<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_contemporary</genre><author><first-name>Thomas</first-name><last-name>von Steinaecker</last-name></author><book-title>Wallner beginnt zu fliegen</book-title><annotation><p>Stefan Wallner, verheiratet mit der Deutsch-Rum�nin Ana, hat sich mit seiner Firma f�r Landmaschinen eine Heimat geschaffen. Der berufliche Erfolg lie� ihn seine katastrophale Vaterbeziehung vergessen. Aber �ber die Jahre hinweg, in denen die Firma floriert, schlie�lich mit einer anderen fusioniert und an die B�rse geht, br�ckelt das enge Verh�ltnis zu den Mitarbeitern innerhalb des Betriebs. Wallner f�hlt sich verfolgt, wittert eine Verschw�rung. Sein Sohn Costin ahnt nichts von der beginnenden Paranoia seines Vaters. Doch was bei Stefan Wallner nur im Kopf stattfindet, das erlebt Costin in Wirklichkeit, er zappt sich durch sein Leben und seine Rollen wie durch eine Fernsehserie. Er macht Karriere als Superstar einer vom Fernsehen gecasteten Popgruppe, er lebt Alternativkarrieren als Synchronsprecher in einem Hitler Zeichentrickfilm oder als Ex-Promi in einer Reality-Show. Er gr�ndet ein Rock-Label, lebt mit Romy zusammen, der S�ngerin der Gruppe �Erich�, und erf�hrt erst sp�t von seiner unehelichen Tochter Wendy. Wendy trifft ihren Vater zum ersten Mal kurz vor ihrer Vollj�hrigkeit. Die Mutter hatte ihr das Verh�ltnis mit Costin verschwiegen. Doch kaum hat sie ihren leiblichen Vater kennen und lieben gelernt, da stirbt Costin. Als Wendy sich nach dem Tod Costins daran macht, ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren und aufzuschreiben, f�llt es ihr bald schwer, zwischen Lebensl�gen, Irrt�mern und der nachrecherchierten Wirklichkeit zu unterscheiden. �Wallner beginnt zu fliegen� ist ein Familienroman, eine Saga �ber drei Familiengenerationen. Und ein Roman �ber die Frage, ob man Familiengeschichte so erz�hlen kann, wie sie wirklich passiert ist. Ein faszinierendes Deb�t in drei Kapiteln: Ein Wirtschaftsroman, ein Musikerleben und ein Frauenschicksal.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Steinaecker,</first-name><middle-name>Thomas</middle-name><last-name>von</last-name></author><program-used>calibre 0.9.28, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-05-24">12.5.2016</date><id>25a81691-ec2a-47ba-be62-017850ee194f</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; &#x438; &#x432;&#x451;&#x440;&#x441;&#x442;&#x43A;&#x430; (sibkron)</p></history></document-info><publish-info><book-name>Wallner beginnt zu fliegen</book-name><publisher>Frankfurter Verlagsanstalt </publisher><year>2007</year></publish-info></description><body><title><p>Thomas von Steinaecker</p><empty-line/><p>Wallner beginnt zu fliegen</p></title><section><title><p>~ ~ ~</p></title><p>G�nter Wallner beginnt zu fliegen. Seine geriffelten Gummisohlen ruhen nicht mehr auf der Fu�st�tze. Wie die anderen Fahrg�ste auch wird er nach vorne geschleudert. Ein herausgerissenes St�ck der Waggoninnenwand hat dem Mann neben ihm den rechten Arm von der Schulter getrennt. Eines der beiden M�dchen, die vor G�nter Wallner gesessen haben, ist an der Fu�st�tze h�ngengeblieben, sein Gesicht ist gegen den Tisch geschlagen, das andere M�dchen st��t unter der Decke gegen eine der Reisetaschen, die, wei�, rot, gr�n, aus den Gep�ckf�chern st�rzen. Auf einem gelben Rucksack steht <emphasis>Adidas</emphasis>. Das Sausen in G�nter Wallners Ohren ist lauter als das Krachen und die Schreie. F�r einen Moment hat er ein Damenparfum in der Nase, einen s��lichen Duft, Holunder. Die gl�serne Trennwand des Abteils vor sich, den Aufkleber der mit einem roten Balken durchgestrichenen Zigarette, schlie�t er die Augen.</p></section><section><title><p><strong>Alle beobachten Wallner, und Wallner beobachtet sich selbst</strong></p></title><p><strong>01</strong></p><p>26.�M�rz</p><p>16:15 Uhr. Friseur.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>02</strong></p><p>Stefan Wallner vergleicht in seinem B�ro die Kosten f�r den Transport von drei Traktoren nach Klatovy � Bahn oder LKW. Frau Beck hat ihn vom Vorzimmer aus angerufen, er kann ihre am Tisch sitzende Gestalt durch die Milchglasscheibe sehen. Sie sagt, da� ihn zwei Polizeibeamte sprechen wollen. Wallner l�uft ein kalter Schauer �ber den R�cken. Die Polizeibeamten werden wegen dieser Lieferung von <emphasis>CLAAS</emphasis>-Reifen aus Danzig vor zwei Jahren kommen, die nicht versteuert wurde. Sobald die Polizeibeamten gegangen sind, wird Wallner Ulrich Wiget anrufen, um sich mit ihm zu beraten, ob man die Akten in Wigets B�ro, alle Beweise beseitigen, am besten vernichten oder ob man einen Anwalt kontaktieren soll, den Fall schildern, nach den m�glichen rechtlichen Konsequenzen fragen, abw�gen. Der Anwalt h�tte Schweigepflicht.</p><p>Die beiden Polizeibeamten treten ein. Es habe sich ein ICE-Ungl�ck ereignet, man gehe davon aus, da� sich Wallners Vater unter den Toten befinde, man habe eine Leiche mit einem Pa� auf den Namen G�nter Wallner gefunden, es t�te ihnen leid. Es entsteht eine Pause.</p><p>Wallner geht durch den Flur und steigt die Treppe zum ersten Stock herunter, wo Wiget sein B�ro hat. Drau�en ist ein strahlender Tag, die Sonne scheint hell durch die Fenster. Wallner sagt, da� soeben die Polizei dagewesen sei, sein Vater sei bei einem ICE-Ungl�ck ums Leben gekommen, sein Vater sei tot.</p><p>Wiget steht auf und fragt: �Dein Vater?�</p><p>Wallner kann Wigets Gesichtsausdruck hinter dessen schwarzen Bart nicht genau erkennen.</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>Wiget fragt: �Bist du OK?�</p><p>Wiget soll Wallner in den Arm nehmen.</p><p>Wallner hat �Ich wei� nicht� gesagt, seine Stimme zittert dabei, er werde f�r heute Schlu� machen, Uli solle ihn bei allen weiteren Terminen heute vertreten.</p><p>Wiget umarmt Wallner. Wallner dr�ckt sein Gesicht an Wigets rechte Schulter, Wiget h�lt ihn, Wallner weint.</p><p>Wallner geht zum B�ro seiner Frau Ana und gr��t auf dem Flur Frau Br�uer aus der Buchhaltung. Er sagt Ana, da� sein Vater t�dlich verungl�ckt sei, ein Zug sei entgleist, ein ICE, es sei aber schon in Ordnung, er wolle jetzt nur nach Hause, sie k�nne ruhig hierbleiben, er komme schon klar. Ana ist aufgestanden und hat die rechte Hand an ihren Mund gedr�ckt. Ana wird Wallner umarmen wollen. Als Ana auf Wallner zugeht, um ihn zu umarmen, macht er einen Schritt zur�ck und sagt, da� es schon in Ordnung sei, er brauche nur Ruhe, es sei schon in Ordnung.</p><p>Zu Hause in der K�che nimmt Wallner zwei Toastscheiben aus dem K�hlschrank und belegt sie mit Emmentaler und Putenschinken. Von der Treppe sind Schritte zu h�ren, die angelehnte K�chent�r �ffnet sich. Costin tr�gt das goldfarbene Trikot der rum�nischen Fu�ballnationalmannschaft, er mu� Wallner geh�rt haben.</p><p>Costin fragt: �Tata? Was machst du denn hier?�</p><p>Wallner fragt: �Und du? Was machst du hier?�</p><p>Costin sagt: �Ich mu� nach Regensburg�, er deutet auf die wei�e Sporttasche, die um seine Schulter h�ngt.</p><p>�Diese Tanzgeschichte?� fragt Wallner.</p><p>�Diese Tanzgeschichte�, sagt Costin und nickt.</p><p>Er beugt sich zum Teller vor, greift nach der zweiten Toastscheibe und steckt sie als Ganzes in den Mund. Als sich Costin umdreht und mit gespielt hastigen Bewegungen in den Flur verschwindet, hat ihm Wallner, der ihm gar nicht erst folgt, auf den R�cken gepatscht. Auf der R�ckseite des Trikots steht �ber der fettgedruckten schwarzen Acht ein Name, den Wallner noch nie geh�rt hat, <emphasis>Pesencu</emphasis>.</p><p>Das Aufschieben von Angelegenheiten kann Folgen haben. Alles r�cht sich. Wallner wei�, da� Ana in der obersten Schublade des Schreibtischs ihr hellgr�nes Filzadre�buch aufbewahrt, in das sie, seit er sie kennt, Adressen eintr�gt, noch heute, obwohl sie einen mit Handy und Rechenfunktion ausgestatteten Organizer besitzt. Das hellgr�ne Filzadre�buch ist f�r Verwandte, Freunde und Bekannte, der Organizer f�r Kunden, Arbeitskollegen und Gesch�ftsanschriften. Wallner schl�gt die Seite der Familiennamen auf, die mit W beginnen, und sucht die Telefonnummer seiner Cousine heraus. Er kann ihre Stimme h�ren, die sich mit �Wallner-Lloyd� meldet, und seine eigene, die �Stefan� sagt. Wallner unterl��t es, seine Cousine anzurufen. In seinem Arbeitszimmer gibt er im Suchfeld auf der Seite seines E-Mail-Kontos �Wallner-Lloyd� ein und schreibt als Antwort auf die Rundmail, die seine Cousine unter anderem auch an ihn immer zu Weihnachten schickt, sein Vater sei t�dlich verungl�ckt, sie solle ihn aber vorerst nicht anrufen, bitte �, er l�scht, was er gerade geschrieben hat, und schreibt, sein Vater sei t�dlich verungl�ckt, sie solle ihn aber vorerst nicht anrufen, bitte �.</p><p>Wallner sieht, wie seine Cousine in ihrem B�ro im Sozialamt, das er nicht kennt und sich deshalb als das B�ro Anas vorstellt, die E-Mail �ffnet und die rechte Hand vor den Mund h�lt, um ihr Schluchzen zu unterdr�cken.</p><p>Nein.</p><p>Er stellt sich vor, da� sie die E-Mail �ffnet, einen wichtigen Telefonanruf bekommt und �Darf ich Sie zur�ckrufen? Ich bin gerade in einem Meeting� sagt. Sie klingt gefa�t.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>03</strong></p><p>Aus der Luft, vom Hubschrauber aus, sind die Waggons des ICEs auf offener Strecke zwischen gr�nen Feldern gut erkennbar. Zwei Waggons sind nach links zur Seite gekippt, die anderen Waggons stehen in gerader Linie. Um die umgest�rzten Waggons liegen helle Kleidungs- und Gep�ckst�cke verstreut, bei denen es sich aber auch um Menschen handeln k�nnte. Der Augenzeuge Dieter Baumann, der eine hellbraune Strickjacke tr�gt, die sp�rlichen wei�en Haare zur�ckgek�mmt, sagt aus, er habe ein lautes Quietschen wie von Bremsen geh�rt, dann ein Krachen, er sei hinausgerannt und da habe der ICE auch schon dagelegen. Baumann deutet dabei mit dem ausgestreckten Arm auf das Feld, die wei�en Waggons des ICEs in der Ferne, auf dem leicht erh�hten Damm. Eine Nahaufnahme zeigt die beiden umgest�rzten, nahezu unbesch�digten Waggons, um die herum Feuerwehrleute und andere Uniformierte stehen, reden. Laut dem roten Tickerband am unteren Bildschirmrand bel�uft sich die Zahl der Todesopfer auf 19, die Zahl der Verletzten auf mehr als 60. Als Unfallursache wird mangelnde Gleiswartung angegeben. Um 16:59 Uhr schaltet Wallner auf die <emphasis>heute</emphasis>-Nachrichten. Der Nachrichtensprecher tr�gt eine gelbe Krawatte mit roten Punkten, er sagt, es habe sich heute vormittag auf der Strecke Essen � K�ln ein schweres ICE-Ungl�ck ereignet. Man gehe von 19 Toten und mehr als 70 Verletzten aus. Die Aufnahme aus dem Hubschrauber zeigt die wei�en Waggons des ICEs, die beiden Waggons, die nach links auf das Feld gekippt sind, ringsum verstreut die Kleidungs- und Gep�ckst�cke, bei denen es sich auch um Menschen handeln k�nnte.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>04</strong></p><p>Wallner hat seine Anzughose aus- und eine Jeans angezogen. W�hrend er sein Hemd aufkn�pft, hat er pl�tzlich eine Szene vor Augen. Da ist sein Vater. Er sitzt in einem Sechserabteil in einem ICE. Er hat das Aussehen, das er als etwa 65j�hriger hatte, als Wallner ihn zum letzten Mal sah, und nicht das des 82j�hrigen, als der er starb. Durch die Bremsung des Zugs f�llt das durchsichtige Brett des Gep�ckfaches auf seinen Kopf. Er st�rzt nach vorne, sein Hinterkopf ist eingedr�ckt. Aus einem Spalt in der Sch�deldecke tritt Blut und f�rbt das grau-schwarze Haar dunkelrot.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>05</strong></p><p>2.�April</p><p>K�nig anrufen!</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>06</strong></p><p>In Wallners Kopf befinden sich gr�ne, blaue und rote Flekken. Dr. Kaduk deutet mit einem Stab auf die Ergebnisse der PET-Aufnahme auf dem Bildschirm.</p><p>�So. Nicht erschrecken. Sch�n bunt, gell? Ich erkl�re Ihnen das mal. Hier haben wir das Gehirn. Wir haben ja, wie gesagt, mal die Funktionen gemessen. So. Wir k�nnen jetzt auch n�her herangehen, um ganz sicher zu sein, da� da nichts ist.�</p><p>Dr. Kaduk zoomt mit der Tastatur auf den blauen Fleck, der, wie Wallner jetzt sieht, au�en heller ist als innen, azur. �Also�, sagt Dr. Kaduk, �ich habe mir das schon am Vormittag angesehen, und ich kann Sie beruhigen. Da ist nichts. Kein Tumor oder �hnliches. Bitte jetzt nicht entt�uscht sein.�</p><p>Dr. Kaduk lacht �ber seinen Witz und fletscht dabei die Z�hne. Wallner lacht mit und hofft, da� es nicht allzu gezwungen wirkt.</p><p>�Was meinen Sie dann, woher das kommt? Haben Sie da eine Erkl�rung?� sagt Wallner.</p><p>Er h�tte nicht so abrupt zu lachen aufh�ren sollen.</p><p>�So. Ja. Was Sie mir da geschildert haben, ihre Symptome, Kopfschmerzen, hoher Blutdruck, das mit dem Herzen und so weiter, also f�r mich klingt das nach klassischer �berarbeitung, zuviel Stre�, um es mit einem Wort zu sagen.�</p><p>Dr. Kaduk lacht wieder, z�hnefletschend. Wallner hatte gedacht, dieses Gef�hl, da� da etwas in seinem Kopf sei, etwas Fremdes, Kieselsteingro�es, w�rde verschwinden, sobald der Beweis erbracht w�re, da� es sich um etwas Ungef�hrliches handelte. Aber der Kieselstein ist noch immer da.</p><p>M�glicherweise hat Dr. Kaduk auch recht. Wallners Nervosit�t, seine Gereiztheit, das alles k�nnte stre�bedingt sein, seine Angestellten blicken ihn ja zudem seit neuestem mit diesen Augen an, man k�nnte manchmal tats�chlich glauben, sie f�hren etwas im Schilde gegen Wallner. Auch Wiget benimmt sich seltsam in letzter Zeit. Erst am Donnerstag war Wallner in sein B�ro gekommen, Wiget hatte an seinem Schreibtisch gestanden, einfach so, es schien ihm nicht einmal peinlich zu sein, die Schubladen waren offen. �Du durchsuchst meine Schubladen?� hatte Wallner gesagt, es sollte wie ein Scherz klingen. Wiget hatte das in den falschen Hals gekriegt, hatte �Du spinnst doch� oder �Hast du sie noch alle� gesagt und war hinausgest�rmt, Wallner war ihm sofort hinterhergelaufen und hatte sich bei ihm entschuldigt. Aber nicht nur seit diesem Vorfall hatte Wallner das Gef�hl, da� Wiget nicht mehr so offen und herzlich wie fr�her zu ihm war.</p><p>�Was ist das hier eigentlich?� Wallner zeigt mit dem Finger auf einen schwarzen Fleck in einem der roten Flecken auf dem Bildschirm. Wallner mu� an ein Baustellenloch in einer Stra�e denken. Dr. Kaduk hat Wallner f�r den Bruchteil einer Sekunde durchdringend angeschaut, als w��te er etwas, was er Wallner nicht sagen darf. Als sei Wallner ihm auf die Schliche gekommen.</p><p>Dr. Kaduk sagt: �Zoomen wir doch einmal hin.�</p><p>Je n�her der schwarze Fleck auf dem Bildschirm r�ckt, desto mehr f�rbt er sich rot ein, geht im roten Fleck um ihn auf.</p><p>�Ja, Sie sehen. Da ist nichts�, sagt Dr. Kaduk.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>07</strong></p><p>Die Frauenstimme sagt, er solle die n�chste Ausfahrt nehmen. Wallner wollte f�r einen Moment einen Gang zur�ckschalten, dann ist ihm wieder eingefallen, da� der Mietvan ja Automatik besitzt. In der Ferne sind drei Kuppeln zu sehen, die Deutzer B�rot�rme, in ihren Fenstern spiegelt sich das Licht der Nachmittagssonne; ganz d�nn, zwischen den Hochh�usern: die Spitze des Doms. Wallner biegt in die Ausfahrt Bergisch-Gladbach.</p><p>Er hat heute schon einmal, in der Fr�h, als er aus Cham losgefahren ist, �berlegt, ob er tats�chlich noch nie in Bergisch-Gladbach war, vielleicht in seiner Kindheit, mit seinem Vater am Wochenende, zum Wandern, ein Sonntagsausflug, aber nein, er ist sich jetzt sicher, w�hrend vorne die Ortseinfahrt von Bergisch-Gladbach auftaucht, das heute ist das erste Mal. Es wird deutlich, warum G�nter Wallner aus K�ln-Rodenkirchen hierhergezogen ist. Die dichten Laubw�lder, die H�gel mit den Weiden, die T�ler dazwischen, in denen es bereits d�ster zu werden beginnt. Ja. Man kann hier sch�n wandern. G�nter Wallner ist gerne gewandert. Dadurch, da� Stefan Wallner, wie in diesem Moment, den Kasper macht (�den Kasper machen� = bei Kurven das Quietschen von Reifen imitieren plus der Frauenstimme des Navigationssystems mit �Jawohl� und �Wird gemacht� antworten), l�st sich die Anspannung, die gestiegen ist, je n�her er der Wohnung seines Vaters kommt, der <emphasis>ehemaligen</emphasis> Wohnung.</p><p>Ein Piepton erklingt, Wallner h�lt den Van an. Er sucht den Knopf f�r das Navigationssystem, schaltet versehentlich das Radio an, erst als er den Knopf dar�ber dr�ckt, erlischt der Bildschirm mit dem Stadtplanausschnitt des Wohngebiets, der Stra�e, in der er jetzt parkt.</p><p>Sein Vater hat die letzten 17 Jahre in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mit Blick auf den knorrigen Apfelbaum im Garten davor gelebt.</p><p>Wallner dr�ckt die oberste Klingel an der Haust�r, die Klingel neben dem Namensschild <emphasis>Wallner</emphasis>. Es ist wahrscheinlich, da� hinter den Vorh�ngen in den H�usern gegen�ber Hausfrauen, die gerade Mittagessen kochen, oder Rentner, deren Hauptbesch�ftigung es ist, jedes Geschehen im Wohngebiet zu verfolgen, auch jetzt, Wallner beobachten, er kann ihre Blicke regelrecht auf seinem K�rper sp�ren. Vielleicht auch Bekannte seines Vaters, Freunde, die sich bei ihm einmal w�chentlich zum Kartenspiel trafen.</p><p>Die Haust�r �ffnet sich, aufgestaute W�rme schl�gt Wallner entgegen, Klebstoffgeruch. Ana steht in der T�r der ersten Wohnung im Erdgescho�.</p><p>Sein Vater hat in einer Erdgescho�wohnung gelebt.</p><p>Ana umarmt Wallner und fragt ihn, wie die Fahrt gewesen sei. Ana schwitzt. Sie f�hrt ihn durch die Wohnung, sagt: �Also das war� � sie sagt <emphasis>war</emphasis>, nicht <emphasis>ist</emphasis> � �das Wohnzimmer, hier das Schlafzimmer, das die K�che�, sagt: �Hier war das Bad� und deutet auf die Kartons mit den Gegenst�nden, die sie schon eingepackt hat, das Radio, den AB. Auf dem Glastischchen vor dem schwarz bezogenen Sofa liegen ein Briefumschlag mit dem Sparbuch von Wallners Vater und Schmuckst�cke aus dem Safe, die Ana gestern, als sie mit Wallners Vollmacht und seinem Erbschein bei der <emphasis>Hypo-Bank</emphasis> in K�ln war, um das Konto seines Vaters aufzul�sen, mitgebracht hat, wie sie sagt.</p><p>Wallner sagt: �OK. Das schaue ich mir dann nachher an.�</p><p>F�r einen Moment hat er das Gef�hl, sich in der fr�heren Wohnung seines Vaters zu befinden, die Anordnung der M�bel im Wohnzimmer � das schwarz bezogene Sofa an der Wand, das Glastischchen davor, daneben die Stehlampe, der Orientteppich � ist dieselbe wie in K�ln-Rodenkirchen. Auf dem Glastischchen liegt die Fernbedienung f�r den Fernseher. Wallner kann seinen Vater sehen, der vom Sofa aus, den rechten Arm ausgestreckt, mit der Fernbedienung in der Hand den Fernseher ausschaltet, die Fernbedienung, sich vorbeugend, auf das Glastischchen legt. <emphasis>Klack</emphasis>.</p><p>Wallner sagt: �OK. Wir machen das jetzt folgenderma�en. Ich nehme mir das Schlafzimmer vor, und du machst in K�che und Bad weiter.�</p><p>Alle Gegenst�nde des t�glichen Gebrauchs, f�r die sie in Cham keine Verwendung haben, kommen in blaue M�lls�cke. Im Zweifelsfall entscheidet Wallner. Gegenst�nde aus dem Familienbesitz, die nicht so viel wiegen, als da� sie von den Spediteuren getragen werden m��ten plus bei denen sich Wallner und Ana einig sind, da� sie Verwendung in Cham finden werden, kommen in einen Umzugskarton. Die Zahnb�rste von Wallners Vater ist ein Gegenstand des t�glichen Gebrauchs. Sie kommt in einen M�llsack. Ana fragt, ob das Glastischchen weg oder mitgenommen werden solle, sie brauche es jedenfalls nicht. Wallner sagt, das Glastischchen sei Familienbesitz, es stamme von den Eltern seiner Mutter, selbstverst�ndlich werde es mitgenommen. Die beigen Vorh�nge im Wohnzimmer sind ein Zweifelsfall. Wallner sagt: �Nein.�</p><p>Im Schlafzimmer steht ein Einzelbett. Es sieht alles danach aus, als ob Wallners Vater allein lebte. Auf dem Nachttisch rechts neben dem Bett: ein halb gef�lltes Glas Wasser. Wallner kann seinen Vater sehen, er liegt mit dem rotsilber gestreiften Pyjama, den er getragen hat, als Wallner noch ein Kind war, im Bett, in der linken Hand ein Buch, lesend, mit einem Griff der rechten, weiter lesend, f�hrt er das volle Glas an den Mund, trinkt, stellt das halb gef�llte Glas auf den Nachttisch, r�uspert sich. Wallner h�rt Ana, die im Bad Gegenst�nde in einen M�llsack wirft.</p><p>Wenn man mit Gegenst�nden in Ber�hrung kommt, bei denen eine heftige Gef�hlsreaktion wahrscheinlich ist (Beispiele: die flach und nahezu faltenlos auf dem Bett liegende Decke und das Kissen, die Wallner jetzt hastig in M�lls�cke stopft), sind die �berlegungen hilfreich, da� sein Vater ihn damals wegen des Kredits angelogen hat, das hei�t generell gegen ihn und seine Firma gewesen ist, dann: Wallners Mutter nicht wirklich geliebt haben kann, weil er bald nach ihrem Tod und vielleicht schon davor zahlreiche Verh�ltnisse mit Frauen hatte, die Wallner zuwider waren, und: sein Vater sich seit ihrem Streit nicht mehr bei ihm gemeldet hat und da� daher Wallner ihm, seinem Vater, keine Tr�ne nachzuweinen habe. Wallner sp�rt, da� gerade eine Welle auf ihn zurollt, sie wird ihn l�hmen, er wird die Fassung verlieren, die Strategie, die er sich in den letzten schlaflosen N�chten und auf der Hinfahrt zurechtgelegt hat, droht in sich zusammenzufallen, er schafft das nicht, es geht nicht, er mu� sich auf irgend etwas konzentrieren, um Gottes Willen, irgend etwas.</p><p>Wallner hat Hunger bekommen. Die Einbauk�che macht einen neuen Eindruck, sie riecht nach Zitrone, ist sehr sauber, wahrscheinlich hat Ana sie aufger�umt. Wallner �ffnet den K�hlschrank mit der hellen Holzverkleidung, auch zu Hause in Cham �ffnet er immer, wenn er in die K�che kommt, als erstes den K�hlschrank mit der wei�en Plastikverkleidung. Der K�hlschrank ist leer und riecht nach Zitrone. Wallner �ffnet das Gefrierfach, in dem sich mehrere Pizzas con Funghi befinden.</p><p>G�nter Wallner mag Pilze.</p><p>Nein.</p><p>G�nter Wallner <emphasis>mochte</emphasis> Pilze.</p><p>Wallner inspiziert die Schr�nke �ber der Ablage. Er nimmt die XL-Packung der wei�en Schokolade mit N�ssen, die bereits angebrochen ist, schaut auf das Verfallsdatum, November in zwei Jahren, und bricht zwei Rippen ab.</p><p>Im Wohnzimmer hat Ana schon die Fotos in den Silberrahmen von der Kommode, die sich Wallner noch nicht angesehen hat, in einen Karton gelegt und zieht gerade zwei Leitz-Ordner, wohl mit Rechnungen oder anderen Papieren, aus dem untersten Regal des Schranks. Wallner macht den Kasper (�den Kasper machen� = geb�ckt gehen plus sich den Bauch reiben plus �HungerHungerHunger� sagen), um Ana zu zeigen, da� es ihm nichts oder besser: wenig ausmacht, die ehemalige Wohnung seines Vaters aufzul�sen oder besser: da� er den Tod seines Vaters relativ gut verwindet.</p><p>Es gilt, den Inhalt der Truhen, Schr�nke und des Schreibtischs mit voller Konzentration auf Schnelligkeit plus unter optimaler Ausnutzung des Platzes in den Kartons auszur�umen. Sp�ter, beim Auspacken, zu Hause, kann der Inhalt dann n�her betrachtet werden.</p><p>Wallner beugt sich vor und �ffnet den Deckel der Truhe im Schlafzimmer. Er sieht seinen Vater, der sich vorbeugt und den Deckel der Truhe �ffnet. Als er die M�lls�cke mit den Kleidungsst�cken vor die Haust�r tr�gt, ist es drau�en, ohne da� Ana und er es gemerkt h�tten, Nacht geworden.</p><p>Das Hotel <emphasis>Schmidt</emphasis> liegt gegen�ber der S-Bahn-Station. Die Jugendlichen auf den B�nken haben ihnen beim Parken und Aussteigen zugesehen. Wallner m�chte lieber gleich etwas essen, bevor er auf das Zimmer geht und duscht, weil er Angst hat, da� er es dann nicht mehr aus dem Bett schafft, er sp�rt seine Arme und Beine. In der Gaststube steht ein Mann hinter dem Tresen � der Wirt? Herr Schmidt?�� , der zuerst l�chelnd Ana und dann, nicht mehr l�chelnd, mit einem durchdringenden Blick Wallner begr��t und auf einen Tisch weist, an dem lediglich ein �lteres Ehepaar sitzt.</p><p>Als der Wirt das Essen bringt, stellt er sich wie zu einer Rede mit angewinkelten Ellbogen und gefalteten H�nden auf und w�nscht �Einen Guten Appetit�. Noch einmal sieht er Wallner mit diesem Blick an, dann wieder Ana, l�chelnd.</p><p>Wallner steckt ein Kartoffelst�ck in den Mund, kaut, fragt, ob Ana denn eigentlich beim Grab gewesen sei, ob da alles glattgegangen sei, h�rt zu kauen auf und h�lt die Gabel �ber dem Teller, ohne sie zu senken oder zu heben. Ana sagt, sie sei dagewesen, dieser Mann am Friedhof, der wohl daf�r zust�ndig sei, habe ihr den Eintrag von der Feuerbestattung und der Urnenbeisetzung gezeigt, am Grab h�tten einige Kr�nze gelegen, einer wohl von der Kanzlei, in der Wallners Vater fr�her gearbeitet habe, sie habe den Betrag f�r die Instandhaltung des Grabs f�r die n�chsten zwei Jahre von einem Teil der Entsch�digung gezahlt, die sie von der Deutschen Bahn erhalten haben. Wallner kaut weiter, will sprechen, so etwas wie �Na sch�n� oder �Na dann pa�t ja alles�, kann aber nichts sagen, er bringt kein Wort heraus, damit Ana es nicht sieht, tut er so, als huste er in die Serviette.</p><p>Als Wallner in das Zimmer tritt, f�llt sein erster Blick auf Anas BH und ihren Schl�pfer, die auf dem Bett liegen, die zerw�hlte Decke.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>08</strong></p><p>Wallner l��t die Akte aufgeschlagen auf dem Schreibtisch liegen, nimmt seinen �bergangsmantel von der Garderobe im Sekretariat, sagt zu Frau Beck, da� er noch etwas zu Hause vergessen habe und in einer Viertelstunde wieder zur�ck sei, eilt durch den Flur, das Treppenhaus hinaus. Es ist bew�lkt. Auf dem Parkplatz kommt ihm Ana entgegen. Sie fragt, ob etwas passiert sei, warum er es denn so eilig habe. Sie hat dabei wieder diesen Ausdruck, der Wallner immer an eine Kuh erinnert. Mit der flachen Hand schl�gt er ihr ins Gesicht. Wortlos ist sie nach hinten gekippt, noch mal, Ana kommt ihm entgegen, sagt etwas mit Kuh-Ausdruck, Wallner schl�gt ihr mit der flachen Hand ins Gesicht, auf die Nase, aus der sofort Blut rinnt.</p><p>Mit normalem Tempo, ohne sich zu hetzen, f�hrt er nach Hause, packt in seinen Koffer Kleidung f�r zehn Tage. Er schaut sich im Haus um, Geld? Hat er. Noch irgendwas? Er braucht ja nichts. Einen Regenschirm vielleicht. Den Wagen parkt er vor dem Bahnhof, in dem kaum etwas los ist. Wallner l�st eine Fahrkarte nach Paris.</p><p>�Einfach?� fragt die Frau am Schalter.</p><p>�Einfach�, sagt er.</p><p>�Da m�ssen Sie in N�rnberg und M�nchen umsteigen�, sagt die Frau.</p><p>�Wei� ich�, sagt Wallner.</p><p>Keine f�nf Minuten, und der Regionalexpre� nach N�rnberg f�hrt ein. Wallner setzt sich ans Fenster. Er sieht den Kirchturm von St. Jakob vorbeiziehen, den insolventen <emphasis>Axmann</emphasis>-M�belmarkt mit den leeren Auslagen. Am Horizont ist der Gewerbepark von Chamm�nster zu erkennen, das Flachdach von <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis>, das Fenster seines B�ros, ganz oben, das zweite von links, in dem noch Licht brennt. Schon ist die Silhouette der Stadt vor dem dunkelgr�nen Schlo�berg zu einem schwarzen Strich zusammengeschrumpft.</p><p>Das Telefon klingelt.</p><p>�Beck. Ich sollte Sie daran erinnern, da� der Herr Schmaderer um elf einen Termin hat�, sagt Frau Beck.</p><p>�Danke Ihnen�, sagt Wallner.</p><p>Mit einem Ruck ist er aufgestanden. Schmaderers Akte liegt aufgeschlagen vor ihm. Wallner geht ins Sekretariat, Frau Beck schaut �berrascht vom Computer auf. Sie hat nicht mit Wallner gerechnet. Wenn sie sich, wie jetzt, sicher vor ihm glaubt, macht sie Internet-Shopping, Wallner wei� das, aber das spielt in diesem Augenblick keine Rolle. Er nimmt seinen �bergangsmantel von der Garderobe und sagt: �Ich habe noch etwas Wichtiges zu Hause vergessen, bin in einer Viertelstunde wieder zur�ck.� Er eilt durch den Flur. Ana kommt ihm entgegen, er dachte, sie komme erst um elf in die Firma. Sie l�chelt ihm zu.</p><p>�Hast du wieder was liegengelassen zu Hause?� fragt sie.</p><p>Der Streit gestern abend wegen dem Sofa, das sie, ohne Wallner zu fragen, bestellt hat, scheint kein Thema mehr zu sein.</p><p>�Ja�, sagt er kurz und weicht ihrem Blick aus. Wallner sp�rt f�rmlich, wie sich ihre Gesichtsz�ge verh�rten, wie Ana das hier verletzt. �Entschuldigung�, sagt er schnell, geht zur�ck, umarmt sie, �Entschuldigung�, h�lt sie fest, m�chte sie nicht loslassen, �ich mu� weiter�, er schluckt, wendet sich ab, geht durch die Glast�r.</p><p>Im Treppenhaus hallen seine Schritte, als er hinunterl�uft, viel zu laut, der Kieselstein in seinem Kopf dr�ckt, es ist kaum auszuhalten. Auf dem Parkplatz atmet Wallner tief ein und aus, geht, als ihm schwindelt, in die Hocke, der teure Mantel schleift im Dreck, die Sonne scheint, keine Wolke ist am Himmel. Auf dem Weg nach Hause f�llt Wallner ein, da� Costin ja heute freihat. Costin wird ihn sehen, fragen, was los sei. Wallner f�hrt direkt zum Bahnhof. Er kann sich ja sp�ter alles, was er braucht, kaufen. Er beschlie�t, die Fahrkarte erst im Zug zu l�sen, und zwar sukzessive, eine nach N�rnberg, eine nach M�nchen, eine nach Paris, damit, falls Nachforschungen angestellt werden und die Frau am Schalter gefragt wird, seine Spuren verwischt sind.</p><p>Wallner setzt sich auf die Bank am Bahnsteig. Der Regionalexpre� nach N�rnberg hat Versp�tung. Wallner wei� pl�tzlich, da� er nicht in den Zug nach N�rnberg, nach M�nchen oder nach sonstwohin einsteigen wird, er hat es die ganzen letzten Minuten gewu�t, seit er das Firmengel�nde verlassen hat, um elf ist der Termin mit Schmaderer. Wallner steht auf, aus dem Augenwinkel hat er bei dem Getr�nkeautomaten neben ihm, ein paar Meter entfernt, einen Mann warten sehen, ungef�hr 1,85 gro�, leicht untersetzt, schon etwas �lter, br�nettes Haar, spitze Nase, blauer Mantel, Wallner l�uft es eiskalt �ber den R�cken. Was ist denn, wenn ihn jemand hier sieht, jemand, der ihn kennt, jemand, der Schmaderer kennt, der Wiget kennt und der ihm, vielleicht zuf�llig, erz�hlt, da� er Wallner werktags vormittags am Bahnsteig traf, �brigens, wei�t du, wen ich neulich.</p><p>Auf der Treppe der Unterf�hrung hat Wallner sich noch einmal kurz umgedreht, ob ihm der Mann am Bahnsteig nachsieht. Der Mann hat ihm in die Augen geblickt, auch er hat sich auf der Treppe zur Unterf�hrung gegen�ber umgedreht. Der Mann ist Wallner. Ungl�ubig betrachtet er sich selber noch ein paar Sekunden im Spiegel auf der R�ckseite des Getr�nkeautomaten.</p><p>Auf dem Weg vom Parkplatz zur Firma dr�ckt Wallner auf den Knopf am Schl�sselbund, um das Auto abzusperren. Summend klappen sich die Seitenspiegel ein. Wallner steigt die Treppe hoch, geht durch den Flur, im Sekretariat sch�ttelt er Schmaderer, der schon wartet, die Hand, h�lt ihm die T�r zum B�ro auf. Schmaderer setzt sich, Wallner schaut auf die aufgeschlagene Akte vor sich und sagt: �Ja, Herr Schmaderer, also das mit dem Rabatt, das verh�lt sich wie folgt. Bei einer Abnahme von drei Traktoren gew�hren wir einen Rabatt von sieben Prozent.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>09</strong></p><p>Er schlie�t den K�hlschrank und belegt einen Toast mit Emmentalerscheiben. Jemand kommt die Treppe heruntergerannt.</p><p>Costin steckt seinen Kopf durch die angelehnte K�chent�r und sagt: �Ciao, Tata. Heute schon so fr�h zu Hause?�</p><p>Wallner sagt: �Und du? Diese Tanzgeschichte?�, w�hrend er �berlegt, wann die Angst, die er immer hatte, als er dieses winzige Baby in den Armen hielt, als Costin auf seinem Rolli in der Garageneinfahrt seine Kreise drehte, als Costin auf der gemeinsamen Radtour nach Tschechien au�er Sichtweite vorausfuhr, um seine Unabh�ngigkeit zu demonstrieren, wann diese Angst, da� Costin (und auch Ana, als sie Costin jede Woche zum Gesangsunterricht nach Regensburg brachte) etwas zusto�en k�nnte, aufh�rte.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>10</strong></p><p>8.�Juni</p><p>N�rnberg. <emphasis>Horten. Karstadt. Saturn</emphasis>.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>11</strong></p><p>Er hat die Hand flach auf den Schreibtisch gelegt und versucht, etwas langsamer zu atmen. Vielleicht haben sich an seinen Mundr�ndern kleine wei�e Spuckeablagerungen gebildet. Wiget hat die ganze Zeit �ber bewegungslos mit �bereinandergeschlagenen Beinen dagesessen und hat sich den Bart gestrichen.</p><p>Er sagt: �Wenn du das jetzt so erkl�rst, Stefan, mit deinem Vater und so, dann wird jetzt nat�rlich einiges klarer. Ja, jetzt wird einiges klarer. Ich meine, man konnte ja schon so was ahnen, im Prinzip. Das war ja auch jetzt alles nicht so tragisch, mir ist das eben aufgefallen. Eben auch, weil das fr�her nie so war, da� du so neben dir stehst, da� du die Leute so anf�hrst, wir hatten ja auch immer, w�rde ich sagen, wirklich ein sehr gutes Verh�ltnis.�</p><p>�Ja�, sagt Wallner und nickt einmal kraftvoll.</p><p>�Ja, und wie gesagt, dann ist es auch nicht so schlimm, wenn ich das jetzt wei�, aber pa� halt besser auf, mit den Angestellten�, sagt Wiget.</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>�Wie ist das zu Hause momentan, mit euch?�</p><p>�Hat sie irgendwas gesagt?� fragt Wallner schnell und hat kurz von Wiget weg nach links auf die Fu�bodenleiste aus hellbraunem Holz gesehen, Wiget hat �Hmhm� gemacht und mit den Schultern gezuckt.</p><p>�Ich bin da oft unbeherrscht ihr gegen�ber, und ich wei� auch, da� ich sie da oft verletze in letzter Zeit, und das ist so�, Wallner macht eine kurze Pause, �Schei�e�, schaut Wiget ins Gesicht, der sich noch immer den Bart streicht, und f�hrt fort, �da� ich da nicht mit dem Tod vom Papa, ich meine von meinem Vater, klarkomme und da� ich mich da jetzt auch noch an der Ana abreagiere. Ich will das nicht. Und ich. Ich sch�me mich, Uli. Ich sch�me mich.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>Wiget fragt: �Habt Ihr schon dar�ber�, Wallner unterbricht ihn und sagt: �Wir werden das noch machen, wir m�ssen das machen, aber du wei�t ja, wie es ist, von ihr kam jetzt noch nichts, und sie ist sich sicher im klaren dar�ber, wie schwierig das alles ist, f�r mich, aber alles wei� sie nat�rlich auch nicht. Wir werden dar�ber reden. Ja.�</p><p>Es klopft.</p><p>Frau Beck tritt ein und sagt: �Herr Wiget, etwas Dringendes wegen Wolnzach. Ein Herr Kaiser.�</p><p>Wiget steht auf. Frau Beck steht noch in der T�r. Wallner m�chte zu Wiget gehen und ihn umarmen und noch einmal Danke oder etwas �hnliches sagen, bleibt dann aber stehen, hebt den Arm und sagt: �Also, bis nachher dann, Uli, gell� und l�chelt kurz Frau Beck zu, die zur�ckl�chelt. Nachdem sie die T�r geschlossen hat, setzt er sich wieder an seinen Schreibtisch und legt die Hand flach darauf. Er schaut auf die Fu�bodenleiste aus hellbraunem Holz, links, und schl�gt einmal sehr leicht mit der flachen Hand auf die Tischfl�che.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>12</strong></p><p>Im Sekretariat ist jemand. Eine schwarze Gestalt hat sich hinter der Milchglasscheibe bewegt, jetzt wieder, obwohl Frau Beck das Geb�ude schon l�ngst verlassen hat. Sie verabschiedete sich etwa vor einer halben Stunde bei ihm. Er hat sie vom Fenster aus �ber den Parkplatz zu ihrem silbernen Ford st�ckeln sehen. Er steht auf. Ihm ist etwas mulmig. Wer kann noch im Geb�ude sein? Nur Breitenbacher sitzt noch in seinem H�uschen an der Pforte. Wallner geht leise zur T�r und rei�t sie mit einem Ruck auf, er meint, gerade eben noch im ge�ffneten Spalt der T�r zum Flur ein Bein gesehen zu haben. Wallners Herz rast. Er tritt in den Flur, das Licht hat sich automatisch eingeschaltet. Der Flur ist leer. Wenn jemand vor Wallner aus dem Sekretariat gegangen ist, dann h�tte das Licht schon brennen m�ssen; unm�glich, da� jemand die Bewegungssensoren �berlistet. Aber da war jemand, Wallner ist sich sicher. Ratlos schlie�t er die T�r. Die Bl�tter des Ficus neben dem leeren Schreibtisch von Frau Beck zittern f�r einen Moment vom Luftzug und h�ngen dann wieder bewegungslos da.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>13</strong></p><p>Sie ist ruckartig aufgestanden und hat ihren Teller mit den Speiseresten klirrend auf den seinen gelegt. Ihre schwarzen Locken sind ihr dabei ins Gesicht gefallen, das hat sexy ausgesehen. Er wollte sie leicht am Arm festhalten, �Jetzt bleib doch mal da�, hat er gesagt, aber sie hat sich mit einer �bertriebenen Bewegung losgemacht und ist mit festem Schritt in Richtung K�che gegangen. Jetzt steht er auf, sieht ihr nach, wartet darauf, da� sie sich umdreht und �Das ist einfach zu-viel� oder �So was kannst du zu deinen Angestellten sagen, aber nicht zu mir� sagt. Er geht ihr nach. Sie steht mit gesenktem Kopf vor der Ablage, auf die sie die Teller abgestellt hat, er kennt ihren Gesichtsausdruck, sie versucht, nicht zu weinen.</p><p>Sie holt Luft und sagt: �Ich habe wirklich Verst�ndnis f�r alles, was du durchgemacht hast, mit deinem Vater und so, und ich habe dir auch geholfen�, sie atmet aus und holt Luft, �aber das�, sie h�lt den Atem an, �das ist jetzt eben zuviel. Das kannst du mit deinen Angestellten machen, aber nicht mit mir. Das geht jetzt zu weit mit deiner schlechten Laune, Stefan, wirklich.�</p><p>Jetzt h�lt sie es nicht mehr zur�ck, sie weint.</p><p>�Nimm auch Herrgott noch mal R�cksicht auf deine Mitmenschen. Bitte.�</p><p>Sie h�lt sich die flache Hand vor den Mund und geht zur T�r. Ohne ihn anzusehen, hat sie darauf gewartet, da� er einen Schritt zur Seite macht und sie durchl��t.</p><p>Er sagt: �Ana�, legt ihr die Hand auf die Schulter, den weichen hellblauen Wollpulli (= Bitte um Verzeihung). Sie hat Wallner angesehen, ohne ein b�ses Gesicht zu machen, wie er es eigentlich erwartet h�tte (= Wut), sondern mit Tr�nen in den Augen und auf den Wangen (= Trauer), f�r einige Momente (= m�glicher Beginn der Vergebung durch vorbehaltlose Darlegung der eigenen Gef�hle), dann ist sie in den Flur und weiter ins Wohnzimmer gegangen.</p><p>Er steht noch in der T�r und schaut auf die von der Dekkenlampe beleuchteten wei�en Kacheln des K�chenbodens. Er m�chte ihr sagen, da� er doch wisse, da� er sie verletze und da� er das nicht wolle und da� er sich sch�me, es ihm leid tue und da� es Schei�e sei, er sei �ber den Tod seines Vaters immer noch nicht weg und da� er das an ihr abreagiere, da� ihm das bewu�t sei.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>14</strong></p><p>Der Braunb�r streift durch das Unterholz. Die d�nnen St�mme der B�ume sind kahl. Der Braunb�r verfolgt mit der Schnauze am Boden eine F�hrte. Deutlich sind die Ger�usche, die er macht, zu h�ren, sein Schmatzen, Grunzen, Brummen. Das Feld ist von Schnee bedeckt. Der Wind weht Schneeschleier in die H�he. Der Braunb�r stapft �ber das Feld. Seine Beine versinken fast vollst�ndig im Schnee. Der Schnee knarzt. Der Braunb�r sitzt auf einer seichten Stelle im Flu�. Sein Fell ist na�. Mit einer nicht genau zu verfolgenden Bewegung seiner Vordertatzen f�ngt er einen mittelgro�en Fisch. Der Fisch windet sich so lange, bis ihm der Braunb�r den Kopf abbei�t.</p><p>M�nnliche Stimme aus dem Off: �Kira wird noch viele Fische fangen in diesem Herbst. Manchmal bis zu 40 an einem Nachmittag. Das ist auch dringend n�tig. In drei Wochen wird Kira Winterruhe halten. F�r drei Monate. Drei Monate, in denen sie zwar ihre H�hle nicht mehr verl��t. In denen sie aber auch zwei Junge zur Welt bringen wird.�</p><p>Der Braunb�r liegt eingerollt im engen Inneren einer H�hle. Das Licht ist schummrig. Seine Augen sind geschlossen. Er gibt Ger�usche von sich, R�cheln, Grunzen. Seine Ohren zucken.</p><p>Ana schaltet um.</p><p>Eduardo h�lt Constanze umarmt. Constanze hat ihren Kopf an Eduardos Brust gedr�ckt.</p><p>Constanze (leise): �Ich kann dein Herz schlagen h�ren.�</p><p>Ihre Lippenbewegungen sind nicht vollkommen synchron mit ihrer Stimme. Eduardo hat die Augen geschlossen. Er wiegt Constanze hin und her.</p><p>Eduardo (leise): �La� uns das, was heute abend geschehen ist, f�r uns behalten. Ich werde es nicht meinen und du wirst es nicht deinen Eltern erz�hlen.�</p><p>Es klopft.</p><p>Eduardo: �Herein.�</p><p>Eduardos Vater, Hernando, tritt ein.</p><p>Hernando: �Entschuldigung.�</p><p>Er l��t die T�r einen Spalt offen.</p><p>Hernando (von drau�en): �In zehn Minuten gibt es Abendessen, Kinder.�</p><p>Ana schaltet um. Die Uhr auf dem hellblauen Hintergrund zeigt 18:59 Uhr. Der Sekundenzeiger r�ckt von 51 auf 52.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>15</strong></p><p>13.�Juli</p><p>17:00 Uhr. Dr. Br�uer. Impfpa� mitbringen!</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>16</strong></p><p>14.�Juli</p><p>N�rnberg. Huber.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>17</strong></p><p>An einem Samstagnachmittag geht er in den Hobbyraum und sperrt die T�r hinter sich zu. Der Hobbyraum besitzt eine vergitterte Luke aus gelbem Glas. Vom Partykeller nebenan kann er den neuesten Song der im letzten Herbst im Fernsehen gecasteten Popgruppe h�ren, der, wie er von Costin wei�, gerade in die Top Ten eingestiegen ist. Wenn der Song zu Ende ist, entsteht eine Pause. Dann beginnt derselbe Song von vorn.</p><p>In den Modern Dance Lessons, die Costin einmal die Woche in Regensburg besucht, studiert er zusammen mit anderen Jugendlichen bei einem ehemaligen Juror einer Casting-Show Choreographien der aktuellen Popgruppen ein. Es ist sein gr��ter Wunsch, gecastet zu werden. Wie Wallner wei�, steht an der Wand neben der T�r des Hobbyraums Anas Camcorder auf einem Stativ. Costin filmt seine Tanzschritte und schaut sich dann die Aufnahmen an, um eigene Fehler zu erkennen und seine Wirkung auf ein m�gliches Publikum zu �berpr�fen. Kurz nachdem Ana Costin ihren Camcorder geschenkt hatte, hat er in seiner Freizeit mit seinen Freunden, vor allem aber zu Hause, beim Essen, w�hrend Wallner und Ana fernsahen oder sich unterhielten, gefilmt, bis es Wallner zuviel wurde und er es ihm eines abends verbot. Wallner hatte wieder �rger in der Firma gehabt, war zu Hause von Costin �berrascht worden, der ihm beim Aufsperren der Haust�r und Eintreten im Flur mit dem Camcorder aufgelauert hatte.</p><p>Wallner hat sich seit der Aufl�sung der Wohnung seines Vaters oft, bei der Arbeit in der Firma oder abends, kurz vorm Einschlafen, vorgestellt, wie er in den Keller geht, die Hobbyraumt�r hinter sich schlie�t, wie sein Blick �ber die hier gelagerten M�bel schweift, die braunen Umzugskartons, wie er ihre Laschen auseinanderzieht und nach und nach die Gegenst�nde herausholt, die er damals in Bergisch-Gladbach, hastig und ohne sie wirklich anzusehen, umger�umt hatte, die Fotos, die Aktenordner, den Fernseher, das Radio.</p><p>Wallners Blick schweift �ber die neuen M�bel, die Stehlampe, die zusammengerollten Teppiche, das Nachttischchen, das, sobald er seine Bankausbildung macht und eine eigene Wohnung hat, Costin bekommen soll. Wallner zieht die Laschen des Umzugskartons gleich neben der T�r auseinander und nimmt die Schuhschachtel heraus, in die er die Fototaschen aus den Schreibtischschubladen seines Vaters gelegt hatte.</p><p>Wallner hat sich vorgenommen, lediglich Stichproben durchzuf�hren und nicht alle Fotos anzuschauen. Man hebt einen Sto� Fotos ab, betrachtet das zuf�llig aufliegende Bild, in diesem Fall: den etwa 50j�hrigen G�nter Wallner mit Kniehosen und Wanderstock vor einer Waldkulisse, ungewohnt: mit schwarz-grauem Bart. Hier, im abgeschlossenen Hobbyraum, ist es dann auch, im Unterschied zu Bergisch-Gladbach, wo Ana anwesend war, m�glich, den eigenen Gef�hlen freien Lauf zu lassen.</p><p>Es tut gut, einfach einmal so f�r eine Minute zu weinen, aus Trauer dar�ber, da� der Vater gestorben ist, da� man nie wieder mit ihm reden k�nnen wird.</p><p>Das n�chste Foto, das aufliegt, nachdem Wallner einen weiteren Sto� abgehoben hat, zeigt seinen Vater, ungef�hr 70, an der Seite einer etwa gleichaltrigen Frau, wasserstoffblond, er hat den Arm um ihre Schulter gelegt, beide l�cheln, im Hintergrund der Petersdom.</p><p>Wallner sagt: �In Rom ist er auch gewesen.�</p><p>Handelt es sich bei der Frau um eine der Lebensabschnittsgef�hrtinnen seines Vaters, so wird sie seine letzte gewesen sein. Allerdings k�nnen die beiden zum Zeitpunkt des Tods von Wallners Vater nicht mehr zusammengewesen sein, jedenfalls war die Abgebildete nicht im Testament ber�cksichtigt worden. Sie und sein Vater werden, solange sie ein Paar gewesen waren, Ausfl�ge wie hier nach Rom gemacht, Kirchen und Museen besichtigt haben, gemeinsam essen gegangen sein. Sein Vater wird ihr viel von sich erz�hlt haben und dabei, zwangsweise, auch auf ihn, den Sohn, zu sprechen gekommen sein. Die Lebensabschnittsgef�hrtin wird Wallners Kindheit und Jugend kennen und �ber seine Familie Bescheid wissen, die Version des Vaters, versteht sich. Sie wird versucht haben, Wallners Vater zu erreichen und wird ihm zuerst h�fliche, dann vielleicht immer verzweifelter werdende, in jedem Fall aber inzwischen wieder gel�schte Nachrichten auf dem AB in der Kiste rechts hinterlassen, von seinem Tod aus den Zeitungen erfahren, geweint, eine Kerze an seinem Grab angez�ndet haben.</p><p>Sollte sie eines Tages hier in Cham anrufen und Forderungen stellen, dann wei� Wallner jetzt, wie er sie sich vorzustellen hat.</p><p>Die n�chsten Fotos aus dem Sto� sind Aufnahmen von Blumen.</p><p>Unter der Schuhschachtel mit den Fototaschen liegt das mit dunkelblauem Filz bezogene Album. Als er ein Kind war, hat er es zusammen mit seinem Vater angeschaut, sp�ter, w�hrend der Schulzeit oder wenn er von Regensburg aus auf Besuch war, auch allein. Nahezu dieselben Bilder kleben in einem anderen in dunkelbraunes Leder gebundenen Album, das er von seinen Gro�eltern geerbt hat und das jetzt oben im Wohnzimmer steht. Durch die Schwarzwei�fotos in beiden Alben kann sich Wallner die Mama als 17j�hrige Sch�lerin vorstellen, als 23j�hrige Braut, 35j�hrige Mutter und als 38j�hrige Schilddr�senkrebspatientin. Er kennt die Fotos auswendig, er mu� das dunkelblaue Album jetzt nicht noch einmal aufschlagen, er wei�, da� am Ende das Portr�t der ungef�hr 30j�hrigen Else Wallner (mit geschlossenem Mund l�chelnd, sie tr�gt eine Perlenkette, sie hat sehr volles schwarzes Haar) eingeklebt ist, das sich sowohl auf dem Schreibtisch seines Vaters in Bergisch-Gladbach befunden hat als auch auf seinem eigenen Schreibtisch, oben im B�ro, steht.</p><p>Er sagt: �Das ist jetzt das� und holt zwei Ordner aus dem Umzugskarton, die die mit einer Schablone aufgemalten Aufschriften <emphasis>F�lle</emphasis> und <emphasis>Rechnungen</emphasis> tragen. Der F�lle-Ordner ist durch farbige Einlagen unterteilt. Die Abfolge der Seiten innerhalb jeder farbigen Einlage ist, soweit Wallner das erkennen kann, stets dieselbe. Auf der ersten Seite wird ein Fall beschrieben, Wallner liest von einem X, m�nnlich, der mit Y, m�nnlich, einen Vertrag abschlie�t und diesen vorzeitig aufl�sen will, auf der zweiten Seite steht eine Frage zu dem Fall, �Ist die vorzeitige Aufl�sung des Vertragsverh�ltnisses m�glich?�, die folgenden Seiten enthalten eine Bearbeitung der Frage, �Nein�.</p><p>Wallner sieht seinen Vater, seit dessen Pensionierung Tutor f�r Jura-Studenten, in seiner Wohnung in Bergisch-Gladbach auf dem Sofa sitzen, das momentan noch im Partykeller lagert, neben ihm auf dem zum Sperrm�ll gegebenen Sessel ein Jura-Student mit Brille und blond gef�rbtem Haar. Wallners Vater und der Jura-Student haben sich �ber das rote <emphasis>BGB</emphasis>, das Stefan Wallner in Bergisch-Gladbach in einen der blauen S�cke gesteckt hat, auf dem ebenfalls ausrangierten Wohnzimmertischchen gebeugt. Wallners Vater erkl�rt dem Jura-Studenten einen Fall und bezieht sich auf die Zeit, als er selber Anwalt war.</p><p>Nein.</p><p>Wallner sieht seinen Vater allein im Wohnzimmer in Bergisch-Gladbach auf dem Sofa, vor sich auf dem Tisch den roten <emphasis>Sch�nfelder</emphasis>. Sein Vater verbringt seit seiner Pensionierung einen Teil seiner Zeit damit, sich F�lle auszudenken und diese dann selber zu l�sen, zum Spa�. Es gab keinen Jura-Studenten mit Brille und blond gef�rbtem Haar, dem sein Vater Nachhilfe erteilte. Die Telefonrechnungen vom Dezember des vorletzten und Januar des letzten Jahres im Rechnungen-Ordner, deren abgeheftete Seiten Wallner einmal vom Anfang bis zum Ende an seinem Daumen entlangbl�ttern l��t, sind in bezug auf die Anzahl der Verbindungen und die daraus entstandenen Kosten nahezu gleich.</p><p>Nebenan ist es still geworden. Er sieht Costin vor sich, verschwitzt, mit wei�em Stirnband, der die Kamera ausschaltet und zur T�r geht. Wallner holt aus dem Karton das Radio mit Kassettenrekorder und dreht den Schl�ssel so leise wie m�glich im T�rschlo� um. Er tritt aus der T�r, wartet ein bi�chen, dann tritt auch Costin, verschwitzt, mit wei�em Stirnband, aus der T�r des Partykellers nebenan.</p><p>Costin sagt: �Hechel. Bin ich platt. F�rs B�ro?� und deutet auf das Radio in Wallners Hand.</p><p>Wallner sagt: �F�r Ana.�</p><p>Als Wallner in die K�che tritt, steht Ana gerade vorn�bergebeugt am ge�ffneten Ofen. Es riecht nach Kuchen. Wallner stellt das Radio auf die Ablage neben dem Herd. �Schau mal. Kannst du das brauchen?�</p><p>Ana sieht kurz auf.</p><p>Wallner fragt: �Was machst du gerade?�</p><p>Ana sagt: �Ich backe.�</p><p>Wallner hat das Radio eingesteckt. Der Sender, der eingestellt ist, spielt einen Popsong, der letzten Sommer ein Hit war.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>18</strong></p><p>Sein rechter Schn�rsenkel ist aufgegangen. Wallner geht vor der T�r von Wigets B�ro in die Hocke und legt den Aktenordner auf den Boden. Hinter der T�r unterh�lt sich jemand, wenn sich Wallner nicht t�uscht, fl�sternd. Als Wallner sich wieder erhebt, h�rt er deutlich, wie die Worte �Wallner�, �Entm�ndigungsverfahren� und �Dr. Kaduk� fallen.</p><p>Wiget hat �Dr. Kaduk� gesagt.</p><p>Er wei� von Wallners Arztbesuch.</p><p>Frau Beck zischt: �Aber der hat das doch unterschrieben. Das mu� Herr Wallner ja nicht erfahren.�</p><p>Wallner klopft kurz und tritt ein. Frau Beck tr�gt ein hellrotes Sommerkleid mit Sonnenblumen. Wallner bemerkt, da� sein Herz wie wild schl�gt, schon die ganze Zeit �ber. Frau Beck sagt zu Wiget, normal laut: �Und dann sage ich zu meinem Mann, entweder wir fahren jetzt nach Madrid oder. .�</p><p>Wiget lacht laut auf und sagt: �Hallo, Stefan. Und wi�t ihr auch schon, wohin ihr heuer in den Urlaub fahrt?�</p><p>Wallner sagt: �Ach so. Wohin wir heuer in den Urlaub fahren?�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>19</strong></p><p>Wallner klingelt an der Haust�r der Wigets, schultert seine Sporttasche und streicht noch einmal mit der Hand �ber seine Frisur. Wiget �ffnet ihm. Bis auf das wei�e Handtuch, das er um die H�fte geschwungen hat, und die Flip-Flops ist er nackt.</p><p>Im Haus riecht es nach Kuchen. Astrid backt gerade eine Torte f�r Patrick, der morgen Geburtstag hat. Wallner k��t Astrid auf die Wangen und holt aus der Sporttasche das Geschenk f�r Patrick, das Ana besorgt hat, ein Computerspiel, in dem, soviel man der Beschreibung der R�ckseite entnehmen konnte, der Spieler im Ersten Weltkrieg wahlweise als General Schlachten plant, unter anderem auch jene von Verdun � <emphasis>Change History!</emphasis> steht auf dem grellgelben Aufkleber auf dem Cover �, oder aber als Soldat an der Front k�mpft. Ana sagt, da� der Verk�ufer in N�rnberg ihr erkl�rte, da� sich das Spiel bei der Gruppe der 15- bis 25j�hrigen gr��ter Beliebtheit erfreue.</p><p>Wiget, der neben Wallner durch den Flur, das Wohnzimmer und von dort aus durch einen Verbindungsgang hinter einer T�r zum Hallenbad schlurft, sagt, da� Patrick n�chsten Freitag mit seiner Klasse auf Skikurs nach Kitzb�hel fahre und da� er und Astrid hoffen, Patrick mache nicht denselben Bl�dsinn wie sein gro�er Bruder, als der damals auf Skikurs war und, wie sich ja Wallner wahrscheinlich noch erinnere, nach Hause geschickt wurde, weil er mit einer Klassenkameradin im Bett erwischt worden war.</p><p>W�hrend sich Wallner im Schwimmbad Schuhe, Socken, Mantel, Hose und Pulli auszieht, auf die Kleiderhaken an der Wand h�ngt, sich das rote Coca-Cola-Handtuch aus der Sporttasche umbindet und aus seiner Unterhose schl�pft, sagt er zu Wiget, der auf einem Hocker gegen�ber Platz genommen hat, da� er sich Sorgen mache. Wellenhofer, der Verk�ufer f�r den Bereich Nieder- und Oberbayern habe ihm heute vormittag in der Besprechung gesagt, er wolle zum Ende des Jahres aufh�ren, einen Ersatz f�r Wellenhofer zu finden w�rde schwierig werden, allein die Kontakte zu den Landwirten, die Wellenhofer habe, das komme nicht von heute auf morgen, das m�sse wachsen, auch habe Wellenhofer keine Angaben zu den Gr�nden seiner K�ndigung gemacht, Wellenhofer sei noch nicht im Alter f�r eine vorzeitige Pensionierung, man k�nne davon ausgehen, da� er abgeworben worden sei, vielleicht von Maier in Rosenheim. Wiget schiebt die Glast�r auf. Auf dem Weg zur Sauna am Rand des Grundst�cks, der durch die im Boden eingelassenen Lampen beleuchtet ist, h�lt Wallner wegen der K�lte die Arme vor der Brust verschr�nkt und fragt sich, ob Astrid sie beide jetzt vom K�chenfenster aus sehen kann, sicher sieht sie aus dem Fenster. Die Schneedecke, die auf dem Rasen ringsum hell schimmert, wird auf dem Feld hinter der Sauna matter und ist an der Stelle, wo der Wald beginnen mu�, tats�chlich vollst�ndig von der Dunkelheit verschluckt.</p><p>Wallner zieht die T�r zur Sauna auf.</p><p>Auf den Liegestufen sind schon zwei Handt�cher ausgebreitet.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>20</strong></p><p>�Ja?�</p><p>�La� uns das irgendwie hinter uns bringen. Da� wir da neu anfangen.�</p><p>�Es tut mir. .�</p><p>�Ich wei� schon. Ich wei� doch. Ich habe Sachen falsch gemacht, und du hast Sachen falsch gemacht. Vielleicht k�nnen wir das jetzt zu so einem Wendepunkt machen. La� uns einfach versuchen zu vergessen, was da passiert ist.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich h�tte das alles nicht ohne dich. Also du wei�t, da� ich das alles hier, die Firma, die Sache mit meinem Vater, da� ich. .�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>Er hat seine Hand in ihre gelegt, dr�ckt sie, fest.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>21</strong></p><p>27.�September</p><p>M�nchen. <emphasis>Konen. Bettenrid. M�venpick</emphasis>. Sonne.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>22</strong></p><p>Er wirft einen Blick von der Zeitung auf Ana und Costin und sagt: �Also langsam wird mir das unheimlich. Jetzt hat der Kuhn schon wieder ein Gesetz erlassen. Jetzt k�nnen die ohne weiteres hier Wanzen anbringen, hier reinkommen, einfach so und mein Tagebuch lesen. .�</p><p>�Du schreibst Tagebuch?� fragt Costin.</p><p>�. . also gut, dann eben <emphasis>dein</emphasis> Tagebuch. .�</p><p>�Ich habe kein Tagebuch�, sagt Costin.</p><p>�. . also irgendein Tagebuch halt dann, ist doch egal, die Sache ist doch: Die k�nnen einfach in privaten Sachen rumst�bern, auf blo�en Verdacht. Versteht ihr? Auf blo�en Verdacht.�</p><p>�Nein�, sagt Ana.</p><p>�Doch�, sagt Wallner, ohne von der Zeitung aufzuschauen. �Steht hier alles drin. Die schreiben das ja auch einfach so, als w�re es das Normalste von der Welt, und hier regt sich ja auch keiner auf, in anderen L�ndern, Skandinavien, Frankreich w�re das undenkbar, aber warum soll man sich hier auch dar�ber aufregen, man kann. .�</p><p>�Man kann ja eh nichts machen!� sagt Costin schnell.</p><p>Wallner schaut Costin �berrascht ins Gesicht. Wallner ist sich nicht sicher, ob Costin das eben ernst gemeint hat.</p><p>�Ich sage euch: Irgendwann, sp�testens wenn ich in Rente gehe und der Uli den Laden �bernimmt, dann hau ich ab!� Costin ist jetzt Wallner. Wie Wallner verleiht er den W�rtern Nachdruck, indem er beim Reden die Augen f�r Momente schlie�t und mit dem Kopf nickt. Wallner wird erst jetzt bewu�t, da� er selbst eben diese Geste gemacht hat, er macht sie immer, aber er achtet gar nicht mehr darauf. Ana lacht. Sie m�chte nicht mitspielen, um Wallner zu �rgern, findet Costins Vorstellung aber anscheinend witzig und vor allem auch treffend. Wallner k�nnte Ana und Costin erz�hlen, da� er glaubt, neulich abends in der Firma einen Einbrecher gesehen zu haben, und da� Wiget irgendwoher erfahren hat, da� Wallner bei Dr. Kaduk war.</p><p>Wallner sagt: �Macht euch nur �ber euren alten Vater lustig.�</p><p>Costin sagt: �Jaha. Dann hau ich ab und nehme mir �ne Wohnung in Paris! Da kann man auch mit wenig gut leben. Die Franzosen sind da viel weiter als die Deutschen. Savoir vivre kommt nicht von ungef�hr. Jaha. Ihr lacht.�</p><p>Wallner hat zu lachen begonnen. Einerseits ist das zwar ein bi�chen peinlich, so vorgef�hrt zu werden. Andererseits macht Costin das aber gerade richtig gut, und Wallner m�chte kein Spielverderber sein.</p><p>Er sagt noch einmal: �Macht euch nur �ber euren alten Vater lustig�, weil er wei�, da� Ana dann gleich zu ihm schauen und etwas Tr�stendes sagen wird.</p><p>Ana schaut zu ihm und sagt: �Aber nein. Du wei�t doch, wie das gemeint ist.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>23</strong></p><p>Er sitzt mit �bereinandergeschlagenen Beinen und verschr�nkten Armen auf dem Sessel vor dem Schreibtisch in seinem B�ro.</p><p>Vor seinem inneren Auge sieht er das Bett in seinem Schlafzimmer. Ana und er schlafen miteinander. Er st�tzt sich mit den Armen von der Matratze ab, die beige Decke mit Karomuster ist bis zu seinem nackten Ges�� gerutscht. Unter ihm liegt Ana. Sie h�lt sich mit beiden H�nden an seinen Schultern fest und hat die Beine angewinkelt. Der grau-schwarze Haaransatz in Wallners Nacken ist na�. Er hat dabei die Stirn in Falten gelegt, den Mund leicht ge�ffnet. Seine Augen sind zusammengekniffen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>24</strong></p><p>Das Glastischchen steht links von seinem Schreibtisch, die Stehlampe aus dem Wohnzimmer in Bergisch-Gladbach, die den Eltern seines Vaters oder seiner Mutter geh�rte, ist hinter der Milchglasscheibe im Sekretariat als gelber Fleck sichtbar, das schwarz bezogene Sofa, das, soviel er wei�, seine Eltern f�r ihr erstes Haus in Leverkusen kauften und auf dem er als Kind mit Soldatenfiguren spielte � die Rille ein Sch�tzengraben �, befindet sich jetzt in Wigets B�ro, davor der Orientteppich, den die Eltern seiner Mutter von einer Reise aus Indien mitbrachten. Mit der wei�en Kaffeemaschine aus der K�che seines Vaters machen alle Angestellten in der Teek�che der Firma im ersten Stock ihren Kaffee.</p><p>Wallner liest am Schreibtisch gerade die Unterlagen f�r das <emphasis>Projekt Brandenburg</emphasis>. Nach der Landflucht der vergangenen Jahre, die weite Teile Brandenburgs verwaist zur�cklie�, garantiert die Landesregierung jedem Bauern, der zur�ckkommt, das n�tige landwirtschaftliche Ger�t f�r zwei Jahre umsonst zur Verf�gung zu stellen. <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis> wurde aufgefordert, dem Landwirtschaftministerium ein Angebot zu unterbreiten. Wallner wei�, da� au�er <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis> noch zwei andere Firmen f�r das Projekt angefragt sind � van Riet in Hamburg und Gries in Jena, der den Standortvorteil h�tte. Vieles wird von der Video-Konferenz �bermorgen nachmittag abh�ngen, dem Eindruck, den er und Wiget beziehungsweise <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis> bei den Vertretern des Bauernverbunds Brandenburg und dem Landwirtschaftsministerium machen werden. Sollten sie den Auftrag erhalten, w�rde das nicht nur unmittelbare finanzielle Auswirkungen haben, auch langfristig w�rde sich das auszahlen, die Bauern, sofern das Projekt von Erfolg gekr�nt ist, w�rden ihnen �ber Jahre, Jahrzehnte hinweg die Treue halten und weiter bei ihnen Ersatzteile f�r neue Maschinen kaufen, der Kundenstamm w�rde sich ma�geblich erweitern. Wallner und Wiget k�nnten die Zahl ihrer Besch�ftigten vergr��ern, sie k�nnten Anteile an einer zweiten Firma erwerben, dann, wenn es wirklich gut l�uft, an die B�rse gehen, die Gesch�ftsleitung w�rde dann, wie schon mehrfach besprochen, in einen Rat umgewandelt werden, sie, das hei�t momentan noch er und Wiget, w�ren dann zu viert, zu f�nft, vielleicht.</p><p>Wiget ist vorhin hereingekommen, hat gesehen, da� Wallner, der kurz den Kopf gehoben hat, die Unterlagen f�r das <emphasis>Projekt Brandenburg</emphasis> studiert, und hat sich hinter ihn gestellt, wahrscheinlich, um mitzulesen. Er legt die Hand auf Wallners R�cken, genau zwischen die Schulterbl�tter. Schon seit dem Beginn ihrer Freundschaft macht Wiget diese Geste. Die Geste bedeutet Zuspruch.</p><p>Zum ersten Mal legte Wiget ihm damals, erinnert sich Wallner, im Wohnheim in Regensburg die Hand auf die Schulter, in der Stockwerkk�che, nachts, als Wallner sich allein zugesoffen hatte und Wiget pl�tzlich auftauchte. Wallner hatte vor sich hin gelallt, er schei�e auf die ZVS, er schei�e auf Regensburg, er schei�e auf BWL, er schei�e auf seinen Alten � in diesem Moment hatte Wiget gefragt, wie lange er schon hier im Wohnheim sei, er habe ihn ja noch nie gesehen, er komme wohl nicht aus Regensburg, er, Wiget, sei ja auch nicht von hier, er komme urspr�nglich aus Cham, ob er Cham kenne, in der Oberpfalz, ihm gehe es also genauso.</p><p>Warum hatte Wiget ihm eigentlich die Hand auf die Schulter gelegt? Wallner glaubt jetzt, er, also Wallner, habe damals zu flennen angefangen. Vielleicht hatte ihre erste Ann�herung auch erst sp�ter stattgefunden, beim Wohnheimfasching, als er, als Scheich oder Pirat verkleidet, an der Wand im von Stroboblitzen erhellten Atrium lehnte und er Wiget wegen der lauten Musik und dem Johlen der G�ste ins Ohr br�llte, die Neue im Wohnheim, die Rum�nin, sei in diesem Moment in seinem Zimmer, in seinem Bett, wenn Wiget es genau wissen wolle, er, Wallner, h�tte sie eben gefickt � gefickt, habe er verstanden?</p><p>Wiget sagt, er werde noch eine halbe Stunde machen und dann gehen und sich die Akten heute abend zu Hause vornehmen. Er bleibt vor der T�r zum Sekretariat stehen. Er habe ein gutes Gef�hl.</p><p>Wallner sagt, sie sollten sich morgen noch einmal zusammensetzen, um genau zu besprechen, wer von ihnen was bei der Konferenz sagt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>25</strong></p><p>Das Auto der Familie ist von hoch oben aufgenommen, von einem Hubschrauber aus. Das Auto f�hrt die Windungen einer Gebirgsstra�e entlang. Die H�nge der Berge sind �berwiegend unbewaldet und von hellgr�nem Gras bewachsen. Eine Synthesizer-Melodie setzt ein, die das <emphasis>Dies-Irae</emphasis>-Motiv variiert.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>26</strong></p><p>Er schlie�t die Haust�r hinter sich. Man m��te noch einmal �berlegen, ob man nicht doch einen zus�tzlichen Vertreter f�r Tschechien braucht. Wallner ist durch den Flur gegangen und hat pl�tzlich bemerkt, da� er seine Stra�enschuhe angelassen hat. Ana hat ihn gebeten, immer die Stra�enschuhe auszuziehen, wenn es geregnet hat. Der Boden wird sonst so dreckig, und sie ist dann jeden Tag am Putzen.</p><p>Die E�zimmert�r ist angelehnt. Dahinter hat Ana etwas auf rum�nisch, dann auf deutsch gesagt. Wallner hat �Verkauf der Firma� und �Entm�ndigungsverfahren� herausgeh�rt.</p><p>Costin lacht laut und erwidert: �Ja, aber das spannt der Tata ja nie.�</p><p>Auch Ana lacht, als Wallner ins E�zimmer tritt. Sie blickt ihn �berrascht an.</p><p>Costin sagt: �Servus, Tata. Wir haben gerade dar�ber geredet, wie du und Mama euch kennengelernt habt.�</p><p>Wallner sagt: �Ihr habt nicht gerade dar�ber geredet, wie Mama und ich uns kennengelernt haben.�</p><p>Costin sagt: �Doch. Wir haben gerade dar�ber geredet, wie ihr euch kennengelernt habt.�</p><p>Wallner sagt lauter, als er eigentlich wollte, er schreit ja fast, denkt er, als er die ersten W�rter spricht: �Ihr habt <emphasis>nicht</emphasis> gerade dar�ber geredet, wie Mama und ich uns kennengelernt haben.�</p><p>Er schaut in die erschreckten Gesichter Costins und Anas.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>27</strong></p><p>Da steht Witte im Blaumann vor seinem roten Golf.</p><p>Wallner ruft: �Einen sch�nen Abend noch� und winkt.</p><p>Als Wallner und Wiget die insolvente Firma von Karl Lindinger kauften, �bernahmen sie die meisten der damaligen Besch�ftigten, zu denen auch Witte geh�rte. Wallner und Wiget haben durch diesen Kauf die Jobs von 83 Besch�ftigten gerettet. Seit Wallner Witte zum Chefmonteur bef�rdert hat, ist Witte seine Kontaktperson zu den anderen Monteuren. Witte sagt Wallner, was man in der Halle so erz�hlt. Ab und zu, vielleicht einmal alle zwei Monate, laden die Wittes Wallner und Ana zum Essen zu sich ein. Frau Witte b�ckt ihr eigenes Brot.</p><p>Da ist Frau Beck. Sie st�ckelt zu ihrem silbernen Ford in der mittleren Reihe auf dem Parkplatz. Frau Beck hat kurz in Richtung Wallner und Ana gel�chelt und sich eine Str�hne aus der Stirn gestrichen. Wallner hat zur�ckgel�chelt.</p><p>Fakt ist, da� Wallner ihr und ihrem Mann damals geholfen hat, eine gr��ere Wohnung zu finden. Fakt ist auch, da� Wallner und Ana als eine Art Revanche bei Frau Becks Hochzeit eingeladen waren, von der ein Foto existiert, das Wallner, Ana und das Brautpaar zeigt und das in der letzten Reihe von Fotos auf der Kommode im Wallnerschen Wohnzimmer steht. Fakt ist weiter, da� Wallner Herrn Beck eine Stelle im Lager beschafft hat, obwohl es bessere Bewerber gegeben h�tte. Fakt ist schlie�lich, da� Wallner der Taufpate von Justin Beck, dem Sohn der Becks, geworden ist.</p><p>Wallner und Ana steigen in ihren hellroten Volvo, Ana f�hrt. Da ist Breitenbacher. Er kommt aus dem Pf�rtnerh�uschen, klappt die Schranke hoch, als er den Volvo anfahren sieht. Wallner winkt Breitenbacher aus dem Fenster.</p><p>Breitenbacher f�hrt jedes Jahr mit seiner Frau Yvonne oder Petra Breitenbacher, Wallner wei� nicht mehr genau, wie sie hei�t, im Sommer nach Spanien, von wo sie Wallner immer eine stark riechende Peperoni-Salami mitbringen.</p><p>Wallner fragt Ana, ob sie die 31 wolle. Ana nickt. Er ruft auf dem Handy beim Chinesen an, er bestellt einmal die 30 und einmal die 31. Am Marktplatz vor dem Restaurant ist Ana ausgestiegen und das Essen holen gegangen, Wallner wartet im Auto, er will es nicht riskieren, den Humpfm�ller oder Schwaiger zu treffen, die sich, glaubt er, gerade in der Stadtratssitzung im Rathaus gegen�ber befinden.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>28</strong></p><p>Ana biegt in das Wohngebiet ein. Als sie von Regensburg nach Cham gezogen waren, war das Wohngebiet im Stadtteil Siechen ein Neubaugebiet, von dem nur ein Schachbrett aus geteerten Stra�en um leere Quadrate existierte, hier und da Gruben, Rohbauten, erst zwei fertige H�user, eines davon ihres. Costin hatte den Ausschlag gegeben, hier und nicht etwa neben dem Gewerbepark und der Firma, in Chamm�nster, zu bauen. Zwar hatte Costin noch gar nicht existiert; ein Kind war zum Zeitpunkt des Umzugs aber Teil der Planung gewesen, das Neubaugebiet w�rde eine familienfreundliche Umgebung sein; Wallners und Anas Tochter, Johanna (Wallners Wunsch), oder Sohn, Costin (Anas Wunsch), w�rde nicht nur sicher in einer Tempo-30-Zone aufwachsen und durch die anderen Kinder des Gebiets, die hier einmal wohnen w�rden, schnell Gesellschaft haben, sondern sie/er h�tte es auch nicht weit zum Kindergarten, zur Grundschule und sp�ter zum Gymnasium, sie/er w�rde aufs Gymnasium gehen.</p><p>N�chstes Jahr macht Costin Abitur, das er bestehen wird. Costin wird als zu ber�cksichtigender Faktor wegfallen. Es w�re m�glich, ein Haus neben der Firma in Chamm�nster zu bauen, vielleicht sogar in derselben Stra�e, der Pappelallee, in der die Villa der Wigets steht.</p><p>Wallner und Ana steigen aus. In den Fenstern der anderen H�user brennt Licht, Wallner kann die Umrisse von Frauen ausmachen, die vom Abendessenkochen gerade einen kurzen Blick nach drau�en werfen, ihn beobachten, von den Rentnern, immer diese Rentner �berall, einen sieht Wallner jeden Sonntagnachmittag auf dem mit Topfpflanzen zugestellten Balkon schr�g gegen�ber, nat�rlich ideal, um sich ein wenig zu verstecken.</p><p>In der Diele �ffnet Wallner den Knopf seiner Anzughose und b�ckt sich, um sie auszuziehen. Aus dem Wohnzimmer sind Stimmen zu h�ren. Er kn�pft sich schnell die Hose wieder zu. Irgendwer hat zu singen angefangen.</p><p>Als Wallner durch die angelehnte Wohnzimmert�r tritt, hat Costin, in der Mitte des Zimmers, getanzt, dabei gesungen, auf dem Sofa haben ihm zwei Jungen zugeschaut, seine Freunde aus der Schule, der mit den ausgebeulten Hip-Hop-Hosen hei�t Markus oder Marco, der andere, der Untersetzte mit dem Mecki, hat diesen Namen, bei dem Wallner zuerst dachte, er sei urspr�nglich griechisch oder spanisch, bevor er von Ana erfuhr, da� Quirin eigentlich altbayerisch sei. Aus den Styroporschachteln auf dem Wohnzimmertisch riecht es nach indischem Essen, daneben stapeln sich Comic-Hefte.</p><p>Bevor er mit dem Singen und sp�ter mit dem Tanzen anfing, hatte Costin exzessiv Comics gesammelt, im Urlaub hatte seine Lekt�re ausschlie�lich aus irgendwelchen Heften bestanden, im Haus hatten sie haufenweise herumgelegen, auf dem Fu�boden, den St�hlen, dem Sofa, oft zerfledderte und vergilbte Dinger, die aussahen, als w�ren sie noch vor Costins Geburt erschienen. Costin und seine Freunde sa�en auf der Terrasse oder, wie jetzt, im Wohnzimmer zusammen, hatten Hefte getauscht, ja ver- und gekauft. Die hatten ein regelrechtes Gesch�ft am Laufen.</p><p>Quirin und der andere Junge haben es nach der Begr��ung sichtlich eilig zu gehen. Als sich die beiden verabschieden, sagt Costin, er komme gleich nach, sie sollen beim Auto auf ihn warten, woraufhin sie irgend etwas erwidert haben, schnell, lachend, irgend etwas, was Wallner nicht verstanden hat. Costin hat offenbar seinen Freunden seine neueste Einstudierung vorgef�hrt. Es dr�ngen sich in diesem Moment Fragen auf. Ist es m�glich, da� Costin tags�ber, wenn Wallner und Ana nicht zu Hause sind, in seinem Zimmer, in dem, f�llt Wallner ein, er, Wallner, schon lange nicht mehr war, den gerade hier anwesenden Schulfreunden nicht nur etwas vortanzt, sondern sich mit ihnen auch auf eine nicht mehr g�nzlich harmlose Art und Weise vergn�gt? Wobei statt Schulfreunden auch Schulfreundinnen denkbar w�ren, Ana hatte einmal etwas von einer Christina erz�hlt, mit der Costin gehe. G�be es Wege, Costins bi- oder heterosexuellen Abenteuern nachzugehen?</p><p>Costin sagt, er m�sse jetzt los. Er k��t Ana, dann Wallner, links, rechts, auf die Wangen. Anas Eltern haben Ana und Costin � nicht Wallner � zur Begr��ung und Verabschiedung immer auf die Wangen gek��t. Ungef�hr seit Anas Vater vor vier Jahren gestorben ist, hat Costin begonnen, nicht nur Ana, Wallner und seine Gro�mutter vor allem beim Verabschieden auf die Wangen zu k�ssen, sondern auch seine Freunde beziehungsweise Freundinnen in der Schule, Wallner hat es bei Costins letztem Geburtstagsfest gesehen, das er zu Hause feierte.</p><p>Costin fragt Ana: �Cum �i-a fost ziua?�</p><p>Ana antwortet ihm auf rum�nisch.</p><p>Ana ist zwar in M�nchen geboren, spricht aber in ihrer Familie, das hei�t mit Elena, ihrer Mutter in Regensburg, deren Freunden in der rum�nischen Gemeinde und mit ihren Verwandten, die sie seit 1990 in Bukarest ab und zu besucht, rum�nisch, mit allen anderen, das hei�t auch Wallner, deutsch. W�hrend Wallner in den ersten Jahren seiner Beziehung mit Ana einige Phrasen auf rum�nisch gelernt hat, �Wie geht es dir�, �Ich liebe dich�, �Ich vermisse dich�, hat Ana Costin, als er noch ein Baby war, zuerst Rum�nisch und dann erst Deutsch beigebracht. Sp�ter ist er nur ungern allein mit seinen Gro�eltern, die nur schlecht Deutsch konnten, zusammengewesen, weil sie sich mit ihm ausschlie�lich auf rum�nisch unterhielten. Inzwischen meldet sich Costin, dessen Oberpf�lzer Dialekt nicht so stark ist wie der seiner Freunde am Gymnasium, wenn ihm seine Mutter den Telefonh�rer reicht und sagt, es sei seine Gro�mutter, von selbst mit �Bun�?