S�bel um und f�hrte mit ein bisschen Rum-ta-ta seine Rheinstra�enm�nner durch den Wald.</p><p>�Ich hab Papa gesehen auf der Bank. �Daniel sagte das so leise und immer noch in ihre Achselh�hle hinein, dass sie f�r einen Moment glauben konnte, er habe eigentlich gar nichts gesagt.</p><p>�Ist gut, Daniel. Du musst jetzt schlafen. �Ihr Blick wanderte durch den Raum, die W�nde entlang �ber Kinderposter und Regale mit B�chern und Spielsachen, �ber den st�ndig �berf�llten Schreibtisch, auf dem Daniel durchf�hrte, was er seine �Experimente� nannte: Steine, die wochenlang in offenen Wassergl�sern gelagert wurden; getrocknete Bl�tter und kleine Holzst�cke, aus denen er �Kohlenstickstoff� zu gewinnen hoffte; Muscheln aus dem Sommerurlaub, an deren scharfen Kanten sich Playmobil-M�nnchen ernsthafte Verletzungen zuzogen. Er hatte seinen Vater auf der Bank gesehen, so einfach war das. Ein einzelnes Puzzlest�ck, rein zuf�llig das letzte noch fehlende, das sie nur noch an seinen Platz legen musste, um das fertige Bild zu betrachten, aber dazu war sie in diesem Moment nicht in der Lage. J�rgen konnte jeden Moment nach Hause kommen. Sie zog Daniel n�her zu sich heran, aber es half nicht.</p><p>�Auf der Bank beim Wehr. Ich hab ihn mit der Frau gesehen.�</p><p>�Schschsch�, machte sie und kam sich selbst sch�big vor. Gerade jetzt, da ihr Sohn endlich aussprach, was in ihm w�tete, versuchte sie ihn zum Schweigen zu bringen. Tr�nen waren so wenig eine Entschuldigung wie ihre M�digkeit.�Schschsch�, machte sie noch einmal. Ihre F��e wurden immer k�lter. Sie nahm Daniel in den Arm, dessen Hitze auf der Stirn vielleicht nur dem Eindruck der K�lte ihrer H�nde entsprang.</p><p>�Die haben geschmust. �Sie war ihm dankbar, dass er sich von ihrer Feigheit nicht vom Reden abhalten lie�. Ihr Sohn eben. Unten h�rte sie die Haust�r und das Ger�usch von J�rgens Schl�sseln auf der Flurkommode. Sie �berlegte, einfach liegen zu bleiben, bis sie selbst einschlief.</p><p>�Und hat er dich auch gesehen?�, fragte sie.</p><p>�Wei� ich nicht. Ich bin weggelaufen.�</p><p>Oder sollte sie nach unten gehen und ein paar Gegenst�nde zerschmei�en? Wie so oft empfand sie ihre Wut zuerst als den Reflex, den sie in ihr ausl�ste: den Drang, leise und kalt zu lachen. Sie gab Daniel einen Kuss auf die Stirn und dachte: Eigentlich hab ich es die ganze Zeit gewusst.</p><p>�Lasst ihr euch jetzt scheiden?�Er war mit seinen Gedanken schon wesentlich weiter als sie.</p><p>�Daniel, ich wei� nicht, was Papa gemacht oder was er sich dabei gedacht hat oder was wir jetzt als N�chstes tun werden. Das sind Dinge, die kann man nicht an einem Abend entscheiden. Da muss man viel reden, und jetzt, wo Grenzgang ist, hat dein Papa daf�r keine Zeit.�</p><p>�Vielleicht hab ich mich verguckt�, sagte er.</p><p>�Nein, hast du nicht. Vielleicht hab ich mich verguckt, vorher. Jetzt kannst du nur eins machen, n�mlich schlafen. Wer zw�lf Kilometer laufen will, muss gut ausgeruht sein.�</p><p>�F�nfzehn Komma vier Kilometer.�</p><p>�Gute Nacht jetzt. �Sie k�sste ihn noch einmal und stand auf, l�schte das Licht neben der T�r und verlie� den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie sp�rte, wie es begann: Dieses Gef�hl, als w�rde die Welt von ihr abr�cken, eine Gasse bilden, durch die sie mit leichtem Schwindelgef�hl ging, als w�re sie betrunken. Der Flur war dunkel, nur von der Treppe drang Licht nach oben. Hans und J�rgen unterhielten sich drau�en auf der Terrasse. Alles schien normal. Ein leichtes Pulsieren in den Schl�fen. Sie ging ins Schlafzimmer und �ffnete die Balkont�r, nahm Kissen und Decke von J�rgens Bettseite und legte sie im Flur vor die Badezimmert�r. Nahm aus der Kommode ein Betttuch und legte es oben auf den Haufen. Dann ging sie nach unten.</p><p>Zigarettenrauch zog durch die offene Terrassent�r ins Wohnzimmer. J�rgen wandte ihr den R�cken zu und erz�hlte gerade von der Steigung auf dem ersten Wegst�ck morgen, dem Aufstieg zum Kleiberg.</p><p>��ber vierzig Prozent. Da machen dann schon die Ersten schlapp�, sagte er, bevor er Schritte hinter sich h�rte und sich umdrehte. Kurz begegneten sich ihre Blicke. Sie hatte sich vorgenommen, ihn zu mustern, nach Spuren in seinem Gesicht zu suchen, nach etwas, was ihn verriet, aber dann sagte sie nur� Hi �und stellte sich einen Meter neben ihn in die offene T�r und fragte ihren Bruder:</p><p>�Hast du alles f�r heute Nacht? Ich leg mich jetzt hin.�</p><p>�Bin versorgt. �Die Flasche war schon zur H�lfte leer, aber sein Blick so klar wie bei seiner Ankunft am Nachmittag.</p><p>Geschmust, dachte sie. War das nicht, was M�tter und S�hne taten, ohne an irgendwem Verrat zu �ben? Was fiel ihrem Mann ein, alles in den Dreck zu ziehen und auf Parkb�nken mit Teenagern rumzumachen, als w�re er selbst noch einer? Und erst jetzt fiel ihr auf, dass Daniel �die Frau� gesagt hatte, als w�sste er l�ngst, um wen es ging und was gespielt wurde. Ihr neunj�hriger Sohn, der schon Bescheid wusste, als sie noch verzweifelt versucht hatte, J�rgens Betrug durch Selbstbetrug zu unterst�tzen.</p><p>Sie sah ihm ins Gesicht, als erwartete sie Lippenstiftspuren auf seinen Wangen zu finden.</p><p>�Willst du deinem Sohn noch Gute Nacht sagen?�</p><p>�Lass es lieber�, sagte Hans.�Der Kleine ist heute ��</p><p>�Halt den Mund, Hans. Du verstehst nichts von Kindern. �Den Blick hielt sie auf das Gesicht ihres Mannes gerichtet, registrierte nur aus den Augenwinkeln, wie ihr Bruder die Schultern zuckte und das Glas zum Mund f�hrte. Sie musste schnell wieder nach oben, dieses Schwindelgef�hl wurde immer st�rker.</p><p>�Nein, lass ihn schlafen. Ich komm auch gleich hoch. �H�tte er ihren Blick erwidert, sie w�re bereit gewesen � f�r den Moment jedenfalls �, an die M�glichkeit eines Irrtums zu glauben, w�re nach oben gegangen und h�tte sein Bettzeug wieder zur�ckger�umt. H�tte schlecht geschlafen und um des lieben Friedens Willen drei Tage lang gel�chelt. Aber er sah in die Nacht. Sie nickte und ging, z�hlte drei Schritte, vier, f�nf, sechs. Blieb stehen.</p><p>�Du � schl�fst heute Nacht auf der Couch. �Dann ging sie weiter, die Treppe hinauf.</p><empty-line/><empty-line/><p>Meter f�r Meter k�mpften sie sich den Marktplatz hinab, Daniel zerrte, und sie folgte, und manchmal kam es ihr vor, als w�rde sie von ihrem Sohn durch einen b�sen Traum gezogen. Ein paar vereinzelte Regentropfen fielen. Kerstin hoffte, ein Platzregen werde niedergehen und die Menge auseinandertreiben, den ganzen Grenzgangsaufmarsch einfach fortsp�len. Sie wollte nach Hause und schlafen. Daniel zog an ihrer Hand wie ein Hund an der Leine.</p><p>Die Musik setzte wieder ein, polterte vor ihnen den Gartenberg hinab. Kerstin erkannte Evi Endler, und die hob die Hand und winkte ihnen von einem kleinen freien Platz neben der Imbissbude.</p><p>�Wo wollt ihr denn hin?�</p><p>�Mein Sohn will was sehen.�</p><p>�Von hier sieht man bestens. �Sie hielt Tommy auf dem Arm, der reckte den Kopf, versuchte um die Ecke den Gartenberg hinaufzuschielen.</p><p>Dann standen sie endlich, Daniel lie� ihre Hand los und kletterte auf einen metallenen M�lleimer.</p><p>�Halt dich gut fest. Guten Morgen. Hallo Tommy. �Ein Schwei�tropfen rann ihren R�cken hinab. Sie hielt ihr L�cheln auf dem Gesicht, w�hrend sie Tommy durchs Haar fuhr, nahm den Rucksack ab, atmete tief durch.</p><p>�Ganz sch�n fr�h f�r eine Familie, was?�Evi Endler stand auf den Zehenspitzen und hatte vor Aufregung rote Wangen. Ihr schmales Gesicht war weder h�bsch noch h�sslich, sondern auf liebenswerte Weise unauff�llig. Die Regenjacke hatte sie sich um die Taille gebunden. Je n�her die Musik r�ckte, desto aufgeregter wurde sie.</p><p>�Gleich, Tommy-Schatz, gleich siehst du deinen Papa mit der Fahne.�</p><p>Daniel klammerte sich an einen Laternenpfahl wie an den Mast eines Segelschiffes.</p><p>�Willst du was trinken, Daniel?�Sie bekam keine Antwort und hatte auch nur gefragt, um neben Evi Endlers allzeit Liebe und Besorgnis verstr�mender M�tterlichkeit nicht herzlos zu wirken.</p><p>�Da kommen sie!�Mit einem H�pfer registrierte Evi die Ankunft der beiden Reiter an der Einm�ndung des Gartenbergs. Tommy begann sofort zu winken. Eine Tuba tauchte auf, eine Reihe Querfl�ten (immer spielen Frauen die kleinsten Instrumente, dachte Kerstin), zwei H�rner. Dann kamen Becken, Trommeln, die Pauke, und dann sprang Evi Endler noch mal in die Luft und begann ekstatisch zu winken. Einen Kopf gr��er als alle anderen sah Herr Endler seine Frau und seinen Sohn sofort und winkte zur�ck. Hielt die Fahne mit einer Hand wie ein Surfer sein Segel. Kerstin hob ebenfalls die Hand und dachte: Alaaf!</p><p>Vor sieben Jahren war J�rgen Fahnentr�ger gewesen, und sie hatte mit ihrem zweij�hrigen Sohn auf dem Arm auf dem Marktplatz gestanden und gewinkt. Gl�cklich, vielleicht sogar stolz, sie wusste es nicht mehr. Jedenfalls hatte sie J�rgen gerne zugesehen, beim Aufmarsch ebenso wie sp�ter auf dem Fr�hst�cksplatz, als er die Fahne schwenkte, w�hrend das Stemmkommando einen Gast nach dem anderen hochleben lie� und der F�hrer auf seinem Bierfass sich heiser br�llte: Der B�rger Sowieso, er lebe hoch! hoch! hoch! Jetzt zogen die Gartenberger direkt vor ihnen auf den Marktplatz, Evi Endler warf ihrem Mann verliebte Blicke hinterher, und Kerstin registrierte, dass ihr Kopfschmerz sich verfl�chtigt hatte. Ansonsten war alles gleich geblieben.</p><p>�Als N�chstes kommt ihr.�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Die Rheinstra�e. �Evi Endler hievte Tommy auf ihren anderen Arm.�Rheinstra�e ist als N�chstes dran.�</p><p>�Hast du geh�rt, Daniel?�</p><p>�Ich seh viel besser als ihr�, sagte der, ohne sich umzudrehen.</p><p>Allm�hlich wurde sie ruhiger. H�rte mit einem Ohr zu, wie der F�hrer der Gartenberger seine Meldung machte und gleich darauf die Melodie von vorher erneut erklang. Sie konnte nicht drei Tage lang ihre Wut mit sich herumschleppen wie einen Rucksack voller Wackersteine. Sobald der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, brauchte sie ein anregendes Getr�nk. Ein Getr�nk und dann mitschwimmen im gro�en Strom, in dem sie irgendwann ihrem Mann begegnen w�rde, und dann sollte der sich was einfallen lassen, wie sie die n�chsten Tage miteinander umgingen, ohne aufzufallen.</p><p>�Tommy-Schatz, wir zwei gehen besser noch mal in den Imbiss Pipi machen. �Evi legte ihr die Hand auf die Schulter.�Wir sehen uns sp�ter.�</p><p>�Bis sp�ter. �Kerstin stellte sich hinter ihren Sohn und beobachtete unter seinen Armen hindurch den Einmarsch der Rheinstra�e. Granitznys Obelix-Figur in der Mitte, die Reiter rechts und links, dahinter ihr Mann. Die Aufstellung hatte etwas Milit�risches, und gleichzeitig sahen die M�nner in Wanderkleidung, im Alter zwischen drei�ig und siebzig, wenig zum F�rchten aus. Auch nicht �ber die Ma�en w�rdevoll, sondern fr�hlich, d�rflich, und selbst die, die man hier unbedingt �F�hrer� nennen musste, erinnerten mit ihren h�ufig kugelf�rmigen B�uchen kaum an entschlossene Gener�le. Die S�bel waren gerade scharfkantig genug, eine Melone zu zerteilen, hatte J�rgen ihr versichert. Solange er noch zu weit entfernt war, sie in der Menge zu erkennen, richtete sie den Blick auf ihren Mann. Fragte sich, so abrupt, als wollte sie sich selbst �berrumpeln und zu einer ehrlichen Antwort zwingen, ob sie ihn liebte. Aber was genau hie� Liebe nach zehn Jahren Ehe? Welches Gef�hl war damit gemeint?</p><p>�H�r auf, mich in den Hintern zu zwicken�, sagte Daniel schroff.</p><p>�Entschuldige. �Sie hatte nicht auf das Tun ihrer H�nde geachtet.</p><p>Sie schlief gerne mit ihm in einem Bett, mochte den Geruch seiner Haut, die Muskeln darunter, die Art, wie er sie auf dem Sofa in den Arm nahm, sie an sich dr�ckte, wenn er kam.</p><p>Liebe?</p><p>Die Rheinstra�enm�nner passierten das Komitee auf seinem Podest, Kerstin stellte sich genau hinter Daniel und dr�ckte ihre Stirn in seinen R�cken.</p><p>�Papa winkt�, meldete der von seinem Ausguck.</p><p>�Wink ihm zur�ck.�</p><p>�Nein.�</p><p>Sie hob den Kopf und sp�hte nach vorne, begegnete dem Blick ihres Mannes f�r einen so kurzen Moment, dass keine Zeit blieb f�r eine Geste des Erkennens.</p><p>�Die M�nnergesellschaft Rheinstra�e ist mit hundertachtundvierzig B�rgern und f�nf F�hrern zum Marsch �ber die Grenze angetreten. �Granitznys Stimme klang, als h�tte er allen Mitb�rgern befohlen, auf der Stelle niederzuknien. Ein Raunen erhob sich. Die Rheinstra�e war die gr��te Gesellschaft, und offenbar machte das Eindruck auf dem Bergenst�dter Marktplatz.</p><p>Einer der Offiziellen auf seinem Pferd hatte sich unterdessen zwei Schritte auf die angetretenen Gesellschaften zubewegt und beugte sich im Sattel nach links, um in ein bereitgehaltenes Mikrofon zu sprechen:</p><p>�Guten Morgen, B�rger.�</p><p>�Guten Morgen, Herr Oberst!�, hallte es ihm entgegen.</p><p>�Reiter eingetreten!�, verf�gte der Oberst, und unter den Reitern entstand Bewegung, alle Pferde platzierten sich vor den Fahnen ihrer Gesellschaften.</p><p>�B�rger und Burschen, stillgestanden!�Was auch prompt geschah. Kerstin wunderte sich, dass niemand lachte.�Das Geweeeehr �ber! Pr�sentiiiiiert, das Gewehr!�Unter lautem Rasseln und alles andere als synchron wanderte eine Reihe silberner Melonensch�ler von uniformierten Schultern und senkte sich mit der Spitze gegen den Asphalt. Zur Totenehrung, hatte J�rgen ihr erkl�rt, aber warum die Toten sich geehrter f�hlen, wenn man einen S�bel gegen alle Evidenzen als Gewehr bezeichnete, war auch ihm nicht klar gewesen. Tradition, die Antwort auf so vieles in diesen Tagen.</p><p>Die Fahnen wurden ebenfalls nach vorne geneigt. �ber die K�pfe hinweg sah Kerstin, wie ein Kranz zum Komitee getragen wurde, dann stimmte die Kapelle neben dem Podest eine traurige Melodie an.</p><p>Zum ersten Mal an diesem Morgen stieg so etwas wie Freude in ihr auf, unerwartet und ein wenig geschmacklos. Asche zu Asche. Sie summte der unbekannten Melodie hinterher, deren Text offenbar nur einer Minderheit der Bergenst�dter gel�ufig war, jedenfalls klang der Gesang d�nn in der morgendlichen Luft. And�chtige Stille folgte dem letzten Ton, bis erneut der Oberst einen Befehl ins Mikrofon br�llte:</p><p>�Das Geweeeehr �ber! Geweeeehr ab! R�hrt euch!�</p><p>Kerstin folgte den Blicken der Menge, die sich auf das Podest mit den Offiziellen richteten. B�rgermeister Grollmann war einen Schritt nach vorne getreten und breitete eine Mappe auf dem bereitgestellten Pult aus. Ein vollb�rtiger Gem�tsmensch mit starker Brille.</p><p>�Liebe Bergenst�dterinnen und Bergenst�dter, liebe Mitb�rgerinnen und Mitb�rger, liebe G�ste aus nah und fern. Es ist wieder so weit: Wir feiern Grenzgang.�</p><p>Erneut senkte sich Stille �ber den Marktplatz. Ein Schwarm Tauben tauchte �ber den D�chern auf und verschwand wieder. Kerstin legte die H�nde um Daniels H�fte, dr�ckte ihr Kinn in seinen R�cken, bis er zu zucken begann, und war froh, als er stillhielt, ohne sie abzusch�tteln. Sie hatte das Gef�hl, zu viel nachgedacht zu haben an diesem Morgen. Wie eine Fremde stand sie inmitten von Tausenden anderer Grenzg�nger, in der mit H�nden greifbaren festlichen Gespanntheit, die nur darauf wartete, sich in Ausgelassenheit zu verwandeln, sobald der Zug losmarschierte. Ihren Mann konnte sie nicht mehr erkennen in der Reihe der Uniformierten. Wenige Meter vor ihr auf der Rheinstra�e kackte ein Pferd.</p><p>Was sagte der B�rgermeister?</p><p>�� eine Tradition, in der sich die Verbundenheit ausdr�ckt zwischen gestern, heute und morgen, zwischen den Generationen, zwischen den B�rgerinnen und B�rgern einer Generation und schlie�lich die Verbundenheit einer ganzen Gemeinde zu ihrer Heimat und dem, was sie ausmacht: die Sch�nheit der Natur und die Herzlichkeit der Menschen. Wir feiern Grenzgang seit mehreren hundert Jahren, und wir werden auch noch in hundert Jahren � das hei�t genauer: in achtundneunzig und dann in hundertundf�nf Jahren � wieder Grenzgang feiern. �Der B�rgermeister lie� die kleine Heiterkeit verebben, zusammen mit dem von Lautsprechern verst�rkten Echo seiner Stimme. Danach ballte sich die Stille �ber den K�pfen, als w�rde sie vom Himmel herab, aus Tausenden Kilometern freien Raumes ausgerechnet auf den Bergenst�dter Marktplatz niedersinken.�Denn der Grenzgang ist die Vergegenw�rtigung und die Feier all dessen, was wir als das Besondere an unserer Heimat empfinden, was wir bewusst pflegen, worauf wir stolz sind, was uns die Gewissheit gibt, dass wir Mitglieder einer Gemeinschaft sind, in der Mitglied zu sein sich lohnt.�</p><p>Kerstin h�rte dem B�rgermeister zu und erinnerte sich, wie sie Daniel als Baby durchs Haus getragen und die Nase auf sein flaumiges Kopfhaar gelegt und gedacht hatte, dass nichts auf der Welt so k�stlich roch wie die Haut eines kleinen Kindes. Warum fiel ihr das jetzt ein? Weil sie nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wovon der B�rgermeister eigentlich sprach. Was f�r ein Stolz war das? Worin bestand der Sinn f�r das Besondere? Und ob es sich lohnte, Teil dieser Gemeinschaft zu sein, schien ihr an diesem Morgen zweifelhafter denn je. Nicht, dass sie an der Aufrichtigkeit seiner Worte zweifelte, Grollmann stand so unersch�tterlich auf seinem Podest, als h�tte ein Baukran ihn am Morgen dort hinaufgehievt. Der meinte das ganz ernst. Und dennoch: Beschrieb er etwas, was er genauso empfand, oder beschwor er etwas, was er wie alle anderen zu empfinden w�nschte und wovon er sich nicht eingestehen konnte, dass es ein Wunsch war, der weder heute noch in sieben, vierzehn, achtundneunzig oder hundertf�nf Jahren in Erf�llung gehen w�rde? In seinen Satzpausen ert�nte das Flappen der Fahnen in der Morgenbrise. Ged�mpfter Motorenl�rm erinnerte daran, dass im Industriegebiet der Arbeitstag begann. Was f�r ein Schauspiel f�hren die hier auf, dachte sie.</p><p>�Was wir mit diesem Wort �Tradition� bezeichnen � k�nnte man es nicht auch als den Pulsschlag bezeichnen, den wir alle in uns f�hlen, wenn wir die Musik der Kapellen und das Peitschenknallen der Wettl�ufer h�ren? Ist es etwas anderes als die Summe der Arbeiten und der Freuden, mit denen wir das Fest seit Monaten vorbereiten � so wie es andere vor Jahren und Jahrzehnten vorbereitet haben? Ist Tradition also nicht, was man oft unter ihr versteht, das blo� Vergangene, das heute nur noch <emphasis>gepflegt </emphasis>wird? Weil schlie�lich niemand sich vorwerfen lassen m�chte, ungepflegt zu sein ��Noch einmal war hier und da ein Lachen zu h�ren. Kerstin f�hlte sich pl�tzlich schl�frig. Sie glaubte kein Wort, aber ihr gefiel, was sie h�rte. Sollte man in Bergenstadt etwa aufh�ren, Grenzgang zu feiern, nur weil es f�r die eine oder andere Ehe von Vorteil w�re? Der B�rgermeister sprach auch nicht so, als w�re ihm daran gelegen, seinen Zuh�rern ein wohliges Kribbeln zu verschaffen, sondern als h�tte er sehr lange und gr�ndlich nachgedacht und pr�sentierte nun das Beste, was ihm dabei eingefallen war.</p><p>� � und darum, liebe Mitb�rgerinnen und Mitb�rger, liebe Bergenst�dterinnen und Bergenst�dter, feiern wir auch den Grenzgang in diesem Jahr so, wie wir es immer getan haben. Ich danke allen, die durch ihren Einsatz w�hrend der Vorbereitungszeit die Durchf�hrung erm�glicht haben, und ich w�nsche uns allen einen fr�hlichen Grenzgang 1999. �Der B�rgermeister machte eine Pause, und sein Luftholen rauschte wie eine Windb�e durch die Lautsprecher.�Der Grenzgang 1999, er lebe ��</p><p>�HOCH!�, hallte es in einer Lautst�rke �ber den Platz, dass Kerstin zusammenzuckte.</p><p>�Er lebe ��</p><p>�HOCH!�</p><p>�Er lebe ��</p><p>�HOCH!�Aus tausend Kehlen erklang der Ruf, eher entschlossen als begeistert, und hallte zwischen den Marktplatzfassaden nach, als w�rden die H�user sich unter dem pl�tzlichen Luftdruck nach hinten biegen. Wollt ihr den totalen Grenzgang? dachte sie und �rgerte sich �ber sich selbst. Warum konnte sie nicht aufh�ren mit diesem sinnlosen Spott? Applaus brandete auf, die Menge regte sich. Rucks�cke wurden auf die Schultern genommen, die letzten Schirme zusammengerollt. Und gerade als Kerstin glaubte, nun werde das Kommando zum Abmarsch gegeben, erklang unerwartet die Nationalhymne.</p><p>�Einigkeit und Recht und Frahaheit ��Der Text war zwar bekannter als der des Trauermarsches zuvor, aber trotzdem wurde die Hymne eher pflichtschuldig abgesungen als inbr�nstig intoniert. Um sich herum sah Kerstin ein paar Grenzg�nger, die sich pl�tzlich f�r ihre Schuhe interessierten.�� f�r das deutsche Vateherlaaand. �Die J�ngeren schnitten Grimassen oder zuckten die Schultern, andere beteiligten sich wie an einer von oben angeordneten Unanst�ndigkeit.�Danach lasst und alle streheben, br�derlich mit Herz uhund Haaand. �Hier und da sangen Leute mit gleichg�ltiger Unbefangenheit, und alleine ein dicker Mann mit B�rstenhaarschnitt und Bernhardinergesicht stand vorne auf dem Podest und schmetterte aus voller Kehle mit:�Bl�h im Glahanze dieses Gl�h�ckes, bl�ehe deuheutsches Vateherland. �Dann war es vorbei, das L�cheln kehrte zur�ck auf die Gesichter, Kerstin sah die Wettl�ufer in Position gehen, der B�rgeroberst trat noch einmal vor die aufgestellten Gesellschaften und rief:</p><p>�B�rger und Burschen, stillgestanden! Das Geweeeehr �ber! Grenzgang: Marsch!�Damit ging es endlich los: Wie von selbst formierte sich der Zug, der Mohr tanzte vorneweg, Reiter und Gesellschaften reihten sich ein, und die Mitglieder des Komitees verlie�en die B�hne. Kerstin beobachtete den B�rgermeister, der noch einen Moment lang vor seinem Pult stand und die Bl�tter seiner Rede einsammelte; ein untersetzter Mann, der wie ein berufsm�der Klassenlehrer seine Sachen zusammensuchte, w�hrend die Sch�ler in die Pause tobten und sich wohl nicht allzu gut an seine Lektion erinnerten. Sie w�re gerne nach vorne gegangen, um ihm zu sagen, dass ihr die Rede gefallen habe.</p><p>�Jetzt aber schnell. �Daniel kletterte von seinem M�lleimer.</p><p>�Schnell was?�</p><p>�Hinterher.�</p><p>�Erst dreht der Zug eine Runde durch die Oberstadt. Danach d�rfen wir mitmarschieren.�</p><p>�Jetzt noch nicht?�</p><p>�Jetzt nur Burschen und M�nner. So sind die Regeln beim Grenzgang. Wir Frauen m�ssen uns hinten einreihen.�</p><p>�Ich bin keine Frau.�</p><p>�Kannst es ja versuchen. Ich geh zu Onkel Hans und warte mit ihm, bis der Zug die Schlossgasse wieder runterkommt. Da vorne steht Nobs.�</p><p>Daniel wandte den Kopf. Er sah besser aus jetzt, schien in dem Schauspiel um ihn herum vergessen zu haben, was seit Wochen an ihm nagte und seit dem Vorabend an ihm zerrte. Sie strich ihm mit der Hand �ber den Kopf.</p><p>�Das hei�t also, unsere Wege trennen sich hier. War sch�n mit dir, mein Sohn.�</p><p>Er verdrehte die Augen.</p><p>�Ich wette, dass ich vor dir am Fr�hst�cksplatz bin.�</p><p>�Willst du was aus dem Rucksack? Hast du noch Bons?�</p><p>�Mach dir um mich keine Sorgen, Mama. Echt! Ich komm schon zurecht. �Damit rannte er los, und so wie sich manchmal die einfachsten Wahrheiten auf den gr��ten Umwegen einstellen, dachte sie, dass die Wahrheit �ber ihr Leben in einen einzigen Satz passte: Au�er Daniel und J�rgen hatte sie nichts und niemanden. Und ihre Hochn�sigkeit und was daraus folgte, war nichts als der Versuch, um diese Wahrheit herum einen Zaun zu errichten, so dass sie selbst nicht unerwartet dagegen prallte, w�hrend sie aus dem K�chenfenster sah und wartete, dass der Auflauf gar wurde. Einmal im Monat besuchte sie ihre Mutter in Olsberg, um sich fragen zu lassen, warum sie seit drei Monaten keine Zeit f�r einen Besuch gefunden habe, und manchmal machte sie noch einen Abstecher zu ihrem Bruder, der zehn Jahre �lter war als sie, dessen Denken und Handeln sie nicht verstand und den sie liebte mit einer Mischung aus Hoffnungslosigkeit, schlechtem Gewissen und der festen �berzeugung, dass es seine Schuld war, nicht ihre. Sie hatte keine Arbeit, war nicht religi�s und ihre beste Freundin wohnte Hunderte Kilometer entfernt. Wenn J�rgen sich jetzt entschlie�en sollte, sie sitzenzulassen und mit einem Teenager ein neues Leben zu beginnen, dann konnte sie sich zu Hause unter der Decke verkriechen, n�chtern die Summe aus zehn Jahren Ehe ziehen und feststellen, dass sie einen Sohn hatte, um den sie sich keine Sorgen machen musste. Echt, Mama. Und sonst nichts.</p><p>Der Zug war auf dem Weg den Marktplatz hinauf Richtung Kaltenbach. Das Peitschenknallen klang jetzt von der Oberstadt herab, die Spitze des Zuges bewegte sich bereits durch die engen Gassen und w�rde bald wieder zur�ck sein. Hans stand oben neben der Apotheke und rauchte. Sie empfand eher Erstaunen als Erschrecken: Wie schnell es gehen konnte, wie wenig sie davon trennte, ihr Leben in Tr�mmern liegen zu sehen. Ein paar Hormone im K�rper ihres Mannes, chemische Reaktionen, die sich irgendwann zu dem formten, was er mit ernstem Gesicht eine Entscheidung nennen w�rde. Und sie? Fallen w�rde sie, nicht kurz und hart, sondern wie in Zeitlupe, ohne es zu glauben zuerst, und vielleicht empfand sie deshalb keine Angst, sondern nur diese grenzenlose Verwunderung. Allen ging es so: Evi Endler lief mit Tommy �ber den Marktplatz, Daniel und Nobs waren in der Menge verschwunden. Die Bergenst�dter standen abmarschbereit oder marschierten bereits, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass deren Leben so viel sicherer war als ihres.</p><p>Ihre Ehe war hin�ber, sie wusste es. Schon passierte das Ende des Zuges den Platz vor der Imbissbude, und kurz darauf stand niemand mehr in ihrer N�he. Ein Mann im blauen Overall rollte die Kabel vor dem Podest zusammen. So schnell ging das, so unglaublich schnell. Alles str�mte den Kaltenbach oder die Schlossgasse hinauf oder bildete eine Gasse am anderen Ende des Marktplatzes. Sie sah Hans eine Armbewegung in ihre Richtung machen, als wollte er sagen: Worauf wartest du noch?</p><p>Worauf wartete sie noch? Der Grenzgang begann, sie hatte das Ende erreicht, und zwischen den Wolken strahlte zum ersten Mal die Sonne hervor.</p></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><p>Er war alles gleichzeitig: aufgekratzt, ersch�pft, gelangweilt, gespannt, nerv�s. Geblendet blinzelte er ins morgendliche Sonnenlicht und bekam Lust, sich an den Stra�enrand zu setzen und den ganzen Zug passieren zu lassen. F�nfzig Meter weiter begann der eigentliche Grenzgang: Der Zug hatte die letzten H�user von Karlsh�tte hinter sich gelassen und bog im rechten Winkel von der Bundesstra�e ab, hinein in den Wald. Den Kleiberg hinauf. Aus meterlangen Baumst�mmen waren zwei Treppen gezimmert worden, um den Wanderern das �berwinden des Stra�engrabens und der steilen B�schung zu erleichtern. Dann ging die Kraxelei los. Es gab weder Weg noch Stufen, noch etwa ein Gel�nder auf diesen zwei Kilometern hinauf zum Kamm. Rufe hallten zwischen den B�umen herab, die Spitze des Zuges war bereits auf halber H�he, das Ende konnte Weidmann nicht erkennen, aber das Peitschenknallen klang weit weg, kam von der H�he der Berufsschule oder noch weiter. Und immer noch waren seine Beine schwer von drei Stunden Halbschlaf im engen Auto und der anschlie�enden Fahrt.</p><p>Er hatte seinen Wagen am B�rgerhaus abgestellt und sich unter die Menge auf dem Marktplatz gemischt, wortlos erstaunt angesichts des Spektakels. Leichte Sommerschuhe mit glatten Sohlen trug er, in denen man die Friedrichstra�e entlangschlendern, aber nicht den Kleiberg besteigen konnte, dazu Flanellhosen, ein nicht mehr frisches Hemd, und das Jackett hatte er sich �ber die Schulter geworfen wie ein Museumsbesucher. Rings umher trugen alle Kniebundhosen oder groben Cordstoff, Wanderschuhe, manchmal Turnschuhe, Fleece- oder Regenjacken. Die �lteren hatten St�cke dabei. Und vom �u�eren abgesehen: die Fr�hlichkeit, der Gesang und die Hochrufe, die gute Laune in den unauff�llig derben Gesichtern, all die Gemeinsamkeit � und er nicht. Drei oder vier Kilometer, vom Marktplatz durch den Ort und anschlie�end die Bundesstra�e entlang nach Karlsh�tte war er mit dem Gef�hl gelaufen, jeden Moment werde sich jemand zu ihm umdrehen und ihn h�flich, aber bestimmt bitten, aus dem Zug auszuscheren. Nicht so zu tun, als geh�re er dazu.</p><p>Seine Mutter hatte er noch nicht gesehen und wusste auch nicht, ob er bereit war, ihr unter die Augen zu treten.</p><p>Vor dem �bergang in den Wald staute sich der Zug. Auf der anderen Stra�enseite floss die Lahn am alten Preiss�schen Firmengel�nde vorbei, auf dem nur noch die Haupthalle stand, ein zweist�ckiger Vorkriegsbau mit riesigen Fenstern, der von Weitem an einen verwaisten Bahnhof erinnerte. Drum herum wuchs Gras, kurz gem�ht wie auf einem Sportplatz, unterbrochen von den hellen Steinfundamenten anderer, l�ngst abgerissener Geb�ude. Dahinter �ffnete sich das Tal, Wiesen ruhten im Morgendunst, der Arnauer Friedhof streckte sich �ber einen sanften H�gel. K�hle rieselte den Kleiberg herab. Ein Polizeiauto hielt den Verkehr auf der B 62 an, zwei Sanit�ter standen neben ihrem Wagen und sahen dem Zug zu. Die Luft roch nach Harz und Bier. Ein Reisebus wartete mit laufendem Motor, um die Mitglieder der voranmarschierenden Kapelle aufzunehmen und zum Fr�hst�cksplatz zu fahren. Instrumente wurden eingepackt, Musikanten wischten sich die Stirn und lie�en Flaschen kreisen. Ein Mann in Lederhose und mit krebsrotem Gesicht, die Tuba auf dem R�cken, stand neben der Bust�r und rauchte.</p><p>Jedes Mal sah er weg, wenn ihm in der Menge ein bekanntes Gesicht begegnete.</p><p>Sofern es beim Grenzgang ums Wandern ging, war das hier der H�hepunkt: Tausende Wanderer k�mpften sich auf dem noch feuchten Waldboden nach oben. Vierzig Prozent Steigung zwangen die meisten, mit ausgestreckten Armen nach Wurzelst�cken und d�nnen Baumst�mmen zu greifen oder die H�nde auf den Boden zu setzen. Wer nicht aufpasste, begann zu rutschen. Hier und da sa�en die Ersten auf dem Hintern, w�hrend sportliche junge M�nner bergan sprangen und ihren Freundinnen eine helfende Hand anboten. Nichts als ein flacher Graben, eine dunkle Scharte auf dem Waldboden markierte den Grenzverlauf. �berall wurde gelacht, gest�hnt, schwer geatmet. Mit entschlossenen Gesichtern setzten Senioren einen Fu� vor den anderen, stie�en ihre Wanderst�cke in den Boden und machten sich gegenseitig Mut. Kinder hatten ihren Spa�.</p><p>Wie die Wombatze, dachte Weidmann beim Anblick all der wackelnden Hinterteile. Er lie� die Holztreppe hinter sich und begann den Aufstieg, mit einer Hand das zusammengerollte Jackett haltend, die andere in Bereitschaft, nach dem n�chstbesten Halt zu greifen. Bereits nach wenigen Schritten begann ein Ziehen in den Oberschenkeln, und zum ersten Mal an diesem Morgen war er am�siert �ber seine eigene deplatzierte Erscheinung, seine akademische Unbeholfenheit angesichts der Herausforderung dieses H�gels. Blutige Blasen w�rde er sich holen, dazu Muskelkater in Schenkeln und Waden, aber es war ihm egal. Der Kleiberg stand vor ihm und wollte bezwungen werden. Er wischte sich die Stirn und nickte. Hier und da lehnten die ersten Grenzg�nger gegen Baumst�mme und verfluchten ihr �bergewicht. Der ganze Wald war voller Menschen. Blitzlichter von Kameras erhellten die D�mmerung unter dem dichten Bl�tterdach. Der Aufstieg zum Kleiberg war einerseits eine �bung in Bescheidenheit und andererseits die beste Gelegenheit, sich so zu f�hlen, als w�rde man eine wirkliche Leistung erbringen, indem man Grenzgang feierte. Fremde Menschen zogen an Weidmann vorbei. Er hatte Lust auf Bier. Zweimal rutschten seine Schuhe unter ihm weg, als w�rden sie sich aus eigenem Entschluss auf den R�ckweg machen wollen, und zweimal stie� er mit den Knien in weichen Waldboden, behielt braune Erdflecken auf der Hose zur�ck und das Gef�hl, auf dem richtigen Weg zu sein. Zw�lf Stunden war es her, dass er sich wie ein Idiot benommen und einen Stein durch das Fenster des Historischen Seminars der Humboldt-Universit�t zu Berlin geschmissen hatte, aber jetzt erfreute er sich an der ungewohnten k�rperlichen Anstrengung, der kaltfeuchten Waldluft und dem eigenen Schwei�. Den Blick auf den Boden gerichtet, zogen die Bergenst�dter den Hang hinauf, dickk�pfig engagiert im Kampf gegen sich selbst. Ein merkw�rdiger Menschenschlag, dachte Weidmann. In den Adern dieser Grenzg�nger schien ein dunkler, schwerer Most zu flie�en, der sich in Momenten der Anstrengung bew�hrte. Mochten die Beine noch so schwer und das Ziel noch so fern sein, aufzugeben kam nicht in Frage, das hatte mit Ehrgeiz nichts zu tun, sondern entsprang einer innigen Freundschaft mit dem eigenen inneren Schweinehund. Vielleicht hatte Kamphaus das gemeint, als er fragte, ob er sich eigentlich selbst als Dicksch�del bezeichnen w�rde.</p><p>Je h�her er stieg, desto mehr Schwei� lief ihm �ber die Schl�fen ins Ohr und lie� die Ger�usche ringsum zu einem Rauschen verschwimmen. Hauptsache, du gibst dein Bestes, hatte sein Vater ihm immer eingeimpft, und das war weniger Ansporn als Beruhigung gewesen, denn es hie�: Und wenn�s dann nicht klappt, war�s nicht deine Schuld. Die Bergenst�dter Gen�gsamkeit, das Mostige � auch davon hatte der B�rgermeister am Marktplatz gesprochen, wenngleich in anderen Worten. Und er, Thomas Weidmann, war dem nie entkommen. Was damals in den ersten Berliner Jahren in ihm eher geglimmt als gebrannt hatte, war ein mit Bergenst�dter Phlegma durchsetzter Ehrgeiz gewesen, der vor allem der Form gen�gen und sich ein gutes Gewissen f�r den Fall des Scheiterns erarbeiten wollte. Mehr nicht oder jedenfalls nicht viel mehr.</p><p>Wie immer �bertreibst du ma�los, h�rte er Konstanze sagen und sch�ttelte den Kopf. Je schneller sein Atem ging, desto klarer erkannte er seine Situation. Was f�r eine Farce! Eine Flucht im Kreis. Und jetzt war wieder Grenzgang, waren sieben Jahre verflogen und vorbei und bald noch mal sieben und dann wieder sieben und immer so weiter, bis man zu denen geh�rte, denen die s�belschwingenden F�hrer am Marktplatz ihre Reverenz erwiesen. Tradition! Wald! Heimat! Man gedachte der Toten und bekam Lust auf ein k�hles Bier. War das Tradition? W�hrend der Rede des B�rgermeisters hatte Weidmann in seinen Stadtkleidern in der Menge gestanden und sich umgeschaut: Lauter ernste, beinahe ergriffene Gesichter, so als w�rden f�r einen Moment alle glauben, was ihnen aus den Lautsprechern entgegenhallte. Und jetzt, w�hrend er seine Schritte seitlich in den Hang setzte, um nicht abzurutschen auf dem immer steiler werdenden Boden, jetzt glaubte er es selbst. Genau das war Tradition: Sich halten an das, was man hat. Vereinzelt stie� Sonnenlicht durch die Bl�tter der dicht stehenden B�ume. Sein Vater hatte daran geglaubt, so fest und selbstverst�ndlich wie daran, dass sein Sohn es eines Tages zum Professor bringen w�rde, und nur weil er sich in dem einen get�uscht hatte, musste das andere keine Illusion sein. Tausende k�mpften sich an diesem Morgen gemeinsam den Berg hinauf, und er empfand es als Gl�ck � oder beinahe zumindest. Eine schlichte und bescheidene Vorform des Gl�cks, die mit Luft und Erde zu tun haben mochte. Oder mit Gemeinschaft und Bier. Nur dass sie Wurzeln haben k�nnte, erschien ihm unwahrscheinlich. Und wenn, dann bestanden sie in einem Sinn f�r Verlust und leichter Besch�mung.</p><p>Er erreichte den ersten Waldweg, der den Kleiberg umlief. Sp�rte seinen Puls in der Kehle pochen. Mehr und mehr Wanderer ruhten sich auf dem Weg aus und blickten lachend bergab auf die nachfolgenden Grenzg�nger. Irgendwo wurde immer Bier getrunken. Zwei Jungburschen mit schweren Kr�gen entfernten sich vom Zug und buddelten neben einer einzelnen Fichte ein paar Bierflaschen aus dem Boden � Seidippetr�ger mussten den Durst einer ganzen Burschenschaft stillen, das war ohne Depots unterwegs nicht zu machen.</p><p>�Thomas?�</p><p>Weidmann blickte auf und erkannte seine Tante: Mit Wanderstock, Hut und Weste lehnte sie etwas abseits an einem Buchenstamm, wischte sich mit einem Tuch die Stirn und machte vor �berraschung gro�e Augen.</p><p>�Hallo, Tantchen. Brauchst du Hilfe?�, sagte er so beil�ufig und selbstverst�ndlich wie m�glich.</p><p>�Heute Morgen am Markplatz hab ich noch zu Ingrid gesagt: Dass er sich das entgehen l�sst. Und jetzt stehst du hier wie � Thomas, mein Lieber. �Sie winkte ihn zu sich heran, und Weidmann hatte gerade noch Zeit, der Frau an ihrer Seite zuzunicken, bevor er sich herzen und k�ssen lie�, den Blick �ber Annis Schulter hangabw�rts gerichtet.�Wo kommst du denn pl�tzlich her?�</p><p>�Aus Berlin.�</p><p>Anni Schuhmann sch�ttelte den Kopf und steckte das Tuch wieder ein.</p><p>�Unberechenbar, die jungen Leute. Darauf trinken wir aber ein Pikkol�chen. Wei� denn Ingrid gar nicht, dass du hier bist.�</p><p>�Hab sie noch nicht gesehen. �Er zuckte mit den Schultern. Die Frau neben seiner Tante war etwas j�nger als er, gro� gewachsen und schlank, mit graublauen Augen. Gerade als er ihr die Hand geben wollte, reichte seine Tante ihm eine kleine Sektflasche und fragte:�F�r Sie auch? Du kennst doch Frau Bamberger, Thomas?�</p><p>�Guten Tag�, sagte er.</p><p>Sie murmelte einen Gru� in seine Richtung und ein Dankesch�n zu Tante Anni, als die ihr ebenfalls eine kleine Flasche aus ihrem Rucksack hinhielt.</p><p>�Herr Bamberger hat seine Kanzlei direkt bei uns gegen�ber. So, ihr Lieben: Prost!�</p><p>�Wir kennen uns noch von der Schule. Geht�s ihm gut?�Er �ffnete die Flasche und nickte in ihre Richtung.</p><p>�Bestimmt�, sagte Frau Bamberger.</p><p>�Wie siehst du eigentlich aus?�Tante Anni sch�ttelte immer noch den Kopf.�Hast du gar keine Wandersachen?�</p><p>�Ich bin erst heute Morgen angekommen. �Das war vermutlich keine ausreichende Erkl�rung, aber er beschloss, sie einstweilen als solche zu betrachten. Schwei� lief ihm �ber Schl�fen und R�cken. Den gerade gewonnenen ironischen Abstand zu seiner Situation galt es zu erhalten und auszubauen. Sekt, auch wenn er nicht mehr ganz kalt war, konnte dabei durchaus behilflich sein.</p><p>Frau Bamberger neben ihm sah eher abwesend auf das Treiben, die Arme verschr�nkt, die kleine Flasche vor den Lippen, als wollte sie hineinpfeifen. Sie trug T-Shirt und Jeans und sah trotzdem anders aus als die meisten Frauen, die an ihnen vorbeiwanderten und neidische Blicke auf die Sektflaschen warfen. Da war ein stolzer Zug um die schmalen Lippen, sie trug wenig Schmuck, und ihr Gesicht wirkte, als w�rde sie im Stillen angestrengt nachdenken.</p><p>�Heute Morgen stand ein Auto mit Berliner Kennzeichen vor dem B�rgerhaus�, sagte sie leise, ohne ihn anzusehen.</p><p>�Meins.�</p><p>�Wo hast du denn geschlafen?�Tante Anni sch�ttelte in einem fort den Kopf.</p><p>�Mach dir um mich keine Sorgen, Tantchen. Wo ist Heinrich?�</p><p>�Nimmt den Bus. �Sie machte das Gesicht, das sie immer machte, wenn etwas sie bedr�ckte und sie dagegen ank�mpfte mit diesem L�cheln, das er noch von fr�her kannte.�Ich hab gesagt: Ich fahr mit dir, Heinrich. Aber davon wollte er nichts wissen. Und jetzt sitzt er zu Hause. �Sie sah auf die Uhr.�Wahrscheinlich nimmt er den ersten Bus um kurz nach neun. �Damit wandte sie sich an Frau Bamberger:�Die H�fte, gell. Bei mir geht�s auch langsam los, aber bei ihm war�s der Krieg.�</p><p>�Dabei h�tten Sie mich beinahe noch �berholt am steilsten St�ck.�</p><p>�Ach was, so eine sportliche junge Frau wie Sie! Wo ist denn Ihr Sohn?�</p><p>�W�sste ich auch gerne. �Sie blickte den Hang hinab und wieder hinauf.�Wahrscheinlich da oben.�</p><p>�Ach, und seht mal, wer da kommt. �Aus Tante Annis Gesicht war wieder alle K�mmernis verschwunden.�Ingrid, Ingrid! �ich doochde, du b�ssd lengsd duwwe. Unn jetz gucke mol, wer hie st�dd.�</p><p>Weidmann blickte sich um und sah seine Mutter den Berg heraufkommen. Die Anstrengung stand ihr ins Gesicht geschrieben, dann blieb sie stehen und sch�ttelte den Kopf, w�hrend sich ein Leuchten auf ihre Z�ge legte.</p><p>�Wenn das mal nicht mein Sohn ist. �Wie immer beim Wandern hatte sie sich ein Tuch um die Stirn gebunden, auf dem sich erste dunkle Flecken zeigten. Er ging ihr entgegen und umarmte sie ebenso wie zuvor seine Tante und dachte, was f�r ein Gl�cksfall es war, dass sie einander erst hier begegneten. Noch eine halbe Stunde zuvor h�tte er sich durch seinen verkniffenen Blick verraten.</p><p>�Hab mich ganz kurzfristig entschlossen �, sagte er.</p><p>Noch einmal hielt sie ihm die Wange hin, blickte ihm pr�fend ins Gesicht und dann an ihm herab.</p><p>�So sehen also Professoren aus, wenn sie wandern gehen. Du hast nicht geschlafen.�</p><p>�Trink einen Sekt mit uns�, sagte er und half ihr die paar Schritte hinauf auf das Plateau des Waldweges.</p><p>�Kinder, Kinder, dieser Berg schafft mich. Un Anni, �ich hoos imma werra gesoad: Derres Joar ess doas l�zde Mol. Wann ma i sewwe Joar noch leewe, nomme ma den Bus. �Sie hakte sich bei ihrer Schwester unter, und trotz dreier Jahre Altersunterschied glichen die beiden einander fast wie Zwillinge.</p><p>�Ich hab�s mir fast gedacht�, sagte sie.�Du hast schon als Kind immer erst Nein gesagt und trotzdem nie gerne was verpasst. W�sde noch, Anni, wie he imma �?�Und so weiter, und so fort. Sie standen zusammen und redeten, Weidmann lie� sich von Zeit zu Zeit liebevoll in die Wange kneifen und gab Frau Bamberger mit Blicken zu verstehen, dass er sich nicht unbedingt altersgerecht behandelt f�hlte. Die ihrerseits l�chelte abwesend und schaute zwischendurch den Hang hinauf und hinunter, als drohte ihr von irgendwo Gefahr. Er wunderte sich, dass sie nicht weiterging, um nach ihrem Mann oder ihrem Sohn zu schauen. Der Zug der Wandernden schien unterdessen weder abzurei�en noch auszud�nnen; zwischen den B�umen hindurch ging der Blick bis hinunter auf die Bundesstra�e, und immer noch kamen aus Richtung Bergenstadt Gesellschaften mit ihren F�hrern und Fahnen und bogen in den Kleiberg ab. Zum ersten Mal an diesem Tag hatte Weidmann das Gef�hl, sicher auf dem Boden zu stehen. Der Sekt tat gut, stimmte ein in seinen erh�hten Pulsschlag und prickelte die Kehle hinab.</p><p>Frau Bamberger hatte ihren schon ausgetrunken.</p><p>�Ich nehme Ihnen das ab�, sagte er und griff nach der Flasche.</p><p>�Danke.�</p><p>�Bei welcher Gesellschaft sind Sie, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Rheinstra�e. Mein Mann ist da ��, sie zuckte mit den Schultern,�F�hrer.�</p><p>�Verstehe. �J�rgen Bamberger geh�rte zu jenen Bergenst�dtern, die auf jeder Hochzeit tanzten und in allen Vereinen einen Posten innehatten. Seine Frau wirkte etwas zu klug f�r einen solchen Hinz-und-Kunzler, aber sie hatte ja noch kaum was gesagt.</p><p>Als sie weitergingen, brachte er das Gespr�ch auf andere Themen. War �berrascht, wie sie ohne zu z�gern nach seiner Hand griff, wenn er sie ihr in einer besonders steilen Passage anbot. Sie kamen beide au�er Atem beim Sprechen. Der Sekt schien eine belebende Wirkung auf Frau Bambergers Zunge zu haben, und auf ihre Gesichtsz�ge auch. Irgendwie wurde sie j�nger, je weiter es bergan ging, band sich im Gehen die Haare zum Zopf und krempelte die Hose bis zu den Knien hoch. Dann entdeckten sie, dass sie zur selben Zeit in K�ln studiert hatten, und verglichen f�r den Rest des Aufstiegs Adressen, Bekannte und Lieblingsorte, bis Weidmann sagte:</p><p>�Bestimmt sind wir uns mal beim Altweiberkarneval begegnet, und Sie haben mir die Krawatte abgeschnitten.�</p><p>�Kann sein�, sagte sie, eine Spur zu nachdenklich.</p><p>Unmittelbar �ber ihnen flachte der Kleiberg ab, einige Felsbrocken stie�en durch den Waldboden, und durch die lichter werdenden Bl�tter fielen Sonnenstrahlen auf die Wanderer. Zwei Jungs blickten ihnen von einem steinigen Vorsprung aus entgegen, der eine schaute konzentriert auf die Stoppuhr in seiner Hand, und der andere erwiderte etwas absch�tzig Frau Bambergers Winken.</p><p>�Ihr Sohn?�fragte er.</p><p>�Ja. �Ihm gefiel der Stolz in ihrer Stimme, und ihm gefiel �berhaupt ziemlich viel an ihr, dachte er, w�hrend sie zu ihrem Sohn ging und er sich etwas abseits hielt.</p><p>�Geht�s dir besser, mein Schatz?�, h�rte er sie fragen.</p><p>�Schatz mit Furz. Zw�lf Minuten zweiunddrei�ig warten wir schon hier. Warum tr�delst du immer so?�</p><p>�Wir waren schon vor dem Wettl�ufer hier oben�, sagte der andere.</p><p>�Toll seid ihr. Hast du deinen Vater irgendwo gesehen?�</p><p>�Der ist vor sechs Minuten f�nfzehn hier vorbeigekommen. �Gegen seinen Willen empfand Weidmann das als gute Nachricht. Er blickte den Hang hinab und versuchte zu Ende zu denken, was ihm w�hrend des Aufstiegs durch den Kopf gegangen war. Schon den ganzen Sommer �ber hatte sich in ihm die Ahnung breitgemacht, dass sein Ehrgeiz vergebens und er auf ganzer Linie gescheitert war. Und nun kam die Erkenntnis hinzu, dass er nie Ehrgeiz im eigentlichen Sinne besessen hatte, sondern allenfalls dessen h�sslichen Zwilling, die Eitelkeit. Blo� was folgte daraus? Sollte er die H�nde in den Scho� legen und sich der Einsicht ergeben, dass in allen menschlichen Dingen die Vergeblichkeit nun einmal den l�ngsten Atem besitzt? Was unterschied diese Einsicht dann noch vom Bergenst�dter Phlegma, au�er dem Umweg, auf dem er zu ihr gelangt war? Anders gesagt: Nichts gegen die Einsicht als solche, aber ohne die F�higkeit, mit ihr auch leben zu k�nnen, war sie offensichtlich von begrenztem Wert.</p><p>��berlegen Sie, den Berg noch mal runterzugehen?�</p><p>Er drehte sich um. Frau Bamberger stand mit verschr�nkten Armen, wo sie vorher gestanden hatte � als w�rde sie ihn schon eine geraume Weile beobachten. Die beiden Jungs waren verschwunden.</p><p>�Bitte?�</p><p>�Sie stehen so da. �Ihr Kinn wies den Hang hinab.</p><p>�Nein. Ich gehe nicht gerne zur�ck. Wo ist Ihr Sohn?�</p><p>�Auf und davon.�</p><p>�Kennen Sie das auch? Dieses Gef�hl, pl�tzlich etwas zu verstehen, was Sie eigentlich schon immer gewusst oder geahnt haben? So eine Art Wahrheit. �Abrupt hielt er inne. Er hatte nicht nachgedacht beim Sprechen, sondern einfach gesagt, was ihm durch den Kopf ging, aber sie sah ihn an und nickte, ohne die Verschr�nkung ihrer Arme zu l�sen.</p><p>�Sie w�rden sich wundern. Sie w�rden sich sehr wundern, wenn Sie w�ssten, wie kurz es her ist, dass ich zuletzt genau dieses Gef�hl hatte.�</p><p>�Gut. Sehr gut. Dann k�nnen Sie mir auch sagen, ob in diesem Gef�hl eher ein Trost liegt oder ein Grund, Angst zu haben.�</p><p>F�r einen l�ngeren Moment blickte sie ihn an, als ob sie fragen wollte: Was wollen Sie eigentlich von mir? Sonne fiel auf ihr Gesicht und malte ein Relief winziger Falten darauf.</p><p>�Nein�, sagte sie schlie�lich.�Ich bef�rchte, gerade das kann ich nicht.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Zwanzig R�llchen liegen in einer Reihe auf dem Tisch, daneben der Kamm, die Nadeln, das Haarwasser, eine silbrige Dose mit Haarspray, und ihre Mutter sitzt rundgebeugt auf ihrem Stuhl, sieht hinaus in den Regen und sagt zum dritten Mal:</p><p>�Ist doch was, ja, brauchst nicht mehr immer mit den schweren Kannen ��</p><p>Die Frau von der Diakonie ist weg, nur der Geruch von Badezusatz und Schwei�, den sie beim Verlassen des Badezimmers hinter sich herzieht, schwebt noch durch die Diele und herein in das Zimmer ihrer Mutter. Omas Badewumme, nennt Daniel sie, wegen ihres K�rperumfangs und dem ger�teten Gesicht und weil die Vorstellung, von Frau Kolbe gebadet zu werden, etwas ebenso Lustiges wie Be�ngstigendes hat, f�r einen Pubertierenden allemal. Deren Unterarme k�nnen es mit Kerstins Waden aufnehmen.</p><p>�Nicht so fest�, sagt ihre Mutter, auch das zum dritten Mal.�Machst mich ja noch ganz kahl.�</p><p>��tschuldigung. �Sie dreht das letzte R�llchen einen Millimeter zur�ck und befestigt es mit einer der Nadeln, die ihre Mutter ihr �ber die rechte Schulter hinh�lt. D�nnes, wei�es Haar und dazwischen blasse, altersfleckige Kopfhaut. Drau�en rauscht der Regen. Ihre unge�bten Finger zittern, wenn sie eine Str�hne von den Spitzen her eindreht, mit einer Hand festh�lt und mit der anderen die Nadel hindurchsteckt. An den verspannten Schultern ihrer Mutter merkt sie, wie diese auf den Moment wartet, da sie zu fest zieht oder zu tief sticht, geduckt, als rechnete sie mit einem Schlag auf den Hinterkopf.</p><p>�Fertig. �Sie l�sst los und sieht nach drau�en.�W�rde dir eigentlich nicht auch ein Kurzhaarschnitt stehen? So wie Tante Gerdi.�</p><p>�Drei Nadeln hab ich noch, ja.�</p><p>�Aber keine losen Haare mehr. Zwanzig Minuten Haube, danach gibt�s Essen.�</p><p>Eine Woche Sonnenschein hat den Garten in ein Meer aus Bl�ttern und Bl�ten verwandelt, die sich jetzt dem Regen entgegenstrecken. Auf der Terrasse h�rt sie das Pl�tschern des Wassers, das durch die ge�ffnete Rinne ins Regenfass str�mt. Au�en auf der Fensterbank machen vereinzelte Tropfen ein hohles Ger�usch.</p><p>�Wo ist Daniel?�</p><p>�Bei seinem Vater. �Mit der Rechten zieht sie die elektrische Trockenhaube heran, nimmt ihrer Mutter die Haarnadeln aus der Hand und platziert die unf�rmige, an eine Tauchglocke erinnernde Haube �ber den aufget�rmten Lockenwicklern.�Zwanzig Minuten�, wiederholt sie und dr�ckt auf Start, bl�st die Entgegnung ihrer Mutter mit einem Schwall warmer Luft fort.</p><p>Keinen Seufzer beim Verlassen des Zimmers, da achtet sie drauf wie fr�her auf die Fingern�gel ihres Sohnes.</p><p>Auf der Terrasse bildet das Wasser kleine Pf�tzen auf den Gr�nsteinplatten, aber der Regen l�sst bereits wieder nach. Im Westen d�nnen die Wolken aus, lassen rot gefiltertes Licht durch und bringen die frisch gewaschenen Farben im Garten zum Leuchten; lila und wei� der Flieder mit seinen schwer duftenden Bl�ten, die sich jetzt unter dem Regen beugen. Die steileren Partien des Hanges d�rfen wuchern nach Belieben, da quellen Hahnenfu�, Veilchen und Ehrenpreis bunt aus der Erde, und erst wo es wieder flacher wird, ranken sich Rosen ein st�tzendes Holzgitter empor, die Bl�ten offen, aber noch kelchf�rmig, gleichzeitig zart und fest. Die schneidet sie mehrere Tage lang, z�gernd wie ein Friseurlehrling im ersten Lehrjahr, tritt nach jedem zweiten Schnitt einen Schritt zur�ck und pr�ft aus kritischen Augen das Ergebnis. Rosen wollen nicht nur gepflegt, sondern geb�ndigt werden, bis alle Wildheit sich in Kraft verwandelt hat, die aus weiten, im Wind zitternden Bl�ten str�mt.</p><p>Was ist los mit dir? w�rde Anita fragen. Es sind blo� Pflanzen. Bist du nerv�s?</p><p>�Halt den Mund�, sagt sie leise und geht in die K�che.�Du wei�t nicht, wie es ist.�</p><p>Zum ersten Mal, seit sie einander kennen, hat Anita sie nicht zum Geburtstag angerufen. Freue mich �ber Nachrichten nach dem Signalton und bin Anfang Juni wieder unter dieser Nummer zu erreichen. Wo sie sich bis dahin aufh�lt, verr�t ihr Anrufbeantworter nicht.</p><p>Kerstin nimmt blaurandige Teller und Becher aus dem K�chenschrank und beschlie�t, an diesem Abend den elektrischen Badestuhl aus der Wanne zu heben, sich mit einem Glas Wein ins hei�e Wasser zu legen und in der <emphasis>Brigitte </emphasis>zu bl�ttern, die seit einer Woche ungelesen auf dem Wohnzimmertisch liegt. Mehrere Male sieht sie zum Telefon, w�hrend sie den Tisch deckt. Drau�en h�rt es auf zu regnen. Eher um die Zeit zu vertreiben denn aus Notwendigkeit fegt sie das Wasser von der Terrasse und kontrolliert den Flieder auf Blattl�use, dann kehrt sie ins Haus zur�ck und hilft ihrer Mutter beim Entfernen der Lockenwickler.</p><p>Zum Abendessen macht sie Toast mit Camembert, Ei und Tomaten. Sieht durch das K�chenfenster, wie in die D�mmerung hinein noch einmal die Sonne hervorkommt und ihr bernsteinfarbenes Licht �ber den Bl�ttern der Hecke ausgie�t. Wie auf Meinrichs Hauswand die Schattenlinie steigt, so schnell oder langsam wie der gro�e Zeiger der Uhr.</p><p>Der Toast wird gar. Sie stellt den Ofen aus und sieht nach ihrer Mutter. Die ordnet gerade alle Lockenwickler einzeln in eine leere Keksdose und tr�gt noch den gr�nlichen Plastikumhang um die gebeugten Schultern. Pr�ft ihre Frisur in einem kleinen Stellspiegel, hat wie immer unter der Haube das H�rger�t rausgenommen und merkt nicht einmal, dass jemand ins Zimmer getreten ist. Kerstin sieht ihr dabei zu, wie sie einen Lockenwickler nach dem anderen vom Tisch nimmt, mit zitternden H�nden, und wie sie manchmal in der Bewegung inneh�lt, gar nichts tut, einfach nur dasitzt. Reglos. Dann der n�chste Handgriff. Der Anblick dieser unmenschlichen Langsamkeit erf�llt Kerstin mit einer Mischung aus Mitleid und Wut, gegen die sie sich schlie�lich nur mit dem Schlie�en der T�r wehren kann. Noch einmal tritt sie auf die Terrasse. Die Luft ist k�hl jetzt. Sie friert an den nackten Waden.</p><p>Seit einer Woche nimmt sie sich jeden Abend vor, Daniels Klassenlehrer anzurufen, um einen Termin f�r ihr Gespr�ch zu vereinbaren, und tut es dann doch nicht. Immerhin, ihren Anwalt hat sie angerufen, zum ersten Mal seit drei Jahren, und prompt ist gestern eine Sendung mit Informationsmaterial zum neuen Unterhaltsrecht gekommen. Die entscheidenden Passagen mit gelbem Textmarker unterstrichen: St�rkung der nachehelichen Eigenverantwortung, keine unbegrenzte Lebensstandardgarantie mehr, Begrenzung des Unterhaltsanspruchs im Sinne eines moderaten Abschmelzens des Unterhalts � die Prosa der neuen Bescheidenheit. Ob sie sich eine Arbeit werde suchen m�ssen, hat sie am Telefon gefragt, und auch dazu findet sie einen gelb unterlegten Satz: Die R�ckkehr in den erlernten und vor der Ehe ausge�bten Beruf soll k�nftig eher zumutbar sein; dies selbst dann, wenn damit ein geringerer Lebensstandard als in der Ehe verbunden ist. Am Telefon hatte der Anwalt noch gesagt: eventuell. Wie das gehen soll mit ihrer Mutter im Haus, wusste er spontan auch nicht zu sagen. Ob deren Pflegebed�rftigkeit amtlich festgestellt sei?</p><p>Nein, hat sie gesagt, worauf der Anwalt ihr zu einem Antrag auf Pflegegeld riet. Erstens lasse der sich im Erfolgsfall gegen die Zumutbarkeit der Berufsaus�bung ins Feld f�hren und zweitens k�nne er eine etwaige K�rzung des Unterhalts abfedern. Im Sinne der Erhaltung eines moderat begrenzten Lebensstandards in nachehelicher Eigenverantwortung.</p><p>Das ist der Stand. Nur was ihren Sohn getrieben hat, in der Schule kleine Kinder zu erpressen, wei� sie immer noch nicht. Zum ersten Mal seit sie am Rehsteig wohnt, hat sie gestern seinen Abschied als Erleichterung empfunden. Ein leeres Haus ist leichter zu ertragen als diese gepresste Stille am Abendbrottisch. All das hat sie sich vorgenommen Weidmann zu erkl�ren, nicht weil es zur Sache geh�rt, sondern weil es einmal aus ihr herausmuss und sie sicher sein kann, dass er es sich anh�ren wird, ruhig, mit diesem angedeuteten Nicken.</p><p>Aber sooft sie auch daran denkt, sie ruft ihn nicht an.</p><p>Der K�se auf dem Toast beginnt zu dunkeln. Auf den Boden des Ofens tropft der Saft der Tomaten. Trocknet und verkrustet.</p><p>Im K�chenkalender neben der T�r hat sie den Termin des Elternsprechtags markiert und vermeidet es seitdem, diesen anzusehen. Fragt sich lieber, ob es jetzt schon so weit mit ihr ist, dass sie eine Woche gr�beln muss, bevor sie sich abmachungsgem�� bei einem Mann meldet, zu dessen beruflichen Pflichten es geh�rt, mit ihr ein Gespr�ch zu f�hren. Wegen eines einzigen kurzen Kusses vor sieben Jahren?</p><p>In der Essdiele klingelt das Telefon, und noch vor dem zweiten Ton hat sie den H�rer am Ohr. Rauschen schl�gt ihr entgegen. Zuerst h�rt sie in unendlicher Entfernung eine Stimme wie aus einem Funkger�t, dann Anitas fr�hlich forsches� Hallo?�.</p><p>�Ich bin dran�, sagt sie, k�lter als sie klingen wollte. Die Uhr �ber dem Esstisch zeigt genau sieben. Auf der Anrichte beginnen die Veilchen sich �ber den Rand der Vase zu neigen, in einem Akt grazi�ser Unterwerfung unter die Herrschaft der Zeit.�Von wo rufst du an? Vom Mond?�</p><p>�Fast. Von da, wo demn�chst der Mond ins Meer f�llt. Und dann fiel mir gerade ein, dass du ��Ihre Stimme verschwindet hinter einem Ger�usch, als w�rde tats�chlich gerade der Mond ins Meer fallen.�Wollte h�ren, wie�s dir geht?�</p><p>�H�rst du aber wahrscheinlich nicht, bei diesem Rauschen. Wo bist du?�</p><p>�In Nizza. Wenn du�s mir sagst, h�r ich�s doch. �Ihre Stimme klingt aufgekratzt und champagnerlaunig, wie immer wenn sie von weit weg anruft, um Kerstin zu sagen, dass sie von weit weg anruft.</p><p>�Gut. �Mit einem Kugelschreiber kritzelt sie auf den Rand des <emphasis>Bergenst�dter Boten</emphasis>. Alle Vorst�nde komplett, meldet die �berschrift in einem kleinen K�stchen auf der ersten Seite. Direkt neben dem Countdown zur Fu�ball-WM.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Gu-hut.�</p><p>�Verstehe. St�r ich dich?�</p><p>�Ich mach gerade Abendessen. Wie geht�s dir so? Ist Karl der Gro�e bei dir?�</p><p>�Im Geiste, manchmal. Sch�tzchen, im Sommer fahren wir mal zusammen her, das ist ein Traum mit der Bucht und den Bergen. Ich stehe auf dem Dach von diesem Museum und rundherum badet alles in Licht. Halt dir im September ein paar Tage frei.�</p><p>�Klar. �In Anitas Stimme mischen sich schleifende T�ne, und Kerstin h�lt den H�rer ein wenig vom Ohr, w�hrend sie die Diele durchquert, die Terrassent�r kippt und mit dem freien Ohr Schritte im Zimmer ihrer Mutter h�rt. Die r�umt endlich ihre Frisierutensilien in den Wandschrank. In Nizza badet alles in Licht. Aber zum Baden haben wir hier ja zum Gl�ck die Badewumme, denkt sie.</p><p>�Hast du dir endlich eine Putzfrau genommen? Du musst dir �fter mal was g�nnen, wei�t du.�</p><p>�N�mlich? Einer Putzfrau bei der Arbeit zusehen?�</p><p>�Du k�nntest dir in der Zeit die N�gel machen lassen.�</p><p>Kerstins Atem bildet einen formlosen Fleck auf der Scheibe der Terrassent�r, zieht sich Richtung Mittelpunkt zusammen und verschwindet.</p><p>�Tut gut, von dir zu h�ren�, sagt sie lahm.</p><p>�Es tut mir leid, dass ich dieses Jahr deinen Geburtstag vergessen habe. Es war der Tag, an dem wir abgeflogen sind, und ich hab morgens noch dran gedacht.�</p><p>�Und dann nicht mehr.�</p><p>�Ich mach�s wieder gut. Ein Geschenk hab ich jedenfalls losgeschickt.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Wie geht�s deiner Mutter?�</p><p>�Sie ist alt.�</p><p>�Gr�� sie von mir.�</p><p>�Mach ich. Und wenn du was gutmachen willst, dann komm Grenzgang her. Ohne dich bleib ich doch blo� zu Hause sitzen und denke, dass alle sich gerade am�sieren.�</p><p>�Ich werd�s versuchen.�</p><p>Es ist wie immer: Lange kann sie Anita nicht b�se sein. Oder will es nicht. Ist lieber sich selbst b�se, weil sie es nicht kann oder nicht will, und sagt sich: Sie ist meine einzige Freundin, ich habe sonst keine.</p><p>�Bist ein Schatz. Nein, eigentlich bist du ein Ekel, aber ich sto� heute Abend trotzdem auf dich an. Mit Grauburgunder, falls dir das nicht zu gew�hnlich ist.�</p><p>�Wer ist Grauburgunder?�</p><p>�Ein Wei�wein, Ch�rie. Hast du fr�her auch getrunken.�</p><p>Es dauert einen Augenblick, bevor Anitas Lachen sich aus dem mediterranen Rauschen l�st und ihr in kleinen Wellen ins Ohr schwappt.</p><p>�Dass du nie Rotwein trinkst. Na, mal sehen, was mir heute Abend so ins Glas f�llt. �Die Art, wie sie es sagt, verr�t, dass sie nicht alleine ist, dort in Nizza, sondern dem Abend entgegenblickt wie einem teuren Geschenk, dessen Inhalt sie schon kennt. Sie hat �wir� gesagt und nicht ihren Mann gemeint, und jetzt blinzelt sie in der Abendsonne keck irgendeinen Kerl an, mit dem sie am Abend ins Bett zu fallen gedenkt, in dasselbe, aus dem sie am sp�ten Vormittag aufgestanden ist.</p><p>Augenblicklich kehrt Kerstins Groll zur�ck.</p><p>�Weil ich von Rotwein Sodbrennen kriege. Und jetzt muss ich wieder in die K�che.�</p><p>�Wir sehen uns bald, ja?�</p><p>�Viel Spa� noch in Nizza. �Dann sind Rauschen und Lachen verschwunden, und die Wanduhr zeigt drei nach sieben. Kerstin bl�ttert in der Zeitung, ohne zu lesen, bis ihr Blick auf das Kreuzwortr�tsel f�llt, das ihre Mutter zu einem knappen Drittel gel�st hat, in ihrer immer unleserlicher werdenden Handschrift. Nach der Regenbogenhaut im Auge wurde da gefragt, vier Buchstaben, und ihre Mutter hat geschrieben: B-U-N-T.</p><empty-line/><empty-line/><p>�An den R�ndern ist er ein bisschen dunkel geworden. Soll ich dir das abschneiden?�fragt sie ihre Mutter, die skeptische Blicke auf das zerlaufene Gebilde auf ihrem Teller wirft und nicht zu wissen scheint, wo sie mit Messer und Gabel ansetzen soll.</p><p>�Sechzehn Grad waren�s drau�en auf der Fensterbank�, sagt sie stattdessen.�Gestern gab�s noch �ber zwanzig.�</p><p>�Das kommt vor im Mai, so Schwankungen.�</p><p>�Bei uns zu Hause wird�s auch geregnet haben, ja. Der arme Hans.�</p><p>�Wieso armer Hans? Weil das Wetter schlecht ist?�</p><p>�Und dann die Nachtdienste. Fr�her hat er die Nachtdienste gemacht, ja, und dann noch bei uns Rasen gem�ht. Die ganze Wiese am Weiher.�</p><p>�Einmal. Einmal hat er das gemacht. �Aber ebenso wie seine Mutter spricht er immer noch davon, als geb�hre ihm ein Orden f�r seinen Einsatz.�Soll ich dir den Toast schneiden?�</p><p>�Sind das Tomaten aus unserm Garten?�</p><p>�Mutter, es ist Mai. Es gibt noch keine Tomaten bei uns. Und �brigens macht Hans als Chefarzt auch keine Nachtdienste mehr.�</p><p>�Ich hab fr�her immer viele Tomaten gehabt.�</p><p>�Nicht im Mai.�</p><p>�Kartoffeln auch, Gurken, Zucchini. Kanntest du eigentlich die gro�e Wiese oben bei Schmieds Weiher noch? Da war mehr Sonne als unten, ja. Und samstags kam Schmieds Wilhelm vorbei � wenn der Hans gem�ht hat, ja?�� und hat gefragt: Wollt�a Eia? Immer so: Wollt�a Eia?�</p><p>�Lass deinen Toast nicht kalt werden.�</p><p>�Seine Frau ist oft krank gewesen.�</p><p>�Ja. Und Schmieds Wilhelm war�s auch, der die Wiese gem�ht hat. Ein paar Mal hat Hans ihm geholfen. Ein paar Mal. Nicht so oft wie ich zum Beispiel.�</p><p>�Du warst immer weg in K�ln.�</p><p>Ihre Mutter greift nach dem Besteck und legt es wieder zur Seite, um die H�nde zu falten. Unwillk�rlich h�lt auch Kerstin die H�nde still, h�rt sogar f�r einen Moment auf zu kauen. Am Hinterkopf ihrer Mutter entdeckt sie eine Str�hne, die sie vergessen hat einzudrehen.</p><p>Drau�en ist die Sonne verschwunden, nur in Nizza steht sie wahrscheinlich noch �ber dem Wasser, zerl�uft am unteren Rand und tropft hinter den Horizont. Zeit f�r das erste Glas Champagner.</p><p>Sie sieht ihrer Mutter zu, wie sie sich am Essen zu schaffen macht, mit dem Messer durch Spiegelei, K�se und Tomaten f�hrt, bis alle Schichten des Toasts sich �ber den Teller verteilt haben. Dann erst schneidet sie eine Ecke ab, um mit zitternder Hand die Gabel zum Mund zu f�hren, den Kopf vorgestreckt wie eine Schildkr�te. Mit zugerunzeltem Mund, der kein Gebiss zeigt. Nach jedem Bissen legt sie das Besteck ab, wirft einen Blick auf die Pillenbox mit den drei F�chern f�r morgens, mittags und abends, so als w�re die gerade neben ihr auf den Tisch gefallen. �ffnet den Deckel und schlie�t ihn wieder. Trinkt sie, bleibt ein Rand an der Tasse zur�ck, bei allem, was sie tut, scheint sie etwas zur�ckzulassen, und Kerstin denkt, dass das Alter weder tragisch noch grotesk ist, sondern vor allem eine Hinterh�ltigkeit der Natur. Und denkt, dass es bedr�ckend ist, das zu denken, nicht weil es stimmt, sondern weil solche Gedanken den Platz einnehmen, wo etwas anderes h�tte sein sollen. Stattdessen dieser Lupenblick, als w�rde sie L�use suchen im frisch gewaschenen Haar ihrer Mutter.</p><p>�Noch Tee?�Sie �berwindet sich, die Hand auf den Handr�cken ihrer Mutter zu legen und sich zu sagen, dass sie das keine �berwindung kostet. Sich zu sagen: Es ist schlie�lich meine Mutter.</p><p>�Ich will nicht so oft laufen.�</p><p>�Du wei�t, was Doktor Petermann gesagt hat: mindestens zwei Liter am Tag.�</p><p>�Wei�t du noch, wie Schmieds Wilhelm immer zu uns an den Zaun gekommen ist, wenn wir im Garten gearbeitet haben?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wollt�a Eia? Der hat immer so gefragt: Wollt�a Eia?�</p><p>Auf der K�chenuhr zerrinnen die Minuten, drau�en f�llt der Vorhang. W�hrend ihre Mutter noch isst, r�umt Kerstin trockenes Geschirr aus der Sp�le. Sie kann diesem Gem�mmel nicht zusehen bis zum Ende.</p><p>Bei Meinrichs geht die Au�enbeleuchtung an und kurz darauf wieder aus, und in der Diele sagt ihre Mutter:</p><p>�Sechzehn Grad waren�s auf der Fensterbank.�</p><p>W�hrend sie ihre Silhouette im K�chenfester betrachtet, beschlie�t Kerstin, in den n�chsten Tagen ihren Bruder anzurufen, der soll ihr ein paar Tipps geben f�r den Antrag auf Pflegegeld. Warum immer nur sie? Warum nicht der arme Hans, der seine Mutter genau so lange gepflegt hat, wie sie kein Pflegefall war, und der bei seinen seltenen Besuchen in Bergenstadt gute Laune um sich herum verbreitet wie eine �berdosis zu s��en Parf�ms. Ansonsten schippert er am Wochenende mit seiner dritten Frau �ber den Biggesee. Warum nicht der?</p><p>An dem Schimmer, der pl�tzlich in die Einfahrt f�llt, sieht sie, dass auch vor ihrer Haust�r das Licht angesprungen ist.</p><p>�Och�, macht ihre Mutter, als es klingelt.�Das wird der Hans sein.�</p><p>Sie reibt sich die H�nde an einem Trockentuch ab, w�hrend sie durch die Diele geht und sich sagt, dass es jedenfalls nicht Daniel sein kann. Es ist eine Frauengestalt, die sie durch das gelb gef�rbte Milchglas der Haust�r erkennt. Anita, denkt sie, die sich einen ihrer typischen Sp��e erlaubt und nicht aus Nizza, sondern aus ihrem kleinen roten Flitzer angerufen hat, kurz nachdem sie in Dillenburg von der Autobahn abgefahren ist. Anita, die Urheberin des ultimativen Kommentars zum Thema Selbstmitleid: Steig aus der Wanne, solange der Spiegel noch beschlagen ist.</p><p>Anita!</p><p>Sie sp�rt das Strahlen auf ihrem Gesicht, als sie schwungvoll die T�r �ffnet, und sieht Frau Preiss eine �berraschte Bewegung mit dem Kopf machen. K�hlfeuchte Abendluft weht herein. Mit dem Tuch, das Frau Preiss sich um die Haare geschlungen hat, sieht sie aus, als w�re sie gerade einem Cabriolet entstiegen. L�chelnd schwenkt sie einen Korb in der Armbeuge und sagt:</p><p>�Ich st�re Sie doch nicht?�</p><p>�Gar nicht. Guten Abend. �Kerstin sp�rt einen Anflug von Atemlosigkeit in der Kehle. Der Rehsteig ist leer, schimmert im Licht der Laternen.</p><p>�Die ganze Woche schon duftet Ihr Flieder bei uns im Wohnzimmer, und ich dachte, ich revanchiere mich mal. �Mit einer Hand hebt Frau Preiss den Hals einer Rotweinflasche �ber den Korbrand.</p><p>�Aber das w�re doch � Kommen Sie rein. So ein bisschen Flieder.�</p><p>�Mein Mann ist sowieso bei seiner kubanischen Geliebten. Nein, nat�rlich nicht. In der Firma ist er, wo sonst.�</p><p>�Wir � also meine Mutter isst noch.�</p><p>�So unangemeldet hereinzuplatzen, Sie m�ssen mich wirklich entschuldigen.�</p><p>�Sch�n, dass Sie gekommen sind. �F�r einen Moment legt sie Frau Preiss eine Hand auf den Arm, w�hrend sie mit der anderen zwischen den Jacken und M�nteln an der Garderobe nach einem freien B�gel tastet. Durch die offene Dielent�r sieht sie ihre Mutter vor dem sitzen, was einmal ein Toast gewesen ist.</p><p>�Mitten beim Essen. �Frau Preiss sch�ttelt vorwurfsvoll den Kopf �ber sich selbst, zieht sich das Tuch vom Kopf und bringt ihr ehemals blondiertes, jetzt aber hennarotes Haar in Ordnung.�Wenigstens hab ich auch f�r Ihre Mutter was. Die hat doch kein Diabetes oder dergleichen, nein?�Mit zwei Fingern zieht sie eine Schachtel Pralinen aus ihrem Korb.</p><p>�Das fehlte gerade noch. Ihr Tuch und den Mantel k�nnen Sie mir geben.�</p><p>Das Kost�m, das Frau Preiss unter ihrem Sommermantel tr�gt, ist hell und klassisch geschnitten, wie eine schlichte Vase, an deren Form der Blick unauff�llig hinaufgleitet zu der Bl�tenpracht dar�ber, den r�tlich wallenden Dauerwellen.</p><p>�Mutter, das ist Frau Preiss, hier aus der Nachbarschaft.�</p><p>�So?�</p><p>Mit dem Mantel noch in der Hand macht sie einen Schritt in die Diele hinein, die ihr pl�tzlich d�mmrig vorkommt, erleuchtet nur von der Korblampe neben der Terrassent�r und dem Licht, das aus der K�che hereinf�llt.</p><p>�Guten Abend und guten Appetit. Lassen Sie sich blo� nicht st�ren.�</p><p>Kerstin beobachtet die Begr��ung und hofft, dass ihre Mutter wenigstens keine Essensreste an den Fingern hat und Frau Preiss die Dezenz besitzt, keinen Blick auf den Teller zu werfen. Am liebsten h�tte sie sich diesen Mantel �bergeworfen und w�re hinaus in den Abend gerannt, stattdessen nimmt sie den Korb und l�chelt ihrer Mutter zu, die wie ein beschenktes Kind auf ihrem Platz sitzt, die runde Pralinenschachtel in den H�nden, als w�re es ein Bilderbuch.</p><p>�Prima�, murmelt sie dazu.�Ganz prima.�</p><p>�Steht Ihnen sehr gut, das Rot�, sagt Kerstin.</p><p>�Meine Tochter kam eines Abends etwas rotstichig aus dem Bad, und ich dachte: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ist es nicht zu kr�ftig?�</p><p>�Gar nicht.�</p><p>�Wissen Sie, was meine Tochter gesagt hat: Warum willst du denn unbedingt wilder aussehen, als du bist? Frech, oder?�Sie hat, denkt Kerstin, etwas von einer j�ngeren Frau an sich, in dieser Art, die H�nde in die H�fte zu stemmen und emp�rt auszusehen, ohne es spielen zu m�ssen.</p><p>�F�r unsere Kinder ist nichts schwerer zu verstehen, als dass ihre Eltern auch mal jung gewesen sind�, sagt sie und wei� nicht, ob das die Antwort ist, auf die Frau Preiss gehofft hat.�Wollen Sie sich setzen, w�hrend ich rasch abr�ume?�</p><p>�Danke. M�gen Sie �berhaupt Rotwein?�</p><p>�Sehr. �Sie verl�ngert ihr L�cheln eine Sekunde, breitet es wie ein Zauberk�nstler �ber ihren Arm und l�sst diesen Teller darunter verschwinden, den ihre Mutter sowieso vergessen hat. Von der K�che aus h�rt sie, wie Frau Preiss sich erbietet, beim Entfernen der Zellophanh�lle zu helfen.</p><p>�Durchblutungsst�rung des Gehirns�, erwidert ihre Mutter.�Deshalb kann ich mir auch nichts mehr behalten, ja. Ich schreib alles auf.�</p><p>�M�sste ich eigentlich auch, aber bei mir kommt zur Vergesslichkeit noch die Faulheit dazu. So, bitte.�</p><p>Kerstin kippt die Essensreste in den M�ll und w�scht sich die Finger, entfernt ein paar Erdreste unter den N�geln mit der Geschirrb�rste, sieht an sich hinab und zuckt die Schultern. Es spricht nichts dagegen, an einem Montagabend in der eigenen K�che Jeans und Strickpulli zu tragen. Und soweit sie es in der K�chenfensterscheibe ausmachen kann, ist ihr Haar in Ordnung.</p><p>�Nein, danke�, sagt Frau Preiss in der Diele.�So sp�t lieber nicht mehr.�</p><p>�Um halb zehn geh ich ins Bad, ja. Sp�ter nicht. Muss ja morgens fr�h raus und im Gemeindehaus mithelfen.�</p><p>�Ah ja.�</p><p>�Wenn Beerdigungen sind oder Basar. Der Pfarrer kann nicht alles alleine machen.�</p><p>�Das ist � ja. Kann er wohl nicht.�</p><p>�Kennen Sie eigentlich die M�nner, die hier nachts immer herkommen?�</p><p>�Bitte?�</p><p>Nat�rlich! Kerstin eilt aus der K�che herbei und stellt sich wie ein Schiedsrichter zwischen die beiden Frauen am Tisch.</p><p>�Mutter, du solltest dich bei Frau Preiss f�r die sch�nen Pralinen bedanken statt sie ��Fast augenblicklich sp�rte sie einen leichten Schwei�film unter den Armen und ist Frau Preiss dankbar f�r ihr unauff�lliges Abwinken.</p><p>�Wir unterhalten uns, ja. Da muss ich doch wissen, mit wem ich�s zu tun hab.�</p><p>�Mit Frau Preiss, die eine Stra�e �ber uns wohnt und so nett ist uns zu besuchen. Und dir was mitzubringen.�</p><p>Frau Preiss� H�nde liegen perfekt manik�rt in ihrem Scho�. Ihr Blick scheint die Veilchen in der Vase zu fixieren, so als sp�rte sie instinktiv, dass sich um diese Blumen ein Geheimnis rankt. Kerstin presst ein L�cheln in ihr Gesicht.</p><p>�Wollen Sie gleich den Wein oder erst was anderes? Wasser? Einen gr�nen Tee?�</p><p>�Der Wein muss ja atmen, sagt mein Mann in solchen F�llen. Ich nehm Ihnen das ab. �Mit der K�seplatte, die Kerstin gerade nehmen wollte, steht sie auf, unterbindet l�chelnd Kerstins Protest und geht voran in die K�che.</p><p>�Dann setz ich uns Tee auf. �Sie wei� nicht, ob sie Frau Preiss� Verhalten zuvorkommend oder aufdringlich finden soll. Es kommen nie G�ste zu ihr ins Haus, von Dr. Petermann und der Badewumme abgesehen. Pl�tzlich wei� sie nicht recht wohin in ihrer eigenen K�che, in der Frau Preiss vor dem Fenster steht und sagt:</p><p>�Es muss Ihnen nicht unangenehm sein. �Fragend deutet sie mit der Platte Richtung K�hlschrank.</p><p>�Einfach diese helle Haube da drauf. Sie meinen die Bemerkung mit den M�nnern?�</p><p>�Alte Menschen sind so. Es muss Ihnen nicht peinlich sein.�</p><p>�Nett von Ihnen, das zu sagen. Vor ein paar Wochen ging es pl�tzlich los mit dieser M�nner-Paranoia, und seitdem vergeht kein Tag, an dem sie nicht glaubt, nachts irgendwelche Schritte im Haus zu h�ren. Und wenn Sie jeden Tag mit dem gleichen Unsinn konfrontiert werden, werden Sie irgendwann �rgerlich, wissen aber, dass Ihr �rger ungerecht ist, und sofort schl�gt das um in �rger �ber sich selbst oder schlechtes Gewissen und so weiter.�</p><p>�Ein Teufelskreis.�</p><p>�Wahrscheinlich ist es ganz nat�rlich, und ich kann mich blo� nicht dran gew�hnen. �Sie h�rt, wie ihre Mutter noch einmal mit der Pralinenpackung raschelt und sich daranmacht, vom Tisch aufzustehen. Der Schemel, auf den sie ihr Bein st�tzt, kratzt �ber den Parkettboden.</p><p>�Meine Mutter wohnt seit Jahren im Pflegeheim. MS. Steht kaum noch aus dem Bett auf. �Frau Preiss wendet sich vom Fenster ab.�Wo ist die Sp�lmaschine?�</p><p>�Es gibt keine.�</p><p>F�r einen Moment schlie�t Frau Preiss die Augen. Das Blau ihres Lidschattens erinnert an Schmetterlingsfl�gel, an Flieder, an Sommerduft im Garten. Aber zu den Haaren passt es nicht.</p><p>�Meine Tochter sagt immer: Mama, es ist leicht, dir auf der Spur zu bleiben, man muss nur nach den Fettn�pfchen Ausschau halten. Was mache ich �berhaupt hier in Ihrer K�che?�</p><p>�Ihre Tochter ist wirklich ein bisschen frech.�</p><p>�Kennen Sie dieses Gef�hl? Abgeh�ngt zu werden von den eigenen Kindern? Ich meine, sie werden nicht einfach erwachsen, sie holen nicht blo� auf, sondern kennen sich besser aus. In unserer Zeit, verstehen Sie?�</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel ��Frau Preiss hat die Augen wieder ge�ffnet.�Ein bl�des Beispiel, werden Sie mit Recht sagen, nur f�llt es mir gerade ein. Neulich, wir sitzen � was selten vorkommt � zu dritt beim Abendbrot. Irgendwie, wahrscheinlich von meiner Tochter, kommt das Stichwort P�rchenclub. Es ging eigentlich um Fernsehen und so weiter. Ja, Sie wissen, was so ein P�rchenclub ist?�</p><p>�Vermutlich hab ich davon geh�rt.�</p><p>�Sehen Sie, und ich nicht. Also sage ich zu meinem Mann, na ja, irgendwas von wegen: Hans-Peter, wir k�nnten doch auch mal wieder was zusammen unternehmen. Vielleicht in so einem � Ich hatte eben einen Freizeitclub vor Augen, Sport, Tanzen, gemeinsame Aktivit�ten. Und meine Tochter f�llt nat�rlich vor Lachen vom Stuhl.�</p><p>�Verst�ndlich. Verzeihung, ich meine: aus ihrer Sicht.�</p><p>�Ja. Und dieses Gef�hl meinte ich: von gestern zu sein.�</p><p>�Ich wei� nicht. �Ihre Blicke begegnen sich. Frau Preiss ist zu elegant f�r diese enge, abgenutzte K�che mit den braun eingefassten Schrank- und Schubladent�ren, dem winzigen Ecktisch mit seinen Stapeln alter Zeitungen und den Nippes auf der Fensterbank. Seit Wochen nimmt Kerstin sich vor, in die Deckenlampe eine st�rkere Birne zu drehen, und jetzt schimmert dieses D�mmerlicht in Frau Preiss� Haaren und l�sst ihre Haut dunkler aussehen.</p><p>�Wirklich, Sie m�ssen mich entschuldigen. Da stehe ich in Ihrer K�che und spreche von P�rchenclubs. Meine Tochter hat ganz einfach Recht mit diesen Fettn�pfchen.�</p><p>Schlurfende Schritte n�hern sich der K�che. Kerstin zuckt die Schultern, und in das kurze Schweigen hinein meldet sich das merkw�rdige Verlangen, Frau Preiss zu umarmen.</p><p>�Sie k�nnen die Sachen in die Sp�le stellen. Ich mach das sp�ter.�</p><p>�Ich kann rasch abwaschen.�</p><p>�Kommt nicht in Frage. M�gen Sie gr�nen Tee? Eine Freundin hat mir den aus Japan mitgebracht.�</p><p>�Wie nett. In der Zwischenzeit k�nnte ich ja schon mal den Wein �ffnen. Gibt es � ich meine, wo haben Sie den Flaschen�ffner?�</p><p>�Gibt es leider auch nicht. Ich schlag immer einfach den Hals ab. �Aus den Augenwinkeln sieht sie ihre Mutter in der T�r auftauchen, aber ihr Blick ist auf Frau Preiss gerichtet, die erschrocken aussieht, beide H�nde erhoben wie bei einer pl�tzlich abgebrochenen Pantomime.�War nur ein Witz�, sagt sie.�Verzeihung. Da hinter Ihnen an der Wand h�ngt er.�</p><p>Frau Preiss� Lachen erinnert sie an Anitas, es ist kehlig, hell und eine Spur zu laut. Nur h�tte sich Anita nicht die Hand auf den Mund gelegt und entschuldigend zu Kerstins Mutter geblickt.</p><p>Mit einer Hand fasst Liese Werner an den T�rrahmen, in der anderen h�lt sie einen halbvollen Tupperbecher, zitternd und nach vorne geneigt wie eine Spendenb�chse der Heilsarmee.</p><p>�Muss da noch Medizin rein?�</p><p>�Ja. Lass mir den Becher hier. Ich mach die Tropfen rein und bring ihn dir.�</p><p>�Durchblutungsst�rungen des Gehirns�, sagt ihre Mutter zu Frau Preiss gewandt.�Und immer viel Schmerzen. Kopfschmerzen vor allem. Aber man tut, was man kann, ja.�</p><p>�Gl�ck haben Sie, dass Sie so gut versorgt werden hier.�</p><p>�Was ich mir nicht behalten kann, schreib ich auf.�</p><p>�Lass einfach den Becher hier stehen, Mutter.�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Den Becher.�</p><p>�Da m�ssen noch Tropfen rein.�</p><p>�Ich bring sie dir sofort.�</p><p>Gemeinsam sehen sie ihrer Mutter nach, wie sie zur�ck durch die Diele geht, mit Schritten, als w�ge jeder Schuh zehn Kilo.</p><p>�So ist das im Alter. �Frau Preiss hat den Flaschen�ffner von der Wand genommen, dreht das Gewinde in den Fingern und kann nichts gegen das Lachen tun, das noch in ihren Mundwinkeln zuckt. Und Kerstin denkt, dass sie einander noch umarmen werden; nicht an diesem Abend wahrscheinlich, aber irgendwann.</p><p>�Eigentlich�, sagt sie,�w�rde ich lieber gleich den Wein trinken.�</p></section></section><section><title><p>Zweiter Teil. � die Grenze �</p></title><section><title><p><strong>6</strong></p></title><p>Er schl�ft nicht wirklich, sondern balanciert entlang der Grenze zwischen Traum und Wachheit, zuckt zusammen, wenn im Haus eine T�r zuschl�gt, und versinkt sofort wieder in einer Reihe zusammenhangloser Bilder: Granitzny spricht mit erhobenem Zeigefinger, Sch�ler sehen ihn erwartungsvoll an, und gerade als Kerstin Werner in seinem Blick zu lesen versucht, was er denkt, klingelt das Telefon. Weidmann l�sst das Ger�usch hinter sich, schreitet durch einen langen Flur, in den aus offenen T�ren Lichtstrahlen fallen. Alle R�ume rechts und links sind leer. Er hat Zeit und �berlegt sich sorgf�ltig, was er sagen will. H�rt drau�en auf der Stra�e ein Auto starten. Einen Moment lang wei� er, dass er auf dem R�cken liegt, dann hat er das Ende des Flures erreicht und erinnert sich: Das Telefon hat wirklich geklingelt.</p><p>Die Sonne scheint durch das breite Fenster und macht den Staub in der Luft sichtbar. Es dauert einen Moment, bis seine Gedanken sich von den letzten Fetzen des Traumes befreit haben. Wer ruft ihn an um diese Zeit? Weidmann steht von der Couch auf, legt die Wolldecke zusammen und l�sst den Blick durch sein Wohnzimmer schweifen: Ein Junggesellendomizil, keine Pflanzen vor dem Fenster, keine Bilder an den W�nden, nur lange, unter der Last der B�cher allm�hlich Bogenform annehmende Regalb�den. Die Regale dominieren das Zimmer und lassen es eng erscheinen, wie ein Arbeitszimmer mit Sitzecke, und schon seit Jahren nimmt er sich vor, einige Kisten vollzupacken und in den Keller zu bringen. Vieles von dem, was da steht, hat er ohnehin nie gelesen. Die <emphasis>Deutsche Gesellschaftsgeschichte </emphasis>reiht sich in vier unber�hrten B�nden auf einem der oberen F�cher; als Doktorand hat er nach dem Erscheinen des ersten Bandes f�r die anderen subskribiert, die dann in immer l�ngeren Abst�nden erschienen und ihm zugeschickt wurden, der letzte erst vor drei oder vier Jahren, wie eine Flaschenpost aus einer Zeit, als der Ausdruck �Standardwerk� f�r ihn noch eine gewisse Anziehungskraft besa�. Jetzt stehen sie zu viert da oben, und der Nachz�gler hat, was den Grad der Vergilbtheit betrifft, bereits zu den �lteren B�nden aufgeschlossen.