<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Rainer</first-name><last-name>Merkel</last-name></author><book-title>Lichtjahre entfernt</book-title><annotation><p>In seinem neuen Roman erz�hlt Rainer Merkel Szenen einer erl�schenden Liebe. Ein Mann muss zum Flughafen. Er hat es eilig, aber seine Erinnerungen halten ihn auf. Hier in New York hat er seine langj�hrige Freundin noch einmal getroffen. Ein letztes Mal. In immer neuen Anl�ufen kreisen seine Gedanken um das Zentrum der Katastrophe. Er erinnert sich an die dramatischen Ereignisse der letzten Monate. Eine Reise durch Kalifornien, die mitten in der W�ste in einem namenlosen Hotel endet. In der Erinnerung erscheint diese Nacht grell und �berbelichtet, und die Suche nach der Wahrheit wird zu einem sexuellen Gest�ndnis, einem Gest�ndnis ohne Zuh�rer, einem Monolog ohne Publikum. Kurz vor seinem R�ckflug erkennt er pl�tzlich, dass es eine M�glichkeit der Rettung gegeben h�tte.�Was bleibt von den N�chten zur�ck, die man zusammen verbringt? Ich muss zur�ckrechnen. Nacht f�r Nacht. In einer systematischen Erinnerungsarbeit, und wenn man alles noch einmal durchgeht, findet sich vielleicht der entscheidende Moment, der Augenblick, nach dem ich schon die ganze Zeit suche.�</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Merkel,</first-name><last-name>Rainer</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-23">12.5.2016</date><id>1afdafc9-cf00-4441-94e4-de33ffd3d051</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Lichtjahre entfernt</book-name><publisher>S. Fischer</publisher><year>2009</year></publish-info></description><body><title><p>Rainer Merkel</p><empty-line/><p>Lichtjahre entfernt</p></title><epigraph><p>F�r meinen Vater</p></epigraph><epigraph><p>�Bis dahin hatte ich nur darauf gewartet, aber jetzt hatte ich endlich begriffen, da� ich keine Minute l�nger warten durfte, da� ich, wenn ich gl�cklich sein wollte, es augenblicklich sein mu�te.�</p><text-author>Emmanuel Bove</text-author></epigraph><section><title><p><strong>Teil Eins</strong></p></title><section><title><p><strong>1</strong></p></title><p>Die Hitze ist so stark, lastet so schwer auf einem, dass man sie immerfort beiseiteschieben und wegdr�ngen will. Ich lasse das Wasser im Bad laufen, w�hrend ich im Wohnzimmer vor der orangenen Couch stehe, auf der Judith vor f�nf Tagen geschlafen hat. Die Hitze schiebt sich wie ein gro�es mehrdimensionales Gebilde in die Wohnung, als dr�ngte der gesamte Atem der Stadt, die Ausd�nstungen von ganz Brooklyn in das Zimmer hinein. Ich schaue auf die Couch. Das leuchtende Orange ist eine eigent�mliche Radikalisierung, eine fast comichafte Wiederholung ihrer Haut. Die Couch, pl�tzlich erhellt, unwirklich geworden, �berbelichtet, wie ausgebleicht. Sie hat nicht einmal ein Laken benutzt, es sich aber gefallen lassen, dass der Ventilator nur auf der untersten Stufe l�uft. Ich habe noch eine Stunde, h�chstens anderthalb. Immer wieder halte ich inne. Gehe die Stationen im Einzelnen durch. Das hei�este New York seit Jahren. Schon am Sonntag auf dem Dampfer auf dem Hudson River, bei meinem Ausflug mit Mads Christiansen, kam mir der Verdacht, es w�re vielleicht besser gewesen, doch nach Washington zu fahren. Aber wieso soll ich nach Washington fahren, wenn sie genauso gut nach New York kommen kann und wir sogar eine Wohnung f�r uns ganz allein haben? Aber ich lasse mich auf einen Machtkampf mit ihr ein. Noch dazu in einer Wohnung, die keine Klimaanlage hat. Nicht im Geringsten habe ich an sie gedacht, als ich den Ventilator gekauft habe. Trotzdem w�rde ich alle verf�gbaren Ventilatoren, die in diesem Sommer in New York zu bekommen sind, f�r sie kaufen. Ich h�tte die Wohnung von Michael und Janette mit Ventilatoren best�ckt, mit Dutzenden, mit Hunderten von ihnen. Allein in dem kleinen Billigladen an der Ecke Grand Street/Leonard Street h�tte ich alle verf�gbaren Ventilatoren gekauft, auch den mannshohen, der mich, wie er im Gesch�ft zu Demonstrationszwecken auf einem Karton aufgestellt ist, sogar leicht �berragt. Die Hitze macht ihr nichts aus. Sie ist immun dagegen. Sie schwitzt noch nicht mal. Sie sagt, die Wohnung sei sch�n, aber sie sagt es erst, nachdem wir sie schon wieder verlassen haben.�M�chtest du wirklich nur eine Nacht bleiben?�, frage ich, als wir in dem koreanischen Restaurant in der Grand Street sind. Ich habe den gro�en Ventilator nicht gekauft, weil er mir zu klobig erschien. Auf h�chste Stufe gestellt, erreicht auch der neue nur dann einen K�hlungseffekt, wenn man sich direkt vor ihn stellt. Er l�uft ununterbrochen, nur nachts stelle ich ihn aus. Ein wie wahnsinnig rotierendes Plastikgebilde, bei dessen Anblick man immerzu f�rchtet, es w�rde sich selbst�ndig machen, sich in Bewegung setzen und die Wohnung, selbst auf der Suche nach K�hlung, verlassen, mit unbeholfenen ruckenden Schritten durch die Grand Street bis an die Kreuzung Grand Street/Leonard Street, um dort voller Verzweiflung vor den Schaufenstern des geschlossenen Gesch�fts, aus dem es stammt, stehen zu bleiben und immerfort mit seinen Plastikrotorbl�ttern wedelnd auf Erl�sung zu warten. Das orangerote Velours der Couch. Die Schwei�tropfen, die nicht verdunsten und Flecken hinterlassen. Und wie Judith sich auf einmal einfach auf die Couch legt und ich auf das Doppelbett. Ein misslungenes Wochenende, ein au�er Kontrolle geratener Machtkampf. Oder einfach ein Zeichen von Ersch�pfung?</p><p>Jetzt, eine Stunde vor meinem Abflug, habe ich den Ventilator ausgeschaltet. Vielleicht weil ich mich mit der Hitze bestrafen will oder weil ich mich mit einer kindlichen Begeisterung auf die kalte Dusche freue, auf die jetzt alles zusteuert, der letzte Akt, bevor ich New York verlasse. Wir verbringen nur eine Nacht zusammen. In getrennten Betten, die so weit voneinander entfernt sind, dass wir uns noch nicht mal die Hand geben k�nnen. Vielleicht ist es nur eine Episode in einer langj�hrigen Beziehung, �ber die man sp�ter lachen kann. Ich packe das gr�ne Plastikkreuz ein, das ich ihr bei der Verabschiedung zu geben vergessen habe. Die dunkelbraune Papiert�te mit dem leuchtend gr�nen Kreuz, billiger, zerbrechlicher Designerschmuck, mit dem ich ein L�cheln auf ihr Gesicht, wie ich nicht anders sagen kann, zaubern wollte. Wir verlassen das Restaurant und laufen die Grand Street entlang. Etwas von ihrer anf�nglichen Begeisterung kehrt wieder zur�ck, als ich ihr das Gesch�ft zeige, in dem ich den Ventilator gekauft habe, und den Supermarkt, in dem man sich immer so f�hlt, als sei man in S�damerika. F�r einen Moment bleibt sie vor dem verbarrikadierten stockdunklen Laden stehen, w�hrend ich erz�hle, wie die Kinder der Besitzer einem die Eink�ufe immer in Plastikt�ten packen und dann sogar noch bis zur Stra�e tragen. Tags�ber reiht sich hier ein Gesch�ft an das andere, und in der Nacht taucht dann auf einmal zwischen all den heruntergelassenen Rolltoren eine kleine Bar auf, die Blue Mountain hei�t. Unter normalen Umst�nden w�rde sie ihr gefallen, aber sie will noch nicht mal ihren Cocktail austrinken und versinkt in dem gro�en Sessel neben der Fransen-Stehlampe, die direkt am Fenster steht.�Und wo ist jetzt deine Wohnung?�, fragt sie. Sie versucht mit aller Kraft den Eindruck zu erwecken, als w�rde sie den Abend genie�en. Wir laufen durch New York. Wir laufen durch die Hitze. Den ganzen n�chsten Tag, als h�tten wir nichts Besseres zu tun. Und ich denke in diesem Moment, dass Judith doch ein ganz anderer Mensch ist als Gabriela und dass man sie kaum miteinander vergleichen kann und es auch keinen Sinn macht, es immer wieder zu tun. Wenn Gabriela etwas nicht gef�llt, wird sie sofort w�tend, w�hrend Judith immer ganz ruhig bleibt.�Da oben�, sage ich und zeige auf den dritten Stock. Es ist ein Witz. Wir verbringen nur eine Nacht zusammen. Judith trinkt den Cocktail aus, aber nur weil ich sie darum bitte. Sie leert das Glas in einem Zug, und das wiederum ist etwas, das Gabriela nie tun w�rde.</p><empty-line/><p>Pl�tzlich ergraut und verh�rtet sich alles. Die zerrissenen Fliegengitter vor den Fenstern. Die wackeligen Regale, die mit Industrielack angestrichen sind. Das enge klaustrophobische Bad, dessen Eingang direkt neben dem Elektroherd liegt. New York ist an diesem Tag diesig und schwerm�tig. Alles h�lt die Luft an, bevor die Hitze ihren H�hepunkt erreicht. Mein Flug geht in drei Stunden, aber ich habe die Wohnung noch immer nicht aufger�umt. Direkt neben dem Bett vor dem zubetonierten Kamin auf einem gro�en Stapel mit Ausgaben der Zeitschrift <emphasis>n+1</emphasis> steht der Wecker. Der Alarm ist auf sieben Uhr gestellt. Als w�re das eine Formel, eine Zustandsbeschreibung. n+1. Als k�nnte das Gl�ck bringen. Aber ich bin schon eine Stunde fr�her aufgestanden. Ich sage zu ihr:�Wollen wir nicht spazieren gehen? Wollen wir uns nicht New York anschauen?�Wenn sie in M�nchen am Wochenende tanzen gehen will, ist ihre Vorfreude immer so gro�, dass ich schon allein deswegen mitkomme, um zu erleben, wie gl�cklich sie ist. Sie schaut auf die Speisekarte. Es f�ngt alles ganz normal an.�Wie sieht sie denn aus?�, fragt sie, als w�rde sie eine ganze Woche bleiben. Sie sagt: Deine Wohnung. Sie geh�rt Michael und Janette. Es ist allenfalls� unsere �Wohnung, zumindest an diesem Wochenende. Es ist ihre Spezialit�t, ihr intuitives Verst�ndnis von Zeitr�umen, in denen sich unser Schicksal verengt und sich meine Unf�higkeit, schnell zu reagieren, so zuspitzt, dass ich am n�chsten Tag vier Meter vor der elektrischen Schiebet�r des Port Authority Bus Terminals, kurz bevor sie nach Washington zur�ckf�hrt, auf einmal alle Kommunikationsf�higkeit verliere und minutenlang gar nichts mehr sage. Dabei fahre ich nicht mit, dabei steige ich gar nicht in den Bus ein. Eine Frage dr�ngt sich mir in diesem Moment auf, w�hrend ich in der K�che vor dem Regal stehe und �berlege, ob der Staub, der sich wie ein Schleier �ber das arabisch aussehende Tongef�� gelegt hat, von mir stammt und wie er sich w�hrend meiner Anwesenheit dort so schnell gesammelt hat. N�mlich die Frage: Hat ihr die Stadt etwa nicht gefallen? Ist sie von New York entt�uscht? Ihre Augen bekommen einen merkw�rdigen Glanz, als wir vor dem kleinen Haus mit der Wellblechfassade stehen, in dem Michael und Janette wohnen. W�hrend wir noch auf dem Weg zur Wohnung die ganze Zeit �ber das Buch, das Kyra ihr geliehen hat, sprechen und ich das Gef�hl habe, sie w�rde mich mit einem ihrer Akademiker-Freunde verwechseln, ist sie jetzt auf einmal ganz �berm�tig und verspielt. Es ist etwas, das ich schon einmal einem Klienten erkl�rt habe, als es darum geht, eine traumatische Erfahrung zu bearbeiten, und ich ihm sage, dass man solche Erinnerungsr�ume sehr wohl noch einmal betreten k�nne und dass man dabei selbst entscheiden kann, wie lange man in ihnen verweilt, und dass man auch das Recht hat, diesen Raum f�r sich anders zu gestalten und zu ver�ndern, sofern es dem eigenen psychischen Gleichgewicht dient. Als es bei meiner letzten Stunde mit Lambert zu einer Auseinandersetzung kommt, sage ich ihm, dass es mir leidt�te, dass es ausgerechnet jetzt passiert sei, es w�rde auch mich belasten und er k�nne versichert sein, dass wir genau an der Stelle bei meiner R�ckkehr wieder ankn�pfen und genau dort weitermachen w�rden. Ich sage zu ihm:�Wir fangen genau an der gleichen Stelle wieder an. �Und um ihn zu beruhigen, mache ich mir in meinem Kalender sofort einen Vermerk.�Jetzt guck dir das an�, sagt Judith. Sie hat sich die Handtasche �ber die Schulter geh�ngt und schaut nach oben.</p><empty-line/><p>In meiner Erinnerung konzentriert sich diese Nacht auf genau diesen Moment.�Jetzt guck dir das an�, sagt sie und kneift die Augen zusammen.�Was meinst du denn?�, frage ich, w�hrend sie zu den Fenstern der Wohnung von Michael und Janette schaut.�Es ist niemand da.��Wieso?��Die Leute sind weggegangen.��Welche Leute?��Na die, die da wohnen. �Ich schaue auf die Fenster. Sie m�chte nicht zugeben, dass sie m�de ist und sich am liebsten sofort hinlegen will. Als wir das koreanische Restaurant verlassen, sagt sie noch:�Das ist total aufregend! Jetzt schauen wir uns Williamsburg an. �Dabei sind wir schon mittendrin. Sie hakt sich bei mir ein. Wir sind ein Paar, das sich gerade erst kennengelernt hat. Tats�chlich f�hlt es sich so an, als w�rden wir ausgehen.�Vielleicht schlafen sie ja schon�, sage ich.�Und was ist, wenn sie nicht aufmachen?��Dann klingeln wir sie raus�, sage ich.�Das lassen wir uns doch nicht bieten. �Sie l�chelt. Wie hat ihr Gesicht vorher ausgesehen? In den f�nf Jahren davor und in den zwei Tagen, w�hrend derer wir uns in New York gesehen haben. Der Duschvorhang in der Wohnung von Michael und Janette ist so verschimmelt, dass ich ihn direkt nach meiner Ankunft mit einer Schnur zusammengebunden habe, um Judith den Anblick zu ersparen. Die Dusche sieht ohne Vorhang nicht besonders vertrauenerweckend aus. Sie besteht aus einem gemauerten Winkel im Badezimmer, zu dem man nur gelangt, wenn man sich zwischen Waschbecken und Toilette hindurchzw�ngt, um dann auf einmal wie unter einem Felsvorsprung zu stehen, unter dem das Wasser leise tr�pfelt und dann unverh�ltnism��ig laut auf den Steinboden schl�gt. Ich h�re das Tr�pfeln, als sie morgens unter der Dusche steht. Die Wassertropfen, die auf den Stein prallen. Das Wasser, das zu warm und zu unergiebig ist. Es sind diese Ger�usche, die mich daran hindern, die Wohnung und auch New York zu verlassen. Der Duschvorhang, milchig wei� und mit seinen in Plastik eingeschlossenen Luftblasen, seinem grauen Schleier aus Schimmelflecken, wie er in aller Unschuld in der Ecke h�ngt. Die durchl�cherten Fliegengitter vor den Fenstern, die verstaubten Regale, die Ritzen und Spalten auf den Fu�b�den.�Wo sind diese Leute denn hingegangen?�, frage ich sie.�Die spazieren hier irgendwo rum�, sagt sie, sich an mich lehnend.�Vielleicht gehen die jetzt irgendwo noch was trinken.��Jetzt?�Sie schaut auf die andere Stra�enseite. Auf einmal hat sie das Interesse an der Unterhaltung verloren. Am n�chsten Tag, als wir spazieren gehen, bleibt sie alle paar Meter stehen und muss sich ausruhen. Sie kriegt keine Luft mehr. Mads Christiansen hat mir einmal erkl�rt, dass Asthma eine� k�nigliche Krankheit �sei, eine� auratische Krankheit�. Und dass er es nachvollziehbar f�nde, wenn Judith mit mir morgens nicht joggen gehen will, und dass sie keine Luft mehr bekommt, wenn ich nachts so schnell einschlafe. Ausgerechnet in New York. Das K�nigliche des Asthmas. Wie jede Bewegung hinterfragt und �berpr�ft wird, wie man darauf achtet, dass man sich nicht verausgabt und sich immer im Gleichgewicht h�lt. Die Fortbewegung von A nach B und das Laufen an sich bekommt auf einmal etwas Unw�rdiges.�Ja, die spazieren hier irgendwo rum�, sagt sie.�Die gehen noch aus. �Ich �berlege, ob ich mich noch einen Moment hinlegen soll. Die Couch steht direkt am Fenster, und dort ist es vielleicht etwas k�hler. Auf der Couch liegen die alten Ausgaben der New York Times. Zeitungen von einer ganzen Woche. Im Luftzug der Ventilatoren heben und senken sich die vordersten Seiten, und die Zeitungen scheinen sich mit Luft aufzupumpen und noch ein letztes Mal auf sich aufmerksam machen zu wollen. Irgendwo darunter muss das Buch von Kyra sein, das Judith vergessen hat. <emphasis>The Mask of Anarchy</emphasis>. Es muss irgendwo unter den Zeitungen liegen.�Wir fangen genau an der gleichen Stelle wieder an�, sage ich zu Lambert, in der letzten Stunde vor meiner Abreise aus M�nchen. Ich habe seine Stunde vorverlegt, und er ist jetzt der erste Klient, den ich nach meiner R�ckkehr treffen werde.�Ich lasse Sie nicht h�ngen�, sage ich zu ihm.�Aber ich traue Ihnen schon zu, dass Sie zwei Wochen ohne Therapie auskommen. �Lambert schaut mich an. Ich bin mir nicht sicher, ob er die Therapie nicht einfach abbricht, so gekr�nkt wie er ist, und ich frage mich, w�hrend ich die Zeitung zusammenpacke und ins Badezimmer hin�bergehe, ob das ohnehin nicht das Beste f�r ihn w�re.�Komm�, sage ich zu Judith. Ich versuche das Spielerische des Augenblicks noch aufrechtzuhalten.�Wir gucken mal. �Sie schaut zur anderen Stra�enseite. Man h�rt Schritte, die langsam n�her kommen.�Was?�, murmelt sie abwesend. Die Tasche rutscht ihr von der Schulter.�Was gucken wir?�, fragt sie.�Wir schauen mal, ob sie da sind. �Ich n�here mich vorsichtig der Haust�re und schaue auf das Klingelschild, auf dem gar nicht Michael und Janettes Namen stehen, sondern nur die Nummern der verschiedenen Wohnungen.�Die werden sich wundern�, sage ich. Es ist f�nf Tage her, eine halbe Ewigkeit. Ich lege den Arm um sie, aber ich glaube, dass sie das gar nicht merkt, so abwesend wie sie auf einmal wirkt.�Die werden ihr blaues Wunder erleben�, sage ich und dr�cke auf die Klingel.</p></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><p>Es ist gar nicht die Nacht, die so ung�nstig verlaufen ist. Es ist der Spaziergang. Der Sonntag, an dem wir durch New York laufen. Im Grunde laufen wir die ganze Zeit, ohne aber genau zu wissen wohin. Wir gehen aus dem Haus, fr�hst�cken, und dann laufen wir. Ich mache dies vielleicht in dem Glauben, wir w�rden irgendein Ziel erreichen, irgendeinen Ort finden. Die Terrasse des Caf�s in der Bedford Avenue, die Parkbank im Fulton Park, die Aussichtspromenade in Brooklyn Heights, die zwei dunkelblauen, viel zu engen, Beklemmungen ausl�senden Sessel im obersten Stock des Caf�s in der Montague Street und dann, so als h�tten alle anderen M�glichkeiten keine Bedeutung, das Port Authority Bus Terminal. Die Warteschlange der Passagiere, die nach Washington fahren. Vier oder f�nf, die noch vor uns sind. Drei Minuten, die uns noch bleiben, die wir mit Belanglosigkeiten f�llen, obwohl es mir in diesem Moment wie ein Aufschrei durch den Kopf schie�t: Noch drei Minuten und ich sehe sie die n�chsten vier Monate nicht wieder. Am Abend im Restaurant habe ich noch gedacht, ich h�tte einen ganzen Tag Zeit, sie zu �berreden, noch l�nger zu bleiben, aber dann ist es auf einmal zu sp�t. Ich habe den richtigen Moment verpasst. Ich h�re ein lautes Dr�hnen, als ein Lastwagen in die Stra�e hineinf�hrt.�Vielleicht f�ngst du mal langsam mit dem Aufr�umen an�, sagt eine innere Stimme. Eine Stimme, die erstaunlich r�cksichtslos und brutal ist und die ich bei meiner Arbeit mit meinen Klienten z�geln muss. Eine Stimme, die aber auch von gro�em Nutzen sein kann und mich davor bewahrt, die Kontrolle zu verlieren.�Das klare Licht bricht in der Dunkelheit hervor�, hei�t es in dem Haiku, der auf der Serviette abgedruckt ist, in dem kleinen koreanischen Restaurant, in dem wir essen. Es k�nnte der erste Haiku gewesen sein. Den zweiten habe ich direkt danebengeschrieben, sodass ich die beiden jetzt kaum noch auseinanderhalten kann.�Ja, ja, schrie ich, doch das Klopfen h�rte nicht auf am verschneiten Tor. �Aus irgendeinem Grund habe ich sie ohne Zeilenumbruch abgeschrieben, und jetzt wei� ich nicht, wie sie zu unterteilen sind. Judith mag keine Haikus. Schon gar nicht in einem koreanischen Restaurant. Ihre Abneigung ist jedoch so unterschwellig, als versuche sie, die japanische Diskretion noch zu �berbieten. Einmal sagt sie:�Ich mag ihn. �Und ich frage sie:�Magst du ihn wirklich? Den oder den anderen?��Beide�, sagt sie. Aber es ist nicht die Wahrheit. Ich kann nicht sagen, dass ich glaube, sie l�gt. Wie soll ich ihr das sagen?� Haben sie denn in Korea keine Haikus?�, frage ich.�Bestimmt nicht�, sagt sie. Wieso schreibe ich die Haikus ab, ohne den Zeilenumbruch zu beachten?� Das klare Licht �oder� das klare Licht bricht�? Ich k�nnte es rekonstruieren, man k�nnte das hinbekommen. Sie presst sich die Serviette gegen die Lippen. Es ist die gr��tm�gliche Aggression, zu der sie f�hig ist.�Das Klopfen am verschneiten Tor. �Ich muss es auswendig lernen, mir alles merken, solange die Erinnerung noch frisch ist. Ich habe noch immer das Bad nicht geputzt, und ich muss auch die K�che noch aufr�umen. Stattdessen schaue ich aus dem Fenster. Einige wei�gekleidete Arbeiter tragen die in Folie verschwei�ten Fleischst�cke von der Ladefl�che des LKW zu dem benachbarten Lagerhaus. Ich h�re das Warnsignal eines zur�cksetzenden Lastwagens und rei�e die Seite mit den Haikus aus meinem Notizbuch heraus. Ich muss das Flugzeug bekommen. <emphasis>Ja, ja, schrie ich.</emphasis> Das Wohnzimmer habe ich schon geputzt oder zumindest das, was einem sofort ins Auge springt. Ich schalte den Ventilator wieder ein.�Jetzt wollen wir doch mal sehen�, sagt sie, w�hrend sie das gewellte Papier der Speisekarte vor sich ausrollt. In der Wohnung ist es so hei�, dass sich mein ganzes Leben auf einmal in einen einzigen Wassertropfen verwandelt, der in der Luft h�ngt. Er f�llt nicht, er kommt nicht an, er verdunstet noch in der Luft. <emphasis>Das klare Licht.</emphasis> Noch immer stehe ich in Gedanken in der Wohnung, noch immer schaue ich auf die Schwei�r�nder auf der Couch. Oder: <emphasis>Das klare Licht bricht</emphasis>. Ich muss unbedingt diese Haikus auswendig lernen, denke ich die ganze Zeit. Das ist das Wichtigste. Schon wieder f�llt ein Schwei�tropfen herunter. Immerhin lebe ich noch.</p><empty-line/><p>Er ist wie eine Schicht, die sch�tzt und gleichzeitig an einem zehrt. Eine unsichtbare parasit�re H�lle, die aus einem herausw�chst, um sich schon im n�chsten Moment in Luft aufzul�sen. Wie Kleidung, der man nicht traut, oder Kleidung, die sich selbst nicht traut. Eine Schicht, die zur�ckweicht. Etwas, das aus dem K�rper fl�chtet und nicht weit kommt. Etwas, das einen Blick nach drau�en riskiert. Im Spiegel des winzigen Badezimmerschr�nkchens von Michael und Janette sieht es so aus wie eine �lige silberne R�stung, die schwer auf den Schultern liegt. An manchen Tagen schwitze ich einfach so, ohne dass ich es merke, und es scheint keine Rolle zu spielen. Aber schon im n�chsten Moment schwimmt der ganze K�rper davon, und man verliert allen Halt. Ich klappe das Notizbuch wieder zu und gehe in die K�che. Ich lasse das Wasser im Bad laufen, w�hrend ich vor dem Ventilator auf dem Fu�boden knie und das arabisch aussehende Tongef�� zusammenklebe. Als ich den Staub rund um das Tongef�� mit einem kleinen Schw�mmchen zu beseitigen versuche, bricht das Regal in sich zusammen. Es ist eines der vielen unvorhergesehenen Ereignisse, die sich der Hitze und der nervlichen Anspannung verdanken. Ich habe Michael und Janette noch nie in meinem Leben gesehen, ich habe sie noch nicht pers�nlich kennengelernt, aber ihr arabisch aussehendes Tongef�� habe ich schon kaputt gemacht. Den B�chern in den Regalen zufolge besch�ftigen sie sich mit Literaturwissenschaften und Philosophie. Janette macht Video-Installationen, jedenfalls hat mir das Mads Christiansen erz�hlt. Die Wohnung ist so schlicht, dass Judith sie gar nicht zur Kenntnis nimmt.�Wie findest du sie�, frage ich sie.�Sie ist ganz sch�n, oder?�, sagt sie. Etwas Schlimmeres ist aus ihrem Mund kaum vorstellbar. Ganz sch�n? Die Dielen haben langgezogene Risse, in denen sich Staub und Dreck sammeln, die M�bel sind alt und verschlissen, aber die Wohnung gef�llt mir. In der Nachbarschaft gibt es viele kleine Betriebe und Lagerhallen. Flache Geb�ude mit Rolltoren und Backsteinw�nden, die mit Graffiti bemalt sind. Direkt nebenan ist das K�hlhaus einer Fleischverarbeitungsfirma, aber sonst gibt es nicht viel zu sehen. Der interessantere Teil von Williamsburg ist einige Stra�enz�ge entfernt, und Michael und Janette sind die Ersten aus der Kunstszene, die dieses Gebiet erschlossen haben. Lohnt es sich, das Gef�� wieder zu reparieren? Es sind mehr als ein Dutzend Teile. Ich drehe mich nach dem kleinen Plastikwecker um, den ich f�r einen Dollar gekauft habe. Der Plan, am Flughafen einen Kaffee zu trinken und in Ruhe Notizen zu machen, erscheint mir auf einmal unrealistisch. Judith sagt:�In Washington ist es genauso hei�, aber es macht mir nichts aus. �Sie ist vom ersten Moment an m�de und ersch�pft. Vielleicht, weil die Busfahrt so anstrengend gewesen ist und die langwierige Auseinandersetzung, die ihrem Besuch vorausgegangen ist, ihr die Laune verdorben hat. Sie tr�gt keinen Lippenstift. Sie hat noch nicht mal ihren Make-up-Koffer dabei, als ich sie am Busbahnhof abhole.�So ein Mist�, sagt sie.�Ich habe meinen Inhalator vergessen. �F�r einen Moment bricht sie aus dem symphonischen Kosmos ihrer Harmonie aus und ist tats�chlich w�tend.�Mist�, sagt sie.�Wirklich. Schei�e. �Sie bei�t sich auf die Unterlippe. F�r einen Moment scheint es denkbar, sie k�nne sofort nach Washington zur�ckfahren. Warum ich eigentlich nicht kommen will, hat sie einmal gefragt, bei einem unserer n�chtlichen Telefonate, in der ersten Woche, als ich drau�en in der lauen Abendluft vor dem an einer Hauswand angebrachten Telefon in der Grand Street stehe, den Verkehr im R�cken, ihre Stimme im Ohr, und ununterbrochen Geldst�cke in den blauumrandeten Metallschlitz stecke.�Warum kommst du nicht zu mir?�Geldst�ck um Geldst�ck, als w�re es eine Vergn�gungsmaschine, eine Stimmen-Peepshow, w�hrend sie in ihrer kleinen Wohnung in Washington sitzt, im zw�lften Stock eines ehemaligen Hotels, und ihre fellartigen gr�nen Riesenhausschuhe tr�gt, nach denen ich am Ende fast noch mehr Sehnsucht habe als nach ihr selbst. Sogar Baltimore oder die Fahrt nach Paris steht jetzt in der Rangfolge unserer Reisen besser da, wenn man es mit dem Wochenende in New York vergleicht. Ich schaue auf die Couch. Das orangerote Velours der Couch. Die Schwei�tropfen, die nicht trocknen und Flecken hinterlassen. Und wie Judith sich sofort hinlegt, kaum dass wir die Wohnung betreten haben. Es ist nur eine Nacht. Noch dazu auf zwei verschiedenen Betten. Wir laufen durch die Hitze. Aber wir schauen uns nichts an. Wir sind blind f�r die Sehensw�rdigkeiten von New York. Eine Stadt, die sich aus unserer Umklammerung nicht befreien kann und ununterbrochen transpirieren und schwitzen muss. Und ich denke in diesem Moment, dass Judith beim Sex immer so aussieht, als w�rde die Welt untergehen, w�hrend Gabriela mich immer so ansieht, als h�tte sie Grund, w�tend auf mich zu sein, als sei sie ver�rgert, obwohl das ihre Art ist, Lust auszudr�cken. Sie ist einen Kopf kleiner als Judith. Ihr im Vergleich zu Judith fast winziger und sich beim Sex geradezu verschluckender K�rper. Ihr zimtfarbener, anbetungsw�rdiger, verschwenderischer K�rper. Gabriela, deren K�rper strahlt, leuchtet, in meiner Erinnerung in Flammen steht.</p><empty-line/><p>Vielleicht liegt es an der Klimaanlagenluft. Als wir den Busbahnhof betreten, hat sie auf einmal wieder gute Laune. Ich vergesse das Geschenk, das kleine gr�ne SchmuckKreuz, das ich auf dem Hinweg bei der Zwischenlandung in Chicago f�r sie gekauft habe. Ich trage es die ganze Zeit mit mir herum, und am Busbahnhof, am Port Authority Bus Terminal, vergesse ich es auf einmal. Nur wenige Meter von dem Mitarbeiter der Busgesellschaft entfernt, der die Tickets kontrolliert. Sie h�lt den Kopf wieder so hoch. Das ist der Museumsblick. Ein Blick, den ich von den vielen gemeinsamen Ausstellungsbesuchen schon kenne. Ihr Blick ist eine Mischung aus Erhabenheit und Leere. Ihre Handtasche geschultert und die Haare hochgebunden. So steht sie im Museum vor den Bildern. So als wollte sie sich ihnen zur Verf�gung stellen. Als hoffte sie, etwas von der Aura der Bilder w�rde sich auf sie �bertragen. Ich erinnere mich, wie sie bei der Lucien-Freud-Ausstellung, von der ich nicht mehr wei�, wo wir sie gesehen haben, schon den ersten Bildern mit dieser aufrechten, den Kopf gleichsam rahmenden Aura gegen�bertritt. Als wollte sie sagen: Zeigt euch von eurer sch�nsten Seite, dann zeige ich mich auch von meiner sch�nsten Seite. Dabei sind die Gem�lde von Lucien Freud gar nicht sch�n. Ich knie auf dem Boden und lege die Scherben des arabischen Tongef��es zusammen. Was w�rde Judith jetzt sagen? W�rde sie Mitleid mit mir haben? Und dann zeigt sich wieder ihre Pr�sidentengattinnenhaftigkeit, w�hrend wir vor einer dicken nackten Frau stehen und sie die Bemerkung macht:�Wusstest du eigentlich, dass er ein Enkel von Freud ist. Also dem Freud?�Und sie in ihrer typischen somnambulen Leere an mir vorbei auf ein anderes Bild schaut, um meine Reaktion einfach zu ignorieren.�Mir gef�llt, wie die Frau aussieht�, sagt sie.�Die Haut sieht gar nicht so alt aus, wenn man die Augen zusammenkneift.��Ja, wenn man die Augen zusammenkneift�, wiederhole ich, um nicht Gefahr zu laufen, belehrend zu wirken. Dabei kennt sie sich mit Kunst ohnehin viel besser aus als ich. Sie entdeckt st�ndig neue K�nstler und neue Museen und erinnert mich daran, wenn wir uns mal wieder etwas anschauen m�ssen. Sie streicht sich mit ihrer rechten Hand �ber den Nacken, f�hrt mit der abgekauten Spitze ihres Zeigefingernagels �ber ihren entbl��ten Hals. Wie um Himmels willen schafft sie es, so gedankenlos und unvoreingenommen zu sein? Sie schaut auf die Bilder. Auf die wuchernde d�stere Haut der Nackten von Lucien Freud. In der Ausstellung, die wir nicht in Deutschland, aber mit einiger Sicherheit auch nicht in London und schon gar nicht in Washington gesehen haben. Eine Ausstellung, die wir irgendwo gesehen haben, irgendwo auf unserer langen Wanderschaft, die unserem st�ndigen Bed�rfnis geschuldet ist, die Schaupl�tze unserer Beziehung zu verlagern und m�glichst jeden Monat auf einer anderen B�hne aufzutreten. Wie sie schon ins Museum hineingeht. Als begr��e sie ihre G�ste. Trotzdem kann ich nicht anders, als ihren z�rtlichen Hochmut in diesem Moment zu bewundern. Sie selbst w�rde vor Scham err�ten, wenn ich auch nur eine Andeutung machen w�rde. Wenn ich sagen w�rde, sie sei hochm�tig oder, was noch schlimmer w�re, aggressiv. Ist sie aggressiv, wenn sie von der� Haut der alten Frau �spricht, die so aussieht� wie ein Feld�, das gerade eben� gepfl�gt �worden ist? Eine Frucht, die gerade� gepfl�ckt �worden ist? In London? In D�sseldorf? Oder doch in M�nchen? Sie l�chelt. Sie wirft den Kopf zur�ck. Weniger vielleicht, dass sie ihn zur�ckwirft, als dass sie ihn zur�cklegt, etwas in die R�ckenlage geht, um ihren Ausbruch von Lachen abzusichern und zu stabilisieren. Sie lacht, umgeben von diesen schmierigen traurigen Bildern des Enkels von Sigmund Freud. Sie lacht, wie man sagen k�nnte, r�ckw�rts, nach hinten gewandt. In New York sind ihre Lippen blass und hell. Sie hat den Lippenstift nicht nachgezogen, w�hrend wir die langgezogene Bedford Avenue entlanglaufen, um dann doch mit der U-Bahn zum Fulton Park zu fahren. In dem kleinen Park hat man eine wunderbare Aussicht auf Manhatten. Man befindet sich direkt zwischen Brooklynund Manhattan-Bridge, aber wir haben kaum Zeit, uns auf eine der B�nke zu setzen und uns auszuruhen. Kurze Zeit sp�ter muss sie zum Busbahnhof zur�ck. Es ist ungeheuerlich. Sie schaut sich jedes Bild an. Es k�nnen noch so unbedeutende Skizzen sein, sie schaut sie sich an. Im Gegensatz zu ihr m�chte ich die gesamte Ausstellung mit einem Blick erfassen, damit ich wei�, auf was ich mich einzustellen habe. Sie aber schenkt jedem noch so kleinen Kopf, jedem noch so fragmentarischen Portr�t ihre ganze Aufmerksamkeit.�Haben nicht alle Lucien-Freud-Gesichter den gleichen Ausdruck?�, frage ich sie. Sie nickt, den Mund fest geschlossen, ein Ausdruck erotischer Verweigerung. Wenn sie doch nur ein einziges Mal den Kopf schief legen w�rde. Aber sie muss ihre Museums-Haltung wahren.�Ich finde das auch�, sagt sie in ihrer grenzenlosen Kompromissbereitschaft.�Sie sind geheimnisvoll. Ein bisschen mysteri�s. �Sie ger�t in Fahrt, zeigt einen Moment der Leidenschaft.�Ja�, sagt sie,�wir denken immer, wir kennen schon alles. �Sie sagt immer� wir�, wenn sie philosophisch wird.�Wir tun so, als verst�nden wir alles. Aber manchmal verstehen wir uns selbst nicht. Und hier�, sie zeigt auf ein anderes Bild.�Findest du nicht, dass es brutal aussieht?�Ich verstehe nicht, was sie meint.�Oder gef�llt es dir nicht, weil es nicht abstrakt ist?�Weil es nicht abstrakt ist? Sie spitzt die Lippen und legt den Kopf schief, um mich nachzumachen. Tats�chlich liebe ich sie dann am meisten, wenn sie mich nachahmt. Wie ist das zu beurteilen? Was hei�t das? Ich liebe sie, wenn sie mich nachahmt. Wir gehen zu einem anderen Bild, in einer Ecke, wo ich noch nicht gewesen bin. Sie will mir etwas zeigen. M�chte sie mir ein Bild zeigen, in dem wir uns wiederfinden k�nnen? Ich kann mich an kein einziges Lucien-Freud-Bild erinnern. Ich sehe immer nur sie. Wie sie die Bilder anschaut und wie sie immer sagt:�Was wir denken. Was wir wissen � Als w�rden wir das alles verstehen.�</p></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><p>Zu diesem Zeitpunkt bleibt uns noch eine halbe Stunde. Das Geschenk ist in meiner MRI-Konferenz-Tasche, die eigentlich Mads Christiansen geh�rt und die ich die ganze Zeit mit mir herumtrage. Die Aufschrift ist schon etwas verblasst. Mental Research Institute. Mads Christiansen hat drei Jahre dort studiert. Zusammen mit dem Reisef�hrer und meinem Notizbuch trage ich noch eine d�nne Wolljacke in der Tasche, falls es in den klimatisierten R�umen zu kalt wird. Aber den ganzen Tag haben wir keine klimatisierten R�ume erreicht. Die Bank im Fulton Park liegt immerhin im Schatten. Vielleicht ist das Ausdruck meines gest�rten Verh�ltnisses zu meinem Beruf, dass ich es nicht schaffe, mit ihr zusammen zu sein und unsere bedrohliche Sprachlosigkeit zu durchbrechen. Im Kontakt zu meinen Klienten ist mein Schweigen kraftvoll, im Beisein von Judith ist es tats�chlich nur Stille und Sprachlosigkeit. Und dass ich dann denke, wir k�nnten sie spazierengehenderweise �berwinden. Bei der Besichtigung der auch f�r Judith noch unbekannten und geheimnisvollen Stadtteile Williamsburg und Brooklyn Heights.�Es ist doch gut, wenn wir hierbleiben�, sagt sie, als wir in einem Caf� in der Bedford Avenue sitzen und fr�hst�cken.�Wir m�ssen nicht alles anschauen, nur weil wir es uns vorgenommen haben. �Das ist ihr besonderes Talent. Ihre Anpassungsf�higkeit, von der ich aber glaube, sie wendet sie nur auf mich an, w�hrend ihr eigenes Leben einem genau festgelegten Plan folgt. Und dann bin ich ihr auch noch behilflich, die U-Bahn-Station zu finden, als l�ge es in meinem Interesse, dass sie die Stadt so schnell wie m�glich verl�sst. Sie hustet und bleibt stehen. Nicht weit vom j�dischen Viertel, in der N�he der Division Street.�Wusstest du eigentlich, dass ich j�dische Vorfahren habe?�, �berlege ich zu sagen, aber ich f�rchte, sie w�rde die sich anschlie�ende Geschichte nicht h�ren wollen und nur matt und uninspiriert� ja?�fragen. Es ist alles nicht richtig vorbereitet. Es ist ein Spaziergang, den ich selbst ein paar Tage zuvor gemacht habe, aber zu einer Tageszeit, als es noch angenehm k�hl ist. Sie will nicht nach New York, sie will lieber in Washington bleiben.�Du kannst doch auch kommen�, sagt sie am Telefon, als ich sie einmal in der Mittagspause in Washington anrufe. Abends arbeitet sie im Afterwords-Caf� neben der Buchhandlung Kramer, in der N�he des Dupont-Circles. Ihre Freundin Kyra kennt den Besitzer und hat ihr den Job besorgt. Manchmal geht sie, wenn sie mit der Arbeit im Robert-Kennedy-Institut fertig ist, direkt r�ber ins Caf�. Sie tr�gt diese dunkelblaue Sch�rze mit einer Gedichtzeile aus <emphasis>Howl</emphasis>, weil die Gesch�ftsleitung ihren G�sten den Eindruck vermitteln will, auch die Leute, die im Afterwords-Caf� arbeiten, lieben die Literatur. Als ich sie das erste Mal in Washington besuche, muss ich dort eine Stunde auf sie warten und zuschauen, wie sie in dem halbleeren Caf� die Tische sauberwischt. Am Ende ist es doch Wut und keine Trauer, dass sie kaum noch etwas sagt. Sie will spazieren gehen, nicht laufen. Soll ich sie bewundern? Daf�r, dass sie in einem halbleeren Caf� die Tische sauberwischt? Wieder einmal frage ich mich, ob man an einem Asthma-Anfall so ohne weiteres sterben kann. Ihre Gesichtsz�ge verzerren sich. Ihre ganze Wut oder ihre Trauer ist in diesem Moment in ihre verstopften, verklebten Lungenfl�gel hineingeflohen. Noch in der Schlange vor dem Port Authority Bus Terminal, kurz bevor wir uns verabschieden, �berlege ich, ob ich ihr nicht doch von unserer Katze erz�hlen soll, obwohl ich sie eigentlich damit verschonen wollte.�Ich vermisse sie so sehr�, sagt sie am Telefon, aber in New York hat sie nicht ein einziges Mal nach ihr gefragt. Wut oder Trauer. Diese beiden Gef�hle sind bei ihr schwer auseinanderzuhalten. Ihre Trauer sickert in ihre Lungen hinein. Die Schwingungsfrequenz ihrer Lunge nimmt die Frequenz ihrer Trauer an, die in Wirklichkeit vielleicht Wut ist. Ihre Trauer, unsere Trauer oder meine Trauer verlangsamt sich, die Schwingungsfrequenz verlangsamt sich, und die Trauer senkt sich in ihre Lunge hinein, beinahe schon am Ende der Bedford Avenue, als wir entscheiden, doch die U-Bahn zu nehmen. In diesem Moment ist es zu sp�t. Sie atmet kaum noch, sie schaut mich mit einem verzerrten Gesichtsausdruck an. Das ist unsere gescheiterte Trauerarbeit.�Wollen wir die U-Bahn nehmen?�, frage ich. Es ist ein gro�er Umweg, und wir gewinnen kaum Zeit. Sie sagt nichts. Sie schaut mich nur an.�Sollen wir?�, frage ich. Die Trauer ist in ihr angekommen, versteckt sich in ihr, oder sollte ich nicht besser sagen: Entzieht uns das letzte bisschen Atemluft, das letzte bisschen Freiheit, das wir noch haben.�Ich kenne da einen kleinen Park, direkt am Wasser. Da kannst du die beiden Br�cken sehen. Willst du da hin? Wir fahren mit der U-Bahn. �Ich sehe mich nach einem Taxi um, obwohl ich sie vorher noch dar�ber belehrt habe, wie teuer Taxifahren hier ist.�Es ist ein sch�ner Park, er wird dir bestimmt gefallen � Aber wir k�nnen nat�rlich auch zu Fu� gehen. �Als w�rde ich mich hier auskennen, als h�tte ich irgendeine Ahnung von New York. Nach zehn Tagen, w�hrend derer ich sie t�glich angerufen habe, um unseren sinnlosen Machtkampf zu gewinnen.</p><empty-line/><p>�Aber warum kommst du nicht�, fragt sie, mitten in der Nacht. Eine schwarze Plastikt�te flattert im Wind mit stolzgeschwellter Brust �ber die Grand Street. Die T�ten in New York sind d�nn und schwarz. Sie steigt auf und versucht �ber die Stra�e zu schweben. Wenn ich abends die Zeitung kaufe und in der hoffnungslos �berf�llten K�hltruhe in dem Liquor Store an der Ecke noch nach einer Dose Chunky Monkey-Eis suche, tue ich immer so, als sei der Kauf des Eises ein spontaner Einfall. Der Verk�ufer, dessen Oberk�rper hinter einem mit S��igkeiten, Zigaretten und Kaugummis gef�llten Plastikkasten versteckt ist, h�lt mir die ge�ffnete T�te immer schon hin, w�hrend ich den Eindruck zu erwecken versuche, als m�sste ich noch nachdenken. Eine Dose Chunky Monkey-Eis und die New York Times. Das sind meine Abende, nachdem Judith zur�ck nach Washington gefahren ist. Abende, die ich mit Informationen f�lle, die kurz davor stehen, ihre Aktualit�t zu verlieren, w�hrend das Eis so schnell schmilzt, dass ich nie den Boden der Dose erreiche, bevor das Eis schon fl�ssig geworden ist. Ich wei� keine Antwort, au�er dass ich die Oberhand behalten will und dass ich am liebsten sagen w�rde:�Es ist mein New York. Es ist das New York, das ich dir zeigen will. �Sie atmet schwer. Sie beugt sich vor, st�tzt sich auf ihren Oberschenkeln ab.�Die U-Bahn ist klimatisiert.��Ich wei߫, sagt sie. Sie richtet sich auf.�Hast du Lust auf den Park?�, frage ich. Sie schaut mich an. Ich denke auf einmal an das Vampirgebiss. Das Vampirgebiss auf dem Flughafen in M�nchen, an dem Tag, als sie zum ersten Mal nach Washington geflogen ist. Es f�llt mir einfach so ein, vielleicht weil ihre Lippen so trocken und br�chig sind. Das Vampirgebiss. Sie hat es ganz pl�tzlich im Mund. Ihre Z�hne, die sie jeden Tag mit so gro�er Sorgfalt pflegt, sind unter dem Plastik auf einmal verschwunden.�Sollen wir?�, frage ich. Sie nickt, sie kriegt wieder Luft. Auf einmal will sie unbedingt Kaffee trinken. Aber diese Verz�gerung habe ich nicht eingeplant. Es erscheint mir unm�glich, auf den Ausflug in den Fulton Park zu verzichten und stattdessen Kaffee trinken zu gehen. Sie denkt nur noch in kleinen Schritten. Wie Kinder, die nur daran denken, wie sie sich noch mehr mit S��igkeiten vollstopfen k�nnen. Eine Stadt mit freiem Oberk�rper. Gest�hlt und freigiebig vor sich hinschwitzend, w�hrend es in den Innenr�umen immer k�hl und angenehm bleibt. Die Hitze verausgabt sich, dehnt sich bis in alle Winkel, sehnt sich nach Verfl�ssigung und Aufl�sung. Wir gehen weiter. Weiter zur U-Bahn, weiter in der Schlange vor dem Port Authority Bus Terminal. Zwei, drei Reisende vor uns. Zwei oder drei Minuten. Minuten, die ein ganzes Leben ver�ndern k�nnen. Und man k�nnte sagen: Je h�ufiger wir uns voneinander verabschieden, desto besser werden wir darin. <emphasis>Je �fter wir uns trennen, desto gr��er wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns wiedersehen.