�</p><p>Als die Haust�r zuf�llt, �ffnet Wallner den Knopf seiner Anzughose und zieht sie aus. Er setzt sich in den Shorts aufs Sofa und h�rt Ana aus der K�che, das Knistern der Plastikt�ten mit dem chinesischen Essen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>29</strong></p><p>Er schaut zu Wiget und wartet darauf, da� er sich zu ihm dreht. Wiget r�ckt das Mikrofon des Headsets vor seinem Mund zurecht, r�uspert sich mehrmals und schaut auf den Bildschirm, auf dem jetzt die letzten Sekunden des kurzen Demos der Firma laufen.</p><p>Wallner w�rde gern, bevor auf dem Bildschirm wieder der Konferenztisch in Berlin mit den Vertretern des Landwirtschaftsministeriums von Brandenburg erscheint und sein eigenes und Wigets Bild von der Kamera auf dem Stativ vor dem Bildschirm am Ende des Konferenztisches nach Berlin �bertragen wird, einen Blick der Best�tigung austauschen. Seit Beginn der Pr�sentation hatte Wallner den Konferenzraum um sich herum vergessen.</p><p>Er achtete darauf, durch die Gestik des Teils seines Oberk�rpers (Schultern, Arme mit H�nden), der von der Kamera gefilmt wird, sowie durch seine Mimik einen glaubw�rdigen und selbstbewu�ten Eindruck auf die Vertreter in Berlin zu machen. Den Text, mit dem er die eingestreuten Power-Point-Statistiken zur Bilanz, Entwicklung und Kapazit�t der Firma erl�uterte, hat er inklusive Intonation auswendig gelernt.</p><p>Im Konferenzzimmer riecht es vom Holzpflegemittel stark nach Zitrone.</p><p>Wallner nimmt an, da� die Vertreter das Demo zur�ckgelehnt in ihren St�hlen mit verschr�nkten Armen verfolgen, erste Wertungen und Eindr�cke werden sie durch Blicke austauschen, die Mikrofone haben sie nicht ausgeschaltet: Ab und zu ist �ber der Tonspur des Films ein Husten, ein Fl�stern und R�uspern in Wallners Kopfh�rern zu h�ren.</p><p>Jetzt kommt gleich der Fragenteil. Der Fragenteil ist entscheidend.</p><p>Wallner und Wiget besprachen die letzten Tage, welche Fragen wahrscheinlich gestellt werden w�rden. Sie machten zwei Probepr�sentationen. Einmal �bernahm Wallner die Rolle der Vertreter und stellte Wiget Fragen, einmal umgekehrt.</p><p>Auf dem Bildschirm sind die Vertreter zur�ckgelehnt am Konferenztisch mit verschr�nkten Armen in ihren Sesseln erschienen. Herr Busmann, links am Tisch, der Vorsitzende des Bauernverbands, hat das Mikrofon seines Headsets zur Seite gedreht, sich zu Herrn Soundso, Wallner hat gerade seinen Namen nicht pr�sent, neben ihm gebeugt und mit ihm etwas besprochen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>30</strong></p><p>Das Telefon klingelt, einmal, zweimal. Wallner schaut auf das Display, eine Nummer, die er nicht kennt. Warum hat Frau Beck die einfach so durchgestellt?</p><p>�Wallner�, meldet er sich.</p><p>Aus dem H�rer ist Rauschen gekommen, dann, weit entfernt, �All�?�</p><p>Eine M�nnerstimme.</p><p>�Hallo?� sagt Wallner.</p><p>�All�?� die M�nnerstimme.</p><p>�Wer spricht bitte?� fragt Wallner.</p><p>�Wer spricht bitte?� fragt die M�nnerstimme.</p><p>Wallner legt erschrocken auf. Zu sp�t erkennt er, da� er gerade einen Fehler begangen und sich selbst um die M�glichkeit gebracht hat, herauszufinden, wer ihn da �rgern oder aber sogar, falls das noch einmal vorkommt, terrorisieren will. Die Nummer auf dem Display ist erloschen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>31</strong></p><p>Die Soldaten, die aus dem Kessel in Stalingrad geflohen sind, sitzen auf der �berdachten Ladefl�che eines LKWs. Drau�en tobt ein Schneesturm.</p><p>Der Schauspieler mit den abstehenden Ohren (erregt): �Entweder wir machen das jetzt so, oder ich steige aus und gehe von hier nach Deutschland � zu Fu�!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>32</strong></p><p>10.�Oktober</p><p>Gro�er Arber. Mit Uli. Schon Schnee. Sch�n.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>33</strong></p><p>Wallner geht durch das dunkle Schlafzimmer. Er mu� aufsto�en und kann die H�hnchenst�cke mit der scharfen chinesischen Sauce riechen, die er zum Abendessen gegessen hatte. Obwohl er das Bett, die Kante, jetzt nicht sehen kann, wei� er, wo sie sich befinden mu� und weicht ihr auf dem Weg zum Fenster aus. Wallner l��t den Rolladen herunter.</p><p>Am Wochenende steht Ana hier manchmal, winkt ihn zu sich und deutet, fl�sternd, als ob die Tiere sie h�ren k�nnten, auf Hasen oder Rehe auf den Feldern am Fu� des Galgenbergs, der, eher H�gel als Berg, mit seinen sanft ansteigenden Wiesen eigentlich ganz friedlich aussieht. Abends ist es im Haus fast vollkommen still. Nur von der Ostmarkstra�e, der einzigen Verbindung zu den Autobahnen, kommt hin und wieder ein dumpfes Brummen. Nach einer Krise am Anfang, w�hrend der sie Wallner vorgeworfen hatte, ihre Karriere ruiniert zu haben � was mache sie, eine fast zu Ende studierte Veterin�rmedizinerin und fertig ausgebildete Kinderg�rtnerin bitte als Buchhalterin in einer Firma f�r Landmaschinen?�� , w�hrend der sie �fter mit Costin im Gep�ck f�r Tage einfach abgehauen war, zu ihren Eltern nach M�nchen, w�hrend der sie geklagt hatte, hier au�er Astrid Wiget keine Freundinnen zu haben, und dabei in einer Mischung aus Gebell und Muhen den Oberpf�lzer Dialekt nachgemacht hatte, hat Ana sich eingelebt. Fr�her begann Ana zu weinen, wenn sie, aus dem Urlaub kommend, von der Autobahn die Ausfahrt Richtung Cham nahmen. Jetzt h�rt sie Wallner zu, wenn er von den Sachen erz�hlt, die er am n�chsten Tag in der Firma erledigen mu�, stellt sachbezogene Fragen, gr��t beim Aussteigen die Nachbarn, die vielleicht gerade die Einfahrt kehren, und tr�gt die Koffer ins Haus. Ana hat jetzt zwar kein positives, aber ein neutrales Verh�ltnis zu Cham.</p><p>Er hat vor dem Spiegel im Badezimmer Wasser in seine hohle Hand laufen lassen und seine Achseln, seinen Brustk�rper und sein Glied besprengt. W�hrend er dann Z�hne putzt, ist Ana ins Badezimmer getreten. Sie ist nackt und tr�gt ein Stirnband, damit ihr die Haare beim Waschen nicht ins Gesicht fallen. Vor etwa f�nf Monaten war Ana ebenfalls nackt ins Badezimmer gekommen, und Wallner hatte nach einer Weile gesagt, da� sie ihrer Mutter Elena, fr�her bildh�bsch, jetzt dick, immer �hnlicher werde. Bis vor etwa einem Monat hatte Ana deshalb, wenn sie abends ins Badezimmer kam, bereits ihr Nachthemd an. Anas nackter K�rper hei�t, da� sie entweder vergessen hat, was Wallner ihr damals gesagt hat, oder da� sie Wallner verziehen hat.</p><p>Wallner hat sich auf das Bett gelegt, den Fernseher eingeschaltet und die Wildacker-DVD, den Film �ber den Drei�igj�hrigen Krieg, zu der Stelle vorlaufen lassen, bei der er noch sicher wei�, da� er sie vor zwei Tagen gesehen hatte und noch nicht eingeschlafen war. W�hrend Wildacker in einer Bauernstube geboren wird, die Pl�nderung des elterlichen Bauernhofs und die Vergewaltigung seiner Mutter miterlebt, Heere aufeinander zust�rzen und tote Soldaten verstreut auf nebligen Wiesen liegen, ist Ana aus dem Bad ins Schlafzimmer gekommen und hat das Licht ausgeschaltet. Sie hat �Nacht, Schatz� gemurmelt und sich dann auf die Seite gedreht. Schon nach wenigen Minuten, als Wildacker zusammen mit anderen Soldaten in Wallensteins Lager Nachtwache h�lt, hat Wallner Anas gleichm��igen Atem geh�rt und aus der Richtung ihres Gesichts die Minzzahnpasta gerochen.</p><p>Wallner hat Ana, seit er sie kennt, darum beneidet, da� sie nur die Augen zu schlie�en braucht und sie, egal wo, egal in welcher Position, von einem Moment zum anderen f�hig ist einzuschlafen. Er mu�, um einschlafen zu k�nnen, im Bett noch etwas tun, lesen oder fernsehen zum Beispiel.</p><p>Er sp�rt jetzt, da� seine Lider schwerer werden, und achtet noch darauf, was gerade im Film passiert, damit er morgen wei�, zu welcher Stelle er vorspulen mu�, dann sind ihm die Augen zugefallen, w�hrend er noch die Stimmen und Ger�usche vom Film, der weiterl�uft, bis zum Ende, jede Nacht, im Ohr hat.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>34</strong></p><p>8.�Dezember</p><p>N�rnberg. <emphasis>Hugendubel</emphasis>.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>35</strong></p><p>19.�Januar</p><p>Messe Frankfurt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>36</strong></p><p>Wallner w�hlt um 17:24 Uhr von seinem B�ro aus die Durchwahl der Buchhaltung, um Ana Bescheid zu sagen, da� er so in 20 Minuten fertig sein werde und da� sie dann zusammen nach Hause fahren k�nnen, beim zweiten Klingeln ist ihm eingefallen, da� Ana ja gar nicht in der Firma ist, weil sie heute morgen mit Costin mit der Bahn nach Regensburg und von dort mit ihrer Mutter in deren gebrauchten Audi-Kombi zum einw�chigen Verwandtenbesuch nach Bukarest aufgebrochen ist.</p><p>Eine Viertelstunde sp�ter hat Wallner Wiget abgeholt. Wie ein paar Tage zuvor besprochen, nachdem Anas und Costins Reise feststand, i�t Wallner heute abend und morgen nicht zu Hause in Siechen, sondern bei den Wigets in Chamm�nster und schl�ft auch bei ihnen. Weil Wiget noch etwas aus der Apotheke am Marktplatz braucht, ist Wallner schon einmal vorausgefahren, die Pappelallee entlang, gibt am Tor der Wiget-Villa die Zahlenkombination ein, die Torfl�gel �ffnen sich, Wallner parkt den Volvo in der Garage.</p><p>Astrid und er begr��en sich im Windfang, sie tr�gt so einen kurz�rmeligen lila Angora-Pulli wie Ana auch einen besitzt, Ana hat ihn viel zu selten an. Astrid sind die blonden Lokken in die Stirn gefallen, das sieht sexy aus.</p><p>Astrid fragt: �Wie war dein Tag, Schatz?�, gleich danach lacht sie kurz auf.</p><p>Wallner stellt seine Reisetasche im Windfang ab, w�hrend er die Kellertreppe heruntersteigt, um am Kleiderst�nder im Flur sein Sakko aufzuh�ngen. Als er sich gegen�ber von Astrid auf das Sofa im Wohnzimmer setzt, erz�hlt er ihr von dem Telefongespr�ch mit Brandenburg heute, bei dem er positive Signale erhalten habe. Astrid erz�hlt ihm, da� sie einen harten Tag gehabt habe, auf der Station sei heute der Teufel los gewesen. Wallner erkundigt sich, ob es Thea, Astrids Sorgenkind auf der Station, heute besser gegangen sei oder ob sie noch immer so schlecht auf die Chemo reagiere.</p><p>Maximilian � Maximilian nach Ulrich Wigets Vater Maximilian Wiget � und Patrick � Patrick wie Patrick Sujet, der S�nger � sind ins Wohnzimmer gekommen. Beide tragen Turnschuhe, kurze Hosen und T-Shirts, Patrick dribbelt mit einem Basketball auf der Stelle.</p><p>Wallner sagt: �Hey� und versucht, die beiden in die Seite zu zwicken.</p><p>Maximilian sagt, da� sie eine Runde auf dem Platz gegen�ber spielen werden, und fragt, ob Wallner mitwolle.</p><p>Wallner ist in den Keller gegangen und hat sich Wigets Turnschuhe, die in der Garderobe stehen, angezogen. Auf dem Sportplatz haben zuerst Wallner und Patrick ein Team gegen Maximilian gebildet. Immer wenn Patrick Wallner den Ball �ber seinen Bruder hinweg zuwirft, ruft er: �Stefan.� Wallner macht zwei Schritte auf den Korb zu, Maximilian springt abwehrend in die H�he, Wallner f�lscht den Ball ab und ruft: �Patrick.� W�hrend dann Maximilian und Patrick gegen Wallner spielen und er immer seltener angegriffen oder abgewehrt hat, haben Maximilian und Patrick, vor Wallner hin und her dribbelnd, immer wieder herausfordernd gesagt: �Na komm� oder �Komm schon� oder �Nicht so schlapp, Opa.�</p><p>Zur�ck im Keller des Wiget-Hauses duscht Wallner und geht mit umgebundenem Handtuch in das G�stezimmer neben dem Badezimmer. Er �ffnet den Wandschrank, in dem sich neben ausrangierten R�cken, Blusen von Astrid und Anz�gen von Wiget auch Kleidungsst�cke von ihm befinden. Als Wallner ins E�zimmer im Erdgescho� tritt, sitzen Wiget und Astrid bereits am Tisch. Maximilian und Patrick haben sich noch kurz dazugesellt, sie haben sich umgezogen und riechen nach Jasmin. Maximilian und Patrick werden in die Disco in Vilzling fahren, die fr�her, wie Wallner wei�, <emphasis>Jungle</emphasis> hie�, jetzt aber wahrscheinlich einen anderen Namen tr�gt, der Besitzer ist jedenfalls nicht mehr derselbe. Maximilian und Patrick sagen, da� sie in einen der Theme-Clubs im neuen Entertainment-Areal Richtung Furth im Wald fahren, von dessen Neuer�ffnung Wallner aus der Zeitung erfahren hat, Costin, der ihm am ehesten mehr dar�ber sagen k�nnte, ist dort noch nie gewesen, das w��te Wallner. Der Theme-Club habe das antike Rom als Motiv, das Innere sei wie ein Tempel eingerichtet, mit S�ulen, die Bedienungen servieren in Togen, die Cocktails, so Maximilian, seien nach r�mischen Gottheiten benannt. Die Disco in Vilzling gebe es seit ungef�hr zwei Jahren nicht mehr.</p><p>Nach dem Essen gehen Wallner und Wiget ins Wohnzimmer, Wallner �ffnet die untersten T�ren des linken Schranks neben dem Fernseher, um die DVD mit der polnischen Tragikom�die, dem Oscar-Gewinner f�r den besten fremdsprachigen Film letztes Jahr, herauszusuchen. Als er seine Finger an den R�cken der H�llen entlanggleiten l��t, f�llt sein Blick auf den Spielfilm �ber den Einsatz der Bundeswehr in Angola vor einigen Jahren, den er Anfang des Jahres im Kino zu sehen vers�umt hatte. W�hrend der ersten Minuten des Films, in dem anhand von Dokumentarmaterial die Geschichte des B�rgerkriegs in Angola und der Beschlu� der EU-Staaten, eine europ�ische Eingreifgruppe aus mehreren tausend Soldaten nach Luanda zu entsenden � Zentrum der K�mpfe und Titel des Films �, erz�hlt wird, schaut Wallner zu Wiget, weil er noch kurz �ber Brandenburg sprechen m�chte.</p><p>Wiget hat die Augen nur halb ge�ffnet und h�lt sich mit einer Hand ein Kissen vor den Bauch. Wallner wei�, da� Wiget m�de ist und da� es zu keinem befriedigenden Gespr�ch �ber Brandenburg kommen w�rde. Astrid hat sich schon ihren Pyjama angezogen. Wallner kann sehen, wie sich unter dem Oberteil ihre Nippel abzeichnen. Wei� Astrid das? Wei� sie, da� Wallner das bemerkt? M�chte sie das? Was bedeutet das? Sie kommt ins Wohnzimmer und setzt sich zwischen Wiget und Wallner.</p><p>Im Film hat die eigentliche Handlung, die fiktiven Einzelschicksale einer sechsk�pfigen deutschen Special-force-Truppe, begonnen. Jeder Soldat geht anders mit der Nachricht um, nach Luanda entsandt zu werden. Der eine h�lt eine Abschiedsfeier mit seiner Familie und seinen Freunden, die andere sitzt mit Tr�nen in den Augen im Arm ihres Freundes auf der Couch et cetera. Astrid sagt, da� sie sich das nicht ansehen k�nne. Sie steht auf und sagt, die H�nde vor der Brust verschr�nkt, Wiget und Wallner gute Nacht.</p><p>Im Film springt die sechsk�pfige Special-force-Truppe zusammen mit anderen Bundeswehrsoldaten �ber der K�ste Luandas mit dem Fallschirm ab. In das Spielfilmmaterial sind die bekannten Amateurvideoaufnahmen hineingeschnitten, die, von der K�ste aus gemacht, die unscharfen Gestalten in der Luft und im Wasser zeigen. Viele Soldaten werden von den Kugeln der Rebellen getroffen, die pl�tzlich, vollkommen unerwartet, zu feuern beginnen, Leichname treiben an Fallschirmen im Meer, darunter auch der eines Soldaten aus der deutschen Special-force-Truppe. Seine Kameradin hebt seinen Kopf an den Haaren aus dem Wasser, erkennt ihn und schreit auf.</p><p>Ulrich Wiget sagt: �Ich wei�, da� du an Brandenburg denkst. Du denkst, da� wir den Auftrag bekommen und da� wir uns nach neuen Zulieferern umsehen sollten. Und du denkst noch einen Schritt weiter. Du denkst, da�, wenn Brandenburg gut �ber die B�hne geht, wir dann Anteile an Chutkowski in Danzig kaufen k�nnen und vielleicht auf lange Sicht die ganze Firma. Ich glaube auch, da� wir Brandenburg bekommen werden. Gries ist schon l�ngst aus dem Rennen, und unsere Bilanz ist besser als die von van Riet. Ich werde am Montag in Riga anrufen und sehen, was deren Angebot f�r Schaufeln w�re.�</p><p>Am Samstag sind Wiget, Astrid und Wallner spontan nach M�nchen gefahren. In einem M�belhaus sitzen er und Wiget Probe und haben dann f�nf neue Schreibtischst�hle f�r die Firma gekauft; in der Damenabteilung eines Modehauses hat Wallner ihn gefragt, welches von zwei Kleidern er als Geschenk f�r Ana zu ihrem Geburtstag besser f�nde. Am Sonntag hat Wallner Wiget in dessen Haus beim Ausbau des Wintergartens geholfen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>37</strong></p><p>Wallner nimmt im Sessel, Ana auf dem Sofa Platz. Ana hat sich den �bergangsmantel, den sie getragen hat, als Wallner sie und Costin vom letzten Zug aus Regensburg am Chamer Bahnhof abholte, nicht ausgezogen. Die Wohnzimmerdecke vibriert dumpf von den Schritten Costins, der sofort nach oben in sein Zimmer schlafen gegangen ist, weil er am n�chsten Tag Schule hat, au�erdem sei er todm�de. Auf dem Wohnzimmertisch liegt auf einer T�te mit rum�nischem Aufdruck ein �lbild in einem Holzrahmen, das einen Mann mit wei�em Schnauzbart, einem Monokel im rechten Auge und einer Warze �ber dem linken Mundwinkel zeigt.</p><p>Ana sagt, da� das ihr Gro�vater Mihai sei und da� ihre Tante Stelu�a ihr nun endlich das Bild als Vorgeburtstagsgeschenk gegeben habe. An dem Sessel lehnen zwei T�ten, deren Inhalt Ana Wallner kurz gezeigt und dann gleich wieder verpackt hat, M�m�lig� cu br�nz�, Ciorb� de Burt� und P�ine, selbstgemacht von Anas Cousin Dinu und dessen Frau. Ana breitet Prospekte mit Zeichnungen von Wohnkomplexen und Apartmentgrundrissen auf dem Tisch aus.</p><p>Sie sagt: �F�r meine Mutter ist es diesmal ganz schlimm gewesen. Die ist jetzt halt schon so alt, da� es jedesmal sein kann, da� es das letzte Mal ist, da� sie in Rum�nien ist. Man hat schon gemerkt, da� Rum�nien die Heimat von der Mama ist, aber sie ist eben einfach zu lange weggewesen, und Bukarest hat sich ja in den letzten zehn, zwanzig Jahren ziemlich ver�ndert. Du wei�t schon. In Regensburg kennt sie ihr Umfeld, die Nachbarn, die Verk�ufer im Supermarkt und so, aber sie ist halt immer die Ausl�nderin, und die Freunde, die sie hat, die sind halt auch alle aus Rum�nien und jetzt auch schon so lange hier wie sie vielleicht. Andererseits in Rum�nien, da kennt sie nur noch ihre Schwester und meine Cousine und deren Familie, den Rest gibt es nicht mehr, auch die meisten H�user in der Innenstadt. Entweder ist da jetzt was Neues gebaut worden, oder die ganz alten Geb�ude, die verfallen waren, als die Mama weggegangen ist, sind neu instand gesetzt worden, so da� sie sie nicht wiedererkennt. Dabei ist die Mama doch durch und durch Rum�nin. Du wei�t schon. Und wenn der Tata nicht damals nach M�nchen gegangen w�re mit dem Stipendium und die Praxis aufgemacht h�tte, die Mama w�re sicher in Bukarest geblieben. Aber wenn ich mir die Stelu�a und den Dinu anschaue und mir �berlege, da� das die Mama und ich sein k�nnten � Stelu�as Dreizimmerwohnung, Dinu B�cker, der gerade mal so seine Familie durchbringt �, da kann ich nur sagen: Gott sei dank sind meine Eltern r�bergegangen. Nein danke.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>�Ich habe mir gedacht, da� man sich mal �berlegen soll, ob man sich nicht so ein Apartment in Bukarest kauft. Wir k�nnten dann dort �fter sein. Costin k�nnte dann dort �fter sein. Und vor allem k�nnte die Mama eine l�ngere Zeit dort leben. Das w�rde sie sehr freuen, denke ich. Das Geld ist ja jetzt auch da.�</p><p>Sp�ter hat Wallner mit Ana geschlafen. Die linke Nachttischlampe brennt, die rechte, auf Wallners Seite des Betts, ist ausgeschaltet. Wallner st�tzt sich mit den Armen neben Anas Kopf ab. Er sp�rt, da� seine Haare im Nacken vom Schwei� na� sind. W�hrend er Ana penetriert und sie die Beine anwinkelt, ist die beige Bettdecke mit dem Karomuster bis zu seinen F��en gerutscht. Ana dreht sich um. Als sie dann auf dem Bauch liegt, laut atmend, ab und zu st�hnend, er auf ihr, hat er f�r einige Momente gedacht, da� er eigentlich genau jetzt statt ihren Kopf von oben, die Haare vor ihrem Gesicht, sie lieber von einem Standpunkt von schr�g unten aus sehen w�rde, wie sie sich auf die Lippen bei�t, sich selber dar�ber, wie er die Stirn in Falten gelegt hat, die Wangen ger�tet, sie m�ssen ger�tet sein, sie gl�hen. Als er nicht mehr kann, zieht er sein Glied aus Anas Scheide und dreht sich zur Seite.</p><p>Ana fragt: �Bist du m�de?�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>�Kann ich irgend etwas tun, damit du?�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>Ana geht ins Bad. Sie l��t die T�r offen. Wallner sieht, wie sie von der Rolle Klopapier abrei�t und sich damit die Scheide abwischt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>38</strong></p><p>Jetzt kommt gleich Costin. Gerade nimmt ein Tobias Vogt, ein hochgewachsener schlaksiger Junge, auf der B�hne das Zeugnis aus den H�nden des Rektors entgegen. Wallner sieht trotz seiner neuen blauen Kontaktlinsen das Geschehen auf der B�hne am anderen Ende der Aula nur verschwommen. Ana neben ihm filmt. Sie wird Tobias Vogt und den Rektor herangezoomt und auf dem kleinen ausgeklappten Bildschirm ihres Camcorders scharf gestellt haben, auf den sie bereits w�hrend der ganzen Abiturverleihungszeremonie schaut. Der Rektor hat durch das Mikrofon �Herr Costin Wallner, bitte� gesagt.</p><p>Wallner reckt den Kopf, sein Herzschlag hat sich beschleunigt. Costin steht von seinem Platz auf, vorne, an den langen Tischen mit den Bierb�nken, und steigt die Treppe an der Seite der B�hne hoch. Seine Gesten, die ruckartigen Bewegungen, die ger�teten Wangen, Wallner glaubt, da� die Wangen ger�tet sind, lassen darauf schlie�en, da� Costin nerv�s ist, vielleicht freudig erregt. Das Publikum klatscht noch immer.</p><p>Wallner w�rde, w�re er in diesem Moment an Costins Stelle, nerv�s und freudig erregt sein, weil er trotz der st�ndigen Anfeindungen durch die Mitsch�ler und Lehrer und nicht zuletzt trotz des Elternhauses, des ihn st�ndig kontrollierenden Vaters, also Wallners Vater, G�nter Wallner, nicht Costins, Stefan Wallner, ein Abiturzeugnis mit einem Zweier-Schnitt geschafft hat. Costin hat vor einer Woche auf Wallners wiederholte Frage hin, w�hrend des Abendessens, vorgerechnet, da� er keinen Einser-, mit Sicherheit aber einen Zweier-Schnitt haben werde.</p><p>Ana hat jetzt vom Bildschirm des Camcorders weg auf die B�hne geschaut und sich auf die Zehenspitzen gestellt. Costin ist an den B�hnenrand vorgetreten und hat einige Tanzschritte gemacht. Wallner kann nicht erkennen, ob der Rektor l�chelt oder verdutzt aussieht. Costin ist Wallner peinlich. Er schaut zu Ana, die mit offenem Mund, lautlos lachend, auf den Bildschirm schaut, die anderen Abiturienten haben angefangen zu jubeln und zu klatschen, die anderen Eltern an den Tischen vor Wallner und Ana fallen mit ein.</p><p>Nach dem Gruppenfoto der Abiturienten, die eine Eins vor dem Komma haben, hat der Rektor das Buffet f�r er�ffnet erkl�rt, und Wallner hat sich durch die G�nge zwischen den Tischen, den Schlangen der Sch�ler und Erwachsenen, die jetzt nach hinten str�men, entgegen, nach vorne gezw�ngt. Er tippt Costin, der sich gerade mit dem M�dchen neben ihm unterh�lt, von hinten auf die Schulter. Costin dreht sich um, l�chelt und sagt: �Ihr seid ja doch noch gekommen, ist die Mama auch da?� Das M�dchen neben Costin, das sich ebenfalls umgedreht hat und Wallner l�chelnd ansieht, hat langes, glattes blondes Haar, ihr Gesicht ist schmal. Das M�dchen neben dem M�dchen, das sich ebenfalls zu Wallner umgedreht hat, hat langes, glattes schwarzes Haar und etwas Babyspeck im Gesicht.</p><p>Wallner sagt: �Ja, die Mama ist auch da, herzlichen Gl�ckwunsch �brigens� und hat dem blonden M�dchen ins schmale Gesicht geschaut.</p><p>Wallner sieht das blonde M�dchen in einem Bett aus Rosenbl�ten, Rosenbl�ten auf der Scham und auf den Br�sten, Rosenbl�ten, die auf das M�dchen herabregnen, er k�nnte sich vorstellen, morgen in der Dusche hinter der Milchglasscheibe zu onanieren und dabei an Geschlechtsverkehr mit dem blonden M�dchen zu denken.</p><p>Wallner dreht sich um und winkt Ana her, die, sofern er das zwischen dem Gewusel der Menschen sehen kann, noch immer filmt und die Kamera auf ihn gerichtet hat. Auch Costin hat in Anas Richtung geschaut und gewinkt. Ana hat den Camcorder eingesteckt und sich auf den Weg nach vorne gemacht. Wallner hat �Ja� gesagt und �Soll ich euch�, und er hat auf das blonde M�dchen geblickt und einen fragenden Gesichtsausdruck gemacht, �Das ist Sara und das ist Nicole�, sagt Costin und deutet auf das schwarzhaarige M�dchen, �Sara und Nicole�, f�hrt Wallner fort, �etwas vom Buffet mitbringen?�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>39</strong></p><p>3.�Oktober</p><p>Gro�er Arber. Mit Uli. Regen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>40</strong></p><p>12.�Dezember</p><p>Geburtstag Ana (56)</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>41</strong></p><p>30.�Juli</p><p><emphasis>King Kong</emphasis>. Mit Costin. Lustig.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>42</strong></p><p>14.�Februar</p><p>Messe Frankfurt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>43</strong></p><p>1.�Februar</p><p>Ist der Wunsch nach Flucht vorhanden?</p><p>Ja.</p><p>Was hindert dich daran? Erstelle eine Reihenfolge!</p><p>a)�die Firma, b) Ana, c) Costin</p><p>Vorausgesetzt, a) bis c) sind nicht vorhanden, was w�re der Zielort deiner Flucht?</p><p>Das w�re projektgebunden. Ich h�tte gern ein neues Projekt � ein Projekt au�erhalb des Umfelds, das ich kenne und das mich kennt. Generell lie�e sich die Frage daher vielleicht mit �Au�erhalb Europas� beantworten.</p><p>Paris?</p><p>Paris ist dadurch, da� ich es so gut kenne und sch�tze, selbstverst�ndlich eine Option. Im Grunde genommen ist Paris aber zu nahe an Deutschland, der Firma, Ana et cetera. Ich h�tte immer Angst, da� ich, durch was f�r einen Zufall auch immer, jemanden treffe, der mich erkennt.</p><p>Was w�re, wenn Brandenburg nicht klappt?</p><p>Es m��ten mehrere Faktoren zusammenkommen, damit ich auch wirklich an eine �Flucht�, oder wie immer man das nennen mag, denke.</p><p>Was w�ren diese Faktoren?</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>44</strong></p><p>Er sitzt im Konferenzraum der Firma und sieht, wie zwei Polizeibeamte in sein B�ro treten. Der eine, etwas gr��ere, hat das Gesicht von Wachtmeister Willems, sein Kollege das von Wachtmeister Roche, den beiden Fahndern aus der Serie <emphasis>Streife 6</emphasis>, von der Wallner vor eineinhalb Wochen, es war Samstag abend, eine Folge gesehen hat. Obwohl die Polizeibeamten vor dem Schreibtisch im B�ro stehengeblieben sind und sich auch sonst nicht bewegen, haben ihre dunkelbraunen Lederjacken geknarzt. Die T�r d�mpft das Klingeln des Telefons, das aus dem Sekretariat kommt.</p><p>Der eine, etwas gr��ere Polizeibeamte sagt: �Heute fr�h hat sich auf der Strecke Essen � K�ln ein ICE-Ungl�ck ereignet. Ihr Vater sa� in dem ICE. Er wurde durch das Fenster geschleudert, ihm wurde die Sch�deldecke zertr�mmert. Anschlie�end �berschlug er sich mehrmals auf der Wiese, auf der L�wenzahn bl�hte und K�he weideten. Dabei wurde ihm das Genick gebrochen.�</p><p>Papa ist das Genick gebrochen worden.</p><p>Wallner sagt: �Es gibt auch noch diese Kinderd�rfer in Nigeria. Die Mehrzahl der Kinder sind Waisen, h�ufig Kinder, die ihre Eltern in einem der B�rgerkriege verloren haben oder ausgesetzt wurden. Der andere Teil sind Kinder, deren Eltern �ber keinerlei finanzielle Mittel verf�gen. In den D�rfern werden die Aufgaben von den Kindern selber �bernommen. Es gibt Handwerker, es gibt Verwalter. Die meisten Lehrer der Schulen in den Kinderd�rfern kommen aus westlichen L�ndern. Wenn die Kinder ihren Abschlu� gemacht haben, gehen sie entweder in praktische Berufe oder sie werden an Unis im In- und Ausland weitervermittelt.�</p><p>W�hrend er sich zu den anderen Parteien im Konferenzraum wendet, Henning van Riet und Tobias Resch, streicht sich Wiget �bers Kinn, eine Gewohnheit, die er, auch nachdem er sich vor zwei Jahren den Bart abrasierte, beibehalten hat.</p><p>Er sagt: �Und man darf nicht vergessen, Stefan und ich kennen den Gr�nder, Mark Huggan, pers�nlich. Er hat mit uns in Regensburg studiert. Er ist integer. Es sind keine F�lle von Betrug oder irgendwelchen Schweinereien mit den Kindern bekannt. Es ist unwahrscheinlich, da� unser Name unter ihrem Namen leidet. Es ist wahrscheinlich, da� ihr Name auf unseren Namen einen positiven Effekt hat.�</p><p>Resch sagt, da� es seitens der Aktion�re auch keine Einw�nde gegeben habe.</p><p>Van Riet sagt, da� das drei gegen einen sei und da� die Spendensache jetzt ohnehin nicht so wichtig sei, ihm sei mehr daran gelegen, �ber Marckelsheim zu sprechen.</p><p>Frau Beck neben Wallner fragt, was sie jetzt ins Protokoll schreiben solle.</p><p>Wallner sagt, da� sie schreiben solle, der Aufsichtsrat habe eine Spende in H�he von soundso viel Euro f�r die Stiftung �Kinderd�rfer� beschlossen.</p><p>Van Riet sagt, die Fakten seien die: Die Firma in Marckelsheim sei halb so gro� wie die Firma hier in Cham. Bis vor zehn Jahren sei Marckelsheim der einzige Hersteller landwirtschaftlicher Ger�te im Elsa� gewesen. Vor zehn Jahren sei eine Firma f�r landwirtschaftliche Ger�te in Stra�burg gegr�ndet worden. Seit zehn Jahren laufe Stra�burg Markkelsheim den Rang ab. Im Elsa� werde vorrangig Getreide und Mais angepflanzt. Neuerdings Erdn�sse.</p><p>Van Riet hat eine stark norddeutsche und insbesondere hamburgische Aussprache. Vor drei Jahren haben Wallner und Wiget Anteile an van Riets Unternehmen f�r landwirtschaftliche Ger�te in Hamburg erworben. Van Riet ist dadurch Mitglied im neu entstandenen Aufsichtsrat der fusionierten Firmen und kommt regelm��ig zu den Sitzungen nach Cham. In seinen Wortschatz haben sich seitdem bayerische Ausdr�cke gemischt, die er aber norddeutsch ausspricht. Van Riet sagt �Gr�t�, Singular, statt �Ger�te�, Plural.</p><p>Wiget hatte Wallner einige Tage vor der Sitzung gesagt, da� van Riet und er eine m�gliche Kandidatin f�r eine Tochterfirma gefunden h�tten. Wallner war �berrascht gewesen. Er hatte zwar das Thema Tochterfirma immer wieder in Gespr�chen mit Wiget in den Raum gestellt, ohne aber konkret zu werden. Wiget mu�te mit van Riet wegen dem Thema Tochterfirma in Kontakt gestanden haben, ohne vorher Wallner davon zu unterrichten. Wiget, der weiterhin die H�nde auf der Tischplatte gefaltet hat, wendet sich jetzt zu Wallner und Resch, w�hrend er hin und wieder kurz zu van Riet blickt, der, die Arme auf der Brust verschr�nkt, nickt.</p><p>Wiget sagt: �Marckelsheim wird in einem Monat Insolvenz anmelden. Van Riet und ich wollen nach Marckelsheim fahren und uns vor Ort �ber die Gegebenheiten der Firma ein Bild machen.�</p><p>Resch hat einen schwarzen Bart und eine hohe Stimme.</p><p>Er sagt: �Seitens der Aktion�re w�re das in Ordnung. Die Mehrzahl der Aktion�re, mit denen ich dar�ber gesprochen habe, hat gesagt, Marckelsheim sei eine M�glichkeit.�</p><p>Um die Meinung der Aktion�re eingeholt zu haben, denen seit Wallners und Wigets B�rsengang ein Viertel der Firma geh�rt, mu� auch Resch bereits im voraus von Wiget oder van Riet �ber die Pl�ne, sich um eine Tochterfirma zu vergr��ern, unterrichtet worden sein. Nach der Sitzung steht Wallner bei Resch am Konferenztisch und fragt: �Und fahren Sie heute noch nach Frankfurt, oder �bernachten Sie hier?� Wiget steht neben van Riet bei der T�r und unterh�lt sich mit ihm.</p><p>Wallner kann nicht verstehen, was sie reden.</p><p>Fast w�re Wallner bei der Firmenausfahrt nicht nach rechts abgebogen, zu der Villa, die sie sich im Jahr davor in der Pappelallee in Chamm�nster gekauft hatten, sondern nach links, nach Siechen. Er f�hrt an Wigets Anwesen vorbei und holt schon einmal die Fernbedienung f�r das gr�ne Gatter der Einfahrt heraus.</p><p>Ana sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, sie hat die Beine auf das Wohnzimmertischchen hochgelegt, das sie von ihrer Mutter geerbt hat. Der Fernseher l�uft ohne Ton.</p><p>Ana sagt: �Ich bin noch ein bi�chen traurig. Den ganzen Tag ist heute im Gesch�ft noch weniger los als sonst. Gerade da� ich mal die H�lfte des Futters und der Katzenstreu verkauft habe, die ich sonst verkaufe. Aber kurz vor Schlu� ist eine Mutter mit ihrer Tochter gekommen. Die Mutter hat gesagt, da� sich die Tochter einen Hund zum Geburtstag aussuchen d�rfe. Der Hund d�rfe eine mittlere Gr��e haben. Die Tochter hat sich sehr schnell f�r Betty entschieden. Sie hat Betty im Arm gehalten. Ich wollte fast fragen, wo Mutter und Tochter wohnen, damit ich wenigstens theoretisch ab und zu vorbeischauen k�nnte. Als Mutter und Tochter gingen, hat Betty versucht, sich loszumachen und zu mir zu kommen. Betty hat gewinselt. Das hat mir einen ganz sch�nen Stich gegeben.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>Ana sagt: �Jetzt kommt er gleich.�</p><p>Letzten Abend hatte Costin Ana angerufen und gesagt, da� er gerade in der <emphasis>Popstar</emphasis>-Casting-Show in K�ln auch den dritten Recall bestanden habe, er werde jetzt gleich ins Flugzeug steigen und sich dann in zwei Tagen aus dem Trainingscamp der besten 20 Kandidaten in Orlando wieder melden.</p><p>Im Fernsehen ist nach dem <emphasis>Popstar</emphasis>-Vorspann mit der Erkennungsmelodie zur Erinnerung f�r die Zuschauer eine Zusammenfassung aller Kandidaten gezeigt worden, die jetzt in der aktuellen Folge vor dem zweiten Recall stehen. Costin hatte vor einer Woche hier, auf dem Sofa, zusammen mit ihnen gesessen und berichtet, wie er beim zweiten Recall einen Teil seines Textes vergessen hatte, die Minuspunkte aber bei seiner Solotanzperformace und anschlie�end bei seinem Auftritt in einer der Gruppen, in die die Kandidaten von der Jury spontan eingeteilt wurden, wieder wettmachen konnte.</p><p>Durch Costins Bericht wei� Wallner, da� die rothaarige Henriette, die jetzt in der Zusammenfassung, nachdem sie zu Hause in Bozen beim Singen gezeigt worden ist, sagt, sie werde im zweiten Recall alles geben, sp�testens am Ende der Sendung in einer Stunde von der Jury erfahren wird, da� sie ihren Performancestil bereits zu sehr individualisiert habe und daher nur schwer in eine noch zu bildende Gruppe passe, sie es daher nicht in die n�chste Runde geschafft habe, worauf Henriette zu weinen beginnen wird, von Costin in den Arm genommen und auf die Stirn gek��t werden wird, was, in der Sendung nicht gezeigt, zu einer momentan noch andauernden Beziehung zwischen Costin und Henriette f�hren wird. Bei der Zusammenfassung von Costins Weg zum zweiten Recall erscheint zun�chst Costin, der in der ersten Runde der Jury in M�nchen vorsingt, dann Costin, der im Rahmen seiner Ausbildung zum Bankkaufmann hinter dem Schalter einer Filiale in Regensburg steht, dann Ana, die auf dem Wohnzimmersofa sitzt und sagt, da� es Costins gr��ter Traum sei, Popstar in einer Band zu werden.</p><p>Wenige Minuten sp�ter tritt Costin in der Sendung vor die Jury. Er beginnt mit dem Song, den er einge�bt hat. Bei der zweiten Strophe vergi�t er den Text und singt trotzdem weiter.</p><p>Er singt: �Lala.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>45</strong></p><p>Im Sekretariat ist doch jemand. Eine schwarze Gestalt hat sich hinter der Milchglasscheibe bewegt, jetzt wieder, obwohl Frau Beck das Geb�ude schon l�ngst verlassen hat. Sie verabschiedete sich etwa vor einer halben Stunde von ihm. Er hat sie vom Fenster aus �ber den Parkplatz zu ihrem silbernen Ford st�ckeln sehen. Er steht auf. Ihm ist etwas mulmig. Wer w�re noch im Geb�ude? Nur Breitenbacher sitzt noch in seinem H�uschen an der Pforte. Als Wallner die T�r mit einem Ruck aufrei�t, hat er deutlich Schritte geh�rt, als ob sich jemand schnell vom Sekretariat entfernt. Wallner st�rzt in den Flur, wo bereits Licht brennt. Am Ende des Flurs meint er, eine Gestalt zu sehen; Wallner kann sie nicht genau erkennen, weil die Lampe an dieser Stelle ausgefallen ist, aber es ist, das sieht er, ein Mann, vielleicht 1,85 gro�, leicht untersetzt, spitze Nase, Mitte 50. Wallner kann sich nicht bewegen. Der Mann hat einen Augenblick auf der Stelle verharrt und ist dann weiter, das Treppenhaus hinunter gelaufen. Wallner schlie�t die Augen. Ein Ger�usch ist erklungen, die T�r am Firmeneingang, die ins Schlo� f�llt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>46</strong></p><p>Er dr�ckt die Klingel, mit einem Summton ist die gepanzerte T�r aufgeschnappt. Er tritt ein und bleibt im Windfang stehen.</p><p>Durch die vergitterte Glast�r ist der Schalter zu sehen, dahinter ein Schreibtisch mit Computer, an dem ein Polizist sitzt. Aber was soll Wallner dem eigentlich sagen? Anzeige gegen Unbekannt? Wegen Einbruchs? Es gibt ja keine Spuren, keine zerbrochenen Fenster, keine aufgebrochenen Schl�sser. Auch kein wirkliches Motiv. Nachspionieren. Was Wallner so tut. Ob er seine Arbeit ordnungsgem�� erledigt. Was f�r Statistiken und Finanzierungspl�ne er erstellt, die er Wiget nicht zeigt. Wiget. Unweigerlich w�rde beim Gespr�ch mit dem Polizisten die Sprache auch auf Wiget kommen. Soll Wallner etwa seinen jahrzehntelangen Partner, mit dem ihn, wie ganz Cham wei�, ein freundschaftliches Verh�ltnis verbindet, als Verd�chtigen einer Tat nennen, f�r die Wallner jeder Beweis fehlt? Der Polizist wird ihm nicht glauben. Ana wird ihm nicht glauben. Vorerst wird er ihr nichts von all dem erz�hlen. Sollte er weiter verfolgt werden, wird er Beweise sammeln. Von nun an wird er einen Fotoapparat bei sich f�hren, um, wenn es wieder zu einer Begegnung kommt, ein Bild von seinem Verfolger machen zu k�nnen.</p><p>Wallner zieht an der gepanzerten T�r, sie ist verschlossen. Er klopft an die vergitterte Glast�r, der Polizist schaut auf. Wallner deutet auf die gepanzerte T�r. �Machen Sie bitte auf?� fragt er laut. Er versteht nicht, was der Polizist, der zu l�cheln begonnen hat, antwortet. Wallner r�ttelt an der gepanzerten T�r. Endlich erklingt der Summton.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>47</strong></p><p>Im Fernsehen ist nach dem <emphasis>Popstar</emphasis>-Vorspann mit der Erkennungsmelodie zur Erinnerung f�r die Zuschauer eine Zusammenfassung aller Kandidaten gezeigt worden, die jetzt, in der aktuellen Folge, vor der Endausscheidung stehen. Als vorletzter der zehn Kandidaten, die sich noch im Camp in Orlando befinden, wird Costin und sein Weg in die Endrunde beschrieben; es erscheinen Costin, der in der ersten Runde der Jury in M�nchen vorsingt, der als Azubi hinter dem Schalter einer Bankfiliale in Regensburg steht, Ana, die von Costins gr��tem Traum erz�hlt, schlie�lich noch einmal Costin, der Ausschnitt aus der letzten Folge, in dem er erf�hrt, da� er es in die Endrunde geschafft hat, seine Augen, die sich schlie�en, sein Kopf, den er in den Nacken legt, seine Arme, die er hochrei�t, in Zeitlupe.</p><p>Nach der Zusammenfassung hat die Kommentatoren-Stimme aus dem Off gesagt, da� es zwar f�r alle Kandidaten ein gro�artiger Erfolg sei, es bis hierher geschafft zu haben. Da� aber f�r die, die am Ende ausscheiden werden, Orlando nur eine Episode in ihrem Leben gewesen sein werde. F�r sie beginne in einer Woche wieder ihr Alltag; tr�fe es Joanne, w�rde sie wieder in einem Lokal kellnern, tr�fe es Costin, w�rde er wieder hinter einem Bankschalter stehen und seine Kunden �ber Bausparvertr�ge informieren. Die vier aber, die am Ende der Sendung gewonnen haben, werden sich nur vage vorstellen k�nnen, was es hei�t, auf unabsehbare Zeit zusammen zu sein, ein Konzert nach dem anderen zu geben, von Tausenden von Fans geh�rt und geliebt zu werden und und und.</p><p>Bevor Costin, der jetzt auf Vorschlag des Managements hin offiziell CO hei�t, mit der Band, den <emphasis>PingPongs</emphasis>, n�chste Woche die Songs f�r das erste Album, das in drei Wochen erscheinen wird, einsingen und danach f�r eine kurze inoffizielle Pre-Tour proben wird, ist er f�r eineinhalb Tage nach Cham gekommen. Weil Wallner nicht damit einverstanden ist, da� Costin seine Ausbildung bei der Bankfiliale abbricht und den Vertrag mit der Produktionsfirma der <emphasis>Popstar</emphasis>-Serie und dessen Leiter, einem Olaf Erdrich, unterzeichnet hat, ohne zuvor ihn, Wallner, gefragt oder auch nur informiert zu haben, haben sich Wallner und Costin beim Abendessen gestritten, das auf Wunsch Costins ohne jeden gr��eren Aufwand, das hei�t so wie immer, als sei die Sache mit dem Popstar gar nicht geschehen, vonstatten gehen sollte.</p><p>Auf dem Sofa sp�rt Wallner jetzt, da� seine Wangen von dem Streit immer noch leicht brennen. Sie m�ssen ger�tet sein.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>48</strong></p><p>8.�Mai</p><p>17:15 Uhr. Dr. Beierle. Brille.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>49</strong></p><p>Die drei Kandidaten stehen hinter einer Theke. Die Kandidatin rechts dr�ckt auf den Knopf vor ihr. Eine Signalhupe ert�nt.</p><p>Die Stimme des Quizmasters sagt: �Birgit.�</p><p>Die anderen Kandidaten stehen im Halbdunkel.</p><p>Birgit sagt: �Burma.�</p><p>Wallner schaltet um.</p><p>Das Polizeiauto f�hrt mit Blaulicht �ber eine Kreuzung.</p><p>Die Reifen quietschen. Wachtmeister Willems f�hrt. Auf dem Beifahrersitz h�lt sich Polizeikommissarin Brigitte Weichinger am Armaturenbrett fest.</p><p>Brigitte Weichinger (vorgebeugt): �K�nnt ihr noch mal die Stra�e und die Hausnummer wiederholen?�</p><p>Stimme aus dem Funkger�t: �Die Stra�e ist die Barerstra�e. Die Hausnummer ist (St�rger�usch). .�</p><p>Brigitte Weichinger (vorgebeugt): �Hallo? Hallo? H�rts ihr mich? Was war die Hausnummer?�</p><p>Das Polizeiauto �berholt eine Tram. Ein entgegenkommendes Auto weicht auf den Gehsteig aus. Ein Fu�g�nger springt zur Seite.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>50</strong></p><p>Wallner geht in Costins Zimmer, weil der Computer in seinem Arbeitszimmer zum dritten Mal in Folge abgest�rzt ist. Wallner ist seit dem Umzug in die Villa vielleicht nur drei-, viermal hier im Keller in Costins Zimmer gewesen; nachdem Costin nach Regensburg zur Ausbildung bei der Sparkasse gegangen ist, kein einziges Mal.</p><p>Wallner hat das Zimmer f�r einen Moment nicht wiedererkannt. Ana stellte hier, wohl nach Costins Auszug, mehrere M�belst�cke ein, den alten Schrank aus dem E�zimmer, den alten Tisch aus ihrem eigenen Arbeitszimmer, einige Kartons aus dem Hobbyraum, ohne Wallners Wissen. Costins altes Bett steht noch da, mit hellblauem Anstrich und d�nnen roten Streifen.</p><p>D�nne rote Streifen auf hellblauem Hintergrund sind die Farben von Christopher gewesen in dem gleichnamigen Buch, das Ana auf der Schreibmaschine f�r Costin geschrieben und illustriert hat, als er in die erste Klasse kam. Christopher, der Held des Buches, ist ein Junge, der bei seinen Eltern wohnt � die Mutter ist Rum�nin � und gerade in die erste Klasse kommt. Christopher sieht aus wie Costin. Sobald Christopher einschl�ft, befindet er sich in einer Traumwelt. Statt eines Schlafanzugs tr�gt er ein einteiliges Kost�m mit Mantel in den Christopher-Farben. Sein Lieblingsstofftier, ein Maik�fer, erwacht in der Traumwelt zum Leben. Ana hat den Maik�fer Dinu genannt. Wallner erfuhr davon erst, als ihm Ana das fertig gebundene Buch einen Tag vor Costins erstem Schultag zeigte. Wallner war gegen den Namen Dinu gewesen, aber Ana hatte gesagt, es sei zu sp�t, noch irgend etwas zu �ndern, die Arbeit, das alles zu tippen, die Zeichnungen mit Holzfarbstift, das mache sie nicht noch einmal.</p><p>Jedes Kapitel begann �hnlich. Christopher schlief ein und erwachte, d�umlingsgro�, auf dem R�cken Dinus wieder, der gerade zu neuen Abenteuern flog. Oft geschah das auf Hilferufe hin, die atemlose Heuschrecken oder M�cken mit auf ihren Stacheln befestigten schriftlichen Ersuchen aus fernen L�ndern �berbrachten.</p><p>Wallner konnte sich noch dunkel an ein Kapitel erinnern, in dem ein Dorf in Indien von einer D�rreperiode heimgesucht wurde. Auf einer Illustration hatten Traktoren verlassen auf den ausgetrockneten Feldern gestanden. Dinu Mai hatte s�mtliche einheimische K�ferarten zu einer Generalversammlung einberufen, und unter Christophers Anleitung war mit K�ferschaufeln und K�ferbeinen ein Schacht, ein Brunnen gegraben worden.</p><p>Ana las fast jeden Abend von Winter bis Sommer, das ganze erste Schuljahr hindurch, Costin ein Kapitel aus <emphasis>Christopher</emphasis> vor. Zu seinem Geburtstag im M�rz hatte Costin einen Stoffmaik�fer sowie einen Mantel in den Christopher-Farben geschenkt bekommen, den er den ganzen Sommer �ber trug, wobei er darauf bestand, mit Christopher angeredet zu werden. Wallner hatte auf Costins Wunsch hin dessen Bett und B�cherschrank in den Christopher-Farben angemalt.</p><p>Vor Beginn der zweiten Klasse hatte dann Ana Costin, der inzwischen das <emphasis>Christopher</emphasis>-Buch stellenweise auswendig konnte, ein zweites <emphasis>Christopher</emphasis>-Buch geschenkt. Im zweiten <emphasis>Christopher</emphasis>-Buch hatte Christopher ein neues Stofftier bekommen, Marie K�fer, die Dinu Mai anfangs nicht ausstehen konnte. Dann war Dinu Mai krank geworden, er hatte eine Art Arthrose in den F�hlern bekommen, und Marie K�fer war zusammen mit Christopher in ein Land geflogen, das �Fr�hlingsland� oder �Land des Fr�hlings� hie�, jedenfalls hatte es einen kitschigen Namen gehabt. Nur dort hatte es so etwas wie das �Wasser des Lebens� f�r Maik�fer, einen Sirup aus irgendwelchen magischen Fr�chten, gegeben.</p><p>So oder so �hnlich ging die Geschichte, das wu�te Wallner noch. Als ihm Ana diesmal, noch bevor sie das Buch zum Binden gab, das Manuskript vorlegte, damit sie, sollte er etwas dagegen haben, noch �nderungen vornehmen konnte, hatte er wegen Marie K�fer Verdacht gesch�pft, da� Ana vielleicht etwas �ber sein ehemaliges Verh�ltnis mit Lotte M�ller herausgefunden haben k�nnte und darauf anspielen wollte. Als er aber auf die Illustration des kranken Dinu Mais mit geknickten F�hlern zeigte und fragte, ob das er, Wallner, sein solle, hatte Ana gesagt, da� er und sie ja bereits im Buch vork�men, als Christophers Eltern n�mlich, die immer nur in Aktion traten, wenn sie ihren Sohn ins Bett brachten oder ihn am Morgen aufweckten. Sie habe bei Dinu an niemand Bestimmten gedacht.</p><p>�Maik�fer werden halt auch mal krank�, hatte sie gesagt.</p><p>Ungef�hr als Costin ins Gymnasium eintrat, nein, zuvor, Wallners Gro�mutter war bereits tot, hatte eines Tages Ana zusammen mit Costin neue M�bel f�r das Zimmer gekauft. Costin hatte es seitdem abgelehnt, Christopher genannt zu werden. Nur das Christopher-Bett war in Costins Zimmer stehengeblieben. Costin hatte bald angefangen, Comics zu sammeln. Wallner hatte zusammen mit Costin ein, zwei Folgen von Alf gesehen, so da� er erraten konnte, wenn Costin so tat, als w�re er, Costin, dieser Alf.</p><p>Wallner geht zwischen den Stapeln der bunten Hefte, die �ber den Boden verstreut liegen, zum Computer. �ber dem Schreibtisch h�ngt das Poster einer S�ngerin, blondes Haar, schief aufgesetztes wei�es Cap, vermutlich aus Lack, unter dem T-Shirt sind ihre Brustwarzen erkennbar. Sie schaut Wallner ins Gesicht, er kann ihrem ernsten Blick nicht ausweichen. Wallner schaltet den Computer ein, geht online und klickt auf das Icon mit dem Briefumschlag, um zu seinem E-Mailkonto zu gelangen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>51</strong></p><p>�Bitte verla� mich nicht.�</p><p>�Aber warum soll ich dich denn verlassen?�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>�Ich habe so eine Angst. Ana. Ich habe so eine Schei�-Angst.�</p><p>�Aber du mu�t doch keine Angst haben.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>�Du mu�t keine Angst haben.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>52</strong></p><p>Die Einkaufst�ten in seinen H�nden sind in den letzten Minuten immer schwerer geworden. Und dann das Gedr�nge �berall und besonders auf der Rolltreppe, seine Nase ber�hrt beinahe den Pelzmantel der Frau vor ihm, der stark s��lich riecht. Ana ist schon vorausgeeilt. Sie steht oben und studiert den Wegweiser der Etagen. Woher nimmt sie diese Energie? Wallner l��t den Blick schweifen. Die Musik � irgendein Walzer von Schostakowitsch, den er aus einem Film kennt � hat etwas Einschl�ferndes. Ein Mann, spitze Nase, Ende 50, leicht untersetzt, vielleicht 1,85 gro�, mit rotwei� kariertem Hemd, hat ihn von gegen�ber, der Rolltreppe, die nach unten f�hrt, angeschaut und sich sofort umgewendet, mit einem Schlag ist Wallner hellwach. Kein Zweifel, der Mann hat gemerkt, da� Wallner ihn erkannt hat. Wallner greift nach dem Fotoapparat in seiner Manteltasche, blickt dem Fremden nach, m�chte �He� rufen, bringt aber keinen Ton heraus, macht ein Foto und versucht dabei gegen die Fahrtrichtung der Rolltreppe und zwischen den Leuten hindurch, die ihm den Weg versperren, nach unten zu laufen, dem Fremden hinterher. Schon ist der Mann am Ende der Rolltreppe angekommen, eilt weg. An einem Stand f�r Armbanduhren ist er mit dem R�cken zu Wallner stehengeblieben, beugt sich �ber eine der Glasvitrinen. Er schreibt etwas auf einen Notizzettel. Wallner klopft das Herz bis zum Hals, er z�gert, dann tippt er dem Mann auf den R�cken.</p><p>�Was soll das?� fragt Wallner, au�er Atem.</p><p>Der Mann hat sich umgedreht.</p><p>�Wie bitte?� fragt der Mann.</p><p>�Warum folgen Sie mir immer? Auf der Rolltreppe eben. .�</p><p>�Entschuldigung. Aber. . Sie m�ssen mich verwechseln.�</p><p>Der Mann deutet auf das Namensschild an seinem Hemd, auf dem <emphasis>Herr Geiger</emphasis> steht.</p><p>�Aber eben auf der Rolltreppe. .�</p><p>Wallner stutzt. Hat er den Falschen erwischt? M�glich, da� der Mann von der Rolltreppe weitergelaufen ist. Vielleicht war Wallner f�r einen Moment unachtsam.</p><p>�Entschuldigung. .�, stammelt Wallner.</p><p>Langsam geht er zur Rolltreppe. Oben wartet Ana.</p><p>�Was war denn?� fragt sie, als Wallner auf die Kante von einem der Ausstellungsbetten gesunken ist.</p><p>�Kennst du den Mann da unten, den Verk�ufer in dem karierten Hemd? Kennst du den?� fragt Wallner ersch�pft. Ana reckt den Kopf.</p><p>�Aber das ist doch der, bei dem wir die Couch gekauft haben; der sich damals f�r uns so eingesetzt hat, da� wir das Modell in Gr�n bekommen. Wei�t du das nicht mehr? Greier, Geiber oder so �hnlich. .�</p><p>�Geiger�, sagt Wallner.</p><p>�Geiger, ja.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>�Soll ich dir ein Wasser bringen? Du bist ja ganz bleich, ich bring dir ein Wasser, warte mal�, hat Ana gesagt und ist gegangen.</p><p>W�hrend Wallner sich vorsichtig zur�ckfallen l��t und sein Blick auf die Neonleuchtr�hren an der Decke hoch �ber ihm f�llt, ist er beinahe erleichtert. Er hat zwar den Mann auf der Rolltreppe nicht mehr erwischt, aber Wallner wei� jetzt mit Sicherheit, da� er tats�chlich unter Beobachtung steht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man sich das n�chste Mal begegnet. Wallner braucht sich keine Gedanken dar�ber zu machen, da� er keine Beweise daf�r hat, da� man ihn verfolgt. Die Beweise f�r eine Verfolgung werden ihm geliefert werden.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>53</strong></p><p>Witte sitzt im E�zimmer und i�t Suppe, Wallner stellt sich vor, da� die Wittes dasselbe Set benutzen wie die Wigets, weil ihm das tats�chliche Set der Wittes gerade nicht pr�sent ist: Auf der wei�en Keramikfl�che sind konzentrische hellgr�ne Kreise aufgemalt. Das E�zimmer mit dem Bauernschrank und dem PVC-Boden ist das der Wellenhofers. An der Wand neben dem Durchgang zur K�che h�ngt ein Votivbild, das die in einen blauen Mantel geh�llte Mutter Gottes zeigt. Witte tr�gt das gelbbraun karierte Sakko, das er angehabt hat, als er heute vormittag mit Wallner gesprochen hat. Nein. Wallner stellt sich vor, da� Witte zu Hause eine Trachtenjacke tr�gt. Da kommt Wittes Frau, Ines oder Vera. Wallner kann sich jetzt nicht mehr daran erinnern, wie sie aussieht. So ist es die Schauspielerin aus dem Mehrteiler �ber das Leben einer Familie, die in einem Dorf im Voralpenland wohnt, Wallner hat die zweite und dritte Folge ungef�hr vor einem halben Jahr gesehen.</p><p>Wallner kann h�ren, was Witte jetzt denkt: �Vielleicht komme ich mit dem Naturell von Herrn Wallner nicht zurecht. Gut. Aber wie der die Firma f�hrt, wie der die hochgebracht hat, das n�tigt einem Respekt ab. Die Firma, die ist ein Ort, wo ich bleiben werde. Ich k�nnte dem Herrn Wallner schon ein bi�chen �fter zeigen, wie dankbar ich ihm bin. Weil eigentlich er es ja ist, der die Firma f�hrt. Nicht so sehr der Herr Wiget. Der Herr Wiget organisiert eher und h�lt den Betrieb am Laufen. Aber sein Naturell.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>54</strong></p><p>Wallner geht zum Bett. Er ist nackt. Sein R�cken und sein Ges�� wirken muskul�s. Er hat dichtes schwarzes Kopfhaar. Auf dem Bett sitzt Ana mit angezogenen Beinen. Auch sie ist nackt. Wallner legt sich mit dem R�cken aufs Bett, den Kopf am Kopfende. Ana kniet �ber Wallner, sie nimmt sein Glied und f�hrt es sich ein. Ana sitzt auf Wallner. Wallner reckt den Kopf und sagt etwas zu Ana.</p><p>Wallner geht zum Bett. Er ist nackt. Neben dem Bett steht Ana mit an die nackten H�ften gest�tzten H�nden. Wallner legt das Kissen an die L�ngsseite des Betts und legt sich auf den R�cken, mit dem Kopf auf das Kissen. Ana setzt sich auf Wallner. Sie ist jetzt frontal zu sehen, im Unterschied zu vorhin, wo sie nur im Profil gezeigt wurde. Ana bewegt sich vor und zur�ck. Wallner hat ihre Br�ste umfa�t. Ana schlie�t die Augen, schaut einmal kurz in Richtung Kamera, schlie�t die Augen wieder.</p><p>Wallner geht zum Bett. Ana hat auf dem Bett, den Kopf in Richtung des Kopfendes, einen Vierf��lerstand eingenommen. Wallner kniet sich hinter sie und f�hrt sein Glied ein. Er fa�t Ana an den H�ften und bewegt sie schnell vor und zur�ck. Er bewegt seinen Mund, sagt etwas, ohne da� er zu verstehen w�re.</p><p>Dadurch, da� Ana das originale Super-8-Band aus den 70ern in den 80ern mit einer Videokamera abgefilmt hat, sind die Farben graut�nig und die Konturen verschwommen. Wallner und Ana sitzen mit dem R�cken an das Kopfende des Betts im Schlafzimmer gelehnt und schauen auf den Fernseher.</p><p>Ana steht auf und geht zum Schlafzimmerschrank, hockt sich hin und zieht die unterste Lade heraus.</p><p>Wallner sagt: �Nicht die.�</p><p>Ana legt den einen der drei Pornofilme, die sie in den 80ern unter einem anderen Namen bei einem Versand bestellt haben, zur�ck in die Lade und sagt: �Toll.� Wenn er das nicht wolle, sie wolle das. So gehe das einfach nicht weiter.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>55</strong></p><p>Jetzt l�chelt sie geschmeichelt, die bl�de Sau. Herausgeputzt hat sie sich, wie k�nnte es anders sein, wei�e Bluse, steifer Rock, Make-up. Eben hat ihr Papa ein Kompliment gemacht, sie habe gut gekocht, es habe ihnen allen sehr gut geschmeckt. Broccolisuppe, soweit sich Wallner erinnern kann. Wahrscheinlich wird in diesem Moment, wo alle schweigen, von ihm erwartet, da� auch er ihr ein Kompliment macht. Papa hat pl�tzlich seine Hand auf der Tischplatte auf die ihre gelegt, sie sehen sich an. Stefan spielt bei vielem mit, er hat sich auch seinen Firmlingsanzug angezogen und bisher keinen Kommentar abgegeben, und das nur, weil ihn der Papa darum gebeten hat. Er m�chte ja auch, da� der Papa gl�cklich ist. Aber dieses peinliche Jugendlich-Gehabe ist zuviel. Er ist n�mlich auch noch hier. Er steht auf und l��t laut den L�ffel auf den Teller fallen. G�nter und Doris, die bl�de Sau, schauen ihn an, �berrascht, verwirrt. Ihm wird bewu�t, wie peinlich die Situation gerade ist, er h�tte nicht aufstehen sollen, er wird rot, glaubt er, und trotzdem, er ha�t diese Doris in diesem Augenblick und hofft, da� sie etwas von seiner Abneigung mitbekommt durch den Blick, den er ihr zuwirft, erst ihr, dann dem Papa, bevor er sich umdreht und schnell auf sein Zimmer geht. Der Fehler liegt im nachhinein betrachtet eindeutig nicht bei ihm, Wallner, wie er damals vielleicht meinte, er schrie in sein Kopfkissen, weil er sich sch�mte und weil er w�tend war, beides zugleich, sondern bei seinem Vater und seiner damaligen Lebensgef�hrtin, Doris, von denen als Erwachsene zu erwarten gewesen w�re, da� sie sich in die Situation eines pubertierenden Jungen, der fr�h seine Mutter verloren hat, einf�hlen k�nnen, auch sie waren einmal jung.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>56</strong></p><p>12.�Januar</p><p>Elena Todestag (4)</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>57</strong></p><p>M�rz</p><p>Geburtstag Kerstin B. (37)</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>58</strong></p><p>Wallner geht am Fenster in seinem B�ro auf und ab. Auf dem Parkplatz drau�en steigt ein Mann in einen gr�nen VW. Soweit von oben zu erkennen ist, handelt es sich bei dem Mann um Herrn Meier.</p><p>Wallner sagt sehr laut, da erregt: �Aber das haben wir doch �berhaupt nicht so besprochen.�</p><p>Wiget antwortet. Er spricht aus dem Lautsprecher des Telefons auf Wallners Schreibtisch. �Aber bitte. Stefan. Du hast doch selber gesagt, da�, was Cham angeht, nicht jedes Detail im Aufsichtsrat gro� diskutiert werden mu�.�</p><p>�Aber doch mit mir.�</p><p>�Aber die Speditionssachen. Das hast du doch noch nie gemacht. Das haben doch immer der Witte und ich gemacht. Haben das immer der Witte und ich gemacht?�</p><p>�Meistens haben das der Witte und du gemacht.�</p><p>Wallner hat sich auf den Schreibtischstuhl gesetzt und die H�nde auf der Tischplatte gefaltet.</p><p>�Und wie bist du �berhaupt auf <emphasis>Zentrope</emphasis> gekommen? Von denen hat man ja noch nie etwas geh�rt.�</p><p>�Wie bin ich auf <emphasis>Zentrope</emphasis> gekommen. �ber Henning.�</p><p>��ber van Riet?�</p><p>��ber Henning. Das ist die Firma, die Stra�burg benutzt. Henning hat da mal wegen Marckelsheim nachgesehen.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>Wallner sagt, da� das nichts mache. Es sei ja schon gut. Er verabschiedet sich.</p><p>Wiget fragt, ob es bei Samstag abend bleibe.</p><p>Wallner sagt: �Ja�.</p><p>Wiget sagt, er freue sich und verabschiedet sich.</p><p>Wallner erwidert: �Ich auch� und verabschiedet sich.</p><p>Er sitzt auf dem Schreibtischstuhl und hat die H�nde auf der Tischplatte gefaltet.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>59</strong></p><p>26.�M�rz</p><p>16:15 Uhr. Friseur.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>60</strong></p><p>Der hellrote Peugeot in seinem R�ckspiegel folgt ihm bereits eine ganze Weile. Gleich nachdem Wallner, nur um zu sehen, was passiert, den Blinker setzte, blinkte auch der hellrote Peugeot hinter ihm. Als Wallner doch nicht abbog, fuhr auch der hellrote Peugeot geradeaus. Der Fremde aus dem Kaufhaus in N�rnberg und eine Frau, seine Frau? haben darin gesessen. Aha, denkt Wallner, einer reicht nicht mehr aus.</p><p>�Wenn m�glich, bitte wenden�, wiederholt die Frauenstimme des Navigationssystems.</p><p>Wallner ist es egal, ob er zu dem Termin um vier in der Leopoldstra�e zu sp�t kommt. Er biegt in ein Wohngebiet ein, beschleunigt und beh�lt dabei die rosa Spur, die er auf der Stra�enkarte des Bildschirms zieht, sowie den R�ckspiegel im Auge. Unabsichtlich ist er jetzt in eine Sackgasse gefahren, die Stra�e endet vor einer Hecke. Wallner h�lt den Wagen an.</p><p>Dann wird er nun also sehen, wer in dem roten Peugeot sitzt.</p><p>Es ist still geblieben. Wallner wartet, holt den Fotoapparat aus dem Sakko. Diesmal mu� das mit dem Fotoapparat funktionieren, das letzte Mal, im Kaufhaus in N�rnberg, waren die drei Fotos, die er gemacht hatte, v�llig schwarz. Er sp�rt wieder diesen stechenden Schmerz in seinem Kopf, in letzter Zeit hat er das Gef�hl, da� dieser Kieselstein, oder was auch immer es ist, in seinem Kopf gr��er geworden ist, handtellergro�.</p><p>Der hellrote Peugeot ist nicht gekommen. Wallner setzt sich in den Wagen, startet und schaltet das Navigationssystem ein, um die Zielf�hrung fortzusetzen. Auf dem Gewirr aus gelben Rechtecken und grauen Linien ist nach ein paar Momenten eine rote Linie erschienen, ein Faden.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>61</strong></p><p>Bereits von weitem kann er die kleine Gruppe von Gerademal- beziehungsweise Gerade-noch-nicht-Teenagern sehen, am Gatter h�ngen Luftballons, davor liegen Teddys. Eigentlich m��ten die Kinder schon l�ngst die Alarmanlage ausgel�st haben. Ana wird sie wie immer ausgeschaltet haben. Sie ertrage das st�ndige Piepen nicht, sagt sie.</p><p>Als er mehrmals hupt und sich das Gatter automatisch �ffnet, sind die M�dchen � es sind nur M�dchen, vielleicht sechs, sieben � zu den Seiten ausgewichen und haben, jetzt aber anders als eben, w�tend oder traurig, wie es scheint, nicht mehr dem Haus, sondern dem Auto zugewandt, obwohl sie sehen k�nnen, da� nur er und niemand sonst darin sitzt, ihre Sprechch�re mit �C-O, C-O, C-O� fortgesetzt. F�r einen Augenblick bef�rchtet er, da� eines der Kinder sich an seinem Auto vorbei aufs Grundst�ck zw�ngen und bis zur Haust�r laufen k�nnte. Zudem stellt sich die Frage, was passiert, wenn die M�dchen die zwei Tage, an denen Costin hier auf Besuch ist, weiter ihre Show abziehen und dabei wom�glich noch Verst�rkung bekommen sollten. Eines von ihnen k�nnte nachts ins Haus einbrechen, die Alarmanlage w�rde nat�rlich ausgel�st werden, jetzt lohnen sich endlich die eigentlich viel zu hohen Ausgaben f�r das satelliten�berwachte System. Aber allein die Vorstellung, 48 Stunden unter Belagerung zu sein, ist Wallner in diesem Moment unertr�glich. Man k�nnte im B�ro schlafen.</p><p>Er geht, die Stimmen der M�dchen im Hintergrund wie Anfeuerungsschreie, von der Garage zum Haus. Die M�dchen starren ihn mit diesen Augen an, sie glotzen regelrecht.</p><p>Als er die T�r �ffnet, kommt ihm gerade im Eilschritt Costin entgegen, er tr�gt einen dieser ockerfarbenen Nadelstreifenanz�ge mit T-Shirt darunter, das Outfit, in dem die m�nnlichen Models auf den Werbeeinlagen in der Zeitung abgebildet sind, Costin sieht tats�chlich genauso aus wie das m�nnliche Model aus der Werbeeinlage, er ist braungebrannt.</p><p>Wallner sagt: �Hey.� Er kann f�r einen Moment nicht sprechen, er bringt kein Wort heraus. �Hast du eigentlich auch normale Fans? Die st�rmen mir ja bald mein Haus. Wann bist du denn angekommen?�</p><p>Costin, der im Begriff ist, die Treppe in den Keller herunterzulaufen, sagt: �Hallo, Tata. Ich hab�s gerade super-eilig, sorry, ich habe was mit Quirin und Britney ausgemacht. Mu� noch duschen und das alles. Stre�, Stre�, Stre�. Wollen wir mal reden?�</p><p>Costin ist im Keller verschwunden.</p><p>Er hat Wallner nicht zur Begr��ung umarmt oder auf die Wangen gek��t. Wallner m�chte, da� ihn Costin zur Begr��ung umarmt und auf die Wangen k��t.</p><p>Vor der K�chent�r, die einen Spalt weit ge�ffnet ist, bleibt Wallner wie angewurzelt stehen. Am Herd kocht jemand, eine fremde Frau, vielleicht 30, klein, d�rr, schulterlanges blondes Haar.</p><p>Nein.</p><p>Es ist Dolora, die K�chin. Sch�n �fter ist es Wallner jetzt passiert, da� er sich vor Dolora oder der Putzfrau, Eva, erschrocken hat; er hat sich noch immer nicht ganz an die neue Situation gew�hnt. Anas Bedingungen f�r den Umzug in die Villa nach Chamm�nster waren gewesen, da� sie im Haushalt entlastet werden w�rde und sie sich voll auf die Boutique konzentrieren k�nne. Wallners Einwand, da� man ja mit dem B�rsengang ein hohes Risiko auf sich genommen habe und vielleicht sp�ter einmal finanzielle Polster ben�tige, lehnte sie ab. Sie sehe es nicht ein, auf Sachen zu verzichten, die sie sich all die Jahrzehnte � Jahrzehnte!�� in Cham gew�nscht habe und die sie sich nun endlich leisten k�nne. Wallner hatte gedacht, er k�nne die Diskussion um die Putzfrau und die K�chin aufschieben, indem er einfach, immer wenn ihn Ana abends fragte, was denn nun sei, welche Bewerberin in die engere Wahl komme, erwiderte, er sei sehr m�de, k�nne heute einfach nicht mehr, ob sie das nicht sp�ter einmal besprechen k�nnten, am Wochenende zum Beispiel � was sie dann nat�rlich nicht taten.</p><p>Eines Tages aber hatte, als er nach Hause kam, Ana mit einer dicklichen Blondine, ungef�hr 30, im Wohnzimmer gesessen. Sie waren lachend ins Gespr�ch vertieft gewesen, schienen ihn zuerst �berhaupt nicht wahrzunehmen, bis Ana ihm die Blondine als die neue Putzfrau vorstellte. Ana hatte ihr einfach so, ohne Wallner noch einmal zu konsultieren, den Job gegeben, ebenso wie Dolora. Beide waren urspr�nglich aus Tschechien, hatten einen leichten Akzent, m�glich, da� ihnen ihre Herkunft bei Ana einen Bonuspunkt eingetragen hatte, die in ihnen Verb�ndete sehen mochte, die Ostblock-Connection sozusagen. Die wenigen Male, die Wallner Eva und Dolora zu Gesicht bekommt, verwechselt er sie oder geht ihnen tunlichst aus dem Weg. So sind oft das einzige, was ihm anzeigt, da� die beiden tats�chlich f�r Ana und ihn werktags arbeiten, der Teppich, die Fenster und M�bel, die pl�tzlich anders riechen, k�nstlich, nach Melonen oder Zitronen � Eva mu�te ein anderes Reinigungsmittel als Ana verwenden �, die Speisen, die zwar aussehen wie fr�her � Ana und er hatten einen Speiseplan erstellt �, aber nicht so schmecken; Dolora mu� bestimmte Gew�rze verwenden, die ihm bis dahin unbekannt gewesen sind. Zuerst hatte Wallner Evas und Doloras regelm��ige Anwesenheit in der Villa beunruhigt. Er hatte nicht schlafen k�nnen. Seit er die Schl�ssel f�r die Schreibtischschubladen immer bei sich tr�gt und seinen Laptop in den Safe sperrt, geht es etwas besser. Man kann nie wissen.</p><p>Wallner macht schnell einen Schritt zur�ck und geht leise den Flur entlang, zur Treppe nach oben. Dolora hat ihn nicht gesehen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>62</strong></p><p>Rhett Butler lehnt am Ende der Treppe und schaut nach oben. Den rechten Arm hat er auf den Pfosten gest�tzt, den linken in die H�fte gestemmt. Seine pechschwarzen Haare sind stark pomadisiert. Er hat die Augen leicht zusammengekniffen und l�chelt schlitzohrig.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>63</strong></p><p>�Ja Moment. Es geht doch hier vor allem um unser Profil. Es geht doch hier auch darum, wie, ja, und vor allem wo wir uns in den n�chsten Jahren sehen. Sind wir das Unternehmen aus Cham, das national re�ssiert, meinetwegen, oder sind wir das europ�ische Unternehmen mit Tochterfirmen dort und dort und dort. Ich h�re da jetzt immer: Das ist doch ein Risiko, schau dir Rosenheim an, 20 Jahre schwarze Zahlen und innerhalb von zwei Jahren Insolvenz, la� uns warten, la� uns die sein, die wir sind und so weiterfahren wie bisher, la� uns noch f�nf Jahre warten, bis es auch an der B�rse besser l�uft, und dann k�nnen wir �berlegen, ob so etwas wie Marckelsheim �berhaupt ein Thema ist. Und jetzt sage ich auch mal etwas. Wir werden an der B�rse nicht punkten, wenn wir nicht expandieren. Wir werden nicht weiter die Auftr�ge bekommen, wenn wir uns nicht andere M�rkte erschlie�en. Und, ja, darf ich mal etwas fragen: Wie kann es sein, da� meine Unterlagen sagen, die Maschinen in Marckelsheim seien erst vor f�nf Jahren erneuert worden, das Geb�ude sei saniert worden, und der Leiter sagt mir am Telefon, die Angestellten haben ein Durchschnittsalter von unter 40 und Stra�burg werde in sp�testens einem Jahr Probleme mit <emphasis>Zentrope</emphasis> bekommen? Und das erkl�rt ihr mir jetzt erst einmal.�</p><p>�Dazu kann ich nur sagen: Der Uli und ich sind ja dagewesen und haben uns das angeschaut. Und wir haben auch den Rost an den Kr�nen gesehen. Buchst�blich. Rost. Und den Putz, der von der Werkhalle gebr�ckelt ist. Da kann der Monsieur Aimard Ihnen noch soviel versichern, und in den Unterlagen kann stehen, da� das ja eigentlich eine schnieke Firma sei und nigelnagelneu und so weiter. Der Uli und ich sind aber da gewesen. Marckelsheim ist die Katze im Sack. Das sage ich jetzt. Wenn wir das machen, brauchen wir gar nicht die n�chsten zwei Jahre abwarten, sondern k�nnen gleich die Insolvenz anmelden. Und ich stehe da mit meiner Meinung auch nicht allein da. Der Uli sieht das ganz genauso, und Herr Resch wird sicher so seine Probleme bekommen, seinen Aktion�ren zu verklickern, da� sie ihr Geld in eine Bruchbude investieren sollen, nur weil es Herr Wallner so w�nscht. Uli?�</p><p>�Ja, das stimmt schon so, wie das der Henning sagt.�</p><p>�Also ich mu� auch sagen, da� mir das mit Marckelsheim, ich sage jetzt mal, als nicht ganz realistisch erscheint. Nach dem, was da Herr van Riet und Herr Wiget so erz�hlen, ist das schon sehr schwer, den Aktion�ren zu sagen: Sagt ja.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>Wallner schaut auf die Pappeln vor dem Fenster, deren Bl�tter in der Sonne glitzern.</p><p>Er sagt: �Wir machen das jetzt einfach so. Sollte sich der Rat nicht f�r Marckelsheim entscheiden, trete ich als Vorstand zur�ck, bitte schreiben Sie das mit, Frau Beck.�</p><p>�Aber da hat doch jetzt niemand was davon, wenn du jetzt ausrastest, Stefan. Du kannst uns doch jetzt nicht zu drohen anfangen, Stefan.�</p><p>�Na, wir stimmen jetzt einfach ab. Wir stimmen jetzt einfach ab. Und dann sehen wir schon.�</p><p>�Ich glaube, wenn ich das sagen darf, wir sollten das Ganze vertagen.�</p><p>�Also wir stimmen dann ab. Bitte die Stimmen daf�r.�</p><p>Wallner hat die Hand beim Sprechen gehoben.</p><p>�Ich stimme jetzt nicht ab, Stefan.�</p><p>�Uli, la� uns einfach abstimmen, und wir haben das Ganze hinter uns.�</p><p>�Ich stimme nicht ab.�</p><p>�Dann z�hlt das als Enthaltung, du hast doch Herrn van Riet geh�rt, oder sollen wir jetzt erst dar�ber abstimmen, ob wir abstimmen sollen. Also noch einmal. Die, die daf�r sind, sagen jetzt: Ich bin daf�r. Ich bin daf�r.�</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>�Und jetzt bitte die Gegenstimmen. Herr van Riet?�</p><p>�Dagegen.�</p><p>�Herr Resch?�</p><p>�Ich votiere dagegen. Ja.�</p><p>�Uli?�</p><p>�Stefan.�</p><p>�Uli?�</p><p>�Dagegen.�</p><p>�Gut. Dann schreiben Sie jetzt bitte, Frau Beck. Vorschlag der �bernahme der Firma in Marckelsheim mit einer zu drei Stimmen abgelehnt. Gleichzeitig tritt Stefan Wallner mit sofortiger Wirkung als Vorstand des Aufsichtsrats zur�ck. Punkt.�</p><p>Wallner �ffnet die T�r und tritt auf den Flur. Jemand ist ihm gefolgt und fa�t ihn am Arm. Es ist Wiget.</p><p>Wiget sagt zu Stefan: �Was soll denn das Ganze? Das ist doch alles nicht dein Ernst, Stefan.�</p><p>Er hat die Augen weit aufgerissen.</p><p>Wallner bleibt stehen und sagt: �Ja Moment. Es geht doch hier um unser Profil, Ulrich. Es geht doch hier darum, wie, ja und vor allem, wo wir uns in den n�chsten, sagen wir, drei bis sechs Jahren sehen, bis wir abtreten, Uli, und wie es danach mit der Firma weitergeht. Darum geht es. Sind und bleiben wir, bis wir abtreten, Uli, die Firma aus Cham, die national re�ssiert oder werden wir das europ�ische Unternehmen mit Tochterfirmen dort und dort und dort.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>64</strong></p><p>Wallner sperrt die Haust�r auf, schl�pft aus seinen Halbschuhen, indem er mit der Fu�spitze das Fersenende des jeweils anderen Schuhs festh�lt, er h�ngt seinen �bergangsmantel auf einen der Kleiderb�gel im Einbauschrank, zupft den rechten �rmel glatt, weil sich eine Falte gebildet hatte.</p><p>Wallner versp�rt gro�en Hunger auf Brot, Wurst und Gew�rzgurken.</p><p>Er �ffnet im Flur die K�chent�r und versucht den Gesichtsausdruck von Wut und Trauer noch mal deutlicher werden zu lassen, weil er Ana im E�zimmer nebenan h�rt und wei�, da� sie in wenigen Sekunden in die K�che kommen wird, um ihn zu begr��en.</p><p>Er bei�t seine Z�hne fester zusammen, damit seine Wangenknochen st�rker hervortreten und verengt seine Augen, zudem schiebt er die Unter- gegen die Oberlippe, so da� seine Mundwinkel nach unten zeigen m��ten.</p><p>Ana ist nach wenigen Sekunden in die K�che eingetreten. Wallner kann an ihrem vergr��erten Bewegungsradius, dem Gestikulieren mit den H�nden, dem breiteren Tonumfang der Stimme, lauter als gew�hnlich, umgehend erkennen, da� Ana sehr gut gelaunt ist, sie habe mit Costin telefoniert, setzt sie an.</p><p>Wallner unterbricht Ana, er dreht sich ihr jetzt frontal zu, damit sie sein Gesicht sieht, er sagt mittellaut: �Bitte, la� mich damit zufrieden�, Ana fa�t ihn an den Schultern, sie sagt mittellaut: �Nix b�se sein, nix Gesicht machen, Stefan lustig sein, einmal l�cheln bitte, Herr Wallner, habe ich da nicht eben etwas gesehen, war das nicht, doch das war, Ohhhh! Herr Wallner hat doch gerade gel�chelt, oder?�</p><p>Wallner sagt laut: �La� mich in Frieden damit, ja? F�nf Minuten. Ja? Siehst du denn nicht, da� ich das jetzt nicht haben kann?