</p><p>Schlegelberger wird diesen Sommer emeritiert, im Internet ist er auf diese Nachricht gesto�en. Der gro�e Hans-Werner Schlegelberger. Wird sich feiern lassen im Kreis seiner Sch�ler und Kollegen, sich artig bedanken f�r die zahlreichen Huldigungen und in seiner Rede witzig sein mit einer wohl abgewogenen Dosis polemischer Sch�rfe. Seitenhiebe auf die Meisterdenker unter den Historikern, die lieber den Kaffeesatz der Theorie lesen, statt die Quellen zu studieren. Schlegelberger liebt Applaus. Mit beiden H�nden reibt sich Weidmann den Schlaf aus dem Gesicht. Kamphaus wird da sein, der k�rzlich von Leipzig nach Bielefeld berufene Kronprinz, dem bei diesem Anlass die Laudatio obliegt, und auch die kann Weidmann sich vorstellen: eine Eloge ironischer Verehrung, Kamphaus n�mlich liebt es zu applaudieren, so von Gipfel zu Gipfel. Und Emeritierung bedeutet ja, dass der andere gerade frei wird.</p><p>Die Nachmittagssonne steht �ber dem Tal, ein leichter Westwind zieht lahnabw�rts. Keine Fu�g�nger in der Gr�nberger Stra�e. Dreist�ckige Mehrfamilienh�user, Mietskasernen der gr��eren Art mit sorgf�ltig gefegten Zugangswegen und regenbogenfarbig aufgereihten Batterien von M�lltonnen. Was geht ihn Schlegelbergers Emeritierung an? Vor ihm liegt ein Nachmittag ohne dringende Erledigungen, und dennoch fehlt ihm die Mu�e, sich mit einem Buch auf den Balkon zu setzen und Seite f�r Seite die Zeit an sich vorbeizuwinken. Es ist irritierend, unter etwas zu leiden, das keinen Schmerz verursacht. Nur ein winziges Ziehen, ein sanfter Druck, der sich kaum lokalisieren l�sst und den jede Aktivit�t umgehend zum Verschwinden bringt. Aber in den Pausen ist er da. Immer. Vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen, jeder Moment des Innehaltens wird begleitet von diesem Gef�hl, das ihm inzwischen so vertraut ist, dass er es niemandem mehr beschreiben k�nnte. Es ist nichts und �hnelt nichts, es ist einfach nur da. Wie ein Tinnitus, aber unsinnlicher, formloser. L�sst sich nicht zu echter Verzweiflung anfachen und steigert sich nicht zur Wut, sondern bleibt, was es ist und wie es ist: Keine Wolke am Himmel, und trotzdem scheint die Sonne nicht. Nur klebriger Dunst f�llt die Luft, legt sich auf die Poren der Haut und h�llt die Welt in Zwielicht. Vielleicht geht er deshalb so gerne im Wald spazieren. Immer wenn er nicht wei�, was er machen soll, geht er einfach los. Atmen.</p><p>Vorher nur ein rascher Blick auf seine E-Mails.</p><p>Auf dem schweren Schreibtisch im Arbeitszimmer liegt unerledigte Post, aber Weidmann wischt die Umschl�ge beiseite und schaltet den Computer an. W�hrend der hochf�hrt, schmiert er sich in der K�che ein Brot und trinkt einen Schluck Apfelsaft, kehrt mit dem Brot in der Hand ins Arbeitszimmer zur�ck und sieht aus dem Fenster. Es ist Anfang Juni. Zeit vergeht, und nichts passiert, wie immer, aber jetzt auf die perfide Weise des heraufziehenden Sommers. Ungeduld erwacht aus dem Winterschlaf, ein Nager mit kleinen Z�hnen. Nerv�s und hungrig. Dabei wei� er nicht einmal, worauf er eigentlich wartet.</p><p>Keine Nachrichten unter seiner offiziellen Adresse. Weidmann gibt seine zweite Adresse und das Kennwort �Wochenende� ein und bekommt unter Posteingang drei Mails angezeigt. Eine Absenderin erkennt er, aber der Betreff �Warum nicht?� macht ihn wenig neugierig auf den Inhalt. Bei ihrer Begegnung vor f�nf oder sechs Wochen ist ihm die Frau, die sich in den Mails zuvor als �Rose� bezeichnet hatte, gleichzeitig welker und stacheliger erschienen als auf dem offenbar absichtlich unterbelichteten Foto, das sie ihm hat zukommen lassen. In einem Weinkeller in der N�he von Hanau haben sie sich getroffen � f�rs erste Rendezvous w�hlt er immer Weinkeller �, und diese Rose war zwar nicht unsympathisch, sondern angenehm und sogar geistreich im Gespr�ch, aber unwiderruflich nicht sein Fall. Ein Blick hatte ausgereicht, um das festzustellen, und h�tte sie den Blick nicht sofort erwidert von ihrem Ecktisch aus hinter der Bar, h�tte er sich wom�glich nur unentschlossen umgesehen im Raum, wie einer, der von seinen Stammtischbr�dern versetzt worden ist, und w�re schnurstracks zur�ck nach Bergenstadt gefahren. Stattdessen der Druck einer zu warmen und zu weichen Hand, dazu die cremegl�nzende Rundung unter ihrem Kinn.</p><p>Freut mich, hat er gesagt. Wie immer.</p><p>Widerwillig klickt er die Mail an, �berfliegt den Inhalt und verzieht bei der letzten Zeile das Gesicht: Deine (?) Rose. Bei der Anmeldung im Dating-Portal hat er den Wohnbereich Gie�en/ Frankfurt angegeben, um nicht Gefahr zu laufen, jemandem von Zuhause zu begegnen an einem kerzenbeschienenen Nischentisch, und von zehn Mails, die er bekommt, stammen acht oder neun von gut verdienenden Frauen um die Vierzig, den Besitzerinnen von Praxen, Agenturen oder Ateliers in Frankfurt oder im Taunus, Frauen, die ihn in Verlegenheit bringen bei der Auswahl des Weines, die ebenso gut Franz�sisch sprechen wie er und die, wenn sie ins Erz�hlen kommen, eine Illusionslosigkeit offenbaren, eine Vertrautheit mit Entt�uschungen, dass er sich daneben vorkommt wie ein Erstsemestler im Nebenfach Leben, auch jetzt noch.</p><p>Bist du auch, w�rde Konstanze sagen. Auch jetzt noch.</p><p>Mit denen jedenfalls kommt es selten zu einem zweiten Treffen.</p><p>Deine (?) Rose. Obwohl er an jenem Abend trotz dreier Gl�ser Rotwein noch ins Auto gestiegen ist, sich mit dem Taschentuch ihren Lippenstift von der Wange gewischt und seither vier Mails unbeantwortet gelassen hat. Im �brigen wei� er, dass sie Ursula hei�t und Tier�rztin ist. Auch das hat ihn abgesto�en: Der Gedanke, dass sie den ganzen Tag das Fell von Hunden und Katzen ber�hrt, wenn auch von solchen, die Bad Homburger Witwen noch h�ufiger k�mmen, waschen und sogar parf�mieren als sich selbst. Er will mit keiner Frau das Bett teilen, die ihre Tage mit Tieren verbringt.</p><p>Dass auch die zweite Dame nicht seinem Geschmack entspricht, erkennt er schon am gek�nstelt flotten Hey! der Anrede. Wer so loslegt, hat entweder zu viel zu verbergen oder zu wenig vorzuweisen. Weidmann klickt auf L�schen und geht zur�ck in die K�che, um sich noch ein Brot zu holen. Geschirr vom Wochenende trocknet wei�fleckig im Sieb neben der Sp�le. Im Schnitt beantwortet er jede zehnte Mail und trifft sich im Jahr mit f�nf oder sechs Frauen. Verbringt einzelne N�chte in Hotels oder fremden Apartments, manchmal, wenn die Chemie stimmt, ein Wochenende am Meer oder in der Pfalz. Meistens jedoch schl�gt die Erwartung in Ern�chterung um wie ein aus dem Wind gedrehtes Segel. Ein Moment der Spannung und der Nacktheit, wenn aus dem Alias der E-Mails ein echter Name wird; die Schonungslosigkeit der ersten Blicke, der Vergleich mit schmeichelhaften Fotos, der hinter stillem L�cheln versteckte Vorwurf des Betrugs. Oder im anderen Fall Erleichterung, innerliches Aufatmen, m�hsames Zur�ckhalten von Vorfreude. Nicht zu viel setzen auf eine gerade erst begonnene Partie. Alles in allem ist es ein Spiel f�r Verlierer.</p><p>Bevor er zur�ckkehrt ins Wohnzimmer, wirft er einen Blick auf die Anzeige des Telefons. Es hat geklingelt, aber die Nummer wird nicht angezeigt. Der Anrufbeantworter vermeldet eine rot blinkende Null.</p><p>Ein Spiel f�r Verlierer, aber besser als Einsamkeit. Und viel besser, als in Bergenst�dter Kneipen nach Frauen zu suchen. Es ist ein Ersatz f�r etwas, worauf er nach Konstanze aufgeh�rt hat zu hoffen und woran er vielleicht schon vor Konstanze aufgeh�rt hatte zu glauben, etwas wof�r ihm also von jeher die Begabung fehlt. Manchmal f�hlt es sich f�r begrenzte Zeit sogar gut an. Spannend, auch entspannend. Au�erdem haben die Treffen ihn mit einer anderen, unerwarteten Begabung bekannt gemacht, und das soll man, sagt er sich, nicht untersch�tzen, jenseits der Vierzig noch eine neue Qualit�t an sich zu entdecken. Er kann zuh�ren. Nicht nur den Mund halten, sondern wirklich zuh�ren. Ein Sinn f�r Timing geh�rt dazu, die langsamen Schlucke aus dem Weinglas, w�hrend sie nach Worten oder dem Taschentuch sucht. Zum richtigen Zeitpunkt zu l�cheln ist wichtig und noch wichtiger, die viel attraktivere Frau am Nachbartisch nicht zu bemerken. Er hat sein Talent entdeckt und genutzt. Eine �hnliche Begabung wie beispielsweise das Tanzen: F�hren, ohne auf die F��e zu treten. Und wenn die Musik verklungen ist, im richtigen Tonfall zu sagen: Gehen wir?</p><p>�Charles B.� lautet der Betreff der dritten Mail. Sein falscher Name, so l�cherlich wie irgendein anderer, aber das geh�rt dazu. Man nennt sich anders, gibt sich anders, genie�t die Leichtfertigkeit des Virtuellen. Wie Pokern mit Falschgeld, hat ihm mal eine Frau gesagt. In seinem Fall handelt es sich um eine Reminiszenz an das, was er fr�her gerne gelesen hat und jetzt immer noch mag, aber nicht mehr liest. Er liest immer weniger. Langweilt sich immer mehr.</p><p>Sie nennt sich Viktoria und schreibt:</p><empty-line/><empty-line/><p>Cher Monsieur,</p><p>ich erlaube mir, Sie einen Monsieur zu nennen, weil Ihr Name mir eher ein frz. �Scharrl� zu sein scheint denn ein engl. �Tschahls� und weil ich vermute, dass er aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt, als es noch echte Messieurs gegeben haben soll � wiewohl der von Ihnen zum Namensgeber Erhobene allgemein nicht zu ihnen gerechnet wird. Oder t�usche ich mich? Hei�en Sie am Ende wirklich Charles (so wie ich tats�chlich Viktoria hei�e)?</p><p>Wenn Sie gestatten, w�rde ich das gerne herausfinden � Sie brauchen es also nicht gleich zu offenbaren. Es gibt da einen Ort, an dem ein Bohemien wie Monsieur B. sich vielleicht wohl gef�hlt h�tte. Und Sie auch, wenn Sie denn wirklich so mutig sind wie Ihre Namenswahl zu glauben nahelegt.</p><p>Sind Sie mutig, mein lieber Scharrl? Oder wenigstens neugierig? Connais-tu, comme moi, la douleur savoureuse �?</p><p>Schreiben Sie mir, und wir werden sehen.</p><p>Au revoir,</p><p>V.</p><empty-line/><empty-line/><p>Weidmann lehnt sich in seinem Stuhl zur�ck, als m�sste er die Zeilen aus gr��erer Entfernung betrachten. Vielleicht liest er keine Romane mehr, weil diese Tarnkappen-E-Mails fremder Frauen seiner Phantasie ausreichend Nahrung bieten. Dahinter stehen schlie�lich Autorinnen, mit denen sich vielleicht schlafen l�sst. Jedenfalls gef�llt ihm das �Sie�. Ihm gef�llt eigentlich alles, was er liest, vor allem die Dezenz, die unausgesprochen l�sst, was nicht ausgesprochen werden muss. Ist er mutig? Gute Frage, die hat er sich so nie gestellt. Jedenfalls geht ein Kribbeln durch seine Fingerspitzen, und anstatt die Fotos auf ihrer Portalseite anzuschauen, versucht er sich zu erinnern, aus welchem Gedicht die franz�sische Zeile stammt. Nachdem er die Mail drei Mal gelesen hat, schaltet er den Computer aus.</p><p>So einfach ist das, wie ein Selbstbetrug mit offenen Augen: Eine Woche lang, vielleicht zwei oder drei, wird der Gedanke an die r�tselhafte Viktoria ihn begleiten durch die Unterrichtspausen am Vormittag und die Spazierg�nge am Nachmittag. Aus dem Stoff ihrer E-Mails und mit den Mitteln seiner Phantasie wird er sich ein Wesen erschaffen, das verlockend genug ist, um seinetwegen jenen Ort aufzusuchen, von dem sie in ihrer Mail gesprochen hat. Dann ein Treffen, und dann � entweder oder. Fr�her oder sp�ter. Es ist ein Zeitvertreib, mehr nicht.</p><p>Das Klingeln des Telefons rei�t ihn aus seinen Gedanken. Der Spaziergang f�llt ihm wieder ein. Weidmann r�uspert sich laut und hebt ab.</p><p>�Weidmann.�</p><p>�Guten Tag, Herr Weidmann. Werner hier, die Mutter von Daniel. �Sie spricht leise, beinahe schuldbewusst leise. Und er sp�rt voller �berraschung, wie seine H�nde feucht werden.</p><p>�Guten Tag�, sagt er.</p><p>Sie hat so lange mit ihrem R�ckruf gewartet, dass sie ihn schlie�lich nicht nur mit der Angst vor schlechten Nachrichten anruft, sondern obendrein mit der Bef�rchtung, seinen Unwillen erregt und damit schlechte Nachrichten provoziert zu haben. Anders formuliert: Sie gibt ihm die Chance, ihre Dankbarkeit zu gewinnen.</p><p>�Sie m�ssen entschuldigen, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.�</p><p>��berhaupt kein Problem, Frau Werner.�</p><p>�Es ging nicht eher. �Sie macht eine Pause.�Gibt es Neuigkeiten? Ich meine: Wissen Sie jetzt mehr als in der letzten Woche?�</p><p>�Etwas mehr. Wollen Sie�s am Telefon besprechen?�</p><p>�Nein. Sehen Sie, ich habe meine Mutter im Haus und muss entweder lange im Voraus planen oder M�glichkeiten ergreifen, wenn sie sich bieten. Gerade habe ich sie zum Arzt gefahren. Ich hatte es vorher schon einmal versucht, es tut mir wirklich leid, dass ich Sie in der Mittagspause anrufe.�</p><p>�Ich bin wach.�</p><p>�Jedenfalls h�tte ich genau jetzt zwei Stunden Zeit.�</p><p>�Sehr gut�, sagt er und wei� nicht, ob er das Gleiche auch denkt.</p><p>�Ja?�Sie scheint nebenher etwas zu notieren oder hantiert mit einem Gegenstand, oder vielleicht ist es auch nur ihre Nervosit�t.�Ich hatte bef�rchtet, dass Sie � Aber gut. Gilt Ihr Angebot noch, bei mir vorbeizukommen? Irgendwann wird die Praxis anrufen, weil meine Mutter geholt werden muss, und man hat dort meine Handynummer nicht.�</p><p>�Ich denke, ich mache mich sofort auf den Weg.�</p><p>�Vielen Dank.�</p><p>�In einer Viertelstunde?�</p><p>�Vielen Dank, wirklich. Sie wissen, wo ich wohne?�</p><p>�Ich wei� Bescheid.�</p><p>Er legt auf mit dem Gef�hl, alles richtig gemacht zu haben, aber er wei� nicht genau wozu. In der Mittagspause anzurufen und ein Treffen auf der Stelle anzuregen f�llt aus dem Rahmen des Orts�blichen, aber dass Kerstin Werner kaprizi�se Neigungen besitzt oder ihm die Bedingungen diktieren will, glaubt er nicht. Es kostet sie �berwindung, ihn zu treffen. Sie ist sensibel gegen�ber dieser Mischung aus gegenw�rtiger Fremdheit und vage erinnerter Intimit�t. Also hat sie neun Tage lang mit sich gerungen und einfach in einem Moment zum H�rer gegriffen, in dem ihr keine Entschuldigung zur Verf�gung stand, das Gespr�ch noch l�nger aufzuschieben.</p><p>Weidmann wechselt das Hemd, putzt die Z�hne und spr�ht sich Aftershave aufs Kinn. Sein Blick in den Spiegel kommt wie eine Frage zur�ck: Ist das nur ein Elterngespr�ch oder �? Das Grau an den Schl�fen reicht bis zu den Koteletten hinab, aber der leichte Bartschatten, den er sich erlaubt, verspricht schwarzen Wuchs, ohne wei�e Einsprengsel. Vielleicht w�rde sich der Versuch lohnen, denkt er. Mit dem Bart.</p><p>Zwei Minuten sp�ter eilt er die Treppe hinab. Gummistiefel und Kinderfahrr�der stehen entlang der Hauswand. Immer h�ufiger sp�rt er in letzter Zeit ein merkw�rdiges Klopfen im Hals. Oder in der Lunge? Obwohl die Gr�nberger Stra�e abends nach elf Uhr so ruhig daliegt wie ein Feldweg, schl�ft er mit Ohropax. �rgert sich ein Geschw�r in den Magen, wenn Schneiders die T�te mit Hausm�ll einen halben Tag im Treppenhaus stehen lassen.</p><p>Er geht die wenigen Meter der Gr�nberger Stra�e hinab, dann am alten Landratsamt vorbei den Kornacker hinauf. Nach hundert Metern f�llt ihm ein, dass er etwas h�tte mitnehmen sollen, wenigstens ein Notizbuch, irgendwas, das nach Schule aussieht, aber er will nicht mehr umkehren. Wenn sie nur zwei Stunden Zeit hat, tut er gut daran, sich zu beeilen.</p><p>Connais-tu, comme moi, la douleur savoureuse? Ohne nachzudenken, kommt er auf den Titel des Gedichts: <emphasis>Le r�ve d�un curieux</emphasis>. Ist diese Viktoria Studienr�tin? Professorin f�r Franz�sische Philologie? Die Arial-Schrift ihrer Mail deutet er spontan als Hinweis auf einen akademischen Hintergrund und eine Vorliebe f�r Geradlinigkeit. Wenn sie tats�chlich mit Vornamen Viktoria hei�t, kann er die Internetseiten der entsprechenden Fakult�ten in Mainz, Frankfurt oder Gie�en konsultieren, vielleicht wird er f�ndig. Und dann? Erlaubt ihm sein geknickter Stolz ein Rendezvous mit einer Lehrstuhlinhaberin? Und was ist das f�r ein Ort, an dem sie ihn treffen will?</p><p>Weidmann sp�rt Schwei� auf seiner Stirn und verlangsamt den Schritt. Mit Flecken unter den Achseln m�chte er Kerstin Werner nicht gegen�bertreten. Lieber w�re ihm, er h�tte eine ungef�hre Idee, was er ihr sagen soll.</p><p>Vor sieben Jahren sind sie einander begegnet auf der halben H�he des Kleiberges. Und dann abends auf dem Festplatz. Vor sieben Jahren! Und was hat sich seitdem ge�ndert? Ist nicht alles stehen geblieben auf halber H�he, so dass er nicht einmal wei�, ob er sich im Aufstieg oder Abstieg befindet? Steht er sicher oder kommt er ins Rutschen? Ist der Berg, w�hrend er damit besch�ftigt war, sich in den Fels zu krallen, um nicht abzust�rzen, �ber ihm gewachsen? Er blickt �ber den Ort und das Lahntal, auf die wei�en, im Sonnenlicht fast unsichtbaren Wolken �ber dem Waldrand und denkt: Genau das. Er ist stehen geblieben und der Berg gewachsen, und jetzt ziehen Schatten herauf, kommen langsam n�her, und an schlechten Tagen sp�rt er schon die K�lte an den F��en.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Je l�nger er sie und ihren Mann beobachtete, desto sicherer war er, dass die gl�cklichen Tage ihrer Ehe der Vergangenheit angeh�rten. Schon am Fr�hst�cksplatz hatte er das gedacht und jetzt im Festzelt wieder. Sie sprachen miteinander, und sie stritten sich nicht, aber es geh�rte nicht viel dazu, um sogar aus der Entfernung diesen Glanz unterdr�ckter Wut in ihren Augen zu entdecken, und in seinen den kindischen Trotz des ertappten Misset�ters. Sie sprachen miteinander, aber sie redeten nicht. Er hatte es oft zu Konstanze gesagt: Niemand, der heiratet, entgeht der Banalit�t der Ehe.</p><p>Wie immer war das Zelt am ersten Abend nicht voll. Nur die Burschen- und M�dchenschaften hatten sich vollz�hlig eingefunden, standen gr��tenteils auf den Tischen und sangen mit, was die Kapelle auf der B�hne spielte: Schlager, Volkslieder, Gassenhauer. M�nner in Kniebundhosen und mit Filzh�ten auf dem Kopf, Frauen in Dirndl-�hnlichen Kleidern, mit Haarreifen im Haar, alles Ton in Ton. Und jung waren die meisten, Weidmann sah kaum Gesichter �ber drei�ig. Gerade ging ein Lied zu Ende in sch�tterem Applaus. Bei den M�nnergesellschaften blieben viele Tische frei, und vor dem Ausschank entlang der hinteren Zeltwand herrschte nur m��iger Betrieb. Weidmann stand gegen einen Zeltpfosten gelehnt, hatte gerade einen alten Klassenkameraden absch�tteln k�nnen, noch bevor der mit der Aufz�hlung s�mtlicher Kinderkrankheiten seiner drei T�chter zu Ende gekommen war, und blickte hin�ber zur M�nnergesellschaft Rheinstra�e. Schulrektor Granitzny, in der strammen Uniform des F�hrers, schob seinen Bauch von Tisch zu Tisch und prostete den Anwesenden zu. Es war kurz vor neun, und die Stimmung im Zelt folgte dem Takt der Musik: brodelte auf beim Refrain, flachte ab w�hrend der Strophen und sackte in sich zusammen, wenn das Lied endete. Blaue Tabakschwaden sammelten sich unter den Deckenstrahlern.</p><p>Die Kapelle spielte den Tusch, der die Pause einleitete.</p><p>�Ihr seid�s suppa�, lie� der Kapellmeister die Anwesenden durchs Mikrofon wissen. Ihm antworteten eine R�ckkopplung und hier und da rhythmische, aber unverst�ndliche Sprechch�re; irgendwas mit �suppa�.</p><p>Kerstin Bamberger erhob sich von ihrem Platz, winkte denen zu, die in der N�he sa�en und machte eine Geste, die halb aus Entschuldigung, halb aus Abwinken bestand. War ein langer Tag. Mein Sohn muss ins Bett. Bis morgen dann. Weidmann leerte sein Glas und stellte es neben sich auf einen freien Tisch. Ihren Mann bedachte sie mit einem Nicken und einer kurzen Bemerkung, keiner Ber�hrung, soweit das aus drei�ig Metern Entfernung zu erkennen war.</p><p>Er hatte viel, aber nicht �berm��ig getrunken; hatte getrunken mit der Best�ndigkeit des Grenzgangsfestes, in dessen Verlauf man immer ein Glas Bier in der Hand hielt. Seine Beine waren schwer, an den F��en hatte er sich Blasen gelaufen, und seine Finger kamen ihm geschwollen vor, rosig von gestautem Blut. Er war weder betrunken noch n�chtern, eingeh�llt in einen Alkoholnebel, der ihm klares Denken zwar erlaubte, ihn aber nicht dazu zwang. So konnte er tun, ohne wollen zu m�ssen, konnte einen Fu� vor den anderen setzen, ohne ein Ziel zu haben, w�hrend um ihn herum das Festzelt unter der fehlenden musikalischen Beschallung zu summen begann wie ein Bienenkorb. Hier und da erklangen Hochrufe oder Schlachtges�nge, nahmen kurz die Aufmerksamkeit in Anspruch und entlie�en sie wieder in die Weite des Zeltes. �berall verlebte, begeisterte, stolze Gesichter, eine Grandezza eigener Art waberte durchs Zelt, ein Sinn f�r Zugeh�rigkeit, so als h�tten sie gerade alle aus den H�nden des B�rgermeisters das Bergenst�dter Verdienstkreuz am seidenen Faden erhalten.</p><p>Kerstin Bambergers dunkelblonder Zopf entschwand durch den Ausgang nach drau�en und begann nach links und rechts zu schwingen, jeweils in die Gegenrichtung ihrer Blicke. Wahrscheinlich hielt sie Ausschau nach ihrem Sohn.</p><p>R�tliche Wolkenfetzen hingen am Himmel, sahen aus wie aufgew�hlt und eingefroren �ber stahlblauer See. Das letzte Licht des Tages strich gerade die Segel. Um Weidmann herum blitzten Neonlichter in die einsetzende Dunkelheit. King Kong verschluckte eine Gondel mit kreischenden Halbw�chsigen. Trockeneisnebel sorgte f�r Verkehrschaos auf einer tennisplatzgro�en Fahrfl�che, und nebenan im Kettenkarussell versuchten verliebte P�rchen mit ausgestreckten H�nden der Fliehkraft entgegenzuwirken. Vergeblich. Discomusik und die lockenden Ansagen aus den Kassenh�uschen erzeugten zuckende Bewegung in der Luft. Es roch nach gebrannten Mandeln, Grillgut und chemischen Toiletten.</p><p>Er blieb stehen, wollte angewidert sein von dieser Szenerie d�rflichen Am�sements und schaffte es nicht. Brachte gerade mal ein absch�tziges Hochziehen der Mundwinkel zustande, das man ebenso gut f�r ein L�cheln h�tte halten k�nnen. Zu lau war der Abend, zu sanft und fern der verl�schende Himmel. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, musste er sich eingestehen, in diesem Augenblick nirgendwo anders sein zu wollen. Kerstin Bamberger stand einige Meter entfernt von ihm, eine dunkle Silhouette inmitten der Neonlichter. Mit den H�nden zog sie ihren Zopf fest, ohne die suchende Bewegung ihres Kopfes zu unterbrechen. Am Morgen, auf dem Weg den Kleiberg hinauf hatte er versucht, den Status quo zu bestimmen, seine exakte Position am Kap der verlorenen Hoffnung. Nun lie� er sich treiben und hielt auf den dunkelblonden Zopf zu, der wie eine Boje in der Menge schwamm. Gro� gewachsen war sie, sportlich und mit einer gewissen beil�ufigen Grazie, ihrer Ausbildung durchaus angemessen, auch wenn sie, wie sie es am Fr�hst�cksplatz formuliert hatte, schon Ewigkeiten nicht mehr aktiv war, sportm��ig.</p><p>�Hallo�, sagte er.�Sie sind ja doch noch gekommen.�</p><p>Sie drehte sich um, und es war das Fehlen von �berraschung in ihrem Blick, das ihm versicherte, sie habe im Lauf des Abends an ihn gedacht. Stattdessen ein L�cheln, das an Verbindlichkeit grenzte. Vielleicht hatte sie sogar den Hals gereckt im Festzelt, hatte zum Rehsteig hingesehen, dem er zwar nicht offiziell angeh�rte, wo er sich aber inoffiziell zugeh�rig f�hlte, oder so �hnlich hatte er es ihr gesagt. Aus alter Familientradition, sein Vater sei schlie�lich auch mal � (Pause, L�cheln, Schulterzucken) F�hrer gewesen.</p><p>�Mein Sohn hat drauf bestanden. Wie geht�s Ihren F��en?�</p><p>�Danke, im Sitzen geht�s.�</p><p>�Immerhin haben Sie jetzt andere Schuhe an.�</p><p>�Wo ist Ihr Sohn?�</p><p>Sie schien dankbar zu sein f�r die Gelegenheit, ihren Blick schweifen zu lassen. Und er ebenso: Sie hatte einen schlanken Hals und stand kerzengerade, mit vor der Brust verschr�nkten Armen. Einen mitgebrachten Pullover hielt sie wie einen Muff um die H�nde gewickelt. Etwas Angestrengtes sprach aus ihrer Haltung, ein Bem�hen, so gerade zu stehen und den Kopf oben zu behalten.</p><p>�Wenn Sie neun w�ren, ein Junge von neun Jahren � wo w�ren Sie jetzt?�</p><p>�Autoskooter. �Nach all den Gr�beleien der letzten Tage f�hlte es sich wie eine Erl�sung an, diesen einfachen m�nnlichen Gedanken zu denken: Da ging was. Sie w�rde sich zwar nicht mit ihm in die B�sche schlagen zu einem hastigen Ehebruch im Stehen, aber diesseits der Grenze gab es einen Spielraum, den sie zu betreten bereit war, das sp�rte er genau.</p><p>�Begleiten Sie mich?�</p><p>Am Fr�hst�cksplatz hatte er das Gef�hl gehabt, seine Anwesenheit behage ihr nur w�hrend der Abwesenheit ihres Sohnes; sobald der kam, um von seiner Cola zu trinken oder ihr sein neuestes Abzeichen zu zeigen, war sie ihm entgegengegangen, weg von dem fremden Mann, der etwas abseits an der B�schung sa� und den trotzdem skeptische Kinderblicke getroffen hatten. Jetzt ging sie los, ohne seine Antwort abzuwarten.</p><p>�Gerne.�</p><p>Sei ein Mann, hatte Konstanze gesagt, oder nicht? Solange er sich der Gelegenheit nicht sicher war, seine Freundin zu betr�gen, wollte er die Tat wenigstens in Gedanken ausmessen. Als Vorbereitung oder notfalls als Ersatz. Zu viel in den letzten Tagen hatte er schweigend geschluckt, von Schlegelbergers verschlossener T�r bis zum doppelten Hinweis auf sein Staatsexamen. Sein Sinn f�r Anstand war dar�ber taub geworden, und es war diese Taubheit, die er jetzt am meisten genoss. Eine lokale An�sthesie, die genau jene Fragen ausblendete, die sich sonst an das Vergn�gen kleben wie Fliegen an ein Limonadenglas. Er hatte geduscht und frische Kleider angezogen, sp�rte eine sch�tzende H�lle aus Duft und Baumwolle um sein geschundenes Ego und war bereit zur Gro�z�gigkeit gegen�ber sich selbst.</p><p>Kerstin Bambergers wippender, mu�evoller Gang gefiel ihm. Trotz der leichten Sommerkleidung verriet keine Linie im Stoff Art und Form ihrer Unterw�sche. Weidmann musste sich zwingen, die Augen abzuwenden, und sah ihren Sohn, bevor sie ihn sah. Statt aufzuschlie�en, schlenderte er wie zuf�llig hinter ihr her. Um das blitzbeleuchtete Viereck des Autoskooters herum standen Halbw�chsige und wippten im Takt der Musik. Hier und da mussten M�dchen in eines der kleinen Fahrzeuge gezerrt werden. Jungs fuhren einh�ndig, l�ssige Cruiser, den freien Arm um die Schultern der Beifahrerin gelegt.�N�chste Runde, n�chster Versuch, Spa� f�r alle�, rief eine Lautsprecherstimme. Daniel und sein Freund standen im R�cken der �lteren, z�hlten Bons und sahen nicht erfreut aus, als Kerstin Bamberger sich zu ihnen gesellte.</p><p>�So!�h�rte er sie sagen.�Alle Autos in die Garage jetzt.�</p><p>Ein pl�tzlicher Anfall von M�digkeit brach in das filigrane Geflecht seiner Phantasie ein und dr�ngte ihn, nach Hause zu gehen. Lass es, sagte die ersch�pfte Stimme, und der Vorgeschmack des schlechten Nachgeschmacks, den alles andere in ihm hinterlassen w�rde, war einen Moment lang so deutlich, als h�tte er es l�ngst getan. Aber er wollte nicht. Genau genommen wollte er auch das Gegenteil nicht � er wusste ja nicht einmal, worin es bestehen sollte �, und es schien ihm letztlich dieselbe M�digkeit zu sein, die ihn gehen oder bleiben hie�. So oder so, es war alles ein Nullsummenspiel. Oder wie Kamphaus am Vortag gesagt hatte: Schei�spiel, was.</p><p>�Also gut: Noch zwei Fahrten.�</p><p>�Drei!�</p><p>�Daniel.�</p><p>�Drei, bitte, es dauert doch �berhaupt nicht lange!�</p><p>Obwohl sie ihm den R�cken zuwandte, glaubte er das Verdrehen ihrer Augen sehen zu k�nnen, dabei war es Daniel, der ihn einen kurzen Moment lang ansah. Eine seltsam kalte H�rte vermochte dieser Junge in seine Kinderaugen zu legen, wie eine Warnung vor leichtfertiger Gegnerschaft.</p><p>�Drei. Aber dann verschwinden wir <emphasis>sofort </emphasis>von hier, ist das klar?�</p><p>�Und du wartest hier�, sagte ihr Sohn.</p><p>�Ich warte da vorne bei der Br�cke. Mir ist das hier zu laut.�</p><p>Der Rest der Unterredung ging unter in der n�chsten Ansage aus dem Kassenh�uschen. Weidmann machte ein paar Schritte in Richtung der THW-Br�cke �ber die Lahn und �berlie� es Kerstin Bamberger, ob sie ihm folgen wollte oder nicht. F�r einen Moment war es ihm gleichg�ltig, was sie tun w�rde, dann machte ihm das Ger�usch ihrer Schritte klar, dass er gehofft hatte, sie werde kommen.</p><p>�Sie haben keine Kinder, hatten Sie gesagt.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann wissen Sie auch nicht, wie anstrengend das manchmal sein kann. Kinder wollen das, was sie wollen, immer ein bisschen mehr, als ihre Eltern es nicht wollen, verstehen Sie?�Sie hatte zu ihm aufgeschlossen, als sie sich dem Rand des Festplatzes n�herten, den Fluss h�rten und die flache Br�cke schemenhaft ausmachen konnten unter dem Bl�tterdach der B�ume.</p><p>�Ja�, sagte er.</p><p>Im Zelt erklang wieder ein Tusch, und kurz darauf mischte sich die Musik der Kapelle unter den Dampfmaschinenrhythmus des Rummels. Es waren nur wenige Schritte, dann wehte ihnen vom Fluss her ein k�hler Hauch entgegen. Stille nistete in den Str�uchern entlang des Ufers, in den kleinen schilfbewachsenen Buchten. Schwarz und gleichm��ig schob sich die Lahn durch ihr Bett. Es war, als fiele hinter ihnen ein unsichtbarer Vorhang und h�llte alle Ger�usche in Seide.</p><empty-line/><empty-line/><p>Bei der Br�cke, hatte sie gesagt, trotz Daniels Protest, und insofern war wohl etwas nicht richtig an dem Satz, dass Kinder immer den st�rkeren Willen besitzen. Blo� konnte sie in diesem Moment �berhaupt keinen Willen in sich entdecken, nur das Verlangen nach Stille und einem Ende der Verstellung.</p><p>Den Kopf verdreht, den Schnabel im Nackengefieder vergraben, trieb eine Ente unter der Br�cke entlang, und es war weniger die verquere Haltung des Vogels als die Sanftheit der Str�mung, in der Kerstin sich selbst wiedererkannte.</p><p>�H�ren Sie�, setzte sie an.</p><p>�Nein�, sagte er leise.</p><p>Sie sp�rte seine Hand nach ihrer greifen und suchte mit der anderen nach Halt am Br�ckengel�nder. Der �rger, den sie den ganzen Tag mit sich herumgeschleppt hatte, wallte wieder in ihr auf. Thomas Weidmann war so abrupt stehen geblieben, wie er die Nonchalance seines Tonfalls abgesch�ttelt hatte, und lie� sie einfach auflaufen. Bier und Rasierwasser, zwei schale Duftnoten seiner M�nnlichkeit, f�llten den sehr engen Raum zwischen ihnen. Ich bin selbst nicht mehr ganz n�chtern, sagte sie sich. Seine Hand lag jetzt auf ihrer Taille. F�r einen Moment konnte sie sich nicht entscheiden, mit welchen Worten sie ihrem �rger Luft machen sollte und wor�ber genau sie sich eigentlich �rgerte. Diffus und geradezu aufreizend passiv entwand sich das Gef�hl der Verstimmung ihrem Griff. Was sie stattdessen zu fassen bekam, war Weidmanns Hintern. Ein eher flacher Akademikerhintern.</p><p>Sie waren alleine. Blickten einander an. Nur mit den Augenbrauen kommentierte sie das Tun seiner Hand, das Tasten nach Haut �ber dem Bund ihrer Hose. Eine absurde Art von Folgerichtigkeit schien ihr in alldem zu liegen.</p><p>�Sie wollen das nicht wirklich�, fl�sterte sie.</p><p>Der Kuss glich einem W�hlen nach dem Grund ihres Tuns. Beharrlich, aber ohne Hast. Ihre H�nde suchten an seinem R�cken, am Nacken, wieder am Hintern � sie fand nichts. Sie hatte auch nicht erwartet, etwas zu finden. Weder auf seinen Lippen noch auf seiner Zungenspitze lag eine Antwort, und am st�rksten empfand sie das Ausbleiben jeder �berraschung, ihre k�hle Kenntnisnahme dieser Sinnlosigkeit. Warum k�sse ich ihn, fragte sie sich und lie� seine Zunge ein St�ck weiter vor. Die Erektion, die sich gegen ihren Scho� dr�ckte, �berging sie wie einen wenig sachdienlichen Hinweis, ma� mit den H�nden die Breite seiner Schultern und sp�rte seinen Atem auf ihrem Gesicht. Die Bohlen der Br�cke knarrten unter ihren F��en.</p><p>Gegen seinen Griff nach ihrer Brust verst�rkte sie die Umarmung. Nichts, was er tat, war ihr unangenehm, sie glaubte blo� zum ersten Mal in ihrem Leben zu wissen, wie Frigidit�t sich anf�hlt. Seine Lippen waren nur Lippen, seine H�nde nur H�nde, seine Zunge nur feucht. Sie h�rte die Musik aus dem Zelt und das Flie�en der Lahn und warf einen Blick auf ihre innere Uhr: Die erste Runde Autoskooter ging gerade zu Ende.</p><p>Ihre Gedanken trieben stromabw�rts. Zum ersten Mal seit dreizehn oder vierzehn Jahren k�sste sie einen anderen Mann als den eigenen, und es f�hlte sich ungef�hr so an wie die Betrachtung der Kopie eines bekannten Gem�ldes: Man schaut darauf, findet keinen Unterschied, und dennoch fehlt was. Zu glatt alles, die Linien zu schnell gezogen und statt Phantasie nur Fingerfertigkeit. Weidmann k�sste nicht schlecht, aber auf der Oberlippe vermisste sie die sanfte Reibung eines Bartes. Wie Betrug allerdings f�hlte es sich nicht an, Betrug konnte niemals so vergeblich sein. Wahrscheinlich hatte J�rgen mit zitternden Fingern nach diesem jungen Ding gegriffen, besoffen vom Duft jugendlicher Haut, von der Straffheit bl�hender Formen. M�nner wurden nie erwachsen, das galt f�r den, den sie gerade k�sste, mindestens so sehr wie f�r den, den zu k�ssen sie seit gestern Abend kein Verlangen mehr hatte. Oder schon Verlangen, aber keine Bereitschaft, ihm nachzugeben.</p><p>Thomas Weidmann brauchte nicht lange, um die Vergeblichkeit seines Tuns einzusehen. Seine Griffe, K�sse, der Druck seiner Lenden, es lie� alles zugleich an Intensit�t nach, und als zum zweiten Mal seine Hand �ber ihre Brust fuhr, hatte sie nicht einmal mehr das Gef�hl, ihn abwehren zu m�ssen. Als h�tte das Fehlen ihrer Erregung die seine einfach erstickt. Kurz bevor die Lippen sich l�sten, fand sie den Kuss zum ersten Mal sch�n.</p><p>Hat gar nicht weh getan, dachte sie albern, als es vorbei war. Sie hielt seinen Kopf mit beiden H�nden und h�tte ihm beinahe einen Kuss auf die Stirn gegeben.</p><p>Bedeutet das, dass ich monogam bin, fragte sie sich. Seinen R�ckzug, das Sinken seiner Arme beantwortete sie mit einem festen Griff um seine Taille. Er war angenehm gro�, gr��er als J�rgen, beinahe h�tte ihr Kopf unter sein Kinn gepasst.</p><p>�Was genau soll ich jetzt tun?�fragte er.�Mich entschuldigen?�</p><p>Sie nutzte ihr Kopfsch�tteln, um sich enger in die Umarmung zu nesteln. Nach dem Grenzgang, hatte er erz�hlt, musste er sofort zur�ck nach Berlin, und sie w�nschte, dies w�re der dritte Tag des Festes und nicht der erste und sie k�nnte ihm gleich einen letzten Kuss geben, im Wissen, ihn nie wiederzusehen. Unentschlossen legten sich seine H�nde auf ihren R�cken. Sie h�tte gerne getanzt jetzt, langsam und m�de, aber sie wollte nicht kitschig werden.</p><p>Die zweite Runde Autoskooter, mahnte eine innere Stimme.</p><p>�Nur einen kurzen Moment noch, wenn�s Ihnen recht ist. �Sie war �berrascht von dem pl�tzlichen Bed�rfnis, an Weidmanns Schulter gelehnt einzuschlafen. Noch einmal dr�ckte sie ihn an sich, dann lie� sie los. Er zuckte die Schultern, zupfte an seinem Hemd, sah ihr nur kurz ins Gesicht. Im Schilf schnatterte eine Ente. Die schwarze Farbe des Flusses sah aus wie eine �lschicht, die auf der Oberfl�che trieb.</p><p>Sie sah zum Festplatz, aber da zeigte sich niemand im bunten Gegenlicht des Rummels. Halb zehn war die Zeit, da niemand mehr kam und noch niemand nach Hause ging.</p><p>Es gab keine Zeugen, also war nichts passiert.</p><p>�Ich wei� nicht, wo Sie wohnen�, sagte Weidmann hinter ihr,�aber ich nehme an, wir haben nicht denselben Heimweg.�</p><p>�Nein. �Sie drehte sich um. Weit hinter ihm leuchtete eine einsame Laterne neben einer leeren Bank. Da war bereits zu viel Raum zwischen ihnen f�r eine letzte Umarmung.</p><p>�Dann auf Wiedersehen.�</p><p>�Gute Nacht. �Sie sah ihm nicht nach, sondern trat aus dem Dunkel der Trauerweiden hinaus auf die Wiese und richtete ihre Bluse. Von der anderen Seite der Lahn betrat jemand die Br�cke, und sie ging mit verschr�nkten Armen hin und her, wie auf einem leeren Bahnsteig. Atmete tief durch. Den ersten Tag hatte sie geschafft. Nicht mit Auszeichnung, aber geschafft. Ein L�cheln im Gesicht und einen Gru� auf den Lippen, drehte sie sich schlie�lich um, als die Schritte hinter ihr n�her kamen. F�r eine Sekunde erwartete sie Weidmann auf sich zukommen zu sehen, dann knallte Daniels Blick ihr mit einer Wucht ins Gesicht, die sie ins Taumeln brachte.</p><p>Er stand genau da, wo sie Weidmann zuletzt gesehen hatte, in der Mitte der Br�cke. Sein Kopf lag im Schatten, so dass sie den Blick gar nicht sehen konnte, der sie so pl�tzlich traf. Nur die nackten hellen Waden unter seinen Bermuda-Shorts und die Unterarme, wo das T-Shirt endete. Dann die Augen und danach erst das Fehlen kindlichen Zorns, den sie instinktiv erwartet hatte. Trotzdem konnte sie nichts sagen. Wie gel�hmt stand sie auf der Wiese, f�hlte ihr Herz schlagen und ein riesiges Netz auf sich niedersinken, mit so feinen Maschen, dass nichts ihm entging.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>�Also, um ehrlich zu sein ��So schwer es ihr f�llt, sie zwingt sich, die Verschr�nkung ihrer Arme zu l�sen.�Ich wei� nicht, was f�r ein Verh�ltnis mein Sohn zu seinem Vater hat. Wir sprechen dar�ber nicht.�</p><p>Dann nimmt sie die Arme wieder hoch.</p><p>�Und wenn Sie wissen wollen, was f�r ein Verh�ltnis ich zu meinem Sohn habe � das wei� ich auch nicht, denn dar�ber sprechen wir ebenfalls nicht.�</p><p>Ohne den Schutz ihrer Arme l�sst sich dergleichen einfach nicht sagen.</p><p>�Aber ziehen Sie daraus bitte keine falschen Schl�sse. Mit Sechzehnj�hrigen ein Gespr�ch zu f�hren, das ist ��Sie deutet ein Nicken an und holt tief Luft und findet, dass ihre Lippen schmal und blutleer wirken, wenn sie sie aufeinanderlegt.</p><p>�Sie k�nnen mir vorwerfen, meinen Sohn zu sehr zu lieben. Ich wei�, dass es das gibt, und vermute, ein solcher Fall liegt hier vor. Aber wissen Sie, dass man viel seltener eine Wahl hat als das Gef�hl, man h�tte sie?�</p><p>Das war immerhin sch�n gesagt.</p><p>�Sie haben keine Kinder, nicht wahr? Seien Sie � nein, seien Sie�s nicht. Vergessen Sie�s einfach�, fl�stert sie, das Gesicht so nah am Badezimmerspiegel, dass eine milchige Blase ihren Mund auszuradieren scheint. Mit beiden Zeigefingern f�hrt sie vom Ansatz der Nasenwurzel nach au�en, unter den Augen das Jochbein entlang. Falten-Prophylaxe, ein Tipp aus der <emphasis>Brigitte</emphasis>. F�r den Fall, dass Weidmann ihr Bad benutzen will, hat sie die �ber dem Heizk�rper h�ngende W�sche abgenommen und mangels einer anderen Gelegenheit in die Kommode unter dem Waschbecken gestopft. Jetzt kommt der Raum ihr nackt vor. Den wei�en Lack der Heizung verunzieren dunkle Streifen, und auch die Kacheln darunter wirken angegriffen, abgenutzt, alt. Die Fensterbank tut vergebens so, als w�re sie aus Marmor.</p><p>Bitte auch daraus keine falschen Schl�sse zu ziehen, denkt sie.</p><p>Den Plastikbecher mit Deckel, in dem nachts das Gebiss ihrer Mutter sein Corega-Bad nimmt, hat sie im Spiegelschr�nkchen verstaut und holt ihn jetzt mit einem Anflug von schlechtem Gewissen wieder hervor. Wozu so tun als ob? Und als ob was? Ihr Blick f�llt auf den kleinen austernf�rmigen Flakon, dessen Glas selbst im D�mmerlicht ihres Bades seltsam zu funkeln scheint in seinem hellen, transparenten Gelb. Eine dieser exklusiven Marken, deren Namen sie vor dem Auspacken der Postsendung nie geh�rt hat. Der Gegenwert von Anitas schlechtem Gewissen. Mit einer schnellen Bewegung nimmt sie den Flakon in die Hand. Angenehm schweres, geriffeltes, weich gerundetes Glas. Nicht k�hl, nicht warm liegt es in ihrer Handfl�che. Sie zieht den Verschluss ab, h�lt ihn sich vor die Nase. Schnuppert.</p><p>Die Gemeinheit.</p><p>Ein Landstrich in K�stenn�he, wo die Luft schwer ist von Lavendel und das Licht bernsteinfarben am Abend. So f�hlt es sich an, nach dem Bad in ein Sommerkleid zu schl�pfen, mit Wasserperlen auf der Haut. Schlicht wie Baumwolle, kostbar wie Jugend, es ist ein Betr�gerduft, der so tut, als k�nnte man sich einfach wieder auf die Haut spr�hen, was das Leben l�ngst abgetragen hat. F�r sich selbst h�tte Anita das nie gekauft, sie mag nichts fl�chtig Sanftes, sondern bevorzugt D�fte, die die solide Unbescheidenheit des Reichtums atmen, dessen Perlen nicht aus Wasser und dessen Kleider nicht aus Baumwolle sind. Also hat sie eine Parf�merie aufgesucht und sich beraten lassen. In Nizza gibt es sicherlich Gesch�fte, wo wenige Stichworte gen�gen, um eine Vorstellung von jener Madame Kerstin zu entwickeln und zu wissen, welcher Duft ihr am besten steht. Ein Bild nach Anitas Vorstellung, ein Mosaik aus wohlwollenden L�gen, so betr�gerisch wie der Duft, der schlie�lich auf ein Probenschildchen gespr�ht und mit ge�bter Handbewegung in den Raum disseminiert wird. Voil�, nicht wahr, man glaubt die ferne Freundin geradezu vor sich zu sehen in all ihrer schlichten Nat�rlichkeit. Oder nat�rlichen Schlichtheit. Sprechen wir�s aus: in ihrer liebenswerten Beschr�nktheit. Als w�re dieser Duft der Schleier, den sie im Vorbeigehen mit sich gezogen hat.</p><p>Kerstin stellt den Flakon zur�ck, klappt den Klodeckel herunter und widersteht dem Drang, sich darauf niederzulassen. Wahrscheinlich ist in der K�che der Kaffee schon durchgelaufen, und Weidmann beginnt sich zu wundern auf der Terrasse. Nat�rlich kann sie ihm, wenn sich die Notwendigkeit ergibt, auch das kleine G�steklo neben der Haust�r anbieten, aber erstens ist das kein G�steklo, sondern Daniels Privatklo, und zweitens muss sie bef�rchten, dass dieser telefonzellengro�e, graubraun gekachelte Raum einen noch schlechteren Eindruck auf ihn macht. Sofern das �u�ere eines Menschen R�ckschl�sse auf das Innere seiner Wohnung zul�sst, muss man sich Weidmanns Bad als gepflegtes Refugium vorstellen, einfach, aber ganz sicher hell, vielleicht mit einer Kaktee genau in der Mitte der Fensterbank oder einem Zeitschriftenbeh�lter aus Eiche, unauff�llig zwischen Toilette und Wand platziert. Und drittens w�re es ihr wie eine Indiskretion vorgekommen, den Klassenlehrer ihres Sohnes in dessen Klo vorzulassen, ihm einen Blick auf die abgenutzte Zahnb�rste, den <emphasis>Nivea For Men</emphasis>-Deo-Roller und das Fl�schchen Gesichtswasser werfen zu lassen, das mangels Kommode in der Tasche von Daniels Bademantel steckt. Nein, in der gegenw�rtigen Situation muss sie einfach hoffen, dass auch die dritte Tasse Kaffee die Blase von Studienrat Weidmann nicht an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringt.</p><p>�Ich z�hl auf Sie�, sagt sie ihrem Spiegelbild und verl�sst das Bad.</p><p>Von der K�che aus kann sie Weidmann auf dem Gartenstuhl sitzen sehen, die Beine ausgestreckt und trotzdem mit geradem R�cken, also gleichzeitig entspannt und aufmerksam, wenn sie das aus dem Seminar <emphasis>K�rpersprache und nonverbaler Ausdruck </emphasis>noch richtig in Erinnerung hat. Er scheint in den Anblick ihres bl�henden Hanges vertieft zu sein. Im Gespr�ch folgen seine Augen manchmal einige Fl�gelschl�ge lang einem Schmetterling oder einer der Drosseln in der Kastanie und geben Kerstin Gelegenheit, das Fehlen eines Bauchansatzes und seine gepflegten H�nde zu bemerken, aber jetzt steht sie mit dem Stei� gegen die K�chenanrichte gelehnt, sieht dem Kaffee zu, wie er in die gl�serne Kanne tropft, und fragt sich, warum eine bestimmte Art von Nervosit�t sie partout nicht verlassen will. Nach allem, was er ihr gesagt hat, gibt es Gr�nde, erleichtert zu sein: Ein Verweis von der Schule steht nicht zu bef�rchten, und so gravierend Daniels Vergehen ist, scheint sein Klassenlehrer nicht bereit zu sein, es als Ausdruck eines zu Gewalt und Gewissenlosigkeit neigenden Charakters zu verstehen. An diesem Punkt ist er ein wenig vage geblieben, offenbar in dem Bem�hen, das heikle Thema Familie nicht gegen ihren Willen zum Gespr�chsthema zu machen. Auch als Psychologe spielt er sich nicht auf, begn�gt sich mit den Fakten und lobt zwischendurch ihren Kaffee, ohne dass es bem�ht oder anbiedernd wirkt. Keine noch so versteckte Anspielung auf Festpl�tze, Lahnbr�cken, Heimlichkeiten. Das Gespr�ch tut ihr gut, sie mag den ruhigen Fluss seiner Rede und die Aufmerksamkeit seines Schweigens und vermutet, dass irgendwo in seinem Familienstammbaum ein paar Pfarrer hocken. Und trotzdem: Sie steht in der K�che, l�sst die Minuten verstreichen, ihren Gast auf der Terrasse sitzen und h�tte es vorgezogen, an diesem einen halben Nachmittag, den ihre Mutter au�er Haus verbringt, alleine zu sein.</p><p>So bin ich, denkt sie. Wir m�ssen damit leben.</p><p>��Wer ist �wir�?</p><p>��Oh, nein, nein, nein! Wer meinen Geburtstag vergisst, bekommt auf solche Fragen keine Antwort.</p><p>��Du musst damit leben, glaubst nur du. In Wahrheit m�sstest du dein Leben �ndern.</p><p>��Dreiundzwanzig Jahre kennen wir uns, und ich hab nicht ein einziges Mal deinen Geburtstag vergessen.</p><p>� �-n-d-e-r-n.</p><p>��Als Daniel die Mandeln rausgenommen wurden, hab ich vom Telefon unten im Krankenhaus aus angerufen. Nach Kreta.</p><p>��Korfu. Du hast also beschlossen zu schmollen.</p><p>��Hab ich nicht. Ich schmolle einfach so.</p><p>��Flotter Kerl, da drau�en auf der Terrasse. F�r Bergenst�dter Verh�ltnisse, anyway. Bin nicht sicher, aber ich glaube, ich hab ihn mal gek�sst auf einer Abi-Fete.</p><p>��Fragt sich, wer von uns beiden sein Leben �ndern muss. �brigens hab ich ihn selbst mal gek�sst und dir nie davon erz�hlt.</p><p>��Schnupper mal, wenn du ihm Kaffee eingie�t. Ich tippe auf Yves Saint Laurent. Und apropos, gef�llt dir, was ich dir geschickt habe?</p><p>��Ist nicht mein Stil.</p><p>��Deshalb hab ich�s dir ja geschickt.</p><p>Eben! Eben genau das! Oh, womit nach einer Einbildung werfen?!</p><p>��Es gibt viele Entscheidungen, die ich nicht mehr frei bin zu treffen, aber wie ich rieche, w�rde ich gerne weiterhin selbst bestimmen.</p><p>��H�r auf zu schmollen, h�r auf mich. Du traust dich nicht zu leben, wie du gerne m�chtest. Du traust dich nicht mal so zu riechen, wie du gerne m�chtest.</p><p>Halt den Mund, denkt sie, nimmt die Kanne aus der Maschine und gie�t den Kaffee um in die Thermoskanne. Dann geht sie zur�ck auf die Terrasse und wirft im Vorbeigehen den Veilchen auf der Kommode einen Blick zu, aber die lassen die K�pfe h�ngen, von denen ist keine Aufmunterung mehr zu erwarten.</p><p>�Sie m�ssen mir verzeihen�, sagt Weidmann.�Ich hatte nicht bemerkt, wie sp�t es ist. Und wir hatten ja besprochen, was besprochen werden muss. Ich sollte langsam aufbrechen.�</p><p>�Geben Sie mir Ihre Tasse�, sagt sie nur.</p><p>Kurz treffen sich ihre Blicke beim Einschenken. Sein Rasierwasser besitzt eine herbe Note, aber er hat es aufgetragen, ohne sich vorher zu rasieren, und der Verhandlungsf�hrer in ihrem Kopf begehrt zu wissen, was er gedacht hat vor dem Spiegel.</p><p>�In den Garten haben Sie viel Arbeit gesteckt�, sagt er.</p><p>Sie nickt und folgt seinem Blick. Seit der Rasen von Daniel nicht mehr zum Bolzen und Toben gebraucht wird, hat sie auch darin kleine Blumeninseln gepflanzt, Stiefm�tterchen und Margeriten, die wild und von alleine wachsen, wenn auch nicht in solchen kreisrunden, Bl�tenform annehmenden Konstellationen. Wahrscheinlich kann ein Mann die Befriedigung nicht nachvollziehen, die von einem unter den eigenen H�nden aufbl�henden Garten ausgeht, und deshalb macht es ihr auch kein Vergn�gen, den Garten mit ihm und durch seine Augen zu betrachten. Da liegt es, das Bet�tigungsfeld einer Frau mit zu viel Zeit. Denkt er dergleichen? Sie registriert ein Zucken seines Augenlides, das er zu unterbinden versucht durch weites �ffnen der Augen, als w�rde er sich Kontaktlinsen einsetzen. Jedenfalls vermeidet er es, sie anzusehen.</p><p>�Sie arbeiten nicht? Ich meine ��</p><p>�Zurzeit nicht. �Sie nimmt ihre Tasse in beide H�nde und schl�gt die Beine �bereinander, entschlossen, sich genau diese Schmach jetzt nicht anzutun und stattdessen eine andere ins Visier zu nehmen.�Sie h�tten es ihm auch nicht zugetraut, oder? Meinem Sohn.�</p><p>�Nein. Wahrscheinlich sollte ich nach ann�hernd sieben Dienstjahren wissen, dass Sch�ler in dem Alter Dinge tun, die man sich nicht erkl�ren kann, aber in Daniels Fall � nein. Ich gebe zu, dass ich es zuerst �berhaupt nicht geglaubt habe. Ist das ein Trost f�r Sie?�</p><p>�Wie k�nnte es? Mein Sohn w�chst seit seinem zehnten Lebensjahr in Umst�nden auf, von denen man nicht annehmen kann, dass sie ihm guttun. Wof�r er nichts kann. Und wenn diese Umst�nde dazu beigetragen haben, dass er das getan hat, was er getan hat, dann liegt es nahe zu sagen, dass er f�r diese Taten auch nichts kann. Aber das stimmt eben nicht.�</p><p>�Darf ich kurz einwerfen, dass Sie mir keine Erkl�rung schulden.�</p><p>�Meine Erkl�rung l�uft darauf hinaus, die Schuld bei meinem Exmann und mir zu suchen, wo sie wahrscheinlich ganz gut aufgehoben ist, aber: Daniel hat das getan. Und sobald ich es mir vorzustellen versuche, kann ich �berhaupt nichts mehr erkl�ren. Ich kenne Tommy Endler. Wir waren Nachbarn am Haink�ppel.�</p><p>Nat�rlich hat sie �berlegt, bei Endlers anzurufen. Jahrelang haben Evi Endler und sie einander �ber den Zaun gegr��t und sich Tipps bei der Gartenarbeit gegeben. Haben selbst angebautes Obst und Gem�se getauscht und manchmal einen Plausch gehalten auf der Terrasse, Gespr�che �ber Kinder und Haushalt. Gegenseitiges Blumengie�en w�hrend der Urlaubszeit, und wenn Herr Endler im Winter Schnee geschaufelt hat, dann immer �ber die Grundst�cksgrenzen hinaus. Nach der Scheidung ist Frau Endler ein Mal am Rehsteig gewesen f�r einen Nachmittag mit Kaffee, Kuchen und einem Mangel an Gespr�chsthemen. (H�bsch haben Sie�s hier, den Satz hat sie sich behalten.) Danach noch ein, zwei Weihnachtsgr��e, dann nichts mehr. Mittlerweile erscheint es fast nat�rlich, auf die andere Stra�enseite zu sehen, wenn sie einander in der Stadt begegnen.</p><p>Weidmann nickt und legt einen Finger auf das zuckende Augenlid, aber als er ihn wieder wegnimmt, sieht sie es immer noch. Dann trinkt er einen Schluck Kaffee und macht mit dem Kopf eine Bewegung, die einen Themenwechsel signalisiert.</p><p>�Tanz, richtig?�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Ihr Studium in K�ln: Sport, aber mit dem Schwerpunkt Tanz. Ich wusste nicht mehr, ob ich es richtig in Erinnerung habe.�</p><p>�Ich wei� jedenfalls noch, dass Sie auch in K�ln studiert haben�, nickt sie.</p><p>Ohne ersichtlichen Grund beginnt er zu erz�hlen, und es scheint ihm zwischendurch selbst unangenehm zu sein, wie genau er sich an alles erinnert. Sogar zwei ihrer fr�heren K�lner Adressen wei� er noch, und dass sie sich damals nicht genau darauf hatten verst�ndigen k�nnen, ob sie einander nun bei der Feier zu Anitas f�nfundzwanzigstem Geburtstag begegnet waren oder nicht. Manchmal tut er so, als lie�e sein Ged�chtnis ihn im Stich, aber sie sieht ihm an, dass er nur den Eindruck vermeiden will, er habe seitdem t�glich an ihr Gespr�ch gedacht.</p><p>Sie h�rt ihm zu und versucht ihre Anspannung unter einem L�cheln zu verbergen. Hinter Bemerkungen wie:</p><p>�Wissen Sie, wie lange ich gebraucht habe, das Wort �Sackpfeife� ohne kindisches Grinsen auszusprechen?�Dabei findet sie sich selbst kindisch. Warum beobachtet sie jede seiner Regungen, als gebe es etwas jenseits seiner Worte, das sie herausfinden und analysieren muss? Er versucht doch �berhaupt nicht, ihr zwischen den Zeilen eine geheime Botschaft zu �bermitteln, sondern ist einfach nett und h�lt das Gespr�ch in Gang, so lange wie er braucht, um seine Tasse zu leeren, die sie ihm gerade wieder bis zum Rand gef�llt hat.</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ich hab einen Hang zur Albernheit. Ist Ihnen damals vielleicht nicht aufgefallen.�</p><p>�Ist es nicht. Aber wie lange haben Sie gebraucht bei Ihrer Adresse am S�lzg�rtel?�</p><p>�Wahrscheinlich bin ich deshalb so schnell umgezogen. �Sie h�rt sich lachen und h�tte ihm am liebsten die Hand auf den Arm gelegt und gesagt: Wissen Sie, ich bin nicht immer so gewesen. Ich muss mich nur erst wieder umgew�hnen. Mit Frau Preiss hat sie sich vor einigen Tagen angenehm unterhalten, aber von Mutter zu Mutter, �ber Eltern und Kinder. Am kommenden Samstag ist sie eingeladen bei ihr. Herr Preiss wird bei der Versammlung der Rheinstra�e sein, und sie beide haben beschlossen, einen Frauenabend zu verbringen. Soweit es sie selbst betrifft: Den ersten seit Jahren.</p><p>�Sie haben ein sehr gutes Ged�chtnis�, sagt sie.�Muss man als Historiker wahrscheinlich auch haben.�</p><p>Er sch�ttelt den Kopf, und da ist etwas in seiner Geste, das sie aufmerksam werden l�sst.</p><p>�Man w�rde ja auch nicht jeden Kunstlehrer als Maler bezeichnen, oder? �brigens war Ged�chtnis damals das Thema meiner Arbeit. An der Uni. Historisches Ged�chtnis als Medium kollektiver Selbstt�uschung, also sozusagen als institutionalisierte falsche Erinnerung. �Er h�lt inne und blickt sie mit einem gespielten Stirnrunzeln an.�Man sagt Historikern ja nach, sie seien eher langweilig, und ich f�rchte, ich beweise Ihnen gerade, dass das auch f�r M�chtegernhistoriker gilt.�</p><p>�Inwiefern falsche Erinnerung?�</p><p>�Jeder kennt das von sich selbst: Das Ged�chtnis kann einen im Stich lassen, Erinnerung kann tr�gen. Und wenn es f�r einzelne Personen gilt, warum nicht auch f�r Kollektive? Kollektive Erinnerung k�nnte ja die Summe individueller tr�gerischer Erinnerungen sein. Die man sich dann gegenseitig beglaubigt. Nehmen wir an, ich h�tte mich get�uscht, und wir sind gar nicht zusammen vor sieben Jahren den Kleiberg hochgewandert. Es war eine andere Person, mit der ich gesprochen habe. Und Sie ebenfalls mit einer anderen. Aber jetzt sage ich Ihnen, dass ich es gewesen sei, und Sie erinnern sich undeutlich, und je mehr ich erz�hle, desto �berzeugter sind Sie, dass meine Erinnerungen und Ihre zueinanderpassen. Sie nehmen meine als die Best�tigung der Ihren, und ich tue das Gleiche. Aber wir k�nnten uns beide t�uschen.�</p><p>Sie ben�tigt einen Moment, um zu verstehen, warum sie nicht h�ren will, was er sagt. Zehn Tage lang hat sie mit sich gek�mpft und gerungen, hat sich an ihre Mutterpflichten erinnert und sich selbst ermahnt, dass dieses Gespr�ch notwendig ist und jede Ausflucht unter ihrer W�rde. Ein einziger �berfl�ssiger Kuss ist kein Grund f�r zwei erwachsene Menschen, einander sieben Jahre sp�ter nicht in die Augen zu sehen. Und trotzdem hat sie die ganze Zeit daran gedacht und sich gesch�mt f�r diese L�cherlichkeit von damals, so als w�rde die ihr wie ein Knutschfleck aus dem Kragen gucken. Nur damit er jetzt mit dem Finger darauf zeigen und gleichzeitig so tun kann, als w�re da gar nichts. Sein Beispiel f�r irgendeine gelehrte Idee ist noch taktloser, als h�tte er die Begegnung direkt angesprochen.</p><p>Weidmann sieht sie an, als erwarte er eine Antwort, aber sie zuckt nur mit den Schultern.</p><p>Warum tut er das? Ist es m�glich, dass er den Kuss tats�chlich vergessen hat? Oder sich zwar an eine fl�chtige Begegnung auf der Br�cke erinnert, aber nicht mehr wei�, wen er damals gek�sst hat? Pl�tzlich f�llt es ihr schwer, sitzen zu bleiben und die Stille auszuhalten, die sich an seinen Kurzvortrag geh�ngt hat wie eine Prozession stummer Fragezeichen. Ganz pl�tzlich erscheint das Undenkbare ihr ausgesprochen wahrscheinlich: Es ist sieben Jahre her, er war alkoholisiert und m�de, und sie haben einander seitdem kaum gesehen. Warum sollte die Verbindung in seinem Kopf nicht irgendwann gerissen sein? F�r ihn war es schlie�lich ein bedeutungsloses Vorkommnis an einem bedeutungslosen Tag, und wer wei�, wie viele Frauen er seither gek�sst hat.</p><p>Soll sie beleidigt oder erleichtert sein?</p><p>�Sie hatten Hemd und Sakko an. Und Schuhe, wie kein Mensch sie zum Wandern tr�gt�, sagt sie schlie�lich mit einem Trotz in der Stimme, den er wahrscheinlich nicht verstehen kann, der ihr selbst aber anzeigt, dass sie offenbar nicht erleichtert ist.</p><p>Er nickt und macht eine Handbewegung, die nichts Bestimmtes bedeutet.</p><p>�Der Betreuer meiner Habilitation konnte mit der These auch nicht viel anfangen. Und das war auch schon das Ende der Geschichte.�</p><p>�Und dann sind Sie zur�ckgekommen nach Bergenstadt?�</p><p>�Das ist die Ironie der Geschichte.�</p><p>�Aber warum sind Sie hiergeblieben?�</p><p>In dem kurzen Moment erneuter Stille ist sie sicher, dass jetzt das Telefon klingeln wird, aber das Haus schweigt hinter ihnen aus offenen Fenstern und T�ren, und das Licht im Garten nimmt die w�rmere Farbe des sp�ten Nachmittags an. Kerstin f�hrt sich mit den H�nden �ber die G�nsehaut an ihren Waden. Mit Wohlgefallen stellt sie fest, dass er ruhige Augen hat, in einem Ton zwischen Braun und Gr�n; selbst wenn er nicht zu wissen scheint, wohin er schauen soll, liegt keine Hektik in seinem Blick, sondern die bed�chtige Suche eines Menschen, der fr�her oder sp�ter schon wissen wird, was er will.</p><p>�Ich frage mich, ob �Ich wei� es nicht� die ehrlichste oder die feigste Antwort w�re. Und ob es m�glich ist, beides zu sein.�</p><p>�Sie schulden mir � um Sie mal zu zitieren � nat�rlich keine Erkl�rung.�</p><p>�Ich bin hiergeblieben�, sagt er,�weil sich beruflich die M�glichkeit ergeben hat und weil es sich f�r eine relativ kurze Zeit richtig angef�hlt hat, diesen Bruch zu vollziehen. Ihnen st��t etwas zu, und statt sich dagegen zu stemmen, geben Sie der Ver�nderung nach, folgen ihr noch ein St�ck weiter, als Sie gezwungen worden sind. Letztlich ein Versuch, die Hoheit �ber das Geschehen zur�ckzugewinnen, weil Sie am Ende an einem Punkt landen, zu dem Sie aus freien St�cken gelangt sind. Das Ma� Ihrer Freiheit sozusagen. Es fragt sich aber, wie lange Sie sich n�hren k�nnen von dem guten Gef�hl, Ihr Schicksal selbst bestimmt zu haben. Oder anders gefragt: Wie lange ist die Halbwertszeit von Stolz?�</p><p>Zum Gl�ck schafft er es, seinen Worten mit einem L�cheln ihr Gewicht zu nehmen, aber Kerstin ist trotzdem froh, als sich in der Diele das Telefon meldet.</p><p>�Gute Frage. �Im Aufstehen deutet sie mit dem Finger dahin, von wo das Klingeln kommt. �Sie� hat er die ganze Zeit gesagt, als w�rde er nicht der Autor <emphasis>seines </emphasis>Schicksals, sondern der Deuter des ihren sein wollen. Kerstin nimmt den H�rer ab und die Mitteilung der Sprechstundenhilfe entgegen, dass ihre Mutter mit der Behandlung fertig sei und abgeholt werden k�nne.</p><p>�Zehn Minuten�, sagt sie.�Gibt es einen neuen Befund, den ich kennen m�sste?�Ihre Stimme klingt widerwillig; nicht, als l�ge ihr das Schicksal ihrer Mutter sonderlich am Herzen.</p><p>�Ich denke, das wird der Doktor Ihnen dann sagen. Wenn Sie ein paar Minuten mitbringen.�</p><p>�Nat�rlich. �Sie verabschiedet sich und beh�lt f�r einen Moment den tutenden H�rer am Ohr. Drau�en steht Weidmann mit beiden H�nden in den Taschen vor ihrem bl�henden Hang und h�lt die Schultern, als st�nde er Portr�t. Kerstin legt auf und stellt sich in die Terrassent�r.</p><p>�Es tut mir leid, aber ich muss los.�</p><p>Mit einem Nicken greift er nach seiner Jacke, und sie winkt ab, als er auf das Geschirr deutet.</p><p>Im Vorflur kontrolliert sie ihre Handtasche auf F�hrerschein und Krankenversicherungskarte. F�r den Fall, dass Doktor Petermann sie darauf anspricht, wird es Zeit, sich ein paar S�tze zu �berlegen, warum Zypiklon ihr noch f�r eine gewisse Zeit mehr nutzen als schaden kann. Den Hinweis auf das Suchtpotential wird er sich hoffentlich schenken, das kennt sie schlie�lich besser als er.</p><p>�Es bleibt also dabei�, sagt Weidmann von drau�en.�Wir sehen uns beim Elternsprechtag. Dann ist die ganze Sache hoffentlich ausgestanden. Wenn Sie bis dahin Fragen haben oder Gespr�chsbedarf � jederzeit.�</p><p>�Soll ich Sie ein St�ck mit dem Wagen mitnehmen? Gr�nberger, richtig?�</p><p>�Ich dreh noch eine Runde oben im Wald. �Sein Kinn weist den Hang hinauf. Wenn alles anders w�re, denkt sie, w�rde sie ihm jetzt nicht Auf Wiedersehen sagen, sondern sich bei ihm unterhaken und eine Runde um den Rehsteig laufen, Joggern zunicken und mit der freien Hand �ber die hohen Gr�ser am Wegrand streichen.</p><p>�Danke, dass Sie so kurzfristig Zeit hatten.�</p><p>�Mit Vergn�gen�, erwidert er.</p><p>Sie steigt in ihr von der Sonne aufgeheiztes Auto, l�sst beidseitig die Scheiben herunter und justiert den R�ckspiegel, aber die gro� gewachsene Gestalt hinter ihr ist bereits abgebogen und au�er Sicht. Der Rehsteig liegt verlassen da. Ein paar Wolken stehen still �ber dem Kamm. In Gedanken folgt sie Weidmann den Kornacker hinauf, den schmalen Pfad hinter den Grundst�cken entlang und schlie�lich � w�hrend sie langsam in die andere Richtung rollt � immer tiefer hinein in den verdammten Bergenst�dter Wald.</p></section><section><title><p><strong>7</strong></p></title><p>�Doch. Steht Ihnen ausgezeichnet. Wie angegossen. �Kerstin hat die Arme vor der Brust verschr�nkt und tippt mit dem Rand des Sektglases gegen ihre Unterlippe, w�hrend sie dabei zusieht, wie Frau Preiss sich von der einen Seite zur anderen dreht und schlie�lich stehen bleibt, als wollte sie ihr Spiegelbild zum Duell herausfordern.</p><p>�Eben, wie angegossen. Und bei meiner Figur ist das vielleicht nicht ganz das Richtige.�</p><p>�Es steht Ihnen sehr gut.�</p><p>�Spieglein, Spieglein an der Wand: Wo ist meine Taille?�Mit in die H�fte gest�tzten H�nden wirft Frau Preiss einen skeptischen Blick in den Spiegel. Im orangefarben gedimmten Licht der Wandleuchter sieht ihr Gesicht ein wenig w�chsern aus; nicht �lter, als sie ist, aber mit dem Hauch eines Schattens unter den Augen, den Kerstin vorher nicht bemerkt hat. Und das schwarze Cocktailkleid, in dem sie steckt, ist in der Tat ein Wagnis, wenngleich das Problem weniger im Bereich der Taille als in den freien Waden liegt. Ein bisschen zu kr�ftig sind die. Kerstin sch�tzt Frau Preiss auf knapp �ber einen Meter sechzig, und w�rden sie einander besser kennen, h�tte sie ihr zu etwas geraten, was ein bisschen mehr rauscht und bauscht und bis zu den Kn�cheln reicht. Dazu hohe Abs�tze und das Wagnis lieber mit dem Dekollet� eingehen, wo die Aktien von Frau Preiss am h�chsten stehen. Cocktailkleider dieser knappen Art sind was f�r gro�e, schlanke Frauen, und Kerstin denkt mit Wehmut an ein �hnliches Modell, das seit Jahren ungetragen in ihrem Schrank h�ngt. Nur das Kleid steht dir wirklich, das du auch barfu� tragen kannst, sagt Anita immer, und da Frau Preiss zu Vorf�hrzwecken ihre Schuhe abgestreift hat, l�sst das Kleid sie so klein und st�mmig erscheinen, wie sie nun einmal ist. Was Kerstin ihr aber nicht sagen kann. Auch nicht an einem Samstagabend und bei der zweiten Flasche Sekt.</p><p>�Wann findet er denn statt, der Sommerball der Rotarier?�</p><p>�In drei Wochen. �Seufzend wendet sich Frau Preiss von ihrem Spiegelbild ab und greift nach dem Sektglas auf dem Sideboard.�Danke f�r Ihre Geduld jedenfalls. Ich geh mich rasch umziehen.�</p><p>Kerstin nickt und folgt einer Reihe flauschiger L�ufer ins Wohnzimmer. Hier hat das Licht einen rotbraunen Schimmer, der zu den dunklen Teppichen und der Sitzgruppe aus Hirschleder passt, einer l�ngeren und einer k�rzeren Couch und zwei Sesseln, von denen einer durch seine Sitzspuren als Stammplatz des Hausherrn ausgewiesen ist. Auf dem niedrigen Doppelglastisch stehen ein Sektk�hler und zwei Platten mit K�secrackern und Weintrauben, darunter stapeln sich Mode- und Architekturzeitschriften, ein paar Automagazine und ein Heft von <emphasis>Familie &amp; Gesundheit</emphasis>, die aktuelle Sonderausgabe zum Thema Pubert�t. �Krieg der Hormone� steht auf dem Titelblatt. Kerstin stellt ihr Glas ab und geht zur Fensterbank, arrangiert schmunzelnd den Flieder so, dass die Enden aller Zweige bis hinab ins Wasser reichen, und sieht nach drau�en. Sie wundert sich, dass kein Anflug von Trunkenheit sich regt zwischen ihren sonst so empfindlichen Schl�fen.</p><p>Von der oberen Seite der Hornberger Stra�e f�llt der Blick fast h�hengleich auf die Kuppe des Schlossberges, um dessen Kegel sich die sp�rlichen Lichter von Bergenstadt verteilen. Rundherum dunkle W�lder, kaum zu unterscheiden vom nachtschwarzen Himmel. Das einzige Licht im Tal, das sie sicher zuordnen kann, geh�rt zur McDonald�s-Filiale im Industriegebiet, deren Er�ffnung der B�rgermeister vor einigen Monaten zum Anlass genommen hat, um in einem Satz die W�rter �Wirtschaftsstandort Bergenstadt� und �Attraktivit�t� so nahe beieinander unterzubringen, dass der Eindruck entstehen musste, es gebe da einen Zusammenhang. Au�erdem erkennt Kerstin das Altenheim am unteren Ende der Bachstra�e, das h�chste Geb�ude im Ort, zwei Stockwerke h�her als die Sparkasse schr�g gegen�ber. Irgendwo da unten tummelt sich Daniel in der zweifelhaften Gesellschaft organisierter Trinkfreudigkeit und hoffentlich ohne das Bed�rfnis nach einer weiteren Demonstration missverstandener M�nnlichkeit.</p><p>Das Heim der Preissens strahlt W�rme und Gediegenheit aus, verr�t einen Sinn f�r Farben und den gelegentlichen Hang zum <emphasis>touch too much</emphasis>, kurz: Das Haus ist so eingerichtet, wie Frau Preiss sich kleidet. Wohlstand der harmonischen Art f�llt die R�ume, nicht von allem das Neueste und Beste, sondern was sich bew�hrt hat im Lauf der Jahre, was Gefallen erregt und Vertrauen erweckt und dann gekauft wird, ohne aufs Preisschild zu schauen. Kein Luxus, der den Verdacht aufkommen l�sst, hier werde ein Ersatz gesucht f�r innere Leere. Keine Polsterm�bel, auf denen sich weicher schweigen l�sst.</p><p>Sie f�hlt sich so lala. Ist nicht ganz sicher, was sie hier soll. W�rde gerne entspannter sein, als sie ist.</p><p>Zur�ck am Tisch gie�t sie sich einen Schluck Sekt nach, sieht das Licht in der K�che anspringen und kurz darauf Karin Preiss im hellen Hosenanzug von vorher durch den verglasten Durchgang kommen, der Wohn- und Essbereich voneinander trennt. Au�er ihrem Glas hat sie eine Flasche Rotwein in der Hand und h�lt Kerstin das Etikett entgegen wie eine Polizeimarke.</p><p>�Wenn�s Ihnen recht ist, machen wir den mal auf. Bei so viel Sekt denk ich sonst noch, es w�r Silvester.�</p><p>�Gerne.�</p><p>�Werden Sie an Silvester auch immer so sentimental?�</p><p>�Manchmal. �Sie h�lt das f�r keine sehr taktvolle Frage an die Adresse einer alleinstehenden Frau, aber sie beginnt sich an Frau Preiss� gelegentliche Gedankenlosigkeiten zu gew�hnen. Verglichen mit Anitas subtilen Gemeinheiten richten die ohnehin nur geringen Schaden an. Sie ist immer noch sauer wegen des Parf�ms. Jedes Mal steht sie im Bad und muss sich verbieten an dieser Sommerlandschaft aus Duft und Versprechen zu riechen. Und jedes zweite Mal bricht sie das Verbot. Ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich das verlogene Gemisch auf die Haut st�uben wird.</p><p>�Ich immer�, sagt Frau Preiss.�All die Jahre, die Zeit und der Alkohol nat�rlich, w�rde mein Mann sagen. Ich hab sowieso nah am Wasser gebaut, immer schon, und wenn ich was trinke � Das sag ich jetzt auch, weil es erst halb elf ist und Sie m�glicherweise noch Zeugin werden meiner Tendenz zur R�hrseligkeit. K�nnen Sie das Ding hier bedienen?�Zusammen mit der Flasche reicht sie Kerstin einen metallenen Korkenzieher, der fast genauso schwer ist wie die Flasche selbst.</p><p>�Also r�hrselig wirken Sie auf mich nicht, aber wir k�nnen gerne Tee trinken zwischendurch. Ich bin den Alkohol auch nicht mehr gewohnt.�</p><p>�Kommt nicht in Frage. Der freundliche Portugiese hier ist zehn Jahre alt, der hat lange genug auf seinen Auftritt gewartet. �Frau Preiss greift entschlossen nach einem Cracker und sieht Kerstin beim �ffnen der Flasche zu.�Irgendwie machen Sie in allem einen sehr patenten Eindruck, wenn ich das sagen darf.�</p><p>�Und wissen Sie auch, woher das kommt?�</p><p>�Nein, ich � doch. �Frau Preiss hebt eine Hand und nickt einsichtig.�Sehen Sie, ich bessere mich, ich versuche es zumindest. Aber ich k�nnte mir vorstellen, dass Sie auch vorher schon so patent gewesen sind, schon immer wahrscheinlich. Ist schlie�lich eine Frage der Pers�nlichkeit.�</p><p>�Ich hab auch vorher schon alleine gewohnt. Als Studentin. Oder nicht alleine, aber jedenfalls ohne Mann. �Mit einem Plopp �ffnet sie die Flasche und stellt sie auf den Tisch, beginnt den Korken aus dem �ffner zu drehen.</p><p>�Sie haben studiert?�</p><p>�In K�ln.�</p><p>�Kein Witz?�</p><p>�Lang, lang ist�s her. Sportwissenschaft, mit dem Schwerpunkt Tanz.�</p><p>�Bis zum Abschluss?�</p><p>Kerstin nickt und kann nichts tun gegen das Gef�hl von Stolz, das in ihr aufwallt. Will auch nichts tun dagegen. Sie besitzt ein Diplom. Nicht, dass sie je etwas draus gemacht h�tte, aber das ist ein anderes Thema, und an der Tatsache �ndert es nichts. Es steht sogar ein �Sehr gut� drauf.</p><p>�Ich bin baff. �Einen Moment lang sieht Frau Preiss sie aus gro�en Augen an. Perfekt aufgetragener Lidschatten im selben silbrig schimmernden Kobaltblau wie ihre Ohrringe. Schlie�lich steht sie auf und holt zwei Weingl�ser aus einer h�lzernen Vitrine, die mit der unbek�mmerten H�sslichkeit des Familienerbst�cks aus der restlichen Einrichtung hervorsticht.�Obwohl auch das zu Ihnen passt. Und K�ln geh�rt sowieso zu meinen pers�nlichen Lieblingsst�dten. K�nnen Sie mir sagen, warum Leute zum Einkaufen nach Frankfurt fahren? Au�erdem, so schlecht wie alle sagen, schmeckt K�lsch gar nicht.�</p><p>�Trinkbar.�</p><p>Frau Preiss f�llt die Gl�ser bis zum Rand, schiebt eins in ihre Richtung, hebt das andere und sagt:�Zum Wohl. Ich finde, wir h�tten uns schon viel fr�her treffen sollen, aber in Bergenstadt bewegen sich die Dinge eben nur in den Grenzgangsjahren. Die sieben Jahre dazwischen ��Sie schnippt mit den Fingern.</p><p>�Wir sind mal zusammen essen gewesen, wenn ich mich richtig erinnere. Zu viert.�</p><p>�Und wissen Sie, was ich damals gedacht habe: Sie ist ihm �berlegen. Wirklich, war mein Eindruck. Irgendwie menschlich �berlegen.�</p><p>�Das war klug beobachtet. Hatten wir jetzt schon getrunken?�</p><p>�Nein. Tun wir sofort.�</p><p>�Zum Wohl denn also. �Kerstin unterdr�ckt einen pl�tzlichen Drang zu kichern, nimmt ihr Glas und trinkt es zur H�lfte aus. Ein Aroma von Trauben, Feigen und einem Hauch von Zimt breitet sich aus in der Mundh�hle und kitzelt ihre Geschmacksnerven. Alles so angenehm voll und rund, dass sie nach dem Absetzen des Glases einen Moment lang mit dem Ausatmen z�gert. Trauben, Feigen, Zimt � ist alles noch da.</p><p>Auch Frau Preiss blickt auf ihr Glas, als h�tte daraus ein Geist zu ihr gesprochen.</p><p>�Na, heiliges �chsle, w�rde mein Mann sagen. Der hat aber Charakter.�</p><p>�Das will ich meinen. Da haben sich zehn Jahre des Wartens mal wirklich gelohnt.�</p><p>�Und apropos: Finden Sie, dass ich meinen Mann zu h�ufig erw�hne?�</p><p>�Apropos was?�</p><p>�Im Allgemeinen: W�rde mein Mann sagen, hat mein Mann gesagt, wie ich meinen Mann kenne und so weiter. Mir scheint, ich sage das dauernd. Als ich bei Ihnen war neulich: Der Wein muss atmen, <emphasis>w�rde mein Mann sagen</emphasis>. Ist mir sofort aufgefallen, aber ich sage es immer weiter. �Eine seltsame Intensit�t liegt in Frau Preiss� Blick, so als w�rde sie jedes Wort vor sich sehen, das sie ausspricht.�Warum sag ich nicht einfach: Der Wein muss atmen. Der Wein hat Charakter. Warum zitiere ich meinen Mann?�</p><p>�Ich will ja nicht unversch�mt sein, aber da Sie es eben selbst erw�hnt haben: N�hern wir uns schon dem Wasser?�Kerstin versucht ihren Unwillen hinter einem L�cheln zu verbergen. Gespr�che �ber Eheprobleme sind das Letzte, wonach es sie verlangt.</p><p>�Nein, entschuldigen Sie. In letzter Zeit hab ich pl�tzlich diese Anf�lle von Selbst�berwachung. �Karin Preiss lacht, stellt das Glas ab und kneift sich mit Daumen und Zeigefinger in die Stirn.</p><p>�Wenn Sie weiter drauf achten, sind Sie die Angewohnheit bald wieder los. Mir ist es sowieso nicht aufgefallen. Aber wenn Sie m�chten, sage ich ab jetzt jedes Mal Piep, wenn Sie Ihren Mann erw�hnen.�</p><p>�Aber bitte nur, wenn wir alleine sind.�</p><p>�Nat�rlich. Und kann es sein, dass es sehr warm ist hier drin?�</p><p>�Ja.�</p><p>Einen Moment lang sehen sie einander an, als w�ssten sie bereits, was kommen wird.</p><p>� �w�rde mein Mann sagen. �Sie sagen es genau gleichzeitig, halten kurz inne, dann entgleisen mit der Synchronit�t von Spiegelbildern ihrer beider Gesichtsz�ge.</p><p>Zwischen den Schl�fen, wo sie Minuten zuvor noch das Gef�hl der Trunkenheit vermisst hat, sp�rt Kerstin jetzt das Echo leichter Trommelschl�ge. Ein best�ndiges Ha-ha-ha. Es hat einen Zug ins Hysterische, aber sie lacht einfach dar�ber hinweg. Lacht die Befangenheit des Abends aus sich heraus. Mit Anita war es manchmal so, Anita st��t spitze Schreie aus, wenn sie lacht, das ist in der �ffentlichkeit oft peinlich gewesen, aber jetzt w�nscht Kerstin, sie selbst w�rde noch viel lauter und heftiger lachen. Wie damals. F�r einen Augenblick f�hlt es sich tats�chlich an wie das Weiterlachen nach einer Pause, die ebenso arm an Bedeutung scheint, wie sie reich an Jahren ist. Sie kann nicht aufh�ren. Sie will nicht. Hinter einem Tr�nenschleier sieht sie Frau Preiss die Beine anziehen, sich eine Hand auf den Bauch halten und mit der anderen durch die Luft wirbeln, als h�tte sie sich die Finger verbrannt. Sie h�rt ein Japsen und das quietschende Entweichen von Luft aus gepressten Lungen. Daniel hat als Baby so ein Lachen gehabt, und sie hat an sich halten m�ssen, ihm auf dem Wickeltisch nicht in einem fort den Bauch zu kitzeln, weil sie nicht genug kriegen konnte von diesem Ger�usch und der rudernden Bewegung seiner Arme. Wann hat sie ihren Sohn zuletzt lachen gesehen? Ihre Mutter? Sie dreht sich auf die Seite, und dann muss sie sich anstrengen, ihre Bauchmuskeln stillzuhalten, durch die ein stechender Schmerz f�hrt, w�hrend vor ihr aufsteigt, was Karin Preiss �das Wasser� genannt hat. Das Wasser, das ihr schon in den Augen steht und �ber die Wangen rinnt und das sie hastig wegwischt, als ihr Atem sich endlich beruhigt.</p><p>Ihre Kehle f�hlt sich an, als h�tte sie Sand getrunken.</p><p>�Luft. �Mehr bringt Frau Preiss eine Minute lang nicht heraus. Dann und wann ein Schnauben und zwischendurch ein aufflackerndes Lachen.</p><p>Eine seltsame Intimit�t der Ersch�pfung h�ngt �ber der Polstergarnitur des Preiss�schen Wohnzimmers. Etwas Zerw�hltes, schwitzig auf der Stirn und unter den Armen. Kerstin holt Luft.</p><p>�Huh. So habe ich lange nicht gelacht. �Sie liegt mehr auf dem Sessel, als dass sie sitzt, aber solange Karin Preiss sich nicht aufrichtet, f�hlt sie sich auch nicht verpflichtet, Haltung anzunehmen.</p><p>K�nnte Thomas Weidmann sie so sehen, was w�rde er denken? In Gedanken nennt sie ihn Thomas, nicht Herr Weidmann, aber vor allem denkt sie, dass er sich an der hysterischen Note ihres Lachens gest�rt und innere Unsicherheit als Ursache angenommen h�tte. Sie legt sich eine Hand auf die Brust und schlie�t die Augen. Es ist beinahe witzig, wie sie immer wieder auf ihre eigenen Hintergedanken st��t. Wie bei Hase und Igel, blo� dass sie nicht nur der Hase ist, sondern auch beide Igel. Und sie geht in jeder ihrer Rollen so sehr auf, dass sie immer nach jemand anderem sucht, den sie f�r dieses Gef�hl des Betrugs verantwortlich machen kann, das die einzige Konstante in dem st�ndigen Rollenwechsel bildet. F�r einen kurzen ersch�pften Augenblick, w�hrend sie auf dem animalisch nach Hirschleder riechenden Sofa der Preissens liegt, durchschaut sie das Dilemma, dann richtet sie sich auf und sagt:</p><p>�Ich muss rasch ins Bad. �Ihre Bluse klebt unangenehm auf der Haut.</p><p>�Vorne links�, ruft Frau Preiss ihr hinterher. Vor dem riesenhaften Spiegel stehen noch ihre abgelegten Schuhe.</p><p>Kerstin findet die T�r und schlie�t sie hinter sich.</p><p>Ein Dimmer auch hier, der den gr�n gekachelten Raum in ein Licht h�llt, wie es in dunklen Zimmern aus Aquarien dringt. Aus einer flachen Tonschale mit Duftkr�utern str�mt das Aroma von Vanille und Salbei, mischt sich mit R�ckst�nden von Seife, einem blumigen Frauenparf�m und dem moschusartigen Duft von Rasierwasser. Kerstins Vorsatz, das Bad nicht in Augenschein zu nehmen, scheitert an der Phalanx von Fl�schchen, Flakons, Tuben und D�schen, die sich �ber dem Doppelwaschbecken auf einem Glasbord reihen, an der wei� blitzenden Badewanne und dem schwarzen Bademantel �ber der Lehne eines Korbstuhls. Der Bademantel tr�gt auf beiden �rmelenden die Initialen KP. Linda scheint ein eigenes Bad zu besitzen, jedenfalls deutet nichts in diesem Raum auf die Benutzung durch einen Teenager. Alles wirkt gediegen und sauber, kein Altersschatten auf den Armaturen, kein Vergleich mit dem Bad, das sie notgedrungen zum Vergleich heranzieht. Ein eheliches Badezimmer, denkt sie, w�hrend sie k�hles Wasser in beide H�nde laufen l�sst und ihr Gesicht benetzt. Der Spiegel ist so gro�, dass der ganze Raum sich in ihm verdoppelt. Noch immer sp�rt sie im Bauch ein Pulsen, als ob ihre Muskeln weiter zitterten im Rhythmus des Lachens. Den grandios kitschigen Proporz von l�wenk�pfigen Wasserh�hnen und zehnstufigen Massageduschen in Anitas Bad hat sie stets am�sant gefunden, aber dieser Raum, in dem sie sich f�r einen Moment auf den Rand der Wanne hockt, ist zu viel. Sie will auch so ein Bad, nicht der gl�nzenden Armaturen und der gro�en Wanne wegen, sondern weil es einen so warmlichtig und sauber empf�ngt, mit all den kleinen Accessoires jahrelanger Zweisamkeit, frei von den klobigen St�tz-BHs einer alten Frau und dem s��lichen Hauch im Erdreich verrottender Leitungen. Ein Bad, in dem man sich Zeit l�sst mit allen Verrichtungen und mit Gelassenheit feststellt, dass die Falten im Gesicht sich vertiefen. Ihre eigene Badezimmert�r dagegen �ffnet sie immer h�ufiger mit dem Gef�hl, sie betrete den sch�bigen Wartebereich der Wechseljahre.</p><p>Neid � die gro�e dunkle Wolke, aus der ununterbrochen saurer Regen f�llt.</p><p>Ahnt Frau Preiss das nicht, diese Missgunst in ihren Gedanken? Oder ist ihre Nachbarin in all ihrer ungest�men Wohlgelauntheit selbst ein wenig einsam und genie�t es daher, mit jemandem einen Abend zu verbringen, der noch einsamer ist? Der Bademantel �ber dem Korbstuhl ist aus echter Seide, das sieht sie, ohne ihn anzufassen. Sicherlich ein Geburtstagsgeschenk des geschmackssicheren Gatten. Wo l�sst man eigentlich Initialen auf seidene Gew�nder sticken? Und wozu r�tseln, was andere bewegt. Was sucht sie selbst hier? Was hat sie verloren in der Gesellschaft von Frau Preiss, wenn sie nicht einmal deren Bad benutzen kann, ohne dass das Strahlen der Armaturen wie ein Schatten auf ihr eigenes Leben f�llt? Selbst die Toilette strahlt, und erst als sie darauf Platz genommen hat, f�llt ihr ein, dass es in einem Haus wie diesem eine G�stetoilette geben muss und dass sie beim Hereinkommen � <emphasis>neben der Haust�r links </emphasis>� die T�r wahrgenommen hat, hinter der sich nichts anderes als ein kleines, aber ebenso sauber blitzendes G�steklo befinden wird, zu dem Frau Preiss� Richtungsangabe sie also hat geleiten wollen. Und sie sitzt im ehelichen Bad der Preissens und kontempliert missmutig ihr Leben. Mit angehaltenem Atem horcht sie nach Schritten in der Diele, greift hastig nach dem Papier. Die tiefen Teppiche im Flur werden kein Signal geben, ehe jemand von au�en den T�rgriff fasst �</p><p>Was sie h�rt, ist ihr eigener Herzschlag.</p><p>So schnell, als h�tte sie sich zum Pinkeln hinter die Leitplanke gehockt und s�he um die n�chste Kurve ein Auto biegen, beendet sie ihre Sitzung, sp�lt, w�scht sich die H�nde und vertraut darauf, dass ihre Frisur nicht in allzu gro�er Unordnung ist. Lediglich eine einzelne M�nnersocke bemerkt sie noch neben der T�r, bevor sie nach einem sp�henden Blick hinausschl�pft und der Anfall von Panik sich umgehend in eine Mischung aus Erleichterung und Besch�mung wandelt.</p><p>Sie hat schlie�lich nicht in fremden Schr�nken gew�hlt.</p><p>Ein angenehm k�hler Hauch weht vom Wohnzimmer in ihre Richtung, Frau Preiss muss die Balkont�r ge�ffnet haben. Im Spiegel der Diele �berpr�ft sie ihre Frisur und schneidet sich selbst eine Grimasse. Jeden kleinen Moment der Ausgelassenheit bezahlt sie mit diesen Anf�llen von Selbst-Inquisition. Aber warum? Und woher kommt diese idiotische Angst vor jedem noch so bedeutungslosen Fauxpas?</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Unter die Fahne zu gehen kostete nichts, aber man bezahlte trotzdem was. Man bezahlte, soviel man eben wollte, und da wunderte er sich schon ein bisschen, dass die meisten ziemlich viel bezahlten. Manchmal zwanzig Mark, aber nur Erwachsene, eigentlich nur M�nner. F�r Kinder reichen f�nf, ihr trinkt ja hinterher auch kein Bier, hatte sein Vater gesagt. Man bekam ein Abzeichen, und mit dem Abzeichen bekam man alle Getr�nke umsonst bei der Gesellschaft, wo man vorher unter der Fahne gewesen war. Man ging einfach zu dem Stand hin und nahm sich was von der Theke. Weil Grenzgang war und man das Abzeichen hatte. Er hatte schon vier, aber noch zwei F�nfmarkst�cke in der Tasche, und wo Onkel Hans sa�, wusste er auch. Dem war die lange Wanderung gestern tierisch auf die Beine gegangen, der hatte sich mit Kleidern ins Bett gelegt und nur den Kopf gesch�ttelt, als alle zum Rummel gingen. Nichts mehr gewohnt, hatte seine Mutter gesagt. Die war gestern komisch gewesen, vor dem Rummel und danach noch mehr, aber die war in letzter Zeit h�ufig komisch, und daran wollte er jetzt nicht denken, sonst war der ganze Spa� weg.