</emphasis></p><empty-line/><p>Das Vampirgebiss besteht aus abwaschbaren Plastikz�hnen, die so miteinander verbunden sind, dass die einzelnen Z�hne, au�er den beiden Eckz�hnen, gar nicht richtig zu erkennen sind. Ich bekomme es nie in seinem ganzen Ausma� zu Gesicht. Ich sehe es nur als Teil ihrer Z�hne, als pl�tzliche Erweiterung, als Wuchern. Was genau mache ich eigentlich in New York? Will ich sie dazu �berreden, schon vor der Beendigung ihres Praktikums zur�ckzukommen, nur weil ich mich in M�nchen ohne sie langweile? Wie sie in ihrem Bademantel morgens im Wohnzimmer sitzt und Kaffee trinkt. Ungeschminkt, in einem Zustand der Verpuppung, in unber�hrbarer Entfernung von sich selbst und von mir. Ich bleibe morgens manchmal eine Stunde l�nger im Bett, in der Hoffnung, sie k�nne sich in der Zwischenzeit schon in ihre von der Kosmetikindustrie versch�nte Alltagserscheinung verwandelt haben, als die ich sie tags�ber und abends verehre. In diesem gr�nen, flauschigen Bademantel, den ich morgens fast lieber ber�hre als sie selbst. Sie h�lt einen kleinen Bleistiftstummel in der Hand und macht ihre windhauchartigen Anstreichungen in ihren B�chern, die sie samt und sonders wieder ausradiert, wenn sie die B�cher zur�ckgibt.�Wieso soll ich nach Washington kommen, wo du doch selbst gesagt hast, du w�rdest New York im Grunde gar nicht kennen?�, sage ich am Telefon. Ich erw�hne den Vortrag von Mads Christiansen nicht. Ich spiele diesen Trumpf gar nicht aus. Sein Buch ist jetzt ins Englische �bersetzt worden und auch in den USA erschienen. Der Kongress ist lediglich eine Ausrede, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich w�re allein wegen ihr gekommen.�Vielleicht h�nge ich noch eine Woche dran�, sage ich, als st�nde der Zeitpunkt meines Abflugs nicht schon l�ngst fest. Neurobiologische Erkenntnisse, die f�r das h�here Management zum Verst�ndnis der Mitarbeiter von Bedeutung sein k�nnen.�Sie h�tte dich auch gerne gesehen�, sage ich zu Mads Christiansen.�Aber sie hat zu viel zu tun. �Ein Faustpfand in unserem Machtkampf, in dem es nur um eins geht: New York oder Washington. Meine Stadt oder ihre Stadt. Tats�chlich habe ich mich der Illusion hingegeben, Judith w�rde Mads Christiansen wiedersehen wollen, den sie noch von seinen Besuchen in M�nchen kennt. Am Ende, aber das ist nur ein Verdacht, mag sie ihn vor allem deswegen, weil er schwul ist und weil sie die Phantasie durchspielen kann, es k�nne ihr fr�her oder sp�ter gelingen, ihn auch in erotischer und nicht nur emotionaler Hinsicht f�r sich zu gewinnen. Als er einmal bei uns zu Besuch ist, macht er ihr, w�hrend sie im Morgenmantel am Fr�hst�ckstisch sitzt, ein Kompliment. Sie sagt:�Es tut mir leid, aber ich bin noch gar nicht richtig angezogen und geschminkt. �Und w�hrend ich� macht nichts �gesagt h�tte, sagt Mads Christiansen einfach:�Du bist doch so noch viel sch�ner. Du siehst doch so noch viel besser aus. �Sie legt ihr Buch umgedreht auf den Tisch, sodass die S�tze von Pruniers <emphasis>Darfur. Der uneindeutige Genozid</emphasis> kopf�ber auf unserem 3500�Euro teuren Glastisch liegen. Das Licht der Designerlampe mit den schwarzen Holzlamellen f�llt auf ihr Gesicht. Sie strahlt ihn an. Ganz verr�ckt nach mehr, nach mehr morgendlichen Verf�hrungskunstst�cken.�Du bist so noch viel sch�ner. �Das Buch liegt noch Tage sp�ter aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch. Mir schaudert bei der Erinnerung daran, selbst in Gedanken schrecke ich noch davor zur�ck.</p><empty-line/><p>H�tten wir uns vielleicht ein anderes Wochenende aussuchen sollen? Jetzt, kurz vor meinem Abflug, habe ich den Ventilator wieder ausgestellt, da ich Angst habe, die Bruchst�cke des Tongef��es werden in alle Winkel der Wohnung verteilt. Ich packe das gr�ne Plastikkreuz ein und auch den Inhalator, den ich aus M�nchen mitgebracht habe.�Es sind zwei Wochen�, sage ich zu Lambert.�Sobald ich zur�ckkomme, machen wir einen Termin. �Ich sp�re, wie das Gef�hl der Kr�nkung und Zur�ckweisung von ihm Besitz ergreift und immer mehr Raum in ihm einnimmt. Er will unbedingt wissen, wo ich hinfahre.�Und warum k�nnen Sie mir das nicht sagen? Ist Ihnen das zu intim?�Es ist kurz bevor die Stunde auf so dramatische Weise eskaliert.�Sie vertrauen mir nicht. Glauben Sie denn, dass ich Ihnen hinterherfahre?�Judith h�lt sich am Haltegriff in der U-Bahn fest und l�sst ihren Blick �ber die Gesichter der Mitreisenden wandern.�Schneller, schneller�, sagt ihr Blick, aber dann l�chelt sie mich wieder an. Sie hat �berhaupt keine Ahnung, keine Idee, wie sch�n sie ist. Sie h�lt sich am Griff fest, in der U-Bahn, auf dem Weg zum Busbahnhof, schwankt leicht hin und her und schaut auf den Kopf eines �lteren Mannes, der die Augen geschlossen hat.�Komm doch einfach her�, sagt sie am Telefon.�Wir k�nnen das Wochenende doch auch in Washington verbringen. �Ich lasse mich nicht darauf ein. Ich stehe vor der Telefonzelle, das Summen des Verkehrs, den warmen n�chtlichen Wind, die ganze Stadt im R�cken, und sch�ttele den Kopf. Es ist nur ein Wochenende. Es ist nicht der Rede wert, aber es geht schief. Und ich frage mich, was eigentlich genau passiert, was genau schiefgelaufen ist. Was ist in New York passiert, frage ich mich, w�hrend ich am Fenster der Wohnung in Williamsburg stehe und in das feuchtdunkle Grau des Himmels hineinschaue.</p></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><p>Sie m�chte alles kontrollieren, das Leben, ihre Gef�hle. Sie m�chte nichts dem Zufall �berlassen. Es ist weniger ein Spaziergang als eine Bew�hrungsprobe. John F.�Kennedy konnte keinen einzigen �ffentlichen Auftritt ohne Schmerzmittel durchstehen, erkl�rt sie mir auf dem Spaziergang. Es hat ihr jemand bei der Arbeit erz�hlt. Seine Beine waren immerzu bandagiert, er trug orthop�dische Schuhe und hatte st�ndig Durchfall, Prostata-Beschwerden und Harnweginfekte.�Findest du, dass er ein sch�ner Mann ist�, frage ich sie, w�hrend wir an der Divisionstreet vorbeigehen und die Gelegenheit verpassen, das j�dische Viertel anzuschauen. Dort, wo ich mit ihr eine Zeitreise machen, wo ich mit ihr in eine andere Welt eintauchen will, um vor einem Gesch�ft stehen zu bleiben, in dem man Nylons kaufen kann, die wie St�tzstrumpfhosen aussehen und in denen Gardinen h�ngen, die seit zwanzig Jahren nicht mehr bewegt worden sind. Zwei Stra�enz�ge entfernt. Zur�ck in die 50er oder was davon �brig geblieben ist, aber wir gehen daran vorbei.�Gef�llt er dir?�, frage ich.�Er ist tot�, sagt sie und m�chte �ber ein anderes Thema sprechen. Ich st�tze mich auf der Couch ab. Es ist alles fertig gepackt. Ich habe ihr den Inhalator aus M�nchen mitgebracht, aber wir sind schon auf der Stra�e, auf dem Weg zur Bedfort Avenue, als es mir einf�llt, und ich f�hle mich nicht in der Lage, die zwei Stockwerke durch das enge stickige Treppenhaus zur�ckzulaufen und ihn zu holen. Ich r�ume die Wohnung auf, die Warnsignale der zur�cksetzenden Lastwagen im Ohr, die neue Lieferungen bringen. Die Arbeiter tragen die Fleischst�cke zum K�hlhaus, das man vom Fenster aus nicht sehen kann. <emphasis>Sie hat keine Ahnung, wie sie aussieht. Sie hat nicht die geringste Idee.</emphasis> Es ist das Aufregende bei unseren Museumsbesuchen, dass ich sie nicht anfassen kann. Es ist ein Ort, an dem sogar die Blicke kontrolliert werden. Sie hat sich das Haar hochgebunden und stolziert an den Bildern vorbei, und ich schaue immer nur auf ihren Nacken, w�hrend sie, im Bewusstsein, dass ich sie ber�hren m�chte, die Bilder anschaut. Ich habe das Gef�hl, als w�re sie immer dabei, selbst auf der Schifffahrt, die ich mit Mads Christiansen mache. Immer l�uft sie in Gedanken neben mir her, und ich muss sie manchmal gewaltsam von meinen eigenen Erinnerungen abtrennen, von den Erlebnissen, die ich ohne sie gehabt habe.�Kannst du dich noch erinnern, wie wir am Hudson River entlanggelaufen sind�, k�nnte ich sie fragen. Nat�rlich kann sie sich daran nicht erinnern. Am Hudson River bin ich mit Mads Christiansen gewesen. Der Spaziergang mit ihr endet am Port Authority Bus Terminal. Mit Mads Christiansen jogge ich am Hudson River entlang, und bis zuletzt bin ich fest entschlossen, dass ich das Schiff nicht betrete und stattdessen zur�ck nach Williamsburg fahre, um Judith anzurufen. Noch bei den Aufw�rm�bungen, bei der dritten oder vierten Kniebeuge, schon allein aus Ver�rgerung �ber Mads Christiansens absurdes Trainingsprogramm, geht mir der Satz durch den Kopf:�Nat�rlich kann ich nach Washington kommen. Du hast ja recht. Es ist totaler Quatsch. Ich wei� gar nicht, warum ich nicht gleich darauf gekommen bin.�</p><empty-line/><p>Wir sind schon eine Stunde auf dem Schiff, als es endlich ablegt. Auf dem riesigen Werbeplakat, das an Schn�ren quer �ber das halbe Schiff gespannt ist, steht in Gro�buchstaben:�Gay-Sunday-Tea-Dance�. Die Stimmung ist angenehm, alle sind freundlich. Es macht mir nichts aus, dass ich niemanden kenne. Mads Christiansen stellt mich jedem als erfolgreichen Familientherapeuten aus Deutschland vor.�Nein�, sage ich jedes Mal auf Englisch.�Ich selbst habe keine Familie�, und alle lachen, weil sie nat�rlich denken, dass ich auch schwul bin. Auf einem Tisch liegen Flyer und Prospekte der Filmproduktionsfirma, die den Abend veranstaltet. Es geht um eine Pornofilmproduktion, die Wicked Pictures hei�t. Ich denke jetzt, dass das der gr��te Fehler meiner New York-Reise gewesen ist. Die Idee, mit Mads Christiansen und seinen schwulen New Yorker Freunden eine Dampferfahrt auf dem Hudson River zu machen, anstatt mit Judith in einem mexikanischen Restaurant in Washington zu sitzen und Burritos zu essen. Als ich am Buffet stehe, spricht mich ein Freund von Mads Christiansen an, den ich in meiner Erinnerung immer nur den Schnauzb�rtigen nenne. Er ist ein hagerer, asketischer Mann mit einem schmalen Schn�uzer und arbeitet als Investment-Banker in Manhattan. Mads Christiansen hat ihn mir vorgestellt, aber ich habe seinen Namen vergessen. Sein Gesichtsausdruck ist wohlwollend, aber auch sp�ttisch. Ich frage mich, was er von mir will. Wollen hier alle etwas voneinander? Oder ist es nur Konversation?� Do you like porn?�, fragt er mich sp�ter auf dem Oberdeck, als die Pr�sentation von Wicked Pictures beginnt und wir uns wiedersehen, nachdem ich zuvor vor ihm geflohen bin und mich mitsamt meinem mit H�hnchenbeinen und Nudelsalat vollgeschaufelten Teller auf der Toilette versteckt habe.�Do you like porn?�Mein Eindruck ist, dass Mads Christiansen mich nur deswegen zu der Schiffstour mitnimmt, weil er mir vorf�hren will, wie beliebt er ist. Wenn er ein neues Buch schreibt, schlie�t er sich immer mehrere Wochen ein und unterwirft sein Leben einer martialischen Disziplin. Seinen Schlaf-Rhythmus �ndert er so, dass er alle drei Stunden eine halbe Stunde schl�ft, um danach wieder drei Stunden arbeiten zu k�nnen. Bei diesem Rhythmus hat er sich angeblich von einem Weltumsegler inspirieren lassen, der sich nat�rlich keine l�ngeren Schlafpausen erlauben kann. Aber in Wirklichkeit ist dieses Programm, wie ich zuf�llig wei�, eine exakte Kopie der grausamen und familienverachtenden Arbeitswut seines Vaters, der sich mit f�nfundvierzig Jahren das Leben genommen hat, weil sein Kopenhagener Unternehmen, das Schaltkreise produziert hat, pl�tzlich pleitegegangen ist.�Es ist wie auf hoher See�, sagt Mads Christiansen zu dem Schnauzb�rtigen, der die ganze Zeit um ihn herumscharwenzelt.�Es ist eine Frage der inneren Haltung, aber auch eine Frage der Leidenschaft. �Der Schnauzb�rtige grinst mich an. Ich fl�chte mich auf die Toilette. Ich wasche mir die H�nde unter einem mickrigen lauwarmen Wasserstrahl und halte sie so lange unter den Trockner, bis ich mir sicher sein kann, dass er nicht mehr da ist.</p><empty-line/><p>Immer neue G�ste kommen, immer mehr Freunde von Mads Christiansen und schlie�lich auch sein Co-Autor, dessen Texte Mads Christiansen immer so lange �berarbeitet, bis sie klingen wie seine eigenen. Er tr�gt einen schwarzen Anzug und ein Barett und f�llt damit v�llig aus der Rolle. Ich habe das Gef�hl, alle sind in st�ndiger Bewegung, um sich miteinander bekannt zu machen, obwohl es dann doch so scheint, als w�rde jeder jeden kennen. Das Schiff besteht aus zwei Etagen. Einem unter Deck gelegenen Raum mit Bullaugen und dem mit einer Plane zum Himmel hin abgeschlossenen Oberdeck, auf dem der gr��te Teil der Veranstaltung stattfindet. Zwei Treppen verbinden die R�ume miteinander, und es gibt ein kleines Zwischendeck, auf dem man unter freiem Himmel steht und die beste Sicht hat. Wir umkreisen die Freiheitsstatue, und auf dem Zwischendeck dr�ngen sich die G�ste mit vollen Papptellern, um das zu sehen, was sie schon kennen. Das Buffet ist von gro�z�giger Lieblosigkeit. Unglaubliche Mengen von H�hnchenschenkeln, gebackenen Kartoffeln und Berge von Nudelsalat lassen sich miteinander kombinieren. Ich brauche eine halbe Stunde, bis ich endlich nach oben gehe, wo, wie Mads Christiansen sagt,�die Musik spielt�. Mads Christiansen hat die F�higkeit, alles auszublenden, was ihn nicht weiterbringt. Selbst die Tatsache, dass er nichts von Beziehungen versteht und sich dar�ber eigentlich kein Urteil erlauben kann.�Du kannst doch nicht hingehen und an ihrer Promotion herumfummeln�, sagt er einmal, als wir bei seinem Besuch in M�nchen am Abend noch im Caf� sitzen und ich ihm erz�hle, ich h�tte ein paar Kapitel von Judiths Arbeit gelesen. Mads Christiansen behauptet, dass man in Beziehungen hundertprozentig loyal sein m�sse und dass er genau deswegen auch keine habe.�Du schreibst, es seien Halbnomaden, aber du definierst das �berhaupt nicht�, sage ich zu ihr. Ich mache Vorschl�ge, wie man die Gliederung �ndern k�nnte. Sie behauptet, sie habe das alles im Kopf.��Die moralische Geografie Darfurs�, das finde ich sch�n, aber ich glaube, es ist ein Zitat, und dann musst du � �Sie schaut mich w�tend an. Oder: Sie schaut mich so an, dass ich nicht anders kann, als zu denken, sie sei vielleicht w�tend.�Was meinst du mit moralischer Geografie, was ist daran moralisch?�Ich verstehe nicht das Geringste von Darfur. Ich wei� nicht mal, wo es liegt. Ich lege die �berreste des arabischen Tongef��es wieder ins Regal, schreibe eine Nachricht an Michael und Janette und lege zwanzig Dollar auf den Tisch. Ich habe vielleicht noch eine halbe Stunde.�Ich w�rde �transhuman� oder �Halbnomade�, ich w�rde das definieren. Das kannst du in einer Fu�note machen�, sagte ich zu ihr. Ich verbringe einen ganzen Sonntag auf einem Schiff mit schwulen M�nnern, die darauf warten, dass eine Pornofilm-Produktion ihre Darsteller pr�sentiert. Hat es mit meiner Kritik zu tun, dass sie das Thema kurze Zeit sp�ter aufgibt? Beendet sie deswegen ihre Karriere als Ethnologin und f�ngt ein Praktikum bei der Robert Kennedy Stiftung an? Ich gehe mehrmals zum Buffet, um dem Gespr�ch mit Mads Christiansen auszuweichen. Ich frage mich, ob ich mich auff�llig verhalte, in der Art, wie ich esse, wie ich das Fleisch mit der Plastikgabel von dem Knochen abzuschaben versuche. Neben mir stehen zwei M�nner, die mit ihren Hosentr�gern �ber ihren T-Shirts wie ersch�pfte Kom�dianten aussehen und ihre Zweisamkeit so sehr zelebrieren, dass ich wegschauen muss. Die abgenagten H�hnchenschenkel auf meinem Teller sehen wie ein Kruzifix aus, und ich �berlege, wie ich den Teller wieder loswerden kann und ob ich ihn nicht einfach ins Meer werfen soll. Judith wirft auf Reisen ihren M�ll nicht einfach so weg. Ich erinnere mich, wie wir einmal eine Cola-Dose von einer sizilianischen Insel bis nach M�nchen transportiert haben, nur damit sie sie am Morgen nach unserer Ankunft in unsere gelbe Wertstofftonne werfen kann. Und nat�rlich sp�lt sie die Cola-Dose noch auf der Insel gr�ndlich aus. Als k�nnte sie schlecht riechen. Wie k�nnte ich da einen fettigen Pappteller mit einem H�hnchenkruzifix einfach ins Meer werfen? Aber es gibt keinen M�lleimer, alle halten die Pappteller in ihren H�nden und schauen auf die Freiheitsstatue.�Sie wartet doch auf dich�, sagt Mads Christiansen. Seine fast l�sterne Art, sich in mein Beziehungsleben einzumischen. Ich schaue auf den Pappteller, auf dem die H�hnchenschenkel wieder verrutscht sind und das� Kreuz �auseinanderzufallen droht. Soll ich ihn die ganze Zeit mit mir herumtragen?� Das Meteoritengestein ist vergl�ht�, hei�t es in Mads Christiansens Buch �ber Evolutionsmanagement,�aber durch den Einschlag hat sich das vorhandene Gestein in der Umgebung so ver�ndert, dass man noch immer Spuren finden kann. Wie geht man mit Einflussfaktoren um, die nicht planbar sind. Wie bereitet man sein Unternehmen darauf vor?�, lautet die� Transferfrage�. Das Buch steht in meiner Praxis, aber ich habe kaum darin gelesen, obwohl ich ihm gegen�ber immer so tue, als w�rde ich es genau kennen. Ich kann schlie�lich nichts anderes machen, als den Teller in einem unbeobachteten Moment zur Seite zu kippen und ganz unauff�llig ins Wasser fallen zu lassen. Der Aufprall ist lautlos, der Teller treibt ab, und ich fange den versonnenen Blick eines gebr�unten Sch�nlings auf, der sich am Gel�nder der nach oben f�hrenden Treppe festh�lt. Wehm�tig schaut er dem Teller hinterher. Ich grinse ihn an, entschlossen, nicht das Geringste zu meiner Entschuldigung vorzubringen, aber in diesem Moment merke ich auf einmal, wie sehr mich der Anblick des davontreibenden Tellers aus dem Gleichgewicht bringt. Ein Teller, den Judith zweifellos nicht im Stich gelassen h�tte. Er treibt davon, langsamer, als ich es gehofft habe. Pl�tzlich ist die gesamte Gruppe der an der Reling stehenden G�ste auf ihn aufmerksam geworden. Aber der blonde Sch�nling verr�t mich nicht. Sein Blick ist von einer gewissen Traurigkeit. Er ignoriert mich, den Blick fest auf den Teller gerichtet, der als wei�er, strahlender Kreisel im brackigen Grau des Wassers au�er Sicht ger�t. Ich denke noch eine ganze Weile, und ich denke es ohne die geringste Ironie, ohne den geringsten Sinn f�r die Komik, die in dieser ganzen Episode liegt:�Wie um Gottes willen konnte ich ihr das antun?�Und ich schreibe es sogar sp�ter in mein Notizbuch: <emphasis>Wie konnte ich ihr das blo� antun. Wie um Himmels willen?</emphasis> Der schneewei�e immer kleiner werdende Pappteller, der immerhin, ein schwacher Trost, jetzt Richtung Manhattan treibt, wo irgendjemand, der Judiths Seele wirklich gewogen und ihr ein wirklicher Begleiter und Liebender ist, am Ufer steht und den Teller aus dem Wasser zieht, ihn reinigt und seiner Bestimmung zuf�hrt. Ich verliere ihn immer mehr aus den Augen. Und je l�nger ich hinschaue, desto mehr scheint es mir, er k�nnte auseinanderfallen, in zwei ungleiche H�lften, und er w�rde eine gro�e Leere hinterlassen.</p><empty-line/><p>Das Schiff bewegt sich schwerf�llig, ein f�lliger Bauch �ber glattgezogenen schwarzen Wellen. Ein dunkles Bett, auf dem sich das Mondlicht hebt und senkt. Das Suchen und Flanieren l�sst langsam nach. Jeder hat jetzt jeden gesehen, und in der aufkommenden Dunkelheit kann man ohnehin nicht mehr viel erkennen. Mads Christiansen schaut zu den drei Darstellern, die auf einem Podest stehend ihre sp�rlich bekleideten K�rper vorf�hren. Er legt seine Stirn in Falten, soweit Mads Christiansen seine Stirn in Falten legen kann. Wir stehen unter der Plastikplane, die das Oberdeck �berspannt.�Wei�t du was?�, fragt er, und er muss schon etwas lauter sprechen, um das Intro eines alten Pet-Shop-Boys-Klassikers zu �bert�nen.�Sie ist eine phantastische Frau. Mal unter uns. Ich w�rde keine Sekunde z�gern und wenn es sein m�sste, ich w�rde nach Washington schwimmen. �Einer der Darsteller, die auf dem Podest jetzt langsam auf und ab gehen, schaut in diesem Moment zu uns her�ber, oder ich bilde mir das jedenfalls ein.�Ja, nat�rlich�, sage ich, schreie ich, w�hrend Mads Christiansen sich halb den Tanzenden zuwendet.�Das wei� ich doch. �Was will er mir denn damit sagen? Was m�chte er mir damit zu verstehen geben? Soll ich nach Washington schwimmen? Er macht ein paar Bewegungen, dreht sich und wippt etwas nach vorn, und schon im n�chsten Moment ist er in einer Woge aus tanzenden Zuschauern verschwunden. Ich versuche ihm zu folgen, in die ineinander verschlungenen durchtrainierten K�rper der Tanzenden hinein. Er hat sein schwarzes Seidenhemd ausgezogen und ist in seinem hautengen Unterhemd kaum noch von den anderen zu unterscheiden. Auch die Darsteller auf dem Podest fangen zu tanzen an. Bis ins kleinste Detail ihrer aufreizenden Fetischkleidung �hneln sie ihren Abbildern auf den Flyern, die �berall herumliegen und die wiederum identisch mit ihren Autogrammkarten sind, die sp�ter unter Deck verteilt werden. Einer von ihnen, der zu uns her�bergeschaut hat, hebt die Arme und klatscht rhythmisch zur Musik. Er hei�t Manuel Torres. Ich habe sein Foto schon gesehen. Er tr�gt eine Schirmkappe aus Leder, die er aber in diesem Moment absetzt und vor sein Geschlechtsteil h�lt. Mit seinen schweren Military-Stiefeln macht er einen kleinen Ausfallschritt, w�hrend sein Nachbar, ein schlanker jungenhafter Schwarzer, die Arme �ber den Kopf h�lt und seine Lippen zu einem �bertriebenen Kussmund formt. Einige aus dem Publikum applaudieren, aber die meisten schauen gar nicht hin und sind mit sich selbst besch�ftigt. Alle sehen so aus, als w�rden sie Tag und Nacht Sport treiben und sich ausschlie�lich mit der Perfektionierung ihres Aussehens besch�ftigen. Ihre K�rper sehen wie Dienstboten aus. Dienstleistungsk�rper, in die sie hineingekrochen sind, wie in eine transzendentale Uniform. Pl�tzlich scheinen Blitzlichter auf. Manuel Torres verschwindet aus meinem Blickfeld und wird von hellen magnesiumfarbenen Lichterflammen eingeh�llt. Ich schaue mich nach Mads Christiansen um. Er ist nicht da, er ist nirgendwo. W�re ich doch an Land geblieben. Es ist so hei�, dass ich kaum atmen kann.</p><empty-line/><p>Ich versuche, mich zur Reling durchzuk�mpfen. Die M�nner tanzen immer ekstatischer, w�hrend das Schiff immer langsamer wird. Mehrmals habe ich den Eindruck, das Schiff bleibt stehen und f�hrt gar nicht mehr weiter. Ich zw�nge mich zwischen den Tanzenden hindurch auf die andere Seite. Judith setzt sich das Vampirgebiss in den Mund. Ich werde nie erfahren, wie sie es geschafft hat, es sich zwischen die Lippen zu schieben, ohne dass ich davon auch nur das Geringste bemerke. Hat sie das Gebiss in der Tasche versteckt oder in einem unbeobachteten Moment in einer Geschenkboutique im Flughafen gekauft? Ich kann Mads Christiansen nirgendwo sehen. Das ist das Prinzip. Wir nehmen Abschied, wenn schon nicht von uns selbst, so doch von den Orten, den R�umen, den H�usern unserer Zweisamkeit. Ich stehe im T�rrahmen, im Wohnzimmer und starre auf den Wecker. Ich habe nur noch ein paar Minuten, dann muss ich New York verlassen. Ich denke dar�ber nach, ob ich mich von der Wohnung verabschieden soll. Das ist zumindest der Gedanke, der mir durch den Kopf geht. Verabschiede dich von der Wohnung, sage ich mir. Immer, wenn ein solcher Moment bevorsteht und wir ein Hotelzimmer, in dem wir �bernachtet haben, verlassen, sagt Judith:�Goodbye�, oder sie sagt:�Goodbye, Zimmer. Auf Wiedersehen. �Oder:�Bye bye. �Sie variiert es ein bisschen, aber es ist immer eine Spur Wehmut dabei. Sie hebt die Hand und winkt den ge�ffneten Fenstern und zur�ckgeschlagenen Bettdecken zu. Sie schaut noch einmal kurz hinein, widmet dem Zimmer noch einmal einen Blick. Es ist eine Inszenierung, die sie meisterhaft beherrscht. Sie spielt ein M�dchen, kurz davor in Tr�nen auszubrechen, sich seiner Reife aber bewusst. In dem Bed�rfnis, l�ssig und elegant zu wirken, h�lt sie ihre Trauer in dieser kindlichen Formulierung� Tsch�s, auf Wiedersehen �zur�ck. Es ist ein Ritual, das wir beide lieben. Einmal, in einem Hotel in Palm Springs, sage ich zu ihr, dass wir vergessen haben, dem Zimmer auf Wiedersehen zu sagen. Wir stehen schon an der Rezeption und warten auf jemand, der uns die Kreditkarte zur�ckgeben kann, und da f�llt es mir ein.�Ach du heilige Schei�e�, sagt sie, f�r eine Sekunde ernstlich erschrocken. Und es ist fast so, als w�rde das Zimmer vor Wiedersehensfreude kaum an sich halten k�nnen, mit aufgebauschten Vorh�ngen und einer Luft, die uns entgegenst�rmt, die uns anstupst. In diesem Seufzer eines Windzugs, der �ber Judiths Schl�fen gleitet, offenbart sich die ganze Melancholie, die wir in dem Zimmer zur�ckgelassen haben. Ich sehe den Ilja-Kabakov-Band, der neben dem arabischen Tongef�� gestanden hat und auch aus dem Regal gefallen ist und den ich nur gelesen habe, um mit Judith dar�ber sprechen zu k�nnen. Dabei hat mich Kabakov mit seinen komplizierten Installationen, mit denen er das totalit�re System seines Heimatlands ironisiert, auf frappante Weise an Lambert erinnert und wie er mit seinen Eltern und vor allem wie sein Vater mit ihm umgeht. Soll ich mich verabschieden, soll ich der Wohnung auf Wiedersehen sagen? Ich stehe da, minutenlang. Judith nickt, halb gr��end, halb sich verabschiedend, um dann in ihre unnachahmliche, herzzerrei�ende M�dchenhaftigkeit zu verfallen.�Tsch�s Zimmer�, sagt sie.�Tsch�s. �Das Motel 6, wo wir die Festnahme von Saddam Hussein im Fernsehen gesehen haben, am fr�hen Morgen. In immer neuen Wiederholungen auf CNN, wie ein Gedicht, das man als Sch�ler auswendig lernen muss. Sie legt den Kopf zur�ck, l�chelt und sagt nochmal:�Tsch�s�, w�hrend sie vorsichtig zur�ckweicht, so als h�tten wir in diesem Moment von der Existenz einer dritten Person, tats�chlich von der Existenz eines Kranken im Zimmer erfahren, den man nicht st�ren darf.�Tsch�s�, sagt sie.�Tsch�s �oder� Goodbye�. Vor allem, wenn wir im englischsprachigen Ausland sind. Niemals sagt sie auf Wiedersehen. Sie sagt h�chstens:�Wir m�ssen dem Zimmer noch auf Wiedersehen sagen�, aber dann, wenn es so weit ist, hei�t es immer nur� Tsch�s �oder� Tsch�s Zimmer�. Wir verabschieden viele Zimmer. Auch wenn es h�ssliche oder schlechte Zimmer sind. Wir verabschieden sie. Unser Zimmer im Motel 6 ist ein d�steres enges Loch, in dem es so hei� ist, dass wir mitten in der Nacht die T�r �ffnen, dann aber aus Angst, �berfallen zu werden, wieder schlie�en.�Tsch�s. Goodbye. �Als w�rde das Zimmer kein Deutsch verstehen. Sie macht keinen Unterschied zwischen dem qu�lend dunklen schlauchartigen Zimmer in Berkeley, als wir zum ersten Mal ihre Tante besuchen, zu dem sie� Tsch�s, alles Gute �sagt und den lichtdurchfluteten, paradiesischen R�umen in einem Hotel in der kalifornischen W�ste auf unserer Reise kurz nach Silvester.�Tsch�s Zimmer. �Sie sagt es erst, als wir schon gar nicht mehr im Zimmer sind, sondern drau�en auf dem asphaltierten Vorplatz neben dem Pool, man das Zimmer und sein gro�es, das Sonnenlicht reflektierende Panoramafenster aber noch sehen kann. Bei dieser Reise kehrt sie nicht in das Zimmer zur�ck. Zum ersten Mal. Es ist noch gar nicht so lange her. Wenn sie nicht so diskret w�re, w�rde sie aus der Ferne rufen:�He, Zimmer!�Obwohl ich sie in diesem Moment darauf aufmerksam mache und sie darauf hinweise, dass wir es vergessen haben. Und bin nicht in Wirklichkeit ich derjenige, der in solchen Momenten f�rsorglich und weitblickend ist? Sie tut dagegen so, als w�rde das schon ausreichen, als w�re das schon genug. Der vordere Raum befindet sich vollst�ndig im Licht, blickt auf die bronzefarbene, gl�hende W�stenlandschaft, w�hrend der hintere Raum in einem dezenten Schatten liegt, mit seinen auf Schienen montierten Schlafzimmert�ren, die lautlos vor- und zur�ckrollen. Die braungelb gepunktete 70er-Jahre-Couch. Der durchsichtige Plastiktisch mit einem Ensemble blauschwarzer Steine. Das Zimmer offenbart uns sein kostbares Interieur, erlaubt uns, ein letztes Mal einen Einblick in das Leben, das wir dort gef�hrt haben, auch wenn es nur eine Nacht gewesen ist.�Goodbye. Tsch�s. �Judith winkt dem Zimmer zu. Mit zur�ckgenommener Grazie, den Finger leicht abgespreizt, den Kopf schon halb weggedreht, bereit einzusteigen in den blauen Chevrolet Camaro, den wir uns von ihrer Tante ausgeliehen haben.�Goodbye. �Ich bleibe stehen, protestiere, denke, sie ist doch nachher wieder traurig, sie ist doch nachher wieder wehm�tig gestimmt. Im Anza-Borrego Desert State Park, im Motel 6, in Palm Springs, im Schlafwagenabteil des Nachtzugs nach Paris, als wir Kyra besuchen, die bei einer EU-Beh�rde ein Praktikum macht. Selbst in diesen karg gepolsterten R�umen mit ihren an Krankentragen erinnernden Schlafliegen fl�stert sie:�Tsch�s. �Immerhin nennt sie das Schlafwagenabteil nicht Zimmer. Aber beim Abschied aus dem Hotel in der kalifornischen W�ste dreht sie den Kopf weg. Sie geht nicht mehr zur�ck, sie winkt dem Zimmer nur zu. Welche Schlussfolgerungen ziehe ich daraus? Ich schaue auf die Uhr. Wenn ich zwei Stunden vor Abflug am Flughafen bin, reicht es bestimmt aus. Als wir die Wohnung verlassen und zu unserem Spaziergang aufbrechen, frage ich mich nicht, ob sie sich von der Wohnung verabschiedet, in der ich noch bleiben werde, nachdem sie schon weggefahren ist, zu der sie aber nie zur�ckkehren wird. Sind die Fenster zu? Der Ventilator ausgeschaltet? Ich gehe noch einmal durch die ganze Wohnung. Ich laufe hin und her, bleibe vor der orangenen Couch im Wohnzimmer stehen. Ich antworte dem sehns�chtigen Bed�rfnis des Zimmers nach einer Verabschiedung mit nichts anderem als mit einem langen Schweigen. Ich schaue auf den Ein-Dollar-Wecker. Er ist klein und rot und passt eigentlich nicht zu der Wohnung.�Tsch�s. Goodbye�, sagt Judith.�Tsch�s. Zimmer. �Tsch�s, auf Wiedersehen. Bis bald.</p></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><p>Irgendwo muss Mads Christiansen sein, irgendwo zwischen den Tanzenden. Vielleicht vor dem h�lzernen Podest, �ber dem in Gro�buchstaben auf mehreren Plakaten Wicked Pictures steht und darunter die Namen der Darsteller. Die Tanzenden auf dem Schiff rei�en die Arme hoch. Jack Sanders hat erst in f�nf Filmen mitgespielt, w�hrend Manuel Torres schon bei zwanzig dabei gewesen ist. Seine Lippen ragen merkw�rdig hell und verletzlich aus seinem Gesicht, er macht eine Drehung um seine eigene Achse. Er hat die meisten Zuschauer, w�hrend die Traube, die sich zuvor noch um den Holzf�ller-K�rper von Micky Powers gebildet hat, jetzt zu Jack Sanders abgewandert ist. Manuel Torres ist ein kleiner, st�mmiger, stiernackiger Mann, der aber, wie ich von Mads Christiansen wei�, der eigentliche Star des Abends ist und jetzt, so kommt es mir zumindest vor, nach seinem halb erigierten Geschlechtsteil wie nach einem Lasso greift und es ein bisschen sch�ttelt. Oder m�sste man sagen, zu z�geln versucht? Ich versuche zur anderen Seite zu kommen, aber es ist kein Durchkommen. Judith setzt sich das Vampirgebiss in den Mund. Wie schafft sie das, ohne dass ich es merke? Hat Kyra es ihr gegeben? Oder hat sie es doch unterwegs gekauft? Ich kann Mads Christiansen nirgendwo finden. Auf einmal muss ich an Gabriela denken. Ich sehe, wie Manuel Torres einem Mann mit einer kleinen Digitalkamera zul�chelt, der vor ihm auf die Knie geht, w�hrend Torres sich in Pose stellt. Das L�cheln von Gabriela. Die Mittagspausen in ihrem Auto, in dem k�nstlichen D�mmerlicht des unterirdischen Parkhauses, ganz in der N�he der Frauenparkpl�tze. Ihre dunkle Haut, ich muss immerzu an den Ausdruck dunkelgebeizt oder ebenholzfarben denken. Und wie sie sich an der gro�en Metallt�r der Tiefgarage festh�lt. Die Gedanken an Gabriela. Rohe, ungest�me, zirkul�re Gedanken. Morgens bei einem kurzen Halt auf dem Weg in meine Praxis. Gedanken eines Chirurgen, der kurz vor der Operation steht. Und Gabriela, die sich mir nicht hingibt, sondern bei unseren Z�rtlichkeiten immerzu protestiert. Ihr Lachen, als ich mich �ber sie beuge und sie mit verbalen Liebkosungen �bersch�tte. An manchen Tagen fahre ich rechts ran, um diese Gedanken auf mich wirken zu lassen, als h�tte ich gerade eine Nachricht empfangen oder m�sste ein dringendes Telefongespr�ch f�hren, dabei habe ich mein Mobiltelefon absichtlich zu Hause gelassen, damit mich Judith nicht erreicht. Auf dem Seitenstreifen, in einer Parkbucht, h�re ich in mich hinein, in der Hoffnung, meine Imagination w�rde noch intensivere Erinnerungen zutage f�rdern. Wie Gabriela und ich in ihrem silbernen Mitsubishi im Parkhaus in der N�he der F�nf H�fe sitzen, und wie ich mit aller Kraft ihren Widerstand zu �berwinden versuche, den sie mit der L�sternheit, zu der sie f�hig ist, aufrechterh�lt. Manchmal, in einer dieser zahllosen Mittagspausen, ich verlasse meine alte Praxis, die ich damals nur stundenweise gemietet habe, und Gabriela verl�sst ihre kleine Schmuckboutique in den F�nf H�fen, erfasst mich eine gro�e M�digkeit, sodass ich auf ihrem halb entbl��ten Oberk�rper beinahe zusammenbreche und aufgebe. Ich fl�chte mich in poetische Beschw�rungen ihrer Brustwarzen, die so sch�n sind, dass ich von Blumen spreche, von gro�en bl�henden dunklen Blumen. Ich benutze bewusst kitschige Metaphern, alles andere w�rde sie �berfordern, obwohl sie dann wiederum gerade f�r komplizierte und abwegige Komplimente zu haben ist, und wie sie dann sagt:�Wie bitte? Was sagst du da?�Zum Beispiel meine Behauptung, ihre Brustwarzen seien zwei gro�e, auf ihren Br�sten schwimmende Blumen, deren Bl�ten nach innen gewachsen seien und deren Sch�nheit sich in ihr entfalten w�rde, ich aber sei der einzige Mensch, der von diesem Geheimnis wisse. Und deswegen erkl�re ich ihr, bevor mein Mund diese nach innen wachsenden Blumen umschlie�t, dass sie in mich hineinwachsen und sich in mir entfalten w�rden. Ich erkl�re ihr, dass dieses Geheimnis nur mir und ihr bekannt sei und dass man es auch nicht sehen, sondern nur f�hlen und nur mit der Zunge ertasten kann.�Deine Blume bl�ht nur in meinem Mund�, fl�stere ich ihr zu. Sie l�chelt. Es ist vier Jahre her. Aber ich denke immer noch daran. An der Ampel in der N�he des Josephplatzes oder zu Hause morgens unter der Dusche. Gabriela vor der Metallt�r, die zur Tiefgarage f�hrt. Die ganze Fahrt in m�andernden Bewegungen durch das Labyrinth der sexuellen Versteckspiele zwischen Gabriela und mir, die niemals irgendwo hinf�hren und kein Ende nehmen.�Das sind Blumen.��Was?��Ja, die da. �Ich zeige auf ihre linke Brustwarze.�H�? Was?�Sie gibt ein glucksendes Ger�usch von sich.�Ich meine�, sage ich, w�hrend ich mich aufrichte,�es sind Blumen, aber man kann sie nicht sehen, nur wir zwei. Willst du nicht mal � �Ich schaue sie an. Sie riecht nach nichts, ihr K�rper ist von einer Perfektion, die etwas Klinisches hat. Und wie sie immer wieder sagt:�Ist das nicht schlimm? Ist das nicht schlimm, was wir hier machen?�Ihre Haut erscheint mir weich und hart zugleich. Und vielleicht schmerzt mich die Erinnerung deswegen, bohrt sich diese Erinnerung deswegen geradewegs in mich hinein.�Ich w�nsche mir so sehr, dass du gl�cklich bist�, sagt sie. Ich erinnere mich an sie, morgens zwischen sieben und acht, zwischen acht und neun. In meiner Verzweiflung schaffe ich es nicht herauszufinden, ob meine sexuelle Fixierung auf sie nicht doch einen emotionalen Kern hat. Wenn ich sie also gerade zu diesem Zeitpunkt, zu dieser Tageszeit begehre, muss das doch bedeuten, dass die Gef�hle f�r sie von so gro�er Kraft sind, dass sie den Morgen besiegen und den morgendlichen Horror �berwinden. Dass sie also irgendwie wahr sein m�ssen. Eingeklemmt zwischen einem Schuhdiscounter und einer Papeterie liegt ihr kleiner Verkaufsraum. Abends schiebt sie die gro�en rahmenlosen Glast�ren auf ihren in den Boden eingelassenen Schienen vor ihr besch�mend sch�nes L�cheln.�Bist du gl�cklich?�, fragt sie. Die schwere Metallt�r der Tiefgarage, der schmale schwarze Lackg�rtel auf dem staubigen Betonboden zwischen ihren Beinen.�Du hast mich �berall vollgespuckt�, sagt sie sp�ter, bei unserem rituellen abendlichen Telefonat, das wir f�hren, bevor ich die Praxis verlasse und bevor ihr Freund, der als Fernmeldetechniker bei der Telekom arbeitet, nach Hause kommt. Ich erinnere mich an sie. Von acht bis neun. Oder um sieben Uhr f�nfunddrei�ig. Ihr K�rper �hnelt dem von Manuel Torres, dem mittleren der drei Porno-Darsteller, der jetzt die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Und was soll das um Gottes willen hei�en? Was um Himmels willen soll das bedeuten? Ich denke es im Grunde ganz unschuldig. Auf dem Dampfer auf dem Hudson River. Die Stadt New York wie ein gro�er silberner Schrein, der immer heller und gl�nzender wird. Ich sehe Mads Christiansen. Er tanzt in der Mitte des Decks, von mehreren jungen M�nnern mit nacktem Oberk�rper umgeben. Er tanzt mit geschlossenen Augen, rudert mit den Armen, die flach ausgestreckten H�nde wie kleine Segel zwischen den anderen um ihn herumtanzenden K�rpern. Er tanzt wie ein st�hlerner, blitzender Propeller, seine vom Schwei� gl�nzenden H�nde schneiden in die Luft. Sein K�rper duckt sich, taucht weg, schraubt sich dann wieder nach oben. Ich k�mpfe mich langsam zu ihm durch, um ihn zu fragen, ob wir nicht einfach in Staten Island von Bord gehen sollen. Wir k�nnten irgendwo essen, und danach w�rde ich zu Judith fahren. Aber es ist nicht Mads Christiansen. Ich habe ihn mit jemand verwechselt.�He�, ruft pl�tzlich der Schnauzb�rtige und wirft die Arme hoch. Er hat sein Unterhemd ausgezogen.�Wie geht es dir? Wie f�hlst du dich?�</p><empty-line/><p>Das ist Mads Christiansens Theorie. All diese M�nner sind� Ritter der Promiskuit�t�. Es sind hart arbeitende Menschen, die aber in ihrem Sexualverhalten vollkommen undurchsichtig sind. So wie die Politiker, unsere Entscheidungstr�ger, die im Grunde ihr Sexualleben vor sich selbst verheimlichen, so wie es mir jetzt auch Lamberts Vater zu best�tigen scheint.�Es hat keinen Sinn�, sage ich zu ihm,�wenn wir jetzt damit anfangen. F�nf Minuten vor dem Ende. Wir k�nnen das n�chste Mal �ber Ihren Vater sprechen. �Ein gro�er �lterer Mann weicht nicht mehr von Torres� Seite. Er ist stark behaart und hat eine von der Sonne verbrannte Halbglatze. Mit einer Hand h�lt er das Glied von Torres umschlossen und versucht, sich und Torres mit seinem Mobiltelefon zu fotografieren. Mein Blick streift die Szenerie nur. Er kann es nicht fassen, dass er es ist, der Torres� halb erigiertes Glied in der Hand h�lt. Blitzlichter flammen auf, haltlos wie brennende Geister. Wo ist Mads Christiansen?� Wei�t du, was mir an Judith so gut gef�llt?�, sagt er einmal, als wir bei seinem letzten Besuch in M�nchen auf dem R�ckweg vom Caf� Freiheit zu unserer Wohnung �ber den n�chtlich verlassenen Rotkreuzplatz laufen. Er hat seinen bl�tenwei�en Kaschmirpullover um die Schultern gelegt und sieht aus wie ein gro�er d�nischer Pfau.�Dass sie unberechenbar ist. Man wei� nie, woran man bei ihr ist. Trotzdem gibt es nichts Zweideutiges bei ihr, und ich habe es noch nie erlebt, dass sie sich �ber irgendetwas beklagt. Ich finde das sehr beeindruckend. �Er macht gro�e, raumgreifende Schritte. Ein d�nischer Pfau, der in M�nchen gelandet ist. Im Grunde redet er �ber sich selbst.�Und wie hilfsbereit sie ist. Wie verst�ndnisvoll. �Manuel Torres weicht zur�ck. Er versucht, sein durch Hunderte von DV Ds, durch Hunderte von Einstellungen geschleustes Organ wieder auf Vordermann zu bringen. Aber eine richtige Erektion bekommt er nicht hin. Der Schnauzb�rtige grinst mir zu, als er mich unter den Zuschauern entdeckt. Er stellt sich neben mich. Ich l�chele zur�ck, hoffe aber, dass er kein Gespr�ch anf�ngt. In diesem Moment sehe ich, wie eine Hand suchend �ber den Oberk�rper von Manuel Torres tastet. Jemand muss hinter ihm stehen. Die Hand tastet �ber den Bizeps, den Oberk�rper und halb �ber das Schl�sselbein. Es scheint, als versuche diese fremde, herrenlose Hand, die zum Gl�ck nicht zu Mads Christiansen geh�rt, den K�rper von Torres in Besitz zu nehmen.</p><p>Warum hilft Judith so gerne? Ihre Hilfsbereitschaft hat etwas Tr�umerisches. Sie hilft ohne Motiv, leidenschaftslos und gleichm�tig. Beinahe jedes Wochenende �bernachtet jemand bei uns. Der Augenblick der Gro�z�gigkeit, ihr Gesicht, wenn sie das Korsett der Demut und Zur�ckhaltung durchbricht und sich auf einmal ganz verschwenderisch gibt.