�</p><p>Das �ffnen der Haust�r und das Stehen, fr�stelnd, auf der Matte, der Blick dabei auf das gegen�berliegende Zweifamilienhaus mit den heruntergelassenen Roll�den, hinter deren Spalten Licht brennt, ist der Ersatz f�r einen Schlag mit der Faust in Anas Gesicht, so da� sie kurz vor �berraschung und Schmerz aufschreit.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>65</strong></p><p>12.�September</p><p>Nigeria. Vorbereitung.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>66</strong></p><p>13.�September</p><p>Nigeria. Vorbereitung.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>67</strong></p><p>14.�September</p><p>Nigeria. Vorbereitung. Angst.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>68</strong></p><p>Als Wallner Ndou aus seiner H�tte folgt, haben sich die Gl�ser der Brille, die er gegen seine zunehmende Weitsichtigkeit vor seiner ersten Reise zum Kinderdorf bei Port Harcourt bei dem von Witte empfohlenen Optiker Brunner in Regensburg gekauft hat, wegen des grellen Sonnenlichts schnell eingedunkelt. Wallners Augen flimmern ein wenig. Er hatte noch ein pers�nliches Schreiben aufgesetzt, das sp�ter vom Verwaltungsgeb�ude des Kinderdorfes aus an eine von ihm zusammengestellte Adressenliste fr�herer Gesch�ftspartner gefaxt werden soll, um bei diesen wegen Praktikumspl�tzen f�r die Jugendlichen im Dorf anzufragen, die n�chstes Jahr mit der Schule fertig sind. Das Schreiben hatte Wallner an einem der Computer aufgesetzt, die er dem neuen alleinigen Leiter der Firma <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis>, Wiget, durch Anas Vermittlung letztes Jahr verbilligt abgekauft hatte, nachdem in der Firma auf eine speziell f�r Unternehmen im Wirtschaftssektor entwickelte Software umgestiegen und im Zuge dessen auch gleich die gesamte Hardware ausgewechselt worden war. Die anderen acht Computer stehen im Verwaltungsgeb�ude und in der Schule des Kinderdorfes, im Hobbyraum in Cham ein zehnter, der eigentlich f�r Costin vorgesehen war, von diesem aber, da er sich nur selten meldet und auch nicht seine Handynummer weitergegeben hat, geschweige denn auf Besuch kommt, nie abgeholt worden war. Das gr�ne Polster der R�ckenlehne des Stuhls, den Wallner aus dem E�zimmer in Cham bei seiner letzten Fahrt mitgenommen hatte, mu� einen Abdruck auf seinem R�cken hinterlassen haben, Wallner sp�rt das.</p><p>Bei dem Treffen mit einem Vertreter des Verkehrsministeriums aus Port Harcourt und dem Leiter des Kinderdorfes im Verwaltungsgeb�ude m�chte Wallner noch einmal den Ausbau der Stra�en zum Dorf ansprechen. Er wei�, da� es sinnlos ist, dieses Thema anzusprechen, da seitens der Regierung ohnehin keine Gelder vorhanden sind. Aber zu irgendwas mu� er doch gut sein hier. Ihm ist kurz schwarz vor Augen geworden. Es kann nicht sein, da� er die Hitze derart schlecht vertr�gt. So alt ist er noch nicht. Er mu� das wegstecken k�nnen.</p><p>Er tr�gt ein wei�es Hemd, das gerade frisch geb�gelt aus der von den Kindern betriebenen W�scherei des Dorfes gekommen ist. Es riecht nach Akazien.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>69</strong></p><p>�Gestern haben wir noch einmal ein Gespr�ch mit jemandem vom Verkehrsministerium gehabt. Ein Arsch. Zuerst macht der die gro�en Versprechungen. Habe ich dir doch alles erz�hlt vorgestern. �Ich sehe kein Problem mit den Stra�en. Ich organisiere die Gelder. Ich bin auf Ihrer Seite.� Was stellt sich heraus? Er hat �berhaupt nicht die Befugnisse. Die Entscheidungsgewalt. Jetzt m�ssen wir wieder warten und betteln beim Ministerium, und dann sieht man weiter. Ja. Das war gestern. Und heute sitzen wir eigentlich den ganzen Tag schon an dieser Lehrer-Geschichte.�</p><p>�Dieser Lehrer-Geschichte?�</p><p>�Habe ich dir doch schon erz�hlt.�</p><p>�Hast du mir nicht schon einmal erz�hlt. Du erz�hlst mir nie was.�</p><p>�Bitte, Ana. Das ist doch jetzt egal. Ich habe jetzt wirklich nicht die Zeit, da� wir jetzt hier �ber so etwas reden. Ich mu� auch gleich wieder r�ber. Wir haben nicht gen�gend Lehrer, k�nnen nicht soviel zahlen wie sonstwo, die Lehrer m�ssen hier wohnen und so weiter und so weiter.�</p><p>�Wei�t du, wie es mir geht?�</p><p>�Wie geht es dir?�</p><p>�Interessiert dich das? Spielt das �berhaupt irgendeine Rolle? F�r dich gibt�s doch nur noch dieses Dorf. Seit einem Monat sitzt du da.�</p><p>�Das hatten wir doch schon alles einmal. Ich komme in zwei Wochen. In zwei Wochen. Das Dorf braucht mich. Die brauchen mich.�</p><p>�Ich fahre weg.�</p><p>�Du f�hrst weg? Wohin?�</p><p>�Nach Wien. Nach Budapest. Nach Prag. Ich wei� es nicht. Aber ich werde morgen fahren. Was mache ich denn die ganze Zeit in diesem Kaff? Was ist denn schon in Cham?�</p><p>�Ganz genau dasselbe hast du doch schon einmal gesagt. Wei�t du das? Als du wegwolltest. Und w�re es anderswo anders geworden? W�re es das? Nein. Es ist gut gewesen. Da� wir geblieben sind. Aber �ber all das haben wir wirklich schon zur Gen�ge geredet.�</p><p>Das Hintergrundrauschen, das die ganze Zeit �ber in der Leitung gewesen ist, ist pl�tzlich in Piepsen �bergegangen. Ana mu� schon vorher aufgelegt haben. Wallner legt das Handy auf den Nachttisch, geht auf die andere Seite des Schlafzimmers und schaltet den Fernseher ein. In den Nachrichten wird gerade von einer Gesetzes-Debatte im Europa-Parlament berichtet. Wallner �ffnet zuerst die Fl�gel der Innen-, dann die der Au�enfenster des Schlafzimmers. W�hrend unten, vier Stockwerke tiefer, die Stra�e schon im Dunkeln liegt, f�llt auf die Grande Arche, deren Bogen in der Ferne �ber den H�usern zu sehen ist, noch Abendlicht.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>70</strong></p><p>12.�Mai</p><p>Kinderdorf. Gespr�che mit Laurent (Fiasko!). Fax an Gieske, Gottschalk und Lange schicken! Starke R�ckenschmerzen. Sonnenbrand. Kreislaufprobleme. Wieder das Gef�hl im Kopf.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>71</strong></p><p>Man kann einen Teil des Geldes, das f�r die Unterst�tzung eines Kinderdorfes bei Port Harcourt vorgesehen ist, auf ein Extra-Konto bei einer Bank in der Rue Morgue abzweigen, f�r die Ausgaben, die in Paris anfallen. Man kann die Kommodit�t des Zimmers, in dem man sich in seinem Apartment die meiste Zeit aufh�lt, also des Schlafzimmers, optimieren, indem man a) Einrichtungsgegenst�nde der anderen Zimmer � K�che mit E�zimmer und Wohnzimmer � dem Schlafzimmer zuf�hrt, b) f�r die Einrichtungsgegenst�nde von a) die Kriterien �g�nstig�, �robust� und gleichzeitig ��sthetisch� geltend macht. Sind a) und b) erf�llt � a) und b) sind erf�llt �, k�nnen vom Handy aus Telefonate mit Ana gef�hrt werden, in denen ihr vom Kinderdorf bei Port Harcourt erz�hlt wird, k�nnen Nachforschungen angestellt werden, um zu erfahren, was die Firma macht, wie es ihr geht. Es k�nnen Modelle gebaut werden. Man versp�rt hin und wieder den Drang, neben dem Satellitenfernsehen und dem Lesen von franz�sischen Kriminalromanen etwas zu bauen. Modelle.</p><p>Solange die Putzfrau, f�r die man bei jedem Aufenthalt in Paris alle zwei bis drei Monate von neuem inseriert, ihre Arbeit verrichtet, bleibt man in der Wohnung und �berpr�ft, da� nichts gestohlen wird. Man tut so, als w�re man besch�ftigt. Man hat eine weitere Wohnung im Auge. Die Nachbarwohnung. Man braucht die Wohnung nicht. Die meiste Zeit w�hrend der drei bis vier Wochen, die man im Apartment zubringt, h�lt man sich ja im Schlafzimmer auf. Bis auf die K�che stehen die anderen Zimmer, E�- und Wohnzimmer also, leer. Man m�chte sich aber vergr��ern. Nach zwei Jahren, die man regelm��ig hierherkommt, ist das nat�rlich. Die Nachbarwohnung wird von einer alten Frau, alleinstehend, bewohnt, die nie Besuch erh�lt. Der Hausmeister hat zugesagt, beim Todesfall der alten Frau sofort Wallner zu benachrichtigen und sich f�r ein Trinkgeld dann auch um die Adresse des m�glichen Maklers der Nachbarwohnung zu bem�hen.</p><p>Im Quartier Latin hat man sich die k�rzesten Routen zu den g�nstigsten Gesch�ften erschlossen. Ebenso Fluchtwege, Abk�rzungen, sollte man zur Vermutung Anla� haben, man werde beobachtet, einer folge einem. F�r den Fall, da� man sich nicht, wie in den letzten Monaten h�ufiger, vor oder nach Paris im Kinderdorf bei Port Harcourt aufh�lt, ist ein Gesch�ft mit authentischen Gegenst�nden aus Afrika sowie ein Br�unungsstudio ausgemacht worden. Ana erh�lt nach jeder Nigeria-Reise beziehungsweise jeder Paris-Reise, die als Nigeria-Reise ausgegeben wird, einen authentischen Afrika-Gegenstand aus diesem Gesch�ft als Andenken. Gesch�fte in Paris, in denen deutsche Zeitungen, B�cher und Filme zu erwerben sind, kennt man. Manchmal erkundigt man sich nach den Bahnfahrpl�nen, und man macht einen Ausflug. Man f�hrt entweder aufs Land oder Richtung Norden ans Meer. Manchmal bleibt man l�nger und nimmt sich ein Zimmer in einer Pension.</p><p>Man geht Feldwege entlang zwischen Wiesen.</p><p>Man geht durch den Wald.</p><p>Man l��t die F��e ins Wasser baumeln.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>72</strong></p><p>12.�Februar</p><p>Traum: A. und ich an K�ste in Portugal. Sch�n.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>73</strong></p><p>Es gilt, zuf�llige Begegnungen wie �berhaupt jeden Kontakt mit den Wigets und insbesondere Wiget zu vermeiden. Das ist schwierig. Man wohnt im selben Viertel. Aber: Man kennt die Gewohnheiten der Wigets, insbesondere die Wigets. Seine Wege und die von ihm frequentierten Orte gilt es zu umgehen. <emphasis>Rigoletto</emphasis>, wo sich die Ehepaare hin und wieder trafen, das italienische Restaurant, <emphasis>Kieser</emphasis>, das Fitne�studio, <emphasis>Tengelmann</emphasis>, den Supermarkt im Gewerbepark, wo beide Ehepaare am Samstag ihren Gro�einkauf machten, der Mann hilft der Frau. F�r den Fall einer zuf�lligen Begegnung mit Wiget oder Astrid hat man sich M�glichkeiten zurechtgelegt.</p><p>A) Man gr��t kurz und h�flich und f�hrt mit der T�tigkeit fort, mit der man gerade besch�ftigt ist.</p><p>B) Man beginnt ein Gespr�ch und tut so, als h�tte es die letzten Jahre nie gegeben, man erkundigt sich, man vereinbart.</p><p>C) Man beginnt ein Gespr�ch und beharrt auf dem, was vorgefallen ist, man stellt Wiget oder Astrid zur Rede wegen intrigantem Verhalten und Verrat an der vormals mehr als freundschaftlichen Beziehung.</p><p>Hin und wieder ruf Wiget oder Astrid an. Deswegen hat man seine Handynummer ge�ndert und geht auch zu Hause nicht mehr ans Telefon. Ana hebt dann ab. Fr�her hat sie, weil man sie darum bat, gesagt, man sei gerade nicht zu Hause, man sei in Nigeria. Jetzt scheinen Wiget und Astrid nicht mehr nach einem zu fragen, sondern unterhalten sich mit Ana einfach so, �ber allt�gliche Probleme, Urlaubspl�ne, die Kinder. Man fragt da nicht nach. Man schnappt hin und wieder etwas auf. Ana trifft sich ja mit Astrid, vielleicht auch mit Wiget regelm��ig. Das ist bekannt. Solange sie erz�hlt, da� Nigeria ein Erfolg ist, ist es gut. Patrick studiert Maschinenbau in M�nchen. Maximilian arbeitet bei einer Bank in Erlangen und ist verheiratet, Wiget und Astrid fahren noch immer regelm��ig in die T�rkei, der Wert der Aktien der Firma stagniert seit Jahren, wie man ja auch aus dem t�glichen Studium der Aktienkurse in der Zeitung wei�. Witte ist inzwischen in Pension, er hatte die ersten beiden Weihnachten nach dem Ausstieg vor der T�r gestanden und einen Fre�korb als Geschenk mitgebracht; insbesondere die Becks, die Breitenbachers sowie weitere Teile der Belegschaft schicken zum Geburtstag und zu Weihnachten Karten mit Vordruck und eigenh�ndiger Unterschrift. Das ist alles.</p><p>Wichtig ist: Es gilt auszuharren. Ana hatte nach seinem Ausstieg vorgeschlagen umzuziehen, nach Regenburg oder M�nchen zum Beispiel, man k�nnte auch nach Bukarest gehen. Bukarest sei nach dem EU-Beitritt wirklich eine sch�ne Stadt geworden.</p><p>Ein Umzug w�re die Offenlegung der eigenen inneren Verfassung.</p><p>Manchmal stehen Autos in der Einfahrt der Wiget-Villa, der rote Golf der Wittes zum Beispiel, und sind im Vorbeifahren die Umrisse von Gestalten in den Fenstern des Wohnzimmers und der K�che zu sehen, bei denen es sich um van Riet, Resch sowie um Angestellte von <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis> handeln k�nnte. Witte wird selbstgebackenes Brot zum Verzehr beim gemeinsamen Abendessen mitgebracht haben. Frau Beck wird Fotos ihres Sohnes Justin und seiner Familie vorzeigen. Man wird zusammen essen, trinken und lachen. In solchen Momenten sieht man klarer. Vormals nicht als solche wahrgenommene Intrigen und T�uschungsman�ver der Vergangenheit werden jetzt entlarvt.</p><p>Der Anfang der Freundschaft im Wohnheim: h�chstwahrscheinlich echt, aber zweckbedingt, da Wiget sonst keine Freunde (gute) besa�.</p><p>Die �bernahme der insolventen Firma in Ulrich Wigets Heimatstadt dank des �ber Wallners Gro�eltern beschafften Kredits: von Anfang an vom Gedanken bestimmt, den eigentlichen Kopf (Wallner) des Projektes nur so lange zu gebrauchen, bis die Firma auf eigenen Beinen stehen und somit auch von weniger kompetenten Kr�ften (Wiget, van Riet, Resch) �bernommen werden kann.</p><p>Die Pl�ne zur Fusionierung und zum Gang an die B�rse: nur mitgetragen, um Verb�ndete gegen Wallner zu formieren.</p><p>Die Einbindung in die Familie Wiget inklusive gemeinsamer als harmonisch empfundene Abende und Ausfl�ge: der Gewinn von Wallners Vertrauen, um einen besseren Einblick in seine Gedankenwelt, Pl�ne, W�nsche plus Gef�hle zu erhalten.</p><p>Zu diesem Komplex geh�rend: das Arm-auf-die-Schulter-Legen, ein Ausstellen der Zuneigung, das es im Falle der Echtheit der Freundschaft nicht gebraucht h�tte.</p><p>Resch: der Mitl�ufer.</p><p>Van Riet: der Adjutant.</p><p>Marckelsheim: der Enthauptungsschlag.</p><p>Es ist bekannt, da� Wiget und van Riet Stammkunden verloren haben. Verloren: Kaiser, Qualtinger, Erl, Konrad. Ana hat es gesagt. Sie mu� es von Wiget oder Astrid wissen. Witte hat es gesagt. Sp�ter bei einem Telefonat, in dem es um den Plan ging, Jugendliche aus Nigeria f�r den Zeitraum der Hopfenernte nach Deutschland kommen zu lassen, hat Erl selbst gesagt, er sei zu Maier in Rosenheim gewechselt, weil er ja immer mit Wallner zu tun gehabt habe, mit van Riet nicht klargekommen sei � und, wie sich herausstellt, hat er sich ohnehin schon l�nger �berlegt, die Firma zu wechseln, er sei mit der Lieferzeit unzufrieden gewesen. Es gibt Solidarit�t. Es gibt Treue.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>74</strong></p><p>�Wo bist du?�</p><p>�Ich bin in Bukarest. Und du?�</p><p>�Du bist in Bukarest. Du hast doch gewu�t, da� ich heute komme. Ich bin drei Wochen in Nigeria, ich komme am Flughafen an, niemand da, ich komme nach Hause, niemand da. Keine Nachricht. Gar nichts. Ich warte. Nichts. Du bist in Bukarest.�</p><p>�Du hast es nicht f�r n�tig gehalten, mich die letzten zehn Tage anzurufen. Ich habe dir mehrere Nachrichten auf deine Mailbox gesprochen. Du hast dich nicht gemeldet. Warum soll ich mich also melden? Ich habe das hier gebraucht, ich brauche das hier.�</p><p>�Ich glaube das alles nicht. Da� du so was tust. Da� du in Bukarest bist. Jetzt. Wohin soll denn das alles f�hren? Was bezweckst du mit so was?�</p><p>�Ich komme �bermorgen wieder. Eva und Dolora habe ich freigegeben. Bis dahin wirst du dich selbst versorgen m�ssen. Du wirst dich ja selbst versorgen k�nnen. Da kannst du mal sehen, wie das ist da. Allein. In dem Haus da.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>75</strong></p><p>In seinem Kopf befinden sich gr�ne, blaue und rote Flekken.</p><p>Er beugt sich mit der Leselupe �ber den Ausdruck der letzten PET-Aufnahme, den er von Dr. Kaduk angefordert hat. In dem roten Fleck ist ein schwarzes Loch, soviel steht fest. Wallner sieht es ganz deutlich. Allerdings. So klein ist es, da� es sich auch um eine Unregelm��igkeit im Druck handeln k�nnte. Dr. Kaduk hat doch alles genau untersucht. In der Regel konnte man sich auf Dr. Kaduk verlassen. Vielleicht aber ist das Loch in Wallners Kopf, sofern es tats�chlich existierte, in der Zwischenzeit gewachsen und w�re nun auch f�r Dr. Kaduk sichtbar.</p><p>Das Loch ist in der Zwischenzeit gewachsen.</p><p>Er braucht Dr. Kaduk gar nicht aufzusuchen. Wallner wei� es ohnehin.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>76</strong></p><p>Wie gut, da� Ana in Bukarest ist. Man kann nur gewinnen. Dies ist eine Win-win-Situation. Am Ende liegt die Schuld bei Ana, Bukarest ist eine Ungeheuerlichkeit, jetzt ist sie es, die ausgebrochen ist, nicht man selbst. In der nahen Zukunft wird die anklagende Haltung, die sie im Moment noch an den Tag legt, einer rechtfertigenden weichen, dann einer zerknirschten. Man wird beleidigt sein k�nnen. Man wird vergeben k�nnen. Und Ana wird davon absehen, einem erneut Vorw�rfe zu machen; geschweige denn, da� sie �berpr�fen wird, ob man tats�chlich in Nigeria war beziehungsweise ist. Man wird ihr Andenken mitbringen, sie wird sich freuen m�ssen, weil die Situation nach ihrer Ungeheuerlichkeit und der eigenen Gro�m�tigkeit dies mehr denn je erfordert. Ana hat sich selber eine Grube gegraben. Sie f�llt.</p><p>Au�erdem kann man, woran man in Paris schon �fters dachte, Anas Sachen im Schlafzimmerschrank durchsuchen. Selbst wenn Ana umgehend in Bukarest in den Flieger steigt und nach N�rnberg fliegt, braucht sie mindestens f�nf Stunden, bis sie hier eintrifft. Man hat Zeit.</p><p>Wallner �ffnet die Glast�ren des obersten Regals, des Costin-Regals. Neben den Videokassetten mit den Mitschnitten s�mtlicher Folgen der <emphasis>Popstar</emphasis>-Staffel mit Costin befinden sich darin zwei Fotoalben, eines f�r die <emphasis>PingPongs</emphasis>, eines f�r Costin beziehungsweise CO. Ana hat manchmal am Wochenende neben einem Packen Zeitschriften gesessen, <emphasis>Bravo, Popcorn, M�dchen</emphasis>, hat Fotos und Artikel ausgeschnitten und eingeklebt. Wallner hat gefragt, was sie mache, obwohl er es genau wu�te. Ana hat dann manchmal �Ich mach� so ein Album f�r Costin�, manchmal �Nichts� gesagt. Seit ihrem Streit dar�ber, da� Costin einfach so, ohne seine Eltern vorher zu fragen, diesen Vertrag bei dieser Produktionsfirma unterschrieben hatte, haben sie eigentlich, wenn Wallner jetzt �berlegt, nicht mehr wirklich kommuniziert; die ein, zwei Male, die Costin kurz dagewesen war, war er eigentlich die ganze Zeit �ber mit seinen Freunden unterwegs gewesen; auch Ana, mit der Costin zuerst noch regelm��ig telefoniert hatte, hat im letzten halben Jahr, seit dem zweiten Album der <emphasis>PingPongs</emphasis>, nur noch indirekt Kontakt mit Costin, �ber die Managerin der Band, eine Melanie Zoitke, mit der sie sich aber tats�chlich gut zu verstehen scheint. Ana hat �fters gesagt, mit Melanie Zoitke k�nne man gut reden und sie, Melanie Zoitke, kenne Costin inzwischen erstaunlich gut.</p><p>Obwohl Wallner demonstrativ aus dem Zimmer ging oder sich etwas anderem zuwandte, wenn Ana die neueste <emphasis>Popstar</emphasis>-Folge ansah, hatte er am Wochenende, wenn Ana einkaufen war, Anas Mitschnitte oft insgeheim im Schnellverfahren angeschaut, hatte den Vorlauf gestoppt, wenn Costin ins Bild kam. Hin und wieder, wenn er in letzter Zeit den Flieger nach Paris genommen hatte, hatte er auch in den Zeitschriftengesch�ften am Flughafen in N�rnberg in Teenager-Zeitschriften gebl�ttert, <emphasis>Bravo, Popcorn, M�dchen</emphasis>, um das Neueste �ber Costin beziehungsweise CO und die <emphasis>PingPongs</emphasis> zu erfahren. Wallner hatte gelesen, da� sich Costin von Henriette getrennt habe und mit der S�ngerin einer anderen Band zusammen sei; da� sich das erste Album der <emphasis>PingPongs</emphasis> eine Woche lang auf Platz zwei der deutschen Albumcharts hielt. Costin hatte in einem Interview folgende Aussagen gemacht: �Mein Lieblingsgericht ist Sarmale, weil es mich daran erinnert, wo ich herkomm.� Und: �Ich hab ein Herz f�r Pferde.� In abgedruckten Fanbriefen hatte ein M�dchen, das 11, 12 oder 13 war, geschrieben, es sei in CO verliebt, es sei ihr gr��ter Wunsch, ihn einmal zu treffen. Auf den Fotos, den Videos und den ausfaltbaren DIN-A 3-Postern in der Mitte der Zeitschriften, in die Wallner, am Stand in Gesch�ften stehend, hineinlugte, wurden aus Costins schwarzen Naturlocken kurze rote Stifteln, diese zu einer Glatze und diese zu schulterlangen, glatten blonden Haaren, trug Costin einen Ziegenbart, dann Monsterkoteletten, dann einen Dreitagebart, war glattrasiert und nahm im Lauf der Jahre deutlich zu.</p><p>Wallner zieht die Videokassette aus dem Schrank, die Ana mit <emphasis>Konzert</emphasis> beschriftet hat, und legt sie ein. Es ist ein Konzert mit vielen fr�heren und sp�teren <emphasis>Popstar</emphasis>-Gruppen, ziemlich in der Mitte des Konzerts k�ndigt der Moderator die <emphasis>PingPongs</emphasis> mit einer Single aus ihrem neuen Album an. Obwohl die Musik der <emphasis>PingPongs</emphasis> nie die seine gewesen ist � wenn er Musik h�rt, dann vielleicht seine alten LPs aus den 70ern, <emphasis>Pink Floyd, Simon &amp; Garfunkel, die Beatles</emphasis>, die Gro�en eben �, kann selbst Wallner h�ren, da� die neue Single keinerlei Zug besitzt. Zudem singen die <emphasis>PingPongs</emphasis> jetzt auf deutsch. Die Songs auf dem ersten Album waren auf englisch gewesen, was die Banalit�t der Texte zumindest zu einem gewissen Teil kaschierte.</p><p>W�re Wallner Costin, er w�rde sich weigern, zusammen mit diesem Wylie, der sich immerzu in den Vordergrund dr�ngt � er ist ja viel �fter zu sehen als Costin �, den Refrain �Dann m�chte ich dein Boy sein� (direkt daran angeschlossen die Zeile der M�dchen, der immer attraktiver werdenden Seema und der grauen Maus, dieser Uschi, �Und ich dein Girl�) zu singen. W�re Wallner der Manager der <emphasis>PingPongs</emphasis> und nicht Melanie Zoitke, er w�rde die Lieder mit gr��ter Sorgfalt und nat�rlich in R�cksprache mit der Band ausw�hlen. Man w�rde sich treffen. Man w�rde diskutieren. W�re Wallner der Choreograph der <emphasis>PingPongs</emphasis>, er w�rde sie nicht dieses Affentheater machen lassen. Costin kann hervorragend tanzen. Wallner wei� das. W�re Wallner Costin, er w�rde Wallner um Verzeihung plus finanzielle Hilfe bitten, um diesem ganzen Popbusiness zu entkommen, wo einem vorgeschrieben wird, was man zu tun hat. Man ist unfrei. Man hat sich mit Unterschreiben des Vertrags der Produktionsfirma �berantwortet.</p><p>Wallner legt den Kopf zur Seite, um die Titel der Videos in den anderen Regalen zu lesen. Die Videos sind chronologisch geordnet. W�hrend Wallners Blick �ber die Videos mit den Aufnahmen aus der Anfangszeit hier in Cham schweift, sieht er Sequenzen aus Filmen vor sich, an die er sich erinnert. Wie sich Wiget und Astrid nach ihrer Trauung vor dem Eingang der Kirche zum Gruppenbild mit Verwandten aufstellen, f�r die Fotografen stillstehen. Wie Ana mit der Kamera durch das erste Haus in Cham geht, die viel zu dunklen Bilder wegen der schlechten Beleuchtung. Costin als Baby in der Wiege. Costin als kleiner Junge auf einer Schaukel, auf die Kamera zu schaukelnd und zur�ck, er, Wallner, dahinter, anschubsend, mit Schnauzer, hat er damals den Schnauzer gehabt oder erst sp�ter beziehungsweise schon fr�her? All diese Aufnahmen sind ohne Ton, man kann nur raten und aus der Erinnerung zu rekonstruieren versuchen, was die Leute sagen, wenn sie den Mund bewegen.</p><p>Wallner legt das Video mit der Aufschrift <emphasis>Abitur Costin</emphasis> ein. Costin steigt auf die B�hne. Durch den Zoom ist sein lachendes kalkwei�es Gesicht zu sehen.</p><p>Wallner wei�, was folgt.</p><p>Costin holt sich sein Abiturzeugnis beim Rektor ab, wendet sich zum Publikum, tippt sich an die Stirn, lacht, tritt von der B�hne; dann er selbst, Wallner, wie er sich den Weg durch die Menge nach vorne bahnt, wie er Costin von hinten umarmt, �berschwenglich, gl�cklich, sie beide, wie sie in die auf sie zuzoomende Kamera winken, aufstehen und Arm in Arm nach hinten, ausgelassen redend, zu Ana, zum Buffet gehen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>77</strong></p><p>Stefan Wallner sagt, dies sei jetzt das dritte Jahr, in dem die Firma schwarze Zahlen schreibe. Die Firma habe jetzt eine Bonit�t.</p><p>G�nter Wallner sagt, da� ihn dies freue.</p><p>Stefan Wallner sagt, er sei froh, da� er in der Lage war, letztes Jahr, noch bevor die Gro�mutter gestorben ist, ihr den Rest des geliehenen Geldes zur�ckzuzahlen.</p><p>G�nter Wallner sagt, auch er sei froh. Er freue sich f�r Stefan Wallner. Er m�sse es ganz offen gestehen. Am Anfang, wie Stefan Wallner vor zehn Jahren angefangen habe, da habe er Zweifel gehabt.</p><p>Stefan Wallner fragt, was G�nter Wallner gedacht habe. G�nter Wallner k�nne offen sein.</p><p>G�nter Wallner sagt, wenn er ganz offen sei, habe er gedacht, der Kredit der Gro�eltern sei f�r immer fort. Die Firma halte sich vielleicht zwei Jahre. Maximal drei. Er habe ja noch gedacht, er k�nne Stefan Wallner von seinem Ungl�ck abhalten.</p><p>Stefan Wallner fragt, wie G�nter Wallner das meine.</p><p>G�nter Wallner sagt, er habe doch Stefan Wallner das immer wieder auszureden versucht. Jetzt im nachhinein sei man nat�rlich schlauer. Er, G�nter Wallner, sei stolz auf Stefan Wallner, er sei sehr stolz. Das sei nat�rlich eine Gl�ckssache gewesen, da� die andere Firma in der Gegend gleich am Anfang zugemacht habe.</p><p>Stefan Wallner sagt, er staune, da� G�nter Wallner sich das gemerkt habe.</p><p>G�nter Wallner sagt, es tue ihm leid, er m�sse das einmal sagen, da� er Stefan Wallner damals nicht unterst�tzt habe.</p><p>Stefan Wallner sagt, es m�sse G�nter Wallner nicht leid tun, er habe doch das Geld und den Kreditspielraum damals nicht gehabt. Er, Stefan Wallner, wisse das doch.</p><p>Es entsteht eine Pause.</p><p>Stefan Wallner fragt, ob das stimme.</p><p>G�nter Wallner sagt nichts.</p><p>Stefan Wallner sagt, G�nter Wallner habe das Geld und den Kreditspielraum gehabt, habe aber trotzdem Stefan Wallners Gro�eltern m�tterlicherseits zahlen lassen, die damit die eigene Existenz aufs Spiel setzten, es seien ja eben nur Nowottnys und nicht Wallners, und da sei es ja egal.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>78</strong></p><p>2.�August</p><p>Das Kinderdorf soll mich in Frieden lassen. Ich w�nsche keine Anrufe mehr von wegen �Wir ben�tigen Ihre Vermittlung� oder �Ist es in Ordnung, wenn wir das Geld f�r das und das verwenden?� Ich vermittle nicht. Und: Ja, es ist in Ordnung.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>79</strong></p><p>Da ist Ndou. Er tr�gt ein langes hellgr�nes Hemd und wei�e Kniehosen aus Leinen. Er streckt den rechten Arm aus, die Goldreife daran klimpern. Er fragt, l�chelnd, �Monsieur?� und zeigt seine strahlend wei�en Z�hne.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>80</strong></p><p>Van Riet sitzt neben Wiget auf dem Sofa im Wohnzimmer der Wigets, ihm gegen�ber sitzt Astrid auf einem Stuhl. Sie hat sich vorgebeugt und h�rt van Riet und Wiget konzentriert zu, die, sobald das Gespr�ch auf die Firma gekommen ist, begonnen haben, leiser zu sprechen. Astrid tr�gt den wei�en oder rosafarbenen Bademantel, den sie anhatte, als Wallner und Wiget zusammen den Film �ber den Bundeswehreinsatz in Nigeria angeschaut hatten, dessen Titel Wallner jetzt vergessen hat. Wallner stellt sich vor, da� Patrick in seinem Zimmer im ersten Stock sitzt und f�rs Abitur lernt. Er hat die blaue Matrosenm�tze aufgesetzt, die ihm van Riet aus Hamburg mitgebracht hat.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>81</strong></p><p>Das Gesicht des T�rstehers ist f�r einen Moment im Guckkasten der metallenen T�r erschienen, kurz nachdem Wallner den Klingelknopf gedr�ckt hatte, ohne da� jedoch ein Klingeln zu h�ren gewesen w�re. Die W�nde des Korridors sind mit Spiegeln belegt. Wo sie an die Decke und den glatten Fu�boden anschlie�en, sind kleine Christbauml�mpchen befestigt, rot, wei�, blau. Wallner steigt die Treppe am Ende des Korridors herunter. Es hat ihm niemand gesagt, aber er vermutet, da� dies der Weg ist, m�glich, da� die Spiegel zugleich T�ren sind. Das Dr�hnen des Basses wird mit jeder Windung der Treppe lauter.</p><p>Der Raum, in den Wallner tritt, liegt im Halbdunkel. Nur das Glitzern der Discokugel an der Decke wandert langsam �ber die Tische in den Nischen, die leere Tanzfl�che, die Stange in der Mitte, die von einem Spotlight erhellt wird. Im Schwarzlicht, das von irgendwoher kommen mu�, von der Lampe �ber der Bar, aus der Bar heraus, sind die Fusseln auf der Kleidung, die Z�hne der Gestalten, die an der Bar sitzen, zu erkennen. Wallner tritt n�her heran, bestimmt. Die Frauen drehen zuerst die K�pfe nach ihm um, dann stehen sie auf.</p><p>Eine ist mittelgro�, schlank, br�nett, eine asiatisch, athletisch, eine schwarz, kr�ftiger, eine klein, schwarzhaarig, kr�ftiger, eine klein, blond.</p><p>Wallner geht langsam an ihnen entlang, bleibt stehen, geht weiter, geht zur�ck. Er deutet auf die kleine schwarzhaarige Frau.</p><p>Sie legt den Arm um seine H�fte, zusammen gehen sie langsam quer durch den Raum, auf einen Treppenaufgang zu, bei dem es sich aber nicht um jenen handeln kann, �ber den Wallner hier hereingekommen ist. Die kleine schwarzhaarige Frau fl�stert Wallner etwas ins Ohr, etwas auf franz�sisch. Auf der Treppe ist sie vorausgegangen, Wallner ist zur�ckgefallen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>82</strong></p><p>Bei <emphasis>Chez Robert</emphasis> kann man wunderbar drau�en sitzen, Kaffee trinken, Zeitung lesen oder einfach nur das Treiben auf dem Platz beobachten. Philippe, der Kellner, kennt einen schon. An guten Tagen, wenn man keine Schmerzen hat, das Wetter sch�n ist und man noch die ganze Woche vor sich hat, genie�t man es hier richtig. Die Passanten, die spielenden Kinder, die Tauben. Man ist gl�cklich. Man hat keine Last. An schlechten Tagen, wenn man Schmerzen hat, das Wetter nicht so gut ist, man nur noch wenige Tage bis zur Abreise nach Cham hat plus Ana wieder am Telefon Vorw�rfe erhoben hat, hat der Platz etwas Bedr�ckendes. Man sieht m�de von der Zeitung auf. Die Passanten und die spielenden Kinder l�rmen. Und diese Gedanken regen sich in einem: Was w�re, wenn einem jemand hier auf die Schliche k�me, wenn es jemandem einfiele, einen zu erpressen.</p><p>Im Juni war beispielsweise pl�tzlich ein mittelgro�er Herr aufgetaucht, circa 50, kurzes blondes Haar, gut gekleidet. Kurz nachdem man sich selbst vors <emphasis>Chez Robert</emphasis> gesetzt hatte, hatte auch er an einem Nebentisch Platz genommen, Zeitung gelesen und ab und zu hin�bergesehen, manchmal nickend, wie es einem vorkam. Als Ana am Telefon eine Andeutung machte, aus der zu schlie�en war, da� sie einem nicht glaube, ja, da� sie m�glicherweise genau wisse, wo man sich in Wirklichkeit befinde, konnte man davon ausgehen, da� sie ihre Informationen von ebendiesem Herrn hatte, bei dem es sich demnach um eine Art auf einen selbst angesetzten Privatdetektiv, vielleicht auch um einen Bekannten oder Freund oder Liebhaber Anas handelte, der ihr einen Gefallen tun beziehungsweise sich einschmeicheln wollte, und wie war da die �berf�hrung des Ehemannes noch zu �bertreffen?</p><p>Als Ana sich sp�ter in Cham f�r ihre Ausf�lligkeiten am Telefon entschuldigte und sagte, sie wolle nicht, da� diese Ehe in die Br�che gehe, sie wolle das nicht, vielleicht sei es ja nicht mehr so wie fr�her, aber man k�nne doch die Jahre, die einem bleiben, noch mit W�rde und Respekt dem anderen gegen�ber verbringen, und als man sie in die Arme genommen und man die Tr�nen in ihren Augen gesehen und selbst zu weinen begonnen hatte, man wu�te nicht mehr, was tun, was denken, und als sich dann beim n�chsten Parisaufenthalt der Herr nicht mehr blicken lie�, erwies sich der vormalige Verdacht als gegenstandslos und damit auch die bereits im Kopf ausgearbeiteten Pl�ne, den Herrn entweder auflaufen zu lassen, indem man so tat, als w��te man nicht, da� man beobachtet werde, nur um falsche F�hrten zu legen, oder aber, die Flucht zu ergreifen, Paris zu verlassen und sich in einer anderen Stadt eine zweite Existenz aufzubauen (vielleicht Prag; man kennt Prag von Gesch�ftsreisen), als �berfl�ssig.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>83</strong></p><p>14.�Juni</p><p>Im Apartment rechts wohnt Monsieur Damiens, circa 1,80, graues Haar, B�rstenschnitt, drahtig. Um 8:15 Uhr geht er zum B�cker, Baguette holen. Um 9 Uhr verl��t er das Haus mit einem schwarzen Aktenkoffer, um zur Arbeit zu gehen. Um 17 Uhr kommt er zur�ck. Von 19 bis 23 Uhr sieht er fern, oft auch Spielfilme auf englisch, wie ich durch die Schlafzimmerwand h�ren kann. Selten Besuch. Samstags um 19 Uhr verl��t er mit einer Sporttasche das Haus und kommt erst nach 0 Uhr zur�ck. Zu unregelm��igen Zeiten, zumeist abends, h�rt man rhythmisches Quietschen. Es ist davon auszugehen, da� Monsieur Damiens eine Rudermaschine, ein Rad oder �hnliches in seinem Zimmer aufgestellt hat.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>84</strong></p><p>Wallner sitzt am Schreibtisch �ber sein Notizbuch gebeugt. Die Beine hat er �bereinandergeschlagen. Seine Ellbogen ruhen auf der Tischfl�che. Er schreibt sehr schnell mit dem Bleistift, der auf dem Papier ein kratzendes Ger�usch erzeugt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>85</strong></p><p>Christian Aimard, Anfang 60, circa 1,85 gro�, leicht untersetzt, spitze Nase, sich lichtendes br�nettes Haar, kennt alle Wege Wallners, wei�, wo er essen, wo er einkaufen, wo er ins Sonnenstudio geht. Er kennt alle bisherigen Putzfrauen Wallners in Paris, tats�chlich hat <emphasis>er</emphasis> sie auf die Anzeigen aufmerksam gemacht, die Putzfrauen sind alle Bekannte Aimards. Aimard ist in Wallners Apartment gewesen. Er hat Wallners Computer und Fernseher angeschaltet, die Kriminalromane gelesen, die Toilette benutzt und sich ein Rumpsteak mit Petersilkartoffeln zubereitet. W��te Wallner etwas von Aimard, h�tte er bereits seine Route durch das Viertel ge�ndert und sich vielleicht, trotz der Pl�ne, die Nachbarwohnung zu kaufen, ein anderes Apartment gesucht. Wallner wei� nichts von Aimard.</p><p>Tags�ber ist Aimard in einem Fotolabor eines Supermarch�s angestellt. Aimard entwickelt Fotos innerhalb einer Stunde, die Abz�ge von digitalen Bildern kann man sofort mitnehmen. Wallner folgt er am Wochenende oder in der Mittagspause, oder er nimmt sich extra frei. Au�er es regnet. Aimard ha�t Regen, nicht nur spannt er bei Regen einen XXL-Regenschirm mit dem Aufdruck der Sehensw�rdigkeiten von Paris auf, sondern er tr�gt auch neongelbe Regenkleidung mit Extraverschlu� an Armen und Beinen, so da� kein Wasser auf seine Haut gelangt. Aimard ist alleinstehend. Er hatte einmal eine Beziehung zu einer jungen Frau, Claire, in Nantes, als er 28 war und noch im Fotolabor seines Vaters arbeitete. Aber Claire heiratete einen anderen.</p><p>Abends steht Aimard auf einer Leiter an der n�rdlichen Wand seines Schlafzimmers. Die Wand ist fast vollst�ndig mit Fotos von Wallner bedeckt. W�hrend Wallners Aufenthalten in Paris steht Aimard hier an der Wand und klebt die Fotos auf, die er am Tag von Wallner gemacht hat. Bald wird Aimard beginnen, auch an der westlichen und �stlichen Wand Fotos aufzukleben.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>86</strong></p><p>Aimard hat eine Freundin, Anne-Catherine Moureau. Sie ist schlank, ja mager, tr�gt eine Nickelbrille und hat das blonde Haar mit den grauen Str�hnen stets zu einem Zopf geflochten. Nie tr�gt sie Hosen, immer R�cke mit T-Shirts oder Blusen, wei�. Aimard kannte Moureau vom Sehen, sie kaufte ab und zu im Supermarch� ein. Vor zwei Monaten war sie dann zum ersten Mal zu Aimards Theke gekommen, hatte ihm eine Filmrolle �bergeben und ihm ihren Namen gesagt, Moureau, wobei sie auf einen Punkt neben Aimards rechtem Ohr schaute. Auf dem 36er-Film waren nur sechs Fotos gewesen: drei von einer wei�en Katze mit schwarzen Flecken am Kopf, drei von einer sehr aufger�umten Wohnung mit M�beln, die nach <emphasis>IKEA</emphasis> aussahen. Moureau war am Ende der Woche noch mals mit einer Filmrolle zum Fotolabor gekommen, die Woche darauf jeden zweiten, die �bern�chste Woche fast jeden Tag. Hatten die Fotos zun�chst immer �hnliche Ansichten von derselben Katze und derselben Wohnung gezeigt, war auf den Bildern bald gar nichts mehr zu sehen gewesen, das hei�t, Moureau hatte Aimard unbelichtete Filmrollen zum Entwickeln gegeben. Wenn Aimard Moureau die Taschen mit den schwarzen Fotos, die sich an den R�ndern grau aufhellten, �ber die Theke reichte, lie�en weder er noch sie sich etwas anmerken. Dann war Moureau ein paar Tage lang nicht zum Fotolabor gekommen, und Aimard, der inzwischen wu�te, zu welchen Zeiten Moureau einkaufte, welche Produkte sie bevorzugte, welche Gesten sie beim Artikel-in-den-Einkaufskorb- und Artikel-aufs-Band-Legen machte, hatte untertags umsonst seine Theke verlassen, um nachzusehen, ob Moureau nicht vielleicht gerade in einem der G�nge im Supermarch� vor den Kompottdosen oder in der Fleischabteilung stand. Nach vier Tagen hatte sich aber Moureau Punkt 12 Uhr an der Theke des Fotolabors eingefunden und sich Bilderrahmen angesehen, die zu einem Sonderpreis angeboten wurden. Aimard, der eigentlich zum ersten Mal nach drei Wochen wieder Wallner durch die Stadt hatte folgen wollen, war unschl�ssig gewesen, was er tun sollte. Schlie�lich hatte er sich, w�hrend ihn sein Lehrling vertrat, an einen der Tische in der B�ckereiabteilung neben dem Fotolabor gestellt und sich ein Croissant sowie Kaffee gekauft. Auch Moureau hatte sich bei der B�ckereiabteilung einen Croissant sowie Kaffee gekauft, und weil auf dem anderen Tisch Br�sel und eine Lache waren, hatte sie Aimard gefragt, ob sie sich an seinen Tisch stellen d�rfe.</p><p>Bald treffen sich Aimard und Moureau regelm��ig in einem Caf�, dann auch abends in einem chinesischen Restaurant, Einladungen zu Aimard und Moureau, deren Wohnung und Katze Aimard schon von den Fotos her genau kannte, folgen. Aimard und Moureau entdecken Gemeinsamkeiten: Moureau, die als Sekret�rin in einer Firma f�r Landmaschinen arbeitet, ist ordentlich, f�hrt Buch �ber die anderen Mieter in ihrem Haus. Schon seit l�ngerem hat sie Aimard beim Einkaufen bemerkt. Die Filmrollen sind nat�rlich nur ein Vorwand gewesen, Kontakt mit ihm herzustellen. Aimard erz�hlt Moureau von Wallner, dem Verdacht, da� etwas mit ihm nicht stimme; nicht nur verberge er etwas, auch scheine er ein schwaches Herz und angegriffene Nerven zu haben. Er fasse sich oft an den Kopf. Aimard zeigt Moureau die W�nde in seinem Schlafzimmer mit den Fotos Wallners.</p><p>Beim Sex hat Moureau sehr laut und schrill gerufen. Aimard und Moureau beschlie�en, fortan nicht nur gemeinsam �ber die Mieter in Moureaus Haus Buch zu f�hren, sondern auch gemeinsam Wallner auf die Schliche zu kommen. Abwechselnd beschatten sie Wallner, der noch immer keinen Verdacht sch�pft. Sie zapfen seine Telefonleitung an, sie mieten sich in der Wohnung im Haus gegen�ber ein und betrachten Wallner durch ein Fernrohr auf einem Stativ, sie kennen sein E-Mail-Pa�wort, obwohl er es regelm��ig �ndert. Am Anfang und am Ende der Fluchtwege, die sich Wallner in seinem Quartier zurechtgelegt hat und die er hin und wieder zur Verwirrung eventueller Detektive oder Verfolger oder Erpresser einschl�gt, stehen sie immer schon, wartend.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>87</strong></p><p>Aimard und Moureau haben Wiget und Astrid kontaktiert! Wallner hat f�r einen Moment den Eindruck gemacht, als h�tte er die vier auf der Strandpromenade in Le Havre erkannt, scheint aber zum Gl�ck zu glauben, sich get�uscht zu haben, da er ganz ruhig weitergegangen ist, sich sp�ter ein Tretboot gemietet hat, mit dem er f�r ein paar Stunden raus aufs Meer gefahren ist, sp�ter ist er wieder in seine Pension zur�ckgekehrt und hat nicht ausgecheckt.</p><p>Aimard, Moureau, Wiget und Astrid haben sich in einem Landhaus etwas au�erhalb der Stadt einquartiert. Aimard hat Wiget und Astrid die Fotos von seiner Schlafzimmerwand gezeigt, Moureau hat ihnen Kopien von Wallners Telefonrechnung vorgelegt. Wiget und mit ihm auch Astrid hatten seit Wallners Ausscheiden aus der Firma gegen�ber Wallner Schuldgef�hle gehabt, deren Bes�nftigung Wallner aber durch nicht angenommene Telefonate, nicht beantwortete E-Mails und die durch Ana abgelehnten Einladungen zu verhindern gewu�t hatte. Wallner hatte Wigets und Astrids Pl�ne einer Vers�hnung durchkreuzt. Durch Aimard und Moureau hat sich Wigets und Astrids Bild von Wallner ver�ndert. Wiget und Astrid f�hlen bez�glich Wallner Entt�uschung, die mit jedem weiteren Bericht des beharrlichen Aimards und der aufrichtigen Moureau sich in Wut verwandelt. Dr�ngend steht die Frage im Raum, wie sich Wiget und Astrid an Wallner r�chen k�nnen. Noch wollen sie abwarten. Sie wollen morgens zu viert nach Paris fahren und mit Aimards und Moureaus Hilfe Wallners Apartment betreten. Am Abend sto�en die Wigets mit Aimard und Moureau mit einem Glas Rotwein an. Man versteht sich. Im Landhaus schlafen die Wigets im Ehebett im Schlafzimmer im ersten Stock, Aimard und Moureau im Ehebett im Schlafzimmer im Erdgescho�. Wallner stellt sich vor, da� beide Schlafzimmer wie sein eigenes Schlafzimmer in Cham aussehen.</p><p>Am Donnerstag wird Wiget mit Eva telefonieren. Er kennt sie schon l�nger. Er hat sie gebeten, Wallners Arbeitszimmer in dessen Villa nach brauchbaren Unterlagen zu durchsuchen. Wiget bezahlt Eva.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>88</strong></p><p>Butter: � 1, 20</p><p>Brot: � 2, 70</p><p>Tomaten: � 3</p><p>Gew�rzgurken: � 2, 20</p><p>Cidre: � 2, 30</p><p>Pizza (3): � 8, 76</p><p>K�se: � 4, 23</p><p>Zeitung: � 2, 10</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>89</strong></p><p>Man geht spazieren. Nur vereinzelt kommen einem Passanten entgegen. Die B�ume der Allee haben vom Wind zu rascheln begonnen. Man stellt den Mantelkragen hoch. In der Ferne ist �ber den D�chern die Spitze des Eiffelturms aufgetaucht.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>90</strong></p><p>Man liegt mit geschlossenen Augen auf dem R�cken im Bett. Durch das gekippte Fenster dringt der Stra�enl�rm von drau�en, eine Autoalarmanlage, Kinder, die rufen. Man legt den rechten Arm �ber den Kopf.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>91</strong></p><p>Man hat einen stechenden Schmerz in der Seite.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>92</strong></p><p>Man geht spazieren. Nur vereinzelt kommen einem Passanten entgegen. Die B�ume der Allee haben vom Wind zu rascheln begonnen. Man stellt den Mantelkragen hoch. In der Ferne ist �ber den D�chern die Spitze des Eiffelturms aufgetaucht.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>93</strong></p><p>Ist der Wunsch nach Flucht vorhanden?</p><p>Ja.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>94</strong></p><p>Man liegt mit geschlossenen Augen auf dem R�cken im Bett. Durch das gekippte Fenster dringt der Stra�enl�rm von drau�en, eine Autoalarmanlage, Kinder, die rufen. Man verschr�nkt die Arme auf der Brust.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>95</strong></p><p>Kundenfrequenz der B�ckerei gegen�ber (gez�hlt wurden die Personen, die das Gesch�ft betraten, Kinder inklusive):</p><p>7�9 Uhr: 138</p><p>9�12 Uhr: 97</p><p>12�15 Uhr: 88</p><p>15�17 Uhr: 95</p><p>17�20 Uhr: 127</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>96</strong></p><p>Er streift die Beete am Zaun entlang. Hinten, auf der Terrasse, essen Oma, Opa und Papa Kuchen. Er reckt den Kopf und schaut auf die gro�en gelben Bl�ten, die sich auf seiner Augenh�he befinden. Ob Bienen darauf sind. Viele sind darauf. Er nimmt die Flasche, st�lpt sie �ber die Bl�te, er versperrt die �ffnung mit dem Zeigefinger, die Biene ist gefangen. Die Biene fliegt nach oben, st��t an, krabbelt auf der Innenseite der Flaschenwand entlang. An den Hinterbeinen der Biene sind kleine orangenfarbene S�ckchen. Die Biene sitzt auf seiner Fingerkuppe. Das kitzelt. Die Biene hat ihn gestochen. Ihr Hinterteil hat gewackelt. Er hat geweint. Die Flasche ist ins Gras gefallen. Die Biene ist weg. Sein Zeigefinger ist angeschwollen. Oma, Opa und Papa haben nach ihm gerufen und sind aufgestanden. Er ist zu ihnen gelaufen. Opa und Papa stehen vor den Korbst�hlen und sagen etwas wie �Hat dich eine Biene gestochen�, Oma ist in die Hocke gegangen und hat, w�hrend sie etwas Beruhigendes sagt, irgend etwas, seine Hand ergriffen. Sie steckt seinen Zeigefinger in ihren Mund, saugt daran, spuckt aus, saugt weiter.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>97</strong></p><p>An den B�umen in den Alleen und Parkanlagen kann man schon die ersten Knospen sehen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>98</strong></p><p>Vor dem Wohnhaus ist eine Baustelle. Ein Loch wurde gegraben, dar�ber ein gelbes Zelt aufgestellt. Bauarbeiter, die meisten Marokkaner, stehen in ihren orangenen Anz�gen drumherum und unterhalten sich sehr laut. Manchmal verschwindet einer von ihnen im Zelt, im Loch. Ein beinahe unertr�gliches Bohrger�usch ist zu h�ren, das den ganzen K�rper mitvibrieren l��t. Man k�nnte fast denken, die L�rmquelle komme von innen.</p></section><section><title><p><strong>Costin goes and fucks himself</strong></p></title><p><strong>01</strong></p><p>Gaaaanz langsam �ffnet er die Augen, macht �Umpf�, dreht sich zur Seite und zieht die heruntergerutschte Decke bis zum Kinn. Das Bettzeug riecht noch voll frisch. Die letzten Tage hat ihn der Mief ein bi�chen aufgeregt. Aber als er heute morgen nach einem Vollbad, einer Rasur und all dem anderen Schnickschnack aus dem Bad kam, da war nicht nur sein Bett frisch bezogen, auch das Zimmer war gesaugt worden und wieder so einigerma�en aufger�umt. Nichts mehr zu sehen von den Chips- und Salzstangenbr�seln, den eingetrockneten Cola- und Bierlachen, den leeren Pizzakartons und Dosen auf dem Boden; auch der Aschenbecher: ausgeleert; und die herumliegende W�sche: entweder mitgenommen, wahrscheinlich zur Reinigung, oder aber picobello zusammengelegt.</p><p>�1 A Zimmerservice�, hat er jetzt tats�chlich gemurmelt, obwohl er das eigentlich nur denken wollte.</p><p>Das Kissen ist weich, wie Daunen, der Satz ist ihm gleich danach eingefallen, und war das nicht der Refrain von so einem Song, von diesem Dortmunder Typen, der einen auf Tim aus <emphasis>Tim und Struppi</emphasis> machte? Er hat die Augen jetzt wieder ge�ffnet und gesehen, da� im Fernseher gegen�ber vom Bettende lautlos eine Folge der Telenovela l�uft, die er die letzten Nachmittage regelm��ig geguckt hat. Gerade ist Marcello in Gro�aufnahme erschienen, Zoom auf seinen best�rzten Gesichtsausdruck, wahrscheinlich erklingt gerade diese chromatische Synthie-Schicksalsmelodie dazu.</p><p>Costin richtet sich kurz auf, sieht, da� die Fernbedienung auf dem Nachttisch liegt, und l��t sich zur�ck ins Bett fallen. Er blinzelt noch ein paar Minuten auf Roswitha, die mit Pedro streitet, vermutlich wegen seiner Aff�re mit Frederica, Roswithas Schwester, mit der er, Pedro, es, als Roswitha im Urlaub war, in deren, Roswithas, Bett getrieben hat, dann schlie�t Costin die Augen, macht sie noch einmal auf und schaut auf das Fenster �ber dem Fernseher, durch das das schw�cher werdende Licht des Nachmittags dringt, schlie�t sie wieder, um weiterzuschlafen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>02</strong></p><p>Schon seit einer ganzen Weile, keine Ahnung, wie viele Sekunden oder vielleicht sogar Minuten, starrt er auf diese unge�ffnete Coladose auf dem Schreibtisch am Ende des Zimmers. Als Junge hatte er ja mal so eine Phase, zu der Zeit, als er gerade die <emphasis>X-Men</emphasis>-Comics las, wo er tats�chlich � voll beschr�nkt im nachhinein eigentlich � den Cyclops-Blick ge�bt hat. Cyclops-Blick: Du starrst auf einen Gegenstand in deiner Umgebung, Obst, S��es, was zu trinken, keine Ahnung, oder auch so Abbildungen in Katalogen oder im Internet, Zeug, das du gern h�ttest, Videos, CDs, Kleidung, und du hoffst, da� es zu dir kommt, also auch irgendwie indirekt, da� jemand kommt und es dir gibt, vielleicht als Geschenk.</p><p>Er war sich am Ende dieser Phase nie so ganz sicher gewesen � Achtung: oberbeschr�nkt �, ob er nicht vielleicht tats�chlich diesen Cyclops-Blick besessen hatte. Manchmal hatte er n�mlich tats�chlich das, was er sich w�nschte, wenig sp�ter, ohne da� er es ausdr�cklich gesagt h�tte, geschenkt bekommen; und dann, einmal, hatte er Tata nach einem Streit sehr lange mit seinem Blick fixiert, und pl�tzlich � was nur ein Zufall gewesen sein kann, aber trotzdem ziemlich spooky � ist Tata sau�bel geworden, und er ist ins Badezimmer gest�rzt, um sich zu �bergeben.</p><p>Costin hatte eigentlich, wenn er es jetzt so bedenkt, die ganze Zeit nicht mehr an den Cyclops-Blick gedacht. Aber dann hatte ihn vor paar Monaten Jessica extremst b�se angesehen und, ohne da� er dar�ber nachgedacht h�tte, hatte er, wie aus der Pistole geschossen, gerufen: �Boah! Der Cyclops-Blick! Voll evil!�</p><p>Costin stellt sich vor, wie die unge�ffnete Coladose durch das Zimmer �ber den Teppich zum Bett in seine rechte Hand schwebt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>03</strong></p><p>Jetzt kommt gleich Hobbes.</p><p>Costin hat mittlerweile ungef�hr nach der H�lfte eines Joints ein ganz gutes Gesp�r daf�r, in welchen Comic er gleich eintauchen wird. Als ihm sein Vater, wie er 14 oder 15 war, f�r zwei Wochen seine Kamera wegnahm, er sich nicht wie gewohnt abends im Bett filmen konnte und deshalb unter Einschlafst�rungen litt, hatte Costin die Augen geschlossen und sich vorgestellt, wie er jetzt wohl aus der Perspektive der Kamera an seinem ausgestreckten Arm aussehen w�rde. Immer �fter hatte er dann aber, kurz vor dem Eind�sen, die jeweilige Situation, sich selbst im Bett, in einer Panelabfolge, damals vor allem im Stil der Mangas, die ihm Quirin geliehen hatte, vor Augen gehabt. Auch sp�ter hatte er w�hrend seiner Zeit mit den <emphasis>PingPongs</emphasis>, immer wenn er sein Handy nicht greifbar hatte, um schnell ein Foto von sich zu schie�en � fummel Tasche links, fummel Tasche rechts, Blick rechts, Blick links, Panik �,Comic-Meditation gemacht, wie er es f�r sich selbst nannte, bei Signierstunden, vor Auftritten, auf der B�hne. Nachts, wenn er wach lag und die Dinge nicht so gut gelaufen waren, hatte er sich manchmal das jeweilige Interview, den Auftritt als Comic vorgestellt � wor�ber er meistens eingeschlafen war. Eines Tages dann, als er in der Endphase der <emphasis>PingPongs</emphasis> backstage mit Seema einen Joint rauchte, hatte sich pl�tzlich, zum ersten Mal, soweit er das jetzt beurteilen konnte � stimmte das?�� , eine Comic-Meditation von selbst eingestellt, ohne da� er �berhaupt an einen Comic gedacht h�tte. Seema hatte wie Minnie Maus gesprochen, er selbst war Micky gewesen, und auch die Farben des Backstage-Raums hatten <emphasis>disney</emphasis>-grell zu leuchten begonnen. Wie sich herausstellte, hatte Costins ungewollte Comic-Meditation nichts mit dem Gras, das angeblich, so Seema, von einem Freund aus Basel stammte, oder mit der Situation an sich zu tun gehabt, sondern hing wohl mit einer speziellen chemischen Voraussetzung in Costins K�rper zusammen, mit psychischen Faktoren, gekoppelt mit der pers�nlichen Vorgeschichte und sich daraus ergebenden blablabla, was wu�te er schon: Denn nachdem er bei der Pinkelpause auf dem Klo einer Tankstelle einen Joint geraucht hatte, den er �ber Wylie von dessen Tulpen-Connection Jens bezogen hatte, hatte Costin beim Verlassen des Kabuffs pl�tzlich ein wohlvertrautes hautenges Kost�m am K�rper gef�hlt, ein schwarzes Cape flatterte hinter ihm, statt der Sonnenbrille trug er eine Maske mit Fledermausohren, der Tour-, oder besser: jetzt <emphasis>Bat</emphasis>bus stand schon mit laufendem Motor bereit, hinter den Scheiben konnte er Wylie, ne, bullshit: Robin ausmachen, w�hrend er noch das Lachen des Tankwarts hinter sich als Joker-Kichern im Ohr hatte � kein Zweifel: Er befand sich im <emphasis>Marvel</emphasis>-Universum.</p><p>Hat Costin zu <emphasis>PingPongs</emphasis>-Zeiten sein Gras zuerst �ber Wylie oder Seema bekommen, so ist Costins Bezugsperson jetzt Dirk, ein Kneipenwirt in Sch�neberg, der nur, so er, Dirk, f�r Freunde etwas besorgt, also auch f�r Costin, da Dirk Costin als Jessicas Freund kennengelernt hatte, Jessicas Freunde auch Dirks Freunde sind und Costin damit selbst nach der Trennung von Jessica weiterhin zu Dirks Kreis geh�rte, einmal dabei, immer dabei, so Dirk.</p><p>Die Umrisse der Gegenst�nde im Hotelzimmer treten jetzt, wie mit schwarzem Filzstift nachgezogen, st�rker hervor, f�rben sich ein, koloriert. Der Sessel ist bereits hellgr�n, der Teppich r�tet sich gerade. Gleich wird er kommen. Costin sp�rt, da� sich seine Haare zu Calvin-Zacken aufstellen. Da senkt sich was von der Decke. .</p><p><emphasis>Hobbes: �Hast du mal Zeit?�</emphasis></p><p><emphasis>Calvin: �Mu� bis morgen einen Aufsatz �ber das Thema �Was kann ich tun, damit die Welt sch�ner wird� schreiben. Hab keine Zeit zum Spielen.�</emphasis></p><p><emphasis>Hobbes: �Ich spiele ja gar nicht. Ich leiste einen wichtigen Beitrag f�r die Wissenschaft, indem ich unerschrocken ausprobiere, welche Ver�nderungen der Wahrnehmung sich durch das Kopf�ber-vonder-Decke-Herunterh�ngen ergeben.�</emphasis></p><p><emphasis>Calvin h�ngt kopf�ber neben Hobbes.</emphasis></p><p><emphasis>Calvin: �Glaubst du, ich kann die Forschungsergebnisse morgen statt meiner Hausaufgaben pr�sentieren?�</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>04</strong></p><p>�CO?�</p><p>Costin hat sich zu dem M�dchen, das ihn an der Theke angesprochen hat, umgedreht � schwarze Locken, dunkler Teint, Zinken, etwas gr��er als er selbst, f�nf von zehn zu erreichenden Punkten �, festgestellt, da� er es nicht kennt, �Hi� gesagt und dann wieder weggeschaut. Die Bedienung, die, entsprechend dem Namen der Filiale der Fast-Food-Kette, <emphasis>The Fifties</emphasis>, einen kurz�rmeligen rosa Angora-Pulli sowie eine Marilyn-Monroe-Per�cke tr�gt, oder sind das wirklich ihre Haare?�� wobei Costin seit Einf�hrung der Kette in Deutschland vor ein paar Jahren da ja echt Zweifel hat, ob �berhaupt jemand in den USA oder damals in der BRD so rumgelaufen ist �, hat mit stark s�chsischem Akzent �F�r hier oder zum Midn�hm?� gefragt.</p><p>Er hat schon immer so eine Schw�che f�r Themen-Restaurants gehabt, bei Cham gab es ja auch, in dem Entertainment Areal Richtung Furth, so einen Laden, <emphasis>Junge R�mer</emphasis>, wo die Bedienungen, inklusive Gabriele, sein damaliger Schwarm aus der K 12, wegen der er dort von Anfang an regelm��ig aufkreuzte � Achtung: originell �, in Togen rumliefen und die G�ste beim Essen auf so Kanapees lagen.</p><p>�CO? Hallo-ho!?� hat das M�dchen neben Costin gesagt.</p><p>Costin: �Kennen wir uns? Kenn ich dich?�</p><p>M�dchen: �Hey bitte. Stuttgart. After-Show-Party. Pool. <emphasis>Holiday Inn</emphasis>. Die Basak von deiner Schule und ich mit euch im Jacuzzi und. .�</p><p>Costin (hastig): �Ach. Oh. Du bist das. Was machst denn du hier?� (Betonung auf <emphasis>du</emphasis>)</p><p>Erst mal soll die hier nicht so ein Theater machen, so da� ihn alle erkennen, und au�erdem soll die diesen Krams in der �ffentlichkeit nicht auspacken. Schon m�glich, da� er sie kennt, auch wenn er sich nicht an Stuttgart, geschweige denn einen Pool im <emphasis>Holiday Inn</emphasis> und schon gar nicht an ein Jacuzzi erinnern kann � und noch was: Wer ist Basak?</p><p>Die Bedienung hat Costin einen in einer Retro-50s-Plastik-Lunchbox (gr�n, mit Tr�ger) verpackten 50s-Chicken-Burger gereicht und ihm einen �Gudn Abbedied� gew�nscht.</p><p>Als sich Costin sp�ter, in der Missionars-Stellung, umdreht und die angewinkelten Beine des M�dchens, das gesagt hat, es hei�e Umut, gesehen hat, erinnerte ihn genau dieser View an ein Panel aus einem <emphasis>Barbarella</emphasis>-Comic, vor dessen aufgeschlagenen Seiten er zum ersten Mal onanierte. Umut hat zweimal laut �CO� gerufen, Costin hat noch mal einen Gang zugelegt und dann, w�hrend er sp�rt, da� er kommt, und f�r den Bruchteil einer Schrecksekunde dachte, er habe kein Kondom angelegt, wo ihn doch noch vorhin beim Anlegen des Teils wieder mal der Schei�gummigeruch aufgeregt hatte, �Oh, Umut� gesagt, einmal.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>05</strong></p><p>Doch. Man kann die zehn Euro mehr pro Nacht, die er hier im Vergleich zur <emphasis>Pension Paula</emphasis> zahlt, wo er vorher gewohnt hatte, schon an der Einrichtung des Zimmers sehen. Kein billiges Blumenbild �ber dem Bett, sondern ein Chagall-Druck. Auch die M�bel, Bett, Nachttisch, Schreibtisch, aus so massivem, dunkelbraunem Holz. Und das Bad: wie gerade frisch installiert und nicht so ein Ekel-DDR-Look wie in der <emphasis>Paula</emphasis>.</p><p>Costin hechelt mehrmals, damit der hei�e K�se auf dem St�ck der Pizza Hawaii, von der er abgebissen hat, abk�hlt. Als pl�tzlich das Streicher-Tremolo eingesetzt hat, hat er wieder zum Fernseher gegen�ber vom Bettende geschaut.</p><p>Close-up Pedro.</p><p>Pedro: �Morgen kommt Sandro aus dem Knast raus.�</p><p>Close-up Elvira.</p><p>Elvira: �Nein.� (Pause) �Nein! Nein!�</p><p>Pedro (Elvira in den Arm nehmend): �La� uns abhauen, Schatz! La� uns einfach weggehen von hier.�</p><p>Diese Streicherlinie hat verdammt nach diesem Sommerhit von vor Ewigkeiten geklungen, der mit der Welle von den <emphasis>Helden</emphasis>, nein, <emphasis>Julimond</emphasis>. Costin hat etwas Hei�es auf seinem rechten Fu� gef�hlt und ist mit einem Ruck vom Schneidersitz in die Hocke gegangen. Das St�ck Schinken, das von der Pizza in seiner Hand heruntergefallen ist, liegt auf seinem rechten gro�en Zeh. Er steckt es in den Mund. An der Stelle, wo es auf dem Laken gelegen hat, ist ein kleiner kackfarbener Fleck.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>06</strong></p><p>Melanie sagt: �Ihr steht um 4:30 Uhr auf. Ihr habt 30 Minuten um aufzustehen, zu fr�hst�cken und so weiter und so fort. Um 5:00 Uhr kommt das Taxi. Der Flug ist um 6:10 Uhr. <emphasis>Ich</emphasis> habe eure Tickets. Ich mu� euch nicht sagen, da� jeder f�r sein Gep�ck selbst verantwortlich ist. Von 9:30 Uhr bis 10:00 Uhr habt ihr ein Interview mit <emphasis>Q</emphasis>. Um 10:30 Uhr habt ihr einen Live-Gig bei M 93, 3. Um 12:00 Uhr habt ihr einen Live-Gig im <emphasis>Saturn</emphasis>. Um 13:00 Uhr e�t ihr bei <emphasis>McDonalds</emphasis>. Die <emphasis>Popcorn</emphasis> wird da sein. Ihr werdet fotografiert. Um 15:00 Uhr habt ihr eine Autogrammstunde auf der Messe bis 16:00 Uhr. Um 16:30 Uhr dreht ihr den Spot f�r <emphasis>Nike</emphasis>. Um 19:30 Uhr habt ihr frei. Ihr duscht, e�t, macht euch die Maske <emphasis>sel</emphasis>-ber und so weiter und so fort. Euer Auftritt in der Show ist um 21:15 Uhr. <emphasis>Di</emphasis>-rekt im Anschlu� unterhaltet ihr euch noch mit Karl. Er wird euch zu eurem neuen Album fragen, zur Vorbereitung f�r die Tour, vielleicht wird er auch die Ger�chte �ber Seema ansprechen. Ihr kennt ja Karl. Es mu� aber keiner <emphasis>Angst</emphasis> haben. Ich mu� euch ja wohl nicht sagen, was ihr ihm sagt.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>07</strong></p><p>Er merkt, da� sein Herz jetzt bereits nicht mehr so rast wie noch gerade eben, und fragt sich f�r einen Moment, wie schon fr�her auch einmal, warum eigentlich aus manchen Handys so ein k�nstlicher Polaroid-Kamera-Klick-Sound kommt, wenn man ein Foto macht. Er schaut auf das Display des Handys, mit dem er vorhin, als er sp�rte, da� er gleich eine Attacke bekommen w�rde, schnell ein Foto von sich gemacht hat � die mittlerweile klassische Foto-Panik-Pr�ventiv-Aktion, die Klein-Costin nach jahrelanger �bung aus dem Effeff beherrscht: Hand mit Handy hoch, �bers Gesicht halten, in Linse gucken, <emphasis>klick</emphasis>, und fertig. Wobei er nicht sagen k�nnte, ob sie, die Attacke, gekommen war, weil er darauf geachtet hatte, auf die Attacke, oder umgekehrt: erst Attacke, dann darauf geachtet. Auf dem Bild des Displays hat er einen starren Blick, sein Mund ist ein ganz klein wenig ge�ffnet. Er ist bleich und k�nnte mal wieder eine Rasur gebrauchen. Seine schwarzen Locken sehen fettig aus und kr�useln sich auf dem beigen Kissen, auf dem er jetzt liegt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>08</strong></p><p>Constanze steht an der Kommode, mit der einen Hand h�lt sie sich daran fest, die andere Hand h�lt sie sich vor den Mund. Sie weint. Elvira ist ins Zimmer gekommen, sie bleibt kurz stehen, als sie Constanze so sieht, dann geht sie auf sie zu und legt ihr von hinten den Arm um die Schulter. Constanze (schluchzend): �La� uns das irgendwie hinter uns bringen. Da� wir da neu anfangen.�</p><p>Elvira (z�gernd): �Es tut mir. .�</p><p>Constanze (sie unterbrechend, pl�tzlich gefa�t): �Ich wei� schon. Ich wei� doch. Ich habe Sachen falsch gemacht, und du hast Sachen falsch gemacht. Vielleicht k�nnen wir das jetzt zu so einem Wendepunkt machen. La� uns einfach versuchen zu vergessen, was da passiert ist.�</p><p>Constanze dreht sich um und nimmt Elviras Hand. Zoom auf die ineinandergelegten H�nde.</p><p>Er hat wieder diese krassen Augenschmerzen bekommen, die er schon seit ein paar Tagen, mindestens aber seit gestern hat, und vom Fernseher weg auf den Van-Gogh-Druck daneben geschaut, die Sonnenblumen mit dem Aufdruck <emphasis>Van Goghs Sonnenblumen</emphasis>, �ber dem wei� lackierten Schreibtisch, dessen Beine schon ziemlich abgeschlagen sind. �ber dem Bett h�ngt ja auch so ein Van-Gogh-Druck, eine Sternennacht. Auf dem Laken sind Br�sel, Reste von Popcorn, die er an seinen nackten F��en sp�ren kann.</p><p>Er steht auf, der Kreislauf ist extrem unfit, wenn man sich den ganzen Tag nicht bewegt.</p><p>Er kneift die Augen zu, macht sie auf, kneift sie zu, macht sie auf, damit die schwarzen Flecken, die er sieht, verschwinden.</p><p>�Sobald das Bettzeug ausgebeutelt ist, f�hlt es sich frisch an, riecht besser und wird auch ganz schnell wieder warm�, sagt er sich und friert in diesem Augenblick ein bi�chen, so nur im Pyjama, den Luftzug von der Decke, die er an den Enden gefa�t hat und kr�ftig sch�ttelt, im Gesicht, auch noch ein bi�chen wackelig im Kopf von der pl�tzlichen k�rperlichen Anstrengung.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>09</strong></p><p>Kann ja wohl nicht sein. Er liegt, als er jetzt blinzelnd die Augen aufmacht und sich langsam aufrichtet, ausgestreckt auf dem Boden, direkt neben dem Nachttisch, er ist aus dem Bett gefallen und um ein Haar auf die Nachttischkante geknallt. Ein Bein h�ngt noch auf der Matratze. Sein R�cken tut weh, das sp�rt er jetzt, vom Fall auf den harten Boden.</p><p>Er hatte wieder diesen Albtraum, den er schon zu den <emphasis>PingPongs</emphasis>-Zeiten hatte, kein Zweifel, er sieht die Bilder noch vor sich: Er auf der B�hne neben Seema, vor ihnen Uschi und Wylie, viel zu nah beieinander, bei der Choreo k�nnen sie dem anderen zuerst gerade noch so ausweichen, dann pl�tzlich sto�en sie zusammen, Seema haut Costin ihren Arm ins Gesicht. Im Schlaf mu� er dann immer die Tanzbewegungen in irgendeiner Form mitgemacht haben, jedenfalls hat immer wieder, wenn er aus dem Albtraum erwachte, die Nachttischlampe auf dem Boden gelegen, oder er hatte noch f�r Sekunden, im Moment des Wachwerdens, mit Armen und Beinen gezuckt, wie ein Spack. In der �ffentlichkeit, also beim Einkaufen oder beim Essengehen, ist es ja auch schon ein paarmal vorgekommen, da� er an einen <emphasis>PingPongs</emphasis>-Song denkt, <emphasis>Wild Lady</emphasis> zum Beispiel, und sich und seine Umwelt da irgendwie f�r einen Moment vergi�t und auf einmal die jeweilige Choreo macht, �Wild�: vorspringen, Beine auseinander, �La-dy�: mit rechtem Arm ein �L� in die Luft malen, �Lady� mitsprechen, Kopf hin, her und den linken Arm mit der zur Faust geballten Hand in die H�he, zwischen den Regalen im <emphasis>Tengelmann</emphasis> oder in der Warteschlange beim <emphasis>Mac</emphasis>.</p><p>Costin klettert zur�ck ins Bett. In den Aush�hlungen der �bereinandergeworfenen Decke am Bettende sind noch die Spuren seiner F��e zu erkennen, der Tanzschritte, die er so lange im Schlaf auf der Stelle gemacht haben mu�, bis er sich frei gestrampelt hat. Er zieht sich die Decke �bers Kinn und summt den Refrain von <emphasis>Wild Lady</emphasis>, eigentlich ein Schwachsinnstext, auch nie eine Single, aber vielleicht wird er den Song auch deshalb nicht los, weil er ihn nie leiden konnte und trotzdem singen mu�te, <emphasis>Wild Lady, you Sexy Sadie, why don�t you come?</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>10</strong></p><p>�Brian?�</p><p>Das mu� Melanie sein. Das kann nur Melanie sein. Es ist Melanies Stimme. Au�erdem nennt ihn ja nur Melanie Brian.</p><p>Er hatte ja mal diese Phase w�hrend der Aufnahmen zum zweiten Album, da wollte er unbedingt mit den anderen diesen Track vom <emphasis>Smile</emphasis>-Album der Beach Boys aufnehmen, <emphasis>Wonderful</emphasis>, und zwar besser als die Bootleg-Version aus den 60ern und besser als die offizielle Fassung vom <emphasis>Smile</emphasis>-Album 2004, damals vom alten Brian Wilson himself mit der Hilfe eines, nur f�r den Fachmann h�rbar, Computer-Programms gesungen, das alle falschen T�ne sofort korrigierte. Die anderen � Seema, Uschi und Wylie � hatten nicht mal gewu�t, wer das �berhaupt sein sollte, Brian Wilson, Melanie allerdings schon, die ihm damals in ihrer Funktion als Managerin der Band die Nachricht �berbrachte, da� die Rechte f�r <emphasis>Wonderful</emphasis> zu teuer w�ren, au�erdem seien ja sowieso alle gegen den Song. Melanie war es damals auch gewesen, die ihn, als er sich, vielleicht aus Trotz, w�hrend der Zeit im Studio so anzog wie Brian Wilson Ende der 60er � wei�es Shirt mit drei blauen Querstreifen, Pilzkopfhaarschnitt, bei Bedarf die fette Hornbrille und, ab und zu, der obligatorische rote Feuerwehrhelm �, statt wie bisher Costin oder wie die Fans und Medien CO, Brian nannte � gar nicht boshaft, sondern, ja, irgendwie liebevoll; auch noch, als er f�r die Tour wieder sein Outfit �ndern mu�te, sprich: wieder so aussehen mu�te, wie er, Costin, vor den Aufnahmen ausgesehen hatte und wie man ihn drau�en, sprich: vor allem auf dem Bildschirm, in den Zeitschriften, auf der B�hne und so weiter kannte. Er hatte seitdem das Gef�hl, er habe vor allen anderen in der Band einen besonderen Draht zu Melanie und, nachdem er ja diese Anfangsschwierigkeiten mit ihr gehabt und er ihr beim ersten Album noch gesagt hatte, da� ihm ihr Gro�e-Schwester-Gehabe tierisch auf den Sack gehe, hatte das jetzt saugut getan, er war froh gewesen, da� sie da war, da� er eine Verb�ndete in diesem ganzen Zirkus hatte, die wu�te, wie es ihm manchmal zumute war und was wirklich abging, seine gro�e Schwester, die Melanie.</p><p>�Melanie?� hat Costin in das Mikro an seinem Headset gefragt und ist �ber seine eigene Stimme ein bi�chen erschrocken, die total br�chig und rauh klingt, OK, so wie man eben klingt, wenn man was getrunken, geraucht und bis jetzt geschlafen hat und zum ersten Mal am Tag was sagt. Er schaut auf das ausgeklappte Display seines Handys auf dem Nachttisch neben dem Bett. Yup. Das Gesicht, obwohl schlecht ausgeleuchtet, geh�rt Melanie. Er achtet darauf, da� er f�r die Kamera in seinem Handy nicht zu sehen ist, sondern lediglich die gegen�berliegende zart rosa gestrichene Wand. Sieht Melanie halt nur die zart rosa gestrichene Wand. Ist auf jeden Fall weniger peinlich, als wenn sie mitbekommt, in was f�r einem Zustand er sich befindet.</p><p>Melanie sagt: �Wie kommst du denn dazu, einfach so abzutauchen, keiner hat deine neue Handynummer, niemand wei�, wo du bist.� (Melanie zu einem imagin�ren Gegen�ber:) �Wei�t du, wo der Costin steckt?� (Melanie als imagin�res Gegen�ber:) �Nee, den hab ich ja auch schon ewig versucht zu erreichen, aber von dem fehlt irgendwie jede Spur.�</p><p>Costin sagt: �Die lange Tour, die Sehnenscheidenentz�ndung, die Depressionen, der Streit mit Wylie, Jessica, die mich rausgeworfen hat. .�</p><p>�Brian. Ich mu� dir was sagen. Da ist was passiert.�</p><p>�Die Plattenfirma ist pleite. Die Band hat sich in meiner Abwesenheit f�r immer aufgel�st.�</p><p>�Brian.�</p><p>�Man hat dir gek�ndigt. Wylie ist nach Brooklyn gezogen.�</p><p>�Brian.�</p><p>�Seema hat einen Unfall gehabt. Nicki hat einen Unfall gehabt. Wylie hat einen Unfall gehabt.�</p><p>�Costin. Dein Vater ist gestorben.�</p><p>�Mein Vater ist gestorben.�</p><p>�Dein Vater ist gestorben.�</p><p>Die Bettdecke ist wei�. Der Teppich ist hellbraun. �ber dem wei� lackierten Schreibtisch h�ngt der Spiegel. Die Wand ist zartrosa gestrichen.</p><p>�Brian?�</p><p>Melanies Gesicht auf dem Display des Handys, das er in die Hand genommen hat, ist ernst. Sie hat die Stirn in Falten und den Kopf zur Seite gelegt, als horche sie darauf, ob eine Antwort von ihm komme. Melanies Haare sind schwarz. Jetzt pre�t sie die Lippen zusammen, sie hat einen mitleidigen Blick. Costin wei�, da� sie ihn jetzt, in diesem Moment, auf ihrem Display hat, wie er mit angezogenen Beinen auf dem Bett kauert, der Mund, durch den er versucht, langsam und regelm��ig zu atmen, sein Haar mu� zerzaust sein.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>11</strong></p><p>Schon beim Aussteigen aus dem Taxi und dann w�hrend er mit geschulterter Reisetasche �ber das gr�ne Gatter springt, langsam die Einfahrt entlanggeht bis zur Villa, hat er diese Klezmer-Klarinetten-Musik von diesem Typen, Friedmann, Friemann, Freimann, leise und dann immer lauter, wie hochgefadet, im Ohr gehabt, also innerlich. Er klingelt. Ana �ffnet ihm. Er tritt ein, stammelt irgendwas, umarmt Ana und f�ngt an zu weinen. Die T�r ist hinter ihm mit einem <emphasis>Klick</emphasis> ins Schlo� gefallen. W�hrend er jetzt �Das ist alles so furchtbar� schluchzt, hat er, glaubt er, Speichelf�den zwischen den Lippen, jedenfalls sp�rt er so was. Ana hat ihn umarmt, aber sie hat noch gar nichts gesagt, weinen tut sie auch nicht, sie h�lt ihn nur.</p><p>Ana hat seit Tagen geweint, denkt Costin. Ana hat keine Tr�nen mehr. Sie hat das Tiergesch�ft vor�bergehend geschlossen. Ana schl�ft schlecht, jetzt auf einmal ganz allein im Ehebett. Nachts geht sie durchs Haus. Sie vermeidet es, Bilder Tatas anzusehen. Astrid und Uli helfen ihr. Sie h�ren zu, sie tr�sten, sie streicheln Ana �ber den R�cken. Ana sitzt viel auf dem schwarzen Sofa im Wohnzimmer. Manchmal sieht sie fern. Sie versucht sich, so gut es geht, abzulenken. Das gelingt nur selten. Es ist noch zu fr�h. Alles ist Schmerz. So wird es sein.</p><p>Aus der halboffenen T�r zum E�zimmer ist ein Mann in den Flur getreten. Es ist Tata. Die Statur. Der dunkelblaue Anzug. Costin schaut in ein Gesicht, das nicht das von Tata ist, graublondes Haar, eher runde Backen.</p><p>Ana, deren Gesichtsz�ge sich verh�rtet haben und die Costins Unterarm festh�lt, leicht, sagt: �Das ist Herr Kauderer, er ist Anwalt und hilft mir jetzt mit den Sachen.�</p><p>Herr Kauderer. Anwalt. Mamas verh�rtetes Gesicht. Herr Kauderer sagt, es tue ihm leid, und sch�ttelt Costin die Hand, er verabschiede sich jetzt auch schon wieder, zu Ana gewandt, er melde sich dann bei ihr.</p><p>Ana geht, bei Costin eingeh�ngt, ohne etwas zu sagen, auf den Boden schauend, ins Wohnzimmer. Auf dem schwarzen Ledersofa sitzt ein gro�er brauner Hund. Der Hund hebt den Kopf, �ffnet das Maul, hechelt. Costin beugt sich zu dem Golden Retriever oder Setter oder was auch immer und krault ihn zwischen den Ohren.</p><p>Ana: �Benny�.</p><p>Auf rum�nisch f�hrt sie fort, da� sie doch diese Tierboutique gehabt habe. Die habe sie vor einem Jahr aufgegeben. Die Tiere, die sie noch gehabt habe, habe sie dann mitgenommen. Also zum Beispiel Benny, im E�zimmer seien zwei Kanarienv�gel und drau�en treibe sich irgendwo der Peter herum, so ein schwarzer Kater.