</p><p>Den Typen von gestern sah er nicht mehr. Er konnte aber nicht richtig gucken, w�hrend er mit der Cola in der Hand die B�schung raufkletterte. Von oben hatte man den besten Blick. Die meisten sa�en unten am Hang auf der Wiese, seine Mutter und Onkel Hans und die anderen von der Rheinstra�e, aber oben sa� keiner, und deshalb wollte er da hin. Es war nur ein schmaler Streifen mit Gras, bevor der Tannenwald begann. Oben zog er sich den Pullover von der H�fte, legte ihn auf den Boden und setzte sich drauf und hatte den ganzen Fr�hst�cksplatz im Blick. Und fast nichts versch�ttet.</p><p>�berall wurden Fahnen geschwungen, und Leute flogen durch die Luft, manchmal sogar richtig dicke. Vier oder f�nf Kapellen spielten. Man musste seinen Namen sagen vorher, damit der F�hrer wusste, was er zu br�llen hatte: Der und der oder die und die, lebe hoch, hoch, hoch! Ganz am Rand, wo der Grenzstein war, wurde gehuppcht. Hatte er gestern gemacht und dann den ganzen Nachmittag eine schwarze Backe gehabt. Und es war auch nicht so lustig. Man wurde nicht geschmissen, sondern nur drei Mal hochgehoben �ber dem Grenzstein, und hinterher musste man richtig latzen. Weniger als zehn Mark waren peinlich, auch f�r Kinder. Die Wettl�ufer und der Mohr hatten schlie�lich ordentlich was zu tun an Grenzgang. Sein Vater hatte sich sein erstes Auto gekauft von dem Wettl�ufer-Geld.</p><p>Die drei Abzeichen von gestern steckten an seiner Hose (da bekam er heute nichts mehr f�r, es gab jeden Tag andere), das von heute am T-Shirt. Der Walfisch von den Rheinstra�en-Burschen. Der war eigentlich zu schwer f�rs T-Shirt, also nahm er ihn ab und steckte ihn sich erst an die Hose, dann an die Socke, dann an den Schn�rsenkel, und dann machte es� Buh!�hinter ihm, und der Walfisch w�re ihm fast ins Glas gefallen.</p><p>Linda hockte sich neben ihn ins Gras. Hockte auf den Fersen, legte die Arme auf die Knie und das Kinn auf die Arme und sagte:</p><p>�Erschrocken?�Sie roch wieder nach Kaugummi, obwohl sie keins kaute.</p><p>�Nein.�</p><p>�Doch. Du hast so gemacht. �Sie zog die Schultern zusammen und den Kopf ein.</p><p>�Und wo bist du gewesen?�</p><p>�Im Wald, pinkeln.�</p><p>Er sah sich nach Nobs um, aber der war nicht zu sehen. Der ganze Platz war voll; ein kleinerer Platz als auf der Sackpfeife und leicht schr�g, so dass er am unteren Ende �ber die B�ume gucken konnte auf die anderen B�ume, den Wald und noch mehr Wald, ohne Ende. Bergenstadt musste in der anderen Richtung liegen.</p><p>�Darf ich was von deiner Cola?�</p><p>Er wusste nicht, wie er nein sagen sollte, also sagte er gar nichts und gab ihr das Glas.</p><p>Sie hatte keine Kette mehr um, aber eins von diesen geflochtenen B�ndern am Handgelenk, das jetzt alle M�dchen in der Klasse trugen. Die Sonne schien, und es schmerzte ein bisschen in den Augen, so �ber den Platz zu gucken.</p><p>Linda gab ihm das Glas zur�ck, und er trank neben ihrem Abdruck, genau daneben.</p><p>�Deine Mama winkt�, sagte sie.</p><p>�Ich seh sie nicht. �Das stimmte. Er wusste zwar, wo sie sa�, aber er sah nicht hin, und drum sah er sie auch nicht.</p><p>Linda zeigte mit dem Arm in die Richtung.</p><p>Er suchte auf dem Boden nach dem Walfisch. Ein paar Ameisen krabbelten �ber die Bl�tter, und es war komisch sich vorzustellen, dass f�r eine Ameise ein Blatt so gro� ist wie ein Haus. Und der Wal-Anh�nger so gro� wie f�r ihn ein echter Wal. Und was f�r ein Wesen das w�re, f�r das ein echter Wal so klein ist wie f�r ihn der Anh�nger. Als er noch kleiner war, hatte er geglaubt, dass es das gibt und im Wald wohnt. Am Haink�ppel, hinter der Biegung.</p><p>�Direkt vor uns�, sagte Linda.�Auf der Bank. Da!�</p><p>Er sp�rte ihren Blick an der Seite, nahm den Walfisch und hauchte auf das silbrige Metall.</p><p>�Und?�, fragte er.</p><p>�Jetzt guckt sie wieder weg. Oh nein, und jetzt steht mein Papa auf dem Fass!�</p><p>Er sah auf und sah Herrn Preiss da stehen, wo vorher sein Vater gestanden hatte. Die wechselten sich immer ab, kein Grund, so�n Aufstand zu machen.</p><p>�Muss er doch als F�hrer.�</p><p>�Ich mag�s aber nicht, wenn er da steht und br�llt.�</p><p>Jetzt sah er sie von der Seite an, und Linda guckte woanders hin. Er h�rte die Hochrufe und die Musik, aber f�r einen Moment sah er nur die Sommersprossen auf ihrer Nase und die kurzen Haare vor den Ohren, die nicht mehr in den Zopf gepasst hatten. Fast wei�. Sie trug einen Ohrring und sah �ngstlich aus, und vielleicht sagte er deshalb:</p><p>�Das war doof von Nobs vorgestern, wir h�tten eigentlich noch jemanden gebrauchen k�nnen.�</p><p>�H�ttet ihr euch mal fr�her �berlegen m�ssen.�</p><p>�Ja. �Den n�chsten Schluck trank er genau da, wo ihr Abdruck war, und er trank alles aus. Herr Preiss schwang den S�bel in die Luft, und man sah, dass er gerade erst angefangen hatte. Am Ende machten sie nur noch, als w�rden sie mit dem Taschentuch winken.</p><p>Sein Vater stand neben der Fahne und trank Bier und sah sich um. F�chelte sich Luft zu mit der Hutkrempe.</p><p>�Wo gibt�s den Walfisch?�, fragte Linda.</p><p>�Bei der Rheinstra�e. Bei den Burschen.�</p><p>�Den will ich auch.�</p><p>Sie hatte selbst schon eine Menge Abzeichen am T-Shirt und um den Hals, aber den Wal nicht.</p><p>�Geh unter die Fahne bei denen.�</p><p>�Wo?�</p><p>�Da. �Er zeigte mit dem Arm in die Richtung, aber nicht ganz genau, sonst h�tte er zu seiner Mutter gezeigt.</p><p>�Seh nix�, sagte Linda.</p><p>Als er aufstand und losging, wusste er, dass sie hinter ihm herkam, weil sie wusste, dass er zu den Rheinstra�en-Burschen ging, obwohl er den Wal schon hatte. Er tat aber so, als w�sste er�s nicht. Und den Wal steckte er in die Tasche. Ohne die Hand auf den Boden zu st�tzen, kletterte er die B�schung runter und h�rte Linda rutschen. Das Glas stellte er zur�ck auf die Theke. Es war warm zwischen den Leuten. Die Musik flog so �ber den Platz, verschiedene Musiken aus verschiedenen Richtungen, und als es eng wurde und er schieben musste, war Linda genau hinter ihm. Einmal hielt sie ihn am Arm. Er ging ein bisschen zickzack, immer dahin, wo am wenigsten Platz war. Auf dem Boden lagen Zigaretten und Servietten, und die Leute rochen nach W�rstchen und Bier. Dann blieb er ganz pl�tzlich stehen, und Linda lief gegen ihn.</p><p>�Tierisch eng hier�, sagte er.</p><p>Sie gingen durch Schatten und Sonne, und einmal guckte er hinter sich, ob Linda noch da war. Dann kamen sie bei den Rheinstra�en-Burschen an, wo immer das meiste Gedr�nge herrschte, weil alle den Walfisch wollten. Hier war nur Schatten, aber er wusste, wo sie sich anstellen mussten.</p><p>�Hast du Geld?�</p><p>Sie sch�ttelte ihren Brustbeutel und nickte. Seine Ohren waren warm, und er wollte gar nicht, dass sie drankamen. Nur so stehen und warten. Vor ihnen flog eine Frau in die Luft und kreischte, und �berall wurde gelacht. Um sie herum waren alle viel gr��er. Er h�tte gerne denselben Schulweg gehabt wie sie. Davon hatte er manchmal getr�umt vor dem Schlafen, dann f�hrte der Schulweg aber nicht den Kornacker runter wie ihrer oder die Rheinstra�e entlang wie seiner, sondern irgendwo hinten die Lahn entlang. Wo die Sonne schien. Nicht dass er drauf geachtet h�tte, aber in ihren Haaren sah er�s, so wie oben auf der B�schung. Sonne. Ein bisschen tat es weh in den Augen, aber man konnte ja blinzeln.</p><p>Dann war niemand mehr vor ihnen, und er fasste Linda an den Schultern, schob sie nach vorne und sagte:</p><p>�Bis gleich.�</p><p>�Wehe, du rennst einfach weg.�</p><p>Die Burschen vom Stemmkommando waren alle riesengro� und schwitzten, und einer sagte:�Endlich ma was Handliches. �Er sah sie nur bis zu den G�rteln, bis wohin Linda ihnen reichte, als sie nach vorne ging. Sie stellte sich in die Mitte und sah den F�hrer an, der sich auf seinem Fass nach unten beugte. Es war weder laut noch leise rings umher, und Linda sagte langsam und deutlich:�Linda Preiss.�</p><p>Sie stand schon so, wie man stehen musste, ganz steif und mit den Armen vor dem K�rper, denn wenn man sie nach oben nahm, waren sie in der Luft pl�tzlich hinten, und dann bestand Salto-Gefahr. Nur ihren Brustbeutel steckte sie sich vorher noch unters T-Shirt.</p><p>�Dem dritten F�hrer Preiss seine Linda is bei uns unner der Fahne�, rief der auf dem Fass so laut, als m�sste der ganze Fr�hst�cksplatz jetzt hergucken.</p><p>Und Linda sagte:</p><p>�So hoch wie�s geht, bitte. �Dann blies sie die Backen auf und lies sich einfach nach hinten fallen und lag auf den Armen wie bei den Feuer�bungen in der Schule, wenn einer den Schwerverletzten auf der Trage spielen darf. Zwei vom Stemmkommando fassten gar nicht mit an, weil nicht viel zu fassen war.</p><p>�Die Linda Preiss, sie lebe �!�</p><p>Dann flog sie ��hoch!�H�her als er vorher jemanden hatte fliegen sehen. Ihr Fu� ber�hrte den Stoff der Fahne. Ihre Haare flogen, und die Abzeichen um ihren Hals flogen, und der Brustbeutel unter ihrem T-Shirt flog auch. Und als sie ganz oben war, h�rte er sie lachen.</p><p>Er wusste jetzt, dass er verknallt war. Vielleicht hatte er�s schon vorher gewusst, aber es f�hlte sich anders an als erwartet. In der Schule war immer jemand verknallt, und er hatte geglaubt, das ist wie einen Pickel auf der Nase oder den Hosenstall offen zu haben: Alle zeigen drauf und lachen. Aber jetzt sah niemand ihn an, und die, die lachten, lachten nicht �ber ihn. Verknallt sein war wie fliegen. Es war eigentlich das Beste �berhaupt.</p><p>Linda war so lange in der Luft, dass einer vom Stemmkommando sich am Kopf kratzen konnte zwischendurch. Er beschloss, eine Cola f�r sich und eine f�r sie zu kaufen von dem Geld, das er noch hatte. Vielleicht konnte er ihr helfen, den Walfisch irgendwo festzumachen, so wie M�nner Frauen mit der Halskette helfen. Es war gerade erst Mittag, sie w�rden stundenlang zur�cklaufen nach Bergenstadt und am Abend auf den Rummelplatz gehen. Und morgen noch einmal!</p><p>Dann kam sie zum dritten Mal runter und klopfte sich auf die Brust, als h�tte sie Husten, und sagte:</p><p>�Ich hab dir die Zunge rausgestreckt, und du hast nicht geguckt.�</p><p>Er ging ihr entgegen, und jetzt war es doch ein bisschen so, als h�tte er einen Pickel auf der Nase. Er hielt den Walfisch fest in seiner Hosentasche. Sie standen zwischen den Gro�en, und Linda lachte, als h�tte sie oben in der Luft einen guten Witz geh�rt. Dann sagte jemand:</p><p>�Dich hatt�n wir doch heute schomma hier.�</p><p>Er sah sich um, und alle sahen ihn an. Linda machte an ihrem Zopf rum. Der F�hrer auf seinem Fass hatte einen Bart und nickte von oben auf ihn herab, ohne sich runterzubeugen, und pl�tzlich war alles stiller als vorher, und die Leute schienen zu �berlegen, ob da wohl einer so verknallt war, dass man mit dem Finger drauf zeigen und lachen konnte.</p><p>�Mich?�, fragte er.</p><p>Irgendwo sagte jemand was von wegen Bambergers Junge. Man durfte wahrscheinlich nicht zwei Mal unter dieselbe Fahne. Vermutlich gab�s so viele Walfische auch wieder nicht. Aber jetzt stand er neben Linda, und sie konnten ihn hier nicht einfach wegjagen.</p><p>�Ich hei� nicht Bamberger�, sagte er. Er sagte es so klar und deutlich, wie er es bei L�gen-M�xchen versuchte, wenn er die falsche Zahl hatte. Es f�hlte sich komisch an im Hals und an den Ohren, aber er hatte es gesagt, ohne sich zu verraten. Er hie� nicht Bamberger, klar?</p><p>Linda war fertig mit ihrem Zopf und sagte:</p><p>�Das ist mein Cousin aus Hamburg. Der hei�t Jan.�</p><p>Ohne hinzugucken, sah er, wie sie sich �ber ihm anguckten und der F�hrer die Schultern zuckte und mit der rechten Hand nach dem S�bel griff. Linda verzog keine Miene. Seine Ohren waren rot, aber er verzog auch keine Miene. Das hie�, dass sie auch verknallt war. Sie h�tte ja einfach gehen k�nnen und sich ihren Walfisch holen, aber sie wollte unten stehen, w�hrend er in die Luft geworfen wurde, so wie er vorher gestanden und gewartet hatte.</p><p>�Du musst dich da hinstellen, Jan�, sagte sie und zeigte auf den Punkt, wo das Gras plattgetreten war und die Erde schon durchguckte.</p><p>Er stellte sich da hin zwischen die Burschen vom Stemmkommando, in den Schwei�- und Biergeruch und machte sich steif wie ein Brett.</p><p>�Der Jan aus Hamburg ist bei uns unter der Fahne�, rief der F�hrer, aber leiser als vorher. Die vom Stemmkommando fassten ihn an den Oberschenkeln und am R�cken, und dann war er der Schwerverletzte bei der Feuer�bung, und die Sanit�ter guckten ihn an, als w�ssten sie auch nicht, was mit ihm nicht stimmte.</p><p>�Der Jan, er lebe ��Dann flog er ins� Hoch!�hinein. �ber die K�pfe bis zur Fahne. Er konnte nur nach oben gucken, aber trotzdem sah er den Fr�hst�cksplatz um sich herum, die Kapellen und Fahnen, die St�nde der Metzgereien und die Leute, die dort standen und sa�en. Musik war unter ihm und Hochrufe. Bestimmt sah seine Mutter ihn fliegen, ohne zu wissen, dass es Jan aus Hamburg war, der da durch die Luft segelte. Luft, die noch nach Kaugummi roch oben am h�chsten Punkt. Nur ein paar Baumspitzen waren noch h�her. Und was er f�hlte, war gr��er als er, lag mit ihm in der Sonne, lebte hoch und schwebte.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>�Hier drau�en�, ruft Karin Preiss durch die ge�ffnete Balkont�r. Eine lauwarme Brise weht durch die Wohnr�ume und h�llt Kerstin in Nacht- und Gartenduft, als sie den Balkon betritt, der zwei Seiten des Hauses wie eine Terrasse einfasst und wie ein Schanzentisch �ber den Ort zu ragen scheint. Verkehrsger�usche treiben aus dem Tal herauf.</p><p>�Huh. �Sie atmet ein, so tief sie kann, und ist froh, nicht in die Stickigkeit des Wohnzimmers zur�ckkehren zu m�ssen. Auf dem Balkongel�nder liegt schon n�chtliche Feuchtigkeit.</p><p>�Ich hoffe, da war noch genug Papier, Frau Rheinberger vergisst das manchmal. Wir haben nicht oft Besuch.�</p><p>�Doch, doch.�</p><p>�Ihr Glas hab ich Ihnen da auf das Tischchen gestellt.�</p><p>�Danke.�</p><p>Einen Moment lang stehen sie schweigend nebeneinander, und Kerstin ist dankbar f�r die Dunkelheit und das n�chtliche Tal, das ihren Blicken ein unverf�ngliches Ziel bietet. Einzelne Scheinwerferlichter malen den Verlauf der Umgehungsstra�e in die Finsternis. Hinter dem Schlossberg schaut die Turmspitze der Stadtkirche hervor.</p><p>�Ihr Sohn k�nnte uns jetzt wahrscheinlich sagen, ob das da hinten der Abendstern ist. �Frau Preiss� ausgestreckter Finger weist in Richtung Gartenberg.</p><p>�Als meine Mutter noch nicht bei uns gewohnt hat, war das Zimmer nach vorne raus zum Balkon seines. Da hat er sein Teleskop aufgestellt, und gelegentlich durfte ich dann auch durchschauen. Deshalb kann ich Ihnen sagen: Es ist in der Tat der Abendstern. Auch Morgenstern oder Venus genannt.�</p><p>Frau Preiss nickt.</p><p>�Ist eigentlich ein sch�nes Hobby: Sterne, Planeten. Ich w�nschte, meine Tochter h�tte so was auch. Ein Hobby, das man sogar zu einem Beruf machen kann eines Tages.�</p><p>�Oder es irgendwann im Keller einmotten.�</p><p>�Oder das.�</p><p>�Ich hab auch mal gedacht, ich k�nnte aus meinem Hobby einen Beruf machen.�</p><p>�Tanzen, damit liegen Sie eher auf der Linie meiner Tochter. Muss ich ihr mal erz�hlen, dass Sie das studiert haben. Gibt�s hier keine M�glichkeit, in dem Bereich zu arbeiten?�</p><p>�Kennen Sie eine? Ich werde n�mlich demn�chst arbeiten m�ssen, haben mein Exmann und das Justizministerium gemeinsam beschlossen. �Sie erw�hnt die �nderung des Unterhaltsrechts, �ndert es aber in Eigenregie noch ein wenig weiter, so dass sie Andreas Schwangerschaft aus der Geschichte rauslassen kann.�Und verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen zu arbeiten, grunds�tzlich. Im Gegenteil. Blo� mit meiner Mutter ��</p><p>�Schwierig. �Frau Preiss scheint vertieft zu sein in den Anblick einer wei�en Sonnenliege unter ihnen auf der Wiese.�Aber um die Ausbildung beneide ich Sie trotzdem. Ich hab Abitur und sonst nichts. Zwei Semester Jura in Gie�en, in denen ich gelernt habe, wo sich die Mensa befindet. Ein sogenanntes freiwilliges soziales Jahr hab ich vorher noch gemacht. Und danach zwei freiwillige nicht ganz so soziale. Dann hab ich geheiratet. Kennen Sie noch diesen bescheuerten Loriot-Sketch mit dem Jodeldiplom?�</p><p>�Glaub schon.�</p><p>�Was Eigenes. �Frau Preiss unterdr�ckt ihr Lachen mit einem Kopfsch�tteln.�Aber genau so was Eigenes hab ich nie gemacht, nicht mal ein Jodeldiplom. Nicht mal Wassergymnastik beim Roten Kreuz. Gl�hwein am Weihnachtsmarkt hab ich verkauft, zusammen mit den anderen Rotarier-Frauen. Immerhin f�r einen guten Zweck.�</p><p>�Eine Tochter haben Sie gro�gezogen, soweit ich wei�.�</p><p>�F�llt das unter die Kategorie �was Eigenes�?�</p><p>�F�llt es unter irgendeine Kategorie? Ich hab Ihnen doch von meiner Freundin am Starnberger See erz�hlt, die eigentlich von hier kommt.�</p><p>�Anita � wie hei�t sie jetzt?�</p><p>�Halbach. Wenn Sie sie �rgern wollen, sagen Sie �von Halbach�, das stimmt n�mlich auch.�</p><p>�Als ich in der neunten oder zehnten Klasse war, gab es in meinem Jahrgang wenige M�dchen, die nicht so sein wollten wie Ihre Freundin Anita. Die muss in der Zw�lf oder Dreizehn gewesen sein. Damals gab�s noch eine Disco hier in Bergenstadt, <emphasis>Melody-Maker</emphasis>, war ja die gro�e Discozeit. Und es liefen die tollsten Ger�chte rum, in welchem Outfit Anita � na?�</p><p>�Becker.�</p><p>�Becker, genau. In welchem Outfit die dort aufgelaufen und mit welchem Kerl sie wieder abgedampft ist. Alles erfunden wahrscheinlich.�</p><p>�Glaub ich nicht.�</p><p>Mit einem Ausdruck erfreuten Erstaunens wendet Frau Preiss ihr das Gesicht zu. Soweit es in der Dunkelheit zu erkennen ist, haben Sekt und Wein ein deutliches Rot auf ihren Wangen hinterlassen.</p><p>�Nein? War die wirklich so? F�r mich war sie so, keine Frage. Ich wollte, dass sie so ist, ich wollte ja selbst so sein.�</p><p>�Die war nicht nur so, die ist es immer noch. Nicht mehr auf dem Land nat�rlich und nicht mehr in Discotheken, aber das war es, was ich sagen wollte: Anita hat immer genau das gemacht, was sie machen wollte, immer ihr eigenes Ding sozusagen. Ist hierhin und dahin gereist, hat M�nner getroffen und irgendwann einen davon geheiratet, einen mit Immobilien noch und noch.�</p><p>�Sie war also wirklich so�, murmelt Frau Preiss.�Irgendwie gef�llt mir das. Die Frau hatte wirklich Schwung.�</p><p>�Und seitdem hat sie mehr Geld, als sie je wird ausgeben k�nnen. Hat eine Boutique er�ffnet und ein halbes Jahr sp�ter wieder dichtgemacht, weil sie keine Lust mehr hatte. Vor zwei Wochen rief sie aus Nizza an, einer ihrer Liebhaber hat sie dahin mitgenommen oder sie ihn. Was wei� ich. �Es ist ihre �bliche, nicht ganz aufrichtige Emp�rung �ber ihre einzige Freundin. Aber das, was sie eigentlich hat sagen wollen, beh�lt sie f�r sich: Dass Anita keine Kinder hat und auf der Schwelle zu dem Alter steht, da ihr Lebensstil einen Hauch von L�cherlichkeit bekommt. Dieses Abw�rtsschlittern von Aff�re zu Aff�re, jenseits der Vierzig und mit Liebhabern, die entweder gekauft sind oder noch �lter als sie.</p><p>�Und?�</p><p>�Und � w�rden Sie so leben wollen?�</p><p>�Ha!�Ein pl�tzlicher Husten sch�ttelt Frau Preiss so heftig, dass sie ihr leeres Glas abstellen und sich am Gel�nder festhalten muss. Es wirkt ein wenig theatralisch und gespielt. Unten im Garten steht ein Beistelltisch neben der Liege, darauf ein vergessenes Magazin, dessen Seiten sich in der n�chtlichen Feuchtigkeit zu wellen beginnen. Es dauert eine Weile, bis Frau Preiss tief durchgeatmet hat und den Blick wieder hebt.</p><p>�War das eine Fangfrage jetzt?�</p><p>�Nein. Finden Sie nicht, dass es ein Leben auf der Flucht ist? Dass da was fehlt? Dass sie etwas nachjagt, was sie nie kriegen wird, weil sie genau genommen vor etwas wegl�uft. Kurz und gut: eine Flucht vor der Einsamkeit?�Erst jetzt bemerkt sie das flackernde Teelicht, das in einem kleinen runden Gef�� von der Decke des Vordachs h�ngt, schr�g hinter ihnen beiden, so dass Frau Preiss� Gesicht zur H�lfte im Licht und zur H�lfe im Schatten des Gartens liegt und ihr Blick etwas ein�ugig Bohrendes bekommt.</p><p>�Sie finden also nicht, dass man vor der Einsamkeit fliehen sollte. Ich n�mlich schon.�</p><p>Kerstin �ffnet den Mund, um zu erwidern: Ich auch, aber� Doch dann zuckt sie blo� die Schultern und schaut auf die Ansammlung von Lichtern im Tal, die immer sp�rlicher werden, je h�her es die H�nge hinaufgeht. Dar�ber ein Ring aus schwarzem Wald. Die Hornberger Stra�e ist die h�chstgelegene Stra�e am Rehsteig, eine letzte Lichterkette aus Laternen. Dar�ber herrscht Finsternis.</p><p>�Gehen wir rein?�, fragt Frau Preiss,�oder soll ich die Flasche nach drau�en holen?�</p><p>Statt einer Antwort nickt sie nur, und Frau Preiss nickt ebenfalls, w�hrend sie sich vom Gel�nder l�st und ihre Hand einen Moment auf Kerstins Schulter legt, bevor sie nach drinnen geht.</p><p>Vor der Einsamkeit fliehen, klar. Aber wohin?</p><p>Es ist schlie�lich kein Zufall, denkt sie, dass sie seit Jahren mit niemandem Umgang hat au�er mit ihrem Sohn und ihrer Mutter. Selbst mit Anita telefoniert sie nur, um bei ihren st�ndigen Selbstbefragungen wahrheitsgem�� angeben zu k�nnen, dass es eine Freundin gibt, mit der sie redet. Beinahe regelm��ig. Scheinbar ein starkes Indiz f�r soziale Normalit�t, dabei ist es drei Jahre her, dass sie zuletzt keinen Vorwand gefunden hat, eine von Anitas Einladungen abzulehnen. Und jetzt? Bei Frau Preiss� Anruf hat sie nicht einmal nach einer Ausrede gesucht, aber je l�nger der Abend dauert, desto st�rker wird das Gef�hl, zu irgendeiner Art von Freundschaft gar nicht mehr in der Lage zu sein, die n�tige Unbefangenheit nicht mehr aufzubringen, um mit jemand Unbekanntem aufzubrechen, ohne zu wissen wohin. Dieses kurze St�ck am Anfang, wenn man sich noch nicht an den H�nden fassen kann.</p><p>K�nnte Weidmann jemand sein, der das versteht? Dem es vielleicht sogar �hnlich geht? Besitzt er so viel Verst�ndnis, wie sie in seinem Blick hat lesen wollen vor ein paar Tagen auf ihrer Terrasse? Seine unsensiblen Ausf�hrungen �ber das Vergessen hat sie ihm bereits verziehen, und jetzt w�chst zart, aber z�h die Hoffnung in ihr, noch vor dem Elternsprechtag von ihm zu h�ren.</p><p>Ihre Armbanduhr zeigt halb zw�lf. Die Lichter von Bergenstadt beginnen zu schwimmen in der Dunkelheit. Am liebsten w�rde sie jetzt nach Hause gehen durch n�chtlich stille Stra�en. Sie hofft, dass ihre Mutter nicht wieder durchs Haus geistert im Glauben, es w�re bereits Morgen. Doktor Petermann hat ihr Mut gemacht in Sachen Pflegegeld. Angesichts des Zustandes ihrer Mutter sehe er keine Schwierigkeiten und rate gleich zu einem Antrag auf Pflegestufe II. Au�erdem hat er empfohlen, wegen der Kopfschmerzen ein CT zu machen, vielleicht in Verbindung mit einem kurzen station�ren Aufenthalt. Sie hat ihm erz�hlt, dass ihre Mutter nicht mehr durchschl�ft, und er hat ununterbrochen genickt, so als w�rde er sagen: Ich verstehe schon, was Sie meinen. Sie gesteht es sich ungern ein, aber ihre Mutter f�r ein paar Tage aus dem Haus zu haben und sie in dieser Zeit gut versorgt zu wissen, ist eine verlockende Vorstellung. Heute klebt f�r den Fall der F�lle ein Zettel mit Preissens Telefonnummer auf dem Nachttisch, aber ob ihre Mutter �berhaupt noch in der Lage ist, einen Anruf zu machen, wei� sie nicht. Kerstin atmet ein und schlie�t die Augen. Ihre empfindlichen Schl�fen beginnen allm�hlich, ihrem Ruf gerecht zu werden.</p><p>�Wie haben Sie und Anita sich eigentlich kennengelernt?�Mit der Weinflasche in der Hand kehrt Frau Preiss auf den Balkon zur�ck.</p><p>��bers Tanzen. In K�ln.�</p><p>�Die hat auch studiert? Nein.�</p><p>�Mehr oder weniger, das hei�t: dies und das. Eigentlich jedes Semester was anderes, bis sie irgendwann keine Lust mehr hatte.�</p><p>�Und mit ihr sind Sie hierher gekommen?�</p><p>�Vor einundzwanzig Jahren, eigentlich nur f�r ein Wochenende.�</p><p>�Lassen Sie mich raten. Nein, lassen Sie mich nicht raten, es ist zu offensichtlich.�</p><p>Sie sehen einander an, und Kerstin nickt.</p><p>�Einer der Wettl�ufer hat mir gefallen. Verlieb dich nicht in einen Hiesigen, hat Anita noch gesagt, aber offenbar wollte ich nicht auf sie h�ren.�</p><p>�Der Grenzgang. �Frau Preiss schenkt Wein nach und hebt ihr Glas.�Auf den Grenzgang also. Gibt ja sonst nicht viel zu feiern hier.�</p><p>�Zum Wohl.�</p><p>�Sie sieht man selten bei den Rehsteigfrauen.�</p><p>�Vor sieben Jahren bin ich h�ufiger gegangen. Damals noch zur Rheinstra�e. �Kerstin zuckt die Schultern.�Aber Sie sind ja heute auch nicht dabei.�</p><p>�Nein. Wenn ich ehrlich sein soll: Sie langweilen mich, diese Versammlungen. Weder singe ich gerne noch mag ich s��e Schn�pse. Fr�her hab ich�s gemocht, heute trink ich lieber in Ruhe ein Glas Wein.�</p><p>Als Kerstin an ihrem Wein nippt, ist aus dessen Reichtum an Geschmack die Andeutung eines Zuviel geworden. Der Balkon gleicht dem Sonnendeck eines Schiffes, an dessen Reling sie steht und das sanfte Auf und Ab der Wellen sp�rt; dazu ein Vibrieren in den Fu�sohlen, das von dort aufw�rtswandert, bis es sich hinter den Augen in leichten Schmerz verwandelt hat.</p><p>�Dieses Jahr ist ein merkw�rdiges Jahr, jedenfalls soweit es mich und meine Familie betrifft. �Frau Preiss spricht auf einmal lauter als zuvor.�Meine Tochter verh�lt sich merkw�rdig, was normal ist. Mein Mann arbeitet, wie er es immer getan hat, rund um die Uhr. Und ich habe ein Gef�hl, das mir selbst so fremd ist, dass ich gar nicht wei�, wie ich es sagen soll. �Der Garten wird sehr ruhig unter ihnen, kein Wind bewegt die Bl�tter der gro�en Hagebuttenstr�ucher.�Auf die Gefahr hin, wieder einmal sehr unsensibel zu sein, aber es geht auf Mitternacht zu, und ich muss Sie das jetzt fragen, verstehen Sie: Woran haben Sie gemerkt, dass Ihre Ehe nicht halten wird?�</p><p>Eine einzelne Fledermaus flattert �ber ihnen von einem der Giebelvorspr�nge in die Nacht. Es beginnt der Teil des Abends, der sich schon lange hinter Blicken und in Gespr�chspausen versteckt hat, und gleichzeitig endet Kerstins Hoffnung, noch rechtzeitig eine Haust�r zwischen sich und den eigentlichen Grund zu bringen, aus dem Frau Preiss sie eingeladen hat.</p><p>�An allem�, sagt sie.</p><p>�Verzeihung?�</p><p>�An der nachlassenden Aufmerksamkeit. An der F�lle von Ausreden, warum auch dieses Wochenende wieder andere Dinge wichtiger sind als die Familie. An einer Grenzgangsbegeisterung, die ein bisschen zu euphorisch daherkam f�r einen Mann um die Vierzig. An mehr Schweigen und weniger Lachen. Blicken auf j�ngere Hintern. Beispiele kann ich Ihnen Tausende nennen, aber das Prinzip ist immer das gleiche: Priorit�ten verschieben sich, aus Liebe wird Routine, aus Routine Langeweile, aus Langeweile Streit. So ungef�hr. Irgendwann haben Sie das Gef�hl, dass selbst im Bett � wollen Sie�s h�ren?�</p><p>�Wie Sie m�chten.�</p><p>�Nun, dass Sie nicht mal dabei wirklich wahrgenommen werden. Was ich damit sagen will: Es gibt nichts, woran Sie es merken � Sie merken es einfach. Oder aber Sie werden eines Tages mit Gewalt drauf gesto�en, und dann f�llt Ihnen auf, dass Sie es eigentlich schon lange wussten.�</p><p>Frau Preiss nickt und senkt die Stimme, als wollte sie auf einmal lieber gar nicht geh�rt werden. Ihre H�nde liegen flach auf dem Gel�nder, rechts und links des Weinglases.</p><p>�Sie haben es also, wenn ich das so sagen darf, eher am Verhalten Ihres Mannes festgestellt, nicht � an sich selbst?�</p><p>�Wahrscheinlich�, sagt sie tonlos.</p><p>�Verstehen Sie mich nicht falsch, bitte. Ich liebe meinen Mann, und das ist keine Floskel. So wenig wie der Satz: Ich f�hre eine gl�ckliche Ehe. Aber irgendwann im Fr�hjahr stand ich im Bad vor dem Spiegel und habe aus dem Nichts laut vor mich hin gesagt: Ich f�hre �berhaupt keine Ehe. Ich liebe meinen Mann, und mein Mann liebt mich, aber wir f�hren keine Ehe, denn: Mein Mann ist nicht da. Nie, verstehen Sie. Er ist einfach nie da.�</p><p>�Sie meinen: die Firma.�</p><p>�Die verdammte Firma. Er redet nicht dar�ber, um mich zu schonen wahrscheinlich, und er muss auch nicht dar�ber reden. Ich brauche keine Bilanzen zu sehen, ich seh�s in seinem Gesicht. Der Firma verdanken wir alles. �Mit dem Daumen zeigt Frau Preiss �ber ihre Schulter.�Das Haus, die Autos, die gr��te Privatkollektion an Damenunterw�sche im ganzen Landkreis. Drei Schr�nke ausschlie�lich Unterw�sche, ich kann mir vorstellen, mehr von dem Zeug zu besitzen als Ihre Freundin Anita. Aber es frisst ihn auf, und mich mit. Die Firma zerst�rt unsere Ehe. �Ihre Nasenfl�gel beginnen zu zittern.</p><p>Noch erstaunter als �ber die Wendung des Gespr�chs ist Kerstin �ber ihren Mangel an Mitgef�hl. Die vollst�ndige Abwesenheit von Mitgef�hl, genauer gesagt.</p><p>�Wissen Sie, vielleicht fragen Sie die Falsche. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle Ehen in der Form eines Klischees enden, wenn sie denn enden. Ich meine, es gibt Millionen von Ehen, aber nur zwei oder drei Weisen, wie sie in die Br�che gehen: Betrug oder Langeweile. Vielleicht ist �berbeanspruchung durch den Beruf eine dritte. Entschuldigung, ich will nicht zynisch erscheinen.�</p><p>�Schon in Ordnung. �Karin Preiss nickt und zieht die Nase hoch, und ohne nachzudenken, wendet Kerstin sich ihr mit einer halben K�rperdrehung zu und sagt:</p><p>�Zum Wasser geradeaus. �Ihr f�llt ein, wie sie vor zwei Wochen gedacht hat, dass sie einander irgendwann umarmen werden, und als es geschieht, ist sie lediglich �berrascht, wie angenehm und unspektakul�r es sich anf�hlt. Viel unspektakul�rer als der Wein zum Beispiel. Sie ist fast einen Kopf gr��er als Frau Preiss, und in diesem Moment tut das gut. Vielleicht ist doch noch nicht alles zu sp�t, vielleicht ist ihr Zur�ckschrecken vor N�he nicht unheilbar, sondern l�sst sich durch behutsame Behandlung kurieren, mit Wein, Umarmungen und der banalen Einsicht, dass auch in strahlend hellen Badezimmern dein Leben nicht immer gl�nzend aussieht.</p><p>�Nein, ich werde nicht weinen�, sagt Frau Preiss in der N�he ihrer Schulter.�Stattdessen biete ich Ihnen das Du an � Karin.�</p><p>�Kerstin.�</p><p>Sie l�sen die Umarmung und sch�tteln die K�pfe, als wollten sie sagen: Was soll man sagen? Und prosten einander zu.</p><p>Mit den Kn�cheln der Zeigefinger tupft Karin Preiss sich die Augenwinkel.</p><p>�Ich habe n�mlich beschlossen, nicht zu leiden. Und: Ich habe eingesehen, dass ich meinem Mann in dieser Sache nicht helfen kann.�</p><p>�Nicht helfen <emphasis>kann</emphasis>?�</p><p>�Kann. �Der letzte Rest des Weines geht im Wechsel in beide Gl�ser, f�llt sie noch einmal zur H�lfte und scheint Kerstin ein Schicksal zu besiegeln, das sie erst zu ahnen beginnt. Karin macht eine Pause, trinkt und stellt sich wie zuvor an das Gel�nder des Balkons. Die Hornberger Stra�e verschwindet hinter den dichten Hagebuttenstr�uchern, nur der Standort einer Laterne vor der Garage ist gerade so auszumachen.</p><p>�Wir sind ungef�hr gleich alt, oder?�</p><p>�Du hast mir k�rzlich zum Vierundvierzigsten gratuliert.�</p><p>�Ich bin zweiundvierzig. Unsere Kinder sind dabei, erwachsen zu werden. Mein Mann arbeitet immer. Du bist geschieden. �Abrupt wendet sie den Kopf, beinahe erschrocken.�Verzeihung, darf ich fragen, ob du �?�</p><p>�Nein, niemanden. �Da ist etwas in der Art, wie ihre Blicke sich sofort wieder trennen, was Kerstin nicht gef�llt und die vor�bergehend aufkeimende Hoffnung auf N�he in der Gewissheit erstickt, in der Falle zu sitzen. Sie sitzt in irgendeiner beschissenen Falle.</p><p>�Das Gef�hl, auf den Punkt gebracht, lautet so: Wir sind nicht mehr zwanzig, und das Leben liegt vor uns. Wir sind aber auch noch nicht siebzig, und das Leben liegt hinter uns. Wir sind Mitte vierzig, und das Leben l�uft an uns vorbei. �Sie trinkt.</p><p>Kerstin sagt nichts mehr. Es ist zu sp�t.</p><p>�Verstehst du?�</p><p>�Nicht ganz. �Bergenstadt verschwimmt vor ihren Augen. Die wenigen Lichter im Tal werden breit, zerflie�en in einer ziellosen Bewegung. Sie hat auf Freundschaft gehofft und bekommt Komplizenschaft angeboten.</p><p>�Ich will nicht Abend f�r Abend zu Hause sitzen und darauf warten, dass ich zu m�de werde, um noch weiter zu warten. Ich <emphasis>bin </emphasis>m�de.�</p><p>�Ich auch. Sollte mich bald auf den Weg machen.�</p><p>�Kurz und gut, ich werde mir so einen P�rchenclub mal ansehen. �Karin h�lt ihr Glas, ohne zu trinken, schwenkt nur den Wein hin und her und nickt.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ja. Sogar im <emphasis>Boten </emphasis>gibt�s Inserate. Nicht hier aus der Gegend, aber bei Gie�en zum Beispiel. Sind mir fr�her nie aufgefallen, aber seit dieser Unterhaltung mit meiner Tochter hab ich drauf geachtet.�</p><p>�Das ist jetzt nicht dein Ernst. �Dabei ist sie etwas weniger erschrocken, als sie glaubt sein zu sollen. Was hat sie schlie�lich erwartet?� Sag, dass das nicht dein Ernst ist.�</p><p>�Ansehen, hab ich gesagt. Man geht keine Verpflichtung ein, wenn man so einen Club betritt. Alles kann, nichts muss, wurde mir von einer freundlichen Frau am Telefon gesagt. Ist das Motto da. Und es klang �berhaupt nicht schmierig.�</p><p>�Du hast �?�</p><p>�<emphasis>Boh�me</emphasis>, klingt doch nach was. Die Fotos im Internet sehen sehr stilvoll aus.�</p><p>�Ohne mich.�</p><p>��berleg�s dir.�</p><p>�Ohne mich. �Kerstin leert ihr Glas und ist einen betrunken klarsichtigen Moment lang in Versuchung, es zwischen ihnen beiden auf den Kacheln des Balkons zu zerschmettern. Wut steigt in ihr auf.�Ich muss los. �Mit dem Glas in der Hand, wendet sie sich zur T�r.</p><p>�Ja. Drei Flaschen, oh, oh. War ein bisschen viel. �Karin lacht und legt ihr eine Hand auf den Arm.�Aber wir sehen uns bald wieder, ja?�</p><p>Als sie das Wohnzimmer betreten, glaubt Kerstin auf der Stra�e ein Auto halten zu h�ren. Alles ist zu sp�t. Sie wird auf der Treppe Hans-Peter Preiss begegnen und sich mit einem verlegenen L�cheln an ihm vorbeidr�cken wie ein Liebhaber auf der Flucht. Wird ihr Haus betreten und hoffen, dass ihre Mutter sie nicht am Esstisch begr��t und auf das Fr�hst�ck wartet. Und wo ist Daniel gerade?</p><p>In der Diele tauscht sie das Weinglas gegen ihre Jacke und vermeidet den Blick in den Spiegel. Sie h�tte nicht herkommen d�rfen. Sie f�hrt schlie�lich schon lange genug durchs Leben, um eine Sackgasse erkennen zu k�nnen, noch bevor sie deren Ende erreicht hat.</p><p>Karin Preiss l�chelt immer noch, als w�re alles nur ein Witz gewesen. Drau�en springt das Licht an.</p><p>�Vielen Dank f�r deinen Besuch.�</p><p>�H�r zu�, sagt Kerstin und sieht in Karins Gesicht wie in eine Kristallkugel. Um sie herum ger�t der Raum aus den Fugen und beginnt sich zu drehen.�Hast du das auch manchmal, solche Vorahnungen? Dieses pl�tzliche Wissen, dass irgendwas passieren wird.�</p><p>�Und wenn schon. F�r meinen Geschmack ist schon viel zu lange nichts passiert.�</p><p>�Aber du wei�t nicht was. Ob es gut oder ��Schritte n�hern sich auf den Steinplatten.</p><p>�Ich wei� genug. Ich wei� zum Beispiel, dass ich seit Jahren nicht im Kino war. Dass ich auf der Hochzeit meiner Nichte zuletzt getanzt habe und dass der Sommerball des Rotary-Clubs in diesem Jahr so �de wird, wie er in den letzten zwanzig Jahren war. Du hast die Vorahnung, dass was passieren wird? Gut. Sag mir rechtzeitig Bescheid.�</p><p>�Ja�, antwortet sie und wei� einen Moment lang kaum, wo sie sich befindet. Die Schritte verharren vor der Haust�r, ein Schl�ssel kratzt �ber das Schloss. Das ist der Alkohol, sagt sie sich, was sonst. Von Scham und Angst alleine wird kein Mensch betrunken.</p></section><section><title><p><strong>8</strong></p></title><p>Mit verschr�nkten Armen blickte sie �ber den Rummel, und erst nach einer Weile fiel ihr auf, dass sie genau dort stand, wo am Vorabend Thomas Weidmann sie angesprochen hatte. Auch die Tageszeit war dieselbe und das Wetter genau wie vierundzwanzig Stunden zuvor: kalter Himmel und warme Wolken, eine blaue W�lbung und sonnengl�hendes Rosa, der unsichtbare Zug des Lichts nach Westen. Tagesabbruch. Auf dem Rummelplatz herrschte gr��erer Andrang an diesem zweiten Grenzgangsabend, einem Freitag, den die Bewohner der umliegenden Ortschaften zum Besuch auf der Festwiese nutzten. L�rm quoll aus den blitzenden und blinkenden Am�siermaschinen, zischender Trockeneisnebel, wummernde B�sse, die verzerrten Stimmen der Ansager und Anlocker, das gesamte Arsenal von billiger Illusion oder mit einem in Bergenstadt gebr�uchlicheren Wort: Spa�. Der f�llte das Festzelt wie Blut eine verstopfte Arterie. In kondensierter Form tropfte er von den Metallstangen und der Dekoration �ber den Tischen, und irgendwann hatte sie da drin nicht mehr atmen k�nnen, hatte ihrem Mann zugenickt, sich von den Umstehenden verabschiedet und war nach drau�en gegangen. Hier stand sie jetzt, drau�en.</p><p>Um sie herum wallte der L�rm auf und verwehte wieder, gleichzeitig grell und stumpf, so wie die Wut, die sie seit zwei Tagen �ber die Bergenst�dter Grenze schleppte. Im Zelt hatte J�rgen sie sogar einmal in den Arm genommen, als wollte er sagen: Guckt her, geh�rt immer noch mir. H�tte sie beinahe gek�sst, so als w�re nichts dabei oder als w�re doch was dabei, aber nichts, was ihn besonders bek�mmerte. Und sie spielte mit. Warum? Nicht um den Schein zu wahren, sondern aus Hoffnung. Seit sie am Vorabend einen anderen Mann gek�sst hatte, wusste sie mit Sicherheit, dass es nur einen gab, den sie k�ssen wollte. Nicht weil er besser k�sste, sondern weil er ihr Mann war, also aus einer endlosen Reihe von Gr�nden, die Gewohnheit, Vertrautheit, Treue oder Prinzip hie�en, sich aber alle auf denselben Nenner bringen lie�en: Im Grunde ihres Herzens wollte sie nur den, und wenn der sie im Zelt in den Arm nahm, dann machte sie mit, so als wollte sie sagen: Guckt her, geh�rt immer noch mir.</p><p>Von Thomas Weidmann war den ganzen Tag �ber nichts zu sehen gewesen. Sie hatte sich gew�nscht, ihn nie wiederzusehen, und ihr Wunsch war erh�rt worden. Mit einem Fr�steln zog sie sich ihre Strickjacke von der H�fte und h�ngte sie �ber die Schultern. Nach Hause wollte sie, nur schnell nach Hause.</p><p>Sie sah Nobs vom Autoskooter kommen, aber als sie ihn fragte, wo Daniel stecke, sch�ttelte er nur den Kopf und ging weiter ins Zelt. Mit einer Miene, die sagte: Feierabend. Da schien sich zum ersten Mal im Leben der beiden Freunde zu ereignen, was ihnen noch h�ufiger begegnen w�rde: Jede Zweisamkeit macht einen Dritten einsam. Und so ein gro��ugig sommersprossiges L�cheln wie das der kleinen Linda Preiss stellte auch bew�hrte M�nnerfreundschaften auf die Probe. Auf dem Fr�hst�cksplatz hatte sie die beiden beobachtet, weltvergessen in dieser Blase aus Gemeinsamkeit, unschuldiger als Babys und dabei ernst wie Staatsm�nner. Zum Heulen sch�n.</p><p>Rei� dich zusammen, Kerstin. Ihr Motto f�r die drei Grenzgangstage.</p><p>Sie lie� den Blick schweifen und entdeckte ihren Sohn am Rand der Festwiese, beim Ausgang Richtung Sport- und Tennisplatz, neben Linda. Die beiden a�en etwas aus einer Papiert�te, Mandeln oder Bonbons oder Gummib�rchen. Irgendwas, das die S��e des Tages in sich trug. Sie konnte da jetzt nicht st�ren. Jede Minute, die Daniel mit Linda verbrachte, war eine, in der er nicht an das dachte, was er am Kommersabend gesehen hatte, eine Minute im Windschatten der Wirklichkeit, und deshalb musste sie jetzt die Arme verschr�nken und aus der Ferne teilhaben am Gl�ck ihres Sohnes. Sowieso wartete zu Hause nichts auf sie, was ihr Herz mehr erw�rmen w�rde.</p><p>Daniel warf eine Mandel oder Nuss in die Luft und fing sie mit dem Mund auf. Linda klatschte. Hinter Kerstin stoppten Schritte.</p><p>So sei es denn, dachte sie.</p><p>�Tach. Oder besser: �n Abend. �Ein junger Kerl, den sie sich nicht erinnern konnte schon einmal gesehen zu haben, trat neben sie, nickte und sah ihr so direkt ins Gesicht, wie M�nner das nach dem f�nften oder sechsten Bier eben tun. Auf Anfang oder Mitte zwanzig sch�tzte sie ihn.</p><p>�Guten Abend.�</p><p>�Sie sinn Frau Bamberjer, richdich?�Er hatte ein nichtssagendes Gesicht, halb Milchbube und halb Triefnase, mit hellblonden kurzen Haaren und einer dieser Brillen, die man von den gesetzlichen Krankenkassen ohne Zuzahlung bekommt. Die Tr�be seines Blicks hatte auch mit den R�ckst�nden auf den Gl�sern zu tun, die an die Luft im Festzelt erinnerten und an das Kondenswasser am Gest�nge. Spa�r�ckst�nde, aber fr�hlich sah er nicht aus.</p><p>Kerstin beschr�nkte ihre Antwort auf ein Nicken.</p><p>�Ich will ganz ehrlich sein un direkt. Un ich hab auch schon was getrunken, geb ich zu.�</p><p>�Sieht man�, sagte sie.</p><p>�Gro�e Gaudi, was?�Er sah sich um, und Kerstin �berlegte, einfach loszugehen, ihren Sohn aus dem Bannkreis der kleinen Linda Preiss zu ziehen � die warf gerade eine S��igkeit in die Luft, bekam sie auf die Backe und lachte � und nach Hause zu gehen. Sie hatte an diesem Tag vier- bis f�nftausend angetrunkene M�nner gesehen. Es reichte. Sie dachte das Wort �Kopfschmerzen�, noch bevor sie sp�rte, dass sie welche hatte.</p><p>�Ja, aber was ich sa�ng wollte: K�nnen Sie Ihren Mann denn gar nich von meiner Freundin weghalt�n?�Immer noch nickend, nahm er die Brille ab und wischte mit dem Ende seines T-Shirts daran herum, aber so wie das T-Shirt aussah, w�rde das seine Sicht nicht wesentlich verbessern.</p><p>�Sie wollen mir nicht vielleicht Ihren Namen sagen. �Sie wusste ihn l�ngst, sie wusste blo� sonst nichts zu sagen.</p><p>�Lars Benner. Sie k�nn� ruhich Du sagen.�</p><p>Und da stand sie: Einem betrunkenen Teenager gegen�ber, das groteske Negativ-P�rchen zu der peinlichen Romanze, in die ihr Mann sich verstrickt hatte. Der Geh�rnte und die Betrogene, <emphasis>sch�n, dass wir uns auch mal kennenlernen</emphasis>, so als w�ren die letzten beiden Tage noch nicht dem�tigend genug gewesen. Wahrscheinlich war das noch nicht einmal das Ende. Morgen schon konnte sie dieser Andrea gegen�berstehen, auf dem Fr�hst�cksplatz, und sich Tipps geben lassen, was sich gegen einen erschlaffenden Busen tun lie�.</p><p>Lars Benner hatte seine tr�be Brille wieder aufgesetzt und sagte:</p><p>�Sonst werd ich ihm am Ende eine reinhauen m�ssen.�</p><p>�Dann machen Sie das doch.�</p><p>�� Ja�, sagte er, als h�tte sie ihn gebeten, auf der Stelle die Hose runterzulassen.</p><p>�Sie wissen, wo die Rheinstra�e ist, gleich vorne links, direkt neben der B�hne. Gehen Sie hin, und hauen Sie ihm eine rein.�</p><p>�Hattas verdient oder nich?�</p><p>�Ganz sicher.�</p><p>�Die Andrea wei� manchma nich, wasse tut. Aber Ihr Mann ��</p><p>�Der immer. Und Sie wissen, wo Sie ihn finden.�</p><p>�Verdient h�ttas.�</p><p>Kerstin konnte sich nicht wehren gegen den Gedanken, dass es vom Standpunkt dieser Andrea aus ein nachvollziehbares Bed�rfnis war, das trotzige Kind mit der eingetr�bten Brille irgendwo abzustellen und zu erkunden, wie es sich anf�hlt, von einem Mann begehrt zu werden. Nicht trotz, sondern wegen des Altersunterschiedes. Sie hatte sie hier und da gesehen w�hrend der letzten beiden Tage und sich nicht dazu durchringen k�nnen, so etwas wie Hass zu empfinden. Ein junges Ding, h�bsch und sexy und sich dessen auf eine Weise bewusst, in der Kerstin mehr Neugier als Zufriedenheit vermutete. Ihr Freund stand ihrer Attraktivit�t wahrscheinlich wie etwas Heiligem gegen�ber, das er best�ndig seiner Verehrung versichern musste, auch wenn er nicht umhinkonnte es zu entweihen. Unterw�rfig und dankbar, mit gelegentlichen Kompensationsversuchen in herrischer M�nnlichkeit. Sie glaubte ihm das vom Gesicht ablesen zu k�nnen, w�hrend er sie mit stummen Blicken anzuflehen schien, diese Aufforderung zur Gewaltanwendung zur�ckzunehmen und ihm stattdessen eine Zuckerwatte zu kaufen. Verlegen trat er von einem Fu� auf den anderen. Wahrscheinlich war er Andreas Freund seit der siebten Klasse. Wie sollte die Zuneigung einer solchen Flasche eine junge Frau mit etwas anderem erf�llen als naiver Freude �ber das eigene Aussehen und der Ahnung, dass sich damit mehr anstellen lie� als einen wie Lars Benner vor Geilheit zum Schielen zu bringen?</p><p>Deine Freundin wei� genau, was sie tut, dachte sie, und sie wird sich eher eine Glatze rasieren, als zu dir zur�ckzukommen.</p><p>�Noch was?�, fragte sie.</p><p>�Sie woll�n also nich mal mit ihm reden?�</p><p>�Ich denke, das �berlassen Sie mir.�</p><p>�Der muss das doch einseh�n.�</p><p>�Auf Wiedersehen. �Sie lie� Lars Benner stehen und kam sich vor wie angeschossen. Am liebsten h�tte sie ihre Wut aus sich heraus- und �ber den ganzen Rummelplatz gebr�llt: Dann nimm ihn dir eben, du kleine Schlampe! Lass es dir ordentlich von ihm besorgen! Stattdessen ging sie l�chelnd in Richtung ihres Sohnes. Linda hob die Hand und winkte, und als sie bei den beiden ankam, sagte Daniel fr�hlich frech:</p><p>�Auf meiner Uhr ist es ja gerade erst sieben.�</p><p>Seine kleine Freundin biss sich auf die Unterlippe und nickte.</p><p>�Ab nach Hause�, sagte Kerstin.�Morgen ist auch noch ein Tag. �Was f�r ein lausiger Job, dachte sie. Generalsekret�rin des Realit�tsprinzips, die den Zauber eines Tages beendet, so wie man mit dem Finger in eine Seifenblase sticht.</p><p>�Ich muss bestimmt auch. �Linda h�pfte von der Leitplanke und verschwand Richtung Zelt, aber an Daniels Blick erkannte Kerstin, dass sie sich hinter ihrem R�cken noch einmal umgedreht hatte und ein Signal verschickte, das nickend verstanden wurde. Daniel sah in diesem Moment ein paar Jahre �lter aus, als er war.</p><p>�Gehen wir?�, fragte sie.</p><p>�Gleich. Erst stagnieren wir noch ein bisschen.�</p><p>�Nat�rlich. Hattest du einen sch�nen Tag?�</p><p>�Durchaus.�</p><p>Durchaus. Aha. Das Fr�steln hatte sie wieder verlassen, sie nahm sich die Strickjacke von den Schultern, hielt sie in der Hand und sah ihren Sohn an. Dessen Blick richtete sich auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne.</p><p>�Wir k�nnten doch schon mal Richtung Br�cke schlendern. �Mit dem Daumen zeigte sie hinter sich. Wie eine Erscheinung hatte er ihr dort gestern pl�tzlich gegen�bergestanden, aber sein Verhalten deutete nicht darauf, dass er Zeuge des kurzen Rencontre auf der Br�cke geworden sein k�nnte. Oder hatte er sich bereits daran gew�hnt, dass seine Eltern sich an Grenzgang eben au�erehelich orientierten, und verfolgte nun seine eigenen amour�sen Projekte? Da war etwas Undurchschaubares und Unkindliches an ihrem Sohn, sie wusste blo� nicht seit wann. Offenbar war sie schon geraume Zeit vor allem mit ihrer eigenen Befindlichkeit besch�ftigt.</p><p>�Wir gehen da lang. �Ohne sie anzusehen, wies Daniel mit dem Arm auf die andere Br�cke, weiter oben vor dem Krankenhaus. Lindas mutma�licher Heimweg.</p><p>�Das ist ein sogenannter Umweg�, gab sie zu bedenken.</p><p>Wortlos sch�ttelte er den Kopf, sah noch einmal auf den Punkt in der Ferne und nickte:</p><p>�Dann los.�</p><p>Langsam gingen sie die schmale Stra�e entlang, die zwischen Festwiese und Sportplatz zur Br�cke f�hrte. Im Zelt spielte Musik, die w�hrend des Refrains beinahe versank im tausendstimmigen Chor der Feiernden. Vermutlich sang ihr Mann auch mit, falls Lars Benner sich nicht doch noch ein Herz gefasst und ihm die Faust ins Gesicht gesetzt hatte. Fr�hliches Chaos regierte die Welt, Atome und Hormone, Alkohol und Adrenalin. Ihr Sohn ging r�ckw�rts, weil irgendwo hinter ihnen Linda Preiss sich in Begleitung ihrer Mutter auf den Heimweg gemacht hatte, und ihr Mann ging im Kreis, weil gerade an Grenzgang niemand wusste, wo die Grenze eigentlich verlief. Man musste sich auf seine Instinkte verlassen, aber dann kam die Dunkelheit dazu und der Alkohol, und schon lief man irgendwo am Flussufer in ein junges Ding, das sich auch gerade auf seine Instinkte verlie�.</p><p>Kerstin sah Linda und ihre Mutter Hand in Hand Richtung Br�cke gehen, aber in m�tterlicher Begleitung schienen beide Kinder es vorzuziehen, sich aus der Ferne Zeichen zu geben. Der Himmel war dunkel jetzt. Daniel zog an ihrer Hand.</p><p>�Tr�del nicht so.�</p><p>�Hast du dir eigentlich schon mal vorgestellt, woanders zu wohnen? Nicht in Bergenstadt, sondern woanders.�</p><p>�Stell dir vor, das hab ich.�</p><p>�Und wo?�</p><p>�Bei Oma Liese zum Beispiel. Oder in Hamburg.�</p><p>�Wieso ausgerechnet in Hamburg?�</p><p>�Wieso ausgerechnet woanders? Willst du dich scheiden lassen?�</p><p>�Nein, will ich nicht. Aber zum Wollen geh�ren immer zwei und zum Nicht-Wollen auch.�</p><p>�Wei� ich�, sagte ihr Sohn.�Aber wenn ihr�s tut, hau ich ab.�</p><p>Sie kamen an die Kreuzung Rheinstra�e. Frau Preiss und ihre Tochter w�rden beim Krankenhaus links abbiegen Richtung Grundschule, Kornacker und Rehsteig, und sie und ihr Sohn beim Asylantenheim rechts Richtung Marktplatz, B�rgerhaus und Haink�ppel. Bis nach Hause war es noch ein ziemlich weiter Weg. Sie blieben kurz stehen und winkten, Linda und ihre Mutter winkten zur�ck, und Kerstin suchte nach etwas, was sie r�berrufen konnte als Abschiedsgru�, aber ihr fiel nichts ein. Einmal waren sie zusammen Essen gewesen, Preissens und Bambergers, im letzten oder vorletzten Jahr, aber das hatte nicht zu einer Vertiefung der Bekanntschaft gef�hrt. Sie kannten sich kaum und gingen einander nichts an.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Wie einem Sch�ler, den er der L�ge verd�chtigt, steht er seinem Computer gegen�ber. Das Bild ist schwarz-wei�, weich gezeichnet und zeigt ein Spiel aus Licht und noch mehr Schatten; offensichtlich von einem Profi gemacht, jedenfalls l�sst der Hintergrund in seiner M�belarmut eher an ein Studio als ein Wohnzimmer denken, und der Vordergrund erscheint sowieso allzu pr�zise arrangiert: Die Frau, die sich Viktoria nennt, r�kelt sich auf einem Kanapee, ein Bein in schwarzen Netzstr�mpfen ausgestreckt, das andere so angezogen und �bergeschlagen, dass der Scho� verdeckt wird. Nicht zu erkennen, ob sie Unterw�sche tr�gt. Ein Hut mit Krempe, unter dem die Augen zwar nicht verschwinden, aber im Schatten liegen und den Betrachter mit einem Blick konfrontieren, den er nicht sieht. Der Oberk�rper ist nackt, eher schmal, und die Brust wiederum nur im Ansatz zu sehen �ber einem im ellbogenlangen Handschuh steckenden Unterarm. Die andere Hand h�lt einen Zigarillo im langen Mundst�ck, abgewinkelt und wie zum Gru� erhoben. Wei�er Rauch steigt auf, so dicht, dass er einen Schatten auf den Oberschenkel der Frau wirft. Deren Alter sch�tzt Weidmann auf �ber vierzig, auch wenn alle k�rperlichen Anhaltspunkte sorgsam kaschiert sind durch die Pose und das fehlende Licht. Aber eine j�ngere Frau, glaubt er, w�rde mehr zeigen und weniger suggerieren.</p><p>Das also ist das Angebot. Der Text dazu lautet:</p><empty-line/><empty-line/><p>Mein lieber Scharrl,</p><p>es freut mich, dass Sie so rasch auf meinen Brief geantwortet haben und ein Treffen in Betracht ziehen. Ihr Foto ist vielleicht nicht gerade das, was man �aussagekr�ftig� nennen w�rde, aber ganz sicher werde ich nun Ihr Gesicht erkennen, wenn wir einander begegnen. In Anbetracht des beigef�gten Fotos von mir m�gen Sie vielleicht Zweifel haben, ob umgekehrt das Gleiche gilt, aber ich kann Sie beruhigen: Meine Aufmachung wird derjenigen auf dem Foto so �hnlich sein � im Stil, nicht en d�tail �, dass Verwechslungen kaum zu bef�rchten sind.</p><p>Gef�llt Ihnen der Stil? Seien Sie ehrlich und antworten Sie nicht wie diejenigen, die ein Essen, das ihnen nicht schmeckt, �interessant� nennen.</p><p>Die Frage, ob Sie mutig sind, scheinen Sie schon dadurch f�r beantwortet zu halten, dass Sie auf meinen ersten Brief �berhaupt reagiert haben. Nun, ich bin dessen nicht sicher, aber ich werde mir ein Bild machen, wenn Sie mir denn bei unserem Treffen genauso offenen Blickes gegen�bersitzen wie auf Ihrem Foto (ein Passfoto, Scharrl, sch�men Sie sich! Wie ist es blo� um Ihre Phantasie bestellt? Ich musste mich damit tr�sten, dass Ihr Namensgeber schlie�lich auch � nun, beenden Sie den Satz selbst. Sie scheinen sich Ihrer anderen Qualit�ten jedenfalls sehr sicher zu sein).</p><p>Wo treffen wir uns also? Sie werden verstehen, dass ich das Aussehen, welches ich mir f�r Sie zu geben gedenke, nicht �ffentlich zu Markte tragen kann. Folglich bestelle ich Sie in einen Club, wo derlei Auff�lligkeiten nicht auffallen. Den Namen und die Adresse finden Sie in der zweiten Anlage. Auch eine Wegbeschreibung. Am Samstag den 24. um 21 Uhr, Monsieur. Wenn Ihr Foto eines verspricht, dann eine unwiderstehliche Neigung zur P�nktlichkeit.</p><p>Erschrecken Sie nicht angesichts der Abgeschiedenheit des Ortes und ziehen Sie sich an, wie Sie m�gen.</p><p>V.</p><empty-line/><empty-line/><p>Ziemlich starker Tobak f�r einen Sonntagmorgen. Kopfsch�ttelnd trinkt Weidmann einen Schluck Kaffee, klickt noch einmal auf das Foto und nimmt sich vor, ihren Stil in seiner Antwort nun erst recht �interessant� zu nennen. Wie auch sonst? Die Schnittmenge aus Ehrlichkeit und H�flichkeit ist selten gro�, und wo sie gar nicht besteht, bleibt eben nur Ironie. Den Anhang mit der Wegbeschreibung ignoriert er, liest stattdessen die Mail noch einmal und �rgert sich �ber diese Anspielung auf seine �anderen Qualit�ten�. So teigig und unscheinbar wie das Konterfei Baudelaires ist sein Gesicht auf dem Passfoto auch wieder nicht. Soll er �berhaupt noch einmal zur�ckschreiben? Er ist nicht entt�uscht, er wird sich nur pl�tzlich des enormen Grabens bewusst, der ihn von der Frau auf seinem Bildschirm trennt, und fragt sich, was einen dazu bringt, in diesem Alter noch als Marlene Dietrichs verdorbene Cousine zu posieren. Davon abgesehen ist er wieder einmal zu fr�h wach geworden, in die Leere des arbeitsfreien Tages hinein und erinnert sich, in einem Roman gelesen zu haben, es seien die Sonntage, derentwegen Ehepaare zusammenbleiben, nachdem die Liebe l�ngst das Weite gesucht hat. Die d�nne Luft auf dem Hochplateau eines Nachmittags ohne Verpflichtungen. Und jetzt beginnt gerade erst der Vormittag, beginnt mit flie�enden Schatten auf den zugezogenen Gardinen, Vogelgezwitscher und der Abwesenheit von Schritten im Treppenhaus. Stattdessen leise Klaviermusik aus dem Radio in der K�che.</p><p>Andererseits: Vorahnung und Erfahrung sagen ihm, dass die Gefahr einer Verfolgung mit weinerlichen E-Mails von Seiten der resoluten Madame Viktoria nicht besteht. Wer sich so offen verkleidet, verstellt sich nicht, und was von ihrem Gesicht �berhaupt zu erkennen ist, der leichte H�cker ihres Nasenbeins, der schmallippige Mund, deutet auf einen z�hen Stolz, der es ihr nicht erlauben wird, einem Mann hinterherzulaufen, der nach dem ersten Treffen zu erkennen gibt, an einem zweiten kein Interesse zu haben. Eher wird sie den Unwilligen zum Unw�rdigen erkl�ren und entschlossen seine Mailadresse l�schen. Insofern droht immerhin kein l�stiges Nachspiel, sollte der Abend kein Erfolg werden.</p><p>Die zweite Tasse Kaffee l�sst er stehen, zieht feste Schuhe an und verl�sst die Wohnung. Es ist immer der gleiche Kampf, und je �fter er ihn k�mpft, desto st�rker wird der Drang zur Bewegung, so als k�nnte das die Sache beschleunigen, oder vielleicht auch einfach, um seinen Kopf mit Sauerstoff zu versorgen, solange das Gerangel anh�lt. Die Langeweile, die er manchmal mit den Frauen empfindet, die er zum ersten Mal in einem Weinkeller oder zum zweiten Mal in einem Hotel trifft, nimmt er immer �fter vorweg durch die immer gleiche Diskussion der Frage, ob er sich an dem Spiel �berhaupt noch beteiligen soll. Dies und das spricht daf�r und dies und das dagegen, aber unter dem Strich bleibt die Tatsache, dass Bergenstadt nun einmal keine M�glichkeiten f�r den alleinstehenden Mann �ber vierzig bereith�lt, ein Sexualleben zu f�hren, das den Namen verdient. Und zu dauerhafter Enthaltsamkeit f�hlt er sich nicht berufen.</p><p>Alles kann, nichts muss, aber <emphasis>etwas sollte �</emphasis></p><p>Weidmann verl�sst das Haus, �berrascht von der W�rme der Luft zu dieser fr�hen Stunde, und wendet sich auf der Stra�e nach rechts, dem kurzen steilen Aufstieg �ber den Lerchenborn zu, der ihn erst zur Potsdamer Stra�e und dann die Treppen entlang zum Rehsteig f�hrt. Hier w�hlt er sich ein Haus, dessen verschlossene Fensterl�den auf Abwesenheit der Bewohner deuten, durchquert mit schnellen Schritten das Grundst�ck, steigt �ber den r�ckw�rtigen J�gerzaun und erreicht so den schmalen Fu�weg zur Rinnhecke, den kleinen Trampelpfad hinein in den Wald.</p><p>Ein d�nner Schwei�film steht ihm auf der Stirn. Unter ihm liegt der Ort im Sonnenlicht. Wei�er Dunst steigt aus den Lahnwiesen, und in den G�rten am Rehsteig werfen B�ume und Str�ucher lange Schatten auf die Rasenfl�chen. Eine Katze �berquert die Fahrbahn, sorgt f�r zwitschernden Aufruhr in den Hecken. Manchmal h�rt er ein Ger�usch aus offenen K�chenfenstern: Geschirrklappern, Kinderplappern, Familienleben. Er ist zu schnell gelaufen und sp�rt seinen Herzschlag unangenehm in der Brust. �ber ihm wird der Hang noch einmal steiler, hier enden die Grundst�cke der Hornberger Stra�e mit betonverst�rkten Mauern aus Naturstein, aufget�rmten fassgro�en Granitbrocken, die das Erdreich halten. Von unten sehen die H�user gewaltig aus mit ihren ausladenden Giebeln und breiten Balkonen. Selbst die Garagen werden nicht von Flachd�chern abgeschlossen, sondern besitzen Obergeschosse, gro� genug f�r Kinderzimmer, holzverziert in Anlehnung an die Architektur des Voralpenraums. Kein Haus hat weniger als zwei Garagen, und eine gewisse Einheitlichkeit regiert die Bauweise: Die Konvention der Provinz, die Angst vor dem Urteil der Nachbarn.</p><p>Wie viel M�he in all diesen Beeten, Z�unen, Rabatten und Hecken steckt. Was f�r ein unangefochtener Begriff von Zuhause dem zugrunde liegen muss! Am Ende der Stra�e, nahe beim Wendehammer, thront Preissens Neubau �ber dem Hang, mit einem Vorderbalkon in Terrassengr��e. Auf dessen Gel�nder glaubt Weidmann eine einzelne leere Weinflasche zu erkennen wie den winzigen Fehler im Katalogbild, den kleinen Hinweis auf echtes Leben hinter den Kleinstadtkulissen. Eine vergessene Weinflasche, gl�nzend im Licht des fr�hen Sonntags.</p><p>Also? Er steht und schaut und fragt sich, was seine Optionen sind. Soll er zur�ckgehen und Kerstin Werner einladen zum gemeinsamen Spaziergang, unter dem Vorwand, es gebe da noch was zu besprechen in der Causa Daniel Bamberger? Vor sieben Jahren hat er eine Entscheidung getroffen � leichtfertig, wie er jetzt wei�, trotzig, voreilig und gleichg�ltig gegen die Folgen �, und seitdem ist er damit besch�ftigt, sich einzurichten in seinem Dasein, so wie jemand, der mit zu vielen M�beln in eine zu kleine Wohnung gezogen ist und nun alle zwei Wochen umr�umt, um die regelm��igen Anfl�ge von Platzangst zu bek�mpfen. Wie viele Jahre ihn das gekostet hat. Dann, nach Konstanzes Hochzeit im letzten Jahr und der Geburt ihres Kindes, hat er geglaubt, die H�lfte des Ballastes sei von ihm genommen und er k�nne nun endlich beginnen, sich in der Kargheit seines Lebens heimisch zu f�hlen, unbedr�ngt von sperrigen Erinnerungen. Noch vor wenigen Wochen hat er das geglaubt und Konstanze sogar geschrieben, aber die hat es ihm nicht abgenommen, und jetzt glaubt er selbst es auch nicht mehr. Saisonbedingte Entlassung einer weiteren Lebensl�ge. Der Sommer ist heraufgezogen, die B�ume schlagen aus, und er flieht am Sonntagmorgen aus seiner Wohnung, folgt dem schmalen Pfad, der hinein in feucht-k�hlen Schatten f�hrt. Insekten tanzen in kleinen S�ulen aus Sonnenlicht. Spinnweben glitzern in Astgabeln. Die Luft ist so frisch und schwer, dass er glaubt, sie sich mit beiden H�nden ins Gesicht reiben zu k�nnen wie Wasser. Es riecht nach Baumrinde und frisch ges�gtem Holz. Da ist etwas in ihm, was er nicht zu fassen bekommt, der Drang, zu rennen oder sein Gesicht in den bl�ttrigen Waldboden zu dr�cken, seinen Schwanz aus der Hose zu nehmen und sich einfach einen runterzuholen. Mit Mitte vierzig ist man zu jung, um alt zu sein, aber zu alt, um sich jung zu f�hlen, und es stimmt, verdammt noch mal, dass die kurzen R�cke im Klassenraum, die knappen Tops und T-Shirts seiner Sch�lerinnen ihm an manchen Tagen zu schaffen machen. Es gibt sie noch in ihm, die notorische Geilheit fr�her Sommertage, genauso reizvoll und unwillkommen wie die Ger�usche eines v�gelnden Paares in der Nachbarwohnung (sein Schicksal jeden Samstag und auch gestern wieder, denn Schneiders bringen zwar ihren M�ll raus, wenn es ihnen gerade passt, aber alles andere geschieht nach Stundenplan). Ohne innezuhalten, hastet er den Pfad hinauf, sieht Wildschweinspuren in einer schattigen Senke und hat das Bed�rfnis, reinen Tisch zu machen, alles rauszulassen, nichts zur�ckzuhalten.</p><p>Blo� wem k�nnte er erz�hlen von seiner nackten, h�sslichen Angst vor der Verwandlung in das Klischee des alleinstehenden Studienrats? Vor der schrittweisen Transformation in eine geile Kr�te, das Objekt von Sch�lerspott und besorgt getuschelten Bemerkungen unter Kollegen. So schnell kann er gar nicht gehen, dass er den Horror dieser Vorstellung nicht wie eine L�hmung in den Beinen sp�ren w�rde. Erst als er den Rundweg erreicht hat, der auf halber H�he um den Rehsteig f�hrt, verlangsamt er den Schritt. Schwei� flie�t ihm �ber den R�cken.</p><p>Wer w�rde h�ren wollen, dass die Einsamkeit zwar auszuhalten ist, aber Panik in ihm aufsteigt angesichts der Frage, was die Einsamkeit mit ihm anstellt? In den letzten Jahren hat er an zu vielen Frauen seines Alters die Folgen dauernden Alleinseins beobachtet, all diese Ticks, �ngste und Zw�nge, das zu schrille Lachen, die ins Taschentuch geschn�uzte Hysterie eines pl�tzlichen Weinkrampfs. Einsamkeit ist ein Gift mit Langzeitwirkung, nein, sie ist die Langzeitwirkung selbst, und irgendwann hat sie einen im Griff und l�sst nicht mehr los.</p><p>Konstanze?</p><p>Ich mach mir Sorgen um dich, aber ich werde dich damit in Zukunft nicht mehr behelligen. Das war ihre Ank�ndigung nicht lange vor der Geburt ihres Kindes, und wie immer hat sie Wort gehalten. Die Geduld, mit der sie all die Jahre sein Leben begleitet hat, noch als sie selbst wieder liiert war, kommt ihm immer noch unwahrscheinlich vor, entweder �bermenschlich oder auf Selbstbetrug beruhend, aber sie hat ihm keine Chance gegeben, das herauszufinden. Er tippt auf �bermenschlich. Noch einmal mit ihm f�r ein Wochenende in den Schwarzwald zu fahren, als das Aufgebot schon bestellt war, jede Frage kategorisch abzuweisen, wie sie das ihrem k�nftigen Ehemann erkl�rt habe, mit ihm zu v�geln wie damals in Berlin und dann beim Abschied auf dem Parkplatz keine Tr�ne zu vergie�en. Ein regnerischer Tag mit tiefen Wolken. Er hat dort zwischen den Wagen gestanden und seinem Gl�ck hinterhergewinkt, mit einem Klo� im Hals und gleichzeitig dankbar daf�r, dass sie ihn noch ein letztes Mal in den Spiegel ihrer Augen hat sehen lassen. Was bin ich f�r ein Idiot, hat er gedacht.</p><p>Es bleibt ihm also gar nichts anderes �brig, als diese Viktoria zu treffen. Sich ablenken, die kurze Spannung genie�en und die lange Entt�uschung danach mit einem starken Getr�nk runtersp�len. Schlie�lich ist er niemandem Rechenschaft schuldig und muss keine R�cksicht nehmen. Er ist blo� ein bettfl�chtiger Spazierg�nger am Sonntagmorgen. Vor einer Woche hat er auf Kerstin Werners Terrasse gesessen und sich pl�tzlich gefragt: Wie lange ist es her, dass ich mich mit einer Frau unterhalten habe, ohne das Gespr�ch als Teil des Vorspiels zu betrachten? Jetzt sieht er durch die B�ume hindurch die verlassene Bundesstra�e, die Abzweigung Richtung Sackpfeife und dahinter die steilen H�nge des Kleibergs. Denkt: Es w�rde niemals funktionieren.</p><p>Sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, eine pflegebed�rftige Mutter im Haus und einen Sohn am Scheideweg zwischen Selbstst�ndigkeit und Verkorkstheit. Im Gespr�ch strahlt sie eine hart erk�mpfte und leicht ramponierte W�rde aus, und ihm ist nichts Besseres eingefallen, als ihr mit dieser Frage nach der Halbwertszeit von Stolz zu kommen. Ein unverzeihlicher Ausrutscher und nur damit zu erkl�ren, dass er l�ngst aufgeh�rt hatte, den Besuch bei ihr als Erf�llung einer beruflichen Verpflichtung zu betrachten. Wie auch nicht? Eine attraktive Frau, vor sieben Jahren schon und jetzt immer noch, und all das f�llt ihm ein, weil entlang der Schwarzdornhecke am Wegrand Veilchen bl�hen und ihn an den verwelkten Strau� in ihrer Diele erinnern.</p><p>Weidmann bleibt stehen und wischt sich �ber die Stirn.</p><p>Eigentlich ist die Veilchenzeit vorbei, aber hier direkt vor ihm bl�hen sie, als w�ren sie seinetwegen aus dem Boden geschossen. Er bem�ht sich, gar nichts zu denken, sondern nur zu z�hlen, w�hrend er in die Hocke geht und vorsichtig zu pfl�cken beginnt. Bei zehn steht er wieder auf. Die finale Antwort gibt es sowieso nicht, hat er fr�her seinen Studenten gesagt. Keine Formel, in die sich fassen lie�e, was wir tun und warum. Es gibt nur die Suche und manchmal das Finden. Oft hat er das gesagt und w�rde in diesem Augenblick die Behauptung wagen, er habe Recht gehabt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Der L�rm von der Festwiese klang zwischen den H�usern wider und fand hier und da ein dumpfes Echo im Gesang heimw�rts ziehender Betrunkener. Fast kein Verkehr auf der Rheinstra�e, nur Teile der Festdekoration lagen �ber Fahrbahn und Gehwege verteilt. Gefleddertes Gr�nzeug. Der Ort schien leer und ausgelaugt, von erratischem Gebr�ll erf�llt. Alleine auf dem Festplatz loderte das Feuer weiter und zog Feierlustige an. Kerstin sp�rte M�digkeit in den Gliedern, die Rastlosigkeit ihrer Gedanken und die immer dichter werdende Finsternis in den Hinterh�fen. Mehr denn je kam Bergenstadt ihr vor wie eine Falle.</p><p>Aber wenn ihr�s tut, hau ich ab, hatte Daniel auf der Lahnbr�cke gesagt. Seitdem punktierte der gleichm��ige Rhythmus ihrer Schritte das Schweigen, und Kerstin w�nschte, sie h�tte irgendwo in der N�he ihr Auto stehen. Vor ihnen �ffnete sich die Rheinstra�e auf den Marktplatz. Ein paar Stimmen irrten durch die Nacht, Schatten sa�en auf den Stufen vor dem Brunnen, und vor der Pommesbude stand die kleine Schar der immer noch Durstigen oder schon wieder Hungrigen oder immer dort Stehenden. Erst jetzt sah sie die mit Farbe aufs Kopfsteinpflaster gemalten K�sten f�r die Aufstellung der M�nner und Burschen, gro� wie Busse und mit den Namen der jeweiligen Gesellschaften versehen. Der ganze untere Marktplatz erinnerte an das Schnittmuster eines Kleidungsst�cks.</p><p>Zwei Tage hatte sie geschafft, einer stand ihr noch bevor.</p><p>Daniel wurde m�der mit jedem Schritt, kippte gegen sie und legte den Kopf an ihre Seite. So �berquerten sie den Marktplatz und gingen den Gartenberg hinauf Richtung B�rgerhaus. Am steilsten St�ck musste sie ihm die Hand auf den R�cken legen und schieben.</p><p>Den einsamen Fu�g�nger vor ihnen, der bereits das Ende des Aufstiegs erreicht hatte, erkannte sie erst mit Verz�gerung als ihren Mann. Offenbar war der gleich nach ihnen aufgebrochen und hatte den k�rzeren Weg �ber die THW-Br�cke genommen. Ging vor ihnen wie ein Fremder in der Nacht. Im n�chsten Moment war er wieder au�er Sicht, aber sie h�rte seine Schritte auf den Stufen, die zum Parkplatz vor dem B�rgerhaus f�hrten.</p><p>�Da vorne geht einer, der dich vielleicht tragen kann�, sagte sie zu ihrem Sohn.</p><p>�Wer?�</p><p>�Dein Vater.�</p><p>Daniel sch�ttelte den Kopf an ihrer Seite, beinahe so, als w�re er schon am Einschlafen.</p><p>Als sie den Parkplatz erreicht hatten, ging J�rgen die Senke ins Wohngebiet Wiesengrund hinab, mit langsamen, schweren Schritten, fand sie. Vor den meisten H�usern stand ein Fahnenmast mit dem Bergenst�dter Stadtwappen. Sobald sie bergab liefen, hielt hinter ihnen der Gartenberg die Ger�usche der Festwiese zur�ck, lie� den Klang ihrer Schritte lauter erscheinen und die Stille �ber den Grundst�cken dichter. Manchmal h�rte Kerstin J�rgens S�belspitze �ber den Boden kratzen. Sie wollte rufen und tat es nicht. In versprengten B�ndeln zu eins und zwei kehrte die Familie Bamberger von der Schlacht heim und war auf ganzer Linie besiegt. J�rgen drehte sich nicht um. Mit Uniform und S�bel sah er aus wie ein kleiner Junge, der von einer Faschingsfeier kommt, auf der niemand mit ihm spielen wollte und alle �ber seine Verkleidung gelacht haben.</p><p>Seinen Namen rief sie nicht.</p><p>Nach allem, was sie wusste, hatte er einmal mit dieser Andrea auf einer Parkbank rumgemacht, und sie hatte daf�r am n�chsten Abend mit Thomas Weidmann auf der Br�cke geknutscht, was sie ihrem Mann zwar nicht zu erz�hlen gedachte, ihr aber half, ihre Niederlage in ein Remis umzudeuten und sich zu sagen: Wenn weiter nichts geschah, w�rde es ihretwegen nicht n�tig sein, Daniel zum Abhauen zu zwingen. Au�erdem stellte sie fest, dass hinter M�digkeit und Ersch�pfung ein Verlangen in ihr glimmte und auf schnellen Friedensschluss dr�ngte, vielleicht sogar darauf, selbigen umgehend zu besiegeln durch das, was ihre beste Freundin einen �Vers�hnungsfick� nannte. Anitas Meinung nach waren das sowieso die besten.</p><p>Wie einen Schlafwandler f�hrte sie Daniel das kurze absch�ssige St�ck des Haink�ppels entlang, das umgehend in ein kurviges Steilst�ck �berging. Weiter oben verschwand J�rgen um die letzte Kurve und wunderte sich wahrscheinlich, dass zu Hause kein Licht brannte.</p><p>�Komm, Daniel, nur ein paar Schritte noch.�</p><p>Ihr Sohn antwortete nicht mehr und hatte die Augen geschlossen. Halb zog und halb schob sie ihn die Steigung hinauf. Die Nachtluft war aufgeladen mit Bl�tenduft aus den gro�z�gigen, dicht bewachsenen Grundst�cken rechts und links der Stra�e. �ppige, knospige S��e, die besser zum Mai als zum August passte. Sobald sie die H�he des Gartenbergs �berschritten, h�rte sie die Musik vom Festplatz wieder lauter, aber hier in der privilegierten Hanglage am Haink�ppel war der Atem der Nacht nicht mehr schal und abgestanden, sondern wehte k�hl vom Wald herab. Sie sah das Licht im Wohnzimmer angehen und auf den Rasen fallen. Einen Schemen in der Mitte des Zimmers. Sp�rte einen Hauch von Alles-wirdgut.</p><p>Am Fu� der Einfahrt klopfte sie Daniel auf die Schulter.</p><p>�Geschafft. Linda schl�ft bestimmt schon. �Aber er war kein frisch verliebter Entdecker mehr, sondern ein ersch�pftes Kind, zu m�de, um mit mehr als einem Nicken auf die Worte seiner Mutter zu reagieren. Kurz dr�ckte sie ihn an sich, hielt ihr Gesicht in sein Haar und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann war sie bereit f�r die Begegnung mit ihrem Mann.</p><p>Das Licht aus dem Wohnzimmer fiel durch die Glast�r bis in die Diele. Daniel kickte seine Schuhe in die Ecke und schlich auf Socken die Treppe hinauf.</p><p>Kerstin blieb in der T�r stehen.</p><p>�Guten Abend�, sagte sie.</p><p>In aufgekn�pfter Uniform stand J�rgen zwischen Wohnzimmertisch und Sofa und hielt die Fernsehzeitung in der Hand, als h�tte ein Portr�tfotograf ihn dazu aufgefordert. Bis zur T�r konnte sie den Geruch aus Schwei�, Bier und Festzelt riechen. Er sah m�de aus, geradezu verwirrt, und f�r einen Moment fand sie ihn Lars Benner gar nicht un�hnlich.</p><p>�Ich dachte, ich w�re nach euch losgegangen�, sagte er.</p><p>�Wir mussten einen Umweg gehen. Ist Hans schon im Bett?�</p><p>�Sieht so aus.�</p><p>Sie standen einander gegen�ber, nicht frontal, sondern seitlich verdreht, die K�rper und die Blicke auch, als wollten sie direkten Augenkontakt ebenso vermeiden wie den Eindruck, einander aus dem Weg zu gehen. Zusammengerolltes Bettzeug lag auf dem Sofa.</p><p>�Ich schau kurz nach Daniel�, sagte sie.</p><p>Der stand in Unterhose vor dem Waschbecken und lie� Zahncreme aus seinem Mund klecksen. Seine Klamotten lagen verstreut auf dem Boden, au�erdem J�rgens Hut und die wei�en, schon ziemlich ramponierten Handschuhe. Den S�bel sah sie nicht.</p><p>�Katzenw�sche und dann ab ins Bett. �Mit einem Waschlappen fuhr sie ihm �ber Gesicht, Hals und Nacken, w�hrend er seine Zahnb�rste absp�lte. Ihr Versuch, ihn ein bisschen zu kitzeln unter den Armen, scheiterte am dicken Fell seiner Schl�frigkeit.�Gute Nacht, mein Schatz. �Sie k�sste ihn auf den Mund, was sie selten tat, aber seinem schon schlafenden Gesicht konnte sie nicht widerstehen. Ohne eine Miene zu verziehen, teilte er ihr mit, dass sie stinke.</p><p>W�hrend sie seine Kleider zusammensammelte und Socken in den W�schebeh�lter wandern lie�, suchte sie nach einer Strategie f�r die Unterredung mit ihrem Mann. Der schien reglos unten im Wohnzimmer zu sitzen, jedenfalls h�rte sie weder Schritte noch einen Wasserhahn oder Geschirrklappern in der K�che. Wollte sie ihn eine weitere Nacht auf dem Sofa verbringen lassen? Was war eigentlich das dominierende Gef�hl? Immer noch Wut? Temperiert von Gleichg�ltigkeit? Angeheizt von Verlangen, abgeschw�cht von seinem Biergeruch? Sie verzichtete sogar aufs H�ndewaschen. Nach Schmusen war ihr nicht zumute. Wenn Sex, dann wollte sie ihn schnell und schmutzig und nicht im Schlafzimmer. Und wenn keinen Sex, dann w�rde sie ihm am liebsten befehlen, auf dem Fu�abtreter vor der Terrassent�r zu �bernachten.</p><p>Daniel war sofort eingeschlafen. Kurz stand sie in der T�r und widerstand dem Drang, ihn noch einmal zu k�ssen, wollte auch seine Bettdecke nicht mehr ber�hren, l�schte das Licht und schloss die T�r. Horchte. Dann ging sie nach unten.</p><p>Nat�rlich kannte sie die Redensart: Eine Frage in den Raum stellen � neu war das Gef�hl, einen Raum zu betreten, in dem schon eine stand. Gefolgt von seinem Blick ging sie weiter in die K�che, f�llte sich an der Sp�le ein Glas Wasser und kehrte zur�ck. Er sa� auf dem Sofa, wie ein Patient jetzt, der gebeten worden ist, sich freizumachen, und dem nach dem ersten Knopf einf�llt, dass er nicht versichert ist.</p><p>�Schl�ft er?�, fragte er. Nicht zur�ckgelehnt, sondern aufrecht in der Mitte der Sitzfl�che.</p><p>Es brannte nur die Stehlampe hinter dem Sofa, au�erdem das Licht in Flur und K�che. Der Raum gespiegelt in den dunklen Fensterscheiben, transparent und wie w�rfelf�rmig in den Garten gestellt. M�bel, durch die sich Rosen bohrten.</p><p>�Er hat sich verliebt�, sagte sie statt einer Antwort. Eine Bemerkung, die erstauntes Nachfragen verlangte, auf die er aber nur mit stummem Nicken reagierte, so als w�re es ein Subtext, den er vernommen hatte, eine codierte Beschuldigung und er gest�ndig.</p><p>�Ich hol mir auch Wasser.�</p><p>Wartend sa� sie auf der Armlehne des Fernsehsessels und trank. Wischte sich Schwei� von der Stirn. Nicht nur f�hlte sie keinen Widerstand mehr, ihrem Mann zu verzeihen, sie hatte nicht einmal das Gef�hl, dass es �berhaupt etwas zu verzeihen gab. Nur das Schweigen und Beobachten wollte sie beenden, diese Blicke ohne Worte und ohne Z�rtlichkeit. Es war Ungeduld, was sie Richtung K�che lauschen lie�. Jede Erkl�rung w�rde nur Zweifel wecken, w�rde Nachfragen erforderlich machen und die Aufmerksamkeit auf die kleinen Ungereimtheiten lenken, die alles Tun begleiten. Mit anderen Worten: Jede Erkl�rung w�rde sich selbst demontieren und zu ihrer eigenen Entkr�ftung werden. Wie wenn Religionslehrer versuchen Gott zu erkl�ren.</p><p><emphasis>Warum hast du das getan?!</emphasis></p><p>Wollte sie wissen, wie es sich anf�hlt, eine Zwanzigj�hrige zu k�ssen?</p><p>Zur gleichen Zeit hasste sie ihn f�r die Langsamkeit, mit der er zur�ckkam aus der K�che; im Esszimmer blieb er stehen, um einen Schluck zu trinken aus dem zu vollen Glas. Hasste ihn f�r die Vorsicht, mit der er darauf bedacht war, nichts zu versch�tten auf dem verdammten Teppich, den sie zusammen aus dem M�belgesch�ft geschleppt hatten, sie links und er rechts, vor vier oder f�nf Jahren.</p><p>�Was wir geredet haben in den letzten zwei Tagen, w�rde auf einen Bierdeckel passen�, sagte sie.</p><p>�Ich suche nach einem Weg, Entschuldigung zu sagen, der nicht bescheuert klingt.�</p><p>�Lass es bescheuert klingen.�</p><p>Statt sich wieder auf das Sofa zu setzen, blieb er in Reichweite stehen. Sie sah die erdigen Flecken an seinen Hosenbeinen und einen Blutfleck auf der rechten Socke. Sie streckte die Hand aus und erwartete ihn zur�ckweichen zu sehen. Bekam die Hose in der H�he der Tasche zu fassen und zog ihn zu sich heran. Es war alles falsch. Der hohle Klang seines Glases auf dem Wohnzimmertisch, der Griff seiner Hand in ihr Haar, die unger�hrte Mechanik seiner Erektion. Ein Krallen und Zerren gegen die eigene Lust begann. Das Ger�usch von Stoff unter zu gro�er Belastung. Es war falsch sich zu fragen, ob Daniel auch wirklich schlief oder ihr Bruder sie h�ren w�rde. So falsch, es f�hlte sich an wie Erl�sung.</p><p>Sie brachte ihn aus dem Gleichgewicht durch ihr Ziehen an seinem G�rtel. Zwang ihn vor sich auf die Knie. Einen Augenblick lang sah sie ihre und seine gekr�mmte Gestalt in der Wohnzimmerscheibe, die angedunkelten Hologramme ihres eigenen Tuns, wie durchsichtige Tiere. Sie rochen auch so, nach Fleisch und Wald und Mangel an Licht. Aber sie wollte ihn, zerrte ihn aus seiner Uniform und zog ihm das T-Shirt �ber den Kopf. Er riss an ihrer Hose. Besinnungslosigkeit war das Mindeste, wonach sie suchte. Ihr Biss traf seine Schulter, ihre Zunge dr�ngte weiter in die haarige F�ulnis seiner Achseln. Egal wie, dachte sie. Auch ihre Lust schien durchsichtig zu sein, so farblos wie offensichtlich. Ohne nachzudenken, ohne eine Stellung zu suchen oder nach Halt zu fassen, lie� sie sich nach vorne fallen, und er nutzte den Moment, um ihren Slip zu zerrei�en. Es war eine absurde, unbeholfene Gier, mit der sie �bereinander herfielen. Zwischen Sofa und Wohnzimmertisch. Sie bekam Haare zu fassen, leckte ihn, wo sie ihn traf. Leckte ihm sein Keuchen von den Lippen. Biss darauf herum, bis ein sch�rferer Laut draus wurde. Beinahe h�tte sie mit einem Lachen alles verdorben, dann endlich sp�rte sie seinen Schwanz, wie einen Hinweis darauf, was sie eigentlich taten. Sie sa� auf ihm und dr�ckte. F�rbte Lust mit Schmerz. Atmete erst wieder aus, als er drin war in ihrem unbereiten Scho�.</p><p><emphasis>Warum hast du das gemacht?!</emphasis></p><p>Sein St�hnen klang flach und heiser. Sie wollte ihm weh tun, krallte sich in sein Fleisch und hielt den R�cken steif. So fickten sie. Um alles oder nichts. Es war wie Liebe, reduziert auf diesen gl�henden Kern aus Angst, und Kerstin hielt die Augen nicht geschlossen dabei, sondern zugepresst. J�rgen quetschte ihre Nippel viel zu hart.</p><p><emphasis>Warum? </emphasis>biss sie in sein Handgelenk.</p><p>Sie wurden beide schneller, im Endspurt oder auf der Flucht, jedenfalls eine lange Gerade entlang und weg vom Ziel. Kerstin sp�rte die Niederlage, noch bevor sie die Augen wieder �ffnete und die Kapitulation in J�rgens Gesicht sah. Bevor sie das Fehlen von Rhythmus sp�rte, die Panik. Was sie von ferne f�r einen Orgasmus gehalten hatte, wurde zu einer Luftspiegelung und Sodbrennen.</p><p>Dann Ekel.</p><p>Er hatte den Arm grotesk verdreht, um den Fu� des Sofas herum. Der andere sank langsam zu Boden. Ihr Zucken setzte in der Kehle ein statt im Scho�. Vergebens rann ein Schwei�tropfen ihren R�cken hinab. Niemals zuvor hatte sie Wahrheit in so konzentrierter Form erlebt.</p><p>Nein, dachte sie. Nein, nein, nein. Aber es gab kein Entrinnen.</p><p>�Du hast dich nicht entschuldigt, und ich wei� auch warum. �Sie hatte nicht das Gef�hl zu sprechen, aber es war ihre Stimme.�Weil es dir nicht leidtut.�</p><p>Sein Gesicht war klar und leer. Wie Schnee oder Glas. Sch�n auf eine Weise, die mit Form nichts zu tun hat. Vielleicht hatte sie ihn nie genauer betrachtet. Sie nahm sein Wasserglas vom Tisch, holte aus und schloss zum letzten Mal die Augen. Zum letzten Mal f�r immer.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>��Leistungen der sozialen Pflegeversicherung werden zur Verf�gung gestellt, wenn Pflegebed�rftigkeit vorliegt. Pflegebed�rftig sind Personen, die wegen einer k�rperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit �� Was ist denn der Unterschied zwischen geistigen und seelischen Krankheiten? Das klingt ja beinahe theologisch. �Kerstin blickt zu ihrem Sohn, aber der h�rt nicht zu, sondern verfolgt das Geschehen im Fernsehen, und zwar wie immer, wenn Reinhold Beckmann kommentiert, mit abgedrehtem Ton. Soweit seine Miene dar�ber Aufschluss gibt, interessiert er sich f�r die Fu�ball-Weltmeisterschaft kaum mehr als f�r das Infoblatt der AOK, aus dem seine Mutter ihm vorliest, um die dr�ckende Stille im Wohnzimmer zu vertreiben und dem nerv�sen Hin und Her ihrer Gedanken den Anschein von Koh�renz zu geben. F�r Fu�ball interessiert sie sich nicht. Die ans Hysterische grenzende Vorfreude, mit der sich monatelang das ganze Land auf das Gro�ereignis WM 2006 eingestimmt hat, ist an ihr abgeperlt wie Wasser an Wachs. Aber nun zeigt sich, dass das Ereignis selbst und der Standort des einzigen Fernsehger�ts im Haus ihr eine Reihe von Abenden beschert, an denen Daniel sich nicht in seinem Zimmer verkriecht, sondern ihr im Wohnzimmer Gesellschaft leistet. Darum m�ge die WM gesegnet sein und so lange dauern, bis eines Tages sogar Franz Beckenbauer Falten bekommt.