<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Kathrin</first-name><last-name>Schmidt</last-name></author><book-title>Du stirbst nicht</book-title><annotation><p>Vom Hirnschlag erwacht � die Geschichte einer Heilung.</p><p>Helene Wesendahl wei� nicht, wie ihr geschieht: Sie findet sich im Krankenhaus wieder, ohne Kontrolle �ber ihren K�rper, sprachlos, mit Erinnerungsl�cken. Ihr Weg zur�ck ins Leben konfrontiert sie mit einer fremden Frau, die doch einmal sie selbst war.</p><p>Kathrin Schmidt packt ihre Leser diesmal durch die Beschr�nkung, und zwar im w�rtlichen Sinne. Mit den Augen ihrer erwachenden Heldin blicken wir in ein Krankenzimmer, auf andere Patienten, das Pflegepersonal und den eigenen K�rper, der pl�tzlich ein Eigenleben zu f�hren scheint. Und wir erleben die m�hsamen Reha-Ma�nahmen mit, die Reaktionen der Familie, den aufopferungsvollen Einsatz ihres Mannes � und die bruchst�ckhafte Wiederkehr ihrer Erinnerung.</p><p>Was da zutage tritt, konfrontiert Helene mit einem Leben, in dem sie sich kaum wiedererkennt, und das vieles in Frage stellt, was in der neuen Situation so selbstverst�ndlich scheint. Sie entdeckt fr�he Br�che in ihrer Biographie, verdr�ngte Leidenschaften und aus der Not geborene Verpflichtungen. Als ihr bewusst wird, dass ihr Herz sich bereits auf Abwege begeben hatte und sie den Mann, der sie jetzt so eifrig pflegt, eigentlich verlassen wollte, droht sie den Boden unter den F��en zu verlieren.</p><p>Kathrin Schmidt gelingt das Erstaunliche: Sie macht den Orientierungs- und Sprachverlust nach einer Hirnverletzung erfahrbar und zeigt einen Weg der Genesung, der in zwei Richtungen f�hrt, zur�ck und nach vorn. Dabei entsteht ein Entwicklungsroman ganz eigener Art, der durch seine innere Dynamik fesselt und durch die R�ckhaltlosigkeit, mit der seine Heldin sich mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert, fasziniert. Er �berzeugt vor allem durch die bewegende Schilderung eines sprachlichen Neubeginns.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Schmidt,</first-name><last-name>Kathrin</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-23">12.5.2016</date><id>6a14409b-063f-4b8f-92ca-7c918ced165b</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Du stirbst nicht</book-name><publisher>Kiepenheuer &amp; Witsch</publisher><year>2009</year></publish-info></description><body><title><p>Kathrin Schmidt</p><empty-line/><p>Du stirbst nicht</p></title><section><title><p>I. WIMPERNSCHL�GEODERIN THE TWINKLING OF AN EYE</p></title><p>ES KLAPPERT UM SIE HERUM.</p><p>Als ihre Schwester heiratete, hatte die Mutter das Silberbesteck in eine Blechsch�ssel gelegt, auf eine Alufolie. Hei�es Salzwasser dar�ber. Das saubere Besteck wurde nach einiger Zeit aus der Sch�ssel genommen und abgetrocknet: Es hatte genauso geklappert. Wer heiratet denn? Sie versucht die Augen zu �ffnen. Fehlanzeige. Mehr als Augen�ffnen versucht sie nicht. Ist gen�gsam. Sie kann aber sehr deutlich die Stimme ihrer Mutter h�ren. Ah, also doch das Besteck! Was sagt ihre Mutter?</p><p><emphasis>Die rechte Hand ist aber viel k�lter als die linke</emphasis></p><p>, sagt sie,</p><p><emphasis>und der rechte Fu� genauso.</emphasis></p><p>Warum hat die Mutter eine kalte rechte Hand? fragt sie sich. Muss l�cheln, als sie sich vorstellt, sie �berpr�fe die Temperatur ihrer F��e.</p><p><emphasis>Sie lacht!</emphasis></p><p>sagt ihre Mutter.</p><p><emphasis>Sie verzieht nur das Gesicht.</emphasis></p><p>Hat das ihr Vater gesagt? Aber ja, das war unzweifelhaft die Stimme ihres Vaters! Jetzt m�chte sie doch die Augen �ffnen. Was hat sie in der K�che ihrer Eltern zu suchen, wo mit Besteck geklappert und die Hand- und Fu�temperatur untersucht wird und sie ihre Augen nicht �ffnen kann?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>O, where do you come from? From London?</emphasis></p><p>Das hat sie zu ihrer Tochter gesagt. Hat sie? Ein Auge kann sie �ffnen. Sie tut es. Vierzehn ist das M�dchen und heute auf eine Sprachreise nach England gefahren. Warum ist sie schon wieder da? Sie heult. Aus irgendeinem Grund heult sie. Deshalb hat sie ja auch englisch sprechen wollen, um sie aufzumuntern. Es scheint nichts zu n�tzen, dass sie fr�hlich ist. Das M�dchen hat Kummer. Aber welchen? Wen k�nnte sie fragen? Der Blick wandert. Da! Neben der Tochter steht ihr Mann.</p><p><emphasis>My husband</emphasis></p><p>, sagt sie. Dar�ber wird aber doch hoffentlich gelacht werden �</p><p>Nichts.</p><p>Wenigstens l�chelt der Mann. Je l�nger sie ihn anschaut, umso seltsamer findet sie sein L�cheln. Angepflockt h�ngt es zwischen den Wangenknochen wie eine Salzgurke.</p><p><emphasis>Salt cucumber</emphasis></p><p>, sagt sie.</p><p>Gibt es das �berhaupt auf Englisch?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>� geboren am</emphasis></p><p><emphasis>3.12.1972</emphasis></p><p><emphasis>, wohnt in H�ckelhoven �</emphasis></p><p>Halt! Das ist sie aber nicht! Warum kann sie das nicht so laut ausrufen, wie sie m�chte? Verdammt, das muss doch gehen!</p><p><emphasis>Nun regen Sie sich aber mal sch�n ab, wir kommen ja gleich zu Ihnen!</emphasis></p><p>Wer hat das gesagt? Der junge Mann da? Sie kann, glaubt sie, beide Augen gleichzeitig �ffnen. Es geht ein bisschen schwer, irgendetwas scheint auf den Lidern zu liegen. Der junge Mann l�chelt, aber das beruhigt sie kaum.</p><p>Das ist sie doch nicht! Sie ist vierzehn Jahre �lter und wohnt doch nicht in H�ckelhoven!</p><p><emphasis>I don�t � I don�t �</emphasis></p><p>Warum kommt sie nicht weiter mit dem Satz? Jetzt sagt der junge Mann den anderen M�nnern in blauen Kitteln, dass es beinahe so klinge, als ob sie englisch zu sprechen versuche, seit sie hin und wieder wach werde. Die M�nner lachen. Sie sucht nach einer Frau. Hinter den M�nnern steht eine, aber die scheint mit irgendetwas besch�ftigt zu sein.</p><p>Einer der M�nner beugt sich �ber sie.</p><p><emphasis>K�nnen Sie mich h�ren?</emphasis></p><p>Sie wird dem doch nicht sagen, ob sie ihn h�ren kann. Soll er ruhig weiter so br�llen.</p><p>Augen zu.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die Stimme kennt sie. Das ist Inga. Sie scheint jemanden mitgebracht zu haben.</p><p><emphasis>Treten Sie ruhig ein!</emphasis></p><p>, sagt ein Bass, aber Fallger�usche folgen, darauf ein schadenfrohes Lachen. Warum nur kann sie die Augen nicht �ffnen! Sie muss sich zusammenreimen, was da passiert ist. Ihre Freundin Inga wollte sie besuchen, wurde zum Eintreten ermuntert, aber eine tiefe Fallgrube muss hinter der T�r sein. Sie sind hineingest�rzt. Unruhig wird sie. Liegt sie eigentlich? Warum? Sie versucht erfolglos, Arme, Beine oder Kopf anzuheben. Das macht sie aber jetzt noch unruhiger, merkt sie. Was ist der Freundin passiert, deren Stimme sie doch so genau geh�rt hat? Ah, da ist sie ja wieder, regt sich nat�rlich auf. Bestimmt war es nicht leicht, aus der Grube heraufzukommen, was?</p><p><emphasis>Treten Sie ruhig ein!</emphasis></p><p>, sagt der Bass.</p><p>Nach einer Weile wundert sie sich aber doch: Wo bleibt Inga denn? Sie wird doch wohl nicht schon wieder in die Grube gefallen sein?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie f�hrt! Wie der kleine H�welmann kommt sie sich vor. Kleine H�welfrau. Das ist sch�n. Das k�nnte immer so weitergehen. Nur das Licht blendet. Dass der Mond aus der N�he so hell ist, h�tte sie eigentlich wissen m�ssen. Hatte aber zuvor nie daran gedacht.</p><p>Sie f�hrt.</p><p>Sie f�hrt!</p><p>Wieder kann sie nur ein Auge �ffnen. Welch Gl�ck, eine Frau! Die l�chelt und scheint neben ihr zu fahren, der Oberk�rper ist im Gegensatz zu ihrem aufrecht. Sie m�chte ihr sagen, dass sie sich doch auch hinlegen soll, es ist sch�n, so zu fahren. Sie hat etwas im Mund. Sie kann den Mund gar nicht schlie�en. Sie m�chte die Frau fragen, was sie da in ihrem Mund stecken sieht, aber die Frau nimmt ihren Arm und schlie�t ihn an einen Schlauch. Ein Netz? Durch das sie fremdgesteuert wird? Himmel, die Angst. Sie m�chte sich wehren, aber das Auge klappt zu.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die Sch�delplatte wird abgenommen. Vorsichtig entnimmt ein Roboter eine blutrote Fleischscheibe. Ersatz muss her. Also will der Roboter eine wundersch�ne, lichtblaue Steinscheibe einlegen. Wie hie� der Stein doch gleich? Es will ihr nicht einfallen. Ihre Tochter hat so eine Steinscheibe, hat sie als F�lschung bezeichnet, weil sie eingef�rbt ist. Aha, dann muss das hier etwas anderes sein. Der Roboter wird ihr ja keine F�lschung in den Kopf packen wollen! Als die Steinscheibe drin ist, wird wieder dunkler, was bis dahin unangenehm hell war. Schummerst�ndchen. Sie sieht gerade noch ein d�nnes, langes, bewegliches Plastikrohr �ber sich. Wo geht es hin, wo kommt es her? Schade, dass sie den Kopf nicht bewegen kann, sie kann das Rohr einfach nicht verfolgen. Dunkle, braunrote Fl�ssigkeit bewegt sich darin vorw�rts, kollernde Tropfen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Seit einiger Zeit wirtschaftet eine laute junge Frau um sie herum. Sie redet ununterbrochen. Mit wem redet sie nur so viel? Ist hier noch jemand? Sie kann doch den Kopf nicht drehen, stimmt ja � Nun muss sie die Augen aber wirklich aufmachen, denn irgendetwas ver�ndert sich, sie wird aufgerichtet, angehoben, hingesetzt. Ihr wird schlecht. Da muss sie wohl etwas ganz Komisches gegessen haben.</p><p>Der Wortschwall der Frau kommt immer n�her.</p><p><emphasis>� H�ren Sie mich, Helene? Na ja, ist schwer zu sagen, was? Auf jeden Fall m�ssen wir bald beginnen, Sie �fter in die Senkrechte zu man�vrieren. Das war der erste Versuch heute, h�ren Sie? H�ren Sie? Ich glaube, sie h�rt �</emphasis></p><p>War das zu ihr gesprochen? Sie wei� es nicht. M�chte schlafen. Ist geschafft.</p><p>Dass sie Helene hei�t, glaubt sie merkw�rdigerweise.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Was h�lt der Mann da in der Hand? Sieht aus wie ihr Herzschrittmacher. Tats�chlich, er h�lt ihr den Herzschrittmacher vor die Nase und sagt, dass sie ihn endlich gefunden und herausgenommen haben. Warum nehmen die ihr denn den Herzschrittmacher ab? Sie bringt die Frage nicht heraus. Der Mann lacht sich eins, er lacht sich ins F�ustchen, er hat sie in der Hand, ihren Herzschlag. Sie muss sich wehren, nur nicht einschlafen. Bestimmt wird nachts eingeheizt, ja, gestern war es doch schon so hei� nachts, dass sie dachte, es brennt. Bestimmt haben sie ihr den Herzschrittmacher deshalb abgenommen, weil sie als Einzige noch am Leben ist und sie sich dar�ber gewundert haben!</p><p>Wer so einen Herzschrittmacher hat, dessen Herz schl�gt und schl�gt, selbst wenn der K�rper schon hin�ber ist. So freundlich l�cheln sie dich alle an hier, dabei ist es ein M�rderverein, umbringen wollen sie dich wie all die anderen, sie muss das unbedingt ihrem Mann sagen. Er wird doch hoffentlich noch vor der Nacht kommen. Wo ist sie eigentlich? Ganz sch�n lange h�lt sie die Augen nun schon ge�ffnet, aber wo sie ist, will ihr einfach nicht aufgehen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Das sind doch schon wieder ihre Eltern! Sie m�chte sich aufsetzen, fragen, wer geheiratet hat. Warum hast du eine kalte rechte Hand, Mama</p><p>?</p><p>Es geht nicht. Aufsetzen nicht und fragen nicht.</p><p>Zusammennehmen.</p><p>Mund zupressen. Augen �ffnen.</p><p>Wirklich, es sind ihre Eltern! Ihr Vater sieht aus wie damals, als ihre Schwester mit dem Roller den Gei�enberg hinuntergefahren war. Wie lange ist das jetzt her? Sie rechnet. Haben wir</p><p>2002</p><p>? Die Schwester ist</p><p>1961</p><p>geboren und war etwa sechs Jahre alt bei der Rollertour. Also</p><p>1967</p><p>Das ergibt f�nfunddrei�ig Jahre. So lange! Warum hat sie sich gemerkt, wie der Vater aussah? Vati, sei nicht traurig! hat sie damals gefl�stert, und er hat sie gedr�ckt und vor Freude geweint, als der Arzt ihnen die Schwester wieder mitgegeben hatte nach Hause. Nein, sie wollten sie nicht im Krankenhaus behalten.</p><p>Im Krankenhaus? Das Haus, in dem sie sich aufh�lt, k�nnte doch auch �</p><p>Die Mutter unterbricht sie. Fragt die Frau neben ihr, wann sie wieder etwas essen kann. Typisch, essen interessiert sie immer. Sie hat doch keinen Hunger!</p><p><emphasis>Das dauert noch</emphasis></p><p>, sagt die Frau.</p><p><emphasis>Vorl�ufig wird sie �ber die Sonde versorgt, sehen Sie?</emphasis></p><p>�ber die Sonde, siehst du. Zufrieden schlie�t sie die Augen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Ein junger Mann links, einer rechts. Sie schauen sie an, kommen ihr bekannt vor, sie will ihnen jedoch nicht in die Augen schauen.</p><p>Na ja, eigentlich m�chte sie aber doch wissen, wer sie sind. Sie l�cheln, reden leise miteinander, �ber ihren Kopf hinweg. Sie �berlegt. M�chte den, der links von ihr steht, bitten, ihr das � ein St�ck tiefer zu ziehen, damit es mehr im Kreuz liegt, aber sie findet das verdammte Wort nicht, wie hei�t das denn nur? Sie macht den Jungen Zeichen, allen beiden, was sie m�chte, n�mlich dass sie ihr das � ein St�ck tiefer ziehen. Sie scheinen sie nicht zu verstehen.</p><p>Womit hat sie ihnen eigentlich Zeichen gegeben? Mit den H�nden? Die linke Hand liegt fest, ein Schlauch steckt darin. Ist sie etwa immer noch am Netz, wird sie etwa immer noch ferngesteuert? Sie m�chte die Angst mit der rechten Hand mitteilen, aber die liegt einfach da und l�sst sich nicht bewegen. Seltsam. Warum kann sie die Hand nicht bewegen? Bestimmt haben die �ber das Netz alle ihre Bewegungen unter Kontrolle.</p><p>Und die Jungen? Geh�ren die zu den Netzbetreibern? Sie sieht sie sich nun doch genauer an. Erleichterung: Die kennt sie. Es sind ihre S�hne. Deren Namen wollen ihr zwar nicht einfallen, aber das macht jetzt nichts. Sie glaubt, sie lacht. Ihre S�hne! Warum hat sie die beiden denn nicht fr�her angeschaut? Dann h�tte sie doch schon viel l�nger ihre Freude gehabt! Einer von ihnen studiert. Wo studiert er eigentlich? In Weimar. Oboe. Ja, Oboe. Der Oboensohn h�lt ihr eine CD vor die Nase, selbst gebrannt, irgendetwas steht darauf, sie kann es aber nicht erkennen. Er schiebt die CD in ein kleines Ger�t und ihr die Kopfh�rer ins Ohr. Ahhh, das tut gut, das ist aber sch�ne Musik. Oboe. Bestimmt sieht sie selig aus, muss sie denken.</p><p>Jetzt denkt sie also dar�ber nach, wie sie aussieht. Wie sieht sie aus? Sie wei� es nicht mehr, sie hat kein Bild von sich. Die haben ihr das Bild von sich geklaut! Das ist die Vorh�lle, die vor der richtigen H�lle kommt, und die richtige H�lle kommt nachts, wenn es dunkel ist. Irgendwie m�ssen ihre S�hne das aber wissen, die d�rfen sie nicht hierlassen, nicht einfach wieder weggehen! H�rt ihr? Hallo, wo seid ihr? Sie schaut auf, ersch�pft: Die Jungen sind weg. Ahnen nichts von der Gefahr.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Eine blonde Frau tritt hinzu und hantiert an etwas herum, das neben ihr steht. Sie versucht, den Kopf wenigstens ein bisschen zu drehen. Die Blonde schaut sie b�se an, aber sie schafft es und sieht eine Vielzahl von �bereinandergestellten Monitoren. Die Blonde h�lt einen Beutel schlammfarbenen Breis in der Hand. Sie h�ngt den Brei an einen Haken und befestigt einen Schlauch daran.</p><p><emphasis>Mittagessen</emphasis></p><p>, sagt sie und lacht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Nein, sie mag die Blonde nicht. Die Blonde mag sie nicht. Sie mag die junge Frau, die so unentwegt redet. Dunkle Haare hat die. Wenn sie kommt, geht die Angst. Mit der Blonden kommt sie wieder. Kommen und Gehen. Zwischen der Blonden und der Dunklen gibt es noch einen Mann. Eben hat der ihr die Schei�e abgewischt. Das war peinlich. Sie wei� einfach nicht, was da unten los ist. Was ist da unten nur los? Ah, da kommt der Mann ja wieder. Nimmt die Decke beiseite und ihre Beine auseinander. Halt, das d�rfen Sie nicht! Halt! Aber er l�chelt, wie sie hier immer alle l�cheln, diese Verbrecher. W�scht er sie? Er w�scht sie. Das ist eigentlich angenehm, sie k�nnte ihren Widerstand aufgeben. Er bemerkt ihren Widerstand sowieso nicht, oder? L�sst sie sich also waschen. Warum die sie das nicht selbst machen lassen, will sie lieber nicht so genau wissen. Bestimmt wollen sie saubere Leichen nach der n�chsten Nacht. Nicht solche beschissenen Blutpuppen. Sie blutet n�mlich. Die Windeln waren voller Blut. Es tut aber nichts weh. Wird nicht so schlimm sein, dass sie blutet. Welches Datum haben wir eigentlich? Keine Ahnung. Irgendwie ist ihre Tochter doch neulich zur Sprachreise gefahren. Das war der zehnte Juli. Aber sie war am gleichen Tag ja schon wieder da! Wenn sie es sich genau �berlegt, versteht sie es nicht. Haben wir den f�nfzehnten oder sechzehnten Juli? Ja, wahrscheinlich. So ungef�hr.</p><p>Ob es die Regel ist? Sie kommt zu keinem Ergebnis. Wann war die letzte Regel? Sie erinnert sich daran, wie ihr Vater vor f�nfunddrei�ig Jahren ausgesehen hat, wei� aber nicht, wann sie die letzte Regel hatte.</p><p>Jetzt zieht der Mann ihr eine neue Windelhose an.</p><p>Sie will schlafen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Nachts wieder ein gro�es Gewusel, drunter und dr�ber, Betten quietschten, Karren karrten, bestimmt sind sie mit dem Abtransport der Leichen gar nicht mehr klargekommen. Jetzt wei� sie n�mlich, was die mit den Leuten machen: Sie entziehen ihnen mit unvorstellbarer Hitze, w�hrend sie Strom durch die K�rper jagen, alle Feuchtigkeit, und zur�ck bleibt ein trockenes, gerunzeltes Quaderchen. Solche Quaderchen hat sie schon mal gesehen, irgendwo stand eine Mauer, die daraus gebaut worden war. Vielleicht bauen sie sogar H�user aus den Quaderchen! Hat sie sich dreingeschickt? War gespannt, als sie selbst im Austrockner lag. Der Mann, der ihn bediente, sagte, sie sei irgendwie zu fett, das ginge nicht, er stellte ihn ab und brachte sie zur�ck.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Zwar hat sie gro�e Angst, aber das macht sie nicht traurig. Dar�ber wundert sie sich. Es ist halt der Lauf der Dinge, dass man kurz vor dem Ende beinahe alles erf�hrt � Etwas b�umt sich noch auf, aber das wird kleiner und kleiner. So hatte sie letzte Nacht Hoffnung, von hier abzuhauen. Der junge Hinternabwischer hatte sich neben sie gesetzt. Irgendwie hatte er verstanden, dass sie nicht sterben will. Er gab ihr zu verstehen, dass er sie nachts verstecken w�rde, in einer Abstellkammer, und am Morgen, wenn sein Dienst zu Ende sei, w�rde er sie mit hinausnehmen. Sie war gl�cklich.</p><p>Nat�rlich wurde nichts daraus. Vielmehr kam er am Morgen und verabschiedete sich. Nur mit einem kleinen Blinzeln gab er ihr zu verstehen, dass es misslungen war.</p><p>Was soll�s. Er kann ja nicht Arbeit und Leben riskieren, sie hier rauszubringen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Wenn die Blonde anr�ckt, wird sie unruhig. Immer fummelt die Blonde an den Monitoren herum und geh�rt mit Sicherheit zu denen, die sie fernsteuern. Sie schl�ft ein, wenn die Blonde diese S�cke �ber ihrem Kopf an den Haken h�ngt. Obwohl sie nicht schlafen m�chte, schl�ft sie ein. Viele verschiedene S�cke h�ngt die Blonde nacheinander �ber ihr auf.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Manchmal, wenn sie munter ist, kommt der Trupp M�nner vorbei. Immer noch fragt sie mindestens einer, ob sie ihn h�re. Immer noch ist sie zu verstockt, um darauf zu antworten. Immerhin ist sie nicht</p><p>1972</p><p>geboren worden und wohnt nicht in H�ckelhoven. Wenn die sie nicht verwechselt h�tten, w�rde sie vielleicht eher eine Chance haben, hier rauszukommen. Es lohnt sich nicht, den Mund aufzumachen und sich zu bem�hen: Sie w�rden es sowieso nicht glauben.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>A-fa-sie.</emphasis></p><p>Nat�rlich kennt sie das Wort. Aber was bedeutet es nur? Warum f�llt ihr das nicht ein? Irgendwoher kennt sie es. Als der Mann im blauen Kittel es aussprach, kam es ihr gleich bekannt vor. Anfang sieben, m�chte sie laut sagen. Ja, Afasie k�nnte eine Abk�rzung sein f�r Anfang sieben! Gegen sieben beginnt hier die Nacht. Sicher werden sie wieder zusammengepfercht, spiralig ausgerichtet, wenn sie ihnen das Bewusstsein abgenommen haben mit ihrem Sack voller Fl�ssigkeit. Wer stirbt, beobachten sie von au�en durch die Glasscheibe. Sie ist so gleichm�tig geworden. Wenn sie heute Nacht sterben sollte, w�re das gut, sie wird sich nicht dagegen auflehnen. Warum auch? Sie hat das letzte Geheimnis doch schon erfahren: Sie machen Quaderchen aus den Leuten und stellen sie in die Landschaft.</p><p>Anfang sieben also.</p><p>Sie nimmt Abschied. Ihre Zeit ist gekommen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Nanu, sie ist ja noch immer am Leben?</p><p>Es ist dunkel. Im Sommer ist es nur in den Nachtstunden dunkel, nicht am Morgen oder am Abend. Also herrscht Nacht. Warum liegt sie nicht in der gro�en Spirale mit den anderen? Vielleicht hat sie wieder unerwarteterweise als Einzige �berlebt? Wenn die Aktion Anfang sieben begonnen hat, war sie vielleicht gegen neun schon zu Ende, und sie haben sie zur�ckgebracht.</p><p>Irgendetwas juckt unertr�glich auf ihrem Kopf, sie will sich kratzen. Will auch die rechte Hand sie kratzen? Nein, will sie nicht. Sie liegt wie abgeschn�rt auf der Bettdecke. Also muss sie es mit der linken versuchen. Sie rei�t sie gegen alle Widerst�nde hoch, und tats�chlich, sie kann ihre Haare anfassen. Aber da, wo es juckt, hat sie keine Haare. Was ist mit den Haaren passiert? Deshalb haben sie ihr Bild von sich geklaut! Ha, sie wird es zur�ckerobern, das verspricht sie sich. Mit aller Kraft beginnt sie, die Finger �ber die Kopfhaut zu ziehen. Sie kommen nicht weit. Kleine metallene Panzersperren stecken im Sch�del, sie versucht, zwei oder drei herauszubrechen. Pl�tzlich sp�rt sie die Fl�ssigkeit an den Fingern. Sie kostet. Das ist Blut! Woher nehmen die das Recht, diese Panzersperren in ihre Sch�delplatte zu rammen? Sie beginnt zu schreien, sich im Bett, in dem sie unzweifelhaft liegt, herumzuwerfen.</p><p>Jemand kommt. Die Blonde? Tats�chlich. Auch das noch. M�rrisch sieht sie auf sie herab.</p><p><emphasis>Ach Mensch, muss das denn sein? Nun kann ich Sie wieder waschen und umziehen. Zur Strafe werde ich Sie fixieren und Ihnen die Decke wegnehmen. Wer wei�, was Sie sonst noch alles anstellen!</emphasis></p><p>Sie mosert weiter, w�hrend sie an ihr herumputzt. Die Panzersperren wieder richtet. Die Fingern�gel vom Blut reinigt. Als sie fertig ist, bindet sie den linken Arm und das linke Bein mit einem St�ck wei�en Stoffs am Bettrand fest. Das Bett kommt ihr rund vor.</p><p>Da, sie h�ngt schon wieder einen Sack an den Haken!</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Als sie aufwacht, friert sie. Friert sehr. Es ist kalt hier, die Blonde hat ihr doch tats�chlich die Decke weggenommen. Jetzt erstattet sie einer anderen Frau im ebenfalls blauen Kittel Bericht. Die beiden stehen ein St�ck ab von ihrem Bett.</p><p><emphasis>Frau Kiering, Yvonne</emphasis></p><p>, sagt die Blonde.</p><p><emphasis>Lungenri� nach Verkehrsunfall.</emphasis></p><p>Schon wieder. Sie wird noch immer verwechselt. Die Blonde sagt, Yvonne Kiering habe die Nacht ruhig geschlafen.</p><p>Nat�rlich sieht sie sie nicht einmal an, wenn sie solche L�gen verbreitet.</p><p>Oder spricht die etwa gar nicht �ber sie? Sie versucht, langsam, an deren Blick entlangzuwandern. Gelangt an ein anderes Bettgestell, eine andere Frau darauf. Sie scheint nicht bei Bewusstsein zu sein. Sie hat Schl�uche in Mund und Nase, am Arm und in der Leiste.</p><p>Wo kommt die denn so pl�tzlich her? Ist sie vielleicht gar nicht die Einzige, die nachts �berlebt?</p><p>Fragen �ber Fragen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Fragen �ber Fragen. In ihrem Kopf rattert es, wenn sie wach ist. Irgendwie ist sie jetzt l�nger wach. Deshalb kann es auch l�nger rattern.</p><p>Yvonne Kiering! Geboren</p><p>1972</p><p>und wohnhaft in H�ckelhoven! Jetzt hat sie�s! Sie lacht laut, freut sich, dass sie dahintergekommen ist. Sie will es der Dunkelhaarigen sagen. Die turnt gerade mit Yvonne Kiering herum. Aber die ist doch ohnm�chtig! Seit wann kann man denn mit Ohnm�chtigen herumturnen? Ach, ist das dumm, dass sie nichts sagen kann. Warum kann sie eigentlich nichts sagen? Im Kopf formt sich doch vor, was sie sagen m�chte. Aber es kommt nicht aus dem Mund heraus. Sie hebt die linke Hand mit Schlauch an den Mund. An die Nase. Was, sie hat da auch solche Schl�uche wie Yvonne Kiering? Jetzt reicht�s aber. Entschlossen zieht sie. Es tut nicht weh. Sie zieht und zieht. Die Dunkelhaarige schreit auf. Kommt an ihr Bett. Betr�bt fragt sie, ob es ihr nicht geschmeckt hat.</p><p><emphasis>Hat es Ihnen denn nicht geschmeckt?</emphasis></p><p>Aber ein bisschen l�chelt sie auch.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Es klopft.</p><p><emphasis>Ihr Mann kommt, Frau Wesendahl.</emphasis></p><p>Wesendahl � Ihr Mann kommt. Hei�t er auch Wesendahl? Ehe sie dar�ber nachdenken kann, macht ihr Mann einen Schritt zum Waschbecken hin. Er zieht ein Pflaster ab und nimmt einen Verband vom rechten Auge. Nanu, was hat er denn? Sie w�rde ihn schon gerne fragen, wirklich. Als er ans Bett tritt, weint er. Hat sie etwa ein Kind bekommen? Das letzte Mal sah sie ihn weinen, als ihre j�ngste Tochter geboren wurde. Das ist jetzt f�nf Jahre her, und er stand genauso an ihrem Bett wie jetzt. Sie schaut vorsichtshalber nach, ob sie ein Kindsb�ndel an der Brust hat.</p><p>Nein.</p><p>Na, das war ja auch nur vorsichtshalber.</p><p>Ist er augenkrank? Das w�rde das Weinen erkl�ren.</p><p>Warum hat sie, seit sie hier ist, noch nicht an die f�nfj�hrige Tochter gedacht? Und � sie hat ja noch eine! Und noch eine! F�nf, vierzehn, achtzehn, zwanzig, dreiundzwanzig � ja, wirklich, sie hat ja f�nf Kinder! Erstaunlich, was einem so alles einf�llt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Dreihundertsiebenundzwanzig minus acht mal siebzehn. Die Minusaufgabe in Klammern. Das macht dreihundertneunzehn mal siebzehn. Dreihundertzwanzig mal siebzehn sind � f�nftausendvierhundertvierzig. Davon noch siebzehn abgezogen, macht f�nftausendvierhundertdreiundzwanzig.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Ein St�ck von ihren F��en entfernt, in der Zimmerecke, steht ein Tisch. Zwei Becher Joghurt darauf. Fruchtjoghurt. Schriftst�cke. Und ein Bild. Sie versucht, sich zu recken, ist neugierig. Aber das bin ja ich! Das ist doch das Bild von ihr, das sie geklaut haben! Sagte sie nicht, dass sie es wiederkriegen w�rde? Sie sieht ganz deutlich halblanges dunkles Haar, schmales Gesicht, volle Lippen. Augenfarbe? Das Bild ist schwarz-wei�, es ist nicht zu erkennen. Waren ihre Augen nicht blau? Sie versucht, sich ihre Augenfarbe vorzustellen. Blau. Bei Sonnenschein mit einem Stich ins W�ssrige, bei tr�bem Wetter mit dunklen Sprenkeln durchzogen. Sie ist so froh, dass sie ihr Bild wiederhat.</p><p>Was sagst du dazu, Lissy?</p><p>W�re das sch�n, wenn sie fragen k�nnte!</p><p>Lissy ist n�mlich da. Sie ist mit Natascha gekommen. Lissy ist ihre achtzehnj�hrige Tochter und Natascha die ihres Mannes. Ja, sie glaubt, ihr Mann war schon einmal verheiratet, ehe sie zueinanderkamen. Sie mag Natascha fast genauso gern wie Lissy. Oder t�uscht sie sich?</p><p>Die beiden haben einen Rollstuhl mitgebracht, mit dem sie sie mit nach Hause nehmen wollen. Bestimmt wollen sie sie mit nach Hause nehmen. Aber warum sieht sie den Rollstuhl nur, wenn sie die Augen schlie�t? Sie wei� es nicht. Wenn sie die Augen wieder �ffnet, ist er fort. Ach, Lissy und Natascha sind ja auch schon weg! Schade �</p><p>Sie reckt sich noch einmal nach ihrem Bild, aber auch das ist nicht mehr da.</p><p>Sie glaubt, es trug einen schwarzen Flor.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie bekommt Joghurt zu essen.</p><p><emphasis>Sie hat sich die Magensonde herausgerissen???</emphasis></p><p>Ungl�ubig hat die Blonde bei der Dunkelhaarigen nachgefragt.</p><p>Nun muss sie gef�ttert werden.</p><p>Sie grinst schadenfroh.</p><p><emphasis>Was grinsen Sie so?</emphasis></p><p>Sie wei�, warum sie grinst.</p><p>Sie wird es der doch nicht sagen!</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Das schwarz umflorte Bild steht in einem langen wei�en Zelt auf einem Tisch, ganz vorn. Dahinter Stuhlreihen. Von wo aus sieht sie das eigentlich? Sie glaubt, sie schwebt unter der Zeltdecke.</p><p>Langsam f�llen sich die Reihen. Ganz vorn ihre Eltern. Ach, da sind ja auch ihre Schwiegereltern! Sch�n, euch zu sehen. Ihre Kinder. Seine. Drei haben ihr Mann und sie gemeinsam, au�erdem hat jeder zwei andere. Onkel Willi kommt, er ist schon �ber achtzig. Seine Frau Urte. Tante St�ssel, Cousine Tabea, Tante Usch � aber ist die denn nicht schon lange tot? Sie wundert sich. Onkel Karl. Tante Karla. Kira und Kaja, derenT�chter. Da ist Max, der Vater ihres zweiten Sohnes, dessen Namen sie jetzt wieder wei�: Bill! Ach, Billy, kleines Billchen � Die beiden Ritas, Pietro, Elke, Carmen, Yvonne, Ingo � so viele Leute, da wird es ja ganz voll! Was wird hier denn gefeiert werden?</p><p>Gespannt schaut sie zum Eingang, aber nichts passiert. Die Leute schweigen, reden nicht miteinander. �berhaupt: Sie sehen irgendwie traurig aus.</p><p>Jemand zieht an ihren Beinen. Sie sieht sich um. Ach, ihr Mann. Er will sie durch eine Luke an der Stirnwand des Zeltes hinausziehen, aber das braucht er nicht. Sie schl�pft selbst aus dem Zelt. Ihr Mann umarmt sie. Er sagt, dass die Leute auf ihre Begr�bnisfeier warten, aber dass sie sich ganz sch�n geschnitten haben, denn die wird nicht stattfinden.</p><p>Schau mal, wen ich mitgebracht habe!</p><p>Sie dreht sich um. Kann sich gar nicht r�hren vor Freude. Es ist Sulagna! Letztes Jahr in Indien hat sie Sulagna kennengelernt. Sulagna ist f�nf oder sechs Jahre alt, so genau wei� man das nicht, denn man hat sie auf der Stra�e gefunden mit madenzerfressenen Nackenwunden. Wollten sie Sulagna nicht adoptieren? Ach Sulagna, dass du jetzt hier bist �</p><p>Sie m�chte sie dr�cken, aber Sulagna macht eine entschiedene Geste: Sie h�lt sie mit erhobenen H�nden auf Abstand, legt dann einen Finger auf den Mund. Was ist das, warum kann Sulagna sie so dirigieren? Jetzt legt sie sie flach auf den Boden, hebt ihren rechten Fu� mit beiden H�nden ein St�ckchen hoch und h�lt ihn fest. Sulagna wartet. Der Mann sitzt mit gespanntem Gesicht ein St�ck abseits. Pl�tzlich sp�rt sie, wie ein Sog sie zur�ck ins Zelt ziehen will. Nur eine Luke in einem St�ck Stoff trennt sie von ihrer eigenen Begr�bnisfeier. Sie lacht. Der Sog wird st�rker und st�rker, aber Sulagna sitzt still und h�lt ihr Bein. Was f�r eine Kraft das M�dchen aber auch hat! Der Sog kann einfach nichts ausrichten gegen die Kleine. Ihr ist es eigentlich egal, wie das ausgehen wird.</p><p>Wie lange soll denn das dauern? Ob sie nicht erst einmal eine Runde schlafen sollte?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sulagna scheint es geschafft zu haben. Noch immer ist sie unter den Lebenden, oder?</p><p>Bestimmt hat Matthes sie mit nach Hause genommen. Nun haben sie also ein sechstes Kind.</p><p>Matthes? Er hei�t Matthes!</p><p><emphasis>Mads.</emphasis></p><p>Sie �ffnet die Augen und blickt ins Gesicht der Dunkelhaarigen.</p><p><emphasis>Na sehen Sie, das erste Wort ist gesagt, nun wird es auch weitergehen.</emphasis></p><p><emphasis>Mads? Mads! Mads, Mads, Mads, Mads �</emphasis></p><p>Das soll sie gesprochen haben? Ihre Stimme klingt br�chig. Kein E zu h�ren, und das S stimmhaft gesummt nach einem D, statt es nach dem E klacken zu lassen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes kommt jetzt �fter.</p><p>Oder kommt er jetzt etwa genauso oft wie fr�her, nur hat sie immer geschlafen? Keine sch�ne Vorstellung.</p><p>Matthes nimmt jedes Mal, wenn er kommt, einen Verband vom rechten Auge, ehe er an ihr Bett tritt.</p><p>Sie w�rde ihn gern fragen, wie sie hierhergekommen ist, sie wei� es einfach nicht mehr. Solche komplizierten Sachen kann sie aber nicht sagen.</p><p>Sie sagt:</p><p><emphasis>He, Mads!</emphasis></p><p>oder</p><p><emphasis>Mads, gutag!</emphasis></p><p>Er versteht es. Er versteht es! Ihr Ehrgeiz ist entfacht.</p><p><emphasis>Bist Eulen?</emphasis></p><p>, fragt sie ihn. Er guckt. �berlegt er?</p><p>Ruft pl�tzlich:</p><p><emphasis>Ja, bin Eulen! Ja, ja!</emphasis></p><p>Sie k�nnte nicht</p><p><emphasis>Jandl</emphasis></p><p>sagen, denkt sie. Nicht</p><p><emphasis>Mayr�cker</emphasis></p><p>.</p><p>Gl�ck gehabt.</p><p><emphasis>Bist Eulen?</emphasis></p><p>rutschte ziemlich leicht heraus.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Yvonne Kiering ist nicht mehr da. Sie ist wieder allein.</p><p>Wieder?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Hinternabwischer hat sie heute entschlaucht.</p><p>Einen Schlauch aus der Blase gezogen.</p><p>Den Schlauch von der Hand entfernt. (</p><p><emphasis>Die Braun�le bleibt aber!)</emphasis></p><p>Es kommt ihr so vor, als w�rde auch aus der Leistengegend einiges entfernt werden.</p><p>Er gibt ihr ein Ger�t, in das sie hineinblasen soll. Die Kugeln, die darin sind, m�ssen dadurch auf das n�chsth�here Niveau bef�rdert werden. Sie versucht es. Scheitert kl�glich.</p><p>Au�erdem gibt es ein kleines Brettchen mit vier Federn darauf. Das soll sie in die Hand nehmen und die Federn zusammenpressen, mit jedem Finger eine. Sie will mit der rechten Hand danach greifen, aber das gelingt nicht.</p><p><emphasis>Geht nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Warum geht es denn nicht?</emphasis></p><p><emphasis>Rechte Hand nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Nehmen Sie doch die linke!</emphasis></p><p><emphasis>Warum?</emphasis></p><p>Hat er die Frage verstanden? Wird er ihr eine Antwort geben? Warum kann sie ihre rechte Hand nicht bewegen?</p><p>Er gibt keine Antwort. Stattdessen nimmt er l�chelnd ihre linke Hand und presst die Federn zusammen. Mit ihren Fingern.</p><p>Was ist eigentlich eine Braun�le?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Trupp kommt.</p><p><emphasis>Heute werden Sie verlegt.</emphasis></p><p>Verlegt? Was hei�t verlegt? Wollen die nachher etwa so tun, als k�nnten sie sich nicht mehr daran erinnern, wo sie sie entsorgt haben? Ihre Angst � da ist sie ja wieder.</p><p>Guten Tag, Angst.</p><p>Sch�n, dass du mich besuchen kommst.</p><p>Die Angst h�rt nicht auf die freundliche Begr��ung. Sie kommt gleich zur Sache. Steht mit einem Vorschlaghammer in der Zimmerecke, bereit, zuzuschlagen.</p><p><emphasis>Sie kommen auf Station</emphasis></p><p><emphasis>21</emphasis></p><p><emphasis>, Ihr Bett wird gebraucht.</emphasis></p><p>Erleichterung. Nat�rlich, verlegen bedeutet ja nicht nur verschusseln und verschlampen, sondern auch, jemanden den Ort wechseln zu lassen. Eigentlich unfreiwillig, oder?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Hinternabwischer kommt mit einem Rollstuhl. Sie wird hineingesetzt und aus dem Zimmer gefahren. Die pl�tzliche W�rme �berrascht sie. Warum ist es jenseits der T�ren so kalt, wenn drau�en der sch�nste Sommer herrscht?</p><p>Der Hinternabwischer karrt sie zwei G�nge auf und ab, damit sie die Station noch einmal sehen kann, und f�hrt eine Schleife zum Personalzimmer.</p><p>Abschied.</p><p>Sie versucht, freundlich zu gucken, aber der Gedanke an Abschied treibt ihr seltsamerweise Tr�nen aus den Augen.</p><p><emphasis>Ach M���nsch, Frau Wesendahl, seien Sie froh, es geschafft zu haben! Drei Wochen Intensivstation sind doch wirklich genug!</emphasis></p><p>Intensivstation?</p><p>Wieder h�rt sie es beinahe rattern in ihrem Kopf. Sie �berlegt, warum sie hier gewesen sein k�nnte, kommt aber zu keinem Ergebnis.</p></section><section><title><p>II. SCHATTENRISSE, SILHOUETTEN</p></title><p>SIE HAT GUT GESCHLAFEN</p><p>So ohne Schl�uche ist es sch�n. Zweimal hat sie aber schon vergessen, die Schwester zu rufen, obwohl der Knopf gleich neben der linken Hand auf dem Bettrand liegt. Nass ist es geworden im Bett. Am Anfang fand sie es angenehm warm. Nun muss sie aber aufpassen, sonst legen die wom�glich wieder einen Schlauch in ihre Blase.</p><p>Neben dem Bett steht der Rollstuhl. Wenn sie zur Toilette m�chte, geht das nicht allein. Eine Schwester kommt, setzt sie hinein, f�hrt sie hin�ber, setzt sie auf die Brille, wartet, wischt ihr den Hintern ab, zieht ihr den Schl�pfer hoch, das Nachthemd wieder runter, f�hrt sie zur�ck.</p><p>Manchmal wird ihr schlecht, wenn man sie aufrichtet.</p><p>Manchmal kommt auf dem Klo nichts. Das passiert, wenn ein Pfleger danebensteht. Sie kann einfach nicht in Gegenwart eines Mannes pinkeln oder kacken. Es verfliegt. Sie fragt sich, ob der K�rper es aufsaugt. Absorbiert.</p><p>Im Augenblick, da sie das Fremdwort� absorbiert �denkt, rutscht die Plane von einem anderen Fremdwort: Aphasie! Ohne Sprache!</p><p>Sie muss lachen, dass sie es f�r sich mit� Anfang sieben��bersetzt hat.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Achthundertundneunzehn minus vierhundertzweiundf�nfzig? Dreihundertsiebenundsechzig. Richtig? Ja.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie liegt in einem Dreibettzimmer. Allein.</p><p>Allerdings rumpelt es jetzt im Eingangsbereich. Eine Frau wird hereingefahren. Sie bekommt das Bett am Fenster. Das h�tte sie auch sehr gerne gehabt. Freundlich nickt sie der Frau zu. Die l�chelt.</p><p>H�rt aber nicht auf zu l�cheln.</p><p>Ihr L�cheln sieht aus wie mit spinnwebfeiner Angelsehne fixiert. Sie sucht nach L�chern in den Mundwinkeln, durch die man eine doppelte Sehne gef�delt und die Schlaufe hinter den Ohren herumgef�hrt hat. Jetzt merkt sie endlich, dass sie keine Brille aufhat.</p><p><emphasis>Bille</emphasis></p><p>, sagt sie laut,</p><p><emphasis>Bille</emphasis></p><p>.</p><p>Noch immer kein R.</p><p><emphasis>Billebillebillebillebillebillebille.</emphasis></p><p>Das hat nicht sie gesagt, sondern die Frau.</p><p>Die Schwester kommt, um sich mit der Frau bekannt zu machen.</p><p><emphasis>Guten Tag, Frau Schr�der!</emphasis></p><p><emphasis>Frauschr�derfrauschr�derfrauschr�der!</emphasis></p><p>Warum wiederholt die Frau, was die anderen sagten? Hat das mit Echolalie zu tun?</p><p>Sie ist heilfroh, dass ihr manchmal Fremdw�rter zur Verf�gung stehen.</p><p>Au�erdem ist ihr vorhin eingefallen, was ihr die T�chter unters Kreuz ziehen sollten, als sie da waren: das Kopfkissen nat�rlich.</p><p>Sie packt das Kopfkissen mit der linken Hand und schiebt es zu einem dicken Kn�uel auf.</p><p>Gute Nacht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>Gute Nacht</emphasis></p><p>war nat�rlich unpassend. Es ist erst Mittagszeit. Sie wird aus dem Schlaf gerissen und gef�ttert. Noch immer mit Brei, aber der sieht nicht mehr so hellbraun aus wie die Sondennahrung. Heute ist es Kartoffelbrei. Sie schiebt den Kopf zur Seite, wenn die Schwester den L�ffel in braune So�e getunkt hat. Verbundnetzso�e haben sie fr�her dazu gesagt. Die Schwester versteht erst beim dritten Mal, dass sie keine So�e will.</p><p>Warum hat sie ihr das eigentlich nicht gesagt?</p><p><emphasis>So�e nicht!</emphasis></p><p><emphasis>Ich hab ja schon verstanden,</emphasis></p><p>lacht sie.</p><p>Schon?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>In ihrem Sch�lchen fehlt die gro�e hellblaue Pille. Das freut sie. So k�nnte es weitergehen. Seitdem die Pille fehlt, ist sie wiederum l�nger wach.</p><p>Heute hat man die Panzersperren aus dem Sch�del gezogen. Sie hat nichts gemerkt. Es waren gar keine Panzersperren, sondern Metallklammern. Man scheint sie am Kopf operiert zu haben. Warum? Keine Ahnung. Als sie sich auf die Toilette schieben l�sst, ist sie begierig auf einen Blick in den gro�en Spiegel. Bislang hat sie den nicht einmal bemerkt! Dar�ber wundert sie sich.</p><p>Das ist sie. Nichts zu deuteln. Auf der linken Sch�delh�lfte fehlen die Haare. Nein, das stimmt nicht ganz: Zwei, drei Millimeter sticht das neue Haar hervor. Eine feine rote Linie zieht sich vom Haaransatz in der Stirn in hohem Bogen bis vors Ohr. Beidseits der Linie von vielleicht f�nfzehn Zentimetern L�nge sind dicke rote Punkte zu sehen. Sie r�hren von den Klammern her und erinnern an abgehackte Alleeb�ume, deren St�mpfe nur knapp aus dem Boden ragen. Ein Stumpf hat sich entz�ndet, er schmerzt.</p><p>Interessant, muss sie denken.</p><p>Broca-Aphasie, denkt es sie pl�tzlich.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Als Matthes kommt, versucht sie es. Sie versucht ihm zu sagen, dass sie Literatur �ber Aphasien haben m�chte. Matthes sagt dazu nichts. Hat er sie nicht verstanden? Bestimmt ist es nicht zu verstehen.</p><p>Matthes tr�gt keinen Verband mehr �ber dem Auge. So jung sieht er aus! Die Zeitung hat er mitgebracht, sie will sie ihm begierig aus der Hand rei�en. Zehnter August! Sie ist schon l�nger als einen Monat hier. Das ist nun wirklich nicht zu fassen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Muss sie sich dar�ber wundern, dass sie relativ gut rechnen kann und sich immer wieder selbst Aufgaben stellt? Kopfrechnen �bt? Ach was, sie beschlie�t, sich lieber nicht dar�ber zu wundern.</p><p>Stattdessen wartet sie. Darauf, dass irgendetwas passiert. Hier passiert nichts. Niemand kommt, um mit ihr herumzuturnen. Auf der Intensivstation hat die Dunkelhaarige sie mobilisiert. Das hei�t, sie hat versucht, sie zu mobilisieren. Hier dagegen?</p><p><emphasis>Du liegst jetzt den dritten Tag hier</emphasis></p><p><emphasis>auf der Inneren</emphasis></p><p>, hat Matthes vorhin gesagt, v</p><p><emphasis>�llig falsch</emphasis></p><p>Er versucht offenbar, sie woandershin zu bekommen. Wohin, hat sie nicht verstanden.</p><p>Die T�r geht auf. Eine junge Frau kommt herein, stellt sich als Physiotherapeutin vor. Na endlich! Eben noch w�re ihr das Wort� Physiotherapeutin �nicht eingefallen, aber in dem Moment, da die Frau es ausspricht, ist es wieder verf�gbar. Sie m�chte W�rter h�ren. Stattdessen packt sie die Physiotherapeutin in den Rollstuhl und f�hrt sie hinaus, hinunter, �ber den Hof, in ein andres Haus. Sie kommen in einem gro�en Sportraum an.</p><p><emphasis>Sie m�ssen unbedingt hierher verlegt werden!</emphasis></p><p>sagt die Physiotherapeutin.</p><p><emphasis>Was ist hier?</emphasis></p><p>fragt sie. Ui, es geht!</p><p><emphasis>Strouk junit</emphasis></p><p>, sagt die Frau.</p><p><emphasis>Was ist das?</emphasis></p><p>Noch ehe die Frau antworten kann, f�llt es ihr ein. Nat�rlich, die</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>f�r Schlaganfallpatienten! Was soll sie denn unter Schlaganfallpatienten anfangen? Ungl�ubig schaut sie die Physiotherapeutin an.</p><p>Die sagt, dass sie auf Dr�ngen ihres Mannes auf die Innere gerufen worden sei, um sie zu beturnen. Dass das auf der</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>aber viel einfacher sei, weil die Wegezeit wegfiele und sie auch mal zwischendurch nach ihr schauen k�nnte. Au�erdem liefen auf der</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>Logop�die und Ergotherapie, die sie doch auch sehr gut gebrauchen k�nne. Auf der Inneren w�rde sie nur herumliegen.</p><p>Das stimmt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie f�ngt an zu sprechen. Noch kann sie es gar nicht fassen. Es ist nicht viel, und oft ist es offenbar falsch, was sie sagt. Matthes war heute wieder da und fragte, was es zu essen gegeben habe. Sand. Als er nachfragte, sagte sie wieder Sand. Er wiederholte es, und da fiel ihr nat�rlich auf: Sand war v�llig falsch. Quark hatte sie sagen wollen. Quark mit Kartoffeln. Sie haben gelacht.</p><p>Matthes sagte, dass ihre Verlegung auf die</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>beschlossene Sache sei. Wann schafft er das? Ist er etwa l�nger hier im Krankenhaus, als sie annimmt?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die Frau im Bett am Fenster bekommt oft Besuch. Ihr Mann und ihr Sohn kommen. Der Sohn ist etwa zw�lf Jahre alt. Frau Schr�der scheint wenig zu verstehen. Verst�ndigen kann man sich nicht mit ihr. Mann und Sohn lachen viel. Sie scheinen sie in diesem Zustand schon gut zu kennen, es ist keine �berraschung f�r sie, dass sie sie nicht versteht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Heute fragt sie Matthes, was passiert ist.</p><p><emphasis>Was passiert?</emphasis></p><p><emphasis>Du hattest eine Hirnblutung,</emphasis></p><p>sagt er.</p><p><emphasis>Ein Aneurysma ist geplatzt.</emphasis></p><p>Sie ist platt. Das h�tte sie nicht erwartet. Sie erinnert sich verschwommen, �ber Aneurysmen vor nicht allzu langer Zeit viel gelesen zu haben. Warum eigentlich?</p><p><emphasis>Du bist operiert worden. Zwei Mal. Beim ersten Mal hat man das Aneurysma geclippt, beim zweiten Mal den Abflussschlauch von einem in den anderen Ventrikel verlegt.</emphasis></p><p>Sie hat alles geh�rt. Mit dem Verstehen muss sie sich Zeit lassen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Aneurysma klingt sch�n, findet sie. Ein weiblicher Vorname.</p><p><emphasis>Aneurysma Wesendahl</emphasis></p><p>Sie suhlt sich in der Vorstellung, Aneurysma zu hei�en.</p><p>Der Pfleger kommt schwungvoll und mit seiner Art Spa� auf den Lippen ins Zimmer.</p><p><emphasis>Na, Helenchen, hamwa jut jeschlafen?</emphasis></p><p><emphasis>N���, Hartmutchen.</emphasis></p><p>Er lacht. In der Tat hatte sie heute Nacht wieder einen Angstanfall. Sie vermutete einen gro�en Brand um sich herum. Aufgeregt klingelte sie nach der Schwester. Es kam die netteste, die sie hier haben. Sie strich ihr �ber den Kopf, machte das Licht an. Sie erinnert sich, etwas gesagt zu haben. Was, will ihr nicht mehr einfallen. Die Nette sagte, sie bedrohe hier nichts und niemand. Sie merkte, wie sie der Netten das abzunehmen begann. Seit sie hier ist, war es das erste Mal, dass sie dem Personal so etwas wie Glauben schenkte. Als h�tte die Nette die Realit�ten wieder geradeger�ckt, in deren Schiefe sie sich einzurichten begonnen hatte.</p><p><emphasis>Hartmutchen bringt dich jetzt r�ber, stroke unit!</emphasis></p><p>Endlich.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie wird auf der Toilette alleingelassen, bis sie die Schwester wieder hereinruft. Sie wird in einen Gemeinschaftsraum gefahren und bekommt richtiges Essen. Sie wird beturnt. Sie bekommt Besuch.</p><p>Heute ist Natascha wieder da, die Tochter ihres Mannes. Natascha ist schon siebenundzwanzig.</p><p>Matthes hat Helene in den Rollstuhl gesetzt und mit hinuntergenommen in die Krankenhauscafeteria, wo sie ein Eis isst. Natascha hat ihr eine platte Muschelschale vom Atlantik mitgebracht. Sie war in Frankreich.</p><p>Blitzartig kommt die Erinnerung: Helene liest Natascha vor. Sie ist vier. Als Freundin der ersten Matthes-Familie ist Helene �ber Nacht dort geblieben, und Natascha ist in der Fr�he in ihr Zimmer gekommen, um sie zu wecken und zum Fr�hst�ck zu holen. Sie tr�gt ein Unterhemdchen mit kurzen �rmeln und einen grau gewaschenen Schl�pfer. Eine Geschichte m�chte sie h�ren. Ihr Bruder Mischa ist zwei Jahre alt.</p><p>Ebenso blitzartig kommt die Erinnerung, dass sich Mischa vor drei Jahren von einem Intercityexpress �berrollen lie�.</p><p>Der Natascha-Besuch endet in Tr�nen.</p><p>Sie ist nicht in der Lage zu sagen, warum sie weint.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Visite.</p><p>Die Schwester erz�hlt, dass sie in der Nacht weinend nach ihr gerufen habe, weil sie sich bekackt hatte. Seltsamerweise hatte sie nichts dazu sagen k�nnen, nur die Decke beiseitegeschoben und auf die Stelle gewiesen � Es stank und begann schon zu stacheln, zu brennen, wie sie es in Erinnerung hat. (In welchem Alter hat sie sich denn das letzte Mal bekackt?)</p><p><emphasis>Wenn sie so depressiv ist, m�ssen wir die Dosis erh�hen.</emphasis></p><p>Aber nein, sie ist doch nicht depressiv! Darf man nicht mal weinen, wenn einem was peinlich ist?</p><p><emphasis>Nein, � will � nicht � Atidepprissum!</emphasis></p><p><emphasis>Wirklich? Das sollten Sie aber wollen, das ist nicht leicht f�r Sie jetzt.</emphasis></p><p>Nicht leicht?</p><p>Sie staunt. Dar�ber, dass sie keine Trauer versp�rt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>Welches Mittel ist � gegen Trauer?</emphasis></p><p>Die Schwester sieht sie fragend an.</p><p><emphasis>Gegen � Trauer, gegen � Weinen!</emphasis></p><p>Verdammt, im Augenblick, da sie das Wort Antidepressivum aussprechen will, ist es fort. Kommt zur�ck. N�chster Versuch. Wieder ist es im Augenblick des Sprechens verschwunden.</p><p>Das �rgert sie so, dass sie w�tend wird.</p><p><emphasis>Sie schnaubt.</emphasis></p><p><emphasis>Na, nu lassen Se man Ihre Wut stecken, ick kann doch ooch nichts daf�r!</emphasis></p><p><emphasis>Anti-�, Anti�dep-prissum,</emphasis></p><p>radebrecht sie.</p><p><emphasis>Ach so!</emphasis></p><p>Die Schwester lacht und zeigt auf eine kleine Tablette in der Schale. Komisch, dass solche winzigen Pillen gro�e Trauer wegziehen sollen.</p><p>Sie nimmt die Tablette aus der Schale und legt sie daneben. Die anderen schluckt sie. Es ist ein Antibiotikum dabei gegen Harnwegsinfekte. Das braucht sie eigentlich nicht, denn asymptomatische Bakteriurie begleitet sie, seit sie erwachsen ist.</p><p>Aber das kann sie nicht sagen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Das Antidepressivum liegt immer wieder in ihrer Schale. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie es nicht nimmt, aber niemand registriert das. So ist schon eine h�bsche Pillensammlung in ihrer Schublade zusammengekommen. Sie �berlegt, wem sie die schenken k�nnte. Ihr f�llt nur Raphael ein. Raphael will heute oder morgen zu Besuch kommen. Raphael ist depressiv, lehnt es aber ab, Antidepressiva zu schlucken, weil er Angst vor der Abh�ngigkeit hat. Ihm kann sie die Pillen also nicht schenken. Au�erdem geht es ihm meist gut, wenn er jemanden zum Betutteln hat. Dass sie so schnell zu jemandem werden k�nnte, den Raphael betutteln kann, h�tte sie nicht gedacht.</p><p>Sie seufzt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Morgens kommt die Ergotherapeutin. Sie �bt Anziehen mit ihr. Viel kommt nicht dabei heraus. Mit links Z�hne putzen geht gut. Zahnpasta auf die B�rste dr�cken, Wasser in den Becher laufen lassen � einh�ndige Abenteuer. Den Waschlappen kriegt sie zwar nass, aber die Kraft der linken Hand reicht nicht aus, das Wasser so weit wieder herauszupressen, dass sie sich unbeschadet das Gesicht waschen kann. Hinterher sieht sie aus wie ein begossener Pudel. Zum Gl�ck ist es warm, und die W�sche trocknet schnell wieder. Nach der Morgentoilette nimmt die Ergotherapeutin sie zum Fr�hst�ck in den Gemeinschaftsraum mit. Sie bekommt ein Brettchen mit N�geln und Saugn�pfen. Es wird am Tisch befestigt. Das Br�tchen dr�ckt sie in die N�gel und versucht, es mit der linken Hand aufzuschneiden. Schwei� trieft. Sie bestreicht es mit Butter und Marmelade und l�sst es sich schmecken. Seit gestern bekommt sie keine Schnabeltasse mehr. Die Fl�ssigkeit l�uft am Kinn herunter, sie bekommt nicht alles in den Mund hinein. Die rechte Gesichtsh�lfte ist gel�hmt. Sie lacht, als sie sich vorstellt, wie sie mit halbem Gesicht lacht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Ihre Schwestern sind da. Als die T�r aufgeht und sie ins Zimmer treten, ist sie so �berrascht, dass sie vor Aufregung einpinkelt. Zum Gl�ck m�ssen die beiden das nicht merken. Marika ist drei, Ellen sechs Jahre j�nger als sie. Eine wohnt in Dresden, die andere in der alten Th�ringer Heimat. Dass sie f�r nur einen Nachmittag nach Berlin fahren, um ihre gro�e Schwester zu besuchen, r�hrt Helene.</p><p>Warum sehen sie hilflos aus? Sie freut sich doch so! Ach, jetzt sieht sie es: Die dicke, einbeinige Frau Bandner vom Bett gegen�ber hat sich wieder mal die sp�rlichen Sachen vom Leibe gefetzt. Sie wird sondenern�hrt, ein Schlauch geht von au�en direkt in den Magen. Wenn sie sich die Sachen vom Leibe fetzt, hat sie eingekackt. Ja, es stinkt. Man muss die Schwester rufen. Ellen und Marika werden aus dem Raum geschickt. Sie wollen Helene mitnehmen. Aber die ist nass, also versucht sie, Zeit zu schinden und der Schwester geheime Zeichen zu geben. Leider ist die Toilette ganz am Ende des langen Flures, sodass sie nicht unbemerkt hink�me. Sie gibt es auf und zeigt ihren Schwestern die Bescherung. Nun sehen sie noch hilfloser aus, Ellen ist puterrot im Gesicht. Helene versucht zu sagen, dass sie hinauskommt, wenn sie trockengelegt wurde. Sie gehen erst einmal. Hoffentlich nur bis auf den Flur? Es dauert lange, bis sich die Schwester um sie k�mmern kann. Sie w�scht sie schnell im Bett, das sie danach abzieht.</p><p>Neben Frau Bandner liegt eine alte Frau, die Zeichen der Austrocknung aufwies, als sie eingeliefert wurde. Immer sieht sie Sch�tzen im gro�en Baum vor dem Fenster, die auf sie angelegt haben. Deshalb h�lt sie den Deckel des Nachtgeschirrs zitternd vor ihren Kopf und wagt sich nicht zu r�hren. Bestimmt haben Ellen und Marika auch sie gesehen. Wenn die beiden nichts �ber ihre Verfassung wissen, sie aber mit zwei verr�ckten Alten im Zimmer ist, denken sie sich ihre Portion. Sie muss sie vom Gegenteil �berzeugen. Nur wie?</p><p>Als sie frisch geputzt im Rollstuhl vor die T�r gefahren wird, sieht sie, dass Marika geweint hat. Sie �bergeht es, aber es ist zu sp�t zum Sprechen. Morgens geht es besser. Sie lotst Marika und Ellen in die Cafeteria. Ersch�pft trinkt Helene einen Tee, m�chte dann aber, dass sie gehen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die Wochen vor dem Platzen des Aneurysmas sind ausgel�scht. Nichts mehr da. Manchmal taucht ein Bruchst�ck einer Erinnerung auf, aber ehe sie es zu fassen bekommt, ist es weg. Sie wundert sich auf einmal, warum die kleine Tochter noch nicht bei ihr war. Warum denkt sie so selten an Lottchen? Immerhin ist sie erst f�nf. Wenn Helene die Augen schlie�t, sieht sie ein kleines, schlitz�ugiges Gesicht mit spitzb�bischem Grinsen. Liebt sie es? Aber ja! Jetzt zieht es vom Herzen aus. Sie muss Matthes unbedingt fragen, darf es nicht nicht nicht vergessen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie sollte sich einen Erinnerungsfaden denken, an dem sie sich entlanghangelt. Es wird sicher m�hsam werden, aber wie sonst sollte sie die vergangenen Wochen, vielleicht Monate, zur�ckbekommen? Matthes sagt, zwei Wochen habe sie im k�nstlichen Koma verbracht. Tr�umt man w�hrend dieser Zeit? Ihr ist, als habe sie getr�umt, aber die �berg�nge zum Erlebten sind wohl flie�end. Zwei Wochen kann sie eher gleich herausschneiden aus dem Film, den sie zusammenpuzzeln will.</p><p>Liebt sie Matthes?</p><p>Es zieht nicht. Fr�her zog es. Das wei� sie.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Besuch.</p><p><emphasis>Wo ist Lottchen?</emphasis></p><p>Gro�e Freude, dass sie daran gedacht hat, nach ihr zu fragen. Sie hat sie nicht vergessen. Ihr j�ngstes Kind. Matthes erz�hlt, dass Lottchen bei ihren Eltern ist. Die Kleine wird hoffentlich sch�ne Zeiten dort haben � Ihr Vater wird mit Lottchen auf die Sommerrodelbahn am Inselsberg fahren oder ins Tabarzer Spa�bad. Sie freut sich f�r die Tochter, wenn sie sie auch vorl�ufig nicht zu sehen bekommt.</p><p>Bengt hat ein Urlaubssemester genommen, sagt Matthes, und Bill, der eigentlich im Fr�hjahr ausgezogen ist zu seiner Freundin, verbringt viel Zeit im Karlshorster Haus.</p><p>Richtig, sie haben ja ein Haus. Haben es</p><p>1998</p><p>gebaut, vor knapp vier Jahren. Schlagartig kommt die Zimmeraufteilung: die gro�e Erlenk�che mit Erker, das lange Wohnzimmer mit Kaminofen. Das Schlaf-, das Lottchenzimmer unten. Oben die Zimmer f�r Lissy und Mareile, das Arbeitszimmer ihres Mannes und � ihr Arbeitszimmer! Sie ist ja Schriftstellerin! Darauf war sie nun wirklich nicht vorbereitet. Ihr fallen B�cher ein, die sie geschrieben hat. Hat sie an einem neuen Buch gearbeitet? Kein Arbeitstitel taucht auf. Vielleicht hatte es ja noch keinen Titel.</p><p><emphasis>L�pptopp!</emphasis></p><p>, sagt sie.</p><p><emphasis>Schon dabei,</emphasis></p><p>sagt Matthes und holt ihn tats�chlich aus seinem Rucksack hervor. So ein Service aber auch.</p><p>Ja, jetzt zieht es ein bisschen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Was ist� fr�her�?</p><p>Sie kriegt ihren dreiundvierzigsten Geburtstag noch zusammen. Wie viele Leute ihr einfallen � Sie alle waren gekommen, sogar Carla von der Mosel. Einen Mann hatte sie mitgebracht, der ihr ausnehmend gut gefiel. Einen Steinmetz aus Rostock. Sie erinnert sich: Er ber�hrte Carla wie beil�ufig, das hatte Helene wohlige Schauer beschert. Warum will ihr nicht einfallen, ob Matthes sie an diesem Geburtstag ber�hrte?</p><p>Ein Quiz hat er veranstaltet.</p><p><emphasis>Wer kennt am besten die Pers�nlichkeit von Helene Wesendahl?</emphasis></p><p>Da, eine Frage kommt wieder:</p><p><emphasis>Was fasst sie zuletzt am Abend und zuerst am Morgen an?</emphasis></p><p>Richtige Antwort: den Wecker. Und da, noch eine!</p><p><emphasis>Welchem Politiker w�rde Helene gern mal die Pickel ausdr�cken?</emphasis></p><p>Immer, wenn sie Gerhard Schr�der im Fernsehen gesehen hatte, hatte es ihr in den Fingern gejuckt. �berraschenderweise hatte der Steinmetz, der sie an jenem Tage zum ersten Mal sah, alle Fragen richtig beantwortet und das Quiz gewonnen. Der vierundvierzigste Geburtstag vor einem halben Jahr liegt hingegen ziemlich im Dunkeln. Vielleicht hatte sie ihn nicht feiern wollen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie m�chte Agatha Christie lesen. Nicht Martha Grimes, deren erste Inspektor-Jury-Romane ihr ausnehmend gut gefallen hatten. Sie f�rchtet sich davor, Martha Grimes wom�glich nicht zu verstehen. Dann schon lieber Agatha Christie. Die hat sie schon als sehr junges M�dchen gelesen, vielleicht l�sst sich ja ein Wiedererkennungseffekt ausmachen.</p><p>Was sie will, l�sst sich per Laptop nat�rlich viel besser sagen. Eine lange Liste hat sie zusammengestellt mit Dingen, die sie tun m�chte. Zum Beispiel mit links schreiben. Dazu brauche sie einen Stift und Papier.</p><p>Matthes sagt, Helene solle Gedichte versuchen. Stift und Papier hat er dabei.</p><p>Gedichte? Wie geht das? Sie kann es sich einfach nicht vorstellen.</p><p>Zwischen einem m�glichen Gedicht und Helene Wesendahl g�hnt ein Loch. Ein schwarzes.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>In das Viererzimmer ist die vierte Person eingezogen. Eine alte Frau nach einem Schlaganfall. Die nimmt die Dinge ebenso lustig wie sie. Zum Taschentuch sagt sie Zitrone und zum Mittagessen M�lleimer. Sie ist helle im Kopf und m�chte nach Hause zur�ck, in ihre Wohnung. Es geht nur noch darum, sie medikament�s einzustellen mit Blutverd�nnern, damit nicht bald wieder ein Schlaganfall droht. Sie ist klein und zierlich, macht einen sportlichen Eindruck. Sie wechseln sich im Wachen �ber Frau Bandners Schei�attacken ab. Wenn keiner wacht, stinkt es so sehr. Mit ihr kann Helene fr�hmorgens schon sprechen, wenn es am besten geht. Sie r�t gut und ist voller Verst�ndnis, weil es ihr ja so �hnlich geht. Im Aussprechen von Zitronen und M�lleimern merkt die Frau nicht, was sie falsch gemacht hat. Wenn man sie wiederholt, schon.</p><p>Noch immer hat Helene keine Literatur �ber Aphasien. Vielleicht gut so? Daf�r hatte sie den ersten Termin bei der Logop�din. Lange Testreihen hat die mit ihr veranstaltet. Schwamm dr�ber. Da kann sie sich selber besser helfen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sobald Matthes kommt, wird sie ruhig und friedlich. Als h�tte er einen Magneten in der Tasche, der alle Verwirrung von ihr abz�ge. Sie beobachtet Matthes, ob ihm die Hosentasche aufquillt, weil ihre Unruhe dort einzieht. Vielleicht hat er den Magneten gar nicht in der Hosentasche, sondern in Jacke oder Hemd! Er zieht die Jacke aus, legt sie �ber den Stuhl. Sie fasst Matthes mit der linken Hand, seine H�nde, seinen Kopf. Seine Beulen. Ja, ihre Hand erkennt sie wieder, geht dar�ber hin wie �ber vertrautes Gel�nde. Sein Sch�del erinnert an einen Truppen�bungsplatz mit Gr�ben, Gruben und H�geln. Das noch immer sehr dunkle Haar ist lang. Man sieht keine Beulen, sondern glaubt einen normalen Rundsch�del vor sich zu haben.</p><p>Ihre Hand wandert �ber seinen R�cken, als er sie umarmt. Das Hemd ist nass, es ist sehr warm drau�en. Auch in die Hemdtasche fasst sie, als er sich l�sen will. Kein Magnet. Bleibt nur die Jacke, die sie verstohlen beobachtet.</p><p><emphasis>Was ist mit meiner Jacke?</emphasis></p><p>fragt Matthes.</p><p><emphasis>Magenta</emphasis></p><p>, sagt sie.</p><p>Magenta. Eine Farbe. Sie hat es ausgesprochen, als tr�umte sie davon.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Wovon tr�umt sie eigentlich?</p><p>Helene kann Tag- und Nacht- und Koma- und Narkosetr�ume nicht unterscheiden. Ganz nah geht ihr ein Traum, den sie als Erlebnis bezeichnen muss, weil sie ihn als Erlebnis im Ged�chtnis hat. Sie sitzt in einem zugigen Plattenbauviertel im Garten einer Stadtteilkneipe, vor ihr ein riesiger Innenhof mit halbhohen Pappeln, Gestr�uch und einem kleinen Teich, der an der tiefsten Stelle des h�geligen Gel�ndes liegt. Es zieht wirklich, der Wind pfeift, sein Biss tut ihren Ohren weh. Eine Horde von Schl�gertypen rollt heran, glatzk�pfige Widerlinge, die in ihr in gleichem Ma�e Mitleid und Abneigung ausl�sen. Mitleid und Abneigung. Mitleid und Abneigung. Zwischen diesen beiden Gef�hlen ist gar kein Platz mehr f�r sie, sie muss sich klein machen und sich irgendwie verdr�cken, aber da haben sie sie schon entdeckt. Witze rei�end, kommen sie n�her. Sie nippt wie gelangweilt am Cappuccino und schaut zum Teich, als sie sie pl�tzlich sieht: Kr�ten, Olme, Salamander, Fr�sche in herrlichen Erdt�nen, aber mit indisch aussehenden Gesichtern. Sie l�cheln breit, sind menschengro� und kommen langsam n�her, ihre von warzigen Hautbildungen �berzogenen Wangen und Stirnen sind olivbraun, ihre Augen dunkel, und sie tragen allesamt langes, schwarzes Haar. Als der Anf�hrer der Schl�gerhorde in jene Richtung schaut, in die sie so angespannt blickt, erschrickt er, schreit auf, seine Kameraden drehen sich �berrascht um, und als sie die ruhig daherschreitenden Indiolurche sehen, laufen sie �berst�rzt davon. Die Amphibien ziehen gem�chlich am Kneipengarten vorbei, nur eine einzige Kr�tenfrau setzt sich zu ihr an den Tisch und schaut sie freundlich an, ihre Zunge schnellt hervor, f�ngt eine Fliege, sie l�chelt ihr zu, sie erinnert sie an Jayashree. Jayashree hat sie im vergangenen Jahr in Kalkutta erlebt, eine Deutsch lernende Lehrerin mit Auswandererillusionen, die in ihrer gutwilligen Klebrigkeit nicht eben leicht zu nehmen ist. Helene will mit ihr sprechen, f�rchtet aber die Fragen, ob sie ihr das Geld zu einem Besuchsflug nach Deutschland geben, ihr dieses und jenes Buch von Christa Wolf oder einfach einen Karton voller Kaffee schicken kann. Zum Gl�ck f�llt ihr wieder ein, dass es sich ja gar nicht um Jayashree, sondern einfach um eine Kr�te mit Jayashrees Z�gen handelt. Sie fragt freundlich nach ihrem Namen. Es folgt ein sehr lautes, r�lpsendes� Quaaaak�, eine leichte Verbeugung, und sie zieht den anderen hinterher, macht Spr�nge, um sie zu erreichen. Helene sieht sie alle um die Ecke des gegen�berliegenden Blockes ziehen und ist froh, dass sie ihr die Schl�ger vom Hals gehalten haben.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Beim Fr�hst�ck im Gemeinschaftsraum sitzt Helene meist einem jungen Mann gegen�ber, dessen spastische L�hmung ihn daran hindert, allein zu essen. Zwar bem�ht er sich sehr, das Br�tchen auf dem Nagelbrett zu behalten und mit der anderen Hand das Buttermesser dar�berzuziehen, aber es gleicht einem Gl�cksspiel, ob er es mit dem Messer trifft. Meist hilft ihm jemand, was er unwillig zu kommentieren versucht. Aus seinem verzogenen Mund tropft Speichel. Gro�e Narben verunstalten seinen rasierten Sch�del. Jemand hat erz�hlt, dass er ihn kenne, er h�tte bis vor Kurzem das� Essen auf R�dern �ausgefahren von Kaulsdorf bis K�penick. Sie ist angewidert von der Vorstellung, jemand mit Speichelfaden liefere ihr ein Fertigmen�. Au�erdem wird er die Assietten ja kaum halten k�nnen. W�hrend sie noch nachdenkt, sieht sie sich in der Spiegelfront der Schrankwand. Ach ja, ihre rechte Hand kann ja auch nichts mehr halten! Sie wird nicht mehr Klavier spielen k�nnen, nicht n�hen oder stricken, und das Gesicht sieht auch anders aus als noch vor einem Monat. Hoch ausrasiert links, w�chst erster Haarflaum nach, sie sieht seltsam aus, und, da! auch aus ihrem Mund tropft Speichel.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Heute versucht sie, eine Mail zu schreiben. Es dauert, bis die linke Hand die Finger an die richtigen Stellen setzt. Eine Beruhigungsmail an Carla. Matthes sagt, sie h�tte Carla besuchen wollen einen Tag nach dem Platzen des Aneurysmas. Mit Lottchen ICE fahren � Nach f�nf S�tzen ist sie ersch�pft und zufrieden. Versucht sich zu vergegenw�rtigen, wie sie die Mails auf eine Diskette kopieren kann, die sie Matthes mitgibt. Auch das dauert. Zu Hause wird er sie �ber seinen Computer verschicken. Als sie sich einigerma�en aufger�umt zur�cklehnt, taucht pl�tzlich das Bild der Korkwand in der Karlshorster K�che auf. Ja, die Karten f�r die Fahrt zu Carla waren mit einer Rei�zwecke festgepinnt, f�llt ihr ein. Sie rekonstruiert: daneben eine lange Aufstellung wichtiger Telefonnummern, zwei Holzhampelm�nnchen, eine Visitenkarte von Mr. Nagarajan aus Bangalore, der ihr seit �ber einem Jahr einen Artikel schicken will. Sie lacht. Darunter � die Liste mit Dingen, die sie mitzunehmen gedachte.</p><p>Sie lacht nicht mehr.</p><p>Sie hatte vor, auszuziehen.</p><p>Jetzt, da es ihr einf�llt, liegt auch die linke K�rperseite starr und steif. Eine Pfefferkuchenfrau. Wenn ein Pfefferkuchen Wasser abbekommt, verliert er an H�rte. Sie f�ngt auf der Stelle an zu schwitzen, produziert das Wasser selbst, das sie aufweichen soll.</p><p><emphasis>Was ist mit Ihnen? Haben Sie Fieber?</emphasis></p><p>Die Schwester. Helene hat ihr Kommen nicht geh�rt in der Schreckstarre. Mit einem k�hlen, feuchten Tuch f�hrt die Schwester �ber ihr Gesicht, nachdem sie mit der Hand ihre Temperatur gepr�ft hat.</p><p>Ihr wird schlecht. Gewundene Sinne, denkt sie, als sie wieder zu sich kommt. Das</p><p><emphasis>s-c-h</emphasis></p><p>l�sst sie in einem h�rbaren Seufzer einfach allein los.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Gedanke an Abschied von Matthes frisst ihre Luftr�hre von innen her auf. Trennung �</p><p>Ja, Matthes wohnte oben in seinem Zimmer, sie schlief unten im ehemals gemeinsamen Bett. Die Dinge hatten sich wohl so weit geordnet, dass ihr Weggang f�r ein paar Monate h�tte funktionieren sollen. Monate, in denen sie herausbekommen wollten, ob noch etwas zog? An ihren vierundvierzigsten Geburtstag hatte sie nicht denken k�nnen, deshalb war er ausgefallen. Wenn sie zusammen gewesen waren, hatte verdrie�liche Stummheit allen Tagen die Spitzen abgebrochen, dass keiner �ber den anderen hinausragte und sie aufpassen mussten, dass sie sie in ihrer Gleichf�rmigkeit nicht platt dr�ckten. Zwei Kinder wohnten schlie�lich noch zu Hause. Lottchen hatten sie noch nichts davon gesagt, aber Mareile dachte wohl richtig. Ihre getrennten Schlafzimmer hatten sie mit unterschiedlichen Schlaf-Wach-Rhythmen erkl�rt und mit Matthes� Schnarchen. Das war wirklich sehr laut, hatte sie aber nie gest�rt. Auf einmal st�rt es sie, dass sein Schnarchen nicht bis hierher dringt, sie m�chte es h�ren, jetzt, sofort! Zwar sah er zweifellos jugendlich aus neulich, aber in Wirklichkeit altert er. Die Muskelz�ge in seinem Gesicht sehen schlaffer aus als noch vor f�nf Jahren. Der R�cken rundet sich oben immer st�rker, und wo fr�her sein Bauch sehnig gl�nzte, w�lbt er sich heute ganz leicht vor und zieht Ans�tze von Speckw�lstchen um die H�ften nach sich. Die Verschlusskn�pfe der</p><p>46</p><p>er-Hosen lassen die Knopfl�cher einrei�en, die sie mit der N�hmaschine wieder festzurrt. Festzurrte. Er muss n�hen lernen oder die Hosen eine Nummer gr��er kaufen.</p><p>Ihre F�rsorglichkeit nervt.</p><p>Wie soll sie ihn ansehen mit dem wiedergekehrten Wissen im Hals?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Einfach keine Zeit, mit dem Laptop zu ordnen. Dabei ist jedes Wort eine richtige Sandkohlroulade. Als kleines M�dchen hat Helene oft stundenlang allein im Sandkasten gespielt und Kohlrouladen gewickelt: Nassen Sand in Ahornbl�tter eingeschlagen, die zum Schluss mit dem Stiel durchbohrt wurden, damit sie nicht aufgingen. Mit der Zeit hatte sie die Fertigkeit des perfekten Wickelns erreicht. Die Rouladen hatte sie angestaunt und nach Sch�nheit geordnet. Ging sie am Abend ins Bett, lagen gro�e Haufen von Sandkohlrouladen vor ihren Augen, wenn sie sie schloss. Diesen Stolz findet sie wieder mit jedem Wort, das aus ihrem zerschnittenen und zusammengetackerten Gehirn auf den Bildschirm leckt. Aber sie kommt kaum dazu. Ergo, Physio, Logo, Psycho � die Heilverfahren werden hier nur beim Vornamen genannt, jeder wei�, dass sie allesamt Therapie hei�en, und allesamt stehlen sie Zeit. Sie zupft Zeit aus der Dunkelheit, wenn die drei Zimmernachbarinnen schlafen, oder sie f�hrt am Tage im Rollstuhl hinunter aufs Freigel�nde, den Laptop an die Seite geklemmt. Leider ist er alt und schwach, der Akku spielt nur noch kurze Zeit mit. Dabei wei� sie doch l�ngst, dass sie l�ngere Zeiten, als der Akku hergibt, sowieso nicht schafft.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Helene sitzt im Schatten der Linden und ist froh, dass niemand sie besucht. Das Mittagessen ist vorbei. Es gab K�nigsberger Klopse. Die Kapernsauce hinterlie� nach dem Schlucken eine pelzige Anmutung auf der Zunge. Sie kennt das aus Gro�k�chenzeiten, nannte es fr�her Zungenratte. Die Zungenratte bleibt noch eine Weile, l�sst sich nicht so leicht vertreiben. Aber Matthes hatte ihr doch Kaugummi mitgebracht, als er gestern da war � sie w�hlt die Trainingshosentasche durch und findet ihn tats�chlich. Nicht leicht, ihn auszupacken. Die Linkshand fingert ungelenk, obwohl das Empfinden sie als geschickt durchgehen l�sst. Na so was �</p><p>Sie sitzt und kaut. Scharfer Pfefferminzgeschmack fegt den Rachen frei. Der Laptop bleibt zugeklappt in der Tasche. Wollte sie nicht ordnen? Sie ordnet ohne Laptop, will eine Liste in ihrem aufgebohrten, zers�gten, wieder zusammengef�gten Kopf aufsetzen, und sie kommt ihr erst einmal ganz normal vor. Eine normale, vorschriftsm��ige Liste. Links sollen die Schl�sselw�rter stehen, rechts, was sie darunter versteht. Es f�llt ihr schwer, auf Anhieb etwas zu verstehen, deshalb wird sie f�r die rechte Seite viel l�nger brauchen als f�r die linke. Links tr�gt sie das Wort Liebe ein. Rechts die Namen von M�nnern? Nein, sie lacht, rechts sollte stehen, woran sie sich erinnert, wenn sie das Wort Liebe in den Mund nimmt. Im Moment nimmt sie aber eigentlich gar nichts in den Mund. Sie l�sst auch nichts aus dem Mund heraus. Alles spielt sich woanders ab. Sie versucht sich die Hirnregionen vorzustellen. Leider wei� sie noch nicht einmal, wo das geplatzte Aneurysma gesessen hatte! Aber gesessen hatte es, so viel steht fest.</p><p>Wo war sie stehen geblieben? Bei der Liebe. Ein Gef�hl. Es sorgt daf�r, dass das Blut schneller kreisl�uft. Denkt sie Liebe, denkt sie sich hei� und rot. Denkt daran, wie matthess�chtig sie war. Wo ist das hin, wo geblieben? Irgendwo muss es doch sein! Sie �rgert sich, dass sie es nicht findet in ihrem Kopf. Dass es sich nicht greifen l�sst. Es bewegt sich hinter wei�en Laken, die im Hirn flattern, als ginge da Wind. Was f�r ein Wind sollte im Hirn gehen? Hirnwind? In den Hirnwindungen? In die Hirnwindrichtungen? Mit solchem hirnwindrichtungsweisendem Get�se wird alles Fassbare unfassbar, sie verzweifelt, m�chte den Laptop wegschleudern, bekommt ihn aber in der Aufregung gar nicht aus seiner H�lle heraus. Warum will sie ihn aber �berhaupt aus seiner H�lle rausbekommen, sie kann doch das ganze Ding gleich wegschleudern, weg, weg, in den kleinen Wassergraben, der ganz in der N�he flie�t.</p><p>Jemand ruft</p><p><emphasis>Mama,</emphasis></p><p>die Stimme kommt ihr bekannt vor, die Stimme macht, dass sie etwas wie Liebe sofort sp�ren kann, und dabei wird sie nicht hei� und rot. Es muss noch eine andere Art Liebe geben. Warum wei� sie das einfach nicht mehr? Warum versteckt sich das, bis jemand Mama ruft und sie herausrei�t aus dem Listenschreiben, das nichts als ein Plan, ein Vorhaben ist und schon beim ersten Eintrag sieben Siegel zeigt?</p><p>Ein kleines, Mama rufendes M�dchen kommt an der Hand eines Mannes den Betonweg entlanggerannt. Die beiden bleiben stehen, das M�dchen sieht ihr erwartungsvoll in die Augen. Neugierig schaut sie zur�ck. Langsam d�mmert ihr, dass sie es kennt. Es hei�t Lottchen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Lottchen sitzt auf den Rollstuhlknien, als sie gemeinsam zur�ckfahren auf Station.</p><p><emphasis>Wo wohnst du denn?</emphasis></p><p>Lottchen m�chte wissen, wo sie wohnt. So lange dauert ihr also die Abwesenheit, dass sie glaubt, die Mama sei umgezogen. Ausgezogen. Sie wollte ja auch ausziehen. Kommt die Tatsache, dass sie sich hier aufh�lt, der Absicht nun nahe oder entfernt sie uns von ihr? Wieder so etwas, das sich nicht weiter greifen l�sst, als die Frage hergibt. Die (im Stillen) ausgesprochene Ungewissheit wehrt jede Art von Antworten ab, indem sie f�r Konfusion sorgt in Helenes Kopf. Trennungsgequatsche w�re deplatziert in dieser Situation. Sie versucht, gewaltsam f�r Ruhe zu sorgen. Schlie�t die Augen, was gut geht, da Matthes sie schiebt.</p><p><emphasis>Au</emphasis></p><p>, schreit Lottchen belustigt,</p><p><emphasis>du kneifst mich ja!</emphasis></p><p><emphasis>Und Reinhardsbrunn? Wie hat es dir gefallen bei den Gro�eltern?</emphasis></p><p>Trumpfkarte. Lottchen erz�hlt, was der Opa alles angestellt hat mit ihr. Im Wald Himbeeren und Blaubeeren gesucht. V�gel, Schmetterlinge und Pflanzen beim Namen genannt. Eine richtige Schmetterlingsexpertin sei sie geworden, sagt Matthes.</p><p><emphasis>Und siehst du, Mama, das da ist blo� ein Kohlwei�ling, davon gibt�s viele, aber ein Tagpfauenauge ist schon viel sch�ner und seltener, und einen Schachbrettfalter oder einen Admiral musst du richtig suchen!</emphasis></p><p>Ihre eigene Kindheit war von Schmetterlingen, Pflanzen und V�geln bestimmt gewesen, die der Vater hingebungsvoll mit ihr beobachtet hatte. Sie ist ger�hrt, dass er das auch mit ihrer Tochter tut, w�hrend ihre Mutter, wie fr�her, zu Hause kocht und b�ckt. Danach braucht sie nicht zu fragen. Ihr Verhalten eine Endlosschleife. Auf einmal hat es etwas sehr Beruhigendes, dass sich die Geschichten wiederholen lassen. Die Emp�rung dar�ber, dass ihre Mutter zu Hause bleibt, um die Aufgaben des Weibchens zu �bernehmen, w�hrend der Vater ihr die Welt zeigt, ist nicht mehr auffindbar. Wenn sie nach Hause kamen, war die W�sche gewaschen und aufgeh�ngt, die Kartoffeln dampften aus der Sch�ssel, es gab gebratene Blutwurst und Sauerkraut, der Geruch zieht ihr sofort in die Nase. Nie h�tte sie gedacht, unter ihrem feministischen �berzieher so etwas wie Nachsicht auszumachen f�r die Rollenverteilung ihrer Eltern. Nachsicht? Nein, Dankbarkeit ist es wom�glich, die sich da breitmacht. Sie sieht ihren Vater pl�tzlich, wie er die Mutter k�sst nach der Wiederkehr, mit Stolz im Blick, warum hat sie das fr�her nicht mehr gesehen, als sie es wirklich sah, wenn ihr Vater mit den kleinen Schwestern nach Hause kam von den immer gleichen Touren und sie schon gro� genug war, sich aufzulehnen gegen die vermeintliche Bestimmung, die doch auch auf sie wartete � Ihre Mutter war immer berufst�tig gewesen, hatte tagaus, tagein als Lehrerin Horden von Schulkindern Lesen und Schreiben beigebracht � h�tte ihr das nicht reichen m�ssen? H�tte sie im Handeln ihrer Eltern nicht Aufgabenteilung sehen k�nnen? Ging es bei ihnen nicht viel ruhiger, viel weniger chaotisch zu als in ihrem eigenen Haushalt mit den f�nf Kindern, und war das nicht eine Folge dessen, dass klar war, wer was tut? Jeder das, was er am besten kann?</p><p>Es ist seltsam, wie festgef�gte Auffassungen �bereinander herfallen und sich in v�llig anderen Zusammenh�ngen zeigen als bislang. Wie sie einander ausl�schen mit nicht viel mehr als einem einzigen Satz eines Kindes.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie hat Matthes endlos nachgeschaut vom Fenster aus. Es ist lange her, dass sie das zum letzten Mal tat. Sie studierten noch, er Mathematik, sie Psychologie, und er war von einer Eisbar am Leipziger Marktplatz zur Stra�enbahn gerannt. Noch heute sieht sie, wie er l�uft. Mit wehendem, langem Haar, hin und her pendelndem Kopf, ausgreifenden Armen und schlenkerndem Schritt, der die Knie regelm��ig aneinanderschlagen l�sst. Der Bus sollte ihn nach Hause bringen. Sein Zuhause war eine Wohnung in Wiederitzsch mit Frau und zwei kleinen Kindern. Geboren im Zweijahresabstand, eines im ersten Studienjahr, eines im dritten. Jetzt waren sie im f�nften.