</p><p>An dieser Stelle m��te Costin, der sich den Rotz von der Nase wischt, eigentlich etwas sagen, eine Entschuldigung zum Beispiel, warum er so lange nichts von sich hat h�ren lassen, oder eine Nachfrage, wie genau das jetzt passiert sei, mit dem Tata, Melanie meinte ja Schlaganfall, ein paar Tage Koma, und aus.</p><p>Costin hat neben Benny Platz genommen. Ana setzt sich auf den Sessel gegen�ber, Benny ist vom Sofa aufgesprungen und hat sich vor Anas F��e auf den Boden gelegt. Er beziehungsweise sie � Costin geht mal davon aus, da� es sich trotz des m�nnlichen Namens um ein weibliches Tier handelt � hebt den Kopf, schaut auf eine Stelle im Wohnzimmer, spitzt die Ohren, hechelt, l��t den Kopf wieder sinken. W�hrend Ana auf rum�nisch erz�hlt, Herr Kauderer habe ihr gerade dabei geholfen, den Verkauf ihres Anteils von <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis> in die Wege zu leiten � Verkauf von <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis>? Wie bitte?�� , sie werde auch in absehbarer Zeit die Villa hier absto�en � absto�en? Schluck!�� , es gebe bereits Interessenten, morgen sei ein Besichtigungstermin in der Fr�h, was solle sie noch in Cham, sie werde nach Bukarest ziehen � Arrrg!�� , sie habe sich schon nach einer sch�nen Wohnung in der Innenstadt umgeschaut, hat sich Costin vorgestellt, wie es eigentlich w�re, wenn Benny ein Hunderoboter w�re und statt einer Rute einen �berdimensionalen Schl�ssel bes��e, mit dem man ihn beziehungsweise sie aufziehen k�nnte, Benny w�rde zuerst schnell, dann immer langsamer eine Runde nach der anderen im Wohnzimmer drehen, oder, wie ein Kolben in einem Motor, den Kopf heben, senken, heben, senken, tatatatata, mit nachlassendem Tempo, bis die Feder in Bennys Innerem ihre Spannung verl�re.</p><p>Costin hat die Schultern hochgezogen, die Arme erhoben und Ana auf deutsch gefragt: �Ja und wie ist das jetzt mit Tata gewesen, also wie genau, was hat sich da�, wobei ihm auff�llt, da� diese Bewegung, die er gerade macht � Schultern hoch, Arme ausgestreckt, mit H�nden einen Kreis beschreiben �, mit dem Bridge-Teil des <emphasis>PingPongs</emphasis>-Songs <emphasis>Fl�sse und Seen</emphasis> �bereinstimmt.</p><p>Ana sagt auf rum�nisch, da� er ja das alles nicht wisse. Sie haben sich ja schon wie lange? ein halbes Jahr? ein Jahr nicht mehr richtig gesprochen. Er sei ja nie zu erreichen gewesen.</p><p>OK � jetzt kommt die Standpauke.</p><p>Tata und sie haben sich ja in der letzten Zeit auseinandergelebt, sagt sie auf rum�nisch. Er sei kaum mehr zu Hause gewesen. Sie sei viel gereist, vor allem nach Rum�nien und in die benachbarten Regionen. Costin wisse ja nicht, wie die letzte Zeit gewesen sei mit ihr und Tata. Was mit Tata eigentlich los gewesen sei. Sie m�sse Costin da mal was sagen.</p><p>Costin hat gehustet, er hatte eigentlich nur so pseudo-husten wollen, um irgendwie die Anspannung zu l�sen, und jetzt hustet er wirklich, pl�tzlich hat er Tr�nen in den Augen gehabt, weitergehustet, die H�nde vors Gesicht gehalten, er weint.</p><p>Er hat etwas an seinem Bein gesp�rt, zuerst hat er gedacht, es sei Benny, dann hat er aber gesehen, da� Ana vor ihm in die Hocke gegangen ist und �ber sein Knie streichelt, sie hat gesagt: �Aber, scumpul meu, ich wei� doch. Ja. Das ist jetzt alles zuviel. Ja? Jetzt leg dich vielleicht erst mal ein bi�chen hin, hm?�</p><p>Ana streichelt weiter �ber sein Knie und starrt ins Leere, auf einen Punkt im Wohnzimmer.</p><p>Sie hat Costin ein Taschentuch gereicht. W�hrend er sich schneuzt, sagt er auf deutsch, das sei alles ein bi�chen viel jetzt, und, sich die Wangen abwischend, wohin mit dem Taschentuch? Ana nimmt es, was denn jetzt mit dem Tata gewesen sei, was sie ihm da sagen wolle.</p><p>Ana sagt: �Na, eigentlich nichts. Er ist halt die ganze Zeit in Nigeria gewesen. Aber das hast du ja eh schon gewu�t. Das ist halt f�r mich, f�r uns beide, sehr schwierig gewesen, wenn man sich nicht mehr so richtig sieht, er hat es halt etwas �bertrieben, er nimmt ja alles immer so extrem ernst, du kennst das ja�, Ana als Wallner (Oberk�rper aufrecht, geballte Faust beim Sprechen, den Takt schlagend): �Mankann-das-jetzt-nicht-einfach-so-hinnehmen�, sie hat kurz aufgelacht, aber dann sofort wieder den starren Gesichtsausdruck von vorhin bekommen, Costin h�rt zu weinen auf, sie hat ganz kurz zu ihm, dann wieder weggeschaut, ins Leere.</p><p>�Aber was er da im Kinderdorf erreicht hat, was er da geschafft hat, jede freie Minute war er da, ja letztlich. ., wie sagt man da, Altruist? also selbstlos, die haben sogar eine Stra�e nach ihm benannt, also er hat sich da wohl aufgerieben, in Port Harcourt, aber wir k�nnen � wir k�nnen� (sie macht eine Pause) �schon, also, stolz auf den Tata sein.�</p><p>Jetzt sollte Costin eigentlich noch mal fragen, wie und wo der Tata eigentlich gestorben ist, ob in Nigeria oder Cham, wo er begraben ist, wie das war, die Beerdigung, aber wenn er sich Ana so ansieht, ist das alles jetzt zuviel f�r sie, sie hat ja, wie sie ihm das erz�hlt, selber Tr�nen in den Augen.</p><p>Costin gibt Ana einen Ku� auf den Scheitel.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>12</strong></p><p>Er erwacht von Stimmen, dreht sich zur Seite, zieht die Decke bis zum Ohr. Schei�hotelg�ste. Sollten verdammt noch mal ruhiger sein, zumindest auf dem Flur, <emphasis>R�ck</emphasis>-sicht? Hallo?! Hier wohnen noch andere G�ste?! Er tastet nach der Fernbedienung auf dem Nachttisch, auf dem etwas Weiches, Flauschiges sitzt. Er macht die Augen auf. Er h�lt einen gro�en Maik�fer in der Hand. Also keinen richtigen. Eine Stoffpuppe von einem Maik�fer, so gro� wie ein Brotlaib. Costin richtet sich mit einem Ruck auf. Das Bett, in dem er liegt, ist hellblau angestrichen und hat d�nne rote Streifen, auf dem Boden rundherum liegen Stapel, Stapel von Comics. OK. Stoffpuppe = Dinu Mai. Bett = sein, Costins, altes Kinderbett, das Christopher-Bett. Zimmer = sein altes Kinderzimmer, im Keller. Ort = Cham. Zeit = Montag morgen. Tata = tot. Das hei�t aber auch: Hotelg�ste = die potentiellen K�ufer der Villa, von deren Besichtigungstermin Ana gestern sprach.</p><p>Costin setzt sich auf den Bettrand und wartet darauf, da� sich die Stimmen der potentiellen K�ufer, ein Ehepaar, �lter, und Ana entfernen, so da� er durch den Flur ins Bad gehen kann. Er m�chte nicht gesehen werden. Vor allem nicht mit dieser MPL (= Morgendliche Prachtlatte), die sich merkw�rdigerweise in den letzten Sekunden, als er erkannte, wo er ist, gebildet hatte. Mit einem alten, an sich abgelegten T-Shirt aus dem Kleiderschrank � er hatte in der Eile vergessen, sich im Hotel in Berlin eines einzupacken � und seiner Reisetasche unterm Arm ist er dann durch den Flur geeilt, hat sich zun�chst in den T�rrahmen von Anas B�ro neben seinem Zimmer gedr�ckt, dann an der Wand vorsichtig um die Ecke gesp�ht, ist zum Bad gesprungen. In der Duschkabine hat er, ohne hinzusehen, mit einem Dreh, das Wasser in der Temperatur eingestellt, zu der er fr�her schon immer als Jugendlicher duschte, hat, automatisch, mit der anderen Hand nach dem Shampoo ganz oben auf der Leiste der Duschwand gelangt, wo es nicht gestanden hat, und schmiert sich dann statt dessen mit dem Duschgelsample ein, das in der Seifenschale lag, die sonst eigentlich immer � sonst eigentlich immer = zwischen Costins 18. und 21. Lebensjahr, das hei�t zu der Zeit seines Zivildienstes und der ersten BWL-Semester in Regensburg � leer war. Es hat sich da rein zuf�llig ergeben, da� er, beim Waschen seines Schwanzes, zu onanieren anfing. W�hrend er seine Vorhaut vor- und zur�ckzieht, dachte er dann auch nicht an einen zur�ckliegenden Geschlechtsverkehr, sondern daran, da� er wahrscheinlich f�r sehr lange Zeit das letzte Mal in Cham sein w�rde, da� er unbedingt schauen sollte, ob jemand von seinen alten Freunden in town w�re, also die n�chsten drei, vier Tage � l�nger w�rde er diesen Psychostre�, Ana, das Haus, die st�ndigen Erinnerungen, sowieso nicht aushalten �, jetzt kommt er, wischt sich mit dem Duschstrahl sauber.</p><p>Vor dem Bad stand dann Ana, als h�tte sie hier schon eine ganze Weile gewartet. Sie sagt auf rum�nisch, das Ehepaar sei schon gegangen, es habe gro�es Interesse gezeigt, sie wolle Costin etwas zeigen, lieber gleich, ehe sie es dann vergesse und er weg sei. Im Hobbyraum hat sie die Sachen von Tata eingestellt, die aus seiner H�tte im Kinderdorf, typisches Afrika-Zeug, ein bunter Flickenteppich, ein Klappschreibtisch, ein paar so Statuetten, geschnitzte Negerk�pfe, au�erdem seien noch B�cher und Kleidungsst�cke in den Umzugkartons, die da so rumstehen, ob Costin etwas brauche, die B�cher seien auf franz�sisch �brigens, Ana kenne jetzt ihre, Costins und Jessicas Wohnung, nicht, aber f�r irgend etwas habe man ja immer Verwendung, sie, Ana, k�nne die Sachen jedenfalls nicht um sich haben, Costin wisse schon.</p><p>Costin sagt auf deutsch, Jessica und er seien nicht mehr zusammen.</p><p>Ana sagt auf deutsch, sie habe gedacht, Jessica und Costin seien noch zusammen.</p><p>Costin sagt auf deutsch, Jessica und er seien nicht mehr zusammen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>13</strong></p><p>Er sitzt auf der Bank im Pausenhof und i�t ein Knoppers. <emphasis>Knoppers � Die kleine Waffel mit dem gro�en Effekt</emphasis>. Seit er mit den <emphasis>PingPongs</emphasis> einen Werbespot f�r den Schei� gedreht hat, hat er so Bons, 500 ungef�hr, die er in jedem Supermarkt gegen Knoppers eintauschen kann. Einziger Nachteil: Jedesmal, wenn er ein Knoppers i�t, h�rt er diesen Satz, den er bis zum Erbrechen vor der Kamera wiederholt hat. Es ist gro�e Pause. Noch zehn Minuten, dann beginnt die f�nfte Stunde. Sein Deutschlehrer, Herr Heindl, hat vorhin herund dann gleich wieder weggeschaut.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>14</strong></p><p>Rechts im Hof sind die Unterstufler. Eine Gruppe M�dchen und Jungs spielen was� was, ist nicht so ganz zu erkennen. Sie laufen zu der Betonumrandung, in der die Pappel steht, rauscht, bleiben da stehen, laufen geschlossen wieder ein paar Meter zu einem scheinbar fest markierten Punkt und wieder zur�ck zur Betonumrandung und so weiter, lachend, total kirre. Ein M�dchen tr�gt das Outfit von Agata aus der ersten <emphasis>Popstar</emphasis>-Staffel, sieht eigentlich auch identisch aus wie Agata, nur halt in klein.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>15</strong></p><p>�Costin?�</p><p>Costin schaut sich um und dann wieder auf Quirin in Nadelstreifenanzug und rosa Krawatte hinter dem Schalter. Kein Zweifel: Quirin hat Costin schon auf den ersten Blick erkannt, obwohl der doch seine Standardverkleidung tr�gt: Mega-Kim-Jong-Il-Sonnenbrille (gelbget�nt), hochgestellter Anorak-Kragen, in die Stirn gezogenes <emphasis>I love Austria</emphasis>-Cap (auf der <emphasis>PingPongs</emphasis>-�sterreich-Tour in Linz gekauft).</p><p>Eigentlich wollte Costin ja in die Chamer Filiale der <emphasis>Dresdner Bank</emphasis> gehen, nach Quirin Lothar fragen, der dort, wie er aus dessen letzter SMS von vor zwei Jahren wei�, arbeitet, sich, durch die Verkleidung anonym, bei ihm nach einer Lebensversicherung erkundigen und sich erst am Ende beim Abschlu� des Vertrages und der damit verbundenen Nennung des Namens zu erkennen geben. Quirin h�tte Augen gemacht.</p><p>W�hrend sie im <emphasis>Rigoletto</emphasis>, dem Italiener gegen�ber der Filiale, auf das Mittagessen warten, sagt Quirin: �Und � was treibt dich. .�</p><p>OK. Jetzt kommt die Standpauke.</p><p>Costin sagt: �Mein Vater ist gestorben.�</p><p>Quirin ist platt. Costin mu� irgendwas sagen, damit in dieser Mittagspause noch ein halbwegs normales Gespr�ch zustande kommt. Costin fragt: �Ist Marco auch irgendwo?�</p><p>Quirin sagt: �Das habe ich ja gar nicht gewu�t. Das tut mir sehr leid. Das tut mir leid. Kommst du klar?�</p><p>Costin nickt, Quirin soll jetzt mal die Beileidstour beenden und weiterreden.</p><p>�Ja, der Marco�, sagt Quirin, �der Marco ist in Hof, Gymnasium, Geschichte, Deutsch.�</p><p>�Sara?�</p><p>�Anwaltskanzlei, M�nchen.�</p><p>�Verheiratet mit Bernd?�</p><p>�Mit Christof.�</p><p>�Ach ja, Christof. Bernd ist der andere. Sonst irgendwer von unserem Jahrgang hier?</p><p>�Nein.�</p><p>�Der Tobi? Der Vogt?�</p><p>�Der Tobi. Ja.�</p><p>�Spacko-Tobi? Echt? Spacko-Tobi?�</p><p>Costin macht mit den Armen Verrenkungen und grunzt dazu.</p><p>�Ja.�</p><p>Quirin lacht kurz.</p><p>�Seit dem Studium sind der Tobi und ich eigentlich ganz gut befreundet. In der Schule war der vielleicht bi�chen seltsam, aber jetzt ist der voll OK, du wei�t schon.�</p><p>Pause.</p><p>�Und bei deinen Eltern? Alles fit bei deinen Eltern?�</p><p>�Ja. Doch.�</p><p>�In der Bank?�</p><p>�Ja.�</p><p>Na super, das l�uft ja.</p><p>�Freundin?�</p><p>�Ich bin verheiratet. Mit der Susi. Wir haben eine kleine Tochter. Die Veronika.�</p><p>OK, Costin hat jetzt auch gerade das �R� zum ersten Mal seit wie lange? Oberpfalzstyle vorne und nicht hinten im Mund gebildet; aber so wie Quirin das �V� als �F� ausspricht, wird Costin das nach der Zeit in Berlin nie wieder hinkriegen. Quirin holt seinen Geldbeutel aus der Ges��tasche. Klar. Foto zeigen. Bisheriger Informationswert des Treffens = null. Quirin hat entweder einen schlechten Tag, ist super eingeschnappt, oder er hat sich krassest ver�ndert. Allerdings nicht vom Aussehen her. Quirin hat tats�chlich seinen Look �ber die Jahre hinweg beibehalten. Dick und Mecki. Frage: Hatte Quirin immer schon Sommersprossen? Frage: Hatte Quirin immer schon diese Nase (Marke Kartoffel)? Frage: Wer ist Susi?</p><p>Das mit der Florian-Geyer-Br�cke wird wohl auch nichts werden. Insgeheim hatte Costin ja gehofft, er k�nne mit Quirin zu einem ihrer alten Lieblingsorte gehen und dort ein paar Erinnerungen aufleben lassen. Fr�her � in der Siebten? Oder war das in der Achten?�� hatten sie dort <emphasis>Br�cke</emphasis> oder besser: <emphasis>Die Br�cke</emphasis> gespielt. Das war so gekommen: Ihr Geschichtslehrer hatte ihnen, als sie den Zweiten Weltkrieg durchnahmen, erz�hlt, da� es so einen klassischen Streifen aus den 1950ern gebe �ber eine Gruppe von Sch�lern, die in den letzten Kriegstagen eine v�llig unwichtige Br�cke gegen die heranr�ckenden Amis verteidigen und dabei alle bis auf einen draufgehen, einer <emphasis>der</emphasis> Antikriegsfilme schlechthin, gro�es Kino, <emphasis>Die Br�cke</emphasis> genannt; und der sei in keinem geringeren Kuhdorf gedreht worden als � Trommelwirbel, stolzes L�cheln, geschwellte Brust � �in unserem Cham� (O-Ton Geschichtslehrer). Der Schwarzwei�film, der sich nat�rlich in Tatas umfangreicher DVDSammlung gefunden und den Costin sich zusammen mit seinen Kumpels angeschaut hatte, war dann zwar alles andere als gro�es Kino gewesen, vielmehr endlos �de, jedenfalls f�r einen Teenager; aber er hatte Costin, Quirin, Marco und Co. dazu gebracht, eines Nachmittags in den Sommerferien, mit Spritzpistolen bewaffnet, zur Florian-Geyer-Br�cke r�berzuradeln, sozusagen zum Originalschauplatz der Schlacht beziehungsweise des Films.</p><p>Costin kann sich nicht mehr erinnern, aus welchem Grund, aber pl�tzlich waren sie damals mitten dabeigewesen, Szenen aus dem Streifen nachzustellen, S�tze der Schauspieler aufzusagen � erst lachend, dann voll ernst, sie schossen aufeinander. Fast den ganzen Sommer lang war das so gegangen � mit wechselnder Besetzung und mit unterschiedlichem Ausgang: Mal war Quirin oder Marco oder Costin oder irgendein anderer, auf der einen Seite des Ufers, der Ami, mal war einer von ihnen, auf der anderen Seite, Fritz Wepper oder Volker Lechtenbrink gewesen. Mal starben sie bei der Verteidigung der Br�cke, mal �berlebten sie. Mal gewannen, wie im Original, also im Film, die Amis, mal die Deutschen, und war der Weltkrieg noch nicht zu Ende. Fu�g�nger, die die Br�cke w�hrend des Spiels �berquerten, wurden miteinbezogen, geh�rten, ohne da� sie es wu�ten, entweder zu der einen oder der anderen Kriegspartei und wurden, unsichtbar oder einige Male auch mit Wasser, erschossen.</p><p>Irgendwann in jenem Sommer hatten sie dann aufgeh�rt mit dem <emphasis>Br�cke</emphasis>-Spiel, sei es, weil einige von ihnen mit den Eltern in Urlaub fuhren oder weil sich herausstellte � war das in diesem Sommer gewesen, oder hatte Costin das erst nach der Schule irgendwo geh�rt?�� , da� die Florian-Geyer-Br�cke ja gar nicht die Florian-Geyer-Br�cke aus dem Film war; die Florian-Geyer-Br�cke, die im Film gezeigt worden war, war in den 1990ern durch eine neue und nur so �hnlich wie die alte aussehende Florian-Geyer-Br�cke ersetzt worden.</p><p>Quirin fragt, ob sich nach Jessica f�r Costin etwas Neues ergeben habe. Susi habe einen <emphasis>Bunte</emphasis>-Artikel gelesen. Au�erdem: Wie es jetzt mit den <emphasis>PingPongs</emphasis> weitergehe. Das zweite Album sei ja nicht so gut gelaufen. Was schade sei. Denn ihm, Quirin, habe es besser als das erste gefallen. Es sei von der Musik und den Texten her individueller gewesen. Komme Seema bald wieder aus Indien zur�ck? Gehe es Uschi schon besser? Schlie�lich: Quirin habe sich Sorgen gemacht. Als er erfuhr, da� Costin die letzten Monate in Hotels verbracht habe. Auf dem Foto, das er neulich gesehen habe, habe Costin sehr, Entschuldigung, versifft ausgesehen.</p><p>Der Quirin, der Quirin. Der Quirin wei� Bescheid. Der Quirin hat sich schlau gemacht. Der Quirin hat Zeitschriften gelesen.</p><p>Costin ist platt. Er spielt das alles runter. Ja � Uschi gehe es nach ihrem Reitunfall schon wieder besser, das Bein heile. (Das ist die offizielle Version: Uschi hat gar keinen Reitunfall gehabt. In Wirklichkeit hat sie w�hrend der letzten Auftritte die Krise gekriegt, E�st�rung, vor und nach den Auftritten kotzen, kaum mehr ansprechbar et cetera.) Auch Seema befinde sich l�ngst wieder in Deutschland. (Ihr Vater sei in Bombay schwer erkrankt, Krebs, sie habe hinfliegen m�ssen, hatte es offiziell gehei�en. Tats�chlich war Seema, die ja eigentlich Jennifer hei�t, nach der letzten Tour nach Manchester zu ihren Eltern geflogen� beide putzmunter �brigens. Die �Postkarten� mit den �Eindr�cken von �meinem� Indien�, die auf die <emphasis>PingPongs</emphasis>-Homepage gestellt worden waren, inklusive Stadt und Landschaftsaufnahmen, waren in Wirklichkeit, soviel Costin wei�, von einer Mitarbeiterin der Agentur geschrieben worden.) Man plane schon. (Kein Wort davon, da� die <emphasis>PingPongs</emphasis> eigentlich nach dem Mi�erfolg des zweiten Albums gedroppt worden sind. Vielleicht noch hier und da ein Charity-Auftritt � Dat wars dann aber auch.)</p><p>Costin hebt die Gabel und zieht die K�sef�den seiner Lasagne in die L�nge. Interessant, da� das hier, beim <emphasis>Rigoletto</emphasis>, tats�chlich nach wie vor die beste Lasagne ist, die man weit und breit in Deutschland � und Costin war nun wirklich fast �berall � bekommen kann. Er h�tte ja gedacht, da� es vielleicht in Berlin oder dann in Italien eine Lasagne gibt, die zumindest genauso gut wie die <emphasis>Rigoletto</emphasis>-Lasagne ist. Aber ne. Pustekuchen. Costin hechelt, damit der hei�e K�se in seinem Mund abk�hlt.</p><p>Vor dem Eingang zum <emphasis>Rigoletto</emphasis>, nachdem Quirins Mittagspause fast um war und f�r Costin eigentlich schon fest stand, da� er ein Revival der Schul-Blutsbruderfreundschaft Costin-Quirin vergessen konnte, hat Costin pl�tzlich, und ohne da� er es sich vorher �berlegt h�tte, Quirin mit dem ausgestreckten linken Arm zur�ckgehalten, den Hals rekkend, nach links und rechts �ber den Chamer Marktplatz lugend, wo jetzt gerade der Bus nach Furth steht, Costin fl�stert mit gerunzelter Stirn: �Vorsicht, Robin, die Gegend hier ist nicht geheuer. Irgendwo kann hier der Joker lauern.� Quirin (fl�sternd, erregt): �Was schl�gst du vor, Batman?� OK. Das hei�t: Wie noch zu Schulzeiten, wo sie Szenen aus der 60er-Jahre-Batman-TV-Serie nachspielten, wird Costin Batman und Quirin Robin und damit, wenigstens einmal noch, f�r die n�chsten Sekunden, ganz der alte sein.</p><p>Costin (nerv�s): �Schlage vor, wir suchen da dr�ben im Geb�sch Deckung.�</p><p>Quirin (laut): �Heiliger Strohsack. Meinst du denn, wir schaffen es bis dahin, Batman?�</p><p>Quirin (Faust in die Hand schlagend): �Wir m�ssen es versuchen, Robin. Die Zeit wird knapp.�</p><p>Quirin (Faust reckend): �Abgemacht. Ich folge dir, Batman. Aber la� uns vorsichtig sein.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>16</strong></p><p>Costin liegt auf der rubinrot bezogenen Ottomane, mit der linken Hand hat er ab und zu eine Rebe hochgehalten, von der er dann eine supers��e Traube in den Mund baumeln l��t, plopp! mit den Lippen pfl�ckt. Er hat sich aufgerichtet, eine Bedienung herbeigewinkt und ihr den Blechkelch hingehalten. Die Toga der Bedienung wird an den Schultern von Spangen zusammengehalten, die Riemen ihrer Sandalen sind um die Schienbeine gewickelt. Sie nimmt den Krug von ihrer Schulter, obwohl sie Costin superlieb angeschaut hat, scheint sie ihn nicht erkannt zu haben. Von den Thermen am anderen Ende der Halle, wo ein dicker Bademeister am Beckenrand steht, leider auch in Toga, mit Lorbeerkranz auf dem Kopf, ist Gejohle und Platschen gekommen. Die Bedienung f�llt Costins Becher bis zum Rand mit O-Saft-Sekt und geht wieder zur�ck zur Theke.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>17</strong></p><p>Er klingelt. Ana �ffnet ihm. Er tritt ein, stammelt irgendwas, umarmt Ana und f�ngt zu weinen an. Die T�r ist hinter ihm mit einem <emphasis>Klick</emphasis> ins Schlo� gefallen. W�hrend er jetzt �Das ist alles so schrecklich� schluchzt, hat er, glaubt er, Rotzbl�schen in den Nasenl�chern gehabt, jedenfalls sp�rt er so was.</p><p>Ana hat ihn umarmt, Ana bebt, Ana weint.</p><p>In seine Schulter schluchzt sie: �Du kannst dir das ja nicht vorstellen, wie furchtbar das ist, jetzt allein im Ehebett, und ich war doch schon bevor der Tata gestorben ist immer so allein, als ob er schon da nicht mehr gelebt h�tte, so oft bin ich da durchs Haus gegangen, die ganze Nacht, und immer wenn ich was gesehen habe, was mich an den Tata erinnert hat, also damals, als er noch gelebt hat, da habe ich das nicht ausgehalten. Ich habe das nicht ausgehalten. Die Bilder, die Sachen, die ihm geh�ren, die Anz�ge im Schrank. Ich habe da nicht mehr hierbleiben k�nnen. Mit dem Uli und der Astrid habe ich ja eigentlich auch keinen Kontakt mehr gehabt. Wie denn auch, nach dem, was der Uli dem Tata angetan hat, das war doch nicht in Ordnung gewesen. Ich habe oft stundenlang auf dem Sofa gesessen, allein. Manchmal habe ich ferngesehen, um mich, so gut es eben gegangen ist, abzulenken. Aber das ist ja nur selten gelungen. Und dann Tatas Geiz. Wir haben ja eigentlich sehr viel Geld gehabt, seit die Firma fusioniert ist. Wir h�tten uns nicht nur eine K�chin und eine Putzfrau leisten k�nnen. Aber nur die Boutique hat er mir erlaubt. Dabei h�tten wir ein Schwimmbad haben k�nnen, eine Sauna, einen Fitne�raum, ein Ferienhaus, einen Sportwagen, sogar einen Chauffeur, was wei� ich. Uli und Astrid haben das alles gehabt. Die haben das richtig gemacht. Aber der Tata wollte sparen, falls einmal Notzeiten kommen w�rden. Falls das mit der B�rse nicht klappen w�rde. Davor hat er riesige Angst gehabt und alle mit seinen Sorgen angesteckt. Und dann ist von dir ja auch nichts mehr gekommen. Ich habe nur weggewollt, nach Bukarest. Da habe ich wenigstens noch Verwandtschaft. Ich habe dich verloren gehabt, und ich habe den Tata verloren gehabt. Die wenigen Male, die er dann noch hiergewesen ist, da habe ich es hier nicht ausgehalten, verstehst du das? Weil es ihn da eigentlich nicht mehr f�r mich gegeben hat. Weil klar gewesen ist, der kommt nicht mehr zur�ck, hierher, der kommt nicht mehr zu mir. Alles war Schmerz. Als dann die Nachricht gekommen ist, da� der Tata, also, da� der Tata gestorben ist, ich habe da schon keine Tr�ne mehr gehabt. Ich habe nicht mehr weinen k�nnen, weil ich schon davor soviel geweint habe.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>18</strong></p><p>Costin klingelt. Olaf Erdrich �ffnet ihm. Die T�r f�llt hinter Costin mit einem <emphasis>Klick</emphasis> ins Schlo�. Costin umarmt Olaf Erdrich und f�ngt zu weinen an. Normalerweise geht ihm ja Olaf Erdrichs Big-Daddy-Gehabe auf die Nerven; wenn der so tut, als k�mmere er sich pers�nlich und nicht etwa die bei ihm angestellten Manager um die jeweiligen Mitglieder der jeweiligen Bands, ihre W�nsche, ihre Sorgen, Beschwerden. Standardantwort bei Telefonaten, sofern man ihn �berhaupt erreicht: Mach dir da mal <emphasis>�berhaupt</emphasis> keine Sorgen, ich werde mich <emphasis>gleich pers�nlich</emphasis> darum k�mmern; oder wenn Olaf Erdrich, dessen Produktionsfirma nicht zuf�llig <emphasis>MA</emphasis> (f�r <emphasis>Music Academy</emphasis> oder genauer: <emphasis>The</emphasis> Music Academy) hei�t � auch <emphasis>Mama</emphasis> oder <emphasis>Die Mama</emphasis> genannt �, wenn also Olaf Erdrich bei Treffen einem den Arm um die Schulter legt, einem �ber den R�cken streichelt, scherzend in den Bauch boxt und auch schon mal auf die Stirn k��t. Im Moment findet es Costin in Olaf Erdrichs Armen und an seiner Brust aber ganz OK so. Costin hat Ana sogar ein bi�chen angelogen; er m�sse schon fr�her nach Berlin, er habe einen Anruf von Melanie bekommen, es sei da so eine Tour mit allen bisherigen <emphasis>Popstars</emphasis> in Planung, eine <emphasis>Generations-Tour</emphasis>, die Proben beg�nnen schon n�chste Woche, er solle sich sobald wie m�glich bei diesem Chef der Produktionsfirma, diesem Olaf Erdrich, Ana kenne ihn ja, melden, er k�nne auch bei ihm pennen, der habe ja so ein Riesenpenthouse � was so nicht ganz stimmte.</p><p>Anruf von Melanie, geplante Tour, Pennen im Penthouse: Ja.</p><p>Genauer Termin f�r Probenbeginn: N�. Is nich.</p><p>Aber Costin mu�te weg. So schnell wie m�glich diese Bilder von zu Hause aus dem Kopf kriegen: Ana, wie sie weint, wie ihr alles eine Qual ist zur Zeit, dieses Haus, die Stille, dieser Hund und die Details, die da so �ber Tata ans Licht kommen, das braucht er, Costin, momentan nicht. Vielleicht kann er es sp�ter ab, wenn es ihm selbst besser geht. Au�erdem kann er ja Ana sowieso nicht helfen, mit dem Verkauf der Firma, der Villa, mit dem Umzug und Pipapo. Diese Rolle �bernimmt ein Herr Kauderer.</p><p>Olaf Erdrich, der, wenn Costin nicht alles t�uscht, selber Tr�nen in den Augen hat, sagt, Costin k�nne jetzt entweder was essen oder duschen oder gleich schlafen gehen, ganz wie er wolle, sein Zimmer warte schon auf ihn; nat�rlich k�nne er auch noch runter, bi�chen ausspannen, wenn ihm danach sei.</p><p>Damit alle K�nstler, die bei ihm unter Vertrag sind, das Gef�hl haben, da� Olaf Erdrich immer ein offenes Ohr f�r sie hat und da� ihm tats�chlich an ihrem Wohlbefinden gelegen ist, stehen nicht nur die restlichen Zimmer in seinem Penthouse potentiell einsamen, depressiven oder erholungsbed�rftigen Bandmitgliedern zur Verf�gung. Olaf Erdrich hat die gesamte Etage ein Stockwerk tiefer zu einem Entertainment-Headquarter herrichten lassen, mit allem, was das Herz eines 8- bis 35j�hrigen Popstars begehrt: Whirlpool, Spielautomaten, Fitne�ger�te, Heimkino mit den neuesten DVDs sowie, f�r den Introvertierten: eine kleine Bibliothek mit Klassikern in schweinsledergebundenen Jubil�umsausgaben.</p><p>Costin m�chte vielleicht noch eine Runde am Automaten Autorennen fahren und dann ins Bett. Bevor er sein Gep�ck aufs Zimmer bringt, fragt er Olaf Erdrich, ob au�er ihm zur Zeit noch jemand in den G�stezimmern sei. Als Olaf Erdrich sagt, da� Paolo von der <emphasis>Popstar</emphasis>-First-Generation gerade ein bi�chen Urlaub von seiner Familie mache und sich au�erdem auf die <emphasis>Generations-Tour</emphasis> vorbereite, er wohne im Zimmer ganz hinten links, da hat Costin f�r einen Moment aufgeatmet.</p><p>Nicht da� er wirklich an die Ger�chte glaubt, �ber die die <emphasis>MA</emphasis>-Popstars, sp�rlich bekleidet, fr�stelnd auf ihren Auftritt wartend, in Backstage-R�umen von Kuhdorf-Locations so sprechen, wobei sie nerv�s an Kippen ziehen: Da� Olaf Erdrich in jedem Zimmer seines <emphasis>MA</emphasis>-Paradieses inklusive am Boden des Whirlpools Kameras installiert hat, durch die er, von einem geheimen und f�r Unbefugte nicht zug�nglichen Kontrollraum im Penthouse aus, diejenigen seiner Sch�tzlinge, die gerade auf Besuch sind, vorzugsweise Jungs bis 25, beobachten kann.</p><p>Mit Paolo, den Costin jetzt allerdings so richtig nur aus der ersten <emphasis>Popstar</emphasis>-Staffel kennt, die er damals, noch zu Schulzeiten, angesehen hat � Paolo mu� schon seit Jahren nicht mehr aufgetreten sein �, mit Paolo wird er aber erst mal morgen fr�h das Entertainment-HQ voll ausn�tzen. Autorennen allein am Automaten sind suboptimal. Autorennen zu zweit sind optimal.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>19</strong></p><p>Im Aufladeger�t am anderen Ende des dunklen Zimmers blinkt das Handy verf�hrerisch gr�n. Costin starrt schon eine ganze Weile vom Bett aus zu ihm r�ber.</p><p>�Na los, Costin, hol�s dir, jetzt ein Foto, dann geht�s dir besser, dann kannst du endlich einschlafen.�</p><p>Das ist die innere Stimme, die Costin manchmal tats�chlich h�rt, der innere Costin sozusagen, obwohl er, Costin im Bett, nicht der innere Costin, so diese Sachen mit inneren Stimmen eigentlich ziemlich peinlich findet.</p><p>Innerer Costin alias PISC (Pers�nliche Innere Stimme Costins): �Jetzt steh schon auf, du fauler Sack.�</p><p>Costin kratzt sich an der Brust. Die Schlafanz�ge, die sich im Schrank der G�stezimmer in allen Gr��en befinden � von S f�r die M�dels und, nicht zu vergessen, Lasse, den Kinderstar aus der achten Staffel, �ber den in <emphasis>Popstar</emphasis>-Kreisen der Spruch kursiert �Ich hasse Lasse�, bis zu XXL f�r die dicken Drei von den <emphasis>Die dicken Drei</emphasis> � f�hlen sich rauh auf der Haut an, insbesondere an der Stelle, wo, wie auch auf den Handt�chern im Badezimmer, den Badeschlappen, das Logo der Produktionsfirma, <emphasis>MA</emphasis>, aufgen�ht ist.</p><p>Innerer Costin alias PISC (beleidigt): �OK. Dann bleib halt so liegen. Aber du wei�t ja sicher, was das hei�t. Jetzt mu� Baby-Costin sein Hirn selber anstrengen, damit Baby-Costin nicht wieder seine Attacke bekommt.�</p><p>Schnauze, PISC. Costin hat sich diese Bilder von seiner Ankunft in Cham ins Ged�chtnis gerufen. Und vielleicht liegt es daran, da� er am letzten Abend in seinem Zimmer einen Stapel <emphasis>Akira</emphasis>-Hefte durchbl�tterte, da� der Garten zu Hause, den er jetzt sieht, nur aus ein paar fl�chtigen Schwarzwei�-Strichen besteht, und ihm selbst, das sp�rt er in diesem Augenblick, auf dem Weg zur Haust�r, eine Megatr�ne aus den Kulleraugen tropft, Mangastyle.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>20</strong></p><p>Zur�ck vom Fitne�studio, sperrt er die T�r zu Olafs Penthouse auf, geht, die Sporttasche geschultert, durch den Flur, h�rt Stimmen, die ihm doch, also die kommen ihm doch bekannt vor, er �ffnet die T�r zum Wohnzimmer, da stehen sie pl�tzlich, Wylie, Seema, Uschi und Melanie, ja, Melanie ist auch dabei, alle vier haben Sektgl�ser in der Hand. W�hrend Costin die Tasche absetzt, ist sein Blick kurz �ber Wylie � der einen dieser jetzt modischen, aber trotzdem schwulen Herrenr�cke tr�gt und eindeutig zugelegt hat, kein Rock kann das verbergen, mein lieber Scholli � sowie Uschi und Seema geschweift, die beide in diesem Moment nur entfernte �hnlichkeit mit der Uschi und der Seema von der letzten Tour der <emphasis>PingPongs</emphasis> vor einem Jahr besitzen. Costin wei�, da� Wylie, Seema und Uschi, die jetzt �Hallo� (Wylie), �Hey� (Seema) und �Na?� (Uschi) sagen, gerade die 14 Pfund �ber seinem Idealgewicht bemerken. Uschi hat noch mehr abgenommen, Seema hat zugenommen.</p><p>Er hatte ja echt die besten Vors�tze, hatte schon genau diese Szene vor sich gesehen, die letzten Tage, und geplant, alle beim ersten Treffen nacheinander zu umarmen (1. Uschi, 2. Seema, 3. Wylie), um eine relaxte Atmo zu schaffen. Der einzige Unterschied war, da� er gedacht hatte, die Situation w�rde umgekehrt sein; also da� er sich eben schon im Wohnzimmer befinden w�rde und die anderen <emphasis>PingPongs</emphasis> erst so nach und nach, nicht im Dreierpack, eintrudeln w�rden. Mit Melanie hatte er sich ja eigentlich extra treffen wollen.</p><p>Damit der Erfolg des <emphasis>PingPongs</emphasis>-Parts in der <emphasis>Popstar-Generations-Tour</emphasis> wenigstens nicht bereits von Anfang an gef�hrdet ist, ist es die beste Strategie, erst einmal ein Smile aufzusetzen � Costin setzt ein Smile auf � und so zu tun, als h�tte es das letzte Jahr nicht gegeben: nicht da� Wylie � der ihn jetzt f�r den Bruchteil einer Sekunde ernst angesehen hat, bevor auch er ein Smile aufsetzt � nach dem zweiten Album und w�hrend der Tour nur das N�tigste mit ihm gesprochen hat, weil Costins Leadanteil bei den Songs gr��er war als seiner und er, Wylie, behauptete, Costin stelle sich auf der B�hne immer in den Vordergrund (stimmt null); nicht da� er und Seema w�hrend der Tour, bei der eigentlich striktes Groupie-Verbot galt, geschnackselt hatten und er ihr, sobald er in Berlin Jessica kennengelernt hatte, den Laufpa� gegeben hatte; auch nicht Uschis Finger-in-den-Mund-steck- und Ich-red-mit-euch-nicht-mehr-Geschichte und nicht Seemas Ich-vermisse-meine-Family-so-Geschichte; und schlie�lich nicht, da� sie sich alle das letzte Dreivierteljahr nicht mehr gesprochen hatten � und da� das auch gut so war.</p><p>Costin sagt �Holla�, obwohl er eigentlich �Hallo� hatte sagen wollen, umarmt zuerst Uschi, beinahe h�tte er Melanie als erstes drangenommen, er wird sp�ter mit ihr irgendwo abseits von den anderen das alles noch mal durchsprechen, wie es ihm jetzt geht nach Tatas Tod, wie es so war in Cham, wie das weitergeht mit den <emphasis>PingPongs</emphasis>, oder, wenn sie gerade keine Zeit hat, kann man sich ja auch mal nur so auf einen Cappuccino treffen, er merkt jetzt erst eigentlich so richtig, wie er sie � also blo� als Ansprechpartnerin (Betonung auf � <emphasis>in</emphasis>), nat�rlich, hey, remember? Melanie = gro�e Schwester � vermi�t hat.</p><p>Als Wylie in die Pause hinein fragt, in der alle auf den Boden gesehen haben, an ihren Gl�sern nippen, warum man nicht Platz nehme und Melanie beim Hinsetzen sagt, eigentlich habe sie nur ganz kurz Zeit, sie m�sse noch zu <emphasis>Es</emphasis>, dieser anderen Band, die sie jetzt, wie Seema, Uschi, Wylie und Costin ja sicher wissen, manage, Olafs neues Projekt, eine gecastete Technoband, guter alter 1980er-Berlin-Dreck-Techno, au�erdem habe sie ja bekanntlich geheiratet, vor zwei Monaten, und sie, man habe es ja wahrscheinlich schon bemerkt, sei im ersten, also Monat, da ist Costins Blick �ber die anderen geschweift � er ist ja hoffentlich nicht der einzige, der gerade ein bisserle schockiert ist � und ist bei Seema h�ngengeblieben, die als einzige nicht verst�ndnisvoll nickt, sondern ihn, Costin, angestarrt hat, aufgerissene Augen, leicht offener Mund, Marke: Ich glaub das nicht. Costin hat in diesem Moment starke Zuneigung f�r sie empfunden.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>21</strong></p><p>Jessica im T�rrahmen, ihren Kopf, Jessica-like, zur Seite gelegt, lachend. NO, lang gedr�ckt. Soll wirklich gel�scht werden? Yes. Gel�scht. Yes.</p><p>Jessicas Gesicht, l�chelnd, neben seinem, ernst. NO, lang gedr�ckt. Soll wirklich gel�scht werden? Yes. Gel�scht. Yes. Jessicas Gesicht, eine Grimasse schneidend, neben seinem, eine Grimasse schneidend. NO, lang gedr�ckt. Soll wirklich gel�scht werden? Yes. Gel�scht. Yes.</p><p>Sein Kopf auf Kissen, Blick in Kamera, �ber ihm, ernst. Yes.</p><p>Sein Kopf auf Kissen, Blick in Kamera, �ber ihm, ernst. Yes.</p><p>Sein Kopf zur Seite gedreht, vom gelben Nachttischlampenlicht beleuchtet, Augen aufgerissen, offener Mund. NO, lang gedr�ckt. Soll wirklich gel�scht werden? Yes. Gel�scht. Yes.</p><p>Costin schaut vom Display des Handys auf. Eine Gruppe Kinder ist lachend, schreiend, laut, Hand in Hand und eskortiert von Kinderg�rtnerinnen an der Bank, auf der Costin sitzt, vorbei zum Ausgang des Parks gezogen. Die Bl�tter der Pappel neben der Bank haben im Wind zu rascheln begonnen.</p><p>Sein Kopf auf Kissen, Blick in Kamera, �ber ihm, ernst. NO, lang gedr�ckt. Soll wirklich gel�scht werden? NO, NO. Soll Bild wiederhergestellt werden? Yes. Bild wieder hergestellt. Yes.</p><p>Britta, Kopf zur Seite gedreht, auf Kissen, Augen geschlossen, Mund offen, schlafend. Yes.</p><p>Umut, Kopf zur Seite gedreht, auf Kissen, Augen geschlossen, Mund offen, schlafend. Yes.</p><p>Sein Kopf auf Kissen, Gesicht verheult, Augen zusammengekniffen, Speichelf�den zwischen ge�ffneten Lippen. NO, lang gedr�ckt. Soll wirklich gel�scht werden? Yes. Gel�scht. Yes.</p><p>Der in Terrassen abgestufte Pausenhof. Yes.</p><p>Quirins Gesicht neben dem seinem. Yes.</p><p>Sein Gesicht, Blick in Kamera vor ihm. Yes.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>22</strong></p><p>Das Bild da jetzt kommt ihm doch bekannt vor. In der Spiegelwand sieht er, da� sie gerade dabei sind, zum ersten Mal seit ihrem Break-up, die Choreo zu ihrer allerersten Single, <emphasis>Equinox</emphasis>, total synchron hinzubekommen. Seema hat wieder ihr Normalgewicht, tats�chlich nur Training oder doch Absaugen? that�s the question; Uschi, gut, Uschi war schon immer schlank, aber sie sieht, glaubt er, in diesem Moment, Pferdeschwanz schwingend, ausgestreckter Zeigefinger, genauso aus wie fr�her, ebenso Wylie, Respekt, 10 Pfund in zwei Wochen; nur wenn jetzt sein, Costins, Blick auf sich selber f�llt, dann fragt er sich allerdings schon, ob er bei der Anweisung Melanies, vom Outfit her m�glichst so auszusehen wie beim ersten Album � man wolle kein Risiko beim Ged�chtnis der Fans eingehen �, nicht doch ein Veto h�tte einlegen sollen; die letzten vier Jahre haben eben Spuren hinterlassen (siehe Ansatz zum Doppelkinn); und jetzt so zu tun, als w�re er noch 27? Marke: relativ peinlich.</p><p>Ihre Sohlen haben bei der 180-Grad-Drehung, weg vom Spiegel, unisono gequietscht. Auch da� Umpf! Tanzcoach diverser <emphasis>Popstar</emphasis>-Generationen,von denen er denSpitznamen Nazi-Umpf! und Schinder-Umpf! erhalten hat, genau in diesem Moment seinen Anfall kriegt, ist letztlich absehbar gewesen. W�hrend <emphasis>Equinox</emphasis> weiterl�uft, Uschi auf der CD gerade ihren Part in der letzten Strophe singt, ist Costin Zeuge eines krassen Umpf!�� D�j&#xE0;-vus geworden; die Szene, die sich gerade vor seinen Augen abspielt, hatte so schon mal vor ihrer ersten Tour stattgefunden.</p><p>Seema war stumm rausgelaufen, Umpf! hinterher, Seema weiter anbr�llend, wie dann in der Folge im Fernsehen zu sehen gewesen war, Costin war ja mit den anderen im Proberaum geblieben, Seema hatte geweint, Umpf! hatte pl�tzlich auch geweint, sie hatten sich in den Armen gelegen, Umpf! hatte gesagt, er m�sse das machen, auch wenn es ihm weh tue; es tue ihm selber hier drin (Zeigefinger auf Herz) weh, wenn er seine Kiddies so anbr�llen m�sse, hat er sp�ter im anschlie�enden Interview in der Folge im Fernsehen gesagt. Umpf! w�re nicht Umpf! und h�tte es nie zumInhaber zahlreicher �ber Deutschland verteilterUmpf!�� Tanzstudios gebracht, in denen die Coaches den Teens im Umpf!�� Look (Glatze, weite wei�e Hose, Army-Top) die neuesten Choreos der aktuellen Bands eindrillen, wenn Umpf! jetzt nicht den prototypischen und mittlerweile als Motivationstraining auf DVD vermarkteten Umpf!�� Anfall bekommen w�rde.</p><p>Umpf! (obligatorische Schwei�tropfen auf der Glatze, br�llend): �Ja, Seema! Bist wohl noch immer in Indien! So schwerf�llig wie�n Elefant dreht die sich um! Hey, aufwachen, M�dchen! In zwei Wochen ist Auftritt! Hey, ich glaub�s nicht!�</p><p>Seema (ab, stumm)</p><p>Umpf! (ab, Seema hinterherbr�llend)</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>23</strong></p><p>Die Stimmung ist gut. Die Party scheint ein Erfolg zu sein. Costin macht mal kurz auf <emphasis>Matrix</emphasis>. Der 360-Grad-Schwenk: Hinter dem schwarzen Sofa standen vorhin, als er sich umgedreht hat, Paolo, der mit richtigem Namen Antonio hei�t, Dick, der, soviel Costin wei�, tats�chlich Dick hei�t, Kundry alias Petra und Tosca alias Agata, alias die <emphasis>Sternschnuppen</emphasis>, alias die allererste Generation, die <emphasis>Mamas and Papas</emphasis> sozusagen, am offenen Fenster, frische Luft war hereingezogen. Es ist bekannt, da� zumindest Paolo und Kundry mittlerweile Familie haben und da� Kundry sich jetzt wieder Petra nennt. Nur noch Tosca ist, soviel Costin wei�, im Musik-Business t�tig. Costin, der vorhin mit einem Ohr geh�rt hat, wie Petra von ihrem Sohn erz�hlte, kann sich kaum vorstellen, wie die vier, auch wenn sie in <emphasis>Popstar</emphasis>-Kreisen mittlerweile als Legenden aus einer Zeit gelten, als der Markt noch nicht �bers�ttigt und ergo die Welt des Castings noch in Ordnung war, in knapp drei Wochen auftreten sollen. Werden sie nach all den Jahren noch die Credibility besitzen, die sie brauchen, um ihre Songs von damals r�berzubringen? Im Moment machen sie eher den Eindruck, als w�re die ganze <emphasis>Generations-Tour</emphasis> so etwas wie eine einmalige Gaudi, eine Faschingsveranstaltung, nichts, was man ernst nehmen m��te jedenfalls.</p><p>Schwenk zur Seite: In der Ecke rechts schr�g gegen�ber vom Sofa unter der gro�en in einen blauen Mantel geh�llten Madonnenstatue, die Olaf, wie er immer wieder erz�hlt hat, vor vielen Jahren von einer aus Verehrung f�r Benedikt XVI. unternommenen Wallfahrt nach Alt�tting mitgebracht hatte, und die ihr Gesicht, w�hrend ihr unter dem Mantel sichtbares rotes Herz von einem Dolch durchbohrt wird, zum Himmel blickend vor Schmerz verzerrt, sitzt Lasse zusammen mit Hubert und Hubert, die eigentlich Heiner und Peter hei�en, auf dem Boden und wippt mit dem Kopf zu dem Song, den die beiden auf ihren Gitarren schrummen.</p><p>Es ist ein offenes Geheimnis, da� Hubert und Hubert, obwohl sie in der siebten Staffel gecastet worden waren, wo explizit auf Songwriting-abilities Wert gelegt wurde, zwar in der Sendung ihre Instrumente tats�chlich auch selber spielten � da� aber die Songs, die offiziell als von ihnen geschrieben ausgegeben wurden, in Wirklichkeit vom vielbesch�ftigten Gustav �the Word� M. stammen und da� er Hubert und Hubert die angeblich autobiografischen Texte �ber Kindheit, Schulzeit, das erste Mal et cetera in den Mund gelegt hatte, wobei es sich wohl eher um die Erlebnisse von Gustav �the Word� M. handelte als um die Huberts und Huberts.</p><p><emphasis>Rosa</emphasis>, das war der Titel ihrer ersten Single gewesen, die nicht zuletzt auch, weil allgemein verbreitet wurde, es handele sich um Huberts � also Heiners � erste ungl�ckliche Liebe, Hubert sei seitdem psychisch labil, einen Dezember lang das Lieblingslied all derer gewesen war, die etwas �hnliches wie Hubert erlebt hatten, sprich gerade eine Trennung durchmachten, so auch Andreas, Costins Arbeitskollege in der Sparkasse in Regensburg, der das Lied, immer wenn er vor seinem Computer sa�, mit aufgerissenen Augen und ins Leere gehendem Blick, vor sich hin summte, als sei er auf Repeat gestellt worden. Diese Rosa hatte allerdings, wie Costin, Jahre sp�ter, auf einer Party erfuhr, wo er Hubert alias Heiner traf, nie existiert, vielmehr hatte Hubert alias Heiner von Anfang an, schon zu Realschulzeiten jede Frau genagelt, die ihm �ber den Weg gelaufen war. Inzwischen, nachdem Hubert und Hubert von der Plattenfirma gedroppt worden sind, schreiben sie ihre Songs tats�chlich selbst, wobei ihre Musik und Texte weiterhin sehr stark nach Gustav �the Word� M. klingen. Allerdings hat es seitdem keiner ihrer Songs in die Charts geschafft.</p><p>Blick geradeaus: Auf dem schwarzen Ledersofa gegen�ber von Costin sitzen Olaf und das B von <emphasis>A, B, C</emphasis>, die <emphasis>Popstar</emphasis>-Band, die unmittelbar nach den <emphasis>PingPongs</emphasis> gecastet worden war. Olaf ist sehr nah an das B heranger�ckt, er hat, w�hrend er auf das B einredet, den Kopf in den Nacken gelegt, eine Falte des dicken Nackens h�ngt �ber den Kragen seines schwarzen Hemds. Seine Augen sind geschlossen, manchmal hebt er die Hand, wohl um etwas zu betonen; seine schulterlangen und nach hinten gek�mmten grauen Haare sind etwas fettig.</p><p>Jetzt lachen Olaf und das B.</p><p>Jetzt legt Olaf die Hand auf den Arm des Bs und spricht weiter in sein Ohr.</p><p>Obwohl er laut gegen die Ger�uschkulisse aus exaltierten Schreien, Ba� und Flipperpiepen anreden mu�, die vom Stockwerk drunter, aus dem Entertainment-HQ hochdringt, wo der andere Teil der Party mit den restlichen <emphasis>Popstar</emphasis>-Bands stattfindet, ist nicht zu verstehen, was Olaf sagt. Costin hat wieder auf Ronja von den <emphasis>Schwestern</emphasis> geschaut, die noch immer mit ihrem Kopf auf seinem Scho� liegt. An ihrem gleichm��igen Atem und ihren entspannten Z�gen sieht er, da� sie eingenickt ist.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>24</strong></p><p>Die Gruppe f�hrt zusammen mit den anderen Gruppen in einem der drei <emphasis>Popstar-Generations-Tour</emphasis>-Busse von Auftritt zu Auftritt. Die <emphasis>Popstar-Generations-Tour</emphasis>-Busse sind mit dem Schriftzug <emphasis>Popstar-Generations-Tour</emphasis> gebrandet. Die Gruppen haben ein Fotoshooting. Die Gruppe lacht mit den anderen Gruppen. Die Gruppe gibt Autogramme auf ihr Foto. In Kassel schl�ft X mit Uschi, X mit X, X mit X und Costin mit Seema. Die Gruppe nimmt einen Termin wahr. In Braunschweig schl�ft X mit X, X mit X und Costin mit X. Olaf sagt den Gruppen, da� der Kartenverkauf nicht laufe. Die Gruppe macht sich Sorgen. Die Gruppe redet �ber ihre Zukunft. Was wenn. Die Gruppe gibt ein Interview. X braucht ihre circa 30 cm gro�e Stoffmaus aus der <emphasis>Sendung mit der Maus</emphasis>, um einschlafen zu k�nnen. Die Gruppe i�t. In Bielefeld schl�ft X mit X, X mit X, Seema mit X und Costin mit Uschi. Die Gruppe hat interne Probleme. Die Gruppe nimmt einen Termin wahr. Die Gruppe sagt: �Wir verstehen uns.� Die Gruppe hat einen Auftritt im <emphasis>Kinderkanal</emphasis>. Uschi hat sich im Klo eingesperrt und kotzt. Die Gruppe hat einen freien Tag. Die Gruppe geht in den Zoo. Ein Kamerateam des lokalen Fernsehsenders begleitet sie. Die Gruppe streichelt Ziegen. Olaf sagt der Gruppe, da� die Plattenfirma kein neues Album mit ihr machen wolle. Die Gruppe gibt ihr letztes Konzert. Uschi hat sich im Klo eingesperrt und kotzt. Wylie sitzt in der Garderobe und bewegt seinen Kopf im Kreis, um die Nackenmuskeln zu entspannen. Seema steht auf dem Gang und knutscht mit X. Costin steht in der Toilette vor dem Spiegel und tr�gt Lidschatten auf.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>25</strong></p><p>Die Stimmung ist gut. Die Party ist ein Erfolg.</p><p>Costin macht jetzt mal kurz auf <emphasis>Matrix</emphasis>. Der 360-Grad-Schwenk:</p><p>Gegen�ber des schwarzen Ledersofas, auf dem er sitzt, vor dem offenen Fenster, unterh�lt sich Wylie gerade mit dem Jungen und den beiden M�dchen, mit denen er seit einem Monat in einer Band ist. Das eine M�dchen ist Inderin. Wylie hat sich mit der Hand auf die Schulter des Jungen gest�tzt. Vom Fenster ist ein frischer Luftzug gekommen. Auf dem schwarzen Ledersofa vor dem Fenster sitzt Lasse, der sich jetzt, soviel Costin wei�, nicht nur Claudio nennt und im letzten Jahr endlich in Stimmbruch gekommen ist, sondern auch einen 180-Grad-Imagewechsel vom Kinderstar mit Ach-wie-s��-Faktor zum Romeo mit Sex-Appeal � siehe den wei�en Anzug, die Elvis-Koteletten und die durch Kettenrauchen um mindestens eine Terz gesenkte Stimme � durchgemacht hat, oder kurz, wie der Titel des <emphasis>Popcorn</emphasis>-Interviews lautete: �Lasse: Bin jetzt erwachsen.� Lasses beziehungsweise Claudios K�rperhaltung � Oberk�rper vorgebeugt, Arm auf der R�ckenlehne, Beine �bereinandergeschlagen � verr�t, da� er wohl gleich die Frau neben ihm umarmen und/oder k�ssen wird, bei der es sich, kann ja wohl nicht sein, ist aber so, trust your eyes, Costin, um die Ex-Mega-Perle MiezMiez handelt.</p><p>MiezMiez, die vor f�nf Jahren oder so diesen Hit hatte, wo alles sonst auf deutsch, der Refrain aber chinesisch war, weil doch da gerade dieser China-Hype war � China war da ja auf angeblich einstimmigen Beschlu� der Regierung zum Wohl des Volkes offiziell zur Demokratie geworden, alle sahen diese chinesische Soap, <emphasis>Wenzuoh</emphasis>, alle lasen chinesische B�cher, in den Clubs spielte man die aktuellen chinesischen Top Ten rauf und runter; MiezMiez, die, nachdem ihre Plattenfirma sie gedroppt hatte, komplett von der Bildfl�che verschwunden war; MiezMiez, die, so Olaf, jetzt noch ein Jahr warten m�sse, bis der China-Hype inklusive MiezMiez endg�ltig vergessen ist, damit sie etwas Neues starten k�nne, weil sie sonst auf ewig mit dem China-Ding assoziiert werden w�rde. MiezMiez, die bis dahin, bis der China-Hype inklusive ihrer endg�ltig vergessen ist, also noch so ein Jahr, sagt Olaf, in Olafs G�stezimmer wohnen und warten wird. MiezMiez sieht in ihrem Kleid, das vielleicht auch nur ein Neglig� ist, wer wei�, sie wohnt ja schlie�lich hier, verdammt scharf aus. Claudio alias Lasse oder Heintje, wie er neuerdings in <emphasis>Popstar</emphasis>-Kreisen genannt wird, mu� ja ganz verwirrt sein; MiezMiez, die zwar diesen asiatischen Touch hat, weil ihr Vater aus Japan oder Thailand kommt, die aber in Berlin aufgewachsen ist, k�nnte ja vom Alter her zumindest Claudios alias Lasses gro�e Schwester, wenn nicht sogar seine junggebliebene Mutter sein.</p><p>Schwenk zur Seite: In der Ecke neben dem schwarzen Sofa sitzen sich zwei Jungs im Schneidersitz gegen�ber. Sie spielen Gitarre, was aber wegen des L�rms, der von unten aus dem Entertainment-HQ kommt � Ba�, dumpf, Lachen, exaltierte Schreie, Flipperger�usche �, nicht zu h�ren ist. Costin meint, die beiden schon einmal gesehen zu haben, kann sich aber nicht erinnern, wo. Nein, er kennt sie nicht. An der Wand �ber ihnen h�ngen zwei Kupferstiche. Costin wei�, was es mit ihnen auf sich hat. Die Umst�nde, wie es dazu kam, hatten dazu gef�hrt, da� Costin jetzt mehr �ber Olaf wei� als das, was irgendwie jeder wei�, die offizielle Bio, die auch auf der Homepage steht, Olaf Erdrich gr�ndet Anfang der 90er in Berlin seine Firma, ist innerhalb weniger Jahre ganz oben, keine Frau blabla, daneben die �blichen Ger�chte, Olaf Erdrich sei a) schwul, b) p�dophil, c) polygam, d) impotent.</p><p>Es war vor ein paar Wochen gewesen, da hatte Olaf Costin in der Nacht angerufen, schluchzend, das war die erste �berraschung gewesen, denn bis dahin hatte Costin Olaf so noch nie erlebt, so total blo�, emotional nackt sozusagen. Die zweite �berraschung war, da� Olafs Vater gestorben war. Also nicht unbedingt die Nachricht vom Todesfall machte Costin f�r ein paar Sekunden sprachlos, bevor ihm die f�r die Situation angemessenen S�tze einfielen � Nein, das ist ja furchtbar, wie ist das passiert, wie geht�s dir jetzt, bist du in Ordnung �, sondern, so l�cherlich ihm dann seine Verwunderung dar�ber erschien, da� Olaf, der ja schlie�lich gegen�ber ihnen, seinen K�nstlern, oder, wie Olaf sagte, seinen <emphasis>Kindern</emphasis>, immer auf die Big-Daddy-Tour machte, �berhaupt selbst einen Vater besessen hatte. Olafs Vater hatte in Toronto gelebt und war geb�rtiger Kanadier, wie Olaf dann am Telefon erz�hlte, weinend, und Costin �berlegte, was zum Geier Olaf dazu bewog, gerade ihm, Costin, einem unter doch wahrscheinlich vielen Bekannten, und nicht einmal ein Freund, das alles zu erz�hlen.</p><p>Olaf hatte seinen Vater seit seiner Kindheit, als er zusammen mit seiner Mutter, einer Deutschen, nach Berlin gezogen war, nicht mehr gesehen. Weder er, der Vater, noch Olaf hatten jemals versucht, in Kontakt zu treten. Etwas mu�te wohl vorgefallen sein w�hrend Olafs Kindheit, Costin wollte da nicht nachfragen, aber irgendwas Gro�es, das sp�rte Costin in seinem Hotelbett, hatte da im Raum gestanden, denn Olaf schluchzte zwar weiter, hatte aber in der Gespr�chspause �Asshole� und �dieser Dreckskerl� gestammelt. Das Telefonat hatte damit geendet, da� Olaf Costin sagte, er werde die n�chsten Tage in Toronto sein, um die Erbschaft zu regeln, und er danke ihm, da� er f�r ihn da sei.</p><p>Costin war sich, nachdem er sein Handy auf den Nachttisch gelegt hatte und dann so im Bett lag, Blick auf die Zimmerdecke, pl�tzlich nach ein paar Minuten nicht mehr hundertprozentig sicher gewesen, ob das jetzt gerade wirklich passiert oder ob das nur so ein super-intensiver Flash gewesen war, so absurd und peinlich hatte sich das da eben angef�hlt. Als er im Lauf der folgenden Wochen den �blichen Verd�chtigen, das hei�t anderen aus dem <emphasis>Popstar</emphasis>-Stall, �ber den Weg lief, stellte sich heraus, da� sie von der ganzen Sache mit Olaf gar keine Ahnung hatten. Der Grund, warum Olaf zur Zeit nicht erreichbar sei, bestand f�r sie darin, da� er auf einer Messe in Moskau sei. Toronto? Beerdigung? Vater? Olaf Erdrich und Vater? H�? Costin hatte langsam realisiert, da� Olaf tats�chlich nur ihm vom Todesfall seines Vaters erz�hlt hatte, so da� Costin es dann auch unterlie�, die anderen darin einzuweihen.</p><p>Folgerung aus Olafs Anruf <image l:href="#1"/> Number one: Olaf hat sich daran erinnert, wie Costin hier bei ihm auftauchte, als sein, Costins, Vater gestorben war. Olaf mu�te annehmen, da� Costin, weil er schon einmal in derselben Situation gewesen war, Olaf und alles, was er gerade durchmacht, versteht. <image l:href="#1"/> Number two: Olaf hat au�er Costin niemanden, dem er das sagen beziehungsweise der seine Gef�hle nachvollziehen m�chte beziehungsweise k�nnte. <image l:href="#1"/> Number three: Olaf ist (unglaublich!) �ne arme Sau. (Costin schenkt sich Number four: Olaf steht auf Costin.)</p><p>Bei seinem ersten Besuch nach Olafs Kanada-Reise hatten Kupferstiche an der Wand gehangen, <emphasis>Ansichten eines St�dtchens, Toronto-City 1885</emphasis> hatte darunter gestanden. Olaf hatte Costin zur Begr��ung umarmt, dann so getan, als sei gar nichts geschehen, immer wenn Costin dann das Gespr�ch auf Kanada lenken wollte, war Olaf ihm ausgewichen, es schien ihm unangenehm zu sein, da� er Costin soviel von sich verraten hatte, auch zu den Kupferstichen sagte Olaf nichts weiter. Weil Costin davon ausging, da� Olaf in Toronto nicht die Zeit hatte, Andenken zu kaufen, hatte die Annahme nahegelegen, da� es sich um Erbst�cke handelt. Costin hat sich wieder auf dem schwarzen Ledersofa zur Seite, zu Olaf gedreht, der die ganze Zeit �ber auf ihn eingeredet hat, ohne da� Costin ihm wirklich zugeh�rt h�tte. Olaf ist sehr nah an Costin ger�ckt, er hat den Kopf in den Nacken gelegt, seine Augen sind geschlossen, manchmal hebt er die Hand, um etwas zu betonen, sein schulterlanges nach hinten gek�mmtes graues Haar ist etwas fettig, und auch eine Rasur w�re mal wieder f�llig.</p><p>Und das m�sse er, Olaf, ihm noch erz�hlen, das sei der Hammer, das sei jetzt witzig, also, der Opa, der bei ihm im Haus wohne, den habe er sicher auch schon einmal im Treppenhaus getroffen � Costin wei�, was jetzt kommt, Olaf erz�hlt diese Geschichte irgendwie st�ndig, und nicht nur ihm, sondern auch den anderen <emphasis>Popstars</emphasis>, neulich hat er noch mit Shaneela dar�ber geredet. Hat dir Olaf auch diese Geschichte erz�hlt? Ja. Jetzt schon zum dritten Mal �, der trage immer so ein kariertes H�tchen, manchmal habe er auch einen Stock, und � Achtung!�� er habe immer so einen kackfarbenen Anorak an, ob Sommer oder Winter, total egal f�r den, also, Olaf beugt sich n�her an Costins Ohr, so da� Costin Olafs Mundgeruch, ein Gemisch aus Zigaretten und K�secrackers, in der Nase hat, eines Tages also klingele es bei ihm, f�hrt Olaf fort, es sei Samstag abend, er denke sich noch, wer klingelt bei mir denn am Samstag abend, er geht zur T�r, macht die T�r auf, wer steht vor der T�r? Der Opa, wei�es Shirt, wei�e Shorts, wei�e S�ckchen, Turnschuhe und � Achtung!�� wei�es Stirnband um die Glatze. Und was sage der Opa? Costin hat zu l�cheln begonnen und sagt mit Greisenstimme: �Ja, hallo, Herr Erdrich�, Olaf prustet los: �Genau. Ja, hallo, Herr Erdrich, ich bin ihr Nachbar, ich wollte Sie da mal was schon seit geraumer Zeit � geraumer Zeit!�� fragen, wo Sie doch bei diesem Management sind.� Costin kichert, sagt: �Ich w�rde mich gern. .�, Olaf f�llt ein, gleichzeitig sagen sie, Costin, Olaf, synchron: �. . Ihrem Management zur Verf�gung stellen.� Olaf: Als was? Der Opa: Als K�nstler. Er, Olaf: Als K�nstler? Er, der Opa: Ja. Er singe. Er k�nne auch tanzen. Er trainiere. Bei sich zu Hause. An Ger�ten. Olaf solle jetzt mal aufpassen. Und da pumpe sich der Opa vor Olaf auf. Die kleinen Bizeps-B�llchen seien in die H�he gesprungen. �So plopp-plopp�, sagt Costin.</p><p>�So plopp-plopp�, best�tigt Olaf schnell, wobei sich seine Stimme �berschl�gt.</p><p>Costin und Olaf lachen.</p><p>Olaf legt die Hand auf Costins Arm, seine Augen sind immer noch geschlossen. Jetzt mal was anderes, er habe da schon ein paar Ideen, konkrete Ideen, was Costin tun k�nne, Costin solle sich keinen Kopf machen, er, Olaf, habe doch die Kontakte, er wisse nat�rlich, wie Costin sich jetzt so f�hle, er habe es schon bei so vielen vor ihm erlebt, das Loch, in das man falle, wenn es mit der Band endg�ltig aus sei, aber es gebe da verschiedenes, was er momentan f�r Costin sehe.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>26</strong></p><p>Von der Anh�he, auf die sie gestiegen sind, kann man jetzt die flache rote W�ste des Mars bis zum Horizont �berblikken.</p><p>Costin atmet zweimal laut ein, aus, sagt: �Das ist �berw�ltigend.�</p><p>Vladimir, der ebenfalls in die Ferne schaut, �ffnet den Mund.</p><p>S�ren sagt mit russischem Akzent: �Das entsch�digt einen wirklich f�r die ganze M�he.�</p><p>Zu sp�t.</p><p>Vladimirs Mundbewegung und S�rens Stimme waren nicht synchron, aus der Regie ist von Toni, von dem hinter der Glaswand nur der von der Leselampe erhellte Gesichtsausschnitt sichtbar ist, die Anweisung gekommen, die Szene noch mal zu wiederholen.</p><p>Costin hat langsam echt das Gef�hl, seinen Text besser vorbereitet zu haben als S�ren den seinen, obwohl doch S�ren hier der Profi ist, S�ren ist die Stimme von Kent Foster, Jude Afro und dem alten Eddie Murphy. Also noch mal die Aussicht �ber die Marsw�ste. Costin atmet schwer, was sp�ter im fertig synchronisierten Film wie das Atmen durch ein Sauerstoffger�t, Marke <emphasis>2001</emphasis>, klingen wird.</p><p>Er schaut noch mal sicherheitshalber auf den am unteren Bildrand eingeblendeten Text und sagt: �Das ist �berw�ltigend.�</p><p>S�rens Stimme hat mit den Lippenbewegungen Vladimirs �Das entsch�digt einen wirklich f�r die ganze M�he� gesagt.</p><p>Schnitt.</p><p>Astronauten Wolfgang Reinhard (Stimme: Costin) und Vladimir �Wodka� Mravinsky (Stimme: S�ren) steigen die Anh�he herab.</p><p>Bei Aufnahmen wie diesen jetzt kann man tats�chlich nicht sehen, denkt Costin, da� der ganze Film <emphasis>Mission Universe</emphasis> inklusive der Figuren � eine internationale Gruppe von Astronauten, die bis zum Saturn fliegt � computeranimiert ist. Als bis dato �realit�tsgetreueste filmische Darstellung� (Presseank�ndung) einer innerhalb der n�chsten 100 Jahre vielleicht schon m�glichen Erkundung des Alls wird dann das Ganze in den <emphasis>IMAX</emphasis>-Kinos laufen.</p><p>Costin mu� noch immer aufpassen, da� er nicht pl�tzlich in die Stimmlage seiner allerersten Rolle f�llt (rollendes R, pseudo-franz�sische Aussprache), die er vor drei Monaten gesprochen und in die er sich vielleicht, jetzt im nachhinein betrachtet, ein bi�chen zu sehr reingesteigert hatte. Schlie�lich war aber der Dr. Goebbels in der europ�ischen Koproduktion <emphasis>Hitler � Der Zeichentrickfilm</emphasis> die Chance gewesen, auf die er gewartet hatte und die er keinesfalls vermasseln wollte. �ber die Vermittlung Olafs, der eine Bekannte in den Synchronstudios von Babelsberg hatte � nach dem Erfolg der letzten Jahre auch <emphasis>Babelwood</emphasis> genannt �, hatte Costin als Dr. Goebbels vorsprechen d�rfen. W�rde er den Dr. Goebbels bekommen und dann der Film ein Erfolg werden, h�tte er den Sprung ins ernste Fach, zumindest vorerst, geschafft, ein f�r allemal vorbei dieser <emphasis>PingPongs</emphasis>-Kinder-Krimskrams. Costin hatte sich s�mtliche Bild- und Tonaufnahmen von Goebbels �bers Internet bestellt und sein Apartment in Wedding damit beschallt, hatte s�mtliche Lektionen, an die er sich noch vom <emphasis>Popstar</emphasis>-Sprechtraining erinnerte, beherzigt und war, das Skript laut rezitierend, im Zimmer auf- und abgegangen, hatte am Ende gehinkt. War Costin am ersten Aufnahmetag, als er bei der Vorbesprechung den Stimmen Hitlers, Eva Brauns, Himmlers und so weiter die Hand sch�ttelte � lauter, wie er sich hatte sagen lassen, bekannte Synchronsprecher �, noch etwas nerv�s gewesen, legte sich die Aufregung mit den ersten Bildern, die dann �ber den Bildschirm im Studio flimmerten und auf denen alle Figuren statt bereits fertige Gesichter lediglich wei�e Flecken besa�en: DieMimik w�rde erst sp�ter den Stimmen der Sprecher entsprechend gezeichnet werden, so da� die Sprecher letztlich in der Gestaltung ihrer Rolle Freiheit zur individuellen Gestaltung hatten.</p><p>Jetzt wo der Hitler-Film das erhoffte Echo in den Medien gefunden hat � Amerika hat sich bereits die Rechte gesichert, die Rede ist vom ersten Familienfilm �ber das Dritte Reich � und sich Costin � in einigen Rezensionen war insbesondere die Besetzung Goebbels mit einem tats�chlichen Popstar als mutig hervorgehoben worden � einen Namen als Sprecher gemacht hat, stellt sich beziehungsweise Costins innere Stimme alias PISC die Frage: �Costin? Du willst doch sicher nicht auf das Zeug hier festgelegt werden, oder? Also nicht nur, da� du da ganz schnell in so eine braune Ecke gestellt wirst � auch das Sprecher-Ding kann es ja wohl auf die Dauer nicht sein, oder? Ich meine: Gestern Goebbels, heute Astronaut, und was kommt als n�chstes? Schweinchen Dick?�</p><p>Costin (auf den Bildschirm schauend, auf dem die Schlu�szene, die schwerelose Besatzung, die von sich per Selbstausl�ser ein Gruppenfoto macht, zu sehen ist, beiseite): �Hm.�</p><p>Nat�rlich hat PISC nicht so ganz unrecht. Es liegen ja wirklich schon einige Angebote auf Costins Tisch; er wird aber, so jetzt sein fester Entschlu�, nur noch in dem Babelwood-Ostern-Familien-Animationsfilm <emphasis>Saurier</emphasis> einen Arch�opterix sprechen, eine recht gro�e Rolle eigentlich, mit ein, zwei Songs, durch die er sich dem Zeichentrickfilmpublikum von einer neuen, bisher unbekannten lustigen Seite pr�sentieren k�nnte; den Judas in <emphasis>Jesus</emphasis>, ebenfalls ein Zeichentrickfilm, wird er jedenfalls ablehnen. Und dann mu� man weitersehen.</p><p>In den Schlu�credits von <emphasis>Mission Universe</emphasis>, die jetzt auf dem Bildschirm erscheinen, w�hrend Costin die Kopfh�rer abnimmt und S�nke, ohne russischen Akzent, irgendwas wie �So, dann h�tten wir das jetzt auch� sagt, wird Costin, so wie schon in <emphasis>Hitler � Der Zeichentrickfilm</emphasis>, auf seinen ausdr�cklichen Wunsch hin nicht als CO, sondern als Costin Wallner aufgef�hrt werden.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>27</strong></p><p>Er erwacht im Christopher-Bett. Noch verschlafen hat er, auf dem Bettrand sitzend, auf die hellblaue Farbe und die roten Streifen geschaut, bevor er mit einem Ruck aufgestanden ist. In der K�che stand Ana schon am Herd und kommt, als Costin sich an den Tisch gesetzt hat, zu ihm, hat sich vorgebeugt, um ihm einen Ku� auf den Scheitel zu dr�cken, �Bun� diminea�a, scumpul meu�, hat sie gesagt.</p><p>�Bun� diminea�a�, murmelt Costin.</p><p>Jung sieht die Mama aus, ganz so wie fr�her, jung und energiegeladen, sie macht gerade Tee, ein Ei und Toast, sie wird ihm das alles gleich bringen, ganz so wie fr�her.</p><p>Sie fragt auf rum�nisch, wie ihr Scumpul geschlafen habe. Costin r�kelt sich und sagt, der Scumpul habe gut geschlafen, w�hrend er die nackten F��e auf Tatas nigerianischem Flickenteppich aneinanderreibt, obwohl ihm eigentlich gar nicht kalt ist, eben nur so, weil er das sich halt so in Berlin, wo es immer kalt war im Apartment, angew�hnt hat. Er �berbl�ttert die ersten Seiten der <emphasis>Rom�nia libera</emphasis>, die sowieso nur �ber Zeug berichtet, das ihn nicht interessiert, und �berfliegt den <emphasis>Garfield</emphasis>-Comic, den er, das wei� er, schon mal irgendwann vor paar Jahren in einer Zeitung in Deutschland, vielleicht noch in Cham, gelesen hat.</p><p>Ana sagt auf rum�nisch, sie habe in einem Gesch�ft g�nstig ein paar T-Shirts f�r ihn gesehen, wei�, die T-Shirts w�rden gut zu dem Pulli passen, den sie ihm zum Geburtstag geschenkt habe, sie werde sie ihm heute mitbringen, wenn sie einkaufen gehe, ob sie ihm sonst noch was mitbringen solle.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>28</strong></p><p>Er erwacht im Christopher-Bett. G�hnend, am Bettrand sitzend, hat er �berlegt, ob das Bett beim Umzug hierher eigentlich zerlegt worden oder als ganzes in den dritten Stock heraufgetragen worden sei, bevor er mit einem Ruck aufstand. In der K�che sitzt Ana am Tisch und fr�hst�ckt. �Bun� diminea�a�, sagt sie und starrt dabei auf den Teller.</p><p>�Bun� diminea�a�, sagt er und setzt das Wasser f�r den Tee auf und macht sich einen Toast.</p><p>Er fragt sie auf rum�nisch, ob sie gut geschlafen habe, sie nickt und liest in der Zeitung weiter.</p><p>Im Gegenlicht sieht er jetzt, da� Anas wei�es Haar doch recht d�nn geworden ist, ihr Blick ist matt, so am Morgen und ungeschminkt. Mit dem Teller und der Tasse in den H�nden hat er sich ihr gegen�ber gesetzt, auf der Titelseite der <emphasis>Rom�nia libera</emphasis> ist von der Weigerung des rum�nischen Pr�sidenten Popescu die Rede, sich der europ�ischen Eingreiftruppe anzuschlie�en und Truppen ins B�rgerkriegsgebiet nach Usbekistan zu entsenden, �ber Strafma�nahmen seitens der EU werde spekuliert, sogar ein Austritt Rum�niens aus dem B�ndnis werde f�r m�glich gehalten.</p><p>Costin reibt seine nackten F��e auf Tatas nigerianischem Flickenteppich aneinander, obwohl es eigentlich recht warm hier in der Wohnung ist. Ana fragt Costin auf rum�nisch, ob sie heute bitte zusammen ihre Steuererkl�rung durchgehen k�nnten. Costin sagt, er habe ein Gespr�ch mit dieser Agentur, <emphasis>Stars</emphasis>, aber danach k�nne er ihr helfen, er werde sich auch mal um den Abflu� im Bad k�mmern.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>29</strong></p><p>Costin legt den Kopf in den Nacken, rei�t die Arme hoch, springt auf und ab, er hat die Augen geschlossen, seine schwarzen Locken wirbeln, Henriette kommt angelaufen und ist ihm um den Hals gefallen, Costin �ffnet die Augen, schaut ihr ins Gesicht, ruft ihr etwas zu, strahlend.</p><p>Costin wirft einen Sp�hblick nach links, zu Bogdan Petrescu, der die Fernbedienung auf seinen Oberschenkel gelegt und die Unterlippe vorgezogen hat. Dann Sp�hblick rechts, zu Petrescus Assistentin, die aber wahrscheinlich genauso wichtig ist wie Petrescu selbst, Ruxandra, <emphasis>Pokemon</emphasis>-Augen hat sie, so von der Seite angeschaut jetzt, richtige Riesenteile, mit denen sie gerade klimpert. Noch kann man also nicht sagen, wie Petrescu und Konsorten das Drei-Minuten-Promo-Video, das <emphasis>MA</emphasis> f�r Costin krasserweise und echt kostenlos produziert hat, gef�llt und wie sie die Chancen einstufen, da� ihre Agentur, <emphasis>Petrescu</emphasis> � voll einfallsreicher Name �brigens, ne �, irgendwas f�r Costins potentielle zweite Karriere als Solo-Artist hier in Rum�nien beziehungsweise Bukarest rei�en kann. Hier kennt ihn nat�rlich keiner, <emphasis>PingPongs</emphasis>? H�? CO? H�? Costin? H�? <emphasis>Hitler � Der Zeichentrickfilm</emphasis>? Willst du eins auf die Fresse? Deswegen � Achtung: dringend!�� braucht Costin einen Namen, ein Image, einen Ruf hier, Costin schwebt da so ein Projekt als MC vor, wo er nicht tanzen mu�, <emphasis>MC O</emphasis> oder so k�nnte er sich dann nennen.</p><p>Jetzt in so einer Situation angeschaut, wo es auf etwas ankommt, ist dieses Drei-Minuten-Promo-Video irgendwie wirklich nicht der Bringer. OK, da ist alles drin, was er so gemacht hat, die letzten Jahre, sein ganzes Leben, seine ganze Passion. Vom <emphasis>Popstar</emphasis>-Casting �ber den Workshop in Orlando, die ganze <emphasis>PingPongs</emphasis>-Zeit, der <emphasis>Generations-Tour</emphasis>-Nachklatsch, Momente aus seiner Karriere als Synchronsprecher. Es kommt r�ber: Costin ist Feuer und Flamme f�rs Singen und Tanzen (siehe: die Aufnahmen von Auftritten, seine englisch untertitelte Aussage bei einer Talk-Show �Ich k�nnte nicht ohne, I couldn�t live without it�), Costin hat Herz (siehe: der Charity-Auftritt der <emphasis>PingPongs</emphasis>, der Besuch der Band in einem Kinderkrankenhaus) und � wichtig!�� : Costin kann was (siehe: Umpf! in Kamera: �CO ist der talentierteste Artist, den ich, seit ich dabei bin, kennengelernt habe � und ich bin schon schei�lange dabei!�; siehe: Sekunden aus Costins s�ngerischen und t�nzerischen Glanzstunden � schon ein bi�chen her, ob er noch mal da hinkommt, wo er mal war? puhh, aber das wei� ja niemand vorerst, jetzt geht�s erst mal um die Chance).</p><p>Andererseits sieht jeder Depp, wie die Zeit good ol� Costin zugesetzt hat: Der Costin am Anfang des Videos, trainierter K�rper, dynamische Bewegung, volles schwarzes Haar, hat nicht mehr ganz so viel �hnlichkeit mit dem Costin, der bei Minute 2:30 mit leichtem Bauchansatz, zum Gl�ck mit Schal, der das Doppelkinn verbirgt, und, als Zugabe: Geheimratsecken, im Tonstudio steht und einen Flugsaurier synchronisiert.</p><p>Kein Zweifel zudem: <emphasis>Petrescu</emphasis> ist nicht so gut wie <emphasis>Stars</emphasis>, wo Costin vor gut einem Monat ebenfalls im B�ro des Chefs gesessen und sich mit ihm das Promovideo angeguckt hatte. <emphasis>Stars</emphasis> hat mehr Connections, <emphasis>Stars</emphasis> kennt die DJs in den Bukarester Clubs, <emphasis>Stars</emphasis> kennt Festivalchefs, <emphasis>Stars</emphasis> kennt Musiker, ja, Cacat! wenn sich <emphasis>Stars</emphasis> bei ihm inzwischen gemeldet h�tte, dann w�re er nicht zu <emphasis>Petrescu</emphasis> gegangen. Wenn die hier jetzt auch nichts zustande bringen. .</p><p>Costin sieht so einen Bruchteil-einer-Sekunde-Flash-Gehirn-Film: Er bei Ana im Apartment in Bukarest, immer fetter, kugel-like, immer �lter, Ana immer hutzeliger, Ana tot, Costin allein im Apartment in Bukarest, windige rum�nische Agenten, die ihm, ganz Rum�nien-Style, immer noch versprechen: �Hey, hey, ich sag dir, das klappt bestimmt�, Costin in Club auf B�hne, Flaschen fliegen et cetera, das ganze bittere Karriere-am-Ende-Szenario.</p><p>Auf dem Bildschirm im Hintergrund erlischt das Bild des Arch�opterix, Costin dreht sich um, streckt, l�chelnd, den Daumen aus, dann ist das Promo-Video ausgestanden, der Bildschirm im B�ro Bogdan Petrescus ist schwarz.</p><p>Costin beherrscht ja eigentlich das Rum�nische sehr gut � h�ren besser als sprechen, versteht sich �, aber damit ihm kein Fehler unterl�uft, hat er darum gebeten, das Gespr�ch auf englisch zu f�hren, irgendwie f�hlt er sich da wohler, ob er, sollte es mit der zweiten Karriere als S�nger klappen, dann auf rum�nisch oder englisch singen wird, mal sehen; vielleicht k�nnten die Songs ja durch seinen minimalen Akzent noch catchier werden, seine Trademark: sein Akzent, sozusagen.</p><p>Ruxandra sagt: �Well� und schaut Costin in die Augen. Ruxandra hat orange Augen. Das f�llt ihm tats�chlich erst jetzt auf.</p><p>Costin sagt: �Well.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>30</strong></p><p>Er wei�, da� Tante Maria, die eigentlich gar nicht seine Tante, sondern nur Anas Cousine ist, wie schon beim letzten Besuch gleich einen klagenden Gesichtsausdruck (H�nde zusammenklatschen, ein- bis zweimal, Blick zum Himmel) bekommen wird und Anas Frage, wie es denn Tante Marias Mann, Ion, heute gehe, mit einem knappen �Ah! Nu �i merge bine de loc!