</p><p>Sie wendet sich wieder ihrem Infoblatt zu:</p><p>��� geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung Hilfe bei den gew�hnlichen und regelm��ig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des t�glichen Lebens ben�tigen. Diese gew�hnlichen und regelm��ig wiederkehrenden Verrichtungen m�ssen den Bereichen der K�rperpflege, der Ern�hrung, der Mobilit�t oder der hauswirtschaftlichen Versorgung zugeordnet werden k�nnen.� So, und jetzt sagst du mir bitte, ob das auf meine Mutter zutrifft oder nicht.�</p><p>�Trifft � nein. �Ganz knapp kullert der Ball am polnischen Tor vorbei. J�rgen Klinsmann wirft erst die Arme in die Luft und dann eine Flasche zu Boden und blickt �hnlich hilfesuchend zu seinem Assistenten wie Kerstin zu ihrem Sohn.</p><p>�Trifft zu�, sagt der.</p><p>�Sind wir die Wei�en?�</p><p>�Nein. Die Wei�en sind die sogenannten Klinsm�nner. �Er sitzt im Sessel vor dem Fernseher, in einem roten T-Shirt mit drei rennenden Tomaten auf der Brust und dem Schriftzug <emphasis>Fast Food</emphasis>. Sein Gesicht sieht mitgenommen aus, seit er vor zwei Tagen von seinem Vater zur�ckgekommen ist, pickeliger als zuvor, aber seine Laune scheint sich stabilisiert zu haben in den versteppten Regionen knapp unterhalb der Sprachgrenze. Vorsichtige Nachfragen, ob am Haink�ppel eine Art reinigendes Gewitter niedergegangen ist und wie der Besuch bei Endlers war, hat er mit schmalen Lippen und ohne Zuhilfenahme von Worten abgewiesen.</p><p>Null zu null lautet der Spielstand, nicht nur in Dortmund: Sie selbst f�hlt sich auch unentschieden. Und gleichzeitig unter Hochspannung. Eine Schale Erdn�sse steht auf dem Tisch, und da Daniel keine Anstalten macht, welche zu essen, bedient sie sich selbst. Der Sommerabend weht lau zur Terrassent�r herein, mischt Bl�tenduft unter das Aroma der frisch gegossenen Beete im Garten und kitzelt an ihren freiliegenden Nervenenden. Ein paar Falter flattern vor der Fensterscheibe. Sie h�tte gerne einen Spaziergang gemacht die Hornberger Stra�e entlang, um ihre Nervosit�t abzusch�tteln und vielleicht zuf�llig Karin Preiss zu treffen und das mit diesem Club noch mal in Ruhe zu besprechen, aber die raren Momente, in denen Daniel als eine Art Praktikant am Familienleben teilnimmt, gilt es auszukosten; notfalls durch Mitteilungen unter der �berschrift <emphasis>Kombinationsleistung � eine Information Ihrer Pflegekasse</emphasis>.</p><p>�Es gibt drei Stufen�, sagte sie mit vollem Mund.�Erhebliche Pflegebed�rftigkeit, schwere Pflegebed�rftigkeit und Schwerstpflegebed�rftigkeit. Fragt sich also, ist meine Mutter <emphasis>erheblich </emphasis>oder <emphasis>schwer </emphasis>pflegebed�rftig?�Sie erinnert sich an Doktor Petermanns Worte: Versuchen Sie�s ruhig gleich mit Stufe II. So arm, wie sie immer tun, sind unsere Pflegekassen gar nicht. Grunds�tzlich scheint der Fall klar: Ihre Mutter kann nicht alleine kochen, sie w�scht ihre W�sche nicht mehr selbst, kauft nicht f�r sich ein und wird seit M�rz von Frau Kolbe vom ambulanten Pflegedienst einmal in der Woche gebadet � was, wenn nicht das, nennen Pflegekassen �gew�hnliche und regelm��ig wiederkehrende Verrichtungen im Ablauf des t�glichen Lebens�? Sie l�dt noch einmal Erdn�sse nach.�F�r die erfte Stufe gibt�f �mmerhin eine Sachleistung von 384 Euro und eine Geldleiftung von 205 Euro. �m Monat, nehm� ich an. �Ihr �blicher Sinn f�r Vorsicht r�t ihr, es erst einmal bei Stufe I zu belassen.</p><p>�Ich versteh nur Erdnuss.�</p><p>Kerstin sp�lt mit einem Schluck Wasser nach.</p><p>�384 plus 205.�</p><p>�589.��</p><p>�Ist doch nicht schlecht. �Jedenfalls kann sie sich nicht vorstellen, dass die K�rzung ihres monatlichen Unterhalts im kommenden Jahr diesen Betrag �bersteigen wird. Sie sieht zu ihrem Sohn und setzt zum hundertsten Mal seit seiner R�ckkehr vom Haink�ppel zu der Frage an, was er von der Aussicht h�lt, im n�chsten Jahr einen Halbbruder oder eine Halbschwester zu bekommen. Ob es ihm peinlich ist oder egal oder ob er sich freut. Und zum hundertsten Mal unterl�sst sie es, die Frage zu stellen. Sie w�rde den Ton ja doch nicht treffen. Wut kann sie inszenieren, wenn es ihr strategisch notwendig erscheint, aber Gleichg�ltigkeit gelingt ihr nie. Offenbar ist sie nie wirklich gleichg�ltig. Und wahrscheinlich f�hlt sie sich deshalb immer h�ufiger so ersch�pft.</p><p>Daniel schaut mit gelangweilter Konzentration auf den Bildschirm. Unabl�ssig betasten seine Fingerspitzen die pusteligen Stellen an Wangen und Kinn, und sie muss sich sehr zusammenrei�en, um nicht mit der Hand dazwischenzugehen.</p><p>�Seit wann magst du keine Erdn�sse mehr?�</p><p>�Acrylamid. Ist krebserregend.�</p><p>�Acrylamid entsteht beim Frittieren. Die Erdn�sse sind ger�stet.�</p><p>�Trotzdem schlecht f�r die Haut.�</p><p>Ich habe die f�r dich gekauft!�� sagt sie nicht, sondern:</p><p>�Seit wann so eitel?�</p><p>Er l�sst ihre Frage ins Leere laufen, verfolgt reglos, wie der Ball ein weiteres Mal das Tor um Haaresbreite verfehlt und verschwitzte Spielergesichter sich zu Pantomimen der Verzweiflung verzerren. Ohne Ton wirkt die Emotionalit�t der Nahaufnahmen bizarr. Ein ganzes Stadion scheint zu leiden, inklusive der Bundeskanzlerin, aber kein St�hnen ist zu h�ren, kein Fluchen und kein Winseln. Denn Daniel will es so. Schwarz-rot-goldene Fahnen wehen schweigend �ber vollbesetzte R�nge, Leute tragen fu�ballf�rmige H�te und Kriegsbemalung, vollf�hren eine Mischung aus Karneval und Stammesritual und beginnen ekstatisch zu winken, wenn der siebte Sinn des modernen Menschen ihnen meldet, dass eine Kamera auf sie gerichtet ist.</p><p>Daniel zerreibt was zwischen seinen Fingern.</p><p>�Geistige Krankheiten sind Sch�digungen des Gehirns�, sagt er,�zum Beispiel Omas Alzheimer. Seelische Krankheiten sind psychisch. Depressionen, Halluzinationen und der ganze Schei�.�</p><p>�Aha.�</p><p>�So wie bei Computern: Hardwareprobleme und Softwareprobleme.�</p><p>�Oma hat also ein Hardwareproblem?�</p><p>�Festplatte. �Er tippt sich an den Kopf.</p><p>Sie unterdr�ckt die Frage, wo seine Probleme ihren Ursprung haben, und lehnt sich auf der Couch zur�ck. Und ihre eigenen? Seit am Nachmittag Frau Preiss angerufen und verk�ndet hat, dass sie am �bern�chsten Samstag diesem Etablissement namens <emphasis>Boh�me </emphasis>einen Besuch abstatten werde, wei� sie �berhaupt nicht mehr, wohin mit ihren Gedanken. Sie f�hlt sich regelrecht verfolgt von ihrer eigenen Phantasie, dem Bild eines Haufens nackter Leiber, die sich auf einer Kunstrasenfl�che ineinanderkn�ueln. Ein P�rchenclub! Wieso denkt sie �ber solche absurden Pl�ne �berhaupt nach? Vermutlich ist sie beim Zappen im Sp�tprogramm dann und wann auf rei�erische Reportagen gesto�en, hat den begeisterten Erfahrungsberichten dieser sogenannten Swinger zugeh�rt und sich gefragt: Wer sind die?</p><p>Nun zeichnet sich die Antwort ab: Menschen wie Karin Preiss und sie. Das ist fast wahnsinnig genug, um f�r den Ekel zu entsch�digen, der mit der Vorstellung eines wildfremden Busfahrers einhergeht, der l�stern Hand an sie legt. Vor einer verspiegelten Theke, belagert von halb bekleideten M�nnern und Frauen, die einander taxieren und zuzwinkern und irgendwann aufeinander zugehen und �</p><p>Du meinst das nicht ernst, hat sie am Telefon anstatt eines Nein gesagt.</p><p>Nur gucken und ein bisschen die Luft des Verruchten schnuppern. Die gespielte Naivit�t von Karin Preiss� Antwort hat sie aufgebracht, am�siert und gleichzeitig auf merkw�rdige Weise beruhigt. Vielleicht gibt es einen Weg, der eigenen Neugierde zu folgen, ohne sich dem schmierigen Milieu provinzieller Lustoasen ganz und gar auszuliefern. Vielleicht besteht die M�glichkeit, an einem Samstagabend, an dem sich Bergenstadt den Grenzgangsvorbereitungen hingibt, f�r eine Stunde oder zwei die Leute anzuschauen, die sich an einem solchen Ort treffen. In K�ln hat sie einmal mit Anita eine Party besucht, da kamen aus einem der Zimmer auch eindeutige Ger�usche, und niemand hat sich daran gest�rt.</p><p>Mit dem, was sie als N�chstes sagt, �berrascht Kerstin sich selbst:</p><p>�Die 170 Euro f�r Frau Kolbe w�rden jedenfalls von der Pflegekasse �bernommen, auch schon bei Pflegestufe 1. Steht ja hier: �Wenn Pflegebed�rftige ihre Pflege von Mitarbeitern ambulanter Pflegedienste durchf�hren lassen, erstattet die Pflegekasse die Aufwendungen als Sachleistungen.� Und da st�nden uns 384 Euro zur Verf�gung.�</p><p>�Onkel Hans w�rde sagen: Vergebliche Liebesm�h�. �Immer noch tasten Daniels Finger die Unebenheiten seiner Kinnpartie ab, ansonsten sitzt er reglos im Sessel, breitbeinig wie sein Vater. In Dortmund ist Halbzeit. Mit ratlosen Mienen trotten die Mannschaften Richtung Kabinen.</p><p>�Onkel Hans will blo� nicht einsehen, wie krank seine Mutter ist.�</p><p>�Er ist Arzt. Und als solcher will er das Beste f�r alle.�</p><p>�Doktor Petermann hat gesagt, Stufe I kriegen wir auf jeden Fall, egal was bei diesem CT rauskommt. Wir stellen den Antrag, und die Kasse schickt jemanden vorbei, der sich Oma anguckt. Schlimmstenfalls bleibt alles beim Alten, jedenfalls bis ich n�chstes Jahr unter die Lahnbr�cke ziehe, aber du hast es selbst gesagt: Sie <emphasis>ist </emphasis>pflegebed�rftig. �Sie faltet das Infoblatt zusammen und f�chelt sich Luft zu. Wie �blich reagiert Daniel nicht auf ihre Anspielungen. Der Abend ist immer noch warm und die von drau�en hereinwehende Brise schwanger mit irgendwas, das Kerstin nicht in Worte fassen kann, nur in die Ahnung, dass sich ohne Zypiklon kein Schlaf einstellen wird in dieser Nacht.</p><p>Was h�tte sie Karin Preiss sagen sollen?</p><p>Im Bad geht noch einmal die Klosp�lung, und kurz darauf kommt ihre erheblich bis schwer pflegebed�rftige Mutter durch die Diele geschlurft. Fast die komplette erste Halbzeit hat sie im Bad verbracht. Ist das nur ihre altersbedingte Langsamkeit, oder hat sie wieder heimlich ihre Unterw�sche gewaschen, weil die n�chtliche Inkontinenz so stark geworden ist, dass auch Slipeinlagen nicht mehr helfen? Hat sie sich wieder �bergeben m�ssen? Das passiert in letzter Zeit immer h�ufiger, aber vielleicht hat es damit zu tun, dass ihre Mutter eigenm�chtig im Bad nach Tabletten sucht, wenn ihre Kopfschmerzen zu stark werden. Die zw�lf Aspirin, die Kerstin ihr auf den Nachttisch gelegt hat, waren binnen dreier Tage weg. Mit geschlossenen Augen verfolgt sie das Ger�usch der Schuhe in der Diele und �ffnet sie erst wieder, als das Quietschen in der offenen Wohnzimmert�r verstummt. Sie ist nicht mal sicher, ob ihre Mutter nicht heimlich ihre Corega-Tabs kaut, jedenfalls geht der Vorrat auch schon wieder zur Neige.</p><p>Wie eine Empfangsdame knipst sie ihr L�cheln an, bevor sie den Kopf wendet.</p><p>Ihre Mutter tr�gt den alten, bis auf die F��e fallenden Bademantel, h�lt ihren Zahnputzbecher in der Hand und spricht mit der vernuschelten Stimme der Gebisslosen:</p><p>�So, dann will ich mal, ja.�</p><p>�Gute Nacht, Mutter. Schlaf gut.�</p><p>�Nacht�, sagt Daniel und hebt eine Hand, dreht sich aber nicht um, sondern folgt G�nther Netzers pantomimischen Spielanalysen.</p><p>Ihre Mutter steht in der T�r.</p><p>�Ja. Und der Daniel will wohl nicht ins Bett?�</p><p>Daniel verzieht keine Miene. Kerstin liest den Satz �Anders verh�lt es sich, wenn beispielsweise Familienmitglieder oder Bekannte die Pflege aus�ben. Sie erhalten ein entsprechendes Pflegegeld.�</p><p>�Hast du noch Wasser in deinem Zimmer?�, fragt sie.�Soll ich dir eine Flasche bringen?�</p><p>�Sind die Fenster alle zu?�</p><p>�Ja. Gute Nacht.�</p><p>�Und der Daniel ��Verzieht jetzt doch eine Miene. Kerstin steht auf und macht einen Schritt Richtung Wohnzimmert�r.</p><p>�Dann will ich mal�, sagt ihre Mutter.�Blo� die Kopfschmerzen immer, ja.�</p><p>�Schlaf gut. Brauchst du eine Aspirin?�Aber ihre Mutter tr�gt kein H�rger�t mehr, und Kerstin sieht ihr nach, wie sie beim �ffnen ihrer Zimmert�r Wasser aus dem Zahnputzbecher versch�ttet und beim Schlie�en noch einmal. Vor zwei Tagen hat sie mit dem Krankenhaus telefoniert, und die haben ihr nach R�cksprache mit der Praxis Petermann einen Termin gegeben f�r das CT und weitere Untersuchungen, von denen Kerstin nicht genau wei�, worum es sich handelt. Ein Verdacht sagt ihr, dass nicht alleine medizinische Gr�nde hinter dem Vorhaben stehen, sondern Doktor Petermann ihr vor allem eine Auszeit von der h�uslichen Pflege verschaffen will. So oder so, am �bern�chsten Wochenende wird sie zum ersten Mal seit Monaten alleine zu Hause sein, und nat�rlich war sie so ungeschickt, das Karin Preiss am Telefon auch gleich mitzuteilen. Passt doch, hat die nur gesagt.</p><p>Da sie schon einmal aufgestanden ist, geht sie weiter ins Bad und ist erleichtert, keine Anzeichen von Unregelm��igkeiten zu finden. Weder liegt Uringeruch in der Luft noch der von Erbrochenem, und soweit sie sich erinnern kann, haben auch keine dunklen Flecken im Taschenbereich darauf hingedeutet, dass ihre Mutter verborgene Fracht im Bademantel transportiert. Beruhigt kann sie ihr Gesicht im Spiegelschr�nkchen �ber dem Waschbecken betrachten und feststellen, dass sie ausgesprochen beunruhigt aussieht.</p><p>�Es ist alles meine Schuld. �Das meint sie nicht w�rtlich, aber fast.</p><p>Es ist <emphasis>seine </emphasis>Schuld. Warum ruft er nicht an?</p><p>Mit einem Seufzer wischt sie ihr Gesicht beiseite durch das �ffnen der Schrankt�r und greift nach der Packung Zypiklon. Dann wird sie das Spielende zwar nur noch durch halb geschlossene Augen mitbekommen, aber sie hat ein unwiderstehliches Bed�rfnis, ihr hyperaktives Gehirn einfach auszuknipsen. Erst jetzt, hinter der verschlossenen Badezimmert�r, durch eine Wand und die Diele von ihrem Sohn getrennt, wendet sie sich dem eigentlichen Grund ihres inneren Aufruhrs zu, der n�mlich nicht in Karin Preiss� Anruf und nur teilweise in der Sorge um ihre Mutter liegt, sondern: Diesmal hat sie ihn gesehen. Am Wochenende ist sie nach dem Abend bei Karin Preiss mit der Sonne aufgewacht, und gar nicht lange darauf hat sie am Wohnzimmerfenster gestanden und hinausgeblickt auf die morgenstille Stra�e. Und da war er. Kam den Kornacker herab, und statt ihm immer weiter zu folgen zu sich nach Hause, blieb er kurz stehen an der Kreuzung und bog nach links ab in den Rehsteig. Er hielt etwas in der Hand, was sie im N�herkommen � geduckt hinter ihre Fensterbank � als Blumen erkannte. Wechselte auf ihre Stra�enseite. Sie stand im Wohnzimmer und h�rte ihr Herz schlagen wie das Klopfen des Schicksals an ihrer T�r. Er verschwand aus ihrem Blickfeld, aber sie sah ihn trotzdem. Hockte vor dem Fenster und z�hlte die Sekunden, und sie hatte noch nicht bis zwanzig gez�hlt, da kam er in entgegengesetzter Richtung und mit leeren H�nden zur�ck und bog wiederum links ab, den Kornacker hinab.</p><p>Nie hat der Rehsteig stiller, sonniger und sch�ner ausgesehen als an diesem Morgen.</p><p>F�nf oder zehn Minuten ist sie am Fenster stehen geblieben, ohne sich zu r�hren, ohne etwas zu denken, und hat erst gar nicht verstanden, dass der Name f�r das Gef�hl in ihrer Brust �Gl�ck� lautet.</p><p>Auf ihrer Fu�matte lagen zehn Veilchen.</p><p>Eins, zwei, drei Tage ist das jetzt her.</p><p>Sie nimmt eine Tablette aus der Packung, legt sie sich auf die Zunge und trinkt einen Schluck Wasser aus der hohlen Hand. Ihr Gesicht kommt ihr eingefallen vor, vielleicht hat sie abgenommen. Was soll sie jetzt tun?</p><p>Demn�chst steht der Elternsprechtag an, und am Nachmittag hat sie ihren Kleiderschrank inspiziert und festgestellt, dass ein vor Jahren gekauftes Kleid nur ein wenig am Saum gek�rzt werden muss, um wieder tragbar zu werden. Hat vor dem Spiegel gestanden und den neuen Verlauf mit Nadeln abgesteckt und sich ausgerechnet, wann sie das Kleid bei der Schneiderei Yilmaz abgeben muss, damit es rechtzeitig fertig wird.</p><p>Aber warum hat er nichts gesagt? Er <emphasis>hat </emphasis>ja angerufen, gleich am Sonntagabend. Ihre Mutter lag bereits im Bett, und sie sa� in der Diele, direkt neben dem duftenden Veilchenstrau�, und interessierte sich nicht die Bohne f�r sein Gespr�ch mit Lars Benner, dem er wegen dieser Bemerkung im Artikel �ber das neue Biologiezentrum die Leviten gelesen habe. Interessierte sich nicht daf�r, wusste auch nicht, welche Bemerkung gemeint war, atmete nur Veilchenduft und h�rte seiner Stimme zu. Jedenfalls gehe er nun davon aus, dass der <emphasis>Bote </emphasis>keine Schulinterna zu drucken beabsichtige. Der alte Ludwig Benner habe das auf Nachfrage ganz �hnlich gesehen.</p><p><emphasis>Ja, doch. Ja, doch.</emphasis></p><p>��Das wollte ich Ihnen nur sagen.</p><p>��Ich bin Ihnen sehr dankbar. � <emphasis>f�r die Veilchen.</emphasis></p><p>��Geht�s Daniel besser?</p><p>��Schwer zu sagen. Ein bisschen, ja. � <emphasis>und mir �brigens auch.</emphasis></p><p>Seine Stimme hat diesen ehrlich besorgten und trotzdem ruhigen Klang, so als w�rde er Schlimmes erwarten, aber nicht f�rchten, und zum ersten Mal kommen ihr seine Nachfragen nicht wie Einmischungen vor. Auch Pausen im Gespr�ch scheinen ihn nicht zu irritieren, er wechselt kurz das Thema, um eine Bemerkung �ber die vielen Deutschlandfahnen zu machen, die man seit WM-Beginn �berall an Autoantennen und Balkongel�ndern sieht, und will dann wissen, ob es schwierig f�r sie ist, zum Elternsprechtag zu kommen, wegen ihrer Mutter.</p><p>Die Blumen, denkt sie. Die Blumen!</p><p>��Sie k�nnten mich sonst kurz auf dem Handy anrufen, dann sag ich Ihnen, wie gro� der Andrang ist.</p><p>��Meine Mutter kann ein paar Stunden alleine bleiben, das geht schon. Das muss gehen. <emphasis>Wir k�nnten uns doch mal auf ein Glas Wein treffen.</emphasis></p><p>Seine Geduld ist m�rderisch! Wei� er gar nicht, dass jeder Gedanke, den sie seit dem Morgen denkt, einem aus dem Nest gefallenen K�ken �hnelt: schutzlos einer Umwelt ausgeliefert, die ihm nach dem Leben trachtet. Bergenstadt ist kein Ort f�r Romanzen. Und sowieso: keine Luftschl�sser auf dem Boden der Tatsachen! Den ganzen Tag hat sie sich das wieder und wieder gesagt: Daniel werden die Haare zu Berge stehen, und ihrer Mutter einen fremden Mann vorzustellen, der neben ihr am Fr�hst�ckstisch Platz nimmt, kommt �berhaupt nicht in Frage. Alles, die ganze Sache, ist g�nzlich ausgeschlossen, darin liegt ihre Poesie und ihr Reiz. Das Problem indessen liegt in ihrer eigenen Sehnsucht, denn die wird gr��er mit jedem Tag.</p><p>��Dann sehen wir uns also am Elternsprechtag. Oh, er versteht es, seine Pausen so zu setzen, dass m�gliche Alternativen in die Zwischenr�ume einsickern k�nnen und man beim Auflegen wei�, was einem gerade entgangen ist. Morgens legt er ihr Blumen vor die T�r, und am Abend ruft er sie an � und sagt kein Wort! Ein leichtes Vorgef�hl von M�digkeit macht sich in Kerstin breit, als sie sich die Schl�fen mit kaltem Wasser benetzt und dann zur�ck ins Wohnzimmer geht. Im Lauf des Tages hat sie beschlossen: Wenn Weidmann bis zum �bern�chsten Samstag nicht anruft und sie einl�dt zum Essen oder Spazierengehen, dann wird sie mit Karin Preiss in diesen Club fahren. Wenn doch, sagt sie ihr ab. Mit anderen Worten: Es ist seine Entscheidung. Sie wird ihn nicht anrufen.</p><p>J�rgen Klinsmann sieht auch ziemlich mitgenommen aus.</p><p>�Immer noch null, null?�</p><p>�Es ist an Dramatik nicht zu �berbieten. �So lahm sagt er das wie einen auswendig gelernten Satz.</p><p>�Nur Daniel Bamberger bleibt gelassen.�</p><p>�Einer muss ja Ruhe bewahren.�</p><p>�Wenn es null, null bleibt, fliegen wir dann raus?�</p><p>�Sag nicht immer �wir�! Das sind irgendwelche Fu�ballprofis, untergebildet und �berbezahlt, das sind nicht wir.�</p><p>�Wie war�s bei den Rheinstra�en-Burschen am Wochenende?�Vielleicht gibt es doch eine M�glichkeit, ihren Sohn dazu zu bringen, einmal mehr als zwei S�tze am St�ck mit ihr zu reden.</p><p>�Gut. Wie immer.�</p><p>Sie l�sst sich aufs Sofa fallen und ist zu faul, die Hand nach der Schale mit den Erdn�ssen auszustrecken. Vor dem polnischen Tor dr�ngen sich jene �berbezahlten Fu�ballprofis, die ihr Sohn sich weigert in sein Verst�ndnis von �Wir� zu integrieren. Wobei unklar bleibt, ob er �berhaupt ein Verst�ndnis von �Wir� hat. Der Ball fliegt herein, alle springen hoch, der Ball �ndert seine Richtung, nimmt Kurs aufs Tor und wird gehalten.</p><p>�Und willst du mir nicht endlich erz�hlen, wie dein Besuch bei Endlers war?�Seit dem Gespr�ch mit Thomas Weidmann hat sie kaum noch an den Vorfall in der Schule gedacht, weil ihre Gedanken jedes Mal h�ngen bleiben bei ebendiesem Gespr�ch, den Veilchen und der Frage, was sie zu bedeuten haben.</p><p>Daniels Blick l�sst keine Reaktion erkennen, aber er scheint auf einmal etwas weiter weg zu sitzen in seinem Sessel. Das Wohnzimmer wirkt gr��er. Formationen von Zypiklon-Molek�len ziehen in ihr Gehirn ein, und sie muss ank�mpfen gegen die M�digkeit und die Schwere ihrer Augenlider. Es kann nicht sein, dass ihre eigenen Sorgen sie derart abhalten von der Erf�llung ihrer erzieherischen Pflichten!</p><p>�Also?�</p><p>�Hast du was getrunken im Bad?�, fragt er.�Du sprichst so komisch.�</p><p>�Lenk nicht ab und sei nicht so frech. Du schuldest mir eine Erkl�rung.�</p><p>�Ich war bei Endlers und hab mich entschuldigt. Ende.�</p><p>�Ende. Du glaubst, so einfach ist das?�Sie blinzelt in Richtung ihres Sohnes, dessen Augen suchend erst �ber den Wohnzimmertisch gleiten, dann zum Bord mit dem Fernseher. Wird er auch einmal so ein � Was ist das Wort? So einer, in den man sich als junge Frau voller Idealismus verliebt und ihm dann treu bleibt, ohne zu merken, dass man mit dieser Treue zusehends alleine dasteht. Bis man schlie�lich keine junge Frau mehr ist oder zumindest nicht mehr die j�ngste im Ort. Wird Daniel einmal so einer werden? Und steht es noch in ihrer Macht, das zu verhindern? So naiv es klingt, aber sie hat immer geglaubt, dass ein Kind, das unter den Strahlen ihrer Liebe aufw�chst, nicht missraten kann. Dass ihr Sohn zwar Pech haben, ungl�cklich werden, verzweifeln oder sogar jung sterben, aber nicht zu einem unaufrichtigen Menschen werden kann.</p><p>Daniels Blick begegnet ihr, unger�hrt und fern. Als m�sste er schon einmal �ben f�r all die Frauen, die er k�nftig ungl�cklich machen wird. Ist sie genau genommen nicht bereits sein erstes Opfer?</p><p>�Killer, alle miteinander. �Ihre Zunge f�hlt sich seltsam schwer an.</p><p>�Geh ins Bett, Mama.�</p><p>Sie und Heerscharen anderer Frauen, verschwenden sie nicht mehr Lebensenergie, an das M�rchen von der heilenden Kraft ihrer Liebe zu glauben, als das Einsehen der Wahrheit je kosten w�rde? Zum Teufel damit! Zum Teufel mit Weidmann und seiner Geduld, sie wird mit Karin Preiss in diesen Club fahren und sich dem erstbesten Mann hingeben, der die Hand nach ihr ausstreckt.</p><p>Kraftlos kippen ihre Knie zur Seite. Vielleicht tr�umt sie schon. Sie nimmt sich vor, Weidmann zu fragen, wie er dar�ber denkt. Der macht keinen gef�hrlichen Eindruck, sondern geh�rt zu der Kategorie von M�nnern, die sie immer am attraktivsten gefunden hat (Ehepartner, wei� auch die <emphasis>Brigitte</emphasis>, sind da nicht unbedingt repr�sentativ): solide, geerdet, die Kanten abgeschliffen und irgendwo im Mundwinkel die Andeutung eines geheimen zweiten Gesichts. Ein Blumenbringer.</p><p>Daniel zieht sie am Arm.</p><p>�Auf, ich helf dir.�</p><p>Sie kann sich nicht erinnern, dass eine einzige Schlaftablette sie jemals mit einer solchen Wucht niedergestreckt hat, aber genau genommen kann sie sich an gar nichts erinnern in diesem Moment. Immer wieder sackt ihr Bewusstsein hinter die Bewusstseinsgrenze zur�ck, und sie f�hlt die Sitzfl�che des Sofas wie einen warmen Sog unter sich.</p><p>Daniel zieht erneut.</p><p>�Ich komm schon�, murmelt sie.�Jetzt, wo ich wehrlos am Boden liege, hat sogar mein Sohn Erbarmen mit mir.�</p><p>�Komm jetzt.�</p><p>�Tr�del nicht so, hast du fr�her immer gesagt. Warum tr�delst du immer so. �Mit seiner Hilfe schafft sie es aufzustehen. F�r ein paar Sekunden lichtet sich der schwarze Vorhang vor ihren Augen. Sie legt ihm einen Arm um die Schultern und freut sich, dass er gr��er ist als sie, fast einen ganzen Kopf. Wer braucht schon kleine M�nner? Seine Hand legt sich um ihre Taille, und als sie die Augen wieder �ffnet, begegnet ihr ein m�rrisch besorgter Blick:�Du hast meine Augen, mein Sohn, aber nicht meinen freundlichen Blick. �Sie muss sich drehen, um ihm nicht ins Gesicht zu atmen.�L�chel mal.�</p><p>Er fletscht die Z�hne, und sie schlie�t die Augen und denkt: Sechzehn. M�nner ihres Alters sind in der Lage, Frauen seines Alters � also M�dchen � zu begehren, handfest und wirklich zu begehren. Was f�r eine merkw�rdige Welt ist das? Sie setzt einen Fu� vor den anderen und schauspielert jetzt ein wenig, aber erstens ist das ihr gutes Recht und zweitens die einzige M�glichkeit, nicht dem Drang nachzugeben, sich augenblicklich auf dem Teppichboden zusammenzurollen wie eine fette Katze.</p><p>Er bleibt stehen, wendet den Kopf und sagt:</p><p>�Tor.�</p><p>�Wer hat�s geschossen?�</p><p>�Neuville.�</p><p>Auf dem Bildschirm t�rmen sich Spieler in wei�en Trikots auf dem Boden, dann schlie�t sie die Augen erneut und l�sst sich durch die Diele eskortieren. Daniel will sie vor der Badezimmert�r abstellen, aber sie sch�ttelt den Kopf.</p><p>�Wei�t du eigentlich, ob�s ein Junge oder M�dchen wird? Da am Haink�ppel.�</p><p>�Nein. Interessiert mich auch nicht.�</p><p>�Wirklich nicht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Was interessiert dich denn? M�dchen? Hast du eine Freundin? Sag!�</p><p>Sein Atem erinnert sie daran, wie sein Gesicht aussieht. Als Vierzehn-, F�nfzehnj�hrige hat sie panische Angst vor Mundgeruch gehabt, eigenem und fremdem, hat sich f�nf Mal am Tag die Z�hne geputzt und Mundwasser genommen und �</p><p>�Ich hatte mit sechzehn meinen ersten Freund. Oder sogar schon mit f�nfzehn?�</p><p>�Leg dich hin jetzt.�</p><p>�Deine Mutter war n�mlich gar nicht so unpopul�r, wusstest du das? Ich meine, im Vergleich zu jetzt.�</p><p>Sie stehen bereits vor dem Bett. Um ihn zu �rgern, l�sst sie sich nach vorne kippen, mitten in den Schlaf hinein, und um den Rest k�mmert sie sich nicht mehr. Langsam beschreibt ihr K�rper eine Drehung, dann kappt die Bettkante ihr die Spannung der Beine, sie dreht sich noch einmal, und Daniel l�sst los mit einem genervten Schnauben. Sie f�llt sehr lange. Eines Tages wird sie Thomas Weidmann in die Arme fallen, das erscheint ihr vollkommen gewiss. Und es f�hlt sich wunderbar an, jetzt schon, sie f�llt mitten durch die Wirklichkeit hindurch, Autos fahren vorbei, ein endloser Strom. Dann liegt sie hinten auf der R�ckbank, und die Wolken am Himmel sehen aus wie aufgeblasene Rettungsboote. Ihre Eltern unterhalten sich leise. Da wird Sand sein, wo sie ankommen, feink�rnig und hell. Und Licht auf Wellenk�mmen. Wasser pl�tschert gegen die Bootswand.</p><p>Nicht zu glauben, denkt sie. Ich bin verliebt.</p><p>Dann geht die Sonne unter.</p></section><section><title><p><strong>9</strong></p></title><p>Er nahm das Taschenmesser, griff nach seinem Stock und machte oben die Rinde ab. �berall spielte Musik. Der ganze Fr�hst�cksplatz war voller Kapellen, aber eigentlich gingen ihm diese Tubas inzwischen tierisch auf die Nerven. Dicke M�nner bliesen die Backen auf, als ob sie furzen m�ssten, und so �hnlich klang�s dann ja auch. Er sa� wieder am Rand auf der B�schung, blo� dass heute niemand angeschlichen kam und ihn erschreckte. Die Sonne schien, und alle lachten und dirigierten in der Luft, wenn eine Kapelle vorbeimarschierte, aber er war nur zur Rheinstra�e gegangen, um sich ein Abzeichen zu holen. Da stand sein Vater auf dem Fass so wie gestern und vorgestern und schrie Hoch! Hoch! Hoch! aber in Wahrheit guckte er geradeaus zum Wald und achtete gar nicht darauf, wer bei ihm unter die Fahne kam.</p><p>Nur ein Abzeichen, damit hatte er sich eine Cola geholt und das Abzeichen dann gleich wieder in die Hosentasche gesteckt. Am liebsten w�rde er sich auf ein Fass stellen und �ber den ganzen Platz Schei�e! Schei�e! Schei�e! br�llen. Es war alles anders gekommen, der ganze Grenzgang. Am Morgen auf dem Marktplatz hatte Linda bei ihrer Mutter gestanden, sich nach ihm umgeguckt und ihm sogar gewinkt mit der Walfisch-Plakette in der Hand. Aber gestern war gestern, und heute wollte er nicht gefragt werden, wo seine Mutter war und warum seinem Vater dieses riesige Pflaster auf der Stirn klebte. W�ren sie alleine gewesen, h�tte er hingehen k�nnen, aber auf dem Marktplatz nicht, und jetzt stand sie da mit Carla und z�hlte ihre Abzeichen und guckte nicht mal mehr.</p><p>Er schnitzte an dem Stock rum.</p><p>War es seine Schuld? Er war immer noch verknallt, aber sie h�tte ja sp�ter noch einmal winken k�nnen oder fragen, ob sie sich bei den Rheinstra�en-Burschen einen Wal holen sollten. Stattdessen war sie verschwunden in der Menge. Am Abend hatte er an ihren Kaugummigeruch gedacht, aber beim Aufwachen nicht mehr. Da war er runter ins Wohnzimmer gegangen, um sich die Blutspritzer anzusehen. Auf dem Teppich unter dem Tisch. Ziemlich viel Blut. Bettzeug und ein Haufen Taschent�cher lagen auf der Couch, aber seinen Vater hatte er erst gesehen, als die Rheinstra�e auf dem Marktplatz einmarschiert war.</p><p>Seine Mutter war gar nicht erst aufgestanden.</p><p>�Ich w�rde ja mal was essen. �Nobs stand ein paar Meter weg und kaute seine Wurst. Sie hatten den ganzen Morgen nicht geredet. Er war vorne gegangen, neben dem Zug und allein, weil Onkel Hans ihm auf den Geist ging mit seinem Gerede. Dass er sich keine Sorgen machen soll. Dass auch Erwachsene sich manchmal wie Kinder benehmen. Nobs h�tte ihm vielleicht sagen k�nnen, was das zu bedeuten hatte, aber der guckte so, als interessierte ihn �berhaupt nicht, was mit einem ist, der sich mit M�dchen abgibt.</p><p>�Hab keinen Hunger.�</p><p>�Gut. Kriegste halt Kr�mpfe. Soll mir auch recht sein.�</p><p>�Kr�mpfe, klar.�</p><p>�Im Bein, stell dir vor.�</p><p>Seid ihr beide jetzt total verr�ckt geworden? K�nnt ihr nicht reden wie normale Menschen? Onkel Hans war ziemlich laut geworden letzte Nacht, w�hrend er seinen Vater verarztete und seine Mutter daneben sa� und gar nichts sagte. In die Decke gewickelt wie nach einem Unfall.</p><p>Dann h�rte er die Wettl�ufer: Erst war es nur einer, dann zwei und dann wieder nur einer, weil sie begannen sich abzuwechseln. Er wischte die Messerklinge an seinem Hosenbein ab und trank die Cola aus. Das Signal zum Abmarsch. Irgendwo trommelte einer den Takt der Peitschen mit, und Leute klatschten. Das war der letzte Fr�hst�cksplatz. Beim n�chsten Mal w�rde er sechzehn sein und Mitglied der Burschenschaft. Und Nobs sagte:</p><p>�Also, ich geh mir jetzt noch so ne verdammte Wurst holen, und wenn ich du w�re, w�rd ich mitkommen und mir auch eine holen.�</p><p>�Du kriegst Kr�mpfe, stell dir vor, aber im Bauch.�</p><p>�Wenn du daliegst und nicht mehr weiterkannst, kannste ja deine Linda fragen, ob sie dich zur�cktr�gt nach Bergenstadt. �Er sagte �deine Linda�, aber nicht �deine Schei�-Linda�, was er gesagt h�tte, wenn er so richtig b�se w�re.</p><p>�Glaubst du vielleicht, ich warte auf dich, wenn du D�nnpfiff bekommst.�</p><p>Daraufhin streckte Nobs ihm den Hintern raus und machte ein Ger�usch mit der Zunge wie beim Kacken und sagte:</p><p>�Den kriegt man nur von Hackbraten.�</p><p>Dann lachten sie beide. Er steckte sein Messer ein und lief hinter Nobs her zum W�rstchenstand. Die wollten gerade Feierabend machen, aber er bekam eine Wurst im Br�tchen und strich Senf drauf, bevor sie nach vorne liefen, wo der Zug sich zu formieren begann. Da, wo die Wettl�ufer peitschten, bildete sich ein Kreis, und als sie aufh�rten, machten ein paar die Welle mit den Armen. Fahnen wurden eingerollt. Jede Gesellschaft hatte einen Vorschreier, und die br�llten den Namen der Gesellschaft, und alle antworteten Hoch! Hoch! Hoch! oder Hoi! Hoi! Hoi! Manche so und manche so.</p><p>Seinen Vater sah er auch, da wo sich die Rheinstra�e formierte und der dicke Schulleiter vom Gymnasium seine Uniform richtete. Nach den Sommerferien musste er dahin gehen, �ber die Br�cke bei der Berufsschule. F�nfte Klasse. Das bedeutete, dass man kein Kleiner mehr war, aber es bedeutete auch, dass man nichts davon hatte, denn man war kein Kleiner mehr an der Grundschule, aber da w�rde er ja auch nicht mehr hingehen, und wo er stattdessen hinging, gab�s Sch�ler, die Auto fuhren. Es war alles viel schwieriger, als er gedacht hatte, und darum war er froh, dass wenigstens Nobs nicht mehr so weit weg stand und auch nicht mehr so guckte �ber den Platz. Er lachte immer noch. Aufs Gymnasium w�rde Nobs aber nicht gehen nach den Ferien, weil es in Mathe nicht klappte und er sowieso Schreiner werden wollte. Eigentlich waren sie jetzt schon keine Klassenkameraden mehr, nur noch Freunde.</p><p>�Wir m�ssen vorne dabei sein�, sagte Nobs,�sonst kriegen wir nachher bei der Abschlussversammlung keinen guten Platz.�</p><p>�Wir d�rfen sowieso nicht bei den Gesellschaften stehen.�</p><p>�Ich steh, wo ich will. Die k�nnen mich mal.�</p><p>�Kannst es ja versuchen.�</p><p>�Stell dir vor, kann ich auch.�</p><p>�Was ist, wenn sie sich schlagen? Ist es dann bald vorbei?�</p><p>Nobs wusste immer sofort, wenn er davon sprach.</p><p>�Schlagen ist nat�rlich schlecht. Dann sagt deine Mutter: Ich lass mir doch nicht alles gefallen, du Dreckskerl, und dann ist es bald vorbei. Dann m�ssen sie zum Richter.�</p><p>�Und umgekehrt? Wenn meine Mutter schl�gt?�</p><p>Aber das wusste Nobs auch nicht, er machte nur gro�e Augen und sagte:</p><p>�Wow.�</p><p>Halt den Mund, Hans, hatte sie gesagt. So leise, dass er�s kaum verstehen konnte oben hinter dem Treppengel�nder.</p><p>Manche Leute umarmten sich, bevor sie sich einreihten in den Zug. Er hatte den Stock in der Hand, und der f�hlte sich k�hl und feucht an, wo die Rinde ab war. Wie immer nach dem Fr�hst�cksplatz mussten die Besoffenen im Wald verschwinden, um zu pinkeln oder zu kotzen. Eigentlich war das jetzt schon der R�ckweg, und es dauerte nicht mehr lange, bis alles vorbei sein w�rde. Und immer noch hatte er Linda nicht gefunden und ihr gesagt � irgendwas eben. So dass sie wusste, dass er noch verknallt war. Obwohl sie sich das auch selbst denken konnte, warum sollte er gestern verknallt sein und heute pl�tzlich nicht mehr? Aber andererseits: Dass <emphasis>sie </emphasis>noch verknallt war, darauf w�rde er auch nicht sein ganzes Taschengeld wetten. �ber eine Stunde hatte er am Fr�hst�cksplatz am Rand gesessen, und sie war nicht vorbeigekommen, sondern mit Carla �ber den Fr�hst�cksplatz gelaufen, um Abzeichen zu sammeln und sich in die Luft werfen zu lassen. Aber genau genommen war er selbst auch nicht mehr so verknallt wie gestern, sondern etwas weniger.</p><p>Nobs zog ihn am Arm und sagte:</p><p>�Weiberalarm.�</p><p>Sie kamen zu zweit, Linda und Carla, und �berholten alle Leute im Zug, bis sie fast genau hinter ihnen waren. Er wusste gar nicht, bei welcher Gesellschaft sie gerade mitgingen, das hatte sich kurz nach dem Fr�hst�cksplatz gleich wieder vermischt.</p><p>�Ich geh weiter nach vorne�, sagte Nobs,�sonst sehen wir nichts nachher.�</p><p>�Wir sind doch gerade erst losgelaufen.�</p><p>�Hat dir schon mal einer gesagt, dass die Strecke am dritten Tag die k�rzeste ist?�Nobs sch�ttelte den Kopf und ging schneller, an zwei M�nnern vorbei, und erst wollte er auch einen Schritt schneller gehen, aber dann tat er�s doch nicht. Und schon war Nobs weg. Er �berlegte, das Messer aus der Tasche zu nehmen und weiter am Stock zu schnitzen, aber sein Vater hatte ihm verboten, es im Gehen zu benutzen. Erst stagnieren, dann Messer aufklappen, aber nicht jetzt, sonst lief der ganze Zug ihm weg.</p><p>�Ach, schau mal�, sagte Linda hinter ihm,�da haben wir ja einen, der war heute unter gar keiner Fahne.�</p><p>�Deshalb hat er wahrscheinlich auch kein Abzeichen�, sagte Carla. Die kannte er kaum, die ging mit Linda zum Ballett oder so.</p><p>Jetzt gingen die zwei hinter ihm, und er ging vorne alleine, guckte sich den Stock an und �berlegte schon mal, wo er noch �berall die Rinde abmachen sollte.</p><p>��brigens ist das mein Cousin Jan aus Hamburg.�</p><p>�Spricht der auch so komisch wie die aus Hamburg?�</p><p>�Nein, der spricht eigentlich gar nicht.�</p><p>�Sag doch mal was, Jan.�</p><p>�Ja, sag doch mal was, Jan.�</p><p>Er ging weiter und biss die Z�hne zusammen und drehte sich nicht um. Ging nur an den zwei M�nnern vorbei, aber er h�rte hinter sich ein� T�t-t��t �und wusste, dass Linda und Carla auch �berholt hatten. Und er wusste, dass Linda nicht mehr verknallt war, sonst h�tte sie ihr Geheimnis nicht verraten.</p><p>�Vielleicht kann er nicht sprechen.�</p><p>�Doch, er ist blo� sch�chtern. Alle Krabben-Schubser sind so. �Dann fl�sterten sie und kicherten, weil Carla nicht wusste, was ein Krabben-Schubser ist und Linda es ihr erkl�ren musste. Ihr Onkel sagte das immer. Gestern hatte sie es in sein Ohr gefl�stert.</p><p>Er ging schneller, aber es half nicht. Die Hand in seiner Hosentasche hielt das Taschenmesser umklammert und die andere den Stock. Als es bergab ging, sah er weit unter sich Nobs im Zug laufen, und durch die B�ume schimmerten schon die Lahnwiesen. Das war das allerletzte St�ck, danach war der Grenzgang vorbei, jedenfalls f�r ihn. Onkel Hans fuhr am Abend zur�ck nach Hause, und seine Mutter w�rde bestimmt nicht mit zum Festplatz kommen. Er hatte dieses Schei�gef�hl im Hals und in den Augen und presste die Lippen noch fester aufeinander. Jetzt stiegen sie alle da runter in die Wiesen, und dann war Schluss. Seine Eltern w�rden zum Richter gehen und anschlie�end in getrennten H�usern wohnen.</p><p>�Jan, wenn du M�nnergesellschaft Heringssalat sagst, kriegst du ein Abzeichen von mir�, sagte Carla, und die beiden lachten.</p><p>�Oder Burschenschaft Krabbengem�se. �Und noch mehr Lachen.</p><p>�Oder M�dchenschaft Hackbraten-D�nnpfiff�, sagte er �ber die Schulter, an dem Klo� in seiner Kehle vorbei, aber da h�rten die beiden auf zu lachen und machten� Igitt�, und er ging alleine weiter. Es war sowieso alles ein gro�er Betrug. Er sp�rte die Tr�nen aus seinen Augen laufen, aber er heulte nicht. Wischte sich mit dem �rmel �bers Gesicht. Der Zug senkte sich einen Hang hinab, und die ersten Reiter kamen bereits von Bergenstadt die Lahnwiesen herauf. Sogar das Schloss konnte er sehen. Er war also alle drei Tage mitgelaufen, und daf�r w�rde ihm sein Vater die Peitsche geben m�ssen, aber das war ihm jetzt auch egal. Er hatte sich auf das Fest gefreut, und es war nichts draus geworden. Und sieben Jahre, das klang wie ein Witz f�r Erwachsene. Er nahm den Stock und k�pfte ein paar Gr�ser am Wegrand. Die Zugspitze erreichte unten das Feld. Vielleicht w�rde Nobs ihm einen Platz frei halten. Und wenn nicht � es gab sowieso nicht viel zu sehen, nur Pferde und Fahnen, und irgendwer sagte was, was niemand h�ren wollte.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>In Gladenbach ist Karin Preiss Richtung Marburg abgebogen. Bis zur Kreuzung am Baggersee von Niederweimar und dann weiter �ber die Schnellstra�e, die kurz vor Gie�en zur Autobahn wird. Man merkt es nur an den blauen Schildern. Die schnellste Strecke ist das nicht, aber Kerstin hat nichts gesagt, sondern auf ihr Sodbrennen geachtet und die D�rfer entlang der Strecke, die alle gleich langweilig aussehen: Kneipen, Metzgereien, B�ckereien, in der Mitte eine Kirche, manchmal eine Quelle-Filiale, manchmal <emphasis>Mode f�r Sie &amp; Ihn</emphasis>. Ihr liegt sowieso nicht daran, schnell anzukommen. Eine bedr�ckende, an die Langeweile ihrer Jugend erinnernde Samstagabendnormalit�t h�ngt �ber diesen D�rfern und den verwaisten Sportpl�tzen dazwischen. Dicke Menschen unterhalten sich �ber Gartenz�une hinweg. Autos stehen wie gewienerte Pokale in Hofeinfahrten. Wenn ich die Wahl h�tte zwischen dem Kummer und dem Nichts �, hat sie unl�ngst bei Faulkner gelesen, aber das kommt Kerstin in diesem Augenblick wie eine Alternative vor, die es nur in Romanen gibt. In Wirklichkeit hat man sich zu entscheiden zwischen zwei Arten von Kummer, und das Nichts, lernt man fr�h genug, ist blo� der Unterschied zwischen beiden.</p><p>Mit anderen Worten: Sie ist nicht in der Stimmung f�r Gruppensex.</p><p>Im Westen h�ngt ein Rest Sonnenuntergang �ber dem flacher werdenden Horizont, ansonsten ist der Himmel dunkel, und die Stra�enr�nder zeigen Spuren eines leichten Sommerregens. Zu ihrem Bedauern hat Frau Preiss schon kurz hinter Bergenstadt anhalten und das Dach schlie�en m�ssen, aber jetzt verk�ndet der Diskjockey von HR 3,�dass uns morgen wieder ein Eins-A-Sommertag erwartet, Freunde, von Kassel bis zur Bergstra�e�. Karin Preiss tr�gt eine Brille und sitzt so aufrecht hinter dem Steuer, dass ihr R�cken kaum die Sitzlehne ber�hrt. Trotzdem fehlt nicht viel, und der Tachometer h�tte ihr die Sicht auf die Stra�e versperrt. Jedes Mal, wenn Kerstin ihr aus den Augenwinkeln einen Blick zuwirft, stellt sie sich dieselbe Frage: Was bringt eine verheiratete Frau und Mutter einer sechzehnj�hrigen Tochter dazu, sich in einem Kaff namens Nieder-Enkbach den l�sternen Blicken wildfremder Provinzler aussetzen zu wollen? Mit entschlossen abenteuerlustiger Miene und einer Umsicht, wie sie fr�her der Planung von Lindas Kindergeburtstagen gegolten hat. Zwei Sortimente Damenunterbekleidung liegen auf der R�ckbank, Kerstin h�lt einen Internetausdruck mit der Wegbeschreibung in der Hand, und hinter dem Beifahrersitz lagern ein halbes Dutzend Piccolo-Sektfl�schchen in einer K�hlbox, aus der es in scharfen Kurven leise klirrt.</p><p>�Die Kunden, habe ich mir sagen lassen, kommen gr��tenteils aus Frankfurt und Wiesbaden. Ist ja nicht weit �ber die Autobahn. Bei den Einheimischen ist der Club kaum bekannt. �Das war Karins letzte �u�erung vor der Schnellstra�e, auf die Kerstin aber nur in Gedanken geantwortet hat: Es sei denn, einer liest mal aus Versehen den Anzeigenteil seiner Lokalzeitung.</p><p>Langeweile alleine reicht als Antwort nicht aus. Frustration, Vernachl�ssigung, Einsamkeit oder die ber�hmte Torschlusspanik � nichts davon scheint auf Karin Preiss zuzutreffen, also bleibt nur Banalit�t: Wir tun es, weil wir es k�nnen. Wir suchen nach Gr�nden, es nicht zu tun, finden keine und tun es also. Oder finden welche, aber tun es trotzdem. M�glichkeiten sind Einladungen, die sich nicht ausschlagen lassen. Kerstin wirft einen Blick auf den von nerv�sen H�nden bis zum Zerfallen auf- und zugefalteten Ausdruck in ihrem Scho� und sagt:</p><p>�Die n�chste Abfahrt.�</p><p>Die Autobahn f�hrt zwischen Schallschutzw�nden durch den Gie�ener Stadtbereich. Ein Schild k�ndigt die <emphasis>US Facilities </emphasis>an. Thomas Weidmann hat nicht mehr angerufen, und sie f�hlt sich vom Warten so ausgelaugt, dass sie bis vor kurzem geglaubt hat, zu allem bereit zu sein.</p><p>�Alles klar. �Obwohl sie nicht �berholt und die Stra�e nicht ansteigt, schaltet Frau Preiss einen Gang zur�ck und dr�ckt aufs Gas. Sie f�hrt barfu�. Die Schuhe mit den hohen Abs�tzen hat sie unter ihren Sitz geschoben, ihr tief ausgeschnittenes Kleid endet knapp unterhalb der Knie. Gewagt geschnitten und brav gemustert, so dass man nicht wei�, ob es verf�hrerisch oder bieder aussieht. Ein ganzes Sammelsurium von D�ften � Haarspray, Creme, Parf�m, Deodorant � weht Kerstin vom Fahrersitz entgegen. Sie selbst hat zum ersten Mal Anitas Parf�m aufgelegt, mit einem derben Fluch auf den Lippen und dem Gef�hl, ein stark �bertriebenes Kompliment entgegenzunehmen, so stark, dass es an Beleidigung grenzt.</p><p>Jetzt riecht sie also wie die Frau, die sie gerne w�re, und denkt: Fick dich, Anita.</p><p>Eine HR-3-H�rerin mit Piepsstimme w�nscht sich Elvis Presley,�f�r meinen Schatz, der noch im B�ro sitzt und den ich ganz doll lieb habe�, und Kerstin fragt sich, warum sie ihm das nicht sagt, wenn er nach Hause kommt.</p><p>Als sie das n�chste Mal nach Westen schaut, ist vom Sonnenuntergang nichts mehr geblieben. Noch ein paar Kurven, dann wird die Autobahn sich in die Tiefe der Wetterau senken. Ein dreispuriger Strom aus Lichtern, eine Mischung aus Wochenendeink�ufern, Ausfl�glern und Nachtschw�rmern und zwischendrin ein Bergenst�dter Damenduo, das seit mehreren Minuten aus verschiedenen Fenstern in die vorbeitreibende Nacht sieht. Wie immer, wenn ihre innere Anspannung �berhandnimmt, betrachtet Kerstin sich selbst wie durch eine Begleitkamera, als w�re sie auf der Suche nach jener Grimasse, die ihre Nervosit�t in einem befreienden Lachen aufl�sen kann. Aber alles, worauf sie st��t, sind Karin Preiss� Blick und der gereizte Tonfall ihrer Stimme:</p><p>�Was denn?�</p><p>�Ich denke immer noch dar�ber nach, warum � Ich meine, was war noch mal der Grund, weshalb wir in diesen Club gehen sollen?�Es kommt ihr selbst albern vor, die Frage jetzt zu stellen, wo sie ihr Ziel fast erreicht haben, und sie ist Karin dankbar, dass sie ihr St�hnen, so gut es geht, unterdr�ckt.</p><p>�Ich hab dich gefragt, und ich bin froh, dass du mitkommst. Aber ich habe dich nicht gezwungen.�</p><p>�Sollte kein Vorwurf sein.�</p><p>�Wir tun es einfach. Wir fragen nicht warum, denn wir sind niemandem Rechenschaft schuldig. Wir tun zur Abwechslung mal, was nicht von uns erwartet wird. Es ist Ewigkeiten her, dass ich zuletzt etwas <emphasis>einfach so </emphasis>gemacht habe.�</p><p>Einfach so. Kerstin h�tte gerne gewusst, wie man gleichzeitig verheiratet und niemandem Rechenschaft schuldig sein kann, aber es scheint ihr wenig ratsam, ihre Skepsis auch noch mit einer Andeutung moralischer �berlegenheit zu kombinieren � zumal sie eine solche gar nicht empfindet.</p><p>Am Vormittag hat sie ihre Mutter ins Krankenhaus gebracht. Liese Werner, ein schweigsames, verwirrtes Kind, das auf alle Erkl�rungen nur mit einem Nicken antwortete und keine Fragen stellte. Ein junger Doktor hat die Untersuchung geleitet und Kerstin mitgeteilt, dass das CT keine Anzeichen auf innere Blutungen erbracht habe.</p><p>Ihre Mutter leide an einer Demenz, die durch viele kleine Schlaganf�lle, sogenannte Schl�gle, bedingt sei. Die Kopfschmerzen erkl�re das zugegebenerma�en nicht, aber da glaube er an einen Zusammenhang mit der Blasenentz�ndung. Doktor Hentig. Der Name auf dem Schild ist ihr bekannt vorgekommen, aber das Gesicht nicht, er muss neu sein in Bergenstadt. Ein fescher Arzt, wie aus einer Vorabendserie, teuer bebrillt und gut rasiert, mit den autorit�tsschwangeren Gesten seines Berufsstandes: Die H�nde an den Fingerspitzen zusammengelegt, so dass sie sich gefragt hat, ob auch Mediziner Seminare belegen wie <emphasis>K�rpersprache und nonverbaler Ausdruck</emphasis>. Ob es speziell einstudierte Haltungen f�r die �bermittlung bestimmter Nachrichten gibt.</p><p>Das Wei� seines Kittels kam ihr anma�end vor.</p><p>Wir werden sie erst einmal dabehalten zur Fl�ssigkeitsbilanzierung, sagte er schlie�lich. Heute Nachmittag machen wir einen Demenztest, um zu sehen, wie weit der Verfall fortgeschritten ist. Sie konnte mir ihren Namen nicht sagen, ist Ihnen das aufgefallen?</p><p>Wie h�tte ihr das nicht auffallen k�nnen? Er tr�gt seinen Kittel, als w�re er darin zur Welt gekommen, denkt sie und wei�, dass kein Grund besteht f�r diese Feindseligkeit gegen�ber einem Arzt, der sich viel Zeit nimmt f�r das Gespr�ch. Warum irritiert sie dieses Wei� so? Gereinigt, gest�rkt, gepl�ttet und desinfiziert. Unmenschlich. Einen Moment lang sieht sie ihn nickend an und �berlegt, an wen sein Blick sie erinnert, und als es ihr einf�llt, hebt sie die Schultern und fragt: Und dann?</p><p>Aber in Wirklichkeit will sie das gar nicht wissen. Sie sieht aus dem Autofenster in die n�chtliche Dunkelheit und versucht sich zu sagen, dass es ihrer Mutter nicht helfen w�rde, wenn sie den Abend zu Hause verbr�chte. Den ganzen Tag hat sie im Krankenhaus vor Untersuchungszimmern gewartet, am Bett ihrer schweigenden Mutter gesessen und aus gro�en Fenstern auf die Lahnwiesen geschaut.</p><p>Auf 20 Punkte ist ihre Mutter beim Demenztest gekommen. Wusste weder, in welchem Bundesland sie lebt, noch, in welchem Monat.</p><p>�Wir tun es einfach�, sagt sie, so als ob sie in der Zwischenzeit an nichts anderes gedacht h�tte.</p><p>�Genau.�</p><p>�Aber bevor wir reingehen, trinken wir noch einen Sekt. �Sodbrennen erscheint ihr schon den ganzen Abend als das kleinste aller �bel.</p><p>�Zwei.�</p><p>�Aber nicht, dass du dich � Ich meine, du musst noch fahren.�</p><p>�Ich bin einiges gewohnt. Keine Sorge. �Karin Preiss nimmt die rechte Hand vom Lenkrad und legt sie auf Kerstins Knie.�Bergenst�dter Naturgew�chs.�</p><p>Der Eindruck von W�rme sickert noch durch den Satin-Stoff ihres Kleides, als die Hand schon wieder das Steuer umklammert. F�r einen Moment begleitet ein neugieriger Kitzel die Vorstellung, Karin Preiss in den Armen eines fremden Mannes zu beobachten, irgendeines Kerls, dessen Gesten man ablesen kann, dass er m�glichst schnell zur Sache kommen will. Dann f�hrt sie sich mit den Handfl�chen �ber die G�nsehaut auf ihren Oberarmen und sieht wieder aus dem Fenster. Die Schallschutzmauer endet an einem Br�ckenpfeiler, dann beginnt eine dunkle B�schung. Reklameschilder werfen ihr Neonlicht in die Nacht. Das Problem ist, dass sie sich selbst zu genau beobachtet. Die ganze Woche �ber hat sie nach jenem verborgenen Grund gefahndet, der sie bei allem Widerstreben davon abh�lt, auf diese Fahrt nach Nieder-Enkbach zu verzichten. Bis auf die Woche genau hat sie das Datum ihres letzten Geschlechtsverkehrs ermittelt. Hat die Entwicklung ihrer Libido seit jenem Abend nachzuvollziehen versucht und festgestellt, dass ab einem bestimmten Ma� an Frustration das Lustempfinden selbst kr�nkend wirkt und von da an das Verlangen in abebbenden Wellenbewegungen verl�uft, bis es schlie�lich weder abgestorben noch am Leben ist, sondern erstarrt, wie eingefroren. Vermutlich derselbe Punkt, an dem sie begonnen hat, Wut auf J�rgen nur noch zu empfinden, wenn er vor ihr stand, um stattdessen einen gesch�rften Sinn f�r ihren Hang zum Selbstmitleid zu entwickeln. Au�erdem eine Freude an Blumen, die auch nicht ganz gesund sein kann.</p><p>Seit einer Woche gleichen ihre Gedanken einem W�hlen in Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen, sondern sich mit der Hartn�ckigkeit letzter Partyg�ste in ihrem Ged�chtnis halten. Diese zweite Veilchensendung hat aus den fr�heren sporadischen Attacken von Lust etwas Best�ndigeres und gleichzeitig Sanfteres gemacht, etwas wor�ber sie sich freut und worunter sie trotzdem leidet. Denn warum ruft er nicht an? Ist er tief in seinem Herzen kein erfahrener, geduldiger Romantiker, sondern ein verst�rter Irrer, der seine ihm selbst unverst�ndlichen Spielchen mit ihr spielt? Will er sie weichklopfen, oder hat er kalte F��e bekommen? Das Abflachen der B�schung gibt den Blick frei auf eine wenig imponierende Stadtkulisse, eine Ansammlung von Lichtern ohne Zentrum. Was im S�den als bleicher Halbkreis am Horizont steht, ist vielleicht schon der n�chtliche Widerschein �ber Frankfurt, und sie h�tte Karin gerne gebeten, einfach weiterzufahren, an der n�chsten Ausfahrt vorbei, an Frankfurt vorbei, immer weiter und irgendwann wieder zur�ck.</p><p>Sie tr�gt das schwarze Cocktailkleid, an dessen Existenz Karin Preiss sie vor zwei Wochen erinnert hat, als sie versuchte, ihre taillenlose Figur in ein ganz �hnliches Modell zu zw�ngen. Aus einer Laune heraus hat sie es anprobiert, f�r den Fall, dass �nderungen erforderlich gewesen w�ren, denn dann h�tte sie es am Nachmittag zusammen mit dem anderen, das sie inzwischen ganz unverbl�mt ihr �Elternsprechtagskleid� nennt, zur Schneiderei Yilmaz gebracht. Aber das war nicht notwendig. Wie eine zweite Haut schmiegt sich der schwarze Stoff an ihre Figur. Ein Anflug von Neid in Karin Preiss� Blick ist ihr nicht entgangen. Und die Antwort auf die Frage, warum sie sich in diesem Moment auf dem Weg nach Nieder-Enkbach befindet, hat genau damit zu tun: dem Wissen, immer noch eine begehrenswerte Frau zu sein, und der Angst, dass Thomas Weidmann ihren Wert nicht erkannt hat und kein Verlangen empfindet.</p><p>Aber noch eine Woche warten? Eher legt <emphasis>sie ihm </emphasis>Blumen vor die T�r. Mit Karte und unterschrieben: Anbei Gru� zur�ck.</p><p>Sie folgen der abw�rtsf�hrenden Kurve der Autobahnausfahrt und dem belanglosen Wortwechsel zwischen dem HR-3-Moderator und der n�chsten H�rerin. Die Scheinwerfer streifen B�ume am Fahrbahnrand. Je langsamer und wortkarger die Fahrt wird, desto st�rker scheint die Stille drau�en gegen die Scheiben zu dr�cken. Auf dem n�chsten Verkehrsschild entdeckt Kerstin den Lustkurort Nieder-Enkbach, dann stehen sie vor der roten Ampel einer Landstra�e, auf der kein Auto unterwegs ist.</p><p>�Ich muss mal�, sagt sie.</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Ich glaube, wir machen keinen guten Eindruck, wenn wir da reingehen und als Erstes auf dem Klo verschwinden. �Sie hat auch keine Lust, sich die Toiletten �da� vorzustellen.</p><p>�Nein.�</p><p>Die Ampel wird gr�n, und Karin Preiss f�hrt so langsam los, als sei sie auf der Suche nach einem Parkplatz. Sie unterqueren die Autobahn, die Stra�e wirkt pl�tzlich sehr schmal, und hinter den Hecken am Stra�enrand erstrecken sich dunkle Felder, dann Lichter, die vage Formation einer Ortschaft.</p><p>�Du meinst � hier?�</p><p>�Rastpl�tze kommen keine mehr. �Karin Preiss bleibt im zweiten Gang, achtet nicht auf das langgezogene Hupen, mit dem der erste Wagen an ihnen vorbeiprescht.�Irgendein Feldweg. Sind wir �berhaupt richtig abgebogen gerade?�</p><p>�Wie man�s nimmt.�</p><p>Diesmal unterdr�ckt Karin ihr St�hnen nicht:</p><p>�Zum letzten Mal, Kerstin: Wir machen das jetzt.�</p><p>Siehst du, der Punkt ist, h�tte sie gerne gesagt: Wir sind aus dem Alter raus, wo man etwas �einfach so� macht. Wir sind erwachsen, wir haben zu viele Rechnungen gesehen, um an Gratisangebote zu glauben. Aber es ist sinnlos. Und �brigens f�llt es ihr jedes Mal auf, wenn Karin Preiss sie mit dem Vornamen anspricht, es klingt ungewohnt und wie eine Erinnerung daran, dass sie einander noch immer kaum kennen. Nein, das hier ist keine Neuauflage des legend�ren 80er-Jahre-Duos Anita &amp; Kerstin, sondern eine improvisierte, aus der Not geborene Nummer: Do�a Quixote am Steuer und Sancha Pansa auf dem Beifahrersitz. Letztere hat die Wegbeschreibung inzwischen so zugerichtet, dass sie am Ende nach dem Weg zu diesem Bumslokal werden <emphasis>fragen </emphasis>m�ssen.</p><p>�Wir machen das�, sagt sie,�aber vorher hocken wir uns in Ruhe ins Geb�sch.�</p><p>�Genau. �Anita h�tte gesagt: Schon besser, Sch�tzchen.</p><p>Nach weiteren hundert Metern Schleichfahrt zweigt ein Feldweg von der Landstra�e ab, f�hrt in eine Senke und verschwindet hinter dichtem Gestr�uch. Karin Preiss folgt ihm eine Autol�nge, bis die K�hlerhaube sich abw�rtsneigt und die Scheinwerfer eine gr�ne Bl�tterwand anstrahlen. Dann stellt sie den Motor ab, und es ist, als fiele ihnen die Dunkelheit mit einem hohlen Plopp aufs Autodach.</p><p>�Besser, ich lass den Wagen hier oben stehen. �Karin �ffnet die Fahrert�r und beugt den Oberk�rper hinaus.�Schuhe anziehen oder auslassen?�</p><p>K�hler als erwartet kriecht die Nacht herein. Das Licht im Innern macht die Dunkelheit drau�en nur noch dichter. Vom Rauschen der Autobahn abgesehen, h�ngt Stille �ber der flach ausgestreckten Landschaft, au�erdem ein schwacher Geruch von Jauche.</p><p>�Kommt drauf an, wie nah du den Kuhmist an dich ranlassen willst. �Kerstin l�sst ein Auto oben an der Landstra�e passieren, bevor sie aussteigt. Der Boden des Feldwegs ist holperig, aber trocken. Sie streicht ihr Kleid glatt und folgt ihrer Nachbarin, die bereits das Ende der Senke erreicht hat und sich suchend umblickt. Ein Hauch von Kom�die schwebt �ber der Szenerie, eine Mischung aus Sch�lerstreich und Provinzposse. Sie k�nnte sich jetzt zum Beispiel einen ihrer hohen Abs�tze abbrechen, den Feldweg hinabkugeln und in einer Viertelstunde einem Landarzt erkl�ren m�ssen, warum man nachts in Cocktailkleidern �ber Weiden l�uft. Oder ein Auto h�lt am Stra�enrand, und ein besoffenes Kreisklasse-Team spendet ihnen Applaus beim Pinkeln. Oder sie werden vergewaltigt, und im n�chsten Dorf h�rt sich ein vom Fernseher weggerufener Polizist ihre Geschichte an und sagt: Gell, so was �hnliches hatten Se ja sowieso vor. Oder, oder, oder. Dieser �dnis um sie herum w�re alles recht. Am Nachmittag, nach dem Besuch im Krankenhaus, ist sie in die Stadt gefahren zur Schneiderei Yilmaz. Fast eine halbe Stunde hat das gedauert, weil auf dem Marktplatz alle Leute verr�cktspielten am helllichten Tag, Fahnen schwenkten aus den Fenster�ffnungen ihrer Autos und Schlachtges�nge anstimmten, von <emphasis>We are the Champions </emphasis>bis <emphasis>So ein Tag � </emphasis>Das Spiel hat sie verpasst, aber offenbar haben die Deutschen gewonnen.</p><p>Mit der Fu�spitze tritt sie ein paar wilde Margeriten platt, rafft ihr Kleid hoch und hockt sich hin. Ein Fast-Vollmond lugt �ber eine langgezogene, wie ein fernes Bergpanorama aussehende Wolkenkette. Vor dem t�rkischen Gem�seladen hat sie schlie�lich einen Parkplatz gefunden und ist mit ihrem Elternsprechtagskleid unter dem Arm in die Schneiderei gegangen. Ein vert�felter Raum, kahl wie ein leerger�umter Keller. In einer Ecke deutet ein Vorhang die M�glichkeit zur Anprobe an, gegen�ber steht ein Tisch, hinter dem der alte Herr Yilmaz sitzt und ihr zunickt. Ein Mann im blauen Kittel, mit grauwei�en Haaren unter einer bestickten Kopfbedeckung. Es gibt ein Schaufenster, aber nichts als graue Gardinen darin. Sie hat ihr Kleid auf den Tisch gelegt, in dessen Saum eine Reihe Nadeln die gew�nschte L�nge markierte, Herr Yilmaz hat genickt und ihr einen Quittungsblock zugeschoben, auf den sie ihren Namen schrieb und fragte: N�chsten Mittwoch? Woraufhin er noch einmal nickte. Erst drau�en auf dem B�rgersteig ist ihr aufgefallen, dass der Schneider kein Wort mit ihr gesprochen hat, keine einzige Silbe.</p><p>Es st�rt sie sehr, kein Taschentuch zur Hand zu haben.</p><p>Karin steht bereits wieder und wartet, so als verlangte die Situation nach einem gemeinsamen Aufbruch.</p><p>�Sag mal, der alte Schneider Yilmaz�, sagt Kerstin im Aufstehen,�ist der eigentlich stumm oder kann er blo� kein Deutsch?�</p><p>�Bitte?�</p><p>�F�llt mir gerade ein, weil ich am Nachmittag in der Rheinstra�e war. Ich hab ihm ein Kleid zum �ndern gegeben, und er hat kein Wort mit mir gesprochen.�</p><p>�Der alte Wer?�</p><p>�Yilmaz, der t�rkische Schneider in der Rheinstra�e. �Der Mond hat sich ein St�ck weiter �ber die Wolkenberge geschoben und schickt einen fahlen Schimmer auf die Senke. Ein einzelner Gummistiefel liegt im kniehohen Geb�sch. Karin Preiss sch�ttelt den Kopf.</p><p>�Kenn ich nicht.�</p><p>�Du bringst keine Sachen zum �ndern, oder?�</p><p>�� Nein.�</p><p>Einen Moment lang stehen sie einander wie zum Duell gegen�ber, Kleid ohne Arme gegen Kleid mit freiem R�cken, w�hrend ein Lastwagen die Landstra�e entlangdonnert und mit seinen Scheinwerfern die B�schung erhellt. Eine pl�tzliche Bereitschaft zur Feindseligkeit liegt in ihrem Schweigen. Karin Preiss� Handbewegung bedeutet: Mach nur weiter so. Irgendwo am Rand einer Bundesstra�e, wo sie nichts verloren haben und trotzdem den Eindruck erwecken, auf der Suche zu sein.</p><p>�Es gibt dort also einen Schneider�, sagt Karin leise.�Und?�</p><p>�Er spricht nicht.�</p><p>Darauf bekommt sie keine Antwort.</p><p>�Vergiss es, war nur ein fl�chtiger Gedanke. Du kaufst dir einfach neue Sachen, nehm ich an.�</p><p>Wie brennendes Papier rollt sich die Stille zusammen.</p><p>�Was willst du damit sagen?�</p><p>�Nein! Nichts, es kam mir einfach gerade in den Sinn. Ich hab ��</p><p>�Was soll das?�Karin spricht pl�tzlich mit ver�nderter Stimme.</p><p>�Du verstehst mich v�llig falsch. �Ihre eigene Stimme klingt jetzt auch anders. Als spr�che sie gegen den Wind.</p><p>�Sag es doch, sag es einfach, statt mir mit diesem Quatsch mit stummen Schneidern zu kommen!�Karin zittert vor Wut und scheint tats�chlich im n�chsten Augenblick mit gesenktem Kopf auf sie losgehen zu wollen.�Wenn du findest, dass ich eine verw�hnte und obendrein verdorbene Person bin, sprich es wenigstens aus. Glaubst du, ich merke nicht, wie du mich st�ndig anguckst? Denkst du, ich bin zu bl�d, in deinen Blicken zu lesen? Wie kann sie nur, wie kann sie nur? Warum setzt du dich mit mir ins Auto, wenn du jede Gelegenheit nutzt, mich sp�ren zu lassen, dass mit mir was nicht in Ordnung ist?�</p><p>�Ich wei� nicht, was du meinst.�</p><p>�Ja, ich lebe in einem von meinem Mann erarbeiteten Wohlstand, und ja, ich bin dabei, meinen Mann zu betr�gen! Ich wei� nicht, ob�s dazu kommen wird, aber ich fahre hinter seinem R�cken in dieses � dieses � Und ich wei� verdammt genau, dass ich das nicht tun sollte und dass ganz Bergenstadt mit dem Finger auf mich zeigen w�rde. Ich wei� das alles, und ich brauche es von dir nicht ins Gesicht geschmissen zu bekommen auf diese hinterfotzige Art!�</p><p>�H�r bitte auf zu schreien.�</p><p>�Ich bringe keine Sachen zum �ndern, nein, tue ich nicht! Wenn in der Rheinstra�e ein Laden aufmacht, in dem man sein Leben �ndern lassen kann, dann sag mir Bescheid. F�r stumme t�rkische Schneider hab ich keine Verwendung. �Karin atmet heftig und sieht auf ihre H�nde wie damals im Auto, auf die Innenseite ihrer Handfl�chen, als st�nde dort etwas, das sie nicht entziffern kann.</p><p>Sie selbst ist �berhaupt nicht w�tend, aber trotzdem hat sie Lust, auf Karin Preiss� Ausbruch mit gleicher Lautst�rke zu antworten. Sie f�hlt diesen Druck auf der Brust, sie m�sste nur den Mund aufmachen und alle Muskeln anspannen, aber sie hat nichts zu sagen. Karin tut ihr leid, zum ersten Mal. Wahrscheinlich hat sie sogar Recht.</p><p>�Dann lass uns gehen�, sagt sie. Sorgf�ltig auf die Unebenheiten im Boden achtend, steigt sie die B�schung wieder hinauf. Neben ihr raschelt ein Tier im Geb�sch.</p><p>�Gehen, wohin?�</p><p>�In den Club.�</p><p>�Du bist wie mein Mann. �Karin Preiss r�hrt sich nicht, jedenfalls h�rt Kerstin kein Ger�usch hinter sich.�Wie mein Mann. Ist dir aufgefallen, dass ich w�tend auf dich bin?�</p><p>�Es ist ein Missverst�ndnis.�</p><p>�Du verachtest mich f�r das, was ich tue.�</p><p>�Nein. �Der Lichtstrahl eines Scheinwerfers erfasst ihr Gesicht, sie dreht sich um und sieht in die Dunkelheit unter sich. Ein Hupen fliegt heran, ein Schrei aus einem Autofenster, dann ist auch das vorbei.�Tue ich nicht.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Lass uns fahren, bitte, bevor ein Auto anh�lt. �Sie erreicht den Wagen und setzt sich auf den Beifahrersitz. Ein Echo ihres Herzschlages pulst in den Schl�fen. Ganz leicht schaukelt ein kleines Duftb�umchen am R�ckspiegel hin und her. Sie nimmt eine der Sektflaschen aus der K�hltasche und h�lt sie sich gegen die Stirn. Sieht nicht auf, als Karin schlie�lich auf der anderen Seite einsteigt und keine Anstalten macht, loszufahren.</p><p>�Tut mir leid. �Wie eine Tr�ne perlt ein Tropfen Kondenswasser �ber ihre Nasenwurzel und hinterl�sst eine k�hle, schnell trocknende Spur.</p><p>�Ich k�nnte es verstehen, wei�t du, aber nicht aushalten.�</p><p>�Ich wollte dir nicht weh tun. Ich wollte gar nichts, es ging mir durch den Kopf, und wenn ich dich verachten w�rde, m�sste ich mich selbst schlie�lich genauso verachten.�</p><p>�Schon gut.�</p><p>�Noch drei Kilometer, laut dem Schild da hinten.�</p><p>Karin setzt zur�ck, und sie folgen der Stra�e, die ohne erkennbare Gr�nde s-f�rmig durch die Ebene l�uft. Ein eingez�unter Weiher ist die einzige Unterbrechung in der Abfolge von Feldern und Weiden. Das Schweigen wird so dicht, dass Kerstin am liebsten das Fenster ge�ffnet h�tte, dann macht die Stra�e einen weiteren Bogen und f�hrt in einer langen Geraden auf den Ortseingang zu. Vor der letzten Pappel steckt ein kleines Holzkreuz neben dem Randstreifen. Das Ortsschild leuchtet auf.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Langsam f�llte sich die Wiese, und noch immer kamen Wanderer aus dem Wald. Ein nicht abrei�ender Strom ergoss sich den letzten Abhang hinab und staute sich in der Ebene, aber trotz der gewaltigen Menge zwischen Perlenm�hle und Lahn glich der Aufmarsch einer schweigenden Versammlung. Es war die letzte Etappe, der offizielle Abschluss, bevor am Abend im Festzelt endg�ltig alle D�mme brechen w�rden. Der Glanz eines noch fr�hen Nachmittags, ein von S�den her lachender Himmel spannte sich �ber das Tal. Gr�ne H�gel w�lbten sich hinein. Am Rand der nahen Bundesstra�e hielten Autos, und die Insassen stiegen aus, um die Prozession zu beobachten mit �ber die Augen gelegten Handfl�chen. Wie die W�scheleine einer anderen, �bermenschlichen Spezies zog sich eine Hochspannungsleitung durch das weite Tal, fast von Horizont zu Horizont. Unbeteiligt hockte das Schloss auf seinem Berg, flimmerte in der Sonne. Weit weg.</p><p>�Hab ich das richtich verstand�n?�, fragte Heinrich.�Keine Universit�t mehr?�</p><p>�Nie wieder. �Weidmann nickte. Beinahe f�hlte es sich gut an, das zu sagen. So ein kurzer entschlossener Satz schien die Ereignisse, deren Opfer er geworden war, nachtr�glich mit der Souver�nit�t einer eigenen Entscheidung zu versehen, und solange er es vermied, seinem Onkel in die Augen zu sehen, hielt sich das Gef�hl. Wie eine Biene vor der offenen Bl�te. Roch den s��en Nektar der Illusion.</p><p>Heinrich sch�ttelte seinen gro�en Kopf.</p><p>Vom Waldrand her erklang das trockene Knallen der Peitschen, flatterte �ber die Menge hinweg und verfing sich in den B�umen entlang der Lahn. Aus den Augenwinkeln konnte Weidmann die Falten auf Heinrichs Stirn ausmachen, Ausdruck von Zweifel, Unglauben oder von Schmerzen in seiner l�dierten H�fte. Zwei Tage war der alte Mann mit dem Bus auf den Fr�hst�cksplatz gefahren und mit dem Bus wieder nach Hause, aber heute hatte er, als das Signal zum Abmarsch ert�nte, den Kopf gesch�ttelt und den Stock geschwungen und sich von nichts und niemandem umstimmen lassen. Hei�t es Grenz<emphasis>gang </emphasis>oder Grenz<emphasis>fahrt</emphasis>? Harter Glanz in den lachenden Augen, das typische Heinrich-Schuhmann-Gesicht. Der verr�ckte B�cker. Zu lange im Ofen gewesen und trotzdem nicht ganz knusper, sagten sie hier. Da hatte die arme Tante Anni auf Granit gebissen und ihrem Neffen schlie�lich nur das Versprechen abnehmen k�nnen, ihn keine Sekunde aus den Augen zu lassen. Bitte, der alte Dickkopf f�hrt lieber den Rest seines Lebens im Rollstuhl statt einmal im Bus.</p><p>�An der Nasenspitze hab ich dir angesehen, dass was nicht stimmt. Aber dass es so schlimm ist ��Mit beiden H�nden auf den Stock gest�tzt, suchte Heinrich nach einer Stellung, die seine H�fte entlastete.</p><p>�Warum setzen wir uns nicht hin? Wird noch dauern, bis die anfangen.�</p><p>�Wenn ich mich einmal setze, Thomas, komm ich nicht mehr hoch.�</p><p>�Ich helf dir. �Ohne auf weitere Einw�nde zu h�ren, fasste er seinen Onkel wie ein Rettungsschwimmer mit beiden Armen um die Brust und lie� ihn langsam auf die Wiese nieder.</p><p>�Wenn das mal kein Fehler war�, sagte Heinrich.�Jetzt lieg ich hier wie Altpapier.�</p><p>�Der Fehler war, dass du nicht den Bus genommen hast.�</p><p>�Was willst du jetzt machen? Beruflich.�</p><p>�Das ist der wirklich witzige Teil der Geschichte: Ich hab nicht den Hauch einer Ahnung. �Im Hinsetzen knotete er sich die Jacke von der H�fte und gab sie seinem Onkel. Der lag tats�chlich mehr im Gras, als dass er sa�, weil ihm die gleichzeitige Beugung und Belastung des H�ftgelenks die st�rksten Schmerzen verursachte.</p><p>�Wei� es deine Mutter?�</p><p>�Nein. Muss sie auch vorerst nicht.�</p><p>Mit M�he st�tzte Heinrich sich auf die Seite und gr��te jemanden, der hinter ihnen vorbeiging. Sie lagerten am Rand der Wiese, im R�cken der Menge, und nur vage konnte Weidmann �ber die K�pfe hinweg die Aufstellung der Reiter, F�hrer und Fahnen erkennen, die sich beim letzten Grenzstein versammelten. Der Strom der Wanderer aus dem Wald begann zu versiegen, jetzt kamen nur noch Nachz�gler, M�tter mit kleinen Kindern, Betrunkene. Er h�rte das Pfeifen der Regionalbahn.</p><p>�Was passiert jetzt hier?�</p><p>�Kurze Ansprache des B�rgerobersten hoch zu Pferde. Sehr kurze Ansprache, denn der kann besser reiten als reden. Dann wird gesungen, und das war�s dann.�</p><p>�Das war�s dann. �Weidmann sah sich um. Er h�tte gerne gewusst, ob es eine Verbindung gab zwischen dem auff�llig gro�en Pflaster auf J�rgen Bambergers Stirn und seiner Begegnung mit dessen Frau am Rand der Festwiese. Sie war heute den ganzen Tag nicht aufgetaucht, nicht am Marktplatz, nicht am Fr�hst�cksplatz und nirgendwo unterwegs. Hatte sie ihrem Mann von dem Kuss erz�hlt? Hatte es eine Auseinandersetzung gegeben, deren Spuren in Kerstin Bambergers Gesicht auch ein noch so gro�es Pflaster nicht verbergen konnte und die sie zwangen, auf den letzten Grenzgangstag zu verzichten? Musste er bef�rchten, dass Bamberger auch auf ihn losgehen w�rde, wenn sie einander begegneten? Jedenfalls hatte er es am Fr�hst�cksplatz vorgezogen, ihn von ferne zu beobachten, und beim Abmarsch darauf geachtet, der M�nnergesellschaft Rheinstra�e einen gen�gend gro�en Vorsprung zu lassen. Jetzt sah er statt Kerstin Bamberger Anni Schuhmann und seine Mutter mit suchenden Blicken �ber die Wiese schlendern, winkte und erkannte schon von weitem den zornigen Glanz in Annis Augen.</p><p>�Am besten, ich stell mich tot�, sagte Heinrich.</p><p>Von vorne, wo die Offiziellen standen, breitete sich eine erwartungsvolle Stille aus, in der Annis Stimme umso deutlicher zu h�ren war.</p><p>�Guck, Inge, do l�id er, un do l�rre man om bessde ach l�ije.�</p><p>�Awwer dann bitte in Ruhe un Frieden. �Heinrich hatte sich seinen Hut ins Gesicht gezogen wie ein Cowboy am Lagerfeuer.</p><p>�Oh, �ich t�d dir so gonn den Hinnern versohl�n.�</p><p>��ich l�ije schoh ber�d. Awwer geb Obachd off m�ije H�ffde, gelle.�</p><p>�Heinrich Schuhmann, wie ess dos da m�chlich, dos �ije Mensch all�h so dumm k�nn s�i.�</p><p>��ich ho�s beharrlich ge�hbd, Anni. �ich ho mer w�gglich M�h geg�wwe.�</p><p>Einige der Umstehenden waren aufmerksam geworden auf den Disput und drehten die K�pfe, und Heinrich und Anni begannen aus dem Streit eine Vorf�hrung zu machen; sie mit den H�nden in der H�fte �ber ihm stehend, er inzwischen flach ausgestreckt auf dem R�cken liegend, unter der Hutkrempe in die Sonne blinzelnd.</p><p>�Un wie krieje mer dich jetz h�m?�, fragte sie.�Soll�n s�Inge un �ich jedes �hn Fuss nomme un dich uff�m R�cke h�m schl�ife?�</p><p>�Werfd mich in�n Fluss, die Richdung missde stimme.�</p><p>�Du kahsd nedd schwimme, Heinrich, h�sd� dos schoh verg�se.�</p><p>��ich hale die Lufd oh un l�ss mich tr�iwe.�</p><p>�So, dos w�r� awwer dos �schde Mol in d�ijem Lewe, dos du die Lufd anh�lsd. �Der Satz ging an die Umstehenden, und der Punkt ging an Anni.</p><p>�S�w�r jo oach s��schde Mol, doss �ich mich tr�iwe l�ss. �Er streckte beide Arme von sich und schloss die Augen, als l�ge er schon im Wasser. Heinrich, der Clown, der es am liebsten mochte, wenn die Leute die K�pfe �ber ihn sch�ttelten. Irgendwie muss es schlie�lich raus, hatte er einmal zu Weidmann gesagt, ohne zu erkl�ren, was �es� war � die Kriegserlebnisse des Sechzehnj�hrigen, die Alptr�ume oder die Schmerzen in der H�fte, die ihn von Zeit zu Zeit poltern, w�ten und buchst�blich aus der Haut fahren lie�en. 1982, am Tag, an dem Helmut Kohl zum Kanzler gew�hlt worden war, hatte Heinrich Schuhmann morgens beim Aufstehen verk�ndet: Jetzt gibt�s Birne, war in die Backstube marschiert und hatte weder Brot noch Br�tchen gebacken, sondern ausschlie�lich Birnenkuchen. Ein Blech nach dem anderen, w�hrend im Radio die Bundestagssitzung �bertragen wurde, Birnenkuchen in allen Variationen, derweil Anni den Kunden im Laden das einseitige Angebot zu erkl�ren versuchte (Mein Mann spinnt), die Auslagen voll mit Birnenkuchen und nichts als Birnenkuchen, der ab zwei Uhr am Nachmittag nur noch unentgeltlich seine Abnehmer fand. Ludwig Benner, unter der �berschrift <emphasis>Jetzt gibt�s Birne</emphasis>, hatte eines der wenigen journalistischen Glanzst�cke in der Geschichte des <emphasis>Boten </emphasis>daraus gemacht.</p><p>Seine Mutter setzte sich zu Weidmann ins Gras.</p><p>�Wir m�ssen entweder Taxi-Mohrherr anrufen oder den Krankenwagen holen. Auf seinen F��en wird�s der alte Betonkopf n�mlich nicht nach Bergenstadt schaffen. Hier. �Sie zeigte ihrem Sohn einen Zettel mit den entsprechenden Nummern.�Wusst� ich doch die ganze Zeit schon, was das heute f�r ein Drama gibt.�</p><p>�Er hat�s bis hierher geschafft, vielleicht schafft er die letzten zwei Kilometer auch noch.�</p><p>�Sein H�ftgelenk ist hin, Thomas. Hin und futsch.�</p><p>�Wir m�ssen sowieso warten, bis die Veranstaltung hier vorbei ist. �Weidmann steckte den Zettel in seine Hemdtasche und blickte zu Anni Schuhmann, der die Worte ausgegangen waren, aber das Kopfsch�tteln noch lange nicht, und die nur widerstrebend die F�uste von den H�ften nahm. Schweigend setzte sie sich neben ihren Mann, w�hrend die Aufmerksamkeit der Umstehenden sich wieder nach vorne orientierte, wo ein Mikrofon knackte und der B�rgeroberst auf seinem Pferd sa� und die Hand hob zum Zeichen, dass er jetzt was sagen wollte.</p><p>�L�ss gudd s�i�, sagte Heinrich leise.�Mer wisse b�re, �s wor �s l�zde Mol. In siwwe Joarn l�ije �ich nedd uff, sonnern unner der Erde.�</p><p>�Du h�lsd jetz die Lufd oh, Heinrich. Zum �schde Mol in d�ijem Lewe.�</p><p>W�hrend der B�rgeroberst sprach, h�rte Weidmann unterdr�cktes Schluchzen, mal von rechts, von seiner Mutter, und mal von links, wo Anni Schuhmann nach der Hand ihres Mannes gegriffen hatte und sie sich vor den Mund hielt wie ihre eigene. Die Rede selbst kam in den hinteren Reihen wie ein vom Wind zerzauster L�ckentext an und schien im Wesentlichen aus Gemeinpl�tzen zu bestehen: Viel Wald und Gemeinschaft, Heimat und Verbundenheit, Tradition und vernuschelte Satzenden, in denen der Oberst auf seinen Spickzettel sah und seinem Pferd in die M�hne sprach. Es war ein farbenpr�chtig tristes Panorama, das sich Weidmann darbot: Das weite Tal und die gleichf�rmigen H�gel, die sonnengl�nzenden Autod�cher entlang der Bundesstra�e, das entr�ckte Schloss und davor die m�de Kavallerie der Grenzgangsreiter und Fahnentr�ger, all die Uniformierten mit ihren federgeschm�ckten H�ten, Sch�rpen, S�beln und Plaketten. Eine lungernde, in der Sonne bratende Menge, die der Ansprache ihres Generals lauschte oder vor sich hin d�ste.�� haben wir in unseren Herzen den Grenzgang � bewahrt � M�hen und Freuden ��Der Wind wehte all das Richtung Bergenstadt, das verlassen und sonnenflimmernd im Tal lag. Zu gew�hnlich, um wahr zu sein. Am Vortag, zu Hause auf der Terrasse, hatte Weidmann sich gefragt, wie es w�re, in diesem Kaff zu leben. Die Frage war nat�rlich ein Witz, aber er meinte sie ernst. Wieder hier leben nach all den Jahren. Den ganzen Tag hatte er �berlegt, Konstanze anzurufen, und es nicht getan. Hatte sich gefragt, ob dieses schale Gef�hl in ihm mit dem Ausdruck �schlechtes Gewissen� angemessen bezeichnet oder ob er nur peinlich ber�hrt war von seinem Versuch, die erstbeste Frau zu k�ssen, die er am Grenzgang getroffen hatte, am Rande der Festwiese, wie ein Teenager.</p><p>�� die vielen Stunden der Vorbereitung � tagein, tagaus � die vielen flei�igen H�nde ��</p><p>Oder handelte es sich um Gleichg�ltigkeit? In diesem Moment schien es Weidmann, sich selbst so weit auszud�nnen, dass die Anfl�ge von Verzweiflung, denen er seit Monaten ausgesetzt war, einfach durch ihn hindurch und weiterziehen w�rden, wie der Wind durch das Tal. Aus Mangel an Widerstand. Aus Mangel an Beweisen, dass es f�r ihn noch etwas zu verlieren gab. Jahrelang hatte er versucht, mehr zu sein, als er war � wie w�re es einmal mit dem umgekehrten Versuch?</p><p>�� weil wir wissen, dass � so wie�s der B�rgermeister gesagt hat � in dieser unserer Gemeinschaft ��</p><p>Was ihm abging, war der Wille, das Beste aus der Situation zu machen, denn warum ausgerechnet das Beste? Warum nicht das Viertbeste oder Siebtschlechteste? Gab es um ihn herum einen einzigen Menschen, der aus seinem Leben das Beste gemacht hatte?</p><p>�� in sieben Jahren beim n�chsten Grenzgang � in Gesundheit und Dankbarkeit ��Der Oberst war fertig mit seiner Rede und dar�ber so erleichtert wie alle anderen. Kommandos gingen hin und her, dann erklang Musik.</p><p>Hier liefen erwachsene M�nner in Uniformen herum und nannten ihre S�bel Gewehre. Und nannten das wiederum Tradition. In Bergenstadt machte man nicht das Beste aus seinem Leben, und er mochte das. Die Welt war voller Leute, die an ihrem aufgeblasenen Ego hingen wie an einem Hei�luftballon ohne Gondel: Zappelnd, grotesk, vom Absturz bedroht. Er hatte sie auf Tagungen beobachtet, und er hatte sich selbst auf Tagungen beobachtet! Wie oft hatte er durch die Nase gesprochen und an seinem Brillenb�gel gekaut und, wenn ihm gar nichts mehr einfiel, �Dialektik� gesagt. Wer brauchte das? Wer brauchte ihn? Konstanze weniger, als sie glaubte, und seine Mutter mehr, als sie zugab, und sonst? Um ihn herum erhoben sich alle von der Wiese. Heinrich �ffnete kurz die Augen und sch�ttelte den Kopf.</p><p>��ich krieje�n Arsch nedd mie hug.�</p><p>Dann sangen alle <emphasis>Dr�ben im Hinterland bin ich so gern</emphasis>, und Weidmann wunderte sich, dass er den Text zur H�lfte kannte. F�r den Anfang nicht schlecht. D�nn und dumpf erhob sich Gesang in die Luft, ein Chor ohne Dirigent, halb in Moll gemurmelt aus durstigen Kehlen. Aber der Wind nahm�s gelassen, und das Schloss schaute weg.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Eine laue Sommernacht liegt �ber den �ppigen Grundst�cken. In der N�he wird Obst angebaut. Immer noch ist die Autobahn zu h�ren als fernes Rauschen, das hinter einem bewaldeten H�gel aufsteigt. Kerstin greift nach ihrer Handtasche und steigt aus. Der Mond hat sich von seiner wolkigen Bergkette entfernt und steht hoch �ber der Landschaft. Der Wind tr�gt den Geruch von Torf und Bl�ten mit sich, das Zirpen von Grillen, ein Fl�stern in den B�umen. Kinder haben Kreidegesichter auf die Fahrbahn gemalt.</p><p>�Ich �berlege gerade�, sagt Karin,�ob ich mich am Telefon mit falschem Namen gemeldet habe, aber ich glaube nicht. Meinst du, man kennt den Namen Preiss hier? Von wegen der Firma.�</p><p>�Bleiben wir bei den Vornamen.�</p><p>Sie haben den Eingang erreicht, ein stabiles Eisentor zwischen mannshohen Betonpfosten. Direkt dahinter macht ein mit Platten ausgelegter Weg einen Knick, so dass au�er Tannen nichts zu sehen ist. �M�ller� steht neben der Klingel und einem verglasten Kameraobjektiv. Augenblicklich f�hlt Kerstin sich beobachtet. Es ist, als w�rden alle ihre Bem�hungen der letzten Jahre � um die Art von Freiheit, die damit einhergeht, bei niemandem Ansto� zu erregen � in dem Moment zunichtegemacht, da Karin Preiss den Klingelknopf dr�ckt und gleich darauf neben der Kamera ein rotes Licht aufleuchtet. Der R�ckweg ist abgeschnitten. Sie h�tte gerne nach Karins Hand gegriffen, aber die tritt einen Schritt n�her an den Eingang heran und beugt sich zu der Gegensprechanlage, aus der ein leises Knacken und dann eine Frauenstimme erklingt:</p><p>�Einen sch�nen guten Abend.�</p><p>�Ich hatte angerufen�, sagt Karin.</p><p>�Immer hereinspaziert. �Noch bevor Karin� Danke �sagt, ert�nt ein leises Summen, und die T�r springt ein St�ck auf. Das rote Licht erlischt.</p><p>Sie folgen dem Weg, dann erhebt sich vor ihnen ein zweist�ckiges Familienhaus mit breitem Vorderbalkon. Eine Rasenfl�che, frisch gem�ht, steigt zur Terrasse hin an. Blumenk�bel und eine Hollywoodschaukel stehen dort. Soweit es in der Dunkelheit zu erkennen ist, sind alle Rolll�den geschlossen, das einzige Licht brennt �ber einem Eingang an der Seite, unterhalb der Terrasse. Zum eigentlichen Hauseingang f�hrt eine Treppe, aber dort ist wiederum alles dunkel.