</p><p>Er liebte sie.</p><p>Sie hatte ihn nicht geliebt.</p><p>Bis sie einmal, als sie gemeinsam Theater spielten, Studentenb�hne, seine d�rren, sperrigen Schultern sah. Beim Umziehen. In diese d�rren, sperrigen Schultern hatte sie sich sofort hineingew�nscht und erstaunt beobachtet, wie sie sich ver�nderte. Einen Mann</p><p><emphasis>in festen H�nden</emphasis></p><p>hatte sie sich nicht denken k�nnen. Als sie das erste Mal miteinander schliefen, nannte er sie Blau�uglein und redete die gelben Kirschen rot, die vor dem Wohnheimzimmerfenster am Baum hingen. Er hatte nach Angst gerochen und es trotzdem getan. Ihr Sohn Bengt hatte im Nachbarzimmer seinen Mittagsschlaf gehalten. Eigentlich wohnte sie mit ihm gemeinsam in dem</p><p>12-</p><p>qm-Zimmer, aber die Nachbarin war f�r eine Woche nicht da und hatte ihr den Schl�ssel �berlassen. Bengt war es schlie�lich gewesen, der sie aus seinen Schultern gerufen hatte. Schnell hatte Matthes sich angezogen. So schnell, dass er wie immer am Tisch sa�, als sie mit Bengt hereinkam.</p><p>Sie liebte Matthes.</p><p>Sie hatte ihm lange nachgeschaut, als er zur Bahn nach Wiederitzsch gerannt war. Ihre Tr�nen waren die der Aussichtslosigkeit gewesen, die �ber dieser Beziehung zu h�ngen schien.</p><p>Falls es auch jetzt Aussichtslosigkeit ist, die sie f�hlen sollte, ruft sie keine Tr�nen hervor.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>F�r ein paar Stunden k�nnen Sie die Station verlassen, wenn wir nicht wirklich wissen, wo Sie sind</emphasis></p><p>, sagt die Schwester und zwinkert ihr zu.</p><p>Was soll das bedeuten? Helene hat sich nat�rlich immer abgemeldet bislang, in die Cafeteria oder den weitl�ufigen Krankenhauspark, aber nie f�r l�nger als ein St�ndchen. Sie wollen nicht wissen, wo sie ist? Helene gibt es beim n�chsten Besuch an Matthes weiter, und der stellt f�r das Wochenende einen Kurzurlaub in Aussicht. Also doch, denkt sie und ist stolz darauf, es ohne angeh�ngte Frage an Matthes �bermittelt zu haben. Leider kann er noch immer nicht Auto fahren. Aber sie ja auch nicht! Nicht mehr! Daran hatte sie noch nicht gedacht.</p><p><emphasis>Wir werden das Auto verkaufen m�ssen,</emphasis></p><p>sagt sie.</p><p><emphasis>Abwarten</emphasis></p><p>, sagt er.</p><p>Immer sagt er abwarten. Es gibt nichts abzuwarten. Dass sie nicht mehr Auto fahren kann, merkt doch ein Blinder mit Kr�ckstock. Sie ist ver�rgert.</p><p>Wer sollte sie f�r ein paar Stunden nach Hause holen? Sie muss sich �berraschen lassen.</p><p><emphasis>Bis morgen.</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Samstag hat wenig Personal. Eine Schwester f�r fr�h, eine f�r sp�t, eine f�r nachts. Dazu zwei Zivildienstleistende. Froh sind die, dass sie abr�ckt.</p><p>Es ist kurz vor zwei.</p><p>Die Bettnachbarin hat Besuch von ihrem Freund, ein lustiges Paar, und schon jenseits der siebzig! Er hat ihr Schl�pfer mitbringen sollen, aber bei ihr zu Hause keine gefunden und darum welche gekauft. Es sind Tangas. Sie zeigt ihm einen Vogel. Helene stellt sie sich reizend vor im Tanga, mit ihrem zierlichen, mageren K�rper.</p><p>Frau Bandner, die Einbeinige, hockt angezogen und fett grinsend wie immer im Rollstuhl und wartet auf den Ehrenamtlichen von der katholischen Kirche, der sie besuchen soll.</p><p>Die Ausgetrocknete zittert vor Angst mit ihrer Bettpfanne �berm Kopf.</p><p>Ob sie hier rausgeht oder bleibt, l�sst sie seltsam kalt.</p><p>Zehn Minuten nach zwei betritt ein riesiger Feldblumenstrau� das Zimmer. An ihm h�ngt kein K�rtchen, aber J�rgen, der Ernestine hinter sich ins Zimmer zieht. �berraschung gelungen, denn die beiden wohnen weit weg, in L�beck. Sind mit Matthes befreundet seit ein paar Jahren. Sie w�ssern den Strau�, packen Helene in den Rollstuhl und geben der Schwester Bescheid, dass sie mit ihr hinuntergehen wollen in den Park, es ist doch so sch�nes Wetter. Und unten schippern sie dann �ber den langen Betonweg zum Nebenparkplatz, der weitgehend unbekannt, vor allem aber kostenfrei ist. Helene staunt dar�ber, wie schnell Ortsfremde so etwas herausbekommen. Das Umsteigen ins Auto ger�t zum Akt � J�rgen hebt ihren Oberk�rper an, das linke Bein setzt sie selbst ins Auto, und das rechte h�lt Ernestine gepackt. Schiebt es m�hsam hinterher. Das Zusammenklappen des Rollstuhls � b�hnenreif. Schlie�lich fahren sie los.</p><p>Kurze S�tze. Subjekt Pr�dikat Objekt</p><p><emphasis>. Ich sah euch kommen. Ich freue mich auf zu Hause. Ihr seht gut aus. Du tr�gst ein sch�nes Hemd.</emphasis></p><p><emphasis>Deine Haare sind grau geworden. Du bist geschrumpft.</emphasis></p><p>Du bist geschrumpft? Sie wei� nicht, warum und zu wem sie das sagte, aber Ernestine hat es auf dem Fahrersitz nicht geh�rt, und J�rgen fragt nach.</p><p><emphasis>H�? Was bin ich? Betrunken?</emphasis></p><p>Neinneinnein, J�rgen hat Alkoholentzug und eine lange Therapiephase hinter sich und ist seit vielen Jahren trocken.</p><p><emphasis>Bestrumpft</emphasis></p><p>, f�llt ihr ein, sie schaut an J�rgen herab, und in der Tat tr�gt er Ringels�ckchen zu den kurzen Hosen.</p><p><emphasis>Bestrumpft, du bist bestrumpft!</emphasis></p><p>wiederholt sie inst�ndig, und J�rgen rattert los. Spricht so schnell, dass, wenn sie den Satz nach dem Subjekt durchforstet hat in Gedanken, Objekt und Pr�dikat unwiederbringlich verloren sind f�r sie.</p><p><emphasis>DieStr�mpfedasHemddieHitzederFu�pilzdieH�nde-</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>dieF��edieHolzpantoletten.</emphasis></p><p>Mager. Sie zuckt die Schultern, als J�rgen sie fragend ansieht. Wird rot.</p><p><emphasis>Das war zu schnell f�r mich</emphasis></p><p>, sagt sie langsam.</p><p><emphasis>Dann spreche ich langsam</emphasis></p><p>, sagt J�rgen schnell.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Alle stehen an der Gartent�r und erwarten sie. Sogar Familie Farber von nebenan und Suschkes, deren Haus auf der vorderen Grundst�cksh�lfte steht. Viele H�nde sch�tteln ihre linke, Frau Suschke gibt ihr als Einzige die linke Hand. War Oberschwester in der Uniklinik, kein Wunder.</p><p>Helene sieht ihre Kinder, alle f�nf, und kann es nicht fassen, dass so viel Fleisch in ihr Platz hatte. Sieht sich aufgehen wie einen Hefeklo�, aber Matthes knetet sie schnell zusammen, indem er sie gar nicht mehr loslassen will. Sie erinnert sich daran, dass sie fr�her klein werden und in seine Achsel rutschen wollte bei unangenehmen Anl�ssen. Vor dem Staatsexamen. Vor diversen Vorstellungsgespr�chen. Dass sie aber recht gro� und dick war und ihr das vor solch unangenehmen Anl�ssen immer doppelt bewusst wurde. Einmal angesichts der Unm�glichkeit, in seiner Achsel Asyl zu suchen, zum anderen aber als nachteiliger Begleitumstand: Pr�fer und Arbeitgeber hatten wom�glich mit Gro�en und Dicken nichts am Hut, sodass sie regelm��ig mit eingezogenen Schultern und flatterigen weiten Kleidern am Ort des zu Erwartenden erschien. Polster verstecken war angesagt. Aber ihre schwarze Hose, merkt sie gerade, ist ziemlich weit geworden in den letzten Wochen �</p><p>Im Haus gibt es Quarkkuchen. Matthes hat gebacken. Helene isst seinen Kuchen so gern, wie er ihn b�ckt, eigentlich, aber bekommt nur ein halbes St�ck hinunter. Matthes reagiert seltsam, schickt die versammelte Mannschaft auf einen Spaziergang,</p><p><emphasis>so ungef�hr eine Stunde!</emphasis></p><p>und bringt sie ins Bett. Ehe sie sich�s versieht, ist er �ber ihr, rei�t ihr die Kleider herunter, sie hat keine Lust, sie f�hlt sich</p><p><emphasis>invalide</emphasis></p><p>, stammelt, m�chte es ihm sagen, doch k�rperlich hat sie ihm nichts entgegenzusetzen. Sie denkt an die vielen Wochen, die er</p><p><emphasis>ohne das</emphasis></p><p>auskommen musste. Ungl�ubig liegt sie da, unf�hig, ein Wort zu sagen. Langsam steigt etwas in der linken, der intakten K�rperh�lfte auf, das sie zu kennen meint: Abwehr. Sie traut sich nicht, sie zum Einsatz zu bringen. Matthes k�sst sie ausgiebig.</p><p>Sie weint.</p><p>Bestimmt denkt er, sie sei gl�cklich.</p><p>Denkt sie.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes geht den anderen entgegen, schiebt sie im Rollstuhl. Der Kinderwagen f�r die j�ngste Tochter hatte einen Schwenkb�gel, man konnte einstellen, ob man ihr ins Gesicht schauen wollte, w�hrend man fuhr, oder ob man ihr den Blick in die Welt freimachte. Matthes entschied sich meist f�r Augenkontakt mit der J�ngsten, Helene f�r den Weltblick. Jetzt ist sie froh, dass es diese Entscheidung beim Rollstuhl nicht gibt. Wom�glich w�re Matthes auf Augenkontakt aus.</p><p>Ihre Tr�nen haben salzige Krusten hinterlassen, die sie wegzuwischen trachtet. Das reicht nicht. Sie kratzt mit den Fingern�geln das Salz von der Haut. Hat sie das eben wirklich erlebt, oder war es einer von ihren undefinierbaren Tr�umen? Sofort kommt Verzweiflung auf, weil sie das nicht entscheiden kann. Ihr Gesicht zu einer unansehnlichen Fratze verzogen vom Versuch, das erneute Heulen zu unterdr�cken. Sie kann den Mund nicht schlie�en. Schaut nach unten, auf ihre Beine in den schlackernden Hosen. Speichel f�delt Sonnenlichtperlen auf. Die Schn�re ziehen sich in die L�nge, bis sie im schwarzen Hosenstoff in noch schw�rzeren Flecken enden. Sie will sie zerrei�en und wegwischen, aber da hat sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Weil sie kein Taschentuch hat, gibt es nichts, was sie aus der Welt schaffen k�nnte. Wie Treidelleinen schlingen sie sich um ihre H�nde, die speichelgefesselt im Scho� liegen bleiben � Matthes soll nichts merken.</p><p>Matthes merkt es.</p><p>Nat�rlich tut er so, als merke er nichts, und zieht eine Packung Taschent�cher aus seiner Hose. Eines f�ltelt er auf und l�sst es �ber ihren Kopf auf die H�nde segeln.</p><p>Noch immer kann Helene den Mund nicht schlie�en.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sp�ter sitzen sie in der K�che beieinander, Ernestine hat Beeren aus ihrem Garten mitgebracht. Wunderbare Himbeeren, schwarze Johannisbeeren. Helene labt sich selbstvergessen. Als eine Beere vom L�ffel f�llt, ist ihr, als rucke der rechte Arm ihr ein klein wenig entgegen, um sie aufzufangen. Sie schreit leise auf, die anderen schauen erschrocken zu ihr hin.</p><p><emphasis>Da! Meine rechte Hand!</emphasis></p><p>Sie hatte den Bewegungsimpuls deutlich gesp�rt, auch wenn der Arm sich wom�glich keinen Millimeter bewegte. Wachsen Nerven nach? Sind das Phantomimpulse? Wollen sich Verbindungen wieder schlie�en?</p><p>J�rgen juchzt als Erster:</p><p><emphasis>Na toll! Das wird schon wieder!</emphasis></p><p>Die knittrige Bl�dheit des Spruches wird ihm sofort bewusst, sie kichern verlegen. J�rgen, weil er hoffen m�chte, sie habe den Juchzer nicht geh�rt. Helene, weil sie ihn geh�rt hat und hoffen m�chte, J�rgen habe ihn nicht losgelassen. Sie beschlie�en wortlos, ihn in den Orkus des Gesagtgeh�rten eingehen zu lassen. Lottchen zertritt die heruntergefallene Beere, als sie vom Garten in die K�che kommt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Es geht auf f�nf. Sie wird unruhig. M�chte zur�ck in die Klinik. Traut sich nicht, das zu sagen. Sie sehnt sich nach ihrem Bett und der Ruhe darin, wenn sie die Decke �ber den Kopf gezogen hat. Von den vielen Menschen um sie herum, es sind noch immer acht, nimmt sie nur die Silhouetten wahr, h�rt nicht, was sie sagen. Lottchen zerrt, Mareile zickt, Bill z�ndelt, Bengt zetert, Lissy z�rtelt, J�rgen zerredet, Ernestine z�hlt sie alle. Mit ihr neun. Zwei zu viel f�r den Siebensitzer.</p><p>Matthes zensiert.</p><p>Sie zuckt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Es ist nach zehn. Sofort nach der R�ckkehr ist sie eingeschlafen. Dass sie nun wieder wach ist, ist keinesfalls Schicksal: Das Licht ging an zum Schichtwechsel, der Rundgang wurde gemacht. Obwohl l�ngst alle schliefen. Helene seufzt. Der Tag passiert Revue.</p><p>Hat Matthes wirklich mit ihr geschlafen?</p><p>Ihre Finger gehen in den Schl�pfer, sie riecht daran, als sie sie wieder heraufzieht.</p><p>Fisch.</p><p>Es ist wahr. Es ist wahr!</p><p>Vor ein paar Stunden noch h�tte sie lieber sagen wollen, dass sie es getr�umt hat. Es ist wunderbar, dass sich das gl�ttet und sie nun Traum und Realit�t in unterschiedliche Laden packen kann. So sehr freut sie sich dar�ber, dass sie zun�chst nicht bemerkt, wie das Erschrecken sich anschickt, die Macht zu �bernehmen. Als es pl�tzlich gro� und drohend �ber ihr steht, ist alle Freude weg.</p><p>Sie schaut auf die Uhr. Es ist zehn nach zw�lf.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Man macht einen Intelligenztest mit ihr. Legt ihr Reihen von Mustern und geometrischen Figuren vor, aus denen sie in einer bestimmten Zeit jenes herauspicken soll, das nicht passt. Nachdem sie sich eine Weile darauf eingestellt hat, geht das. Dann sind Zahlenfolgen zu erg�nzen.</p><p>121</p><p>,</p><p>100</p><p>,</p><p>81</p><p>,</p><p>64</p><p>��was kommt als N�chstes?</p><p>64</p><p>,</p><p>16</p><p>,</p><p>4</p><p>,</p><p>1</p><p>, � � was kommt als N�chstes? M�helos. Allerdings sieht es bei sprachbezogenen Aufgaben ganz anders aus. In einer Reihe von Tieren oder Fr�chten die nicht passenden zu finden, mag noch angehen, aber in kurzer Zeit so viele Obst- oder Gem�sesorten wie m�glich herzusagen, ohne bei zusammengesetzten W�rtern das Grundwort zu wiederholen, f�llt unendlich schwer. Buchstabenreihen zu sinnvollen Worten umzuordnen, will ebenso wenig gelingen. Bei Testreihen zum Kurzzeitged�chtnis sieht sie kein Land mehr � soeben vorgelesene, k�rzeste Episoden sind nach Sekunden nicht mehr abrufbar, kommen auch nach Minuten nicht zur�ck. Das hat sie vorher schon bemerkt: Wenn sie etwas tun m�chte, etwas holen oder jemandem etwas sagen, hat sie innerhalb eines Augenblicks pl�tzlich vergessen, was sie holen oder sagen wollte. Sie rollt dann mit dem Rollstuhl zwei, drei Meter zur�ck, und manchmal kommt es wieder. Meist aber nicht. Man bescheinigt ihr eine knapp durchschnittliche Intelligenz w�hrend dieser Untersuchungen.</p><p>Wie dumm ist sie wirklich geworden?</p><p>Verunsicherung grapscht nach ihr.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Heute hat sie den Nachmittag frei.</p><p>Das klingt, als st�nde sie unter gr��ter Arbeitsbelastung. Zum Lachen. Dabei hat sie</p><p><emphasis>familien</emphasis></p><p>frei.</p><p><emphasis>Besuchs</emphasis></p><p>frei. Sie gibt es ungern zu: Es freut sie. Fr�her beherbergte das Gel�nde ein riesiges psychiatrisches Krankenhaus, das sie gut kannte. Jetzt hat man hier eine ultramoderne Unfallklinik hochgezogen. Die alten, verstreuten Geb�ude stehen noch. In zweien von ihnen residiert eine private Augenklinik. Helene beginnt den Nachmittag mit einer Erkundungsfahrt.</p><p>Im Rollstuhl zun�chst zum Tierpark. Vor f�nfzehn Jahren, zu Bengts achtem Geburtstag, hatten sie eine gro�e Kindertour hierher gemacht. Die Wuhle entlang, die damals stank und nur an wenigen Stellen schaumgebremst anrollte, waren sie mit einer Horde von acht oder neun Bengeln losgezogen. Lissys Kinderwagen brach fast zusammen unter der Last der guten Sachen: Kartoffelsalat, kalte W�rstchen und Buletten, drei oder vier Sorten Kuchen, Kinderbowle im verschlie�baren Einkochautomaten mit Hahn. Preise f�r die Wettspiele nat�rlich. Matthes und sie hatten sich eng aneinander zu lehnen damals, denn ihm stand das Wasser, das er heulte, weil er seine Kinder nicht sehen durfte, bis zum Hals, und ihr ging die Muffe, weil sie sich entschlossen hatte, Bills Vater anzugeben, entgegen den Absprachen mit ihm. Matthes war f�r seine beiden Kinder unterhaltspflichtig, und sie fand es auf einmal widersinnig, auf Geld zu verzichten, das Bill, nicht ihr, zustand. Sechs Jahre ohne Vater � Nun hatte er hervorzukommen aus der Versenkung.</p><p>Zwischenzeit.</p><p>Matthes wartete auf das Jugendamt, um seine Exfrau von seiner Existenz zu �berzeugen. Sie wartete auf das Jugendamt, um einen Mann zum Vater zu machen.</p><p>Sie klammerten, was das Zeug hielt. Sie war in der besseren Position, denn ihr konnte man nicht ans Leder. Auch mit den Kindern sang sie lauter als Matthes, der aber daf�r traditionell die besseren Spielideen hatte. Sie tobten, sie war noch gut zu Fu�, �ber St�mme, auf Kletterger�sten. Auf einmal waren zwei Jungen verschwunden. Ihr Herz schlug, Panik machte sich breit, immerhin befanden sie sich im Park einer ausgedehnten Psychiatrie. Matthes wie immer ruhig und beherrscht, sie von der Seite anherrschend, der Panik wegen. Er �berlegte, rannte zur Wuhle, stieg an deren Ufer in einen Schacht und brachte �ber kurz oder lang die dreckverschmierten Kerlchen zum Vorschein, die grinsten und sich an der Aufregung, die sie verursacht hatten, schlie�lich zu h�chsten T�nen aufschaukelten. Helene und Matthes stimmten, hilflos? ein in das Indianergeheul und �berredeten die ganze Bande zum Essen. W�hrend sie daran denkt, zieht ihr der Duft einer Bulette von innen her in die Nase. Pl�tzlich sieht sie Matthes: Den Kopf leicht eingezogen, den R�cken angebuckelt, steht er voller Spannung am Herd, hat zwei Pfannen darauf gestellt und will das Gas entz�nden, um die Klopse zu braten. Das Gas str�mt, sie wartet darauf, dass er ein Streichholz anstreicht, aber nichts tut sich, er betrachtet nur gedankenverloren seine Hand, die den Gasknopf festh�lt. Jetzt hebt er das Gesicht, schaut zu ihr her�ber. Seine sehr alten Augen schauen durch sie hindurch, weit hinter ihr muss ein lohnenderes Ziel f�r seinen Blick auszumachen sein. Als sie die Augen schlie�t, kommt es zur Explosion, denn als sie sie wieder �ffnet, sieht sie seinen enth�uteten Sch�del auf sich zurollen.</p><p><emphasis>Na, Helenchen, schlafmer schonn widder?</emphasis></p><p>Ja, sie hat geschlafen. Der Zivi hat sie dabei erwischt, ist auf dem Heimweg und gr��t halbwegs freundlich. Eine halbe Stunde ist vergangen, seit sie ihr Zimmer verlie�. Kein Stehverm�gen, h�tte sie fr�her gesagt. Wenn sie es heute sagte, k�me der Doppelsinn auf allen vieren von hinten herangekrochen und kappte das Lachen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Wollte sie nicht schauen, was sie noch kennt? Was sie nicht kennt, schiebt sich eher zwischen den hohen B�umen hervor: die Krankenhauskirche. Fr�her eine Ruine, ist sie nun, restauriert, Ort f�r Gottesdienste und Konzerte. Sie rollt hinein, tiefes Blau: Ein naives Himmelchen mit Sternen w�lbt sich �ber den Altar.</p><p>Mit Matthes stand sie nicht vorm Altar. Sie hatten in Henrichshorst geheiratet. Genau dort, wo er kurz zuvor eine Wandzeitung ans Rathaus gepinnt und ihren� Ausreiseantrag �nach China publik gemacht hatte. Es war</p><p>1984</p><p>, man hatte ihnen keine Wohnung geben wollen. Ihm als Ehebrecher und ihr als Schlampe mit sozialen Bastarden zeigte man, was eine sozialistische Harke war. Zwei Wohnheimzimmerchen bewohnten sie, jedes hatte zw�lf Quadratmeter. Der f�nfj�hrige Bengt und Billy in dem einen. Im anderen Matthes und sie, mit dickem Lissybauch. Gemeinschaftsk�che, Gemeinschaftsbad im Keller, Gemeinschaftsklo. Die Liege im gemeinsamen Zimmer war neunzig Zentimeter breit. Sie sehnten sich nach den N�chten, in denen sie vergessen konnten, was tags�ber geschah. Matthes fuhr in die Mitte Berlins zur Arbeit als Kalkulator in einem Heizkraftwerk, ein Job, der seiner Ausbildung kaum entsprach, den er aber nach dem Wegzug von seiner Frau einfach hatte annehmen m�ssen. Drei Kilometer Fahrrad, sechs Kilometer Vorort-Stra�enbahn, drei�ig Kilometer S-Bahn, zwei Kilometer Bus. Bis zu zwei Stunden brauchte er f�r eine Tour. Sie dagegen brachte um sechs Bengt in den Kindergarten, drei Fahrradkilometer weiter Billy zur Tagesmutter, fuhr sechs Kilometer mit der Vorort-Stra�enbahn und zwanzig mit der S-Bahn, ehe sie die letzten vier eine andere, innerst�dtische Tram nutzte und so ihre Berliner Klinik erreichte, in der sie ein sechsmonatiges Praktikum zu absolvieren hatte, um der Arbeit in der neurologisch-psychiatrischen Kinderabteilung des Krankenhauses Henrichshorst gewachsen zu sein. Bleiben konnte sie dort nur bis</p><p>14</p><p>Uhr, denn</p><p>16</p><p>Uhr schloss die Tagesmutter ihre Pflegestelle. Die Berliner Klinik meldete das nach Henrichshorst, und sie bekam nur noch einen Bruchteil ihres Gehaltes, das eigentlich in voller H�he f�r die Dauer des Praktikums vereinbart worden war. Ihnen war kalt geworden. Immer Punkt neunzehn Uhr hatte sie die beiden Jungen bettfertig auf der Liegenkante sitzen, versuchte dann, Bengt noch etwas vorzulesen, w�hrend sie Billy im Arm wiegte. Meist schlief sie in jenem Moment ein, da Matthes nach seinem langen Tag �ber die nicht vorhandene Schwelle im Wohnheim trat. Staffelstab�bergabe. Er brachte die beiden ins andere Zimmer und legte sich zu ihr, sie lagen beide auf der Seite, ihr Hintern in seiner Scho�beuge, damit die Liege Platz hatte f�r sie.</p><p>An einem Wochenende, das f�r so etwas wie Erholung nicht ausreichte, bastelten sie. Ihre Gesichter montierten sie in einen Demonstrationszug chinesischer Arbeiter. Chinas Bev�lkerung �berschritt gerade die Milliardengrenze. Sie teilten mit, dort habe man ihnen eine Wohnung in Aussicht gestellt, weswegen sie ihre Ausreise nach China forcieren wollten. Falls aufgrund politischer Interessen ihr Weggang nach China nicht genehm sei, schrieben sie, w�rden sie nach Kasachstan ziehen. Dagegen konnte ja nun wahrlich niemand etwas haben, denn Kasachstan war eine Unionsrepublik innerhalb des gro�en Sowjetreiches. F�nfzehn davon gab es, sie machten sie zu f�nfzehn Fingern an drei H�nden, mit denen die Sowjetunion sie angeblich lockte. Die Wandzeitung hing keine halbe Stunde.</p><p>Daf�r kam zwei Tage sp�ter eine Nachricht von Matthes� Betrieb, dass man bereit w�re, ihnen eine Wohnung zu geben, falls sie heirateten.</p><p>Nie hatte sie heiraten wollen.</p><p>Kaum war Matthes� Scheidung durch, heirateten sie.</p><p>Im Karlshorster Schlafzimmer steht ein Bett von zwei Meter Breite.</p><p>Dar�ber w�lbt sich ein naives Himmelchen mit Sternen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Als sie aus der Kirche rollt, sieht sie Pfarrer Wittusch. Er kommt die Allee entlang, langsam, zu Fu�. Seine �rmel flattern wie Fledermausfl�gel. Scheint nachzudenken? Erkennt sie nicht, nat�rlich. Woher kennt sie ihn? Ach ja: Gleich nachdem sie ihre erste Wohnung bezogen hatten, ein Dreivierteljahr nach der Hochzeit, Lissy war schon sechs Monate alt, besuchte er sie. Er war auf der Suche nach Kirchenmitgliedern, die sich in den eben aus dem Boden gestampften Plattenbauten hatten ansiedeln lassen. Sie luden ihn zu Tee und Gespr�ch, das war viel damals f�r einen wie ihn, der an der Mehrzahl der T�ren abgewiesen wurde. Ihr fiel ein, dass sie getauft worden war, weil ihre christlichen Gro�eltern damals noch lebten und nicht vor den Kopf gesto�en werden durften. Diese Tatsache floss wie ein stilles Band um Wittusch und sie, w�hrend Matthes seinen atheistischen Zuschnitt deutlich herausstrich. Trotzdem hatten sich die M�nner etwas zu sagen, glaubt sie sich zu erinnern. Sie sieht Wittusch lachend am Tisch in der Diele sitzen. Als er ging, war er froh, an diesem Tag doch noch irgendwo eingelassen worden zu sein.</p><p><emphasis>Gott �</emphasis></p><p><emphasis>� h�rst du mich?</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>O Gott, was ist aus der Alkoholikerabteilung geworden �</p><p><emphasis>Das Haus steht leer und schweiget, und aus den Fenstern steiget</emphasis></p><p><emphasis>die wei�e Birke, wunderbar,</emphasis></p><p>variiert Helenes Aphasie den alten Claudius. Unwillk�rlich verzieht sich der Mund zu verlegenem L�cheln, das sie niemandem erkl�ren kann. Es ist n�mlich niemand da, es zu sehen.</p><p>Sie steht auf der langen Betonpiste zum Nebenparkplatz und schaut �ber die Wiese zur alten Alkoholentzugsstation. Wenige Male hatte sie die von innen gesehen. Damals arbeitete sie ehrenamtlich als Betreuerin einer jungen Frau aus der Nachbarschaft. Deren beide Kinder hatte man im Heim untergebracht, weil sie trank. Eine intelligente Chemielaborantin mit Abitur. Bestimmt hatte sie schon zehn Jahre lang nicht mehr an sie gedacht. Ob sie die Frau wiedererkennen w�rde, wenn sie ihr begegnete? Als sie sich zu erinnern versucht, sieht sie ein verlebtes, ledriges Gesicht, das unaufh�rlich alterte. Mit Anfang zwanzig! Irgendwie hatte Helene sie zum Entzug zwingen wollen, obwohl sie gewusst hatte, dass das nicht funktionierte. Ein paar Tage lang hatte sie das M�dchen mit dem alten Gesicht t�glich auf Station besucht, dann war es abgehauen. Heute steht der Klotz da dr�ben leer. Ein Typenbau f�r Kinder- und Pflegeheime, vorwendlich. Solche Geb�ude verteilen sich �ber den Ostteil der Stadt, viele leer gezogen. In Marzahn diente eines als Kinderheim. Gerhard f�llt ihr ein, der</p><p>1989</p><p>bis</p><p>91</p><p>einen Film drehte, mit dem er aus diesem Heim entlassene Vollj�hrige �ber zwei Jahre begleitete. Die M�dchen waren fr�h Mutter geworden, die Jungen fr�h V�ter. Einige hatten der Kriminalit�t nicht entkommen k�nnen. Es war kein niederdr�ckender Film geworden, sondern einer, der auf klare Weise aufr�umte mit Illusionen. Man hatte keine mehr, wenn man ihn gesehen hatte. Das war angenehm gewesen.</p><p>Gerhard wohnt in der N�he! Ihr ist nicht ganz klar, wie sie Bordsteinkanten nehmen k�nnte mit dem Rollstuhl. Au�erdem sollte sie ihn anrufen vorher, sonst muss sie sich wom�glich sofort auf den R�ckweg machen, wenn er nicht da ist.</p><p>Schade, kein Telefonverzeichnis.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Geschafft. Ist sie. Hat sie. Hat geschafft, den Nachmittag allein im Freien zu verbringen. Was ihr alles eingefallen ist! �berreizt schlie�t Helene die Augen, aber die hitzigen Bilder bleiben, wechseln in schneller Folge. Immer wieder Matthes, mit seinem Heutegesicht in alte Zeiten montiert, dabei hat er damals anders ausgesehen.</p><p>Sie auch.</p><p>Die Ergotherapeutin kommt, zur Abendhygiene. Ihre H�nde sind heute beide schlaff, auch die linke, die den Rollstuhl bewegt hat. Carola f�hrt sie ins Bad, sie zieht sich mit ihrer Hilfe aus. Eigentlich zieht Carola sie aus, sie muss es zugeben. Auf einer Duschliege schiebt sie sie unter den warmen Wasserstrahl. Sie kann aus dem Fenster sehen, w�hrend sie langsam, mit unersch�tterlicher Ruhe, gewaschen wird. Matthes hat ein duftendes, teuer aussehendes Duschbad mitgegeben. Sie sieht nicht mehr aus dem Fenster, sondern schlie�t wieder die Augen. Stellt sich vor, Matthes w�sche sie. Wenn er sie fr�her wusch, wusch sie ihn auch, bis sie unter der Dusche noch ineinandergerieten.</p><p>Lange her.</p><p>Sie wird rot, als sie die Augen �ffnet. Zum Gl�ck keine Regung.</p><p>Als sie zur�ckgefahren wird und vom Rollstuhl ins Bett bef�rdert werden soll, ist ihr, als k�nne sie sekundenlang stehen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes� Schwester Jutka kommt. Helene f�ngt sofort an zu weinen. Irgendwie ist sie erleichtert, dass sie jetzt weinen kann. Skeptisch wandert sie ihre Gef�hle ab. Eigentlich ist sie �berhaupt nicht traurig. Was also sollen die Tr�nen? Sie kann aber auch nicht aufh�ren zu weinen. Legt ein Lachen darunter. Unten lacht der Mund, oben laufen die Tr�nen. Was tut die Stimme? H�lt sich zur�ck. Jutka grinst.</p><p>Helene erinnert sich: Vor ein paar Jahren hat Jutka ihr erz�hlt, dass sie und Matthes grinsen mussten, als Oma Hilda begraben wurde. Mit kichernden Gesichtern w�ren sie, der Zehn- und die Siebenj�hrige, an den H�nden ihrer Eltern zur Kapelle gelaufen, h�tten zwischen ihnen Platz genommen und sich sehr ge�rgert �ber sich selbst, dann nat�rlich sei ihnen zum Heulen zumute gewesen, aber sie mussten eben grinsen, was das Fassungsverm�gen der Eltern �berstieg.</p><p>Helene ist nicht tot, sonst k�nnte sie Jutkas Grinsen nicht sehen. Oder?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>Hochwasser.</emphasis></p><p>Hohes Wasser.</p><p>Sie versteht nicht gleich, was damit gemeint ist, als der Nachrichtensprecher der Tagesschau, die im Gemeinschaftsraum gerade noch erlaubt ist, weil die� guten �Filme erst Viertel nach acht beginnen, davon spricht. Die nachfolgenden Bildberichte machen es klar. Sie zeigen ein �berflutetes Dresden, Wasser in Semperoper und Zwinger. Auch Tharandt und Freital sind heillos �berschwemmt. Zwei Talsperren sind �bergelaufen, Malter und Klingenberg. Man bringt riskante Fr�hgeburten bis nach Berlin, weil man nicht wei�, ob Dresdener Kliniken evakuiert werden m�ssen. Strom und Telefon fallen aus. Im Oberlaufgebiet der Donau bei Passau und Regensburg sieht es nicht viel anders aus. Der Sprecher sagt, dass die Sch�den die Folgen aller bisherigen Katastrophen seit dem Zweiten Weltkrieg �bertreffen.</p><p>Sie schaut auf den Bildschirm. L�ffelt einen Becher Joghurt dabei. Es erreicht sie nicht, eine dicke Schicht Gelatine h�ngt zwischen ihr und dem Ger�t. Der Anblick des Wassers st��t etwas an, wovor sie Angst hat, was sie aber nicht benennen kann.</p><p>Helenes Herz �bt den �berschlag.</p><p>Helenes Herz �bt den �berschlag, bis es ihn beherrscht.</p><p>Mit beherrscht schlagenden Herzen rollt sie zur�ck ins Zimmer, die Bandner grinst dick, ihre Bettnachbarin schl�ft schon. Wie hei�t sie eigentlich? Sie, mit der sie hier doch am meisten verbindet? Ist es wahr, dass sie ihren Namen gar nicht kennt? Beim Vorbeifahren liest sie das ins Klarsichtfach am Fu�ende ihres Bettes eingeschobene Zettelchen:</p><p><emphasis>Mittelner, Renja</emphasis></p><p>Renja Mittelner also, sie staunt �ber sich, dass sie das nicht interessiert hatte bislang.</p><p>Aus dem Nachttisch holt sie den Laptop hervor. Das Herz hat ja gerade erst angefangen, den �berschlag zu beherrschen, und in kleinen Episoden galoppiert es noch davon, wenn sie nicht darauf achtet. Es hat mit dem Wasser zu tun. Sie geht ins Textprogramm, untersucht die Dateien dieses Jahres auf das Wort</p><p><emphasis>Wasser</emphasis></p><p>Wird f�ndig: wassersuppe.doc, wasseripopasseri.doc, schwerwasser.doc. Beim �ffnen kommt die Erinnerung: schwerwasser.doc war einer der letzten Texte �</p><p><emphasis><strong>Du willst schwimmen gehen,</strong></emphasis></p><p><emphasis>das Meer dr�hnt, als lechze es nach dir, und trotzdem h�re ich den Sand knirschen unter deinen sch�nen, gro�en F��en, die jetzt �ber den Tang, die angeschwemmten H�lzer und Steine hinwegsteigen, du bleibst stehen, greifst den rechten Fu� mit der linken Hand, schaust die Sohle von unten an, hast du dich geschnitten? setzt ihn wieder ab, gehst z�gernd die letzten Schritte zum Wasser, beginnst pl�tzlich zu rennen und st�rzt dich mit wildem Eifer in die Flut, verschwindest zwischen den Wellen, tauchst wieder auf, winkst mir zu, ich winke zur�ck, lege den Kopf auf die Knie, das L�cheln auf meinem Gesicht passt nicht, ich will es zur�ckziehen, aber es bleibt, als h�ttest du es festgenagelt, hast du es festgenagelt? ich m�chte nicht l�cheln, du siehst es wahrscheinlich gar nicht von dort aus, kannst mich jedoch erkennen, wie ich hier sitze, den Hintern im Sand, die Knie ans Kinn hochgezogen, die H�nde jetzt fest um die Beine gekrallt, sonst w�rden sie sich wieder ausstrecken wollen, und immer gefalle ich dir, mit ausladendem dunkelrotem Mund und blauen Augen, Blau�uglein hast du mich vor �ber zwanzig Jahren genannt, ich sah deine Brust mit dem sp�rlichen Haarwuchs dabei und verging f�r Minuten, w�hrend du abwartetest und mich umdrehtest, jetzt hast du dich selbst umgedreht und liegst ausgestreckt auf dem R�cken, das Salzwasser schaukelt dich, ich m�chte dir lieber nicht gefallen, wie soll ich das anstellen? mir f�llt gar nichts ein, ich m�chte mich hinlegen, einbuddeln lassen im Sand, damit du mich nicht mehr findest, wenn du wiederkommst, obwohl es besser w�re, wenn du mich gar nicht suchtest, einfach gar nicht mehr daran d�chtest, dass es mich gegeben hat, f�r dich, wenn ich getilgt w�re aus deinen kleinen und gro�en Gedanken, die noch immer st�rmisch �ber mir hereinbrechen, morgens und mittags und abends, da ich an meinen eigenen Angelegenheiten kaue und die deinen so fremd f�r mich sind, denn unter dem Hemd trage ich noch dieselben Br�ste wie damals und finde es daher seltsam, dass deine Ber�hrungen nicht mehr das ausl�sen, was einmal das Unabdingbare war, meine Leidenschaft, meine besessene Gier, stattdessen fordern deine Ber�hrungen heute, was ich nicht hergeben will, was im plombierten Mund, hinter den verriegelten Augen festsitzt, im Verlies hocken Lust und Verlangen, kleine, vertrocknete Gnome, denen das Blut abhandenkam auf dem Weg durch die Jahre, du hast dich jetzt wieder gedreht, dein Honighaar hat sich in dunklen Zotteln �ber die Augen gelegt, du streichst es beiseite, schaust in den Himmel, ein Geschwader von Jagdflugzeugen hinterl�sst wei�e Streifen, auch du hast auf meinem R�cken manchmal mit den N�geln wei�e Streifen hinterlassen, die sich rasch r�teten, du hast das Blut erst beiseitegedr�ckt mit den Fingern, ehe es umso st�rker einschoss, und manchmal trug ich blutige Schnecken davon, da! du verschwindest wieder zwischen den Wellen, ich m�chte die Augen schlie�en, um diesen Moment zu dehnen, in dem du nicht existierst, einfach weg bist vom Fenster, das sich nicht �ffnet, dabei w�re es sch�n, eine Aussicht zu haben, in jeder fremden Stadt ist es immer die Aussicht, die ich suche, wenn ich im Hotel die Gardinen beiseiteziehe und hinausschaue, am liebsten sind mir weite Stadtrandsichten �ber Siedlungsh�user und Felder hinweg zum entfernten Horizont, dessen Oberlippe die Unterlippe presst, ich merke dann meist, dass auch meine Lippen sich aufeinandergepresst haben, und wenn ich nicht aufpasse, rollen Tr�nen an gegen die Sicht, die ich suchte, auf dass sie mir wieder versperrt wird, warum kann ich nicht weinen, wenn du in der N�he bist? du w�rdest endlich merken, dass mein L�cheln nicht stimmt und nicht das fr�hliche Blau der Iris, du w�rdest sehen, dass das fr�hliche Blau l�ngst ertrunken ist, aber wenn ich nicht weine, wirst du es wom�glich niemals merken, und das Einzige, was ich tun k�nnte, w�re dann, nichts mehr zu essen, bis ich ganz verschwunden bin, einfach aufh�ren zu essen bedeutet ja auch, auf den Stoffwechsel mit der Welt langsam, aber sicher zu verzichten, den ich nicht mehr betreiben will, wenn ich den Stoffwechsel mit dir schon so lange nicht mehr f�hlen kann, dass mein Haar dar�ber grau geworden ist, w�hrend deines seine Farbe behielt, die Farbe von fl�ssigem Waldhonig, nach dem es mir fr�her sogar zu schmecken schien, wenn seine Wellen meinen Mund streiften, was manchmal passierte, wenn ich dir ein Kind reichte und du schnell den Kopf wandtest, weil ein anderes Kind nach dir rief und das dritte wom�glich gerade hingefallen war, auf der Treppe sa� und heulte, dein sch�nes, langes Haar wogte an meiner Lippe vorbei, elektrisierte mich, ich hatte dann M�he, mich m�glichst schnell wiederzufinden zwischen den Kindern, die darauf warteten, mit dir und mit mir wegzufahren, zu spielen oder zu essen, sie hatten einander die Staffelst�be schnell �bergeben, kamen und gingen, l�ngst sind sie fortgezogen, wissen gar nicht, dass wir hier oben am Meer sind, f�r eine Sommerwoche, sehen dich nicht, den alt gewordenen Vater, dessen Kn�chel von bl�ulich-roten Besenreisern schimmern, w�hrend die Krampfadern meine Waden erdrosseln, ich wippe dagegen an, wo ich gehe und stehe, Ballen hoch, Ferse ab, Ferse hoch, Ballen ab, siehst du, ein stetiges Wippen ist meine Existenz, selbst hier am Strand hebe und senke ich unabl�ssig die F��e, die weglaufen wollen, mich aber nicht zu tragen verm�gen in eine Richtung, die ich dir nicht mitgeteilt habe, die dir ganz fremd ist und in die du nicht schauen kannst, weil du nur mich siehst, immer nur mich, dabei f�hle ich mich in deinem Blick wie im Schussfeld, stets in Erwartung feiner, hakenbewehrter Pfeile, die du nie abschie�t, denn du bist ja ein guter: Mann, Kamerad, Liebhaber, der niemals etwas tun w�rde, was schadet, mir und dir und der gro�en Welt jenseits der Zeitung, die du jeden Morgen liest, wie du auch mich zu lesen vermeinst und nicht merkst, dass ich nicht in deinen Augen zu Haus bin, eher w�rde ich sagen, wie du in mich hineinliest, so schallt es heraus, aber du willst es nicht h�ren, greifst stattdessen meinen Kopf mit deinen H�nden und nagelst das L�cheln fest, betrachtest zufrieden dein Werk, ehe du Holz hacken gehst oder umgraben oder schwimmen, warum ahnst du nur nicht, was uns bl�ht, was uns aufgeht, wenn wir einander nicht aus dem Weg treten, der da, wo wir jetzt stehen, l�ngst zu schmal ist f�r zwei, und da, wo wir morgen stehen werden, vielleicht ganz an sein Ende kommt, und jetzt, wo du so weit drau�en bist, dass ich dich beinahe nicht mehr sehen muss, nehme ich beide H�nde an die Wangenknochen und rei�e die Stifte heraus, dass es zusammenf�llt: mein L�cheln, mit ihm st�rzt nur ein Weltchen ein, ein kleiner Kosmos, in dessen Zentrum ich eben noch sa� und aus dem ich nun aufstehe, mich wundere, wie still sich die Koordinaten ein wenig schr�ger stellen, nicht mehr im rechten Winkel zueinander, sondern im abgestumpften Verh�ltnis geben sie mir den Halt, den ich brauche, dir nicht zur Last zu fallen nachher, wenn du an Land kommen wirst, w�hrend ich auf und ab trippeln, wippen und dir nicht erkl�ren werde, was gerade passiert ist.</emphasis></p><p>Hat sie das geschrieben? Nat�rlich. Wenn Matthes sie fragte, was sie da eben gelesen h�tte � sie k�nnte es nicht sagen. Bestimmt ist es gut, nichts �ber Aphasien lesen zu m�ssen, denkt sie pl�tzlich. Dann aber kommt ein Gef�hl, das ihr den Zeitpunkt nahebringt, zu dem der Text entstanden war. Kann ein Gef�hl so etwas �berhaupt? Wie auf dem Wasser schwankt das, was sie denkt, sie kann es kaum halten und greift nach der Reling: Pietro hatte seinen Geburtstag am sechsten Juni in seinem H�uschen bei Anklam gefeiert, und am Tag darauf waren sie hin�bergefahren nach Usedom, Lottchen im Schlepptau. Irgendwie hatte Qual in der Luft gelegen, selbst die Erinnerung daran ist eine Qual. Wo sie sich zu zweit bewegten, hatte sie immer gute Miene gemacht, um nicht unbedacht einzurei�en, was Matthes m�hsam aufgebaut hatte. Als er sich endlich ein St�ck von ihr entfernte, um ins Wasser zu gehen, war es zusammengefallen.</p><p>Ihr L�cheln.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie hat sehr fest geschlafen. Als gegen vier Uhr die Schwesternsch�lerin kam, um Puls und Temperatur zu messen, war sie abweisend. Ver�rgert �ber die St�rung. Das M�dchen hat es nicht gemerkt.</p><p>Jetzt liegt sie und denkt.</p><p>Was ist Denken?</p><p>Denken m�sste doch so etwas wie Fortbewegung im Stillen sein, an einer langen Halteleine, sodass man sicher durch die Wildnis der Wahrnehmung kommt. Indem man hin und wieder auf die Halteleine schaut, schirmt man sich ab vor zu vielen Eindr�cken. Das Denken verwurstelt sich dann nicht so leicht.</p><p>Wo ist ihre Halteleine?</p><p>Sie kann sie nicht sehen. Stattdessen flieht ein Gedanke den n�chsten, der links von ihr als H�scher auftritt, ehe er rechts als Gejagter die Bildfl�che verl�sst. Ohne Spuren zu hinterlassen.</p><p>Woran denkt sie also?</p><p>Daran, dass sie zu denken versucht.</p><p><emphasis>Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken. Wenn du denkst, du denkst, denkst du, dass du denkst, doch denken tust du nie.</emphasis></p><p>Diesen Spruch hatte ihr Vater immer auf den Lippen, sie hat ihn seit der Kindheit parat, auch jetzt verlie� er sie also nicht.</p><p><emphasis>Ich habe den Schl�ssel zum Garten, in dem drei M�dchen warten. Die erste hei�t Binka, die zweite hei�t Bibeldebinka, die dritte hei�t Zwicknicknacknobeldebobeldebibeldebinka.</emphasis></p><p>Die Vaterspr�che mehren sich offenbar. Da ist schon der n�chste:</p><p><emphasis>Seht unsern Hausmeister, Maus hei�t er! Unterm Dach meist haust er, wie es hei�t, maust er.</emphasis></p><p>Und ehe sie will, kommt ihr noch einer in den � Sinn?:</p><p><emphasis>Die Boxer aus der Meisterklasse zerschlugen sich zu Kleistermasse. Doch aus dem ganzen Massenkleister erhob sich dann der Klassenmeister!</emphasis></p><p>Ja, sie m�ssen Helene in den</p><p><emphasis>Sinn</emphasis></p><p>gekommen sein. In den Sinn kommt doch aber nur, was die Sinne anspricht.</p><p><emphasis>Aus den Augen, aus dem Sinn!</emphasis></p><p>hatte ihre Urgro�mutter immer gesagt, egal, ob sie nun etwas verloren hatte, was sich nicht wieder anfand, oder ob sie ihren Bruder Walther meinte, der so selten auf ihre langen Briefe antwortete. Im S�tterlin waren die abgefasst. Helene sollte sich ein S�tterlin-Buch mitbringen lassen und nachschauen, ob sie das noch lesen kann. Fr�her konnte sie in S�tterlin schreiben, hat das aber schon lange nicht mehr probiert. Aber � sie kann ja �berhaupt nicht schreiben, wenn sie einen Stift in die rechte Hand nimmt! Weder Latein noch S�tterlin � Mit links m�sste sie es probieren. Sie wird ja hier und da weiterhin eine Unterschrift leisten m�ssen. Die wird anders aussehen als bislang: Das H hatte sie einfach schwungvoll in einen linken und einen rechten Bogen zerlegt, E und L und E als drei unterschiedlich gro�e Exemplare desselben Wesens nebeneinandergesetzt und dann N und E zu einer Linie zerwaschen. Das W des Nachnamens hat sie gro� und deutlich geschrieben, die anderen Buchstaben bis auf das Abschlu�-L nur als Strich gezeichnet. Wann hatte sie sich das angew�hnt? Die Zeit nach der Hochzeit f�llt ihr ein, sie sieht sich am Sekret�r in der damaligen Wohnung sitzen und �ben. Es dauerte, bis sie� Wesendahl �angenommen hatte f�r sich.�Das Wesen Dahl �pflegte sie ihr damaliger Chef zu nennen, nicht ohne s�ffisant zu betonen, dass er ihre Heirat f�r nicht ma�geblich und sie unter der Hand auch weiterhin f�r ein passendes Objekt seiner Begierde hielt. Sie sieht sein Gesicht vor sich: Anfang</p><p>40</p><p>, recht lange Koteletten, obwohl das Anfang der</p><p>80</p><p>er-Jahre gar nicht mehr modern war, beginnende Halbglatze. Immer im wei�en Arztkittel, in dem er sogar fr�hmorgens aus dem Auto stieg. Seine Frau war Schwester in der Inneren und fuhr ein eigenes Auto. F�r ostdeutsche Verh�ltnisse sehr ungew�hnlich. Sie war krankhaft eifers�chtig, machte ihm Szenen, die nur jene verstanden, die mit ihm arbeiteten: Ihre Art, ihn wutblitzend und schweigend anzustarren, war so laut, dass einem davon der Sch�del dr�hnte. Begann nicht damals eine angehende �rztin ihr Praktikum in der Ambulanzabteilung des Krankenhauses? Jetzt fliegt ihr das Gesicht wieder zu � Sie meinte, sich unsterblich in den Chef verliebt zu haben, der sie aber seltsamerweise floh wie der Teufel das Weihwasser. Dabei lie� er eigentlich kein R�ckchen anbrennen. Verena? Verena hie� sie, in der Tat. Hatte eine kleine Tochter und wollte Gyn�kologin werden wie ihre Schwester, in deren Sprechstunde sie damals ging, als sie mit Lissy schwanger war. Lissy kam schlie�lich als gro�e blaue Wurst zur Welt, wog</p><p>4500</p><p>g, nachdem man Helene eine Woche zuvor beim Ultraschall in der Bezirksstadtklinik Untergewicht prophezeit und sie ziemlich rotzig des Rauchens bezichtigt hatte. Ach, eine Zigarette h�tte sie jetzt gerne �</p><p>Sie kommt zu sich zur�ck, weil durch das ge�ffnete Fenster Zigarettenqualm ins Zimmer zieht. Die Flut der Gedanken verebbt, zieht sich zur�ck, als sie den Duft riecht. Da raucht doch einer Gauloises! Aber sich jetzt in den Rollstuhl zu hieven und zum Fenster zu fahren, fehlt ihr die Energie. Sie l�sst sich einlullen. Benebeln.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes teilt den Nebel. Er kommt heute fr�her als sonst. Helene wird auf der Stelle unruhig, liegt nicht gern im Bett, wenn Matthes kommt, aber hier ist sie ja eigentlich sicher � Oder?</p><p>Die Unruhe legt sich nicht. Matthes sieht sie an und l�chelt. Ob sich sein L�cheln von ihrem unterscheidet? Ihres ist vermutlich �fter dabei, einzust�rzen, w�hrend seines sich in Momenten des Verschwindens zu einem breiten, sehr fetten Grinsen wandelt.</p><p>Frauen und M�nner.</p><p>Passen nicht zusammen.</p><p>Nun muss sie aber ein wirkliches L�cheln l�cheln, das nicht zusammenf�llt. Sie nimmt seine Hand und f�hlt sich wohl. Die Unruhe scheint hinter dem L�cheln versackt zu sein, sie ist so pl�tzlich weg, wie sie aufgetreten ist.</p><p>Matthes freut sich, dass Helene seine rechte Hand mit ihrer linken festh�lt und streichelt. Wann hat sie das zum letzten Mal gemacht? Dar�ber will sie lieber nicht nachdenken m�ssen.</p><p>Sie sehen sich fest in die Augen. Seine dunkelbraune Iris verr�t nichts. Trotzdem merkt sie, wie ihr die Sinne ganz vergehen wollen im Eintauchen in diese Farbe. Wie fr�her. Wie sehr viel fr�her, als an Trennung noch nicht zu denken gewesen war und sie turtelnd ihre Abende miteinander verbrachten. Die Tage waren dazu da gewesen, die Sehnsucht nacheinander aufzuschaukeln. Kam er nach Hause, war sie es oft genug, die �ber ihn herfiel, die T�r abschloss. Ihm die Kleider vom Leib riss, w�hrend die Kinder unten auf dem Spielplatz die Zeit ebenso verga�en wie sie.</p><p>Seine dunkle Iris war ihr Platz unter Wasser gewesen. Unten, wo das Licht kaum noch hinlangte. Wenn er lag und an die Decke starrte, konnte sie nicht anders, als sich auf ihn zu setzen und ihm in die Augen zu schauen, und �ber kurz oder lang versank sie dann darin.</p><p>Ein fremd gewordenes F�hlen langt nach ihr.</p><p>Sie schlie�t die Augen, weil sie vor R�hrung weinen wird. Sie merkt es und �rgert sich, dass sie Matthes an diesen Tr�nen nicht einfach teilhaben lassen kann.</p><p><emphasis>Frauen und M�nner passen wirklich nicht zusammen,</emphasis></p><p>sagt sie leise und langsam.</p><p>Ein sp�ttischer Spruch, der fr�her ihre Meinungsverschiedenheiten begleitete. Jetzt ist er aus der Peinlichkeit ihrer Heulerei hervorgekrochen und wirft sich h�ndisch Matthes zu F��en.</p><p><emphasis>Da hast du recht</emphasis></p><p>, sagt er. Tritt nicht nach ihm. Jagt ihn nicht fort.</p><p>Er lacht.</p><p>Wenig sp�ter hat er Helene in den Rollstuhl gesetzt. Sie fahren �ber die Stationsetage. Neben ihrem ist ein Zimmer mit Quarant�neschild, sie sieht es jetzt zum ersten Mal. Wundert sich, was auf der</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>Infektionen zu suchen haben. Eine Schwester mit Handschuhen und Mundschutz tritt heraus, aber ehe sie einen Blick hineinwerfen k�nnte, ist die T�r schon wieder geschlossen. Ihre Neugier steigt so hei� auf, dass sie die Gesichts- und Halsr�te genau sp�rt.</p><p>Matthes hat sie beobachtet und feixt. Sie m�chte schreien. Ist sie jetzt ein kleines Kind, dem man Sehns�chte, Neugierde und Verbocktheiten einfach so ansieht? So w�tend ist sie, dass sie ihn mit dem linken Bein zu treten versucht, er springt erschrocken zur Seite. Diese Mischung aus Wut und Scham hat ihr die Sprache verschlagen. Sie kann sie �berhaupt nicht aufrufen. Die Sprache, das schlafende Tier � Jedes Wort muss sie hervorsuchen und im Stillen aussprechen, bevor sie es laut sagt. Aber jetzt ist alles fort, nur Konfusion im Kopf, selbst die schlafende Sprache ist nicht mehr auffindbar, das Herz rast, sie hat das Gef�hl, dass der Clip in ihrem Kopf zu tackern beginnt, und als sie die Hand vor den Kopf schl�gt, eigentlich wollte sie beide H�nde vor den Kopf schlagen, bemerkt sie die Speichelf�den, die links, mittig und rechts aus dem Mund h�ngen. Sie haften an der Hand, die sie gar nicht mehr trocken kriegt. Nun heult sie richtig los, und Matthes schiebt sie, wie sie es will, ganz ans Ende des Ganges.</p><p>Des Ganges?</p><p>In Kalkutta w�re ihr das nicht passiert.</p><p>Warum eigentlich nicht? Weil Indiens Gurus sie mit ihren mageren, langfingrigen H�nden beschirmt und besch�tzt h�tten? Sie schwitzt ja jetzt wie an jedem Tag, den sie in Indien unterwegs war! Dass sie eben an Kalkutta dachte, w�hrend sie ans Ende des Ganges geschoben werden wollte, sorgt daf�r, dass sie Tr�nen lacht. Oder unter Tr�nen lacht? Sprache im Inneren funktioniert irgendwie besser. Es scheint, als ob noch vor der �bersetzung ins gesprochene Wort der Bauplan der Rede einst�rzte und sie unm�glich macht. So, dass sie gar keinen Plan mehr davon hat, wovon die Rede h�tte sein m�ssen. Sobald sich auch nur eine kleine Aufregung einmischt, f�llt das Wortkartenhaus zusammen. Und w�hrend sie also unter Tr�nen Tr�nen lacht, sieht sie sich im Ramakrishna-Tempel in Belur Math. Gehockt, bef�llt sie ein Anflug Glaubens im Unglauben: Wird er sie wom�glich erretten? Sie wieder gehend machen? Gar schreibend? Die Augen h�lt sie geschlossen, damit sie nicht sehen muss, was um sie herum geschieht. Die Ohren kann sie noch immer so gut wie vorher auf Durchgang stellen. Es ist sch�n, was sie auf einmal f�hlt: Einsamkeit, Stille. Sie ist versunken. Nicht im Glauben, aber in Erinnerungen, und eine Art Dankbarkeit breitet sich aus, dass sie schnell noch in Indien war, ehe das Aneurysma platzte. In ihrem jetzigen Zustand w�rde sie niemand fragen, ob sie nicht f�r sechs Wochen dorthin fliegen und sich im Lande umsehen, hier und da aus ihren B�chern lesen und Kultur tanken wolle. Aber, f�llt ihr ein, als sie am Flughafen von Varanasi auf den Fahrer wartete, sah sie, wie Rollstuhlfahrer aus dem Flieger gehievt wurden. Es waren Israelis, die sich in Indiens heiligste Stadt aufgemacht hatten. Beschwerlich, dachte sie damals, und bewunderte sie.</p><p>Nun ist sie eine von ihnen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Helene sp�rt eine Hand auf der Stirn. Es ist die von Matthes, sie merkt es, noch ehe sie die Augen ge�ffnet hat. Matthes sieht nicht zornig aus. Er war sehr oft zornig in den letzten beiden Jahren. Ihr Anblick allein reichte schon aus, ihn in Rage zu versetzen. Aber stimmt das �berhaupt? Leise, wie eben geschl�pfte Schlangen, z�ngelt Unsicherheit. Was gerade wie eine Erinnerung anmutete, kommt ihr in diesem Moment wie ein j�her, pl�tzlicher und eigentlich unmotivierter Verdacht vor. Hat die Gegenwart sie als Geisel genommen, um die Vergangenheit freizupressen? Aber wer sollte damit zu erpressen sein � Ihr will niemand einfallen. Die Unsicherheit leckt die Haut der Unterarme, die H�rchen stellen sich auf. Sie fr�stelt. Nun reicht Matthes� Anblick, sie in Rage zu versetzen: wie verst�ndnisvoll er auf sie schaut, wie allwissend! Ganz Vater, der sein kleines, unbeholfenes Kind beg�tigend und mit ebenjenem Hauch Spott auf den Lippen bes�nftigen will, der das Fass zum �berlaufen bringt. Das Kind windet sich, tritt, schl�gt um sich. Der Vater l�chelt und h�lt es fest.</p><p>Sie kann nicht ausdr�cken, was sie denkt.</p><p>Es ist furchtbar, aber sie ist es, die sich windet. Die schl�gt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Gef�hlschaos ist ihr neu. So neu wie �bereinander herfallende Gedanken, deren Anf�nge und Enden sie jeweils gar nicht bemerkt: Sie sind auf einmal da und schon wieder weg. Wenn sie sich zwingen will, einen von ihnen zu verfolgen, endet das unweigerlich in Tr�nen, denn sie schafft es nicht. Schlimm ist, dass sie das nicht auszudr�cken vermag. Es g�be aber auch keinen Empf�nger f�r eine solche Mitteilung. Ob das noch schlimmer ist?</p><p>Helene ist froh, dass Doktor Allwissend wieder nach Hause gegangen ist. Auf seinem Gesicht hat sie heute nichts als Verst�ndnis ausgemacht und f�hlt sich furchtbar gefoppt. Nichts wei� er! Nichts hat er verstanden! Was gibt es aber �berhaupt zu verstehen? Sie versucht, sich einen Reim auf ihre Wut zu machen. Getobt hat sie. Weil sie sich nicht mehr verstellen konnte, nicht mehr verstecken wie fr�her, sondern weil alle Neugier offen zu lesen war in ihrem Gesicht. Ertappt f�hlte sie sich, aller Vorsicht beraubt. Nein, schon die M�glichkeit, vorsichtig zu sein, fehlte. Furchtbares Gef�hl, d�mlich (und vor allem offen) l�chelnd anderen ausgeliefert zu sein. Jetzt erst glaubt sie zu bemerken, dass sie tats�chlich �ber Geb�hr l�chelt: Die kleinste Freude zieht sofort den Mund breit, sie merkt es inzwischen daran, dass Speichel l�uft. Und die Freude h�rt damit so leicht nicht auf. Sie ist ein Breitmaulfrosch. Sucht das Gesicht im Spiegel der Waschnische auf. Nein, Glupschaugen sind ihr noch nicht gewachsen. Die Finger sind nicht trommelschlegelf�rmig ver�ndert, ebenso wenig die Zehen. Ein bisschen gr�n sieht sie aber aus. Siehst du, Helene: gr�n vor Wut. Sie l�chelt, und da �berkommt es sie auch schon wieder, das rauschbrausende W�ten. Hilflosigkeit, die im Kopf ihre trostlosen Runden dreht, immer schneller und schneller, und als sie zu schluchzen beginnt, f�ngt die dicke Bandner unfl�tig an zu lachen. Ein Gl�ck, dass es die gibt. Ihr Lachen macht, dass Helene sich f�ngt. Nicht mit der langen Leine, aber mit der kurzen. Sie f�hrt hin�ber zum Bett und lacht heulend mit. Gut, wenn der Schmerz nachl�sst, denkt sie. Dass er aber immer noch in ihr hockt, nur notd�rftig zugedeckt ist, wei� sie wohl.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Doktor Allwissend sagt nichts. Jedenfalls nicht zur Situation. Helene glaubt zu wissen, dass sie in Trennung lebten, aber wenn sie versucht, sich an die letzten Wochen zu erinnern, scheitert sie einigerma�en j�mmerlich. Vielleicht hatten sie beschlossen, die Trennung r�ckg�ngig zu machen � Vielleicht hatten sie eine kleine gl�ckliche Zeit gehabt, ehe das Aneurysma platzte � Das w�rde Matthes� Gesicht erkl�ren, als er mit ihr schlief. Beseligt hatte er ausgesehen. Die Augen schwollen ihm im Zustand der Leidenschaft immer beinahe zu, und wenn er sie m�hsam �ffnete, um sie anzuschauen, war seine Iris oben und unten gekappt. Das erinnerte dann an einen schlafenden L�wen, der mal eben das Lid l�pfte, weil sich eine Fliege auf seine Nase gesetzt hatte. Tr�ge sah das aus und zufrieden, dabei bebte er vor Erregung. Sie hatte gelernt, sich in dieser Gegens�tzlichkeit zurechtzufinden, wenn sie auch anfangs irritiert war dadurch. Andererseits kam es aber niemals vor, dass er hinter fiebrigem Blick mit gro�er Ruhe aufwartete. Einem aufgeregten Auge entsprach eine aufgeregte Verfasstheit.</p><p>Der M�rchendoktor Allwissend wei� eigentlich nichts. In seiner Unbeholfenheit sagt er aber immer das Richtige. Matthes wei� eigentlich viel. In seiner Art von Unbeholfenheit ist davon manchmal nichts zu merken.</p></section><section><title><p>III. LEKTIONEN</p></title><p>HELENE L�UFT DIE JAHRE AB. �BT ERINNERN.</p><p>Was spontan kommt, nimmt sie als selbstverst�ndlich aus dem dunklen Fass, in dem es moderte. Wenn es dann vor ihr steht und leuchtet, in der Farbe der Jacke zum Beispiel, die sie vor f�nfundzwanzig Jahren trug, ist sie�s zufrieden. Nat�rlich zieht sich der Mund breit. Immer. Renja Mittelner fragt �fter, woran Helene gerade gedacht habe. Wahrscheinlich freut sich Renja, dass sie l�chelt. Helene freut sich nicht.</p><p>Wenn sie aber Erinnern �bt, ist sie gespannt. Verspannt? Ja, auch das.</p><p>Heute hat sie sich das Jahr</p><p>1988</p><p>vorgenommen. Sie war schwanger, im Juni kam Mareile zur Welt. Das gr��te Ostberliner Neubaugebiet hatte eine Poliklinik, deren Angestellte sie seit Ende</p><p>1987</p><p>war. Solche Filialen wie die �rtliche Kinderneuropsychiatrie oder der Jugend-Gesundheitsschutz waren aus dem Hauptgeb�ude ausgelagert worden, sodass Helene mit ihren Kollegen ein St�ck entfernt davon, in ganz normalen Neubauwohnungen, arbeitete. Am Anfang hatte sie noch kein eigenes Zimmer. Zu viert mussten sie sich die drei R�ume der Wohnung teilen. Im gr��ten, das ein Wohnzimmer gewesen w�re, war ein Viertel abgeteilt worden f�r eine fensterlose K�che. Dort lagerten vor�bergehend Akten. Sie konnten sich auch Tee oder Kaffee kochen. Ein Tisch stand darin. Der ungl�ckliche Vierte, der gerade aus Zimmermangel keinen kleinen Patienten bestellt hatte, zog sich in diese K�che zur�ck. Das f�hrte dazu, dass durch die Durchreiche, eine etwa einen halben Quadratmeter gro�e Wand�ffnung mit Glasscheiben, das Gespr�ch zwischen dem Kollegen und seinem Patienten mit anzuh�ren war. Hatte sie sich, wenn sie die ungl�ckliche Vierte war, anfangs noch bem�ht, besonders ruhig zu sein, damit der Patient ihre Anwesenheit m�glichst nicht bemerkte, legte sie bald entschiedenen Widerspruch ein gegen die unhaltbare Situation. Der einzige Mann der Vierergruppe war Parteigruppenorganisator und stets um Abwiegelung jedes aufr�hrerischen Potenzials bem�ht. Sie stand also eines Tages in der K�chenverschlagst�r, als er mit seinen Patienten ins potenzielle Wohnzimmer kam und sagte, dass sie gezwungen sei, das Gespr�ch mit anzuh�ren. Ob sie unter diesen Umst�nden �berhaupt gewillt seien, die Sprechstunde wahrzunehmen? Er gab sich drucksend und bleich und wusste nicht, was er tun sollte. H�tte ihr Verhalten anzeigen m�ssen, hatte aber Angst vor dem Unfrieden mit den Kollegen. Sie einigten sich schlie�lich darauf, mit der im Nachbarhaus residierenden Chefin eine Variante des kollektiven Wegschauens zu praktizieren. Alle wussten, dass einer von ihnen die Wohnung nun lieber verlie�, als sich in die besagte K�che zu quetschen. Das ging so hin. Einen Monat um den n�chsten rundete sich der Bauch.</p><p>Helene legt eine Liste an, was sich an damals �blicher Schwangerenbekleidung in ihrem Schrank fand: ein t�rkisfarbener, langer Kleiderrock aus Baumwolle, ihr liebstes St�ck. Eine schwarze und eine sogenannte Pfeffer-und-Salz-Hose, beide mit gro�en Elastikeins�tzen am Bauch, f�r die es Schwangerenblusen brauchte. Davon hatte sie drei: eine aus gl�nzendem, synthetischem Material, mit Streubl�mchen bedruckt, deren einziger Vorteil war, dass man sie waschen, aufh�ngen und anziehen konnte. Sie trocknete rasant und war b�gelfrei. Zum Zweiten eine rosafarbene Bluse mit grauer Stickerei am Kragen. Genauso h�sslich. Die einzige, die sie gern trug, war aus gepunktetem schwarzem Cord. Hie� er Kindercord? Wahrscheinlich. Leider war sie nicht lang genug, sodass sie die Hosen mit Hosentr�gern trug, damit die Elastikeins�tze nicht hervorblitzten. Sie freut sich, denn an diese Kleidungsst�cke hatte sie nicht mehr gedacht, seit sie sie weitergegeben hatte. Das war kurz nach Mareiles Geburt gewesen, sie meinte, die sogenannte Familienplanung abgeschlossen zu haben. Ein weiteres Kind hatte sie keinesfalls geplant, vier reichten. Und jetzt kann sie doch tats�chlich olle Klamottenkamellen hervorkramen aus dem Ged�chtniskoffer!</p><p>Aber da �berf�llt sie eine andere Erinnerung.</p><p>Warum war sie schwanger geworden?</p><p>Aus Trotz.</p><p>Ja, sie erinnert sich: Vor Mareile hatten Matthes und sie nur Lissy, dazu Helenes S�hne. In Matthes� erster Ehe hatte es zwei Kinder gegeben. Mindestens zwei wollte sie auch mit Matthes haben, wollte gleich schwer wiegen wie seine erste Frau. Matthes nannte Billy hin und wieder Mischa, wie seinen Zweiten, und dichtete ihm auch dessen Eigenschaften an, was nicht schwer war: Billy war eine Sch�nheit, wie Mischa auch. Billy war aber nicht sein Sohn. Seltsamer Schmerz peinigte sie, wenn er Billy mit Mischa verglich. Also lud sie Matthes in ein Lokal, eine Weinstube am Haussee, und betrank sich. Trunken mutig, kam sie mit dem Wunsch nach einem vierten Kind heraus. Warum, lie� sie im Dunkeln. Matthes lachte. Merkte der Lage offenbar den Ernst nicht an. Als er�s tat, erbleichte er und sagte mit herber Ruhe, dass er dann seiner ersten Frau auch noch ein Kind machen m�sse, sonst w�rde das Ungleichgewicht der Kinderzahl zu gro�. Mit solchem Nachdruck hatte er gesprochen, dass sie glaubte, nie wieder ein Wort an ihn richten zu k�nnen. Sie lief hinaus und begann zu schreien. Dann folgte das, was man einen Filmriss nennt, denn wie sie nach Hause gekommen war, wei� sie bis heute nicht. Mit sofortiger Wirkung setzte sie die Pille ab. Matthes tat, als sei nichts geschehen. Irgendwann tat sie auch so. Nach neun Wochen war sie schwanger.</p><p>Mareile ist vierzehn und eine Sprachreisende.</p><p>Main kyaa k�ruun �</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Neuerlich hebt sich ein Streifen Plane vom Bild: Sie hat Hindi gelernt! Die letzten Wochen vor dem Platzen des Aneurysmas verbrachte sie abends, in Decken eingerollt, auf dem Balkon. Es war lange genug hell. Das Hindi-Lehrbuch war die Kopie einer englischen Ausgabe gewesen. Die anderen Sch�ler des Kurses konnten durch die Bank besser Englisch als sie. Auch ihr Englisch hatte sie also auf Vordermann bringen wollen. Hatte sie deshalb in den ersten Tagen nach der Narkose versucht, Englisch zu sprechen? Und �berhaupt: Niemand wird den Kurs abgesagt, den Leuten Bescheid gegeben haben, dass sie nicht mehr kommen kann. Matthes wusste zwar, dass sie zum Hindikurs ging, aber wohin, bei wem, war ihm unbekannt. Unruhig wirft sich Helene im Bett hin und her. Das muss doch geregelt werden! Als die Schwester kommt, sie fragend anschaut ob der Unruhe, kapituliert sie augenblicklich vor dem langen Anlauf, den sie nehmen m�sste, die Kopflosigkeit zu erkl�ren. Zwar wei� sie vorab immer, was sie sagen will, wenn es aber daran geht, es wirklich auszusprechen, nehmen sich Motorik und Kopfchaos nicht viel: Sie lassen es nicht zu. Hinzu kommt, dass die Schwester auch nicht gerade so aussieht, als ob sie Zeit h�tte. Zeit f�r langwierige Erkl�rungen �ber Hindikurse, die an ihrem Interesse vorbeischlittern. Main kyaa k�ruun � was soll ich blo� machen � Das war ein Lieblingsspruch der Lehrerin gewesen, deren linker Arm klein und verk�mmert unter der Dupatta zum Salwar Kameez verborgen blieb. Wenn sie einen Sari trug, dann hatte sie die �berwurffalten so drapiert, dass der Arm verschwand. Geschickt hatte sie das gemacht, dass es ihr die ersten drei, vier Mal gar nicht aufgefallen war. Etwas anderes als dieser Spruch will Helene aber nicht einfallen. Nur das� hai �am Satzende, das� ist�, das den Regeln unserer Syntax so wenig entspricht, dass w�rtliche �bersetzungen oft zum Lachen sind. Aber ein Beispiel kommt ihr nicht in den Sinn, und die Buchstaben, die sie bis zum Tage null so oft und wirklich hingebungsvoll gemalt hat, sind durch den Rost gefallen. Schade. Ohnehin k�nnte sie so etwas jetzt nicht mehr schreiben. Mit links gelingt ihr ja das Deutsche kaum, ist krakelig, mit Spitzen und �berschie�enden Schlenkern. Die fremde Hindi-Schrift kann sie vergessen, das wird nichts mehr.</p><p>Mutlos geht�s ins Kissen zur�ck.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Langsam regt sich der Lauersinn. Hat sich noch nie geregt. Als Helene ein Kind war, hatte die Urgro�mutter ein Kissen auf dem K�chenfensterbrett dazu benutzt, sich in Positur zu bringen und auf das die Stra�e hinauf- und hinabkriechende Volk zu lauern. Autos fuhren selten, man h�rte, was die Leute im Vorbeigehen redeten. In die Pausen zwischen den geh�rten S�tzen stopfte die Urgro�mutter sehr energisch eigene. Am Ger�chtek�chenfenster entstanden so feine Gespinste, die ins Nebenhaus waberten, von dort wiederum hineingepresste S�tze mitnahmen und schlie�lich �ber der Kleinstadt hingen als dichtes Gew�lk. Manchmal gen�gte es, hineinzustechen mit einer einfachen Tatsache, und sie l�sten sich sehr schnell auf. Blauer Himmel. Hatte man aber keine einfache Tatsache zur Hand, sondern zum Beispiel die Unruhe eines Verdachtes, so konnten sie tage- und sogar wochenlang dort h�ngenbleiben. Besonders, wenn man sich kl�renden Kontakt versagte und stattdessen hinter vorgehaltenem Verdacht in seinen vier oder acht W�nden verharrte. Helene hasste den vorgehaltenen Verdacht ebenso wie den Lauersinn und war hinter einfachen Tatsachen her wie der Teufel hinter der Seele. Jetzt ist sie gewisserma�en gezwungen, zwischen diesen W�nden zu verharren, und der Lauersinn beginnt sich zu regen. Sie m�chte schon rechtzeitig wissen, wer heute Dienst tut und wer von wem besucht wird. Wer was isst und wer auf dem Klo raucht. Wer miteinander spricht und wer nicht. Helene l�sst die T�r einen Spalt offen, wenn sie ins Zimmer rollt. Das erweist sich als nicht erfolgstr�chtig, denn viel zu oft kommt jemand ins Zimmer und schlie�t sie wieder. Also beginnt sie, die Zeit drau�en im Krankenhausflur zu verbringen. Gegen�ber vom Nachbarzimmer befindet sich eine sch�ne, tiefe Fensternische. Die Nische ist sch�ner als der Ausblick auf den ehemaligen Kohlenhof. Sie stellt den Rollstuhl zur H�lfte hinter den schweren altrosa Samtvorhang. Mal hinter den linken, mal hinter den rechten. So ist sie zumindest von einer Seite aus erst zu sehen, wenn man die Nische fast erreicht hat. Ein Buch hat sie im Scho� liegen, aber sie liest nicht. Das hat sie w�hrend der letzten Tage schon versucht, kann es auch. Jedenfalls kann sie ganze Seiten, zwar unter Stocken und Stolpern, vorzugsweise bei Zischlauten, aber unter hervorragender Betonung herunterlesen, doch wei� sie hinterher nicht, wovon die Rede gewesen war. Gestern hatte sie sich einzelne S�tze vorgenommen � mit dem gleichen Ergebnis. Am Punkt angelangt, wei� sie nicht mehr, wie der Satz begonnen hatte.</p><p><emphasis>Mein Gott</emphasis></p><p>,</p><p><emphasis>das merkt doch keiner</emphasis></p><p>�</p><p>� denkt sie, best�rzt von der Vorstellung, sie m�sste aus eigenen B�chern vorlesen und danach Fragen zum Gelesenen beantworten. Die Leute begreifen doch beileibe nicht, dass sie das nicht kann! Die Atempausen stellt sie sich vor und das Blickdunkel. So peinlich ist ihr die Sache, dass sie sich die Spuckef�den vom Mund wischen muss, die sich vor lauter Aufregung wieder einmal abgeseilt haben.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>Es ist gut. Ist genug.</emphasis></p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>hat einen Arm, ein Bein lahmgelegt und ist im Broca�schen Areal herumgepoltert.</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>r�hrt sich nicht, wenn sie daran denken will, sondern h�lt sich versteckt. Wahrscheinlich scharrt</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>die verloren gegangenen W�rter �ber sich zu einem gro�en Haufen, unter dem</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>verborgen bleibt.</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>zieht meisterlich Fratzen �ber ihr Gesicht und sorgt f�r freien Spuckefall. Dabei h�lt</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>ihr ganzes Denken besetzt, spielt damit wie die Schwarze Witwe mit ihren Spinnenm�nnchen: Nach jeder Ber�hrung wird das Denken aufgefressen. Bis es neuerlich auftaucht, kann es dauern, und nat�rlich ist es dann immer wieder ein unbeschriebenes Blatt �</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>hat Platz genommen.</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>hat sie nicht gefragt, ob sie ihm einen Stuhl oder wenigstens ein Hockerchen anbieten will, sondern sich einfach hingebrezelt. Da sitzt</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>nun, und wenn sie</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>fixieren will, rutscht</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>in den blinden Fleck. Anders kann sie nicht erkl�ren, dass</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>sich nicht wirklich zeigt. Sie beschlie�t, sich damit abzufinden, dass sie nicht wirklich wei�, was</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>ist.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Heute f�llt zum ersten Mal das Wort Heidem�hlen. Als sie es h�rt, sieht sie weite Landschaft mit Windm�hlen, sieht dunkle Erika mit violetten Bl�ten prahlen. So weit das Auge reicht. Wie weit reicht das Auge?</p><p>Gestern hatte der Oberarzt sie eindringlich nach Doppelbildern gefragt. Sie kennt keine. Eine perimetrische Untersuchung des Gesichtsfeldes ergab keinerlei Einschr�nkungen. Etwas wie Stolz zeigte sich auf dem Gesicht des Oberarztes.</p><p><emphasis>Wir hatten den Sehnerv freipr�pariert, m�ssen Sie wissen. Das geht selten ohne Doppelbilder ab.</emphasis></p><p>Wie weit also reicht das Auge?</p><p>Mal sehen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes hat Heidem�hlen ausgesucht.</p><p>Helene hat uneingeschr�nktes Vertrauen.</p><p>Heidem�hlen ist nicht weit weg von Berlin, liegt sogar in der N�he von Henrichshorst, wo sie gelebt und geheiratet haben � Irgendetwas stimmt nicht. Das Heiraten geh�rt ja zum Leben, denkt Helene.</p><p><emphasis>Gelebt und geheiratet</emphasis></p><p>kann man also nicht sagen, weil Heiraten bei solcher Formulierung au�erhalb des Lebens stattfindet. Oder?</p><p>Sie ist unsicher.</p><p>Heidem�hlen soll sie sicherer machen.</p><p><emphasis>Ich gebe Ihnen noch sechs Wochen im Rollstuhl</emphasis></p><p>, sagt die Physiotherapeutin.</p><p>Und dann?</p><p>Sie ist erschrocken, fragt sich, ob sie vielleicht doch noch sterben soll an dem, was als</p><p><emphasis>Es</emphasis></p><p>im Verborgenen ruht.</p><p>Die Physiotherapeutin meint, dann w�rde sie wieder anfangen zu laufen.</p><p>Sie lacht laut, als sie das h�rt. Nat�rlich wird sie nie wieder laufen k�nnen, wo soll denn das herkommen, die Kraft der rechten Seite reicht gerade mal aus, sie eine Viertelsekunde zwischen Rollstuhl und Klo verharren zu lassen.</p><p>Die Physiotherapeutin nickt, zuckt mit den Schultern. Heute soll versucht werden, den rechten Fu� gemeinsam mit dem linken zu bewegen. Wenigstens ein St�ckchen? Sie schreit laut auf, als sie bemerkt, dass sie das rechte Bein vielleicht zwanzig Zentimeter in die H�he bekommt.</p><p><emphasis>Das machen wir aber gleich noch mal!</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Sommer l�pft die Lider. Helene hat gute Laune. Sie hat einen Eiskaffee in der Krankenhauscafeteria getrunken und vergn�gt sich mit Inga. Wenn sie sagen soll, worin dieses Vergn�gen besteht, so k�nnte sie es nicht auf Anhieb. Inga hat ein schwarzes kurzes Kleid an. Vielleicht sind es die spitzen Knie, die darunter hervorstechen?</p><p>Inga ist immer f�r �berraschungen gut. Sie hat eine neue Frisur. Sieht man sie von links an, glaubt man, sie habe ganz kurz geschnittenes Haar. Von rechts aber ist es knapp schulterlang. Inga sieht Helene an und fragt, ob das nicht eine Frisur f�r sie w�re. Sie habe sie sich probehalber verpassen lassen. Helene k�nnte mehr als die H�lfte ihrer Haare behalten und s�he trotzdem gut frisiert aus. Helene sch�ttelt den Kopf vor Lachen.</p><p>Ja, da ist das Vergn�gen.</p><p>Noch einen Eiskaffee? Inga w�rde lieber k�hlen trockenen Wei�wein trinken und fragt die Kellnerin danach, die gequ�lt zur�ckl�chelt. Doch nicht im Krankenhaus! Na, dann nimmt sie eben noch einen Eiskaffee. Aber ohne Sahne. Und Helene? Helene lacht unausgesetzt. Inga scheint damit zurechtzukommen, fragt jedenfalls nicht nach der Ursache. Einen � gr�nen � Tee � bitte. Stockend und stolpernd kriechen die Worte unter dem Lachen hervor, das sie deckelt und nicht so richtig herauslassen will. Aber Inga zieht sie zielsicher hervor und �bersetzt der Kellnerin.</p><p>Als sie wiederkommt und das Gew�nschte bringt, hat sich Helene gefasst.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Am Abend des Sonntags kommt bet�rende Ruhe auf, ein Schwarm stiller M�cken. Renja Mittelner ist �bers Wochenende zu Hause, kommt erst morgen zur�ck. Die Bandner schl�ft, die Ausgetrocknete wurde von ihrer Familie abgeholt. Nein, nicht M�cken. Die Ruhe ist wie Gelee, schmatzend, �ber Helene hingekrochen. Sie h�tte jetzt M�he, den Arm zu heben oder das Bein. Seltsam, dass Stille sich derart materialisieren kann. Nicht einmal die Lider m�chte Helene heben, so schwer wiegt das Zeug. Sie wei�, dass sie es mit einem entschiedenen Ruck ihres ganzen K�rpers zerrei�en k�nnte, aber sie will nicht. Liegt still unter dem Gelee und versucht zu denken. Sie hat schon gemerkt, dass das Erinnern gut geht, wenn sie ein Seil auswirft. Es verhakelt sich dort, wo es dunkel ist, und sie kann sich daran vorw�rtsziehen. Heute hat sie sich Matthes� Untreue vorgenommen.</p><p>Untreue?</p><p><emphasis>Ausnahmezustand.</emphasis></p><p>Das Wort kommt schneller, als ihr lieb ist, denn was es mit sich bringt, rumort sofort in den Eingeweiden: Sie konnte kaum essen damals, kotzte alles sofort wieder heraus, und das bisschen, was sie drinbehielt, suchte d�nnfl�ssig den Hinterausgang.</p><p>Vor sechzehn Jahren hatte Matthes nach einem � aus ihrer Sicht: sch�nen � gemeinsamen Abend die Plane vom H�ngeboden geholt, mit der er bei ihr eingezogen war. Seine ganze Habe war darin verschn�rt gewesen. An jenem � aus seiner Sicht: gequ�lten � Abend vor sechzehn Jahren hatte er ihr gesagt, dass er nun, nach dem letzten Scrabble-Spiel, von ihr fortginge. Er k�nnte dazu nichts sagen, alles Weitere w�rde schriftlich folgen. Sprach�s, packte sein Zeug in die Plane, lud sie aufs Fahrrad und war fort. Sie hatte es zun�chst f�r eine seiner sprichw�rtlichen �berraschungen genommen, die ihm nach wie vor gelangen. Zwar hatte sie, w�hrend er packte, gezittert, aber nicht gewusst, ob aus Angst oder in gespannter Erwartung. Hatte dann lange noch im Bett wach gelegen und �berlegt, ob sie die Szene getr�umt oder wirklich soeben erlebt hatte. Auch am Morgen, als sie nach dem Aufwachen auf die andere Bettseite langte, war er nicht da gewesen. Sie hatte die Kinder geweckt und war dabei langsam in einen Zustand der Bewusstlosigkeit hin�bergeglitten, der die Kinder schweigen machte und den Abl�ufen des durchschnittlichen Morgens einen somnambulen Selbstlauf verlieh. Sie war auch nicht zu sich gekommen, als die Kinder in der Schule und Kindergarten verschwunden waren und sie die J�ngste mit ihrer Mittelohrentz�ndung der Kinder�rztin vorgestellt hatte. Jeden Augenblick hatte sie Matthes zur�ckerwartet und jedem Augenblick eine solche Last damit aufgeb�rdet, dass er im bewussten Zustand gar nicht zu ertragen gewesen w�re. Am n�chsten Tag hatte die Post einen Brief von Matthes gebracht, in dem er sich f�r die</p><p><emphasis>sch�ne gemeinsame Zeit</emphasis></p><p>bedankt hatte. Wie ein Nachruf war Helene das vorgekommen, sie hatte bedauert, nicht schon l�ngst tot zu sein. Dann hatte sie pl�tzlich so laut geschrien, dass Lissy aus ihrem Zimmer getaumelt kam und die Nachbarin Sturm klingelte. Lissy hatte ihr ge�ffnet. Von da ab hatte sie zu kotzen begonnen, wenn ihr der Geruch von Essbarem auch nur in die Nase gekommen war. Ihre Freundin Heidrun war die Auserw�hlte, die nun mit Matthes schlafen und seine spontanen Lehn-dich-doch-an-Angebote annehmen durfte. Helene hatte sie unter neben �ber auf ihm liegen und mit ihm ficken schn�beln frotzeln turteln sehen in Gedanken, sie hatte es nicht fassen k�nnen, sie hatte den heiteren Himmel von vorgestern nach Vorboten der D�sternis wieder und wieder abgesucht, sie hatte Schmalz ausgelassen. In allem fand sich weder ein Groll gegen ihn noch gegen sie, nur: Sie war</p><p><emphasis>versehrt</emphasis></p><p>Der Sinn des Wortes war ihr am Ende der Brieflekt�re schlagartig klar geworden, als sie den h�llischen Schmerz gesp�rt hatte, der pulsschlagend auf sie eindrosch. Bill hatte nach der R�ckkehr aus der Schule die Schwiegermutter angerufen, die mit harscher Wut auf ihren Sohn am selben Tag noch anger�ckt war und das Heft in die Hand genommen hatte. (</p><p><emphasis>N�gel mit K�pfen. Butter bei die Fisch. Der hat sie doch nicht alle. Den werden wir uns aber zur Brust nehmen. Dr�cken werden wir den, bis ihm die Augen rauskommen, und dann, weil sie rauskommen.</emphasis></p><p>So waren ihre Spr�che planlos aus dem Mund in die R�ume der Neubauwohnung �bergetreten.) Helene wagt nicht, sich auszumalen, was passiert w�re, wenn die Schwiegermutter nicht das Heft in die Hand genommen h�tte. Aber jetzt, wo die Gedanken daran mit einem Rumpeln in den Eingeweiden daherkommen, ist es auch nicht mehr angebracht, sich das auszumalen. Jetzt ist es angebracht, das Rumpeln in den Eingeweiden ein bisschen gew�hren zu lassen und sich dann daran zu erinnern, dass man unter der bet�renden Ruhe eines sechzehn Jahre sp�teren Sonntages in der Klinik liegt und nicht mehr so einfach zur Toilette kommt wie damals.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Als sie aufwacht, ist es noch dunkel drau�en. Tief und traumlos hat sie geschlafen, glaubt sie. Auf die andere Seite w�lzen. Decke runter. Decke wieder rauf, doch ein bisschen zu k�hl. Kopf hoch, Kopf wieder runter. Sie ist immer noch mit der Bandner allein? Als sie den Kopf noch einmal hebt, um sich dessen zu vergewissern, prustet sie los: Die Bandner glotzt selig l�chelnd den Mond an, der ihr aufs Gesicht scheint. Nein, das ist nicht der Mond, der m�sste ja auch in jenes Fenster hereinscheinen, das Helenes Bett am n�chsten ist. Es ist eine Laterne, die den Weg drau�en zu den kostenlosen Parkpl�tzen erleuchtet. Ganz genau scheint sie fokussiert auf das Gesicht der Bandner, die irgendjemand gesalbt haben muss, so gl�nzen die Fettbacken! Ein g�ttlicher Anblick. Selten hat Helene die Bandner l�cheln sehen. Sie grinst, wenn sie sich beschissen, sie grinst, wenn sie den Joghurt, den sie neben der Sondenern�hrung l�ffeln darf, der Schwester ins Gesicht gespuckt hat. S�ffisant. Komisches Wort, denkt Helene. Dass es ihr an dieser Stelle eingefallen ist! Mit</p><p><emphasis>Suff</emphasis></p><p>hat es nichts zu tun. Sie erinnert sich, das ein paar Jahre lang geglaubt zu haben: ein seliges Alkoholl�cheln. Bis sie im W�rterbuch nachschlug.