<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>love_sf</genre><author><first-name>Patricia</first-name><last-name>Briggs</last-name></author><book-title>Rialla - Die Sklavin</book-title><date>2014</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Christina</first-name><last-name>Neuhaus</last-name></translator><sequence name="Sianim" number="2"/></title-info><src-title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Patricia</first-name><last-name>Briggs</last-name></author><book-title>Steal the Dragon</book-title><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2016</date><id>AD78D742-6FF8-4B36-AEB3-BCBA11682C6C</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info><publish-info><publisher>Bastei L�bbe</publisher><year>2014</year><isbn>9783838754161</isbn></publish-info></description><body><title><p>Patricia Briggs</p><p>Rialla</p><p>Die Sklavin</p></title><section><image l:href="#0"/><empty-line/><p>Ich m�chte den folgenden Menschen danken:</p><p>Michael, Ehemann und (selbst ernannter) Cheflektor.</p><p>Laura Anne Gilman, (berufsm��ige) Lektorin, die mich um eine gr��ere �nderung am Buch bat � danke, danke, danke daf�r!</p><p>Mark und Kristi Dimke f�r ihre Freundschaft, Geduld sowie ihren Drucker � in dieser Reihenfolge.</p><p>Bon und Jolene Briggs f�r ihre Liebe und Unterst�tzung � und daf�r, dass sie es mit meinem Pferd ausgehalten haben.</p><p><emphasis>Ohne sie h�tte diese Geschichte nie erz�hlt werden k�nnen.</emphasis></p></section><section><title><p>1</p></title><p>Weit �ffnete sie die Arme, die Finger anmutig gespreizt, und verharrte einen Moment lang in dieser Haltung � dann begann sie ihren ekstatischen Tanz. Jedes Setzen der F��e, jede Neigung des Handgelenks war sorgsam choreografiert, erfolgte ohne Nachdenken, war vollendet in der Ausf�hrung. Ihr K�rper floss von einer Figur in die n�chste, pr�sentierte sich abwechselnd unnahbar, lockend oder f�gsam.</p><p>Das Schlagen der Trommeln war ein vertrauter Begleiter: Es erf�llte sie ganz und gar. Ihr Herz schlug im Rhythmus der dumpfen T�ne; ihre H�nde und F��e waren im Takt der helleren Kl�nge der kleineren Instrumente. Der Tanz wurde langsamer, und ihre Bewegungen bed�chtiger, lasziver.</p><p>Sie genoss die Euphorie, die der Tanz in ihr weckte. Das Schmerzen der Muskeln, der Preis f�r die Perfektion ihrer Kunst, verst�rkte den Rausch. Schwei� lief ihr �ber das Gesicht und verschleierte ihr die Sicht, doch sie brauchte nicht zu sehen � der Boden unter ihren F��en war flach und sandig, und sie wusste, wohin die Musik sie geleiten w�rde.</p><p>Das Trommeln wurde wieder schneller, steigerte sich zu einem Crescendo und brach dann abrupt ab. Die einsetzende Stille dr�hnte in ihren Ohren, als sie mit dem Blick nach unten, um Atem ringend auf dem Boden zusammenbrach. Der Applaus einer einzelnen Person verdr�ngte die schwindende Erinnerung an die Trommelschl�ge.</p><p>�Sehr sch�n, meine Kleine�, h�rte sie die Stimme des verhassten Meisters.</p><p>Rialla setzte sich kerzengerade im Bett auf. Die Laken waren durchtr�nkt vom Schwei� eines lange zur�ckliegenden Tanzes. Unweigerlich hob sie die H�nde zum Hals, aber der Sklavenring war schon vor langer Zeit entfernt worden, und heute ersetzte eine Narbe in ihrem Gesicht die unertr�gliche T�towierung.</p><p>Benommen senkte sie den Kopf und fuhr sich mit den H�nden durchs Haar. Dann schlug sie die Decke zur�ck und stand auf, obwohl der Morgen noch lange nicht d�mmerte.</p><p>Im Labyrinth, dem �ltesten Geb�ude Sianims, nahm Ren, besser bekannt als Sianims Meisterspion, in seinem Sessel Platz und schaute ziellos aus dem offenen Fenster.</p><p>Der Sessel war f�r seinen Vorg�nger gefertigt worden, der weitaus h�her gewachsen war als er. Und so wirkte Rens schmale, kahl und grau werdende Gestalt ein wenig l�cherlich auf diesem M�belst�ck. Wie ein Kind, das einen Erwachsenen mimte, doch niemand in Sianims S�ldner-Stadtstaat h�tte den Meisterspion je l�cherlich genannt: Vielmehr vereinte er mehr Macht auf sich als so mancher K�nig.</p><p>Er wandte sich vom Fenster ab, legte die F��e auf den �berf�llten Schreibtisch und ignorierte, dass dadurch einer der Papierstapel zu Boden rutschte. Dann st�tzte er das Kinn in die Hand und wartete geduldig auf die Person, die er hatte rufen lassen.</p><p>Endlich erklang von der T�r her ein leises Klopfen.</p><p>�Wer da?�, bellte der Meisterspion.</p><p>�Rialla von den Pferden, wie Ihr es befohlen habt, Herr.� Sie sprach mit weicher Stimme, wirkte fast kleinlaut. Rens Mund verzog sich zu einem missbilligenden d�nnen Strich. Wenn sie so lammfromm, ja, verzagt war, wie sie sich anh�rte, konnte er sie auch gleich wieder nach Hause schicken.</p><p>Nun gut, die Frau konnte nichts daf�r, falls sein Informant ihn entt�uscht hatte. Selbst wenn sie ihm f�r den anstehenden Auftrag nicht dienlich sein konnte, mochte er immer noch die Informationen nutzen, die sie vielleicht f�r ihn hatte.</p><p>Er zwang sich zu einem etwas herzlicheren Ton und rief: �Komm herein, Rialla von den Pferden. Ich habe dich erwartet.�</p><p>Mit einem Seufzer �ffnete sich die T�r und schloss sich wieder unter quietschendem Protest, als die Pferdeausbilderin sie zuzog. Sie war gr��er als er, doch so zierlich, dass sie fast zerbrechlich wirkte. Ihr rotes Haar war zu einem kurzen Zopf zusammengebunden, der kaum ihre Schultern ber�hrte. Ren erhaschte einen kurzen Blick auf smaragdgr�ne Augen, bevor sie den Kopf senkte.</p><p>Sie wartete schweigend darauf, dass er das Wort ergriff, w�hrend sie mit locker h�ngenden Armen und ausdrucksloser Miene dastand. Gedankenverloren stellte er fest, dass man sie eine sch�ne Frau nennen k�nnte, w�re da nicht diese Narbe, die fast die gesamte Wange bedeckte.</p><p>Er gr��te sie betont h�flich. �Ausbilderin.�</p><p>Die gr�nen Augen trafen kurz seinen Blick. �Meisterspion.� Es lag ein sp�ttischer Unterton in diesem Wort, den niemand, der nur eine Spur weniger aufmerksam gewesen w�re, wahrgenommen h�tte. Ren war so fasziniert von dem Widerspruch zwischen ihrer Unschuldsmiene und dieser unterschwelligen Respektlosigkeit, dass aufgrund seines Schweigens eine lange, unbehagliche Pause entstand.</p><p>Als er immer noch nicht sprach, zuckte sie die Achseln und wandte sich einem der B�cherregale zu, das ganz in der N�he stand. Der Eindruck von Zerbrechlichkeit verfl�chtigte sich, als er sah, wie sie sich bewegte. Sie besa� die K�rperbeherrschung einer trainierten Athletin, und als sie eines der B�cher zur Hand nahm, traten starke Muskeln und Sehnen auf ihrem Arm hervor.</p><p>Der Meisterspion beobachte sie fast wohlgef�llig. Es konnte funktionieren. Ab jetzt schwieg er ganz bewusst und beobachtete sie. Sie bl�tterte eine Seite um und schien schon bald ganz vertieft in ihre Lekt�re.</p><p>Ren lachte leise auf, schob sich auf seinem Sessel vom Schreibtisch weg und fragte schlie�lich l�chelnd: �Bist du denn kein bisschen neugierig darauf zu erfahren, warum ich dich heute rufen lie�?�</p><p>Sie stellte das Buch zur�ck und wandte sich ihm wieder zu. �Doch.� Diesmal klang ihre Stimme so kleinlaut wie zu Anfang.</p><p>�Ich hatte ein Gespr�ch mit Laeth�, begann er. �Ich glaube, er ist ein Freund von dir. Nun, er sagte mir, dass du akzentfrei Darranisch sprichst.� Er lie� diese Feststellung wie eine Frage klingen und sah sie pr�fend an.</p><p>Sie hob unbestimmt die Schultern, w�hrend ihre linke Hand kurz die Narbe streifte, die ihr Gesicht entstellte; dann senkte sie wieder den Blick.</p><p>Darranische Sklaven trugen zur Identifizierung ausnahmslos aufwendige T�towierungen auf der linken Wange. In Darran konnten Sklaven daher auch nicht befreit werden; die T�towierung zeichnete sie ein Leben lang.</p><p>Ren beschloss, seine Taktik zu �ndern. �Was wei�t du �ber Lord Karsten?�, fragte er geradeheraus.</p><p>�Ihr meint abgesehen von der Tatsache, dass er Laeths Bruder ist?�, erwiderte sie, doch dann fuhr sie gleichm�tig und ohne auf eine Antwort zu warten fort: �Er z�hlt zu den darranischen Lords, die eine Vereinigung der K�nigreiche Reth und Darran anstreben. Ich glaube, das gew�nschte B�ndnis umfasst auch die Verm�hlung von K�nig Myr von Reth mit der �lteren Schwester des darranischen K�nigs.�</p><p>Ren nickte zustimmend. �Lord Karsten ist das einflussreichste Mitglied des Regierungsrats. Mit seiner Unterst�tzung ist diese neue Allianz so gut wie sicher.�</p><p>Wieder lag leichter Spott in ihrer Stimme, als Rialla zum ersten Mal unaufgefordert sprach: �Und Sianim m�chte den Zusammenschluss verhindern? Wom�glich mithilfe eines Unfalls, der Lord Karsten ereilen wird?�</p><p>�Nat�rlich nicht!� In einer Mischung aus �berraschung und Entr�stung riss Ren angesichts dieses Vorschlags die Augen auf. �Mein liebes M�dchen, Sianim mischt sich <emphasis>niemals</emphasis> in die politischen Angelegenheiten welcher Regierung auch immer ein. Wir sind S�ldner und stellen uns lediglich in den Dienst des h�chsten Bieters.�</p><p>Es schwang Spott mit in dieser offiziellen Darstellung der Sachlage, und er wusste, dass sie ihn sehr wohl registriert hatte, als sich ihre Mundwinkel leicht hoben.</p><p>�Nun denn�, meinte sie. �Dann sagt mir doch einfach, warum Sianim die Allianz <emphasis>nicht</emphasis> zu verhindern w�nscht. Immerhin hat die ewige Fehde zwischen Darran und Reth uns einen niemals versiegenden Goldfluss beschert, nicht wahr?�</p><p>Ren musterte sie so wohlgef�llig wie ein Lehrer, der einen besonders aufgeweckten Sch�ler vor sich hat. Zufrieden rieb er sich die H�nde und begann zu erz�hlen.</p><p>�Der Gro�e Sumpf stellte lange Zeit die nat�rliche Grenze zwischen dem Osten und unserem Westen dar.� Er machte eine ungeduldige Geste. �Nun setz dich endlich, M�dchen. Das wird jetzt eine Weile dauern. Also � Der einzige Handel, der derzeit mit dem Osten m�glich ist, erfolgt durch die Segelflotte der Ynstrah, welche die Untiefen und Riffs der S�dlichen See bekanntlich nicht f�rchten.</p><p>Einst f�hrte eine �berlandstra�e durch das Moor. Die Magie des Erzmagiers hielt die Uriah, die Wichte und die anderen widerlichen Sumpfbewohner auf Abstand. Doch die Zeiten �nderten sich, wie auch die Priorit�ten des Erzmagiers, und so wurden andere Angelegenheiten wichtiger. Die Stra�e wurde �berschwemmt und wieder vom Sumpf verschluckt.�</p><p>Er machte eine Pause und trank einen Schluck Wasser aus einem Glas, das am Rand seines Schreibtischs stand.</p><p>�Von dieser Handelsstra�e hab ich schon geh�rt�, meinte Rialla. �Aber was hat das mit Darran zu tun? Es liegt doch nicht mal in der N�he dieses Sumpfes.� Sie hatte einen mit verschlissenem Gobelin bezogenen Stuhl leerger�umt und setzte sich nun auf die Kante. Die H�nde ruhten entspannt auf ihrem Scho�.</p><p>�Hab Geduld, du wirst es gleich erfahren.� Rens Stimme verfiel in den Tonfall des Geschichtenerz�hlers, als er fortfuhr. �Als ich mein Amt antrat, stellte ich fest, dass wir so gut wie keine Informationen dar�ber hatten, was auf der anderen Seite des Sumpfs vor sich ging. Ein schweres Vers�umnis, das ich nat�rlich nachholen musste.</p><p>Schon einige Zeit hatte ich die Expansionsbestrebungen eines �stlichen K�nigsreichs namens Cybelle verfolgt. Noch ein Jahrzehnt zuvor war Cybelle ein kleines und sehr armes Land gewesen. Dann verstarb sein Regent und hinterlie� nicht einen einzigen legitimen Nachfolger. Am Ende der sich anschlie�enden Machtk�mpfe bestieg ein Mann den Thron, der als religi�ser Fanatiker gilt und sich �Stimme von Altis� nennt. Zehn Jahre lang versuchte ich etwas �ber die Herkunft dieses neuen Herrschers herauszufinden, aber er schien wie aus dem Nichts gekommen zu sein.</p><p>Dieser Mann wie auch seine Anh�nger behaupten, der archaische Gott Altis sei ihnen erschienen und habe verk�ndet, dass es Cybelles Schicksal sei, �ber das Land zu herrschen � und zwar von der �stlichen See bis zum Westen, von den fernen Nordlanden bis zur S�dlichen See. In der vergleichsweise kurzen Zeit, in der �die Stimme� nun an Cybelles Spitze steht, hat sie es geschafft, sich die meisten Reiche zwischen der �stlichen See und dem Gro�en Sumpf einzuverleiben.�</p><p>Ren warf Rialla einen Blick zu, um zu �berpr�fen, ob sie ihm noch folgte, bevor er weitersprach: �Vor langer Zeit, nach den Magierkriegen, erhoben sich die aufgebrachten Bewohner des Ostens gegen jeden, der noch Magie praktizierte, so wie wir im Westen sie auch ablehnten. Im Osten jedoch gab es keine Zuflucht f�r sie. Und wo man ihnen in L�ndern wie Reth oder S�dwald Unterschlupf gew�hrte, gerieten die Magier des Ostens allm�hlich zu Schauergestalten, mit denen man Kinder erschreckte.</p><p>Das Wiedererstarken der Religion schritt indes noch rasanter voran als Cybelles Expansionskurs; die wenigen letzten Reiche, die sich anschlossen, taten dies gar kampflos. Ich habe erfahren, dass die Stimme von Altis <emphasis>Zauber</emphasis> wirkt. Es hei�t, Altis selbst habe ihm diese Macht verliehen, um Licht dahin zu bringen, wo vormals Dunkelheit herrschte, um mit einem Handstreich Dinge in Flammen aufgehen zu lassen. Kurz: Er vermag mit nur einem Wort zu t�ten. Klingt das nicht irgendwie vertraut?�</p><p>Rialla vernahm seine Frage und hob den Kopf. �Ein versierter Magier hat sich also selbst auf den Thron von Cybelle gesetzt.� Ihre Stimme war bar jeden Spotts, klang vielmehr nachdenklich.</p><p>Ren nickte und war mehr denn je davon �berzeugt, dass ein ad�quates Werkzeug f�r seine Zwecke vor ihm sa�. �Er plant, seinen Eroberungsfeldzug durch den Gro�en Sumpf fortzusetzen, indem er sich den alten Handelspfad zunutze macht. Und meine Quellen behaupten, dass er dazu sehr wohl imstande ist.�</p><p>Das L�cheln des Meisterspions erstarb, und er beugte sich auf seinem Stuhl vor. �Trotz seines exzellenten milit�rischen Rufs ist Sianim nur ein kleiner Stadtstaat. Allein gegen Cybelle h�tten wir keine Chance. Die westlichen Staaten m�ssen denen aus dem Osten als Verb�ndete entgegentreten, wenn wir gegen deren Ansturm bestehen wollen. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr bem�ht dabei mitzuhelfen, alte Feindschaften aus der Welt zu schaffen. Doch der schwierigste Konflikt, den es beizulegen galt, waren die best�ndigen Scharm�tzel zwischen Darran und Reth.�</p><p>�Und wof�r braucht Ihr mich? Es gibt viele andere, die Darranisch sprechen�, sagte Rialla ruhig und offenbar keineswegs darauf erpicht, in irgendeiner Weise behilflich zu sein.</p><p>�Lord Karsten ist die treibende Kraft hinter der Rethischen Allianz. Es gibt allerdings Leute, die nicht wollen, dass Darran und Reth ein B�ndnis eingehen; der letzte Krieg ist denen noch gut in Erinnerung, die, egal auf welcher Seite, Angeh�rige verloren haben. Diesem Widerwillen nicht gerade zutr�glich ist die Tatsache, dass Reth von jeher eine starke Affinit�t zur Magie hatte. Wie du selbst wei�t, betrachten die Darraner die Zauberei als etwas Sch�dliches, ja, Verderbtes. Karstens Einfluss ist indes so stark, dass er imstande w�re, die Bedenken seiner Ratskollegen zu zerstreuen � sofern er denn so lange �berlebt.�</p><p>Ren r�usperte sich, bevor er fortfuhr, wobei er jede Regung der vor ihm sitzenden Frau verfolgte. �Letzte Woche wurde das Pferd, auf dem Lord Karsten ritt, durch den Pfeil eines Assassinen get�tet. Karsten selbst hatte Gl�ck, ihm geschah nichts, doch ich will wissen, wer hinter dem Anschlag steckt, damit ich dieser Sache ein Ende bereiten kann.</p><p>Es ist nun so, dass Lord Karsten ein einw�chiges Fest zu Ehren seines Geburtstags auf Westholdt, seinem Landsitz, gibt. Wegen des Mordversuchs an seinem Bruder hat auch Laeth sein Erscheinen zugesagt. So kann er sich direkt auf der Feste umsehen und schauen, ob er etwas dazu herausfinden kann.�</p><p>Ren lehnte sich noch weiter vor. �Aber ich brauche mehr. Meine liebe Mutter pflegte immer zu sagen: �Eine ungeb�ndigte Zunge vermag selbst die st�rksten Mauern einzurei�en.� Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, dass auch nur ein unbedachtes Wort gesprochen werden wird, wenn Lord Karstens Bruder zugegen ist.</p><p>Was ich also vor Ort brauche, ist etwas, von dem niemand Notiz nimmt � etwas so Unscheinbares wie ein M�belst�ck. Leider kann ein M�belst�ck mir aber nicht berichten, was es geh�rt hat. Ein Sklave hingegen schon.� Ren betrachtete Rialla genau, doch die zuckte angesichts seiner Worte nicht mal mit der Wimper.</p><p>Schweigend starrte sie zu Boden, dann sah sie kurz zu ihm auf. �Ich w�rde einiges f�r Sianim tun, aber nicht das! Malt von mir aus einem anderen eine T�towierung auf, und ich werde dieser Person beibringen, sich wie ein Sklave zu verhalten, doch eher w�rde ich Sianim verlassen, als noch einmal nach Darran zur�ckzukehren.� Ihre Stimme war kalt und hart. Es war die Stimme einer Frau, die den Mut besessen hatte, sich eigenh�ndig die Haut von der Wange zu schneiden und die Wunde auszubrennen.</p><p>Unbeeindruckt lehnte sich Ren in seinem Stuhl zur�ck: Er hatte noch immer eine Karotte in petto, die er ihr vor die Nase halten konnte. �Um den Rethern die Allianz schmackhaft zu machen, hat Lord Karsten verschiedene �nderungsvorschl�ge an darranischen Gesetzen eingebracht. So soll die Ehe mit Ausl�ndern erlaubt werden; nicht zuletzt eine Voraussetzung f�r die Heirat zwischen der Prinzessin und K�nig Myr. Des Weiteren sollen die Handelsabgaben gesenkt oder m�glicherweise sogar ganz gestrichen werden.� Er hielt inne und senkte die Stimme, um ihre ganze Aufmerksamkeit zu erhalten. �Die dritte �nderung betrifft die Abschaffung der Sklaverei innerhalb der darranischen Grenzen. Dies wurde als n�tig erachtet, weil das Volk von Reth die Sklaverei als eine Abscheulichkeit betrachtet, derer nur die barbarischsten aller Zeitgenossen f�hig sind.�</p><p>Er wusste nicht, ob sie den K�der geschluckt hatte, also fuhr er fort, um ihr Zeit zu geben, dar�ber nachzudenken. �Seltsamerweise ist es diese letzte Gesetzes�nderung, welche die Darraner am anst��igsten finden. Die Sklavenhaltung ist f�r ihre Wirtschaft nicht entscheidend; Sklaven gelten vielmehr als Luxus, den sich ohnehin nur die wenigsten leisten k�nnen, aber sie sind wesentlich f�r Darrans kulturelles Selbstverst�ndnis. Die meisten Ratsmitglieder besitzen gleich mehrere und sind mithin wenig geneigt, sich von ihnen zu trennen. Du, dessen bin ich mir sicher, wirst das alles viel besser verstehen als ich.�</p><p>Die ehemalige Sklavin beugte kurz ihr Haupt, dann schaute sie ihren Gespr�chspartner wieder an. Ren hatte auf eine Reaktion gewartet, und nun sollte er sie bekommen. �Wisst Ihr eigentlich, was Ihr da von mir verlangt, Meisterspion?�</p><p>�Ja�, erwiderte er. �Mit deiner Hilfe k�nnte es gelingen, die Sklaverei in Darran abzuschaffen. Laeth meinte, dass du an einer solchen Mission interessiert sein k�nntest.�</p><p>Die Anspannung verlie� ihren K�rper so pl�tzlich, wie sie gekommen war. Mit matter Stimme sagte Rialla: �Berichtet mir in groben Z�gen von Eurem Plan und gebt mir dann die Zeit, mir die Sache in Ruhe zu �berlegen.�</p><p>Ren verschr�nkte die Arme vor der Brust, zufrieden, dass sein Plan aufgegangen war. �Nun, die einflussreichsten Adligen des Landes samt ihrem Gefolge werden auf Westholdt zugegen sein. Selbstredend werden sie dort nicht �ber ihren n�chsten Attentatsversuch auf Lord Karsten plaudern. Ich m�chte, dass du herausfindest, wer die Allianz bef�rwortet, wer sie ablehnt und � am wichtigsten � warum. Keine Sorge, selbst die unbedeutendsten Informationen, die unschuldigsten �u�erungen sind dazu geeignet, Licht ins Dunkel zu bringen, sofern man sie mit Gesp�r und Verstand miteinander verkn�pft.�</p><p>Rialla rieb die Narbe auf ihrer Wange, als plage sie dort ein fortdauernder Schmerz, und fragte: �Seid Ihr sicher, dass Laeth diesen Plan guthei�t? Obwohl er sich f�r ein Leben in Sianim entschieden hat, ist er doch immer noch Darraner. Spionage beziehungsweise einen Spion in den Dunstkreis seines Bruders einzuschleusen, das muss f�r ihn mit der schlimmste Verrat sein.�</p><p>Ren nickte. �Er hat zugestimmt, weil Lord Karstens Leben bedroht ist.�</p><p>�Wann w�rden wir aufbrechen?�</p><p>�In f�nf Tagen.�</p><p>Sie nickte und stand auf. �Ich werde Euch meine Antwort morgen fr�h mitteilen.� Leise schloss sich hinter ihr die T�r, als sie den Raum verlie�.</p><p>Wie bet�ubt machte sich Rialla auf den Weg durch die belebten Stra�en ihrer neuen Heimat. Sie erreichte die st�dtischen St�lle, wo die Kriegspferde, neben S�ldnerdiensten und -ausbildung Sianims zweite Einnahmequelle, untergebracht waren. Sie durchquerte den alten Steintorbogen, der in die Stallungen f�hrte, und genoss den vertrauten Geruch der Pferde, die sich friedlich in ihren Verschl�gen bewegten. Es war Zeit f�r das Mittagessen, und so hatte sie diesen Ort ganz f�r sich allein.</p><p>Sie ignorierte die freundlich �ber die Boxent�ren gesteckten Schnauzen, fand eine Bank, die nicht restlos vollgepackt war mit Zaumzeug und Wurzelb�rsten, und kauerte sich mit angezogenen Beinen darauf. Ersch�pft lie� sie sich gegen die Wand sinken.</p><p>Der graue Stein war kalt an ihrer Wange. Sie schloss die Augen und dachte dar�ber nach, worum Ren sie gebeten hatte. Allein bei der Vorstellung, wieder nach Darran zur�ckzukehren, brach ihr der kalte Schwei� aus. Darran hatte ihr die Familie genommen, ihr Erbe und auch einen gro�en Teil ihrer selbst. Und am Ende hatte es sie vernarbt zur�ckgelassen, innen wie au�en.</p><p>Vielleicht w�re dieses Schicksal einfacher zu ertragen gewesen f�r jemanden, der in einer streng hierarchischen Gesellschaft aufgewachsen war, wo Frauen wenig Einfluss auf ihr pers�nliches Schicksal hatten. Doch sie war in einen der fahrenden Kaufmannsclans hineingeboren worden, die Handel treibend durch den S�den zogen, genauer gesagt durch den S�dwald, Ynstrah und die kleinen F�rstent�mer, welche die Anthran-Allianz bildeten. In den Kaufmannsclans galten die Frauen als �beraus einflussreich, denn sie kontrollierten die Finanzen der Sippe und entschieden, wohin die n�chste Reise ging.</p><p>Rialla hatte das Trainieren von Pferden von ihrem Vater erlernt. Die Pferde, die er ausgebildet hatte, waren sehr begehrt, da er ein einzigartiges Gesp�r f�r die Tiere besessen hatte. Oft hatte er Vorf�hrungen arrangiert, auf denen er st�rrische und wilde Biester in brauchbare Pferde verwandelte. Seine besondere Gabe hatte dem kleinen Clan zu gro�em Ruhm verholfen, sodass sich ihre Leute um Geld keine Sorgen hatten machen m�ssen, und sie hatten als H�ndler Gebiete betreten d�rfen, die anderen Clans verwehrt gewesen waren.</p><p>Rialla war als Empathin geboren worden und mithin imstande, die Gef�hle und manchmal auch die Gedanken der Menschen und Tiere um sie herum zu empfangen. Ein seltenes Talent, aber bei ihrem Volk durchaus nicht ungew�hnlich, und ein Talent, das hoch gesch�tzt wurde unter Menschen, die absolut aufeinander angewiesen waren. Kurz nachdem ihre Gabe erkannt worden war, lie� ihr Vater sie mit den Pferden arbeiten und nutzte ihre Empathie dazu, seine Ausbildungserfolge noch zu verbessern. Gleichzeitig erlernte Rialla auf diese Weise, ihre F�higkeit zu beherrschen.</p><p>Aufgrund ihres hohen Werts f�r den Handelsclan arrangierten der Frauenrat und ihr Vater eine Ehe mit dem Mitglied eines noch wohlhabenderen Clans. Und dann war w�hrend der Verlobungsfeier dieser Fremde bei ihnen aufgetaucht. An seiner Anwesenheit war zun�chst nichts Ungew�hnliches gewesen, weil bei einem solchen Ereignis jeder willkommen war, auch Nicht-Clanangeh�rige. Der Grund, warum Rialla �berhaupt auf ihn aufmerksam wurde, bestand darin, dass er einer der wenigen Personen war, die sie nicht empathisch erfassen konnte. Zwar konnte sie sich heute nicht mehr an sein Gesicht erinnern, aber sie wusste, dass sie ihn damals als gutaussehend wahrgenommen hatte.</p><p>Nach der Verlobungsfeier trennten sich die Clans, um erneut auf Handelsreise zu gehen, und verabredeten, dass man sich in genau einem Jahr wieder am gleichen Ort zusammenfinden w�rde, damit die Hochzeit gefeiert werden konnte. So war es Brauch.</p><p>Zwei Tage sp�ter dann wurde Rialla von den Sklavenh�ndlern �berw�ltigt, nachdem man alle M�nner und �lteren Personen ihres Clans get�tet hatte. Die jungen Frauen und Kinder ihrer Sippe wurden gefangengenommen. Es stellte sich heraus, dass der Fremde, der auf ihrer Verlobung erschienen war, die Sklavenh�ndler-Bande anf�hrte. Noch immer konnte sie die Ber�hrung seiner Hand auf ihrem Gesicht sp�ren. Und es war das erste Mal, dass sie ihn mithilfe ihrer Gabe zu <emphasis>lesen</emphasis> vermochte. Wie auch ihre erste Begegnung mit einen darranischen Sklavenabrichter.</p><p>Rialla zitterte heftig an der kalten Granitwand der Stallungen und ignorierte die Tr�nen, die ihr �ber die Wangen liefen. Wenn sie sich f�r Sianim als darranische Sklavin ausgeben sollte, musste sie sich ihrer Vergangenheit stellen.</p><p>Trotz all der Jahre war das Antlitz des Sklavenschinders in ihrer Erinnerung verschwommen � ein Unfreier sah seinem Gegen�ber nicht oft ins Gesicht �, aber seine Stimme verfolgte sie bis in ihre Albtr�ume hinein.</p><p>Am dritten Tag nach ihrer Gefangennahme hatte sich Rialla mit den anderen Frauen und Kindern in einer Ecke des Lagers zusammengedr�ngt, als ein Reiter sich der Gruppe n�herte. Er wurde von ihrem H�scher herzlich begr��t. Sie konnte die Sprache, in der sich die beiden unterhielten, nicht verstehen, aber der Name des Reiters sagte ihr etwas: Es war Geoffrey ae�Magi, der Erzmagier.</p><p>Sp�ter erfuhr Rialla, dass der Erzmagier kurz nach diesem Besuch get�tet worden war; es tat ihr kein bisschen leid.</p><p>Einer nach dem anderen wurden die Kinder und Frauen ins Zelt des Sklavenschinders gebracht; nur Rialla und zwei andere nicht. Sie konnte von ihrem Platz aus nicht <emphasis>sehen</emphasis>, was der ae�Magi und ihr H�scher den Menschen im Zelt antaten, aber sie h�rte ihre Schreie und f�hlte ihre Qual in jedem empathischen Moment. Das grauenhafte Wissen verheerte ihren Geist, bis er sich wie zum Schutz selbst abschirmte und sie nur mit dem Schatten ihrer vormaligen Gabe zur�cklie�. Und das, was nach dem Besuch des Erzmagiers von ihrer empathischen F�higkeit blieb, war so unstet und fl�chtig, dass es sich als nahezu nutzlos erwies.</p><p>F�r eine Sklavin indes gerade gut genug.</p><p>Zwei Jahre lang wurde Rialla als T�nzerin ausgebildet und am Ende mit der T�towierung belohnt. T�nzer waren in Darran sehr beliebt, und sie war gut. Sehr gut. Man behandelte sie anst�ndig und gew�hrte ihr mehr Freiheiten als den meisten anderen Sklaven, die man an Bordelle oder Schlimmeres vermittelte, und doch war sie nach wie vor eine Unfreie.</p><p>F�nf Jahre tanzte sie auf Befehl ihres Meisters. Und dann kam der Tag, an dem sich ihr eine Gelegenheit zur Flucht bot, und Rialla ergriff sie.</p><p>Im Zuge ihres Ausbruchs t�tete sie einen Mann. Und selbst die armseligen Reste ihrer Empathief�higkeit lie�en sie bei seinem Tod vor Schmerz aufheulen. Trotzdem durchsuchte sie die Leiche mit zittrigen H�nden, nahm des Mannes Messer und das bisschen Geld an sich, das er bei sich trug. Danach stahl sie aus den St�llen ein Pferd und floh.</p><p>Sie entkam �ber die Grenze nach Reth, wo sie das Messer so lange in ihrem Lagerfeuer erhitzte, bis es gl�hte, um sich danach ihre verhasste T�towierung aus der Haut zu schneiden.</p><p>In der n�chsten Stadt tauschte sie ihr Pferd gegen einen ungerittenen Wallach und eine Hand voll M�nzen. Schlie�lich erreichte sie Sianim, wo ihre Begabung im Umgang mit Pferden ihr ein Auskommen sicherte. Der gesch�ftst�chtige Stadtstaat hatte ihr eine Zuflucht geboten, und nun bot er ihr sogar noch mehr an.</p><p>Man hatte ihr die Chance er�ffnet, den Sklavenhaltern etwas Entscheidendes zu nehmen, so sie denn den Mut dazu hatte.</p><p>Im Schutz der St�lle von Sianim rieb sich Rialla �ber die Narbe auf ihrer Wange. Wenn sie das Angebot, nach Reth zur�ckzukehren, annahm, m�sste sie sich ein weiteres Mal t�towieren lassen, und zwar genau �ber der alten Narbe. So oder so, das alte Wundmal w�rde sie als entflohene Sklavin verraten, womit sie gewiss unter besondere Beobachtung gestellt werden w�rde. Und wenn der Plan schiefging, dann w�rde sie niemals wieder ihre Freiheit zur�ckerlangen; ein zweiter Ausbruch w�re so gut wie unm�glich.</p><p>Ein fremdartiges Ger�usch lie� sie aufschrecken; sie war nicht mehr allein.</p><p>Sie fuhr sich hastig �ber die Wangen, wusste aber, dass man ihr das Weinen ansehen w�rde. Sie holte tief Luft und wandte den Kopf, um zu sehen, wer in den Stall gekommen war.</p><p>Der Mann, der im D�mmerlicht des Gangs stand, war von durchschnittlicher Gr��e. Er hatte dunkles Haar, dunkle Augen und eine sonnengebr�unte Haut. Er wirkte eher schm�chtig, bewegte sich aber mit der routinierten Anmut und Kraft eines Kriegers.</p><p>Unbewusst hob Rialla fast trotzig das Kinn, was dem Mann, der sie beobachtet hatte, nicht entging. �Laeth�, sagte sie.</p><p>Er nickte ihr zum Gru� zu und lehnte sich dann gegen�ber ihrer Bank an eine der Trennw�nde, sodass noch immer der Gang zwischen ihnen lag.</p><p>Nie zuvor hatte ein darranischer Lord sich in Sianim ausbilden lassen. Obwohl Sianims Kriegskunst-Akademien bis �ber seine Grenzen hinaus ber�hmt waren, hielten sich die Darraner auch in diesem Punkt lieber an ihre eigenen Leute. Als Laeth der Ausbildung wegen vor zwei Jahren nach Sianim gekommen war, war Rialla ihm bewusst aus dem Weg gegangen, bis ihnen eines Tages derselbe Lehrer f�r den unbewaffneten Kampf zugewiesen wurde.</p><p>Der Ausbilder sprach kein Darranisch, und Laeth beherrschte nur einige wenige Brocken Gemeinsprache, die er seit seiner Ankunft hier aufgeschnappt hatte. Die abgeschieden lebenden Darraner hatten von jeher wenig Verwendung f�r das Erlernen fremder Sprachen.</p><p>Einige Tage schaute sie sich an, wie Laeth und der Ausbilder miteinander radebrechten, dann gesellte sie sich zu ihnen und �bersetzte, wann immer es n�tig war. Ihre Hilfsbereitschaft war nicht zuletzt dadurch geweckt worden, dass Laeth im Gespr�ch immer wieder ins Stocken geraten war und dann �ber sich selbst gelacht hatte, w�hrend sie es sich gleichzeitig nicht gestatten wollte, alle Darraner ohne Ansehen der Person zu verachten, wo es doch nur einige wenige gewesen waren, die ihr ein Leid zugef�gt hatten.</p><p>Er hatte sich zu ihr umgedreht, die verr�terische Narbe auf ihrer Wange ignoriert und ihr mit leiser Stimme f�r die Hilfe gedankt. Dass sich daraus eine Freundschaft entwickelt hatte war f�r Rialla �berraschend, und f�r ihn, wie sie annahm, ebenso. Sie lehrte ihn in den Abendstunden die Gemeinsprache, und er erz�hlte ihr dabei ein wenig von sich selbst.</p><p>Als j�ngster Sohn eines einflussreichen darranischen Lords hatte Laeth sich die meiste Zeit darin gefallen, seine Familie gesellschaftlich unm�glich zu machen. Doch dann war sein Auge auf eine scheue Jungfer namens Marri gefallen, die er auf dem Fest eines �rtlichen Anwesens kennengelernt hatte. Die Familie des M�dchens wollte jedoch einer Heirat mit dem schwarzen Schaf der Familie, und sei sie auch noch so m�chtig, nicht zustimmen. Also beschloss Laeth, ein anst�ndiges Leben zu beginnen, und �berredete seinen Vater, ihm ein kleines Anwesen zu �berlassen. Ein ganzes Jahr schuftete er, um Haus und Hof f�r seine zuk�nftige Braut herzurichten. Nachdem er dann die Einladung zur Verm�hlung seines �lteren Bruders Karsten erhalten hatte, schien ihm mithin die Zeit reif zu sein, die Familie �ber seine eigenen Heiratspl�ne zu informieren.</p><p>Als er zu den Feierlichkeiten in seinem Elternhaus eintraf, wurde er von den Seinen herzlich begr��t, und Karsten stellte ihm seine Verlobte vor: Es war Marri. Sein Bruder hatte beschlossen, ein ortsans�ssiges M�dchen zu heiraten.</p><p>Laeth machte gute Miene zum b�sen Spiel und l�chelte der offensichtlich ungl�cklichen Braut freundlich ins Gesicht. Er wusste nur zu gut, dass ein darranisches M�dchen aus gutem Haus sich einer von den Eltern arrangierten Ehe nicht widersetzen konnte. Am n�chsten Morgen sagte Laeth seinen Eltern, dass gewisse Probleme auf seinem Hof seine umgehende Anwesenheit erforderten und er noch vor der Hochzeit seines Bruders abreisen m�sse.</p><p>Die Familie sollte nie erfahren, warum er in seinen alten, unerh�rten Lebensstil zur�ckgefallen war, wobei seine Reise nach Sianim den wohl gr��ten Affront darstellte. Und so war Laeth seit der Hochzeit seines Bruders erst einmal wieder nach Darran zur�ckgekehrt: zur Beerdigung seines Vaters.</p><p>Eines der Pferde stupste Laeth ungeduldig an, und er kraulte dem Tier die Nase. �Und? Kommst du mit, Rialla?�, fragte er leise.</p><p>�Ja�, erwiderte sie. �Der Meisterspion hat mir kaum eine Wahl gelassen.�</p><p>�Ich war mir nicht sicher, ob ich Ren deinen Namen nennen sollte, aber so wie ich ihn kenne, wusste er ohnehin schon l�ngst, dass du Darranisch sprichst.�</p><p>Sie nickte, verzog den Mund zu einem humorlosen L�cheln. �Ich kenne einige, die Darranisch besser sprechen als ich, und ich sch�tze, er auch. Was er braucht, ist jemanden, der einen darranischen Sklaven spielen kann. Ich bin mir sicher, dieses hinterh�ltige Wiesel wusste alles �ber mich, lange bevor er mit dir gesprochen hatte.�</p><p>�Vermutlich hast du recht�, sagte Laeth, der angesichts von Riallas entspannter Haltung sichtlich aufatmete. �Dieser Ruf eilt ihm voraus.� Er sah sich in den still daliegenden St�llen um, dann f�gte er hinzu: �Ich w�rde dich gern zum Mittagessen einladen.�</p><p>Rialla sah ihn skeptisch an. �Etwa ins �Verirrte Schwein�?�</p><p>�Sianims S�ldner verdienen nun mal nicht mehr die Welt. Davon abgesehen ist�s dort gar nicht mal so schlecht�, meinte Laeth. �Gestern haben sich nur zwei Leute den Magen verkorkst.�</p><p>Ergeben st�hnte Rialla wegen des alten Witzes auf und hob in gespielter Kapitulation die H�nde. �Schon gut, schon gut. Aber diesmal rette ich dich nicht aus den F�ngen der Bedienung, damit das klar ist.�</p><p>Laeth riss die Augen auf. �Noch nicht geh�rt? Letty hat sich jetzt auf gro�gewachsene Blondsch�pfe verlegt.�</p><p>�Und wen hat sie jetzt im Visier?� Rialla erhob sich von der Bank und folgte Laeth zur Stallt�r.</p><p>�Afgar, du wei�t schon, den Leutnant der Siebenundf�nfzigsten.�</p><p>Rialla blieb stehen und verzog ungl�ubig das Gesicht. �Ach? Nicht mehr dieser riesige Kerl aus dem S�dwald, ich glaube, er war Gerber?�</p><p>Laeth grinste und zog Rialla am Arm mit sich. �Nein, Afgar, der sich immer in die Ecken dr�ckt, sobald eine Frau vorbeikommt. Er ist so damit besch�ftigt, dem weiblichen Geschlecht aus dem Weg zu gehen, dass vermutlich nicht mal die beiden Frauen in seiner Einheit ihn je zu Gesicht bekommen haben. Gestern dachte ich, er w�rde vor lauter Luftanhalten ersticken, als Letty sich im �Schwein� an ihn gedr�ckt hat. W�re ich nicht so dankbar daf�r, dass sie es nicht mehr auf mich abgesehen hat, k�nnte er einem fast leid tun.�</p><p>�Ach komm�, schnaubte Rialla. �Dir hat�s doch fast so gut gefallen wie ihr. So schnell bist du nun auch nicht gefl�chtet, als dass sie dich nicht ein, zwei Mal zu fassen bekommen h�tte, stimmt�s?�</p><p>Er grinste schief. �Was soll ich sagen? Ich bin auch nur ein Mann. Au�erdem hat sie tolle �� Rialla hob warnend eine Augenbraue. �� Z�hne.�</p><p>Rialla lachte und sch�ttelte den Kopf, w�hrend das �Verirrte Schwein� in Sicht kam.</p><p>Die untere H�lfte der Sch�nke war aus alten Steinbl�cken erbaut worden; die obere aus zusammengezimmerten Holzplanken unterschiedlichen Alters und Gr��e. Rialla hatte mal geh�rt, dass vor f�nfzig Jahren oder so die hundertsieben Mann der Einundsiebzigsten im Alkohol- und Siegesrausch den h�lzernen �berbau von der Steinbasis gehoben und mitten auf der Stra�e wieder abgeladen haben sollten.</p><p>Man setzte das Dach wieder instand, nachdem man mit dem Besitzer eine ��bereinkunft� erzielt hatte. Seitdem wurde der h�lzerne Teil der Sch�nke an allen vier Ecken durch rostige Ketten an Ort und Stelle gehalten, und die Einundsiebzigste bekam ihre Getr�nke noch immer f�r die H�lfte dessen, was andere G�ste daf�r bezahlten.</p><p>Als Anlaufstelle f�r Speis und Trank, dazu den St�llen und dem Ausbildungsgel�nde der diversen Kampfeinheiten am n�chsten gelegen, war das �Verirrte Schwein� f�r gew�hnlich voll. So auch heute. Rialla und Laeth wurden durch den Trubel hindurch von verschiedenen Bekannten begr��t, als sie versuchten, einen freien Tisch zu ergattern.</p><p>Als Rialla einem der besetzten Tische zu nahe kam, sp�rte sie, wie jemand ihre H�fte t�tschelte. Ohne sich umzudrehen, packte sie das Handgelenk des �belt�ters, trat mit dem Fu� gegen das Stuhlbein und brachte Mann und Hocker zu Fall. Es entstand ein �beraus befriedigender Tumult, der den stets herrschenden Grundl�rm in der Taverne �bert�nte.</p><p>Der Mann war schon ziemlich angetrunken und wurde w�tend, doch Laeth ergriff ihn an der Schulter unter dem Vorwand, ihm wieder aufzuhelfen. Zuvorkommend klopfte er ihm den Staub vom Mantel und lenkte ihn damit so lange ab, bis dessen Feindseligkeit einer ehrlichen Verwunderung �ber so viel F�rsorge wich.</p><p>Als klar war, dass der Betrunkene nicht l�nger eine Bedrohung sein w�rde, sagte Laeth freundlich: �Wei�t du, sie sch�tzt es nicht, ohne Aufforderung von �nem Mann ber�hrt zu werden. Hast Gl�ck, dass sie guter Laune war, sonst h�tte sie dir die Hand abgehackt. So wie bei dem letzten Kerl, der seine Finger nicht bei sich behalten konnte.�</p><p>Ein Freund von Laeth, der an einem der nahegelegenen Tische sa�, lehnte sich vor und erg�nzte: �Tja, der arme Jard ist seitdem nicht mehr derselbe.�</p><p>�Erinnert ihr euch noch, was sie mit Lothar gemacht hat?�, fragte ein anderer in die Runde und sch�ttelte best�rzt den Kopf.</p><p>�Drei Tage haben wir seine K�rperteile zusammengesucht, bis wir ihn endlich unter die Erde bringen konnten�, f�hrte ein kahlk�pfiger und untersetzter Bursche aus � er war einer von Laeths Leutnant-Kameraden. Er lehnte sich nun ebenfalls vor und erkl�rte leise: �Aber der hat auch versucht sie zu k�ssen.�</p><p>Rialla lachte noch immer, als sie sich an einem kleinen unbesetzten Tisch niederlie�en. �Hast du den Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen? Der arme Kerl. Wenn ich gewusst h�tte, was ihr daraus macht, h�tte ich f�nfe gerade sein lassen.�</p><p>Laeth grinste von einem Ohr zum anderen. �Das wird ihm eine Lehre sein, in Zukunft die H�nde still zu halten. Wo wir gerade davon sprechen: Wusstest du, dass sich einer der Rekruten aus meiner Einheit in dich verknallt hat?�</p><p>�Du meinst den jungen Rether, der sich immer hinterm Zaun versteckt und dabei die Pferde scheu macht, mit denen ich gerade arbeite?�, entgegnete sie. �Der mich wirklich jeden Abend zum Essen einladen will und mir neuerdings Blumen vor die T�r legt? Etwa so gro� wie du, sandfarbenes Haar und braune Augen? Nein, davon hab ich noch gar nichts mitbekommen ��</p><p>Laeth musste lachen, als er ihr verdrossenes Gesicht sah. �Tut mir leid. Wusste nicht, dass der sich zu einem solch l�stigen Problem auswachsen w�rde. Werde mich heute Nachmittag mal darum k�mmern.�</p><p>�Oh nein�, keuchte Rialla in gespieltem Entsetzen auf. �Bitte nicht diese bizarre Seuche, die auf irgendeine Weise Impotenz verursacht. Es gibt immer noch einige in deiner Einheit, die die Stra�enseite wechseln, wenn sie mich sehen.�</p><p>�Auf keinen Fall�, stimmte Laeth ihr zu. �Die Methode hab ich ja erst beim letzten Mal angewandt. Muss mir was Neues �berlegen. Au�erdem ist das alles deine Schuld, wei�t du. Du k�nntest ein paar Pfund zulegen oder was mit deinem Haar anstellen.�</p><p>�Gleich morgen f�rbe ich�s mir grau, oder ich rasier mir am besten gleich �ne Glatze�, meinte Rialla nicht unernst. Die Narbe tat ihrer Attraktivit�t offenbar keinen Abbruch, zumindest nicht bei Sianims S�ldnern. Ja, bisweilen w�re sie allein deshalb lieber unversehrt, um nicht so viel unerw�nschte m�nnliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.</p><p>Bevor Laeth etwas erwidern konnte, erschien Letty, die dralle Schankmaid, an ihrem Tisch. Woher sie in der �berf�llten Sch�nke wusste, wer bestellt hatte und wer nicht, w�rde Rialla f�r immer ein R�tsel bleiben.</p><p>�Wie lautet die Empfehlung des Tages, Liebes?�, fragte Laeth.</p><p>�Afgar�, seufzte Letty, und ihr riesiger Busen wogte.</p><p>�Wir wollten eigentlich wissen, was es zu essen gibt�, meinte Rialla, um dann schnell hinzuzusetzen: �F�r uns.�</p><p>�Oh.� Lettys volle Lippen verzogen sich zu einem kleinen Schmollen in Laeths Richtung, dann z�hlte sie so freundlich wie m�glich auf: �Das Brot ist frisch, und der Koch hat gerade �nen Honigschinken aus dem Ofen gezogen. Der Ochsenbraten dagegen ist ein bisschen zu durch.�</p><p>�Dann nehmen wir Brote. Mit Schinken?� Laeth sah Rialla fragend an, und sie nickte. �Und zwei Kr�ge von dem verw�sserten Bier.�</p><p>Als Letty wieder fort war, sagte Laeth: �Ren hatte mich heute Morgen zu sich gerufen. Er wollte, dass ich dich zum Mitkommen �berrede.�</p><p>Rialla sch�ttelte den Kopf. �Das hat er dann ja bestens selbst hingekriegt.�</p><p>�Und warum genau schlie�t <emphasis>du</emphasis> dich der Mission an?�, fragte Laeth nun ernster. �Ich f�r meinen Teil gehe, um Karsten zu besch�tzen, doch meine gr��te Herausforderung besteht darin, Marri als seine Frau wiederzusehen. Und in einem m�glichen Anschlag auf mein Leben, falls rauskommt, dass ich f�r Sianim spioniere. Du hingegen musst als Sklavin zur�ckkehren.�</p><p>�Ren hat gesagt, dass Karsten die Sklaverei in Darran abschaffen will�, antwortete Rialla. �Er scheint davon �berzeugt zu sein, dass mein Einsatz dazu beitragen kann, obwohl ich nicht recht wei�, wie, wenn ich dar�ber nachdenke.�</p><p>�Du riskierst eine Menge f�r Sklaven, die du nicht mal kennst, Ria�, meinte Laeth.</p><p>Sie l�chelte schwach und ber�hrte ihre Narbe. �Ich tue das nicht f�r sie. Die meisten von ihnen sind vermutlich nicht mal ungl�cklich in ihrem Dasein; in Darran ist eine Existenz als Sklave oftmals nicht schlimmer als das Leben einer Ehefrau, wenn nicht besser. Nein, mein Beweggrund ist Rache. Die Sklavenhalter von Darran haben mir etwas gestohlen, das ich niemals zur�ckerlangen kann. Nun ist es an mir, ihnen etwas zu nehmen � <emphasis>ihm</emphasis> etwas zu nehmen.�</p><p>Letty brachte ihr Essen und erhielt daf�r einige Kupferm�nzen sowie einen Kuss von Laeth, bevor sie wieder im Trubel des Schankraums untertauchte.</p><p>�Hast du keine Angst?�, fragte Laeth leise, w�hrend er sich eine Scheibe Brot aus dem Korb nahm.</p><p>Rialla schluckte ihren Bissen hinunter und trank einen Schluck Bier, bevor sie antwortete: �Davor, wieder eine Sklavin zu sein?� Sie zuckte die Achseln. �Ich w�rde mit niemandem au�er dir gehen, wenn du das meinst. Ich wei�, du w�rdest mich dort nicht h�ngenlassen. F�r jemanden, der es nicht kennt, kann der Besitz einer Sklavin eine gro�e Verlockung sein; noch dazu bin ich T�nzerin, also wertvoller als die meisten anderen. Ich k�nnte dir so viel Gold einbringen, wie es so mancher im ganzen Leben nicht sieht.� W�hrend sie sprach, sp�rte Rialla, wie ihre Z�ge auf eine ihr vertraute Art erstarrten. Ihre Stimme wurde flach und verlor jegliches charakteristische Timbre.</p><p>�So etwas w�rde ich nie tun�, sagte Laeth sanft.</p><p>Sie l�chelte ihn an und lie� ihre Sklavenmiene wieder fallen. �Das wei� ich. Was denkst du, warum ich nur mit dir gehen w�rde? Du hast beides gehabt: Sklaven und Grundbesitz, und du hast beides aufgegeben. Und selbst, wenn ich dich nicht kennen w�rde, w�rde ich eher dir folgen als einem Kerl aus dem S�dwald, f�r den der Besitz eines Sklaven etwas v�llig Neues w�re.�</p><p>Laeth beugte leicht den Kopf, um ihr f�r das Kompliment zu danken. Eine Weile a�en sie schweigend; es war die behagliche Stille, wie sie nur zwischen Freunden zu herrschen vermochte.</p><p>�Hat Ren dir gegen�ber auch erw�hnt, was er wegen der T�towierung zu unternehmen gedenkt?� Rialla ber�hrte leicht ihre Wange.</p><p>Laeth nickte und schluckte seinen Bissen herunter, bevor er antwortete: �Er hat da einen Magier, der deine Narbe verh�llen kann, indem er die alte T�towierung durch eine Illusion ersetzt. Ren will, dass die neue T�towierung exakt dem Original entspricht, f�r den Fall, dass dich jemand wiedererkennt. Kann man anhand dessen nicht deinen fr�heren Besitzer ermitteln?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich bin jetzt seit sieben Jahren fort; nach f�nf Jahren der Trennung muss ein Sklave nicht mehr an seinen urspr�nglichen Besitzer zur�ckgegeben werden. Obschon es wohl als in Ordnung angesehen wird, wenn man es dennoch tut. Wie auch immer, wenn Lord Karsten es sich nicht zur Gewohnheit gemacht hat, Sklavenschinder zu seinen Geburtstagsfeiern einzuladen, muss ich mir wohl keine Sorgen machen.�</p><p>�Nein�, sagte Laeth, nun beruhigter. �Ein Edelmann w�rde zu offiziellen Anl�ssen einen Sklavenabrichter genauso wenig einladen wie einen Schweinehirten.�</p><p>�Das dachte ich mir auch�, stimmte Rialla zu.</p><p>�Ren bat mich au�erdem, dir mitzuteilen, dass, was auch immer dir dort zusto�en mag, er dich mit allen Mitteln aus Darran herausholen wird. Du musst dir also keine Sorgen machen, dass du am Ende wieder in die Sklaverei verkauft wirst.�</p><p>Rialla schenkte ihm ein b�ses Grinsen. �Nach all den Jahren des Trainings in Sianim mache ich mir dar�ber eigentlich keine Sorgen mehr.� Indem sie die Worte laut aussprach, f�hlte sich die Aussage umso wahrhaftiger an, und ihre Nervosit�t legte sich.</p><p>Laeth erwiderte ihr L�cheln und stellte ihr gleichzeitig die Lieblingsfrage ihres Kampfausbilders: �Wie viele Wege gibt es, eine Person mit einem Messer zu t�ten?�</p><p>�V�llig egal�, erwiderte Rialla. �Es braucht nur einen, um die Sache zu erledigen.�</p><p>Gut gelaunt beendeten sie ihr Mittagessen und verlie�en die Sch�nke, als gerade eine neue Welle von S�ldnern in den Schankraum quoll.</p><p>Drau�en blieb Laeth stehen und legte ihr eine Hand auf die Schulter. �Ich muss mich noch um ein paar Dinge k�mmern, bevor wir aufbrechen. Ren hat dir gesagt, dass wir uns in f�nf Tagen auf den Weg machen?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Ich k�mmere mich um den Reiseproviant. W�rdest du in der Zwischenzeit geeignete Pferde beschaffen und bereitmachen?�</p><p>�Ich besorge uns zwei gute Tiere�, sagte sie. �Und vielleicht auch ein, zwei Tanzkost�me, sicher ist sicher.�</p><p>�Falls du diesbez�glich nicht f�ndig wirst, versuch�s mal im Bordell von Midge. Sch�tze, dass das eine oder andere M�dchen dort was Passendes im Kleiderschrank hat.�</p><p>�Hattest du nicht mal erw�hnt, dass du niemals daf�r bezahlen w�rdest?�</p><p>Laeth grinste verschmitzt. �Tu ich ja auch nicht.�</p><p>Rialla lachte auf. �H�tte ich mir ja gleich denken k�nnen. Nun gut, ich mach mich jetzt mal auf die Suche nach jemandem, der sich um meine Pferde k�mmert, solange ich nicht in Sianim bin.�</p><p>�Ja, tu das�, sagte Laeth. �Wir sehen uns dann morgen.�</p><p>Die Morgensonne erleuchtete noch kaum den Himmel, als Rialla ein Pferd sattelte und es hinausf�hrte. Sie war nicht die einzige Pferdeausbilderin in Sianim, aber die anderen nutzten andere Trainingsarenen.</p><p>Sie sa� auf, und die F��e ihres Hengstes stampften rhythmisch auf dem Boden mit dem zusammengepressten S�gemehl. Doch seine Aufmerksamkeit galt ganz der Stute, die gerade �ber die Sprunghindernisse jenseits des Zauns geritten wurde. Er wappnete sich, um die derzeitige Reiterin abzuwerfen, wie er schon so viele vor ihr aus dem Sattel gehoben hatte � und wurde mit der kurzen Leine liebevoll daran gehindert.</p><p>Sich daran erinnernd, dass er der neuen Gebieterin, die da jetzt auf seinem R�cken sa�, gehorchen musste, folgte er mit flach angelegten Ohren dem Pfad, den sie gew�hlte hatte. Rialla lachte angesichts des schwerf�lligen Galopps, der nun an die Stelle der f�r gew�hnlich beschwingten Gangart des Hengstes trat.</p><p>Der Hengst brauchte dieses Training eigentlich gar nicht. Sie hatte f�r all die Pferde, mit denen sie derzeit arbeitete, Ersatzausbilder gefunden. Und doch hatte sie den Fuchs lieber zu einem letzten Ausritt mit hinausgenommen, anstatt auf Laeth zu warten und sich um Dinge zu sorgen, die sie doch nicht �ndern konnte. Wie zum Beispiel die T�towierung in Gold, Schwarz und Gr�n, die ihr nun narbenloses Gesicht einmal mehr zierte.</p><p>Ihre momentane Unaufmerksamkeit ausnutzend, warf sich der rotbraune Hengst ein St�ck in just der Bewegung zur Seite, die schon mehr als einem seiner Vorbesitzer zum Verh�ngnis geworden war. Rialla blieb unger�hrt im Sattel. Mit einem ver�chtlichen Schnauben schlug das stattliche Pferd mit dem Schwanz und verfiel wieder in den kurzen Galopp, offenbar beleidigt, dass sie seine kleine Eskapade nicht mal bemerkt hatte.</p><p>Rialla trieb das Pferd so lange durch die verschiedenen Gangarten, bis es seine Kapriolen einstellte, und danach war auch sie so m�de, dass sie nicht mehr wusste, worauf sie sich eigentlich eingelassen hatte. Doch die Erinnerungsl�cke w�hrte nicht lange. Als sie dem Pferd seine wohlverdiente Strohabreibung verpassen wollte, erwartete Laeth sie schon in den St�llen.</p><p>�Bereit zum Aufbruch?�</p><p>Rialla nickte und �bergab das Pferd einem der Stallburschen. �Ich zieh mich nur schnell um und hole meine Sachen. Bis gleich.�</p><p>In ihrem Zimmer streifte sie sich das einfache graue Sklavengewand �ber, das sie auf der Reise tragen w�rde. Sie betrachtete sich in der polierten Kupfertafel, die anstelle eines Spiegels an ihrer Wand hing, und konnte die Person, f�r deren Werden sie so hart gearbeitet hatte, nicht darin erkennen.</p><p>Stattdessen erblickte sie das bleiche Gesicht einer Unfreien mit einem Sklavenmal auf der linken Wange; auch hing ein unbekannter schlichter goldener Ring an ihrem linken Ohr � er projizierte die Illusion auf ihr Gesicht, obwohl sie das alte Wundmal mit ihren Fingerspitzen ertasten konnte.</p><p>Eine blasse Peitschennarbe durchbrach die dunkle Hautt�nung auf einem ihrer Arme: Der Sklavenabrichter hatte den daf�r verantwortlichen Diener seinerseits gez�chtigt, da er �beraus wertvolles Eigentum besch�digt hatte.</p><p>Sie schluckte, erhob die Hand zu einem feierlichen Gru�: �Viel Gl�ck, Sklavin.�</p><p>Dann nahm sie ihre kleine Tasche auf, in der sich auch ihr Tanzkost�m befand, verlie� den Raum und schloss die T�r hinter sich.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Wie eine Heuschreckenplage hatte sich die w�tende Welle des Krieges durch das kleine darranische Dorf Tallonwald gefressen und nichts als Zerst�rung hinterlassen. So manches einst ertragreiche Feld lag nun nackt und ausgedorrt da. Das Salz aus den Minen, das die gr��te Einnahmequelle der Region gewesen war, hatte das gute Ackerland in unfruchtbare Erde verwandelt, die der Wind in alle Himmelsrichtungen verteilte � ein stummes Zeugnis der jahrhundertelangen Fehde zwischen Darran und seinem Nachbarn Reth.</p><p>Als Ortschaft, die Westholdt (so genannt, da es sich westlich der Salzminen befand) am n�chsten lag, eine der Hauptfestungen in Ostdarran und Lord Karstens Familienstammsitz, war Tallonwald in der Vergangenheit so manches Mal vom Feind �berrannt worden. Und so war das einst wohlhabende St�dtchen inzwischen verarmt, selbst nach darranischem Standard. Nachdem Darran auch den letzten Krieg gegen Reth verloren hatte, hatten dieser Tage selbst die wohlhabendsten Bewohner Sorge, ihr t�glich Brot auf den Tisch zu bringen. Im letzten Winter, der dem Vernehmen nach als ausgesprochen mild angesehen wurde, waren zwei Alte und drei Kleinkinder an Unterern�hrung gestorben.</p><p>Lord Karsten, der �ber Westholdt und einige die Feste umgebende D�rfer, Tallonwald eingeschlossen, herrschte, war einer der wenigen darranischen Lords, die selbst in dieser Zeit der Not das alte Gesetz nicht aufgehoben hatten, demzufolge es Bauern unter Todesstrafe verboten war, in den W�ldern zu jagen. Er sorgte sich darum, dass der Wildbestand zur�ckgehen k�nnte, wie es anderswo in Darran schon der Fall war. In seinen Augen z�hlte das Wohlergehen von Bauern nicht halb so viel wie seine pers�nliche Freizeitentspannung. Und seine Aufseher sorgten daf�r, dass seinen Anweisungen auch entsprochen wurde.</p><p>Eines der wenigen Geb�ude in Tallonwald, die wieder hergerichtet worden waren, geh�rte Tris, einem au�erordentlich begabten Heilk�nstler. Sein Ruf reichte weit �ber die Grenzen des Dorfes hinaus, und die Adligen aus der Feste zogen ihn f�r die Behandlung ihrer Ziegen genauso zu Rate wie f�r Magenverstimmungen oder Furunkel. Diese Dienstleistungen lie� sich Tris allerdings f�rstlich bezahlen.</p><p>Ohne den Heiler w�re es den Menschen von Tallonwald noch schlechter gegangen, als es im vergangenen Winter ohnehin der Fall gewesen war. Denn mit dem Geld und den Juwelen, die er den Reichen f�r seine Dienste abkn�pfte, erwarb er Getreide aus den Kornspeichern von Westholdt wie auch Schlachtvieh f�r die Leute des Dorfs.</p><p>Als auch die Best�nde auf Westholdt zur Neige gingen und man dem Burgvogt untersagte, weitere Vorr�te an die D�rfler zu verkaufen, wagte es Tris sogar, sich den Zorn von Lord Karsten zuzuziehen und im umliegenden Forst zu jagen. Dank der Jahre, die er heimlich, still und leise in allen m�glichen W�ldern umhergestreift war auf der Suche nach Kr�utern und anderen f�r seine Kunst n�tzlichen Dingen, war er dabei auch sehr erfolgreich. Er allein vermochte sich auf diese Weise sowohl vor dem Wild als auch vor den zweibeinigen Kreaturen zu verbergen, die Karstens Aufseher angeheuert hatte, um das Volk daran zu hindern, sich selbst zu helfen.</p><p>Im Verkaufsraum seines Zweizimmerh�uschens wischte Tris soeben den Tresen sauber, der die Kinder seiner Kunden davon abhielt, in die verschiedenen T�pfe und Kr�ge zu langen, die er im Regal dahinter aufbewahrte. Der Lappen, den der Heiler daf�r benutzte, war nicht ann�hernd so fleckig wie seine allm�chtigen H�nde, die gerade in einem interessanten Lila schimmerten. Er hatte auf seinem morgendlichen Spaziergang ein Beet mit wildem Avendar aufgesp�rt; ein Kraut, aus dem man sowohl Brandsalbe wie auch eine sch�ne dunkelviolette Farbe herstellen konnte.</p><p>Zu seiner gro�en �berraschung f�hlte er sich in dem kleinen Weiler wohl. Ja, er hatte sogar sein bescheidenes H�uschen, das jenseits von Tallonwalds kleinem H�gel stand, liebgewonnen. Dieser Standort vermittelte ihm die Illusion von Abgeschiedenheit und Privatsph�re, und er hatte den Vorteil, dass er hier flussaufw�rts wohnte und so nicht mit den Abw�ssern des Dorfs in Ber�hrung kam.</p><p>Tris sah auf und rieb sich den Bart, als die T�rglocke den Besuch der Mutter des Dorfvorstehers ank�ndigte. Die alte und verkr�ppelte Trenna trat stets so w�rdevoll auf, dass ihr selbst der Lord mit allem gebotenen Respekt begegnete. W�re sie an einem anderen Ort zur Welt gekommen, h�tte man sie sicherlich zur Magierin ausgebildet. In Darran war sie indes nicht mehr als die Dorfweise und beriet die �lteren in Fragen wie, welche Ziege noch gut zu melken und welche zu schlachten sei. Oder wann in diesem Jahr der erste Schnee fallen w�rde.</p><p>So wie Tris wusste, dass die Genauigkeit ihrer Vorhersagen auf mehr als nur Beobachtung und Erfahrung fu�te, so wusste Trenna, dass in den Tr�nken des Heilers mehr steckte als verschiedene Kr�uterausz�ge. Ihrer beider Magie unterschied sich voneinander, und doch war und blieb es Magie.</p><p>Es war Trenna gewesen, die Tris aufgest�bert hatte, als sie auf der Suche nach einer besonderen Pflanze gewesen war. Von seinen eigenen Leuten gefesselt und auf den Tod wartend hatte sie ihn im Wald vorgefunden. Ihre Magie erm�glichte es ihr bisweilen, auch k�nftige Ereignisse zu sehen, und so erblickte sie an jenem Tag zum einen Tris� wahre Natur und zum anderen so etwas wie Hoffnung f�r ihr Dorf.</p><p>Sie schlug dem Unbekannten einen Handel vor. Wenn sie ihn befreite, musste er sich im Gegenzug dazu verpflichten, ihren Leuten f�r ein Jahr als Heiler zu dienen. Die Bedingungen waren alles andere als einfach: Die Menschen von Tallonwald hassten die Magie, also musste er seine Gabe, so gut es irgend ging, geheim halten.</p><p>Tris hatte geduldig auf den Tod gewartet. Und selbst wenn ihm die Flucht gelungen w�re, h�tte man ihn f�r seine un�berlegte, wenngleich gutgemeinte Tat f�r immer aus seiner eigenen Gemeinschaft versto�en. Der Tod hatte ihn nicht geschreckt � bis zu dem Tag, da man ihm die Gelegenheit f�r ein Weiterleben bot. Er lie� sich auf Trennas Vorschlag ein.</p><p>Die Fesseln, die ihn gehalten halten, waren dazu gemacht, jeglicher Magie zu widerstehen, nicht so jedoch dem einfachen Stahlmesser, das Trenna benutzte, um Pflanzen f�r ihre Tr�nke zu ernten. Nachdem sie seine Wunden mithilfe ihrer seltsamen Kr�uterkunde geheilt hatte (ihm fiel es schwer, seine Heilmagie auf sich selbst anzuwenden), erz�hlte Trenna den Dorf�ltesten, Tris w�re ein Verwandter, ein Heiler, der seiner Reisen m�de sei und sich gern niederlassen w�rde.</p><p>Die �ltesten kauften ihr diese Geschichte ab. Dar�ber hinaus war Trenna inzwischen auch schon zu gebrechlich, um die Aufgaben einer Heilerin zu erf�llen, umso praktischer also, dass da jemand zur Stelle war, der ihren Platz einnehmen konnte. Dankbar wurde Tris in Tallonwald willkommen gehei�en, ja, das Dorf sah in seiner Verzweiflung sogar dar�ber hinweg, dass er ein g�nzlich Fremder war.</p><p>Tris war sich nicht ganz sicher, ob Trenna wirklich in vollem Umfang verstanden hatte, was er wirklich war, aber sie hatte verstanden, dass er ihren Leuten nichts zuleide tun w�rde, und das allein z�hlte f�r sie. Das Jahr, zu dem er sich verpflichtet hatte, war l�ngst vor�ber, aber Tris war in Tallonwald geblieben. Er h�tte auch gar nicht gewusst, wohin er sonst h�tte gehen sollen.</p><p>�Meine Dame�, begr��te er Trenna in seinem eigenartig gef�rbten Darranisch. Er ergriff die geschwollene Hand, die sie ihm �ber den Tresen hinweg reichte und k�sste sie formvollendet.</p><p>�Mein Herr.� Sie l�chelte angesichts seiner Galanterie zu ihm auf. Er war gr��er als die meisten M�nner im Dorf, und sie war eine zierliche Person. �Wie geht es Euch an diesem wundersch�nen Fr�hlingsmorgen.�</p><p>�Au�erordentlich gut. Komme gerade von einem Ausflug in den W�ldern zur�ck und hab dort eine neue Stelle mit Thymian entdeckt; das alte Feld war doch schon sehr abgegrast. Darf ich euch ein Mittel gegen Euer Rheuma zusammenstellen? Erst letzte Woche hab ich ein paar Tharmud-Wurzeln gefunden, wodurch die Mixtur gleich viel wirkungsvoller wird.