</p><p>Kleine Laternen in Kn�chelh�he springen an, sobald sie die Tannen passiert haben und auf das Haus zugehen. Kerstin sieht auf ihre F��e und fragt sich, wann und in welcher Stimmung sie diesen Weg wieder zur�ckgehen wird. Nervosit�t hat von ihr Besitz ergriffen und l�sst kein angstvolles Phantasieren mehr zu. Alles reduziert sich auf eine trockene Kehle und das Gef�hl, nichts tun zu k�nnen.</p><p>Es ist eine solide h�lzerne Kellert�r, die sich �ffnet, als sie sie fast erreicht haben. Licht f�llt von drinnen auf die Platten und gleich darauf der Schatten einer Frau, die ihnen entgegensieht mit vor dem Bauch zusammengelegten Handfl�chen. In Gastgeberhaltung und mit leicht zur Seite geneigtem Kopf.</p><p>�Zwei neue G�ste, wie sch�n. Kommt rein, meine Lieben. �Ungef�hr in ihrem Alter ist sie, sch�tzt Kerstin, und tr�gt eine schwarze Schn�rkorsage, die einen gebr�unten, nicht mehr faltenfreien Brustansatz freil�sst. Die Haare hat sie hochgesteckt. Sie ist stark, aber nicht �berm��ig geschminkt, nur das viele Blau um die Augen gibt ihrer Miene etwas von der lauernden Aufmerksamkeit einer Katze. Sie stellt sich als� die Gabi �vor. Karin Preiss nennt sich umgehend� die Karin�. Kerstin sagt� Kerstin �und sch�ttelt eine warme, weiche � im ersten Moment will sie denken: schl�pfrige � Hand. Vor der Hecke, die das Grundst�ck nach hinten abschlie�t, entdeckt sie ein kleines Gartenhaus, einen Schuppen f�r Gartenger�te vielleicht, vor dem eine Schubkarre steht. Es gibt keine Beete, weder Blumen noch Gem�se. Auf dem Rasenst�ck zwischen Haus und Hecke liegt ein Fu�ball.</p><p>�Kommt herein�, sagt Gabi noch einmal, mit einem Arm in der Luft, als wollte sie ihre G�ste durch sanften Druck auf die Schultern ins Haus geleiten. Ihre Stimme klingt rauchig, passend zu dem Anflug von Verlebtheit in ihrem Gesicht, den sternf�rmigen Falten um die Augen, die das Make-up nicht �berdecken kann. Kerstin sp�rt das Zusammengekniffene ihrer eigenen Augen, so als w�re sie auf der Suche nach einem Grund, sofort kehrtzumachen und die T�r hinter sich zuzuschlagen. Deutet der Fu�ball auf die Anwesenheit von Kindern im Haus? Aber alles, was ihr begegnet, sind Gabis freundlicher Blick und die Feststellung:</p><p>�Das ist also unser kuscheliges <emphasis>Boh�me</emphasis>. �Ohne Anz�glichkeit gesagt. Was zuerst wie ein Tattoo auf ihrem Oberarm ausgesehen hat, entpuppt sich im Licht des Eingangsraums als metallenes Armband. Mehrere Ringe schm�cken ihre H�nde. Die Fingern�gel sind lang und schwarz lackiert, aber es bereitet Kerstin keine M�he, sie sich mit einer Sch�rze in der K�che vorzustellen oder in Gummistiefeln im Garten. Die H�nde in die H�fte gestemmt, scheint sie auf eine Antwort zu warten.</p><p>�H�bsch�, sagt Karin unbestimmt.</p><p>Kerstin fragt sich, ob die Nachbarn wissen, was in diesen Kellerr�umen vor sich geht.</p><p>Sie betreten einen vert�felten Eingangsraum mit einer Art Empfangstheke. Entlang der Wand stimmen gerahmte Kamasutra-Zeichnungen den Besucher auf die Aktivit�ten des Etablissements ein. Ein Vorhang aus schwarzem Stoff und mit einem Motiv, das Kerstin vage chinesisch vorkommt, verdeckt den Durchgang in die Clubr�ume. Das Licht ist warm, die Luft ebenfalls. In einem Aschenbecher auf dem Pult l�sst ein Zigarillo blauen Rauch aufsteigen.</p><p>�Wir regeln erst das Finanzielle, dann geb ich euch eine kleine F�hrung. �Gabi zieht kurz an ihrem Zigarillo und macht sich eine Notiz in einem Block, ansonsten strahlt ihre Aufmerksamkeit den beiden G�sten entgegen.�Das macht pro Person f�nfundzwanzig Euro, aber daf�r bekommt ihr an der Theke zwei Getr�nke umsonst. Unser Sonderangebot f�r Erstbesucherinnen.�</p><p>Kerstin f�hlt einen Druck im Stei� vom langen Sitzen im Auto und widersteht dem Drang, die Arme vor der Brust zu verschr�nken. W�hrend sie Gabis L�cheln erwidert, versucht sie ins Innere der angrenzenden R�umlichkeiten zu horchen, vernimmt leise Musik und einige Stimmen, die auf eine kleinere Ansammlung von Personen schlie�en lassen. Sie hat das dringende Bed�rfnis, in einen Spiegel zu sehen.</p><p>�Das <emphasis>Boh�me</emphasis>�, sagt Gabi in ihrem heiseren Singsang,�ist eine Art Abenteuerspielplatz f�r Erwachsene. So haben mein Mann und ich uns das jedenfalls gedacht. Unsere G�ste sollen sich am�sieren auf die Art, die ihnen am meisten Freude macht. Es gibt einen Barraum mit ganz kleiner Tanzfl�che, einen Entspannungsraum mit Whirlpool � die Sauna machen wir im Sommer nicht an � und einige R�ume, gr��ere und kleinere, mit Liegefl�chen und ein bisschen Spielzeug, in die man sich zur�ckziehen kann. Die R�ume haben T�ren, und man kann sie entweder schlie�en � dann bleibt man ungest�rt � oder offen lassen, damit l�dt man andere zum Zuschauen oder Mitmachen ein. Das Mantra in unserem kleinen Ashram der Liebe lautet: Alles geht ��</p><p>�� nichts muss�, sagt Karin vergn�gt. Sie steckt ihren Geldbeutel wieder ein, und Kerstin versucht einen Blick in die Handtasche zu werfen, ob darin vielleicht Kondome liegen, aber es geht zu schnell.</p><p>�Genau. �Gabi l�chelt Kerstin an, als wolle sie pr�fen, ob ihr zweiter Gast die simple Pr�ambel vor dem Grundgesetz des <emphasis>Boh�me </emphasis>ebenfalls verstanden hat. Als w�sste sie genau, wer hier die Z�gerliche ist, auf wessen Stirn geschrieben steht: Alles geht, ich nicht.</p><p>�Gut�, sagt sie und denkt: Ich befinde mich in einem Bumslokal in der Provinz. Und niemand hat mich gezwungen.</p><p>�Dann bitte. �Gabi streckt einen Arm in Richtung des schwarzen Vorhangs und dr�ckt mit der anderen Hand ihren Zigarillo aus. Sie tr�gt einen langen schwarzen Rock, der an den Seiten hoch genug geschlitzt ist, um �ber dem Ende der Netzstr�mpfe einen Streifen heller Haut hervorschimmern zu lassen. Schuhe hat sie keine an. Mit einem Summen auf den Lippen geht sie voran und teilt den schwarzen Vorhang mit einer Handbewegung, als gr��e sie nach einer Darbietung ein applaudierendes Publikum.</p><p>Dahinter d�mpft Teppich die Schritte. Die W�nde sind in wechselnden, ineinander �berflie�enden T�nen von Rot, Orange und Gelb gehalten, auf denen kleine Leuchter ihr Licht verteilen. Die Stimmen werden deutlicher, vermischen sich mit leiser Musik. Vor dem n�chsten schwarzen Vorhang f�hrt ein offener Durchgang in einen Seitenraum.</p><p>�Hier kann man sich umziehen, wenn man m�chte. �Gabi will den Raum gerade betreten, als eine Frau mit Federboa ihn verl�sst. Gro�, mit einem an die zwanziger Jahre erinnernden Netz �ber den zusammengesteckten Haaren, von einem breiten Band abgeschlossen und auf der Stirn mit einer dunklen Brosche verziert, blickt sie einen Augenblick irritiert, als w�re sie bei einer dringenden Erledigung aufgehalten worden. Ihr Alter ist schwer zu sch�tzen. Sie tr�gt einen Hosenanzug, dessen Oberteil eher an ein N�glig� erinnert, jedenfalls ist es durchsichtig genug, einen schwarzen BH durchscheinen zu lassen. Gabi nennt sie Viktoria, macht ihrem Outfit ein Kompliment und sagt:</p><p>�Hat schon jemand nach dir gefragt.�</p><p>Der Ausdruck auf Viktorias Gesicht l�sst an einen Adler denken, der seine Beute entdeckt.</p><p>�Gut�, sagt sie mit tiefer, beinahe m�nnlicher Stimme. Ohne die beiden anderen Frauen eines Blickes zu w�rdigen, rauscht sie weiter zum zweiten Vorhang. Gabi sieht ihr nach und sch�ttelt den Kopf, und ihr L�cheln wirkt auf Kerstin mit einem Mal noch hausfrauenhafter als vorher.</p><p>�Soll noch einer sagen, wir w�ren kein bunter Haufen hier. Also: Der Umkleideraum, falls ihr ihn braucht?�</p><p>Karin sch�ttelt den Kopf.</p><p>�Ich w�rde gerne so bleiben. �Kerstin hat ein merkw�rdiges Bed�rfnis zu sprechen, so als w�rde ihr das Halt geben auf dem schwankenden Grund, �ber den sie geht.</p><p>Zum ersten Mal liegt etwas anderes als die Freundlichkeit der Hausherrin in Gabis Blick, als sie sagt:</p><p>�Das sieht sehr sch�n aus. �Das unsichtbare Ausstrecken einer Hand? Die Andeutung eines <emphasis>Du w�rdest aber auch sehr sch�n aussehen ohne �</emphasis>? Kein doppelter Boden, nur <emphasis>Liegefl�chen und ein bisschen Spielzeug</emphasis>. Nur ein bisschen <emphasis>Nichts muss, aber wo wir schon mal hier sind � </emphasis>Die Schwerkraft ist sowieso st�rker als wir, daf�r muss man nicht Einstein sein, das versteht auch Gabi M�ller. Die hebt sogleich die H�nde f�r den wichtigen Teil:�Dort hinten gibt es auch eine Damentoilette, die gr��er ist als die andere in der Bar. Also zum Schminken. �Sie l�sst ihren Blick zwischen ihren G�sten hin und her gehen und scheint sich ein bisschen an Karins L�cheln aufzuw�rmen, bevor sie wieder Kerstins Skepsis begegnet.</p><p>��brigens hab ich vergessen, euch Masken anzubieten. So ganz kleine, nur f�r die Augen. Manche G�ste wollen das gerne, aber heute sind bislang alle unmaskiert. Also?�</p><p>�Nein danke.�</p><p>�Ein andermal vielleicht�, sagt Karin.</p><p>�Ist auch schwierig mit Make-up. �Gabi nickt ein weiteres Mal in ihrer beider Richtung.�Sch�n, dann schlage ich vor, wir gehen mal in den Club.�</p><p>Kerstin l�sst die beiden anderen vorgehen und f�hlt den Wunsch, sich f�r irgendwas zu entschuldigen, sich zu einer Verfehlung zu bekennen, am besten bei ihrer Mutter, die in einem kahlen Krankenzimmer liegt, w�hrend sie � Aber dann streift der Vorhang �ber ihre Wangen, und als er sich hinter ihr schlie�t, glaubt sie einen Moment lang gar nichts zu sehen oder zu h�ren. Oasenartige Ruhe h�llt sie ein. Sie sp�rt ihren Herzschlag und erkennt Joe Cockers kaputte Stimme, tief und fern, aber kein Pfeifen erreicht ihr Ohr, kein Da sind ja die S��en, oder was sie sonst erwartet hat. Diskret und f�r sich, wie Statisten im Theater, verteilen sich die anderen G�ste im Raum. Kleine Sitzgruppen und eine Bar. Der erste Blick, den sie auf sich sp�rt, kommt von dem Mann hinter der Theke, einem vollb�rtigen H�nen mit offener Lederweste �ber der behaarten Brust. Mitten im Raum produziert ein kleiner Brunnen leises, gleichm��iges Pl�tschern. Eine Art Schock der Erleichterung legt sich �ber ihre Sinne, vor denen das <emphasis>Boh�me </emphasis>nur langsam Gestalt annimmt: gr��er als erwartet, mit warmem Licht und hohen Pflanzen. Spiegeln anstelle von Fenstern. Gabis Hand an ihrem Ellbogen f�hrt sie die letzten Schritte zur Theke. Eigentlich sind es zwei R�ume, denn hinter dem Brunnen, zwischen zwei gro�en Yucca-Palmen, �ffnet sich ein Durchgang ins Dunkle, dort schimmert Kerzenlicht auf schwarzen Sitzgarnituren. Die Theke hat Hufeisenform, aber wer an der gegen�berliegenden Seite sitzt, kann sie nicht erkennen, denn der H�ne st�tzt sich mit ausgebreiteten Armen auf die Ablage und wird von Gabi vorgestellt:</p><p>�Das ist Gerd, mein Mann, das sind Kerstin und Karin, ich bin die Gabi und schlage vor, du machst uns drei Kir Royal.�</p><p>�Joh. �Gerd hat die Stimme, nach der sein Aussehen verlangt. Man kann ihn sich gut vorstellen, wie er nach dem letzten Hieb mit der Axt einem Baum beim Fallen zusieht. Unterarme von der St�rke einer Frauenwade. Die Frage, ob er zu sp�terer Stunde in den hinteren R�umen des <emphasis>Boh�me </emphasis>mitmischt, schiebt Kerstin mit einem L�cheln von sich.</p><p>�Hallo.�</p><p>�Meine Frau trinkt ja sonst nur Eierlik�r�, sagt Gerd. W�hrend er drei Sektgl�ser vom Regal �ber der Theke nimmt und sie pr�fend gegen das Licht h�lt, setzt Kerstin sich auf einen der hohen Hocker. Der kurze Gang von der T�r bis zur Bar ist ihr wie ein Hochseilakt vorgekommen, und sie ist froh, wieder festen Boden unter den F��en zu haben. Fehlt nur noch ein Glas, um ihre H�nde zu besch�ftigen. Immer noch tippt ihr ein unsichtbarer Finger gegen die Herzgegend.</p><p>�Ich trinke <emphasis>manchmal </emphasis>Eierlik�r�, sagt Gabi mehr zu sich selbst.</p><p>Ein Spottbed�rfnis wagt sich aus dem Schneckenhaus von Kerstins Nervosit�t hervor. Je weniger unwohl sie sich f�hlt in dieser heimeligen Harmlosigkeit, desto st�rker verlangt ihr Stolz nach Abgrenzung: Haare wachsen in der Gegend von Gerds Stei�bein, und er w�rde gut daran tun, seine Jeans mit einem G�rtel in Stellung zu halten. Karin und Gabi sind beide dieser dralle Frauentyp, den man gerne im Dirndl sieht: Keine Taille, daf�r viel Brust. Und einen Moment lang glaubt sie gar nicht, dass es noch andere R�ume gibt in diesem Club, dass man von der Bar aus nur ein paar Schritte machen muss, um sich zu zweit, zu f�nft oder zu zehnt auf ein Matratzenlager zu werfen. Sie h�rt auch nichts, das auf derartige Aktivit�ten hindeutet.</p><p>Karin bewundert das metallene Armband an Gabis Oberarm, f�hrt mit der Fingerspitze dessen Wellen-, Flammen- oder Schlangenform entlang und bekommt auf die Frage, wo man so was bekomme, zur Antwort:</p><p>�Auf Bali.�</p><p>�Oder bei Obi�, brummt der B�r hinter der Bar.</p><p>Kerstin f�hlt sich sicher genug, um den Blick ein wenig durch die thekenfernen Gefilde des <emphasis>Boh�me </emphasis>schweifen zu lassen. Trotz der warmen Farben atmet der Raum etwas von der Sterilit�t einer Saft-Bar in einem Sonnenstudio. Die Pflanzen spenden ein eher lebloses Gr�n, und die kleinen Sitzgruppen entpuppen sich als Gartenm�bel aus Kunststoff. Bis jetzt sieht sie �berall nur Paare, die entweder so gekommen sind oder sich schon gefunden haben. Ein j�ngeres Paar an einem der Gartentische scheint sich bereits zu langweilen. Sie in knielangen Leggins und bauchfreiem Top, mit gepierctem Nabel und sehr blondem Haar. Er mit freiem Oberk�rper, trainiert, gebr�unt, rasiert und ge�lt, jedenfalls sieht es im D�mmerlicht so aus. Anfang drei�ig, sch�tzt Kerstin, und ihren Mienen nach nicht zufrieden mit dem Angebot im <emphasis>Boh�me</emphasis>. Zwischen ihren Cocktailgl�sern liegt ein Handy, auf dessen Display beide ab und an ungeduldige Blicke werfen.</p><p>Am Tisch daneben tr�gt ein Mann mit fliehendem Haaransatz sein Hawaiihemd offen, h�lt die Hand einer f�lligen Frau im kurzen seidenen Morgenmantel, k�sst ihre Fingerkuppen und fl�stert zwischendurch Dinge, die seiner Partnerin ein kehliges, an Anita erinnerndes Lachen entlocken.</p><p>Viktorias Adlernase sieht sie nicht, vermutet sie aber in dem nicht einsehbaren Bereich hinter den Yucca-Palmen.</p><p>�So, drei Mal s�� und spritzig f�r die Damen. �Gerd stellt die Gl�ser auf die Theke und nimmt wieder seine Stellung von vorher ein: breitarmig, eine Hand auf den Bierhahn, die andere auf die Ablage neben der Sp�le gest�tzt. Eine Goldkette um seinen Hals reicht bis in das dichte Schwarz der Brustbehaarung. Der Kir Royal schmeckt so, wie er gesagt hat: s�� und spritzig, nach Johannisbeere und etwas zu warmem Champagner. Sie h�tte gerne was St�rkeres gehabt. Mit ein bisschen mehr Alkohol w�rde es ihr vielleicht gelingen, sich wohl zu f�hlen an diesem merkw�rdigen Ort, jedenfalls solange die solide Holzkonstruktion der Theke ihr das Gef�hl gibt, jederzeit in Deckung gehen zu k�nnen.</p><p>�Ihr zwei kennt euch schon richtig lange, oder? Merkt man sofort. �Gabi steht zwischen Karins und Kerstins Barhocker und h�lt ihr Glas in beiden H�nden.</p><p>�Wir sind Nachbarn�, sagt Karin.</p><p>�Schon seit einigen Jahren.�</p><p>Nach Freundschaft f�rs Leben klingt das nicht, aber Gabi nickt und nimmt es als Best�tigung.</p><p>�Wir m�ssen ja immer drauf achten, dass der Herren�berschuss nicht zu gro� wird. Bei den Mitgliedern haben wir schon einen Aufnahmestopp f�r Single-M�nner verh�ngt, sonst bleiben uns mittwochs die Stammg�ste weg.�</p><p>�Was passiert denn mittwochs hier?�, fragt Karin.</p><p>�Ich sag immer: Das was bei Arte Themenabend hei�t: Tausend und eine Nacht hatten wir letzte Woche, und n�chstes Mal � Gerd?�</p><p>�Wilder Westen.�</p><p>�SM hatten wir auch schon, aber nur auf Wunsch. Ist den meisten zu ��</p><p>�Wild�, sagt Gerd.</p><p>�Sind unsre R�ume auch nicht geeignet f�r.�</p><p>Kerstin lehnt sich zur�ck gegen die roh verputzte Wand, lauscht mit einem Ohr der Unterhaltung und h�tte es vorgezogen, alleine im Club zu sein. Ohne Karin Preiss. Auf der R�ckfahrt werden sie ihre Eindr�cke austauschen und an einer gemeinsamen Version des Erlebten basteln, werden sagen: Was f�r ein B�r von einem Mann, oder: W�rdest du so eine Korsage tragen? oder: Ich will ja nichts sagen, aber ein Kind hat sie bestimmt, ihrer Figur nach zu urteilen. Ein Geflecht aus S�tzen, das sie sich gegenseitig best�tigen, um dann unausgesprochen selbst einen Platz angewiesen zu bekommen in der Version der jeweils anderen. Wenn sie einander k�nftig begegnen, werden sie beide nicht wissen, ob dieses L�cheln gerade nur ein L�cheln oder ein versteckter Hinweis war. Und wer wei�, vielleicht wird ein solches Geheimnis irgendwann zu schwer, um es zu zweit zu tragen.</p><p>�� so eine Liebesschaukel haben wir gekauft, aber noch nicht installiert�, erz�hlt Gabi.�Wer wei�, ob der Putz an der Decke die D�bel h�lt. Und stell dir vor, das Ding kracht runter, wenn gerade jemand � Dann k�nnen wir den Laden dichtmachen.�</p><p>�Und das Gestell nimmt zu viel Platz weg. �Gerd M�ller hat alle M�glichkeiten bedacht, aber es bleibt schwierig.�Wenn ich w�sste, dass die Decke ansonsten h�lt, w�rd ich einfach die unteren Platten rausnehmen. Da m�ssen ja noch Balken sein, und an die kannste�n Ochsen h�ngen.�</p><p>�Aber doch nicht in der Liebesschaukel. �Karin Preiss h�lt sich kichernd die Hand vor den Mund.�Das w�r ja ��</p><p>�Wild�, sagt Kerstin, und alle lachen.</p><p>�Zumindest bei den Mitgliedern achten wir ja drauf, also: dass das �sthetisch einigerma�en hinkommt. �Gabi ist wieder ganz Gesch�ftsfrau und stellt ihr leeres Glas auf die Theke.�Aber Laufkundschaft? Ich kann doch am Telefon nicht sagen: Faxen Se erst mal�n Foto r�ber. Aber bis jetzt hatten wir immer Gl�ck, oder?�</p><p>�Ochsen waren noch keine da�, best�tigt ihr Mann.</p><p>�Toi, toi, toi, auf Holz geklopft. Sollen wir dann die F�hrung mal fortsetzen?�</p><p>Kerstin hat das Gef�hl, dass Karin es vermeidet sie anzusehen, als sie mit einem wortlosen Nicken von ihrem Barhocker rutscht. Sie selbst sch�ttelt den Kopf.</p><p>�Ich bleib ein bisschen hier sitzen. �Da ist eine sehr klare Idee in ihrem Kopf, ihren Aufenthalt im Club auf diejenigen Bereiche zu beschr�nken, die sie bereits kennt oder von ihrem Platz an der Bar aus einsehen kann. Der Rest mag unsichtbar anwesend sein, als M�glichkeit, die sie nicht zu ergreifen gedenkt. Der Rest ist zu viel. Sie winkt den beiden, als w�re es ein Abschied f�r l�nger, aber Karin sieht sie immer noch nicht an.</p><p>Zum ersten Mal registriert sie die G�ste auf der anderen Seite der Theke: Zwei M�nner und eine Frau, die mit dem R�cken gegen die Theke lehnt, so dass Kerstin nur nackte Schultern sieht, die kein Alter verraten, und einen Kurzhaarschnitt, f�r den das Gleiche gilt. Die M�nner stehen rechts und links, mit jeweils einer Hand auf der Theke, in der N�he ihrer Biergl�ser. Ein teigiges, eher profilloses Gesicht hat der eine, und was unter seinem schwarzen Netz-Shirt an Figur zu erkennen ist, deutet ebenfalls auf etwas schwammig Bleiches, ebenso Alterswie Formloses. Ein Reptil mit kurzen Haaren, das Kerstins Abneigung erregt und ihren Blick sofort weiterwandern l�sst, als sein Kopf sich in ihre Richtung wendet. Am liebsten h�tte sie Gerd gebeten, wieder seine alte Schutzschirm-Position einzunehmen. Der andere sieht nur unscheinbar aus, weder einnehmend noch absto�end, mit Schnurrbart und Koteletten, und das W�ssrige seiner Augen l�sst an einen Fehlsichtigen denken, der seine Brille verloren hat. Mit einer �bertriebenen Geste, die wohl Hingerissenheit bedeuten soll, beugt er sich nach vorne und k�sst die Schulter der Frau in der Mitte, und kaum ist er damit fertig, tut es ihm sein Gegen�ber auf der anderen Seite gleich.</p><p>�Noch einen?�Erst Gerds Bewegung mit dem Kinn macht sie darauf aufmerksam, dass sie bereits ausgetrunken hat.</p><p>�Vielleicht was anderes?�</p><p>�Ich kann nicht viel, aber ich geb mir M�he�, sagt er mit einer Geste in Richtung der Phalanx von Flaschen.�Pina Colada, Wei�er Russe, Long-Island-Eistee. Oder die reine Lehre: Whisky, Wodka auf Eis. Wei�wein, Rotwein, Bier. Ich hab auch�n Shaker irgendwo ��Mit beiden H�nden auf der Theke beugt er sich hinab und begibt sich auf die Suche.</p><p>�Du willst doch nicht anfangen, mit deinen G�sten zu sch�kern. �Das Reptil nutzt die erste Gelegenheit, um mit ihr Kontakt aufzunehmen. Eine Hand bleibt auf dem K�rper der Frau, in Brusth�he, und mit Blicken versucht er, Kerstin zu einer Reaktion zu animieren. Etwas Kaltes liegt in seiner Stimme. Kerstin konzentriert sich auf die Maserung der Theke und ist Gerd dankbar, als er sich wieder zu voller Gr��e aufrichtet und sie von der anderen Seite der Bar abschneidet. Mit fragender Geste h�lt er einen silbernen Mixbecher in der Hand.</p><p>�Wodka auf Eis klingt gut�, sagt sie. Mit dem lauernden Reptil auf der anderen Seite wird Gerd noch mehr zu einem gutm�tigen B�ren, von dessen Kraft eine beruhigende Wirkung ausgeht. Sie hat nichts dagegen, dass er zwei Gl�ser auf die Theke stellt und mit Eis zu f�llen beginnt.</p><p>�Klingt nicht nur gut, schmeckt auch.�</p><p>�Wie lange betreibt ihr den Club schon, Gabi und du?�</p><p>�Drei Jahre. Das war eine ausgesprochene Schnapsidee. Ein Silvestergedanke, hier an diesem Ort geboren, der damals unser Partykeller war. H�tte nicht gedacht, dass man damit Geld verdienen kann.�</p><p>�Kann man aber, oder?�</p><p>�So viel auch wieder nicht. �Er scheint keine Lust zu haben, sich weiter dar�ber auszulassen. Ein Glas stellt er vor sie hin, das andere h�lt er ihr entgegen.�Prost.�</p><p>�Prost. �Ihren Blick erwidert er nicht. Sie beginnt zu argw�hnen, dass Gerd die hinteren Clubr�ume allenfalls vormittags und mit Staubsauger und Putzeimer betritt. Besagte Schnapsidee d�rfte eher Eierlik�r und dem Kopf von Gerds Frau entsprungen sein. Kerstin trinkt, und der Wodka f�hrt ihr scharf in die Kehle. Gabi und Karin sind schon vor einigen Minuten verschwunden. Ist ihre Nachbarin gerade dabei, genau die Linie zu �berschreiten, die ihren gemeinsamen Ausflug vom Beginn einer Bergenst�dter Dorftrag�die trennt?</p><p>Wenn es rauskommt, denkt sie, sind wir geliefert. Die Vorstellung, zum Bergenst�dter Ortsgespr�ch zu werden, hat ihr schon die ganze Woche Schauer �ber den R�cken gejagt. Sie malt sich die Blicke von Frau Meinrich aus, das Getuschel bei K�nig�s, die pl�tzliche Stille beim Betreten der Metzgerei. Ihre Hand schlie�t sich fest um das Glas, und sie sieht Gerd M�ller zu, wie er sich den n�chsten Wodka auf das noch kaum angetaute Eis gie�t. Eine Bemerkung �ber Karin und Gabi verkneift sie sich. Sie will nicht, dass sich zwischen ihr und Gerd die traurige Verbundenheit von Zur�ckgelassenen einstellt.</p><p>�F�r mich noch�n Bier�, hei�t es krokodilsm��ig kalt von der anderen Seite der Theke.</p><p>�Joh.�</p><p>�Und f�r unser Goldst�ck hier noch mal das Gleiche.�</p><p>�Auch das. �Gerds Augenrollen verr�t einen Mangel an Sympathie gegen�ber den G�sten in seinem R�cken.</p><p>Das j�ngere P�rchen erhebt sich von seinen Pl�tzen und schlendert Hand in Hand in Richtung des Durchgangs, in dem vorher Karin und Gabi verschwunden sind. Die Frau sieht auf ihre F��e beim Gehen, und beide wirken eher ernst als vorfreudig. Aus der Reptilienecke folgen ihnen Blicke und l�sternes Zungenschnalzen.</p><p>Gerd konzentriert sich auf das Zapfen des Bieres, als w�re das ein Job f�r Ingenieure.</p><p>Kerstin hat das Gef�hl, dass der Wodka sie nicht w�rmt, sondern ihr kalt im Magen liegt und ihre Gesichtsz�ge gefrieren l�sst. Ringsumher geraten die Dinge in Bewegung, und sie f�hlt sich auf ihrem Platz wie auf einem Pfahl im Wasser, wenn die Flut zu steigen beginnt. Lange wird sie nicht mehr unbehelligt so sitzen k�nnen. Die Diskretion des Ortes ist tr�gerisch, bildet nur eine notd�rftige Tarnung �ber dem Gewucher aus Blicken und Signalen, einem schlingpflanzenartigen Gewirr angedeuteter Kommunikation. Auch der Fr�hrentner in seinem Hawaiihemd wirft einen Blick in ihre Richtung, w�hrend er sich erneut �ber die Hand seines dauergewellten T�ubchens beugt, und die Frau gegen�ber nutzt die Entgegennahme ihres Getr�nks, um sich herumzudrehen und Kerstin mit einer Miene anzusehen, als wolle sie sagen: Einen kannst du haben, wenn du willst. Sie tr�gt ein tr�gerloses Bikini-Oberteil und ist �berraschend jung, kaum drei�ig. Hat volle, runde Br�ste und nach Kerstins Eindruck wenig Grund, sich mit Kerlen abzugeben wie den beiden rechts und links von ihr. Wortlos prostet sie Kerstin zu und dreht sich wieder um.</p><p>Wo bleiben die beiden? In den Blicken der Gastgeberin hat sie eine gewisse Empf�nglichkeit f�r weibliche Reize zu ersp�ren geglaubt, und jetzt fragt sie sich, ob das f�r Karin vielleicht auch gilt. Die Art, wie sie manchmal ihre Hand auf Kerstins Arm oder Bein legt, l�sst das m�glich erscheinen und ist gleichzeitig zu unbestimmt, um die M�glichkeit zum Verdacht zu erh�rten. Oder sehen sie dem jungen P�rchen zu? Oder anderen, die bereits seit l�ngerem dort hinten zugange sind? Die Vorstellung ist absurd und gleichzeitig buchst�blich naheliegend, so greifbar hinter dem wenige Meter entfernten Durchgang, dass sie sich beherrschen muss, sie nicht durch einen raschen Blick zu best�tigen oder zu verwerfen.</p><p>�Geht aufs Haus�, sagt Gerd und schenkt ihr noch einen Schuss Wodka nach.</p><p>�Danke, ich ��Sie legt die Hand �ber ihr Glas und l�chelt. Er hat dunkle Augen, leicht w�ssrig, das nimmt seinem Blick die Intensit�t, obwohl er ihr diesmal ziemlich lange begegnet.�Ich vertrag nicht so viel. �Leise sagt sie das, um nicht einen Kommentar von gegen�ber zu provozieren. �ber seine Schulter hinweg registriert sie eine Bewegung bei den Yucca-Palmen und sieht kurz darauf die stolze Viktoria in Richtung Bar kommen, mit der Andeutung eines L�chelns auf ihren harten Z�gen, als h�tte sie gerade etwas geh�rt, was sich f�r ihre Zwecke verwenden l�sst.</p><p>�Zwei Bordeaux�, bestellt sie, noch bevor Gerd sie �berhaupt wahrgenommen hat. Zwei Bordeaux ohne �bitte�. Die Art, wie sie ins Leere sieht, w�hrend Gerd die Weinflasche entkorkt, wie sie weder die Krokodilsblicke noch Kerstins scheue Musterung bemerkt, wirkt souver�n und selbstgerecht. Irgendjemanden hat sie dort sitzen im Dunkelbereich hinter den Yucca-Palmen, und den wird sie nicht gehen lassen, bevor sie bekommen hat, was sie will � und ihrem Blick nach zu schlie�en, will sie alles. Wortlos schiebt sie einen Geldschein �ber die Theke, nimmt die Gl�ser und ist bereits wieder zwischen den Palmen verschwunden, als Gerd das Wechselgeld abgez�hlt hat und ihr geben will.</p><p>�Danke auch�, murmelt er und l�sst es zur�ck in die Schublade fallen, die als Kasse dient.</p><p>Kerstin trinkt einen Schluck Wodka und kann sich, als Gerd erneut in ihre Richtung sieht, die Frage nicht l�nger verkneifen:</p><p>�Wo bleiben die beiden?�</p><p>Seine Antwort ist eher eine Feststellung als eine Frage:</p><p>�Dir gef�llt�s hier nicht, oder?�</p><p>�Ungewohnt. �Hinter sich h�rt sie die Ankunft neuer G�ste, fragt sich, wie die hereingekommen sind, vermeidet es aber, sich nach ihnen umzudrehen.�Und dir, gef�llt�s dir hier?�</p><p>�Ich war Fernfahrer�, sagt er,�aber nach dem zweiten Bandscheibenvorfall ging das nicht mehr. Und der Job im B�ro, den sie mir stattdessen angeboten haben, ging auch nicht. Zuviel sitzen. Jetzt bin ich Fr�hrentner und P�rchenclubbesitzer, wor�ber soll ich mich beklagen?�</p><p>Kerstin nickt. Vielleicht ist er etwas weniger sensibel, als sie aus dem Anflug von Traurigkeit in seinem Blick hat herauslesen wollen.</p><p>Die neuen G�ste werden von Gerd mit einem �ber die Schulter Richtung Durchgang zeigenden Daumen begr��t. Ein P�rchen, erkennt Kerstin, als sie an der Theke vorbeikommen, das dunkelhaarige Gegenst�ck zu den beiden Blonden. Der Mann tr�gt die gleiche knielange Stretchhose, wie Radfahrer sie tragen, treibt viel Sport und liegt regelm��ig unter der H�hensonne. Und er kaut Kaugummi auf die Art, die sie fr�her versucht hat Daniel abzugew�hnen. Seine Partnerin ebenso. Leggins und eine Art Sport-BH. Unbeschwertheit und Stolz auf die eigene Figur. Hand in Hand gehen sie um die Theke, sagen� Hallo Gerd �und verschwinden Richtung Matratzen. Der Eindruck eines drachenf�rmigen Tattoos �ber einem aparten Frauenhintern ist alles, was von ihnen bleibt.</p><p>Hinter den Yucca-Palmen macht Kerstin erneut eine Bewegung aus und wendet den Blick ab. Sie hat keine Lust, Viktoria noch einmal zu sehen. Ein profundes Gef�hl von Vergeblichkeit macht sich in ihr breit. Karin Preiss entdeckt offenbar gerade die M�glichkeiten des verpflichtungsfreien Partnertauschs, und sie hockt auf ihrem Barhocker, den eine schlammige Flut immer mehr zu einer Insel macht, von der es kein Entrinnen gibt. Der Wodka schmeckt furchtbar, wie destillierter Kunststoff. Gegen�ber legt die Frau den Kopf in den Nacken und macht ein Ger�usch, dem zufolge einer der beiden Kerle seine Hand dort hat, wo sie es am liebsten mag. Die Bewegung vor dem Dunkelbereich ist eingefroren. Vermutlich untersagt Viktoria ihrer Beute das Verlassen ihres Territoriums. Ihre Nase erinnert an einen Adler, aber ihr Verhalten gleicht dem einer Spinne, die mit sicheren, t�dlichen Bewegungen in ihrem Netz agiert.</p><p>Wie lange wird sie jetzt auf Karin warten m�ssen?</p><p>Sie f�hlt sich selbst wie in einem Spinnennetz gefangen und was in ihr aufwallt, ist weniger der Mut als die Wut der Verzweiflung. Warum nicht dem Blick begegnen, der dort von den Yucca-Palmen ihre Richtung eingeschlagen hat? Warum nicht mit einer entschlossenen Geste in die Richtung deuten, in die Gabi und Karin verschwunden sind? Hat sie noch was zu verlieren? Ja, aber es ist ihr egal. Aufstehen, den letzten Schluck Wodka kippen und sich dann dem Schicksal ausliefern. Wie auch immer der Kerl aussieht, der dort steht. Sie wird ihm bedeuten ihr zu folgen, noch bevor Viktoria ihn zur�ckhalten kann, wird ohne sich umzuschauen einen der hinteren R�ume betreten, sich mit dem R�cken zur T�r ihres Kleides entledigen und einfach warten, dass er von hinten an sie herantritt und tut, was zu tun ist. Kalt und eckig, wie ein langsam tauender Eisklotz, liegt ihr der Wodka im Magen. Lust hat sie keine, aber sie will H�nde auf ihren Br�sten, am besten fremde. Sie will diese Mischung aus Sieg und Erniedrigung. Im Aufstehen hebt sie den Blick.</p><p>Den spitzen Schrei, der ihr entf�hrt, h�rt sie selbst mit einer Sekunde Versp�tung. Registriert ihre Hand auf dem Mund und die Blicke, die sie von �berall treffen. Alle im Barraum sehen sie an. Alle bis auf Thomas Weidmann. Der steht wie erstarrt zwischen den Yucca-Palmen, in einem wei�en offenen Hemd, das seine Brustbehaarung erkennen l�sst. Wie ein Schlagers�nger auf einer sch�bigen B�hne steht er dort und sieht auf seine F��e, als h�tte er mitten im Lied seinen Text vergessen. Sie will lachen und hat Angst, sich auf der Stelle zu �bergeben. Sie will weinen und muss aufs Klo. Hinter ihm sieht sie Viktorias Gesicht aus der Dunkelheit auftauchen, bedrohliche Neugier in den schwarzen Augen.</p><p>Alles ist vorbei, liegt in Scherben und wird ewig so bleiben. Fl�stern beginnt die Stille nach ihrem Schrei zu f�llen. Gerd kommt auf sie zu, und sie sp�rt ein Zittern in den Beinen, h�lt sich am Rand der Theke fest und fragt sich, ob sie es �berhaupt bis zum Auto schaffen wird.</p></section></section><section><title><p>Dritter Teil. � in Ewigkeit</p></title><section><title><p><strong>10</strong></p></title><p>Mit einem Handtuch um den K�rper stand sie im Schlafzimmer und sah hinaus in die im Sinken begriffene Sonne. Sp�rte das Pulsieren der M�digkeit in Schenkeln und Waden. Die Musik wehte so leise �ber den Ort, dass Kerstin einen Moment lang nicht wusste, ob das Ger�usch vielleicht nur ihrer Erinnerung entsprang. Die Balkont�r war angelehnt, im Garten wuchsen die Schatten, und unten auf der Terrasse h�rte sie, wie ihre Mutter mit Daniel sprach, ihn offenbar auf dem Arm hielt und ihm die Blumen erkl�rte oder die V�gel oder was sonst seine Aufmerksamkeit erregte. Seit er begonnen hatte nachzuplappern, was man ihm vorsagte, wuchs die Konzentriertheit seines Blicks und griffen seine H�nde nach allem, was in Reichweite war. Jeden Tag entdeckte er Neues in der Welt und sog es in sich auf, nicht mehr mit dem Mund, sondern dem sich aufrichtenden Verstand des Zweij�hrigen. Sie konnte sich nicht sattsehen daran.</p><p>�Habutten�, h�rte sie ihn rufen und fragte sich, ob ihre Mutter verstand, was er wollte.</p><p>Vorne auf der Wiese sah sie die beiden auftauchen und auf die gro�e Hagebuttenhecke zugehen, von der ihre Mutter mit der freien Hand eine Frucht abpfl�ckte und sie ihrem Enkel reichte. Kerstin widerstand dem Impuls, auf den Balkon zu treten und den beiden etwas zuzurufen. Ein sp�ter Sommernachmittag gl�nzte �ber dem Ort, in der Stunde zwischen f�nf und sechs. Sogar der Grenzgang pausierte f�r einen Moment, und durch die beigen, vor der Balkont�r halb zugezogenen Gardinen floss ein warmer Schimmer. Ihre Mutter hielt die Wange dicht an Daniels Gesicht, wenn sie mit ihm sprach, genau wie sie selbst es immer machte, angezogen von dem milchig s��en Aroma seiner Wangen. Manchmal kam es ihr unwirklich vor: mit drei�ig Jahren im eigenen Haus zu leben, mit Mann und Kind, diesen festen Platz im Leben zu haben. Anita hatte ein sp�ttisches Gesicht gemacht bei ihrem ersten Besuch im noch nach Farbe riechenden Haus. Liebevoller Spott, der sich nur scheinbar auf gewisse M�belst�cke richtete und den Kerstin ihr nicht �bel genommen hatte, sondern selbst empfand, wenn sie den Blick �ber die K�chenarmaturen oder die strahlend wei�en Kacheln im Bad streichen lie�. Dann schaute sie ihr Leben an wie einen Film, erstaunt dar�ber, dass die Hauptdarstellerin ihr zum Verwechseln �hnlich sah.</p><p>Daniel holte aus und schmiss die Hagebutte zur�ck in die Hecke.</p><p>Kerstin trat einen Schritt von der Balkont�r zur�ck, bevor sie sich das Handtuch abnahm und durch die nassen Haare rubbelte. Ihre F��e sahen platter und breiter aus nach dreit�giger Wanderung, und beinahe glaubte sie das Blut durch ihre Adern str�men zu sp�ren, vom Kopf bis in die Zehenspitzen. Merkw�rdig, dass dieses Gef�hl der Unwirklichkeit, das in letzter Zeit immer schw�cher geworden war, sich jetzt so deutlich in ihr breitmachte. Und mit dem Verlangen einherging, ihren Mann zu umarmen, der jeden Moment aus dem Bad kommen musste.</p><p>Im Garten erklang glucksendes Lachen.</p><p>Es hatte sich alles gef�gt in diesem Sommer. Sie war angekommen in ihrem Leben oder hatte es eingeholt, jedenfalls wurde sie nicht l�nger von dem Gef�hl geplagt, zu schnell aufgebrochen zu sein in ein Dasein jenseits der studentischen Ungebundenheit. Das hier war ihr Haus, im Garten spielte ihr Sohn, und im Bad h�rte ihr Mann endlich auf zu duschen und brauchte danach erfahrungsgem�� keine Minute mehr, bis er durch den Flur ins Schlafzimmer gehuscht kam. Es war schnell gegangen nach der Uni. Sie hatte ein Kind bekommen, als ihre Kommilitoninnen begannen zu arbeiten, ihre eigenen Tanzstudios aufmachten oder saisonweise in Ferienclubs jobbten und mit den Animateuren schliefen. W�hrend der Schwangerschaft hatte sie sich abgeh�ngt gef�hlt, abgekoppelt vom Leben, gefesselt an ihren aufgebl�hten Bauch und das Haus mit dem Garten voller Bauschutt. Die anderthalb Jahre nach der Geburt waren wie im Flug vergangen, und was man gemeinhin Muttergl�ck nannte, hatte vor allem in permanenter Ersch�pfung bestanden: das Aufstehen nachts, das Windelwechseln, das Gef�hl in einem Laufrad zu stecken, das sich immer einen Tick zu schnell drehte und sie ins Straucheln brachte. Wenn J�rgen aus dem B�ro kam, lehnte sie sich stumm an seine Schulter und bewunderte ihn f�r seine Gelassenheit, �ber die sie sich insgeheim auch ein wenig �rgerte.</p><p>Und dann � nat�rlich hatte es nichts mit Grenzgang zu tun, wie J�rgen hartn�ckig behauptete, sondern damit, dass Daniel nachts durchschlief und zwei oder drei Mal in der Woche Frau Richter f�r einen Vormittag vorbeikam und ihr die Hausarbeit abnahm. Jedenfalls schien Drei�ig ihr pl�tzlich das perfekte Alter zu sein. Sie hielt sich nicht mehr mit dem Z�hlen von Schwangerschaftsstreifen auf, sondern freute sich, dass diese Pr�fung hinter ihr lag, wahrte ohne Anstrengung ihr Idealgewicht und hatte erst k�rzlich zugegeben, Anita habe doch Recht gehabt mit ihrem von jeher gepredigten Mantra: Mit drei�ig erreichst du den Gipfel deiner sexuellen Genussf�higkeit.</p><p>Dann h�rte sie endlich Schritte im Flur und f�hlte sich f�r einen Moment verlegen, weil sie immer noch splitternackt im Schlafzimmer stand, den BH offen �ber den Schultern.</p><p>Er hatte sich nicht abgetrocknet, nur ein Handtuch um seine H�fte geschlungen, und ging etwas breitarmiger als sonst, etwas flacher atmend, den Waschbrettrillen auf seinem Bauch zuliebe.</p><p>�Hilfst du mir?�Sie wandte ihm den R�cken zu und hielt die Haare mit einer Hand zusammen, als tr�ge sie ein Abendkleid, das sie ihn bat zuzuziehen. Albern, er lachte zu Recht, sagte aber nichts, sondern trat hinter sie in einer Wolke aus Duschbad und Feuchtigkeit. Ein leichtes Klopfen der Erwartung mischte sich in das Kribbeln ihrer Haut. Der BH fiel auf ihre Zehen. Ein Wassertropfen rann aus seinem Haar �ber ihre Schulter, gleichzeitig k�hl und warm.</p><p>�Meine Mutter wird gleich rufen, weil Daniel Hunger kriegt. �Sie sprach in ihre aufkeimende Lust hinein, vertr�umt und ohne �berzeugung. Drehte den Kopf hin und her, weil da seine Schulter war, ein paar Bartstoppeln, duschk�hle Haut. Ihre H�nde tasteten langsam �ber das Handtuch, dorthin, wo es sich zum Zelt zu formen begann.</p><p>�Steht alles auf dem Tisch. Unten. �Zwischen Tisch und unten leckte seine Zunge �ber ihr Ohrl�ppchen, dann standen sie einen Moment vollkommen still. Ihre Brustwarzen zwischen seinen Fingerkuppen, nicht l�nger wund und Teil der Funktionalit�t des Muttertiers, sondern die Lustspender von fr�her, etwas dunkler geworden, gr��er und umso leichter zu handhaben. Sie hielt die Augen weit offen, sah in den Garten hinaus und �ber die D�cher des Ortes. Auch die Luft stand still, drau�en.</p><p>In seiner Umarmung drehte sie sich um, nahm ihm das Handtuch ab und sagte:</p><p>�Legen wir uns doch hin.�</p><p>Noch einmal erklang Lachen im Garten, dann war ihr Gesicht zu nah an seinem Atem, um anderes zu h�ren. Zahncreme und Bier, scharf und herb, sie fuhr mit der Zunge hinein und wieder heraus, seinen stoppeligen Hals hinab und begann Wassertropfen aus seinen Brusthaaren zu saugen. Musste ein Lachen unterdr�cken. Vielleicht hatte sie auf dem Fr�hst�cksplatz doch eins zu viel getrunken. Sex zwischen Eheleuten war schlie�lich das Normalste von der Welt, aber genau genommen war es das �berhaupt nicht, sondern ein kompliziertes Spiel aus Lust und Gegenlust. Sie h�tte ihn gerne gefragt, was er dar�ber dachte, gerade in diesem Augenblick und mehr, um ihn ein bisschen zu foppen, stattdessen verrieb sie mit der Daumenspitze einen Gl�ckstropfen und nahm seinen Schwanz in den Mund. Seit Neuestem stutzte er sein Schamhaar; eine Ma�nahme, die ihr im Ergebnis angenehm, aber in der Motivation unklar war, jedenfalls solange sie darin keine Aufforderung sehen wollte, es ihm gleichzutun. Sie mochte das Gef�hl der nackten, festen Kugel in ihrer Hand, in der zwei kleinere Kugeln sich tr�ge bewegten. Sie kauerte sich zusammen, legte ein Ohr auf seine Lenden, hielt ihn nur mit den Lippen fest und freute sich �ber die gl�ckliche Position seines Schienbeins.</p><p>Ihre Gedanken hingen am seidenen F�den jetzt, baumelten gegeneinander wie die Fische des Mobiles �ber Daniels Kinderbett. Fragezeichen l�sten sich auf, und nur eine leise Verwunderung begleitete den sich auf ihrer Zunge entfaltenden Geschmack, das Salzig-Glitschige, das sie mit schnellen Bewegungen aus der Falte um seine Eichel kitzelte. Die Verwunderung galt diesem Anschein von Normalit�t, hinter dem ein Feld von M�glichkeiten lag, eine Art doppelter, aber l�chriger Boden, �ber den man nur deshalb so problemlos hinweggehen konnte, weil man ihn nicht sah. Sie selbst sah ihn ja auch nicht, es war nur eine Ahnung, die sie von fr�her kannte und die nun zur�ckkehrte, sozusagen aus dem Exil des Gl�cks.</p><p>Davon abgesehen h�tte sie nicht sagen k�nnen, was anders war als sonst. Seine H�nde fuhren durch ihr Haar, ber�hrten sie an den Schultern und schienen bedeuten zu wollen, dass er bereit war f�r den Hauptgang. Und erst als sie seinem sanften Dr�ngen nachgab und ihre Zunge seinen Bauchnabel erreicht hatte, stellte sie fest, dass ihre Lust sich in Erstaunen aufgel�st hatte. �ber nichts. Zur�ck blieb das Bed�rfnis, sich neben ihn zu legen und ihm zu sagen, dass Grenzgang in Daniels Sprache �Gegang� hie�. Die drei Tage Revue passieren zu lassen, nicht um ihn zu foppen diesmal, sie h�tte sich gerne ihrer Lust hingegeben, aber die war weg. Der Drang zu lachen verschwand aus Kerstins Kehle, als h�tte sie ihn runtergeschluckt.</p><p>Ein ungeduldiges Zucken ging durch J�rgens K�rper. Wie eine pummelige Antenne stie� sein Penis gegen ihren Bauch. Mechanisch richtete sie sich auf und spreizte die Beine, mit den Augen auf der Suche nach seinem von Lust verschleierten Blick.</p><p>�Ich f�rchte ��, setzte sie leise an, und im selben Moment erklang von unten die Stimme ihrer Mutter:</p><p>�Kerstin!�</p><p>Sein Blick begegnete ihr kurz, zog sich gleich wieder hinter geschlossene Augen und ein Kopfsch�tteln zur�ck.</p><p>�Warum jetzt?�</p><p>�Sie findet das Geschirr nicht.�</p><p>�In der Sp�lmaschine.�</p><p>�Eben. �Ihre Hand glitt noch einmal seinen Oberk�rper hinab, in dem vergeblichen Versuch, sich zwar flink, aber nicht abrupt von ihm zu l�sen.</p><p>�In der Sp�lmaschine�, wiederholte er.</p><p>�Du musst es nicht mir sagen, ich muss es ihr sagen. �Sie stand bereits neben dem Bett, griff nach ihrem Bademantel und war mit zwei schnellen Schritten bei der T�r. Ohne auf J�rgens resigniertes St�hnen zu reagieren, schl�pfte sie hinaus, gleichzeitig schuldbewusst und erleichtert und mit dem Bed�rfnis, sich den Mund auszusp�len.</p><p>�Ja?�, rief sie die Treppe hinab.</p><p>�Was soll Daniel essen?�</p><p>�Was er jeden Abend isst.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Brot mit Schmierk�se oder Fleischwurst oder Mortadella oder was sonst im K�hlschrank ist. Neuerdings mag er Salatgurken, wenn man sie ihm sch�lt.�</p><p>Das Gesicht ihrer Mutter erschien am Fu� der Treppe.</p><p>�Wo bleibst du?�</p><p>�Ich bin gleich unten. Ich hab geduscht.�</p><p>�Sein Tellerchen steht nicht im Schrank.�</p><p>Kerstin zog sich Richtung Bad zur�ck, bevor sie mit den Augen rollte. Mon Dieu, mon Dieu, sein Tellerchen ist weg. Kam ihre Mutter aus einer Generation, in der die Vorstellung, Eheleute k�nnten am helllichten Tag miteinander ins Bett gehen, einfach keinen Platz hatte? Sie wusch sich H�nde und Gesicht, sp�lte den Mund aus und vermied es, noch einmal im Schlafzimmer vorbeizuschauen, bevor sie im Bademantel nach unten ging.</p><p>Daniel sa� in seinem St�hlchen am Tisch und lie� die Bereitschaft erkennen, demn�chst laut zu werden, wenn ihm kein Essen vorgesetzt wurde. Eine Handvoll Hagebutten kullerte �ber den Tisch. Kerstin zog sich den Bademantel fest zu und nahm ihren Sohn auf den Arm.</p><p>�Mein armer Schatz�, sie sprach nah an seinem Ohr, blies eine Haarstr�hne zur Seite.�Findet deine Oma dein Tellerchen nicht?�</p><p>�Tella, wo isser?�</p><p>�In der Sp�lmaschine. �Und noch einmal lauter und in das hastige �ffnen und Schlie�en der Schrankt�ren hinein, das aus der K�che kam:�In der Sp�lmaschine, Mutter.�</p><p>�Wieso sagst du das nicht gleich? L�sst mich hier suchen wie ��Kurz darauf kam sie durch die offene T�r, mit diesen hektischen Flecken auf den Wangen, die Kerstin sich nicht erinnern konnte fr�her an ihr gesehen zu haben. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch kam, zeigte sich mehr Grau in ihrem Altedamenhaarschnitt und eine merkw�rdige Art von �berforderung in ihrem Verhalten: Die Angst, etwas falsch zu machen im fremden Haushalt, den Herd nicht bedienen zu k�nnen oder das Geschirr zu zerdeppern, und gleichzeitig schien sie unf�hig, auch nur eine Minute reglos im Wohnzimmer zu sitzen und fernzusehen. F�r Anfang sechzig war sie nicht mehr allzu gut beieinander. Seit bei Kerstins Vater Krebs diagnostiziert worden war, hatte sich das Gesicht ihrer Mutter zu einer schmalen Maske der Besorgnis gewandelt, die sie mehrmals in der Woche in die Kirche trug, ohne sich durch Hans von der �berzeugung abbringen zu lassen, dass alles zum Schlimmsten stand. Es steht nicht in unserer Macht, sagte sie st�rrisch, da konnte ihr Hans von den neuesten Strahlentherapien erz�hlen, wie er wollte.</p><p>�Danke�, sagte Kerstin,�ich mach das schon.�</p><p>�Sp�lmaschinen sind auch nur dazu da, dreckiges Geschirr drin stehen zu lassen, bis der Schmutz angetrocknet ist.�</p><p>�Hattet ihr einen sch�nen Nachmittag, ihr zwei?�Sie setzte sich hin, hielt Daniel auf ihrem Scho� und schmierte an ihm vorbei Butter und K�se auf eine Scheibe Vollkornbrot. Vor der Terrassent�r lag sein Dreirad.</p><p>�Er trinkt zu wenig.�</p><p>�Wo steht sein Trinkbecher?�Sie schnitt das Brot in kleine Quadrate, w�hrend ihre Mutter zu suchen begann, und selbst noch aus der K�che konnte Kerstin ihren Atem h�ren, der sich immer am Rand des Keuchens hielt. Warum wurde die pl�tzlich so alt?� Und da m�sste noch seine Serviette auf der Anrichte liegen.�</p><p>�Wo?�</p><p>�Neben der Sp�le. Trockentuch geht auch.�</p><p>�Ich kann den Becher nicht finden.�</p><p>�Ich komm schon. �Sie setzte Daniel zur�ck in sein St�hlchen, ging in die K�che und sah den Trinkbecher signalrot auf dem Tisch stehen. Ihre Mutter wuselte vor dem Fenster hin und her.�Hab ihn schon. War der Nachmittag sehr anstrengend? Ich dachte, er h�tte bis vier geschlafen.�</p><p>�Das viele Putzen ist nicht gut f�r meinen R�cken.�</p><p>�Das viele � Putzen?�Durch die offene T�r sah sie, wie Daniel die Wirkung der Schwerkraft auf einzelne Brotst�cke untersuchte. Am liebsten w�re sie ohne ein weiteres Wort mit ihm nach drau�en gegangen, h�tte sich auf die Bank hinterm Haus gesetzt und das honigfarbene Licht genossen, ohne einen Gedanken an den Boden in Flur, Ess- und Wohnzimmer zu verschwenden. Sehr sauber hatte der ausgesehen bei der R�ckkehr aus dem Wald. Verd�chtig sauber.�Sag mir nicht, dass du den Nachmittag damit verbracht hast ��</p><p>�So wie es hier �berall aussah. Will dein Mann eigentlich den ganzen Abend im Bett verbringen?�</p><p>�Mutter, h�r mir zu: Ich will nicht, dass du in meinem Haus putzt. Wir sind froh, wenn du uns die paar Tage �ber mit Daniel hilfst und ein bisschen zur Hand gehst, aber du musst hier nicht die Putzfrau spielen.�</p><p>�Boden�, vermeldete Daniel aus dem Esszimmer.</p><p>�Ich heb�s dir gleich auf, mein Schatz. Mutter, hast du mich verstanden? Du sollst hier nicht putzen!�</p><p>�Wie man�s macht, isses verkehrt.�</p><p>�Es ist nicht deine Aufgabe.�</p><p>Sie standen hintereinander wie an der Supermarktkasse, als st�nden unsichtbare Einkaufswagen zwischen ihnen. Drau�en lag der Haink�ppel still und verlassen. Alle Grenzg�nger waren aus dem Wald zur�ckgekehrt und machten sich fertig f�r den abendlichen Besuch im Festzelt, den kr�nenden Abschluss der Feier. Kerstin sah auf die kr�ftigen Waden ihrer Mutter, die klobigen Schuhe, die sie getragen hatte, solange ihre Erinnerung zur�ckreichte, und deren Abs�tze ein hartes Ger�usch machten auf dem K�chenboden in Olsberg. Langsam versickerte ihre Wut, lie� eine Kruste aus Unzufriedenheit zur�ck und die Frage, warum M�tter es einem immer so schwer machen m�ssen, die Dankbarkeit auch zu empfinden, die man ihnen schuldet.</p><p>Mit Trinkbecher und Geschirrtuch ging sie zur�ck ins Esszimmer. Sie h�rte Schritte oben vor dem Bad und fragte sich, ob J�rgen vielleicht eigenh�ndig zu Ende gebracht hatte, was eine gemeinsame Unternehmung h�tte werden sollen. Daniels Pulli war bereits hin, frischk�sem��ig. Dankbarkeit, die man schuldet, ohne sie zu empfinden � worin unterschied die sich von Groll und schlechtem Gewissen?</p><p>�Leg mal die Hagebutten wieder hin, Daniel, die kann man sowieso nicht essen. Ich mach dir noch ein Brot.�</p><p>�Buttenbot.�</p><p>�K�sebrot. K�-se-brot. �Sie schmierte eine weitere Scheibe und gab dem Protest ihres Sohnes nach, der es nicht mehr duldete, dass Nahrung ihm von fremder Hand gereicht wurde. J�rgen hatte sich offenbar noch einmal unter die Dusche gestellt. Aus der Ersch�pfung von der Wanderung wurde M�digkeit, und als Daniel schlie�lich satt und im Gesicht �ber und �ber k�severschmiert war, stellte Kerstin fest, dass sie wenig Lust hatte auf einen Abend im Biernebel, mit Grenzgangsliedern und dem vertraulich untergehakten Schunkeln des Festzeltes. Im Wohnzimmer war ihre Mutter damit besch�ftigt, Zeitschriften zu stapeln und Kissen auszuklopfen. J�rgen kam die Treppe herunter. Frisch rasiert, im wei�en Hemd des Fahnentr�gers.</p><p>�Du bist noch im Bademantel?�</p><p>�Anita wollte anrufen, bevor sie losgeht.�</p><p>Er setzte sich an den Tisch und klaubte ein paar Brotkrumen auf, schien nicht zu bemerken, dass jemand aus seinem St�hlchen heraus ihn mit gro�en Augen ansah. Sein Rasierwasser kam ihr ein wenig zu aufdringlich vor f�r den Abendbrottisch.</p><p>�Tu mir einen Gefallen, J�rgen, renn noch ein bisschen mit deinem Sohn durch den Garten und leg ihn auf den Wickeltisch. Ich brauch eine Viertelstunde.�</p><p>�Ich wollte demn�chst los. �Jetzt hatte er Daniels Blick bemerkt.</p><p>�Aha.�</p><p>�Sag nicht aha; du wei�t doch, dass ich als Fahnentr�ger mitlaufen muss beim Zug.�</p><p>�Aber vielleicht musst du als Familienvater vorher noch eine Windel wechseln. �Sie sah ihn an, bem�ht, seinen Missmut mit gro�en Augen aufzufangen und ihn daran zu erinnern, dass ihre letzte Umarmung noch keine zehn Minuten zur�cklag. Nicht zum ersten Mal wunderte sie sich, wie viele unterschiedliche Gef�hle Platz hatten in einer beliebigen Sekunde der Zeiteinheit �Ehe� und dass das Verlangen nach einer Umarmung sich mit dem Impuls vertrug, ihm in den Schritt zu fassen und zu sagen: Wickel ihn oder ich dr�ck zu. Ganz �hnlich der Verwunderung fr�her im Biologieunterricht dar�ber, dass es gewissen Bakterien m�glich war, sich zu Hunderttausenden auf einer Messerspitze zu tummeln. Es war ein stiller Kampf mit den Augen, und diesmal gewann sie ihn. Er murmelte etwas von f�nfundzwanzig Litern, die ihn das Nicht-Erscheinen auf dem Marktplatz kosten w�rde, dann hob er Daniel aus seinem Stuhl, und w�hrend Kerstin den Tisch abr�umte, h�rte sie die beiden im Garten toben. Ein Wettrennen offenbar, das der j�ngere der beiden Bambergers um Haaresbreite gewann. Sie r�umte Tupperdosen in den K�hlschrank und sch�ttelte den Kopf: Helden � standen wie Statuen auf dem Sockel ihrer M�nnlichkeit und starrten erwartungsvoll Richtung Horizont, w�hrend zu ihren F��en sich Wunder an Wunder reihte, aber wenn man sie drauf aufmerksam machen wollte, zischten sie einem ein genervtes Psst! entgegen, aus lauter Angst, was zu verpassen.</p><p>Dass ihre Mutter sich unterdessen endlich in einem der Wohnzimmersessel niedergelassen hatte, schloss Kerstin aus dem lauten Schnarchen, das von dort in die K�che drang. Es w�re besser, den Abend zu Hause zu verbringen. Im Fernsehen kam <emphasis>Wetten dass �?</emphasis>, genau die richtige Mischung aus Ablenkung und langweiligen Showeinlagen, um ein paar ernste Worte zu wechseln, ohne bef�rchten zu m�ssen, dass alles in einem Weinkrampf endete. Sie machte sich selbst Sorgen um ihren Vater. Sie hatte blo� nicht viel Zeit, an ihn zu denken.</p><p>Eine Weile stand sie am K�chenfenster und sah J�rgen und Daniel beim Toben zu, dann nahm sie das drahtlose Telefon und ging hoch ins Bad. Ihre und J�rgens Sachen reihten sich auf dem Bord unter dem Spiegel, die bunte Vielfalt weiblicher und die b�ndige Beschr�nkung m�nnlicher Hygieneartikel: Rasierpinsel, Klinge, Schaum, Aftershave. Ein Deo-Roller. Immer lag was auf dem Boden und verhinderte den Eindruck steriler Funktionalit�t. Ein Familienbad, gr��enm��ig �berfordert von dem w�rfelf�rmigen Wickeltisch mit seinen drei Schubladen, auf dessen Liegefl�che sich immer ein paar Handt�cher stapelten, die man auf den Boden wischen musste, um Daniel darauf zu platzieren. Im offenen Bademantel stand Kerstin vor dem Spiegel und bedauerte, dass keine zeitaufwendigere Pflege anstand, sie h�tte sich gerne die Waden epiliert oder die Fu�n�gel lackiert, aus purer Freude an ihrem Aufenthalt im Badezimmer, in das demn�chst J�rgen und Daniel platzen w�rden, um auf charmanteste Weise ihren Frieden zu st�ren.</p><p>Angesichts der Rustikalit�t der Bergenst�dter Feierlichkeiten beschr�nkte sie ihre Kosmetik auf das Notwendigste und hatte sich gerade dezent die Lippen nachgezogen, als das Telefon klingelte.</p><p>�Bin demn�chst so weit�, sagte sie zur Begr��ung.�Ich will nur Daniel ins Bett bringen, bevor wir losgehen. Meine Mutter ist ein bisschen �berfordert.�</p><p>�Sag, ist dir eigentlich gar nicht langweilig?�Im Hintergrund spielten <emphasis>The Cure</emphasis>, wenn sie sich nicht t�uschte. Anita hatte eine Art, sich in Stimmungen hineinzusteigern, die ebenso unangenehm wie ansteckend war.�Dieser elende Grenzgang. Die st�ndig gleichen Gesichter. Ich bin seit drei Tagen hier und ��Ein k�nstliches G�hnen beendete den Satz.</p><p>Am liebsten h�tte Kerstin erwidert, dass der Grund ihrer Langeweile nicht in Bergenstadt, sondern in ihrem, Anitas, eigenem Kopf lag. Stattdessen sagte sie:</p><p>�Ist der letzte Tag heute, den wirst du auch noch rumkriegen. Wann f�hrst du wieder?�</p><p>�Sobald ich morgen wieder n�chtern bin.�</p><p>�So schnell. �Mittwochabend zum Kommers war Anita angereist, und seitdem hatten sie zwar viel Zeit zusammen verbracht, aber dabei mehr gesungen als geredet. An den Haink�ppel war Anita kein einziges Mal gekommen und hatte ein f�r Daniel mitgebrachtes Geschenk zwar erw�hnt, aber keine Anstalten gemacht, es ihm auch zu �berbringen. Kleine Risse in der erprobten Kampfgemeinschaft zeichneten sich ab. Anitas Ansicht lautete: Heiraten notfalls okay, Kinderkriegen geradeso in Ordnung. Aber nach Bergenstadt ziehen? Hier ein Haus bauen? Von Anfang an hatte sie Kerstin nicht abgenommen, dass das nur ein erster Schritt war, der sich aus vern�nftigen pragmatischen Erw�gungen ergab und keineswegs bedeutete, dass sie und J�rgen in diesem Kaff alt werden wollten.</p><p>�Bist du noch dran?�, fragte Anita.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich anziehen soll. Schick oder lieber nicht so schick?�</p><p>�Auf jeden Fall z�chtig als junge Mutter. Reicht ja, wenn einer wei�, was f�r Beine die Gattin hat. �Anita konnte, wenn sie wollte, ausgesprochen gemein sein. Da kennst du deinen Mann aber schlecht, war alles, was sie zu den pragmatischen Erw�gungen gesagt hatte.</p><p>�Wie finden wir uns sp�ter im Zelt? Oder soll ich einfach dahin gehen, wo ein paar M�nner einen Kreis bilden?�</p><p>�Wenn in Bergenstadt M�nner einen Kreis bilden, steht in der Mitte keine Frau, sondern ein Bierfass.�</p><p>�Wobei hier die Form ja h�ufig �hnlich ist�, sagte sie, aber es machte keinen Spa�, auf Anitas Bosheiten einzugehen, wenn diese sich zum Teil gegen sie selbst richteten.�Wo also? Stehst du beim Rehsteig?�</p><p>�Wahrscheinlich. Notfalls wei� ich ja, wo ich dich finde.�</p><p>�Dann bis sp�ter. �Ein weiteres kleines Absacken ihrer Stimmung. Sie ging ins Schlafzimmer, um sich einen k�rzeren Rock aus dem Schrank zu holen. Unschl�ssig drehte sie sich vor dem Spiegel, war zufrieden mit ihrem Anblick und f�hlte sich trotzdem nackt. Die Bettdecke lag sorgf�ltig ausgebreitet �ber der Matratze. Noch einmal drehte sie sich in der H�fte und fand, dass ihre Beine sich �berhaupt nicht ver�ndert hatten, es war nur ihre elende Schw�che von fr�her: Egal wie absurd die Bedenken waren, mit denen andere sie konfrontierten, sie machte sie sofort zu ihren eigenen. Dabei hatte sie sich entschieden f�r dieses Leben, und wenn Anita das nicht akzeptieren und ihre eigene Matratzentingelei fortsetzen wollte, dann konnte sie es auch nicht �ndern.</p><p>Andere Freundinnen hatte sie jedenfalls nicht.</p><p>Und dieser Rock sa� perfekt!</p><p>J�rgens Augenbrauen machten eine Bewegung nach oben, als sie zur�ck ins Bad kam. Daniel lag auf dem R�cken und strampelte mit den Beinen. Es roch nach Baby�l und einem Hauch von Kinderkacke, und sie stellte sich hinter ihren Mann und schlang die Arme um seinen Brustkorb. W�nschte sich, er w�re ein paar Zentimeter gr��er als sie.</p><p>�M�de?�, fragte er.</p><p>�Hm-m. �Sie schloss die Augen und sp�rte die Bewegungen seiner Arme. Was sollte daran falsch sein? Aber hatte �berhaupt jemand behauptet, es sei was falsch daran? Anita stichelte blo�, das hatte sie schon immer gerne getan, weil sie sich im tiefsten Inneren ihres Herzens wahrscheinlich genau das gleiche Leben w�nschte. Sie gab es blo� nicht zu.</p><p>�So, kleiner Mann, die neue Windel zieht dir deine h�bsche Mama an, denn f�r mich wird�s jetzt leider h�chste Zeit. �Er l�ste sich aus der Umarmung, stand in der Mitte des Badezimmers, eine zusammengerollte Windel in der Hand, und sie musste ihn mit den Augen zum Standort des M�lleimers dirigieren.</p><p>�Ich dachte, wir gehen zusammen�, sagte sie.</p><p>�Wenn ich mich beeile, schaff ich�s gerade noch. Kerstin, ich kann da nicht einfach wegbleiben. Morgen ist es vorbei. �Er unterzog seine Finger einem Schnuppertest. Zwang sie mit einem L�cheln dazu, entweder nachzugeben oder einen v�llig unn�tigen Streit vom Zaun zu brechen. Sein Zeigefinger fuhr ihren Hals hinab, machte einen Schlenker �ber ihre linke Brust, dann die rechte � eine Z�rtlichkeit, die ihr ebenfalls unn�tig erschien, wo er doch im Geist bereits zur T�r hinaus war.�Wir sehen uns sp�ter im Zelt.�</p><p>�Sagst du deinem Sohn noch Gute Nacht?�Sie sah ihm zu dabei, wie er Daniels kleine F��e gegen seine aufgeplusterten Backen hielt und die Luft mit einem lauten Furzger�usch entweichen lie� und sich genau in dem Moment wieder abwandte, als Daniel das Spiel verstanden hatte und auf eine Wiederholung wartete.</p><p>�Also dann.�</p><p>F�r den Abschied von ihr nahm er sich mehr Zeit, aber sie ignorierte seine Zungenspitze und die H�nde an ihrem Rocksaum und sagte:</p><p>�Bis sp�ter. �Dann war nur noch sein Rasierwasser im Bad, und Daniel blies selbst die Backen auf, aber seine F��e rutschten ab, als er sie gegen sein Gesicht pressen wollte. So wurde, was ein lustiger Furz h�tte werden sollen, zu einem lauten Seufzer.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Er steht am Fenster und h�rt, wie Stille sich in den G�ngen des Schulgeb�udes breitmacht. Seit zehn Uhr am Morgen hat die summende Betriebsamkeit des Sprechtages in den Fluren gehangen, sind Gr��e getauscht und Abschiede gerufen worden, und er hat knapp drei Dutzend Eltern �ber die schulischen Leistungen und notwendigenfalls �ber die sozialen Defizite ihrer Kinder informiert. Jetzt endlich senkt sich Stille �ber die Schule wie ein h�herer Gnadenakt. Nur noch vereinzelte, eilige Schritte hallen durch die G�nge. Klassenzimmer werden abgeschlossen. Granitzny hat Anwesenheitspflicht bis achtzehn Uhr verh�ngt, aber jemandem ist es gelungen, ihn davon zu �berzeugen, seine eigene Sprechstunde nicht im B�ro des Schulleiters, sondern im Klassenraum der siebten Klasse abzuhalten, in der Granitzny Deutsch unterrichtet, und dieser Raum geht auf den r�ckw�rtigen Hof. Also sitzt Granitzny jetzt da hinten seine eigene Anwesenheitspflicht ab, w�hrend die Kollegen sich nach vorne aus dem Geb�ude stehlen wie Internatssch�ler in der Nacht: mit schnellen Schritten und eingezogenem Nacken und weil nach f�nf Uhr sowieso keine Eltern mehr wissen wollen, wie ihr Nachwuchs sich im Unterricht anstellt. Nicht, wenn Deutschland gegen Argentinien spielt. Nur Weidmann hat die Arme hinter dem R�cken und beobachtet das einzige Auto, das gegen den Strom der fl�chtenden Fu�ballfans aufs Schulgel�nde rollt, um hinter den B�umen bei den Fahrradst�ndern einzuparken.</p><p>Bergenstadt liegt im langsam sinkenden Licht, der Sonne genau gegen�ber. Der Schlossberg gl�nzt. In den G�rten h�ngen Fahnen in drei Farben und verbreiten die knisternde Erotik neudeutscher Normalit�t. Weidmann steht ruhiger, als er sich f�hlt. Zwar hat er sie nicht erkannt, aber er wei� trotzdem, wessen Auto das ist, dort unter den B�umen. Ein Polo ohne Deutschlandfahne auf dem Dach. Wahrscheinlich hat sie sich absichtlich diese Uhrzeit ausgesucht, im Wissen, dass sie auf dem Weg durch die Schule kaum mehr jemandem begegnen wird. Er geht zum Pult, stellt ein paar St�hle an ihren Platz zur�ck und gie�t sich den letzten Schluck Kaffee in seinen schon klebrigen Becher mit dem Schriftzug der <emphasis>Pennsylvania State University</emphasis>. Langsam l�sst er den Blick �ber die Posterwand am gegen�berliegenden Raumende gleiten, �ber die Horde beklunkerter, muskelbepackter Zuh�ltergestalten mit den zu gro�en Hosen und schief sitzenden M�tzen und �ber die Bikinih�schen mit offenen M�ndern. Den Sechzehnj�hrigen, die <emphasis>das </emphasis>attraktiv finden, versucht er Saint-Exup�ry nahezubringen. Das ist sein Job.</p><p>Mit beiden H�nden flach auf dem Pult nimmt er Platz vor den leeren Tisch- und Stuhlreihen. Sp�rt die Feuchtigkeit seiner Fingerspitzen. Keine Schritte und keine Stimmen mehr in den G�ngen, nur in seinem Kopf h�rt er weiterhin das vielkehlige Summen, das kein Ger�usch ist, sondern der Schatten von sieben Jahren Arbeit in diesem Geb�ude. Sie wartet dort unten im Auto und er hier. Entweder wird sie raufkommen oder er runtergehen. Und dann � die Parodie eines Elterngespr�chs? Ein bem�htes Als ob es das letzte Wochenende nicht gegeben h�tte und sie beide bei dem Wort �Boh�me� zuerst an das Schwabing der zwanziger Jahre denken w�rden? Oder wird sie ihn �berraschen, all ihren Mut zusammennehmen und ihn direkt ansprechen auf die Begegnung im Club?</p><p>Ihren Exmann hat er schon gesprochen heute und dabei best�ndig an den vergangenen Samstagabend denken m�ssen, an den spitzen Schrei, die Panik in ihren Augen und die �berst�rzte Flucht, w�hrend er zu allem nickte, was J�rgen Bamberger zum Thema Verantwortung glaubte sagen zu m�ssen, auch seinem Sohn bereits gesagt hatte und der versammelten Familie Endler ebenfalls. Einstudiert wie ein Pl�doyer vor Gericht. Offenbar ist er nur in die Schule gekommen, um zu vermelden, dass er seine Lektion gelernt hat, ansonsten schien er davon auszugehen, das �bertrage sich dann automatisch auf die Nachkommen. Ein Gespr�ch im �Du� von fr�her, das mittlerweile gezwungen klang und nat�rlich nichts �nderte an der Tatsache, dass sie einander nie gemocht haben. Mit einem resoluten �Sch�n, J�rgen!� ist Weidmann ihm schlie�lich ins Wort gefallen und hat gefragt, ob er denn auch etwas wissen wolle zu Daniels schulischen Leistungen.</p><p>Es spricht nicht f�r Kerstin Werner, findet er, dass sie den mal geheiratet hat.</p><p>Aber ihren Blick kann er trotzdem nicht vergessen. Obwohl ihm unwohl ist bei dem Gedanken, gesehen worden zu sein in seinem l�cherlichen Aufzug, das Hemd offen �ber der Brust, im Plastikcharme dieses schummrigen Partykellers � am peinigendsten ist die Erinnerung an diesen Blick, mit dem Kerstin Werner aus dem ungl�cklichen Zufall ihrer Begegnung etwas gemacht hat, das ihr von ihm angetan wurde. Wider Willen, aber unwiderruflich. F�r ihn war es ein Spiel, wenn auch ein fades nach dem ersten Handschlag mit Viktoria (den Nachnamen hat sie ihm unter dem Hinweis verheimlicht, der sei ihm wahrscheinlich �aus anderen Zusammenh�ngen� bekannt), aber f�r sie war es entw�rdigender Ernst. Eine gewaltt�tige Entbl��ung, als h�tte ihr jemand hinterr�cks die Kleider vom Leib gerissen vor einer Horde betrunkener Matrosen. Sie ist sofort Richtung Ausgang verschwunden, die Arme um den Oberk�rper geschlungen, den Kopf gebeugt, und er ist immer noch �berrascht, wie genau er nachempfinden kann, was sie jetzt f�hlt: h�ssliche, nagende Scham. Ein ewiger schlechter Geschmack auf der Zunge, der vergebliche, verr�cktmachende Wunsch, das Geschehene ungeschehen zu machen. Und etwas, das er alleine lindern k�nnte, wenn er nur den Hauch einer Ahnung h�tte wie.</p><p>Weidmann nimmt die H�nde hoch und sieht deren Abdruck auf der Tischplatte beim Verschwinden zu. Wie? Er hat sich das schon dort hinter der Yucca-Palme gefragt, als er Karin Preiss aus den hinteren R�umen kommen und verwirrt am Tr�ger ihres Kleides nesteln sah. Und nachdem auch die zweite Bergenst�dterin aus der T�r verschwunden war, hat er zu Viktoria nicht mehr gesagt als �Schreib mir nicht mehr!� und ist ebenfalls gegangen.</p><p>Mit einem Ruck steht er auf und �ffnet die T�r, aber aus dem leeren Flur glotzt ihm nur das formlose Schimmern des Deckenlichts in den Bodenkacheln entgegen. Zur�ck am Fenster, glaubt er die Frontpartie des Polo zwischen den B�umen ausmachen zu k�nnen. Soll er nach drau�en gehen und sie heraufbitten? Genau genommen wei� er n�mlich sehr gut, wie er ihr helfen kann, und kennt in- und auswendig die Worte, die dazu n�tig sind, schlie�lich hat er sie die ganze Woche in jeder freien Minute vor sich hin gemurmelt. Sie w�rden ihm auch keine Verstellung abverlangen, er versteht <emphasis>wirklich</emphasis>, was in ihr vorgeht. Das Seltsame ist: Er wei� nicht, ob er ihr gegen�ber zu dieser Nicht-Verstellung f�hig ist. �ber Jahre hinweg hat er die F�higkeit perfektioniert, sich nicht zu verlieben, sondern neugierig zu sein. Aufmerksam, sprungbereit und unsentimental. Ohne Stolz �brigens und mit nicht mehr Jagdinstinkt als unbedingt n�tig, aber so wie alle M�nner ist er davon ausgegangen, dass die Weinkellerk�nigin seiner einsamen Phantasien, falls sie ihm eines Tages begegnen sollte, von der Art sein und ihn auf die Art packen w�rde, die das Spiel verlangt: Eine Gespielin, die ihm das s��e Gift ihrer Reize einfl��t und mit einem L�cheln zusieht, wie es seine Wirkung entfaltet. Eine Frau, die so ist, wie diese Viktoria glaubt zu sein. Mit anderen Worten, er hat den Reiz des Spiels gerade darin gesehen, dass es in einem eng begrenzten Feld ausgetragen wird und von der Gefahr der �bertretung durchsetzt ist. Aber diese Grenze hat er <emphasis>vor </emphasis>sich vermutet, eine sichtbare oder zumindest instinktiv wahrnehmbare Linie; so dass er, was jetzt geschehen ist, nur als �berrumpelung empfinden kann.</p><p>Warum sie? Seit einigen Tagen beobachtet er sich dabei, wie er seinem Badezimmerspiegel Fragen stellt, die nur einem Trottel einfallen.</p><p>Weil sie eine attraktive, kluge und auf ihre Weise lebenslustige Frau ist � und Antworten zu geben, f�r die nur ein Volltrottel sich nicht sch�men w�rde.</p><p>All die Jahre hat er sich eingeredet, ein Spieler zu sein, und um keine Missverst�ndnisse aufkommen zu lassen: die Veilchen waren Spiel, weiter nichts. Und jetzt sieht er zu, wie Kerstin Werner ihm diese Schlinge um den Hals legt, als ob er vorh�tte, auf seine alten Tage zum Kleinstadt-Kantianer zu mutieren: Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer langweiligen Ehe gelten k�nne.</p><p>L�cherlich, ja. Aber die Frage lautet: Hat sie ihn �berrumpelt oder hat er die ganze Zeit �ber mit dem�tig gesenktem Kopf dagestanden und nur auf die Schlinge gewartet?</p><p>Als es an der T�r klopft, erschrickt er nicht, sondern nickt in das leere Klassenzimmer, als st�nden darin Zuschauer in Erwartung einer Darbietung. Wahrscheinlich ist sie �ber den hinteren Schulhof gegangen. Was immer sie von ihm will, sie geht umsichtig vor. Und er lehnt mit verschr�nkten Armen an der Fensterbank und sagt nicht Herein, sondern starrt stumm Richtung T�r. Schicksal ist eines dieser Worte, die sich gut denken lassen, wenn alles zu sp�t ist. Die dann pl�tzlich vers�hnlich klingen, als w�rde jeder Abgrund in dem Moment dein Freund, da du darin verschwindest.</p><p>Granitzny steckt seinen Elefantenkopf durch den T�rspalt, dreht ihn nach links und rechts, bevor er Weidmann entdeckt und sagt:</p><p>�Zwei.�</p><p>�Zwei was?�Er ist �berrascht, wie unger�hrt seine Stimme klingt. Nur in den Armbeugen f�hlt er Schwei� durch sein Hemd sickern.</p><p>�Mohikaner. Sie und ich. Sonst ist keiner mehr da.�</p><p>�Es kam mir die ganze Zeit schon verd�chtig ruhig vor.�</p><p>�Alle weg.�</p><p>�Sie sind aber, wenn ich das sagen darf, zu klug und kennen Ihre Pappenheimer zu gut, um das nicht erwartet zu haben.�</p><p>�Ein Lob aus berufenem Munde. �Granitzny kommt herein und nimmt auf einem Tisch in der ersten Reihe Platz. Die H�nde st�tzt er neben sich ab, als f�rchte er, dass andernfalls die Platte in der Mitte nachgeben k�nnte. Sein Gesicht l�sst in der Tat keine �berraschung erkennen, sondern ein heimliches Vergn�gen, als h�tte er jemandem einen Streich gespielt, der das aber noch nicht wei�.</p><p>�Worauf warten Sie noch?�, fragt er.�M�gen Sie kein Fu�ball?�</p><p>�Das Ende schau ich mir zu Hause an.�</p><p>Dann schweigen sie einen Moment. Granitzny sieht zur Tafel, und Weidmann glaubt zwischen den Bl�ttern der B�ume einen Ellbogen im Seitenfenster des Polo zu sehen, aber sicher ist er sich nicht. Auch nicht, ob er hofft oder f�rchtet, ihr beim Verlassen des Geb�udes zu begegnen. Vorerst ist er nicht unfroh �ber die Gesellschaft des Schulleiters, der wie ein gelangweiltes Kind auf dem Tisch sitzt und die Backen h�ngen l�sst. Seine Waden sind zu massiv, als dass man die Bewegung seiner Beine als baumeln bezeichnen k�nnte.</p><p>�Ende des n�chsten Schuljahres brauchen wir einen neuen Stellvertretenden Schulleiter.�</p><p>�Und?�</p><p>�Und � Interesse?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Hab ich mir gedacht. �Granitzny nimmt ein Exemplar des <emphasis>Petit Prince </emphasis>in die Hand, das ein Sch�ler unter dem Pult vergessen hat. Zum ersten Mal, soweit er sich erinnern kann, empfindet Weidmann nicht nur den Gesichtsausdruck, sondern die gesamte K�rperhaltung des Rektors als Abbild einer seltsam profunden, �ber alle Trostversuche erhabenen Traurigkeit.�On ne sait jamais oder so �hnlich sagt der Kerl hier immer, richtig?�</p><p>�Ich habe wirklich kein Interesse an dem Amt.�</p><p>�Und das Fu�ballspiel? Ich hab einen Fernseher in mein B�ro gestellt.�</p><p>�Sie interessieren sich f�r Fu�ball?�</p><p>�Nein. Aber diese WM ist ein gesellschaftliches Ereignis, ein nationaler Grenzgang sozusagen. Man interessiert sich nicht daf�r, man ist einfach dabei.�</p><p>�Verstehe.�</p><p>Granitznys Blick folgt ihm, als er zum Pult geht und beginnt, seine Sachen zusammenzupacken.</p><p>�Haben Sie in Ihrem B�ro auch was zu trinken?�</p><p>�Cognac.�</p><p>Er denkt an Kerstin Werner unten im Auto und hat das dringende Bed�rfnis, sich der stummen Aufforderung, die von ihrer Anwesenheit ausgeht, zu widersetzen. Es ist kein Spiel diesmal, und es l�sst sich auch nicht zu einem machen, aber das hei�t nicht, dass er aufh�ren sollte, �berlegt und selbstbestimmt zu handeln. Man kann auch ein Nicht-Spiel verlieren. Und dieser selbstlosen Z�rtlichkeit, mit der er seit einer Woche an sie denkt, einfach nachzugeben erscheint ihm einen luziden Moment lang als der direkte Weg in etwas, woraus er schnell mit einem Gef�hl tiefer Reue erwachen wird.</p><p>�Warum verbringen Sie eigentlich Ihr halbes Leben in der Schule?�, fragt er.�Ich rede jetzt nicht von der Arbeit, sondern von all den Wochenenden und dem Liegestuhl in Ihrem B�ro und dem Cognac und ��</p><p>�Warum verbringen Sie Ihr halbes Leben in Bergenstadt?�, f�llt Granitzny ihm ins Wort, nicht schneidend, sondern so bed�chtig, als wische er eine dumme Sch�lerzeichnung von der Tafel, ohne sich um das Gekritzel zu scheren.</p><p>Weidmann nickt. Es tut immer gut zu sp�ren, wenn der eigene Unwille, sich und sein Leben zu erkl�ren, auf Gegenseitigkeit beruht. Er l�sst den letzten Sto� Notizen in seiner Schultasche verschwinden; die Ledertasche, die Konstanze ihm zur Promotion geschenkt hat.</p><p>�Ist es denn guter Cognac?�</p><p>�Es ist das, was man hier in der Gegend bekommt. Reicht Ihnen das?�</p><p>�Unbedingt�, sagt er und nimmt die Tasche unter den Arm. Der Trageriemen ist vor drei oder vier Jahren gerissen und seitdem nimmt er sich vor, ihn erneuern zu lassen, obwohl er genau wei�, dass er nicht an der Tasche, sondern an ihrer Kaputtheit h�ngt.�Alles andere w�re viel zu viel.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Es ist das erste Mal, dass sie ein Fu�ballspiel im Auto h�rt. Mit dem Blick �ber die Lahnwiesen, in denen die Luft flimmert und die Pappeln am Fluss aussehen l�sst wie Palmen, die ein Verdurstender in der W�ste sieht: nicht im Boden verwurzelt, sondern in die fl�ssige Luft gemalt, in entfernungsloser Distanz. Argentinien ist der erwartet schwere Gegner.�Die Gauchos�, sagt der Reporter, und Kerstin stellt sich finstere M�nner in langen Umh�ngen vor, denen beim Laufen der Revolver gegen die Schenkel schl�gt. Ein unsichtbares Publikum hat sich in ihrem Auto breitgemacht, st�hnt, singt, h�lt die Luft an und l�sst sie mit einem Schrei der Entt�uschung oder Erleichterung wieder entweichen. Mitte der ersten Halbzeit muss sie die Fenster an beiden Seiten herunterlassen, um Anfl�ge von Klaustrophobie zu vermeiden. Siebzigtausend sitzen� im weiten Rund des Olympiastadions �und sehen ohnm�chtig dem Kampf der G�tter zu. Freud und Leid, Freund und Feind, Himmel und H�lle, alles dicht gedr�ngt und nur durch Sekunden voneinander geschieden. Am bemerkenswertesten erscheint ihr, dass es einen Schiedsrichter gibt, der dieses schicksalstr�chtige Ringen mittels einer Trillerpfeife lenkt. Jedes Mal, wenn der schneidende Pfiff ert�nt, erwartet sie gleich darauf einen Schuss zu h�ren und den Reporter mit lakonischer Stimme sagen: Geschieht ihm recht, was mischt er sich ein.</p><p>Was sind das f�r Gauchos, die sich einer trillernden Gouvernante f�gen?</p><p>Schon die ganze Woche �ber f�hlt sie sich im Auto am wohlsten, egal ob sie ins Krankenhaus f�hrt oder Besorgungen in der Stadt macht. Unterwegs und allein. Ein paar Mal hat sie die Fahrten ausgedehnt zu ziellosen Ausfl�gen in die Umgebung. Hat kurz vor Ladenschluss in Arnau oder Kernbach gekauft, was sie ebenso gut bei K�nig�s h�tte bekommen k�nnen. Alles ist besser, als zu Hause zu sitzen und darauf zu warten, dass sich die Erinnerung an das vergangene Wochenende zu ihr gesellt wie ein Verehrer mit Mundgeruch.</p><p>Sie sp�rt f�rmlich, wie ihr die Zeit davonl�uft. Schon jetzt deutet au�er den offenen Eingangst�ren nichts mehr auf die Anwesenheit eines menschlichen Wesens im Schulgeb�ude, aber trotzdem bleibt sie sitzen und h�rt der gepressten Stimme des Reporters zu.</p><p>Nun geh schon, sagt sie sich.</p><p>Den Nachmittag, den f�nften Nachmittag in Folge, hat sie am Bett ihrer Mutter verbracht. Hat ihr die Hand gehalten, die Haare gek�mmt und alle zehn Minuten nach der Schnabeltasse gegriffen, um ihr ein paar Tropfen Wasser zwischen die reglosen Lippen zu tr�ufeln. Zwischendurch kurze Wortwechsel mit den Besuchern am Nachbarbett, in dem eine alte Frau ihren Oberschenkelhalsbruch auskuriert und in einem fort sagt: �s wird schon wieder, gelle. Ansonsten Schweigen. Hohlwangig wegen des fehlenden Gebisses und mit einem fiebrig roten Gl�nzen auf der Stirn starrt ihre Mutter an die Decke. Klagt nicht �ber Kopfschmerzen, aber verzieht immer wieder das Gesicht, sogar im Schlaf. Manchmal fragt sie nach Hans. Innerhalb einer Woche ist aus einer alten Frau eine sieche Greisin geworden, und was als kurzer Aufenthalt f�r diverse Untersuchungen geplant war, sieht immer mehr nach Endstation aus. Dr. Hentig sagt das nat�rlich nicht, aber er macht ihr auch keine Hoffnung auf Besserung. Negativ, nennt er die Entwicklung. Selbst Hans war am Telefon wortkarg und hat f�r das Wochenende seinen Besuch angek�ndigt.</p><p>Jetzt im Auto fragt sie sich, worauf sie wartet. Um sie ist immer noch das sterile Aroma des Krankenzimmers, die Mischung aus Putzmittel und Besorgnis, gefl�sterten Gespr�chen und Bettgeruch. Sie hat Lust auf einen Spaziergang. Diese schweigend unt�tigen Nachmittage hinter wei�en Gardinen zehren an ihr, aber die Bitte um Entlassung hat Dr. Hentig abschl�gig beschieden. Erst sollen weitere Untersuchungen kl�ren, woher die mysteri�sen Kopfschmerzen kommen.</p><p>Aufst�hnen im Radio, ein Schuss ging daneben. Angeblich� um Haaresbreite�.</p><p>Von Weidmann ist nichts zu sehen. Die Schatten der B�ume bei den Fahrradst�ndern reichen �ber den gesamten vorderen Schulhof. Der Eingang steht unver�ndert offen, aber niemand kommt mehr heraus oder geht hinein, und trotzdem wei� sie, dass er dort im leeren Schulgeb�ude sitzt, und ihr siebter Sinn sagt ihr, dass er sie gesehen hat. Von irgendeinem Fenster aus. F�nf Abende lang hat sie zu Hause gesessen und es unterlassen ihn anzurufen. Hat sich gesagt, dass die Krankheit ihrer Mutter wichtiger ist und sie beim Elternsprechtag sowieso Gelegenheit haben wird, mit ihm zu sprechen. Aber nun scheint der Sprechtag fr�her als angek�ndigt zu Ende zu gehen, und sie k�nnte nicht behaupten, sich sonderlich beeilt zu haben auf dem Weg zur Schule. In der Schneiderei Yilmaz war sie und hat ihr Kleid abgeholt. Hat in der Eisdiele einen Kaffee getrunken und wieder einmal versucht ihre Gedanken zu ordnen.</p><p>Dann gibt sie sich einen Ruck, schaltet das Radio aus und ihr Handy an. Wenigstens muss sie sich vergewissern, dass sie auf dem neuesten Stand ist in Sachen Daniel. Denn um den geht es, nicht um die l�cherlichen Eskapaden seiner Mutter und seines Klassenlehrers. Sie hat sich vorgenommen, so gesch�ftsm��ig wie m�glich aufzutreten, nicht abweisend, aber ohne Zerknirschung. Souver�n, wenn m�glich. Viel zu lange schon hat sie das alles schleifen lassen in der Hoffnung, diese h�ssliche Geschichte werde von selbst verschwinden, einfach zur Episode werden und �</p><p>�Bamberger. �Im Hintergrund h�rt sie das Rauschen des Stadions, das bis gerade eben ihr Auto gef�llt hat. Augenblicklich wei� sie nicht mehr, wie ausgerechnet J�rgen ihr helfen soll, sich auf das Gespr�ch mit Thomas Weidmann vorzubereiten.</p><p>�Ich bin�s.�</p><p>Prompt verschwindet das Rauschen. Er l�sst sich nie etwas anmerken, wenn sie anruft. Sie wei� genau, wo er sitzt und wo der Fernseher steht im Wohnzimmer am Haink�ppel. Horcht auf das kurze Schweigen, in dem er sich wahrscheinlich zu seiner jungen Frau umdreht, auf den H�rer deutet und die Augen verzieht: die Nervens�ge. Sie horcht auf ein Lachen oder Schnauben im Hintergrund, aber da ist nichts. Am liebsten w�rde sie sofort wieder auflegen. Stattdessen sagt sie:</p><p>�Ich bin an der Schule und wollte mit Daniels Klassenlehrer sprechen. Aber da unser Sohn mir bisher nicht verraten hat, wie das Gespr�ch bei Endlers war und was sich in der Schule getan hat seitdem ��</p><p>�Ich war heute beim Elternsprechtag. �Er wei� genau, dass er sie damit �berrascht.</p><p>�Du warst beim Sprechtag.�</p><p>�Vonseiten der Schule ist die Sache im Prinzip erledigt, hat der Klassenlehrer mir versichert. Granitzny hat sich die drei Delinquenten zur Brust genommen und geht davon aus, dass sie solche Dummheiten k�nftig unterlassen. Jetzt liegt�s an Daniel � und an uns �, daf�r zu sorgen, dass das in seinem Fall auch stimmt.�</p><p>�Hat der Klassenlehrer gesagt.�</p><p>�Der letzte Satz war von mir.�</p><p>�Wie war�s bei Endlers?�</p><p>�Unangenehm. Aber er hat sich entschuldigt. Er hat gesagt, er wei� selbst nicht, warum er das gemacht hat. Dass er sich hat hinrei�en lassen. Als Erkl�rung ist das nicht sonderlich �berzeugend, aber es kam mir auch nicht gelogen vor. �J�rgens Stimme verr�t, dass er nur mit halber Aufmerksamkeit spricht und mit den Augen weiterhin dem Spiel folgt. Er f�hlt sich wohl in seinem Wohnzimmer, von allem Ungemach der Welt durch feste Mauern gesch�tzt, in sich ruhend.�Mit sechzehn ist man sich selbst wahrscheinlich nicht unbedingt transparent.�</p><p>�Und Endlers?�</p><p>�Kerstin, das Gespr�ch war vor einem Monat. Ich glaube, sie h�tten es gut gefunden, wenn du dich bei ihnen gemeldet h�ttest, aber offenbar ist das nicht geschehen. Jetzt ist die Sache vorbei, was willst du noch?�</p><p>�Verstehen, was passiert ist.�</p><p>�Das f�llt dir sp�t ein.�</p><p>�Ich hatte in letzter Zeit noch andere Dinge zu tun. Vielleicht hat Daniel dir erz�hlt, dass meine Mutter im Krankenhaus liegt?�</p><p>Zwei Sekunden braucht er, um seinen Tonfall auf Mitgef�hl und Schonung zu stellen.</p><p>�Das tut mir leid zu h�ren. Was hat sie?