</p><p>Still liegt sie jetzt, und ihr Denken schl�gt sich zum gestrigen Abend durch. Matthes�</p><p><emphasis>Aff�re</emphasis></p><p>Sein</p><p><emphasis>Verh�ltnis</emphasis></p><p>Ihre</p><p><emphasis>Nebenbuhlerin</emphasis></p><p>Seine</p><p><emphasis>Kebse</emphasis></p><p>Das Rumpeln in den Eingeweiden f�llt ihr ein und dass sie versucht hatte, es zu beruhigen, weil sie die Kahnfahrt zur Toilette mit der Schwester hatte vermeiden wollen. Eingeschlafen war sie dar�ber. Je stiller sie liegt, desto lauter werden die Bilder. Heidruns T�chter an Matthes� Hand. Das Herz hatte ihr zum Halse heraus geschlagen, als sie ihn mit ihnen sah in der Kaufhalle, sie war hinter ein Regal gesprungen und hatte die Schwiegermutter, die sie begleitete, wohl angesehen wie ein verst�rtes M�dchen. Die hatte Matthes dann auch ersp�ht, war schnurstracks zu ihm hingelaufen und hatte ihm eine</p><p><emphasis>geklebt, geschwalbt, gedr�ckt, verpasst</emphasis></p><p>(Helene wei� gar nicht, was sie deutlicher f�hlt, die damalige Aufregung oder die Freude dar�ber, dass W�rter sie anfliegen �), dass er mit einseitig ger�tetem Gesicht und den beiden M�dchen an der Hand wortlos davongeschritten war. Ja, geschritten ist wohl das richtige Wort: Betont langsam,</p><p><emphasis>Storch im Salat</emphasis></p><p>, war er hinausgegangen, hatte seinen gef�llten Korb einfach stehen gelassen. Sie hatte ihm nicht nachsehen k�nnen. Das Haus, in dem Heidrun wohnte, lag nur eine Stra�enecke entfernt, sie hatte best�ndig Angst gehabt, Matthes zu begegnen. Ihr Urlaub stand bevor. Gemeinsam hatten sie Harz gebucht mit den Kindern. Die Schwiegermutter wollte nun mitkommen an seiner statt. Das war nett, aber eigentlich unertr�glich.</p><p>Eines Abends klingelte es, und Matthes stand vor der T�r, bat Helene zum Spaziergang, die Schwiegermutter billigte das. Das gro�e Zittern war sie angekommen, aber sie hatte die Jacke �bergezogen und war tapfer hinuntergegangen, wo Matthes ihr erkl�rte, dass er es als seine Pflicht ans�he, mit ihr in Urlaub zu fahren.</p><p>- -?</p><p>Ihr Herz hatte f�r den Moment gestockt, sich aber dann des Weiterschlagens besonnen. Sie hatte nichts erwidert. Nichts erwidern k�nnen. Es hatte ihr</p><p><emphasis>die Sprache verschlagen.</emphasis></p><p>Matthes hatte sie verlegen grinsend angesehen und gefragt, wann es genau losginge. Zwei Tage sp�ter hatten sie sich am Bahnhof getroffen. Was Heidrun dazu sagte? Wieder verlegenes Grinsen. Die Fahrt �ber hatten sie sich manchmal wie scheu verliebte Teenies angesehen. Wenn sie ihn zuf�llig ber�hrte, waren die Stellen hei� geworden, als ob die Haut sich aufl�ste. Sie hatte sich gefragt, ob die prickelnde Hitze nur sie angefallen hatte. Mit den damals drei Kindern hatten sie zwei Zimmer im Betriebserholungsheim bekommen. Helene hatte erst einmal Ruhe gewollt. Kein Gespr�ch angefangen. Die Kinder waren wie immer gewesen, lieb und zutraulich, Lissy papaversessen, die Jungen distanziert. Schon in der ersten Nacht hatte sie nach ihm gelangt und ihn bekommen. Und Heidrun? hatte sie fragen wollen, aber Heidrun war nicht hier, nicht dabei, zum Gl�ck, ihrem Gl�ck, nicht Heidruns. Am Morgen dann wieder Abstand, nicht �bergro�, aber deutlich, so, als h�tte er sich seiner anderweitigen</p><p><emphasis>Pflicht</emphasis></p><p>, der gegen�ber Heidrun, besonnen. Als w�re das Erf�llen von</p><p><emphasis>Pflichten</emphasis></p><p>das, was ihn antrieb und seinen Willen unterwarf und gar nicht zum Zuge kommen lie�. Als wollte er unangreifbar sein, ein zwischen die</p><p><emphasis>Pflichten</emphasis></p><p>Geworfener, einer, dem man nicht nachsagen konnte, er habe die</p><p><emphasis>Pflicht</emphasis></p><p>verletzt, die Familien</p><p><emphasis>pflicht</emphasis></p><p>nicht und die Kebsen</p><p><emphasis>pflicht</emphasis></p><p>nicht, aber sie hatte gewusst, dass es etwas war, was er sich vormachte, mit Eifer, Ernst und Zerissenheit, und als sie zum ersten Mal Anzeichen dieser Zerrissenheit wahrgenommen hatte, war sie versucht gewesen, sie weiterzutreiben, ihm Heidrun auszutreiben und ihn weg von sich, sollte er doch sehen, wo er bliebe mit seiner</p><p><emphasis>Pflicht</emphasis></p><p>versessenheit, seinem fordernden Hunger nach ihr, der vielleicht nur der Hunger nach Heidrun war, wom�glich sah er Heidrun vor seinen geschlossenen Augen, wenn er mit ihr schlief, wom�glich hielt er, mit ausreichendem</p><p><emphasis>Pflicht</emphasis></p><p>bewusstsein, ihren f�r Heidruns K�rper, sie war immerhin magerer geworden in den letzten Wochen, sie hatte ihm in einer Aufwallung gro�er Wut einen</p><p><emphasis>Pflicht</emphasis></p><p>verteidiger gew�nscht, falls sie st�rbe, erstickte an seinem</p><p><emphasis>Pflicht</emphasis></p><p>beitrag, denn er w�re schuld an ihrem Tode, so viel stand fest � Sie hatte einen Spanischkurs der Volkshochschule besucht damals und deshalb ein W�rterbuch mit in den deutschen Harz genommen, hatte es immer mit sich gef�hrt, in Handtasche oder Rucksack, und es war seines gewesen, das sie ihm geschenkt hatte. Helene sieht es vor sich und sieht, wie sie ihn damit schl�gt, wie sie dann die Absatzschuhe zur Hand nimmt und auf ihn eindrischt wie der Schmerz auf sie all die Wochen, w�hrend er nichts tut, nur dasitzt und alles ertr�gt und die Augen geschlossen h�lt und wahrscheinlich daran glaubt, dass es seine</p><p><emphasis>Pflicht</emphasis></p><p>ist, das auszuhalten. Als sie von ihm abl�sst, hat einer der Schuhe seinen Absatz verloren.</p><p>Das Licht ist aus, die Bandner glotzt nicht mehr.</p><p>Daf�r d�mmert es.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Jenseits der D�mmerung liegt ein hei�er, sonniger Tag, in den es sie zieht wie in ein warmes �lbad. Vorerst aber folgt die Dusche, mit Carola. Carola f�hrt sie danach ins Fr�hst�ckszimmer, es hat ihr jedoch den Appetit verhagelt. Die Erinnerungen an Matthes� Aff�re haben sie Kraft gekostet, von der sie nicht wusste, dass sie dar�ber verf�gt. Jetzt ist sie diese Kraft los, und kraftlos l�sst sie das Essen an sich vorbeigehen,</p><p><emphasis>wie damals</emphasis></p><p>.</p><p>Der Fernseher l�uft. Noch immer �berflutungen in Deutschland. Vor sechzehn Jahren, muss sie auf einmal denken, gab es zwar sie und Matthes und drei ihrer f�nf und zwei weitere Mattheskinder und Heidrun und deren beide T�chter und Matthes� Geschiedene und die V�ter ihrer eigenen S�hne, aber es gab dieses Gebilde nicht, das sich nun Deutschland nennt. Wo Ost und West sich sehr unmittelbar miteinander vermengen und auf diese Weise einen west�stlichen Mischpuffer bilden sollen zwischen dem richtigen Osten und dem tats�chlichen Westen. Eigenartig. Es hat keine Rolle gespielt, seit Helene wieder zu sich gekommen war, nicht einmal letzte Nacht, als Gef�hle von damals, aus einem anderen Land, hochkochten, als seien sie gerade eben in diesem entstanden. �berhaupt � hatte die Erfahrung des Verschwindens, ohne von der Karte getilgt zu werden, nicht vor dem Platzen des Aneurysmas, vor der Dunkelpause, �ber allem gehockt wie ein Bussard, bereit, jederzeit nach Beute zu schnappen? Das unterschwellige, blitzschnelle Abw�gen (Frisurmantelschuhe �), ob jemand von</p><p><emphasis>hier</emphasis></p><p>oder von</p><p><emphasis>dr�ben</emphasis></p><p>kam. Die instinktive Wendung: Wenn der andere tats�chlich von dr�ben kam, war dieses Dr�ben sein Hier. (Sie dachte, ob er dachte, dass sie dachte, dass er �) Nur dieDunkelpause konnte das ausgel�scht haben, oder? Jetzt, da sie sich darauf besann, sah sie sich im letzten Sommer beim Einkauf, es gab neue Schokolade in alter Verpackung, begierig hatte sie zugeschlagen und in der Hoffnung auf die Wiederkehr des Genusses aus Kindertagen die Tafeln zu Hause auf dem K�chentisch ausgebreitet. Als Helene f�nf Jahre alt gewesen war, hatte sie, das einzige Mal, ihrer Mutter drei Mark und achtzig Pfennig aus der Geldb�rse geklaut und sich eine Tafel Rotstern-Vollmilch gekauft, hatte noch unterwegs das Papier abgerissen und sich St�ck f�r St�ck in den Mund geschoben � es war das nachdr�cklichste Geschmackserlebnis gewesen, dessen sie sich erinnern konnte. Und nun hatte sie den Kindern jeweils eine Tafel mitgebracht und ihnen in gespannter Erwartung aufgedr�ngt. Mareile hatte ein St�ck probiert, die Tafel aber dann nicht etwa mit auf ihr Zimmer genommen, sondern sie im famili�ren S��igkeitenfach verschwinden lassen, hoffend, sie m�ge jemand anderem schmecken. Lissy hatte mit Verweis auf Magen-Darm-Infekt auf schwarzer Schokolade bestanden, und Lottchen hatte gemeint, Vollmilch nicht zu m�gen, sondern nur Kinderschokolade. Als sie sp�ter allein gewesen war, hatte sie Mareiles Tafel aus dem Fach genommen und mit geschlossenen Augen ein kleines St�ck davon auf die Zungenspitze gelegt, gegen den Gaumen gedr�ckt und mit langsam kreisenden Zungenbewegungen zum Schmelzen gebracht. Nein, diese Schokolade hatte nicht die erwartete, leicht sandige Konsistenz gehabt � Helene wischt sich den Lachfaden ab, der herunterh�ngt in die Kaffeetasse. Carola fragt noch einmal, ob sie wirklich nicht wenigstens einen Joghurt essen wolle. Joghurt? Da ist es, das Ende der</p><p><emphasis>Aff�re</emphasis></p><p>: Matthes hatte nach sieben Heidrunwochen, f�nf vor, zwei nach ihrem gemeinsamen Urlaub, eines Morgens vor ihrer T�r gestanden, mit Joghurt im Beutel, kleine Viertelliterflaschen, mit dunkelroter Fruchtessenz unter dem Aluminiumdeckel. Sie liebte diesen Joghurt.</p><p>Er hatte ihn schlie�lich aus ihrer Bauchmulde gel�ffelt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes kommt zwei Stunden sp�ter, auch er ist krankgeschrieben. Warum? Keine Antwort. Sie ist ver�rgert. Schiebt die Decke hinunter und das Nachthemd hinauf. Langsam �ffnet sie den Joghurtbecher, den sie vom Fr�hst�ck mitgenommen hat, und l�sst das Zeug auf den Bauch platschen. Keine Mulde mehr da wie vor sechzehn Jahren, es l�uft links und rechts an den Seiten hinab aufs Laken. Ein H�ufchen bedeckt den Nabel. Ihr Blick? Fordert nichts, hat sich verschlossen.</p><p><emphasis>Geschlossene Veranstaltung</emphasis></p><p>kann man demgegen�ber aber nicht sagen, denn Renja Mittelner schaut verst�ndnislos, was Helene nicht sieht, und einer der Zivis, die hier Dienst tun, kommt eben herein. Helene h�lt den L�ffel stur nach oben, zwanzig Zentimeter vor Matthes� Kopf, sie wartet. Soll er ihr doch aus dem Bauch fressen! Ist doch was anderes als aus der Hand, oder? Ihren �rger kann sie gar nicht so richtig benennen, es ist, als h�tte sich alle Wut der Welt ausgerechnet in ihr erk�ltet und dr�nge pl�tzlich in einem gewaltigen Hustenanfall nach drau�en, der Joghurt springt im Rhythmus der Kontraktionen und verteilt sich weiter, und Matthes wirft ihr jetzt die Decke �ber den Leib und sich dar�ber hin, beruhigen soll sie sich. Beruhigen. Dass er auf ihr liegt, macht sie aber zun�chst noch w�tender, sie schreit sich�s mit Lust heraus aus den Eingeweiden, das Versehrtsein, dass es ihr nicht mehr so schwer auf Magen und Niere liege, soll�s doch ruhig drau�en bleiben, denn tief innen ist sie doch dieselbe Helene wie vordem! Der Zivi kommt Matthes zu Hilfe, gemeinsam halten sie sie fest. Erstaunen, wie viel Kraft in diesem K�rper steckt, der nicht stehen noch gehen kann. Gerade gibt sie sich eine Eins im Fach Aufbegehren, da f�llt der sch�ne Mut auch schon in sich zusammen und l�sst ein H�ufchen zur�ck. Kein Elend, nur Sp�ne der Revolte, die durchaus noch zu Asche werden k�nnten, wenn sie nicht aufpasst. Sie will sich nicht unter Spannung setzen, den Rest verbrennen lassen. Ruhiger atmen. Nun doch. Nun doch.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Am Nachmittag kommt Matthes zum zweiten Mal an diesem Tag. Helene liegt, den Kopf zum Fenster gedreht, im Bett. Als er sich auf den Stuhl gesetzt hat, schweigend, fragt sie ihn pl�tzlich, ob sie fr�her eine</p><p><emphasis>politische</emphasis></p><p>Beziehung miteinander gehabt h�tten. Nat�rlich h�tten sie eine</p><p><emphasis>positive</emphasis></p><p>Beziehung miteinander, wie h�tte die denn sonst so lange halten k�nnen � Immer noch der zum Fenster gedrehte Kopf, er sieht ihren Mund nicht.</p><p><emphasis>Aber nein, eine</emphasis></p><p>politische</p><p>!</p><p>Sie �rgert sich, dass er falsch versteht, die Schuld unentschieden sich und ihm zuschreibend, in schnellem Wechsel.</p><p>Er sagt nichts.</p><p>Er h�lt das f�r eine dumme Frage? Sie wird rot. Dumme Frage, in der Tat. Politische Beziehungen sind solche zwischen Staaten, bilateral oder multilateral, sicher, ihr f�llt aber nicht ein, wie sie das, was sie meint, umschreiben k�nnte.</p><p><emphasis>Ich liebte dich, seit ich dich zum ersten Mal sah.</emphasis></p><p>Seine Augen gehen dabei auch aus dem Fenster, vielleicht treffen sich ihre Blicke ja irgendwo da drau�en.</p><p>Das wei� sie doch. Das hat er doch schon oft gesagt. Bestimmt wiederholt er es, weil er denkt, sie habe das vergessen, es sei gel�scht worden von der Blut�berschwemmung in ihrem verdammten Sch�del. Das muss nicht erneut einprogrammiert werden, nein, das ist drin und das bleibt so. Aber hat er es in der Vergangenheit gesagt? Nun dreht sie den Kopf zu ihm.</p><p><emphasis>Was?</emphasis></p><p><emphasis>Ich liebte dich, seit ich dich zum ersten Mal sah.</emphasis></p><p>Noch immer geht sein Blick drau�en spazieren, hat ihren wohl nicht getroffen.</p><p>Ja, tats�chlich Vergangenheit. Und Gegenwart? Gilt das noch? Liebt er sie noch immer? Wie soll sie das rauskriegen � Sie wird fahrig. Ihre linke Hand wandert die Au�enlinie des Kehlkopfes entlang, erforscht die Bratwurst unterm Kinn. (Noch da.) Geht hinauf zum Stoppelhaar, nimmt die Pickelst�mpfe unter die Finger. (Unver�ndert.) Ja, sie ist h�sslich, wo soll da Liebe sein, eigentlich ist es ganz einfach, sie wei� nicht, was sie denken soll.</p><p>Gibt es andere W�rter f�r Liebe?</p><p>Ihr f�llt keines ein.</p><p>Was f�llt ihm ein, von Heidem�hlen anzufangen. Das ist ihr zu viel, sie ist doch auf ganz anderer Schiene unterwegs, hat einen Klo� im Hals und einen Klotz am Bein und das Klo nicht unterm Arsch! Jetzt lacht sie auf einmal, weil die W�rter in ihrem Kopf ganz von selbst und noch dazu ganz richtig gekommen sind: Sie liegt im Kampf mit den Tr�nen (Halsklo�), mit der lahmen Seite ist es ein Kreuz (Beinklotz), und jetzt dr�ckt es ganz sch�n, sie kann es nicht sagen, heftig dirigiert sie den Rollstuhl herbei und Matthes dazu, sie hineinzusetzen, und schon f�hrt sie los. Matthes ist unschl�ssig, folgt ihr aber auf den Flur. Sie winkt ihn heran, er muss sie doch hinter der T�r aufs Klo setzen, das kann sie doch nicht alleine, und bis eine Schwester k�me, w�re es mit ziemlicher Sicherheit zu sp�t! Sie feuert ihn an mit zischelnden Buchstabenfolgen, die sie vor lauter Aufregung wirklich nicht ordnen kann. Mit Blicken von Grandezza bis Scham. Mit scheuem �rmelzupfen, schlie�lich einem schwachen Tritt mit der linken Fu�spitze, und er hat endlich verstanden. Zieht ihr den Schl�pfer herunter und setzt sie auf die Brille, dreht sich um, geht zum Fenster. Die Ger�usche sind eine Qual f�r sie, es spritzt ins Klobecken, sie kann es nicht anhalten und ihn hinausbitten, so armselig ist sie sich noch nie vorgekommen ihm gegen�ber, aber es geht vorbei, und er kommt zur�ck, den Schl�pfer wieder hochzuziehen. Noch nie haben sie zusammen geschissen, muss sie denken.</p><p>Aber ob es dabei bleibt, wei� sie nach allem, was hier so passiert, nicht mehr.</p><p>Er f�hrt sie zur�ck, doch bei der Nische mit Vorhang stemmt sie das linke Bein auf den Boden und beharrt darauf, nicht weiterzufahren. Er kann sich ja einen Stuhl holen, ein St�ckchen weiter stehen zwei, mit Blumentopf dazwischen. Als er sitzt, kommt es noch einmal:</p><p><emphasis>Waren wir nun</emphasis></p><p>politisch</p><p>?</p><p>Er l�chelt nicht ein bisschen, weiche bis butterweiche Abgekl�rtheit liegt auf seinem Gesicht. Die Haare streift er mit der rechten Hand, ehe sie in seinem Nacken zu liegen kommt, besser: ihn packt, die eigene Hand! das sieht komisch aus. Das Butterweiche verschliert jetzt, und aus dem Brei ersteht ein Fratzgesicht: W-e-i-�-t d-u n-o-c-h, i-n d-e-n A-c-h-t-z-i-g-e-r j-a-h-r-e-n �?</p><p>Hingezittert hat er das, mit verstellter Altm�nnerstimme und tapperndem Oberk�rper, sie erinnert sich pl�tzlich, dass dieser Fragesatz aus seinem Mund oft gefallen war, wenn er ihr etwas ins Ged�chtnis hatte zur�ckrufen wollen. Sie antwortet mit gleicher Mimik und Gestik, aber ohne Worte. Er versteht schon.</p><p>Mitte der Achtziger �</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Mitte der Achtziger zogen sie von Henrichshorst nach Berlin, in die erste Wohnung, f�r die drei Kinder nicht gereicht hatten. (Heiraten? Heiraten!) Danach war sie erst einmal arbeitslos gewesen, obwohl es so etwas im offiziellen Sprachgebrauch des Landes gar nicht gab. Sie hatte Raphael kennengelernt und Sibylle, die im Kahn gesessen hatte wegen ihrer Vorliebe f�r oppositionelle Zirkelschl�sse. Eine Weile hatte sie sich als deren stummer Spiegel gef�hlt: Sie machten den Mund auf � Helene staunte dar�ber, offenen Mundes. Wenn sie jetzt daran denkt, so r�ckt es ihr auf die Pelle wie dem Tiersch�tzer ein zugeworfener Pelz, den er �ngstlich bis �rgerlich loswerden will. Sie wehrt sich? Sie wehrt sich. Irgendetwas ist unangenehm. Hatte sie nicht Jahr um Jahr viel zu still in der Barke gehockt und war durch einunddrei�ig der vierzig dem Osten beschiedenen Jahre geschippert? Widerspenstigkeiten, die damals ganz h�bsch wirkten, waren im Nachhinein zu lachhaften kleinen Anekd�tchen geworden. Ein Beispiel? Mitte der Achtziger kam der �lteste zur Schule. Helene hatte zum ersten Elternabend der Klasse einen Vortrag vorbereitet. Die Lehrerin, frisch von der Fachschule, hatte es sich gew�nscht.</p><p><emphasis>Wie verhelfe ich meinem Kind zu einem konzentrierten, fr�hlichen Schulanfang?</emphasis></p><p>Dies und das, auch Fernsehen. An der hinteren Klassenzimmerwand hing eine Abbildung von Samson aus der Sesamstra�e. Fernsehen war ihr suspekt, aber wenn es denn sein musste, so waren die Sendung mit der Maus und die Sesamstra�e gut und sehenswert. Sie hatte es einfach so dahingesagt, weil Samson ihr zul�chelte. Welche Welle zuerst kam? Die erheiterte der Klassenelternmannschaft. Als Helene aber am n�chsten Morgen Bengt in die Schule brachte, war da kein Bild mehr von Samson an der hinteren Wand, daf�r lag eine Einladung zum Gespr�ch mit der Parteileitung der Schule auf dem Tisch der Junglehrerin. Die Parteisekret�rin hatte eine Tochter in Bengts Klasse und sich berufen gef�hlt, die zweite Welle loszutreten, die nun nicht mehr erheitert, daf�r aber l�cherlich war, sodass die Wirkung auf Helene die gleiche geblieben war: Belustigung. Aber mit bissiger Unterspur. Das Samsonbild hatte die Sekret�se noch am gleichen Abend von der Wand gerissen, wie die Lehrerin ihr hinter vorgehaltener Hand zwischen T�r und Angel zugezischt hatte. Ein folgenloses Ereignis, diese Borniertheit war nicht Sache der Lehrerin, die aber zu unsicher war, sich nicht zu entschuldigen. Sie habe gar nicht gewusst, um wen es sich auf dem Bild handelte.</p><p><emphasis>Ja, woher wissen Sie das denn eigentlich, Frau Parteisekret�rin?</emphasis></p><p>Stille, vernagelte Miene, dann Scham- oder Zornesr�te, was nicht ganz klar wurde, denn keine Antwort war auch eine Antwort. Die</p><p><emphasis>Genossin</emphasis></p><p>hatte die Sache von da an unter den Tisch gekehrt und sich selbst beweihr�uchert mit dem Akt der Gnade, den sie habe walten lassen. Die Lehrerin f�hlte Helene gegen�ber fortan gewisserma�en ein St�ck bitternder Verpflichtung, aber die hatte es einfach beiseitegefegt, und auf ihren Sohn war kein Schatten gefallen. (Bengt fragte zwei Jahre sp�ter im Marxengelsunterricht, vermutlich Heimatkunde, sehr ernsthaft, warum die Arbeiterklasse denn einen Fabrikanten, der Engels ja ohne Frage gewesen war, und damit einen Kapitalisten verehre. Das hie�e doch, dass auch Kapitalisten gute Menschen sein k�nnen.)</p><p>Noch ein Beispiel? Mitte der Achtziger hatten sie pl�tzlich ein Telefon bekommen. Matthes� Idee, dass die</p><p><emphasis>Sicherheit</emphasis></p><p>sich eingeklinkt haben k�nnte, hatte sie paranoid gefunden, bis eines Tages, sie hatte fr�h am Morgen den H�rer neben den Apparat gelegt, weil Lissy sich ein Pfeiffer�sches Dr�senfieber aus dem kleinen blaufleckigen K�rperchen schlafen sollte, und war auf einen Kaffee zur Nachbarin hin�bergegangen, ebendieser H�rer auf der Auflage lag, als sie wiederkam. Wo er hingeh�rte, wo sie ihn aber, beschwor sie, nicht deponiert hatte. Wieder und wieder war sie den Tagesanfang durchgegangen, sah sich aber best�ndig den H�rer abnehmen, nicht auflegen. Nie hatte sie kl�ren k�nnen, ob in einem unbedachten Moment nicht die Ordnungsliebe obsiegt hatte, aber der Sicherheitsstachel fing an zu jucken, wurde dicker, gr��er, bis er Matthes das Telefonieren verleidete, Helene aber zu immer gr��erem Spa� verhalf:</p><p><emphasis>F�r die Apparatschiks zum Mitschreiben</emphasis></p><p>, sagte sie jedes Mal laut und deutlich, wenn es darum ging, mit Freunden Termine oder Treffpunkte abzustimmen. Es war ein schleichender, sich einschleifender �bergang zur Courage gewesen. Mitte der Achtziger war der Film der Trotta �ber die Luxemburg auch diesseits der Sesamstra�e gelaufen. Der Halt, den sie an dieser Boje fanden, gab der eigenen Stimme wenigstens den Anflug eines h�rteren Tons, wenn sie sich gegen die bornierte Dummheit tagaus, tagein ein paar Ausbr�che erlaubte. Wie das damals funktionierte, kann sie nicht wiederherstellen. Ein Film als Boje, ein Buch als Br�stung � So lange das auch her war, so tief war sie doch gepr�gt gewesen davon, dass sich</p><p><emphasis>das Leben</emphasis></p><p>zwischen den Zeilen abspielte und nicht von jedermann verstanden wurde. Heute sagten ihr B�cher von damals auch nach langem und eingehendem Befragen nicht, was sie gro� gemacht hatte und zur Reling, �ber die man hinausschauen konnte nach anderswo.</p><p><emphasis>Alles ist relativ</emphasis></p><p>, muss sie nun denken. Alles ist gefangen auf seinem kleinen historischen Gartenst�ckchen, und wenn man nicht mehr in der Lage ist, das Land zu bewirtschaften, muss man Platz machen.</p><p><emphasis>Platz machen.</emphasis></p><p>Augenblicklich wird ihr kalt.</p><p>Matthes holt eine Jacke, legt sie ihr um die Schultern.</p><p>Ach, Matthes.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes ist wieder weg, hat Heidem�hlen auf morgen vertagt. Sie ist mit ihm aus dem Haus bis zum Einlass gefahren, das Heben und Senken der Schranke dort beschert ihr ein ungutes Empfinden. Als w�rde die Luft best�ndig abgeschnitten und nur schwallweise aufs Gel�nde gelassen. Hastiger Abschied, sie schiebt Matthes sogar mit dem linken Arm von sich, um schnell umkehren zu k�nnen und die Schranke nicht mehr sehen zu m�ssen. Wie sp�t es ist? Siebzehn Uhr, denkt sie nach einem Blick zur Sonne. Ohne dass sie etwas davon verst�nde, hat sich ihr mit den Jahren eingepr�gt, wie Matthes die Uhrzeit einsch�tzt. Er hat immer ungef�hr recht, die Toleranz w�rde sie mit einer halben Stunde veranschlagen. Auch Himmelsrichtungen sind kein Problem: Er richtet den Zeiger seiner Analoguhr auf die Sonne aus. Auf halber Strecke zwischen dem Zeiger und der</p><p>12</p><p>��Uhr-Marke liegt S�den. Dass ein Kirchturm nach Westen, der Altar hingegen nach Osten zeigt, hatte sie nicht von ihm lernen m�ssen, aber er hatte ihr gezeigt, dass B�ume auf freiem Feld meist nach Osten geneigt stehen, da der Wind �fter von Westen her bl�st als aus anderen Richtungen. Dass die Jahresringe frei stehender Baumst�mpfe auf der S�dseite breiter sind. Dass Moos an B�umen, die Wind und Wetter ausgesetzt sind, auf der Nord-West-Seite w�chst. Jungenleben, das er hinter sich hat. Ihre F��e in den dunkelblauen Sandaletten wollen springen wie Jungenf��e, �ber den Graben neben dem Haupteingang, �ber die B�nke, indem sich der rechte Arm auf die Lehne st�tzt und der K�rper in einem Zug beide Beine dar�ber hinwegsetzt, �ber die Linien zwischen den Betonplatten auf dem Weg zum Parkplatz oder �ber den Zaun, der ein leer gezogenes Geb�ude auf dem Gel�nde umschlie�t wie ein im Dreimeterabstand festsitzender Riemen. Es zuckt in den F��en, sie m�chte, sie will, sie stellt den Rollstuhl fest mit der Bremse und zieht sich hoch am Tisch der Cafeteria.</p><p>Als sie wieder zu sich kommt, wird sie auf der Trage in ihr Zimmer gefahren, Carola zieht den Rollstuhl hinter sich her.</p><p><emphasis>Na, Helenchen, war�n ditte mal wieder?</emphasis></p><p>Ah, Hartmut � Wie kommt der denn hier r�ber auf die</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>? Und wie kommt sie �berhaupt auf diese Trage? Tr�delndes Erinnern, die St�ckchen f�gen sich nur langsam, sie hatte versucht, aufzustehen, wollte sie nicht springen?</p><p>So ein Jungenleben hat es eben in sich.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Man hat die Computertomografie ihres Sch�dels nach dem Sturz wiederholt. Sie erf�hrt es am n�chsten Morgen bei der Visite, man wollte erneute Blutungen als Ursachen f�r ihren Bewusstseinsverlust ausschlie�en. Ob es ein epileptischer Anfall war, ist f�r die �rzte offenbar noch nicht gekl�rt.</p><p>Epileptischer Anfall?</p><p>Sie will aufbrausen.</p><p><emphasis>Das Jungenleben!</emphasis></p><p>Mit dem Ruf zischt Atem ab, ganz luftleer ist sie danach, m�chte tief einatmen, verhechelt und verschluckt sich, f�hlt die Kraft nicht, die n�tig w�re, das abzuhusten, Luft! Luft! ihr K�rper kr�mmt sich ins Kissen, wo er doch lieber aufginge im warmen Atemstrom, die Angst kommt von hinten, aus dem Nacken, umschlie�t die Gurgel mit festem Griff und macht den Luftweg ganz zu, sie gurgelt, veratmet sich sto�weise, Sauerstoff, f�llt es ihr ein, Sauerstoff hei�t das Zeug, das ihr zu fehlen beginnt, Sauerstoff mit au, wie Augenblau, wie Laubbaum, auf fauler Haut, auf der Lauer, aufatmen, aufatmen � es bewegt sich was, es r�uspert sich, etwas macht den Weg frei, den Luftweg, vorsichtig, st�ckweis, es macht, dass der Angstgriff sich lockert, wieder schlie�t, sich lockert, nun doch, und langsam, sehr langsam kann nun sie nun wieder (versucht es) Atem holen, von weit her, �ber Umwege, Schleichwege, am Z�pfchen vorbei, durch den Kehlkopf hindurch, dessen Deckel doch besser schlie�en sollte als eben, als sie sich so heftig verschluckte, nein, nicht sich, sondern Speichel, den sie nun m�hsam hinausbringt, hat sie�s geschafft? Die Augen der Visitemannschaft starren sie an, ein Arzt im Praktikum hat ihr den Arm unter den Oberk�rper geschoben und sie aufgesetzt, eine Schwester schaut erschrocken, der Chefarzt bed�chtig.</p><p>Na, sie hat es geschafft.</p><p><emphasis>Das wird Ihnen jetzt �fter passieren</emphasis></p><p>, sagt der Chefarzt. L�hmungsfolge.</p><p><emphasis>Aber epileptischer Anfall?</emphasis></p><p>Sie fragt es laut in die Runde und setzt zur Erkl�rung an, dass sie mit den blauen Sandaletten habe springen wollen, die F��e haben gezuckt, als ginge das, sie wollte es ausprobieren und einfach aufstehen und losgehen, losspringen, sie habe den linken Fu� vor den rechten gesetzt, das sei das Letzte, was sie wisse. In diesem Moment sp�rt sie den Kopfschmerz, sie hat eine riesige Beule am Hinterkopf, ein H�rnchen, wie ihr Vater sagen w�rde.</p><p><emphasis>Heiliger Bimbam, jetzt verstehe ich Sie.</emphasis></p><p>Zum Gl�ck gibt es Zeugen, die gesehen haben, wie es passiert ist. Die Kellnerin der Cafeteria. Zwei Frauen, die am Nebentisch sa�en. Man kommt zu der Ansicht, dass es eher kein Anfall war.</p><p>Glaubt man ihr etwa?</p><p>Ehe sie die Frage beantworten k�nnte, schreibt man den Erregungsherd zur Fahndung aus: EEG, vorsichtshalber.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Wieder und wieder setzt sie das Vergangene r�ckw�rts neu zusammen, mit den kleinen und gr��eren St�cken, die sie hervorkramt. So ungef�hr. Aber stimmt das? Nie hat sie so viel Zeit damit zugebracht, erinnern zu �ben. Es klappt nicht schlecht, findet sie, nur die letzten Wochen, Monate vor dem Ereignis, das ihr schlie�lich das Innerste nach au�en bef�rderte, sind nur bruchst�ckhaft zug�nglich. Ihr vermeintlicher Entschluss, zu Hause auszuziehen, steht ganz allein da und zieht nichts nach sich. Nicht, ob sie Lottchen mitnehmen wollte. Hatten sie vielleicht sogar den Verkauf des Hauses geplant? Oder war der Entschluss hinf�llig geworden? War das Aneurysma donnernd dazwischengeschlagen, oder hatten sie sich schon zuvor auf irgendetwas geeinigt? Irgendetwas, das ihr, von heute aus betrachtet, den Rest Leben verhagelte oder aufhellte, den sie sich</p><p><emphasis>eben nicht</emphasis></p><p>streitig machen lassen wollte? Wie waren sie verblieben, was war der letzte Stand gewesen? Warum sprach Matthes dar�ber nicht? Unsicherheit l�sst den Blick entr�cken. Keine Ahnung, ob sie Konzentration und Kraft wird aufbringen k�nnen, ihn danach zu fragen.</p><p>Wenn sie jetzt eine</p><p><emphasis>Behinderte</emphasis></p><p>ist?</p><p>Ja, sie kann vorl�ufig gar nicht alleine leben. Im selben Moment ist ihr, als s�he sie die kleine Wohnung vor sich, die sie gerade erst angemietet hat, zwei Zimmer, Balkon, K�che, Bad, sieht sich darin am Schreibtisch sitzen, kochen, Matthes empfangen, der Lottchen abliefert. Dann aber die Erl�sung: nein, das war jenes Quartier, das sie w�hrend des Stipendiums bewohnte, wo war das doch gleich? Und wann?</p><p>Nichts.</p><p>Erst einmal nichts �</p><p>Aber jetzt wird es deutlicher, sie hatte den Schreibaufenthalt zur H�lfte mit, zur H�lfte ohne Lottchen verbracht, hatte die Lottchenzeit als Zweierurlaub genossen und sich nicht um das Manuskript geschert, das im Laptop steckte und sich zunehmend entfernt hatte von ihr, bis sie es zu Hause wieder heraus und alles weiterlaufen lie�. Sie befragte sich eindringlich: Das Lottchen der Erinnerung unterschied sich eigentlich nicht von jenem, das sie in den letzten Tagen gesehen hatte, es konnte also nicht lange her sein, Winter, die B�ume kahl, das platte Land unter grauem �l erstarrt, sie hatten sich manchmal in einem Restpostenmarkt herumgetrieben, wo sie, ja, Weihnachtsgeschenke gekauft hatten, Lottchen mit dem kleinen Fahrrad, sie mit dem gro�en, sie waren daf�r aus dem Ort hinaus ins Gewerbegebiet gefahren, hatten die Fahrr�der angeschlossen und sich die Zeit vertrieben im Markt, beh�ngt, bepackt waren sie den Weg wieder zur�ck ins alte Gutshaus geradelt, hatten schlie�lich zwei gro�e Pakete gepackt und abholen lassen von der Post, ehe sie sich selbst in den Zug gesetzt hatten und nach Hause gefahren waren, den Rucksack voller getrockneter Fr�chte, mit denen sie den Daheimgebliebenen das Weihnachtsfest auf unorthodoxe Art hatten vers��en wollen, ein Fest ohne Schokolade sollte das werden, die aber dann doch, nat�rlich, mitten hineinplatzte und bejubelt wurde, w�hrend die Fr�chte noch lange unbeachtet ihr Dasein fristeten im famili�ren Fach, in einem Schuhkarton, den Matthes daf�r geopfert hatte aus seinem unersch�pflichen Vorrat. Das war es: Das letzte Weihnachtsfest hatte die Stipendienzeit geteilt, vorher war sie f�r drei Wochen in Nottuln gewesen und nach Silvester ebenso, im � M�nsterland? Hie� es so? Ja, jetzt sieht sie den M�nsteraner Bahnhof und die Buden davor, die nach altem Fett f�r Fisch, Pommes und Burger rochen, sie tr�gt den roten Koffer, nein, zieht ihn an der Hand hinter sich her wie an der anderen Lottchen, die blaue Tasche vorm Bauch, also Geld und Karten, um die sie hier f�rchtet, in diesem Gedr�nge, sie muss auf den Bus warten, der irgendwann in der unabl�ssigen Folge der Busse auftauchen wird, nie nach Fahrplan, nie vorhersehbar, was sie aber noch gar nicht wei�, als sie jetzt zum ersten Mal hier steht und nachsieht, auf dem Plan, den sie zu Hause noch ausgedruckt hat, wo er abf�hrt, schlie�lich steigen sie ein, als der richtige da ist, ein junges M�dchen sitzt ihnen gegen�ber, dessen Koffer steht neben ihrem, er f�llt um, als der Bus anf�hrt, das M�dchen springt auf, wirft im Aufstehen auch Helenes Koffer um, sie lachen, das M�dchen setzt sich schlie�lich wieder, m�chte etwas sagen, auch Helene m�chte, aber sie lassen es, das M�dchen liest, Helene schaut aus dem Fenster, auf Lottchen, das d�st, ja, unter grauem �l das platte Land, man kann es nicht anders sagen, sie fahren eine Weile �ber die Autobahn, verlassen sie dann, die Koffer haben sie inzwischen vom Stehen zum Liegen bef�rdert, so k�nnen sie wenigstens nicht mehr umfallen, und rutschen k�nnen sie auch nicht, weil eine Frau mit Kinderwagen da steht, genau vor Helenes liegendem Koffer, der Bus h�lt, f�hrt, h�lt, h�lt schlie�lich in Nottuln, und das M�dchen steigt gemeinsam mit Helene und Lottchen aus, die Einzigen hier, sie schauen sich an, Helene ist unschl�ssig, wohin sie sich wenden soll, das M�dchen nicht minder, und als es endlich einen Passanten fragt, wo die und die Anschrift zu finden sei, sagt Helene, dass sie genau da auch hinwollen, sie gehen zusammen, es sind vielleicht noch vierhundert Meter �</p><p>Gl�cklich ist sie �ber die R�ckkehr des letzten Weihnachtsfestes und seiner Vorgeschichte. Das M�dchen Marlene hatte nach Ablauf der Zeit auch nach Berlin ziehen wollen, von Leipzig aus, sie war Absolventin des Literaturinstitutes und hatte gerade ein hoch geachtetes Deb�t vorgelegt. Helene hatte ihr angeboten, die erste Zeit im Karlshorster Haus zu leben, bis sie eine geeignete und bezahlbare Wohnung gefunden haben w�rde. In S. blieb sie einen Monat l�nger als Helene, Matthes wei�te eines der inzwischen, nach dem Auszug der S�hne, nur noch sporadisch genutzten Zimmer im Haus, sie hatten Bett, Tisch und Schrank wieder hineinger�umt, alles andere aber im Keller gelassen, und als Marlene kommen sollte, endlich, Ende Januar, hatte sie ihnen einen Absagebrief geschrieben: Sie hatte sich verliebt, konnte zu ihrer Freundin ziehen. Helene denkt an die Pause, die sie hatte einlegen m�ssen zwischen den Mitteilungen, dass Marlene sich verliebt hatte und dass sie zu ihrer Freundin ziehen w�rde.</p><p>Patricia f�llt ihr ein, im Wohnheim, Medizinstudentin, vor so vielen Jahren. Sie war perplex gewesen, als Patricia, eine verheiratete Frau mit zwei Kindern, Helene nach einer Einladung zum Abendessen</p><p><emphasis>Liebe</emphasis></p><p>gestanden hatte, ihr Mann war nicht da, und Helene hatte sich das angeh�rt und Patty einen Kuss auf die Stirn gedr�ckt, wortlos, war dann gegangen, w�hrend Patty mit tr�nen�bervollen Augen dagesessen und ebenfalls nichts gesagt hatte, Helene war ihr von da an ausgewichen, aus dem Weg gegangen, immer scheu, immer d�nner, als sie eigentlich war, und zwanzig Jahre sp�ter hatte Patricia pl�tzlich mit ihrer Frau vor Helenes T�r gestanden, nicht ohne Stolz und mit einer W�rde, die sich gewaschen hatte. Ja, vor vier Jahren war das gewesen, sie hatten das neue Haus eben bezogen und waren dabei, Kisten und K�sten auszupacken, der Keller war �berflutet, sie hatten eine Menge �rger mit dem Bautr�ger auszustehen deswegen, konnten im Keller nichts lagern und f�rchteten schon, die Feuchtigkeit w�rde sich im ganzen Haus ausbreiten. Mitten im sch�nsten Kladderadatsch hatte Patricia geklingelt, die Adresse hatte sie von einer Studienkollegin, zu der Helene Kontakt hielt, sie war extra von Eisenh�ttenstadt hergekommen, um Helene wiederzusehen? Nicht ganz. Zwei Kinder waren zu den ersten beiden noch hinzugekommen, und diese, Zwillinge, sehr niedriges Geburtsgewicht, Retinopathie, besuchten in Berlin die Sehbehindertenschule seit einer Woche. Patricia hatte sie nach dem Wochenende zu Hause wieder hingebracht und die Gelegenheit genutzt, bei Helene vorbeizuschauen. (An die Namen der Jungen kann sie sich nicht erinnern, aber wer wei�, ob sie das unter anderen Umst�nden k�nnte.) Pattys Frau war Elektrikerin, sie hatte sie einfach� meine Frau �genannt, obwohl eine Lesbenhochzeit damals noch gar nicht m�glich gewesen war, vielleicht waren sie ja in die Niederlande oder nach D�nemark gefahren, um zu heiraten, ging das �berhaupt? und Helene hatte der drahtigen Blonden sehr offen in die Augen sehen und sie sch�n finden k�nnen. Nach zwei Stunden hatte Helene den beiden nachgesehen, wie sie Hand in Hand die Stra�e vor dem Haus �berquerten und zu ihrem auf der anderen Seite abgestellten Auto liefen, wie sie nach einem nicht sehr fl�chtig aussehenden Kuss einstiegen, und sie hatte sich, glaubt sie jetzt, gefragt, wie Matthes und sie selbst auss�hen, wenn sie nach einem Besuch bei irgendwelchen Freunden deren Wohnung verlie�en und zu ihrem Auto schlenderten, sie k�ssten sich nicht, und sicher h�tte sie in der Tasche nach dem Schl�ssel zu kramen statt mit Matthes H�ndchen zu halten, sie w�rde die T�r aufrei�en, sich auf den Fahrersitz fallen lassen und sich ungehalten wundern, wo Matthes so lange bliebe, der, wenn es dunkel war, garantiert an irgendeinem Baum stand, um zu pinkeln. Alte Ehe, denkt sie, dabei war Matthes ein Junge unter den Gleichaltrigen, noch immer unberechenbar, kapriolesk, einer, der die Erwartungen, in die er hineingeriet, frech unterwanderte und auf der anderen Seite als der erhofften pl�tzlich auftauchte, sein Grinsen war ansteckend, sein L�cheln nicht, aber sein vermeintliches, dem wirklichen meilenweit �berlegenes Alter hat mit dem ihrer Ehe ja nichts zu tun, fast zwanzig Jahre sind sie nun offiziell aufeinander eingeschworen, ein Raunen steigt aus den Eingeweiden, und dass sie ihn im Innersten zu kennen glaubt, sein Verhalten aber auf der anderen Seite f�r imponderabel h�lt, gibt ihr pl�tzlich ein R�tsel auf.</p><p><emphasis>Imponderabel.</emphasis></p><p>Das Fremdwort kommt wie der Wille, es ad absurdum zu f�hren. Ganz unbedingt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Ersch�pft hat sie geschlafen, Erinnern nimmt mit (wohin?), sie wird geweckt, weil das EEG ansteht, das den zur Fahndung ausgeschriebenen Herd ans Licht bringen soll. Sie muss sich anziehen, was nicht schnell geht, die Schwester (eine unbekannte, neue) muss helfen, die Jogginghose hinaufzuziehen und den gelben Sweater �ber den Kopf, an Schuhe nicht zu denken auf die Schnelle, aber sie denkt daran und besteht darauf. Besteht darauf, sich das Haar zu k�mmen und das Gesicht einzucremen. Unwillen aufseiten der Schwester. Als sie schlie�lich im Stuhl sitzt, fragt sie sich, ob der Stolz auf ihr Ged�chtnis anderen befremdlich erscheinen m�ge, aber, f�llt ihr ein: die anderen wissen ja nichts davon. Die Schwester f�hrt sie zum Fahrstuhl, hinunter, im Haupthaus wieder hinauf, Neurologie, gibt den Schwall Papiere ab, dessen Anh�ngsel sie ist. Geht, ohne sie anzusehen oder ein Wort dazu zu sagen. Bl�de Kuh. Das h�tte sie auch allein gekonnt. Sie sitzt und wartet. Vor ihr ein</p><p><emphasis>schadhafter</emphasis></p><p>Mann � kann man so sagen? Von der Kalotte fehlt links ein gro�es St�ck, wie eingeschlagen sieht der Sch�del aus, es pulsiert heftig unter der rosa Haut, sie sp�rt keinen Ekel, eher will sie ihn fragen, was ihm geschehen ist, da sieht sie, dass ihm ein Arm fehlt, und um den Kohl fett zu machen, fehlt ihm auch ein Unterschenkel, hat man ihm etwa einen Fu� ans Knie gen�ht? Nun wird ihr doch �bel, aber der Schadhafte sieht es nicht, er d�mmert, seine Augen sind nur einen Spaltbreit ge�ffnet, und was dahinter hervorschimmert, ist wei�. Wenn sie jene H�lfte seines Kopfes anschaut, die ganz geblieben ist, kommt sie zu dem Schluss, dass er sehr jung sein muss und gut aussehend. Gewesen.</p><p>Gepfriemelt in der Flickschusterei.</p><p>Sie sch�mt sich auf der Stelle. Zum Gl�ck wird der Junge abgeholt, von einem bulligen Pfleger mit sanftem Gesicht, sie sieht sogar etwas wie Mitleid aufwallen darauf, das hat sie hier noch nie gesp�rt. Wie will man auf so einem Sch�del die EEG-Elektroden befestigen? Wahrscheinlich hat sie es noch gut getroffen mit dem, was ihr zustie�. Es h�tte h�rter kommen k�nnen. Immer h�tte es h�rter kommen k�nnen, alles ist relativ, auf R�ckbez�glichkeit aus, das muss ihr doch einleuchten, leuchtet es?</p><p>Es leuchtet.</p><p>Der bullige Pfleger holt nun auch sie ab. Mitleidlos. Blo� gut. Mitleid fr��e sich doch ein, wie Napalm, denkt sie, selbst wenn man rennen k�nnte, w�rde man dem nicht entkommen k�nnen, wenn es sich einmal �ber die Haut hergemacht hat. Noch einmal sieht sie vorsichtig zu ihm auf, aber keine Spur davon zeigt sich auf seinem Gesicht. Er f�hrt sie in einen langen wei�en Raum mit einem Fenster an der Stirnseite, das nur wenig Licht einfallen l�sst. Ein Mauervorsprung in der Mitte des Zimmers macht aus dem Schlauch beinahe zwei Halbschl�uche. Im hinteren, in dem sie sich aufh�lt, ist es nahezu dunkel. Sie sitzt. Es dauert. Es dunkelt. Drau�en kommt Regen auf, schl�gt dribbelnd an die Scheiben, macht, dass sie schl�frig wird, eindrieselt, wieder hochschreckt, als eine burschikose Schreckschraube ihren Kopf durch die T�r steckt, sie sieht, den Kopf zur�cknimmt und stattdessen einen drahtigen Schraubenk�rper hindurchschiebt, ganz zum Schluss das K�pfchen, es wippt ein bisschen nach. Kopf und K�rper scheinen in gegenl�ufiger Bewegung zu sein, dreht sie sich oben nach rechts, dann unten nach links. Und umgekehrt. Nur ihre F��e stehen seltsam fest auf dem Boden, Helene sieht ihnen ungl�ubig zu, wie sie Schwungmasse aufnehmen und verteilen in Muskeln und Sehnen, deren Spiel deutlich zu sehen ist in den losen Birkenstock-Schlappen. Ein wei�es Kurzkittelchen tr�gt sie zu den Caprihosen, die wegen der muskul�sen Waden ein bisschen h�her als n�tig enden. An Mittel- und Ringfinger der linken Hand steckt je ein goldener Ring, nahezu identisch, mit einem Rubin als K�rbchen inmitten goldener Bl�tenbl�tter.</p><p><emphasis>Na, dann wollen wir mal!</emphasis></p><p>Die Stimme erinnert Helene an die ihrer Lehrerin, die sie von der ersten bis zur vierten Klasse unterrichtete, s�gend, von gelegentlichen kollernden �berschl�gen begleitet. Was aber schwerer wiegt: Sie redet ununterbrochen, und die S�tze verebben zu ihrem Ende hin, der sie unterhaltende Luftstrom muss vor jedem neu in Fahrt kommen, sie spricht dadurch abgehackt, holpernd, schwer zu ertragen. Alt ist sie nicht, vielleicht f�nfunddrei�ig? Sie setzt Helene ein Riemenger�st auf den Kopf und reibt an den Stellen, an denen sie die Elektroden aufsetzen will, irgendein Zeug auf die Kopfhaut. Spricht noch immer ununterbrochen, Helene versteht Bahnhof, von Schuhpaaren, Zahnspangen, T�chtern und einem Heilpraktiker, die S�tze mit verebbendem Laut kommen in keine rechte Beziehung zueinander, Helene bem�ht sich, gibt schlie�lich auf, l�sst sich fallen, hat w�hrend des Studiums gelernt, dass ein EEG nur aussagekr�ftig ist bei v�lliger Gel�stheit und Gelassenheit des Patienten, sie schlie�t ihre Augen und schmiegt sich in den Stuhl, verwundert, wie gut das geht, f�r so biegsam hat sie sich in den letzten Wochen gar nicht gehalten, die Wirbels�ule kr�mmt sich passgenau ein, die H�nde liegen leicht geschlossen auf den Armlehnenk�pfen, es ist sch�n, die Augen geschlossen zu halten und zu merken, wie sich jemand an ihr zu schaffen macht, den sie nicht kennt, der aber keine schlechten Absichten hat, wie sie sie dem Personal der Intensivstation vor wenigen Wochen, im Halbschlaf? unterstellte. Es ist auch sch�n zu merken, dass das Leben sie wieder eingeholt, sie nicht entlassen hat wegen fehlender Teilnahme. Vielmehr hat das Leben die fehlende Teilnahme zum Anlass genommen, sich in Erinnerung zu bringen, im wahrsten Sinne des Wortes, und w�hrend sie jetzt, hier, auf dem EEG-Stuhl liegt, die H�nde einer fremden Frau mit ihrem Kopf besch�ftigt,</p><p><emphasis>f�hlt</emphasis></p><p>sie auf einmal die Existenz dieser Frau geradezu davon abh�ngen, dass Leuten wie ihr etwas zust��t. Dass Leuten wie ihr ein Riemenger�st auf den Kopf gesetzt und nach einem Herd gefahndet wird. Die �rzte verdanken ihre Existenz der der Schadhaften, f�r die sie zuweilen mehr Spott und H�me als Respekt �brighaben, w�hrend umgekehrt der Respekt, den die Schadhaften �rzten gegen�ber zeigen, in Ehrfurcht oder blinden Gehorsam ausartet. Seltsam, wie die Welt eingerichtet ist. Eine Verkehrung der Tatsachen, w�rde sie sagen, wenn man sie fragte, aber hier wird keiner fragen. Danach nicht.</p><p>Die Burschikose gibt Anweisungen. Augen schlie�en. Beim Ert�nen eines Pieptones bitte �ffnen. Bei neuerlichem Piepen schlie�en. Es ist schummrig im hinteren Halbschlauch, Helene muss sich m�hen, auf das Piepen zu achten, der Schlaf kriecht, dunkles Schneckentier, �ber die Haut. Aber da folgen schon die n�chsten Anweisungen: Augen offen halten, eine Flimmersequenz zu Provokationszwecken st�rt das Schneckentier, das sich schneller, als es von einem solchen zu erwarten w�re, zur�ckzieht. Noch einmal. Und noch einmal.</p><p>Dazwischen immer wieder Kontrollen, ob die Elektroden sicher sitzen. Nun bitte schnell und tief atmen! Minutenlang. Helene denkt an die Luftmatratzen, die sie als Kind aufgeblasen hat, w�hrend ihre Eltern das Zelt zum Ostseecamping aufbauten, und daran, wie schlecht ihr dabei regelm��ig wurde. Sie wartet auf das Einsetzen der �belkeit, aber nichts geschieht.</p><p>Zwanzig Minuten sind vorbei.</p><p>Zwanzig Minuten</p><p><emphasis>Lebens</emphasis></p><p>.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Heute kommt ihr aber auch gar nichts in den Sinn, alles ist blitzeblank, wie gewienert mutet das an, was sie vor sich sieht, grau, metallisch gl�nzend, eine absch�ssige Bahn, auf der jeder Gedanke sofort abrollte, zeigte er sich. Zwei oder drei solcher Tage hatte sie schon, seit sie hier ist, sie wei� nicht, ob es sie</p><p><emphasis>davor</emphasis></p><p>auch gab. Nichts Greifbares zwischen die Synapsen, denkt sie und wundert sich, dass sie das denkt, wo sie doch eben noch bemerkt zu haben glaubte, nichts denken zu k�nnen. Von irgendwoher kommt also diese und jene Anmutung, aber ehe sie sich zur Kopfarbeit auswachsen k�nnte, ist sie tats�chlich abgerollt, fort, nicht unwiederbringlich, denn manchmal kehrt sie als Andeutung zur�ck, umschwirrt sie fl�gelschlagend, ist aber in dieser bewegten Aufgeregtheit nicht zu fassen und schnell wieder fort. Nun doch unwiederbringlich, f�rchtet sie, und die Frequenz ihres Herzschlages geht �ber die des Schrittmachers hinaus. Sie freut sich, wenn ihr Herz von alleine schneller schl�gt als sechzig Mal pro Minute. Freude und Furcht halten sich f�r einen Moment die Waage, dann siegt Letztere, das Herzschlagen geht unter im angstvollen Durcheinander der Gedankenfluchtfetzen. Zwingen will sie sich, zu Ruhe und Sammlung. Einem einzigen Fetzchen auch nur einen Augenblick l�nger nachh�ngen d�rfen! Die Zwinge versucht, die Fetzchen zu kriegen, aber das ist verlorene Liebesm�h, sie wei� es, eigentlich, m�hsam schlie�t sie die Augen, und unter den Lidern fliegen die Aug�pfel. So unruhig, dass die linke Hand herhalten muss, sich festzukrallen am Bettrahmen. Wei� sind schlie�lich die Fingerkuppen, sie h�lt und h�lt die Hand fest ums Gest�nge geschlossen. Schlie�lich schwindet der Zwang, die Aug�pfel fliegen zu lassen. M�hlich, aber er schwindet, und als sie die Hand langsam losl�sst, ist ihr, als h�tte sie einen Viertausendmeterlauf hinter sich, von dem sie sich schon ein bisschen erholt hat, sodass das wohlige Zittern der Schenkel zwar noch von Anstrengung spricht, der Atem jedoch schon lang genug ist. Eine Weile liegt sie noch so, dann stellt sie das Kopfteil des Bettes fast senkrecht und greift nach der Zeitung von gestern, die Matthes mitgebracht hat. Seit dem Sturz der Taliban ist das Verbot des Mohnanbaus zur Opiumherstellung kaum mehr durchsetzbar, liest sie. Die UN-Agrarbeh�rde rechnet mit einer Ernte von knapp</p><p>3000</p><p>Tonnen Opium, das f�r</p><p>300</p><p>Tonnen Heroin reicht. Was hei�t das? Hatten nicht die Taliban versucht, als radikale Islamisten den Mohnanbau zu unterbinden? Wahrscheinlich stammt das Verbot noch aus der Zeit vor dem letzten Oktober, da die USA und ihre Verb�ndeten ihren seltsamen Anti-Terror-Feldzug begannen. Ah ja, da steht auch, dass Mullah Omar das Verbotsedikt erlie�, der F�hrer der Taliban, und dass er gro�en Erfolg damit hatte, denn im vergangenen Jahr wurden nur noch</p><p>80</p><p>Tonnen Rohopium erzeugt. Da hat die Talibanherrschaft also wenigstens etwas</p><p><emphasis>Gutes</emphasis></p><p>gehabt (sie spitzt sp�ttisch die Lippen) � die drastische Beschr�nkung des Opiumanbaus. Aber war nicht die Behauptung, dass islamistische Taliban ebenso wie al-Qaida sich aus dem Opiumgesch�ft mit Geld und Waffen versorgten, einer der Vorw�nde f�r diesen Krieg gewesen? Da stimmt etwas nicht, sie sp�rt es deutlich, kann es aber nicht sauber formulieren. Sie erinnert sich, in einem Film gesehen zu haben, dass der Mohnanbau auf der Welt per Satellit leicht zu enttarnen ist, sich nicht verbergen l�sst. Es stimmte, dass die Taliban ihn rigoros einged�mmt hatten. Was hier nicht stimmt, hat mit den Amerikanern zu tun und ihrer Behauptung, dem Opiumanbau auf die Pelle r�cken zu wollen. Seit der Besetzung Afghanistans ist er wieder in vollem Gange, ohne dass die Amerikaner Anstalten machten, entschieden dagegen vorzugehen. Ein Kriegsgrund hat sich also wieder mal als vorgeschoben erwiesen. Oder? Ihre Unsicherheit nimmt ihren Anfang tief drinnen, wo sie �berlegen m�sste, weshalb �berhaupt die Amerikaner mit Verb�ndeten in Afghanistan einmarschiert sind. Verlogene Begr�ndungen � diese Floskel ist ihr pr�sent, sie vermag das Abstraktum aber nicht zu konkretisieren. Abgesehen von Opiumanbau, aber der war nur ein nachrangiger Kriegsgrund.</p><p>Weshalb sind die Amis, verdammt noch mal, in diesen Krieg gezogen?</p><p>Da ist es: Das Bild der einst�rzenden T�rme � Wann war das? Im September, vor knapp einem Jahr, ein Ereignis, das sie mitsamt seinen Folgen ununterbrochen in Atem und Aufregung gehalten hatte seither! Bis Gott auf die Pauke in ihrem Kopf eingedroschen und abgeschnitten hatte, was von au�en kam �</p><p>Gehen von ihr nicht vorsichtige Triebspitzen aus? Auf einmal bemerkt sie die gl�serne Kugel um sich herum. An einer Stelle, einem winzigen Punkt nur, hat es eine kr�ftigere Ranke geschafft, das Glas zum Splittern zu bringen, und durch dieses Loch hat sie eben die einst�rzenden T�rme sehen k�nnen. Ja, nur so kann es sein: Sie muss diesen verdammten Efeu (oder was das f�r Zeugs ist) dazu bringen, die Kugel platzen zu lassen! Nicht ungef�hrlich, das Scherbenregnen, aber je dichter sie es ranken lassen kann, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auf sie zur�ckfallen wird. Sie kann es nicht fassen, dass es</p><p><emphasis>die Welt</emphasis></p><p>gibt da drau�en, sie hatte bis heute Kan�le in die Vergangenheit zu graben versucht, die doch immer nur ihre eigene Vergangenheit gewesen war, hatte den Film zu rekonstruieren versucht, dessen Hauptheldin sie immer noch ist, und hatte dabei einfach nicht gesehen, wie abgeschirmt sie hier existierte, in welchem verdammten Schonraum! Hatte in die Wolken gesehen als in eine Glocke, die sich �ber sie spannte und an den Horizonten zu Ende ging, und die Katzen, die seither ihren Weg gekreuzt hatten im Krankenhausgel�nde, waren ohne Linien geblieben zu den in den W�ldern lebenden wilden, die sie fr�her immer mitgedacht hatte, und die Haferflocken im M�sli waren einfach aus der T�te gefallen und der Laptop vom Himmel und der Stift aus der Federtasche. So einfach war das gewesen, dass f�r alles Zweifache, Mehrfache gar kein Platz geblieben ist, und ihre Augen waren voll gewesen und doch leer, sie merkt es jetzt, da das Gesehene zu schrumpfen beginnt und das Gedachte auf einmal hinzukommt, noch z�gernd, noch stolpernd, wie es jedem Ding einen Halo verpasst und jedem Wort eine gro�e lederne Blase, die sich mit anderen Blasen um andere W�rter �berschneidet, wie sich die Schnittmengen konturieren und neue Worte in ihrem Inneren entstehen � Immer so weiter.</p><p>Und immer mit dem Kopf durch die Wand, auch wenn der jetzt zwei frische Knochenl�cher und eine sichtbare Stirnfuge hat und wom�glich empfindlicher ist als gedacht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Das EEG erbrachte den Herdbefund, nat�rlich, aber keine Erregbarkeitssteigerung, die �rzte gehen nun wohl auch von Helenes Wahrheit, dem Aufspringenwollen, aus, jedenfalls deutet das Visitengemurmel in diese Richtung. Also keine Medikamente, aber verst�rkte Beobachtung. Medikamente gegen Epilepsie h�tte sie ohnehin abgelehnt � sie wei�, wie sie umfiel. Heidem�hlen wird um einige Tage verschoben. Wut will hochkochen, aber ehe sie aufsch�umt, kann Helene sie kleiner drehen. Gl�ck gehabt.</p><p>Sie hockt im Bett, hat das Kopfteil wieder hochgestellt und das linke Bein angezogen. Das rechte bewegt sich auch, aber zu wenig. Also packt sie die Hose und zieht, bis es angewinkelt neben dem linken steht. Hastig wird mit der linken die rechte Hand gegriffen, beide Arme sind nun um die Knie geschlungen. Sie h�lt still. Vermutlich sieht das entspannt aus. Eine Zigarette m�chte sie rauchen. In dieser Position k�nnte sie allerdings auch keine Tasse, kein Buch zur Hand nehmen � das rechte Bein rutschte unweigerlich auf die Matratze. Fr�her h�tte sie das gekonnt. Fr�her, das hei�t: vor sechs Wochen.</p><p>Fr�her aber hat sie nie so im Bett gesessen, weil das Bett zu Hause kein verstellbares Kopfteil hat. W�hrend sie das denkt, ist ihr, als lehne sich jemand gegen ihren R�cken. Jemand mit spitzen Wirbeln. Sogar den Kopf sp�rt sie, von dem jetzt langes Haar �ber ihre Schultern f�llt, es ist schon ein bisschen grau, der Jemand also nicht mehr ganz jung, kein hennarotes Haar wie bei der einen oder schwarzbraunes wie bei der anderen Tochter, die beiden scheiden schon mal aus, obgleich sie wohl ausreichend spitze Wirbel haben. Der Jemand fasst jetzt �ber seinen und �ber ihren Kopf hinweg und legt seine Hand auf ihre Stirn, dass sie zittern muss �ber die weiche Ber�hrung, sie sp�rt den sanften Druck mit aller Deutlichkeit auch auf den von der Operation gef�hllosen Knochenpartien, und langsam lehnt sie sich tiefer zur�ck und l�st die fest verschlungenen H�nde, dass das rechte Bein kraftlos auf die Matratze f�llt. Auch das linke rutscht schleppend ab. So sitzt sie minutenlang.</p><p>Sie wei�, wer der Jemand ist.</p><p>Die Jemand, wenn sie es richtiger sagen soll.</p><p>Viola hei�t sie.</p></section><section><title><p>IV.�NERVATUREN</p></title><p>SO PL�TZLICH IST VIOLA �BER SIE HEREINGEBROCHEN</p><p>, dass es ihr f�r den Rest des Tages die Sprache verschl�gt. Zu anstrengend, nach Worten zu fahnden, die eine Antwort ergeben k�nnten auf die Fragen, die man ihr stellt. Stellt man ihr �berhaupt Fragen? Wahrscheinlich. Die beiden Schwestern schauen sie lange an. Ihre M�nder bewegen sich. Carola h�lt sogar ihre Hand, sehr nahe kommt ihr Gesicht, so nahe, dass ihre blonden Haarspitzen sticheln. Warum merkt sie das, h�rt aber nichts? Eigentlich will sie dar�ber nicht nachdenken. Anstrengend. Augen zu.</p><p>Viola hat ihre Gestalt offenbar nicht verloren in Helenes Kopf, sie aber irgendwo versteckt gehalten, hatte das Skalpell sie abgetrennt? Jetzt erhebt sie sich: gro�er, schon von Weitem m�nnlich aussehender K�rper, ovale Sch�delform, sehr schmale Nase, Augen schnell irritiert und der Mund absch�tzig nach unten verzogen, vorspringendes Kinn, bedauerlich verschnittener Pony, das d�nne Haar zu einem Kn�tchen verzwirbelt, lange Finger, lange F��e, Brust eingeebnet im Bauchansatz. Abgetragene Hosen, ein Strickpullover, beige, ein Parka, tarngr�n, dar�ber.</p><p>Irgendetwas an ihr hatte Helene verwirrt, als sie sie zum ersten Mal sah, ohne dass sie h�tte sagen k�nnen, was. Als Viola sich aber vorgestellt hatte, fiel es Helene wie ein Fallbeil auf die schon ausholende Zunge. Wie hei�en Sie? Stellen Sie sich vor, ich habe Viola verstanden! hatte sie sagen wollen, schloss aber im gleichen Moment den schon ge�ffneten Mund: Viola hatte mit einer M�nnerstimme gesprochen. Tats�chlich hatte sie Viola f�r einen Mann gehalten, es w�re ihr nicht eingefallen, etwas anderes zu sehen, als ihr die Augen vorgaukelten. Dieselben Augen, die sie gerade noch davon abhalten konnte, Violas Br�ste zu suchen, um all das, was sich in Sekundenbruchteilen in ihr vollzogen hatte, zu verifizieren. Err�tet war sie auf der Stelle und hatte Violas k�hles L�cheln, von oben herab, mit geradezu unterw�rfiger Demut �ber sich ergehen lassen. Schuld. Das Gef�hl war so unverhofft gekommen wie die Sonne, die dem im grauen Novemberanfang stattgehabten Kennenlernen ein pl�tzliches Strahlen spendierte. Eigentlich war das Strahlen dem Park von Sanssouci, in dem sich das Ereignis zugetragen hatte, angemessen, aber der Tag hatte Helene bis dahin nur an das Wischwasser denken lassen, das sie nach gr�ndlicher Reinigung des ganzen Karlshorster Hauses regelm��ig ins Klobecken sch�ttete. Bleiern und seimig. Und so hatte sie wie ein begossener Pudel im �berraschenden Sonnenschein gestanden, die Schultern eingezogen, w�hrend Violas Gesicht sich langsam aus der antrainierten Hochn�sigkeit verabschiedet und etwas wie R�hrung um den Mund herum gezeigt hatte. Sp�ter hatten sie beide nichts Genaues sagen k�nnen �ber die Dauer der Szene, Viola veranschlagte sie entschieden l�nger als Helene. Als die Zeitlupe sich aufl�ste, hatten sie einander die H�nde gesch�ttelt, und jede war ihrer Wege gegangen.</p><p>Jedenfalls hatten sie das damals f�r wenige Augenblicke geglaubt, bis sie sich nacheinander umgedreht und Helene sich vor den Kopf geschlagen hatte: Ihr Kennenlernen war ja nicht aus (inzwischen) heiterem Himmel erfolgt! Viola hatte ihr per Post nicht mitteilen wollen, wie sie hie�. Getroffen hatten sie sich in Sanssouci, weil Viola in Potsdam wohnte, und wer etwas von ihr wollte, war Helene gewesen. Deshalb war nicht etwa Viola nach Berlin gekommen, denn Viola hatte eigentlich nichts von Helene gewollt. Deren himbeerrote Schulledertasche hatten sie als Erkennungszeichen vereinbart, Helene ist sich heute noch sicher, dass es eine solche Tasche kein zweites Mal gibt. Der Grund f�r ihr Treffen �</p><p>Matthes kommt. Unterbricht.</p><p>Nein, sprechen m�chte sie heute nicht mehr.</p><p>Sie sieht: Matthes sorgt sich nicht um sie. Ihr Schweigen nimmt er vielleicht als eine ihrer Eskapaden, schlie�lich hatte sie immer mal wieder das Reden eingestellt, wenn auch nur f�r kurze Zeit, eine halbe oder ganze Stunde, dann hatten sich die Worte, seltsam nackte Lemminge, wieder ganz von selber aus ihrem Mund gest�rzt. Wahrscheinlich nimmt er es sogar als gutes Zeichen, dass ihre Schweigeanf�lle zur�ckkehren, die er als Protest zu deuten gelernt hat. Gegen seine d�mliche Art, ihr die Lemminge im Mund noch umzudrehen, dass sie nach dem Sturz in wilden Haufen Unruhe verbreiteten. Zwar hat er, seit sie im Krankenhaus ist, nie daran gedacht, das zu tun, er ist, im Gegenteil, f�rsorglich und versucht, W�nsche auch ohne Gesprochenes zu deuten, aber vergessen hat er es sicher nicht. Ihr ist es recht, ihn reden zu sehen. Eine nat�rlich anmutende Grenze ist zwischen Matthes und Viola gezogen, und diese Grenze verl�uft mitten durch sie hindurch � wenn sie die Augen schlie�t, schmerzt es entlang der Linie.</p><p>Sie fordert ihn nicht.</p><p>Sie verl�sst ihn f�r Minuten, um der Sonne nachzusehen, die hinter der alten Heizhausruine verschwindet. So sp�t ist es schon � wie war das heute mit dem Abendbrot? Sie erinnert sich nicht, sieht aber pl�tzlich die zurechtgemachten Schnitten, das halbe Ei mit Schnittlauch, den Apfelsaft auf dem Nachtschr�nkchen. Wahrscheinlich hat Carola ihr das gebracht. Wahrscheinlich w�hnte Carola sie schlafend? Jetzt greift sie nach dem Ei und will es in den Mund schieben. Matthes geht dazwischen, h�lt ihre Hand fest, als die erste H�lfte der H�lfte in der H�hle verschwunden ist. Na gut, bei�t sie eben ab. Steckt sie eben nicht die ganze H�lfte hinein, es w�re ihr ja vermutlich auch nicht gut bekommen, so anf�llig, wie sie derzeit f�r�s Verschlucken ist. Langsames Kauen, dann f�hrt die Hand zur�ck und legt die zweite H�lfte der H�lfte wieder auf den Teller. Nein, doch nichts essen. Matthes beugt sich �ber sie, nimmt sie in den Arm, legt seine Wange an ihre. Verabschiedet er sich? Tats�chlich, aber auch das hat sie nicht geh�rt.</p><p>Sie ist�s zufrieden. Schl�ft ein.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>Beine anheben! Beide!</emphasis></p><p>Helene liegt auf der Matte. Das linke Bein kommt in den</p><p>90</p><p>��Grad-Winkel, das rechte schafft vielleicht drei�ig. Nicht schlecht, denkt sie. Der rechte Arm aber, wei� sie, schafft nichts, nicht einen Finger kann sie auch nur ein kleines bisschen steuern. Da kommt auch schon das Kommando.</p><p><emphasis>Arme in die Vorhalte, nach oben!</emphasis></p><p>Der linke geht hoch.</p><p><emphasis>Und? Was ist mit dem rechten?</emphasis></p><p>Die Physiotherapeutin wei� das doch, kann sie sie nicht in Ruhe lassen damit?</p><p>Jetzt schiebt sie eine Faust unter Helenes Schulter und reizt das Schulterblatt mit den Fingerkn�cheln, kaum schmerzhaft, aber deutlich sp�rbar. Sie f�hrt den rechten Arm nach oben, rotiert ihn leicht nach au�en. Als sie ihn gestreckt in die H�he h�lt, fordert sie Helene auf, ihn in kurzen Intervallen gegen ihre ihn haltende Hand zu stemmen. Das klappt nicht, also �bt sie kleinste Beuge- und Streckbewegungen des Ellbogens mit ihr. Schlie�lich soll sie die Hand oben behalten, so lange wie m�glich! wenn die Therapeutin losgelassen hat. Nur Sekunden, dann f�llt der Arm. Immerhin. Sie beginnt, Helenes Schulterg�rtel zu stabilisieren, indem sie die Schulter nach vorn h�lt. Dieses Spielchen wiederholt sich f�nfmal. Dann ist Umdrehen dran. Sie liegt auf dem R�cken. Die Therapeutin steht am Kopfende und zieht am rechten Arm, dreht ihn leicht und greift unter die rechte Schulter. Helene sp�rt den Impuls, das Becken zu bewegen und so das Umdrehen einzuleiten. Die ganze rechte Seite wird gedehnt, lang gezogen, gestreckt, das ist ein wohliges Gef�hl, sie merkt, wie es gefehlt hat bislang. Als sie endlich auf dem Bauch liegt, will die Therapeutin auch noch, dass sie sich auf die Knie und H�nde st�tzt. Irgendwie fehlt es am Gleichgewicht. Zwar kann sie sich vorstellen, sich mit deutlicher Bevorzugung der linken, kr�ftigen Seite so zu halten, aber es gelingt nicht. Die Therapeutin greift ein, doch es endet kl�glich.</p><p>Tr�nen, nur kurz.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Grund f�r ihr Treffen mit Viola?</p><p>Sie recherchierte f�r einen Artikel, irgendeine Frauenzeitschrift wollte den von ihr, �ber Ehepaare, die sich hatten scheiden lassen und offen �ber ihre Beziehung zu reden bereit waren. Eine reine Geldbeschaffungsarbeit. Mit V. hatte Viola, wahrheitsgem��, den Brief unterschrieben, den sie ihr auf die Anzeige in diversen Zeitungen geschickt hatte. Viktor, Volker, Volkmar. Helene hatte den Brief von Matthes einscannen und auf ihren Laptop �bertragen lassen. Fieberhaft sucht sie jetzt die betreffende Datei.�Ich habe mich</p><p>1994</p><p>von meiner Frau scheiden lassen. Man hat uns gezwungen, das zu tun. Ob meine Exfrau heute noch �ber uns reden m�chte, wei� ich allerdings nicht. V. �Da steht es. Die Zwangsscheidung war es, die Helene neugierig gemacht hatte. Sie hatte sich mit V. im Park von Sanssouci verabredet, am Fu�e der ber�hmten Stufen, und war dann zum ersten Mal mit Viola zusammengetroffen, die ihre Irritation nat�rlich erwartet hatte. Dass auch sie nach dem Vorstellungsakt einige Schritte weitergegangen war, begr�ndete sie sp�ter mit der Konfusion, die Helenes Erscheinung in ihr angerichtet h�tte. Irgendwie waren beider Konfusionen noch nicht fertig miteinander gewesen und hatten sie die K�pfe nach hinten drehen lassen, im gleichen Augenblick. Helene hatte nun lachen m�ssen, das Schuldgef�hl im Nacken, und auch Viola hatte nach einigen verlegenen Zuckungen ein breites Grinsen gezeigt. Helene hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, als sich</p><p><emphasis>vieltausendmal</emphasis></p><p>zu entschuldigen, woraufhin Viola etwas gn�diger ausgesehen hatte, bis sie beide beschlossen, sich ein Caf� zu suchen. Auf dem Weg dorthin war Helene bem�ht gewesen, die Konzeption des geplanten Artikels zu erl�utern und ihr Interesse an Violas Version einer Zwangsscheidung zu best�rken. Viola aber schwieg. Umst�ndlich pellte sie sich aus dem Parka, als sie ein kleines, ruhiges Lokal gefunden hatten. Helene meinte inzwischen, Unsicherheit hinter ihrer herablassenden Art auszumachen. Also griff sie zu, hielt den Parka am Kragen, Viola kam nun leichter heraus. Offensichtlich sa� das Ding sehr eng.</p><p>Viola bestellte sich zwei kleine Kr�uterschn�pse, dazu ein gro�es Bier, w�hrend Helene viel Zeit in einem Milchkaffee verr�hrte. Zeit, die sie ihrer J�ngsten abgenommen hatte � sie hatte Lottchen f�r jenen Nachmittag bei einer Freundin gelassen. Zu fragen erschien ihr sinnlos, also wartete sie auf die vermutlich auch von Viola erhoffte Wirkung des Zinnaer Klosterbruders. Der Kerl in Viola faszinierte sie, sie empfand Scham dar�ber, wie sie vorhin Schuld empfunden hatte, Scham und Schuld, geschwisterliche Verf�hlungen, deren Grund nicht in ihr auszumachen war, wie sie fand, und sie n�tigte sich, ein irgendwie heiteres Gesicht aufzusetzen, das aber nun doch err�tete, fleckenweise, streckenweise, sie sp�rte genau, wo das Rot hinaufkroch vom Hals her, als h�tte sie Wein getrunken, ihre Hand zog den Rollkragen des Pullovers h�her, �ber das Kinn, sie vergrub sich darin und hoffte, Viola m�ge zum Fenster hinausschauen.</p><p>Viola schaute zum Fenster hinaus.</p><p>Wahrscheinlich litt sie an Rosazea. Um den Mund herum zeigten sich stecknadelkopfgro�e Eiterpusteln, die auf der entz�ndlich aufgetriebenen Haut residierten, als w�ssten sie, dass ihnen nur schwer beizukommen war. Wenn diese Situation hier Stress war, w�rde sich die Hautreaktion vermutlich verst�rken. Zu Scham und Schuld gesellte sich Mitleid. Innerhalb dieser Gef�hlstriade war Helene, als m�sste sie unmerklich verschwinden, um nicht in deren K�mpfe verwickelt zu werden. Unangenehme Konstellation. Viola trug das Kinn hoch, die Augen blickten so in der Tat von oben herab auf das platte Volk ringsum, und dass ihnen nichts entging, schien Helene eine m�hselig erlernte F�higkeit zu sein. Die Violaaugen huschten. Flitscherten. Flitzten. Schwirrten. Hasteten. Holten aus. Schlugen zu. Solch einen Schlag bekam auch Helene zu sp�ren, als sich ihr Blick wider Willen an Violas Br�sten aufhielt, die nicht gro�, aber wirklich da waren, sogar einen BH konnte man an der r�ckseitigen Einkerbung erkennen. Wenn sie solch intuitives Gestarre immer aushalten musste, verwunderten weder Rosazea noch Kinnhaltung. Sie h�tte sich ohrfeigen k�nnen.</p><p>Immer weiter r�hrte sie Zeit in den Kaffee.</p><p>Viola begann nach f�nfundzwanzig Minuten � Helene hatte die Uhr im Blick, die �ber der Kuchenvitrine tickte � von ihren Kindern, die sie seit f�nf Jahren nicht mehr gesehen habe. Die beiden Jungen wohnten gar nicht so weit entfernt von ihr, in einem D�rfchen im Teltow-Fl�ming-Kreis. Manchmal sei Viola hingefahren und habe eine Stunde oder auch zwei, durchs Dorf spazierend, darauf gewartet, ihnen zu begegnen. Hilflose Versuche. Ihre Frau habe nicht mehr gewollt. Gekonnt? war Helene versucht zu entgegnen, behielt es aber gl�cklicherweise f�r sich, sie kannte sie ja gar nicht. Fr�her sei sie ein Viktor gewesen, der mit seiner Rolle als Mann zunehmend weniger habe umgehen k�nnen. Gleichzeitig habe er den Bart immer dichter, die Frisur immer k�rzer getragen. Bis er eines Tages ein weites, t�rkisfarbenes Empirekleid, das Lieblingskleid seiner Frau, angezogen, sich den Bart abgenommen und geschminkt, das Kopfhaar kahlrasiert und mit einem um die Glatze geschlungenen Seidentuch auf Frau und Kinder gewartet h�tte, die vom Einkauf zur�ckkehrten. Augenblicklich hatte Helene sich Matthes in ihrem samtenen, bordeauxroten Umstandskleid vorgestellt. Viola weinte? Jedenfalls schwammen die Augen, zum Gl�ck schauten sie in die Ferne der Blumendekoration auf der halbhohen Mauer um ihre Sitznische herum. Helene hatte das Bild vom Pannesamtmatthes weggewischt, es war aber hartn�ckig gewesen und noch vier- oder f�nfmal zwischen zwei S�tzen Violas aus der Versenkung gekommen, bereit, Helene zum Lachen zu reizen, was sie unbedingt hatte vermeiden wollen �</p><p>Was sie an jenem Nachmittag erfuhr, kam aus der Weltenfremde. Wie Schnee im Sommer war es niedergegangen und nicht getaut, was den �berraschungswert unzweifelhaft erh�hte.</p><p>Violas Geschichte hatte sich ganz in der N�he abgespielt.</p><p>Als Kind hatte Helene einmal ihre Mutter hinter vorgehaltener Hand zu einer Kollegin sagen h�ren, der Vater ihrer Sch�lerin Helga Rant sei fr�her auch ihre Mutter gewesen. Lange hatte sie �ber diesen Satz ger�tselt. Dass sie ihn nicht einfach hinterfragen konnte, hatte in der Luft gelegen, in die ihre Mutter den Satz hineingesprochen hatte. Sie hatte ihn nie vergessen, und als sie vier Jahre sp�ter Helga Rant, nun vierzehn und ein Jugendweihling, an der Hand ihres Vaters zum Kulturhaus hatte schreiten sehen, war ihr auf einmal aufgegangen, was er bedeutete.</p><p>Ach, Viola.</p><p>Der erste Nachmittag mit ihr war nichts gewesen, was Helene h�tte verbraten wollen in einer noch so gehobenen Frauenzeitschrift. Das Gehobene war zu relativ.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die �rztemannschaft hat sich entschieden, Heidem�hlen nun zuzulassen. F�r �bermorgen hat man sie dort angemeldet. Die Psychologin wird auf die Schnelle um eine neuerliche Leistungsdiagnostik gebeten, aber Helene lehnt, ebenso auf die Schnelle, ab. Die Einsch�tzung der Logop�din f�llt au�ergew�hnlich flach aus, Helene hat einfach nicht mehr mitgemacht. Die Frau wollte von ihr nur Dinge, die sie konnte. Was sie nicht konnte, kam nicht</p><p><emphasis>zur Sprache</emphasis></p><p>Im Streit sind sie auseinandergegangen. Sie erwies sich als</p><p><emphasis>nicht kooperative Patientin</emphasis></p><p>und ist es zufrieden.</p><p><emphasis>Sehr kooperativ</emphasis></p><p>steht hingegen im Bericht der Physiotherapeutin. Zwar kann sie noch nicht, wie von der Therapeutin geweissagt, stehen, ist aber auf dem besten Wege dorthin. Sie glaubt es beinahe selber �</p><p>Am Morgen ist sie wieder in dem klaren Bewusstsein aufgewacht, kr�ftig und beweglich wie fr�her zu sein. Es braucht immer einige Zeit, bis sie vom hohen Ross abgestiegen ist und der Realit�tssinn zur�ckkehrt. Trotzdem, sch�n ist es, so aufzuwachen, und dass es nicht stimmt, was der schlaftrunkene Zustand ihr vorgaukelt, n�tigt ihr unterdessen nicht viel mehr als ein L�cheln ab.</p><p>Heute ist Dienstag. Zehnter September. Die Schule hat schon vor drei Wochen begonnen, wie Lissy ihr erz�hlt hat, als sie das letzte Mal da war. Komisch, dass alles auch ohne sie weitergeht. B�cher und Hefte f�r die Kinder zu beschaffen, war immer ihre Aufgabe gewesen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass Matthes sie zu seiner gemacht hat. Viel eher wird er die Kinder selbst in die Spur geschickt haben. Matthes ist anders als sie. Was ich nicht wei�, macht mich nicht hei�. Helene hingegen muss irgendwann der Kontrollblick gewachsen sein. Schon allein damit die Kinder nicht die H�lfte vergessen, ist es ihr lieber, deren Zeugs selbst zu kaufen. Sie liebt sich nicht daf�r, aber sie liebt auch Matthes nicht etwa, weil er es anders handhabt als sie.</p><p>Warum sollte sie ihn lieben?</p><p>Sie wei� es einfach nicht mehr.</p><p>Das tut jetzt aber auch nichts zur Sache, denkt sie.</p><p>Das tut jetzt aber auch weh, denkt sie.</p><p>Etwas blitzt in ihrem Kopf. Wenn da ein h�bscher Titan-Clip drin ist, darf es doch ruhig blitzen, oder? Ja, es blitzt. Und Schatten? Schatten dazwischen. Langsam geben die sich die Ehre, reichen einander Bilder zu, die erst langsam, dann in dichter werdender Folge Kontur gewinnen. Ohne die Augen zu schlie�en? Sie staunt, dass es aufflammt. Dass es immer wieder starre Momentaufnahmen sind, die sie sieht. Keine bewegten Sequenzen. Und immer wieder � Viola! Viola im Unterhemd, besch�mt die Scham abwehrend; Viola im Wald, auf Stubben hockend; Viola beim V�gelbeobachten, beim Ausschreiten, Viola singend, Viola pfeifend, Viola beim Fleischer, vorm Computer, Viola beim Lesen, Buch, Zeitung, beim Weintrinken (Schnaps nicht, auch kein Zinnaer Klosterbruder), beim Ausbessern einer Hose, einer Bluse, Viola im Dunkel, schlafend. Wenn sie Viola schlafend gesehen hat, m�ssen sie zusammen in einem Raum gewesen sein zur Nacht. Schleppend das Erinnern, aber es schleppt, bed�chtig, herbei, was war.</p><p>Gleichzeitig zieht es im Bauch.</p><p>Sie hat Viola geliebt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Helene im Rollstuhl, auf dem Weg zum Krankentransport, der sie nach Heidem�hlen bringen soll. Den gestrigen Tag hat sie es sich so gut gehen lassen, wie es eben ging mit der Violafrage im Kopf. Sie w�sste gern, wo die Violafrage sitzt. Ob sie im wahren Wortsinne abgeschnitten wurde und ihren Auftritt jetzt hintenherum hatte. �ber andere Bahnen? Die Violafrage ist unvollst�ndig. Viola ist nicht hier, hat sie nicht ein einziges Mal besucht. Helene zermartert sich den angebohrten, aufges�gten Sch�del. Sie dr�ckt die Hand fest auf die f�hlbaren L�cher, als h�tte sie Angst, dass die Violafragenfragmente sich auf und davon machten, wenn sie nicht aufpasste. Wom�glich uneinholbar.</p><p>Vorgestern noch h�tte sie bei dem Gedanken, eine Frau geliebt zu haben, bar jeder</p><p><emphasis>political correctness,</emphasis></p><p>vermutlich gelacht. Wie schnell alles wegwankt, noch mal und noch mal.</p><p>Da wankt es aber auch schon wieder auf sie zu: Als sie die Aufnahmeambulanz durchkreuzen mit dem Rollstuhl, ist sie schlagartig erinnert an die Situation der Einlieferung, alles kommt wieder! kommt wirklich alles wieder? sie wird flatterig, die linke Hand zittert. Wie sie so auf dem Oberschenkel liegt, sieht sie aus wie ein gerupftes Huhn in Todesangst. Auf einer fahrbaren Trage war sie vor Wochen hier hereingeschoben worden, sie verfolgt sich jetzt mit geschlossenen Augen: Zun�chst hatte sie, eine unendlich lange Zeit, wie ihr heute scheint, auf dem Gang gestanden, den t�dlichen Kopfschmerz als Helm umgeschnallt. Sp�ter war sie in einen der Behandlungsr�ume gefahren worden. Als endlich ein Arzt kam, hatte er ernst ausgesehen und gleichzeitig undurchdringlich, es war ihm nichts zu entlocken gewesen �ber ihren Zustand. Nach ihrem Namen hatte er gefragt, nach dem Datum und dem Wochentag, nach ihrem Geburtstag. Hatte ihren Reflexstatus �berpr�ft mit H�nden und H�mmerchen, war wortlos aus dem Raum gegangen. Sie war weggetreten. Oder eingeschlafen? Jedenfalls kam sie zu sich, als sie mit fest eingespanntem Kopf in einer R�hre gelegen hatte. Wieder drau�en, hatte eine Schwester begonnen, an ihr herumzuhantieren. Sie auszuziehen. Sie hatte gefragt, was sie da t�te, und die Schwester hatte mit betont ruhigem Augenaufschlag gemeint, dass</p><p><emphasis>ein bisschen Blut ausgetreten</emphasis></p><p>sei, das Wort</p><p><emphasis>Subarachnoidalblutung</emphasis></p><p>war nicht gefallen, als m�sste man es den Patienten immer sch�n einfach machen. Als h�tten sie durch die Bank keine Ahnung zu haben von diesen Dingen. Sie w�rde ihr gleich etwas geben, wovon sie erst einmal</p><p><emphasis>sch�n einschlafen</emphasis></p><p>w�rde, und wenn sie wieder aufwachte, sei das Schlimmste garantiert vorbei. Gel�chelt hatte sie, aber es war Helene gequ�lt vorgekommen. Das war der letzte erinnerbare Eindruck, dann war da nichts mehr.</p><p><emphasis>Augen auf, h�ren Sie?</emphasis></p><p>Der Typ vom Krankentransport ist ein schlaksiger junger Mann. Die �berlegenheit, die er ausstrahlt, verletzt sie. Daran wird sie sich gew�hnen m�ssen. Ihr Rollstuhl wird in den Wagen verfrachtet und festgeschnallt. Die Scheiben sind zu zwei Dritteln aus Milchglas, nur, wenn man den Kopf reckt, kann man etwas sehen, als die T�r geschlossen ist. Als sie sich im Wagen umsieht, sitzt da Matthes. Muss vor ihr eingestiegen sein. Sie wundert sich nicht. Oder? Heute ist sein Geburtstag. Sie hat kein Geschenk f�r ihn. Streckt ihren linken Arm nach ihm aus und hofft mit den Augen sagen zu k�nnen, dass sie ihm alles Gute w�nscht. Besser als mit dem Mund. Matthes greift ihre Hand und dr�ckt sie, seine Hand ist warm, sein Griff so vertraut, dass sie nicht mehr loslassen und sich die ganze Fahrt �ber verklammert daran festhalten m�chte. Es ist nicht weit nach Heidem�hlen, eine Dreiviertelstunde mit dem Auto, vielleicht. Matthes sagt nichts, er schaut aus dem Fenster, mit ihrer Hand in seiner rechten, die linke darumgekn�ppert. Zwei Geschlagene, denkt sie, die nichts mehr sagen m�ssen.