�Du kannst doch auch bei uns �bernachten, wenn du willst�, sagt sie. Oder:�Bleib doch einfach bei uns, du musst doch jetzt nicht mehr nach Hause fahren. �Ihr Gesicht, im Glanz ihrer Hilfsbereitschaft, ist halb Verschwendung, halb Hingabe.�Also du wei�t ja, wir haben diese G�stewohnung im Keller. Wenn du willst, kannst du gerne bei uns �bernachten�, sagt sie zum Beispiel zu Ulrich, der seit zehn Jahren vergeblich �ber Husserl zu promovieren versucht und mich vor vier Jahren, in dem Jahr der gro�en finanziellen Krise, einmal fragt, ob es vielleicht nicht doch denkbar w�re, dass er bei mir eine Therapie anfinge und diese Therapie sich einzig und allein um die Fertigstellung der Husserl-Promotion drehe und nichts anderes im Sinn habe, als eine Therapie der Fertigstellung, eine Therapie dieses Prozesses zu sein.�Dann �bernachte doch einfach bei uns�, sagt Judith. Diese feisten, immer leicht ironischen Absolventen aus den verschiedenen Promotions- oder Diplomandenkolloquien, diese von glasiger Teilnahmslosigkeit und entz�ndeten Nerven gleicherma�en eingerahmten und �bertransparenten Menschen mittlerer Laufbahn, diese fr�hlichen Intelligenzbestien. Torres wischt sich den Schwei� von der Stirn.�Hast du Lust?�, fragt der Schnauzb�rtige. Er steht direkt neben mir, ich habe ihn gar nicht bemerkt. Er hat eine sehr hohe Stimme.�Es ist eine ganz zwanglose Runde. �Dieser Teil seiner Einladung h�tte mich skeptisch machen m�ssen.�Wir trinken was und sitzen ein bisschen im Garten rum. �Er l�dt mich zu einer Privatparty ein, zu der auch Mads Christiansen kommt. In Queens. Seine feuchten, glasigen Lippen. Schon jetzt und nicht erst sp�ter am fr�hen Morgen in Queens denke ich, seine Lippen sind die Grenze, das �u�erste dessen, was ich noch ertragen kann.</p><empty-line/><p>Irgendwann legt das Schiff an, nachdem es halb Manhattan und nach vielen Schlenkern und Schleifen die Freiheitsstatue umrundet und dann Ellis Island erreicht hat. Das Schiff macht Umwege, um die Fahrt in die L�nge zu ziehen und die Dunkelheit abzuwarten, die der Pr�sentation der Darsteller die richtige Atmosph�re verschafft. Anfangs, kurz nach dem Ablegen, sieht man sie noch, knapp bekleidet, auf dem Oberdeck herumlaufen und erste kleinere Performances vorf�hren. Torres wirkt am Ende so, als weide er sich an der Lust, die ihn umgibt, als suhle er sich in ihr, w�hrend er seine Bewunderer von ihr erl�st, denen es dann gen�gt, Bilder von ihm mit nach Hause zu nehmen. Die heilige und unschuldige Einfalt der m�nnlichen Sexualit�t. So wie Torres sie vorf�hrt, wie er es zul�sst, von insgesamt vier M�nnern ber�hrt und stimuliert zu werden, sowie von zwanzig anderen angeschaut und abgelichtet zu werden, als sei er eine m�nnliche Florence Nightingale, die von den Schlachtfeldern zur�ckgekehrt ist. Und tats�chlich ist er ein Krankenpfleger, wie ich sp�ter erfahre.�Ist die m�nnliche Sexualit�t nicht im Grunde ganz unkompliziert?�, sagt Mads Christiansen, als wir vom Caf� Freiheit zur�ckkommen. A travelling nurse. Ein Pfleger. Ich erfahre es bei der Autogrammstunde. Ich frage mich, warum Mads Christiansen das immer wieder erkl�rt. Er sagt:�Homosexuell zu sein bedeutet, den K�rper ernst zu nehmen. �Wir sitzen zusammen bei uns zu Hause und essen zu Abend. Judith h�rt ihm gespannt zu, mit ihren vom Wein ger�teten Lippen, w�hrend er seine Darkroomgeschichten erz�hlt.�Besonders wenn man versteht, wie leicht der K�rper verwundet und zerst�rt werden kann, neigt man zur Homosexualit�t�, erkl�rt er.�Dieses Hochgef�hl und wie dann der Moment der Reinigung kommt und das Menschsein wird einfach aus einem �herauskatapultiert�. �Wir sto�en auf unsere Freundschaft an. Er liest Lee Edelmann und will mich �berreden, mich auch wieder mit theoretischen Texten zu besch�ftigen. Judith und ich trinken Sekt, Mads Christiansen Mineralwasser. Er hat als Sanit�ter gearbeitet in seinem fr�heren Leben. Als seien seine sexuellen Vorlieben aus den altruistischen Neigungen in seiner Jugend, als er sich f�r das D�nische Rote Kreuz engagierte, zwangsl�ufig hervorgegangen.�Ob wir da mal hingehen sollten? Ob wir so etwas auch mal machen sollten?�, fragt Judith, als Mads Christiansen in unsere G�stewohnung gegangen ist und sich schlafen gelegt hat.�Wohin?�, frage ich.�In so einen Raum, einen Darkroom�, sagt sie und nimmt f�r einen Moment ihre elektrische Zahnb�rste aus dem Mund. Sp�ter sitzen alle Darsteller unter Deck, nach einer improvisierten Tombola, bei der Kondome, DVDs und Freikarten f�r die n�chste Dampferfahrt verteilt werden und geben Autogramme. Sie alle, Torres, Sanders und Powers, sitzen mit dicken schwarzen Filzstiften bewaffnet an einem langen Tisch und signieren Fotos, die auf einem anderen Tisch liegen und die man sich einfach so nehmen kann. Mads Christiansen bleibt verschwunden. Als der Entschluss in mir heranreift, die Einladung des Schnauzb�rtigen anzunehmen und mit zwei anderen Freunden von Mads Christiansen zu der Party nach Queens zu fahren, ist er schon nicht mehr da. Er ist vielleicht wirklich in Staten Island von Bord gegangen und mit der F�hre zur�ck nach Manhattan gefahren. Vielleicht muss er sich noch auf seinen Vortrag vorbereiten. Er hat im Gegensatz zu mir seine Sexualit�t fest im Griff. Er masturbiert t�glich, wie er sagt, aus� psychohygienischen �Gr�nden. Das Schiff legt an. Torres duckt sich, klammert sich an den Filzstift, mit dem er Autogramme gibt. Ich habe das Gef�hl, er kann gar nicht schreiben, so komisch und unbeholfen sieht seine Schrift aus. Wie eine auf den Kopf gestellte Ruine, die beiden� r �in seinem Namen wie zwei zu Strichen verk�mmerte S�ulen eines Tempels.�Warum tust du so etwas?�, k�nnte ich ihn fragen.�Warum tust du dir so etwas an? Geht da nicht alles in die Br�che? Deine W�rde? Deine Seele? Geht das nicht alles den Bach runter?�</p><empty-line/><p>Ich stehe an der Reling und schaue auf Manhattan. Die Lichter der T�rme im Finanzdistrikt breiten ihren Glanz sanft und gleichm��ig �ber dem Wasser aus. Ich frage mich, wie viel Geld ich Michael und Janette geben soll. Sind vierzig Dollar genug? Das Licht sickert in gr�ulichen Schwaden hinunter. Die T�rme leuchten in gro�er Selbstgewissheit. In einigen B�ror�umen leuchtet es so intensiv, als s��en die Angestellten noch in der Nacht mit kleinen Spiegeln an ihren Pl�tzen, um die Partyteilnehmer auf dem Dampfer zu blenden. Irgendwo dahinter, irgendwo eingeschlossen und von gewaltigen Steinmassen umgeben, liegt der Port Authority Bus Terminal. Mit seinen Treppen, Fahrst�hlen, Fluren und Warteschlangen, Zwischengeschossen und Durchg�ngen. Es ist weniger ein Geb�ude als eine aus mehreren zu absolvierenden Stationen bestehende Verabschiedungsfabrik, in der wir es fast bis zum Ausgang oder, je nachdem, wie man es sieht, bis zum Eingang geschafft haben. Das ist die Erkenntnis. In der Schlange, im Port Authority Bus Terminal, die Erkenntnis: Judith ist gelassener als ich. Sie denkt, ich halte es ohnehin nicht ohne sie aus, und dann stehe ich wieder am Flughafen. Die Selbstverst�ndlichkeit, mit der sie annimmt, es sei in finanzieller Hinsicht kein Problem.�Hast du nicht gesagt, du nimmst sowieso keine Klienten mehr an?�<emphasis>Man muss den Druck auf das psychische System erh�hen, wenn es im Inneren br�chig ist</emphasis>, schreibe ich in mein Notizbuch. <emphasis>Erh�he den Druck, den Aufmerksamkeitspegel, den seelischen Spannungszustand</emphasis>. Busnummer 429, Zielort Washington, D. C.�Judith m�chte unbedingt schon am fr�hen Abend zur�ck sein. Ob sie mit jemandem zum Abendessen verabredet ist? Ich kann es nicht herausfinden, weil ich sie immer unterbreche. Drei Meter vom Ausgang entfernt. Zwei, drei Reisende, die noch vor uns sind. Weil ich sie mit meinem Schweigen gar nicht mehr zu Wort kommen lasse. Ich erkenne zu sp�t, dass ich gar nicht bis zum Bus mitkommen kann. Ein Mitarbeiter der Busgesellschaft kontrolliert die Fahrausweise schon vor Betreten des Areals, in dem die Busse warten. Der Bus erinnert mich, wie er windschnittig und silbern vor uns steht, an den Amtrak-Zug, mit dem wir im Fr�hling von Washington nach Baltimore gefahren sind. Und wie wir dann, in einem Moment unwirklicher Harmonie, in der Sonne am Hafen sitzen, den ich am Morgen schon allein erkundet habe, ohne sie. Eine Frage dr�ngt sich mir schon in diesem Moment auf, w�hrend ich �berlege, ob ich Michael und Janette gegen�ber nicht ein bisschen gro�z�giger sein soll, n�mlich die Frage, was eigentlich Judith �ber dieses Wochenende denkt. Ist ihr eigentlich bewusst, dass ich letztlich nur wegen ihr gekommen bin? Drei Minuten, die uns noch bleiben, bevor sie zur�ck nach Washington f�hrt, und ich sehe sie die n�chsten zwei Monate nicht mehr wieder. Was ist passiert? Was ist eigentlich wirklich zwischen uns in New York passiert? Ich umrunde Manhattan, in einem Schiff mit Hunderten von M�nnern. Warum bin ich nicht in Washington? Das Licht gleitet aus dem Mond, verliert sich, tr�pfelt in die schmalen dunkelgrauen Wolkenb�nder hinein. Erst als ich mich schon halb abwende, sehe ich die Spiegelung auf dem Wasser, die t�nzelnde, fast h�mische Fortsetzung des Lichts auf den kleinen, gek�mmt wirkenden Wellen, die vom Finanzdistrikt zu uns her�berrollen. Turm f�r Turm vibrierend vor Emphase und Lichtseligkeit. Ich �berlege, ob ich die Summe nicht verdoppeln oder besser verdreifachen soll, und w�hrend ich das noch �berlege und dar�ber nachdenke, wie viel Geld ich Janette und Michael nun zur�cklassen soll, stelle ich, in einem Moment ungl�ubigen Staunens, w�hrend ich meine Armbanduhr mit dem Ziffernblatt des Weckers vergleiche, pl�tzlich fest, dass die Uhrzeit auf meinem Ein-Dollar-Wecker nicht stimmt, dass es genau eine Stunde sp�ter ist und dass ich mit gro�er Wahrscheinlichkeit meinen Flug verpasse.</p></section></section><section><title><p><strong>Teil Zwei</strong></p></title><section><title><p><strong>1</strong></p></title><p>Die beiden Taschen hinter mir herziehend, versuche ich die U-Bahn-Station Grand Street zu erreichen. Drau�en ist die Hitze noch gr��er. Ich k�nnte ein Taxi nehmen, ich k�nnte auf Nummer sicher gehen. Was bedeutet mir Judith eigentlich. Liebe ich sie noch? Ich ziehe die Taschen hinter mir her, in einer von ihnen, zwischen der gebrauchten Unterw�sche vergraben, das gr�ne Plastikkreuz, das ich ihr nicht gegeben habe. Ich k�nnte mit dem Taxi fahren. Ich k�nnte kein Risiko eingehen, denke ich, die Taschen in einer ausholenden Bewegung auf meinen R�cken hebend.�Es ist eine Zeit, die Sie f�r sich nutzen k�nnen�, sage ich zu Lambert.�Sie k�nnen dar�ber nachdenken, was Ihnen die Therapie bedeutet und wie unsere Zusammenarbeit in Zukunft aussehen soll. �Die Ereignisse �berlagern sich, wiederholen sich, l�schen sich gegenseitig aus. Und warum nicht einfach in drei Wochen nochmal nach Washington fahren? Ich schleppe mich vorw�rts. Die Zeit, die ich in meinem ganzen Leben bei unn�tigen Verrichtungen und sinnlosen Gedanken vergeudet habe, staut sich jetzt vor mir auf. Ich k�nnte ein Taxi nehmen. Aber allein, um auf dem Weg zur U-Bahn keine weitere Zeit zu verlieren, sehe ich mich nicht mal nach einem um. Judith hasst es, unter Zeitdruck zu geraten. Wie oft habe ich sie bei den von mir verschuldeten Wettrennen gegen die Zeit hinter mir hergeschleift und ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt.�Ich habe meinen Inhalator vergessen. �Schon nach wenigen Schritten gibt sie auf. Ich kann mich nicht erinnern, sie �berhaupt einmal laufen gesehen zu haben. Auch jetzt w�re sie zweifellos l�ngst stehen geblieben und h�tte schon allein aus Protest zu atmen aufgeh�rt. Ich laufe weiter, obwohl ich weniger laufe als stolpere. Das Gewicht der Taschen. Die Hitze. Die Formulierung:�K�nnen wir nicht genauso gut zu Fu� gehen. �Judith will lieber Taxi fahren. Als wir im Fr�hling bei unserem Ausflug nach Baltimore am sp�ten Abend den Bahnhof erreichen und es um die Frage geht, ob wir uns im str�menden Regen zu Fu� auf die Suche nach einem Hotel machen oder ob wir nicht lieber ein Taxi nehmen sollen, sage ich den Satz:�Ich w�rde lieber zu Fu� gehen. �Wir halten es in Washington nicht aus. Ich fliege zehn Stunden, um mit ihr zusammen zu sein. Und dann fahren wir nach Baltimore. 55 Grad gef�hlte Temperatur, zweihundert Meter bis zum in die Tiefe f�hrenden U-Bahn-Schacht. Hundertf�nfzig Meter bis zur n�chsten Stra�enkreuzung.�Ich w�rde lieber zu Fu� gehen. �In Baltimore, bei str�mendem Regen. Wir haben nicht einmal einen Regenschirm. Baltimore. Das k�nnte das letzte Mal gewesen sein, dass wir miteinander geschlafen haben. In New York haben wir uns noch nicht mal richtig umarmt.�Lass uns lieber zu Fu� gehen. �Ich kann mich nicht mehr erinnern, ich kann mich nicht mehr an die Nacht in Baltimore erinnern. Zwei Monate sp�ter. Eine Stunde, die ich verloren habe, weil ich beim Kauf eines Weckers, der nur f�r die Zeit meines Aufenthalts in New York gedacht war, sparen will. Aber der Wecker bleibt stehen, und zwar ausgerechnet am Tag meines Abflugs. Ich erreiche den U-Bahn-Eingang, die abgetretenen, schmierigen Treppenstufen. Die Hoffnung, hier auf dem Weg in die Unterwelt w�rde mir so etwas wie k�hle Luft entgegenwehen, wird entt�uscht. Tats�chlich ist der U-Bahn-Eingang Grand Street ein einziger schwarzer Schlund. Ich drehe mich um. Ein Taxi f�hrt �ber die Kreuzung. Warum konnten wir nicht ein bisschen gro�z�giger sein, ein bisschen verschwenderischer?� Ich glaube, dass ich lieber laufen will�, sage ich zu ihr am leeren, deprimierenden Bahnhof in Baltimore, in dem sich die ankommenden Reisenden in Sekundenschnelle in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Ich gehe die Treppenstufen nach unten. Eine Stunde im R�ckstand, eine Stunde zu sp�t. Gierig und hemmungslos rei�t das gro�e schwarze Tier sein Maul auf. Und ich habe nichts Besseres zu tun, als die Augen zu schlie�en und mir zu sagen: Du schaffst es schon, du hast es bisher immer geschafft. In deinem ganzen Leben hast du noch keinen Flug verpasst.</p><empty-line/><p>Die H�lfte ihrer Schuhe ist noch immer in M�nchen. Sie stehen aufgereiht in einer langen Reihe neben der Eingangst�r im Flur an der Wand. Wir reden st�ndig dar�ber, ob ich ihr nicht ein paar von ihnen nach Washington schicken soll, und wir vermeiden beide die Frage, was sie mit all den Schuhen dort soll, wenn sie doch wieder zur�ckkommt. Ich liebe ihre Schuhe. Ich r�cke ihre Schuhe nicht heraus. Obwohl mich ihr Anblick st�rt.�Alles kein Problem�, sagt der freundliche, aber auch etwas phlegmatische MTA-Mitarbeiter. Aber schon im Tunnel, schon hinter der Absperrung, als ich auf dem Bahnsteig stehe, zweifele ich daran. Beruht seine Zuversicht auf einem Missverst�ndnis? Wie kann er behaupten, dass es kein Problem geben wird. Wie kann er sagen:�Keine Sorge. Das schaffen Sie schon. �Was ist in Baltimore passiert? Was ist der Unterschied zu New York? Bei meinem Versuch, die Ereignisse in die richtige Reihenfolge zu bringen, spielt Baltimore eine entscheidende, aber nicht die entscheidende Rolle. Schon am Abend nachdem Judith aus New York abgefahren ist und ich der Hitze wegen in eine Starbucks-Filiale in der N�he des Central Parks gehe, um in der klimatisierten Luft wieder zu einem klaren Gedanken zu kommen, fange ich eine Liste an, so wie sie es tut, eine Liste der Schaupl�tze unserer Beziehung. Gegen die tyrannische Chronologie meiner Seele gerichtet, die an sich keine Chronologie kennt, sondern nur pure Gleichzeitigkeit, pures Simultandolmetschertum von Gef�hlen und Bildern. Eine einzige Gleichzeitigkeit von Erinnerungen, die nur angedeutete Erinnerungen sind, Erinnerungen wie anget�uschte Bewegungen eines Sportlers, eines Boxers oder Fu�ballspielers, der im letzten Moment verz�gert. In diesem Zusammenhang von einer Chronologie zu sprechen ist nat�rlich ein Witz. Ich sitze bei Starbucks, kurz nachdem sie mit dem Bus abgefahren ist, versuche die misslungene Verabschiedung zu verdr�ngen und mache eine Liste. Ich schreibe alles untereinander, einerseits zeitlich und andererseits nach seiner Bedeutung geordnet. Mein Getr�nk, absurderweise ein hei�er Kaffee, dampft neben mir wie eine kleine autarke Fabrik, in der gearbeitet wird, w�hrend ich auf mein aufgeschlagenes Notizbuch starre. Leute kommen herein, stellen sich geduldig an, holen sich ihre Ration Klimaanlagenluft ab, kaufen sich gro�e �ppige aromatisierte Kaffeegetr�nke, bei denen die Sahneh�ubchen unter einer Plastikglaskuppel verborgen sind. Ich versuche meine Liste zu machen. Im Gegensatz zu Judith hasse ich Listen, und ich verachte Menschen, die sie f�hren und so etwas n�tig haben. Ich schreibe schnell, noch immer schwitzend, den hei�en Kaffee neben mir, den Judith niemals auch nur anger�hrt h�tte, da sie den Kaffee von Starbucks nicht leiden kann: <emphasis>Dupont Circle</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Baltimore</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Anza-Borrego Desert State Park</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Primm</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Schlosspark Nymphenburg</emphasis></p><p>Dann komme ich nicht weiter. Es ist �berhaupt keine Liste. Es ist eine Aneinanderreihung von Namen, so wie ihre Schuhe im Flur unserer Wohnung in M�nchen eine Aneinanderreihung von getr�umten Spazierg�ngen sind. Wie Spazierg�nge, die jemand ohne sie gemacht hat und von denen er noch immer nicht wieder zur�ckgekehrt ist. Sie stehen in aller Gelassenheit und Friedlichkeit nebeneinander. Ich k�nnte die orangenen Turnschuhe wegwerfen, obwohl ich diese Schuhe, die ich an ihr eigentlich nicht leiden kann, jetzt von allen Schuhen am meisten mag. Die Liste m�sste strenggenommen mit Marburg beginnen, wo wir das Fahrrad gekauft haben, oder mit Paris, als wir mit dem Nachtzug angekommen sind und uns der aalglatte, pickelige Autovermieter einen Smart mit offenem Verdeck andrehen will, obwohl wir eigentlich einen doppelt so gro�en Wagen reserviert haben. Und dann ist Kyra gar nicht da, sondern mit ihrem Liebhaber nach Br�ssel gefahren. Sie k�nnte aber auch mit dem Port Authority Bus Terminal beginnen, wo wir uns zum letzten Mal gesehen haben und wo zum ersten Mal eine Verabschiedung auf groteske Weise schiefgegangen ist. In diesem Moment tue ich noch so, als w�rde dieser Ort, der doch nur wenige Stra�enkreuzungen von mir entfernt liegt, gar nicht existieren. Die Orte, unsere Orte, sind tats�chlich der Schl�ssel, die L�sung f�r das ganze Problem.<emphasis>Ihr hochgebundenes Haar im Flugzeug von Paris nach</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>M�nchen, drei Reihen vor mir, da wir keine Sitzpl�tze</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>nebeneinander gefunden haben.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Ihre Blicke oder dieser eine Blick, den sie mir zuwirft,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>kurz nachdem wir gestartet sind, in 576 Meter H�he.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Ihr gl�hendes Gesicht in dem Seafood-Restaurant in</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Valparego, als wir nach zweist�ndigem Herumirren endlich</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>etwas gefunden haben, das meinen Anspr�chen gen�gt.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Der Eindruck von Gl�ck, als sie endlich bestellen kann.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie sie bestellt �</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie sie mich anl�chelt, unsicher in einem Zustand sich</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>abzeichnender Dem�tigung, in dem Augenblick, in unserer</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>G�stewohnung, als ich �</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie sie den Riemen ihrer Tasche hochzieht in der Lucien-Freud-Ausstellung,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>von der ich nicht wei�, wo sie</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>gewesen ist.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie sie den Artikel �ber Walter Benjamin aus der Zeitung</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>ausschneidet, an einem Sonntag im Caf� Ruffini.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie sie The Drowned World liest und dabei mit einer</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Haarstr�hne ihre Oberlippe streichelt.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie sie Tiefk�hlpizzen in unserem Gefrierfach sortiert.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie sie nach einem Telefonat mit ihrer Mutter ins Wohnzimmer</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>kommt und mich umarmt.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>In dem Hotel in Primm im zweiundzwanzigsten Stock.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>In dem Hotel in Baltimore im vierzehnten Stock.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Als ich morgens �</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie sie mich ansieht, auf der nach unten zu unserer G�stewohnung</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>f�hrenden Treppe mit den kalten Marmorstufen,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>als ihre Sandalen von ihren F��en gerutscht</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>sind.</emphasis></p><p>Ich unterbreche die Liste. Es ist schon keine Liste mehr. Baltimore. Anza-Borrego Desert State Park. Dupont Circle. Es k�nnte eine Liste mit drei Orten sein, ich f�ge noch Palm Springs hinzu, Schlosspark Nymphenburg, Paris, das Glockenbachviertel. Es kann gar keine Chronologie geben. Alle Formen der Erinnerung schlie�en die zeitliche Dimension mit ein und verunm�glichen jeden Versuch, irgendeine Orientierung zu finden, irgendeine Ordnung herzustellen. Die M�glichkeit, eine Erinnerung wieder zu verlieren, scheint am Anfang noch undenkbar. Am Anfang ist es immer nur die Sehnsucht, die alles bestimmt. Wir trennen uns, verabschieden uns, und schon werden wir von dieser gro�en Sehnsucht erfasst, die alles �berlagert. Und dann schl�gt die Sehnsucht irgendwann um und verausgabt sich in der ma�losen und unmenschlichen Geschwindigkeit des Vergessens.<emphasis>Die Marmorstufen, die zu der Glast�r f�hren, hinter der</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>sich unsere G�stewohnung befindet �</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Baltimore, nachts im Hotel, als w�rden uns tausend</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Fernsehkameras be�ugen.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Der Anza-Borrego Desert State Park, nachts im Auto.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wie wir uns Gest�ndnisse machen, mitten in der W�ste.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Auf der R�ckbank im Taxi, als wir auf dem Weg zum</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Flughafen sind, kurz bevor sie das Vampirgebiss hervorholt.</emphasis></p><empty-line/><p>Es schleichen sich Ungenauigkeiten ein. Ich schlage die Seite im Notizbuch um, w�hrend der Kaffee allm�hlich zu dampfen aufh�rt, ich mich aber noch immer au�erstande sehe, ihn zu trinken. Schlie�lich, und es ist schon der dritte oder vierte Versuch, besteht meine Liste nur noch aus Baltimore-Erinnerungen.<emphasis>House of Pancake.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Das Fischrestaurant am Abend.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Der betr�gerische Hotelchauffeur.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Der ekelerregende Schleim auf meinem Teller, der Meeresfr�chte-Salat</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>hei�t.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Das Edgar-Allan-Poe-Haus.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Das Motorschiff im Hafen, das den M�ll aufsammelt.</emphasis></p><p>Ich breche die Liste ab und schlage das Notizbuch wieder zu. Ich �berlege, ob ich aufbrechen soll, f�rchte aber dann, dass ich der Hitze noch nicht gewachsen bin. Ich bl�ttere in <emphasis>The Drowned World</emphasis>, dem Roman, den ich mir eigens noch einmal gekauft habe, um ihn vor der Ankunft von Judith zu lesen, damit wir dar�ber reden k�nnen. Nicht unweit der Starbucks-Filiale, im Central Park, habe ich noch gedacht, ich h�tte diese Verabschiedung nicht zulassen sollen. Pl�tzlich stehe ich auf und verlasse die Starbucks-Filiale. Pl�tzlich erhebe ich mich. Genauso wie ich mich pl�tzlich, als ich noch auf dem Weg zur U-Bahn bin, nach dem �ber die Stra�enkreuzung Grand Street/Bowery Street fahrenden Taxi umdrehe und �berlege, ob ich nicht doch mit dem Taxi zum Flughafen fahren soll, weil ich so sehr unter Zeitdruck stehe und das Risiko, den Flug zu verpassen, sehr hoch ist. Aber dann gehe ich doch weiter. Ich kann die Wohnung nicht in dem Gef�hl verlassen, die Reise nach New York sei gescheitert. Ich stehe auf dem Bahnsteig und warte, w�hrend ich �berlege, ob ich nicht umkehren soll.�Kein Problem�, sagt der MTA-Mitarbeiter. Im Central Park gerate ich so sehr ins Schwitzen, dass ich es nicht mehr aushalte. Graugr�ne, fleckige B�ume, klebrige Bl�tter, auf denen eine wei�lich schimmernde Spur von Ausd�nstung zur�ckgeblieben ist. Hechelnde, sich im lauen Wind vorbeugende Str�ucher. Die Parkbank eine Ruine, die von Ruhesehns�chtigen zur�ckgelassen worden ist und langsam verf�llt. Ein Gef�hl �bermannt mich, f�r das eigentlich Judith die Expertin ist, die eine Schw�che f�r postapokalyptische Gef�hle hat. Ich h�tte <emphasis>The Drowned World</emphasis> weiterlesen sollen. Vielleicht h�tte sie meine Meinung zu dem Buch interessiert. In diesem Roman versinken die Hochh�user New Yorks in den �ber die Ufer tretenden Meeren, und nur noch in den obersten Stockwerken halten sich die wenigen �berlebenden �ber Wasser. Somnambule, genialische Wissenschaftler, deren Einsamkeit l�stern und verwegen ist. Ich muss aus dem Central Park fl�chten. Das postapokalyptische Gef�hl von Judith. Ich habe mir noch keine Gedanken dar�ber gemacht, warum sie eine Neigung dazu hat. Hat sie nicht in Wirklichkeit ein durch und durch sonniges Gem�t? Als wir in Baltimore im str�menden Regen am Bahnhof sitzen und dar�ber diskutieren, ob wir ein Taxi nehmen oder zu Fu� gehen sollen, gerate ich auf einmal in einen Zustand, den ich jetzt, im Nachhinein, w�hrend ich auf die Ankunft des L-Train warte, nur noch als Erstarrung bezeichnen kann. Ich muss mich auf eine der Holzb�nke setzen. Judith hat immerhin noch die Kraft, bei den Hotels anzurufen, um nach g�nstigen �bernachtungsangeboten zu fragen, w�hrend wir unabh�ngig davon noch immer dar�ber diskutieren, ob wir nicht lieber doch zu Fu� gehen sollen. Oder, wie Judith sagt, ob wir nicht einfach irgendwas machen sollen. Sie meint: Ob wir nicht einfach endlich damit anfangen sollen, unser Wochenende in Baltimore zu genie�en, statt im str�menden Regen am Bahnhof herumzusitzen. Ich springe auf, in der Starbucks-Filiale zwischen Port Authority Bus Terminal und Central Park, zwischen gescheitertem Verabschiedungsversuch und Hitzekollaps. Die Ankunft des L-Train verz�gert sich. F�nf Minuten Versp�tung.�Kein Problem. Sie schaffen das. �Auf einmal sch�me ich mich, dass ich so schwitze, und ich denke, ich muss mich dagegen zur Wehr setzen. Spielt es denn �berhaupt eine Rolle, was in Baltimore passiert ist? Spielt es eine Rolle, ob wir miteinander geschlafen haben? Ich sitze auf einer Holzbank in der Bahnhofshalle und klammere mich an der Plastikt�te fest, in der wir unseren M�ll sammeln. Judith telefoniert. Ich h�re, wie sie die M�nzen in das Telefon wirft, wie sie mit ihrer freundlichen Telefonistinnenstimme bei den Hotels anruft. Warum, um Gottes willen, sind wir nicht einfach losgelaufen, warum nicht einfach gefahren, im Taxi, warum habe ich nicht einfach zwanzig Dollar aus dem Fenster geworfen, warum nicht einfach hundertzwanzig Dollar aus den ge�ffneten Fenstern des Taxis hinausgeworfen, in dem wir nicht zu dem Hotel, f�r das wir uns schlie�lich entschieden haben, gefahren sind? Ich klammere mich an diesen Moment fest, die Telefonate mit den Hotels, die Unentschlossenheit angesichts des Regens. Judith sagt nichts.�Sollen wir nicht lieber zu Fu� gehen?�</p></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><p>Die U-Bahn f�hrt ein. Ich muss mich entscheiden. Soll ich einsteigen? Oder soll ich doch mit dem Taxi fahren?� Ich verstehe, dass Sie mir das erz�hlen wollen�, sage ich zu Lambert.�Aber wir haben jetzt nur noch f�nf Minuten, und ich denke, es ist das Beste, wir verschieben es und sprechen das n�chste Mal dar�ber.��Das n�chste Mal?�, wiederholt Lambert. Ich halte die Luft an, schaue zu, wie der Zug einf�hrt und langsam zum Stehen kommt.�Wieso k�nnen wir die Stunde nicht �berziehen, wieso k�nnen wir nicht l�nger machen?�, fragt Lambert. Ich w�rde gerne wissen, welche Ursachen der Karriereknick seines Vaters hat, halte mich aber mit Fragen zur�ck. Lambert mokiert sich dar�ber, wie sein Vater sich bei �ffentlichen Auftritten verh�lt und wie ungepflegt er immer aussieht. Dann wieder beklagt er, dass er in seinem ganzen Leben noch kein einziges pers�nliches Gespr�ch mit ihm gef�hrt hat und dass sein Vater ihn immer im Unklaren dar�ber l�sst, was er denkt und was er empfindet.�Aber ich kann Ihnen sagen, woran er gescheitert ist�, sagt Lambert. Ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. Ich erkl�re ihm, dass wir das n�chste Mal dar�ber reden. Ich versuche es langsam angehen zu lassen. Ich sage mir:�Du schaffst das schon mit dem Flug. �Und ich frage mich:�Was ist eigentlich in Baltimore genau passiert?�Morgens um halb sieben, als ich mich z�gernd und dann immer entschlossener vom Hotel entferne, das wir sp�t in der Nacht nach einem langen Fu�marsch doch noch gefunden haben. Ich verlasse das Hotel, so wie ich damals heimlich unser Schlafzimmer verlasse, um im Englischen Garten nach dem verlorenen Turnschuh zu suchen. Morgens um halb sieben. Ich hinterlasse noch nicht einmal eine Nachricht. Vielleicht denke ich, dass ich in ein paar Minuten wieder zur�ck bin.�Ach egal�, sagt sie, als wir einen der orangenen Turnschuhe bei unserem n�chtlichen Spaziergang verlieren. Es macht ihr nichts aus, wenn sie etwas verliert. Gegenst�nde bedeuten ihr nichts, obwohl sie st�ndig irgendetwas kaufen m�chte und nach irgendetwas Sehnsucht hat. Es ist ein No-Name-Turnschuh, ein im Grunde h�sslicher Schuh, den sie bei einer ihrer Shopping-Touren erstanden und in den sie sich vielleicht gerade deswegen verliebt hat, weil er so billig und sch�big ist. Manchmal denke ich, hoffentlich gehen sie bald kaputt, hoffentlich ist es mit den orangenen Turnschuhen bald vorbei, und dann schleiche ich mich morgens aus dem Haus, um im menschenleeren Englischen Garten nach ihm zu suchen. Verlasse ich deswegen auch unser Hotel in Baltimore? Um ihr eine Freude zu machen? Wir laufen nachts barfu� durch den Englischen Garten.�F�hlst du, wie weich das Gras ist?�, fragt Judith. Wir bekommen einen Lachanfall, als wir merken, dass wir ihn verloren haben. Die Schuhe sind eigentlich auf dem Gep�cktr�ger des Marburg-Fahrrads verstaut, aber einer der orangenen Turnschuhe f�llt herunter.�Das ist ein schlechtes Omen�, sagt Judith.�Jetzt ist das Paar nicht mehr vollst�ndig. �Der Verlust eines Gegenstandes l�st in ihr nichts aus, w�hrend es f�r mich eine existenzielle Bedrohung darstellt. Schon allein der Gedanke, sie k�nnte etwas verlieren, macht mich nerv�s. Und sie verliert oft etwas, sie h�tte auch das gr�ne Schmuckkreuz verloren, genauso wie sie den Zehenring verloren hat, den wir bei unserer Reise in der W�ste gekauft haben. Wir entdecken ihn in einem heruntergekommenen Andenkenladen in der N�he von San Diego. Es ist ein Ring mit einem aufgeklebten Plastikdiamanten f�r sieben Dollar f�nfzig, und wir kaufen ihn eigentlich nur, weil das andere Paar, das in seinem wei�en Ford Voyager die ganze Zeit hinter uns herf�hrt, pl�tzlich anh�lt und auch aussteigt. Sie l�sst ihn einfach auf dem Badewannenrand in einem Hotelzimmer in Primm liegen.�Das ist nicht so schlimm�, sagt sie, als sie bemerkt, dass der orangene Turnschuh weg ist.�Das ist nicht so schlimm?�, wiederhole ich. Ich will das Fahrrad f�r sie schieben, damit sie suchen kann, aber sie klammert sich an den Lenker fest.�Dann musst du Paartherapie mit ihm machen.��Mit ihm?��Mit dem Schuh.��Aber es ist nur einer.��Ja, deswegen musst du ihm helfen. �Es ist in der Nacht, in der Kyra ihre Abschiedsparty feiert. Judith hat die Idee, durch den Park zu laufen, weil sie glaubt, ich h�tte zu viel getrunken, um mit dem Auto zu fahren. Aber in Wirklichkeit habe ich nat�rlich nichts getrunken.�Ich soll dem Schuh helfen?�, frage ich.�Du darfst nicht Schuh zu ihm sagen, es ist ein Turnschuh. Hilf ihm. �Sie st�tzt sich auf dem Lenker ab, sie hat zu viel getrunken, sie kann kaum noch weitergehen.�Aber wir m�ssen erst den anderen finden�, sage ich, und wir laufen wieder zur�ck, aber sie hat schon nach ein paar Metern keine Lust mehr.�Versprichst du, dass du Paartherapie mit ihnen machst, wenn du ihn gefunden hast?�, sagt sie noch, aber wir finden ihn nicht. Am n�chsten Tag bin ich kurz nach Sonnenaufgang im Englischen Garten, um nach ihm zu suchen. Ich verlasse das Haus, so wie ich das Hotel verlasse, heimlich, ohne dass ich ihr etwas davon sage. Ich suche �ber eine Stunde und werde immer nerv�ser, als die ersten Jogger aus den schattigen Waldst�cken herauspreschen und anfangen, ihre Runden zu drehen. Als ich sp�ter nach Hause zur�ckkehre und sie noch immer schl�ft, gehe ich ins Badezimmer, reinige den Schuh und stelle ihn dann neben sie aufs Kopfkissen. In Baltimore lasse ich sie drei Stunden allein. Ich bringe ihr nichts mit. Nicht einmal ein billiges Schmuckkreuz. Ich habe das Gef�hl, dass wir unbesiegbar sind, als ich durch den Englischen Garten laufe. Uns kann nicht das Geringste passieren, denke ich, w�hrend ich angestrengt auf den Boden starre, und dann sage ich mir:�Dieser verfluchte Schuh, hoffentlich finde ich ihn.�</p><empty-line/><p>Ich steige ein. Ich schaffe es, oder ich schaffe es nicht. Ich ziehe das Gep�ck hinter mir her und suche mir einen Platz in der N�he einer T�r. Es sind neun Stationen, die ich mit dem L-Train fahre, neun Stationen bis ich umsteigen muss. Diese Ausweglosigkeit hat mit einem Mal etwas Beruhigendes. Als ich durch die leeren Stra�en von Baltimore laufe, denke ich nicht an Judith. Ich bin froh, dass ich aus dem Hotelzimmer raus bin. Selbst die noch ge�ffneten Nachtclubs und Bars haben etwas Ernstes und Tiefgr�ndiges. Als w�re dort nachts besonders hart und intensiv gearbeitet worden. Die quadratische Anordnung der H�userbl�cke und das Gitternetz der rechtwinklig angelegten Stra�en, die Gleichf�rmigkeit ihrer Kreuzungen wiegen mich in Sicherheit und bet�uben mich. Ich entferne mich mit dem Gef�hl, dass ich jederzeit in unser Hotel zur�ckkehren kann. Judith schl�ft, sie hat sich in ihrem Jogginganzug unter der Bettdecke verschanzt. Sie schl�ft, raune ich mir zu. Kein Problem. Du brauchst dich nicht um sie zu k�mmern, brauchst dir keine Gedanken um sie zu machen. In einer pl�tzlichen Vision sehe ich mich in dem morgendlichen Halbdunkel des Zimmers einer Gestalt gegen�ber. Ein ungebetener Besucher, der vor mein Bett tritt. Es ist weniger eine Gestalt als ein Gebilde. Eine halb r�hrenf�rmige halb abstrakte Struktur, die sich vergr��ert, wenn man mit ihr in Kontakt zu treten versucht. Dann aber wird sie ungreifbar und verliert alle Dimensionen. Eine solche Gestalt, ein solches Gebilde einen� Besucher �zu nennen, ist nat�rlich nur ein ironischer Bew�ltigungsversuch, so wie ich einmal einer Klientin geraten habe, ihren �ngsten Namen zu geben, um sie einerseits zu identifizieren, aber andererseits auf spielerische Weise mit ihnen umzugehen und sozusagen mit ihnen ins Gespr�ch zu kommen. Ein schmaler Streifen Licht wird zwischen den Vorh�ngen sichtbar, flie�t langsam �ber den Teppich ins Zimmer. Das Fenster bildet eine breite gro�z�gige gl�serne Front, die an der st�hlernen Geb�udekante scharf nach links abbiegt und parallel zu der Bettseite, auf der Judith schl�ft, weiterverl�uft. Der Besucher bleibt anonym, er nimmt keine menschlichen Z�ge an. Aber es ist eine andere Angst als meine Angst, den Flug zu verpassen. Oder meine Angst auf dem Dupont Circle, als ich in der Mittagspause eine Stunde lang auf Judith warte. Es ist eine haltlose und konfuse Angst. Eine Angst, gegen die ich nichts ausrichten kann. Als ich mich entscheide, aufzustehen und spazieren zu gehen, denke ich noch, dass ich sie einfach vertreiben kann. Ich stehe auf und verlasse das Hotel. Ich ahne schon, dass ich nicht so schnell zur�ck sein und dass ich mich an diesen Spaziergang noch lange erinnern werde. Der Dampf, der aus dem Gulli steigt, das katzenhafte Herumschleichen eines Polizeifahrzeuges in einer Seitenstra�e, in die ich hineingehe, weil sie mir auf interessante Weise verkommen erscheint. Die Blicke von Obdachlosen, die durch mich hindurchschauen, die Visitenkarten der Prostituierten, die zwischen den Glassplittern auf dem Boden vor einer kaputten Telefonzelle liegen. Am Abend zuvor sitze ich mit Judith, nachdem wir das Fischrestaurant verlassen haben, in einer Bar in Little Italy, und ich versuche, wie ich es mir schon auf dem Flug nach Washington vorgenommen habe, ihr zu erkl�ren, wie sehr ich sie liebe. Und dass sie ihr Praktikum auf der Stelle abbrechen und zur�ck nach M�nchen kommen soll. Im Fischrestaurant f�llt der Strom aus, f�r wenige Sekunden, dann schaltet sich der Notstromgenerator ein.�Ich w�rde jedenfalls nicht so einfach ins Ausland gehen, nur weil ich mit meinem Leben nicht zufrieden bin�, sage ich in Gedanken zu ihr. Oder, wenn man es anders ausdr�cken w�rde: Ich halte es ohne dich nicht aus. Ein Satz, f�r den ich aber noch einen Ort suche und schlie�lich denke, ich m�sste ihn au�erhalb der Stadt finden. Der Hafen ist eine Entt�uschung. Es gibt keine richtige Promenade, jedenfalls finde ich sie nicht und laufe die ganze Zeit auf der falschen Seite, an langen h�lzernen Piers und Aufbauten vorbei, in denen Restaurants und Bars untergebracht sind, die aber jetzt alle leer stehen. Der eigentlich interessante Teil des Hafens ist auf der gegen�berliegenden Seite.�Ich halte es ohne dich nicht aus. �Es ist kein Satz, den man einfach so sagt. Es ist ein Satz, auf den man hinarbeitet, auf den alles zuf�hrt. Ich sage ihn nicht. <emphasis>Ich bringe ihn nicht �ber die Lippen</emphasis>. Auch nicht in Little Italy, in der Bar, in der wir sp�ter einen Drink nehmen. Die Bar geh�rt einer ehemaligen Operns�ngerin, und der schwere, glitzernde Halsschmuck auf ihrer h�ckerartigen Brust erweckt den Eindruck, als sei er aus ihren Knochen herausgeschnittenes Licht. Sie arbeitet nur zum Spa�. Daf�r hat sie sich die Bar auch gekauft. Es scheint ganz einfach zu sein. Ich sage es ihr. Ich warte den richtigen Moment ab, finde den richtigen Ort. Tats�chlich hat sich unsere Stimmung aufgehellt durch den skurrilen Stromausfall im Fischrestaurant, der nur das oberste Stockwerk des Restaurants betrifft, w�hrend der untere hell erleuchtet bleibt. Ein umgeknickter Strommast in der Nachbarschaft. Bei unserem Spaziergang vom Restaurant in das in der N�he gelegene Little Italy kommt Judith wieder zu Kr�ften. Ich habe alles versucht, um den Abend zu verderben. Das endlose Telefonieren am Bahnhof, meine Forderung, zu Fu� zu gehen, die qu�lend lange Debatte dar�ber, ob das Hotel, in dem wir �bernachten, nicht zu unpers�nlich ist. Ob wir nicht etwas Sch�neres finden k�nnen.�Ich halte es ohne dich nicht aus. �Ich h�tte den Satz r�ckw�rts aufsagen und mit seinem Ende, mit seiner Pointe beginnen k�nnen. Ich warte zu lange. An einem kleinen Hafenbecken, das ich schlie�lich nach endlosem Herumirren erreiche, bleibe ich eine Weile stehen. Ein Motorboot tuckert durch das Wasser und sammelt den M�ll auf. Hunderte von Plastikflaschen schwimmen im Wasser, um die herum ein gro�er schlauchartiger Ring ausgeworfen worden ist. Ich beobachte das Boot, wie es seinen Fang hinter sich herzieht und das kleine Hafenbecken wieder verl�sst. In diesem Moment vergesse ich, warum ich �berhaupt nach Baltimore gekommen bin. Stehe ich wirklich eine Stunde am Hafen und schaue einem M�llentsorgungsboot zu, wie es leere Plastikflaschen hinter sich herzieht, als wollte es diesen Flaschen helfen, ihre gar nicht vorhandene Botschaft auf dem offenen Meer noch schnell loszuwerden. Sonntagmorgens, bevor der Gottesdienst anf�ngt? Welche Gedanken gehen mir in diesem Moment durch den Kopf. Der Gedanke: Ich kann den Satz� Ich halte es ohne dich nicht aus �nicht sagen? Oder kann ich die Anwesenheit von Judith, von der ich mich unter keinen Umst�nden trennen will, nicht mehr ertragen?