�</p><p>Sie erz�hlt es ihm in wenigen Worten, w�hrend sie den Hausmeister mit schlurfenden Schritten �ber den Schulhof gehen sieht. Es tut nicht gut zu wissen, dass es guttut, mit ihm zu sprechen, aber was soll sie machen? Daniel hat sich die ganze Woche nicht sonderlich interessiert f�r den Gesundheitszustand seiner Gro�mutter, und mit Karin Preiss wollte sie nicht sprechen. Auf die ist sie sauer. Sie einfach in diesen verdammten Club zu schleppen!</p><p>Halb sechs zeigt die Uhr am Armaturenbrett. Die Sonne n�hert sich allm�hlich den Baumspitzen �ber dem Rehsteig.</p><p>�Mit anderen Worten: Es sieht nicht gut aus�, sagt sie. Der Hausmeister hat die Eingangst�ren erreicht und tritt mit der Ferse auf die Stopper am Boden. So viel zum Thema Elternsprechtag.</p><p>�W�r�s in so einem Fall nicht besser, sie nach Marburg zu geben? Wenn die �rzte in Bergenstadt nichts rausfinden.�</p><p>�Sie wollen noch ein anderes CT machen. Wegen der Kopfschmerzen.�</p><p>�Ist deine Mutter privat versichert?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Trotzdem k�nntest du ��</p><p>�J�rgen, vielen Dank, aber ich komme zurecht. Au�erdem ist Hans ja auch noch da.�</p><p>�Hans�, sagt er, und sie wei�, welches Gesicht er dabei macht. Eine merkw�rdige Reminiszenz an vergangene Zeiten, als sie noch gemeinsam den Kopf gesch�ttelt haben �ber ihren unm�glichen Bruder. Viel zu sp�t hat sie gemerkt, wie sehr die beiden einander �hneln.</p><p>�Ich hab wegen Daniel angerufen, nicht wegen meiner Mutter.�</p><p>�Wei� nicht genau, was ich dir dazu noch sagen soll.�</p><p>�Ja. Ich wei� auch nicht genau, was ich h�ren will. Haben wir ihn verkorkst?�</p><p>�Er ist nicht verkorkst, er ist sechzehn. Und er wei�, dass er einen Fehler gemacht hat.�</p><p>�Ich hab keine Ahnung, was in ihm vorgeht. Was er f�hlt, wor�ber er nachdenkt. Ich meine, weil du vorhin von transparent gesprochen hast.�</p><p>�Er wird die Kurve schon kriegen. �Jemand w�rde gerne weiter Fu�ball schauen. Wahrscheinlich trommelt neben ihm Andrea mit den Fingern auf die Armlehnen.</p><p>�Bist du dir eigentlich transparent?�Sie ist zu sp�t gekommen und kann jetzt nur noch bl�de Fragen stellen. Statt die Dinge in die Hand zu nehmen, solange sie noch im Fluss sind, wartet sie �ngstlich ab, bis alles vorbei ist, und r�umt dann die Tr�mmer beiseite. Sie hat ihren Exmann nicht angerufen, um sich auf die Begegnung mit Thomas Weidmann vorzubereiten, sondern um dieser ein weiteres Mal aus dem Weg zu gehen. Weil offenbar alle Schritte, die sie tut, vor allem dazu da sind, die Schritte zu unterlassen, die sie tun m�sste.</p><p>�Ich wusste, dass du darauf anspringen w�rdest�, sagt J�rgen.</p><p>Gerne h�tte sie ihn gefragt, ob ihm gar nicht bange ist bei dem Gedanken, in seinem Alter noch einmal Vater zu werden. Stattdessen sagt sie� Schon gut �und beendet das Gespr�ch. Sechs Minuten und siebenunddrei�ig Sekunden hat es gedauert, vermeldet ihr Handy gewohnt zuverl�ssig.</p><p>�Beide Mannschaften schenken sich nichts�, knurrt der Reporter grimmig, als sie das Radio wieder einschaltet und den Motor startet. Im Vorbeifahren glaubt sie im B�ro des Schulleiters das bl�uliche Flackern eines TV-Ger�ts zu erkennen. Dann f�hrt sie durch einen leergefegten Ort auf die Umgehungsstra�e Richtung Arnau. Sobald ihr Wagen beschleunigt, f�hlt sie sich besser, mit offenen Seitenfenstern und Fahrtwind im Haar. In den Lahnwiesen stehen Obstb�ume. Aus den Zeitansagen des Reporters schlie�t sie, dass w�hrend des Telefonats die Argentinier in F�hrung gegangen sind, aber die M�nner von J�rgen Klinsmann geben nicht auf, sondern gr�tschen, rennen und st�rmen an gegen� das Abwehrbollwerk der S�damerikaner�. Wenn blo� diese Gauchos sich nicht so wehren w�rden!</p><p>Sie kennt das Muster ihrer Gef�hle, es hat jeden Tag der vergangenen Woche bestimmt: Sorge, Scham, Tr�nen und dazwischen diese unwirkliche Erleichterung, zum Beispiel wenn sie aus dem Geruch des Krankenhauses in einen weiteren sonnenverw�hnten Abend tritt. Morgen wird sie ans Bett ihrer Mutter zur�ckkehren und versuchen, sie zu Gespr�chen zu animieren, wird fragen, ob sie Durst hat, und keine Antwort bekommen � morgen. Einstweilen gibt sie Gas und hat das Gef�hl, allen Gedanken an das Krankenhaus und die Begegnung im Club einfach davonfahren zu k�nnen.</p><p>Ziellos und schnell f�hrt sie durch den anbrechenden Abend. Einmal die Umgehungsstra�e entlang, ihr Tacho zeigt hundertvierzig, und in Berlin wird die Zeit immer knapper. Das Kl�rwerk von Arnau fliegt vorbei, Bussarde kreisen �ber den Wiesen, und dann geschieht das Unglaubliche: Genau an der daf�r vorgesehenen Stelle �berquert ein Ball eine Linie, und die Reaktion ist so heftig, dass sie sich einen Moment lang selbst blockiert. Nur Rauschen kommt aus den Lautsprechern, Ultrakurzwellen �berschlagen sich, das Olympiastadion tobt. Kerstin nimmt den Fu� vom Gas, um den Namen des Sch�tzen zu verstehen, aber der besteht aus einem einzigen Vokal, den der begeisterte Reporter in die L�nge zieht, bis ihm die Stimme versagt. Indianisches Geheul f�llt das Auto. Hinter Arnau endet die Umgehung an der alten Bundesstra�e, Kerstin wendet an der Ampel und f�hrt zur�ck, w�hrend der Reporter wieder und wieder den Hergang des Wunders schildert.</p><p>Ausgleich.</p><p>Vom Auto aus sieht sie Arnauer B�rger auf ihre Balkone rennen und signalisiert mit einem kurzen Hupen ihre Anteilnahme. Und einen Entschluss: Sie wird Weidmann gegen�bertreten, heute noch. Notfalls bei ihm zu Hause. Und sie wird dabei das Kleid tragen, das neben ihr auf dem Beifahrersitz liegt. Was auch immer im <emphasis>Boh�me </emphasis>war, er hat ihr Blumen gebracht. Warum haben Sie mir Blumen gebracht, wird sie fragen und keine Ausrede dulden, sondern ihn anschauen, bis er entweder die Hand nach ihr ausstreckt oder die Arme verschr�nkt.</p><p>Bei Karlsh�tte verl�sst sie die Umgehungsstra�e und nimmt die Abzweigung Richtung Sackpfeife. Ein S�gewerk, ein Weiher, dann sind es wieder nur Wiesen und W�lder, die sie auf ihrem Weg begleiten. Die ersten Rehe kommen aus dem Unterholz. Sie denkt an ihre Mutter, die im Krankenhaus an die Decke blickt. Woran denkt sie, dort in ihrem Bett? Was geht vor in einem Kopf, der sich allm�hlich von der Welt verabschiedet? Seit Monaten hat Liese Werner kaum noch von ihrem Mann gesprochen, dem in den ersten Jahren nach seinem Tod noch jede zweite Bemerkung galt. Jetzt kann Kerstin sich weder erinnern, wann der Name ihres Vaters zuletzt gefallen ist, noch, wann sie selbst zuletzt an ihn gedacht hat. Ihre Mutter hat sie fr�her mit einer einzigen Bemerkung �ber ihre Frisur oder die L�nge ihres Rockes die W�nde rauftreiben k�nnen, aber ihren Vater erinnert sie als einen sanften, gro�z�gigen Mann, von dem sie nicht zu sagen wei�, was ihn mit ihr verbindet. Sie hat den zur Kleinlichkeit neigenden Charakter ihrer Mutter geerbt, und das ist kein Erbe, auf das sie stolz ist.</p><p>�Die deutsche Mannschaft marschiert, aber sie bleibt aufmerksam in der Deckung�, sagt der Reporter. Dieser listige Kerl hat seine Augen �berall.</p><p>Schneller als erwartet erreicht sie die Abzweigung, wo ein wei�er Pfeil zum Skigebiet Sackpfeife zeigt. Fr�her war sie mit Daniel zum Schlittenfahren dort oben, w�hrend J�rgen eine Runde auf der Loipe drehte. Und einmal hat sie die Superrutschbahn ausprobiert und sich vom hinter ihr gestarteten Sohn eine Tr�delsuse schimpfen lassen. Nun folgt sie der schmalen Stra�e, die in serpentinenartigen Kurven hinauff�hrt, und blickt �ber die endlose H�gellandschaft, in die sich hier und da ein Dorf nestelt. In immer k�rzeren Abst�nden sagt der Reporter die verbleibende Spielzeit an. Laub- und Nadelwald wechseln einander ab, und sie erinnert sich an den Anblick im Winter, wenn sich zu beiden Seiten der Stra�e die Schneew�lle auft�rmen. Dann eine letzte Kurve. Ein leeres Kassenw�rterh�uschen steht neben einer offenen Schranke. Links der Fr�hst�cksplatz des ersten Grenzgangstages, eine schattige Senke im Boden.</p><p>Langsam f�hrt sie �ber die verwaiste Betonfl�che. Der Sendemast reckt sich aus dem Wald in den Himmel, schlank, metallisch und in verblichenem Rot-Wei�.</p><p>�Drei Minuten Nachspielzeit werden angezeigt. �Kerstin folgt dem schmaler werdenden Seitenarm des Parkplatzes, der zur Skipiste f�hrt, und l�sst den Wagen ausrollen, als sie die Bergstation des Sessellifts sieht. Kein Mensch weit und breit. Ohne das Radio auszuschalten, steigt sie aus. Die Luft ist k�hler als unten bei der Schule, der Wind bl�st best�ndiger und nimmt schon nach wenigen Schritten die Stimme des Reporters mit sich.</p><p>Bis zum Rand der Piste geht sie, dann zieht sie die Schuhe aus und l�uft barfu� weiter durch gelbliches Gras. Rechts geht es hinauf zum Lift und links den breiten Abhang hinab. Den Einstieg des Lifts kann sie nicht sehen, weil der Hang in der Mitte steiler wird, so dass der Blick Bodenhaftung verliert und �ber das Tal fliegt bis zur anderen Seite. Einzelne kahle Stellen klaffen im dichten Fichtenwald. Ein Fahrzeug gl�nzt in der Sonne, geh�rt wahrscheinlich den Waldarbeitern, die l�ngst Feierabend gemacht haben, um das Spiel zu sehen. Keine Menschenseele, auch kein Ger�usch, au�er dem ihrer eigenen Schritte. Mit offenen Sicherheitsb�geln wippen die Liftsessel im Wind, sanft und best�ndig wie Elefantenk�pfe im Zoo.</p><p>Aus dem durchsichtigen Blau des Himmels ist eine Stahlfarbe geworden, und je ferner die H�gel sind, desto gleichm��iger sehen die W�lbungen aus, wie D�nen. Kein Schrei aus Berlin dringt mehr an ihre Ohren. Sie steht in der Mitte der Skipiste und zieht die Schultern zur�ck.</p><p>�Warum haben Sie mir Blumen gebracht?�</p><p>Dann horcht sie auf das Pfeifen des Windes, der ihre Stimme verschluckt hat, im Vorbeigehen und als wollte er sagen: Mach dich nicht wichtig.</p></section><section><title><p><strong>11</strong></p></title><p>Darin bestand wahrscheinlich der Spa�: auf Tischen und B�nken stehen und einfach mitsingen. So laut es ging. <emphasis>Da sind wir dabei � </emphasis>sich bei den Nachbarn unterhaken und allen in der N�he zuprosten, zuwinken, zulachen <emphasis>� das ist pri-i-ma � </emphasis>zusammen mit f�nftausend anderen und in dem Wissen, dass im zweiten Zelt nebenan noch einmal genauso viele auf Tischen und B�nken standen, deren Gesang zu h�ren war in den kurzen Liedpausen, wie das Echo der eigenen krachend guten Laune. <emphasis>Vivaaa Colooonia � </emphasis>Manche Lieder kannte sie noch aus Studententagen. <emphasis>Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust, wir glauben an den lieben Gott und ha�m auch manchmal Durst. </emphasis>Ringsum entschlossen am�sierte Gesichter und klatschende H�nde, w�hrend die Kapelle das St�ck beendete und im ganzen Zelt Jubel aufbrandete. Am dritten Grenzgangsabend kannte die Begeisterung keine Grenzen. Die Musikanten wischten sich den Schwei� von der Stirn. Wer Bier kaufen wollte, musste sich mit erhobenen Armen durch die G�nge zw�ngen, aber die Gesellschaften hatten vorgesorgt: Kein Tischende, auf dem nicht ein F�sschen stand. Immer wieder ging La Ola durch die Menge, hin und her, und verwandelte das Innere des Zeltes in ein Wellenbad der Ausgelassenheit.</p><p>�Du hast ganz rote Backen�, sagte J�rgen heiser.</p><p>Sie sp�rte seine Hand auf ihrem Hintern und seinen Atem im Gesicht. Schwei�perlen gl�nzten ihm auf der Stirn. Sie selbst hatte auch nicht wenig getrunken, ein paar Bier und zwischendurch dieses s��e Zeug, das die Damenf�hrer der Rheinstra�e verteilten und dessen Geschmack ihr bei jedem Aufsto�en in die Kehle stieg. Ein Aroma aus Erdbeere und Alkohol. Irgendwann im Lauf des Abends war ihr Zeitgef�hl abhandengekommen und die M�digkeit der Wanderung aufgekratzter Benommenheit gewichen.�Jetzt geht�s lo-os!�, t�nte es aus der Ecke der Burschenschaften, als die Musiker sich wieder erhoben.</p><p>�Du auch�, sagte sie.</p><p>Ein Tusch erklang, die Menge applaudierte, und ein paar Tische weiter zog sich einer das T-Shirt aus und wirbelte es durch die Luft. Kerstin reckte sich und sp�hte in die gegen�berliegende Ecke des Zeltes, wo der Rehsteig sein Quartier hatte, aber zu viele K�pfe, R�cken und H�nde versperrten die Sicht, sie konnte Anita nicht entdecken. Immer mehr Menschen dr�ngten von drau�en herein. Am letzten Grenzgangsabend str�mten Besucher aus dem ganzen Landkreis nach Bergenstadt. Das Zelt kam ihr vor wie ein riesiger Kessel, in dem es langsam zu brodeln begann.</p><p>Vor einer Stunde waren J�rgen und sie Kettenkarussell gefahren, Hand in Hand wie verliebte Teenager, und seitdem sa� ihr ein Summen in den Schl�fen und ein Anflug von �belkeit in der Kehle. Die Musik setzte wieder ein. Ihr gegen�ber begann ein untersetzter b�rtiger Mann, den alle Kalle Bienenkorb nannten, wie wild mit den F��en zu stampfen. Ein paar Damen stie�en spitze Schreie aus, als die Bank zu wackeln begann. <emphasis>Die H�nde zum Himmel � </emphasis>Ganz langsam verlor sie den Kontakt zu ihrer Umwelt, zog sich zur�ck in den Wunsch nach frischer Luft und die Frage, ob Daniel durchschlief. Der ersch�pfte Blick im Gesicht ihrer Mutter, beim Abschied an der Haust�r, hatte ihr nicht gefallen. Sorge und M�digkeit, die kurzen Absenzen, w�hrend sie in der K�che die allt�glichsten Verrichtungen machte, die pl�tzliche Leere der Augen. Dann malte sich das Wort �Krebs� in die Falten auf ihrer Stirn; ein Wort, das selbst wie eingefaltet klang, ein kurzer, farbloser, von Konsonanten zerquetschter Vokal. Sie hatte ihrer Mutter angeboten, noch eine Stunde mit ihr im Wohnzimmer zu sitzen, bis sie sicher sein konnten, dass Daniel wirklich schlief, aber die hatte abgewinkt und ihr viel Spa� gew�nscht, die H�nde wie zum stillen Gebet gefaltet, noch w�hrend sie mit ihrer Tochter sprach. <emphasis>Die H�nde zum Himmel � </emphasis>Kerstin h�rte sich selbst mitsingen, h�rte J�rgens Bariton neben sich, blickte in die verz�ckten, verzerrten, begeisterten Gesichter ringsum, dann machten ihre Gedanken einen Sprung, und sie fragte sich, warum ihre Lust sie am Nachmittag mitten im Vorspiel verlassen hatte. Einfach so. Oder hatte sie selbst diesen Abbruch heraufbeschworen mit ihren unn�tigen Gr�beleien �ber Zuf�lle und doppelte B�den? Manchmal wurde ihr mulmig, wenn sie den Grad ihrer Abh�ngigkeit bedachte, wenn in den stillen Stunden von Daniels Mittagsschlaf die wilden Gesellen aus der Horde des Was-w�re-wenn-Clans sie heimsuchten. Kurze Attacken, die zwar keine bleibenden, aber immer wieder �rgerliche Verw�stungen anrichteten in ihrem Seelenhaushalt am Haink�ppel. Schlechter Ersatz jedenfalls f�r die eigene Mittagsruhe.</p><p>Sie musste einen Moment frische Luft schnappen.</p><p>�Ich geh aufs Klo�, sagte sie ihrem Mann ins schwitzige Ohr.</p><p>Er zog sie zu sich heran, und f�r einen Moment schienen sie beide die Balance zu verlieren in der Umarmung, aber um sie herum standen die Leute so dicht auf den B�nken, dass keine Gefahr bestand zu fallen. Die Begeisterung eines kleinen Jungen gl�nzte in seinen Augen. Sie griff nach seinem Hintern, erstaunt �ber die Erektion, die gegen ihren Scho� dr�ckte, und widerstand dem Drang, sich bei ihm zu entschuldigen. Die Dinge lagen komplizierter, als er ahnte, aber auf sie war Verlass. Kleine Krisen geh�rten dazu (Krisen? Was f�r eine Krise? Ihre Mutter hatte gerufen!). Seine Finger wollten unter ihren Minirock, aber sie boxte ihm auf die Brust und sprang von der Bank.</p><p>Hans-Peter Preiss und seine Frau zogen in Zweier-Polonaise durchs Gedr�nge. Auf dem Holzboden des Zeltes bildeten sich Bierlachen.</p><p>Vergeblich hielt sie Ausschau nach Anita, w�hrend sie sich zum r�ckw�rtigen Ausgang durchk�mpfte. Hier und da sa�en junge M�nner und stierten besoffen ins Leere. Dann endlich wehte ihr k�hle Nachtluft ins Gesicht, und der L�rm blieb im Inneren des Zeltes zur�ck. Ihre Augen brauchten eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gew�hnen. Knutschende P�rchen sa�en auf der Leitplanke, und M�nner pinkelten in den Stra�engraben vor dem Sportplatz. Kerstin kam sich gleichzeitig n�chterner und betrunkener vor als im Trubel des Zeltes, sie genoss die klare Luft und hatte das Gef�hl, durch tiefen glitschigen Boden zu gehen, obwohl die Wiese des Festplatzes seit zwei Wochen keinen Regen abbekommen hatte.</p><p>Um das hintere Ende des Zeltes herum ging sie Richtung Lahn. Dixie-Klos standen in einer langen Reihe, quaderf�rmig und lichtlos, ein paar Frauen warteten davor. Die meisten M�nner entschieden sich f�r das Lahn-Pissoir, standen an der Uferb�schung, unterhielten sich durch die Mundwinkel und tasteten, wenn sie fertig waren, nach neben den Schuhen abgestellten Biergl�sern. Kleinere Wolken hasteten am Mond vorbei und hinterlie�en einen bl�ulichen Schimmer auf dem Festplatz. W�hrend sie mit verschr�nkten Armen vor einem der Klos wartete, h�rte Kerstin die Musik aus beiden Zelten, die sich zu einem unrhythmischen Halbganzen verband, das an ein zu gro�es Tier in einem zu kleinen K�fig erinnerte. Vom Rummelplatz her dr�ngten sich die Stimmen der Ansager auf, und die Discobeats des Autoskooters passten zum Zischen der Sp�lvorrichtung in den Klokabinen.</p><p>�Ich sach: Ran Alter, die ist hei� wie Frittenfett�, war am Lahnufer das Motto der Stunde, und Kerstin nickte. So einen Vergleich h�rte man doch ausgesprochen gerne als Frau.</p><p>Sie hatte Lust auf ein Glas kaltes Wasser. Immer noch str�mten von der Br�cke her neue Besucher Richtung Festgel�nde. Das Krankenhaus erhob sich dunkel in die Nacht, alle Fenster hinter heruntergelassenen Rolll�den verborgen.</p><p>�Ach!�Die T�r der Kabine vor ihr hatte sich ge�ffnet, und Anita stand in der kaj�tenartigen �ffnung, ein Schatten vor dem matten Licht einer 40-Watt-Birne. Ein Schwall chemischer Zersetzungsmittel kam mit ihr die kleine Stufe herab.</p><p>�Selber ach�, sagte Kerstin.�Den ganzen Abend such ich dich schon.�</p><p>Anita hatte sich die schwarzen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, trug lange Ohrringe und sah ein bisschen nach Piratenbraut aus. Ihre eher kleinen Br�ste steckten in einem korsageartigen Oberteil, dessen Schn�re den Eindruck erweckten, als h�tten da schon ein paar H�nde dran gezogen. Geschminkt war sie kaum. Ihre Augen besa�en diese au�ergew�hnliche Gr��e und leuchten selbst im D�mmerlicht des Dixie-Klos in tiefem Blau.</p><p>�Wartest du eine Minute?�</p><p>�Auf dich auch zwei.�</p><p>Im Innern der Kabine waberte noch Anitas Parf�m zwischen den anderen Ger�chen, und w�hrend Kerstin versuchte, gleichzeitig die Oberschenkel anzuspannen und flach zu atmen, h�rte sie drau�en Anita mit jemandem ein paar Worte wechseln. Eine Stimme, die Richtung Zelt ging, und als sie wieder drau�en war und tief durchatmete, sch�ttelte Anita immer noch den Kopf.</p><p>�Kerle gibt�s hier.�</p><p>Dann standen sie einander gegen�ber, und Anita verschr�nkte die Arme. Der kurze Rock, die hohen Stiefel, ganz geschmackssicher war das nicht, aber es wirkte. Abenteuerlustig, unbek�mmert, selbstbewusst. Kerstin h�tte gerne erz�hlt von der kuriosen Begebenheit in ihrem Schlafzimmer, aber sie wollte sich Anitas Kommentar ersparen. Ehe ist der L�schschaum f�r das Feuer deiner Libido, oder was ihrer Freundin sonst einfallen w�rde. Bis heute wusste Kerstin nicht, ob sie solche Stammtischklischees ernst meinte oder es einfach genoss sie auszusprechen. Intellektueller Natur war die Eitelkeit ihrer Freundin jedenfalls nicht, und vielleicht war Eitelkeit �berhaupt das falsche Wort. In Anitas Abenteuern ahnte sie eine vertrackte, beinahe m�nnliche Form von Ehrgeiz, die die Bereitschaft zu zeitweiliger Selbsterniedrigung mit einschloss. Hauptsache, sie bekam am Ende, was sie wollte. Oder anders gesagt: Anita war frei von der Vorstellung, einen Teil ihres innersten Selbst bewahren und rein halten zu m�ssen, um ihn eines Tages jemandem anzuvertrauen, der wusste, welchen Schatz er da bekam. Verschenk dich, solange sie noch Schlange stehen, lautete ihr Motto.</p><p>�Sch�tzchen, was guckst du so?�Eine angriffslustige Trunkenheit schwang in Anitas Stimme mit. Sie versuchte, ihren Zigarettenrauch Kerstin ins Gesicht zu blasen, aber der Wind kam dazwischen.</p><p>�Du siehst so unseri�s aus, das st�rt meinen Mutterinstinkt.�</p><p>Anita blickte an sich herab.</p><p>�Ich finde, ich sehe aus wie eine geschmackvoll verzierte Einladung. Du hingegen ��, hob sie drohend an.</p><p>�Bitte auf die K�rze meines Rockes zu achten.�</p><p>�Du siehst � nein, siehst du nicht. Du siehst fabelhaft aus. W�re ich ein Mann, ich w�rde deinen abknallen.�</p><p>Wieder sahen sie einander einen Moment lang stumm an und warteten, dass sich der Rauch von Anitas aggressivem Kompliment verzog. Bemerkungen flogen hin und her am d�mmrigen Lahnufer, eine dichte Wolke aus Musik schwebte �ber dem Festgel�nde.</p><p>�Aber ich werd�s dir trotzdem nicht verzeihen, dass du mich in K�ln hast sitzenlassen�, sagte Anita.</p><p>�Ich dich?�</p><p>�Du mich. �Sie sah weder beleidigt noch verletzt aus, zog an ihrer Zigarette und atmete langsam aus.�So sind die Fakten. Was glaubst du, wie viele Freundinnen wie dich ich da noch habe?�</p><p>�Wieso sagst du das pl�tzlich?�</p><p>�Weil du mich seit drei Tagen anguckst, als w�re was nicht in Ordnung. Und als w�re das allein meine Schuld.�</p><p>�Was glaubst du, wie viele Freundinnen wie dich <emphasis>ich hier </emphasis>habe?�</p><p>�Keine. Und wei�t du was: Du wirst auch nie eine haben. So eine wie mich gab�s hier zuletzt einen Tag bevor ich weggezogen bin.�</p><p>�So sind die Fakten, hm?�</p><p>�Ich will blo� nicht, dass sich zwischen uns was �ndert. �Der Wind wehte ihr eine Str�hne �ber die Augen.</p><p>Kerstin hatte pl�tzlich einen Klo� im Hals, reckte mit gespitzten Lippen den Kopf nach vorne und lie� sich von Anita die Zigarette geben. Wie immer war der Filter feucht. Sie hatte lange nicht geraucht und sp�rte den Zug wie ein leichtes Klopfen in der Kehle. Neben ihnen betraten zwei Frauen die Klokabinen und setzten ihr Gespr�ch durch Plastikw�nde fort.</p><p>�Wird es auch nicht. �Sie erkannte in ihrer eigenen Stimme das Bem�hen um Zuversicht.</p><p>�Sicher?�</p><p>Statt einer Antwort machte Kerstin einen Schritt nach vorne und schloss ihre Freundin in die Arme. Eine l�cherliche kleine Tr�ne l�ste sich aus ihrem Auge. Anita konnte eine ausgesprochene Hexe sein, aber sie besa� auch die Begabung, mit zwei S�tzen selbst die gr��te Irritation wieder aus der Welt zu schaffen � oder jedenfalls den entsprechenden Willen erkennen zu lassen. So hatten sie es immer gehalten: Anita war diejenige, die �rger verursachte und ihn anschlie�end wieder in Ordnung brachte. Kerstins Job bestand darin, sich erst aufzuregen und dann zu verzeihen. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Anita ihr die T�r im Immatrikulationsb�ro buchst�blich ins Gesicht geschmissen.</p><p>�Sicher. �Mit einer tr�stenden Geste, die ebenso sehr ihr selbst galt, strich sie �ber Anitas Haar.�Gehen wir rein tanzen?�</p><p>�Wer f�hrt?�</p><p>�Die Einzige von uns beiden, die den Unterschied zwischen tanzen und hopsen kennt.�</p><p>Anitas Antwort beschr�nkte sich auf eine nach�ffende Pantomime.</p><p>Der Tanzboden war direkt neben der B�hne f�r die Kapelle. Wei�e Papiergirlanden zierten das Gel�nder. Ein Dutzend T�nzer mischte Walzerschritte mit Foxtrott und folgte eher der eigenen Stimmung als dem Takt der Musik. Strammwadige, kugelb�uchige, rotwangige Paare, keine bekannten Gesichter darunter, aber zwei weitere weibliche Gespanne. Der gemeine Bergenst�dter schunkelte lieber. Das Zelt wirkte von oben noch voller und rauchiger, die <emphasis>Bergenst�dter Pils-</emphasis>Schilder �ber dem Ausschank verschwanden beinahe im bl�ulichen Nebel. Sie sah ihren Mann auf der Bank stehen, ein Glas in der Hand, aber seit dem Reinfall mit dem Hochzeitswalzer hatte sie versprochen, ihn nicht noch einmal auf eine �ffentlich einsehbare Tanzfl�che zu zwingen.</p><p>Sie fielen aus der Reihe mit ihren kurzen R�cken und Anita in ihrem mieder�hnlichen Oberteil. Kaum hatte sie ihrer Freundin die Hand um die H�fte gelegt und ihr ermahnend das Knie des Startbeins gegen den Oberschenkel getippt, sagte die auch schon:</p><p>�Ziehen wir wieder unsere alte Lesbennummer ab?�</p><p>�Nein, tun wir nicht.�</p><p>Anita �ffnete die Augen so weit wie m�glich, machte auf unschuldig und konnte sich ein L�cheln nicht verkneifen. Konnte es einfach nicht lassen, Kerstin wie eine strengz�pfige Internatssch�lerin aussehen zu lassen, so wie sie dastand und mit dem Kinn den Takt vorz�hlte. Sie machte keinen Schritt, als Kerstin ihr den Einsatz signalisierte.</p><p>�Was soll das jetzt?�</p><p>�Du f�hrst, aber ich bestimme, wo�s langgeht.�</p><p>�Du bist betrunken, oder.�</p><p>�Was f�r ein Backfischsatz. Du hast damals auch nie wirklich gek�sst, immer nur so getan.�</p><p>�Wir haben beide nur so getan. Es war ein Spiel. �Der Walzer drehte sich um sie herum, lie� den Boden vibrieren und lud ein, sich seinem Ramm-tamm-Takt anzuschlie�en. Anitas Hand auf ihrer Schulter bewegte sich ein St�ck, ohne anzuzeigen, ob die Bewegung eine Richtung hatte oder nur ein Streicheln war.</p><p>�K�nnen wir jetzt?�, fragte Kerstin.</p><p>�Jederzeit. �Anita hielt ihr die Lippen hin wie eine verz�ckte Braut und gleichzeitig im Bewusstsein der eigenen �berlegenheit, das nicht frei war von Sadismus. Hans mit Anfang zwanzig hatte auf �hnliche Weise das k�rperliche Aufbl�hen seiner Schwester verfolgt, mit diesem R�ntgenblick des angehenden Mediziners, der genau wei�, wo im K�rper einer Dreizehnj�hrigen die Unsicherheit ihren Sitz hat. Kerstin biss sich auf die Unterlippe. War der ganze Vers�hnungsschmus, die Verletztheit von vorher nur eine Show gewesen, die Anita abgezogen hatte, um jetzt auf der Tanzfl�che Rache zu �ben?</p><p>�Warum kannst du nicht einfach akzeptieren, dass ich jetzt ein anderes Leben f�hre? Da hinten steht mein Mann. Warum soll ich so tun, als h�tte ich Spa� dran, mit Frauen rumzumachen. �Da war ein Zittern in ihrer Stimme, ein Tremolo aus Wut und Entt�uschung.</p><p>�Kerstin, bitte, ich mach doch nur � Lass uns tanzen, dummes Ding.�</p><p>�Spa�, ja. Toller Spa�!�</p><p>Dann tanzten sie, Kerstin f�hrte, und Anita tat zwischendurch so, als w�rde sie den Kopf zur Seite legen und die Lippen �ffnen. Es war Spa�, und Kerstin hasste es, hasste die ganze beschissene Tanzerei in diesem stinkenden Zelt voller Bauern! Aus so einem Kaff kam sie, und in so einem Kaff war sie wieder gelandet, w�hrend Anita sich durch die K�lner Betten bumste und zum Grenzgang f�r drei Tage vorbeischneite, um ihrer besten Freundin klarzumachen, dass sie eine verklemmte Heftzwecke war. Sie hatte das Gef�hl, �ber den Takt der Musik zu stolpern wie �ber L�cher im Boden. Die Menge der Feiernden wurde zu einem kreiselnden Panorama, sie blickte �ber Anitas Schulter hinweg und sp�rte deren Blick auf ihrem Gesicht, eine Beobachtung genauso unangenehm wie vorher das Lesbengetue.</p><p>�Ich wei�, was du denkst�, sagte sie.</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Was ist blo� aus der guten, alten Kerstin geworden.�</p><p>�Ich mach mir Sorgen um dich. Bist du gl�cklich mit ihm?�</p><p>�Ob du�s dir vorstellen kannst oder nicht. Er hat sich noch nie �ber eine Schw�che von mir lustig gemacht, nie versucht, mich zu einer anderen Person zu machen, sich mir gegen�ber herablassend verhalten. Nie! Wei�t du, wie wohltuend das ist?�</p><p>�Aber nicht dasselbe wie Liebe.�</p><p>�Mach dir Sorgen um dich selbst, Anita. Werd erwachsen.�</p><p>�Ich hatte meine erste Abtreibung neulich.�</p><p>�Du hattest �!�</p><p>�Tanz weiter, verdammt noch mal!�Anita hatte ihre Verruchtheit abgelegt wie einen Umhang gegen die K�lte, lie� sich f�hren im Walzertakt und ansonsten nicht erkennen, was in ihr vorging. Kerstin wurde schwindlig. Um sie herum tanzten auf einmal viel mehr Paare als zuvor, sie musste aufpassen auf ausscherende Ellbogen und Hinterteile. Die Kapelle spielte den Grenzgangswalzer, und das ganze Zelt sang mit:</p><p><emphasis>Wenn der Grenzgang rausmarschiert </emphasis>�</p><p>�Wann war das?�, fragte Kerstin so leise wie m�glich inmitten des L�rms.</p><p>�Fr�hjahr.�</p><p>� <emphasis>von dem Oberst stolz gef�hrt </emphasis>�</p><p>�Warum hast du nie was gesagt?�Merkw�rdigerweise drehten sie sich leichter jetzt, Anita und sie, schwebten endlich �ber die Dielen, wie es sich f�r einen Walzer geh�rte.</p><p>� <emphasis>wenn der Mohr sich in den Stra�en mit dem S���bel pr�sentiert </emphasis>�</p><p>�Du h�ttest mir abgeraten, stimmt�s? Und das wollte ich nicht. Du h�ttest mich angeguckt so wie jetzt: Arme Anita. Und das wollte ich ebenfalls nicht.�</p><p>�Wer war denn der � Kann man �Vater� sagen?�</p><p>�Nein, kann man nicht. Ist auch nicht wichtig.�</p><p>� <emphasis>Und die Musiiik setzt ein, was kann denn sch���ner sein </emphasis>� Der Gesang wurde immer dr�hnender, steigerte sich zum Finale, klang laut und dumpf und ohne Nachhall zwischen den feuchtgl�nzenden Planen des Festzeltes.</p><p>�Und jetzt?�</p><p>�Nichts jetzt. Ein kurzer Eingriff, das Leben geht weiter. Ich bin erwachsen, Kerstin, ich bin blo� anders als du.�</p><p>� <emphasis>als ein Grenzgang in dem sch�h�nen Waldverein. Jaaawoll</emphasis>. Das Zelt brach in Jubel aus, auch die T�nzer applaudierten mit erhobenen Armen, blickten zur Kapelle und riefen nach mehr. Inmitten der Menge schienen sie beide alleine zu sein, nur R�cken um sich herum, und diesmal war es Anita, die den Schritt machte und Kerstin zu sich heranzog. Deren Gegenwehr hatte sich ersch�pft in dem Versuch, kein unwillkommenes Mitleid zu zeigen. Wie ein Mann legte Anita ihr die Hand in den Nacken. Aller Augen waren anderswohin gerichtet, niemand sah, wie ihre Lippen sich trafen. F�r eine Sekunde. Auf falsche Weise zart, und auf zarte Weise falsch. Sie sp�rte Anitas Brust unter ihren H�nden, als sie sich aus der Umarmung befreite.</p><p>�Hast du jetzt bekommen, was du wolltest?�</p><p>�Ich f�rchte, es hat niemand gesehen.�</p><p>Ein beleibter Kapellmeister trat ans Mikrofon, knallte gekonnt mit seinen Hosentr�gern und verk�ndete, dass in f�nf Minuten das gro�e Feuerwerk beginne. Noch einmal brandete Jubel auf, alles wurde bejubelt jetzt. Grenzgang Marsch! Wetten, dass sie die Einzige war, die sich gegen das Bild eines kaulquappengro�en Wesens wehren musste, das in einem Plastiksauger verschwand?</p><p>Bewegung setzte ein, ein Zug zu den Ausg�ngen.</p><p>�Ich geh mal zu meinem Mann�, sagte Kerstin.</p><p>�Bist du mir b�se?�</p><p>�Keine Ahnung. Hattest du wirklich die Abtreibung oder war das nur einer von deinen Scherzen?�</p><p>�Kein Scherz. Und ich wollte es dir auch sagen damals. Wir zwei sind wie ein altes Ehepaar, findest du nicht? M�ssen dauernd k�mpfen, aber irgendwie lieben wir uns doch noch.�</p><p>�F�r heute reicht�s mir erst mal.�</p><p>Anita nickte, nestelte an einer Zigarettenpackung.</p><p>�Du hast da Lippenstift. Sorry.�</p><p>Die T�nzer verlie�en die Tanzfl�che, und die Musiker packten ihre Instrumente zusammen. Aus der Traube, die sich vor der Treppe bildete, traf Kerstin der Blick von Karin Preiss, deren Gesicht r�tlich gl�nzte vor Anstrengung und die kurz ihren ausgestreckten Zeigefinger hob und in Kerstins Richtung sch�ttelte, als wolle sie sagen: Na, na, so was gibt�s hier aber nicht. Dann verschwand sie die Treppe hinab.</p><p>Zusammen mit den anderen Rheinstr��lern sah Kerstin ihren Mann Richtung Ausgang gehen. Dann und wann blickte er sich suchend um, aber sie war zu weit entfernt. Eine profunde Ersch�pfung meldete sich zur�ck in ihren Beinen. Nichts ergab einen Sinn an diesem Tag. Gef�hle, Eindr�cke und Gedanken waberten ineinander, und eine vage Hoffnung zog sich in das Schneckenhaus zur�ck, aus dem sie hervorgekrochen war. Au�er ihr stand niemand mehr auf der Tanzfl�che. Sie blickte auf die einzelnen Gr�ppchen, die zu betrunken oder zu sehr mit sich selbst besch�ftigt waren, um sich f�r das Feuerwerk zu interessieren. Zwei Teenager knutschten hemmungslos auf einer Bank. Der Kapellmeister legte zwei Finger an seinen federgeschm�ckten Hut, als er an Kerstin vorbeiging Richtung Ausgang. Aus der Gruppe der Musiker begegneten ihr freundliche Blicke.</p><p>�Na, i moag ka Raket�n�, sagte jemand.</p><p>Mit einem vielstimmigen Oohh explodierte �ber Bergenstadt der erste Leuchtk�rper. Das Zelt kam ihr pl�tzlich d�mmrig vor. Mitarbeiter der Gastwirtschaft, die den Ausschank betrieb, sammelten leere Gl�ser ein und wischten Scherben zusammen zwischen den in Unordnung geratenen Garnituren. Sie hatte Lust, nach drau�en zu gehen, aber wie sollte sie in einer zehntausendk�pfigen Menge ihren Mann finden?</p><p>Ein tiefes Grollen zerriss die Stille, Raketen schrillten in immer schnellerer Folge in den Himmel, dessen Leuchten sie hinter der Zeltplane zu erkennen glaubte. Vor sieben Jahren, w�hrend des Feuerwerks, hatte sie zum ersten Mal ihren Mann gek�sst. Genau genommen umgekehrt, und da sie seither kein Feuerwerk erlebt hatte, brachten die Ger�usche von drau�en die Erinnerung so unvermittelt zur�ck, als h�tte ihr Leben in der Zwischenzeit keine grundlegende Wandlung durchgemacht. Ein Kuss. Manchmal ein Blick gen Himmel aus den Augenwinkeln, w�hrend die Lippen einfach weitermachten. Wie viele M�nner hatte sie so gek�sst? Vielleicht ein Dutzend, die ersten Versuche beim Flaschendrehen nicht gerechnet. Und worauf wollte sie mit dieser Rechnung hinaus?</p><p>Mit beiden H�nden hielt sie sich am Gel�nder des Tanzbodens fest und h�tte sich lieber an etwas anderem festgehalten und wusste genau, dass es sich nicht festhalten lie�. Es begann ja erst. Das Zelt in seiner rauchgeschw�ngerten J�mmerlichkeit lie� auf den gro�en Kehraus hoffen, aber dahinter leuchtete der Himmel in explodierenden Feuerbl�ten, und wenn die sich schwarz geregnet hatten, w�rde der gro�e Ringelpiez weitergehen bis zum Morgengrauen. Sie hatte keine Wahl, sie konnte nur mitmachen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>�An meinen Blutdruck denkt wohl keiner�, sagt Granitzny, als der Schiedsrichter abpfeift und die Reaktion der Zuschauer im Stadion einer Implosion �hnelt, einem sich neutralisierenden Gleichgewicht zwischen Ent- und Anspannung. Einen Moment lang, bevor sie zur Seitenlinie traben, scheinen die Spieler auf dem Platz zu verharren wie zu einer Schweigeminute.</p><p>Elfmeterschie�en.</p><p>�Ich dachte, Sie interessieren sich nicht f�r Fu�ball�, sagt Weidmann,�sondern wohnen dem Ereignis nur aus sozialem Pflichtgef�hl bei.�</p><p>Stickige Luft h�ngt im Rektorzimmer, angestaute Sommerw�rme durchsetzt von Cognacschwaden und Granitznys s�uerlichem Schwei�. Das Fernsehger�t steht auf dem Schreibtisch wie ein �ber Wohl und Wehe befindendes Orakel, und davor auf den beiden Besucherst�hlen sitzen sie: Zwei Fremde, die nichts von Fu�ball verstehen, denen der Alkohol zwar die Befangenheit genommen, aber nicht die Zunge gel�st hat und die sich ungern fragen lassen w�rden, was sie hier eigentlich machen. Den ganzen Nachmittag �ber hat Weidmann nichts au�er Kaffee getrunken, und jetzt nippt er am dritten Cognac, f�hlt sich ausgetrocknet und winkt ab, als Granitzny mit dem Flaschenhals in seine Richtung deutet.</p><p>�M�chten Sie auf den Ausgang wetten?�, fragt der und schenkt sich selbst ein. Die Hand, die das Glas h�lt, aufs Knie gest�tzt. Wenige leiden so offensichtlich wie Granitzny unter der Tyrannei der Schwerkraft.�Nur so zum Spa�. Um echte Anteilnahme zu suggerieren.�</p><p>�Das tut Ihr Blutdruck bereits recht �berzeugend, wenn ich Sie richtig verstanden habe.�</p><p>�Vier zu drei f�r Argentinien.�</p><p>�Umgekehrt.�</p><p>�Um was?�</p><p>�Nur so zum Spa�. Um Anteilnahme zu suggerieren.�</p><p>�Wir k�nnten auch Pizza bestellen. �Granitzny stopft sich das Hemd zur�ck in die Hose, das ihm beim Ausgleich aus dem Bund gerutscht ist. Das deutsche Tor war der merkw�rdigste Augenblick des ganzen Nachmittags: Granitzny pl�tzlich ein hopsender Medizinball, und um kein Spielverderber zu sein, erhob sich auch Weidmann � so bed�chtig, wie die Gemeinde sich zum Gebet erhebt �, und dann standen sie nebeneinander vor dem kleinen Bildschirm, Schulter an Schulter, und mussten einander irgendwie ihre Freude oder mindestens ihr Einverst�ndnis mit dem Geschehen in Berlin signalisieren. Das, was die Leute auf den Fanmeilen neuerdings in ekstatischen Umarmungen taten und sie beide schlie�lich durch einen Handschlag bewerkstelligten. Wortlos, aber das ging auch nicht; zu gro� war der Kontrast zu den Jubelszenen in Berlin und zu den vereinzelten Schreien aus Bergenst�dter Wohnstuben. Standen ja �berall die Fenster offen.</p><p>Sch�nes Tor, sagte Granitzny schlie�lich. Wer war�s?</p><p>Ein Herr Klose, erwiderte Weidmann, woraufhin sie beide betreten lachten, wieder Platz nahmen, Cognac tranken und bis zum Schlusspfiff der regul�ren Spielzeit kein Wort mehr wechselten. Volle zw�lf oder dreizehn Minuten lang.</p><p>�Danke�, sagt Weidmann jetzt.�Ich esse sp�ter. �Lange vor dem Ausgleich hat er den roten Polo vom Schulgel�nde fahren sehen, und seitdem wei� er nicht, ob er noch mal davongekommen oder ein Versager ist. Jedenfalls f�hlt er sich sch�big in seinem Versteck und hofft, das Drama von Berlin werde bald vor�ber sein und ihn aus dem B�ro des Schulleiters entlassen. Warum auch immer Granitzny ihn eingeladen hat, es scheint kein kommunizierbarer Grund zu sein. Der Rektor hat den Cognacschwenker auf seinem Bauch abgestellt und wischt sich den Schwei� mit dem Hemds�rmel von der Stirn. So wie die, denen er zusieht.</p><p>�Ich wei�, worum wir wetten�, sagt er.�Argentinien gewinnt, und wenn es so kommt, werden Sie n�chstes Schuljahr Stellvertretender Schulleiter.�</p><p>�Ich dachte, der Konrektor wird vom Schulamt bestimmt oder vom RP.�</p><p>�So was dr�ck ich durch.�</p><p>�N�mlich wie?�</p><p>Granitzny sieht ihn an und zuckt mit den Schultern.</p><p>In Berlin liegen Fu�baller auf dem Rasen und lassen sich massieren, trinken Wasser und spucken es wieder aus. Die Kamera f�hrt �ber angespannte, verschwitzte Gesichter, �ber die gef�llten R�nge des Stadions und dann pl�tzlich hinauf �ber das Dach, in einem weiten Schwenk �ber die flache, sonnengetr�nkte Landschaft am westlichen Stadtrand. Grunewald, sogar den Wannsee glaubt Weidmann am Horizont zu erkennen. Einzelne wei�e Segel. Und was der unerwartete Anblick in ihm ausl�st, ist die nackteste Form von Heimweh nach Berlin, die er sich erinnern kann je empfunden zu haben: Irgendwo dort k�nnte er sitzen in einer geschmackvoll eingerichteten Altbauwohnung, bei ge�ffneter Balkont�r, durch die der Verkehr und die Abendluft hereinwehen und ihm das Gef�hl geben, mit etwas verbunden zu sein, worum er sich nicht k�mmern muss. Etwas, das nur da ist f�r den Fall, seine Aufmerksamkeit sollte nach einem Objekt verlangen, auf die Art, wie nur eine Gro�stadt da ist: eine Ansammlung von Fremden, eine Mischung von Milieus, ein Konglomerat aus M�glichkeiten. Er w�rde Seminararbeiten korrigieren und hin und wieder einen Blick zum Fernseher werfen, um zu verfolgen, was sich vier oder f�nf Kilometer Luftlinie entfernt von seiner Wohnung gerade tut. Im offenen Hemd. Sp�ter ein Bier im <emphasis>Schleusenkrug </emphasis>oder wo man sonst gut sitzen kann, w�hrend der Himmel verlischt. Der Name f�r diese Daseinsform lautet �Leben�, und erst jetzt f�llt ihm auf, dass Granitzny ihn die ganze Zeit �ber von der Seite ansieht, als erwarte er eine Antwort auf seinen absurden Vorschlag.</p><p>�Haben Sie eigentlich nie das Gef�hl�, fragt Weidmann,�zu gro� zu sein f�r die Umgebung, in der Sie leben?�</p><p>�Zum Teufel mit Ihnen, Weidmann! Es gibt Tage, da komm ich mir vor wie Gulliver, also verschonen Sie mich mit diesen pseudogehaltvollen Nachfragen. Wollen Sie Stellvertretender Schulleiter werden, ja oder nein?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie bekommen A 15, k�nnen fr�her in Pension gehen und dort leben, wo Sie leben m�chten.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Was ist Ihr Plan: Hier in aller Stille eingehen? Sie haben noch achtzehn Jahre vor sich, viel Spa�. �Unabl�ssig, als sprudelte im Gewirr seines fettig lockigen Haares eine geheime Quelle, l�uft Granitzny der Schwei� �ber Stirn und Schl�fen. Sein Gesicht ist von einem Rot der dunkleren Art �berzogen.</p><p>�Vielleicht k�nnten wir ein Fenster �ffnen?�</p><p>�Bitte sehr, die Dame im Polo ist ja weg. Sie haben nichts mehr zu bef�rchten.�</p><p>�Zum Teufel mit <emphasis>Ihnen</emphasis>, Granitzny.�</p><p>�Klar. �Der Rektor leert sein Glas, erhebt sich schwerf�llig und geht zum Fenster.�Zum Teufel mit uns allen. Ich gehe davon aus, es hat nichts mit der Schule zu tun. Mit dieser Geschichte von neulich.�</p><p>�Haben Sie mich deshalb zum Fu�ball eingeladen? Um mir das zu sagen?�</p><p>�Sie sollten sich das mit der Stelle noch mal �berlegen. Sagen wir: Bis zum Ende der Sommerferien brauche ich eine Entscheidung. �Dann weht eine laue Abendbrise ins B�ro, die Sch�tzen beider Mannschaften haben im Mittelkreis Aufstellung genommen, und die Torh�ter gehen in Richtung des ausgew�hlten Tores. Granitzny nimmt Platz und gie�t sich den n�chsten Cognac ein, ohne Weidmann noch einmal anzubieten. Zehn Minuten sp�ter ist es entschieden: Die einen bilden einen wogenden Freudenkn�uel, und die anderen vergraben die Gesichter in den H�nden, und Weidmann tritt aus dem Eingang der Schule in den fr�hen Abend. Die Stimme des Reporters kommt aus dem offenen Fenster des Rektorzimmers, erste Interviews werden gef�hrt, und Granitzny sitzt wie Buddha im bl�ulichen Schimmer.</p><p>Vor allem hat er Durst. Vom Marktplatz her ert�nen Jubel und Hupen, ein Autokorso scheint sich zu formieren. Offenbar m�ssen alle Ausdrucksformen der Freude, die jemals im Fernsehen zu sehen gewesen sind, irgendwann auch in Bergenstadt ausprobiert werden. Gesetze scheinen am Werk zu sein in der Art, wie Leute pl�tzlich diese Weltmeisterschaft nicht feiern, sondern sich ihr hingeben, als w�re der freie Wille eine Erfindung, die der Welt noch bevorsteht. Aber welche Gesetze das sind, wer sie aufgestellt hat und welche Mechanismen ihre Einhaltung gew�hrleisten, w�sste Weidmann nicht zu sagen. Er geht �ber die Fu�g�ngerbr�cke und kann anhand des Hupens die Route des Autokorsos verfolgen. Merkw�rdige Gleichf�rmigkeit jedenfalls, die sich einstellt, wenn man den Leuten sagt: Macht, was ihr wollt.</p><p>Richtung Ortsausgang sind ebenfalls ein paar motorisierte Fahnenschwinger unterwegs. Weidmann geht den Kornacker entlang, �berlegt ihn weiter hoch zu laufen und an Kerstin Werners T�r zu klingeln, und wird vom Durst in die Gr�nberger Stra�e getrieben. In seiner Wohnung erwarten ihn Stille und die abgestandene W�rme eines Sommertages. Mit einem Glas Wasser steht er auf dem Balkon und sieht zu, wie die Fahne auf dem Schlossturm vom Schatten erreicht wird. Mauersegler flitzen �ber die Dachgiebel. Dann duscht er, br�t sich Nudeln in der Pfanne, isst sie im Stehen und kehrt mit einem Bier auf den Balkon zur�ck � und mit dieser masochistischen Entschlossenheit, die man braucht, um entgegen innerer Neigung still zu sitzen und gar nichts zu tun. Er hat ein Hemd an, das man als Ausgehhemd bezeichnen k�nnte, aber er streckt die nackten F��e auf den zweiten Stuhl und trinkt in langsamen Schlucken. Aus Schneiders K�che weht ihm der Geruch gebratenen Fleisches entgegen. Der sch�nste Abend des Jahres, klimatisch. Im Park um das alte Landratsamt stehen riesige Kastanien, knorrige alte B�ume, hinter denen das verwitterte Ockergelb des Geb�udes verschwindet. Auf dem Balkon unter ihm wird der Tisch gedeckt, Herr Schneider sagt� Lass lieber noch zwei Minuten �und dann auf die nicht zu verstehende Entgegnung seiner Frau:�Ja du, aber ich nicht.�</p><p>Wird sie oder wird sie nicht bei ihm klingeln? Und will er oder will er nicht, dass sie es tut?</p><p>Sind Sie mutig, hat diese Viktoria ihn gefragt, und er glaubt die Frage jetzt mit hinreichender Sicherheit verneinen zu k�nnen. Jedes Mal, wenn er ein Auto in die Gr�nberger Stra�e einbiegen h�rt, h�lt er die Luft an und atmet erst wieder aus, wenn das Ger�usch sich entfernt hat. Mutig w�re, sie anzurufen und zu fragen, ob die Veilchen ihr gefallen haben. Stattdessen geht er noch einmal hinein und stellt eine Flasche Wei�wein kalt. Man kann nie wissen, man kann nur abwarten und bereit sein.</p><p>Um sich abzulenken, denkt er �ber Granitznys Angebot nach: Stellvertretender Schulleiter des St�dtischen Gymnasiums Bergenstadt. A 15, knapp viertausend Euro netto. Er hat schon einen sechsstelligen Betrag angespart in den letzten Jahren, ohne sich je dar�ber klar zu werden, was er einmal mit dem Geld machen will. Hat auch keine rentableren Anlagemethoden in Betracht gezogen als das gute alte Sparbuch. Aktien sind ihm zu aufwendig, ihm fehlt die Geduld oder was auch immer man braucht, um sich �ber Kursentwicklungen und Gewinnprognosen Gedanken zu machen. Obwohl er schon lange keiner mehr ist, hat er den realit�tsfremden Stolz des Geisteswissenschaftlers nie abgelegt. Ist entschlossen, nicht bis zur Wertsch�tzung des Materiellen zu sinken, aber an den Tatsachen �ndert das nichts: Ein Haus in Frankreich, eine Wohnung in Berlin, finanziell wird ihm das alles m�glich sein nach der Pensionierung. Fragt sich blo�, in welchem Zustand er sich in achtzehn Jahren befinden wird. �Eingehen�, hat Granitzny gesagt, und so weit weg von der Wirklichkeit war das gar nicht. Andererseits: Ob f�nfzehn Jahre oder achtzehn Jahre, welchen Unterschied macht das? Er f�hlt sich nicht m�de, nur leer. Was man gemeinhin �finanzielle Vorteile� nennt, hat f�r ihn keine Bedeutung. Was einmal Bedeutung gehabt hat, ist aus seinem Leben verschwunden, und dann ist es in Sackgassen auch nicht sonderlich wichtig, wie schnell man vorankommt. Soll lieber einer den Posten �bernehmen, dessen Kinder studieren. Jemand mit Perspektiven, wie man so sagt, und einem noch nicht angekr�nkelten Begriff von Zukunft. Nicht er.</p><p>Erst als es klingelt, erinnert er sich ein Auto geh�rt zu haben. Beim Aufstehen merkt er, dass Cognac und Bier ihm st�rker zugesetzt haben, als ihm bewusst war. Er ist angetrunken, und je nachdem, was Kerstin Werner von ihm will, trifft sich das vielleicht ganz gut.</p><p>�Dritter Stock�, sagt er in die Gegensprechanlage. Im Flurspiegel steht ihm ein Mann gegen�ber, der sich nicht in die Karten gucken l�sst. Eine unbestimmte Bereitschaft ist alles, was sein Gesichtsausdruck verr�t, und eine Frau m�sste selbst entscheiden, ob sie sich davon alarmieren oder beruhigen lassen will. Ein pragmatisches Z�hnefletschen � keine Essensreste. Er �ffnet die T�r.</p><p>Die Schritte verharren kurz im zweiten Stock, aber im Vorbeugen erkennt er sie an der Hand auf dem Treppengel�nder; oder erkennt sie nicht, aber verliert den letzten Rest Ungewissheit. Dann tritt er wieder zur�ck und sucht innerlich nach dem richtigen Ton f�r seinen Einsatz. Guten Abend, lautet die erste Zeile. Kein Grund f�r Extravaganzen hier.</p><p>Von unten rechts kommt sie ins Bild, und eigentlich wollte er den Moment bemerken, in dem sie bemerkt, bemerkt zu werden, aber ihr Aufzug bringt alles durcheinander: Im schwarzen �rmellosen Kleid kommt sie um die letzte Windung der Treppe. Ihr Blick streift die Wand entlang, bis sie ihm direkt entgegensteigt, dann erst richten ihre Augen sich nach oben. Es ist Kerstin Werner und doch nicht die Frau, die er erwartet hat. Nicht die jedenfalls, die er aus dem <emphasis>Boh�me </emphasis>hat fl�chten sehen. Keine Verantwortung f�r ihr Ungl�ck l�dt der Blick ihm auf, mit dem sie ihr� Guten Abend �untermalt.</p><p>Er sagt nur� Ja�, als h�tte sie ihm eine Frage gestellt.</p><p>Das Kleid betont ihre schlanke Gestalt und l�sst gleichzeitig ihre H�ften erkennen, aber ihr Gesicht ist ungeschminkt, und ihre Haare hat sie nicht erst vor sehr kurzer Zeit gewaschen. Ein teurer Duft weht ihm entgegen, aber geschwitzt hat sie auch. Die Handtasche h�lt sie sich mit zwei H�nden vor den Unterleib wie eine Kirchg�ngerin das Gesangbuch. Und in seinem Hinterkopf fehlen pl�tzlich ein paar Puzzleteile.</p><p>�Muss ich mich an Ihnen vorbeik�mpfen, oder werden Sie mich reinlassen?�, fragt sie.</p><p>�Bitte. �Er tritt zur�ck in den Flur.</p><p>Sie ist die erste Frau � in dieser gewissen Kategorie von Frau, zu der weder die Spendensammlerinnen des M�ttergenesungswerks noch seine Tante Anni geh�ren �, die seine Wohnung betritt. So gesehen ein historischer Augenblick. Jahre her, dass er sich zuletzt gefragt hat, welchen Eindruck seine Wohnung auf eine Besucherin macht.</p><p>�Wenn es Ihnen nicht zu k�hl ist�, sagt er,�setzen wir uns auf den Balkon.�</p><p>�Ich w�rde gerne kurz Ihr Bad benutzen.�</p><p>Er deutet auf die T�r und genie�t das kurze D�j�-vu ihres wippenden Ganges, den er damals am Festplatz bewundert hat. Dann geht er in die K�che, um den Wei�wein aus dem K�hlschrank zu nehmen. Eine Frau in seiner Wohnung � einen Moment lang kommt es ihm vor, als w�re damit alles besiegelt. Wahrscheinlich packt sie gerade den Inhalt ihrer Handtasche auf seine Ablage �ber dem Waschbecken. Ein bisschen abgek�mpft hat sie ausgesehen, wohl weil sie zu Hause gr�ndlich sauber gemacht und wei�e Laken �ber die M�bel geh�ngt hat. Soll er schon mal eine zweite Bettdecke beziehen?</p><p>Es sind absurde Gedanken, mit denen er seine eigene Nervosit�t bek�mpft, aber einen Moment lang tun sie ihre Wirkung. Er h�lt zwei Weingl�ser gegen das K�chenlicht und poliert an den R�ndern noch mal nach. Im Bad rauscht mehr Wasser, als zum H�ndewaschen erforderlich ist. Freitagabend, das war fr�her eine Zeit, als eine gewisse Erwartungshaltung zur Grundausstattung geh�rte. Da schien es immer m�glich, am Samstagmorgen zwar etwas �lter, aber nicht mehr ganz der Alte zu sein. Man trifft jemanden und verliebt sich einfach mal. Und jetzt? Vielleicht hat er sich in den letzten Jahren zu sehr an die Entw�hnung gew�hnt, sei es aus Altersgr�nden oder weil die Provinz eben keine Wundert�te ist, aus der pl�tzlich sch�ne Frauen steigen. Aber die einzige Mittvierzigerin in ganz Bergenstadt, die so ein Kleid tragen kann, hat es gerade in sein Bad getragen. F�r den Anfang nicht schlecht. Himmel, denkt er pl�tzlich, das w�re sogar als Ende noch passabel.</p><p>Er wird also nichts tun und nichts verhindern, das hei�t, er wird auf den Versuch verzichten, schon vorher so klug zu sein, wie man erst hinterher sein kann. Einen Weink�hler findet er unter der Sp�le, und da Kerstin Werner weiterhin im Bad besch�ftigt ist, kramt er auch noch ein altes Teelicht hervor. Horcht auf dem Balkon ein Stockwerk tiefer, aber bei Schneiders l�uft der Fernseher, und Geschlechtsverkehr ist dort ja erst morgen wieder dran. Die Gr�nberger Stra�e liegt ruhig in der fr�hen Nacht. Wenn Entt�uschung die notwendige Folge davon ist, dass die Struktur unserer Bed�rfnisse und die der Realit�t so ungeheuer schlecht aufeinander abgestimmt sind, denkt er, dann spricht viel daf�r, zwar nicht sein Heil, aber wenigstens Asyl in der Verz�gerung zu suchen. Am besten zu zweit.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Als erstes stellt sie den Wasserhahn an und atmet kurz durch. Sie hat keine Zeit und muss dennoch besonnen handeln, blo� � und das ist die Kunst � ohne nachzudenken. Sich keine Rechenschaft ablegen �ber das, was sie tut, keine �berlegungen anstellen, wozu sie es tut, aber trotzdem umsichtig sein. Sich vor allem nicht ablenken lassen von der Frage, ob dieses Bad ihren Erwartungen entspricht und was es ihr �ber den Besitzer sagt. Mit einem Fu� zieht sie den Wannenvorleger vor das Waschbecken, entdeckt einen Stapel Handt�cher in einem offenen Regal und daneben ein Korbgef��, das vermutlich als Beh�lter f�r Schmutzw�sche dient. Mehr braucht sie nicht, nur einen kleinen Ruck muss sie sich geben, so wie oben auf dem Parkplatz der Sackpfeife, als sie sich rasch aus- und noch rascher wieder angezogen hat, in der offenen Autot�r. Jetzt streift sie das schwarze Kleid ab und besitzt sogar die Geistesgegenwart, den Wannenrand auf Wasserr�ckst�nde zu kontrollieren, bevor sie das Kleid darauflegt. Den BH dazu, den Slip. Ihre Nacktheit in diesem Bad ist eine Vorstufe des Wahnsinns, aber davon darf sie sich nicht beirren lassen. Die ganze R�ckfahrt �ber hat sie mit sich gerungen: Soll sie erst nach Hause fahren und in Ruhe duschen, die Unterw�sche wechseln und so weiter? Schlie�lich war sie stundenlang unterwegs an einem hei�en Tag. Aber sie hat gewusst und wei� es noch: Der Moment, da sie am Rehsteig die Haust�r hinter sich schlie�t, w�re der Moment, da ihr Entschluss, Thomas Weidmann in seiner Wohnung aufzusuchen, sich in Bedenken und Ausreden und das ultimative �Ein andermal� aufgel�st h�tte. Dazu Daniels Anwesenheit, die Aussicht auf einen Abend mit ihm und ohne ihre Mutter. W�re sie an den Rehsteig gefahren, w�re sie jetzt nicht hier. Und auch sp�ter nicht.</p><p>Zwei kleine Handt�cher nimmt sie aus dem Regal, solche, deren Gebrauch auch in einem Ein-Personen-Haushalt vielleicht nicht registriert wird. Eins legt sie auf den Boden, das andere wandert wie ein Schal um den Nacken. Den Mut, unter seine Dusche zu steigen, hat sie nicht; das w�rde er h�ren. Also schnelle K�rperpflege am Waschbecken, sie entscheidet sich f�r Seife und gegen eine Erwiderung des Blickes im gro�en Spiegel. Nassrasierer ist er, das gef�llt ihr. Den Drang, ein Lied zu pfeifen, unterdr�ckt sie und horcht stattdessen, ob Ger�usche in der Wohnung ihr verraten, was Thomas Weidmann gerade tut. Zwischendurch glaubt sie wie einen roten Schriftzug die Worte �Du stehst nackt in seinem Bad� im Spiegel aufblitzen zu sehen, aber sie achtet nur umso konzentrierter auf das Tun ihrer H�nde und den Radius des Spritzwassers, das hilft. Der Seifenduft kommt ihr feminin vor. Kauft er wahrscheinlich gedankenlos, so wie sie Sp�lmittel: Was ihr gerade in die H�nde f�llt oder ein Angebotsschild tr�gt.</p><p>Einstweilen ist sie mit ihrem Tun zufrieden. Auch mit der Umgebung: Das Bad ist vielleicht nicht ganz so proper, wie sie erwartet hat, aber es liegt keine schmutzige W�sche herum, und soweit ein schneller Blick �ber die Schulter dar�ber Aufschluss gibt, scheint er nach dem Baden die Haare aus dem Abfluss zu entfernen.</p><p>Dann kommt das Abwaschen der Seife und verlangt nach doppelter Aufmerksamkeit. Anderthalb Minuten, sch�tzt sie, l�uft das Wasser jetzt � selbst wenn Thomas Weidmann das anhaltende Rauschen bemerken sollte, wird es kaum seinen Verdacht erregen.</p><p>Ausdr�cklich denkt sie nicht: Wenn der w�sste �, sondern wischt sich Schaum aus den Achselh�hlen, so gut es geht, und verreibt den Rest mit dem zweiten Handtuch. In sanften Wellen wird ihr Pulsschlag st�rker und wieder schw�cher. Erst als ihr Blick auf seine Zahnb�rste f�llt, erlaubt sie sich die Frage, was es f�r ihre Situation bedeutet h�tte, wenn ihr Blick auf zwei davon gefallen w�re.</p><p>Mit der Suche nach einer Antwort h�lt sie sich nicht auf. Sie hat das Gef�hl, einer Mutprobe ausgesetzt zu sein und sie fast bestanden zu haben, und h�lt es deshalb f�r eine schlechte Strategie, jetzt Szenarien des Scheiterns zu entwerfen. Es lauern noch genug Stolperfallen au�erhalb des Bades, aber um dieser Herausforderung �berhaupt begegnen zu k�nnen, muss sie sicher sein, dass keine unerw�nschten K�rperger�che Thomas Weidmann anwehen, wenn sie ihm auf dem Balkon gegen�bersitzt. Sie braucht ein Frisch-gewaschen-Gef�hl. Anitas Parf�m ist bei ihr, sie hat es sich am Nachmittag ins Handschuhfach gelegt. Derzeit ist ihr Verhalten wagemutig, aber nicht �bermutig, und das ist die Richtung, der sie auch weiterhin folgen wird. Dem entspricht es, wenn sie zwischendurch einen Streifen Zahnpasta auf die Zeigefingerspitze nimmt und auf den Z�hnen verreibt, vom Gebrauch seiner B�rste aber absieht.</p><p>Dann nimmt sie sich das zweite Handtuch von den Schultern und beendet die Aktion. Beide Handt�cher wandern in den W�schekorb, sie steht nackt, trocken und sauber in Thomas Weidmanns Bad und erlaubt sich einen Moment des Innehaltens vor dem Ankleiden. Zwei Sekunden, wie f�r einen Erinnerungsschnappschuss mit blo�em Auge: Was sie gerade getan hat, h�tte sie vor einem Monat nicht getan. Das mag ein gutes oder schlechtes Zeichen sein, aber f�r den Moment f�hlt es sich richtig an. Jetzt noch den Slip in die Handtasche, ein Aufsch�tteln der blonden M�hne, dann zieht sie die verbliebenen zwei Kleidungsst�cke wieder an, schl�pft in ihre Sandalen, dr�ckt auf die Klosp�lung und hat noch zehn Sekunden, um das Bad ohne Ablenkung in Augenschein zu nehmen.</p><p>�Dezent� w�re das Wort. Das Bad eines Mannes mit sachlich n�chterner Einstellung zu den hierin vorgenommenen Verrichtungen und folglich auch zu sich selbst. Bl�uliche Kacheln, wei�e Decke, saubere Armaturen. Zwei Sorten Shampoo in einer Ecke aus Wannenrand und Zimmerwand, und wie alle M�nner benutzt er keinen Waschlappen � wohl aufgrund der Synonymit�t zu �Schlappschwanz�. Jedenfalls sieht sie keinen. Das Bad passt zu Thomas Weidmann, auch darin, dass es so wenig �ber ihn verr�t. Er ist weder eitel noch uneitel, weder extravagant noch gew�hnlich, weder selbstverliebt noch frei von der Neigung dazu. Der einen Frau bringt er Blumen, und mit der anderen trifft er sich in einem Bumsclub in Nieder-Enkbach. Darin liegt eine Stimmigkeit, die ihr aber in der K�rze des Augenblicks nicht greifbar ist. Ein Ausgleich von Gegens�tzen vielleicht, auch der Gegens�tze seiner Neigungen, und das Ergebnis ist eine von Spannungen durchzogene Koh�renz seiner Person: Er widerspricht seinem Charakter nicht mit dem, was er tut, aber er tut es gegen einen inneren Widerstand.</p><p>Sie beschlie�t, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Fortan muss sie in seinem Gesicht zu lesen versuchen statt in der Ausstattung seines Badezimmers. Ihre Nervosit�t hat sie unter Kontrolle, und gleichzeitig erinnert sie die fehlende Unterw�sche an das Pikante ihrer Mission und daran, dass sie aus der �bung ist in allem, was den Umgang mit potenziellen Geschlechtspartnern betrifft. Im Gegensatz zu ihm vermutlich. Wenn sie seinen Blick richtig gedeutet hat, ist ihr mit dem schwarzen Kleid ein fr�her Treffer gelungen, eins zu null, im Jargon des Tages gesprochen, und jetzt muss Thomas Weidmann eben zeigen, was ein echter Gaucho ist.</p><p>Und sie muss endlich raus aus diesem Bad!</p><p>Ein allerletzter Kontrollblick, dann schl�pft sie in den Flur, der ihr d�mmriger vorkommt als beim Betreten der Wohnung. Eine Garderobe mit wenigen Jacken und drei Paar M�nnerschuhen auf dem Boden. Sie blickt in die erste offene T�r: das Wohnzimmer mit den gedruckten Zeugen seiner Wissenschaftler-Vergangenheit auf langen Regalb�den. Gegen�ber die offene T�r des Balkons und Weidmanns Silhouette im flackernden Kerzenlicht. Es gef�llt ihr, dass er sie dort drau�en erwartet wie jemanden, der sich in der Wohnung auskennt. Anita, steh mir bei, denkt sie beim Gang durch sein Wohnzimmer, aber da ist bereits eine Spur Koketterie dabei. Es gibt Dinge, die verlernt man nicht. Das Zimmer riecht nach den B�chern, die es beherbergt, also nach Papier und einer Trockenheit, die mit Zeit zu tun hat. Drau�en hat sich unterdessen die Nacht vervollst�ndigt. Laternen punktieren den Verlauf der Gr�nberger Stra�e. Der Balkon ist so klein, dass Weidmann aufstehen muss, um sie vorbeizulassen zu dem zweiten Stuhl auf der anderen Seite eines winzigen Campingtisches. Die Hand, die sie dorthin weist, stoppt ein paar Millimeter bevor sie sie �ber der Taille ber�hrt h�tte. Kerstin glaubt eine Verbindung zu sp�ren zwischen dieser Hand, der warmen Nachtluft und dem fehlenden St�ck Stoff unter ihrem Kleid. Und glaubt gleichzeitig, einen inneren Sinn zur�ckzugewinnen, den sie fr�her beim Tanzen gesp�rt hat oder noch deutlicher nach dem Tanzen, eine Mischung aus Elastizit�t und Kraft. Dass ihr K�rper ihr geh�rt und gehorcht. Dass es die richtigen Signale sind, die er aussendet, und die richtigen Reflexe, nach denen er arbeitet. Ein willkommenes Gef�hl in diesem Augenblick der Stille, den Weidmann erst beendet, nachdem sie beide Platz genommen haben.</p><p>�M�gen Sie Riesling? Ich hoffe ja.�</p><p>�Gerne.�</p><p>Ein nackter Balkon aus Beton, keine Pflanzen. Eine gemauerte und verputzte Balustrade, ein Regenabfluss im Boden. Das Ambiente erinnert sie an ihre Studentenzeit, an billigen Wein aus Bechern mit Henkel und Gespr�che im Futur. Weidmanns Gl�ser allerdings haben die schlanke Tulpenform, aus denen Wei�wein getrunken werden will, und was ihr in den Rachen rinnt, hat mit den gepanschten Produkten ihrer K�lner Jahre nichts gemein. So spektakul�r wie Karin Preiss� Portugiese ist er nicht, aber trocken und fruchtig, genau die richtige Temperatur.</p><p>�Gut�, sagt sie.</p><p>�Nicht zu trocken?�</p><p>Sie sch�ttelt den Kopf. Beh�lt das Glas in der Hand und stellt fest, dass seine Balkonst�hle mit den Lehnen an beiden Seiten dazu einladen, die Knie anzuziehen und Sofastellung einzunehmen. Aber sie wei� nicht, ob das Kleid mit seinem gek�rzten Saum eine solche Haltung zul�sst.</p><p>W�re sie frech, w�rde sie sagen: Und, sind Sie letzte Woche mit Ihrer Begleiterin noch nachtaktiv geworden? Die sah ja aus, als w�sste sie, wie man �Kamasutra� schreibt. Stattdessen nimmt sie den zweiten Schluck Wein und nickt:</p><p>�Wirklich gut.�</p><p>Und Weidmann nimmt ebenfalls einen weiteren Schluck und sagt:</p><p>�Sie sind wahrscheinlich nicht gekommen, um �ber Ihren Sohn zu sprechen. Oder?�</p><p>�� ich glaube nicht.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Wie um diese Pr�ambel abzusetzen von dem, was ihr folgen wird, f�hrt unten auf der Stra�e ein Auto vorbei, das Weidmann als den tiefergelegten Golf des Idioten von drei H�user weiter erkennt. Einer dieser Beschleunigungsfetischisten, wie man sie auf den Stra�en der Provinz h�ufig antrifft. Mit hochgezogenen Augenbrauen kommentiert er das Aufr�hren des Motors im zweiten Gang, das wenige Sekunden darauf von scharfen Bremsger�uschen abgel�st wird. Dann erstirbt der Motor, die wummernden B�sse einer Stereoanlage fallen aus der sich �ffnenden T�r, und erst als der Kerl sich seiner Hosentr�gergurte entledigt hat, senkt sich wieder Ruhe auf die Gr�nberger Stra�e. �Eure Armut kotzt mich an� verk�ndet, wie Weidmann wei�, ein Aufkleber auf dem Heckspoiler. Das st�rt ihn aber nicht in diesem Moment. In der Kehle sp�rt er au�er dem Wein den Nachhall seines Herzschlags, ein kurzes Aufflackern, das ihm zu verstehen gibt, seine Frage sei riskant gewesen. Und Kerstin Werner, stellt er fest, sieht ausgesprochen attraktiv aus, wenn Nachtwind ihr an die Haare geht und sie die Lippen flach aufeinanderlegt, den Wein nachkostend und auf der Suche nach der richtigen Bemerkung. Das Teelicht spiegelt sich in ihren wachen Augen.</p><p>�Verstehe�, sagt er.</p><p>Die Begegnung im Club steht zwischen ihnen, l�cherlich und obsz�n, so als ob sie auf einem Spaziergang zwei Hunde passiert h�tten, die sich auf Hundeart begatten: Alles, was man dar�ber sagen k�nnte, w�re selbst l�cherlich und h�tte einen Hang zum Obsz�nen. Also geht man schweigend weiter und ignoriert die Tatsache, dass f�r einen Augenblick alle dasselbe denken und von dem Wunsch besessen sind, etwas anderes zu denken. Blo� dass sie beide nicht spazieren gehen, sondern sich auf seinem Balkon gegen�bersitzen, der gerade mal so gro� ist wie zwei Telefonzellen. Immer noch arbeitet er an der Entschl�sselung der Botschaft dieses �rmellosen Kleides. Ihrer Schmach und Scham hat er abhelfen wollen, das war der Leitgedanke der letzten sieben Tage, ausgel�st von ihrem entsetzten Blick beim Verlassen des <emphasis>Boh�me</emphasis>. Aber nichts von diesem Blick findet er jetzt in ihren Augen; sie sieht verf�hrerisch aus, Punkt. Und trotzdem traut er ihrer Fassade nicht und hat so eine Phantasie, dass in dem Moment, da er sie zum ersten Mal mit den H�nden ber�hrt, sie weinend in seine Arme sinken und ihm ungefragt das ganze Ausma� ihres Ungl�cks offenbaren wird. Ein Gedanke, der so verf�hrerisch ist wie die Vorstellung, sich kopf�ber vom Balkon zu st�rzen.</p><p>�Glauben Sie denn�, fragt er tastend,�dass Sie darauf verzichten k�nnten zu erfahren, was mich an diesen Ort getrieben hat? Ich meine nicht Bergenstadt, sondern ��</p><p>�Ich wei� schon. �Sie nickt, aber die folgende Pause ist lang genug f�r die Einsicht, dass er auf ein schnelles Ja gehofft hat. Dann sogar lang genug, um der Bef�rchtung Raum zu geben, sie habe genau das ersp�rt und sei nun dabei, die Bedeutung dieser Einsicht zu entschl�sseln. Wobei sie ihn ansieht und trinkt und vermutlich zu dem Ergebnis kommt, dass er in Wirklichkeit nicht eine bestimmte Frage ausschlie�en m�chte, sondern die grunds�tzliche M�glichkeit, ganz und gar ehrlich miteinander zu sein. Und sie hat Recht: Die Internetbekanntschaften sind tabu, das ist die rote Linie, die die beiden Telefonzellen seines Balkons voneinander trennt und die er nicht zu �berschreiten gedenkt. Aber je l�nger ihr Schweigen andauert, desto fataler erscheint ihm, was er ihr eigentlich gesagt hat: K�nnten Sie darauf verzichten, mir so nahe zu kommen, dass es f�r Sie relevant w�rde zu wissen, was f�r ein Mensch ich eigentlich bin? Was f�r ein Leben ich lebe? K�nnten Sie mir bitte so begegnen, als bef�nden wir uns immer noch in diesem Club, wo die einzig relevante Frage lautet: Wie m�gen Sie�s am liebsten?</p><p>�Ich meine: vorl�ufig�, sagt er leise.</p><p>�Gut.�</p><p>�Nieder-Enkbach. �Er sch�ttelt den Kopf, findet sein Kopfsch�tteln selbst unangemessen und tut so, als vertreibe er ein l�stiges Insekt. Falls er geglaubt hat, �bung zu besitzen in dieser Art von Konversation, gibt ihm ihr erneutes Schweigen Gelegenheit zu bemerken, dass all das Techtelmechtel in d�mmrigen Weinstuben seiner gegenw�rtigen Situation so �hnlich war wie eine Brandschutz�bung an der Schule dem Geruch echten Feuers. Und das bedeutet: Einfach geschehen lassen reicht nicht. Man kann die Dinge auf sich zukommen lassen, aber wenn sie da sind, muss man reagieren.</p><p>Er holt Luft, aber sie kommt ihm zuvor:</p><p>�Haben Sie gewusst, dass ich nicht alleine da war, sondern � Ich meine: Haben Sie sie gesehen?�</p><p>�Beim Rausgehen, ja.�</p><p>�Sie werden das f�r sich behalten, nicht wahr?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Und Sie schulden mir wirklich keine Erkl�rung. Wir sind da in eine gegenseitige Mitwisserschaft geraten, die uns in meinen Augen zu nichts verpflichtet au�er Diskretion.�</p><p>Auch das nimmt sie mit einem Nicken zur Kenntnis, das nicht unbedingt Zustimmung bedeuten muss. Eine Str�hne ihres blonden Haares wird vom Zeigefinger hinters Ohr gef�hrt.</p><p>�Trotzdem�, sagt sie,�und ohne indiskret sein zu wollen, aber Sie meinen eigentlich nicht, ich schulde Ihnen keine, sondern: Sie w�rden sich ungern mit einer belasten, oder? Einer Erkl�rung. Ich frage nur, weil Sie den Satz schon mal gesagt haben, auf meiner Terrasse, als es um Daniel ging.�</p><p>�Dann beantworten Sie mir eine Frage: Wie viel von dem, was wir tun, k�nnen wir wirklich erkl�ren? Ich meine: So, dass es nicht nur andere �berzeugt, sondern auch uns selbst.�</p><p>�Wenig. Aber das hei�t nicht, dass sich der Versuch nicht lohnt, oder?�</p><p>F�r einen Moment erinnert sie ihn so sehr an Konstanze, dass es ihm wie eine Anma�ung vorkommt. Wie sie ihm Recht gibt und trotzdem Recht beh�lt, auf eine Art, die nur Frauen beherrschen, n�mlich im Wortsinn: als w�re es vollst�ndig ihr Recht, und sie teilte ihm die Portion zu, die sie f�r angemessen h�lt. Eine kleine Portion nat�rlich, M�nner kriegen im eigenen Interesse nur teel�ffelweise von dieser Medizin mit Suchtpotenzial. Und das nachgeschobene �Oder� ist auch keine Frage, sondern einer dieser leichten Schl�ge auf den Hinterkopf, die angeblich die Intelligenz erh�hen. Aber was er empfindet, ist nicht �rger, sondern die fast nicht zu bezwingende Lust zur Kapitulation. Auch die kommt ihm bekannt vor, und deshalb gibt er ihr nicht nach � im eigenen Interesse.</p><p>�M�chten Sie es also versuchen?�Die ganze Woche �ber hat er einen bestimmten Text vor sich gehabt oder zumindest eine bestimmte Art, ihr den vorzutragen, und zu keinem Zeitpunkt sind ihm Zweifel gekommen, seine Worte w�rden ihr willkommen sein und sie beruhigen. Eine Woche lang hat er sich in Gedanken an die verschreckte Frau gewandt, die ihr Leben gegeben h�tte daf�r, hinter der Holztheke des <emphasis>Boh�me </emphasis>im Boden zu versinken. Hat sich selbst in der Rolle des Tr�sters gesehen und sie an seine Schulter gelehnt, zu Tr�nen ger�hrt von so viel Verst�ndnis. Aber er hat sich get�uscht � Kerstin Werner stellt Bedingungen, bevor sie sich tr�sten l�sst. Statt seine Diskretion zu w�rdigen, leuchtet sie hinein in diesen doppelten Boden zwischen dem, was er sagt, und dem, was er meint. Oder was sie glaubt, was er meint. Statt einfach <emphasis>ihm </emphasis>zu glauben. Frauen!</p><p>�Nein danke�, sagt sie kurz und bestimmt. Weit zur�ckgelehnt sitzt er ihr in seinem Stuhl gegen�ber, als w�rde er auf diesem winzigen Balkon auf maximale Distanz gehen wollen. Wie immer ist sie zu forsch, wenn sie versucht, im tiefen Gel�nde ihrer eigenen Unsicherheit voranzukommen. Zu direkt. Dabei f�hlt sie sich gar nicht unwohl in seiner Gegenwart, h�chstens ungeduldig, bestrebt, ihm etwas mitzuteilen, wor�ber sie sich aber selbst nicht ganz im Klaren ist. Warum muss das so kompliziert sein, m�chte sie ihn fragen, wo sie beide doch wissen, dass dieser d�mliche Abend im P�rchenclub auf ihnen liegt wie ein Schatten, den sie durch ein paar offene Worte vertreiben k�nnten. Es m�ssten gar keine intimen Gest�ndnisse sein. Sie ist nicht wild darauf zu erfahren, was ihn, wie er sagt, nach Nieder-Enkbach �getrieben� hat. Lieber w�rde sie einfach erz�hlen und zuh�ren, schlie�lich ist er der Einzige, mit dem sie �berhaupt �ber diesen Abend sprechen kann, aber M�nner tun immer so, als w�re nackte Wahrheit die einzig zugelassene Form von Ehrlichkeit. Als m�sste es immer gleich weh tun. Warum kann sie nicht mit ihm reden wie mit Karin auf der R�ckfahrt nach Bergenstadt: Tastend und vorsichtig, in kurzen S�tzen mit langen Pausen, um Schonung bem�ht und dennoch offen. Karin war ebenso durcheinander wie sie, als sie endlich ins Auto stieg, die H�nde aufs Lenkrad legte und eine Weile schweigend ins Leere stierte. Reagierte mit keinem Wort, als Kerstin ihr erz�hlte, der Klassenlehrer ihrer Kinder sei ebenfalls im M�ller�schen Partykeller gewesen. Eine Minute lang musste sie in der Handtasche suchen, bevor sie ihren Schl�ssel fand und den Wagen durch menschenleere Gassen Richtung Ortsausgang lenken konnte. Und wenn schon, sagte sie erst, als sie zwischen gr�nen Schallschutzw�nden durch Gie�en fuhren.</p><p>Und jetzt? wollte Kerstin wissen und betrachtete mehrere Kilometer die H�nde in ihrem Scho�, bevor vom Fahrersitz die Antwort kam: Wei� ich auch nicht. Da lag drau�en wieder die bedr�ckende Dunkelheit n�chtlicher Felder und machte das Schweigen unertr�glich. Hast du wirklich �? Sie fragte nicht aus Neugierde, sondern aus Notwendigkeit, und Karin Preiss verstand das und sah sie zum ersten Mal an beim Sprechen: Glaub schon.</p><p>�Jedenfalls�, setzt sie an, ohne zu wissen, ob ihre Worte passen auf das, was zuletzt gesagt wurde und was ihr sowieso entfallen ist. Hauptsache reden.�� beruhigt es mich zu erfahren, dass diese Viktoria nicht Ihr Typ ist. Falls ich so viel schlie�en darf aus ��Darf sie wahrscheinlich nicht, und woraus auch, aber er nickt sofort.</p><p>�Absolut.�</p><p>Ein L�cheln schenkt sie ihm daf�r, mehr hat sie gerade nicht.</p><p>Und er l�chelt zur�ck, der verschlossene Veilchen-Bringer. Immerhin. Sie wei� nicht, ob es seine Schuld ist oder ihre, dass ihr Gespr�ch so schnell diesen Weg eingeschlagen hat, der ausweglos in eine Sackgasse f�hrt. Mitten in einer lauen Sommernacht sitzen sie und trinken Wein, aber der Campingtisch steht zwischen ihnen wie der Schlagbaum einer Grenze.</p><p>�Ich war an der Schule�, sagt sie,�aber ich habe mich nicht getraut reinzugehen. Heute Nachmittag.�</p><p>Irgendwann, mitten auf der Landstra�e, hat Karin Preiss angehalten, ist ausgestiegen und hat das Verdeck des Autos ge�ffnet. Ist nicht mal rechts rangefahren dazu. Etwas Melodramatisches lag in diesem abrupten, wortlosen Tun, fand Kerstin, aber danach war es besser. Windiger. Baumwipfel, Sterne, Laternen, sie sa� mit dem Kopf im Nacken auf dem Beifahrersitz, f�r die Dauer einer Stunde beruhigt von der Gleichm��igkeit der Bewegung. Und w�rde der Balkon nicht an der Vorderfront dieses Hauses kleben, denkt sie, sondern frei durch die Nacht gondeln, w�re es auch jetzt leichter.</p><p>�Ich hab Sie gesehen, und ich h�tte nat�rlich rauskommen sollen, aber dann hat Herr Granitzny mich eingeladen, bei ihm im B�ro das Fu�ballspiel zu sehen. Was auch immer ihn dazu bewogen haben mag.�</p><p>Eine �nderung seines Tonfalls glaubt sie zu bemerken. Etwas mehr Einladung, ein bisschen weniger Abgrenzung.</p><p>�Sie meinen: Herr Granitzny interessiert sich f�r Fu�ball? Nein.�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht. Er � was ist das Wort? Er bezeugt seine Anteilnahme an Dingen, die gesellschaftliche Relevanz besitzen, und schafft es dabei, vor sich selbst zu verbergen, dass er in Wahrheit mit Leib und Seele bei der Sache ist.�</p><p>Sie sind beide dankbar f�r den Themenwechsel, und w�hrend Weidmann erz�hlt, f�hlt Kerstin sich tiefer in den Balkonstuhl sinken. Von den B�umen im Landratsamtpark weht in Brisen k�hlere Luft heran wie aus einer geheimen Quelle. Vorhin, anl�sslich ihrer deplatzierten Bemerkung �ber Viktoria, schien ihr, Thomas Weidmann unterdr�cke den Drang, die Anspannung des Moments in einem Lachen aufzul�sen, auf Kosten dieser Frau, �ber die er ja ebenso gut einen billigen Witz h�tte machen k�nnen. Hat er aber nicht, und jetzt im Nachhinein ist es diese Souver�nit�t, die ihr so m�nnlich an ihm vorkommt.</p><p>�Sie h�tten ihn beim Ausgleich sehen sollen. �Er ist kein guter Imitator, aber ein genauer Beobachter: Granitznys Torjubel, die Schwei�arbeit seiner Konzentration und die k�nstlich aufrechterhaltene Nonchalance seiner Nebenbemerkungen � sie kann sich das alles genau vorstellen. Und wenn er so intuitiv wei�, was sie lustig findet, denkt sie, dann sitzt ein Teil derselben Intuition vielleicht auch in seinen H�nden. Hat schlie�lich beides mit Sensibilit�t zu tun und ist das Gegenteil jener Tollpatschigkeit, die sie an M�nnern nicht ausstehen kann.</p><p>Im �brigen wei� sie: Ihrem Lachen ist anzusehen, dass es zwar nicht gespielt, aber auch nicht spontan ist, sondern der bewusste Versuch, Weidmann f�r seine Erz�hlung ein Dankesch�n zu bezeugen. Automatisch moduliert sie ihr Lachen, und er reagiert ausgesprochen pr�zise: Beschr�nkt die Imitation auf ein paar Grimassen und macht ironische Kommentare, sowohl zum Spiel als auch zu Granitznys Art, sich daf�r zu begeistern. Mit anderen Worten: Sie flirten. Erste kleine Eins�tze auf Rot werden gewagt. Kassiber mit wortlosen Subtexten gehen hin und her. Und so pl�tzlich wie die Atmosph�re des Gespr�chs schl�gt ihre Stimmung um in eine Freude, die vielleicht ebenso naiv ist wie die des fu�ballbegeisterten Schulleiters. Laue Nacht und k�hler Wein, und der Mann ihr gegen�ber trifft den Ton mit einer Sicherheit, die weder traumwandlerisch noch zuf�llig ist, sondern Ausdruck seiner Feinf�hligkeit. Gepaart mit Intelligenz. Der Balkon <emphasis>ist </emphasis>eine Gondel, beginnt leise zu schaukeln, so wie die Sessel des Lifts auf der Sackpfeife.</p><p>�Sie k�nnen gut erz�hlen�, sagt sie, als er fertig ist.</p><p>�Diese Frau, Viktoria�, erwidert er ohne �bergang,�hatte ich vorher nie getroffen. Eine Bekanntschaft aus dem Internet. Der Club als Treffpunkt war ihre Idee, ich hatte den oder einen anderen Ort dieser Art vorher noch nie besucht. Tja. �Sein Schulterzucken wirkt nicht ratlos, sondern eher so, als wollte er durch kurze Bewegung testen, ob eine gewisse Last von ihm genommen sei. <emphasis>Bitte sehr, Sie wollten es ja unbedingt wissen. Sind Sie jetzt zufrieden?</emphasis></p><p>Wieder bleibt ihr nur ein Nicken. Die Gondel steht, der Wind weht weiter. Betrogen f�hlt sie sich nicht, aber �berrumpelt, und f�r einen Moment hat sie einfach nicht das passende Gesicht parat. Irgendwo in den Lahnwiesen brennt ein Lagerfeuer. Und war da eine Andeutung von Schlussstrich in seiner Bemerkung?</p><p>�Finden Sie nicht auch�, fragt er,�dass dieses Wort �Internetbekanntschaft� einen merkw�rdigen Klang hat? Auf entlarvende Weise zeittypisch, unernst und irgendwie secondhand? So eine Art Symptomwort.�</p><p>�Besser als �Katalogbekanntschaft��, sagt sie ohne nachzudenken, w�hrend das Wort �Internetbekanntschaft� in ihr genau die Art von nebul�sem Unbehagen verbreitet, auf die er angespielt hat. Will er sich ihr erst einmal von seiner drittbesten Seite zeigen, um nicht eines Tages gezwungen zu werden, seiner besten treu zu bleiben? Noch einmal, und diesmal mit einer mehr vers�hnlichen als fordernden Geste, schiebt sie ihm ihr leeres Glas hin. Der Alkohol d�mpft ihre Entt�uschung, erstickt sie geradezu im Keim neuer Hoffnung. Vielleicht wollte er das nur hinter sich bringen, um nicht sp�ter in einem noch ung�nstigeren Moment drauf gesto�en zu werden.</p><p>�Zum Wohl�, sagt sie. Sie hat ein Kind gro�gezogen, sie wei�, was Geduld hei�t. Aber mit secondhand wird sie sich nicht zufriedengeben.</p><empty-line/><empty-line/><p>Erst sp�ter, als sie erz�hlt, wie es zu ihrem Besuch im Club kam, beginnt er dunkel zu ahnen, dass er sich noch einmal get�uscht hat. Immer ist sie ihm einen Schritt voraus, besonders dann, wenn er glaubt, sie zu �berraschen. Bemerkungen, mit denen er gehofft hat, einen Effekt zu erzielen, laufen ins Leere ihres Nickens, so als w�rde er genau dann einem bestimmten Bild von sich entsprechen, das sie vorz�ge revidiert zu sehen. Zwischendurch gibt ihr L�cheln ihm kleine Navigationshilfen, aber die meiste Zeit segelt er blind auf einem immerhin freundlichen Gew�sser, f�hlt sich ratlos, aber nicht unwohl und sagt sich gelegentlich, dass er schlie�lich kein Ziel verfolgt. Alkohol war schon immer ein verl�sslicher Komplize im schwierigen Gesch�ft des Selbstbetrugs.</p><p>Und Kerstin Werner sagt:</p><p>�Nat�rlich war ich neugierig, aber gleichzeitig hatte ich das Gef�hl, dass diese Neugier selbst bereits, wie Sie sagen w�rden, eine Art Symptom ist. Ich meine: Unter anderen Umst�nden ��Sie hat sich inzwischen seitlich in den Stuhl geschmiegt und beide F��e auf die Kante der Sitzfl�che gelegt. Eine Hand h�lt das leere Glas und die andere den Saum des Kleides, so dass die hellen Gipfel ihrer Knie nicht darunter hervorschauen. Er sitzt und schaut und wartet auf den Moment, da sie mit der freien Hand ihre Haare zur�ckstreichen wird, sachte gegen die Str�mung der Nacht.</p><p>�Es liegt nichts Besch�mendes darin, alleine zu sein�, sagt er und erschrickt im selben Moment �ber seine Worte.</p><p>Ihr R�cken wird sehr gerade.</p><p>�Das glauben Sie nicht wirklich.�</p><p>�Nein. Aber es stimmt trotzdem. Es stimmt, weil aus dem Gegenteil nichts folgt, das einem weiterhelfen w�rde. Wir neigen blo� dazu, uns viel mehr Verantwortung aufzuhalsen, als uns eigentlich zukommt. Und dann machen wir aus der Verantwortung Schuld. Schlie�lich Selbstvorw�rfe. Wir sch�men uns, obwohl niemand, der bei klarem Verstand ist, von uns diese Scham verlangen w�rde. Denn dass wir alleine sind, bedeutet ja gerade, dass es niemanden interessiert, ob wir uns sch�men oder nicht. Verstehen Sie, was ich meine?�</p><p>Ohne zu z�gern, sagt sie� Ja�, erkennt die aufrichtige Intention seiner Worte an und sieht von einer Pr�fung des Inhalts ab. Ein gro�er Schritt nach vorne. Als sie kurz darauf sein Bad benutzt, geht er in die K�che und legt eine zweite Flasche Riesling ins Eisfach. Die letzte Stunde vor Mitternacht ist angebrochen. Den ganzen Abend haben sie gr�lende Heimkehrer in den Stra�en singen geh�rt. Lauthalsige, vollmundige Triumphgef�hle in Schwarz-Rot-Gold. Morgen werden die Zeitungen vom ersten Sieg seit vielen Jahren �ber einen sogenannten Gro�en schreiben, als w�re die deutsche Fu�ballnationalmannschaft ein F�nftkl�ssler, der seit der Einschulung regelm��ig auf dem Schulhof verkloppt wird. Ein kollektiver Tommy Endler sozusagen. Weidmann geht zur K�chensp�le, w�scht sich das Gesicht und sp�lt den Mund aus. Entweder sie kommt aus dem Bad und k�ndigt ihren baldigen Aufbruch an oder �</p><p>Oder sie werden es tun, Punkt. Als er die Badezimmert�r h�rt, verschr�nkt er die Arme und schlie�t f�r einen Moment die Augen, h�rt Kerstin Werners barf��ige Schritte im Wohnzimmer und dann in der Balkont�r ihre erstaunte Stimme:</p><p>�Nanu?