</p><p>Sie sagen nichts.</p><p>Baumst�mme sieht sie beim Blick aus dem Fenster, dahinter Wiesenland. Wenige kleinere Ortschaften dazwischen. Tasdorf erkennt sie am abgeschlagenen Putz einer Hausruine, die an der durchquerenden B</p><p>I</p><p>liegt. Nur die Fensterreihe des ersten Stocks zieht an ihren Augen vorbei. Vor zehn Jahren war der Putz genauso abgeschlagen wie vor f�nfzehn. Eigentlich erstaunlich, dass das Haus �berdauert. In der Nachbarschaft sind einige neu gebaut, andere zumindest notd�rftig befestigt worden. Wer hier wohnt, hat Pech, aber die wenigsten werden f�r diese Stra�engrundst�cke viel Geld bekommen, sodass sie sich wohl darauf einlassen werden dazubleiben. Die Alten zumindest. Sie erinnert sich, dass die Eltern der Sprechstundenschwester der neurologisch-psychiatrischen Fachambulanz in den fr�hen Achtzigern an der B</p><p>I</p><p>wohnten, in einem heruntergekommenen Haus mit Plumpsklo, mit warmem Wasser nur nach Anheizen des Kessels im Waschhaus �ber den Hof. Zum Gl�ck wohnten sie� nur �zur Miete hier, konnten sich also irgendwann nach der</p><p><emphasis>Wende</emphasis></p><p>umstandslos aus dem Staube machen und ihre alten Tage in einer besser gelegenen und gut ausgestatteten Wohnung zubringen.</p><p>Helene seufzt.</p><p>Matthes sieht sie fragend an, aber sie sagt noch immer nichts.</p><p>Sie ist �berrascht, wer ihr in den Sinn kommt. Die Eltern der Sprechstundenhilfe hatte sie nie kennengelernt. Sie waren als abwesende Altgespenster eines Morgens durch das Fr�hst�cksgespr�ch gestolpert, das immer um neun Uhr drei�ig im gemeinsamen Vorraum der drei Arztzimmer stattfand. Die Psychologin des Erwachsenenbereiches kam ebenso aus ihrem Kellerraum des Henrichshorster Krankenhauses dazu wie sie selbst, die in einem abgelegenen Gangkab�uschen neben der Aktenaufbewahrung als Kinderpsychologin residierte. Damals hatten ihr noch der gestreifte und der karierte Rock gepasst, die in einem Koffer auf dem Dach nach wie vor auf wieder d�nnere Zeiten warteten. Sie konnte sich von Klamotten schwer trennen. Ihre T�chter hingegen r�umten regelm��ig ihre Schr�nke leer, um Neuem Platz zu machen. Keine Frage, ob da etwa irgendetwas zu klein oder zu gro� war, allein die Mode machte das Rennen. Was ihr</p><p><emphasis>Werte</emphasis></p><p>gewesen waren, waren den T�chtern nat�rlich keine. Ihrer Urgro�mutter mochte es mit ihr ebenso ergangen sein. Wie sie, hochbetagt, maschinell gestrickte, alte Kleider aufgetrennt hatte, um sie zu Socken und Handschuhen zu verarbeiten! Auch von den Bergen dieser Wolle hat sich Helene nie trennen k�nnen, sie d�mpelt noch immer in einem riesigen Umzugskarton im Keller herum und hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe zu wiederkehrenden Matthesfragen gef�hrt, der sie entsorgen wollte. Irgendwann hatte er das offenbar aufgegeben. Als sie sich in diesem Moment fragt, woran die Herzen ihrer T�chter wohl h�ngen m�gen, f�hlt sie sich so weit von ihnen entfernt, dass ihr schwindelt.</p><p><emphasis>So, nun mal sch�n aussteigen, die Herrschaften!</emphasis></p><p>Es trifft sie, aber sie kann sich nichts anmerken lassen. L�sst den Rollstuhl aus dem Wagen heben. Matthes schiebt sie in die Rehaklinik, zum Aufnahmebereich. Der Fahrer wird ungeduldig, will ihr den Rollstuhl wohl am liebsten unter dem Arsch wegziehen, um abhauen zu k�nnen. Nun ist es an ihr, �berlegenheit zu zeigen.</p><p><emphasis>Zimmer</emphasis></p><p><emphasis>324</emphasis></p><p><emphasis>. Unsere Mitarbeiterin kommt, um Sie einzuweisen. Fahren Sie erst mal hoch und schauen sich um!</emphasis></p><p>Sehr langsam lenkt sie den Roll- zum Fahrstuhl, Matthes wartet auf Unterlagen, springt dann schnell noch hinein. Als die T�r sich schlie�t, sieht sie mit Vergn�gen das �rgerliche Gesicht des Fahrers, der sich vor der T�r eine Zigarette anz�ndet.</p><p>Von der dritten Etage sehen sie zuerst einen gro�en, einladend aussehenden Essbereich, als sie den Fahrstuhl verlassen. Die Leute, die dort beim Mittagessen sitzen, k�nnen nicht alle allein essen. Einige werden gef�ttert, andere versuchen, mit zittrigen H�nden L�ffel zum Mund zu f�hren. Ihr wird schlecht.</p><p>Sie f�hrt zielsicher auf ihr Zimmer zu. Zielsicherer als Matthes, der in solchen Situationen Zeit braucht, sich zurechtzufinden. Aha, daran hat sich also nichts ge�ndert. Sie sp�rt Stolz, den sie im gleichen Augenblick einfach l�cherlich findet. Matthes? Sie sieht sich um, er hat nichts bemerkt. Stattdessen fragt er ins Schwesternzimmer hinein nach jener Person, die sie aufnehmen will. Die kommt und schlie�t auf, es ist ein sch�nes Zimmer. Ein Krankenbett mit allen technischen Schikanen steht darin, von links und rechts zu umturnen. Ein Fernsehger�t. Ein Sessel. Ein Schrank. Vom Fenster hat man einen weiten Blick hinunter zum See, der sich in geringer Entfernung in die H�gel schmiegt. Es wird schwieriger sein als bisher, sie ohne Auto zu erreichen. Matthes f�hrt nicht Auto, obwohl er sich die Fahrschule schon seit vielen Jahren vornimmt. Trotzdem beruhigt sie der Gedanke, hier zu sein.</p><p>Ein Pfleger bringt einen klinikeigenen Rollstuhl und nimmt den anderen mit hinunter. Eine Viertelstunde ist vergangen, seit sie den Fahrer unten stehen lie�en.</p><p>Sie ist zufrieden.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der erste Nachmittag in Heidem�hlen.</p><p>Matthes ist nach Hause gefahren, sie haben �ber den Geburtstag nicht weiter gesprochen. Er wird Besuch bekommen von Eltern und Tante. Vielleicht von Raphael? Der wird es sich zumindest nicht nehmen lassen, heftig zu gratulieren. F�r Kuchenbacken wird Matthes weder Zeit noch Mu�e gehabt haben, sie vermutet: Eis mit Beeren. Augenblicklich zieht eine Spur Vanille �ber die Geschmacksknospen. Phantomgeschmack. Den hat sie �fter in letzter Zeit.</p><p>Sie liegt auf dem Bett, in einem Jogginganzug, den Matthes ihr geschenkt hat zu seinem Geburtstag, und will sich wieder zu einer Art Ruhe zwingen, mit der sie einem Gedanken zu folgen vermag, statt viele splittern zu sehen.</p><p>Violas Name � Verflucht noch mal, wie hie� sie mit Zunamen? Gibt es das? Dass ihr der nicht einfallen will? Sie t�nzelt im Halbdunkel, Gardinen hat sie zugezogen, um Viola herum � es bleibt dabei: kein Zuname f�r die Violaperson, deren Existenz zwar sicher, deren Verbleib aber ein R�tsel f�r Helene ist. Die Unsicherheit dehnt sich aus, sie schwimmt im blinden Fleck, ohne einen Haltepunkt zum Ausruhen, zum Verschnaufen zu haben. So wird sie bedrohlich, Helene will ihr entkommen und sich aufrappeln, in den Rollstuhl, aber die Hand ist zu fahrig, als dass sie ihn neben das Bett ziehen k�nnte, und in dem Moment, da sie dar�ber heulen und schreien m�chte, r�ckt sie an: die Erinnerung. R�ckt an mit Paukern und Trompetern, die in einer ge�ffneten Betonmuschelschale Marschmusik intonieren, Radetzky erkennt sie und Graf Zeppelin, und nun h�lt sie die H�nde an die Ohren und dr�ckt mit beiden Zeigefingern in schnellem Rhythmus immer wieder den knorpeligen Fortsatz am Beginn der Geh�rgangs fest an. Auch das Ohr kennt eine Flimmerverschmelzungsfrequenz, muss sie jetzt denken, denn was sie h�rt, bleibt jenseits davon und ist eine schnelle Abfolge von Einzelt�nen, die keinen Bogen ergeben, keine Melodie. Sie muss lachen, dreht sich um � zu Viola, die den Kopf schr�g h�lt und nach Helenes H�nden greift, langsam, sie schiebt sie hinunter. Helene schlie�t l�chelnd die Augen, als Viola sie k�sst. Zum ersten Mal. So selbstverst�ndlich kommt ihr das vor, dass die Marschmusik aus der Muschelschale zum schirmenden Cape um sie herum wird, unter dem Stille herrscht. Kein Ger�usch durchkreuzt den Moment, der sich dehnt wie vordem die Unsicherheit, und als sie sich voneinander l�sen, ist Helene auf eine ruhige Weise entr�ckt.</p><p>Nein, Abendbrot essen will sie heute nicht.</p><p>Die Schwester geht achselzuckend.</p><p>Helene schmiegt sich ins Erinnern und liegt als gekr�mmtes Etwas im Bett, als die Schwester zur Nachtw�sche wiederkommt.</p><p><emphasis>Viola, Maljutka �</emphasis></p><p>Die Schwester schaut fragend,</p><p><emphasis>was sagen Sie?</emphasis></p><p>, in Helenes pl�tzlich weit aufgerissene Augen.</p><p><emphasis>Maljutka.</emphasis></p><p>Kleine.</p><p>Junge?</p><p>Eine F�nfzigj�hrige �</p><p>Sie hei�t Malysch, nat�rlich.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Viola Malysch kommt nicht langsam, sondern im Sturmlauf zu Helene. Zur�ck? Dar�ber denkt sie nicht nach.</p><p>Der Kuss hatte in Zinnowitz stattgefunden, im Ostseebad. Winter des vergangenen Jahres. Die letzten Tage vor Weihnachten. Gerade war Helene aus dem M�nsterland heimgekehrt. Verabschiedet hatte sie sich nicht von ihrer Familie, sondern einfach einen Zettel auf den Tisch gelegt. Bin Heiligabend wieder da.</p><p>Auf dem Weg zum Ostbahnhof hatte sie so tun m�ssen, als n�hme sie Berlin f�r lange Zeit zum letzten Mal wahr. Die Dampfpilze des Kraftwerks Rummelsburg stachen wei� in den Himmel. Vor der Umstellung von Kohle auf Erdgas</p><p>1988</p><p>hatten sie grau ausgesehen. Sie erinnerte sich daran, weil sie jahrelang jede Woche viel Zeit mit den Kindern in der Musikschule Lichtenberg verbracht hatte. Vorwendlich und nachwendlich. Ununterbrochen waren ihr kleine Kinder nachgewachsen, die den Weg noch nicht allein zur�cklegen konnten. Die ersten Jahre waren sie mit der S-Bahn gefahren. Im Nachwendejahr war sie auf die</p><p>1988</p><p>begonnene Fahrschule zur�ckgekommen. Eigentlich hatte sie sich nach der Theorie und den ersten praktischen �bungen im Trabant K�bel auf dem Idiotenplatz in Sch�nefeld davon verabschiedet, weil sie gemeint hatte, niemals genug Geld f�r ein Auto zu besitzen, f�r das sie noch dazu keine Bestellung aufgegeben hatte. Nach</p><p>1989</p><p>hatte auch diese �berlegung ihren Sinn verloren. Sie legte die Pr�fung ab. Das erste Auto war ein Wartburg gewesen. Damit waren sie schneller zur Musikschule gekommen, auch wenn auf der B</p><p>I</p><p>immer wieder gebaut wurde. Dass der graue Pilz des Heizkraftwerkes der Stadt ebenso den Atem genommen hatte wie der Rauch der vielen Kohle�fen, der �ber den alten Siedlungsgebieten hing, war ihr erst klar geworden, als sich, Jahre nach der Wende, dort pl�tzlich freier Luft holen lie�. Man hatte</p><p><emphasis>saniert</emphasis></p><p>So wei�, war der Dampf Unschuldslamms Lockenpracht. Sie sah ihn, und etwas in ihr zog sich zusammen.</p><p>Erst, als sie Tage sp�ter zur�ckkam, wusste sie, was es gewesen war: Sie hatte gesp�rt, auf eine Reise in den Verlust ihrer Unschuld zu gehen. Das, was sie in irgendeinem unzug�nglichen Winkel ihres Kopfes f�r ihre Unschuld hielt, auch wenn sie es, h�tte man sie danach gefragt, lauthals verneinend verlacht h�tte.</p><p>Die Br�ckelkulisse des Bahnhofes Ostkreuz hatte immer wieder Vertrautheitsgef�hle zur Folge, sie �bersah den Bahnsteig einfach mit seinen Buden und Verkaufstheken, sah nur den Penisturm, dessen Aufragen jeden Moment der Erschlaffung zu weichen drohte, sah die Ruinen auf der dem Bahnsteig abgewandten Seite und f�hlte sich daheim. Im Ruin�sen. Noch zwei Stationen bis Ostbahnhof, und der Zug ruckelte weiter durch einen ebenso ruin�sen Schacht. Sie glaubte, sich die verfugten Ziegel einpr�gen zu m�ssen, und schloss immer wieder f�r Momente die Augen. Als der Zug in Warschauer Stra�e hielt, waren es die Pflastersteinl�cher des Bahnsteiges, die sie als Geisel nahmen, sodass sie, als sie in Ostbahnhof ausstieg, aufatmete: Hier fiel Erinnern schwerer. Hier hatte man aufger�umt. Die Wahrnehmung ist ein komisches Ding, hatte sie noch gedacht, als auch schon der Zug aus Potsdam einlief. Rotgesichtig stieg Viola aus und stolperte ungelenk auf Helene zu, ihr Gesicht schien hart verkniffen, konnte aber sporadische Anf�lle von Erl�sung nicht verleugnen, die besonders dann auftraten, wenn Helene ihr fest in die Augen zu sehen versuchte.</p><p><emphasis>Bet�r mich, Maljutka, Malysch, mach mich s��.</emphasis></p><p>Ganz pl�tzlich waren diese sieben Worte dabei, sich einfach aus ihrem Mund zu wickeln, sie konnte sie eben noch zur�ckhalten, aber ihr Aussehen hatte sich schon ins Bet�rte ver�ndert. Viola sah es. Und ihr Gesicht tat es dem Helenes f�r einen Moment gleich.</p><p>Sie ber�hrten sich nicht, wenn man vom H�ndesch�tteln absah, an dem man, wie Viola meinte, die Ostdeutschen noch immer erkennen konnte. Als Nichtostdeutsche h�tten sie sich, vermutete Helene, links und rechts auf die Wange gek�sst. Das w�re ihr aber keinesfalls intimer vorgekommen. Die Fahrt �ber sprachen sie wenig, wichen dem Blick der anderen immer wieder aus, auch, weil Helene nicht fassen konnte, was ihr geschah (sie war drauf und dran, sich heillos zu verlieben!), und Viola (sie hatte sich bereits heillos verliebt �) ihrer selbst immer unsicherer wurde. Gep�ck hatten sie kaum, hatten beide nur Unterw�sche eingepackt, einen Pullover und Waschzeug. Pasewalk. Anklam. Helene hielt die Augen ge�ffnet und stierte ins Weite. Eben war sie unterwegs in der Idee, die sie sich von Violas Gesicht machte, das sie nicht sah. Beinahe h�tte sie den Rucksack liegen gelassen, als sie in Z�ssow pl�tzlich zum Ausstieg gedr�ngt wurde. Der Anschlusszug wartete. In Zinnowitz fr�her Abend, es dunkelte, und als sie auf dem Weg in die katholische Begegnungsst�tte waren, in der Viola ein Zimmer f�r sie gebucht hatte, zwei Freundinnen, hatte sie angegeben, als sie gefragt worden war, t�nte laut die Marschmusik aus der Muschel, dem Musikpavillon.</p><p>Pl�tzlich Stille. Der Kuss.</p><p>Und: die Nacht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die Nachtschwester will sie also waschen. Helene will das alleine machen. Vom Rollstuhl unter die Dusche zu kommen, schafft sie aber nicht. Die Schwester greift zu. Griffe</p><p><emphasis>Maljutka Malysch</emphasis></p><p>zu � sie wei� pl�tzlich nicht, ob das besser w�re. Eine Erleichterung? Irgendetwas steht ihr im Wege, als sie sich Viola bei sich vorstellt. Da f�llt ihr ein: Sie spricht hervorragend Russisch. Helene spricht gut Russisch, nicht hervorragend. Nein, sie sprach gut Russisch, sie m�chte lieber nicht in die Verlegenheit kommen, es ausprobieren zu m�ssen.</p><p><emphasis>Malysch</emphasis></p><p>? Das bezeichnet im Russischen den kleinen Jungen, den Knirps, man sagt es auch unter M�nnern, vielleicht ein bisschen abwertend? wenn man den anderen nach den Umst�nden fragt:</p><p><emphasis>Na, Kleiner, wie geht�s?</emphasis></p><p>Viola hie߻kleiner Junge �mit Zunamen und wollte doch lieber</p><p><emphasis>Maljutka</emphasis></p><p>sein, die Kleine, das M�dchen. Maljussenkaja gar, Kleinchen, aber solch z�rtliches Wort findet sich im Deutschen gar nicht, das russische auch nur ann�hernd wiederzugeben. Helene hatte es schlie�lich bei</p><p><emphasis>Maljutka Malysch</emphasis></p><p>belassen, zweideutig war�s, eben so, wie Viola ihr wirklich erschien, st�ckweis Mann, st�ckweis Frau, je nachdem, je nach Lage, je nach Gusto, je nach Wunsch. Und gew�nscht hatte sie sich?</p><p>Sie wei� es nicht.</p><p>Sie wei� aber, dass ihre erste Nacht sie nicht hatte leer ausgehen lassen, so wenig sie auch auf sich selbst geachtet hatte, sondern Maljutka Malysch unter die Haut gekrochen war, schlie�lich, und sie hatte sich nicht fragen m�ssen, was sie da tat.</p><p>Daran zu denken, l�sst etwas anschwellen. Wie vor einigen Wochen, als Carola sie unter der Dusche wusch und sie an Matthes dachte.</p><p>Matthes. Maljutka Malysch.</p><p>Maljutka Malysch. Matthes.</p><p>Wenn sie sich zwischen zwei Polen bewegte, die sich abstie�en, weil sie gleich stark waren, wie war es da um die eigene Ladung bestellt?</p><p>Vielleicht, denkt sie, hatte ja der Aufenthalt in diesem enormen Spannungsfeld zum Kurzschluss in ihrem Hirn gef�hrt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Hinter den D�nen des Schlafs rauscht es. Es braucht lange Minuten, bis sich das Rauschen heraufgeschleppt hat, Tr�ume vertreibt und jetzt laut und deutlich im Raum steht. Helene macht Licht, greift zur TV-Fernbedienung:</p><p>2</p><p>.</p><p>36</p><p>Uhr laut Videotext. Was rauscht hier? Die Nachtschwester hat das Fenster offen gelassen. Drau�en muss schwerer Wind gehen, er dr�hnt, jetzt h�rt sie es �berm Rauschen, hochfahrend vorbei. Der Wald t�nt, hinterm Haus f�llt er ab, zum See hinunter, und es ist ihr, als k�me er immer n�her, um irgendwann seine belaubten �ste durchs Fenster zu schieben. Dennoch m�chte sie sich nicht aufhieven, es zu schlie�en, zieht stattdessen die Decke noch ein St�ck h�her: Warm ist es drunter, durchs Fenster str�mt K�lte ein. Der Herbst kommt, l�sst sich nicht verleugnen.</p><p><emphasis>Immer im Herbst kommt tiefe Melancholie �</emphasis></p><p>Mit diesem Satz hatte Matthes sich f�r gew�hnlich aus der Aff�re gezogen, wenn er auf ihre herbstlichen Traurigkeitsanf�lle im November nicht reagieren konnte. Meist war er geflohen und hatte abwarten wollen, bis sie vorbei waren. Fast zwanzig Jahre lang war das gut gegangen: Er hatte bis Anfang Dezember in einem anderen Zimmer geschlafen, in der ersten Wohnung bei den Kindern, in der zweiten in der Diele, in der dritten im Esszimmer, und seit sie das Haus bewohnten, schlief er in seinem Arbeitszimmer unter dem Dach. Letztes Jahr nun hatte Maljutka Malysch dort Platz genommen, wo sich sonst der Tr�bsinn fl�zte. Dass Helene heiter und aufger�umt gestimmt gewesen sei, kann man kaum sagen, aber auch Melancholie war ihre Sache im letzten Herbst nicht. Sie hatte sie vorgespielt, um Matthes in sein Zimmer zu treiben, hatte sich in einsamen N�chten fest in die Decke gewickelt und an nichts zu denken versucht. Manchmal war Lottchen zu ihr gekrochen, und sie hatte sie im Arm gehalten, wie man wohl nur sein j�ngstes Kind im Arm halten kann: mit unterschwellig schleichendem Schmerz und dem Wunsch, in dieser Stellung bis zum Sanktnimmerleinstag zu verharren, darauf bedacht, es nicht durch eine unbedachte Bewegung zu wecken. Lottchen hatte sie zuverl�ssig ablenken k�nnen von der Verwirrung, die Maljutka Malysch in ihr ausgel�st hatte, sie hatte ein Tuch um die Nachttischlampe geschlungen und sie in deren gedrosseltem Schein stundenlang, scheint es ihr heute, angeschaut. Langes, braunes Haar, kleine Narbe auf der �beraus hohen Stirn, Augen beinahe asiatisch geschlitzt</p><p><emphasis>(Mongolenf�rstin</emphasis></p><p>hatte Matthes sie genannt, als er sie zum ersten Mal ansah), Ohren leicht abstehend � sie hatte in ihr stets die hinrei�ende Kopie ihres Vaters gesehen. An den Tagen hingegen hatte sie zu arbeiten versucht wie immer. Maljutka hatte begonnen, ihr zu mailen, erst vorsichtig, dann offener, freier, und Helene hatte ihre Post sehns�chtig erwartet. Es ist</p><p>2</p><p>.</p><p>58</p><p>Uhr, als der Laptop endlich sein Startprogramm hinter sich hat, sie kann es kaum erwarten und wird fahrig.</p><p><emphasis>22</emphasis></p><p>.</p><p><emphasis>11</emphasis></p><p>.</p><p><emphasis>02</emphasis></p><p><emphasis>Liebe Helene,</emphasis></p><p><emphasis>wennste w��test, wie sehr ich mir gestern das Kreuz verhoben habe, als ich die B�cher vom Regal auf den Boden packte, um zwei Bretter wieder festzukloppen, w�rdest Du mit Sicherheit �ber mich lachen. Sowieso lachst Du �ber mich, nicht? Wie soll eine auch nicht �ber die andere lachen, die den Bauch nicht flach kriegt und die F��e nicht kurz, und die immer aussieht, als w�ren Pat und Patachon �bereingekommen, es in einem K�rper zu versuchen � Wer es wirklich in meinem K�rper versucht, wee�sch doch dabei selbst nich so jenau. �S wird der Deibel sein, der seine weibliche H�lfte was vonne Welt sehen lassen will. Meenste nich auch? (Kann man das eigentlich Humor nennen?)</emphasis></p><p><emphasis>Die weibliche H�lfte vom Deibel l��t ehmt ihre Br�stchen nur halb rausgucken ausm Kerl, der nich von seiner Gestalt lassen kann �</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe mir also das Kreuz verhoben und pl�tzlich gewu�t, da� ich der Chorgemeinschaft nicht mehr vorstehen kann, als Chorleiterin nicht und als Vorstandsmitglied noch weniger. Darauf hast Du mich gebracht, wahrscheinlich schon in Sanssouci, als Du mich gleich nach dem Kennenlernen wieder verabschiedetest. Die Erleichterung stellte sich mit dem Verfliegen der Schmerzen auch postwendend ein. Sie k�nnen nicht</emphasis></p><p><emphasis><strong>f�hlen</strong></emphasis></p><p><emphasis>, da� ich eine Frau bin. Die S�nger h�ren meine Stimme und sind immer aufs Neue irritiert, auch wenn sie es sich nicht anmerken lassen wollen. Als Mann haben sie mich seinerzeit akzeptiert, aber das war doch nicht ich, der ihnen da gegen�berstand! Und jetzt, da ich ich bin � bin ich ich?�� , bin ich in ihrem F�hlen eben nicht ich, wobei ich in ihrem Denken wahrscheinlich an die richtige Stelle ger�ckt werde, und das geht nicht zusammen. Auch Dein Gef�hl kriegte mich innen und au�en wie in Sinn und Form oder Gehalt und Gestalt nicht zusammen, und da ich Dich besser kennenlernte, als ich damals ahnte, wei� ich, da� Du nichts anderes tatest, als Deinen Gef�hlen freien Lauf zu lassen, und mir nicht etwa ein Bein stelltest, um zu beobachten, wie ich nach dem Fall aussehen w�rde. Als mir der Schmerz in den R�cken scho�, war es, als wollte man mir von oben zurufen, da� Frauen eben nur dann Bretter annageln sollten, wenn wirklich kein Mann greifbar ist. Eine Dirigentin in Rock oder Kleid �berm feinbestrumpften M�nnerbein, mit m�nnlicher Stimme und breiten Schultern, ist nichts f�r das g�ngige Rollenverst�ndnis, von dem sich ja doch niemand l�sen kann, so frei er sich auch w�hnt. Und weil das so ist, finde ich keinen Platz in der Arbeitswelt der ostdeutschen Provinz, aus drei Firmen bin ich schon gegangen worden, hinauskomplimentiert, halb geworfen, halb gesprungen, eine ABM konnte man mir nicht� anpassen�. So sollte ich einmal f�r einen Verein, der sich sexuell mi�brauchter M�dchen annimmt, die Sekretariatsaufgaben �bernehmen, auch telefonische Erstkontakte. Durch die Blume sagte man mir, da� meine Stimme die M�dchen verunsichere, weil sie eben von M�nnern gepeinigt wurden � Ich konnte sogar mitgehen, das ist es ja! Den Weibern dort war das ungeheuer peinlich, sie schenkten mir zur Absage des vom Arbeitsamtes vermittelten Jobangebotes sogar eine Schachtel Belgische Meeresfr�chte, nun ja, ich hasse S��es, das pa�te.</emphasis></p><p><emphasis>Warum schreibe ich Dir das? Keene Ahnung. Eigentlich wollte ich mich nur bei Dir f�r das Wochenende bedanken, es war sch�n, Dich in Deiner Familie zu erleben, und da� die uns alle Zeit der Welt gelassen hat zum Quatschen, rechne ich Deinem Mann hoch an. Gr�ߒ ihn mal von mir.</emphasis></p><p><emphasis>Herzlich � Viola Malysch</emphasis></p><p>Noch immer summt der Videotext. Es ist</p><p>3</p><p>.</p><p>06</p><p>Uhr, sie hat</p><p>8</p><p>Minuten gebraucht, um die Mail zu lesen, und nun unternimmt sie eine Fahrt ins Blaue und hofft, das Wochenende zu finden, von dem Viola sprach.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Helene hat Pl�ne. Jemand hat die f�r sie aufgestellt. Sie h�ngen �ber ihrem Kopfende und sagen an, was zu tun ist. In dieser Woche: physiotherapeutisches Turnen in Einzelbehandlung, ein Schwimmversuch, Ergotherapie im Keller, Massage, Logop�die, psychologische Einzelkonsultationen, progressive Muskelentspannung, eine Konsultation des Sozialdienstes, Psychogruppe.</p><p>Ihr wird schlecht.</p><p>Elektromyografisches Biofeedback ist noch nicht einmal dabei. Matthes hatte ihr einen Prospekt dazu in die</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>mitgebracht, ganz hibbelig war sie geworden von der Vorstellung, damit die Bewegung des rechten Armes zu trainieren. Dass das in ihrem Fall nicht gehe, hatte ihr gestern schon die �rztin mitgeteilt, die die Erstuntersuchung vorgenommen hat: Mit Schrittmacher verbiete sich das. Ein bisschen w�tend war sie schon gewesen, zumal ihr Interferenzen zwischen Feedback und Schrittmacher nicht zwangsl�ufig erscheinen. Keiner hier hat sie bislang nach dem Typ ihres Schrittmachers gefragt. Das m�sste man aber doch wissen, um sagen zu k�nnen, ob sich Biofeedback tats�chlich verbiete. Leider war sie zu aufgeregt gewesen, um das deutlich sagen zu k�nnen.</p><p>Sie kann sich nicht vorstellen, solch ein Programm durchzuhalten. Rein in den Rollstuhl, raus aus dem Rollstuhl � Die Schwester muss es angebracht haben, als sie noch nicht ganz munter gewesen war. Wie soll das gehen?</p><p>Helene wurde angezogen, sitzt jetzt im Eckchen und wartet darauf, zum Fr�hst�ck abgeholt zu werden. Klein und zusammengerutscht kommt sie sich vor, als die T�r aufgeht und eine m�chtige Person, die ihr noch unbekannt ist, sie abholt. Die Person sagt nichts, nicht einmal Guten Morgen, sieht an ihr vorbei oder �ber sie hinweg und bringt sie wortlos ins Fr�hst�ckszimmer. Da sind sie wieder, die Hilfsmittel: das Nagelbrett f�r die Br�tchen, die Tasse mit beidseitigem Henkel, die merkw�rdig geformten Besteckteile, die L�tze und Sitzkissen. Ein duldsames M�dchen ist sie, sagt sie sich. L�sst es �ber sich ergehen, dass man ihr ungefragt Kaffee eingie�t und ein Br�tchen aufschneidet. Wozu haben sie dann diese Sachen hier, wenn man sowieso nicht selbst tun und entscheiden kann? Jetzt schmiert ihr die Frau auch noch Marmelade auf die obere H�lfte, die sie am liebsten mit Leberwurst gegessen h�tte. Leberwurst liegt in appetitlichen Scheiben ja immerhin auch auf einer der reichlich best�ckten Fr�hst�cksplatten � Alter Osten, muss sie denken. So war es auch gewesen, als sie in den diversen Geburtskliniken gelegen und deren System �ber sich hatte ergehen lassen. Am schlimmsten schiebt sich die Frauenklinik, in der Billy geboren wurde, in die Erinnerung: Nur alle vier Stunden wurden die Kinder kurz zum Stillen gebracht und blieben ansonsten, ob sie schrien oder nicht, im S�uglingszimmer, zu dem die M�tter keinen Zutritt hatten. Wenn jemand kam, ein Vater zum Beispiel (aber zu ihr kam ja kein Vater), so musste er Gl�ck haben, wenn ihm eine Schwester sein Kind durch eine Glasscheibe zeigte. Und was die Mahlzeiten betraf, so hatte man damals nur die Wahl, zu essen oder nicht zu essen.</p><p>Ein Rest an Aufbegehren erstirbt in einem h�rbaren Seufzer. Sie bei�t ins Br�tchen, trinkt langsam den Kaffee aus.</p><p>Blutdruckmessen.</p><p>Wiegen.</p><p>T�glich aufs Neue.</p><p>Zu den Behandlungen wird sie geholt und gebracht. Die Physiotherapeutin ist eine zugewandte Person. Die Psychologin wirkt seltsam d�mmlich. Lustlos wickelt sie ein Pflichtprogramm mit Helene ab, setzt sie vor den einen, den anderen Bildschirm, wo sie puzzeln soll, Muster zusammensetzen, Zahlen und Begriffe erg�nzen. Sie ist geschafft, als sie zum Mittagessen geholt wird, und bittet um ausreichende Mittagsruhe.</p><p>Die Schwester grient.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>W�hrend sie schlief, muss Matthes gekommen sein.</p><p>Matthes ist ein Jahr �lter als vorgestern. Man sieht das, findet sie. Seine Augenlider wirken wieder geschwollen, was hat er nur? Heute fragt sie ihn.</p><p><emphasis>Sag mal, was ist denn mit deinen Augen los?</emphasis></p><p>Er ist m�de, legt seinen Kopf in ihren Scho�. Sie streichelt ihn.</p><p>Er sagt nichts.</p><p>Sie sagt nichts mehr.</p><p>Dabei bleibt es. W�hrend des Besuches f�llt kein Wort.</p><p>Matthes holt ein Steinchen aus der Tasche und dr�ckt es Helene in die Hand. Irritiert ist sie nur Augenblicke, dann gibt sie es ihm zur�ck. Ihr Blick zittert. Er nimmt es, l�chelt einen Moment, wird ernst, nimmt Helenes rechte Hand, �ffnet sie gegen den leichten Spasmus und legt das Steinchen wieder zur�ck. So geht das einige Male. Eins teilt dem anderen so viel mit, wie das Steinchen zu fassen vermag. Eins wei� nicht wirklich, was das andere ihm mitteilen will, aber jedes hat dem Steinchen aufgepackt, was ihm am dr�ckendsten schien, und nun sind sie im Schweigen erleichtert. So leicht ist ihnen zumute, dass Matthes eine Weile seinen Pullover auszieht und Helene wie auf Wolkenwatte in ihren Kissen liegt, schwebt, keinen Druck sp�rt, weder von Matratze noch Decke.</p><p>Als Matthes gegangen ist, wei� sie f�r den Moment nicht, ob er tats�chlich da war.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Nach dem Abendessen endlich Zeit.</p><p>Auf ihr Bitten hin hat Matthes ihren Taschenkalender des vergangenen Jahres mitgebracht. Sie hatte ihm erkl�ren m�ssen, wo er ihn finden konnte. Zwar hatte sich Matthes noch nie von sich aus an ihren pers�nlichen Dingen zu schaffen gemacht, dennoch war es ihr wie eine Auslieferung erschienen. Dabei h�tte er, da das Zeug in der dritten Schublade von oben, in der zweiten S�ule unter ihrem Schreibbrett, lag, ohnehin jederzeit Zugang dazu, wenn er nur wollte �</p><p>Da steht es: Sechzehnter bis achtzehnter November � Viola Malysch, die Tage waren mit einer blauen Tintenklammer verbunden. Am Freitag hatte Helene laut Kalender noch das Auto zur Werkstatt gebracht. Jetzt erinnert sie sich, dass sie es entgegen den anf�nglichen Beteuerungen der Werkstatt nicht am Nachmittag zur�ckerhalten und zu Fu� zum S-Bahnhof hatte laufen m�ssen. Sie war ein bisschen zu sp�t gekommen, hatte noch Lottchen vom Kindergarten abgeholt. Irgendwie waren sie nach dem Potsdamer Treffen �bereingekommen, es in anderer, abgeschirmter Umgebung noch einmal zu versuchen. Helene hatte sich bem�ht, einen Ort in Violas N�he ausfindig zu machen, hatte erkl�rt, sie w�rde sie auch zu Hause aufsuchen,</p><p><emphasis>nat�rlich!</emphasis></p><p>, aber Viola hatte nur betreten nach unten geschaut, als mochte sie keine Besucher. Auf die Einladung nach Karlshorst war sie nach einigem Z�gern, das Helene f�r eine Ausflucht gehalten hatte, eingegangen. Als sie am sechzehnten November aus der S-Bahn stieg, blieb sie neben Helene stehen. Die aber lief vorbei: Sie hatte sie nicht erkannt. Das vor ein oder zwei Wochen noch graue, schmucklose Haar war frisch get�nt, geschnitten und in Wellen gelegt und wurde am Hinterkopf von einer Muranoglasspange gehalten. Make-up und gezupfte, gef�rbte Brauen hatten dem Gesicht eine gewisse Starre gegeben. Viola trug ein dickes, schwarzes Kost�m, das ma�geschneidert worden sein musste, denn in diesen Proportionen war so etwas von der Stange sicher nicht zu bekommen, und einen bunten Paschminaschal um den Hals. Die F��e steckten in schwarzen Stiefeletten, deren Sohlen so geschickt in einen verk�rzten, angeschnittenen Absatz �berf�hrt worden waren, dass man die Gr��e zun�chst nicht wahrnahm. �berm rechten Arm lag eine hellgraue leichte Webpelzjacke, und mit der linken Hand st�tzte sie sich auf den Griff eines edlen Lederk�fferchens zum Ziehen. Helene lief vorbei. Als Viola sie beim Namen rief, drehte sie sich erschrocken um. Sah, wie Stolz und Entt�uschung darum rangen, in Violas Mienenspiel den Sieg davonzutragen. Sah in ein Gesicht, dessen befremdendes Ebenma� eben aufzubrechen begann, um den Mund herum, wo die dicke Schicht erste Risse bekam. Helene schreckte zur�ck im Inbegriff des Umarmens, es war eine Sache von Sekundenbruchteilen, sich zu �berlegen, dass Violas Make-up wom�glich weiter verschlieren w�rde, wenn sie sich zu nahe k�men. So blieb es beim H�ndesch�tteln, wie es auch vier Wochen sp�ter beim H�ndesch�tteln bleiben sollte, als Viola dabei war, zu Maljutka Malysch zu werden in Helenes Kopf.</p><p>Helene griff das K�fferchen und trug es die Bahnhofstreppe hinunter. Lottchen sah die gro�e, fremde Person verstohlen, mit distanziert wirkendem Interesse an, w�hrend sie an Helenes Hand hinabturnte. Man sah, welche Register in ihrem Kopf gezogen wurden, Stimme, Figur und Aufmachung in �bereinstimmung zu bringen. Unten angekommen, war das wahrscheinlich vollbracht, denn Lottchen reichte nun Viola unbefangen die Hand, sie zu begr��en.</p><p>Helene kaufte frisches Brot in der B�ckerei, ehe sie den Weg in die Arberstra�e nahmen. Das Viertel zeigte noch vereinzelt Spuren der</p><p><emphasis>Russenzeit</emphasis></p><p>, die seit 1994 vorbei war.</p><p><emphasis>Klein-Moskau</emphasis></p><p>hatte man Karlshorst fr�her genannt. Ganz in der N�he war das Kapitulationsmuseum, und manche der Villen, in denen h�hergestellte Offiziere mit ihren Familien gewohnt hatten, zeigten tats�chlich noch vernagelte T�ren und Fensterfronten. Vielleicht hatte man die Erben noch nicht ausfindig machen k�nnen, oder aber ganze Gemeinschaften von ihnen konnten sich nicht dar�ber einigen, wie mit dem wom�glich unerwarteten Besitz zu verfahren sei. Es waren weniger geworden in den letzten Jahren.</p><p>Matthes und Helene hatten auf Teilungsland gebaut. Der Besitzer des Hauses an der Stra�enfront h�tte nicht die Mittel gehabt, es in einen wieder bewohnbaren Zustand zu �berf�hren, wenn er sich nicht entschlossen h�tte, die hinter dem Haus gelegene H�lfte des Grundst�ckes zu verkaufen. Nun hatten beide Parteien nur noch wenig Garten, aber das war Helene sogar lieb. Gartenarbeit lag ihr nicht.</p><p>Als sie das Gartentor �ffneten, kam ihnen Lissy auf ihrem Fahrrad entgegen. Lissy wohnte seit Kurzem in einer eigenen Wohnung, die sie sich von ihrem Lehrlingsgeld leisten konnte. Bekifft sah sie aus, wie so oft in letzter Zeit. Helene schloss das nicht nur aus der Erweiterung ihrer Pupillen: Die Augen waren rot und tr�nten, sie a� mehr als gew�hnlich. Wenn sie sich freudig an Helenes Brust warf, um sie zu begr��en, wusste sie, was die Stunde geschlagen hatte. Lissy warf sich nicht nur an ihre, sondern auch an Violas Brust, die verdattert zwischen Rad und Tor klemmte. Helene seufzte nur, vertagte die Auseinandersetzung. Drinnen dann rief sie Matthes aus dem Arbeitszimmer, um ihm Viola vorzustellen. Der kam eilig und leise summend die Treppe herunter und lief sofort zum Herd, wo er einen hei�en Wirsingauflauf aus der R�hre nahm. Sie setzten sich an den Tisch, Mareile kam hinzu, sie hatte das Schulschwimmen hinter sich, und a�en. Tranken Wein. Es war Freitag, niemand musste am n�chsten Tag fr�h raus, und so verlief sich der Abend in unaufgeregter Weise: Matthes ging zur�ck in sein Arbeitszimmer, Mareile �bte Gitarre, was sie ausgesprochen gern tat, und Lottchen sah sich ein Video an, das ihr die Gro�eltern geschickt hatten. Helene blieb mit Viola in der K�che allein.</p><p>Viola schaffte es nicht, an diesem Abend die Etikette abzulegen, sie blieb der verwandelte Vamp, dessen Lippenstift st�ndlich nachgezogen werden musste, und erst als sie viele Gl�ser Wein getrunken hatte, sodass die h�ufiger n�tigen G�nge zur Toilette sie Ansto� nehmen lie�en an Tisch und Bank und Stuhl und Schrank, verzog sich die Wimperntusche in dunkle Augenringe, kam sie mit �ber die Lippenkontur hinausschie�endem Mundrot zur�ck, sah es so aus, als beg�nne das Make-up geradezu von ihren hohen Wangenknochen abzubr�ckeln.</p><p>Helene versp�rte den Impuls, ihr Baby�l und zur Nachbehandlung Waschlappen und Handtuch zu reichen, unterlie� das aber wohlweislich. Das, wor�ber sie tats�chlich sprachen, bewegte sich haarscharf an dem vorbei, wor�ber sie hatten sprechen wollen. Viola erz�hlte von der Gewichtszunahme, die ihr seit einigen Jahren zu schaffen mache, unterlie� es aber, �ber die gleichzeitigen hormonellen Umstellprozesse in ihrem K�rper zu sprechen, die vor der Operation begonnen hatten und danach nat�rlich beibehalten werden mussten. Sie sprach von den Cremes, die sie benutzte, die Rosazea zu b�ndigen, aber nicht davon, wie die wahrscheinlich t�glich n�tige Rasur die Haut zus�tzlich beanspruchte. Sie redete davon, wie sie versuchte, ihr Brot freiberuflich mit dem Aufschreiben der Geschichten alter Leutchen zu verdienen, die ihre Biografien gern als gebundenes Buch ihren Kindern und Kindeskindern schenkten und sich das sogar etwas kosten lie�en. �ber die Irritationen der Anrufer und Anruferinnen beim ersten Kontakt sagte sie kein Wort, ebenso wenig lie� sie dar�ber verlauten, wie vieler potenzieller Kunden sie wieder verlustig ging nach einem solchen Erstgespr�ch. Erst, als sie auf Zur�ckliegendes zu sprechen kamen, auf Studium, Armeezeit und, ja, auch auf die Ehe, sagte Viola laut und deutlich</p><p><emphasis>ich</emphasis></p><p>, als sei sie sich ihrer selbst in der Gegenwart keinesfalls sicher.</p><p>Nachdem sie als Viktor Malysch anderthalb Jahre Grundwehrdienst abgeleistet hatte, war sie Lehrerin f�r Deutsch und Musik geworden. Gearbeitet als solche hatte sie aber nie, sondern dem Studium ein Forschungsstudium aufgepappt, das sie zum Dr. phil. bef�rdert und die Universit�tskarriere nahegelegt hatte. In die Zeit der Dissertation war eine Frau eingefallen, die sehr schnell ihre war: Sie f�hlte sich verpflichtet, sie zu heiraten, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Die Zwillinge waren</p><p>1983</p><p>zur Welt gekommen. Da endlich liebte sie ihre Frau, die nicht ahnte, dass der Vater ihrer S�hne ebenfalls eine Frau war. Eigentlich h�tten sie sch�ne Jahre gehabt, sagte sie, so sch�n, dass sie mit dem</p><p><emphasis>Outcoming</emphasis></p><p>dem Ganzen die Krone hatte aufsetzen wollen. Sie hatten zwei Kinder, das war der Traum vieler Lesbenpaare, die sie kannte. Ja, dieses Traumleben h�tte sie endlich f�hren wollen! Dass ihre Frau keine Lesbe war, musste sie irgendwie ausgeblendet, nicht mehr zugelassen haben, meinte sie. Der Schock w�re beidseitig gewesen: Ihre Frau h�tte ihre Verkleidung zun�chst f�r einen Scherz gehalten, der im Zusammenhang mit der Bartabnahme stehen musste. Als Viola aber das Tuch vom Kopf genommen und sie die Glatze erblickt h�tte, sei sie regelrecht zusammengebrochen und h�tte im Beisein der fast zehnj�hrigen S�hne einen Schreikrampf erlitten. In diesem Moment w�re es Viola</p><p><emphasis>wie Schuppen aus den Haaren</emphasis></p><p>gefallen: Ihre Frau liebte Bart und Schwanz und Waschbrettbauch und Bizepsaufgang, all das, was ihr so unertr�glich war, dass sie nun alles daran setzen wollte, es loszuwerden, und die Unvereinbarkeit ihrer beider Viola-Vorstellungen musste sie beide an den Rand des Abgrunds gebracht haben, der ihre Ehe fortan war. Sie hatte ja nicht einfach aufh�ren k�nnen, ihre Frau zu lieben. Viele Male noch h�tten sie miteinander geschlafen, weil sie es sich gew�nscht und geglaubt hatte, Viola umstimmen, ummodeln, auf den rechten Weg zur�ckbringen zu k�nnen.</p><p><emphasis>Aus der Traum, an der Mann</emphasis></p><p>h�tte Viola diese Akte bei sich genannt. Aber sie sei sich immer fremder geworden dabei und habe schlie�lich keinen mehr hochgekriegt. Es blieb bei</p><p><emphasis>aus der Traum</emphasis></p><p>Der Mann verschwand. Ihre Frau, sagte Viola, h�tte es noch drei Jahre lang mit ihr versucht und allen guten Willen der Welt gezeigt. Als die Zwangsscheidung anstand, weil Viola die Operation mit Personenstands�nderung anstrebte, h�tte sie oft geweint, weil es ihr so unvorstellbar erschienen w�re, auf diese Art den Mann loszuwerden, aber h�tte Viola darauf verzichtet und nur den Namen ge�ndert, so w�re ja nichts gewonnen gewesen. Ihr F�hlen h�tte keine Kraft mehr gehabt, noch l�nger Anzug zu tragen.</p><p>Helene erinnert sich, w�hrend der langen Ansprache zum Ort ihrer ersten Begegnung zur�ckgekehrt zu sein: Viola war, nun ja, geschlechtsindifferent gekleidet gewesen, die m�nnliche Erscheinung war erst auf den zweiten Blick mit der Kn�tchenfrisur aneinandergeraten, und das auch nur f�r einen Moment. Sie fragte sich, was sie zu diesem regelrechten Gestaltwandel veranlasst hatte.</p><p>Als sie schachmatt einschl�ft, sitzt die Brille noch auf ihrer Nase.</p><p>Als sie erfrischt aufwacht, sitzt die Brille nicht mehr auf ihrer Nase. Zerdr�ckt hat sie die, ein Glas ist aus der Fassung gesprungen, ein B�gel abgebrochen, der andere verdreht. Zuerst m�chte sie w�tend werden, dann aber besinnt sie sich.</p><p>Heute ist auch noch ein Tag.</p><p>Heute nimmt sie sich aber zusammen und schafft es, sich frische Sachen aus dem Schrank zu nehmen. Sie schafft es, sich die bl�den Thrombosestr�mpfe von den Beinen zu ziehen. Sie schafft es, ins Bad zu fahren und sich unter die Dusche zu setzen. Sie schafft es, die Seife wieder aufzuheben, als sie ihr zwei-, dreimal aus der Hand rutscht. Sie schafft es, sich gr�ndlich zu waschen, abzutrocknen und schlie�lich die Z�hne zu putzen. Sie schafft es, sich einfache Socken �ber die F��e zu streifen, den Slip anzuziehen. Den BH legt sie so zurecht, dass sie die eine Verschlussseite mit der linken Hand von hinten unter den rechten Arm klemmen kann, der zu solch grobem Festhalten in der Lage ist. Dann f�hrt sie die andere Verschlussseite von links nach vorn, zieht und l�sst sie dabei nicht los, bis sie auch die unter dem rechten Arm klemmende Seite erreicht hat. Sie schafft es, wirklich! die H�kchen in die �sen zu schieben, wenigstens zwei von drei, und dann den BH ein halbes Mal um den K�rper zu ziehen, sie schafft es, den rechten Arm in die Tr�ger�ffnung zu bugsieren, und sie schafft es, auch mit dem linken unter den Tr�ger zu schl�pfen. Sie schafft es. Geschafft ist sie, als sie es schlie�lich noch schafft, das T-Shirt �ber den Kopf, die Hose �ber den Hintern zu ziehen. Matthes hat ihr wei�e Sportschuhe mit Klettverschluss mitgebracht. Sie schafft es �</p><p>Als die Schwester zum Wecken kommt, sitzt sie �ber ein Kreuzwortr�tsel gebeugt im Sessel am Tisch.</p><p>Mit der linken Hand schreibt es sich aber sehr ungewohnt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Als sie von der Physiotherapie zur�ckkommt, schiebt sie die Schwester vor das �rztezimmer.</p><p><emphasis>Na, warten Sie mal, Sie kommen gleich dran.</emphasis></p><p>Also wartet sie. In der Tat kommt die �rztin einen Moment sp�ter nach ihr sehen, ruft sie herein, sie kommt ihr nicht zu Hilfe, sodass sie allein im Rollstuhl f�hrt.</p><p>Ein Lehrerinnenblick, denkt Helene.</p><p>Eine Lehrerinnenstimme beginnt, von den guten Erfolgen zu sprechen, die Helene vorzuweisen habe. Sie k�nne sich alleine anziehen. Dann k�nne sie nat�rlich auch alleine essen, oder? Sie k�nne sich allein waschen und allein im Rollstuhl fahren, kurz, sie sei nichts f�r diese Station, in der man das alles nicht k�nnen darf.</p><p>So?</p><p>Helene bekommt auf der Stelle Panik, aus der Rehaklinik geworfen zu werden. Als die �rztin ihre Aufregung bemerkt, lacht sie und legt den Arm auf Helenes Oberschenkel. Es gibt das Haus</p><p>2</p><p>f�r die besser beweglichen Patienten, die �berwiegend allein zurechtkommen. Dorthin wird sie verlegt.</p><p>Sie beruhigt sich.</p><p>Es k�nne aber nicht garantiert werden, dass sie dort auch ein Einzelzimmer bekommt, sagt die Lehrerinnenstimme.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie bekommt ein Einzelzimmer. Gl�ck gehabt.</p><p>Gl�ck gehabt? Matthes kann das nicht glauben. Es w�re doch angenehmer, jemanden zum Reden zu haben, zum Austausch!</p><p>Zum Reden �</p><p>Sie wischt beiseite, wovon Matthes da anf�ngt.</p><p>Sie fragt ihn, ob er sich gut an Viola erinnern k�nne.</p><p>Gut erinnern �</p><p>Matthes wischt beiseite, wovon sie da anf�ngt.</p><p>Ratlos sehen sie f�r einen Moment aneinander vorbei.</p><p>Sie sieht, dass Matthes nicht nur schweigt, sondern</p><p><strong>ver</strong></p><p>schweigt.</p><p><emphasis>Es w�re doch angenehmer, jemanden zum Reden zu haben!</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Schlie�lich ist sie es, die den Weg zum See vorschl�gt. Dort war sie noch nicht. Matthes geht nat�rlich darauf ein, geradezu beflissen packt er zwei Gl�ser, die er mitgebracht hat, in seinen Rucksack zur�ck. Weintrauben w�scht er ab, hat sie vermutlich auf dem langen Weg hierher irgendwo erstanden. Auch sie verschwinden im Rucksack. Sie f�hrt voraus, wartet am Fahrstuhl, h�lt ihn an. Wo bleibt er denn?</p><p>Er kommt schon.</p><p>Er stolpert �ber seine eigenen F��e, findet sie. Sie fahren nach unten. Der Weg aus dem Haus f�hrt durch die Cafeteria. Helene ist nicht nach Eis, aber Matthes hat schon zwei T�tchen gekauft, Limone Buttermilch, ihr Lieblingseis. Na gut, aber sie kann nur eines, entweder Rollstuhlfahren oder Eisessen! Matthes greift den Rollstuhl und schiebt ihn weiter, sie f�hrt mit der Zunge �ber das k�stliche Eis. Nun ist ihr doch danach. Der Appetit kommt eben beim Essen. �berrascht zieht sie Matthes am �rmel, als sie eine Rotkappe sieht, die sich aus m�rkischem Sand ans Licht bohrt. Gleichzeitig ist sie ver�rgert, dass bei jedweder Aufregung die F�higkeit zu sprechen erst einmal versagt. Selbst wenn sie einen einfachen Pilz im Unterholz sieht. Sie schlie�t die Augen. Auf dem Gipfelpunkt der Anspannung legt Matthes seine Hand auf ihre Schulter. Langsam verebbt der Druck, sie merkt, wie sich Arm und Hand aus dem Spasmus l�sen und schlaff auf der Stuhllehne ruhen. Matthes schneidet den Pilz mit dem Schweizer Taschenmesser, das er einfach immer dabeihat, aus der Erde, l�sst dabei ein kleines Stielst�ck im Boden. Immer macht er das so. Sie glaubt zu wissen, dass es besser w�re, den Pilz ganz herauszudrehen. Schonender, weil man ihm nicht eine solch gro�e Schnittwunde zumutet, besser f�r den Esser, weil gerade bei dickfleischigen Pilzen, wie es die Rotkappe ja ist, ein sch�nes St�ck Fleisch im Boden bleibt. Da kann man nichts machen, Helene unterl�sst es, ihm das sagen zu wollen. Er hat es auch in den Jahren zuvor nicht geh�rt. Sie denkt dar�ber nach, was man in der Beziehungskiste �berhaupt h�rt. Was h�rt sie von ihm und was nicht, und scheppert der Kistenverschluss wom�glich so laut, dass sie einander zubr�llen k�nnten, was sie wollten? Die Rotkappe im Scho�, geht es weiter nach unten. In Serpentinen hat man hier einen rollstuhlgeeigneten Weg angelegt. Am See dann eine Feuerstelle, eine �berdachte Sitzgruppe und um alles herum ein steinerner Bankkreis. Matthes setzt sich, sie steht ihm gegen�ber, dreht dann aber den Stuhl, dass sie, seinen Blick im R�cken, aufs Wasser hinausschauen kann. Es war ein Sommer ohne gro�e Gelegenheit zum Baden, jedenfalls war ab Anfang Juli Schluss damit gewesen, und ob sie im Juni noch schwimmen war, daran kann sie sich nicht erinnern. Von hinten ger�t jetzt eine Weintraube in ihr Blickfeld. Matthes l�sst sie vor ihren Augen baumeln. Was will er sie denn immer wieder f�ttern! Sie f�hrt ein St�ck beiseite, demonstrativ das Limoneneis erhoben wie eine Brandfackel.</p><p>Stille.</p><p>Niemand au�er ihnen ist hier unten.</p><p>Ein D�senj�ger am Himmel malt einen Kondensstreifen. Langsam und ruhig sieht das aus.</p><p>Es ist so still, dass sie �berlegen muss, wie Bedrohung klingen k�nnte.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie fragt sich, was Matthes verschwieg. Sie spricht nicht differenziert genug, um ihm beizukommen, denkt sie. Matthes ist klug. Matthes verdreht ihr die S�tze im Mund. Sie wei� es noch. Es gelang ihm nicht immer, aber oft. In dem Zustand, in dem sie sich jetzt befindet, w�rde er sie ohne Zweifel unterbuttern. Aussichtslos also, ihn auf irgendeine Weise zur Rede stellen zu wollen. Ohnehin l�sst er sich nicht</p><p><emphasis>anbohren</emphasis></p><p>, wie er es nennt, wenn sie ihn nach etwas fragt, womit er gerade nicht besch�ftigt ist, sodass es ihn einige �berlegung � vor allem Zeit?�� kostet, umzuschwenken.</p><p><emphasis>Wie ist es mit den B�geln? Dr�cken sie?</emphasis></p><p>Helene ist mit Matthes zum Optiker gerollt, zum einzigen, den es in Heidem�hlen gibt, um sich eine neue Brille anpassen zu lassen. Der Optiker hat einen Spiegel wie einen dreifl�gligen Altar. Darin kann sie sich von der Seite sehen. Was sieht sie? Der Haarwuchs auf der linken Seite ist noch sp�rlich, vielleicht einen knappen Zentimeter lang. Er ist v�llig grau. Silbern stehen die Borsten zu beiden Seiten der Narbe vom Kopf ab. Sie dreht den Kopf: Auf der anderen Seite gl�nzt es kastanienbraun. Sie stellt sich vor, wie es auss�he, w�ren die Haare wieder gleich lang: links grau, rechts braun, der Gedanke beginnt ihr zu gefallen. Sie dreht einige Mal den Kopf.</p><p><emphasis>Na wie denn nun, dr�cken sie?</emphasis></p><p>Nein, sie dr�cken nicht.</p><p>Welche Brille sie nimmt, ist ihr v�llig egal. Matthes hingegen versucht, ihr die Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle zu erl�utern. Sie versteht Bahnhof. Will Bahnhof verstehen. Ob nun mit �berstreckbaren, unkaputtbaren B�geln oder aber aus Plastik � sie will nur sehen k�nnen damit. Sie will die Welt anschauen. Die Welt wird sie doch sowieso nicht mehr anschauen! Sie ist bereit, sich damit abzufinden, sagt sie, wenn Matthes sich damit abf�nde, dass sie die Wahl eines passenden Gestells gerne ihm �berlie�e. Das sind nun aber �lworte im Feuer. Da muss der Matthes jetzt aber korrekterweise heftig protestieren, und das tut er.</p><p>Sie sei wohl verr�ckt! Sie sei eine sch�ne Frau, nach der sich nicht nur die M�nner umdrehen!</p><p>Was hat er da gesagt? Wei� er �berhaupt, was er da gesagt hat? Matthes tut jetzt so, als habe er �berhaupt nichts gesagt. Sie zweifelt. Forscht dem Nachhall in ihren Ohren nach. Wird unsicher.</p><p>� nach der sich die M�nner umdrehen!</p><p>Das w�ren zwei Worte weniger, vielleicht hat sie zwei Worte mehr geh�rt, als er gesagt hat, sie sieht ihm forschend ins Gesicht, aber er l�chelt nur unverf�nglich. Ihre Unsicherheit macht, dass sie zu zittern beginnt, er nimmt die Brille, die sie gerade aufprobiert hat � Metallgestell, hellblau, halbrundes Glas �, aus ihrer Hand und h�lt sie beruhigend fest, aber sie hasst das in diesem Moment. Ein Blick in die Gesichter der Umstehenden, des Optikers und zweier nachfolgender Kunden, zeigt keine Zeichen von Verunsicherung an �ber das, was Matthes da eben gesagt hat, sie wird sich verh�rt haben, ja, sie hat sich einfach verh�rt. Nun will sie aber doch schnell hier raus, sie stimmt dem hellblauen Metallgestell zu, das Matthes f�r das drittsch�nste h�lt, und reicht ihren Brillenpass �ber den Tisch, in dem die Werte der Gl�ser vermerkt sind. Nein, eine Neuvermessung ihrer Sehkraft m�chte sie jetzt auf keinen Fall vornehmen lassen.</p><p>Heilfroh ist sie, als sie ein St�ckchen T�te mit dem Abholdatum und ihrem Namen in der Hand h�lt und Matthes mit ihr den Laden verl�sst.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Wo bleibt eigentlich Lottchen, wenn Matthes kommt? In Heidem�hlen war Lottchen noch nicht, das wundert sie. Wahrscheinlich hat Matthes seine Eltern gebeten, nachmittags vorbeizuschauen und nach Lottchen zu sehen. Mareile hat einfach zu viel um die Ohren (Chor, Orchester, Sch�lertheater, kein Sport, zu ihrem Leidwesen), und Lissy ist unzuverl�ssig. Auch Billy wohnt in Karlshorst, aber nach einem Schuljahr in D�nemark zog es ihn zu seiner Freundin. Sie wohnen auf der anderen Seite der Treskowallee, vielleicht zwei Kilometer entfernt. Wenn Helene an Billy denkt, geht ihr das Herz auf.Jetzt denkt sie an Billy.Ihr Herz geht auf.Um den Kohl fett zu machen, klopft es.<emphasis>Herein?</emphasis> Billy.<emphasis>Ist denn das die M�glichkeit? Gerade habe ich an dich gedacht!</emphasis> Es ist eine Freude, ihn zu sehen. Braun gebrannt, langbeinig. Nat�rlich hat er alle Sch�nheit von seinem Vater. Wenn er nach der Mutter k�me, t�te er ihr ein bisschen leid.Mit feinsp�rigem Blick, der immer ein St�ckchen unter die Haut schl�pft, umarmt er Helene. Er packt eine Puppe aus, ein kleines, ebenso langbeiniges Gesch�pf wie Billy selbst, und setzt sie seiner Mutter auf den Scho�. Die Sorgenpuppe. Selbst gen�ht hat er die, mit Helenes alter Maschine, die auf dem Dachboden ein unbeachtetes Dasein fristete. Jetzt aber offensichtlich nicht mehr, denn Billy dreht sich: <emphasis>Sieh mich an, ich habe mich neu eingekleidet! </emphasis>Helene erkennt die Stoffe ausgemusterter Sachen, von denen sie gedacht h�tte, dass sie im Container gelandet w�ren: Ihr alter Wendewickelrock, die eine Seite schwarz mit Streubl�mchen, die andere schwarz mit wei�en P�nktchen, hat f�r ein ganzes Oberhemd und eine Schieberm�tze gereicht! Dem hell- und dunkelblau karierten Blazer, schlimmes St�ck, sind von schwarzem Sweatstoff der Kragen und Teile der vorderen Blenden abgejagt worden, er ist eindeutig <emphasis>verm�nnlicht</emphasis> worden. Verr�ckt, der Junge kann wirklich alles anziehen und alles durcheinander, und es wird immer gut aussehen.Billy erz�hlt, dass er wieder zu Hause eingezogen sei. Es sei doch nicht einfach f�r alle im Moment, und auch Bengt �berlege, ein Urlaubssemester zu nehmen und nach Berlin zu kommen, um einspringen zu k�nnen.Nun ist ihr klar, wo Lottchen bleibt.So ger�hrt ist Helene, dass sie wieder einmal gar nichts sagen kann.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Das Essen gibt es jetzt nat�rlich im gro�en Speisesaal. Helene hat einen Platz zugewiesen bekommen. Ein Nagelbrett, eine zweigriffige Tasse. Die kann sie gar nicht gebrauchen, denn sie kriegt die rechte Hand sowieso keinen Zentimeter hoch. Was soll�s. Helene sitzt ganz allein an diesem Vierertisch. Das findet sie seltsam, denn alle anderen Tische sind mit mindestens zwei, meist aber vier Personen besetzt. Vielleicht ist die Tischbesatzung entlassen worden vor Kurzem?Sie holt sich Abendessen. Der Teller steht vor ihr auf dem Scho�, es ist gut, einen Rollstuhl zu haben. Wenn sie den nicht h�tte, w�re es schwierig, immer den Teller aufs kalte B�fett zu stellen, w�hrend die linke Hand auflegt. Sie f�hrt aber zweimal, weil sie auch Quarkspeise m�chte. Als sie zur�ckkommt, erwartet sie eine �berraschung: Sie hat ein Gegen�ber am Tisch. Kennt sie den nicht? Sie �berlegt hin, �berlegt her. Es dauert, bis es ihr einf�llt: der <emphasis>Schadhafte</emphasis> aus der Unfallklinik! Seine Augen d�mmern nicht mehr unter der fehlenden Kalottenh�lfte, sondern schauen Helene an.F�llen sich mit Tr�nen.Na, prost Mahlzeit.Wenn sie es recht bedenkt, ist er aber auch geschlagen. Ein Arm, ein Bein. Ob man ihm tats�chlich den Fu� verkehrt herum ans Knie gen�ht hat, kann sie jetzt nicht �berpr�fen. Er bem�ht sich, sein Brot zu schmieren. Helene versp�rt den Impuls, ihm helfen zu wollen. Gerade noch rechtzeitig f�llt ihr ein, dass sie das auch nicht besser kann als er. Sch�n, dass er nicht mehr d�mmert, denkt sie. Aber ihm scheint das nicht zu gefallen � Wahrscheinlich ist es noch gar nicht lange her, dass ihm sein Zustand zu Bewusstsein gekommen ist. Eine Tr�ne tropft auf den Leberk�se, l�uft unter der Petersilie hindurch und f�llt in die Kr�mel auf dem Teller. Seine Hand zittert wie sein Mund. Sie kann doch jetzt nicht herumfahren um den Tisch und ihm ihre Hand auf den Arm legen, wo kein Arm ist! Auf den Kopf geht auch nicht, sie sieht es pulsieren und f�rchtet sich. Um die Schulter ginge. Aber was w�rde ein um so vieles j�ngerer Mann denken, wenn eine um so vieles �ltere Frau, die Haare halb grau und halb braun, ihn einfach umarmte � Sie w�rden wom�glich beide flennen und nichts weiter sagen und den lieben Gott einen weniger guten Mann sein lassen, und die verhagelte Petersilie w�rde den Weg in seinen Mund vermutlich nicht mehr finden.Nein, diese Vorstellung gef�llt ihr nicht.Auf einmal hat sie keinen Appetit mehr.Sie l�sst alles stehen und liegen und flieht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Am liebsten flieht sie zu Viola, aber ihr Ged�chtnis hakt. Nach dem Freitagabend im November vergangenen Jahres ist Schluss, dabei m�sste es doch noch einen ganzen Samstag und mindestens einen halben Sonntag gegeben haben!Sie f�hrt zur Fangopackung mit anschlie�ender Massage. Die Masseurin hilft ihr, den BH zu �ffnen. Das ist nett. In der kleinen Kabine l�sst sie sich den Heilschlamm auf R�cken und Schultern packen und ruht. Einer der m�nnlichen Masseure, der blinde, stellt leise eine eigentlich �bersch�umende Musik ein, was ist das? Vivaldi, Donizetti? Sie versucht, mit dem K�rper auf der Liege ein St�ck h�her zu krauchen, weil sie hofft, beim Zur-Seite-Schieben des Vorhanges mehr h�ren zu k�nnen. Vorsichtig blickt sie den Gang nach links, dann nach rechts. Erschrocken f�hrt sie zur�ck: Die Masseurin massiert den Masseur, sehr vorsichtig, k�sst ihn, ganz z�chtig sieht das aus, wie sie ihm mit den H�nden die R�ckenmuskulatur lockert, durch Kittel und Hemd hindurch, vor ihm stehend und mit geschlossenen Augen � Schnell kriecht Helene zur�ck, grient, freut sich ein bisschen.Es ist Vivaldi.Es ist sogar DER Vivaldi, <emphasis>Le quattro stagioni</emphasis>, Die vier Jahreszeiten, aber es muss eine ungew�hnliche Adaptation f�r Holzbl�ser sein. Dieser Vivaldi ist einfach nicht totzukriegen. Vor ein paar Jahren war sie in der Chiesa della Piet� gewesen,�Vivaldis Kirche �in Venedig, sie erinnert sich sehr genau. Als sie den Fremdenf�hrer gefragt hatte, was davon denn zu Vivaldis Zeiten schon gestanden habe, denn die Kirche war erst nach Vivaldis Tod fertiggestellt worden, hatte der nur unwirsch gebrummt und war dar�ber hinweggegangen. Sie l�chelt.Warum erinnert sie sich so z�gerlich an Violas Besuch im letzten Jahr?Sie schlie�t die Augen, ger�t ans Einschlummern, als ein Hieb durch die Ruhe f�hrt. Die Masseurin hat den Plastikvorhang beiseitegerissen. Helene muss schon wieder grienen, denn der Dutt der Masseurin ist verrutscht. Helene wei�, warum. Die Masseurin hingegen wei� davon offensichtlich nichts. Sie nimmt die Packung ab und hilft ihr in den Rollstuhl. Im Massageraum wird sie auf einen Massagestuhl gehievt, auf dem sie alle f�nfe gerade sein lassen kann. Sch�ner Zustand. Danach noch Infrarot-Bestrahlung. Als die Lampe ausgestellt wird, ist ihr f�r den Moment so kalt, dass sie eine G�nsehaut bekommt. Schade, dass sie zu unbeholfen ist, sich schnell anzuziehen. Sie fragt sich, was in vorgew�rmten Muskeln passiert, die pl�tzlicher K�lte ausgesetzt werden, sieht sie sich zusammenziehen, um deren Eindringen abzuwehren, und sp�rt der eigenen Reaktion nach. Ist nicht der Nacken schon wieder dabei, v�llig zu verh�rten? So, wie ihn die Masseurin vor jeder Massage beschreibt: brettharter Muskelpanzer, den sie nur schwer geschmeidig bekommt. Als sie endlich das Oberteil ebenjenes Jogginganzuges, den ihr Matthes zu seinem Geburtstag schenkte, wieder �bergezogen hat, ist sie froh, ruckelt sich zurecht, um zum Fahrstuhl zu fahren, und grinst der Masseurin verschw�rerisch zu, was diese aber offenbar nicht deuten kann, denn Helene bekommt nur ein beil�ufiges Kopfnicken zur�ck. Dabei rutschen der Masseurin die Haare v�llig aus dem Dutt, dass sie es endlich bemerkt und sofort versucht, dem entstandenen Dilemma beizukommen. Dabei senkt sie das Gesicht, verharrt sekundenlang in dieser Haltung, w�hrend die erhobenen H�nde an der Frisur nesteln. In diesem Augenblick schie�t die Erinnerung ein, wie Viola sich k�mmte, sie tat es in �hnlicher Haltung, als sie die Haare in die Muranoglasspange zwang, und sie tat es am Samstagmorgen vor fast einem Jahr, als Helene die Badezimmert�r aufriss, um schnell auf die Toilette zu kommen. Viola hatte vergessen abzusperren und starrte erschrocken zur T�r, und ebenso erschrocken sah Helene, Lottchens Bettnestw�rme entsprungen, auf Viola, die im gestreiften Chenille-Pullover, oben herum fertig angezogen, aber noch ohne Slip oder Rock, vor dem Spiegel stand. Helenes Herz schlug zum Halse heraus, sodass sie heftig schlucken musste, um es dazu zu bewegen, im K�rper zu bleiben. Instinktiv zog sie die T�r wieder zu und lief, so leise sie konnte, zur anderen Toilette unters Dach.<emphasis>Warum rollen Sie denn nicht weiter? Sie versperren ja den Weg!</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Der Herbst will wirklich kommen. Der Wald zum See hinunter ist ein Mischwald, die Laubb�ume beginnen, sich mit bunten Farben zu �bertreffen. Eine Blutbuche steht auf dem Weg zum Hang an exponierter Stelle, ringsherum wurde rasiert und Rasen anges�t. Mit einer Gesichtsfeldeinschr�nkung, muss Helene jetzt denken, h�tte sie bestimmt den Eindruck eines englischen Parks � selbst Gesichtsfeldeinschr�nkungen k�nnen ihre Vorteile haben. Um die Buche herum hat man eine Bank gezimmert. Aus Buchenholz? Nein, das sieht nach diesem neumodischen Bangkirai aus, dem Mahagoni-Ersatz f�r den Au�enbereich. Ein Weg f�hrt hin, und um den Rasen zu schonen, ist auch ein breiter Kreis um die Bank herum gepflastert worden. Helene f�hrt heran und traut sich, nach dem Feststellen der Rollstuhlr�der allein auf die Bank �berzuwechseln. Sie steht einige Male auf, setzt sich wieder. Zur �bung. Eine Frau mit h�ngendem linken Augenlid und einer gro�en, noch frisch aussehenden Narbe auf der entgegengesetzten Sch�delseite setzt sich daneben.<emphasis>Na?</emphasis> Na so was, wie antwortet man darauf?<emphasis>Na, na!</emphasis> kommt es unversehens aus Helenes Mund.Die Frau erschrickt und l�uft davon, Helene m�chte noch aufstehen und ihr nachrufen, aber sie kennt sie ja gar nicht � Es tut ihr leid, sie verschreckt zu haben. Kann man nichts machen. Sie nimmt die Decke aus dem Rollstuhlnetz, die sie mitgebracht hat, und wickelt sich recht und schlecht darin ein. Viola und sie hatten auch Decken mitgenommen, als sie im vorigen Jahr in der Novemberk�lte, aber bei ausnehmend sch�nem, klarem Wetter nach Krummensee hinausgefahren waren. Sie hatten versucht, unbefangen zu tun, um jedweden Gedanken an die morgendliche Begegnung w�hrend des Fr�hst�cks unn�tig zu machen. Gegickelt und gescherzt hatten sie, die sehr weichen, hei�en Eier gel�ffelt, dazu das aufgetoastete Brot gegessen, das sie am Freitagabend in der B�ckerei gekauft hatten. Die eine hatte Kaffee, die andere schwarzen Tee getrunken. Unverf�nglich hatte Helene dann gefragt, was Matthes denn mit Lottchen zu unternehmen gedenke, w�hrend sie mit ihrer neuen Freundin ins brandenburgische Land hinausfahren wollte. Matthes hatte nur einen Augenblick gestutzt, dann aber zu Lottchen hin�bergeschaut und etwas von Vormittagsvorstellung im Kino gemurmelt: Ob sie sie dorthin mitnehmen k�nnten auf ihrer Tour? Nat�rlich. Sie hatten die beiden ausgekippt und waren weitergefahren, �ber Marzahn und Hellersdorf nach Altlandsberg, dann nach Krummensee hin�ber. Dort gab es verwunschene Wasserlandschaften am Ortsrand, luftwurzelnde B�ume im Sumpf, sehr allein waren sie hier drau�en gewesen und hatten durch die kahlen Kronen in den Himmel gesehen, der mittagsblau von W�lkchen verw�hnt wurde, die sehr weich sein mussten. In Decken gewickelt, hatten sie auf einem dicken, umgest�rzten Stamm gesessen. Nat�rlich hatten sie es vermieden, auf die morgendliche Begegnung einzugehen. Das Make-up in Violas Gesicht war sparsamer aufgetragen worden, keine Gefahr des Einrei�ens. Die Augenbrauen hatte sie nicht geschminkt, und die Lippen waren mit einem ins Braun hin�bert�nenden Stift bei ihrer Kontur belassen, nicht �berzogen worden. Heute trug sie keinen Rock, sondern Hosen, das Webpelzj�ckchen stand ihr. Sie h�tte die gestrige Kriegsbemalung zur Selbstverteidigung gebraucht, sagte sie.Helene schminkte sich nie.Wie es war, das Frausein �berzeichnen zu m�ssen, um �berhaupt als Frau gesehen zu werden, wagte sie sich nicht vorzustellen. Ganz leise aber rumorte schon damals die Frage in ihr, wie es mit dem Recht auf k�rperliche Unversehrtheit aussah, wenn man sliplos wie Viola aussah und das wom�glich nie gewollt hatte.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Die Frau ist wieder da. Das h�ngende Augenlid l�sst sie schl�frig aussehen. Helene freut sich eigentlich, dass sie zur�ckgekommen ist.<emphasis>Na?</emphasis> fragt nun Helene.<emphasis>Na, na!</emphasis> antwortet die andere drohend und lacht.Mehr sagt sie aber nicht. Sie sitzt auf der Bank, schaut l�chelnd um sich und schaukelt den Oberk�rper vor und zur�ck.Helene denkt an Stimmungsaufheller.Woran mag die Frau denken?In den Himmel schaut sie, zum Wald, auf ihre F��e, die H�nde hat sie beim Schaukeln unter den Hintern geklemmt. Ihr Anorak ist so orange, dass Helene nicht lange hinsehen kann. Die Augen schmerzen.<emphasis>Schon lange hier?</emphasis> Die Frau sch�ttelt den Kopf.Da kommt eine Schwester von der geschlossenen Station, auf der Helene vorher gewesen war, und gibt sich au�er sich: <emphasis>Habe ich Sie endlich gefunden! Sie sollen doch nicht immer abhauen! Ach, Sie sind mir eine � </emphasis>Mit einem Seufzen, das M�tterlichkeit vort�uschen soll, nimmt sie die Frau am �rmel und streichelt ihr angstverzerrtes Gesicht. Widerstrebend geht sie mit, die andere h�lt sie immer sch�n an der Angel und redet weiter auf sie ein.Helene seufzt auch. M�tterlichkeit muss sie Gott sei Dank nicht vort�uschen, auf einmal ist sie froh, keine Beziehung zum h�ngenden Augenlid zu haben. Aber Helene hat eine Beziehung zu Mareile, die sie den Weg zu sich heraufkommen sieht, sie ist froh, dass sie ihr von Weitem winkt und dabei lacht und nicht mehr die heulende Sommermareile geben muss. Helene winkt zur�ck. Mareile rennt die letzten Meter und f�llt ihr um den Hals. Helene freut sich �ber ihre gro�e, schlaksige Tochter. Die sagt, dass auch Lissy hier sei, sie m�sse nur noch was besorgen, und da sieht sie auch Lissy kommen. Ihre Tischlerlehre hat Ende August wieder begonnen. Unwillk�rlich schaut Helene auf Lissys H�nde: beide noch dran, in der rechten h�lt sie drei Eis, es sind drei der Sorte Buttermilch Limone. Wenn das keine Demonstration des Einvernehmens ist! Sie m�chte wieder in den Rollstuhl zur�ck und sich von den T�chtern an den See fahren lassen, richtig erschrocken sind die beiden, als sie aufsteht und sich hineingleiten l�sst. �berm�tig dreht Lissy den Stuhl vor Freude, dass Helene sie beinahe ein bisschen m��igen m�chte, und schon sind sie auf dem Weg. Mareile erz�hlt, wie immer, vom Essen, das Matthes ihnen offenbar unverdrossen zaubert, er kocht fantastisch mexikanisch, und fragt nach dem in <emphasis>der Anstalt</emphasis>. Oller Hungerhaken. Lissy schiebt den Stuhl und grinst �ber ihre Schwester. Fig�rlich kommt Lissy nach Matthes, ist also rank und schlank, w�hrend Mareiles Beinform ganz der ihren �hnelt und ihre Konstitution andauernder Wandlung f�hig ist: Von der d�nnen Wiener mutiert sie innerhalb weniger Monate zur dicken Bockwurst, l�sst es sich aber nicht nehmen, in ebenso kurzer Zeit wieder in den Wienerzustand zur�ckzukehren, wenn auch jedes Mal ein etwas l�ngeres W�rstchen aus ihr wird. Im Moment ist sie eins. Ein sehr langes. L�nger sogar als Lissy. Das Eis hat sie als Erste weg.Nein, �ber das Essen hier m�chte Helene nicht reden.Stattdessen sprechen sie �ber Lissys Lehre. Mit drei Tagen Schule und zwei Tagen Praxis macht sie die Wahrscheinlichkeit, dass Lissy ihre H�nde beh�lt, um ein F�nftel gr��er als jene, dass sie sie verliert. Nat�rlich wei� Helene, dass die Rechnung nicht stimmt, aber das braucht ja Lissy nicht zu wissen. Sie w�nscht ihr Gl�ck, laut und im Geheimen. Es ist ja immerhin ein gl�cklicher Nachmittag, denkt sie, den sie da haben.Als die M�dchen sich verabschieden, haben sie zusammen Fr�chtetee getrunken, den sie in der Patientenk�che aufgebr�ht hat.Sie winkt und sieht die beiden im Fahrstuhl verschwinden.Nicht verschwunden aus ihren Gedanken ist Viola, von der sie hier nichts hat als eine Erinnerung, die sich bedeckt, versteckt h�lt, bis irgendein sporadisch auftauchender Lichtstrahl sie dazu veranlassen kann, sich st�ckweis zu zeigen � An jenem Samstag jedenfalls war sie mit Viola in der Dorfkneipe von Krummensee eingekehrt, sie hatten nebeneinander an einem Vierertisch gesessen. Jetzt sieht sie sogar die blau-wei� karierte Mitteldecke, darauf ein Str�u�chen Plastikblumen und eine Menage f�r Essig und �l, Pfeffer und Salz. Ein Bier hatte Viola bestellt, Helene war nach einem Glas Wein, aber das mochte sie wegen des Autofahrens nicht riskieren. Sie brauchten etwas zum Kichern, um einander ihre Unsicherheit nicht eingestehen zu m�ssen. Viola zog einen Hefter voller Filmkritiken aus der Tasche, die sie in den letzten Jahren f�r ein Magazin verfasst hatte, und begann vorzulesen. <emphasis>Brad Pitt</emphasis>, h�rt Helene heute noch, Violas m�nnliche Stimme hatte sie dazu verleitet, die Augen zu schlie�en, <emphasis>spielt den Bergbesteiger Heinrich Harrer ohne Tiefen und Untiefen �</emphasis> Sie lachten los �ber den Satz, Viola konnte es nicht lassen zu bemerken, dass die Ambiguit�t des Wortes Untiefe sie dazu verleitet h�tte, es zu verwenden und abzuwarten, ob sich der Redakteur daran stie�e, aber dem war Untiefe als Januswort nicht gel�ufig gewesen, er hatte es einfach als Gegenteil von Tiefe gelesen. <emphasis>Oder aber �berhaupt nicht</emphasis>, hatte Helene gemeint.Sie lachten.Sie sammelten Janusworte.Viola: <emphasis>aufheben</emphasis>. Helene: <emphasis>umfahren</emphasis>. Viola: <emphasis>fix</emphasis>. Helene: <emphasis>�bersehen</emphasis>. Viola: <emphasis>Kriegsgegner</emphasis>. Helene: <emphasis>Na, so was f�llt aber auch nur dir ein �</emphasis> Pl�tzlich wird ihr hei�.Sie befindet sich nicht im Krieg mit Matthes.Wenn aber doch?Ist sie Kriegsgegnerin im einen oder im anderen Sinne?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Mit solchem Januswort im l�dierten Hirnkasten l�sst es sich schwerlich einschlafen, verkeilt hat es sich zwischen Violas Besuchssamstag und � sonntag. Es will ihr nicht aus dem Kopf, dass sie sich wom�glich im Kriegszustand befand mit Matthes, als das Aneurysma platzte. Dass es ihm passte, dass es platzte. Sie abh�ngig machte. Sofort sch�mt sie sich dieses Gedankens, aber Matthes ist so anh�nglich � Erf�llt ihr W�nsche, ohne dass sie sie ausgesprochen h�tte. Bringt so viel Unverzagtheit mit bei seinen Besuchen, dass sie ihm sowieso ewig dankbar sein muss. Ohne ihn h�tte niemand daran gedacht, sie in die <emphasis>stroke unit</emphasis> einzuweisen, obwohl es auf der Hand gelegen hatte, dass sie dort am besten aufgehoben war, und die Rehaklinik h�tte Wochen sp�ter auf der Agenda gestanden. Sie ist ihm tats�chlich, verdammt noch mal, dankbar. Dankbar wie in den ganz fr�hen Jahren, als sie sich sicher gewesen war, dass er der einzig Richtige f�r sie war. Ihre depressiven Gro�zackenattacken waren immerhin schwerwiegend genug gewesen, sie einmal sogar in die Psychiatrie einweisen zu lassen, aber Matthes hatte dar�ber nur gelacht und gesagt, dass er sie dort nie besuchen w�rde. So erschrocken war sie dar�ber gewesen, dass sie heimlich, still und leise die �berweisungspapiere in den M�ll geworfen hatte und einfach nicht hingegangen war. Von da an hatten sich die Depressionen in der Periode verl�ngert, in der Amplitude hingegen merklich abgenommen, waren schlie�lich nur noch als moderate Ausschl�ge auf der Stimmungsskala sp�rbar. Zum Beispiel eben im Herbst, wenn Matthes in sein Arbeitszimmer zog. Er, der Verbindlichkeit zwar ersehnte, aber immer den Eindruck erwecken musste, in Bindungen hineingerutscht, dazu verdonnert worden zu sein, hatte sich auch in ihren einf�hlenden Hang zur Selbstlosigkeit verliebt, in dem er sich sicher f�hlen konnte, w�hrend sie davon fasziniert gewesen war, was er sich traute: Er war er selbst, schaute sich nicht andauernd um, was die Leute von seinen Aktionen halten mochten, war ziemlich frei von Schuldgef�hlen, die ihr das Leben verg�llt hatten. Es war eine gl�ckliche F�gung gewesen, die sie zueinander gef�hrt hatte, und im Ausbalancieren ihrer pers�nlichen Eigenheiten entwickelten sie so etwas wie richtiges K�nnen. Das findet sie noch heute. Sie wurde freier und selbstbewusster, er zeigte Gef�hle. Sie wagte mehr, er hielt ihr den R�cken frei. Und so weiter. Und so fort. Dennoch hatte die gl�ckliche F�gung sie nicht davor bewahren k�nnen, einen anderen Menschen mit Ziehen im Bauch zu verfolgen.Zu verfolgen � War Maljutka Malysch abgetaucht vor ihr? Hatte sie sich gar in Sicherheit bringen m�ssen?Sie schreibt eine kleine, unverf�ngliche Mail, mischt sie unter andere unverf�ngliche Mails, speichert sie auf Diskette und wird Matthes bitten, sie abzuschicken.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Heute muss sie dem <emphasis>Schadhaften</emphasis> bei der Physiotherapie zusehen, denn er wird in der gro�en Halle gleich auf der Matte neben ihrer beturnt. Sie bekommt Schmerzen. Sie staunt �ber das Ma� der Einf�hlung, das sie so nicht erwartet h�tte. Seinen linken Fu� hat man nicht verkehrt herum ans Knie gen�ht. Sie erinnert sich, einen Film gesehen zu haben �ber ein M�dchen, das an Knochenkrebs erkrankt war. Bei ihr hatte die Therapieplanung so ausgesehen, dass die Beweglichkeit des verkehrt herum angen�hten Fu�es zu trainieren war, um sp�ter eine Prothese anzupassen, bei der die Ferse als Kniegelenk fungieren sollte. So etwas war sicher bei lange geplanten Operationen erfolgversprechend. Wenn sie den <emphasis>Schadhaften</emphasis> aber ansah, so musste der einen Unfall erlitten haben, denn er war auf einer K�rperseite schwer verst�mmelt worden. Bei solchen Unf�llen war es sicher kaum m�glich, ein K�rperteil auf die Schnelle passgenau durch ein anderes zu ersetzen, noch dazu war es unwahrscheinlich, dass der betreffende Fu� so weit erhalten geblieben war, dass man es h�tte versuchen k�nnen. Er tr�gt verschraubte Apparaturen mit einem gro�en Rad in den Knochen des l�dierten Beines, das etwa f�nfzehn Zentimeter unterhalb des Kniegelenkes amputiert wurde. Vermutlich, �berlegt Helene, will man damit eine Dehnung, ein Knochenwachstum erreichen. Der Schmerz nimmt zu, ist auf der ganzen rechten Seite zu sp�ren, die sich zunehmend spastisch verzieht. Sie l�sst willk�rlich los, Arm und Bein fallen wieder flach auf die Matte, auf der sie liegt.<emphasis>Gut, dass Sie das steuern k�nnen!</emphasis> Helene liegt auf dem R�cken und soll versuchen, den rechten Arm irgendwie nach oben zu bringen. Als Hilfsmittel reicht die Therapeutin ihr schlie�lich eine kurze Stange, die sie mit der linken Hand greift, von der rechten umklammern l�sst und sie anhebt. Die Physiotherapeutin fasst rechts zu, mit vereinten Kr�ften wird die klammernde Hand nach oben gezogen. Der <emphasis>Schadhafte</emphasis> weint inzwischen, Helene vermutet, dass er Schmerzen hat, denn sein Gesicht ist kl�glich verzogen. Er soll beide Beine von Boden abheben, der Armstumpf dr�ckt fest auf die Unterlage, seltsam sieht das aus. Der Therapeut scheint nachzugeben, legt dem Mann den Arm um die Schulter, hat aber wohl einen neuen Anschlag vor: Lauf�bungen. M�hsam wird er aufgerichtet. An einer Kr�cke, die auch hier nat�rlich nicht Kr�cken hei�en, sondern Gehhilfen, am Armstumpf von seinem Therapeuten festgehalten, soll er einbeinig Schritte machen, er ger�t jetzt richtig ins Heulen, will nicht mehr, w�re einfach hingefallen, wenn ihn niemand gehalten h�tte. Schlie�lich l�sst er sich wohl �berreden, sich in einem Laufger�t festschnallen zu lassen, aus dem er nicht herausfallen kann. Das Laufband beginnt langsam, seine Schrittfrequenz ist niedrig, aber wenigstens trocknen seine Tr�nen.Helene hat M�he gehabt, w�hrenddessen die Therapeutin nicht zu sehr sp�ren zu lassen, wie abwesend sie ist.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Sie hat Post bekommen, die erste Post direkt in die Klinik. Zu Hause hingegen ist der Briefkasten �bergelaufen, Freunde und Verwandte haben Best�rzung ge�u�ert und Gl�ck gew�nscht, Matthes bringt das Zeug regelm��ig mit, sie aber schaut es nicht an, gibt es ihm wieder. Spart sich das auf, sagt sie. F�r wann, sagt sie nicht. Die erste Post hierher aber hat sie mit Begeisterung gelesen: Carla m�chte kommen, hat sich schon mit der Klinikverwaltung ins Benehmen gesetzt. Wenn Helene nichts dagegen hat, w�rde sie in der n�chsten Woche f�r ein paar Tage bei ihr bleiben, je nachdem, wie sie das aush�lt, denn sie m�ssten das Zimmer teilen. Carla bekommt ein Zustellbett.Aush�lt?Sie ist ihre langj�hrigste, liebste, vertrauteste Freundin! Von Maljutka Malysch aber hat sie ihr nichts erz�hlt � Auf einmal empfindet sie das als einen Vertrauensbruch Carla gegen�ber, sie muss richtig aufpassen, dass sie nicht in den offenen Krater st�rzt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Ein Schwimmversuch.Die Physiotherapeutin hat einen Badeanzug angezogen und will Helene mit einem Deckenlifter ins Wasser bef�rdern. Die steht und h�lt sich am Rollstuhl fest, w�hrend die Therapeutin die Sitzmatte festschnallt. Es kann losgehen. Das Wasser ist lauwarm, kommt ihr aber trotzdem zun�chst kalt vor. Im Wasser bleibt die Matte des Lifters zun�chst um ihren K�rper geschlungen, aber sie hat ein gutes Gef�hl � die Therapeutin kann sie abstreifen. Mit dem rechten Arm bekommt sie zwei oder drei angedeutete Schwimmz�ge hin, mit dem Bein sogar mehr. Dabei ist der Widerstand des Wassers doch gr��er als der der Luft? Es gibt R�tsel, die sich nicht sogleich l�sen lassen � Sie bekommt eine Wasserwurst, wie die Therapeutin sagt, eine biegbare Schaumstoffrolle, auf der sie sitzen und an der sie sich festhalten kann. Das gibt Sicherheit. Am liebsten aber legt sie sich als� toter Mann �aufs Wasser und schlie�t die Augen. Die Ger�usche, die an ihr Ohr dringen, kommen von der Pumpe unter der Oberfl�che. Einschl�fernde Ger�usche. Aber die Therapeutin hat etwas vor mit ihr, nichts da mit Eind�mmern, Weglullen. Nicht r�ckw�rts auf dem Wasser liegen und sich treiben lassen, sondern b�uchlings, sie soll zu schwimmen versuchen, hat eine Wasserwurst zwischen den Beinen. Na gut, versucht sie es eben. Als sie das n�chste Mal den Kopf hebt, sieht sie den <emphasis>Schadhaften</emphasis>, auch f�r ihn also Wassertherapie. Man l�sst sie gleichzeitig zu Wasser, ohne Gruppe, das ist ein Privileg. Ihm bekommt es ebenso wie ihr, als� toter Mann �einfach dazuliegen, mit dem Unterschied, dass man ihn l�sst. Er schaut an die Decke. Sie ist himmelblau gestrichen. Fische, Seesterne und Wasserpflanzen aus Keramik sind darin eingelassen. In der Halle brennt Licht, dadurch ergeben die Reflexionen des Wassers Lichtspiele an der Decke. Das Richtige zum Tr�umen, sie w�nscht es ihm, w�nscht ihm eine Viertelstunde Wasserreise ohne Kommandos, ohne Aufforderung, Arm und Restarm, Bein und Restbein zu bewegen. Sie ist sich beinahe sicher, dass ihm der Lebensmut fehlt, soll er ein toter Mann sein f�r eine Weile. Schlimm genug, aus diesem Zustand wieder aufzutauchen, denkt sie. Ob sie ihm Energie schicken kann? Davon gelesen hat sie, das als dummes Zeug und Scharlatanerie abgetan, sich nicht weiter darum gek�mmert. Aber wenn sie die Augen schlie�t und ganz fest an ihn denkt? Ob es dann funkt? Ob er eine Verbindung sp�ren kann?Sie schlie�t die Augen.Sie denkt ganz fest an ihn.