</p><empty-line/><p>Auf dem Weg zum Hafen oder vielleicht schon auf dem R�ckweg, als mit der zunehmenden Helligkeit und dem Verschwinden des morgendlichen Dunstes mein schlechtes Gewissen zur�ckkehrt und ich beschlie�e, sofort zum Hotel zur�ckzugehen, entdecke ich eine kleine Kirche. Ohne es zu wollen, bin ich nach Little Italy gegangen. Die ersten Besucher, wahrscheinlich italienischst�mmige Bewohner von Baltimore, haben sich versammelt, aber die Kirche noch nicht betreten. Pl�tzlich entdecke ich auf einer an der Kirchenwand angebrachten Marmortafel Judiths Familiennamen. Es ist ein seltener Name, und ich bin f�r einen Moment vollkommen elektrisiert und denke, dass ich bei meinem Herumirren durch Baltimore endlich eine Spur gefunden habe, die beweist, dass es in der Familie von Judith au�er ihrer Tante noch andere Auswanderer gibt. Und dass sich ihre komplizierten Familien- und Abstammungsverh�ltnisse vielleicht aufkl�ren lassen. Mehrere Minuten vergehen damit, dass ich alle Namen, die dort stehen, in mein Notizbuch schreibe. Die Schwere der Nacht f�llt von mir ab, ich schreibe diese Namen auf. Ich schreibe mich in die Vergangenheit von Judith hinein, in ihre Familiengeschichte, die Geschichte ihrer Vorfahren, zumindest die, die ich daf�r halte. Judith selbst liegt in diesem Moment im Bett und schl�ft. Ich k�nnte mit diesen Namen zu ihr zur�ckkehren, sie wecken und ihr davon erz�hlen. Ich k�nnte wie ein Bote aus der Vergangenheit ihrer Familie an ihr Bett treten und ihr erkl�ren, wie sehr ich sie liebe, ihre Vorfahren, ihre Gro�v�ter, Gro�m�tter, Gro�onkel und Gro�tanten oder zumindest mich f�r sie interessiere. Ich w�rde an ihr Bett treten und ihr die Liste aus meinem Notizbuch vorlesen und sie danach zu dieser kleinen Backsteinkirche in Little Italy bringen. Die Kirche sieht wie meine alte Grundschule aus, und die m�den Gesichter der Italo-Amerikaner, die sich zu dem Backsteingeb�ude schleppen, sind ein matter Nachhall meiner tristen Schulzeit. Wohingegen ich mir jetzt wie ein flei�iger Sch�ler vorkomme, der in letzter Sekunde seine Schulaufgaben macht, sich alles aufschreibt, alle Namen und Verbindungen, aus denen Judith besteht, aus denen sie hervorgegangen ist. Ich k�nnte zur�cklaufen, zur�ck ins Hotel, aber ich tue es nicht.�Siehst du�, k�nnte ich sagen,�ich habe heute Morgen deinen Namen gefunden, ist das nicht wundervoll? Ich m�chte, dass du diese kleine Kirche siehst. �Ich schreibe die Namen zwar auf, schreibe sie aber so auf, als w�ren sie Teil einer Geschichte, in der sp�ter auch Judith vorkommt. Die Gemeindemitglieder, die Gr�nderv�ter und ihre Angeh�rigen, die im Krieg gefallenen Soldaten, alle, die denselben Namen haben wie Judith. Ich schreibe sie f�r eine ferne Zukunft auf, f�r einen Moment, in dem ich mir selbst diese Geschichte erz�hle. Statt dass ich ins Hotel zur�ckgehe und ihr davon erz�hle. Aber ich stehe wichtigtuerisch, Name f�r Name in mein Notizbuch �bertragend, vor der schwarzen Marmortafel neben der niedrigen Eingangst�r der Kirche, der sich die gebrechlichen Gemeindemitglieder vorsichtig n�hern.�Was wird Judith wohl dazu sagen, wie wird sie wohl darauf reagieren?�, denke ich noch, als h�tte ich ernstlich vor, ihr davon zu erz�hlen.</p><empty-line/><p>Es ist ein Moment des Entspannens. Ein Augenblick, in dem ich mich treiben lasse. Montrose Avenue. Bushwick Avenue. Morgan Avenue. Orte, an denen ich noch nie gewesen bin, obwohl sie ganz in der N�he von Williamsburg sind. Ich h�tte mit dem L-Train leicht einmal hinfahren k�nnen. Ich h�tte nach Washington fahren k�nnen, morgens direkt nach der Dampferfahrt. Es f�ngt alles morgens an, als ich ins Taxi steige. Als ich nicht zum Bahnhof fahre. Als ich das Hotel in Baltimore verlasse. Als ich spazieren gehe. Es f�ngt immer morgens an. Warum verlasse ich in M�nchen morgens unsere Wohnung? Ich fahre zu einem Caf� in die Lindwurmstra�e oder zu einem Caf� am Sendlinger Tor. Die wenigen Minuten, die mir bleiben, die losen Enden meiner verschiedenen Lebensbereiche, die gr�nstichige Leere meiner Praxis und die aufwallenden Gebirge, die ungest�m aufgeworfenen Laken unseres Schlafes zu verbinden. Manchmal bestelle ich mir einen zweiten Kaffee, oder ich sitze da und f�hle mich au�erstande, das Caf� wieder zu verlassen. Judith ist zu Hause. Sie studiert ihre aus dem Internet ausgedruckten Texte �ber das Nomadentum. <emphasis>Arid Climate, Adaptation and Cultural Innovation in Africa</emphasis>. Sie korrigiert Fu�noten in ihrem Darfur-Aufsatz. Es kommt mir vor, als l�ge sie auf dem Boden neben dem Bett, als h�tte ich sie aus dem Bett gesto�en. Wie immer geht es darum, dass ich die Praxis aufgebe, und zwar nicht in einem, wie es professionell sinnvoll w�re, systematischen� Ausschleichungsprozess��ber mehrere Jahre, in denen ich keine neuen Klienten mehr annehme, die alten aber noch zu Ende therapiere und die Praxis dann verkaufe, sondern von heute auf morgen oder, wie ich zu sagen pflege,��bers Wochenende�. Ich gebe alles auf, ich schmei�e alles hin. Judith liegt auf dem Fu�boden. Ich sitze im Caf�. Ich m�chte zu ihr zur�ckkehren und m�chte mich bei ihr entschuldigen, weil vielleicht der Eindruck entstanden ist, ich w�rde sie nicht genug lieben.�Aber das stimmt nicht�, w�rde ich sagen, als g�be es einen Dritten, der ihr das, w�hrend sie schl�ft, ins Ohr gefl�stert hat.�Es ist nicht wahr. �In Baltimore, im Gitternetz der rechtwinkeligen Stra�en, die mein Leben in Entscheidungsanordnungen unterteilen. Wieder runter zum Hafen? Oder hoch zum Hotel in den vierzehnten Stock zu meiner schlafenden Freundin? Ich w�rde die Klienten aus meiner Praxis vertreiben, sie einzeln hinauskatapultieren. Ich w�rde Lambert hinauswerfen, und das w�re noch das Beste f�r ihn. Ich w�rde ihn anrufen und ihm mitteilen, dass ich nichts mehr f�r ihn tun kann und dass die Therapie zu Ende ist. Die Sonne kommt heraus, ich stehe auf einer Stra�enkreuzung, gar nicht so weit entfernt vom Hotel. Noch immer habe ich kein Caf� gefunden, in dem ich mit Judith fr�hst�cken k�nnte. Schon auf der Zugfahrt nach Baltimore hat sie mir zu verstehen gegeben, dass sie �ber die Pl�ne zur Aufl�sung meiner Praxis nichts mehr h�ren will. Will ich sie jetzt daf�r bestrafen? Ich stehe auf der Kreuzung, eine schon ge�ffnete Dunkin�-Donuts-Filiale zu meiner Linken und ein B�rogeb�ude zu meiner Rechten. Das Hotel ragt vor mir auf. Ich wei� von seiner Anwesenheit, seinem kostbar geh�teten Schatz. Aber ich kehre nicht zu ihm zur�ck.</p><empty-line/><p>�Und was soll ich jetzt tun?�, fragt Lambert.�Soll ich jetzt zwei Wochen abwarten und nichts tun?�Es ist eine ung�nstige Tageszeit. Ich lege meine Stunden lieber in den Nachmittag oder in den Abend. Nur in Ausnahmef�llen mache ich einen Termin am fr�hen Morgen.�Da k�nnen wir jetzt auch nichts mehr machen�, sage ich zu ihm.�Es hat keinen Sinn, wenn wir jetzt noch mit einem neuen Thema anfangen. �Kurz vor meiner Abfahrt, in der letzten Stunde f�ngt er damit an. Er erz�hlt mir von seinem Vater, dessen beruflichen Niedergang er mir immer wieder als Erkl�rungsmodell anbietet. Der eigentliche Grund f�r seine Stimmungsschwankungen, seine Insuffizienzgef�hle, seine, wie er selbst sagt,�suizidalen Tr�ume�. Und er will mir erz�hlen, was wirklich mit seinem Vater passiert ist. Ein Geheimnis, das eigentlich niemand erfahren darf. Ausgerechnet in der letzten Stunde, bevor ich nach New York fliege, behauptet er auf einmal, alles, was er mir bisher erz�hlt habe, sei falsch und w�rde nicht stimmen, es sei reine Erfindung und sei im Grunde der Versuch, seinen Vater, der als Berufspolitiker bis vor kurzem im Rampenlicht der �ffentlichkeit gestanden hat, vor mir zu sch�tzen und ihn, wie er sagt,�in Sicherheit �zu bringen. Damit w�re es aber jetzt vorbei. Und von jetzt an w�rde er die Wahrheit sagen. Noch jetzt �rgere ich mich dar�ber, dass ich mit so einem schwierigen Klienten am fr�hen Morgen einen Termin mache. Ich bin nicht �berrascht, dass die Geschichten, die er mir von seinem Vater erz�hlt, nicht stimmen oder zumindest nicht vollst�ndig sind.�Wir k�nnen gerne �ber Ihren Vater sprechen�, sage ich, schon im Stehen, um ihm ein klares Zeichen zu geben.�Aber heute wird es nicht mehr gehen. �Ich schaue nach drau�en auf den kleinen Innenhof. In den R�umen des medizinischen Fachbuchverlags geht das Licht an. Die Glast�r zu der Metalltreppe, die zum Innenhof f�hrt, steht offen. Manchmal sitzt dort auf dem obersten Treppenabsatz jemand und raucht oder schnappt ein bisschen frische Luft. Als h�tten sich alle stillschweigend darauf geeinigt, wird der Innenhof aber so gut wie von niemandem betreten. Es gibt keine Pflanzen dort, keine B�ume, nichts, au�er einem alten Klappstuhl, der direkt neben der Treppe steht. Ich suche nach einer L�sung, einem vers�hnlichen Ausklang der Stunde, etwas, das ich Lambert mit auf den Weg geben kann. Die B�ume im Innenhof der Nationalbibliothek von Paris sind mit Stahlseilen am Boden festgemacht, und man kann um den Garten herumlaufen, aber betreten kann man ihn auch nicht.�Ja und?�, fragt Lambert, der immer noch auf seinem Stuhl sitzt und darauf wartet, wie ich auf seine Provokation reagiere.�Was passiert jetzt? Wollen Sie mich nicht rausschmei�en?�Er sagt, er w�rde nicht eher die Praxis verlassen, als bis ich ihn angeh�rt habe. Ich bin in Gedanken in Paris. Die B�ume, die die Leses�le leicht �berragen, die sich schwankend bewegen, wenn man ihnen lange genug zuschaut und es ein windiger Tag ist. Ich schaue auf den Klappstuhl. Die Mitarbeiterin des medizinischen Fachbuchverlags hat ihn damals dort unten vergessen, und von den Verlagsr�umen aus kann man ihn nicht sehen. Ein paar Mal habe ich schon daran gedacht, ob ich nicht jemand darauf aufmerksam machen soll, aber dann ist mir der Stuhl zu einem lieben Gegenstand geworden, den ich nicht missen m�chte. Die Lackschicht auf der Sitzfl�che des Klappstuhls ist schon abgebl�ttert, und die d�nne blonde Frau mit den knochigen Beinen, die sich dort in den Schatten gesetzt hat, um zu lesen, sehe ich in meiner Erinnerung immer noch, wie sie das Buch sich ganz nah vors Gesicht h�lt. Sie hat den Klappstuhl einfach mit nach drau�en genommen. Und jetzt, ein Jahr sp�ter, steht er immer noch da. Noch in New York, als ich morgens von der Party in Queens nach Hause zur�ckkehre und auf dem Bett sitzend meinen Computer anschalte, um kurze Zeit sp�ter Anne kennenzulernen, kommt mir alles wieder hoch, was Lambert zu mir gesagt hat, alles, was er mir in diesem wahnsinnigen Monolog entgegenschleudert. Nach der Dampferfahrt bin ich so ersch�pft, dass ich den Schnauzb�rtigen, der in Queens der Gastgeber ist, frage, ob ich mich nicht irgendwo hinlegen kann. Das garagenartige Schlafzimmer liegt in einem cremefarbenen, bleichen Schatten, als ich mitten in der Nacht wieder aufwache.�Wir haben jetzt noch f�nf Minuten�, sage ich zu Lambert, w�hrend ich meinen Blick langsam von dem im Innenhof stehenden Klappstuhl die Metalltreppe hoch bis zu Glast�r des medizinischen Fachbuchverlags wandern lasse. Die T�r ist geschlossen.�Vielleicht machen wir hier einfach einen Punkt. �Und dann bricht es auf einmal aus ihm heraus. Als w�rde nicht er sprechen, sondern irgendeine Instanz, irgendjemand, der sich seiner bem�chtigt und ihn mit aller Kraft gegen mich in Stellung gebracht hat. Es ist genau das, was ich ihm sp�ter auch erkl�re, als ich ihn zur T�r geleite und er mich fragt, ob ich jetzt� schockiert �sei.</p><empty-line/><p>Der Geruch von Vanille. Das ist der Geruch, den Lambert mit der Frau an der Trambahnhaltestelle assoziiert, von der er mir einmal erz�hlt hat. Der Geruch eines Menschen, mit dem er noch nie ein Wort gesprochen hat.�Ich wei�, warum seine Karriere kaputtgegangen ist�, sagt er.�Ich wei� es. Aber Sie wollen es ja nicht h�ren. �Eine Frau mit einer d�nnen Aktentasche aus Wildleder auf dem Scho�, die neben mir im L-Train sitzt, riecht auch nach Vanille. Ein Kollege in meiner Supervisionsgruppe hat mir einmal erkl�rt, Frauen, die ein Parfum mit Vanilleextrakt benutzen, h�tten bei Menschen, die als Kind nicht richtig gestillt wurden, besonderen Erfolg, da der Geruch von Vanille mit der Muttermilch assoziiert w�rde.�Welches Parfum benutzt ihre Mutter?�, k�nnte ich Lambert fragen, aber ich will ihn nicht unn�tig provozieren. Die Gesichter der anderen Fahrg�ste sind auf verd�chtige Weise ausgeruht. Sie sehen aus, als g�be es die Hitze gar nicht. Als g�be es auch keine oberirdische Welt, sondern das hier unten sei unser nat�rlicher Lebensraum, in dem wir mit gleichm��iger Geschwindigkeit unserem jeweiligen Ziel entgegenstreben. Die Frau mit der Wildledertasche k�nnte Anne sein. Im Profil hat sie gro�e �hnlichkeit mit ihr, obwohl ich mir Anne nicht in der U-Bahn vorstellen kann, schon gar nicht mit einer Wildledertasche auf dem Scho�, die H�nde dem�tig �ber dem goldenen Verschluss ihrer Tasche zusammengefaltet.�Sind Sie gestillt worden als Kind?�, k�nnte ich Lambert fragen. Die Frau neben mir hat auffallend gro�e Br�ste. Es sind die Br�ste, die Anne, die polnische Prostituierte, die ich im Internet kennenlerne, nicht hat. Die gro�en Br�ste, die fehlen und die uns beinahe zum Verh�ngnis werden, in Greenpoint, einem Nachbarstadtteil von Williamsburg. Obwohl die letzte Stunde mit Lambert schwierig und in gewisser Weise deprimierend gewesen ist, empfinde ich sie doch als Fortschritt und habe das Gef�hl, dass, nach all dem, was ich versucht und an Energie investiert habe, etwas in Bewegung geraten ist. Er wird es immer wieder versuchen. So wie die E-Mail, die er mir geschickt, oder den Zettel, den er mir auf den Schreibtisch gelegt hat. Immer dann, wenn ich das zulasse, wenn ich eine Grenz�berschreitung erlaube, begebe ich mich auf ein gef�hrliches Terrain und bringe auch ihn damit in Gefahr.�Thomas Kaszinski�, sagt er.�Ich habe Ihren Namen noch nie ausgesprochen, ich sage immer nur �mein Therapeut� oder �der Therapeut�. Finden Sie das nicht komisch?�Ich l�chele ihn an, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was als N�chstes kommt. Er richtet sich auf:�Soll ich Ihnen mal was sagen?�Er schaut mich herausfordernd an.�Aber es interessiert Sie ja sowieso nicht, was ich von Ihnen denke.�</p><empty-line/><p>Es ist am fr�hen Morgen, als ich das Hotel verlasse. Es ist am fr�hen Morgen, dass Lambert in meiner Praxis die Nerven verliert. Am fr�hen Morgen, als ich aus Queens zur�ckkomme und auf einmal eine sexuelle Phantasie habe, nachdem mich der Taxifahrer, den der Schnauzb�rtige mit seinem elfenbeinfarbenen schnurlosen Telefon gerufen hat, vor der Haust�r abgesetzt hat. Ich fahre nicht nach Washington. Ich bleibe zu Hause. Es ist sieben Uhr. Kurz nach acht, als Lambert in die Praxis kommt. Halb sieben in Baltimore. Sechs Uhr zwanzig, als ich an die Bar mit der Fransen-Stehlampe in der Grand Street denken muss. Es passiert immer morgens. Als w�rde der �bergang, der Wechsel von der Nacht in den Tag, nicht richtig funktionieren, als w�rde dabei etwas schiefgehen. Das Licht, in das man hineintritt wie in eine fremde Welt, die �ber Nacht eine andere Gestalt angenommen hat und jetzt in aller H�rte und Klarheit erstrahlt. Das Licht des Morgens.�Ich bin nicht so sehr an Br�sten interessiert�, schreibe ich in meiner ersten E-Mail an Anne,�aber wenn sie wirklich so sch�n sind und deine Freundin sie so gerne ber�hrt. �Ihre Freundin spricht kein Englisch, sie kann noch nicht mal bitte oder danke sagen. Vielleicht ein besonders perfider Versuch der Verf�hrung.�Ist sie auch da?�, frage ich. Ich denke in diesem Moment nicht an Geld, nicht an die finanziellen Konsequenzen. Das Licht. Es kann ein hoher blauer Ton sein. Ein bleiches, graues Lauern. Bei meinem Spaziergang in Baltimore steigt es in meinem R�cken langsam hinter mir nach oben. Es steigt mit einer Geschwindigkeit, die man nicht sehen kann.�Wirklich?�, frage ich Anne.�Sie sind wirklich so gro�? To be honest�, schreibe ich,�I am not into breasts. �Und� breasts �h�rt sich in diesem Moment etwas komisch an. Anne schreibt:�My girlfriend is into them.��Ist sie da?�, schreibe ich im Laufe unseres mehrst�ndigen Gedankenaustauschs. Das Licht des Morgens. Das Licht der am offenen Herzen vorgenommenen Operation. Das Licht, das durch die Tr�ume gewaschen, von der Schuld und den Vers�umnissen der Nacht gereinigt worden ist. Es hat sich �ber Nacht nach oben gek�mpft, und jetzt triumphiert es. Es tastet sich an den uringesprenkelten H�usersockeln hoch. Es ist gl�sern und schon zersprungen. Es ist die scharfe Kante eines Gedankens, den man noch nicht gefasst hat. Es legt sich um mich wie ein Griff und zieht mich nach unten. Zwei Stunden sp�ter, als ich in Greenpoint ankomme, einem Stadtteil, der direkt neben Williamsburg liegt, als ich den unbeholfenen Verf�hrungsk�nsten von Anne erliege und ihr Angebot annehme, ist das Licht schon nicht mehr so intensiv. Es ist nicht mehr das Licht von Queens, nicht mehr das Licht von New York, es ist das Licht aus meiner Kindheit. Es ist das Licht, mit dem ich geblendet worden bin.</p></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><p>Ich verbringe den ganzen Vormittag damit, Anne dazu zu �berreden, zu mir nach Williamsburg zu kommen, aber sie sagt, sie mache keine Hausbesuche. Sie beeilt sich aber zu erkl�ren, sie w�rde mir ohne weiteres vertrauen, und sie k�nne schon an der Art, wie ich schreibe, erkennen, dass ich ein Gentleman sei. Sie ist begeistert davon, dass ich aus M�nchen komme, das sie aber ohne weiteres mit Mailand verwechselt. Erst erkl�rt sie, sie sei geb�rtige New Yorkerin, aber dann, als ich ihr sage, wie interessant ich es f�nde, dass sie polnische Vorfahren habe, behauptet sie, sie sei in Wirklichkeit Polin und erst seit f�nf Jahren in New York. Schlie�lich, um die Verwirrung perfekt zu machen, erkl�rt sie, sie sei erst 20 und nicht 27. Als ich wenig sp�ter ganz beil�ufig erw�hne, sie sei ja als� Minderj�hrige �in ihren ersten Jahren in New York bestimmt ungl�cklich gewesen, macht sie einen weiteren Schwenk, indem sie zugibt, sie habe mich� ein bisschen angeschwindelt�, weil sie denkt, ich k�nnte w�tend werden, wenn ich erf�hre, dass sie noch gar nicht vollj�hrig sei. Mein Computer, von seinem Netzteil abgeschnitten, ruht auf meinem Scho�. Erst beruhigt mich die W�rme der Festplatte, dann macht sie mich nerv�s. Der Akku entl�dt sich, w�hrend ich eine andere Frau, die in einem Hotel in der Grand Street auf mich wartet, damit vertr�ste, ich h�tte nicht genug Bargeld.�Es gibt �berall Geldautomaten�, schreibt sie mir, w�hrend mir einf�llt, dass es in der Grand Street gar kein Hotel gibt.�St�rt es dich, wenn meine Freundin dabei ist?�, fragt Anne.�Wie alt ist deine Freundin?�, schreibe ich zur�ck. Die Anzeige des Akkus weist einen Rest von 16 Prozent aus, den ich noch aussch�pfen kann. Anne erkl�rt sich schlie�lich bereit vorbeizukommen, allerdings allein, als mir einf�llt, dass ich gar keine T�rklingel habe und auch kein Mobiltelefon, auf dem sie mich anrufen k�nnte, wenn sie vor der Haust�r steht. Weitere Minuten vergehen, in einem komplizierten Hin und Her, bei dem Anne und ich uns so verhalten wie ein Liebespaar, das vor nichts zur�ckschreckt, um ein Treffen doch noch m�glich zu machen. Was bleibt mir in Erinnerung, welches Detail, welche besondere Wendung? Dass ich den Computer wie ein aufgeklapptes Buch auf dem zerw�hlten Bett zur�cklasse, als ich die Wohnung �berst�rzt verlasse. Die Warnsignale der zur�cksetzenden Transporter, die die eingeschwei�ten Fleischst�cke anliefern, die von Arbeitern mit Wollhandschuhen aus dem Wageninneren herausgeschleppt werden. Das kaputte Schloss der Haust�r, in dem mein Wohnungsschl�ssel steckenbleibt. Anne, die mit einer anderen Frau in Greenpoint vor dem Computer sitzt, wobei es unklar bleibt, mit welcher der beiden Frauen ich den ganzen Vormittag kommuniziert habe oder ob nicht am Ende abwechselnd mit beiden oder doch, wie ich sp�ter denke, mit einer ganz anderen, tats�chlich in Polen sitzenden Frau, die alles arrangiert? Es ist so hei�, dass ich f�rchte, das Plastikgeh�use des Computers k�nnte schmelzen. Die Luft, mit der ich aus Queens gekommen bin, die weiche, hauchfeine, in mir aufquellende Luft presst sich zusammen. Ich laufe eine halbe Stunde herum, bis ich ein Internetcaf� finde, von dem aus man auch Telefonanrufe machen kann. Ich habe die Hausnummer vergessen, die mir Anne in ihrer letzten E-Mail mitgeteilt hat. Anne will mir Bilder von ihrer Freundin schicken, aber ich sage ihr, dass ich das nicht m�chte. Ich will keine Bilder sehen. Die Fotos auf den Visitenkarten in Baltimore, in der Gegend, wo die Nachtclubs sind, liegen vor der Telefonzelle zu F�chern ausgebreitet. Ich muss alle Kraft aufbringen, sie zu ignorieren. Auf einigen stehen nur Telefonnummern und keine Namen unter den Bildern der Frauen, die meist Reizw�sche tragen. Verschwommene, unscharfe Fotografien, die sich �bereinanderschichten, in einem Halbkreis vor der herausgebrochenen T�r der Telefonzelle. Wie ein Blatt, das einem Spieler auf der Flucht aus der Hand geglitten ist und das sich mir jetzt anbietet. Spiel mit, biete mit. Sag, wie weit du gehst.</p><empty-line/><p>Schl�ft Judith noch? Wir haben vielleicht noch etwas im Fernsehen gesehen, als wir nachts ins Hotel zur�ckgekommen sind, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich kann sie nicht einfach aufwecken. Sie braucht ihren Schlaf. Es versetzt mir einen Stich, als ich nach einer zweij�hrigen Pause von Gabriela erfahre, dass sie mit ihrem Freund, der immer noch bei der Telekom arbeitet, Kinder hat. Sie schreibt mir, sie habe angefangen, psychologische Ratgeber zu lesen, und dass sie davon� tr�umt�, eine Psychotherapie anzufangen und wie denn die� Therapietechnik �hie�e, die ich anwende. Sie sagt, sie h�tte bei dem Gedanken, dass doch ich sie therapieren k�nne, geweint. Sie leidet unter Agoraphobie, und vermutlich arbeitet sie deswegen bei Trixis, dem Schmuckgesch�ft ohne Fenster, ohne Mitarbeiterkabuff und ohne Klo. Um auf die Toilette zu gehen, muss sie den H�agen-Dazs-Verk�ufer bitten, ein Auge auf die in den Glasvitrinen verschlossenen Schmuckauslagen zu haben, die oft weniger wert sind als das Eis, das den ganzen Tag unter seinen Augen schmilzt. Sie leistet sich ganz selten eine Kugel, sie ist sehr sparsam. Ihre Lieblingssorte ist Apfel-Karamel. Sie sagt:�Wie kann ich dich gl�cklich machen?�Anna und Anne sagen:�Wie k�nnen wir dich gl�cklich machen?�, beziehungsweise: sie sagen es nicht, sie sind nicht in der Lage dazu, ihr Englisch reicht dazu nicht aus.�You happy here?�, fragt Anne. Ich laufe drei Stunden durch Baltimore, umkreise die Backsteinkirche in Little Italy, schlendere zum Hafen herunter und lasse den Dunkin�-Donuts-Laden links liegen, in dem wir sp�ter fr�hst�cken, ein kurzes liebloses Fr�hst�ck, das wir im Stehen einnehmen. Anne ist kleiner und zarter, als ich gedacht habe. Am Anfang sitzen wir einfach so zusammen, und ihre Freundin verl�sst mehrmals die K�che, um dann pl�tzlich im Bademantel zur�ckzukehren und uns mitzuteilen, dass die T�r zum Nebenzimmer unbedingt geschlossen bleiben muss, weil die Klimaanlage auf Hochtouren l�uft. Judith und ich teilen uns einen Donut mit dem Namen� Boston Creme�, und dann suchen wir Poe-Haus. In meiner Erinnerung stehe ich in der Lobby unseres Hotels, unsicher, ob ich nach drei Stunden des Herumwanderns nach oben in unser Zimmer gehen soll. Ob Judith schon wach ist? Es scheint mir wichtig, dass sie ausgeschlafen ist, da sie doch am n�chsten Tag wieder im Robert-Kennedy-Institut arbeiten muss, w�hrend ich nach M�nchen zur�ckfliege.�Lass sie doch ausschlafen�, sage ich mir. Ich versuche mich an das Zimmer zu erinnern. 190 Dollar die Nacht. Die Wahrheit dieser Nacht liegt woanders, vielleicht in dem Fernseher, der direkt vor dem Bett steht. Haben wir nicht doch noch einen Film zusammen gesehen, als wir abends aus Little Italy zur�ckgekommen sind? Daran muss ich mich doch erinnern k�nnen.</p><empty-line/><p>Die schweren bis zum Boden reichenden Vorh�nge. Die Fenster, die sich nicht �ffnen lassen, weil wir zu weit oben sind. Meine Angst, als ich morgens aufwache.�Also dann wohnst du ja ganz in der N�he�, sage ich zu Anne. Der Raum, in dem die Klimaanlage l�uft, entpuppt sich als schmaler dunkler Gang, eine Art Flur, der in ein Zimmer umgewandelt worden ist. Die W�nde sind mit Kartons, Teppichen und Regalen vollgestellt. Es ist ein dunkler Schlauch, unterteilt in einen lauwarmen und in einen k�hlen Bereich, in ein wohltemperiertes Vorzimmer, in dem sich Annes Bett und ihr kleiner Privatbereich befinden, und ein Hinterzimmer, das durch einen Vorhang abgetrennt ist, in dem ihre Freundin wohnt und der Computer steht. Ihre Freundin hei�t auch Anne, wie Anne mir erkl�rt, aber� Anne mit zwei a�. Anna k�nnte Annes Mutter sein. Ist das das Schlimmste? Ist das das Traumatische? Der Computer in Annas Zimmer, der genauso aussieht wie mein Computer, der in der Mittagshitze jetzt langsam vor sich hin schmilzt. Die Transporter mit den eingeschwei�ten Fleischh�lften. Der Schl�ssel, der im kaputten T�rschloss h�ngen bleibt. Ich bringe die Reihenfolge durcheinander. Ich sehe mich, in der Erinnerung, wie ich das Schlafzimmer von Anna und Anne betrete. Ich betrete es, und ich sehe Gabriela. Ich sehe Gabriela und die Fotografien ihrer T�chter. Sie hat Zwillinge zur Welt gebracht. Anonyme Gesichter von S�uglingen, die auf dem R�cken liegen und mit Plastikbuchstaben spielen, die an einem Gestell befestigt sind, sodass sie sie gerade mit ihren kleinen Fingern erreichen, sie aber unm�glich in den Mund stecken k�nnen. Dahinter Gabrielas Gesicht. Pl�tzlich tritt es wie ein riesiges am Stra�enrand stehendes Werbeplakat hervor. Gabriela strahlt mich an. F�r den Bruchteil einer Sekunde, wie eine unangek�ndigte Werbeunterbrechung, taucht ihr Gesicht auf. Lieber Gott, Herrgott im Himmel. Erl�se mich von dem B�sen. Es k�nnte der 495 oder der 278 sein, ein aus der Stadt herausf�hrender Highway.�Was soll denn passieren, wenn Sie sie ansprechen�, frage ich Lambert am Anfang der Stunde, als noch alles ganz harmonisch verl�uft. Er sch�ttelt fast g�nnerhaft den Kopf.�Aber deswegen frage ich Sie doch�, sagt er.�Ich dachte, Sie k�nnten mir einen Rat geben. �Das M�dchen, das jeden Morgen an der Trambahnhaltestelle in der Paradiesstra�e steht und nach Vanille riecht.�Das m�ssen Sie schon selbst wissen�, sage ich.�Diese Entscheidung kann ich Ihnen nicht abnehmen. �Die K�lte ist schneidend und trocknet die Sinne aus. Die Klimaanlage in Annas Schlafzimmer macht einen solchen L�rm, dass man die kleinen Seufzer, das R�uspern und das zur�ckgenommene und tastende Atmen nicht mehr h�ren kann. Ger�usche, die verschwunden sind, als ich den eiskalten Raum betrete, in dem der Chatroom, dessen pastellfarbene Grafik auf dem Computerbildschirm leuchtet, wie ein improvisierter Gerichtssaal erscheint, irgendwo in einem luftleeren, ausschlie�lich elektronisch definierten Raum, jenseits der Weltgemeinschaft, jenseits der Vereinten Nationen, in die Judith so gerne aufgenommen werden w�rde.�Bitte�, sage ich zu Anne.�So geht das nicht. Dann lassen wir es lieber gleich bleiben. So kann ich das nicht tun.�</p><empty-line/><p>Wir sprechen nicht �ber Sex. Wir umgehen das Thema, oder wir �berspringen es. Nur auf Autofahrten, wenn wir unterwegs sind, sprechen wir dar�ber. Vor allem am Anfang unserer Beziehung.�Ich f�hle mich komisch, weil ich noch nicht so viel erlebt habe�, sagt Judith einmal auf der Fahrt nach San Diego, als wir ihre Tante in ihrem neuen Haus besuchen.�Was meinst du denn damit?�, frage ich, aber dann verpassen wir die Abfahrt und kommen auf das Thema nicht mehr zur�ck. Wie erinnert man sich? Was bleibt von den N�chten zur�ck, die man zusammen verbringt? Ich muss zur�ckrechnen. Nacht f�r Nacht. In einer systematischen Erinnerungsarbeit, und wenn man alles noch einmal durchgeht, findet sich vielleicht der entscheidende Moment, der Augenblick, nach dem ich schon die ganze Zeit suche. Die Nacht ist vorbei. Ich kehre ins Hotel zur�ck. Nach drei Stunden Selbstvergewisserung und Selbstbefragung.�Es liegt jetzt ganz an dir, wie diese Fahrt verl�uft�, sage ich zu mir, w�hrend ich die Lobby des Hotels betrete und mir dar�ber klar werde, dass wir, auch wenn es schon halb zehn ist, noch anderthalb Stunden Zeit haben, um miteinander zu schlafen. Judith steht neben dem Bett. Fertig geschminkt, herausgeputzt und dreimal so sch�n wie Anna und Anne zusammen. So endet Baltimore. Oder so f�ngt Baltimore an. In Wirklichkeit ist Anne gar nicht so sch�n. Dazu muss ich nicht zwei Stunden E-Mails mit ihr austauschen, m�ssen nicht Hunderte von Nachrichten zwischen Williamsburg und Greenpoint, zwischen dem hei�en, stickigen Schlafzimmer von Michael und Janette und dem k�hlen, d�steren Schlafzimmer von Anna und Anne ausgetauscht werden. Wir haben keinen Sex gehabt. Jedenfalls nicht in Baltimore. Ich kann noch so oft auf die Uhr schauen, die Wahrscheinlichkeit, den Flug zu verpassen, eine M�glichkeit, die in meinem Leben eigentlich undenkbar ist, nimmt zu. Der bernsteinfarbene Fernsehbildschirm. Der Pay-per-View-Kanal. Der Augenblick, als wir ins Zimmer kommen und noch nicht einmal mehr die Kraft haben, den Fernseher einzuschalten. Judith schminkt sich.�Es geht nicht, tut mir leid�, sage ich zu Anne.�So macht das keinen Sinn. �Sie hat sehr kleine Br�ste. Es ist gegen jede Vereinbarung, Ausdruck einer gescheiterten Kommunikation.�M�chtest du die Br�ste von Anna sehen?�, fragt Anne. Anna sitzt im Schlafzimmer, den Samtumhang �ber die R�ckenlehne des h�henverstellbaren B�rostuhls gelegt und chattet mit einem �lteren Mann, einem Rentner in Polen, wie Anne mir sp�ter erz�hlt. Anna ist doppelt so alt wie Anne, zumindest kommt es mir so vor.�M�chtest du?�Ich sp�re ihre Verletzung, ihre Demut in ihrem halb angemalten, halb inszenierten Gesicht. Ihre Br�ste sind zwei rosagraue Kn�pfe auf einem wei�en mit Muttermalen gesprenkelten Oberk�rper. Sie bietet mir ein Glas mit Melonenlimonade an. Ich sch�ttele den Kopf, und sie stellt das Glas auf der Kommode ab. Der Raum wirkt weniger wie ein Schlafzimmer, eher wie ein B�roraum, obwohl das Schlafsofa schon ausgeklappt ist. Mehrere t�rkisfarbene Handt�cher sind so darauf ausgebreitet, dass die Liegefl�che ganz verdeckt ist. Uns den R�cken zugewandt, tippt Anna etwas in den Computer. Sie schreibt mit Zehnfingersystem, was mich aus unerfindlichen Gr�nden wieder erregt.�Sie zeigt sie dir�, sagt Anne. Ich wei� nicht, wie das vonstatten gehen soll und ob ich es riskieren will, mich darauf einzulassen.�Es geht nicht�, sage ich leise zu Anne.�Es hat nichts mit dir zu tun. �Anne schaut mich an, die Muttermal-Landschaft unter ihrem Kinn, wie das Ergebnis einer k�nstlerischen Anstrengung, die auf r�hrende Weise schiefgegangen ist.�Ich lecke sie�, sagt sie.�Wie bitte?�Ich schaue sie verst�ndnislos an, obwohl ich genau verstanden habe, was sie gesagt hat. Ich versuche, Zeit zu gewinnen, bis sich Anna umdreht und bis sich der gro�e B�rostuhl mit den ledernen Armlehnen in Bewegung setzt und mir offenbart, f�r was ich noch gar nicht bezahlt habe. Das ist es, was ich mir in diesem Moment sage: Du hast noch nichts bezahlt, keinen Cent. Ich bekomme Kopfschmerzen. Ich erkenne endlich, dass mein Leben, meine gesamte Existenz sich auf einmal in nichts aufl�st und sich von mir verabschiedet.</p></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><p>Judith hat manchmal die Phantasie, dass ihre ganze Familie st�rbe und sie dann ganz allein auf der Welt w�re. Irgendein Ungl�ck w�rde passieren und alle w�ren tot. Ich halte es f�r eine Phantasie, die man nicht so ernst nehmen muss. Judith liebt Science Fiction, besonders postapokalyptische Literatur, obwohl wir schon ein paar Mal dar�ber diskutiert haben, was postapokalyptisch genau hei�t. Ob J. G.�Ballards <emphasis>The Drowned World</emphasis> postapokalyptisch ist, wenn gar nicht klar ist, ob vor der �berschwemmung der Erde �berhaupt eine Katastrophe stattgefunden hat. Judith behauptet, es ginge allein um die Atmosph�re, und man m�sse nicht wissen, was genau passiert sei. Ich selbst komme in diesen Phantasien nicht vor. Vielleicht weil sie meine Anwesenheit als gegeben voraussetzt oder weil sie, wie ich manchmal glaube, sich danach sehnt, dass wir beide als Einzige auf der Welt zur�ckbleiben und uns bis ans Ende unserer Tage lieben werden. Manchmal beobachte ich sie bei ihren Einkaufstouren, wenn sie mit lasziv ausgestreckter Hand �ber die Auslagen in einem Gesch�ft, �ber die rosafarbenen T�rmchen gefalteter Wollpullover f�hrt, ihre Hand schlaff und nachgiebig, in ihrer ganzen Haltung so vertr�umt, als sei sie eine Prinzessin. Denkt sie, ihr geh�re das alles, sie k�nne das alles so ohne weiteres besitzen? Ist das der Traum, den sie tr�umt? Allein auf der Welt, in einem Zustand s��er Traurigkeit, nachdem um sie herum ihr zu Ehren alles vernichtet worden ist. Ein Buch, das wir zusammen gelesen haben, endet damit, dass eine Gruppe von Menschen, die eine gro�e Katastrophe �berlebt hat, eine Nachricht ins Weltall schickt. Das Ende beruht, wie Judith sagt, auf einer wahren Begebenheit. An der ersten Weltraumsonde, die 1972 die Erde und das Sonnensystem verlassen sollte, wurde auf einer vergoldeten Aluminiumplakette eine Bildbotschaft an andere Bewohner des Milchstra�ensystems eingraviert. Sie gab Auskunft �ber das Aussehen der Absender, ihre Intelligenz und die Lage der Sonne im Verh�ltnis zu ihrer Umgebung. Das Bild, das wir sp�ter im Internet finden, sieht wie eine misslungene Arzneimittelwerbung aus. Die m�nnliche Figur, die genauso wie die daneben abgebildete weibliche Figur nackt ist, hebt die Hand zu einem etwas eigent�mlichen Gru�. Judith fasziniert dieses Bild. Sie findet es �berhaupt nicht abwegig, dass zwei Nackte die Menschheit repr�sentieren.�Stell dir vor, das w�ren wir�, sagt sie.�W�rdest du dir w�nschen, dass ich den Arm hebe und die Au�erirdischen gr��e?�, frage ich sie.�Ja�, sagt sie,�warum nicht? Und niemand w�rde wissen, dass du Therapeut bist. �Die Raumsonde ist wahrscheinlich immer noch unterwegs und braucht noch Jahrhunderte bis sie irgendjemanden erreicht, der ihre Botschaft entziffern kann. Wir schauen uns diese Filme an, lesen die B�cher, und es scheint mir, als n�hmen wir sie mit einer l�sternen Gleichg�ltigkeit wahr und als ginge es darum, sich ganz in ihnen zu verlieren. Einmal frage ich sie, was denn genau passieren soll, wenn wir dann am Schluss ganz allein sind, und ob sie sich w�nschen w�rde, die von uns zur Welt gebrachten Kinder w�rden dann ihrerseits miteinander Sex haben, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern.�K�nntest du dann einfach so wegschauen?�Aber so weit denkt sie gar nicht.�Du bist viel zu genau�, sagt sie.�Und au�erdem will ich gar nicht so alt werden. �Ich denke an die durch das All trudelnde Raumsonde mit der vergoldeten Aluminiumplatte und dem nackten Mann, der den Arm hebt. In Greenpoint, in dem k�hlen schattigen Schlafzimmer von Anna und Anne, bin ich selbst, so kommt es mir jedenfalls vor, der letzte oder der einzige Mensch, der noch Gef�hle und Phantasien hat. Anderthalb Stunden sp�ter, als alles vorbei ist, verlasse ich die Wohnung und trete in die gl�hende Mittagshitze von New York. Ich hebe kurz die Hand, ich verabschiede mich, ich winke Anna und Anne zu. Aber nat�rlich k�nnen sie mich nicht sehen.</p><empty-line/><p>Wenn ich Judith und ihre Freundinnen begleite, kann ich es manchmal beobachten. Sie ist das organisatorische Zentrum, die Koordinationsstelle, in ihrem Freundeskreis. Ich sehe, wie sie mit sanfter Gewalt alles unter Kontrolle hat, SMS verschickt und Termine vereinbart. Ihre Freundinnen machen sich gegenseitig Komplimente. Sie versuchen sich gegenseitig sch�n zu finden. An die Abende, die ich mit Judith und ihren Freundinnen verbringe, kann ich mich kaum erinnern. Warum bin ich der einzige Mann? Warum sind die Liebhaber von Kyra nie dabei? Einmal stehe ich vor der McDonalds-Filiale am Stachus und beobachte Judith, wie sie mit ihren Freundinnen um den Tisch herumsitzt, aufgedreht und gl�cklich, und ich sehe sie, wie sie mit den H�nden in der Luft herumfuchtelt und sich dann wieder auf ihren Stuhl fallen l�sst, sich vor Lachen sch�ttelt, als Kyra einen Kussmund macht. Sandra und Kerstin liegen sich in den Armen, und Kerstin r�hrt mit ihren rotlackierten Fingern�geln in der Sauce ihrer nicht aufgegessenen Chicken Nuggets herum. Ich st�tze mich an der Fensterscheibe ab. Ich schaue mit einer Mischung aus Abscheu und Verzweiflung zu ihnen hinein. Und ich denke, ich muss sie aufregend finden, wie sie sich da mit Chicken Nuggets vollstopfen. Kyra ist etwas h�bscher als Judith, und vielleicht gehe ich ihr deswegen aus dem Weg. Vielleicht rufe ich sie deswegen auch in New York nicht an, obwohl mich Judith darum gebeten hat. Sie ist ein paar Tage da, um ihre Mutter zu treffen, die bei der U N arbeitet. Ich sp�re die Aura ihrer Promiskuit�t, als sie einmal, w�hrend wir Judith beim Tanzen zuschauen, zu mir sagt:�Findest du nicht, dass deine Freundin total sexy aussieht?�Ihre Mutter ist eine kleine energische Frau. Man ahnt etwas von der Kraft, mit der sie ihre gro�en Rettungs- und Hilfsmissionen organisiert, die sie um den gesamten Globus herum gef�hrt haben. Kyra ist ihre Veredelung, schon am Rand der Dekadenz. Sie hat st�ndig irgendwelche M�nnergeschichten, beinahe im Wochentakt wechselt sie ihre Liebhaber.�Ruf sie doch an�, sagt Judith.�Sie ist die ganze Woche da. Ihr k�nnt zusammen Kaffee trinken gehen. �Ich lehne die Stirn an die Fensterscheibe des McDonalds und beobachte sie. Ich sehe, wie gl�cklich Judith ist, zusammen mit diesen Frauen, die sie durch Zufall kennengelernt hat, ohne etwas daf�r zu tun. Kyra geht auf die Kundentoilette und �bergibt sich, jedenfalls behauptet sie das, als wir sp�ter in Richtung Marienplatz laufen.�Lippenstift�, sagt Sandra langsam, die schon einmal mit Peace Brigades International in Nepal war, w�hrend sie sich mit zitternden H�nden die Lippen nachzieht.�Llllipppenstift. Lll und iii und pe. �Sie schaut mich an.�Und?�, fragt sie.�Am�sierst du dich??�</p><empty-line/><p>�Goodbye�, sage ich zu Anne, als sie mich zur T�r bringt.�Goodbye. Auf Wiedersehen�. Sie hat sch�ne Lippen. Ich spiele die ganze Zeit mit dem Gedanken, sie zu bitten, sich zu schminken, schlie�lich habe ich daf�r bezahlt. Anna, die eher gedrungen und kr�ftig ist, steht neben mir, und zusammen schauen wir Anne bei dem Versuch zu, sich so auf der Couch zu drapieren, wie wir es vorher besprochen haben, bis ich� Stop �sage und ihr erkl�re, dass sie sich nicht mehr bewegen soll.�Stop and don�t move�. Das ist ein Englisch, das auch Anna versteht. Es ist Anne, die f�r beide das Kommunizieren, das Anbahnen der Kontakte und die Verhandlungen �bernimmt. Und w�hrend sie auf dem Schlafsofa kauert und sich bem�ht, meinen Vorstellungen gerecht zu werden, denke ich noch: Sie sind beide im Grunde Anf�ngerinnen. Sie machen das wirklich zum ersten Mal. Eine Ansicht, die ich sp�ter revidiere, als sie es schaffen, mich zu �berreden, den Preis f�r ihre Dienstleistungen zu verdoppeln. Ich bitte Anne, das Schlafsofa mit den t�rkisfarbenen Handt�chern wieder in ein Sofa zu verwandeln. Ich gestehe ihnen zu, dass sie sich mit den Handt�chern sch�tzen, aber ich m�chte nicht, dass der Ort, wo sich alles abspielt, wie eine Arztpraxis aussieht. Anna steht neben mir, w�hrend ich Anne erkl�re, was sie tun soll. Stop and don�t move. Innezuhalten und aufzuh�ren, daf�r ist es zu sp�t. Ich habe mir vorgenommen, dass ich mich selbst nicht ausziehe und auch meine Schuhe anbehalte. Anna versucht, mir das Hemd auszuziehen, aber ich sch�ttele nur den Kopf. Das ist das Bild, in das ich mit der vollklimatisierten U-Bahn hineinfahre. Annes K�rper vor mir auf dem Schlafsofa. Sie schaut mich fragend an, ob ich mit ihrer K�rperhaltung einverstanden bin.�Nein. Dreh dich nicht um�, sage ich zu Anne.