�</p><p>�Ja, das w�re nett�, erwiderte sie. Als er sich umdrehte, um die Ingredienzien zusammenzumischen, beugte und streckte sie vorsichtig ihre Finger. Die Gelenke waren sichtlich weniger entz�ndet als vor jenem Tag, da er sie zum ersten Mal ber�hrt hatte.</p><p>Tris war immer sehr darauf bedacht, dass die D�rfler nichts von seiner Kunst mitbekamen, das sie nicht mitbekommen sollten. Trenna gegen�ber konnte er sich jedoch so theatralisch auff�hren, wie er wollte � sie genoss das ganze Brimborium fast genauso wie er.</p><p>�So, das h�tten wir�, sagte er und reichte ihr die Medizin. Nicht vergessen: morgens und abends eine Dosis davon. Falls n�tig, k�nnt Ihr auch am Tage eine weitere Portion einnehmen. Falls das immer noch nicht ausreicht, kommt noch einmal zu mir zur�ck. Gebt das Pulver in hei�es Wasser und haltet so lange wie m�glich die Luft an, bevor ihr es trinkt.�</p><p>Sie l�chelte ihn an, und f�r einen Moment erlaubte sie ihm einen Blick auf die Sch�nheit, die sie in jungen Jahren gewesen war. Sie griff nach dem Beutel mit dem Pulver, doch als sich dabei ihre Finger ber�hrten, lie� sie das S�ckchen achtlos zu Boden fallen und umklammerte mit beiden H�nden seine Arme mit einer Festigkeit, die ihre Gebrechlichkeit L�gen strafte. Er sp�rte ihre Magie f�rmlich durch seine Haut pulsieren.</p><p>Ihr ganzer K�rper schien zu vibrieren, als sie mit angespannter Stimme zu sprechen begann: �Zwei kommen von Sianim � ein Mann und � eine T�nzerin. Ihr m�sst ihnen helfen, sich der Flut des Katzengottes entgegenzustellen � Habt Acht vor den Kreaturen, die <emphasis>er</emphasis> aus dem Sumpf heraufbeschw�rt.� Sie schluckte und schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Schwei�tropfen glitzerten auf ihrer Stirn, und sie lockerte den Griff um seine Unterarme, w�hrend sie pl�tzlich einige Worte in seiner Muttersprache sprach.</p><p>Dann verlie� die Magie sie wieder, und sie zuckte wie vom Blitz getroffen zusammen. Bevor sie zu Boden sinken konnte, war Tris schon �ber die Verkaufstheke gesprungen und hatte dabei die kleine Pflanze heruntergerissen, die darauf stand. Im letzten Moment bekam er Trenna zu fassen und lie� sie sanft auf die gepolsterte Eichenbank sinken, die auf der gegen�berliegenden Seite stand. Er setzte sich neben sie und legte seinen Arm um sie, bis sie zu zittern aufh�rte.</p><p>�Entschuldigt�, sagte sie, als sie wieder sprechen konnte.</p><p>Er sch�ttelte entschieden den Kopf. �Aber nein, Lady, ich danke Euch f�r den Rat � es gibt nichts, wof�r Ihr Euch entschuldigen m�sst. Erinnert Ihr Euch an Eure Worte?�</p><p>�Nein�, sagte sie. �Manchmal kann ich es, oder mir f�llt zumindest das letzte Bild ein, das ich sah, aber, wartet � Ich habe viele, viele rote und gr�ne Edelsteine gesehen � Nein, ich glaube, das waren Augen.� Nun sch�ttelte sie den Kopf. �Das ist alles. Ich hoffe, die Botschaft wird Euch von Nutzen sein.�</p><p>Wieder ergriff er ihre Hand und k�sste sie. �Das, meine Gute, kann allein die Zeit zeigen. Darf ich Euch nach Hause begleiten?�</p><p>Sie l�chelte wieder und erhob sich langsam von der Bank. �Nein, aus irgendeinem Grund f�hle ich mich schon wieder viel besser. Wenn Ihr mir das S�ckchen mit dem Pulver reichen k�nntet, werde ich Euch bezahlen und dann heimgehen.�</p><p>Tris �bergab ihr die Medizin, doch sch�ttelte den Kopf, als sie ihm einige Kupferm�nzen zustecken wollte. �Nein, schickt mir lieber Euren Enkel r�ber, wenn Ihr wollt. Es gibt da eine Stelle am Dach, die vor dem n�chsten Regen neu gedeckt werden m�sste. Er ist unter Edgars Anleitung zu einem ordentlichen Handwerker geworden.� Sie beide wussten, dass er Trennas Enkel f�r die Dienstleistung dennoch bezahlen w�rde, aber nach einer Weile nickte sie und verlie� Tris� Haus.</p><p>Tris sah ihr nach, dann wiederholte er mit leiser Stimme die Worte, die Trenna w�hrend ihrer Vision in seiner Muttersprache von sich gegeben hatte: Es waren die ersten Zeilen des Bindungsrituals. Verdammt, er war schon zu lange allein � W�rde all dies denn niemals ein Ende finden?</p><p>Nach einer Weile der besinnlichen Stille schnappte er sich den Besen und kehrte die �berreste des Pflanzgef��es zusammen. Er w�rde den Setzling sp�ter neu eintopfen.</p><p>Der Bankettsaal in Lord Karstens Landsitz war so gro�, dass gut und gern sechshundert Menschen darin Platz finden konnten, doch nur einer der sieben alten, robusten Holztische wurde st�ndig benutzt. Dieser Raum stand stellvertretend f�r all die Erneuerungen, die Lord Karsten auf Westholdt hatte vornehmen lassen.</p><p>Viele der schweren Dachbalken, welche die Decke st�tzten, waren offensichtlich erneuert worden. Ein runder Kamin mit Abzug dominierte nun das Zentrum des Saals und hatte die in dieser Gegend weit verbreitete offene Feuergrube ersetzt. Die h�sslichen �ffnungen in der Au�enwand, die zu ihrem Betrieb ehemals n�tig gewesen waren, zierten jetzt farbiges Glas, das in der Umgebung der Feste weithin sichtbar leuchtete.</p><p>Schweigend stand Rialla neben dem Platz, den Laeth am Tisch eingenommen hatte, den Blick zu Boden gerichtet wie eine wohlerzogene Sklavin. Sie hatte kaum Schwierigkeiten gehabt, sich wieder in diese Position einzufinden, was ihr nur zugute kam. Als sie erst einmal in ihre neue Rolle geschl�pft war, war die Nervosit�t rasch von ihr abgefallen, und sie hatte das falsche Spiel fast ein wenig genossen. Ja, sie f�hlte sich so sicher, dass sie allm�hlich das erste Problem zu sp�ren bekam, das mit dem Sklavendasein unweigerlich einherging: Langeweile.</p><p>Darran war noch immer so, wie sie es in Erinnerung hatte, obwohl sie in der Vergangenheit niemals so hautnah mit dem h�fischen Leben zu tun gehabt hatte. Zu ihrer Zeit hatte sie sich zumeist in einem privaten Etablissement aufgehalten, in dem sich die reichen M�nner des Landes abseits aller Konventionen verlustieren konnten.</p><p>Rialla schnaubte bei der Erinnerung leise auf. Selbst derartigen Ausschweifungen pflegten sich die Darraner auf eine h�chst zivilisierte Art hinzugeben, und so gab es selbstverst�ndlich auch einen offiziellen Verhaltenskodex f�r das Brechen gesellschaftlicher Konventionen.</p><p>Sie und Laeth weilten nun schon seit �ber einer Woche auf Westholdt, doch Rialla hatte hier nichts �ber die politische Lage in Erfahrung gebracht, was Ren vermutlich nicht sowieso schon wusste. H�tte es nicht einen gewissen Unterhaltungswert gehabt zuzusehen, wie die wohlanst�ndigen darranische Adligen auf Laeth reagierten, w�re dieser Aufenthalt <emphasis>richtig</emphasis> langweilig gewesen.</p><p>Als Bruder des Lords hatte Laeth gute Beziehungen, und niemand wollte ihm gegen�ber respektlos erscheinen, doch andererseits konnte man nicht ignorieren, dass er nichts, aber auch gar nichts auf die Etikette gab. Ein Adliger wurden nun mal nicht S�ldner, und wenn sich doch einer f�r diesen Werdegang entschied, so hatte er dar�ber zu schweigen.</p><p>Nicht so Laeth. Er genoss es, seine Zuh�rer best�ndig mit Geschichten zu schockieren, von denen Rialla vermutete, dass er sie aus dem Stand erfand. Zugegeben, der Zweite Divisionsgeneral Tyborn <emphasis>hatte</emphasis> den Kopf eines gefallenen Gegners zur�ck nach Sianim gebracht, aber er hatte ihn <emphasis>nicht</emphasis> �ber seinem Esstisch aufgeh�ngt � jedenfalls nicht, soweit Rialla davon wusste.</p><p>Laeth war darauf bedacht, dass Rialla erfuhr, welcher der G�ste wer war, indem er die Leute stets mit ihrem vollen Namen begr��te. Sie wiederum strengte sich sehr an, sich Herkunft, Rang wie auch die Fraktionszugeh�rigkeit all dieser Personen einzupr�gen. Allerdings war es kein gro�es Kunstst�ck herauszufinden, wem die jeweiligen Sympathien der G�ste galten, denn die meisten, die zum einw�chigen Fest von Lord Karsten angereist waren, z�hlten zu seinen ergebenen Unterst�tzern.</p><p>Bei dem Gedanken an Laeths Bruder musste Rialla ein Grinsen unterdr�cken. Wer h�tte gedacht, dass ein Rebell wie Laeth einen wie den stocksteifen Lord Karsten zum Bruder hatte?</p><p>Gut, sie sahen einander �hnlich, aber aus Riallas Sicht traf das irgendwie auf die meisten Darraner zu. Ja, sie hatten sogar gewisse Charaktereigenschaften gemeinsam. Lord Karsten war ein eloquenter und intelligenter Mann, wenngleich er sich den gesellschaftlichen Regeln noch mehr unterwarf, als es die meisten Darraner ohnehin schon taten � etwas, das Rialla bis vor kurzem noch f�r undenkbar gehalten h�tte. Auch war er so charmant, dass es schwerfiel, ihn nicht zu m�gen, vorausgesetzt, man war kein Sklave oder Bauer. Stets war er selbst dem niedrigsten aus seinem Gesinde gegen�ber h�flich, doch Karsten war sich auch dar�ber bewusst, dass sein Aufseher die Diener, Bauern und Sklaven regelm��ig misshandelte und qu�lte. Allein, es k�mmerte ihn nicht.</p><p>Er sprach von Ver�nderungen und der Notwendigkeit von Reformen und arbeitete f�r diese Ziele mit der Hingabe eines Eiferers. Sicher, die Neuerungen, die Lord Karsten in Bezug auf Darrans Gesetzgebung vorgenommen hatte, w�rden viel Gutes f�r die Bauern und die B�rger von Darran bringen, doch seine eigenen Leibeigenen hungerten.</p><p>Alles in allem zog Rialla den j�ngeren Bruder vor, der die Dinge des Lebens viel klarer sah und sich nicht irgendeinem gesellschaftlichen Diktat unterwarf.</p><p>Laeth indessen war wieder in die Rolle des verw�hnten und verschwenderischen Sohns geschl�pft und machte sich mit dem darranischen Adel in gleicher Weise gemein, wie er es mit Sianims S�ldner getan hatte. Selbst als er neben der Frau seines Bruders, Marri, zu sitzen kam, verlor er nichts von seinem unbek�mmerten Charme. Allein Rialla wusste, wie sie in den heimlichen n�chtlichen Gespr�chen mit Laeth erfahren hatte, dass sich an seinen Gef�hlen f�r Marri nichts ge�ndert hatte.</p><p>Im Bankettsaal hielten sich inzwischen �ber hundert Menschen auf. Laeth hatte Rialla erz�hlt, dass sich diese Zahl bis morgen Abend verdreifacht haben w�rde und dass am gro�en Ball in zwei Tagen �ber hundert Personen teilnehmen sollten. Am Tag nach dem gro�en Fest w�rden sie und Laeth wieder nach Sianim zur�ckkehren � falls alles gut lief, ohne einen Zwischenfall, aber m�glicherweise auch ohne Informationen.</p><p>Als Laeth mit dem Essen fertig war und Rialla mit einer Handbewegung vom Tisch entlie�, nahm sie eine Position neben einem Fenster ein, wo ihr der Durchzug ein wenig frische Luft verschaffte.</p><p>Sie war die einzige Sklavin im Saal. Es galt als vulg�r und war mithin ungew�hnlich, dass man Sklaven zu solchen Anl�ssen mitbrachte, doch Laeth tat Einw�nde in dieser Richtung achselzuckend ab und meinte, er h�tte die Sklavin erst k�rzlich erworben und m�sse sie noch eine Weile im Auge behalten. Da jeder sehen konnte, dass sie eine kostspielige Anschaffung gewesen war (die T�towierung wies Rialla als hochausgebildete T�nzerin aus und zeigte auch, wer ihr Erzieher gewesen war), regte sich niemand deswegen auf.</p><p>Laeth war ins Gespr�ch mit einer kleinen Gruppe vertieft, bestehend aus Lord Karsten, dem gewieften fuchsgesichtigen Lord Jarroh, Karstens st�ndiger Begleiter, und Lady Marri, deren Hand den Arm ihres Gatten t�tschelte und die dabei starr zu Boden blickte. Kurz fragte sich Rialla, was wohl das Thema war. Laeths Miene zeigte das sardonische L�cheln, das er immer dann aufsetzte, wenn er seine Gef�hle zu verbergen trachtete, w�hrend Karsten unter seiner dunklen Haut erblasst zu sein schien.</p><p>Mit wachsender Neugier stellte Rialla fest, wie sich der Schwei� auf Karstens Stirn sammelte und dann an seinen Schl�fen herabtropfte. Jetzt sagte er etwas zu den Anwesenden und verbeugte sich knapp, um sich zu entschuldigen. Bevor er sich zum Gehen wandte, ber�hrte er kurz die Schulter seiner Frau und �bergab sodann ihre besitzergreifende Hand dem Arm von Lord Jarroh.</p><p>Als er sich umwandte, um davonzugehen, brach Karsten pl�tzlich zusammen und fiel auf die Knie. Laeth war nur einen Moment vor Lord Jarroh, der durch Lady Marris Griff ein wenig in seiner Bewegungsfreiheit eingeschr�nkt war, an der Seite seines Bruders. Laeth schaffte es, eine Schulter unter Karstens Achsel zu schieben, um ihn dann zu einem dick gepolsterten Sofa zu tragen.</p><p>Ihre sprunghafte Empathief�higkeit erw�hlte sich just diesen Moment, um zum Leben zu erwachen, und Rialla kr�mmte sich fast k�rperlich angesichts des Schmerzes, den Karsten erlitt. Gleichzeitig war das Sofa nah genug, um mitzubekommen, dass dem Lord dabei kein Laut �ber die Lippen kam. Fest ergriff er Laeths Hand und schloss die Augen.</p><p>Da Laeth am Fu� des Sofas kniete, blieb Marri nichts anderes �brig, als sich eine kleine Bank heranzuziehen und sich am Fu�ende darauf niederzulassen.</p><p>Mit gebieterischer Geste rief Lord Jarroh einen Diener herbei, der ein Tablett mit leeren Gl�sern trug. Seine schneidende Stimme trug weit, und so vernahm Rialla, wie er sagte: �Schicke einen der Burschen hinunter ins Dorf. Und mach es dringend, denn Lord Karsten ist erkrankt.� Seine Worte hatten so viel Biss, dass der Diener auf der Stelle hinausrannte, ungeachtet der leeren Gl�ser, die dabei zu Boden fielen und zersprangen.</p><p>Da fiel Lord Jarrohs Blick auf Rialla, die er nun ebenfalls herbeizitierte. �Geh in die K�che und lass eines der M�dchen saubere T�cher und hei�es und kaltes Wasser herbeibringen. Suche auch einen Hausdiener, der ein paar Decken besorgen soll.� W�re da nicht der nerv�se Muskel gewesen, der in seinem Gesicht auf und nieder zuckte, Rialla h�tte ihn f�r ebenso unger�hrt gehalten, wie er nach au�en hin wirkte.</p><p>Geradeso schnell wie der Diener zuvor verlie� sie den Saal, um Lord Jarrohs Auftrag auszuf�hren. Dessen Name besa� die gleiche Strahlkraft wie seine Stimme: Rialla musste nur erw�hnen, wer sie geschickt hatte, und das Personal aus Haus und K�che �berschlug sich f�rmlich in dem Wunsch, zu Diensten zu sein. Als sie wieder zum Bankettsaal zur�ckkehrte, bemerkte sie einen Fremden in Dienstbotenkleidung, der aus dem Speisezimmer schl�pfte.</p><p>Es h�tte sie nicht weiter gek�mmert, da Lord Jarroh den Bankettsaal gerade von unerw�nschten Zuschauern r�umen lie�, doch das Gesicht des Mannes sagte ihr nichts. Dabei war sich Rialla sicher, inzwischen s�mtliche Dienstboten von Westholdt zu kennen, zumindest vom Sehen. Diesem Mann war sie hingegen nie zuvor begegnet, und doch bewegte er sich durch die Halle, als w�re er hier zu Hause.</p><p>Rialla sah sich kurz um, aber au�er ihnen war niemand hier, also setzte sie dem Fremden unauff�llig nach. In den breiten Korridoren im Erdgeschoss der Feste war es schwierig, sich ungesehen fortzubewegen, doch der Diener schien sie nicht zu bemerken. Fast gem�tlich schlenderte er zu einer reich verzierten T�r aus Messing und Holz und verschwand dann nach drau�en.</p><p>Vor der Feste schlug er ohne besondere Eile den Weg zu dem Gel�nde mit den St�llen ein, auf dem sich auch das burgeigene Vieh befand. Rialla z�gerte, ihm zu folgen; es gab nicht viele Gr�nde, warum eine Sklavin sich bei den St�llen herumtreiben sollte. Man k�nnte sie zur Rede stellen, und sie wusste nicht, ob sie es riskieren sollte, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Immer noch unschl�ssig, was sie tun sollte, sah sie, wie der Diener aus den Stallungen zur�ckkehrte. Er sa� nun auf einem edlen Vollblut, das bereits fertig gesattelt auf ihn gewartet haben musste.</p><p>Gem�chlich ritt der Fremde zum Au�entor. Als er hindurchtrabte, preschte ein anderer Reiter auf einem sch�umenden Gaul an ihm vorbei und in den Innenhof. Zu Riallas �berraschung kam er direkt neben ihr vor der protzigen T�r zum Stehen. Nur kurz konnte sie einen Blick auf das b�rtige Gesicht des Mannes werfen, der sich jetzt aus dem Sattel schwang, ihr die Z�gel zuwarf und dann die Satteltaschen von dem Pferd hob.</p><p>�F�hr ihn in die St�lle und sorg daf�r, dass man ihn versorgt�, befahl er ihr, und verschwand dann ohne eine Antwort abzuwarten durch die T�r im Innern der Feste.</p><p>Sie rieb dem verschwitzten Wallach �ber den Kopf, um ihn zu beruhigen. Er war ein kr�ftiges Tier und in guter Verfassung, und doch stammte er aus keiner besonderen Zucht, war also keinesfalls ein Pferd, das ein Adliger reiten w�rde.</p><p>Der Fremde, der soeben angekommen war, hatte trotz seines selbstbewussten Auftretens nicht die Kleider eines Edelmanns getragen. Rialla nahm daher an, dass dies der Heiler gewesen war, nach dem Lord Jarroh hatte schicken lassen; ein Bote h�tte es in der inzwischen verstrichenen Zeit gut und gern zum Dorf und wieder zur�ck geschafft.</p><p>Das Pferd stupste sie ungeduldig mit der Schnauze an, und so machte sie sich auf den Weg zu den St�llen. Selbst wenn der Mann, den sie verfolgt hatte, l�ngst �ber alle Berge war, konnte sie sich dort nach ihm erkundigen. Etwas an der Art, wie er in all dem Trubel um Lord Karstens Zusammenbruch so ruhig geblieben war, machte sie neugierig.</p><p>Die St�lle lagen dunkel und k�hl da. Es roch nach Pferd und frischem Stroh � nirgendwo der verr�terische Geruch nach Vernachl�ssigung. Rialla sp�rte, wie sie sich in der vertrauten Umgebung entspannte.</p><p>Das Pferd, das sie mit sich f�hrte, wieherte erregt auf, als es den unbekannten Geruch der anderen Tiere witterte. Aus einem der Verschl�ge trat ein Stalljunge. Er schenkte Rialla ein freundliches L�cheln und nahm ihr die Z�gel ab. �Die M�hre des Heilers, was? Also gut, ich verschaff ihm ein bisschen K�hlung und such ihm hier ein ruhiges Pl�tzchen.�</p><p>Rialla nickte und fragte: �Hast du vielleicht eben diesen Mann gesehen, der sich eine kastanienbraune Stute genommen hat?� Kein anst�ndiger Sklave w�rde ein Gespr�ch mit jemanden beginnen, der kein Sklave war, doch den Stallburschen schien das nicht zu st�ren.</p><p>Der Junge sah sich vorsichtig um � ein Stallbursche wurde f�rs Arbeiten bezahlt, nicht f�rs Plaudern mit Sklaven. Zufrieden, dass alle anderen besch�ftigt wirkten, antwortete er: �Ja, war ein Mann von Lord Winterseine. Er hei�t Tamas. Treibt sich oft hier rum. Wenn ich an deiner Stelle w�r, w�rd ich ihm aus dem Weg gehen.�</p><p>�Wem? Winterseine oder Tamas?�, fragte Rialla.</p><p>�Tamas. Winterseine ist in Ordnung. Tamas dagegen ist ziemlich schnell mit Peitsche oder Faust bei der Hand.� Der Junge sah sie vielsagend an. �Er mag�s hart, wenn du verstehst, was ich meine. Dadurch f�hlt er sich wohl m�chtig. Also komm ihm nicht in die Quere, es sei denn, dir gef�llt so was auch.� Sprach�s und f�hrte das Pferd des Heilers durch den Gang davon, um es abzureiben.</p><p>Gedankenverloren kehrte Rialla in die Feste zur�ck und schl�pfte in den Bankettsaal, um sich wieder zu Laeth zu gesellen. Zumindest war das ihr Plan gewesen, denn er fing sie gleich hinter der T�r ab und fuhr sie so laut an, dass es alle mitbekamen: �Wo warst du, M�dchen? Es wird ja wohl nicht so lange gedauert haben, Lord Jarrohs Befehle auszuf�hren?�</p><p>Riallas Blick ging durch den Raum. Ihr fragmentarisches Talent nahm eine Atmosph�re von Misstrauen wahr, das gegen Laeth gerichtet war. Dem�tig neigte sie das Haupt und sagte laut und vernehmlich: �Meister, Ihr hattet heute Morgen erw�hnt, dass Ihr eine Anstecknadel vermisst. Und als eben der Stallbursche erw�hnte wurde, fiel mir ein, dass Ihr sie gestern noch bei der Jagd getragen habt. Daher dachte ich, Ihr w�rt vielleicht mit der Dienstmagd im Stall gewesen �� Sie zuckte nerv�s zusammen, als d�mmerte ihr gerade erst, dass sie im Begriff stand, Unerh�rtes auszuplaudern.</p><p>Jemand lachte und machte eine anz�gliche Bemerkung. Mit dem Dienstpersonal zu schlafen war nichts Ungew�hnliches, aber dar�ber sprach man nicht, schon gar nicht in der �ffentlichkeit. Laeth schlug ihr kraftvoll mit dem Handr�cken ins Gesicht und schickte sie damit zu Boden. Es wirkte eindrucksvoller, als es war. Sein Schlag war nicht heftiger als die, die sie sich gegenseitig auf dem �bungsgel�nde in Sianim verpasst hatten. Ganz Sklavin, kr�mmte sich Rialla am Boden zusammen und wimmerte. Ein jeder Abh�ngige lernte rasch, dass vorget�uschte gro�e Schmerzen oft einen weiteren Schlag verhinderten.</p><p>Zu ihrer �berraschung ber�hrte sie nun eine gro�e, freundliche Hand an der Schulter und half ihr wieder auf die Beine. �Sie war bei den St�llen und hat sich meines Pferdes angenommen, als ich eintraf. Ihr solltet keine Befehle ausgeben, wenn Ihr deren Ausf�hrung nicht w�nscht, mein Lord.�</p><p>Rialla musste ein erschrockenes Keuchen unterdr�cken, als sie die Stimme des Heilers vernahm. Kein B�rgerlicher sprach in einem solchen Ton zu einem Edelmann � nicht, wenn er den n�chsten Morgen noch erleben wollte.</p><p>S�ldner oder nicht, Laeths Erziehung zum darranischen Adligen hatte zur Folge, dass seine Augen vor Zorn zu funkeln begannen. Doch der Heiler lie� ihm keine Zeit f�r eine Antwort, denn schon wandte er sich an Lord Jarroh und fuhr fort: �Es ist mir gelungen, das Gift in Lord Karstens K�rper zu neutralisieren. Er ist zwar noch schwach, sollte aber in etwa einer Stunde wieder halbwegs genesen sein. Ich werde wie �blich meine Rechnung dem Angestellten �bergeben.� Nicht minder w�rdevoll als jeder Edelmann im Raum rauschte der Heiler aus dem Bankettsaal.</p><p>Geflissentlich reagierte Laeth seinen Zorn nicht weniger unbeherrscht ab, als es die meisten Angeh�rigen seiner Klasse unter diesen Umst�nden tun w�rden. Erneut schlug er Rialla ins Gesicht und damit nieder; wieder war es ein Hieb ohne viel Substanz.</p><p>�Warte in meinem Zimmer auf mich�, schnarrte er sie an.</p><p>Dankbar entfernte sich Rialla, wobei sie sich das Gesicht hielt, und machte sich auf den Weg zu Laeths Gemach, w�hrend sich dieser im Bankettsaal lautstark �ber schlecht erzogene Sklaven auslie�.</p><p>Als sie im gro�en Gang der Feste um die erste Ecke bog, wurde sie durch eine Hand an ihrem Arm am Weitergehen gehindert. Erstaunt sah sie auf und blickte in das Gesicht des Heilers. Bevor sie den Kopf wegdrehen konnte, ber�hrte er ihre unversehrte Wange mit den Fingern. Er hob eine Augenbraue, bewegte ihren Kopf zur Seite, sodass er ihr Gesicht im Fackellicht besser sehen konnte.</p><p>�Seine Schl�ge haben gar keine Spuren hinterlassen.� Eine in sanftem, wenngleich bestimmtem Ton ge�u�erte Bemerkung. Ganz sicher w�rde er nicht ohne Antwort gehen.</p><p>Rialla sah sich erschrocken um und stellte erleichtert fest, dass niemand in der N�he war. Sie ergriff den Mann am �rmel und zog ihn in die n�chstbeste Kammer. Sie wusste, dass es sich hierbei um ein unbenutztes Schreibzimmer handelte, das gerade renoviert wurde. Hier gab kein Fenster, und so war es in dem kleinen Raum dunkel wie in einer H�hle, nachdem sie die T�r hinter ihnen zugezogen hatte.</p><p>Frustriert stie� sie die Luft aus. �Wartet�, sagte sie ganz sklavenuntypisch. �Ich suche einen Feuerstein �� Es polterte, als sie �ber etwas fiel, das in der Mitte des Raums stand, dann stie� sie mit dem Kopf gegen etwas anderes.</p><p>�Das w�re sinnvoll, ja.� Bei diesen Worten des Heilers flammte ein Licht im Raum auf, und eine Kerze flackerte in seiner Hand. Seine Stimme war bar jeden Humors, und doch lag in seinem Gesicht etwas Schalkhaftes. Argw�hnisch blickte Rialla ihn an, bevor ihr wieder einfiel, dass sie ja die Sklavin zu spielen hatte.</p><p>Zum ersten Mal erhielt sie die Gelegenheit, ihn eingehender zu betrachten, und da erkannte sie, was sie zuvor schon beunruhigt hatte. Der Heiler war genauso wenig darranisch wie sie. Nicht nur war er gr��er und schwerer, beinahe athletisch gebaut, auch die Hautfarbe stimmte nicht. Sein Haar war fast blond, wiewohl der kurzgetrimmte Bart von dunklerer Farbe war. Seine Augen schimmerten haselnussbraun und waren damit weit entfernt von dem Gr�n ihrer Augen, doch sie entdeckte auch kleine lichte Tupfer darin, die mit dem flackernden Kerzenlicht kamen und gingen.</p><p>Ihren pr�fenden Blick ignorierend, sagte er: �W�rdest du mir nun freundlicherweise erkl�ren, wie man nach einem Schlag zu Boden gehen kann, ohne auch nur eine rote Stelle im Gesicht davonzutragen?�</p><p>Leichtf��ig und mit der Grazie einer T�nzerin sprang Rialla wieder auf die Beine und klopfte sich den Staub aus den Kleidern, um Zeit zu schinden. Schlie�lich sagte sie: �Lord Laeth muss in der �ffentlichkeit das Gesicht wahren, aber es widerstrebt ihm, seinem Eigentum Schaden zuzuf�gen. Der Schlag war mehr Warnung denn Bestrafung. Er diszipliniert mich auf andere Weise.� Eine bessere Erkl�rung fiel ihr im Moment nicht ein, und sie wusste, sie war nicht gut.</p><p>�Das war Lord Laeth?�, fragte der Heiler erstaunt. �Auf Besuch aus Sianim?�</p><p>Misstrauisch angesichts des pl�tzlichen Interesses in seiner Stimme nickte Rialla.</p><p>Erneut hob der Heiler eine Augenbraue und ber�hrte unvermittelt ihr Gesicht, wobei er einige Worte murmelte. Als h�tte er sich verbrannt, zog er j�h wieder die Hand zur�ck, und dann lag in seinem Gesicht pl�tzlich ein merkw�rdig intensiver Ausdruck, den Rialla nicht zu deuten vermochte.</p><p>�Wer h�tte das gedacht?�, sagte er und l�chelte. �Und ich dachte, Sianim missbilligt die Sklaverei.�</p><p>Pl�tzlich hatte Rialla das Gef�hl, gro�e Teile des Gespr�chs verpasst zu haben, und sie rang nach Worten. �Mein Meister hat ihnen erz�hlt, dass ich seine Dienerin bin, und sie haben es vorgezogen, ihm zu glauben.� Es war die Erkl�rung, die sie und Laeth sich f�r den Fall der F�lle zurechtgelegt hatten, doch nun klang sie fadenscheinig in ihren Ohren.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, dann zuckte er die Achseln. �Spielt wahrscheinlich keine Rolle, wie deine wahre Geschichte auch immer lautet. Ich hei�e Tris. Falls du mich mal brauchst, kann dir jeder in Tallonwald sagen, wo du mich findest.� Mit dieser seltsamen Botschaft blies er die Kerze aus und verlie� die Kammer.</p><p>Rialla sah ihm nach wie ein Schaf. Heiler, so nahm sie an, waren wohl alle ein bisschen �berspannt, aber dieser hier wollte es mit der Exzentrik offenbar bis zum �u�ersten treiben.</p><p>Vorsichtig �ffnete sie die T�r und sp�hte hinaus in die Halle. Als niemand zu sehen war, stieg sie die Stufen zu den Gem�chern hinauf, die sie mit Laeth teilte.</p><p>Es war schon sp�t, als Laeth endlich in seine R�ume zur�ckkehrte. Er war blass und wirkte best�rzt angesichts des Mordversuchs an seinem Bruder.</p><p>Schweigend half ihm Rialla dabei, die unpraktische enge Jacke seiner Abendgarderobe abzulegen, h�ngte sie auf und bot ihm, ebenfalls schweigend, ein Glas warmen Branntweins an. Dann setzte sie sich auf einen der wackligen Tische, ignorierte den ganzen Nippes, der �berall darauf stand, und wartete darauf, dass er das Wort ergriff.</p><p>Gerade als er Mund �ffnen wollte, wurde die Stille von einem ungeduldigen Klopfen an der T�r unterbrochen. Rialla lie� sich vom Tisch heruntergleiten und stellte sich diskret und ganz �folgsame Sklavin� neben der Wand auf � nicht dass die Frau, die nun eintrat, nachdem Laeth ge�ffnet hatte, auch nur das geringste Interesse an Rialla zeigte.</p><p>�Laeth, du musst die Feste sofort verlassen! Sie glauben, dass du versucht hast, Karsten zu ermorden. Man behauptet, dass du am meisten von seinem Tode profitierst.� Marri war eine darranische Dame durch und durch. Sie erinnerte Rialla an einen w�tenden Schmetterling: wundersch�n und nutzlos.</p><p>Laeth sah Marri an, und nicht einmal Rialla konnte in seinem Gesicht lesen, dann sch�ttelte er langsam den Kopf: �Es gibt so viele Menschen, die einen Nutzen aus Karstens Tod ziehen w�rden, Lady. Zuallererst steht da doch das Vorhaben im Raum, Darran mit einem gar gr�sslichen Land zu vereinen. Dann steht f�r die Bergleute im Osten zu bef�rchten, dass Karsten gewisse Minen an Reth zur�ckgeben k�nnte. Auch die Sklaventreiber sind besorgt, dass er ihnen ihre Lebensgrundlage entzieht. Vorausgesetzt also, man sah Euch nicht mein Zimmer betreten, kann doch niemand ernsthaft behaupten, ich h�tte ein gewichtigeres Motiv, meinen Bruder umzubringen, als jeder andere auch.�</p><p>Fassungslos sch�ttelte Marri den Kopf; ihre Augen funkelten vor Zorn. �Verdammt, Laeth. Komm mir jetzt nicht mit diesem Aristokratengetue. Das passt nicht zu dir. Niemand hat mich herkommen sehen.�</p><p>Laeth verbeugte sich leicht und sagte h�flich: �Entschuldigt bitte, meine Dame. F�hlt Euch bitte nicht gen�tigt zu bleiben, wenn mein Aristokratengetue Euch beleidigt haben sollte.�</p><p>Marri schloss die Augen und holte tief Luft. Wei� malten sich ihre edlen Wangenknochen unter der dunklen Haut ab. �W�rdest du mir jetzt bitte mal zuh�ren, du st�rrischer Esel?�</p><p>Rialla unterdr�ckte ein Grinsen und dachte, dass sie Marri trotz allem m�gen k�nnte.</p><p>�Glaubst du�, fuhr sie mit schneidender Stimme fort, �ich h�tte riskiert hierherzukommen, wenn keine wirkliche Gefahr f�r dich bestehen w�rde? Stell dich nicht d�mmer als n�tig. Es gibt hier jemanden, der ganz bewusst daf�r sorgt, dass man sich auf dich als Karstens M�rder kapriziert. Es kann gar nicht anders sein, betrachtet man das au�erordentlich starke Misstrauen dir gegen�ber.�</p><p>Marris Stimme wurde weicher. �Karsten wei�, dass ihm jemand nach dem Leben trachtet, und wir haben jede erdenkliche Vorsichtsma�nahme gegen einen m�glichen Anschlag ergriffen. Du wirst hier nicht gebraucht. Er mag vielleicht glauben, dass du wegen seines Geburtstags gekommen bist, aber ich wei� es besser. Nichts Geringeres als der Angriff auf sein Leben im letzten Monat h�tte dich dazu bewegen k�nnen, nach Westholdt zur�ckzukehren.�</p><p>Laeth hob die Augenbrauen und lie� sich zur�ck auf die Bettkante sinken. Dort zog er sich einen Stiefel aus. �Jede erdenkliche Vorsichtsma�nahme? Das hat ihm heute Abend aber nicht viel gen�tzt, oder?�</p><p>�Du aber auch nicht!�, erwiderte sie hitzig.</p><p>Rialla bemerkte einen feuchten Schimmer in ihren Augen.</p><p>�Ich k�nnte es nicht ertragen, mich um euch beide sorgen zu m�ssen!�</p><p>�Tr�nen, Marri?�, fragte Laeth bissig.</p><p>�Ja, verdammt sollst du sein.� Rasch rieb sie sich die Augen. �Es tut mir leid, was passiert ist. Aber es war nicht allein mein Fehler. Du hast mich ein ganzes Jahr lang sitzen lassen, ohne mir mitzuteilen, wie ich dich erreichen kann. Meine Eltern waren verschuldet, und es bestand die Gefahr, dass sie das Herrenhaus verlieren, da machte mir dein Bruder den Antrag. Ich habe einen kleinen Bruder und drei j�ngere Schwestern. Glaubst du, es w�re besser gewesen, sie dem Elend zu �berlassen, wo ich es doch verhindern konnte? H�tte ich meiner Familie denn sagen sollen, ich kann Karsten nicht heiraten, weil sein Bruder mir mal sch�ne Augen gemacht hat?�</p><p>W�hrend sie gesprochen hatte, schien Laeths distanzierte Art von ihm abgefallen zu sein. Stattdessen ballte er die H�nde zu F�usten und starrte zu Boden. Als er das Wort ergriff, war es kaum mehr als ein Fl�stern: �Es war mehr, als dass ich dir nur sch�ne Augen gemacht h�tte, Marri.�</p><p>Ihre Wut verrauchte abrupt; pl�tzlich war nur mehr Traurigkeit in ihrem Blick. �Ich wei�, aber wie h�tte ich das meinem Vater erkl�ren sollen? Und ehrlich gesagt, war ich mir deiner zum Schluss wirklich nicht mehr sicher. Als du gingst, hast du mir nicht gesagt, wohin oder warum.�</p><p>�Du wusstest, dass ich eines Tages zu dir zur�ckkehren w�rde.�</p><p>�Wusste ich das?�, fragte sie und seufzte. �Ja, ich glaube, das tat ich, aber du hast es mir eben nie <emphasis>gesagt</emphasis>.�</p><p>Sie durchschritt den Raum, ignorierte dabei Rialla vollkommen. Nach einer Weile fuhr sie fort: �Mir liegt wirklich viel an ihm, wei�t du? Und die Chance, dass er �berlebt, bis die Prinzessin K�nig Myr ehelicht, sind sehr gering. Er hat es mir erkl�rt, als spr�che er zu einem kleinen Kind, t�tschelte mir sodann den Kopf und meinte, dass du nach seinem Tod schon f�r mich sorgen w�rdest.� Sie neigte den Kopf und umschlang sich selbst. �Bei den G�ttern�, seufzte sie niedergeschlagen.</p><p>Das war zu viel f�r Laeth. Ohne seinen Schild der K�lte konnte er ihr Leiden nicht mehr l�nger ertragen. Er sprang vom Bett auf � er trug noch immer einen seiner Stiefel �, kam auf Marri zu und nahm sie fest in seine Arme. �Mir wird nichts geschehen, und ich werde alles daransetzen, dass auch Karsten nichts geschieht. Damit wirst du dich zufriedengeben m�ssen.�</p><p>Laeth liebkoste sie, legte dann sein Kinn auf ihren Kopf und starrte mit leerem Blick die Wand an. Marri lehnte sich f�r einen Moment an ihn, dann fl�sterte sie: �Ich sollte nun gehen, bevor meine Kammerjungfer anf�ngt, sich Sorgen zu machen. Sie ist mir sehr verbunden, aber man sollte sein Schicksal nicht herausfordern.�</p><p>Laeth lie� zu, dass sie sich von ihm zur�ckzog �Es tut mir leid, Marri�, sagte er. �Es tut mir leid, dass ich nicht mit deinem Vater gesprochen habe, und, dass du dir Sorgen gemacht hast.� Er l�chelte sie schwach an, dann senkte er die Stimme. �Es tut mir sogar leid, dass ich ein st�rrischer Esel bin. Karsten ist ein guter Mann, selbst wenn er mein Bruder ist.�</p><p>Er nahm formvollendet ihren Arm und geleitete sie zur T�r. �Danke, dass Ihr mich gewarnt habt, Lady. Ich werde es nicht vergessen. Falls Ihr herausfindet, wer das Ger�cht in die Welt gesetzt hat, dass ich meinem Bruder nach dem Leben trachte, w�rde ich seinen Namen gern erfahren � doch schickt mir einen Diener mit der Nachricht.�</p><p>Er legte eine Hand auf die Klinke, und Rialla versuchte beil�ufig mithilfe ihres Talents in Erfahrung zu bringen, ob jemand im Flur herumlungerte. Doch sie vermutete, dass sie es gar nicht w�rde ersp�ren k�nnen � umso erstaunter war sie, als sie etwas da drau�en fand.</p><p>�Laeth, halt�, zischte sie eindringlich. Sie gab ihren Platz neben der Wand auf, hetzte zur T�r und hielt sie zu. �Da drau�en � ist jemand. Warte.� Sie holte tief Luft, presste die Stirn gegen das weiche Holz der T�r. Die Person jenseits der Pforte war au�er sich vor Wut; allein die Intensit�t der Emotionen hatte es ihr erlaubt, ihn oder sie aufzusp�ren. Sie begann zu schwitzen, versuchte mehr herauszufinden �</p><p>Der Zorn, den sie empfing, war �u�erst stark und gegen � die Katze gerichtet. Die leidige, scharfkrallige und flinke Tigerkatze, die mit dem leckeren St�ck Fleisch davongerannt war, das er oder sie f�r sp�ter beiseitegeschafft hatte. Rialla merkte, wie ihr die Schamesr�te ins Gesicht stieg. Er oder sie, das war nicht mehr als einer der Schlosshunde. Den Jagdhunden des Hauses war es gestattet, sich frei in der Feste zu bewegen � eine von Karstens kleinen �berspanntheiten.</p><p>Der Geist von Tieren war schon immer viel einfacher aufzugreifen als der von Menschen. Ihre Gedanken waren einfacher, zielgerichteter und direkt mit ihren Emotionen verkn�pft. Einen von ihnen zu empfangen war fast genauso leicht, wie ihre Gef�hle zu ber�hren.</p><p>Sie war schon im Begriff, sich umzudrehen und zu erkl�ren, warum sie Marri am Gehen gehindert hatte, als sie den letzten Rest eines Gedankens empfing � den Nachklang eines tiefsitzenden Grolls, ausgehend vom anderen Ende der Leine, die den Hund von der Katze fernhielt. Wieder versuchte sie, erfolglos, die Person jenseits der T�r zu erfassen, doch allein den Hund nahm sie klar und deutlich wahr.</p><p>Sie bekam Kopfschmerzen unter der Anstrengung, die alten Narben zu dehnen, die ihre Empathie einschn�rten, doch sie ignorierte die Pein. Unf�hig, die Person zu erfassen, ber�hrte sie mittels ihrer Gabe abermals das Tier, das diese begleitete, noch forschender nun. Und dann, h�rbar f�r alle, begann der Wachhund drau�en zu bellen.</p><p>Laeth sah sie aus zusammengekniffenen Augen an, winkte jedoch Marri von der T�r fort und rief dann mit lauter Stimme: �M�dchen! Sieh mal drau�en nach, was mit dem Hund los ist und bring das Biest zum Schweigen!� Er ging zum Bett, lie� sich darauf nieder und begann, sich den anderen kniehohen Stiefel auszuziehen.</p><p>�Ja, Meister�, erwiderte Rialla folgsam und l�ste das Haar aus ihrem Pferdeschwanz. Dann biss sie sich auf die Lippen, als w�re sie gerade heftig gek�sst worden, und �ffnete den obersten Knopf ihrer Tunika.</p><p>Sie schl�pfte aus dem Zimmer, nicht ohne dem Mann vor der T�r einen ausgiebigen Blick auf Laeth, der noch immer mit seinem Stiefel k�mpfte, zu gew�hren. Sie erkannte den Kerl mit dem Hund nicht, aber das war keine �berraschung. Er trug die Uniform der Wachen, und diese hielten sich zumeist in den Au�enanlagen und nur sehr selten in der eigentlichen Feste auf. Rialla selbst kannte nur die Hausbediensteten.</p><p>Der Mann sah sie lange an, lie� dabei dem hechelnden Hund unwillk�rlich noch ein paar Zentimeter mehr Leine.</p><p>Sie grub ihre Z�hne in die Unterlippe und lehnte sich so lasziv gegen das T�rblatt, wie es nur eine ausgebildete T�nzerin konnte. �Was hat er denn?�, fragte sie mit rauer Stimme.</p><p>Der Mund des Mannes �ffnete sich, doch es kam kein Wort heraus.</p><p>In dem Moment drang Laeths Stimme durch die T�r. �Sieh zu, dass der K�ter endlich Ruhe gibt!�</p><p>Rialla quietschte erschrocken auf, rannte zirpend auf den Hund zu. �<emphasis>Sschscht</emphasis>, H�ndchen, sei ein guter Junge ��</p><p>Endlich riss sich der Wachmann von ihrem Ausschnitt los. �Nicht!�, rief er. �Das ist ein ausgebildeter Wachhund � Er wird dich � in St�cke rei�en.� Die letzten Worte kamen d�nn und verzagt, denn in diesem Moment rollte sich der Hund verz�ckt auf den R�cken, bevor Rialla ihm den Bauch kraulte.</p><p>Mit ihren gro�en gr�nen Augen sah sie zu dem Wachmann auf und sagte: �Mit Hunden hab ich mich schon immer gut verstanden. Ob er wohl wieder anf�ngt zu bellen, wenn ich ihn nicht mehr streichle? Mein Meister ist furchtbar j�hzornig, und wenn er h�rt, dass das Tier wieder L�rm macht, wird er ihm bestimmt den Hals umdrehen.� Sie schwieg einige Sekunden, dann f�gte sie fl�sternd hinzu: �Und Euch wohl auch.�</p><p>Jeder in der Feste wusste, dass Laeth in den letzten zwei Jahren in Sianim zum S�ldner ausgebildet worden war. Und es ging das Ger�cht, dass Laeths Temperament sogar noch beachtlicher war als seine Z�gellosigkeit.</p><p>Der gro�e Wachmann schluckte und packte den Hund am Halsband. Dabei ber�hrte Rialla kurz seine Hand und erhaschte einen fl�chtigen Gedanken: <emphasis>� kann ich das Geld, das ich f�r diese Aufgabe kriege, als Leiche nicht mehr ausgeben �</emphasis></p><p>Er war also f�rs Rumschn�ffeln bezahlt worden. Aber von wem? Rialla sah zu, wie der Wachmann den Hund den Gang entlangzerrte und mit dem Tier um die Ecke bog. H�tte sie seine Gedanken doch nur ein wenig l�nger gelesen! Frustriert schlug sie auf den Fu�boden und sprang auf die F��e.</p><p>Als sie die T�r zu Laeths Gem�chern �ffnete, rief sie: �Die Luft ist rein.�</p><p>Marri huschte hinaus und warf Rialla einen durchdringenden Blick zu, bevor sie, die andere Richtung als der Wachmann einschlagend, durch den Flur davoneilte. Rialla kehrte in das Schlafgemach zur�ck und schloss sanft die T�r hinter sich.</p><p>�Also gut, Ria�, meinte Laeth, �wie hast du gewusst, dass jemand da drau�en war.� Er hatte sich auf dem farbenpr�chtigen �berwurf seines Bettes ausgestreckt, die H�nde hinter dem Kopf verschr�nkt und die Beine leicht �bereinandergeschlagen.</p><p>Rialla lehnte sich gegen den T�rrahmen und erwiderte: �W�rdest du mir glauben, wenn ich behauptete, dass ich die beiden <emphasis>geh�rt</emphasis> habe?�</p><p>�Nachdem der Hund zu bellen anfing, sicher�, erwiderte Laeth. �Aber ich bezweifle, dass du durch die dicke Holzt�r geh�rt haben willst, wie sie den Flur entlangkamen.�</p><p>�Hmmm�, meinte Rialla neckisch und ber�hrte nachdenklich ihr Kinn. �Und was w�re mit ��</p><p>�Der Wahrheit!�, unterbrach Laeth sie bestimmt.</p><p>�Aber die wird dir nicht gefallen, und du w�rdest sie mir vermutlich ohnehin nicht glauben.� Rialla schlenderte zu dem kleinen Tisch, auf dem sie zuvor gesessen hatte, und drehte die abscheuliche violette Glasvase in ihren H�nden.</p><p>�Ria.� Seine Stimme klang ungeduldig.</p><p>Sie stellte die Vase wieder an ihren Platz zur�ck. �Sag nicht, ich h�tte dich nicht gewarnt. Nun gut � Ich bin so eine Art � Empathin, wei�t du.�</p><p>�Eine was?�, fragte Laeth ungl�ubig.</p><p>�Eine Empathin. Also, ich wei�, was du � f�hlst. Ich kenne deine Gedanken.� Ohne es zu wollen, hatte ihre Stimme einen sonoren, leicht finsteren Unterton angenommen, aber sie riss sich zusammen, als sie fortfuhr: �Wie diese Gedankenleser vom Wanderzirkus.�</p><p>Er setzte sich kerzengerade auf dem Bett auf. �Du kannst anderer Leute Gedanken lesen?�</p><p>�Na ja, einst konnte ich das, aber heutzutage klappt es nicht mehr so gut.� Sie nahm eine kleine Statuette vom Tisch und fuhr fort: �Bei Tieren geht es leichter. Emotionen kann ich recht klar erfassen, sofern sie stark genug sind, und gelegentlich auch die Gedanken, die damit einhergehen. Marri jedenfalls findet dich so anziehend wie eh und je, so viel ist klar.� Sie nickte best�tigend, als er sie verbl�fft ansah.</p><p>�Du hast Marris Gedanken gelesen?� Diesmal lag eine geh�rige Portion Ver�rgerung in seiner Stimme.</p><p>�Das war nun nichts, was nicht auch jeder aufmerksame Beobachter ihrem Gesichtsausdruck h�tte entnehmen k�nnen�, erwiderte sie unverbindlich und platzierte die Figurine neben der Vase. Sie merkte, wie sie in die Defensive geriet. Irgendwie war es in Sklavenkleidung schwieriger, sich auf Augenh�he mit ihm auseinanderzusetzen.</p><p>�Verdammt, Rialla, das wird ja immer schlimmer. Du bist Marri damit eindeutig zu nahe getreten!� Er stand auf, und sie sah, wie sich im Zorn seine Armmuskeln anspannten. Ihr Herzschlag beschleunigte, als er auf sie zukam.</p><p>Sie konnte zur�ckschlagen oder sich wegducken. Letzteres w�re gewiss kl�ger, doch dann w�re sie tats�chlich nichts weiter als die Sklavin, deren Verkleidung sie derzeit trug.</p><p>�Ihr Darraner und euer �bertriebener Sinn f�r Anstand�, sagte sie ruhig und nicht ohne Bitterkeit in der Stimme. Er hielt inne. �Ich kenne die Regeln, nach denen ihr euer Leben ausrichtet. Nehmen wir nur den feinen und absolut tadellosen Lord Jarroh, deines Bruders bester Freund und treuester Verb�ndeter. Er kam oft in das kleine Etablissement, in dem ich tanzte, wei�t du? Versch�ttete nie einen Tropfen des einzigen Glases Wein, das er sich dort f�r gew�hnlich genehmigte. Man hat sich auch unter dem Einfluss von Alkohol stets im Griff zu haben, so hei�t es doch. Der Kellner bekam immer ein angemessenes Trinkgeld von ihm. Dann ging er nach oben aufs Zimmer und schlug das kleine Sklavenm�dchen, das er sich dort hielt. Manchmal nahm er dazu eine Peitsche, manchmal seine F�uste. Verkr�ppelt, wie mein Talent schon damals war, reichte es doch aus, jedes Mal die unsagbare Pein zu sp�ren, die sie durchlitt.� Sie l�chelte Laeth freudlos an. �Diese Sklavin hat nur zw�lf Sommer erlebt, bevor sie starb.�</p><p>Sie sah, dass Laeths Zorn verflogen war, aber nun, da sie so richtig in Fahrt war, konnte sie einfach nicht mehr aufh�ren. �Der Sklavenerzieher, der auch mein H�scher war, hat mit mir noch dreiundzwanzig andere aus meinem Clan gefangengenommen. Zwanzig von ihnen hat er bis aufs Blut gequ�lt und ermordet. Ich habe jeden dieser Tode mit durchlebt. Und aufgrund dieser Ereignisse kann ich meine Gabe nicht mehr so kontrollieren wie zuvor. Ich h�re, was ich h�re.� Sie hob die Augenbrauen und f�gte sp�ttisch hinzu. �Es tut mir also leid, wenn dadurch dein darranisches Anstandsgef�hl verletzt worden ist.�</p><p>Laeths Blick war ausdruckslos. Nach einer Weile ber�hrte er ihre Wange mit seiner Hand. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie weinte und vor ihm zur�ckgewichen war, obwohl sie dies unter keinen Umst�nden hatte tun wollen. Hart dr�ckte der T�rrahmen ihr in den R�cken.</p><p>�Entschuldige�, sagte er leise. �Ich wollte dir keine Angst machen.� Er ging zur�ck zum Bett und legte sich wieder darauf, schloss die Augen. Mit derselben weichen Stimme fragte er: �Was hatte denn der Wachmann drau�en in den Fluren zu suchen, wo er doch die Burgmauern bewachen soll?�</p><p>�Manchmal, wenn ich k�rperlichen Kontakt zu einer Person aufnehme, kann ich einige ihrer verstreuten Gedanken aufschnappen. Ich denke, jemand hat ihn daf�r bezahlt, in die Feste zu kommen, aber ich konnte nicht mehr herausfinden, wen zu beobachten er beauftragt wurde. Es k�nnte sich um dich handeln, oder um Marri, oder um jeden anderen der f�nfzehn Menschen, die in diesem Fl�gel untergebracht sind.�</p><p>�Falls er auf Marri angesetzt worden ist�, fuhr sie fort, �dann ist er ihr wahrscheinlich schon von ihrem Zimmer aus hierher gefolgt. In diesem Fall w�sste er, dass sie in deinem Gemach verschwunden ist. Wenn er deinetwegen im Flur patrouilliert hat, dann hat er sie vielleicht gar nicht in diesem Teil der Feste gesehen. Und falls er wegen einer g�nzlich anderen Person hier herumgeschn�ffelt hat, m�ssen wir uns vermutlich keine allzu gro�en Sorgen machen.�</p><p>�Gut, du konntest also nicht mehr feststellen, nach wem er gesucht hat. Hast du vielleicht rausgefunden, wer ihn bezahlt hat?� Laeth sprach immer noch �beraus freundlich, weshalb sie wusste, dass ihre Miene noch nicht halb so ausdrucksleer war, wie sie es sich w�nschte. Sie riss sich noch ein bisschen mehr zusammen.</p><p>�Nein�, erwiderte sie. Das Metall des T�rknaufs war kalt an ihrer Hand. �Aber ich sp�rte, dass es jemand sein muss, vor dem der Wachmann keine Furcht empfand, und es heute nicht das erste Mal war, dass ihm ein solcher Auftrag erteilt wurde. Der Mann hatte keinerlei Bedenken, seinen Posten zu verlassen, also ist er von einer Person geschickt worden, die einiges an Autorit�t besitzt, sodass er wegen seines unerlaubten Ausflugs keine Konsequenzen zu f�rchten hat. Dein Bruder kann es nicht gewesen sein, denn der h�tte den Wachmann ja gar nicht daf�r bezahlen m�ssen. Ich denke, du wirst am besten wissen, wer als Auftraggeber in Frage kommt.�</p><p>�Lord Jarroh?�, fragte Laeth zweifelnd.</p><p>Rialla riss die Augen auf und sch�ttelte den Kopf. �Nein. Das gesamte Personal hat eine Schei�angst vor ihm, und ich denke, die Wachleute bilden da keine Ausnahme. Au�erdem ist dergleichen nicht seine Art. Er w�rde niemals eine Person zum Spionieren abstellen, so was schickt sich einfach nicht f�r einen Edelmann ��</p><p>�Die einzige andere Person au�er Lord Jarroh, meinem Bruder und mir, welche die Bestrafung eines Wachmanns aufgrund von Pflichtverletzung verhindern k�nnte, w�re mein Onkel, Lord Winterseine. Aber der ist ja noch nicht mal hier eingetroffen.�</p><p>�Was ist mit dem Aufseher?�, fragte Rialla.</p><p>Laeth sch�ttelte den Kopf. �Drams Anweisungen w�rden nicht in Frage gestellt. Er m�sste ebenfalls keinen der M�nner daf�r bezahlen, durch die Feste zu patrouillieren, anstatt an der Mauer Dienst zu tun. Davon abgesehen f�rchten die Wachleute ihn.�</p><p>Rialla �berlegte einen Moment, dann sagte sie: �Lord Winterseines Diener Tamas war �brigens heute Abend hier.�</p><p>Laeth nickte. �Ich wei�. Hab ihn im Bankettsaal gesehen und mich deswegen danach erkundigt. Er traf mit dem Gep�ck meines Onkels ein, wie er es immer tut. War er es, dem du nach dem Anschlag auf meinen Bruder nachgegangen bist? Hatte mich schon gefragt, wo du bleibst. Vermutlich hat er meinem Onkel unverz�glich davon berichten wollen, dass Karsten vergiftet worden ist.�</p><p>�H�tte er nicht eine der Wachen bestechen k�nnen, damit diese in seinem Auftrag jemanden auf Westholdt beobachtet?�, fragte Rialla.</p><p>�Ja, das w�re m�glich�, sagte Laeth. �Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Onkel so etwas Ungeh�riges einf�delt. In solchen Dingen ist er sogar noch ehrenhafter als Karsten.�</p><p>�Kann es vielleicht sein, dass der Wachmann geschickt wurde, um jemanden zu besch�tzen?�, warf Rialla nun in den Raum. �Wie auch immer, ich glaube nicht, dass es uns weiterbringt, wenn wir die ganze Nacht �ber diesem Problem gr�beln. Ich denke, ich werde heute in den Sklavenquartieren schlafen. Manchmal schnappt man dort was N�tzliches auf.�</p><p>Bevor Laeth etwas einwenden konnte, war sie durch die T�r nach drau�en geschl�pft und eins geworden mit den Schatten in den dunklen G�ngen der Feste.</p><p>Die Sklavenquartiere befanden sich im Untergeschoss der Feste, gleich neben dem Weinkeller. Rialla nahm an, dass man die Sklaven hier untergebracht hatte, um nicht kostbaren Platz auf den oberen Etagen daf�r zu opfern und gleichzeitig kurze Wege zu den jeweiligen Besitzern zu garantieren. Was immer der Grund f�r die Ortswahl gewesen sein mochte, das Ergebnis war, dass die Sklavenquartiere behaglicher waren als die gesamte restliche Feste. Im Winter zog es unter der Erde nicht durch irgendwelche Ritzen, und im Sommer herrschte hier eine angenehme K�hle, w�hrend es oben in der Burg wie im Backofen war. Insofern war die einzige Decke, die am Fu� jeder Bettstatt lag, mehr als ausreichend.</p><p>In Darran wurden Sklaven haupts�chlich f�r das pers�nliche Vergn�gen und weniger f�r die harte Arbeit gehalten, daher waren die meisten von ihnen weiblich. Die wenigen m�nnlichen Sklaven arbeiteten in Freudenh�usern, wodurch ihren wohlhabenden Besitzern das gesellschaftliche Stigma gleichgeschlechtlicher Vorlieben erspart blieb. Die Frauen von Darran besa�en keine Sklaven. Nachdem f�r eine Trennung der Geschlechter also wenig Anlass bestand, war die Sklavenunterkunft von Westholdt nicht mehr als ein einziges gro�es Gew�lbe.</p><p>Rialla erwartete nicht wirklich, hier unten etwas Brauchbares herauszufinden, aber sie konnte auch nicht entspannen oder schlafen. Vielleicht lag es an ihrer Gabe oder einfach an ihrem Instinkt, aber sie hielt inne, bevor sie den Schlafsaal betrat.</p><p>�� schl�fst hier. Du bleibst hier unten, bis ich dich morgen wieder abhole. Hast du verstanden?�</p><p>Die Stimme des Mannes war sanft und freundlich. Dennoch drehte sich allein bei ihrem Klang Riallas Magen um, und ihre H�nde begannen zu zittern.</p><p>Panisch flog sie zu der verschlossenen T�r des Weinkellers herum. H�ndler lehrten ihre Kinder das Schlossknacken und den Taschendiebstahl, sobald diese gro� genug waren, um eine Klinke zu erreichen. Das Schloss des Weinkellers hatte nie mehr als einfache Hausangestellte davon abhalten sollen, sich unerlaubterweise zu bedienen, und so bereitete es Rialla wenig Probleme.</p><p>Leise zog sie die T�r des Vorratskellers wieder hinter sich zu. Im Dunkeln eng an das Holz gepresst, vernahm sie des Mannes harte Schritte auf dem Steinfu�boden. Kurz hielt er vor der T�r des Weinkellers an, als ob er etwas geh�rt h�tte, doch dann stieg er die Treppen ins Erdgeschoss der Burg hinauf.</p><p>Rialla schlang die Arme um ihre Knie und lauschte dem H�mmern ihres Herzens. Was um alles in der Welt tat ihr ehemaliger Besitzer auf Lord Karstens Feste? �Ein Edelmann w�rde zu offiziellen Anl�ssen einen Sklavenabrichter genauso wenig einladen wie einen Schweinehirten�, hatte Laeth gesagt.</p><p>Sieben Jahre lang war sie seine Sklavin gewesen, doch die meiste Zeit davon hatte sie in dem kleinen Lokal in Kentar, Darrans Hauptstadt, zugebracht. War sie nicht dort, musste sie ihm in dem kleinen Herrenhaus im S�den zu Diensten sein. Sie wurde unruhig, als sie an die kleinen Anzeichen dachte, die darauf schlie�en lie�en, dass er mehr war als ein einfacher Sklavenabrichter: an die Diener, die ihn mit �Lord� ansprachen, die Atmosph�re von Tradition und Noblesse, die in dem Haus geherrscht hatte.</p><p>Wenn er tats�chlich zu den h�heren Kreisen z�hlte, w�rde er auch an gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen, solange seine T�tigkeit als Sklavenabrichter geheim gehalten werden konnte. Laeth, das wusste sie, hatte am Sklavenhandel nie Interesse gehabt. Es war daher m�glich, dass er ihren ehemaligen Besitzer kannte, aber nicht wusste, dass er ein Sklavenschinder war.</p><p>Sie wusste, sie h�tte zur�ck in Laeths Gem�cher kehren sollen, um ihm mitzuteilen, dass ihr ehemaliger Peiniger auf Westholdt war, doch sie f�hlte sich sicher in dem dunklen, alkoholgeschw�ngerten Raum. Sie rollte sich in einer Ecke zusammen, legte ihre Wange gegen ein Holzfass und lie� es zu, dass die raue Oberfl�che sich in ihre Haut dr�ckte.</p><p>Sie verabscheute sich f�r die Feigheit, die sie �berkommen hatte, obwohl sie vor Grauen am ganzen K�rper zitterte. Wenn ihr Vater sie so sehen k�nnte, w�rde er sich f�r sie sch�men. So hart hatte sie daran gearbeitet, das unterw�rfige, kleinm�tige Sklavenverhalten wieder abzulegen, und alles, was es brauchte, um es wieder zum Vorschein zu bringen, waren Laeths Wut oder die Stimme ihres ehemaligen Meisters.</p><p>Stumm verfluchte sie sich, trieb die Fingern�gel in ihre Handfl�chen, sagte sich, dass es h�chst unwahrscheinlich war, dass er heute noch einmal die Sklavenquartiere aufsuchte. Seufzend kam sie schlie�lich wieder auf die Beine und wischte sich die Tr�nen aus dem Gesicht. Wie die meisten H�ndler konnte sie in der Nacht ausgezeichnet sehen, doch in dem fensterlosen Keller herrschte totale Dunkelheit. Und so brauchte es eine Weile, bis sie die T�rklinke fand.</p><p>Sie holte tief Luft und verlie� den Weinkeller, verschloss sorgsam die T�r hinter sich und ging ohne erkennbare Eile in Richtung der Sklavenquartiere. Falls eines der M�dchen bemerken sollte, dass sie geweint hatte, w�rde doch keines ein Wort dar�ber verlieren � Kummer, das war nun mal der Unfreien Los. Leise betrat sie den gro�en Raum.</p><p>Hier und da erhellten Fackeln den Saal, und Rialla stellte fest, dass nur etwa zwanzig der Stockbetten belegt waren. Das bedeutete, dass die restlichen Sklaven entweder arbeiteten oder in den Zimmern ihrer Besitzer weilten. Niemand war mehr wach, daher ging Rialla leise zu einer der unbenutzten Doppelkojen, die weitab der T�r lagen. Sie kletterte in das obere Bett und streckte sich darauf aus. Nur ein unerfahrener Sklave w�rde sich f�r die untere Koje entscheiden. Selbst unter Unfreien gab es so etwas wie eine Rangordnung. Gelegentlich brachen in den Quartieren sogar K�mpfe aus, wenn es darum ging, sich Respekt zu verschaffen. Insofern bot die obere Koje auch eine Art Schutz gegen unvermittelt hervorbrechende Aggressionen. Sie hatte die Augen gerade geschlossen, als aus der unteren Koje des Stockbettes neben ihr ein Ger�usch an ihre Ohren drang. Sie lehnte sich �ber den Rand ihrer Matratze und blickte hinab auf das M�dchen, das dort lag.</p><p>Als H�ndlerin und sp�tere Pferdeausbilderin Sianims hatte sie schon alle m�glichen Hautfarben gesehen � angefangen bei ihrem eigenen hellen Elfenbeinbeige bis hin zum tiefbronzefarbenen Teint der Ynstrah �, aber die Haut dieser Sklavin war nahezu schwarz. Weiches dunkles Haar, das bei Tageslicht vielleicht braun oder kupferrot schimmern mochte, fiel ihr in leichten Wellen bis �ber die Schultern. Sie hatte das Gesicht in der d�nnen Matratze verborgen, und ihr K�rper wurde von einem stummen Weinkrampf gesch�ttelt.</p><p>Rialla wollte eine Hand nach ihr ausstrecken, hielt sich aber im letzten Moment zur�ck. Sie w�rde alles daransetzen, die Sklaverei in Darran zu beenden, aber sie konnte derzeit nichts f�r dieses arme M�dchen tun.</p><p>In dieser Nacht tr�umte Rialla von einem fernen Land, in dem die Menschen alle so aussahen wie das seltsame Sklavenm�dchen. Auch redete man hier in einer Sprache, die sie noch nie zuvor geh�rt hatte, die sie aber dennoch verstand, weil ihre empathischen F�higkeiten sie, wie fr�her, dazu in die Lage versetzten. Es war ein gr�sslicher Albtraum mit fieberwahnartigen Bildern, die sie ohne Vorwarnung �berfielen und dann wieder verschwanden.</p><p>Von kaltem Schwei� bedeckt und mit einem bohrenden Schmerz in der Brust erwachte sie. Rasch sprang sie aus der Koje auf den Boden. Schon wollte sie sich dem fremden M�dchen im benachbarten Stockbett zuwenden, doch es war zu sp�t. Von irgendwoher hatte es sich ein Essbesteckmesser besorgt und es sich wieder und wieder in die Brust gerammt.</p><p>Rialla sog scharf die Luft ein angesichts der Schmerzen, welche die junge Sklavin litt. Es war, als ob etwas die Barriere niedergerissen h�tte, die so lange zwischen ihr und ihrer Gabe gestanden hatte. Die stumpfe Klinge des Messers und die Tatsache, dass das M�dchen nicht gewusst hatte, wie man sich m�glichst kurz und schmerzlos erstach, machten Riallas Qual nur noch schlimmer. Und doch hatten seine unbeholfenen Versuche nach einer Weile zum Erfolg gef�hrt. Und wie Rialla auf den geschundenen K�rper herabschaute, tat das M�dchen seinen letzten Atemzug und l�chelte, als es starb.</p><p>Rialla starrte auf den Leichnam der Sklavin, die sie nun fast so gut kannte wie sich selbst. Das junge M�dchen war eine starke Empathin gewesen und hatte seine eigene Seelenqual an Riallas mentalen Narben vorbei bis in ihre Tr�ume hineingeleitet.</p><p>Rialla kannte den Namen der Sklavin, wusste, dass sie f�nfzehn Sommer alt gewesen war und dass irgendwo in einem fernen Land die Ihren dachten, sie diene den G�ttern � eine h�chst ehrenvolle Stellung. Traurig hatte man sie ziehen lassen, aber sie war frohen Herzens gegangen, so wie es der Diener Altis� von ihr verlangt hatte.</p><p>Sie konnte das Echo des Grauens und der Abscheu sp�ren, die das M�dchen empfunden hatte, als es schlie�lich herausfand, was seine wahren Pflichten sein w�rden. Ohne nachzusehen wusste sie, dass der R�cken des M�dchens �bers�t war mit frischen Peitschenstriemen und dass die Innenseite seiner Schenkel so blutunterlaufen waren, dass man die Prellungen selbst auf der schwarzen Haut noch gut erkennen konnte.</p><p>Rialla biss die Z�hne zusammen und umrundete vorsichtig die Blutlachen, die �ber den Boden verteilt waren. Jeder Sklave versuchte unerw�nschte Aufmerksamkeit zu vermeiden. Wenn man den toten K�rper endlich entdeckte, w�rde sich schon l�ngst niemand mehr in den Quartieren aufhalten, und keiner w�rde zugeben, dass er die Nacht dort verbracht hatte. Nur das Wissen darum, dass der Sklavenschinder vermutlich noch schlief, lie� Rialla die Stufen in den Haupttrakt der Feste hinaufeilen.</p><p>Leise betrat sie Laeths Schlafkammer, ohne ihn zu wecken. Sie setzte sich auf das harte Sofa neben seinem Bett, starrte in die Dunkelheit und wartete darauf, dass der Morgen anbrach.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>�Hattest du nicht gesagt, du wolltest in den Quartieren �bernachten?� Laeth sprach leise, doch Rialla schrak trotzdem zusammen.