<emphasis>Ist Ihnen nicht gut? Kommen Sie, wir beenden den Versuch �</emphasis> Ehe sie etwas entgegnen k�nnte, hat die Therapeutin auch schon den Deckenlifter herangebeamt. Helene m�chte protestieren, meint aber pl�tzlich, jede Aufregung vermeiden zu wollen wegen des <emphasis>Schadhaften</emphasis>. Also l�sst sie sich gehorsam die Liftermatte um den Leib schnallen und sich herausheben.Eigentlich schade. Sie muss daran denken, was Matthes an dieser Stelle gesagt h�tte: <emphasis>Dein Helfersyndrom klickt wieder gef�hrlich.</emphasis> Zu Recht.Mit ihm h�tte der Wasseraufenthalt l�nger gedauert.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Als sie aus dem Fahrstuhl f�hrt, sieht sie gerade noch eine gro�e, kr�ftige Frauengestalt mit dunklem zusammengebundenem Haar um die Ecke wischen. Ihr ist, als bliebe ein Nachbild vom Zipfel ihres schwarzen Rocks, sie f�hrt darauf zu, aber es l�st sich auf, wie sich die Frauengestalt selbst aufgel�st zu haben scheint. Hat sie sie nun gesehen, oder hat ihre Einbildung ihr einen Violastreich gespielt? Ja, der erste Eindruck war tats�chlich der einer gut gekleideten Viola gewesen. Helene f�hrt den langen Gang vom Haus zwei zur Eingangshalle in Haus eins entlang, sieht im Speisesaal und in einigen Therapier�umen nach. Nat�rlich keine Viola. Es war der Gang, der an den Violas erinnerte, aber eigentlich hat sie die Gestalt nur einen Schritt um die Ecke gehen sehen � Viola hat einen schweren, federnden, recht langsamen Schritt. Ob sie �berhaupt rennen kann? Da sieht Helene, wie sie auf sie zukommt, mit weit aufgerissenen Armen, als sei sie das kleine M�dchen, das in die Arme ihrer Mutter springen und lachend besch�tzt sein will, und Helene rei�t tats�chlich die Arme auseinander und f�ngt sie auf � Schon ist es wieder da, das Gef�hl �bergro�er Unsicherheit, und es ist genau jenes Gef�hl, das auch das Wochenende, das ber�hmte, �berschattet hatte. Jetzt, da sie es merkt, f�hrt sie auf den hinteren Freiluft-Therapieplatz, wo sich nachmittags kein Mensch aufh�lt, um allein zu sein und doch einen Raum zu haben f�r sich und ihre Erinnerungen. Viola hatte nach dem Verlassen der Kneipe von Krummensee nach nur zwei Bier eine Fahne, aber drau�en zeigte sie Helene die vier K�mmerling-Fl�schchen, die sie unbemerkt geleert hatte. Elf weitere, volle, klapperten noch im Beutel. Helene packte ihre Verbl�ffung in einen possierlichen Blick, das konnte sie gut, das hatte sie Tausende Male ge�bt. Sie nahm sich ein Fl�schchen aus Violas Beutel, setzte an und trank. Das Zeug schmeckte wie Boonekamp, ein Ges�ff, das ihre Eltern sich gelegentlich nach fetten Mahlzeiten einverleibten, sie sch�ttelte sich. Auf einem Bein kann man nicht stehen? Nein, in der Tat nicht. Zweite Flasche. Viola grinste, fragte aber, wer sie denn nun nach Hause fahren solle. Helene blickte leichterdings auf die Uhr und meinte, da m�ssten sie es eben noch drei Stunden hier irgendwo aushalten, <emphasis>nich wahr?</emphasis> und sie waren davongestapft, Helene mit ihren schweren braunen Schuhen, Viola in den schwarzen Stiefelettchen.Als Helene sich noch einmal umdrehte, sah sie die Bedienung der Kneipe mit der K�chenkraft am Fenster stehen und grinsend gestikulieren.Es wurden beim besten Willen nicht drei Stunden, die sie in Krummensee verbrachten. Daf�r war es zu sehr November. Irgendwann beschloss Helene, sie wenigstens nach Altlandsberg zu fahren, das war nur zwei Kilometer entfernt, und dorthin f�hrte eine kaum befahrene Stra�e. Sie k�nnten das Auto abstellen und <emphasis>was Richtiges</emphasis> essen gehen, dann erledigte sich das Alkoholproblem von selbst. Schlie�lich landeten sie beim Italiener, Treppe abw�rts, Kellergew�lbe. Viola steuerte zielsicher auf einen Tisch zu, der in der hintersten Nische stand. Sie setzte sich mit dem R�cken zur Ecke, rechts und links hinter sich Wand. War es das, was sie sicher machte? Helene glaubte das, denn Viola geriet ohne ein weiteres Bier langsam in Gefilde, die sie bislang verschwiegen hatte. Ihr Gesicht gewann Farbe, die Lippen wurden voller, w�lbten sich schlie�lich ganz losgelassen von jeglicher anspannenden Haltung so locker nach vorn, dass das Sprechen ihr ein wenig schwerfallen musste, wie Helene dachte. In der Tat sprach sie langsam, aber ohne Stocken. Der Tag, an dem sie sich endg�ltig entschieden h�tte, die Operation vornehmen zu lassen, sei der gewesen, an dem ihre Frau es aufgegeben hatte, mit ihr schlafen zu wollen. Eine stille Art von �bereinkunft h�tte sie gewittert, es anders zu versuchen, sie h�tten sich, R�cken an Bauch, aneinandergeschmiegt, sie h�tte den schlaffen Schwanz nach hinten zwischen die Beine gestopft und gewartet, und ihre Frau sei auf einmal mit einer anderen Art von Erregung auf sie zugekommen, h�tte sie gedacht, einer, die ihr Frausein anerkennen wollte, sie h�tte den Schwanz nicht anger�hrt und schlie�lich auf ihr gelegen, dass sie weinen mussten, vor Freude, h�tte sie gedacht, und da sei der Entschluss unumst��lich geworden. Was dann kam, war <emphasis>das �bliche Prozedere.</emphasis> Helene erinnert sich, einen Augenblick die Luft angehalten zu haben � was sollte an diesem Prozedere <emphasis>�blich</emphasis> sein!�� , bis ihr, nat�rlich, aufging, dass Viola nicht allein dastand, obwohl sie, Helene, sie bislang angestaunt hatte wie einen dreibeinigen Kometen, der mitten unter ihnen niedergegangen war. Ein Sonderfall, eine exzeptionelle Singularit�t! Aber das stimmt nicht, sie hatte nur keine Augen f�r sie, bis sie eine von ihnen kennenlernte, keine Antenne, bis eine von ihnen sehr deutlich zu ihr her�berfunkte, und das, um sie auf <emphasis>normale</emphasis> Weise einfach kennenzulernen, als <emphasis>normale</emphasis> Frau, als die sie sich f�hlte, die sie aber nicht war. Als die sie sich nicht f�hlte, die sie aber war? Als die sie sich nicht f�hlte, die sie auch nicht war? Als die sie sich f�hlte und die sie tats�chlich war?(Helene wird schwindlig, sie kann das nicht denken, zum Beispiel hat sie mit Verneinungen aller Art, insbesondere doppelten, extreme Schwierigkeiten, seit sie zur�ckgekehrt ist zu den Lebenden. Aber sie sp�rt, dass all die S�tze stimmen k�nnten, je nachdem, wo man steht und sie ausspricht. Gesp�r geht �ber Verstand, ein eigenartiger Zustand �)Das <emphasis>�bliche Prozedere</emphasis> �Sie durfte nicht verheiratet, musste dauernd fortpflanzungsunf�hig sein. Eine Operation,�geschlechtsangleichend �genannt, sollte sie nach au�en hin aufs Frausein einschw�ren. Helene erschien das als ein Sammelsurium von Zumutungen, die bin�re Auffassung von Geschlecht zu zementieren. Ihr ging die Vorstellung von Bipolarit�t durch den Kopf, die Geschlechterverh�ltnisse treffender abbildete: Was sich zwischen den Polen� m�nnlich �und� weiblich �tummelte, war nicht irgendwo au�erhalb der Skala angesiedelt, sondern bewegte sich <emphasis>als Mensch</emphasis> an seiner besonderen Stelle, die er f�r sich fand. Ihr erschien das so logisch, dass sie sich wunderte, es nicht als allgemeinen Konsens vorzufinden in der Gesellschaft. Wenn jemand sich dem anderen Geschlecht zugeh�rig f�hlte als jenem, in der sein K�rper geboren worden war, dann war es seine Sache, das anzugleichen, auch operativ, oder einen anderen Weg in seinem Kopf zu finden, wie damit umzugehen war. Auf keinen Fall aber durfte man doch von ihm einen solch schwerwiegenden Eingriff <emphasis>verlangen</emphasis>, wie das Gesetz es tat! Was, wenn etwaige Komplikationen ihm das Leben schwer oder gar unm�glich machten? Nat�rlich hatte Viola die Operation gewollt, wie sie auch das Frausein gewollt hatte. Dennoch: Helene hatte sie kennengelernt als eher geschlechtsindifferente Person, nicht besonders gepflegt, keinesfalls weiblich aufgedonnert. An jenem Abend beim Italiener erz�hlte sie, wie viele Stunden sie in den ersten Jahren nach der Operation f�r die t�gliche K�rperpflege, das Ankleiden, die Zurechtmacherei gebraucht hatte. Zwei Epilationen h�tte die Kasse bezahlt, dann aber, als der Bart immer wieder nachwuchs, h�tte sie keine neuen Antr�ge mehr gestellt, weil sie es leid gewesen w�re, so viel Zeit damit zu verbringen. �berhaupt h�tte sich mit den Jahren die Freude an Kleidern und R�cken sehr ged�mpft, auch, weil sie einfach kein Geld mehr gehabt h�tte, sich welche zu kaufen. Ihr K�rper h�tte sich ver�ndert, w�re f�lliger geworden, sie aber w�re aus ihren Anstellungen geflogen und oft auf Sozialhilfe angewiesen gewesen. Sie h�tte es schleifen lassen, wie sie es auch als geborene Frau h�tte schleifen lassen mit der Zeit. Dann eben billige Hosen, die wenigstens passten, statt in einem �bergr��engesch�ft nach teuren Frauenklamotten zu suchen. Dann eben den olivgr�nen Uraltparka, statt sich ein schickes M�ntelchen beim Ma�schneider anfertigen zu lassen. Zum Friseur w�re sie gar nicht mehr gegangen, h�tte das Haar einfach wachsen lassen und den Pony von Zeit zu Zeit selbst gestutzt, und f�r Schuhe h�tte sie ein Versandhaus gefunden, das preisg�nstig <emphasis>Unisex</emphasis>-Modelle anbot. Da die Zahl ihrer Freunde sich drastisch reduziert h�tte (wobei sie zugab, auf vieles �berempfindlich und verschroben reagiert zu haben, was unter den Normen, in denen die abendl�ndische Gesellschaft nun mal existierte, eigentlich <emphasis>normale</emphasis> Reaktionen auf ihren offiziellen <emphasis>Geschlechtswechsel</emphasis> gewesen w�ren) und sie keiner durch feste Zeiten geregelten Lohnarbeit mehr nachzugehen gehabt h�tte, w�re es einfach nicht mehr n�tig gewesen, sich jeden Morgen zu rasieren � sie h�tte es nur noch getan, wenn sie das Haus verlassen musste. Allein ihre Hormontherapie h�tte sie aufrechterhalten, auch wenn sie inzwischen bezweifelte, was die ihr brachte: Ihre Br�stchen h�tten sich nur zu flachen Spiegeleiern entwickelt, und ihre Stimme sei m�nnlich geblieben. Sie sah sich, sagte sie, inzwischen als Frau, die trotz Operation in einem m�nnlich <emphasis>gestimmten </emphasis>K�rper lebte, und der Zwiespalt, der ihr Leben fr�her so entsetzlich zermarterte, h�tte sich teilweise geschlossen, sei einem Sichf�gen gewichen, das manchmal auch etwas wie Bedauern dar�ber aufkommen lie�, sich der Operation unterzogen und dem M�nnerk�rper, der nun einmal ihrer gewesen war, so viel Unnat�rliches zugemutet zu haben. Sie ging nicht so weit, den Schritt zu bedauern als einen sehr entscheidenden in die falsche Richtung, oder weil sie besser als Mann weitergelebt h�tte, aber mit dem Wissen um das tats�chliche Ergebnis ihrer Geschlechtsangleichung lebte es sich offenbar nicht so leicht, wie der Gesetzgeber es gern gesehen h�tte. Inzwischen, sagte sie, k�nnte sie sich sogar vorstellen, mit einer Frau, die sie als Frau akzeptierte, noch Kinder gezeugt zu haben � warum denn nicht? W�re das nicht etwas, was sie anderen Lesben voraush�tte? Aber sie h�tte damals die dauernde Fortpflanzungsunf�higkeit auf sich genommen, weil sie es nicht besser gewusst h�tte in dieser Situation. Und, das war nat�rlich nicht zu vernachl�ssigen, weil sie von ihren beiden S�hnen zum Zeitpunkt der Scheidung bereits so zwangsgetrennt gewesen w�re, dass sie sich nicht h�tte vorstellen k�nnen, das noch einmal zu ertragen. Ihre Frau h�tte vom Zeitpunkt des Scheidungsantrages an, den Viola eingereicht hatte, alle Gemeinsamkeit aufgek�ndigt. (Sie war regelrecht zur�ckgeschnippt in einen Zustand der totalen Frustration, in dem sie � dachte Helene, nicht aber Viola � das Verschwinden ihres Mannes in eine bis ins K�rperliche reichende Zumutung umdefinierte und ihm eine Art Suizid unterstellte, mit dem er sie auf sehr berechnende Art und Weise alleingelassen hatte.) Sie w�re wirklich <emphasis>gestorben</emphasis> gewesen f�r ihre Frau, sagte Viola. Helene f�hlte sich best�tigt.<emphasis>Warum hast du dich so aufgedonnert, als du gestern gekommen bist?</emphasis> Viola sagte, nach einer Schweigeminute: <emphasis>Ich wollte den Riss sp�ren, den das in dir ausl�st, und da hineinfallen.</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Oh, Helene erinnert sich an das Gef�hl, sich im K�rper eines anderen Menschen verstecken zu wollen. Sie kennt es von den Gelegenheiten her, da sie ganz klein werden und unter Matthes� Achsel schl�pfen wollte. Am liebsten h�tte sie dort einen K�nguru-Beutel gehabt, in den sie einfach hineinrutschen konnte, wann immer ihr danach war, und stets war das verbunden gewesen mit dem Wunsch, dauerhaft unsichtbar zu bleiben. (Sie gie�t sich Yogi-Tee ein, den Matthes ihr mitgebracht und den sie in der K�che eine Stunde lang hat kochen lassen, mit Milch und Honig. Die Schwester hat ihn in ihr Zimmer gebracht. Der Chai schmeckt s��, sie l�sst ihn an den Mandelresten entlanglaufen, die sie heute deutlich im Rachen sp�ren kann, wie eine Seitenstrangangina f�hlt sich das an. Der Tee bringt f�r den Moment Linderung.) Aber Matthes hatte kein Schlupfloch f�r sie, er hatte immer gelacht, wenn sie sich an seiner linken Seite sehr klein gemacht, den Kopf unter seine Achsel geschoben und das rechte Bein bis �ber seinen Nabel hochgezogen hatte. Irgendwann war ihm dies dann l�stig gefallen, er hatte, meist schon im Halbschlaf, sich r�uspernd weggedreht und ihr seinen Hintern in die Scho�beuge geschoben. Dabei war sie es gewesen, die es liebte, von ihm eingepackt zu werden: ihren Hintern also in seiner Scho�beuge und seine Brust im R�cken und seine Arme fest um ihren Oberk�rper gewickelt.Wie lange das her ist?Das ist schon nicht mehr wahr, denkt sie. Und: Das ist schon wahr.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>So volle Tage!Helenes Stehversuche sind in Laufversuche umfunktioniert worden, links kann sie sich an einer langen Stange an der Wand festhalten, und rechts wird sie von der Physiotherapeutin gepackt. Zwanzig Schritte. Bei den n�chsten zwanzig Schritten, zur�ck, muss sie aber versuchen, sich mit der rechten Hand an der Stange festzuhalten. Eigentlich ist sie nach vierzig Schritten ersch�pft, gleichzeitig aber euphorisiert sie die unvermutete Aussicht, vielleicht eines Tages doch wieder laufen zu k�nnen. Schon die Physiotherapeutin in der <emphasis>stroke unit</emphasis> hatte das ja mit beil�ufiger Bestimmtheit vorausgesagt, aber nat�rlich hatte Helene das nicht glauben k�nnen. Es f�hlt sich noch immer unwirklich an, doch selbst wenn sie stolpert: Sie schafft vierzig Schritte. Da will sie aber auch gleich weitere vierzig anh�ngen, und noch mal und noch mal. Die Physiotherapeutin lacht, es ist genug f�r heute, andere Patienten warten. Aber sie wird mit der Stationsleitung sprechen, ob Helene vielleicht n�chste Woche schon einen Rollator bekommen kann.Einen Rollator also. Ein Omager�t. Sie war Leuten mit so einem Ding stets ausgewichen, erinnert sich sogar, sich gefragt zu haben, warum sie denn nicht lieber gleich einen Rollstuhl benutzten, das war doch sicherer � Auch sie hat sich mit dem Rollstuhl gutgestellt, die Ma�e f�r einen eigens f�r sie zu fertigenden waren ja schon in der <emphasis>stroke unit</emphasis> abgenommen worden. Sie streichelt �ber die R�der, sch�mt sich sofort daf�r, sieht sich um. Irgendwie merkt sie, dass solche Aussichten sie durcheinanderbringen. Hirnflattern. Schwer zu verarbeiten. Schlafen will sie, jetzt, sofort, aber es ist Zeit f�r die Psychologin. Ungern macht sie sich auf den Weg.Schwierigkeiten, Dinge auf vorgelegten Bildern zu benennen, hat sie nicht. Aber dann kommt dieselbe Aufgabe, die ihr auch in der <emphasis>stroke unit</emphasis> vorgelegt worden war. Sie soll schnell die Richtung �ndern, in bestimmter Zeit m�glichst viele Obst- und Gem�sesorten im Wechsel aufsagen, wobei Sorten mit gleichem Grundwort nicht z�hlen. Nach wie vor ger�t sie arg ins Schlingern. Sie erinnert sich jetzt aber, das fr�her hervorragend gekonnt zu haben, sie hatten solcherart Tests w�hrend des Studiums im Zuge der Arbeit einer �lteren Kommilitonin absolviert, die zu Fragen der Kreativit�t diplomierte. Wenn sie es sich recht �berlegt, wird ihre Sprachbeeintr�chtigung greifbarer dadurch: Sie kann nicht mehr wie fr�her durch lange Reihen von Worten, auch Synonymen, flanieren, die an Klammern aufgeh�ngt sind und nur darauf warten, von ihr abgenommen zu werden, sondern muss h�llisch suchen, bis sie irgendwo ein passendes entdeckt �Auch die Ged�chtnisaufgabe kennt sie: Das Kurzzeitged�chtnis scheint zun�chst noch ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie vor Wochen, denn sie kann eine nur aus f�nf S�tzen bestehende Geschichte nicht einmal im Ansatz nacherz�hlen. Beim n�chsten Versuch klappt das aber sehr gut, und auch als die Geschichten l�nger werden, kommt sie nach. Gemeinsam mit der Psychologin beschlie�t sie, das Anfangsversagen auf den Mangel an Umstellf�higkeit zur�ckzuf�hren, der aber, wie die Psychologin sagt, nur relativ sei, andere Patienten h�tten ungleich h�here H�rden zu �berwinden als sie.Na, das wird sie jedem sagen.Als die Dreiviertelstunde vorbei ist, wird Helene von der Schl�frigkeit eingeholt, der sie zuvor noch einmal entwischt war, und will ins Zimmer fahren, sich hinzulegen. Aber schon im Fahrstuhl nickt sie ein, f�hrt durch bis ganz oben und wird dann von einer mitfahrenden Frau, der das nicht ganz geheuer war, sodass sie nach drei Schritten vom Fahrstuhl weg noch einmal zur�ckkommt und vorsichtig hineinschaut, geweckt. Kann man helfen? Man kann, aber man braucht nicht. Sie lachen beide, die Frau kennt ma�lose M�digkeit offenbar.Im Zimmer liegt der Laptop auf ihrem Bett. Sie kann sich nicht erinnern, ihn dort liegen gelassen zu haben, aber ihr Ged�chtnis ist, wie sie eben gelernt hat, ja st�rbar. Sie legt sich daneben, umarmt ihn, denn sie f�hlt nicht mehr die Kraft, ihn vom Bett auf den Nachttisch zu stemmen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>(Es klopft.)Nicht, dass sie hochschreckte, aber benommen ist sie schon, als sie �berrascht feststellt, dass es schon 16 Uhr ist. Sie hat die Progressive Muskelentspannung vers�umt (macht nichts, findet sie) und nicht daran gedacht, dass �(Es klopft zum zweiten Mal.)� Carla heute kommt!Nat�rlich!Jede der Schwestern h�tte die T�r aufgerissen, und auch Matthes und die Kinder st�nden l�ngst im Zimmer. Das kann nur Carla sein.<emphasis>Komm rein!</emphasis> ruft sie laut, ihre Stimme �berschl�gt sich, und sie ist ver�rgert �ber ihre Langsamkeit, aus dem Bett zu kommen, <emphasis>komm rein!</emphasis> Carla steckt den Kopf zur T�r herein, ein bisschen �ngstlich, wie Helene findet.Noch sitzt sie nicht im Rollstuhl, beeilt sich aber, hineinzukommen. Sie hat vergessen, die R�der festzustellen, sodass er davonrollt und sie der L�nge nach hinst�rzt.Na so was.Sehr erschrocken springt Carla zu ihr, aber sie lacht nur. Sicher h�rte sich das schlimmer an, als es war, als ihre f�nfundachtzig Kilo zu Boden gingen. Carla hilft ihr. Nicht gerade auf die Spr�nge, aber doch so weit, dass sie endlich im Rollstuhl sitzt. Erst mal umarmen. Erst mal die K�pfe aneinanderlegen, Helenes graue Seite an Carlas kastanienbraunes Kurzhaar. Das tut gut. Das ist wie Einschw�ren auf die Gemeinsamkeit.Als sie sich anschauen, muss Carla heulen.Na so was.Helene ist ein bisschen ratlos, die richtigen Worte wollen ihr nicht einfallen, die man an dieser Stelle sagen sollte. Sie nimmt einfach Carlas Hand. Carla l�sst noch einen gewaltigen Schniefer los, dann hat sie sich eingekriegt.<emphasis>Da bist du ja</emphasis>, sagt Helene.<emphasis>Da bin ich, ja!</emphasis> sagt Carla.In diesem Moment wird nun wirklich die T�r aufgerissen, und eine der Schwesternsch�lerinnen kommt herein, hinter sich ein rollbares Klappbett herziehend.Konversation, pl�tschernd.Zum Schluss: Klamauk. Die Sch�lerin hat das Bettzeug verkehrt herum aufgezogen, will das auf der Stelle korrigieren, aber Carla sagt, dass sie das selbst k�nne. Die Kleine ist noch unsicher, gibt aber unter Carlas beherztem Zugriff schnell auf und geht.Sie setzen sich in die Fensternische. Als Carla jedoch sagt, einen Kaffee n�tig zu haben nach der langen Fahrt, machen sie sich auf zur Cafeteria. Sie finden einen Tisch, an dem sie so schnell nicht gest�rt werden d�rften, denn es ist ein kleines Zweierchen am Fenster, noch dazu in der Ecke. Helene f�llt augenblicklich Violas Ecktischzugriff beim Altlandsberger Italiener ein, und sofort wei� sie auch, dass ihrer beider Unsicherheit unterschiedlichen Ursprungs ist: Carla wei� nicht, in welcher Verfassung, welchem Zustand Helene wirklich ist. Vielleicht hat sie sogar Angst, eine Freundin verloren zu haben, an einen irreversiblen Defekt? Wer wei� � Und sie selbst ist bedr�ckt, weil sie Carla nicht von Viola, von Maljutka Malysch, erz�hlt hat und nicht wei�, ob sie des Zitterns, das sie schon immer befiel, wenn sie von tief innen verborgenen Dingen berichtete, in diesem neuen Zustand noch Herr werden kann. Aus dem empfundenen Vertrauensbruch m�chte sie schon auftauchen, sie f�hlt sich Carla gegen�ber unredlich. Sollte man aber einfach so, jetzt, hier, mit einer eben eingetroffenen, ohnehin unsicheren Carla �ber Maljutka Malysch reden, oder ist das f�r sie wom�glich ein Zeichen von Hirnkastenfurz? W�hrend sie nachdenkt, l�uft Carla zur Thekenluke und stellt sich nach Kaffee an. Bringt auch ein St�ck Kuchen f�r jede mit.Helene m�chte keinen Kuchen.Helene m�chte einen gro�en Grappa, damit die Bedenken schwinden, und einen zweiten, der die Zunge l�st. Hier gibt es aber keinen Alkohol.Sie seufzt.Sie nippt am Kaffee.Sie r�hrt den Kuchen nicht an.<emphasis>Warum r�hrst du denn den Kuchen nicht an?</emphasis> Da fasst sie sich schnell entschlossen ein Herz und erz�hlt. Von Viola, Maljutka Malysch, und ihrer wahrscheinlichen Liebe, deren Ausgang im Dunkeln liegt. Als sie fertig ist, wagt sie Carla nicht ins Gesicht zu sehen.<emphasis>Du bist ganz die Alte</emphasis>, meint Carla erleichtert.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Heute hat Matthes angerufen, ist nicht selbst gekommen, er wusste, dass Carla auftauchen wird. Helene hatte so etwas wie Sehnsucht nach ihm. Kann aber auch sein, dass es nur die Erinnerung an gemeinsame Zeiten mit Carla war, die sie wehm�tig stimmte. Immerhin waren sie zusammen in Masuren gewesen vor sechs Jahren, hatten Ostern vor zwei Jahren eine Wanderung durchs Elbsandsteingebirge gemacht. In Masuren waren noch alle Kinder mit gewesen, bis auf Lottchen nat�rlich, die es noch nicht gegeben hatte. Auch Carla war mit ihren beiden T�chtern angereist, die jetzt in den Niederlanden studierten, um diplomierte Physiotherapeuten zu werden � ein Studiengang, den es in Deutschland nicht gab. In einem Holzhaus, einsam an einem kleinen See gelegen, hatten sie Quartier bezogen, es gab Boote und einen gro�en Obst- und Gem�segarten, der ausdr�cklich freigegeben war � sie konnten sich nach Herzenslust bedienen.<emphasis>Wei�t du noch �?</emphasis> Nat�rlich wei� Carla noch.Carla m�chte aber noch viel mehr wissen.Immer wieder kommt sie zur�ck auf Maljutka Malysch. Als k�nne ihr stetes Nachfragen Helenes Erinnerungsfluss in Gang setzen. Jetzt fragt sie nach Briefwechsel. Helene zuckt mit den Schultern. Mails jedenfalls gibt es nur drei oder vier, im Dezember vergangenen Jahres schon brechen sie ab. Das will Carla selber sehen. Als sie den Laptopstecker in die Steckdose stecken m�chte, beugt sich Helene nach vorn, ihr Blick f�llt dabei auf das Diskettenfach. Sie h�lt inne: Nat�rlich, sie hat den Mailwechsel mit Viola aus ihrem Verzeichnis entfernt und auf Diskette archiviert! Matthes war einmal in ihr Zimmer gekommen, als sie eine Mail von Maljutka Malysch gelesen hatte, hatte sich langsam angeschlichen und sie umarmt, und dabei waren seine Augen, ob sie wollten oder nicht, auf den Bildschirm gerichtet gewesen, dass Helene es mit der Angst zu tun bekommen und schnell die Datei geschlossen hatte. Ob Matthes etwas hatte lesen k�nnen, konnte sie nicht sagen, aber ihrer Aufregung erinnert sie sich auf einmal sehr gut, das Herz hatte zum Sprint angesetzt, war auf und davon. Schnell war sie aufgestanden und hatte Matthes ausgiebig gek�sst, um ihn vom Bildschirm abzuhalten, auf dem ja aber schon gar nichts mehr zu sehen gewesen war.Der Herzsprint gibt sich noch einmal die Ehre, sie legt die Hand auf die Brust.Carlas fragendem Blick weicht sie nicht aus, sie erz�hlt sofort, was ihr eben eingefallen ist. Carla m�chte schon wieder wissen. Zum Beispiel, wo sie die Archivdiskette deponiert hat. Tja, Fehlanzeige. Sie kann es beim besten Willen nicht mehr sagen. Kann sein, dass sie in der dritten Schublade von oben in der zweiten S�ule unter ihrem Schreibbrett im Arbeitszimmer liegt. Dort, wo auch verj�hrte Taschenkalender und Notizb�cher lagern. Aber verb�rgen m�chte sie sich daf�r nicht.Nein, Matthes geht mit Sicherheit nicht an ihre pers�nlichen F�cher, es sei denn, sie bittet ihn darum.Ja, sie hat die Diskette mit einem roten Filzstiftpunkt gekennzeichnet.Ja, es liegen viele Disketten im Fach.Nein, sie glaubt eigentlich nicht, dass sie dort zu finden sein wird, sie war ihr zu heilig, bestimmt hat sie sie irgendwo in ihrem W�scheschrank aufbewahrt, wo Mareile oder Lissy, die manchmal auf der Suche nach leeren Disketten waren und dann eben doch einfach an ihre F�cher gingen, nicht nachschauten.Ja, eher glaubt sie das.Da Carla aber nicht in die Verlegenheit kommen wird, ihren h�uslichen W�scheschrank zu durchsuchen, sie wird �bermorgen nach Rostock weiterfahren, ihre Freundin Tilda zu besuchen, k�nnen sie sich die Diskette abschminken.Abschminken �Helene erz�hlt von Violas Maskerade am Tag ihrer Ankunft in Berlin. Davon, dass sie am folgenden Tag viel weniger aufgelegt � und am dritten Tag, dem Sonntag, nur noch einen warmen, dunklen Lippenstift verwandt hatte. Ja, jetzt kann Helene sie damit sehen, wie sie ihr zul�chelt und ihre Hand h�lt �Was sie nicht erz�hlt: Sie waren nach dem Besuch beim Italiener schweigend nach Hause gefahren, Matthes hatte gewartet auf sie und noch eine Flasche Wein entkorkt, aber Viola hatte sich verabschiedet ins Bett, sie sei zu m�de, hatte sie gesagt. So hatten sie alleine angesto�en, aber der Abend wollte es, dass sie die ganze Flasche noch geleert hatten, was viel f�r sie war. Als Matthes sich anschickte, in sein Zimmer hochzusteigen, hatte ihn Helene am �rmel erwischt und ihm in einem Anflug wilder Wut die Sachen vom Leib gefetzt, dass er gar nicht mehr wusste, wie ihm geschah, aber er hatte mehr und mehr mitgemacht bei dem heftiger werdenden Match. Sie hatten die T�r des gemeinsamen Schlafzimmers sogar verschlossen, nachdem Matthes Lottchen in deren Bett getragen hatte, und waren in hitzigem Aufruhr �bereinander hergefallen, dass Matthes vor ungl�ubiger Freude sie mit immer gr��er werdenden Augen lange und durchdringend angeschaut hatte. So war es auch verebbt: Sie hatte sich in seinen Pupillen gespiegelt sehen k�nnen und etwas wie Gl�ck gef�hlt, das weit vom Honigmond entfernt und dennoch s�� gewesen war, und als sie am n�chsten Morgen erwacht waren, hatten sie beide blaue M�nder gehabt.Aber wie ein Vertrauensbruch f�hlt sich ihr Schweigen nicht an.Sie l�chelt.Wie war sie mit Viola auseinandergegangen? Matthes hatte an jenem Morgen nicht von ihr lassen k�nnen und bei jeder Gelegenheit ihre N�he gesucht, beim gemeinsamen Fr�hst�ck hatte er ihr das Ei aufgeschlagen und ihr l�ffelweise das hei�e, weiche Etwas in den Mund geschoben. Er hatte seine Hand auf ihren Arm gelegt und sie wie beil�ufig am Schenkel ber�hrt, ihren Bauch gestreift, ihr Haar aus der Stirn gestrichen. Viola hatte am Abend zuvor wahrscheinlich all ihren Mut zusammengenommen, um jenen Satz zu sagen, <emphasis>ich wollte den Riss sp�ren, den das in dir ausl�st, und da hineinfallen, </emphasis>und die Turtelei muss ihr vorgekommen sein wie eine sehr eindeutige Absage, und wenn auch Helene versucht hatte, Matthes davon abzuhalten, sie so zu hofieren, so wusste sie doch, dass die Nacht ihr Messer gez�ckt hatte. Das Band zwischen Viola und ihr war erst einmal gekappt. Sie hatte das nicht erkl�ren k�nnen, hatte Violas Blicke aufzufangen und in ihre Augen zu lenken versucht, aber Viola war ihr ausgewichen, hatte am Vormittag ihre Sachen gepackt und ihr herzlich f�r das sch�ne Wochenende gedankt, an dem sie endlich wieder einmal <emphasis>unter Menschen</emphasis> gewesen sei.<emphasis>Mach�s gut, Helene.</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Carla hofiert sie nicht beim Fr�hst�ck. Es ist das letzte vor ihrer Abreise. Helene muss sich selber holen, was sie essen will, denn Carla ist vollauf damit besch�ftigt, sich Schm�ckerchen herauszupicken aus dem �bervollen B�fett. Auch sie ist ganz die Alte, denkt Helene. Ihr Grinsen f�llt offen aus, gr��er, als ihr lieb ist. Sogar der <emphasis>Schadhafte</emphasis> guckt fragend, und das will bei seiner allgegenw�rtigen Zur�ckhaltung etwas hei�en. Helene aber grinst, und weiter kann sie nichts tun.Carla hat ihr gestern Gl�ck gew�nscht und gesagt, dass sie ziemlich beruhigt sei: Helene sei dieselbe Freundin wie eh und je, sogar offener, denn sie h�tte sich nicht nach diesem und jenem gestreckt, ehe sie etwas habe gucken lassen von sich. �berrascht war sie gewesen dar�ber, weil sie sich nicht erinnern konnte, fr�her auf R�ckversicherung aus gewesen zu sein, wenn es um sie selbst gegangen war. Aber wenn Carla das sagte, musste es schon so gewesen sein. Hatte nicht auch Billy bei seinem letzten Besuch gesagt, dass er viel schneller als fr�her das Gef�hl h�tte, im direkten Austausch mit seiner Mutter zu stehen? Seltsam. Wenn sich das Gehirn r�ckw�rts zusammensetzt, tut es das vielleicht ohne all die angelernten Mechanismen der Angst, irgendjemand k�nne ihrer habhaft werden infolge unbedachter �u�erungen. Vielleicht stimmte es ja: Sie braucht zwar lange, bis sie sich zu einem wie auch immer gearteten Sachverhalt einl�sst, aber sie tut es, ohne in Schlangenlinien <emphasis>gut</emphasis> und <emphasis>b�se</emphasis> abgewandert zu haben. Sie tut es, ohne sich Rechenschaft dar�ber abgelegt zu haben, wer im Raum ist und wer nicht. Sie tut es, ohne die m�glichen Reaktionen auf ihre Einlassungen durchgegangen zu sein. Ja, doch, tats�chlich: Fr�her hatte sie genau �berlegt, wer was entgegnen w�rde, wenn sie den Mund aufmachte! Und wenn ihr unbekannte Personen im Raum gewesen waren, hatte sie abgewartet, bis diese sich sozusagen enttarnt hatten durch ihre Reden, m�glichst dann erst hatte sie vorsichtig zu sprechen begonnen.<emphasis>Du hast ja recht!</emphasis> sagt sie erstaunt, als Carla mit einem Plunderteilchen zur�ckkommt. Sie sieht sie fragend an, und Helene berichtet, ein bisschen umst�ndlich, was ihr eben durch den Sinn ging.<emphasis>Ach so</emphasis>, sagt Carla, <emphasis>gut, aber ich wei�, dass ich recht habe �</emphasis> Zum ersten Mal, seit sie mit ihm an einem Tisch sitzt, sieht Helene den <emphasis>Schadhaften</emphasis> l�cheln, er versteht also, wor�ber sie sprechen, und bekommt auch Nuancen mit? Das freut sie. Sie hatte neulich seinen Namen entziffert, als sie w�hrend der Physiotherapie im Plan nachgeschaut hatte, wer er war: Wojziech Kostrzynski hatte da gestanden. Als er am letzten Sonntag Besuch hatte, war er mit seiner Familie am See gewesen, sie hatte jedenfalls angenommen, dass es sich um seine Familie handelte. Eine Frau, ein Mann und zwei j�ngere Br�der, �ber �hnlichkeiten l�sst sich in diesem Fall ja nur spekulieren, und die Eltern hatten Polnisch zu ihm gesprochen, w�hrend die beiden Jungen ein klares, akzentfreies Deutsch bevorzugten. Es hatte kein Gespr�ch gegeben, er hatte einfach nichts gesagt, wie er auch hier und in anderen Zusammenh�ngen nichts sagte, sondern nur stumm dreinschaute und sich nichts entgehen lie�. Das schon. Carla �ffnet die Handtasche, die sie einfach �berall mit hinnehmen muss, und holt eine Stange Konfekt heraus. Auch den <emphasis>Schadhaften</emphasis> l�dt sie ein, sich etwas zu nehmen. Tats�chlich greift er, nachdem seine Hand zwei- oder dreimal zur�ckgezuckt ist, zu. Sie lassen es sich schmecken.Helenes Anerkennung w�chst, strahlender Nimbus um Carlas Haupt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Sie hat Carla mit dem Rollstuhl bis zum Bus gebracht. Abschiedsfahrt, denn als sie zur�ckkommt, steht der Rollator in ihrem Zimmer. Sie umf�hrt ihn, dr�ckt die Bremse, steht auf, setzt sich aber wieder. Wagt es nicht, sich mit dem Ding fortzubewegen. Da kommt auch schon die Oberschwester, ausnahmsweise wie gerufen, denn Helene will sich mit Rollator langsam anfreunden und die Oberschwester bitten, ihr ein bisschen behilflich zu sein.Die Oberschwester ist eigentlich nur gekommen, ihren Rollstuhl mitzunehmen.Interessenkonflikt.Ehe sie dazu kommt, ihn zu benennen, ist die Oberschwester mit dem Rollstuhl auf und davon. Sie ist platt. Steht. Zittert jetzt am Rollator. Setzt sich aufs Bett und versucht, sich zu fassen. Schwieriges Unterfangen, das muss sie zugeben. Starke H�nde h�tte sie jetzt gern um sich. Zupackende, die schneller sind, als sie reagieren kann, wenn sie stolpert, zu st�rzen droht. Als sie sich besinnt, merkt sie, dass sie an Maljutka Malysch gedacht hat. Maljutka Malysch ist gr��er als Matthes und verspricht Schutz schon durch ihr breites Kreuz. Matthes verspricht auch Schutz, aber erst auf den zweiten Blick, der gelernt hat, dass Matthes sch�tzt. Matthes ist noch viel l�nger als Maljutka Malysch, aber mit breiten Schultern kann er nicht aufwarten. Einen Moment lang ist sie so irritiert, dass ihr Matthes mit Maljutkas Gesicht erscheint, Maljutka mit dem von Matthes, ihre Gestalten verschwimmen, werden eins, gehen auseinander. Zum Gl�ck jede mit dem richtigen Kopf. Sie atmet jetzt schnell. Sie erinnert sich pl�tzlich an einen Tag im M�rz, sie hatte sich mit Maljutka im Pergamon-Museum verabredet. Das Markttor von Milet hatten sie eingehend betrachten wollen, denn Maljutka hatte sich zu ihrer �berraschung einen historischen Roman vorgenommen, der im sechsten Jahrhundert vor Christus spielt. Jetzt erinnert sich Helene, dass Maljutka im billigen Januar in die T�rkei, nach Izmir, geflogen war und sich umgesehen hatte am Ort der �berlieferung. Das Geld daf�r hatte sie von ihrer Mutter zum Geburtstag bekommen. Sie war ziemlich ver�ngstigt wiedergekommen, denn in der muslimischen T�rkei war es, obwohl sie sich indifferent gekleidet, die langen Haare gek�rzt und sich sogar ein Paar derbe Wanderschuhe gekauft hatte, ein Vabanquespiel gewesen, sich in der �ffentlichkeit zu zeigen. Mehrmals war sie in kleinen D�rfern derb angemacht worden und froh gewesen, dass sie nicht allein dorthin gefahren war, sondern mit einem Chauffeur einen Preis daf�r ausgehandelt hatte, dass er sie an drei Tagen dorthin fuhr, wo sie hinwollte. Hatte es in der Geschichte nicht um Thales und Anaximander gehen sollen, die sich um einen Sch�ler stritten? Im sechsten Jahrhundert vor Christus sollte der Roman spielen, und sie hatten Tr�nen gelacht, als sie mitbekamen, wann das Markttor gebaut worden war: im zweiten nachchristlichen! Maljutka hatte eine Anekdote zum Besten gegeben, die man sich von Thales erz�hlte. Um es den Leuten zu zeigen, die ihm seine Armut vorwarfen, hatte er eines Winters alle Olivenpressen Milets f�r sein bisschen Geld gemietet. Aus der Stellung der Sterne sollte er n�mlich berechnet haben, dass die n�chste Olivenernte sehr reichlich ausfallen w�rde. Zur Erntezeit waren also alle Pressen in seiner Hand. Er vermietete sie weiter und verdiente daran gut. Als sie das Museum verlie�en, hatte sich Maljutka eine Idee gew�nscht, die der des Thales nahek�me und ihr bisschen Geld so vermehrte, dass sie endlich tun und lassen k�nnte, was sie wollte. Sie hatte die derben Wanderschuhe an, die sie sich f�r die T�rkei gekauft hatte, und dachte an ihre Mutter, die ihr nicht nur f�r die T�rkeireise, sondern auch zu anderen Begehrlichkeiten Geld zusteckte, wovon nat�rlich kein Amt etwas wissen durfte. Im Moment war sie blank, sie kehrte wie zum Beweis die Manteltaschen nach au�en, weshalb sie sich lieber verabschieden wollte, ehe sie noch in die Verlegenheit k�me, von Helene ins Caf� eingeladen zu werden. Aber Helene hatte sie pl�tzlich untergehakt und sie mitgezogen, hatte gesp�rt, dass sie sehr freiwillig mitkam. Sie waren in einer Kneipe am Prenzlauer Berg gelandet, hatten Wein getrunken und eine Kleinigkeit gegessen, als Maljutka sie pl�tzlich wieder so angesehen und gek�sst hatte wie im Marschschatten der Muschelschale von Zinnowitz, hier interessierte das keinen, niemand hatte zu ihnen geschaut, und sie hatten nach eiligem Bezahlen nichts anderes zu tun gehabt, als holpernd zwei H�user weiter in ein kleines Hotel zu stolpern. Nach einem Zimmer zu fragen. Man hatte eines. Maljutka hatte noch einmal versucht, an ihren akuten Geldmangel zu erinnern, aber Helene hatte nur ihre Kreditkarte hervorblitzen lassen. Sp�ter hatte sie sich zu Maljutkas F��en herabsinken lassen und eben anfangen wollen, sie hastig aus den Kleidern zu ziehen, als ihr pl�tzlich die Nacht mit Matthes eingefallen war. Ob sie nicht n�chtern genug war oder ob pl�tzliche Traurigkeit ihr ins Handwerk pfuschte, wei� sie nicht genau zu sagen, jedenfalls st�hnte sie <emphasis>Matthes, Matthes!</emphasis> und als Maljutka, die das wohl verstanden hatte, aber nicht verstanden haben wollte, innegehalten und sie angeschaut hatte, da war ihr zu Bewusstsein gekommen, was sie gesagt hatte. Sie hatte nun Maljutkas Mund verschlossen, als w�re der es gewesen, der solcherart Namen gest�hnt h�tte, hatte Maljutka vergessen machen wollen, was sie da mit eigenen Ohren geh�rt hatte, und trotzdem hatte sich Matthes nicht mehr wegdr�ngen lassen aus den zersplitterten Gedanken, die ihr noch kamen.Als sie am n�chsten Morgen aufgewacht waren, nebeneinander, Maljutkas Arm auf ihrer Brust, da war es Maljutka gewesen, die gesagt hatte, sie sei eben kein besserer Kerl als Matthes. Bedauernd hatte sie es gesagt, und bedauernd hatte ihr Gesicht ausgesehen, das Helene in Erinnerung hat, als sei Maljutka eben aus dem Zimmer gegangen. Aber sie ist im M�rz aus dem Zimmer gegangen, aus dem Hotelzimmer, mit der bedauernden Ansage, Helene den Kerl nicht ersetzen zu k�nnen, und Helene sp�rt jetzt wieder die K�lte, die dieser Satz �ber sie gebracht hatte, die H�rchen hatten sich aufgerichtet auf den Armen. Das war so geblieben, als sie sp�ter alleine die Treppe hinunterging und das Hotelzimmer bezahlte, mit der S-Bahn nach Karlshorst fuhr, in die Arberstra�e. Zum Gl�ck waren Matthes und die T�chter nicht da gewesen, denn es war ein ganz normaler Arbeitstag, Dienstag? Mittwoch? und sie hatte sich erst einmal in die Badewanne gelegt und immer wieder hei�es Wasser nachlaufen lassen, immer wieder, aber die K�lte war geblieben und war auch dann nicht vergangen, als Matthes von der Arbeit gekommen war. Sie war krank geworden, eine <emphasis>heftige Grippe</emphasis> hatte sie es genannt und hatte es doch besser gewusst, hatte Matthes etwas vorgelogen, dass sie ihre Freundin Kerstin zuf�llig getroffen h�tte, sie h�tten zu schnell zu viel Wein getrunken, als dass sie dem Grappa danach seine einschl�fernde Wirkung h�tten anmerken k�nnen. Kerstin h�tte ihr im Kinderzimmer ein Bett gemacht. Sie wusste, dass Matthes niemals bei Kerstin nachfragen w�rde, ob es stimmte, und sie war ihrer <emphasis>heftigen Grippe</emphasis> sehr dankbar daf�r gewesen, dass sie einen Vorwand abgab f�r einige N�chte allein in ihrem Arbeitszimmer, w�hrend Matthes, lange nach ihrer vermeintlichen Novemberdepression im letzten Jahr, unten im gemeinsamen Schlafzimmer darauf gewartet hatte, dass sie zu ihm kam.Das Zittern legt sich, als ihr das alles einf�llt. Dabei ist ihr so sehr nach Zittern � Noch immer sitzt sie auf dem Bett, und als sie jetzt aufsteht, staunt sie �ber die Kraft, die sie auch im rechten Bein sp�rt. Nicht Beweglichkeit, aber Kraft. Sie fasst sich ein Herz und dreht ein paar Runden im Zimmer, ehe sie die Jacke anzieht, das Tuch um den Hals legt, die T�r �ffnet und hinausgeht, dem Fahrstuhl zu. Fort m�chte sie, allein sein. Weg von der station�ren Gesch�ftigkeit. Wenn es geht, am Wasser.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Nat�rlich schafft sie es nicht bis zum Wasser. Die Abneigung, den Abstieg �ber die mit steinernen Abs�tzen abgefangenen Serpentinen mit dem Rollator zu bewerkstelligen, wird gr��er, je n�her sie ihnen kommt, sie kehrt wieder um. Au�erdem ist es �berraschend kalt, selbst wenn sie das Tuch bis vor den Mund zieht. Ein dickeres als dieses blaue Viskosetuch hat sie nicht hier, sie muss Matthes wohl schon um einen Schal bitten. Dabei war sie nie eine Frierkatze, hielt es am l�ngsten ohne Str�mpfe aus in der Familie und ging noch �rmellos, wenn die anderen l�ngst �bergangsm�ntel trugen. Was ihr geschehen ist, hat offenbar ihr Empfinden ziemlich durcheinandergebracht, wenn sie im September schon einen Schal m�chte. Auch derbere Schuhe h�tte sie gern als die leichten, wei�en Sportschuhe, die Matthes gekauft hatte, ohne ihre F��e mitgenommen zu haben. Sie passen ausgezeichnet, halten aber Wind und Wetter nicht stand, jetzt, wo sie sich anschickt, wieder auf eigenen Beinen zu gehen. Der rechte Fu� schleift, wenn sie nicht daran denkt, ihn zu heben, �ber den Boden. Sie denkt sehr oft an ganz andere Dinge � sehr oft schleift der Fu�. Der rechte Schuh ist schon von diesem kleinen Wegst�ck bis zum Waldanfang an der Kappe mitgenommen. Sie nimmt sich vor, f�nfzig Schritte lang daran zu denken, den Fu� zu heben. Das klappt. Also auch die n�chsten f�nfzig Schritte, bitte, doch da kommt ihr ein Gesicht dazwischen, das sie zu kennen glaubt. Sie wei� nicht, woher. Der Mann sieht sie an, geht aber gru�los vorbei, scheint sie nicht zu kennen. An einer Kr�cke geht er und bewegt das linke Bein entgegen der erheblichen Spastik geschickt. Sein Gang ist nicht rund, sieht aber sicher aus. Woher kennt sie ihn nur?Erneut ruft sie sich zum Fu�heben auf, na los, bis zum Fahrstuhl schaffst du es noch. Sie merkt nicht, dass hinter ihr die Oberschwester geht.<emphasis>Sch�n aufpassen! Das sieht aber gar nicht gut aus, das ist ja noch viel zu fr�h! Viel zu gef�hrlich, Sie fallen ja �ber den rechten Fu�!</emphasis> Das hat ihr gerade noch gefehlt � War sie es nicht gewesen, die ihr den Rollstuhl einfach weggenommen hatte?Sie reagiert nicht. Geht einfach weiter. Tut so, als h�tte sie nichts geh�rt.Die Oberschwester steigt mir ihr gemeinsam in den Fahrstuhl. Sie sieht Helene, wahrscheinlich immer noch in Erwartung einer Antwort, durchdringend an, aber die l�chelt nur. Als sie oben angekommen sind, m�chte die Oberschwester am liebsten abermals ausholen, man sieht schon, wie ihr die Brust schwillt, doch Helene macht <emphasis>� pffffffffffftttttt!</emphasis>, zeigt der Oberschwester, wie man Luft abl�sst.Sehr verdutzt sieht die ihr hinterher.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Helene hat lange �berlegt, ob sie den Rollstuhl f�r einige Zeit zur�ckhaben m�chte. Es war leichter und sicherer, sich mit ihm zu bewegen, aber sie bemerkt auch, dass die rechte Hand besser beansprucht wird durch den Rollator. Immerhin muss sie sich ja auch schlie�en um dessen Griff, sonst k�nnte sie keinen Schritt machen. Sie ist �berrascht, wie die Hand sich anstellt. Gar nicht schlecht. Dabei kann sie den rechten Arm immer noch kein St�ck anheben! Sie probiert es unwillk�rlich: Na ja, vielleicht f�nfzehn Zentimeter sind es schon, auf jeden Fall ist das besser als vor sechs Wochen oder auch nur vor zwei. Etwas wie Optimismus droht durchzubrechen, wo sie sich doch im Annehmen von Schicksal so sehr ge�bt hat, dass sie immer nur daran denkt, mit der bestehenden Situation irgendwie zurechtzukommen. Dabei verbessert sich die bestehende Situation stets und st�ndig � das hat sie bislang richtiggehend ausgeblendet. Sie will den Optimismus am Kragen packen, damit er ihr nicht entkommt. Der Optimismus hat aber gar keinen Kragen, sondern steht auf einmal als nacktes M�nnchen im Raum, �ber das sie lachen muss. Das M�nnchen wird traurig, seine Schultern fallen ein, es dreht sich um und will verschwinden, sich einfach aus dem Staub machen. <emphasis>Halt!</emphasis> ruft sie laut, bezwingt das Lachen und beschlie�t, dem Kerlchen zur Seite zu stehen, es nicht aus den Augen zu lassen, es unter die Fittiche zu nehmen, es aufzup�ppeln und zu einer sch�nen, stolzen Erscheinung zu machen. Da erst f�llt ihr auf, dass der Optimismus m�nnlich ist, sie sieht sein Schw�nzchen und den zarten Bartflaum, der ihm um den Mund geschrieben steht. Vielleicht sollte sie ihn beim Aufp�ppeln Anteil nehmen lassen an ihren �strogenen und ihn zu einer sch�nen, stolzen Weiblichkeit machen � Wie ist das eigentlich mit ihrer Weiblichkeit? Im vergangenen Jahr war sie noch einmal schwanger geworden, ihr sechstes Kind hatte sich vier Monate lang angek�ndigt und war dann wieder verschwunden. Sie hatte an der Fehlgeburt schwer zu leiden gehabt, obwohl es ein unbeabsichtigtes und unerwartetes Kind gewesen war. Jenseits der vierzig, hatte sie die Wahrscheinlichkeit, noch einmal schwanger werden zu k�nnen, wohl in den Skat gedr�ckt. Und jetzt? Sie hat ihre Regel doch schon mehr als zwei Monate nicht gehabt, oder?O Gott.Was, wenn sie schwanger ist?Wenn das Kind Schaden genommen hat an dem, was man ihm zugemutet hat �ber die vielen Wochen? Pl�tzlich wird sie unruhig.Sie m�chte einen Termin bei einem Gyn�kologen, sagt sie der Oberschwester, die sie im Schwesternzimmer aufsucht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/><emphasis>Wie alt sind Sie?</emphasis> fragt der Gyn�kologe.<emphasis>Vierundvierzig,</emphasis> antwortet sie.Die Oberschwester hat sofort veranlasst, dass sie einen Termin bekommt. Sogar den Krankentransport hat sie benachrichtigt, obwohl der ortsans�ssige Frauenarzt gar nicht weit von der Rehaklinik entfernt praktiziert.Helene hat von ihrer Angst gesprochen, schwanger zu sein.<emphasis>Letzte Regel?</emphasis> Sie denkt, es war um den zehnten Juli herum, sie erinnert sich daran, dass sie glaubte, geblutet zu haben, als sie aus dem Koma erwacht war. So genau wei� sie das nicht, sagt sie. Der Arzt macht einen Schwangerschaftstest. Er f�llt negativ aus. Sie rechnet. Sie kann dem Arzt doch nicht erz�hlen, dass sie drei oder vier Wochen nach dem Platzen eines Hirnaneurysmas Geschlechtsverkehr hatte, oder? Wann war das? Mitte August? Und wenn noch nicht gen�gend Zeit vergangen ist f�r einen Schwangerschaftstest?Der Arzt sagt, alles spr�che gegen eine Schwangerschaft. Keine livide Verf�rbung der Vulva, die Br�ste locker und nicht gespannt, Mittellinie des Bauches und Warzenh�fe nicht pigmentiert. Vom Schwangerschaftstest ganz zu schweigen.Er sieht sie lange an. Dann sagt er, dass sie mit vierundvierzig zwar noch keineswegs zum alten Eisen geh�rt, aber sich darauf einstellen kann, dass ihre Regelblutung sich wom�glich verabschiedet hat. Das sei nach geplatzten Hirnaneurysmen oft der Fall.Da ist sie baff. Das geht ihr jetzt aber zu flott. Das will sie aber doch lieber erst einmal sacken lassen, denn damit hatte sie ja nun gar nicht gerechnet. So schnell soll sie jenseits der Wechseljahre sein, die in diesem Fall ja eigentlich nur Wechseltage, Wechselwochen gewesen w�ren? Interessant. Der Gedanke schmerzt direkt ein bisschen, wenn sie ihm nachgeht. Das ganze letzte Jahr hatte das Schwermutsschwert �ber den ungl�cklichen Ausgang der Schwangerschaft �ber ihr gependelt, mal bedenklich nahe, mal hoch genug �ber ihrem Kopf, dass sie es gerade noch erahnen konnte. Wenn es ihr nahekam, h�tte sie am liebsten mit Matthes ins Bett kriechen und einen neuen Versuch starten wollen, den die Vernunft ihr nat�rlich austrieb. Aber es war gut gewesen, zu wissen, dass es noch nicht vorbei war, dass auch sie <emphasis>noch konnte</emphasis>, wenn sie es darauf angelegt h�tte. Nun <emphasis>konnte</emphasis> sie vielleicht <emphasis>nicht mehr</emphasis> �Sie ist erst einmal traurig.Matthes w�rde erleichtert sein.Von Maljutka Malysch, muss sie pl�tzlich denken, h�tte sie ohnehin kein Kind bekommen k�nnen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Diese Nacht tr�umt sie von Putin. Putin als Djed Moros, mit wei�em Bart und eisgrauem, blau schimmerndem Pelzmantel. An seiner Seite Enkelin Snjegurotschka, das Schneefl�ckchen. Djed Moros Putin entsteigt seiner Troika und verteilt Geschenke. Matthes bekommt eines, die T�chter, die S�hne, die Nachbarn. Es muss wohl das Haus in der Arberstra�e sein, in dem sich das abspielt. Als sie Putin ihr Geschenk abnehmen will, tritt Snjegurotschka mit schmeichelndem, forderndem L�cheln dazwischen. Snjegurotschka sieht pl�tzlich alt aus, wie sie da steht und grinst, Snjegurotschka hat einen Bartanflug und Kupferfinnen im Gesicht, einen verrutschten Schminkmund und gef�rbte Brauen. Ihr Haar ergraut zusehends, und als sie Helene mit dem Finger lockt, ist der ziemlich lang und altersfleckig. Helene wei� selbst im Traum, an wen sie das erinnert. Lieber will sie aufwachen, aber so leicht l�sst sich der Traum nicht absch�tteln. Snjegurotschka f�ngt, im Gegenteil, erst richtig an und beginnt, sich langsam, strippend, auszuziehen. Schlie�lich steht sie mit einem roten Angorapullover, sonst aber nackt vor ihren Augen. Ihr Grinsen ist verschwunden, sie sieht jetzt m�de und traurig aus. Findet wohl selbst, dass es Zeit ist, sich zu verabschieden.Helene erwacht?Sie wei� lange nicht, ob sie wach ist.Ihre Ohren klingeln.Fr�her klingelten ihrer Mutter die Ohren. Dann sagte sie immer, <emphasis>jemand spricht �ber mich</emphasis>, steckte die Zeigefinger in die Geh�rg�nge und ruckelte sie zurecht. Spricht jemand �ber sie? Je l�nger sie sich vorstellt, jemand spr�che �ber sie, desto klarer sieht sie Maljutka Malysch.Mit wem spricht sie?Nein, das kann aber jetzt nicht sein. Bestimmt schl�ft sie noch. Sie dr�ckt sich tiefer ins Kissen, zieht die Decke nicht nur �ber die klingelnden Ohren, sondern auch �ber die Augen.Das Bild bleibt. Maljutka Malysch spricht mit Wladimir Wladimirowitsch Putin, in ihrem vorz�glichen Russisch. Spricht sie so gut, dass Helene nicht versteht, worum es geht? Sie will n�her heranr�cken, um etwas mitzubekommen. Jetzt kann sie erkennen, dass Maljutka einen Bart tr�gt und sehr kurze Haare, dass keine Br�stchen sich unter ihrem Hemd zeigen und ein Schlips, als w�re er zu eng geknotet, den Adamsapfel h�pfen l�sst, und pl�tzlich wei� sie, was sie da sieht: Maljutka hat es ihr erz�hlt, kein Siegel der Verschwiegenheit hatte die Geschichte plombiert, die ohnehin nicht sie betraf, sondern einen Mann gleichen Zu-, aber anderen Vornamens. W�hrend das Forschungsstudium in Dresden in den letzten Z�gen lag, hatte der Chor, dem er damals angeh�rte, eine Westreise geplant. Viktor Malysch hatte eine gewisse Aufregung gesp�rt, aber zugleich keine Anstalten gemacht, an ein Fort-, ein Dortbleiben zu denken. Eines Tages, es m�gen sechs oder acht Wochen vor der Chorfahrt gewesen sein, hatte sich ein Mann mittleren Alters neben ihn gesetzt in der Mensa, ihn versehentlich, wie er zun�chst dachte, mit Sauce bespritzt. <emphasis>(Aber das macht doch nichts, das kriegen wir schon wieder raus!)</emphasis> Sie waren ins Gespr�ch gekommen, der andere hatte sich als passionierter Volksliedforscher vorgestellt, der eine umf�ngliche Sammlung an Tonbeispielen besitze. Mit seinem Tesla-B4-Ger�t habe er schon in den Sechzigern aufgenommen, was nur aufzunehmen gewesen war. Im Erzgebirge, im Harz, an der See, aber auch im Kaukasus, in der Puszta oder in Masowien h�tte er gesammelt.Er lud Viktor ein, sich das anzusehen und vor allem anzuh�ren. Zuvor k�nnten sie doch noch was essen gehen? Er w�rde sich revanchieren wollen f�r die Kleckerei vorhin und bat Viktor f�r einen Abend in der n�chsten Woche in die Gastst�tte� Am Thor�, Platz der Einheit. Viktor hatte zu tun, jemanden zu finden f�r die S�hne. Bei der Gelegenheit fiel ihm auf, dass er eigentlich jeden Abend mit den beiden verbrachte und sich auch den ganzen Vormittag darauf freute, sie nachmittags aus der Krippe holen zu k�nnen. Seine Frau arbeitete oft Sp�tschicht, sie war Krankenschwester, und wenn sie Fr�h- oder Nachtschicht hatte, nutzte sie die Zeit, die Viktor zu Hause war, zum Schlafen. Sie hatten sich selten gesehen in letzter Zeit, auch an den Wochenenden arbeitete seine Frau h�ufig. N�chste Woche hatte sie Sp�tschicht, vielleicht w�rde die Cousine einspringen k�nnen? So lange schon hatte er sie nicht mehr gefragt, dass er einen Augenblick lang �berlegen musste, wie sie eigentlich hie�. Sah sie vor sich, die gr�ngrauen Augen, die sehr blonden Haare, aber ihr Name wollte ihm erst nach l�ngerem Kramen einfallen. Jakobine hie� sie. Ein sch�ner Name. Er h�tte einen der S�hne gern Jakob genannt, aber seine Frau hatte ihnen die Namen Tim und Tom gegeben, mit denen er sich erst anfreunden konnte, als er ihre Gesichter einen Tag lang immer wieder angesehen hatte. Er h�tte Einspruch erheben k�nnen, aber seine Frau hatte die Namen offenbar sofort nach der Geburt mit solcher Bestimmtheit angegeben, dass es einem Affront gleichgekommen w�re, den er bequemerweise hatte vermeiden wollen. Dar�ber �rgerte er sich noch heute. Jakobine freute sich sehr, dass er an sie gedacht hatte, nat�rlich sagte sie zu, und Viktor war an jenem Abend tats�chlich in die Kneipe gegangen. An einem Ecktisch entdeckte er den Mann, der ihn eingeladen hatte. Eine lustige M�nnerrunde war da schon versammelt, und � man sprach Russisch. Einer von ihnen, ein Schm�chtiger, Unansehnlicher mit hagerem, kaum unterf�ttertem Gesicht, Wolodja, sagte er nur, als Viktor sich vorgestellt hatte, war ein bisschen schweigsamer als die anderen, Viktor aber, der gelernt hatte, gerade darauf zu achten, f�hlte sich von ihm unausgesetzt beobachtet. Wolodja sagte, auf Nachfrage nat�rlich, dass er Student sei, auf die Frage nach der Fachrichtung antwortete er ausweichend, dass sein Studium mit Maschinenbau zu tun h�tte und gleichzeitig mit Philosophie, Viktor hatte noch gedacht, sich verh�rt zu haben, und wollte nachfragen, da plauzte der schweigsame Wolodja pl�tzlich eine Flasche Wodka auf den Tisch. Forderte die Anwesenden auf, sich zu bedienen. Heute feierte man in der Sowjetunion den <emphasis>Tag des Metallurgen</emphasis>, sagte er. (Helene hatte sogar nachgesehen im letzten Jahr, sie erinnert sich: Es war der dritte Sonntag im Juli, an dem man diesen Tag beging.) Viktor z�gerte, wenn er einmal anfing, sagte er, konnte er wom�glich nicht aufh�ren. Und �berhaupt � eigentlich war er von einem der Anwesenden zum Essen eingeladen worden, wie er in diese Russenrunde gekommen war, war ihm schleierhaft. Dabei waren sie keineswegs alle Russen, aber sie sprachen die Sprache mindestens ebenso gut wie Viktor. Kandidat f�r die Internationale Russischolympiade hatte er in der elften Klasse werden sollen, war auch eine Weile zum zentralen Treffen der Olympiadekader gefahren. Man hatte verf�gt, dass er F�cher wie Chemie und Physik nicht brauchte, und stattdessen einen Russisch-Lernplan f�r ihn aufgestellt, den er mithilfe seiner Lehrerin hatte erf�llen sollen. Er hatte sich geweigert, das zu tun. Physik war sein absolutes Lieblingsfach gewesen, und wenn es ihm seltsamerweise auch nie in den Sinn gekommen w�re, das Fach zu studieren, so hatte es doch eine Faszination ausge�bt, die st�rker war als Wunsch und Wille, Russisch zu sprechen. Verstanden hatte das keiner, er war Spie�ruten gelaufen, als er zur�ck in seine Schule gekommen war � Immerhin sprach er gut genug Russisch, um Wolodja auszufragen, was diesem aber unangenehm wurde. Er ging zur Toilette und setzte sich, als er zur�ckkam, auf einen Platz Viktor gegen�ber, es war schwierig, �ber die Tischdistanz ein Wort mit ihm zu wechseln. Viktor erinnerte sich wieder an das versprochene Essen und ging daran, es auf eigene Faust zu bestellen, denn er war hungrig und hatte nicht damit gerechnet, so lange sitzen gelassen zu werden. Was hatte er gegessen? Tiegelwurst, erinnert sich Helene, mit gebratenen Zwiebeln, Sauerkraut und <emphasis>�rbernbabbe</emphasis>. Das war etwas, was Wolodja ganz eklig fand und ihn sich die Nase zuhalten lie�. Er war dreiunddrei�ig Jahre alt. H�tte ihm an jenem Abend jemand gesagt, dass er eines Tages russischer Pr�sident werden w�rde, w�re es vermutlich ganz still geworden f�r einen Moment, und dann h�tten sie nicht anders gekonnt, als lauthals loszulachen und dem, der das gesagt hat, f�r den gekonnten Witz auf die Schultern zu klopfen.Viktor war nichts f�r Putin. Putin suchte Verschlagene, denen es nichts ausmachte, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen, hatte Viola gesagt. Viktor hatte das nicht gewusst. Viktor hatte auch nicht gewusst, dass er mit Putin gesprochen hatte. Er hatte sich lediglich gewundert, in was f�r eine Gesellschaft er da geraten war. Als der� Volksliedforscher �nicht, wie angek�ndigt, die Rechnung bezahlt hatte und gegangen war, ohne ein Wort zu den gesammelten Volksliedern gesagt zu haben, hatte Viktor an Geheimdienst gedacht, sagte Viola. Es aber auch wieder vergessen, weil es nicht eben selten war, an Geheimdienst denken zu m�ssen. Dass Viktor mit Putin gesprochen hatte, hatte erst Viola vierzehn Jahre sp�ter bemerkt. Putin war sich vielleicht nicht ganz treu, aber �hnlich geblieben �Helene wei� auf einmal nicht mehr, was Viola mit Viktor zu tun hat.Hat Viola mit Viktor zu tun?Noch einmal schlie�t sie die Augen, sieht den Adamsapfel �ber dem vermutlich zu eng geknoteten Schlips auf und nieder gehen.Sie glaubt zu wissen, aber zusammen kriegt sie es nicht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Sp�ter staunt sie. Staunt dar�ber, was ihr Ged�chtnis preisgibt. Wei� sie so viel �ber Viola? Matthes hat ihr zum Beispiel so detailliert nie von seiner Schulzeit berichtet, war �berhaupt kurz angebunden, wenn es um Vergangenes ging. Ausgenommen die immer wiederkehrende Geschichte des Drittkl�sslers, der <emphasis>f�nf Tadel und drei Lobe wegen sehr guten Flei�es</emphasis> auf seinem Zeugnis bescheinigt bekommen hatte, die er immer dann als Alibierz�hlung vorbrachte, wenn irgendjemand nach Schule fragte. Sie kannte Viola erst seit einem Jahr, Matthes seit sechsundzwanzig � Das Gef�hl der Vertrautheit hingegen, das sie mit Matthes teilt, hat sie in ihrem Verh�ltnis zu Maljutka Malysch nicht auffinden k�nnen. Noch etwas, was sie nicht so einfach zusammenkriegt: Vertrautheit mit einem Menschen h�ngt offenbar nicht davon ab, wie viel man �ber ihn wei�.Wie zum Beweis f�hrt ihr Matthes in diesem Moment mit seiner Wirbels�ule �ber ihre, sie kann seine Dornforts�tze sp�ren, wie sie an ihren abrutschen und wieder hinauf, und obwohl sie voneinander abgewandt liegen in ihren Gedanken, kann sie sein wohlig verzogenes Gesicht sehen und seine Arme, die er auf die Schenkel st�tzt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/><emphasis>Nu aber mal �n bissken Tempo hia! So jeht das doch nich! Se k�nn doch nich einfach Ihre Therapien verpenn�n! Ick hab jetze dreimal Nachricht, ditt Se nich zur Psycholojie warn! Wollnsenich?</emphasis> Nee, willsenich.Die Schwester <emphasis>balinat</emphasis>. Als Helene nach Berlin zog, war das Th�ringische noch zu h�ren gewesen, hatte sich allerdings schnell verloren. Wie klingt ihre Sprache jetzt? Sie hat keine Lust auf eine Diskussion mit der Dame. Stattdessen schaut sie auf ihren Plan: In der Tat, Psychologie steht an. Sie seufzt, erhebt sich.Na ja, jehtseehmt.Als der Fahrstuhl in der unteren Etage ankommt, �ffnet sich gerade die T�r zur Cafeteria, und von dort kann man das Freie sehen. Nein, sie geht nicht zur Psychologie.Drau�en umschmeicheln sie klare Luft und Sonne um die Wette, sie braucht keinen Schal und keine dickere Jacke.Warum sie es ablehnt, zur Psychologin zu gehen? Sie f�hlt sich schlecht behandelt von ihr. Fragt sie die Leute nicht nach ihrem Beruf, ihrem Leben vor der <emphasis>Reha</emphasis>, zu der sie hier anger�ckt sind? Offenbar nicht. Sie ahnt nicht einmal, dass Helene selbst ein Jahrzehnt lang als Psychologin gearbeitet hat. Die Kommunikation verzieht sich, wird schr�g. Helene meint nicht, dass sie es h�tte offenlegen m�ssen. Wenn es die andere Seite nicht interessiert, wirft das ein ungutes Licht auf deren abgelederte Arbeitsweise. Ein anamnestisches Gespr�ch geh�rt einfach dazu, findet sie, egal, unter welchen Voraussetzungen man an einen Patienten ger�t. Bis heute hat das aber nicht stattgefunden, und es sieht nicht so aus, als st�nde es auf dem Plan. Dann kann sie sie mal, denkt sich Helene, und wenn sie gefragt werden sollte, w�rde sie das auch zu Protokoll geben. Basta.Jetzt also Frischluft. Es ist noch einmal so warm geworden, dass sie am liebsten Schuhe und Str�mpfe ausz�ge und barfu� auf Wegen und Rasen wandelte. Sie wagt sich bis zum Beginn der Serpentinen in Waldrichtung, als sie ihn wieder sieht: den Mann an der Kr�cke, mit dem unrunden, sicheren Gang. Sie glaubt, ihn schon gesehen zu haben. Er kommt mit recht schnellem Schritt n�her, will vermutlich auch zum Wasser. Als er sie erreicht hat, fasst sie sich ein Herz: Ob er sie wohl nach unten begleiten und gegebenenfalls st�tzen w�rde? Er l�chelt gleichm�tig. Nickt. Fasst sie forsch am Arm, dass sie erschrocken ist, aber schlie�lich f�hlt es sich sicher an, mit ihm den Weg hinunterzugehen. Sie schweigen. Er scheint sich unver�ndert wohlzuf�hlen dabei, ihr ist solcherart Schweigen immer unangenehm. Sie merkt, wie wenig angebracht das ist, denn der Mann sieht charmant und unbeschwert aus. Sagen muss sie wirklich nichts. Ihr f�llt auch nichts ein. Sie beschlie�t, es ebenfalls mit heiterer Aufger�umtheit zu versuchen, setzt ein frohgemutes Gesicht auf. Nein, das wird nichts. Wie eine Klammer kommt ihr das vor, was ihr das L�cheln im Gesicht h�lt. Sie l�sst die Muskeln wieder los. Wahrscheinlich sieht sie <emphasis>mufflig</emphasis> aus, wie ihre Mutter fr�her gesagt hat. <emphasis>Immer siehst du mufflig aus, kannst du nicht mal ein bisschen anders gucken?</emphasis> Nein. Kann sie noch immer nicht.<emphasis>Peter</emphasis>, sagt der Mann auf einmal.<emphasis>Prei�ler</emphasis>, sagt Helene.Nat�rlich! Das ist Peter Prei�ler, ein Mitsch�ler von Matthes, den sie vor Jahren in der S-Bahn getroffen und dann bei einem Klassentreffen wiedergesehen hatten! <emphasis>Ja, Prei�ler, </emphasis>wiederholt er unger�hrt. Wundert sich nicht, dass Helene seinen Namen kennt. So verbl�fft ist sie, dass sie einen Moment lang nicht auf den rechten Fu� achtet und stolpert. Er h�lt sie, f�ngt sie auf. Er lohnt sich, muss sie denken, grinst unfreiwillig. Als sie am See sind, kehrt er um, gru�los, wortlos, mit demselben urfreundlichen Gesicht wie w�hrend des Abstiegs. Sie m�chte ihn zur�ckhalten, hat Angst, allein wieder hinaufziehen zu m�ssen, l�sst es aber schlie�lich sein. Sieht sich stattdessen um. Der Feuerplatz zeigt frische Brandspuren. Sie r�tselt, ob Patienten aus der Rehaklinik hier z�ndeln. Eigentlich ist das Gel�nde an allen Seiten abgez�unt, aber wer will, findet bekanntlich �berall einen Weg. Sie setzt sich, sieht den Enten und Lietzen zu, zwei Schw�ne kommen von ferne n�her.Prei�lers Bewusstseinszustand gibt ihr R�tsel auf. Was hat er? Er scheint ganz f�r sich zu sein. Bei sichtlichem Wohlbefinden ist er Peter, Prei�ler erst in zweiter Linie, wenn er darauf gebracht wird, aber es scheint keine Bedeutung zu haben. Er spricht nicht, aber sie spricht ja ebenso wenig. Sie sieht mufflig aus, er heiter und unbeschwert. Sie ist nicht mufflig. Ist er etwa nicht heiter und unbeschwert? Wie man sich in ihrem Gesichtsausdruck t�uschen kann, so kann man sich auch in seinem t�uschen, denkt sie. Verletzt sieht er nicht aus, auch nicht frisch operiert. Als sie ihn das erste und zweite Mal sah, ging er nicht am Stock und hatte einen frischen, federnden Gang. Eine Stimmungskanone war er, beim Klassentreffen erz�hlte er Witze am laufenden Band. Einer f�llt ihr sogar ein, ihre mufflige Miene hellt sich auf. So laut und raumgreifend war er in seinem Wortwust gewesen, dass sie Matthes sogar gebeten hatte, sich ein St�ck weiter wegzusetzen, als ihm auf der Pelle zu hocken. Matthes war erleichtert aufgestanden und drei Tische weitergegangen zu Claudia, einer � oder seiner?�� Schulfreundin, Helene im Schlepptau. Dort fanden sie sich alsbald in guter Gesellschaft, und f�r Claudia fallen ihr sogar Worte wie <emphasis>bezaubernd</emphasis> und <emphasis>entz�ckend</emphasis> ein. Peter Prei�lers dr�hnender Bass war zu einer gewissen Dezenz abgedimmt worden durch die Entfernung. <emphasis>Peter,</emphasis> hatte er mit d�nnem Stimmchen gesagt �Helene muss Matthes von ihm erz�hlen, unbedingt.W�hrend sie sitzt, zieht die Sonne �ber sie hinweg und nimmt die Schatten mit hinter den Wald. Bald wird es dunkel. Vorher muss sie es nach oben geschafft haben, aus Angst, die Abs�tze nicht gut sehen zu k�nnen. Langsam geht sie los, wird Schritt f�r Schritt ein wenig sicherer. Als sie die letzte Kr�mmung nimmt, leuchten die Lampen am Weg auf.Na so was, die hatte sie gar nicht gesehen bislang.Weil sie beim Laufen immer nach unten guckt �</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Vier Mal setzt sie zur Erkl�rung an, warum sie an psychologischer Hilfe nicht interessiert ist. Vier Mal kommt sie �ber Satzanf�nge nicht hinaus, verheddert sich, wird rot, bricht ab. Die Stations�rztin will ihr einen Stift geben, als ihr einf�llt, dass Helene Rechtsh�nderin ist. Die nutzt den Moment der Ratlosigkeit, um ihren Laptop zu holen. Der ist an, weil sie vorhin in alten Mails gest�bert und versucht hat, verlorene Zeit zu rekonstruieren. In vollendetem Deutsch schreibt sie auf, was sie unter psychologischer Hilfe versteht und warum eine solche von hiesiger Psychologin nicht zu erwarten ist. Schlie�lich hat sie schon gen�gend Zeit bei ihr verbracht, um sich ein Bild davon machen zu k�nnen. Die Stations�rztin h�lt das offenbar f�r hochn�siges Gew�sch, jedenfalls wischt sie es mit einer Geste unbeherrschter Abwehr vom Tisch. Die Schwester hingegen kann Helene wohl verstehen, versucht, noch einmal auszudeuten. Das h�tte sie lieber nicht machen sollen. �rzte haben es eben nicht gern, wenn in der Hierarchie weit unter ihnen rangierende Chargen etwas tun, was einem Belehren gleichkommen k�nnte, denkt Helene. Sie seufzt, sagt aber dann laut und langsam, dass sie nicht erst ab sofort mit der Psychologie, wie sie hier in der Klinik angeboten wird, abgeschlossen hat f�r sich. Die �rztin will aufbegehren, murmelt etwas von� die l�ngste Zeit hier gewesen�, gibt aber doch auf. Helene freut sich �ber ihr Starkbleiben. Und auf die progressive Muskelrelaxation, die jetzt auf dem Programm steht.Zu zehnt sitzen sie in dem kleinen, abgelegenen, ruhigen Raum, der Rollator steht an der Wand. Helene hat sich doch tats�chlich von Stuhl zu Stuhl bis zu einer freien Sitzgelegenheit gehangelt, ohne hinzufallen. Die Schwester, die hier als Therapeutin fungiert, schiebt einfach ein Kassettchen in einen Schlitz, aber f�r Helene, die autogenes Training beherrscht und fr�her schon Muskelentspannung betrieben hat, bedeutet das die immer gleiche Reise zu Frau Holles bl�hender Wiese mit Apfelbaum und Backofen. Sie landet dort, sobald sie sich fallen l�sst. Nicht gerade in den Brunnen, aber doch weit unter die Krusten des Augenblicks, der schrundig zur�ckbleibt, w�hrend sie dort, in der Tiefe, wo es der Logik der Dinge nach dunkel und ungem�tlich sein m�sste, geschlossenen Auges in W�rme und Licht badet. Gern macht sie das. Sattelt ab. Ruht aus. Arme schwer, Beine tr�g. Beide gleich, kein Unterschied zu merken zwischen der gesunden und der l�dierten Seite. Das genie�t sie bis ins Unterbewusste hinein, und wenn es Zeit ist, aufzutauchen, so macht sie auch das entschlossen und z�gig, aus alter Gewohnheit, obwohl der Zustand so sch�n ist, dass er niemals enden d�rfte.Auch heute.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/>Auch heute wird Matthes kommen. Sie ist drauf und dran, ihn zu bitten, sich doch immer einen freien Tag zwischen die Besuche zu legen. Das w�re f�r sie gut, und f�r ihn w�re es ganz sicher ein wichtiger Schritt aus dem Karussell, in dem er wie ein Hamster rennt und rennt, sie kann sich kaum vorstellen, wie seine Tage aussehen, an denen er nach der Arbeit noch stundenlang S-Bahn und Bus f�hrt, um zu ihr zu kommen. Bis er da ist, wartet sie auf ihn. Wenn er dann aber da ist, steht das Unausgesprochene, dessen sie deutlich gewahr wird, ohne es in Worte wickeln zu k�nnen, gro� und beunruhigend zwischen ihnen. Ob er das auch f�hlt? Sie wei� es nicht, und sie wei� nicht einmal, ob das nicht viel beunruhigender ist.Im Kopf putzt sie Fenster. Geht in ihrem Haus in der Arberstra�e von Zimmer zu Zimmer mit dem blauen Eimer in der Hand, �ffnet die Fenster, w�scht sie erst von au�en, dann von innen mit warmem Essigwasser ab. Poliert sie trocken mit alten Windeln. Muss wieder mal lachen, dass sie sich daran erinnert, was ihre Kinder gegessen hatten. Die echten Flecken auf den Windeln kann sie tats�chlich noch einzelnen Breisorten zuordnen, aber meist war eine Krankheit hinzugekommen. Bruno hatte einmal h�llischen Durchfall gehabt und durfte nur M�hren pur essen � die Windeln sprachen noch jahrelang nur davon.Warum putzt sie im Kopf Fenster? Sucht sie die klare Aussicht, die ihr sonst fehlt? Von den Fenstern des Hauses kann sie nicht in die Ferne sehen. Vorn das Vorderhaus, hinten eine Grundst�cksmauer. An einer Seite neben dem Eingang eine t�rgro�e Scheibe zum Nachbargrundst�ck, auf den Zufahrtsweg zu ihrem Haus, auf der anderen Seite die Terrasse mit der Pergola, dem stark wuchernden Wein, der so gut schmeckt, dass ihr auf der Stelle das Wasser im Mund zusammenl�uft. (Gestern hat Matthes davon mitgebracht, es ist noch eine Kleinigkeit da, die sie sofort in den Mund stopft.)Nein, die Aussicht ist es wohl nicht, nach der sie sich sehnt. Eher ist es vielleicht ein Versuchsballon, den sie steigen l�sst: Ob sie sich vorstellen kann, zur�ckzukehren nach dort, in die alten Verrichtungen � Bisher war sie manches Mal in Gedanken von unten nach oben gewandert in ihrem Haus und wieder zur�ck, aber nie hatte sie etwas anderes getan, als sich die Zimmer zur�ckzuerobern, die M�bel, die B�cher, die Teppiche, die Bilder. Heute putzt sie Fenster � das ist, beschlie�t sie, der Beginn der Heimkehr. Und noch etwas beschlie�t sie: Sie wird das Hauptaugenmerk auf die Physiotherapie legen und die Entlassung auf jenen Tag, an dem sie keinen Rollator mehr braucht.�ber Wochen hatte sie sich langsam, aber sehr sicher abgefunden mit einem Leben im Rollstuhl, und nun hat sie ein einfaches rollendes Ger�t schleunigst davon �berzeugt, dass viel mehr m�glich ist. Dass sie wieder wird laufen k�nnen, vielleicht nicht so schnell, wie sie es gewohnt war, aber doch in angemessenem Tempo. Etwas wie Euphorie macht sich fl�zig breit, Helene thront im Fenstersessel, als Matthes eintritt.Matthes sieht anders aus als gestern. Hat sein langes Haar nicht zusammengebunden, auch nicht gewaschen, aber das ist es nicht. Matthes sieht unsicher aus. Irgendwie schutzlos. Viel Widriges muss sich die Zeit entlanggeschoben haben bis zu diesem Gesicht. Sie kennt es und wei�, wie lange es braucht, um sich so zu ver�ndern. Matthes tritt an den Sessel, sie steht auf. Er dr�ckt sie, eine Spur zu heftig, zieht sich sofort wieder zur�ck und wickelt die Blumen aus, die er mitgebracht hat. Kein Wiesenstrau�, die Zeit mag ja auch vorbei sein. Drei Gerbera sind es. Blumen, von denen sie vor zwanzig Jahren behauptet hat, es seien ihr die liebsten. Das war zu einer Zeit, da Schnittblumen ein kaum beschaffbarer Luxus waren. Sie k�me nicht auf die Idee, Gerbera heute noch als Lieblingsblumen zu titulieren, aber sie wei� nicht, ob es daran liegt, dass ihr mittlerweile an jeder Ecke die sch�nsten Str�u�e hinterhergeworfen werden. Ob einfach das Alter es mit sich brachte, dass sie heute andere Favoritinnen hat? Glockenblumen zum Beispiel. Aber am liebsten von Matthes gepfl�ckte, mit Klatschmohn gesprenkelt. Im Ikebana steht Gerbera f�r Traurigkeit. Wof�r die Glockenblume steht, wei� sie allerdings nicht.Matthes tritt von einem Bein aufs andere.<emphasis>Sie ist tot</emphasis>, sagt er.</p></section><section><title><p>V.�REFLEXE</p></title><p>HELENE WIRD WACH. DER MUND TUT WEH</p><p>Die Zunge scheint geschwollen. Billy ist bei ihr. Er l�chelt auf seine unnachahmlich weise Weise. Helene m�chte sich aufsetzen, sieht: den Tropf im Arm, das Gitter vorm Bett. Ein Versuch, sich zu erinnern, aber nur zerhackte Sequenzen. Die m�ssen doch schon Jahre zur�ckliegen! Jedenfalls kommt es ihr so vor � War sie hier nicht schon? Der gro�e Raum, vier weitere Betten darin? Was ist los? Sie f�hlt sich benommen, zerschlagen. Gebrumm in den Beinen wie nach langem Krampf. Die Rippen schmerzen. Jetzt, da sie etwas sagen will, sp�rt sie die Zunge riesengro� im Mund, ein volumin�ser, kraftloser Lappen, den sie irgendwie nicht auswringen kann. Eine Schwester schaut vorbei, k�ndigt das Mittagessen an: Nudeln mit K�sesauce. Ihr ist aber gar nicht nach Essen! Billy versucht, sie zu beruhigen. Warum ist sie hier? Sie schaut nun einigerma�en verzweifelt ihrem Sohn in die sch�nen blauen Augen. Die Schwester kommt. Ein Tablett kommt. Die Schwester nimmt einen L�ffel voll Nudeln, besteckgerechte Spirelli, tunkt ihn in K�sesauce und h�lt ihn Helene vor den Mund. Die will nicht.</p><p><emphasis>Nu aber</emphasis></p><p><emphasis>aufmachen!</emphasis></p><p>poltert die Schwesternstimme, und Helene ist so perplex, dass sie automatisch den Mund �ffnet. Schon ist der L�ffel drin, aber ein heftiger W�rgereiz l�sst die Nudeln einzeln aus dem Mund kullern. Die Schwester ist sauer. Da ermannt sich Billy und staucht sie zusammen. Dass man doch so nicht mit auf Gedeih und Verderb hierher verfrachteten Patienten umgehen k�nne! Dass doch zu sehen sei: Seine Mutter will jetzt nichts essen! So! Und so!</p><p>Der W�rgereiz schwindet, Stolz breitet sich aus.</p><p><emphasis>So!</emphasis></p><p>sagt sie triumphierend.</p><p>Die Schwester zischt unverrichteter Dinge ab.</p><p>Kann mir mal jemand sagen, was ich hier will? Sie bringt die Frage einfach nicht heraus, das ist ja schlimmer als der Sprachverlust nach der Operation! denkt sie. Damals waren im Moment des Sprechenwollens meist auch die W�rter weg, w�hrend sie jetzt doch da sind, aber keines kann ihren Mund verlassen! �berhaupt steckt sie fest in einer Art Gallert, findet sie. Die Glieder kann sie nur gegen heftigen Widerstand bewegen, und Billys blaue Augen sieht sie verschwommen.</p><p><emphasis>Du hattest einen epileptischen Anfall,</emphasis></p><p>sagt er.</p><p><emphasis>Einen schlimmen, der uns Angst machen sollte. Mir hat er aber keine Angst gemacht, ich wusste, dass du es schaffst.