�Mach weiter so. �Ihre nicht vorhandenen Br�ste, mein Eindruck, die Muttermale auf ihrem Oberk�rper seien gr��er als ihre winzigen Brustwarzen. Vielen Dank. Auf Englisch� thank you�. Es ist die Rede gewesen von gro�en, schweren Br�sten, die man kaum� in der Hand halten kann�.�Wirklich�, frage ich in meiner letzten E-Mail,�sie sind so gro�?��Oh yes�, schreibt sie zur�ck, und sie sind� very cute�. Das h�tte mich stutzig machen sollen. Anna fragt mich, ob sie sich auch ausziehen soll. Sie hat die Br�ste, von denen Anne gesprochen hat, und ich erkenne sp�ter, dass Anne der Einfachheit halber so tut, als setze sie sich aus zwei Personen zusammen, ein K�rper, der wahlweise blond, br�nett, rasiert oder unrasiert, mollig oder petite sein kann. Mehr aus M�digkeit denn aus Leidenschaft akzeptiere ich es und gebe mich damit zufrieden. Ist das am Ende eine unausgesprochene Regel meines Lebens, dass ich den sexuellen Akt schlie�lich nur noch als Kapitulation wahrnehme? Der Sex beendet die qu�lende und kraftraubende Suche danach. Der Vormittag, den ich in der Wohnung von Michael und Janette damit verbringe, mich mit Anne dar�ber zu verst�ndigen, ob das Gewicht ihrer Br�ste so gro� ist, dass man sie mit den H�nden kaum halten kann, endet in einer gro�en symphonischen Inszenierung, die aber vollkommen ger�uschlos bleibt.�They are too strong�, schreibt Anne in wackeligem Englisch.�Was meinst du damit�, schreibe ich zur�ck. Und dummerweise setze ich hinzu:�Too heavy?��Oh yes, sure and very cute. �Anna macht einen Schritt zur�ck, sie m�chte wieder in den Chat, in dem sie mit ihrem polnischen Liebhaber zu einer Videokonferenz verabredet ist. Ich mag Anne. Anne, die auf der Couch sitzt oder besser gesagt kauert. Eine Gefangene meiner Phantasie. Sie erz�hlt mir, der Bruder ihrer Mutter arbeite in einem� Kulturzentrum �in Berlin und sie selbst sei eine begeisterte Leserin von Romanen von John le Carr�. Als sie mir die zerlesenen und zerfledderten B�cher zeigt und mit einem koketten L�cheln bemerkt, sie w�rde mir, nachdem ich ihr gesagt habe, ich h�tte in New York gar nichts zu lesen dabei, gerne eins schenken, tut sie mir auf einmal leid. Aber noch mehr tue ich mir selbst leid. Als ich wieder in meiner Wohnung bin und den ausgeschalteten Computer sehe, sage ich mir:�Du magst sie � Aber gef�llt sie dir auch?�Stop and don�t move. Ich m�chte mich nicht daran erinnern. Das pl�tzlich zur�ckkehrende Bild von Anne in der U-Bahn, kurz hinter Jefferson Street. Ihr K�rper unnat�rlich verdreht, eingeklemmt zwischen R�ckbank und Sitzfl�che des Schlafsofas. Die H�nde an den Oberschenkeln festgekrallt, die Augen glasig und die Fu�sohlen auffallend gro�, von einer zarten gelben T�nung, als w�rden ihre F��e heimlich rauchen. Mein Gott, um Himmels willen. Stop and don�t move. Die K�lte in dem abgedunkelten Raum. Die Lebensmittelkartons aus einem Supermarkt, der osteurop�ische Nahrungsmittel verkauft. Die K�lte in der Luft, die K�lte in meinen Fingerspitzen, in den Fingern von Annas Hand, die mich versehentlich ber�hrt. Anne schaut mich an, w�hrend Anna sie ber�hrt, so wie ich es Anne erkl�rt habe, die mit gespreizten Beinen und absurd eingeklemmtem Kopf auf der Couch hockt. Anna nickt. Als sei sie eine Haushaltshilfe. Es ist etwas schwierig, ihr zu erkl�ren, dass ich sie am Anfang noch nicht nackt sehen will, obwohl ich mich auf ihre gro�en Br�ste freue. Zu Judith sage ich einmal:�Das liegt jetzt hinter mir. Das sind Sachen, die ich w�hrend des Studiums gemacht habe. �Anne und Anna schauen mich an, warten auf Anweisungen. Ich lasse sie es noch einmal wiederholen, sie sollen es noch einmal tun.�Once again. �Eine pl�tzliche R�ckkehr der Gef�hle. Eine pl�tzliche Geste der Vers�hnung. Ohne es zu wollen, nehme ich das Geschenk an, nehme den John-le-Carr�-Roman mit und stelle ihn zu den B�chern von Michael und Janette, direkt neben Ilja Kabakov, in das Regal, in dem jetzt die Bruchst�cke des arabischen Tongef��es in einem Briefumschlag mit f�nfzig Dollar liegen.�Noch einmal. �Oder:�Ja, genau so. �Ich wundere mich, dass sie sich das so einfach bieten lassen, dass sie sich dazu hergeben. Und dann meine Verzweiflung am Abend, als ich in meiner Panik, nicht rechtzeitig zu dem vereinbarten Telefonat mit Judith in der Grand Street zu sein, mit dem Taxi nach Williamsburg fahre, nur um wieder von derselben Telefonzelle aus anrufen zu k�nnen. Annes Gesicht. Ihre H�nde auf den Oberschenkeln, ihre schmalen leicht ger�teten Finger. Ihr Blick, als ich auf den gl�nzenden Film auf ihrem K�rper schaue, das ger�uschlose Leuchten des Speichels von Anna, der in meiner Erinnerung an diese Auff�hrung, diese atonale Symphonie dr�hnend laut ist. Ein spr�hender, eiskalter Tusch. Anna m�chte ein Papiertaschentuch holen, aber ich verbiete es ihr. Sp�ter sitzt sie �ber die Tastatur des Computers gebeugt und tippt Nachrichten nach Polen ein. Sie hat einen Freund, eine Art Ehemann, so ganz bekomme ich es nicht heraus. Sie tippt ununterbrochen, als verfasse sie einen Bericht �ber das, was passiert ist, einen Bericht an eine Zentrale, an jemanden, dem wir dar�ber Rechenschaft ablegen m�ssen. Und wie Anne dann pl�tzlich weint. Ich sehe es, tue aber nichts. Anna bemerkt es gar nicht. Sie ist in einer unw�rdigen Haltung in ein� Gespr�ch �mit Annes K�rper vertieft, das ich immer wieder unterbreche, um �nderungen vorzunehmen. Die Tr�nen laufen in einer langen geraden Linie �ber ihre Wange und bleiben in ihrem Mundwinkel h�ngen. Ich sage, und ich bereue es sp�ter wieder:�Mach den Mund auf. �Ich sage es auf Englisch, aber es klingt in meiner Erinnerung auf Englisch viel zu sanft.�Mach den Mund auf. �Diese Symphonie, diese gro�artige, alle K�rper miteinbeziehende, alle M�glichkeiten, alle nur denkbaren Interaktionen durchspielende Komposition. Es ist schade, dass wir den Spiegel nicht auch noch benutzen, und ich �berlege noch, ob wir nicht unterbrechen sollen, als Anne ihren Mund �ffnet, einen Spalt nur, und ihre Tr�ne langsam in ihren Mund hineinl�uft. F�nfundf�nfzig Dollar allein f�r das Taxi. Eine Kurzschlusshandlung, nur damit ich rechtzeitig zu Hause bin, mein Kleingeld holen und zu unserer Telefonzelle in die Grand Street gehen kann. Es ist schon kurz nach Mitternacht, als ich Judith schlie�lich erkl�re, ich h�tte beschlossen, dass sie kommen muss. Eine Viertelstunde vorher habe ich noch in einem Internetcaf� gesessen und ihre E-Mail gelesen, in der sie mir zum zweiten Mal innerhalb von achtundvierzig Stunden absagt.�Also gut�, schreibe ich,�wenn du es unbedingt willst. Wenn du es unbedingt auf einen Machtkampf ankommen lassen willst. �Die Tr�ne l�uft �ber ihre Wange, tastet sich �ber ihre Oberlippe vor, l�uft dann, sich meinen Blicken entziehend, in ihren halbge�ffneten Mund. Ich stehe vor der Telefonzelle, in der warmen Nacht von Williamsburg. Judiths Stimme ist ein kleines, in ein K�stchen verpacktes Geschenk. Ich klammere mich an den Telefonh�rer und starre auf den schmuddeligen Metallkasten, in dem ihre Stimme festzustecken scheint, starre auf die Schrift auf dem Telefon,�Coin�,�Collect�,�Local Calls�, und auf den gro�en geriffelten Drehschalter, auf dem� Coin Release �steht. Meine 25-Cent-St�cke fliegen nur so in den Kasten hinein, f�nf Dollar verschwinden innerhalb von Sekunden. Ich bekomme es nicht hin. Ich schreie sie fast an, ich verliere die Nerven. Als ich mich umdrehe, sehe ich eine leere Plastikt�te in den Himmel aufsteigen, mit kreisenden suchenden Bewegungen, immerfort Luft holend, und ich h�tte ihr, wenn ich etwas geistesgegenw�rtiger gewesen w�re,�Stop. Don�t move!�zurufen k�nnen, stattdessen lege ich auf. W�tend und mit meinen Nerven am Ende. Ein Widerschein von Licht, das sich in Fl�ssigkeit verwandelt und sich in den hellen mageren K�rper von Anne einbrennt.</p></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><p>Lieben wir uns noch? Wir verlieren kein Wort dar�ber. Diese Frage scheint keine Rolle mehr zu spielen. Wir tun so, als sei das au�erhalb unseres Vorstellungsverm�gens, eine Frage aus einer anderen Wirklichkeit. Ich versuche es im Fischrestaurant, in Baltimore, kurz bevor der Strom ausf�llt. Aber als der Notstromgenerator anspringt, habe ich es schon wieder vergessen. Vielleicht ist es der Anblick der wei�en Sauce auf dem glasigen Berg von Nudeln, die wie eine wei�e Per�cke aussehen, die sich eine alte Frau vom Kopf gerissen hat. Judith schminkt sich. Das morgendliche Licht blitzt auf, eine gro�e metallene T�r, die irgendwo in der Ferne ger�uschlos ge�ffnet worden ist. Hitze kommt vom Hafen, wo ich zuvor gewesen bin. Leere Flaschen, die aufs Meer hinaustreiben und wieder eingesammelt werden.�Mein Gott�, schreibe ich in meiner letzten E-Mail an Gabriela, nachdem sie mir ein Foto ihrer Zwillinge geschickt hat.�Wie sehr habe ich dich begehrt. �Jedenfalls in der kurzen Zeit, die uns zur Verf�gung stand. Judith schminkt sich. Der Anblick ihres Gesichts, das sich allm�hlich in etwas verwandelt, was ich begehre, ist best�rzend. Ihr Gesicht, das mir so vertraut ist, t�uscht mich. Es versch�nert sich so, dass ich sp�ter immer wieder zu mir sage: Es ist nicht dieses Gesicht, das dich betr�gt und dir etwas vorgaukelt, sondern es ist ihr wahres Gesicht, ihr ungeschminktes, privates Gesicht, das sie allen vorenth�lt.�Du siehst so viel besser aus�, sagt Mads Christiansen, als er uns in M�nchen besucht. In der letzten Woche meines New-York-Aufenthalts treffen wir uns in einem unterirdisch gelegenen Restaurant in seiner Mittagspause in der N�he des Rockefeller Centers. Es ist ein Mittagessen, das ich nicht so schnell vergessen werde. Mads Christiansen tr�gt eine graue Krawatte, die so schmal ist, dass seine gelenkigen Finger fast geringsch�tzig dar�ber hinwegtasten.�Du siehst so viel besser aus. �In Baltimore, im vierzehnten Stock. Ihr Gesicht ist ein gro�es goldenes Fenster, oder sollte man sagen, eine Agentur der Sonne und sie eine Aufsichtsratsvorsitzende des Lichts? Wie sie sich zum Fenster umdreht. Sie tr�gt einen enganliegenden Rock. Ihr gro�er dunkelgr�ner Schminkkoffer steht aufgeklappt neben ihr auf dem Fensterbrett. Ihre Bewegungen sind routiniert. Sie nimmt einen Stift aus dem obersten Fach des Schminkkoffers, w�hrend sie mit der anderen Hand eine kleine B�rste festh�lt. Als wir sp�ter, auf der Suche nach dem Geburtshaus von Edgar Allan Poe durch die Stadt irren, ist ihr Gesicht zerlaufen und verschwitzt. Die B�rgersteige sind mit M�ll und alten Zeitungen bedeckt. Vor einem Haus liegt eine mit Regenwasser vollgesogene Matratze. Ich erinnere mich an eine Geschichte von Poe �ber einen Affen, der aus der Obhut seines Herrn ausgebrochen ist und in der ganzen Stadt gejagt wird. Judith hat sie mir einmal vorgelesen, doch ich bin dabei eingeschlafen. Der Affe, glaube ich mich zu erinnern, erklimmt irgendwann ein Haus und versteckt sich in einer Wohnung, er sucht Schutz vor seinen Verfolgern.�Manchmal m�chten wir eben ein bisschen gequ�lt werden�, sagt Judith.�Wir f�rchten uns, aber wir k�nnen gar nicht abwarten zu erfahren, wie es weitergeht. Und schon hat man wieder umgebl�ttert. �Sie wirft lachend den Kopf zur�ck. Jemand, der noch zuvor beh�nde �ber die auf dem Gehsteig liegende Matratze gesprungen ist, dreht sich pl�tzlich um und bleibt vor uns stehen. F�r einen Moment hoffe ich, dass irgendetwas passiert, und sei es, dass ich einen potenziellen Angreifer in die Flucht schlage.�Ihr sucht dieses Haus, was?�, fragt der Mann und grinst uns an. Es passiert weiter nichts, er erkl�rt uns nur, dass das Poe-Haus zurzeit geschlossen ist und gerade renoviert wird.�Was finden wir denn daran so gut, Angst zu haben?�, fragt Judith, als wir weitergehen.�Warum gef�llt uns das so sehr?�Sie steigert sich fast in einen Rausch. Ich h�re ihr zu, so wie ich Mads Christiansen zuh�re in dem unterirdischen Steakrestaurant, bevor ich ihm zu verstehen gebe, dass unsere Freundschaft zu Ende ist.�Das ist etwas, von dem du nichts verstehst�, sage ich zu ihm. Der Affe klettert an der Hauswand nach oben. Warum sage ich es ihr nicht? Warum nicht? Ich liebe sie, wenn sie Vortr�ge h�lt, wenn sie mir irgendetwas erkl�rt. Aber ich finde noch nicht einmal die Kraft, ihr ein Kompliment zu machen, als ich am fr�hen Morgen von meinem Spaziergang zur�ckkehre und sie in unserem Zimmer antreffe. Als sei sie ein h�heres Wesen, eine Hochhaus-Stewardess, mit der ich schon in wenigen Augenblicken in den Himmel von Baltimore aufsteigen werde.�Wir k�nnen einfach nicht aufh�ren�, sagt Judith.�Es ist zu aufregend. �Sie doziert �ber Edgar Allan Poe. Es k�nnte auch J.G.�Ballard sein.�Das k�nntest du doch auch mal analysieren�, sagt sie. Ich bin nicht darauf vorbereitet, dass sie geschminkt und fertig angezogen ist. Den Rock tauscht sie sp�ter wieder gegen eine Jeans aus. Wenigstens ein Kompliment h�tte ich ihr machen k�nnen. Wenigstens das.�Das ist eben das, was du nicht verstehst�, sage ich zu Mads Christiansen, in Anlehnung an unseren Streit in M�nchen, im Caf� Freiheit.�Du verstehst es nicht, und trotzdem mischst du dich in meine Angelegenheiten ein. �Ich gehe auf sie zu. Die Sonne ist aufgegangen, steht auf halber H�he �ber dem Hafen, Auge in Auge mit unserer Beziehung, dem Waffenstillstand, den wir vereinbart haben.�Lass uns gehen�, sagt sie. Es passiert nichts. Nicht in Baltimore. Ihr Gesicht ist wundersch�n. Wir spazieren im diesigen Mittagslicht und suchen das Haus von Edgar Allan Poe. Es ist das Gesicht, das Gestalt angenommen hat, anders kann man es nicht sagen. Sie h�lt es mir hin, beziehungsweise sie h�lt es sich selbst hin.�Haben wir gestern Nacht eigentlich Sex gehabt?�Kann man eine unpassendere, eine hilflosere Frage stellen? Es ist nat�rlich als Witz gemeint, als l�ssige Bemerkung, die zwischen Paaren, die schon hundertausendmal Sex gehabt haben, eine gro�e gemeinsame Intimit�t heraufbeschw�rt. Sie tritt ans Fenster. Die Aufsichtsratsvorsitzende, die Frau im dunkelblauen enganliegenden Rock. Ganz Baltimore liegt uns zu F��en. Es ist, als bef�nden wir uns auf dem Dach der Erde, am h�chsten Punkt. Ich stehe direkt neben ihr, und wir schauen zusammen auf die Stadt. Es ist ein grandioser Ort, nahezu perfekt. Aber sie hat Angst, wir k�nnten uns versp�ten und an der Rezeption �rger bekommen.�Warum sehnen wir uns so danach? Es macht doch keinen Spa�, sich vor etwas zu gruseln�, sagt sie. Der Affe in der Poe-Geschichte wird erschossen, in seinem Versteck, in der konspirativen Wohnung, in die er gefl�chtet ist. Er wird hingerichtet. Das Panorama, der Ausblick ist phantastisch. Judith sieht grandios aus. Aber es ist zu sp�t. Sie ist schon geschminkt. Ihre Haut ist von einer Patina �berzogen, unsere Ber�hrungen sind nur noch Blicke. Es ist nicht in Baltimore passiert. Tats�chlich muss ich ein ganzes Kalenderjahr weiter zur�ckgehen. Ich stehe mitten in der Unterhaltung mit Mads Christiansen auf. Er hat etwas Verletzendes, etwas Ungeheuerliches gesagt. Im Schatten des Rockefeller Centers unter der Erde, am tiefsten Ort unserer langj�hrigen Freundschaft. Sechs Monate zuvor, als ich mit Judith in dem Sportwagen ihrer Tante sitze und durch die W�ste fahre, denke ich noch, dass es uns beiden guttut, dass sie in Washington ist und dass das f�r unsere Beziehung wie ein Urlaub ist. Es sind nur noch ein paar Stationen bis Broadway Junction, wo ich umsteigen muss. Der Zug h�lt. Menschen mit verschwitzten Hemden und nassen Gesichtern sitzen mir gegen�ber. Alle ignorieren die Zeit. Es ist der Tag nach Silvester. Ich erinnere mich an diesen Aufbruch, der beinahe etwas Kraftloses und Beil�ufiges hat. Dabei h�tte ich doch vor Freude au�er mir sein m�ssen. Auf dem Weg in die W�ste. Noch jetzt, w�hrend ich mit geschlossenen Augen darum flehe, den Flug nicht zu verpassen, habe ich das Gef�hl, dass wir noch immer unterwegs sind. Anza-Borrego Desert State Park. Primm. Das rote, brackige Wasser des Salton Sea. Wir rasen in eine leere, gl�hende Landschaft hinein, die unter uns verschwimmt und �ber uns von kristalliner Durchsichtigkeit und Weite ist.�Wie kann ich dorthin zur�ck?�, denke ich auf einmal, als der Zug wieder losf�hrt,�wie kann ich mich in dieser Leere verkriechen?�Ich liebe es, wenn Judith f�hrt, sie schaltet das Radio ein und singt. Sie bewegt sich zum Rhythmus eines alten Hits, eines Hits aus der Steinzeit der Musikgeschichte, eines uralten Heulers. Sie tanzt. Im Auto. Ich kenne niemanden, der so gut in einem Auto tanzen kann, das er gleichzeitig mit so gro�er Gelassenheit steuert. Der Tanz f�hrt direkt in die W�ste, f�hrt direkt in Judiths bronzefarbenes Gesicht. Ihr Profil ist klassisch sch�n, von einer antiken Gleichm��igkeit, obwohl sie ja tanzt und singt, eine Rockr�hre mimt und beim Refrain das kleine Radio im Auto ihrer Tante glatt in Grund und Boden singt. Ihr Profil ist eine Frage, eine gro�e unbeantwortete Frage:�Wie kannst du so jemanden nicht lieben. Wie soll das �berhaupt gehen?�Auf dem Weg in die W�ste. Die sechs Tage, die uns zur Verf�gung stehen, die letzten Tage, an die ich mich jetzt mit aller Kraft zu erinnern versuche.</p></section></section><section><title><p><strong>Teil Drei</strong></p></title><section><title><p><strong>1</strong></p></title><p>Immer dann, wenn wir unterwegs sind, wenn wir ein Ziel vor Augen haben, verstehen wir uns am besten. Wir legen Entfernungen zur�ck, vor denen wir sonst zur�ckschrecken w�rden. Stundenlang fahren wir, ohne auch nur ein einziges Mal anzuhalten. So als ginge es darum, sich in der Bewegung zu verfl�ssigen und auch innerlich beweglich zu bleiben, trinke ich st�ndig etwas. Auf dem R�cksitz stapeln sich die leeren Flaschen. Auf der Fahrt nach Borrego Springs, nach Primm und zu den Kelso D�nen nehme ich so viel Fl�ssigkeit zu mir, dass es auch Judith auff�llt. Sp�re ich die herannahende Krankheit, ahne ich die drohende Eskalation? Judith trinkt kaum etwas. In meiner Erinnerung nippt sie nur an ihren Getr�nken.�Was ist dein Lieblingsgetr�nk?�, frage ich sie einmal. Und sie antwortet:�Ich hab keins. �Und dann sage ich:�Aber du musst doch eins haben. �Sie wirft mir vor, ich interessierte mich nicht f�r Alkohol, h�tte keinen Sinn f�r den Rausch, die Verausgabung. Sie bedauert es, dass wir nicht mehr trinken, und mit� mehr trinken �meint sie zweifellos Alkohol. Vielleicht sei ich ja deswegen so kontrolliert und asketisch, weil ich meinen Klienten gegen�ber� so viel Verantwortung �empf�nde, dass ich mir keine� hedonistischen Momente �erlauben wolle. Ich widerspreche ihr nicht, teils aus Eitelkeit, teils weil ich gerne glauben w�rde, dass sie die Wahrheit sagt. Obschon alle Erkenntnisse, zu denen ein wohlwollender Beobachter kommen w�rde, dagegen sprechen, denn ich lasse mich genau deswegen gehen und schrecke genau deswegen vor keiner Eskapade zur�ck, weil ich denke, ich k�nne meine Klienten dann besser verstehen, und zwar in all ihren Verfehlungen, ihren Sehns�chten und ihren zerschlagenen Hoffnungen. Ich trinke ununterbrochen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir auch nur ein einziges Mal anhalten. Muss ich nicht irgendwann diese ganze Fl�ssigkeit loswerden? Ich frage mich das im Zuge meiner Erinnerung, die mir zusehends unberechenbarer und manipulativer erscheint. Warum muss ich nie auf die Toilette? Nur einmal, es ist irgendwo n�rdlich des Anza-Borrego Desert State Parks, erinnere ich mich, wie ich den Wagen verlasse und Judith und ich auf einmal getrennt sind und es mir mitten in der W�ste nicht gelingt, die Stra�e zu �berqueren. Ich versuche hin�berzukommen, aber es ist unm�glich. Wenn ich die Augen schlie�e und mir die Szene zu vergegenw�rtigen versuche, rei�t der Strom der Wohnmobile mit ihren mit Segeltuch bespannten Aufbauten und ihren mit Fahrr�dern und Motorr�dern beladenen Anh�ngern, ihren Zusatzfahrzeugen, Aufklebern, Wimpeln und Amerikaflaggen nicht ab. Und es kommen immer neue Wohnwagen, neue Sport Utility Vehicles mit Anh�ngern, auf denen in ritterlicher Pracht die Motorr�der stehen, die mit Gummib�ndern festgezurrt sind. Es ist einfach unendlich, es h�rt nicht mehr auf, und ich schaffe es nicht, in meiner Erinnerung, diesen Strom von Fahrzeugen zu unterbrechen, ihn zu Ende gehen zu lassen. Ich schaffe es nicht, die Stra�e zu �berqueren, ich komme nicht auf die andere Seite.</p><empty-line/><p>Wir fahren Richtung Nordwesten, �bernachten in einem kleinen Ort nicht weit von San Diego, besichtigen eine Geisterstadt, die in Wirklichkeit ein von Familien und Touristen �berflutetes Freilichtmuseum ist, fahren weiter, �bernachten wieder und erreichen schlie�lich den Anza-Borrego Desert State Park. Wir fahren so langsam, dass jemand neben uns herlaufen k�nnte, wenn es in dieser Ein�de noch jemanden au�er uns g�be. Wir tun nichts anderes, als zu fahren, stundenlang, um dann am Abend in einer ausgekl�gelten, dramatischen Inszenierung das sch�nste, aber auch das billigste Hotel zu finden, in dem wir dann wenig sp�ter einschlafen, um am n�chsten Tag zu versuchen, noch etwas Besseres und Sch�neres zu finden. Eine Aufgabe, die sich nicht so leicht erf�llen l�sst, wenn man nicht vorher schon alles plant. Judith versucht, die �bernachtungsorte immer per Internet zu buchen, was vor unserer Fahrt nach Baltimore fehlschl�gt, da ich zwei Stunden lang ihre Bem�hungen torpediere, bis sie sich geschlagen gibt und wir ohne Buchung losfahren. Dieses Fahren, dieses gleichm��ige Dahingleiten nimmt in meiner Erinnerung den meisten Raum ein. Am liebsten w�rde ich nur daran denken, wie wir fahren. Ab und zu unterbrechen wir unser Schweigen, schalten das Radio ein oder h�ren eine CD. Eine Klientin hat mir eine zum Abschied geschenkt, und ich bedauere es, dass ich mich aus professionellen Gr�nden jetzt nicht mehr bei ihr melden und mich f�r die CD bedanken kann. Die Band nennt sich nach einer Figur aus einer Erz�hlung von Kafka� Blumfeld�, und Judith und ich singen bei� Tausend Tr�nen tief �laut mit. Judith liebt das Lied. Sie programmiert den CD-Spieler so, dass wir es immer wieder h�ren k�nnen. Zu einer gelungenen Reise zweier Menschen, die sich lieben, geh�rt es, dass man darum k�mpft, Orte zu finden und zu Orten zu gelangen, die in der Erinnerung sp�ter eine Rolle spielen und unvergesslich bleiben.�M�chtest du mal schauen?�, fragt Judith jedes Mal, wenn wir ein Vacancy-Schild sehen.�Nein, lass uns noch ein bisschen weiterfahren�, sage ich.�Es sieht irgendwie komisch aus. �Mir bleiben zwei N�chte in Erinnerung, wenn man die R�ckfahrt nach San Diego nicht mitz�hlt. Die anderen N�chte, die wir irgendwo verbringen, in denen wir irgendwo �bernachten, sind aus meiner Erinnerung mehr oder weniger schon wieder verschwunden und nicht mehr rekonstruierbar. Es sind die N�chte, die verloren gegangen sind.</p><empty-line/><p>Den Verdacht, dass ich diese Reise verkl�re, habe ich von Anfang an. Ich denke immer, in Baltimore ist nichts passiert, Baltimore ist eine einzige Katastrophe, obwohl ich vorher noch gedacht habe, Baltimore sei in Wirklichkeit ein Neubeginn gewesen. Die Reise in der W�ste erscheint mir jetzt im Nachhinein als etwas ganz Besonderes, und ich m�chte sie eigentlich lieber nicht in Frage stellen. Ich suche ein besonderes Detail, einen Ausdruck von Charme im Stil der Einrichtung, wenn ich mir die verschiedenen Hotelzimmer, Motels und Privatunterk�nfte anschaue. In Julian hat eine Frau das Jugendzimmer ihres Sohnes in eine m�rchenhafte Traumlandschaft und die Zimmerdecke mit T�chern und Diaprojektionen in einen Sternenhimmel verwandelt, auf den sie so stolz ist, dass wir, w�hrend wir das Zimmer besichtigen, die ganze Zeit nur zur Decke schauen.�Das ist genau das Richtige f�r ein junges Paar�, sagt sie. Wir schauen uns neun verschiedene Unterk�nfte an. Zwei Motels, drei Hotels und vier Privatunterk�nfte, bevor wir Julian wieder verlassen und in den Nachbarort fahren, um dann aber doch wieder zur�ckzukehren und in einem Hotel zu �bernachten, das uns gar nicht gef�llt.�Das ist wundersch�n�, sage ich zu der Frau in Julian.�Und ich sehe, Sie haben hier sogar ein Himmelbett. �Judith setzt sich in den Wagen und wartet, bis ich den n�chsten Versuch starte. Es ist eine besondere F�higkeit von ihr, in schwierigen Situationen von einer auf die andere Sekunde absolut teilnahmslos und gef�hllos zu werden. Sie zeigt keine Anzeichen von Ersch�pfung. Wenn ich sie frage, ob alles in Ordnung ist, nickt sie nur. Am n�chsten Morgen verlassen wir Julian und fahren auf dem direkten Weg zum Anza-Borrego Desert State Park. Man kann das Gaspedal in dem Camaro so einstellen, dass der Wagen automatisch Gas gibt und man �berhaupt nichts mehr tun muss, au�er zu lenken. Wir fahren, ohne anzuhalten. Wir wissen noch nicht, dass wir kurze Zeit sp�ter das sch�nste Hotel und damit den H�hepunkt unserer Reise schon erreicht haben.</p><empty-line/><p>Das Hotel liegt etwas abgelegen und ist nicht so leicht zu finden. An einigen Stellen ist der Weg nur noch eine Sandpiste.�Hier ist niemand�, sagt Judith, als wir �ber ein asphaltiertes St�ck zwischen niedrigem Gestr�pp fahren. Aber dann taucht es pl�tzlich auf, wie ein aus dem Felsen herausgebrochenes Monument. Es ist ein flaches zweist�ckiges Geb�ude, von hochgewachsenen Palmen umgeben. Als wir uns n�hern, erkennt man deutlich, dass es bewohnt ist. Es tr�gt einen ganz einfachen Namen. Es hei�t The Palms. Es ist niemand da, keine G�ste, kein Personal, nicht einmal jemand am Empfangstresen. F�r einen Moment vergessen wir die stundenlange Suche nach dem geeigneten Ort, die Agonie, in der wir die ganze Gegend abgefahren sind. Palm Canyon Drive, Borrego Valley Road, Henderson Canyon Road. Wir stehen an der Rezeption, kleine Stapel mit wei�en Handt�chern liegen nebeneinander auf dem Empfangstresen. Ich sehe es in Judiths Augen, die Leichtigkeit und Beschwingtheit, mit der sie unser Zimmer in Beschlag nimmt. Die Lobby ist erleuchtet, und im Hintergrund l�uft fast unh�rbar etwas von Burt Bacharach. Wir sind allein, aber trotzdem scheint es, als w�ren bis vor wenigen Sekunden alle noch da gewesen. Das Einzige, was wir tun m�ssen, ist, eine Telefonnummer zu w�hlen und einer freundlichen Frauenstimme am anderen Ende unsere Kreditkartennummern durchzugeben, und schon k�nnen wir uns eine Suite zu besonders g�nstigen Konditionen aussuchen, mithin also den sch�nsten, spektakul�rsten Raum im ganzen Haus. In den 40er Jahren haben hier Hollywood-Schauspieler residiert. Die Inneneinrichtung ist im Art Deco Stil gehalten, und die verfallenen Bungalows in der Umgebung erinnern an alte glanzvolle Zeiten, in denen das Hotel st�ndig ausgebucht war. Als wir drau�en im Whirlpool sitzen und auf die Palmen und das beleuchtete Hotel schauen, wird uns auf einmal bewusst, was f�r ein Gl�cksfall das ist.�Das ist wahrscheinlich das sch�nste Hotel, das ich jemals gesehen habe�, sagt Judith.�Wirklich, ganz bestimmt�, erwidere ich, w�hrend �ber dem Pool ein leichter Dampfschleier aufsteigt. Die Palmen spreizen sich im Wind. Licht windet sich durch die Lobby, den Saal, unsere Suite im ersten Stock, mit dem ums Eck herumf�hrenden Fensterband, das einen violetten Schimmer verbreitet. Die Granitfelsen des sich hinter dem Hotel erhebenden Indian Head ruhen in der Dunkelheit. Judith streckt ihre Beine aus. Ich sage ihr, wie gut ihr der Ring steht, den ich ihr gekauft habe. Der kleine k�nstliche Brillant ist auf einem durchsichtigen Plastikband so befestigt, dass es so wirkt, als klebe der Diamant direkt auf dem Gelenk ihres Zehs. Sieben Dollar f�nfzig. Wir st�tzen uns mit den Armen auf den Plastiksitzen ab. Wir k�nnen unser Gl�ck nicht fassen.�Und es ist niemand hier�, raunt sie mir zu. Wir stellen uns vor, wir seien die letzten Menschen auf der Erde und f�nfzehn Minuten nach dem Untergang der Welt funktioniere alles noch, sogar der Whirlpool.�H�ttest du das gedacht�, sage ich,�dass wir so ein tolles Hotel finden?�Ich m�chte ein bisschen Anerkennung daf�r, dass ich bei der Suche so hartn�ckig darauf bestanden habe, jedem Hinweis nachzugehen. Das Hotel wird in meinem Reisef�hrer als Geheimtipp gehandelt.�Das hast du toll gemacht.��Und es hat dich nicht genervt?�Ich lasse meine F��e leicht aus dem Wasser hochsteigen.�Nat�rlich hat es dich ein bisschen genervt. �Judith sch�ttelt den Kopf.�Nein�, sagt sie.�Es ist das sch�nste Hotel der Welt, und ich werde es niemals vergessen. �Sie dreht sich zur Fassade des Palms um, schaut anerkennend auf die schwarzen Fensternischen und die im Dunkel liegende Glasfront des Restaurants. Wir m�ssen in die Stadt zur�ck, um etwas zu essen. Die Aussicht, unser Hotel f�r ein paar Stunden zu verlassen und dann wieder zur�ckzukehren, ist geradezu berauschend.</p><empty-line/><p>Ich mache die Augen zu, und wir k�ssen uns. Lichterketten sind um die Palmen gewickelt und bilden einen illuminierten Raum, der unseren vor dem Hotel stehenden Wagen umgibt. Zwei andere Wagen stehen ebenfalls auf dem Parkplatz. Es m�ssen die Fahrzeuge der Toten sein, die die Katastrophe nicht �berlebt haben, deren Tod aber gl�cklich und schmerzlos gewesen ist und die jetzt, wie Judith glaubt, auf dem h�chsten Punkt des Indian Head begraben sind. Es ist niemand da, wir k�nnten uns im Whirlpool lieben. Es ist ein spielerischer Gedanke, der nicht ganz zu dieser friedlichen, geisterhaften Umgebung passt. Das warme Wasser beruhigt und entspannt. Judith erz�hlt von ihrer neuen Wohnung in Washington, die sie sich mit Kyra teilt. Der Einfluss von Kyra macht sich immer mehr bemerkbar. Von Ethnologie ist �berhaupt nicht mehr die Rede. Bei Judiths neuem Promotionsthema geht es um die Anf�nge der internationalen Hilfsgemeinschaften, das Internationale Rote Kreuz und wie die Erfindung der Telegraphie und des Morse-Codes die moralische Distanz zwischen den Schlachtfeldern und den zu Hause Gebliebenen immer mehr verringert hat. Die Zentrale des Roten Kreuzes, sagt Judith, liegt in Genf. Sie sieht wie das Geb�ude eines Pharmakonzerns aus. Die Menschen, die dort arbeiten, sind ganz jung und entspannt. Ich bin selbst ganz berauscht von der Vorstellung, Judith sei im Grunde schon jetzt ein weltweit operierendes F�hrungsmitglied der WHO, eine weltweit eingesetzte UN-Spezialistin. Sie ruht sich im Whirlpool aus.�Hast du schon mal im Wasser Sex gehabt?�, frage ich, um das Thema zu wechseln. Sie legt ein bisschen den Kopf schief.�Ja�, sagt sie.�Aber es macht nicht so viel Spa�, wie man denkt. �Ein Auto n�hert sich dem Hotel. Aber es ist nicht weiter besorgniserregend. Zwei gro�e flauschige Badehandt�cher liegen links und rechts des Whirlpools. Das Hotel geh�rt ohnehin uns. Wir sind als Erste da gewesen.�Sie sind zur�ckgekommen�, sagt Judith.�Wer?�, frage ich.�Na, die anderen�, sagt sie, eine Fu�spitze leicht aus dem Wasser herausstreckend, der kleine billige Zehenring blitzt Aufmerksamkeit heischend im indirekten Licht der im Boden verankerten Strahler auf, die den Pool beleuchten.�Die anderen, die hier auch wohnen. �Sie l�chelt vor sich hin. Ihr L�cheln, ihre Sch�nheit, bekommt etwas Mond�nes. Sie k�nnte einer dieser Hollywoodstars sein, die in den 40er Jahren zur Erholung hierher gefahren sind, bevor das alte Hotel abgebrannt ist. Die Landebahn des Flughafens endet direkt hinter uns, nur wenige Meter von uns entfernt, und ist jetzt mit Str�uchern �berwuchert. Judith atmet tief ein und streckt die Beine aus. Das fremde Auto erreicht den Parkplatz. Und unser Gl�ck erhebt sich, steigt vor uns aus dem Wasser und l�uft, in die gro�en wei�en Hotelhandt�cher geh�llt, in unsere verschwenderisch erleuchtete Suite.�Willst du schon mal gehen?�, fragt sie.�Oder m�chtest du, dass ich zuerst gehe.��Warte�, sage ich. In diesem Moment bin ich mir �ber die Bedeutung dieses Augenblicks nicht im Klaren. Ich sp�re nur, wie angenehm warm das Wasser des Whirlpools ist.</p></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><p>Als ich am n�chsten Morgen hinter dem Haus in Richtung Indian Head laufe, wei� ich noch gar nicht, dass die Zeit, die wir im Palms verbracht haben, schon wieder zu Ende ist. In diesem Moment erscheint es mir noch so, als w�rde dieser Morgen der Auftakt eines langen Aufenthalts sein. Das morgendliche Licht schneidet eine begr�nte felsige Anh�he aus dem Granitmassiv des Indian Head heraus, und ich nehme mir vor, diese Anh�he zu erklimmen, und zwar nicht gehend, sondern laufend. Die weite Fl�che des halb sandigen, halb mit niedrigem Buschwerk bedeckten Talgrunds liegt noch im Schatten, die Anh�he selbst dagegen schon in der Sonne. Ich laufe in der Erwartung, eine wunderbare Aussicht zu haben und das Tal, in dem unsere Unterkunft liegt, �berblicken zu k�nnen und mit einer berauschenden Erfahrung wieder zur�ckzukehren. Tats�chlich denke ich, als ich schwei�gebadet oben stehe, die k�hle morgendliche Luft um mich herum, ich m�sse von dort Judith zurufen, sie solle auch hochkommen. Das dunstige Licht, das riesige Tal, die kaum h�rbaren Motorenger�usche aus der Ferne.�Guck dir das an�, sage ich in Gedanken zu ihr. In unsere Badehandt�cher geh�llt und mit den Schuhen in den H�nden, gehen wir am Pool des Hotels vorbei zur Lobby. H�tten wir sie vielleicht ansprechen sollen? Sie sind das einzige Paar, das wir auf der ganzen Reise treffen. Man h�tte sich miteinander bekannt machen k�nnen. Wir verlassen den Whirlpool genau in dem Moment, in dem sie aus dem Wagen steigen, den sie direkt neben unserem auf dem Parkplatz abgestellt haben. Langsam und uns den Anschein tr�ger Unaufmerksamkeit gebend, schlurfen wir auf sie zu. Es ist unglaublich, aber es ist das Paar, das wir am Nachmittag auf dem Weg nach Borrego Springs schon gesehen haben. Sie fahren einen schneewei�en Ford Voyager und sehen wie eine amerikanische Kopie unserer selbst aus, wie Judith sp�ter beim Essen in dem Restaurant in Borrego Springs behauptet.�Findest du nicht?�, fragt sie.�Er sieht ein bisschen aus wie du. �Sie haben ihr Gep�ck noch im Wagen gelassen. Ihre Blicke sind vorsichtig und zur�ckhaltend. Sie sind sich nicht sicher, ob das Hotel nicht in Wirklichkeit ein Privathaus ist und wir die Besitzer sind.�Sie dachten, es geh�rt uns�, sagt Judith.�Ja�, sage ich,�sie haben sich gar nicht getraut hereinzukommen.��Ist das ein Hotel?�, fragt schlie�lich der Mann, der ein wei�es Polo-Shirt und Bootsschuhe tr�gt. Ich schl�pfe in meine Turnschuhe. Judith h�lt ihre Sandalen noch in der Hand. F�r einen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken zu erkl�ren, sie seien hier in eine geschlossene Gesellschaft geraten und wir w�rden es bedauern, ihnen kein Zimmer mehr anbieten zu k�nnen. Aber mir f�llt nicht ein, was geschlossene Gesellschaft auf Englisch hei�t, und ich ahne, dass Judith sp�ter traurig dar�ber sein k�nnte, dass wir dem Paar das Wochenende verdorben haben. W�re der Abend anders verlaufen, wenn wir sie kennengelernt h�tten? Oder ist es schon ein Zeichen von Kraftlosigkeit, dass ich nicht� Nein �sage und verhindere, dass irgendjemand sich dem Hotel auch nur n�hert.</p><empty-line/><p>Es steht schon jetzt fest, dass in der Nacht nichts passiert ist. Wir sind eingeschlafen und dann wieder aufgewacht. Ich laufe zum Indian Head, erklimme den ihm vorgelagerten H�gel und stehe um 6.45 Uhr hundert Meter oberhalb unseres Hotels und h�re das rasenm�herartige Dr�hnen eines Autos, das die Borrego Valley Road Richtung Visitor Center f�hrt. Noch mehr, als das Paar nicht weggeschickt zu haben, bedauere ich sp�ter, dass wir uns nicht mit ihnen angefreundet haben. Es ist eine verpasste Gelegenheit, ein Moment, in dem wir als Paar gescheitert sind. Warum freunden wir uns nicht mit ihnen an? Warum fl�chten wir aus dem Hotel und gehen in ein billiges mexikanisches Restaurant in Borrego Springs? Bis zum letzten Moment spiele ich mit dem Gedanken, das Essen doch mitzunehmen und im Hotel unter w�rdigeren Umst�nden zu verspeisen. Aber Judith erkl�rt, dass sie unbedingt Alkohol trinken will und dass man die Margaritas nicht mitnehmen kann. Was spricht dagegen, vier Margaritas mitzunehmen, wenn man daf�r bezahlt, denke ich in der U-Bahn auf dem Weg zum John-F. -Kennedy-Flughafen. Ich darf auf keinen Fall Broadway Junction verpassen. Immer wieder starre ich auf den Plan. Die A-Linie f�hrt direkt bis Howard Beach, dort startet der Shuttle-Zug, und dann bin ich im Grunde schon am Flughafen.�Ihr m�sst diese Telefonnummer anrufen�, sage ich zu dem Mann, der vielleicht Anwalt oder Steuerberater ist.�Danke�, sagt er, und seine Freundin legt den Arm um ihn. Ihre strohblonden Haare sind zu einem peinlich genau verschn�rten Pferdeschwanz zusammengebunden, der wie ein goldener Staubwedel �ber ihren mageren Nacken h�ngt. Ich laufe den steinigen Pfad, den Felsbrocken ausweichend, wieder herunter. Auf einem Ger�llabschnitt gerate ich ins Rutschen und schlage mir den Ellbogen auf. Zuerst sp�re ich nichts und laufe weiter. Als ich wieder ebenen Grund erreiche und der Ellbogen fast auf zarte Weise zu schmerzen beginnt, habe ich pl�tzlich den Einfall, Judith zu �berreden, dass sie mit mir zusammen gleich nochmal zu dem Aussichtspunkt l�uft. M�chte ich ihr beweisen, zu welchen sportlichen Leistungen ich f�hig bin?� Sie m�ssen diese Telefonnummer anrufen�, sage ich zu dem Paar.�Es ist ganz einfach. Alle Zimmer kosten das Gleiche.��Ja�, fl�tet Judith,�und es ist ganz billig, unglaublich.��Wirklich?�, strahlt uns das Paar an. Ich laufe zur�ck. Immerzu laufe ich zur�ck. Die Luft auf dem Bahnsteig ist so hei� und stickig, dass ich sofort zu schwitzen anfange. Ich muss umsteigen, ich muss den A-Train finden. Schwei� l�uft �ber meine Schl�fen und meinen Hals. Ich m�chte Judith beweisen, dass meine physischen Kr�fte unbegrenzt sind. Vor allem am Morgen, wenn ich normalerweise noch nicht einmal die Kraft habe, Guten Tag zu sagen.�Schau dir das an�, sage ich zu ihr. Ich drehe mich nach dem Indian Head um.�Du musst dir das anschauen. �Sie sitzt auf der dunkelblauen Couch vor dem Panoramafenster, ein Handtuch um ihren K�rper gewickelt und liest <emphasis>Herr der Ringe</emphasis>. In der Weite des Ausblicks, in der Stille des Morgens beuge ich mich zu ihr herunter. Die vereinzelten Motoren links und rechts der begr�nten Oase schnurren wie Spieluhren.�Du musst da auch hoch�, fl�stere ich ihr in Gedanken zu, w�hrend ich immer schneller nach unten laufe.</p><p>Zwei Stunden sp�ter sitzen wir im Hotel auf der Terrasse. Vor lauter Gl�ck wissen wir gar nicht, was wir zuerst essen sollen. Die Muffins, die Cornflakes oder den Frischk�se, den wir dann auf den Muffins verteilen, weil es sonst nichts anderes gibt. Das Hotel wird noch renoviert, die Unterwasserbar, die direkt unter dem Pool liegt, wird vielleicht n�chstes Jahr fertig. In diesem Moment wei� ich noch nicht, wohin sich das alles entwickelt. Ich wei� noch nicht, wo die Reise endet, zu welchem Ergebnis sie kommt. Wir gehen sehr vorsichtig miteinander um, sagen zu allem Bitte und Danke, sind st�ndig umeinander besorgt. Ich springe in den Pool. Das Wasser ist so kalt, dass man eigentlich nur hineinspringen kann und dann sofort wieder raus muss. Judith steht am Beckenrand mit der kleinen Einwegkamera, die wir unterwegs zusammen mit dem Zehenring gekauft haben. Ich springe zweimal. Einmal, als Judith am Beckenrand steht, und einmal, als Judith in der Unterwasserbar ist. Man schaut von dort direkt in den Pool hinein. Einen solchen Raum hat es, wie uns Dan, der Besitzer des Palms sp�ter erz�hlen wird, schon zu Zeiten der Hollywoodstars gegeben. Er diente als Cocktailbar, und abends konnten die G�ste dort sitzen und durch die Fenster das beleuchtete Wasser und die Schwimmer sehen, w�hrend sie selbst an ihren Cocktails nippten. Das Wasser des Pools ist blau, von Sonnenlichtflecken durchzogen, wie ein von Hand gekn�pfter gro�er, seidener Teppich. Judith steht unterhalb der Wasseroberfl�che am rechten Fenster der noch nicht fertiggestellten Bar mit dem R�cken zum Betonmischer. Ich springe. Im Grunde springe ich von der Anh�he direkt in den Pool. Und ich verschiebe meine Liebeserkl�rung, ich verschiebe sie auf sp�ter. So wie ich es dann auch in Baltimore mache. Ich suche nach der richtigen Gelegenheit, nach dem richtigen Augenblick.�Hat es geklappt�, rufe ich ihr zu,�hast du es im Kasten?�Judith kann mich nicht h�ren, sie ist noch in der Bar. Das Wasser wird durcheinandergewirbelt, das feine, schimmernde, leicht schaukelnde Netz aus ineinandergewebten Lichtblasen zerrei�t. Ich bin auf der falschen Seite gesprungen.