� beantworten wird. W�hrend Tante Maria sagt, Ion gehe es sehr schlecht, er leide so in diesem schrecklichen Pflegeheim, ist Costin in die K�che gegangen, um einen weiteren Laib des griechischen Olivenbrots zu holen. Er wei�, da� Tante Maria, genau, drei, zwei, eins: jetzt sagen wird, das Pflegeheim sei doch so teuer (Himmel-Blick), obwohl es einen Standard wie aus der Zeit Ceaus�escus besitze (klatsch-klatsch), und da� Ana dann mal wieder fragen wird, ob sie aushelfen k�nne, finanziell, was Tante Maria mit einer Miene der Entr�stung (Stirn runzeln, H�nde abwehrend vor die Brust halten) abweisen wird.</p><p>Er mag Tante Marias griechisches Olivenbrot, das f�r ihn und Ana noch immer Onkel Dinus Brot hei�t, weil Ana es fr�her, als sie bei ihren Besuchen in Bukarest bei Tante Stelu�a und Onkel Dinu wohnten und es t�glich griechisches Olivenbrot frisch aus Onkel Dinus B�ckerei gab, immer so genannt hatte, auch nachdem Onkel Dinu und sp�ter Tante Stelu�a gestorben waren, Onkel Ion die B�ckerei �bernommen hatte und Ana hin und wieder von Fahrten nach M�nchen aus einer neuer�ffneten Spezialb�ckerei griechisches Olivenbrot mit nach Hause, nach Cham, brachte.</p><p>Costin kommt mit dem aufgeschnittenen griechischen Olivenbrot und einer Flasche Soave � anders h�lt er diesen Besuch nicht durch � zur�ck ins E�zimmer. Ana und Tante Maria lachen.</p><p>Ana hat sich gerade aufgerichtet und mit tiefer Stimme und starkem Akzent gefragt: �Do you haff samsieng do decl��r?� Anas Zoll-Nummer. Costin wei�, da� vor einigen Sekunden eine Pause in der Unterhaltung entstanden sein mu� und Ana angefangen hat, eine Anekdote zu erz�hlen, um einen unangenehmen oder peinlichen Moment zu �berbr�kken. Die Anekdote, wie sie, Ana und Costin, mal ein rum�nischer Zollbeamter wegen des Autokennzeichens f�r deutsche Touristen gehalten hat und ihnen tats�chlich weismachen wollte, es gebe da eine neue Regelung, deutsche Touristen m��ten bei der Einreise eine Einreisegeb�hr zahlen, bis Ana zu Costin laut auf rum�nisch gesagt hatte: �Sieh dir das an, mein Junge! Der h�lt uns doch tats�chlich f�r dumme Deutsche!� und der Zollbeamte knallrot angelaufen war und sie durchgewinkt hat, obwohl sie doch den Kofferraum voller zu verzollender Mitbringsel aus Deutschland hatten, eben diese Anekdote beginnt Ana f�r gew�hnlich damit, da� sie l�chelnd abwechselnd auf Tante Maria und auf einen damals aus Deutschland mitgebrachten Gegenstand im Zimmer schaut, die Stehlampe zum Beispiel, so da� Tante Maria dem Blick folgt.</p><p>Costin, der sich wieder an den Tisch gesetzt hat und die Ziegenk�se- und Olivenst�cke aus dem Brot puhlt, hat zwei Gedanken. Numero uno: Was ihm seit l�ngerem entfallen war und ihm jetzt wieder pr�sent ist, da� er auf den R�ckfahrten von Bukarest Zigarettenstangen auf dem R�cksitz nach Deutschland geschmuggelt hat, die er dann in der Schule an die Stammkundschaft in der Raucherecke verkaufte. Tats�chlich war die Auftragslage zeitweise so gut, da� er sich, wie ihm einf�llt, allen Ernstes �berlegt hatte, das Zigarettengesch�ft nach der Schule im gro�en Stil, vielleicht als zweites Standbein neben der S�ngerlaufbahn, weiterlaufen zu lassen. Numero due: Tante Maria hat merkw�rdigerweise all die Jahre immer schon so ausgesehen wie jetzt. Wenn sich Costin fr�here Begegnungen mit ihr ins Ged�chtnis ruft, aus der Zeit, als er noch zur Schule ging, dann hatte Tante Maria immer schon dieses volle wei�e Haar, von Altersflecken �bers�te H�nde und trug immer schon die obligatorische Perlenkette sowie im Sommer Kleider mit Blumen drauf, obwohl, wie Costin wei�, von manchen von diesen Begegnungen Fotos existieren, auf denen eine entsprechend j�ngere Tante Maria mit wasserstoffblondem Haar abgebildet ist.</p><p>Ana ist aufgestanden und in die K�che gegangen. Sie kommt zur�ck, legt die aufgerissene Packung Gummib�rchen � auf der Packung steht in goldener Schrift <emphasis>Gummib�ren</emphasis>, darunter, kleiner: <emphasis>NOU!</emphasis>�� in die Mitte des Tischs und steckt sich ein gr�nes Gummib�rchen in den Mund.</p><p>Costin wei�, da� die Gummib�rchen immer zur Care-Paket-Story f�hren.</p><p>Tante Maria sagt, sie, Tante Maria, k�nne sich noch erinnern, da� die Briefe aus Deutschland bis �90 manchmal mit braunem Klebestreifen ankamen, jemand mu�te sie in Rum�nien ge�ffnet und gelesen und wieder zugeklebt haben, Censur� sei das gewesen, und bei Telefonaten, bei Telefonaten habe sie manchmal so ein Knacken in der Leitung gehabt, sie, Tante Maria, sei sicher, jemand habe das abgeh�rt, manchmal sei noch immer ein Knacken in der Leitung, bei Ferngespr�chen, und sie wisse dann nicht, ob da noch immer jemand das abh�re, und jetzt, die Gummib�rchen � Tante Maria spricht �Gummib�rchen� mit rum�nischem Akzent aus: �Gumibaarchn� �, die erinnern sie immer an die Care-Pakete � Voil&#xE0;, da isse! Die Care-Paket-Story!�� , die Anas Eltern ihnen fr�her immer schickten, da haben als einziges regelm��ig die Gummib�rchenpackungen gefehlt, wenn Stelu�a von Elena am Telefon gefragt worden sei, ob sie, Tante Maria, sich denn �ber die Gummib�rchen gefreut habe, habe Stelu�a gesagt, da� doch gar keine Gummib�rchen im Paket gewesen seien, bei der Post m�sse es jemanden gegeben haben, der Gummib�rchen mochte.</p><p>Tante Maria steckt die Hand in die Gummib�rchenpackung. Tante Maria wird sagen, da� sie fr�her, als Jugendliche, manchmal von Gummib�rchen getr�umt habe. Tante Maria sagt, es sei schon seltsam, fr�her, als Jugendliche, da habe sie sich so S��igkeiten immer gew�nscht, die waren so unerreichbar, und jetzt gebe es sie in jedem Supermarkt hier, in Bukarest, gleich nebenan, manchmal habe sie, Tante Maria, sogar von Gummib�rchen getr�umt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>31</strong></p><p>Der Rum�nien-Ferien-Costin, das wird Costin in diesem Moment klar, wo er in der <emphasis>Las-Vegas-Bar</emphasis> in Bukarest � gef�hlte Uhrzeit: nach zw�lf � seinem sehr entfernt, keine Ahnung wie weit entfernt, verwandten Cousin Tudor gegen�bersitzt, den Rum�nien-Ferien-Costin gibts nicht mehr, der ist tot. Und es w�rde Costin nicht wundern, wenn tats�chlich in dieser Sekunde eine aufleuchtende Gl�hlampe �ber seinem Kopf erschiene, Marke: Ich hab�s! Wenn Costin alias damals noch der Rum�nien-Ferien-Costin mit Ana vor seiner <emphasis>PingPongs</emphasis>-Zeit hierher gekommen war, hatte er jedenfalls tierisch Spa� daran gehabt, Tudor sein damals noch zuk�nftiges, jetzt mittlerweile zur�ckliegendes Leben als Popstar auszumalen, den Glamour; nun vermeidet er die Themen <emphasis>PingPongs</emphasis>, CO et cetera trotz Tudors beharrlichem Nachfragen (siehe gerade eben). Gleichzeitig ist es vorbei mit den Stories, die der Rum�nien-Ferien-Costin dann wieder zu Hause, also in Deutschland, also in Cham, Quirin, Marco und Sara von nicht unbedingt wahren, daf�r aber trotzdem glaubw�rdigen � hey! Das ist eben Rum�nien, Leute!�� Abenteuern (kra� � vor unserem Haus war �ne Schie�erei, beziehungsweise: boah!�� , da lag ein Toter auf der Stra�e. Echt erschossen. Voll die Mafia da in Bukarest beziehungsweise:. . und dann kam da der Zigeunertreck durch die Stadt gezogen, mit Planwagen, Rum�nien ist Dritte Welt, Leute, ich sags euch et cetera) und Geheimtips (rum�nische Folklore mit DJ, voll abgefahren, das wird der neue Trend, denkt daran, beziehungsweise: Da gibts noch Caf�s und Restaurants von vor dem Zweiten Weltkrieg, ohne da� da was ver�ndert wurde, hey wirklich) erz�hlte, die meisten typischen rum�nischen Lokale sind umgebaut worden (siehe <emphasis>Las-Vegas-Bar</emphasis>), die Zeit f�r rum�nische Geheimtips ist nach dem Hype vor f�nf Jahren oder so, als pl�tzlich �berall in Deutschland rum�nische Musik geh�rt, rum�nisches Essen gegessen wurde und Kids zwischen 16 und 25 Wert darauf legten, da� auf ihrer Kleidung <emphasis>Made in Romania</emphasis> stand, ist vorbei, au�erdem existiert ja niemand, dem Costin das alles erz�hlen k�nnte (Problem numero uno), zu Hause (Problem numero due) � �h? Wo? Cham? Berlin? Bukarest? Voil&#xE0;.</p><p>Nicht einmal mehr Tudor, der, von der gr�nen Lampe �ber dem Tisch beschienen, gerade stumm die H�nde auf dem Tisch gefaltet hat, gibt auch nur ansatzweise Stoff f�r die � frei erfundenen � (Abenteuer-)Geschichten her, als deren Held er sich noch zu Costins Gymnasialzeiten unter dem Namen Cousin Tudor bei Costins Freunden und sogar bei Tata einer gewissen Beliebtheit erfreute: Cousin Tudor dealt, Cousin Tudor f�hrt mit einem Opel, Jahrgang 81, nach Moskau, den Kofferraum voll Gras. Und jetzt? Tudor, verheiratet, Tochter, Job als Elektroingenieur, Brille.</p><p>Es gebe da noch eine Sache in Rum�nien, die Costin reizen w�rde, bevor er abhaut und die peinlichen Versuche, hier eine Karriere als S�nger zu starten, so schnell wie m�glich vergi�t, <emphasis>it never happened</emphasis> � Song von?�� , Konstanza, diese Stadt am Schwarzen Meer � klingt doch gut, oder? also als TV-Fantasy-Serie zum Beispiel �, da will Costin noch einmal hin, da war er schon mal, mit sechs oder sieben oder so, es gibt dieses Video von Ana, wie er eine Stra�e entlanggeht mit so, ja, keine Ahnung, wie das hier hei�t, Gr�nderzeit?�� Fassaden, wei�, mit Ornamenten, auf einer Bank hockt, eine Strandpromenade und das Meer nat�rlich, sehr hell das alles, die Sonne glitzert, ja, da will er noch mal hin, bevor er zur�ck zu <emphasis>MA</emphasis> geht, also zu Olaf und Co.</p><p>Tudor hat Costin eine Frage gestellt, schon eine ganze Weile zuvor, Costin hat sie nicht verstanden und sagt jetzt erst �Wie bitte?�, dann, sich schnell verbessernd, �Ce?�</p><p>Ob er schon einmal auf Mallorca gewesen sei.</p><p>Costin hat das bejaht und dann zu erz�hlen angefangen, wie es so auf Mallorca aussehe. Tats�chlich hat er aber totalen Bullshit geredet, weil er, das hat er, ohne sich dann zu korrigieren, bemerkt, ziemlich genau das Strandbad am Gro�en Wannsee und die Fahrt mit dem Dampfer zur Pfaueninsel beschreibt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>32</strong></p><p>Er geht die Stra�e entlang, die wei�en Fassaden der H�user erinnern an Geb�ude der Gr�nderzeit. An der Strandpromenade sitzt er auf einer Bank. Er schaut auf das Meer. Die Wellen glitzern in der Sonne.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>33</strong></p><p>Beim Atmen haben sich vor seinem Mund kleine Dunstw�lkchen wie Sprechblasen gebildet. Costin entscheidet sich f�r die d�rre Fichte vor ihm, setzt die Axt ab, holt aus und schl�gt sie in den Stamm. Aylin hat sich geb�ckt, um Reisig zu sammeln. Keine Frage: Der braune Leinenkittel mit der wei�en Sch�rze und das rote Kopftuch stehen ihr, und nat�rlich hat sie es sich auch nicht nehmen lassen, unter dem Kittel irgend so einen Spitzenunterrock anzuziehen, dessen Rand jetzt pl�tzlich hervorschaut. Costin schultert den Stamm der Fichte und tr�gt ihn zum Leiterwagen.</p><p>Dieter schichtet gerade Holzscheite darauf, und Costin kann nur hoffen, da� er selbst in seinen, also Costins, kurzen Lederhosen, seinem Leinenhemd und seinen Haferlschuhen eine bessere Figur macht als Dieter. Spiegel in der H�tte ist ja nicht.</p><p>Auch Aylin legt ihr Reisigb�ndel auf den Leiterwagen, stemmt die H�nde in die H�ften, sagt �Puh� und �Also das mit dem Schlachten, hey, also da� ich heute da mitmache und mit euch dieses Schwein schlachte, also, da� �berhaupt der Rudi geschlachtet wird, das k�nnt ihr ja knicken.�</p><p>Dieter widerspricht: �Vor 150 Jahren, Aylin, da haben sich die Leute auch nichts geschissen. Schlachten ist etwas ganz normales. Das geh�rt zum Leben auf der Alm und �berhaupt so auch sonst dazu.�</p><p>Costin h�lt sich da diesmal raus, denkt sich aber nat�rlich seinen Teil; da� zum Beispiel das ja so klar war, da� Aylin, Ex-<emphasis>Kika</emphasis>-Moderatorin und Oktober-<emphasis>Playboy</emphasis>-Bunny (siehe <emphasis>Ex</emphasis>-<emphasis>Kika</emphasis>-Moderatorin!), das Leben hier auf der Alm wesentlich schlechter wegsteckt als das Stehaufm�nnchen Dieter, der mal als Comedian lange vor Costins Zeit Erfolg hatte, Costin kennt ihn nur aus ein paar Schwarzwei�-TVSketchen, die manchmal zu Silvester laufen, da� Dieter �berhaupt noch lebt, hatte er gar nicht gewu�t. Diese Schiene � Aylin: Frau Etepetete, Ich-bin-sensibel, Zickzick, Dieter: Mr. Schlechte-Witze-am-laufenden-Band, har, har � sind die beiden schon bei der Vorbesprechung mit den anderen gefahren, die Schiene fahren sie auch jetzt �, egal, ob mit Kamera, so wie jetzt, oder ohne.</p><p>Costin selbst, der ja, wie ihm jetzt auff�llt, tats�chlich f�r einen Moment den Kameramann direkt neben sich eigentlich total vergessen hatte, hat sich ja, als die Show losging vor einem Monat, ein bi�chen an seine <emphasis>PingPongs</emphasis>-Casting-Zeit erinnert. Zuerst immer nur wenn die Kamera da war: Adre-nalin-Rush, der Kick, Quasselquassel, gute Performance; sobald Kamera aus: schlaff, boah, bin ich m�de, boah, kein Bock. Dann war es ab einem bestimmten Punkt, nach ein, zwei Wochen, pl�tzlich egal gewesen, ob er gerade gefilmt wurde, er hatte sich einfach konstant, sogar auf dem Klo oder im Bett, wo garantiert nicht gefilmt wurde, so gef�hlt (siehe Kick), als sei da gerade irgendwo irgendwer im Dunkeln, oder besser: irgendwas, das auf ihn gerichtet sei, das ihn registriert.</p><p>Der Kameramann � Gottlieb oder F�rchtegott, etwas mit Gott � hat gesagt, das reiche jetzt, er habe genug Material, das restliche Holz, das sie ben�tigen, werde ihnen dann unten zur Verf�gung gestellt, er br�uchte nur unten dann einen Shot, wie sie die B�ndel und Scheite vor dem Haus stapeln, ansonsten w�rs das. Costin und Dieter haben sich an die Deichsel gestellt und angefangen, den Leiterwagen aus dem Wald und auf die Wiese zu ziehen, Aylin hat hinten aufgepa�t, da� nichts herausf�llt.</p><p>Aus der Ferne ist hinter der Anh�he das graue Schindeldach der Almh�tte zu erkennen, von der sie, das hat Costin jetzt gerade so im Gef�hl, gerade zoomm��ig oder in einer Totale aufgenommen werden.</p><p>Costins H�nde haben bei der Ber�hrung mit der Deichsel gebrannt. Als er einen kurzen Blick auf seine Finger geworfen hat, sind sie ganz blutig gewesen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>34</strong></p><p>Die Stimme (monoton, ergo unbestimmbar, ob Frage oder Aussagesatz, verzerrt, ergo unbestimmbar, ob weiblich oder m�nnlich): �Welchen Kandidaten hier magst du besonders.�</p><p>Costin: �Ja. Ich finde eigentlich alle hier ganz OK.�</p><p>Stimme (schnell): �Und wenn du eine Person nennen m��test.�</p><p>Costin: �Frieder.�</p><p>Die Stimme (schnell): �Und bei den weiblichen Teilnehmern.�</p><p>Costin: �OK, Aylin.�</p><p>Die Stimme (direkt daran in Anschlu�): �W�rdest du sagen, du empfindest etwas f�r sie.�</p><p>Costin: �Ja, nein, ich mag sie halt. Sie ist ein guter Typ so.�</p><p>Die Stimme (direkt daran in Anschlu�): �Du k�nntest dir mit ihr etwas vorstellen.�</p><p>Costin (lachend, zu Boden schauend, Pause, dann): �OK, ich wei� nicht.�</p><p>Die Stimme: �Hast du die Bestrafung deiner Gruppe heute als gerecht empfunden.�</p><p>Costin: �War schon OK so, das Holzsammeln, hat mir nicht so viel ausgemacht, hat eigentlich sogar irgendwie Spa� gemacht, das Ganze, also man tut ja was Sinnvolles hier.�</p><p>Die Stimme (schnell): �Und wie f�hlst du dich jetzt.�</p><p>Costin: �Also, ganz gut. Mir gef�llt das hier wirklich. Die Alm. Die Gruppe und so. Also ich w�rde gern hierbleiben, auch die restlichen Monate, und hoffe, ich bleibe drin. Also, das geht jetzt mal an euch da drau�en. Ihr habt ja gesehen, da� das hier so mein Ding ist und wie ich hier was daf�r tue, ihr kennt mich ja jetzt schon so einen Monat, und ich bin noch immer dabei, und ich denke mal, das hei�t, ihr findet das so OK, was ich hier so mache, was ich so f�r ein Typ bin. Also, ich bin jetzt schon supertraurig, da� einer von uns am Samstag wieder rausmu�, aber ich m�chte auch sagen, da� ich euch da drau�en vertraue, ihr checkt ja am besten, was hier abgeht.�</p><p>Die Stimme: �Danke, Costin.�</p><p>Costin: �Danke euch.�</p><p>Costin steht vom Schemel auf. Beim Schlie�en der T�r des H�uschens, das wohl mal als Klo diente und jetzt zum Studio umfunktioniert wurde, hat er gesehen, da� der Scheinwerfer der Kamera erlischt. In der D�mmerung sind die Umrisse der Almh�tte am anderen Ende der Wiese noch gerade so erkennbar. Hinter den Berggipfeln gegen�ber vom Tal ist ein ganz schmales St�ck hellblauer Himmel zu sehen und dar�ber � kra�! � breiten sich Tausende Sterne aus, winzige glitzernde Punkte, wenn Costin jetzt den Kopf in den Nacken legt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>35</strong></p><p>�OK�, schaltet sich der innere Costin alias PISC ein. �Jetzt schau dich mal um, Costin� � Costin schaut vom Lagerfeuer auf die anderen Kandidaten, die darum im Kreis sitzen �, �da w�re mal Frieder.�</p><p>Costin schaut auf Frieder, bekannt geworden als Alberich im Babelwood-Remake der <emphasis>Nibelungen</emphasis> sowie durch zahlreiche Gastauftritte im <emphasis>Tatort, Polizeirevier</emphasis> et cetera, wo er zumeist eine besonders fiese Variante des B�sewichts gespielt hat, den buckligen Gnom. Frieder, der von der Dezember-Ausgabe des <emphasis>Spiegel</emphasis> als �wichtigster Zwerg Deutschlands� bezeichnet wurde und dessen Beinchen von der Bierbank baumeln, macht gerade den Kanzler nach, was er tats�chlich umwerfend gut kann, genau die Stimme, genau die Gestik, die anderen Kandidaten h�ren ihm wie gebannt zu, lachen nach jeder Pointe laut auf � �Siehst du, Costin, Frieder ist beliebt, Frieder bleibt drin, 100 Pro; dann w�re da Gisela� � Gisela: blondgrauer Zopf, braungebrannte faltige Haut, h�lt sich gerade vor Lachen die H�nde vors Gesicht �, �Gisela ist Hausfrau, Costin, Gisela ist die einzige Normale hier, Gisela ist eine von denen da drau�en, die sich wunderbar mit Frau Superdurchschnittlich identifizieren k�nnen, Gisela fliegt nie im Leben, OK; �ber Dieter daneben brauchen wir wohl gar nicht reden, Dieter ist die m�nnliche Gisela, also genau das, was sie f�r den weiblichen, ist er f�r den m�nnlichen Zuschauer, war mal erfolgreich, war mal gutaussehend, jetzt alles over = voll sympathisch; Aylin, auch so ein klarer Fall, hat sich mal nackig gemacht, jeder Opa will doch jetzt, da� so eine Schnecke drinbleibt; tja, kommen wir zu deinem Freund, Umpf!� � Umpf! hat als einziger die H�nde vor dem Army-Top verschr�nkt, starrt ins Feuer und kichert nur ab und zu geistesabwesend, wenn die anderen lachen � �Umpf! ist ein Arschloch, Umpf! ist dein Gegenspieler hier, Umpf! wird gehen m�ssen, fr�her oder sp�ter, irgendwann ist der Umpf!�� Bonus, harte Schale, weicher Kern, auch mal aufgebraucht; Costin? Hallo?! Ich will jetzt, da� du mir gut zuh�rst, nicht auf Frieder, sondern jetzt mal sch�n ins Feuer schauen und konzentrieren. Bitte: wie hei�t die Show, in der du gerade bist?�</p><p>�<emphasis>Almtrieb</emphasis>�, hat Costin f�r die anderen unh�rbar gefl�stert und ein St�ckchen ins Feuer geworfen.</p><p>�Genau�, hat der innere Costin alias PISC gesagt. �<emphasis>Almtrieb</emphasis>, das hei�t, du hast sicher auch mitgekriegt, da� es hier den Liebesjackpot gibt. Wer offiziell zum Paar wird, ist automatisch f�r die n�chsten zwei Monate dabei. Also, ich wei� zwar, da� du Aylin nicht leiden kannst, aber. .�</p><p>Als Costin aufgestanden ist, erst mal so getan hat, als sei er m�de und strecke sich � in Wirklichkeit m�chte er aber zu Aylin gehen und ihr ins Ohr fl�stern, ob sie mal kurz mitkommen wolle, er m�sse ihr was sagen �, genau da hat Aylin ihn angeschaut und sich, als ob das alles schon lange abgesprochen w�re, ebenfalls erhoben, auf dem Weg zur Almh�tte � von den anderen ist niemand nachgekommen, nicht mal eine bl�de Bemerkung hat es gegeben, strange. .�� hat sie, stumm, seine Hand ergriffen. Obwohl es im M�nnerschlafraum unterm Dachboden stockdunkel gewesen ist, hat Costin so ungef�hr gewu�t, welches Bett am n�chsten zu der einen Kamera am Querbalken steht, er hat es ja auch, ganz leise, h�ren k�nnen, das <emphasis>Zzzt, Zzzt</emphasis>, wie sie schwenkt, und sich schlie�lich mit Aylin auf Frieders Bett gesetzt � was nat�rlich die Frage aufwirft, warum ausgerechnet �ber Frieders Bett die Kamera h�ngt, die Bettenverteilung war doch am ersten Tag ausgelost worden, oder? Obwohl. . wenn Costin jetzt f�r eine Sekunde zur�ckdenkt. . Frieder (kreischend, mit beiden Beinen rumpelstilzchenm��ig auf den Boden stampfend): �<emphasis>Ich</emphasis> will <emphasis>dieses</emphasis> Bett!�</p><p>Pl�tzlich hat Aylin ihn auf das Bett gedr�ckt und die Decke �ber sie beide gezogen. Direkt in sein Ohr und damit auch f�r jedes noch so superempfindliche Mikro garantiert nicht zu h�ren sagt sie: �Wei�t du, da� ich schon seit den letzten zwei Monaten wahnsinnig auf dich stehe, eigentlich schon seit deinem Auftritt bei <emphasis>Kika</emphasis>, du kleiner Arch�opterix, ich habe mich nur nicht getraut, es dir zu sagen, weil ich, na ja, ich glaube, ich bin echt ein bi�chen verliebt in dich, und da will ich das nicht, da� das die Leute mitbekommen, mit so was macht man keinen Spa�.�</p><p>Costin ist platt. Und spontan etwas sauer, weil die Situation hier eh schon stressig genug ist, da soll die jetzt nicht so einen Zirkus machen, keine gro�en Gef�hle, und wenn, dann bitte so, da� es auch die da drau�en mitbekommen. Aber Aylin hat ihn schon zu sich gezogen, ihn zu k�ssen begonnen.</p><p>Als dann wenig sp�ter die Decke zu Boden gerutscht ist, scheint es Aylin pl�tzlich nichts mehr ausgemacht zu haben, da� sie beide jetzt f�r die Kamera zu sehen gewesen sind � Aylin: Kittel, Sch�rze, Unterrock gel�pft, Tr�ger von Kittel heruntergerutscht, Busen blo�; Costin: Lederhose bis zu den Knien heruntergelassen; Aylin: Beine um Costin geschlungen; Costin: Aylin penetrierend �, ja, Aylin scheint gar nichts davon mitbekommen zu haben, sie hat, soweit das Costin in der Dunkelheit sehen kann, den Kopf zur�ckgelegt, die Augen geschlossen, st�hnt sehr leise, unterdr�ckt, sie mu� das hier wirklich genie�en (Costin hat in seinem Leben schon relativ viel erlebt, inklusive fakes).</p><p>Damit er nicht kommt � Costin darf auf keinen Fall kommen. . das w�re ja noch sch�ner: Kind mit Ex-<emphasis>Kika</emphasis>-Moderatorin live bei Reality-Show namens <emphasis>Almtrieb</emphasis> gezeugt, zehn Jahre sp�ter: Kuck, mal, Kleiner! Da zeugen wir dich gerade!. . Nein, danke!�� , hat sich Costin vorgestellt, wie das hier jetzt in der Sendung aussehen wird, die gr�nstichigen Nachtaufnahmen aus der Vogelperspektive, m�glicherweise Zoom auf Aylins Gesicht, dazu die Stimme des Moderators oder der Moderatorin: �Aylin und Costin kommen sich schlie�lich n�her� oder: �Aylin und Costin k�nnen ihre Gef�hle f�reinander nicht mehr zur�ckhalten� oder: �Nur Sex auf der H�tte, oder doch der Anfang einer gro�en Liebe?� (undeutliche Ger�usche, St�hnen, Rascheln, crescendo); oder aber die ganze Szene wird geschnitten � zu brisant!�� und verschwindet im Archiv; nur manchmal von einem einsamen Redakteur der Sp�tschicht, wenn nichts los ist, heimlich im Regieraum angeschaut, der erste Live-Geschlechtsakt in einer deutschen Reality-Show, oder vielleicht sogar �berhaupt, global sozusagen, wer wei�, TVhistory that never was.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>36</strong></p><p>Die Stimme (laut, monoton, verzerrt, as always): �Und wie rechnest du dir deine Chancen aus.�</p><p>Costin: �Also, ich denke mal, ich glaube, es steht jetzt schon ziemlich fest, da� Frieder am Ende der Almk�nig wird. Und ich kann nur sagen: Ich g�nn es ihm � und da� ich saufroh bin, da� ich�s �berhaupt soweit geschafft habe.�</p><p>Die Stimme: �Wie kommst du denn zurecht mit Frieder.�</p><p>Costin: �Ich helfe halt dem Frieder, so gut es geht, weil der ist halt nicht so flexibel. Also, klar ist das jetzt schwierig, nach drei Wochen hier so zu zweit, hey, k�nnt ihr mal das Ding, hallo? k�nnt ihr das mal ausmachen, und kann ich euch mal was fragen, ohne da� das aufgezeichnet wird, bitte?�</p><p>Die Stimme: �OK. Sag nur. Wir schneiden das. Das wird sowieso alles geschnitten.�</p><p>Costin: �Also, wenn ich jetzt fr�her aussteige, ist dann der Vertrag ung�ltig, also, ich meine, gilt dann noch das vereinbarte Honorar, oder. .�</p><p>Die Stimme: �Willst du aussteigen.�</p><p>Costin: �Na ja.� (Pause) �Noch drei Wochen?�</p><p>Die Stimme: �Tut mir sehr leid, Costin. Aber ich brauche dir wohl nicht zu sagen, da�. .�</p><p>Costin: �OK. Vergi� es. Machen wir weiter. Wo waren wir?� Die Stimme: �Du hast gesagt, da� es hier nat�rlich schwierig sei, noch drei Wochen so zu zweit.�</p><p>Costin: �Ja. Also nat�rlich ist das jetzt hier schwierig, so zu zweit, f�r drei Wochen. Mit wem w�re es das nicht, egal, ob das jetzt Frieder ist oder ob, mein Gott, meine Freundin oder meine Mutter.�</p><p>Die Stimme: �Vermi�t du Aylin.�</p><p>Costin (stumm, schaut auf den Boden)</p><p>Die Stimme: �Costin?�</p><p>Costin (schaut in die Kamera): �Also, das ist so. Ihr m��t wissen, wenn ich drau�en bin, in drei Wochen, dann wird das sicher nicht so einfach sein, erst mal, nach den neun Monaten hier. Aber es wird einen Menschen geben, der mir sehr nahe sein wird und der mir jetzt auch nahe ist, obwohl sie nicht da ist. Mann, ich wei� nicht, ob ihr das so verstehen k�nnt, was hier so passiert ist. Aber das wird erst mal da drin bleiben.� (aufs Herz deuten)</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>37</strong></p><p>Aylin liegt auf dem Bauch am Rand einer Schlucht, streckt ihre Hand nach dem Hansel aus, der sich gerade noch so, etwas unter ihr, an einem Vorsprung aus �sten und Gestein festh�lt, nie und nimmer k�nnte sich da jemand in der Wirklichkeit festhalten, so windig sieht das aus.</p><p>Aylin schreit: �Halt dich hier fest!! Ich zieh dich hoch!!�</p><p>Der Hansel keucht.</p><p>Aylin tr�gt eine Polizeiuniform, schwarze Lederjacke, olivgr�ne Hosen, schwarzer Pferdeschwanz, und Costin auf der Couch in seinem Moabiter Apartment, in dem sich die Kartons f�r den Umzug nach Australien stapeln, denkt, da� wie viele Monate, Wochen, Tage? vergehen mu�ten, bis er hier und jetzt Aylin so, in einer Polizeiuniform, wiedersieht. Als er erwartungsgem�� vor Frieder rausgevotet und von einem Hubschrauber direkt ins Studio ins Tal geflogen worden war, hatte da auf dem gr�nen (warum eigentlich <emphasis>gr�nen</emphasis>?) Teppich auf dem Landeplatz, sozusagen als Begr��ungskomitee, Aylin merkw�rdigerweise immer noch im Almkittel gestanden � mit einer gelben (warum zum Geier <emphasis>gelben</emphasis>?) Rose in der Hand. Er und Aylin hatten sich zur Begr��ung gek��t, hatten dann im Studio auf dem Sofa nebeneinandergesessen, hatten Fragen �ber die vergangenen Monate �ber sich ergehen lassen, und pl�tzlich, ja, pl�tzlich hatte es gehei�en, die Aylin spiele ja jetzt in so einer TV-Serie, die im Herbst im <emphasis>Zweiten</emphasis> zu sehen sei, deshalb m�sse die Aylin auch leider gleich weiter zu Dreharbeiten, nach K�ln. Aylin K��chen, und ab. Nat�rlich ohne irgendeine Nummer von sich zu hinterlassen, w�re ja auch schlecht w�hrend der Sendung gegangen (du, Aylin, kannst du mir mal deine Nummer geben, damit wir das, was da auf der Alm war, ein bisserl vertiefen k�nnen? Zwinkerzwinker). Und dann: n�schts. H�tte Madame Aylin Kontakt gew�nscht, h�tte sie ja ohne weiteres Costins Adresse bei der Produktionsfirma erfragen k�nnen oder bei <emphasis>MA</emphasis> zum Beispiel, man kennt Costin ja, er ist doch bekannt.</p><p>So aber (siehe: n�schts) hie� das eben auch, da� mit Aylin nicht nur in Zukunft nichts gehen w�rde, sondern da� auch das Ding da auf dem Dachboden auf der Alm lediglich Teil einer individuellen Aylin-Show gewesen war. Eine Einsicht, die der Presse vielleicht auch mal gutgetan h�tte. �Aylin: schwanger?�, �Costin: Bin wieder mit Seema zusammen�, �Aylin und Costin: Ihre hei�e Nacht im Hilton�, �Costin: Bin zu fett� et cetera, so war es einige Wochen in kleinen Artikeln in Boulevardbl�ttern gegangen, woraufhin Costin beschlossen hatte, erst mal alle Talk-Show-Auftritte abzusagen und f�r einige Zeit abzuhauen, weg, keine Ahnung, wohin, coole Doku �ber die australische East Coast gesehen, eine Woche sp�ter noch �ne Reportage gelesen, OK: australische East Coast it is. Und jetzt das: Aylin als Politesse.</p><p>Der Hansel hat Aylins ausgestreckten rechten Arm gepackt, sucht mit den F��en Halt, Steine br�ckeln.</p><p>Costin hat zu seiner eigenen �berraschung �Die! Die! Die!� gefl�stert.</p><p>Gro�aufnahme Aylins Gesicht: verzerrt, leicht ger�tet, zugekniffene Augen, unterdr�cktes St�hnen.</p><p>Aylin: �Ich zieh dich hoch! Lindemann! Halt dich fest! Blo� nicht loslassen! Halt durch, Lindemann! Das ist ein Befehl!�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>38</strong></p><p>Costin dreht sich einmal um sich selbst. Gaaanz langsam. Die Beine �ber dem Kopf, Querlage, dann wieder gerade, er �ffnet die Augen. Alle Fische sind bunt. Knallgelb, gr�n, rot. Mit Streifen. Mit Punkten. Harvey deutet mit dem rechten Zeigefinger nach oben. Ein Schlag mit der Flosse bringt einen schon <emphasis>so</emphasis> weit. Ein Schwarm winziger wei�orange gestreifter Fische bewegt sich alle paar Sekunden ruckartig in eine neue Richtung, rechts, links, noch mal links. Von unten ist das Motorboot ein gro�er schwarzer Fleck. Als Costin, den Kopf noch unter Wasser, mit beiden H�nden eine Seite des Boots fa�t, the rail, keine Ahnung, was das auf deutsch w�re, Griff? f�llt es ihm wie immer schwer, sich hochzuziehen, die Beine aus dem Wasser in das schwankende Boot zu schwingen. Harvey sitzt schon auf der Bank, hat das Tauchger�t abgeschnallt. Costin nimmt den Schnorchel aus dem Mund und zieht sich die Maske vom Gesicht. Harvey wirft den Motor an und steuert auf die K�ste zu. Das Wasser glitzert. Der Himmel ist dunkelblau. Am Bootssteg verabschiedet sich Harvey von Costin, weil er am Nachmittag noch die Anf�ngerkurse f�r die Touristen geben mu�.</p><p>Mit wie vielen seiner Sch�lerinnen Harvey, der in seinem Tauchanzug f�r Costin in diesem Moment, R�ckenansicht, noch immer eine gute Figur macht, tats�chlich schl�ft, ist nicht herauszukriegen. Weil Costin, als er damals bei ihm Tauchstunden nahm, manchmal gesehen hatte, wie Harvey blonden Teenager-M�dchen, den reichen T�chtern der Papas und Mamas, die hier Urlaub machten, nach dem Tauchgang �ber die Wange strich, sie in den Arm nahm und ihnen dabei etwas ins Ohr fl�sterte, sind Aff�ren vorstellbar. Das M�dchen w�rde in der Nacht zum vereinbarten Treffpunkt laufen, einem versteckten Platz am Strand, und sich dabei mehrmals umsehen, ob ihr auch niemand vom Hotel folge, eine blonde Str�hne w�rde ihr ins Gesicht fallen, Harvey w�rde alles f�r ein Lagerfeuer vorbereitet haben, das M�dchen w�rde sich an ihn schmiegen, sie w�rden sich k�ssen, das M�dchen w�rde Harvey zu seinem Haus begleiten, das sich strategisch g�nstig nicht allzuweit von dem Strandst�ck entfernt befindet. So w�re das.</p><p>Harvey wird jedenfalls heute abend, wenn Costin ihn in ihrem Stammpub trifft und mit ihm in der booth ganz hinten links sitzt, als erstes von seinen blonden Sch�lerinnen erz�hlen, und Costin wird, wie seit einem Monat, seit der Trennung von Gwendo, von Harvey, der nicht sehen will, was f�r ein l�cherlicher alter Sack er eigentlich ist, ja, angewidert sein. Nachdem Gisela, die Besitzerin des Pubs, die mit Costin inzwischen nicht wie noch am Anfang, als er zum ersten Mal mit Harvey hierhergekommen war, einen kurzen Smalltalk auf deutsch macht, sondern lediglich mit einem �Hi guys�, ungefragt, das Lager-Import und Costins Lasagne auf den Tisch stellen wird, wird Costin diesmal wieder keine Geschichte &#xE0; la 100-Groupies-wollten-michund-ich-hatte-Erbarmen erz�hlen, sondern gleich auf die f�r M�rz geplante Herbst-Reise �berleiten, im Wohnmobil einmal um den Kontinent, �ber Darwin, Perth, Melbourne, um was man sich noch k�mmern m�sse, welche Route die bessere sei et cetera. Harvey wird wieder auf sein Vorhaben zu sprechen kommen, im August zu dieser einsamen Insel zu fahren, am Kap York, und zu diesen Korallenb�nken, in diesen Farben, knallgelb, gr�n, rot, von denen er Costin schon bei einem ihrer ersten Treffen erz�hlt hat und von denen Costin damals im Unterschied zu jetzt noch annahm, da� er sie zusammen mit Harvey, wenn nicht diesen, dann n�chsten, und wenn nicht n�chsten, dann den �bern�chsten August tats�chlich sehen w�rde, die Insel und diese Korallenb�nke.</p><p>Costin hofft, da� Harvey nicht Seymor Ass, angeblich Ex-Porno-Darsteller und momentan, nach eigenen Aussagen, Produzent f�r australische Popacts, mitbringen wird, der wieder versuchen w�rde, Costin einzureden, eine neue Karriere als S�nger, hier in Cairns, und dann als n�chstes in Sydney zu starten.</p><p>Im Schlafzimmerschrank h�ngen noch ein paar von Gwendos Sachen, oben im Fach liegt noch ihre Taucherausr�stung, wei� Costin, im Flur h�ngt ihr Aborigine-Bild, das sie beim gemeinsamen Besuch im Reservat bei Alice Springs gekauft hat.</p><p>Als Costin mit dem T-Shirt und den Shorts unterm Arm auf dem Weg zum Badezimmer vor dem Ganzk�rperspiegel im Flur stehenbleibt und sich im Taucheranzug mit hochgezogener Maske betrachtet, hat er pl�tzlich, ohne da� er sich das jetzt vorgestellt h�tte oder da� er etwas genommen h�tte � Costin nimmt nichts mehr �, ein Bild vor Augen. Und noch w�hrend Costin realisiert, da� das, was er da eben im Spiegel gesehen hat, Jimmy Corrigan gewesen ist, genannt �The Smartest Kid on Earth�, da� er, Costin, f�r einen Moment Jimmy Corrigan gewesen ist, steht da pl�tzlich jemand anderes vor ihm, kein Zweifel: das Bild der fetten Katze, die am liebsten Lasagne fri�t.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>39</strong></p><p>Costin erwacht vom Refrain von <emphasis>Du</emphasis>, der Hitsingle des gleichnamigen nach dem Flugzeugabsturz der Band posthum ver�ffentlichten und mit einem <emphasis>MTV Europe Music Award</emphasis> ausgezeichneten Albums der <emphasis>M�nchener Freiheit</emphasis> � besser gesagt, von der elektronischen Weckton-Fassung seines Handys. Tats�chlich hat er den Weckton, schon bevor er aus dem Handy gekommen ist, sozusagen soundtrackm��ig, in den letzten Momenten seines Traums, gerade eben, im Ohr gehabt, also innerlich; eigentlich eine Szene aus seiner Jugend, da wo sein Opa, v�terlicherseits jetzt, bei diesem ICE-Ungl�ck gestorben war; also Costin kommt so die Treppe im alten Haus in Cham runter, h�rt Ger�usche aus der K�che, er schaut nach, da ist der Tata, obwohl er eigentlich im B�ro sein m��te um diese Zeit, da ist der Tata und macht sich einen Toast und hat so einen merkw�rdigen Gesichtsausdruck, dabei tut er, als sei gar nichts, und erw�hnt mit keinem Wort, da� irgendwas mit dem Opa passiert ist, und das ist direkt nachdem er die Todesnachricht im B�ro bekommen hat, wie abgefahren ist das denn bitte? Und eben diesen strangen Gesichtsausdruck vom Tata hatte Costin eben im Traum vor Augen, als er zum Weckton mit der <emphasis>Du</emphasis>-Melodie aufgewacht ist.</p><p>Costins erster Blick f�llt, wie k�nnte es anders sein, auf die Umzugskartons, die, immer noch, hier im Schlafzimmer rumstehen, und damit kommt auch � Costin braucht gar nicht anzufangen, die Sekunden zu z�hlen �, sozusagen automatisch, die Assoziationskette, die sich ihm irgendwie, wenn er sich jetzt nicht irrt, seit er hier im Apartment am Prenzlauer Berg wohnt, also seit fast einem halben Jahr, praktisch jeden Morgen aufdr�ngt: Umzugskartons <image l:href="#1"/> Sachen aus Mamas Wohnung in Bukarest <image l:href="#1"/> Mama tot <image l:href="#1"/> Mama allein gestorben <image l:href="#1"/> er Alleinerbe <image l:href="#1"/> er in Australien (als Mama stirbt) <image l:href="#1"/> er schuld (an allem) (irgendwie).</p><p>Costin greift nach dem Handy und schaut auf die Uhr. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schlecht er sich selbst einsch�tzen kann, denn als er gestern den Wecker f�r den Termin jetzt dann in einer Dreiviertelstunde stellte, da hatte er tats�chlich gedacht, da� er sofort aufstehen w�rde, sich anziehen, aufbrechen et cetera. Nach seiner Planung von gestern m��te er, Costin, in diesem Moment eigentlich im Bad sein und duschen. Statt dessen liegt er jetzt immer noch hier im Christopher-Bett und <emphasis>denkt</emphasis> lediglich daran, da� er ja eigentlich schon im Bad sein und duschen m��te. Auch der folgende Gedanke ist so unausweichlich wie die allmorgendliche Mama-Assoziationskette: Wenn er jetzt aufsteht, sein Blick auf die paar franz�sischsprachigen B�cher in seinem Regal, Tatas ehemaligen Nigeria-Schreibtisch f�llt und er im Flur mit seinen nackten F��en � kalt!�� auf den Nigeria-Flickenteppich tritt, wundert er sich � wohl ausgel�st durch die Mama-Assoziationskette eben �, da� er Schuldgef�hle gegen�ber der Mama hat (immer noch), niemals aber gegen�ber dem Tata (hat und hatte).</p><p>In der K�che steht ein kleiner Umzugskarton auf dem Boden. Costin wei�, da� sich darin Mamas Espresso-Maschine befindet, blau, mit der roten Aufschrift <emphasis>Espresso</emphasis>. In allen Zimmern des Apartments stehen noch Kartons, auch mit Sachen von ihm selbst, aus Australien. Vasen, das Didgeridoo, gerahmte Fotos, Einzelteile eines Regals, dunkelbraun. Costin hat die Kartons wenigstens schon mal an die Stellen gestellt, wo dann sp�ter einmal die in ihnen verpackten Sachen stehen sollen � Costin mu� halt nur mal die Zeit und die Kraft f�r diesen Auspack-Act finden. Dadurch, da� die Kartons schon so lange einfach so rumstehen, ist er sich aber in einigen F�llen nicht mehr so ganz sicher, was eigentlich der ein oder andere Karton beinhaltet: Vase, Fotos oder Regaleinzelteile. Das Ganze wird mal wie Weihnachten werden, er sieht es schon kommen.</p><p>Irgendwie hatte er beim Duschen, Anziehen, U-Bahn-Fahren die ganze Zeit �ber so einen Gedankenflash aus <emphasis>M�nchener Freiheit</emphasis>, Flugzeugabsturz, Mama, Bukarest, Cham gehabt, dazu immer diesen <emphasis>Du</emphasis>-Song im Ohr, so da� er gar nichts von dem Weg mitbekommen hat und fast ein bi�chen �berrascht gewesen ist, als er pl�tzlich � nur eine halbe Stunde versp�tet � vor dem <emphasis>Salamander</emphasis>-Schuhgesch�ft stand, in dessen Keller sich das Studio <emphasis>Dicke Klunker</emphasis> befindet, er mu�te die Route schon so intus haben, da� er sie sozusagen blind gegangen war.</p><p>Die Aufnahmen sind schon voll im Gang gewesen, als er in den Regieraum kommt, er hat an der T�r gewartet, bis Tau und ihre Band hinter der Glasscheibe im Aufnahmeraum ihren Song beenden. Skjold am Mischpult (Spitzname nach seiner ersten und bisher einzigen goldenen Schallplatte vor f�nf Jahren: <emphasis>Skjold ist Gold</emphasis>) nickt ihm kurz zu. Tau singt gerade den zweiten Song von dem Demo-Tape, das damals, vor ein, zwei Monaten per Post, unaufgefordert, an Costins Record-Label <emphasis>BIBO</emphasis> (= <emphasis>Breathe in and Breathe out</emphasis>) geschickt wurde und auf seinem Schreibtisch gelandet war. Tats�chlich ist es dieser zweite Song � wie das gesamte Album von Tau in einer Fantasiesprache gesungen �, der in Costin, jedesmal, wenn er das Tape sp�ter bei sich zu Hause angeh�rt hatte, Erinnerungen an dieses erste H�rerlebnis, damals, in seinem B�ro, hochkommen l��t.</p><p>Costin h�rt: Taus entr�ckten Gesang, Costin sieht, als ob das jetzt schon der Clip zum Song w�re: das ge�ffnete Fenster, der blaue Himmel, Background, leise: Kinderstimmen vom Spielplatz, voll der Kitsch eigentlich.</p><p>Als der Megahall des letzten Gitarrenakkords verklungen ist, hat Skjold neben dem Mischpult auf den Knopf zum Sprechen gedr�ckt, f�r ihn sei es OK so, Costin ist dazugekommen und hat �Hallihallo� ins Mikro gesagt. Tau und die anderen haben sich zum Regieraum umgedreht, Tau hat die Augen zugekniffen, den Kopf gereckt, damit sie durch das spiegelnde Glas sieht, jetzt hat sie Costins Gesicht erkannt, sie lacht, die Tau, Costin wei�, da� er diesem Lachen irgendwann einmal nicht widerstehen k�nnen wird.</p><p>Die Band m�chte den Song noch einmal aufnehmen, das Gitarrensolo k�nne man ja aus dem ersten Take nehmen und nachher reinschneiden. Auf dem Bildschirm ist das Gitarrenriff des Intros als gezackte gr�ne Linie erschienen, die, als Tau einsetzt, nach oben ausschl�gt.</p><p>Skjold dreht sich zu Costin und sagt, er k�nne sich da megagut Streicher im Background vorstellen; Costin ist voll d�accord, er beginnt, die Melodielinie zu singen, die man dann nachher in der Postproduction aufnehmen m��te, ein Streichquartett vielleicht, wenn noch Geld dasein sollte, ansonsten ein Synth.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>40</strong></p><p>In dem Moment, wo er ihnen den Vertrag und den Spezial-Vertrag-Unterschreibe-Gold-F�ller �ber den Tisch reicht, haben der S�nger und der Gitarrist dieses Face bekommen. Er kennt dieses Face, er hat dieses Face auch gehabt, als er zusammen mit den anderen <emphasis>PingPongs</emphasis> den Plattenvertrag bei <emphasis>MA</emphasis> unterschrieb, Olaf Erdrich sa� damals da, wo er, Costin, jetzt sitzt, die <emphasis>PingPongs</emphasis> da, wo jetzt die <emphasis>KOPs</emphasis> alias <emphasis>Kings of Pop</emphasis> sitzen.</p><p>Er kann sich so ziemlich genau vorstellen, was in diesem Moment in den Bandmitgliedern vorgeht, den ganzen Sekunden-Film, der da gerade vor ihren Augen abl�uft, vom Dilettanten-Anfang, vom ersten Katastrophen-Gig �ber die ersten Erfolge, die ersten bandinternen Streitereien bis hier, B�ro des Plattenchefs, Mahagonischreibtisch, gr�nbezogene St�hle mit Metallarmlehne und die Frage, ob sie Kaffee oder einen Softdrink m�chten.</p><p>Irgendwie hat er dieses Face jetzt schon ein paarmal gesehen, auch bei den anderen Bands, die bisher bei ihm gesignt haben, und irgendwie hat er dann selber immer, so wie jetzt auch, dieses Champagner-ich-habs-geschafft-und-bin-der-K�nig-der-Welt-Kribbeln bekommen, vielleicht auch selbst dieses Face gehabt. Damit das Label funktioniert, kann es jedenfalls nur von Vorteil sein und ist vielleicht sogar essentiell, da� der Chef des Labels schon mal am eigenen Leib all das erlebt hat, was jetzt den Bands so oder so �hnlich noch bevorsteht. Er w�rde aus diesem Grund, weil er n�mlich wei�, wie das alles ist, nie etwas verlangen, was er nicht auch von sich selber verlangen w�rde. Also, wenn er die Bands mal kritisiert � was sein mu� �, dann eben deshalb, weil er auch sich selber st�ndig kritisiert; wenn er sie lobt, dann eben deshalb, weil er sich selber auch ab und zu lobt (hey, Costin, du krasser Hund), und wenn er ihnen jetzt so Sachen auf den Weg mitgibt, gleich, dann ist das ja im Prinzip auch nichts anderes, als was er sich selber schon tausendmal in den verschiedenen Situationen beziehungsweise was ihm PISC alias der innere Costin gesagt hat.</p><p>Die eingen�hten Metallschlaufen an der Lederjacke des S�ngers der <emphasis>KOPs</emphasis> haben bei der Vertragsunterzeichnung aneinandergeklackt. Als Band, die musikalisch deutlich auf die Quincy-Jones-Phase Michael Jacksons anspielt, haben die Mitglieder der <emphasis>KOPs</emphasis> � Musik- und Politologie-Studenten aus T�bingen � von ihrem Look her nahezu nichts mit den sp�ten 80ern, fr�hen 90ern gemein, gut, der Schlagzeuger und der Bassist sind Mulatten und auch in Nicht-B�hnen-Situationen wird manchmal der Moonwalk eingelegt, auf �berraschung beziehungsweise Freude mit �Shamo�!� reagiert.</p><p>Das Duo Jones/Jackson habe sich ja damals, nach <emphasis>Dangerous</emphasis>, nicht weiterentwickelt; Justin Timberlake als Sohn Jacksons im Geiste habe es dann vorgemacht: Diese fr�hzeitig abgebrochene Entwicklung des Duos setzen die <emphasis>KOPs</emphasis> jetzt, Jahrzehnte danach, fort und beantworten die Frage, welche Musik Jackson heute machen w�rde, h�tte er sich nicht exzessiv operieren oder besser transformieren lassen, wobei die Zunahme der Operationen nach der Trennung des v�terlichen Mentors Jones proportional zum Nachlassen der eigenen Schaffenskraft stehe � so der S�nger und Kopf der <emphasis>KOPs</emphasis>.</p><p>Dadurch, da� hier Musik, die an sich Chartpotential bes��e, mit einem intellektuellen Diskurs (was ist das denn, bitte?) verbunden werde, komme low zu high, kurz, die <emphasis>KOPs</emphasis> h�tten das Zeug, einmal zu den neuen heimlichen Lieblingen des Undergrounds zu werden, so Georgi (nie ohne ihren Hund Timmi unterwegs, mit dem sie jetzt auch nebenan in ihrem B�ro sitzt), die burschikose Mittdrei�igerin mit schwarzem Wuschelkopf, die die <emphasis>KOPs</emphasis> letzten Sommer auf dem <emphasis>St�rtebeker-Open-Air</emphasis> in Stralsund entdeckt hatte und die Costin vom insolventen bayerischen Indie-Label Maulwurf-Records als Talent-Scout f�r <emphasis>BIBO</emphasis> �bernommen hatte.</p><p>Das Ger�usch, das die Spitze des Goldf�llers auf dem Papier macht, wenn jetzt die Bandmitglieder im ansonsten stillen B�ro den Vertrag mit ihren Namen unterzeichnen, das Kratzen, ist wohl der Sound, nach dem sich jeder von ihnen, wie auch mal Costin, so lange gesehnt hat und der ihnen von jetzt an im Ged�chtnis bleiben wird, das Ger�usch des Signens: einfach nur geil in diesem Moment.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>41</strong></p><p>Lore geht zum Schlu�applaus des Publikums in ihrem trotz ihrer korpulenten Figur hauteng geschnittenen hellbraunen Hosenanzug mit Nadelstreifen � Autsch!�� von ihrem Platz auf einer der Treppen zwischen den Zuschauerreihen, wo sie die meiste Zeit w�hrend der Sendung gestanden hatte, auf die B�hne und verabschiedet nacheinander die G�ste mit Handschlag.</p><p>Sie sagt: �Das war Lore mit dem Thema �Sind wir zu viele?� N�chste Woche zur selben Zeit hei�t es dann �Das Leben danach�, unter anderem mit jemandem, der von sich sagt, er sei schon sieben Mal geboren worden, und mit Costin Wallner alias CO, Ex-Popstar, Ex-Alm-Bewohner und was wei� ich noch alles. Also, bleiben Sie mir treu! Ihre Lore.�</p><p>Als der Applaus abrupt, wahrscheinlich auf ein Zeichen eines Assistenten hin, verstummt und auf dem Monitor im Warteraum in einer starren Kameraeinstellung nur noch die halbdunkle B�hne gezeigt worden ist, von der inzwischen mit kleinen vorsichtigen Schritten auch der letzte Gast verschwunden ist � das ehemalige Mitglied einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, die bis vor kurzem zur Erforschung alternativer Wohnm�glichkeiten zwei Jahre lang von der Au�enwelt abgeschnitten in einer Tauchstation lebten und sich unter anderem monatelang wegen schlechten Fischfangs ausschlie�lich von Plankton ern�hrten (�Algen schmecken super!�, so der Wissenschaftler aus Kiel, der jeden Satz gleichzeitig mit den H�nden in Taucher- beziehungsweise der am Ende zwischen der anscheinend nicht mehr sehr kommunikationsfreudigen Gruppe �blich gewordenen Taubstummensprache mitformte) �, lehnt sich Costin auf dem Sofa zur�ck, faltet die H�nde hinter dem Kopf und versucht aus den Augenwinkeln heraus festzustellen, wer der anderen G�ste der n�chsten Sendung am ehesten so aussieht, als sei er schon siebenmal geboren worden. Der Mann mit Glatze und dem zerst�rten Gesicht, rechts neben ihm, der solariumbraune Mann mit schlecht blondiertem Haar und Goldkette, links von ihm, oder der daneben, der so Mitte 20 sein mu� und, seit er hier sitzt, Gameboy spielt.</p><p>Die T�r hat sich ge�ffnet, eine Frau sagt, man solle mit in die Maske. Auf dem Flur zw�ngt sich Costin an weiteren G�sten der vorigen Sendung vorbei, einer 21k�pfigen Familie aus Braunschweig in akuter Wohnungsnot, deren Mitglieder in diesem Moment, aus der unmittelbaren N�he betrachtet, relativ wenig �u�ere �hnlichkeiten miteinander aufweisen. Und hat nicht der Steppke mit dem glatten blonden Haar den anderen mit dem gelockten schwarzen Haar gerade gefragt, wie denn sein Agent hei�e, seiner sei Kacke, das hier sei erst sein zweites erfolgreiches Casting gewesen? Lore, auf die eben eine junge sportive Frau mit Headset einredet, hat Costin, den sie vor sechs oder sieben Jahren zusammen mit den anderen <emphasis>PingPongs</emphasis> eingeladen hatte, mit �Hallo, Costin, sieht man dich mal wieder� begr��t, bevor sie die junge sportive Frau mit Headset stehenl��t und hinter der T�r mit der Aufschrift <emphasis>Garderobe</emphasis> verschwindet.</p><p>Im Spiegel, dem er in der Maske gegen�bersitzt, sucht Costin sein Gesicht nach Falten und sein Haar nach grauen Str�hnen ab, schlie�t die Augen, als die Visagistin ihm �ber die Nase und die Stirn pudert. Er geht zur�ck durch den Flur, in dem jetzt ein Kleiderst�nder mit Kinderkleidung steht und hinten, ganz am Ende, die junge sportive Frau mit Headset allein redend auf und ab geht; er setzt sich wieder auf seinen Platz auf dem Sofa im Warteraum, faltet die H�nde hinter dem Kopf. Der Monitor zeigt die halbdunkle B�hne mit den vier St�hlen f�r die n�chsten G�ste � Lore hat immer vier G�ste �, aus dem Hintergrund kommt das ged�mpfte Ger�usch des Publikums, das f�r die n�chste Sendung Platz nimmt. Lore betritt die B�hne, sie tr�gt ein 19.-Jahrhundert-R�schenkleid, so wie es jetzt wieder Mode ist, vereinzelt wird applaudiert, man ist wohl etwas verwirrt, da� es schon losgehen soll. Lore hebt beschwichtigend die H�nde, sagt in das Mikro in ihrer Hand: �Hallohallo, liebe Leute�, sagt, da� es gleich losgehe.</p><p>Costin versucht erneut aus den Augenwinkeln heraus festzustellen, wer von den anderen G�sten im Zimmer, von denen inzwischen auch der letzte, der Mann mit dem zerst�rten Gesicht, vor dem die Maske kapituliert zu haben scheint, zur�ckgekommen ist, am ehesten so aussieht, als sei er schon siebenmal geboren worden. Die junge sportive Frau mit dem Headset �ffnet die T�r und teilt mit, in welcher Reihenfolge sie auftreten. Costin, den sie Herrn Wallner genannt hat, ist der zweite Gast heute und kommt nach dem Jungen mit dem Gameboy, der jetzt aufgestanden ist und mit der Frau mitgeht. Auf dem Monitor kommt Lore mit Applaus auf die hell erleuchtete B�hne, sie hebt beschwichtigend die H�nde und sagt durch das Mikro in ihrer Hand: �Hallohallo, liebe Leute.�</p><p>Die Einstellung zwischen Lore, die den Jungen ank�ndigt, und der leeren Kulisse, aus der er dann endlich tritt, das Publikum hat schon aufgeh�rt zu klatschen, wird sp�ter geschnitten werden, Costin ist sich da sicher.</p><p>�Peter E., dessen Name f�r die Sendung ge�ndert wurde, ist mit 17 Opfer einer Familientrag�die geworden�, sagt Lore, die neben Peter E. Platz genommen, eine Halbbrille aufgesetzt und auf eine Stichwortkarte geschaut hat.</p><p>Peter E.s Vater hat eines Nachts zu Hause im Streit mit Peter E.s Mutter deren Kopf mehrmals auf die Kante des E�zimmertischs geschlagen. Peter E. hat w�hrenddessen in seinem Kinderzimmer geschlafen und aus f�r ihn unerfindlichen Gr�nden nichts von dem Ganzen mitbekommen. Erst als die Polizei und sp�ter die Sanit�ter eintrafen, von den Nachbarn alarmiert, ist er aufgewacht und hat den blutverschmierten E�tisch, seine Mutter mit eingedr�cktem Kopf auf der Bahre liegen, seinen Vater in Handschellen auf dem E�zimmerteppich knien gesehen.</p><p>�Die Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon tot�, sagt Lore. �Das war vor sechs Jahren. M�chtest du uns sagen, wie diese sechs Jahre f�r dich gewesen sind, Peter?�</p><p>Costin erinnert sich, da� er einmal vor einiger Zeit eine Crime-Show im <emphasis>Zweiten</emphasis> gesehen hat, wo genau dieser Fall oder jedenfalls so was �hnliches vorkam, und in den nachgestellten Szenen, verwackelt und in Zeitlupe, Peter E.s Mutter beziehungsweise eine Frau von Peter E.s Vater beziehungsweise eine dunkle Gestalt an den Haaren gepackt und mit dem Kopf auf einen Gegenstand geschlagen wurde, bis ihr das Blut aus der Nase und �bers Kinn gelaufen war.</p><p>Peter E. sagt, es habe lange gedauert. Er habe ja auch niemanden gehabt. Sein Vater sei im Gef�ngnis, er wolle ihn auch gar nie wiedersehen. Er habe allein gewohnt, er sei ja damals gerade vollj�hrig geworden. Nur seinen Therapeuten habe er gehabt. Nur sehr langsam werde er wieder der, der er vor dieser Nacht gewesen sei. Noch immer durchlebe er diese Nacht und habe Angst, da� sein Vater pl�tzlich vor der T�r stehe. Je mehr Bekanntschaften und Freunde er aber habe � er studiere jetzt Informatik �, desto seltener k�men diese Zust�nde. Desto rascher normalisiere sich alles. Lore hat Peter E. mehrmals, w�hrend er ihre Frage mit monotoner Stimme beantwortet, bei der Hand gefa�t. Am Ende hat sie ihre Hand auf seine Schulter gelegt, hat sich zu ihm vorgebeugt und irgend etwas sehr Positives, Aufbauendes, M�tterliches zu ihm und dem Publikum gesagt. Sie stellt diesen Lore-Touch her, diesen Eindruck, da� sie sich wirklich darum k�mmert, was ihre G�ste erlebt haben und wie es ihnen geht, deswegen auch die Quote, deswegen der feste Sendeplatz seit �ber zehn Jahren, deswegen kein Palaver wegen Lores Gewicht, deswegen auch keine second thoughts seitens Costins, als er eingeladen wurde.</p><p>Inzwischen ist die Assistenten-Tante � Costin nennt jetzt die junge sportive Frau mit dem Headset Assistenten-Tante � gekommen und hat ihn abgeholt. Zur Begr��ung hat Lore Costin neben die Wange, rechts, links, in die Luft gek��t und �Hallo, Costin, wie geht es dir� gesagt.</p><p>Costin nimmt neben Peter E. Platz, der gl�cklich aussieht. Peter E. grinst. Auch Lore schmunzelt. Hat Costin auf dem Weg hierher was verpa�t?</p><p>�So, CO oder besser Costin, jetzt erz�hl mal�, sagt Lore. �In einer meiner ersten Sendungen warst du ja damals mit deiner Band, den�, Lore liest ab, �<emphasis>PingPongs</emphasis> zu Gast. Das ist jetzt �ber ja, ogottogott, machen wir das hier schon so lange? das ist �ber zehn Jahre her. Wie isses nun, mit dem Leben danach?�</p><p>Lore will jetzt vor allem was zu <emphasis>Almtrieb</emphasis> h�ren, keine Frage, dem Gebumse, Aylin, was da wirklich gelaufen ist, was f�r eine dumme Sau Aylin sei oder �hnliches.</p><p>Schon bevor Costin aus den Kulissen kam, war er etwas nerv�s, doch das war kein Vergleich zu jetzt, seine Augen m�ssen sich in sich drehende rotwei�e Spiralen verwandelt haben, Schwei� mu� ihm auf der Stirn stehen, was dann hoffentlich sp�ter geschnitten wird, bitte. Erst als er auf einem Monitor am Rand der B�hne sich in der Totale neben Peter E. und Lore sitzen sieht, wird er ruhiger, er befeuchtet seine Lippen, sagt: �Ja, also�, lehnt sich zur�ck und faltet die H�nde hinter dem Kopf.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>42</strong></p><p>Die Fahrstuhlt�r ist aufgegangen, und er hat pl�tzlich � ohne da� es einen Ausl�ser daf�r gegeben h�tte, also wirklich gar nichts, optisch, akustisch oder geruchstechnisch, geraucht hatte er ja auch nichts � diese Szene vor Augen gehabt, wann? vor 20 Jahren oder mehr vielleicht, diese Fahrradtour mit Mama und Tata, wo er vorausgefahren war und dann vor einem Ortsschild, keine Ahnung jetzt, wie der Ort hie�, gewartet hatte, ewig, �Gria� God� hatte dar�ber gestanden, �ber dem Ortsschild, genau, irgendwann, erst nach einer Stunde oder so, hatte ihn Tata auf dem Handy angerufen und hatte rumgedruckst, von wegen, wo steckst du, warum bist du, wei�t du wie lange schon et cetera, bis rausgekommen war, da� er und Mama sich verfahren hatten, was Tata aber unter keinen Umst�nden zugeben wollte, genau � Costin sperrt die T�r zum <emphasis>BIBO</emphasis>-B�ro auf �, Tata, der immer so gro� auf: �Hier komm ich her, ne�, und: �Ich wohn hier schon ewig, ne�, und: �Die Leute und ich, ne, wir verstehen uns halt, ne�, gemacht hat. . Tata also und verfahren, sozusagen vor seiner Haust�r, das war schon was, Costin hatte ihnen entgegenfahren m�ssen, so planlos waren die beiden, versch�rfenderweise hatte es dann auch noch zu schiffen angefangen, und auf einmal hatte Tata ausnahmsweise nicht der Mama, sondern ihm, Costin, die Schuld an allem gegeben, als ob sie sich verfahren h�tten, weil er, Costin, vorausgefahren war, Tatas �bliche Verschw�rungskomplotts halt, die Gewerkschaften, die Politiker, die Mama und jetzt eben mal zur Abwechslung Costin � er schlie�t die T�r hinter sich und geht durch den Flur, er wird ziemlich grantig, das sp�rt er jetzt �, na gut, sie hatten dann in so einer komischen Pension �bernachtet, total Horrorshow, in Costins Zimmer war alles orange gewesen, orange Vorh�nge, orange Bettdecke, oranger Teppich, orange Tapete, an der Wand ein Schwarzwei�foto, er sieht es jetzt wieder vor sich, ein Mann in Uniform, sch�tzungsweise Weltkrieg, sch�tzungsweise Wehrmacht, ein Familienbild wahrscheinlich, der Herr Papa, der Opa, keine Ahnung, am n�chsten Tag waren sie dann weitergefahren, �ber die tschechische Grenze nach Taus, genau, so ein kleines tschechisches Kaff, an das er jetzt, merkw�rdigerweise, �berhaupt keine Erinnerungen mehr hat, man m��te eigentlich mal schauen, bei seinen und Anas Filmen zu Hause, im Kellerabteil, ob sich da nicht irgendwo was finden l��t �ber die Tour damals, andererseits: Sich da durchzuwursteln, das alles zu sichten und sich noch mal den Psychostre� mit der Vergangenheit anzutun, Mama und Tata so zu sehen, von wegen sweet memories, Nostalgie und so, da hat Costin momentan nicht den Nerv f�r, au�erdem auch �berhaupt keine Zeit. Sp�ter vielleicht. Hinter der verschlossenen T�r des B�ros sind Georgis und Julians Stimmen zu h�ren gewesen, ein Hundelaut von Timmi. OK, sie besprechen die Tourpl�ne f�r die Bands. Costin ist wieder mal zu sp�t. Ein wenig jedenfalls.</p><p>Aber w�hrend er jetzt so vor der T�r steht und die beiden so reden h�rt, wird ihm klar, da� es eigentlich gar keine Rolle spielt, ob er da ist oder nicht, also im Label jetzt. Georgi und Julian legen so viel Herzblut in das Ganze und halten den Laden am Laufen � Costins Anwesenheit braucht es eigentlich gar nicht. Nat�rlich ist sein Geld, sein Gesamtkonzept, nenn� es Vision, und sein Draht zu den K�nstlern die Voraussetzung. Aber im Prinzip haben ja Georgi und Julian Costins Ideen vollkommen verinnerlicht. Ihm fiele kein Fall ein, wo er nicht mit den beiden d�accord gewesen w�re. Costin dr�ckt die Klinke der T�r, die Stimmen der beiden verstummen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>43</strong></p><p>Costin bahnt sich im extremst stickigen und verrauchten Aftershowpartyzelt einen Weg durch die Menge, manche Bands, die vorher bei der Ceremony, genauer: der <emphasis>MTV Europe New Year�s Bash Ceremony</emphasis> in der Halle gleich nebenan aufgetreten waren, haben sich gar nicht erst umgezogen, sondern sind in ihren B�hnen-Outfits, im B�ren- und Hasenkost�m oder lediglich mit BH und Hotpants bekleidet oder aber in irgend so einer wahrscheinlich t�rkischen Tracht � wohl eine Referenz an den Veranstaltungsort, Istanbul � hierhergekommen. Costin ist sau�bel, er m��te sich mal unbedingt hinsetzen, das hei�t also, jetzt entweder ab aufs Klo oder zur Lounge, die auch da irgendwo am anderen Ende des Zelts sein m��te.</p><p>Soviel steht fest: Costin mu� endlich mit dem Kiffen aufh�ren, mit �ber 40 mu� man auch mal erwachsen werden, nix Peter Pan, nix junggebliebenes Genie &#xE0; la Wolfgang Amad�, das hier ist das wirkliche Leben, also: Kiffen aufh�ren, der erste Vorsatz f�rs neue Jahr.</p><p>Denn Istanbul w�re wahrscheinlich eine super Stadt, gerade in den letzten Jahren, nach dem EU-Beitritt, d�rfte sich da einiges getan haben. Betonung Konjunktiv. Denn eigentlich das komplette Wochenende �ber, das er jetzt zusammen mit Georgi (und Timmi) und Julian hier ist, ist Costin stoned gewesen, nicht �berm��ig, aber doch so sehr, da� Stra�enz�ge unvermittelt �hnlichkeit mit einer gewissen Stadt namens Gotham City bekamen und sich in einer Bar die Stimmen der sich unterhaltenden Leute pl�tzlich in einen hochgetunten Singsang verwandelten, der verdammt noch mal nach dem Schlumpflied klang; schlie�lich hatte Costin an einem Stand in einem Basar den hellblauen Dr. Manhattan, den roten Night Owl und die lila Kapuze Rorschachs von den <emphasis>Watchmen</emphasis> ersp�ht. Obwohl er deshalb eigentlich ein gutes Gef�hl h�tte haben m�ssen � schlie�lich waren das hier die ultimativen Weltenretter �, war Costin, wahrscheinlich kalkwei� im Gesicht, in die Hocke gegangen und hatte sch�n tief durchgeatmet, und ein und aus.</p><p>Costin mu�te f�r keine Ahnung wie lange auf einem der wei�en Ledersofas in der Lounge eingenickt sein. Georgi (an ihrem Bein Timmi) hatte ihn wach ger�ttelt, er hatte f�r einen Moment erschrocken, ja in Panik in ihr Gesicht geschaut, sie hatte neben ihm Platz genommen und gegen das Gemurmel und die Heizstrahler angeschrien: �Hey, Chef, nicht einschlafen jetzt, gleich ist es 12!! Au�erdem wei�t du nicht, was ich gerade herausgefunden habe!! Also Q ist von R zur Presse bei S und T zu U gewechselt, V von W hat aufgeh�rt und macht jetzt was ganz anderes, Hundezucht oder so, ich hab�s nicht ganz verstanden, und Lisa ist jetzt Quasselstrippe auf <emphasis>Neun Live</emphasis>, Xs Vertrag bei Y wird n�chstes Jahr gel�st, X wird frei, Z wird von einem Major �bernommen, wahrscheinlich <emphasis>Time Warner</emphasis>, und Elisabeth hat sich von Mehmet getrennt, sie sind nicht mehr zusammen� � Costin streicht Timmi durchs Fell; es ist weich �, �wo Elisabeth doch schwanger ist, und ich habe den Scout von A aus London getroffen, der kannte <emphasis>BIBO</emphasis> und fand uns ganz Klasse und die und der�, und Costin hat nicht mehr zugeh�rt, weil pl�tzlich, ohne da� es eine Ank�ndigung oder eine Aufforderung gegeben h�tte, auf einmal alle in der Lounge, nahezu gleichzeitig, simultan sozusagen, aufgestanden und Richtung Ausg�nge gestr�mt sind. W�hrend dann Costin Georgi (und Timmi) so hinterherstolpert, �berlegt er, da� er sich ja jetzt eigentlich noch weiter Vors�tze fassen sollte, noch ein paar jedenfalls, da� so eine Aktion jetzt angebracht w�re, Vorsatz Nummer eins hat er ja schon.</p><p>PISC (freundschaftlich, hochgestimmt, ja, freudig erregt): �Also, altes Haus. Es ist soweit, mach mal. Was w�nschst du dir f�rs neue Jahr?�</p><p>Ja, also gut, �hhh, keine Talk-Shows mehr, nie wieder Lore, das w�re mal die Nummer zwei, und �ne Frau, also so eine richtige, eben eine Beziehung, was l�ngeres, am besten eine aus dem Business oder so, eine, die wei�, was los ist. . wo Costin nicht erst erkl�ren mu�, was so in ihm vorgeht und ihn besch�ftigt (Nummer drei), und den ganzen Schei� hinter sich lassen (siehe: erwachsen werden). . <emphasis>BIBO</emphasis>, er m�chte die K�nstler, die er jetzt unter Vertrag hat, die m�chte er endlich ganz gro�, Betonung auf <emphasis>ganz gro�</emphasis>, rausbringen, <emphasis>BIBO</emphasis> ist sein Projekt, <emphasis>BIBO</emphasis> ist sein Baby, er hat doch eine Verantwortung gegen�ber den K�nstlern.</p><p>�ber die Lautsprecher erklingt eine Stimme, die mit starkem Akzent auf englisch �Ladies and Gentleman, de countdown is starrrting now� gesagt hat, die Menge hat zu z�hlen begonnen, auch Costin, jetzt, er hat irgendwie gerade voll das sch�ne Gef�hl, obwohl er hier ein bi�chen zwischen den Leuten im Zelt eingepfercht ist und nur auf Zehenspitzen zwischen ihren K�pfen auf den Bosporus und die Silhouette der Stadt sehen kann, EIGHT, SEVEN, SIX, am Nachthimmel sind schon die ersten Feuerwerksk�rper explodiert, gr�n, orange, rot, vom anderen Ufer des Flusses hat der Wind Gejubel her�bergetragen, w�hrend Costin die Arme in die H�he gerissen, den Kopf in den Nacken gelegt hat und ruft, laut, mit den anderen, sozusagen synchron, TWO, ONE.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>44</strong></p><p>Er steckt die Sticks mit den Soundfiles ein, die ihm Vincent, der Agent der <emphasis>Limelight Company</emphasis>, �ber den Stehtisch geschoben hat, und wie lange bleiben Sie noch in K�ln? ja, in Berlin dann, im M�rz, genau, so long.</p><p>Costin humpelt, auf seinen Gehstock gest�tzt, in Halle C. Am <emphasis>BIBO</emphasis>-Stand verteilen mehrere Promoter Prospekte und Demo-Megadiscs. Julian unterh�lt sich gerade mit dem langhaarigen Gitarristen von <emphasis>Oliver</emphasis>, deren zweites Album, vor Monaten fertig produziert und seitdem im Computer im Berliner Studio abgespeichert, noch immer auf sein Release wartet beziehungsweise darauf, da� das Label jetzt irgendwann mal wieder Gewinne einf�hrt.</p><p>Costin humpelt schnell weiter. Ein Gespr�ch mit dem Gitarristen � der trotz arschlanger Haare eigentlich ein sehr friedfertiger Mensch mit hoher Fistelstimme und stets vor der Brust verschr�nkten Armen ist, sofern er eben nicht was genommen hat und dann bei den Auftritten animal-like sein Instrument mit den Z�hnen bearbeitet, und sieh ihn dir mal an, wie er da am Stand irre Blicke um sich wirft: Der ist doch gerade auf Drogen � hat Costin jetzt gerade noch gefehlt.</p><p>Schon Tage vor der Messe sind die Schmerzen in seinem rechten Bein wiedergekommen, so stark wie seit seinem Unfall nicht mehr. Er dr�ckt auf die Wahlwiederholung an seinem Handy, l��t es zehnmal klingeln, legt wieder auf, �ffnet die T�r des Damenklos, mustert die Frauen, die vor den Spiegeln stehen und sich nach ihm umdrehen, sagt: �Oh, Entschuldigung.�</p><p>In Halle B trifft er am <emphasis>Yamaha</emphasis>-Stand Clarissa, mit der er letztes Jahr bei der Messe nach der Party was hatte, sie hatte ihm auf der Herrentoilette einen geblasen, nein, das war irgendwer anderer irgendwann anders, aber er kennt Clarissa, auch wenn er im Moment nicht wei�, woher, er sagt, er habe es eilig, es sei sch�n, sie wiederzusehen, und fragt, ob sie Romy gesehen habe, was sie verneint, er ist sich nicht sicher, ob sie ihn �berhaupt erkannt hat.</p><p>An einem der Tische vor einem Caf� in Halle B hat er dann endlich doch noch Hazeh, den Schlagzeuger von <emphasis>Franz</emphasis>, sitzen gesehen, Soul, den Bassisten, und, ist sies? sie ists, jawoll, Romy, in ihrem zitronengelben Sommerkleid �ber der Jeans. Als er vor ihnen steht, schaut Romy gelangweilt vom Gespr�ch auf, sagt: �Hey.�</p><p>Costin: �K�nnen wir dann, bitte.�</p><p>Romy: �Jetzt?�</p><p>Costin: �Jetzt.�</p><p>Romy zieht beim Aufstehen ihre Schlecht-gelauntes-M�dchen-Grimasse, gibt Hazeh und Soul einen Ku� auf die Wange, sagt: �Ich ruf euch nachher an�, w�hrend sie mit den Augen auf Costin deutet.</p><p>Costin zieht Romy durch die Menschenmenge hinter sich her, zu einem Stehtisch. Er sagt laut: �Wo warst du denn zum Teufel? Ich ruf dich an. Ich such nach dir. Ich humpel mir hier einen ab.�</p><p>Romy hat den Kopf gesenkt, einen Schmollmund gemacht. Costin humpelt jetzt einfach weg, Romy ist ihm � na also: Jetzt hat sie ein schlechtes Gewissen � gefolgt. Sie stellt sich vor ihn, auf Zehenspitzen, w�hrend sie ihre H�nde auf seine Wangen legt, und k��t ihn auf den Mund. Romys Zunge schmeckt nach Cherry Coke.</p><p>Auf dem Parkplatz vor den Messehallen sind Costin und Romy in ein Taxi gestiegen. Er hat sie gefragt, ob sie sich noch erinnere, wie das Hotel hie�. Sie hat dem Taxifahrer gesagt, er solle zum <emphasis>City-Hotel</emphasis> fahren.</p><p>Der Taxifahrer hat sich umgedreht und gefragt: �Welches?� Er spricht nur gebrochen Deutsch, hat aber einen starken rheinischen Akzent, dem Aussehen nach k�nnte er Rum�ne sein.</p><p>Romy sagt: �Das im Zentrum eben. Das, wo der Bahnhof gleich ist.� Wo genau, k�nne sie nicht sagen.</p><p>Der Taxifahrer sagte, Jaja, er wisse schon wo, und ist losgefahren.</p><p>Als sie aus dem Taxi steigen, ist sich Costin in der Dunkelheit und beim Eintreten in die Lobby nicht vollkommen sicher gewesen, ob das hier auch wirklich das <emphasis>City-Hotel</emphasis> ist, in das sie gestern am Nachmittag eingecheckt hatten. Dann erkennt er die Rezeptionistin wieder. Beim Einchecken hatte er ihr gesagt, er habe ein Doppelzimmer bestellt; sie hatte demonstrativ einen kritischen Blick auf Romy geworfen, wohl um zu unterstreichen, da� sie es nicht guthei�e, wenn wieder mal so ein alternder Sack mit so einem jungen Ding ankommt, das seine Tochter sein k�nnte. Er humpelt weiter zum Lift � wie in allen <emphasis>City-Hotels</emphasis>: im Gang hinter der Rezeption, neben der links ein etwa zwei Meter gro�er Gummibaum steht, immer, in allen <emphasis>City-Hotels</emphasis>, die Costin kennt. Vor dem Hotelzimmer macht sich Romy von Costin frei, der ihr, sich auf sie st�tzend, den Arm um die Schulter gelegt hatte, dr�ckt ihre rechte Hand auf den Scanner in der Wand neben der T�r, die ein klagendes <emphasis>Pieeep</emphasis> von sich gibt, aufschnappt.</p><p>Costin setzt sich im Zimmer sofort aufs Bett und sagt, er gehe jetzt schlafen, er sei tot.</p><p>Romy fragt, ob er etwas dagegen habe, wenn sie noch mit Hazeh und Soul ausgehe.</p><p>Costin sagt, sie d�rfe, sie solle ruhig. Romy kniet sich vor Costin auf Boden, zieht ihm die Schuhe aus, die Str�mpfe, die Hose, die Unterhose, holt den Schlafanzug unter seinem Kissen hervor und hilft ihm beim Hineinschl�pfen, indem sie ihm die Hosenbeine aufh�lt. Nachdem sie ihn zugedeckt und auf die Stirn gek��t hat, sagt sie: �Du wirst mir doch kein Fieber bekommen.� Sie holt einen Waschlappen aus der Badewanne und befeuchtet Costin das Gesicht. Dann l�scht sie das Licht, sagt: �Tr�um sch�n, morgen kaufen wir dir deinen Anzug, den, den du da in dem Gesch�ft gesehen hast. Aber jetzt schlaf erst mal und werd wieder ganz gesund.�</p><p>Sie macht einen Schritt zur T�r, Costin h�lt immer noch ihre rechte Hand. Obwohl sich seine Augen nur langsam an die Dunkelheit gew�hnen, sieht Costin, da� Romy stehenbleibt, sich umwendet, er versucht in ihrem Gesicht auf die Stelle zu sehen, wo ihre Augen sein m�ssen und jetzt nur ein schwarzer Streifen ist.</p><p>Sie schl�gt die Decke zur�ck, zieht Costin die Schlafanzughose bis zu den Knien herunter und nimmt seinen Penis in ihren Mund, w�hrend sie seine Hoden massiert. Costin ejakuliert, Romy macht ihm mit dem Waschlappen auf dem Nachttisch den Bauch sauber und deckt ihn wieder bis zu den Schultern zu.</p><p>Sie packt mich ein, denkt Costin. �Ich packe dich sch�n ein�, das hat Ana immer gesagt, wenn sie ihn in Cham ins Bett gebracht hat.</p><p>Als Romy ihn noch einmal zum Abschied auf die Wange k��t, hat sie nach Apfel gerochen. Sie mu� sich irgendwann zwischendurch einen Kaugummi oder ein Bonbon in den Mund gesteckt haben.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>45</strong></p><p>Der Schmerz in seinem rechten Bein ist jetzt tats�chlich so stark, da� er sich �berlegt, die Aktion hier abzubrechen. Klar. Der Sinn des Ganzen ist, sich selber (und Romy) zu beweisen, da� er noch zu so was f�hig ist, da� er es kann. Und wenn er jetzt abbricht, dann zeigt er genau das Gegenteil: Dann ist er ja wirklich schon ein alter Sack und sollte, wie andere in seinem Alter auch, auf sich schauen, gerade weil er diese Schei�behinderung hat, die nicht weggeht und die ihn tats�chlich zum Opa macht. Vorerst tr�gt er aber weiter, in der Hocke, Kleister auf die Fl�che der Wand auf, gleich �ber dem Fu�boden, da, wo dann die Holzleiste hinsoll. Z�hne zusammenbei�en � er merkt, da� er wirklich die Z�hne zusammenbei�t, wie in so einem schlechten Manga: Gro�aufnahme: Gesicht, Mund offen, Zahnreihe auf Zahnreihe �, sich jetzt nichts anmerken lassen!</p><p>Aus dem Wohnzimmer ist Romys Stimme gekommen, wo die Disc mit dem Mexiko-Mix sei, ob Costin das wisse, wo die sei.</p><p>Romy steht vor der Regalwand im Wohnzimmer und findet die Mexiko-Disc mit der rosa H�lle nicht. Das ist alles relativ typisch.</p><p>Costin nimmt die Holzleiste, dr�ckt sie an das mit Kleister beschmierte Wandst�ck und sagt: �OK, du gehst jetzt ganz nach links, du siehst im Regal ganz au�en, oberstes Fach, mehrere Discs, die so eine gr�ne H�lle haben, irgendwo zwischen denen mu� eine Disc mit rosa H�lle sein.�</p><p>Costin horcht, ob Romy was sagt, ob zu h�ren ist, wie sie sich auf die Zehen stellt und die Disc aus dem Regal nimmt.</p><p>Romy ist f�r einen Moment aus dem Wohnzimmer in den Flur gekommen, sie ist barfu� � das f�llt Costin irgendwie jetzt von unten so auf �, dann ist sie auch gleich wieder im Atelier, gegen�ber vom Wohnzimmer, verschwunden.