</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Einen Tag sp�ter f�hrt sie, diesmal bei (zugegeben: pappigem) Bewusstsein, zur�ck nach Heidem�hlen. Bill hat ihr den Hergang der Dinge erz�hlt, aber sie liegt seither wie im Prokrustesbett, das ihr gar nicht passen will. Von den �rzten bis zur Oberkante Halskrause mit Valproat abges�ttigt, geht das Denken nur langsam vonstatten. Sie versucht, sich w�hrend des Krankentransportes noch einmal einen �berblick zu verschaffen:</p><p>Vorgestern hatte sie Matthes besucht, und w�hrend seiner Anwesenheit war sie in einen Status epilepticus geraten, einen eigentlich lebensbedrohlichen Zustand unausgesetzten Anfallsgeschehens. Man hatte sie � Matthes lie� sich nicht abweisen und hatte darauf bestanden, sie zu begleiten � zun�chst in das heute evangelische Krankenhaus von Henrichshorst gebracht, wo sie vor fast zwanzig Jahren gearbeitet hatte. Man hatte dort versucht, den Grand-mal-Anf�llen mit einer Faustan-Injektion zu begegnen, aber ohne Erfolg. Matthes hatte dann verlangt, dass man sie noch in der Nacht ins Unfallkrankenhaus nach Berlin fuhr. Dort lagerten nicht nur ihre Operationsunterlagen, sondern man konnte sich ihrer auch gut erinnern und verf�gte �ber ein breites Diagnostikspektrum. Matthes hatte bef�rchtet, erneut w�re ein Aneurysma geplatzt, oder es w�re zu Nachblutungen gekommen. In Berlin war er nicht von ihrer Seite gewichen. Die �rzte hatten sich entschlossen, Valproat zu infundieren, um den Status aufzul�sen und neuen Anf�llen vorzubeugen. Sie hatten bedauert, wegen ihres Herzschrittmachers keine Magnetresonanztomografie durchf�hren zu k�nnen, waren auf eine Computertomografie angewiesen. Zum Gl�ck aber hatte sie keine Anzeichen auf eine erneute Ruptur erbracht, sodass man sie in die neurologische Station verlegt hatte, eine Etage unterhalb der</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>Deshalb hatte sie sich gleich nach dem Erwachen auf bekanntem Terrain gew�hnt � kein D�j� vu! Billy hatte es doch tats�chlich geschafft, Matthes hinterherzutelefonieren: In Aufregung, weil er nicht zur�ckgekommen war nach Hause, hatte er in Heidem�hlen angeklingelt und dort von der �berstellung nach Henrichshorst erfahren. Immer noch beunruhigt, weil Matthes ausblieb, hatte er in Henrichshorst gegen Mitternacht angerufen, gerade war der Transport nach Berlin auf den Weg gebracht worden, und schlie�lich war er leibhaftig im Unfallkrankenhaus erschienen, um Matthes abzul�sen und am Bett seiner Mutter bis zu deren Erwachen auszuharren. Matthes hatte ihn umarmt (etwas, was vor Kurzem noch undenkbar gewesen w�re, denn die Distanz zwischen ihren S�hnen und ihm hatte �ber die Jahre eher zu- denn abgenommen, Bill hatte ihr ziemlich ger�hrt davon erz�hlt) und war dann v�llig �berm�det nach Hause gefahren. Sie hatte schlie�lich auch den Sohn nach Hause geschickt, war schachmatt gewesen, hatte eigentlich nur noch schlafen wollen. Aber kaum war sie einged�st, kam auch schon eine ganze Mannschaft. Die hatte es in sich. Ein bebrillter Arzt mit zwei vorstehenden oberen Schneidez�hnen hatte mit einem Zettel gewedelt, den sie unterschreiben sollte. Darauf stand, dass sie bis auf Weiteres nicht selbst Auto fahren, nicht allein in �ffentlichen Gew�ssern baden d�rfe und riskante Aktivit�ten wie Bergsteigen zu meiden h�tte. Sie hatte gelacht. In ihrem Zustand war an all das ja ohnehin nicht zu denken! Mit Gesten hatte sie darauf verwiesen, dass sie im Moment schlecht sprechen konnte. Dass sie benommen war. Eine Unterschrift konnte sie einfach nicht leisten. Sie wollte auch nicht, solange sie sich nicht bei klarem Verstande f�hlte, aber das sagte sie nat�rlich nicht, sie h�tte es ohnehin nicht gekonnt. Das Gef�hl, dass der Arzt ver�rgert war wie die Mittagsschwester, wollte nicht weichen, aber ihren Magen bedr�ckte es nicht, sondern war dabei, sich zu einiger Selbstsicherheit aufzublasen. Sie hielt es unter der Hand f�r m�glich, dass irgendetwas mit spitzem Grat daherkam und sie wieder platzen lie�, bem�hte sich aber, �ber der Hand keinen Gedanken daran zu verschwenden.</p><p>Tabletten hatte man ihr mitgegeben, die sie von nun an auf unabsehbare Zeit einzunehmen h�tte. Nein, das behagt ihr nicht � Sie w�hlt im T�schchen, findet sie.</p><p><emphasis>Ergenyl chrono</emphasis></p><p>steht auf der Packung. Sie liest, dass die Dosis langsam heraufgefahren werden sollte, �ber vier bis sechs Wochen. Weil man ihr aber bereits Valproins�ure infundiert hat, hatte der Arzt erkl�rt, sei man gleich auf die Dauerdosis eingestiegen, die bei diesem Retardpr�parat und unter diesen Umst�nden halbiert worden sei. Genau wei� sie nicht, was sie davon halten soll, hat es sich angeh�rt, wie sie einem Gequatsche �ber neu entdeckte Kometen au�erhalb unseres Sonnensystems gelauscht h�tte, aber was bleibt ihr �brig, als es erst einmal so stehen zu lassen und abzuwarten? Wieder einmal seufzt sie laut, und nun, nach langer Zeit, seilt sich auch wieder ein dicker Spuckefaden von ihrem Mund ab. Die Zunge hat sie inzwischen etwas besser unter Kontrolle. W�hrend der Anf�lle hat sie sie t�chtig zerbissen, das schmerzt. Inzwischen kommt ihr das ganze Gesicht dick und verschwollen vor, sie hat einen blauen Fleck auf der Stirn, wahrscheinlich ist sie gest�rzt. Sie schielt auf den Patientenbericht. Da steht etwas von</p><p><emphasis>speech arrest</emphasis></p><p>und</p><p><emphasis>postiktaler Todd�scher Parese rechtsseits</emphasis></p><p>Letzteres h�lt sie nun wieder sofort f�r Unsinn, da diese K�rperh�lfte ohnehin gel�hmt ist, aber der Arrest der Worte in ihrem Kopf war ihr doch t�chtig in die Glieder gefahren. Ein Schock, ja, das kann sie wohl sagen. (Sie sagt es:</p><p><emphasis>Ein Schock!</emphasis></p><p>Der begleitende Sanit�ter guckt verst�ndnislos, sie l�chelt kaum sichtbar �)</p><p>Man hat sie im Rollstuhl transportiert auf der Station. Man hat sie im Rollstuhl im Krankenwagen angeschnallt.</p><p>Es ist ihr egal.</p><p>Sehr pl�tzlich f�llt ihr ein, was ihr nicht egal ist: Violas Tod. Matthes hatte ihn �berbracht.</p><p>Sie zittert nicht, und sie bekommt auch keinen erneuten epileptischen Anfall. Sie ist nahezu froh, im Gallert zu stecken, denn das macht den schroff einsetzenden Schmerz beinahe ertr�glich.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Man l�dt sie aus, setzt sie in einen anderen, klinikeigenen Rollstuhl. Man fragt sie, wie es ihr gehe. Man sieht sie an. Ist da Mitleid im Blick? Mitleid kann sie nicht leiden, ihr Gesicht verzieht sich zu gesichertem Trotz.</p><p>Aber: Sie weint.</p><p>Man f�hrt sie zum Fahrstuhl, hinauf in ihr Zimmer, jemand zieht ihr die Schuhe aus, legt sie aufs Bett, man fragt, ob sie eine</p><p><emphasis>Erfrischung</emphasis></p><p>n�tig habe, ein Sandwich? Fr�hst�cksbr�tchen? ob sie Saft trinken wolle? oder Kaffee? sie verneint, verneint alles, man �ffnet das Fenster, lockert den hochgeschlossenen Kragen der Bluse, man lagert die Beine hoch, jetzt sieht sie es: Wasser hat sich gesammelt, ihre Unterschenkel sind dick, elefantisch, keine Kn�chel auszumachen, man �berlegt, ob nicht doch lieber ein Arzt �? beschlie�t, damit bis zum Nachmittag zu warten, vielleicht war ja alles ein bisschen viel,</p><p><emphasis>sch�n die Tabletten genommen? die m�ssen wir jetzt aber immer nehmen, nicht wahr?</emphasis></p><p>, sie hasst diese Sprache, diese Sprechweise, sie bedauert es, sich nicht auflehnen zu wollen, sie will es tats�chlich nicht, es ist einerlei.</p><p>Aber: Sie weint.</p><p>Man holt eine Nackenrolle, schiebt sie ihr unter, man legt einen kalten, feuchten Lappen auf ihre Stirn, eine Schwester meint, jetzt alle zwanzig Minuten nach ihr sehen zu wollen, das m�sste doch reichen, eine andere sagt, sie k�nnte ja immer, wenn sie aus Zimmer</p><p>264</p><p>kommt, mal hier mit reinschauen, und wie das �berhaupt mit dem Essen wird?</p><p><emphasis>die Frau kann sich ja augenscheinlich kaum bewegen, ein Jammer eigentlich, wenn man sich �berlegt, wie gut sie vorher drauf war</emphasis></p><p>(das hat sie hinter vorgehaltener Hand zu der links neben ihr Stehenden gesagt, aber Helene hat es geh�rt, sie staunt dar�ber),</p><p><emphasis>na ja, das wird schon wieder, nicht?</emphasis></p><p>, sagt sie jetzt laut in die Runde, setzt ein quietschvergn�gtes L�cheln auf, so falsch sieht das aus, dass es Helene beinahe die Brust zerrei�t, sie t�tschelt ihr Gesicht, wischt sich die Hand danach verstohlen am rosa Kittel ab.</p><p>Es bleibt dabei: Helene weint.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Am Nachmittag haben sie wohl doch einen Arzt geholt. Helene sieht etwas, verschwommen. Was ist das, was sie da sieht? Einen Mann sieht sie, das ist Matthes. Einen anderen, der ihr das P�ckchen mit den Tabletten auf den Bauch packt, ihre Arme nebeneinanderlegt und dann sagt, sie reagiere allergisch auf Ergenyl chrono. Sie st�nde kurz vor einem Nierenversagen. Hat er das wirklich gesagt? Aus einer Tasche holt er ein Fl�schchen, kleine K�gelchen darin, er macht etwas mit den K�gelchen, was sie nicht genau sehen kann, weil er ihr den R�cken zudreht. Gibt schlie�lich Matthes das Fl�schchen, sagt, dass sie heute Abend gegen</p><p>18</p><p>Uhr das erste K�gelchen einnehmen, die Ergenyltabletten aber innerhalb der n�chsten Woche ausschleichen solle. Schreibt daf�r einen Plan auf. Als Matthes zweifelnd dreinschaut, sagt er nur:</p><p><emphasis>Nun ja, Sie m�ssen wissen, wieweit Sie selbstbestimmt Patient bleiben k�nnen</emphasis></p><p>Nein, wahrscheinlich ist das kein Arzt, er tr�gt keinen Kittel, hat Stra�enschuhe an den F��en. Jetzt zieht er eine Lederjacke an, setzt sich eine Baskenm�tze schr�g auf den Kopf. Helene beginnt ihn zu erkennen: Das ist der Heilpraktiker, bei dem sie im letzten Jahr mit Mareile gewesen war, als sie an einem Schmerzsyndrom beider Unterarme erkrankt war. Wie er hie�, will ihr jetzt nicht einfallen, aber sie wei�, dass er eine abgeschlossene Medizinerausbildung, die Approbation jedoch zur�ckgegeben hat und auf rein privater Basis behandelt. Matthes muss ihn gebeten haben zu kommen, er praktiziert in Wallersdorf, das ist gar nicht weit weg von Heidem�hlen. Helene wei� eigentlich nicht, was sie von ihm halten soll. Er spricht wenig, und wenn er etwas sagt, tut er es im Brustton der �berzeugung. Widerspruch zwecklos.</p><p><emphasis>Sie k�nnen ja gehen</emphasis></p><p>Was er macht, erinnert sie, gerade weil er nichts dazu sagt, an Scharlatanerie. Dennoch war Mareile nach vielen, vielen erfolglosen Arztbesuchen ihren Unterarmschmerz losgeworden, das hatte ihr schon zu denken gegeben. Matthes hatte sich rausgehalten, den Heilpraktiker jedoch okkulter Machenschaften bezichtigt, wenn man seine gelegentlich eingestreuten Bemerkungen ernst nahm. Und nun hat er ihn hierher geschleift? Er gibt ihr die Hand, kein L�cheln zeigt sich auf seinem Gesicht, und geht schnurstracks zur T�r.</p><p><emphasis>Was soll das?</emphasis></p><p>Die Frage blubbert, Speichelbl�schen platzen.</p><p>Matthes beantwortet sie, z�gerlich.</p><p>Ja, er hat den Dr. M�ller heute fr�h gebeten, ihr einen Krankenbesuch abzustatten. Matthes glaubt nicht an Epilepsie als Krankheit. Was vor zwei Tagen passiert ist, war als Reaktion bei vorgesch�digtem Hirn zu erwarten gewesen, wenn auch nicht in diesem Ausma�. Immerhin war beim Platzen des Aneurysmas Blut ausgetreten, das garantiert noch nicht vollst�ndig resorbiert worden ist. Die Anfallbereitschaft war schon durch die gut leitenden Eisenteilchen des Blutes gegeben, aber das ausl�sende Ereignis sei von erheblicher Wucht gewesen.</p><p><emphasis>Wucht.</emphasis></p><p>Das Wort geht um. Beinahe kann sie ihm zusehen bei seiner Wanderung durch die Windungen der Gro�hirnrinde. Andere W�rter rei�t es mit, rei�t sie schmerzhaft aus ihren Abteilen: Wacht. Flucht. Sucht. Macht. Schlucht. Schlacht. Unangenehme W�rter, allesamt. Sie will sie irgendwie daran hindern, Maljutka Malysch aufzufinden, aber sie sind schon nahe daran, sie aufzust�ren. Ein, zwei Kreiselbewegungen noch, dann sind sie angekommen und zerren Maljutkas Tod aus dem Ablagefach. Die Wucht schl�gt zu. Matthes steht auf Wacht. Keine Flucht m�glich. Maljutka war eine Sucht, die mit Macht Besitz ergriffen hatte von ihr. In der Schlucht der Ohnmacht hatte sie daran nicht denken m�ssen, die Schlacht war geschlagen worden ohne sie. Mit welchem Ergebnis? Maljutka ist tot. Jetzt, da die Augen ausgeweint sind, die Sinne halbwegs lahmgelegt, traut sie sich, nachzufragen.</p><p>Fragt nach.</p><p>Matthes antwortet.</p><p>Eine Schicht Wachs splittert auf seinem Gesicht, als er spricht, St�ckchen davon kr�meln ab, auf den Boden. Er hat einen Brief mit schwarzem Rand ge�ffnet, der f�r Helene bestimmt war. Versehentlich, wie er sagt. Sie glaubt ihm, hat keinen Anlass, daran zu zweifeln, zumal die Namen der Absender keine Assoziationen in ihm ausgel�st haben d�rften: Maljutkas S�hne Tim und Tom, nicht Malysch, h�tten eine Todesanzeige geschickt. Auf Matthes� Nachfrage h�tten sie mitgeteilt, dass das Adressbuch ihres Vaters nur wenige Anschriften enthalten h�tte. Die von Helene Missbach w�re von einer roten Schlangenlinie eingefasst gewesen. Auch den Mailwechsel von Helene und ihrem Vater Viola h�tten sie auf ihrem Computer gefunden und w�ren daraufhin von einer engen Beziehung ausgegangen, zumindest bis zum Mai dieses Jahres, als ein pl�tzlicher Abbruch stattgefunden haben musste. Jedenfalls h�tten sie es f�r besser gehalten, die wenigen Personen im Adressverzeichnis vom Tod ihres Vaters Viola Malysch in Kenntnis zu setzen.</p><p>Das erz�hlt Matthes, und Helene sieht ihm die Not an, es tun zu m�ssen und es kaum zu k�nnen. Dennoch blubbern weiter Fragen.</p><p><emphasis>Wie ist sie gestorben?</emphasis></p><p>Matthes erz�hlt, als sei er dabei gewesen.</p><p>Ungef�hr so: Die Jungen standen (</p><p><emphasis>seit wann? seit Mai!)</emphasis></p><p>wieder in Kontakt mit ihrem Vater. Jenseits der Vollj�hrigkeitsgrenze hatten sie sich der Mutter widersetzt und Viola gesucht. Nein, aufgesucht. Die R�hrung verschlug auch ihnen die Sprache, als ihr Vater nicht sprechen konnte vor Aufregung. Immer wieder rollte er ihre K�pfe in seine Arme ein und nahm sie zur Brust. Da war mehr Brust, als sie sich von ihrem Vater hatten vorstellen wollen, aber das machte ihnen in diesem Moment nichts mehr. Von da an kamen sie wieder und wieder. Zum Erz�hlen. Sie sprachen sich leer f�r Augenblicke, aber immer rollten Wogen Erz�hlstoffs nach, und auch Viola versuchte, sich wieder ins Bild zu setzen, das sich die S�hne von ihrer Kindheit machten. Oft schliefen sie bei ihrem Vater, den sie weiter Vater nannten im Erz�hlen, aber mit seinem Violanamen anredeten, eine Selbstverst�ndlichkeit wurde das, die ihnen gar nicht mehr auffiel. Viola gab ihnen schlie�lich einen Schl�ssel zu ihrer Wohnung, weil sie manchmal sp�t noch eintrudelten, wenn sie in Potsdam unterwegs gewesen waren und nicht mehr nach Hause kamen. Den ganzen Juni �ber waren die Jungen dann in Frankreich. Als sie Anfang Juli zur�ckkamen, wunderten sie sich schon an der Treppe zu Violas Wohnung �ber den �berquellenden Briefkasten. Im Schlafzimmer fanden sie sie, im Bett, sch�n zugedeckt, als sei ihr kalt gewesen. Tim wollte nicht glauben, dass sie sich verabschiedet hatte. Tom hatte andere Augen, er sah die Verwesung, die sich in ihrem Gesicht zu schaffen machte. Eine andere Nase hatte er offenbar auch.</p><p>Der Arzt ordnete eine Obduktion an, aber die Suche nach einer Todesursache gestaltete sich schwierig. Viola schien, wie man sagte,</p><p><emphasis>sanft entschlafen</emphasis></p><p>zu sein, einfach so. Man einigte sich auf Herzversagen und legte den Todestag auf den 23. Juni. Violas Leichnam wurde zur Bestattung freigegeben. Die S�hne machten sich daran, den Nachlass zu ordnen und die Wohnung leer zu r�umen, und sie schrieben jenen, die sie f�r Freunde ihres Vaters hielten. Sechs Briefmarken brauchten sie daf�r.</p><p>Matthes sieht auf die Uhr.</p><p><emphasis>Es geht auf sechs �</emphasis></p><p>Das Fl�schchen mit den K�gelchen zieht er aus der Tasche und schaut Helene an. Die fragt nicht weiter und nimmt eines, l�sst es sich auf der Zunge zergehen.</p><p>Zucker.</p><p>Von den Ergenyltabletten nimmt sie eine weniger.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Zwei Stunden sp�ter: Das Wasser ist weg.</p><p>Unfassbar. Hat sich aus den Beinen davongemacht, dauernd musste sie pinkeln, ist mit dem Rollator wackligen Schritts zur Toilette gegangen. Dieser Dr. M�ller ist ihr ein R�tsel. Eines, das gr��er und bunter wird mit den Stunden, die seit seinem Auftauchen hier vergangen sind. Tr�gt keine dunkle Lederjacke, sondern irgendetwas Farbiges, Indisches, keine schwarze Baske, sondern eine Jamaika-M�tze, schwarz-gr�n-rot, mit stilisiertem H�kelhanfblatt obenauf. Ihre pralle F�llung verdankt sie dem Riesenpaket Rastalocken auf seinem Kopf. Ja, so wird schon eher der Guru aus ihm, dem sie sich anvertraut hat. Halt, eigentlich stieg das Ding �ber ihren Kopf hinweg: Matthes hat sie ihm anvertraut, der rationale Skeptiker, dem Zweifel an allem �ber alles geht! Da muss der Zweifel der Verzweiflung aber unterlegen gewesen sein, �berlegt sie. Verzweiflung hat auch in ihr obsiegt, zeitweise. Maljutkas Tod ist schlurfender Schmerz, der �berallhin mitkommt, alles t�ncht, allem seinen Ton aufzwingt, ohne etwas verschwinden zu lassen dahinter. Das ist schwer zu ertragen. Matthes muss das wissen, sie erinnert sich auf einmal an seine unsichere, hilflose Miene, als er ihr die Nachricht �berbrachte. Ihr d�mmert, dass er deswegen nicht im Konjunktiv erz�hlt hat, weil Maljutkas S�hne Matthes sehr gegenw�rtig gewesen waren. Hat er sie besucht? Sind sie in die Arberstra�e gekommen? Unruhe erfasst sie: Matthes hat ihr etwas voraus, er kennt Maljutkas S�hne, einen Moment lang will sie das ungerecht finden, besinnt sich dann aber ihrer Lage. Die Umst�nde, unter denen sie hineingeraten ist, bleiben ihr unklar, aber da sie nun einmal drin ist, nimmt sie es als gutes Zeichen, dass Matthes verstehen will. Versteht Matthes? Was? Zum ersten Mal kommt ein Gef�hl in ihr auf, wor�ber zu reden sein w�rde mit ihm, und zum ersten Mal stellt sie sich vor, es zu tun.</p><p>Ein Anflug von Spannkraft.</p><p>Sie wird das durchziehen. Ergenyl schlucken nach Heilpraktikerplan. Den Reha�rzten nichts vom Ausschleichen sagen. Die Tabletten in einer T�te verstecken, nicht in der Toilette hinuntersp�len. Lieber gibt sie sie am Ende ihres Aufenthaltes zur Entsorgung ab.</p><p>Im Einschlafen ruft ein Muezzin.</p><p>Jedenfalls glaubt sie das.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Hat sie Matthes �berhaupt gebeten, sich einen Tag Ruhe zu genehmigen zwischen den aufreibenden Besuchen bei ihr? Sie wei�, dass sie es wollte. Ob aber Zeit daf�r war, wei� sie nicht. Matthes kommt nach wie vor t�glich. Gestern hat er berichtet, am Wochenende an Violas Grab gewesen zu sein und eine Staude gepflanzt zu haben. Wenn der Schmerz nicht schlurfend den Vorhang geschlossen h�tte, w�re sie w�tend geworden, h�tte es als ihr Vorrecht einklagen wollen, Blumen ins Grab einzubringen. Sich �ber so etwas aufzuregen � Aber nimmt er ihr wirklich alles ab? Muss er tats�chlich zum Grab der ihm fremden Frau fahren, um so zu tun, als h�tte er in irgendeiner Beziehung zu ihr gestanden? Er hat sie doch kaum gekannt, wenn man vom einmaligen Besuch in der Arberstra�e absieht. Oder? Unsicherheit. Etwas zieht an ihr. Zieht sie tiefer ins Bett, als ihr lieb ist. (Dabei ist es Zeit, aufzustehen. Mittagsruhe vorbei.) Das Herzchen w�hlt die schnellere Gangart, sie merkt sofort, wenn die vom Schrittmacher eingestellten sechzig Schl�ge pro Minute sozusagen freiwillig �berschritten werden. Eigentlich sch�n, dass das gelegentlich vorkommt, ohne dass sie sich anstrengt. Ohne k�rperlichen Einsatz. Sie lebt noch in ihrem K�rper, eines h�ngt mit dem anderen zusammen, trotz der sich mehrenden Metallteile in Kopf und Brust. Ohne die w�re sie vermutlich</p><p><emphasis>hin�ber</emphasis></p><p>� Nicht so</p><p><emphasis>sanft entschlafen</emphasis></p><p>wie Viola, sondern entweder nicht mehr aufgewacht w�hrend einer der Synkopen, die vor der Implantation des Schrittmachers regelm��ig daf�r gesorgt hatten, dass sie zu Boden gegangen war, oder eben am blutenden Hirn verr�chelt. Dem Schicksal kann sie schlecht danken daf�r, denn das hatte ja eigentlich f�r ihr fr�hzeitiges Krepieren pl�diert. Oder aber sie erweitert den Schicksalsbegriff um die zeitliche Dimension: H�tte sie vor hundert Jahren gelebt, w�re sie nicht vierundvierzig Jahre alt geworden. Da das Schicksal es gewollt hat, dass sie erst im Zeitalter der medizinischen Hochtechnologie lebt, hat es sich nun gewisserma�en selbst ausgehebelt, indem es zulie�, dass man ihm etwas entgegensetzte.</p><p>Anstrengende Gedanken.</p><p>Sie erhebt sich, nimmt den Rollator, l�uft ins Bad. Das geht wieder viel besser, in der einen Woche seit den epileptischen Anf�llen hat es sich wieder</p><p><emphasis>zum Guten gewendet</emphasis></p><p>, das Schicksal. Sie ist �berzeugt, es nicht hintergangen, sondern ihm auf die Beine geholfen zu haben mit dem Ausschleichen des Antiepileptikums. Obwohl das Denken nach wie vor anstrengend ist, vollzieht es sich nicht mehr im Gallert, im Pappigen, und manchmal kann sie sogar</p><p><emphasis>ins Offene</emphasis></p><p>sehen. Meist ist sie dazu in der Natur, der Wind f�hrt ihr um Schultern und Beine und gibt ihr das Gef�hl, sie mitnehmen zu k�nnen, wenn sie es m�chte. L�sst die Entscheidung bei ihr. Sie h�lt sich dann am Rollator fest, als w�rde ein Loslassen das Wegfliegen bedeuten. In diesen Augenblicken des Innehaltens schlie�t sie die Augen und sieht, was ihr mit ge�ffneten versperrt bliebe. Es kommt vor, dass sie bis nach Indien hineinblicken kann und mit Sulagna Dhal kocht, f�r den Reis, der schon im Topf wartet. Sie geht zur�ck in der Zeit, in der anderen Dimension</p><p><emphasis>des Offenen</emphasis></p><p>, und sieht sich als Kind gerade noch dem Sturz mit dem Fahrrad entgehen, weil der Vater sie auff�ngt. Oder vorw�rts in beidem, was f�r sie die dritte Dimension</p><p><emphasis>des Offenen</emphasis></p><p>ausmacht, betritt R�ume und Zeiten, in denen sie noch nie war, und sie jagen ihr keine Angst ein. Das sind sch�ne Momente, nach denen sie sich vermutlich gesehnt hat, als sie im D�mmer lag. Traum und Realit�t jener Zeit kriegt sie im �brigen noch immer nicht auseinander, sie sind eins und werden es, vermutet sie, bleiben. Hingegen glaubt sie zu wissen, dass Maljutka Malyschs Tod kein entsetzlicher Traum ist. Woher eigentlich? Sie versucht, sich vorzustellen, ihn getr�umt zu haben. Es misslingt kl�glich. Flugs schwillt der Schmerz vom Hintergrundton in lautes Gedr�hn, sie h�lt sich die Ohren zu, l�sst den Rollator los. Bleibt stehen. Keine Zeit, sich zu wundern: Sie macht drei Schritte ohne das Ding, es gelingt!</p><p>Im Schmerz Freude, in Freude Schmerz.</p><p>Soll sie hoffen, auch diese beiden Dinge irgendwann wieder auseinanderhalten zu k�nnen?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie isst noch weniger zu den Mahlzeiten, sie merkt es. Kann nicht schaden. Mit dem Speck schmilzt die Dickfelligkeit, denkt sie. Sie hat schon mehrere Tage nicht um Maljutkas Tod geweint, obwohl das Weh, die Seelennot allgegenw�rtig sind. Ist das nun Dickfelligkeit? Sie denkt an Mischas Sprung vor den Zug � wochenlang war sie immer wieder von Heulanf�llen heimgesucht worden, die sich von sehr weit unter der Oberfl�che Bahn brachen, irgendetwas anderes hatte sie zugleich mit Mischa beweint. Die Tatsache, dass sie selbst keinen Sohn mit Matthes hatte, wird es wohl kaum gewesen sein. Mag sein, dass sie Schuld gef�hlt hat am Tod des Jungen. In fr�hen Zeiten mit Matthes hatte Mischa besonders scharf und mit k�rperlichen Symptomen auf die Entzweiung seiner Eltern reagiert, die f�r ihn als kleiner Kerl nun einmal gleichzusetzen war mit dem Verlassenwerden durch den Vater. Matthes hatte die Mutter, die Schwester und ihn verlassen, und Helene stand als Ehebrecherin da, die zwar nicht die eigene, aber eine fremde Verbindung gebrochen hatte. Mischa hatte begonnen einzun�ssen, auch die Nahrungsaufnahme verweigert, und er hatte von einer Minute zur n�chsten Ausschl�ge, Durchf�lle und Ohnmachten auf Lager gehabt, was f�r ein f�nfj�hriges Kind zumindest nicht allt�glich gewesen war. Helene hatte geahnt, dass die Not leidende andere Frau ihr die Kr�tze an den Hals w�nschte � die Kr�tze aber bekam Mischa, nahm sie auf sich. Nahm �berhaupt auf sich, was die h�uslichen vier W�nde nicht verlassen sollte, aber, h�tte er es nicht irgendwie geschluckt, als Nachtmahr �ber ihnen hocken geblieben w�re, der sp�testens in der Dunkelheit Angst und Schrecken heraufbeschworen h�tte. Dass der Nachtmahr seinen Platz in Mischas Eingeweiden fand, daran hatte Helene nie gedacht. Ja, wahrscheinlich f�hlte sie deshalb Schuld. An Maljutkas Tod f�hlt sie keine Schuld, aber stimmt das �berhaupt? Augenblicklich wird sie unsicher, die letzten Monate vor dem Platzen des Aneurysmas sind ja hinter luftigen, duftigen Vorh�ngen verborgen. Manchmal schafft es der Wind, sie f�r Momente an der einen oder anderen Stelle beiseitezuschieben, aber mehr als Zipfel von Ideen, was passiert sein k�nnte, bekommt sie noch nicht zu fassen, und wenn sie einen davon in der Hand h�lt, zeigt sich meist irgendetwas, was wie der n�chste Zipfel aussieht. Sie �ffnet die Hand, um ihn zu schnappen, aber sofort ist wiederum der erste desertiert. Im �rger darum l�sst sie auch den zweiten ziehen. Immer wieder geht das so. Vielleicht bringt die Speckschmelze ja wenigstens erh�hte Beweglichkeit mit sich, die sie daf�r gut gebrauchen k�nnte. Auch der Geist wird geschmeidiger, stellt sie sich vor, obwohl sie auch denkt, dass ein wenig Fett dem Schmierfluss zwischen den Gedanken durchaus zutr�glich sein k�nnte. Auf das richtige Ma� kommt es an, wie bei allem. Und so nimmt sie doch noch die zweite Halbscheibe Brot.</p><p>Sie sitzt nicht mehr beim</p><p><emphasis>Schadhaften</emphasis></p><p>Zwei Tage ihrer Abwesenheit hatten ausgereicht, sie vom Plan zu streichen und eine andere Besatzung um den Tisch zu gruppieren. Zuerst wollte sie ihr Recht einklagen, als sie wiederkam, dann aber erschien es ihr l�cherlich, und so sitzt sie nun inmitten einer schweigenden M�mmeltruppe aus alten M�nnern, die offenbar dabei sind, sich selbst zu vergessen. Anderes scheinen sie sowieso schon vergessen zu haben. Sie kommt gut mit ihnen zurecht, auch wenn sie sich fragt, welchen Grund es gegeben haben mag, sie ausgerechnet diesem Tisch zuzuteilen. Andere Besatzungen sind nach Alter, Geschlecht oder pers�nlicher Bekanntschaft zusammengestellt worden, bei ihr griff das System nicht. Pers�nliche Bekanntschaften hat sie hier keine, aber als alters- und geschlechtslos wird sie ja nun auch nicht anzusehen sein. Obwohl die graue Kurzhaarh�lfte vermutlich nicht zum Gesicht passt, hat man ihr von jeher ein</p><p><emphasis>besonders</emphasis></p><p><emphasis>weibliches</emphasis></p><p>Aussehen bescheinigt: breite H�ften, schmale Taille � Birne eben. Im Gesicht fallen die vollen Lippen auf. Matthes, wenn er zwei Gl�ser Wein getrunken hat, meint, er habe vom ersten Augenblick an zubei�en wollen. Wie sah Maljutka Malysch aus? Im Normalzustand, in dem sie sie kennengelernt hatte, ziemlich eindeutig m�nnlich. Im Ausnahmezustand erreichte sie die Anmutung eines geschminkten, auf weiblich getrimmten Mannes. Ja, es waren Spuren der Gewalt, die verunsicherten. Die Gewalt, das Gesicht �beraus sorgf�ltig zu rasieren und die Poren mit einer Make-up-Schicht zu schlie�en, damit nicht der Anschein eines nachwachsenden Haares sichtbar wurde. Die Gewalt, sich in klein aussehende Stiefelchen zu zw�ngen und den Schritt kurz zu halten. (Dabei hatte sie so sch�ne Beine gehabt.) Die Gewalt, in Brust-raus-Bauch-rein-Pose m�glichst leichtf��ig einherzut�nzeln und das Haar mit einer gekonnten Bewegung aus dem Gesicht zu streichen. Die Gewalt, die eigene Stimme, erfolglos, etwa um eine Oktave nach oben zu hieven. Leidgetan hatte ihr Maljutka Malysch in dieser Gewaltorgie, der sie sich an jenem Freitag im letzten November unterworfen hatte, und dass sie es einen Tag sp�ter aufgegeben hatte, hatte mit Sicherheit Helenes Erleichterung zur Folge gehabt. Maljutka war nicht erleichtert gewesen. Sie hatte am Freitag angestrengt jung ausgesehen, bemalt, wie sie war, mit gef�rbtem, zusammengebundenem Haar. Am Samstag war sie zun�chst zur�ckgealtert, mit m�dem, faltigem Gesicht hatte sie, beinahe ungeschminkt, in der Krummenseer Kneipe gesessen, bis am Abend beim Altlandsberger Italiener ihr Alter keine Rolle mehr gespielt hatte, Helene hatte es nicht mehr gesehen unter den voller werdenden, sich auf nat�rliche Weise r�tenden Lippen. Maljutka hatte erz�hlt. Sich einfach fallen lassen und aller Gewalt abgeschworen. Sie war zu sich gekommen, f�r einen Abend, ehe sie am n�chsten Tag schnell und umstandslos verschwunden war, als h�tte sie sich daf�r entschuldigen m�ssen.</p><p>Ein M�mmelgreis legt seinen Kopf auf ihre Schulter. Erschrocken stellt sie die Teetasse ab, verschluckt sich. Es dauert, bis das Erstickungsgef�hl vorbei ist. Eines der Servicem�dchen hat ihr ein paarmal auf den R�cken geschlagen. Tr�nen laufen, und sie lacht darunter, lacht, dass die Greise einstimmen. Nun sitzt sie nicht mehr im Schweigen, sondern am lustigsten Tisch im Speisesaal.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Wie verschenkt man eigentlich am besten Glauben?</p><p>Zu Hause entspannt sich die Lage, wenn sie Billy Glauben schenkt. Wenn sie aber Matthes Glauben schenkt, ist es nach wie vor hart und aufreibend. Das sagt Matthes nicht. Matthes sagt eigentlich nichts anderes als Billy, doch sein Gesicht spricht dagegen.</p><p>Bill hat erz�hlt: Mit Bengt haben sie sich im Familienrat darauf verst�ndigt, dass es besser ist, wenn er kein Urlaubssemester einlegt. Es l�uft verl�sslich, und wenn Helene in absehbarer Zeit nach Hause kommt, k�nnte es eng werden in der Arberstra�e, sie braucht Ruhe und wird durch Bengts �ben wom�glich gest�rt. (Lauter Protest,</p><p><emphasis>niemals!</emphasis></p><p>) Billys Gesicht: gel�st, entlastet.</p><p>Matthes hat erz�hlt: Familienrat, m�hselig einberufen im Terminwirrwarr der zu Beteiligenden, hat sich nach langer Diskussion mit Bengt darauf geeinigt, dass er lieber weiterstudiert, sonst wird es zu eng in der Arberstra�e. (Keine Idee, wie dagegen zu protestieren sei.) Matthes� Gesicht: duldend, das Geplagtsein versteckend.</p><p>Eigentlich keine Frage, wem sie lieber Glauben schenkt. Nur wie?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie �bt. Den Arm zu heben. Die Physiotherapeutin hat sie auf den Boden gelegt, auf den R�cken gedreht. Sie bekommt in die linke Hand wieder den Stab, klammert die rechte, so fest es geht, darum. Dann fasst die Therapeutin rechts zu, hilft so der linken Hand, den Stab hoch �ber den Kopf zu heben. Der rechte Arm macht mit. Aber alleine? Nach zehn �bungseinheiten soll er es versuchen. Immer noch ist er ein Fremdling, scheint nicht zum K�rper zu geh�ren. Sie strengt sich so sehr an, ihm ihre Befehle zu erteilen, dass ihr Kopf rot wird und die Therapeutin alarmiert Einhalt gebietet. Vielleicht hat sie Angst, dass der entstehende Druck das Aneurysma erneut �ffnet? Das geht nicht. Helene m�chte sie beruhigen, sie ist doch geclipt! aber der K�rper zittert allein schon unter der Vorstellung einer Blutung. An Sprechen nicht zu denken. Die Therapeutin h�lt das Zittern ihrerseits wohl f�r eines der Anstrengung, aber das ist es nicht. Sie hilft ihr auf,</p><p><emphasis>jetzt wollen wir aber auf den Schreck erst mal ein St�ckchen laufen!</emphasis></p><p>, und l�sst den Rollator beiseite.</p><p>???</p><p><emphasis>Doch, doch, heute mal ohne!</emphasis></p><p>, die f�nf Worte sind alles, was sich dazu aus ihrem Mund bequemt. Linker Arm der Therapeutin um Helenes H�fte gelegt. Der rechte Arm der Therapeutin zuckt jedes Mal, wenn Helene den rechten Fu� aufsetzt, bleibt aber an seinem Platz auf ihrem rechten Oberarm. Sie muss lachen. Denkt an Pietro, den Schauspielerfreund. Einer seiner bei den damals noch kleinen Kindern beliebtesten Sketche war der von der Schwungrad-Elli: In geradem Lauf knickte ein Bein immer sehr pl�tzlich ein, fing sich aber, ehe Pietro hinfallen konnte, um beim n�chsten Schritt schon wieder wegzusacken. An lauen Sommerabenden hatten sie unter der erhabenen Kastanie vor seinem H�uschen in der N�he von Anklam gesessen und sich nicht mehr halten k�nnen vor Lachen, als die Kinder versuchten, diesen Gang zu imitieren.</p><p><emphasis>Schwungrad-Elli</emphasis></p><p>, sagt sie lachend, und auch die Therapeutin prustet los. Nach zwanzig Metern hin und zwanzig Metern zur�ck darf sich Helene wieder auf die Matte legen. Ein letzter Versuch. Sie schickt den Befehl mit aller Kraft in den Arm und versucht, den Kopf von der Anstrengung auszunehmen. Allen Druck in den Arm geben. Allen. Los. Los! Sehr langsam, sehr langsam erhebt er sich, kommt aus dem Knick, im wahrsten Sinne, er schafft, er schafft es tats�chlich, sich aufzurichten!</p><p>Na ja, fast.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>In dem kleinen Dorf bei Anklam hatten sie oft Ferien gemacht. Hier am See erinnert manches an damals: Die hohen B�ume mit Feuerstelle darunter, die Stille am Wasser, man kann alle Flausen auf und davon gehen h�ren aus dem eigenen Kopf. Ein weiter Acker ist der See, der von einem unterirdischen Pflug umgegraben wird, Streifen f�r Streifen, sie fragt sich, was dort keimen wird, Kartoffeln? Wintergerste? sie sieht ihn in wogendem Gr�n und versp�rt tiefe Freude, auf einmal! noch am Leben zu sein, sich etwas vorstellen zu k�nnen, das die Wirklichkeit auf eine beinahe lieblich zu nennende Weise fortschreibt, sie im Wachzustand in den Traum wippen l�sst, hin, zur�ck, wieder hin � das Gl�ck hat mehr als f�nf einfache lateinische Buchstaben und meint es gut mit ihr. Auch damals hatte sie sich in der sommerlichen Gewissheit gesonnt, dass das Gl�ck zugelangt hatte. Mit den vier Kleinen waren sie oft im Juli, August hinaufgefahren, tags�ber nach Usedom auf die Insel gepilgert, zum Baden, zum Sonnen, alles war unangestrengt und einfach gewesen f�r ein paar Wochen. Im Sommer �89 hatten sie dann t�glich vor der Kiste gehockt und die Nachrichten gesehen, die Leichtigkeit war dahin, irgendetwas w�rde passieren. Dass sie so schnell gefordert sein k�nnten,</p><p><emphasis>den Laden zu �bernehmen</emphasis></p><p>, wie sie es ausdr�ckten, damit hatten sie nicht gerechnet und befanden sich in einem Zustand der Fiebrigkeit, des Nervenkr�uselns. Mareile war zwischendurch zu windeln, die anderen drei forderten Badefahrten ein. Sie teilten es sich, einer blieb immer mit Mareile im Haus, der andere fuhr an die See. H�tten sie gewusst, wie es sich ein oder zwei Jahre sp�ter eingeebnet hatte, ohne dass sie auch nur einmal wirklich nahe daran gewesen w�ren,</p><p><emphasis>den Laden zu �bernehmen</emphasis></p><p>, h�tten sie sich die Aufregung klemmen und bei der Tagesordnung bleiben k�nnen.</p><p>Die sp�teren Sommer waren anders gewesen. Der Dorfkonsum schloss. Ein Auto musste her. Zun�chst kaufte Pietro einen alten VW. In Ducherow �ffnete ein Supermarkt nach dem anderen, sie verbrachten viel mehr Zeit mit dem Einkauf, zu dem man nun eine richtige Ausfahrt veranstalten musste. Das Leben im Dorf verschlierte zusehends, die LPG schloss, stattdessen versuchte ein Investor, eine Agrar GmbH zu installieren � mit zw�lf Mitarbeitern, wo doch zuvor nahezu alle sechzig Familien von der LPG gelebt hatte. Andreas, der w�hrend Pietros Abwesenheiten nach dem Haus sah, hatte als</p><p><emphasis>M�dchen f�r alles</emphasis></p><p>in der LPG gearbeitet, war als Springer hier und dort im Einsatz und, ja! wichtig gewesen. Von einem auf den anderen Tag wurde er unwichtig. Den Ver�nderungen stand er hilflos gegen�ber, lie� sich von einer Baufirma aus L�beck anlocken, montags in aller Herrgottsfr�he abholen und freitags sp�t zur�ckbringen im Kleinbus. Er schuftete weit unter Tariflohn, von dem er keine Ahnung hatte. Als er dennoch arbeitslos wurde und es �ber ein Jahr lang auch blieb, gab er brav seine gesparten</p><p>10000</p><p>DM an. Die m�sse er zu guten Teilen erst aufbrauchen, hie� es, ehe die Arbeitslosenunterst�tzung griffe. Er soff sich davon zu Tode. Verstand nichts mehr. In der zweiten H�lfte der</p><p>90</p><p>er waren sie ein paarmal an seinem Grab gewesen, hatten G�nsebl�mchen oder Veilchen ins Wasser gestellt. Helenes Geburtsjahrgang. Erschrocken hatten sie die vielen Gr�ber Gleichaltriger gesehen (sie z�hlten: zehn!), in den F�nfzigerjahren Geborener, mehr M�nner als Frauen, als h�tte hier eine ganze Generation sich verabschieden wollen. Der Suff hatte zugelangt, die Dorfkneipe hatte nach wie vor Konjunktur. Es gab nicht mehr viele Kinder. Die es gab, schielten. Helene musste das Wort</p><p><emphasis>Inzucht</emphasis></p><p>denken, h�tte sich ohrfeigen wollen daf�r. Die Tage waren anders gewesen als in den Achtzigern: Wer von den M�nnern nicht beim Bier hockte, tauschte etwas wie Worte mit dem Nachbarn �bern Gartenzaun, es sah so aus, als w�ren sie sich einig geworden, die M�nder ebenso langsam zu bewegen wie ihre K�rper: Ein Schlurfen und Lungern �berall, als br�chte jede unn�tze Bewegung sie unn�tig auf, sie lie�en sich nicht mehr ein auf lange Gespr�che, es war, als w�re irgendein Ende allen pr�sent und sie in Angst erstarrt, es auszusprechen. Sie war mit Matthes seltener hinaufgefahren seit den Neunzigern, hatten das vor sich selbst mit dem Gr��erwerden der Kinder, mit ihren nun anders gelagerten Urlaubsinteressen und � m�glichkeiten gerechtfertigt (Italien! Portugal!), aber eigentlich war es das Dorf gewesen, dessen gespenstischer Anmutung sie sich hatten entziehen wollen. �hnlich wie die D�rfler selbst, die unter dem Eindruck des von allen geahnten Endes erstarrt schienen, hatten sie nicht mehr hinsehen wollen, wie es sich dort totlief. Wie sich ein Dorf, Andreas voran, aus dem Leben trank inmitten herrlich bl�hender Landschaften, Rapsfelder, Kartoffel�cker, Wiesen und Weiden, die keine Leute mehr brauchten, um in voller Bl�te zu stehen. Einfache Leute waren es, die hier lebten, in ihren Gespr�chen ging die Welt im Fernsehformat ein und aus, wer gespart hatte, hatte gerade genug f�r die eine gro�e Reise, mit dem Bus an den Gardasee, und wenn er zur�ck war, freute er sich nicht einfach, sondern machte so weiter mit dem Schlurfen. Jetzt kann Helene dieselbe Traurigkeit sp�ren wie in den</p><p>90</p><p>er-Jahren, wenn sie ans Dorf dachte, das bei ihnen immer nur</p><p><emphasis>das Dorf</emphasis></p><p>hie�, seit Jahrzehnten inzwischen. Die Stra�e in das abgelegene Kaff war gleich nach der Wende endlich erneuert worden. Landmaschinen fuhren kaum noch hier entlang, sie nahmen Wege �bers Feld, und manchmal hatte sie Frauen mit Fahrr�dern gesehen, die ihre Eink�ufe herbuckelten, die R�der beh�ngt, die Schultern nicht minder. Der Bus nahm die Schleife ins Dorf nur noch alle zwei Tage, sodass sie, wenn sie zwischendurch einkaufen wollten, mit dem Rad zur �berlandstra�e fahren mussten, vielleicht vier Kilometer. Dort schlossen sie die R�der an und nahmen den Bus nach Ducherow, sp�ter zur�ck. Wieder aufs Rad. Helene hatte �berlegt, dass sie kein Geld f�r einen F�hrerschein hatten, kein Geld f�r ein Auto. Oder aber ihre M�nner hatten ein Auto im Hof stehen, waren aber zu besoffen, um fahren zu k�nnen. Frauen ab vierzig lebten noch hier, die Jungen waren fast alle weg. Wollten nie zur�ck. Das Dorf w�rde �ber kurz oder lang aussterben, Andreas� Vater hatte seinen Sohn um ein halbes Jahr �berlebt. Andreas� Schwester hatte Haus und Hof geerbt und bem�hte sich redlich, einen K�ufer daf�r zu finden. Erfolglos. Sie selbst wohnte mit der Familie in Anklam, wo sie als Sachbearbeiterin in der kommunalen Verwaltung arbeitete. Sie kam nur am Wochenende ins Dorf, sah nach dem Rechten, lief den Garten ab, zupfte Unkraut, erntete, wenn es etwas zu ernten gab. Den linken Nachbarn hatte sie f�rs M�hen bezahlt. Er hatte oft gem�ht. Zu oft. Sie hatte dann den rechten Nachbarn ums M�hen gebeten und nicht wieder vers�umt, einen Terminplan vorzugeben. Oft sprach sie bei Pietro vor und bot das Haus als Quartier f�r dessen G�ste an. Alle im Dorf erinnerten sich an fr�here Zeiten, da Pietros Garten und die umliegenden Wiesen von Zelten belagert worden waren. Lang, lang war�s her.</p><p>Pietros Haus reichte inzwischen vollkommen aus f�r die immer seltener eintreffenden alten Freunde. Keiner konnte sich vorstellen, hier zu wohnen, in dieser Idylle. Gleich gegen�ber von Pietros Katzberg stand ein Haus, das in der ersten H�lfte der Neunziger von einer jungen Familie aufgekauft und ausgebaut worden war, mit eigenem Teich, umgeben von Wald und Feld. Selbst dieses sch�ne Haus stand seit Jahren leer, die Familie war fort, vielleicht zerbrochen? und einer allein schaffte es wom�glich nicht, die Kinder in Schulen und Kinderg�rten zu bringen, was mit einer Art Arbeit ohnehin unvereinbar war, so abgelegen, wie das Dorf lag. Als sie im vergangenen Jahr dort gewesen waren, hatten sie einen Gang auf das freie, nicht umz�unte Gel�nde gewagt. Das Haus war keineswegs nach ihrem Geschmack saniert und ausgebaut worden, Styroporkassetten verunzierten die Decken der Zimmer, die Fu�b�den waren mit billigem Teppichboden belegt. Aber das Haus war technisch auf einem guten Stand gewesen, ehe es verlotterte, ehe die Scheiben eingeworfen und alle R�ume als Toiletten benutzt wurden. Helene hatte sich gefragt, wer von den Dorfbewohnern zu solchem Vandalismus aufzureizen war. Ihr fiel niemand ein.</p><p>Es ist sogar sch�n, diese alt gewordene Traurigkeit wieder zu sp�ren, die mit der neuen um Maljutka nichts gemein hat, denkt Helene jetzt. In zwei Traurigkeiten gleichzeitig zu sein, ist kein schlechter Zustand, man liegt auf der einen und deckt sich mit der anderen zu, und wenn man hinaufschaut, kann man sich auf einmal vorstellen, dass diese Traurigkeiten nur zu sp�ren sind, weil es das Gegenteil davon wirklich gibt.</p><p>Die Lust.</p><p>Den �berschwang.</p><p>Deren �berschwappen</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie m�chte zu schreiben beginnen. Nicht ihrem Beruf nachgehen! Oh nein. Ob sie das eines Tages wieder k�nnen wird, ist unabsehbar f�r sie. Matthes hat erz�hlt, dass eine Anfrage kam: An einem Berliner Hauskomplex wollen K�nstler kurze Gedichte in Szene setzen. Auftragswerke. Sie sollen in die Hausw�nde eingelassen, in Steinb�den eingebracht, auf Fenstern installiert werden. Ob sie zu solchem Auftrag bereit ist? Ihr graut davor. Sie wei� es doch: Zwischen ihr und einem m�glichen Gedicht g�hnt ein sehr schwarzes Loch! Nat�rlich liest sie die Namen der angefragten Kollegen � nicht schlecht, es w�re ihr eine Ehre, da mitzumachen. Sie �berlegt. Sagt schlie�lich Nein. Hat Angst. Es wird nicht gehen. Was ist �berhaupt ein Gedicht? Sie erinnert sich, fr�her beim Lesen oder H�ren guter Gedichte k�rperliche Empfindungen gehabt zu haben, die mit Geisteszust�nden einhergingen, zu denen ihr einfach nichts einfallen will. Aufgeregt war sie, befl�gelt, die Worte traten von selbst eine Lawine los in ihrem Kopf, dass sie nur noch aufzuschreiben brauchte, was ihr einfiel. Ein wunderbarer Zustand, den sie im Moment nicht herstellen kann. Matthes hat ihr Lieblingsgedichtb�nde mitgebracht. Zum Beispiel Seamus Heaney, eine Entdeckung der letzten Jahre. Nichts r�hrt sich, wenn sie ihn liest. Es geht nicht ums</p><p><emphasis>Verstehen</emphasis></p><p>der Gedichte, das war ihr ohnehin nie wichtig, die Qualit�ten der Perzeption, der Rezeption waren andere gewesen. Aber diese</p><p><emphasis>Qualit�ten</emphasis></p><p>sind fort, sind nicht auffindbar, weder in K�rper noch Geist, sozusagen. Sie bem�ht sich. Liest zweimal, dreimal, viermal den Text, an den sie sich, ja! erinnert, der Unerh�rtes ausgel�st hatte in ihr. Aber was?</p><p><emphasis><strong>Peilungen</strong></emphasis></p><p><emphasis><strong>VI</strong></emphasis></p><p><emphasis>Einmal, als Kind, auf einem Feld von Schafen,</emphasis></p><p><emphasis>Tat Thomas Hardy so, als sei er tot, und</emphasis></p><p><emphasis>Legte sich flach hin zwischen zarte Beinchen.</emphasis></p><p><emphasis>In diesem Raum, bebl�kt, beschnuppert, grasig,</emphasis></p><p><emphasis>Experimentierte er mit der Unendlichkeit.</emphasis></p><p><emphasis>Die kleine k�hle Stirn war ein Ambo� in Erwartung,</emphasis></p><p><emphasis>Da� der Himmel ihm den reinen Ton entlocke</emphasis></p><p><emphasis>Seines Stummseins, und die Unruhe, die er hervorrief</emphasis></p><p><emphasis>Im Vlies-Gedr�nge, war die Urform</emphasis></p><p><emphasis>Einer Welle, die sich achtzig Jahre weit</emphasis></p><p><emphasis>Von dort ausbreiten w�rde, um dieselbe Welle</emphasis></p><p><emphasis>In ihm zu sein, in ihrem letzten Umfang.</emphasis></p><p>Nichts. Stattdessen die Frage, wer wohl Thomas Hardy war � Das w�re ihr fr�her mit Sicherheit egal gewesen. Aber sie wei� doch noch, wie aufgeregt sie gewesen war, als sie das Gedicht zum ersten Mal gelesen hatte!</p><p>Langsam.</p><p>Die entscheidende Zeile suchen.</p><p>Ein Junge, klein und z�h stellt sie ihn sich vor, sommersprossig und mit nackten F��en, experimentierte mit der Unendlichkeit. Wie experimentiert man denn mit der Unendlichkeit?! Er liegt auf dem R�cken, seine Stirn zwischen den Schafsm�ulern, und hofft erregt darauf, der Himmel m�ge den Stirnamboss anr�hren, auf dass der reine Klang des Schweigens sich �ber das Bl�ken und Schnuppern und Springen der Tiere erhebe. Er liegt still, aber die Unruhe um ihn her vervielfacht sich zur Welle, die nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit sich ausbreiten und noch nach achtzig Jahren, dem Moment also des R�ckblicks, aus dem dieses Gedicht geschrieben wurde, die Unruhe um ihn her weiter und weiter tragen w�rde, auch �ber ihn hinaus, wenn er denn starb � Ja, das war es gewesen: das Ineinanderschlagen von Raum und Zeit in einer von ferne erinnerten Kinderstirn! In zw�lf Zeilen ein solch existenzielles Motiv scheinbar m�helos und au�erordentlich schl�ssig abzuhandeln, war ihr geradezu sensationell erschienen und hatte ihre, nun ja, Innereien regelrecht durcheinandergebracht, pl�tzlich war ihr �bel geworden, der Magen hatte rumort, das Ged�rm gepfiffen. J�her Blutdruckabfall hatte die Knie einknicken lassen, und als es ihr wieder besser gegangen war, hatte Mareile nahebei gesessen und erschrocken gefragt, was passiert w�re. Sie hatte lachen m�ssen und ihr das Gedicht vorgelesen, und als sp�ter Matthes dazugekommen war, hatte er Mutter und Tochter auf dem breiten Bett fl�zend und in philosophisch-poetische Betrachtungen vertieft vorgefunden. Als Mareile schlie�lich aus dem Zimmer verschwunden war, hatte er sich dann eng an sie herangekugelt, aber ihr hatte der Sinn nicht danach gestanden.</p><p>Sie ist ersch�pft.</p><p>Still setzt sie sich in den Fenstersessel.</p><p>Den entstehenden Zustand der Leere kennt sie inzwischen zu gut, es ist, als ob die bewusste Gehirnaktivit�t tats�chlich zum Erliegen kommt, sie meint, an nichts denken, aber auch nichts evozieren zu k�nnen. Diese Traurigkeit nun kommt schnell, ist von der dritten Art, allumfassend, ohne Ausblick. Selbst der Blick aus dem Fenster bleibt folgenlos, sie nimmt nicht wirklich wahr, was da unten vor sich geht, obwohl sie es sehr genau sehen kann, es ist ein Nebeneinander von Personen und Dingen und B�umen und Hecken und Steinen und Mauern, die sie in keinerlei Beziehung zueinander zu setzen vermag, ein seltsamer Zerfallszustand des Wahrnehmens, sie kannte ihn nicht, sie kennt ihn jetzt.</p><p>Ehe ihr zum Heulen zumute sein kann, kommt die Sozialarbeiterin ins Zimmer.</p><p><emphasis>Guten Tag, Frau Wesendahl, wie geht�s?</emphasis></p><p>Sie hat B�gen �ber B�gen im Arm, Helenes Wahrnehmung beginnt sich wieder zu zentrieren, alles l�uft aufs Papier hinaus, das die Frau mitgebracht hat. Die Rentenfrage. Die Haushaltshilfefrage. Jetzt, wo sie nicht mehr �ber die Kasse krankgeschrieben ist, sondern sich in einer vom Rententr�ger bezahlten Rehabilitationsma�nahme befindet, ist es m�glich, eine Haushaltshilfe f�r zu Hause zu ordern.</p><p><emphasis>Das w�re doch nicht schlecht, oder?</emphasis></p><p>Das w�re nicht schlecht, in der Tat. Die Sozialarbeiterin f�llt aus, Helene unterschreibt. Krakelig, hochschie�end, verheerend, aber die Frau sagt nichts dazu. Die Rentenfrage? Nein, daf�r ist es zu fr�h, das m�chte sie mit ihrem Mann besprechen, die Rentenfrage hat sie sich noch nie gestellt, kann sie denn �berhaupt? Als Freischaffende? Sie kann, hat den richtigen Geburtsjahrgang, die Pflichtversicherung l�sst das zu. Aha. Aber da warten wir lieber ab, das entscheiden wir noch nicht jetzt, immerhin ist gerade ihr zweiter Roman erschienen, ist dieser Tage an den Buchhandel ausgeliefert worden! Nat�rlich, die Buchmesse! Das wird ihr aber jetzt zu viel, die Haushaltshilfe, der Roman, die Rentenfrage, die Buchmesse, Matthes hat von Fernsehteams erz�hlt, die sie zu Hause hatten besuchen wollen, jetzt f�llt es ihr ein, f�llt ihr auch ein, dass sie Lesetermine hatte, im Oktober, November, in Freiburg, Schwerin, Regensburg, Leipzig, viele Lesetermine hatte sie, sie muss das unbedingt mit Matthes besprechen, nicht mit dieser Sozialarbeiterin, wann wird die denn fertig sein, wovon redet die �berhaupt gerade?</p><p><emphasis>Hallo, h�ren Sie mich?</emphasis></p><p>Ja. Helene h�rt sie. Bittet um Aufschub. Sei ersch�pft. Die Haushaltshilfe ist doch ganz gut, alles Weitere wird sich finden.</p><p>Na, wenn sie meint?</p><p>Sie meint.</p><p>Kaum ist die Frau weg, traut sie sich, den Telefonh�rer abzunehmen. Zum ersten Mal. W�hlt wie von selbst ihre eigene Nummer, wartet. Es piept. Schlie�lich springt der Anrufbeantworter an.</p><p><emphasis>Hallo?</emphasis></p><p>Matthes. Als sie zu sprechen beginnt, f�llt er ihr ins Wort:</p><p><emphasis>Ach ja, stimmt, es ist ja niemand zu Hause � Aber sagen Sie ruhig,weshalb Sie zum H�rer gegriffen haben, wir rufen bald zur�ck.</emphasis></p><p>Matthes hat mit tiefer, sonorer Stimme gesprochen, sie hat das noch nie geh�rt. Erneuter Piepton. Helene legt auf, hat Angst vor der Aufzeichnung ihrer aufgeregten Fehler beim Sprechen, ihrer Zwangspausen und Konsonantenverschlinger. Nein, die soll Matthes nicht h�ren. Die sollen die Kinder nicht h�ren m�ssen, wenn sie den Anrufbeantworter abfragen nach dem Betreten der K�che.</p><p>Schade. Nat�rlich, es ist Vormittag, Matthes ist auf Arbeit, die Kinder sind in der Schule. Lottchen im Kindergarten.</p><p>Nichts zu machen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Pietro ist da! Das ist aber sch�n. Als h�tte er geahnt, dass sie in den letzten Tagen oft an ihn gedacht hat, an das Dorf, an Andreas � H�tte ihr Matthes nicht wenigstens Bescheid geben k�nnen, dass er vorhat zu kommen? Dann h�tte sie doch nicht so ungek�mmt um die Mittagsstunde im Bett gelegen und auf nichts gewartet als auf Matthes � Nun ist aber Pietro da, und sie meint, dass sie aufspringen und sich</p><p><emphasis>schnell mal �n bisschen anh�bschen</emphasis></p><p>gehen m�sse, aber nat�rlich springt sie nicht auf, sondern erhebt sich angemessen angestrengt, sehr langsam, und sie geht sich auch nicht</p><p><emphasis>schnell mal �n bisschen anh�bschen</emphasis></p><p>, sondern kraucht, sehr langsam, mit dem Rollator ins Bad. Wenn sie aufsteht, braucht sie immer einige Zeit, bis die Gelenke geschmiert, die Muskeln eingespielt sind. Es dauert. Im Bad w�hlt sie in der Waschtasche nach einer Parf�mprobe, die ihr pl�tzlich einfiel, sie hatte sie aus Indien mitgebracht und noch nie benutzt, sie m�sste eigentlich noch in einem der Seitenf�cher � Ihre Finger ertasten ein l�ngliches Etwas, das kennt sie nicht, kann sich jedenfalls nicht erinnern, sie zieht es heraus. Maljutka Malyschs Muranoglasspange, golden und braun gesprenkelt, mit Spritzern von Rot darin. Wie kommt die denn in diese Tasche? Es brennt in ihrer Hand. Sie m�chte den Schmerz auskosten, dr�ckt fester, aber da k�hlt es ab. Kurz entschlossen zw�ngt sie ihr verbliebenes Haar in die Spange, zupft den Restpony �ber die Narbenseite. Nun brennt es am Hinterkopf, aber sie wei� ja, dass es abk�hlen wird. R�te macht sich bemerkbar, klettert den Halsausschnitt ihrer Bluse empor und verkleckert sich im Gesicht, sie l�sst eiskaltes Wasser in die H�nde laufen und wirft es an die Wangen, wieder und wieder, rubbelt sich dann mit dem Frottiertuch trocken. So, jetzt ist die Kleckerr�te einer Komplettr�tung gewichen, sie kann Pietro unter die Augen treten. Die Parf�mprobe hat sie vergessen.</p><p>Pietro pendelt zwischen Berlin, Anklam und dem Dorf. In Anklam ist er am Theater besch�ftigt, im Dorf wohnt er. In Berlin hat er seit Kurzem eine Liebste, das ist schwierig. Man sieht sich selten. Wer sie ist? Sie ist eine Apothekerin, er hat sie kennengelernt, als er vor ein paar Wochen in Berlin seinen Sohn Moritz besuchte, der mit Grippe im Bett lag. Von dessen Mutter wurde er in die Apotheke beordert. H�tte sie die Folgen erahnt, die das haben w�rde, h�tte sie es tunlichst vermieden, ihn dorthin zu schicken, sagt Pietro. Helene �berh�rt das, Moritz� Mutter kann sie genauso gut leiden wie Pietro, schade, dass die beiden vor Jahren auseinandergingen.</p><p>Ob sie h�bsch ist? Sie ist die Sch�nste weit und breit! Pietro ist begeistert. Das ist er immer von neuen Lieben. Helene l�chelt.</p><p><emphasis>Du sollst nicht immer so weise l�cheln</emphasis></p><p>, sagt Pietro,</p><p><emphasis>da f�hlt man sich ja so schrecklich durchschaut!</emphasis></p><p>Oh, sie l�chelt also</p><p><emphasis>weise</emphasis></p><p>� Dar�ber freut sie sich nun wieder. Dass man ihrem L�cheln Weisheit unterstellen k�nnte, w�re ihr nicht in den Sinn gekommen angesichts der Zust�nde der Leere, von denen sie heimgesucht wird. Die sie neuerdings selbst aufsucht, um sich ihrer zu vergewissern. Um sie vielleicht zu f�llen? Ach was, dumme Gedanken. Sie m�chte bei Pietro sein. Wie geht das noch mal? Sich auf ihn einlassen? Es ist sch�n, mit M�nnern zu tun zu haben, deren Verh�ltnis zu ihr nicht verunstaltet ist von Liebe oder dem, was sie daf�r halten. Warum sie das jetzt denkt, wei� sie nicht, aber es ist einpr�gsam und deutlich. (Sie pr�gt es sich ein, es steht ihr deutlich vor Augen.) Pietro hat sie nie geliebt, vielleicht kann sie sich nur deshalb seiner Achtung, seines Respekts und Wohlwollens so sicher sein. Ihr wird warm, sie sonnt sich in Pietros Reden.</p><p><emphasis>Schwungrad-Elli</emphasis></p><p>, sagt sie schlie�lich, und Pietro knickt sofort ein. Geht als Elli vor und zur�ck im Zimmer, bringt sie zum Lachen. Ach Pietro, wenn du w�sstest �</p><p>Pietro wei� einiges. Zum Beispiel hat er ihr auszurichten, dass Matthes heute nicht kommen wird, weil zwei Besucher vielleicht zu viel sind, er hat ihm den Vortritt gelassen. Schade. Nun kann sie ihn nicht nach dem Buch fragen, das dieser Tage ausgeliefert werden muss, wenn sie nicht alles tr�gt. Warum nur hatte das bislang �berhaupt keine Rolle gespielt?! Hatte sie nicht �? Ja, sie hatte! Am Tag, als das Aneurysma platzte, hatte sie vormittags f�r die Drucklegung zwei Einr�ckungen vorgenommen! Hatte Matthes noch freudestrahlend verk�ndet, dass nun alles, aber auch alles abgeschlossen sei am neuen Roman und er zum Termin ausgeliefert werden k�nne! Jetzt wird sie unruhig, so schnell kann sie das Pietro gar nicht erz�hlen, er w�sste wom�glich nicht, wovon sie spricht � Aber wie um den Kohl fett zu machen, zieht Pietro, ganz Geste des gro�en Zauberers, mit einer Hand, die andere auf der Brust, halb vom Sakko bedeckt, etwas aus der Tasche und legt es mit einem Tusch, den er mindestens ebenso gut imitieren kann wie eine Person namens Schwungrad-Elli, vor Helene auf den Tisch.</p><p><emphasis>�Der Beauftragte�,</emphasis></p><p>in der Tat, das ist er, ihr neuer Roman, er sieht so vertraut aus, obwohl sie das fertige Exemplar zum ersten Mal in H�nden h�lt. Matthes hat ihm das mitgegeben, gestern kam mit der Post ein ganzer Karton davon. Helene betrachtet ihn, liest den Klappentext, jetzt kommt zur�ck, was zur�ckliegt: wie sie ihn schrieb, wie sie haderte mit dem Gegenstand, wenn er sperrig zu werden drohte, wie sie ein ums andere Mal aufsprang vom Computer, wegen der Wut, die sich in ihr breitgemacht hatte wie z�he Polenta und kaum mehr vom Denken abzukratzen war. Wie sie manchen Tag gro�spurig</p><p><emphasis>zwanzig Seiten!</emphasis></p><p>verk�ndet hatte � an den Abenden solcher Tage war sie gut aufgelegt gewesen und hatte Lottchen besonders lange im Bett vorgelesen, auch anderes war eher zu gew�rtigen gewesen, sie war manchmal gleich im Bett liegen geblieben, nachdem sie Lottchen in ihres verabschiedet hatte, und hatte auf Matthes gewartet, um zu wissen, ob sie Sex haben wollte. In den letzten Jahren hatte es sich so ergeben, dass sie es einfach nicht merkte, ohne Matthes nahe bei sich zu haben. Jetzt reichen die Erinnerungen den Staffelstab weiter, dass ihr angst und bange wird: Sie sieht sich mit Grie�brei im Arbeitszimmer hocken und l�ffeln, immer drei S�tze, ein L�ffel; sie schneidet sich vor dem Bildschirm die Zehenn�gel, weil sie nicht einfach ins Bad gehen kann, wenn es flutscht; die Kinder kommen, sie hat die T�r verschlossen und �ffnet nicht, reagiert nicht einmal auf vorsichtige Fragen. Als die Fragen nicht mehr vorsichtig sind, sondern �rgerlich und dr�ngend, �ffnet sie doch die T�r und setzt zum Donnerwetter an, aber ehe es noch h�tte blitzen und grollen k�nnen, muss sie das Gesicht verziehen angesichts der versammelten Schar, grinst und kommt mit ihnen nach unten. Gibt nach. Nimmt Mareiles Pfanne im letzten Moment vor dem Anbrennen vom Herd, sie wollte sich Eier braten. Helene hat doch gekocht! Drau�en auf der Terrasse steht die Suppe, der Topf ist zu gro� f�r den K�hlschrank, und das Wetter ist kalt genug. Warum vergisst sie nur alles �ber ihrer Art zu arbeiten, sie h�tte den Kindern doch wenigstens einen Zettel hinlegen k�nnen, auf dem geschrieben stand, dass das Mittagessen fertig ist. Nur aufgew�rmt werden muss. Immerhin ist ein �</p><p><emphasis>Helene?</emphasis></p><p>Pietro schaut ihr fragend von unten in die Augen.</p><p>Ach ja, Pietro sitzt ihr ja gegen�ber. Ansprache an den Herrn Schalk in seinen Augenwinkeln: Mach�s halblang, so lustig ist das nun wirklich nicht hier drin, kennst du Herzeleid? Seelengram? sie haben mir die Tage verwaschen und sitzen tief, aber davon kann ich dir jetzt nicht erz�hlen, h�rst du? dich nur bitten: mach�s halblang � Mach�s halblang.</p><p>Der Herr Schalk erh�rt die geheime Ansprache offenbar, er verschwindet aus Pietros Augen. Dankbar schaut sie ihn an, ihre Augen schwimmen jetzt ein bisschen, was? Dabei ist das ein guter Tag, ein sch�ner. Sie h�lt ihr Buch in den H�nden, sie wei� wieder, wer</p><p><emphasis>Der Beauftragte</emphasis></p><p>ist und wie er ihr zu diesem Roman verholfen hat �</p><p>Pietro erz�hlt jetzt, dass seine Anstellung am Anklamer Theater mehr als wacklig sei, er habe keine Lust mehr auf dauernde Unterordnung in Fragen, von denen er, ja, das m�sse er so sagen, mehr verst�nde als der Regisseur. Die Arbeitsverh�ltnisse sind befristet. Weil die Sommersaison in Zinnowitz und Heringsdorf volles Programm verlangt, gehen nun viele mit dem Herbst in die Theaterferien geplanter Arbeitslosigkeit, um sich danach wieder einstellen zu lassen. Pietro meint, dass seine Zeit in Anklam in diesem Jahr abgelaufen sei. Er hat sich auch gleich etwas Neues ausgedacht:</p><p><emphasis>Lenz</emphasis></p><p>will er sprechen, in voller L�nge, begleitet von einem Schlagzeuger.</p><p><emphasis>Lenz!</emphasis></p><p>Das sei ein so gro�artiger Text! So wissend, klug und seiner Zeit voraus! Schon vor drei�ig Jahren habe ihm</p><p><emphasis>Lenz</emphasis></p><p>am Herzen gelegen, der mit Sturm und Drang �ber die Romantik hinweggefegt sei und die Welt nicht entziffern konnte, die er am Ende der Reise vorfand! (In Pietros Augen jetzt nicht mehr Herr Schalk, sondern Frau Schwarm. Warten wir�s ab: Gleich wird er seine Blicke in Lenzens Irre schicken �)</p><p>Er bricht ab. Er schweigt. Dann fragt er z�gernd, ob sie ihm einen Vor-Text schreibt. Etwas, was man den Leuten, ehe es losgeht, anbieten k�nne: F�r die meisten sei</p><p><emphasis>Lenz</emphasis></p><p>eine einfache Leerstelle, sie w�ssten nichts �ber ihn, da w�re es doch besser, eingef�hrt zu werden. Einen kurzen Text nur, sie habe doch so was fr�her auch gemacht, ob sie nicht �?</p><p>Nun schweigt sie. Ach Pietro, ich habe doch meine Sprache verloren, ich muss doch erst sehen, wie weit sie sich wieder finden l�sst! Nat�rlich sagt sie das nicht, sondern rei�t, nach Sekunden des Z�gerns, den Dicksch�del hoch:</p><p><emphasis>Na gut, aber lass mir Zeit.</emphasis></p><p>Pietro hat nicht verstanden, was mit ihr passiert ist, denkt sie. Kann man das �berhaupt verstehen? Versteht sie es denn? Sie geht mit ihm zum Fahrstuhl, sie fahren hinunter. Schwungrad-Elli nimmt Abschied. Sie lacht noch, solange sie ihn sehen kann, denn etwas anderes hat sie eingeholt.</p><p>Sie wei� n�mlich seit zwei Stunden, wie Maljutkas Glasspange in ihre Tasche geraten ist.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Vergangenes Fr�hjahr. Schon lange hat sie Maljutka nicht gesehen, es m�gen zwei Monate vergangen sein, seit sich diese mit dem Ausspruch, wohl doch kein besserer Kerl als Matthes zu sein, von ihr verabschiedet hatte. In beinahe t�glichen Mails hat Helene versucht, ihr zu erkl�ren, wie es um sie bestellt war. Dass sie verwirrt, durcheinander w�re; dass es im Bauch z�ge, wenn sie an Maljutka d�chte, dass aber ihr Bauch, jawohl! ihr geh�rte und sie gerade wegen des Ziehens viel �fter, auch st�rker, intensiver an Matthes denken m�sste; dass sie mit Matthes auf tausenderlei Art verfilzt und verstrickt sei, dass sie nicht einfach einen Faden rausrei�en und daran ziehen lassen k�nnte � sie h�tte Angst vor Nacktheit und Vereinzelung; sie h�tte ihr Leben mit Matthes� Leben in einen Topf geschmissen und keine Gelegenheit gefunden � auch nicht gesucht, gab sie zu �, �ber ausw�rtige Verliebtheiten zu reden, seit er von ihrer Freundin Heidrun zur�ckgekommen w�re, allerdings w�re das jetzt sechzehn Jahre her, eigentlich gen�gend Zeit, Beziehungen wie alt gewordene Jahre vorbeigehen und neue anfangen zu lassen; so h�tten sie aber nicht gewettet, als sie sich zusammengetan hatten; sie sp�rte beinahe t�glich, wie wichtig sie f�r Matthes w�re, w�hrend das im umgekehrten Fall nun leider nicht g�lte, schlecht f�r ihn � und f�r sie, denn sie br�chte es so nicht �bers Herz, sich zu teilen; manchmal w�nschte sie sich, Matthes h�tte eine andere Frau, keine heimliche Liebe, sondern offen, leibhaftig, die ihm g�be, was er bei ihr vermisste, aber daran w�re nicht zu denken, leider; und: manchmal sehnte sie sich nach Matthes, jawohl, das g�be sie hier gern zu und zu Protokoll (das waren ihre trotzigen Tage); sie w�sste auch nicht, warum, aber so w�re es: Sex mit ihm w�re Gewohnheit, und h�tte er einmal begonnen, w�re er in Ordnung, nein: einnehmend, fesselnd! (das waren ihre sehr trotzigen Tage) � nur, dass sie von sich aus im Allgemeinen keine Lust versp�rte, ihn beginnen zu lassen � Ihre Mails an Maljutka Malysch nahmen sich im Vorpreschen schon wieder zur�ck, das hatte sie nicht bemerken wollen damals, aber im Erinnern wird es ihr klar,</p><p><emphasis>wie dicke Tinte</emphasis></p><p>, sagt sie leise, denn eigentlich ist hier nichts klar: weder ihr Gehabe Matthes noch Maljutka gegen�ber. Als h�tte sie den Schwebezustand f�r sich befestigen wollen: in der Gondel gerade so weit oben, dass beide sie sehen und sich nach ihr aufbrauchen mussten � vielleicht hatte sie letztlich gehofft, auf diese Weise beide zunichtezumachen, ohne sich viel vorwerfen zu m�ssen?</p><p>Das trifft. Das sitzt.</p><p>Maljutka hatte ihr eines Tages im Mai die Spange geschickt, mit einem Foto: Sie hatte sich die Haare abschneiden, sich mit Dreitagebart und in Hemd und Sakko fotografieren lassen.�Ideal, was?�stand, mit Bleistift geschrieben, auf der R�ckseite.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Es ist ein Rascheln und T�tern um sie her: Matthes hat heute Lottchen und Lissy mitgebracht, es ist Samstag, auch in Heidem�hlen. Sie hat das Gef�hl f�r die Wochentage g�nzlich verloren, ist jeden Morgen �berrascht, wenn sie einen davon auf der Zeitung liest. (Manchmal kauft sie eine. Meist aber wei� sie, dass zum Lesen nicht genug Zeit bleiben wird angesichts der Vielzahl der Therapietermine.)</p><p>Fr�her Vormittag, eine ungew�hnliche Besuchszeit. Hat Matthes noch jemanden mitgebracht? In der Tat, hinter der T�r steht � Fips, ihr Nachbar aus der Zeit, als sie noch im Feldberger Ring gewohnt hatten, der ersten gemeinsamen Wohnung. Viele Wohnungen lagen zwischen jener und dem Haus in der Arberstra�e � Wo hat er denn den aufgetrieben? Matthes meint, Fips beim Einkaufen getroffen zu haben, er habe in ihrer N�he gebaut, in der Zwieseler Stra�e, ganz hinten,</p><p><emphasis>du wei�t doch: wo die Bahnschienen sind, genau da, wo wir auch �berlegt hatten zu bauen, ehe wir unser Grundst�ck fanden!</emphasis></p><p>Aha. Dann ist also Fips, der alte Nachbar, auch Fips, der neue Nachbar. Matthes meint, er sei mitgekommen, um sie abzuholen. Wenn sie will und kann nat�rlich, das sei eine ganz spontane Idee von Fips gewesen, nachdem er vernommen hatte, was sich in der Familie Wesendahl gerade abspielte.</p><p>M�chte Helene? Eigentlich m�chte sie nicht. Eigentlich bliebe sie lieber hier. Sie hat Angst, nach Hause zu fahren. Angst vor Matthes� Gier nach ihr. Angst davor, in die Lage zu kommen, im Kleiderschrank nach der Diskette mit den Maljutka-Mails zu fahnden. Angst, ihr Arbeitszimmer in der oberen Etage zu wissen und nicht hinaufgehen zu k�nnen. Angst, von Matthes� F�rsorge zum Anziehen der bl�tenreinen Gewogenheitsweste gen�tigt zu werden, die ihr doch sowieso nicht passt, das Zwangsj�ckchen. Angst, einem normal anmutenden Alltag ausgesetzt zu sein. Angst, in</p><p><emphasis>Heileheile</emphasis></p><p>butts Schwimmblase sitzen zu m�ssen und nicht genug Luft zu bekommen �</p><p>Jetzt hat sie aber auch so lange an Angst gedacht, dass Matthes entt�uscht dreinschaut,</p><p><emphasis>na ja, du musst ja nicht</emphasis></p><p>Nein, sie muss ja nicht. Aber andererseits w�re es gar nicht schlecht, Billy und Mareile um sich zu haben; mit Bengt zu telefonieren, wenn Billy ihr hilft; den Kindern, Lacherfolg sicher, das Sch�len einer Kartoffel zu zeigen, wie sie es in der Ergotherapie schon versucht hat: aufgespie�t auf ein spezielles Brett, hatte die linke Hand herhalten m�ssen � sie hatte ein solches Brett, in das auch Schaber und Reibe integriert waren, bereits gekauft; vielleicht lie�e sich ein Halbst�ndchen ausmachen mit Matthes allein in der K�che, f�r einen Tee, zu dem sie beide nichts Allf�lliges sagen mussten, aber die vergehende Zeit vielleicht doch noch anstachelten, Wort um Wort unter der Oberfl�che hervorzuholen, sie kannte solche Teestunden aus fr�heren Jahren, stets gutgetan hatten sie ihnen �</p><p><emphasis>Na los, fahren wir!</emphasis></p><p>Sie sagt es einigerma�en entschlossen, auf ihrem Gesicht haben noch die Bedenken die Oberhand. Aber nachfragen muss sie ohnehin erst, eigentlich sind Wochenendurlaube vorher anzuk�ndigen und zu genehmigen, wer wei�, ob sie das hier auch so lax handhaben wie auf der</p><p><emphasis>stroke unit</emphasis></p><p>Zieht also los, die Kinder im Schlepptau. Im Schwesternzimmer sind alle ausgeflogen, wo findet sie jemanden, den sie fragen kann? Sie l�uft den Stationsflur auf und ab, bis endlich eine der Schwestern sich zeigt, sie kommt aus einem Zimmer, deren Bewohner offenbar entlassen worden sind und das wieder hergerichtet werden muss. Sichtlich gest�rt f�hlt sie sich durch Helene, rempelt sie sogar wie zuf�llig, den Arm voller dreckiger Bettw�sche, an. Helene ger�t ins Stottern, das ist selten inzwischen, aber was hilft�s, der Wunsch muss raus. Nun scheint sie gar nicht mehr unwillig, scheint sich eher zu freuen �ber die Aussicht, heute eine Patientin weniger versorgen zu m�ssen. (Dabei fragt sich Helene, was an ihr zu versorgen sei, sie macht doch alles selbst!) Wann zur�ck? Nicht sp�ter als</p><p>17</p><p>.</p><p>45</p><p>Uhr, dass das klar ist! Helene h�tte gern salutiert, traut sich jedoch nicht, den Rollator loszulassen. Das Zucken aber hat sie bemerkt, das ihr von unten nach oben durch den K�rper schoss wie ein Angelhaken mit Sehne, die jetzt die ganze Wirbels�ule in die L�nge zieht. Sch�n aufrecht steht sie vor der Schwester,</p><p><emphasis>jawoll!</emphasis></p><p>, als der Haken durch eines der L�cher in der Sch�deldecke wieder austritt und die Sehne mit sich zieht. Sie f�llt in entspannte Haltung zur�ck, als die Schwester sich von ihr wegdreht, um die Bettw�sche � sie hat sie die ganze Zeit z�rtlich im Arm gehalten, wie einen v�llig erschlafften Br�utigam � in die bereitstehende Tonne zu dr�cken. Helene dirigiert die M�dchen zur�ck, Lottchen springt auf die Ablagestufe des Rollators und l�sst sich schieben. Ist fr�hlich, meint aber, der Rollstuhl sei</p><p><emphasis>viel besser</emphasis></p><p>gewesen.</p><p>Geh�cker, Gemecker, Gek�cker.</p><p>Mitnehmen m�chte sie nichts au�er der kleinen Handtasche, die Matthes ihr am ersten Tag ihres Krankenhausaufenthaltes gebracht haben will. Papiere darin, das Portemonnaie. Die muss sie sich aber aus dem Safe herausgeben lassen, ein schwieriges Unterfangen, wenn die Rezeption unbesetzt ist. Ach, was braucht sie Papiere, l�sst sie das T�schchen eben da.</p><p>Schon sitzen sie im Auto. Fips ist sichtlich unsicher, wei� nicht so recht, in welchem Zustand sie sich befindet und wonach er unverf�nglicherweise fragen kann, aber Mareile und Lottchen springen in die Bresche mit dickem Streit. Worum es geht, ist wie immer nicht kl�rbar. Wahrscheinlich hat Matthes nicht schlecht Lust, Lottchen derb anzufassen, traut sich aber nicht, sondern redet auf sie ein,</p><p><emphasis>das</emphasis></p><p>doch zu lassen. Aber was? Sollen die doch da hinten ihren Kram selbst austragen, was ich nicht wei�, macht mich nicht hei�. Der Rollator liegt im Kofferraum und scheppert laut, beinahe rhythmisch. Im Takt des tackernden Klapperns bewegt sie die linke Hand und hat das Gef�hl, die rechte mache mit, aber als sie hinschaut, hat sich dieser Eindruck erledigt. Wieder mal aus der Traum, eigentlich ist sie dabei, sich daran zu gew�hnen. Sie fragt Fips nach Frau und Kindern, und erleichtert erz�hlt er. Sie schaut ihn interessiert an, ohne zuzuh�ren, das kann sie offenbar noch immer. Ihre Kapazit�t ist schnell ersch�pft, das wei� sie, also bietet diese Art der Gespr�chsf�hrung willkommene Gelegenheit, den anderen nicht zu br�skieren. Und Fips erz�hlt gern, eine Hand bleibt am Lenkrad, die andere untermalt, was er sagt. W�hrenddessen verliert sie sich in einem Zustand der Leere. Ist schlie�lich verwundert, als das Auto in der Arberstra�e h�lt. Fips m�chte nicht mit hineinkommen, packt den Rollator aus dem Kofferraum.</p><p>Aus dem Nachbargrundst�ck kommt die alte Frau Wierbel, und woran geht sie? Nat�rlich auch an so einem Ding. Sie stutzt, als sie Helene sieht, schaut aber schnell weg. Sie ist eine, die den Kontakt scheut wie ihr Kater das Wasser. Helene hat ihn im letzten Fr�hjahr des �fteren verjagt, weil er sich in der Blumenrabatte zu schaffen machte, die sie m�hsam und gegen den eigenen Willen (eigentlich nur, um den Nachbarn zu Willen zu sein) angelegt hatte. Wahrscheinlich hatte die Wut dar�ber, dass sie sich dazu hatte aufstacheln lassen, das Ihrige beigetragen zu den Anti-Kater-Aktionen, denn sie mochte Katzen. Als Kind hatte sie die Vorbehalte ihrer Mutter au�er Kraft gesetzt, als sie ihrer j�ngsten Schwester ein K�tzchen mit hellblauer Riesenschleife um den Hals zum Geburtstag schenkte � sie hatte gewusst, dass der Vater daf�r sein w�rde, und sich stark gef�hlt. Immer war sie �ngstlich darauf bedacht gewesen, die Story nicht etwa ihren eigenen Kindern zu erz�hlen, sie hatten schlie�lich bis zum Einzug in die Arberstra�e in Neubau-Mietwohnungen gelebt. Frau Wierbel jedenfalls liebt als einzigen Menschen ihren Kater. Helene schaut ihr hinterher, wie sie langsam in Richtung Supermarkt verschwindet.</p><p>Eigentlich ist so ein Rollator zum Einkaufen gar nicht schlecht, man kann im Korb eine ganze Menge unterbringen. Wie zum Beweis legt Fips eine gro�e Plastikt�te voller �pfel hinein und obenauf eine Schachtel Mon Cheri. Sp�ter in der K�che erz�hlt Matthes, dass Fips die �pfel im eigenen Garten geerntet hat. Fips hatte eine Sonder-Baugenehmigung beantragt, um den Baum stehen lassen zu k�nnen: Eigentlich hat jedes Haus im Abstand von f�nf Metern zum Stra�enzaun zu stehen. Der gro�e, alte Apfelbaum h�tte f�r diesen Abstand gef�llt werden m�ssen. Erst nach einem personellen Wechsel im Bauamt wurde ihnen genehmigt, ihr Haus in acht Metern Entfernung zur Stra�e zu errichten. Sicher hatten sie auch deshalb Gl�ck, weil ihr Grundst�ck das letzte in der Stra�e ist und bleiben wird, denn dann kommt Bahngel�nde. Jetzt hat sie sich nicht durch interessiertes Hinschauen vorm Zuh�ren gedr�ckt, und die Frage folgt auf dem Fu�e: Will sie das alles wissen? Will sie nicht. Sie nimmt sich vor, die Gelegenheit abzuwarten, mit Matthes die Frage ihrer Kapazit�t zu besprechen.</p><p>Ja, Kapazit�t. Das ist es.</p><p>Ach Billy � Er kommt aus seinem Zimmer herunter und begr��t Helene mit solch �bersch�umender Freude, dass ihr sehr wohl wird. Wenn einem ein Kind sehr ans Herz w�chst, f�hlt man sich den anderen gegen�ber nicht sofort schuldig, aber sp�ter schon. Hat man Zeit und Gelegenheit, dar�ber nachzudenken, kommen einem die f�nf Kinder so unterschiedlich vor wie die Liebe zu ihnen. Die Jungen behandelt sie viel � respektvoller? Ja. Sie kann sich in deren Identit�t nicht so einf�hlen wie in die der T�chter, glaubt sie. Zu den M�dchen besteht diese Schranke nicht, und auch die pubert�ren Auseinandersetzungen mit ihnen waren und sind scharfkantiger, gingen und gehen ihr eher an die Substanz. Statt den Jungen eine zu kleben, hatte sie in den Jahren ihrer Ehe oft genug kapituliert. Dass die Hand nicht immer festsitzt, wei� sie, seit Bengt vier Jahre alt war. Ein trotziges, selbstbewusstes Kind, das seine eigenen Interessen stark und still durchzusetzen versuchte. Als Helene begonnen hatte, in Henrichshorst zu arbeiten, war sie als alleinerziehende Mutter ganz auf sich allein gestellt gewesen. Matthes gab nun schon jahrelang vor, sie zu lieben, hatte aber etwas wie eine Trennung von seiner Frau wieder und wieder vertagt. Dass er wenige Monate sp�ter endg�ltig bei ihr einziehen w�rde, ahnte sie damals nicht. Zeiten, in denen sie versuchte, den beiden S�hnen beizustehen beim �berleben mit hoffnungsloser Mutter. Eines Tages zur Mittagszeit, sie w�hnte Bengt wie immer im Kindergarten, hatte die Frau eines Arztes, der im �rztehaus lebte, den Jungen zu ihr in die Sprechstunde gebracht: Sie h�tte das Kind nun schon den dritten Tag beobachtet, wie es unter ihrem Fenster stundenlang im Sandkasten spielte, ob das so richtig sei? Es h�tte sich zwischendurch zu essen genommen aus der Brottasche und dann weitergebaut an riesigen Murmelbahnen. Den dritten Tag! Erstarrung. Sprachlos hatte sich Helene zu fassen versucht. Weil sie Billy mit dem Fahrrad zur Tagesmutter bringen musste, hatte sie Bengt mit einem K�sschen stets an der Ecke der Stra�e, die zum Kindergarten f�hrte, verabschiedet und war weitergefahren. Bengt, der nie �ber Kindergartenunlust klagte, hatte offenbar abgewartet, bis Helene nicht mehr zu sehen gewesen war, und sich dann stillvergn�gt auf den Heimweg gemacht, hatte sich unter den Fenstern des �rztewohnhauses in den Sandkasten gesetzt, der von der Poliklinik aus nicht einsehbar war, und abgewartet, bis andere Kinder aus dem Kindergarten zur�ckgekommen waren, einige allein, einige an der Hand ihrer M�tter oder V�ter. Dann war auch er hochgest�rmt zu Helene, die, weil sie Billy nachmittags wieder abholen musste, mit dem Kindergarten vereinbart hatte, dass Bengt alleine nach Hause gehen durfte. Nichts hatte ihn verraten, jedoch hatte sich Helene beil�ufig gewundert, dass er von sich aus so viel erz�hlte vom Kindergartentag. Hatte sich noch gefreut dar�ber, dass der Junge endlich angekommen schien. Heiliger Bimbam, wenn sie jetzt daran denkt, muss sie lachen, aber damals war ihr nun so gar nicht nach Scherzen irgendwelcher Art zumute gewesen, sie hatte Bengt bei den Armen genommen und gesch�ttelt, als er keine Ausk�nfte geben wollte �ber sein Tun und Lassen, und h�tte sich die Frau Arztgattin nicht die Zeit genommen, in der T�r stehend abzuwarten, was Helene nun tun w�rde, so h�tte sie ihm</p><p><emphasis>eine geklebt</emphasis></p><p>W�tend war sie gewesen. Wenn sie es recht bedachte, jedoch auf sich selbst, die sie den Kindern im Moment mit unechten Sp��chen die wenigen Stunden zwischen Arbeit und Bettgang zu f�lschen versuchte. Selbst�berhebung. Sie war zwar Psychologin von Beruf, jedoch fra�en</p><p><emphasis>Herzeleids</emphasis></p><p>Katzenhaie an ihr wie an jeder anderen Frau herum. Sie hatte ihr Kind geschnappt, war mit ihm in den Kindergarten hin�bergestiefelt und hatte es dort abgegeben, nicht ohne sich den Seitenhieb zu erlauben, dass man ja mal nachfragen k�nnte, wenn ein Kind unentschuldigt den dritten Tag fehlte. Noch dazu, wo sie im Kindergarten oft genug zu tun hatte mit Hospitationen, einem Gespr�ch mit einer Erzieherin oder einem gemeinsamen Eltern-Kind-Tag. Sie hatte Bengt nicht einmal angeschaut, als sie wieder losgezogen war, und sie hatte die Erlaubnis, dass er am Nachmittag alleine nach Hause gehen d�rfe, widerrufen. Von da an war Bengt jeden Tag der Letzte gewesen, der abgeholt wurde, denn Helene schaffte es nicht, bergab und bergauf und wieder bergab und bergauf Fahrrad zu fahren mit beiden Kindern. So holte sie zuerst Billy.