�Es ist wundersch�n hier�, sagt Judith. Wir fr�hst�cken. Ich strecke meine Beine in der Sonne aus. Es ist der z�rtlichste Moment des Tages, als Judith meinen Ellbogen mit einer Jodtinktur aus ihrer Reiseapotheke behandelt. Wir gehen nicht zur�ck zum Indian Head. Mir erscheint die Zeit zu kostbar. Ich verschiebe meine Liebeserkl�rung, in dem sicheren Gef�hl, wir w�rden sp�ter Landschaften und Naturschauspiele sehen, die alles bisherige �bertreffen und die den Gedanken an eine gro�e, unersch�pfliche Liebe in sich tragen und eine solche Liebe dann von ganz allein hervortreten lassen. Ich springe vielleicht noch ein drittes Mal, bevor wir auf unser Zimmer gehen.�Ich springe jetzt auf der linken Seite.��Du meinst das linke Fenster.��Ja, von dir aus gesehen.��Also auf der Seite?�Das Wasser ist ganz aufgew�hlt und sprudelt um meinen Kopf herum. Woher nimmt sie diese Geduld? Die Geduld, zwei Stunden durch das ausgedehnte Gebiet von Borrego Springs zu fahren, um tats�chlich alle Hotels mit mir anzuschauen, und dabei nicht die Lust zu verlieren. Ich laufe. Judith liest <emphasis>Herr der Ringe</emphasis>. Sind wir gl�cklich? Kann es noch sch�ner werden?� Nein, links�, sage ich.�Von mir aus gesehen. �Judith geht wieder hinunter in die Bar, die wie der verlassene Drehort eines James-Bond-Films aussieht, w�hrend ich ins Wasser springe, einen feinen roten Blutfaden hinter mir herziehend.�Spring nochmal�, ruft Judith, die schlie�lich auch von dem Ehrgeiz ergriffen worden ist, ein gutes Foto zu machen. Es ist eine Einwegkamera mit 24 Bildern. Ich bekomme keins von ihnen je zu sehen, weil wir die Kamera sp�ter beim Spaziergang in den Kelso D�nen verlieren. Ich springe zweimal, dreimal, mehrmals. Am Ende kann ich es nicht mehr z�hlen. Alles verschwimmt. Ich laufe den engen steinigen Pfad hinunter, weiche Felsbrocken und dornigen Geb�schen aus. In einer Vision sehe ich auf einmal meine sich von mir entfernenden Klienten, die �berst�rzt zu entkommen versuchen.�He�, rufe ich.�Ihr verfluchten � �Aber sie sind schon zu weit entfernt.</p><empty-line/><p>Wir sind schon am Wagen, als mir einf�llt, dass wir vergessen haben, uns vom Hotel zu verabschieden.�Wir haben vergessen, dem Zimmer auf Wiedersehen zu sagen�, sage ich zu Judith, w�hrend ich aussteige. Judith dreht sich um. Pl�tzlich hat sich das ganze Haus mit Leben gef�llt, und Dan, der Hotelbesitzer, ist aufgetaucht und erz�hlt uns, wie er das Palms vor Jahren zusammen mit seiner Frau Jackie entdeckt hat. Eine verlassene Ruine, die kurz davor stand, abgerissen zu werden. Ich frage Dan, ob wir nicht noch bleiben k�nnen. Wir w�rden auch einen h�heren Preis zahlen. Dan ist ganz zerknirscht und erkl�rt mir, dass sich eine Filmcrew angek�ndigt hat und Aufnahmen f�r eine Bademoden-Kollektion machen will.�Kein Problem�, sage ich zu Dan. Die Hotels sind miteinander verbunden, sie gehen ineinander �ber. Wir �bernachten in keinem von ihnen zweimal, wir verbringen nirgendwo mehr als einen Tag. In dem arkadischen Traum endloser Hotelaufenthalte reihen sich die H�user und Orte aneinander wie Mahnmale, kostbare arch�ologische Funde, in denen die N�chte im Gestein dieser Orte eingeschlossen sind. Haus f�r Haus, Hotel f�r Hotel. Den gesamten n�chsten Tag sp�re ich noch die Aura und Atmosph�re des Palms. Das Herumirren, das Nicht-Sesshafte. Die Liebe zwischen Judith und mir ist eine nomadische Liebe, denke ich und schreibe in mein Notizbuch: <emphasis>Ist unsere Liebe eine nomadische Bewegung?</emphasis> Direkt daneben schreibe ich: <emphasis>Nomadische Liebe?</emphasis> F�r einen Moment, auf dem �berf�llten Bahnsteig, als ich auf den A-Train warte, halte ich es auf einmal f�r m�glich, dass meine Erinnerung mich betr�gt. Sie suggeriert mir etwas, sie will mich von irgendetwas �berzeugen. Was ist auf dieser Reise passiert? Gibt es etwas, das ich �bersehen habe? Die Wagent�ren stehen weit offen, als Judith, die sich schon die Sonnenbrille aufgesetzt hat, nachdenklich zum Hotel zur�ckschaut, als w�rde sie �berlegen, ob eine Verabschiedung �berhaupt notwendig ist. Das andere Paar ist nicht zu sehen. Judith hat ein Glas selbstgemachten Honig von Jackie, Dans Frau, gekauft, die an diesem Tag in San Diego geblieben ist. Selbstgemachter Honig passt eigentlich nicht zu dem Hotel, aber gerade deswegen ist es etwas Besonderes.�Aber das k�nnen wir doch nicht machen�, sage ich und schaue sie w�tend an. Jeden Moment rechne ich damit, dass sie l�chelt und mir zustimmt, zur�ckl�uft und Dan um den Zimmerschl�ssel bittet, um so zu tun, als h�tten wir in dem Zimmer noch etwas vergessen. Aber sie schaut mich nur an, gedankenlos und stumm. Ihr bronzefarbenes, in der Mittagshitze metallisch wirkendes Gesicht gl�nzt.�Wir haben nicht mehr genug Benzin�, sagt sie, nimmt ihre Sonnenbrille ab, und ihr Blick hat jetzt auf einmal etwas Feindliches.</p></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><p>Sie hat eine besondere Leidenschaft f�r Angebote und Schn�ppchen. Sie w�rde am liebsten immer nur Dinge kaufen, die heruntergesetzt sind. Sie schnappt sich etwas und fl�chtet mit dem Geld, das sie gespart hat. Sie gibt sich gn�dig, wenn sie einen Fang gemacht hat und die reduzierte Ware, die spottbillige Brosche aus Plastik, die kleine papierene Lampe mit Plastikgeh�use oder den t�rkisfarbenen Pullover mit aufgesticktem Schmetterlingsmuster, nach Hause schleppt. Sie triumphiert. Sie hat dem Warenstrom etwas entrissen, das ansonsten unweigerlich verloren gegangen w�re und das sie mir dann am Abend stolz vorf�hrt. Ich kann sie noch so sehr zu �berzeugen versuchen, bei Hotel�bernachtungen funktioniert dieses System nicht. Sie w�rde nie freiwillig einen Umweg machen und nach einem billigeren Hotel suchen. In Primm kapituliere ich schlie�lich und passe mich ihren Bed�rfnissen an. Primm besteht im Grunde nur aus Hotels und einer Tankstelle, ein paar Restaurants und Gesch�ften. Ich habe gar keine andere Wahl, als pragmatisch zu sein. Dass das Nipton nur wenige Kilometer entfernt ist, erfahren wir erst am n�chsten Morgen. Primm ist eine Zwischenstation, im Nachhinein erscheint es mir wie eine Endstation. Ein Raumschiff, das in der W�ste gelandet ist, und wir stehen in der Schlange vor der Rezeption und hoffen, dass noch etwas frei ist. Pl�tzlich haben wir keine Kraft mehr, pl�tzlich werde ich pragmatisch. Ich stelle den Wagen auf dem riesigen Parkplatz vor dem Hotel ab. Primm ist ein Parkplatz mit Hotels. Oder: Es ist ein aus mehreren Hotels, Stra�en, Restaurants und Tankstellen bestehender Parkplatz. Eine Stra�e kurz hinter der Staatsgrenze von Kalifornien, die Hotels geboren hat. Eine sechsspurige Bundesautobahn, die sich pl�tzlich zu einem Geb�ude zusammenfaltet und die Fahrzeuge zu Hotelzimmern �bereinanderstapelt. Wir landen im 22. Stock. Wir sind furchtbar m�de. Obwohl sie mir dankbar daf�r ist, dass ich diesmal die Entscheidung ganz unb�rokratisch und schnell treffe, hat sie schlechte Laune.�Wir nehmen das Erstbeste�, sage ich, und an der Art, wie Judith reagiert, an dem Ausma� ihrer Erleichterung sehe ich auf einmal, wie sehr sie unter meinem Perfektionismus leidet. Das Hotel ist ein gro�er unf�rmiger Kasten. Sobald man es betritt, weitet es sich zu einer riesigen Themenlandschaft aus. Kleine elektrisch betriebene Boote gleiten durch einen k�nstlichen Wildbach um die Roulette-, Baccara-, Black-Jack- und Pokertische herum durch eine bunte Landschaft im Western-Style, die mehr oder weniger glanzlos in verschiedenen nebeneinanderliegenden Barbecuerestaurants endet. Immer wieder verfolge ich die Boote, wie sie durch die aufwendig gestaltete Westernlandschaft fahren, aber es sitzt niemand drin. Sofort denkt man, man habe drau�en, auf der Stra�e, inmitten der Natur einen Fehler gemacht und die ganze Sache falsch eingesch�tzt. Primm ist der Ort, in dem das Geld, das in der W�ste noch unwirklich erscheint, auf einmal wieder auftaucht, in einer gro�en glitzernden Maskerade. Die muschelartigen Zweisitzer gleiten durch die wassergef�llten Sch�chte. Keiner benutzt sie, sie spielen in der Inszenierung von Primm keine Rolle, wenn die Pl�tze an den Spieltischen und Spielautomaten eingenommen werden und nur ein paar m�de gewordene Spieler an der Bar sitzen und eine Getr�nkepause machen. In den Zimmern, die sich in gro�en dunklen T�rmen in die Nacht erheben, liegen die Schwachen und Ausgeschlossenen, die Geizigen und �ngstlichen. Niemand kommt hier auf die Idee, sein Zimmer als eine Unterkunft zu verstehen. Je weiter man sich von der lichtdurchfluteten Spielhalle entfernt, die anstelle einer Lobby das gesamte Erdgeschoss des Hotels ausf�llt, desto kraftloser und matter wird man. Nat�rlich bleiben wir nicht auf unserem Zimmer. Wir einigen uns darauf, unser Gep�ck nach oben zu bringen, uns umzuziehen und dann wieder ins Erdgeschoss zur�ckzukehren. W�hrend ich mich rasiere und Judith sich umzieht, �berlege ich, wie viel Geld ich dabei habe und ob ich mich betrinken soll.�O.K.�, sage ich mir.�Also gut. �Judith probiert verschiedene Kleider an. Es sind nur zwei, aber sie wechselt sie st�ndig, sodass es mir am Ende so vorkommt, als h�tte sie ein halbes Dutzend dabei.�Was meinst du, ob wir uns betrinken sollen?�, frage ich, das Gesicht noch vom Rasierschaum bedeckt. Sie steht vor dem Kleiderschrank, das erste Kleid in dem riesigen Spiegel betrachtend, der die gesamte hintere Raumh�lfte einnimmt. Sie nickt, sie ist noch immer etwas benommen.�Ich m�chte erst noch ein bisschen fernsehen�, sagt sie und dreht sich wieder zum Spiegel um.�Wie findest du das?�, fragt sie, sich selbst dabei anerkennend zunickend.�Passt das Blau zu den Schuhen? Oder nicht?�</p><empty-line/><p>An diesem Abend verlassen wir das Hotel nicht mehr. Es gibt auch au�erhalb des Hotels keinen Ort, zu dem man gehen k�nnte. Als Erstes suchen wir eine Bar, um etwas zu bestellen. Ich m�chte sofort einen Drink, um so schnell wie m�glich betrunken zu sein. Judith schl�gt aber vor, etwas zu essen. Inmitten dieses gro�en symphonischen Dr�hnens, das von den Automaten kommt, sitzen wir in dem notd�rftig abgetrennten Restaurantbereich und halten gro�e abwaschbare Men�karten vor uns. Das Geklimper und Gedudel setzt sich aus 700 verschiedenen Maschinen zusammen, vor denen 400 Hotelbesucher sitzen oder stehen. Die Maschinen orgeln, quieken, klingeln oder singen. Die Benutzer, die gleichzeitig die Hotelbesucher sind, stehen davor. Halb ungeduldig, halb gelangweilt. Einige von ihnen sind �ber Kabel mit den Maschinen verbunden, und Judith erkl�rt mir, dass sie auf diese Weise kein Bargeld benutzen m�ssen. Andere tragen kleine Plastikeimer mit sich herum, in denen sie Unmengen von Kleingeld aufbewahren. Dabei handelt es sich meist um �ltere Frauen, die m�rrisch und geistesabwesend die Maschinen f�ttern. Vielleicht erinnert das Blinken, Quaken und Scheppern der Maschinen sie an etwas. Die Einf�hrung der Geldst�cke erfordert motorisches Feingef�hl, erfordert F�rsorge und Sorgfalt. Die Ankunft oder besser gesagt die R�ckkehr des Geldes erf�llt den Raum gelegentlich mit einem irrsinnigen Gel�chter. Es ist fraglos eine Geburt. Eine Geburt ohne Schmerzen. Manche Maschinen veranstalten ein regelrechtes Feuerwerk, wenn sie einen Gewinn aussch�tten. Die alten Frauen, die Ex-M�tter, die Cowboy-M�tter, nehmen das mit gro�er Gelassenheit hin, schaufeln sich das Geld in ihre Taschen oder in ihre Plastikeimer und spielen dann weiter. Kellner laufen zwischen ihnen herum, nehmen ihre Bestellungen auf und servieren ihnen auf kleinen Tabletts Speisen und Getr�nke. Das Licht spuckt, jault, kr�chzt und leidet. Wenn man die Augen schlie�t, wird das Zusammenspiel der Ger�usche zu einem allm�hlich sich steigernden Horror, aber wenn man sie wieder �ffnet, findet man das Leuchten und Blinken der Maschinen auf einmal unwiderstehlich. An den Tischen sind weniger Frauen, dort �berwiegen die M�nner. Ich traue mich nicht, zu den Tischen zu gehen, da ich f�rchte, dort vielleicht wirklich viel Geld zu verlieren, obwohl ich ahne, dass der Abend nur dann ein Erfolg wird, wenn Judith und ich zusammen Geld verspielen. Aber daf�r m�ssen wir erst betrunken sein. Um was geht es in dieser Nacht? Sind wir gekommen, um uns zu am�sieren, oder sind wir schon an einem Punkt, wo selbst die gemeinsame Freizeitgestaltung zu einer Herausforderung wird? Wir sitzen in dem Westernstadt-Ambiente des Restaurants und essen. Judith isst Salat, ich esse ein St�ck Leber. Warum ich an diesem Abend, es ist schon kurz vor Mitternacht, wir haben die Drinks noch ein bisschen verschoben, Leber esse, ist mir selbst ein R�tsel. Judith am�siert sich dar�ber, sie ist aber in gleichem Ma�e erleichtert, dass ich so viel Appetit habe und mir etwas� Richtiges �bestellt habe. Sie ist entt�uscht, dass das gro�e Buffet, von dem man so viel essen kann, wie man will, schon geschlossen hat.�Sollen wir Boot fahren?�, frage ich, in der Hoffnung, sie h�tte keine Lust.�Wir k�nnten die Drinks mit ins Boot nehmen und uns einen �berblick verschaffen. �Ich brenne darauf, etwas Unvern�nftiges und Waghalsiges zu tun, ahne aber, dass ich daf�r selbst kaum noch die Kraft habe. Judith hat die F�higkeit, sehr gelassen und ruhig zu sein, eine Gelassenheit, die gleicherma�en eine Lethargie, eine latente Dumpfheit mit sich bringt. Ich sehe ihre Tante einmal am fr�hen Morgen vor dem gro�en Fernseher sitzen, eine Schale Obstsalat in der Hand und die Fernbedienung neben sich, w�hrend auf dem Bildschirm Terry Gilliams <emphasis>Brazil</emphasis> l�uft. Morgens, kurz bevor sie zur Arbeit muss. Ihr Gesichtsausdruck ist der eines Kindes, das seiner Lieblingsbesch�ftigung nachgeht. Die alten Frauen vor den Spielautomaten haben denselben Blick. Vielleicht ist es eine Halluzination.�Erst betrinken wir uns�, sage ich mir, w�hrend ich den Rasierschaum �ber das Gesicht verteile,�und dann gehen wir wieder nach oben in unser Zimmer. Und wir m�ssen unbedingt ein bisschen Geld verspielen. �Judiths Tante schaut <emphasis>Brazil</emphasis> und isst Obstst�cke. Am fr�hen Morgen, bevor die Arbeit in der Erziehungsberatungsstelle beginnt, in der sie ehrenamtlich t�tig ist. Sie sagt immer, ich soll sie Betty nennen, obwohl sie aus Hannover stammt und eigentlich Elisabeth hei�t. Ihr neuer Freund arbeitet als Kameramann f�r Fernsehproduktionen, ist aber noch gelassener und gem�tlicher als sie. Man kann sich unm�glich vorstellen, dass er arbeitet. Die meiste Zeit fahren sie Auto. Der einzige Ort, an dem sie sich bewegen, ist ihr Haus, aber auch dort bewegen sie sich so langsam, dass sie immerfort gen�sslich aufst�hnen, wenn sie eine Sitzgelegenheit finden und wieder ausruhen k�nnen. Wahrscheinlich ist Aaron bei seinem Job ganz anders. Wom�glich explodiert er dann, und seine Kamera, von der ich mir kaum vorstellen kann, er k�nne sie l�nger als zehn Sekunden hochhalten, rei�t ihn mit sich, und er fliegt den Darstellern und Schauspielern hinterher. Judith sagt, sie habe Angst, dass ihre Tante immer dicker w�rde und sich irgendwann gar nicht mehr bewegen k�nne. Schon jetzt sind Aaron und Betty korpulent, und ihre Bewegungen sehen aus, als studierten sie eine Haltung ein, die endg�ltig ist und die sie dann nicht mehr ver�ndern m�ssen. Ich sehe ihre M�digkeit und Lethargie als eine Bedrohung, der wir drau�en in der W�ste mit ihren nat�rlichen Gefahren, ihrer Hitze, ihrer steinernen Unwirklichkeit so leicht entkommen sind. Ich frage die Bedienung des Restaurants, ob wir einen Drink bei ihr bestellen k�nnen, aber sie sagt, dass sie im Restaurantbereich keinen Alkohol ausschenken darf. Wir sind die letzten G�ste, vielleicht m�chte sie uns loswerden. Auf einmal sagt Judith:�Lass uns hochgehen. �Sie sagt es mit einem Ausdruck matter und kraftloser Nachgiebigkeit, sodass ich mich sofort kerzengerade aufrichte, mit dem Unterarm den Teller etwas vorschiebe und sage:�Aber jetzt geht es doch erst richtig los.�</p><empty-line/><p>Wie kann man morgens einen Film von Terry Gilliam sehen, morgens um Viertel nach acht? Die Spielautomaten klingeln. Es ist das dr�ngende Klingeln von Besuchern, die man nicht lange warten lassen darf. Wollten wir nicht eigentlich unser ganzes Geld verspielen? Wollten wir uns nicht betrinken? Sp�ter, nachdem Judith ein paar Dollar an ihrem Lieblingsspielautomaten Wheel of Fortune verspielt hat und wir uns ein bisschen erholt haben, f�llt mir das ein.�H�ttest du Lust weiterzuspielen?�, frage ich. Ihre Augen strahlen, ich sehe, wie sie f�r eine Sekunde berauscht und unkontrolliert ist.�Wir k�nnten an einen der Tische gehen. �Judith schaut sich um. Ich z�gere. Wir haben jeder zwei Gin Tonic getrunken, viel zu wenig, um den Kopf zu verlieren. Pl�tzlich r�cht es sich, dass ich vorher so viel gegessen habe.�Wir k�nnten an einen der Tische gehen�, sage ich. Das ist der Augenblick, in dem mir klar wird, dass ich mich t�usche, wenn ich denke, es w�re alles in Baltimore passiert und nicht in Primm. In Baltimore ist gar nichts passiert. Es ist dieser Augenblick in der Lobby, in der gro�en Spielhalle, ein Moment sexueller Aufgeladenheit, wie wir ihn seit Jahren nicht mehr erlebt haben. Judith l�sst ihren Blick �ber die Automaten schweifen. Die Lichtorgeln, die gro�en autistischen Geldschleusen und Geburtsmaschinen. Ihr Blick streift zwei alte grauhaarige Frauen, die mit langen, telefonkabel�hnlichen Schn�ren mit zwei Wheel-of-Fortune-Maschinen verbunden sind. Die Tische sind von hier aus nicht zu sehen. An den Tischen passiert es. An den Tischen treffen sich die Geschlechter, dort wird das Geld ausgegeben. Dort werden die Existenzen ruiniert.�Willst du?�, frage ich. Ich schaue sie von der Seite an. Wie durch ein Wunder hat sich ihr m�des Gesicht, das mir im Restaurant, w�hrend wir gegessen haben, so leer und uninspiriert erschien, pl�tzlich in den Inbegriff beseelter Sch�nheit verwandelt. Ich m�chte, dass sie gl�cklich ist. In diesem Moment, jedenfalls f�r den Bruchteil einer Sekunde, bin ich bereit, alles zu verspielen, was ich besitze, nur damit Judith und ich eine gute Zeit haben. Sie schaut sich um. Aber schon im n�chsten Moment habe ich auf einmal Angst, sie k�nnte wirklich zu weit gehen, wenn ich nicht auf sie aufpasse. Wir stehen im Erdgeschoss, in der Lobby des Hotels. Inmitten dieser dimensionslos vor sich hin musizierenden Spielautomaten, die in Abst�nden von Jahrzehnten Augenblicke geb�ren, die f�r die alten Frauen die gro�en Gl�cksmomente sind. Und dann halten sie ihre Plastikeimer vor die Ausgabesch�chte und schaufeln mit ihren knochigen Fingern die M�nzen hinein.�Wir m�ssen nur einen Tisch finden�, sage ich. Judith reckt den Kopf. Dann finde doch einen Tisch, sage ich mir. Um Gottes willen, finde doch irgendwo einen gottverdammten Tisch. Ich taste in meiner Tasche nach meiner Kreditkarte. Es gibt zwei M�glichkeiten: Alles zu verspielen oder nach oben zu gehen und miteinander zu schlafen. Oder suche ich in Wirklichkeit nach einer Kombination? Die Spielautomaten bilden lange gleichf�rmige Reihen, zwischen denen leichtbekleidete Bedienungen hin und her laufen, um die alten Frauen aufzusp�ren und sie mit Drinks zu versorgen. Sie m�chte spielen. Judith m�chte etwas riskieren. Ihre Augen leuchten, als h�tte der Automat, an dem sie die l�cherliche Summe von drei Dollar siebzig verspielt hat, sie infiziert. Tats�chlich aber ist das der Blick, den ich schon kenne. Es ist ihre Begeisterungsf�higkeit, ihre gro�e emotionale Kraft, die in ihr verborgen ist und mit der wir endlich irgendetwas anfangen sollten. Eine Kraft, die unser Leben vielleicht lenken und zu einem gl�cklichen Ende f�hren k�nnte.</p></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><p>Durch den langen, mit Teppich ausgelegten Gang n�hert sich eine Kellnerin.</p><p>Sie tr�gt ein leeres Tablett und ist auf der Suche nach Gl�sern und Flaschen, die die alten Frauen stehen gelassen haben. Es ist halb drei. Die Spielautomaten sind verwaist. Die alten Frauen sind nicht mehr da. Judith wendet den Blick ab. Sie schaut auf das Display des Automaten, an dem sie vorher gespielt hat.�Hast du noch einen Dollar?�, fragt sie. Mit einem Gef�hl der Erleichterung greife ich in meine Tasche. Es hat gar keinen Sinn, wenn wir wirklich einen gr��eren Betrag verspielen. Ich denke das vielleicht im Hinblick auf die Nacht, die uns noch bevorsteht. Die Stunden, die uns noch bleiben, wenn wir auf unserem Zimmer sind.�Es ist doch viel besser so�, fl�stere ich, raune ich mir zu. Jetzt, w�hrend ich auf den A-Train warte, der mich schlie�lich zum Flughafen bringt, und diesen Augenblick Revue passieren lasse, ist es nur ein ganz kurzer Moment, ein kurzer Augenblick.�Willst du?�, frage ich. Ich sehe uns, in der Erinnerung, wie wir zur�ck ins Zimmer gehen. Das gro�e, glamour�se Bett, von dem wir das Bettzeug heruntergerissen haben. Ich sehe unser Zimmer, ein grelles hyperrealistisches Gem�lde. Das Gem�lde eines kalten, k�rperlosen Kusses. Es ist mehr ein Versehen, dass wir den Pay-per-View-Kanal benutzen.�Warum nicht?�, sagt Judith, als ich sie frage, ob sie das sehen will. Und sie greift nach dem Kopfkissen, das auf den Boden gefallen ist. Unsere Lebensgeister kehren noch einmal zur�ck. Wir richten uns auf, die H�nde auf das Bett gest�tzt, und starren auf den Fernseher.</p><empty-line/><p>Die Bettlaken sind so straff gespannt, dass das Bett wie ein Felsen unter uns liegt. Der Schrank, in dem der Fernseher untergebracht ist, ist geschlossen, l�sst sich aber leicht �ffnen. Als ich mir den Mechanismus des Schlosses genauer anschaue, merke ich, dass man �berhaupt keinen Schl�ssel hineinstecken kann und dass das messingfarbene Schloss nur zur Verzierung auf das Holzfurnier aufgeklebt ist. Und vielleicht ist das das ganze Geheimnis, in dem sich die eigentliche Kraft unserer Liebe offenbart. An manchen Tagen lieben wir uns nicht, sondern warten nur, dass die alten Gef�hle wieder zur�ckkehren. Vielleicht ist das eine Frage der Dosierung, eine Frage des verantwortlichen Umgangs mit Gef�hlen, den man nicht so ohne weiteres steuern kann. Bei Gabriela kann ich mir vorstellen, dass sie sich einen solchen Film anschaut, mit derselben Unvoreingenommenheit, mit der sie auch sonst alles anschaut, was mit Sexualit�t zu tun hat. Einmal hat sie sogar zusammen mit ihrem Freund eine Erotikmesse besucht und mir erz�hlt, wie� lustig �und� interessant �sie vor allem die Frauen findet.�Die Frauen?�, frage ich sie.�Du fandst sie lustig?��Ja�, sagt sie,�sie hatten Spa� miteinander. Alle haben st�ndig gelacht. �Ihr w�rde auffallen, dass die Darstellerinnen in dem Film, den ich mit Judith in Primm sehe, auffallend klein sind. Garantiert w�rde Gabriela sagen:�Warum sind die denn alle so klein?�Oder sie w�rde sagen:�Die waren alle im Solarium. Alle zusammen. �Gabriela geht selbst ins Solarium, und zwar regelm��ig. Die gleichm��ig gebr�unte Haut der Darstellerinnen in dem Porno, den ich mit Judith sehe, l�sst diese Frauen f�r mich als W�stenfrauen erscheinen, W�stenbewohnerinnen, die irgendwie in diesen Film hineingeraten sind und bei denen sich die Sonneneinstrahlung gleichm��ig auf ihre kleinen wendigen K�rper verteilt hat. Einige von ihnen tragen Ringe und Armreifen oder schwere goldene Ketten, die mehrfach umeinandergewickelt sind. Und auch das w�rde Gabriela nicht unkommentiert lassen. Sie w�rde sagen:�Und sonst haben sie nichts an. Lustig was?�Judith sagt dagegen nichts. Sie schaut einfach nur zu. Sie macht nicht eine einzige Bemerkung. Schaut sie den Film an, um mir einen Gefallen zu tun? Ich sage:�Ich wei� gar nicht, ob ich �berhaupt Lust darauf habe. �Und dann sage ich:�Ich bin gar nicht in der Stimmung daf�r. �Gabriela schaut sich die Frauen auf der Erotikmesse an. Sie findet es erstaunlich, wie gut sie sich in Form halten und wie gepflegt sie sind. Einige von ihnen findet sie auch attraktiv. Sie sagt:�Aber es ist ja eine Messe. Da ist das dann eben so.��Dass man sie attraktiv findet?�, frage ich.�Nein, dass sie Spa� haben, und die Leute, die sie anschauen, haben auch Spa�. Das ist doch sch�n. �Und ich kann nicht anders, als zu denken, dass Gabrielas gro�e unersch�pfliche Unschuld mich noch bis an mein Lebensende immerzu r�hren und verzaubern wird.�Willst du dir das wirklich anschauen?�, frage ich Judith mit der Fernbedienung in der Hand, unf�hig, den Pay-per-View-Kanal wieder zu verlassen. Wir haben noch nicht mal eine Decke. Wir liegen beide nackt auf dem beigefarbenen Riesenbett und sind der Erregung, die uns ergreifen soll, hilflos ausgeliefert.</p><empty-line/><p>Es muss Primm gewesen sein. Und zwar unter Mitwirkung von acht Frauen, die eine B�ro-Sex-Szene spielen. Die Frauen sind in einem fiktiven B�ro, in dem mehrere Schreibtische stehen und eine Sitzgarnitur sowie eigenartigerweise auch eine Fahrstuhlt�r, die sich aber w�hrend des Ausschnittes, den wir sehen, nicht �ffnet, in meiner Erinnerung aber sp�ter eine gro�e Rolle spielt. Zwei oder drei Frauen bilden jeweils eine Gruppe, um die sich die Kamera herumbewegt. Es gibt keinen Auftakt, kein Vorspiel, nicht die geringste Einleitung. Die W�stenbewohnerinnen spielen miteinander, und wir schauen zu. Besonders gro�e Schwierigkeiten habe ich mit ihren rasierten Geschlechtsteilen. Nicht, dass ich so etwas noch nie gesehen h�tte, aber ich empfinde es Judith gegen�ber als geschmacklos. Im Grunde schaue ich nicht hin, sondern schaue die ganze Zeit zu Judith und schaue zu, wie sie den Film aufnimmt. Ich tue so, als w�rde mich nat�rlich der Anblick von Judith sehr viel mehr erregen als der der Frauen im Hotelfernseher, in dem dunkelgebeizten, klobigen Schrank. Sie sind Kraftsportlerinnen. Ihre ausgeschabten Achselh�hlen blitzen im k�nstlichen Licht auf. Die W�ste hat ihre K�rper glatt und geschmeidig gemacht. Ihre Zungen sind beh�nde, reaktionsschnelle Tiere, die aus dem Untergrund kommen. Ihre Schamlippen, zusammengefaltete H�nde, die sich in ihren Scho� hineingearbeitet haben. Sie haben ihre Arme verloren. Ihre Finger ziehen ihre M�nder auseinander, ihre H�nde arbeiten an fremden K�rpern. Einmal sehe ich eine Szene, die Judith kommentarlos durchgehen l�sst, wie eine Frau einer anderen mit ihrer kleinen fleischigen Zunge so abenteuerlich schnell �ber die kalten, trockenen Schamlippen leckt, dass man denkt, ihre Zunge sei verr�ckt geworden, habe sich selbst�ndig gemacht, und es sei ihr nicht mehr m�glich, sie noch l�nger in ihrem Mund, zwischen ihren Lippen festzuhalten.�Tja�, sage ich und lache. Ich traue mich nicht, etwas zu sagen. Ich f�rchte, ich k�nnte die latent erotische Stimmung gef�hrden, die mir aber gleichzeitig nicht ganz geheuer ist. Pl�tzlich bin ich hellwach. Erregt mich der Anblick der nackten Frauen, obwohl ich gar nicht hinschaue? Ich kann nicht sagen, dass mich der Anblick von Judith in diesem Moment erregt. Die W�stenbewohnerinnen stecken sich gegenseitig die H�nde, die Finger und die Zungen in den Mund. Im Grunde probieren sie alle K�rper�ffnungen und alle Extremit�ten in ihren verschiedenen Kombinationen miteinander aus. Das ist gehobene B�roarbeit. In einer Szene f�hrt eine hagere, sonnengebr�unte, wasserstoffblonde W�stenfrau mit ihren zweifach beringten Zehen �ber die Klitoris einer auf der Couch liegenden anderen Frau, die die Beine mit beiden H�nden so auseinanderspreizt, dass sie wie ein gro�er, ins Leere f�hrender Br�ckenkopf �ber einer sich ihrer Scham n�hernden dritten langhaarigen Frau schwebt. Das Kunstwerk, zu dem ich den Kommentar� na ja �oder� tja �wage, scheint Judith aber nicht weiter zu interessieren. Sie gibt keine Anzeichen von Anteilnahme oder Erregung von sich, obwohl ich mich zu erinnern glaube, dass sie im Widerschein dieser hellen, grell leuchtenden Bilder die Augen leicht zusammenkneift. Aber wo ist der �bergang? Wo ist der Moment, in dem Judith mich oder ich sie ber�hre?</p><empty-line/><p>�Sie k�nnen jetzt mit Worten nichts mehr bewegen�, sage ich einmal zu Lambert.�Aber vielleicht sprechen wir mal �ber das, was in diesem Augenblick mit Ihnen passiert. Um was es da geht und was sich auf der Gef�hlsebene abspielt. �Einer von uns beiden muss irgendwann die Bettdecke hochgezogen haben, sie liegt sp�ter nicht mehr auf dem Boden, und auch die Vorh�nge sind zugezogen. Aber ich wei� nicht, wer von uns beiden das gewesen sein soll. Judith zieht die Vorh�nge nie zu. Sie schl�ft am liebsten bei offenem Fenster. Lambert erz�hlt mir immer wieder dieselbe Geschichte in verschiedenen Varianten, wie ein professioneller L�gner, der sich an wenigen wahren Details festklammert und um sie herum sein L�gengeb�ude errichtet. Eine der Geschichten dreht sich um seinen Vater, wie er auf dem Parkplatz des �rtlichen Tennisclubs vor seinem Wagen steht und zwischen den Plastikt�ten im Kofferraum nach einer Packung L�becker Marzipan sucht, die er seiner ehemaligen Landtagsreferentin schenken will. Den Tennisschl�ger unter dem Arm wartet sie neben dem Wagen, obwohl er doch mit seinem Sohn zum Tennisspielen verabredet ist. Lambert hat das schon mehrmals erz�hlt. Er erz�hlt, wie er sich vor Entsetzen und Abscheu abwenden und den Parkplatz verlassen und die Tennisstunde sogar ausfallen lassen muss, da er den Anblick seines Vaters nicht ertragen kann. Es geht immer wieder um die Plastikt�ten, die den Niedergang versinnbildlichen und den Kofferraum, in dem sich das ganze Leben seines Vaters jetzt abspielt, seit er nicht mehr auf den Fahrdienst des Landtags zur�ckgreifen kann. Es ist nicht die Landtagsreferentin, mit der sein Vater eine Aff�re gehabt hat, oder das Marzipan, das er ihr zum Geschenk machen will. Es sind die Plastikt�ten, das Chaos der halbvollen, leeren und gebrauchten T�ten, die er in den Kofferraum gestopft hat. In den Abwandlungen und Verschiebungen erkennt man, wie Lambert sein Verh�ltnis zu seinem Vater in den Griff zu bekommen versucht. Sein Vater wei� noch nicht einmal, was sein Sohn �berhaupt studiert. Einmal stellt er ihn als Jurastudenten vor, und dann wieder sagt er:�Er wird sp�ter mal Arzt, aber dann bin ich ja hoffentlich schon tot. �Lambert empfindet es als Dem�tigung, dass sein Vater gescheitert ist, will das aber auf keinen Fall zugeben.�Sie sind es doch, der mich anl�gt�, schreit er.�Sie sind es doch, der mich betr�gt. Sie tun immer so, als w�ren Sie f�r mich da. Aber jetzt interessiert es Sie nicht mehr. Es ist Ihnen doch schei�egal. �Es ist alles leere Rhetorik, aber man sp�rt den Leidensdruck, die Verzweiflung, die dahintersteckt. Ich biete ihm schlie�lich an, dass er nach drau�en in den Innenhof gehen und ein bisschen frische Luft schnappen kann. Es ist ein Kompromiss. Vom Innenhof aus gibt es mehrere Ausg�nge, und ich erkl�re ihm, wie er am schnellsten durch das Gewirr der G�nge und Treppenh�user nach drau�en kommt. Schauen wir den Film bis zum Ende? Steht Judith nicht irgendwann auf und verl�sst das Schlafzimmer? In langsamen tastenden Schritten zum Badezimmer her�ber, wo sie die T�r hinter sich schlie�t? Ich liege im Bett und schaue den Film, den ich genauso wenig ausschalten, wie ich mich von ihm abwenden kann, allein weiter.�Ja, schreien Sie mich ruhig an�, sage ich zu Lambert.�Schreien Sie ruhig. Sie k�nnen hier machen, was Sie wollen. Hier ist alles erlaubt � Es �ndert nur nichts daran, dass ich in f�nf Minuten diesen Raum verlasse und dass die Stunde dann zu Ende ist.�</p><empty-line/><p>Eine Weile denke ich noch, die Fahrstuhlt�r w�rde sich �ffnen und irgendein Mann w�rde den Frauen zur Hilfe kommen. Aber das passiert nicht. Die Frauen fahren mit ihren Zungen wie mit Lappen �ber ihre makellosen gebr�unten K�rper. Die Zungen sind zweifellos die Helden des Films. Ich schaue immer wieder hin, halte aber dann nicht lange durch. Ber�hren wir uns? Passiert irgendetwas? Obwohl ich in meiner Erinnerung ansonsten vor nichts zur�ckschrecke, versagt sie mir hier den Dienst. Wir sind nackt oder fast nackt. Niemals aber k�nnen wir so nackt sein wie die Frauen, die in dem Film in ihrer Nacktheit Diktate aufnehmen, den Schriftverkehr organisieren und Zungentelefonate f�hren. Ihre Gesichter sind konzentriert. Sie sind mit ganzem Ernst bei der Sache. Gelegentlich erscheinen mir ihre Gesichter verzerrt, haben sie den Ausdruck von Sportlern, die schon beim Training alles geben. Man k�nnte sagen: Sie sind w�tend auf ihre Lust. Obwohl diese Lust nat�rlich nur gespielt ist. Gibt es einen Moment, in dem Judith reagiert? Einen Moment, in dem ich etwas tue? Gibt es einen Moment der Aggression? Ist sie gereizt? �bererregt? Wenn sie wirklich aufsteht und ins Bad geht, ist das ein Zeichen, dass sie nicht einverstanden ist. Aber sie sagt nichts. Sie ertr�gt alles. Auch wenn ich die Augen schlie�e, mich in die Situation zur�ckversetze, das beigefarbene glattgestrichene Laken, das gro�e kastenf�rmige Bett, die Frauen mit w�stenfarbenen Hautt�nen und die rotbraunen, leicht gl�nzenden Zungenfragmente, ich kann mich beim besten Willen nicht an den �bergang erinnern. Unm�glich, dass wir einen Porno anschauen und nichts tun, uns zumindest nicht dar�ber verst�ndigen, dass uns� das hier �gr�ndlich die Lust� verdorben �hat. Ich erinnere mich, dass Judith einmal, als ich sie doch frage, ob ich nicht lieber ausmachen soll, sagt, sie finde es� interessant�. Sie sagt� interessant�. Warum sagt sie nicht: Ich kann es nicht ertragen, ich finde es widerlich. Es ist nicht derselbe Tonfall, in dem Gabriela� interessant �sagt. Im Grunde unterscheiden sich Judith und Gabriela in der Art und Weise, wie sie� interessant �sagen so sehr voneinander, als w�re das� interessant �von Judith ein anderes Wort als das� interessant �von Gabriela. An dem Wochenende, als ich die Wohnung im Glockenbachviertel zu renovieren versuche und krank werde, f�llt mir ausgerechnet Gabriela ein und nicht Judith. Ich bin nur ein Wochenende da, um die Wohnung zu renovieren und am n�chsten Tag einem potenziellen Nachmieter vorzuf�hren. Au�er im Bad, in das ich mich alle zwanzig Minuten schleppe, um mich zu �bergeben, gibt es in der ganzen Wohnung, in der ich zehn Jahre gewohnt habe, kein Licht. Als ich mich schon zum vierten oder f�nften Mal erbreche, frage ich mich, wie ich diese Wohnung renovieren soll, wenn es �berhaupt kein Licht gibt. Und dann denke ich tats�chlich, obwohl es mir so schlecht geht, an Gabriela. Und wie wir Sex zusammen haben. Ich erinnere mich, wie ich mich dazu zwinge, auch an Judith zu denken, es mir aber beim besten Willen nicht gelingt. Ich �bergebe mich und denke an Gabriela, in dem eiskalten Badezimmer im Glockenbachviertel, in meiner alten Studentenwohnung, die ich an diesem Wochenende zum letzten Mal betreten und endlich aufgeben will. Ich denke an sie und wie wir zusammen in der Tiefgarage in ihrem Wagen sitzen.�Interessant�, w�rde sie sagen, oder sie w�rde sagen:�Schlimm, was du so denkst!�, und dann w�rde sie lachen und darauf warten, dass ich ihr das n�chste Kompliment mache und mir die n�chste Schweinerei ausdenke.</p><empty-line/><p>Ich lege die Fernbedienung aufs Bett, damit Judith den Film ausschalten kann, wenn sie will. Es ist eine schemenhafte, ungenaue Erinnerung. Ich glaube mich erinnern zu k�nnen, dass es Judith ist. Es ist Judith, die damit anf�ngt und sich mir n�hert. Aber dann erinnere ich mich wieder, wie sie im T�rrahmen des Badezimmers steht, das Handtuch zu einem Turban zusammengebunden. Sie hat sich die Haare gewaschen. Sie steht, die nassen Haare unter dem Handtuch, auf der Schwelle zum Badezimmer und schaut mich an. Unter der Erde, mehrere Meter unter der Oberfl�che von New York, meine startbereite Maschine vor Augen, f�llt es mir ein. Wendet sie sich ab? Will sie mit dem, was geschieht, nichts mehr zu tun haben? Der A-Train f�hrt viel langsamer als der L-Train. Auch kommt es mir so vor, als w�rde er an den einzelnen Stationen l�nger halten. Eine bizarr verrenkte W�stenbewohnerin steht vor der Fahrstuhlt�r, als k�nnte sie sich hinter ihr �ffnen, aber sie �ffnet sich nicht. In Nevada, kurz hinter der Grenze zu Kalifornien, wo das organisierte Gl�cksspiel verboten ist.�Tja�, sage ich. Die Fahrstuhlt�r f�hrt direkt zu der Wohnung im Glockenbachviertel. Eine dunkle Wohnung ohne Licht, die ich seitdem nicht mehr betreten und f�r die ich immer noch keinen Nachmieter gefunden habe. Die W�stenbewohnerinnen lecken sich die Finger ab, nachdem sie einander untersucht haben. Ich erinnere mich an eine Szene, als sich eine ihren Finger ablecken l�sst, nachdem sie ihn im Geschlecht einer Dritten vergraben hat, als w�rde sie dort nach einer L�sung suchen. Eine L�sung f�r ein Problem? Aber welches? Was passiert in Primm? Passiert etwas in Primm? Die Frauen in dem Pornofilm haben so viel Sex, dass sie es selbst gar nicht schaffen, ihre Lust abzuarbeiten. Ihre Lust t�rmt sich vor ihnen auf wie ein Berg Arbeit im B�ro. Immerzu lecken sie sich. Sie lecken auch sich selbst, jedenfalls leckt eine W�stenfrau, die zwei anderen Frauen zuschaut, sich selbst. Sie leckt sich, jedenfalls so weit es anatomisch m�glich ist. Der Berg aus Lust t�rmt sich vor uns auf. Das Hotel geht noch �ber zehn Stockwerke h�her. Mir f�llt das Glockenbachviertel ein und unsere G�stewohnung. Zwei Wohnungen, die leer stehen und die aus unterschiedlichen Gr�nden meine Beziehung mit Judith ver�ndert haben. Die Kamera geht jetzt noch n�her ran. Eine W�stenbewohnerin rei�t ihren Mund auf. Als wollte sie schreien. Das Geb�ude �ber uns, schwarz, hochgeschossen in die Nacht, im Bruchteil von Sekunden. Eine aufgebl�hte amerikanische Idylle. Ich schaue den Film allein weiter. Irgendwann, als Judith schon schl�ft, gelingt es mir, die Bettdecke, die sie um sich herumgewickelt hat, von ihrem K�rper zu l�sen, sodass ich mich auch zudecken kann. Ich h�re ihre gleichm��igen und ruhigen Atemz�ge. Meine Erstarrung wird auf einmal so �berw�ltigend, dass ich die Fernbedienung auf den Boden werfe und den Film in dem Gef�hl, dass ich damit vielleicht ein Verm�gen ausgebe, einfach weiterlaufen lasse. Er l�uft die ganze Nacht, ohne dass ich nur ein einziges Mal hinschaue.</p></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><p>F�r den n�chsten Tag ist die R�ckfahrt geplant. Wir verlassen das Hotel, fahren mit dem Wagen zu einem in der N�he gelegenen Supermarkt und kaufen Getr�nke und Obst. Fr�hst�ck gibt es in dem Hotel nicht. Wir kommen auch gar nicht auf die Idee, danach zu fragen. Es ist kein Ort, an dem man sich st�rkt. Es ist ein Ort der Verausgabung und Verschwendung. Nur die Frauen in dem Porno sind nicht ersch�pft. Sie machen einfach weiter. Sie stellen keine Fragen, zum Beispiel: Ob sie einander ber�hren k�nnen. Die Vorstellung, eine Frau in dem Film w�rde eine andere Frau, die mit rotgl�hendem gespreizten Geschlechtsteil vor ihr liegt, fragen, ob sie sie� anfassen �d�rfe, erscheint geradezu lachhaft.�Ist dir das recht? Macht es dir etwas aus?�Wir kaufen in dem Supermarkt ein paar �pfel und zwei Flaschen Gatorade. Es ist das Fr�hst�ck, an das Judith und ich uns gew�hnt haben, wenn wir auf Reisen sind. Die Frauen, die W�stenbewohnerinnen, fragen nicht, sie handeln einfach. Sie ber�hren sich. Judith und ich haben dagegen verlernt, wie wir aus unserer symbiotischen Vertr�umtheit zu einem Moment kommen, in dem eine solche Frage vielleicht angebracht oder notwendig w�re, so l�cherlich sie auch erscheinen mag. Ich werfe die Fernbedienung auf den Boden. Warum stellt sie sich nicht einfach vor den Fernseher und verbaut mir die Sicht? Sie geht ins Bad und h�lt den Kopf unter Wasser, um sich in aller Unschuld die Haare zu waschen. Mitten in der Nacht. Ein paar Kilometer weiter biegen wir von der Stra�e ab. Die Stra�en haben wundersch�ne, poetische Namen. Ganz in der N�he gibt es die Morning Star Mine Road. Wir bleiben kurz stehen, essen etwas und genie�en den Anblick der W�ste. Wir am�sieren uns �ber das Hotel, die Geschmacklosigkeit der Einrichtung und wundern uns dar�ber, dass wir beim Spielen so gut wie kein Geld verloren haben.�Eigentlich schade�, sagt Judith und l�chelt mich an. Ihr Gesicht, �bergro�, das L�cheln, wie es mir jetzt, man kann es nicht anders sagen, durch den Kopf schie�t. Wie lange liegt das zur�ck? Die Geschichte in der G�stewohnung. Ein Jahr oder zwei Jahre? In Primm ist ihr L�cheln verhalten und vorsichtig. Wir haben die Fenster heruntergekurbelt und n�hern uns den Kelso D�nen. Der Wind f�hrt in einem kurzen schnellen Hin und Her �ber die Landschaft und gl�ttet sie. Ich sehe ihr Gesicht am Rande des morgendlichen Himmels. Es dehnt sich, steigt auf. Immerzu l�chelt sie. Eine halbe Stunde sp�ter auf der Morning Star Mine Road, nur wenige Kilometer von Primm entfernt. Es ist eine gestohlene Nacht oder eine verlorene, je nachdem wie man es sieht. Endet unsere Beziehung in geschlossenen R�umen, in Schlafzimmern, Wohnr�umen und Kellern? Drau�en im Tageslicht sieht alles so aus, als w�re �ber Nacht jemand gekommen und h�tte alles wieder in Ordnung gebracht, w�hrend wir im Hotel denken, wir h�tten alles verspielt.