�</p><p>�Hier�, ruft er durch den Flur.</p><p>Vielleicht ist es, weil sie barfu� l�uft: Als sie durchs Wohnzimmer zur�ck in die K�che kommt, wei� er genau, dass sie nicht vorhat, demn�chst nach Hause zu gehen. Und dass ihr so klar ist wie ihm, worin die Alternative besteht. Ein Gedanke ohne Triumph, beinahe ohne Erregung. Zur hintergr�ndigen Banalit�t des Ganzen geh�rt schlie�lich, dass man vorher nicht wei�, ob man sich hinterher besser oder schlechter f�hlen wird. In welche Art von Stille man aus dem Taumel erwacht und ob Taumel �berhaupt das richtige Wort ist f�r die beim ersten Mal immer j�he Intimit�t.</p><p>�Ich hab noch eine Flasche kalt gestellt�, sagt er.�Dauert einen Moment.�</p><p>Sie nickt und steht einen Meter entfernt von ihm. Reglos in Reichweite. Verreibt die Feuchtigkeit ihrer H�nde und sagt:</p><p>�Sie hatten einen langen Tag. Sie m�ssen sagen, wenn ich gehen soll.�</p><p>�Ich will nicht, dass Sie gehen.�</p><p>Sie legt den Kopf schief, zum ersten Mal offen kokett, und der kleine Schritt, den sie auf ihn zu macht, reicht aus, um ihre H�nde zusammenzuf�hren. Die Kuppen ihrer Finger streifen �ber seine Handfl�chen, bevor sie sich mit den anderen Fingern verschr�nken. So stehen sie still f�r einen Moment, ein Zwei-Personen-Rahmen f�r den enger werdenden Raum zwischen ihren K�rpern. Spielraum. Der Impuls zur�ckzuweichen wird darin gefangen und l�st sich auf. Bis gerade eben h�tte er sich noch so oder anders entscheiden k�nnen, jetzt sind sie f�r einander unausweichlich geworden. Nah genug, dass er au�er Parf�m das Aroma ihrer Haut und Haare erahnt, ein Fluidum aus offenen Poren. Bis zu ihren Handgelenken reichen seine Daumenspitzen, fahren �ber Puls und Sehnen, erahnen das Echo eines fernen Herzschlags. Wegen der Dunkelheit in der K�che bleibt ihr Blick h�hlenhaft, ein Glimmen, das er als Bitte um Sanftheit versteht.</p><p>Dann zerf�llt die Wirklichkeit ganz unauff�llig in ein harmonisches Zusammenspiel von Nuancen. Die Lust, wei� er, ist vorgelaufen und wartet geduldig auf ihren Einsatz. Einstweilen erweisen sich H�nde als Organe der Weisheit, die nach kurzer Begegnung wieder getrennte Wege gehen: Seine ihre Unterarme entlang, ihre seinen Oberk�rper hinauf. Zwischen ihnen schmilzt der Raum und schwillt die Zeit, f�llt jeden Moment bis zum Platzen und geht dann doch so unmerklich in den n�chsten �ber, als w�re bereits alles eins. Auf Schulterh�he erlaubt er seinen Fingerspitzen einen Blick unter ihr Kleid, ein kurzes Balancieren �ber ihr Schl�sselbein. Schmale Schultern, ein schlanker Hals und in ihrer Haltung so wenig Gegenwehr wie Forderung.</p><p>Er wei�, dass ihr Blick auf ihn warten wird in der n�chsten kleinen Pause und dass eine Hemmschwelle bleibt, solange sie nicht reden. Sie wird ihn nicht noch einmal k�ssen so wie damals auf der Br�cke. Unbedacht und ohne Wollen. Und dann muss er lachen, als er einen Hauch ihres Atems in seinem Gesicht sp�rt, noch bevor sie zu sprechen ansetzt. Den Geruch seiner Zahncreme erkennt er, und er kann sich nicht vorstellen, dass Kerstin Werner in ihrem �rmellosen Kleid eine Zahnb�rste versteckt hat.</p><empty-line/><empty-line/><p>Danke f�r die Veilchen, hat sie sagen wollen, als Andeutung, dass die gegenw�rtige Ann�herung eine Vorgeschichte besitzt, deren Kenntnis sie miteinander teilen. Den ganzen Abend hat sie auf eine Gelegenheit gewartet, ihm diesen Satz zu sagen, um die Dinge ins Rollen zu bringen, und obwohl das jetzt �berfl�ssig geworden ist, will sie die Worte trotzdem noch unterbringen in der kurzen Pause vor dem Kuss. Aber Weidmanns Lachen l�sst sie innehalten.</p><p>�Wenn Sie jetzt lachen, werde ich hinter Ihrem R�cken nach einem K�chenmesser tasten und Sie erstechen. �Tats�chlich streckt sie die H�nde aus und schmiegt sich enger in die Umarmung. Die Pause ist ihr nicht unangenehm, sondern kommt ihr vor wie ein kurzer Dreh an einem �berdruckventil. Seine Arme schlie�en sich um ihren R�cken. So haben sie damals auf der Br�cke gestanden, in der Stille nach dem Kuss, und wieder registriert sie mit Wohlbehagen seine K�rpergr��e, das Zusammenstimmen ihrer Proportionen. Genug Masse, um sich dagegenzulehnen und dem Spiel seiner Finger auf ihrem R�cken zu folgen, dem kurzen Eintauchen seiner H�nde unter die Oberfl�che aus Stoff. Au�erdem eine Oberfl�che aus Zeit, angesammelt und abgelagert, und was darunterliegt, ist ihr selbst nicht mehr so vertraut wie fr�her. Jahre des Alleinseins stehen zwischen ihr und der Bereitschaft, sich das Kleid vom Leib zu rei�en, um mit einem Mann ins Bett zu gehen, den sie kaum kennt. Und vor ihr steht Thomas Weidmann und scheint das genau zu wissen.</p><p>�Nicht n�tig�, sagt er. Sie sp�rt das Vibrieren seiner Stimme und seinen Atem auf ihrem Haar. Dann f�hrt sein Kinn �ber ihren Scheitel, hin und her, und sie f�hlt sich ermutigt zu weiteren kleinen Fingerschritten auf seinem R�cken. Etwas mehr Lust w�re ihr lieber, ihrem Wohlbehagen fehlt das Dr�ngende. Sie will mehr wollen als diese Umarmung und mehr Mut haben, als das Streicheln seines R�ckens erfordert. Ihr Mund legt sich auf seinen Hals, findet die erste Frucht des fremden Landes: einen Adamsapfel, der unter ihrer Ber�hrung zu zucken beginnt. Sein Griff wird fester, und sie glaubt eine Bewegung in seinem Scho� zu sp�ren. Halb ge�ffnet warten seine Lippen, und als sie zum ersten Mal seine Zungenspitze in ihrem Mund sp�rt, hat sich die Umarmung in Vorspiel verwandelt. Es ist nicht Ungeduld, was sie nach vorne dr�ngt, eher die Suche nach dem Punkt, da der Lauf von der Bewegung des Bodens selbst aufgehoben wird. Kleine Anfl�ge von Panik schlagen ihr entgegen wie d�nne �ste in der Dunkelheit. Vielleicht geht alles noch zu schnell, aber es ist ihre eigene Schuld: Sie, nicht er, hat vorhin das Signal zum Weitermarsch gegeben. Jetzt legen sich seine H�nde um ihre Hinterbacken, und bestimmt �berrascht ihn der fehlende Slip.</p><p>Gegen sein kurzes Z�gern intensiviert sie den Kuss. Seine Hand tastet sich weiter ihr Bein hinab, verharrt kurz am Saum des Kleides, und als sie mit einem Einatmen durch geschlossene Z�hne antwortet, tastet sie sich an der Innenseite wieder hinauf. Und wieder hinab. Und beim n�chsten Aufstieg hofft Kerstin, die Hand m�ge sp�ter umkehren � oder gar nicht. Sie nimmt seinen Kopf in ihre H�nde, findet mit der Zunge sein Ohr und freut sich �ber den ersten tieferen Laut, der seiner Kehle entsteigt. Gut f�hlt es sich an, ein M�nnerhemd zu �ffnen und mit der Zunge zur Spitze des behaarten Vs vorzudringen, das der Stoff freigibt. Auch ohne die harten Muskeln, die sie dort fr�her einmal empfangen haben. Stattdessen die tr�stende Qualit�t der Nicht-Perfektion, das Versprechen einer Nachsicht, die gew�hren muss, wer sie selbst in Anspruch nimmt. Es ist eine Lust der warmen, sanften Art, die jetzt in ihr aufsteigt, aber genug f�r den n�chsten Schritt.</p><p>�Ich w�rde dir folgen�, sagt sie leise,�wenn du mir den Weg ins Schlafzimmer zeigst.�</p><empty-line/><empty-line/><p>In einer idealen Welt w�re jetzt der Moment, da sie den Akt selbst hinter sich haben und in stiller Umarmung das Danach-Gef�hl auf der Haut genie�en, das ein gelungenes Davor ihnen bereitet hat. Kerstin Werner ohne Slip ist wieder nicht ganz die, f�r die er sie gehalten hat, und ob sie wirklich will, was sie tut, wei� er auch nicht. Aber um das herauszufinden, muss er sie beim Wort und an der Hand nehmen, raus aus der K�che.</p><p>Das Schlafzimmer empf�ngt ihn dunkel und mit der Frage nach Verh�tung. Es gibt Kondome � im Bad. Au�erdem gibt es die M�glichkeit, das ihre Sorge sein zu lassen. Sie wird wissen, was sie tut, und er l�sst ihre Hand los, um die drei Schritte bis zur Nachttischlampe zu gehen.</p><p>�Vielleicht lassen wir die erst mal aus�, sagt sie.</p><p>�Wie Sie m�chten.�</p><p>�� Kerstin, bitte. �Es ist ihr Tonfall, der ihn veranlasst, die drei Schritte wieder zur�ckzugehen und aus ihrem Schatten in der T�r einen gemeinsamen zu machen. Mond- und Laternenlicht fallen durch die transparenten Vorh�nge ins Zimmer. Beinahe gef�llt ihm die Umarmung jetzt besser, da er seine Erektion gegen ihren Scho� dr�cken f�hlt, als w�re das �berhaupt nicht wichtig. Seine H�nde finden den Rei�verschluss ihres Kleides und folgen ihm bis dahin, wo ein Knopf den Zipper versteckt. Das Bett ist nicht gemacht und nicht zerw�hlt, halb aufgeschlagen. Mit einer Hand h�lt sie sich die Haare nach oben, damit sie sich nicht im Rei�verschluss verfangen. Ein singender, abw�rtsfahrender Ton. Warme Haut und eine Andeutung von Feuchtigkeit auf ihrem R�ckgrat.</p><empty-line/><empty-line/><p>Das Zimmer ist entr�ckt in seiner Dunkelheit und dem pergamentbleichen Licht von drau�en. Ein Luftzug aus dem Flur streift �ber ihren entbl��ten R�cken. Dann das sanfte Ger�usch von Stoff auf Haut. Ihr nackter Po. Das ist der Moment: Keine Geheimnisse mehr, und etwas an ihrer Nacktheit entz�ckt sie beide auf dieselbe Weise. Sie sp�rt, wie sein Griff sich ver�ndert und die Art, wie ihr Fleisch sich anf�hlt unter seinen H�nden: Die wohltuende Unruhe von K�rpern, die nicht mehr stillhalten wollen.</p><p>So leicht wie das Kleid von ihr f�llt sein Hemd von ihm ab. Ab jetzt sind keine Befehle mehr erforderlich, sie kann nicht mehr anders als nach seinem G�rtel greifen und dann nach dem, was ihr entgegenschnellt aus seiner Hose. Mit den F��en streifen sie sich die letzten Fesseln ab. Ein kurzes Innehalten � dann hat er den BH-Verschluss geknackt und sie ihren Beschluss von vorher bekr�ftigt: Wird schon nicht, und das Datum verlangt auch nicht nach besonderen Vorkehrungen. Leichtsinn ist vielleicht nicht das Gebot der Stunde, aber was es zu verh�ten gilt, ist vor allem eine Unterbrechung dieser gerade aufbl�henden Sicherheit, das Richtige zu tun. In kleinen Schritten n�hern sie sich der Bettkante, und in gro�en Sch�ben breitet sich die Lust in ihr aus. Eng umschlungen fallen sie in die Waagerechte.</p><p>Sie ist schlanker, als er dachte. J�nger und mit einer elastischen Kraft ausgestattet, die seine Erregung durch die Andeutung von Widerstand steigert. Etwas sanft Wildes, ein Besitzenwollen, das sie im Zur�cksinken die obere Position behaupten l�sst. Was er mag. Instinktiv � nein, bewusst sparen seine Lippen und H�nde ihre Br�ste aus, vorerst. Er liebt den fraulichen Schwung, mit dem ihre Taille in die H�fte �bergeht, ihr Kauern auf ihm, das Gewicht ihres K�rpers. Haare im Gesicht und bissige K�sse. Das Beobachten kann er nicht sein lassen, aber es wird jetzt zu einem Teil des Genusses � das Wissen, dass sie alles Spiel hinter sich gelassen hat in der selbstvergessenen Konzentration ihrer Lust.</p><p>Gerne w�rde sie Worte unter ihre K�sse mischen und ihm sagen, wie sehr sein m�nnliches Laisser-faire genau das ist, was sie will. Wie er ihren Rhythmus annimmt und mit Armen unterst�tzt, die ihr st�rker vorkommen als vorher. Aber dann sagt sie nichts, sondern richtet sich auf ihm auf, und mit einer Geste, f�r die sie sich selbst bewundert, greift sie hinter ihren R�cken, hebt ihr Becken und navigiert ihn in sich hinein. �berrascht von dem Laut, der ihrer Kehle entf�hrt und der M�helosigkeit ihres Tuns, mit einem Schwindel aus Freiheit und Gl�ck. Einem Schwanz in ihrem Scho�.</p><p>Wie eine Blinde tastet sie mit beiden H�nden nach seinen, und w�hrend er langsam ihren Bewegungen antwortet, beobachtet er die fast and�chtige Gefasstheit ihres Gesichts. Geschlossene Augen, der Doppelstrich ihrer Lippen. Fest verschr�nken sich ihre Finger mit seinen, bewegt sie sich, als buchstabiere sie das stille Ausma� ihrer Lust im ersten Auf und Ab. Alles Vertrauen in ihren ausgestreckten H�nden. Er will nicht denken, dass es das erste Mal seit langem f�r sie ist, obwohl er es wei�. Zu gl�cklich f�hlt er sich in seiner momentanen Passivit�t, der Reduktion auf sein lustspendendes Organ.</p><p>F�r einen Augenblick sind sie beide alleine mit sich, nahfern und nur seelenverwandt. Jeder auf seinem Gipfel davor. Ein Augenblick, in dem man Gedanken lesen k�nnte, wenn da welche w�ren. Kerstin l�sst den Oberk�rper nach vorne und ihr Haar auf sein Gesicht fallen. Keine Frage dringlich genug, um ins Spiel einzugreifen. M�helosigkeit und Schwei� in winzigen Perlen. Er fasst nach ihrer Brust, und dann wird ihr Atem ununterscheidbar, scheint auszusetzen, schwankt und f�llt sich mit heiseren Stimmen. Einfache Fahrt, bis ans Ende der anderen Welt �</p></section><section><title><p><strong>12</strong></p></title><p>Manchmal hielt er inne inmitten des Trubels und fragte sich, was er f�hlte. Gl�ck war ein zu gro�es Wort und Gleichg�ltigkeit ein zu kleines, aber irgendwo dazwischen lag das Gef�hl � eine Leichtigkeit, die sich nicht fassen lie�. Au�erdem war er nicht mehr n�chtern, so wenig wie die anderen f�nf- oder sechstausend Feiernden im Bergenst�dter Festzelt, und auch auf Konstanzes Wangen zeigten sich diese roten Flecken, die sie immer bekam, wenn sie ein bisschen mehr trank. Alle standen auf Tischen und B�nken und verliehen ihrer Begeisterung Ausdruck mit lautem Gesang und einer Geb�rdensprache, in der bizarrer Triumph zu liegen schien: Seht her, wie wir feiern k�nnen! Hier und da hatte man die Zeltplane an den Seiten hochgerollt, aber was an Frischluft hereinkam, mischte sich sofort unter diesen abgestandenen Sirup im Innern des Festzeltes, den kollektiven Atem des Grenzgangsfestes, der sich in blauen Wolken unter der Decke sammelte.</p><p>Er leerte sein Glas und f�hlte sich � gut. Er war es blo� nicht gewohnt, sein Befinden in so einfache Worte zu kleiden.</p><p>Drei Grenzgangstage lagen hinter ihnen. Ungewohnte Mengen an Frischluft und Bier, dazu das fr�he Aufstehen und die d�rfliche Umgebung, f�r die Konstanze als Stadtmensch eine verkitschte, geradezu z�rtliche Zuneigung empfand, die wiederum seine Eltern derart ger�hrt hatte, dass sie schon am Kommersabend zum Du �bergegangen waren. Ein voller Erfolg also, Konstanzes erster Besuch in Bergenstadt. Vor allem seine Mutter war hin und weg von der jungen Frau aus Berlin, hatte seit drei Tagen gl�nzende Augen und vor T�tschel-Lust unruhige H�nde. Sein Vater dagegen blieb sich selbst treu und um Sachlichkeit bem�ht, stellte Fragen zum Fortgang der Bauarbeiten im fr�heren Mauerbereich. Gut bis befriedigend informiert, aber sichtlich stolz auf seine Vertrautheit mit den Berliner Verh�ltnissen. Ob die alte U 1 bald wieder durchfahre? (Er meinte die U 2.) Jetzt stand Konstanze neben Thomas auf der Bank, stie� ihn gelegentlich an der Schulter, wenn er das Mitschunkeln verga�, und er bekam Lust, mit ihr alleine zu sein und sie von diesem Spaghettitr�gertop zu befreien.</p><p>�Wirst du m�de oder hast du blo� kein Taktgef�hl?�Wieder ein Knuff in seine Seite, ein Schwei�film auf ihrer Stirn und dann die Mischung aus Salz und Bier auf ihren Lippen. Er legte seine Hand auf den schmalen Streifen Haut zwischen Top und Jeans.</p><p>�Gef�llt�s dir?�, fragte er.</p><p>Sie nickte. Stumm und sch�n im Halligalli des dritten Abends.</p><p>�Ist es gar nicht bizarr f�r dich? So als Au�enstehende ��</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, und er tat es ihr nach.</p><p>�Dieser ganze Provinzkram. Nein?�</p><p>Woraufhin sie wortlos die Arme um seinen Hals legte und ihn noch einmal k�sste, mit ein bisschen Zunge jetzt und dem Gewicht ihres K�rpers gegen seinen gelehnt. In letzter Zeit hatten sie nicht h�ufig Gelegenheit gehabt, gemeinsam zu feiern, aber es gefiel ihm, wie Alkohol und Musik ihr Temperament noch steigerten, allen Gesten lustvollen Schwung verliehen und wie ihre Stimme diesen besitzergreifenden Klang bekam, wenn sie ihn �meinen Kerl� nannte. Er war gerne ihr Kerl. Es fiel ihm dann leichter als sonst, sein Schreibtisch-Ich abzulegen f�r die Dauer eines Abends und einfach mitzuschwingen im erh�hten Taktschlag von Konstanzes Ausgelassenheit.</p><p>�Wir m�ssen mehr feiern�, sagte er in ihr Ohr.</p><p>�Wir werden den ganzen Sommer feiern. Die Atlantikk�ste runter und wieder rauf.�</p><p>�Willst du noch was trinken?�</p><p>Sie nickte noch einmal, und er sprang von der Bank und k�mpfte sich durch Richtung Theke. Sein Zeitgef�hl hatte ihn verlassen, es begann das ausgelassene Einerlei einer Nacht ohne Sperrstunde, und einen Augenblick lang trieb er staunend in diesem promilleschwangeren Fluidum. Er hatte es geschafft. Vier Jahre Galeerenarbeit waren nicht umsonst gewesen, sondern hatten ihm erst ein summa cum laude und dann vor versammelter Mannschaft Schlegelbergers Ritterschlag eingebracht: Die vierte Assistentenstelle, die der alte Fuchs in z�hen Verhandlungen f�r seinen Lehrstuhl rausgeholt hatte � die kriegen Sie, Herr Weidmann. Er hatte die Bew�hrungszeit genutzt, und nun nahm Schlegelberger ihn auf als einen der seinen. Willkommen im Club, hatte Kamphaus mit seinem malizi�sen L�cheln gesagt. Im September ging es los, und bis dahin w�rden sie durch Frankreich und Spanien reisen und das Leben genie�en. Konstanze hatte genug Sommer an der Ostsee verbracht und wollte endlich den S�den kennenlernen. Vier Wochen lang w�rden sie nur ihrer Lust und der Sonne folgen, und sobald er daran dachte, wollte er am liebsten seine Vorfreude laut herausschreien, hinein in den L�rm des Festzeltes.</p><p>Er bestellte zwei Bier und stand gegen einen Pfosten gelehnt, bis Konstanze sich suchend nach ihm umdrehte und er sie mit einer Kopfbewegung zu sich einlud. Auf der Tanzfl�che drehten sich einige Paare im beh�bigen Bergenst�dter Foxtrott. Er mochte den neuen Kurzhaarschnitt, der ihr Gesicht betonte, die dunklen Augen vor allem, die Aufmerksamkeit darin und das herausfordernde Gl�nzen.</p><p>�Warum sollte es f�r mich bizarr sein?�, fragte sie, als h�tten sie vor einer Sekunde noch davon gesprochen.</p><p>�Dachte nur. Ist ja ein ziemlich rustikales Fest. Und dann die ganze Trinkerei.�</p><p>�Geh�rt dazu.�</p><p>�Und die tr�ben Gestalten. �Er sp�rte ihren pr�fenden Blick auf sich, aber erwiderte ihn nicht, sondern peilte mit zusammengekniffenen Augen in den Dunst des Zeltes, erkannte Gesichter hier und da und bemerkte, mit wie wenigen Leuten er in den letzten Tagen gesprochen hatte. Au�er seiner Familie gab es niemanden in Bergenstadt, den wiederzusehen ihn besonders freute.</p><p>�Ich frage mich�, sagte sie,�warum du den Ort immer ein bisschen schlechter machen musst, als er ist. Mir gef�llt�s hier.�</p><p>�An Grenzgang macht Bergenstadt Spa�, aber einundzwanzig Jahre, da stellen sich gewisse Abnutzungserscheinungen ein.�</p><p>�Oder Anh�nglichkeiten, die man sich nicht gerne eingesteht.�</p><p>Jetzt drehte er den Kopf in ihre Richtung und f�hlte etwas, was noch neu war f�r ihn, weil er es erst seit diesem Sommer kannte, seit Tr�ume es sich angelegen sein lie�en, in Erf�llung zu gehen: eine Art von Souver�nit�t, die sich innerlich wie Gro�z�gigkeit anf�hlte, wie ein L�cheln ohne Verstellung. Ungewohnt robust kam er sich vor. Es gefiel ihm sogar, wenn sie ein bisschen an ihm rumpiekste, auf der vergeblichen Suche nach versteckten Empfindlichkeiten.</p><p>�Drei Tage und dann ab in den S�den.�</p><p>�F�nf Mal am Tag fragst du mich, ob�s mir gef�llt in deiner Heimat, aber du sagst nie: Ich hab eine gute Zeit hier.�</p><p>�Ich � habe � eine � gute � Zeit � hier�, roboterte er, und sie tippte den Zeigefinger auf seine Nasenspitze und sagte:</p><p>�Freak.�</p><p>�Nein, du hast Recht. Es ist zwar ein trauriges Kaff, aber mir gef�llt�s hier auch. Ich werde mich nach einem Haus umsehen.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, und dann zog er sie so heftig zu sich heran, dass sie beide ihr Bier versch�tteten. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob Konstanze eigentlich das ganze Ausma� seiner Erleichterung erahnte. Wusste sie, was dieser Aufstieg in die Vorzimmer des Olymps f�r ihn bedeutete? Man hatte ihn gerade zum Assistenten des gro�en Hans Werner Schlegelberger gemacht. Nicht �man�, wohlgemerkt, sondern HWS pers�nlich. Willkommen im Club. Da brauchte Kamphaus gar nicht so herablassend zu l�cheln.</p><p>�Hier hat jemand seine Motorik nicht mehr unter Kontrolle. �Konstanze wischte sich �ber einen Fleck auf dem Top und zog sich den Tr�ger gerade.�Wo sind deine Eltern? Deine Mutter wollte unbedingt ein � Pfl�umchen oder wie das hei�t mit mir trinken.�</p><p>�Die sind schon weg. Mein Vater konnte nicht mehr.�</p><p>�Und deine Freunde? Du musst doch irgendjemanden kennen hier?�</p><p>�Da vorne tanzt Onkel Heinrich, wenn man�s tanzen nennen will. Wenn der von seiner Bank runterf�llt, dann ist seine H�fte endg�ltig hin. �Er zeigte mit dem Arm in die Richtung, in der der B�ckermeister auf einer Bank stand und im Takt der Musik seinen Gehstock schwang. Zwischendurch zog er den Hut und gr��te in alle Richtungen. Und hinter ihm in der Menge erkannte Weidmann seine Tante, die keinen Blick von ihrem Mann lie�, in einem fort den Kopf sch�ttelte und sich mit Sicherheit genau den Fall ausmalte, von dem er gerade gesprochen hatte.</p><p>�Den hab ich heute auf dem Fr�hst�cksplatz getroffen, als du unter der Fahne warst. Ich hatte das Gef�hl, dass er nicht mit mir reden wollte, also standen wir eine Weile so da, schweigend, und pl�tzlich dreht er sich um und sagt: Der Sozialismus kommt wieder. Ich erleb�s nicht mehr, aber er wird zur�ckkommen.�</p><p>�Typisch Heinrich.�</p><p>�Soll hei�en: Der meint das ernst?�</p><p>�Es ist ihm ernst damit, das zu sagen. Hei�t aber nicht, dass er auch dran glaubt.�</p><p>�Sondern hofft?�</p><p>�Vor allem macht�s ihm eben Spa�, das zu sagen. Hattest du das Gef�hl, er will dich provozieren?�</p><p>��berhaupt nicht.�</p><p>Er zuckte mit den Schultern.</p><p>�Der verr�ckte B�cker wird eben auch �lter. �brigens mag er dich, hat er jedenfalls gesagt unterwegs. Er meint, wir sollten heiraten, bevor�s zu sp�t ist.�</p><p>�Wann ist es zu sp�t?�</p><p>�Fr�her als man denkt, sagt Heinrich.�</p><p>�Heinrich, also. �Mit einem Nicken schloss sie das Thema ab und kam auf das vorherige zur�ck.�Aber sonst, du wirst doch noch mehr Leute kennen.�</p><p>�Ist dir langweilig alleine mit mir?�</p><p>�Ja�, sagte sie und grinste von Ohr zu Ohr.�Im Ernst: Schulkameraden zum Beispiel. Und zeig mir eine Frau, in die du fr�her richtig verknallt warst.�</p><p>�Da gibt�s nur eine, und die sitzt wahrscheinlich zu Hause bei ihren Kindern. Gestern am Fr�hst�cksplatz hab ich sie getroffen und fast nicht erkannt. �Selbst der Name war ihm erst nach einem Moment peinlichen Z�gerns eingefallen: Susanne. Grund eines melancholischen Sommers nach dem Abitur und jetzt eine alterslose Frau zehn Kilo �ber ihrem Idealgewicht. Nach �Wie geht�s denn so?� und �Wo bist du denn jetzt?� war alles gesagt gewesen; mit seinem Bierglas in der Hand hatte er sich umgesehen auf dem Fr�hst�cksplatz, auf der Suche nach der n�chsten Bemerkung, nach irgendetwas Sagbarem, und war sich vorgekommen wie ein Wanderer in der W�ste, einsam zwischen leer gefegten Horizonten. Kein Wort weit und breit.</p><p>Konstanze legte sich seinen freien Arm um die Schultern und griff nach seiner Hand. Er dr�ckte das Gesicht in ihr Haar.</p><p>Mit einem verlegenen L�cheln hatten sie sich schlie�lich voneinander verabschiedet, perplex ob des vollkommen gescheiterten Zusammentreffens, aber nicht in der Lage, wenigstens das in Worte zu fassen.</p><p>�Wenn ich ehrlich sein soll�, sagte er,�was ich an Bergenstadt mehr als alles andere mag, ist, dass ich es geschafft habe, von hier wegzukommen. Sozusagen den Unterschied zwischen dem, wo ich herkomme, und dem, wo ich jetzt bin � das mag ich.�</p><p>�Das Gef�hl der �berlegenheit.�</p><p>�Nicht �berlegenheit, ich bin einfach stolz auf das, was ich erreicht habe. Und warum nicht? Ich hab�s mir nicht erschlichen oder erschmeichelt. Ich habe Grund, stolz zu sein.�</p><p>�Weil irgend so ein Sonnenk�nig dir sagt: Gute Arbeit, guter Mann.�</p><p>�A: Er ist nicht irgendein Sonnenk�nig, sondern eine echte Koryph�e, und er kann gute Arbeit von Schaumschl�gerei unterscheiden.�</p><p>�Ich will dir ja nicht deinen Stolz nehmen. Und B?�</p><p>�Ich wei�, aber du k�nntest ruhig ein bisschen stolzer auf dich selbst sein. Grund genug h�ttest du, du erlaubst es dir blo� nicht.�</p><p>�B?�</p><p>�Ich kann selbst auch gute Arbeit von Schaumschl�gerei unterscheiden.�</p><p>Ihr� Okay �signalisierte weniger Zustimmung als die Bereitschaft, ihm vorerst seine Meinung zu lassen. Ehrgeiz erregte Konstanzes Skepsis, und seinen akademischen Ambitionen begegnete sie vorzugsweise mit Ironie. Ihr war der Neid nicht entgangen, mit dem er drei, vier Semester lang die jungen Mandarine an Schlegelbergers Lehrstuhl beobachtet hatte: Keine coolen �bermenschen mit Erfolg bei der weiblichen Studentenschaft, es war schlie�lich ein Historisches Seminar, in dem auch die Oberschicht dem Brillen- und Scheitelcode der Zunft gehorchte, aber trotzdem � auf ihre Weise �berlegen kamen sie daher, intelligent und gebildet, schlagfertig und polyglott, ein bisschen arrogant, Kamphaus und die anderen. Ein bisschen so, wie er gerne w�re und Konstanze ihn nicht werden lassen wollte, aber das war okay. Es sollte ja spannend bleiben. Versuch blo� nicht, mir zu gefallen, hatte sie mal zu ihm gesagt und das ganz ernst gemeint. Er wusste, dass sie ihm in vielem �berlegen war. Was w�rde er tun, wenn man ihm eines Tages mit der Arbeit gleich das ganze Land unter dem Hintern wegz�ge? Konstanze hatte ein Jahr gejobbt und dann das Studium begonnen, das ihr vorher verwehrt geblieben war. Lernte Franz�sisch an der Abendschule, obwohl sie es gerade nicht brauchte, aber das war der Punkt: Man wusste ja nie. Trotz seines Erfolgshungers kam er sich beh�big vor im Vergleich, und wenn er sich im Festzelt umguckte, dann sah er von dieser Beh�bigkeit noch mehr. H�ftsteif und wohlgelaunt. Unter gro�em Jubel stimmte die Kapelle gerade den Grenzgangswalzer an, und die Tanzfl�che f�llte sich. Er f�hlte sich gut und h�tte trotzdem gerne dem n�chstbesten Grenzg�nger sein leeres Glas an den Kopf geworfen. Nur so. Wenn er genauer in sich hineinh�rte, dann war da n�mlich noch ein anderer Ton, dunkler und schriller, aber auf den hatte er jetzt keine Lust. Das war blo� der Ballast, der sich angesammelt hatte auf dem Weg des Aufstiegs, und mit Konstanzes Hilfe w�rde er den eines Tages auch noch loswerden.</p><p>�Da tanzen zwei Frauen. Und da hinten noch zwei. Ist das normal in Bergenstadt?�</p><p>�Notl�sung wahrscheinlich. �Anita Becker erkannte er von weitem, im gewohnt schrillen Outfit, aber die schien mit ihrer Tanzpartnerin noch die Schrittfolge zu verhandeln.</p><p>�Und wenn nicht, ich meine: Darf man hier offen lesbisch sein?�</p><p>�Mir ist kein Fall bekannt. Aber falls du die da in dem komischen schwarzen Dress meinst, mit der blonden Tanzpartnerin, die ist garantiert nicht lesbisch. Das k�nnen dir hier zwei Dutzend M�nner best�tigen.�</p><p>�Auch noch so ein Alptraum von mir: dass alle, mit denen man mal was hatte, sich untereinander kennen und beim Bier ihre Erfahrungen austauschen.�</p><p>�Provinz�, sagte er.�Es waren aber, wenn ich das richtig verstanden hatte, in deinem Fall auch keine zwei Dutzend.�</p><p>Konstanze zuckte mit den Schultern, und er wischte den Gedanken beiseite und verfolgte Anita Beckers Tanzbewegungen, die nicht den Eindruck erweckten, als sei sie mit vollem Einsatz bei der Sache. Zwei oder drei Mal waren sie sich in seiner K�lner Zeit an der Uni �ber den Weg gelaufen, sie mit unverhohlener Verachtung f�r den M�chtegern-Intellektuellen, er mit verhohlenem Neid auf ihr Liebesleben beziehungsweise auf das, was er aus dem Bergenst�dter Klatsch dar�ber zu wissen glaubte. Die Partnerin kannte er nicht; blond und gutaussehend, so weit er das durch Schwaden bl�ulichen Dunstes ausmachen konnte.</p><p>�Ganz pl�tzlich�, sagte Konstanze,�hab ich keine Lust mehr.�</p><p>�Wir schauen uns noch das Feuerwerk an, und dann gehen wir.�</p><p>Aus Tausenden Kehlen wurden die letzten Zeilen des Grenzgangswalzers geschmettert, dann verschluckte der Jubel die Musik und f�llte das Zelt wie einen prallen Ballon. Weidmann trank sein Bier aus und schaute sich um: Wenn Menschenmassen au�er Rand und Band gerieten, hielt er sich lieber abseits. Nicht Teil dieser brodelnden Suppe sein, sondern still beobachten und sich best�tigt f�hlen in der eigenen Randstellung � so hatte er es immer gehalten. Konstanze nannte es sein Distanz-Syndrom und arbeitete auf ihre Weise daran, es ihm auszutreiben: gab nicht nach, lie� blo� zwischendurch mal locker. Und nickte verst�ndnisvoll, wenn er behauptete, nach Abzug der Hormone sei Liebe schlie�lich auch nur eine besonders virtuose Form von Geduld.</p><p>�Vielleicht t�uschen sich zwei Dutzend M�nner einfach mal�, sagte sie jetzt,�jedenfalls haben sie sich gerade gek�sst.�</p><p>�Haben sie?�Seine Augen suchten nach dem P�rchen auf der Tanzfl�che, aber als er sie fand, standen sich die beiden auf eine Weise gegen�ber, die nicht nach dem Austausch von Intimit�ten aussah.�Sicher?�</p><p>�Auf den Mund.�</p><p>�Show�, sagte er. Die Musik war verklungen, der Jubel verebbt, und w�hrend die T�nzer das Podium verlie�en, trat der Kapellmeister ans Mikrofon und k�ndigte den Beginn des Feuerwerks an. Alle sprangen von Tischen und B�nken. Wie durch den Hals eines Trichters strebte die Zeltbelegschaft nach drau�en.</p><p>�Gehen wir auch. �Sie zog an seiner Hand, und weil ihm der Satz von ihren gemeinsamen Kinobesuchen bekannt war, sagte er, was er dann immer sagte:</p><p>�Ich will noch den Abspann sehen.�</p><p>Nackt und im schmutzigen Wei� alter Laken blieben die Zeltw�nde zur�ck, nachdem sich die Massen verfl�chtigt hatten. Er hielt Konstanze im Arm, ihren Hinterkopf an seiner Schulter, so dass sie nicht mitbekam, wie ihm pl�tzlich der Schwei� auf die Stirn trat und �ber die Schl�fen lief. Das Zelt stank. Einzelne Betrunkene d�sten auf den B�nken, zwischen denen Mitarbeiter der Bewirtschaftung nach Gl�sern und Flaschen suchten. Auf einmal konnte er die Stimmen der Musiker h�ren, die sich auf der B�hne unterhielten, aber warum das die �belkeit in seiner Kehle verst�rkte, wusste er nicht. Von drau�en wehten die chaotischen Laute des Rummels herein und das erwartungsvolle Summen der versammelten Menge. In Konstanzes Haar hing Tabakgeruch. Ein dummer Hund war er, dass er sich so mitrei�en lie� von der elenden Leere, die eine Horde Betrunkener im Zelt zur�ckgelassen hatte, und trotzdem: Die Sch�bigkeit setzte ihm zu. Auf dem Podium, allein, sah er Anita Beckers Tanzpartnerin von vorher, die mit starrem Blick die Szenerie beobachtete, als k�nnte auch sie nicht fassen, was sie sah � nichts. Gelesen hatte er von solchen Momenten begriffslosen Horrors, aber er erlebte es zum ersten Mal. Die H�sslichkeit sprang ihm ins Gesicht, und h�tte er nicht mit dem R�cken gegen diesen Pfosten gestanden, von dem ihm Kondenswasser in den Kragen lief, er w�re einfach nach hinten umgefallen.</p><p>�Was?�, fragte Konstanze.</p><p>�Hm?�</p><p>�Du quetschst meinen Arm.�</p><p>Er l�ste den Griff, und sie drehte sich um, aber ins Gesicht sehen wollte er ihr nicht. Hielt ihren Kopf gegen seine Brust, als w�rde er sie tr�sten. Dann explodierte drau�en die erste Rakete, und er glaubte durch die Zeltplane hindurch den gr�nlichen Magnesiumschein am Himmel zu erkennen. Ein langes� Ahhh �stieg aus tausend Kehlen in die Nacht. Er w�nschte, ein gepacktes Auto st�nde vor dem Haus seiner Eltern und sie k�nnten heute Nacht noch losfahren. Weg, nur weg. Aber er stand wie immer: Mit beiden F��en auf dem Boden und dem R�cken zur Wand, gel�hmt und bereit. Denn was kommen w�rde, w�rde kommen, langsam oder schnell.</p><p>Er war schlie�lich kein Feigling, er lie� sich lieber frontal erwischen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Im blassen Blau des fr�hen Morgens sickert Licht durch die Vorh�nge. Sie hat getr�umt, und der Traum ist wie eine Blase geplatzt, und jetzt breitet sich das Wissen um sie aus, nackt in einem fremden Bett zu liegen. Ein s��er Schock l�sst sie mit offenen Augen erstarren, und automatisch atmet sie tief und gleichm��ig weiter, als schliefe sie noch. So tief und gleichm��ig wie Thomas Weidmann neben ihr. Es ist ein anderes Zimmer, in dem sie aufwacht, ein Raum mit scharfen Konturen, nicht mehr das Schattenreich des gestrigen Abenteuers, sondern ein Ort im Hier und Jetzt. Ohne sich zu r�hren, wandert sie mit den Augen die W�nde entlang, �ber den Kleiderschrank, auf dem ein Koffer liegt, zur Kommode neben der T�r. Helle Tapete ohne Bilder. Sie horcht auf den Atem hinter sich und schlie�t aus einem Kitzel an ihrer Schulter, dass sein Gesicht ihr zugewandt ist. Sie sp�rt also den Atem eines Mannes auf der Haut, und das ist ein schwieriges gutes Omen, ein Signal, das sie vorerst weiter still liegen hei�t. Eine Nacht bedeutet gar nichts, aber der Morgen hat kaum begonnen, das ist ihr Gl�ck und ihre Folter, w�hrend sie mit einem namenlosen Sinn ihr Inneres abtastet nach den Spuren des Geschehenen. Au�er leichten Kopfschmerzen findet sie keine. Und dann, noch bevor sie sich dessen bewusst wird, k�mpft sie schon gegen den Wunsch an, in ihrem eigenen Bett zu liegen, w�hrend der Tag heraufd�mmert und ein Wecker auf dem Nachttisch zehn nach f�nf zeigt.</p><p>Manchmal hasst sie ihre eigenen W�nsche. Entgegenzusetzen hat sie dem nur die Erinnerung an die vergangene Nacht, an den Akt selbst, aber dann kommt Daniel zur Hintert�r ihrer Gedanken herein und fragt, ob sie ihn eigentlich dem Gesp�tt seiner Mitsch�ler preisgeben wolle. Fragt es auf seine Art:</p><p><emphasis>Willst du mich verarschen?</emphasis></p><p>Gestern beim Mittagessen hat sie ihn zuletzt gesehen, sp�ter nur die Treppe runtergerufen, sie fahre jetzt ins Krankenhaus. Seine Worte lassen ihr keine Ausfl�chte. Der da sachte gegen ihre Schulter atmet, ist sein Klassenlehrer, und sie hat keine Ahnung, wie sie das ihrem Sohn erkl�ren soll. Zwischen dem Kummer und dem Nichts w�rden gewisse Poeten den Kummer w�hlen, aber zwischen dem �rger und der Ruhe, wie sieht es da aus? Zwischen dem Konflikt und der Einsamkeit? Der Komplikation und der Einfachheit? Fest steht, dass sie nicht in diesem Bett liegen bleiben kann, bis der Morgen vollends angebrochen und Daniel aufgestanden ist und wissen wird, dass seine Mutter nicht nur lange weg war, sondern gar nicht nach Hause gekommen ist.</p><p>Sie streckt eine Zehe unter der Decke hervor. Soll sie ihm sagen, sie sei im Krankenhaus gewesen? Aber l�gen kommt nicht in Frage, M�tter l�gen ihre Kinder nicht an, auch wenn sie sich gerade in diesem Moment w�nscht, etwas weniger Mutter zu sein.</p><p>Und apropos Mutter.</p><p>Mit einem Fu� in der Luft dreht sie sich von der Seite auf den R�cken, sinkt ins Kissen und versucht, n�her zur Bettkante zu rutschen. Ob ihre Mutter schon wach ist, und wenn ja: Wie wach? Thomas Weidmann macht eine Bewegung mit dem Arm, schl�ft aber weiter. Mit zur Seite geneigtem Kopf sieht sie ihn an und w�rde ihm gerne diese Str�hne aus dem Gesicht streichen, die ihm das Aussehen eines wirren Professors gibt. W�rde gerne die Schultern zudecken und mit der Hand �ber die Haare auf seiner Brust fahren. Und sie m�chte nach seinem Schwanz fassen und ihn in der Hand halten, das ganze weiche, haarige B�ndel in seiner unerregten Harmlosigkeit � zum Zeichen, dass mehr als Sex sie verbindet. Stattdessen sucht sie in seinem Gesicht nach Spuren ihrer Zuneigung. Befragt ihre Erinnerung nach der Lage ihrer Kleidungsst�cke, es sind ja nur zwei, und die Schuhe stehen im Flur. Die Handtasche wahrscheinlich noch auf dem Balkon. Fragt sich, ob er beim Aufwachen erleichtert, traurig oder gleichg�ltig feststellen wird, dass sie gegangen ist. Hauptsache, er �ffnet nicht die Augen, w�hrend sie durchs Zimmer schleicht.</p><p>Ohne die Decke zur�ckzuschlagen, windet sie sich aus dem Bett. Ihre Sachen liegen auf dem einzigen Stuhl, die muss er gestern auf dem Weg ins Bad dort platziert haben. Sie w�rde ihn gerne noch l�nger betrachten, aber sie hat das Gef�hl, dass ihr Blick ein Kitzel auf seiner Haut ist, der ihn aufwecken wird, darum schl�pft sie aus der offenen T�r. Dann geht alles schnell, sie will nichts weiter, als nicht gesehen zu werden, auch im Treppenhaus nicht, im Garten, auf der Stra�e. Erst im Auto h�lt sie inne.</p><p>Reglos h�ngen Wolken am Himmel. V�gel zwitschern. Kein sch�ner Land, schie�t ihr durch den Kopf, so zusammenhanglos wie der ganze Morgen. Im Rahmen ihrer Frontscheibe die morgenleere Gr�nberger Stra�e. Die Anwohner scheinen ihre Vorg�rten auf �hnliche Weise zu behandeln wie sie selbst fr�her ihr Sch�nschreibeheft: Es muss ordentlich aussehen, weil es ordentlich aussehen muss. Die Schrift ist der Spiegel des Charakters, hat die Grundschullehrerin mit dem strengen Dutt ihr eingetrichtert. Deren Name ist verschwunden, ziert sicher einen Grabstein irgendwo im Sauerland.</p><p>Kerstin sitzt im Auto und hat das Gef�hl, weinen zu m�ssen, bevor sie sich beruhigen kann. Oder erst ihren Tr�nen glauben zu k�nnen, wie aufgew�hlt sie ist. Nicht mal eine Nachricht hat sie ihm hinterlassen.</p><p>��Benimmst dich wie ein Backfisch, der sich aus Versehen hat gehenlassen.</p><p>��Guten Morgen.</p><p>��Statt dich einfach zu freuen.</p><p>��Von wo schaltest du dich diesmal zu? Sie wirft einen Blick in den R�ckspiegel, ordnet ihr Haar und zieht sich mit beiden Zeigefingerspitzen die Haut unter den Augen glatt. Weg mit den Tr�nen und dem hysterischen Getue! Anita hat ausnahmsweise Recht.</p><p>��Ausnahmsweise?</p><p>��Ich bin nie gewesen wie du und werde es auch nie sein. F�r mich bedeutet das eben was.</p><p>��Und zwar etwas Positives in diesem Fall. Richtig?</p><p>��Vielleicht.</p><p>��Es sei denn, du machst es kaputt, bevor �</p><p>Sie dreht das Radio an gegen Anitas Stimme und sucht in ihrer Handtasche nach einem Pfefferminz. Der Wein macht sich in der Kehle mit leichtem Sodbrennen bemerkbar. Es ist Samstag, ihr Bruder wird kommen �bers Wochenende, damit sie die Behandlung ihrer Mutter besprechen. Ein paar Tage werden sie unter einem Dach wohnen, schlecht und recht miteinander auskommen und sich damit abzufinden haben, dass am Ende � Behandlung hin oder her, danach kommt das Ende.</p><p>��Ich kenne dich, sagt Anita von Musik unterlegt: Deine Mutter wird sterben, und du wirst dir Vorw�rfe machen. Ihr Tod gibt dir die M�glichkeit, dein Leben zu �ndern, aber du wirst dich dadurch bestrafen, dass du die M�glichkeit nicht nutzt. Ganz so als ob du durch den Verzicht auf die positiven Konsequenzen deine Schuld tilgen k�nntest.</p><p>�berfl�ssig zu erw�hnen, dass Anita so spitzfindig in Wirklichkeit �berhaupt nicht ist.</p><p>� �berfl�ssig zu erw�hnen, dass es gar keine Schuld gibt, die du tilgen m�sstest.</p><p>Kerstin l�sst den Motor an und rollt die Stra�e entlang bis zur n�chsten Garageneinfahrt. Dort wendet sie. Immer noch keine Sonne �ber dem Schlossberg, und die Kastanien beim Landratsamt, die sie letzte Nacht vom Balkon aus gesehen hat, sehen blass aus im wolkenged�mpften Licht. Einen Moment lang steht sie an der Kreuzung und �berlegt, nach rechts abzubiegen, Richtung Stadt, um Br�tchen zu kaufen f�rs Fr�hst�ck. Ein einsamer Fu�g�nger kommt von dort den Kornacker herauf. Es ist, als ob sie tief durchatmen und Kr�fte sammeln m�sste f�r die einfachsten Entscheidungen, aber sie sitzt reglos hinter dem Steuer, bis der Fu�g�nger den schmalen Kiesweg �berquert hat, der gegen�ber der Gr�nberger Stra�e vom Kornacker abzweigt, an der Au�enmauer des Landratsamts entlang, das gar kein Landratsamt mehr beherbergt, sondern die Kfz-Zulassungsstelle und das Kreisjobcenter. Aber den Park drum herum gibt es noch und ein paar Enten auf dem Teich. Dann bleibt der Fu�g�nger stehen und wendet den Blick, steht auf der anderen Stra�enseite, ihr genau gegen�ber, und durch die Frontscheibe hindurch sieht sie ihren Sohn an.</p><p>Er tr�gt seine Jeansjacke gegen die morgendliche K�hle und hat eine Papiert�te der B�ckerei in der Hand. Schaut sie an ohne Erstaunen.�Uns liegen keine Meldungen �ber Verkehrsst�rungen vor. Wir w�nschen gute Fahrt. �Sie sp�rt das Auto nach vorne rollen und merkt dann erst, dass der Motor ausgegangen ist. Daniel legt den Kopf zur Seite. Fremd kommt er ihr vor, wie er da steht, mit der Br�tchent�te in der Hand. Eine fremde Gestalt, die sich pl�tzlich in ihren Sohn verwandelt hat.</p><p>Weil sie nicht wei�, was sie tun soll, zieht sie die Handbremse an und steigt aus. Bleibt in der offenen T�r stehen, als m�sste sie sich erst noch �berzeugen, dass es auch wirklich ihr Sohn ist.</p><p>�Morgen�, sagt er. Vogelgezwitscher und feuchte Luft inmitten schlafender H�user. Die leeren Parkbuchten vor dem Landratsamt.</p><p>�Morgen�, sagt sie.</p><p>Sein Gesicht ist es. Immer noch pickelig und unreif, aber ohne das Abweisende und Sp�ttische, stattdessen ruhig und mit einer Gefasstheit, die sie im n�chsten Moment beunruhigen wird, aber jetzt nicht. Jetzt steht sie im schwarzen, �rmellosen Kleid in der offenen Autot�r, hinter der sie sich das Kleid gestern angezogen hat auf dem Parkplatz der Sackpfeife. Manchmal sind es diese einfachen Dinge, die die eigenen Gedanken aus der Bahn werfen, �ber die man nicht hinwegkommt, das Banale und Verr�ckte, aus denen das Leben besteht, so wie alles andere aus Atomen und Molek�len.</p><p>�Du bist �berraschter als ich�, stellt er zufrieden fest.</p><p>�Ja�, sagt sie nur.</p><p>�Und du stehst schlecht, mitten auf der Kreuzung.�</p><p>�Wo kommst du her?�</p><p>�Fahr erst mal da weg. �Mit dem Kinn zeigt er in die Gr�nberger Stra�e, aus der sich ein Fahrzeug n�hert. Also noch einmal den Wagen anlassen, zehn Meter fahren, dann steigt Daniel ein, und w�hrend der halben Minute bis rauf zum Rehsteig redet nur das Radio. Singt, genauer gesagt. Vor dem Gartentor h�lt sie an.</p><p>�Also, wo kommst du her?�</p><p>�Aus dem Krankenhaus.�</p><p>Mit nerv�sen Fingern zieht sie den Autoschl�ssel ab und sieht die Stra�e entlang, in der sie seit fast sieben Jahren wohnt. Die D�monenkolonie Rehsteig. Sie lauern �berall.</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Die haben angerufen, als du nicht da warst. Es gab ja gestern eine weitere Untersuchung, CT oder so �hnlich, und der Befund war nicht g�nstig. Irgendwo ist Blut, wo keins sein soll. Und kurz nach der Untersuchung hat Oma das Bewusstsein verloren. �Er hat die T�te auf die Ablage gelegt und sich im Sitz zur�ckgelehnt, und sie wei�, dass er sie im Sprechen ansieht aus den Augenwinkeln. Was er sagt, hat er sich vorher zurechtgelegt. Es wird der l�ngste Text, den er seit langem gesprochen hat, jedenfalls zu ihr. Sie hat eiskalte Finger, wei� alles und nichts, und wo sie die Nacht verbracht hat, spielt keine Rolle mehr.</p><p>�Gegen neun war das�, sagt er.�Also bin ich runtergegangen.�</p><p>�Ins Krankenhaus.�</p><p>�Sie haben ihr ein Einzelzimmer gegeben, und der Arzt meinte, wir k�nnten bei ihr bleiben.�</p><p>�Wir?�</p><p>�Ich in dem Fall.�</p><p>�Und jetzt � ist sie alleine oder ist sie schon ��</p><p>�Hans ist bei ihr.�</p><p>�Hans.�</p><p>�Ich hab ihn angerufen, bevor ich losgegangen bin. Heute Morgen ist er gekommen. Gerade eben.�</p><p>�Und du warst die ganze Nacht im Krankenhaus.�</p><p>�Ja.�</p><p>Danke, liegt ihr auf der Zunge, und dann sagt sie es doch nicht. Der Rehsteig bildet eine asphaltierte Schneise zwischen bl�henden G�rten, und die H�user der oberen Stra�enseite sind nur in Ausschnitten zu erkennen hinter Ge�st und Gestr�uch. Morgendliches Zwielicht h�ngt bl�ulich und stumpf �ber den Grundst�cken. Sie sucht nach einer Empfindung, die Daniels Worten entspricht, nach Angst, Schrecken oder Panik, aber f�r den Moment mag sie nur die Art, wie er mit ihr redet: ruhig und offen. Au�erhalb des Autos wird die Luft erf�llt vom Gezwitscher der V�gel. Immer wieder springen ihre Gedanken aus der Bahn, vielleicht wacht Thomas Weidmann gerade auf, vielleicht wird ihr Bruder sie im Krankenhaus mit Vorw�rfen empfangen, weil sie einen Sechzehnj�hrigen die Nacht am Bett einer Sterbenden hat verbringen lassen.</p><p>�Was hat Hans gesagt?�</p><p>�Nicht viel, es war auch noch kein Arzt da so fr�h.�</p><p>�Aber was hat er gesagt?�</p><p>�Ich hab ihn zum ersten Mal in meinem Leben heulen sehen, und irgendwie ��Er legt den Kopf schief, nickt und w�gt ab in Gedanken.�Nicht aus Schadenfreude oder so. Ich wusste blo� nicht, dass er an seiner Mutter h�ngt.�</p><p>�Ich auch nicht.�</p><p>�Tut er aber. Er muss ja um drei Uhr nachts losgefahren sein.�</p><p>Sie dreht den Schl�ssel so weit, dass die Elektronik des Autos funktioniert und l�sst die Seitenscheibe an der Fahrert�r herab. Brunners Zwergmispeln wuchern den ganzen Hang zu. �berall Vogelgesang, atonal und chaotisch. An ihre Mutter soll sie denken und liebt stattdessen ihren Sohn, dass ihr beinahe die Tr�nen in die Augen steigen. �ber dem Schlossberg hellt sich derweil der Himmel auf zu einem ersten farblosen Scheinen. Wahrscheinlich ist dieses Fehlen von Erschrecken bereits ein Schocksymptom, eine Aussch�ttung von Hormonen, die sich auf die entscheidenden Synapsen im Gehirn setzen und sagen: Schau doch mal, wie sch�n der Himmel. Irgendwann wird sie sie erreichen, die Realit�t mit ihrem niederschmetternden Gewicht, wird sie im vollen Lauf einholen und zu Fall bringen, aber jetzt, mit dem Ellbogen im Fensterrahmen und ihrem Sohn neben sich und � sie achtet nicht drauf, aber es ist dennoch da � einem ganz bestimmten Gef�hl auf ihrer Haut, jetzt ist es, als w�rden Tod und Trauer an ihrer T�r klingeln, und sie w�re einfach nicht da.</p><p>�War es schlimm?�, fragt sie.�Im Krankenhaus?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Was hast du die ganze Zeit gemacht?�</p><p>�Zeitschriften gelesen, aus dem Fenster geguckt, nachgedacht. Ich finde, du solltest mal fragen, wie ihr Zustand ist, Omas. Ich bin n�mlich ziemlich gesund.�</p><p>�Wahrscheinlich hab ich Angst, es zu erfahren.�</p><p>�Hilft ja nichts.�</p><p>�Also?�Sie f�hrt ihm durch die Haare, und er l�sst es geschehen.�Darf ich vorher noch Danke sagen f�r das, was du getan hast?�</p><p>Ohne ihren Blick zu erwidern, holt er einen Zettel aus der Hemdtasche.</p><p>�Es ist eine Sinusvenenthrombose. Hat man beim ersten CT nicht feststellen k�nnen, weil es ein � natives CT war. Jetzt beim Verlaufs-CT hat sich die Blutung gezeigt, genauer gesagt ein geplatztes Blutgerinnsel. Von der verstopften Vene vorher kamen wohl auch die Kopfschmerzen. Sie versuchen jetzt, das Blut zu verd�nnen, um die Venen wieder durchl�ssig zu bekommen, aber erstens ist das riskant, und zweitens ist die Blutung ziemlich gro�. Raumfordernd, nennt Schn�sel-Doktor Hentig das. Und zur Prognose sagt er: Sehr ung�nstig. �Noch einmal �berfliegt Daniel den Zettel und faltet ihn zusammen.�Au�erdem steht hier noch �Mittellinienverlagerung�, aber ich wei� nicht mehr, wo das hingeh�rt.�</p><p>Das Licht �ber dem Schlossberg sieht aus, als w�rde die Sonne hinter einer Wand aus Papier aufgehen. Sie greift nach der Hand auf seinem Oberschenkel.�Wir fr�hst�cken, und dann fahre ich zu ihr. Willst du Hans in deinem Zimmer schlafen lassen oder soll ich das Sofa im Wohnzimmer f�r ihn beziehen?�</p><p>�Als ob es nichts Wichtigeres g�be�, sagt er und �ffnet die Beifahrert�r.</p><p>Sie wartet, bis er die Haust�r aufgeschlossen hat, bevor auch sie aussteigt. Eine ganze Nacht lang hat sich der Eindruck eines nahenden Todes auf sein jugendliches Gem�t gelegt, in all seiner verst�renden H�sslichkeit. W�hrenddessen sie mit Thomas Weidmann geschlafen hat. Jetzt tr�gt sie an ihrem schlechten Gewissen wie an einer unhandlichen, aber nicht besonders schweren Last; sie muss nur h�ufig den Griff wechseln. Und dann wird es drauf ankommen, wie lang der Weg ist.</p><p>K�hl empf�ngt sie das Haus, die d�mmrige Diele. Daniel ist in der K�che besch�ftigt, und sie geht ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Betrachtet eine Weile das unbenutzte Bett. Sie wird fr�hst�cken und dann das Sterbezimmer ihrer Mutter betreten, die Endstation, so wird es aussehen und riechen in seiner wei� get�nchten Sterilit�t. Zum ersten Mal seit Jahren legt sie sich die Haare in einem Knoten um den Hinterkopf. Zieht eine Bluse an und einen dunklen Rock dazu.</p><p>In der K�che steht Daniel mit einem Kaffeebecher in der Hand gegen die Anrichte gelehnt.</p><p>�Seit wann trinkst du Kaffee?�</p><p>�Seit er mir schmeckt.�</p><p>�Solltest dich lieber ein bisschen hinlegen.�</p><p>�Bin nicht m�de.�</p><p>�Und ist es nicht mehr �blich, dass wir am Tisch fr�hst�cken?�Sie zeigt auf die Butterschale und die Marmeladengl�ser neben ihm. Gegen�ber bei Meinrichs wird langsam ein Rollladen hochgezogen. Allgemeine Bettflucht in der hoffnungslos �beralterten Anwohnerschaft des Rehsteigs.</p><p>Wortlos schiebt Daniel ihr die offene Br�tchent�te hin.</p><p>�Offenbar willst du auch nicht wissen, wo ich die Nacht �ber gewesen bin. �Mit diesem Satz �berrascht sie sich selbst. Sie will es ihm n�mlich durchaus nicht sagen, oder will es doch, aber traut sich nicht, und kann trotzdem nicht widerstehen, an der Fassade dieser erwachsen wirkenden Diskretion zu kratzen, hinter der ihr Sohn sich verbirgt. Oder verbirgt er sich gar nicht? Ist das der Vorschein des neuen Antlitzes, das sich gerade aus der Schale seiner Unreife befreit und ihr beunruhigend souver�n entgegenblickt?</p><p>�Nein�, sagt er und macht sich den Mund frei. Das Hemd, das er tr�gt, muss neu sein und signalisiert einen Fortschritt auch in seinem Kleidergeschmack.�Aber ich wei�, wer in der Gr�nberger Stra�e wohnt.�</p><p>�Und?�</p><p>�Und was?�</p><p>�Himmel, Daniel, deine Mutter ist ein Nervenb�ndel heute Morgen, merkst du das nicht? Sag was, mach einen Witz, sei b�se auf mich, aber steh nicht so cool da, als w�re das alles nicht dein ��Dann wei� sie nicht, wie sie den Satz beenden soll. Gesch�ft? Kram?</p><p>�Leben?�, fragt er.</p><p>Kopfsch�ttelnd greift sie nach einem Br�tchen und bei�t hinein. Immerhin: Hunger hat sie. Ansonsten kommt Daniel ihr zwar verwandelt vor, aber die Rollen zu Hause sind trotzdem gleich geblieben, und sie verf�llt immer wieder in diesen flehenden Mutter-Ton, den sie selbst nicht ausstehen kann. Und dann setzt er noch eins drauf und sagt einen Satz, den zu h�ren sie niemals, auch nicht in ihren wildesten Gedankenrallyes erwartet h�tte. Einen Satz meilenweit jenseits des Punktes, an dem sie ihren Sohn vermutet hat:</p><p>�Ich lass mir von dir ja auch nicht vorschreiben, mit wem ich schlafe.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Eigentlich f�hlt er sich so, dass er gar nicht nachdenken m�sste. Im Einklang mit sich und dem Wetter und einem Gef�hl in den Gliedern, das nicht leicht zu beschreiben ist: als ob die Haut selbst sich erinnerte an den Kontakt mit ihresgleichen. Jede Pore durch sanfte Reibung ge�ffnet und dann sommerlichen Winden �berlassen. Lange hat er nach dem Aufwachen im Bett gelegen und es sich nicht untersagt, am zweiten Kopfkissen zu riechen und zu denken: Weidmanns Heil.</p><p>Das war um neun.</p><p>Was sich sp�ter ver�ndert hat, ist ihm verborgen geblieben, bis es sich in die Form dieser Frage gebracht und zwischen Fr�hst�ck und Mittagessen in seinem Kopf festgesetzt hat: Was hat sich ver�ndert? Da dreht sich der Bezug des besagten Kissens bereits bei 95 Grad in der Waschmaschine. Seinen eigenen Gedanken merkt er den Schwung an, mit dem die vergangene Nacht ihn versorgt hat, den hellen Klang einer inneren Stimmgabel, der ihn l�nger als sonst unter der Dusche h�lt, weil ihm immer noch eine weitere Strophe dieser ollen Grenzgangsschlager einf�llt. Der kindische Stolz des Mannes auf seine Potenz. Oder ist es etwas anderes?</p><p>�Mehr�, sagt er sich mit einer wei�en Schaumkrone aus Shampoo auf dem Haupt. Er kann sich noch gut erinnern, mit sechzehn oder siebzehn Jahren fest daran geglaubt zu haben, dass Erwachsene anders sind. Ernst � im Sinne von unkindlich, unalbern, unheilbar immun gegen den Stich des Hafers. Aber je �lter er wurde, desto �berzeugter war er, dass in seinem Fall die Wandlung zur Ernsthaftigkeit nicht stattfand. Und aus dieser �berzeugung hat er etwa seit dem drei�igsten Lebensjahr ein gef�hltes Alter gewonnen, das seinem tats�chlichen um eine nicht unerhebliche Zeitspanne hinterherhinkt � egal f�r wie ernst andere ihn halten und damit nicht falschliegen, aber eben auch nicht richtig. Ernst zu sein ist Teil seines Berufs, und er macht sich nicht immer die M�he, den Diensthabitus beim Verlassen der Schule abzulegen. F�r wen auch? Mit anderen Worten, er hat darauf verzichtet, von seinem gef�hlten Alter dauerhaften Gebrauch zu machen, und als er es jetzt tut, w�hrend er sich mit dem Handtuch die Haare trocken rubbelt, fragt er sich, ob die Macht der Gewohnheit ihm diese verkn�cherte Ernsthaftigkeit schlie�lich doch aufgezwungen hat, so dass es starker Anreize bedarf, ihn einen Morgen lang empfinden zu lassen, was einmal sein allt�gliches Lebensgef�hl gewesen ist.</p><p>Hat er seine Jugend verloren wie andere die F�higkeit, Klavier zu spielen? Durch pure Vernachl�ssigung?</p><p>Weidmann w�scht sich die Rasierschaumreste aus dem Gesicht, das ihm pl�tzlich m�rrisch aus dem Spiegel entgegenblickt. Jedenfalls hat er sich eine Lebensform gew�hlt, die auf einem Fundament aus Pessimismus ruht, also dem besten Schutz gegen Entt�uschung, den menschlicher Geist je ersonnen hat. Und von diesem Fundament <emphasis>kann </emphasis>er nicht weichen. Nicht mehr. Keine Frau wird ihn von da weglocken, und sage sie mit noch so entwaffnender Offenheit, ein Orgasmus sei wirklich weit mehr, als sie von diesem Zusammentreffen erwartet habe. Und lache dabei so ungeniert, wie er es Kerstin Werner niemals zugetraut h�tte. Es ist ein Sockel aus dem Stoff geplatzter Tr�ume und gezogener Konsequenzen. Nichts, dem sich mit einem Lachen beikommen lie�e.</p><p>Weidmann geht auf den Balkon und f�hlt sich gefangen. Ausgeschlossen vom Sommer �ber dem Ort, bel�stigt von sich selbst wie von einem aufdringlichen Gaffer. Wieder einmal wird er spazieren gehen, dabei intensiv nachdenken und wissen, dass er machtlos ist gegen das, was Konstanze v�llig zu Recht seine �elende Schwarzseherei� genannt hat. Sie t�uscht sich nur darin, sie f�r die Ursache des �bels zu halten, dessen Konsequenz sie im Lauf der Jahre geworden ist: des R�ckzugs nach Bergenstadt in ein Dasein als Lehrer. Eine Kapitulation aus Trotz und ein z�hes Festhalten an der Niederlage. Je l�nger er so lebt, desto wahrer erscheint ihm der Satz, dass man sich im Verlauf seines Lebens nur ein Mal verwandeln kann. Danach kann man sich nur noch verstellen.</p><p>Er r�umt die beiden Gl�ser vom Tisch und fragt sich in der K�che zum ersten Mal, warum sie eigentlich vor Tagesanbruch und ohne Nachricht das Weite gesucht hat. Eine Frage, die er als heilsamen Schock empfindet, weil sie so sp�t und so pl�tzlich kommt, mitten hinein in sein missmutiges Philosophieren �ber Verwandlung und Verstellung.</p><p>Warum ist sie gegangen?</p><p>Zur�ck auf dem Balkon, sucht er weniger nach einer Antwort als nach dem Gef�hl, das die Frage in ihm ausl�st. Seine einzige Chance besteht darin, sich selbst dabei zu ertappen, wie er h�ufiger, intensiver und mit mehr W�rme an sie denkt als an andere Frauen. Oder mit mehr Angst, sie k�nnte ihm durch ihr Verschwinden mitgeteilt haben, dass es bei einer Nacht bleiben solle. Das Gru�lose deutet darauf, das Tilgen der eigenen Spur. Aber andererseits: Wie billig ist das und wie herablassend ihr gegen�ber, diese Suche nach Indizien f�r ein Gef�hl, das er gar nicht hat. Als wolle er seinen Verstand von ihren Qualit�ten �berzeugen, mit Gr�nden und Argumenten, die nicht weiter reichen als die Feststellung, bestimmte st�rende Eigenschaften k�nne man Kerstin Werner nicht nachsagen. Stubenrein und bei�t nicht.</p><p>Wie immer, wenn er so unzufrieden ist mit sich, will er Konstanze anrufen, um ihr mit ein paar zynischen Worten seinen Zustand zu schildern und sich von ihrer Reaktion �berzeugen zu lassen, dass sie ihn zwar nicht mehr liebt, aber bis zur Gleichg�ltigkeit immer noch nicht vorgedrungen ist. Doch seit der Geburt ihres Kindes scheut er vor Anrufen zur�ck; Muttergl�ck ist eine Kategorie jenseits seiner Vorstellungskraft und er mehr denn je ein Eindringling aus der Vergangenheit, ein Fremder mit schmutzigen Schuhen. Es klingt absurd und stimmt trotzdem, dass auch nach Jahren der Trennung ihre Mutterschaft seine Einsamkeit noch vertieft hat.</p><p>Zu Mittag isst er Brot im Stehen, dann geht er spazieren; langsamer als sonst, den �blichen Pfad zum Rehsteig hinauf, den Rundweg entlang, von dem aus man die Bundesstra�e sehen kann, die zur Sackpfeife f�hrt. Gr�ne H�gel, blauer Himmel, wei�e Wolken. Schon als Kind ist er hier gelaufen, zusammen mit seinen Eltern. Tannen und Fichten, Birken, Buchen und Eichen. Unten in der Senke der Karlsh�tter Weiher, wo er zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben Schlittschuh gelaufen ist und danach eine Woche im Bett gelegen hat mit Verdacht auf Gehirnersch�tterung. Auf der anderen Seite Weiden, Wiesen und endloser Wald. Er folgt dem Weg �ber die Rehsteigh�tte hinaus, wo er leicht anzusteigen beginnt und kurviger wird. Lange Buchenst�mme liegen im Graben, frisch geschlagen und noch hell an den Schnittstellen. Nur das Ger�usch seiner Schritte auf dem Boden h�rt er, Bl�tterrascheln und das dumpfe Rauschen der Stra�e im Tal. Dann erreicht er einen sternf�rmigen Zusammenschluss von Wegen, bleibt stehen und sieht sich um im gr�nlichen Bl�tterschatten. Immer noch ist es fr�h am Tag, gerade zwei Uhr durch. Zu Hause erwarten ihn weder Arbeit noch Gesellschaft, und obwohl er eigentlich nur einen Spaziergang hat machen wollen, beschlie�t er jetzt, den ganzen Nachmittag zu wandern. Er hat das Gef�hl, dass jeder Schritt weg von seiner Wohnung ein Schritt in die richtige Richtung ist. Das Tal links des Weges steigt an und l�uft wie sein Weg auf jene Kuppe zu, wo er die Bundesstra�e �berqueren muss, um einem �berwucherten Pfad zu folgen, der ihn zum Fu� der Skipiste f�hren wird. Hier und da wilde Himbeeren und ansonsten viel Chlorophyll, das er im Gehen zur Seite streicht in der Hoffnung, sich keine Zecken einzuhandeln.</p><p>Wo der Weg nicht unter B�umen entlangf�hrt, trifft ihn die Sonne mit klebriger Intensit�t. Insekten stehen summend in der Luft, in merkw�rdigen Konfigurationen. Sein Schwei� lockt Fliegen an. Je h�her er steigt, desto �ppiger wuchern die Pflanzen, verschwindet der Pfad unter Unkraut und hohem Gras. Zweimal glaubt Weidmann, von seinem Weg abgekommen zu sein, aber unter den B�umen findet er die ausgetretene Spur im Boden wieder. Aus der sommerlichen Wanderung wird ein angestrengtes Stapfen im un�bersichtlichen Gel�nde seiner eigenen Gedanken. Das Hemd klebt ihm am R�cken. Was w�rde Kerstin Werner denken, k�nnte sie ihn beobachten bei seinem Kampf mit sich selbst? Zwischen den B�umen erkennt er bereits den kahlen Hang der Skipiste und an dessen Rand die Drahtseile des Lifts mit den langsam auf- und abw�rtsgleitenden Sesseln. Es ist, als ob er auf einen Moment der Erleuchtung wartete, ein Platzen dieser Blase um ihn herum. Warum kann er sich nicht einfach untreu sein? Welcher perverse Drang befiehlt ihm festzuhalten gerade an jenen Eigenschaften, die er an sich am wenigsten sch�tzt?</p><p>Weidmann tritt aus dem letzten Waldst�ck, das sich zwischen zwei kegelf�rmigen H�geln hinaufzieht. Nackt und gelblich ragt die Skipiste vor ihm auf. Der untere, steilere Teil liegt bereits halb im Schatten, der flachere dar�ber entzieht sich seinem Blick. Nur das Dach der Bergstation gl�nzt in der Sonne. Mit einer Hand �ber den Augen betrachtet er die Szenerie, die graue Schlangenlinie der Superrutschbahn, auf der gerade zwei Schlitten bergab sausen. Mit der Verz�gerung einer halben Sekunde erreicht ihn das Juchzen der Piloten. Doppelsessel schweben leer �ber den B�umen, die B�gel ge�ffnet. Flutlichtmasten stehen nutzlos entlang der Strecke. Eine Landschaft, die nach Schnee verlangt und jetzt unvorteilhaft aussieht, gerupft und ihres Zwecks beraubt. Wo die Rutschbahn in einem flachen St�ck ausl�uft und an zwei in den Boden eingelassenen Autoreifen endet, stehen die beiden Fahrer auf und wuchten die Schlitten aus der Spur. Einen Moment lang glaubt Weidmann in ihnen zwei Sch�ler zu erkennen, aber es sind Fremde. Gel�nder aus Holz laufen trichterf�rmig zusammen vor dem Lifth�uschen, wo sich im Winter die Skifahrer dr�ngen und jetzt eine M�nnergestalt sich aus dem Schatten l�st, die Zigarette austritt und den beiden beim Einsteigen in den Lift behilflich ist. Die Schlitten werden an einen Haken an der R�ckenlehne geh�ngt.</p><p>Er w�sste gerne, was er erwartet hat, das erg�be dann einen Ma�stab, an dem der Moment sich messen lie�e. So geht er ratlos die wenigen Schritte zum Lifth�uschen und fragt den Mann dort, ob man auch hier unten eine Karte l�sen k�nne.</p><p>Der Gefragte schraubt seinen Flachmann zu und antwortet mit einer Bewegung des Kopfes. Das Hemd abgetragen, die Jeans ausgebeult, und andere Adjektive w�rden Weidmann f�r das Gesicht auch nicht einfallen. W�hrend er ihm folgt, steckt er das Portemonnaie wieder ein. Von der Fensterbank des H�uschens aus erreicht ihn Radiomusik. Ein k�hler Hauch weht den Hang herab. Steif wie vor dem Erschie�ungskommando, blo� mit dem Blick �ber die Schulter stellt er sich auf eine Steinplatte im Boden, dann schaukelt der Sessel heran, die Sitzfl�che trifft ihn in den Kniekehlen, und eine Wolke billigen Cognacs h�llt ihn ein, als der Mann den B�gel schlie�t.</p><p>�Danke�, sagt Weidmann und schwebt davon. Nach wenigen Sekunden befindet er sich bereits auf Baumh�he, dann n�hert sich ein Summen, der Liftsessel rattert �ber die erste St�tze, und das Summen liegt hinter ihm. Ruhig und gleichm��ig zieht er durch die Luft. Hinter den B�umen B�ume und hinter den H�geln H�gel. Er wundert sich und wei� nicht wor�ber. Die Luft tr�gt ihm keine Ger�usche entgegen, nichts au�er ihrer eigenen por�sen Bewegung. �ber ihm ein metallischer Arm, der mit verschwei�ter Hand in den Draht greift � daran h�ngt sein Leben. Er rattert auf die n�chste St�tze zu. Langsam taucht der flachere Pistenabschnitt vor ihm auf. Leere Doppelsessel kommen ihm entgegen, und auch vor ihm schweben sie in gleichm��iger Reihe, lauter artgleiche Gebilde, nur durch Nummern auf den R�cklehnen zu unterscheiden. Unmittelbar vor ihm gondelt die 12. Instinktiv hat er sich in die Mitte seines Sessels gesetzt, so als w�rde er dem Gleichgewichtssinn der Konstruktion misstrauen, aber jetzt r�ckt er zur Seite, lehnt sich zur�ck, atmet langsam. Wor�ber er sich wundert, f�llt ihm auf, ist die Empfindungslosigkeit, die ihn manchmal bef�llt, das pl�tzliche Einfrieren von inneren Regungen unter einer Art von An�sthesie, die alles au�er der direkten Sinneswahrnehmung ausblendet. Ein emotionales Vakuum, aber das wiederum ist wahrnehmbar und reizt ihn, so wie man beim Zahnarzt nicht aufh�ren kann, das taube Zahnfleisch mit der Zungenspitze zu betasten. Ob das die spezifische Art ist, wie er alt wird, vor dem Einsetzen der k�rperlichen Gebrechen? Auf einmal treibt er durch die Stille wie durch einen Alptraum. Als w�rde dieser Doppelsessel ihn bis ans Ende seiner Tage durch eine bedeutungslose Landschaft tragen, den einzigen Fahrgast einer entv�lkerten Welt. Und unten beim Lifth�uschen st�nde der Teufel pers�nlich, lachte hohl und schickte ihm mit dem Flachmann ein Prosit hinterher.</p><p>Mit geschlossenen Augen k�mpft er die Vorstellung nieder und wei�: Er m�sste sein Leben �ndern, damit es diesen Namen verdient, stattdessen treibt er zehn Meter �ber dem Boden durch ein verwaistes Naherholungsgebiet. Mit keinem Wort hat er Kerstin Werner bedeutet, dass er sie wiedersehen m�chte. Und sie hat die Nachricht verstanden und sich im Morgengrauen aus der Wohnung geschlichen.</p><p>Als er die Augen wieder �ffnet, schwebt er bereits der Bergstation entgegen. Rechts unter ihm beginnen die Parkpl�tze. Ein halbes Dutzend Autos verliert sich darauf, und vor der Skih�tte sieht er Sitzgarnituren und Sonnenschirme, eine Handvoll G�ste. Die Sonne steht tiefer, als er erwartet hat. Der Boden kommt n�her, ein Hinweisschild r�t zum Aufklappen des B�gels, das n�chste warnt vor dem Rausfallen: Rotes Dreieck um ein purzelndes M�nnchen.</p><p>Zu sp�t, denkt er.</p><p>Der Helfer beim Ausstieg riecht nach billigem Rasierwasser statt nach Cognac, ansonsten sieht er seinem Kollegen im Tal ziemlich �hnlich. Weidmann geht ein paar Schritte �ber abgewetzten Mattenboden. Die Bergstation steht auf einer H�gelkuppe, die links in einen flachen Sattel hinabf�hrt, wo im Winter gerodelt wird. Weidmann h�lt sich in der Mitte des Hanges, folgt den Spuren im hohen Gras zur Skih�tte. Die Telefonzelle daneben ist sein Ziel. Beruhigt stellt er fest, dass sich unter den Kaffeeg�sten vor der H�tte niemand befindet, den er gr��en m�sste. Eine Gro�familie offenbar, zu der auch die beiden Rutschbahnpiloten geh�ren. Mit einem Nicken geht er vorbei. Sucht im Ged�chtnis nach ihrer Nummer und findet sie. Er hat keine Ahnung, was er Kerstin Werner sagen will. Oder Daniel, falls der drangeht.</p><p>Die �blichen Obsz�nit�ten zieren die Glasw�nde der Zelle. Jemand aus der Gro�familie muss eine Bemerkung �ber ihn gemacht haben, denn als er durch die Scheibe zur�ckblickt, begegnen ihm am�sierte Gesichter. Ein einsamer, nicht mehr ganz junger Mann, der am Wochenende Superrutschbahn f�hrt. Weidmann nimmt den H�rer von der Gabel und wirft f�nfzig Cent in den Schlitz.</p><p>Wollte nur mal h�ren, wie�s dir geht.</p><p>Ich h�tte dir gerne Kaffee gemacht.</p><p>Du hast was bei mir vergessen � mich.</p><p>Es tutet lange. Die Familie hat sich wieder von ihm abgewandt und wahrscheinlich beschlossen, den einsamen Spinner nicht zu provozieren. Die Doppelsessel des Lifts fahren auf und ab. Ist das, was er tut, blo� eine Kopflosigkeit, die auf �berspannte Gedanken an einem Samstag Nachmittag folgt? Jedenfalls hat er schwei�nasse H�nde. Wie oft k�nnen wir erkl�ren, was wir tun, hat er Kerstin Werner gefragt, gestern Abend auf seinem Balkon. Selten, aber der Versuch lohne sich trotzdem, hat sie gesagt. Und er denkt: Wie gut, dass es immer noch Worte gibt, die einen Anschein von Sinn erwecken. Die sich auf das Schweigen legen wie Herbstbl�tter auf einen Teich. So bunt, dass man das Schwarze darunter nicht sieht.</p></section><section><title><p><strong>13</strong></p></title><p>Sie h�rt den Schl�ssel in der Haust�r und gleich darauf seine Schritte im Vorflur, aber statt ihm entgegenzugehen, dreht sie nur das Radio leiser. Feuchte Hitze in der K�che l�sst die Fensterscheiben beschlagen, durch die hindurch sie beobachtet, wie Kleinhenn sich mit Handschlag und Verbeugung von einem ihr unbekannten Paar verabschiedet: Eine ausgesprochen un�sthetische Verbeugung, ein Einrollen �ber seinem Kugelbauch, und in Richtung der Frau vollf�hrt, sieht es aus wie die Androhung eines Handkusses. Wieder mal Interessenten, die ersten seit Wochen, aber ob sie dabei sind, zu Kunden zu werden, l�sst sich aus der Art des Abschieds nicht erkennen. Ein Paar Mitte vierzig, sie in Rock und Bluse, er im Sakko ohne Krawatte. LDK-Nummernschild. Dass Kleinhenn seinen Mercedes als Erster startet und mit einem kurzen Quietschen der Reifen losf�hrt, deutet eher auf einen weiteren geplatzten Deal. Den zehnten, wenn sie richtig gez�hlt hat. Irgendwas scheint mit Meinrichs Haus nicht in Ordnung zu sein, und wenn sie ehrlich sein soll: Irgendwas daran gef�llt ihr. Thomas hat im Fr�hjahr allen Ernstes vorgeschlagen, den verrottenden Leitungen unter dem Rehsteig 52 zu entfliehen und einfach ein Haus weiter zu ziehen, aber der Gedanke, in den ehemaligen R�umen der Meinrichs zu leben, erscheint ihr unpassend und geschmacklos. Nicht nur, weil sich an ihrer mangelnden Sympathie f�r die ehemaligen Nachbarn durch deren Ableben nichts ge�ndert hat (erst sie, dann er, innerhalb von drei Monaten, wie Liebesv�gel). Etwas st��t ihr unangenehm auf bei der Vorstellung, in dem Haus zu leben, auf das sie jahrelang bei jedem Blick aus dem K�chenfenster geschaut hat. Als w�rde sie permanent zur�ckblicken in die Vergangenheit. Die verrottenden Leitungen sind ein �rgernis, sogar von Jahr zu Jahr ein gr��eres, weshalb sie jeden Freitag die Immobilienanzeigen im <emphasis>Boten </emphasis>studiert und hofft, demn�chst eine neue Bleibe zu finden. In der Hornberger Stra�e gibt es Eigentumswohnungen, aber noch weiter den Hang hinaufziehen will Thomas nicht. Sei ihm zu protzig da, sagt er. Monsieur le B�rgerschreck.</p><p>�Thomas?�Da sie keine Schritte h�rt, ruft sie �ber die Schulter seinen Namen und erschrickt zu Tode, als zwei Meter hinter ihr sein� Ja �erklingt. Mit einer Hand auf der Brust f�hrt sie herum und muss zwei Mal durchatmen, bevor sie sprechen kann.</p><p>�Himmel, hast du mich � Bist du unter die Indianer gegangen?�</p><p>�Hugh. Den Regeln des Hauses gehorchend, zog Alter B�ffel die Schuhe aus. Im Vorflur.�</p><p>�Ich hab die T�r nicht geh�rt.�</p><p>�Weil sie offen stand. �So wie die K�chent�r, die er beinahe ausf�llt mit seinen Schultern, w�hrend er sie mit am�sierter, leicht sp�ttischer Miene anschaut, jeweils eine Hand rechts und links gegen den T�rrahmen gest�tzt.�Geht�s wieder?�</p><p>Immer noch klopfenden Herzens erwidert sie seinen Blick und nickt. Er hat die Hemds�rmel hochgekrempelt und schaut drein, als w�sste er was, was sie nicht wei�, und unter normalen Umst�nden w�rde sie die Neuigkeit auch gerne erfahren, aber es geht auf sechs Uhr los, und vor ihr auf der Anrichte steht das halbfertige Abendessen und verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit. Leider besteht Kochen zur H�lfte aus Organisation � w�re es nur Gef�hls- und Geschmacksache, w�re sie besser darin, an einem anderen Tag jedenfalls. Heute strebt ihr gesamter Seelenhaushalt ihrem Sohn entgegen wie ein aufgescheuchtes Empfangskomitee, sie kann sich einfach nicht auf die Arbeit konzentrieren.</p><p>Wo ist das Kochbuch?</p><p>Vorfreude kann ein ausgesprochen anstrengendes Gef�hl sein, wenn man es so lange Zeit zu empfinden versucht. Ihre H�nde kreisen jetzt �ber der Anrichte, aber sie wei� gar nicht mehr, wonach sie sucht. Der Schreck �ber Thomas� pl�tzliches Auftauchen in der K�che ist in das diffizile R�derwerk ihrer Konzentration gefahren und blockiert es. Etwas von seinen Eink�ufen braucht sie und muss daran denken, die Form f�r das Kartoffelgratin <emphasis>nicht </emphasis>mit Knoblauch auszureiben, denn Natalie hasst Knoblauch und w�rde sich das zwar nicht anmerken lassen, meint Daniel, aber das Gratin auch nicht anr�hren, sondern es gewisserma�en h�flich und unauff�llig links liegen lassen. Und daf�r verbringt sie ja nicht den halben Tag in der K�che.</p><p>�Du machst mich nerv�s�, sagt sie. Er steht immer noch in der T�r, mit verschr�nkten Armen jetzt und gegen den Rahmen gelehnt � sie sieht es durch ihren Hinterkopf, mit der Rundumwahrnehmung der hektischen Hausfrau.</p><p>�Wie das?�</p><p>�Wenn du so hinter mir lungerst wie ein B�r. Geh mir lieber zur Hand.�</p><p>�Was soll ich tun?�</p><p>�Gib mir als Erstes die s��e Sahne.�</p><p>Von Knoblauch abgesehen ist N�tty, wie dr�ben alle sagen, auch nicht kompliziert, hat sie sich versichern lassen. Auf dem j�ngsten Foto jedenfalls sieht sie sympathisch aus und � Kerstin hat das nicht denken wollen, aber der Gedanke war schneller � etwas attraktiver, als sie sich die Freundin ihres Sohnes vorgestellt h�tte: mit einem offenen Lachen, gro�en Augen und sichtlich im Reinen sowohl mit sich als auch dem Mann neben ihr, der einmal Daniel Bamberger war, aber jetzt eine Schildm�tze tr�gt, keine Pickel mehr hat und aus dessen Gesichtsausdruck Kerstin stille Freude �ber die eigene Verwandlung herausliest. Au�erdem liegt in seiner Miene eine Selbstzufriedenheit, die ihr bekannt vorkommt aus jener Zeit, die sie in Gespr�chen notgedrungen �meine erste Ehe� nennt.</p><p>�Nicht im K�hlschrank, in deiner Einkaufstasche�, sagt sie, weil Thomas die K�che durchquert, um ihre Arbeitsanweisung zu befolgen. Hinter ihr bleibt er stehen, und f�r einen Augenblick l�sst sie das Suchen sein und die H�nde sinken, in Erwartung einer z�rtlichen Ber�hrung und der Bereitschaft, diese zu erwidern. Es ist seltsam, dieses st�rmische Verlangen nach einer Umarmung, das sie manchmal �berf�llt und trotz einiger gemeinsamer Symptome keine Lust ist, nicht sexuell, sondern eine Form stummer Gegenwehr, vielleicht den hektischen Bewegungen �hnlich, mit denen Ertrinkende schlie�lich beschleunigen, wovor sie sich zu retten versuchen (du �bertreibst, w�rde Thomas sagen). Gegen das Erstarren, denkt sie mangels eines besseren Wortes, und nat�rlich gegen die Kr�nkungen, die einem irgendwann ausgerechnet der eigene K�rper zuf�gt. Es gibt Tage, da erinnern die Schwankungen ihrer gef�hlten K�rpertemperatur an ein B�rsenbarometer.</p><p>Wo auch immer seine H�nde sind, in ihrem Nacken nicht. Sie macht einen halben Schritt nach hinten. Am Nachmittag hat sie gedacht, dass sie ihre Vorfreude in den vergangenen Wochen vielleicht zu sehr f�r sich behalten hat, statt sie mit ihrem Mann zu teilen. Zwar ist es nicht sein Sohn, der zu Besuch kommt �ber Grenzgang, aber der Sohn seiner Frau, und genau genommen nimmt sie nicht ihm �bel, dass ihm keine Vorfreude anzumerken ist, sondern sich, dass sie seinerseits erst gar keine erwartet. Erstens k�nnte er sich schlie�lich ihretwegen freuen, und zweitens ist Daniel �lter geworden und hat nicht mehr viel gemeinsam mit dem zornigen Teenager, der die Besuche des Klassenlehrers im Haus �zum Kotzen� fand. Sie hat sich vorgenommen, das Thema im Auto zur Sprache zu bringen, aber Thomas� Blick von gerade eben l�sst sie denken, dass sie sich vielleicht get�uscht hat, weil er seine Gef�hle zwar wie immer in Ironie verpacken muss, sie aber dennoch hat. Und immerhin liegt seine Hand jetzt auf ihrer Schulter, wenn auch steif und reglos.</p><p>�� hab ich vergessen, f�rchte ich.�</p><p>�Die Sahne?�Ein sirrender Alarm in der Schl�fe, dem Seismographen unter ihren K�rperpartien. Sie braucht die Sahne <emphasis>jetzt</emphasis>.</p><p>�Alles. Ich war gar nicht einkaufen.�</p><p>�Nein�, sagt sie, und das meint sie w�rtlich. Schon seit Monaten hat sie das Gef�hl, stimmungsm��ig nicht mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, sondern �ber einen Steg aus morschen Planken zu laufen, von dem sie nicht wei�, welchen Abgrund er verdeckt; nur dass sie es schon in der n�chsten Sekunde erfahren k�nnte, scheint gewiss. Aber am Ende ist all das vorsichtige Balancieren sowieso umsonst. Die einfachsten Dinge, etwa die Zubereitung eines Abendessens, erweisen sich als undurchf�hrbar, und wahrscheinlich wird er als N�chstes um Entschuldigung bitten, so als w�re ihm nur ein weiteres kleines Missgeschick unterlaufen, eine Unachtsamkeit. Bedauerlich, aber menschlich.</p><p>Seine Hand sitzt ihr wie eine Kr�te auf der Schulter und ekelt sie geradezu an.</p><p>�Sieh mich an�, sagt er. Nimmt die andere Hand auf die andere Schulter und dreht sie herum wie � so.</p><p>Sie riecht den Hauch von Altenheim in seiner Kleidung, das scharfe Putzmittel, das dort in Unmengen benutzt wird und doch nicht ankommt gegen den Verfall, dessen Sporen sich an jeden h�ngen, der die R�umlichkeiten des Heims betritt. Dazu leichter Schwei�geruch aus seinem Hemd, weil er die Arme vor und zur�ckbewegt, als wollte er heraussch�tteln, was ihr wie ein Krampf in der Kehle sitzt. Sie weigert sich ihn anzusehen. Nein, nicht einmal eine Entschuldigung h�lt er f�r n�tig, so sehr mag er sich jetzt, genau in diesem Moment, sie kann das noch mit abgewandtem Gesicht sehen, h�ren, sp�ren; wie er die Stimme eine halbe Oktave fallen l�sst, um den Ma�stab seiner Betroffenheit anzuzeigen, und langsam mit den Daumen �ber ihr Schl�sselbein f�hrt. Es ist seine Schuld, aber ihm steht der Sinn nicht nach Zerknirschung. Er h�lt sich l�ngst f�r den Tr�ster und sensiblen Wiedergutmacher statt f�r den Verursacher der Chose.</p><p>�Thomas ��Geh zum Teufel und bleib eine Weile dort. Sie w�re w�tend genug f�r einen Streit, aber ihr fehlt die Kraft. Wie kann er sich jetzt so m�gen? Wie dieses falsche Verst�ndnis produzieren, als g�be es daf�r in seinem Innern ein eigenes Organ? Denn in Wirklichkeit ist es vor allem Nachsicht mit sich selbst, die er hat, unbegrenzte Gro�z�gigkeit gegen�ber seinen eigenen kleinen Fehlern � sagen wir Marotten, nein, sagen wir Eigenheiten und nennen sie �charmant� � und gleichzeitig eine Blindheit f�r die Tatsache, dass sie sich aufrichtig bem�ht und alles viel leichter w�re, w�rde er das auch tun.</p><p>�Sieh mich an, Kerstin. �Stattdessen f�hlt er sich best�tigt in seinem tiefen C, dem vokalen Balsam, den er �ber sein hysterisches Weib gie�t.�Sag mir, du brauchst die Sahne unbedingt, und ich fahre los und hole sie.�</p><p>Hat sie ihn gebeten, ihren Kopf gegen seine Brust zu legen? Mit beiden H�nden wehrt sie seine Z�rtlichkeiten ab und f�hrt sich mit den Zeigefingerspitzen �ber die Augen.</p><p>�Mir egal.�</p><p>�Was soll das hei�en, mir egal?�</p><p>�Was es eben hei�t: Mir egal. �Sie befreit sich aus seinem Griff und wendet sich dem Chaos auf der Anrichte zu. Eine Installation von Alltagsgegenst�nden, die pr�zise spiegelt, was gerade geschieht: Die Konfrontation zwischen ihrer eigenen angestrengten Bem�hung und seiner gelassenen Sabotage. Als ob er nicht w�sste oder nicht wissen wollte, welche Bedeutung dieser Tag f�r sie hat: das Wiedersehen mit Daniel, das Kennenlernen seiner Freundin, die auf eine Woche angesetzte Inszenierung von Familienleben. Ein St�ck, dessen Absetzung vor vierzehn Jahren eine L�cke gerissen hat, die sich nie wird schlie�en lassen, aber sie hat sich vorgenommen, es diese eine Woche lang trotzdem zu genie�en. Mit allem, inklusive der bangen Erwartung, dass Daniel ihr er�ffnen wird, nach seinem Abschluss nicht zur�ck nach Deutschland zu kommen. Aber ihr Mann kann es nicht lassen, schon das blo�e Wort �Familie� mit Spie�ertum und Verstocktheit zu assoziieren und alles in den vagen Bannkreis dieses l�cherlichen Verdachts zu stellen, �ber dem er alleine erhaben thront: dass selbst ein gemeinsames Abendessen nur Maskenball ist und Eiapopeia, Selbstbetrug nach innen und Fassade nach au�en. Manchmal bringt er es fertig, in diesem Zusammenhang von Ideologie zu sprechen. (�brigens thront er nicht erhaben �ber allem, sondern ist sogar das bevorzugte Objekt seines eigenen Spotts, aber das kommt ihr so falsch und unreif vor, das �bergeht sie einfach; wenn er damit anf�ngt, legt sie sich sofort in die Badewanne.) Wie kann ein Mensch gleichzeitig so feinf�hlig und so grob sein? Karin meinte neulich, er sei vielleicht einfach unbewusst eifers�chtig auf Daniel, aber solche Phrasen treiben ihren Blutdruck erst richtig nach oben. Eifers�chtig auf die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn, wie krank muss man daf�r sein?</p><p>Abgesehen davon mag sie es nicht, wenn Karin �ber ihren Mann spricht, als w�sste sie, was in ihm vorgeht.</p><p>Sie hat die H�nde auf die Anrichte gest�tzt und blickt aus dem Fenster. Trockenes Sommerlaub bedeckt Meinrichs Einfahrt, der Rasen vor der Terrasse steht kniehoch, und die Hecke ist in einem Zustand, dass der alte N�rgler sich im Grab rumdrehen w�rde, wenn er davon w�sste.</p><p>�Kerstin, ich warte.�</p><p>�Worauf?�</p><p>�Darauf, dass du Vernunft annimmst und mir sagst, ob ich jetzt einkaufen fahren soll oder ob es auch ohne die Sachen geht.�</p><p>�Du hast den Einkaufszettel gesehen, oder? Du hast ihn gesehen. Und jetzt sind wir mal ganz vern�nftig und fragen uns: W�rde ich dir einen so langen Einkaufszettel schreiben, wenn es genauso gut auch ohne die Sachen ginge?�</p><p>Er antwortet nicht, und sie h�rt das Klicken der Uhr an der Wand. Drei Minuten nach sechs. Landung des Flugzeugs in Frankfurt um 20 Uhr 21. Ihre Wut verwandelt sich in Erstaunen dar�ber, wie verschieden zwei Menschen sein k�nnen, und was f�r einen gewaltigen Umfang das Wort �Liebe� hat. Manchmal reicht Sprache nicht aus, ihn zum Ausdruck zu bringen, und man ist versucht, sich mit spitzen Gegenst�nden zu behelfen.</p><p>�Vielleicht nicht genauso gut, aber ��</p><p>�Aber doch ungef�hr, nicht wahr: Gratin ohne Sahne, Salat ohne Paprika, Grill ohne Anz�nder, Eis ohne ��</p><p>�Grillanz�nder ist ein gutes Beispiel. Wir haben n�mlich einen Elektrogrill.�</p><p>Sie dreht sich erneut um, sieht ihm ins Gesicht, sucht nach Spuren von Zuneigung und ist erstaunt, wie leicht die zu finden sind: in seinem Blick, der Mischung aus M�digkeit, Verzagtheit und vielleicht sogar einem Anflug von Reue. Falten um die Augen hat er und angeschwollene Tr�nens�cke. Selbst im Streit sieht er so aus, als schaute er die Fernsehnachrichten und bef�nde sich in stiller Sorge �ber den Lauf der Welt.