</p><p>Armer Bengt.</p><p>Ausfl�ge in die Vergangenheit unterlaufen Helene immer �fter unwillk�rlich.</p><p>Jetzt versucht Matthes, sie abzuschirmen von den Kindern, l�dt sie zu einem Gartenrundgang ein. Die M�dchen bekommen Anweisungen, das Mittagessen vorzubereiten, und schicken sich maulend drein. Sie geht mit Matthes �ber die Terrasse in den Garten, hat den Rollator im Haus gelassen und Matthes gebeten, sie zu st�tzen. Er ist nicht �ngstlich, aber �bervorsichtig, sodass sie ihn bittet, ein bisschen beherzter auszuschreiten. Die Quitte? Hat in diesem Jahr �berreichlich getragen, der Keller steht voller Kompott und Quittengelee. Wof�r Matthes sich Zeit nahm � Wenn er �ber Dinge nachzudenken hat, an Vortr�gen arbeitet oder einen Artikel vorbereitet, macht er Handarbeit. Pappmaschee, B�geln, Backen. Es kann dann vorkommen, dass er mittendrin davonl�uft, sie hat schon einige Male das B�geleisen ausstellen oder verbrannten Kuchen aus dem Ofen holen m�ssen. Dann ist ihm etwas eingefallen, das aufzuschreiben keinen Aufschub duldet. Wor�ber hat er nachgedacht, als es an die Quitten ging? Sie fragt ihn nicht, er vertr�gt keine Fragen. Wenn man so viele Jahre verheiratet ist, macht man nicht alle Fehler, die man machen k�nnte. Dennoch sind es genug, die Tag f�r Tag passieren. Es st�rt sie, schweigend neben Matthes herzutrotten. Die Abwesenheit von Zwietracht bedeutet nicht zwangsl�ufig Eintracht. Bedeutet, dass zwei trotz ineinander verhakelter Arme, ineinandergreifender H�nde allein unterwegs sein k�nnen. Schon oft waren sie ihr aufgefallen, zum Beispiel, als sie vor zwei Jahren in Venedig auf der Rialto-Br�cke kauerte und wartete, dass Matthes mit seiner Fotografiererei fertig wurde: Paare, Arm in Arm, deren Augen leer aneinander vorbeischauten trotz der Gondeln, der Pal�ste, die sich in ihnen spiegelten. Dabei waren die Gesichter einander oft �hnlich gewesen, maskiert mit Indifferenz, hinter der man eine gewisse Apathie erahnte. Sie hatte sich in Matthes� Arme gefl�chtet damals und ihn anzublicken versucht, aber er war sehr besch�ftigt gewesen mit seiner Kamera, hatte geblitzt und sie abblitzen lassen.</p><p><emphasis>Regelrecht manisch</emphasis></p><p>nannte sie seine Art zu fotografieren, aber zuweilen kamen erstaunliche Bilder zustande. Auch von Venedig. Ein Foto hatte sie gerahmt und �ber ihren Arbeitsplatz geh�ngt. Sie sieht zu dessen Fenster empor, der Blick kraxelt mit dem wilden Wein �ber den seitlichen Wohnzimmerausgang die Fassade empor zur kleinen Dachgaube, in der ihr Schreibtisch steht. In Gegensatz zu ihrem Blick wird sie selbst wohl nicht hinaufklettern k�nnen. Sie seufzt. Nat�rlich ist sie stehen geblieben, denn gleichzeitig laufen und nach oben schauen k�nnte sie nicht. Matthes geht ihrem Blick nach, sagt, dass die Dachrinnen einer Reinigung bed�rfen. Nun seufzt er. Sie l�chelt, das Seufzen k�nnte wohl ein Schrittchen aus der Indifferenz in Richtung Eintracht sein.</p><p>Aber schon macht sich ihre Angst, Matthes� Intellekt in keiner Weise gewachsen zu sein, bemerkbar, ist eine rhythmisch an- und abschwellende T�nung ihrer Art, miteinander zu kommunizieren. Zu ihrer Verst�ndigung geh�ren nicht nur die wenigen Worte, die sie miteinander wechseln, sondern auch Matthes� sofortige Druckerh�hung in Arm und Hand bei der kleinsten, an Strauchler gemahnenden Gangunsicherheit, der bem�hte Gleichschritt, das vorsichtige Abtasten ihrer W�nsche nach einem Richtungswechsel. M�sste nicht die Tatsache, dass sie all diese Dinge zweifellos sofort mitbekommt, die Angst aushebeln? Tut sie aber nicht, nein. Wenn er spricht, schwimmt sie im Verstehen drei, vier S�tze auf gleicher H�he, schnell wird es zu viel, kommt es nur noch zu punktuellem Auftauchen, bis sie ganz und gar abgesoffen ist. Seit sie das f�r sich zu wissen glaubt, will sie nach den ein oder zwei S�tzen ganz genau aufpassen und den Anschluss an einen f�nften, sechsten nicht verlieren, aber irgendetwas in ihr macht ihren Kopf brausen, den Blutdruck steigen? dass sie nicht anders kann, als wild um sich zu schlagen und dann doch aufzugeben. Mist aber auch. Da ist es gut, wenn er so wenig spricht wie jetzt. Hatte sie nicht vorhin erst an ihr Kapazit�tsproblem gedacht?</p><p>Auf einmal hat sie das Gef�hl, dass er sehr viel verstanden hat.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die M�dchen haben Sellerie und Kartoffeln gekocht, Fleisch gebraten und einen Vanillepudding aus dem K�hlschrank geholt. Helene ist bem�ht, den Mund geschlossen zu halten beim Essen. Kein F�dchen soll sich abseilen, kein Br�ckchen herausfallen. In dieser Anstrengung krampft die rechte Hand, die sie nun unter dem Tisch zu halten versucht, die sich aber immer wieder langsam in die H�he zieht. Es macht sie w�tend, dass sie das Fleisch nicht selbst schneiden, die Kartoffeln nicht zerdr�cken kann, oder? Ja, es ist Wut. Sie muss sich bez�hmen. Mit ihrem d�mlichen Schneidbrett hier zu sitzen, w�rde ihr schlie�lich auch nicht gefallen. Allm�hlich merkt sie, wie Speichel einschie�t, wie sie die Kaumuskeln nicht mehr bewegen kann, weil ihr Gesicht von einer Heulattacke verzogen wird und ihr Mund sich �ffnet. Tr�nen rollen. Meine G�te, warum muss ihr das aber auch immer wieder passieren! Und sie kann ja nicht einmal rausrennen! Allm�hlich scheinen sich die anderen immer weiter zu entfernen, sie zieht sich ganz auf sich selbst zur�ck und sitzt schlie�lich in der Ecke am Tisch, zwischen Wand und Billy, auf verlorenem Posten, ein verlorenes Kind,</p><p><emphasis>enfant perdu</emphasis></p><p>, schutzlos, als h�tte man ihr das dicke Fell abgezogen, und h�lt den Kopf tief gesenkt, aus dessen fleischrotem Gro�loch durchspeichelter Brei l�ngst hinabgest�rzt ist, auf Bluse, Hose, Schuhe, sie sch�mt sich, im Sch�men wird das Gef�hl der Verlorenheit immer gr��er, bis sie schlie�lich gar nicht mehr da zu sein glaubt zwischen jenen Menschen, die sie in Briefen an ihre Eltern, als sie die noch schreiben konnte,</p><p><emphasis>meine Lieben</emphasis></p><p>genannt und das doch auch so gemeint hatte: Jeder war eine gro�e Liebe gewesen. Kann man vor gro�en Lieben bestehen, wenn man spuckt, wenn man hilflos ist, sein Gesicht nicht beherrscht, seine Haltung verliert? Mareile umarmt sie pl�tzlich, ihr scheint das Gespucke nichts auszumachen, pass doch auf</p><p><emphasis>!</emphasis></p><p>will sie rufen, dein Pullover</p><p><emphasis>!</emphasis></p><p>aber nichts kommt mehr aus ihrem Mund, stattdessen fliegt auf einmal der linke Arm um Mareiles Schulter, ihr Kopf in die Nische zwischen Mareiles Kopf und Schulter, und nun sitzt sie, an ihre Tochter gelehnt, und sp�rt, dass die Tr�nen wohl endlich die l�ngste Zeit geflossen sind. Gott sei Dank. Als sie sich sp�ter von ihr l�st, sieht sie Fleischsellerie auf ihrer Brust, Kartoffelpamps im Hosenbund.</p><p>Armes M�dchen.</p><p>Jetzt l�chelt sie wieder.</p><p>Jetzt l�cheln die anderen aber nicht.</p><p>Jetzt aber bitte l�cheln, meint ihr Blick, den sie von einem zum anderen schickt. Ist er flehentlich? Sie wei� nicht mehr, wie man einen flehentlichen Blick ins Gesicht hineinpflanzt. Sie will es versuchen. Ihre Versuche m�ssen komisch aussehen, denn einer nach dem anderen prustet los, bis sie schlie�lich beinahe unter dem Tisch liegen vor Lachen.</p><p>So nahe ist also das eine beim anderen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie will keinen Mittagsschlaf machen, nein. Aber sie kann die Augen nicht lange genug offen halten, um das zu beweisen. Matthes schiebt sie ins Schlafzimmer, aber sie entgegnet, dort nur zu bleiben, wenn er sich in sein Arbeitszimmer zur�ckzieht. W�hrend sie das sagt (und sie muss dummerweise grinsen dabei, obwohl ihr nach allem M�glichen zumute ist, nur nicht nach Grinsen), blitzt ein pl�tzliches Erinnern auf, das sie festhalten will, sie schaut in die Ferne, indem sie die Augen schlie�t, dem Erinnern hinterher, und tats�chlich kann sie, ehe es ins vorerst Unwiederbringliche verschwunden ist, ein Zipfelchen davon packen. Nun zieht sie, zerrt, versucht zu entwirren: Matthes war im Fr�hjahr, jedenfalls sieht sie die Kirschen bl�hen vor ihrem Fenster, in sein Arbeitszimmer gezogen, mit Sack und Pack, hatte sogar den alten Kleiderschrank, den ihnen Frau Wierbel vor Jahren, anl�sslich ihres Einzuges, angeboten hatte und den sie im Keller deponiert hatten, im Sommer f�r die Wintersachen, im Winter f�r Sommerkleider und die kurz�rmeligen Hemden, abgeschliffen und mit Holz�l behandelt, um ihn dann nach oben zu man�vrieren. Eine Riesenaktion war das gewesen, sie hatten den Schrank, um ihn nicht auseinanderbauen zu m�ssen, �ber den Balkon auf die obere Etage bef�rdert, er passte nicht �ber die gewinkelte Treppe. War sie seither nicht in Matthes� Zimmer gewesen? Es kommt kein Bild vom Schrank, offenbar wei� sie gar nicht, in welche Ecke er ihn gestellt hat.</p><p><emphasis>Helene?</emphasis></p><p>Matthes schaut ihr von unten in die Augen, die sie nun wieder ge�ffnet hat, zur�ck von der kurzen Tour ins Gewesene.</p><p><emphasis>Matthes?</emphasis></p><p>Sie versucht, in ihre Augen etwas Wissendes hineinzubugsieren, es von hinten aus dem Sch�del durch die Sehnerven nach vorn zu blasen. An das Auspusten von Eiern muss sie dabei denken: das Wissende platscht wom�glich wie Dotter, mit Eiwei� gemischt, einfach hinab! Da zieht sie es aber lieber schnell wieder zur�ck, das Wissende, und tut so, als k�nne ihr Blick kein W�sserchen tr�ben. Das kann sie, merkt sie, und es macht sogar Spa�. Aber den Moment des Spa�es erlaubt sie sich nicht. Gerade, als er ein Funkeln in ihren Augen entz�nden will, denkt sie an Maljutka Malysch, sie kann es nicht fassen, dass immer wieder leichtgewichtige Sp��chen sich anschicken, die Trauer vergessen zu machen, in der sie sich doch noch gar nicht richtig zurechtfinden kann. Andererseits: Alle hier haben Trauer und Schrecken erlebt, die sie nicht</p><p><emphasis>erlebt</emphasis></p><p>hat, n�mlich ihretwegen, und sie laufen nun auch nicht gerade mit ausgestelltem Tr�bsinn herum. Ist ja auch gut ausgegangen mit ihr. Ist aber schlimm ausgegangen mit Maljutka Malysch, die Arme, die Gute, sie hat sie doch lieb! Und dass es vorbei ist damit, dass sie h�chstens noch sagen kann, sie</p><p><emphasis>hatte</emphasis></p><p>sie lieb, das kann, das darf doch nicht wahr sein!</p><p>Ist aber wahr.</p><p>Was au�erdem wahr ist: Sie kann die Trauer dar�ber mit niemandem hier teilen, nicht einmal mit Billy. Das sitzt, das schmerzt, das halftert ab. So sehr, dass Matthes ihr im n�chsten Augenblick unter die Arme greift und sie in ihr Bett bringt. Wunschgem��, ohne Diskussion, zieht er sich dann zur�ck.</p><p>Wo der Schlaf geblieben ist, wei� sie nicht. Sie steht nach kurzer Zeit und hangelt sich zum Kleiderschrank hin�ber, �ffnet ihn und beginnt, die Diskette zu suchen. Mit einer Hand ein schwieriges Unterfangen. Schlie�lich entscheidet sie sich, die Sachen einfach auf den Boden zu fetzen. Im obersten Fach nichts, im zweiten nicht. Dann, im dritten, zieht sie unter den Schlafanz�gen ein Briefkuvert hervor, fest zugeklebt, in dem sie sofort den Gegenstand ihrer Suche identifiziert. Mit den Z�hnen rei�t sie es auf, zwischen den Z�hnen h�lt sie schlie�lich das schwarzgraue Plastikviereck und nimmt es in die Hand: Der Filzstiftpunkt auf wei�em Label schaut sie an wie das rote Auge eines Angorakaninchens, ja, das ist sie, die besagte Diskette, sie stopft sie in ihren Schl�pfer, sie m�chte keine Fragen hierzu h�ren, keine beantworten. Es gelingt ihr, die W�sche wieder im Schrank zu landen, allerdings ist da nichts mehr zusammengelegt, gefaltet. Macht nichts, Matthes wird es nicht sehen k�nnen, wie er in Ordnungsfragen eh nichts bemerkt, alles fallen l�sst, wo er gerade steht. (Sie hat mit den Jahren gelernt, dar�ber zu l�cheln, nur manchmal, an spitzen Winkeln, wie sie nur wenige Tage aufweisen, kocht ein Schub Wut dar�ber hoch, den sie aber f�r gew�hnlich schnell unter den Deckel zwingen kann.) Als sie sich wieder hingelegt hat, merkt sie, dass ihr das Herz schneller schl�gt, lauter, als wolle es gegen den Rippendruck aufbegehren. Die Stelle, an der das Plastikteil auf ihrer Haut liegt, wird hei�, sie schiebt die Hand unter dem Gummi hindurch und legt sie auf die Diskette.</p><p><emphasis>Mein Schatz</emphasis></p><p>, sagt sie leise.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Es klopft. Matthes steckt den Kopf durch die T�r.</p><p><emphasis>Zeit zum Losfahren</emphasis></p><p>.</p><p>Was denn, hat sie so lange geschlafen? Und nicht mit den Kindern den Nachmittag verbracht? Vermutlich h�tte es zu einem Memory-Spiel mit Lottchen kommen sollen, zu f�nft h�tte Monopoly zur Diskussion gestanden. Sie h�tte sich rauswinden, h�tte den Kindern begreiflich machen m�ssen, dass sie derartige Spiele nicht mehr durchschauen und noch nicht durchhalten kann. Schwer w�re es gewesen, sie nehmen ihre Einschr�nkungen viel eher als k�rperliche Gebrechen wahr � Fips ist schon da, steht im Flur und winkt Helene zu. Wohl oder �bel muss sie aufstehen. Als sie in den Flur tritt, schaut Claudia um die Ecke, ein bisschen �ngstlich sieht sie aus, so, als wisse sie nicht, womit zu rechnen ist. Claudia ist die Frau von Fips, gr��er als er, breiter sowieso. Sie begr��en sich herzlich, Claudia war eine Meisterin des</p><p><emphasis>Hotzens</emphasis></p><p>gewesen. Dass ihr dieses Wort einf�llt! Helene m�chte h�pfen vor Freude, k�nnte sie es.</p><p><emphasis>Hotzen</emphasis></p><p>hatte ihr Vater das H�ten kleinerer Kinder genannt, sie erinnert sich der vergackerten Abende, in denen er das Buch, hie� es</p><p><emphasis>Th�ringer Volkskunde?</emphasis></p><p>, aus dem Regal genommen und Worte wie Redewendungen daraus vorgelesen hatte, die es schon damals gar nicht mehr gab, die aber bei den Schwestern und der Mutter ebensolche Lachsalven ausgel�st hatten wie bei ihr. L�ngst m�ssen auch Claudias Kinder dem hotzbaren Alter entwachsen sein. Noch immer h�lt sie die Augen gesenkt und blickt vorsichtig nach oben, und erst, als Helene ihr in die Seite knufft und aufmunternd zulacht, bricht das Angsteis. Darunter kommt die alte Claudia mit der lauten, dem gro�en Resonanzbrustkorb entsprechenden Stimme zum Vorschein, und Helene schnippt vor Schreck ein St�ckchen zur�ck, als die Stimme endlich erleichtert zu scheppern beginnt. Ja, so kennt sie die gute Claudia, vielleicht ist es sch�n, dass sie in der N�he wohnt.</p><p>Matthes hat zwei Gl�ser dunklen Traubensaft, nat�rlich eigene Ernte, aus dem Keller geholt. Eines f�r den Chauffeur, das andere f�r Helene. Au�erdem h�lt er ihr einen prall gef�llten Beutel hin, zu dem er jetzt nichts sagen will, den sie aber mitnehmen soll. Sie rollen zum Auto. Das Einsteigen ger�t diesmal nicht zur Gro�aktion, denn Claudia wei� offenbar genau, wo sie anpacken muss. Als Matthes ihr Auf Wiedersehen sagt, ist sie sehr erschrocken, seine Zunge in ihrem Mund zu f�hlen, damit hatte sie nicht gerechnet. Wann sie zum letzten Mal so gek�sst wurde, wei� sie schon nicht mehr. Wann sie zum letzten Mal so gek�sst hat, f�llt ihr aber auf der Stelle ein, und sie wird rot. Maljutka hatte den Kuss nicht erwidert, war zur�ckgeschreckt, und sie hatten sich wortlos, kopflos getrennt voneinander. Ja, das war im April gewesen, sie hatten sich noch einmal getroffen, das M�rzdesaster auszuwerten. Maljutka Malysch hatte es eher vergessen machen wollen, w�hrend Helene sich � sich zur�ckzuziehen gedachte! Die Mattheskiste wog zu schwer, um sie einfach am Wegrand abzukippen und eine neue, eine Maljutkakiste, aufzunehmen, hatte sie gesagt, sie hatte sich examinieren, die Gemeinschaft mit Matthes genauestens hinterfragen wollen, ohne zu wissen, wie das anzufangen war, sie hatte den Alkohol ausgeschlagen, den Maljutka vorausgreifend bestellt hatte, eine Flasche Rioja, wo war das gewesen?</p><p>So sehr ist sie auf den Abwegen des vergangenen Fr�hjahrs unterwegs, dass Billy gar nicht durchkommt zu ihr mit seinen Gutezeitw�nschen bis zum Wiedersehen, seinem Konvolut Sorgenp�ppchen, die er gebastelt hat, und erst Lottchens kleine Hand, die ihr mit der Patina des lieben langen Tages, Ketchup, Schlamm und Kinderknete, �bers Gesicht f�hrt, bringt sie zur�ck in die Situation, die eine des Abschieds ist. Matthes� Beutel stellt sie sich zwischen die Beine, das Handt�schchen baumelt am linken Arm. Claudia setzt sich nach hinten, als das Auto anf�hrt, winken die beiden Frauen. Helene sieht Matthes in die Augen, es will ihr scheinen, als beginne er zu heulen, und da, auf einmal, tut er ihr richtig leid. Mitleid hat sie keines gesp�rt in den letzten Monaten, da ist sie sich sicher. Es zieht anders als Lieben, nicht im Bauch, eher im Brustbereich und im Kopf, aber es bringt das Herz ebenso zum schnelleren Schlagen. Das Mitleid nimmt ab, als Matthes kleiner und kleiner wird, seine Augen nur noch zwei winzige dunkle P�nktchen sind, und als das Auto um die Ecke f�hrt, ist es ganz und gar verschwunden. Das Herz schl�gt im Schrittmachertakt. Komisches Gef�hl, denkt Helene, das sich nur dann offenbart, wenn man das Leiden anderer wirklich</p><p><emphasis>sieht</emphasis></p><p>.</p><p>Claudia gibt einen Kurzabriss des Lebens ihrer Kinder in den vergangenen zw�lf Jahren. Da ist es wieder, das Kapazit�tsproblem. Sie hat es nicht er�rtert mit Matthes, f�llt ihr ein. Was bleibt ihr �brig, als ein interessiertes Gesicht aufzusetzen und hin und wieder in Claudias Richtung zu schauen? Nichts, wei� sie, und als sie nach einer guten Dreiviertelstunde in Heidem�hlen ankommen, sagt Claudia doch allen Ernstes, dass sich nichts ge�ndert habe: Sie sei noch immer die tolle Zuh�rerin, die sie seit jeher gewesen w�re.</p><p>Was soll�s, denkt Helene und verabschiedet sich von den beiden. Einen Moment lang h�lt sie sich geradezu f�r gerissen, dass sie diesen Eindruck erwecken kann, der sie doch nur davor sch�tzt, Informationen aufzunehmen, die sie fr�her m�helos h�tte verarbeiten k�nnen �</p><p>Dieser Tag war anstrengend. Das w�re ihr, auch angesichts ihres ausdauernden Mittagsschlafes, eigentlich nicht in den Sinn gekommen, wenn sie nicht pl�tzlich von einer enormen M�digkeit maltr�tiert w�rde, gegen die sie nicht ankommen kann und die sie sogar daran hindert, den Club der alten M�nner im Speisesaal aufzusuchen. Nein, sie m�chte nur noch ins Bett.</p><p>Die Diskette hat sie ganz vergessen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Auf dem Weg zum Treffen hatte sie sich Maljutka immer wieder mit kurzen Haaren vorstellen m�ssen, hatte Angst gehabt, sie nicht sofort zu erkennen, vielleicht w�rde sie ja auch in betont m�nnlicher Aufmachung erscheinen? Helene hatte gezittert vor Aufregung, immer wieder waren die Schauer ihr vom Kopf in die Beine geschossen, dass sie stolperte. Es war Mitte April, sie sieht sich in einer Tulpenrabatte landen, auf irgendeinem zentral gelegenen Platz in Berlin � Ja, richtig, sie hatten sich in einem Caf� N�he Bahnhof Charlottenburg verabredet, zu dem sie beide etwa die gleiche Entfernung zur�ckzulegen hatten. Vielleicht war es zu fr�h am Tage, jedenfalls waren nur zwei Tische besetzt gewesen, ihre Angst hatte sich als unbegr�ndet erwiesen. Trotz der kurzen Haare sah Maljutka auf Anhieb weiblicher aus als bei ihrem letzten Treffen, die Frisur stand ihr ausgezeichnet. Sie hatte deren Ton ihrer nat�rlichen Haarfarbe angepasst, das Grau im Aschblond durch Funkelstr�hnchen ersetzt. Gekonnt sah das aus, alle Achtung. Helene machte sich nicht halb so viel aus ihrer �u�eren Erscheinung, wie Maljutka aufgewandt haben musste, um in diesem Look zu erscheinen. Die Kleidung war nur auf den ersten Blick indifferent, auf den zweiten enttarnte sich das karierte Kurzarmhemd als eine Bluse, die Hose als eine weiblich geschnittene Schlagjeans. Magerer war sie geworden im letzten Monat, Helene konnte nicht anders, als sich die kleinen Br�ste als Spiegeleier auszumalen. Sie sah sch�n aus, viel sch�ner, als Helene sie in Erinnerung gehabt hatte. Sofort zog es wieder im Bauch, und Helene hatte das deutliche Gef�hl, eben nicht den Kerl in Viola zu meinen. Der steckte doch drin, der w�rde sich doch nie g�nzlich verabschieden! dachte sie zwar, aber sie musste sich seiner bewusst erinnern, von selbst zeigte er sich ihr nicht. Das war neu und veranlasste sie auf der Stelle zu einem hingenuschelten</p><p><emphasis>sp�t, aber Gott sei Dank nicht zu sp�t</emphasis></p><p>, was Maljutka Malysch mit einem Blick auf ihre kleine! goldene! Damenarmbanduhr! quittierte und Helene die drei Minuten gro�herzig vergab. Sie sch�ttelte augenf�llig den Unterarm aus und damit das �hrchen ein St�ck herunter, auf dass es locker wie ein Armband das Handgelenk umspielte. Helene l�chelte, fragte, ob</p><p><emphasis>das Ding</emphasis></p><p>eine Neuanschaffung sei. Kurzlebiger Stolz gl�ttete Maljutkas Gesicht, das sich aber sofort wieder zerfurchte. �berscharf nahm nun auch Helene das Tuscheln am Nachbartisch wahr, der Kellner gab der Tresenfrau Zeichen, und wenn auch nicht klar war, wor�ber getuschelt, wozu Zeichen gegeben wurden, so wusste sie doch, dass Maljutka alles auf sich bezog. Vermutlich zu Recht. Helene h�ngte ihren Mantel an den Garderobenst�nder, setzte sich. Bestellte einen schwarzen Tee, ein St�ck Kirschkuchen. Maljutka kippte das erste Glas Rotwein, l�ngst hatte sie eine Flasche bestellt, mit dem Trinken aber auf Helene gewartet, und goss sofort nach, als sie h�rte, dass sie die Flasche w�rde alleine leeren m�ssen.</p><p>Sie schwiegen.</p><p>Sie schwiegen lange, nur das Kratzen der Kuchengabel auf dem Teller, Maljutkas kehliges Schluckger�usch beim Trinken und das gelegentliche Aufsetzen des Teeglases auf dem Untersatz blieben zu h�ren. Schlie�lich r�usperte sich Maljutka und fragte nach Lissy, die sie</p><p><emphasis>beeindruckend</emphasis></p><p>gefunden hatte bei ihrem ersten und letzten Besuch in Helenes Zuhause,</p><p><emphasis>so ohne Fett auf den Rippen und doch irgendwie stark und sehnig,</emphasis></p><p>sagte sie, und ein unsicheres Flackern erschien in ihren Augen. Helene nahm die Frage zum Anlass, der beidseitigen Verlegenheit ein Schnippchen schlagen zu wollen. Sie legte los mit Entwicklungsberichten aller f�nf Kinder im letzten Halbjahr, und als sie, beinahe ersch�pft, absetzte, sahen sie sich an und mussten lachen. Befreit meinte Maljutka, sie k�nnte ja verstehen, wie wichtig Matthes f�r Helene sei. Dass sie</p><p><emphasis>kein Recht</emphasis></p><p>habe, sich da reinzuh�ngen, dass sie aber geglaubt h�tte, sich nicht mehr verlieben zu k�nnen, und da h�tte ihr Helene einen geh�rigen Strich durch die offenbar voreilig veranschlagte Rechnung gemacht. Sie sch�mte sich dennoch kein bisschen, nicht der M�nner-Fotoaktion noch der dussligen Zust�nde, in die sie immer wieder geraten w�re, so ohne Helene und doch ganz mit ihr, so</p><p><emphasis>himmelhochjauchzendzutodebetr�bt</emphasis></p><p>, so einfordernd und wieder weichend, so vor und zur�ck. So sei das eben, sie w�re aus der �bung im Lieben. In letzter Zeit h�tte sie sich dann zu dem Gedanken verstiegen, Frauenliebe liefe doch au�er Konkurrenz, w�re keine Gefahr, f�r nichts, f�r niemanden, und wenn sie, Helene, das auch so sehen k�nnte, m�ssten sie doch niemandem sagen, wie es um sie bestellt w�re, oder? Ein Tag in der Woche w�rde reichen, ach, was sagte sie, einmal im Monat! alle zwei Monate! sie k�nnte warten, w�rde warten, w�rde doch niemandem etwas wegnehmen, sondern ihr, Helene, h�chstens etwas schenken wollen! Ganz klein wurde sie bei dieser Rede, schrumpfte unter Helenes ungl�ubigem Blick, den sie in Dackelmanier erwiderte, und Helene mochte nicht glauben, dass es Maljutka Malysch war, die gesprochen hatte. Dass es Maljutka Malysch war, die</p><p><emphasis>kein Recht</emphasis></p><p>zu haben glaubte, sich in Helenes Beziehungen reinzuh�ngen, dabei hatte Helene selbst sie mitten hineingeh�ngt, ihr eine Gloriole verpasst und sie �ber allem segeln lassen, was Gott werden lie� im letzten halben Jahr. Nein, Maljutka. Du hast sehr wohl das Recht, das Recht zu haben. Helene hatte ihr sagen wollen, wie sie sie heute zum ersten Mal, auf Anhieb, gesehen hatte: Als Frau, nicht als</p><p><emphasis>Neutrum</emphasis></p><p>oder</p><p><emphasis>kastrierten Kerl</emphasis></p><p>, wie es ihr zuvor einfach passiert war, sie hatte das gar nicht �ndern k�nnen, etwas anderes als abwarten h�tte nichts gebracht, glaubte sie zu wissen, aber gleichzeitig wurde es ihr auf der Stelle zu viel, Maljutka das zu erkl�ren und ihr damit das Hoffen zu st�rken, das sie ihr hatte nehmen wollen; den ganzen Weg, die lange S-Bahn-Fahrt �ber hatte sie nach den</p><p><emphasis>richtigen</emphasis></p><p>Worten gesucht, den Abschied plausibel zu machen, den sie Maljutka zu geben vorhatte. Den vorl�ufigen, versuchsweisen, unter Vorbehalt stehenden, zeitweiligen, vor�bergehenden, experimentellen, behelfsm��igen, provisorischen, den Abschied bis auf Weiteres, zur Probe, bis auf Widerruf, den Interimsabschied. Das noch leicht ge�ffnete T�rchen fest im Blick. So ein T�rchen sollte der Abschied schon offen lassen, es war, als wollte sie, wenn schon nicht den Fu�, so aber doch den Schuh dort stehen lassen. Schon aber fragte sie sich, wovon sie sich in diesem Falle zu verabschieden hatte. Von t�glichen, mitunter sogar mehrmals t�glich gewechselten Mails? Von Nichttagen und Nichtn�chten, die sie miteinander hatten? Wie lange hatten sie einander schon nicht mehr gesehen? Das letzte Mal war ihre M�rznacht gewesen, danach hatte Maljutka</p><p><emphasis>ihr</emphasis></p><p>den Abschied gegeben, jedenfalls hatte das anfangs so ausgesehen, bis dann wieder t�glich die Mails eintrafen und abgingen und alles zur�ckgeschnippt war in den fr�heren Zustand der ausgesprochenen, ungelebten Liebe, der f�r Helene zu einem des ungeliebten Lebens zu werden drohte, wenn sie ihm nicht irgendwie Einhalt gebot. Nicht mit Abstand ordnete, was der Ordnung weit abstand, jedenfalls der in Jahrzehnten einge�bten Matthesordnung, die sie nie grunds�tzlich hinterfragt hatte. Ja, sie war durcheinander, und eine devote, fu�f�llige Maljutka war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Jetzt merkte sie, dass es gerade Maljutkas stacheliges, widerborstiges Wesen gewesen war, das sie</p><p><emphasis>gereizt</emphasis></p><p>hatte, bis aufs Blut sozusagen, nicht etwa ihre schlecht zu versteckende M�nnlichkeit oder der breite, ausufernde Schritt, den sie zeigte, wenn es ihr nicht darauf ankam. Helene selbst war nie widerborstig und stachelig gewesen, sondern dem Muster des anschmiegsamen Weibchens nur halbherzig entwachsen. Zwar konnte sie f�r ihre Rechte, beruflich und politisch zum Beispiel, einstehen, hatte das fr�h gelernt und sich auch nichts vormachen lassen, aber im pers�nlichen, privaten Bereich zog sie schnell die F�hler ein und sich zur�ck in die Muschelschale, wenn die Harmonie auf der Kippe stand und durch einen Verzicht zu retten war.</p><p>Eine servile Maljutka war undenkbar, unvorstellbar. Sollte ihr doch nicht die Finger lecken, wenn sie die gn�dig, einmal im Quartal? r�berreichte! So hatten sie nicht gewettet, Helene wurde gesch�ttelt, sch�ttelte sich, eine Welle des Widerwillens brach sich an ihrem eben noch klaren Blick, und h�tte Maljutka ihr nicht erschrocken die Hand auf den Unterarm gelegt, so w�re das Ganze wom�glich in eine Art Sch�ttell�hmung ausgeartet �</p><p>Sie muss l�cheln bei diesem Gedanken, das stimmt sie vers�hnlich. Mit dem, was man Schicksal nennt? So weit w�rde sie vielleicht nicht gehen. Aber mit dem heutigen Tag, der eben heraufkriecht und rote Streifen ins Schwarz, ins Grau malt, der ihr gestattet hat, sich ein ernst zu nehmendes St�ck der Vergangenheit wiederzuholen, muss sie nun nicht so hart ins Gericht gehen wie mit dem gestrigen.</p><p>Sie dreht sich zur Seite, kann sogar noch einmal einschlafen, aber erst, als sie ein hartes, sperriges St�ck Plastik aus dem Slip gefischt hat. Sie legt es unters Kopfkissen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Maljutkas Gesicht, kantig, nun mit einem Halbr�hmchen aus kurzem Aschblond, die schmale Nase der gl�nzenden Stellen wegen gepudert, kommt immer mit, wenn Helene an diesem Morgen in der Klinik unterwegs ist. W�hrend der Ergotherapie versucht sie verbissen, eine Steckaufgabe zu bew�ltigen. Sie kennt die Ergotherapeutin, eine Arztgattin, die fr�her mit Mann und Sohn im Henrichshorster �rztewohnhaus lebte. An den Sohn kann sich Helene gut erinnern, er hie� Ben und lernte in der Musikschule die Violine spielen, hatte im letzten Kindergartenjahr damit begonnen. Er besuchte mit Bengt den Kindergarten, war ein fr�her Freund. Wann waren sie aus Henrichshorst weggezogen? Vor siebzehn Jahren. Jahre, in denen Helene sich sehr ver�ndert haben muss, denn die Ergotherapeutin erkennt sie nicht. Dabei hatte sie in deren Augen zum</p><p><emphasis>qualifizierten Personal</emphasis></p><p>geh�rt. Seltsam, in solchem Wissens-Ungleichgewicht hier zu sitzen und zu versuchen, diese verdammten Steine nacheinander in das Steckbrett zu bef�rdern. Manchmal gelingt es Helene, ein Steinchen fest genug zu greifen, dass es ihr nicht aus der Hand f�llt. Ein- oder zweimal hat sich der rechte Arm unter Aufbietung aller Kr�fte ein St�ck �ber den Tisch schieben lassen, aber dann muss die Therapeutin zum Einstecken ins Brett ihren Arm f�hren, der sich selbst einfach nicht mehr bewegen will. Ob sie der Frau ein Gespr�ch �ber alte Zeiten aufn�tigen sollte? Ihr die Schuppen aus den Haaren fallen zu sehen, w�rde ihr schon Spa� machen. Andererseits ist es aber auch nicht schlecht, etwas �ber eine andere Person zu wissen, was diese wiederum nicht wei�. Maljutka, was meinst du? Maljutka plinkert geradezu verschw�rerisch, mit aller ihr zu Gebote stehenden und von Helene so bewunderten Frechheit, zu ihr her�ber, wenn sie die Augen schlie�t.</p><p><emphasis>Oh, ist Ihnen nicht gut? Wollen wir Schluss machen?</emphasis></p><p>Die Stimme der Arztgattin (</p><p><emphasis>Trautenau</emphasis></p><p>liest Helene auf dem Schild an deren Kittel, sie hei�t also wie damals und hat demzufolge nicht erneut geheiratet) l�sst sie die Augen wieder aufschlagen,</p><p><emphasis>neinnein</emphasis></p><p>, beeilt sie sich,</p><p><emphasis>alles gut.</emphasis></p><p>�berlegt, wartet einen Augenblick.</p><p><emphasis>Aber doch, ja, wir k�nnen auch Schluss machen �</emphasis></p><p>Frau Trautenau ist eine hochn�sige Person. Vor siebzehn Jahren hatte sie nicht gearbeitet, das war seltsam und un�blich gewesen f�r eine Frau mit einem Kind im Kindergartenalter. Heute arbeitet sie. Muss sie? Heute ist es f�r sich selbst so bezeichnende Arztgattinnen viel eher �blich, nicht zu arbeiten, auch wenn l�ngst keine kleinen oder gr��eren Kinder mehr um sie sind. Ist ihr der Mann auf und davon? Und was ist aus ihrem Sohn geworden? Ist er ein Einzelkind geblieben? Helene erinnert sich an die �berheblichkeit, mit der sie vor versammelter Elternschaft im Kindergarten auf das Violinspiel des Sohnes verwiesen und ihn zum Elternabend hatte auftreten lassen, ein kleiner, blasser, bek�mmert aussehender Eleve, der auch nach Beendigung seines erb�rmlich hingekratzten St�ckes kein L�cheln zwischen die Lippen bekam. Leid hatte er ihr getan, und sofort hatte sie am lautesten geklatscht und sogar</p><p><emphasis>Bravo!</emphasis></p><p>gerufen �</p><p><emphasis>Kennen wir uns?</emphasis></p><p>h�rt sie Frau Trautenau sagen,</p><p><emphasis>Sie sehen mich so an?</emphasis></p><p><emphasis>Mal sehen</emphasis></p><p>, rutscht es ihr heraus, im gleichen Augenblick erschrickt sie �ber die sinnlose Antwort.</p><p>Erst als sie l�ngst aus dem Raum verschwunden ist und in der Umkleidekabine der Schwimmabteilung sitzt, raunt ihr Maljutka zu, dass das ja nun keinesfalls eine sinnlose Antwort gewesen sei.</p><p>Oder?</p><p>Schwimmen ist sch�n. Wie immer.</p><p>Das hei�t, schwimmen kann Helene nat�rlich noch lange nicht, sie kann mit dem rechten Bein inzwischen ein wenig die n�tige Bewegung nachahmen, aber der rechte Arm macht nicht mit. Sie geht sofort unter, so ohne Wasserwurst. Aber den toten Mann darf sie heute nach Belieben geben. Neben ihr ist eine Dreiergruppe im Wasser, motorisch nicht eingeschr�nkte Patienten, die so etwas wie Aquagymnastik betreiben. Die Musik ist zu laut, dr�hnt, verg�llt ihr das Totsein. Auch Maljutka verzieht angewidert das Gesicht. Also versucht Helene, einbeinig und unter Festhalten, nachzuahmen, was die Randdame vorturnt. Hampelmann. Sie steht, die rechte Hand an der Beckenrandstange, brusttief im Wasser und versucht, das linke Bein abspreizend, die linke Hand hochrei�end, zu springen. Dann die Hand wieder runter, an die nicht vorhandene Hosennaht, und das Bein in die Ausgangsstellung. Gar nicht schlecht, so ein einbeiniger Invalidenhampelmann. Nach f�nf Spr�ngen wird ihr aber die Luft knapp, das Herz �berschl�gt sich. Es war zu viel. Seltsam, dass ihr das Ma� f�r k�rperliche Anstrengung v�llig zu fehlen scheint. Nie h�tte sie gedacht, durch solche Kleinigkeiten derart au�er Atem zu geraten. Sie h�lt ein, h�lt inne, ihre Einzel-Therapeutin ist nicht zu sehen. Da f�llt ihr ein, wie sie nach dem Erwachen aus dem Koma die kleinen Federn hatte zusammendr�cken, wie sie eine Kugel zum Fliegen hatte bringen sollen durch Lufteinblasen in jene merkw�rdige Apparatur. Das hatte sie �berhaupt nicht geschafft.</p><p>Es war erst drei Monate her.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>Merkst du denn nicht, dass nicht mal die Enten nicht n�her herankommen wollen?</emphasis></p><p>Dieser Fragesatz, von einer Mutter ausgesprochen, als ihr unten am See im Wagen geparktes Kind laut schrie, besch�ftigt sie nun schon den ganzen Nachmittag. Ganz abgesehen davon, dass das Kind viel zu klein gewesen war, um einen solchen Satz �berhaupt auf sich beziehen zu k�nnen, ist Helene verzweifelt, weil ihre Proben aufs Verst�ndnis grunds�tzlich misslingen. Die doppelte, die dreifache Verneinung ist ihr zu hoch, sie kommt einfach nicht hinterher.</p><p><emphasis>Merkst du denn nicht?</emphasis></p><p>Doch, doch, merken kann sie schon. Aber</p><p><emphasis>dass nicht mal die Enten nicht n�her herankommen wollen</emphasis></p><p>, erschlie�t sich ihr einfach nicht. Was blockiert da in ihrem verdammten Sch�del jegliche Logik? Sie erinnert sich, fr�her solche S�tze einfach von hinten aufgedr�selt und schlie�lich, in jedem Fall! zu einem Ergebnis gekommen zu sein. Entweder war die Verneinung, doppelt oder gar dreifach, sinnig, unsinnig oder spitzfindig gewesen. Was aber bedeutet sie hier? Die Enten wollen nicht n�her herankommen? Aber sie wollen doch nicht nicht n�her herankommen! Was hei�t das? Nicht nicht? Konfusion in ihrem Kopf, sie ist unruhig, fahrig geworden, es regt sie unglaublich auf, solche Defizite zur Kenntnis nehmen und damit umgehen zu m�ssen, dabei w�rde jeder hier, dem sie davon versch�mt Mitteilung machte, nur lachen und meinen, dass es sich doch dabei um eine Lappalie handele. Dass er oder sie selbst Schwierigkeiten h�tte mit doppelten Verneinungen und dass es sich nicht lohne, sich dar�ber aufzuregen. Wie hatte Matthes gesagt, als sie ihn auf sprachliche Defizite ansprach, die sie immer wieder bei sich bemerkt?</p><p><emphasis>Ach Helene, du bist doch nur endlich normal geworden �</emphasis></p><p>Das war ein Satz, der einerseits vermutlich seine Hochachtung vor ihrem Sprachverm�gen ausdr�ckte. Andererseits f�hlte sie sich durch ihn seltsam bedroht, ohne dass sie genau sagen konnte, warum. Das Gef�hl der Gefahr, die von diesem S�tzchen ausging, ist ihr deutlich und pr�sent, sooft sie es aufruft, nur lokalisieren kann sie sie nicht. Das Nachdenken dar�ber gelingt nicht, es verfl�ssigt sich, sie stellt sich vor, dass es in den Fugen zwischen den Hirnwindungen versickert, versackt, ehe sie es h�tte festhalten k�nnen. Ganz �hnlich ist es mit den doppelten Verneinungen, die ihr solches</p><p><emphasis>Kopfzerbrechen</emphasis></p><p>bereiten. Ja, ihr Kopf war zerbrochen, ein gutes St�ck Schale war abgenommen, zum Gl�ck sofort wieder aufgesetzt worden. Problemlos eingeheilt. Bestimmt war es f�r die Dauer der Operation tiefgek�hlt worden. Wenn sie sich die Haare w�scht, sp�rt sie die Temperatur des Wassers nicht auf einem gro�en Teil der linken Sch�delh�lfte. Sie findet das eigentlich seltsam, denn die Haut hatte man doch einfach nur aufgeklappt, sie hatte doch W�rmerezeptoren, die nicht ausgeschaltet worden sein konnten w�hrend der Operation! Schiebt sie das vielleicht auf den tiefgek�hlten Knochen? Dass er sich nicht erholt hat von dem Schock und die Hautrezeptoren blockiert? Jetzt schl�gt sie mit der linken Hand auf den Sch�del ein, wenigstens das merkt sie.</p><p>Verzweiflungsanf�lle h�ufen sich. Seit der epileptischen Attacke, wenn sie es recht bedenkt. Noch immer hat sie den �rzten hier nicht gestanden, dass sie das Antiepilektikum nicht mehr einnimmt. Wundert sich, dass keine Blutkontrolle ansteht, die sie von alleine auf den Trichter bringen w�rde. Es m�sste doch �berpr�ft werden, ob die Dosierung stimmte! Nur auf ausdr�ckliches Befragen hin w�rde sie das zugeben, nimmt sie sich vor. So schlampig, wie das hier gehandhabt wird �</p><p>�ber alldem hat sie den Verzweiflungsanfall aber schon beinahe hinter sich gebracht. Wom�glich ist das Entlangrennen an Gedanken, die sich aneinanderreihen wie H�user einer endlosen Stra�e (man nimmt sie w�hrend der Bewegung wahr, vergisst sie aber sofort wieder), eine � oder ihre?�� Methode, mit solchen Attacken fertig zu werden.</p><p>Noch f�nfzehn Minuten bis zum Abendbrot. Sie hat sich eine Zeitung gekauft heute, schl�gt sie auf. Auf der Berliner Lokalseite prangt ein Foto von jemandem, den sie kennt. Der</p><p><emphasis>Schadhafte</emphasis></p><p>sitzt da, im Rollstuhl an einem Tisch, benommen von Neugier versucht Helene zu lesen, muss innehalten, unterbrechen, von vorn beginnen, noch einmal und noch einmal, bis sie versteht.</p><p>Wojziech K., steht da, war Opfer des</p><p><emphasis>U-Bahn-Schubsers</emphasis></p><p>geworden, war am helllichten Tag, die Geige auf dem R�cken, von ihm vor einen einfahrenden Zug gesto�en worden. Ein begabter Geiger sei er gewesen, der seine Zeit mit Musik und Informatik verbrachte, zwischen denen er sich noch nicht hatte entscheiden k�nnen, was seine Zukunft betraf. Diese Entscheidung war ihm ja nun wenigstens abgenommen worden, denkt Helene und sch�mt sich auf der Stelle des Zynismus, der sich da breitmacht. Es ist ein mutloser, instinktiver Zynismus, mit tiefem Bedauern vermischt, mit einer riesigen Mitleidswelle im Bug, denn sie denkt an Bengt, den angehenden Musiker, und daran, wie unglaublich es war, auf diese Weise um sein Leben gebracht zu werden und doch am Leben bleiben zu m�ssen. Sie liest den Artikel noch mal und noch mal, der T�ter steht vor Gericht, Wojziech K. ist als Opfer fotografiert worden, ein Bild des T�ters gibt es nicht. Ob ihm das recht ist? denkt Helene, ob ihn jemand gefragt hat vor dem Fotografieren? Ein Basecap tr�gt er, sodass das Fehlen eines Teils der Sch�deldecke nur ahnbar ist. Seine Beine sind unter dem Tisch verschwunden, und er tr�gt eine dunkle Lederjacke, ein �rmel wurde in die Tasche gesteckt. Offenbar konnte er sich zum Tathergang �u�ern. Der T�ter wurde f�r schuldunf�hig erkl�rt und in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen, steht da. Stimmen habe er geh�rt, die ihm befohlen h�tten, Leuten etwas zuzuf�gen, die Welt von ihnen zu befreien. Wojziech sieht so gefasst aus, nein,</p><p><emphasis>mild</emphasis></p><p>und</p><p><emphasis>sanft</emphasis></p><p>sind die besseren Worte! als k�nne er dem psychisch kranken T�ter nachsehen, was er angerichtet hat mit ihm. Wenn sie �berlegt, so hat sie ihn tats�chlich einige Tage schon nicht mehr gesehen in Heidem�hlen. Nicht, dass sie ihn gesucht und nicht gefunden h�tte, dennoch f�llt ihr sein Fehlen nun auf. Man k�nnte ihn entlassen haben oder verlegt f�r die Prozessdauer, um die Strapazen so gering wie m�glich zu halten. Sie wird ein Auge darauf haben, ob er wieder eintrifft, sagt sie sich. Wird zum Essen jedes Mal durch den linken Saaleingang gehen, am Tisch vorbei, an dem sie fr�her gesessen hatte, und dann auf die rechte Seite wechseln, zum Club der alten M�nner. Den Umweg nimmt sie gerne in Kauf. Sie �berlegt, Wojziech anzusprechen. Wenn sie es aber bislang nie getan hatte, so w�re das Prozessgeschehen auch kein guter Anlass, Kontakt aufzunehmen.</p><p>Eine geschlagene Stunde hat sie nun hier gehockt und mit rotem Kopf Zeitung gelesen, sie hat gar keinen Appetit mehr. Das Abendessen neigt sich ohnehin dem Ende entgegen. Stattdessen �berkommt sie Hei�hunger auf Schokolade, der Serotoninspiegel ist zu niedrig im Gehirn, muss sie denken, es ist Abend, es wird schon fr�her dunkel, das Hirn braucht Licht und Tryptophan, um Serotonin herzustellen. Irgendwo hatte sie das mal gelesen, komisch, dass sie es behalten hat. Sie knipst also das Zimmerlicht an, nicht nur das Lesel�mpchen, und w�hlt im Schrank � Matthes hatte ihr gestern ihre Lieblingsschokolade, Vollmilch mit Rosinen und N�ssen, mitgegeben. (Sie ist doch tats�chlich versucht, das Tryptophan herausschmecken zu wollen, das in der Schokolade enthalten sein soll.) Schonend und liebevoll will sie es behandeln, ihr Hirn, ihm alles geben, was sie kann, um es wieder aufzur�umen, und als die Schokolade aufgegessen ist, die ganze gro�e Tafel, sitzt sie am Fenster und wartet auf das Gl�ck. Es kommt tats�chlich, als pl�tzliche Erleuchtung: �</p><p><emphasis>dass nicht mal die Enten nicht n�her herankommen wollen</emphasis></p><p>��das ist doch Quatsch! Das hat die Frau doch ganz falsch gesagt! Das hie�e doch, dass die Enten eigentlich einen Dr�ngelschub in Richtung Kind unternommen h�tten, sie waren aber weit weg geblieben!</p><p><emphasis>Merkst du denn nicht, dass nicht mal die Enten n�her herankommen wollen?</emphasis></p><p>Ja, so wird ein Schuh draus.</p><p>Was Schokolade so alles kann �</p></section><section><title><p>IV. DU. UND DU</p></title><p>EIGENTLICH IST ES GUT</p><p>, in Ruhe gelassen zu werden vom Personal. Es macht nichts, dass es zu wenig davon gibt. Heute hat sich seit dem Nachmittag niemand mehr bei ihr blicken lassen. In der Teek�che hat sie sich aber nach der Schokolade eine gro�e Kanne Rooibostee gekocht und ihren Nachbarn gebeten, sie in ihr Zimmer zu tragen. Er machte Anstalten, ein Weilchen bleiben zu wollen, und sie hatte dem Wunsch nachgegeben, innerlich murrend. Als er zum Gl�ck wieder weg war, hatte sie nicht viel gesagt. Letztlich hat sie nun schon einige �bung darin, mit ihrem dr�ckenden Schweigen andere zu vertreiben, was ihr, zugegeben, gef�llt.</p><p>Als sie das Schubfach des Nachtschrankes �ffnet, nimmt sie Maljutkas Muranoglasspange heraus, darunter liegt die Diskette. Am liebsten w�rde sie die Spange in den Laptop einschieben � Aber was soll das! ruft sie sich zu, aber das muss ich doch wollen sollen! Hier hat sie doch die Chance, mitten hineinzutauchen in die Maljutka-See, sich zu aalen im warmen Viola-Wasser! Was h�lt sie ab? Erschrocken schiebt sie die Lade zu, als h�tte sich die Diskette bewegt, w�re auf sie zugekommen mit scharfem Zischen, hat sie nicht eben ein scharfes Zischen geh�rt?</p><p>Verharren. Umschau. Verharren.</p><p>Lade wieder auf, langsam, die Diskette liegt unver�ndert. Keine Erleichterung, seltsam. Sie nimmt mit rascher, nun entschlossener Bewegung das Ding in die linke Hand, der Laptop wartet, verschluckt es schnappend. Sie staunt. Nur drei Mails, dabei hatte sie doch gedacht, ein ganzes Archiv angelegt zu haben! Dass Matthes damit zu tun hat, ist ausgeschlossen, sie selbst muss entweder ausgew�hlt und gel�scht haben, oder ihr ist ein Fehler passiert. Mails, die sie geschrieben hatte, finden sich �berhaupt nicht, lediglich drei von Maljutka �</p><p><emphasis>04.05.2002�01:43</emphasis></p><p><emphasis>Mein allerliebstes heliotropes Herzbeutel-Helenelein,</emphasis></p><p><emphasis>trotzdem: Du bist es. Deine Stunden sind auch meine Stunden, die Distanz betr�gt etwa</emphasis></p><p><emphasis>50</emphasis></p><p><emphasis>Kilometer, vielleicht</emphasis></p><p><emphasis>170</emphasis></p><p><emphasis>Lichtmillisekunden, was ist das schon zwischen Deinem und meinem Leben. Kosmisch gesehen, wohnen wir exakt am gleichen Ort, wir brauchen uns nur mal auf den Mars zu stellen. �berhaupt ist es mir immer wieder tr�stlich, die kosmische Perspektive einzunehmen, in der meine Existenz zur Nichtigkeit schrumpft. Ist doch sch�n, wenn der Schmerz nachl�sst, hat meine olle Mutter immer gesagt. Recht hatte sie.</emphasis></p><p><emphasis>Ich malere meine Wohnung, habe es so beschlossen. Gestern habe ich mit dem Wohnzimmer angefangen. Das Rausr�umen der B�cher und der riesigen Computeranlage hat mir den halben Tag weggefressen, das Sofa und die Sessel habe ich mithilfe des Schwarzen, der seit drei Wochen in unserem Haus wohnt, auf meinem Bett gestapelt, mal sehen, wo ich heute Nacht schlafen werde. Die B�cherschr�nke habe ich abger�ckt von der Wand, ein St�ck zun�chst, bis ich dazwischenpasste, dann stie� ich mich mit den H�nden langsam ab und schob die schweren Dinger bis in die Mitte des Zimmers. Wei�t Du, was sich sozusagen drum herumkringelt? Der alte Eichenholztisch, den ich auf die Seite gelegt habe, drei Schr�nke passen zwischen seine Beine, ich h�tte ihn alleine sowieso nicht durch die T�r gekriegt, sondern h�tte den Schwarzen � Herrgott, warum wei� ich nicht mal, wie der hei�t?�� wieder bitten m�ssen. Vor allem aber: Es gibt in der ganzen Wohnung kein Pl�tzchen mehr, an dem ich ihn h�tte parken k�nnen, da bin ich richtig stolz auf meine Umlegeidee! Das Fenster und den Rahmen habe ich mit Folie abgedeckt, mir war das bei der letzten Aktion dieser Art noch v�llig egal gewesen, und auch die Scheuerleisten habe ich abgeklebt, das Zimmer mit Zeitung ausgelegt und die Folie auch �ber die M�bel geworfen. Das Malern selbst, Decke wei�en und W�nde in einem warmen Orangeton streichen, terrakotta nennt sich das Zeug, war dann eher eine Nebensache, ich habe absolut nicht auf die Zeit geachtet und mich gewundert, als kurz nach Mitternacht die Tauber von unten wutentbrannt bei mir klingelte und sich �ber das Gepoltere beschwerte, dessentwegen sie kein Auge habe schlie�en k�nnen bislang. Hehehe, Gepoltere! Ich habe doch nichts anderes gemacht, als den Roller mit der Farbe hoch- und runterzuziehen an der Wand! Aber kann schon sein, dass in einem leeren Zimmer ohne Teppich die Schallverh�ltnisse andere sind, au�erdem war ich, ehrlich gesagt, froh, dass mich jemand an die Zeit gemahnte. Bin noch baden gegangen, zum Gl�ck hatte ich die zun�chst in der Wanne deponierten B�cherkisten wohlweislich wieder herausgenommen und sie in die K�che verfrachtet, unter den Tisch. Irgendwie hatte ich wohl gedacht, die Wanne als Schlafplatz zu brauchen � Jedenfalls sitze ich jetzt frisch und sauber am provisorisch eingest�pselten Computer und schreibe der Frau, die mich nicht schlafen l�sst, so oder so. Wundere mich beidieser Gelegenheit wieder mal beinahe dar�ber, dass ich immer Frauen geliebt habe in meinem Leben.</emphasis></p><p><emphasis>Mach�s mal gut!</emphasis></p><p><emphasis>Deine m�mmelnde Mumbaimaljutka</emphasis></p><p>M�mmelnde Mumbaimaljutka! Sie hatten sich alliterierende Namensunget�me verpasst, ein versteckter Wettstreit war das gewesen zwischen ihnen. Helene hatte nur das M zu bieten gehabt, w�hrend Maljutka Malysch auch das Viola-V akzeptierte, die Wahlm�glichkeiten waren also f�r Helene gr��er gewesen.</p><p>Jetzt erinnert sie sich, wie sie nach Erhalt dieser Mail gelacht hatte, weil auch im Arberstra�enhaus Renovierung angesagt war. Just am selben Tage hatte Helene begonnen, in ihrem Arbeitszimmer die Raufasertapeten von der Wand zu rei�en. Das war ein aussichtsloses Unterfangen gewesen, denn man hatte die Rigipsplatten offenbar nicht mit Tiefengrund behandelt, ehe die Tapete aufgebracht worden war. Nach einem halben Tag unausgesetzter Versuche des Tr�nkens der Wand mit Wasser, des Durchl�cherns mit der Igelwalze, des Bedampfens mit dem B�geleisen, hatte sie es aufgegeben, hatte die neuen Tapeten in der zweiten Hand zum Verkauf angeboten und Farbe geholt aus dem Baumarkt.</p><p><emphasis>Terrakotta �</emphasis></p><p>Schlie�lich hatte sie nur eine einzige Wand damit gestrichen, die Dachschr�ge, sie glaubte ohnehin schon, der Farbton erschl�ge sie mit seiner Sattheit. Vergr�tzt hatte sie nicht zugeben wollen, dass die Aktion misslungen war. Wenigstens passte das Schrankmonster ganz genau unter die Schr�ge. Sie hatte das B�fett-Oberteil als Sperrm�ll am Stra�enrand stehen sehen, als ein Haus in der Nachbarschaft entkernt worden war, hatte es mit Lissy und Mareile in den Keller geschleppt und einen Hobby-Restaurator angerufen, den sie als B�chersammler kennengelernt hatte. Sofort hatte er das gute St�ck abgeholt, hatte es dunkel gebeizt, mit Schellack �berzogen, Kugelf��e angepasst und in die breite, unten offene Mitte Bretter eingef�gt, sodass man ihm die Existenz als Oberteil nicht mehr abnehmen wollte. Im Gegenzug hatte er nicht etwa Geld gewollt, sondern dass sie ihm einen bibliophilen Gedichtband, den sie vor zwei oder drei Jahren publiziert hatte, um einen handgeschriebenen Text erweiterte. (Wohlgef�hlt hatte sie sich bei dem Gesch�ft und daraufhin das Internet nach Tauschringen durchsucht.)</p><p>Sp�ter hatte sie ihre Mappe mit Grafiken durchgesehen, sich dann aber f�r Zeichnungen der Kinder entschieden, die sie an die schr�ge Wand pappte und so dem aufdringlichen Orange die Spitze nahm. Drei Monate war sie nun nicht in ihrem Arbeitszimmer gewesen, die Heizperiode hatte schon begonnen, bestimmt hatte Matthes die Heizungen zugedreht, und es war kalt dort oben. Je mehr sie in Gedanken in ihrem Zimmer herumwirtschaftet, desto fahriger geht ihre Hand auf und ab, in ihrem Gesicht, ihrer Kleidung, bis zu den F��en sogar, und sie sp�rt rechts den Impuls, es der linken gleichzutun. Woher diese Unruhe? Woher diese flatterige, auf was auch immer gerichtete Ungeduld?</p><p><emphasis>05.05.2002�22:47</emphasis></p><p><emphasis>Mein allerliebstes heruntergekommenes</emphasis></p><p><emphasis>Heringsfang-Helenelein,</emphasis></p><p><emphasis>trotzdem: Du bist es. Wenn ich mir vorstelle, morgen nicht mehr leben zu sollen, so �berkommt mich ein seltsam s��es, beinahe verz�cktes Gef�hl, dass es Dich gibt, dass Du da bist und dass ich nichts mit Dir zu tun haben muss, um beseligt zu sein. Das ist neu, und es beruhigt ungemein. So ruhig war ich beim Malern noch nie. Noch nie war es aber auch so einfach, mit den Folgen klarzukommen: Heute fr�h habe ich einfach Folien und Papiere abgenommen, und alles war wie geleckt, ganz sauber! Beim letzten Mal hatte ich einen halben Tag dranh�ngen m�ssen, um mit den Kleckereien klarzukommen, die Wandfarbe war nat�rlich l�ngst angetrocknet, und das Fenster hatte ich sogar mit einem Cerankochfeld-Schaber bearbeiten m�ssen, um es sauber zu kriegen. Heute nun habe ich das Fenster nur geputzt, mit Essigwasser und Zeitung, und k�mest Du hier herein, w�rdest Du wahrscheinlich, geblendet vom einfallenden Licht, ein St�ck zur�cktaumeln. Ich w�rde Dich festhalten, damit Du nicht f�llst. Das wollte ich schon immer tun, seit ich Dich das erste Mal sah. Wir w�rden uns in das sch�ne terrakottafarbene Wohnzimmer setzen, die Schr�nke habe ich alle mit M�belpolitur bearbeitet, Schrauben festgezogen, wo sie locker sa�en, den Teppich in die Reinigung gebracht. Wir w�rden uns also setzen, und solltest Du etwas zu sagen haben, w�re es sch�n. Solltest Du nichts zu sagen haben, w�re es genauso sch�n. Die neue, ungewohnte Ordnung in meinem Zimmer gibt mir irgendwie Halt, mal sehen, wie lange das anh�lt. Noch r�ume ich penibel alle verr�terischen Spuren meines Tuns und Lassens beiseite. Keine Orangenschalen, keine Bierflaschendeckel. Sogar die Zeitungen kommen in einen Karton, den ich in Collagemanier beklebt habe, links unter meinem Computertisch. Nun haben wir zwar erst Tag</emphasis></p><p><emphasis>1</emphasis></p><p><emphasis>nach der Renovierung, will sagen, eigentlich bin ich erst seit knapp einer Stunde mit dem Ein- und Aufr�umen fertig (der Schwarze war wieder da, und ich wei� jetzt, wie er hei�t!), aber ich merke, dass ich mich an der Ordnung in diesem Raum festhalte wie an einem Kr�ckstock, den ich mir selbst geschnitzt habe. Noch ist er vielleicht gar nicht fertig, denn das, was in der einzigen Vitrine steht und Nippes genannt wird von meiner Mutter, bringt mich ganz durcheinander. Vermutlich muss ich die Vasen und T�sschen und Sch�chtelchen und Statuetten rausschmei�en, sie f�hlen sich alle zusammen wie ein Fremdk�rper an. Im Moment koste ich dieses Gef�hl noch aus, es ist mir v�llig neu, mich den geordneten Dingen in meinem Zimmer unterzumischen und etwas zu haben, was dem so g�nzlich entgegensteht. Man sieht viel besser, wie die anderen Dinge und man selbst zueinanderpassen, wenn da etwas ist, was die Eintracht st�rt. Du aber bist in Gedanken immer auch hier, ich sehe Dich nicht nur, wenn ich die Augen schlie�e, Du passt so gut in diesen neu gewonnenen Raum, dass Du gar nicht herkommen musst, um das zu beweisen. Ich bin dabei, mich mit Dir ohne Dich einzurichten, ich danke Dir f�r die Ordnung, die Du meinem Leben gegeben hast.</emphasis></p><p><emphasis>Deine merschw�tig mobile Mitwissermaljutka</emphasis></p><p>Helene sieht sich um in ihrem neutral und sachlich eingerichteten Zimmer. Die W�nde und der Teppichboden mintgr�n, die St�hle bordeauxfarben gebeizt, mit gr�nem Polster, Schr�nke, Bett und Tisch beigefarben gestrichen. Bislang hatte sie das alles nur einzeln sehen k�nnen, hatte keinen Blick f�r die Summe der Gegenst�nde �briggehabt. Auf einmal f�hlt sie sich selbst wie der Fremdk�rper in dieser rechtschaffen geradlinigen Anordnung, wie der Nippes in Maljutkas beschriebenem Terrakotta-Zimmer. Sie ist ungek�mmt, tr�gt ausgebeulte Jogginghosen und einen h�sslichen gr�nen Pulli mit rotem Aufdruck, die Hausschuhe haben schon bessere Zeiten gesehen, und eigentlich k�nnte ihr mal jemand die N�gel schneiden, denkt sie, das letzte Mal ist schon sehr lange her. Besonders die Fu�n�gel, und jetzt zieht sie sogar den rechten Schuh aus und sieht nach, sind sehr lang, zum Teil splittern sie, da kann sie froh sein, keine Feinstr�mpfe zu tragen. Dicke, selbst gestrickte Socken hat sie an.</p><p><emphasis>Fr�her</emphasis></p><p>hat sie oft Socken gestrickt, es war ihre Nachrichtenbesch�ftigung gewesen, und auch bei den seltenen Fernsehabenden hatte sie manchmal, wenn keine B�gelw�sche anstand, zu den Nadeln gegriffen. Hatte sie nicht sogar f�r Maljutka �? Aber ja! Ein Paket Wollsocken hatte sie ihr geschickt, das musste noch vor der Renovierungsaktion gewesen sein, denn im Zuge der Vorbereitungen daf�r hatte sie ihr Vorratsfach M�nnersocken leer ger�umt, alle in Gr��e</p><p>43</p><p>gestrickt, f�r Vater, Schwiegervater, Freunde, dreizehn Paar waren es gewesen! Sie sieht sich beim Packen: eine gro�e Hirschsalami, die Maljutka so mochte, vom Biohof in Krummensee, dazu ein Glas Traubengelee, das Maljutka wahrscheinlich so wenig mochte wie alles S��e, und � eine Diskette hatte sie ins Paket gepackt. Das war die richtige Angorakaninchendiskette gewesen, die mit dem roten Punkt. So viel Packband hatte sie verbraucht damals, dass ihr noch jetzt die Arme ganz schwer werden davon: Rastlos hatte sie Runde um Runde abgerollt, als wollte sie alles, alles was mit Maljutka zu tun hatte, so fest verpacken, dass es niemals mehr herauskommen konnte. Ganz schwindlig war ihr geworden davon, und als das Paket bei der Post abgegeben worden war, hatte sie vor der T�r erst einmal verschnaufen m�ssen, durchatmen, innehalten. Sie war dann zu Matthes� Arbeit gefahren, etwas, was sie in den vergangenen zehn Jahren h�chst selten getan hatte, und wenn, dann nur auf ausdr�ckliche Einladung oder Vereinbarung hin. Sehen wollen hatte sie ihn, wie er aussah, wenn er nicht mit ihr rechnete. Matthes war nicht da gewesen, sondern hatte sich bei irgendeiner Sitzung, einem anschlie�enden Hausbesuch herumgetrieben, sodass sie sich beinahe wehm�tig der Zeiten erinnert hatte, da sie noch alle Morgen einander auseinandergesetzt hatten, was heute anlag, anstand. In den letzten Jahren, insbesondere, seit sie in der Arberstra�e wohnten, war dieses Mitteilen allm�hlich weniger geworden, bis es ganz ausgelaufen war wie die Milch aus einem alternden Euter. Ja, sie war auf Wiederbelebung aus gewesen, hatte die Mattheskiste aus dem Dreck ziehen wollen und nicht gest�rt werden dabei von Maljutka, mit der alles so neu war, so lebendig, so wenig eingefahren, dass sie nur wehm�tig daran denken konnte, wie hinrei�end Matthes, wie ber�ckend, bet�rend, k�stlich, bestrickend, fesselnd sehr, sehr viel fr�her beinahe jede gemeinsame Stunde gewesen war, und je st�rker sie darauf aus gewesen war, sich Matthes erneut ganz unbedingt und vollst�ndig zu �berlassen, nach ihrer M�rznacht mit Maljutka, desto mehr hatte ihn der Zweifel gepackt, desto mehr war er ausger�ckt vor ihr. So weit hatte er sich von ihr entfernt, dass er Mitte April, zwei Tage vor dem Weibertreffen im Charlottenburger Caf�, in sein Arbeitszimmer gezogen war und Frau Wierbels Schrank �ber den Balkon hinaufgewuchtet hatte. Jetzt, da es ihr einf�llt, kommt auch das Weinen sie wieder an, das damals nicht hatte enden wollen und dazu gef�hrt hatte, dass sie sich in ihrem Zimmer einschloss. Ob sie nun �ber den vermeintlichen Untergang der Mattheskiste im Sumpf der Zeit geheult hatte oder aber dar�ber, welche Distanz zu Maljutka bestand, obwohl sie doch nur f�nfzig Kilometer entfernt von ihr lebte, ist ihr damals genauso wenig klar gewesen wie heute. Nach Charlottenburg war sie zwei Tage sp�ter gefahren mit festem Vorsatz, den sie heute nicht wiederholen k�nnte. Ja, sie hatte die Beziehung zu Maljutka aussetzen wollen, um die Matthesbeziehung wom�glich wieder einsetzen zu lassen, das schon, aber sie hatte die richtigen Worte daf�r nicht finden k�nnen, und dass ihr das damals schon passiert war, schafft nun sogar eine Insel der Beruhigung in ihrem aufgeregten �berlegen. Da flattert alles, was ein Gedanke h�tte werden k�nnen, wie ein Schwarm Flederm�use durch die D�mmerung, aber mittendrin steht sie, gewisserma�en stoisch, und staunt, dass ihr schon fr�her mitunter die Worte fehlten. Ihr, der die Worte nie ausgegangen waren. Die in Worten geschwommen war wie Matthes in Arbeit. So tr�stlich ist das � Noch nie zuvor hatte sie sich in einem solchen Zustand der � inneren Aufl�sung? befunden, der ein wichtiger Teil von ihr zu trotzen vermochte. Was hat Gott vor, der das Unerforschliche so nahe neben das Offensichtliche packt, dass es kaum auseinanderzuhalten ist?</p><p><emphasis>06.05.2002�17:50</emphasis></p><p><emphasis>Herzallerliebstes haltloses Hellebarden-Helenchen</emphasis></p><p><emphasis>trotzdem: Du bist es. Du hast wohl von kalten Erbsen getr�umt, als Du meintest, Du m�sstest mich vergessen lassen, was Du vergessen m�chtest? Das ist ein v�llig �berfl�ssiges Unterfangen, das kannste, glaub� ich, glauben. Es ist Mai, der Monat der Liebe, in dem die Kerle der Sage nach br�nstig werden und die M�dels mit offenen Blusen rumrennen. Wenn ich hier aus dem Haus schaue, sehe ich nur pastellene, hochgeschlossene Rentnerinnen, Seniorinnen, wie man heute so sagt, und die wenigsten haben ein M�nnel am Rockzipfel. Das liegt an der Gegend, ich wei�, in die mich das Amt verfrachtete, als es mir diese Sozialwohnung zuwies, aber in dieser Gegend f�hle ich mich �lter, als ich bin. Und das ist gut so. Ich denke �fter an ein Ende. Aber ein sch�nes! Wie zur Best�tigung kamen heute fr�h � meine S�hne � Ich hatte ihnen ja zum achtzehnten Geburtstag ihre allerersten Schuhe, die ich immer bei mir aufbewahrt hatte, geschickt und sie eingeladen, mit mir in Theater, Konzert oder Kneipe ihrer Wahl zu gehen, und siehe da: Sie standen vor meiner T�r. Ach, war das sch�n! Anfangs scheu, �ffneten sie sich schneller, als ich in meinen k�hnsten Tr�umen gehofft hatte, sie sprachen und sprachen und sprachen, als m�ssten sie ihre Kindheit neu erfinden im Angesicht der Vollj�hrigkeit. Zwei h�bsche Burschen sind das, lang und schlank, mit halblangem, lockigem Haar und Brille. Tim hat eine Nahsichtbrille, Tom eine f�r die Ferne. Ist das nicht seltsam? Wo sie einander gleichen wie ein Jackenkn�pfchen dem anderen? Was meinst Du, wie �berrascht und geradezu ehrf�rchtig sie waren, mein frisch gestrichenes, ordentliches Wohnzimmer zu sehen! Vielleicht dachten sie, da sieht es immer so aus, hihihi! Ich habe sie nat�rlich in dieser Illusion belassen, so weit geht meine Vaterliebe nicht. Vaterliebe � Oh oh, ich k�nnte das Wort wahrscheinlich nicht aussprechen, bekomme es auch nur sehr schwer in den geschriebenen Text, doch es trifft in diesem Fall ja mehr als die m�tterliche Variante, oder? Null Ahnung � Mutterliebe � Mutterliebe � Auch dieses Wort kriegte ich im Hinblick auf mich selbst wohl kaum durch die Z�hne, gibt es nicht ein singul�res Neutrum wie im Plural Eltern? Andererseits: Ich bin ja kein singul�res Neutrum! Auch wenn ich oft genug so tue, Du wei�t schon, um mir Getuschel und Schr�gblick nicht �ber Geb�hr anzutun � Da ich im Hier und Jetzt lebe, beschlie�e ich einfach, eine Mutter mit Vaterliebe zu sein, alles andere liegt hinter mir. So. Sie nennen mich Viola, sagen aber Vater zu mir, und das finde ich schlie�lich auch irgendwie stimmig. Ach Helene, ich bin ganz besoffen, und das ohne Alk! von der Aussicht, meine S�hne auf meine alten Tage noch um mich haben und sie ein bisschen betutteln zu k�nnen! Ganz zitterig um die Beene, ganz flatterig ums Herze! Das letzte Jahr hat�s verdammt gut gemeint mit mir, es ist, als h�ttest Du meine S�hne im Schlepptau gehabt, als ich Dich traf. Meinst Du denn, ich h�tte ihnen die Schuhe ohne Dein Zureden geschickt? Das letzte Andenken? Das, was ich niemals fortgeben wollte und nun vielleicht wirklich tausendfach zur�ckbekommen kann, wenn ich�s nicht vergeige? Du bist es, Helene, und meine S�hne sind es, und ich traue mir sogar zu, Dich jetzt loslassen zu k�nnen, weil Du Dich verewigt hast in mir, Du kommst da ohnehin nicht mehr raus. Ein sch�nes Gef�hl, wenn ich mir ausmale, Du hockst mir im Leib, �berm Magen, und so den beiden neu zu begegnen, ihre K�pfe zur Brust zu nehmen und zu wissen: Auch Du kannst sie sp�ren, kannst mir das Ding mit der Vatermutterliebe einfach so abnehmen und aus meinem Herzschlagen folgern, wie gl�cklich ich bin.</emphasis></p><p><emphasis>Und jetzt mach ich mir eine Flasche Wein auf, billiger roter m�sste noch da sein. Ansonsten wei�t Du jetzt, was Du auf den Weg gebracht hast, ich werde Dir Deine Ruhe lassen, wie Du mir meine gabst.</emphasis></p><p><emphasis>Deine Machsmalgutmaljutka</emphasis></p><p>Es kommt, es kommt.</p><p><emphasis>Trotzdem, Du bist es!</emphasis></p><p>Der Ruf gellt pl�tzlich nach in ihren Ohren, Maljutka hatte hinter ihr hergebr�llt, nicht einmal, nein, sie war ganz au�er sich geraten und aufgestanden, hatte mit dem Arm in der Luft herumgefuchtelt und immer wieder gerufen, was Helene so gar nicht hatte h�ren wollen an diesem sp�ten Vormittag. Sie hatte ihn f�r einen verungl�ckten gehalten, weil sie Maljutka abserviert hatte, nachdem sie in einen heftigen Disput geraten waren. Was f�r ein Bild mussten sie abgegeben haben! Die fuchsteufelswilde Stachelmaljutka hatte es sich nicht nehmen lassen, mehrmals mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, was f�r Vertr�glichkeitshelene ein Spie�rutenlaufen gewesen war, trotz der wenigen Leute im Caf�. Sie hatte ihr sagen wollen, dass sie zuletzt auch noch ihre Korrespondenz ruhen lassen sollten, bis Helene eine L�sung gefunden hatte, mit Matthes oder ohne Matthes,</p><p><emphasis>Helene! Helene! Helene!</emphasis></p><p>hatte es h�hnischer als n�tig aus Maljutkas Richtung get�nt,</p><p><emphasis>immer nur Helene!</emphasis></p><p><emphasis>Helene! Dich haben ja wohl die Sperlinge aus dem Mist</emphasis></p><p><emphasis>gekratzt! Ich bin nicht so bl�de wie Isaaks schwarzes Schwein!</emphasis></p><p>So in Rage war sie geraten, dass sie gar nicht gemerkt hatte, wie sehr diese Spr�che der vorher ge�u�erten Bitte nach Helenes Gnade, Helenes Gunst, Helenes Zeitalmosen widersprachen, als sie sich noch ganz kleinmachen und im Unterholz warten wollte, bis die G�nnerin sich sporadisch zeigte. Helene hatte ihren klein gewordenen, zerbr�selten Mut erschrocken zusammengerafft und Maljutkas H�nde festgehalten, hatte ihr in die Augen sehen wollen, deren fiebriger Glanz sie flackern lie�. Wie Kienspan, hatte sie denken m�ssen und war immer ehrgeiziger bestrebt gewesen, Maljutka zur Ruhe zu bringen, sie hatten sich schlie�lich beinahe umeinandergewickelt, sodass das Personal unschl�ssig auf dem Sprung stand einzuschreiten, als Helene endlich davongelaufen war. Hatte Mantel und Tasche geschnappt, war aufgesprungen und losgerannt, und jetzt f�llt ihr auch ein, worauf sich Maljutkas Trotzruf, das</p><p><emphasis>Trotzdem, Du bist es!</emphasis></p><p>bezog: Helene hatte ihr sagen wollen, dass sie einfach in diesem Zustand keine</p><p><emphasis>gute Partie</emphasis></p><p>sei, dass sie mit Matthes nichts gebacken und ohne ihn nichts auf die Reihe kriegte, dass Matthes sich von ihr zur�ckzog, je mehr sie, verr�ckt! auf ihn zuflog, dass sie nicht sagen k�nnte, weshalb sie sich an Matthes klammerte, wo ihr doch der Sinn auch nach Maljutka stand � Maljutka hatte sie gekitzelt. Gereizt. Sie hatte sich kitzeln lassen. Reizen. Hatte ihrerseits Maljutka bet�rt, bestrickt. Verlockung flockte aus heiterem Himmel herab, wenn sie sich trafen, das wusste Helene nur zu gut.</p><p>Sie hatte sich indes stets im Schutz doppelter, dreifacher Seile gew�hnt, wenn der Himmel so heiter gewesen war: Maljutkas Schultern waren breit, und Matthes� L�nge und die seiner Arme deckten die zweite und dritte Sicherheitsdimension ab. Seine Art Obhut hatte sie sehr genossen, bis sie ihr angewachsen war wie ein Panzer. Aber darin konnte sie sich nicht mehr frei bewegen. Wahrscheinlich hatte sie einfach schon lange im Panzer gezappelt, ohne ihn aufbrechen zu k�nnen. Und um herauszukommen, musste sie sich dematerialisieren und ausstr�men, mit all ihren Teilchen.</p><p>F�r den Moment will es ihr scheinen, sie bef�nde sich in der m�hseligen Phase der Rematerialisierung, der Gedanke beginnt sie zu faszinieren, als er auch schon wieder abrei�t und sie zu Maljutka zur�ckbringt.</p><p>Nein, sie war nicht die Gn�dige Frau, die Maljutka in ihrem Kopf kost�miert hatte. W�hrend ihres anhaltenden Mailwechsels waren sie wom�glich dazu �bergegangen, einander im virtuellen Raum alle m�glichen Eigenschaften anzuh�ngen, die sie zu gerne wahrnehmen wollten am anderen. Helene hatte Maljutka das, was ihr in der Mattheskiste fehlte, verordnet, und Maljutka hatte so lange schon keine feste Beziehung mehr gehabt, dass es ein Leichtes gewesen war, Helene mit allen nur erdenklichen Funktionen der Hei�geliebten auszustatten. Dabei fehlten ihr doch Hoch-, Lang-, Gro�- und Gleichmut, Vor- wie Nachsicht, und die nach Unterw�rfigkeit stinkende Lammsgeduld, mit der Maljutka gedroht hatte, setzte ihr zu � Die Versuchung hatte doch lange genug herhalten m�ssen als Probe aufs Mattheschen! Die wollte sie jetzt bestehen, und wie sie daraus hervorgehen w�rde, kam erst in zweiter Linie.</p><p>Sie war es nicht, hatte sie gedacht, als sie mit h�ngender Zunge zur S-Bahn geflohen war.</p><p>Nein, sie nicht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Blutprobe, nun doch. Die Schwester sticht die Kan�le aufs Geratewohl in die Armbeuge, eine Vene ist nicht auszumachen. Obwohl Helene die</p><p><emphasis>tiefe Mitte</emphasis></p><p>angegeben hat als die Stelle des wahrscheinlichen Erfolgs, bohrt das Weib seitlich davon in ihr herum, dass es schmerzt, ihr wird beinahe schwarz vor Augen. Schlie�lich gibt sie auf und holt einen jungen Assistenzarzt, der mit viel Ruhe und Gelassenheit ans Werk geht. F�r den weiten sich doch die Venen von selbst, denkt Helene und glaubt f�r den Moment, sich einen diesbez�glichen Impuls durch den K�rper gejagt zu haben. Tats�chlich findet er zeitgleich die richtige Stelle, und zwar genau da, wo Helene angegeben hat. Genugtuung beim Arzt, bei ihr nicht minder. W�hrend das dicke Blut in die R�hrchen l�uft, teilt sie ihm pl�tzlich im Ton heiterer Nebens�chlichkeit mit, das Ergenyl chrono nicht mehr genommen, sondern ausgeschlichen zu haben. L�chelt ihn an. Sein fragender Blick macht ihr klar, dass er ja gar nicht Bescheid wei�, nat�rlich.</p><p><emphasis>Ergenyl chrono?</emphasis></p><p>Nicht nur sein Blick fragt, auch die Stimme tut es.</p><p>Sie muss �berlegen, wie sie ihm das am besten erkl�ren kann. Ihr graut vor l�ngerem Reden, sie wei�, dass sie nur ein oder zwei S�tze im Voraus �berblickt und dann unweigerlich ins Stocken ger�t, um erneut ein oder zwei S�tze bewusst vorwegzunehmen. Wenn sie ihr Sprechtempo besser steuern k�nnte, langsamer sprechen, w�rde das wom�glich niemandem auffallen, denkt sie, aber noch immer will sie freiweg plappern wie einst und ger�t nicht nur sprachmotorisch schwer ins Stolpern. Zwar hatte sie auch fr�her schon mitunter als gro�e Schweigerin gegolten. Es war ihr immer dann schwergefallen, in gr��eren Gruppen zu reden, wenn das, was sie zu sagen hatte, ihr allenfalls wie eine Wiederholung von Altbekanntem vorgekommen war. Lediglich, wenn sich ein in ihrem Kopf als taufrisch bewerteter Gedanke gezeigt hatte, hatte sie zu reden begonnen. Zudem galt sie in Gruppeninteraktionen als harmonisierend, zusammenfassend und kl�rend, und sie hatte oft gar nicht verstehen k�nnen, wie h�ufig sich die anderen Gruppenmitglieder wiederholten, offenbar ohne es zu merken. Daraus hatte sie mit den Jahren begriffen, dass sie tats�chlich das Sprechen der anderen von diesen abweichend wahrnahm: Sie strukturierte es, ihr Unbewusstes setzte es in gr��ere Zusammenh�nge, und so schwieg sie, bis sich ein Knotenpunkt offenbarte, an dem etwas Neues m�glich wurde.</p><p>Aber es hatte zudem sehr intime, private Momente gegeben, in denen sie frei von der Leber weg losgelegt hatte, es war ihr ein Leichtes gewesen, spontan in gereimter Rede, mit exaktem Versma�, zu sprechen, sie hatte Witze am laufenden Band zum Besten gegeben, sie hatte Worte und ganze S�tze im Kopf von hinten nach vorn� vorlesen �k�nnen:</p><p><emphasis>etllow run eis eiw</emphasis></p><p>Das hatte ihr Bewunderung eingetragen, deren Gr�nde sie zuerst gar nicht hatte einordnen k�nnen, so selbstverst�ndlich war ihr vorgekommen, dass sie das konnte.</p><p>Nichts davon geht mehr.</p><p>(Zur Beruhigung fl�stert sie sich manchmal ein, dass so ein Gehirnchen, wenn es zerschnitten wurde, erst einmal fertig werden muss mit dem Schrecken. Dass es sich sp�ter, viel sp�ter erst zeigen wird, welche Funktionen unter den lebenswichtigen, die es ja unzweifelhaft wiederaufzunehmen bereit ist, versteckt sind und sich vielleicht eines sch�nen Tages erst einmal faul r�keln werden, ehe sie hervorkommen �)</p><p>Der Arzt scheint ihren Gedankenlauf durch den Hindernisparcours zu ahnen, er bietet an.</p><p><emphasis>Sie haben eine Epilepsie? Ergenyl ist eigentlich nicht schlecht vertr�glich, was nehmen Sie denn stattdessen?</emphasis></p><p><emphasis>Nichts</emphasis></p><p>, antwortet sie dankbar und leichthin, und der Arzt hat verstanden. Sagt nichts. H�lt sie vielleicht f�r nicht zurechnungsf�hig? Sie sieht, wie es hinter der Stirn arbeitet. Er l�sst sie die Hand �ffnen, knotet den Stauschlauch auf, zieht die Kan�le, aber sagt nichts mehr.</p><p>Am Nachmittag wird sie zur Stationsleitung gebeten. Drei �rzte, zwei Schwestern haben sich eingefunden. Das Gespr�ch ist �hnlich geladen wie jenes zur Psychologie, die sie abgew�hlt hatte. Sie k�nne doch nicht einfach. Sie d�rfe das nicht. Was verordnet ist. Ist verordnet. Sie alle h�tten sich doch was. Dabei gedacht. Im Gegensatz zu ihr. Sie m�sse. Zur�ckstecken. Die Verantwortung tr�gen sie. Nicht Helene.</p><p><emphasis>Was, ich trage keine Verantwortung?</emphasis></p><p>Da sind sie doch verbl�fft, �ber den aufbrausenden Ton der bis dahin kl�glich schweigenden Helene. Die fragt sich, und sie sp�rt genau die einschie�ende Beunruhigung, ob die �rzte die Speichelblasen gesehen haben, die sich an ihrem Mund bildeten, w�hrend sie diesen einen Satz sagte. Sie schaut sie an, aber nichts in den Gesichtern deutet darauf hin. Wom�glich sind sie so schnell zerplatzt, dass sie nicht wahrgenommen wurden. Wie erginge es ihr, wenn sich am Mund eines Gegen�bers Speichelblasen beim Reden zeigten? Wahrscheinlich w�rde auch Helene sie gar nicht bemerken. Die Beunruhigung verzieht sich nun ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war. Das ist neu. Sie m�chte mehr davon erfahren, wie sie auf andere wirkt. Nehmen sie sie als geistig beeintr�chtigt wahr? Als behindert? Wundern w�rde es sie nicht, sie kann so oft ihre ersten Reaktionen nicht kontrollieren, �rgert sich noch immer ma�los �ber spontanes Grinsen, L�cheln, Mundverziehen, �ber Jaja und Neinnein �</p><p>Und da ist sie auch sofort wieder, die Beunruhigung.</p><p>Helene hat gar nicht zugeh�rt, was die �rzte auf ihren Satz antworteten, f�llt ihr auf. Die Beunruhigung verdoppelt sich auf der Stelle. Sie ist ein abgeh�ngter Karren, der ohne Pferd seine Richtung nicht findet. Nicht einmal dessen� R�der �scheinen sich auf einen Kurs einigen zu k�nnen: Sie f�hlt Arme und Beine in stetem Widerstreit. Beunruhigung verdreifacht.</p><p><emphasis>Haben Sie nicht auch schon daran gedacht, sich einem Betreuungsverfahren zu unterziehen, Frau Wesendahl? Zum Beispiel k�nnte Ihr Mann vor�bergehend zum Betreuer bestellt werden, da br�uchten Sie sich erst einmal um nichts mehr zu k�mmern �</emphasis></p><p>Ach, was reden die da, da h�rt sie doch gar nicht mehr hin, das wird ihr jetzt aber zu viel, die Kapazit�t, denkt sie, mit Matthes wollte sie �ber die Kapazit�t reden und nicht �ber ein � Betreuungsverfahren? Das will sie gar nicht wissen, das schiebt sie jetzt erst einmal irgendwo in ein bereitstehendes Schubfach. Lade zu. So.</p><p>Die Stimmung kippt. Freundlich werden die Leute! Wo nehmen die das jetzt her? Ihr ungl�ubiger Blick wendet sich ins Misstrauische. Hab acht, sagt ihr Bauch, da ist was im Busche, da rollt was an, was du nicht �bersiehst, was dir aber gewaltige Bauchschmerzen verursachen kann, wenn du nicht aufpasst. Was ist das nur?</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Heute gab es R�ucherfisch zum Abendbrot. Gewaltige Bauchschmerzen. Helene sp�rt den Schmerz vor allem im Oberbauch, einen wohlbekannten Druck, der sie seit der Lottchenschwangerschaft in Ruhe gelassen hat. Die Galle. Nur gut, dass die auch noch da ist, denkt sie sp�ttisch, verzieht aber gequ�lt das Gesicht. Mist. Als ob es der Galle aber auch nicht reiche, was mit ihrem K�rper alles geschehen ist in den letzten Monaten! Sie dr�ckt, massiert die Gallengegend, aber der Schmerz flieht geradezu vor ihren Fingern in unzug�ngliche Regionen und wird st�rker. Jetzt ist er im R�cken zugange.</p><p>Aber</p><p><emphasis>reicht</emphasis></p><p>es der Galle nicht eigentlich? Der Fisch hat ihr doch gereicht, sie hat darauf reagiert und ist dabei, eine Kolik zu entwickeln!</p><p>Was ist</p><p><emphasis>reichen</emphasis></p><p>f�r ein Wort?</p><p>Als ob es nicht reiche? Aber es reicht?</p><p>Sie bezweifelt, dass es sich um ein und dasselbe Verb handelt. Es verwuselt im Kopf den Verstand, der sich verwahren will gegen solche Angriffe. Das ist ja wie mit den doppelten Verneinungen, denkt Helene. Das ist ja furchtbar! Das bekommt sie doch tats�chlich nicht auseinander! Der Fisch hat der Galle gereicht, das schon, aber</p><p><emphasis>was</emphasis></p><p>reicht der Galle denn</p><p><emphasis>nicht?</emphasis></p><p>Ganz langsam. Noch einmal. Und noch mal. Es reicht der Galle nicht, was dem K�rper zustie� im letzten Vierteljahr, sie muss ihren Senf auch noch dazugeben. Ja. Aber warum im Konjunktiv? Als ob es nicht reiche? Nein, das wird ihr zu viel, sie will das nicht �berblicken, sie schiebt es weg, und gerade, als sie dabei ist, es in ein Schubfach zu packen, springt ein anderes daneben ein St�ckchen auf.</p><p><emphasis>Betreuungsverfahren.</emphasis></p><p>Sie erstarrt.