�Die haben sich ja die Seele aus dem Leib gefickt�, sagt Judith in dem kleinen Supermarkt am Rand von Primm, wo wir unser Fr�hst�ck einkaufen. Sie schaut auf die Flasche mit dem roten Gatorade, die ich in der Hand halte.�Sollen wir nicht mal was anderes ausprobieren?�</p><empty-line/><p>Das Licht, die Ger�usche, alles ist unver�ndert. Wir haben nichts gewonnen, aber auch nichts verloren. Es ist noch zu fr�h, um ein neues Quartier zu suchen. Aber beim Spaziergang in den Kelso D�nen muss ich die ganze Zeit daran denken, dass das Zimmer im Hotel Nipton sp�ter vielleicht weg ist.�Findest du es denn nicht sch�n?�, frage ich, als wir am Ende einer kleinen Nebenstra�e das Hotel entdecken, in das ich mich sofort verliebe. Ich w�rde die Nacht dort gerne verbringen, aber Judith m�chte weiterfahren. Nipton liegt direkt neben Primm. Es ist eine Ansammlung von Wohnwagen und Holzh�tten, nur ein paar Meter neben der Eisenbahnlinie. Eine Landschaft aus Staub, in der das Hotel das einzige richtige Geb�ude ist. Es ist ein Ort, an dem man Bu�e tut, w�hrend man gleichzeitig die Beschr�nkung und die Ereignislosigkeit genie�t.�Doch, es gef�llt mir�, sagt sie, w�hrend wir schon weitergefahren sind.�Du kannst ja sp�ter nochmal anrufen. �Als w�rde es eine Telefonzelle geben, als st�nden die hier �berall herum. Es ist wie eine Grundierung, ein Hintergrundrauschen, die eigent�mliche, matte Stimmung, in die wir hineingeraten sind. Der Sand der Kelso D�nen rutscht unter unseren F��en wie hei�e Lava nach unten. Unsere Fu�stapfen hinterlassen keine Spuren, unsere F��e sinken ein, die Sandk�rner gruppieren sich um, verteilen sich, weichen jedem Widerstand aus. Judith ist ersch�pft. Der Anstieg kostet viel Kraft. Immer wieder greift sie nach ihrem Inhalator, saugt etwas von diesem k�nstlichen, chemischen Odem in sich hinein.�Umarme sie doch�, denke ich noch, als wir den h�chsten Punkt erreicht haben, aber ich bin zu ersch�pft. Wir laufen �ber ein langes, flaches St�ck zur Stra�e zur�ck, wo unser Auto steht. Die blaue Karosserie des Camaro flimmert in der Hitze, und der Wagen scheint, w�hrend wir miteinander sprechen, immer kleiner zu werden und sich immer mehr zu entfernen. Es ist offensichtlich, dass Judith den Zeitpunkt genau abgewartet hat. Hinter uns sind die D�nen, und vor uns ist die Stra�e. Wir sind allein, niemand kann uns zuh�ren. Es ist typisch f�r ihre Beharrlichkeit, dass sie selten von einem einmal gefassten Vorsatz abweicht. Bei einem Sturz mit dem Fahrrad h�tte sie sich einmal beinahe ihr linkes Bein gebrochen, aber sie f�hrt schon am n�chsten Tag weiter. Ich sehe noch immer die Schwellung an ihrem Unterschenkel, eine tannenzapfengro�e Beule, die �ber Monate nicht mehr zur�ckgeht und eigentlich nie ganz verschwindet.�Ich dachte, dass wir schon die ganze Zeit dar�ber sprechen sollten�, sagt sie. Sie bekommt kaum Luft, aber sie weicht von ihrem Vorhaben nicht ab. Ich sage nichts. Die D�nen sind ein ung�nstiger Ort. Es ist ein Ort, den sie sich ausgesucht hat, w�hrend ich mich lieber im Hotel unterhalten w�rde.�Aber ich liebe dich genauso wie du mich�, sage ich zu ihr, kurz bevor wir den Wagen erreichen, ersch�pft von der Wanderung.�Manchmal denke ich, du w�rst w�tend auf mich�, sagt sie �ber die Metalliclackierung des Autodachs hinweg, und ich sage:�Aber wie kommst du denn darauf?�Wir versichern uns gegenseitig, dass alles in Ordnung und unsere Beziehung auf keinen Fall am Ende ist. Wir sprechen �ber unsere Beziehung, aber das Einzige, was mir von diesem Tag wirklich in Erinnerung bleibt, ist das Hotel-Problem. Ich rede so lange auf sie ein, bis sie nachgibt. Ich schlage vor, wir k�nnten es immerhin versuchen, schlie�lich liegt das Nipton auf dem Weg zum Highway.�Du kannst mich besuchen�, sagt sie, als ich frage, wie lange sie eigentlich noch in Washington bleiben will.�Wir k�nnen uns regelm��ig sehen. Ich will nur nicht das Gef�hl haben, dass du w�tend auf mich bist. �Regelm��ig. Im Nachhinein klingt diese Formulierung eigenartig, sie hat eine beinahe schwindelerregende Wirkung auf mich. Ich will unbedingt nach Nipton, unbedingt in das kleine an der Eisenbahnlinie gelegene Hotel. Noch am Abend, als wir uns eigentlich schon dagegen entschieden haben, fange ich wieder damit an. Wir haben noch nichts gegessen, und es ist schon dunkel. Eine halbe Stunde diskutieren wir, dann fahren wir trotzdem hin. Es kommt mir so vor, als w�rden wir uns noch immer durch die Dunkelheit der Morning Star Mine Road tasten, die in Wirklichkeit l�ngst eine ganz andere Stra�e ist und Nipton Road hei�t.�Wir sind auf der falschen Stra�e�, sagt Judith, als wir zum dritten Mal anhalten und auf die Karte schauen. Auch sie will jetzt nur noch ankommen.�Wir m�ssen zur�ck. �Wir wenden, mitten in der Nacht, mitten in der W�ste. Unsere Scheinwerfer rei�en die Dunkelheit auseinander und huschen dann wie auf der Flucht �ber die grauschwarzen Str�ucher und Steine. Es ist nur wenige Momente sp�ter, ein paar Kilometer auf dem vermeintlichen Weg zum Hotel, als wir das Tier �berfahren. Es ist ein starker, heftiger Sto�. Erst fahre ich weiter, aber dann sehe ich es, in Judiths Gesicht. Oder ich sehe es nicht, ich h�re es, in ihrem Atem, in der Weise, wie sie kaum noch Luft kriegt. Wir m�ssen zu der Stelle zur�ck. Wir m�ssen sehen, was wir angerichtet haben.�Es tut mir leid�, sage ich. Zwei Stunden sp�ter, als wir San Diego fast erreicht haben und ich kaum noch die Augen aufhalten kann.</p></section><section><title><p><strong>6</strong></p></title><p>Ich stehe eine Handbreit von der offenstehenden Beifahrert�r entfernt. Die Innenbeleuchtung des Wagens erhellt den harten, krustigen Asphalt. Ein zus�tzliches Licht von einer kleinen Lampe am unteren T�rrand f�llt auf den staubigen Sandstreifen neben der Stra�e. Wir schauen uns um. Das Tier m�sste eigentlich auf der anderen Seite liegen, aber es k�nnte auch sein, dass es sich ins Geb�sch geschleppt hat. Nur wenige Schritte von unserem Wagen entfernt tragen die B�sche schwarze Hauben, weichen sie in den Erdboden zur�ck. Ich �berlege, ob man die Scheinwerfer des Wagens so ausrichten kann, dass das Fernlicht uns bei der Suche behilflich ist. Wir haben den Motor ausgeschaltet. Als sei das schon eine Entschuldigung. Judith sitzt auf dem Beifahrersitz, den rechten Fu� auf der Stra�e, bewegt sich nicht von der Stelle. Ich gehe ein paar Meter. Der Boden neigt sich und f�llt dann leicht ab. Er ist so weich, dass ich einsinke, statt hinzufallen. Ich sehe zuerst gar nichts, dann erkenne ich die Umrisse der lose im Boden verankerten B�sche. Einige von ihnen rollen vor mir her, und ich laufe zwischen ihnen hindurch. Die Stille ist sofort, ohne �bergang, von gro�er Sch�nheit und Erhabenheit, und ich denke: Das Tier findet sich hier zurecht. Allein in der Flucht, in der Bewegung kehrt es in seinen gesunden und unversehrten K�rper wieder zur�ck. Es gibt nur Sand, Str�ucher und einzelne gro�e Steine, denen man leicht ausweichen kann. Die Stille ist �berw�ltigend. Sie ist der Applaus f�r das, was ich getan habe. Ich bin sicher, dass wir das Tier nicht finden. Trotzdem gehe ich weiter. Es ist die Stille und das Gef�hl, immer weitergehen zu k�nnen, ohne dass das irgendwelche Auswirkungen hat. Es gibt keine Richtung, keinen Weg, keinen Horizont. Ein paar Meter gehe ich aus dem Impuls heraus, einfach zu Fu� zum Hotel zur�ckzukehren. Wir wissen nicht einmal, was f�r ein Tier es gewesen ist. Ein besonders tieffliegender Vogel, ein Hund, der sich verirrt hat? Ich hocke mich hin, in einer Geste der Demut, und halte die H�nde �ber den Boden.</p><empty-line/><p>Judith hat das Licht ausgeschaltet. Sie �berl�sst mir die Suche, und ich f�hle mich verpflichtet, das Tier zu finden. Ich suche die gesamte Umgebung ab, kehre zum Wagen zur�ck und �berquere die Stra�e, um auf der anderen Seite weiterzusuchen. Hier ist der Bewuchs der B�sche dichter, sie sind h�her, einige von ihnen reichen mir bis zur Schulter. Hinter einem besonders gro�en Busch bleibe ich stehen, b�cke mich und schaue auf einen weiter entfernt liegenden Gegenstand, von dem ich glaube, er k�nnte vielleicht das verletzte Tier sein. Regungslos, auf die Seite gefallen, die Beine halb in der Luft, die Vorderbeine abgeknickt oder weggebrochen, liegt es da. Es ist bis hierhin geflohen und dann verendet. Ich z�gere. Muss ich noch mehr Schuld auf mich laden? Ich habe das Tier �berfahren, in meiner Besessenheit, Nipton zu erreichen und gegen den Willen von Judith noch eine weitere Nacht hier drau�en zu verbringen. Noch eine Nacht. Eine dritte oder vierte. Eine, an die ich mich erinnern kann. <emphasis>Wir brauchen noch eine Nacht, um gl�cklich zu sein.</emphasis> Das Nipton mit seinen rauchfarbenen Rattanst�hlen vor den blau eingefassten Fenstern und den eingef�rbten Dekorationssteinen im Vorgarten.�Where the past is present�, hei�t es auf der Internetseite des Hotels, das so klein und abgelegen ist, dass das Vorhandensein einer Internetseite gar nicht zu ihm passt. Judith hilft mir nicht, ich muss das Tier allein finden. Ich habe es ja auch get�tet. Nicht erst in New York, auf dem Weg zum Flughafen, erkenne ich, was f�r ein hochkomplizierter Schuldmechanismus meine Beziehung zu Judith bestimmt und wie ich st�ndig Schuldgef�hle produziere. Ein Mechanismus, der auf Reisen, wenn Judith und ich ununterbrochen zusammen sind, nicht funktioniert. Das Tier will von uns erl�st werden. Es l�uft in unseren Wagen hinein. Ein selbstzerst�rerischer Akt. In meinem eigenen Wagen habe ich immer ein Paar Latexhandschuhe dabei. Sie w�rden es mir leichter machen, den Kadaver bis zum Stra�enrand zu ziehen und im Scheinwerferlicht zum Vorschein zu bringen. Aber im Wagen von Judiths Tante sind nat�rlich keine Handschuhe.�Tut mir leid. Mein Gott, es tut mir so leid�, fl�stere ich vor mich hin.�Du armes Tier!�Ich richte mich auf. Vielleicht lebt das Tier noch. Ich muss einen Weg finden, es von seinen Schmerzen zu erl�sen. Ich mache einen Schritt vor. Der Boden wird h�rter und steiniger.�Was ist?�, ruft Judith. Wenn ich das Tier finde, ihr den Kadaver zeige, sie damit konfrontiere, fahren wir vielleicht doch zum Hotel. Ich w�rde ihn mit blo�en H�nden greifen und dann schnell zum Wagen ziehen. Vielleicht k�nnte ich auch noch ein Seil holen, irgendetwas, an dem ich ihn befestigen kann. Wie Lambert sagt:�Sie behandeln mich so, als w�re ich gar nicht krank, aber dabei bin ich es doch. Sie haben immer alles im Griff, und ich bin hier der Idiot. Ich werde auch in hundert Jahren nicht gesund sein, ich werde hundert Jahre brauchen, aber mein Vater wird immer noch da sein. Ich werde ihn nie loswerden. �Nicht reagieren, ihn nur anschauen, ihm die Chance geben, sein Gesicht zu wahren, ohne dass er in seinen Beleidigungen zu weit geht. Ihn fixieren, nicht mit der Wimper zucken, fr�her oder sp�ter schaut er zur Seite und beruhigt sich wieder. Ich gehe n�her heran. Wie kann dieses Wesen beide Vorderbeine verlieren, nur weil es mit einem kleinen Sportwagen zusammenst��t, dann aber auch noch weiterlaufen? Das ist unm�glich. Ich denke, dass Judith auch leidet, dass sie auch Tr�nen vergie�t.�Nat�rlich liebe ich sie�, sage ich zu Mads Christiansen, als er mich beim Mittagessen in der N�he des Rockefeller Centers fragt, warum ich Judith in der �ffentlichkeit eigentlich nie ber�hre. Sie ist m�de, das ist schlie�lich der Grund. Sie hat keine Lust, hier im Dunkeln herumzulaufen und nach einem Tier zu suchen, dem wir� sowieso nicht helfen �k�nnen.�Wir k�nnen ja doch nichts tun�, sagt sie mit tr�nenerstickter Stimme, als wir dar�ber diskutieren, ob wir weiterfahren oder noch l�nger suchen sollen. Aber es sind Tr�nen der Ersch�pfung. Das Tier ist ihr egal.�Wir sind ja nicht allein auf der Welt. Wir teilen uns doch die Natur�, doziert sie auf der Fahrt, sp�ter, als wir noch einmal darauf zu sprechen kommen.�Das Tier ist selber schuld. Du musst aufh�ren, dir Vorw�rfe zu machen. Solche Dinge geschehen, so etwas passiert. �Sie ist zu einer erstaunlichen Gef�hlsk�lte f�hig, wenn sie sich in die Enge getrieben f�hlt. Warum macht sie das Licht aus, pl�tzlich mitten in der W�ste? W�hrend ein unschuldiges Tier in seinem Versteck zwischen zwei mannshohen Dornenb�schen verendet, m�chte sie keine Energie verschwenden. Sie lehnt sich zur�ck. Sie hat noch nicht einmal den Gurt abgelegt.�Lass uns Blumfeld h�ren�, sagt sie, als wir losfahren. Hat ihr der Film in Wirklichkeit gefallen, und ich habe es nur nicht gemerkt? Wir drehen nicht mehr um, wir fahren nicht zum Nipton.�Tausend Tr�nen tief. �Die Schuld, die ich gesucht habe, finde ich nicht. Ich laufe weiter, laufe zwischen den B�schen hindurch zu der Fundstelle, ich trete ganz nah heran, darauf vorbereitet, einen warmen, lebendigen K�rper zu finden, der auf der Schwelle zum Tod einen letzten Blick auf mich wirft. Aber das Tier mit den beiden abgetrennten Vorderl�ufen, den abgerissenen Gliedma�en ist ein halb verkohlter Baumstumpf mit zwei in den Himmel ragenden d�nnen �sten. F�nfzig Meter von unserem Wagen entfernt.</p><empty-line/><p>Wir fahren zur�ck. Ich lasse Judith fahren, damit ich selbst besser reden kann. Ich will ihr etwas erkl�ren. Ich erkl�re ihr, warum es so wichtig ist, dass wir diese Nacht im Nipton verbringen, dass es aber jetzt ausgestanden und vorbei ist und dass ich mich darauf freue, mit ihr zur�ck nach San Diego zu fahren.�Ich verbringe lieber einen Tag mit dir in San Diego�, sagt sie, als h�tten wir dort nicht schon genug Zeit zusammen verbracht. In Restaurants, in Kinos, am Hafen, am B-Street Pier und vor dem neuen Flachbildschirm im Fernsehzimmer ihrer Tante.�Das ist dieselbe Genauigkeit und Akribie, mit der ich auch meine Sitzungen auswerte und mich auf sie vorbereite�, erkl�re ich ihr,�und das ist auch der Grund, warum meine Praxis so gut l�uft. �Ich bleibe zehn Minuten neben der Stra�e sitzen. Ich tue f�r einen Moment noch so, als w�rde ich weitersuchen, obwohl ich die Suche schon aufgegeben habe.�Was hast du denn da so lange gemacht?�, fragt sie, als wir weiterfahren. Hat sie mich durchschaut? Sie hat vergessen, das Licht einzuschalten. Wei� sie schon, dass ich am gleichen Abend die Iranerin anrufe? Ihr gef�llt der Porno. Sie sagt es nur nicht, sie will es nicht zugeben. Ich kann noch so viele N�chte absuchen, noch so viele N�chte durchleuchten. Es ist egal, was in Baltimore passiert ist oder in Primm. Der eigentliche Moment, die eigentliche L�sung liegt woanders. Am n�chsten Tag bleibe ich zu Hause. Ich habe Fieber. Das Haus ist leer, es herrscht eine angenehme Stille, aber ich kann immer noch nicht aufh�ren. Ich habe immer noch nicht genug. Ich muss Schuld auf mich laden.�So geht das also � Das ist es also�, sage ich zu mir und schleife meine Gep�ckst�cke hinter mir her. Die T�ren der U-Bahn schlie�en sich, und ich habe jetzt nur noch die Strecke mit dem Shuttle vor mir. Es sind nur noch 17 Minuten, wenn man es genau nimmt. 17 Minuten, und alles, was jenseits dieser Grenze passiert, jede Minute, die ich noch verliere, bringt mich in eine Situation, in der ich nur noch auf ein Wunder hoffen kann. Wir fahren zur�ck. Die W�ste hellt sich etwas auf, der Sternenhimmel dehnt sich. Der Asphalt der Stra�e ist von einem gn�digen Grau, das nat�rliche Licht der Nacht auf einmal so klar, dass Judith nicht merkt, dass sie das Licht nicht eingeschaltet hat.�Spinnst du�, schnauze ich sie an, kurz bevor wir den Highway erreichen,�hier ohne Licht zu fahren?�</p></section></section><section><title><p><strong>Teil Vier</strong></p></title><section><title><p><strong>1</strong></p></title><p>�Sie lesen das hier ja sowieso nicht�, schreibt Lambert in seiner E-Mail, die ich schon im Internet-Caf� in Williamsburg ausdrucke, aber erst jetzt in der U-Bahn lese. Ich brauche mir wegen ihm keine Sorgen zu machen, aber es k�nnte sein, dass ich mein Verhalten �ndern muss. Ich darf auf keinen Fall noch einmal zulassen, dass er eine Stunde eigenm�chtig �berzieht. Mit Mads Christiansen streite ich immer wieder dar�ber, warum ich so einen Klienten nicht aufgebe. Er hat keine Ahnung. Er tr�umt immer davon, irgendwann auch eine Praxis zu er�ffnen, obwohl er in seinem ganzen Leben noch keinen einzigen Menschen therapiert hat.�Er ist ganz kalt, dieser Blick�, schreibt Lambert in seiner E-Mail. Sein Vater hat seine T�tigkeit bei den Gr�nen jetzt beendet und arbeitet als Gesch�ftsf�hrer von Transparency International.�Und wie er immer schaut. Es ist kalt und indifferent, so wie ein Gott schauen w�rde, den man erwischt hat. Denn das ist ja die einzige Chance f�r einen Gott, wenn man ihn erwischt, wenn man ihn n�mlich ausfindig gemacht hat, in seiner g�ttlichen Unnahbarkeit. Das ist die einzige Chance, um weiterexistieren zu k�nnen. Er streitet einfach alles ab, er verleugnet sich selbst. Nein, sagt er dann, das bin ich doch gar nicht. �Ich lese die E-Mail nicht zu Ende, es ist ein weiterer Versuch einer Grenz�berschreitung. Ich habe einmal einen Termin per E-Mail abgesagt, ohne daran zu denken, dass er damit meine Adresse hat und mir jederzeit schreiben kann. Er glaubt, er kann mich in die Enge treiben, als er in der letzten Stunde einfach sitzen bleibt, w�hrend ich den Raum verlasse. Sp�ter, als er sich f�r seinen Wutausbruch entschuldigt, sage ich ihm, dass wir so nicht weiterarbeiten k�nnen.�Sie versuchen, die Regeln zu brechen, und zwar st�ndig�, sage ich.�Es sind Regeln, die wir vereinbart haben, und an die m�ssen wir uns auch halten. Eine andere M�glichkeit gibt es nicht. �Mads Christiansen wirft mir vor, ich sei zu gutm�tig und w�rde mir zu viel gefallen lassen.�Willst du nicht mal was Neo-Analytisches probieren?�, fragt er. Ich zweifele daran, dass er auch nur die geringste Idee von dem hat, was er sagt. Er widerspricht mir, als ich ihm zu erkl�ren versuche, mit der Psychoanalyse sei es ein f�r alle Mal vorbei. Das Schweigen des Analytikers.�So ein Quatsch, so ein himmelschreiender Unsinn�, sage ich. Es ist am Ende unseres Mittagessens, als der Schaden schon nicht mehr gutzumachen ist. Seine Angriffe gipfeln darin, dass er mir allen Ernstes vorschl�gt, eine Auszeit zu nehmen und eine Weile �berhaupt niemanden mehr zu therapieren. Er mischt sich �berall ein und glaubt, er habe als erfolgreicher Buchautor das Recht dazu und k�nne so ohne weiteres meine Arbeit und sogar mein Leben bewerten und dar�ber zu Gericht sitzen. Obwohl wir uns sonst einig sind, dass die systemischen Ans�tze besser sind, verteidigt er die klassische Psychoanalyse auf einmal. Ich muss ihm deutlich machen, dass er davon nichts versteht.�Hast du schon mal irgendjemanden therapiert?�, frage ich.</p><empty-line/><p>Ist es wirklich ein Schweben? Oder h�nge ich in der Luft? Die Geschwindigkeit des Shuttles ist deprimierend. K�nnte ich meine Vision wieder aufleben lassen? Warum endet sie, kaum dass wir wieder in San Diego sind. Oder, ein kurzer fast h�mischer Gedanke: War es �berhaupt eine Vision? Ein Moment, in dem ich zu erkennen glaube, es sei zwischen Judith und mir alles gekl�rt, und ich br�uchte mir keine Sorgen mehr zu machen, und am Ende w�rden wir f�r immer zusammenbleiben. Die Vision, denke ich immer wieder. Die Vision, die du in der W�ste gehabt hast. Und wie ich auf einmal denke: Jetzt gibt es kein Zur�ck mehr, jetzt wird es immer so weitergehen. Aber dann ist die Vision vorbei. Dann endet sie. Federal Circle. Der Zug stoppt. Jetzt ist die Frage, ob er nach links oder nach rechts f�hrt. Zu Terminal 1 oder zu Terminal 8. Auf meinem Plan scheint beides m�glich zu sein. Aber wenn er erst zu Terminal 1 f�hrt und den l�ngeren Weg einschl�gt, dann ist es vorbei, und ich kann gleich wieder zur�ckfahren. Oft schaue ich sie an, und ich sehe gar nichts. Ich schlie�e die Augen und erkenne sie nicht. Sie l�uft in ausgebeulten Jogginghosen und verwaschenen T-Shirts durch die Wohnung, baut ihre B�cherstapel auf und wirft ihre Taschent�cher auf den Fu�boden. <emphasis>The Warrior�s Honor. Ethnic War and the Modern Conscience</emphasis>. Michael Ignatieff, London 1998. Zwei zusammengekn�llte Taschent�cher liegen daneben und ihre Hausschuhe, zwischen denen sich ein weiteres kleines wei�es Dokument ihrer Nasen- und Nebenh�hle-Krise wiederfindet. <emphasis>Die Kinder von Tschernobyl, Macht und Gewalt, Krieger ohne Waffen. Das internationale Komitee vom Roten Kreuz, Die</emphasis></p><p><emphasis>Erfindung des Friedens</emphasis>. Priester und F�rsten. V�lker und Nationen. Idealisten und Ideologen. Manchmal mache ich mir einen Spa� daraus und hebe die Taschent�cher auf. Ich folge ihrer Spur. Sie l�sst die Taschent�cher zur�ck, nimmt aber die B�cher mit. Mir ist es ein R�tsel, wie sie �berhaupt zu Hause arbeiten kann. �ber Wochen verl�sst sie das Haus nur am Abend, wenn sie sich mit ihren Freundinnen trifft. Wenn ich aus der Praxis komme, wartet sie schon ungeduldig, aber dann hat sie doch keinen Hunger mehr. In den letzten Wochen, in denen sie in M�nchen ist, gehen wir dauernd essen. Wir gehen ins Restaurant, als w�re das ein erstes Zeichen unserer Trennung. Kyra besorgt ihr ein Praktikum in Washington, und Kyra besorgt ihr am Ende auch ein neues Promotionsstipendium. Wie ist der Zusammenhang? Die Erfindung des Morse-Alphabets und die Gr�ndung des Internationalen Roten Kreuzes. Die Frage der moralischen Distanz. Judith tr�gt ihren B�cherstapel ins Wohnzimmer, oder sie sitzt in der K�che. An sch�nen Tagen ist sie drau�en im Garten. Sie putzt sich die Nase, indem sie ein zusammengekn�lltes Taschentuch unter ihre Nasenl�cher h�lt. Man kann nicht sagen, dass sie sich die Nase putzt, sie l�sst sie laufen. Sp�ter bereue ich es, dass ich diese Hinterlassenschaften, ihre� droppings�, wie ihre Tante sagt, beseitigt habe. Ich finde keine Taschent�cher mehr, aber zwei Inhalatoren, die unter das Bett gefallen sind.�Gib uns beiden ein bisschen Zeit�, sagt sie bei unserem Spaziergang in den Kelso D�nen.�Wenn ich es schaffe, ein Stipendium zu kriegen, bleibe ich nat�rlich l�nger. Aber du kannst mich ja besuchen. Und ich�, setzt sie hinzu und macht eine kurze Pause,�besuche dich auch. �Als w�ren wir von der gleichen Krankheit betroffen, als h�tte uns das gleiche Schicksal ereilt.</p><empty-line/><p>Ich schwebe dem Terminal 4 entgegen, mittlerweile schon wenige Minuten �ber der Zeit. Der Shuttle hei�t� Air Train�, f�hrt aber so langsam, dass ich mir w�nsche, ich k�nnte ihn verlassen und zu Fu� weitergehen.�Kein Problem�, sage ich mir.�Ich rede mit den Leuten. �Die Leute beim Einchecken, ich spreche mit denen.�Du bist wie ein Schmetterling�, sagt Judith,�wenn du etwas willst. Dann fliegst du um einen herum und flatterst mit den Fl�geln. �Sie tr�gt Jogginghosen, l�sst ihre Nase laufen und verteilt Taschent�cher auf dem Fu�boden. Warum will sie nicht nach M�nchen zur�ck? Wegen der Geschichte in unserer G�stewohnung? Ich erkl�re ihr, wie akribisch ich meine Sitzungen vorbereite und dass es in meiner Arbeit um Pr�zision, Einf�hlung und h�chste Aufmerksamkeit geht, aber gleichzeitig auch um Chaos und Kreativit�t. Aber in Wirklichkeit will ich nicht nach San Diego zur�ck. Ich sage:�Du musst das verstehen. Ich kann gar nicht anders. �Statt dass ich sage: Ich m�chte, dass wir hier bleiben, dass wir die Nacht hier drau�en verbringen, hier in dieser unglaublichen Stille und Dunkelheit. Unter freiem Himmel. Nur wir beide. Auf diese Idee komme ich nicht. Als wir von unserer Reise nach San Diego zur�ckkehren, gehen wir essen. Die Iranerin ist nicht zu Hause. Die Ansage auf ihrem Anrufbeantworter ist ein haltloses und sinnloses Vogelgezwitscher. Ich fische den Zettel mit ihrer Nummer wieder aus der M�llt�te heraus. Es sind nur wenige N�chte, die wir in San Diego verbringen. Wir �bernachten in dem Raum, in dem Betty und Aaron normalerweise ihre W�sche zum Trocknen aufh�ngen. Als Schlafst�tte dient uns eine Zusammenstellung aus T�chern, Decken und einem alten Schlafsack. Bei unserer R�ckkehr ist Besuch da. Betty, Aaron, Aarons Mutter und seine Gro�tante, die blind ist und trotzdem die ganze Zeit fernsieht. Sie sind alle zu Hause und erwarten uns. Trotzdem rufe ich die Iranerin an, und zwar von Bettys Schlafzimmer aus, w�hrend unten die anderen mit dem Essen auf mich warten. Ich muss nicht einmal besonders leise sprechen.�Please leave a message after the beep. �Ein Singsang, der gar nicht mehr aufh�rt. Ich probiere es dreimal, weil mir die Iranerin bei unseren ersten Kontaktanbahnungsgespr�chen gesagt hat, sie sei eigentlich immer zu Hause, aber es k�nne nat�rlich sein, dass sie nicht ans Telefon geht, aber dann solle ich es eben mehrmals probieren. Ich habe Fieber, wie sich sp�ter herausstellt, 39 Grad. Auf der R�ckfahrt sehe ich immer wieder Betty und ihren Freund Aaron vor mir. Ich sehe sie vor dem Fernseher sitzen, noch immer vor demselben Film, den sie auch morgens bei unserer Abreise schon gesehen haben. <emphasis>Brazil</emphasis>. Ich sehe sie beide mit ihren kugelf�rmigen, unbeweglichen K�rpern auf den anthrazitfarbenen Sesseln vor dem neuen Flachbildschirm. Sie schauen eine Extended Version, die den ganzen Tag l�uft. Aber im Grunde, wie ich in meinem Fieberwahn denke, schauen sie nicht den Film, sondern sie schauen mich an. Sie schauen mir zu, wie ich in ihrem Wagen durch die W�ste fahre und zusammen mit ihrer Nichte langsam sterbe. Wir gehen essen. Ich �berrede Judith, die lieber zu Hause bleiben w�rde.�Ich war doch gar nicht so viel drau�en�, erkl�re ich.�Es kann gar kein Hitzeschlag sein. �Oder ist das am n�chsten Tag gewesen? Ist es an dem Tag gewesen, nachdem ich die Iranerin getroffen habe?</p></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><p>Der Air Train erreicht die n�chste Station. Einige Leute steigen aus. Mit einem Ruck setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Ein Mann in einem grauen Nadelstreifenanzug, der neben mir steht, telefoniert, und es stellt sich heraus, dass auch er nach Deutschland muss. Pl�tzlich werde ich von einer Welle der Zuversicht erfasst. Pl�tzlich wei� ich, dass ich den Flug nicht verpassen werde, dass ich ihn gar nicht verpassen kann.�Lassen Sie uns dar�ber reden�, werde ich zu der Frau am Check-in-Schalter sagen, ich muss mir unbedingt eine Frau suchen, keinen Mann, wenn m�glich eine afroamerikanische, auf keinen Fall eine asiatische oder kaukasische.�Das kann doch kein so gro�es Problem sein, oder?�Meine Gedanken beschleunigen sich, und meine Schuldgef�hle nehmen immer mehr zu. Ich bin mit Judith essen gegangen, aber die Iranerin habe ich erst am n�chsten Tag getroffen. Wir gehen in das Grillrestaurant im Gaslamp Quarter. Es ist sehr beliebt, und man muss eine Weile warten, bis man einen Platz bekommt, an einem dieser gro�en st�hlernen Grilltische, an denen man dann sitzt und dabei zuschaut, wie das Fleisch, das man bestellt hat, langsam vor sich hin schmort. Am n�chsten Tag habe ich sie getroffen. Die Iranerin, die nicht Jessica oder Jennifer, sondern Jenny hei�t. Wenn ich jetzt in San Diego w�re. Ich w�rde Jenny sofort anrufen. Es wird zu einer Obsession. Ich muss nachschauen, ob ich ihre Nummer habe, ob ich sie theoretisch anrufen k�nnte, und vielleicht rufe ich sie ja auch an. Vielleicht ist sie an die Ostk�ste gezogen. Sie hat mir davon erz�hlt, dass das ihr Traum w�re. New York. Es ist ein Moment der L�hmung. Ein Augenblick totaler Erstarrung. Eine Maschine steigt hinter dem Flughafengeb�ude auf, schwerf�llig und wuchtig. Ist es meine? Habe ich mich um eine weitere Stunde versch�tzt? Ich bl�ttere in meinem Telefonbuch, aber ich wei� nicht mehr, wie Jenny mit Nachnamen hei�t. Ich kann mich an ihren Nachnamen nicht mehr erinnern, und ich wei� nicht, wo ich suchen soll. Unter� Iranerin�? Das ist verr�ckt, denke ich noch. Das ist der reine Wahnsinn.</p><empty-line/><p>Eine Stunde warten Judith und ich in dem Restaurant im Gaslamp Quarter. Es liegt s�dlich vom Broadway zwischen 4th und 6th Avenue und hei�t Dancing Queen. Es sind nur ein paar H�userblocks, aus viktorianischen Holzh�usern und Ziegelbauten bestehend. Wir haben eine Art Beeper in der Hand, einen kleinen Plastikkasten, der einer Fernbedienung �hnelt. Wenn er aufleuchtet, hei�t das, dass unser Platz am Grilltisch frei ist. So lange stehen wir im Barbereich und trinken. Dancing Queen. Weil das Fleisch auf dem Grill tanzt? Oder ist damit der Club im Keller gemeint, zu dem wir sp�ter dann doch nicht gehen? Judith ist ganz beschwingt. Sie tr�gt mein Lieblingskleid, ein Kleid mit einem hellblauen kubistischen Muster.�He�, sagt sie.�Das ist doch erst dein zweiter Gin Tonic. Gehen wir tanzen?��Wie?�, frage ich.�Ich denke, wir warten auf unseren Platz.��Danach�, fl�tet sie.�Nach dem Essen. �Sie lehnt sich an mich, sie ist schon stark angetrunken. Ich erwarte, dass sie nach dem Essen vollkommen in sich zusammenbricht, und bin zu meinem eigenen Schrecken beinahe erleichtert. Au�erdem kann man in San Diego ohnehin nicht ausgehen. Judiths Tante und ihr Freund schauen <emphasis>Brazil</emphasis>. Sie schauen mir dabei zu, wie ich sterbe. Der Fernseher, wie fl�ssiges, in ein quadratisches Sektglas gegossenes Licht, �bertr�gt meinen Tod, mein Dahinvegetieren. Die Iranerin ist nicht da. Ich probiere es sp�ter noch einmal. Das muss Selbstmord sein. Ich rufe sie von einer Telefonzelle aus an, nachdem wir das Grillrestaurant verlassen haben. Judith ist gl�cklich, kann sich aber kaum auf den Beinen halten.�Hast du Kleingeld?�, frage ich sie.</p><empty-line/><p>Wenn alles gut geht, komme ich sofort dran. Dann ist alles nur noch Formsache. Ich bin nur noch eine Station von Terminal 4 entfernt. Ich �berlege, wie ich am besten mein Gep�ck sortiere, wie ich es am besten tragen kann. Am n�chsten Morgen bin ich allein zu Hause. Ich soll mich hinlegen und mich auskurieren. 39 Grad. Judith und ihre Tante sind zu einem Schrotth�ndler gefahren, um neue Scheinwerfer f�r den Wagen von Aaron zu besorgen. Aarons Wagen steht mit ausgebauten Scheinwerfern vor dem Haus, als die Iranerin kommt. Beim Mittagessen in New York erz�hlt mir Mads Christiansen von einem Artikel �ber die� elektronische Erfassung von Fingerabdr�cken�. Und was das hei�t und dass er es bei seinem n�chsten Besuch genauso machen wird wie Giorgio Agamben, der all seine Termine an der Universit�t abgesagt hat. Ich habe meinen Fingerabdruck abgegeben, weil ich Judith sehen will. Fliege ich mit Delta oder mit KLM? Habe ich nicht auf dem Hinflug in Chicago die Fluggesellschaft gewechselt? Ich komme nach New York, um ein einziges Wochenende mit Judith zu verbringen und so zu tun, als wollte ich eigentlich Mads Christiansen sehen, wie er seinen gro�en Kongress-Auftritt hat.�Hast du schon mal jemanden therapiert?�Ich habe den Eindruck, er hat den Artikel von Agamben �ber� biopolitische T�towierung �auswendig gelernt.�Wir haben immer Angst, dass wir uns selbst nicht erkennen k�nnen�, sagt er,�aber wir sind schon sichtbar genug. Mehr als genug. �Ich esse mit ihm in einem Steakrestaurant. Mit Judith bin ich in einem Grillrestaurant. Aber wir essen kein Fleisch, sondern Shrimps. Die Nummer der Iranerin, die Nummer von Jenny ist besetzt. Sex? Um halb f�nf? Ich lege meinen Finger auf das schwarz umrandete Gummifeld, das in meiner Erinnerung weich und nachgiebig ist. Die Kamera befindet sich in einem Knopfauge am Ende einer mikrofonartigen, gebogenen Stange. Die ganze Prozedur ist gar nicht so kalt und klinisch, wie ich bef�rchtet habe.�Wir m�ssen die Menschen verstehen, die wir lieben�, sagt Judith zu Betty, am n�chsten Morgen, als wir zusammen fr�hst�cken. Warum will ich die Iranerin anrufen? Warum will ich mich auf einmal mit ihr treffen? Jetzt in New York, f�nfundf�nfzig Minuten, bevor mein Flug geht. Ich lege meinen Finger auf das Pr�ffeld. Ich folge den Anweisungen des Beamten und justiere die Position. Mein Fleisch und Blut wird gescannt und fotografiert. Ich lasse mich t�towieren, so wie Mads Christiansen es ausdr�ckt, in dem unterirdischen Steakrestaurant, in dem es so kalt ist, dass es mich fr�stelt.�Ich glaube, du kannst gar nicht lieben�, sagt er auf einmal, w�hrend er in seiner Salatbeilage herumstochert. <emphasis>Du kannst nicht lieben</emphasis>. Ich schaue kurz auf die Kamera, die meinen Finger fotografiert. Im ersten Moment frage ich mich noch, was er damit meint und ob es vielleicht ein Witz sein soll. Aaron ist in Los Angeles bei Dreharbeiten. Und Judith und Betty fahren zum Schrotth�ndler, um die Scheinwerfer zu besorgen. Wie ein Kind, das nichts mit sich anzufangen wei�, gehe ich zum M�llcontainer vors Haus und suche nach dem Zettel mit der Nummer der Iranerin, die ich, um meinen Schwur einzuhalten, noch am Abend zuvor weggeworfen habe.</p><empty-line/><p>�Wie bitte � in meinen Mund?�Sie grinst. Die Silberkugeln auf ihrer Zunge und ihrem Gaumen blitzen. Ihre Z�hne, von Speichel �berzogen, gleiten unter ihren rosigen Kinderlippen hervor. Sie h�lt das Kondom mit ihren k�nstlich verl�ngerten Fingern�geln zwischen ihren Beinen. Sie dreht sich um. Ich schaue aus dem Fenster und starre auf die beiden ausgeh�hlten Scheinwerfer-Halterungen im Wagen von Aaron, den er in der gegen�berliegenden Einfahrt der Nachbarn geparkt hat. Jemand auf dem Parkplatz vor Sears hat Aarons Wagen beim Zur�cksetzen so besch�digt, dass beide Scheinwerfer kaputt sind. Ich versuche Aaron davon zu �berzeugen, dass man das selbst machen kann. Es dauert nur eine halbe Stunde, dann haben wir die Scheinwerfer ausgebaut. Aaron ist nicht so geschickt, wie ich gedacht habe. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er mit der Handkamera jemandem folgt. Jemandem, der auf der Flucht ist, jemandem, der sich mit zwei schweren Reisetaschen einem Flughafengeb�ude n�hert. Terminal 4. Jetzt kann ich es sehen. Wie weit bin ich vom Check-in-Schalter entfernt? Ich habe zwei schwere Reisetaschen und eine Umh�ngetasche. Wie soll man sich mit solchen Gewichten an den Armen bewegen?� In meinen Mund?�, fragt die Iranerin. Die Nummer ist verschwunden, sie existiert nicht mehr. In meinem Telefonbuch stehen unter J wie Judith nur die Nummern von Betty, Aaron und Judiths Freundinnen, mit denen ich keinen Kontakt mehr habe, und ihre neue Nummer in Washington. Das hat mit meinem Gel�bde zu tun, das ich erneuert habe. Ich habe die anderen Nummern vernichtet. Es hat eine reinigende Wirkung, etwas zu vernichten. Insbesondere Telefonnummern und E-Mail-Adressen von Menschen, mit denen man eigentlich gar nichts zu tun hat. Ist deswegen unser Wochenende in New York so kl�glich verlaufen, weil ich mich zwei Tage zuvor mit Anne getroffen habe? Weil ich schon wieder mein Gel�bde gebrochen habe? Habe ich an diesem Wochenende, auch in emotionaler Hinsicht, keine Kraft mehr? Und tats�chlich hat Anne in meiner Erinnerung, mit ihren kleinen wie aufgemalt wirkenden Br�sten und ihren schmalen Lippen, etwas Vampirhaftes an sich. Die beiden Scheinwerfer sehen wie Augenh�hlen aus. Leergeschabte ausgebrannte H�hlen. Judith und Betty brauchen den ganzen Vormittag, aber dann kommen sie mit zwei neuen Scheinwerfern von einem weit au�erhalb von San Diego gelegenen Schrottplatz wieder zur�ck. Ich starre in diese schwarzgrauen Leerstellen hinein, in diese metallenen �ffnungen. Ich habe sie selbst da herausgerissen, ich habe die Lampen selbst entfernt. Sie h�tten den Fahrzeugbrief mitnehmen sollen oder die Modellbezeichnung aufschreiben k�nnen, dann h�tte ich mit dem Wagen von Betty zur Iranerin fahren k�nnen und dann w�re ich nicht in diese Situation geraten. Dann st�nde ich nicht im Haus der Tante meiner Freundin vor einer Frau, die ich daf�r bezahle, dass sie vor mir kniet und zu mir sagt:�Was ist los? Warum schaust du die ganze Zeit aus dem Fenster? Oder hast du keine Lust mehr?�</p></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><p>Das Treffen mit Jenny ist von langer Hand vorbereitet. Ich habe schon ein paar Mal mit ihr telefoniert.�Wenn ich kommen soll, dann kostet es 300. Und ohne Voranmeldung 350�, sagt sie am Telefon.�Ich habe keinen Wagen�, sage ich,�ich �berlege, ob ich mit dem Taxi fahren soll.��Fahr nicht mit dem Taxi�, sagt sie.�Ich will das nicht. Du findest mich sowieso nicht. �Unser erster Kontakt liegt fast ein Jahr zur�ck. Sie will, dass ich mich schon ins Bett lege, wenn sie kommt, aber darauf gehe ich nat�rlich nicht ein. Es ist der Versuch, die Zeit, die wir zusammen verbringen, auf ein Minimum zu beschr�nken.�Ich m�chte, dass du ganz normal angezogen bist�, erkl�re ich ihr.�Meinetwegen wie eine Studentin, verstehst du? Was f�r einen Wagen f�hrst du?�Sie parkt ihren Wagen wie vereinbart nicht vor dem Haus, sondern einen Block weiter. Ich bin �berrascht, sie ist sch�ner und charmanter, als ich gedacht habe. Sie arbeitet als Personalmanagerin, sagt sie. Obwohl sie vorher um jede Minute gefeilscht und mir abwechselnd vorgeschlagen hat, ich solle die T�r auflassen oder mich wenigstens schon mal ausziehen, l�sst sie sich jetzt ohne weiteres durchs Haus f�hren. Als w�re ich ein Immobilienmakler und sie eine verm�gende Kundin. Sie selbst findet diese Umkehrung unserer Rollen am�sant. Ich habe bestimmte Vorstellungen und Erwartungen an unser Treffen, aber sie kommt dann �ber eine Stunde zu sp�t, und auf einmal erweist sich meine urspr�ngliche Choreographie, die in dem am weitesten vom Eingang entfernten Dachzimmer beginnt, als zu gef�hrlich. Es gibt keinen Plan B.�Wie lie�e sich die Anwesenheit einer t�towierten und gepiercten Iranerin schon erkl�ren?� Verlang nicht von mir, dass ich schauspiele. Das kann ich nicht.��Das w�rde ich auch gar nicht wollen�, sage ich. Wir gehen im ersten Stock von Zimmer zu Zimmer. F�r einen Augenblick �berlege ich, ob das Badezimmer nicht der sicherste Ort ist. Das Badezimmer von Betty und Aaron. Auf dem hellen Velourteppich der Dachetage heben sich ihre dunklen, bronzefarbenen F��e ab. Sie hat ihre Schuhe auf der Veranda stehen gelassen. Und ich mache mir in Gedanken eine Notiz: Schuhe auf der Veranda nicht vergessen! Sie hat auffallend sch�ne F��e. An jedem der mittleren Zehen sind silberne Zehenringe. Ich schaue auf den gr�nen Velourteppich und denke, sie geht auf H�nden. Einmal bleibe ich vor ihr stehen und denke: Ich k�nnte mich daf�r bestrafen, dass ich sie hergeholt habe, indem ich sie frage, ob ich ihr die F��e k�ssen darf. Aber dann habe ich dazu auf einmal keine Lust mehr.</p><empty-line/><p>Das ist der Augenblick, den man erkennen muss. Die letzte Chance, ein Moment, in dem man gegen alle inneren Widerst�nde und vor allem gegen jede Vernunft beherzt und entschlossen handeln muss. Ich gehe mit ihr durchs Haus. Es ist von au�en vollst�ndig wei� lackiert. Unter der modernen Holzverkleidung soll sich angeblich eine Arts-and-Crafts-Fassade befinden, wie Aaron behauptet.�Nein, nicht im Bad�, sagt sie. Wir gehen nach unten, stehen eine Weile auf der r�ckw�rtigen Terrasse und blicken in den Garten. Gibt es eine Verabredung zwischen Judith und mir, dass so etwas nicht passiert? Haben wir jemals dar�ber gesprochen?� Meine S�nden � Aber davon will ich gar nicht erst anfangen�, h�tte ich sagen k�nnen. Mein Gel�bde, meinen Schwur, den ich gebrochen habe. Im Fulton Park, zwischen den Br�cken, die nach Manhattan f�hren, auf einer Parkbank, stehe ich kurz davor, ihr von alledem zu erz�hlen. Ob ich mir einen letzten Trumpf aufbewahren will? Die R�ume im Haus sind �berall mit Teppichen, Kissen und Sitzgelegenheiten ausstaffiert. Unsere Schritte sind ged�mpft. Das ganze Haus erscheint mir im Nachhinein wie ein therapeutisches Zentrum, in dem normalerweise Tagungen und Fortbildungen stattfinden, in einem kleinen Kreis f�r Interessierte. Meine Anwesenheit dort, die zwei N�chte, die Judith und ich vor und nach unserer Reise auf dem Schlafsacklager verbringen, sind ein sanfter unmelodischer Missklang. Das Haus organisiert sich in meiner Erinnerung um einen kleinen, relativ d�steren Raum herum, in dem Betty und ihr Freund vor dem riesigen Fernseher sitzen und ihre DVD-Sammlung durcharbeiten, die sie h�ten wie eine un�berschaubare Kinderschar, von der sie alle Kinder gleicherma�en lieben.��Brazil� haben wir elf Mal gesehen, oder?�, fragt Aaron Betty, als ich wissen will, warum sie sich den Film schon am fr�hen Morgen anschauen.