</p><p>Sie hatte an nichts Besonderes gedacht, einfach nur in die Schatten der Zimmerecke gestarrt; Laeths Stimme wie auch das erste Licht des Tages, das nun durch das Fenster fiel, hatten sie �berrascht. Sie musste wohl l�nger hier gehockt haben, als ihr Zeitgef�hl ihr sagte.</p><p>Laeth setzte sich schwerf�llig auf, schloss dann aber noch einmal die Augen, bevor er sich �ber das Gesicht rieb, um richtig wach zu werden. Er war nun mal kein Fr�haufsteher.</p><p>Rialla musste unwillk�rlich schmunzeln angesichts des vertrauten Anblicks. Als sie seine Frage beantwortete, erstarb ihr L�cheln jedoch bald. �Das habe ich auch, zumindest eine Weile.�</p><p>Er warf ihr einen alarmierten Blick zu, die seine Verschlafenheit L�gen strafte. �Was ist passiert?�</p><p>�Da war eine neue Sklavin. Ein M�dchen aus dem Osten. Heute Morgen hat es sich mit einem Speisemesser get�tet. Ich dachte, ich bin besser nicht dort, wenn man die Leiche findet � unerw�nschtes Interesse ist das Letzte, was wir jetzt gebrauchen k�nnen.� Rialla spielte mit der inzwischen wohlvertrauten Gobelinstickerei an der R�ckenlehne des Sofas.</p><p>Sie konnte Laeths Blick auf sich sp�ren, wie er geduldig darauf wartete, dass sie weitersprach. Sie betrachtete weiterhin ihre H�nde, als sie fortfuhr: �Vor allem deshalb, weil der Besitzer des M�dchens auch mein Besitzer gewesen ist, bevor ich fliehen konnte.�</p><p>�berrascht schnappte Laeth nach Luft. �Der Sklavenabrichter? Bist du sicher?�</p><p>Rialla nickte, ohne aufzusehen. �Er ist hier, ja. Zwar hab ich ihn nicht gesehen, h�rte nur seine Stimme � Da war ich mir schon ziemlich gewiss, aber ich hab mir sp�ter die T�towierung des toten M�dchens angesehen. Zur Sicherheit. Auch sie trug sein Zeichen.�</p><p>�Nun denn�, meinte Laeth. �Dann werde ich mir wohl einige schlaue Ma�nahmen �berlegen m�ssen, um ihm sein ehemaliges Eigentum zu verweigern.�</p><p>Rialla hob den Kopf, grinste ihn an. �Ich hab mir eigentlich keine Sorgen dar�ber gemacht, dass du mich ihm ausliefern k�nntest.�</p><p>�Nein?�, fragte er allen Ernstes. �Und wor�ber machst du dir dann Sorgen?�</p><p>Rialla hob die Schultern. ��ber nichts.� Als er ungl�ubig aufschnaubte, f�gte sie hinzu: �Ich war wohl einfach nicht darauf vorbereitet, ihn jemals wiederzusehen. Und der Tod der Sklavin war ausgesprochen � unerfreulich. Ein Speisemesser w�re nicht unbedingt die Waffe meiner Wahl gewesen �� Sie wandte wieder den Blick ab und schluckte hart. Immerhin hatte das M�dchen aus dem Osten den Mut gefunden, diese Entscheidung zu treffen.</p><p>Rialla erinnerte sich noch gut daran, wie sie den kleinen scharfen Dolch angestarrt hatte, den jemand versehentlich auf der Essbank hatte liegen lassen. Keine sonderlich effektive Waffe, doch sie hatte mit dem Gedanken gespielt, sich damit das Leben zu nehmen. Und es aus Feigheit dann doch nicht getan. Der andere Moment, in dem sie an Selbstmord gedacht hatte, war kurz nach ihrer Flucht gekommen, als ihr klar geworden war, dass sie Freiheit mehr f�rchtete als die Versklavung.</p><p>�Rialla.� Laeths Stimme war sanft, und sie wusste, er hatte sie nicht zum ersten Mal gerufen. �Wie hie� dein Besitzer?�</p><p>�Isslic, aber seinen Familiennamen kenne ich nicht � Sklavenausbilder nennen so gut wie nie ihren vollen Namen.�</p><p>Laeth nickte. �Besonders nicht, wenn er zu den h�heren Kreisen z�hlt und jederzeit mit einer Einladung nach Westholdt rechnen muss. Isslic ist ein weitverbreiteter Name; ich kenne allein vier oder f�nf M�nner, die so hei�en.�</p><p>�Wenn dies �berhaupt sein richtiger Name ist�, meinte Rialla achselzuckend. �Ich glaube, es gibt da etwas, das ich Ren gegen�ber erw�hnen sollte, auch wenn es nur eine Vermutung ist.�</p><p>�Und was?�</p><p>�Mein ehemaliger Besitzer ist viel herumgereist auf der Suche nach Sklaven, die er f�r sich abrichten konnte. Er zog es vor, sie sich selbst zu nehmen, anstatt darauf zu warten, dass ein unausgebildeter Sklave auf einem Markt angeboten wurde. Er war der Meinung, dass die meisten zu diesem Zeitpunkt schon charakterlich verdorben waren.� Rialla sp�rte, wie sich ihre Z�ge entspannten, bis diese so ausdruckslos waren wie ihre Stimme. �Wenn er also, sagen wir, eine Sklavin aus S�dwald besa�, so hat er sich diese vermutlich direkt in S�dwald besorgt.�</p><p>�Dreh dich um, damit ich das Bett verlassen kann�, befahl Laeth ihr pl�tzlich br�sk.</p><p>�So sittsam auf einmal?�, neckte sie ihn und f�hlte zum ersten Mal, seit sie im Keller die Stimme ihres ehemaligen Meisters vernommen hatte, wie sie ganz und gar ruhig wurde.</p><p>�Ich wollte dein Zartgef�hl nicht verletzen. Wenn du mich allerdings unbekleidet sehen willst, nur zu�, gab er zur�ck. �Wie auch immer, ohne meine Stiefel kann ich nicht richtig denken.�</p><p>Rialla lachte und drehte sich zur Wand um, w�hrend er sich anzog.</p><p>�Also, worauf genau willst du hinaus?�, fragte Laeth schlie�lich. �Wenn also das M�dchen, das du dort unten angetroffen hast, aus dem Osten stammte, muss der Sklavenausbilder es sich demnach im Osten geholt haben?�</p><p>Rialla nickte. �Ja.� Sie wandte sich zu Laeth um, der nun vollst�ndig angezogen war. �Hat Ren dir von den Vorg�ngen im Osten berichtet? Dass er glaubt, der Anf�hrer der Ostleute sei ein Magieanwender, der im Westen ausgebildet wurde?�</p><p>Laeth nickte.</p><p>�Obwohl mein Meister Darraner war, war er auch ausgebildeter Magier.� Kurz hallten die Schreie ihrer erschlagenen Stammesbr�der und -schwestern in ihrem Kopf wider. �Ich kann nichts weiter dazu sagen, aber man hatte mir erz�hlt, dass er vom letzten Erzmagier unterwiesen wurde � f�r mich zumindest ein Hinweis darauf, dass er recht talentiert sein muss. Wie dem auch sei, die Sklavin, die sich selbst get�tet hat, stammte aus dem Osten. Und sie dachte, sie w�rde der Stimme von Altis dienen.�</p><p>Rialla stand auf und schritt ruhelos im Gemach auf und ab, w�hrend sie fortfuhr, die Geschichte zu erz�hlen, die sie sich aus den Fetzen des Albtraums im Sklavenquartier zusammengereimt hatte. �Ihr war bewusst, dass der Dienst f�r Altis auch das Konkubinat mit einschloss, aber ihr war nicht klar gewesen, dass dies gleichbedeutend war mit der Versklavung und Verschleppung in ein fremdes Land.�</p><p>Laeth setzte sich auf das Sofa, das Rialla verlassen hatte, und machte es sich so gut es ging auf der hartgepolsterten Fl�che bequem. �Wenn ich dich also richtig verstehe, h�ltst du es f�r denkbar, dass es sich bei eurem gemeinsamen Meister um die Stimme von Altis handeln k�nnte?�</p><p>Rialla zuckte die Achseln. �Ich wei� es nicht. Ich h�tte mir jedenfalls nicht vorstellen k�nnen, dass er das Charisma besitzt, um eine solche Rolle auszuf�llen. Er war nicht gerade ein Mann, der die Massen begeistern konnte. Obwohl seine pers�nlichen Sklaven ihm sehr ergeben waren, schienen sie mir doch nicht sonderlich loyal.�</p><p>�Wie h�tte er�s also anstellen sollen? Mittels Magie?�, fragte Laeth.</p><p>Wieder hob Rialla die Schultern. �Ich wei� dar�ber nicht mehr als du. Ich h�rte allerdings das Ger�cht, dass der letzte ae�Magi �ber einen solchen Zauber verf�gte, aber du kennst das ja: Es kursieren andauernd irgendwelche Ger�chte �ber Magier und ihre tollen Zauberspr�che. Was ich aber <emphasis>wei�</emphasis>, ist, dass die Sklavin keinen Zweifel hegte, dass ihr Meister die Stimme von Altis war.�</p><p>Laeth sah sie lange an, dann sagte er: �Du musst dich ganz sch�n lange mit dieser Sklavin aus dem Osten unterhalten haben.�</p><p>�Tats�chlich�, erwiderte Rialla, �hat sie mir all diese Informationen im Schlaf aufgezwungen. Auch sie war n�mlich eine Empathin, wei�t du � vielleicht sogar eine noch m�chtigere als ich.�</p><p>�Und ich dachte, Empathen w�ren so verdammt selten ��, jammerte Laeth und vollf�hrte in bester h�fischer Theatertradition eine exaltierte Geste der Verzweiflung.</p><p>Rialla sah ihn schmunzelnd an. �Dem ist auch so. Sie ist die erste, die ich jemals getroffen hab.� Nachdenklich ging sie hin�ber zu den geschlossenen Fensterl�den. �Was mich am meisten �berraschte, war die Tatsache, dass sie selbst im Moment ihres Todes noch davon �berzeugt schien, dass ihr Peiniger identisch war mit der Stimme von Altis. Man sollte doch meinen, dass eine so starke Empathin ihm auf die Schliche h�tte kommen m�ssen, wenn dies nicht der Fall gewesen w�re.�</p><p>�Ist es nicht bezeichnend, dass sowohl du als auch dieses M�dchen aus dem Osten Empathen waren?�, fragte Laeth ernst.</p><p>Dar�ber dachte Rialla einen Moment lang nach, bevor sie antwortete: �Ich glaube nicht. Denn ich bin mir nicht mal sicher, ob mein ehemaliger Besitzer �berhaupt um meine Gabe wusste. Zuerst versuchte ich, sie vor ihm zu verbergen � und dann, nach meiner Verschleppung, habe ich das Talent nach und nach verloren.�</p><p>Sie holte tief Luft und kam wieder auf den Punkt zu sprechen, der sie besch�ftigte. �Laeth, wenn er wirklich die Stimme von Altis ist, dann hat er allen Grund, die Allianzpl�ne zwischen Darran und Reth zu hintertreiben. Zum Beispiel, indem er deinen Bruder t�tet.�</p><p>Laeth nickte. �Aber es scheint, dass er erst letzte Nacht hier eingetroffen ist, also nach dem Anschlag auf Karsten.�</p><p>�Wenn er so viel Macht besitzt, um hierher eingeladen zu werden, dann hat er auch die Macht, einen Anschlag auf Karsten zu arrangieren.� Als sie an den Giftanschlag dachte, fiel ihr etwas anderes ein, und sie schnippte mit dem Finger. �Das hatte ich dich letzte Nacht ganz vergessen zu fragen: Was wei�t du �ber diesen Tris, den �rtlichen Heiler?�</p><p>�Du meinst, abgesehen von der Tatsache, dass er die darranische Aristokratie genauso sehr sch�tzt wie du?� Laeth grinste ironisch, dann fuhr er ernsthafter fort: �Er traf wohl hier ein, kurz nachdem ich Westholdt den R�cken gekehrt hatte. Gestern Abend bin ich ihm zum ersten Mal pers�nlich begegnet, hatte bis dahin aber schon eine Menge �ber ihn geh�rt. Und wenn man nur die H�lfte dessen, was �ber ihn geredet wird, glaubt, dann verf�gt er �ber nahezu g�ttliche Kr�fte, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Und nachdem ich gestern Zeuge wurde, wie er Karsten das Leben gerettet hat, bin ich fast geneigt, mich dieser Meinung anzuschlie�en.�</p><p>�Er hat mich drau�en angesprochen und uns seine Hilfe angeboten�, erz�hlte Rialla.</p><p>�Du hast ihm doch hoffentlich nicht von unserer Mission hier erz�hlt?�, fragte Laeth entsetzt.</p><p>Sie sah ihn gekr�nkt an. �Nat�rlich nicht. Er hat mich bei der Treppe abgepasst, um sich anzusehen, wie fest du mich geschlagen hast � zumindest glaubte ich das. Als er feststellte, dass mir kein Schaden zugef�gt worden war, wurde er neugierig und stellte Fragen. Ich erz�hlte ihm, wer du bist, und er bot uns seine Hilfe an, wenn dies einmal n�tig werden sollte. Ich nahm daher an, ihr beide h�ttet euch fr�her schon einmal getroffen.�</p><p>Laeth runzelte die Stirn, sch�ttelte dann den Kopf. �Nein, er kam mir kein bisschen bekannt vor, als ich ihn gestern im Bankettsaal sah. Und ich habe ein gutes Ged�chtnis, was Gesichter angeht � Es hei�t, er w�re mit einer der Dorfbewohnerinnen verwandt, aber er sieht �berhaupt nicht wie ein Darraner aus.�</p><p>Rialla dachte an ihre Begegnung mit dem Mann. �Ich denke, er k�nnte ebenfalls ein Magier sein. Er hat sich sehr merkw�rdig verhalten, fast, als wirke er eine Art Zauberspruch ��</p><p>�Erst Empathen, jetzt Magier�, knurrte Laeth, doch er wirkte nicht sonderlich beunruhigt. Nachdenklich strich er sich das Haar aus der Stirn. �Und was f�r eine Rolle, denkst du, spielt dieser Heiler in der ganzen Geschichte?�</p><p>Sie neigte den Kopf. �Keine Ahnung. Wer versteht schon Magier? Oder Heiler? Wie dem auch sei, seine Sorge schien echt zu sein, als er mein Gesicht auf Verletzungen hin untersuchte. Es ergibt f�r mich wenig Sinn, dass er Lord Karsten erst vergiftet haben soll, um ihm kurz darauf das Leben zu retten. Und w�re er in diesem Fall hier nicht wesentlich artiger, ja, bescheidener aufgetreten?� Sie seufzte. �Nein, ich glaube nicht, dass er gegen uns arbeitet, kann mir aber auch beim besten Willen nicht vorstellen, warum er uns unterst�tzen sollte � selbst wenn er von unserem Auftrag w�sste.�</p><p>�Na ja, Rialla ��, warf Laeth augenzwinkernd ein. �Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut?�</p><p>Rialla schnaubte ver�chtlich und klang dabei fast wie eines ihrer geliebten Pferde. �Er bot seine Hilfe an, nachdem er erfahren hatte, wer du warst. Das hatte also nichts mit mir zu tun.�</p><p>Sie �ffnete die Fensterl�den und meinte: �Ich gehe jetzt besser runter in die K�che und k�mmere mich um das Fr�hst�ck, bevor wieder alles weg ist.�</p><p>Sie huschte in die kleine Kammer, die als Umkleidezimmer diente, und warf sich eine saubere Tunika �ber. Gleichzeitig wechselte ihre nachdenkliche Miene zu einem indifferenten Gesichtsausdruck.</p><p>Die Flure lagen still und d�mmrig da. Die meisten Adligen hatten bis sp�t in die Nacht hinein getanzt und w�rden sich erst in einigen Stunden von ihrem Nachtlager erheben. Im Schlaf waren ihre Innenwelten zug�nglicher, und Rialla schnappte hier und da ein herumvagabundierendes Gef�hl auf, als sie durch die G�nge schritt � tats�chlich waren es mehr Emotionen als je zuvor. Eine unbestimmte Nervosit�t ergriff von ihr Besitz, und sie blieb stehen. Erst jetzt erkannte sie, dass ihre Gabe seit gestern Abend noch einmal erstarkt war, als h�tte die andere Empathin die alten Fesseln nicht nur durchdrungen, sondern gelockert.</p><p>Rialla schaffte es, einen Schutzschild um ihren Geist zu errichten � ein ebenfalls fast eingerostetes Talent �, um die ganzen Emotionen, die auf sie einwirkten, abzuschirmen. Sie konnte den Schutzwall jederzeit entfernen, wenn sie wollte, und die F�higkeit, die ihr zur�ckgegeben worden war, weiter erforschen, aber sie war sich nicht sicher, <emphasis>ob</emphasis> sie das wollte.</p><p>Nie h�tte sie gedacht, dass die R�ckkehr ihrer Gabe sie ebenso �ngstigen w�rde wie deren Verlust. Sie schluckte hart und setzte sich wieder in Bewegung, wobei sie ihre �u�ere Gelassenheit nur mit M�he aufrechtzuerhalten vermochte.</p><p>Rialla brachte Laeth sein Fr�hst�ck und half ihm dabei, die prunkvolle h�fische Kleidung anzulegen. Als er gegangen war, machte sie sich daran, seine Gem�cher aufzur�umen. Das hielt sie davon ab, sich mit unsch�nen Gedanken an ihren ehemaligen Besitzer herumzuqu�len. Energisch legte sie Kleidungsst�cke zusammen, wischte Staub und mistete dunkle Ecken aus, in denen sich aus unerfindlichen Gr�nden Schuhe und Kleinteile zu sammeln pflegten, auf dass sie bei ihrer Abreise nicht vergessen wurden.</p><p>Nachdem sie damit fertig war, setzte sie sich mit �berkreuzten Beinen auf das Bett und lie� die Barriere fallen, die ihren Geist sch�tzte. Dann entspannte sie sich und gab sich ganz den Gef�hlen hin, die durch den Stein und das Holz der Feste quollen.</p><p>Als sie zum ersten Mal bemerkte hatte, dass die alten Narben, die ihre empathischen F�higkeiten abschirmten, durchl�ssig geworden waren, hatte sie sich nackt und verletzlich gef�hlt. Ein unhaltbarer Zustand. Wie sie nun auf Laeths Bett sa� und feststellte, dass ihre Empathie st�rker schien, als sie es seit dem Tag ihrer Versklavung je gewesen war, wartete sie fast darauf, dass auch der Schmerz wieder zur�ckkehrte, der seinerzeit all dies zerst�rt hatte. Als sie ihre �bung beendet hatte, war ihr Gewand schwei�durchtr�nkt, und sie stank nach der altbekannten Furcht.</p><p>Angewidert wusch sie sich mit dem Wasser, das im Krug neben dem Bett stand, und schl�pfte in eine frische Sklaventunika. Sie hatte sich das einfache Kleidungsst�ck gerade �ber die H�ften gezogen, als Laeth in den Raum platzte, um sich umzuziehen.</p><p>Er sah sie erstaunt an. �Alles in Ordnung mit dir?�</p><p>Rialla nickte und segnete Laeth im Stillen daf�r, dass er nicht weiter in sie drang.</p><p>Sie half ihm, die traditionelle Reitkleidung anzulegen, die er f�r die bevorstehende Jagd tragen w�rde. Hochwohlgeborene Darraner pflegten sich f�nf- bis sechsmal t�glich umzuziehen, und der Reitrock war ein ausnehmend l�cherliches Kleidungsst�ck. Er war so eng geschnitten, dass Laeth ihn kaum allein anziehen konnte und hernach in seiner Beweglichkeit immens eingeschr�nkt war. Also genau das Richtige, um temperamentvolle Pferde �ber Stock und Stein und alle m�glichen Hindernisse hinweg zu jagen �</p><p>Und so war Laeth auch viel zu besch�ftigt damit, ihre bissigen Kommentare zu darranischer Mode zu parieren, als dass er, bevor er mit �bertriebenem Gestus aus dem Raum stolzierte, an seine Reitpeitsche dachte. Die Peitsche war nicht n�tig, so weit es den Ausritt betraf, aber die Etikette verlangte ihr Tragen. Damit er nicht den ganzen Weg in seine Gem�cher noch einmal zur�cklegen musste, schnappte sich Rialla also die Peitsche und trottete die Stufen hinunter in die Empfangshalle, wo die Jagdgesellschaft zusammentraf.</p><p>Unter M�hen hielt sie ihr Sklavengesicht aufrecht, als sie sich diskret unter die versammelten G�ste mischte. Sie h�tte Laeth wegen seines Aufzugs nicht verspotten sollen, denn die meisten anderen M�nner trugen Reitr�cke, die noch viel enger geschnitten waren als seiner.</p><p>Zweimal durchschritt sie die �berf�llte Halle, bis sie endlich seine Stimme vernahm. Sie trat an ihn heran und schob ihm die Peitsche diskret in die Hand, ohne dass sein Gespr�ch dadurch unterbrochen wurde.</p><p>Sie war so darauf bedacht, den Blick gesenkt zu halten, dass sie nichts um sich herum bemerkte, bis sich pl�tzlich eine wohlbekannte Hand um ihren Nacken legte. �Wo in aller Welt hast du die denn aufgetan, Laeth?�, fragte die Stimme ihres ehemaligen Besitzers. �Die habe ich seit Jahren gesucht.�</p><p>Ein Daumen schob sich unter ihr Kinn, zwang ihren Blick nach oben. Der Mann, dem er geh�rte, war gr��er als Laeth und kr�ftiger gebaut. Selbst nach sieben Jahren waren es nichts als Muskeln, die sich unter seiner weinroten Jacke abzeichneten. Sein Haar war immer noch dunkelbraun und sorgsam gescheitelt. Allein die silbernen F�den in seinem schmalen Schnurrbart verrieten, dass er ein bisschen �lter geworden war.</p><p>�Sie geh�rte dir, Onkel?� Laeths Stimme klang betont gleichm�tig, obwohl Rialla sein Gesicht nicht sehen konnte.</p><p>Onkel! Sie erinnerte sich an die Zuneigung, mit der Laeth von seinem Onkel gesprochen hatte � Lord Winterseine. Wie es aussah, hatte ihr einstiger Meister in der Tat Verbindungen in die allerh�chsten Kreise.</p><p>Rialla versuchte, so entspannt wie m�glich dazustehen, und fokussierte ihren Blick auf einen Punkt hinter der Gestalt ihres verhassten Peinigers. Sie zog einen gewissen Trost daraus, dass ihr das Entsetzen nicht anzumerken war. Seine Hand ber�hrte fast ihre t�towierte Wange. Der Magier des Meisterspions hatte sie gewarnt, dass das Mal nur eine optische T�uschung sei. Sobald seine Hand es ber�hrte, w�rde er die Narbe sp�ren.</p><p>Der Sklavenschinder lie� ihren Nacken los, ber�hrte sanft ihre Schulter, und Rialla unterdr�ckte einen erleichterten Seufzer. �Ja�, sagte er. �Sie war T�nzerin in einem kleinen Etablissement, das ich in Kentar besitze. Ich habe sie selbst ausgebildet. Muss etwa sechs oder sieben Jahre her sein, seit sie entflohen ist.� Er l�chelte, dann nahm seine Stimme eine Weichheit an, die sie nur zu gut kannte. �Ich denke, sie hat daf�r die Wache get�tet. Es wird gut sein, sie wiederzuhaben. Sie ist eine sehr talentierte T�nzerin.�</p><p>�Warum, Onkel Iss? Ich wusste nicht, dass du Sklaven ausbildest.� Laeths Tonfall war hart an der Grenze zur Unfreundlichkeit.</p><p>�Ich bilde ja auch meine eigenen Pferde aus�, erwiderte der Onkel. �Die von anderen erzogenen Exemplare haben zumeist ein schlechtes Benehmen.� Er blickte zu Rialla. �Sie wieder angemessen abzurichten wird mich viel Zeit kosten.�</p><p>Laeth strich mit einer Hand �ber Riallas R�cken, eine ebenso besitzergreifende Geste wie des Onkels Griff um ihre Schulter. �Hab sie auf Allianzgebiet getroffen, in der N�he des Meeres, als ich eine Handelskarawane durch die W�ste begleitete.� Es lag genau die richtige Dosis Unbeschwertheit in Laeths Stimme, als er dies berichtete. Der Plauderton sollte den Eindruck erwecken, als wolle er vor allem der Verachtung seines Onkels entgehen, die dieser vielleicht empfinden k�nnte angesichts der Tatsache, dass ein Familienmitglied S�ldnerdienste verrichtete. In Wahrheit versuchte Laeth nur, von jeglichem Anspruch, den sein Onkel auf seine ehemalige Sklavin erheben mochte, abzulenken. So fuhr er betont unbek�mmert fort: �Sie war das Geschenk eines H�ndlers daf�r, dass ich seinen Sohn gerettet habe, nachdem dieser von einer Schlange gebissen worden war. Es tut mir leid, aber ich kann sie dir nicht zur�ckgeben, Onkel Iss � selbst wenn man davon absieht, dass sie nun schon l�nger als f�nf Jahre nicht mehr in deinem Besitz ist.� Laeth machte eine Pause und unterstrich seine Worte mit einem bedeutungsvollen Von-Mann-zu-Mann-Blick. �Denn ich habe mich sehr an sie gew�hnt.� Er legte fast beil�ufig seine Hand um Riallas Nacken, gerade so, wie Isslic es eben noch getan hatte. Dann zog er sie fort aus Lord Winterseines Griff, drehte sie zu sich herum und k�sste sie.</p><p>Rialla tat, was man von ihr erwartete, doch zu seinem Verdruss musste Laeth erkennen, dass sie es aus Furcht vor seinem Onkel tat, der ihr Leid zugef�gt hatte, und nicht aus Hingabe. Als der Kuss endete, schaute Rialla unauff�llig zu ihrem ehemaligen Besitzer hin�ber.</p><p>Der �berlebenswille hatte sie gelehrt, in seinem Gesicht zu lesen wie in einem offenen Buch, und was sie nun erblickte, bereitete ihr gro�e Sorge.</p><p>Denn Laeths Onkel l�chelte und sagte leichthin: �Nun gut, mein Junge, so sollst du denn auch mit den Konsequenzen leben. Vergiss nicht, dass sie bei ihrer Flucht eine Wache get�tet hat. Es k�nnte gef�hrlich f�r dich sein, sie zu behalten.�</p><p>Laeth erwiderte das L�cheln seines Onkels. �Sie wird mir nichts zuleide tun, Onkel Iss. Ihr ist durchaus bewusst, dass es weitaus schlechtere Meister gibt als mich.� Er machte eine kurze Pause. Das, was er eben gesagt hatte, mochte mit Absicht so formuliert worden sein oder auch nicht. Daher fuhr er fort. �Der H�ndler, dem sie geh�rte, war schnell mit der Peitsche zur Hand, wei�t du. Wenn sie also nicht folgsam ist, schicke ich sie zu ihm zur�ck, und das wei� sie auch.�</p><p>Winterseine wollte gerade etwas erwidern, als das Gespr�ch von einem Mann unterbrochen wurde, der einige Jahre j�nger sein mochte als Laeth. Er sah besser aus und war gr��er als die meisten Anwesenden, und doch fehlte ihm ihre Ausstrahlung. Er wandte sich mit wohlklingender Stimme an Winterseine: �Tamas sagt, dass der Rest unserer Gesellschaft endlich eingetroffen ist.�</p><p>Winterseine knurrte, doch Laeth trat vor und ergriff herzlich die Hand des jungen Mannes. �Terran, wie sch�n, dich wiederzusehen. Wie ich sehe, l�sst Onkel Iss dich immer noch seine Reisen planen und durchf�hren.�</p><p>Der junge Mann l�chelte verlegen und nickte unmerklich. �Ich w�sste nicht, was ich tun sollte, sollten wir mal mehr als eine Woche in einer Residenz weilen � vielleicht zur Abwechslung mal eine ganze Nacht durchschlafen, ohne mir dar�ber Sorgen zu machen, dass vielleicht einige Gep�ckst�cke an unserem letzten Aufenthaltsort zur�ckgeblieben sind?� Er senkte den Blick und f�gte hinzu: �Nein, so schlimm ist es nun wirklich nicht. Vater und ich besuchen ja im Wesentlichen die immer gleichen Orte. Insofern ist es eher so, als h�tte man viele Domizile und nicht nur eins.�</p><p>Da niemand sie beachtete, studierte Rialla ausgiebig Terrans Gesicht. Sie hatte Winterseines Sohn g�nzlich aus ihrem Denken verdr�ngt. Schon w�hrend ihrer Gefangenschaft war er so unauff�llig aufgetreten wie heute.</p><p>Winterseine lachte, wenngleich nicht ganz so unbeschwert, wie es wirken sollte, und klopfte seinem Sohn jovial auf die Schulter. �Ich w�sste nicht, was ich ohne ihn machen sollte. Terran organisiert wirklich alle Exkursionen, und ich muss ihm nur noch folgen und die Reise genie�en. Ah, es sieht so aus, als ob sich die Jagdgesellschaft zu den St�llen aufmacht. Wollen wir uns nicht den anderen anschlie�en?�</p><p>Laeth drehte Rialla zu sich herum, als w�re sie ein kleines M�dchen, und t�tschelte dabei vertraulich ihr Hinterteil. �Geh und mach das Zimmer sauber. Und sieh zu, dass du den anderen gr�nen Pantoffel findest, der zu deinem Tanzkost�m geh�rt. Ich m�chte, dass du es zu deiner abendlichen Darbietung tr�gst. Sieh unter dem Bett nach; vielleicht hab ich ihn gestern dort hingeworfen. Ach ja, und ich m�chte, dass du beim Nachtmahl an meiner Seite bist.� Rialla entfernte sich gesenkten Hauptes und musste sich sehr zusammenrei�en, um nicht davonzurennen.</p><p>In Laeths Gem�chern streckte sie sich auf dem Bett aus und dachte �ber Winterseine nach. Es hatte sie verbl�fft, wie ver�rgert Laeth gewesen war. Sie w�re nicht �berrascht gewesen, wenn er sich nur zaghaft gestr�ubt h�tte, sie an den Onkel zur�ckzugeben. Obwohl sie seinen leidenschaftlichen Einsatz herzerw�rmend fand. Sie schloss die Augen und schlief ein.</p><p>Der L�rm der zur�ckkehrenden Jagdgesellschaft weckte sie auf. Hastig sprang sie vom Bett und legte das smaragdfarbene Tanzkost�m an, das sie vor ihrer Abreise aus Sianim bei Midge erstanden hatte. Daf�r, dass sie es in einem Freudenhaus gekauft hatte, war das gr�ne Kost�m erstaunlich schlicht. Die Schleier bedeckten den K�rper von der H�fte zu den Zehen und vom Nacken bis zu den Handgelenken, kaschierten das hautenge Ober- und Mittelteil und gew�hrten zwischen all den hauchd�nnen Stoffbahnen somit nur dann vage Blicke auf nackte Haut, wenn Rialla sich im Tanz bewegte.</p><p>Sie flocht sich das Haar zu einem h�bschen Kranz, an dem sie noch mehr Schleier befestigte, die ihr Gesicht und ihren Nacken bedeckten, bis nur noch ihre exotisch blasse Taille zu sehen war. Die winzigen Goldgl�ckchen, mit denen das Kost�m ben�ht war, waren noch das ungew�hnlichste Detail an ihrer Aufmachung. Rialla hatte sie gl�cklicherweise auf einem Markt in Sianim gefunden.</p><p>Sie durchsuchte ihr Gep�ck, bis sie das Leders�ckchen fand, in dem sich der Schmuck einer T�nzerin befand. Ihre Finger ber�hrten gef�hrlich lange, scharfe Goldn�gel, die an zierlichen goldenen Kettchen h�ngend mit schwarzen Armfesseln verbunden waren. �hnliche Goldketten baumelten von den schwarzen Lederfu�fesseln. Eine deutlich schwerere Kette umschlang ihre Taille und rutschte unter dem Eigengewicht bis hinab auf die H�ften.</p><p>Sie legte die seidenen Slipper an, die farblich auf das Kost�m abgestimmt waren. Normalerweise wurde der Tanz barfu� dargeboten; doch nackte F��e wurden als erotisch und somit als unpassend f�r eine Vorf�hrung erachtet, an der auch weibliche Adelige teilnahmen. Zuletzt legte sie das schwere schwarze Cape an, dass den Gro�teil ihrer Aufmachung verh�llte.</p><p>Fertig zurechtgemacht f�r ihren Auftritt stieg Rialla die Stufen hinab und ging Richtung Bankettsaal, wo sie auf Laeth warten sollte. Schweigend und mit gesenktem Kopf stand sie da und versuchte die Blicke der Bediensteten zu ignorieren. Vermutlich war dies das erste Tanzkost�m, das sie je gesehen hatten. Sklaven waren kostspielig � nur die Allerreichsten konnten sie sich leisten �, und T�nzerinnen waren die teuersten von allen. Die meisten T�nzerinnen geh�rten Gesch�ftsleuten, die sie benutzten, um neue Kunden in ihre Tavernen und Privatlokale zu locken. Dass T�nzerinnen nur zum privaten Vergn�gen gehalten wurden, kam dagegen so gut wie nie vor.</p><p>Als Laeth den Speisesaal betrat, in ein lautes, erregtes und offenbar leicht angetrunkenes Gespr�ch mit seinem Cousin Terran vertief, der peinlich ber�hrt versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen, bewegte sich Rialla auf leisen Sohlen zum Tisch und r�ckte Laeth den Stuhl zurecht. Als er Platz genommen hatte, zog sie sich wieder bis an die Wand zur�ck, damit sie den Dienern nicht im Wege stand. Die anwesenden Adligen schienen ob ihres Anblicks nicht minder fasziniert als das Personal, wenn sie auch wesentlich diskreter in ihre Richtung starrten.</p><p>Wenn sie dar�ber nachdachte, wie sie all diese Menschen narrte, machte Rialla das Spiel fast Spa�, besonders seit Laeth ihren ehemaligen Meister ausman�vriert hatte. Schon merkw�rdig, dachte sie, dass ich mich nie weniger als Sklavin gef�hlt habe als jetzt, wo ich versuche, eine zu sein.</p><p>Sie bemerkte Lord Winterseine erst, als er in ihr Ohr fl�sterte: �Du h�ttest nicht weglaufen sollen, meine Kleine � Glaube ja nicht, dass der junge Welpe dich vor meinem Zorn wird sch�tzen k�nnen. Mit ihm habe ich bereits anderes vor ��</p><p>Seine aufgestaute Wut schwappte ihr entgegen wie geschmolzene Lava, als er ihren Arm ergriff. <emphasis>Diese Einfaltspinsel! Glauben, sie k�nnten mich zum Narren halten, was?</emphasis> In diesem Moment wurde sie seinem k�rperlichen wie mentalen Griff entzogen, denn sie wurde mit Nachdruck am Handgelenk gepackt.</p><p>�Sklavenm�dchen�, sagte Laeth in leicht angetrunkenem Ton. �Hol mir den Branntwein, den ich aus Sianim mitgebracht habe. Terran hier meint, er h�tte noch nie rethischen Schnaps getrunken, obwohl er schon zu vielen Gelegenheiten in Reth gewesen ist.� Tadelnd sah er seinen Cousin an und sch�ttelte den Kopf, bevor er Rialla Richtung T�r schob.</p><p>Dankbar entfloh sie dem Bankettsaal und eilte die Stufen hinauf. Atemlos erreichte sie Laeths Gem�cher und schloss die T�r hinter sich. Als sie sich auf die Suche nach dem Branntwein machte, den sie eingepackt hatten, versuchte sie herauszufinden, was an Lord Winterseine sie am meisten beunruhigte.</p><p>Sie hatte damit gerechnet, dass er w�tend war, doch seine Wut hatte jedes Ma� verloren. Sicher, sie war wertvoll gewesen, aber doch nicht unersetzlich. Seinem Groll haftete etwas Wahnhaftes, nein, Wahnsinniges an. Das wenige, das sie damals �ber seinen Charakter erfahren hatte, lie� darauf schlie�en, dass er ein von Natur aus w�tender Zeitgenosse war � w�tend und vielleicht auch angsterf�llt.</p><p>Als sie dar�ber spekuliert hatte, ob ihr ehemaliger Besitzer die Stimme von Altis sein k�nnte, hatte sie nie wirklich daran geglaubt. Das war jetzt anders. Es hatte sich mehr an ihm ge�ndert als nur die Farbe seines Bartes. Ein gewisses Ma� an �berheblichkeit war unbestreitbar die Voraussetzung daf�r, dass man andere Menschen zu Sklaven machte, doch Lord Winterseines �berheblichkeit schien zu einem gemeingef�hrlichen Gr��enwahn angewachsen zu sein.</p><p>Nachdem sie endlich die Schnapsflasche gefunden hatte, machte sich Rialla wieder auf den Weg in den Speisesaal. Vor der T�r angekommen hielt sie inne, um durchzuatmen. Dann betrat sie gewohnt anmutig den Saal.</p><p>Winterseine sa� an der entgegengesetzten Seite der Tafel und damit weit entfernt von Laeth, der sich wieder mal alle M�he gab, die Anwesenden zu br�skieren. Anstatt seinen Redefluss zu unterbrechen, setzte Rialla die Flasche kurzerhand so auf dem Tisch ab, dass Laeth sie ob seines exaltierten Gefuchtels nicht zu Boden rei�en konnte. Dann trat sie zur�ck an die Wand und am�sierte sich im Stillen �ber seine M�tzchen.</p><p>Als die hei�e Kirschtorte serviert wurde, sprang Laeth, der sich von Terran hatte �berzeugen lassen, w�hrend der vorangegangenen vier G�nge zu schweigen, pl�tzlich von seinem Stuhl auf.</p><p>�Es ist mir schei�egal, wen die Prinzessin ehelicht. Von mir aus kann sie einen Esel heiraten, aber ich kann�s nun mal nicht ertragen, dass eine darranische Prinzessin sich mit einem rethischen Ochsen verm�hlt! Das einzig Gute, was die Rether in den letzten hundert Jahren zustande gebracht haben, ist dieser Branntwein.� Er langte nach der Flasche, die Rialla herbeigebracht hatte, und verfehlte sie. Verwirrt blinzelte er in die Runde, sprang sodann auf den Tisch und suchte die Flasche so lange, bis er sie neben seinen F��en liegend wiederfand.</p><p>Er schwang die Flasche mit solchem Schwung in Richtung seines Bruders, dass selbst Rialla, die wusste, dass er in etwa so stockn�chtern war wie sie, sich innerlich kr�mmte. Doch irgendwie schaffte er es, sie gleichzeitig am Hals festzuhalten und nicht vom Tisch zu fallen.</p><p>�Du, Karsten, bist der Grund daf�r, dass unsere bedauernswerte Prinzessin diesen hirnlosen B�renk�derhaufen heiraten muss.� Seine Stimme bebte so sehr vor Melodramatik, dass Rialla sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Immerhin wusste sie nun, warum Laeth so ein Theater auff�hrte.</p><p>Nach diesem Auftritt w�rde allen klar sein, dass Laeth die Allianz zwischen Reth und Darran missbilligte; insofern mochte er in der Folge vielleicht von denen ins Vertrauen gezogen werden, die das B�ndnis mit allen Mitteln zu verhindern suchten. M�glicherweise wurde er sogar von jemandem angesprochen, der ihm gegen�ber etwas �ber etwaige Attentatspl�ne verriet � von jemandem, der nicht sein Onkel war. Rialla indes bezweifelte dies.</p><p>Bleich, wenngleich gelassen, sa� Lord Karsten am Kopf der Tafel, und Rialla nahm an, dass seine Bl�sse eher von der k�rzlich �berstandenen Vergiftung als von den Eskapaden seines vorlauten Bruders herr�hrte. Es war Marri, die sich nun erhob und vorschlug, dass sich alle ins Musikzimmer begeben sollten, um der Abendvorstellung beizuwohnen. Terran und Lord Karsten schafften es, Laeth dazu zu �berreden, wieder vom Tisch herunterzukommen. Karsten bef�llte einige Kr�ge mit einem Gebr�u, von dem ein eilig herbeigerufener Diener annehmen musste, dass es Laeth wieder n�chtern machen sollte.</p><p>Laeth seinerseits gestattete sich und den anderen eine Skandalpause und erschien, nachdem er auch den letzten Krug mit dem Trunk geleert hatte, fast schon wieder normal, wenn auch schl�frig. Behutsam f�hrte man ihn ins Musikzimmer und setzte ihn irgendwo im Hintergrund auf einen Stuhl. Terran blieb an seiner Seite, um sicherzustellen, dass er nicht wieder aus der Rolle fiel.</p><p>Das Musikzimmer war eigentlich ein kleines Auditorium, und Rialla f�hlte ein wenig Panik in sich aufsteigen, als sie sich fragte, wie dreihundert Leute hier Platz finden sollten. Doch dann begriff sie, dass die Amateurdarbietungen des heutigen Abends wohl nicht als H�hepunkt der Feierlichkeiten angesehen wurden, denn obwohl der Saal nicht sonderlich gro� war, gab es immer noch viele freie Sitze.</p><p>Und als der erste K�nstler die B�hne betreten hatte, wusste sie auch, warum.</p><p>Zwei Stunden sp�ter d�ste Rialla behaglich vor sich hin. Wodurch ihre gemarterten Sinne f�r eine Weile dem Anf�ngertroubadour entfliehen konnten, der auf einer schlecht gestimmten Lyra vor sich hin klimperte. Keine der bisherigen Darbietungen war auch nur ansatzweise herausragend gewesen. Marri besa� eine akzeptable Altstimme, doch Riallas Lieblingsk�nstlerin war eine Frau mittleren Alters, deren dramatische Wiedergabe eines klassischen Monologs dadurch gekr�nt wurde, dass mit einem Mal ihr viel zu enges Kleid aufplatzte.</p><p>Laeth, der bis zu diesem Moment sehr �berzeugend seinen Rausch auszuschlafen schien, setzte sich abrupt auf, rieb sich die Augen und starrte mit tr�bem Blick auf die B�hne. Als ihm klar wurde, dass niemand mehr darauf stand, erhob er sich und bedeutete Rialla, ihm zu folgen.</p><p>Rialla konnte ihr Blut in den Ohren rauschen h�ren, und das Adrenalin straffte ihre Muskeln. Sie hatte fast vergessen, wie sehr sie es liebte, aufzutreten. Bevor ihr der Sklavenstatus alle Freude daran genommen hatte. Doch nun pr�sentierte sie ihre Kunst, weil sie es so wollte.</p><p>Im Privatetablissement in Kentar hatte es immer einen Trommler gegeben, der ihre Darbietung begleitete, doch hier musste sie zu ihrer eigenen Musik tanzen. Laeth blieb mit ihr am Fu� der Treppe stehen und bedeutete ihr, sich auf die B�hne zu begeben. Sie legte ihr schwarzes Cape ab und nahm eine betont passive Haltung an, bis das Publikum verstummte. Es brauchte einige Zeit, bis die Menschen im Auditorium verstanden, worauf Rialla wartete. Endlich ebbten auch die letzten Gespr�che ab.</p><p>Mit einer dezenten Fu�bewegung pr�fte sie die Akustik im Raum, und tats�chlich hallte das Klingeln der Gl�ckchen klar und lieblich wider. Sie hatte die heutige Pr�sentation mit Bedacht ausgew�hlt, da die meisten T�nze, die sie einstudiert hatte, f�r eine �ffentlichen Darbietung ungeeignet waren. Es war ein Tanz mit unbestimmter Botschaft, den sie von einer der �lteren T�nzerinnen in Kentar gelernt hatte; die Geschichte eines jungen M�dchens, das sich in der Nacht im Wald verirrt hatte und schlie�lich von einem Gestaltwandler get�tet wurde.</p><p>Rialla wurde auf der B�hne zu diesem M�dchen, konzentrierte sich ganz auf den s��en Refrain der Gl�ckchen. Ihre Gesten waren nur angedeutet, wirkten verstohlen, als sie sich aus dem elterlichen Haus schlich, dann anmutig und beschwingt, als sie durch den Wald lief, um ihren Liebsten zu treffen.</p><p>Er war nicht am gewohnten Treffpunkt, doch das beunruhigte sie nicht, und sie tanzte f�r die Nacht und den Mond, nur begleitet vom rhythmischen Klang der Gl�ckchen, die sie trug.</p><p>Inmitten eines kraftvollen Sprungs vernahm sie ein Ger�usch. Nach der Landung blieb sie am Boden, schaute sich angstvoll um. Sollte ihr Liebster nicht jeden Moment hier eintreffen? Ihre Furcht wechselte zu freudiger Erregung, als sie eifrig nach ihm suchte. Doch er war nicht da.</p><p>Achselzuckend gab sie sich wieder ihrem Tanz hin. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, ihr K�rper biegsam wie eine Gerte. Sie wirkte schon ein wenig ersch�pft, als sie ein weiteres Ger�usch vernahm. Dieses Mal war es ihr Liebhaber, dessen Erscheinen sie mithilfe eines geschickt herumgewirbelten schwarzen Umhangs darstellte. Sie tanzten gemeinsam � ausgelassen und leidenschaftlich, bis sie etwas auf seiner Kleidung bemerkte: einen klebrigen Fleck, der sich auf ihre Hand abf�rbte.</p><p>Sie sah zu ihm auf, fragend, und pl�tzlich stand an der Stelle ihres Geliebten eine riesige wilde Bestie. Sie wirbelte herum, rannte, aber die Kreatur holte sie ein, riss sie zu Boden und schlug sie nieder. Es folgte ein verzweifelter, doch aussichtsloser Kampf, und dann trat Stille ein.</p><p>Rialla lag mit dem Gesicht nach unten auf dem kalten Holzboden und keuchte, lauschte auf die atemlose Stille im Saal, die ein ebensolcher Triumph war wie der nachfolgende Applaus.</p><p>Laeth stolperte die Stufen zur B�hne hinauf und half ihr mit �bertriebener F�rsorge vom Boden auf. Er grinste und winkte den Zuschauern zu, schaffte eine akzeptable Verbeugung, und Rialla musste sich sehr zusammenrei�en, um nicht in Lachen auszubrechen. Dann zog er sie von der B�hne und durch einen Seitenausgang aus dem Auditorium heraus.</p><p>In der Sicherheit ihrer Gem�cher entledigte sich Laeth seines alkoholgetr�nkten Hemdes, w�hrend sich Rialla am Wasserkrug das Gesicht erfrischte.</p><p>�Wie hast du das mit dem Umhang hingekriegt? Ich meine die Szene, in welcher er hoch in die Luft flog und dann zu Boden schwebte.� Laeths Stimme war ged�mpft, weil er sich gerade ein sauberes Hemd �ber den Kopf zog. �Hattest du Gewichte daran befestigt?�</p><p>�Ja, aber man braucht trotzdem eine Menge �bung, damit er genau in die gew�nschte Richtung flattert.� Rialla durchw�hlte ihre Tasche und zog eine frische Tunika hervor. Damit verzog sie sich ins Umkleidezimmer, um endlich das Tanzkost�m abzulegen. Die Baumwolltunika f�hlte sich federleicht an auf ihrem K�rper; sie war l�nger als die �blichen Sklavengew�nder, reichte bis weiter �ber das Knie.</p><p>Barfu� kehrte sie ins Schlafgemach zur�ck und warf das Kost�m neben ihre Reisetasche. Die Gl�ckchen bimmelten protestierend angesichts der unsanften Behandlung, doch sie ignorierte es und fummelte stattdessen an den Riemen ihrer Tasche herum. �H�ttest du mit deiner Trunkenbold-Nummer nicht ein bisschen fr�her anfangen k�nnen? Wir haben nur noch einen Tag, bis wir wieder nach Sianim aufbrechen.� Nachdem das Reisegep�ck wieder ordentlich verschlossen war, setzte sich Rialla mit �berkreuzten Beinen auf den dicken Teppich, der den Boden bedeckte.</p><p>Laeth warf sich r�ckw�rts aufs Bett und sagte: �Nachdem wir festgestellt haben, dass der Hauptverd�chtige mein Onkel ist, war es besser, es heute zu machen als nie, oder? Aber wer wei߫, f�gte er bitter hinzu, �am Ende kommt gar ein weiterer Sklavenschinder aus seinem Versteck gekrochen und pr�sentiert sich uns als neuer Verd�chtiger im Fall des missgl�ckten Anschlags auf meinen Bruder.�</p><p>Von ihrem Platz am Boden aus hatte Rialla nur Laeths F��e im Blick, aber mehr musste sie auch nicht sehen, um zu verstehen, wie er sich f�hlte. �Tut mir leid, Laeth. Vielleicht war er es ja gar nicht. Das Sklavenm�dchen k�nnte auch jemand anderem geh�rt haben.�</p><p>�Nein�, gab er zur�ck. �Ich hab Terran erz�hlt, dass ich eine Sklavin mit ungew�hnlich dunkler Haut hier eintreffen sah, und er sagte mir, dass sie Onkel geh�rte. Und dass sie letzte Nacht � gestorben sei.�</p><p>�Sie k�nnte aus einer Gegend stammen, in der ich noch nie gewesen bin. Es gibt viele V�lker im fernen S�den, bei den Salzseen oder hinter dem Meer, die ich noch nie gesehen habe. So unfehlbar ist meine Empathie nun auch nicht, dass ich ihre Herkunft aus dem Osten beschw�ren k�nnte.� Rialla versuchte mit ihren Einw�nden vor allem seinen Kummer zu lindern, �berzeugt war sie von ihren vorgebrachten Argumenten jedoch nicht.</p><p>�Ich bezweifle nicht, dass das M�dchen aus dem Osten stammte. Ist schon in Ordnung, Ria, du musst Onkel nicht entschuldigen. Selbst wenn er nicht vorhat, Karsten zu t�ten, ist er nicht der Mann, den ich zu kennen glaubte. Er ist nicht nur ein Sklavenschinder, er ist auch Sklavenh�ndler.� Er lachte trocken auf. �Und wei�t du was? W�re ich dir nie begegnet, h�tte es mich wohl nicht mal gest�rt.�</p><p>Laeth setzte sich auf der Matratze auf, schlug die Beine unter und k�mmerte sich nicht weiter darum, was seine Stiefel mit der Tagesdecke anstellten. �Ich hab mich zwar immer gefragt, woher sein Reichtum stammt, war aber nie sonderlich an einer Antwort darauf interessiert. Bevor er das Winterseine-Anwesen von einem Cousin erbte, besa� er nur ein bisschen Grund und Boden im S�den, auf dem man allenfalls Landwirtschaft betreiben konnte, aber mehr auch nicht. Alles, was Gro�vater besa�, ging an Vater und danach an Karsten. Wenn Onkel sein Geld tats�chlich mit Sklavenhandel verdient, hat er definitiv einen Grund, meinen Bruder zu t�ten.�</p><p>Rialla griff nach oben, ber�hrte fl�chtig sein Knie � eine selten Geste von ihrer Seite. �Lady Marri hat vielleicht nicht sehr danebengelegen, als sie behauptete, jemand versuche, dir die Anschl�ge auf Karsten anzuh�ngen. Falls Winterseine es irgendwie gelungen ist, den Verdacht auf dich zu lenken, erlangt er im Erfolgsfall die totale Kontrolle �ber alles, was Karsten besitzt, wie auch einen Gro�teil seiner Macht.�</p><p>Laeth seufzte und l�chelte sie m�de an. �Ich denke, wir m�ssen einfach daf�r Sorge tragen, dass mein Bruder nicht ermordet wird. Dann muss ich mir auch keine Gedanken mehr machen.�</p><p>Westholdts gro�er Ballsaal war f�r das anstehende Ereignis auf Hochglanz gebracht worden. Trotz seiner beachtlichen Gr��e war er kaum imstande, alle G�ste aufzunehmen, die heute hier erschienen waren, um den Geburtstag des m�chtigsten Lords des Reiches zu feiern. Man fand kaum einen Platz zum Stehen, geschweige denn zum Tanzen.</p><p>Die Angeh�rigen der Oberschicht und die wohlhabenderen H�ndler und Grundbesitzer der Umgebung waren geladen worden, um sich unter die einflussreiche Aristokratie zu mischen. Vermutlich, so dachte Rialla, als sie sich mit einem k�hlen Krug Bier aus der K�che durch die Menge schob, hatte Karsten den Landadel vor allem deshalb eingeladen, damit dieser einige seiner �bernachtungsg�ste bei sich unterbringen konnte und man sie nicht in der Feste beherbergen musste.</p><p>Sie hatte an diesem Abend schon viele Besorgungen und Boteng�nge gemacht, sodass sie sich trotz ihres Sklavenstatus immer wieder unter die G�ste mischen konnte. Trotzdem hatte sie nichts Bedeutsameres aufgeschnappt als Getuschel �ber den Schwarzhandel. Bisher war es ihr gegl�ckt, Lord Winterseine aus dem Weg zu gehen, was allerdings daran lag, dass er nicht nach ihr Ausschau hielt, doch sie war sich seiner Anwesenheit sehr wohl bewusst.</p><p>Als sie sich Laeth n�herte, bemerkte sie, dass auch Lord Karsten und Lady Marri zu seiner kleinen Gruppe gesto�en waren. Laeths Bruder sah blass aus und hatte die meiste Zeit auf den Sofas sitzend zugebracht, die hier und da in den Ecken des Saals standen. Marri hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt und hielt den Blick gesenkt, wie es sich f�r eine sittsame darranische Ehefrau schickte. Laeths Cousin Terran hielt sich schweigend mit einigen anderen jungen M�nnern im Hintergrund.</p><p>�� von Gl�ck sagen, dass der Heiler so gut ist�, h�rte Rialla Laeth sagen, als sie n�herkam. Sie reichte ihm den Bierkrug.</p><p>�Allerdings�, stimmte Karsten zu. �Deshalb hab ich ihm heute Morgen eine Einladung f�r das Fest geschickt, damit ich ihn angemessen entlohnen kann.�</p><p>�Hoffentlich hast du ihm genug Schmiergeld bezahlt, dass er �berhaupt hier auftaucht. Wenn du ihm n�mlich nicht in aller �ffentlichkeit deinen Dank zollst, k�nnten die Leute denken, du h�ttest keine Manieren.� Angesichts dieses frechen Kommentars von Laeth zog jemand scharf die Luft ein, doch sein Bruder lachte nur.</p><p>�Tats�chlich hab ich ihm in Aussicht gestellt, dass ich die Abgaben, die das Dorf mir schuldet, dauerhaft senken werde�, meinte Karsten und grinste seinen Bruder schelmisch an. �Wenn ihn das nicht herlockt, dann wei� ich auch nicht mehr weiter.�</p><p>�Lady Marri sieht durstig aus�, bemerkte Laeth lakonisch. �H�ttet Ihr gern etwas aus der K�che. Einen Krug Bier vielleicht?�</p><p>�Ja, bitte�, erwiderte sie. Mit einer knappen Geste schickte Laeth Rialla zur�ck in die K�che.</p><p>Sie war schon fast bei der T�r, als ein unbestimmter Impuls sie herumfahren und nach oben sehen lie�. In einer Ecke der gew�lbten Decke f�gte sich nach und nach ein Schattengebilde zusammen, bis es eine monstr�se, sich windende Gestalt angenommen hatte, die sich nun schl�ngelnd durch die L�fte bewegte.</p><p>Auch jemand anderes bemerkte das Ding und schrie entsetzt auf. Die Kreatur, nun vollst�ndig materialisiert, bewegte sich wie eine riesige fliegende Schlange mit Tentakeln auf Lord Karsten zu. Dann z�gerte sie, als ob etwas ihre Aufmerksamkeit erregt h�tte. Gleichzeitig sp�rte Rialla, wie ihr Geist ber�hrt wurde, z�gernd zwar und sacht, doch es lie� sie auf der Stelle erstarren.</p><p>Das Gesch�pf wechselte die Richtung in einer Geschwindigkeit, die man etwas von dieser Gr��e eigentlich nicht zugetraut h�tte. H�rbar peitschte sein Schwanz durch die Luft. Dabei fielen gr�nlich-braune Fetzen rauen, unkrautartigen Gewebes von seinem K�rper ab, als leide es an Aussatz. Das Ende seines Schwanzes war mit scharfen schwarzen Stacheln bewehrt, die feucht im vom Kerzenlicht illuminierten Tanzsaal schimmerten. Das einzig Farbenfrohe an der Kreatur waren ihre leuchtend roten Augen. Alle sechs glitzerten und funkelten wie unsch�tzbar wertvolle Rubine, als sich der Blick des Ungeheuers nun auf seine Beute richtete � Rialla.</p><p>Wie gebannt machte Rialla einen Schritt auf die Kreatur zu, die vor ihr in der Luft auf und ab schwebte. W�hrend sie so dastand, rannte ein Gro�teil der G�ste panisch aus dem Tanzsaal, sodass um sie herum eine Menge Raum entstand. Allein eine Gruppe Menschen um Lord Karsten, die am hinteren Ende des Saals stand, war nicht geflohen.</p><p>Langsam bewegte die Kreatur einen ihrer seilartigen Tentakel auf sie zu und zerzauste Riallas Haar. �lter als alle Kreaturen, die sie auf diese Weise ber�hrt hatten, war auch dieses Gesch�pf ein Empath. Es n�hrte sich von den Emotionen der anderen, bis nichts mehr �brig war, und verspeiste schlie�lich auch die K�rper seiner Opfer � Rialla konnte seine Vorfreude f�rmlich sp�ren.</p><p>Das Ungeheuer war f�r Rialla zu fremdartig, als dass sie nicht mehr als einige wenige fundamentale Gedanken aufschnappen konnte. Doch sie wusste, was es im Schilde f�hrte. Dass es auf einen anderen Empathen getroffen war, verhie� ihm einen unerwarteten Leckerbissen � an dergleichen hatte es sich noch nie g�tlich getan.</p><p>Fast bed�chtig und doch ohne Vorwarnung schickte es einen einzelnen Gedankenstrahl hinaus. Angsterf�llt schrie Rialla auf, und die Furcht riss sie aus ihrer Trance. Wie von Sinnen und doch mit der Beweglichkeit einer T�nzerin entzog sie sich der Ber�hrung des Tentakels und rannte. Noch im Laufen riss sie eins der soliden Schwerter, die �berall im Saal an den W�nden hingen, aus seiner Verankerung und hielt es in ge�bter Haltung vor sich. Sie schmeckte das Blut, wo sie sich auf die Lippe gebissen hatte.</p><p>Ein weiterer schwarzer Tentakel folgte und griff nach ihr. Als sie danach schlug, wickelte er sich einfach um die Klinge und zog behutsam daran. Scheppernd landete das Schwert auf dem Boden, weit entfernt von Rialla.</p><p>Fluchend schnappte sie sich einen schmiedeeisernen Kandelaber und riss die Kerze von dem spitzen Dorn, auf dem sie aufgesteckt war. Die Kerze erlosch, als sie achtlos �ber den Fu�boden rollte.</p><p>Auf den ersten Blick schien der Leuchter eine fast so gute Waffe zu sein wie das Schwert. Die Spitze war scharf genug, um so ziemlich alles aufzuspie�en, was sich ihr in den Weg stellte. Aber er war nur zwei Handspannen hoch. Wenn sie von der Gr��e der Kreatur ausging, war das lang genug, um sie allenfalls zu erz�rnen. Auch war der Leuchter schwer und damit unhandlich. War die Kreatur also nicht so dumm wie ein aufgebrachter Keiler, w�rde Rialla der Kerzenhalter herzlich wenig n�tzen. Und das, was sie von ihrem Gegner ersp�rt hatte, lie� darauf schlie�en, dass er kl�ger war als sie selbst. Mehr noch, obwohl sie ihre mentale Barriere so gut es ging verst�rkte, konnte sie sp�ren, wie ihr Gegen�ber sie ob dieses Versuchs verspottete.</p><p>Rialla lie� den nutzlosen Kerzenhalter fallen und trat zur�ck. Dann wartete sie in aller Ruhe darauf, dass die Kreatur sie erneut ber�hrte. Es gab da eine Waffe, derer sie sich noch nie bedient hatte. Sie hatte geh�rt, dass es m�glich war, den Angriff eines Gegners gegen ihn selbst zu richten. Rialla hoffte, dass sie stark genug daf�r war.</p><p>Ein lockerer Tentakel legte sich so zart um ihren Hals, dass es fast kitzelte. Der Schwei� rann ihr den Nacken herunter, als sie darauf wartete, dass das Wesen nach ihrem Geist griff. Und als dies geschah, hie� Rialla das Gesch�pf willkommen, lockte es tiefer und tiefer in ihr Bewusstsein hinein. Dann, in einer wilden, verzweifelten Anstrengung, riss sie die Barriere nieder, verbannte die Emotionen aller noch Anwesenden aus ihrem Kopf und kanalisierte sie in den Geist ihres Widersachers. Wenn sie sich schnell genug von all dem befreien konnte, w�rde sie nur ein Bruchteil des erzielten Effekts selbst treffen. Theoretisch.</p><p>In diesem Moment schnappte sie etwas aus der Menge der noch im Ballsaal Versammelten auf � eine Stimme in ihrem Kopf. Es waren die Gem�tsbewegungen von Lord Karsten � eine Mischung aus empfundenem Verrat und grenzenloser �berraschung �, dann hei�er Schmerz, der zu einem Nichts wurde, das Rialla als den Tod erkannte. Ein Wirbel aus unterschiedlichsten Gef�hlen entstr�mte den Menschen, die neben Karstens K�rper standen oder knieten. Indem sie die Tragweite von Karstens Ermordung ignorierte, lenkte sie seine Sinnesreize wie sein Sterben in den Geist der Kreatur, gegen die sie k�mpfte.</p><p>Das Ding schlug mit seinem Schwanz nach ihr, versuchte, ihre Konzentration zu st�ren, und hinterlie� eine so klaffende Wunde in Riallas Oberschenkel, dass der gro�e Muskel freilag. Sie kanalisierte den h�llischen Schmerz zur�ck in ihren Angreifer. Die Kreatur zuckte, k�mpfte wie von Sinnen dagegen an, als widersetze sie sich einer k�rperlichen Attacke, dann verlor sie die Kontrolle �ber ihre Gedanken und floh. Rialla erkannte ihre Chance und schickte die Panik des Gesch�pfs sogleich zur�ck an ihren Ursprung. Als das Herz der Kreatur unter dem gewaltigen Adrenalinschub explodierte, versuchte Rialla hastig, ihren Geist abzuschirmen. Mit einem ohrenbet�ubenden Jaulen fiel die Kreatur schwer zu Boden und blieb reglos liegen.</p><p>Erst jetzt wurde Rialla bewusst, dass sie auf H�nden und F��en kniete und dass der Boden vor ihr nass war. Der Geruch von verrottenden Pflanzen hing in der Luft. W�hrend die Minuten verstrichen, wurde ihr klar, dass sie all ihre Kraft zusammennehmen musste, um sicherzustellen, dass niemand sie ber�hrte. Sie sp�rte, wie sich ihr Menschen n�herten, nachdem von dem Ungeheuer keine Gefahr mehr auszugehen schien.</p><p>Falls jedoch jemand auf die Idee kam, ihr aufzuhelfen, w�rde ihn dasselbe Schicksal ereilen wie die Kreatur, die sie soeben vernichtet hatte. Sie vermochte ihre Empathie gegen einen solchen Zugriff im Moment nicht mehr abzuschirmen.</p><p>Viele Leute waren nicht mehr im Ballsaal, was ihre desolate Verfassung ein wenig ertr�glicher machte. Durch ihre br�chige Barriere konnte sie Laeth und seinen unsagbaren Kummer sp�ren, den er wegen des Todes seine Bruders litt. Rialla empfing auch Lord Jarrohs Wut und Marris �berraschung angesichts der tiefen Trauer, die sie beim Anblick ihres toten Mannes empfand.</p><p>Der Heiler indes musste Karstens Angebot gefolgt sein, denn jetzt vernahm Rialla seine Stimme klar und deutlich in dem halbleeren Raum � ein ruhender Fels inmitten des im Ballsaal wogenden Chaos. �Lord Karsten ist tot. Das Messer hat sein Herz und den linken Lungenfl�gel durchsto�en; er starb fast augenblicklich. Es tut mir leid, aber ich kann nichts mehr f�r ihn tun.�</p><p>Jemand kam ihr zu nahe. Heiser presste Rialla ein �Bleib weg� hervor. Doch der Jemand h�rte nicht auf sie, also f�gte sie hinzu: �Es ist vielleicht noch nicht ganz tot �� Daraufhin zog die Person sich zur�ck.</p><p>Zu viele auf sie einstr�mende Gedanken wirbelten in ihrem Kopf. Sie musste ruhen, bevor sie jeden von ihnen abschirmen konnte. Der Stein war k�hl an ihrer Wange, kalt und nass.</p><p>�Nein, bleibt zur�ck, Lord Laeth. Es sei denn, Ihr wollt so enden wie das Ding da hinten. Gebt ihr ein bisschen Zeit.� Das war wieder die Stimme des Heilers. Tris. Er w�rde die Leute von ihr fernhalten, bis sie die Barriere wieder errichtet hatte.</p><p>Sie entspannte und konzentrierte sich auf ihren Schutzschirm, doch zu schnell verlor sie die Kontrolle wieder. Sie h�tte wissen m�ssen, dass Laeth sich nie an irgendwelche Anweisungen hielt. Stattdessen ersp�rte sie seine Absicht einen Augenblick zu sp�t. Als er sie ber�hrte, schrie sie gellend auf, um ihn vor dem ganzen Gef�hlschaos zu sch�tzen, dem ihren und dem seinen. Gn�digerweise verlor Rialla kurz nach Laeth das Bewusstsein.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Rialla erwachte mit einem L�cheln. W�hrend der kurzen Spanne bis zum vollst�ndigen Wiedererlangen des Bewusstseins empfand sie das ungew�hnlich starke Gef�hl von Wohlbefinden wie ein die Lippen benetzendes St�ck Eis an einem hei�en Tag. Widerstrebend schlug sie die Augen auf, bevor sie ganz in die Gegenwart zur�ckkehrte.</p><p>Anstatt der grauen Steinw�nde, an die sie sich auf Westholdt schon fast gew�hnt hatte, wurde der Raum von Holz dominiert. Die Bodendielen waren versiegelt und liebevoll auf Hochglanz poliert worden. Die W�nde waren vert�felt und schimmerten aufgrund des Lein�lfirnisses dunkel. An der gegen�berliegenden Seite des Raums gab es ein gro�es Fenster mit kostbarem klaren Glas, wodurch das Zimmer von Tageslicht durchflutet wurde.</p><p>Die Stube war nur sp�rlich m�bliert mit einem Bett, einem Tischchen in der hinteren Ecke und einem kleinen Webteppich. Ein spartanisches, �bersichtliches Interieur, doch die warmen Holzt�ne und die Bettw�sche in Gelb und Rot verhinderten, dass der Raum unbehaglich wirkte. Es war offensichtlich, dass sie sich nicht mehr auf Westholdt befand, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie stattdessen sein k�nnte.</p><p>Rialla versuchte sich aufzusetzen und zog scharf die Luft ein, als sie einen stechenden Schmerz in ihrem linken Oberschenkel versp�rte. Sie erinnerte sich an den Schlag durch den Schwanz der Sumpfkreatur, doch auf der Feste war sie zu sehr mit dem Kampf gegen dieses Gesch�pf besch�ftigt gewesen, um sich um ihre Verletzung zu sorgen.</p><p>Steif richtete sie sich auf dem Bett auf, zog die schwere Steppdecke von ihren Beinen und schwang ihre F��e auf den Boden. Ein dicker Verband aus ungebleichter Baumwolle bedeckte ihre linke Seite von der H�fte bis zum Knie. Unter der Bandage klopfte es unangenehm in ihrem Bein, etwas, das sie beim Erwachen gar nicht bemerkt hatte. Sie rieb sich den Kopf, der ebenfalls angefangen hatte zu schmerzen, und versuchte zu rekonstruieren, was im Ballsaal geschehen war. Vielleicht konnte sie ja auf diesem Wege herausfinden, wo sie war. Und warum.</p><p>Es war nicht leicht, das Durcheinander der Gedanken und Emotionen der anderen zu entwirren, doch nach einigen Sekunden hatte sie wieder ein wenig Klarheit: Sie wusste, dass Lord Karsten tot war. Sie f�hlte, wie er starb � ein kurzer brennender Schmerz, als die scharfe Klinge zwischen seinen Rippen hindurch in sein Herz gesto�en wurde.</p><p>Jemand sah, wie es geschah, sah <emphasis>wie Laeth das Messer in</emphasis> � Lord Jarroh hatte es gesehen; seine Gedanken waren ihr wohlvertraut. Wohlbekannt war ihr auch seine Wut, seit damals, als sie in Kentar als T�nzerin aufgetreten war.</p><p>Rialla sch�ttelte frustriert den Kopf. Sie wusste, dass Laeth seinen Bruder nicht ermordet hatte, hatte seinen Kummer, seinen Zorn gesp�rt, als er seinen Bruder zu Boden gehen sah. Warum also hatte Lord Jarroh etwas zu sehen geglaubt, was nie geschehen war? Und wo war Laeth? Warum war sie hier?</p><p>Ihr verletztes Bein missachtend, kam Rialla in den Stand, aber zu mehr war sie nicht in der Lage. Deprimiert versuchte sie, Laeth mittels ihrer Empathie zu erreichen, um sicherzustellen, dass es ihm gutging. In diesem Moment erkannte sie auch, dass die Fesseln, die ihre Gabe gebunden hatten, so restlos verschwunden waren, als h�tte es sie nie gegeben. Der Kampf mit dem Monster hatte vollendet, was mit dem Tod der Empathin aus dem Osten begonnen hatte.