</p><p>Aus dem Atelier kommt dieser Song von dieser mexikanischen Band, von der Costin letztens zu Romy meinte, <emphasis>Erich</emphasis> klinge ein wenig wie die. Er h�lt sich am T�rrahmen fest und zieht sich hoch. Br�ll. Ihm ist f�r eine Sekunde schwarz vor Augen geworden, und � auch das noch �, als er auf die Wand schaut, hat seine Hand, mit der er sich gerade abgest�tzt hat, um das Gleichgewicht zu halten, dort einen dunklen Abdruck hinterlassen. Das war�s dann wohl. Heimwerken ist nicht mehr. Er hinkt ins Atelier.</p><p>Im Computer l�uft die Disc, das Programm l��t den Song als Partitur mit den Lyrics auf dem wandgro�en Bildschirm erscheinen. Romy hat sich vor den Schreibtisch gesetzt und die Gitarre auf den Scho� genommen, sie starrt auf den Bildschirm und versucht die angezeigten Riffs nachzuspielen, reckt den Kopf ab und zu nach vorne, runzelt die Stirn, streicht sich eine Str�hne ihres rot gef�rbten Haars aus der Stirn, macht �H�?�, Romy, barfu�, Romy, in einteiligem schwarzen Kleid, Romy, leicht verwirrt, Romy ist in diesem Moment, genau so, extremst s��.</p><p>Costin schaltet das Licht aus, es ist pl�tzlich d�ster, nur um den Bildschirm strahlt es grau, die zwei Gl�hlampen hinter den zu Wellen geklebten Folien der Scheibe �ber dem Schreibtisch, die Romys Mutter Romy geschenkt hat, als sie hier einzog, tauchen den Rest des Zimmers in ein diffuses Rot, Costin l��t sich mit �Urgs� aufs Bett in der Ecke plumpsen.</p><p>Romy hat sich an Costin und in seinen Arm gekuschelt, den er, schon als er sich hinlegte und dabei zu ihr r�berschaute, f�r sie ausgestreckt hatte. Sie hat begonnen, mit ihrer Hand an seinem verschwitzten nackten Oberk�rper entlangzufahren, gedankenverloren, auf und ab, durch sein Brusthaar; auch das Brusthaar, normalerweise grau, ist jetzt r�tlich. Als sie an der Stelle angekommen ist, wo sein Herz ist, das noch immer, durch die Anstrengung vom Heimwerker-Act, ziemlich schnell schl�gt, sagt sie leise: �Bumbumbum.�</p><p>Costin schaut zur Decke.</p><p>Costin: �Was w�rdest�n du jetzt machen, wenn ich jetzt sterben w�rde?�</p><p>Romy: �Was?�</p><p>Costin: �Was w�rdest�n du jetzt machen, wenn ich sterben w�rde jetzt?�</p><p>Romy: �Ich w�rde dich nicht sterben lassen.�</p><p>Costin: �Ne, jetzt sag doch mal.�</p><p>Romy: �Ich w�rde nach Stralsund fahren und deine Asche in den Wind streuen.�</p><p>Costin: �Und dann?�</p><p>Romy: �Wei� ich nicht.� (Pause) �Ist ne bl�de Frage.�</p><p>Costin: �Aber ich wei� es. Du w�rdest mich vergessen.</p><p>Sonst k�nntest du ja gar nicht �berleben. Du w�rdest ��</p><p>Romy (unterbrechend): �Hey, bin ich jetzt im falschen Film, oder was? Du bist hier, du bist nicht tot, wirst jedenfalls noch �ne Weile hier sein, bei mir. Aus. Thema gegessen. Du hast echt ein Problem, hey, ich glaube, ich gehe jetzt lieber gleich. .� (m�chte aufstehen)</p><p>Costin (h�lt sie zur�ck): �Ach komm, la� mal, war doch nur so ein Gedanke. Nicht jetzt die Beleidigte spielen, OK?� (Pause) �Romylein?�</p><p>Romy: �Wie stellst�n du dir eigentlich vor, wie wir so in 20 Jahren sein werden?�</p><p>Costin (mit Romys Korallenhalsband spielend): �Was?�</p><p>Romy: �Ja. Was ist mit uns dann. In 20 Jahren. Du Senior. Ich in �ner mega Midlife-Crisis.�</p><p>Costin (mit Romys Korallenhalsband spielend): �Also, ich bin einer der erfolgreichsten Indie-Label-Besitzer Europas, du hast gerade deinen zweiten Echo mit <emphasis>Erich</emphasis> gewonnen. Wir wohnen in einem Haus am Starnberger See, einem Bungalow. Der F�hn macht den Himmel total blau, so wie an dem Tag, wo wir da mit dem Dampfer gefahren sind.�</p><p>Costin spricht das Thema �Kinder� nicht an. Er wei�, da� Romy nicht nur <emphasis>noch</emphasis> keine, sondern <emphasis>prinzipiell</emphasis> keine Kinder m�chte, sie habe schon genug Stre� mit sich selber. Costin w�rde sich eigentlich schon ein Kind w�nschen. Auch mit Romy. Am liebsten, sofern er das bestimmen k�nnte, eine Tochter. Wenn sie gr��er w�re und studieren w�rde, vielleicht, w�rde sie ihr eigenes Ding machen, sie w�re bestimmt, mit ihm als Vater und Romy als Mutter, relativ dickk�pfig, schwer zu h�ndeln, aber eines jener M�dels, von denen alle Jungs tr�umen und vor denen sie auch ein bi�chen Angst haben.</p><p>Costin (fortfahrend): �Ja, und dann h�tten wir nat�rlich, da in unserem Haus, ne Katze. So eine grau-wei� gestreifte. Die w�rde dann Lily hei�en. Die Katze w�rden wir dann so nennen. Lily.�</p><p>Romy (nach einer Pause, leise): �B�r?�</p><p>Costin: �Ja?�</p><p>Romy: �Du verl��t mich nicht, oder? Ich war mit so vielen Schei�typen zusammen, ich bin immer verletzt worden, ich. .� (Pause) �Ich will nicht mehr verletzt werden.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>46</strong></p><p>Zur Begr��ung hat Lore Costin beziehungsweise Costin Lore neben die Wangen, rechts, links, in die Luft gek��t, und �Hallo, Costin, wie geht�s� gesagt.</p><p>Dem Gast vor ihm, Oskar, auch bekannt unter dem ihm von der Presse gegebenen Spitznamen �Oskar mit Herz�, nachdem ihm, als erstem Deutschen, ein geklontes Herz eingesetzt worden war, gibt Costin die Hand.</p><p>Lores Haar ist eigentlich rot gef�rbt. Costin kann aber jetzt im Scheinwerferlicht im Haaransatz einzelne wei�e Haare ausmachen. Wo war denn hier die Maske, bitte?</p><p>Lore schaut auf ihre Stichwortkarte. �So, Costin, jetzt erz�hl mal. F�r unsere Zuschauer: Costin und ich kennen uns jetzt schon fast ein Leben lang und noch l�nger, nicht wahr, Costin?�</p><p>�Eine Ewigkeit�, best�tigt Costin.</p><p>Lore sagt: �Du warst CO, du warst � beinahe � der Almk�nig, du warst Goebbels, du warst ein Saurier, und jetzt hast du eine Plattenfirma, ist das richtig?�</p><p>�Das ist richtig, Lore�, best�tigt Costin.</p><p>�<emphasis>BIBO</emphasis>� liest Lore ab. Sie schaut ihn an.</p><p>Schon bevor Costin aus der Kulisse gekommen ist, ist er etwas nerv�s gewesen, doch das war kein Vergleich zu jetzt. Erst als er sein Gesicht im Close-up auf einem der Monitore am Rand der B�hne sieht, wird er ruhiger. Er befeuchtet seine Lippen, wartet auf Lores Frage, lehnt sich zur�ck und faltet die H�nde hinter dem Kopf.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>47</strong></p><p>Romy: �. . na, und stell dir das jetzt mal vor, meine Mama und mein Papa also auf diesem Campingplatz im Yellowstone-Park, und irgendwie kommt da nachts immer dieser Grizzlyb�r und fri�t ihnen die Vorr�te weg; also macht sich mein Vater daran, den Grizzly zu fangen, ohne Schei� jetzt, so haben die mir das immer erz�hlt, also, mein Papa f�hrt los und kauft �nen K�der, so Burger bei <emphasis>McDonald�s</emphasis>, na, und als er zur�ckkommt, ist meine Mama weg, keine Spur von ihr �: weil die Wehen eingesetzt haben und sie von �nem Ranger ins n�chste Krankenhaus gefahren worden ist; mein Papa jetzt denkt nat�rlich, der Grizzly, der hat jetzt die Mama aufgefressen, und ist total fertig. Mein Papa. Na, und was macht er, als er h�rt, da� meine Mama inzwischen mich zur Welt gebracht hat? Er geht weiter auf Jagd, damit die Mama sicher ist und sich nicht vor dem Grizzlyb�ren f�rchten mu�, wenn sie mit mir zur�ckkommt, zum Campingplatz. So haben mir das meine Eltern immer erz�hlt, genauso, so als Gutenachtgeschichte, ich kann das alles noch auswendig, siehste ja, und bis ich f�nf oder so war, habe ich das auch alles geglaubt, Kinder glauben so was ja immer, voll s��, oder? Aber, jetzt mal im Ernst: Ich bin wirklich in den USA geboren, soweit stimmt das Ganze, weil mein Papa da gerade an der Uni gearbeitet hat, so auslandsjahrtechnisch, und irgendwann waren meine Eltern wohl auch mal im Yellowstone-Park und haben da �nen B�ren gesehen. Ob das jetzt �n Grizzly war, wei� ich auch nicht.�</p><p>Costin (der die ganze Zeit �ber, an die Decke schauend, gedankenverloren, mit dem Zeigefinger den Kreis von Romys nackter linker Brustwarze nachgefahren hat): �Bei mir gibt�s gar nichts Besonderes zu erz�hlen. Eine Kindheit in der Oberpfalz halt. Was soll es da zu erz�hlen geben? Cham halt.�</p><p>Romy: �Was ich mich schon immer gefragt habe, ist, also, wie deine Mutter eigentlich mit dem Ganzen klargekommen ist. Also, ihr habt da ja irgendwie in diesem Kaff gewohnt. Und sie dann noch als Rum�nin. Also, eigentlich ja in der zweiten Generation, oder? Aber trotzdem. Ja, und dein Vater. Ich meine, ich kenn jetzt nicht die ganzen Stories, aber der war doch irgendwie total neurotisch und egoistisch, der Typ, jetzt no offense, ne, du hast mir ja selber erz�hlt, wie deine Mutter immer wegwollte und er immer nur diese doofe Traktor-Firma im Kopf hatte. Ich meine, Traktorfirma, hallo?!� (Romy hat mit ihrem Zeigefinger, w�hrend sie gesprochen hat, irgendwelche Figuren auf Costins hellblauen Samtpulli gemalt, hat ihren Zeigefinger, jetzt am Schlu�, auf Costins Lippen gelegt.)</p><p>Costin (weiter an die Decke schauend): �Ja gut. Das wird schon alles stimmen. Das <emphasis>war</emphasis> Schei�e f�r meine Mutter in Cham. Andererseits: Sie h�tte ja auch mit mir abhauen k�nnen, wie ich noch klein war, zu ihren Eltern. Oder so. Und sie hat ja auch durch meinen Vater alles gehabt. Also, materiell jetzt. Ich versuche das alles immer objektiv zu sehen. Sie hats schwer gehabt. Und mein Vater hats auch nicht einfach gehabt. Ich meine, von null an so eine Firma aufzuziehen und dann, wenn der Laden brummt, von seinem Partner verarscht zu werden. OK, der Uli, also der Partner, der hat sowieso eigentlich immer die meiste Arbeit gehabt, eigentlich ist der daf�r verantwortlich, da� das alles so eine erfolgreiche Geschichte wurde, der Tata, also mein Vater jetzt, war ja eigentlich von Anfang an nur der Geldschei�er, schon ein ordentlicher Kaufmann, aber: Ob er das alles allein so geschafft h�tte? Den Laden geleitet hat immer der Uli, hat meine Mutter immer gesagt.� (Pause) �Na, aber es geh�rt aber auch was dazu, rausgemobbt zu werden und dann nicht zu sagen, OK, jetzt mach ich mir ein sch�nes Leben, sondern der f�hrt nach Nigeria und zieht da mit so einem Einsatz ein Kinderdorf auf, da mu� man schon Respekt haben. Da hat der Tata, also mein Vater, sich auch eigentlich aufgerieben, mit dieser Nigeria-Sache, der Schlaganfall war sicher �ne Folge davon, vom Aufreiben, ist ja klar, die Hitze und das alles, aber, wenn man das jetzt mal so betrachtet, hat ihn das sicher mit meiner Mutter auch fertiggemacht. Da� sie so lange voneinander getrennt waren, und bis Nigeria haben sich die beiden, glaube ich, schon ziemlich, ja, geliebt, mit allen Aufs und Abs halt, OK, mein Vater war schon schwierig, auch wenn man sich jetzt die ganze Geschichte anschaut, wie er dagegen war, da� ich da, also, Popstar wurde. Aber andererseits: Mama hat gesagt, da� er in Wirklichkeit immer total stolz auf mich war, und ich h�tte ihm das auch mal gern irgendwie, also, gesagt, bevor er da in Nigeria auf der Stra�e, also, umgekippt ist, er hat ja da in Nigeria seinen Schlaganfall gehabt und ist da auch begraben, also, wie auch immer, ich h�tte ihm halt gern noch mal davor gesagt. Da� ich ihn auch.� (Pause) �Ach, keine Ahnung.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>48</strong></p><p>Gaaanz langsam wacht er auf, �ffnet ein Auge, macht �Pfft�, dreht sich auf den R�cken und versucht, noch ein bi�chen Schlaf mitzunehmen. Nach ein paar Minuten, die aber vielleicht auch nur Sekunden gewesen sind, schl�gt er die Decke zur�ck und setzt sich auf den Bettrand. Im Halbdunkel humpelt er zur T�r, ihm ist der Gedanke gekommen, da� so eine Schei�zentralheizung eigentlich was Cooles ist � Schei�zentralheizung = Cool, ist das nicht aus der Werbung?�� , weil man da nackt durch die Wohnung gehen kann, und �berall ist es gleich warm und man friert nicht.</p><p>Er schaltet das Licht im Bad an und l��t das Wasser in der Dusche warm laufen. W�hrend er sich dann einseift, haben sich so ein paar Fragen aufgedr�ngt. Er hat ja jetzt ganz vergessen nachzuschauen, ob sie noch geschlafen hat, da neben ihm, oder ob sie schon auf ist, er wird es ja gleich sehen, wenn er aus dem Bad ist, und � <emphasis>we</emphasis>sentlich <emphasis>wi</emphasis>chtiger, (das ber�hmte Doppel-W) �: Was war eigentlich gestern? War er im Studio wegen der Aufnahmen mit Tau, war gestern diese Messe in Leipzig, da hat er doch mit dem Fritzen von der <emphasis>BMG</emphasis> geredet, oder war dieses Kreuzberg-Festival gestern? Ja, so isses, Kreuzberg-Festival: gestern, Aufnahmen: erst n�chste Woche, Messe: letzte oder vorletzte Woche.</p><p>Beim Abtrocknen hat er wieder diesen krassen Schmerz im rechten Knie, immer wenn er diese Bewegung wie gerade eben macht, der Schmerz kommt automatisch, er hat es l�ngst aufgegeben auszuprobieren, ob das vielleicht Zufall ist mit der Bewegung, er wei�: Bewegung <image l:href="#1"/> Keuch <image l:href="#1"/> Schmerz, seit dem Unfall: Er l�uft durch die Hotellobby, um noch das Taxi zu bekommen, das er drau�en durch die gl�serne Dreht�r schon warten sieht, der Marmorboden ist schwarz, die bunten Lichter von der Weihnachtsbeleuchtung spiegeln sich darin, und er wundert sich noch, ob den jemand extra so gewachst hat, er rutscht aus, f�llt, schreit, er kann es gar nicht zur�ckhalten, er <emphasis>mu�</emphasis> schreien, weil der Schmerz so irre ist, als h�tte man ihm mit einem Hammer mit voller Wucht gegen die Kniescheibe geschlagen, der Concierge ist angerannt gekommen, sein Gesichtsausdruck, aus dem alle Heuchel-H�flichkeit gewichen ist und in dem die blanke Angst geschrieben steht.</p><p>Costin hat Ha� � Wir haben HASSHASSHASS!�� : auf seine Schwabbelschenkel, sein unrasiertes Schamhaar, seinen Bauchansatz, auf sein Doppelkinn oben, die Geheimratsecken, es ist ja vorherzusehen, wie er in f�nf bis zehn Jahren aussieht, wenn das so weitergeht, wenn er nichts tut, tja, sad but true, wenn er jetzt den beschlagenen Spiegel abwischt, sich die nassen Haare zur�ckk�mmt: ganz der Herr Papa, war das nicht ein Lied der <emphasis>EAV</emphasis>? Das mu� aufh�ren, diese st�ndigen Songtitel-Assos.</p><p>Costin �ffnet die Badezimmert�r, Romy steht da, sie steht tats�chlich direkt, f�nf Zentimeter entfernt vielleicht, vor ihm, in einem beigen Kord-Hosenanzug, den er ja noch nie an ihr gesehen hat. Sie sagt: �Morgen� und da� sie schnell mal ins Bad m�sse, um sich frisch zu machen, sie habe ja um neun diese Veranstaltung in der Kulturbrauerei. Er hat seinen Mund verzogen, sie fragt ihn, ob er wieder Schmerzen habe, er bejaht es, obwohl es im Moment nicht weh tut, zieht den Knoten an seinem Bademantel enger und hinkt, den Arm um Romys Schulter, in die K�che, l��t sich auf den Stuhl am E�tisch plumpsen. Romy fragt, ob sie ihm Tabletten holen soll, ob sie ihm was zu essen machen soll, ob er gut geschlafen habe, da� sie aber jetzt wirklich wegm�sse, er legt seinen Kopf an ihre Brust, umarmt sie, sie dr�ckt ihren Mund an seine Stirn und hat einen Laut gemacht, �Ach� oder �Och, du �rmster�, er mag diesen Laut, er m�chte, da� sie ihn wiederholt.</p><p>Bevor sie aus der K�chent�r geht, hat sie gesagt, Nero habe mehrmals angerufen, wegen des Termins mit Martin, und Tosca, mit der er, Costin, doch heute eigentlich verabredet war, Romy hatte ihn aber nicht wecken wollen, auf dem AB sei auch noch einiges f�r ihn.</p><p>Er h�rt die Haust�r ins Schlo� fallen, im K�hlschrank haben sich hinter der Klarsichtfolie, in die der Schinken eingewickelt ist, Tropfen gebildet. Er schaltet den kleinen Steinzeit-Fernseher auf der Konsole an � ein Erbst�ck seiner Mutter � und stellt den Ton aus. Eine Eilmeldung auf der Titelseite der <emphasis>BZ</emphasis> berichtet von einem Flugzeugungl�ck in Australien, bei dem alle Insassen umgekommen sind, 10 Uhr Ortszeit, also am Abend hier. Er merkt, da� er, w�hrend er den mit Schinken belegten Toast kaut, grunzt, schon die ganze Zeit, ein Schweinelaut, ihm ist das erst jetzt aufgefallen, macht er das schon ein Leben lang? du bist so widerlich, genau diesen Satz hat er f�r einen Moment im Kopf und kaut dann weiter. Im Fernseher ist auf einem blauen Hintergrund die <emphasis>heute</emphasis>-Uhr erschienen, die 19 Uhr anzeigt. Weil er keinen Bock hat, die Fernbedienung zu holen, sich den Schmerz im Knie vorstellt, wenn er jetzt aufsteht, sieht er den stummen Lippenbewegungen dieser blonden Moderatorin zu, die er mal vor zehn Jahren oder so bei einer Gala in echt getroffen hat und die tats�chlich nicht nur so wie im Fernsehen, sondern damals so wie jetzt aussah, und auf die er ein bi�chen steht, den Luftaufnahmen mit Wrackteilen in einer steppenartigen Gegend, dem Outback, ein Landkartenausschnitt mit Sydney, von wo aus eine rot gepunktete Linie beginnt, die dann kurz vor Darwin abbricht, eine Flughafenhalle, also jetzt entweder in Sydney oder am Zielort, nein, am Zielort: Da ist eine Frau, die ein Taschentuch vor den Mund dr�ckt, eine andere, die mit einer Tasche ihr Gesicht bedeckt und an der Kamera vorbeieilt.</p><p>Als er sich wieder dem Fr�hst�ck zuwendet, sieht er durch das K�chenfenster, da� drau�en die Stra�enlaternen schon an sind, den fetten Nebel. Er steht auf, macht �Boah�, obwohl es nicht so weh getan hat wie erwartet, stellt den Fernseher aus.</p><p>Auf dem Weg ins Atelier, wo er den AB abh�ren wird, hat er schon die Stimme von Nero im Ohr, wei� so ziemlich genau, was der sagen wird, das superschnell gesprochene �HalloCostinhieristNero� und �EsstelltsichjetztdieFrage� und �Rufmichdochsobaldwiem�glichzur�ck.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>49</strong></p><p>Er schaltet das Licht im Bad ein und l��t das Wasser in der Dusche warm laufen. W�hrend er sich dann einseift, w�scht, Shampoo in die Haare reibt, haben sich so ein paar Fragen aufgedr�ngt, er hat ja jetzt ganz vergessen, nachzusehen, ob sie noch geschlafen hat, da neben ihm, oder ob sie schon auf ist, und au�erdem, wieder mal, zum wiederholten Male � das hat Herr B�ttner, der Chemielehrer in Cham immer gesagt, Martin B�ttner: wieder mal zum wiederholten Male �, was hat er gestern noch gemacht? er hatte doch diesen Super-lazy-Tag, wo er gleich ganz im Bett geblieben ist, weil Romy ja noch auf Tour war, schlafen, fernsehen, alle Termine absagen, Handy ausschalten, Comics raussuchen, mal wieder alte <emphasis>Snoopy</emphasis>-Dinger durchbl�ttern, es ist ihm dann ziemlich schnell eingefallen: Super-lazy-Tag war vorgestern, gestern waren diese Studio-Aufnahmen mit Tau, die sich so superlang in die Nacht hingezogen haben: Das war gestern.</p><p>Beim Abtrocknen hat er wieder diesen krassen Schmerz im rechten Knie, wenn er diese Bewegung macht, der Schmerz kommt automatisch, er hatte f�r Momente tats�chlich irgendwie ganz vergessen, da� diese Bewegung den Schmerz ausl�st, er versucht, nicht darauf zu achten, und auf seinen Schei�k�rper auch nicht, das kaputte Knie. . Knie, da gab es doch bei den <emphasis>Fraggles</emphasis> diesen Satz, ganz am Anfang, als die Fraggles durch die G�nge ihrer H�hle laufen und dieses Lied singen, �Fick dich doch ins Knie�, �ie� langgezogen, kann das sein? In einer Kindersendung? Oder hat er seine ganze Kindheit �ber nicht genau aufgepa�t, was dieser Fraggle da eigentlich singt. . vor dem beschlagenen Spiegel, in dem er sich selber nur als dunklen Fleck sieht, jetzt, k�mmt er sich die Haare zur�ck, er kann seinen Herzschlag sp�ren, er ist ein bi�chen aufgeregt, fast schon lampenfieberm��ig, obwohl ja auch niemand wei�, was Romy auf ihrer Tour so treibt, es gibt ja diese Geschichten, also, Costin, kein schlechtes Gewissen, bitte. (War das gerade der innere Costin?)</p><p>Er �ffnet die Badezimmert�r. Von dem Licht der Stra�enlaternen drau�en, das durch das nicht vollkommen heruntergelassene Rollo dringt, ist das Innere des Schlafzimmers in ein fahles Licht getaucht. Er versucht, den Schmerz in seinem rechten Knie zu ignorieren und jetzt m�glichst l�ssig mit dem umgebundenen Handtuch zum Bett zu gehen. Weil sich seine Aufregung noch immer nicht legen will, hat er, als er ins Bett schl�pft und unter der Decke Taus warmen nackten K�rper sp�rt, die Augen geschlossen und zu einem altbew�hrten Mittel gegriffen. .</p><p><emphasis>Lucy (in Reiterstellung auf Charlie Brown): �Oh.�</emphasis></p><p><emphasis>Charlie Brown (Gedankenblase): �Das Schei�-Knie! Sie sitzt genau drauf. Wann ist das blo� endlich vorbei?�</emphasis></p><p><emphasis>Charlie Brown: �Ah.�</emphasis></p><p><emphasis>Lucy: �Oh.�</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>50</strong></p><p>Es ist dieser UHU-Geruch, der von der wei�en Farbe an den frisch gestrichenen W�nden kommt, eigentlich nicht unangenehm, nur ungewohnt. �berall ist der noch, in allen R�umen des neuen <emphasis>BIBO</emphasis>-HQs. �berall auch noch Kabel mit abgeklebten Enden, die statt Lampen aus der Decke schauen, die neuen wei�en Metallschr�nke statt der alten aus dunklem Holz, die alten Aktenordner, CDs und Megadiscs sind schon eingeordnet, der neue Teppich, gr�n statt grau. Irgendwie wei� Costin, da�, wenn er diesen Geruch einmal sp�ter, wo auch immer, zuf�llig, in der Nase hat, da� er dann an den Umzug des Labels zur�ckdenken wird und an diese ganze etwas unangenehme Situation momentan, die sich aber hoffentlich bis dahin gelegt haben wird, das legt sich immer alles, das ist immer so.</p><p>Ihm ist das ja in letzter Zeit �fter aufgefallen, da� das wirklich so ist, da� so Kleinigkeiten, ein Geruch, ein Lied oder Gegenstand, pl�tzlich eine Erinnerung in einem ausl�sen, er fand das fr�her ziemlich l�cherlich, voll Klischee, so Zeilen wie �I smell the fields, and I think of childhood�, aber man kommt dem eben nicht aus, das kommt einfach so, da� man zum Beispiel was sieht, und schon ist man f�r ein paar Sekunden weg.</p><p>Das hei�t also, wenn er und Romy mal umziehen, in zwei, drei Jahren vielleicht, dann wird er in seiner neuen Wohnung stehen, UHU schn�ffeln und pl�tzlich an das hier denken und wie sich alles in Wohlgefallen aufgel�st hat, <emphasis>BIBO</emphasis> die kleine Krise �berwunden hat und wieder auf der Erfolgsspur ist.</p><p>Jennifer steckt den Kopf durch den T�rspalt in sein neues B�ro und sagt: �Schaust du dann mal wegen dem Keller?� Tja, Jennifer: Jetzt noch f�r Costin � nat�rlich sagt er das nicht laut � eine Zicke, wird dann, wenn besagte Erinnerung dank UHU stattfinden wird, eine nette Kollegin sein, vielleicht auch eine Freundin. Er hinkt ihr durch die B�ror�ume ins Treppenhaus hinterher, h�lt sich, als sie jetzt in den Keller steigen, bei jedem Schritt am Gel�nder fest, das noch in Plastik eingeschlagen ist, Lift gibts zwar schon, die T�ren sind aber noch zugeklebt. Costin mu� sich immer wieder sagen: Da� er, nachdem Julian von <emphasis>Tough Trade</emphasis> abgeworben wurde, Georgi (mit Timmi) rausgeworfen und das gesamte Team mit Jennifer und Jo und Vaclav im Prager B�ro neu besetzt hat, also quasi kahlschlagm��ig, war eine der wenigen konsequenten und professionellen Entscheidungen in seinem Leben, du bist erwachsen geworden, Costin, Gl�ckwunsch!</p><p>Wenn sich <emphasis>BIBO</emphasis> seinen in all den Jahren m�hsam erworbenen Namen als kleines, aber feines Indie-Label, das zum Teil, wie bei Tau oder den <emphasis>KOPs</emphasis> �mit schlafwandlerischem Gesp�r� (Zitat Rezensent im <emphasis>BIBO</emphasis>-Portr�t der <emphasis>Rex</emphasis>) k�nftige Trends vorausgeahnt hat, Trends, die so richtig erst ein, zwei Jahre sp�ter gro� wurden, wenn sich <emphasis>BIBO</emphasis> also diesen Namen erhalten will, dann mu� es sich halt, sorry, Georgi (und Timmi!) ver�ndern, flexibel sein, du verstehst. Georgi war halt Georgi. Und ab einem gewissen Punkt kam da nichts mehr Neues. Costin hat das gesehen.</p><p>Andererseits: die menschliche Komponente. Julian, Georgi (und Timmi!) und Costin waren eigentlich schon so etwas wie eine kleine Familie. Jennifer, Jo, Vaclav und er m�ssen sich erst noch einspielen, bevor sie zu einem richtigen Team werden k�nnen.</p><p>Jennifer zum Beispiel, Jennifer, die jetzt den Lagerraum im Keller aufsperrt und dabei sagt: �So, jetzt schlie� ich mal das hier auf, und dann gucken wir mal.�</p><p>Costin wei� im Prinzip so alles �ber sie, die Facts, wo sie vorher war, was sie schon alles gemacht hat, er hat sich schon oft mit ihr, wie mit Jo und Vaclav auch, auf ein Bier oder so getroffen und einfach mal so mit ihr geredet. Sie hat von ihren W�nschen erz�hlt, ihren Vorstellungen, da� ihre Seele in London liege. Sie ist, wie Jo und Vaclav auch, fachlich top. Jennifer hat Ahnung. Aber: Was sie wirklich denkt und wer sie wirklich ist, das k�nnte Costin nicht mit Sicherheit sagen. Wenn er etwas erz�hlt, schaut sie oft skeptisch und angewidert, sagt aber dann: �Da bin ich voll der Meinung� und: �Hmhm, genau.�</p><p>Und Jo. Jo, der so ein Muster-Leben in einem Muster-Penthouse mit einer Muster-Italienerin als Freundin f�hrt. Das kann irgendwie nicht alles sein. Es mu� noch einen anderen Jo geben. Wenn Costin da an gemeinsame DVD-Abende bei sich zu Hause mit Julian und Georgi (und Timmi) zur�ckdenkt, an Julian, der ihn mit tr�nenerstickter Stimme anrief, als ihn seine Freundin rausschmi� und er f�r ein paar Wochen bei Costin und Romy wohnte � Costin kannte die Situation ja nur zu gut, er hatte ja selber schon mal da gestanden, wo Julian jetzt stand. W�re das mit Jennifer, Jo oder Vaclav, der nur br�chig Englisch und Franz�sisch spricht, vorstellbar?</p><p>N�. Jo ist nicht Julian. Jennifer ist nicht Georgi.</p><p>Jennifer schaltet das Licht an. Die Regale rechts und links, die nur einen schmalen Gang bis zum Ende des Raums lassen, reichen bis zur Decke. In den Regalen liegen links Stapel mit T-Shirts und Pullis, rechts Posterrollen. Jennifer sagt: �Willkommen im Reich des Merchandise.� Links Tau, <emphasis>Das Kapital</emphasis> und so weiter, rechts die <emphasis>KOPs</emphasis>. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und holt aus einer Kiste in einem Regal ziemlich weit oben so eine Art Haarreif mit zwei langen hin- und herschwingenden F�hlern.</p><p>Sie sagt: �Dieser Artikel wurde bei der letzten Tour der Gruppe <emphasis>Lolek und Bolek</emphasis> verkauft. Man setzt sich den Reif w�hrend des Konzerts auf, und die Gruppe schaut von der B�hne auf ein Meer von F�hlern, die im Dunkeln blau leuchten.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>51</strong></p><p>Vor ihnen haben Wylie und Uschi doch erstaunlich synchron den rechten Arm in die H�he gerissen und mit dem linken Fu� einen Kreis beschrieben. Seema neben ihm hat nur so alibim��ig irgendwie Bewegungen mit dem rechten Bein und beiden Armen, Marke: Eigentlich bin ich mit meinem Kopf gerade ganz woanders, gemacht. Weil er sich nicht mehr so genau an die Choreo von <emphasis>A Day in my Life</emphasis> erinnern kann, hat er, auf die Kr�cke gest�tzt, abgewartet, was Wylie und Uschi tun. Die beiden haben das wahrscheinlich selber nicht so intus, sie schauen immerzu geradeaus, auf die Plasma-Wand am anderen Ende des Wohnzimmers, wo jetzt gerade das <emphasis>PingPongs</emphasis>-Video zum Song l�uft, so da� sie sehen k�nnen, wie sie sich damals bewegt haben und was sie jetzt machen m�ssen. Costin nimmt das Video zum Gl�ck nur verschwommen wahr, weil er seine Brille abgenommen hat; soweit er sich erinnern kann, trugen sie damals <emphasis>Beatles</emphasis>-Kost�me.</p><p>Vor ein, zwei Monaten, ja, im M�rz ist es gewesen, es hatte noch einmal ziemlich geschneit, da hatte Costin einen Anruf im Label bekommen, und Wylie war in der Leitung gewesen. Costin hatte zuerst nicht geschnallt, da� der Wylie, der da anrief, <emphasis>der</emphasis> Wylie war, also der <emphasis>PingPongs</emphasis>-Wylie, und er hatte f�r ein paar Sekunden, wie immer, wenn ihn sein Ged�chtnis im Stich l��t, so getan, als kenne er ihn (h�flich: �Ja, ach hallo, gr�� dich!�), bis er �berhaupt realisierte, was hier eigentlich los war.</p><p>Ganz fr�her, also direkt nach dem endg�ltigen Break-up der <emphasis>PingPongs</emphasis>, hatte Wylie ihn noch in unregelm��igen Abst�nden auf dem Handy angerufen und gefragt, was so am Start sei, er hatte diesen Ausdruck gebraucht, �am Start sein�, wie es ihm so gehe, was er so mache. Costin hatte immer das Gef�hl gehabt, Wylie, wirklich nicht sein bester Freund w�hrend der <emphasis>PingPongs</emphasis>-Zeit, rufe nur an, um ihm, Number One, zu erz�hlen, wie toll es in seiner neuen Band sei, und, Number Two, um rauszufinden, ob Costin Erfolg habe, die Competition-Schiene eben. Aber dann hatte Wylie auf einmal von seinen Problemen in der neuen Band und auch privat zu labern begonnen, immer wieder gesagt, er hoffe wirklich, es gehe Costin gut, das, was da bei den <emphasis>PingPongs</emphasis> an Zwist gewesen sei, sei ja nicht mehr aktuell, jeder ver�ndere sich. Schlie�lich hatte Wylie auch dann noch monatelang angerufen, als Costin schon l�ngst nicht mehr seine Anrufe � Wylies Nummer hatte er mit dem Klingelton <emphasis>I�m a Loser, Baby</emphasis> belegt � entgegennahm. Wylie schien das alles damals, also das �Wie geht�s dir� und so weiter, ernst gemeint zu haben. Costin hatte ihm anscheinend wirklich was bedeutet.</p><p>Wylie hatte bei seinem Anruf im Label sofort und ohne gro�e Einleitung nach dem Hallo gesagt, er habe das <emphasis>PingPongs</emphasis>-Archiv wieder mal geordnet � welches <emphasis>PingPongs</emphasis>-Archiv, bitte?�� , hier in Recklinghausen, er wohne in Recklinghausen, ja, und da habe er gedacht, weil er wisse ja, da� Costin dieses Label habe, ja, und da habe er also gedacht, er rufe ihn mal an, ob man sich nicht mal, also, so treffen wolle, Uschi und Seema seien auch dabei, die wollen auch, sich treffen also, er habe mit denen telefoniert, was Costin dar�ber denke, w�hrend sich Costin die ganze Zeit �ber im B�ro umgesehen hatte � Schrank, Fenster, Tisch, Schrank, Fenster � und �berlegt hatte, da� das hier gerade nicht sein d�rfe, da� er das jetzt gerade nicht haben k�nne, da� ihn das hier total �berfordere, diese Stimme aus der Vergangenheit, voll Horrorfilm, das, und wie er das Ganze hier jetzt so schnell wie m�glich, ohne dabei als Arschloch r�berzukommen, beenden k�nne. Costin hatte gesagt, da� sie das unbedingt tun sollten, sich treffen, da� er aber jetzt gerade wegm�sse, ob er Wylie zur�ckrufen k�nne, Wylie hatte sich vielmals entschuldigt und hatte sich sofort � fast ehrf�rchtig, wie Costin schien � verabschiedet, Costin hatte an Wylies Stimme gemerkt, da� er, Wylie, ziemlich viel Respekt vor ihm, Costin, hatte, ob noch von den <emphasis>PingPongs</emphasis>-Zeiten her oder wegen dem Label, whatever, der Bildschirm am Telefon war schwarz geblieben, Wylie schien kein Bildtelefon zu besitzen, die Nummer war auf dem jetzt wieder grauen Display verschwunden.</p><p>Damals hatte Costin, nach langer Zeit wieder, diesen Traum gehabt. An sich nichts Besonderes, alles so wie fr�her eben: Er mit Wylie, Uschi und Seema auf der B�hne, tanzend, singend, Romy hatte ihn wach ger�ttelt, weil er wohl mit den Armen um sich geschlagen hatte, ja, und als er da so dalag, da war er nicht etwa schwei�gebadet gewesen und hatte Magenkr�mpfe gehabt. Er war richtig gl�cklich gewesen, jau, da so vorhin auf der B�hne, also im Traum, mit den anderen, das hatte ihm einen richtigen Kick gegeben, und irgendwie hatte er da beschlossen, da� so ein Wiedersehen doch nicht so eine schlechte Idee war. Costin hatte Jo am n�chsten Tag gebeten, die Nummer eines gewissen Wylie Anderson in Recklinghausen herauszufinden. Als Wylie abhob, hatte Costin gesagt: �So, gr�� dich, jetzt habe ich wieder etwas Luft.�</p><p>F�r einen Moment war das Wohnzimmer vom Applaus aus der Plasma-Wand gef�llt, Wylie und Uschi vor und Seema neben ihm haben, w�hrend sie zum Sofa und dem Sessel gegangen sind, ziemlich geschnauft, etwas gest�hnt. Wylie hat sich nach vorne gebeugt, die H�nde auf seine Schenkel gest�tzt und �Oh, Oh, Oh� gemacht. Auf der R�ckseite seines roten T-Shirts hat sich ein ganz enormer Schwei�fleck gebildet.</p><p>Wylie tr�gt eines dieser T-Shirts von einer dieser Gruppen, die momentan �berall, also quasi: global, seit dem Start des ersten bemannten Raumflugs zum Mars ins Leben gerufen worden sind. Da trifft man sich so regelm��ig, schaut die t�gliche Live-�bertragung aus der <emphasis>Enterprise</emphasis>, das Raumschiff hei�t tats�chlich <emphasis>Enterprise</emphasis>, im eigens f�r die n�chsten 22 Monate auf Sendung gegangenen <emphasis>24-hrs-Mars-Channel</emphasis> an, und wenn man Gl�ck hat, kann man � ein exklusives Privileg f�r die Mitglieder in einem dieser Clubs � mal mit einem Besatzungsmitglied, zum Beispiel der einzigen Deutschen an Bord, Anneliese Fritz, eine E-Mail austauschen oder �ber Funk reden. Wylies Gruppe hei�t <emphasis>Wir z�hlen!</emphasis> Das steht auch vorne in Gelb auf seinem von seiner Wampe gespannten T-Shirt. <emphasis>Wir z�hlen!</emphasis> hei�t, das hat Costin mal in einer Reportage gesehen, da� die Club-Mitglieder am Anfang und Ende jedes Treffens f�r keine Ahnung, wie lange, die aktuell verbleibende Zeit bis zur Marslandung laut mitz�hlen, also r�ckw�rts, countdownm��ig, so quasi als Ritual. N�chsten Juli wird die <emphasis>Enterprise</emphasis> dann tats�chlich auf dem Mars landen, der Besatzung werden vielleicht doch noch nicht, wie inzwischen in Expertenrunden diskutiert, alle Z�hne ausgefallen sein, und der Kapit�n, so ein Chinese, wird beim Betreten der Marsoberfl�che irgendeinen Satz sagen � Moment. . macht der das dann auf chinesisch? Keine Ahnung. . oh, Gott.</p><p>An sich hat ja diese Uschi, die da jetzt auf dem Sofa sitzt, keinerlei �hnlichkeit mit der Uschi, die Costin kannte beziehungsweise kennt.</p><p>Das soll Bohnenstangen-Uschi sein? Wie Wylie ist sie richtig fett. Beide haben etwas von diesen Typen aus dieser US-Sitcom in den 80ern oder 90ern, <emphasis>Roseanne</emphasis>. Aber wenn sie jetzt lacht, ihren Kopf zur�ckwirft, dann ist das eindeutig Uschi, so wie fr�her, vor 30 Jahren, das Uschi-Lachen, Costin hatte das damals f�r sich Uschi-Lachen genannt, und sp�ter, wenn er jemanden so lachen sah, gedacht, da� deroder diejenige das Uschi-Lachen habe.</p><p>Als sie alle vorhin hier sa�en, Geb�ck knabberten und Wylie das erste Video der von ihm eigens f�r den Abend zusammengeschnittenen Doku, <emphasis>Die PingPongs. Von Wylie Anderson</emphasis>, einlegte, hatte Uschi erz�hlt, da� sie schon lange nicht mehr arbeite, seit sie verheiratet sei und drei Kinder habe, S�hne, zwei hatte ihr Mann, ein Banker, schon mit in die Ehe gebracht. Wylie hatte erz�hlt, er leite Jugendgruppen in Recklinghausen innerhalb eines Streetwork-Programms. Das mache Spa�. Seema war sehr still gewesen und schien alles, was so fr�her f�r sie charakteristisch gewesen war, den Seema-Blick (Kopf nach unten, hochschauen), den Seema-Kommentar (immer bitchend), den Seema-auf-die-Schulter-Klopfer, abgelegt zu haben; sie habe das Fach gewechselt, sie arbeite in der Immobilien-Branche, hatte sie mit spitzen Lippen gesagt. Costin kennt diese Art von Image-Wandel, er hat ihn oft genug bei anderen aus der Branche gesehen und sieht jetzt auch ganz klar, da� Seema, sollte es sp�ter am Abend ausgelassener zugehen, als erste am lautesten lachen, die derbsten Witze machen und ihr ganzes steifes Ich-bin-so-professionell-Gehabe in Null Komma nix vergessen haben wird, Marke: unterdr�ckte personality.</p><p>Im Video sind die <emphasis>PingPongs</emphasis> im Tourbus gesessen. Es ist die zweite Tour gewesen, mit den ersten krassen Break-up-Erscheinungen. Seema und Costin (Wohnzimmer) haben die Sessel umgedreht, um auf den Bildschirm schauen zu k�nnen. Uschi und Wylie (Video) sitzen sich in Kojen gegen�ber. Costin f�hrt wohl die Kamera, er wei� es nicht mehr. Uschi und Wylie (Video) keifen sich an, �ber irgendeinen Pipifax. Uschi auf dem Sofa hat die Uschi im Video beziehungsweise im Tourbus nachgemacht, Wylie ist sofort mit eingestiegen, voll das eingespielte Team die beiden, statt irgendwas zu sagen, machen sie �b�b�b�b�b� (schnell), lachen.</p><p>Uschi (rufend): �Wei�t du noch? Der Umpf!�</p><p>Wylie stellt die Plasma-Wand auf lautlos. Seema ist aufgestanden � na, siehste, Costin, haste es doch gewu�t �, hat Umpf!�� like in die H�nde geklatscht, steht breitbeinig da, (schreiend): �Was macht ihr denn hier f�r ne Schei�e!? Hey, ich glaubs nicht! Ihr seid das letzte! Loser! Loser seid ihr!! Hey, ich brauch Luft!!�</p><p>Costin hat sich an seiner Kr�cke hochgezogen, hat ein Umpf!�� face gemacht (Unterkiefer vor, Augen gro�): �Liegest�tz!! 20!!�</p><p>Uschi (rufend): �Wie wir in Braunschweig auf der B�hne standen und ich die Choreo vergessen hatte, das Playback ausgefallen ist und in der ersten Reihe der Typ stand, der die ganze Zeit �Ausziehen, Ausziehen� gerufen hat!�</p><p>Costin kann sich gerade nicht erinnern, da� das, was Uschi da so beschreibt, mal passiert ist. . Braunschweig? Playback ausgefallen? Das spielt aber keine Rolle, er lacht, sagt: �Genau�, Seema und Wylie lachen, sagen: �Ja, kra�.�</p><p>Es <emphasis>spielt</emphasis> aber eine Rolle, da� der Abend jetzt gerade so, ja, sch�n ist, dieses Together-Gef�hl, das da gerade ist, da� sich das, wenigstens solange sie hier sitzen, h�lt, also, da� das hier gerade nicht aufh�rt, mu� es nat�rlich, klar, aber trotzdem, genau das w�nscht sich Costin in diesem Moment.</p><p>Romy ist im Wohnzimmer gestanden. Auf dem Bildschirm winken Seema und Uschi in die Kamera, sie tragen rote Nasen, im Hintergrund erklingt das <emphasis>PingPongs</emphasis>-<emphasis>Nirvana</emphasis>-Cover <emphasis>Smells like Teen Spirit</emphasis>, Romy ruft: �Hallo, Tach allerseits, Costin hat schon gesagt, da� ihr kommt, hallo, du wirst der Wylie, du die Uschi und du die Seema sein, hallo, Romy. Ja, entschuldigt, da� ich so sp�t dran bin, ich habe diese Band, <emphasis>Erich</emphasis>, und wir nehmen gerade unser neues Album auf, und das ist diesmal alles echt schwierig, total zoffig und so, Costin hat gesagt, bei euch war das immer total harmonisch, da beneide ich euch echt drum, da� das bei euch immer so gut ging.�</p><p>Romy wei� genau, da� die Aufnahmen bei den <emphasis>PingPongs</emphasis> immer chaotisch und total unprofessionell verliefen, Zikkenalarm inklusive, sie hatte ja erst gestern mit Costin dar�ber, eher zuf�llig, gesprochen. Wenn sie jetzt so was sagt, dann ist das nicht das erste Mal, da� sie irgendwie Leute provozieren will, was allgemein OK w�re, aber eben bitte nicht jetzt.</p><p>Romy ist falsch. Costin wird das gerade klar.</p><p>Uschi: �Ja, irgendwie hat�s bei uns halt am Schlu� immer doch geklappt.�</p><p>Seema: �Ja, alles andere war bei uns nicht so harmonisch, aber die Aufnahmen waren gepr�gt von gro�em Teamgeist.� Wylie: �Ja, Aufnahmen erstes, zweites Album: astrein.�</p><p>Als Wylie gemeint hatte, er m�sse jetzt langsam, hatten pl�tzlich Uschi und dann auch Seema nach der Uhrzeit gefragt und gesagt, da� sie sich Wylie anschl�ssen. Obwohl die Wirkung der Tabletten, die ihn vorhin echt ein bi�chen dizzy gemacht haben, nachgelassen hat, und die Schmerzen im rechten Knie wieder dagewesen sind, ist Costin bei der Verabschiedung noch mit den anderen runter zum Hauseingang gehumpelt. Er hatte irgendwie so das Gef�hl, da� er das jetzt machen m�sse, weil sonst das ganze Reunion-Treffen nicht rund w�re, da� dann irgendwie was fehle.</p><p>Man verbleibt so, da� man jetzt regelm��ig Kontakt haben wird; sp�testens bei der Mars-Landung n�chstes Jahr werde man sich diesmal bei Wylie in Recklinghausen treffen (Wylies Vorschlag). Obwohl Costin wei�, da� das alles eh nichts wird und da� man sich hier vielleicht zum letzten Mal sieht, sagt er: �Ja, unbedingt, nein, das machen wir auf jeden Fall�, weil er in dem Bruchteil der Sekunde, den es nach Wylies Vorschlag still geworden ist, gedacht hat, da� er das jetzt sagen mu�.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>52</strong></p><p>Costin: �Ich schwanke noch. Ich wei�, ehrlich gesagt, nicht, ob ich das jetzt gerade hier tr�um oder ob das echt ist.�</p><p>Romy: �Aber ich verstehe das jetzt nicht. Warum erz�hlt dir diese wie hei�t sie. .�</p><p>Costin: �. . Therese Scharnagl. .�</p><p>Romy: �. . warum erz�hlt dir diese Frau das erst jetzt? Ich meine, das riecht doch nach einer faulen Sache, die da abl�uft.�</p><p>Costin: �Also von irgendwelchen finanziellen Forderungen ist in dem Brief eigentlich nicht die Rede. Da steht nur, da� sie warten wollte, bis ihre Tochter, Wendy hei�t die. .�</p><p>Romy: �Wendy! Ogottogott!�</p><p>Costin: �. . bis die 18 ist. Ihr Mann sei vor ein paar Jahren gestorben, da habe sie das sich schon �berlegt, sei aber, Moment� (nimmt Brief, liest), �bin aber dann zu dem Entschlu� gekommen, die Vollj�hrigkeit meiner beziehungsweise unserer Tochter abzuwarten.�</p><p>Romy: �Therese. Therese Scharnagl. Sagt dir der Name irgendwas? Ich meine, OK, die Vergangenheit ist die Vergangenheit, ich wei� ja selber, wie das ist, wenn du auf der B�hne stehst, da steht der oder in deinem Fall eher <emphasis>die</emphasis> s��e Kleine mit dem engen Top und dem tiefen Ausschnitt und den Wahnsinnsm�psen in der ersten Reihe und kann jedes Lied auswendig, danach steht die auch noch vor deiner Garderobe, keiner wei�, wie sie das geschafft hat, du gehst nachher noch was trinken mit ihr, bist von der Tour sowieso rallig wie ein Eichh�rnchen, und schwupps hast du ne kleine Wendy an der Backe.�</p><p>Costin: �Also, der Name sagt mir echt null. Zero. Ich kann mich eigentlich an fast alles von damals erinnern, und vor allem gabs da immer Gummis, ich versteh das jetzt echt nicht. � (Pause) �Das kann doch alles nicht sein. Da� ich seit 18 Jahren Vater von einer Wendy bin, die in Salzburg lebt, ich wei� es nicht.�</p><p>Romy: �Gib mal den Brief.�</p><p>Costin reicht ihr den Brief, sie liest laut vor und imitiert einen �sterreichischen Akzent. �16. J�nner. Lieber Herr Wallner. Das, was ich Ihnen jetzt schreibe, mu� f�r Sie sehr merkw�rdig klingen � m�glicherweise ist es auch ein Schock. Ich bitte Sie gleich im voraus um Entschuldigung blabla, da steht ja auch, da� sie sich mit dir treffen m�chte, gerne, unterstrichen. Nat�rlich nur, wenn Sie auch m�chten, na, eigentlich klingt das doch ganz nett, wahrscheinlich ist die auch noch so eine Super-Sensible, die die ganze Zeit geheult hat, als sie das geschrieben hat. Ja, also. Geh halt mal hin und mach so einen Test. So einen Vaterschaftstest. Dann haste Sicherheit.� (Imitiert Werbung) �Testen Sie jetzt Ihre Vaterschaft! Gewinnen Sie Sicherheit!�</p><p>Pause.</p><p>Costin: �Therese Scharnagl.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>53</strong></p><p>Costin: �Lustig. Lustig wars.�</p><p>Romy: �Ach, Quatsch. Jetzt bleib doch mal stehen, war es so beschissen, oder was?�</p><p>Costin: �Ne, lustig, sag ich doch. Nicht meet the parents, sondern meet your wife and daughter.�</p><p>Romy: �Jetzt erz�hl halt mal bi�chen mehr, wie war es, wie sind sie?�</p><p>Costin: �Was soll ich dir denn jetzt sagen?�</p><p>Romy: �Also, du bist in Salzburg angekommen und kommst in dieses Caf� oder was auch immer du mit dieser Therese Dingsbums ausgemacht hast. .�</p><p>Costin: �. . ich komm rein in das Restaurant, ja, und da ist ziemlich was los, aber ich seh ziemlich schnell ne Frau mit rotem Schal mit �ner jungen Frau an einem Tisch und das sind sie dann, und sie erkennen mich auch irgendwie sofort, also winken gleich, keine Ahnung, wahrscheinlich sind die mal ins Internet gegangen, mich ansehen, oder ich hab mich wirklich so wenig ver�ndert, was wei� ich.�</p><p>Romy: �Ja, und? Wendy sieht aus wie deine Mama, als sie ein Teenie war, und die Therese Dingsbums ist eine reife Frau, die etwas aus sich macht.�</p><p>Costin: �Ja, mein Gott.� (Costin hat sich in letzter Zeit angew�hnt auf alles mit �Mein Gott� zu reagieren, nachdem Bernd bei den Aufnahmen vorige Woche immerzu �Mein Gott� gesagt hat und Costin am Ende, um ihn ein bi�chen zu �rgern, Bernd nachgemacht hat. Als er wieder zu Hause war, hat Costin aber dann pl�tzlich selbst, ohne es beabsichtigt zu haben, so reflexartig, angefangen, �Mein Gott� zu sagen.) �Die Therese ist halt so, wie sie am Telefon auch schon war. Sehr nett, h�flich, �berhaupt nicht aufdringlich, irgendwie so der Typ, der sofort, wenn sie glaubt, da� jetzt gleich schlechte Stimmung aufkommen k�nnte, was Positives sagt, so dieser Typ. Wenn ich sage �Mir gehts heute schei�e�, sagt sie �Kann ich irgendwas f�r dich tun� oder �Ach, du �rmster, na, la� uns einen trinken gehen�. So dieser Typ.� (Costin wollte eigentlich eine Pause machen. Weil er aber gesehen hat, da� Romy �Ja, und �u�erlich?� sagen wollte, hat er gesagt:) �Und �u�erlich, ja, sagen wir mal: gepflegt, gell. Daf�r, da� sie um die 45 sein mu�, sieht sie schon ziemlich alt aus.�</p><p>Romy: �Ja, und die. .�</p><p>Costin: �Wendy sieht so ein bi�chen aus, wie, na, wie hei�t diese Schauspielerin aus diesem <emphasis>Titanic</emphasis>-Film?�</p><p>Romy: �Winslett. Patricia Winslett.�</p><p>Costin: �Patricia Winslett, genau. Leicht mollig, also f�nf Kilo weniger, und sie w�r ne Wucht, denke ich, aber �hnlichkeiten konnte ich jetzt eigentlich nicht feststellen, also �u�erlich, mit meiner Familie, vielleicht da� sie meine Augen hat und so die Nase von meinem Vater, aber sonst: schwierig. Und als Mensch, ja mei. Sie hat halt so auf die Tour gemacht: Du kannst ja mein Vater sein, deswegen mu� ich aber nicht nett zu dir sein, also betont desinteressiert, Kaugummi, m�chte Medizin studieren, also nur ein paarmal hat sie �berhaupt was gesagt, welche Musik ich da mit meinem Label mache, also da hab ich, glaube ich, das einzige Mal w�hrend dem Treffen, so was wie Anerkennung bei ihr gesehen, als sie geh�rt hat, da� wir Tau machen, also, das hat sie interessiert, da� ich �ne Plattenfirma habe, die die Platten von einer S�ngerin macht, die sie mag. Aber Interesse an meiner Person jetzt: null.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>54</strong></p><p>Er hat sich auf den Rand des Doppelbetts gesetzt und sich r�ckw�rts auf die Tagesdecke fallen lassen. W�hrend Romy weiter davon schwafelt, da� ihr alles �ber den Kopf wachse, die Wohnung, die Tournee, <emphasis>Erich</emphasis>, hat er mehrmals �Psst� gemacht und �Romy?� gesagt.</p><p>Immer wenn er in Salzburg bei Wendy und Therese ist, kriegt Romy die Krise. Sie kann viel �ber die Wohnung, die Tournee und <emphasis>Erich</emphasis> l�stern; die Wohnung, die Tournee und <emphasis>Erich</emphasis> sind dann aber immer nur ein Vorwand daf�r, um Luft abzulassen, weil sie sich vernachl�ssigt f�hlt (von Costin) und ein bi�chen eifers�chtig ist (auf Therese. Und auf Wendy nat�rlich. Auf wen von den beiden eigentlich mehr?), irgendwie kann Costin das ja auch nachvollziehen.</p><p>Er steht auf, streicht die Mulde aus der Tagesdecke, setzt sich an den Schreibtisch und sagt: �Romy? Ich liebe dich, OK?�</p><p>Er nimmt einen Bleistift und malt ein Achteck auf die gro�formatige Schreibunterlage, an deren unterem Rand ein Jahreskalender abgedruckt ist.</p><p>Romy sagt: �Ich liebe dich doch auch.�</p><p>Die Kirchenglocken drau�en haben die volle Stunde zu schlagen begonnen, eine hat fr�her eingesetzt als die andere, die eine schl�gt in die Pausen der anderen.</p><p>Er sagt: �Wart mal kurz�, schlie�t die Fenster, sagt: �Jetzt bin ich wieder da.�</p><p>Romy fragt, wann er heute komme. Er sagt, sein Flug sei um f�nf, er m�sse noch ins Studio bis zehn, dann komme er, sie werden sich einen sch�nen Abend machen, er sagt: �Wei�t du was, du tr�gst das einteilige schwarze Kleid, wir machen ein Candlelight-Dinner, ich sch�l dich aus dem Kleid, du bist n�mlich unwiderstehlich, wei�t du das?�, Romy fragt: �Bin ich das?�, das hei�t, er m��te jetzt eigentlich weiterreden, in diesem Tonfall, Romys Stimme klingt so, als liege sie gerade irgendwo, im Atelier vielleicht; er geht zum B�cherregal, dieses gerahmte Foto steht da, Wendy, Therese, Albert, die Architektur-Schwarten von Albert daneben, Therese hat sie seit seinem Tod nicht wegger�umt, wenn das nicht Liebe ist, Costin sagt: �Romy, ich mu� zur Jause, die warten, ich lieb dich, ja?� Albert hat einen Schnauzer, er lacht, es ist ein gl�ckliches Lachen, Albert hat ein gl�ckliches Lachen auf dem Foto.</p><p>Als Costin das Headset wieder einsteckt und zur T�r geht, hat er gesehen, da� auf der Tapete neben der T�r lange, d�nne, geschwungene hellgr�ne Bl�tter gemalt sind, er sieht sich um, tats�chlich sind die da �berall auf der Tapete, im ganzen Schlafzimmer, da neben dem Fenster, das, was er vorhin zur Seite gestellt hat, damit er das Fenster schlie�en kann, das war so eine Staffelei, Alberts Architektur-Staffelei, die lehnt da noch, in der Ecke steht so ein Fitne�-Rad, das f�llt ihm alles erst jetzt auf, er hat es vorhin nicht gesehen. Er �ffnet die T�r.</p><p>Im Flur ist einen Moment lang etwas um seine Beine gestrichen, er hat auf den Boden geschaut, es ist Wendys schwarze Katze gewesen, die Katze hei�t Scratchy.</p><p>Therese deckt gerade den Tisch. Sie fragt, ob alles OK sei. Sie sagt, es gebe Linzer Torte. Sie habe das Rezept von einer Kollegin in der Schule, deren Vater Konditor gewesen sei, es sei ein ganz besonderes Rezept, die Kollegin habe einen schweren Stand, Therese sei ihre einzige Freundin, �so, jetzt lege ich die Teller hin�, sagt Therese, �neue Gl�ser brauchen wir eigentlich nicht, ach, was habe ich denn da auf dem �rmel, ich habe mich wohl irgendwie angespritzt vorhin, wie ich Schlagsahne geschlagen habe.�</p><p>Costin ist sich sicher, da� Therese all das auch sagen w�rde, wenn er nicht da w�re, da� sie so auch weiterredet, wenn sie allein ist, nur f�r sich, ein unaufh�rlicher Schwafelstrom, der all ihre T�tigkeiten begleitet, so, jetzt steh ich auf, so, jetzt geh ich kacken, so, jetzt geh ich die Stra�e entlang. Sie hat ihm auch schon �ber ihre Sch�ler, ihren letzten Urlaub in Nizza, ihre Hoffnungen und W�nsche f�r die Zukunft, die unh�fliche Bedienung an der Fleischtheke beim <emphasis>BILLA</emphasis> nebenan, ihre Liebe zu Albert und die schwere Zeit nach seinem Tod erz�hlt; w�hrenddessen hat sie geweint, und Costin hat sie zuerst nicht in den Arm nehmen wollen, dann aber doch in den Arm genommen.</p><p>Therese mu� Costin nicht alles erz�hlen. Es ist ihre Sache. Wenn sie es will. Costin h�rt halt zu, mittlerweile fragt er auch ab und zu nach, so pro forma. Von sich beziehungsweise von sich und Romy erz�hlt er ihr aber nur wenig, wenn Therese ihn fragen w�rde, w�rde er ihr ausweichen; wenn Wendy ihn fragen w�rde, was sie bis jetzt noch nicht getan hat, w�rde er ihr alles erz�hlen.</p><p>Costin: �Kommt Wendy auch?�</p><p>Therese: �Die ist noch in ihrem Zimmer. Holst du sie?�</p><p>Therese sagt, da� Wendy noch nicht genau wisse, was sie eigentlich wolle, sie wolle Medizin studieren, gut, Therese glaubt aber nicht, da� sie, Wendy, es auch tats�chlich tue, Wendy habe diesen Teenager-Traum, Gutes zu tun, die Welt zu �ndern et cetera, sie schreibe viel Tagebuch, auch so Gedichte, glaube sie, Therese, ihre beste Freundin hei�e Esther, einen Freund habe sie noch nicht gehabt, sie h�nge noch sehr an ihrem Vater, also Albert, Entschuldigung, und m�sse sich erst an den Gedanken gew�hnen, da� Costin ihr wirklicher, also, Vater sei, sie m�ge ihn, Costin, eigentlich, Therese wisse das � woher, das sagt sie nicht �, Wendy sei ein sensibles M�dchen, ein bi�chen altklug manchmal, ihr Lieblingsgericht sei Broccoli-Suppe.</p><p>Auf Costins Frage hin, was er nur tun solle, hat Therese seine Hand ergriffen, was OK war in diesem Moment, es hat ihn getr�stet, weil er schon irgendwie aufgew�hlt ist, in dieser neuen Rolle, als Vater, und er das Gef�hl hat, er verhalte sich falsch; Therese hat also seine Hand ergriffen, ihn verst�ndnisvoll angeschaut und gesagt, er solle doch nur ein wenig Geduld haben, nur Geduld, das sei jetzt alles schwer, aber das werde schon, sie wisse das.</p><p>Er klopft an Wendys T�r. Von drinnen kommt Wendys Stimme: �Herein.�</p><p>Wendy sitzt am Computer und starrt auf ihren Bildschirm und tippt sehr schnell, sie lacht kurz auf, sie chattet wahrscheinlich.</p><p>Sie sagt: �Jause, ich wei�, komme gleich.�</p><p>Costin geht nicht ins Zimmer, sondern bleibt auf der T�rschwelle stehen. Er m�chte damit zeigen, da� er sich Wendy nicht aufdr�ngen will, nicht rumschn�ffeln, er h�tte es geha�t, wenn sein Vater das getan h�tte. Neben Wendys Megadisc-Player liegt die Megadisc, die er ihr letztes Mal, letzten Monat, mitgebracht hat, das registriert er, �ber dem Schreibtisch h�ngt das Poster einer Schauspielerin, die er auch kennt, aus dem Fernsehen, und die ziemlich gut aussieht � aber h�ngen M�dchen in dem Alter nicht eher Poster von jungen knackigen M�nnern mit Waschbrettb�uchen auf, er wei� es nicht; er m�chte, da� Wendy merkt, da� er sich absichtlich nicht n�her umsieht in ihrem Zimmer, aus Respekt, er m�chte, da� sie merkt, da� er sie respektiert, er sagt: �OK, ich bin dann wieder im Speisezimmer mit Therese, ja?� und l��t die T�r offen. Im Flur h�rt er, da� Wendy den Computer herunterf�hrt, wie sie aufsteht, sich r�uspert.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>55</strong></p><p>Auf der linken Seite des Flugzeugs, das jetzt, beim Start, eine Schieflage eingenommen hat � Costin wird in den Sitz gedr�ckt �, ist noch einmal die Stadt als ein Gewirr von geschwungenen Linien, sind die Stra�en, Pl�tze aus Licht aufgetaucht, der Berg mit der Festung schwarz vor dem Himmel, der noch erstaunlich hell gewesen ist, tiefblau.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>56</strong></p><p>�Olaf?�</p><p>�Paolo?�</p><p>�Olaf?�</p><p>�Ludwig?�</p><p>�Cos-tin!�</p><p>�Costin?�</p><p>�CO!�</p><p>Es besteht kein Zweifel: Bei dem abgemagerten Mann mit der schwachen Stimme, der, Kissen im R�cken, aufrecht im Bett sitzt, die Maske eines Beatmungsger�ts in der linken Hand h�lt und lediglich die vertrauten braunen Augen besitzt, bei diesem Mann mu� es sich um Olaf � jetzt Ex-�Big Daddy� � Erdrich handeln. Die Schwester, der Costin gesagt hat, er wolle zu Herrn Erdrich, hat ihn durch den Flur des zweiten Stocks zu dieser T�r gef�hrt.</p><p>Einzelne wei�e H�rchen stehen, wohl �briggeblieben von der schlechten Rasur, von Olafs Gesicht und Hals ab. Costin reicht Olaf die Hand. Olaf hat einen Moment lang, als er ebenfalls den Arm gehoben hat und sich etwas vorbeugen mu�te, um Costins Hand zu ergreifen, das Gesicht vor Schmerz verzerrt; ansonsten l�chelt er, hat die ausged�nnten Augenbrauen ein klein wenig nach oben gezogen.</p><p>Costin fragt: �Wie geht�s, Olaf?�</p><p>Olaf sagt: �CO. Das ist ja witzig. Da� du hier bist, CO. Vor zwei Wochen hat mich die Seema besucht. Sie hat ja jetzt� � Olaf Erdrich f�hrt die Maske zum Mund, atmet ein, aus, spricht weiter � �das mit ihrer zweiten Karriere durchgezogen. Knallhart. War sie ja immer schon. Knallhartes M�dchen. Ich habe gesagt, ich finde das gut, habe ich gesagt. Weil sie hat ja noch immer diese Ausstrahlung, CO. Das ist ja sehr selten. Der gute alte Olaf Erdrich hat recht gehabt. Da siehste mal. Der alte Olaf Erdrich. Aber ich bin unh�flich. Wie geht�s, CO?�</p><p>�Ja, Olaf. Du wei� ja, wie es ist ��</p><p>Olaf Erdrich f�hrt die Maske zum Mund, atmet ein, aus, sagt: �Also pa� auf. Ich sage dir mal was. Entschuldigung, da� ich das jetzt hier mal so. Na gut also. Ich habe einen Bandscheibenvorfall, wie sich herausstellt. Der gute alte Olaf Erdrich hat einen Bandscheibenvorfall. Ist schon l�nger her, mu� ich dazusagen. Ich liege im Wohnzimmer. Auf dem Boden. Ich kann mich kaum bewegen. Das Handy liegt im Akku. So. Da kommen <emphasis>A, B, C</emphasis>, du kennst sie ja, die kommen von unten, vom Spielen. Sie wohnen bei mir. Die sehen mich da liegen, verarzten mich pronto und rufen. .� � Olaf Erdrich f�hrt die Maske zum Mund, atmet ein, aus, spricht w�hrenddessen weiter.</p><p>Costin kennt die Geschichte. Wylie hat sie ihm bei den Aufnahmen zum ersten oder zweiten Album erz�hlt. Olaf Erdrich kommt ins Krankenhaus. H�tte er l�nger in seinem Penthouse gelegen, h�tte es zu bleibenden Gesundheitssch�digungen kommen k�nnen, wie sich herausstellte. Olaf Erdrichs Moral der Geschichte: Am Ende zahlen sich Offenheit und Gutherzigkeit in einem harten Gesch�ft wie dem der Musik immer aus. Costins Moral der Geschichte: La� es nie soweit kommen, da� du vor peinlichen Nachwuchsbandmitgliedern hilflos auf dem Boden zappelst. Dann lieber sterben. Allein. Privatsph�re forever!</p><p>Costin hat genickt, �Jajaja� gesagt, kurz aufgelacht und sich umgedreht. In der Ecke ist einer dieser alten Flachbildfernseher eingelassen, der ein untr�gliches Zeichen daf�r ist, da� das Pflegeheim wohl auch schon bessere Tage gesehen hat.</p><p>Costin wendet sich wieder Olaf Erdrich zu, der weitererz�hlt hat. Costin sagt: �Jajaja� und sieht Romy vor sich. Er kommt in das Atelier, sie sitzt mit dem R�cken zu ihm am Computer und probiert einen Song aus. Romy hat sch�nes Haar, schulterlang, gewellt, br�nett; seit sie dieses Shampoo benutzt, riecht es nach Brombeeren. Sie sagt: �Hallo�, ohne sich umzuwenden. Dadurch, da� sie die Stirn leicht gerunzelt hat, tritt im Profil ihre Nase st�rker hervor. Er l��t seine Hand von hinten ihre Schultern entlang, unter ihre weiche ockerfarbene Strickjacke, ihr T-Shirt gleiten, fa�t ihre Brust, die sich wegen des BHs nicht weich, sondern hart anf�hlt. Er beugt sich vor, um ihren Hals zu k�ssen.</p><p>Olaf Erdrich f�hrt die Maske zum Mund, atmet ein, aus, sagt, da� er jetzt ein wenig Ruhe brauche, CO wisse schon, er k�nne ihn aber jederzeit besuchen. Jederzeit. Er streckt beide Arme aus, als Costin aufsteht, umarmen m�chte Costin Olaf wirklich nicht, da� er ihn besucht hat, mu� gen�gen.</p><p>Olaf Erdrich sagt: �Also. Bis dann, CO. Wir sehen uns, CO. Ja? Machs gut, CO, ne?�</p><p>Im Erdgescho� ein Stockwerk tiefer nimmt sich Costin auf dem Weg zum Ausgang vor, auf die allgemeine Stimmung im Pflegeheim zu achten, um herauszufinden, ob er sich so etwas in der Art f�r sich selber vorstellen k�nnte, in 20 Jahren vielleicht, falls ihm nicht, was nat�rlich am sch�nsten w�re, die Gnade eines pl�tzlichen Tods zuteil w�rde, wie Ana es immer bez�glich Tata sagte, das war ihr Ausdruck gewesen, �die Gnade eines pl�tzlichen Tods�. Durch die gro�en Fenster des Flurs kann Costin in den Fr�hst�cksraum gegen�ber sehen, der zum Pflegeheim geh�rt. Hinter der Glasfront links bewegen sich Gestalten auf Laufb�ndern, rechts ist ein Schwimmbad, eine dicke Frau in einem grellen einteiligen Badeanzug sitzt am Beckenrand. In der Empfangshalle, wohl so etwas wie ein Aufenthaltsraum, stehen Flipperautomaten an der Wand, an Tischen spielen Senioren Dame oder Schach oder so. Die Alten haben ein verdammtes Entertainment-HQ hier.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>57</strong></p><p>Eigentlich w�rde er auch mal gern woanders spazierengehen, nicht immer hier, diesen Feldweg an der Salzach entlang, durch den Gatsch (er benutzt jetzt �fters das Wort �Gatsch�, nachdem er Wendy es hat sagen h�ren, vielleicht ist das so ein typisch �sterreichischer Ausdruck, aber es kann auch sein, da� er fr�her in Cham immer �Gatsch� gesagt hat und es dann, seit er weggezogen ist, vergessen hat); der einzige Grund, warum er sich tats�chlich freut, hier spazierenzugehen, wenn er in Salzburg auf Besuch ist und Therese in der Wohnung die Jause vorbereitet, ist, da� ihn Wendy begleitet, da� er hier mit Wendy mal allein sein und einfach so reden kann, das hat sich so eingeb�rgert, Therese: Jause, Wendy und er: Spaziergang an der Salzach.</p><p>Gleich bei Costins erstem Besuch hatte Therese vorgeschlagen, er und Wendy sollten doch zusammen einen Spaziergang machen, was wohl in die Kategorie �Gut gemeint, aber trotzdem Schei�e� fiel. Denn als Wendy durchblicken lie�, da� sie absolut keinen Bock habe, hatte ihr Therese einen b�sen Blick zugeworfen. Folge: Wendy, dieses wie auch die n�chsten Male, superschlecht gelaunt. Costin hatte sein Smalltalk-Programm gestartet (�Und? Was macht ihr so in der Schule gerade?� oder: �Und? Was machst du in den Sommerferien?� und so weiter), aber dann gemerkt, da� er hier nur verlieren konnte. Wendy hatte gerade mal mit �Wei� nicht� geantwortet oder irgendwas gemurmelt; ansonsten hatte sie, die H�nde in den Taschen ihres rosa Mantels, auf den Weg, den �Gatsch� gestarrt. In der Stille waren Costin die Ger�usche, das Rauschen der Salzach, das Rascheln der B�sche, die Glocken in der Ferne und jedes Gr�� Gott von entgegenkommenden Spazierg�ngern besonders laut erschienen und hatten ihn zu dem Schlu� kommen lassen, da� das Ganze hier, Vater und Tochter spielen � obwohl sie es ja faktisch sind �, eigentlich superpeinlich war. Keine Ahnung, wie das gehen sollte, Help! (<emphasis>Beatles</emphasis>)</p><p>Bei diesem Zustand war es gl�cklicherweise nicht geblieben. Therese hatte gesagt, Costin k�nne Wendy ruhig auch ein bi�chen zu was dr�ngen, er m�sse keine Angst haben, Albert habe ihr immer alles durchgehen lassen, sie sei die verw�hnte Prinzessin; wenn Costin jetzt so werden wolle wie Albert, sei das definitiv der falsche Weg. Einfach so sein und sagen, wie und was du willst, w�rde ich sagen, hatte Therese gesagt.</p><p>In Zukunft hatte also Costin vor der Jause zu Wendy gesagt: �Gehen wir?�, und Wendy war wohl oder �bel mitgetrottet. Auf Costins Fragen, die noch immer gr��tenteils aus dem Abspulen des Smalltalk-Programms bestanden, hatte Wendy jetzt schon ein bi�chen mehr geantwortet, immer extrem schnell, kurz angebunden, von Costin abgewandt, so da� sich Costin gedacht hatte, M�del, w�re ich mit allen Befugnissen eines Big Daddys ausgestattet, ich w�rde dir erst mal Benehmen gegen�ber sogenannten Respektspersonen beziehungsweise solchen, die es noch werden wollen, beibringen � aber immerhin: Wendy sprach. Trotzdem war er sich dann, sobald sie vom Spaziergang nach Hause kamen, er noch seine Schuhe im Flur auszog und Wendy pl�tzlich mit Therese dr�ben in der K�che drauflos redete, wie der letzte Depp vorgekommen. In diesen Momenten w�re er gerne einmal kurz Therese gewesen, um Wendys freudestrahlendes Gesicht zu sehen und sie statt, entfernt, aus der K�che, direkt vor sich plappern zu h�ren.</p><p>Ihr freudestrahlendes Gesicht (Wendy hat ja wirklich dieses fast schon radioaktiv zu nennende Strahlen: Augen zu, Grinsekatzez�hne zeigen) sieht er genau in diesem Moment, hier auf dem, er wei� nicht wievielten Spaziergang an der Salzach, endlich vor sich � au�erdem plappert Wendy total unbek�mmert drauflos. Konkreter Grund: Wendy will nach Oxford. So f�r ein Jahr. Studieren. Therese hat Costin gesagt, da� das seine Chance sei. Therese wird so tun, als sei sie dagegen, obwohl sie in Wirklichkeit daf�r ist. Costin kann Wendys Partei ergreifen und ihr in Diskussionen mit Therese zeigen, wie sehr er sich f�r seine Tochter einsetzt. Bei Costins letztem Besuch haben er und Therese gestritten. Wendy ist dabeigewesen. Costin hat die Argumente f�r Wendys Jahr in Oxford aufgez�hlt, die sie, Therese, ihm, als sie allein waren, aufgez�hlt hatte.</p><p>Wendy, in ihrem schwarzen Vintage-1970er-Parka � das M�del hat einen Vintage-Fimmel, alle ihre Klamotten sind entweder Original 20. Jahrhundert oder auf alt gemacht �, hat sich jetzt bei Costin eingeh�ngt, sie st�tzt ihn und hilft ihm �ber die Pf�tzen, die sich nach dem Fr�hlingsgewitter am Vormittag auf dem Feldweg gebildet haben. Fr�her hatte ihm Wendy null geholfen, hatte sogar mit den H�nden in den Hosentaschen daneben gestanden und unt�tig zugesehen, wie Costin einen auf Opa gemacht hatte und bei den kleinen Steigungen des Wegs oder bei den Stiegen im Haus extra auffallend langsamer wurde, schwankte, st�hnte (leise).</p><p>Und Wendy labert. Sie habe neulich <emphasis>Sydney Story</emphasis> im Kino gesehen, das sei ein ganz toller Film, Costin habe wahrscheinlich davon geh�rt, �Ja�, sagt Costin (hat er aber in Wirklichkeit nicht), alternder Schauspieler verliebt sich in junges gelangweiltes M�dchen, beide aus Berlin, et cetera, sie und Esther wollen jetzt unbedingt auch mal nach Sydney, Costin sagt, Sydney sei schon sch�n, sie wisse ja, er habe da mal ein paar Jahre down under gelebt. �Echt�, sagt Wendy und schaut ihn an, begeistert, �Sydney? das mu�t du mir mal erz�hlen�, sie sagt: �Ich habe aber zur Zeit voll die Angst, meinst du, da wird irgendwas aus dieser Taiwan-Krise?� � China l��t seit ein paar Tagen angeblich mit Atomraketen best�ckte Kriegsschiffe vor Taiwan kreuzen, man wei� nicht, wie die USA reagieren werden � �Meinst du, ich kann mal mit ins Studio zu euch�, fragt Wendy, sie sagt: �Die Uni ist ziemlich gut, endlich mal ne Herausforderung, ich brauch halt mehr Disziplin, ich seh das schon, es gibt so viele tolle B�cher, besonders alles, was sich so mit <emphasis>gender</emphasis> auseinandersetzt, Papa� � hier ist es tats�chlich passiert, it finally happened: Wendy hat heute, am 18. April um 16:20 Uhr (gef�hlte Zeit), Costin zum ersten Mal �Papa� genannt �, �Esther ist echt meine beste Freundin, ich mu� sie dir mal vorstellen, Mensch, ich laber schon wieder soviel, aber ich bin einfach so happy, weil das mit Oxford geklappt hat, ja, und weil, weil wir, also du und ich, uns jetzt endlich angefreundet haben, ich habe ja schon lange versucht, da irgendwie einen Draht zu dir zu bekommen, aber du warst immer so irgendwie, aber ist ja auch egal, wei�t du, also, oder?�</p><p>Costin hat nichts gesagt, sondern nur den Arm um ihre Schulter gelegt. Er wei� nicht, was er da jetzt am besten sagt. Sie sind an dieser Stelle mit der Bank und dem sch�nen Ausblick auf die Stadt mit dem M�nchsberg im Hintergrund stehengeblieben. Wie immer, wenn sie an dieser Stelle stehen, mu� Costin an diesen alten Film denken, den Ana so gern hatte und den er, noch wie er klein war, ja, man mu� sagen: gezwungen war anzusehen, dieses furchtbare Musical, eigentlich nach rein geschmacklichen Kriterien ein Horrorfilm, �ber diese �sterreichische Familie, die im Dritten Reich in die USA auswandert, <emphasis>The Sound of Music</emphasis>, genau, so hie� der, da stand diese schwarzhaarige US-Schauspielerin, die eine �sterreichische Mami spielte � war es Audrey Hepburn?�� , mit ihrer Riesenfamilie � wie viele Kinder hatte die denn, bitte? 20? �, da standen die also im Film auch mal an einer Stelle an der Salzach, vielleicht war das ja auch hier gedreht worden, er m��te sich mal schlau machen, diese Aussicht, die man dann da im Film gesehen hatte, die hatte tats�chlich ziemlich viel �hnlichkeit mit der, die Wendy und er jetzt gerade vor sich haben, vielleicht auch deshalb, weil gerade das Licht irgendwo so hell ist und dadurch alle Farben st�rker wirken, so frisch, wie das eben so ist nach einem Unwetter oder eben manchmal im Film, in so alten Technicolor-Teilen, aber vielleicht ist er auch nur gerade so gl�cklich, hier mit Wendy, und er bildet sich das alles blo� ein.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>58</strong></p><p>Da ist ein gro�er hellblauer Fleck und ein etwas kleinerer bunter, links und rechts von seinem Bett. Von seinem Bett? Moment. . warum liegt er denn in diesem Bett hier? Er ist zusammengeklappt. Richtig. In der Hotellobby ist er gerannt und hingefallen, nein, Moment, das war wann anders, er konnte sich nicht mehr bewegen, und Romy hat ihn ins Krankenhaus gefahren. Er ist im Krankenhaus. Ja. Ein Arzt hatte doch hier vor ein paar Wochen, zwei, drei, h�chstens drei, gestanden, an seinem Bett, war das nicht dasselbe Zimmer gewesen? irgendwas von Verdacht auf Thrombose hatte der gesagt, von einer akuten Situation. Der Termin f�r eine Operation war der Donnerstag gewesen, ja, sie hatten ihn operiert, und er hatte diese Angst gehabt, da� sie ihm sein Bein abnehmen, da� er sein rechtes Bein verliert, obwohl die Schmerzen kaum mehr auszuhalten waren, davor hatte er Angst gehabt, da� er nach der Narkose aufwacht, und sein Bein ist nicht mehr da, sie hatten sein Bein drangelassen. Ja. Er wird jetzt gleich noch mal nachsehen. Ob es da ist. Es hatte zu Hause im Apartment Megastre� gegeben. Mit Romy. Richtig. Als die Rede davon war, da� entweder sie ihn pflegt oder da� jetzt eine Pflegerin kommt. Romy war total hysterisch geworden. Sie hatte zwar vor der Operation gesagt, sie k�mmere sich zu Hause um ihn, aber nach der Operation war es losgegangen, das kann ich nicht, das ist zuviel, wer bin ich denn. Genau. Er m��te noch mal dringend mit Julian reden. Nein. Mit Jo. Wo ist Jo? Er m�chte sich bewegen. Er kann sich nicht bewegen. Warum kann er sich nicht bewegen? Es ist ja eigentlich alles gekl�rt. Da� das Label nicht an einen Major verkauft wird. Da� Jo und Jennifer es weiterf�hren. Das ist doch alles besprochen worden. Bevor er hierherkam. Haben sie das alles besprochen? Er glaubt sich da an eine letzte Sitzung bei ihm zu Hause zu erinnern, im Wohnzimmer, sie hatten Pfefferminztee mit Rum getrunken. Ja. Als es ihm schon so schlechtgegangen war, hatten sie sich zusammengesetzt und einen Plan gemacht, was wenn und so weiter. Jo und Jennifer k�nnten verkaufen. Sie haben die Vollmacht. Sie k�nnten. Er kneift die Augen zusammen. Er versucht, den hellblauen und den bunten Fleck, links und rechts von seinem Bett, zu fixieren.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>59</strong></p><p>W�hrend er vor der Haust�r auf Romy wartet, die noch den Briefkasten am Gartenzaun ausleert, hat er Stretching-�bungen gemacht. Er bekommt nach dem gemeinsamen morgendlichen Joggen, hier, zwischen Tutzing und Starnberg am See entlang, ab und zu einen Krampf im Oberschenkel. Sein Orthop�de hat ihm da ganz gute �bungen gezeigt. Wenn wie jetzt der Wind vom See zu ihrem Bungalow her�berweht, kann man sich schnell erk�lten, so verschwitzt, wie er jetzt da steht.</p><p>�Kommst du dann, Schatz?� ruft er Romy zu.</p><p>Bevor sie die Haust�r aufsperrt, hat Romy ihm einen Ku� auf die Wange gegeben. Ihr Gesicht ist ganz kalt gewesen. Im Flur ist ihnen Lily um die Beine gestrichen. Er hebt sie am Nacken in die H�he, h�lt sie wie ein Baby und sagt: �Na, meine Sch�ne, hast du mich vermi�t, hast du Papa vermi�t?�</p><p>Romy kleben die Haare in der Stirn. Sie �ffnet ihre Trainingsjacke, auf ihrem orangen T-Shirt steht <emphasis>Wir z�hlen!</emphasis>�� warum steht da <emphasis>Wir z�hlen!</emphasis>? �, ihre Br�ste zeichnen sich darunter ab.</p><p>Dieses Bild. Wie Romy so da steht. Irgendwie freut er sich, jetzt endlich ein ganz normales Leben f�hren zu k�nnen, doch noch verheiratet zu sein, wer h�tte das gedacht? vorbei der ganze Stre� mit dem Label et cetera.</p><p>Romy l�chelt ihm zu. Er liebt Romy. Romy liebt ihn.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>60</strong></p><p>Es ist die Wohnung, in der er zusammen mit Mama in Bukarest gewohnt hat. Er zeigt Wendy die K�che. Wendy hat sich bei ihm eingeh�ngt. Wie damals, bei ihrem letzten gemeinsamen Spaziergang, kurz bevor sie nach Oxford gegangen ist. Nichts hat sich ver�ndert. Der nigerianische Flickenteppich ist noch da, der Tisch mit den abgeschlagenen Beinen, die Tageszeitungen darauf.</p><p>Er sagt: �Also, hier habe ich so ungef�hr ein halbes Jahr zusammen mit meiner Mutter gewohnt.�</p><p>Wendy h�rt aufmerksam zu. Sie hat Interesse. Er geht zusammen mit Wendy in Regensburg von der Tiefgarage zum Haus von Frau Mayer.</p><p>Er sagt: �Frau Mayer ist, wie ich ein Teenager war, meine Gesangslehrerin gewesen.�</p><p>Wendy fragt: �Du hast Gesangsunterricht gehabt als Teenager?�</p><p>Er sagt: �Ja.�</p><p>Wendy sagt: �Toll.�</p><p>Sie stehen am Kai in Cairns. Das Meer ist ruhig. Es ist angenehm warm.</p><p>Wendy sagt: �Danke f�r die Reise und die Tage in Sydney. Das war total sch�n.�</p><p>Er klingelt an der Haust�r. Wylie �ffnet. Er stellt Wylie Wendy vor. �Das ist meine Tochter. Wendy. Sie studiert in Oxford.�</p><p>Seema und Uschi warten schon im Wohnzimmer. Sie werden sich zusammen die Mars-Landung ansehen. Wendy hat gesagt, da� sie gerne mitkommen w�rde. Er klingelt an der Haust�r des Hauses, in dem sie in Cham zuletzt gewohnt haben. Eine �ltere Frau �ffnet.</p><p>Sie sagt: �Ich erkenne Sie. Sie sind Costin Wallner. Der mit der Plattenfirma.�</p><p>Er sagt: �Ja. Ich bin hier mit meiner Tochter. Sie hat mich gebeten, da� ich ihr einmal zeige, wo ich so herkomme. Sie interessiert sich f�r mein Leben.�</p><p>Die �ltere Frau sagt: �Na, Sie haben aber eine tolle Tochter. Und gut sieht sie auch aus. Na, kommen Sie mal rein.