</p><p>Als sie noch im Feldberger Ring gewohnt hatten, war f�r eine alte Frau nebenan ein solches Verfahren in Gang gesetzt worden, auf ihren eigenen Wunsch hin. Sie verga� so viel, die Demenz sa� ihr im Nacken. So sch�ne lichte Momente hatte sie gehabt, dass Helene sich gern mit ihr in der K�che getroffen hatte zum Nachmittagskaffee. Das weit Vergangene sa� fest, w�hrend sie oft nicht mehr wusste, hinter welcher ihrer drei T�ren sich die Toilette befand, wo sie die Kaffeesahne hingestellt oder dass sie keine Str�mpfe angezogen hatte, obwohl es nicht warm war. In einem der lichten Momente hatte sie zu Helene davon gesprochen, sich</p><p><emphasis>entm�ndigen</emphasis></p><p>lassen zu wollen, damit sie keinen Unsinn anstellte, wenn das Licht sie verlie�, und sie hatte Helene gebeten, ihr dabei zu helfen, die n�tigen Schritte einzuleiten. Seit Anfang der Neunziger gab es aber Entm�ndigungsverfahren in der Bundesrepublik nicht mehr, sie wurden durch die Betreuungsanordnung ersetzt, die in einem gerichtlichen Verfahren getroffen wurde. Weil Frau Schw�rer auf eigenen Wunsch handelte, war ein einfaches �rztliches Zeugnis ihres Hausarztes ausreichend gewesen. H�tte aber ein anderer die Betreuungsnotwendigkeit �berpr�fen lassen wollen, w�re sie ausf�hrlich begutachtet worden. Helenes Starre l�st sich ein wenig, sie glaubt zu wissen, dass sie nach einem gutachterlichen Prozess nicht mit einer Betreuungspflegschaft,die f�r sie, wenn sie ehrlich ist, ja eigentlich doch nichts anderes ist als eine</p><p><emphasis>Entm�ndigung,</emphasis></p><p>zu rechnen h�tte. Aber unsicher ist sie doch geworden. Sie zittert, aber es ist wohl der Schmerz. Also klingelt sie nach der Schwester, muss sich jetzt doch irgendetwas verabreichen lassen gegen die Kolik, ehe sie plattgewalzt wird.</p><p>Gallenkolik? Das k�nnte ja nun wohl alles M�gliche sein, meint die Schwester. Aber Helene kennt doch diese Attacken! Sie wei� doch, wie sie sich anf�hlen! Sofort wird sie mutlos, vielleicht ist sie ja l�ngst</p><p><emphasis>entm�ndigt</emphasis></p><p>, ohne es mitbekommen zu haben. Das Verhalten der Schwesternschaft l�sst jedenfalls zuweilen darauf schlie�en. Nein, sie will darauf bestehen, ein Z�pfchen gegen die Kolik zu bekommen, aber die Schwester sagt nur, dass es ja wohl ziemlich gewagt sei, verordnete Medikamente nicht einzunehmen, aber andere einfordern zu wollen. Sie w�ren doch hier nicht im Selbstbedienungsladen! Ohne dass ein Arzt draufschaut, liefe hier gar nix! Schon klackt die T�r, ist sie fort.</p><p>Helene liegt l�ngst in Schmerztrance, als endlich ein Arzt erscheint, sie untersuchen will, aber sie bekommt gar nicht genau mit, was er sagt, was er fragt. Wenigstens ist das keiner von denen, die ihr heute Nachmittag einen Einlauf gemacht haben wegen des Antiepileptikums, vielleicht kommt er von drau�en, hat nur Notdienst hier? Eine Spritze verabreicht er schlie�lich, und Helene sp�rt wenige Minuten danach die befreiende Erleichterung. Jetzt w�re sie bereit und in der Lage, auf seine Fragen zu antworten, aber nat�rlich ist er l�ngst fort.</p><p>Sie dreht sich auf die Seite. F�hlt sich geschw�cht.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die haben doch tats�chlich mit Matthes wegen eines m�glichen Betreuungsverfahrens gesprochen! Sie fasst es nicht. Sie ist doch Herrin aller ihrer Sinne! Sie sieht, h�rt, schmeckt, f�hlt, riecht! Sie k�mpft doch! Sich aus dem Komakokon herauszusch�len, hat sie die meiste Kraft gekostet, meint sie, und alles, was noch kommt, wird zu bew�ltigen sein. Muss zu bew�ltigen sein! Wenn einer die Hand ausstrecken will, ihr zu helfen, reagiert sie �berempfindlich, versucht alles allein, ger�t in Rage, wenn sie sich eingestehen muss, dies und das jetzt nicht und vielleicht nie mehr tun zu k�nnen. Klavierspielen zum Beispiel. Hat sie deshalb die Musik ziemlich abgeschaltet? Bis auf Bengts Oboe nichts an sich herangelassen, was die Kinder und Matthes ihr mitgebracht hatten, CDs und einen mobilen Player, Kassetten und einen uralten Walkman. Klaviermusik? Fr�her war sie ihre liebste Begleitung gewesen, beim Autofahren, beim W�scheaufh�ngen, vor dem Schreiben, wenn sie auf Rausch aus gewesen war dazu. Jetzt hat sie lieber Stille im Kopf. Eine Wohltat. Ein Trost, aber doch merkw�rdig, so ohne Tr�stung. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Trost und Tr�stung? Ein Trost, �berlegt sie, ist f�r sie etwas Momentanes, w�hrend eine Tr�stung anh�lt. Ja, so ungef�hr. Immer wieder muss sie sich der Worte vergewissern, aber ob das, was sie dazu denkt, richtig ist, wei� sie nicht. Nicht genau. Nicht genau genug, denkt sie. Auch das macht sie fuchsteufelswild. Au�erdem beobachtet sie die Leute viel genauer als fr�her, findet sie, und erliegt oft genug der paranoid anmutenden Idee, das, was sie zeigen, sagen, meinen, bez�ge sich auf sie. Auf ihren Zustand. Auf ihr Unverm�gen. Geradezu</p><p><emphasis>neurotisch</emphasis></p><p>findet sie das. Eine Neurosendefinition f�llt ihr zwar nicht ein, aber das Wort l�sst sich auch ohne Definition gebrauchen. Sie muss wieder Sicherheit finden im Gebrauch der Worte. Sich nicht abhalten lassen, eines zu gebrauchen, wenn ihr im Moment des Aussprechens pl�tzlich unklar zu sein scheint, was es meint. Wieder ohne �berlegen zu m�ssen sprechen zu k�nnen! Das kann sie nicht, zugegeben, aber ihre Wahrnehmung der Dinge steht doch wohl nicht zur Diskussion. Sie kann sich Meinungen bilden, wenn sie daf�r auch viel l�nger braucht als fr�her. Wie sagte Matthes?</p><p><emphasis>Du bist doch nur endlich normal geworden �</emphasis></p><p>Wenn das stimmte, so brauchte sie, um sich eine Meinung zu bilden, vielleicht aber auch nicht viel mehr Zeit als andere Leute. Aber stimmte es wirklich? Ihr sind die Ma�st�be fl�ten gegangen, sie kann einfach nicht einsch�tzen, ob sie zu langsam oder schnell genug denkt. Fr�her wusste sie immer, dass sie zu langsam lief. Ihr war es schnell genug gewesen, auch wenn es nie f�r eine bessere Zensur als eine F�nf gereicht hatte, denn sie wusste ebenso gut, dass sie den anderen im Denken meist ein St�ckchen voraus war.</p><p><emphasis>Wer schnell rennt, muss nicht schnell denken</emphasis></p><p><emphasis>(und umgekehrt)</emphasis></p><p>Mit diesem Spruch, der, wie sie auf einmal merkt, eigentlich erstaunlich wenig sagte, eigentlich nichts! hatte sie sich stets �ber die Lauff�nfen hinweggetr�stet. Jetzt kann sie nicht einmal mehr eine F�nf errennen, und wie es mit dem Denken steht, ist ungewiss. Das nagt, das macht, dass ihr das Betreuungsverfahren wieder ein- und alles andere hinten runterf�llt. Matthes hatte sich dagegen verwahrt, hatte gesagt, dass</p><p><emphasis>seine Frau</emphasis></p><p>gesch�ftsf�hig, im Vollbesitz ihrer geistigen Kr�fte und keinesfalls ein Fall f�r ein Betreuungsverfahren w�re. So hatte er es jedenfalls dargestellt, und Helene wei�, sie sieht es seinen Augen, den Falten im Gesicht, der Ohrenstellung an, dass er wahr spricht. (Den</p><p><emphasis>Vollbesitz</emphasis></p><p>beanspruchte sie allerdings nicht, aber das braucht ja keiner zu wissen.) W�tend war er geworden, dass man derart hinterfotzig, wie er es nannte, wegen nicht eingenommener Medikamente gegen sie Front machen konnte. Keinem Menschen hier fiele ein, einen anderen in Helenes Zustand zu (ja, er hatte auch dieses Wort gebraucht) entm�ndigen, das sei doch wohl die H�he, er merkte doch, wie sehr sie anwesend w�re! Helene war erst rot, dann blass geworden und hatte das fetteste Grinsen aufgesetzt, dessen sie f�hig war. Das war gestern Nachmittag gewesen. Heute hat Matthes einen Sitzungstermin und kann nicht kommen.</p><p>Das ist selten.</p><p>Das ist sch�n, denkt Helene.</p><p>Das ist, als ob einer eine Blume nicht sehen kann, die hinter der Hecke bl�ht, aber genau wei�, dass sie dort steht und ihre Bl�tenbl�tter zur Sonne streckt. Dabei wei� sie jetzt gar nicht, wer die Blume und wer der Typ jenseits der Hecke ist, aber das ist ihr auch egal. Der Spruch scheint nicht ganz so nichtssagend zu sein wie der vom schnellen Rennen und vom langsamen Denken (und umgekehrt), und ein bisschen Stolz weitet ihr die Rippen, dass ihr so etwas eingefallen ist.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die Stille kreuzt sich mit der Dunkelheit, und heraus kommt ein Nachtfalter, der in einer Gardinenfalte sitzt und Helene verwundert, denn eigentlich ist doch jetzt keine Schmetterlingszeit. Er fliegt nicht, sondern verharrt still auf seinem Fleck. Sofort hat sie Lust, �ber Nachtfalter zu lesen: ihre Systematik, ihre Fortpflanzungszeitr�ume, ihre Nahrung. Dann w�sste sie mehr �ber das Tierchen, das ihr jetzt so seltsam aus dem Sommer in den Herbst verpflanzt vorkommt, ein versp�teter Gru�? Aus dem in diesem Jahr an ihr vorbeigegangenen Sommer? Vielleicht schickt ihn Maljutka, muss sie denken, von der sie ungef�hr f�nfmal am Tag glauben m�chte, dass sie ihr vom Himmel aus zusieht. Als ihre Urgro�mutter noch lebte, hatte sie der kleinen Helene stets vom Himmelsaufenthalt nach dem Tode erz�hlt, ganz selbstverst�ndlich war ihr das geworden mit den Jahren, sodass sie, als die alte Frau starb, t�glich bem�ht gewesen war, beim Blick in den Himmel wenigstens ein St�ck Rockzipfel von ihr zu erwischen. Davon ist h�ngen geblieben, dass sie, wenn sie an die noch wenigen Toten in ihrem Bekannten- und Verwandtenkreis denkt, oft in den Himmel schaut. Im Sommer verblitzt sie sich regelm��ig die Augen. Jetzt, in der Herbstnacht, ist es sternenklar, und die Sterne st�ren auf eigent�mliche Weise. Keine Himmelsmilch, in der die Vorstellung die Verflossenen unsichtbar Anteil nehmen l�sst am irdischen Fortgang.</p><p>Sie seufzt.</p><p>Maljutka Malysch �</p><p>Sie zupft die Diskette aus der Lade. Nach dem letzten Treffen im April hatte sich Maljutka noch genau drei Mal gemeldet, Helene hatte diese drei Mails wiederum auf einer Diskette mit obligatem Rotpunkt gespeichert und im Schrank verwahrt, und jetzt erinnert sie sich, wie sie an manchen Tagen gar nicht anders gekonnt hatte, als darauf Antworten zu entwerfen. Nie hatte sie die abgeschickt, sondern vor dem Zubettgehen gel�scht, sie waren verschwunden im virtuellen Off. Wo sie hingeh�rten?</p><p>Das w�re zu viel.</p><p>Das w�re zu wenig.</p><p>Das w�re zum Beispiel ein wenig zu viel angesichts der erregten M�hen, die sie darauf verwandt hatte, jetzt kommt eine Ahnung der Zust�nde in ihr auf, in denen sie an die imagin�r bleibende Maljutka geschrieben hatte, und weitet sich zu Bildern: Immer noch war ihr Stimmungspegel schwankend, unausgeglichen gewesen. Es war, als zerbr�che die Mattheskiste einfach irgendwo im Abseitigen, ihr gar nicht zug�nglich. Abend f�r Abend schlief sie nun allein im viel zu gro�en Bett, und Abend f�r Abend w�nschte ihr Matthes mit ruhiger Stimme eine gute Nacht, ehe er sich in sein Dachzimmer begab. Sie gifteten sich nicht an, sie zerstritten sich nicht, es gab zahllose unausgesprochene �bereink�nfte, die Kinder betreffend. Ihr Matthesbild verschwamm zusehends, sie glaubte nur noch wenig von ihm zu wissen, aber auch er wusste von ihr ja schon lange nichts mehr, wusste nichts vom Maljutkaeifer und dessen Vorst��en und R�ckz�gen � Es war, als h�tte die in langen Jahren unmerklich entstandene Gewissheit, einander innezuhaben und besetzt zu halten, sich nun ebenso unmerklich in ihr Gegenteil verkehrt: Sie hatten sich sozusagen jeder aus dem anderen zur�ckgezogen, einander</p><p><emphasis>entkolonialisiert</emphasis></p><p>St�rte dabei die Installation eines nach wie vor gemeinsamen Lebens? Sie hatten bis dahin nicht ernsthaft daran gedacht, sie zu demontieren. Nicht Faulheit, nicht Feigheit hinderten sie daran, den Zustand zu ver�ndern oder zu beenden. Vielmehr sahen sie sich irgendwie au�erstande, die Leine, an der sie einander f�hrten, auch nur f�r einen Moment loszulassen, weil sie die Orientierungslosigkeit f�rchteten, die sich (sie dachten: zweifellos!) dann einstellen w�rde. Dabei hatte sich die Leine zwar ausgeleiert, war nicht mehr knapp armlang wie in ihren ersten Jahren (sie reichte jetzt im Normalzustand vom Doppelbett �ber die Treppe in Matthes� Dachzimmer und verl�ngerte sich w�hrend seiner oder ihrer Abwesenheiten vom Hause), aber sie sp�rten sie st�ndig, sie war ihnen heilig, die Fessel. Gab Sicherheit, Zutrauen, war wechselseitige B�rgschaft, ohne die sich ihre Existenz einfach nicht mehr definieren wollte. Nicht einmal Maljutkas Festungssturm hatte sie l�sen k�nnen.</p><p>Wo ist sie eigentlich jetzt, die Leine?</p><p>Helene h�lt inne.</p><p>Nein, sie kann sie im Moment nicht sp�ren.</p><p>Sollte Matthes sie gekappt haben?</p><p>Hatte Maljutka sie abgerissen, ehe sie starb?</p><p>Vielleicht war sie einfach abgerutscht vom rechten Handgelenk! So schlaff, wie die Hand herabhing, musste Helene das gar nicht bemerkt haben. Eines sch�nen Tages hatte die nutzlose Patsche ihre Nutzlosigkeit wom�glich nicht mehr ertragen k�nnen und die Schlinge abgleiten lassen. Ja, beschlie�t Helene, so soll es gewesen sein.</p><p>Mal sehen, wie weit sie mit dieser Annahme kommt.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Oktober l�uft auf sein Ende zu, gestern gab es sogar einen ersten Schneeschauer, der aber folgenlos blieb, denn die Erde war viel zu warm, als dass er h�tte liegen bleiben k�nnen.</p><p>Helene hat sich mit Matthes an der Bushaltestelle verabredet, sie wollen das St�ck zum Markt schaffen und beim Chinesen das Mittagessen ersetzen. Sie muss wom�glich eine M�tze herauskramen, denn als sie das Fenster �ffnet, ist die Luft merklich k�hler als gestern. Lange steht sie mit dem Rollator vorm Spiegel und sieht sich an, kommt sich wieder einmal sehr fremd vor mit dem Linksgrau im Haar, mit den dicken Augenlidern und geschwollenen Fingern, die sie, zu dumm! nicht in den Jackentaschen verschwinden lassen kann, denn sie muss sich ja festhalten, an ihrer</p><p><emphasis>Lauflernhilfe</emphasis></p><p>, wie sie es nennt. Letzte Woche hatten sie begonnen, ihr Lymphdr�nagen zu verordnen. F�r zwei, drei Stunden tritt Besserung ein danach, sind die Finger nicht gar so wurstig. Auch K�lte scheint zu helfen, hat sie den Eindruck: Immer, wenn sie l�ngere Zeit drau�en gewesen war, gingen die Schwellungen ein wenig zur�ck. Sie massiert in Gedanken selbst ihre rechte Hand, ihren Silberring hat sie seit der OP nicht mehr getragen, er ist in ihrem Portemonnaie gelandet, in einem kleinen T�tchen. Jetzt aber schnell: M�tze auf, Tuch um den Hals. Sie hat ja noch gar keine Schuhe an! �rgerlich nimmt sie die M�tze wieder ab und l�st das Tuch, denn das Schuhanziehen versetzt ihr stets schwere Schwei�ausbr�che.</p><p>Endlich fertig.</p><p>Den Fahrstuhl nimmt sie, trifft wider Erwarten Peter Prei�ler, der aber stoisch an ihr vorbeisieht, und verl�sst die Klinik. Matthes hat sie von dem ehemaligen Klassenkameraden noch immer nichts erz�hlt. Hatte sie keine Gelegenheit gesp�rt, ihn von sich ablenken zu wollen? Sie denkt an dieser Stelle nicht weiter.</p><p>Das Gel�nde muss sie auf einem ausgewiesenen Fu�weg verlassen, der einen un�berschaubaren Parkplatz quert. Sie probiert, ob sie Automarken noch ausmachen kann. Da ein Toyota, ein Renault, ein Peugeot. Zwei Wartburgs. Ihr erstes Auto f�llt ihr wieder ein, sie hatten es kurz nach der Wende in nahezu nagelneuem Zustand bei einem gut situierten Herrn in Marzahn erworben, der sich auf seine alten Tage ein</p><p><emphasis>Westauto</emphasis></p><p>leisten wollte. Der Autoh�ndler hatte ihm aber nur</p><p>700</p><p>Glocken f�r die M�hle geboten, sodass er es vorgezogen hatte, es privat zu ver�u�ern. Obwohl das Auto sehr gut in Schuss und erst ein knappes halbes Jahr alt gewesen war, hatte es bei Fahrten nach Th�ringen in den Bergen von Magdala jedes Mal schlapp gemacht.</p><p><emphasis>Das liegt nicht in der Natur der Sache, aber des Wagens!</emphasis></p><p>, hatte der Automechaniker zwei H�user weiter damals achselzuckend gemeint, er betrieb zwar eine Wartburg-Werkstatt, aber auch er konnte nichts tun dagegen, dass das K�hlwasser kochte, der Motor hei� lief. Wenn sie ihm eine Pause geg�nnt hatten auf dem Parkplatz, den sie immer mit knapper Not noch erreichten, war es dann meist bis in den Th�ringer Wald gut gegangen. Sie l�chelt, als sie daran denkt.</p><p>Pl�tzlich quietschen Reifen, ein Auto h�lt im Zentimeterabstand seitlich von ihrem Rollator � sie hat getr�umt, weder daran gedacht noch rechtzeitig gemerkt, dass der Fu�weg zu Ende und sie an der �ffentlichen Stra�e angelangt war, auf die sie sich ohne umzuschauen gewagt hat. Das Herz schl�gt nicht schneller. Dann kann es so schlimm nicht gewesen sein, sagt ein ihrem Verstand vorgeschalteter Stimmengenerator, sie h�rt es ganz deutlich, w�hrend der Autofahrer wild gestikuliert, die Scheibe herunterkurbelt und sie anherrscht. Sie aber geht einfach l�chelnd weiter, soll der Typ sie ruhig f�r minderbemittelt halten, dann gibt er schneller auf, denkt sie. In der Tat kurbelt er kopfsch�ttelnd das Fenster wieder hoch, Helene sieht, wie er gegen�ber seiner Beifahrerin die Hand vor der Stirn sch�ttelt. Na, geht doch! Ihr wird ganz froh ums Herz, fr�her h�tte sie vor Kopflosigkeit in einer derartigen Situation gar nicht gewusst, wohin sie sich zuerst h�tte wenden sollen, h�tte sich wortreich entschuldigt, dem Fahrer als Entsch�digung f�r den zugef�gten Schrecken wom�glich einen Kaffee spendieren wollen, ihm dann aber einen kleineren Geldschein gereicht, weil er nat�rlich keinen Kaffee der Welt mit ihr trinken gehen w�rde, und alles in allem h�tte sie ganz sicher daf�r gesorgt, dass er sich als �berlegener Sieger aus der Situation verabschieden konnte. Nein, vorher w�re sie nicht zufrieden gewesen. Woher dieser so offensichtliche Gesinnungs- und Verhaltenswandel? Sie ist jedenfalls sehr zufrieden mit sich.</p><p>An der Haltestelle steht ein Teeniep�rchen, das M�dchen ist h�chstens dreizehn, der Junge vielleicht ein oder zwei Jahre �lter, h�lt sich fest umfangen und knutscht, was das Zeug h�lt. Zwei d�nne, �ltere Frauen in den ber�hmten altrosa Jacken reden �ber eine Busfahrt nach Stettin, die sie sich f�r die kommenden Wochen vornehmen wollen, und Helene setzt sich neben sie auf die Bank im B�dchen. Eine schaut sie mitleidig an, die andere ist bem�ht, wegzusehen. Schade. Dass sie noch immer ein seltsamer Anblick f�r andere ist, vergisst Helene wieder und wieder. Dabei tr�gt sie die Sch�delnarbe unter der M�tze verborgen, es kann also so schlimm gar nicht sein, aber wahrscheinlich sind die beiden alten D�nnen noch leichtf��ig zugange, und es fehlt ihnen die Vorstellung, eben das nicht zu sein. Jetzt bemerkt sie aber doch den Speichel, der sich vor ihrem Mund abgesetzt hat, und kann die Alten besser verstehen.</p><p>Seit Matthes abgelehnt hat, auch nur einen Gedanken an ein Betreuungsverfahren zu verschwenden, sind nun schon acht Tage vergangen. Die Stations�rztin hat sich an das Epilepsiezentrum Berlin-Brandenburg gewandt, hat einem Herrn Professor den Fall geschildert. Er hatte zwar das Ausschleichen des Antiepileptikums zugunsten irgendwelcher hom�opathischer Simsalabimk�gelchen nicht guthei�en k�nnen, aber wohl zur M��igung geraten. Man hat ihr einen Konsens vorgeschlagen: Die Klinik erkennt an, dass Helene im Moment keine Medikamente zur Vorbeugung weiterer,</p><p><emphasis>sehr wahrscheinlicher</emphasis></p><p>Anf�lle einnimmt, und sie sagt im Gegenzug zu, bei erneutem Auftreten f�r schnelle medikament�se Behandlung Sorge zu tragen. Sie ist sich so seltsam sicher, nie wieder von solch einer Attacke heimgesucht zu werden, dass sie darauf sofort einging. Gestern hat sie nun auch das Papier unterschrieben, das ihr Autofahrten, Bergsteigen und Schwimmen ohne Begleitung verbietet,</p><p><emphasis>bis auf Weiteres</emphasis></p><p>Das fiel ihr nicht schwer, denn Autofahren kann sie einh�ndig sowieso nicht, einen Berg hat sie noch nie bestiegen, und die einzige Schwimmhalle in der N�he von Karlshorst war im Fr�hsommer geschlossen und nicht wieder ge�ffnet worden, wie Mareile erz�hlt hat. Sie muss bis nach Mitte zum Schwimmen fahren. Helene sieht sie im Badeanzug. Vor einem Jahr w�lbten sich drei, vier Speckw�lstchen �ber den Bauch, jetzt gl�nzt sie mit schlanker Taille. Aber die Beine sind dennoch Stampferchen, die Waden gehen umstandslos und ohne merkliche Verschlankung an den Kn�cheln in die F��e �ber. Eben ihre Beine. Was hatte Maljutka Malysch hingegen f�r schlanke Fesseln gehabt; wenn sie sich doch nur h�tte entschlie�en k�nnen, k�rzere R�cke zu tragen!</p><p>Aber was denkt sie denn da � Maljutka lebt nicht mehr, ihre R�cke sind</p><p><emphasis>ger�umt</emphasis></p><p>worden wie all ihre anderen Sachen auch, die S�hne haben daf�r gesorgt. Wahrscheinlich, ja, ganz sicher! hatten sie die Habe ihrer Vatermutter gr�ndlich durchgesehen, ehe sie sie aus der Wohnung schafften. In der sie �brigens nie gewesen war, Maljutka hatte es durchgehalten, ein Geheimnis daraus zu machen. Wie immer, wenn sie an Viola Maljutka Malysch denkt, wischt sie die Tr�nen aus den Augenwinkeln. Es war so vieles ungesagt geblieben zwischen ihnen wie ausgesprochen wurde, muss sie denken. Es hielt sich die Waage, im Gleichgewicht. War es auch eine Sache des Gleichgewichts, Maljutka den Laufpass gegeben zu haben, indem sie selbst davongelaufen vor ihr, damals, in Charlottenburg?</p><p><emphasis>Jemandem den Laufpass geben �</emphasis></p><p>Hei�t das, ihm das Loslaufen nahezulegen? Zu erlauben? Aber sie hatte doch Maljutka nie untersagt, loszuziehen! Hatte sie ihr nicht viele Male geschrieben, dass es ihre sch�nste Vorstellung w�re, Maljutka verbandelt zu sehen? Mit jemandem, der ihr n�herzukommen in der Lage war als sie selbst?</p><p>Der Bus rollt an, Matthes steigt aus. Tr�gt eine karierte Schieberm�tze, in der er sie immer an Sherlock Holmes erinnert. Er hat jedoch eine Art zu sehen, die kaum an Sherlock Holmes erinnert, w�hrend er ihr immer</p><p><emphasis>das zweite Gesicht</emphasis></p><p>nachsagte. Sie konnte Verwandtschaftsbeziehungen aus einer Art des Augenaufschlages aufsp�ren, hatte einen untr�glichen Blick f�r �hnlichkeiten der Physiognomien, ein ph�nomenales Gesichts- und Namensged�chtnis, konnte blitzschnell schlussfolgern, sodass sie auf eine andere Weise und stets viel schneller als er orientiert war, wenn es darauf ankam.</p><p>Ob das immer noch gilt, wei� sie nicht.</p><p>Matthes nimmt sie fest in den Arm.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie ist f�rchterlich gest�rzt auf dem Weg zum Markt. Jetzt sitzen sie beim Chinesen, Matthes reibt ihr den Kn�chel, der im steten Anschwellen ist. Umgeknickt ist sie, und zwar mit ungekannter Wucht, fiel sofort, schlug lang auf dem Schotterweg auf und blieb erst einmal heulend dort liegen. Der Schmerz war kaum zu ertragen. Dazwischen musste sie lachen, die Z�hne zeigen und sp�ttisch von den kleinen Dingen, die so nebenbei passieren, palavern, damit Matthes das nicht allzu ernst nahm. Matthes nahm das aber sehr ernst, wie es seine Art war, bat in aufbrausendem Befehlston einen vorbeikommenden Passanten um Hilfe, seine Frau � mein Gott, sie ist ja wirklich</p><p><emphasis>seine Frau!</emphasis></p><p>��aufzurichten und auf die Sitzfl�che des Rollators zu bef�rdern. So hat er sie hierher geschoben, ins Warme, wo er ihr Schuh und Strumpf vom rechten Fu� gezogen und die Kellnerin um einen k�hlen Umschlag gebeten hat. Ihr ist das alles eher unangenehm, aber sie wei�, dass es sinnlos ist, ihren Mann � mein Gott, er ist ja wirklich</p><p><emphasis>ihr Mann!</emphasis></p><p>��davon abhalten zu wollen, seine Notfallhilfef�higkeiten zu zeigen.</p><p><emphasis>Wollen wir nicht endlich bestellen?</emphasis></p><p>Sie hat Hunger. Freut sich auf Fr�hlingsrollen, die sie zur Probe auf die K�che gern vor dem Hauptgang nimmt. Als sie kommen, sind sie zwar hei�, aber sehr fettig und grob zusammengeschustert. Nun wei� sie, was sie zu erwarten hat. Matthes hat nat�rlich keine Fr�hlingsrollen auf seinem Teller. Er bestellt n�mlich erst, wenn sie fertig ist damit, und dann meist nur eine Kleinigkeit, selbst wenn sie mehrere G�nge geordert hat. Sie nennt das Geiz, er nennt das</p><p><emphasis>keinen Hunger haben</emphasis></p><p>Sie glaubt zu wissen, dass er zur gleichen Zeit zu Hause unm��ig zulangen w�rde, er macht geschm�cklerische Lippenbewegungen und tut so, als reizte er im kleinsten Pr�bchen seinen Appetit aus. Das ist f�r gew�hnlich der Zeitpunkt, zu dem sie es bereut, mit ihm �berhaupt zum Essen gegangen zu sein. Er ist lang und dennoch ein H�nfling neben ihr. Unangenehm, sich der Beobachtung des Personals auszusetzen, das eine dicke Frau und einen d�nnen Mann am Tisch sitzen sieht. Der d�nne Mann nimmt kaum etwas zu sich, die dicke Frau haut rein. Dass es immer wieder genau so kommt, verstimmte sie sonst stets aufs Neue, dabei h�tte sie doch nur den jeweils letzten Restaurantbesuch aktivieren m�ssen im Ged�chtnis und h�tte genau diese Abl�ufe kommen sehen! Heute aber nimmt es ihr nicht die Lust, sich den Bauch vollzuschlagen. Sie sieht ihn sein Sauer-Scharf-S�ppchen schl�rfen. Kein Gedanke an einen Vorwurf. Wieder so ein Gesinnungs- und Verhaltenswandel. Oder hat es damit zu tun, dass die Leine gekappt ist, an der sie einander in Schach hielten?</p><p>Sie isst l�nger als er, also h�rt sie ihm zu. Billy hat eine wichtige Klausur in Mathematik mit einer Zwei bestanden, Lissy einen Wasserschaden verursacht in ihrer Wohnung. Ist es schlimm, dass sie sich �ber die Zwei zwar freut, aber ebenso froh dar�ber ist, mit dem Wasserschaden hier drau�en nichts zu tun haben zu k�nnen? Ein bisschen kommt sie ins Gr�beln und h�rt nun nicht mehr zu, die Kapazit�t! denkt sie. Geht auf verschlungenen Wegen und sieht ihn tiefgr�ndig an dabei. H�rt seine Stimme wie aus der Ferne. Sie murmelt. Sie gurgelt.</p><p>Helene verschluckt sich.</p><p>Im Augenblick, da sie das Fleisch wieder hochw�rgt, f�llt es ihr ein:</p><p><emphasis>Keine Sentimentalitten!</emphasis></p><p>, hatte Matthes geschrien, au�er sich, als sie sich, tats�chlich? getrennt hatten. Ein Film, hart geschnitten und von gellender Farbigkeit, wird da ausgestrahlt, w�hrend sie essen will. Schlie�lich bekommt sie keinen Bissen mehr herunter. Matthes zahlt. Matthes trottet, sie auf der Sitzfl�che des Rollators vor sich herschiebend, mit ihr zum Optiker. Die Brille ist fertig, lange schon, der Film aber offenbar nicht zu Ende. Auch, als die ungewohnte</p><p><emphasis>Sehhilfe</emphasis></p><p>vor ihren Augen sitzt und sie eigentlich mit erneuertem Blick in die Welt schauen soll, sieht sie statt des Heidem�hlener Kleinkarierten nur den Film. Matthes merkt, dass da etwas abl�uft. Er unterl�sst es zu fragen. Stattdessen bef�rdert er sie zur�ck in die Klinik. Ihr Fu� hat inzwischen die Ausma�e eines Klumpens erreicht. Sp�testens morgen w�rde seine Farbe sich zwischen rot und blau nicht mehr entscheiden k�nnen, und es w�rde ein Weile dauern, bis er sich gr�n, gelb und braun verf�rben und schlie�lich wieder in Form und Farbe dem �hneln w�rde, was da heute Morgen in ihrem Schuh gesteckt hatte. Das st�rt sie nicht.</p><p>Sie sieht den Film.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die neue Brille r�ckt die Dinge ein gutes St�ck n�her, sie werden wieder deutlich, sie wusste schon gar nichts mehr vom Sehen, denkt sie, als sie schlie�lich im Zimmer sitzt, Matthes im R�cken, im Abseits, im entlegenen Dunkel. Aus dem Fenster schaut sie in den Himmel, Wolken ziehen, und dass sie die feinen Abstufungen im Grau wieder sehen kann, die Verwirbelungen, das Strudeln im Wind, fasziniert sie. Lippen sp�rt sie pl�tzlich am Hals,</p><p><emphasis>mach�s gut, meine Liebe</emphasis></p><p>, ein Klappen der T�r. Sie hat nichts gesagt, sich nicht verabschiedet. Stattdessen geht sie seinen Worten nach. Hat er</p><p><emphasis>gro�</emphasis></p><p>gesprochen oder</p><p><emphasis>klein</emphasis></p><p>? Ist sie seine</p><p><emphasis>Liebe</emphasis></p><p>oder seine</p><p><emphasis>liebe</emphasis></p><p>Helene? Macht das einen Unterschied? Wenn ja, welchen? Seine</p><p><emphasis>Liebe</emphasis></p><p>� Im Film vorhin sah sie ihn klein und zerknirscht, es war Anfang Juni, sie hatte Lottchen in den Kindergarten gebracht, er einen Beh�rdentag genommen. In den letzten Wochen war ihr zwischen den Fingern verdorrt, was sie gewollt hatte. Deshalb hatte sie ihn um Urlaub gebeten, um ein, zwei Tage nur, die sie hinausfahren k�nnten ins Blaue, das rings um die Stadt in tiefem, frischem Gr�n auf sie wartete und das sie aufgeladen hatte mit W�nschen, Matthes m�ge mit ihr eine lichte Stelle im Wald suchen (sie vor allem auch finden!), auf der er sie wie fr�her ausz�ge und sie sich liebten, die Sonne w�rde den Schwei� auf ihrer Haut glitzern lassen, sie w�rde mit dem Finger hindurchgehen und seinen Namen schreiben. Matthes hatte zwar Urlaub genommen, aber ins gr�ne Blaue zog ihn nichts, er war aus seinem Zimmer in die K�che hinuntergekommen und hatte sich an den Tisch gesetzt. Seine H�nde hatten gefaltet vor ihm auf dem Tisch gelegen, er war gespannt wie eine Geigensaite gewesen, bei der kleinsten Ber�hrung, sie sp�rte es, h�tte er T�ne von sich gegeben, von denen sie im Voraus nicht h�tte sagen k�nnen, ob sie ihm und ihr angenehm gewesen w�ren. Also ber�hrte sie ihn nicht, wenn auch ihre H�nde best�ndig gezuckt hatten, die rechte, die linke, sich auf seine Unterarme, das verknotete Handpaar zu legen. Also hatte sie von Beliebigem gesprochen (sie wei� es nicht mehr) und ihn beobachtet, wie das Beliebige ihn w�tend zu machen begann und seine Augen ins Flackern brachte, dass das Handpaar schlie�lich ganz blutleer gepresst dagelegen hatte und die Z�hne so fest miteinander verbunden schienen. Also hatte sie �berlegt, ob sie �berhaupt wieder voneinander zu l�sen sein w�rden. Also so, in etwa. Aber ihr Sinn hatte gleichzeitig sehr wach danebengestanden und sie beide beobachtet, ohne dass er dem Beliebigen aus ihrem Mund h�tte ins Wort fallen k�nnen, und er hatte nat�rlich wahrgenommen, wie schwer es ihr gefallen war, ohne ein Ber�hren auskommen zu m�ssen, wie schwer es ihm gefallen war, sich dem Beliebigen aus ihrem Mund auszusetzen. Ihm war wom�glich danach gewesen,</p><p><emphasis>Butter bei die Fisch</emphasis></p><p>zu machen und ihr einfach gleich hier in der K�che die Klamotten abzurei�en und sie einfixdrei zu ficken, dass ihnen schwarz w�rde vor Augen und sie dem Gr�n im Blau nicht l�nger ausgesetzt h�tten sein m�ssen. (Ja, so denkt Helene jetzt.) Aber ihre Haut war alt geworden und sch�mte sich, so schlaff (trotz des Specks) von den Bauchseiten herabzuh�ngen, so faltig verkniffen von Brust bis Scham �ber Kinder zu reden, die heute hinrei�end waren wie fr�her sie selbst. Sein R�cken, gekr�mmt vom Alter, konnte sich einfach nicht vorstellen, sie w�rde ihn sch�n finden wie fr�her und ihn kneten, w�hrend der Schwanz in ihr Wache schob, aufmerksam, lauschend. Und so hatten sie beide, da sie mehr in sich selbst hockten, einfach aneinander vorbei die Minuten verbracht, auf ihre jeweiligen Ziele gestarrt und gar nicht gemerkt, dass sie ein und denselben Punkt fixiert hatten: ihr Einssein zu zweit, ohne Leine und Besetzung des anderen. Was gerade geschah, h�tten sie wahrscheinlich beide nicht sagen k�nnen, aber dass es etwas war, was ihr Leben entscheiden sollte, hatten sie schon gef�hlt. Das Jahr, in die Minute des Schiedsspruchs geschrumpft, hatte zusammengekr�mmt zwischen ihnen auf dem Tisch gelegen, bis Matthes es hochgehoben und fallen gelassen hatte mit einem gro�en</p><p><emphasis>Ach</emphasis></p><p>, w�hrend sie es aufgefangen und versucht hatte, ihm wieder Luft zu geben, dass es atmen konnte.</p><p><emphasis>Keine Sentimentalitten!</emphasis></p><p>hatte er unvermittelt geschrien, als er schon wieder auf der Treppe nach oben gestanden und sich noch einmal umgedreht hatte, und das war f�r sie das</p><p><emphasis>Aus</emphasis></p><p>gewesen nach dem</p><p><emphasis>Ach</emphasis></p><p>, das Jahr wurde nicht wieder, und wenn sie es in den wenigen Wochen, die ihr bis zum Platzen des Aneurysmas noch bleiben sollten, angesehen hatte, so war sie traurig geworden, denn es hatte wie tot am Haken des jeweiligen Tages gehangen, und die Tage starben, indem sie eingingen ins tote Jahr, das nat�rlich nicht lebendiger wurde dadurch.</p><p>Am Tage darauf waren sie dennoch zu Pietros Geburtstag gefahren.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Seit gestern hat sie wieder das Lied im Ohr, in Th�ringer Mundart, in dem von den</p><p><emphasis>Sentimentalitten</emphasis></p><p>die Rede ist. Ein sp�ttisches. Einem Professor wird ein melodisch gackerndes Huhn vorgef�hrt, und er st�rzt sich drauf mit Eifer und Geifer. Bietet dem Besitzer Geld, einen Trabi � das Lied stammt wohl aus den</p><p>80</p><p>ern � und was des B�rgers Begehrlichkeit damals wohl noch so geweckt haben mochte. Der aber will davon nichts wissen und dem</p><p><emphasis>Viech</emphasis></p><p>,</p><p><emphasis>keine Sentimentalitten!</emphasis></p><p>, den Kopf abhacken, damit es am Sonntag</p><p><emphasis>nei in sein Toppe</emphasis></p><p>kommen kann. Fr�her hatte Matthes die Wendung im Scherz gebraucht, wenn ihm etwas nahe kam, was nicht in seine N�he geh�rte. Billy zum Beispiel. Oder die von einem ber�ckenden Foto ausgehende R�hrung, die er nicht sofort als</p><p><emphasis>Kitsch</emphasis></p><p>abtun wollte, sondern allenfalls, wenn ihm das jemand vorgemacht hatte. �berhaupt lie� er seine Haltungen gerne im Halbdunkel, erahnbar zwar, aber mehrdeutig auszulegen, sodass man ins Gr�beln geriet. Sagte jemand laut und un�berh�rbar, was er meinte, so schien jedes Mal ein Damm zu brechen in Matthes. Alsbald arbeitete er sich an der ge�u�erten Haltung gewaltig ab, als brauche er sie, um die eigene �berhaupt �berpr�fen zu k�nnen. Manchmal demontierte er sein Gegen�ber geradezu wegen der ge�u�erten S�tze, Helene wusste jedoch mit den Jahren, dass allzu gro�e Absto�ung bedeutete, er gel�nge fr�her oder sp�ter zu genau der gleichen Haltung wie der eben abqualifizierten. In Bezug auf sich selbst aber erwartete sie � nichts. Matthes hatte nicht mehr</p><p><emphasis>mit</emphasis></p><p>ihr gesprochen, hielt es vielleicht f�r �berfl�ssig angesichts der �bereinstimmung, die sie seit vielen Jahren zelebriert hatten. Wenn man einander besetzt h�lt, w�hnt man sich im anderen zu Hause und muss dar�ber, wo T�r und Fenster sind, �ber die Farbe des Teppichs und die Bettw�sche kein Wort mehr verlieren. Dass man aber glaubt, auch mit dem Blick des anderen aus dem Fenster zu schauen, mit seiner Hand die T�r zu �ffnen, unter den Teppich zu kehren, was man � wie der andere � nicht vor Augen haben m�chte (von Bettw�sche ganz zu schweigen), ist tr�gerisch: Anfangs wundert man sich vielleicht, dass der andere die T�r zuh�lt, die man selbst zu �ffnen im Begriff steht, oder man sieht sich get�uscht, weil der andere auf etwas herumhackt, was man doch gerade erst unter den Teppich verbracht hat. Sp�ter dann l�sst man um der Gewohnheiten willen davon ab, den anderen �berhaupt zu bemerken, w�hrend er an der Leine turnt und verlernt, sich selbst als Zentrum seines Bewegungskreises zu sehen. Dessen Radius bestimmt sowieso der andere. In dieser geheuchelten Sicherheit hatten sie sich beide befunden, und es war Maljutka gewesen, die ihr den Garaus gemacht hatte mit ihrem f�r Helene gef�hrlichen, spr�den Charme. Ihrer bet�renden Unsch�rfe, die eine nicht weniger bet�rende Klarheit im Schlepptau hatte. Sie hatte sich nicht begierig in eine Beziehung gest�rzt, war aber doch �berrollt worden, auch von Maljutkas Beklommenheit, ihrem</p><p><emphasis>Dilemma</emphasis></p><p>, aus dem sie ihr aufhelfen wollte, so oder so. Ihr Helfersyndrom? F�r Liebe kann es sicher nichts, denkt Helene, und geliebt hat sie Maljutka. Nicht als Ersatz f�r Matthes, aber neben ihm, unabh�ngig von ihm, bedingungslos. Matthes hat das merken m�ssen, auch wenn er es vielleicht nicht wusste. H�tte er es gewusst, h�tte er klar reagieren k�nnen.</p><p><emphasis>Keine Sentimentalitten</emphasis></p><p>war zum Schrei der Not geworden in einer Situation, die bedrohlich gewesen war f�r Matthes. Bedrohlich unklar. Und das Beunruhigendste daran, meint Helene heute, sei gewesen, dass sie geglaubt hatte, sich entschieden zu haben.</p><p>Vorerst.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Der Rollstuhl ist wieder da. Die Schwester hat ihn heraufgebracht aus dem Magazin. Helene bekommt eine St�tze ums rechte Bein, die sie vor neuerlichem Umknicken sch�tzen soll. Eine lederne Sohle, von der aus am Kn�chel links und rechts Plastikschienen ausgehen; in Wadenh�he enden sie dann in einem wei�en Gurt, der ums Bein zu schnallen ist. Warum soll sie die tragen, wenn sie jetzt wieder im Rollstuhl sitzt?</p><p><emphasis>Wenn Se ma puschen jehn</emphasis></p><p>, sagt die Schwester und ist verschwunden.</p><p>Pissen, pinkeln, Wasser lassen, mal m�ssen. Manche sagen eben puschen dazu � Helene muss grinsen. Nat�rlich passt der Fu� in keinen Schuh. Vorerst auch ohne Gestell nicht, und sp�ter, wenn er wieder abgeschwollen sein sollte, w�rde sie einen alten Schuh zerschneiden m�ssen, um etwas an die F��e zu bekommen. Sie wird Matthes bitten, ihr die Stoffturnschuhe mitzubringen, die sie letztes Jahr gekauft hatte, um regelm��ig joggen zu gehen. (Matthes hatte damals gelacht, denn er wusste im Gegensatz zu ihr, dass heutzutage kein Mensch mit einfachen Stoffturnschuhen joggte. Schon gar nicht, wenn man etwas schwerer war als leicht, dann n�mlich dr�ckte das Gewicht so unvorteilhaft auf die d�nne Sohle, dass Schmerzen die Folge waren.)</p><p>Da sie nie mehr joggen gehen w�rde, kommt es auf die Schuhe wirklich nicht an, denkt sie. Die Zufriedenheit mit dieser Feststellung bemerkt sie einen Moment nach deren Entstehung und wundert sich, dass der Schmerz ausbleibt. Sie hat sich schnell daran gew�hnt, dies und das nicht mehr tun zu k�nnen. So umstandslos, dass sie sogar schon daran denkt, wie mit nutzlos gewordenen Dingen zu verfahren ist.</p><p>Sie tut sich Gen�ge, anders kann sie es nicht nennen.</p><p>Matthes hat sie in den letzten Jahren wohl kaum Gen�ge getan.</p><p>Maljutka hat gen�gend getan, um Helene aus ihrem Gef�ge zu rei�en.</p><p>H�tte ich doch ihrem Leben Gen�ge getan, denkt Helene.</p><p>Wenn Maljutka zum Ende hin zufrieden gewesen war, so wollte sie es auch zufrieden sein, aber sie kann nur raten, wie Helene ihre letzten Wochen verbracht hat.</p><p>Sie ruhen lassen.</p><p>Schlafen.</p><p>Es klopft, und Raphael steht im Zimmer. Raphael, der gute alte Freund! Sie schaukeln einander ein Weilchen in den Armen. Sch�n ist das. Raphael sieht selbst im Herbst sommerbraun aus, obwohl er nie in ein Sonnenstudio geht. Er f�hrt das auf arabische Vorfahren zur�ck, die es in seiner Familie m�tterlicherseits vor vielen Generationen gegeben haben soll. Nichts Genaues wei� man nicht, aber die Saga h�lt sich. Seine Mutter hie� mit M�dchennamen Makaffreh, und ein Bezug zu den ungl�ubigen Kaffern war schnell hergestellt. Helene findet zwar, dass die Namens�hnlichkeit mit den irischen McCaffreys eher auf der Hand liegt, war aber damit auf taube Ohren gesto�en � Raphael k�mpft mit Tapferkeit gegen immer wiederkehrende Depressionen, und dass er es geschafft hat, von seinem f�r Berliner Verh�ltnisse abgelegenen Wohnort ohne Auto bis hierher zu zuckeln, n�tigt Helene alle Achtung ab. Das sagt sie auch.</p><p>Raphael druckst.</p><p><emphasis>Warum druckst du, Raphael?</emphasis></p><p><emphasis>Ich werde weggehen aus Deutschland, nach Schweden.</emphasis></p><p>Raphael erz�hlt, bei seinem Sommerurlaub in Schweden Lina kennengelernt zu haben. Was dann kommt, erinnert Helene sehr an die Geschichte mit Maljutka, von der sie Raphael nichts erz�hlt hat. (Raphael ist mit Matthes ebenso befreundet wie mit ihr, Loyalit�tskonflikten sollte er nicht ausgesetzt sein.) Lina sei Meeresbiologin und arbeite an der Universit�t Lund. Erst auf den dritten oder vierten Blick sei sie ihm aufgefallen, als er schon eine Woche lang im H�uschen neben ihrem mit seiner Enkelin Urlaub gemacht hatte. Dann aber sei mit einiger Gewalt das Undenkbare passiert: Er habe sich heillos verliebt, vier lange Monate sei das nun her, Briefe und Wochenendbesuche h�tten einander abgel�st, und immer h�tte er mit Helene teilen, ihr mitteilen wollen, was da im Busche war, aber Helene h�tte sich ja unterdessen verabschiedet. Zum Gl�ck sei sie nun wieder aufgetaucht, aber jetzt sei gar keine Zeit mehr, um Rat zu fragen, um Beistand zu bitten, denn er h�tte sich einfach entschieden, nach Lund zu ziehen. Probehalber. Seine Wohnung wolle er noch behalten vorerst. Er sieht Helene irgendwie versch�chtert an, als k�nnte es ausgerechnet Helene nicht passen, dass er dem Gl�ck eine Falle stellte. Der will das aber au�erordentlich passen, damit hatte sie ja nun �berhaupt nicht gerechnet! Raphael unter der Haube, in festen H�nden! Jetzt f�llt ihr ein, dass sie vermutlich nie mehr wird tanzen k�nnen. Jetzt h�tte sie eben gern mit Raphael getanzt. Ein Walzertyp ist sie, Raphael bevorzugt Tango. Wahrscheinlich w�ren sie ohnehin nur schwer �bereingekommen, aber schade ist es doch.</p><p><emphasis>Gehen wir Kaffee trinken?</emphasis></p><p>Sie gehen. Raphael schiebt Helenes Rollstuhl, hat schon von Matthes erfahren, dass der wieder angesagt ist. Er ist eben doch ein Betuttler, es tut ihm gut, unentbehrlich zu sein.</p><p>In der Cafeteria herrscht reger Besuchsbetrieb, es wird schwer, ein Pl�tzchen zu finden, sodass Raphael den Cappuccino und die Schokolade mit hinausnimmt, in den Garten. Gartenwetter? Eigentlich nicht, aber Helene hat eine Decke ins Rollstuhlnetz gepackt, und wenn man die um die Knie legt, mag es gehen.</p><p>Raphael h�rt nicht auf, von Lina zu schw�rmen. Von Maljutka zu schw�rmen, fiele Helene nicht ein.</p><p><emphasis>Ein Schwarm �</emphasis></p><p>Warum ist ihr dieses warme Wort zu Maljutka nie eingefallen?</p><p>Raphaels Augen, sonst Asyle unendlicher M�digkeit, zeigen heute einen versunkenen Glanz, den man nicht sofort wahrnimmt, der sich aber offenbart, wenn sein Blick umschwenkt. Sein Blick schwenkt ziemlich oft um, es ist, als wollte er die Leute teilhaben lassen an seiner Gl�ckserz�hlung. Tats�chlich spricht er immer ein wenig lauter, als es guttut, Helene merkt es und r�ckt ein St�ck ab, damit die Erz�hlspitzen sie nicht in die Ohren stechen. Hier drau�en im Garten ist die Wahrscheinlichkeit, irgendjemand k�nnte Anteil nehmen an Raphaels Freude, allerdings sehr gering, der Wind schluckt den Ton, und die wenigen Menschen, die sich an die verstreut stehenden Tische gesetzt haben, sind mit sich selbst ausreichend besch�ftigt. Helene l�sst ihn sprechen, er wird den Anflug eines schlechten Gewissens nicht bemerken, das sich ein-, zweimal zeigt, weil Helene auf und davon geht, fort vom Linaschwarm. Pl�tzlich nimmt sie ein neues, unbekanntes Ziehen im Kopf wahr, eigentlich sitzt es genau an der Stelle, an der sie den Titanclip verortet, sie muss an einen seltsam schmerzfreien Wadenkrampf denken, der sich nach oben verlagert hat, ins Hirn. Es heilt, denkt sie beg�tigend, es heilt � Wom�glich sp�rt sie die Absorption des ausgetretenen Restblutes, stellt sie sich vor, oder der Clip wird nun merklich von Gewebe umsponnen, das sich seiner Kontur anpasst, jeden Winkel, jede Ritze f�llt. Es ist, als nehme sie das Fitzchen Metall endlich als zu sich selbst geh�rig wahr, als f�hle sie seine Existenz. Der Verstand meldet sich, sagt, dass es wohl eher unm�glich sei, etwas wie Blutabsorption oder das Einwachsen von Fremdk�rpern tats�chlich wahrzunehmen, aber sie wischt ihn beiseite und sieht zufrieden aus, als Raphael ihr in die Augen schaut.</p><p><emphasis>Du bist zufrieden mit mir?</emphasis></p><p>Aber ja doch. Aber wirklich. Aber ganz sicher. Aber hat er denn keine Bedenken, Tochter und Enkel hierzulassen, Eltern und Freunde? Nein, hat er nicht. In Schweden erinnere ihn manches an die untergegangene DDR, das d�rfe man zwar nicht laut sagen, aber er sage es jetzt einfach mal doch. Vieles sei kostenlos, so eine gute Schulspeisung f�r Kinder oder der Eintritt in Museen und Tierparks, es gebe Lehrmittelfreiheit und gemeinsamen Schulbesuch aller Kinder, Berufsqualifikationen bei weitergezahltem Gehalt � Halt, halt, halt, Raphael. Die Schulspeisung in der DDR war weder gut noch kostenlos, erst, wenn man drei Kinder hatte, zahlte man nichts mehr, m�chte Helene entgegnen, f�r Museum und Tierpark hat man gel�hnt, wenn es auch mit den heutigen Preisen nicht zu vergleichen war, und die Lehrmittelfreiheit galt allenfalls in Berlin. Zwar gingen die Kinder bis zur achten Klasse gemeinsam zur Schule, ehe sie sich aufspaltete in zehnklassige und zum Abitur f�hrende Zweige, aber wer weitergehen durfte, entschied nicht immer die Leistung, sondern auch die soziale Herkunft eines Sch�lers. Berufsbegleitende Qualifikationen waren selbstverst�ndlich gewesen, das schon, aber das f�hrte zu keinem nennenswerten Karriereschub. Wer mehr Geld hatte, konnte davon unter Umst�nden nicht mehr kaufen, wenn er keinen kannte, der an der</p><p><emphasis>Konsumg�ter</emphasis></p><p>quelle sa�. Hast du das vergessen, Raphael? Aber sie sagt das alles nicht, es w�re zu anstrengend, und au�erdem m�chte sie mit Raphael sowieso nicht �ber das untergegangene Land diskutieren. Seltsam, dass der querk�pfige, dissidente Freund, der zu alten Zeiten viel erdulden musste an Bespitzelung und Berufsverbot, im Nachhinein nicht immer deutlich zu sehen scheint, was ihm da gefehlt hat. Schweden ist also nicht nur das Linaland, es ist voll beladen mit Raphaels Sehns�chten nach der eigenen Kindheit, nach Jugendzeiten.</p><p>Sie schweigen, Raphaels ger�tete Wangen sehen hinrei�end aus auf dem braunen Teint, und Helene d�rfte sich jetzt fast wie Lina f�hlen, so gut gef�llt ihr das.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Die Tage sind schneller als sie, es ist einfach nicht zu schaffen, auch nur einen einzigen von ihnen einzuholen und mit dem Gef�hl ins Bett zu fallen, ihn hinter sich gebracht zu haben. Immer sind sie gerade entwischt, wenn sie einschl�ft, und wenn sie aufwacht, muss sie zusehen hinterherzukommen. Es passiert so viel. Zu viel, denkt sie, ihr Gehirn l�uft seiner alten Form hoffnungslos hinterher. Es dauert, bis sie jemanden versteht. Wahrscheinlich bel�uft sich die Verst�ndnisscheide auf wenige Sekunden, aber sie rechnet sie noch nicht ein, ist jedes Mal entsetzt �ber das g�hnende Loch zwischen dem Moment des Aussprechens und dem Verstehen. Lieber ger�t sie in Panik, als in solch ein Loch hineinzufallen, denkt sie, aber ehe die Panik einsetzen k�nnte, hat sie meist doch verstanden. Sie versucht sich seit Kurzem heimlich daran, Texte zu schreiben, erinnert sich der Anfrage, die sie nicht zu einem Auftrag hatte werden lassen. Texte auf Hausw�nden, auf Trottoirs oder B�nken m�ssen kurz sein, dem Vor�bergehenden auch durch einzelne Worte ins Auge fallen, und sie m�ssen mit</p><p><emphasis>Stadt</emphasis></p><p>zu tun haben, sollen sie doch irgendwie zu</p><p><emphasis>st�dtischen Gebilden</emphasis></p><p>werden. Merkw�rdigerweise verlockt es sie nicht, den Laptop zu benutzen, sie nimmt die linke Hand, was zu einer gewissen �bereinstimmung des Schreibtempos mit dem Sprechtempo f�hrt. Erster Versuch:</p><p>der abend schwebt, zitternder ballon,</p><p>�ber der stadt, in ihren h�fen</p><p>ruhen die beutetiere, erinnern</p><p>den feind, schlaf,</p><p>verkleidet als penner,</p><p>im flaschenjargon verfilzt �</p><p>Woher sie das nahm, ist ihr unklar, sie hat einfach geschrieben, Wort f�r Wort ist ihr so und nicht anders in den Sinn gekommen, die gro�e Anstrengung steckt ihr buchst�blich in den Knochen, die, jetzt merkt sie es, unb�ndig zittern. Kaum aber kommen die n�chsten Worte, l�st sich die Spannung, sie muss weiterschreiben:</p><p>�ber der stadt</p><p>die wolkigen lastk�hne</p><p>beladen mit schwaden</p><p>nebels den wir verlassen</p><p>haben</p><p>Helene glaubt nun wieder die gespannte Sehne im Kopf zu sp�ren, den Clip, der die Platzstelle sichert, und ihr wird warm, sehr warm, als sie den k�hlen Text findet:</p><p>die kalte seide deiner lust</p><p>wie sie �bern beton schlurrt</p><p>(die einfachen dinge im schlepptau:</p><p>liebe und schnee)</p><p>ist blau wie der fisch</p><p>der aus meinem mund schl�pft</p><p>Das hat aber nun gar nichts mit Stadt und Hauswand zu tun, das ist eher ein � Liebesgedicht?</p><p>Irgendwie hat sie gar nicht gemerkt, dass jemand ins Zimmer getreten ist. Die Stations�rztin sieht ihr neugierig �ber die Schulter</p><p>.</p><p><emphasis>Na, das geht doch ganz gut, Frau Wesendahl, nicht? Was schreiben wir denn?</emphasis></p><p>Sie antwortet nicht.</p><p>Sie findet es unverfroren, so beobachtet zu werden.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes bringt die Stoffturnschuhe, sie m�ssen den rechten in der Tat aufschneiden. Er holt Gummiband aus der Tasche und n�ht es ein, damit er ihr nicht von den Kn�cheln rutscht. Seine Umsicht macht sie wieder einmal sprachlos. Wenn er sie im Rollstuhl an den See schiebt oder die Klinik umrundet, sagt er fast nichts, er sp�rt wohl, dass auch Helene nichts sagen m�chte, wenn er hinter ihr l�uft, sie hat kein Zutrauen zu ihrer Artikulation, wenn ihr Gegen�ber ihr nicht auf den Mund schauen kann. Aber ohnehin f�llt es schwer, mit Matthes</p><p><emphasis>ein Wort zu wechseln,</emphasis></p><p>wo es doch darauf ank�me, sie wechselten erst einmal die Spur, in der sie unterwegs sind. Helene macht vorsichtig Anstalten, die Krankenrolle verlassen zu wollen. Matthes aber ist nach wie vor umsichtig, f�rsorglich, r�hrend. Ist er v�terlich? Ja, und das ist es gleichzeitig, was sie � st�rt. Mit einem Vater kann sie nicht auf Augenh�he kommunizieren, ein Vater wei� besser als sie, was f�r sie gut ist,</p><p><emphasis>ein Vater ist Trauermantel,</emphasis></p><p>denkt sie.</p><p>Zuweilen �berkommen sie wieder Worte wie fr�her, denkt sie.</p><p>Zuweilen wei� sie gar nicht, was diese Worte meinen, denkt sie.</p><p>Aber sie denkt!</p><p><emphasis>Vater ist Keinvater</emphasis></p><p>, denkt sie. Als sie �berlegt, was das zu bedeuten hat, f�llt ihr ein, wie Matthes �ber sie, die</p><p><emphasis>Invalidin!</emphasis></p><p>, die</p><p><emphasis>Schadhafte!</emphasis></p><p>, hergefallen war bei ihrem ersten Besuch in der Arberstra�e, wie er sie geliebt hatte mit aller ihm zu Gebote stehenden R�cksichtslosigkeit, wie er sich ihrer versichert, sie blo�gelegt und zur�ckgefordert hatte, und auf einmal sieht sie ganz anders, was damals geschehen war. Nicht die Attacke, den Angriff �</p><p>Die Eiszeit hatte eingesetzt nach jenem</p><p><emphasis>Sentimentalitten</emphasis></p><p>��Tag im Juni.</p><p><emphasis>Helenes Liste</emphasis></p><p>hing als un�bersehbarer Kluftmarker in der K�che, �ber dem Telefon. Sie hatte notiert, was sie mitzunehmen gedachte beim Auszug, und Matthes hatte stets so getan, als n�hme er diese Liste gar nicht wahr. Gesprochen hatten sie dar�ber nicht, wie sie �berhaupt Worte vermieden, die sie in Zugzwang h�tten bringen k�nnen. Helene hatte gar nicht vor auszuziehen, aber Matthes an den Rand seiner �berlegenheit zu bringen, das wollte sie schon. Dass er sich einlie� auf sie. Dass er zur�ckkam. Nicht einfach zu ihr, denn da war er ja, irgendwie, sondern auf fr�here Arten der Gegenseitigkeit, die nicht ausgeh�hlt waren durch Ritual und Benutzung. Den Gedanken an eine Trennung hatte sie nicht wirklich denken wollen, ihn aber stetig provoziert mit der Art ihres R�ckzugs. Dazu hatte sie hoch gepokert. Der Maljutkaschreck sa� ihr eigentlich tief genug in den Knochen, aber sie hatte ihn immer weiter in sich hineingedr�ckt, um fest auf dem Boden zu bleiben, w�hrend ihr Verstand sich hoch in die Luft erhob und manchmal einfach auf und davon ging. Wenn sie f�r sich und die Kinder einkaufte und kochte, f�r Matthes aber keinen Teller auf den Tisch stellte. Wenn sie seine W�sche aussortierte, ehe sie die Maschine f�llte. Wenn sie dabei aber immer Not f�hlte, nicht Wut oder Groll, sich ihm anders nicht verst�ndlich machen zu k�nnen. Matthes aber hatte nie etwas bemerkt dazu, hatte sich einen Teller aus dem Schrank genommen und schlie�lich begonnen, f�r sich selbst einzukaufen, dabei bedienten sie sich doch des Geldes von einem gemeinsamen Konto! Er hatte seine W�sche gewaschen, aber Sachen der Kinder hinzugef�gt, wenn noch Platz gewesen war in der Trommel, und er war dazu �bergegangen, mit Lottchen am Nachmittag, wenn er von der Arbeit gekommen war, noch um die H�user zu ziehen, Fu�ball zu spielen oder Bogen zu schie�en, so, als wolle er die ihm noch verbleibende Zeit so gut wie m�glich nutzen oder aber, hatte Helene zuweilen gedacht, sich der Kleinen so ins Herz schreiben, dass sie bei ihm bleiben wollte nach der Trennung. Die sie aber ja gar nicht erstrebte! Die sie vor sich herschleppte wie einen �berfl�ssigen Sack, den er ihr abnehmen und einfach ins Geb�sch werfen sollte, wo er verrottete, w�hrend sie, mit drei T�chtern leider nicht</p><p><emphasis>vers�hnt</emphasis></p><p>, endlich ins Verzeihen geraten konnten. Aber er nahm ihr den Sack nicht ab, der ihn offenbar ekelte und abstie�, sodass sie ihn schlie�lich verfolgte damit und er gar nicht mehr anders konnte, als vor ihr davonzulaufen. Er war schneller. Er war wendiger. Wenn er wollte, konnte er sehr lange nicht erreichbar sein f�r sie, obwohl sie nebeneinandersa�en beim Essen. Die Wand, die sie im oberen Geschoss ihres Hauses trennte, lud sich auf mit unertr�glicher W�rme, sie mied sie und setzte sich stets in die am weitesten davon entfernte Ecke ihres Zimmers. Oft f�rchtete sie, das Haus w�rde sich entz�nden an der erhitzten Mauer und einfach wegbrennen, und wenn sie dann obdachlos auf der Stra�e st�nden, w�re es ein Leichtes, er n�hme sich eine eigene Wohnung. Also standen zwei Eimer Wasser immer bereit. F�r die Balkonblumen, sagte sie. F�r den Brand, meinte sie. So zur�ckgeworfen war sie schlie�lich auf sich und ihre Existenz in diesem Haus, dass sie, wenn sie auf dem Balkon stand, gar nicht mehr sah, was f�r ein Wetter war, welche Jahreszeit herrschte, ob die Flugzeuge flogen oder das M�llauto kam, ganz zu schweigen von der Welt, die irgendwo stattfand, weit drau�en, ganz abgesondert von ihrem Dasein.</p><p>Dahinein fuhr der Schlag, der allem das bisschen Atem nahm, das es brauchte, um so wie bisher weiterzumachen. Der sie in die Bewusstlosigkeit entlie�, aber Matthes zwang, alles auszuhalten, was sie nicht mehr aushalten musste. Sie hatte geschlafen, Matthes hatte gewacht. Nie wird sie wirklich wissen, was sich w�hrend jener Wochen abspielte. Aber dass Matthes sich ihrer vergewissern, ihr zeigen musste, wie es um ihn stand, und zwar nicht mit Worten, von denen er wom�glich gar nicht wusste, ob sie sie tats�chlich erreichten, das glaubt sie auf einmal, und sie holt jenen Zettel aus der Hosentasche, auf den sie gestern die drei kurzen Texte schrieb.</p><p><emphasis>Der letzte ist deiner</emphasis></p><p>, sagt sie zum schweigenden Matthes.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Nur sehr langsam schwillt der Fu� ab. Dabei wird es Zeit. Wenn erst der November seine grauen nebligen Vorh�nge herablassen und ihr den Blick zum See nehmen wird � Nein, sie m�chte nach Hause. Noch kann sie aber nicht ohne den Rollstuhl auskommen. Am Tage des neuerlichen Abschieds von ihm wird sie auch den Abschied von hier verlangen, nimmt sie sich vor, und das tut gut. Was noch? Vierzehn Tage, denkt sie. Der Countdown. Das R�ckw�rtsz�hlen. Heute haben wir vierzehn. Wenn wir eins haben, will sie fort sein. So ungef�hr. Auf einen Zettel schreibt sie also die Zahlen von vierzehn bis eins, sch�n untereinander. Wie das Bandma� bei der Armee, Matthes hat ihr davon erz�hlt. Hinter die Eins schreibt sie</p><p><emphasis>Lenztext</emphasis></p><p>, das soll die Probe aufs Entlassungsexempel werden. Bis dahin sind dreizehn leere Zeilen zu f�llen. Sie tut es im Kopf.</p><p>Zun�chst ruft sie Matthes an, er m�ge ihr den</p><p><emphasis>Lenz</emphasis></p><p>mitbringen, dazu an Sekund�rliteratur, was auf die Schnelle aufzutreiben ist. Nicht zu viel, aber das Wichtigste. Zu B�chners Leben, zum Lenzleben. Irgendwas zu Psychosen, ganz egal, nur eine Systematik interessiert sie, die sie vor sich sehen, sich daran festhalten kann. Des Weiteren m�chte sie nur noch einmal die Woche Besuch. (Also insgesamt noch zweimal, denkt sie, was Matthes aber nicht denkt. Eigentlich schade, aber sie kann es nicht �ndern. Dann aber ruft sie sich zur Ordnung, ein Schlachtplan ist schlie�lich kein Schlachteplan, und teilt ihm wenigstens mit, dass das nur f�r die kommenden beiden Wochen gelte.)</p><p>Sie muss haushalten mit ihren Kr�ften. Noch immer schl�ft sie sehr viel, legt sich mindestens drei- oder viermal am Tag ins Bett, und unter einer Stunde kommt sie dabei nicht weg. Zerschlagen ist sie jedes Mal nach dem Aufwachen und braucht viel Zeit, um wieder in die G�nge zu kommen. Hat sie das geschafft, droht Therapie. Massage. Schwimmen. Wenig Zeit also f�r den Lenztext. F�r Pietro, schreibt sie auf ein neues, leeres Blatt, legt es zun�chst beiseite. Zuallererst aber will sie den Lenztext f�r sich schreiben. Ihn zwingen, hervorzukriechen aus dem Unterholz in ihrem Kopf.</p><p>Er muss.</p><p>Er muss!</p><p>Dass auch Lenz in seinem Kopf mit einem Schlag zu k�mpfen hatte, will ihr erst beim zweiten, dritten Durchdenken auffallen, dann aber hat es sie.</p><p>Gefangen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Matthes ist da und hat das alte, abgelederte Lenz-Heftchen mitgebracht, ein Psychiatrie-Lehrbuch aus alten Zeiten und eine B�chnerbiografie. Am liebsten schickte sie ihn sofort wieder weg. Am liebsten z�ge sie ihn dicht zu sich heran. Und wirklich: Er pendelt einen Moment lang zwischen ihr und der T�r, sie kann es deutlich sehen. Unsicher ist sie wegen des Textchens von neulich, sie sp�rt keinen Ma�stab, wahrscheinlich war es nichts als Gestammel, vielleicht aber auch zu verstehen. Hatte sie es nicht einen Moment lang selbst f�r ein Liebesgedicht gehalten? Fragen m�chte sie ihn nicht danach.</p><p><emphasis>M�chtest du meine Meinung zu deinen Texten h�ren?</emphasis></p><p>Es ist wahr: Er kennt sie. Die L�hmung der rechten Gesichtsh�lfte kann ihre Mimik nicht aushebeln, die er zu lesen vermag. Sie sagt nichts. Sie zittert.</p><p>Da schnappt er pl�tzlich nach Luft, schnappt er? seine Augen laufen aus. Aber warum laufen denn seine Augen aus? Was ist denn das? Bis ihr klar wird, dass er weint, hat er sie l�ngst gegriffen und dr�ckt sie so sehr, dass sie meint, die Augen fielen ihr heraus. Nur einmal hat sie ihn weinen geh�rt, es klang auch wie ein Schnappen nach Luft und war noch durch eine Betonwand in ihrer letzten Wohnung vor der Arberstra�e zu h�ren gewesen. (Die Katze hatte Bengts Wellensittich gefressen, was eine Tr�nenkatastrophe ausgel�st hatte.)</p><p><emphasis>Gut</emphasis></p><p>, sagt er nur,</p><p><emphasis>gut</emphasis></p><p>, dann verkriecht sich sein Kopf unter ihrem Hemd, und er weint sich leer.</p><p>Da kann sie nun auch nichts mehr tun.</p><p>Da wartet sie ab, bis er leer ist.</p><p>Ach, sie zwei beide, sie sind schon ein P�rchen wie Max und Kl�rchen �</p><p>Das sagt sie aber nicht.</p><p>Nachher geht er mit ihr zur Physiotherapie. Die Therapeutin hat darum gebeten, einen Angeh�rigen mitzubringen, sie will ihm Tricks und Kniffe zeigen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Sie versenkt sich, versinkt. Nachts kann sie am besten arbeiten, sie hat dann Ruhe genug. Unterbricht, um zu schlafen, wacht aber wieder auf. Ein Vabanquespiel mit ungewissem Ausgang. Dass es ihr wom�glich nie wieder gelingen k�nnte, einen literarischen Text zu verfassen, will sie nicht denken, aber es droht. Das sp�rt sie. Will es wissen. Was sie schon wei�: Es f�llt schwer zu lesen, zu verstehen. F�r jeden Satz der B�chnerbiografie braucht sie, wie sie findet, unendlich viel Zeit. Wenn sie am Verzweifeln ist, macht sie erst einmal Schluss, nicht ohne sich zuzureden. (</p><p><emphasis>Das war doch gar nicht so schlecht. Das war doch ein Anfang. Das war doch etwas, woran du vor zwei Monaten noch nicht einmal dachtest. Das war doch aber ganz gut!</emphasis></p><p>) Mit dem</p><p><emphasis>Lenz</emphasis></p><p>wird ihr leichter: Den kennt sie, erinnert sich, die S�tze werden schneller wieder vertraut, auch wenn es sehr lange her ist, dass sie ihn gelesen hat. Zwanzig Jahre? F�nfundzwanzig? Sie legt Dateien an, macht sich Notizen, sie f�hrt zum Essen, sieht aber nicht mehr, was sie auf dem Teller hat, sie absolviert ihre Therapien und hat den Beutel immer dabei mit dem Lenz, mit dem B�chner, sie liest unentwegt,</p><p><emphasis>sie ist ein Ph�nomen</emphasis></p><p>, sagt der Pfleger (aber das h�rt sie nicht), sie br�ht Tee, sie trinkt, sie liest, bis sie schl�ft. Sie schl�ft viel, nach wie vor. Sie wacht auf, wirft sich kaltes Wasser ins Gesicht, trocknet es, f�hrt ans Fenster (tags) oder unter die Stehlampe (nachts), sie schreibt, sie liest, sie notiert. Das Schreiben mit links geht nicht schnell, auch am Laptop nicht, was sie freut, denn sie denkt ja auch langsam. Denkt sie. Denkt sie an die Entlassung? Weniger, aber zuweilen schon. �berlegt, wann sie es anbringt bei der Stationsleitung. Schiebt es, Tag f�r Tag. Sie will sicher sein, dass sie laufen kann. Als Matthes wieder kommt, fragt sie ihn schon an der T�r nach B�chners Dissertation, er schrieb �ber die Sch�delnerven einer Karpfenart,</p><p><emphasis>hast du davon geh�rt? was wei�t du?</emphasis></p><p>und findet es letztlich tr�stlich, dass Matthes nichts wei�, nein, dar�ber nicht, hatte sie denn gedacht, jeder wei� alles? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich hat sie kein Ma�, wei� nicht, was man wei� und was nicht, muss</p><p><emphasis>nicht wissen</emphasis></p><p>lernen, das Frohsein damit und das Wissen, wo�s steht, die ganze alte Leier. Was rauskommt, wei� sie noch immer nicht, aber schreibt, schreibt an gegen Wut, Wortbann und Wortbruch, sie hat es Pietro versprochen. (In Wirklichkeit hatte sie nichts versprochen, nur zugesagt, es zu versuchen, das wei� sie.) Ihr Haar scheint schneller zu wachsen, wenn sie viel denkt, denkt sie. Es sprie�t nun schon zwei bis drei Zentimeter grau aus der Kopfhaut, und schmaler wird sie mit jedem Tag, die Kopfarbeit braucht also auch Energie. Das freut sie, die Jogginghosen tr�gt sie mit festgeknotetem Gummi, den anderen hat sie den G�rtel verordnet, den sie auf einem Basar der Ergotherapie erstand. (Ein</p><p><emphasis>schmales M�dchen</emphasis></p><p>wird sie zwar niemals werden, aber nicht dick zu sein ist ein fr�her Traum, den sie immer beiseiteschob angesichts der Wirklichkeiten, in denen sie sich tummelte.)</p><p>Also los.</p><p>Also ran.</p><p>An den Speck, an die Trauer, die Tr�bsal, an Stockung und Schw�che. So wird ein Schuh draus, den sie vielleicht nicht einmal mehr aufschneiden muss.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>C: Magd</p><p>02</p><p>/hirnrausch.doc</p><p><emphasis><strong>Der Hirnrausch-Giftfahnder des Herrn</strong></emphasis></p><p><emphasis>Im Winter</emphasis></p><p><emphasis>1835</emphasis></p><p>/</p><p><emphasis>36</emphasis></p><p><emphasis>arbeitete Georg B�chner in Stra�burg an seiner medizinischen Dissertation �ber die Sch�delnerven einer Karpfenart. Ungef�hr zur gleichen Zeit, eigentlich muss man sagen, kurz vor seinem Tode, schrieb er eine an beiden Ende offene Erz�hlung, die wie ein freigelegter Nervenstrang anmutet: genau seziert und das, was sichtbar ist, beschreibend. Mit naturwissenschaftlichem Blick beugt er sich �ber eine dreiw�chige Episode im Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz, des Sturm-und-Drang-Dichters, der ein gutes halbes Jahrhundert zuvor in ebenjenes Stra�burg kam. Nicht freiwillig, aber unfreiwillig w�re auch nicht richtig: Von einem selbstlosen Pfarrer namens Oberlin wurde er hierher verbracht, der mit ihm bei sich zu Hause, in den Nordvogesen, nichts mehr anzufangen wusste, denn Lenz litt an einer Psychose. B�chner nimmt dokumentarisch genau auf, was �berliefert wurde von jenen drei Wochen zwischen dem</emphasis></p><p><emphasis>20</emphasis></p><p><emphasis>. Januar und dem</emphasis></p><p><emphasis>8</emphasis></p><p><emphasis>. Februar</emphasis></p><p><emphasis>1778</emphasis></p><p><emphasis>, in denen Lenz bei Oberlin im Steintale weilte. Nicht fiktional, ist die Geschichte dennoch eine der modernsten Erz�hlungen der deutschen Literatur. Ein Dauerbrenner. Eine L�tlampe, unter deren Schein schmilzt und sich zusammenf�gt, was zuvor sperrig und unfassbar dalag: eines Mannes Erkrankung an der Unf�higkeit, der ihn umgebenden Realit�t ins Auge zu sehen, weil er drinnen steckt, im Aug-Apfel, ohne es zu wissen, und herausschaut. Ein Verr�ckt-Werden, weil er deutlich sp�rt, dass seines Lebens Zweck im Aug-Apfel der Realit�t ganz ohne einen Gott auskommt und er doch mit Gottesaugen nach seinem Lebenszweck zu suchen gezwungen scheint. Ein Hirnrausch-Giftfahnder, der den Idealismus der Kunst f�r� die schm�hlichste Verachtung der menschlichen Natur �und damit f�r ein verkl�rendes Narkotikum h�lt, es aber im Leben nicht schafft, sich der Realit�t zu vergewissern, es sei denn, durch selbst zugef�gten, physischen Schmerz. Oberlins christlich-religi�ses Weltmodell bietet ihm keinen Zugang mehr, aber er hat ihm keine rationalistisch-realistische Alternative entgegenzusetzen, sodass die Welt zum Hieroglyphen wird �</emphasis></p><p><emphasis>In der Eingangsszene wandert Lenz auf Waldbach im Steintale zu.�Er ging gleichg�ltig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abw�rts. M�digkeit sp�rte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, da� er nicht auf dem Kopf gehen konnte�, hei�t es da. Mit dem Kopf nach unten liegt das Ungeborene in seiner Mutter. Lenz scheint sich zu sehnen nach diesem Zustand des Ungeborenseins, und wir, die Nachgeborenen, sollten ihn als zu fr�h Geborenen respektieren lernen. Vorhang auf.</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Vollkommen verr�ckt will ihr das vorkommen. Wie konnte sie das nur schaffen?! Zwei Jahrhunderte unterwandern, von einer neurologischen Klinik aus! H�chstens nach den Geburten der Kinder hat sie sich so wohlgef�hlt in der Ersch�pfung. Eine gute Vorrede, findet sie, f�r eine Lenzlesung. Fiebrig hat sie ihn auf die Diskette mit dem Angorakaninchenauge kopiert. Entkr�ftet f�hlt sie sich, aber ihre Kraft hat sich dem Prolog �berantwortet, sie kann sie f�hlen, w�hrend sie ihn wieder und wieder liest. Dazwischen schlie�t sie die Augen, versucht zu rekapitulieren, wie es ihr fr�her immer gelungen war bei eben durchgearbeiteten Texten, aber das ist zu viel verlangt, das geht nicht. Beinahe m�chte sie w�tend werden dar�ber, aber die Freude vermag den Groll schlie�lich abzuw�rgen.</p><p>Matthes soll das ausdrucken und Pietro schicken. Heute war er da, zum zweiten Mal in den letzten beiden Wochen. F�r �bermorgen hat sie ihre Entlassung in die Wege geleitet. Matthes wusste es schon, war von der Klinik sofort informiert worden. Helene l�uft, seit gestern steht der Rollator wieder in ihrem Zimmer, der Fu� im Gestell ist abgeschwollen. Ist anf�llig, das schon, aber es wird gehen, sagt sie sich, zumal sie die St�tze auch weiterhin ums Bein geschnallt tragen wird. Jetzt aber, nach letzter W�sche und dem Z�hneputzen, l�st sie sie.</p><p>Schnell kommt der Schlaf. Tief, traumlos.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Vorbereitungen zum Entlassungsgespr�ch. Blutdruck, Gewicht. Das �bliche.</p><p>Sie wird in den Raum des Oberarztes gerufen.</p><p>Auf den Gesichtern der Umstehenden (Sch�lerin, Schwester, Physiotherapeutin, Assistenzarzt, Oberarzt) zeigt sich eher Selbstzufriedenheit als Freude �ber ihre offenbar hinl�nglichen Bem�hungen, sich in der entstandenen Lage zu orientieren. Das st�rt sie nicht, sie stehen auf einem anderen Punkt dieser Geschichte, denkt sie. Nein, den Arm wird sie vermutlich nie wieder heben k�nnen, meint der Oberarzt auf ihre Nachfrage. Sein Tonfall ist warnend, merkw�rdig. Ihr Tonfall ist anspruchslos, ebenso merkw�rdig.</p><p>Man pl�nkelt �ber die kommende Zeit, �ber Ein- und Umbauten in der Wohnung (eine Einstiegshilfe in die Dusche, eine St�tze neben der Toilette), �ber den Schlaf, den sie sich g�nnen soll, sobald er anklopft, �ber die Rente.</p><p>Rente �</p><p>Helene will entgegnen, jedoch ist die Luft schneller raus, als sie anzuhalten w�re. Sollen sie von Rente reden, das hat Zeit. Sie aber hat keine, sie wei� gar nicht, wie und warum sie es noch bis morgen hier aushalten soll, sie m�chte weg, fort von hier. Irgendwie scheint ein Konsens nicht herstellbar, was ihr eine Art Sorgen bereitet, die sie an fr�her erinnert. Sie hatte manchmal zu</p><p><emphasis>flattern</emphasis></p><p>begonnen, wie sie es nannte, wenn sie merklich an anderen vorbeifaselte. Nur, dass sie hier kaum etwas sagt, sondern die anderen an ihr vorbeifaseln.</p><p>Als sie wieder vor dem Raum steht, wei� sie gar nicht mehr, wovon im Weiteren die Rede gewesen war.</p><p>Sie besinnt sich, klopft noch einmal an.</p><p><emphasis>Ja bitte?</emphasis></p><p><emphasis>Ja bitte � Ich habe hier noch etwas f�r den Oberarzt, mit Widmung �</emphasis></p><p>Beil�ufig l�chelnd hat ihr die Schwester das Buch abgenommen. T�r wieder zu.</p><p>Na gut,</p><p><emphasis>Der Beauftragte</emphasis></p><p>wird das schon verstehen.</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><p>Letzter Abend, versonnene Stimmung.</p><p>An Peter Prei�ler hat sie noch einmal gedacht und ihn im Stillen um Entschuldigung daf�r gebeten, dass sie Matthes nichts erz�hlt hat von ihm.</p><p>Abschiede hat sie ausgeteilt wie Kekse, irgendwann war die Dose leer gewesen, sie hat sich eilig zur�ckgezogen in ihr Zimmer. Zum Abendessen ist sie nicht mehr gegangen, eben kein Abschied mehr vorr�tig.</p><p>Sie steht am Fenster, es wird jeden Tag fr�her dunkel. Im D�mmerlicht sieht sie sich pl�tzlich im Hochsommer auf dem Balkon in der Arberstra�e stehen, ans Gel�nder gelehnt. Dr�ckt die Zigarette aus. Sieht sich um, weil sie meint, jemand habe mit einem Schnipsgummi nach ihr geschossen und sie am Kopf getroffen. Kein Schmerz. (Noch nicht.) Vor den Augen aber zerhackt sich die Welt in auseinanderstrebende Szenen: Die Frau und das Kind waren eben noch am linken Bildrand zu sehen gewesen. Jetzt aber verschwinden sie aus dem rechten, ohne dass sie h�tte sagen k�nnen, wie sie dahin gekommen sind.</p><p>Die Knie knicken ein.</p><p>Eine gro�e Auflehnung bringt sie dazu, die Treppe hinunterzulaufen.</p><p>Matthes sitzt im Wohnzimmer, liest. Sie setzt sich leise in den Sessel neben seinem, er sieht fragend zu ihr hin.</p><p><emphasis>Ich sterbe</emphasis></p><p>, sagt sie ruhig.</p><p><emphasis>Du stirbst nicht</emphasis></p><p>, sagt er ruhig.</p></section><section><title><p>�ber das Buch</p></title><p><strong>Vom Hirnschlag erwacht � die atemberaubende Geschichte einer Heilung</strong>Helene Wesendahl wei� nicht, wie ihr geschieht: Sie findet sich im Krankenhaus wieder, ohne Kontrolle �ber ihren K�rper, sprachlos, mit Erinnerungsl�cken. Ihr Weg zur�ck ins Leben konfrontiert sie mit einer fremden Frau, die doch einmal sie selbst war.Kathrin Schmidt packt ihre Leser diesmal durch die Beschr�nkung, und zwar im w�rtlichen Sinne. Mit den Augen ihrer erwachenden Heldin blicken wir in ein Krankenzimmer, auf andere Patienten, das Pflegepersonal und den eigenen K�rper, der pl�tzlich ein Eigenleben zu f�hren scheint. Und wir erleben die m�hsamen Reha-Ma�nahmen mit, die Reaktionen der Familie, den aufopferungsvollen Einsatz ihres Mannes � und die bruchst�ckhafte Wiederkehr ihrer Erinnrung.Was da zutage tritt, konfrontiert Helene mit einem Leben, in dem sie sich kaum wiedererkennt, und das vieles in Frage stellt, was in der neuen Situation so selbstverst�ndlich scheint. Sie entdeckt fr�he Br�che in ihrer Biographie, verdr�ngte Leidenschaften und aus der Not geborene Verpflichtungen. Als ihr bewusst wird, dass ihr Herz sich bereits auf Abwege begeben hatte und sie den Mann, der sie jetzt so eifrig pflegt, eigentlich verlassen wollte, droht sie den Boden unter den F��en zu verlieren.Kathrin Schmidt gelingt das Erstaunliche: Sie macht den Orientierungs- und Sprachverlust nach einer Hirnverletzung erfahrbar und zeigt einen Weg der Genesung, der in zwei Richtungen f�hrt, zur�ck und nach vorn. Dabei entsteht ein Entwicklungsroman ganz eigener Art, der durch seine innere Dynamik fesselt und durch die R�ckhaltlosigkeit, mit der seine Heldin sich mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert, fasziniert. Er �berzeugt vor allem durch die bewegende Schilderung eines sprachlichen Neubeginns.</p></section><section><title><p>�ber die Autorin</p></title><p><strong>Kathrin Schmidt</strong>, geboren 1958 in Gotha, arbeitete als Diplompsychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin. Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter den <emphasis>Leonce- und Lena-Preis</emphasis> 1993. Ihr 1998 erschienener Roman <emphasis>Die Gunnar-Lennefsen-Expedition</emphasis> wurde mit dem F�rderpreis des <emphasis>Heimito-von-Doderer-Preises</emphasis> und dem Preis des Landes K�rnten beim <emphasis>Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb</emphasis> 1998 ausgezeichnet. F�r Ihren Roman <emphasis>Du stirbst nicht</emphasis> erhielt sie 2009 den <emphasis>Preis der SWR-Bestenliste</emphasis>. Sie lebt in Berlin. Bisherige Ver�ffentlichungen: <emphasis>Poesiealbum 1979</emphasis>, Gedichte, 1982. <emphasis>Ein Engel fliegt durch die Tapetenfabrik</emphasis>, Gedichte, 1987. <emphasis>Flu�bild mit Engel</emphasis>, Gedichte, 1995.Weitere Titel bei <emphasis>Kiepenheuer &amp; Witsch: Die Gunnar-Lennefsen-Expedition</emphasis>, Roman, 1998. <emphasis>GO-IN der Belladonnen</emphasis>, Gedichte, 2000. <emphasis>Koenigs Kinder</emphasis>, Roman, 2002, <emphasis>Seebachs schwarze Katzen</emphasis>, Roman, 2005.</p></section><section><title><p>Zusatzinformationen</p></title><p>Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2009 ist <emphasis>Kiepenheuer &amp; Witsch</emphasis>-Autorin Kathrin Schmidt. Sie erh�lt die Auszeichnung f�r ihren Roman <emphasis>Du stirbst nicht</emphasis>.�Der Roman erz�hlt eine Geschichte von der Wiedergewinnung der Welt. Silbe f�r Silbe, Satz f�r Satz sucht die Heldin, nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht, nach ihrer verlorenen Sprache, ihrem verlorenen Ged�chtnis. Mal lakonisch, mal sp�ttisch, mal unheimlich schildert der Roman die Innenwelt der Kranken und l�sst daraus mit gro�er Sprachkraft die Geschichte ihrer Familie, ihrer Ehe und einer nicht vorgesehenen, unerh�rten Liebe herauswachsen. Zur Welt, die sie aus Fragmenten zusammensetzt, geh�rt die zerfallende DDR, geh�ren die Jahre zwischen Wiedervereinigung und dem Beginn unseres Jahrhunderts. So ist die individuelle Geschichte einer Wiederkehr vom Rande des Todes so unaufdringlich wie kunstvoll in den Echoraum der historisch-politischen Wendezeit gestellt�, so die Begr�ndung der sieben Jury-Mitglieder.Der Jury f�r den Deutschen Buchpreis 2009 geh�ren an: Richard K�mmerlings (Literaturredakteur der <emphasis>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</emphasis>), Michael Lemling (Gesch�ftsf�hrer der Buchhandlung Lehmkuhl, M�nchen), Martin L�dke (freier Literaturkritiker), Lothar M�ller (Redakteur im Feuilleton der <emphasis>S�ddeutschen Zeitung</emphasis>), Iris Radisch (Literaturredakteurin der <emphasis>ZEIT</emphasis>), Daniela Strigl (Literaturkritikerin und � wissenschaftlerin an der Universit�t Wien) und Jurysprecher Hubert Winkels (Literaturredakteur beim <emphasis>Deutschlandfunk</emphasis>).�Auswahl ist nie wirklich gerecht, aber im Streit um die Qualit�t ist sie nicht nur unvermeidbar, sondern auch gerechtfertigt, solange sie an nichts anderem als am Ma�stab der Qualit�t orientiert ist�, sagte Gottfried Honnefelder, Vorsteher des B�rsenvereins und Vorsitzender der Akademie Deutscher Buchpreis, bei der Begr��ung der rund 400 G�ste im Kaisersaal des R�mers.�Wer vor allem beim Deutschen Buchpreis gewinnt, ist die Literatur selbst. �Kathrin Schmidt hat sich durchgesetzt gegen: Rainer Merkel <emphasis>Lichtjahre entfernt</emphasis>Herta M�ller <emphasis>Atemschaukel</emphasis>Norbert Scheuer <emphasis>�berm Rauschen</emphasis>Clemens J. Setz <emphasis>Die Frequenzen</emphasis>Stephan Thome <emphasis>Grenzgang</emphasis>Damit erh�lt sie ein Preisgeld von 25.000 Euro. Die Jury hat im vergangenen halben Jahr 154 Titel gesichtet, die zwischen dem 1. Oktober 2008 und dem 16. September 2009 erschienen sind. Aus diesen Romanen wurde eine 20 Titel umfassende Longlist zusammengestellt. Daraus haben die Juroren sechs Titel f�r die Shortlist gew�hlt.Mit dem Deutschen Buchpreis 2009 zeichnet der B�rsenverein zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus.</p></section></body><binary id="cover" 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