</p><p>Ihr Geist ber�hrte eine Maus in der Wand und ein Reh, das im nahegelegenen Wald �ste. Aber sie konnte Laeth nicht erreichen � oder irgendeinen anderen Menschen. Versuchsweise errichtete sie den Schild, der sie vor unerw�nschter Kontaktaufnahme sch�tzte. Die Anwesenheit des Rehs und auch der Maus verblasste. Sie lie� den Schild wieder sinken, um nach einem anderen Lebewesen zu greifen.</p><p>Da ber�hrte sie etwas. Es f�hlte sich vertraut an, wie etwas, von dem man schon einmal getr�umt hatte. Unwillk�rlich breitete sich ein L�cheln auf Riallas Gesicht aus. Es war nicht das, was sie normalerweise empfing, wenn sie ein Lebewesen ber�hrte. Sie nahm keinerlei Gef�hle wahr, keinen einzigen Gedanken � nur Sch�nheit. Wie ein Bildhauer, der gelernt hatte, ein neues Material zu bearbeiten und dabei etwas Au�ergew�hnliches erschuf. Etwas nur f�r sie.</p><p>Fasziniert n�herte sie sich dem Objekt. Sie war so gefangen in ihren Studien, dass sie zusammenschrak, als die T�r sich �ffnete und der Heiler eintrat. Instinktiv schottete sie ihr Talent ab und setzte ihre undurchdringliche Sklavenmiene auf.</p><p>Doch woher war er gekommen. Mit der fallengelassenen Barriere und der ungez�gelten Gabe h�tte sie ihn erfassen m�ssen, noch bevor er ihr derart nahegekommen war. Auch wenn sie Winterseine nicht lesen konnte, ohne ihn zu ber�hren, war sie doch imstande zu sagen, wo er sich befand. Sie hatte sich wohl ablenken lassen von � was auch immer es gewesen war, das sie ersp�rt hatte.</p><p>Zumindest gab ihr seine Anwesenheit einen Hinweis darauf, wo sie sich befinden mochte. Dazu der Geruch nach Kr�utern, der durch die ge�ffnete T�r ins Zimmer str�mte. Ja, sie musste im Haus des Heilers in Tallonwald sein.</p><p>�Guten Morgen�, sagte er betont sachlich. �Wie geht es dir?�</p><p>Sie kniff die Augen zusammen, versuchte, in seinem Gesicht zu lesen. �Ging mir schon besser�, sagte sie ebenfalls sehr n�chtern.</p><p>Er l�chelte. Die Belustigung w�rmte den Blick in seinen graugr�nen Augen und gelangte dann in seine Stimme. �Das glaub ich gern. Es wird dir besser gehen, wenn du die Beine wieder hochlegst.� Er machte keine Anstalten, ihr dabei zu helfen.</p><p>Sie sah ihn zweifelnd an, doch da er sich nicht von der Stelle bewegte, man�vrierte sie sich unter Schmerzen wieder auf die Matratze und deckte sich mit dem Quilt zu.</p><p>Er wartete, bis sie bequem dalag, bevor er sich ans Ende des Bettes setzte und mit dem R�cken an die Wand lehnte. Er war ein kr�ftiger Mann, und so sank das letzte Drittel der Matratze unter seinem Gewicht betr�chtlich ein.</p><p>�Ich wei� nicht, wie viel du noch vom Ende des gestrigen Abends mitgekriegt hast.� Es klang wie eine Frage.</p><p>�Ich war recht besch�ftigt�, erwiderte Rialla, was durchaus der Wahrheit entsprach.</p><p>Der Heiler grunzte auf, dann sagte er: �Lord Karsten wurde ermordet. Jemand hat ihm von hinten ein Messer in den R�cken gejagt, w�hrend du mit dem Monster gek�mpft hast. Lord Laeth wurde im Wachturm von Westholdt gefangen gesetzt. Der Verdacht gegen ihn wiegt schwer.</p><p>Lord Jarroh selbst sah, wie Laeth seinen Bruder in all dem Trubel erstach. Eine Wache berichtete zudem, dass die Dame des Hauses eines Nachts Laeths Gem�cher verlie�. Auch wurde berichtet, dass er am Abend vor dem Mord eine lautstarke Auseinandersetzung mit seinem Bruder hatte. Die einzige offene Frage ist indes, was mit dem Dolch geschah, mit dem Karsten erstochen wurde.</p><p>Einige Leute, mich eingeschlossen, haben ihn gesehen, doch er scheint wie vom Erdboden verschluckt. Er war sehr eindrucksvoll. Der Griff war silbern und wie eine Schlange mit rubinroten Augen geformt. So wie der, den Laeth bei sich trug, als Lord Karsten vergiftet wurde. Vermutlich hast du ihn gesehen.�</p><p>�Yawan!�, entfuhr es Rialla w�tend und lie� dabei ihre Rolle endg�ltig fallen. <emphasis>Was f�r ein riesengro�er Mist!</emphasis></p><p>�Allerdings�, erwiderte Tris. Er lie� sich noch ein bisschen tiefer gegen die Wand sinken. �Es scheint, als h�tte jemand �beraus gr�ndlich daf�r gesorgt, dass Lord Laeth f�r den Mord an seinem Bruder zur Verantwortung gezogen wird, es sei denn, Laeth war dumm genug, es wirklich getan zu haben.�</p><p>�Nein�, sagte Rialla. �Laeth war es nicht.�</p><p>Tris nickte. �Lord Winterseine hat Lord Jarroh erz�hlt, er habe seinen Neffen mal mit Magie herumexperimentieren sehen, als dieser noch ein kleiner Junge war. Und wie es <emphasis>schien</emphasis>, habe der erwachsene Laeth die Magie wohl wieder aufgenommen, als er in Sianim weilte, und das Monster aus dem Gro�en Sumpf hierhergebracht.</p><p>Tats�chlich stellte ich fest, dass Winterseine eine Menge �ber diese seltsame Kreatur wusste. Er wusste Jarroh gegen�ber zu berichten, dass sie sich von den Emotionen anderer ern�hrt und auch, dass du eine Empathin bist � nicht dass jemand, der gestern Abend im Tanzsaal anwesend war, noch daran gezweifelt h�tte.</p><p>Und so hei�t es jetzt, Laeth h�tte die Kreatur als Ablenkungsman�ver benutzt, um Karsten unbeobachtet zu ermorden. Und dass er dich brauchte, um die Aufmerksamkeit des Biestes auf dich zu lenken, damit sie am Ende nicht noch jemanden anderen t�tet. Winterseine hat auch herumerz�hlt, dass er Laeth aufgefordert h�tte, dich an ihn zur�ckzugeben, doch Laeth h�tte sich geweigert. Winterseine sei �berrascht und gekr�nkt deswegen gewesen, bis er Laeths wahre Pl�ne erkannte.�</p><p>�Ihr habt nicht mehr als mein Wort, dass Laeth Karsten nicht get�tet hat�, sagte Rialla. �Und doch glaubt Ihr trotz all dieser belastenden Aussagen nicht, dass er der T�ter ist? Warum?�</p><p>Tris sah sie kurz an, sein Blick war klar und wach, dann schaute er aus dem Fenster, als w�sste er, wie unangenehm es ihr war, jemandem in die Augen zu sehen. �Abgesehen davon, was ich von Winterseine halte?�, fragte er. �Ich habe Lord Laeth beobachtet, als Karsten erstochen wurde. Ich hab zwar nicht gesehen, wer ihn ermordete, aber Laeth war es nicht. Er versuchte n�mlich gerade, sich durch die Menge zu dr�ngen, um dir im Kampf gegen das Monster zur Seite zu stehen.�</p><p>Nun schaute Rialla ebenfalls aus dem Fenster, behielt Tris jedoch in ihrer peripheren Sicht. Seine umg�ngliche, fast vertrauliche Art machte sie nerv�s; er behandelte sie keineswegs wie eine Sklavin. Sie sch�tzte es, wenn Menschen vorhersehbar waren, daher h�tte sie zu gerne gewusst, was diesen Heiler antrieb.</p><p>Unwillk�rlich sah sie ihn an, wollte sein Gesicht studieren, bis Tris schlie�lich den Kopf zu ihr drehte. �Warum glaubt Ihr, dass es mich k�mmert, was aus Lord Laeth wird�, fragte sie. �Immerhin bin ich nur seine Sklavin.�</p><p>Der Heiler l�chelte. Sie konnte zwei zarte Gr�bchen unter seinem kurzgeschorenen Bart erkennen. Belustigung blitzte in seinen Augen. �Ach ja, eine Sklavin.� Er rieb sich das Kinn, tat so, als ob er nachdachte, dann schnippte er mit den Fingern. �Aber ich hab dir ja noch gar nicht den Rest der Geschichte erz�hlt. Heute in der Fr�h erschien Lord Winterseine hier. Wie es aussieht, ist er nach Karstens Tod Laeths n�chster Verwandter und erhebt als solcher Anspruch auf Laeths Besitzt�mer, dich eingeschlossen. Ich sagte ihm, dass du derzeit zu krank bist, um zu reisen. Wie dem auch sei, bist du sicher, dass du nicht mehr bist als Laeths Sklavin?�</p><p>Unbewusst holte Rialla tief Luft, verga� f�r einen Moment das ungute Gef�hl, das sie in Anwesenheit dieses Heilers empfand. Sie hatte sich so sehr um Laeth gesorgt, dass sie noch gar nicht dar�ber nachgedacht hatte, was seine Gefangenschaft f�r seine Sklavin bedeutete. Ren hatte ihr versprochen, dass sie nach Abschluss der Mission keine Unfreie bleiben w�rde, egal, wie die Sache ausging, aber sie wollte ein solches Eingreifen lieber nicht riskieren. Wie sie auch nicht wollte, dass Laeth f�r ein Verbrechen hingerichtet wurde, das er nicht begangen hatte.</p><p>Das Problem war, dass sie weder etwas f�r Laeth noch gegen ihre drohende Versklavung tun konnte. Sie war auf der falschen Seite der darranischen Grenze zur Unt�tigkeit verdammt und trug zu allem �berfluss eine T�towierung, die sie als Eigentum von Winterseine kennzeichnete. Des Mannes, dem der Tod ihres besten Freundes mehr als gelegen zu kommen schien.</p><p>Sie sah zu Tris, der wieder aus dem Fenster starrte, damit sie Zeit hatte, �ber seine Worte nachzudenken. Sie wusste nicht, warum er davon ausging, dass sie nicht Laeths Sklavin war, aber das erschien ihr an diesem Punkt auch nicht mehr l�nger wichtig. Nachdem Karsten nun tot und Laeth gefangen gesetzt war, war es ohnehin nicht mehr zwingend, ihre Mission geheim zu halten � insbesondere da sie so sehr daran gescheitert waren, Karstens Ermordung zu verhindern. Auf der anderen Seite mochte sie mit Tris� Hilfe Winterseine so lange hinhalten, dass Laeth wieder befreit werden konnte.</p><p>�Warum interessiert Euch das so sehr?�, fragte sie. �Ich habe erst einmal mit Euch gesprochen, und bei der einzigen Gelegenheit, bei der Ihr mit Laeth spracht, seid Ihr ihm nicht gerade freundlich begegnet.�</p><p>Tris holte tief Luft und sagte langsam: �Ich habe meine Gr�nde. Ich glaube nicht, dass ich sie dir gegen�ber schon offenbaren sollte � aber ich m�chte weder dir noch Lord Laeth irgendetwas Schlechtes.�</p><p>Rialla sah ihn zweifelnd an, beschloss aber, ihrem Instinkt zu folgen und ihm zu vertrauen. �Einst war ich die Sklavin von Winterseine. Vor Jahren bin ich ihm entflohen und bilde seither Pferde in Sianim aus. Als der Meisterspion jemanden brauchte, der die Sklavin spielt und Laeth nach Westholdt begleitet, hat er eben mich gefragt.�</p><p>Als der Heiler sie ansah, senkte sie den Blick, sprach aber weiter: �Der Meisterspion wusste aus sicherer Quelle, dass es eine Verschw�rung gegen Karsten gab. Karstens Ermordung lag allerdings nicht in seinem Interesse, also sandte er Laeth und mich auf die Feste, um genau dies zu verhindern. Als Bruder des Lords war Laeth die perfekte Wahl, und ich, als seine Sklavin, sollte Informationen dar�ber einholen, wer Karsten nach dem Leben trachtete. Und warum.� Sie schaute zu Tris auf und machte ein bek�mmertes Gesicht. �Leider sieht es jedoch ganz danach aus, als ob wir es dem M�rder sogar noch leichter gemacht haben, indem wir ihm den perfekten Verd�chtigen lieferten. Laeths Reputation war schon immer alles andere als gut.�</p><p>Sie sah wieder auf die Bettdecke und fuhr langsam fort: �Ich bin davon �berzeugt, dass Karsten von Laeths Onkel, Lord Winterseine, ermordet wurde. Er traf auf Westholdt mit einer empathischen Sklavin ein, die noch am selben Abend von eigener Hand starb. Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob sie als Ablenkung f�r die Kreatur im Tanzsaal dienen sollte, so wie es seiner Behauptung nach meine Rolle in Laeths Plan gewesen ist. Ich h�tte angenommen, dass sie ihm f�r solch einen Zweck zu wertvoll war. Und doch hat er sicherlich gewusst, dass das M�dchen auf diese Weise eingesetzt werden konnte.�</p><p>Sie zog den Stoff des �berwurfs stramm und lie� ihn wieder los. �Was das Thema Magie betrifft, so wei� ich sicher, dass Winterseine ein Magier ist. Er verdient sein Geld als Sklavenausbilder und -h�ndler, er war derjenige, der mich geraubt und versklavt hat. Wenn die Sklaverei abgeschafft w�rde, so wie Karsten es anstrebte, w�rden Winterseines Einnahmen erheblich schrumpfen. Mit Karstens Tod und Laeth als Schuldigem erbt Winterseine s�mtliche Besitzt�mer von Lord Karsten und sichert sich zudem seine Lebensgrundlage.�</p><p>�Ich dachte, Winterseine war nicht auf der Feste, als Lord Karsten vergiftet wurde�, sagte Tris.</p><p>Rialla hob die Schultern. �Das stimmt, aber sein Diener Tamas war dort. Es w�re f�r ihn keine gro�e Herausforderung gewesen, Gift in Karstens Essen oder Getr�nke zu mischen. Ein vertrauensvoller Dienstbote, auch einer aus einem anderen Haushalt, bewegt sich nahezu unsichtbar durch jedes Anwesen.�</p><p>Sie rieb sich die Schl�fen, um ihre Kopfschmerzen wegzumassieren, dann fuhr sie fort: �Und dann ist da noch die Sache mit dem verschwundenen Dolch. Jeder halbwegs talentierte Magier k�nnte sagen, wer eine Waffe gef�hrt hat, die zum Mord benutzt worden ist.�</p><p>Tris wollte gerade etwas erwidern, als Rialla von irgendwoher ein Klopfen vernahm. Er dr�ckte seine Patientin flach aufs Bett und presste einen Finger auf die Lippen. Dann stand er auf und schloss leise die T�r hinter sich, nachdem er den Raum verlassen hatte.</p><p>Sie konnte nicht h�ren, was im Vorraum gesprochen wurde, aber sie erkannte die Stimme wieder. Als Tris, beladen mit einem Stapel Bandagen und einem Stoffbeutel, Lord Winterseine in das Krankenzimmer f�hrte, lag Rialla schon mit geschlossenen Augen da. Winterseine ber�hrte sie. Sie st�hnte auf und kanalisierte den Schmerz aus ihrem Bein durch seine Ber�hrung in ihn hinein. Rasch zog er seine Hand wieder zur�ck.</p><p>�Er hat recht, Vater�, sagte eine Stimme, die Rialla als die von Terran ausmachte. �Sie scheint immer noch starke Schmerzen zu haben. Die Stacheln am Schwanz der Sumpfkreatur sind giftig. Wir sollten sie bis zu ihrer Heilung hierlassen, andernfalls n�tzt sie uns nicht mehr viel. Was will man denn mit einer verkr�ppelten T�nzerin? Wie ich h�rte, z�hlt dieser Heiler hier zu den besten in ganz Darran. Wenn einer sie wiederherstellen kann, dann er.�</p><p>Vergiftet, dachte Rialla. Dieser Heiler musste ein wahrer K�nstler sein, wenn er eine schw�rige Wunde innerhalb nur weniger Stunden so gut behandeln konnte, wie er es offenbar getan hatte.</p><p>�Also gut, Heiler�, vernahm sie Winterseines verhasste Stimme. Sie sp�rte, wie er den Quilt anhob, sodass er die strammen Verb�nde um ihr Bein in Augenschein nehmen konnte. Obwohl sie die graue Sklaventunika trug, f�hlte sie sich ohne die Bettdecke pl�tzlich nackt. �Ich komme morgen wieder�, fuhr er fort. �Macht Euch keine Sorgen wegen der Bezahlung. Falls mein Neffe nicht freikommt, werde ich alle Unkosten begleichen. Sie ist eine sehr wertvolle T�nzerin, m�sst Ihr wissen, und lohnt diese Ausgabe. Insbesondere wenn Ihr es schafft, ihr Bein narbenfrei zu bekommen.�</p><p>�Ich tue mein Bestes, aber um Eure Investition geht�s mir dabei wahrlich nicht.� Tris� Stimme war kalt und doch voller Abneigung. Rialla erinnerte sich, wie Laeth erw�hnt hatte, dass der Heiler den Adel nicht sonderlich sch�tzte.</p><p>�Aber gewiss nicht, guter Mann. Ein Heiler denkt an alles, nur nicht an den schn�den Mammon, wenn er die Kranken kuriert, nicht wahr?� Winterseines Worte klangen verbindlich, konnten aber den leichten Spott, der mitschwang, nicht �berdecken. Schlie�lich wusste jeder hier, dass der Heiler unversch�mt hohe Preise f�r seine Dienste verlangte.</p><p>Offensichtlich st�rte sich Tris kein bisschen an Winterseines Seitenhieb. �Mein Preis steigt mit den Unannehmlichkeiten, die mir der jeweilige Fall bereitet. Und der Eure hat sich soeben verdoppelt. Wie dem auch sei, Ihr habt sie gesehen, Ihr wisst ja, wo die T�r ist.�</p><p>Winterseine lachte, doch er ging trotzdem.</p><p>Rialla und der Heiler warteten, bis die Eingangst�r ins Schloss gefallen war. Tris steckte noch einmal den Kopf in den Vorraum, um zu �berpr�fen, dass die beiden auch wirklich gegangen waren, dann nahm er wieder seinen Platz am Fu� des Bettes ein.</p><p>�Also�, sagte er so freundlich, als ob das Eis in seiner Stimme nie dagewesen w�re. �Was willst du als N�chstes tun?�</p><p>�Als Erstes�, sagte Rialla, �muss ich Laeth aus dem Wachturm herausholen. Ich vermute, man wird ihn f�r den Tod seines Bruder h�ngen, sofern Winterseine kein Gest�ndnis ablegt.�</p><p>�Dabei kann ich dir helfen�, sagte Tris. Er schloss seine Hand und �ffnete sie wieder, um ihr die gelbe Rose zu zeigen, die nun darin lag. Er brachte die Blume vor sein Gesicht, roch daran und �bergab sie dann an Rialla. �Ich habe Talente, die sich als durchaus n�tzlich erweisen k�nnten�, f�gte er hinzu.</p><p>Sie sah die Rose an, fragte sich, ob er Magie gewirkt hatte oder einfach nur geschickte H�nde besa�. Sie kam zu dem Schluss, dass es keine Rolle spielte, und l�chelte ihn schwach an. �Danke sch�n.�</p><p>�Und nachdem du Laeth befreit hast?�, fragte Tris nachdenklich.</p><p>�Bei den G�ttern�, sagte sie. �Fragt mich besser nicht. Ich bin Pferdeausbilderin, keine Spionin. Ich denke, ich werde mit Laeth nach Sianim zur�ckkehren.� Etwas an der Idee, sich nach Sianim zur�ckzuziehen, hinterlie� einen schlechten Geschmack in ihrem Mund, aber sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte.</p><p>Tris erhob sich. �Du bist nicht in der Lage, irgendwas zu unternehmen, bis dein Bein dich nicht wieder tragen kann, also lass mich mal einen Blick unter den Verband werfen.�</p><p>Er zog ein Messer aus seinem Stiefel und schob die Bettdecke zur Seite. Mit flinker Pr�zision, die viel �ber die Sch�rfe seiner Klinge aussagte, schnitt Tris die Bandagen von ihrem verletzten Bein.</p><p>Nach dem Aussehen der Wunde zu urteilen, hatte einer der Stachel sie direkt �ber dem Knie erwischt und den Muskel bis fast hoch zur H�fte aufgeschlitzt. Das Fleisch rund um den Riss war mit kleineren Wunden durchsetzt. Der Kr�uterwickel, der �ber der offenen Stelle lag, war zu einer gr�nen Masse geworden, wodurch das Ganze noch h�sslicher aussah, als es sich ohnehin schon anf�hlte, doch was Riallas Aufmerksamkeit erregte, war der �ble Geruch.</p><p>Rasch hielt sie sich die Nase zu. �Was ist das f�r ein Gestank?�</p><p>Kurz unterbrach Tris die Begutachtung ihrer Verletzung und sah, offenbar unbeeindruckt durch den fauligen Geruch, auf. �Ich bin nicht sicher, welche Art Gift dieser Seelenfresser benutzt. Die Kr�uterpackung sollte das meiste davon eigentlich aus der Wunde gezogen haben. Der gr��te Gestank geht wohl von dem Schadstoff aus, obwohl auch die Bl�tter einen sehr starken Eigengeruch entwickeln. Ich werde diesen Wickel so lange erneuern, bis der Geruch des Gifts nachl�sst, dann kann ich damit beginnen, dich zu kurieren.�</p><p>Er nahm eine mit �l behandelte Bandage von seinem Stapel und breitete sie auf dem Bett aus. Dann holte er eine kleine Pinzette aus seiner Tasche, die auf dem Boden stand, und begann behutsam, die langen gr�nen Bl�tter von ihrem Bein zu entfernen. Als die gro�en Teile fort waren, widmete er sich vorsichtig den kleinen gr�nen Kr�uterh�ckseln, die �berall auf der Wunde lagen. Schwei�perlen bildeten sich auf seiner Stirn, und Rialla biss sich auf die Unterlippe, als die �beraus hingebungsvolle Behandlung doch ab und an schmerzhaft geriet.</p><p>Tris sammelte alles, was er von der Wunde gezupft hatte, ein und verlie� den Raum. Kurz darauf kehrte er mit zwei Sch�sseln wieder, in denen sich kochend hei�es Wasser befand. Er stellte sie auf dem Boden ab, tauchte die frischen Bandagen ein, wrang sie aus und legte sie Rialla auf das Bein. Die Wundreinigung wurde so lange wiederholt, bis der Stoff sich abgek�hlt hatte. Schlie�lich war die Verletzung vollst�ndig ges�ubert, und Rialla zitterte.</p><p>Vorsichtig holte der Heiler sodann ein B�ndel aus seiner Tasche, das getrocknete Pflanzenbl�tter enthielt, so lang wie Riallas Unterarm und zweimal so breit. Eine Hand voll davon legte er in die zweite Sch�ssel mit Wasser, damit sich die Bl�tter vollsaugen konnten.</p><p>�So�, sagte er, und sein normalerweise leichter Akzent wurde vor lauter Mitleid etwas st�rker, �ich gebe nun ein bisschen von diesem Pulver auf den Schnitt, das sollte den Schmerz ein wenig lindern.� W�hrend er sprach, verteilte er den gelben Puder in dem Wundriss, den er mit der anderen Hand etwas weitete. �Es ist ein Bet�ubungsmittel aus einer Pflanze, auf der ich mal einige einheimische Jugendliche herumkauen sah.�</p><p>Er begann die eingeweichten Bl�tter auf ihrem Bein zu verteilen und versuchte dabei, sie mit dieser Geschichte abzulenken. �Einer von ihnen hatte sich ein bisschen zu viel von dem Zeug genehmigt, und ich hatte einige M�he, ihn davon abzuhalten, sich die Hand abzuhacken. Er dachte, es bef�nde sich ein Wurm darin, der sich nun bis zu seinem Herzen durch seinen K�rper fra�.</p><p>Ich musste danach dem ganzen Dorf hier einen Vortrag �ber dieses Kraut halten. Doch zur Sicherheit sorge ich daf�r, dass, wann immer ich�s in der freien Natur erblicke, sein Geschmack f�r alle Zeiten bis zur Ungenie�barkeit verdorben sein wird. Ich hab auf diese Weise fast alle Pflanzen, �hm, behandelt, und die meisten Jugendlichen in der Gegend lassen inzwischen die Finger davon, aber als �u�erliches Bet�ubungsmittel ist es fast unersetzlich.�</p><p>�Ihr seid ein Magier?�, fragte Rialla z�gernd. Darran war kein Ort, an dem man freiwillig zugab, die Hexenkunst auszu�ben, doch Tris� Worte legten diese Frage nahe.</p><p>�Magieanwender�, sagte er, als wolle er sie korrigieren, doch soweit Rialla wusste, gab es da keinen Unterschied. �Hast du ein Problem damit? Immerhin bist du keine Darranerin.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein.�</p><p>Er zog die Reste der alten Bandage unter ihrem Bein fort und umwickelte es mit dem neuen Verband. �Sieh mal, wir sind fast fertig.�</p><p>Drau�en im Vorraum schrillte eine Glocke, und er rief: �Ich komme ja schon! Kein Grund, meine Trommelfelle zu strapazieren!� Er beendete seine Arbeit, r�umte alles wieder zusammen und ging dann in den vorderen Raum. �Versuch, dich ein bisschen auszuruhen�, sagte er zu Rialla. �Ich komme zur�ck, wenn ich hier drau�en fertig bin.�</p><p>Rialla schloss die Augen und ertrug das Pochen in ihrem Bein noch einige Minuten, dann lie� der Schmerz allm�hlich nach. Sobald das Pulver die Wunde ganz bet�ubt hatte, fiel sie wieder in einen tiefen Schlaf.</p><p>Als sie erwachte, hatte Tris den kleinen Tisch neben ihr Bett geschoben. Die Oberfl�che der Tischplatte bestand aus Intarsien aus hellen und dunklen Holzquadraten, die ein Spielbrett bildeten. Auf den Quadraten standen kleine h�lzerne Spielsteine in Tierform, sowohl echten als auch erdachten Gesch�pfen nachempfunden.</p><p>Die Spielsteine, die sich auf ihrer Seite des Bretts befanden, waren so lange mit �l behandelt worden, dass sie fast schwarz schimmerten. Auf der gegen�berliegenden Seite sa� Tris auf einem Stuhl, den er aus einem anderen Zimmer herbeigeschafft haben musste, und stellte gerade gewissenhaft �hnliche Spielsteine auf, die jedoch aus einem hellen Holz geschnitzt worden waren.</p><p>Ohne Rialla anzusehen, sagte der Heiler: �Ich habe dieses Spiel von meinem Vater gelernt, und nun lehre ich es dich. Hier w�rde man es wohl �Drachenraub� nennen�, er hielt eine liebevoll geschnitzte gefl�gelte Echse hoch, �denn das Ziel des Spiels ist es, dem anderen seinen Drachen zu stehlen.�</p><p>Ausf�hrlich erkl�rte er Rialla, wie man Strategien entwickelte, und auch die Wichtigkeit von List, T�uschung und R�ckzug. Er beendete seine erste Stunde mit den Worten: �Nat�rlich erkennst du jetzt, dass alles, was ich soeben ausgef�hrt habe, dir kein bisschen helfen wird. Der einzige Weg zu lernen besteht darin, zu spielen.�</p><p>Schon seit einer Weile hatte Rialla eingesehen, dass es unm�glich war, dem Heiler gegen�ber Zur�ckhaltung zu �ben. Er lie� es einfach nicht zu. Stattdessen �berging er ihr Schweigen und behandelte sie, als ob sie sich schon seit Jahren kannten.</p><p>Nach den ersten zwanzig Z�gen des Spiels schaute Tris in ihre stoische Miene, der Blick unter seinen schweren Augenbrauen war fast stechend, als er mit bedrohlicher Stimme fl�sterte: �<emphasis>Frau</emphasis>, wer um alles in der Welt hat dir gezeigt, wie man spielt?�</p><p>Rialla konnte es nicht glauben, aber sie musste kichern. Nie zuvor war ein solch l�cherliches Ger�usch aus ihrer Kehle gedrungen, und sie zog sich rasch die Decke vor den Mund, damit das nicht noch einmal geschah.</p><p>Als sie dachte, ihren Heiterkeitsausbruch wieder halbwegs unter Kontrolle zu haben, sagte sie: �Es gab da eine Frau in Sianim, die das Spiel jedem beigebracht hat, den sie zu fassen kriegte. Sie hat sogar einmal pro Woche Turniere veranstaltet. Sie meinte, damit bek�me man das Gesindel von der Stra�e und lehre es gleichzeitig ein gewisses Ma� an Hinterlist � keine unwichtige Eigenschaft f�r einen S�ldner.�</p><p>Tris knurrte sie an und machte seinen Zug. Das Spiel schritt fort, das Gesicht des Heilers wirkte von Augenblick zu Augenblick verkniffener, und er brauchte auch immer l�nger, um seinen Spielstein zu setzen. Rialla vermutete, dass er ihr den Gekr�nkten nur vorspielte, denn seine Schultern waren nach wie vor entspannt und seine Bewegungen unverkrampft.</p><p>Sie nahm ihm einen seiner Spielsteine weg. Er blitzte sie erbost an, �berlie� sie aber dem Kampf gegen ihren drohenden Lachanfall.</p><p>Es begann zu d�mmern, und mit einer ungeduldigen Geste brachte Tris die �llampen an den W�nden zum Brennen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ihrer Partie zu und ignorierte Riallas Erstaunen dar�ber, wie beil�ufig er sich der Magie bediente. Alle Magier, die sie bisher kennengelernt hatte, benutzten ihre Kunst eher sparsam.</p><p>W�hrend sie den Heiler beobachtete, fragte sich Rialla, warum sein Groll sie nicht im Geringsten verst�rte, wie es bei anderen M�nnern so oft der Fall war. Selbst wenn Laeth so aufbrauste, wie Tris es manchmal tat, dann sch�chterte sie das ein, selbst wenn sie wusste, dass er es nur im Spa� tat. Warum also musste sie lachen, wenn dieser v�llig fremde Mann sie b�se anfunkelte?</p><p>Versuchsweise l�ftete sie ihren Schild und griff mit den imagin�ren Fingern ihrer Gabe um sich. L�ngst hatte sie festgestellt, dass Tris sich nicht so ohne Weiteres lesen lie�, doch vielleicht konnte sie mehr erfahren, wenn sie sich ganz auf ihn konzentrierte. So streckte sie ihre empathischen F�hler nach ihm aus und wich verbl�fft zur�ck.</p><p>Tats�chlich <emphasis>hatte</emphasis> sie ihn schon einmal ersp�rt. <emphasis>Er</emphasis> war die faszinierende Pr�senz gewesen, die sie beim Erwachen in diesem Haus wahrgenommen hatte. Eine Pr�senz, die ihrem Wesen nach so fremd gewesen war, dass Rialla sie nicht einmal als menschlich ausgemacht hatte.</p><p>�Du bist am Zug�, sagte er.</p><p>Nur widerstrebend schirmte sie ihre Gabe wieder ab. Abwesend bewegte sie ihren Stein �ber das Brett und widmete sich dann wieder ihren �berlegungen. Im Fall von Winterseine und den anderen Magiern, die sie bisher versucht hatte zu lesen, hatte sie gerade einmal deren Ausstrahlungskraft wahrgenommen, sofern sie sie nicht direkt ber�hrte. Sie hatte vermutet, dass die Disziplin, die n�tig war, um Magie zu kontrollieren, die Anwender auch in die Lage versetzte, sich gegen ihre Empathie abzuschirmen. Und sie fragte sich, warum Tris in dieser Hinsicht anders war.</p><p>�Du bist am Zug.� Ein verr�terischer Hauch von Befriedigung lag in seiner Stimme, sodass Rialla sich wieder auf das Spiel konzentrierte.</p><p>Ihr letzter Zug hatte die Strategie, die sie sich in den letzten Stunden zurechtgelegt hatte, mit einem Schlag zunichtegemacht. Mit jedem weiteren m�glichen Spielzug w�rde sie Tris ihren Drachen ausliefern. Selbst wenn sie beschloss, nicht zu ziehen, was in diesem Spiel durchaus m�glich war, w�rde er ihn trotzdem stehlen k�nnen.</p><p>�Gibst du auf?�, fragte er erwartungsvoll. Sie stutzte, schloss den Mund und richtete ihre Aufmerksamkeit ganz auf das Spielbrett.</p><p>�Noch nicht�, erwiderte sie. Irgendetwas musste sie �bersehen haben. Stirnrunzelnd starrte sie das Brett an. Sie konnte nichts unternehmen, um ihren Drachen zu sch�tzen, aber vielleicht gab es eine M�glichkeit, seinen zu stehlen. Mit einem triumphierenden Grinsen nahm sie ihre Ratte und bewegte sie an dieselbe Stelle, auf der sein Drache stand. �Drachenraub!�, jubelte sie.</p><p>�Ich gebe mich geschlagen�, kapitulierte er und schaute betr�bt auf das Brett. Er sammelte die Spielsteine ein und verstaute sie in der Schublade des kleinen Tisches wie eine Mutter, die ihre Kinder zu Bett brachte. Als er damit fertig war, lag ein breites L�cheln auf seinem Gesicht. �Das war das erste gute Spiel seit meiner Ankunft in Tallonwald. Revanche folgt morgen. Und jetzt solltest du ein bisschen schlafen.�</p><p>Sie lie� sich aufs Bett sinken und zog die Decke �ber sich, w�hrend Tris in Richtung der Lampen winkte. Willf�hrig l�schten sich die kleinen Flammen von selbst.</p><p>�Wenn du etwas brauchst, ruf mich einfach�, sagte der Heiler. �Ich bin nebenan. S��e Tr�ume.�</p><p>�Die w�nsche ich Euch auch�, erwiderte Rialla g�hnend.</p><p>Am n�chsten Morgen roch der Wickel um Riallas Bein noch immer nach verfaulten Zwiebeln, also ersetzte Tris die alten Pflanzenbl�tter durch frische und legte ihr einen neuen Verband an. Danach brachte er zwei Sch�sseln mit dickem Haferschleim ans Bett und plauderte mit ihr, w�hrend sie gemeinsam ihr Fr�hst�ck einnahmen. Schlie�lich verlie� er die H�tte, um ein paar Kr�uter zu suchen, die er f�r seine Heilkunst ben�tigte.</p><p>Rialla wartete, bis er fort war, um mit ihrer neu entdeckten Empathie herumzuexperimentieren. Wenn sie die Gabe dazu benutzen wollte, Laeth zu retten, musste sie herausfinden, wie gut sie funktionierte.</p><p>Als sie ihren Schutzschild fallen lie�, f�hlte sie sich entbl��t. Unruhig rutschte sie auf der Matratze hin und her und zog sich die Decke bis unters Kinn, als ob die Verh�llung ihres K�rpers den Verlust ihres mentalen Schutzes irgendwie ausgleichen konnte. So oder so, die Barriere blieb vorerst unten.</p><p>Als sie sp�rte, dass sich der Heiler der H�tte n�herte, schwitzte sie und war g�nzlich ersch�pft. Aber sie wusste in diesem Moment auch, dass sie fast wieder so stark war wie vor dem Tag, an dem Winterseine sie versklavt hatte. Und auch wenn das Ganze noch nicht so m�helos vonstatten ging wie einst, war doch ihr Schutzschild massiver als je zuvor.</p><p>Als Tris den Raum betrat, um nach ihr zu sehen, legte er ihr besorgt die Hand auf die Stirn. �Wie f�hlst du dich?�</p><p>Vorsichtig zuckte Rialla die Achseln; die �bungen hatten ihr h�ssliche Kopfschmerzen beschert. �Ganz gut.�</p><p>Tris grunzte zustimmend, dann sagte er: �Jetzt gibt�s erst mal Mittagessen, und danach machst du ein kleines Nickerchen.�</p><p>Doch Rialla war schon eingeschlafen, als er mit dem Tablett ins Zimmer zur�ckkehrte.</p><p>Als Rialla die Augen �ffnete, waren die �llampen entz�ndet, und Tris gr�belte murmelnd �ber dem Spielbrett � offensichtlich spielte er eine Partie �Drachenraub� gegen sich selbst.</p><p>Sie sah ihm eine Weile dabei zu, dann sagte sie: �Schwarz gewinnt. Wenn Ihr den schwarzen Sperling drei Felder nach links bewegt, kann der schwarze Hirsch den wei�en Drachen in zwei Z�gen schlagen.�</p><p>Tris nickte stumm, riss sich von dem Spiel los und stand von seinem Hocker auf. Dann ging er um den Tisch herum, der beim Bett stand, und nahm so Riallas Blickwinkel ein. Nachdenklich rieb er sich �ber den Bart und warf seiner Patientin einen argw�hnischen Blick zu.</p><p>Im n�chsten Moment hatte er die Steine f�r ein neues Spiel aufgestellt. �Bereit f�r die Revanche?�, fragte er.</p><p>Rialla schenkte ihm ein tr�ges L�cheln und setzte sich auf. �Bereit, noch einmal zu verlieren?�</p><p>Er hob eine Augenbraue, fletschte mit einem Augenzwinkern die Z�hne und machte seinen ersten Zug. �Genie�e nur deine Freude, Liebes, denn sp�ter wirst du dazu keinen Grund mehr haben.�</p><p>Still lag der Raum da, doch er summte f�rmlich vor gespannter Konzentration � Tris war beim Spiel ebenso ehrgeizig wie Rialla. Nach zw�lf Z�gen hatte er die Partie so gut wie gewonnen. Entspannt lehnte er sich zur�ck, w�hrend Rialla verdrie�lich auf das Brett starrte und nach einem Ausweg suchte.</p><p>�Erz�hl mir von Laeth�, sagte er, w�hrend er auf Riallas Zug wartete.</p><p>Misstrauisch sah sie ihn an. Doch nach einem erneuten Blick aufs Spielfeld kam sie zu dem Schluss, dass er kein Ablenkungsman�ver versuchte. Achselzuckend zog sie mit einem ihrer Pilze und schlug seine Ratte, wobei sie den Stein keck vom Brett schubste. �Was wollt Ihr denn wissen?�</p><p>Tris bewegte einen Frosch �bers Spielfeld. �Nun, es braucht einen ungew�hnlichen Darraner, um aus ihm einen erfolgreichen S�ldner zu machen.�</p><p>Rialla blickte stirnrunzelnd auf das Spiel, noch immer nicht bereit, sich zu ergeben. Sie schlug seinen Frosch mit ihrem anderen Pilz, bevor sie antwortete: �Laeth ist � nun, ich denke, �ungew�hnlich� trifft es wohl am besten. Er ist ein wirklich liebenswerter Kerl, dem es gro�en Spa� macht, andere Menschen zu schockieren, insbesondere Menschen, die er nicht mag.</p><p>Dazu ist er im Training ein passabler K�mpfer, und ich denke, ein noch viel besserer, wenn es wirklich um was geht. Ich f�r meinen Teil halte mich von echten K�mpfen lieber fern, ich bin Pferdeausbilderin.� Sie dachte einen Augenblick lang nach, dann l�chelte sie. �Au�erdem ist er wirklich rasend komisch.� Sie zuckte die Achseln, wusste nicht, was sie noch sagen sollte.</p><p>Tris nickte und erledigte mit seiner Eule den Pilz, der seinen Frosch geschlagen hatte. Er nahm ihren Spielstein vom Feld und sagte, ohne aufzusehen: �Dann seid ihr also sowohl Freunde als auch Verb�ndete.�</p><p>Rialla sah ihn scharf an. �Warum seid Ihr so interessiert an Laeth?�</p><p>Wieder hob sich eine schwere Augenbraue in Tris� Gesicht. �Nun, ich hab ihn nur zweimal getroffen. Und beide Male fanden unter wenig gl�cklichen Umst�nden statt. Wenn ich dir dabei helfe, ihn aus Westholdt rauszuholen � und es sieht fast danach aus, als m�ssten wir das tun �, dann w�sste ich gern, f�r wen ich meinen Hals riskiere. F�r den arroganten Edelmann, den ich an dem Tag kennenlernte, als Karsten vergiftet wurde, oder f�r einen Menschen, der es absolut wert ist. Also, wie gut kennst du ihn wirklich? Ist er dein Liebhaber, dein Freund oder nur ein Bekannter ��</p><p>�Er ist ein Freund, ein sehr guter Freund�, erwiderte Rialla. Sie fixierte wieder das Spielbrett und bekam so nicht mit, wie sich der Heiler sichtlich entspannte, da ihre Antwort ihm offenbar wichtiger war, als sie auch nur ahnte. �Er w�re im �brigen kein guter Liebhaber, sch�tze ich. Daf�r ist er viel zu vernarrt in Marri.�</p><p>�In Karstens Frau?�</p><p>Rialla schob ihren Wolf ein Feld weiter als zul�ssig, da Tris gerade nicht auf das Brett achtete. Sie nickte und erkl�rte dann: �Nicht dass er in dieser Sache irgendwas untern�hme. Er war in Marri verliebt, bevor man sie mit Karsten verlobte. Als Laeth herausfand, dass sie seinen Bruder heiraten w�rde, verlie� er Darran und tauchte in Sianim auf. Wie auch immer, Marri kam w�hrend unseres Aufenthaltes auf der Feste in Laeths Gem�cher, um ihm mitzuteilen, dass man ihm den Giftanschlag auf seinen Bruder in die Schuhe schieben wolle.�</p><p>Tris nickte, entfernte Riallas Wolf vom Brett und ersetzte ihn durch seinen Fuchs. Rialla protestierte heftig gegen die damit einhergehende unterstellte Beschuldigung, sie h�tte sich die Unaufmerksamkeit ihres Gegners zunutze gemacht und einfach ein paar Felder �bersprungen � eine Praxis, die dar�ber hinaus ausdr�cklich erlaubt war, sofern der andere nicht aufpasste.</p><p>Tris verschr�nkte die Arme vor der Brust und reagierte nicht darauf. Schmollend erledigte Rialla seinen Fuchs mit ihrem verbliebenen Pilz. Der Rest des Spiels war dankenswerterweise kurz, und Rialla verlor. Spa� machte ihr das nicht.</p><p>Irgendwann mitten in der Nacht erwachte Rialla, weil es heftig an der T�r der H�tte klopfte. Sie setzte sich im Bett auf und wartete, unf�hig sich zu erheben.</p><p>Von drau�en war die Stimme einer Frau zu h�ren. Was sie sagte, war durch die T�r nicht zu verstehen, aber sie klang erregt. Der Tirade wurde mit einem tiefen Grollen geantwortet, das, wie sie vermutete, von Tris kam. Kurz darauf trat der Heiler in den Raum, knapp gefolgt von der in einen Umhang geh�llten Herrin von Westholdt.</p><p>Dieses Mal erhellte Tris das Zimmer auf herk�mmliche Art, indem er bei den Lampen einen Z�ndstein benutzte.</p><p>Marri nahm ihren Umhang ab und sah sich suchend nach einem Ort um, an dem sie ihn ablegen konnte. Schlie�lich lie� sie ihn einfach zu Boden fallen. Sie wirkte, als h�tte sie in den letzten Tagen kaum geschlafen; die Haut war fahl, und dunkle Schatten lagen unter ihren Augen.</p><p>�Rialla�, sagte Marri mit eindringlicher Stimme. �Laeth hat mir gesagt, ich soll zu dir kommen, wenn ich Hilfe brauche. Ich wei� zwar nicht, wer du wirklich bist und was du mit Laeth zu schaffen hast, aber ich brauche �� Sie stockte. �<emphasis>Er</emphasis> braucht Hilfe, und ich habe sonst niemanden, an den ich mich wenden kann. Lord Jarroh sinnt auf Rache, und er ist davon �berzeugt, dass Laeth meinen Ehemann ermordet hat.�</p><p>Rialla nickte und zeigte neben sich auf die Matratze. �Setzt Euch doch�, sagte sie knapp. Marri hockte sich auf die Bettkante, wobei sie so viel Abstand zwischen sich und Rialla hielt, wie nur irgend m�glich.</p><p>Tris zog sich einen Stuhl heran, nahm ebenfalls Platz und bem�hte sich um einen gutm�tigen Gesichtsausdruck.</p><p>�Mir scheint, Laeth hatte wenig Gelegenheit, Euch alles zu erz�hlen�, meinte Rialla. �Laeth ist ein guter Freund von mir�, sie schaute vielsagend auf den gro�en Abstand zwischen sich und Marri, �nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir wurden von Sianim entsandt, um den Mord an seinem Bruder zu verhindern. Nun, was unseren Erfolg in dieser Sache betrifft, k�nnt Ihr Euch wohl selbst ein Urteil bilden.� Rialla zuckte mit den Achseln und fuhr sich durchs Haar. �Ich hoffe, ich bin erfolgreicher, wenn es darum geht, Laeth vor dem Strang zu bewahren.�</p><p>�Sie werden ihn nicht h�ngen. Man wird ihn vierteilen�, sagte Marri mit leiser, bebender Stimme. �Morgen fr�h.�</p><p>�Was?�, rief Rialla aus, bevor sie die Bettdecke von sich warf und auf die F��e sprang. Tris� Hand war da, um sie aufzufangen, als das verletzte Bein unter ihrem Gewicht nachgab. �Was ist denn aus dem in Darran so viel ger�hmten �gerechten Prozess� geworden?�</p><p>�Lord Jarroh hat verlauten lassen, dass es wohl keinen Zweifel an seiner Schuld g�be. Und Lord Winterseine w�rde beschw�ren, dass er sah, wie Laeth meinen Mann von hinten erstach.� Marri hob hoffnungslos die Schultern. �Deshalb kam ich zu dir.�</p><p>�Verdammt�, sagte Rialla frustriert. �Wie in Temris� Namen soll ich ihm denn mit diesem schlimmen Bein helfen k�nnen?�</p><p>Tris lie� seine Zur�ckhaltung fallen und schob Rialla resolut aufs Bett zur�ck. �Bleib da sitzen�, sagte er, und an Marri gewandt: �Kann ich auf Eure Verschwiegenheit z�hlen.�</p><p>Marri nickte schweigend.</p><p>�Also gut�, meinte Tris und wandte sich zu Rialla um. Er zog sein Messer hervor und schnitt ihr die frische Bandage vom Bein. Die eingeweichten Bl�tter rochen nach wie vor schlimm. Mit grimmiger Miene entfernte der Heiler den Kr�uterwickel.</p><p>�Ich vermag dein Bein so weit wiederherzustellen, dass du damit laufen kannst�, sagte Tris, �aber es ist eine riskante Sache. Wenn das Gift noch nicht aus deinem K�rper heraus ist, kann es dich noch immer t�ten.�</p><p>�Wenn meine Zeit gekommen ist, dann soll es so sein�, erwiderte Rialla leidenschaftlich. �Allemal besser als tatenlos zuzusehen, wie Laeth get�tet wird!�</p><p>�Deine Entscheidung, junge Dame�, sagte der Heiler f�rmlich, als handele es sich hier um irgendein feierliches Ritual.</p><p>Dann legte er seine H�nde auf ihr Bein und schloss die Augen. Es kribbelte, dann wurde das Bein taub, und sie konnte seine Ber�hrung nicht mehr auf ihrer Haut sp�ren. Ihr Herzschlag wurde schneller, bis ihr Puls raste, als w�rde sie um ihr Leben rennen, und ihr Atem sto�weise ging.</p><p>Tris� H�nde begannen in dem sp�rlich beleuchteten Zimmer orange aufzugl�hen, als w�rden sie von einem inneren Feuer erleuchtet. Rialla h�rte, wie Marri aufkeuchte, doch sie war zu gefesselt von dem, was geschah, um sich darum zu k�mmern. Wenn er sie auf diese Weise heilen konnte, dann war Tris keinesfalls ein gew�hnlicher Magier, denn jedes Kind wusste, dass das Heilen nicht zu den St�rken eines Zauberers geh�rte.</p><p>Tris zog seine H�nde fort, und auf Riallas Bein war nicht mehr zu sehen als eine halbverheilte Narbe. �Mehr kann ich nicht tun, und ich habe dir genug Energie gelassen, damit du dich aus dem Bett erheben kannst.�</p><p>Versuchsweise stand Rialla auf und beugte das Knie, um die Muskeln des Oberschenkels ein wenig zu beanspruchen. Das Bein schmerzte, doch es trug ihr Gewicht. Sie schenkte Tris ein schnelles L�cheln, dann wandte sie sich zu Marri um: �Was wisst Ihr �ber den Turm? Wie ist er im Innern konstruiert? Wie viele Wachen gibt es dort? Und wo genau halten sie sich auf?�</p><p>Einen Moment lang starrte Marri auf Riallas Bein; die b�se rote Narbe war unter der Tunika, die bis �ber die Schenkel reichte, verschwunden. �Laeth wird auf dem Gipfel des Turms gefangen gehalten�, sagte sie schlie�lich. Sie schloss die Augen, wie um sich das Innere des Bauwerks in Erinnerung zu rufen. �Der Turm hat insgesamt vier Ebenen. Die erste Etage liegt unterirdisch und diente urspr�nglich als Waffen-und Vorratslager, das aber niemand mehr benutzt. An der Treppe, die dort hinunterf�hrt, steht normalerweise eine Wache. Au�er diesem Wachmann halten sich im Erdgeschoss noch zwei oder drei weitere auf. In der Etage dar�ber sind die normalen Gefangenen untergebracht. Hier wird nicht immer eine Wache abgestellt, doch mit einem H�ftling oben im Turm sind es derzeit wohl einige.�</p><p>Tris knurrte und sagte zu Rialla: �Wenn ich Laeth aus dem Turm heraushole und hierherbringe, kannst du dann zwei Pferde besorgen? Ihr werdet sie f�r die Flucht brauchen.�</p><p>�Was meint Ihr damit, dass Ihr Laeth aus dem Turm herausholt? Wollt Ihr das etwa ganz allein machen? Ich hoffe, ich kann f�r Laeth und mich hier in Tallonwald oder im n�chsten Dorf Pferde beschaffen. Wie auch immer, ich komme mit Euch.�</p><p>Doch der Heiler sch�ttelte den Kopf. �Es wird einfacher sein, wenn ich das selbst erledige. Die Heilung hat dich mehr ersch�pft, als es dir im Moment scheinen mag. Falls Laeth und ich vor unseren Verfolgern fliehen m�ssen, wirst du nicht die Ausdauer haben, ihnen zu entkommen.�</p><p>�Und die Pferde sind wichtig�, fuhr er fort. �Hier im Dorf wird man keines entbehren k�nnen. Und selbst wenn: Lord Jarroh ist alles andere als ein vern�nftiger Mann und w�rde die Besitzer wohl als Fluchthelfer bestrafen, selbst wenn ihr ihnen die Pferde stehlen w�rdet. Wenn ihr versucht, es zu Fu� nach Wildbach zu schaffen, dann werden die Wachen euch schon auf halber Strecke eingeholt haben. Ich sch�tze also, die Sache mit den Pferden wird schwieriger werden als Laeths Befreiung � er kann wenigstens �ber eine Mauer klettern.�</p><p>Rialla sah den Mann stirnrunzelnd an. �Warum tut Ihr das alles?�</p><p>Der Heiler schenkte ihr ein r�tselhaftes L�cheln und sagte: �Schreib es meiner tiefempfundenen Abneigung gegen sowohl Lord Jarroh als auch Lord Winterseine zu, wenn du willst. F�r die Gelegenheit, dem einen oder dem anderen ein wenig Ungemach zu bereiten, nehme ich ein bisschen Gefahr gern in Kauf.�</p><p>Rialla hatte den dumpfen Verdacht, dass sie sich mit dieser Antwort w�rde begn�gen m�ssen.</p><p>�Und was kann ich tun?�, lie� sich nun Marri vernehmen.</p><p>�Ihr habt schon genug getan�, erwiderte Tris. �Wenn Euch hier drau�en jemand sieht, wird man Euch f�r Laeths Ausbruch zur Verantwortung ziehen, dessen bin ich mir sicher. Ein Delikt, das die Todesstrafe nach sich ziehen wird, auch f�r Angeh�rige des Adelsstandes. Wenn Ihr wollt, k�nnt Ihr hier auf seine R�ckkehr warten, bevor ich Euch unbemerkt zur�ckbringe.�</p><p>Sie wirkte entt�uscht, doch schlie�lich nickte sie. Rialla vermutete, dass sie nur zustimmte, weil sie wusste, dass sie im Zuge von Laeths Befreiung mehr Belastung als Nutzen darstellen w�rde, und nicht, weil sie um ihre eigene Sicherheit f�rchtete.</p><p>�Habt Ihr irgendwelche Waffen hier?�, fragte Rialla. �Das Einzige, was ich aus Sianim mitgebracht habe, war ein Messer, und das liegt noch in Laeths Gem�chern auf Westholdt.�</p><p>�Alles, was meine Dame w�nscht�, erwiderte der Heiler galant, w�hrend er auf die vert�felte Wand zuging.</p><p>Nur leicht ber�hrte er das Holz; schon bewegte sich eines der Paneele so weit nach vorn, dass Tris es auf verborgenen Schienen ganz hinter die Verkleidung gleiten lassen konnte. Dahinter erschien eine gro�e Reisetruhe, die fast den ganzen Boden des Geheimraums einnahm, doch ringsum hingen und standen Waffen, die meisten davon Fernwaffen.</p><p>Rialla sah Tris zweifelnd an. �Sieht aus wie der wahrgewordene Traum eines Wilderers. Und ich dachte immer, Heiler w�ren dem Gesetz verpflichtete B�rger ��</p><p>Er hob die Schultern. �Nun ja, ich war nicht immer Heiler. Und die Wilderei hab ich erst in letzter Zeit f�r mich entdeckt. Wie dem auch sei: Das meiste hier ist f�r den Kampf ungeeignet, aber da sollte auch das eine oder andere Messer dabei sein, vielleicht sogar ein Schwert.�</p><p>Und tats�chlich, im Geheimraum fand sich ein Schwert, allerdings schwerer als alles, was Rialla jemals in H�nden gehalten hatte, aber es w�rde gehen. Auch musste sie sich einen von Tris� G�rteln ausleihen, damit sie sich �berhaupt mit der Waffe ausr�sten konnte. Eine Weile k�mpfte sie mit dem geflochtenen Leder, bis sie sich den Gurt schlie�lich zweimal um die H�fte schlang. Das ganze Schwertgeh�nge sa� nun eigentlich zu hoch, um die Waffe schnell ziehen zu k�nnen, aber sie konnte es sich nicht leisten, hier kleinlich zu sein.</p><p>Sie borgte sich auch eine dunkle Tunika und ein Paar unauff�llige Hosen aus, denn ihre Sklavenkleidung war zu hell f�r die anstehende Aufgabe. Und obwohl alles viel zu gro� war und sie den Stoff hier und da mit Schn�ren sowie Tris� G�rtel an Ort und Stelle halten musste, mochte diese Aufmachung ihren Anspr�chen gen�gen.</p><p>Tris nahm aus dem Geheimraum einen knorrigen Stab f�r sich, der an beiden Enden mit Metall verst�rkt war, und verschloss dann wieder die �ffnung in der Holzwand. Und obwohl sie wusste, dass da einmal eine T�r gewesen war, konnte Rialla deren Umrisse in der Vert�felung nirgends mehr entdecken.</p><p>Zusammen mit Tris verlie� sie die H�tte, w�hrend Marri allein im Schlafraum zur�ckblieb.</p><p>Der Vorraum der H�tte, der gleichzeitig als des Heilers Arbeitszimmer diente, war so pr�chtig, wie das Schlafzimmer spartanisch war. In die drei Au�enw�nde waren gro�e Fenster eingelassen worden, die das ged�mpfte Mondlicht hereinlie�en. An jedem freien Stellplatz standen Regale unterschiedlichster Gr��e, in denen sorgf�ltig beschriftete Ton- und Holzbeh�lter untergebracht waren. B�ndelweise hingen so viele Pflanzen und Kr�uter von der Decke, dass man sich fast wie im Dschungel f�hlte, und Tris musste den Kopf einziehen, als er durch den Raum ging.</p><p>Vor der T�r geleitete Tris Rialla hinter die H�tte in den angrenzenden Wald. �Hier gibt es einen Pfad, der bis zur Feste reicht�, erkl�rte er knapp.</p><p>Rialla konzentrierte sich auf den Weg, bis der Untergrund weniger holprig wurde. �Wie wollt Ihr Laeth da herausbekommen?�, fragte sie.</p><p>�Mit Raffinesse und einem Hauch von Magie�, erwiderte er. �Hast du dir was zu den Pferden �berlegt?�</p><p>Rialla nickte. �Ich werde sie durch das Tor des Herolds herausbringen.�</p><p>�Ohne die Wachen aufzuschrecken?�, hakte er nach.</p><p>Sie l�chelte ihn an. �Ihr erledigt Euren Part, ich k�mmere mich um meinen.�</p><p>Von da an sprachen sie nicht mehr. Rialla w�nschte, sie h�tte bei ihrem Besuch auf der Feste �berpr�ft, wo genau in den Stallungen ihre Pferde standen, doch sie war zu sehr damit besch�ftigt gewesen, die Sklavin zu spielen.</p><p>Sie erreichten die Mauer der Feste, bevor sie bereit war. Hoch ragte sie �ber ihren K�pfen auf; wieder eine von Karstens Verbesserungsma�nahmen. Rialla ber�hrte die frisch geschnittenen, blassen Steinbl�cke, ertastete die Ecken. Die Mauer war dazu gedacht, einer ganzen Armee standzuhalten, doch sie war noch nicht ganz fertiggestellt. Mithilfe der kleinen Fugen zwischen den Bl�cken konnte man sie m�helos auch ohne Leiter erklimmen. Rialla hob die Arme, umklammerte fest die Oberkante eines der Steinquader.</p><p>�Warte�, sagte Tris so leise, dass man ihn jenseits der Mauer nicht w�rde h�ren k�nnen. Dann ber�hrte er sacht ihr Haar und schloss die Augen. Als er sie wieder �ffnete, sah er sie aufmerksam an, dann nickte er. Rialla zog sich eine ihrer Haarstr�hnen vors Gesicht, um sie in Augenschein zu nehmen, dann lie� sie die nun pechschwarze M�hne wieder �ber die Schultern fallen.</p><p>�Eine Illusion�, sagte er. �Einfach, aber so effektiv, dass sie die ganze Nacht lang halten wird.�</p><p>Rialla nickte und begann zu klettern. Tris w�hlte einen anderen Abschnitt an der Mauer und tat es ihr gleich. Oben angekommen bemerkte Rialla, dass die Wehrg�nge, auf denen man an der gesamten Befestigung entlanglaufen konnte, noch nicht angebracht worden waren. So war der Abstieg auf die andere Seite ein Kinderspiel.</p><p>Als sie wieder festen Boden unter den F��en hatten, waren sie gleich viel sicherer. Obwohl es noch fr�h am Morgen war, konnte man hier viel leichter eine plausible Erkl�rung daf�r liefern, warum man in der Dunkelheit umherwanderte, falls man auf einen Bewohner der Feste traf.</p><p>�Ich hole die Pferde und treffe Euch dann bei der H�tte�, schlug Rialla mit ged�mpfter Stimme vor.</p><p>Tris nickte und erwiderte ebenso leise: �Ein Treffpunkt, der so gut ist wie jeder andere auch. Wenn ich vor Morgengrauen nicht zur�ck bin, nimm die Frau mit dir nach Sianim. Viel Gl�ck auf deinem Weg, T�nzerin.� Er wandte sich dem Turm zu und ging.</p><p>�Euch ebenso�, sie war sich nicht sicher, warum, als sie hinzuf�gte: �Gestaltwandler.�</p><p>Er hielt abrupt inne, fuhr herum und sah sie an. Einen Moment lang sah sie so etwas wie � Wildheit in seinem Gesicht. Aber dann war der Eindruck auch schon wieder verflogen, und er knurrte sie mit einem Lachen in den Augen an. �Wei�t du so viel �ber Gestaltwandler, dass du mich schon nach unserer kurzen Begegnung so zu nennen wagst?�</p><p>Rialla zuckte die Achseln und meinte leichthin: �Die Frau, die mich �Drachenraub� lehrte, soll Ger�chten zufolge auch eine Gestaltwandlerin sein. Sie nannte das Spiel <emphasis>Taefil Ma Deogh</emphasis>.� Rialla wusste, dass sie kaum imstande war, die Worte korrekt auszusprechen, aber sie war sich sicher, dass Tris sie verstand. �Sie hat zwar nie <emphasis>gesagt</emphasis>, dass sie eine Gestaltwandlerin ist, es aber auch nie abgestritten. Davon abgesehen hatte ich lange genug mit menschlichen Magiern zu tun, um zu wissen, dass die Humanmagie sich nicht allzu gut f�r das Heilen eignet.�</p><p>�Ich bin kein menschlicher Zauberer�, gab Tris zu. �Aber auch kein Gestaltwandler, wiewohl meine Leute zu einer weit entfernten Sippe geh�ren. <emphasis>Taefil Ma Deogh</emphasis> ist ein sehr altes Spiel und unter meinesgleichen gut bekannt.�</p><p>�Was seid Ihr dann?�</p><p>Wieder sch�ttelte er den Kopf. �Nichts, von dem du Kenntnis hast. Wir waren eine zu lange Zeit zu wenige. Falls wir diese Nacht hier �berleben, erz�hle ich dir vielleicht von meinem Volk.�</p><p>Rialla drehte sich auf dem Absatz herum, machte sich auf den Weg in Richtung St�lle und murmelte dabei vor sich hin: �Wenn dieser Mann noch eine kryptische Bemerkung macht, ist es gut m�glich, dass er diese Nacht <emphasis>nicht</emphasis> �berlebt ��</p><p>Sie fand, dass es verd�chtiger aussah, wenn sie hier herumschlich, also ging sie selbstbewusst an den zusammengezimmerten Gehegen vorbei, die f�r die Tiere des niederen Adels errichtet worden waren. Es klappte, zwei Wachm�nner, die ihre Runden zogen, nahmen keine Notiz von ihr.</p><p>Als sie den Hauptstall erreichte, schwitzte sie vor Angst und schwor sich, wenn das alles vorbei war, nur noch Pferde auszubilden. Bevor sie eintrat, hielt sie inne.</p><p>Pferde waren von Natur aus empathische Gesch�pfe. Wenn sie die Verschl�ge voller Furcht betrat, w�rden die Tiere, mehrheitlich Kriegsr�sser, mehr als unruhig werden. Sie schloss die Augen, beruhigte ihre Atmung, sog tief die nach Pferd und Heu duftende Luft ein und versuchte sich vorzustellen, dass sie sich in den wohlvertrauten St�llen von Sianim befand.</p><p>Von ihrem ersten Besuch her war Rialla die Aufteilung der Stallungen noch bekannt. Es gab je eine Reihe Verschl�ge an den beiden �u�eren W�nden und im gro�z�gigen Zentrum des Geb�udes Futterst�nde und Raufen. Das Sattel- und Zaumzeug wurde im Gang zwischen Boxen und Futterst�nden aufbewahrt und damit weit genug von den untergestellten Pferden entfernt, dass sie nicht am salzigen, schwei�durchtr�nkten Leder knabbern konnten. Rialla vermutete, dass sie ihre eigenen Pferde an den Futterst�nden finden w�rde, da die Boxen normalerweise den Tieren der Burgbewohner vorbehalten waren.</p><p>Im Stallgeb�ude war es dunkel, und Rialla blieb ein Weilchen hinter der T�r stehen, damit sich ihre Augen an die sp�rlichen Lichtverh�ltnisse gew�hnen konnten. Ein paar in der N�he stehende Pferde bewegten sich nerv�s in ihren Verschl�gen in Anbetracht der ihnen unbekannten Pr�senz. Behutsam griff sie mit ihrer Gabe nach den Tieren, versicherte ihnen, dass von ihr keine Gefahr ausging.</p><p>Vorsichtig ging sie weiter in den Stall hinein, bis ihre Hand den ersten Pflock der Futterst�nde im Zentrum des Geb�udes ber�hrte. Jetzt, kurz vor der Morgend�mmerung, waren die Pferde in ihren Boxen nicht mehr als dunkle Schatten, und Rialla musste sich ganz auf ihre Empathie verlassen, um die richtigen Tiere ausfindig zu machen. Sie selbst hatte Laeths Wallach, Eisenherz, ausgebildet, nicht aber die Stute, auf der sie hergeritten war. Nat�rlich h�tte sie auch die beiden erstbesten Tiere nehmen k�nnen, die hier herumstanden, aber Sianims Pferde waren nun einmal am ausdauerndsten und am besten ausgebildet.</p><p>Die meisten Tiere ignorierten ihre Anwesenheit, schliefen tief und fest auf ihrem Bett aus sauberem Stroh. Am Futterstand ging eine �ltere graue Stute ein paar Schritte mit Rialla, wohl auf einen Apfel hoffend. Rialla kraulte das Tier am Kieferknochen, genau dort, wo es juckte, und entschuldigte sich im Stillen bei ihm daf�r, dass sie ohne Leckerbissen gekommen war.</p><p>Ihre Pferde standen in einem Verschlag am Ende des Stallgeb�udes. Die Stute d�ste vor sich hin, doch Eisenherz nickte ihr ruhig zu, um sie zu begr��en. Rialla tastete nach S�tteln und Zaumzeug und sattelte die beiden noch in ihren Boxen.</p><p>Als sie die Tiere so leise wie m�glich herausf�hrte, murmelte Rialla in einem fort Worte der Beruhigung in Richtung der anderen Pferde. Sie seufzte vor Erleichterung, als sie das Stallgeb�ude ohne Vorkommnisse verlassen hatte.</p><p>Es gab nur einen Weg, um die beiden Pferde aus der Feste zu schmuggeln. Das Haupttor war des Nachts stets verschlossen und abgeriegelt, aber an der anderen Seite des Wachhauses lag das Tor des Herolds. Das Tor war eigentlich ein enger Tunnel, der durch die Mauer hindurchf�hrte, dazu gedacht, Boten durchzulassen, falls das Haupttor nicht ge�ffnet war. An jedem Ende des Tunnels befand sich eine schwere Metallt�r, die sowohl verschlossen als auch verriegelt war.</p><p>Es gelang Rialla, die Pferde ungesehen an der Mauer entlangzuf�hren, was allerdings eher Gl�ckssache als K�nnen war. Als sie sich dem Wachhaus n�herte, griff sie mit ihrer Gabe hinaus und stellte fest, dass jeder der M�nner entweder drinnen besch�ftigt oder sich irgendwo an der Mauer die Beine in den Bauch stand. Wenn auch nur einer von ihnen Verdacht sch�pfte, musste sie sich einen anderen Weg suchen; doch alle Wachhabenden wirkten gelangweilt und tr�ge. Und so brauchte es nicht viel, um sie in Schlaf zu versetzen.</p><p>Sie musste selbst g�hnen, dann lie� sie die Pferde einen Moment lang los und durchsuchte die Wachen. Endlich hatte sie den gro�en Eisenring mit den Schl�sseln gefunden.</p><p>Rialla �ffnete die ersten Eisent�r und durchquerte den Tunnel, um die zweite T�r, die nach drau�en f�hrte, ebenfalls aufzuschlie�en. Es war wohl einfacher, die Pferde dazu zu bewegen, den Tunnel zu betreten, wenn am Ende ein wenig Licht zu sehen war. In dem Moment erkannte sie, dass der Boden im Tunnel mit einem Gitterrost bedeckt war, das von einem Paar Holzpfl�cken an Ort und Stelle gehalten wurde. Die Pferde dar�ber zu f�hren, w�rde eine ziemliche Herausforderung darstellen, vom Krach, den das alles verursachte, ganz zu schweigen.</p><p>Die Stute machte einen ersten Schritt in den Tunnel hinein, wich aber sofort zur�ck, als ihr Hufeisen ger�uschvoll das Metall ber�hrte. Das Wei�e im Auge des Tiers blitzte im Dunkeln gef�hrlich auf, die Ohren zuckten angespannt hin und her. Selbst, als Rialla ihre Gabe zu Hilfe nahm, lie� sich die Stute nicht zum Weitergehen bewegen.</p><p>Sie schickte beruhigende Gedanken an das Tier, zog es ein wenig zur�ck und legte ihm die Z�gel eng um den Hals, sodass es nicht darauftreten konnte. Obwohl die Stute, im Gegensatz zu dem Wallach, nicht dazu ausgebildet worden war, auf verbale Kommandos zu h�ren, hielt sie sich instinktiv nah an das andere Pferd.</p><p>Rialla hatte es mit der Stute zuerst versucht, weil diese zierlicher gebaut war. Selbst als sie Eisenherz die Steigb�gel �ber den Sattel legte, um die Breite des Tiers einzuschr�nken, f�rchtete sie, dass sein Rumpf an den Seitenw�nden des Durchgangs entlangschleifen k�nnte.</p><p>Als sie Eisenherz zum Eingang des Tunnels f�hrte, lie� er den Kopf h�ngen und schnaubte in Richtung des seltsamen Bodens vor sich. Unter Zuhilfenahme ihrer Empathie und schmeichelnder Worte trat Rialla einen Schritt zur�ck, zog einmal am Z�gel und lie� ihn dann wieder locker.</p><p>Vorsichtig setzte der Wallach einen Huf auf das Eisengitter und legte bei dem fremden Ger�usch, das dabei entstand, sofort die Ohren an. Wenig hilfreich war dabei auch, dass das Gitter leicht nachgab, doch Rialla hatte ihn gut genug trainiert, und so konnte er darauf vertrauen, dass sie ihm nicht wehtun w�rde. Eisenherz kam zu dem Schluss, dass der Boden ihn tragen w�rde, und folgte ihr widerstandslos. Als er aus dem zweiten Durchlass trat, fand er einen Streifen Gras und begann zu fressen.</p><p>Rialla befahl ihm, auf sie zu warten, und machte sich wieder auf den Weg durch den Tunnel. Doch noch bevor sie die erste T�r erreicht hatte, schoss die Stute schnaubend und mit klirrenden Hufen an ihr vorbei, um ihren Begleiter auf der anderen Seite zu erreichen.