�</p><p>Sein ehemaliges Kinderzimmer im Keller hat sich eigentlich gar nicht ver�ndert. Da steht noch das Christopher-Bett, der Schrank mit den Comic-Stapeln.</p><p>Costin sagt: �Ja. Also richtig lange gewohnt habe ich hier eigentlich nicht, aber im ersten Haus in Cham hat es ungef�hr genauso ausgesehen. Ja. Das hier ist mein Zimmer gewesen.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>61</strong></p><p>Der linke hellblaue Fleck, der jetzt langsam an Konturen gewinnt, das mu� Jo sein. Er spricht wie Jo. Jo ist treu. Der Fleck mu� Jo sein. Er hat gerade �Costin� gesagt. �Es ist ja alles gut� oder �alles OK� oder so. Das Summen ist etwas schw�cher geworden. Daf�r ist das Piepen jetzt wieder zu h�ren. Dieses hohe C. Regelm��ig. Der bunte Fleck rechts hat ungef�hr Wendys Statur. Es wird Wendy sein. Gestern ist sie doch noch gekommen. Ja. Gestern oder vorgestern hat Wendy pl�tzlich an seinem Bett gestanden und gesagt, sie sei jetzt da. Sie bleibe jetzt. Oder es ist Romy. Nein. Romy gibt es nicht mehr. Richtig. Romy ist doch dann bei ihm ausgezogen, weil sie nicht mehr konnte oder weil ihr das alles zuviel wurde. Ja. Wendy. In einem dunkelblauen Kleid mit roten und gelben Blumen. Jetzt kommt wieder der Schmerz. Immer zuerst das Pieksen. Lauter kleine Punkte, die pieksen. Dann das Stechen, jetzt in der Wange, links, in den Fingern auch schon, links, im Arm, den Zehen. Dann rechts. Eigentlich d�rfte er doch rechts gar nichts sp�ren. Nach einem Schlaganfall sp�rt man doch nichts auf der Seite, die gel�hmt ist. Aber der Schmerz ist trotzdem da. Komisch. Nennt man das Phantomschmerz? Er wird diesmal nicht st�hnen. Das nimmt er sich fest vor. Nicht st�hnen. Er st�hnt. Es ist nicht zum Aushalten. Er hat gest�hnt, und Wendy, es mu� Wendy sein, hat irgend etwas gerufen, ist n�her gekommen, und jemand in Wei�, die Krankenschwester, der Pfleger, irgendwer, ist an sein Bett getreten, sein linkes Bein hat er schon ganz gef�hlt, bis zur H�fte. Sein ganzes linkes Bein. Als ob es brennt, als ob er verbrennt. Die Stimme des Pflegers, es ist ein Pfleger, die Ger�usche vom Ger�test�nder hat er geh�rt, gleich wird es kommen, das Morphium, es wird sicher kommen, gleich, vielleicht in f�nf Sekunden, er hat das doch mal gez�hlt, gerade dann, wenn man denkt, man h�lt es nicht mehr aus, eins, zwei, drei, vier, f�nf. Dann ist der Schmerz in seinen Fingern weg, verschwindet das Gef�hl aus seinem Arm, verschwinden sein Arm, Bein, die Zehenspitzen. Auch die beiden Flecken am Bettende sind geschrumpft, sind jetzt ganz klein. Ihm ist �bel geworden, schwindelig, er mu� die Augen zumachen. Es summt jetzt wieder in seinen Ohren. Es summt. Kann das? Ist es? Dieses Summen. Das Summen von Fl�geln. Den Fl�geln eines Riesenmaik�fers, der Dinu hei�t, Dinu Mai, und dieses Gef�hl zu schweben, zu fliegen. Costin l�chelt. Er kennt schon die Aussicht, die sich ihm bieten wird, wenn er jetzt zu blinzeln beginnt, vorsichtig, wegen des Gegenwindes, die Augen aufmacht und sich vorstellt, was ihm wohl der dicke Dinu gleich sagen wird. .</p></section><section><title><p>~ ~ ~</p></title><p><image l:href="#2"/></p></section><section><title><p>~ ~ ~</p></title><p><image l:href="#3"/></p></section><section><title><p>~ ~ ~</p></title><p><image l:href="#4"/></p></section><section><title><p>~ ~ ~</p></title><p><image l:href="#5"/></p></section><section><title><p><strong>Wendy macht Geschichte</strong></p></title><p><strong>01</strong></p><p>Und dann der hohe Ton, der jetzt schon eine Ewigkeit erklungen ist, der hastig gesprochene Dialog zwischen dem Arzt und der Krankenschwester, seine Frage nach Puls, Atmung, ihre immer gleiche Antwort, nach jedem Elektroschock, durch den Costin, durch den ihr Papa auf dem Bett in die H�he geworfen wurde, den R�cken durchgestreckt, und dann pl�tzlich � � Ruhe.</p><p>Jemand schaltet die Apparate neben dem Bett ab.</p><p>Sie hat die ganze Zeit wie angewurzelt auf der anderen Seite des Zimmers gestanden und auf ihren Papa, sein Gesicht gestarrt, das sch�ttere schwarzsilberne Haar, die gar nicht blassen, sondern leicht ger�teten Wangen, w�re der Schlauch nicht, er s�he so aus, als lebe er noch, w�rde die Hand heben, gleich was sagen, irgendwas.</p><p>Erst als der Arzt den Mundschutz herunterzieht, die Handschuhe abstreift und der Schwester in demselben Tonfall, in dem er vorhin die Fragen an sie gerichtet hatte, diktiert: �Bitte notieren Sie, Zeitpunkt des Todes. .�, da will Wendy zum Bett vor, ruft sie: �Aber der lebt doch noch! Der ist doch gar nicht tot, der ist. .�</p><p>Jo hat sie zur�ckgehalten. Sie hat die Krankenschwester, den Arzt angeschaut, die Blicke sind mitf�hlend gewesen, die Schwester sagt: �Kommen Sie, Frau Scharnagel, jetzt setzen wir uns dorthin.�</p><p>Wendy will nicht mitf�hlend angeblickt werden. Sie will ihrem Vater noch etwas sagen. Sie m�chte mit ihm sprechen k�nnen. Und sie dreht sich um, sie weint, und dr�ckt sich an Jo und w�nscht sich, Jo w�re in diesem Moment Esther, und sie weint in Jos Pulli, der nach Waschmittel riecht, �Aber ich will dem Papa doch noch was, ich m�chte doch noch dem Papa.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>02</strong></p><p>Und sie geht in ihrem Hotelzimmer zum x-ten Mal auf und ab, inzwischen nimmt sie die M�bel, den Teppich, das Fenster gar nicht mehr wahr, st�ndig sieht sie nur dieses Bild vor Augen, wie Costin daliegt. . wie sich sein R�cken durchstreckt vom Elektroschock. . dieser Schlauch in seinem Mund. . und sie f�hlt dann wieder dasselbe Gemisch aus Angst und Panik, das sie vor ein paar Stunden im Krankenhaus gef�hlt hat, sie m�chte jetzt nur, da� Esther endlich da ist, Esther hat gesagt, ihr Flieger komme um sieben, es ist doch schon nach sieben, Esther mu� doch schon gelandet sein, Esther mu� bald kommen, sie mu� in sp�testens einer Stunde an die T�r klopfen, Wendy denkt, vielleicht wird sie �ber das hier gerade mal etwas in ihr Notebook schreiben, wie sie hier in einem Hotelzimmer in Berlin-Mitte hin und her l�uft, wie sie auf Esther wartet, wie ihr Papa gestorben ist, wie er ausgesehen hat, da, im Krankenhaus, aber sp�ter einmal, jetzt kann sie das nicht, jetzt hat sie keine Ruhe.</p><p>Sie legt sich ins Bett und steht wieder auf.</p><p>Sie schaltet die Plasma-Wand ein und schaltet sie wieder aus.</p><p>Sie setzt sich an den Schreibtisch, um etwas am aufgeklappten Laptop in ihr Tagebuch zu schreiben.</p><p>Und der Cursor hat hinter dem �21. Oktober� geblinkt und geblinkt und geblinkt, und sie steht wieder auf.</p><p>Sie zieht sich die Hose runter, die Unterhose, setzt sich aufs Klo, und sie steht wieder auf, weil sie nicht pinkeln kann.</p><p>Sie schaltet die Plasma-Wand an und schaltet sie wieder aus.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>03</strong></p><p>Und Esther fl�stert ihr ins Ohr: �Ist ja gut, es ist ja gut� und h�lt sie und wiegt sie hin und her, und Wendy weint in ihre Schulter und sp�rt, wie Esthers Bluse ganz na� wird, und sie schaut Esther an und h�lt ihr Gesicht mit beiden H�nden fest, und sie k�ssen sich, k�ssen sich auf den Mund, lange, und Wendy schlie�t die Augen dabei.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>04</strong></p><p>Die Windb�en, Vorl�ufer des heraufziehenden Unwetters, haben ganz hinten, wo die Stra�e am Friedhof vorbeif�hrt, von den hohen Pappeln oder Birken die letzten Bl�tter geweht, gelb, braun. Der Pope oder wie auch immer der Pfarrer der griechisch-orthodoxen Kirche hei�en mag, hat jetzt wieder zu sprechen begonnen, mit lauter monotoner Stimme. Das Ende seines langen Barts ist wie ein Schlips auf seiner rechten Schulter gelegen, und sie hat wieder auf den Sarg auf den Brettern �ber dem Loch, dem schwarzen Loch des offenen Grabs, den Schlund, geschaut und hat auf einmal weinen m�ssen, obwohl sie doch diese Beruhigungstropfen genommen hat, damit genau das nicht passiert.</p><p>Sie hatte an den Vati denken m�ssen � also Albert, nicht Costin: Costin ist <emphasis>der Papa</emphasis> �; da� sie den Vati, weil sie ja erst neun war, als er bei diesem Autounfall starb, da� sie den Vati, abgesehen von ein paar Erinnerungen, den Erz�hlungen von der Mama und den Fotos nat�rlich, den zwei, drei Urlaubsvideos, da� sie ihn gar nicht wirklich kannte, und da� sie sich in all der Zeit nach dem Autounfall, abends vor dem Einschlafen zum Beispiel, da� sie in all der Zeit mit dem Vati in Gedanken gesprochen hatte und da� sie sich vorgestellt hatte, da� der Vati ihr Tips bei Problemen geben, da� er sie von den Klassenfeiern abholen w�rde und dann alle ihren Vati sehen und ein bi�chen neidisch sein w�rden, wie sie sich auf Spazierg�ngen bei ihm einh�ngen, wie er sie in den Arm nehmen w�rde, und sie hat gesp�rt, wie sehr sie sich doch in diesen letzten Monaten, als der Papa, also Costin, und sie sich so langsam angefreundet hatten, wie sehr sie sich da gefreut hatte, da� jetzt tats�chlich der Papa das f�r sie sein und das machen w�rde, was sie sich all die Jahre zuvor immer gew�nscht hatte, ohne da� sie gewu�t hatte, da� es ihn, Costin, gab, geschweige denn, da� er ihr richtiger Vater war, und ihr ist pl�tzlich wieder klargeworden, da� es jetzt zu all dem nicht mehr kommen w�rde, und diese W�nsche, die sie hatte, obwohl es eine Zeitlang m�glich schien, nie mehr in Erf�llung gehen w�rden � � nie mehr.</p><p>Esther hat sich bei ihr eingeh�ngt und ihr �ber den Arm gestreichelt. Wendy beruhigt sich, schluchzt noch ein paarmal auf, schaut auf den Sarg, wie er jetzt auf Kommando heruntergelassen wird.</p><p>Da� es das Gesteck aus gelben Rosen darauf nicht wegweht. .?</p><p>Sie hat kurz zur Mama neben sich geschaut.</p><p>Die Mama weint ja gar nicht �.</p><p>Steht nur da, mit weit aufgerissenen Augen hinter der Sonnenbrille, mit leicht ge�ffnetem Mund, den Blick auf dem Sarg, ganz unten, im Schlund des Grabs, kaum mehr zu sehen. Nur noch das Gesteck schimmert.</p><p>Wendy hat geglaubt � die ganze Zeit �ber, seit Beginn der Beerdigung �, gesp�rt zu haben, da� die Mama neben ihr weint. Der Mama wird es so ziemlich wie ihr selbst, Wendy, gehen. Sie wird gerade dabei zusehen, wie ihr zweites Leben, das sie sich so erhofft hatte, wie es buchst�blich begraben wird. Die Mama und sie haben nie wirklich dar�ber gesprochen, was eigentlich dazu gef�hrt hatte, da� sie pl�tzlich Kontakt zu Costin aufgenommen hatte. Aber Wendy kann sich schon so ihren Reim darauf machen. Die Mama hatte endlich den Tod vom Vati �berwunden, sie war jetzt noch nicht so alt, als da� man da nicht noch einmal was Neues aufbauen h�tte k�nnen, 54 eben, und Wendy war fast erwachsen. Wendy wei� noch, wie nerv�s die Mama vor dem ersten Treffen mit dem Papa damals gewesen war � sie hatte Wendy ein wenig an ihr eigenes erstes Date erinnert � und wie die Mama danach im Bus gestrahlt hatte: Der Papa hatte ihr gefallen, das war zu sehen gewesen. Wendy hatte das damals, im Bus, �berhaupt nicht in den Kram gepa�t, als ihr klargeworden war, da� es hier eigentlich mehr um die Mama als um sie selbst ging, und hatte was B�ses gesagt. Aber die Mama hatte nur l�chelnd aus dem Fenster geschaut und sich nicht die Laune verderben lassen. Wendy denkt an das Lied �No tears left to cry� von den <emphasis>Los Angels</emphasis>. Die Mama. . hat keine Tr�nen mehr zum Weinen. Der Pope malt ein Kreuz in die Luft und spricht ein Gebet, das so �hnlich klingt wie das Vaterunser, aber nicht das Vaterunser ist.</p><p>Romy war nicht zu erreichen. Auf die Schnelle war nicht herauszubekommen, ob es ein Wallnersches Familiengrab gab und wenn, wo sich dieses bef�nde, so da� sich Therese in Absprache mit Jo und Jennifer f�r eine Beerdigung in Berlin entschlossen hatte. Obwohl Jo und Jennifer gesagt hatten, da� Costin sicher nie in der letzten Zeit in der Kirche gewesen sei und seine im Ausweis als griechisch-orthodox angegebene Konfession ihm wahrscheinlich nicht viel bedeutet habe, hatte Therese auf ein �ordentliches Begr�bnis� bestanden, weil Therese selbst in der Kirche in Salzburg nach Vatis Tod sehr engagiert und Atheismus f�r sie indiskutabel war � erwies sich jemand in ihrem Bekanntenkreis als Atheist, wollte sie mit ihm, sofern ihre Bekehrungsversuche keine Wirkung zeigten, nichts mehr zu tun haben; f�r Therese war Costin eben einfach <emphasis>insgeheim</emphasis> der griechisch-orthodoxen Kirche zugetan gewesen, auch wenn er dies nie gezeigt hatte � was z�hlt, ist das Innere, so sie.</p><p>Der Pope hat jetzt nach seinem Nikolaushut gegriffen, auch die H�nde der anderen, wie sagt man da? Trauerg�ste? Besucher? sind bei dem Windsto� automatisch an den Kopf gegangen, zu sp�t, da fliegt schon ein Hut, schwarz, durch die Luft. Der Hut geh�rt Jennifer. Jennifer steht neben Jo. Jennifer und Jo weinen nicht! Wendy macht es w�tend, da� Jennifer und Jo nicht weinen. Wendy kann sich in diesem Moment genau vorstellen, da� Jennifer und Jo nur auf Costins Ableben gewartet haben und schon Pl�ne machen, wie sie das Label m�glichst gewinnbringend f�r sich selber weiterf�hren, verwirft dann aber ganz schnell diesen Gedanken und sch�mt sich ein bi�chen daf�r, da� ihre Phantasie wieder mal mit ihr durchgegangen ist.</p><p>In einem Abstand zu den Trauerg�sten � ja, <emphasis>Trauerg�ste</emphasis> hei�t das � steht eine in Schwarz gekleidete Frau mit Sonnenbrille, Mitte Drei�ig vielleicht, das also mu� Papas Ex-Gspusi sein, diese Romy, die Wendy nie getroffen hat. Therese hat sie einmal gesehen. Wendy wird, wenn man wieder sprechen darf, Therese fragen, ob das Romy war, wahrscheinlich ist sie voller Reue, diese Romy, Reue und Scham � ja, das klingt gut, <emphasis>voller Reue und Scham</emphasis> � dar�ber, da� sie den Papa so allein gelassen hat. . Andererseits ist es f�r Wendy immer schon unerkl�rlich gewesen, da� er mit so einer so lange zusammen war, da wu�te man ja schon als Au�enstehender, worauf diese Art von Frauen aus ist. Allerdings � Wendy sieht das jetzt � schneuzt sich Romy � wenn es denn Romy ist � in diesem Moment und wischt sich mit dem Taschentuch �ber die Wangen.</p><p>In der Gruppe von vielleicht 20, 30 Leuten neben Jo und Jennifer erkennt Wendy einige Gesichter von Indie-Rock-Ikonen, wahrscheinlich handelt es sich bei den meisten um <emphasis>BIBO</emphasis>-K�nstler. Wendy hat sie noch nie in wirklich, sondern bisher nur auf Megadisc-Covern, in Zeitschriften und im Fernsehen gesehen. Tau zum Beispiel sieht aber eben in diesem Moment � bleich (ob echt oder geschminkt: egal, sie ist ja immer bleich), glatt gegeltes schwarzes Haar, nachdenklicher Blick � praktisch genauso aus wie auf dem Titelfoto der Modezeitschrift, in der Wendy noch im Salzburger Flughafen gebl�ttert hatte.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>05</strong></p><p>�25. Oktober</p><p>Ein Netz aus Intrigen hatte sich um den Leib gespannt, der jetzt im dunklen Schlund des Grabes verschwand. Und in der Tat: Der Plan der Verschw�rer versprach aufzugehen. Mit scheinbar betroffenen Mienen standen sie am Grab des Plattenmoguls. Hinter ihren Taschent�chern aber lachten sie. Nur die Tr�nen und das laute Schluchzen der langj�hrigen Lebensgef�hrtin des Plattenmoguls waren echt gewesen. Nicht aber aus Trauer. Nein � aus Wut und Entt�uschung dar�ber, da� sie im Testament nicht bedacht worden war und ihr all das, wof�r sie K�sse geheuchelt und ihre Beine breit gemacht hatte, vor ihren Augen von ihren Rivalen weggeschnappt worden war. Ihre Rivalen � das waren Sara, die einzige Tochter und Vertraute am Ende des Lebens des Plattenmoguls, sowie deren Mutter, Natascha M�rz. Als Sara dies am Grab ihres Vaters bewu�t wurde, da umspielte ihre Lippen f�r Sekunden ein L�cheln. Oh! Was f�r eine Genugtuung! Wenigstens die Intrige der Lebensgef�hrtin war durch den ansonsten so schwer zu ertragenden Tod ihres geliebten Vaters durchkreuzt worden!�</p><p>Wendy markiert den Text, den sie gerade auf ihrem Retro-Apple eingesprochen hat, und sagt: �L�SCHEN.�</p><p>�25. Oktober</p><p>Die Beerdigung war schrecklich. Bewegend zu sehen, wie sie alle, alle kamen und weinten. Er war wirklich ein au�ergew�hnlicher Mensch. Was er alles geschafft und erreicht hat in seinem Leben! Ich f�hle mich so klein im Vergleich zu ihm. Und er war von Anfang an so geduldig mit mir. Er hat sich so sehr eine Tochter gew�nscht! Und ich mu�te immer auf beleidigtes M�dchen machen. H�tte ich mich doch nur fr�her ihm so gezeigt, wie ich wirklich bin. Was mu� er von mir gedacht haben? Ach Papa, wenn ich dir das doch noch sagen k�nnte.�</p><p>Wendy weint.</p><p>Sie markiert den Text bis �Ich f�hle mich so klein im Vergleich zu ihm� und sagt: �L�SCHEN.�</p><p>�Ich bin dankbar f�r die Stunden, die wir zusammen verbringen durften. Wahrscheinlich hat er im Krankenhaus nicht mehr mitbekommen, da� ich extra aus Oxford gekommen bin und bei ihm war, als er gestorben ist. Aber es war richtig, da� ich da war � und wenn er mich wahrgenommen hat, hat er sicher das Zeichen verstanden, da� ich damit setzen wollte. Ich halte zu dir. Ich bin deine Tochter.� Sie markiert den Text, den sie gerade diktiert hat, und sagt: �L�SCHEN.�</p><p>�25. Oktober</p><p>Papas Beerdigung. Starker Wind. Die H�te von den Trauerg�sten sind weggeflogen. Symbolik! Danach nicht mehr zum �Leichenschmaus�, sondern gleich ins Hotel.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>06</strong></p><p>Jetzt zum ersten Mal ganz allein in der Wohnung � Therese ist bei Jo und Jennifer im Label, was regeln �, ist Wendy ganz dasig gewesen und hat sich auf die Ottomane im Atelier gelegt. . Sie hatte gestern abend Therese Jos Schl�ssel f�r Papas Wohnung gegeben, damit sie ein bi�chen aufr�umt. Wendy h�tte das momentan nicht verkraftet: Hier reinkommen und das alles so sehen, wie Papa es verlassen hat, als er noch gelebt hat, vielleicht w�re sogar noch sein Geruch dagewesen. Jetzt riecht die Wohnung nach dem Reinigungsmittel, das sie auch immer zu Hause in Salzburg benutzen. .</p><p>Allerdings h�tte Wendy Therese nochmals einsch�rfen sollen, nichts wegzuwerfen, ohne Wendy vorher zu fragen. Wendy m�chte wissen: Wie hat ihr Papa gelebt? Was war ihm wichtig?</p><p>Nun hat aber Therese gesagt, da� sie, bevor Wendy aus dem Hotel hierherkam, diesen ganzen Papierkram verschn�rt und entsorgt hat, der da �berall, in den Regalen und auf dem Boden im Schlafzimmer lag, so Comic-Hefte, Costin habe wohl nichts wegschmei�en k�nnen, das habe vielleicht ausgesehen, ein richtiger M�llhaufen. Als dann Wendy, innerlich aufkreischend (NEEEEIIIN!!), ganz ruhig fragte: �Welche Hefte, bitte, wo entsorgt, bitte, um wieviel Uhr, meinst du, die sind noch da, ich kann die noch holen, wenn ich mich beeile, ich geh schon mal los� �, da konnte ihr Therese nicht mehr genau sagen, in welchem Container sie die Comics deponiert hatte, �Irgendwo da bei diesem Park halt. . in Berlin mu� man ja ewig nach so was suchen. . also so eine schmutzige Stadt. .� Eine quick search seitens Wendys � zwei Stra�en rauf, zwei Stra�en runter � hatte zu keinem Ergebnis gef�hrt, und so wichtig k�nnen diese Hefte dann auch nicht gewesen sein.</p><p>Auf dem Tisch in der K�che ist eine Vase mit einer roten Tulpe gestanden. Wendy mu� an diese Bilder denken, die manchmal am Ende von Fernsehzeitschriften, in der R�tselecke, zu finden sind, Original und F�lschung. Die Wohnung ist jetzt so wie eines dieser Bilder, auf dem im Vergleich zum Original eine bestimmte Anzahl von Fehlern versteckt ist. Fehler: Mama. Original: Papa.</p><p>Wendy sieht an die wei�e Zimmerdecke, schlie�t die Augen und ger�t ins Tagtr�umen. In Gedanken geht sie durch die Wohnung. Jeder Gegenstand erz�hlt Wendy etwas. Da sind diese Aborigines-Bilder im Flur, so bunte Punkte, auf dem Boden liegt ein Quilt, den hat der Papa wahrscheinlich aus Australien. Das sind jetzt <emphasis>ihre</emphasis> Bilder, ist jetzt <emphasis>ihr</emphasis> Quilt. Wendy geh�rt die Wohnung. Wendy geh�rt das Label. OK � �: Ihr sind im Prinzip die H�nde gebunden. Jo und Jennifer haben volle Entscheidungsfreiheit. Trotzdem. Wendy fragt sich, wie der Papa sich so als Besitzer des Labels gef�hlt hat: F�hlt man sich m�chtig, wenn man so ein Label hat? Oder hat man Angst, liegt in ruhigen Momenten hier auf dem Bett, mit geschlossenen Augen, und geht die Termine durch, die man die Woche noch wahrnehmen mu�?</p><p>Das Wohnzimmer! Das Wohnzimmer ist geradezu ideal f�r kleine gepflegte Feiern. Papa hat hier oft kleine gepflegte Feiern mit K�nstlern vom Label veranstaltet. Die <emphasis>KOPs</emphasis> waren hier, Tau war hier, und man hat auf den Erfolg des neuen Albums angesto�en. Der Papa ist oft mit dem Handy hier durch die Wohnung gegangen, Wohnzimmer, Flur, Schlafzimmer, Flur, Wohnzimmer, hat wichtige Gespr�che gef�hrt. Romy hielt sich die ganze Zeit �ber im Hintergrund. Lauerte. Hier ein Scheinchen f�r das neue Outfit, hier eine �berweisung f�r das neue Demo. Zunge raus � schnapp! Geld weg. Romy, die Schlange. Obwohl das Bettzeug frisch gewaschen ist, haben vorhin noch ein, zwei lange schwarze Haare darin gelegen, Romy-Haare; wahrscheinlich �berall in der Wohnung, auf dem Teppich, auf dem Boden: ihre Schuppen, klein und spitz und glitzernd, wenn die Sonne hier in der Fr�h reinscheint.</p><p>Im Morgenlicht vorhin auch besonders auffallend: die hellen Umrisse an der Wand, die Abdr�cke auf den Teppichen, dort, wo einmal Sachen von Romy standen, Bilder, M�bel und so weiter, die sie bei ihrem Auszug mitgenommen hatte. Das Atelier zum Beispiel ist bis auf den Schreibtisch, einen Stuhl und die Ottomane in der Ecke vollkommen leerger�umt. OK. Ein Foto steht da noch, auf dem Tisch, in einem silbernen Bilderrahmen, dieses Foto von Papa, wie er vielleicht 20 war, im Anzug, neben einer Frau, die, dem Aussehen nach, seine Mutter sein k�nnte. Die Nase, der Mund, das Haar. Wendy sollte nach Bildern suchen, um zu wissen, wie Costins Mutter, also Wendys Oma, ausgesehen hat. Im Hintergrund ist auf dem Foto ein Tisch mit Essen zu erkennen, ein Buffet, um das Leute stehen. Das Foto wird auf der Abizeugnisverleihung vom Papa aufgenommen worden sein. Papas Vater wird das Foto gemacht haben. Das Foto mu� nach all den Jahren wichtig gewesen sein f�r den Papa. Vielleicht, weil er da besonders gl�cklich war. Vielleicht hat er�s angeschaut, wenn er gar nicht mehr wu�te, wie seine Mutter ausgesehen hat, wenn er sie vermi�t hat. .</p><p>Das Foto als unumst��licher Beweis f�r die Realit�t.</p><p>Steht das nicht so bei Barthes? Genau. In den Aufs�tzen, die Wendy in ihren Seminaren in Oxford gelesen hat. Ein Foto erinnert an einen Moment, der da war und jetzt weg ist, aber er war da, real, ebenso wie die Menschen vor der Linse. Das sagt Benjamin, das sagt Barthes, das sagt Sontag.</p><p>Wendy f�hlt sich auf dem Bett einen Moment befriedigt, weil sie die gelernte Theorie auf das wirkliche Leben anwenden kann. Gleich darauf hat sie so fazitm��ig das Gef�hl, da� es immer eine Schicht geben wird � sie nennt das, nat�rlich total dilettantisch: �das Reale� �, zu der sie wahrscheinlich nie vordringen wird, das, was im Kopf vom Papa so vorging, was er dachte, was er sah, wenn er die Augen zumachte.</p><p>Wenn sie sich morgen hier in der Wohnung alles angeschaut hat oder vielleicht noch sp�ter, wenn sie im Sommer aus Oxford zur�ckkommt, r�umt sie hier mal alles um. Sie hat schon eine ziemlich genaue Vorstellung, wie das Wohnzimmer und das Atelier aussehen sollen.</p><p>Das kommt dorthin und das dahin.</p><p>Wendy �ffnet die Augen und schaut an die wei�e Zimmerdecke.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>07</strong></p><p>�Das ist �sterreich.�</p><p>Klaus ist von ihrem Bett aufgestanden, steht mit dem Teller in der Hand vor ihr, grinsend. Als sie mit dem Messer in die noch dampfenden Salzburger Nockerln einsticht, um ihm ein St�ck abzuschneiden, fallen sie in sich zusammen.</p><p>Es sind ihre zweiten Salzburger Nockerln. Die ersten hatte sie letzten Sommer mit Therese zu Hause gemacht. Therese hatte dabei noch immer das Kochbuch ihrer Mutter benutzt, das in Frakturschrift gedruckt ist und den obskuren Namen <emphasis>Wiener Gask�che</emphasis> tr�gt (zu allem �berflu� hie� der Autor auch noch O. He�). Nur dieses Rezept, das Therese Wendy auf einem Zettel aufgeschrieben hat und dessen Anweisungen Wendy den ganzen Nachmittag �ber, unten, in der Gemeinschaftsk�che, peinlich genau befolgt hat, f�hrt auch zu eben jenen Salzburger Nockerln, die Wendy seit ihrer Kindheit gewohnt ist und die sich im Geschmack von den Salzburger Nockerln, die man im Restaurant serviert bekommt, deutlich unterscheiden, ohne da� Wendy genau sagen k�nnte, wie.</p><p>Wendy balanciert mit Messer und Gabel ein St�ck Salzburger Nockerln auf den Teller von Klaus und sagt: �Salzburg.� Dieser Wortwechsel ist codiert.</p><p>Klaus von der FU Berlin schreibt seine Thesis �ber den Einflu� der �sterreichischen auf die britische Gegenwartsliteratur. Auf der Party am Samstag, auf der Jeremias, einer ihrer Kommilitonen, Wendy Klaus vorgestellt hatte, hatte Klaus nach einer Weile begonnen, von den Vorz�gen �sterreichs zu labern, die Seen, oh, die S��speisen, ah. Wendy hatte mit eingestimmt, weil sie pl�tzlich Heimweh bekommen hatte.</p><p>Als Klaus dann aber damit anfing, wie sehr Deutschland doch eigentlich �sterreich bewundere � Deutschland f�hle sich minderwertig, deshalb �si-Witze, schon seit Jahrzehnten, es gebe da sogar eine Magisterarbeit, <emphasis>Der �si-Witz</emphasis>, von einem Typen in Heidelberg, in Deutschland werde damit die Trennung von �sterreich verarbeitet, so Klaus� Theorie, die Trennung von der kleinen Schwester sozusagen � Freud, genau �, mit der es sich vereinigen wolle, Deutschland mit �sterreich, Wendy verstehe (Klaus: Blick in Wendys Augen) �, da hatte Wendy Klaus dummerweise schon zu einer kleinen Runde bei sich zu Hause eingeladen, obwohl inzwischen, trotz zweier Pints britischen Bieres, Wendys in vier Jahren Studium angeeignete und wahrscheinlich auch noch im Schlaf abrufbare Textanalysef�higkeiten sie zu dem Schlu� haben kommen lassen, da� Deutschland f�r Klaus, �sterreich f�r sie, Wendy, die Seen f�r ihre k�rperlichen Reize und die S��speisen f�r den Sex mit ihr standen, Klaus w�rde sie gern �vernaschen�.</p><p>Mit �Salzburg� widerspricht Wendy Klaus, ohne unh�flich zu sein, und gibt ihm zu verstehen, da� er die anz�glichen Anspielungen seinlassen soll.</p><p>Dieter aus Freiburg, der im Schneidersitz neben Klaus auf Wendys Bett sitzt, schaltet sich ein. Er fragt, ob er noch ein St�ck haben k�nne, und l�chelt dabei, zum ersten Mal an diesem Abend. Dieter steht auf Wendy. Genau so hat er ihr das mal nach dem Seminar gesagt.</p><p>�Wendy?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich steh auf dich.�</p><p>Rote Birne. Bodenblick. Und weg war er.</p><p>Wendy war geschockt gewesen. Weil Dieter sonst im Seminar immer einen ganz normalen Eindruck gemacht hatte, nie um einen klugen Beitrag verlegen, auch sonst durchaus charmant und witzig. Alles Staffage also. Wenn es ans richtige Leben kam, dann wu�ten solche Typen halt nicht Bescheid.</p><p>Wendy denkt jetzt, w�hrend sie ein weiteres St�ck aus den Salzburger Nockerln schneidet, Klaus ist ein S��er. Wendy h�tte gerne nach dem Seminar mit ihm Kaffee getrunken oder so, er h�tte sie ruhig noch mal was fragen k�nnen, �Wollen wir mal ins Kino gehen�, oder �Wendy, was machen eigentlich deine Eltern?� Aber seit seiner Aktion war er ihr aus dem Weg gegangen und hatte auch keinen besonders erfreuten Eindruck gemacht, als Wendy ihn zu sich einlud. Insofern deutet Wendy jetzt seine Nachfrage und sein L�cheln dahingehend, da� es ihm hier gef�llt und er doch weiterhin an ihr interessiert ist.</p><p>Dieter hat ein Loch in seinem rechten Strumpf. Die T�r ist aufgerissen worden. Caesar hat gerufen: �Guys, you gotta watch the game.�</p><p>Klaus schaut Wendy und Dieter an, er fragt: �Are we going?� Wendy sagt: �We could.�</p><p>Allgemeiner Aufbruch mit dem Teller in der Hand Richtung Aufenthaltsraum im Erdgescho� des Graduate Wohnheims. Dieter geht mit Caesar voraus. Wendy scannt.</p><p>Weil in zwei Wochen Abgabe der Thesis ist, kann sie zur Zeit nur schwer abschalten, arbeitet innerlich auch in ihrer Freizeit an ihrem Thema. Seit einem halben Jahr sitzt sie jetzt schon an der Entwicklung einer weiblichen Software, das hei�t einer Software zur Beantwortung der Frage: Wann ist ein Text weiblich? Die Software hat Wendy <emphasis>Gertrude</emphasis> nach Gertrude Stein genannt, kurz <emphasis>Gerti</emphasis>. Den ganzen Tag sitzt Wendy vor ihrem gr�nen Retro-Apple-Laptop und spricht Signalw�rter ein, Symbole, die Hinweise auf eine geschlechtliche, in diesem Fall: weibliche Konnotation eines Textes geben k�nnten. Da w�ren Tiere: Katzen, Kitze, Stuten; Fr�chte: Birnen, Melonen, Feigen; da w�ren Farben: rot, rosa, gelb und lila. Wendy spricht Figurenkonstellationen ein: Mutter tot, Vater lebt, die bewunderte gro�e Schwester, die bewunderte Freundin. Wendy programmiert die Butch, Wendy programmiert die Dyke, Wendy bestimmt: Was weist auf eine weibliche Syntax hin? �berm�-�iger Gebrauch der Konjunktionen �und� und �oder�, Interjektionen, Emily Dickinsonsche Gedankenstriche, Auslassungszeichen.</p><p>Wenn Wendy in diesem Moment auf das typisch m�nnliche Vokabular Caesars und Klaus achtet � allein jetzt, innerhalb der letzten Minute, unglaubliche zw�lfmal der Gebrauch der Apostrophe �man�! Sowie dreimal der Apostrophe �guys�, ganz zu schweigen von dem Gespr�chsthema, dem m�nnlichsten aller Spiele, American Football; dazu noch, als Steigerung, ein Wettbewerb, der Superbowl hei�t!�� und aus dem Augenwinkel den typisch effeminierten Dieter beobachtet � schm�chtig, Rehaugen, dazu Bewegungen, die geschmeidig genannt werden k�nnen: Statt breitbeinig wie Caesar zu gehen, tippelt Dieter �, dann ist das sozusagen die Feuerprobe f�r Wendys Software; daf�r, ob die Kriterien, die Wendy <emphasis>Gerti</emphasis> beigebracht hat, auch tats�chlich stimmen, das hei�t in echt anwendbar sind.</p><p>Dieter sagt: �I really liked your Salzburger Nockerln.�</p><p>Wendy sagt: �That�s very nice, thank you. I spent the whole afternoon in the kitchen and nobody seems to have noticed that.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>08</strong></p><p>Und sie tritt aus dem B�ro ihrer Professorin, Frau Schauber, f�r Wendy Ines, ihre k�nftige Doktormutter, auf den Flur, sie hat eben erfahren, da� sie, wenn sie m�chte, auf eine Forschungsstelle an die Humboldt nach Berlin gehen und dort <emphasis>Gerti</emphasis> weiterentwickeln k�nne, und ihr wird klar, da� sie, wenn sie jetzt Esther sieht, die von der Wartebank aufsteht und sie anl�chelt, nicht mehr so tun kann, als sei noch immer alles so wie fr�her zwischen ihnen, und sie nimmt jetzt trotzdem Esthers Hand, weil sie noch nicht wei�, wie sie es ihr sagen soll.</p><p>Fr�her, das hei�t vor Oxford � Wendy erscheint das schon so lange her �, fr�her, da sind sie wie Zwillinge gewesen: dieselben Seminare, dieselben Noten, seit dem zweiten Semester unzertrennlich, immer gemeinsam unterwegs, gemeinsam im Urlaub, Wandern in Irland, gemeinsamer Vortrag auf dem <emphasis>LLC</emphasis> (<emphasis>Lesbian Literature Congress</emphasis>) in M�nchen, Wendy: Teil 1 (Theorie), Esther: Teil 2 (Textanalyse), �hnliche Klamotten, die sie, weil sie dieselbe Gr��e haben, regelm��ig tauschten, seit zwei Jahren gleicher Kurzhaarschnitt, zudem kommen sie, wenn sie miteinander schlafen, schon seit ihrem ersten Mal, damals in Esthers Bude, immer gleichzeitig.</p><p>Aber seit Oxford hat sich eben einiges ge�ndert. . Denn obwohl sich sowohl Wendy als auch Esther faktisch im zehnten Semester befinden, ist Wendy Esther jetzt ein Jahr voraus, weil Esther erst im Herbst ihre Magisterpr�fung haben wird, Wendy aber in Oxford in drei monsterstressigen Trimestern ihren Master absolviert hat. Das ist gerecht. Wendy hat in einem Jahr die Arbeit gemacht, die sie sonst in zwei Jahren gemacht h�tte. Esther war in Salzburg geblieben, weil sie, im Gegensatz zu Wendy, ihre Hilfskraftstelle bei Ines nicht einfach so aufgeben wollte. Man habe nicht so viele Connections sonst, so Esther. An Esther kann Wendy sehen, wie ihr, Wendys Leben, in diesem einen Jahr verlaufen w�re, h�tte sie sich gegen Oxford entschieden: Bis auf den Unterschied, da� Esther in ihrer eigenen Bude wohnt und nie ihre Eltern in Wien besucht, mit denen sie, seit sie 18 ist, nichts mehr zu schaffen hat, w�re Wendys Leben das Esthers gewesen.</p><p>Vor allem aber hat <emphasis>Gerti</emphasis> dazu gef�hrt, da� Wendy sich selbst pl�tzlich anders wahrnimmt. Als sie zwei Wochen lang Schilderungen diverser weiblicher Kleidungsst�cke in ihren Retro-Apple eingegeben hatte, hatte sie eines Abends Lust bekommen, so zu tun, als sei sie Leslie, die Heldin aus dem gleichnamigen NY-High-Society-Enth�llungsroman. Auf einem Ball der foreign students hatte sie sich zum ersten Mal seit f�nf Jahren die Beine rasiert und ein Kleid getragen, ein Kleid &#xE0; la Leslie: scharlachrot, kurz, mit Ausschnitt. Sie hatte Leslie-like mit einem US-Akzent gesprochen und zuerst mit einer Portugiesin, dann, wie Leslie, mit einem Schwarzen, der tats�chlich aus Brooklyn stammte, geflirtet.</p><p>Den ganzen n�chsten Morgen hatte sie mit Heulkr�mpfen im Bett verbracht. Sie hatte all das �ber Bord geworfen, f�r was sie und vor allem Esther gestanden und zumindest an der Uni sowie im <emphasis>Verein der lesbischen Frauen Salzburgs</emphasis> gek�mpft hatten. F�r einen Abend war sie eine von �jenen� gewesen, �jene�, die kritik- und damit charakterlos die patriarchalische Ordnung bedienten, �jene�, die sich genauso kleideten und verhielten, wie Mann sich das eben so vorstellt.</p><p>Esther hatte sie beim t�glichen Telefonat lieber nichts davon erz�hlt, so sehr sch�mte sie sich. Aber dann war sie wenig sp�ter beim Shoppen mit Bj�rk, einer Austauschstudentin aus Rom, nicht, wie sonst immer mit Esther, in die Herren-, sondern in die Damenabteilung gegangen und hatte sich, wie sie beim Zahlen feststellte, genau die Klamotten-Kombi gekauft, die das garantiert heterosexuelle oder � wenn �berhaupt, dann nur aus Modebewu�tsein � tempor�r bisexuelle Lolita-Model trug, das auf dem Poster �ber der Kasse hing; ja, wie sie dann die gr�ne Strumpfhose, den kurzen Jeansrock und das gelbrosa gestreifte Top trug, hatte sie sich sogar leicht sexuell erregt gef�hlt.</p><p>Seit Wendy wieder zur�ck ist, hat sie mit Esther noch nicht �ber diese Ver�nderungen gesprochen. Auch Esther hat bislang nichts �ber Wendys neues Outfit gesagt, wahrscheinlich hat sie selbst schon bemerkt, was los ist, und wei�, da� eine Aussprache jetzt den letzten Rest von dem zerst�ren w�rde, was einmal war.</p><p>Wie in der Vergangenheit checkt Wendy Esthers und Esther Wendys Gesicht, nachdem sie aus dem Bus gestiegen sind, wischen sie sich gegenseitig den dunkelbraunen Lippenstift von der Wange, gehen nicht mehr Hand in Hand die Stra�e entlang, in der Wendy mit Therese wohnt. Bei Therese, bei der sie, wie schon oft zuvor, zum Mittagessen eingeladen sind � es wird Gulasch und Nockerln geben �, werden sie wieder nur (<emphasis>nur</emphasis> in Anf�hrungszeichen) beste Freundinnen sein. Therese hat schon gen�gend Sorgen. Zu wissen, da� ihre Tochter, ihre kleine Wendy, lesbisch ist und einmal keine Enkel auf ihrem Scho� sitzen werden, w�rde, so Wendy zu Esther, Therese das Herz brechen. Das versteht auch die ansonsten in solchen Dingen doch recht rigorose Esther und spielt mit. Gehen sie zur Versammlung des <emphasis>Vereins der lesbischen Frauen Salzburgs</emphasis>, gehen sie f�r Therese ins Kino. Schreibt Wendy eine Seminararbeit �ber <emphasis>Das Motiv der Vagina in Goethes fr�hen Gedichten</emphasis>, schreibt sie offiziell eine Seminararbeit �ber Goethes Liebeslyrik. Bleibt Wendy bei Esther �ber Nacht und schl�ft mit ihr, haben die beiden sich f�r Therese einen netten Videoabend gemacht, so wie sie selbst mit ihren Freundinnen fr�her auch.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>09</strong></p><p>Der Cursor blinkt noch immer hinter der Frage, die sie gerade diktiert hat, �Wie hat euch �Kubla Khan� gefallen?�</p><p>Sie wartet auf die erste Antwort; in der kleinen Box oben rechts wird angezeigt, da� alle Teilnehmer ihres virtuellen Einf�hrungskurses in die englische Literaturwissenschaft anwesend, das hei�t online sind.</p><p>Sie wei� schon. Peter mit dem User-Namen <emphasis>Pirat12</emphasis>, den sie sich als etwa 1,80 gro�, leicht dicklich, mit Brille, Zigarette im Mund, Marke: Nerd, vorstellt, wird wieder als erster einen ehrlichen, aber nicht unbedingt qualifizierten Kommentar schreiben, geil, schei�e, et cetera.</p><p>Das ist gut! Das bricht das Eis. Sie hat nach einem halben Jahr virtuellem Einf�hrungskurs ein gewisses p�dagogisches Fingerspitzengef�hl entwickelt. Was man tun mu�, damit. Wie man fragen sollte, da�. Ziemlich viel hat sie auch von ihrer Kollegin: Xin, die merkw�rdigerweise genauso alt ist wie sie, aber schon kurz vor dem Abschlu� ihrer Dissertation �ber die Figur des Dritten in Shakespeares K�nigsdramen steht. Wie hat Xin das gemacht? Die detaillierte Gedichtanalyse mit Durchdeklinierung, Auflistung s�mtlicher Stilmittel sowie Kurzinterpretation � die sie schon bereitgestellt hat und dann, wenn dieses einleitende Fragespiel vorbei ist, peu &#xE0; peu in die Chat-Box kopieren wird �, die hat sie von Xin.</p><p>�Hat mir gut gefallen�, erscheint da auf Wendys Bildschirm, begleitet von einem elektronischen Glissando aufw�rts. <emphasis>Keats3</emphasis> alias Ali irgendwas schreibt das. War ja klar. Entweder tats�chlich ein Romantik-Fan, der R�schenhemden tr�gt und die Coleridge-, Keats-, Byron-Gesamtausgabe besitzt. Oder nur ein Schaumschl�ger.</p><p>Wendy w�rde in diesem Moment <emphasis>Keats3</emphasis> alias Ali irgendwas gerne sehen. Wendy findet es gut, da� ihre virtuelle Klasse sie in diesem Moment nicht sehen kann. Wendy hat sich vor einer halben Stunde, nach einer Nachtsession mit <emphasis>Gerti</emphasis>, aus ihrem Bett ins Atelier gequ�lt. Ihr Haar ist zerzaust. Sie tr�gt den Flanell-Pyjama mit Affengrinsegesichtaufdruck, den sie neulich in einem Anflug von Nostalgie in einem Laden in Kreuzberg gekauft hat, weil sie fr�her, als der Vati noch lebte, genau so einen superbequemen Flanell-Pyjama mit Affengrinsegesichtaufdruck besessen, hei� geliebt, aber dann irgendwann verloren hat. . Sie hat an dem Tag, an dem sie ihn nicht mehr finden konnte, sehr geweint, das wei� sie noch. .</p><p>Sie ist gerade in einer komischen Stimmung, was entweder von <emphasis>Gerti</emphasis> und der Nachtsession herr�hrt oder von ihrer Periode. Wahrscheinlich hat sie wieder Pickel auf der Stirn. Sie hat noch nicht geschaut.</p><p><emphasis>Marco Moreno</emphasis> schreibt: �Mir ist nicht klar, worum es in diesem Gedicht geht. Ist das ein Opium-Rausch? Ein Sch�pfungsmythos?� Gesicht mit Fragezeichen.</p><p>Wendy k�nnte Dummheiten machen. . Sie k�nnte kurz ihr Flanell-Pyjama-Oberteil mit Affengrinsegesichtaufdruck hochziehen, ihre Br�ste sch�tteln, und keiner w�rde es merken. . Sie zieht kurz ihr Flanell-Pyjama-Oberteil mit Affengrinsegesichtaufdruck hoch und sch�ttelt ihre Br�ste.</p><p><emphasis>Rapunzel8</emphasis> schreibt: �Die Schlu�verse sind fantastisch.�</p><p>Wendy l��t den ersten Baustein von Xins Gedichtanalyse, die sie wahrscheinlich auch nur von irgendeiner CD-Rom oder von ihrem Vorg�nger abgeschrieben hat, auf dem Bildschirm erscheinen.</p><p>Wendy �berlegt, was sie in exakt 76 Minuten machen wird, wenn sie offline geht und den Retro-Apple auf Standby schaltet. Sie wird sich anziehen. Irgendwas Schickes. Einfach so. Etwas M�rderschickes. Weil sie sich danach f�hlt. Dann einkaufen. Dann mit Esther telefonieren. Esther. Die Situation hier � Esther in Salzburg, Wendy in Berlin � hat ihrer Beziehung gutgetan. Wenn sie am Telefon reden, ist das fast genauso sch�n wie fr�her, als sie in wirklich redeten. Wenn sie sich einmal im Monat sehen, ist das noch sch�ner und intensiver als fr�her, als sie sich jeden Tag sahen. Die Behauptung, da� man sich in einer Fernbeziehung auseinanderlebt, weil man nichts mehr gemeinsam unternehme, ist falsch. Wendy vereinbart mit Esther zum Beispiel regelm��ig, da� sie sich beide bis zum n�chsten Telefonat einen bestimmtem Film angesehen, da� sie bestimmte B�cher gelesen haben werden. �ber die k�nnen sie dann sprechen. Erfahrungen austauschen. Ja, manchmal machen sie sogar den genauen Zeitpunkt aus, wann sie beide � 600km voneinander entfernt und trotzdem zusammen � den jeweiligen Film ansehen, den jeweiligen Text lesen werden. Sitzt Wendy dann in Saal Drei des neuen Multiplex in Mitte in der neuen Verfilmung von <emphasis>Pride and Prejudice</emphasis> und sieht, wie Elizabeth Bennet Mr. Darcy von der Seite ansieht, wei� sie, Wendy, da� Esther genau in diesem Moment in Saal Acht des neuen Multiplex in Salzburg sitzt und sieht, wie Elizabeth Bennet Mr. Darcy von der Seite ansieht. Und nat�rlich die Option Telefonsex. W�hrend Wendy masturbiert, h�lt sie die Kamera des Handys �ber ihre Br�ste, ihren Bauch, den Finger in ihrer Vagina, ihr Gesicht und st�hnt ins Mikro des Headsets. Das Handy hat sie an ihre Plasma-Wand angeschlossen. Wendy sieht Esthers Br�ste, ihren Bauch, den Finger in ihrer Vagina, ihr Gesicht, aus den Boxen h�rt sie Esther st�hnen, was sie am meisten anturnt. Sie schlie�t dann meistens die Augen, h�rt nur noch diesem St�hnen zu und sp�rt die wachsende W�rme und Helle in ihrem Brustkorb.</p><p>Wendy hat noch nicht aus dem Fenster geschaut. Aber der Wetterbericht hat vorhin gesagt, es seien heute in Berlin 21 Grad und es sei wolkenlos. Sie wird am Nachmittag joggen. Ihre Runde. Das wird ihr guttun. Sie stellt sich vor: die Luft. . die V�gel. . das Gr�n. . den blauen Himmel. . nach dem Joggen f�hlt sie sich immer befreit. .</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>10</strong></p><p>Beim Joggen im Park von Schlo� Charlottenburg, an den B�umen vorbei, an denen schon die ersten gr�nen Bl�tter zu sehen sind � und die V�gel! und die Luft!�� , denkt sie, da� die Situation hier, die Arbeit an der Dissertation, die Einf�hrungskurse, sie hier, Esther in Salzburg, da� das alles, obwohl das im Moment OK und sch�n ist, nur eine �bergangsphase ist, nach der dann, in ein, zwei Jahren, ihr <emphasis>richtiges</emphasis> Leben beginnt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>11</strong></p><p>Sie sitzt der Mama in der K�che gegen�ber, die Mama erz�hlt was � Wendy achtet nicht darauf, was. Wie oft hat sie sich im Apartment in Berlin, nachts, vor dem Einschlafen, w�hrend der Arbeit an <emphasis>Gerti</emphasis>, im Oberseminar vorgestellt, wie sie hier der Mama in der K�che gegen�bersitzt, das graue Haar der Mama, ihr Gesicht, der Waschmittelgeruch ihrer Bluse, die Kerbe in der Mitte des K�chenholztisches! Wie oft hat sie die Augen geschlossen und ihre Mutter im beigen Morgenmantel gesehen, wie sie, bevor sie schlafen geht, noch mal ins Wohnzimmer kommt, ihr, Wendy, einen Gutenachtku� auf die Stirn gibt und sagt, sie solle nicht vergessen, wenn sie mit dem Lesen fertig sei, das Licht auszumachen!</p><p>Wie bei jedem Besuch in Salzburg ist Wendy ein wenig beunruhigt, weil die Mama so einen einsamen Eindruck macht; ihr fehlen die Kinder in der Schule, wei� Wendy, die Kollegen; statt dessen malt sie Bilder, �l, Landschaften, Salzburg, Objekte in der Wohnung, nicht schlecht, soweit Wendy das beurteilen kann; die Mama malt nur f�r sich, und sie, die Mama, denkt daran, da� sie eigentlich mal auf der Akademie freischaffende K�nstlerin werden wollte, sie hatte ja auch ein paar Ausstellungen, damals; sie denkt an das Leben, das <emphasis>auch</emphasis> h�tte sein k�nnen, wei� Wendy und hat ein schlechtes Gewissen und mu� sich doch immer wieder sagen, da� sie es hier keine Woche aushalten w�rde, so sch�n es auch gerade ist.</p><p>Und Esther. Wie oft hat sie sich danach gesehnt, vor Esthers Wohnungst�r zu stehen. . Esthers freudestrahlendes Gesicht. . ihre Lippen. . ihre immer leicht rauhen Lippen mit Nikotingeschmack. . faule Sonntage zu zweit im Bett. . wo sie schon so oft in der Vergangenheit ganze Nachmittage mit Diskussionen verbracht haben. . wo sie sich geliebt haben. . den �sterreichischen Dialekt im Ohr und nicht dieses Berliner Gebell. . Hand in Hand durch Salzburg gehen, auf dem Weg zu ihrer Stammkneipe, den <emphasis>Kuttenkeller</emphasis>.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>12</strong></p><p>Sie liegt auf dem R�cken im Bett. Durch das ge�ffnete Fenster dringt von drau�en der Stra�enl�rm, eine Autoalarmanlage, Kinder, die spielen. Sie hat den rechten Arm �ber ihren Kopf gelegt. Sie atmet gleichm��ig.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>13</strong></p><p>�Das sollte also das letzte Mal sein. Walter konnte seine Trauer kaum verbergen. Kaum, da� er einen Satz herausbrachte. Er sch�mte sich daf�r, da� seine Stimme zitterte. So wie Elsbeth da vor ihm stand, so wollte er sie sich einpr�gen und f�r immer im Ged�chtnis behalten. F�r immer � denn falls er nicht einmal doch nach Amerika kommen sollte, was er f�r nicht recht wahrscheinlich hielt, w�rde er Elsbeth, <emphasis>seine</emphasis> Elsbeth, mit der er so oft im Heu gelegen hatte, mit der er die K�he geh�tet hatte und der er im Sommer oben am Waldbach seine Liebe gestanden hatte, nie wiedersehen. Warum hatten es sich ihre Eltern auch in den Kopf gesetzt, es den vielen anderen im Dorf gleichzutun und auszuwandern? Und warum war seine Familie nicht wohlhabend genug, so da� er um Elsbeths Hand h�tte anhalten k�nnen?�</p><p>Wendy h�rt zu diktieren auf. Sie lehnt sich zur�ck und schlie�t die Augen.</p><p>Wie schon die letzten Tage und N�chte sieht sie auch jetzt Esthers Gesicht vor sich.</p><p>Esther, die weint, als Wendy ihr sagt, sie glaube, es habe keinen Sinn mehr mit ihnen.</p><p>��Meine Elsbeth!� und immer wieder �Meine Elsbeth!�, seufzte er, als er sich herunterbeugte und sie ihre zarten Arme um ihn schlang. Es war ihm, als m��te er vergehen. �Walter! Mein Walter!�, h�rte er sie schwach.�</p><p>Wendy l�scht �schwach� und diktiert: �hauchen. Noch einmal ber�hrten sich ihre gl�henden Lippen. Und w�hrend sie so standen, sp�rte er, wie ihr Herz an seiner Brust schlug, schnell und heftig, als w�re es sein eigenes.�</p><p>Wendy h�rt zu diktieren auf.</p><p>Im Lauf der letzten zehn Jahre haben sich ziemlich viele solcher Mitten von potentiellen Romanen in ihrem Retro-Apple angesammelt. Meistens zwei, nie mehr als zehn Seiten. Wendy findet sich gerade ganz sch�n inkonsequent. Sie denkt: Irgendwie setze ich mich immer spontan hin und schreib los und verlier dann das Interesse daran, und bevor ich etwas fertigmache, fange ich lieber was Neues an, ich hasse das, ich hasse das, ich hasse das.</p><p>W�hrend ihrer Jane-Austen-Phase vor acht Jahren hat sie immer wie Jane Austen, w�hrend ihrer Gertrude-Stein-Phase vor drei Jahren hat sie immer so wie Gertrude Stein geschrieben. Zur Zeit geht ihr die Handlung und der Stil so eines Retro-Heimat-Machwerks namens <emphasis>Das Taschentuch, mit dem sie winkte</emphasis> nicht aus dem Sinn, das sie f�r die Zugfahrt am Bahnhof in Salzburg kaufte, weil sie irgendwas nicht so Anspruchsvolles brauchte, etwas, das sie ablenkte, von dem, was geschehen war.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>14</strong></p><p>Am 16. M�rz um 18:37 Uhr tr�gt Wendy zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder Lidschatten und Wimperntusche auf, schl�pft in ein glitzerndes Top, einen roten Faltenrock, knielange, ebenfalls rote Schn�rstiefel, die sie eigentlich mit 19, nach ihrer wilden Zeit, abgelegt hatte und die jetzt gerade wieder in sind, checkt noch mal ihr Outfit im Badezimmerspiegel, w�hrend sie kurz, damit sich der rosa Lippenstift verteilt, die Lippen aneinanderreibt und sich selber �Wie hei�t du denn? Du siehst toll aus!� ins Gesicht sagt. Wendy tanzt den ganze Abend mit Tove. Wendy verknallt sich in Tove und f�hlt sich wie ein junges M�dchen. Tove ist Fotografin und macht bei sich zu Hause Aktaufnahmen von Wendy. Wendy und Tove fahren nach Helsinki. Es schneit. Wendy und Tove streiten sich den ganzen Tag. Wendy trennt sich von Tove. Wendy trifft Luciano. Luciano ist Wendys gro�e Liebe. Sie freut sich den ganze Tag darauf, Luciano zu sehen. F�r Luciano nimmt sie sechs Pfund ab und geht regelm��ig ins Fitne�studio. Luciano ruft Wendy nicht mehr zur�ck. Wendy weint. Wendy vertreibt sich ihre Zeit mit Tiger. Tiger, deren richtigen Namen Wendy nie erf�hrt, ist der Ersatz f�r Luciano. Wendy und Tiger kiffen zusammen. Wendy betr�ufelt Tiger beim Sex mit hei�em Wachs. Tiger peitscht Wendy. Wendy: �Ah.� Wendy und Tiger fahren nach Rom. Es ist sehr warm. Wendy und Tiger streiten sich den ganzen Tag. Wendy ruft Tiger nicht mehr zur�ck. Wendy trifft Hans-Dieter. Hans-Dieter hat einen Job beim Fr�hst�cksfernsehen, sieht gut aus und ist herrlich sarkastisch. Hans-Dieter ist der Mann, von dem Frauen tr�umen. Wendy w�nscht, sie h�tte Hans-Dieter erst in vier Jahren getroffen, wenn sie selbst schon ein wenig weiter ist. Hans-Dieter stellt Wendy seinen Eltern vor. Wendy stellt Hans-Dieter ihrer Mutter vor. Hans-Dieter macht Wendy auf einer Parkbank in Grunewald einen Heiratsantrag. Wendy wehrt ab. Hans-Dieter ist tief getroffen. Wendy und Hans-Dieter trennen sich in gegenseitigem Einvernehmen. Am 16. April, um 11:17Uhr, setzt sich Wendy in ihrem Lieblingsschlabberpulli und ihrer bequemen, aber, wie Wendy wei�, nicht sehr kleidsamen Jeans an den Schreibtisch und schaltet den gr�nen Retro-Apple ein, um vor der Abgabe n�chste Woche die <emphasis>Gerti</emphasis> beigef�gte Bibliografie zu �berpr�fen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>15</strong></p><p>Wendy denkt: Das ist ganz sch�n unheimlich jetzt. Dr. Stefan auf dem Stuhl neben ihr kann Gedanken lesen. Er hat heute schon lauter Sachen gesagt, die Wendy kurz zuvor gedacht hatte.</p><p>Gerade hatte sie gedacht: Du tr�gst aber einen sch�nen roten Pulli, Jennifer. Genauso. Mit Anrede: Jennifer. Und direkt im Anschlu� hat Dr. Stefan �Sie tragen aber einen sch�nen roten Pulli, Frau Douglas-F�hnrich� gesagt.</p><p>Der Gedanke, da� Dr. Stefan Wendys Gedanken lesen kann, ist auch deshalb so unheimlich, weil sich Wendy von Anfang an � schon als ihre Professorin Ulla Hassel, f�r Wendy Ulla, Dr. Stefan empfahl und ihn mit leuchtendem Blick als <emphasis>distinguished gentleman</emphasis> beschrieb, dann, als Wendy ihn zum ersten Mal in seiner Kanzlei mit seinem sorgf�ltig linksgescheitelten Haar, gro�, nach K�lnisch Wasser duftend, im Nadelstreifenanzug sah, wie er sich hinter seinem Schreibtisch zum Gru� erhob und sie seine sonore Bariton-Stimme h�rte � zu Dr. Stefan, der eigentlich seinem Aussehen und Benehmen nach besser ins sp�te 19. Jahrhundert passen w�rde, hingezogen f�hlt �, dies aber in keinster Weise in erotischer Hinsicht: Dr. Stefan verk�rpert f�r Wendy vielmehr den Prototyp einer v�terlichen Figur. Wendy hat Zutrauen zu Dr. Stefan.</p><p>Nach der Disputatio, die sie mit summa cum laude bestanden hatte, hatte sie jemanden gesucht, der ihr mit <emphasis>BIBO</emphasis> helfen k�nnte, weil sie einerseits den Verdacht hatte, da� sie von Jennifer und Jo bei der Abrechnung �bers Ohr gehauen wird. Andererseits will sie wissen, ob es trotz Costins Testament m�glich ist, den Laden zu verkaufen. Sie k�nnte dann ihr Leben leben, das hei�t so leben, wie sie sich das vorstellt; m��te nicht den ganzen Zirkus mit Assistenten-Stelle in Siewei�nichtwomandahalthinkommt mitmachen, sondern k�nnte frei forschen, ab und zu ein wissenschaftliches Buch ver�ffentlichen, im Sommer auf dem Balkon in ihrer Wohnung hier, in Berlin, sitzen und die Beine aufs Gel�nder legen, eine ihrer Romanmitten vervollst�ndigen und Therese den Urlaub in Thailand bezahlen, den sie sich schon so lange w�nscht.</p><p>Jennifer und Jo drucksen gar nicht herum und schauen auch gar nicht verlegen an Wendy und Dr. Stefan vorbei, so wie Wendy sich das noch gestern vor dem Einschlafen vorgestellt hatte. Jo hat eben Dr. Stefan ins Gesicht gesehen und �Ja� gesagt.</p><p>�Wir haben das ja schon in unserem letzten Jahresbericht geschrieben.� (Hat Wendy gar nicht gelesen. Oops.) �Wir haben <emphasis>BIBO</emphasis> zwar im Sinne Costin Wallners weitergef�hrt, also weiter neue Alben mit den alten Artists gemacht und �berlegt, h�tte das Costin gefallen et cetera. Dabei haben wir aber, wenn ich das so sagen darf, aufs falsche Pferd gesetzt. Auch war der Trend in den vergangenen zehn Jahren: Weg von den Majors, hin zu den Indies. Das bedeutete: Der Markt f�r die Indies hat zun�chst expandiert. Dem verdanken wir ja auch unsere Existenz. Dann ist es aber zur �bers�ttigung gekommen. Der Markt ist eingebrochen. Viele Indies haben fusioniert. Eine Fusion h�tte uns vielleicht Auftrieb gegeben. In Costins Testament steht aber eine Klausel, die jede Fusionierung untersagt.�</p><p>Dr. Stefan nickt.</p><p>Jennifer sagt: �Finanziell halten wir jetzt so gerade die Stange. Die Gewinne sind zur Zeit so, da� wir die alten Alben weiter auflegen k�nnen. Ab und zu k�nnen wir einen neuen Artist holen, wo wir dann hoffen: Das ist die Rakete.�</p><p>Jo hat Dr. Stefan und Wendy einen ge�ffneten Aktenordner �ber den Schreibtisch geschoben und gesagt: �Hier. Da steht alles drin. Bilanzen, Vertr�ge und so weiter und so weiter.�</p><p>Dr. Stefan hat � Wendy denkt: Nat�rlich!�� eine goldumrandete Halbbrille aufgesetzt und im Ordner zu bl�ttern begonnen.</p><p>Wendy ist auf ihrem Stuhl hin und her gerutscht. Sie denkt: Jetzt sch�m ich mich aber etwas.</p><p>Sie wei�, da� sie sich die Tage vor diesem Treffen hier was vorgemacht hat. Sie hat so getan, als sei sie noch immer die Wendy, die ganz in ihrer pers�nlichen postadoleszenten Wendy-Welt lebt. In der Wendy-Welt gibt es Verschw�rungen, Firmen, die das B�se wollen, und Jennifer und Jo sind Oberintriganten mit fiesen Tricks und Heuchel-Mienen. In der Wendy-Welt ist Wendy die Prinzessin, die sich nat�rlich kein einziges Mal die <emphasis>BIBO</emphasis>-Berichte durchgesehen, die Files mit den neuesten Songs aus dem <emphasis>BIBO</emphasis>-Katalog angeh�rt und sich auch nie mit <emphasis>BIBO</emphasis> identifiziert hat, wenn sie mal zuf�llig in einem Gesch�ft auf der R�ckseite einer Megadisc ganz unten <emphasis>The Trustees of C. W.</emphasis> las, obwohl doch damit, <emphasis>The Trustees</emphasis> (Plural), sie (Singular), die alleinige Besitzerin <emphasis>BIBO</emphasis>s, gemeint gewesen ist. Wendy denkt: O Gott, Wendy. Ihr ist schon die ganze Zeit klar gewesen, da� diese ganze Idee mit <emphasis>BIBO</emphasis> verkaufen, aus <emphasis>BIBO</emphasis> Geld rausholen, <emphasis>BIBO</emphasis> blablabla, da� diese ganze Idee eine Seifenblase gewesen ist und da� sie nicht frei forschen, nicht regelm��ig ein wissenschaftliches Buch ver�ffentlichen, nicht auf dem Balkon in der Sonne sitzen, Therese keinen Urlaub in Thailand zahlen und nicht <emphasis>ihr</emphasis> Leben, das hei�t so, wie sie das gerne h�tte, sondern ein anderes, eben das mit dem Assistentenstelle-Bewerbungs-Institutsintrigen-Zirkus f�hren wird.</p><p>Bei der Verabschiedung hat Jo gesagt, es habe trotz allem gutgetan, da� Wendy dagewesen war, auf dem Stuhl � er deutet auf den Stuhl, wo Jennifer gesessen hat � habe Costin immer gesessen, es sei derselbe Stuhl, der Raum sei jetzt der Konferenzraum, also eigentlich das Zimmer, f�r wenn sie mal Bands oder so zu Gast haben, fr�her sei es Costins B�ro gewesen. Ja. Jetzt habe Wendy das auch mal gesehen, sie sei ja, wenn er sich richtig erinnere, noch nie hier gewesen.</p><p>Auf der Stra�e denkt Wendy: Hoffentlich denkt jetzt der Dr. Stefan nicht, was f�r eine Zeitverschwendung, f�r dieses �berdrehte T�chterlein, eigentlich ist der ja auch ganz attraktiv, Altersunterschied und Vaterfigur hin oder her, hm.</p><p>Sie blinzelt Dr. Stefan an, dessen Kopf gerade die Sonne verdeckt.</p><p>Dr. Stefan sagt: �Gut. Ich werde mir dann mal die Unterlagen ansehen und Sie demn�chst wissen lassen, wie es um <emphasis>BIBO</emphasis> bestellt ist. Gr��en Sie Frau Hassel von mir, wenn Sie sie sehen.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>16</strong></p><p>Sie hat sich lang gemacht, hat sich auf die Zehenspitzen gestellt und dr�ckt die Klinke der Wohnungst�r herunter. Zwei Gendarmen stehen vor der T�r. Sie erkennt sie an ihren blauen Uniformen und den komischen M�tzen, die sie abgenommen haben und in der Hand halten. Da hat sie Angst gekriegt. Sie versteckt sich hinter der Mama, die schon durch den Flur gekommen ist. Sie steht hinter dem Rock der Mama, es ist ein roter Rock mit Blumen, den hat Therese gar nicht mehr, mu� sie ausgemustert haben, denkt Wendy, sie steht hinter dem Rock und h�lt ihn mit den H�nden fest und lugt ab und zu aus ihrem Versteck hervor.</p><p>Die Gendarmen sind gekommen, weil Wendy neulich Bonbons im <emphasis>BILLA</emphasis> gestohlen hat, sie wollte die Bonbons nicht stehlen, sie hat sie aus dem Regal genommen, und weder die Mama noch der Mann an der Kasse haben etwas bemerkt, und ihr ist erst nachher, in ihrem Zimmer, eingefallen, da� sie etwas B�ses getan hat, und sie hat nicht einschlafen k�nnen, aber der Mama hat sie nichts gesagt und dem Vati schon gleich zweimal nichts. Die Gendarmen sagen, da� der Vati einen Unfall gehabt habe und da� es ihnen leid tue, und die Mama hat die H�nde vors Gesicht geschlagen und einen ganz kurzen hohen Schrei gemacht, und die Gendarmen haben gesagt, da� der Vati tot sei.</p><p>Wendy sieht diese Szene noch immer vor sich. . Sie kann sich noch genau an diese Bilder erinnern. . Was dabei aber gesagt wurde, das ist ihr erst sp�ter von Therese erz�hlt worden, auch das mit dem Schrei. Als seien die Bilder Jahre sp�ter nachsynchronisiert worden.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>17</strong></p><p>Sie nimmt einen Schluck Wasser aus dem Glas. Das Glas hat da schon gestanden, als sie hereingekommen ist. Vielleicht haben daraus die beiden vor ihr, die aus Greifswald und der aus Regensburg, getrunken, wer wei�. . Sie sp�rt die Kohlens�ure im Hals, prickelnd, und hofft, da� sie davon nicht in den folgenden 45 Minuten aufsto�en mu�. Sie schaut auf die erste Seite ihres Skripts auf dem Bildschirm ihres gr�nen Retro-Apples.</p><p>�Meine Damen und Herren. �How digital are you?� lautet der Titel meines Vortrags.�</p><p>Sie scrollt noch mal bis zum Schlu� des Skripts, um sich zum dritten Mal heute zu vergewissern, da� es auch wirklich vollst�ndig im Computer vorhanden ist.</p><p>Ihres Wissens gibt es erstaunlicherweise relativ wenige Aufs�tze zum <emphasis>Teddy</emphasis>-Ph�nomen, das hei�t der Verdr�ngung der B�cher in den letzten zwanzig Jahren durch <emphasis>Texts on Discs</emphasis>, im Volksmund: <emphasis>Teddys</emphasis>, vor langer Zeit auch <emphasis>Hyper-Novels</emphasis> genannt. Autoren sind kaum mehr in Papierform zu bekommen, zum Beispiel die Klassiker, Shakespeare, Austen, Joyce et cetera, sondern nur mehr in der <emphasis>Teddy</emphasis>-Version, als Shakespeare-<emphasis>Teddy</emphasis>, Austen-<emphasis>Teddy</emphasis>, Joyce-<emphasis>Teddy</emphasis>, et cetera.</p><p>Eigentlich hatte Wendy einen Vortrag halten wollen mit dem Titel <emphasis>Lieben Sie Hayden?�� �ber die Unm�glichkeit der Darstellung von Geschichte</emphasis>. Seit ihr Esther bei einem ihrer letzten Streite ins Gesicht geschrien hatte �Und wei�t du, was mich am meisten ankotzt?? Du gehst einfach so durchs Leben, total unreflektiert, du denkst nicht mehr �ber deine Sexualit�t nach, und du denkst nicht dar�ber nach, wer du eigentlich bist, woher du kommst�, seitdem hatte sich Wendy, vielleicht aus Trotz, f�r aktuelle Geschichtstheorien zu interessieren begonnen. In ihrem Vortrag h�tte sie die nach den Diskussionen �ber �den Fakt� und �das Faktische� in den letzten Jahrzehnten wieder in Mode gekommenen Thesen Hayden Whites aufgegriffen � die Geschichtsschreibung bedient sich fiktionaler Plot-Muster � und diese auf die neuesten Medien angewandt. Folgende Fragen besch�ftigten sie: Was f�r einen Effekt hat die Verdr�ngung der Schrift- durch die Bildmedien auf die Geschichtsschreibung? Wenn heute Geschichte nicht mehr geschrieben, sondern, strenggenommen, <emphasis>gesprochen</emphasis>, n�mlich diktiert, wird, kann man dann von einer neuen �oral culture� und einem �Neuen Zeitalter des Mythischen� sprechen? Leider war sie mit dem Thema nicht zu Rande gekommen, ihre Recherchen verschlangen viel mehr Zeit, als sie gedacht hatte, so da� sie schlie�lich doch auf Nummer Sicher ging und das wesentlich ungef�hrlichere, aber dankbarere Thema der <emphasis>Teddys</emphasis> w�hlte.</p><p>Der Herr vom Institut neben ihr, den sie nicht kennt, stellt sie vor, er spricht von ihr als Frau Wallner, was ihr noch immer einen kurzen Stich gibt, weil sie sich noch immer nicht hundertprozentig an ihren neuen Nachnamen gew�hnt hat, seit sie ihn nach ihrer Thesis, auf deren Titelblatt sie die Verfasserin mit Wendy Wallner angab, beim Einwohnermeldeamt in Salzburg anstelle von Scharnagl eintragen lie�.</p><p>Sie kann nur gewinnen. Eigentlich ist die Stelle eine Junior-Professur mit Schwerpunkt Medientheorie. . Also ist Wendy eben Medientheorie-Spezialistin und war Medientheorie eben eigentlich immer schon ihr Schwerpunkt und, das wird sie nachher im Gespr�ch mit der Kommission sagen, ihre heimliche Leidenschaft, obwohl der Vortrag hier strenggenommen ihre erste Arbeit �ber Medientheorie ist, die Programmierarbeit an <emphasis>Gerti</emphasis> mal nicht mitgerechnet.</p><p>Der Herr vom Institut hat aufgeh�rt zu reden. Sie schaut von ihrem gr�nen Retro-Apple in die Runde der f�nf Professoren der Kommission in den B�nken vor ihr, beugt sich zum Mikro und sagt: �Meine Damen und Herren.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>18</strong></p><p>Sie erinnert sich an das Glas Wasser, das genau hier rechts von ihr auf dem Rednerpult stand, sie hat von dem Sprudel aufsto�en m�ssen, w�hrend ihres Vortrags, und das ist peinlich gewesen, und sie erinnert sich an den gr�nen Retro-Apple, der sich genau da vor ihr befand, wo jetzt die Ausdrucke liegen, die sie gerade noch mal durchbl�ttert, der gr�ne Retro-Apple, der f�nf Minuten vor Schlu� abst�rzte, auch das megapeinlich, und sie schaut auf die Uhr an der Wand hinter ihr, Viertel nach, und schaut in die sp�rlich gef�llten Reihen, die Studenten, die alle noch ganz sch�n verschlafen aussehen, sie ist immer eingeschlafen in so fr�hen Vorlesungen, hat dabei sogar immer sehr gut und fest geschlafen, und sie sagt: �Guten Morgen, meine Damen und Herren, herzlich willkommen zur Einf�hrung in die Medientheorie.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>19</strong></p><p>Sie schaltet die Stehlampe ein und macht einen Schritt zur�ck, um zu sehen, ob sie irgendwas vergessen hat, ob alles so OK ist, ob alles sch�n ist. Ihr f�llt auf, da� die Sachen aus der Berliner Wohnung gut hierherpassen. Die Stehlampe ist zwar nicht aus Berlin, sieht aber genauso aus wie die Stehlampe im Schlafzimmer in Berlin. Wendy hat sie hier im M�belhaus gekauft, sie war, als sie sie dort entdeckte, f�r einen Moment irritiert, was macht die Stehlampe aus Berlin im M�belhaus in Konstanz? Konstanz ist scheu�lich, findet Wendy. Aber die kleine Wohnung und insbesondere ihr Wohnzimmer sind heimelig geworden. Das Regal aus dem Atelier steht hier im Wohnzimmer an der Wand, der K�chentisch ist der E�tisch, der Australien-Quilt liegt darunter, besonders peppig auch: die Neger-B�sten, die sie in Berlin im Kellerabteil gefunden und die sie aufs Fensterbrett gestellt hat. Der Papa mu� sie in einem Gesch�ft in Deutschland gekauft haben. Wendy z�ndet die beiden Kerzen auf dem Tisch an und �ffnet ihr Haar.</p><p>Nein.</p><p>Beim ersten Date soll alles ganz casual und ungezwungen wirken. Alles soll sich so ergeben.</p><p>Sie bl�st die Kerzen aus, l�uft schnell ins Bad, um sich ihr Haar hochzubinden. Heiko mu� jede Sekunde hiersein.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>20</strong></p><p>Sie schl�gt das Buch zu, in dem sie gerade gelesen hat.</p><p>Sie kommt nicht voran.</p><p>Es ist schon Juli, und sie hat nicht viel mehr als das Thema und den Titel ihres zweiten Buches, the bloody second one. Thema und Titel: <emphasis>Oh, Uncle!�� Inzestu�se Beziehungen zum Onkel in der viktorianischen Literatur.</emphasis> Sie wird ganz zappelig, sie kennt sich und wei�, was sie machen mu�, wenn sie zappelig wird. Sie steht auf, sagt: �Oh, oh, oh�, geht in den Flur und m�chte sich auf die Ottomane im Atelier legen, im Dunkeln an die Decke starren, die Ger�usche von der Stra�e drau�en h�ren, als sie im Flur stehenbleibt, weil ihr eingefallen ist, da� ja das jetzt hier, die Berliner Wohnung, seit einem Monat eine WG ist, das Atelier ist nicht mehr das Atelier, sondern Theklas Zimmer, die Ottomane steht nicht hier, sondern in ihrem Schlafzimmer in Konstanz. Richtig! Eigentlich sollte sie auch nicht in Unterhose und knielangem Pulli aus ihrem Zimmer gehen, weil das vor Thekla nicht so gut kommen k�nnte, keine Ahnung, sie kennt Thekla noch nicht so gut. Aber Physikerinnen haben die Tendenz zur Spie�igkeit. Thekla ist aus ihrem Zimmer gekommen, l�scht das Licht hinter sich, schaut auf den Schl�sselbund in ihrer Hand, achtet gar nicht auf Wendy, zurechtgemacht hat Thekla sich, gut sieht sie aus.</p><p>Die Wohnungst�r ist zugefallen. Wendy ist merkw�rdig ber�hrt. Sie hat eine G�nsehaut bekommen, vielleicht auch von dem kalten Luftzug aus dem Treppenhaus. Thekla scheint Wendy nicht gesehen zu haben, vielleicht ist Wendy unsichtbar, tot, und sie glaubt nur, da� sie noch lebt, was f�r ein Bl�dsinn. Das wirklich Merkw�rdige ist aber, da� Thekla in diesem Moment, gerade eben, im Flur, Wendy an sich selbst, vor zehn Jahren vielleicht, erinnert hat, das hochgesteckte Haar, die Lederjacke, die Korallenkette, ja sogar das Profil, Nase wie Wendy, Kinn wie Wendy.</p><p>Wendy geht ins Bad, dreht das Licht an, beugt sich ganz dicht vor den Spiegel. Wendy sagt zur Wendy im Spiegel: �Du hast Zellulitis, Kr�henf��e kriegste auch, und mit 40 haste �nen Arsch wie Oma Hansen ausm Erdgescho�.�</p><p>Wendy berlinert. Sie berlinert sonst nie �.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>21</strong></p><p>Neben Wendy ist Svetlana zusammengezuckt. Professor Moser, im Viereck gegen�ber von ihnen, hat laut und barsch � <emphasis>barsch</emphasis>, that�s the word, denkt Wendy � Svetlanas Pr�sentation des Proseminars �ber Shakespeares Trag�dien, das sie im Sommersemester halten m�chte, als inakzeptabel abgelehnt. Die von ihr geleistete Vorarbeit sei dilettantisch und einer promovierten Anglistin nicht w�rdig. Sie habe jetzt noch zwei Wochen, ein neues Konzept auf die Beine zu stellen, eine Leistung, die er ihr, man sei ja hier unter sich, man k�nne das ja sagen, nicht � <emphasis>nicht</emphasis> betont � zutraue.</p><p>Jeder hier im Raum, das kann Wendy sp�ren, kennt den tats�chlichen Grund f�r Professor Mosers Ausbruch. Svetlana ist Professor Pleutgens Assistentin. Professor Moser (C3) ha�t Professor Pleutgen (C4). Professor Mosers Angriff auf Svetlana ist ein Angriff auf Professor Pleutgen. Professorin Steegers pflichtet jetzt Professor Moser bei, sie k�nne sich nicht vorstellen, wie auf der Basis eines solch windigen Konzepts den Studierenden das N�tige �ber Shakespeares Trag�dien vermittelt werden solle. Das bedeutet also � Wendy wu�te das bis jetzt nicht �: Auch Professorin Steegers ist gegen Professor Pleutgen. Dieser steht damit am Institut vollkommen isoliert da.</p><p>Jetzt wird gleich Professor Pleutgens Gegenschlag kommen, Professor Pleutgen, links von Wendy, ist knallrot angelaufen. Wendy hat ganz kurz unterm Tisch Svetlana �ber die Hand gestrichen, tr�stend. Das Wort zu ergreifen und Svetlana zu verteidigen oder �hnliches � das traut sich Wendy nicht. Eigentlich m��te sie loyal zu ihresgleichen im Mittelbau sein, schlie�lich k�nnte theoretisch in diesem Moment auch sie, Wendy, auf Svetlanas Platz sitzen. Die Verurteilung von Svetlanas Proseminar, eine absolut wasserdichte Sache, ist ungerecht. W�rde Wendy jetzt, wie sie selbst es von sich w�nschen w�rde, Professor Moser und Professorin Steegers ins Gesicht sagen: �Ungerecht! Ziehen Sie doch Svetlana nicht in Ihre sch�bigen Intrigen mit rein!�, kann sie davon ausgehen, da� ihr die F�rdergelder f�r Besuche auf Konferenzen wie in den vergangenen Monaten in Ungarn und Schottland gestrichen werden w�rden.</p><p>Wendy entscheidet, sich nicht wegen so was das Leben unn�tig schwerzumachen und die Klappe zu halten, und sie denkt, da� das, was sie fr�her von sich ausgeschlossen hat, jetzt, hier, eingetreten ist; n�mlich da� sie eines von diesen opportunistischen Arschl�chern geworden ist, die, wenn man sie mit ihrer eigenen Unzul�nglichkeit konfrontiert, einwenden: �Das verstehst du jetzt nicht, das ist etwas <emphasis>ganz</emphasis> anderes, mach mal halblang, ne�, eines von diesen opportunistischen Arschl�chern, die sie immer so geha�t, verachtet und bek�mpft hat.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>22</strong></p><p>Als sie in den H�rsaal tritt, ist ihr erster Gedanke: Tats�chlich 2020er Jahre, genauso waren die, und hier, in diesem H�rsaal, schreibt man sie, zeitblasenartig, immer noch. Zwar wei� Wendy nicht wirklich, wie es tats�chlich ausgesehen hat, vor fast einem halben Jahrhundert, aber sie hat so eine Ahnung, da� dieses Institut und insbesondere dieser H�rsaal damals gebaut wurden und seitdem gar nicht oder genau im originalen Stil renoviert worden sind, orange Verkleidung, hellbraune abgeschlagene St�hle, die nach feuchtem Holz miefen, PVC-Boden, der h�chstwahrscheinlich krebserregende Substanzen enth�lt.</p><p>Und dann das: Sie hatte Professor Speer, der sie vorstellen w�rde, zuerst gar nicht glauben wollen, als dieser ihr sagte, es stehe im H�rsaal lediglich ein Beamer zur Verf�gung, man � so er � sei halt hier in Greifswald und nicht in Berlin, hahaha. Und wirklich h�ngt da von der Decke eines dieser Steinzeitobjekte, das letzte Bild aus dem Vortrag ihres Vorg�ngers wird noch immer an die Wand projiziert, ein nackter Schwarzer, dessen K�rper �ber und �ber mit W�rtern t�towiert ist, vor allem, wenn man genau hinsieht, mit dem Wort <emphasis>SLAVE</emphasis>: das ber�hmte Foto eines Body-Artists, der sich seine eigene Familiengeschichte auf den K�rper schreiben lie� und im Sommer, lediglich mit Shorts bekleidet, durch New York zog.</p><p>So nahe wie bef�rchtet ist das Thema ihres Vorg�ngers aber � irgendwas mit dem Begriff des Sklaven als identit�tsbildend f�r schwarze Schriftsteller � wohl doch nicht an dem ihren, man mu� auf die Unterschiede achten, <emphasis>On Niggers</emphasis>.</p><p>Ausgehend von dem gegenw�rtigen Ph�nomen, da� sich Jugendliche in Europa untereinander statt mit dem Vornamen mit �Nigger� ansprechen, m�chte Wendy anhand zeitgen�ssischer angels�chsischer Romane sowohl wei�er als auch schwarzer Autoren die Unterschiede herausarbeiten, die sich ergeben, wenn ein Nicht-Schwarzer und ein Schwarzer den Begriff �Nigger� gebrauchen. . Betonung auf <emphasis>m�chte</emphasis>. . Wendy hat sich selber dabei nur zum Teil �berzeugt. Sie kann nur gewinnen. Denn die Stelle ist f�r Postcolonial Studies ausgeschrieben. Also ist Wendy eben jetzt, obwohl sie wenig Ahnung hat vom Postcolonialism, sieht man von der Untersuchung einiger Texte von lesbischen schwarzen Autorinnen ab, Spezialistin f�r Postcolonial Studies.</p><p>Wendy f�hrt ihren rosa Retro-Apple hoch. Das Rosa des Retro-Apples korrespondiert mit Wendys rosa J�ckchen und Lippenstift. Wendy betont die Farbe Rosa, weil sie geh�rt hat, da� die sechsk�pfige Kommission aus vier M�nnern besteht und Greifswald generell den Ruf hat, konservativ zu sein. Also brezelt sich Wendy eben auf. Sie scrollt ihr Skript bis zum Ende, um zu sehen, ob auch tats�chlich die Markierungen jener W�rter, gelb, zu sehen sind, die sie besonders betonen will, �und <emphasis>nicht</emphasis>�, �ob-<emphasis>wohl</emphasis>�, �na-<emphasis>t�r</emphasis>-lich�.