�Das macht einfach Spa�, das beruhigt, wenn so was im Hintergrund l�uft�, sagt Betty mit ihrer leicht apathischen Stimme, zu der es passt, dass sie sich in ihrer Wohnung kaum noch bewegt. Die Erziehungsberatungsstelle, in der sie arbeitet, liegt irgendwo am Stadtrand, ein neues Programm nach Carolyn Webster-Stratton wird gerade implementiert, und mal ist Betty den ganzen Tag zu Hause, und mal kommt sie schon am fr�hen Nachmittag zur�ck. Sie hat die F�higkeit, ihre kleinen Schw�chen mit einer gewissen W�rde einfach zuzulassen, sodass selbst ein gro�es Fastfood-Gelage bei ihr zu Hause bei niemandem ein schlechtes Gewissen ausl�st. Ihre Gelassenheit ist zweifellos eine Form der Weisheit, und mittlerweile kann ich es verstehen, dass Judith sie ihren eigenen Eltern vorzieht. Die Iranerin findet den Raum mit dem Flachbildschirm klaustrophobisch. Es erregt mich auf einmal, dass sie diesen Ausdruck benutzt. Es erscheint mir untypisch f�r eine Personalmanagerin, aber ich will nicht weiter nachfragen, weil ich vor unserer sexuellen Begegnung nicht zu viel �ber sie wissen will. Meine urspr�ngliche Idee, sie in diesem Raum beim Sex zu filmen und das Filmmaterial dann mit ihr, w�hrend wir weiterhin Sex haben, gemeinsam anzuschauen, erweist sich als zu kompliziert.�Komm, wir ziehen uns einfach aus�, sagt sie. Ich sch�ttele den Kopf und schaue auf den Fernseher. Fr�hmorgens um halb sieben. Obstsalat und <emphasis>Brazil</emphasis>. Steckt ein Geheimnis dahinter? Gibt es einen �bergang? Eine Stelle im Haus, die nach M�nchen f�hrt? Eine Schleuse? Vom Fernseher in Primm und der verschlossenen Fahrstuhlt�r zu dem velourteppichbedeckten Holzfu�boden in San Diego weiter bis zur Treppe aus Marmor in M�nchen, die zu der mit einem Metallgitter gesch�tzten Glast�r unserer G�stewohnung f�hrt?</p><empty-line/><p>In pl�tzlicher Panik schie�en mir mehrere Alternativpl�ne durch den Kopf: Wir fahren in ihrem Auto irgendwohin. Wir verlassen das Haus und laufen irgendwohin. Schlie�lich kommen wir in das Zimmer, in dem ich mit Judith schlafe. Es gibt kein Bett, keinen Stuhl, nur ein winziges Waschbecken und einen kleinen fleckigen Spiegel. Es ist undenkbar, dass das hier geht.�Im Stehen�, sagt die Iranerin und schaut mich verf�hrerisch an. Sie hofft auf eine schnelle L�sung, etwas, das wir im Vor�bergehen erledigen k�nnen.�Ich m�chte, dass du dich ausziehst, aber lass den Schmuck an�, erkl�re ich. Sie ist schon mehr oder weniger nackt, als wir das Zimmer erreichen. Das, was ich im Zimmer sehe, was mich dort erwartet, ist der eigentliche Schock, das eigentliche Motiv, der eigentliche Erinnerungsbrandfleck. Ich k�nnte hundertmal in der W�ste kauern und vor den Augen von Betty und ihrem Freund verbrennen, dieses Erlebnis l�sst sich damit nicht aus der Welt schaffen. Der K�rper der Iranerin ist sehr sch�n. Sie l�uft durch das ganze Haus. Ich w�rde sie am liebsten immer so herumlaufen lassen und zuschauen, wie sie sich bewegt.�Das ist der Unterschied�, sagt Mads Christiansen bei einer seiner wissenschaftlichen Monologe, mit deren Hilfe er seine neuen Ideen an mir ausprobiert. Als er an seinem Buch �ber Evolutionsmanagement schreibt, erz�hlt er mir st�ndig von faszinierenden Ph�nomenen aus der Tierwelt, von der Intelligenz von Fischschw�rmen zum Beispiel, bei der die kognitiven F�higkeiten in die Gesamtheit des Systems schon integriert sind, sodass der ganze Schwarm sich wie ein Individuum verh�lt. In seinem neuen Buch, dessen Thema er mir aber nicht verr�t, muss es um Sexualit�t gehen. Er sagt:�Zwischen Askese und Promiskuit�t gibt es keinen Unterschied, jedenfalls keinen qualitativen. Bei beiden geht es um dasselbe: Wiederholung, Apathie, Leidenschaft. So gesehen macht es keinen Unterschied, ob man Asket oder Orgiastiker ist.��Wenn du dich hier hinknien k�nntest�, sage ich zu der Iranerin. Wir stehen im Wohnzimmer vor dem Fenster.</p><empty-line/><p>Der Shuttle h�lt vor Terminal 4. Ich muss aussteigen. Schaffe ich es noch? Ich muss mich zusammenrei�en. Jede Sekunde z�hlt. Ich sp�re die Trageriemen der Taschen, die in meine Handinnenfl�chen und in meine Schultern schneiden. Das kleine Zimmer, in dem die W�sche zum Trocknen aufgeh�ngt wird und in dem Judith und ich die Nacht verbringen. Ich sehe diesen Raum jetzt vor mir. Ich habe die T�r nur einen Spaltbreit ge�ffnet.�Es gibt noch nicht mal ein Bett in diesem Zimmer�, sage ich zu der Iranerin, die mir �ber die Schulter schaut. Ich stehe vor dem sorgsam ausgebreiteten Schlafsack, dessen Rei�verschlussnaht aufgetrennt ist und den Judith und ich uns als Schlafunterlage teilen. Und dann sehe ich es: Ein aus Geldst�cken gebildetes Herz. Ein Kunstwerk. Ein riesiges Herz aus Geld, aus unz�hligen kleinen M�nzen. Unser gesamtes Kleingeld, das sich w�hrend der Reise angesammelt hat und sich jetzt mit den deutschen M�nzen vermischt. Judith hat am Morgen, bevor sie das Haus verlassen und das Zimmer aufger�umt hat, dieses Kunstwerk, eine Liebeserkl�rung aus M�nzen, f�r mich geschaffen, in ihrer gewohnt akribischen Art, mit der sie auch ihre Listen f�hrt und die Umzugskartons beschriftet. Das Herz liegt auf dem Schlafsack, es ist fast einen Meter gro�. Das nachmitt�gliche Sonnenlicht f�llt auf die linke geschwungene metallene H�lfte und l�sst die M�nzen im Licht erstrahlen. Ich schrecke zur�ck.</p><empty-line/><p>Mit einem einzigen Ruck, indem ich ihn am unteren Ende packe, ziehe ich den Schlafsack vom Bett und schlie�e sofort die T�r.�Nein�, sage ich zu der Iranerin, als wir wieder im Wohnzimmer sind.�Mit dem R�cken zum Fenster, ich muss die Stra�e sehen. �Sie geht mit einer feierlichen Abw�rtsbewegung in die Knie und kommt mit halb ge�ffnetem Mund auf mich zu. Ich starre aus dem Fenster.�Warte�, sage ich. Ich �berlege, ob ich die T�r abschlie�en soll, aber es gibt keinen Schl�ssel.�Bleib so�, sage ich,�beweg dich nicht von der Stelle.��So?�Sie legt ihre H�nde auf ihre gebr�unten haarlosen Schenkel und schaut mich an. Es ist ein Blick, der mich 350 Dollar kostet, ein 350-Dollar-Blick. Wie viel kostet das L�cheln von Judith? Das L�cheln in der G�stewohnung an dem Morgen, nachdem Mads Christiansen abgereist ist. Als ich aus irgendwelchen Gr�nden erst sp�ter in die Praxis gehe. Sie n�hert sich mir. Ihr L�cheln ist eine Waffe, mit der sie sich selbst verletzt. Ich halte das Bettlaken, auf dem Mads Christiansen geschlafen hat, in der Hand, und Judith kommt auf mich zu. Ich stehe vor ihr, starre wie gel�hmt auf ihren Mund und ihr L�cheln, mit dem sie sich tief in ihr eigenes Gesicht hineinschneidet. Warum, um Gottes willen will sie ausgerechnet an diesem Morgen Sex? In dem Moment, als ich das Bett abziehe und noch nicht mal die Fenster ge�ffnet habe. Es ist ein regnerischer Tag und dunkel in der G�stewohnung. Sie schmiegt sich an mich. Bittet sie mich um Hilfe?� Kannst du die Fenster aufmachen?�, sage ich noch, w�hrend ich mit einem leichten R�uspern den Raum verlasse. Ich gehe einfach, ich lasse sie einfach stehen.�Es ist so stickig hier unten�, sage ich. Sie tr�gt einen alten verwaschenen Schlafanzug und hat noch nicht einmal Str�mpfe an. Ich h�re sp�ter ihre Schritte, als ich die Wohnung verlasse, um zur Praxis zu fahren. Die Schritte ihrer nackten F��e auf dem kalten Marmor der Treppe, w�hrend ich noch �berlege, ob ich nicht schnell die T�r zuziehen soll. Ihre Schritte sind das Angebot, ihre vorsichtige Bitte, ob wir an diesem Morgen nicht vielleicht miteinander schlafen k�nnten. Aber ich verlasse den Raum. Ich gehe einfach zur�ck in unsere Wohnung.�Einen Moment�, sagt der Mann in dem Nadelstreifenanzug, der im Zug neben mir steht, w�hrend er sein Telefon ans Ohr h�lt. Wir sto�en kurz zusammen, als ich mich umdrehe, um meine Taschen hochzuheben.</p><empty-line/><p>Terminal 4 des John-F.-Kennedy-Flughafens liegt direkt neben Terminal 5. Das ber�hmte Terminal 5, das stillgelegt ist und renoviert wird. Das Licht bricht aus meiner Erinnerung hervor, das Licht, das die Iranerin in ihren Augen tr�gt, aber in ihrem K�rper verbirgt. Mit ihren H�nden darf sie �berhaupt nichts mehr machen. Ihre H�nde ruhen. Diese schmalen zuvorkommenden H�nde, denke ich, die sie hinter dem R�cken h�lt. Das Licht in ihren Augen ist nicht das Licht ihres haarlosen K�rpers, an dem sie die Prozeduren der Gl�ttung und des Verschwindens perfektioniert hat. Ohne jede Anstrengung, ohne Kampf ist sie von innen her erleuchtet. Im Grunde ist sie, die in physischer Hinsicht Gabriela �hnelt, eine Schwester von Gabriela. Ihre K�rper sind zusammengebundene Bl�ten. Blumen ihres Fleisches, zusammengehalten von ihren F��en und H�nden, mit denen sie alles M�gliche nicht tun. Ich ber�hre sie nicht, ich selbst tue nichts. Ich schreibe sp�ter am Abend, nachdem ich mit Judith das Restaurant verlassen und unsere Vers�hnung gefeiert habe, in mein Notizbuch, als spr�che ich ein Gest�ndnis aus: <emphasis>Das ganze Universum vibrierte</emphasis>. Und wenn ich ihren K�rper, ihre Arme und ihre Schenkel, wenn ich alles, eins nach dem anderen, zu betrachten versuche, finde ich doch immer nur wieder ein Detail, eine Stelle, die ich vorher noch nicht gesehen habe. So wie ich bei Gabriela einmal die Hautpartie links von ihrer Nase, einen Fingerbreit von ihrer Oberlippe entfernt, auf so berauschende Weise sch�n finde, dass sich an dieser Stelle, an diesem kleinen Fleckchen Haut augenblicklich der Wunsch entz�ndet, noch im selben Moment mit ihr ein Kind zu zeugen. In diesem Niemandsland zwischen Nase, Lippen und Augen. Wir vergessen Jennys Kleider. Sie liegen auf der nach oben f�hrenden Wendeltreppe, die zu den pers�nlichen R�umen von Betty und Aaron f�hrt. Die Strumpfhose liegt auf dem Gel�nder, und die anderen Sachen liegen zusammengefaltet daneben. Jedes Mal, wenn ich eine besonders sch�ne Stelle ihres K�rpers sehe und zu erfassen versuche, erhebt sie sich, weitet sie sich aus und ist nur noch ein Teil, eine Sch�nheit nur f�r sich. Ihr K�rper l�st sich in Teilund Sondersch�nheiten auf, die mir die eigentliche verh�llt, w�hrend ich sie umso mehr sp�re, erahne und sie mich fast ganz ins Licht hineintaumeln l�sst. Ich schreibe in mein Notizbuch: <emphasis>Die Linien ihres K�rpers sind die Wege zu der Sch�nheit von Gabriela und der Liebe zu Judith</emphasis>. Solche Notizen fertige ich an diesem Abend in San Diego an, w�hrend Judith schon schl�ft. Ich sitze auf einem Sessel im Wohnzimmer nicht unweit der Stelle, wo die Iranerin gekniet hat.�Denk daran, Schatz. Wir haben eine halbe Stunde ausgemacht�, sagt sie.</p></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><p>Sie hebt den Kopf. Sch�nheit f�llt von ihren Augen auf ihr Haar, das ihre Wangen umspielt. Sie h�lt ihre Br�ste fest, die, wie sie sagt,�neu �sind. Ich bin fast einen Meter von ihrem Gesicht entfernt. Das Funkeln, das Strahlen ihrer Sch�nheit ist so vollkommen, so ergreifend und allumfassend, dass ich davon erfasst und von dieser einzigen Geste des Erbl�hens und Erstrahlens mitgerissen werde. Jedenfalls sp�ter, als wir den Ort wechseln und doch wieder nach oben gehen. <emphasis>Es war, als ob eine milchige Klarheit das Universum von innen erleuchtete. Alles schien aus ein und derselben Art durchscheinenden Fleisches geformt zu sein.</emphasis> Trotzdem f�llt in diesem Moment alles von ihr ab, und es ist nicht mehr die Hand, die ihre Brust h�lt, es ist etwas anderes. Viertausend Dollar, die sie zusammengespart hat.�Du darfst nicht reinbei�en�, sagt sie in einem Ton, in dem sich Stolz, Angst und F�rsorge mischen. Sie sagt tats�chlich:�Sie sind noch neu. �Dabei ist die eine von ihnen empfindlicher als die andere, muss schonender behandelt werden, da sie, wie sie sagt, in ihr noch gar nichts sp�rt, sie noch fast taub ist. Sp�ter, als wir in Bettys Schlafzimmer sind und ich das Risiko erh�he und sich das Tor zum Untergang weit �ffnet, ihre dunklen, rasierten Schamlippen darauf warten, dass das Ungl�ck vorbeikommt, wird sie auf einmal ganz sanft.�Vorsichtig�, fl�stert sie, als wir in Bettys Schlafzimmer sind. Als h�tte sie die Br�ste f�r mich gemacht.�Die sch�nste Frau von San Diego. �Es f�llt mir leicht, sie mit Komplimenten zu �berh�ufen, so wie ich damals Gabriela �berh�uft habe, sodass Gabriela unter diesen auf sie einst�rmenden Beschw�rungen fast taumelt. Im Spiegel �ber Bettys Kommode sieht sie sich selbst dabei zu, die H�nde auf die Br�ste gepresst. Sie muss sie festhalten, weil sie tats�chlich f�rchtet, das Bewegen der Br�ste w�rde ihr Schmerzen verursachen.�Wie willst du das in einer halben Stunde schaffen?�, fragt sie. Gabriela sagt f�r gew�hnlich:�Du musst aufh�ren. H�r auf�, w�hrend sie im Grunde meint:�Mach weiter. �Vor dem Spiegel kniend, die Hand vor den Br�sten, wartet sie darauf, dass die Zeit abl�uft. Der Verkehr auf der Stra�e ist minimal. Eine Weile f�hrt �berhaupt kein Wagen vorbei. Sollten Judith und Betty jetzt zur�ckkommen, w�rde sich alle zur�ckgehaltene Lust gegen sie wenden, gegen Judith gleicherma�en wie gegen ihre Tante. Ich erinnere mich, wie ich einmal in M�nchen, an Judiths Geburtstag, den wir ganz alleine zu Hause feiern wollen, noch am fr�hen Abend nach Giesing in die Untere Weidenstra�e fahre, um eine Stunde vor dem Haus Nummer 14 darauf zu warten, dass einer der Stammkunden das Haus verl�sst, um mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Es reichen zehn Minuten und 90�Euro. Es ist ein Kinderspiel, und auch Judith muss denken, ich sei wie durch ein Wunder von einer Trauer und Leere geheilt, die mich den ganzen Vormittag erfasst hat. Es ist die geheimnisvolle Kraft einer Maschinerie, die daf�r verantwortlich ist und die meine Schuldgef�hle in wahre Gef�hle verwandelt, sodass ich schlie�lich zu Judith zur�ckkehren kann.</p><empty-line/><p>Fliege ich wirklich mit Delta? Oder ist es nicht doch KLM? Vielleicht bin ich auf dem Hinflug mit Delta geflogen und fliege auf dem R�ckflug mit KLM. Vor mir bleibt eine Gruppe Reisender stehen und versperrt mir mit ihren Rollkoffern den Weg. Erkenne ich es jetzt? Verstehe ich jetzt, was passiert ist? Ich schaue auf mein Ticket. Goddess @sugargirls.com. Die E-Mail-Adresse der Iranerin. Ihren Nachnamen will sie mir nicht verraten. Goddess. Ich schreibe ihr ein paar Tage sp�ter, in einem Anfall von Sentimentalit�t und aus Dankbarkeit f�r die Nacht, an der sie dann gar nicht mehr beteiligt ist, die Judith und ich auf unserem Schlafsacklager zusammen verbringen. Wir schlafen miteinander, vorsichtig und unsicher, vielleicht weil wir beide betrunken sind. Ich bleibe stehen, ich schaue auf mein Ticket: KLM. Ich fliege mit KLM. In diesen Momenten erkenne ich endlich die Bedeutung meiner Liebe zu Judith. Die ganze Reise �ber scheint sie kaum noch greifbar zu sein. Die Iranerin nimmt ihren Kleiderstapel und geht nach oben. Der Ortswechsel ist unumg�nglich, und ich bin mir im Nachhinein selbst dankbar f�r meine Kaltbl�tigkeit.�Ich muss sie festhalten�, sagt sie,�sonst tun sie weh. Beeilst du dich?�Es dauert l�nger, als ich gedacht habe. Die Angst vor der Entdeckung verbindet sich mit ihrer Ungeduld und meiner Sorge, sie w�rde unsere Situation noch zus�tzlich verkomplizieren, indem sie den Preis pl�tzlich erh�ht. Sie r�ckt etwas vor, verschiebt den muffig riechenden Schlafsack, den ich von unten mitgenommen und in aller Eile �ber das Bett von Betty ausgebreitet habe. Die M�nzen, die 5, 10, 20 und 5��Cent-M�nzen, die Dimes und Quarters des gebrochenen Herzens verteilen sich im ganzen Haus. Die Iranerin quietscht vor Lachen.�Soll ich mir das irgendwo hinstecken?�, fragt sie. Ich sch�ttele den Kopf, als sie sich nach einem 20-Cent-St�ck b�ckt, auf dessen R�ckseite das Brandenburger Tor abgebildet ist.�Was ist denn das? Ein Tempel? Die Akropolis?�Ich geleite sie nach oben. Schon unterwegs lege ich mir eine Geschichte zurecht, wie ich versucht habe, das Herz aus unserem Schlafzimmer in das hellere Wohnzimmer zu tragen, um es dort zu fotografieren.�Aber du hast doch gar keine Kamera�, sagt Judith sp�ter, die furchtbar ger�hrt ist von diesem Versuch, ihre kleine Liebeserkl�rung zu dokumentieren. Es ist schlie�lich Aaron, der �berall im Haus Geldm�nzen findet.�Oben�, sagt er, am Tag unserer Abreise, aber da ist Judith zum Gl�ck nicht mit im Raum,�habe ich auch eine gefunden. In Bettys Zimmer. Komisch was?��In Bettys Zimmer?�, frage ich erstaunt und schaue Aaron entgeistert an.</p><empty-line/><p>�Stimmt etwas nicht?�, fragt die Iranerin, als ich innehalte und sie im Spiegel anschaue. Ich �berlege, ob ich sie bitten soll, dass sie sich umdreht. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Ich habe das Fenster ge�ffnet, um die Ger�usche von der Stra�e h�ren zu k�nnen. Ein sich langsam n�herndes Fahrzeug, das abbremst, zum Stillstand kommt und dann einen Augenblick l�hmende und ersch�tternde Stille verbreitet, in der ich die erstaunlich schmalen H�ften der Iranerin festhalte, w�hrend sie ihrerseits ihre Br�ste festh�lt und im Spiegel nach meinem Gesicht sucht.�Ist was?�Sie m�chte sich am Ende sogar noch ein bisschen unterhalten, obwohl sie vorher so gedr�ngelt hat. Sie arbeitet tats�chlich als Personalmanagerin, und ich kann nicht in Erfahrung bringen, ob das eine Schutzbehauptung ist oder ob sie sich wirklich einfach nur noch etwas dazuverdienen will. Sie ist auch Zahnarzthelferin, und sie sagt, sie �berlege, ob sie sich noch einen dritten Job suchen soll.�Wie alt ist denn dein Auto?�, frage ich sie, als sie sich dar�ber beklagt, dass ihr Auto so h�sslich ist und dass sie sich mittlerweile schon sch�mt, wenn sie irgendwo an der Ampel steht.�Ja, das w�rdest du wohl gerne wissen�, antwortet sie, w�hrend sie ihre Schuhe anzieht.�Aber das verrate ich nicht. �In diesem Moment bedauere ich, dass sie die Schuhe nicht auch im Bett angehabt hat. Ihre rissigen, fast elefantenartigen Fersen irritieren mich f�r einen Moment. Sie sagt, sie l�uft immer barfu�. Ich schaue auf die beiden Palmen auf ihrem R�cken, w�hrend sie in den Spiegel schaut. Sich an ihren Br�sten festklammernd, die eine Hand auf dem Bett, die andere an ihrer Brust, st�hnt sie auf einmal.�Sei still�, sage ich. Ich sage es weniger aus Angst, dass es irgendjemand in der Nachbarschaft h�rt, sondern weil ich f�rchte, es k�nnte eine L�ge sein. Etwas, das ich an diesem Tag vermeiden will.�F�r wen sind denn die Pralinen?�, fragt sie, w�hrend sie mich k�sst. Eine Schachtel mit belgischen Pralinen liegt auf einem kleinen Tischchen neben der T�r. Die ganze Zeit k�ssen wir uns, und ich frage mich, warum sie das macht oder ob das f�r sie ein selbstverst�ndlicher Teil ihres Services ist.�F�r meine Tante�, sage ich,�aber die ist blind. �Ich grinse sie an. Sie nickt, w�hrend sie sich ein letztes Mal an mich schmiegt und ihre halb ge�ffneten Lippen gegen mich presst. Sie grinst, ist merklich geschmeichelt. Die sch�nste Frau von San Diego. Sp�ter verlasse ich das Haus nochmal, um mit dem Taxi zum Supermarkt zu fahren und noch mehr Blumen zu kaufen. Die Gef�hle der Schuld, die Gef�hle der D�sternis, der Scham und Ersch�tterung finden keinen Ort, finden keinen Raum, sich auszubreiten. Schon auf dem Weg zum Supermarkt sp�re ich auf einmal einen unglaublichen Sog, als w�rde ich zusammen mit dem Taxi und dem Taxifahrer ins Meer hineingezogen, das f�r eine Sekunde, als wir ein St�ck bergab fahren, zwischen zwei H�userreihen als schmaler dunkelblauer Streifen auftaucht. Als w�rde ich in dieses glitzernde Blau eingesogen werden. Ein Sog, der nichts anderes ist als das Gef�hl der Sehnsucht, das sich auch nicht bannen l�sst, als ich hundert Dollar f�r Blumen und andere Geschenke ausgebe. Das Licht str�mt von der K�ste auf mich ein. Das kalifornische Licht. Ein fernes unsichtbares Feuer, das mit aller Kraft hinter der n�chsten Biegung brennt und ohne auch nur die geringsten Rauchspuren zu hinterlassen in den Himmel hineinfeuert. Muss ich in so einem Moment souver�n erscheinen? So tun, als ginge mich das alles nichts an? Wo ist der Schalter von KLM? Warum laufe ich nicht? Ich gehe z�gig, aber nicht schnell. Den ganzen Tag in San Diego. Den ganzen Tag im Licht dieser pl�tzlich so harmonisch ausklingenden Reise. Aber ist das die Wahrheit? Die Wahrheit dieser Reise? Ist das alles, was unsere Beziehung zu bieten hat? Wer von uns beiden hat bei alledem etwas �bersehen, etwas falsch eingesch�tzt? Auf dem Weg zum John-F.-Kennedy-Flughafen. Zum Port Authority Bus Terminal. Auf der Bank im Fulton Park, zwischen den Br�cken, die Brooklyn und Manhattan miteinander verbinden. Ist das der entscheidende Moment? Ich schaue mich um. Der Mann im Anzug, der im Shuttle telefoniert hat, geht in meine Richtung. Das Jackett locker �ber die Schulter geworfen, spricht er weiter ins Telefon. Sein Gesicht ist schneewei�, und sein Haaransatz ist wie mit dem Lineal gezogen. Wer von uns hat den entscheidenden Fehler gemacht, die Lage falsch eingesch�tzt?� Ich m�chte, dass du den Mund aufmachst. Komm�, sage ich zu der Iranerin.�Ja. Noch weiter � �Ich schaue aus dem Fenster. Aber es geht so nicht. Wir m�ssen den Ort wechseln. <emphasis>Wo hast du zum ersten Mal das Nachlassen der Liebe gesp�rt</emphasis>, schreibe ich in mein Notizbuch, noch in der U-Bahn, auf dem Weg zum John-F.-Kennedy-Flughafen. Auf dem Weg zum Terminal 4. Hat nicht in Wirklichkeit alles ganz woanders angefangen? An einem ganz anderen Ort. Zu einem ganz anderen Zeitpunkt? Die Sonne, das Licht erhebt sich. Es kommt vom Meer. Das Gesicht h�lt das Licht auf, verdeckt es, dann kommt es wieder frei. Der Taxifahrer lehnt sich zur�ck. Der Wagen rollt weiter, und das Licht str�mt in ihn hinein. Ich sitze auf der R�ckbank. Ich halte die Blumen und die Geschenke im Arm. Ich blinzele, halb geblendet, halb ersch�pft vor Gl�ck.</p></section></section><section><title><p><strong>Teil F�nf</strong></p></title><section><title><p><strong>1</strong></p></title><p>�Bist du wach?�, h�re ich eine Stimme. Sie kommt aus gro�er Entfernung, und lange Zeit kann ich sie nicht richtig einordnen und mit keinem, den ich kenne, in Verbindung bringen.�Bist du wach?�Ich schrecke hoch, dabei habe ich nicht wirklich geschlafen. Pl�tzlich mitten in der Nacht aufzuwachen, kann das Schlimmste sein, was einem passiert. Bei einem Flug spielt es keine Rolle. Fl�ge sind davon ausgenommen, sie finden in einem Zeitvakuum statt und unterscheiden nicht Tag von Nacht. Man schl�ft ununterbrochen, und man wacht nie auf. Es ist kein wirklicher Schlaf, sondern allenfalls ein D�mmern im maschinellen Raunen und Dr�hnen, das man irgendwann gar nicht mehr bemerkt. Die Nacht ist nicht das Problem. Die Nacht wendet sich ab, in einer kurzen Drehung, b�ckt sich, und dann gleitet man wieder aus ihr heraus. Ich w�rde wahrscheinlich noch immer schlafen, wenn mich der Schnauzb�rtige nicht geweckt h�tte.�Mads hat mir ausgerichtet, ich soll mich um dich k�mmern�, sagt er. An dem Wochenende, als ich in Queens bin. Der Strom ist ausgefallen, aber in der zum Schlafzimmer umgebauten Garage bekomme ich davon nichts mit. Das Haus ist leer. Die Eltern des Schnauzb�rtigen sind beide Psychiater, praktizieren aber nicht mehr.�Bist du wach?�Ich h�re es auf einmal mitten in der Nacht. Die Matratze bewegt sich, das Bett gibt leicht nach. Das eigentliche Problem ist nicht die Nacht, diese eigent�mlich d�stere und surreale Party, die sich im Garten abspielt, sondern das, was danach passiert, und dass ich meine Pl�ne st�ndig �ndere. Das mit Holzpaneelen rundum verkleidete Zimmer h�lt die Hitze noch eine Weile ab. Noch am Flughafen umh�llt mich die k�hle, bes�nftigende Luft, von der man doch wei�, dass sie unwirklich ist, als h�tte sie ein Geist �ber einen geworfen.�Du darfst den Kreis nicht betreten�, sage ich zu Lambert, in einem Traum, den ich kurz vor meiner Abreise habe und in dem auf einmal alle Probleme, die ich mit ihm habe, gel�st sind. Ich tr�ume, ich h�tte ihn geheilt und die Therapie sei abgeschlossen und es sei alles in Ordnung.�Du darfst den Kreis nicht betreten�, sage ich zu ihm.�Das sind zirkul�re Prozesse. Kreisl�ufe, die dich nach unten ziehen. �Im Traum duze ich ihn auf einmal, obwohl es nicht den geringsten Anlass daf�r gibt. Die cremefarbenen Holzpaneele rahmen das Schlafzimmer ein, ein komfortables Gef�ngnis in einem Haus, in dem erfolgreiche Psychiater wohnen, deren Sohn w�hrend ihrer Abwesenheit Sexpartys veranstaltet. Ich sage das in meinem Traum zu Lambert, ich sage es aus dem Bed�rfnis heraus, ihm wirklich zu helfen.�Es hilft dir nicht weiter, wenn du deinen Vater verachtest, aber es hilft dir auch nicht weiter, wenn du ihn bewunderst. �Ich komme aus dem Konzept, obwohl es erstaunlich ist, wie geordnet und systematisch mein Traum ist. Den Kreis nicht betreten. Bestimmte Zonen, gedankliche R�ume, emotionale Komplexe vermeiden. In den Gedanken materialisiert sich etwas. Das ist das Gewicht, das im K�rper nach unten sackt und ihn schwer werden l�sst.�Ich habe meinen Vater angerufen�, sagt Lambert im Traum.�Und?�, frage ich.�Hast du dich mit ihm vers�hnt?�Es ist in der Nacht passiert. In der Nacht in Queens. Beim Einschlafen und beim Aufwachen. Die Anstrengungen, die Auseinandersetzung mit der KLM-Mitarbeiterin, die mich an eine ehemalige Klientin erinnert. Die Kraft, die ich aufbringen muss, um sie f�r mich einzunehmen und zu �berzeugen. Ich wei� nicht, wie ich auf einen Kreis komme. Einen Kreis empfinde ich als etwas Schwieriges und Kompliziertes.�Ich habe meinem Vater versprochen, alles f�r mich zu behalten�, sagt Lambert im Traum.�Das bleibt unter uns, habe ich ihm gesagt. Das geht niemanden etwas an, und er wei�, dass er mir vertrauen kann.��Das ist es, was S�hne tun�, antworte ich ihm.�Oder was sie nicht tun. �Es sind wirre Gedanken, ins Unreine gesprochen und ins Unreine getr�umt. Der Schnauzb�rtige leuchtet mir mit seiner Taschenlampe den Weg, w�hrend wir nach oben gehen. Die Treppenstufen, die vom Schlafzimmer zur Terrasse f�hren, sind mit Teppichboden ausgelegt. Ich habe keine Schuhe an, ich gehe barfu� nach oben zur Terrasse und stehe auf einmal in einem m�rchenhaft von Fackeln und Windlichtern erhellten Garten. Der gesamte hintere Teil ist dicht mit Bambus bepflanzt, und in der Mitte gibt es einen kleinen Teich. Der Garten eines Psychiaters. Ich komme erst sp�ter auf die Idee, eine Parallele zu ziehen und diesen Garten mit dem Innenhof in meiner Praxis zu vergleichen. Ein Gef�hl gro�en Friedens erfasst mich. Niemand ist zu sehen, aber der Schnauzb�rtige, der hinter mir steht, sagt:�Wir am�sieren uns alle. Warum machst du dir nicht einen Drink?�Er zeigt auf einen kleinen Glastisch neben einer Sitzgruppe, in der niemand sitzt. Mehrere Flaschen stehen auf dem Boden. In einer gro�en Porzellanschale liegen Eisw�rfel, einige von ihnen schon halb geschmolzen. Ich setze mich in einen der Rattansessel, die mit wei�en Polstern ausgelegt sind, unschl�ssig, was ich tun soll und was das hei�t.�Wir am�sieren uns alle. �Der Schnauzb�rtige ist ins Haus gegangen. Es weht ein leichter Wind, der aber kaum Abk�hlung bringt.</p><empty-line/><p>�Bist du wach?�Er schaltet seine Taschenlampe ein und leuchtet mir ins Gesicht. In Queens nehme ich ein Taxi. Am fr�hen Morgen, als es schon d�mmert. Ich suche den Schnauzb�rtigen im ganzen Haus und bin froh, als ich ihn schlie�lich allein in der K�che finde, wo er ein Glas frisch gepressten Orangensaft trinkt. Zum Telefonieren gehen wir wieder nach unten ins Schlafzimmer. Es ist das Zimmer, in dem er seine Jugend verbracht hat, erkl�rt er mir. Seine eigene Wohnung ist in einem anderen Stadtteil und viel gr��er, aber sie hat keinen Garten. Man sieht nichts von dem Geld, den Ergebnissen seiner Arbeit in der Investmentbank, deren Namen wie der einer ber�hmten Schauspielerin klingt. Zwischen den Anpflanzungen, den Erdklumpen am Rande des kleinen Bambusw�ldchens, wo gerade etwas umgegraben wird, ist nichts zu erkennen. Er tr�gt ein wei�es Hemd, khakifarbene Arbeitshosen und Sandalen, bei denen die Lederriemen bis zum Unterschenkel reichen.�Man wei� nie, was passiert�, sagt er.�Wenn man am Ende des Jahres keinen Bonus bekommt, kann man es gleich vergessen. Dann ist man am Ende. �Ich bleibe eine Stunde. Aber mehr aus H�flichkeit. Als ich in dem Rattansessel im Garten sitze, sehe ich auf einmal eine kleine Katze, die auf einem schmalen h�lzernen Steg in das Dickicht der Bambusstangen hineinl�uft, und stehe, magisch angezogen, auf und folge dem Tier. Noch immer wei� Judith nichts vom Schicksal unserer Katze. Ich habe ihr nichts erz�hlt.�Sobald du den Kreis betrittst�, erkl�re ich Lambert in meinem Traum,�hast du schon eine Entscheidung getroffen. Du musst dir das wirklich als Kreis vorstellen. Es ist eine Zone, die du selbst definierst�, sage ich, nachdem die Vers�hnung mit seinem Vater jetzt feststeht.�Der Kreis, einmal gezogen, sch�tzt das, was sich in ihm, aber auch das, was sich au�erhalb von ihm befindet. Aber vielleicht fangen wir einfach einmal damit an, dass du mir etwas von deinem Vater erz�hlst. Du hast gesagt, er sei ein begeisterter Tennisspieler?�Der Traum ist zirkul�r und f�ngt nach einer Weile wieder von vorne an. Schlie�lich bricht er irgendwann einfach ab und h�rt auf. Die Anstrengungen sind noch immer zu sp�ren, als w�ren meine Glieder und mein ganzer K�rper durchgesch�ttelt worden, als h�tte jemand versucht, mich auseinanderzurei�en. Ich rede auf diese Frau ein, mit Engelszungen, mit aller Kraft, die mir noch zur Verf�gung steht. Mir kommt es so vor, als w�rde ich meinen Kopf nehmen und ihn vor ihr auf den Tresen des Schalters legen und sagen:�Hier. Jetzt schauen Sie sich das an. Das ist n�mlich mein Ticket. �Ich folge der Katze. Ich laufe ihr hinterher. Sie bleibt ein paar Meter weiter zwischen den Bambusstangen am Rand des h�lzernen Stegs stehen und schmiegt sich gegen die im Wind leicht hin- und herwogenden Gr�ser. Bambus, hat mir Mads Christiansen einmal erz�hlt, ist eine besondere Pflanze, die auch in seinem Buch vorkommt. Bambus ist die einzige Pflanze auf der ganzen Welt, die pro Tag bis zu einem Meter wachsen kann. In Hiroshima war Bambus nach der Atombombenexplosion die erste Pflanze, die sich auf den kontaminierten Arealen der Stadt wieder ausgebreitet hat. Die� Transferfrage �bei Bambus lautet:�Wann bin ich flexibel? Verbiege ich mich zu viel? Mute ich mir und meinem Unternehmen zu viel zu? Verliere ich meine Identit�t?�Die Katze huscht in das Gras unter dem Holzsteg. In dem Moment sehe ich die beiden M�nner auf einem freien Platz ein paar Meter entfernt. Zwei Windlichter stehen auf Holzpfosten, und ich erkenne das Barett von Mads Christiansens Co-Autor. Ich h�re das Rascheln des Bambus im Wind, schaue mit Wehmut der kleinen Katze hinterher, w�hrend Mads Christiansens Co-Autor und der andere Mann sich auf einem kleinen Wiesenst�ck gegen�berstehen. Diese Szene, die auch von zwei anderen M�nnern beobachtet wird, ist wie eine z�rtliche Poetisierung dessen, was auf dem Dampfer passiert ist, und die Gesichter der M�nner, die sich mit den H�nden stimulieren, sind in ein goldenes, weiches Licht getaucht, eine Epiphanie, die Variation eines Motivs, das ich schon kenne.�Bist du wach?�, fragt der Schnauzb�rtige. Mads Christiansens Co-Autor ist ganz in Schwarz gekleidet, w�hrend die anderen M�nner nackt sind. Ich schaue einen Moment zu, weil ich f�rchte, es k�nnte auffallen, wenn ich mich sofort umdrehe und zur�ckgehe. Ich m�chte nicht wie jemand erscheinen, der das hier nicht zu w�rdigen wei�, schlie�lich habe ich die H�lfte der Party ohnehin verschlafen.�Hast du noch was?�, h�re ich ein Fl�stern.�Was?�, antwortet eine Stimme. Ich gehe weiter, folge dem Pfad, der sich durch den Garten schl�ngelt, ohne dass ich wei�, was ich suche. Eigentlich suche ich nichts. Ich bin nur dabei, meinen Impulsen zu folgen, die mich in Situationen bringen, in denen ich etwas tue, was mich selbst �berrascht. Ich erreiche eine kleine Mauer und setze mich dann eine Weile auf ein St�ck Wiese. Es liegt ganz im Dunkeln.�Warte�, sage ich zur Iranerin, als sie das Kondom aus der Packung zieht.�Warte noch einen Moment. �Sie h�lt das Kondom in der Hand und dreht sich um.�Kann ich mit Ihrem Vorgesetzten sprechen?�, frage ich die KLM-Mitarbeiterin, deren Gesichtsz�ge herrisch und k�hl sind. Als w�rden Dr�hte durch ihr Gesicht laufen, die sie mit ihren langen knochigen H�nden reguliert.�Tut mir leid. So steht es in den Gesch�ftsbedingungen. Das k�nnen Sie gerne nachlesen. �Die M�nner im Garten schweigen und verrichten ihre Arbeit. Ich h�re immer wieder ein Rascheln und unidentifizierbare Ger�usche. Sie stehen voreinander und agieren in aller Stille. Es sind Zeichen und Regungen, die nicht interpretiert werden m�ssen. Der Wind wird st�rker, jemand hustet, jemand zieht die Nase hoch, jemand st�hnt aus tiefstem Herzen. Dann setzt ein Rhythmus ein, ein Takt. Ich versuche, nicht hinzuh�ren, indem ich die Augen zusammenkneife und in meinem Kopf ein lautes Rauschen erzeuge. Der Co-Autor mit dem Barett auf dem Kopf erscheint mir jetzt hemmungslos und verwildert. Vielleicht liegt es daran, dass er noch seine Kleidung tr�gt. Ich bin immerhin barfu�. Es ist vielleicht halb vier oder noch sp�ter. Ich �berlege, ob ich auch Bambus anpflanzen soll, vielleicht an der Stelle, wo ich unsere Katze beerdigt habe. Es liegt am Wind, an diesem pl�tzlich aufkommenden Wind, den ich sofort mit dem Wind von San Diego verbinde, der �ber das Bambusfeld zieht, in dem die Freunde von Mads Christiansen sich miteinander vergn�gen, w�hrend der Schnauzb�rtige irgendwo im Haus ist. Seine Eltern sind nicht da. Die Starpsychiater aus Palo Alto. Das Haus ist dunkel, ein gro�er hei�er Stein. Sp�ter, als wir zum Telefonieren noch einmal ins Schlafzimmer heruntergehen, ist es auch dort so hei�, dass ich froh bin, wenig sp�ter bei heruntergelassenem Fenster im Taxi zu sitzen, auf dem Weg nach Hause. Mit dem Gef�hl der Bet�ubung, das sich kurze Zeit sp�ter in Erleichterung, dann sogar in Euphorie verwandelt. Judiths Besuch steht mir an diesem Morgen noch bevor. Wir werden ein unvergessliches Wochenende zusammen verbringen, denke ich auf dem R�cksitz im Taxi. Ob ich mir Bambus kaufen soll f�r unseren Garten in M�nchen?</p></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><p>Die M�nner sehen wie Farmer aus, die im Feld zusammengekommen sind und eine Pause machen. Das Barett schaukelt hin und her. Was w�re gewesen, wenn Mads Christiansen dabei gewesen w�re. Warum warnt er mich nicht? Ich wache mitten in der Nacht auf, inmitten einer angenehmen k�hlen und luftigen Leere. Die Orientierungslosigkeit hat etwas Beruhigendes, jedenfalls f�r den Moment. Ich muss alle Kraft aufbringen und mich gleichzeitig zusammenrei�en. Aber es hat keinen Sinn.�Wollen Sie jetzt meinen Vorgesetzten sprechen oder nicht?�, fragt die K LM-Mitarbeiterin und h�lt mir den Telefonh�rer hin. Langsam gehe ich auf dem Holzsteg wieder zur�ck. Diese M�nner m�ssen sich nichts beweisen. Es sind Physiker, Naturwissenschaftler, zwei von ihnen sind vom MR I, wie mir der Schnauzb�rtige sp�ter erz�hlt. H�tten sie nicht den Stromausfall in den Griff bekommen k�nnen? �berall im Garten und auf der Terrasse stehen Windlichter und Kerzen. Im Haus ist es stockdunkel. Die Party ist bewusst aus dem Haus in den Garten und in die Natur ausgelagert, um die Eltern des Schnauzb�rtigen nicht zu besch�men oder um sie im Gegenteil erst recht zu besch�men. Ich h�re ein leises St�hnen, das langsam lauter wird, w�hrend ich die Sessel auf der Terrasse erreiche, wo ein einzelner Mann sitzt, den ich nicht kenne. Erst sehr viel sp�ter, erst am Nachmittag, als ich von meinem sinnlosen Ausflug nach Greenpoint zur�ckkehre, der diese Nacht schlie�lich beendet, kommt die Angst. Eine Angst, die nur f�r einen kurzen Moment unterbrochen wird, als ich mit Judith in dem koreanischen Restaurant sitze und sie auf einmal sagt:�Also � Jetzt wollen wir doch mal sehen�, und dann breitet sie die Speisekarte vor sich aus, und ihr ganzes Gesicht wird vor Gl�ck ganz weich und rosig. Die Angst l�sst nicht nach. Auch der Vorgesetzte der KLM-Mitarbeiterin, der mich schlie�lich aus den F�ngen seiner Kollegin befreit, kann sie nicht vertreiben.�Gehen Sie ruhig. Gehen Sie ruhig durch die Security. �Es l�st sich alles in Wohlgefallen auf. Es ist ein �lterer graumelierter Herr, der vielleicht bald in Pension geht.�Es ist ein Missverst�ndnis�, sagt er.�Nat�rlich k�nnen Sie noch an Bord. Gehen Sie einfach durch die Security. Wir warten auf Sie. �Ich zwinge sie, nach New York zu kommen, und dann verbringen wir eine solche Nacht zusammen. Eine Nacht der Stille. Ich vergesse, sie zu ber�hren. Ich h�tte ihr wenigstens einen Gute-Nacht-Kuss geben k�nnen. Ich brauche eine zweite Decke, aber es gibt f�r jeden Sitz nur eine. Einmal stehe ich auf, um auf die Toilette zu gehen, und als ich zu meinem Platz zur�ckkehre, sehe ich die Lichter in den Kopfst�tzen meiner Mitreisenden flackern. Niemand scheint ihnen noch gro� Aufmerksamkeit zu schenken, w�hrend wir mit hoher Geschwindigkeit durch die Nacht fliegen. Die Filme laufen ganz f�r sich.�Hier ist alles still, und es passiert nichts�, fange ich in Gedanken einen Brief an Judith an, breche ihn aber wieder ab. Ich folge dem Pfad, der sich durch den kleinen Bambuswald schl�ngelt und auf einmal vor einer niedrigen Mauer endet, hinter der ein anderes Grundst�ck beginnt. Das Nachbargrundst�ck sieht genauso dunkel aus. Im ganzen Stadtteil ist der Strom ausgefallen. Rundherum sind alle H�user dunkel und verlassen.�Bist du wach?�Es ist eine ganz vorsichtige Frage. Ich habe nachher das Gef�hl, der Schnauzb�rtige hat zugeschaut, wie ich im Garten seiner Eltern herumirre.�Ich w�rde es auch lieber drinnen machen�, sagt er, als ich zur Terrasse zur�ckkomme, wo er zusammen mit zwei anderen G�sten etwas trinkt.�Was denkst du? Sollen wir?�Und als ich nicht antworte und ihn nur erstaunt anschaue, das Glas mit den Eisw�rfeln und dem Ginger Ale in der Hand, sagt er:�Hast du denn Lust, dass wir etwas zusammen machen?�Es hat etwas F�rsorgliches, wie er mir mit der Taschenlampe den Weg leuchtet, zur�ck zum Schlafzimmer. Er besteht darauf, ein Taxi zu rufen, und l�uft dann sogar mit mir zur Stra�e, um sicherzugehen, dass es auch kommt. Er winkt mir zu und scheint nicht im Geringsten ver�rgert oder beleidigt zu sein. Judith lasse ich einfach so auf der Couch liegen, gehe morgens unter die Dusche und denke die ganze Zeit nur: Wir m�ssen diesen Spaziergang machen, wir m�ssen uns die Stadt anschauen. Ich breite die Decke �ber mir aus. Sie ist so d�nn, dass die Luft der Klimaanlage einfach durch sie hindurchweht, und ich �berlege, ob ich aufstehen soll, um nach einer zweiten zu suchen.�Liebe Judith�, fange ich in Gedanken an.�Ich schreibe dir erst jetzt, weil ich mein Notizbuch verloren habe. Es ist in meiner Tasche, und ich habe sie am Flughafen liegengelassen, direkt am Check-in. Ich wollte dich bitten, dass du � �Aber ich komme nicht weiter. Das Dr�hnen der Klimaanlage und das Raunen der D�senmotoren sind zu laut. Ich erinnere mich, dass ich einmal nachts aufwache in unserer Wohnung in M�nchen, und Judith ist noch nicht zur�ck. Sie ist mit ihren Freundinnen ausgegangen, und ich erinnere mich, welche �ngste ich ausstehen muss, als ich mir einbilde, es k�nnte ihr etwas passiert sein. Eine Stunde lang versuche ich, sie auf ihrem Handy zu erreichen. Ich rufe sogar Kyra an. Ich bilde mir ein, es sei etwas passiert. Wie leicht greift pl�tzlich das Schicksal in ein Leben ein und richtet Zerst�rungen an. Verluste, die nicht mehr wiedergutzumachen sind. Ich muss sie anrufen, ich habe sie, seit sie nach Washington zur�ckgefahren ist, nicht erreicht. Allerdings habe ich es auch nicht wirklich versucht. Die Angst, die ich jetzt bei diesem Flug habe, ist dieselbe, die ich auch am Dupont Circle oder in dem Hotel in Baltimore erlebt habe. Ich muss unbedingt eine zweite Decke finden. Vielleicht sollte ich aufstehen und eine suchen. Die Angst schn�rt mir die Kehle zu, und alles, was ich mache, ist, stur nach vorne zu schauen und zur�ck nach Hause, zur�ck nach M�nchen zu fliegen. Ich fliege in die Angst hinein, in den Urgrund und die Quelle der Angst, als m�sste ich sie bannen. Dabei fl�chte ich doch vor ihr.</p></section></section><section><title><p><strong>�ber Rainer Merkel</strong></p></title><p>Rainer Merkel ist 1964 in K�ln geboren, hat Psychologie und Kunstgeschichte studiert und lebt in Berlin. Zuletzt erschienen der Roman �Das Jahr der Wunder�, f�r den er den Preis der J�rgen-Ponto-Stiftung erhielt, und �Das Gef�hl am Morgen�.</p></section></body><binary id="cover" 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