</p><p>Eine offenstehende T�r w�rde sofort Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn die Wachen wieder zu sich kamen. Wenn sie sie wieder verschloss, konnte es noch bis zum Morgengrauen dauern, bis jemand �berhaupt bemerkte, dass Laeth geflohen war. Da traf es sich gut, dass auch an diesem Teil der Mauer noch Arbeiten im Gange waren, sodass das Ger�st an der Au�enseite als Fluchthelfer f�r Rialla dienen konnte.</p><p>Also verschloss sie die zweite und auch die erste Eisent�r hinter sich, schmuggelte den Schl�sselring wieder in die Tasche der schlafenden Wache und machte sich daran, die Mauer zu �berwinden.</p><p>Im Gegensatz zu dem Abschnitt, den sie beim Eindringen auf das Burggel�nde genommen hatte, gab es hier einen frisch errichteten Wehrgang. Der Wachmann, der auf dem neu hochgezogenen Treppenaufgang schlief, bewegte sich unruhig, als Rialla sich ihm n�herte. Er war ein Veteran, der w�hrend der Pflichtaus�bung niemals schlief, egal wie ereignislos die Schicht verlief. Sie verst�rkte ihre Beeinflussung auf den Mann, um sich mehr Zeit zu verschaffen.</p><p>Gerade als sie ihren Schutzschild herunterlie�, um den Schlaf noch einmal auf alle anderen Wachen zu projizieren, starb in ihrer N�he jemand auf eine unerfreuliche, nein, grausame Art und Weise. Rialla versuchte das Ereignis auszublenden, doch es gelang ihr nicht rechtzeitig. Und so vernahm sie noch das Schreien der Wachen im Angesicht des Todeskampfes ihres Kameraden. So viel zur unbemerkten Flucht �</p><p>Sie h�tte geflucht, wenn sie nur die Zeit dazu gehabt h�tte.</p><p>Die erste Wache, die aus ihrem Schlummer erwachte und sie angriff, war unerfahren und hielt sie nur kurz auf, w�hrend sie auf die Stufen zurannte. Schon sank der junge Mann erneut hin und w�rde wohl erst morgen mit schlimmen Kopfschmerzen wieder erwachen. Sie hatte die Treppe noch nicht ganz erreicht, da st�rmten zwei weitere M�nner aus dem Wachhaus. Sie trennten sich, um sie in die Zange zu nehmen � der eine erklomm flink die ersten Stufen zum Wehrgang, um sich aufgrund der H�he einen Vorteil zu verschaffen. Rialla rannte schnurstracks auf ihn zu, schlug dann unvermittelt einen Haken und duckte sich unter dem Schlag hinweg, den ihr der Mann hinter ihr versetzen wollte.</p><p>Nachdem sein Hieb ins Leere gegangen war, geriet der Wachmann ins Straucheln und stolperte unkontrolliert vorw�rts. Mit einer anmutigen R�ckhand versetzte ihm Rialla mit ihrem Schwertknauf einen Schlag auf den Kopf und drehte sich mit einem strahlenden L�cheln zu dem zweiten Wachmann um, der noch immer auf den ersten Stufen der Treppe stand.</p><p>Er hatte offenbar mit einem schnellen Sieg gerechnet und starrte nun einigerma�en fassungslos auf den am Boden liegenden Schemen seines Kameraden. Rasch wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Rialla zu und machte Anstalten, die Treppe wieder hinabzusteigen. Im n�chsten Moment lag er am Boden, nachdem sie ihn mit der flachen Seite ihres Schwerts von den F��en geholt hatte. Ihn musste sie nicht bewusstlos schlagen, das hatte er schon selbst erledigt. Keuchend rannte Rialla die Stufen bis zum Wehrgang hinauf, nur um dort auf den Krieger zu treffen, der sie schon erwartete.</p><p>Die ersten drei M�nner waren kampfunerfahren und sich nicht bewusst gewesen, gegen wen sie angetreten waren. Dieser Mann jedoch hatte zugesehen, wie sie seine Kameraden erledigt hatte, und erkannt, dass sie eine Sianim-Ausbildung genossen haben musste. Und Rialla brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass das auch auf ihn zutraf.</p><p>Er war gut, aber sie war besser, doch nicht so viel besser, um hinter ihn zu gelangen und ihn au�er Gefecht zu setzen. Etliche Male h�tte sie ihn t�dlich verwunden k�nnen, aber sie konnte sich nicht dazu �berwinden, den finalen Schlag auszuf�hren. Nicht weil sie zimperlich war, sondern weil sie sich noch gut daran erinnern konnte, wie es sich angef�hlt hatte, einen Mann zu t�ten, als ihre Gabe kaum funktionst�chtig war. Bei f�rmlich heruntergelassenem Empathie-Visier zu morden war daher etwas, das sie lieber nicht ausprobieren wollte.</p><p>Wenn sie den hier t�tete, bestand die reelle M�glichkeit, dass sie sich dabei gleich mitt�tete. Schon jetzt hatte sie dank der drei �bereifrigen Wachm�nner, die hinter ihr im Staub lagen, m�rderische Kopfschmerzen.</p><p>Der Mann, der jetzt gegen sie k�mpfte, wusste genauso gut wie sie, dass sie die bessere Schwertk�mpferin war, und sie konnte sp�ren, wie er dar�ber nachdachte, was wohl aus seiner Familie wurde, wenn er starb. Seine junge Frau hatte gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Um die Witwe eines Wachmanns k�mmerte sich kein Mensch, und das bereitete ihm Sorgen.</p><p>Sie mochte vielleicht die bessere Schwertk�mpferin sein, aber er war der St�rkere, und allm�hlich machte sich eine tiefe Ersch�pfung in ihr breit � vielleicht ein Effekt von Tris� Heilung, wie er es ja schon vorausgesagt hatte. Wenn sie den Kampf also nicht bald beendete, w�rde sie ihn am Ende noch verlieren.</p><p>Ihre Z�ge verzerrten sich vor Anspannung, und sie begann, den Wachmann die Stufen hinaufzuzwingen. W�hrend sie k�mpfte, griff sie sacht mit ihrer Gabe um sich und erreichte eine Pr�senz, von der sie wusste, dass es sich um Tris handelte. Erst sp�ter w�rde sie sich dar�ber wundern, warum sie ihn einfacher hatte erreichen k�nnen als Laeth.</p><p>Schwei� rann ihr in den Nacken, und sie bef�rchtete, nicht genug Ausdauer f�r das zu haben, was sie nun versuchen wollte. Der Wachmann erreichte den oberen Treppenabsatz, stolperte, als er auf die n�chste Stufe treten wollte, die es indes gar nicht gab. Rasch fing er sich, doch sein Straucheln gab Rialla den erwarteten Vorteil, sodass nun beide auf der Festungsmauer standen. Die h�lzernen Planken des Wehrgangs knarzten unter ihren F��en. Wenn sie noch lange gegeneinander k�mpften, w�rde irgendjemand nach oben sehen und sie entdecken.</p><p>�ngstlich wartete sie darauf, dass Tris die Feste verlie�, und bemerkte gleichzeitig, dass ihr verwundetes Bein allm�hlich erste Ausfallerscheinungen zeigte. Ihr Schwertarm schmerzte unter den angeblockten Schl�gen des Wachmanns. Er schien Hoffnung zu sch�pfen, den anbrechenden Tag doch noch zu erleben, obwohl er sich fragte, warum sie ihn nicht erledigt hatte, als er auf der Treppe ins Straucheln geraten war. Die Brustwehr war mit Zinnen versehen, damit Bogensch�tzen durch die Scharten schie�en und sich danach hinter den gemauerten Aufs�tzen verstecken konnten. Und obwohl die Mauerbr�stung ein gutes St�ck �ber Riallas Kopf hinausreichte, waren die Scharten nur h�fthoch. Als sie wusste, dass Tris sicher aus der Burg heraus war � mit hoffentlich Laeth an seiner Seite �, t�uschte Rialla ihren Gegner. Die Wache machte einen R�ckzieher und verschaffte ihr so den Platz, den sie brauchte, um in das Zinnenfenster zu springen und sich auf der anderen Seite herabfallen zu lassen. Sie landete auf der absch�ssigen Wehrplattform.</p><p>Sie rutschte abw�rts bis zum Boden, rief Eisenherz mithilfe ihrer Gabe zu sich. Erst als sie aufgesessen hatte und in den Schutz der W�lder ritt, erlaubte sie es sich, zur�ckzusehen, um zu �berpr�fen, ob der Wachmann ihr gefolgt war. Als sie niemanden entdecken konnte, nahm sie an, dass er mit dem schweren Kettenhemd keinen Sprung von der Zinne hatte wagen wollen und stattdessen lieber Alarm geschlagen hatte.</p><p>Das weithin h�rbare Bimmeln von Westholdts Sturmglocken verfolgte sie bis in die W�lder.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Nachdem sich Rialla in Richtung Stallungen aufgemacht hatte, hatte sich Tris vorsichtig durch den Burghof geschlichen und sich dabei hinter jedes Hindernis geduckt, das ihm Tarnung bieten konnte. Es war ganz so, wie wenn er in den W�ldern auf die Pirsch ging. Er war auf Westholdt zu bekannt, um geradewegs sein Ziel anzusteuern, wie es Rialla getan hatte, doch die Verstohlenheit war seine zweite Natur, und er kam auf diese Weise kaum langsamer voran als seine Begleiterin. Am�siert stellte er fest, dass er die Herausforderung dieses Abenteuers genoss wie ein kleiner Junge.</p><p>Das h�chste Geb�ude auf Westholdt, der Turm, stand zwischen der Burgmauer und der Feste und warf einen Schatten auf das rechteckige, nahegelegene Wachhaus. Obwohl der Bergfried �lter war als jedes andere Bauwerk rund um Westholdt � er stammte noch aus der Zeit der urspr�nglichen Festungsanlage �, standen die alten Buckelquader, aus denen er errichtet worden war, noch immer schwer und fest an ihrem Platz.</p><p>Tris war gerade in den Schatten des Wachhauses gehuscht, als eine M�nnerstimme ihn erstarren lie�. Er versuchte, flach zu atmen, und presste seinen K�rper eng an die grob behauene Holzwand, w�hrend drei Wachleute nah an ihm vorbeigingen. Zu nah f�r Tris� Geschmack, der angesichts der sauren Wolke, welche die M�nner umwehte, die Nase krauszog. Er wartete, bis die drei in ihrem Wohnquartier verschwunden waren, bevor er sich wieder aus der Dunkelheit hinauswagte und die kurze Strecke zur�cklegte, die den Turm von dem Wachhaus trennte.</p><p>Im Turm selbst gab es keine T�r, nur einen weiten, offenen Durchgang; darin ein Wachmann, der in die Nacht hinausstarrte. Es war ein junger Bursche, den die nerv�se Aura des frischen Rekruten umgab. Seine Hand ruhte am h�lzernen Griff seines Schwertes, den er immer wieder fest umschloss.</p><p>Tris beschwor seine Magie, summte dabei leise, um seine Macht zu verst�rken. Als die Magie kam, warf er sie sich �ber wie einen Umhang aus Stille und Dunkelheit. Ungesehen schl�pfte er so zwischen Wachmann und Durchgang ins Innere des Turms.</p><p>Der Bereich im Untergeschoss war beengt und schmucklos; durch die hohe Decke wirkte er fast leer. Er wurde durch eine Reihe Fackeln erhellt, die tanzende Schatten gegen die steingrauen W�nde warfen.</p><p>In der Mitte des Raums ragte ein steinerner Hohlzylinder mit einem weiteren Durchgang in die H�he; darin konnte Tris die enge Wendeltreppe erkennen, die nach oben f�hrte. Gleich neben dem zentralen St�tzpfeiler der Treppe sa� ein Mann auf dem Boden, der erfahrener wirkte als sein Kamerad am Turmeingang. Geduldig schliff er die Klinge eines Messers mit einem Stein.</p><p>Tris bewegte sich entlang der Wand und erstarrte auf der Stelle, als der Mann am Treppenaufgang pl�tzlich aufsah und direkt in seine Richtung starrte. Offenbar hatte ihm sein Instinkt mitgeteilt, dass sich etwas an der Atmosph�re im Untergeschoss ge�ndert haben musste.</p><p>�Nar!�, rief pl�tzlich die Wache vom Eingang. �Da drau�en ist was!�</p><p>Der Veteran seufzte und legte den Wetzstein beiseite. Leichtf��ig stand er auf und ging ohne besondere Eile zu dem Wachposten beim Turmzugang. Tris ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und spurtete im n�chsten Moment in die Sicherheit des Treppenhauses.</p><p>Die Oberfl�che der steinernen Treppenstufen war unregelm��ig abgenutzt, und er war dankbar f�r die weichen Sohlen seiner Schuhe, mit deren Hilfe er sich sicher nach oben tasten konnte. Die gewundene Treppe und der sie umgebende massive Steinzylinder lie�en Tris, der weite W�lder statt bedr�ckende Wehrkonstruktionen bevorzugte, sich au�erordentlich unwohl f�hlen.</p><p>Da der Turm sehr hoch war, brauchte er zwei ganze Umdrehungen auf der Wendeltreppe, bis sich ein weiterer Durchgang in das erste Obergeschoss �ffnete. Aus dem, was Tris erkennen konnte, schloss er, dass diese schwach erleuchtete Kammer vom Grundriss her genauso aussah wie das Untergeschoss. Ein fahler Mondlichtstrahl fiel durch einen Fensterschlitz nahe der Decke, doch das meiste Licht im Raum r�hrte von einer kleinen �llampe her.</p><p>Auf einer Bank nahe der Au�enmauer hatte es sich ein Wachmann bequem gemacht, der im tr�ben Licht an einem kleinen St�ck Holz herumschnitzte. Die Lampe selbst stand auf der Armlehne eines Stuhls und war dort mit dicken Lederriemen fixiert worden. Der Raum war angef�llt mit verschiedenen Werkzeugen, mit deren Hilfe man Gefangenen ein Gest�ndnis �entlocken� konnte.</p><p>Tris schlich weiter die Wendeltreppe hinauf, die immer enger wurde, sodass bald nur noch eine Handbreit Platz war zwischen seiner Schulter und der Mauer des Treppenhauses. Das letzte Licht vom darunterliegenden Stockwerk verblasste, bis selbst Tris� ausgezeichnete Nachtsicht nicht mehr von Nutzen war und er sich mit jeder neuen Stufe immer verlorener f�hlte.</p><p>Sein Aufstieg endete mit einer Fallt�r, die in den Boden des �ber ihm liegenden Stockwerks eingelassen worden war. Was Tris wiederum nur feststellte, weil er sich an ihr den Kopf stie�. Sein Zauber reichte, um den Krach zu absorbieren, half aber nicht, den Schmerz zu unterdr�cken. Er tastete den Rand der Fallt�r mit den H�nden ab, bis er einen einfachen h�lzernen Riegel ber�hrte, den er �ffnete. Er konnte die herabfallende Klappe gerade noch abfangen, bevor er sich ein zweites Mal den Kopf stie�.</p><p>Nachdem er die letzten Stufen durch die Luke erklommen hatte, fand sich Tris in einem kleinen runden Raum wieder. Er trat ein und zog die Fallt�r hinter sich zu. An der Oberseite gab es einen Riegel, obwohl dieser hier so konstruiert war, dass ein fester Ruck von unten ihn zerbrechen konnte.</p><p>Zufrieden, dass die Klappe gesichert war, befreite sich Tris von Schatten und Stille und beschwor ein Magierlicht, um sich ein wenig umzusehen.</p><p>Vier schwere, verriegelte und eisenbeschlagene Eichent�ren waren in regelm��igen Abst�nden in diesem Raum zu erkennen. Er �ffnete den Mund, um zu rufen, �berlegte es sich aber doch noch anders.</p><p>Es gab keinen Grund anzunehmen, dass Laeth der einzige hier im Turm eingeschlossene Gefangene war. Je weniger L�rm er bei der Suche nach dem Darraner verursachte, umso problemloser w�rde dessen Befreiung ablaufen.</p><p>Tris ging auf die erste T�r zu und legte seine Stirn an das Holz. Stein war kalt und tot f�r ihn, doch Holz war ihm ein alter Freund. Auf seine Bitte hin gab die Eiche ihm ihre Geheimnisse preis und erlaubte es ihm zu entdecken, was jenseits der T�r lag.</p><p>Die erste Zelle war leer, und Tris ging zur n�chsten T�r. Als er seine Hand erhob, griff die Magie in dem k�hlen Metall nach ihm. Ein Menschenmagier hatte die Schl�sser verzaubert; kein gr�ner Magier h�tte dergleichen mit Eisen anstellen k�nnen.</p><p>Die hier verwendete Magie war Tris so fremd, dass er nicht einmal ihre Natur zu erfassen vermochte. Was er allerdings durchaus erkennen konnte, war, dass der Magier die Eiche mit seinem Spruch nicht verdorben hatte. Indem er wieder seine Stirn gegen das Holz legte, wagte er einen Blick in die Zelle.</p><p>Wenn die Person dort nicht Laeth war, so war sie doch ein Mann in seiner Gr��e und mit seinem Gewicht, der zudem noch die Kleidung eines Adligen trug. Zudem war der Gefangene an H�nden und F��en gefesselt. Der ganzen Sache hier musste ein h�sslicher Kampf vorausgegangen sein, denn man hatte viel M�he darauf verwendet, daf�r zu sorgen, dass sich der Insasse in seiner Zelle kaum mehr r�hren konnte.</p><p>Tris legte seine flache Hand auf die T�r und sang leise in seiner eigenen Sprache vor sich hin. Mit einem unendlich m�de klingenden Seufzer verwandelte sich das Holz in einen Haufen S�gesp�ne, bis nur noch die Metallriemen und das eiserne Schloss �brig waren.</p><p>Zu schnell blickte Laeth in das hereinfallende Licht und zog den Kopf zwischen die Schultern, um sich die geblendeten Augen trockenzuwischen.</p><p>Obwohl er in seiner jetzigen Lage ein ziemlich nutzloser, weil an H�nden und F��en gefesselter darranischer Edelmann war, war er doch auch ein ausgebildeter K�mpfer. Tris hatte in seinem Leben gen�gend Raubtiere getroffen, um zu wissen, dass sie in Gefangenschaft am gef�hrlichsten waren. Und so beschloss er, Laeth erst loszubinden, wenn dieser �berzeugt war, dass er einen Freund vor sich hatte.</p><p>Vorsichtig �ffnete Laeth seine Augen, nahm die fehlende T�r und das Magierlicht dahinter wahr und kam zu dem falschem Schluss. �Ich bin �berrascht, wie schnell Sianims Meisterspion von meiner Inhaftierung erfahren hat�, zischte er.</p><p>�Soweit ich wei�, hat er das gar nicht�, erwiderte Tris ruhig und zog die schwebende Lichtquelle ein wenig n�her an sich heran, damit Laeth ihn besser sehen konnte.</p><p>Die Augen des Darraners weiteten sich vor �berraschung, als er seinen Retter erkannte. Doch bevor er etwas sagen konnte, ert�nte in der Etage unter ihnen ein lautes Krachen.</p><p>Tris erstarrte und stellte fest, dass auch Laeth stocksteif dasa�. Sie warteten, doch es blieb alles still.</p><p>Schlie�lich stieg Tris �ber die Haufen mit S�gemehl in die Zelle; das Magierlicht folgte ihm. Er lehnte seinen Stab gegen die Wand und hockte sich neben den ramponierten Darraner, um sich seine Ketten genauer anzusehen.</p><p>Sie waren, wie f�r solche Objekte �blich, aus minderwertigem Eisen gefertigt, dennoch war Eisen einschlie�lich seiner veredelten Br�der ausgesprochen resistent gegen Naturmagie. Mit gen�gend Zeit w�re der Heiler gewiss imstande gewesen, die Ketten zu zerst�ren, aber die Zeit war im Moment nicht ihr Verb�ndeter.</p><p>Tris zog einen Schl�sselring aus seiner G�rteltasche und fand einen Schl�ssel, der in die Handschellen passte.</p><p>Eines Abends, nicht lang nach seinem Eintreffen in Tallonwald, hatte ein Mann an Tris� T�r geklopft, der offenbar schlimm zusammengeschlagen worden war. Er blieb zwei Tage bei dem Heiler und war dann so pl�tzlich verschwunden, wie er erschienen war. Tris hatte am n�chsten Morgen allerdings einen Schl�sselbund auf seinem Arbeitsplatz vorgefunden, offenbar gedacht als Bezahlung f�r seine Dienste. Als man sich in den Tagen danach erz�hlte, dass ein ber�chtigter Dieb aus dem Gef�ngnis von Westholdt geflohen sei, war Tris nicht gro� �berrascht.</p><p>Seither hatte sich der Eisenring mit den diversen Generalschl�sseln schon einige Male als �beraus n�tzlich erwiesen, sodass er ihn eigentlich st�ndig dabeihatte.</p><p>Die Handschellen waren �berm��ig eng angelegt worden und hatten die Blutzirkulation ins Laeths H�nden und F��en behindert. W�hrend Laeth nun versuchte, wieder Gef�hl in seine Gliedma�en zu bekommen, sah sich Tris ihn n�her an. Der Darraner hatte einige Bluterg�sse und Absch�rfungen, insbesondere wo das Metall in sein Fleisch geschnitten hatte, aber am schlimmsten schienen die Schwellungen an den Gelenken zu sein.</p><p>Tris griff nach Laeths H�nden, doch anstatt sie zu reiben, wie Laeth es versucht hatte, hielt er sie nur leicht und begann damit, das verletzte Gewebe zu heilen.</p><p>Der Darraner zog die H�nde zur�ck und starrte sie an � vermutlich, wie Tris am�siert feststellte, weil er sie noch nie hatte gl�hen sehen.</p><p>�Was ��, begann Laeth, doch dann riss er sich zusammen. Je weniger sie sprachen, desto besser; f�r alle offenen Fragen war sp�ter immer noch Zeit. Wenn sie es denn lebend aus der Feste schafften. Frustriert sah der Darraner den Heiler an, dann streckte er ihm erneut seine H�nde hin.</p><p>Tris widmete sich der Wiederherstellung von Laeths Gliedma�en. Sie war nicht so umf�nglich, wie sie es h�tte sein m�ssen, und Laeth hatte noch immer Schwierigkeiten, sich ohne Schmerzen zu bewegen. Bluterg�sse und Gelenksteife waren kompliziert, und sie hatten sich ohnehin schon viel zu lange hier aufgehalten.</p><p>Indem er den Darraner st�tzte, schaffte es Tris, ihn durch den Zelleneingang in den Vorraum zu geleiten. Dort lehnte er Laeth gegen die Mauer, holte seinen Stab, ber�hrte das S�gemehl mit dem Finger und konzentrierte sich.</p><p>Nach und nach begann der Holzstaub gelb zu schimmern, um sich dann wieder zusammenzusetzen. Wie ein Schwarm lebendiger Wesen glitt er hinauf zu dem Eisenrahmen, der die Holzbalken der T�r verst�rkt hatte, bis ein safranfarbener Vorhang an der Stelle hing, wo zuvor die Zellent�r gewesen war. Es folgte ein Ger�usch, wie wenn jemand mit den Fingern schnippte, und die solide Eichent�r hing wieder in den Angeln. Falls eine Wache hier oben nach dem Rechten sehen wollte, w�rde sie die T�r aufschlie�en m�ssen, um festzustellen, dass Laeth verschwunden war.</p><p>Tris brachte das Magierlicht zum Erl�schen und �ffnete die Fallt�r. Unten lag der Turm still und dunkel da.</p><p>Der Heiler musste Laeth die ersten Stufen der Wendeltreppe hinabhelfen. Mit dem schweren Stab und dem noch schwereren Darraner im Arm war das eine ziemliche Plackerei. Sobald der Adlige wieder etwas standsicherer war, lie� Tris ihn los und ging auf der Treppe voran.</p><p>Nach der ersten Umrundung bedeutete der Heiler Laeth zu warten und stieg alleine weiter hinab. Er hatte vor, sich um die Wache auf dem Zwischengeschoss allein zu k�mmern, sodass sie es nur noch mit den beiden im Untergeschoss aufnehmen mussten. Als er den ersten Stock erreichte, stellte er fest, dass sich hier etwas ver�ndert hatte. Die �llampe brannte nicht mehr, und das blasse Mondlicht, das durch die schartenartigen Fenster fiel, beschien eine verwaiste Sitzbank. Der Rest des Raums lag im Dunkeln.</p><p>Er hatte gehofft, die Wache hier allein zu �berw�ltigen und so das Risiko eines Hilferufs auszuschlie�en. Doch der Mann war nicht mehr hier. Er w�rde Laeth holen m�ssen �</p><p>Tris hatte schon den ersten Schritt die Treppe hinauf gemacht, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte.</p><p>Er verhielt sich mucksm�uschenstill, lauerte auf das schwache Ger�usch, auf das er nun instinktiv wartete. Etwas knallte in ein M�belst�ck, schob es dabei ein St�ck �ber den Boden. Tris duckte sich tief und hoffte, der Entdeckung zu entgehen. Seine neue Position erlaubte ihm einen Blick unter den Tisch und auf die Quelle des Ger�uschs, das ihn urspr�nglich alarmiert hatte.</p><p>Der kleine Windsto�, der durch die Fensterluke hereindrang, trug den typischen fauligen Gestank des Sumpfes und den s��lichen Geruch frischen Blutes zu ihm. Wie es schien, war ein weiteres Sumpfmonster in Westholdt unterwegs. Was nur bedeuten konnte, dass jemand ganz sichergehen wollte, dass Laeth sein Rendezvous mit dem Tod auch nicht verpasste.</p><p>Kniend und die Augen so schmal zusammengekniffen, dass das Wei�e im Dunkeln nicht verr�terisch aufleuchtete, wartete Tris. Pl�tzlich ruckte die Leiche des Wachmanns ein St�ck �ber den Boden, als die M�rderkreatur ihren Griff wechselte, und der Heiler sah zum ersten Mal, womit genau er es zu tun hatte.</p><p>Irgendjemand hatte ihm einmal erz�hlt, dass die meisten Sumpfkreaturen von den Menschenzauberern der Fr�hzeit erschaffen worden waren � jenen, die mit ihrer unkontrollierten Magie fast die gesamte Welt zerst�rt hatten. Das Biest, das am Hals des toten Mannes saugte, war eindeutig unnat�rlichen Ursprungs. Tris konnte die Verkehrtheit dieses Gesch�pfs fast k�rperlich sp�ren, etwas, das selbst das gef�hrlichste Raubtier nicht in ihm auszul�sen imstande war.</p><p>Aus der Ferne sah die Kreatur aus wie eine �ppige nackte Frau. Doch Tris war ihr nah genug, um die spitzen Ohren und die fleischfarbenen Kiemen an ihrem Hals zu erkennen. Und dass ihr das seidige lange Haar nicht nur aus dem Kopf, sondern auch aus dem R�cken wuchs.</p><p>Die messerscharfen Krallen an ihren H�nden und F��en waren einziehbar und glitten vor und zur�ck, w�hrend sie sich an der Leiche g�tlich tat. Die Augen waren fast gen�sslich geschlossen.</p><p>Etwas am Hals der Kreatur begann pl�tzlich violett aufzuleuchten; das Licht wurde st�rker und st�rker. Es war eine Art Halsband, und sie schlug danach, ohne von ihrem Mahl abzulassen.</p><p>Doch das Leuchten wurde immer intensiver, und die Kreatur knurrte und fauchte und zog sich schlie�lich unwillig von dem toten K�rper zur�ck; ein Blutstropfen rann aus ihrem Mundwinkel und fiel zu Boden wie eine einsame Tr�ne. Gereizt riss das Biest an dem Halsband, doch es hielt stand.</p><p>Wie Tris feststellte, stank das Halsband f�rmlich vor Menschenmagie. Und er h�tte seinen Kopf darauf verwettet, dass es einige Fluchgel�bde enthielt, welche die Kreatur dazu zwangen, Laeth zu finden und zu t�ten.</p><p>Widerstrebend lie� sie die Leiche zur�ck und ging auf die Treppe zu. Tris erstarrte nur eine Armbreite von ihr entfernt zu Stein. Er h�tte sie ziehen lassen, w�re Laeth nicht gewesen � geschw�cht, unbewaffnet und auf der Treppe auf seinen Retter wartend.</p><p>Als sie an ihm vorbei war, erhob sich Tris ger�uschlos und hielt seinen Stab bereit. Er wartete so lange wie m�glich, bevor er angriff. Je mehr er �ber die Kreatur erfuhr, umso besser konnte er sie bek�mpfen.</p><p>Tris sah, wie sie sich versteifte, als sie Laeth �ber sich erblickte. Er hatte sich auf den Stufen niedergelassen und war sich des Dramas, das sich weiter unten anbahnte, nicht im Geringsten bewusst. Die Kreatur fauchte. Tris konnte Laeth von seinem Platz aus nicht sehen, aber er konnte h�ren, wie der Darraner nun eilig die Treppe hinauf- und dann wieder hinabstieg.</p><p>Die Kreatur bellte leise, was vielleicht eine Art Lachen sein mochte, bevor sie ihre Magie wirkte. Der wortlose Zauber, den sie sang, war so stark, dass selbst Tris, der sich au�erhalb ihres Magiefokus befand, den Sog noch sp�ren konnte.</p><p>Laeth bewegte sich an der Kreatur vorbei in den Raum, in dem sie kurz zuvor ihr Nachtmahl gehalten hatte. Die Sumpfbestie war ganz auf ihr n�chstes Opfer fixiert und bemerkte deshalb den Heiler nicht, der neben ihr und von seiner eigenen Magie gesch�tzt mit den Schatten verschmolz.</p><p>Laeth machte zwei Schritte in den Raum hinein, dann hielt er inne und presste sich beide H�nde gegen die Ohren. Die Kreatur erh�hte die Intensit�t ihrer Bet�rung, beschwor bei ihrem Opfer sowohl k�rperliche als auch emotionale Begierde herauf. Schwei� trat auf die Stirn des Darraners, als er gegen die Verf�hrung ank�mpfte und sich gleichzeitig zwang, sich nicht von der Stelle zu r�hren.</p><p>Genug, dachte Tris schlie�lich, und zog ihr das metallverst�rkte Ende seines Stabes �ber den Kopf. Ein Schlag, der jeden Menschen auf der Stelle get�tet h�tte, doch sie wurde nur quer durch den Raum geschleudert und landete zwischen Tischen und Ger�tschaften, deren Zweck im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln lag. Schweigend und schwungvoll kam sie wieder auf die Beine.</p><p>Sich an Laeths fr�here Reaktion erinnernd, schloss Tris die Augen und beschwor einen hellen Blitz aus Magierlicht. Stark genug, um die Kreatur zu blenden. Gleichzeitig machte er zwei schnelle Schritte zur Seite. Sie verfehlte und schlug den Tisch direkt neben ihm zu Kleinholz, und er schwang abermals seinen Stab und traf sie an der Schulter.</p><p>Die Kreatur schien aufgrund der Dunkelheit weniger eingeschr�nkt zu sein als er, also beschwor er noch einmal ein ertr�glich helles Magierlicht.</p><p>Ihre Fangz�hne waren beeindruckend, jedoch d�nn und spitz, insofern eher dazu geeignet, sich in den Hals eines Opfers zu schlagen, als sich mit ihm einen gro�en Kampf zu liefern. Die Augen waren geschlitzt wie bei einer Katze und verrieten Tris, dass sich die Kreatur des Sumpfes im Halbdunkel wohler f�hlte als im hellen Licht. Er hatte sie offenbar verletzt, denn einer ihrer Arme hing schlaff herunter, und das von ihrem Kopf tropfende Blut schr�nkte vermutlich die Sicht aus ihrem rechten Auge ein.</p><p>Auch der harte, rutschige Steinboden schien ihr nicht zu behagen; fast unsicher bewegte sie sich auf ihm voran. Tris war gerade zu dem Schluss gelangt, dass er hier und jetzt in vielerlei Hinsicht im Vorteil war, als sie mit ihrer funktionsf�higen Hand etwas nach ihm zu werfen schien.</p><p>Er riss seinen Eichenstab in die H�he und fing den Schadzauber ab, absorbierte ihn gr��tenteils, wurde jedoch von der Wucht dessen, was �brig geblieben war, trotzdem gegen die Wand geschleudert.</p><p>Die Kreatur lachte und klang dabei ganz wie ein junges M�dchen. Wieder erhob sie die Hand, doch dann hielt sie abrupt inne. Ein �berraschter Ausdruck trat in ihr Gesicht, bevor ihr ein Blutfaden aus dem Mund rann. Sie hustete kurz auf, dann fiel sie mit dem Gesicht nach vorn wie ein gef�llter Baum. Im n�chsten Moment trat Laeth aus den Schatten hinter den leblosen K�rper, in der Hand eine blutverschmierte Metallstange mit gebogenem, spitzem Ende. Tris vermutete, dass die Waffe den Wachen als Folterinstrument gedient hatte.</p><p>Laeth sah auf die Leiche der Kreatur herab und meinte: �Glaube nicht, dass wir uns hier noch wegen irgendwelcher Wachleute Sorgen machen m�ssen.�</p><p>Tris sch�ttelte den Kopf. �Es sei denn, wir haben so viel L�rm gemacht, dass die M�nner im Wachhaus alarmiert wurden. Wir sollten sehen, dass wir schleunigst von hier verschwinden.�</p><p>Laeth nickte zustimmend und folgte dem Heiler, inzwischen fast schon wieder so geschmeidig wie vor seiner Gefangenschaft.</p><p>Im Untergeschoss stie�en sie auf die Leichen der anderen beiden Wachm�nner, die nahe dem Eingang lagen. Tris ging um sie herum und trat hinaus in die Nacht. Laeth folgte ihm.</p><p>Der Heiler f�hrte seinen Begleiter zur Au�enmauer der Feste an die Stelle, �ber die er und Rialla in den Burghof gelangt waren. Langsam und ohne weitere Vorkommnisse erklomm Laeth die Festungsmauer. Tris wartete, bis der Darraner oben angekommen war, dann klemmte er sich seinen Stab unter den G�rtel und heftete sich an seine Fersen.</p><p>Sie hatten den sch�tzenden Waldrand gerade erreicht, als die Alarmglocken von Westholdt losbimmelten. Laeth stutzte, doch Tris packte ihn am Arm und zog ihn tiefer ins Unterholz. Der Darraner wartete auf eine Erkl�rung, bis sie im Herzen des Waldes untergetaucht waren. Dort angekommen hielt er an und lehnte sich an einen Baumstamm, um zu verschnaufen.</p><p>�Meinen Dank f�r Euer rechtzeitiges Eingreifen, Heiler�, sagte er mit ungl�ubigem Blick. �Doch Ihr werdet entschuldigen, dass ich frage, warum Ihr das getan habt.�</p><p>Tris zuckte die Achseln und lie� sich auf einem umgest�rzten Baumstamm nieder. �Glaubt Ihr an Prophezeiungen?�</p><p>�Was?�</p><p>�Man hat mir ein R�tsel aufgetragen�, fuhr der Heiler fort. �Demnach gilt es, einem Pfad zu folgen, der zu etwas f�r mich Wichtigem f�hrt.�</p><p>�Und das R�tsel erfordert, dass Ihr Euer Leben riskiert f�r jemanden, dem gegen�ber Ihr offenbar eine tiefe Abneigung hegt? F�r einen Mann gar, der des Mordes am Lord der Feste angeklagt ist?�, hakte Laeth ungl�ubig nach.</p><p>Tris l�chelte listig. �Nun, Laeth von Sianim�, sagte er, �meine heutigen Taten m�gen vielleicht der Tatsache geschuldet sein, dass Eure Verb�ndete die einzige Person ist, die mich in �Drachenraub� zu schlagen vermag.�</p><p>�Rialla?�, fragte Laeth, und sein Ton wurde eindringlicher. �Wo ist sie? Ist sie in Sicherheit�</p><p>Tris nickte. �Es geht ihr gut.� Er z�gerte und f�gte dann ehrlicherweise hinzu: �Hoffe ich zumindest. Sie sollte uns mit den Pferden bei meiner H�tte erwarten. Eure Lady ist �brigens auch dort.�</p><p>�Marri?� Erleichterung und �berraschung gleicherma�en schwangen in diesem Wort mit.</p><p>�Ja, sie kam, um Rialla mitzuteilen, dass man Euch am Morgen in St�cke rei�en w�rde�, sagte Tris.</p><p>�Aber hat sie euch auch erz�hlt, dass Lord Jarroh beabsichtigt, sie wegen Verschw�rung im Zusammenhang mit dem Mord an ihrem Gatten anzuklagen? Dass sie bis zum Prozess eigentlich in ihrem Zimmer eingeschlossen werden sollte? Dieses dumme Ding kam in meine Gem�cher, um mich vor etwas zu warnen, das zu diesem Zeitpunkt schon jeder Idiot begriffen hatte, und dabei hat man sie beobachtet. Aber das habt Ihr bestimmt auch schon geh�rt. Und dann hat sie auch noch darauf bestanden, mich im Gefangenenturm aufzusuchen, und damit alles nur noch schlimmer gemacht.� Laeth sch�ttelte verdrie�lich den Kopf, doch es hatte auch Bewunderung in seinen Worten mitgeschwungen.</p><p>Tris l�chelte und legte den Kopf schief, als er sagte: �Tja, zu dumm aber auch, dann m�sst Ihr sie wohl mit Euch nach Sianim nehmen.�</p><p>Laeth sah den Heiler einen Moment lang schweigend an, dann grinste er ebenfalls. �Ein wahrer Jammer, nicht wahr? Das arme M�dchen �� Er straffte sich, und sein Blick wurde wieder ernster. �Sollten wir nicht weitergehen? K�nnte gut sein, dass die von der Feste im Dorf eine Suche von T�r zu T�r einleiten. Soweit ich mich erinnere, wird das immer als Erstes gemacht, wenn jemand aus dem Gefangenenturm entkommt.�</p><p>�Sie werden damit bis zum Morgengrauen warten. Bei Nacht �bersieht man allzu leicht jemanden, der sich in den Schatten verbirgt�, meinte Tris, erhob sich jedoch trotzdem und setzte hinzu: �Ich k�nnte mir aber vorstellen, dass sie vor Sorge schon ganz krank ist. Sollen wir also aufbrechen und sie aus dieser Ungewissheit erl�sen?�</p><p>Als die beiden M�nner die H�tte erreichten, war kein Lebenszeichen wahrzunehmen, mit Ausnahme von Tris� Wallach, der friedlich in seinem Stall d�ste.</p><p>Vorsichtig �ffnete der Heiler die T�r und schl�pfte in den Vorraum, dicht gefolgt von Laeth. Das fahle Licht des abnehmenden Mondes erhellte gespenstisch Laeths ramponiertes Gesicht.</p><p>Ein kurzes Keuchen war die einzige Warnung, die der seiner Hinrichtung Entronnene bekam, bevor sich ein Schemen �ber den Verkaufstresen schwang und so hart gegen ihn prallte, dass er zur�cktaumelte. Irgendwie musste Laeth die Stimme dennoch erkannt haben, weil er den Angreifer nun an den Schultern packte und von sich wegstie�, wobei er gleichzeitig Tris� Stabhieb mit der Schulter von dem Widersacher ablenkte.</p><p>�Autsch, verdammt!�, rief er, �und ich dachte immer, Zauberer k�nnten im Dunkeln sehen. Es ist doch nur Marri!�</p><p>Als er sicher sein konnte, dass keine weiteren Attacken mehr folgen w�rden, wandte er sich an die Lady. �Beim Herrn des Todes und all seiner Gesandten, Marri! Ist dir wirklich nichts Besseres eingefallen, als dich auf jemanden zu st�rzen, noch bevor du dich ihm zu erkennen gegeben hast? H�tte der Stab des Heilers sein Ziel getroffen, h�tte er dir das wenige Hirn, das du besitzt, mit einem Schlag aus dem Sch�del gedroschen. So hat er mir blo� das Schulterblatt zertr�mmert ��</p><p>Laeths �rger w�re �berzeugender gewesen, h�tte er w�hrend der Schimpftirade die schluchzende Frau nicht an sich gedr�ckt und ihr liebevoll �bers Haar gestreichelt. Schon wurde seine Stimme um einiges weicher, als er hinzuf�gte: �Es ist ja gut, mein Herz. So beruhige dich doch. Ich bin nun sicher, und du bist es auch.� Es blickte auf, um etwas zu dem Heiler zu sagen, doch Tris hatte sich bereits taktvoll in seinen Schlafraum zur�ckgezogen.</p><p>Die Alarmglocken der Feste noch im Ohr, lenkte Rialla die Pferde auf den Hauptweg, auf dem die Wachen in jedem Fall ihre Spuren wiederfinden w�rden. Sie ritt auf Eisenherz und f�hrte die Stute mit sich, verfiel dann f�r einige Stunden in einen z�gigen Trott.</p><p>Als der Abzweig nach Tallonwald in Sicht kam, lie� sie diesen links liegen und ritt weiter, bis sie einen Trampelpfad erreichte, der in die genau entgegengesetzte Richtung f�hrte und auf dem ihre Spuren gleicherma�en zu entdecken sein w�rden. Es galt auf jeden Fall zu verhindern, dass die D�rfler und ihr Heiler mit ihrer Tat in Zusammenhang gebracht werden konnten.</p><p>Zudem wusste sie nicht, in welcher Verfassung sich Laeth befand. Es war m�glich, dass er nicht aus eigener Kraft laufen konnte. Indem sie die Wachen in die Irre f�hrte, konnte sie vielleicht ein wenig Zeit f�r Tris herausschlagen, der Laeth zu seiner H�tte bringen sollte.</p><p>Gerade als sie auf die Stra�e einbiegen wollte, h�rte sie das Donnern einer berittenen Gruppe, die rasch den von ihr hergestellten Abstand wieder aufholte. Rialla verband die Z�gel der Stute mit ihrem Pferd, damit sie ohne besondere F�hrung folgen konnte.</p><p>Als sie sich nach vorne beugte, um Eisenherz zu einer schnelleren Gangart anzutreiben, erwiderte der falbfarbene Wallach diese Anweisung, indem er den Hals streckte und in einen harten Galopp wechselte, den die schwerer beladenen und weniger gut ausgebildeten Pferde der Wachen nicht lange w�rden durchhalten k�nnen. Obwohl nicht aus so edler Zucht wie Eisenherz stammend und trotz der Tatsache, dass sie ohne F�hrungsleine und Reiter auskommen musste, folgte ihnen die Stute ohne Probleme.</p><p>Als hinter ihnen ein Jagdhorn ert�nte, wusste Rialla, dass die Wachen sie entdeckt hatten. Sie stellte sicher, stets in Sichtweite zu ihnen zu bleiben, wollte, dass man ihr nachsetzte, anstatt die Suche aufs Umland auszudehnen, wo sie vielleicht auf Tris und Laeth stie�en.</p><p>Als die Pferde der Wachleute die ersten Erm�dungserscheinungen zeigten, wurde auch Rialla auf Eisenherz langsamer und verschaffte ihren Pferden so eine wohlverdiente Verschnaufpause. Sie f�hrte den Wallach auf einen schmalen Wildpfad und hinein in die dichten W�lder. Dort entspannte sie sich ein wenig, sank tiefer in den Sattel, um R�cken und Beine ein wenig zu entlasten. Immer wieder sah sie nach hinten, um sicherzustellen, dass die Wachen nicht zu weit zur�ckfielen.</p><p>Der Pfad machte eine scharfe Biegung, f�hrte dann vorbei an geschlossenem Buschwerk und �ber ein kleines B�chlein hinweg. Wieder sah sich Rialla �ber die Schulter nach ihren Verfolgern um, als ihr Pferd durchs Unterholz brach und auf eine weite Aue hinaustrat.</p><p>Und am anderen Ende des flachen Gel�ndes erwartete sie bereits eine weitere Gruppe von berittenen Wachleuten.</p><p>Mit einigen �berraschten Rufen verfielen die M�nner vor ihr sogleich in einen schnellen Galopp, und Rialla riss ihr Pferd scharf nach links herum. Dann erhob sie sich aus dem Sattel und beugte sich vor, w�hrend Eisenherz �ber die Lichtung jagte und geradewegs ins angrenzende Buschwerk hineinpreschte. Die treue kleine Stute folgte ihnen klaglos.</p><p>Rialla fand, dass sie Tris nun genug Zeit verschafft hatte, und beschloss, ihre Verfolger abzusch�tteln � wenn es ihr denn gelang. Immerhin sa� die neue Gruppe von Berittenen auf ausgeruhten Pferden, und ihre beiden hatten schon eine teils wilde Flucht hinter sich. Eisenherz� Nacken war schon schei�nass, doch sowohl er als auch die Stute bewegten sich noch leichtf��ig voran.</p><p>Sie konnte die M�nner hinter sich fluchen h�ren, wie sie sich durch das dichte Unterholz k�mpften. Rialla hatte ihnen die Verfolgung zwar unfreiwillig erleichtert, indem ihre Pferde das hinderliche Gestr�pp bereits niedergetrampelt hatten, doch es waren zu viele von ihnen. Denn sie zogen es vor, sich im Pulk durch das Dickicht zu dr�ngen, anstatt die vorhandenen Schneisen in rascher Aufeinanderfolge zu nutzen.</p><p>Die meisten ihrer H�scher fielen zur�ck, doch es gab auch einige sehr entschlossene darunter. Mindestens einer von ihnen sa� so gewandt im Sattel wie Rialla � vermutlich ein Adliger, der sich die Langeweile damit vertrieb, indem er Verbrecher jagte.</p><p>Pl�tzlich knickte Eisenherz im unwegsamen Gel�nde ein und fiel auf die Knie, doch er rappelte sich schnell wieder auf. Rialla konnte nicht feststellen, dass er lahmte, also blieb sie im Sattel. Es war immer noch Zeit genug, die Pferde zu wechseln, wenn er wirklich m�de wurde.</p><p>Sie brachen durch das letzte Unterholz und fanden sich auf einer vielgenutzten Stra�e wieder. Rialla wechselte in einen Trott und �berpr�fte, ob sie noch verfolgt wurde.</p><p>Der Adlige war ihr noch immer auf den Fersen, doch au�er ihm war niemand mehr zu sehen. Sie drehte den Wallach im Kreis und in Richtung einer Steinmauer, die die Stra�e begrenzte. Gleichzeitig hoffte sie, dass der abnehmende Mond genug Licht spendete, damit die Pferde das Hindernis �berspringen konnten.</p><p>Rialla hatte in Sianim viel Zeit und Sorgfalt auf die Auswahl der Pferde gelegt, mit denen sie und Laeth nach Westholdt reisen wollten. Es waren mit Getreide gef�tterte, kampfbereite Tiere, geschmeidig und stark zugleich, wie es nur t�gliche Ausritte bewirken konnten. Rialla war dankbar daf�r, als der Wallach die Mauer schnaubend �bersprang und die Stute ihm kurz darauf folgte.</p><p>Sie blickte zur�ck und fluchte leise. Trotz ihrer wilden Jagd �ber die weite Ebene und den anschlie�enden Sprung �ber den Zaun, trotz des Ritts durch das Unterholz kam der Adlige immer n�her.</p><p>Sie ritt wieder in den Wald hinein, wo K�nnen mehr z�hlte als Hartn�ckigkeit, und schm�lerte so seinen Vorteil des frischeren Pferdes. Wieder im Unterholz gab er es auf, sie einzuholen, doch er fiel auch nicht nennenswert zur�ck.</p><p>Rialla kannte diese Gegend nicht, was auf den anderen Reiter allerdings nicht zuzutreffen schien. Einige Male nutzte er k�rzere, leichtere Routen durch das Terrain f�r sich aus, das mit jeder Meile unwegsamer wurde. Der Gedanke, dass er sie vielleicht vor sich hertrieb, kam ihr in den Sinn, als die Talsenke, in die sie nun hinabritten, immer tiefer und enger wurde.</p><p>Rialla bef�rchtete, dass die Falle schon zugeschnappt war. Die Abh�nge zu beiden Seiten waren zwar nicht h�her als die B�ume, die hier �berall standen, aber sie waren kahl, und der Untergrund war weich. Im Dunkeln suchte sie panisch nach einem Ausweg, sicher, dass das Ende der Senke nur in einer weiteren absch�ssigen B�schung endete.</p><p>Endlich erblickte sie eine Stelle im Abhang, markiert durch eine k�rzlich erfolgte Steinlawine, wodurch ein Pfad aus Schotter und Ger�ll entstanden war, der kaum weniger Gef�lle als der Rest der B�schung besa�. Der Weg hinauf wirkte nicht eben einladend, aber Rialla war verzweifelt.</p><p>Sie schickte das Pferd ohne Reiter zuerst hinauf, unterst�tzt durch einen Klaps und empathisches Dr�ngen. Wie eine Bergziege kraxelte die kleine Stute empor und schaffte es bis nach oben. Ihre Hufe hatten jedoch den Untergrund gelockert, und schon begannen die ersten Steine, sich wieder in Bewegung zu setzen. Rialla drehte sich auf Eisenherz dem rutschenden Abhang zu, der ihren einzigen Fluchtweg darstellte.</p><p>Das Pferd wurde seinem Namen gerecht und machte einen raumgreifenden Schritt auf das unruhige Gebr�ckel zu, wobei es ruhig und kontrolliert atmete. Ein schlechter trainiertes Tier h�tte an dieser Stelle bereits versagt, doch schwitzend und mit rollenden Augen tat Eisenherz einen beherzten Satz und nahm dann den lockeren Abhang mit gr��tm�glicher Souver�nit�t, bis er wieder festen Grund unter den Hufen hatte. Es knirschte und staubte, als dadurch ein erneuter Erdrutsch ausgel�st wurde, der sodann nichts als Stille und einen Abhang aus Sandboden und Steinen zur�cklie�, den kein Pferd mehr bew�ltigen konnte.</p><p>Rialla lie� die Pferde verschnaufen. Sie wollte sich ein besseres Bild von dem Mann machen, der so versessen darauf zu sein schien, sie zu fangen. Schon im n�chsten Moment h�rte sie, wie sein Pferd durch den Hohlweg unter ihr donnerte. Der Reiter drosselte das Tempo, als er hoch oben auf der B�schung die Silhouette seiner Beute erkannte.</p><p>Sie h�rte ihn fluchen. Die einzige M�glichkeit, wie er sie auf seinem schwerf�lligeren Pferd noch erreichen konnte, bestand darin, dass er wieder umkehrte und in einem gro�en Bogen um die Senke herumritt. Doch da w�rde sie schon l�ngst �ber alle Berge sein.</p><p>Sie erkannte seine Stimme, doch selbst wenn er nicht gesprochen h�tte, h�tte sie ihn erkannte. Lord Jarroh hatte eine Art, seinen muskul�sen K�rper zu bewegen, die ihn selbst auf Entfernung unverwechselbar machte.</p><p>Aufgrund seiner Wut b�umte sich sein Pferd halb auf, wurde aber grob wieder unter Kontrolle gebracht.</p><p>Voller Zorn und Kummer richtete er das Wort an den Reiter oben auf dem Hang. �Warum hast du das getan? Er hat dich geliebt, verdammt noch mal. Er war so stolz auf dich, dass du der Familie getrotzt hast und nach Sianim gegangen bist. Immer hat er davon gesprochen, wie sehr er seinen klugen Bruder vermisst. Aber er war nicht halb so klug, nicht wahr? Er hat denen, die er liebte, zu sehr vertraut. Er wusste nicht, dass das Weibsst�ck, das er ehelichte, lieber im Bett seines Bruders liegen wollte. Wusste nicht, dass sein Bruder es auf seinen Wohlstand, seine Macht abgesehen hatte.�</p><p>Rialla hatte vergessen, wie gern Lord Jarroh gro�e Reden schwang. Offensichtlich verwechselte er sie mit Laeth. Das ergab nur einen Sinn, wenn er wusste, dass Laeth heute Nacht die Flucht gelungen war.</p><p>Sie und Laeth waren in etwa gleich gro�, ihr frisch geschw�rztes Haar besa� nun die gleiche Farbe und L�nge wie seines, und sie ritt auf seinem Pferd. Ein Darraner w�rde niemals auch nur vermuten, dass eine Frau zwei Wachtrupps und einen darranischen Lord abh�ngen konnte. Schon gar nicht eine Sklavin.</p><p>Rialla schaute auf den Mann herab, der damals die kleine Sklavin in Kentar zu Tode gepr�gelt hatte. Eisenherz unter ihr bewegte sich unruhig, und sie musste sich dazu zwingen, die Z�gel zu lockern. Sie war froh, dass sie kein Messer oder einen Bogen bei sich trug, denn sonst w�re der Mann da unten schon l�ngst tot � und sie hatte noch Verwendung f�r ihn.</p><p>Mit Karstens Tod und Laeths ruiniertem Ruf war Lord Jarroh der Einzige, der die Allianz zwischen Reth und Darran noch sichern konnte. Die Allianz, die das Ende der Sklaverei in Darran bedeuten w�rde, sofern Winterseine sich nicht des Einflusses von Karstens Haus bem�chtigte.</p><p>Sie versuchte mit dunkler, heiserer Stimme zu sprechen, als sie ihm antwortete. Wenn Lord Jarroh herausfand, dass er eine Frau vor sich hatte, w�rde er ihr gar nicht zuh�ren.</p><p>�Ich bin nicht Lord Laeth, sondern nur einer seiner Kameraden aus Sianim. Meine Aufgabe bestand darin, seine Verfolger auf mich zu lenken. Was gegl�ckt ist, denn er befindet sich bereits in sicherer Entfernung von seinen H�schern. Und doch habe ich Euch noch einiges zu sagen:</p><p>Zun�chst einmal: Warum sollte Lord Laeth beschlie�en, seinen Bruder auf eine Art und Weise zu t�ten, die sofort den Verdacht auf seine Person lenken w�rde? Warum nicht mithilfe der Magie einen Unfall vort�uschen? Ein verirrter Pfeil oder ein Sturz auf der Treppe w�ren doch ein Leichtes gewesen f�r einen Mann, der die Kreatur im Tanzsaal hat kontrollieren k�nnen, oder?</p><p>Denkt lieber �ber den Mann nach, der alles darangesetzt hat, Laeth die Sache in die Schuhe zu schieben. Wer ist der Nutznie�er, wenn sowohl Karsten als auch Laeth tot sind? Wessen Existenz steht und f�llt mit dem Sklavenhandel, der zum Erliegen k�me, wenn die Heirat zwischen der Prinzessin und K�nig Myr stattf�nde?</p><p>Vielleicht solltet Ihr nun, wo Laeth f�r Euch nicht mehr erreichbar ist, Eure Untersuchungen in eine andere Richtung lenken.� Mit einer kurzen Geste des Gru�es wendete Rialla und ritt in einem langsamen Galopp auf das h�gelige Waldland zu.</p><p>Sobald sie wieder durch B�ume gesch�tzt war, wechselte sie mit Eisenherz in den Schritt. Die Stute folgte ihr so treu wie ein H�ndchen und rieb ihren verschwitzten Kopf an Riallas Bein, weil es sie irgendwo unter dem Zaumzeug ein wenig juckte.</p><p>Sie musste jetzt nur noch vor Tagesanbruch den Weg zur H�tte des Heilers finden und daf�r sorgen, dass sie dabei niemandem mehr in die Arme lief. Dann w�re die Rettungsmission ein voller Erfolg.</p><p>Kurz darauf musste sie sich tief ins Unterholz zur�ckziehen, als sie in der Ferne einige Wachen erblickte, die ihre Pferde verschnaufen lie�en. Sie konnte nicht sagen, ob es die M�nner waren, die unmittelbar nach ihrer Flucht aus der Feste ausgesandt worden waren. Auf Rialla wirkten sie wie unentschlossene Nachz�gler. Gl�cklicherweise waren deren Pferde zu ersch�pft, um ihre Tiere zu wittern und wiehernd zu begr��en, und sie hielt Eisenherz und die Stute ruhig.</p><p>Die kleine Zwangspause verschaffte ihr ein wenig Zeit, um �ber ihre Worte zu Lord Jarroh nachzudenken. Sie versuchte sich kopfsch�ttelnd eine Haarstr�hne aus dem Gesicht zu pusten, als ihr eine Idee kam, doch sie konnte weder das eine noch das andere wieder loswerden. Das Haar st�rte, doch die Idee sah nach einer vielversprechenden L�sung aus dem ganzen Dilemma aus.</p><p>Endlich zogen die Wachm�nner weiter. Rialla bestieg die Stute und machte sich in die ungef�hre Richtung zum Haus des Heilers auf. Einmal noch musste sie einer Gruppe Reiter ausweichen und dann noch einer dritten, bevor sie Tris� H�tte fand.</p><p>Vorsichtig wartete sie, um sicherzustellen, dass sich keine Wachen hier herumtrieben. Als alles in Ordnung und sie die Einzige zu sein schien, die hier herumlungerte, machte Rialla die Pferde an einem Fliederbusch fest, der am Rande des Waldes wuchs. Der schwere Duft der Bl�ten folgte ihr, als sie �ber den Baumstamm lief, der die kleine Talenge hinter Tris� H�tte �berbr�ckte.</p><p>�Laeth? Tris?�, rief sie leise, als sie die Haust�r �ffnete.</p><p>Eine ged�mpfte Stimme aus dem Hinterzimmer antwortete ihr. Dort fand sie Laeth, Tris und Marri, die im Dunkeln auf sie warteten. Sie hatten die Lampen nicht entz�ndet, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.</p><p>�Seid gegr��t�, sagte Rialla und lehnte sich gegen den T�rrahmen. �Gut, dich in einem St�ck wiederzusehen, Laeth.�</p><p>�Ja, besser in einem St�ck als in vieren�, meinte er d�ster. �Was hast du denn so lang gemacht?�</p><p>�Ich hab Lord Jarroh und seine H�scher von euch abgelenkt, wenn�s recht ist, also bitte nicht dieser Ton!�</p><p>Laeth grinste sie frech an, und sie l�chelte zur�ck, w�hrend sie sich ein Blatt aus dem Haar pfl�ckte. Dann setzte sie sich auf den Boden gleich neben Tris� Stuhl, da Laeth zusammen mit Marri auf der Bettkante hockte.</p><p>�Die Pferde stehen bei den Fliederb�schen am Waldrand�, berichtete sie pflichtbewusst, obwohl ihr vor M�digkeit und Ersch�pfung nun beinah die Augen zufielen. �Ihr solltet besser gehen, es ist fast Morgen, und wenn man euch hier findet, werden unschuldige Menschen daf�r bluten m�ssen.�</p><p>�Kommst du denn nicht mit?�, fragte Laeth.</p><p>Rialla sch�ttelte den Kopf; sie war w�hrend ihrer n�chtlichen Flucht zu einer Entscheidung gelangt. �Ich werde versuchen zu beweisen, dass Winterseine Lord Karsten ermordet hat.�</p><p>�Wie?� Stirnrunzelnd sah Marri sie an. �Niemand wird Laeths Sklavin auch nur zuh�ren.�</p><p>�Nein�, stimmte ihr Rialla zu. �Aber das m�ssen sie auch gar nicht. Ich werde den Beweis f�r Winterseines Schuld an Ren in Sianim weiterleiten. Wenn er es schaffte, mich zu �berreden, als Sklavin nach Darran zur�ckzukehren, dann kann er auch den Regentschaftsrat davon �berzeugen, Winterseine zu verurteilen.�</p><p>�Und wie willst du ihm den Mord nachweisen?� Die Stimme des Heilers klang m�de und noch weicher als sonst.</p><p>�Winterseine will seine Sklavin zur�ck. Wenn Laeth verschwunden ist, hat er wieder einen legalen Anspruch darauf �� Sie bemerkte am Boden einen feuchten Fleck neben Tris� Stuhl, wo sie sich mit ihrer Hand aufst�tzte. Sie legte ihre Fingerspitzen an den Mund und sagte: �Wusstet Ihr, dass Ihr blutet, Tris?�</p><p>�Nein, tu ich das?� Er klang fast beeindruckt. �Diese Kreatur, auf die wir gesto�en sind, muss mich wohl doch erwischt haben � hab ich gar nicht bemerkt.�</p><p>Ein schwaches Magierlicht erschien in seiner Hand. Als er in dessen Schein seine Beine untersuchte, bemerkte Rialla, dass der Stoff an seinem �rmel verd�chtig dunkel war.</p><p>�Die Wunde ist am Arm.�</p><p>Tris zog das Messer aus seinem Stiefelschaft und schob die Spitze unter den Stoff seiner Jacke.</p><p>�Lasst mich das machen�, bot sich Laeth an, der nun aufgestanden und auf den Heiler zugegangen war. Er nahm ihm das Messer ab und durchtrennte damit den �rmel von der Schulter bis zum Handgelenk.</p><p>�Nur ein kleiner Schnitt�, sagte Tris, als er die Verletzung sah. �Im Vorraum hab ich Branntwein und saubere Verb�nde. Bin gleich wieder da.�</p><p>Laeth blieb, wo er war, w�hrend der Heiler das Zimmer verlie�. �Bei den G�ttern, Ria�, sagte er eindringlich. �Ich w�rde das Anwesen meines Bruder nicht mal wollen, wenn man�s mir anbieten w�rde. Mir gef�llt mein Leben als S�ldner besser als das Dasein als darranischer Lord. Soll sich Winterseine die verdammten L�ndereien doch unter den Nagel rei�en, mich k�mmert�s nicht. Aber ich bitte dich, tu das nicht.�</p><p>Rialla lie� sich gegen die Wand zur�ckfallen und sch�ttelte den Kopf. �Ich tue das nicht f�r dich, Laeth. Deine Unschuld zu beweisen, ist ein angenehmer Nebeneffekt, aber auch nicht mehr. Wenn aber Winterseine die Macht deines Bruders wie auch den zugeh�rigen Titel erbt, was wird dann aus der Allianz?�</p><p>�Die wird scheitern, wie er es wollte�, stie� Laeth w�tend hervor. �Und die Sklaverei wird als Teil der darranischen Kultur weiterbestehen. Na und? Indem sie hierzulande abgeschafft wird, muss sie nicht auch anderenorts enden. Verdammt, Ria, das alles ist es doch nicht wert, dass du daf�r deine eigene Freiheit aufs Spiel setzt.�</p><p>�Welche Freiheit?�, fragte Rialla eindringlich. �Ich bin und bleibe eine Sklavin. Ich hab viel Zeit darauf verschwendet, um mir zu beweisen, dass es nicht so ist.�</p><p>�Bl�dsinn�, bemerkte Tris. Rialla hatte nicht mitbekommen, dass er wieder ins Zimmer zur�ckgekehrt war; er hatte das Magierlicht l�ngst gel�scht. �Du h�ttest auf schnellstem Wege hierher zur�ckkommen und nicht unn�tigerweise in den W�ldern die Heldin spielen sollten. Was hast du dir dabei gedacht, die Wachen aus der Feste auf deine F�hrte zu locken und in die Irre zu f�hren? Eine Sklavin tut, was man ihr auftr�gt.�</p><p>Laeth kicherte. �Das sage ich ihr auch immer, aber sie will einfach nicht h�ren.�</p><p>Rialla grinste, genoss das Gepl�nkel � aber sie konnte die Einw�nde der M�nner nicht akzeptieren. Sie wussten nichts �ber das Leben eines Sklaven, die Furcht vor Strafe und Misshandlung, die N�te bei der Erf�llung des Meisters W�nschen.</p><p>�Habt Ihr Euren Arm versorgt?�, fragte sie den Heiler.</p><p>Tris nickte. �Aber ich kann mir den Verband nicht eng genug anlegen; ist eine bl�de Stelle.� Er reichte ihr das Ende des schmalen Stoffstreifens.</p><p>Sie z�gerte. �Ich brauche ein wenig Licht.�</p><p>Tris erschuf ein weiteres Magierlicht, und sie begann, die Bandage an seinem Oberarm anzulegen.</p><p>�Die Verletzung sieht mir ganz danach aus, als ob da Klauen am Werk gewesen w�ren�, meinte sie.</p><p>�Wir hatten im Turm eine recht unerfreuliche Begegnung�, sagte Laeth. �Keine Ahnung, ob das Ding Klauen hatte oder nicht.�</p><p>�In jedem Fall roch es, als k�me es direkt aus dem Sumpf�, f�gte Tris hinzu. �Offenbar wollte jemand ganz sichergehen, dass Laeth stirbt.�</p><p>�Ich habe Lord Winterseine wissen lassen, dass ich Lord Jarroh aufhalten w�rde�, lie� sich nun Marri z�gerlich vom Bett aus vernehmen. �Und ich h�tte es getan, selbst wenn ich dazu mit Jarroh h�tte schlafen m�ssen.�</p><p>Laeth lachte bitter auf. �Und ich wette, in dem Moment hat er sein Bild von dir deutlich revidieren m�ssen. Hast du ihn zuf�llig auch einen dummen Esel genannt?�</p><p>�Nein�, erwiderte Marri. �Ich nannte ihn einen M�rder. Ich wusste, dass du Karsten nicht get�tet hattest. Eine solche Tat passt einfach nicht zu dir. Der n�chste plausible Verd�chtige war Winterseine. Insbesondere da er alles daransetzte, jeden von deiner Schuld zu �berzeugen.�</p><p>�Ich frage mich, was f�r eine Gemeinheit er sich f�r Marri ausgedacht haben mag�, sagte Rialla. �Ich glaube, es ist das Beste, wenn du sie mit nach Sianim nimmst, Laeth.�</p><p>�Ja�, stimmte er zu. �Das hatte ich ohnehin vor. Aber ich w�nschte, du w�rdest uns begleiten.�</p><p>Wieder sch�ttelte Rialla den Kopf. �Nein.�</p><p>�Ich werde Ren berichten, was du vorhast. Er sollte einen Weg finden k�nnen, dich da rauszuholen, wenn du es wider Erwarten doch nicht auf deine Weise schaffst.� Laeth wirkte alles andere als gl�cklich mit Riallas Entschluss, aber er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass er sie nicht mehr w�rde umstimmen k�nnen.</p><p>�Danke�, sagte Rialla.</p><p>�Gut, dann sollten wir schleunigst von hier verschwinden�, sagte Laeth knapp.</p><p>�Lasst mich nur kurz ein paar Sachen holen.� Tris ging in den vorderen Raum. �Hab ein paar St�cke fester Kleidung hier, die der Lady passen k�nnten, sofern sie nicht allzu w�hlerisch ist. Wusste nie, was ich damit anfangen sollte, nachdem ein Bauer sie mir f�r die Heilung seines Zuchtschafs gab. Ich hab auch Brot eingetauscht, das ihr haben k�nnt. Es dauert nur einen Moment, alles zusammenzusuchen ��</p><p>Tats�chlich brauchte Tris nicht lange, um ein paar gro�e Satteltaschen zu packen. Die h�ndigte er schlie�lich Laeth aus.</p><p>Die Taschen geschultert ergriff Laeth sodann Riallas Hand und k�sste sie formvollendet.</p><p>Rialla t�tschelte seine Wange und schob ihn dann br�sk von sich. �Und jetzt zieht los, bevor man am Ende noch die Pferde findet. Geht zu Fu�, wann immer ihr k�nnt, die Tiere hatten eine harte Nacht hinter sich. Wenn ihr euch gen Nordosten wendet und Richtung Reth reitet, solltet ihr bis auf Weiteres sicher sein. Die meisten Soldaten werden im S�dosten, also an der Stra�e nach Sianim, nach euch suchen.�</p><p>�Ja, das hatte ich auch so geplant�, meinte Laeth. �Ich habe Freunde in Reth, wo wir eine Weile bleiben und die Pferde ausruhen k�nnen. Viel Gl�ck f�r dich, Ria.�</p><p>�Und f�r dich�, erwiderte sie.</p><p>Laeth wandte sich an Tris. �Habt Dank f�r Eure Hilfe in dieser Nacht.�</p><p>Der Heiler zuckte die Achseln. �Wenn Ihr und Eure Dame sicher in Sianim eintrefft, ist mir das Dank genug.�</p><p>Er begleitete die beiden nach drau�en und versicherte ihnen, dass er ihre unmittelbaren Spuren verschleiern k�nne, zumal sich niemand etwas dabei dachte, wenn er im Wald umherstreifte. Es gab viele Pflanzen, die ihre Wirkung erst dann richtig entfalteten, wenn man sie bei Mondschein pfl�ckte.</p><p>Allein in der H�tte ging Rialla zur�ck ins Schlafzimmer und lie� sich �chzend aufs Bett fallen. Unglaublich, wie zerschlagen sie war. Sie schloss die Augen und schien unf�hig, sie je wieder zu �ffnen. Unwillig knurrend musste sie aber genau das tun, als Tris sie wieder weckte.</p><p>�Tut mir leid, ich wei� ��, sagte er mitf�hlend. �Aber ich muss dich ein wenig saubermachen, bevor sich noch jemand wundert, warum eine schwer verwundete Sklavin mit Erde und Zweigen bedeckt auf meinem Bett liegt.� Schon hatte er sie ihrer Kleidung entledigt.</p><p>Sie war viel zu erledigt und benommen, um dagegen zu protestieren. Mit einem feuchten Lappen rubbelte er sie ab und warf ihr schlie�lich mit nur wenig Hilfe von ihrer Seite ihre alte Sklaventunika �ber.</p><p>Sie fragte sich, warum sie so ersch�pft war, und schaffte es gerade noch, hervorzusto�en: �Was ist denn verdammt noch mal blo� mit mir los?�</p><p>�Shhht, alles gut�, sagte Tris. �Eine Heilung kann den K�rper sehr auszehren. Normalerweise schl�ft man danach einen ganzen Tag und liefert sich keine Verfolgungsjagd mit blutgierigen Wachm�nnern.