</p><p>Der Herr vom Institut, der sie vorstellt und dem sie nicht zugeh�rt hat, spricht nicht mehr. Sie schaut von ihrem rosa Retro-Apple in die Runde der sechs Professoren der Kommission in den B�nken vor ihr, beugt sich vor und sagt: �Meine Damen und Herren.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>23</strong></p><p>Sie l�scht das Licht im Schlafzimmer und tritt ins dunkle Wohnzimmer. Weil sie noch im Bad ihr Outfit checken m�chte, dreht sie sich nach links und st��t, als sie durch die Badezimmert�r treten will, die sie immer offen l��t, gegen die Wand. Sie taumelt zur�ck. Sie hat sich ihren rechten Ellbogen angeschlagen, und ihr ist blitzartig eingefallen, da� sich das Bad hier, in Greifswald, ja nicht links, sondern rechts vom Schlafzimmer befindet, wie bl�d sie ist.</p><p>Vor dem Spiegel beschlie�t sie, da� der Pferdeschwanz, der hellgr�ne Pulli mit hellgr�nem Schlips, die Jeans zu casual sind, da k�nnte man ja denken, das Date sei ihr Wurst. Sie geht zur�ck ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Vor dem Spiegel beschlie�t sie, da� offenes Haar, das Nadelstreifensakko, der hellgr�ne Schlips und der knielange dunkelrote Wildlederrock overdressed sind, da wei� man ja gleich, was los ist. Sie geht zur�ck ins Schlafzimmer, schl�pft wieder in den hellgr�nen Pulli, die Jeans, das Haar l��t sie offen. Von der Eingangst�r aus testet sie, was Quentin als erstes vom Wohnzimmer sehen wird, wenn er eintritt. Er wird den Tisch sehen, er wird das Regal sehen, die Negerkopf-B�sten, den Australien-Quilt. Sie beschlie�t, da� die Negerkopf-B�sten an der Wand, das Regal und der Australien-Quilt auf den Geschmack ihrer Besitzerin schlie�en lassen. Sie entz�ndet die Kerzen auf dem Tisch und r�ckt sie etwas mehr in die Mitte, damit Quentin sie gleich von der Eingangst�r aus sieht, und am Anfang eine gewisse Atmosph�re herrscht, bei der man sich vorstellen kann, da� man im Verlauf des Abends im Gespr�ch, das in Richtung Tiefsinn geht, inneh�lt und sich l�nger in die Augen sieht, sp�ter dann k��t, miteinander schl�ft. . dabei nat�rlich vorausgesetzt, da� Quentin die Candlelight-Dinner-Atmo so wie sie als romantisch und nicht etwa als kitschig oder als f�rs erste Date zu aufdringlich empfindet. .</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>24</strong></p><p>Und jetzt, wie sie sieht, da� da ein Glas Wasser vor ihr auf dem Rednerpult steht und sie nicht wei�, ob das jemand von den Studenten dahingestellt hat, als Gag vielleicht, oder ob das einfach ihr Vorg�nger vergessen hat, da erinnert sie sich an ihre Bewerbung in Konstanz und an das Glas mit Sprudel, von dem sie die ganze Zeit aufsto�en mu�te, und wie peinlich das war, und sie grinst und �berlegt, und sie ist sich nicht sicher, ob sie auch damals schon auf ihrem rosa Retro-Apple, den sie jetzt hochf�hrt, die zu betonenden W�rter markiert hatte, so wie sie das bei ihrem Vortrag in Greifswald damals getan hatte, eine Schnapsidee, wie sich dann herausstellte, einmal und nie wieder, also hatte sie das nur in Greifswald und nicht in Konstanz gemacht, wie war sie eigentlich auf so was gekommen? W�hrend des gesamten Vortrags hatte sie das Gef�hl gehabt, sie betone falsch, sie klinge total affektiert, obwohl sie das ja sicher tausendmal zu Hause ge�bt hatte und es da sicher richtig und nat�rlich geklungen hatte. Sie hatte sich damals beim Vortrag selbst, erinnert sie sich, nur noch aufs Vorlesen und Betonen konzentriert, gar nicht mehr auf den Sinn geachtet, der Text h�tte irgendwas sein k�nnen, eine Gebrauchsanweisung, ein Groschenroman, blo� fertig werden, blo� durchkommen, hatte sie damals gedacht, und sie sieht unten rechts auf dem Bildschirm an der Uhr, da� es Viertel nach ist, und sie schaut in die sp�rlich gef�llten Reihen des H�rsaals, und sie liest ab: �Meine Damen und Herren, ich begr��e Sie herzlich zur Einf�hrung in Postcolonial Studies, die ich, wie im Vorlesungsverzeichnis angek�ndigt, auf englisch halten werde.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>25</strong></p><p>Wie lange sie da schon in ihrem Zimmer auf und ab, vom Bett zum Tisch und vom Tisch zum Bett, gegangen ist, wei� sie nicht, als sie auf das Display ihres rosa Retro-Apples schaut, jedenfalls hat der Bildschirmschoner, den sie sich nach langem Suchen von einer Seite mit Vintage-Software heruntergeladen hat, bereits eine Aquariumslandschaft mit Unterwasserpflanzen und bunten Fischen gezeigt, die virtuelle Luftblasen aussto�en. Wendy kommt mit ihrem beknackten <emphasis>Oh, Uncle!</emphasis>�� Buch einfach nicht weiter! Nur das letzte und vorletzte Kapitel hat sie schon, das hei�t Kapitel eins und zwei mu� sie, will sie den Termin einhalten, in sechs statt, wie eigentlich von ihr geplant, zw�lf Monaten schreiben! Wie soll sie das schaffen? Ist Wendy Superwoman?</p><p>Wendy ist, ohne da� sie darauf geachtet hat, nicht vom Tisch zum Bett, sondern vom Tisch zur T�r gegangen, auf dem Flur hat pl�tzlich ihre neue Mitbewohnerin vor ihr gestanden, Wendy hat vor Schreck �Aaaahh� gemacht, �Was machst du denn hier?�</p><p>Wendys neue Mitbewohnerin Tina, die Wendy mal aus Zerstreuung mit Thekla angesprochen hat, woraufhin Tina meinte, da� ihr Thekla viel besser gefalle als Tina, in Zukunft solle Wendy Tina Thekla nennen, Tina sagt unschuldig: �Ich wollte gerade zu dir. Dich was fragen. Und zwar. Ich treffe doch heute den Hajem. Der, von dem ich dir erz�hlt habe. Und da wollte ich dich fragen. .�</p><p>Tina schaut auf ihre H�nde, Wendy schaut auf Tinas H�nde. Tina spielt mit einem Stoffkn�uel.</p><p>�. . weil du kennst mich ja jetzt ganz gut. Ob ich also. Na, ob ich mit dem Hajem schon beim ersten Date schlafen soll oder nicht, ob man so was macht.�</p><p>Wendy werden in diesem Moment vier Dinge klar.</p><p>A) Wendy und Tina kennen sich eigentlich �berhaupt nicht. Wendy ist ja nur selten hier in Berlin. Sie haben sich vielleicht zweimal unterhalten. Und das war eher �ber Haushaltsangelegenheiten. Tina liegt also falsch (siehe: �Weil du kennst mich ja jetzt ganz gut�).</p><p>B) Tina sieht Wendy wohl als so etwas wie eine �ltere Schwester an, die schon so viel mehr Erfahrung hat als sie und daher Ratschl�ge geben kann. Siehe jetzt, wie Tina zu Wendy, ganz Rehkitz, hochsieht, wie sch�chtern und zugleich zutraulich sie ist.</p><p>C) Wendy mag zwar fast 15 Jahre �lter als Tina sein. So viel mehr Erfahrung, was Jungs angeht, hat sie aber nicht. Was soll sie jetzt sagen? Heiko war ein Macho und Quentin ein Waschlappen. Ich lese nur t�glich in meinen schlauen B�chern �ber anale Phasen, sexuelle Orientierung, den Phallus und das �ber-Ich et cetera. Wenn ich dir daraus vorlesen w�rde, kleine Tina, w�rdest du von alldem nur Bahnhof verstehen. Mein letzter Geschlechtsverkehr liegt so lange zur�ck, da m�chte ich gar nicht zu rechnen anfangen. Ich masturbiere regelm��ig.</p><p>D) Tina ist eine S��e. Wendy w�rde sie in diesem Moment gern k�ssen � �</p><p>Wendy r�t: �Na, ich w�rde mal nichts �berst�rzen. Immer langsam angehen. Wenn er der Richtige ist, dann werdet ihr noch gen�gend Gelegenheiten haben, in die Kiste zu h�pfen� und klopft Tina auf den R�cken, als die sie umarmt und sagt: �Dank dir, Wendy. Ich bin echt gl�cklich, da� wir so gute Freundinnen sind.�</p><p>Vor dem Schlafengehen steht Wendy vor dem Spiegel im Bad, tr�gt Anti-Aging-Gesichtscreme auf und b�rstet ihr Haar mit den grauen Str�hnen. Zu ihrem Spiegelbild sagt sie: �Nein, Hajem, la� uns das mal alles langsam angehen. Ich gehe jetzt nach Hause. Wollen wir telefonieren?�</p><p>Sie schw�belt dabei ein wenig, weil Tina ein wenig schw�belt �.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>26</strong></p><p>Wendy ist zusammengezuckt, als Jennifer auf Tinas Frage hin, welche Bands denn bei <emphasis>BIBO</emphasis> so unter Vertrag seien, neben Tau, den <emphasis>KOPs</emphasis> und <emphasis>Rottweiler</emphasis> auch <emphasis>Onkelchen</emphasis> nannte. Wendy reagiert immer noch allergisch auf jede Art von Onkel-Themen. Obwohl sie ja schon seit gut einem halben Jahr mit dem zweiten Buch fertig ist, durchlebt sie in solchen Momenten quasi im Zeitraffer die gesamte Anspannung der vergangenen Jahre, die durchgeschriebenen N�chte, das Fingern�gelkauen, das Auf-und-ab-Laufen im Zimmer.</p><p>Wenn einer hier am Tisch fragt, was Wendy denn zur Zeit so mache, wird sie sagen, sie schreibe noch immer an ihrem zweiten Buch, das sie plane, in einem halben Jahr abzuschlie�en. Tats�chlich wei� niemand, da� sie offiziell zwar zur Vollendung ihres Buchs weiterhin das 12-Monats-Stipendium kassiert, das ihr vollkommen �berraschend von der Uni angeboten worden war � Stiefellecken pays �, in Wirklichkeit aber die 263 Seiten ihrer Arbeit auf der Festplatte ihres rosa Retro-Apples schon lange nicht mehr angesehen und sich statt dessen hier und da eine Romanmitte vorgenommen hat, um sie weiterzuschreiben, Tolstoi liest, viel im Bett liegt, Minzbonbons kaut und �ber ihre Zukunft nachdenkt. Ob sie eine vern�nftige Wendy sein will und sich jetzt in B�lde auf C3-Stellen bewerben soll. . oder ob sie lieber jetzt zur Abwechslung die wahre Wendy ist, die sie sich all die Jahre zu sein nicht getraut hat, und ein bi�chen mehr auf sich selber schaut, das hei�t Sport treiben, gesund essen, ausgehen, sch�n aussehen et cetera. Auch wenn wohl mittlerweile feststeht, da� Wendy das Leben, das sie sich noch vor zehn Jahren vorgestellt hat � sie: Mutter mit Tochter und beliebigem Er, der a) f�rsorglich ist und b) gut verdient �, nie f�hren und eben dieses Leben ein Traum bleiben wird, m�chte sie doch wenigstens jemanden haben, der nicht ihr Teddyb�r ist und den sie abends in ihrem Bett umarmen kann, mit dem sie reden kann, der sie versteht, der sagt, wie sehr er sie mag und so weiter.</p><p>Das einzige Hindernis auf dem Weg zur wahren Wendy k�nnte dabei Therese sein. Therese ist von der Leiter gefallen und liegt im Spital. Wendy f�hlt sich verpflichtet, sich zu k�mmern. Aber das ist es nicht. Das Problem sind die diversen Post-Spital-Szenarien, Therese im Rollstuhl, Therese mit W�gelchen, Therese bettl�gerig. Wendy, die m�glicherweise sogar bei Therese einziehen mu�. Wendy als Pflegerin. Wendy ist die Tochter. Sie denkt: Wenn wir hier fertig sind mit dem Abendessen, mu� ich unbedingt noch packen, die Magnetschwebebahn nach Salzburg morgen ist doch ziemlich fr�h, um zehn war die, glaube ich.</p><p>Parsifal, Tinas neuer Freund, hat Jo gefragt, was er und Jennifer jetzt, nachdem <emphasis>BIBO</emphasis> Insolvenz angemeldet habe, vorhaben. Jo und Jennifer haben gleichzeitig zu reden angefangen, dann sofort aufgeh�rt, sich anschauend, lachend, �Ne bitte� sagend.</p><p>Jo sagt: �Ich werde mal sehen, was sich so im Kulturmanagement-Bereich findet.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>27</strong></p><p>�Schwester? Sind Sie das? Andrea? Ist es schon wieder Abend? So schlecht habe ich geschlafen. Und die Schmerzen werden einfach nicht besser. Da in der H�fte. Schlafen kann ich nicht. Aufstehen kann ich nicht. Nur liegen geht. Aber das ist ja nichts. Wenn ich was halte, dann tut das auch schon weh. K�nnen Sie nicht noch mal den Herrn Doktor fragen, wegen der Mittel.�</p><p>�Mama?�</p><p>Die Mama hat sich im Bett umgedreht.</p><p>�Ach, du bist ja gar nicht die Andrea, ich habe jetzt gedacht, du bist die Andrea, na, das ist ja eine Freude, daߒd gekommen bist.�</p><p>Wendy beugt sich zur Mama und umarmt sie.</p><p>�Das hatten wir ja doch so ausgemacht, elf Uhr hatten wir doch gesagt, oder liege ich jetzt ganz falsch, gr�� dich Gott, Mama.�</p><p>�Nein, nein, ich erinner mich jetzt, nat�rlich, elf Uhr, nat�rlich, ich habe nur gerade ged�st, eine sch�ne blaue Bluse tr�gst du.�</p><p>�Gehts dir gerade nicht so, soll ich am Nachmittag kommen. .�</p><p>�Nat�rlich bleibst jetzt hier, das ist alles halb so wild, alles halb so wild ist das. Nach dem Schlafen ists immer ein bisserl arg. Aber sonst bin ich ja schmerzfrei. Und beim Gehen mach ich Fortschritte. Hier durchs Zimmer bin ich schon gewatschelt. Mit der Andrea. Na, was sagst jetzt dazu? Und wenn es zu langweilig wird, da schau ich halt dann was im Fernsehen oder ich les was. Du, holst ma was zum Malen von zu Haus. Bist du so lieb?�</p><p>Wendy hat gemerkt, da� ihr, wie sie am Bett steht und die Mama da so liegen sieht, die Tr�nen gekommen sind. Sie beugt sich noch mal zu ihr herunter und umarmt sie.</p><p>�Ach, Mama, was machst du denn, Mama.�</p><p>Wendy sp�rt die gl�henden Wangen ihrer Mutter an ihrem Gesicht, weint sie auch? Sie kann es nicht sehen.</p><p>�Ich wei� auch nicht. Die Schmerzen werden einfach nicht besser. Das bessert sich �berhaupt nicht. Da in der H�fte. Schlafen kann ich nicht und aufstehen auch nicht richtig und kaum, da� ich was halten kann. Man mu� doch mit dem Herrn Doktor reden, wegen der Mittel.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>28</strong></p><p>In der Magnetschwebebahn schaut sie aus dem Fenster, und sie sieht die Mama, wie sie da im Bett liegt, bla�, zerbrechlich, und �berhaupt nicht wie jemand, der Anfang 60 ist � diese Schauspielerin, die Wendy neulich im Fernsehen gesehen hat, die ist doch auch Mitte 60, und wie sieht die aus, bitte �, sondern eher 70, �ber 70, ja, die Mama, die bis vor kurzem immer die Getr�nkekisten und die Einkaufst�ten selber in den dritten Stock hochgetragen hat, ohne den Lift zu nehmen � a Lift is was f�r alte Leut� �, die im Schlafzimmer im knielangen Hemd vor ihrem Sockel stand und K�pfe, Tiere und Pflanzen aus Gips knetete. . die Mama, wie sie da im Bett liegt und zum Abschied schwach den Arm hebt. . wie sie den Kopf gereckt hat und Wendy, die sich noch mal in der T�r umdreht, einen Ku� durchs Zimmer schickt, mit gro�en, ja, �ngstlichen Augen nachschaut. .</p><p>�Wir erreichen in K�rze N�rnberg Hauptbahnhof� ist aus dem Waggonlautsprecher gekommen, �dort haben Sie Anschlu�m�glichkeiten mit dem Country-Expre� nach Regensburg, Ingolstadt, Weiden.�</p><p>Wendy sieht die vorbeiflitzenden Baumwipfel, einen H�gel in der Ferne, D�cher, eine Kirchturmspitze, den Kondensstreifen am Himmel, unbeweglich. Pl�tzlich ist sie aufgesprungen und hat in das �berraschte Gesicht des grauhaarigen Rentners gegen�ber geblickt.</p><p>Die, seine? Frau neben ihm hat gesagt: �Na, denn mal aber schnell.�</p><p>Wendy denkt: Heute ist Sonntag, und morgen ist Montag, und der Termin beim Frauenarzt ist Dienstag um 11:30 Uhr.</p><p>Sie zieht ihre Reisetasche aus dem Gep�ckfach und stellt sich in die Schlange, die am Ausstieg ansteht.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>29</strong></p><p>Nein, sagt der Pf�rtner der Firma <emphasis>Wildberg</emphasis>, die, glaubt Wendy sich zu erinnern, entweder Wurst oder Joghurt herstellt. Seine Stimme klingt durch den Lautsprecher in der Glaswand, hinter der er in seinem Kabuff sitzt, metallen, im Hintergrund Schlagergedudel.</p><p>Eine Firma <emphasis>Wallner</emphasis> gebe es hier im Gewerbepark nicht und habe es, seines Wissens, und er sei hier, seit <emphasis>Wildberg</emphasis> hier sei, seit 15 Jahren also, nicht gegeben. Im Gewerbepark in Chamm�nster und in Cham �berhaupt. Die �lteste Firma hier? Ja, er denke, die am Ende der Stra�e, die sei am l�ngsten schon hier, der <emphasis>Heizkessel-K�nig</emphasis>. Seit Jahrzehnten. K�nne schon sein, da� die mal einem Wallner geh�rt habe. Aber sonst?</p><p>Wendy ist mit dem roten Leih-Mercedes, A-Klasse, den sie am Bahnhof in N�rnberg zum F-Klasse-Sonderpreis bekommen hat, die gerade Stra�e des Gewerbeparks entlanggefahren. <emphasis>S�ssmayer-M�bel, Van Riet &amp; Co., Kellerer-K�chen, Kellerer-K�chen</emphasis> vielleicht, das Geb�ude macht einen guten Eindruck, viele Autos parken davor, Flaggen mit zwei gelben Ks auf blauem Hintergrund wehen am Stra�enrand, das Gesch�ft scheint gut zu gehen. Aber das Geb�ude sieht zu neu aus, als da� es von Costins Vater sein k�nnte; au�erdem passen K�chen nicht zu dem Bild, das Costin bei den wenigen Erz�hlungen aus seiner Kindheit und Jugend von seinem Vater vermittelt hat. Papa Wallner, wie war sein Vorname? Steffen? Stefan Wallner! Genau!: Durchaus ein Mann von Welt, immer besch�ftigt, viele Angestellte.</p><p>Wendy hat vor dem letzten Firmengeb�ude in der Stra�e gehalten. Hinten kommen nach den Wiesen noch einige Grundst�cke, die umz�unt oder von dichten B�schen umgeben sind, so da� man nicht hineinsehen kann, Privatgel�nde wahrscheinlich. Die Stra�e ist voller Schlagl�cher, wer wei�, ob da �berhaupt noch jemand wohnt, alles macht einen recht verwunschenen Eindruck. Es hat zu tr�pfeln angefangen. Wendy wird jetzt nicht aussteigen und ohne Schirm zur Firma latschen und fragen, ob das hier mal einem Herrn Wallner geh�rt habe, und wenn nicht, welche Firma dann, ob man ihr das sagen k�nne, das mu� doch rauszubekommen sein, for Pete�s sake.</p><p>�Meinst du, das ist es?� fragt Wendy das Kommunikationsprogramm des Mercedes, das ihr die Fahrt nach Cham verk�rzte.</p><p>Aus den Themenbereichen, die zur Auswahl standen, hatte sie sich f�r <emphasis>K�nigsh�user im 20. Jahrhundert</emphasis> entschieden. Sie hatte mit dem Programm eine angeregte Diskussion �ber Lady Di gef�hrt. Das Programm wu�te vieles, was Wendy gar nicht klar war.</p><p>�K�nnte sein, Wendy�, sagt die Frauenstimme des Programms.</p><p>Wendy wird zu Hause mal eine Online-Suche machen und sich aus der Stabi ein Buch �ber Cham ausleihen. Das wird sie machen. Einstweilen gen�gt es, da� der <emphasis>Heizkessel-K�nig</emphasis> ungef�hr der Vorstellung entspricht, die sie sich von Stefan Wallners Unternehmen, Gesch�ft, Firma, was auch immer, gemacht hatte. Mittelst�ndisch, zwei Flachbauten, neun, zehn, elf Autos auf dem Parkplatz, hoher gr�ner Metallzaun.</p><p>Stefan Wallner wird oft im dunkelblauen Anzug mit einem schwarzen Schirm im Eilschritt von seinem roten Mercedes, D-Klasse, �ber den Parkplatz zu einem der Geb�ude, dem linken, gegangen sein. Stefan Wallner wird oft am Fenster ganz oben links gestanden und auf die Wiesen geschaut haben, auf die der Regen f�llt. An Sonntagen wird er nach einem gegl�ckten Deal das Fenster ge�ffnet und sich eine Zigarre, eine Cohiba � die einzige Marke, die Wendy einf�llt � angez�ndet haben. Er wird viel auf Gesch�ftsreisen gewesen sein. Zu Hause wird er Mama Wallner und Costin erz�hlt haben, wo er �berall gewesen ist und wohin er seine Heizkessel verkauft hat. England, Irland, D�nemark, Schweden. Er selbst wird einen Heizkessel aus seiner eigenen Firma, die damals noch <emphasis>Heizkessel-Wallner</emphasis> hie�, im Keller stehen gehabt haben.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>30</strong></p><p>Hier wird Costin gesessen haben, denkt Wendy. Sie sitzt auf der Betoneinfassung eines Blumenbeets. Ihr Blick schweift �ber die mit Stufen verbundenen Plateaus des Schulhofs. Der Schulhof ist wie ausgestorben. Es werden Sommerferien sein. Costin, elf, f�nfte Klasse: feste Zahnspange, er �ffnet beim Lachen nicht gern den Mund, weil er sich sch�mt, er wird besonders von j�ngeren Lehrerinnen gemocht, die ihn herzig finden, von �lteren wird er regelm��ig ger�gt, schon zwei Verweise, schwarzer Wuschelkopf, etwas kleiner als die anderen, vorlaut und Klassenclown, bei seinen Mitsch�lern deshalb beliebt, Bandenf�hrer; nach der sechsten Stunde wartet, wie hie� die noch, Clara? Maria? Elena? wie auch immer: wartet Mama Wallner schon im roten Mercedes, A-Klasse, mit laufendem Motor auf dem Lehrerparkplatz, Costin rennt, wenn die Schule aus ist, die Treppen des Schulhofs herunter, seine viel zu gro�e Schultasche schaukelt dabei auf seinem R�kken wild auf und ab, er begr��t Mama Wallner mit einem Ku�; Mama Wallner nimmt oft seine Freunde mit, von denen hat er viele, seine Wangen gl�hen, wenn er noch im Auto zu erz�hlen anf�ngt, was heute wieder in der Schule los war, er redet nonstop, er ist sehr lebhaft. Mama Wallner mag das: in den R�ckspiegel schauen und ihrem kleinen Buben beim Reden zusehen und ihm nicht zuh�ren und nur denken: Du kleiner Schabernackl. Sie nennt Costin Schabernackl. Mama Wallner, 35, 40, eine gepflegte Erscheinung, fesch, tiefschwarzes lockiges Haar, dunkler Teint, jung geblieben; als Frau des Firmenbesitzers angesehen und respektiert in der Stadt; trotz der abgelegenen Lage Chams zufrieden wegen des guten Verdienstes ihres Mannes, wandert gern im Bayerischen Wald. Naturverbunden.</p><p>Eine der Fl�gelt�ren des Gymnasiums ist aufgegangen, ein Junge, vielleicht 20, ist herausgekommen, schaut kurz zu Wendy her�ber, rennt die Treppen herunter zum Parkplatz. Costin, 18, K 12, Leistungskurs Musik und Englisch (geht das �berhaupt?), zweimal 15 Punkte, sportlich, gegeltes Haar, M�dchen kuscheln sich bei Klassenfeiern am Lagerfeuer an ihn, er bricht viele Herzen, hat eine eigene Band, mit der er nicht nur in der Schule, sondern auch in Cham und Umgebung schon oft aufgetreten ist; schert sich kaum noch um seine Noten, weil ohnehin klar ist, da� er Popstar wird; alles fliegt ihm zu; sein rotes Motorrad steht auf dem Lehrerparkplatz; der Direktor pers�nlich hat sein OK dazu gegeben; der notorisch unbeliebte Direktor m�chte bei den Sch�lern dadurch Pluspunkte sammeln. In der Raucherecke am anderen Ende des Schulhofs steht die Splitter-Gothic-Fraktion, die die einzigen an der Schule sind, die Costin nicht leiden k�nnen.</p><p>Wendy kann sich selber als 15j�hrige, schwarzer Rock, schwarze Bluse, schwarze Samtjacke, schwarze Springerstiefel, schwarz gef�rbtes Haar, schwarzer Nagellack, Zigarette in der Hand, gelangweilter Gesichtsausdruck, bleich, dort dr�ben in der Ecke am anderen Ende des Schulhofs stehen sehen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>31</strong></p><p>Aber das ist ja ein Kaff! Nein. Kein Kaff: ein Kaff-Kaff.</p><p>Auf der Hinfahrt hatten die Burgruinen hier und da auf den dicht bewaldeten H�geln Wendy in eine fast feierliche Stimmung versetzt; sie hatte auf ein mittelalterliches St�dtchen gehofft; sp�ter, von der Umgehungsstra�e aus, hatten der Flu�, entlang dessen Windungen die Stadt gebaut war, und die zwiebelf�rmige Kirchturmspitze, die sich zwischen den roten D�chern erhob, ja eigentlich auch noch recht pittoresk gewirkt.</p><p>Jetzt, auf einem Parkplatz auf dem Marktplatz, mu� Wendy ihren ersten Eindruck revidieren, der bereits zu br�ckeln anfing, nachdem sie durch ein Tor gefahren war, dessen Plakette es als <emphasis>Biertor</emphasis> auswies, und sie die leeren Stra�en, die Klitschen �berall sah. Es sch�ttet. Sie hat den Scheibenwischer angestellt. Die Kleider in der Auslage des Gesch�fts direkt neben dem Parkplatz sehen wie eine schlechte Kopie jener Mode aus, die man vor drei Jahren in Berlin getragen hat, in der man sich jetzt aber l�cherlich machen w�rde, �berall, au�er in Cham wahrscheinlich; die Unisexschaufensterpuppen mit ihren nur angedeuteten Gesichtsz�gen und den Gliedern, die man nicht mal zu bewegen k�nnen scheint, wirken wahnsinnig mickrig. <emphasis>Mickrig</emphasis>. That�s the word. Der Marktplatz verschwimmt.</p><p>Scheibenwischer.</p><p><emphasis>Zzzk.</emphasis></p><p>Neben dem einzigen Geb�ude, das mit seinen Stufengiebeln historisch aussieht, aber mal wieder einen Anstrich gebrauchen k�nnte, steht ein grauer Betonklotz, auf dem sinnigerweise <emphasis>Frey</emphasis> steht; auf der Stra�e: kein Kopfsteinpflaster, sondern ein Teerfleckenteppich.</p><p>�Ja hat denn hier das Baureferat keinen Sinn f�r Einheitlichkeit?� sagt Wendy laut im Auto, dessen Scheiben langsam beschlagen. �Wenigstens der Marktplatz sollte doch ein bisserl repr�sentativ sein, f�r Touristen, hallo? Tourismus? Gibt�s so was hier?�</p><p>�Das glaube ich nicht, Wendy. Laut meiner Datenbank ging der Tourismus in Cham im letzten Jahrzehnt auf nahezu null zur�ck�, antwortet das Kommunikationsprogramm.</p><p>�Schon gut�, knurrt Wendy.</p><p>Scheibenwischer.</p><p><emphasis>Zzzk.</emphasis></p><p>Zwei Jugendliche mit hochgezogenen Schultern, h�ngenden Jeans, klatschna�, sind am Auto vorbeigegangen, einer flucht wohl, Wendy versteht zwar nicht, was er sagt, aber laut und guttural war�s, ein phonetischer Leckerbissen denkt Wendy automatisch. Wenigstens das.</p><p>F�r Costins Mutter mu� es am schlimmsten gewesen sein. Stefan Wallner hatte seine Firma. Costins Mutter mu� kreuzungl�cklich gewesen sein. Wendy w�re an der Stelle von Costins Mutter kreuzungl�cklich gewesen. Costins Mutter wird oft, wenn Costin in der Schule war, allein im Wohnzimmer gesessen und leise vor sich hin geweint haben. Jede Fahrt weg von hier, zum Einkaufen, wohin auch immer, die Reisen in den Schulferien werden ein Gl�ck gewesen sein.</p><p>Was wird Costins Mutter gewesen sein? Sie wird Hausfrau gewesen sein. Damals ist man als Frau Hausfrau gewesen. Sie wird sich durch Malen abgelenkt haben. Sie wird Stadtansichten gemalt haben. Den Marktplatz. Die Natur. Wie Therese. Sie wird mit Freundinnen einen Lesezirkel gehabt haben. Eine gem�tliche Runde. Sie wird respektiert und beliebt gewesen sein.</p><p>Nein.</p><p>Sie wird nicht respektiert und beliebt gewesen sein. Man wird neidisch auf sie gewesen sein. Im Dorf ist man immer auf die neidisch, denen es besser geht. Sie wird keinen Lesezirkel mit Freundinnen gehabt haben. Au�erdem ist sie Rum�nin gewesen. Es wird keinen gro�en Unterschied gemacht haben, ob sie in Deutschland geboren wurde oder aus Rum�nien emigrierte. Wurde sie in Deutschland geboren, oder emigrierte sie aus Rum�nien? Sie wird immer die Zugereiste gewesen sein. Nach Rum�nien wird sie nicht oft gereist sein. Wendy hat eine Dokumentation �ber Rum�nien gesehen, vor ein paar Jahren. Die Verh�ltnisse in Rum�nien sind mafios und entsprechen trotz jahrzehntelanger EU-Mitgliedschaft nicht den westlichen Standards. Hatte au�erdem Rum�nien damals nicht noch dieses Diktatorenehepaar? Costins Mutter wird zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht nach Rum�nien haben einreisen d�rfen. Erst sp�ter. Costin wird ihr einziger Sonnenschein gewesen sein. Er mu� ihre ganze Hoffnung gewesen sein. Was sie nicht konnte, sollte wenigstens er k�nnen, n�mlich weg von hier, f�r immer. Als Costin das Haus verlie�, wird sie sich ein Haustier genommen haben. Wenn man einsam ist, nimmt man sich ein Haustier. Einen Hund.</p><p>Nein.</p><p>Eine Katze. Eine Tigerkatze. Tigerkatzen passen viel besser zu Hausfrauen als Hunde. Stefan Wallner wird erst sp�t in Pension gegangen sein. Er wird einer dieser Workaholics gewesen sein. Stefan Wallner ist Wendy unsympathisch. Als er sein Kinderdorf-Projekt in Nigeria hatte, wird Costins Mutter ihn begleitet haben. Sie wird aufgebl�ht sein. Stefan Wallner wird ihr einen Traum erf�llt haben. Sie wird eine kleine Boutique mit Original-Nigeria-Kunst in Cham er�ffnet haben. Wendys Neger-K�pfe werden nicht von Costin in Deutschland gekauft worden sein, sondern sind eigenh�ndig von seiner Mutter aus Nigeria hierher importiert worden und haben die l�ngste Zeit in einem kleinen Chamer Schaufenster gestanden. Stefan Wallner und Costins Mutter werden nur mehr selten zur�ck in ihr Haus nach Cham gekommen sein. In ihrem Haus in Cham werden viele Souvenirs aus Nigeria gestanden haben. Im Garten Nigeria-Pf�hle. Stefan Wallner wird manchmal im Schlafzimmer zum Spa� vor dem Zubettgehen einen nigerianischen Stammestanz aufgef�hrt haben. Costins Mutter wird vom Bett aus zugeschaut, gelacht und geklatscht haben. Nachher werden sie, beide braungebrannt, im Bett gelegen und H�ndchen gehalten haben. Erst sp�t, als Pension�re, werden sie so mit sich und ihrem Schicksal Frieden geschlossen haben. Costins Mutter wird Stefan Wallner verziehen haben. Die Boutique. Die Reisen nach Nigeria. Der Stammestanz. Auf ihre alten Tage werden sie wieder zueinandergefunden haben. Sie werden sich geliebt haben.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>32</strong></p><p>Sie schaltet die Plasma-Wand ein, und die Anzeige einer digitalen Uhr auf hellblauem Hintergrund f�llt den Bildschirm aus, 57, 58, 59, 00, und eine sehr attraktive indische Nachrichtensprecherin in wei�er Bluse hat gesagt, da� durch den B�rgerkrieg in Teheran weiterhin chaotische Zust�nde herrschen und sich die Zahl der Zivilopfer mittlerweile auf �ber 1000 belaufe, und eine Frau mit Kopftuch hat neben dem kleinen Leichnam ihres in schwarz gekleideten Jungen gekniet und sich mit den F�usten auf die Brust geschlagen und die Augen geschlossen und gejammert und die H�nde vors Gesicht gehalten, und hinter ihr sind Tr�mmer gewesen, und pl�tzlich hat Wendy einen Klo� im Hals gehabt, und ihr sind die Tr�nen gekommen, und sie h�lt es nicht aus, diese Mutter zu sehen, die um ihren Jungen trauert, und sie weint, weil es so etwas gibt, und sie will nicht, da� es so etwas gibt, und sie wird w�tend, weil sie wei�, da� sie wieder mal dem Fernsehen auf den Leim gegangen ist und in diesem Moment genau das f�hlt, was die, die das senden, wollen, und sie wird w�tend, weil sie nicht eine dieser sentimentalen Tussen sein m�chte, die bei jedem Schei� im Fernsehen heulen, und sie schneuzt sich und h�rt auf zu weinen, und ein kleines M�dchen in wei�em Kleid l�uft durch eine Gasse auf die Kamera zu, und vereinzelt sind Gewehrsalven zu h�ren, und das M�dchen schreit laut vor Angst auf und heult, und Wendy hat einen Klo� im Hals, und ihr kommen die Tr�nen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>33</strong></p><p>Die Frau im hellblauen Anzug ist durch den Gang in die K�che geschwebt, ist dort langsam zu einem Schrank hoch an die Decke geflogen, hat eine Box herausgeholt und hat mit einem L�ffel Paste daraus gegessen, w�hrend ihr K�rper in der Luft leicht hin- und herpendelt. Im Knacken und Rauschen der �bertragung hat man die Frau atmen geh�rt. Wendy schaut von der Plasma-Wand, der Sendung �<emphasis>live!</emphasis> vom Mars�, die t�glich um halb sieben mitteleurop�ischer Zeit, 30 Minuten, das Geschehen in der Raumstation auf dem Mars zeigt, auf die Fotos auf dem Boden.</p><p>Wendy tut der R�cken weh �. Sie hockt hier schon den ganzen Nachmittag; hat Kartons mit Schachteln mit Fotos und Fototaschen und Alben und Videokassetten aus dem Kellerabteil hochgeschleppt, ausgepackt, gesichtet und alles im Uhrzeigersinn um sich herum angeordnet, der ganze Teppich ist bedeckt, bis zum Bett, zum Regal, zur T�r.</p><p>Rechts von ihr, von 1 bis 4 Uhr: Die vielen Fotos, vor allem schwarzwei�, mit denen sie nichts so recht anzufangen wei�. Den Zweig von Anas und den von Stefans Familie kann sie zwar klar unterscheiden, es gibt Frauen und M�nner und Kinder, die sehr rum�nisch und solche, die sehr deutsch aussehen. Auch l��t die H�ufigkeit, mit der einige Paare abgebildet sind, darauf schlie�en, wer Anas und wer Stefans Eltern sind. Der alte Herr mit der deutlich j�ngeren wasserstoffblonden Frau vor dem Petersdom zum Beispiel � das m�ssen Stefans Eltern sein. Aber wer all die anderen l�chelnden, nachdenklich neben die Kamera blickenden oder sich unterhaltenden Menschen sind, in den k�nstlichen Landschaften von Ateliers, in sommerlichen G�rten, in reich m�blierten Zimmern, vor Wahrzeichen gro�er St�dte, und ob es sich bei den Kindern in Matrosenanz�gen und wei�en Kleidchen teilweise um fr�he Aufnahmen jener Erwachsenen handelt, denen dann auf anderen Bildern B�rte gewachsen, die Haare ausgefallen oder grau geworden sind, das kann Wendy auf die Schnelle jetzt nicht sagen.</p><p>Von 4 bis 8 Uhr: Cham, das hei�t Ana und Stefan und Costin. Ana mit Bauch, Stefan und Ana mit Baby Costin, Baby Costin im Gitterbett, Costin auf Anas Arm, Costin auf Pony, Stefan in Anzug vor Firma, Stefan Arm in Arm mit unbekanntem etwa gleichaltrigem Mann, derselbe unbekannte Mann mit Ana, Costin auf Anas Scho�, Ana mit Sonnenbrand, Ana vor Arc de Triomphe, Ana mit Mutter, Stefan in Badehose, Costin als Cowboy auf Kindergeburtstag, Gruppenfoto von Stefan mit unbekanntem Mann von oben vor Angestellten, Anas Mutter mit Costin, Ana oben ohne, Stefan auf Fahrrad, Stefan in Liegestuhl mit Zeitung, Costin mit Baseballkappe, Costin vor Arc de Triomphe, Stefan auf Eiffelturm, die Arme weit ausgestreckt, Stefan in Anzug mit Costin in Anzug, Costin mit Mikro, singend, rote Wangen, Costin Arm in Arm mit M�dchen, blond, Costin Arm in Arm mit M�dchen, schwarzhaarig, Stefan am Telefon, Costin, rothaarig, Stefan auf Berggipfel, Stefan Arm in Arm mit unbekannter Frau, Ana mit Hund, Ana mit Katze, Costin Arm in Arm mit Ana, Stefan mit Buch, Stefan mit schwarzen Kindern, Stefan mit schwarzem Kind auf Scho�, Ana mit Buch, Ana im Liegestuhl, Ana mit Kr�cke, Ana mit Strohhut, Ana alt, Portr�t, schwarzwei�.</p><p>Von 8 bis 11: Costin. Wendy hat zwei Alben mit Fotos und Zeitungsausschnitten entdeckt, die alles �ber Costin bis zu einem mehr als peinlichen Auftritt in einer Show mit dem mehr als peinlichen Titel <emphasis>Almtrieb</emphasis> enthalten, inklusive <emphasis>PingPongs</emphasis>- und Synchronsprecherkarriere. Costin hat Goebbels gesprochen! Costin war ein Flugsaurier! Dann Fotos von Costin als Labelchef mit seinen K�nstlern, auf Preisverleihungen, mit Romy, kaum ein privates Foto von Costin, auf dem nicht auch Romy w�re, daf�r kaum ein Foto von Costin und Wendy. Wendy kann sich noch genau erinnern, da� Therese einmal an einem Nachmittag sehr viele Fotos von ihr und Papa in der Wohnung und an der Salzach gemacht hat, sie m�ssen irgendwo sein, wenn es sie nicht in Papierform gibt, dann als File irgendwo. .</p><p>Jetzt, auf 12 Uhr, hockt Wendy vor drei Alben, die Ana angelegt haben mu�, als sie bereits alt war, eine Art Res�mee, von Costins Geburt, der Zeit in Cham und Bukarest. Viele Fotos sind dabei, die Wendy schon von den Fototaschen kennt � hier aber in anderen Versionen, Sekunden sp�ter oder fr�her aufgenommen: Auf allen Fotos l�cheln die Abgebildeten, nie gelangweilte oder nachdenkliche Gesichter wie auf den Bildern in den Fototaschen. Sowohl Costin als Baby ganz am Anfang als auch Ana am Ende mit Kr�cke lachen in die Kamera.</p><p>Wendy steht auf, streckt sich und macht �Puh�. Die Hauptarbeit, die vielleicht 20 Videos angucken, kommt noch. Wenn Wendys Annahme zutrifft, da� die Videos ungef�hr dieselben Ereignisse wie die Fotos wiedergeben, hat sie so gut wie kein Material von Stefans letzten zehn Jahren. Auch von Costin fehlen ihr so ungef�hr zehn Jahre. Die einen Fotos reichen bis zu einem Zeitpunkt, wo er vielleicht 35 ist, energiegeladen, muskul�s; auf den anderen ist er dann pl�tzlich Ende 40, dick, verbraucht.</p><p>Costin mit 40 und 41 gibt es nicht.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>34</strong></p><p>�Von 2041 bis 2056 lebte mein Vater in einer Eigentumswohnung am Mariannenplatz 7, Berlin, Kreuzberg; die meiste Zeit davon zusammen mit seiner Lebensgef�hrtin, der Musikerin Romy Kraus. Die Beziehung war durchweg von Spannungen gepr�gt � war Romy Kraus doch fast 25 Jahre j�nger als mein Vater. Vielleicht beschreibt der Begriff �Zweckgemeinschaft� das Verh�ltnis der beiden besser. Er hat Sex, eine Art Sekret�rin, die ihn st�ndig begleitet, sie hat Vorteile: Partys, Kontakte zur Musikbranche, ihr Foto in Illustrierten. Es ist anzunehmen, da� beide Klarheit �ber ihre Beziehung besa�en. Von seinen Aff�ren wu�te sie aus den Zeitschriften; sie ihrerseits machte keinen Hehl aus den ihrigen.�</p><p>Stop mal, denkt Wendy. Ich kann doch das hier jetzt nicht einfach so sagen, Romy Kraus hatte Aff�ren und machte keinen Hehl daraus, wenn ich gar nicht genau wei�, ob das �berhaupt stimmt. Der Verdacht liegt nat�rlich nahe, aber. .</p><p>Wendy schaut auf den blinkenden Cursor auf dem Punkt hinter �ihrigen�.</p><p>Ach, kann ich sehr wohl, denkt sie. Hat sich Frau Kraus je um mich geschert? Hat sie irgendeine meiner E-Mails beantwortet? Das hier ist jetzt meine Rache.</p><p>�Gleichwohl ist es m�glich, da� sich mein Vater nur zu gern der Illusion so vieler alternder M�nner hingab � der Illusion, von einer ohne Zweifel recht talentierten und gutaussehenden jungen Frau begehrt zu werden. Die L�nge der Beziehung � immerhin �ber zehn Jahre � deutet freilich darauf hin, da� seitens Romy Kraus aus den anfangs h�chstwahrscheinlich pr�tendierten sp�ter, wenn schon nicht echte Gef�hle, so doch eine gewisse Zuneigung und Respekt wurden. So schrieb Romy Kraus im Sommer 2051, vielleicht nach einer Zeit der Krise, sehr ehrliche und herzliche Briefe aus Rom. �Du hast mir unheimlich viel gegeben�, hei�t es darin, und weiter: �Ich sehne mich nach Dir, nach Deiner Grummelba�stimme, die <emphasis>Romylein</emphasis> sagt.� Ein halbes Jahr vor seinem Tod wurde mein Vater von Romy Kraus verlassen, was nicht nur seine Situation in der Wohnung massiv erschwerte � er war zu diesem Zeitpunkt, nach einer Thromboseoperation, ein Pflegefall und mu�te f�r die wenigen kurzen Ausfl�ge im Rollstuhl das Treppenhaus heruntergetragen werden, da das Haus keinen Lift besa� �, sondern sich auch fatal auf seine Psyche auswirkte.�</p><p>Wendy steht auf, geht durch den Flur, �ffnet und schlie�t die Wohnungst�r hinter sich, steigt die Treppen im Treppenhaus herunter, �ffnet und schlie�t die Haust�r hinter sich, die Sonne scheint, Wendy kneift die Augen zusammen, geht in die B�ckerei nebenan, kauft sich eine Nu�schnecke, �ffnet und schlie�t die Haust�r hinter sich, steigt die Treppen im Treppenhaus hoch, �ffnet und schlie�t die Wohnungst�r hinter sich, geht durch den Flur, setzt sich an den Schreibtisch, bewegt die Maus, damit die Aquariumslandschaft auf dem Bildschirm verschwindet, und bei�t von der Nu�schnecke ab.</p><p>�Mehrmals fragt er auf dem Krankenbett nach Romy und verf�llt in Apathie, als man ihm sagt, sie habe gerade einen wichtigen Termin, sie komme sp�ter. Am 21. Oktober 2056 stirbt mein Vater nicht zuletzt wegen Romy Kraus als gebrochener Mann. Romy Kraus lebt heute in Bremen mit Chris Br�uer zusammen, dem S�nger der Band <emphasis>Puh</emphasis>.�</p><p>Wendy schaut auf den blinkenden Cursor auf dem Punkt hinter �zusammen�.</p><p>Kann ich sehr wohl, denkt sie.</p><p>�Seit einem Autounfall, bei dem Romy Kraus nur leicht verletzt wurde, zieht sich eine Narbe �ber ihre linke Wange, die ihr vormals so sch�nes Gesicht entstellt.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>35</strong></p><p>�Meine Gro�mutter Ana Wallner k�mmerte sich r�hrend um ihre Mutter. Zwei Monate lang fuhr sie jeden zweiten Tag von Cham nach M�nchen ins Krankenhaus, brachte Kuchen mit, sa� am Bett ihrer Mutter, unterhielt sich mit ihr und las ihr aus ihren Lieblingsb�chern vor, Goethe, Fontane, Thomas Mann, den Autoren des Landes, in dem sie doch niemals richtig heimisch geworden war. Auch verga� sie nie Papier, Bleistift, Pinsel und Wasserfarben: Ihre Mutter hatte im Alter eine Leidenschaft f�rs Aquarell entwickelt.�</p><p>Wendy l�scht den letzten Satz.</p><p>�Seit ihrer Pensionierung hatte sich ihre Mutter, die am Gymnasium Kunst unterrichtete, ganz ihrem Hobby zugewandt, dem Aquarellieren. So stand ihre Wohnung in Salzburg�, Wendy l�scht �Salzburg�, �M�nchen voller Bilder von Bukarest, die sie aus dem Ged�chtnis malte, die Stra�e, in der sie aufgewachsen, die Landschaft vor den Toren der Stadt, wohin sie am Wochenende mit ihren Eltern zum Wandern gefahren war. Das ohnehin gute Verh�ltnis zwischen meiner Gro�mutter und ihrer Mutter wurde in dieser Zeit noch enger, so da� aus der an sich traurigen Situation, vor allem auch dank des Umstandes, da� meine Gro�mutter so relativ nahe bei ihrer Mutter wohnte � was w�re gewesen, h�tten sie in anderen L�ndern oder auch nur Bundesl�ndern gewohnt?�� , etwas Positives erwuchs.�</p><p>Wendy sagt: �L�SCHEN ab �erwuchs��, �erwuchs� verschwindet, �Positives� verschwindet, Satz um Satz, das �h�, das �c�, das �a�, das �N�, der Cursor blinkt auf der leeren wei�en Seite.</p><p>�Meine Gro�mutter und ihre Mutter hatten ein sehr enges Verh�ltnis. Meine Gro�mutter war �ber die Besuche und Gespr�che mit ihrer Mutter wie �berhaupt �ber jede Gelegenheit froh, Cham und die Situation dort f�r einige Stunden zu vergessen; meine Urgro�mutter war �ber die Besuche und Gespr�che mit meiner Gro�mutter wie �berhaupt �ber jede Gelegenheit froh, rum�nisch und �ber Rum�nien zu sprechen, das sie nicht vergessen konnte.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>36</strong></p><p>W�hrend der Drucker l�uft, hat Wendy auf dem Bildschirm zu lesen begonnen.</p><p>�Vor drei Jahren konnten wir unser 100-j�hriges Bestehen feiern: 1953 gr�ndete Karl Lindinger in der damaligen Nachbargemeinde von Cham, Chamm�nster, eine Reparaturwerkst�tte mit einem Ersatzteillager f�r landwirtschaftliche Ger�te.�</p><p>Wendy nimmt das Blatt aus dem Drucker, legt sich damit aufs Bett und liest weiter.</p><p>�1977 �bernahmen Stefan Wallner und Ulrich Wiget die insolvente Firma <emphasis>Lindinger</emphasis>. Unter dem Namen <emphasis>Wallner &amp; Wiget</emphasis> entwickelte sich die Firma f�r Landmaschinen bald zu einer der erfolgreichsten des Landes. Dem Gro�projekt der Wiederbesiedelung Brandenburgs folgten 2011 der B�rsengang sowie internationale Auftr�ge, vorrangig aus Tschechien und Polen. 2014 fusionierte die Firma mit dem Hamburger Unternehmen van Riet. Heute, ein halbes Jahrhundert sp�ter, sind Henning jr. und Lars van Riet � die inzwischen dritte Van-Riet-Generation in Cham � stolz, Sie weiterhin beliefern zu d�rfen. Bitte denken Sie daran, da� seit der Verlegung unseres Hauptsitzes nach Hamburg unser Standort in Cham vor allem als Ersatzteillager dient. Gerne stehen wir Ihnen bei Problemen mit Ihren Maschinen unter oben angegebener Hotline zur Verf�gung. Fordern Sie jetzt auch kostenlos die Brosch�re zum Jubil�um, �100 Jahre Van Riet�, an!</p><p>Es freuen sich auf Ihren Besuch,</p><p>Ihr Henning jr. und Lars van Riet.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>37</strong></p><p>�Eine der acht Videokassetten (&#xE0; 180 Minuten) aus dem Nachla� meines Vaters enth�lt einen circa f�nfmin�tigen Film eines Aufenthalts mit meiner Gro�mutter in Bukarest, circa 1998. Meine Gro�mutter ist nicht wiederzuerkennen. Statt sich wie auf den Filmen in Cham bei Treffen mit Freunden meines Gro�vaters still im Hintergrund zu halten, unterh�lt sie sich blendend beim Mittagessen mit Leuten, bei denen es sich offensichtlich um Verwandte handelt. Sie lacht immer wieder laut auf � ein Lachen, das man sonst nicht von ihr h�rt � und ist zum Bl�deln aufgelegt, zum Beispiel wenn sie sich das Baseballcap meines Vaters umgedreht aufsetzt, zusammen mit ihm damals aktuelle Popsongs singt und dabei wie ein Popstar posiert. In einer Einstellung entdeckt sie, da� mein Vater sie filmt. Sie sch�rzt ihren Rock, zieht kokett die Schultern hoch und macht Tanzschritte. Zu den Bildern, die Ansichten der Stadt zeigen, ist aus dem Off immer wieder ihre Stimme sowie die meines Vaters zu h�ren. Ihr Klang bleibt einem noch lange im Ohr, auch nachdem man den Film ausgemacht hat.�</p><p>Wendy markiert den letzten Satz und l�scht ihn.</p><p>�Auch wenn nicht zu verstehen ist, wor�ber sich die beiden unterhalten � sie sprechen Rum�nisch, nur ab und zu rutscht mein Vater, wohl weil er das Wort nicht wei�, ins Deutsche, zum Beispiel �Quatsch�, �Pappel�, �Kirchturm� und �hnliches �, wird deutlich, da� meine Gro�mutter meinem Vater die Stadt zeigt. [<image l:href="#1"/> Analyse: Mutter-Sohn-Verh�ltnis!! M�gliche �dipale Beziehung?!]�</p><p>Wendy bei�t von ihrer Nu�schnecke ab.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>38</strong></p><p>�Und? Was machst du zur Zeit? Woran sitzt du?�</p><p>�Ich arbeite noch immer an meinem zweiten Buch.�</p><p>�Der Onkel.�</p><p>�Der Onkel.�</p><p>�Ich dachte, du bist schon fertig damit. Ich dachte, du hast dich f�r Bremen beworben.�</p><p>�Bremen?�</p><p>�Dann war das wer anders. Und wie weit bist du mit deinem Onkel?�</p><p>�Ja. Ich sitze gerade am Vorwort die Tage.�</p><p>Wendy schaut aus dem Fenster, in den vollkommen wolkenlosen dunkelblauen Himmel.</p><p>�Wendy? Ich wollte dir noch was sagen. Also, ich wollte dir sagen, da�, wenn irgend etwas ist, da� du dann wirklich jederzeit zu mir kommen kannst. Du kannst vor der T�r mit deinem Zeug stehen, und ich werde da auch gar nicht fragen; da� das von fr�her vorbei ist, also dessen bin ich mir bewu�t. Aber du wirst mir immer, also, nahe sein. Auch wenn wir l�nger nicht gesprochen haben. Oder du rufst an, solltest du etwas brauchen. Das wollte ich dir nur jetzt noch mal sagen.�</p><p>Wendy schaut aus dem Fenster, in den vollkommen wolkenlosen dunkelblauen Himmel. Sie wei�, da� sie jetzt irgendwas sagen mu�. Sie denkt, da� es so sch�n ist, wieder Esthers Stimme zu h�ren, da� sie Esthers Stimme vermi�t hat und da� das gef�hrlich ist, das zu denken, da� man da sehr schnell r�ckf�llig wird �.</p><p>Sie sagt: �Ja.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>39</strong></p><p>�Betrachtet man den Lebenslauf meines Vaters, so sticht sein ungebrochener Tatendrang ins Auge. Man k�nnte geneigt sein, Costin Wallner als manisch zu bezeichnen. Schon als Jugendlicher nahm er regelm��ig Tanz- und Gesangsunterricht � immer mit dem Ziel einer Karriere als Popstar, ein Ziel, das er mit 28 Jahren schlie�lich als Mitglied der gecasteten Gruppe <emphasis>Die PingPongs</emphasis> erreichte; dem folgten eine Karriere als Synchronsprecher, Auftritte in Reality-Shows, endlich die Gr�ndung eines eigenen Musiklabels, <emphasis>BIBO</emphasis> genannt. Allein aus diesen Fakten wird ein Au�enstehender auf den Flei�, die Disziplin und den starken Willen schlie�en k�nnen, von dem der Alltag meines Vaters bestimmt war. Rufe ich mir die Stunden mit meinem Vater in Erinnerung, der mich auch noch im Alter unerm�dlich von Berlin aus in Salzburg besuchte, so geh�ren sie mit zu den gl�cklichsten meines Lebens. Und so wie mich die vielen Diskussionen mit ihm bis heute pr�gen, so hoffe ich, da� seine Musik wie seine Visionen f�r viele andere auch eine Quelle der Inspiration werden.</p><p>�<emphasis>Keep groovin�</emphasis>! (Costin Wallner)�</p><p>Wendy f�gt unter dem letzten Satz ihre eingescannte eigene Unterschrift ein und speichert das Dokument unter <emphasis>Papa-Homepage-Beitrag-Entwurf</emphasis>.</p><p>Wendy sind Zweifel gekommen, ob sie den richtigen Ton getroffen hat. Wenn sie sich in erster Linie an ein j�ngeres Publikum wendet, sollte sie das Ganze dann nicht ein bi�chen flotter schreiben?</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>40</strong></p><p>�Das silberne Abendkleid, das meine Gro�mutter auf einem Foto tr�gt, mu� eine besondere Bedeutung f�r meinen Vater besessen haben: Er hat es zusammen mit abgelegten eigenen M�nteln und Anz�gen im Schrank im Kellerabteil aufbewahrt. Das Foto meiner Gro�mutter in diesem Kleid stellt unter den anderen Bildern eine Ausnahme dar: Auch wenn es sich um eine Pose handeln mag � so sieht meine Gro�mutter doch, anders als auf den meisten anderen Fotos, gl�cklich aus: Sie l�chelt, ja strahlt. Auf die kulturellen Veranstaltungen einmal im Monat � Theater-, Konzert-, Opernbesuche in Regensburg, manchmal M�nchen � freut sie sich schon Wochen im voraus, ja, eigentlich immer schon unmittelbar nach dem jeweils letzten Schlu�applaus, sp�testens auf der n�chtlichen Heimfahrt, auf der immer sie f�hrt, w�hrend mein Gro�vater schl�ft � schlie�lich m�sse er ja am n�chsten Tag wieder ins B�ro, w�hrend sie �nur� den Haushalt mache. Wenn keine Lichter von H�usern mehr auf den Seiten zu sehen sind, nur noch das Dunkel des Waldes und der Felder, wenn das Ausfahrtsschild kommt und sie den Wagen abbremst, der Gedanke: noch dreieinhalb Wochen!</p><p>Immer tr�gt sie dasselbe Abendkleid, holt es, in eine durchsichtige Plastikfolie geh�llt, aus der Reinigung in Cham und h�ngt es am Abend vor der Veranstaltung im Schlafzimmer an den Schrank, sieht es an beim Einschlafen. Hat sie es dann einmal angezogen, m�chte sie, da� man ein Foto von ihr macht, jedesmal, zur Erinnerung � es gibt viele solcher Fotos, innerhalb eines Zeitraums von vielleicht zehn Jahren aufgenommen und alle nahezu identisch. In der Oper sitzt sie dann die ganze Zeit �ber aufrecht � im Parkett: Den Gefallen tut mein Gro�vater ihr; immer gute Pl�tze� da, wo man gut sieht, was auf der B�hne passiert. Die Musik kennt sie auswendig, viele Gesamtaufnahmen hat sie, die sie zu Hause beim Kochen und B�geln h�rt. Den Text der Liebesschmerz-, Racheschwur-, Verzweiflungsarien der Protagonisten, der Duette mit egoistischen Edelm�nnern und mittellosen K�nstlern. Sie mag Trag�dien: <emphasis>Madame Butterfly, La Boh&#xE8;me</emphasis>, auch <emphasis>Rigoletto</emphasis> und <emphasis>Don Giovanni</emphasis>. Jedesmal kauft sie sich ein Programmheft; unter den S�ngerinnen hat sie ihre Lieblinge. Kommt zuf�llig ein Bericht �ber eine Premiere in ihrem kleinen Schwarzwei�fernseher �ber der Mikrowelle, steht sie dann vor ihren Gesichtern, ganz nah, zu Hause in der K�che, die Arbeit, mit der sie gerade besch�ftigt war, die Kartoffel in der linken, den Sch�ler in der rechten Hand, hat sie f�r Momente vergessen. Um den Film mit den Aufnahmen von sich im Abendkleid m�glichst bald zum Entwickeln geben zu k�nnen, sieht sie zu, da� er voll wird � verschwenden m�chte sie auch nichts. So macht sie Fotos vom Garten, von den Zimmern im Haus. Man solle sp�ter wissen, wie das ausgesehen hat, sagt sie als Rechtfertigung, als sie mein Gro�vater fragt, warum sie denn Bilder mache, wo nichts drauf sei. In der Woche nach der Veranstaltung h�lt sie beim Einkaufen am Vormittag am Marktplatz, bringt den Film ins Fotostudio, das zusammengelegte Abendkleid in die Reinigung.�</p><p>�Und jetzt sagst du mir bitte, wie du das immer schaffst, von einem Satz zum anderen vom Imperfekt ins Pr�sens zu wechseln�, sagt Wendy laut, als sie sich an ihrem Schreibtisch zur�cklehnt. Der Satz erscheint auf dem Bildschirm; Wendy hat vergessen, die Diktier-Funktion auszuschalten. Jetzt das Tempus der Passage wieder zu korrigieren, dazu hat sie wirklich keine Lust.</p><p>Sie sch�ttelt den Kopf �ber sich selber, l�scht den letzten Satz und sagt dann: �SPEICHERN�.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>41</strong></p><p>Sie tr�umt, da� sie die etwa 40j�hrige Frau auf dem sepiabraunen Portr�t ist, das sich in einer der Schachteln mit losen Fotos befand und bei dem unklar ist, um wen genau es sich handelt, eine Verwandte oder nur eine Bekannte der Familie. W�hrend sie tr�umt, ist ihr die ganze Zeit bewu�t, da� das hier ein Traum ist und da� sie, sobald sie aufwacht und, wie jeden Morgen, mit einem Ruck aufsteht und ins Bad geht, wieder Wendy sein wird und die Frau nur ein sepiabraunes Portr�t.</p><p>Trotzdem hat sie, als sie sich in diesem Moment im Traum mit einem Mann im Frack und mit nach hinten gek�mmtem aschblonden Haar unterh�lt, den sie irgendwo auf einem anderen Schwarzwei�foto gesehen hat, Angst, weil sie wei�, da� am Verschlu� ihres Cocktailkleids hinten die beiden obersten Kn�pfe offen sind und da� es, wenn jetzt noch mehr Kn�pfe aufgehen, zu einer peinlichen Szene vor dem Mann kommen k�nnte. Durch die aufgeschobene Terrassent�r des Hauses ist sie am Arm des Mannes nach drau�en, in einen Park spaziert. Auf einer Wiese an einem Teich hat eine Gesellschaft bei einem Picknick auf einem gro�en wei�en Tuch zusammengesessen, man plaudert, man lacht, Kinder in Matrosenanz�gen und wei�en Kleidchen spielen daneben Fangen, rufen. Ein Herr mit grauem Bart, Kapit�nsm�tze, wei�er Hose und Schuhen hat sich eine Zigarre angesteckt, schnell hintereinander an ihr gezogen, ihr Ende hat dabei jedesmal aufgegl�ht. Der Mann im Frack hat seine Jacke ausgezogen und unterh�lt sich mit der Frau im blauen Kleid neben Wendy �ber den Anschlag am Oktoberfest vor zwei Wochen. Wendy ist aufgestanden. Schon steht sie am Teich. Schon ist sie umgezogen. Sie tr�gt den schwarzen an den Oberschenkeln abschlie�enden Badeanzug, in dem dieselbe Frau vom sepiabraunen Portr�t auf einem anderen Foto am Strand sitzt. Wendy sch�mt sich und hofft, da� niemand vom Picknick dr�ben sie sieht, weil sie, obwohl die Frau auf dem Portr�t sehr schlank ist, wie in Wirklichkeit an der H�fte Zellulitis hat. Wendy schaut an sich herab und ist wieder Wendy und nicht mehr die Frau vom Foto. Sie geht vom Ufer ans Ende des Stegs und pa�t auf, da� sie sich keine Sp�ne in ihre nackten F��e einzieht, wie fr�her, als Kind immer, am Attersee.</p><p>Als sie mit einem Kopfsprung, den sie nie beherrscht hat, ins Wasser taucht, tut die K�hle wunderbar gut, Wendy mu� ganz verschwitzt gewesen sein.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>42</strong></p><p>�[Mama, Aufnahme vom 22.10.]</p><p>Wie ich deinen Vater kennengelernt habe? Warte mal. Wie ist das gewesen? Also, wie ich nach der Schule die Schneiderlehre gemacht habe, da ist meine beste Freundin die Jenny Frank gewesen. Wir sind da oft zusammen ausgegangen � in Clubs und auf Partys und so weiter. Na ja, und deinen Vater, den habe ich da schon gekannt, weil er ist ja im Fernsehen gecastet worden, das wei�t ja, und irgendwo hat man das halt zuf�llig verfolgt, eine Folge mal, und man hat sich gedacht, schon fesch, der, mit seinen schwarzen Lokken und seinem Blick, und singen und tanzen hat er auch gekonnt. Also. Na ja, und dann hat es da im Juni das Open Air gegeben, in Graz hats nicht soviel Open Airs gegeben. Und da ist man froh gewesen um alles, was mal passiert ist, und, kannst dir ja denken, die Jenny und ich ganz vorn dabei. Die Jenny, die ist immer ein ganz pragmatischer Mensch gewesen, ich wei� gar nimmer, was aus der geworden ist, irgendwie hab ich die aus dem Auge verloren, als ich nach Wien zum Studieren bin. Na ja, die Jenny, die hat dann gesagt: �Komm, wir gehen jetzt backstage, sagen ma denen hallo�. Na ja, wir also backstage. Wir haben uns da nichts gedacht. Na, und nat�rlich sind da so Bodyguards gestanden, kein Vorbeikommen ist da gewesen. Aber irgendwie m�ssen wir Eindruck gemacht haben auf die, wir haben halt unseren weiblichen Charme spielen lassen. Eine Adresse von einer After-Show-Party haben wir bekommen, und da� wir ruhig Freundinnen mitbringen k�nnen, na, wei�t eh, wie das so ist. Gut. Wir also Make-up, R�ckchen, aufgeregt wie noch was am Abend zum Hotel, das <emphasis>Astoria</emphasis>, ja, ich glaub das <emphasis>Astoria</emphasis> ist das gewesen. Na, und wir gehen also zum Zimmer, das uns der Bodyguard gesagt hat, und wir klopfen, na, und wer macht uns auf? Dein Papa. Also, der S�nger von den � <emphasis>PingPongs</emphasis> hie�en die, richtig. Und f�llt mir um den Hals, als ob wir uns kennen. Na, betrunken war er halt. Jenny und ich nat�rlich ein bisserl �ngstlich zuerst, sind dann mit ihm zur Party, ins Zimmer. [lacht] Na, am Morgen sind dann die Jenny und ich recht fr�h nach Haus, noch bevor die anderen auf sind, im Zimmer. Ja, und unmittelbar im Anschlu� daran, da habe ich ja den Albert kennengelernt. Das ist schon eine merkw�rdige Situation gewesen. Wo ich dann zuerst gedacht habe, du bist vom Albert und wir eigentlich nur deshalb geheiratet haben, und ich habe es ja selbst nicht gewu�t. Sp�ter ist es mir dann schon ged�mmert, und vielleicht hats der Albert sich auch gedacht. Gesagt hat er nie was. Und das mit dem Vaterschaftstest, den ich hab machen lassen, heimlich, das habe ich ihm auch nicht gesagt. Da bist du drei oder vier gewesen und ich hab es ihm eigentlich sagen wollen, aber ich habs nicht gekonnt, wei�t du. Das ging nicht. Gesehen habe ich deinen Vater dann ein paar Male noch. Im Fernsehen oder halt so in Zeitschriften. Da habe ich immer Angst bekommen, weil mir dann das Ganze klargeworden ist, und das war dann beinah, na, unertr�glich wars halt, dem Albert oder auch dir danach in die Augen zu sehen. Und da hab ich beschlossen, das auf sich beruhen zu lassen. Was war, war. Fertig. Jetzt ist jetzt. Und ich habe nicht mehr verfolgt, was dein Vater macht. Einmal sind wir ihm aber dann doch begegnet. Da wirst dich nicht mehr erinnern daran. Da waren wir zu dritt, du, ich, der Albert, im Kino und haben uns diesen Zeichentrickfilm mit den Dinosauriern angeschaut, und dein Vater ist einer von denen gewesen. Also gesprochen hat er halt einen. Na, wei�t eh. Und ihr, der Albert und du, ihr habts nichts gespannt, und die Stunde da im Kino, das war so was von furchtbar. Ich habs beinahe nimmer ausgehalten. Ich wei� noch, wie der Albert mich danach gefragt hat, nach dem Kino, was ist, und wie ich es auf die Klimaanlage im Kino und die Hitze drau�en geschoben habe.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>43</strong></p><p>Sie bekommt, als sie sich unter der Dusche mit dem Gel einschmiert, ihre Oberarme, ihre Br�ste, zwischen ihren Beinen, pl�tzlich Lust zu masturbieren, sie steckt sich den Zeige- und Mittelfinger in die Scheide, pl�tzlich klopft es. Tina fragt: �Wendy?�</p><p>Wendy ruft: �Ich dusche gerade,� und ihr f�llt ein, da� ja gar nicht abgesperrt ist, und sie singt was, damit Tina nicht etwa auf den Gedanken kommt, da� sie, Wendy, hier gerade masturbiert, da� sie so ein armes Schwein sei und das n�tig habe, �Lalala�, und sie reibt und greift noch zus�tzlich an den Nippel ihres rechten Busens, und sie h�rt, wie Tina bei offener T�r telefoniert, laut, was sie sagt, ist unter dem pritschelnden Wasser nicht zu verstehen, und Wendy mu� daran denken, wie sie zu Hause, in Salzburg, zum ersten Mal � wann war das?�� mit 12, 13 unter der Dusche masturbierte und wie sie gar nicht gewu�t hatte, was damals mit ihr geschah, und, als sie die Mama klopfen h�rte, zu singen begonnen hatte, �Lalala�, und sie mu� an die gr�nen Kacheln in der Dusche in der Wohnung in Salzburg denken, als sie kommt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>44</strong></p><p>�Mein Urgro�vater, G�nter Wallner, konnte auf eine erfolgreiche, wenn auch an �u�eren H�hepunkten arme Karriere als Rechtsanwalt in K�ln zur�ckblicken, als er zusammen mit meiner Urgro�mutter, der fast zehn Jahre j�ngeren Renate Wallner, vor die Tore der Stadt, nach Bergisch-Gladbach, in ein Haus mit gro�em Garten zog, um seine Rente anzutreten und nun endlich dem ein oder anderen Hobby, insbesondere dem Wandern, mehr Zeit zu widmen. Wie freuten sich meine Urgro�eltern, wenn ihr Sohn mit seiner Frau und ihrem ersten Enkelsohn, dem kleinen Costin, aus der fernen Oberpfalz auf Besuch kamen. Erf�llt war das Haus dann von einer hellen Kinderstimme; und meine Urgro�mutter sorgte stets daf�r, da� gen�gend Bausteine, sp�ter Spielzeugautos und � traktoren in einer Truhe im G�stezimmer vorhanden waren, damit dem kleinen Costin auch nicht langweilig wurde.</p><p>Ein Geheimnis freilich sollte mein Urgro�vater haben: Seit der Hochzeit, damals in Regensburg, und �ber die Jahre, bei gemeinsamen Ausfl�gen im Bayerischen Wald, und jetzt, in den N�chten, in denen er im Doppelbett neben meiner Urgro�mutter die Stimmen des j�ngeren Paares ged�mpft durch die Wand h�ren konnte, w�hrend des sonnenbeschienenen Fr�hst�cks auf der Terrasse und der Jause zwischen bl�henden Apfelb�umen hielt er stets die Gef�hle f�r seine Schwiegertochter zur�ck, ja, machte manchmal einen derart unverbindlichen Eindruck, da� meine Gro�mutter einmal zu ihm trat und fragte: �Sag, bist du mir b�s, Papa?� Sie nannte meinen Urgro�vater auf seine eigene Bitte hin �Papa�. Seine Gedanken mochte er vor allen anderen verbergen k�nnen, seinen alten Freunden, sogar seiner Frau � seinem Sohn entgingen sie nicht. Waren da nicht zu lange Umarmungen bei den Begr��ungen gewesen? Nicht Telefonate, bei denen sein Vater ihm auftrug, auch ja Gr��e an seine �liebe Frau� auszurichten? Der wie zum Spa� um die H�fte seiner Frau gelegte Arm des Vaters? Der auf dem Gesicht seiner Frau lastende Blick des Vaters? Und wie scherzte doch in der Gegenwart Anas der Vater, der sonst nie zu Scherzen aufgelegt war, und machte Witze, er, der fr�her auf die Bitte seines Sohnes hin immer behauptet hatte, er kenne gar keine.</p><p>Und so, ohne da� mein Gro�vater meinen Urgro�vater auch nur einmal darauf angesprochen h�tte und sich mein Urgro�vater vor meinem Gro�vater verteidigen h�tte k�nnen, ja, auch ohne da� sich mein Urgro�vater jemals meiner Gro�mutter tats�chlich erkl�rt h�tte, erhielten meine Urgro�eltern keinen Besuch mehr aus der Oberpfalz, zu Festen lediglich f�rmliche, gleichwohl immer noch freundliche Gl�ckw�nsche oder Anrufe, und auf die Frage hin, was denn nur sei, ausweichende Antworten, es g�be viel zu tun in der Firma, man expandiere jetzt, die Reise sei so weit, nein, ein Besuch in Cham sei Ana, die ja dann alles herrichten m�sse, nicht zuzumuten, man komme schon einmal wieder, wenn es besser gehe. Und meine Gro�mutter spielte mit � log am Telefon auf die Bitte oder besser: Order meines Gro�vaters hin; nein, es sei wirklich schlecht dieses Jahr, und nahm das leise Vibrato in der Stimme meines Urgro�vaters als Beweis daf�r, da� mein Gro�vater recht gehabt hatte, als er ihr an einem Abend von seiner zun�chst kaum zu glaubenden Vermutung erz�hlte und aus der Vermutung beim gemeinsamen Sich-Erinnern an zur�ckliegende Episoden eine Gewi�heit wurde und aus der Gewi�heit der gemeinsam gefa�te Entschlu�, da� zwar mein Gro�vater noch ab und zu mit Costin nach Bergisch-Gladbach fahren w�rde, �wenn es sich ausgehe� (es ging sich dann immer seltener aus) � allerdings vorerst, ja, �vorerst� ohne meine Gro�mutter, f�r die Entschuldigungen erfunden wurden, �unp��lich�, �auf Gesch�ftsreise�, �Grippe�. Manchmal freilich, da lag meine Gro�mutter nachts wach oder hielt mein Gro�vater in der Arbeit inne, und sie dachten, man solle sich vielleicht doch einmal aussprechen, vielleicht hatte man ja �bertrieben, meine Urgro�mutter kr�nke sich doch so, dann sei es aus der Welt, man sei ja schlie�lich vern�nftig.</p><p>Aber als dann tats�chlich einmal meine Gro�mutter, von solchen Gedanken geplagt, die Nummer meiner Urgro�eltern w�hlte, entgegnete ihr, noch ehe sie ihr Anliegen vortragen konnte, die k�hle Stimme meines Urgro�vaters, Renate und er seien gerade sehr besch�ftigt, man habe keine Zeit, ob sie es sp�ter noch einmal versuchen k�nne, danke, und es war ihr, als h�rte sie aus dem Telefon die Stimme meines Gro�vaters, als er meine Urgro�eltern immer wieder aufs neue auf ein Sp�ter vertr�stete.</p><p>Um so schwerer traf es dann meine Gro�eltern, als eines Morgens meine Gro�mutter ans Telefon ging und sie aus dem Schluchzen meiner Urgro�mutter nur Bruchst�cke verstand, etwas von �Zugungl�ck� und �R�ckfahrt von einem Freund in Essen�, und �Papa tot�, �ist tot�.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>45</strong></p><p>Da ist es. Auf dem Bildschirm steht <emphasis>Willkommen</emphasis>. Kleiner, wei� auf schwarz, darunter <emphasis>Im Andenken an das Ungl�ck des ICEs Heinrich Heine</emphasis>. Das letzte Update liegt schon �ber 20 Jahre zur�ck. Der Betreiber der Seite, ein Hinterbliebener vielleicht, mu� sie vergessen haben, vielleicht ist er gestorben, hat die Domain im voraus oder vielleicht per Dauerauftrag bezahlt.</p><p>Sie sagt: �ARCHIV�, dann �ZEITUNG�.</p><p>�Gestern kam es auf der Strecke Essen � K�ln zu einem schweren Zugungl�ck. Aus bisher noch ungekl�rten Gr�nden entgleiste um 9:37 Uhr der ICE <emphasis>Heinrich Heine</emphasis> auf offener Strecke. Dabei starben nach Polizeiangaben 20 Passagiere, �ber 65 wurden verletzt.�</p><p>Sie sagt: �FERNSEHEN.�</p><p>Der Nachrichtensprecher, der eine gelbe Krawatte mit roten Punkten tr�gt, schaut in sein Skript und liest mit monotoner Stimme vor, da� sich heute vormittag ein schweres ICE-Ungl�ck auf der Strecke Essen � K�ln ereignet habe.</p><p>Sie sagt: �STOP.�</p><p>Das kann sie alles nicht brauchen. Infos sch�n und gut. Aber zu abstrakt. Sie will wissen, wie das f�r die war, die dabei waren, die drinnen sa�en. Was hat G�nter Wallner gesehen, was geh�rt?</p><p>Sie sagt: �AUGENZEUGEN.�</p><p>Eine Frau, ungef�hr ihr Alter, sagt mit rheinischem Akzent: �Ja, wir sa�en da, ich am Fenster, mein Mann neben mir, und pl�tzlich tuts einen Rumms, und ich schlag so zack mit der Stirn jejen den Sitz vor mir, ja und seh noch so, wie mein Mann, also wies den so nach vorne zieht, und ich denke noch, dat is jetzt dat Ende, jetzt isset vorbei mit mir und seh so mein janzet Leben, wie et abl�uft, also wie son Film im Kopf, ja und dann bin ich wech und aufjewacht bin ich dann erst wieder in som Zelt, von der Rettung, auf der Wiese und dat erste, was ich die Dame da, die Dame von der Rettung frage, is, wo is mein Dieter, wat hamse mit meinem Dieter jemacht, und da seh ich, dat mein Mann gleich neben mir liegt. Janun. Wie durchn Wunder is dem fast nix passiert. Paar Prellungen und dat Bein jebrochen. Dat war alles.�</p><p>Wendy sagt: �Na is ja jut, jute Frau. Und wie wars denn nun wirklich?� Sie klickt den File an, den sie sich heute vormittag aus dem Internet geladen hat, einen uralten TV-Zweiteiler, <emphasis>ICE Heinrich Heine</emphasis>.</p><p>Sie l��t den Film mit vierfacher Geschwindigkeit vorlaufen, die Credits tauchen unlesbar auf der Plasma-Wand auf, dazu Streichermusik, bei normaler Geschwindigkeit wohl ziemlich tief, unheilvoll-grollend, jetzt die ein oder andere Oktave h�her, munter-pfiffig. Ein �lterer Mann erscheint, grauer Bart, graues Haar, der im Zug am Fenster sitzt und Zeitung liest.</p><p>Wendy sagt: �PLAY.�</p><p>Na endlich! Das kann sie gebrauchen. Wenn das gut ist, was jetzt kommt, kann sie daraus vielleicht eine Szene f�r den Text machen, bei der sie dann sp�ter, wenn das ganze Buch fertig ist, schauen wird, wohin sie pa�t und ob das alles nicht eher in die fiktionale Richtung geht.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>46</strong></p><p>�Vor ein paar Momenten noch hat der glei�ende Rand der Sonne das Meer zartrosa gef�rbt. Jetzt ist sie vollkommen untergegangen, das Wasser grau. Eine Brise ist aufgekommen. Auf Wallners nacktem Oberarm hat sich eine G�nsehaut gebildet. Von der Garage h�rt er Ana, den gr�nen VW, den sie gleich nach ihrer Landung in Lissabon bei einem Verleih am Flughafen gemietet haben. Wallner klappt den Krimi zu, den er auf der Terrasse im Licht der �llampe auf dem Tisch gelesen hat, steht auf und schiebt die Glast�r zum Wohnzimmer auf. Nachdem Ana zwei Ferienh�user ausgew�hlt hatte, die f�r den Urlaub im Mai in Frage kamen, und sie zusammen mit Wallner durch beide Geb�ude einen virtuellen Rundgang gemacht hatte � mit einem Click die T�ren �ffnen, sich ruckartig durch die Zimmer bewegen, vom Wohnzimmer aus durch die Glasfront auf den Sonnenuntergang, das zartrosa gef�rbte Meer sehen �, haben sie sich gegen das Haus in Spanien und f�r jenes in Portugal entschieden, obwohl beide vom Preis und vom Aussehen her nahezu identisch waren; lediglich die Verkehrsanbindung w�re in Spanien schlechter gewesen.</p><p>Weil sie beide vom Tag am Meer m�de waren und erst am sp�teren Nachmittag entdeckten, da� sie keine ausreichenden Vorr�te f�r das Abendessen hatten, war Ana ins n�chstgelegene Dorf zu der Kneipe gefahren, wo sie schon am ersten Tag mittaggegessen hatten und der Gastraum gleichzeitig auch das Wohnzimmer der Familie zu sein schien, die die Kneipe betrieb: An den W�nden hatten Familienbilder gehangen, der Besitzer hatte im Unterhemd ferngesehen, seine Kinder hatten auf dem Scho� der Besucher gesessen, die, wie der Vater, stumm, die Telenovela im Fernsehen verfolgten.</p><p>Ana hat Fisch und Pommes frites mitgebracht; au�erdem eine englische Zeitung von vorgestern, die auf der Titelseite von einem Giftgasanschlag in der U-Bahn Tokios nach dem Muster des Anschlags dieser Sekte vor einigen Jahrzehnten berichtet. Die Meldung mu�te kurz vor Redaktionsschlu� hereingekommen sein, denn es waren lediglich Spekulationen �ber die Drahtzieher, �ber den Tathergang und die Zahl der Toten oder Verletzten zu lesen. Neben dem Artikel ist ein Foto zweier M�nner, Asiaten, in wei�en Hemden und Anzughosen, abgebildet. Beide kommen gerade, wohl der Katastrophe entronnen, die Treppe eines vor Qualm kaum auszumachenden Eingangs einer U-Bahn-Station hinaufgelaufen.</p><p>Nachdem Wallner die Essensreste in den Abfalleimer gekippt hat, bittet er Ana nachzusehen, ob der Sonnenbrand, den er sich am zweiten Tag ihres Aufenthalts am R�cken geholt hatte, besser geworden sei. Am Strand legt sich Wallner, immer wenn er im noch k�hlen Wasser geschwommen ist, zum Aufw�rmen in die Sonne, schwimmt wieder, legt sich wieder in die Sonne und so weiter. Sitzt Ana nicht unter dem Sonnenschirm und liest, geht sie am Strand spazieren. Sie erz�hlt dann Wallner, was sie gesehen hat, von dem zugesperrten Fischerschuppen, der angesp�lten toten M�we und so weiter.</p><p>Wallner zieht sein T-Shirt aus. Daraus, da� seine Haut dabei etwas brennt, schlie�t er, da� sein R�cken ger�tet sein mu�. Ana hat die Deckenlampe angeschaltet und gesagt: �Dein R�cken ist ja ganz braun.�</p><p>Dann hat sie ein aus Cham mitgenommenes Gel auf Stefan Wallners R�cken aufgetragen. Auch das hat gebrannt.</p><p>Wallner ist ins Badezimmer gegangen. Ana und er hatten ihre Zahnpasta zu Hause vergessen. Aber als sie hier, im Ferienhaus, ankamen und das Schr�nkchen im Badezimmer �ffneten, hatte darin, wohl noch von ihren Vorg�ngern, dieselbe Tube gestanden, die sie selbst zu Hause immer benutzten � und nicht nur die. Auch genau derselbe schwarze Kamm und blaue F�n mit dem Schriftzug <emphasis>Anja</emphasis>, die Wallner besa�, hatten in dem Fach gelegen. Ana hatte gelacht und �ist ja lustig� oder �gibt�s ja nicht� gesagt; Wallner jedoch, der den Kamm und F�n im Schr�nkchen nicht anr�hrte, damit er sie nicht mit seinen eigenen Sachen verwechselte, hatte seitdem ein merkw�rdiges Gef�hl gehabt.</p><p>Wallner will nach seinem Kamm greifen und h�lt inne. Er mu� aus einer Unachtsamkeit heraus den Kamm neben jenen, den sein Vorg�nger vergessen hatte, gelegt haben. Nun ist es passiert: Es ist nicht mehr auszumachen, welcher Kamm welcher ist. Wallner entscheidet sich f�r den linken. Beim K�mmen hat er das Gef�hl, er frisiere einen fremden Kopf.�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>47</strong></p><p>Und sie denkt, da� sie das hier gerade eigentlich nicht tun sollte, weil Esther gleich zu hoffen beginnen wird, da� es vielleicht doch eine M�glichkeit g�be, da� sie wieder zusammenk�men, und sie �berlegt, ob sie nicht vielleicht schnell wieder die Treppe runterlaufen und so tun sollte, als h�tte irgend jemand nur aus Versehen die Klingel gedr�ckt, und dann denkt sie wieder, da� sie im Moment nichts mehr braucht als eine Umarmung von jemandem, der sie kennt, egal, ob der- oder diejenige sie wirklich liebhat und tr�sten m�chte und zu ihr h�lt oder einfach so tut und das heuchelt, einfach eine Umarmung, damit sie jemanden hat, an den sie sich nach dem Chaos der letzten Wochen und in ihrer Unsicherheit und ihrer Angst, wie es blo� mit ihr weitergehen soll, festhalten kann, und da steht Esther in der T�r, und Esther umarmt sie, hat gleich gemerkt, was los ist, fl�stert: �Ist ja gut� und h�lt sie und wiegt sie hin und her, und Wendy weint an ihrer Schulter und sp�rt, wie Esthers Bluse ganz na� wird.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>48</strong></p><p>�G�nter Wallner wird wie die anderen Insassen des ICEs nach vorne geschleudert.�</p><p>Wendy markiert den Satz und sagt: �L�SCHEN.�</p><p>�Mit einem Ruck wird G�nter Wallner aus seinem Sitz gehoben.�</p><p>Wendy markiert den Satz und sagt: �L�SCHEN.�</p><p>�Aus den Gep�ckf�chern wirbeln die Reisetaschen. G�nter Wallner rei�t die Arme vors Gesicht.�</p><p>Wendy markiert den Satz und sagt laut, viel lauter, als es n�tig w�re: �L�SCHEN.�</p><p>Sie reibt sich die Augen, die von den letzten zwei Stunden vor dem Computer schmerzen.</p><p>Wenn Wendy etwas aus ihren letzten Schreibversuchen gelernt hat, dann ist es, da� sie sich selber nicht unter Druck setzen darf, sonst ist das Ergebnis nur wieder diese peinliche Rollenprosa. Aber sie wei� ja jetzt, was und wie sie schreiben m�chte, die letzte Passage �ber den Urlaub ihrer Gro�eltern war ja gar nicht so schlecht. Sie macht jetzt vielleicht noch zehn Minuten, und dann ist Schlu� f�r heute. Morgen ist ja auch noch ein Tag.</p><p>�G�nter Wallner beginnt zu fliegen. Seine geriffelten Gummisohlen ruhen nicht mehr auf der Fu�st�tze. Wie die anderen Fahrg�ste auch wird er nach vorne geschleudert.�</p><p>Wendy �berlegt.</p><p>Dann markiert sie den Satz und sagt: �L�SCHEN.�</p></section></body><binary id="cover" 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