</p><p>�Du glaubst, wir reden �ber Kleinigkeiten, oder?�, sagt sie.</p><p>�Ich glaube, wir reden dar�ber, dass ich vergessen habe, einen mir aufgetragenen Auftrag auszuf�hren, weil ich den ganzen Nachmittag in einem ��</p><p>Noch w�hrend er redet, beginnt sie den Kopf zu sch�tteln, und als sie zus�tzlich die Hand hebt, verstummt er.</p><p>�Lass deine Tante aus dem Spiel.�</p><p>�Okay, aber ich glaube, wir sollten dar�ber reden, ob die ganze Idee mit dem Abendessen so gut ist. Um halb neun landet das Flugzeug, bis die beiden durch den Zoll kommen und ihr Gep�ck haben, ist es halb zehn, und zur�ck in Bergenstadt sind wir fr�hestens um elf.�</p><p>�Nach amerikanischer Zeit sp�ter Nachmittag, und die beiden haben Hunger. Thomas, ich hab dir gesagt, wenn mein Sohn nach zwei Jahren hierher zu Besuch kommt, dann koche ich f�r ihn, und du kannst das gerne unvern�nftig oder �berfl�ssig finden, aber ��Aber du musst damit rechnen, dass ich dir das verdammt �bel nehme!</p><p>�Wieso kehren wir nicht unterwegs irgendwo ein?�</p><p>�Wieso diskutieren wir dar�ber, ob ich ein Abendessen f�r meinen Sohn koche?�Ihre Stimme gewinnt an Volumen.�Wieso sitzt du nicht im Auto und bist unterwegs zum Supermarkt? Wieso glaubst du, mir einfach aufzwingen zu k�nnen, was du f�r vern�nftiger h�ltst, indem du ignorierst, worum ich dich gebeten habe?�</p><p>Ihr antworten Stille und das Ticken der Uhr und kurz darauf das Schlie�en der Haust�r. Sie h�rt seinen Wagen starten und sieht ihm durchs K�chenfenster nach, als er den Rehsteig hinaufrollt und hinter der n�chsten Kurve verschwindet. F�nf nach sechs. Um halb sieben wird er zur�ck sein, wenn keine Zeit mehr bleibt, seine Eink�ufe zu verarbeiten. Stattdessen werden sie sich zusammen ins Auto setzen und schweigend nach Frankfurt fahren, froh �ber das Radio in ihrer Mitte. Irgendwann wird sie ihm kurz die Hand auf das Bein oder die Schulter legen, als Zeichen daf�r, dass die erste Post-Streitphase abgelaufen ist. Er wird sich selbst anklagen, den Hauptteil der Verantwortung schultern und vielleicht noch einen Witz �ber seinen Starrsinn machen. An einer Ampel in Frankfurt oder im Parkhaus des Flughafens werden sie sich sehr kurz k�ssen. Wahrscheinlich Hand in Hand zur Ankunftshalle gehen. Eine wundervolle Transparenz umgibt das alles. Die gl�serne Ehe: Wo sie herkommt und wo sie hingeht, der ganze Weg liegt offen da, und sobald man sich das klarmacht, wei� man �berhaupt nicht mehr, wie Streit und Missverst�ndnisse �berhaupt aufkommen k�nnen. Sie steht in der K�che, massiert sich den Nacken und h�tte Lust, mit ihm zu schlafen. Verr�ckt, oder?</p><p>Mit einem Blick �ber die Anrichte stellt sie fest, dass sie nichts tun kann au�er ein bisschen aufzur�umen. W�hrend sie die Zutaten des Essens verpackt und zur�ck in den K�hlschrank stellt, nimmt sie innerlich den Faden wieder auf, den sie vorhin verloren hat: Vorfreude kehrt zur�ck, ein dicker Vogel mit kurzen Fl�geln, dem es nicht leichtf�llt, sich in der Luft zu halten. Natalie also hei�t die Freundin, die Knoblauch verabscheut und es nicht mag, von Fremden umarmt zu werden, aber ansonsten ist sie wirklich �berhaupt nicht kompliziert. Man kann sie auch einfach �N�t� nennen. Und Daniel �D�n�. Und den einsamen Eink�ufer im Supermarkt �Tom�. Wer sowieso der Meinung ist, dass famili�re Zusammenk�nfte wie Maskenb�lle sind, dem macht die Teilnahme unter falschem Namen vielleicht mehr Vergn�gen. Sie jedenfalls wird sich die Freude �ber den Besuch nicht verderben lassen. Sie hat lange genug gewartet.</p><p>�Nice to meet you�, sagt sie leise, l�sst in der K�che alles stehen und liegen und geht hinaus in den Garten.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Ihr erster Gedanke war: Was f�r ein Theater! Eine Mischung aus Karl-May-Festspielen und Gro�em Zapfenstreich, mit all den Reitern, Uniformen und Befehlen, als ginge es gleich ins Man�ver. Fahnen wurden pr�sentiert, gesenkt und geschwenkt, Meldungen erstattet, Gesellschaften zogen ein und winkten fr�hlich, und die ganze Zeit �ber stand Anita neben ihr auf dem �bervollen Marktplatz und murmelte:�Was f�r eine Bauernshow. �Gewehre �ber und Gewehre ab (nat�rlich kein Gewehr weit und breit), pr�sentieren hier und pr�sentieren da, linksrum, rechtsrum, Peitschenknall. Aber ihr machte es Spa�, trotz ihrer M�digkeit und dem leichten Kommerskater, den vier Stunden Schlaf nicht zu vertreiben vermocht hatten. Es war harmlos und liebenswert, und w�hrend der endlose Zug sich die Hauptstra�e entlang aus dem Ort wand, freute Kerstin sich auf das Wandern im Wald und auf noch mehr Theater w�hrend der gro�en Mittagsrast. �berall Musik, gute Laune und eine kindliche Begeisterung in den Gesichtern s�mtlicher Altersklassen. Dann kam der sogenannte Kleiberg, und es wurde richtig lustig: Schwitzend, rutschend und lachend w�lzte sich die Grenzgangskarawane die B�schung hinauf, Anita fluchte in einem fort, und Kerstin genoss die Fr�chte des intensiven Trainings der letzten vier Semester, stieg leichtf��ig bergan und blieb alle zwei Minuten stehen, um auf ihre Freundin zu warten. Ihre Laune wurde besser mit jedem Meter und mit jedem Mal, da sie Anita die Hand hinhielt und sagte:�Lass dir doch helfen, Liebling. �Sie hatte sich die Haare zum Zopf gebunden, trug wadenfreie Hosen und einen Sport-BH unterm T-Shirt, dazu leichte Joggingschuhe, weil sie keine Wanderschuhe besa�. Anita hatte nicht mal auf ihre vielen Armreife verzichtet.</p><p>Der Himmel war bew�lkt, ohne nach Regen auszusehen. Es ging immer weiter nach oben durch dichten, steilen Wald, in dem das Licht die Tageszeit nicht verriet. Zwischendurch ma� Kerstin ihren Puls und freute sich �ber den Wert von 128. Angesichts der Steigung nicht schlecht. Anitas Gesichtsfarbe sah nach oberhalb von 160 und unterhalb von begeistert aus, aber sie fingerte schon in ihren engen Hosentaschen nach der Zigarettenpackung.</p><p>�Vielleicht solltest du wenigstens ab und an mit dem Fahrrad zur Uni fahren�, sagte Kerstin und steckte die erwartet scharfe Antwort ein wie ein Kompliment. Es machte Spa�, Anita ein bisschen �berlegen zu sein und es auch zu zeigen. So wie es vor ein paar Jahren Spa� gemacht hatte, ein besseres Abi hinzulegen als Hans seinerzeit. Sie zuckte die Schultern und sah sich um unter den verschwitzten roten Gesichtern, den nassen Nackenpartien und dunkelfleckigen Hemden. Gemeinsame k�rperliche Anstrengung war ihr angenehm. Die lie� sogar zwischen Fremden eine Art von Kameradschaft entstehen, die das Gegenteil jener Befangenheit war, die sie selbst so oft empfand. Vielleicht studierte sie deshalb Sport.</p><p>Applaus brandete auf, als einer der Wettl�ufer in seiner Trikolore-Uniform den Hang hochtrabte, als w�re es eine Ebene.</p><p>�Flotter Kerl�, sagte Kerstin, obwohl sie das Gesicht kaum erkannt hatte � einfach aus Lust, so was in der Art zu sagen.</p><p>�Is noch zu ha�m�, sagte hinter ihr ein Mith�rer.</p><p>�Billich abzuge�m�, warf ein anderer ein.</p><p>�Nein danke. �Anita zog an ihrer Zigarette.�Nich mal f�r geschengt. �Die sprach, fiel Kerstin auf, irgendwie anders, seit sie sich sozusagen in ihrer nat�rlichen Umgebung befand, in der alle so sprachen, als h�tten sie Kiesel im Mund.</p><p>�Ich w�re dann so weit.�</p><p>�� sagte Kerstin triumphierend.�</p><p>�Aber ich warte gerne noch, bis dein Puls sich wieder beruhigt hat. Darf ich mal messen?�Sie drehte das linke Handgelenk � das war unter Sportstudentinnen so: Man trug die Uhr m�nnlich leger auf der Unterseite des Arms � und streckte die Rechte aus zu Anitas Halsschlagader. Die zog zwar den Kopf zur Seite wie ein scheues Pferd, aber Kerstin machte einen Schritt nach vorne und legte ihr drei Finger seitlich unter den Kinnwinkel, auf schwei�feuchte Haut. Z�hlte und sagte nach drei�ig Sekunden:</p><p>�Sechsundsiebzig.�</p><p>�Geht doch.�</p><p>�Mal zwei, Sch�tzchen. �Sie hielt die Hand einen Augenblick l�nger an Anitas Hals, wischte ihr �ber die Wange und sagte:</p><p>�Macht hundertzweiundf�nzig.�</p><p>�Ich leb halt schneller.�</p><p>�Hald schnella? Ist deine Zunge auch m�de, hab ich dich gestern schon fragen wollen. Du sprichst so komisch, seit wir hier sind.�</p><p>Darauf sagte Anita nichts, sondern warf ihre eine Kusshand zu, trat die Zigarette aus und nahm die n�chste Etappe in Angriff.</p><p>Kurz nachdem sie den Kleiberg erklommen hatten, riss die Bew�lkung auf, und die ersten Sonnenstrahlen tauchten den Wald in Licht und Schatten. Die Wege waren schmal, f�hrten �ber einen steinigen, gezackten Kamm und zwangen den Strom der Wanderer in die Form eines endlosen Lindwurms. Gesang und Schlachtrufe hallten durch den fr�hen Morgen. Anita traf ein paar Bekannte, und wie schon am Vorabend auf dem Marktplatz fand Kerstin es leicht, sich an den Gespr�chen zu beteiligen. D�rfliches, kleinst�dtisches Milieu, vertrautes Terrain. Sie hatte an einem vorbeikommenden Flachmann genippt und sp�rte angenehme W�rme im leeren Magen, den Geschmack von K�mmel in der Kehle und die erste zarte Andeutung von Trunkenheit zwischen den Schl�fen. M�glich, dass sie demn�chst mitsingen w�rde, wenn es in ihrer Umgebung wieder losging damit. Alles was sie in K�ln zuletzt bedr�ckt hatte, war dort geblieben und musste warten, bis sie am Sonntag wieder zur�ckfuhr. Erst mal stand dieser Grenzgang an und wollte gefeiert werden.</p><p>�Erkl�r mir noch mal die Spielregeln am Rastplatz�, sagte sie.</p><p>�Fr�hst�cksplatz.�</p><p>�Man geht zu irgendeiner Gesellschaft, l�sst sich drei Mal hochwerfen, bezahlt ein paar Mark, bekommt ein Abzeichen und mit dem Abzeichen Getr�nke � umsonst?�</p><p>�That�s right.�</p><p>�Das erscheint mir h�bsch gro�z�gig.�</p><p>�Wir Bergenst�dter sind so. Beschenkt mit dieser wunderbaren Natur ��Anita schlug nach einer M�cke auf ihrem Hals,�� teilen wir nur zu gerne mit allen, die sich in unsere Schlucht verirrt haben. Es ist so, wie wenn Leute aus der DDR r�berkommen, die kriegen ja auch ein Begr��ungsgeld, um sich die erste Banane zu kaufen.�</p><p>�Ein sehr guter Vergleich.�</p><p>�Blo� hier hast du die Wahl, welcher Gesellschaft du beitreten willst.�</p><p>�Aber wieso bist du in keiner? Ich hab schon T-Shirts gesehen von irgendwelchen Schwesternschaften.�</p><p>�M�dchenschaften. Ich bin nicht gesellschaftsf�hig, wei�t du doch.�</p><p>�Stimmt. Du bist ja kaum WG-f�hig. Wir werden demn�chst eine ernsthafte Auseinandersetzung �ber den Zustand unserer K�che haben.�</p><p>Anita gab ein w�rgendes Ger�usch von sich, als m�sste sie sich �bergeben, dann lachte sie ihr helles, undurchsichtiges Lachen und hakte sich bei Kerstin unter.</p><p>�Rapunzel, Rapunzel, wei�t du schon, unter welche Fahne du gehst? Ich rate zur Burschenschaft Rehsteig. Die gibt�s erst seit diesem Grenzgang, die sind alle noch ziemlich frisch.�</p><p>�Die Frischlinge vom Rehsteig, okay. �Und so weiter und so weiter. Sie wanderten und redeten, und es war gerade erst halb zehn, als vor ihnen Musik erklang und der wieder breiter gewordene Strom der Wanderer sich in eine Senke ergoss. Rechts oberhalb schien eine Stra�e zu verlaufen, dort standen zwei Krankenwagen der Johanniter und eine Reihe von Anh�ngern mit den Schriftz�gen �rtlicher Metzgereien. Mehrere Kapellen spielten, und auf dem erst zur H�lfte gef�llten Platz � eher eine Lichtung, von einzelnen B�umen ges�umt � bildeten sich Trauben um die eilig entrollten Fahnen. Hochrufe erklangen.</p><p>�Voil�, sagte Anita.�Der Fr�hst�cksplatz Sackpfeife.�</p><p>�Warum hei�t hier alles so komisch?�</p><p>�Keine Spitzfindigkeiten jetzt. Ich hab Durst, du hast Durst. Wir brauchen ein Abzeichen.�</p><p>Kerstin folgte ihrer Freundin und fand sich nach wenigen Minuten von sechs M�nnern umringt. Ein siebter wandte sich von einem Bierfass herab an sie und wollte ihren Namen wissen. Die anderen tauschten ein paar Blicke und schienen sich zu freuen statt eines weiteren m�nnlichen Zweihundertpf�nders eine schlanke und ungef�hr gleichaltrige Dame vor sich zu haben, die sich im n�chsten Moment in ihre H�nde begeben w�rde. Einer verdrehte den Kopf nach Anita, die bereits wieder gelandet war und ihr Abzeichen in Empfang nahm. Mit dem Blick auf die �ber ihr hin und her schwingende Fahne rang Kerstin einen kurzen Fluchtimpuls nieder, folgte der Anweisung� Ahme runder und fesd an�n K�rper �und lie� sich nach hinten fallen.</p><p>�Die Kerstin Werner aus�m sch�nen K�ln is bei uns unter der Fahne�, br�llte der Uniformierte auf seinem Fass. Rot von Alkohol oder dem Br�llen oder einer ererbten Neigung zu Bluthochdruck. Kerstin roch M�nnerschwei� und Bieratem, fand die H�nde an ihrer K�rperunterseite aber den Umst�nden entsprechend dezent.�Sie lebe ��Dann flog sie �ber die K�pfe des Wurfkommandos und bis an den Rand der gr�nen, mit einem springenden Reh verzierten Fahne. Es f�hlte sich gut an. Die B�ume �ber ihr kamen ein wenig n�her, sie erinnerte sich an die Balance�bungen auf dem gro�en Trampolin und hielt ihren K�rper gerade und waagerecht w�hrend der Flugphase. Zw�lf Arme fingen sie auf und warfen sie ins zweite� Hoch!�hinein, ein Sonnenstrahl traf sie im Gesicht, und unter sich h�rte sie Anita rufen:�H�her, Jungs. Hoch das Kind!�Musik trieb in Wellen �ber den Platz.</p><p>Der dritte Flug war der h�chste. Kerstin drehte sich ein wenig in der Luft und sah die Menschenmasse auf dem Fr�hst�cksplatz, viele Fahnen und die anderen gerade im Flug begriffenen Grenzg�nger. Sie f�hlte ihr Herz schlagen und ihr T-Shirt rutschen und dachte f�r einen kurzen, aber klar umrissenen Moment, dass es sch�n w�re, unten w�rde jemand anderes als Anita auf sie warten; jemand, den sie gerade erst getroffen hatte, mit dem sie Hand in Hand �ber den Platz schlendern, ein Bier trinken und den sie sp�ter vielleicht k�ssen konnte. Einen Kavalier f�rs Fest und den Tanz abends im Zelt. Mehr nicht. Dann war der Moment ebenso schnell vorbei wie ihr Flug, sie hatte wieder Boden unter den F��en, sagte� Danke allerseits �und ging weiter zu dem Tischchen, wo rehf�rmige Anstecknadeln ausgegeben wurden.</p><p>Nach dem zweiten Bier hatte sie eindeutig einen Schwips. Ein Schulfreund von Anita weihte sie in die historischen Wurzeln des Grenzgangs ein: die Grenzstreitigkeiten mit den Nachbargemeinden, die regelm��ig durchgef�hrten Grenzbegehungen, bei denen es offenbar die Aufgabe des Mohren gewesen war, alle Gauner zu erschrecken, die sich an den Grenzsteinen zu schaffen machten, dann die allm�hliche �berf�hrung des Amtsvorgangs in ein Volksfest, kurz, all das, was Anita in ihren Schilderungen zugunsten von Wandern, Trinken, Partnersuche �bergangen hatte.</p><p>�Interessant�, sagte Kerstin.�Und warum alle sieben Jahre?�</p><p>�Na ja�, bekam sie nach reiflicher �berlegung zur Antwort.�So lang dauert�s halt zwischendurch, gell.�</p><p>Sp�ter schlenderte sie eine Weile alleine �ber den Platz, a� eine Bratwurst und schaute von ferne dem Mohr und seinen Wettl�ufern bei der Arbeit zu. Einer der beiden sah ganz schick aus, fand sie, trotz der albernen Uniform. Nicht gro� gewachsen, aber gut gebaut, breitschultrig und mit starken Armen schien er sein Amt zu genie�en wie eine unverhoffte Auszeichnung; jedenfalls strahlte er allen entgegen, die auf dem mit einem Tuch abgedeckten Grenzstein Platz nahmen und sich zum Trommelwirbel drei Mal hochheben lie�en. Der Mohr murmelte dazu den immergleichen Spruch, den Kerstin aus der Ferne aber nicht verstand. Hinterher bekam man zur Erinnerung eine schwarze Backe, und darauf hatte sie keine Lust. Die Schlange war sowieso zu lang. Der zweite Wettl�ufer hatte einen Kopf wie ein K�rbis und schien Hautpflege f�r Frauensache oder Zeitverschwendung zu halten.</p><p>Schlie�lich fand sie Anita wieder � im Arm eines weiteren ehemaligen Schulkameraden � und wollte gerade anfangen, sich ein wenig zu langweilen, als mit lautem Peitschenknallen der Aufbruch verk�ndet wurde. Ein Raunen ging durch die Menge, Wanderer erhoben sich von ihren Picknickpl�tzen im Gras, wischten sich �ber den Hosenboden, sammelten ordentlich ihren M�ll ein.</p><p>�Na dann, wei� nich, ob ich�s unfallfrei bis zur�ck schaffe�, sagte Anitas vollb�rtiger Prinz, ein Timo, wenn sie�s richtig verstanden hatte. Kein sonderlich sympathischer Typ allerdings, sondern einer, dem man bereits jetzt ansah, wie unausstehlich er werden w�rde, sobald ein Standesbeamter der Frau neben ihm das Versprechen abgenommen hatte, ihm auch in schlechten Zeiten treu zu bleiben. Ein viel zu klobiger Ring am kleinen Finger zeigte die Art seines Geschmacks an. Kerstin hielt sich, als sie sich in den Zug einreihten, auf Anitas Seite des Duos.</p><p>�Eigentlich war�s so gedacht, dass du mich st�tzt, wenn�s n�tig werden sollte�, teilte die dem Siegelringtr�ger mit. Der hatte seine Rechte bereits in ihrer Ges��tasche verharkt.�Nicht ich dich.�</p><p>�St�tz�n wa uns halt gegenseidich, gell.�</p><p>Der Zug �berquerte unterdessen den Parkplatz und verschwand auf der anderen Seite wieder in dichtem Wald. Sommerhitze rieselte von den B�umen, verband sich mit feinem Staub und dem Geruch von Rinde und trockenen Bl�ttern. Timo und Anita sprachen �ber Autos, und Kerstin sah beim Gehen auf ihre F��e. Schon als Schulkind hatte sie eifers�chtig �ber ihre Freundinnen gewacht und weder Aufmerksamkeit noch Zuneigung gerne geteilt, und auch jetzt w�re es ihr nicht unrecht, dieser Timo w�rde auf der Stelle umknicken und diskret am Wegesrand verenden.</p><p>�Schamant?�, fragte der stattdessen.�Autos soll�n nich schamant sein, son�ern schnell.�</p><p>Vor ihnen machte der Weg eine langgezogene Rechtskurve um eine offene Wiese herum, weit wie eine Stadionrunde. In deren Mitte hatten sich die beiden Wettl�ufer platziert, und der K�rbiskopf lie� die Peitsche �ber dem Federbusch auf seinem Hut kreisen. Hier und da l�sten sich Wanderer aus dem Zug und schlichen durch die letzte Reihe von B�umen zum Rand der Wiese.</p><p>�Jetz� geht�s los�, sagte Timo,�jetz� wird Fangen gespielt.�</p><p>�Wieso?�Kerstin hielt die Augen auf den zweiten Wettl�ufer gerichtet, der seine Peitsche in der Hand hielt und in Richtung des Waldrands sp�hte. Sein Kollege lie� es derweil knallen.</p><p>�Abk�rzen geht nich an Grensgang. Is verboten. Aber �s versuchen nat�rlich doch immer�n paar durchzukommen.�</p><p>Die ersten Ausrei�er hatten den Rand der Wiese erreicht und gaben einander Zeichen. Dann rannten drei Halbw�chsige gleichzeitig los. Kerstin reckte den Kopf. Aus der Menge der Wanderer im Halbrund der Kurve kamen Buh-Rufe, Pfeifen und Anfeuerungen, als die drei �ber die Wiese sprinteten. Der erste Wettl�ufer brach das Peitschen ab, der zweite rannte nach vorne, um den Ausrei�ern den Weg abzuschneiden. Der Verlauf des Weges machte aus der Wiese das Innere einer Arena, sonnendurchflutet und im Zentrum der Aufmerksamkeit all derer, die vorschriftsm��ig dem Weg des Mohren folgten. Zwei Ausrei�er wurden schnell eingefangen und zur�ckgeschickt, der dritte kam durch und reckte die Arme in die H�he, als durchliefe er ein Zielband. Das Publikum beklatschte die Erfolge beider Seiten.</p><p>�W�re doch mal einen Versuch wert�, h�rte Kerstin sich sagen. Ihr war nach ein bisschen Abwechslung und Herausforderung, und au�erdem sah sie bisher nur Jungs aus dem Zug ausscheren. Frauen konnten schlie�lich auch schnell laufen, zumindest in K�ln. Sie lief die hundert Meter in dreizehn Komma acht (handgestoppt, nicht ganz zuverl�ssig), und das Ganze hier schien ein Spiel zu sein. Warum also nicht? Sah ihr zwar nicht �hnlich, sich so zu exponieren, aber erstens hatte sie schon was getrunken und zweitens keine Lust, f�r den Rest der Wanderung einer Unterhaltung �ber den Charme von Autos beizuwohnen.</p><p>�Schaffste nich�, sagte Timo.�Keine Schongs.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil�, antwortete Anita,�die beiden nur drauf warten, dass eine Frau sich einfangen l�sst.�</p><p>�Ich hab nicht vor, mich einfangen zu lassen.�</p><p>�Die lassen lieber zehn M�nner durchkommen als eine Frau. Erstens wegen der Ehre, und zweitens macht�s halt mehr Spa�, Frauen anzufassen.�</p><p>�Wer will�s ihn�n verdengk�n�, hickste Timo ebenso gedankenwie zungenschwer.</p><p>�Abwarten. �Kerstin l�ste ihren um die H�fte gebundenen Pullover und gab ihn Anita.</p><p>�Zehn Mark dagegen�, sagte Timo.</p><p>�Okay. �Und damit war�s besiegelt. Kerstin sprang �ber den Graben neben dem Weg und f�hlte auf der Stelle die Blicke, die sich in ihren R�cken bohrten.�Amazonenalarm!�, schrie ein Witzbold. Mit beiden H�nden zog sie sich den Zopf zurecht und beugte sich nach vorne, um unter den �sten hindurch auf die Wiese zu sehen. Zwei Ausrei�er wurden links gerade zur�ck zum Weg eskortiert � der ganze rechte Teil war frei. Noch einmal sah sie sich um und erkannte Anita und Timo, die im Laufschritt nach vorne eilten, um von der Lichtung aus bessere Sicht zu haben. Schei�spiel, dachte sie, aber nun musste sie es wagen. Ihre Augen peilten einen Punkt am anderen Ende der freien Fl�che an, ganz rechts au�en, bevor der Weg wieder in einer dichten Tannenschonung verschwand. Nicht die k�rzeste Strecke, aber am weitesten von den beiden Wettl�ufern entfernt. Knapp hundert Meter. Kleine trockene �ste knackten unter ihren F��en. Sie sp�rte ihr Herz schlagen. Warum mache ich das jetzt? fragte sie sich. Die beiden Wettl�ufer trabten zur�ck zur Wiesenmitte, unterhielten sich, richteten was an ihren Peitschen. Je l�nger sie wartete, desto geringer die Chance. Dann brach jemand auf dem offenen Wegst�ck aus dem Zug aus, im R�cken der Wettl�ufer, die erst am einsetzenden Gejohle merkten, was sich tat, und sofort lossprinteten. Und ohne einen weiteren Gedanken lief auch Kerstin los.</p><p>Sonnenlicht fiel auf ihr Gesicht, als sie den Schutz der B�ume verlie�. Das Gras auf der Wiese war tiefer, der Boden unebener als erwartet. Sie kam ins Straucheln und fasste neben sich ins Gras, wollte schon abbrechen, aber die ersten Zuschauer hatten sie gesehen und begannen zu pfeifen. Wie ein kurzer Stromschlag traf sie der Schock, pl�tzlich Hunderten von Blicken ausgesetzt zu sein. Eine Sekunde nachdem sie ihm zuwidergehandelt hatte, meldete sich der vertraute Impuls, der sie stets R�cke tragen lie�, die eine Handbreit l�nger waren als Anitas. Vielleicht war er angeboren, vielleicht hatten Erziehung und Gewohnheit ihn geformt zu dem, was nun das R�ckgrat ihres Charakters bildete: den weichen, von aller Arbeit an sich selbst unber�hrten Kern � ihr eigentliches Ich.</p><p>Sie nahm die Arme hoch und rannte.</p><p>Ein trockenes Rascheln begleitete die Bewegung ihrer F��e im kniehohen Gras. Insekten summten �ber der Wiese, rechts �ffnete sich ein Wellental aus waldigen H�geln. Sie kam sich albern vor und gleichzeitig angespornt, gepackt in ihrer Sportlerehre. Das Gef�lle der Wiese trieb sie automatisch nach rechts auf die anvisierte Route. Ihre Schritte fanden einen gewissen Rhythmus. Aus dem linken Augenwinkel erkannte sie, dass die beiden Wettl�ufer den sp�ten Ausrei�er gemeinsam gestellt hatten und zur�ck zum Zug geleiteten. F�r einen Moment war sie ganz alleine unterwegs und hatte das Gef�hl, dass ihr Herzschlag sich beruhigte, je l�nger sie lief. Als h�tte sie in der Flucht den Impuls zur Flucht abgeh�ngt und liefe einfach so weiter. Dann wurde es immer lauter. Sie hatte zwanzig, drei�ig Meter zur�ckgelegt.�Du schaffst es!�, h�rte sie eine Frauenstimme rufen und glaubte, dass es Anitas war. Vierzig Meter. Aus dem ersten pl�tzlichen Schock wurde Euphorie, das Gef�hl, sich selbst entkommen zu sein, samt allen Zweifeln und Bedenken. Sie tat so etwas nicht, und jetzt tat sie es doch, und es f�hlte sich gro�artig an. Wie nackt zu sein ohne die geringste Scham. Wie in ein warmes Meer zu rennen.</p><p>Als es noch einmal lauter wurde, wusste sie, dass die Verfolgung begonnen hatte. Im Sprung �ber eine Vertiefung im Boden wandte sie kurz den Kopf und sah einen der beiden Wettl�ufer quer �ber die Wiese schie�en, im spitzen Winkel zu ihrer Bahn und vom Gef�lle der Wiese beg�nstigt. Die Unebenheiten im Boden lie�en keine optimale Laufhaltung zu, sie musste immer wieder rudern, um nicht die Balance zu verlieren. Auf dem Weg wurde jetzt rhythmisch geklatscht, die Leute blieben stehen und schauten. Und von links oben kam die wei�e Gestalt immer n�her. Sie sp�rte den ersten Anflug von Atemlosigkeit, eine Enge in der Kehle. Noch f�nfzig Meter bis zum Wegrand, vielleicht weniger. Wenn sie sich noch weiter nach rechts treiben lie�, w�rde sie direkt in die Tannenschonung laufen. Sie begann sich zu fragen, ob es peinlich war, erwischt zu werden, so als Ortsfremde auf diesem traditionsreichen Fest. Hoffentlich verstand der Typ hinter ihr Spa�. Hoffentlich war es nicht der K�rbis. Er befand sich jetzt fast auf gleicher H�he, sie liefen die Seiten eines spitzen Winkels entlang und n�herten sich dem Punkt des Zusammentreffens.</p><p>Ihre Mutter w�rde sagen: Geschieht dir recht. Da war etwas Unausweichliches in dem N�herkommen seiner Schritte, etwas, das sie h�tte wissen k�nnen und sogar gewusst hatte, nur um es zu ignorieren im Moment des Loslaufens. Ein unvern�nftiger Akt der Freiheit, und alles, worauf sie jetzt noch hoffen konnte, war das Ausbleiben von Reue, sobald der Wettl�ufer sie eingeholt haben w�rde. Man entkommt sich eben doch nicht. Schwei� lief ihr �ber die Schl�fen.�Gib auf�, h�rte sie seine gepresste Stimme zischen. F�nf Meter waren noch zwischen ihnen, das Rennen war entschieden, sie lie� die angewinkelten Arme ein St�ck sinken �</p><p>Und dann, als er gerade die Hand nach ihrer Schulter ausstreckte, blieb sie abrupt stehen, er lief vorbei, und sie startete hinter seinem R�cken bergauf, im rechten Winkel zu ihrem bisherigen Laufweg. Donnernder Applaus begleitete das Man�ver. Auch wenn man nicht gewinnen kann, muss man so lange wie m�glich k�mpfen. Kerstin lief der Schwei� ins Ohr, und sie h�rte den Jubel nur noch als Rauschen. Sp�rte die Anstrengung des Bergauflaufens in den Schenkeln. Vernahm in ihrem R�cken ein St�hnen. Mit letzter schicksalhafter Ergebenheit lief sie dem Ende entgegen. Sah sich dem Ziel n�her kommen, aber ihr Verfolger hatte sofort kehrtgemacht und holte rasch auf. Es war ihr egal. Im weiten Rund standen die Wanderer auf dem Weg und klatschten. Lauf, Kerstin, lauf! Dann f�hlte sie eine gro�e Hand auf der Schulter, einen festen, aber nicht groben Griff, unter dessen Druck sie die Schritte verlangsamte. Keine zehn Meter vor dem Ziel kam sie zum Stehen und drehte sich um.</p><p>Er hatte denselben begeisterten Gesichtsausdruck wie vorhin auf dem Fr�hst�cksplatz. Sonnenlicht spiegelte sich auf seinem schwei��berstr�mten Gesicht. Sie wartete auf das Einsetzen von Besch�mung und den Wunsch, im Boden zu versinken, aber der kam nicht. So war Sport: Oberhalb von hundertf�nfzig Herzschl�gen pro Minute weht dein Stolz wie eine Fahne im Wind, flattert durch Sieg und Niederlage und verk�ndet allen, dass du dein Bestes gegeben hast. Einen Moment lang japsten sie beide nach Luft.</p><p>�Starker Lauf ��, brachte er schlie�lich hervor,�� aber nicht � mit mir. �Er hielt sie am Oberarm jetzt. Halb Arrest, halb Gratulation.</p><p>Kerstin h�rte Rufe hinter sich auf dem Weg, ohne sie zu verstehen. Das Herz klopfte ihr in der Kehle. Er hatte dunkle Augen und ein rundes, aber dennoch markantes Gesicht. Starke Kieferknochen. Str�hnen schwarzen Haares schauten unter dem Rand seiner M�tze hervor. Sein Brustkasten hob und senkte sich. Er hatte die Brust eines Turners, sie sah die Linie zwischen den beiden Muskeln, da wo ihm das wei�e Hemd auf der Haut klebte. F�r einen schwitzenden Mann roch er ausgesprochen gut. Irgendwie erdig.</p><p>Sie sah zur�ck auf die Stelle, von wo sie losgelaufen war, auf die unscheinbare Reihe von B�umen am anderen Ende der Wiese. Ein endloser Strom von Wanderern floss vom Fr�hst�cksplatz in ihre Richtung.</p><p>�Werd ich jetzt � ausgepeitscht?�, keuchte sie.</p><p>�Nur wenn du noch mal lossprintest. �Sein Atem beruhigte sich bereits wieder.�Mann, als ob Wettl�ufer sein nicht schon anstrengend genug w�re.�</p><p>�Wollte mal testen � wie austrainiert ihr seid. Puh.�</p><p>�Und?�</p><p>�Ganz ordentlich. Aber bestimmt tierisch hohe Laktatwerte. Pass auf, dass du nicht �ber die anaerobe Schwelle kommst.�</p><p>�Die was?�</p><p>�Ich mach mir Sorgen um deinen Milchs�uregehalt. Im Blut. �Sie zeigte mit dem Finger auf seine Brust, als w�re Blut ein Organ mit festem Wohnsitz. Hinter ihr war der Applaus erstorben, aber die geballte Aufmerksamkeit hing weiter �ber der Wiese wie eine Wolke aus hundert Augen. Und ihr gefiel das, so in der euphorisierten Ersch�pfung nach dem Lauf. Gefiel ihr genauso wie der verwirrte Gesichtsausdruck des Wettl�ufers.</p><p>�Hast du wenigstens mal deine individuelle Schwelle gemessen?�, fragte sie.</p><p>Er sagte nichts. Er hatte gewonnen und sie verloren, aber so wie sie sich gegen�berstanden, war davon nichts zu sp�ren. Die Schnur seiner Peitsche hatte sich im Laufen gel�st, und er nahm die Hand von ihrem Arm und zog sie wieder fest. Entweder war er schwer von Begriff oder leicht zu beeindrucken, aber sie sah keinen Grund, daran Ansto� zu nehmen.</p><p>�Muss ich jetzt wieder bis ganz da hinten zur�ck?�, fragte sie und schaffte es damit endlich durch den Mantel seiner Sprachlosigkeit.</p><p>�Eigentlich ja, aber ich werd eine Ausnahme machen. Du bist hiermit befugt, den k�rzesten Weg zur�ck zum Grenzverlauf zu nehmen. Da hinter dir, w�rd ich sagen. Allerdings muss ich vorher noch deine Personalien aufnehmen. �Sie standen so nahe beieinander, dass sie die W�rme seines K�rpers durch das wei�e Hemd rieseln sp�rte � obwohl es auch die Sonne sein konnte. Au�erdem stellte sie fest, dass sie beide gleich gro� waren, vielleicht �berragte sie ihn sogar um einen Zentimeter.</p><p>Die Stimmen hinter ihr wurden weniger und deshalb besser verstehbar.�Was gibt�n das jetzt?�,�Riecht nach Amtsmissbrauch�,�Wettl�ufer oder Wegl�ufer?�,�Ausziehen!�Sie klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich zum Gehen.</p><p>�Kerstin. Reicht das als Personalie?�</p><p>�F�rs Erste. �Er nickte. Offenbar fiel ihm keine witzigere Antwort ein.</p><p>Dann ging sie, und als sie sich nach wenigen Schritten noch einmal umdrehte, stand er unver�ndert und blickte ihr nach. Sein kompakter Schatten fiel hinter ihm auf die Wiese.</p><p>�Nimm genug Magnesium zu dir�, rief sie ihm zu, und als er wiederum nur nickte, machte sie eine schnelle Bewegung, so als w�rde sie erneut lossprinten, links an ihm vorbei auf die Tannenschonung zu. Er zuckte ebenfalls, und sie hob die Arme und sagte:</p><p>�Reingefallen.�</p><p>�Wir sehen uns�, sagte er und trabte zur�ck zu seinem Kollegen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>* * *</p><empty-line/><empty-line/><p>Er f�hrt den Rehsteig hinauf und den Kaltenbach hinab, �ber den Marktplatz und die Rheinstra�e entlang Richtung Stadtausgang. Acht Minuten nach sechs zeigt die Uhr im Auto. In seiner Jacketttasche vorne links steckt der Einkaufszettel, wie ein Einstecktuch. Sch�tzungsweise zwanzig Minuten wird er brauchen f�r seine Besorgungen, wahrscheinlich l�nger angesichts des einsetzenden Feierabendverkehrs und der Tatsache, dass sich heute halb Bergenstadt eindeckt mit Proviant und Vorr�ten f�r die Grenzgangstage. �berall sind Leute unterwegs mit vorfreudigen Gesichtern. Die Stra�en geschm�ckt und aufgeh�bscht. Kein Laternenpfahl mehr frei von Gr�nzeug. Hier und da stehen Kleinlaster am Stra�enrand, und M�nner mit freiem Oberk�rper wuchten die letzten Girlanden und �ste von der Ladefl�che, nach Bergenst�dter Art: Zwei fassen an, und zwei stehen mit Bierflaschen in der Hand daneben. Die Rheinstra�e ist bereits Einbahnstra�e zwischen Marktplatz und Rathaus. Weidmann l�sst die Scheibe herunter und legt einen Arm ins offene Fenster, leitet mit der Hand hei�e ozonhaltige Luft ins Wageninnere.</p><p>In den Lahnwiesen �bt der Spielmannszug.</p><p>Wie immer nach einer Auseinandersetzung mit Kerstin f�hlt er sich wohl im Auto. Erf�llt von der Bereitschaft, das entscheidende Vers�umnis bei sich selbst zu suchen, und gerade deshalb im Einklang mit sich. Kerstin w�rde darin einen Hang zur Selbstzufriedenheit sehen, aber f�r ihn ist es ein Fortschritt gegen�ber dem jahrelangen Hadern mit sich selbst, das er schon so oft �berwunden geglaubt hat, nur um es irgendwann in einer neuen Erscheinungsform wiederzufinden: in Reizbarkeit, �berheblichkeit, Selbstverleugnung oder Eitelkeit. Wie ein Virus, das je nach Situation und Laune die unterschiedlichsten Symptome hervorrufen kann. Erst seit diesem Sommer hat er das Gef�hl, es habe die Serie seiner Mutationen schlie�lich beendet und sich verfl�chtigt. M�glich, dass gerade dieses Gef�hl nur ein neues Symptom darstellt, aber dann w�re es zum ersten Mal ein angenehmes, und daran glaubt er nicht. Nein, ihm ist ein echtes Kunstst�ck gelungen: Er hat gegen�ber seiner eigenen Frustration den l�ngeren Atem behalten. Hat sie sozusagen m�de gelaufen, sie, der Igel, und er, der Hase, der nach zwei Mal hin und her die Situation verstanden und die Konsequenzen gezogen hat: nicht hin und her laufen, sondern <emphasis>weiter</emphasis>. Vor zwei Jahren war das, als Kerstin nach eigenem Bekunden im Begriff stand, ihr Ja-Wort zu �berdenken. Das einfachste Prinzip der Welt, man muss nur drauf kommen, und dann seine Frau �berzeugen, dass man es wirklich verstanden hat.</p><p>Weidmann setzt den Blinker und sieht schon in der Anfahrt auf den Eins-A-Markt den Betrieb am Eingang. Es sind auch nur noch ganz hinten an der Polizeistation Parkpl�tze frei. Kaum zu glauben, wie viele Leute mit Bierkisten aus dem Supermarkt kommen, als w�re w�hrend des Grenzgangs ausgerechnet Bier ein knappes Gut und au�erhalb des eigenen Hauses nicht zu bekommen. Er findet eine Parkl�cke, rollt hinein und bleibt einen Moment lang angeschnallt sitzen, mit beiden H�nden am Lenkrad. Es ist merkw�rdig, wie es ihm einfach nicht gelingt, diese neue Gelassenheit in eheliche Harmonie zu verwandeln. Im R�ckspiegel beobachtet er das Kommen und Gehen im Eingangsbereich des Supermarktes, das Treiben auf dem Parkplatz, und h�rt das Ger�usch von Einkaufswagen auf rauem Asphalt. Nachmittags hat er im Altenheim am Bett seiner Tante gesessen, ihr aus dem <emphasis>Boten </emphasis>vorgelesen und die Zeitung beiseitegelegt, wenn Anni wegged�mmert ist. Hat aus dem Fenster im achten Stock auf den Ort geschaut und sich gewundert, dass Liebe so ein autistisches Gef�hl sein kann. Beinahe unaussprechlich.</p><p>Er m�sste sich beeilen, aber er tut es nicht. Kerstin steht jetzt in der K�che und wei� l�ngst, dass es Unsinn war, ihn um diese Zeit noch loszuschicken. Wenn er nach Hause kommt, wird ihr �rger schon zur H�lfte ihr selbst gelten. Man m�sste einmal innehalten, denkt er, gar nichts tun und gemeinsam dem eigenen Leben zuschauen, als w�re es ein Film �ber Eingeborenenrituale in Papua-Neuguinea. Wer k�nnte sich dann noch ernst genug nehmen, um �ber Paprika zu streiten?</p><p>Trotz der Hitze streift er sich auf dem Weg zu den Einkaufswagen das Jackett �ber und sucht in der Tasche nach einem Euro. �Wir w�nschen allen Bergenst�dterinnen und Bergenst�dtern ein frohes Grenzgangsfest�, steht auf einem langen Banner �ber dem Eingang. Weidmann betritt den Supermarkt und ist augenblicklich abgesto�en von der verbrauchten Luft, der seichten Musik im Hintergrund und von seinen watschelnden Mitb�rgern. Nackte, bleiche Waden. Spaghetti-Tr�ger �ber Nilpferd-Schultern. Sein Widerwille hat aber nicht mehr den gleichen Schwung wie fr�her, und was Kerstin ihm gerne als Arroganz auslegt, ist in Wahrheit nur das Wissen, dass sein Zynismus zahnlos geworden ist � da muss man aufpassen, wonach man schnappt. Er parkt den Wagen neben der Gem�sewaage, zieht den Einkaufszettel aus der Tasche und muss ihn ein wenig vor dem Gesicht navigieren, weil er die Brille nicht dabeihat. Paprika nat�rlich, in Klammern: rot oder gelb. Mag Natalie so gern. Kein Wunder, dass Kerstin bei der kleinsten Abweichung von ihren Planungen au�er sich ger�t, wenn sie sich vorgenommen hat, die Kontingenz des Lebens auf deren eigenem Platz zu schlagen. Er sagt immer: Wer nichts dem Zufall �berlassen will, darf morgens nicht aufstehen.</p><p>Hahaha. Er sagt ja auch, dass es nicht sein Alter ist, womit er Probleme hat, sondern sein Ego. Der Punkt ist: Er sagt das zwar, aber er meint es nicht so, schon lange nicht mehr. Seine Tiraden gegen das Spie�ertum, pardon B�rgertum, gegen die satte Selbstzufriedenheit auf intellektuell subterranem Niveau � ironische Tributzahlungen sind das an den, der er mal war, oder den, der er h�tte werden k�nnen oder gerne geworden w�re und der ihm nun als unsichtbarer Begleiter durch sein Leben folgt mit hochgezogenen Mundwinkeln und einem Gesichtsausdruck, wie Kamphaus ihn fr�her im Kolloqium hatte: wenn jemand sich bem�hte, es aber nicht so richtig hinbekam. Eine solche nachsichtige �berlegenheit begegnet ihm jetzt manchmal, wenn er in den Spiegel sieht, und dann sagt er bestimmte Dinge, nicht um Kerstin zu verletzen, sondern damit sie gesagt sind, ausgesprochen, raus aus der Flasche und Korken wieder drauf.</p><p>Seine Frau versteht das nicht: Skepsis gegen�ber dem eigenen Wohlbefinden. Dass er mit ihr nur gl�cklich sein kann, wenn er dieses Gl�ck von Zeit zu Zeit ein bisschen durch den Kakao zieht. Rein verbal! Dass nur Spie�er <emphasis>einfach so </emphasis>mit ihrem Leben zufrieden sind.</p><p>�Meditation mit Paprika?�</p><p>Er wendet den Kopf und sieht in Karin Preiss� sp�ttisches Gesicht. Deutlich kleiner als er, schaut sie ihn von unten herauf an, deutet mit dem Kinn auf das Gem�se in seinen H�nden und scheint eine Erkl�rung zu erwarten. Wie immer ist sie stark geschminkt, und in letzter Zeit, scheint ihm, vertut sie sich manchmal mit den Farben, kleidet sich etwas zu grell, eine Spur zu gewagt. Ihr Brustansatz deutlich sichtbar im Ausschnitt der Bluse. Ein goldenes Kettchen ums nackte Fu�gelenk. Mit einem Schulterzucken legt er die Paprikas in seinen Wagen und sagt:</p><p>�Alterserscheinung. Irgendwann gibt�s nichts mehr, wor�ber man sich nicht wundern k�nnte.�</p><p>�Geht mir auch so. �Karin nickt und scheint nicht zu bemerken, dass die Rollen ihres Einkaufswagens ihm gegen die Schuhe dr�cken. Mit den Unterarmen lehnt sie auf dem Griff des Wagens.�Und jetzt gerade habe ich ein heftiges D�j�-vu.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�Wei� ich nicht, f�llt mir nicht ein. �Mit gro�en Augen und geradezu aufdringlich sieht sie ihm ins Gesicht.�Ist das auch eine Alterserscheinung?�</p><p>�Keine Ahnung, vielleicht ist nicht alles, was im Alter erscheint automatisch eine Alterserscheinung.�</p><p>�Findest du, dass wir alt sind?�</p><p>�Sagen wir: �lter.�</p><p>�Ist keine Antwort. �Sie h�lt den Blick, wo er ist. Kerstin sagt immer: Dezenz war ja nie ihre St�rke. Die beiden arbeiten zusammen und verstehen sich gut, aber zumindest auf Kerstins Seite bleibt eine Reserve, die sich in solchen Bemerkungen ausspricht, und wenn er nach den Gr�nden fragt, bekommt er zwei Mal gar nichts und beim dritten Mal zur Antwort: Sie w�rde keine Sekunde z�gern, mit dir was anzufangen.</p><p>Eine grundlose Unterstellung, die er rein gef�hlsm��ig f�r zutreffend h�lt.</p><p>�Dann wei� ich keine. �Er w�rde jetzt gerne auf seinen Einkaufszettel sehen und, falls sein Job in der Gem�seabteilung erledigt ist, weitergehen, aber unter Beobachtung ist es ihm peinlich, den Zettel auf Armesl�nge von sich zu halten. Au�erdem blockiert Karins Einkaufswagen seinen Weg.</p><p>�Feigling. Siehst du irgendwo Broccoli?�, fragt sie.</p><p>�Da vorne, aber er sieht nicht sonderlich appetitlich aus.�</p><p>�Und jetzt wei� ich�s auch wieder: Ich hab deine Frau beim Einkaufen getroffen, vor sieben Jahren.�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Mein D�j�-vu: Als es K�nig�s noch gab unten am Kornacker. Da sind Kerstin und ich uns an der Gem�setheke begegnet.�</p><p>�Ich sch�tze, das ist seitdem hundert Mal passiert. <emphasis>Wir </emphasis>sind uns vor zwei Wochen nebenan im Getr�nkemarkt �ber den Weg gelaufen. �Wo er es alarmierend fand, dass sie gleich zwei Flaschen Wodka im Wagen liegen hatte, aber Kerstin meint, ihr sei nie was aufgefallen, atemm��ig. Und sie sieht auch nicht aus, als w�rde sie trinken. Der Eindruck von Verlebtheit entsteht eigentlich nur aus ihrem Bem�hen, j�nger zu erscheinen, als sie ist. Jetzt sch�ttelt sie den Kopf und blickt auf einen Punkt in der Ferne, als w�rde sich von dort aus etwas verstehen lassen, wor�ber sie schon lange nachgedacht hat.</p><p>�Das meine ich nicht. Wir kannten uns ja damals kaum. Es war das erste Mal, dass wir mehr als ein paar S�tze geredet haben. Und ich hatte diesen Broccoli in der Hand. Halb verdorben.�</p><p>�Und?�Die Unterhaltung beginnt ihn zu nerven. Kerstin wartet, sie m�ssen nach Frankfurt, und obwohl er es zu verbergen versucht, ist er innerlich genauso nerv�s wie sie. Seit Wochen vermeidet er es, sich das Wiedersehen mit Daniel en d�tail auszumalen. Jetzt sind es noch rund drei Stunden bis dahin.</p><p>Irritation manifestiert sich in Form einer senkrechten Falte auf Karin Preiss� Stirn.</p><p>�Was soll ich mit dir dar�ber reden. H�tte, wenn und aber ist wahrscheinlich nicht dein Metier.�</p><p>Dar�ber w�re er gerne in lautes Lachen ausgebrochen. H�tte, wenn und aber stand in gro�en Lettern auf dem K�fig, in dem er seit Berlin gehaust und aus dem er sich erst vor kurzem befreit hat; leicht geblendet, ungl�ubig und nicht sicher, ob der K�fig vielleicht nur ein St�ck gr��er geworden ist. Das kommende Wochenende wird auch in dieser Hinsicht ein Test werden, das wei� er so gut wie Kerstin, und darin d�rfte ein wesentlicher Grund f�r die Nervosit�t der letzten Wochen liegen, seine und ihre. M�glich, dass er sich einer neuen Freiheit erfreut, aber das bedeutet noch nicht, dass sie beide �ber den Berg sind.</p><p>�Karin, ich hab�s ein bisschen eilig. Kerstin und ich m�ssen nach Frankfurt, Daniel abholen.�</p><p>�Oh!�Augenblicklich macht sie einen Schritt zur�ck und hebt die Arme � leicht affektiert, auf eine Art, in der sich die Kr�nkung verr�t gegen alle Anstrengungen des Verschleierns.�Viel Spa� dabei.�</p><p>�Kommt Linda �ber Grenzgang?�</p><p>�Erst am Samstag.�</p><p>Er hat vergessen, wo Linda wohnt und was sie macht, und will das in diesem Moment auch nicht wissen. Familien mit quengelnden Kindern in Einkaufswagen ziehen an ihnen vorbei Richtung K�hlregal. Seine zwanzig Minuten sind beinahe abgelaufen, und au�er Paprika hat er nichts im Wagen.</p><p>�Wir sehen uns am Kommers, oder?�</p><p>�Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass du mir einen Tanz versprochen hast. Ich hab mich extra von meiner Gesch�ftspartnerin unterweisen lassen.�</p><p>�Zieh dir vor allem gute Schuhe an. �Ein Hauch ihres Parf�ms weht ihn an, als er weitergeht, und der Blick, den sie zum Abschied tauschen, kommt ihm merkw�rdig anz�glich vor. Nach allem, was er von Kerstin wei�, hat Karin Preiss ein paar verzweifelte Aff�ren gehabt in den letzten Jahren, unter anderem mit einem seiner Kollegen, und vielleicht weil er selbst so lange Single war, f�hlt er sich ihr jetzt auf unwillkommene Weise verbunden.</p><p>Drei Becher s��e Sahne, lautet der n�chste Eintrag auf seinem Einkaufszettel. Z�gig und mit dem nicht unangenehmen Gef�hl unverschuldeter Vergeblichkeit erledigt Weidmann alle Besorgungen auf Kerstins Liste. Sogar Grillanz�nder kauft er, obwohl er wei�, dass er damit ihren Sinn f�r Humor wieder mal verfehlen wird. Zwei Mal winkt er Karin Preiss von einer Kreuzung im Regallabyrinth des Supermarkts aus zu (sie hat keinen Zettel dabei und schlendert in gem�chlicher Ziellosigkeit durch die G�nge). Als er seine Sachen aufs Band legt, steht sie bl�tternd am Zeitschriftenregal.</p><p>Drau�en liegt Hitze �ber dem Parkplatz. Die Sonne unsichtbar am Horizont, der Himmel blau und gl�nzend. Obwohl es l�ngst zu sp�t ist, geht er noch einmal seine Liste durch, bevor er sie zusammenkn�llt und in die Tasche steckt. Im selben Moment klingelt sein Telefon, und Kerstin fragt:</p><p>�Wo bleibst du?�</p><p>�Du hast keine Ahnung, was hier los ist. Ganz Bergenstadt kauft ein.�</p><p>�Es ist halb sieben.�</p><p>�Ich wei�. Ich bin auf dem Weg zum Auto. Sch�nen Gru� von Karin �brigens.�</p><p>�Brauchst du deshalb so lange?�</p><p>�Ich sage doch ��Er hat sein Auto erreicht und Schwierigkeiten, den Schl�ssel mit der linken Hand aus der rechten Hosentasche zu ziehen.</p><p>�Ist ja auch egal. F�r das Abendessen ist es sowieso zu sp�t.�</p><p>�Es tut mir leid.�</p><p>Kerstin seufzt.</p><p>�Findest du nicht, dass wir manchmal eine ungl�ckliche Figur abgeben?�</p><p>�Wir bem�hen uns. �Auch das Umladen der Eink�ufe gestaltet sich schwierig mit einer Hand, zumal der Boden leicht absch�ssig ist und der Einkaufswagen beharrlich zum Nachbarauto strebt. Weidmann sp�rt Schwei� auf seine Stirn treten und Widerwillen gegen das Gespr�ch in sich aufkommen. Zwei Polizisten stehen rauchend vor dem Eingang der Station und geben ihm das Gef�hl, das Objekt sp�ttischer Bemerkungen zu sein.</p><p>�Bem�hen, ja. Ich finde manchmal, du k�nntest etwas gr��ere Anstrengungen machen. Gr��ere Anstrengungen im Kleinen sozusagen.�</p><p>�Ja�, sagt er. Seine Lust am Gest�ndnis ist gr��er, wenn er alleine ist mit sich, aber f�r heute hat er das Ma� tolerierbarer Verfehlungen ausgesch�pft. Er schlie�t den Kofferraum und bringt den Einkaufswagen zur�ck zum Depot, mit einem Ohr immer noch seiner Frau beim Nachdenken zuh�rend.�Bist du noch dran?�</p><p>�Ist ja nicht mein Stil, einfach aufzulegen.�</p><p>�Wir gehen heute Abend in Frankfurt schick essen und machen den Grillabend morgen. Mit mehr Zeit.�</p><p>�Morgen ist Kommers. �Sie hat l�ngst denselben Entschluss gefasst, das sp�rt er, aber die Regeln des Spiels verlangen das Anf�hren von Gegenargumenten.</p><p>�Niemand von uns ist besonders scharf auf den Kommers. Wenn wir nach dem Essen hingehen, ist es fr�h genug.�</p><p>�Warum bin ich so nerv�s?�, fragt sie.</p><p>�Weil du deinen Sohn so lange nicht gesehen hast.�</p><p>�Ich k�nnte mich einfach freuen.�</p><p>�Tust du auch. Man freut sich manchmal bangen Herzens.�</p><p>�Ich leg jetzt auf und heule kurz, und du beeilst dich bitte. Das Essen hab ich abgeschrieben, aber wenn wir zu sp�t zum Flughafen kommen, bring ich dich um.�</p><p>�Ich fliege�, sagt er und legt als Zweiter auf. Auf dem Parkplatz nimmt der Betrieb langsam ab. Alles strebt nach Hause. Die Leute haben was vor, die haben ein Ziel und ziehen ihre Kinder hinter sich her, wenn sie mit vertr�umtem Blick stehen bleiben. So wie er. Er hat sich schon mal dar�ber gewundert, aber er wei� nicht mehr wann, und vielleicht ist es auch nur, weil Karin Preiss von D�j�-vu gesprochen hat. Es gibt nichts, wor�ber er sich wundern m�sste: Die Leute tun das Selbstverst�ndliche und Allt�gliche und sind froh, dass der Grenzgang beginnt. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Der Tag neigt sich dem Ende, und die Stadt ist geschm�ckt. Nur ihm l�uft der Schwei� �ber den R�cken, er steht reglos inmitten der Gesch�ftigkeit, und f�r einen Moment glaubt er gar nicht, dass schon wieder sieben Jahre vergangen sein sollen.</p></section></section><section><title><p>Epilog</p></title><p>Dann endlich ist Grenzgang.</p><p>Von au�en betrachtet, dr�ngt sich ein Eindruck auf, den Kerstin nicht zu benennen vermag, jedenfalls nicht genau. K�nnen die wirklich wie auf Kommando so ausgelassen und fr�hlich sein, wenn das Ereignis eintritt, dem sie den ganzen Sommer �ber entgegengefiebert haben? Diese Eintracht aus Menschen und Wald kommt ihr unglaubw�rdig vor, aber vielleicht liegt es daran, dass sie nicht mit gewandert ist, sondern am Marktplatz den Bus genommen hat und zum Fr�hst�cksplatz gefahren ist. W�re sie gewandert, w�rde das Bier frischer schmecken und sie w�re n�her dran am Geschehen, aber immerhin legen schon die ersten Schlucke diesen unsichtbaren Schleier �ber ihre Sinne, hinter dem der Trubel ein wenig abr�ckt. Kein Buhlen um Aufmerksamkeit, sie sitzt wie in ihrer eigenen Lichtung und legt eine Hand �ber die Augen, gegen die Sonne. Schaut �ber den Platz auf der Suche nach bekannten Gesichtern und beginnt zu schwitzen.</p><p>Sie hat viel nachgedacht in den vergangenen Wochen, und dabei ist ihr das Grundmuster aufgefallen, nach dem ihr Leben sich schon so lange vollzieht. Eine Art Selbstbestimmung gegen den eigenen Willen, im Kleinen wie im Gro�en. Sie h�tte was Helleres anziehen k�nnen, zum Beispiel, hat sich aber nicht getraut. H�tte sich nicht so einengen lassen sollen von den Bedenken und Anspr�chen anderer, sondern mehr ihren eigenen Bed�rfnissen folgen. Hat sie aber nicht. Einmal entdeckt, kam es ihr beinahe wie das Motto der letzten zehn Jahre vor: Immer tun, was die anderen erwarten. Und obwohl sie nicht der Typ ist f�r radikale Ver�nderungen � auswandern nach Neuseeland, in eine Frauenkommune ziehen � hat sie gewusst, dass diese Entdeckung nicht folgenlos bleiben wird.</p><p>Mach was du willst, war alles, was Daniel auf ihre Erkl�rungsversuche erwidert hat. Es klang wie ausgespuckt und war auch so gemeint, aber zum ersten Mal in ihrem Leben als Mutter ist sie bereit, nicht zuerst an ihn zu denken.</p><p>Sie trinkt einen kleinen Schluck Bier und sieht Thomas Weidmann in der Menge stehen, im Kreis von Kollegen aus der Schule. Granitzny ist dabei und wischt sich in einem fort die Stirn, w�hrend er das Wort f�hrt und die anderen nicken. Mit gegen das Licht zusammengekniffenen Augen h�lt Kerstin das Bild fest und stellt sich selbst hinein, an seine Seite, h�rt zu und lacht mit. Sieht sich eine Hand auf seinen Arm legen, ihren Kopf gegen seine Schulter gelehnt, seinen Arm um ihre Taille. Dann nimmt sie das Bild und h�lt es gegen das warme Licht aus ihrem Garten, hinein in die offene T�r zu Wohn- und Schlafzimmer. Montage oder M�glichkeit? Da ist ein leeres Zimmer, in dem die Sachen ihrer Mutter in Kisten stehen und in das Daniel nicht zur�ckwill, ohne zu sagen warum. Und da ist das Wissen, dass das Haus am Rehsteig sich weiter leeren wird nach Daniels Abitur. Nach den Ferien geht er in die Oberstufe, und sie sp�rt jetzt schon diese Beschleunigung in seinem Leben, seine raumgreifenden, ungeduldigen Schritte weg von ihr. Jahrelang war sein Heranwachsen der Zeitmesser auch f�r ihr Leben, aber jetzt gibt es diesen Gleichschritt nicht mehr, und w�hrend sie ihm angstvoll hinterherblickt, kommt sie selbst geh�rig ins Straucheln angesichts der simplen Frage: Was nun?</p><p>Als Thomas Weidmanns Blick sich in ihre Richtung wendet, l�chelt sie ihm zu, aber er scheint sie nicht bemerkt zu haben auf ihrem Beobachtungsposten unter den B�umen. Zum ersten Mal sieht sie ihn mit aufgekrempelten Hemds�rmeln, in ungewohnt saloppem Aufzug. Drei Mal sind sie zusammen spazieren gegangen in den letzten Wochen, mehr nicht. Sie hat es nicht �ber sich gebracht, so unmittelbar Kapital zu schlagen aus dem Tod ihrer Mutter. Und ob seine Zur�ckhaltung eher auf Mitgef�hl oder auf Zweifel beruht, wei� sie auch nicht.</p><p>Gar nichts wei� sie und beginnt nur langsam zu ahnen, dass Ungewissheit nicht in jedem Fall zum F�rchten ist.</p><p>Dann sagt Karin Preiss neben ihr� Hallo �und setzt sich schwerf�llig ins Gras.</p><p>�Hallo. �Kerstin ist �berrascht, wie vertraut ihr der Duft dieses zu s��en Parf�ms vorkommt, und horcht ihrer Stimme nach, ob sich Spuren von Groll und Missmut darin finden.</p><p>Von beidem ein wenig, scheint ihr.</p><p>Karin wirft einen Blick auf ihre Fingern�gel.</p><p>Es hat alles eine andere T�nung bekommen in den letzten Wochen, zu viel ist passiert in zu kurzer Zeit, als dass sie h�tte den �berblick behalten k�nnen �ber ihre eigenen Gef�hle. Wie bei diesen Experimenten mit Schlafentzug, in denen man sich Schritt f�r Schritt dem Zusammenbruch n�hert. Sie hat nicht die Fassung verloren, als ihre Mutter gestorben ist, und es bei dem Ma� an Tr�nen und Selbstvorw�rfen belassen, das in solchen F�llen psychisch notwendig ist. Sehr wohl aber hat sie f�r einen gewissen Zeitraum ihre emotionale Energie f�r den Eigenbedarf eingesetzt, und das war eine �berraschend angenehme Erfahrung. Daniels Einsilbigkeit hat sie mit Einsilbigkeit beantwortet und sich von Thomas Weidmann zum Abschied auf die Wange k�ssen lassen, ohne die Verschr�nkung ihrer Arme zu l�sen. Wenn sie jetzt zur�ckschaut, kommen ihr die vergangenen vier Wochen vor wie eine ausgedehnte Leerstelle, die vage Grenze zwischen Davor und Danach, die aber nicht zu erkennen gibt, worin sich beide Seiten unterscheiden. Was davor war, ist zur�ckgeblieben und hat an Bedeutung eingeb��t, und deshalb w�rde sie lieber in Ruhe bedenken, was danach kommt, statt auf Karin Preiss� Fragen zu antworten:</p><p>�Bist du mir noch b�se?�</p><p>�Nein�, sagt sie.�Ich glaube nicht.�</p><p>�Du klingst aber so.�</p><p>Der Blick, den sie tauschen, kommt Kerstin bekannt vor, und sie will ihm durch einen weiteren Schluck Bier ausweichen, aber ihr Glas ist leer.</p><p>�Keine Absicht�, sagt sie.</p><p>Karin hat sich ihre Sonnenbrille ins Haar geschoben, tr�gt ein Goldkettchen im Blusenausschnitt und ansonsten die Art von Wanderkleidung, die man eigentlich nur in Katalogen tr�gt: Ton in Ton und offenbar zum ersten Mal. Nirgendwo eine Spur von Abnutzung, au�er um ihre Augen. Auch kein Rot mehr in den Haaren. Sie sieht aus, als ginge sie unber�hrt durchs Leben, ganz merkw�rdig, wenn man ihr Alter bedenkt � was Kerstin hinter vorgehaltener, das leere Bierglas drehender Hand tut.</p><p>�Es t�te mir sehr leid, wenn diese Sache ��, setzt Karin an und gleich wieder ab.</p><p>�Wie du wei�t, gab es in meinem Leben in letzter Zeit einschneidendere Ereignisse�, sagt sie und beobachtet einen Marienk�fer auf ihrer Schuhspitze.</p><p>�Meinen Brief hast du aber bekommen?�Eine Trauerkarte, eher konventionell und nicht besonders pers�nlich, daf�r mit viel zu viel Geld im Umschlag. Kerstin k�nnte jetzt darauf hinweisen, dass die dunkelblaue Bluse, die sie tr�gt, vom Geld aus diesem Umschlag gekauft wurde, aber sie hat weder Lust darauf, das zu sagen, noch auf das �Zeig mal� und �Steht dir gut� und eigentlich auf kein weiteres Wort. Und trotzdem ist sie froh, dass sie endlich reden.</p><p>�Vielen Dank. Ich hatte blo� noch keine Zeit, zu antworten.�</p><p>�Versteh ich.�</p><p>Noch einmal schaut Thomas Weidmann her, aber jetzt kann sie ihm kein Zeichen mehr geben, sondern nur noch seinen Blick erwidern, auf dass sie sich treffen irgendwo �ber den K�pfen der anderen.</p><p>�Es gibt was, was ich mit dir besprechen will�, sagt Karin.�Eine Idee.�</p><p>�Eine Idee. �Sie sp�rt ganz genau, wie sie kein Fragezeichen mitspricht. Keine Neugier verr�t und auch keine empfindet. Ideenfreie Zone hier am Rand des Fr�hst�cksplatzes. Ihren Sohn sieht sie beim Bierpilz der Burschenschaft Rehsteig, alleine und mit k�hler Unnahbarkeit im Gesicht, die sie gerne getauscht h�tte gegen seinen alten, zornigen Pubert�tsblick.</p><p>�Alleine schaff ich�s nicht, aber zusammen k�nnten wir das hinkriegen.�</p><p>�Wir.�</p><p>�Soll ich ganz vorne anfangen oder �?�</p><p>�Sag mir einfach, worin die Idee besteht.�</p><p>�In einem Tanzstudio.�</p><p>Zum Gl�ck ist Karin so fixiert auf ihre Worte, dass sie das Ausbleiben einer Reaktion �berhaupt nicht bemerkt. Sie vergewissert sich auch nicht mit Blicken, ob sie verstanden wurde, sondern schaut �ber den Platz und hinein in den opaken Sonnenschein �ber Bergenst�dter H�geln. Kerstin �berlegt, ob sie die zweite Etappe des Tages mitwandern soll, statt den Bus zur�ckzunehmen. Sie hat Lust auf Bewegung und vorsichtshalber Schuhe angezogen, die einen l�ngeren Marsch erlauben. Es gibt schlie�lich kein Gesetz, das die Teilnahme an Volksfesten w�hrend der Trauerzeit untersagt.</p><p>Karin seufzt.</p><p>�Ich mach�s kurz: Die Firma ist hin. Es ist noch nicht offiziell, und du musst es f�r dich behalten, aber es ist definitiv: Konkurs. Nichts mehr zu holen. Und damit nicht alles an die Bank geht, wird jetzt auf mich �berschrieben, was von Wert ist. Stell dir vor, sogar Hans-Peters BMW geh�rt offiziell mir. Nicht dass ich ihn fahren d�rfte, aber � Und ebenso das alte Firmengeb�ude in Karlsh�tte. Das ist erstaunlich gut erhalten, gut isoliert und trocken. Vor zwei Tagen bin ich hingefahren, einfach so, wollte mal wissen, ob man Dinge anders anschaut, wenn sie einem geh�ren. �Sie hat hastig gesprochen, um nicht dort pausieren zu m�ssen, wo es weh tut, aber jetzt h�lt sie inne und fragt:�Was meinst du?�</p><p>�Ob die Dinge �?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Beton ist Beton oder in diesem Fall Backstein. Aber mein spontaner, verr�ckter und bei l�ngerem Nachdenken vollkommen vern�nftiger Gedanke lautet: Da machen wir ein Tanzstudio draus. Du leitest den Unterricht, ich das Gesch�ft. Wir zahlen keine Miete, und wir fangen klein an: Linda trommelt uns den ersten Kurs zusammen, Jazz-Tanz, Musicals, Vorbereitung f�r Casting-Shows und so was. Zielgruppe f�nfzehn bis zwanzig. Dann was f�r die �lteren mehr im Gesundheitsbereich. Daf�r melden sich die Rehsteigfrauen an, mindestens zur H�lfte, verlass dich auf mich. Und sp�ter vielleicht was f�r Paare, Standardt�nze. Dieses verschlafene Nest braucht Schwung, und wir liefern ihn. Du und ich.�</p><p>Es ist beides, ein manischer Zug in Karins Wortschwall, der sie abst��t, und in der Gegenrichtung ein sanfter Sog, sich das Unvorstellbare einfach vorzustellen: den Eingang mit einem Schild dar�ber, Tanzstudio Sowieso, und einen verspiegelten, von M�dchengeschnatter erf�llten Raum. Und dann noch ein drittes, das merkw�rdige Gef�hl der Enteignung, wenn jemand anderes pl�tzlich deine geheimen Tr�ume ausspricht und sie ohne Scheu einen Plan nennt.</p><p>�Aha�, sagt sie. Ein sauerl�ndisch plattf��iges Aha, untermalt von lediglich gedachten Worten wie �Stromkosten� und der Frage, ob ehemalige Kleiderfabriken wohl betanzbare B�den haben. Duschen.</p><p>�Du h�ltst mich f�r verr�ckt, aber das liegt an deiner �ngstlichen Natur�, sagt Karin unger�hrt und bekr�ftigt ihre Worte mit einem Nicken.</p><p>�Bitte?�</p><p>�Oder nicht?�Wieder sehen sie einander an. Karin ist geschminkt, als wollte sie vom Fr�hst�cksplatz aus direkt in die Oper wandern, und Kerstin fragt sich, ob es eigentlich etwas gibt, worin sie beide einander gleichen.</p><p>�Kein Kommentar�, sagt sie.�Aber wenn deine Vorstellung von Zusammenarbeit darin besteht, mir Vorhaltungen zu machen, dann hab ich kein Interesse.�</p><p>�Alles was ich sagen wollte, ist: Ich sehe die Risiken auch, aber ich glaube, dass sie kleiner sind als die Chancen. Und davon abgesehen, befinde ich mich an einem Punkt in meinem Leben, wo das Wort Risiko keinen sonderlich bedrohlichen Klang mehr hat. Was ich bisher f�r selbstverst�ndlich gehalten habe, ist sowieso hin�ber.�</p><p>�Was willst du jetzt von mir h�ren? Das mit der Firma tut mir leid.�</p><p>�Nein, nein. Ich bin, wenn ich ehrlich sein soll, nicht mal richtig traurig �ber den Verlust. Beinahe glaube ich, ich hab sogar drauf gewartet, dass so was passiert. Jetzt ist endlich Schluss mit Rotarier-B�llen und diesem ganzen Firlefanz. Jetzt stell ich zur Abwechslung selbst was auf die Beine. Also, lass es dir durch den Kopf gehen, denk dar�ber nach. Vielleicht fahren wir nach Grenzgang mal zusammen raus, und du schaust dir das Geb�ude an. �Sie legt eine Hand auf Kerstins Schulter und f�hrt ihr �ber den Nacken, so langsam, dass Kerstin an ein gewisses Hinterzimmer denken muss und Karins n�chsten Satz erst gar nicht versteht.�Wusstest du eigentlich, dass die Blumen damals von mir waren?�</p><p>�Die Blumen?�</p><p>�Vor deiner T�r. Die Veilchen zum Geburtstag.�</p><p>�Nein�, sagt sie automatisch und wahrheitsgetreu.�Wusste ich nicht. �Sie hat Durst jetzt und sp�rt Schwei� unter ihren Armen. Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis die Wettl�ufer mit ihren Peitschen zum Aufbruch rufen, und sie hat sich vorgenommen, vorher noch bei Thomas Weidmann und seinen Kollegen vorbeizuschauen. Vielleicht liegt es an Karin Preiss, aber ihr ist pl�tzlich klar, dass sie nicht warten darf, bis der Kerl von sich aus mehr anbietet als Wangenk�sse zum Abschied. Sie muss die Sache jetzt in die Hand nehmen, die Sache Weidmann. Schlie�lich hat sie ihn schon mal in der Hand gehabt, und es f�hlte sich nicht schlecht an.</p><p>�Warum solltest du mir Veilchen schenken?�, fragt sie.</p><p>�Ich wusste, dass du Geburtstag hast, und ich hatte dieses Gef�hl: dass wir einander � helfen k�nnen. Ganz einfach durch Freundschaft. Ich hatte dann blo� nicht den Mut, dir die Blumen selbst zu geben.�</p><p>�Sei ehrlich: Du hattest von Anfang an vor, mich in diesen Club zu schleppen.�</p><p>�Alleine w�r ich da nie hingefahren.�</p><p>�Und das nennst du einander helfen. �Es ist nicht mehr Wut in ihr, stellt sie fest, als Luft zwischen zusammengepresste Lippen passt. Sie hat es gewusst und ist froh, es ausgesprochen zu haben, aber eigentlich war es immer so, auch schon mit Anita: Freundschaft gegen Widerst�nde und mit Gefallen an der Nicht-Harmonie. Also dreht sie den Kopf, k�sst Karin Preiss auf die parf�mierte Wange und denkt: Nimm das, alte Lesbe.</p><p>Anita ist nat�rlich nicht zum Grenzgang gekommen. Irgendwo in der Schweiz wird ein interessanteres Fest gefeiert.</p><p>�Ich denk dr�ber nach�, sagt sie im Aufstehen. Wischt sich mit beiden H�nden Grashalme von der Hose.</p><p>�Eins noch: M�ssen wir mit Herrn Weidmann sprechen?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Er war da, hast du gesagt.�</p><p>�Dich hat er nicht gesehen.�</p><p>�Soll hei�en, du hast mit ihm gesprochen?�</p><p>�Kurz. �Ihr Schatten f�llt auf Karins Gesicht, und das macht es leichter, dem Blick und der L�ge standzuhalten. Sie schuldet Karin Preiss nichts, das ist klar. Einstweilen erscheint das Wort Freundschaft noch reichlich hoch gegriffen f�r ihrer beider Beziehung. Vielleicht sollten sie erst mal Kolleginnen werden. Durch dunklen Blusenstoff f�hlt Kerstin die Sonne auf der Haut und stellt sich vor, dass Thomas Weidmann von da unten im Get�mmel einen Blick auf ihren Hintern wirft.</p><p>�Ich w�rde ihn sonst anrufen und mich seiner Diskretion versichern.�</p><p>�Nicht n�tig. �Hinter ihr spielt die Musik, quillt von allen Ecken des Fr�hst�cksplatzes auf und wird vom Wind �ber die K�pfe getragen. Lass die Finger von ihm, denkt sie und freut sich �ber diesen pl�tzlichen kriegerischen Impuls in ihrem Herzen. Den ersten seit Wochen. Wozu immer Lamm sein? Sie wird jetzt da runtergehen und sich so selbstverst�ndlich an seine Seite stellen, als w�re das schon immer ihr Platz gewesen.</p><p>�Wir sehen uns sp�ter�, sagt sie.�Und danke f�r die Blumen.�</p><p>�Ich ruf dich an.�</p><p>Dann steigt sie hinab ins Get�mmel, hinein in die Mischung aus Biergeruch und Lachen, in die Sonnenw�rme auf gl�nzenden Gesichtern. Lautstark werden die letzten Steaks und W�rstchen angepriesen. Sie entscheidet sich f�r ein zweites Bier und nimmt es l�chelnd aus einem vorbeischwebenden Drahtkorb. Und nun hin zu ihm, denkt sie. Zeiten gab�s, da standen die Zweifel so dicht an dicht vor ihr wie jetzt die Masse der Grenzg�nger, aber der Vorteil der Zeiten ist, dass sie irgendwann aufh�ren, um anderen Platz zu machen, und dass dazwischen L�cken bleiben, durch die man vorankommt. Sie dreht sich in der H�fte, gr��t hier und da und fragt sich, was eigentlich gegen die Idee des Tanzstudios spricht. Im n�chsten Jahr wird ihr Unterhalt gek�rzt, der Ausgleich durch das Pflegegeld f�llt weg, sie muss sich ohnehin Arbeit suchen. Also? �ber Einzelheiten werden sie reden m�ssen, aber grunds�tzlich h�tte ihr gar nichts Besseres passieren k�nnen als Karin Preiss� Plan mit dem Studio. Das ist etwas, was sie alleine nie in Angriff nehmen w�rde und was aus Karins �einander helfen� am Ende doch mehr als eine Unaufrichtigkeit machen k�nnte.</p><p>Ein eigenes Tanzstudio! Sie trinkt im Gehen und muss an sich halten, nicht laut zu lachen. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass sie wochenlang keinen Alkohol getrunken hat. Aber nirgendwo steht geschrieben, dass Tr�ume die Konsistenz von Seifenblasen haben <emphasis>m�ssen</emphasis>, und den naiven Schwung von Karin Preiss soll man nicht untersch�tzen. Die tr�umt nicht rum, sondern denkt strategisch und in Zielgruppen. Die hat unter all der Schminke die Konstitution eines Traktors, und warum sollte sie nicht zur Abwechslung mal vom Elan ihrer Nachbarin profitieren?</p><p>Schlie�lich entdeckt sie das gesuchte Gesicht in der Menge. Sp�ttisch l�chelnd, w�hrend er Granitzny zuprostet und sein Glas leert. Dabei gut gelaunt auf seine stille Art: Als ob er sich selbst nicht allzu viel machen w�rde aus seiner guten Laune. Warum der, fragt sie sich, wischt die Frage umgehend beiseite und zw�ngt sich durch die letzten Grenzg�nger, die noch zwischen ihnen stehen. Jetzt oder nie, denkt sie. Offenbar hat er sie kommen sehen, jedenfalls dreht er der Gruppe um Granitzny den R�cken zu, und etwas in seinem Gesicht sagt ihr, dass es nicht mehr vieler Worte bed�rfen wird, um ihrer beider Schicksal zu besiegeln.</p><empty-line/><empty-line/><p>Eine halbe Stunde schon steht er im Kreis seiner Kollegen, h�rt Granitznys Sticheleien zu und l�sst den Blick schweifen �ber die Menge auf dem Fr�hst�cksplatz. Hin und wieder vergewissert er sich, dass seine Tante nicht alleine sitzt beim Stand der M�nnergesellschaft Lahnaue, und nippt an seinem Bier. Zweiter Tag des Grenzgangs und er m�sste l�gen, wollte er behaupten, sich nicht bereits ein bisschen zu langweilen.</p><p>�Eine S�nfte. K�nnten Sie nicht irgendwo eine S�nfte f�r Ihren Schulleiter auftreiben?�In Granitznys Geplauder mischt sich schon den ganzen Morgen dieser Unterton, mit dem er die Grenzen seiner Gespr�chspartner austestet, hier und da auf F��e tritt und sich umgehend entschuldigt im �Hat doch wohl nicht weh getan�-Tonfall des gut gelaunten Tyrannen. Vor zehn Minuten hat er Weidmann den �rangh�chsten Akademiker des Fr�hst�cksplatzes� genannt und dabei wie zuf�llig einen Kollegen angel�chelt, von dem alle an der Schule wissen, dass er seit f�nfzehn Jahren seine Sommerferien einem germanistischen Dissertationsprojekt widmet, dessen Arbeitstitel selbst der Doktorvater � falls er noch lebt � l�ngst vergessen hat.</p><p>Kerstin Werner tr�gt Dunkel, aber nicht mehr Schwarz, wenn er das aus der Entfernung richtig erkennt, und sie hat sich die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Wie damals am Kleiberg. Frau Preiss sitzt neben ihr, und darum verzichtet er darauf, sich dort oben am Rand der B�schung zu ihr zu gesellen. Immerhin hat sie sich doch zur Teilnahme am Grenzgang entschlossen, und vielleicht k�ndigt sich darin eine allm�hliche R�ckkehr aus der Selbstabkapselung ihrer Trauerzeit an. Einen Monat lang haben sie einander nur zu gelegentlichen Spazierg�ngen gesehen, bei denen Kerstin Werner die Arme vor der Brust verschr�nkt und ihren Gang zu einem z�gerlichen Schlendern gemacht hat, was ihm das Gef�hl gab, es st�nde etwas zwischen ihnen, das keiner von beiden sich auszusprechen traute. Als w�rden Gedanken sich wie Schlingpflanzen um ihre Kn�chel winden. Nachdenklich hat sie vor sich hin geblickt und nach hinten offene S�tze gesagt wie: Ich wei� nicht mal, inwiefern ich sie wirklich geliebt � Verstehst du, ob ich sie wirklich � Aber andererseits: Kann man das �berhaupt �? Satzenden, die in die vermeintlichen Abgr�nde ihrer Selbstzweifel st�rzten, aber sosehr er auch den Hals gereckt hat, er fand sie weder sonderlich tief noch besonders abgr�ndig und Kerstin Werners Ringen mit sich nicht frei von Selbstgef�lligkeit.</p><p>So sind sie in den vergangenen Wochen durch eine Art Moratorium ihrer gegenseitigen Ann�herung gelaufen. Ein jeder sah auf seine Schuhspitzen und sagte bei jedem Reh, das ihren Weg kreuzte: Ein Reh. Spazierg�nge wie Deutsch f�r Anf�nger. Manchmal hat er ihr den Arm um die Schultern gelegt, sich �ber seine Hilflosigkeit gewundert und nicht gewusst, ob es daran liegt, dass er nicht aus seiner Haut kann oder dass sie sich in ihrer so einschlie�t. Jetzt sieht er zu, wie sie sich von ihrem Platz erhebt und einen Moment am Rand der B�schung steht, und der Anblick weckt ein Bed�rfnis in ihm, das wochenlang unter ergebnislosen Gr�beleien versch�ttet war.</p><p>�Was soll�s�, poltert Granitzny,�den Kleiberg hab ich �berstanden, und n�her komm ich der Unsterblichkeit sowieso nicht mehr. Kollege Weidmann!�</p><p>�Ja?�Er h�tte es vorgezogen, noch eine Weile Kerstin Werner zu beobachten, aber Granitznys Blick hat sich an ihn geheftet, und dem Gl�nzen seiner Augen l�sst sich entnehmen, dass der Schulleiter wieder mal einen Coup ausgeheckt hat.</p><p>�Freut mich, dass Sie sich nach kurzem Z�gern entschlossen haben, das Amt des Stellvertretenden Schulleiters doch zu �bernehmen. Vonseiten des Schulamts gibt es keine Einw�nde. �Mit unverhohlenem Triumph in der Miene streckt Granitzny den Kopf in seine Richtung, so dass beinahe ein Hals entsteht zwischen Kinn und Schultern. Auch ein volles Bierglas kommt Weidmann entgegen.�Also dann: Auf gute Zusammenarbeit!�</p><p>�Hoch! Hoch! Hoch!�, schreit ein besonders enthusiastischer Uniformierter auf seinem Bierfass.</p><p>Granitzny im Augenblick der Attacke ist ein so grotesker Anblick, dass Weidmann f�r einen Moment seine eigene �berrumpelung einfach vergisst. Wie ein Feldmarschall steht er da, der dem unterlegenen Gegner die Friedensbedingungen diktiert � verschmitzt, frech und so h�nderingend bem�ht um Unausstehlichkeit, dass man ihn am liebsten in die Arme nehmen w�rde und sagen: Bem�h dich nicht, du <emphasis>bist </emphasis>ein Scheusal. Der hat das geplant, vielleicht seit Stunden, vielleicht seit Tagen, und freut sich diebisch �ber die Unger�hrtheit, mit der er seinen S�bel z�ckt, um Tatsachen zu schaffen.</p><p>�Seit wann haben denn Diktatoren Stellvertreter?�, fragt Weidmann und wei�, dass er damit den Angriff nicht abwehren kann. Granitzny bricht in schallendes Lachen aus, die Kollegen werfen einander Blicke zu. Kerstin Werner, stellt Weidmann mit einem Blick aus den Augenwinkeln fest, hat sich unterdessen von ihrer Nachbarin verabschiedet und kommt die B�schung herab. Vielleicht sollte er sich ein Herz fassen, sie in den Arm nehmen und sagen: Okay, versuchen wir�s. Es k�nnte klappen oder auch nicht. Hilft ja nicht, sich diesen schalen Optimismus einzureden, blo� weil das romantischer klingt.</p><p>�Okay�, sagt Granitzny und bittet mit huldvoller Geste um Aufmerksamkeit. Dem macht das einen Heidenspa�, und Weidmann f�hlt sich au�erstande, ihm die Inszenierung zu verderben.�Ich k�nnte jetzt darauf hinweisen, dass sogar der Allm�chtige einen Stellvertreter hat, aber das ginge vielleicht doch zu weit. Wir alle kennen unsere Grenzen, nicht wahr?�Unver�ndert h�lt er sein Glas in Weidmanns Richtung, und nur seine Stimme hat sich um eine Winzigkeit verdunkelt.�Auf gute Zusammenarbeit, Kollege.�</p><p>�Prost!�Weidmann setzt sein Glas an und leert es in einem Zug. Sonne trifft ihn auf der Stirn. Wird er eben Stellvertretender Schulleiter, warum nicht? Mit einem Bier in der Hand sieht er Kerstin in seine Richtung kommen, au�erdem mit einem anderen Blick als zuletzt, offener und erwartungsvoller. Er h�rt die Gl�ckw�nsche der Kollegen, aber im Grunde interessiert ihn das schon nicht mehr. Mit einem Nicken signalisiert er Granitzny, dass er gewonnen hat, dann dreht er sich in die Richtung, aus der Kerstin ihm entgegenkommt.</p><p>�Schau an: Du bist ja doch noch gekommen�, sagt er und denkt: Am besten w�re ein offener Pakt. Er ist nicht in der Lage, den Versuch nicht zu wollen, aber mehr hat er vorerst nicht zu bieten. Ein filigranes Vielleicht. Sie d�rfen blo� nicht anfangen, die Tiefe ihrer Wunden zu vergleichen, das w�rde am Ende zu furchtbaren Siegen f�hren.</p><p>�Drei Tage zu Hause sitzen. �Sie sch�ttelt den Kopf. J�nger sieht sie aus mit diesem Pferdeschwanz, und der Lidschatten, den sie aufgetragen hat, verleiht ihrem Blick zus�tzliche Intensit�t.�Am�sierst du dich?�</p><p>�Und wie! In Granitznys Gegenwart gibt�s ja immer was zu lachen. �Er nickt und zuckt die Schultern. Meint es ernst und ist sich dennoch nicht sicher, wie er es sagen soll: Nehmen wir uns die Liebe als Fernziel vor. Aber Kerstin schaut ihn an, als wolle sie sich nicht l�nger mit Gr�beleien abspeisen lassen, die will endlich was haben, was sie in den Wind schlagen kann. Und er ebenso! Warum sich einerseits so widerstandslos herumschubsen lassen von Granitznys kindischem Dicksch�del und dann die H�nde hinter dem R�cken verknoten, wenn es um sein privates Gl�ck geht? Da vor ihm steht sie, hat alle Mauerbl�mchenattit�den von sich abgeworfen und sieht ihm direkt in die Augen.</p><p>�H�r zu�, sagt er mit dem Gef�hl, sich von sehr weit oben fallen zu lassen.�Ich finde, wir haben genug Zeit vertr�delt, oder?�</p><p>�So was �hnliches wollte ich auch gerade sagen.�</p><p>�Ich meine: Wir k�nnten uns ruhig h�ufiger sehen.�</p><p>�Und es m�sste auch nicht immer im Wald sein.�</p><p>�Ich bin abends h�ufig frei.�</p><p>�Du musst nur klingeln. �Eben noch hat sie �berlegt, ihn f�r den Abend auf ihre Terrasse einzuladen, aber jetzt sieht sie sich ihr Haus betreten, mit Thomas Weidmann an der Hand. Kein Verweilen in der Diele, in der schattigen Sommerstille hinter heruntergelassenen Jalousien. Eine offene T�r, auf die sie zugehen, als w�re es die einzige. Das Ende der Trauerzeit und der Beginn von etwas, was ihr vielleicht nur deshalb so undeutlich vor Augen steht, weil es so ungeheuer nah ist. Schwung und Schwindel ergreifen sie.</p><p>�Sollen wir uns jetzt k�ssen? In aller �ffentlichkeit, wie zwei Teenager?�W�hrend sie ihm in die Augen sieht, machen ihre Gedanken einen wilden Sprung aus ihrem Haus und hinein in die Offenheit namens Zukunft: Sollte sie in K�rze eine berufst�tige Frau sein, die nach der Arbeit ihren Freund besucht? Es ist verr�ckt, aber sie steht ganz ruhig, nimmt seine Hand und w�nschte in der anderen kein Bierglas zu haben. Er hat kleine Falten um die Augen; die sind ihr schon einmal aufgefallen, aber sie wei� nicht mehr wann. Alles geht pl�tzlich ein bisschen schneller.</p><p>�Sp�ter�, sagt er.�Erst mal werden wir uns huppchen lassen.�</p><p>Sie legt den Kopf in den Nacken und lacht. Ein leises, flehendes Nein formt sich in ihrem Kopf. Um den Hals fallen m�chte sie ihm, ihn dr�cken und herzen, bis die Menge den Fr�hst�cksplatz verlassen hat und sie beide in die Gegenrichtung zur�cklaufen k�nnen, zur�ck nach Bergenstadt.</p><p>�Niemals. �Immer noch lachend. Aufgeschreckt von einer fernen Erinnerung und vollkommen machtlos.</p><p>�Doch. Auf der Stelle.�</p><p>�Lass uns den Bus nehmen und zu mir fahren.�</p><p>�Danach. �Sein L�cheln l�sst keinen Widerspruch zu.�Erst huppchen.�</p><p>�Thomas ��</p><p>Aber er nimmt sie an der Hand, sie verschluckt ihr Nein, und schon sind sie unterwegs. So schnell, dass Kerstin sich nicht fragen kann, ob ihr Herz vor Freude klopft oder vor Angst. Das Bierglas l�sst sie einfach fallen unterwegs. Menschen erheben sich von ihren Pl�tzen im Gras. Leeren ihre Gl�ser. Eine Fichtenschonung begrenzt den Fr�hst�cksplatz, und davor stehen der Mohr und die beiden Wettl�ufer. Dahinter ein Mann mit Trommel. Die Schlange vor dem Grenzstein hat sich bereits aufgel�st, die Rast ist beinahe vorbei, und einer der Wettl�ufer schaut auf seine Uhr.</p><p>War das damals genau hier? Am Fr�hst�cksplatz des zweiten Tages? Sie konzentriert sich auf die drei Figuren in ihren Kost�men, den Mohr ganz in Schwarz und die Wettl�ufer in Wei�, Rot und Blau. Junge Kerle, sportlich und blass. Wie Atemnot sitzt ihr die Erinnerung im Hals, aber sie wird sich davon nicht schrecken lassen.</p><p>Wusst ich�s doch, dass wir uns wiedersehen, hat J�rgen ihr damals zugefl�stert.</p><p>�Noch jemand?�, ruft der Mohr und schaut sich um. Ein schwarzes vollb�rtiges Gesicht mit wei�en munteren Augen. Dunkler Anzug mit goldener Verschn�rung. Ein Krumms�bel baumelt von seinem G�rtel. Sie kennt seinen Namen nicht, auch die der Wettl�ufer nicht. Stand alles in der Zeitung, aber sie hat�s vergessen.</p><p>�Hier!�, sagt Thomas Weidmann und dann leiser:�Du zuerst oder ich?�Er ist jetzt ganz in seinem Element, das sp�rt sie. Es mag Gedankenlosigkeit sein oder Berechnung. Jedenfalls fand sie ihn nie so unwiderstehlich wie in diesem Augenblick.</p><p>�Ich�, sagt sie.�Und danach fahren wir zu mir. Keine Wanderung mehr und kein Festzelt. Und morgen auch nicht. Der Grenzgang 2006 endet genau hier und jetzt. �Da ist ein Zittern in ihrem linken Bein.</p><p>�Wir fahren einfach weg, morgen. Irgendwohin. �Er sp�rt sein eigenes Nicken und w�sste gerne, ob er ernst meint, was er sagt und tut. Parf�m weht ihm entgegen aus ihrem gro��ugigen Gesicht, die Erinnerung an eine gemeinsame Nacht. Als ihm einf�llt, dass ihr Exmann Wettl�ufer gewesen ist vor einundzwanzig Jahren und er also dabei, sie nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit zu ziehen, ist es l�ngst zu sp�t. Jetzt gibt es kein Zur�ck mehr, jetzt m�ssen sie eben <emphasis>da </emphasis>durch.�Wird sich schon ein sch�ner Landgasthof finden f�r uns. �Es kommt ihm nicht einmal wie ein Versprechen vor. Sie hat schlanke, warme Finger, und er spricht einfach in den Duft ihrer Haut hinein und h�lt sich an die Wirklichkeit, soweit er sie zu �berschauen vermag: Kein Grandhotel, kein Traumstrand. Vielleicht werden sie nachts eine Autobahn h�ren und sich fragen, warum sie nicht weitergefahren sind.</p><p>Mit einem Nicken l�sst sie seine Hand los.</p><p>Den Anflug von Panik in ihrem Gesicht hat er bemerkt und bewundert sie, dass sie es trotzdem tut. Schaut ihr nach und genie�t noch einmal die Eleganz ihres Gangs. Wenn es ihm nicht gelingt, diese Frau zu lieben, dann ist ihm nicht zu helfen.</p><p>�Hallo�, sagt sie. Da liegt ein Tuch auf dem Grenzstein, genau wie damals. Eine Kiste Mineralwasser, zwei zerkn�llte Handt�cher. Der Trommler wischt sich gerade �bers Gesicht.</p><p>�Bitte sehr!�Der Mohr bem�ht sich um einen schwungvollen Ton, aber ihm ist anzumerken, dass er seit zwei Stunden nichts anderes gemacht hat. Die beiden Wettl�ufer strecken die H�nde aus. Sie dreht sich um, mit dem R�cken zum Stein.</p><p>Da steht Thomas Weidmann, und dahinter liegt der Fr�hst�cksplatz, eine verschwommene Menge aus Menschen und Fahnen. Irgendwo darin ihr Sohn. Einundzwanzig Jahre ist es her, sie bem�ht sich, nicht zu denken, dass es wie damals ist, und das muss sie auch nicht � denn es ist wie damals. Schwei�geruch h�ngt in der Luft. Die Gesch�ftigkeit eines Rituals und seine Routine. Vor einundzwanzig Jahren hat sie ihren Namen gesagt, weil sie dachte, huppchen sei wie unter die Fahne gehen. Hat J�rgen in die Augen gesehen, bis er kirschrot wurde im Gesicht. Jetzt blickt sie �ber den Platz und zu Thomas Weidmann, bem�ht um einen Gedanken, an dem sie sich festhalten kann, aber da ist nichts. Nur Waldrand und Sonne. Mut hat sie, auch wenn es sich anf�hlt wie Angst.</p><p>Die Wettl�ufer fassen an, und Kerstin presst die Lippen zusammen. Sagt sich, dass es keine Wiederholung gibt, nicht im wirklichen Leben. Das hier mag der Anfang oder das Ende sein, der Aufbruch oder das Ziel. Aber alles passiert, wenn es passiert, zum ersten Mal. Wie damals h�lt sie sich an den Armen der Wettl�ufer fest, f�hlt die angespannten Muskeln unter feuchtem Hemdstoff. Was es allenfalls gibt, sind Kreuzungen in Raum und Zeit, und wenn man dort steht, sieht man einen Moment lang alles: die Wege, die man gegangen ist, die anderen, die man h�tte gehen k�nnen, und die ganz anderen, an die man nie gedacht hat. Keine Musik spielt mehr auf dem Platz. Irgendetwas, so beharrlich wie ihr eigener Herzschlag, weht ihr in raschen Schl�gen entgegen. Panik und Triumph. Kein Sieg �ber sich selbst, aber ein Teilerfolg. Und Thomas Weidmann schaut so ernst, sie w�rde ihm am liebsten die Zunge rausstrecken und zurufen: keine Verstellung mehr, Ende des Spiels. Sie wird ihn lieben, ganz einfach. Der Trommelwirbel erklingt, und w�hrend die Wettl�ufer sie drei Mal auf den Stein senken und wieder hochheben, sagt der Mohr mit m�der Stimme, was er schon tausend Mal gesagt hat und noch tausend Mal sagen wird, ohne sich je zu wiederholen:</p><p>�Der Stein � die Grenze � in Ewigkeit.�</p></section></body><binary id="cover" 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