� W�hrend er sprach, arbeitete er sich mit einem Kamm durch ihr Haar und ignorierte ihre Beschwerden, wenn es zu heftig ziepte. �Wir m�ssen diese Bl�tter herausbekommen ��</p><p>Schlie�lich dr�ckte er sie zur�ck aufs Bett, deckte sie aber nicht zu. Stattdessen setzte er sich neben sie und sagte: �Rialla, wach auf, nur noch ein einziges Mal. Mach schon, Liebes.�</p><p>Angesichts der Dringlichkeit seines Tons schlug sie noch einmal die Augen auf. Die Morgend�mmerung fiel auf seine markanten Gesichtsz�ge, und sie konnte sehen, wie ihm das alles widerstrebte.</p><p>�Wenn man entdeckt, dass ich dein Bein vollst�ndig geheilt habe, wird man Verdacht sch�pfen �� Es fiel ihm sichtlich schwer, weiterzusprechen.</p><p>�� deshalb m�ssen wir ihnen also das geben, was sie erwarten: eine Sklavin mit verletztem Bein�, beendete sie seinen Satz.</p><p>Tris nickte.</p><p>Rialla zwang sich zu einem L�cheln. �Wenn Ihr mir das Messer gebt, erledige ich das.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �So brutal m�ssen wir�s nicht machen, wiewohl es immer noch schmerzen wird.�</p><p>Sie schloss wieder die Augen, doch sie lachte trotzdem. �Gebt mir eine Minute, und ich werde nicht mal den Tritt eines Mulis sp�ren.�</p><p>Sie sollte sich irren. Als er die ehemals verletzte Stelle an ihrem Bein wieder �ffnete, schrie sie vor Schmerz laut auf � sie war einfach zu m�de, um stark zu sein.</p><p>Sorgf�ltig setzte er beim N�hen die Stiche, um eine Narbenbildung zu verhindern, dann bedeckte er die frische Wunde mit einer bet�ubenden Paste und wischte ihr mit dem Daumen die ungewollten Tr�nen von der Wange.</p><p>�Besser?�, fragte er schlie�lich.</p><p>Sie nickte und schloss die Augen. Und �ffnete sie viele Stunden nicht mehr.</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Die Sonne hatte ihre Reise gen Westen fast beendet, als Rialla erwachte. Sie f�hlte sich immer noch zerschlagen, und ihr Bein schmerzte. Mit dem Instinkt der Gejagten wusste sie im gleichen Moment, dass sie von einer Stimme aus ihrem Genesungsschlaf geweckt worden war. Noch einmal schloss sie die Augen und lauschte.</p><p>Drau�en im Vorraum waren Leute; sie konnte sie reden h�ren. Als sie sich der T�r zum Schlafzimmer n�herte, konnte sie Winterseines Stimme ausmachen. Als Erster betrat Terran den Raum, dicht gefolgt von Winterseine und Tris.</p><p>�Darf ich mir die Wunde mal ansehen?�, fragte Winterseine. �Nicht dass ich Eurer Heilkunst misstraue, aber ich m�chte mir gern selbst ein Bild machen. Wenn sie sichtbare Narben zur�ckbeh�lt, ist sie f�r uns nicht mehr von Nutzen.�</p><p>Wortlos schlug Tris die Bettdecke zur�ck und schnitt den ungebleichten Verbandstoff von Riallas Bein. Die Entz�ndung war abgeklungen, und die sorgf�ltig gesetzten Stiche verliefen �ber die ganze L�nge ihres Oberschenkels. Die Wunde war zwar noch nicht vollst�ndig verheilt, ihr Zustand aber auch nicht mehr als ernst zu bezeichnen.</p><p>Winterseine wirkte beeindruckt. �Da habt Ihr gute Arbeit geleistet, Heiler. Was habt Ihr unternommen, um das Gift aus dem K�rper zu ziehen?�</p><p>Tris starrte den Adligen gerade so lange an, dass es an Unehrerbietigkeit grenzte, dann erwiderte er: �Einen Wickel.�</p><p>Winterseines Mund verzog sich zu einem L�cheln, aber seine Augen waren nicht daran beteiligt. �Wir haben alle unsere Gesch�ftsgeheimnisse, nicht wahr?�</p><p>�Wann wird sie in der Lage sein zu reisen?�, unterbrach nun Terran die angespannte Atmosph�re im Zimmer. Rialla hatte seine Anwesenheit fast vergessen; er geh�rte zu den Menschen, �ber die man sofort hinwegsah, sobald sie einen Raum betreten hatten.</p><p>�Das kommt auf die Art der Reise an�, antwortete Tris so sachlich wie m�glich. �Sie k�nnte in einer Woche schon reiten. Wenn Ihr einen Wagen habt, w�re sie bereits in zwei oder drei Tagen transportf�hig, obwohl f�nf besser w�ren. Reist sie erst in einer Woche, ist das Risiko, dass sich die Wunde wieder entz�ndet, nat�rlich geringer.�</p><p>Lord Winterseine nickte und fuhr mit dem Finger an der Naht entlang, um das frische Narbengewebe auf versteckte Entz�ndungen hin abzutasten. Rialla, die ihr unbeteiligtes Sklavengesicht aufgesetzt hatte, sp�rte, wie Tris mit einem Mal unsagbar w�tend wurde. �berrascht angesichts der ersten direkten Emotion, die sie von dem Heiler empfing, hob sie kurz den Blick und sah ihn an. Der Ausdruck auf seinem Gesicht hatte sich nicht ge�ndert; wie es schien, war sie nicht die einzige Person, die imstande war, ihre Gef�hle von der Au�enwelt abzuschotten. Im n�chsten Moment schon verebbte die von ihm ausgehende Zorneswelle, und er wirkte so verschlossen wie eh und je.</p><p>�Sehr gut�, meinte Lord Winterseine. �Dann kommen wir sie in einer Woche holen. So lange wird es ohnehin dauern, bis alle anderen Angelegenheiten geregelt sein werden.�</p><p>�Doch vergiss nicht, Vater�, bemerkte Terran, �dass wir dann auch z�gig aufbrechen m�ssen. Wie du wei�t, erwarten wir auf Feste Winterseine in vierzehn Tagen eine Lieferung. Eine Woche k�nnen wir noch hier verweilen, aber keinesfalls l�nger.�</p><p>Ihre Rolle vergessend, starrte Rialla Winterseines Sohn an. Gl�cklicherweise bekam es niemand mit. Mit aller Kraft richtete sie ihre Gabe auf ihn, doch nichts kam zur�ck. Lord Winterseines Geist war undurchl�ssig, doch sie konnte seine Aura sp�ren. Mit Tris, dar�ber war sie sich im Klaren, verhielt es sich ganz anders, doch Terrans Pr�senz war f�r sie beim besten Willen nicht erfassbar.</p><p>�Ja, nat�rlich.� Lord Winterseine wandte sich an den Heiler und f�gte hinzu: �Ich hoffe, es bereitet Euch keine allzu gro�en Umst�nde, wenn Ihr sie bis zu unserer Abreise hierbehaltet?�</p><p>�Nein�, erwiderte Tris. �Ich werde Euch meine Rechnung beizeiten zukommen lassen. Habt Ihr die beglichen, k�nnt Ihr Eure Sklavin mitnehmen.�</p><p>�Gewiss, gewiss�, meinte Winterseine. �Schickt sie doch bitte zu H�nden meines Sohns.� Er verlie� das Krankenzimmer. Terran und der Heiler folgten ihm nach drau�en.</p><p>Nachdenklich streckte sich Rialla auf dem Bett aus. Nie zuvor war sie jemandem begegnet, den sie rein gar nicht zu erfassen imstande gewesen war. Tats�chlich waren in dieser Hinsicht in letzter Zeit einige seltsame Dinge passiert: erst der Heiler und jetzt Terran. Konnte es sein, dass ihre Gabe doch nicht so zuverl�ssig funktionierte, wie sie gedacht hatte?</p><p>Tris wollte den Schlafraum gerade wieder betreten, als ein Klopfen an der Eingangst�r ihn innehalten lie�. Er l�chelte, hob entschuldigend die Schultern und schloss die T�r zum Hinterzimmer.</p><p>Rialla bekam mit, wie er drau�en den Hundewelpen eines kleinen M�dchens mit Salbe behandelte, den gebrochenen Arm eines Bauern schiente und auch noch f�r einen Aushilfsarbeiter sorgte, der dem verletzten Bauern bis zu dessen Genesung zur Hand ging. Dann kam eine besorgte Frau, die irgendwas �ber ihr Kindchen murmelte � Rialla war nicht sicher, ob es um ihren Spr�ssling oder eine Ziege ging. Mit ihr zusammen verlie� Tris die H�tte.</p><p>Rialla schlief so lange wie m�glich und spielte dann einige Partien �Drachenraub� gegen sich selbst, bis ihr langweilig wurde. Kurz vor Sonnenuntergang kam Tris zur�ck nach Hause, wurde dann aber zum Schmied gerufen, dessen Frau Probleme bei der Geburt ihres dritten Kindes hatte.</p><p>Angespannt schlug Rialla in der totenstillen H�tte die Bettdecke zur�ck und humpelte zum Fenster. Die Fensterbank war breit, also kauerte sie sich auf ihr zusammen und starrte in die Nacht hinaus. Das war nur unwesentlich besser, als wieder und wieder die siebenundf�nfzig Deckentafeln aus Holz durchzuz�hlen, die von vierhundertzw�lf N�geln zusammengehalten wurden.</p><p>Wieder wurde sie unruhig und ging durchs Zimmer. Sie hatte keine Ahnung, wie sie die Wandlaternen entz�nden konnte; irgendwo musste Tris einen Feuerstein haben, aber er schien so gut versteckt, dass sie ihn nicht finden konnte. Zweimal durchsuchte sie beide R�ume, mehr aus Langeweile als aus dem Bed�rfnis heraus, das Innere der H�tte auszuleuchten. Der Mond schien durch das Fenster und erhellte die Zimmer fast so gut wie jede Laterne.</p><p>Schlie�lich stand sie vor der vert�felten Wand im Schlafzimmer. Es dauerte eine Weile, bis sie den Hebel f�r das Geheimversteck fand, doch nicht halb so lange, wie es dauerte, ihre Skrupel zu �berwinden. Sie beruhigte ihr schlechtes Gewissen damit, dass Tris ihnen die Geheimt�r ja nicht gezeigt h�tte, wenn niemand davon h�tte erfahren sollen. Schlie�lich glitt die T�r auf und offenbarte des Heilers Sch�tze.</p><p>Die meisten Waffen, die hier gehortet wurden, hatte Rialla selbst schon benutzt oder in Benutzung gesehen, doch ihr Interesse wurde von einem kurzen, halb ausgeh�hlten Stecken geweckt, dessen Spitze sich wie ein Widerhaken dem Betrachter entgegenbog. Sie setzte sich auf den Boden und schaute sich das seltsame Ding genauer an.</p><p>�Das ist eine Speerschleuder.� Tris klang ersch�pft, als er sie unter dem T�rdurchgang stehend ansprach und gleichzeitig mit einer Geste f�r Beleuchtung im Raum sorgte. �Der Mann, der sie f�r mich hergestellt hat, nannte diese Waffe Atlatl. Wenn du dich in dem K�mmerchen genauer umsiehst, wirst du f�nf kleine Speere finden, die genau in die Mulde des Stabs passen. Dann schleudert man den Speer mithilfe des Schafts so auf das Ziel, wie man es mit einem Wurfspie� machen w�rde. Das Ganze ist nat�rlich nicht so genau wie Pfeil und Bogen, aber schneller einsatzbereit und besser vor neugierigen Blicken zu verbergen.�</p><p>Rialla nickte und versuchte, nicht so schuldbewusst zu wirken, wie sie sich f�hlte. Schweigend legte sie die Speerschleuder wieder zur�ck an ihren Platz. Sie kam wieder auf die F��e, doch verzog schmerzhaft das Gesicht, als sie ihr verletztes Bein belastete.</p><p>�Hattet Ihr Gelegenheit zu essen?�, fragte sie Tris und sah ihn nun direkt an. �Ich habe mir erlaubt, Eure Speisekammer zu inspizieren. Am Fu� des Bettes steht ein Teller mit K�se und Schinken.�</p><p>�Danke�, sagte er. Er lie� sich auf der Bettkante nieder und starrte den Teller geistesabwesend an. Er musste sich drau�en am Bach gewaschen haben, denn sein Leinenhemd war an �rmeln und Kragen nass.</p><p>�Wie ist die Geburt gelaufen?�, fragte sie. Sie setzte sich neben dem Bett auf den Boden, da er nicht gewillt schien, ihr auf der Matratze Platz zu machen.</p><p>�Nicht gut.� Er sch�ttelte den Kopf und betrachtete das St�ck K�se in seiner Hand, als h�tte es sich gerade in etwas ganz anderes verwandelt. �Es waren Zwillinge, und das erste Kind lag verkehrt. Es starb, noch bevor ich im Haus des Schmieds eintraf. Das zweite ist sehr klein, doch das Heim der Familie ist sauber und warm. Es sollte durchkommen.�</p><p>Rialla sah, dass der Tod des ersten Kindes ihn mehr mitnahm als seine Ersch�pfung. Sie nahm sich ein St�ck Ziegenk�se und knabberte daran, w�hrend sie dar�ber nachdachte, wie sie ihn ein bisschen ablenken konnte.</p><p>�Sagt mir, wie seid Ihr hier in Tallonwald zum Heiler geworden?�, fragte sie schlie�lich. �Es hei�t doch, dass Gestaltwandler gern unter sich bleiben.�</p><p>Er sah sie an und wirkte leicht belustigt. �Ich bin kein Gestaltwandler. Gestaltwandlern gef�llt es, Jungfrauen zu verspeisen, die leichtsinnigerweise allein im Wald umherwandern. Allerdings�, so setzte er hinzu und biss nun genussvoller ein St�ck von seinem K�se ab, �hei�t das nicht, dass sie dieses Schicksal nicht verdienen. Dumme kleine M�dchen, die allein im dunklen Forst herumspazieren, sind leichte Beute f�r jeden, der ihren Weg kreuzt � sei es nun ein Raubtier, ein Mensch oder eben ein Gestaltwandler. Und die Moral von der Geschicht��, er schob sich ein St�ck Schinken in den Mund, �sei keine dumme Jungfer nicht.�</p><p>Rialla grinste ihn an. �Danke f�r den Rat, werd�s mir merken. Also, was seid Ihr, und warum seid Ihr hier? Ich meine, wenn man sich schon mit den Menschen verbr�dert, sollte man sich doch vielleicht solche aussuchen, die einen nicht gleich auf den Scheiterhaufen werfen, sobald man Magie wirkt.�</p><p>Er verschlang ein weiteres St�ck Schinken. �Ich heile die Menschen.�</p><p>Sie verdrehte die Augen, schnappte sich den Teller und verbarg ihn hinter ihrem R�cken. �Kein Schinken mehr, bis Ihr mir nicht die Wahrheit erz�hlt habt.� Eine Sache spielerisch anzugehen, war f�r Rialla eine lang vergessene Kunst, aber das schelmische Funkeln in seinen Augen machte ihr Mut.</p><p>Betr�bt starrte er auf den Rest Schinken in seiner Hand und jammerte: �Dann werde ich verhungern ��</p><p>Sie lie� sich nicht erweichen, besonders da er inzwischen viel weniger m�de aussah als bei seiner Heimkehr und die Sorgenfalten um seinen Mund verblasst waren. �Ihr braucht mir nur zu sagen, was ich wissen will.�</p><p>Er lehnte sich zur�ck an die Wand und verschr�nkte die Arme vor seiner Brust. �Mit Folter wird man mir meine Geheimnisse nicht entlocken.�</p><p>Sie nahm ein St�ck K�se und winkte einladend damit. �Und was ist mit Bestechung?�</p><p>�K�nnte funktionieren�, meinte er. �Warum versuchst du�s nicht mal damit?�</p><p>Sie unternahm drei Versuche, bevor das Essen, mit dem sie ihn lockte, es in seinen Mund schaffte.</p><p>�Also gut�, kapitulierte er schlie�lich, �ich bin Sylvaner.�</p><p>Rialla wartete, doch da kam nichts mehr. �Was ist ein Sylvaner?�, fragte sie.</p><p>�Wo ist mein Lohn?�</p><p>Sie fuchtelte mit einem St�ck K�se vor seinem Gesicht herum, und er schnappte es sich, bevor es auf der Bettdecke landete, und betrachtete seine Beute zufrieden.</p><p>�Sylvaner sind Anwender von Naturmagie. So wie die Gestaltwandler, ja, aber unsere Talente liegen auf anderen Gebieten. Wir stehen den Tieren des Waldes nahe und sind die H�ter all dessen, was der Boden hervorbringt. Wir sind ein einfaches Volk und k�nnen uns problemlos unter die Menschen mischen, weshalb unsere Siedlungen nicht so abgeschieden sind wie die der Gestaltwandler.� Er machte eine Pause und schloss die Augen, schnappte sich aber nichtsdestotrotz das St�ck Schinken, mit dem Rialla ihm weitere Gest�ndnisse entlocken wollte.</p><p>�Unsere Gemeinschaften sind nicht mehr so zahlreich�, fuhr er fort und strich sich �ber den Bart. ��ber die Jahrhunderte hinweg wurden es immer weniger. Die Enklave, zu der ich geh�rte, ist die einzig verbliebene in ganz Darran. Wir nannten uns einen religi�sen Orden, Anh�nger von Naslen, dem Herrn des Waldes � wie dem auch sei, ich denke, diese Geschichte enth�lt mehr Wahrheit als Dichtung. Es finden sich allerorten auch viele menschliche Gemeinschaften, die an der Vergangenheit festhalten, an den alten Traditionen, der alten Sprache. Die werden toleriert, selbst in Darran, weil es sie schon immer gab. Und viele Sylvaner-Clans sind in diesen Gemeinschaften aufgegangen.</p><p>Meine Enklave lebt auf dem kleinen Anwesen eines Adligen � so klein, dass sein Besitzer es seit Generationen nicht mehr besucht hatte. Als der alte Lord starb, beschloss sein Sohn jedoch, jedes seiner Besitzt�mer aufzusuchen; ich vermute, er hatte Schulden und wollte den Wert seiner L�ndereien einsch�tzen.</p><p>Eines Tages streifte ich umher und stolperte fast �ber ein Kind; ein Menschenkind, das die feinen Freunde dieses Lords wohl an diesem Morgen dort drau�en angetroffen hatten und � Nun, man hatte ihm Gewalt angetan.� Tris schaute pl�tzlich grimmig drein.</p><p>�Ich kannte das M�dchen, hatte es aufwachsen sehen, seit es ein Kleinkind war. Seine Mutter war eine ausgezeichnete Weberin, und ich habe mit ihr im Dorf oft Nahrung gegen Kleidung getauscht. Die Familie hatte vier halbw�chsige S�hne und eben dieses kleine M�dchen. Du musst verstehen, Rialla. Der Grund, warum unsere Gemeinschaft so lange �berlebt hat, ist der, dass wir es uns verboten hatten, in Gegenwart der Menschen Magie zu wirken. Absolut verboten. Das wusste ich, und ich verstand auch warum.�</p><p>Er fl�sterte fast, als er fortfuhr. �Aber da war dieses arme Kind. Ein Kind, das ich gut kannte und �ber die Jahre liebgewonnen hatte. Das M�dchen drohte mir unter den H�nden wegzusterben. Also heilte ich seinen K�rper, bis nichts mehr auf den Missbrauch hindeutete, der ihm widerfahren war. Eine erlebte Vergewaltigung hinterl�sst aber auch Wunden auf der Seele, und so schenkte ich ihr zudem auch noch das Vergessen. Mit ein wenig Gl�ck h�tte somit niemand von dem Vorfall erfahren, nicht einmal das Kind.</p><p>Als ich die Heilung abgeschlossen hatte, weckte ich das M�dchen auf, zog es ein bisschen auf wegen des Nickerchens im Wald und begleitete es heim. Dort nahm ich seinen Vater beiseite und lie� ihn wissen, dass die G�ste des Lords seine Tochter begehrlich angesehen hatten. Er versicherte mir, dass er das Kind im Haus behalten w�rde, bis der Lord und sein Gefolge wieder abgereist waren.</p><p>Als ich zu meinen Leuten zur�ckkehrte, erfuhr ich, dass mich jemand dabei beobachtet hatte, wie ich unser Gesetz gebrochen hatte. Ich wurde des Verbrechens f�r schuldig befunden und verbannt. Man f�hrte mich weit weg von unserer Gemeinschaft und band mich mit Fesseln und mittels Magie. Sofern ich es schaffte, mich selbst zu befreien, k�nnte ich weiterleben � doch ich w�rde auch in diesem Fall nie wieder zu meinesgleichen zur�ckkehren k�nnen.�</p><p>�Ihr konntet Euch befreien?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, l�chelte bei der Erinnerung. �Nein. Ich hab es eine Weile versucht, aber der Mann, der mir die Fesseln anlegte, wollte mich wohl tot sehen. Also ergab ich mich in das mir vorbestimmte Schicksal, bis mich eine alte Frau fand. Sie stach mir mit dem Finger ins Gesicht und meinte: �Heda, ich hab Euch ein Gesch�ft vorzuschlagen. Ihr seid Heiler, und wir brauchen einen Heiler. Daf�r hab ich ein Messer, f�r das Ihr vermutlich Verwendung habt.� Er grinste Rialla an. �Sie hatte solche Angst vor mir, dass das Messer in ihrer Hand zitterte, aber das konnte sie nicht davon abhalten, mir diesen Handel vorzuschlagen. Als ich versprach, ihr zu helfen, schnitt sie mich los. Und hier bin ich.�</p><p>�Woher wusste sie, dass Ihr ein Heiler seid?�, fragte Rialla.</p><p>�Sie besitzt eine Gabe, die es ihr gelegentlich erlaubt, derlei Dinge zu erkennen.�</p><p>Rialla nickte, gab sich mit der Antwort zufrieden. �Und? Gef�llt es Euch unter den Menschen?�</p><p>Langsam nickte er. �Besser als in der Enklave. Sie hatten unrecht dort. Es ist abgrundtief falsch, ja, b�se, wenn man die Macht besitzt, anderen zu helfen, und es nicht tut.�</p><p>�Habt Ihr deshalb geholfen, Laeth zu befreien?�, wollte Rialla wissen.</p><p>Tris sah sie hintergr�ndig an, dann zuckte er die Achseln. �Zum Teil.�</p><p>Hastig erhob er sich von der Matratze und reichte Rialla die Hand, um ihr vom Boden aufzuhelfen. Ihr Bein war etwas steif geworden, also geleitete er sie behutsam zum Bett. Danach schloss er die Geheimt�r, nahm den nun leeren Teller an sich und l�schte mit einer Geste die Lichter.</p><p>�Sch�ne Tr�ume, Heiler�, sagte Rialla.</p><p>Er nickte und zog die T�r hinter sich zu.</p><p>�Was mag Lord Winterseine wohl mit einer frisch genesenen Ausrei�erin vorhaben?� Sie waren in eine Partie �Drachenraub� vertieft, und Rialla war dabei zu gewinnen, als Tris diese Frage in den Raum warf.</p><p>In den letzten Tagen hatten sie gespielt, wann immer der Heiler die Zeit daf�r er�brigen konnte. Nicht dass es Rialla gest�rt h�tte. Es machte ihr genauso viel Spa� wie ihm, selbst wenn er meistens als Gewinner daraus hervorging.</p><p>�Du versuchst nur, mich abzulenken�, beschwerte sie sich. �Es ist das erste Mal seit unserem ersten gemeinsamen Spiel, dass ich den Hauch einer Chance habe zu gewinnen, und selbst die g�nnst du mir nicht.�</p><p>�Leidest du jetzt schon unter Verfolgungswahn?�, neckte er sie, schaute sie dabei aber warmherzig an.</p><p>Rialla machte eine unh�fliche Geste in seine Richtung, bevor sie sich wieder dem Spielbrett zuwandte.</p><p>Tris lachte, dann f�gte er hinzu: �Im Ernst, Rialla, er wird dir doch nicht die Kniesehnen durchtrennen oder dich gar noch schlimmer misshandeln?�</p><p>Rialla bewegte ihren Frosch auf ein leeres Spielfeld und sch�ttelte den Kopf. �Nein. So was passiert manchmal in Ynstrah oder in den Allianz-Provinzen, wo man f�r die Landwirtschaft auf Sklavenarbeit angewiesen ist � mehr, um ein Exempel zu statuieren, als den Sklaven, den man verkr�ppelt hat, an der Flucht zu hindern. Eine T�nzerin aber ist viel zu wertvoll, um sie derart zu verst�mmeln.�</p><p>Sie l�chelte Tris trocken an. �Was nicht hei�t, dass er mich nicht bestrafen wird. Dieser Mann hat ein Faible f�r fantasievolle � Vergeltungsma�nahmen.�</p><p>Tris starrte auf das Spielbrett, doch Rialla hatte das Gef�hl, dass er mit den Gedanken ganz woanders war. Schlie�lich verschob er einen seiner Steine und sah auf. �Bist du sicher, dass du zur�ckkehren m�chtest? Du zahlst einen schrecklich hohen Preis f�r die M�glichkeit, dich an ihm zu r�chen.�</p><p>Rialla nickte, zog wieder mit ihrem Frosch. �Wenn es klappt, ist es die Sache wert. Wenn nicht �� Sie zuckte die Achseln. �Es gibt auch noch andere Gr�nde. Du hast mir doch erz�hlt, dass du viel rumgekommen bist. Warst du jemals auf der anderen Seite des Gro�en Sumpfes?�</p><p>Tris sch�ttelte den Kopf.</p><p>Rialla bewegte sich unbehaglich auf dem Bett hin und her, versuchte, eine bequeme Haltung f�r ihr Bein zu finden. �Hast du dich nie gefragt, warum Sianim so sehr daran gelegen ist, dass der Konflikt zwischen Reth und Darran ein Ende findet?�</p><p>Er hob eine Augenbraue, sch�ttelte erneut den Kopf. �Das h�tte ich vielleicht tun sollen, oder? Denn bei Licht betrachtet kann es wohl kaum in Sianims Interesse liegen, Kriege zu verhindern, nicht?�</p><p>�Genau. Als der Meisterspion mich zu sich rief, um mich davon zu �berzeugen, Laeth hierher zu begleiten, erl�uterte er mir seine Gr�nde daf�r. Offenbar besteht die Gefahr, dass aus dem Osten, also von jenseits des Gro�en Sumpfs, eine Invasion zu erwarten ist.�</p><p>�Unter den Menschen gibt es doch st�ndig Krieg�, meinte Tris. �Ich h�tte gedacht, dass gerade Sianim mit seinen S�ldnerheeren �ber einen weiteren nicht b�se w�re.�</p><p>Manchmal klang das Wort �Menschen� bei Tris wie ein Schimpfwort, mit dem Gossenkinder sich gegenseitig provozierten, um eine Rauferei anzufangen. Da er ihr aber ihre Menschlichkeit nicht vorzuhalten schien, lie� ihm Rialla diese Bemerkung durchgehen.</p><p>�Das dachte ich auch�, stimmte sie ihm stattdessen zu. �Aber es ist nicht irgendein Invasionsheer. Wir reden hier von einer Armee, die s�mtliche V�lker des Ostens in weniger als zehn Jahren erobert und unterworfen hat. Ihr Anf�hrer ist ein Mann, der sich selbst Stimme von Altis nennt, und die Verbreitung seines Glaubens schreitet schneller voran, als seine Soldaten vorr�cken k�nnen. Der Meisterspion denkt, die einzige Chance, den Einmarsch zu stoppen, bestehe darin, dass sich alle Reiche des Westens gegen die Stimme zusammenschlie�en. Und Ren hat die h�ssliche Angewohnheit, bei solchen Dingen meist recht zu behalten.�</p><p>�Also unterst�tzt er das B�ndnis zwischen Reth und Darran�, schlussfolgerte Tris.</p><p>Rialla nickte und fuhr fort. �Nichts von alledem h�tte viel Bedeutung f�r meine Mission auf Westholdt � mit Ausnahme einer Sache: Die Menschen des Ostens glaubten bekanntlich l�ngst nicht mehr an Magie. So lange ist es her, dass unter ihnen Zauberer gelebt und ihre Kunst ausge�bt haben, dass sie s�mtliche Geschichten rund um Magie als Ammenm�rchen abtaten.</p><p>Die �Wunder� aber, welche die Stimme als Prophet des alten Gottes B�r vollbringt, zeigen frappierende �hnlichkeiten zu dem, wozu ein geschulter Magier f�hig ist. Der Meisterspion glaubt daher, dass es sich bei der Stimme nur um einen h�chst begabten Zauberkundigen von diesseits des Gro�en Sumpfes handeln kann.� Rialla sah Tris nun direkt in die Augen. �Und ich glaube, ich hab ihn gefunden.�</p><p>�Winterseine�, sagte Tris.</p><p>Sie nickte. �Und wenn meine Vermutung zutrifft, dann kann man diese unheilvolle Invasion vielleicht gleich mit verhindern. Laeth und ich haben viele �bereinstimmungen zwischen Winterseine und diesem selbsternannten Propheten entdeckt. Und selbst wenn er nicht die Stimme von Altis ist, wei� er h�chstwahrscheinlich, um wen es sich dabei handelt.�</p><p>�Ich komme mit dir�, sagte Tris ruhig, w�hrend er seine Schlange auf das Feld neben ihrem Frosch stellte.</p><p>Bei den G�ttern, dachte sie, ich w�nschte, ich k�nnte sein Angebot annehmen. W�nschte, ich h�tte jemanden an meiner Seite, dem ich vertrauen k�nnte. W�nschte, ich w�re bei all dem nicht allein �</p><p>�Nein�, sagte sie schlie�lich mit fester Stimme und brachte ihren Vogel in Position zu seiner Schlange, die im Begriff war, ihren Frosch zu fressen.</p><p>�Tut mir leid, aber da hast du nichts mitzureden�, sagte er entschieden, als er seine Schlange aus der Gefahrenzone brachte und dabei ihren Hirschbock schlug.</p><p>�Und was wird aus dem Handel, den du mit dieser alten Frau geschlossen hast?�, fragte sie.</p><p>�Ich praktiziere meine Kunst in Tallonwald nun schon �ber zwei Jahre�, sagte er. �Ausgemacht war aber nur ein Jahr.�</p><p>Sie �ffnete den Mund, um etwas einzuwenden, doch dann sah sie die wilde Entschlossenheit in seinen Augen. �Verdammt, Tris, warum tust du das alles?�</p><p>Er schenkte ihr ein mysteri�ses L�cheln, und ihr wurde einmal mehr klar, dass er kein Mensch war. �Wie ich dir erz�hlte, hat die Frau, die mich rettete, die Gabe, Dinge zu sehen, die anderen verborgen bleiben. Und sie sagte mir, dass ich dir bei deiner Aufgabe helfen solle.�</p><p>�Sie sagte dir, du sollst mir helfen, und so tust du es eben?�, fragte Rialla ungl�ubig.</p><p>�So einfach ist�s nun auch nicht. Die Zukunft ist nicht unab�nderlich, Rialla. Trenna offenbarte mir ein Ziel, gew�hrte mir einen Blick auf das m�gliche Ergebnis einer Handlung. Genug, um mich davon zu �berzeugen, dass dieses Ziel der M�he wert ist.�</p><p>�Du willst mir also nicht sagen, warum du das alles machst, stimmt�s?� Ihr Blick war ein wenig anklagend, aber ihr Ton milde.</p><p>�Gewiss doch�, sagte Tris. �Wie ich Laeth schon sagte, lasse ich die erste Person, die mich nach langer Zeit in �Drachenraub� zu schlagen vermochte, nur ungern wieder ziehen. Du bist dran.�</p><p>�berrascht schaute sie hinab auf das Spielbrett. �Ich dachte, ich h�tte meinen Zug gerade erst gemacht. Hast wohl nicht aufgepasst, was?�</p><p>Er wandte seinen Blick nicht von ihrem Gesicht ab. �Das habe ich durchaus. Du bist dran.�</p><p>Sie hob die Schultern und meinte: �Ich verzichte auf meinen Zug.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Das hast du schon vor f�nf Z�gen getan. Man kann aber nur alle sechs Z�ge passen. Du bist dran.�</p><p>Sie l�chelte, bewegte ihren Sperling zwei Felder nach rechts. �Also gut � Drachenraub.�</p><p>Tris starrte auf das Brett. Ihr Sperling besetzte das Feld, auf dem sein Drache stand.</p><p>Als sie seinen �bertrieben fassungslosen Gesichtsausdruck sah, rief sie: �Nun komm, ich hab dir doch gesagt, dass ich nicht am Zug bin, doch du hast darauf bestanden und mich damit f�rmlich zu diesem Man�ver gen�tigt.�</p><p>�Wohin bist du noch mal gezogen, nachdem ich deinen Hirschbock geschlagen habe?�</p><p>Sie schenkte ihm ein bezauberndes L�cheln. �Auf das Feld deines Drachen.�</p><p>Er lachte und riss kapitulierend die H�nde in die H�he. �Ja, ja, Drachenraub. Schon gut, du hast gewonnen.�</p><p>�Wurde auch Zeit�, meinte sie finster und half ihm dabei, die Spielsteine wieder in der Schublade zu verstauen.</p><p>�Jetzt schuldest du mir nur noch zwei K�nigreiche, f�nf Pferde und zw�lf Schweine.�</p><p>�Vier Pferde!�, gab sie hitzig zur�ck.</p><p>�Nein, f�nf�, beharrte er. �Du hast f�nf Pferde gegen die zw�lf Schweine gesetzt, die du in der Partie davor verloren hattest. Eigentlich sollten es sechs Pferde sein, aber wegen deiner Jammerei hab ich mich erweichen und auf f�nf runterhandeln lassen.�</p><p>�Nun denn�, meinte sie, �immerhin hab ich meine f�nfzig H�hner wieder zur�ck ��</p><p>Er wollte gerade etwas darauf erwidern, da vernahmen sie, wie sich die Eingangst�r �ffnete, bevor das Weinen eines kleinen Kindes den Heiler an seine Pflichten erinnerte.</p><p>Allein im Schlafzimmer ihres Gastgebers zupfte Rialla geistesabwesend an der Stickerei der Tagesdecke herum. Die Woche war viel zu schnell vergangen, und ihre Verletzung war fast verheilt. Heute Morgen hatte Tris die F�den gezogen. Das Bein schmerzte noch immer, wenn sie es zu stark belastete, aber es wurde von Tag zu Tag besser. Morgen fr�h w�rde sie mit Lord Winterseine von hier aufbrechen.</p><p>Vielleicht, so dachte sie, war es besser, wenn sie so bald wie m�glich von hier verschwand. Je mehr Zeit sie mit dem Heiler verbrachte, umso schwerer w�rde es ihr fallen, in die Unfreiheit zur�ckzukehren � und zu �berleben. Sie musste wieder zur Sklavin werden und die Rolle der Pferdeausbilderin aus Sianim ablegen, die nur eine Sklavin spielte.</p><p>Sie hob die Hand an ihr Gesicht, sp�rte die Narbe unter der optischen Illusion. Die T�towierung konnte sie nicht ertasten, aber sie wusste, dass sie da war � von der Nase bis zum Ohr, vom Unterkiefer bis zum Wangenknochen. Manchmal hatte sie das Gef�hl, dass auch ihre Seele solcherma�en gezeichnet worden war, dass sie nie wieder etwas anderes w�rde sein k�nnen als eine Sklavin.</p><p>Sie wurde aus ihrem Anflug von Selbstmitleid gerissen, als sie eine laute, ver�rgerte Stimme h�rte, gefolgt von den beruhigen Worten des Heilers. Die Eingangst�r wurde knallend zugeworfen, dann kam Tris d�ster dreinblickend ins Schlafzimmer zur�ck.</p><p>�Was ist denn los?�, wollte sie wissen.</p><p>Sein Blick verfinsterte sich noch mehr. �Ich hab gerade einen gebrochenen Knochen gerichtet. F�r den Sohn eines der Bergbauern.�</p><p>�Bergbauern?�</p><p>�Die Bergbauern bestellen das Land zwischen den H�geln und im Vorgebirge. Es ist kein guter Boden, und das Ganze wirft deshalb auch nicht viel ab, aber das ist noch lange kein Grund, seinem Sohn den Arm zu brechen. Es vergeht kein Monat, in dem ich nicht eines seiner Kinder behandeln muss, oder die Prellungen und Knochenbr�che seiner Frau. Zweimal hab ich mit ihm dar�ber gesprochen und ihm heute gesagt, dass ich mich k�nftig weigern w�rde, einen seiner Familienangeh�rigen zu behandeln. Und ich sagte ihm auch, dass ich das n�chste Mal, wenn er sich an jemandem vergreift, der schw�cher ist als er, daf�r sorgen werde, dass er dergleichen nie wieder tun kann.</p><p>�Und? Wird er sich das zu Herzen nehmen?�, fragte Rialla, w�hrend der Heiler aufgebracht auf und ab lief.</p><p>�Nein, er wird ihnen beim n�chsten Mal wohl einfach verbieten, mich aufzusuchen. Verdammt, es war dumm von mir, die Beherrschung zu verlieren. Und es tut mir auch leid, dass ich�s vor seinem Sohn getan hab. Der Junge erf�hrt schon genug Gewalt in seinem Leben, da sollte er nicht auch noch meine Wutausbr�che miterleben.�</p><p>�Du wirst hier gebraucht�, sagte Rialla mit weicher Stimme. �Wer wird ihre Br�che schienen und ihre Tiere kurieren, wenn du nicht mehr da bist?�</p><p>Er streckte sich, schien seinen �rger abzustreifen wie einen Umhang, denn als er sie anblickte, war ihm nichts mehr davon anzumerken. �Diese Menschen sind den gr��ten Teil ihres Lebens auch ohne mich zurechtgekommen. Die Mutter des Dorf�ltesten ist eine passable Heilerin, wie auch ihre neue Schwiegertochter. Ich habe sie bereits wissen lassen, dass ich sie in K�rze verlassen werde.�</p><p>Rialla �ffnete den Mund, doch er hob eine Hand. �Rialla, wenn ich l�nger als n�tig hier verweile, wird am Ende irgendjemand bemerken, dass ich Magie wirke, und das k�nnte dem Dorf mehr schaden als das Fehlen eines Heilers. Ich hatte mich ohnehin schon darauf eingestellt, bald zu gehen.�</p><p>Tris setzte sich zu ihr auf die Bettkante. �Morgen, wenn Lord Winterseine dich mitnimmt, werde ich euch nachfolgen. Es d�rfte ein Kinderspiel sein, einer Gruppe von Menschen, die sich durch die W�lder schl�gt, auf den Fersen zu bleiben.�</p><p>Rialla begann zu kichern, und Tris schaute sie fragend an.</p><p>�Tut mir leid�, sagte sie. �Aber ich hab noch nie jemanden �Menschen� sagen h�ren, wo er doch eigentlich �hirnloser, stinkender und unverdaulicher Haufen Abfall aus einem Schweinekoben� meint. Das kannst du wirklich gut, wei�t du?�</p><p>Er verbeugte sich leicht und schenkte ihr das liebensw�rdige L�cheln, das er immer aufsetzte, wenn er sie auf besonders hinterh�ltige Weise in �Drachenraub� ausgetrickst hatte.</p><p>�Eine Sache ist noch zu tun, bevor du gehst.� Er griff nach ihrem Ohrring. �Deine T�towierung ist nicht gut genug gesch�tzt. Wenn Winterseine dir beispielsweise den Ohrring abnimmt, dabei mit der T�towierung in Ber�hrung kommt und sie versehentlich entfernt, wird er sich sehr wundern.�</p><p>Er holte ein kleines, sehr d�nnes St�ck Ziegenleder aus seiner G�rteltasche. �Das hab ich heute Morgen vom Gerber bekommen.�</p><p>Dann schloss er die Augen, summte leise, schlug den Ohrring in das Ziegenleder ein und lie� das kleine B�ndel in seiner Faust verschwinden. Nach einer Weile �ffnete er die Augen wieder, sch�ttelte das weiche Lederst�ck und zeigte es Rialla. Der Ohrring war verschwunden, und die T�towierung, die ihre Wange bedeckt hatte, bildete sich nun auf dem Lederst�ck ab.</p><p>Er r�ckte ein bisschen n�her an sie heran, presste das Ziegenleder gegen ihr Gesicht. Riallas Wange wurde ganz kalt. Als er die H�nde wieder fortnahm, ber�hrte sie die Stelle und ertastete weiche, glatte Haut, wo eigentlich die Narben h�tten sein sollen. Die Wange indes f�hlte sich immer noch ein bisschen taub an.</p><p>�Die T�towierung?�, fragte sie.</p><p>�Ist immer noch auf deinem Gesicht. Ich werde des Nachts, wenn die anderen schlafen, Kontakt zu dir aufnehmen. Du bist zwar eine Empathin, aber du sagtest auch, dass du �berdies imstande bist, anderer Menschen Gedanken zu lesen, nicht nur ihre Gef�hle zu empfangen. K�nntest du auf diese Weise auch Verbindung zu mir aufnehmen?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Bei den meisten Leuten klappt es, aber ich kann deine Gef�hle nicht mal erfassen, geschweige denn dir auf diesem Wege eine Botschaft zukommen lassen.�</p><p>Er hob eine Augenbraue, dann l�chelte er auf seltsame Weise. �Nein, nat�rlich kannst du das nicht.� Er z�gerte kurz, dann setzte er hinzu: �Aber ich wei�, wie man dem abhelfen kann.�</p><p>Er holte sein Stiefelmesser hervor und betrachtete es eine Weile, bevor er mit dem Daumen �ber die scharfe Klinge fuhr. Rialla begriff nicht, dass er Magie wirkte, bis er etwas in einer fremden Sprache sagte und ihren Mund mit der kleinen frischen Wunde an seinem Daumen ber�hrte. Unwillk�rlich leckte sie die Blutstropfen von ihren Lippen. Es war, als nippte sie an besonders starkem Alkohol; sein Lebenssaft brannte sich f�rmlich einen Weg in ihren K�rper hinein, hinterlie� ein Kribbeln in ihren Zehen und Fingerspitzen, verschleierte ihre Sicht.</p><p>Bevor sie reagieren konnte, fuhr er mit der Klinge seitlich an ihrem Hals entlang und beugte den Kopf vor. Sie sp�rte die weiche, schnelle Ber�hrung seiner Lippen und das sanfte Kratzen seines Bartes auf ihrer Haut, bevor er sich wieder zur�ckzog. Noch einmal ber�hrte er ihren Hals, diesmal mit den Fingern, und schloss den kleinen Schnitt. Sie starrte ihn wortlos an, fasste sich an die Stelle, wo er und sein Messer sie ber�hrt hatten. Die Wunde war vollst�ndig verschwunden.</p><p>�So, jetzt versuch es noch einmal�, sagte er, und pl�tzlich hatte seine Stimme f�r Rialla einen g�nzlich anderen Klang. Sie war irgendwie erf�llt von Magie und Mondlicht, obwohl drau�en noch immer die Sonne durch die B�ume schien.</p><p>Sie griff mit ihrer Gabe nach ihm, z�gernd zun�chst, weil unsicher, was seine Magie ver�ndert haben mochte. Anfangs schien es, als w�re alles beim Alten. Wie zuvor konnte sie ihn geistber�hren, doch es war, als griffe man mit den Gedanken nach einem festen, unverr�ckbaren Ding. Sie konnte ihn sehen und doch nicht sehen, was er wirklich war. Behutsam �bte sie etwas Druck auf ihn aus, aber er blieb undurchdringlich. Rialla wollte sich gerade wieder von ihm zur�ckziehen, als sie praktisch aufgesogen wurde.</p><p>Es war zu fremd, und es ging zu schnell. Ihr wurde schwindelig. Hin und her gerissen wurde sie zwischen Erinnerungen und Gef�hlen, die sie nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Sie war es gewohnt, die Emotionen der Menschen aufzugreifen, doch von Tris erreichten sie dar�ber hinaus auch Erinnerungen, Gedanken und Tr�ume �</p><p><emphasis>Rialla</emphasis>. Seine Stimme hallte allzu m�chtig in ihrem Kopf wider, und doch gab sie ihr auch Halt.</p><p>Rialla zog sich ein St�ck zur�ck, bis der Kontakt nicht mehr ganz so eng war, bis seine W�rme etwas Wohliges und nichts Verzehrendes mehr hatte. Seine Gedankenstimme kam wohl kontrolliert zum Einsatz, was den Schluss nahelegte, dass er schon fr�her auf diese Weise kommuniziert hatte.</p><p>Rialla war imstande gewesen, ihren Vater auf diese Art zu kontaktieren, aber eine in beide Richtungen verlaufende Verst�ndigung, das war neu f�r sie. <emphasis>Tris</emphasis> , sagte sie, <emphasis>was hast du getan, dass ich dich nun auf diesem Wege erreichen kann?</emphasis></p><p>Sie empfing einen schwachen Strom diverser Emotionen, die allesamt rasch wieder zur�ckgezogen wurden, doch zuvor erhaschte sie einen Hauch von Schuld und Aufgeregtheit.</p><p><emphasis>Irgendwann werde ich�s dir erz�hlen. Kannst du nun Verbindung zu mir aufnehmen?</emphasis></p><p>Z�gernd griff sie mit ihrem Talent nach ihm. <emphasis>Jederzeit. Aber ich wei� nicht, wie nah ich dir daf�r sein muss. Dennoch scheint es mir leichter zu fallen als bei jedem anderen Gedankendialog, den ich jemals versucht habe.</emphasis></p><p><emphasis>Wir Sylvaner sprechen auf diese Weise miteinander</emphasis>, erwiderte er.</p><p><emphasis>So?</emphasis>, fragte Rialla �berrascht. Sie sandte ihm ein Abbild der Intimit�t zur�ck, die mit dieser Form der Verst�ndigung einhergegangen war � all die komplexen Emotionen und Gedanken, die sie aufgriff, w�hrend er mit ihr sprach.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> sagte er �berrascht, <emphasis>so nicht</emphasis>. <emphasis>Kannst du wirklich all das von mir empfangen?</emphasis></p><p>Sie sp�rte sein Unbehagen und zog sich noch ein wenig mehr zur�ck. Die Erinnerung an Laeths Wutausbruch angesichts ihrer empathischen F�higkeiten war noch frisch. F�r gew�hnlich war es kein Problem, dem Ziel ihrer Geistber�hrung seine Privatsph�re zu lassen, doch Tris� frei m�andernde Gedanken trafen sie allzu oft unvorbereitet. Schlie�lich zog sie sich ganz zur�ck und errichtete ihre Barrieren, bis sein Geist wieder undurchdringlich f�r sie war.</p><p>Tris schenkte ihr einen ganz besonders geheimnisvollen Blick und sagte: �Nun kannst du mich erreichen, wann immer du Hilfe brauchst.�</p><p>Sie konnte nicht mehr als schwach nicken, um ihm ihr Einverst�ndnis zu signalisieren. In diesem Moment durchbrach der Ruf einer Frau im Vorraum diesen au�ergew�hnlich intimen Augenblick, und Rialla war dankbar daf�r. Sie brauchte dringend etwas Zeit, um sich dar�ber klar zu werden, was Tris gerade getan hatte.</p><p>Der Morgen d�mmerte klar und warm. Rialla sa� ruhig wartend da, als Lord Winterseine ihr Refugium betrat. Ihr Gesichtsausdruck war ausdruckslos und �nderte sich auch nicht, als der Meister ihr das Ausbildungshalsband anlegte.</p><p>Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, als sich die durch Ketten verbundenen Lederfesseln hinter ihrem R�cken um ihre Unterarme schlossen. Eine weitere Kette verband die Fesseln mit ihrem Halsband, was ihre Beweglichkeit zus�tzlich einschr�nkte. Winterseine befestigte eine Lederleine an dem Halsband und f�hrte sie hinaus.</p><p>Auf diese Art der Fesselung nicht zu reagieren, fiel ihr leicht. Sie hatte sie schon zuvor erlebt und damit gerechnet, dass Winterseine auf sie zur�ckgreifen w�rde. Womit sie nicht gerechnet hatte, waren die hei�en Wellen der Wut, die von dem Heiler ausgingen, obwohl er nach au�en hin ruhig und beherrscht wirkte. Also so, wie er sich im Umgang mit darranischen Adligen immer verhielt. Sie versuchte, seinen erregten Gem�tszustand aus ihrem Geist zu verbannen, damit dieser sie am Ende nicht beeinflusste, aber so leicht war das nicht mehr.</p><p>Offensichtlich war der Kanal, den Tris zwischen ihnen gegraben hatte, nicht mehr so ohne Weiteres zuzusch�tten. Sie schickte ihm einen Strom beruhigender Gedanken und versuchte dann, ihre emotionale Abgeschiedenheit wiederherzustellen.</p><p>Terran half ihr beim Aufsitzen. Selbst unter besten Voraussetzungen war es schwierig, ohne Einsatz der H�nde ein Pferd zu besteigen. Und weil Rialla noch immer damit besch�ftigt war, sich vor der andauernden Verbindung zu Tris abzuschirmen, war sie f�r Terrans Hilfe dankbar.</p><p>Als sie davonritten, konnte sie sp�ren, wie der Blick des Heilers sie bis in den Wald hinein verfolgte.</p><p>Viele Darraner hatten in den Kriegen mit Reth alles verloren. Sie f�hrten ein Leben als Diebe und Wegelagerer in den W�ldern und raubten die aus, die dumm genug waren, ohne schlagkr�ftigen Begleitschutz durch die Lande zu reisen. Winterseines Entourage indes war gro� genug, um die meisten Banditen abzuschrecken. Au�er dem Adligen und seinem Sohn reisten auch eine Hand voll K�mpfer und zwei Diener mit ihnen � darunter derjenige, von dem Rialla annahm, dass er Karsten vergiftet hatte. Tamas war sein Name, wenn sie sich recht erinnerte. Offensichtlich war das dunkelh�utige M�dchen die einzige Sklavin gewesen, welche die Adligen nach Westholdt begleitet hatte, weil es au�er Rialla nun keine weiteren Unfreien mehr in Winterseines Gefolge gab.</p><p>Vier Mann ritten voraus, gefolgt von Winterseine und seinem Sohn Terran. Dahinter trabten Rialla und die Dienerschaft. Der Rest der Reisegruppe bildete die Nachhut.</p><p>Rialla wusste, dass Winterseine ein exzellenter K�mpfer war; nicht zuletzt mit ein Grund f�r seinen Erfolg als Sklavenhalter. Und wenn sie seinen Sohn so betrachtete, kam sie zu dem Schluss, dass er seinem Vater ebenb�rtig war. Zum einen ritt er sein Schlachtross mit einer Leichtigkeit, die viel Erfahrung voraussetzte. Und die M�helosigkeit, mit der er ihr aufs Pferd geholfen hatte, bewies zum anderen, dass er ziemlich athletisch und kr�ftig war.</p><p>Winterseines Lakai hielt die F�hrungsleine des Pferdes, auf dem Rialla ritt. Wie auch sie, sa� Tamas auf einem einfachen Reitpferd. Er trug keine nennenswerte Waffe bei sich au�er einer schweren Peitsche, die an seinem Sattel befestigt war. Doch in Sianim hatte Rialla solche Peitschen im Einsatz gesehen und untersch�tzte somit nicht den Schaden, den sie verursachen konnten.</p><p>Sie reisten durch den h�geligen S�den Darrans. Allerorten waren die Spuren des letzten Krieges noch zu sehen. Viele der H�fe hatte man erst k�rzlich auf den Tr�mmern ihrer Vorg�ngergeb�ude wiedererrichtet, doch es gab auch noch zahlreiche niedergebrannte Geb�ude, die nicht wieder aufgebaut worden waren � vermutlich, weil einfach niemand mehr da war, dies zu tun.</p><p>Kurz vor Sonnenuntergang machten sie neben einem der im Krieg zerst�rten H�user Rast. Ohne viel Aufhebens wurde ein Nachtlager errichtet. Mithilfe der Leine, die noch immer mit dem Ausbildungshalsband verbunden war, pflockte Winterseine Rialla auf dem Boden nahe des Lagerfeuers an, wo man sie die ganze Nacht �ber im Auge behalten konnte. Auch l�ste er die Fesseln an ihren Armen nicht.</p><p>Keine dieser Bindungen sa� �berm��ig fest, doch waren ihre Arme fast den ganzen Tag �ber in dieser unnat�rlichen Position gewesen, sodass ihre Schultern allm�hlich zu schmerzen begannen. Angesichts dessen und aufgrund ihres immer noch pochenden verletzten Beins bezweifelte Rialla, dass sie eine erholsame Nacht haben w�rde. Sie hatte also die Wahl, sich entweder in noch w�rdeloserer Weise mit dem Gesicht nach unten in den Dreck zu rollen, oder ihr ganzes Gewicht auf die hinter ihrem R�cken gefesselten schmerzenden Arme zu legen.</p><p><emphasis>Rialla.</emphasis></p><p>Sie war sich sicher, zusammengezuckt zu sein, doch falls dem so war, so hatte es niemand bemerkt. Sie war einfach nicht an Stimmen in ihrem Kopf gew�hnt � <emphasis>Tris?</emphasis></p><p><emphasis>Ja, wie geht�s deinem Bein?</emphasis></p><p>Sie drehte und streckte es vorsichtig. <emphasis>Es tut noch weh, aber es ist auch nicht schlimmer geworden.</emphasis></p><p><emphasis>Gut</emphasis>.</p><p>Sie wartete, doch es kam nichts mehr. Mit einem resignierten Seufzer rollte sie sich auf den Bauch. Zu ihrer �berraschung fiel sie sofort in einen befreienden D�mmerschlaf, der die ganze Nacht �ber andauerte.</p><p>Am n�chsten Morgen war Terran anderweitig besch�ftigt, also wurde Rialla f�r die Weiterreise von Tamas aufs Pferd gehievt. Sie hatte ihm seit dem Tag ihres Aufbruchs nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt, doch dieser unfreiwillige K�rperkontakt zwang ihr seine Emotionen und einige seiner Gedanken auf, sodass sie sich danach geradezu beschmutzt vorkam. Es war nicht nur Lust, die er empfand, sondern etwas viel � Gewaltt�tigeres. Sie begriff, dass sich seine Begierde aus dem Zuf�gen von Dem�tigungen und Schmerz n�hrte. Und selbst, als sie schon l�ngst im Sattel sa�, suchte er immer wieder unz�hlige Vorw�nde, sie zu ber�hren.</p><p>Am sp�ten Nachmittag zog sich der Himmel zu, und Winterseine beschleunigte das Reisetempo von dem gem�chlichen Schritt zu einer z�gigeren Gangart, um dem drohenden Unwetter zu entgehen.</p><p>Das Pferd, auf dem Rialla sa�, verfiel in einen so unruhigen Trab, dass sie um den festen Sitz ihrer Z�hne f�rchtete und h�ssliche Kopfschmerzen bekam. Andererseits hatte die schnelle Gangart den Vorteil, dass Tamas� Aufmerksamkeiten sich fortan auf ein Mindestma� beschr�nkten, weshalb Rialla den H�llenritt letzten Endes als Verbesserung ihrer Lage ansah.</p><p>Sie beschlossen, die Nacht in einem Kloster zu verbringen, das, Ironie des Schicksals, einst dem Sturmgott geweiht worden war. Die Anh�nger der alten G�tter mussten sich inzwischen mit den wenigen verbliebenen Tempeln des Reiches, zu denen auch dieser z�hlte, zufriedengeben. Es war eine wenig kunstvolle Anlage, erbaut aus dem dunklen Stein der Gegend, die aufgrund des Zwielichts und des Unwetters noch trostloser wirkte.</p><p>Einige M�nche kamen herbei, um ihre Tiere zu versorgen. Entschlossen schwang Rialla ein Bein �ber ihren Sattel und rutschte seitlich neben ihrem Pferd zu Boden. Es galt, um jeden Preis Tamas� �helfenden� H�nden zu entgehen.</p><p>Der Sturmgott sch�tzte keine Frauen in seinen heiligen Hallen, doch die M�nche hatten als Zugest�ndnis an die weltlichen Besucher ein kleines Nebengeb�ude errichtet, das diesen als Zuflucht dienen konnte und f�r das sich die Ordensbr�der f�rstlich entlohnen lie�en. Die Steinh�tte wurde stets von au�en verriegelt, damit kein weibliches Wesen im Hauptgeb�ude herumwandern und den Tempel damit entweihen konnte.</p><p>Die Unterkunft, so stellte Rialla fest, war k�rglich und fensterlos. W�re sie eine Adlige, so vermutete sie, h�tte man ihr wahrscheinlich von irgendwoher eine Pritsche besorgt und diese nach ihrer Abreise verbrannt. Wie die Dinge jedoch standen, musste sie sich mit dem nackten Steinfu�boden bescheiden. Viel Zeit blieb nicht, sich in dem Raum umzuschauen, bevor die T�r hinter ihr geschlossen wurde und sie in totaler Finsternis zur�cklie�. Gleich darauf war das unverwechselbare Ger�usch eines Holzbalkens zu h�ren, der von au�en vorgeschoben wurde.</p><p>Rialla setzte sich auf den rauen Steinboden und schloss seufzend die Augen. Endlich war sie allein. Fast hatte sie bef�rchtet, dass man ihr Tamas als Bewacher zur Seite stellen w�rde, womit sie die ganze Nacht damit besch�ftigt gewesen w�re, sich ihn vom Hals zu halten.</p><p>Pl�tzlich sp�rte sie, dass sie dennoch nicht allein im Raum war. Doch bevor sie in Panik verfallen konnte, begriff sie, um wen es sich handelte.</p><p>�Tris?�</p><p>�Mmmm?�, erwiderte er fast geistesabwesend, als er an dem Verschluss ihres Halsriemens herumfummelte, um ihn abzuschnallen.</p><p>�Wie lange bist du schon hier?�</p><p>�Noch nicht allzu lang. Du riechst nach nassem Pferd.� Er l�ste die Fesseln um ihre Arme, und Rialla streckte und reckte sich dankbar, �chzte fast vor Erleichterung, als sie ihre Gliedma�en wieder frei bewegen konnte.</p><p>�Mein Lieblingsduft�, gab sie zur�ck.</p><p>Tris erschuf ein Magierlicht und erhellte so die karge kleine Kammer.</p><p>�Nicht gerade ein Palast�, bemerkte er.</p><p>�Aber sauber, was mehr ist, als man wohl von den M�nnerunterk�nften im Tempel erwarten darf.� Mit einer einladenden Geste zeigte sie auf den Platz neben sich.</p><p>Stattdessen setzte sich Tris ihr gegen�ber auf den Boden und nahm seinen Rucksack ab. Er w�hlte eine Weile darin herum, bis er ein kleines gek�steltes Spielbrett in H�nden hielt, das er nun zwischen ihnen abstellte.</p><p>Es war nicht so kunstvoll gefertigt wie das Exemplar in seinem H�uschen, aber es erf�llte seinen Zweck, und so brachten sie den ganzen Nachmittag damit zu, �Drachenraub� zu spielen. Der Heiler gewann alle Partien, aber leicht machte Rialla es ihm nicht.</p><p>Nach dem dritten Spiel schob er widerstrebend das Spielbrett beiseite. �Ich muss nun das Licht l�schen�, sagte er. �Das Geb�ude wirkt zwar massiv, aber ich sch�tze, es sind doch einige Spalten oder Risse in den W�nden, durch die Licht nach au�en fallen k�nnte. Ich m�chte nicht, dass du diesen Leuten erkl�ren musst, wie es dazu kam.� Er machte eine wedelnde Handbewegung, und das Magierlicht erlosch.</p><p>�Wie ich bemerkte, hatte Winterseines rattengesichtiger Diener erhebliche Schwierigkeiten damit, seine H�nde von dir zu lassen�, meinte Tris. �Hast du mal dar�ber nachgedacht, diesem kleinen Lustmolch, der dein Pferd f�hrt, zu zeigen, was du davon h�ltst? Sch�tze, ein bisschen Empathie w�rde sich wundervoll dazu eigenen.�</p><p>Rialla lachte, dankbar daf�r, dass Tris mit seiner Bemerkung Tamas� Zudringlichkeiten von etwas Bedrohlichem zu etwas Groteskem gemacht hatte. �Bedaure, aber jede Gemeinheit, die ich mir f�r ihn ausdenken k�nnte, w�rde ihn nur noch mehr anheizen.�</p><p>�Ja, das w�re m�glich ��, erwiderte er betont nachdenklich.</p><p>Rialla musste wieder lachen. Sie suchte sich eine bequemere Position, und eine behagliche Stille breitete sich zwischen ihnen aus, bis ihr fast die Augen zufielen.</p><p>�Wie willst du beweisen, dass Winterseine Karsten auf dem Gewissen hat?�, fragte Tris pl�tzlich.</p><p>Sie erhob sich leicht vom Boden. �Du hattest erw�hnt, dass der Dolch, mit dem Karsten ermordet wurde, einfach verschwand. Wenn ich ihn finde, kann jeder Zauberkundige, der was auf sich h�lt, sagen, wer ihn benutzt hat.�</p><p>�Und wen willst du damit �berzeugen?�</p><p>�Was meinst du?�, fragte Rialla, und dann: �Bei den G�ttern, daran hab ich ja �berhaupt nicht gedacht! Welcher Darraner w�rde �berhaupt glauben, was ein Zauberer zu sagen hat?�</p><p>Sie dachte einen Moment �ber das Problem nach und f�gte hinzu: �Was, wenn ich die Sache anders anginge? Was w�rde der Gro�e Rat wohl dazu sagen, wenn ich beweisen k�nnte, dass Winterseine ein Magier ist? Damit w�rde ich Laeth zwar nicht entlasten, aber Winterseine w�rde sich so auch nicht der L�ndereien Karstens bem�chtigen k�nnen. Damit bliebe Lord Jarroh als m�chtigstes Mitglied im Rat.�</p><p>�Und wie willst du beweisen, dass Winterseine ein Magier ist?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, obwohl er es im Dunkeln gar nicht sehen konnte. �Wei� nicht, aber ich werde einen Weg finden.�</p><p>Fr�h am Morgen wurde sie von Tris geweckt, damit er ihr die Fesseln wieder anlegen konnte, bevor irgendwer hereinkam. Gerade als die letzte Schnalle geschlossen war, h�rten sie, wie jemand den Riegel von der T�r entfernte.</p><p>�Tris!�, zischte Rialla ihm erschrocken zu.</p><p>Er l�chelte sie nur an, trat einige Schritte zur�ck, bis er mit dem R�cken an der Wand stand, und machte dann eine seltsame Geste. Im selben Moment verschwamm seine Gestalt und verschmolz mit der Dunkelheit. Fasziniert beobachtete Rialla, wie der Heiler eins wurde mit der Wand und sich Schritt f�r Schritt der Farbe des Steins anglich, bis die Schatten im Raum jedes Zeichen seiner Anwesenheit verschluckt hatten.</p><p>Tamas kam herein, zog Rialla am Arm vom Boden hoch und geleitete sie hinaus, ohne dass er den heimlichen Beobachter in der Steinh�tte wahrnahm.</p><p>Es war ein kalter und ungem�tlicher Tag, und die Pferde wirkten unruhig, weil ein scharfer Wind unangenehme Ger�che zu ihnen herantrug. Rialla zog unter ihrem Umhang den Kopf ein und w�nschte sich nichts sehnlicher, als dass Tamas heute nicht ihre Stute f�hren m�ge.</p><p>Die Sonne ging auf � eine tr�be Scheibe an einem grauen Himmel, und nachdem sie die H�lfte ihres Weges zur�ckgelegt hatte, war sie fast v�llig von Wolken verhangen. Als es zu regnen begann, hielt die Gruppe an, w�hrend Terran und Winterseine sich kurz berieten.</p><p>Tamas nahm den unvorhergesehenen Stopp zum Anlass, sein Pferd direkt neben Riallas zu lenken.</p><p>�Ich mag die H�bschen und Sanften, so wie du�, sagte er. �Lord Winterseine sagt, wenn du f�rs Tanzen nicht mehr gut genug bist, kann ich dich haben, bevor er dich an sein Bordell schickt. Es w�rde dir dort nicht gefallen, aber wenn du mich zufriedenstellst, behalte ich dich vielleicht.�</p><p>W�hrend er sprach, legte er seine Hand auf ihr l�diertes Bein. Riallas Pferd wurde unruhig, versuchte sich dem Zugriff auf seine Reiterin, deren Widerwillen es bemerkte, instinktiv zu entziehen. Tamas, der noch immer die F�hrungsleine hielt, grinste, wendete sein Pferd und folgte ihr.</p><p>�Warum so ungehalten?� Wieder presste er seine Handfl�che auf ihre Wunde, fester diesmal.</p><p>Es tat weh, doch Rialla wusste, dass man ihr den Schmerz nicht ansah. Und sie wusste, dass ihre zur Schau gestellte Emotionslosigkeit ihn sehr entt�uschte. Vor allem aber wusste sie, dass irgendwo in der N�he Tris gerade ziemlich w�tend wurde.</p><p>Ein Blitz durchzuckte die Luft, Sekunden sp�ter folgte ein Donnergrollen. Ihre beiden Pferde reagierten �hnlich heftig auf das Ger�usch � begleitet von einem Aufwallen empathisch verstr�mter Furcht. Die anderen Pferde begannen zu t�nzeln und zu bocken; der Herdentrieb �berw�ltigte jegliche genossene Erziehung.</p><p>Mit einem Ruck riss Riallas Pferd Tamas die F�hrungsleine aus der Hand, senkte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug aus. Rialla lehnte sich zur�ck, stemmte sich, die F��e voran, in den Sattel. Als der Hinterleib des Pferdes sich wieder absenkte und das Tier sich dadurch zur Seite drehte, verlagerte Rialla ihr Gewicht entsprechend und hielt die Balance. Aufgrund ihrer Gabe wusste sie stets, was die Stute als N�chstes tun w�rde.</p><p>Einer der Wachm�nner bekam die F�hrungsleine zu packen, und sein fester Griff entmutigte Riallas Pferd. Nach einigen halbherzigen H�pfern beruhigte es sich wieder.</p><p>Der Renner, den Tamas ritt, war indes erfolgreicher bei dem Versuch, seinen Herrn abzuwerfen. Winterseines Diener landete unsanft in einem Stechapfelstrauch. Als man ihn wieder aus dem Gestr�pp mit den langen Dornen gezogen hatte, bestanden seine Verletzungen nicht nur aus Stichen und Kratzern � sein Arm hing schlaff zur Seite und war bei dem Sturz offensichtlich gebrochen. Einer der Wachleute hatte Tamas� Pferd wieder eingefangen; es t�nzelte nerv�s herum und verteilte dabei jede Menge Matsch �ber jeden, der sich in seiner N�he befand.</p><p><emphasis>Gut gemacht</emphasis>, bemerkte Tris. <emphasis>Das Pferd einzusetzen, daran hatte ich gar nicht gedacht.</emphasis></p><p><emphasis>Danke</emphasis>, erwiderte sie schwach, w�hrend ihre Stute sich von Tamas� Pferd entfernte und dabei den Mann, der die Leine hielt, mit sich zog. <emphasis>Ich</emphasis> �</p><p>W�hrend ihr Pferd einen weiteren Kreis beschrieb, erhielt Rialla einen guten Blick auf Tamas, der nun den Arm streckte und beugte, den er sich gerade erst gebrochen hatte. Sie �berwand ihren Ekel vor dem Mann, griff kurz mit ihrer Gabe nach ihm und stellte fest, dass der einzige Schmerz, den Tamas sp�rte, von den Verletzungen ausging, die ihm die Dornen zugef�gt hatten.</p><p><emphasis>Tris?</emphasis>, fragte sie. <emphasis>Warst du das?</emphasis></p><p><emphasis>Was meinst du?,</emphasis> fragte er zur�ck.</p><p><emphasis>Als Tamas abgeworfen wurde, hat er sich den Arm gebrochen.</emphasis> Sie �bermittelte Tris ein Bild davon, wie Tamas� Arm kurz nach dem Sturz ausgesehen hatte. <emphasis>Jemand hat ihn geheilt. Gerade eben. Warst du das?</emphasis></p><p><emphasis>Nein</emphasis>. Es folgte eine Pause, und dann: <emphasis>Ich bezweifle, dass irgendjemand hier Gr�ne Magie wirken kann. Wir k�nnen einander f�r gew�hnlich auf Anhieb erkennen. Auch kann ich normalerweise immer feststellen, ob jemand k�rzlich Gr�ne Magie zur Anwendung gebracht hat, aber dergleichen sehe ich hier nicht. Menschenmagier k�nnen einen Knochen behandeln, indem sie Magie als eine Art Schiene einsetzen, aber das erfordert sehr viel Macht. Schwache Menschenmagier �</emphasis> Er brach ab und f�gte nach einer Weile hinzu. <emphasis>Sag mir, wie stark ist dieser Magier, den du suchst, wirklich?</emphasis></p><p><emphasis>Er war Sch�ler des ehemaligen ae�Magi</emphasis>, erwiderte Rialla langsam. <emphasis>Kannst du feststellen, ob ein Menschenmagier Tamas� Arm geheilt hat?</emphasis></p><p><emphasis>Ein Menschenmagier kann den Arm nicht heilen</emphasis>, erkl�rte Tris, <emphasis>er kann ihn, wie ich schon sagte, nur richten. Und er m�sste den Zauber auch best�ndig erneuern. Wenn also der Magier einschliefe, w�rde der Zauber an Wirkung verlieren. Es sei denn, er hat Runen benutzt, aber das w�rde ich wissen. Tats�chlich kann ich keine wie auch immer geartete Magie ersp�ren. Andererseits war der einzige Menschenmagier, mit dem ich je zu tun hatte, Trenna, die alte Frau, die mich in Tallonwald als Heiler angeworben hat. Und sie war nur unzureichend ausgebildet; insofern muss ich sagen: Nein, ich kann nicht sagen, ob ich zweifelsfrei feststellen k�nnte, dass ein Mensch Magie gewirkt hat.</emphasis></p><p>Rialla gr�belte �ber das eben Geh�rte nach. Sie fragte sich, warum Tamas� gebrochener Arm Winterseine so sehr am Herzen liegen sollte, dass er eine Unmenge an Magie darauf verwendet haben musste, um ihn wiederherzustellen. Und das, wo doch die Einzigen, die er damit beeindrucken konnte, seine eigenen Bediensteten waren. Nein, das alles passte ganz und gar nicht zu ihrem ehemaligen Meister.</p><p>Rialla zitterte und zermarterte sich mit wachsendem Unbehagen das Hirn �ber das Wesen der Magie � menschliche wie Gr�ne. �ber welche Macht mochte da erst der Prophet eines Gottes verf�gen?</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Dunkel, ja, fast bedrohlich ragten die steinernen Mauern und T�rme von Lord Winterseines Burg vor der Gruppe der m�den Reiter auf. Schwach wurde das Mondlicht von den gl�nzenden Bl�ttern des Efeus zur�ckgeworfen, das die Au�enw�nde der Anlage �berwucherte, wodurch der Eindruck noch viel unheimlicher wirkte.</p><p>Als sie �ber die Zugbr�cke ritten, warf Rialla einen Blick nach unten in den Burggraben, der die Feste umgab. Der war nicht ganz so absto�end wie anderenorts; Winterseine lie� ihn einmal im Jahr entw�ssern und reinigen, sodass von ihm nur ein Geruch von Algen und verrottetem Laub aufstieg.</p><p>Die alten Planken der Zugbr�cke �chzten unter dem Gewicht der Pferde. Die schweren Ketten, mit denen die Br�cke einst hochgeklappt werden konnte, hingen nun nutzlos im Schlamm, wo sie vor sich hinrosteten und von Brackwasseralgen erobert wurden.</p><p>Der Eingang in den Burghof wurde durch ein schweres Fallgitter gesch�tzt. Soweit Rialla wusste, war die alte Zugbr�cke in diesem Jahrhundert noch nicht wieder bet�tigt worden. Die Burg war nicht gro� und ihre Lage strategisch nicht von Bedeutung, weshalb die Rethischen Kriege fast spurlos an ihr vorbeigegangen waren. Nur wenige Banditen hatten es gewagt, es mit den erfahrenen K�mpfern aufzunehmen, die dieser Tage, da der Krieg vorbei war, die Burg bewachten. Dar�ber hinaus beteiligte sich Winterseine nicht an dem entw�rdigenden Gez�nk im Rahmen irgendwelcher Fehden, die andere Grundbesitzer und Adlige viel Zeit und Geld kosteten.</p><p>Rialla vermochte nicht zu verhindern, dass ihr ein Schauer �ber den R�cken lief, als sich das schwere Eisengitter wieder hinter ihnen herabsenkte und sie damit praktisch in den Mauern der Burg festhielt. Kurz musste sie den Drang niederk�mpfen, sich von ihren Fesseln zu befreien. Stattdessen klammerte sie sich an Tris� beruhigende Pr�senz in dem Wissen, dass er in der N�he war.</p><p>Sie ritten direkt auf den Eingang der Burg zu, wo die Stallburschen sie schon erwarteten, um die ersch�pften Pferde zu �bernehmen. W�hrend Winterseine und sein Gefolge sich in die Eingangshalle begaben, wurde Rialla von einem der Wachm�nner die steinerne Treppe hinab und zu den Sklavenzellen gef�hrt. Nachdem er sich davon �berzeugt hatte, dass sie Brot, Wasser und Stroh f�r das Nachtlager hatte, entfernte der Mann die Lederfesseln und lie� sie allein.</p><p>Durch ein kleines vergittertes Fenster in Deckenh�he fiel das Mondlicht. Die Schatten, den die Metallstreben auf den blassen Steinboden warfen, erinnerten sie nun best�ndig daran, wo sie war. Das Ger�usch von Brackwasser, das im Burggraben tr�ge gegen die Au�enmauer der Festung pl�tscherte, drang ged�mpft aus dem Latrinenloch, das sich in einer Ecke ihrer Zelle befand, zu ihr herauf.</p><p>Rialla sah sich um, und langsam kehrte die Erinnerung wieder zur�ck. Sie sa� in der gleichen Zelle, die man ihr zugeteilt hatte, als sie das erste Mal verschleppt worden war. Wie um sich zu vergewissern, kniete sie sich neben die schwere Holzt�r und fuhr mit dem Finger �ber die angrenzende Steinwand. Nach einer Weile ertastete sie die in den Granit geritzten Buchstaben. Es war zu dunkel, um sie zu lesen, aber das musste sie auch nicht � sie wusste ganz genau, was dort stand:</p><p><emphasis>�Isst vah han ona faetha�</emphasis>, rezitierte sie leise und betonte dabei die Worte genau so, wie es schon ihr Vater getan hatte. �Ohne Hoffnung ist alles nichts.�</p><p>Bis zum Zeitpunkt ihrer Versklavung waren dies die einzigen geschriebenen Worte, die sie kannte, wiewohl sie mehrere Sprachen beherrschte. Ihr Vater hatte einst eine goldene Scheibe als Medaillon getragen, in die just diese f�nf Worte eingraviert gewesen waren. Es war der Wahlspruch ihres Clans gewesen.</p><p>�Das ist die Zelle, in der man mich schon das erste Mal eingesperrt hat�, sagte sie ohne aufzusehen, denn sie wusste, dass Tris hinter ihr stand. �Wie bist du hereingekommen?�</p><p>�Durch die Wand.�</p><p>Rialla sah sich um, betrachtete die massiven Steinmauern, die sie umgaben. Sie hob eine Augenbraue und sah zweifelnd zu Tris auf.</p><p>Der zuckte nur die Achseln. �Stein zu durchdringen f�llt mir nicht ganz so leicht wie Holz, aber wenn man wei�, wie man ihn darum bitten muss, ist es nicht unm�glich � es geht nur langsamer.�</p><p>Sie nickte und kam wieder auf die F��e, nicht zuletzt, weil sie sich am Boden kniend irgendwie verletzlich f�hlte. �Ich bin froh, dass du hier bist.�</p><p>�Froh, dass ich dir hierher gefolgt bin, oder froh, dass ich dich heute Abend in deiner Zelle aufgesucht habe?�</p><p>Sie l�chelte. �Eigentlich beides. Ich wollte mit dir �ber Tamas� Arm sprechen. Kannst du dir auch nur einen Grund vorstellen, aus dem Winterseine ihn geheilt haben sollte? Ich kann mich nicht erinnern, dass er Magie je so � beil�ufig zum Einsatz gebracht h�tte.�</p><p>Es war nicht einfach, in der dunklen kleinen Zelle viel zu erkennen, doch Rialla sah, wie Tris seinen Arm hob, um sich �ber den Bart zu streichen.</p><p>�Falls er versucht hat, sich als Diener von Altis hervorzutun, dann nur deshalb, um seine Position zu untermauern�, sagte er schlie�lich nachdenklich.</p><p>�Seine Position bei seinen Wachen, einem Diener und einer Sklavin?�, fragte Rialla ungl�ubig.</p><p>�Eben, das ergibt keinen Sinn�, meinte Tris. �Wollte ich etwas �ber einen Adligen erfahren, w�ren die Ersten, die ich befragen w�rde, seine Bediensteten. Falls er sich wirklich zur Stimme von Altis erkl�rt hat, w�ren seine Diener l�ngst im Bilde, und er m�sste sich vor ihnen nicht mehr beweisen.�</p><p>Rialla sp�rte, wie sie sich angesichts dieser Schlussfolgerung wieder ein wenig entspannte. Allein Winterseine nur gegen�berzustehen, war schon be�ngstigend genug, da wollte sie sich nicht auch noch wegen irgendwelcher Propheten und G�tter Sorgen machen m�ssen.</p><p>�Wo hast du dein Pferd gelassen?�, fragte sie und trat in den Strohballen, sodass er sich ein wenig �ber den Boden verteilte.</p><p>�Welches Pferd?�</p><p>�Du hast den ganzen Weg zu Fu� zur�ckgelegt?�, rief Rialla ungl�ubig aus und lie� den Blick �ber den ziemlich muskul�sen K�rper des Heilers schweifen. Ihrer Erfahrung nach besa�en L�ufer nur selten die Statur von Hammerschmieden.</p><p>Er l�chelte. �Nein. Es gibt im Wald andere Wege, die sich denen erschlie�en, die wissen, wie man die T�ren �ffnet.�</p><p>�Magie?�, fragte Rialla, die ein G�hnen unterdr�cken musste.</p><p>Er nickte. �Ganz recht.�</p><p>Die Sonne war gerade erst aufgegangen, als zwei Wachm�nner die Zelle betraten und Rialla in das verwaiste Arbeitszimmer des Isslic von Winterseine brachten. Dort befestigten sie ihre Leine an einem kunstvollen Bronzering, der an der Wand hing, und lie�en sie allein.</p><p>Sie setzte sich auf den Boden und lehnte sich gegen die Wand. Auch in diesem Raum war sie schon einmal gewesen. Wann immer die Sklavin sich schlecht benommen hatte, lie� Winterseine sie hierher bringen, um sie eigenh�ndig zu bestrafen � doch zuvor lie� er sie warten. Immer.</p><p>Das Ger�usch sich n�hernder Schritte riss sie aus ihrem D�mmerschlaf � sie hatte in der letzten Nacht viel zu lange mit Tris gesprochen, anstatt sich auszuruhen. Sie war froh, rechtzeitig wieder erwacht zu sein; was es um jeden Preis zu verhindern galt, war, Winterseine unn�tig zu ver�rgern. Er erwartete eine aufgrund des langen Schmorens nerv�se Sklavin, keine verschlafene.</p><p>�Nun�, sagte Winterseine, nachdem er den Raum betreten hatte, �sch�n, dich wiederzuhaben, T�nzerin. Sag, warum bist du �berhaupt geflohen? Du h�ttest dir doch denken k�nnen, dass ich dich fr�her oder sp�ter finde.�</p><p>�Ja, Meister�, erwiderte Rialla kleinlaut, �das wusste ich. Es tut mir leid, dass ich fortgelaufen bin. Aber ich hatte einfach � Angst.�</p><p>�Und wovor hattest du Angst, Kleines?� Wieder war seine Stimme sanft, und er erinnerte Rialla an ein Raubtier, das sich an seine Beute anschlich.</p><p>Rialla sp�rte, wie sich Furcht in ihr Herz schlich, doch es war die Furcht der Sklavin, und sie war freiwillig hier. Der Gedanke tr�stete sie. Gerade als sie Winterseine antworten wollte, nahm Tris Kontakt mit ihr auf.</p><p><emphasis>Rialla, wo bist du?</emphasis></p><p><emphasis>Sp�ter!</emphasis>, gab sie schroff zur�ck und verschloss fest ihren Geist, um seine Pr�senz auszuschlie�en.</p><p>Dann sagte sie z�gernd zu Winterseine: �Eine der anderen Sklavinnen dort � oben auf den Zimmern in der Schenke in Kentar � sie wurde ermordet in jener Nacht. Ich hab gesehen, wie man ihre Leiche hinausgetragen hat.� Sie machte eine Pause, platzierte die n�chsten Worte sorgsam um die Wahrheit herum. �Am Tag zuvor hatte ihr Besitzer den Wirt gefragt, was es ihn kosten w�rde, mich zu kaufen.�</p><p>Rialla wusste, es war allgemein bekannt, dass allein der Gedanke an einen Verkauf jeden Sklaven in Angst und Schrecken versetzte. Das tagt�gliche Grauen war berechenbar, doch es konnte bei einem neuen Besitzer durchaus alles noch viel schlimmer kommen. Ein jeder Sklave hatte rasch gelernt, das Unbekannte zu f�rchten.</p><p>�Also liefest du fort und hast dabei ganz nebenbei auch noch einen von meinen Leuten umgebracht?�</p><p>�Er hat mich erschreckt�, erwiderte Rialla mit bebender Stimme, w�hrend sie sich an das schreckliche Ereignis erinnerte. �Ich schubste ihn weg von mir, und er schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf. Es war dunkel, und ich wusste nicht, wie mir geschah.� Mit einem Holzhammer, den jemand in den St�llen liegengelassen hatte, hatte sie so fest zugeschlagen, wie sie konnte. Den Hammer hatte sie neben der Leiche zur�ckgelassen und danach das Weite gesucht. Doch Winterseine rechnete damit, dass sie ihn anlog, weshalb sie genau das tat, um ihre Rolle m�glichst �berzeugend zu spielen.</p><p>Winterseine nahm auf dem gro�en lederbezogenen Stuhl hinter seinem Schreibtisch Platz, der unter seinem Gewicht aufquietschte. �Du hast ihn mit einem Hammer erschlagen.�</p><p>Rialla sch�ttelte den Kopf, tat ver�ngstigt. Eine Sklavin w�rde ein solches Verbrechen niemals zugeben, und Winterseine wusste das. �Nein�, widersprach sie zaghaft. �Er ist auf den Kopf gefallen.�</p><p>�Du hast ihn ermordet�, stellte die Stimme ihres Meisters unerbittlich klar. Er wusste vielleicht, dass sie nicht gestehen w�rde, aber das �nderte f�r ihn nicht viel: Sie musste begreifen, dass sie mit einer L�ge nicht durchkam. Er wartete ihre Antwort nicht ab, fragte stattdessen: �Und wohin bist du dann gegangen?�</p><p>Hilflos zuckte Rialla die Achseln. �Ach, ich wei� es nicht. Weg, irgendwohin.� Das kam der Wahrheit recht nahe.</p><p>�Laeth behauptete, er h�tte dich irgendwo im S�den aufgegriffen. Wie bist du dorthin gelangt?�</p><p>�Nach einigen Tagen � ich wei� nicht genau, wie viel Zeit seither vergangen war � fand mich ein Mann, wie ich mich unter einem Busch versteckte. Er nahm mich mit und verkaufte mich an einen H�ndler, der mich aus Darran hinausschmuggelte und dann an einen H�ndler abgab, der f�r die Allianz arbeitete.� Obwohl es verboten war, entflohene Sklaven zu verkaufen, war das g�ngige Praxis.</p><p>�Ich kann es nicht dulden, dass meine Sklaven fortlaufen, T�nzerin.� Winterseines Stimme war streng, doch es schwang auch so etwas wie Bedauern mit, als spr�che er zu einem ungezogenen Kind. Rialla musste einen Brechreiz unterdr�cken.</p><p>�Nein, Herr, das k�nnt Ihr nicht�, sagte sie leise, und der Sklavenmeister lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck, um �ber die Art ihrer Bestrafung nachzudenken.</p><p>Eine Wache f�hrte sie durch ein Labyrinth aus G�ngen, bis sie vor zwei T�ren ankamen, die nicht breiter als Luken und in H�fth�he angebracht waren. Rialla konnte hinter einer von ihnen ein leises Schluchzen wahrnehmen und verfolgte besorgt, wie der Mann den Riegel vor der anderen T�r beiseiteschob. Die Klappe �ffnete sich; dahinter lag eine finstere, niedrige Kammer, die sogar noch winziger war, als es die T�r selbst vermuten lie�. Spinnweben hingen vor dem Eingang, die der Wachmann nun aus dem Weg fegte.</p><p>�Rein mit dir�, sagte er. Sein Auftreten hatte nichts Bedrohliches, aber Rialla war sich sicher, dass er seinem Befehl im Ernstfall Nachdruck verleihen w�rde.</p><p>So langsam wie m�glich krabbelte sie auf H�nden und F��en in den Hohlraum, um m�glichen Insekten die Gelegenheit zu geben, sich in Sicherheit zu bringen. Dunkelheit umfing sie, als sie das Ende ihres Gef�ngnisses erreichte. Der Wachmann schloss hinter ihr die T�r und schob den Riegel vor. Rialla streckte ihre H�nde aus, ertastete die Ausma�e ihrer Zelle; sie war nur unwesentlich gr��er als die S�rge, in denen die Darraner ihre Toten unter die Erde brachten.</p><p>F�r jeden normalen Menschen w�re diese Enge beklemmend gewesen, doch Riallas Wahrnehmung reichte �ber die sie umgebenden Steinw�nde hinaus. So wusste sie, wann der Wachmann seinen Posten verlie�, um zu Mittag zu essen, und konnte das Grauen f�hlen, welches die Sklavin in der Nachbarzelle empfand. Und sie sp�rte Tris� Ungeduld, der endlich wissen wollte, was los war.</p><p><emphasis>Rialla!</emphasis></p><p><emphasis>Ja</emphasis>, antwortete sie.</p><p><emphasis>Geht�s dir gut? Wo bist du?</emphasis></p><p>Sie empfing seine Sorge und schickte ihm beruhigende Gedanken zur�ck. <emphasis>Ich sitze in � versch�rftem Arrest. Aber so schlecht ist es nicht; er musste ja irgendwas unternehmen, um mich zu bestrafen, f�gt seinen Sklaven aber keinen k�rperlichen Schaden zu, wenn es sich vermeiden l�sst. Kurz: Ich hatte Schlimmeres erwartet.</emphasis></p><p><emphasis>Das kann ich nachvollziehen,</emphasis> antwortete Tris. <emphasis>Ich selbst f�hle mich ohnehin die meiste Zeit eingesperrt in diesen Steinbauten der Menschen, da w�rde es mir auch nicht mehr viel ausmachen, an einem noch beengteren Ort ausharren zu m�ssen. Ich denke, ich werde mich heute ein wenig hier umsehen und mal schauen, was ich rausfinden kann. Ruf mich, wenn du etwas Gesellschaft brauchst.</emphasis></p><p><emphasis>Wo genau willst du dich denn umsehen?,</emphasis> erkundigte sich Rialla neugierig. Das Gesicht des Heilers war Winterseine und einigen seiner Wachleute bekannt. Wenn ihn jemand dabei erwischte, wie er sich in der Burg herumtrieb, w�rde das sicherlich einige Fragen aufwerfen.</p><p><emphasis>Die Illusionsmagie ist im Grunde ziemlich simpel</emphasis>, erwiderte Tris, der offenbar keine Schwierigkeiten hatte, ihren Gedanken zu folgen. <emphasis>Kaum einer bemerkt eine �berz�hlige Sitzbank oder eine weitere Zimmerpflanze.</emphasis> Rialla erinnerte sich an die zahlreichen dekorativen K�belgew�chse, die �berall in Westholdt herumgestanden hatten, genauso wie die abgenutzten Holzb�nke.</p><p><emphasis>Was, wenn sich jemand auf dich setzen will?</emphasis>, fragte sie. Es war ihr noch immer nicht ganz geheuer, dass Tris bereits Gedanken lesen konnte, die sie ihm noch gar nicht geschickt hatte.</p><p><emphasis>Deshalb ziehe ich, wenn m�glich, die Zimmerpflanze vor,</emphasis> kam es zur�ck, <emphasis>allerdings hat die Bank ein morsches Bein. Das sollte jeden abschrecken, es sich auf ihr gem�tlich zu machen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich w�nsch dir viel Gl�ck</emphasis>, sagte Rialla. <emphasis>Sei vorsichtig</emphasis>.</p><p><emphasis>Das werde ich,</emphasis> versicherte er ihr und zog sich dann auf eine weniger intime Geistebene zur�ck.</p><p>Die Sklavin in der anderen Zelle wurde immer panischer in dem engen dunklen Gef�ngnis. Aus Mitleid und weil sie ihre Empathie noch ein wenig trainieren wollte, beschloss Rialla, ihrer Mitgefangenen zu helfen.</p><p>Geduldig arbeitete sie sich durch die Furcht der anderen Sklavin und sandte ihr Ruhe und Frieden. Nachdem die Angst von ihr abgefallen war, wurde die Frau von einem neuen Gef�hl �berw�ltigt: Hass. Die Emotion war klar und stark und vermittelte Rialla ein deutliches Bild vom Ziel ihrer Feindseligkeit: Winterseine. Das wunderte Rialla nicht wirklich.</p><p>Unf�hig, den Kontakt noch weiter aufrechtzuerhalten, zog sie sich zur�ck und k�mpfte mit den Nachwehen, welche die Furcht und der Hass der anderen Frau bei ihr ausgel�st hatten. Als sie wieder in Einklang mit sich selbst war, sammelte Rialla sich erneut und projizierte ihre eigene Gefasstheit auf die Frau in der Nebenzelle, auf dass diese endlich ein wenig schlafen konnte. Nur allm�hlich wurde die Frau ruhiger und fiel schlie�lich in einen leichten D�mmerzustand.</p><p>Sp�t am Nachmittag kam Winterseine in Begleitung von zwei Wachen, um sie wieder herauszuholen. Sie krabbelte aus ihrem Loch und stand mit unbeweglicher Miene da, um sich von ihm inspizieren zu lassen. Der Meister kniff die Augen zusammen, bevor er sie den beiden Wachm�nnern �berlie�.</p><p>Aufmerksam verfolgte sie, wie er den Riegel vor der Nachbarzelle beiseiteschob, in der die andere Sklavin in ihrem sarg�hnlichen Gef�ngnis hockte. Im Zwielicht, das im Gang herrschte, konnte Rialla erkennen, dass die Haut der anderen Frau so dunkel wie ge�ltes Ebenholz war. Sie besa� fein gemei�elte Gesichtsz�ge, und das dichte kupferfarbene Haar reichte ihr bis zu den H�ften. Eine weitere Sklavin aus dem Osten also.</p><p>W�hrend sich Rialla die Frau genauer ansah, begriff sie, warum Winterseine sie vor einem Moment so argw�hnisch be�ugt hatte. Das Gesicht der anderen war genauso ausdruckslos wie ihr eigenes, doch es zeichnete sich auch Ersch�pfung darauf ab, und das Haar war stumpf von Schwei�. Ein leichtes Beben ging durch ihren K�rper, w�hrend sie, wie auch Rialla, versuchte, nichts als Passivit�t auszustrahlen. Rialla wusste, dass sie selbst nach au�en hin wirkte, als h�tte sie sich den ganzen Nachmittag auf einem Bett liegend ausgeruht.</p><p>�Schafft die beiden zu den B�dern, damit man sie einer Reinigung unterzieht. Danach bringt ihr die Schwarze wieder in den Unterricht im Blauen Zimmer. Die T�nzerin soll zur�ck in ihre Zelle�, befahl Winterseine knapp, woraufhin die Wachen die Frauen fortbrachten.</p><p>Gekleidet in eine saubere Tunika und mit frisch gewaschenem Haar fand sich Rialla wenig sp�ter in ihrer alten Zelle wieder. Ein Mahl aus Brot und Obst erwartete sie. Sie lie� das Essen stehen und wartete darauf, dass Tris zu ihr kam, um mit ihr zu speisen.</p><p>Das Tageslicht fiel durch das hohe Fenster, weshalb die Schatten des Gitters sich zu diesem Zeitpunkt auf der Wand statt auf dem Boden abzeichneten. Unruhig ging Rialla eine Weile in ihrer Zelle auf und ab, bevor sie sich auf ihre Ausdauer�bungen besann, die ihr sowohl als T�nzerin wie auch als Pferdeausbilderin zur zweiten Natur geworden waren.</p><p>Wenn sie hier zuk�nftig oft w�rde tanzen m�ssen, musste sie sich ohnehin in Form bringen, dachte sie. Ihr verletztes Bein war noch immer nicht so geschmeidig wie einst, und sie versuchte, es nicht �berzustrapazieren.</p><p>Als sie ihre Gymnastik beendet hatte, rann ihr der Schwei� �ber den R�cken, aber sie war nicht �berm��ig ersch�pft. Aus dem Krug, der mit dem Essen gebracht worden war, goss sie sich etwas Wasser in die rechte Hand. Sie benetzte ihr Gesicht und trocknete es mit dem Saum ihrer Tunika.</p><p>Gelangweilt lie� sie sich neben dem Strohballen nieder und begann damit, Halme zusammenzuflechten, wie es ihre Mutter sie gelehrt hatte. Das Stroh hier war zwar nicht sonderlich geschmeidig und stark, und das Seil brach schon bei der leisesten Belastung, aber es vertrieb ihr die Zeit.</p><p>Sehns�chtig blickte sie auf das Brot, als sie sp�rte, dass Tris in der N�he war. Auch bemerkte sie eine Ver�nderung am Stein nahe der Decke, gleich neben dem Fenster. Es sah aus, als beulten sich die Bl�cke und der M�rtel zwischen ihnen aus, bis die Form eines K�rpers erkennbar wurde. Das Gebilde rutschte nach und nach herab, bis es den Boden erreichte. Langsam befreite sich Tris aus dem Stein, und seine typischen K�rperumrisse und Gesichtsz�ge wurden erkennbar. Die Farbe des Granits wich aus seinem Teint und dem Stoff seiner Kleidung, bevor sich der Heiler den Staub von der Tunika und aus den Kniehosen klopfte.</p><p>�Gut, dass ich das nicht machen muss�, bemerkte Rialla.</p><p>�Was? Du meinst, den Stein zu durchdringen? So schlimm ist es gar nicht � Granit kratzt zwar ein wenig, und ich bevorzuge Marmor oder Obsidian, aber Granit ist nun mal verbreiteter, da muss man sich mit abfinden.�</p><p>Rialla lachte �ber die Ernsthaftigkeit, mit der er ihr dies erz�hlte. �Und?�, fragte sie. �Wie sind deine Erkundigungen gelaufen?�</p><p>�Gut�, meinte er und kratzte sich am Bart, als jucke es ihn darunter. �Habe nichts Au�ergew�hnliches festgestellt, nur dass es hier jede Menge Katzen zu geben scheint.�</p><p>Rialla nickte und nahm sich ein St�ck Obst. �Wie in den meisten Burgen. Wegen der ganzen Ratten und so.� Gen�sslich seufzend biss sie in einen Apfel. In Sianim war es einfach zu warm f�r den Anbau leckerer Apfelsorten.</p><p>�Nein, ich meine wirklich <emphasis>enorm viele</emphasis> Katzen. Jemand hier scheint ein ausgesprochenes Faible f�r sie zu haben.� Tris setzte sich auf den Boden, lehnte sich gegen die Wand. �Und wie war dein Tag im versch�rften Arrest?�</p><p>Rialla sah ihn verzagt an. �Auch nicht schlimmer als das, was mich vielleicht morgen erwartet.�</p><p>�Was meinst du damit?� Tris beugte sich lauernd vor wie ein Raubtier, das Beute gewittert hatte.</p><p>Rialla legte das Kerngeh�use des Apfels zur�ck auf das Tablett. �M�chtest du nichts essen?�</p><p>Tris sch�ttelte ungeduldig den Kopf. �Mir geht�s gut. Was ist also morgen?�</p><p>Sie riss sich ein St�ck Brot ab und lehnte sich ihrerseits gegen die Wand. Als auch dieses verspeist war, sagte sie leise: �Sch�tze, ich bin dran. Ich war dumm und hab nicht daran gedacht, dass man mir den Tag in diesem dunklen, engen Loch eigentlich h�tte ansehen m�ssen. Nun wird er sich eine andere Strafe f�r mich ausdenken.� Sie seufzte betont komisch auf und versuchte ihn zu beruhigen, als sie seinen aufsteigenden �rger mitbekam. �Ich bin wohl keine besonders talentierte Spionin.�</p><p>�Und was wird er dir antun?�, hakte Tris mit noch immer grimmiger Stimme nach.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich hab nicht die geringste Ahnung. Aber keine Sorge, es wird vermutlich nichts allzu Schmerzhaftes sein � er will sich ja seine kostbare T�nzerin nicht ruinieren. Er muss das Ganze im Gleichgewicht halten � zu wenig Bestrafung w�re fatal, aber zu viel w�rde die Moral schw�chen oder ihn gar die T�nzerin kosten.�</p><p>Tris starrte zu Boden und fragte: �Macht es dir sehr zu schaffen, wieder Sklavin zu sein?�</p><p>Rialla lenkte den Blick auf ihre H�nde, die ihr linkes Knie umfassten. Es schien, als w�rde er mehr unter ihrer erneuten Versklavung leiden als sie. Sie dachte eine Weile dar�ber nach, bevor sie antwortete, und hoffte, dass er sie verstand. �Ich h�tte gedacht, es w�re so, aber das ist nicht der Fall. Sch�tze, das liegt daran, dass ich aus eigenem Antrieb zur�ckgekehrt bin. Ich habe beschlossen, die Sklavin zu spielen, also k�nnen sie mich nicht zu einer degradieren. Begreifst du das?�</p><p>Er wirkte ein wenig verbl�fft, also f�gte sie hinzu: �Eine Sklavin verf�gt nicht �ber die Macht, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich schon.� Bei dem Gedanken an den morgigen Tag huschte ein schwaches L�cheln �ber ihr Gesicht. �Und so muss ich eben mit den Konsequenzen leben.�</p><p>Am n�chsten Morgen war Rialla schon wach und bereit, als die Wachen sie holten. Diesmal wurde sie nicht zu Winterseine gebracht, sondern direkt in die �Kammer der Disziplinierung�.</p><p>Die lag in einem hellen, fast sonnigen Teil im Erdgeschoss der Burg. Beide Fenster waren niedrig genug, um einen sch�nen Blick auf die eingefriedeten G�rten zu gew�hren, die hinter der Festung lagen. Klarglas war teuer, daher gab es nur Holzl�den, die nun allerdings weit ge�ffnet waren.</p><p>Rialla vermutete, dass die Fenster eingelassen worden waren, um die Gefangenen daran zu erinnern, dass dort drau�en noch eine andere Welt existierte, damit sie sich nicht der Hoffnungslosigkeit ergaben, die unter der Folter schnell zum Tode f�hren konnte. Aufgrund der allgegenw�rtigen Verzweiflung, die hier in der Luft lag, h�tte sich Winterseine die Fenster auch genauso gut sparen k�nnen. Sie wob sich in ihre Abschirmung und sperrte all dies aus.</p><p>Die Wachen banden ihre Leine an einen der Wandringe und lie�en sie mit den anderen Gefangenen allein. Keiner von ihnen war ein Sklave. Sie war noch nie in diesem Teil der Burg gewesen � Rialla war bis zu ihrer Flucht eine gehorsame Sklavin gewesen.</p><p>Ohne die Armfesseln war die Leine nur eine Formsache; sie h�tte sie ohne Probleme l�sen k�nnen, aber sie musste sich folgsam verhalten. Es gab keine Bewacher im Raum, lediglich die anderen Gefangenen, die mit schweren Ketten an die Wand gefesselt waren.</p><p>Dicke Leinenvorh�nge versperrten den Blick auf das, was am andere Ende der Folterkammer vor sich ging. Und Rialla war froh, die obskuren Vorrichtungen nicht sehen zu m�ssen, die zumeist nichts als menschliche Wracks hinterlie�en. Aber sie konnte h�ren, wie die Menschen kl�glich st�hnten, w�hrend sie, aufgeh�ngt wie Schweineh�lften beim Schlachter, auf alle m�glichen Arten gepeinigt wurden.</p><p>Je l�nger Rialla wartete, umso aufgew�hlter wurde sie. Die unerfreulichen Emotionen, die die Kammer erf�llten, waren so stark, dass es ihr schwerfiel, sie vollst�ndig abzuwehren. Und sie best�rkten sie in ihrer Sorge. Sie kam auf die F��e und ging einige Schritte auf und ab, um ihre Anspannung zu l�sen und sich nicht das Halsband herunterzurei�en und geradewegs nach Sianim zu fliehen.</p><p>Einige M�nner betraten die Kammer, schwatzend und lachend. Einer kam auf Rialla zu und l�ste die Leine von dem Metallring an der Wand. Er stank nach Schwei� und der Angst anderer Menschen, dar�ber hinaus konnte er seine H�nde nicht bei sich behalten.</p><p>Rialla nahm seine Zudringlichkeiten unger�hrt hin. Schlie�lich lie� er von ihr ab und verband ihr mit einem schmutzigen und blutverschmierten Baumwollstreifen die Augen. Dem Zug ihrer Leine folgend, stolperte sie �ber den unebenen Boden hinter ihm her. Dann stie� sie sich an einem St�ck Holz das Schienbein und glaubte, dass es sich dabei um eine Treppe handelte, weil sie ein kurzes St�ck in die H�he gehoben und dann auf einer Art Plattform wieder abgesetzt wurde.</p><p>Er schubste sie zur�ck, bis ihre Schultern gegen einen Holzbalken stie�en, der sich unter der Ber�hrung leicht bewegte. Sie sp�rte einen Zug an ihrem Nacken, als er ihren Halsriemen mit dem Balken verband. Die Arme wurden �ber ihrem Kopf hochgerissen und an einem anderen Balken befestigt, der sich sowohl h�her als auch weiter entfernt vom ersten befand. Mit einem dicken Seil um ihre Taille wurde sie zus�tzlich fixiert.</p><p>Rialla h�rte, wie die Balken unter ihrem Gewicht �chzten, w�hrend sich ihre F��e langsam vom Boden hoben. Als ihr R�cken gegen einen harten Widerstand gedr�ckt wurde, erkannte sie, dass man sie auf ein riesiges Rad gebunden hatte. Das Rad stoppte, woraufhin man ihre Beine an ein weiteres Querholz fesselte.</p><p>Als der Folterknecht sicher sein konnte, dass ihr K�rper vollst�ndig am Rad festgemacht war, betatschte er sie ein letztes Mal, bevor er seine Arbeit fortsetzte. Sie konnte ihre Ohren vor den die Kammer erf�llenden Schmerzensschreien nicht vollst�ndig verschlie�en, wie sie auch ihren Geist nicht vor dem Leid abzuschotten vermochte, das mit ihnen einherging. Und in diesem Moment w�nschte sie sich nichts mehr, als dass man sie endlich bestrafte, damit sie es hinter sich hatte.</p><p>Schlie�lich ert�nte ein lautes Knacken, als der Mechanismus, mit dem man das Rad in Bewegung setzte, gel�st wurde. Langsam wurde sie angehoben und weitergetragen, bis sie kopf�ber hing. Das Rad gab ein seltsames Ger�usch von sich, doch bevor Rialla begriff, was passierte, tauchte ihr Kopf in ein Becken mit kaltem Wasser ein.</p><p>Sie japste vor Schreck, und als das Rad sich weiterdrehte und sie wieder aus dem Wasser gezogen wurde, w�rgte und spuckte sie die Fl�ssigkeit aus ihren Atemwegen. Sie war desorientiert, wollte erst einmal zu Atem kommen, doch schon tauchte ihr Kopf erneut unter Wasser. Beim dritten Mal begriff sie, dass sich das Rad nicht mit gleichbleibender Geschwindigkeit drehte, sodass der Delinquent sich nicht auf das Untertauchen einstellen konnte. Wieder hustete und spie sie das Wasser aus, das in ihren Rachen gelangt war. Dies alles f�hrte dazu, dass auch ihre Konzentration einbrach und der Schild, der die durch die Kammer m�andernden Emotionen abhalten sollte, an Wirksamkeit verlor.</p><p>Die Folge war, dass Rialla eine ungebremste Welle des Schmerzes traf, den die anderen Gefangenen hier auszuhalten hatten. Sie begann zu schreien, dann wurde ihr Kopf wieder unter Wasser gezwungen. Diesmal vollzog sich die Reise durch das kalte Nass so qu�lend langsam, dass ihr schwarz vor Augen wurde, bevor ihre Nase wieder auftauchte. Das Rad kam zum Stehen, damit sie sich etwas erholen konnte, und w�hrend sie verzweifelt nach Atem rang, gelang es ihr, die Barriere um sich herum wieder zu errichten.</p><p><emphasis>Tris</emphasis>. Sie hatte nicht damit gerechnet, ihn mit hochgezogenem Schutzschild �berhaupt erreichen zu k�nnen. Und sie war �berrascht, Antwort zu erhalten.</p><p><emphasis>Rialla?</emphasis> Sie konnte die Sorge bereits aus diesem einen Wort herauslesen, so wie er das Echo ihrer Verzweiflung empfangen hatte.</p><p>Das Rad setzte sich wieder in Bewegung. Unbewusst k�mpfte sie gegen die Fesseln an, die sie mit ihm verbanden. Sie wollte Tris berichten, was gerade geschah, konnte jedoch keine zusammenh�ngende Nachricht �bermitteln, und dann tauchte ihr Kopf schon wieder in das eiskalte Wasser ein.</p><p><emphasis>Rialla!</emphasis> Sein dringlicher Ton brachte sie wieder zu sich, und sie versuchte, ihn erneut zu erreichen.</p><p><emphasis>Sprich mit mir �</emphasis> Der Versuch, ja nichts von dem Wasser in ihre Lungen zu bekommen, wurde von Mal zu Mal schwieriger. <emphasis>Bitte � du musst mir etwas geben, auf das ich mich konzentrieren kann �</emphasis> Ihr Gesicht war schon ganz taub durch die K�lte, sodass sie kaum noch sp�rte, wann ihr Kopf sich wieder �ber Wasser befand.</p><p>Erst als ihre Stirn das eiskalte Nass einmal mehr ber�hrte, wurde ihr klar, dass sie ihren Atem diesmal zu lang angehalten hatte. Sie schaffte es, kurz Luft zu holen, bevor das Wasser wieder �ber ihrem Kopf zusammenschlug.</p><p><emphasis>Rialla? Was �</emphasis> Er brach ab, und sie sp�rte, wie er sich zusammenriss. Langsam, als wenn er laut rezitierte, schickte er ihr, worum sie gebeten hatte. <emphasis>Die Schwarze Tollkirsche, auch als Nachtschatten oder Belladonna bekannt, kann in kleinen Dosen als Beruhigungs- oder Schmerzmittel eingesetzt werden �</emphasis></p><p>Sie klammerte sich an seine Worte wie an eine Rettungsleine, merkte, wie sie ruhiger wurde, vergleichbar mit einem M�nch, der sich in Trance sang. Es war ihr v�llig egal, was er sagte, solange er nur einfach weitersprach.</p><p>Tris schien zu sp�ren, was sie brauchte, und versorgte sie mit einem nicht enden wollenden Strom an nutzlosen Informationen. Rialla stellte fest, dass sie auf diese Weise auch die Pein der anderen Gefangenen in der Kammer aus ihrem Geist aussperren konnte. Als sie endlich ruhiger war und sie die Emotionen der anderen nicht mehr erreichten, konnte sie sogar vorhersagen, wann sie wieder ins Wasser eingetaucht werden w�rde.</p><p>Tris sprach weiter zu ihr, aber sie h�rte seine Worte schon lange nicht mehr. Inzwischen war sie sogar in der Lage zu ersp�ren, wie das Wasser sich n�herte. Das war seltsam, aber sie war derzeit nicht imstande, der Sache auf den Grund zu gehen. Einmal glaubte sie sogar, von Tris diesbez�glich eine Warnung zu empfangen, aber das war l�cherlich � sie wusste, dass er sich in den oberen Etagen der Burg aufhielt.</p><p>Als man sie schlie�lich vom Rad pfl�ckte, war sie zu benommen, um aufrecht zu stehen, und so mussten die Wachen sie in ihre Zelle tragen. Immer noch vernahm sie Tris� best�ndige Stimme in ihrem Geist und zog aus seiner Pr�senz nie geahnte Kraft. Ein Handtuch und trockene Kleidung erwarteten sie auf dem Strohballen. Vor K�lte zitternd, rubbelte sie sich mit dem dicken Baumwolltuch ab, bis ihr Haar nur noch feucht war. Dann warf sie sich die frische Tunika �ber.</p><p>� <emphasis>Gift, das die bl�hende Coralis einsetzt, um ihre Beute zu bet�uben, kann auch dazu verwendet werden, Warzen und �</emphasis></p><p><emphasis>Tris?</emphasis> Ersch�pft unterbrach Rialla seinen Gedankenfluss, w�hrend sie auf den Strohballen zutaumelte. <emphasis>Danke. Du kannst jetzt aufh�ren. Ich bin wieder in meiner Zelle.</emphasis></p><p>Zu ihrer �berraschung fragte er sie nichts, sagte nur: <emphasis>Ich komme.</emphasis></p><p>Rialla zog die Beine an und schlang ihre Arme darum, lie� ihren Kopf auf die Knie sinken. Es wollte ihr einfach nicht warm werden. Diesmal verfolgte sie nicht, wie Tris durch die Wand in ihre Zelle kam. Einmal war genug �</p><p>�Geht�s dir gut. Sind sie jetzt endlich fertig mit dir?� Tris� Stimme klang sanft und gef�hrlich zugleich, aber als er ihre Schulter ber�hrte, str�mte seine W�rme in ihren K�rper.</p><p>Rialla wandte den Kopf, schenkte ihm ein m�des L�cheln und sagte mit heiserer Stimme: �Glaube schon. Es besteht kein Grund mehr, die Sache noch weiterzutreiben. Danke f�r deine Hilfe.�</p><p>�Gut�, sagte er, ohne auf ihre Dankesbekundung einzugehen.</p><p>Schwei� sammelte sich in Riallas Kreuz, als sie mit vierzehn anderen Sklavinnen die Kombinationen wiederholte, die der Tanzmeister ihnen zurief. Das Gesicht des Mannes war ihr neu, wiewohl er sehr erfahren wirkte. Denn wenn die Sklavinnen mit den �bungen fertig waren, waren sie aufgew�rmt und ihre Muskeln geschmeidig, doch sie waren nicht �beranstrengt.</p><p>Indem sie ganz bewusst tief und regelm��ig durch die Nase atmete, bog Rialla ihr heiles Bein hinter sich nach oben, bis die Ferse ihren Hinterkopf ber�hrte, und z�hlte im Stillen die Trommelschl�ge mit. Dabei versuchte sie das Brennen in ihrem verletzten Oberschenkel zu ignorieren, der nun das ganze Gewicht tragen musste.</p><p>Sie versuchte es mit dem anderen Bein, schaffte es aber nicht, es die letzten Zentimeter bis hinauf zu ihrem Scheitel zu beugen. Das Brennen im Oberschenkel wurde immer schmerzhafter, und sie bef�rchtete, dass die Wunde wieder aufrei�en k�nnte. Also senkte sie das Bein wieder ein St�ck ab, wohl wissend, dass der Tanzmeister in der N�he stand. Als die �bung vorbei war, befahl der Meister den T�nzerinnen sich auszuruhen, und die Sklaven lie�en sich dankbar auf die Matten fallen.</p><p>Dann betrachtete er Riallas rote Narbe, die dort, wo das Sumpfbiest sie erwischt hatte, noch gut sichtbar �ber ihrem Oberschenkel verlief.</p><p>�Beuge es�, sagte er knapp.</p><p>Auf seinen Befehl hin winkelte sie das Bein so stark an wie sie konnte und lie� es dann wieder los.</p><p>Der Tanzmeister grunzte. �Winterseine meinte, du w�rst eine fertig ausgebildete T�nzerin. Schon aus diesem Grund w�rde ich das Bein noch einen weiteren Monat schonen, aber er hat verf�gt, dass du in der Fortgeschrittenen-Gruppe tanzen sollst. Ich m�chte nicht, dass du dich dabei �beranstrengst, aber sollte Winterseine mal zugegen sein und zuschauen, solltest du dir alle M�he geben. Er glaubt n�mlich nicht, dass man Wunden Zeit geben muss, um zu verheilen, h�lt das alles nur f�r faule Ausreden.�</p><p>�berrascht, dass der neue Tanzmeister Winterseine vor einer Sklavin kritisierte, nickte Rialla nur schwach. Sie sah, wie er �ber den Holzboden zur Mitte der �bungshalle schritt und einmal in die H�nde klatschte. Dann ging die �bungsstunde weiter. Sich seiner Mahnung erinnernd, schonte sie ihr linkes Bein, so gut es ging, und achtete gleichzeitig darauf, ob Winterseine nicht pl�tzlich hier auftauchte.</p><p>Die anderen M�dchen verhielten sich ihr gegen�ber zur�ckhaltend und gr��ten sie auch w�hrend der Pausen nicht. Schweigend setzte sich Rialla ein wenig abseits, doch nahe genug, um die Gespr�che der Sklavinnen zu belauschen.</p><p>Das meiste, was gesagt wurde, war uninteressant; es schien, keine wollte sich �ber Lord Winterseine oder etwas anderes von Belang �u�ern; die Angst, wegen eines unbedachten Worts Schwierigkeiten mit dem Meister zu bekommen, sa� einfach zu tief. Rialla beschloss, sich auch weiterhin im Hintergrund zu halten; vielleicht w�rden die anderen ja irgendwann vergessen, dass sie da war, aber es w�rde seine Zeit dauern.</p><p>Seufzend schloss sie die Augen und entspannte sich. Vorsichtig lie� sie ihre Verteidigung fallen und griff mit ihrer Gabe um sich. In diesem Moment h�rte sie eines der M�dchen kichern. Sie fokussierte sich auf diese Sklavin und erhaschte ein Bild von Terran, das indes durch die pers�nliche Wahrnehmung des M�dchens leicht ver�ndert wirkte � so gut sah er nun auch wieder nicht aus, das wusste Rialla.</p><p>Die Sklavin war erst k�rzlich mit ihm intim geworden und schien jede Minute davon genossen zu haben. Rasch zog sich Rialla zur�ck, bevor sie am Ende noch k�rperlich teilhaben musste an der Begegnung mit Winterseines Sohn. Gerade, als sie sich abwenden wollte, schnappte sie ein anderes Bild auf � das Bild einer Katze, einer blauen Katze.</p><p>Es war schon dunkel, als man sie in einer frischen Tunika in ihre Zelle zur�ckbrachte. Wenngleich die Tanz�bungen in einem Gewand absolviert wurden, das kaum den halben K�rper bedeckte, war es in der Burg einfach zu kalt, um in diesem Aufzug die ganze Zeit herumzulaufen. Ihr Haar war frisch gewaschen, und man hatte einige h�bsche Z�pfchen eingeflochten, sodass es nun offen herabfiel und ihre Schultern ber�hrte.</p><p>Sobald die Wachen verschwunden waren, legte sich Rialla mit dem Gesicht nach unten auf den k�hlen Steinboden.</p><p>�M�de?�, fragte Tris so leise, dass man ihn kaum h�ren konnte.</p><p>Sie konnte nicht mal den Kopf heben, wandte ihn einfach zu ihm um. �Ich bin zu alt f�r so was. Die anderen M�dchen sind fast noch Kleinkinder und in so viel besserer Verfassung als ich. Lass uns nach Sianim zur�ckkehren, wo ich�s mir in einem Schaukelstuhl gem�tlich machen und Tischdecken sticken kann.�</p><p>Zwei H�nde legten sich auf ihren R�cken und massierten ihre �berstrapazierten Muskeln. Sie schnurrte wie ein K�tzchen und schob ihre Arme unter den Kopf, w�hrend sich die Verspannungen wie von Zauberhand l�sten.</p><p>�Du machst Stickarbeiten?�, fragte Tris interessiert.</p><p>�Nein�, kam es zur�ck. �Und vielleicht, aber nur vielleicht, muss ich�s auch nicht mehr lernen, wenn du so weitermachst.�</p><p>Er lachte, f�hrte seine Massage in ihrem Kreuz weiter und meinte fast im Plauderton: �Hab heute was Interessantes rausgefunden.� Er h�rte auf, sie durchzukneten, und schlug ihr leicht mit den Handkanten �ber den R�cken.</p><p>�Aus dem, was ich aufgeschnappt habe�, fuhr er fort, �l�sst sich schlie�en, dass Winterseine durchaus zur anderen Seite des Sumpfes gereist ist. Ein Schiff von ihm liegt in einem kleinen Hafen nahe der S�dlichen See, mit dem er regelm��ig gen Osten segelt. In den letzten sechs Jahren hat er mindestens vier Monate im Jahr dort verbracht. Nur im letzten Jahr nicht, da hat sein Sohn die Reise allein gemacht. Was ist denn?�</p><p>�Hmpf�, meinte Rialla undeutlich, und dann: �Tri � hisssss � h�r � auf!�</p><p>Er h�rte auf, sie durchzuwalken und hockte sich neben sie.</p><p>Aus zusammengekniffenen Augen starrte sie ihn �ber die Schulter hinweg an und meinte beleidigt: �Sch�nen Dank auch. Vielleicht h�tten wir dich allein hierher entsenden sollen. Alles, was ich heute rausgefunden habe, ist, dass ich in ziemlich mieser k�rperlicher Verfassung bin.�</p><p>�Warum so zickig?�, fragte er und lachte. �Ich fand nur, eine Festung dieser Gr��e k�nnte einen Schreinergesellen gut gebrauchen.� Pl�tzlich ver�nderte sich sein Aussehen, der Bart verschwand, und auch seine Kleidung wechselte � er trug nun ein schweres Wollwams, das gut geeignet war, S�gemehl abzuhalten. Tris machte keine Pause, w�hrend er weitersprach, doch mittendrin verschwand auch sein Akzent. �H�rte, der letzte Tischler ist im vergangenen Jahr gestorben, woraufhin sein Lehrling in die Stadt abgewandert ist. Und so hab ich den ganzen Tag die K�chenschr�nke repariert. Praktischerweise ist der Koch ziemlich geschw�tzig. Besonders wenn er mit Leuten seines Ranges plaudern kann.�</p><p>Rialla schaute ihn mit einiger Ehrfurcht an. Wenn sie es nicht mit eigenen Augen gesehen h�tte, h�tte sie schw�ren k�nnen, dass sie gerade mit einem darranischen Handwerker aus der Mittelschicht sprach.</p><p>�Wie hast du ihnen erkl�rt, dass du ganz ohne Werkzeug hier aufgekreuzt bist?�, wollte sie wissen.</p><p>Er machte ein betr�btes Gesicht. �Ich wurde auf meiner Reise hierher leider von Banditen �berfallen. Sie haben mir alles, was ich besa�, gestohlen. Ist es da nicht fast ein Gl�ck, dass der alte Schreiner starb, ohne einen Erben zu hinterlassen, sodass sein ganzes Handwerkszeug noch hier war?�</p><p>Er gab seine Illusionsgestalt auf und fuhr fort: �Auch hab ich mir versehentlich mit dem Hammer auf den Daumen gehauen. So was passiert dem besten Handwerker ab und an. Daraufhin verfluchte ich im Namen eines ganz bestimmten Gottes alles und jeden, weshalb ich von einer ganzen Reihe aufgeschreckter Leute beruhigt und zum Schweigen gebracht werden musste, einschlie�lich des armen Jungen, der f�r den Grillspie� zust�ndig ist.�</p><p>Rialla wurde nachdenklich. �Am Anfang hielt ich�s f�r abwegig, als ich mich fragte, ob da vielleicht eine Verbindung bestehen k�nnte. Aber ich kann mir beim besten Willen keinen einzigen darranischen Haushalt vorstellen, in dem man aus der Fassung ger�t, wenn ein Fremder beim Fluchen Altis� Namen verwendet.� Sie sah zu Tris auf. �Jetzt schau nicht so selbstgef�llig drein, das steht dir nicht.�</p><p>Er lachte und begann ihre Beine durchzukneten.</p><p>�Tris?�</p><p>�Hmm�, meinte er abwesend, w�hrend er sanft die R�ckseite ihres l�dierten Oberschenkels massierte.</p><p>�Hattest du nicht mal erw�hnt, dass es hier ungew�hnlich viele Katzen zu geben scheint?�</p><p>�Hmm�, sagte er wieder. �Und das nicht nur in den unteren Etagen, sondern in der ganzen Festung. Warum fragst du?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, schloss wieder die Augen. �Ich wei� nicht � aber eine der anderen Sklavinnen hat heute an Katzen gedacht. In einem ziemlich seltsamen Zusammenhang �� Sie zuckte die Achseln. �War vermutlich nicht wichtig, aber komisch war es schon.�</p><p>Der n�chste Tag verlief nicht anders als der vorherige. Als Rialla am Abend aus dem Tanzunterricht zur�ckkehrte, berichtete Tris ihr wieder, was er erfahren hatte, w�hrend er ihre Verspannungen l�ste. Er konnte das so viel besser als die Masseurin, die zum Einsatz kam, bevor die T�nzerinnen ins Bad geschickt wurden. Das lag zum Teil auch daran, dass Tris die Prellungen, die der Stock des Tanzmeister auf den K�rpern der Sklavinnen hinterlie�, gleich mitheilte, auch wenn er nie ein Wort dar�ber verlor.</p><p>Er hatte fast den ganzen Tag damit verbracht, sich den Klatsch der Bediensteten anzuh�ren. Dabei hatte er herausgefunden, dass Lord Winterseine viel Geld mit der Ausbildung von Sklaven verdiente und von seinen Reisen in den Osten sogar noch mehr mitgebracht hatte. Die exotischen dunkelh�utigen Frauen waren sehr begehrt und brachten in Darran das zwei- bis f�nffache des Preises f�r einen normalen Sklaven ein.</p><p>Soweit war das f�r Rialla alles nichts Neues. Arbeitssklaven mochten eine gute Informationsquelle sein, doch T�nzerinnen in Ausbildung hatten nun einmal kaum Kontakt zur Welt da drau�en. Der Tanzmeister mochte vielleicht mehr wissen, doch seine Gedanken und Gef�hle drehten sich fast ausschlie�lich um seine Arbeit.</p><p>Als Tris seine Massage beendet hatte, f�hlte sich Rialla wie eine knochenlose Masse aus schlaffen Muskeln. Noch immer lag sie mit dem Gesicht nach unten im Stroh. Tris lehnte sich gegen eine der W�nde, schnappte sich einen Apfel und verzehrte ihn gen�sslich. Bei dem Ger�usch setzte sich Rialla auf und nahm sich aus dem Futterkorb ein Br�tchen. In freundschaftlicher Eintracht und Stille a�en sie. Nach einer Weile warf Tris das abgenagte Kerngeh�use durch den Gitterrost in der Ecke ihrer Zelle.</p><p>Er bedachte Rialla mit einem seltsam ernsten Blick und sagte: �Ich habe nicht viel Zeit unter darranischen Adligen verbracht, noch weniger unter Sklaven. Du legst einen bestimmten Ausdruck an den Tag, wenn du versuchst, die Sklavin zu spielen, aber er unterscheidet sich von dem, den die anderen Sklaven zeigen.�</p><p>Das Brot in Riallas Mund war frisch und s��, aber sie musste es m�hsam hinunterw�rgen, bevor sie das Wort ergreifen konnte. Sie senkte den Kopf und wusste, dass die Sklavenmaske, die er erw�hnt hatte, auf ihrem Gesicht praktisch festgefroren war. Endlich sagte sie: �Winterseine k�nnte dir erkl�ren, dass es in Darran zwei Sorten von Sklaven gibt. Da sind zum einen die Lustsklavinnen, die Bettgef�hrtinnen. Die meisten M�nner w�nschen sich ihre langj�hrigen Gespielinnen devot und stets l�chelnd an ihrer Seite, als best�nden deren Pflichten aus nichts als purem Vergn�gen. Zwang ist ab und zu in Ordnung, kostet aber auf Dauer viel zu viel Energie. Lustsklavinnen werden bestraft, wenn sie nicht wenigstens vorgeben, Genuss bei der Pflichtaus�bung zu empfinden.�</p><p>Sie schluckte hart, f�hlte Tris� Augen auf sich gerichtet. �T�nzerinnen wie ich geh�ren f�r gew�hnlich keinem einzelnen Meister pers�nlich. Der Begriff, mit dem Sklavenausbilder sie im Allgemeinen bezeichnen, lautet �Exoten�. T�nzerinnen sind teuer, weil sie schon gewisse Talente mitbringen m�ssen, bevor man dann noch Zeit und Geld in ihre Ausbildung investiert. Sie befinden sich zumeist im Besitz von Tavernen, Privatetablissements oder Bordellen.�</p><p>Rialla blickte teilnahmslos auf ihr halb verzehrtes Br�tchen und fuhr fort: �Sklavenausbilder denken, dass ein Sklave, der zum Lustsklaven gemacht wurde, keine Tatkraft, keine Individualit�t mehr besitzt. Eine T�nzerin hingegen braucht ein gewisses Ma� an Unabh�ngigkeit und Selbstvertrauen.�</p><p>�Du sagst, die Sklavenh�ndler denken so. Wie denkst du dar�ber?�</p><p>Rialla zuckte mit den Schultern. �Eine Sklavin <emphasis>hat</emphasis> keine Tatkraft, keine Individualit�t mehr. Egal ob T�nzerin oder Gespielin. Eine Sklavin f�hlt das, was man von ihr erwartet, und sie tut das, was man ihr sagt. T�nzerinnen folgen diesem Muster auf ihre Art genauso wie die Lustsklaven. Es ist kein besseres oder schlechteres Muster, es ist nur ein anderes.�</p><p>�Das tut mir leid�, sagte Tris leise.</p><p>Rialla schenkte ihm ein schiefes L�cheln und biss wieder in ihr Br�tchen. �Das muss es nicht. Du kannst ja nichts daf�r.�</p><p>Nach einigen Tagen des Tanztrainings stellte Rialla fest, dass sie des Abends nicht mehr ganz so ersch�pft war wie am Anfang, aber Tris massierte sie auch weiterhin. Unter seinen heilenden H�nden verschwand die Steifheit in ihrem verletzten Bein, sodass sie es bald schon genauso stark belasten konnte wie das gesunde. Abend f�r Abend hatten sie dar�ber gesprochen, was er tags�ber herausgefunden hatte, w�hrend er sie knetete und durchklopfte, bis sie sich wie ein zum Aufgehen bereiter Hefeteig gef�hlt hatte.</p><p>Heute Abend jedoch war er sonderbar still.</p><p>�Was ist mit dir�, fragte sie schlie�lich und legte das Gesicht auf ihre Arme. Sie konnte seine Verst�rung an den R�ndern ihrer Wahrnehmung sp�ren, wollte aber nicht ohne Zustimmung in seinem Geist herumw�hlen.</p><p>�Nichts�, entgegnete er. �Dieser Ort bedr�ckt mich. Der kalte Stein h�lt die W�rme und das Licht der Sonne ab.� Er machte eine Pause. �Und dann hab ich dar�ber nachgedacht, was du mir k�rzlich gesagt hast.�</p><p>Sie wusste sofort, worauf er anspielte. �Halten deine Leute Sklaven?�</p><p>�Nein�, sagte er, �aber wir wussten davon. Einmal kam eine Sklavin in die Enklave und bat um Asyl. Ich wusste, dass einige religi�se Gemeinschaften den Sklaven Zuflucht gew�hrten. Nicht so meine. Die Sklavin wurde festgehalten, bis ihr Besitzer sie bei uns abholte.�</p><p>�War das deine Entscheidung?�, hakte Rialla nach, um herauszufinden, was ihn wirklich bedr�ckte. Sie nahm so etwas wie Schuld bei ihm wahr, das Gef�hl, sein pers�nliches Gerechtigkeitsempfinden verraten zu haben.</p><p>�Nein, ich missbilligte diesen Beschluss � aus den falschen Gr�nden.� Stroh raschelte, als er sich erhob. �Ich war der Meinung, dass die Gemeinschaft diese Entscheidung nur aus Furcht getroffen hatte, nicht aufgrund reiflicher �berlegung. Ich hatte recht, doch ich war zu jung, um zu verstehen, dass es f�r die Handlungen und Entscheidungen der Enklave niemals einen anderen Grund gegeben hatte als Furcht. Die �ltesten hatten meinen Glauben an sie ersch�ttert. Und das hat mich mehr umgetrieben als das Schicksal des armen M�dchens, das man sp�ter in Ketten aus unserer Mitte abf�hrte.�</p><p>Ja, das bek�mmerte ihn, so viel konnte Rialla feststellen, aber es war nicht der Grund f�r seine Schweigsamkeit gewesen.</p><p>�Aber du machst es doch gerade wieder gut�, sagte sie. Sie setzte sich nun auf, um ihn direkt anzusehen. �Und selbst wenn die Sklaverei noch f�nfhundert Jahre weiterbestehen sollte, so versuchst du doch, diese Zust�nde zu �ndern.�</p><p>Er hatte sich abgewandt, stand mit dem R�cken zu ihr im verblassenden Lichtstrahl, der durch das kleine Fenster unter der Decke fiel. �Tue ich das?�, fragte er in seltsamem Ton. �Ja, ich glaube, das tue ich.�</p><p>Er drehte sich um, kam auf sie zu und bedeutete ihr, die urspr�ngliche Position wieder einzunehmen. �Ich l�se noch rasch diese Muskeln an deinem R�cken�, sagte er, �und berichte dir dabei, was ich heute rausgefunden hab. Kennst du eigentlich das Symbol, das in Verbindung zu Altis steht?�</p><p>Rialla rollte sich wieder auf den Bauch. Sie konnte seine Seelenqual sp�ren und die Reue, die ihn zutiefst aufw�hlte, aber sie wusste nicht, wie sie ihm helfen konnte. Auch wusste sie nicht, ob ihm klar war, wie einfach er f�r sie zu lesen war � es geschah von ihrer Seite ja nicht willentlich, aber sie wollte auch nicht, dass er dachte, sie w�rde ihm zu nahe treten. Daher ging sie auf seinen Themenwechsel ein.</p><p>�Ich wei� nichts �ber Altis, au�er dass er zu den Alten G�ttern z�hlt�, sagte sie.</p><p>�Sch�m dich�, erwiderte er in seiner besten Heiler-Stimme. �Altis war der Herr der Nacht. In seine Schatten fl�chteten sich die Gejagten vor dem J�ger. Er z�hlte zu den wohlwollenden G�ttern. Nicht nur sah er davon ab, aus Langeweile Menschen zu qu�len, er hat sich auch mit den G�ttern angelegt, die diesem �Sport� fr�nten.�</p><p>�Was ist mit denen, die nichtmenschlich waren � so wie die Gestaltwandler, die Selkies und die � Silfs?�</p><p>�Sylvaner�, korrigierte Tris sie unger�hrt und verst�rkte seinen Druck auf ihre R�ckenmuskeln. �Wir waren die Kinder der G�tter und deshalb auch besser in der Lage, uns zu verteidigen. Wir konnten uns jederzeit auf unsere G�ttereltern verlassen. Auf Nasren, den Herrn des Waldes und Vater aller Sylvaner. Auf Torrec, die J�gerin, welche die Gestaltwandler gebar. Oder auf Kirsa, die G�ttin der Wellen und Mutter der Selkies. Sie verf�gten zwar nur �ber eingeschr�nkte Kr�fte, aber sie waren m�chtig genug, um die anderen G�tter davon abzuhalten, ihr Spiel mit uns zu treiben. Doch wo war ich stehengeblieben ��</p><p>�Altis�, sagte Rialla, aber es war mehr ein St�hnen, weil Tris gerade die richtige Stelle bearbeitete.</p><p>�Ja, Altis. Sein Symbol stellt eine stilisierte Katze dar, aufrecht sitzend, den K�rper im Profil, doch den Kopf gesenkt und den Betrachter direkt anblickend ��</p><p>�Mit einem f�nfzackigen Stern direkt auf der Stirn, in dessen Zentrum sich ein riesiger Smaragd befindet�, unterbrach Rialla ihn.</p><p>�Also von dem Smaragd wei� ich nichts�, meinte Tris, �aber der f�nfzackige Stern ist da. Wo hast du es gesehen?�</p><p>�Bei einer der Sklavinnen�, sagte sie. �Sie hat � an diese Katze gedacht.�</p><p>�Eine der Sklavinnen, mit denen du tanzt?�, fragte Tris.</p><p>�Ja.� Rialla musste l�cheln und blickte zu Boden. �Das Bild war leicht einzufangen, weil es einherging mit � einiger Leidenschaft.�</p><p>�Diese Sklavin ist eine Anh�ngerin von Altis?�</p><p>Rialla lachte auf. �Nein, im Grunde wei� ich nicht, wie die Katze da hineingeriet. Die Sklavin erinnerte sich einer leidenschaftlichen Nacht, und ich kann dir versichern, <emphasis>das</emphasis> hatte nichts mit religi�ser Hingabe zu tun.�</p><p>Tris schnaubte auf. �Dann hast du offenbar noch nie einen von diesen religi�sen Eiferern getroffen ��</p><p>�Wolltest du auf was Bestimmtes hinaus, als du diese Katze erw�hntest?�, hakte Rialla nach.</p><p>�Ja, aber es ist nun nicht mehr der Rede wert. Man bat mich heute zu �berpr�fen, ob einer der antiken Holzrahmen in den oberen R�umen noch zu retten sei. Wie auch immer, sobald man einmal die der �ffentlichkeit zug�nglichen Bereiche in der Burg hinter sich gelassen hat, gibt es kein einziges Zimmer mehr ohne diese Katze.�</p><p>Rialla dachte dar�ber nach, dann meinte sie: �Aber warum? Um die Dienerschaft zu beeindrucken oder gar zu bekehren?�</p><p>�Und weshalb findet man dann ihr Abbild ausschlie�lich in den Privatetagen?�</p><p>�Das kann ich dir sagen. Als Sklavenh�ndler hat Winterseine des �fteren mit Leuten aus dem S�den zu tun. H�ndler, die dann in den Besucherquartieren im Erdgeschoss n�chtigen. Im S�den gibt es eine neue Religion, sie verbreitete sich gerade, als ich mit meinem Clan diese Gebiete bereiste. Man verehrt dort die �Allmutter�. Viel wei� ich nicht �ber diesen Glauben, au�er dass seine Anh�nger keine Gesch�fte mit Leuten machen, die toten G�ttern huldigen.�</p><p>Friedvolle Stille legte sich �ber den Raum, und Rialla entspannte sich unter Tris� Behandlung, die er gerade ihren verkrampften Unterschenkeln zuteilwerden lie�. �Erz�hl mir von deinem Volk, Tris.�</p><p>Sie sp�rte, wie er z�gerte. �Es ist uns verboten, einem Au�enstehenden � Ach, was soll�s, ich denke, ich bin dem Diktat der �ltesten nicht mehr l�nger unterworfen.� Er dachte einen Moment lang nach, dann begann er:</p><p>�Vor langer Zeit machten die Menschen nur einen kleinen Teil in einer Welt aus, die von Gr�ner Magie regiert und im Gleichgewicht gehalten wurde.� Seine Stimme verfiel in den Ton des Geschichtenerz�hlers, wenngleich ein bisschen stockend, als m�sse er sich die uralten Texte erst in die Gemeinsprache �bersetzen. �Es gab die kleinen V�lker: die mit den Schmetterlingsfl�geln, die �ber allen vier Winden spielten, und die Steinhauer, welche die Abendstunden dem helllichten Tage vorzogen. Dann die Naturv�lker: die Sylvaner, Dryaden und Gestaltwandler, die in den W�ldern jagten und sich Territorialk�mpfe lieferten. Sie alle sprachen mit den Geistern des Waldes und der Tiere.</p><p>Das Gr�ne Volk jedoch � gleich den G�ttern, deren Kinder sie ja sind � vermehrt sich nicht schnell, und so begannen die Menschen, auch seinen Teil der Welt in Besitz zu nehmen. W�hrend sie immer tiefer und tiefer in unsere Gebiete vordrangen, wurden sie von den Dryaden freundlich empfangen, wie diese stets alles und jeden herzlich willkommen hei�en, w�hrend die anderen V�lker sich zur�ckzogen und die Entwicklung aus der Ferne beobachteten. Als Erstes kamen die H�ndler, dann die Zauberer, die danach trachteten, die Geheimnisse unserer Magie zu erlernen, aber es waren die Bauern, die letztlich die Vorherrschaft der Gr�nen Magie beendeten.</p><p>Sie rissen das Land entzwei und holzten die W�lder ab. Die Geister der B�ume schrien, schw�chten jene, die zu eng mit der Erdmagie verbunden waren. Das Land wurde besiedelt, das kleine Volk in den Untergrund vertrieben oder tiefer und tiefer in die W�lder des Nordens zur�ckgedr�ngt, wo die Gr�ne Magie am st�rksten ist. Dort gab es aber nicht genug Platz f�r alle. Die Steinhauer zogen sich unter die Erde, die Gestaltwandler in sich selbst zur�ck. Die Sylvaner verbargen sich dort, wo niemand nach ihnen suchen w�rde: unter den Menschen selbst. Nur die Dryaden wichen nicht; doch nur wenige von ihnen hatten die Gewalt, die dem Land angetan worden war, �berlebt. Dann kamen die Sklavenh�ndler, und die Dryaden entschwanden Richtung Osten.</p><p>Als die Magier begannen, sich um Macht und Einfluss zu bek�mpfen, und als aus dem Nevrawald die Glasw�ste wurde, verschwand auch das letzte Drachenkind mit dem Wind.�</p><p>Tris senkte dramatisch die Stimme. �Aber manchmal werden, ganz in der Tradition der Dryaden, unter den Menschen Empathen geboren, beschenkt mit gr�nen oder bernsteinfarbenen Augen wie ihre entfernten Verwandten. Und sie verm�gen die Geister des Waldes und der Gesch�pfe zu ber�hren � wie auch die tiefsten Geheimnisse in den Seelen der Menschen.�</p><p>Rialla wandte sich um, fixierte mit ihren klaren smaragdfarbenen Augen seinen gr�ngrauen Blick.</p><p>Er lachte unbeeindruckt auf.</p><p>Eine Frage, die lange unterschwellig an ihr genagt hatte, wollte nun in Worte gefasst werden. �Tris?�, begann sie leise. �In deiner Geschichte hie� es, die Magierkriege h�tten die Drachen vernichtet. Stimmt das?�</p><p>�Ich wei� es nicht � ich war ja nicht dabei. Die Legenden berichten jedenfalls, dass Drachen Kreaturen <emphasis>der</emphasis> Magie seien, nicht ausdr�cklich Anwender derselben. Wie dem auch sei, die Kriege zerst�rten den nat�rlichen Fluss der Magie, und die Drachen verschwanden � so hei�t es wenigstens in den alten Geschichten.�</p><p>Etwas in seiner Stimme veranlasste Rialla weiterzufragen. �Du scheinst mir nicht sehr �berzeugt zu sein, dass die Legenden wahr sind, oder?�</p><p>�Nun ja�, meinte Tris und wandte sich nun ihren F��en zu. �Tats�chlich habe ich mal einen Drachen gesehen.�</p><p>Sp�t in der Nacht stand Tris allein in der Dunkelheit des Waldes, der ganz in der N�he von Winterseines Burg lag. Er lehnte die Stirn gegen den Stamm einer Eiche, konnte aber keinen Trost daraus ziehen, weil der Baum die unbedachte Tat, die den eisigen Atem der Schuld durch sein Bewusstsein jagte, nun einmal nicht ungeschehen machen konnte.</p></section><section><title><p>8</p></title><p>Das Labyrinth, das Sianim als Verwaltungsgeb�ude diente, war zu dieser n�chtlichen Stunde verwaist. Doch als Ren sein Arbeitszimmer betrat, wartete er, bis sich die T�r hinter ihm geschlossen hatte, ehe er die Abschirmung von seiner Laterne entfernte.</p><p>Indem er einige B�cher auf seinem Schreibtisch zusammenschob, machte er Platz f�r die Leuchte. Bevor er am Nachmittag wie immer seinen Arbeitsplatz verlassen hatte, hatte er vorsorglich die schweren Vorh�nge vor den Fenstern zugezogen, damit nun kein Lichtstrahl nach au�en dringen konnte. Es ging ihm nicht wirklich um Geheimhaltung, sonst h�tte er sich sein Dienstzimmer gar nicht erst f�r das n�chtliche Treffen ausgesucht; Verschwiegenheit lag einfach in seiner Natur und war ihm im Rahmen seiner T�tigkeit in Fleisch und Blut �bergegangen. Immerhin wurde er daf�r bezahlt, so viele Informationen wie m�glich f�r sich zu behalten.</p><p>Eine Irritation im Luftstrom sowie ein Hauch von s��lichem Parf�m lie�en den Meisterspion wissen, dass ein Besucher zugegen war, noch bevor er sich zu ihm umdrehte.</p><p>Kisrah ae�Magi, einst ein unbedeutender rethischer Lord und nun Erzmagier, machte Eindruck auf jede Person, die ihm das erste Mal begegnete. Ren hatte Kisrah noch nie zuvor getroffen, aber genug �ber ihn geh�rt, um ob seiner au�ergew�hnlichen Erscheinung nicht sonderlich �berrascht zu sein.</p><p>Des Erzmagiers Hut war von tiefvioletter Farbe, was einen charmanten Kontrast zu der flauschigen Feder in Hellrosa darstellte, die sich von der Krempe bis zu seinen Schultern herabkr�uselte. Die �rmel seines lavendelfarbenen Gewandes waren �ber und �ber mit Goldf�den bestickt, wie auch die Fu�bekleidung und Handschuhe, die er trug. Eine goldene, mit Amethysten besetzte Preziose baumelte von seinem linken Ohr.</p><p>In Rens jadefarbenen Augen wirkte der Erzmagier noch recht jung � zu jung, um die Macht zu besitzen, die mit seinem Amt einherging, aber das war unter den m�chtigen Zauberern nichts Ungew�hnliches. Jemand mit weniger geschultem Blick h�tte den Mann nur f�r einen eitlen Gecken gehalten und die scharfe Intelligenz, die aus seinen dunklen Augen sprach, �bersehen. Lord Kisrah hatte es verstanden, seine Macht w�hrend des Jahrzehnts seiner Amtszeit klug einzusetzen.</p><p>�Lord Kisrah�, hie� Ren ihn willkommen. �Es ist zu freundlich, dass Ihr diesem Treffen zugestimmt habt.�</p><p>�Meisterspion�, erwiderte Lord Kisrah nicht unam�siert, �wie h�tte ich einer so ungew�hnlichen Einladung fernbleiben k�nnen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass der G�rtner meiner M�tresse ein Agent aus Sianim ist, bis er mich bat, mich hier mit Euch zu treffen. Nicht dass ich deswegen beleidigt gewesen w�re. Tats�chlich hatte ich mich schon gefragt, ob Ihr mich vielleicht f�r zu unbedeutend halten k�nntet, um mich auszuspionieren.�</p><p>Ren l�chelte seinen Besucher an; eine ungew�hnlich offene Gef�hlsregung, die sich auf dem Gesicht des Meisterspions zeigte. �Keine Sorge, ich habe noch andere Spione in Eurem Haushalt; andernfalls h�tte ich mir eben einen anderen Weg gesucht, Euch eine Nachricht zukommen zu lassen. Der Magierrat h�tte Euch nicht zum ae�Magi berufen, wenn man Euch so leicht �bersehen oder gar �bergehen k�nnte.�</p><p>�Ich f�hle mich geschmeichelt�, erwiderte Kisrah und l�chelte ebenfalls. �Aber ich sch�tze, ich bin aus einem anderen Grunde hier?�</p><p>Ren nickte und geleitete seinen Gast zu einem Stuhl, den er schon am Nachmittag von allem Ger�mpel befreit hatte. Der Erzmagier ignorierte die Staubschicht auf der Sitzfl�che und nahm Platz, bevor er die Beine ausstreckte und l�ssig �bereinanderschlug. Ren zerrte seinen eigenen Stuhl hinter dem Schreibtisch hervor und setzte sich Kisrah gegen�ber.</p><p>�Seid Ihr dar�ber informiert, was sich gerade jenseits des Gro�en Sumpfes abspielt?�, fragte er seinen Gast.</p><p>Kisrah nickte. �Ihr seid nicht der Einzige, der Sp�her aussendet. Leider wurde ich aber erst auf die Situation aufmerksam, nachdem jemand im Sumpf eine erhebliche Menge Magie zum Einsatz brachte, um die alte �berlandstra�e frei zu machen.</p><p>Meine Quellen berichten auch�, fuhr Kisrah fort, �dass sp�testens im n�chsten Fr�hjahr ein Invasionsheer �ber die Stra�e gen Westen vorr�cken wird. Es gab die �berlegung, dass die Magier der Sache Einhalt gebieten sollten, bevor die Stra�e ganz ger�umt ist, aber ich stimmte dagegen.� Der Erzmagier beugte sich vor. �Ich erinnerte den Rat an die Magierkriege und die Zerst�rung, die sie nach sich zogen. Wer auch immer sich gerade eine Passage durch die S�mpfe erschlie�t, besitzt gro�e Macht. Ihn anzugreifen, ohne zu wissen, wozu er imstande ist, k�nnte verheerende Folgen haben.�</p><p>�Was wisst Ihr �ber diesen Zauberer im Osten?�, wollte Ren wissen.</p><p>Lord Kisrah sch�ttelte den Kopf. �Nur wenig. Er hat sich wohl zum Sprachrohr eines dieser alten G�tter erhoben und benutzt die Religion, um sein Ziel zu verwirklichen.�</p><p>�Nun, ich glaube, ich k�nnte mich in dieser Sache als dienlich erweisen�, bot Ren an.</p><p>Lord Kisrah lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck. �Und wie viel wird das kosten?�</p><p>�Nichts�, sagte Ren in leicht gekr�nktem Ton. �Wenn Ihr Euch um diesen Zauberer k�mmert, werde ich Euch alle Hilfe zuteilwerden lassen, die ich geben kann.�</p><p>In einer Mischung aus Erstaunen und Skepsis hob der Erzmagier die Brauen. �Mir scheint, hier wird gerade einer neuen Politik der Weg bereitet, und wir werden Sianim auch f�r die n�chsten f�nfundzwanzig Jahre daf�r bezahlen, dass es die Burg des ae�Magi von den Uriah s�ubert.�</p><p>Ren zuckte die Achseln. �Das war etwas anderes. Aber die Stimme von Altis ist eine Bedrohung f�r uns alle.�</p><p>�Und die Uriah nicht?�, murmelte der Erzmagier, aber dann l�chelte er wieder. �Also, was wisst Ihr denn �ber diesen Mann?�</p><p>�Er kommt von diesseits des Sumpfes�, sagte Ren. �Das haben mir meine Informanten im Osten best�tigt. Ich habe mich mit Euch, als ich es erfuhr, noch nicht in Verbindung gesetzt, weil ich noch nicht wusste, wer er genau ist. Gestern jedoch kehrte einer meiner Leute von einer Mission in Darran zur�ck. W�hrend seines Aufenthaltes dort gelangte er unfreiwillig an Informationen, die besagen, dass es sich bei dem gesuchten Zauberer um Lord Winterseine handelt.�</p><p><emphasis>�Isslic?�</emphasis>, fragte Lord Kisrah ungl�ubig, dann nickte er nachdenklich. �Er ist m�chtig genug, ja, und ich h�rte Ger�chte dar�ber, dass er sich mit verbotener Magie besch�ftigen soll. Was im �brigen auch der Grund daf�r war, warum er kein Mitglied im Rat geworden ist.�</p><p>�Ich habe geh�rt�, Ren h�stelte diskret; der Magierrat war bekannt f�r seine obsessiv betriebene Geheimhaltung �, �dass Ihr als Erzmagier einen abtr�nnigen Zauberer, nun, kontrollieren k�nntet.�</p><p>�Ich frage mich wirklich, wo Ihr das geh�rt habt�, bemerkte Kisrah, doch er wirkte nicht wirklich indigniert. �Es tut mir allerdings leid, Euch sagen zu m�ssen, dass Eure Informationen in diesem Punkt falsch sind. Die Meisterzauber h�tten es mir vielleicht erlaubt, ihn zu kontrollieren, aber sie � gingen verloren.�</p><p>Erschrocken sog Ren die Luft ein. <emphasis>�Was?�</emphasis> Schon lange hatte es niemand mehr geschafft, den Meisterspion aus der Fassung zu bringen.</p><p>Lord Kisrah zuckte die Achseln, lehnte sich wieder in seinem Stuhl zur�ck und schloss halb die Augen. �Im Zauberbuch der ae�Magi gibt es Symbole, die kein weiteres Mal zu Papier gebracht werden k�nnen. Die sind aber n�tig, um gewisse Zauber zu wirken. Nachdem Geoffrey, mein Vorg�nger, tot war�, Kisrahs Stimme bebte leicht in Erinnerung an das traurige Ereignis, �fanden wir das Zauberbuch des Erzmagiers, aber jemand hatte die Seiten mit den Meisterzaubern herausgerissen.�</p><p>Der Erzmagier sah Ren nun direkt an. �Es ist m�glich, dass Isslic, Lord Winterseine, sich der Seiten bem�chtigt hat. Er war mit dem letzten Erzmagier befreundet und h�tte wissen k�nnen, wo er suchen musste.�</p><p>Ren trommelte mit den Fingern auf der Armlehne seines Stuhls herum und fluchte leise. �Was Ihr also damit sagen wollt, ist, dass irgendjemand, m�glicherweise Winterseine, diese Meisterzauber wirken und damit alle anderen Magier unter seine Kontrolle zwingen k�nnte?�</p><p>�Nein.� Kisrah sch�ttelte den Kopf. �Zumindest noch nicht zu diesem Zeitpunkt. Der Rat ist im Besitz der schriftlich niedergelegten Methode, nach der man diese Zauber wirken muss. Sie steht geschrieben in einem anderen Grimoire, und wir haben es an einem sicheren Ort verborgen, nachdem wir feststellten, dass die Seiten mit den Meisterzaubersymbolen fehlten. Niemand k�nnte das Grimoire in seinen Besitz bringen, ohne den Rat in Alarmbereitschaft zu versetzen. Zehn Jahre sind seitdem nun vergangen, und in der ganzen Zeit hat keine Person Hand an den Folianten zu legen versucht.�</p><p>�Und warum zerst�rt man nicht einfach dieses Buch?�, fragte Ren leise.</p><p>�Die Zauber wurden entwickelt, damit sich die Magier nicht gegenseitig an die Kehle gehen. Ohne diese Kontrolle g�be es f�r die Zauberkundigen keinen Grund mehr, sich zu benehmen. Ich sch�tze, wir brauchen keine weitere Glasw�ste, oder?�</p><p>Ren schnaubte ver�chtlich auf. �Ich denke, ihr Magier �bertreibt es mit den Auswirkungen dieser Magierkriege. Es kann weitaus gef�hrlicher sein, wenn die falsche Person die absolute Kontrolle �ber alle Zauberkundigen hat, als wenn ein Scharm�tzel zwischen verfeindeten Zauberern stattfindet.�</p><p>��Ihr Magier�, sagt Ihr?�, fragte der Erzmagier mit weicher Stimme. �Meint Ihr nicht eher �wir Magier�?�</p><p>Ren starrte sein Gegen�ber eine Weile an, dann l�chelte er z�gernd. �Darum also habt Ihr beschlossen, mir so viel zu erz�hlen. Wie habt Ihr es rausgefunden?�</p><p>Lord Kisrah schmunzelte. �Die alte Aurock hat schwer mit Euch angegeben. Sie sagte, Ihr w�rt einer der wenigen Lehrlinge gewesen, die gewusst h�tten, wann man aufh�ren muss. Wie dem auch sei, ich werde sehen, was ich tun kann, um Winterseines Beteiligung an dieser Krise zu best�tigen. Der Rat wird dann entscheiden, was wegen ihm zu unternehmen ist. Ich halte Euch auf dem Laufenden.�</p><p>Er verschwand, und die Luft wurde durch eine leichte Verzerrung in Bewegung versetzt, die stets die magische Teleportation begleitete.</p><p>Wieder allein starrte Ren noch lange in die Schatten seines Arbeitszimmers, bevor er es verlie� und leise die T�r hinter sich schloss.</p><p>Rialla lag flach auf dem R�cken und wirkte atemloser, als sie war. Niemand w�rde sie ansprechen, wenn sie vorgab, eine Pause einzulegen. Und so konnte sie nach den sie umgebenden Emotionen greifen, ohne eine St�rung f�rchten zu m�ssen.</p><p>Sie war nun lang genug hier, dass einige der anderen Sklavinnen inzwischen freundschaftlicher auf sie zugingen, wenngleich nie so, dass es dem Tanzmeister auffallen k�nnte: hier ein Zwinkern, wenn der Lehrer ungeduldig schimpfte, dort eine helfende Hand, wenn Rialla im Badehaus nach ihrem Handtuch suchte. Sie hatte fast vergessen, wie herzerw�rmend solch kleine Sympathiebekundungen sein konnten; kein Wunder, denn sie hatte nach ihrer Flucht alle Erinnerungen an das Sklavenleben aus ihrem Ged�chtnis zu tilgen versucht.</p><p>In mancher Hinsicht war das Tanztraining nicht halb so schlimm wie erwartet, in anderer Hinsicht erwies es sich als schlimmer. Die �belste Erfahrung, die Rialla in der Sklaverei hatte machen m�ssen, war nicht die fehlende Freiheit gewesen, sondern der schwindende Drang nach Freiheit.</p><p>Nachdem sich Rialla ein Jahr lang in Sklaverei befunden hatte, hatte sie nur noch f�r den Tanz gelebt und bis sp�t in die Nacht hinein ge�bt. Sie hatte gewusst, dass sie jedem freien Mann zu Gehorsam verpflichtet war, aber unter ihresgleichen hatte sie bald eine besondere Stellung innegehabt. Sie hatte zu Isslics besten T�nzerinnen gez�hlt, und sie war stolz darauf gewesen.</p><p>Wie sie so dalag, w�hrend auf ihrer Haut der Schwei� in der Sommerhitze langsam trocknete, nahm Rialla an, dass sie Lord Jarroh wohl zu Dank verpflichtet war. H�tte sie in der Nacht vor ihrer Flucht nicht den grauenhaften Tod seiner Sklavin mitbekommen, w�rde sie wohl noch immer in einem von Winterseines Etablissements tanzen. Ein L�cheln umkr�uselte ihre Lippen: Und jetzt tanzte sie als Kundschafterin auf Winterseines Stammsitz. Der Tanzmeister klatschte in die H�nde, und sie sprang auf, noch bevor sie die Augen wieder aufschlug.</p><p>Der Lehrer �bte derzeit mit ihnen einen der Standardt�nze ein, den eine jede Sklavin zu beherrschen hatte. Er war recht weit verbreitet und konnte sogar vor darranischen Edelfrauen aufgef�hrt werden, ohne dass es ihnen die Schamesr�te ins Gesicht trieb. Dennoch war es ein kunstvoller Tanz, der � im passenden Kost�m � auch ein Gutteil Erotik verspr�hte. Alles in allem eine n�tzliche Erg�nzung des Repertoires einer T�nzerin. Die ganze Woche hatten die Sklavinnen damit zugebracht, und heute rief der Tanzmeister Sora auf, den Tanz von Anfang bis Ende zu pr�sentieren.</p><p>Sora erinnerte Rialla mehr als alle anderen Frauen hier an die Sklavin, die sie selbst einmal gewesen war. Wie sie besa� Sora den Vorteil, schlank und biegsam zu sein, wodurch sie sich ungleich eleganter bewegte als die anderen. Auch war sie eine hochtalentierte T�nzerin, die den Ehrgeiz besa�, immer besser zu werden. In ihrem Eifer versuchte sie Tag f�r Tag die schwierigsten Figuren zu tanzen, um ihren zuk�nftigen Meistern zu gefallen.</p><p>Rialla erschauderte, als die unerw�nschten Erinnerungen sie heimsuchten. Sie versuchte zu vergessen, dass auch sie einmal so gewesen war: getrieben von dem einzigen Wunsch, eine gute Sklavin zu sein und die Erwartungen ihres Meisters zu erf�llen. Es machte sie fast k�rperlich krank, Sora dabei zu beobachten, wie sie wieder und wieder die perfekte Handhaltung probierte.</p><p>Sie war sorgsam darauf erpicht, keine Konkurrenz f�r Sora darzustellen; das arme M�dchen brauchte nicht noch weitere Herausforderungen in seinem Leben. Und so nahm sich Rialla die Anweisung des Tanzmeisters zu Herzen und schonte ihr Bein, wann immer es ging.</p><p>Rialla beherrschte den Tanz bereits, doch sie stellte sich zu den anderen und schaute zu, wie Sora ihn von Anfang bis Ende darbot. Die j�ngere Sklavin war gut, aber nicht sonderlich schnell bei den Drehungen, und sie besa� auch nicht genug Lebenserfahrung, um bei ihrer Vorstellung die implizite Erotik nach au�en zu tragen.</p><p>Nachdem Sora fertig war, nickte der Tanzmeister Rialla zu. Sie verstand, warum sie als N�chstes dran war. Obwohl sie den Tanz kannte, hatte sich Sora als die bessere T�nzerin pr�sentiert und w�rde den anderen als Vorbild dienen k�nnen.</p><p>Rialla begann mit ihrer Darbietung, achtete darauf, dass ihre Bewegungen ein wenig schlichter und die Drehungen etwas z�gerlicher wirkten als bei Sora. Da sie sich bewusst zur�ckhielt, war sie schon weit im Tanz fortgeschritten, als sie sich zum ersten Mal im Rhythmus der Trommeln verlor. Und sie sah den Schlag nicht kommen, der sie von den Beinen riss.</p><p>�Wenn�, sagte Lord Winterseine, der mit kaltem Blick auf sie herabsah, �ich dich nicht in der Feste meines Neffen h�tte tanzen sehen, k�nnte man meinen, du h�ttest in den sieben Jahren nach deiner Flucht jegliches Talent verloren. Dann h�tte ich dir vielleicht abgekauft, dass du tats�chlich so steif und untrainiert bist, wie du tust. Steh auf!�</p><p>Teilnahmslos kam Rialla wieder auf die F��e. Sie wischte sich mit dem Handr�cken das Blut von ihrer aufgeplatzten Lippe und ignorierte den Schwei�, der ihr �ber die Schl�fen rann. Sie hatte das ungute Gef�hl, dass ihr das, was nun folgte, nicht gefallen w�rde. Instinktiv verst�rkte sie die Barriere, die sie f�r gew�hnlich errichtete, um Tris� Geist auszusperren.</p><p>Lord Winterseine, der in der Reihe der Zuschauer gestanden hatte, schnappte sich eines der M�dchen und zerrte es mit sich, als er auf Rialla zuging.</p><p>�Du bist wertvoll�, gurrte er in Richtung Rialla, �und ich werde deine Haut nicht mit einer Peitsche verunstalten. Aber diese hier wird niemals eine gute T�nzerin werden.� Er hielt die Hand auf, und der Tanzmeister reichte Winterseine seinen Stock, mit dem er die Sklavinnen disziplinierte. Das Gesicht des Lehrers war so ausdruckslos wie das von Rialla, aber sie konnte seine Wut f�rmlich schmecken.</p><p>�Nur falls du denkst, dass es mir damit nicht ernst ist, werde ich mir diese kleine Demonstration erlauben.�</p><p>Er warf das M�dchen mit dem Gesicht nach unten auf die Matte und holte mit dem Stock aus. Die Sklavin schrie, als ihre Rippen unter dem Schlag brachen. Wohlweislich hatte Rialla einen Gro�teil ihrer Emotionen aus ihrem Geist verbannt, wie auch ihre Schmerzen.</p><p>Winterseine wandte sich zu dem Tanzmeister um. �Nimm sie und verbinde ihren Brustkorb, aber ich will, dass sie hierbleibt, bis diese hier�, er t�tschelte Riallas Wange, �ihren Tanz zu meiner Zufriedenheit beendet hat. Ich hoffe, sie braucht nun keinen weiteren Ansporn mehr, aber ich bin diesbez�glich immer gern auf der sicheren Seite.�</p><p>Dass sie ihr verletztes Bein nicht mehr l�nger schonen konnte, stand au�er Frage. Es war gut m�glich, dass Winterseine das andere M�dchen zu Tode pr�gelte, egal, wie gut Rialla tanzte. Also gab sie ihr Bestes, nicht zuletzt, um nicht die Schuld f�r den Tod des M�dchens auf sich zu laden. Wenn sie eine tadellose Vorf�hrung gab und Winterseine die Sklavin trotzdem t�tete, w�rde er ganz allein daf�r verantwortlich zu machen sein.</p><p>Und so gerieten ihre Drehungen noch eine Spur leichtf��iger, was den Unterschied zwischen einer guten und einer ausgezeichneten Darbietung ausmachte. Doch sie wusste, der Meister verlangte nicht weniger als eine �berragende Leistung. Sie betonte den erotischen Aspekt, legte mehr Feuer und weniger Anmut in ihre Bewegungen und schaffte es, das einfache Trainingskost�m in etwas weitaus Exotischeres zu verwandeln. Der Trommler war besser, als sie gedacht hatte; er verlieh seinem Spiel das zus�tzliche Qu�ntchen Leidenschaft, das aus einer luftig-leichten Tanzdarbietung etwas machte, das man sonst nur im Schlafgemach oder in gewissen Etablissements zu sehen bekam.</p><p>Als Riallas Tanz endete, herrschte Stille im �bungssaal. Schwer atmend sah sie zu Winterseine und war erleichtert, als sie seinen zufriedenen Gesichtsausdruck wahrnahm.</p><p>�Ich will sie haben, Vater.� Terrans heisere Stimme durchbrach die Ruhe. Rialla war so auf Winterseine konzentriert gewesen, dass sie die Anwesenheit seines Sohns gar nicht bemerkt hatte.</p><p>�Nein�, erwiderte Winterseine. �Sie war wer wei� wie lange in Laeths Besitz. Du wei�t genauso gut wie ich um die Loyalit�t, die zwischen einer Sklavin und ihrem Besitzer entstehen kann. Ich werde sie auf keinen Fall frei in der Burg herumlaufen lassen, solange ich mir ihrer uneingeschr�nkten Folgsamkeit nicht sicher sein kann.�</p><p>Terran wandte die Augen von Rialla ab und seinem Vater zu. �Ich will sie haben�, wiederholte er.</p><p>Rialla wagte einen unauff�lligen Seitenblick zu Winterseine. Ein seltsamer Ausdruck trat in sein Gesicht, und es dauerte einige Sekunden, bevor sie begriff, dass es sich um nackte Angst handelte. Es war ein so ungewohnter Anblick, dass sie f�r einen Moment verga�, worum es hier gerade ging.</p><p>Lord Winterseine fuhr zum Tanzmeister herum und sagte mit barscher Stimme: �Seht zu, dass sie nach dem Bad in die Gem�cher meines Sohns geschafft wird.� Dann drehte er sich um und ging. Mit einem letzten Blick auf Rialla tat sein Sohn es ihm gleich.</p><p>Der Tanzmeister verbeugte sich leicht und bedeutete Rialla, bei den anderen zu warten. Dann sorgte er daf�r, dass die verletzte Sklavin angemessen versorgt wurde.</p><p>Rialla stand da, wo er sie hatte haben wollen, und legte ihre zitternden Arme um den Oberk�rper. Noch immer lief ihr der Schwei� in Str�men �ber das Gesicht, doch es k�mmerte sie nicht. Im Moment hatte sie andere Sorgen. Sie hatte den Tanzmeister blo�gestellt und eine seiner Sch�lerinnen zu Schaden kommen lassen. Der Lehrer w�rde es ihr in den verbleibenden Stunden ganz sicher nicht einfach machen. Und Rialla versuchte nicht daran zu denken, was sie danach erwartete.</p><p>Als Rialla das Badehaus verlie�, wurde sie schon von Tamas, Winterseines Adlatus, erwartet. Das d�nne Seidengewand, das man ihr angelegt hatte, bedeckte nicht viel, und was es bedeckte, war durch den transparenten Stoff gut zu erkennen. In den sieben Jahren ihres Sklavendaseins hatte sie so ziemlich jedes Schamgef�hl bei der Zurschaustellung von Bl��e eingeb��t, doch unter Tamas� Blicken w�nschte sie sich nichts sehnlicher als eine Decke, unter der sie sich verstecken konnte.</p><p>Teilnahmslos lie� sie es geschehen, dass er ihren Arm umfasste, doch die damit einhergehenden Emotionen, die er ihr unfreiwillig aufzwang, verursachten ihr �belkeit. Wie auch der Gedanke daran, was nun kommen w�rde.</p><p>Er f�hrte sie in die Burg zur�ck und eine Hintertreppe hinauf. In der dritten Etage liefen sie einen langen Gang entlang, bis sie vor einer T�r standen, die Tamas mit einem vergoldeten Schl�ssel �ffnete.</p><p>Der Raum, in den sie gef�hrt wurde, war gro� und weitl�ufig, gr��er noch als das Gemach, das man ihr und Laeth auf Westholdt zugewiesen hatte. Auf dem Boden lagen weiche Webteppiche aus dunkler Wolle. Die Steinw�nde waren wei� gekalkt, wodurch der Raum noch gr��er wirkte.</p><p>�Bleib hier und warte auf seine Lordschaft.� Sie h�rte, wie der Schl�ssel im Schloss gedreht wurde, bevor Tamas davonging.</p><p>Sich in ihr Schicksal ergebend wanderte Rialla ein wenig im Zimmer herum. Es schien eine Art Salon und kein Schlafgemach zu sein, denn nirgendwo war ein Bett oder etwas �hnliches zu sehen. Zu beiden Seiten standen lange, mit gelbem Samt bezogene B�nke, die den Blick auf die dem Eingang gegen�berliegende Wand lenkten.</p><p>Auf ihr war eine stilisierte Katze abgebildet; das Bild reichte von der Decke bis zum Boden und war in einem so dunklen Blau ausgef�hrt, dass es fast schwarz wirkte. Es wurde von zwei T�ren in derselben Farbe flankiert. Vor dem Katzenbildnis gab es eine Art Empore, die von T�rrahmen zu T�rrahmen reichte. Darauf ein Altar aus rosafarbenem Marmor, der hinter einem kleinen Gebetsteppich im Zentrum der Plattform stand. Terran nahm, wie es schien, die Verehrung von Altis relativ ernst.</p><p>Neben der Ruhebank zu Riallas Rechten befand sich ein niedriger Tisch, auf dem zwischen zwei St�tzen eine Reihe B�cher stand. Rialla kniete vor dem Tischchen auf dem Boden nieder, nahm eines der d�nneren B�cher zur Hand und �ffnete es. Das Darranische in seiner Schriftform fiel ihr schwer zu entschl�sseln, doch sie konnte genug entziffern, um festzustellen, dass sie ein Tagebuch vor sich hatte.</p><p>Pl�tzlich drang eine M�nnerstimme aus dem Gang vor dem Zimmer an ihr Ohr: �� scheint mir Wichtigeres zu geben.�</p><p>�Mit den Magiern an unserer Seite wird es einfacher werden.�</p><p>�Ich hab dir doch gesagt, dass es v�llig einerlei ist, ob sich die Magier unserem Willen beugen oder nicht. Es gibt Dringenderes zu tun, und ich werde mich nicht mit Nebens�chlichkeiten aufhalten.�</p><p>Rialla stellte das Tagebuch wieder an seinen Platz zur�ck und eilte zur T�r. Die Lautverzerrung im Gang war so stark, dass sie nicht ausmachen konnte, wer da mit wem sprach, aber sie erkannte das Schema von Winterseines Geist wieder. Da sie die andere Person in keinster Weise erfassen konnte, nahm sie an, dass es sich bei ihr um Terran handelte.</p><p>Als der Sohn des Lords seine Gem�cher betrat, sa� Rialla mit vorschriftsm��ig gebeugtem Haupt auf dem Boden. Zuerst schenkte er ihr keine Beachtung, ging geradewegs auf die Empore vor dem Altar zu. Er kniete sich auf den Teppich, senkte den Kopf zum Gebet. Rialla bekam einen steifen Hals, w�hrend sie wartete und wartete.</p><p>Schlie�lich sprang Terran leichtf��ig auf und kam auf sie zu. �Steh auf�, befahl er.</p><p>Rialla erhob sich. Terran umrundete sie einmal, dann hielt er wieder vor ihr an.</p><p>�Ich erinnere mich an dich aus der Zeit, als Vater dich zum ersten Mal herbrachte. Du hattest Angst vor allem und jedem.� Er ber�hrte ihr Kinn.</p><p>Sie erschauderte sichtlich. Selbst zu der Zeit, da ihre Empathie nur eingeschr�nkt funktioniert hatte, hatte sie die schiere Pr�senz anderer Kreaturen zumindest wahrnehmen k�nnen. Nicht so im Fall von Terran. Von jemandem angefasst zu werden, dessen Vorhandensein sich nur auf der rein k�rperlichen Ebene best�tigte, war, als w�rde man von einer Leiche ber�hrt. Sie sp�rte Verzweiflung in sich aufsteigen, den fast unb�ndigen Wunsch zu fliehen.</p><p>�Ganz ruhig�, sagte er mit sanfter Stimme. �Ich wei�, du bist sehr lange bei Laeth gewesen, aber ich werde dir die Zeit geben, dich einzuleben. Komm mit, ich wei� einen besseren Ort daf�r.�</p><p>Der tiefblaue Teppich f�hlte sich weich an unter Riallas schwieligen F��en, als sie sich aus dem Bett schwang. Schweigend warf sie sich das Gewand �ber, das sie auf dem Weg hierher getragen hatte. Ohne einen Blick auf den neben ihr schlafenden Mann zu werfen, verlie� Rialla das Schlafgemach und schl�pfte hinaus in den Wohnraum. Sie kam direkt neben der Plattform mit dem Altar heraus.</p><p>Rasch ging Rialla zu dem Tischchen mit den B�chern, wobei sie der Katze auf der Wand einen argw�hnischen Blick zuwarf. Wenn irgendjemand wusste, was Winterseine im Schilde f�hrte, dann Terran. Und vielleicht hatte er sich dazu ja auch seinem Tagebuch anvertraut. Tats�chlich h�tte Rialla lieber den Dolch gehabt, um Winterseines Schuld an Karstens Tod zu beweisen, aber sie konnte das alles nicht noch einmal durchmachen, nicht einmal um der Beendigung der Sklaverei in Darran willen.</p><p>Sie warf einen Blick auf die Tageb�cher, wusste aber von ihrer ersten Lekt�re, dass die Eintr�ge nicht datiert zu sein schienen. W�hrend sie noch z�gerte, vernahm sie aus dem Schlafzimmer ein ged�mpftes Rascheln.</p><p>Sie schnappte sich das erste Buch, das in der Reihe ganz links stand, und hoffte, dass es sich dabei um das aktuellste handelte. Dann huschte sie nach drau�en. Zu ihrer gro�en Erleichterung erwartete sie im Gang ein Wachmann und nicht Tamas, um sie wieder zur�ck in ihre Zelle zu bringen.</p><p>Mithilfe ihres Talents, das sie schon fast vergessen hatte, gelang es Rialla, die Aufmerksamkeit des Mannes von dem Buch abzulenken, das sie bei sich trug. Ja, er fand nicht einmal etwas dabei, dass eine Sklavin mit einem Buch aus Terrans Gem�chern zur�ckkehrte. Wenn niemand ihn in den n�chsten Stunden darauf ansprach, w�rde er diese Sache schon bald vergessen haben.</p><p>Ruhelos ging Tris in der Zelle auf und ab. Sie war sp�t dran. Viel sp�ter, als dass es sich noch mit einer der �blichen Verz�gerungen erkl�ren lie�e. Er hatte das Badehaus nach ihr abgesucht, doch es war verwaist gewesen. Seit dem Vormittag hatte sie ihren Geist f�r ihn gesperrt, und er hatte nicht mehr zu ihr durchdringen k�nnen. Er blieb stehen, lauschte, als sich aus dem Gang Schritte n�herten. Rasch schl�pfte er zur�ck in die Schatten, bevor sich der Schl�ssel in der T�r drehte.</p><p>Stumm und mit gesenktem Kopf trat Rialla ein und ging zur Mitte der Zelle. Das Licht, das durch das Fenster fiel, �berraschte, ja, verdross sie. Es schien ihr, als w�ren seit diesem Morgen nicht Stunden, sondern Tage vergangen; es h�tte drau�en zumindest dunkel sein k�nnen �</p><p>Sie wusste, dass Tris im Schatten stand, aber er schwieg. Sie hatte keine Ahnung, ob die Anwesenheit des Wachmanns oder ihr Gesichtsausdruck der Grund f�r seine Zur�ckhaltung war. Als sich hinter ihr die T�r wieder schloss, tauschte sie das Seidengewand gegen die saubere wei�e Tunika aus, die man ihr zurechtgelegt hatte. Sie legte das Seidenhemd �ber das Buch; mochte sich Tris in den n�chsten Stunden damit besch�ftigen. Als es nichts mehr zu tun gab, lie� sie sich auf dem Strohlager nieder.</p><p>Nach einer ganzen Weile zog sie die Beine gegen ihre Brust und legte den Kopf an die Knie. Der Heiler war sehr geduldig; sie konnte ihn atmen h�ren und wusste, dass er sich seit ihrer R�ckkehr nicht mehr vom Fleck bewegt hatte. Rialla wusste auch, dass sie ihm h�tte erz�hlen sollen, wo sie gewesen war, aber sie hatte Angst, dass schon das leiseste Wort sie in Tr�nen ausbrechen lassen w�rde,</p><p>Stattdessen lockerte sie die Barriere, die sie um den Teil ihrer selbst errichtet hatte, der mit Tris verbunden war.</p><p><emphasis>Tris, ich �</emphasis> Selbst in Gedanken konnte sie die Worte nicht formulieren, weshalb sie ihn stattdessen an ihren Erinnerungen teilhaben lie�.</p><p>Wie bet�ubt wartete sie danach auf eine Antwort von ihm � obwohl sie nicht wusste, ob die je erfolgen w�rde. �rger vielleicht, oder gar Abscheu oder Mitleid, dies alles waren denkbare Reaktionen auf eine Vergewaltigung, wenngleich das Opfer dieser zugestimmt hatte.</p><p>Doch alles, was Tris f�hlte, war kochendhei�e, rasende Wut. Das erschien ihr so seltsam, dass Rialla den Kopf hob, um ihn anzublicken. Mit unbeweglicher Miene stand er noch immer dort, wo er seit geraumer Zeit gestanden hatte. Ohne ihre Geistverbindung h�tte sie nicht mal sagen k�nnen, ob er in diesem Moment tats�chlich etwas f�hlte.</p><p>Angesichts dieser Wei�glut, die in ihm loderte, wusste sie nichts zu sagen. Und es �berraschte sie, dass sie �berhaupt in Erw�gung zog, etwas zu sagen. H�tte Laeth jetzt dort schweigend in der Dunkelheit gestanden, h�tte sie sich in die andere Ecke verzogen und besch�mt zusammengekauert.</p><p>�Ich habe Terrans Tageb�cher gefunden�, sagte sie schlie�lich und freute sich, wie ruhig ihre Stimme klang. �Ich dachte, er wei� vielleicht etwas �ber Karstens Ermordung und hat es aufgezeichnet. Ich bin nicht sicher, in welchem Zeitraum die Eintr�ge in dem Buch entstanden sind, das ich habe mitgehen lassen. Ich konnte es auf die Schnelle nicht nachpr�fen.�</p><p>�Du hast es in Terrans Zimmer gefunden?� Sie sp�rte, wie sich sein Zorn fokussierte, und begriff, dass er in ihren Erinnerungen nicht hatte sehen k�nnen, wer genau ihr Gewalt angetan hatte.</p><p><emphasis>Es war zu viel, ich konnte nicht jedes Detail erfassen</emphasis>, sagte er ihr jetzt, denn er hatte offenbar ihren Gedanken gelesen.</p><p>�Ja�, sagte sie, �in Terrans Zimmer.�</p><p>�Und er hat es dich einfach so mitnehmen lassen?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, er hat im anderen Zimmer geschlafen. Ich denke, niemand wird bemerken, dass es fehlt, bis Terran wieder etwas darin niederschreiben will. Ich hab dem Wachmann, der mich zur�ckgebracht hat, �hm, <emphasis>versichert</emphasis>, dass es v�llig in Ordnung ist, wenn sich eine Sklavin eines von Terrans B�chern ausleiht.�</p><p>Tris knurrte.</p><p>�Selbst wenn ich mir das falsche unter den Nagel gerissen haben sollte, steht vielleicht etwas �ber Winterseine und seine Magie drin�, f�gte sie hinzu.</p><p>Die Schatten in der Zelle wurden dunkler, je l�nger das Schweigen zwischen ihnen andauerte, bis der kleine Raum nur mehr durch das Licht der Sterne erhellt wurde, das durch das Fenster fiel.</p><p>Rialla r�usperte sich unbehaglich, weil Tris� Zorn einfach nicht abflauen wollte. �Was geschehen ist, geh�rt zum Sklavendasein dazu, und es ist nicht mal das Schlimmste, was einem widerfahren kann. Er war sauber und hat mir nicht �ber die Ma�en wehgetan. Ich bezweifle, dass meine, �hm, Leistung ihn so sehr beeindruckt hat, dass er auf einer Wiederholung besteht.� Inzwischen wusste sie, dass sie nicht in Tr�nen ausbrechen w�rde, weil eine Sklavin das nun mal nicht tat. Und im Moment f�hlte sie sich mehr denn je wie eine Sklavin und kein bisschen wie eine Pferdeausbilderin oder Agentin.</p><p>�Ist die Abschaffung der Sklaverei in Darran dir noch wichtig?�, fragte er mit abgewandtem Blick. �Die Sklavinnen hier scheinen mir nicht halb so entschlossen gegen ihr Schicksal anzuk�mpfen wie du.�</p><p>Rialla nickte m�de.</p><p>�Auch nach diesem Vorfall?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann werden wir morgen von hier verschwinden�, sagte Tris entschlossen.</p><p>Trotzig sch�ttelte Rialla den Kopf. �Aber das Tagebuch wird nicht ausreichen. Wir brauchen etwas �� Sie dachte kurz nach. �Wir brauchen Winterseines Zauberbuch. Alle Magier haben eins � Glaube ich zumindest. Konntest du herausfinden, wo sein Arbeitszimmer ist?�</p><p>Langsam nickte Tris. �Es befindet sich irgendwo in den oberen Etagen der Burg. Ich versuche morgen, dort einzudringen.�</p><p>�Und danach gehen wir�, sagte Rialla und sp�rte eine Welle der Erleichterung bei der Vorstellung, diesen Ort auf immer zu verlassen.</p><p>Sie redeten noch eine Weile, besprachen die diversen Fluchtm�glichkeiten. Es gab verschiedene denkbare Szenarien, abh�ngig davon, um welche Zeit sie flohen und wie viele Wachen sich ihnen in den Weg stellen w�rden. Schlie�lich verfielen sie wieder in Schweigen.</p><p>Es war seltsam, wie sehr Terrans Begierde sie noch immer besch�ftigte. Der k�rperliche Akt war nie etwas gewesen, was sie genossen hatte, aber es geh�rte zum Sklavendasein dazu. Wiewohl es ihr nie auch nur im Geringsten gefallen hatte, war kein einziges Mal der dabei empfundene Ekel so stark gewesen wie heute.</p><p>Der Zeitpunkt, in dem Tris sie f�r gew�hnlich allein lie�, verstrich, und er war noch immer da. Sie errichtete wieder einen Teil ihrer Barriere, doch es war schwieriger als beim letzten Mal. Sie empfand seine Anwesenheit als angenehm und tr�stlich.</p><p>Rialla rollte sich auf dem Strohbett zusammen und schloss die Augen. Sie war ersch�pft, konnte aber nicht einschlafen. Nach dem vierten oder f�nften Versuch, eine bequeme Position zu finden, vernahm sie ein feines Raunen an den R�ndern ihrer Wahrnehmung.</p><p><emphasis>Liebes.</emphasis></p><p>Sie z�gerte, wollte jeden vertraulichen Kontakt wenn m�glich vermeiden und antwortete deshalb laut: �Was ist denn?�</p><p><emphasis>Komm doch mit mir,</emphasis> lud Tris sie ein, w�hrend sein Geist sachte an ihr zupfte.</p><p><emphasis>Und wohin?</emphasis>, fragte sie, nun neugierig geworden.</p><p><emphasis>Hierhin</emphasis>, erwiderte er und zog sie hinein in seine Tr�ume.</p><p>Sie stand auf einem Felsvorsprung und schaute hinab auf den gigantischen Wasserfall, dessen Donnern den Untergrund zu ihren F��en erbeben lie�. Der k�hle Spr�hnebel, der von den Kaskaden aufstieg, legte sich auf ihre Kleidung und bestrich den Stein, auf dem sie standen, mit einem dunklen Glanz. Sie hob den Kopf, erblickte Berge zu allen Seiten; auf den Gipfeln lag frisch gefallener Schnee, doch die H�nge waren �ber und �ber mit blaugr�nen Nadelh�lzern bewachsen.</p><p>Das Get�se, mit dem das Wasser �ber die weiter unten liegenden Felsen rauschte, war ohrenbet�ubend. Sie versuchte, in die Tiefe zu schauen, doch der aufsteigende Nebel verschleierte ihre Sicht. Sie holte tief Luft und f�hlte sie erneut � diese St�rung, die sie hierhergebracht hatte.</p><p>Ein enger Pfad verlief am Rand des feucht gl�nzenden Felsens, und schon spazierte sie auf ihm talw�rts, als bef�nde sie sich auf einer breiten �berlandstra�e. Als sie ihre Hand auf die raue Rinde einer Zeder legte, die sich am Wegessaum gen Himmel reckte, sp�rte sie die gem�chliche Wanderung der Mineralien von den Wurzeln bis in den Stamm hinauf wie auch das Einsickern des n�hrenden Sonnenlichts von oben. Sie hielt einen Moment inne, konnte den friedlichen Triumph des knorrigen Baums mitf�hlen. Und w�hrend sie so dastand, wuchs die Erkenntnis, und sie umfasste alles Werden und Gedeihen und Vergehen um sie herum in seiner ganzen Sch�nheit.</p><p>Die Erkenntnis blieb ihr, als sie ihren Abstieg fortsetzte. Dort unten im Nebel wartete etwas auf sie, etwas ganz Besonderes. Rialla konnte das Prickeln von flie�ender Magie in den Steinen wie in der Luft k�rperlich sp�ren.</p><p>Der Weg, dem sie folgte, endete pl�tzlich, da der Fels sich bis ins Wasser hinabschl�ngelte, das jetzt nur einen Steinwurf von ihr entfernt lag. Sie blinzelte, konnte aber nichts durch den Spr�hnebel des herabst�rzenden Katarakts erkennen. Das bewegte Wasser erschuf m�chtige magische Str�mungen; es gab genug Magie in dieser Schlucht, um ein Unwetter �ber der W�ste zu entfesseln. Mit einer Handbewegung machte sich Rialla einen Teil dieser Magie zunutze, um den Nebel zu vertreiben.</p><p>In der Mitte des aufgew�hlten Wassers ragte ein gro�er schwarzer, buckliger Stein in die H�he; das seltsame Wispern der gewonnenen inneren Einsicht sagte ihr, dass es sich um einen Feuerstein handelte, der tief im geschmolzenen Herzen der Erde geformt worden war. Und auf diesem Stein schlief etwas. W�re da nicht das schwache Ger�usch seines Ein- und Ausatmens gewesen, Rialla h�tte es gar nicht bemerkt. Je l�nger sie die Kreatur anstarrte, umso mehr verdichtete sich der Eindruck, dass ein Gro�teil der unebenen Steinoberfl�che in Wahrheit der K�rper einer riesigen schwarzen Echse war.</p><p>Das Wesen war wundersch�n. Rialla griff nach dem inneren Wissen, das ihr gesagt hatte, dass der Baum eine Zeder war und dem Fluss Magie innewohnte � aber sie konnte es nicht mehr finden.</p><p><emphasis>Ich hatte noch nie zuvor einen gesehen</emphasis>, wandte sich Tris in seiner bescheidenen Art an sie<emphasis>. Ich ging im Wald spazieren, als ich diese � atmosph�rische St�rung wahrnahm.</emphasis></p><p><emphasis>Das ist aber kein richtiger Drache, oder?</emphasis>, meinte Rialla und starrte die Kreatur weiterhin unverwandt an. Sie wollte nicht weiterspekulieren aus Angst, vielleicht falsch zu liegen.</p><p><emphasis>Was, glaubst du, ist es dann?</emphasis>, fragte Tris, und es schwang Belustigung in seiner Stimme mit. <emphasis>Ich dachte nicht, dass ich mich mit meiner Schnitzerei so weit vom Original entfernt h�tte</emphasis>. Ein Bild wurde f�r Rialla geformt, das die aufw�ndig geschnitzte Spielfigur zeigte, die eine schlafende Echse darstellte.</p><p>In diesem Moment �ffnete die Kreatur z�gernd eines ihrer smaragdgr�nen Augen und hob anmutig den Kopf, bis sie einen guten Blick auf Rialla und sie auf die Echse hatte. Wie sie sich bewegte, ver�nderte sich das Farbspektrum ihrer Schuppen, sodass sie die wei�e und blaue Vielfalt des herabrauschenden Wasserfalls widerspiegelten, um dann tausend weitere T�ne zur�ckzuwerfen.</p><p>�Ah�, sagte der Drache mit einer Stimme, die sowohl melodisch als auch vom Rasseln der Schuppen begleitet war. �Und ich dachte, alle Kinder des Waldes w�ren fort.�</p><p>Tris wartete, bis sie eingeschlafen war. Er schob ihre Kleider beiseite und nahm das Buch an sich, das sie mitgebracht hatte. Wenn man es bei ihr fand, w�rde Winterseines Strafe f�rchterlich sein, dessen war er sich sicher.</p><p>Durch die Steinwand wieder zu verschwinden war schwieriger, als durch sie hierher zu gelangen, wenn die Schwerkraft seinen Abstieg unterst�tzte. Er kam au�erhalb der Burg wieder zum Vorschein, wobei er auf H�nden und F��en im Dreck kniete.</p><p>Er erhob sich und klopfte sich so gut es ging den Schmutz aus den Sachen. Mithilfe seiner Magie rief er noch mehr Schatten herbei und d�mpfte die Ger�usche seiner Schritte. So getarnt, war es ein Leichtes, ungesehen zu seinem kleinen Unterschlupf zu gelangen, der irgendwo jenseits des Burghofs lag, wie so viele andere R�ckzugsorte inmitten der freien Natur. Man hatte ihm eine Unterkunft im Trakt der Dienerschaft angeboten, aber er hatte ein etwas abgeschiedeneres Domizil vorgezogen � selbst wenn es nicht ganz so wetterfest war.</p><p>Vergewaltigung in jeder Form hatte ihn schon immer zur Raserei gebracht. Sie stellte einen Missbrauch der m�nnlichen Besch�tzerrolle dar � selbst unter den Menschen �, aber sein Zorn ging noch tiefer. Rialla geh�rte <emphasis>ihm</emphasis>, auch wenn sie es vielleicht noch nicht wusste.</p><p>Er hatte ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken. Rialla war sein, doch sie verstand nicht, was das Band zwischen ihnen wirklich bedeutete.</p><p>Trotz seiner nach au�en getragenen Gleichmut, die seine schiere Gr��e, aber auch sein ganzes Auftreten ihm verlieh, war Tris schon immer impulsiv, ja, unbesonnen gewesen. Er reagierte spontan, ohne sich um die Konsequenzen zu scheren, doch nur sehr selten hatte er seine Handlungen im Nachhinein bereut. Selbst als die Enklave ihn versto�en hatte, hatte er es nicht bedauert, dem M�dchen geholfen zu haben. Aber das hier � das war anders. Diesmal w�rde er nicht der Einzige sein, der unter seinem Ungest�m zu leiden hatte.</p><p>Er hatte es ganz impulsiv getan: das Band zwischen der T�nzerin mit dem feuerroten Haar und sich gekn�pft. Er h�tte, wenn es ihm nur darum gegangen w�re, auch einen besseren Weg finden k�nnen, um mit ihr in Kontakt zu bleiben, aber er wollte sie � eine Menschenfrau. Nie hatte er vorgehabt, sich je an einen Menschen zu binden, obwohl er ihnen gegen�ber toleranter eingestellt war als die meisten aus seinem Volk. Selbst als ihm klar geworden war, dass sie diejenige sein musste, welche die alte Trenna in ihrer Vision beschrieben hatte, hatte er sich auf keinen Fall mit ihr verbinden wollen. Tris war niemand, der an so etwas wie das Schicksal glaubte. Aber er hatte erkannt, dass sie sein Schicksal war. Und das h�tte er auch ohne Trennas Prophezeiung begriffen.</p><p>Sie hatte ihn vom ersten Moment an fasziniert, nicht nur aufgrund ihrer Erscheinung, so spektakul�r sie auch war. Er sch�tzte ihren Humor, ihren widerstrebenden Mut und dass sie das Drachenspiel beherrschte und dabei gewann, sei es in ehrlicher Weise oder indem sie ihn austrickste. Nicht lange nach ihrem Kennenlernen war ihm klar geworden, dass der einzige Weg, ihr Vertrauen zu gewinnen, darin bestand, dass er das Errichten jeglicher Barrieren zwischen ihnen ablehnte.</p><p>Es gab nicht mehr viele in seinem Volk, die noch auf jene Weise mit jemandem verbunden waren. Die meisten gaben sich mit der einfachen Hochzeitszeremonie zufrieden, wie sie unter den Menschen �blich war. Doch zu oft konnte der perfekte Partner nicht gefunden werden, und die Verbindung wurde mit der Zeit schw�cher, nicht st�rker. Doch er hatte gewusst, dass es mit Rialla anders sein w�rde, hatte es gewusst, noch bevor er das Band zwischen ihnen gekn�pft hatte.</p><p>Tats�chlich war die Verbindung zwischen ihnen inzwischen so stark, dass er sie nicht mehr zu l�sen vermochte. Diese Linie war �berschritten worden, als sie seine Magie ohne Absicht dazu benutzt hatte, auf dem Folterrad das herannahende Wasser zu ersp�ren. Seufzend schloss er die Augen.</p><p>Beim Ger�usch des Schl�ssels im Schloss ihrer Zellent�r erwachte Rialla. Es war der n�chste Morgen, und Tris war fort. Nat�rlich. Dennoch w�re es nett gewesen, wenn er sie in seine Pl�ne eingeweiht h�tte, bevor er verschwand. Ihr Blick fiel auf die Kleider von gestern, aber auch das Tagebuch, das sie gestohlen hatte, war weg. Sie hoffte, dass Tris es genommen hatte. Mit einem leichten Achselzucken folgte sie der Wache in den �bungssaal.</p><p>Die Plattform, die als Tanzboden diente, konnte auch als Kampfplatz genutzt werden. Schon als Rialla sich warm machte, um die Gliedersteife der Nacht abzusch�tteln, konnte sie die Feindseligkeit der anderen Sklavinnen sp�ren.</p><p>Nat�rlich machte man sie f�r die Bestrafung der anderen Sklavin verantwortlich. Das verletzte M�dchen war eine Kameradin gewesen; Rialla war die Au�enseiterin. Man konnte auch nicht von ihnen verlangen, dass sie Winterseine die Schuld f�r den Vorfall gaben. Sie waren zu gut gedrillt, um die Entscheidungen ihres Herrn in Frage zu stellen. Rialla hatte sich vor ihren Pflichten gedr�ckt, etwas, das eine gute Sklavin einfach nicht tat, und eine von ihnen hatte den Preis daf�r gezahlt.</p><p>Die offene Ablehnung der anderen machte Rialla nichts aus, aber es rief ihr unerfreulicherweise in Erinnerung, dass sie sich einst genauso verhalten hatte.</p><p>Als sie die ersten Schritte des Tanzes vollf�hrten, wartete das M�dchen neben Rialla, bis der Lehrer wegschaute, und versuchte ihr dann unauff�llig ein Bein zu stellen. Rialla machte einen Ausfallschritt und vermied den Sturz, da sie die Absicht des M�dchens erahnt hatte. Danach nutzte sie ganz bewusst ihre Empathie, um �hnlichen �Missgeschicken� aus dem Wege zu gehen, und ignorierte ansonsten alles andere um sich herum.</p><p>Der Tanzmeister war nicht dumm; er bemerkte, was sich hier abspielte und separierte Rialla von den anderen; zu viel Zank w�rde nur das Training st�ren. Rialla l�chelte b�se und konzentrierte sich wieder auf ihren Tanz.</p><p>In der Pause wurde sie von Tamas erwartet. Er packte sie grob am Arm, als sie sich gerade mit einem Baumwolllappen die Stirn trockenrieb. Rialla versteifte sich erschrocken; nicht wegen Tamas, sondern wegen des w�tenden Knurrens, das sie von Tris empfing. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie nah er war. Sie wandte den Kopf, empfing ein Bild von ihm � er sa� in der N�he der Burg in des Schatten und �lte ein kleines Holzst�ck ein.</p><p>�He!� Tamas sch�ttelte sie leicht. �Wie es scheint, hast du die Aufmerksamkeit des jungen Herrn erregt. Er will, dass du mitkommst.�</p><p>Einen Moment lang starrte sie ihn entsetzt an, bevor sie den Blick senkte. Dann lie� sie sich von ihm �ber den Innenhof und in die dunkle Burg hinein mitziehen.</p><p>Widerspruchslos folgte sie Tamas durch die verschlungenen G�nge und die zwei Etagen hinauf in die Privatgem�cher der Burgherren. Als sie eine Stelle erreichten, die ihr f�r ihren Zweck geeignet erschien, schlug Rialla zu.</p><p>Ihr Ellbogen traf Tamas genau an der Brust. W�hrend er taumelte und nach Luft schnappte, knallte sie seinen Hinterkopf gegen die Wand.</p><p>�Bravour�s�, bemerkte Tris hinter ihr. Er machte keine Anstalten, ihr zu helfen, als Rialla den leblosen K�rper des Dieners sorgf�ltig auf dem Boden ablegte.</p><p>�Hast du Winterseines Arbeitszimmer gefunden?�, fragte Rialla, die noch immer neben Tamas hockte.</p><p>�Ja.� Tris nickte. �Einer der Bediensteten hat es ausgeplaudert. Obwohl ich allerdings annahm, dass wir ihm erst in der Nacht einen Besuch abstatten. Tags�ber ungesehen durch die Burg zu schleichen, wird schwierig werden.�</p><p>Rialla ber�hrte das Gesicht des bewusstlosen Dieners und verfluchte gleichzeitig die Tatsache, dass ein k�rperlicher Kontakt die mentale Ber�hrung so viel einfacher machte.</p><p>Das Zusammenprallen mit den �u�eren R�ndern von Tamas� Geist war halb so schlimm, doch als sie tiefer grub, war es, als w�hle man sich durch Filz. Sie sorgte daf�r, dass er noch ein Weilchen l�nger schlafen w�rde, und zog sich dann aus seinem Bewusstsein zur�ck. Als sie sich wieder erhob, schwitzte sie. Rasch schleifte sie den leblosen K�rper ins Zwielicht unter den Treppenaufgang. Sie zitterte; es war m�hevoll gewesen, den Kontakt zu Tamas� verzerrtem Bezugsrahmen aufrechtzuerhalten. Tris� warme H�nde auf ihren Schultern brachten ihr ein wenig Frieden zur�ck.</p><p>�Mit manchen Leuten ist es schwieriger, Verbindung aufzunehmen, als mit anderen�, meinte Rialla heiser, w�hrend sie sich den Schwei� mit dem Stofftuch aus dem Nacken wischte, das sie schon im Tanzsaal benutzt hatte. �Ich hoffe, ich muss das nie wieder bei ihm machen.�</p><p>�Wenn wir es hier rausschaffen, sicher nicht�, sagte Tris. �Folge mir, sei auf der Hut und lass mich rechtzeitig wissen, ob wir wom�glich jemandem in die Arme laufen.�</p><p>Leise schlichen sie weiter den Gang entlang, bis sie eine weitere, schmalere Treppe erreichten, die sich bis zu einer Eichent�r hinaufschl�ngelte. Anhand der Form der W�nde nahm Rialla an, dass sie sich in einem der Burgt�rme befanden.</p><p>Die in die T�r geschnitzte Katze von Altis be�ugte sie von oben herab. Tris zeigte auf die T�r. Rialla versuchte hastig, mit ihrer Gabe herauszufinden, ob der Raum dahinter leer war oder nicht.</p><p>Tris wartete, bis Rialla erleichtert nickte; dann gingen sie hinauf. Lautlos schwang die T�r nach innen auf. Auf der Innenseite steckte ein goldener Schl�ssel im Schloss; Rialla drehte ihn vorsorglich herum und sperrte sich und Tris damit in Winterseines Arbeitszimmer ein.</p><p>Schwere Vorh�nge hielten das meiste Tageslicht drau�en, und als Rialla sich nach rechts wandte, stie� sie mit der Schulter gegen ein B�cherregal. Es war fast so hoch, wie Rialla gro� war, und von oben bis unten mit Folianten best�ckt. Es wirkte so massiv, dass ein Pferd es nicht h�tte umrei�en k�nnen.</p><p>Umso erstaunter war sie, als das Regal ins Wanken geriet und umzufallen drohte. Tris griff im letzten Moment danach und dr�ckte es wieder an die Wand.</p><p>�Ich dachte, du bist die Anmut in Person�, neckte er sie, w�hrend sie begannen, die B�cher, die herausgerutscht waren, wieder an ihren Platz zu stellen.</p><p>�Das bin ich, aber T�nzerinnen m�ssen nicht �ber Nachtsicht verf�gen, um ihre Aufgabe zu erf�llen.� W�hrend sie sprach, hob sie ein dicken W�lzer vom Boden auf, der aus dem obersten Regalbrett gefallen war. Er war kunstvoll in Leder eingebunden und verf�gte �ber eine Messingschlie�e, um die Seiten zusammenzuhalten. Ansonsten unterschied er sich kaum von den anderen B�chern hier, au�er dass irgendetwas darin klapperte.</p><p>�Tris, k�nntest du ein wenig Licht machen?�, fragte Rialla, die sich an dem Messingschloss zu schaffen machte.</p><p>Flackernd entstand eine Lichtquelle. Rialla �ffnete das Buch, und sie stellten fest, dass es innen ausgeh�hlt worden war. In der Vertiefung lag ein schlichter Silberring mit einem einfachen blauen Stein; er war beim Sturz aus dem Tuch gerutscht, in das man ihn eingeschlagen hatte. Der Edelstein war sorgf�ltig poliert, und das nachtdunkle Blau glitzerte auf h�chst seltsame Weise im Schein von Tris� Magierlicht. Rialla erschauderte unter dem Eindruck, dass der Ring sie betrachtete, genau wie sie gerade ihn.</p><p>�Es liegt Magie darin�, bemerkte Tris leise. �Alte Magie.� Er verschloss den Ring wieder in dem Buch, ohne ihn zu ber�hren, und stellte den Folianten wieder an seinen Platz.</p><p>Nun nahm er das n�chste Buch vom Boden auf und �ffnete es. Es war ebenfalls innen hohl. Den Dolch mit seinem unverwechselbaren Griff fanden sie im �bern�chsten Buch. F�r einen Moment funkelten ihnen beim Betrachten die Rubinaugen der Schlange entgegen, dann verstaute Tris die Waffe in seinem Lederbeutel, den jeder Schreiner bei sich trug.</p><p>Auch dieses Buch stellte er wieder ins Regal zur�ck. Hastig brachten sie noch die letzten Regalreihen in Ordnung, bis das M�belst�ck so unangetastet wirkte wie alle anderen im Raum.</p><p>Rialla seufzte. �Kannst du dir vorstellen, was diese B�cher wert waren, bevor er sie ruiniert hat?�</p><p>Tris schnaubte auf. �Das waren niemals B�cher, auf den Seiten findet sich nicht die geringste Spur von Tinte. Ich sch�tze, er hat sich einen Haufen leere Bl�tter binden lassen, nur um den Buchblock dann als Geheimversteck zu nutzen.�</p><p>�Daran hab ich nicht gedacht�, gab Rialla zu. Sie sah sich in dem Arbeitszimmer um.</p><p>Der L�ufer auf dem Boden war fast genauso kostbar wie die Teppiche in Terrans Gem�chern. Tris� Magierlicht offenbarte die reichen Rot- und Goldt�ne der kunstvoll gewebten Muster. Der Raum war klein, doch in ihm befanden sich noch zwei weitere Regale sowie ein gro�er Schreibtisch.</p><p>�Hier�, sagte Tris, der nun an eben diesem Schreibtisch stand. Er schenkte den Kontenb�chern, die obenauf lagen, keine Beachtung, und fuhr mit seinen H�nden �ber die Au�enseiten der abgeschlossenen Schubladen. Pl�tzlich hielt er inne.</p><p>�Diese hier enth�lt etwas sehr M�chtiges�, meinte er. Er holte den Ring mit den Dietrichen und Hauptschl�sseln aus seiner G�rteltasche und machte sich am Schloss der Schublade zu schaffen.</p><p>�Sind das Clan-Schl�ssel? Woher hast du sie?�, wollte Rialla wissen.</p><p>�Ich glaube, jemand hat sie als eine Art Honorar bei mir zur�ckgelassen�, erwiderte Tris, w�hrend er den Generalschl�ssel vorsichtig drehte.</p><p>Das Schloss klickte, und er zog die Schublade auf. Darin lag ein dickes Buch mit Silberschnalle. In den teuren wei�en Ledereinband war ein Symbol gepr�gt worden, das Rialla nur zu gut kannte.</p><p>Tris� Blick wanderte von dem Buch zu Rialla. �Das ist das gleiche Zeichen, das er auch f�r deine T�towierung benutzt hat.�</p><p>�Ja, Winterseines Wappenzeichen�, stimmte Rialla zu. �Aber das hier ist doch ein Grimoire, oder?�</p><p>�Gut m�glich, und ich werde es nicht �ffnen�, sagte Tris bestimmt. �So wie es sich anf�hlt, enth�lt dieses Buch genug Magie, um diese Burg und die H�lfte aller dazugeh�rigen L�ndereien in Schutt und Asche zu legen.�</p><p>�Es ist Magie, und es tr�gt Winterseines pers�nliches Zeichen�, sagte Rialla. �Das reicht mir.�</p><p>Tris nahm das Buch heraus, machte die Lade wieder zu und verschloss sie. Er l�ste seinen G�rtel und schob das Zauberbuch unter sein locker sitzendes Wams, bis es in der nat�rlichen Vertiefung unter seinem Rippenbogen lag. Dann zurrte er seinen G�rtel ein bisschen fester um seine Taille. Unter dem groben, schweren Stoff seiner Schreinerjacke war das Buch nun kaum mehr zu erkennen.</p><p>�Kannst du �berpr�fen, ob irgendjemand in der N�he ist?�</p><p>Rialla entspannte sich kurz und konzentrierte sich. �Nein, niemand, es sei denn, Terran ist hier.�</p><p>Tris zog eine Augenbraue hoch: �Was soll das hei�en?�</p><p>�Terran k�nnte uns auf der anderen Seite der T�r auflauern, und ich w�rde es nicht wissen. Aus irgendeinem Grund kann meine Empathie ihn nicht erfassen. Wie dem auch sei�, f�gte sie hinzu, �ich denke, wir k�nnen es wagen.�</p><p>Ohne besondere Vorkommnisse stiegen sie die Wendeltreppe wieder hinab. Als sie die gro�e Steintreppe erreichten, die sie weiter nach unten bringen sollte, hielt Rialla ihren Begleiter an seinem Wams fest.</p><p><emphasis>Man hat Tamas gefunden,</emphasis> lie� sie ihn wissen, <emphasis>und eine Suche eingeleitet. Sie blockieren die Treppenaufg�nge und durchk�mmen gerade das Erdgeschoss, bevor sie sich nach oben vorarbeiten.</emphasis></p><p><emphasis>Dann m�ssen wir hier irgendwo ein Fenster finden</emphasis>, meinte Tris leichthin.</p><p><emphasis>Das Ganze scheint dir wohl auch noch Spa� zu machen!</emphasis>, unterstellte ihm Rialla aufgebracht.</p><p>Er grinste sie ohne Reue an und rannte zur�ck in den Gang, aus dem sie gekommen waren. Rialla folgte ihm kopfsch�ttelnd.</p><p>Die erste T�r, die Tris �ffnete, geh�rte zu einem G�stezimmer, das mit zwei h�bschen Fensterfl�geln aufwartete. Winterseine hatte keine Kosten und M�hen gescheut, sie zu verglasen, und als die beiden sie �ffneten, sahen sie sich mit lediglich zwei Hindernissen auf ihrer Flucht aus der Burg konfrontiert: m�glichen Wachen und der Schwerkraft.</p><p>Rialla schaute vorsichtig nach unten, doch niemand schien an der R�ckseite der Feste zu patrouillieren. Daf�r gab es einen guten Grund, denn die ersten Fenster auf dieser Seite des Geb�udes befanden sich erst im dritten Stock. Jeder, der dumm genug war, den Sprung aus dieser H�he zu wagen, w�rde hart auf dem zusammengebackenen Boden hinter der Burg aufschlagen, was eine jede Flucht auf tragische Weise beendete.</p><p>Argw�hnisch betrachtete sie die efeubewachsene Au�enwand. <emphasis>Ich wei� nicht, Tris. Sieht mir nach einem ziemlich langen Abstieg aus.</emphasis></p><p><emphasis>H�r auf, dir st�ndig Sorgen zu machen.</emphasis> Tris griff durch das Fenster nach einem Strang des Efeus.</p><p>Rialla sah genau hin, konnte aber keinen Unterschied an der Pflanze erkennen, nachdem er sie ber�hrt hatte.</p><p><emphasis>Ich will, dass du mir nachfolgst. Die Ranken werden unser Gewicht nur dann tragen, wenn wir schnurgerade an ihnen herabklettern.</emphasis> Ohne ihr Gelegenheit zu geben, Protest einzulegen, schwang er sich aus dem Fenster.</p><p>Beklommen blickte Rialla an dem Mauerbewuchs nach unten. Andererseits war alles, was dazu imstande war, Tris� Gewicht zu tragen, auch dazu geeignet, sie zu halten. Sie wartete, bis ihr Gef�hrte schon ein St�ck herabgeklettert war, bevor sie ihm folgte.</p><p>Der Efeuteppich f�hlte sich unnat�rlich steif an, bot aber guten Halt.</p><p>Die Blattr�nder waren scharf, als w�ren sie aus gewalztem Metall, und sie zog sich ein paar Schnitte zu, ehe sie heraushatte, wie man durch das Blattwerk greifen musste, um die Ranken darunter zu packen. Als sie sich dem Boden n�herte, packte Tris sie um die Taille und hob sie kurzerhand herunter. Danach ber�hrte er das Efeu erneut und verwandelte es wieder in seinen nat�rlichen Zustand zur�ck.</p><p>Rialla sah sich nerv�s um, doch auch jetzt schien niemand diesen Bereich hinter der Feste zu kontrollieren. Sie lie� ihre Empathiebarriere fallen, um Hinweise darauf zu erhalten, ob sie durch jemanden entdeckt worden waren, und hoffte inst�ndig, dass Tamas weit genug entfernt war. Nie wieder wollte sie in Kontakt mit ihm treten m�ssen.</p><p><emphasis>Also gut,</emphasis> sagte Tris. <emphasis>Lass mich deine Haarfarbe in einen etwas unauff�lligeren Ton �ndern. Die Torwachen suchen eine einzelne Sklavin mit rotem Haar</emphasis>. <emphasis>Angesichts der vielen Sklavinnen hier werden sie wohl nicht misstrauisch werden, wenn eine von ihnen mit einem Freien hier herumspaziert.</emphasis></p><p><emphasis>Es ist bekannt, dass Winterseine es durchaus sch�tzt, wenn auch seine �lteren, weniger wertvollen Sklavinnen nicht v�llig aus der �bung kommen,</emphasis> stimmte Rialla zu. <emphasis>Wenn du also etwas Grau ins Braun zaubern k�nntest, w�rde das glaubw�rdiger aussehen.</emphasis></p><p>Er ber�hrte kurz ihr Haar und zog dann die H�nde zur�ck. <emphasis>Fertig</emphasis>.</p><p>Ohne sich noch l�nger aufzuhalten, schlenderten sie gem�chlich um die Burg herum und auf das Tor in der Au�enmauer zu. Tris blieb f�r einen Moment stehen, wo er schon zuvor an der Pforte gearbeitet hatte, und nahm den schweren Werkzeugranzen an sich, den er hier abgestellt hatte. Niemand behelligte sie, bis sie das Fallgitter erreichten.</p><p>�Stopp�, rief dort die �ltere der beiden Mauerwachen. �Was wollt ihr?�</p><p>�Ich bin Jord Schreiner. Dem Lagerhaus geht das Kirschholz aus. Diese Sklavin wei�, wo man so gro�e Kirschb�ume findet, dass man nach der Ernte M�bel daraus machen kann.�</p><p>Der Wachmann sah stirnrunzelnd zu Rialla. �Die kenne ich aber nicht.�</p><p>Tris nickte. �Sie ist K�chensklavin und muss des �fteren Feuerholz suchen, also wei� sie auch, wo die besten B�ume stehen. Und wenn nicht, finde ich sie auch allein, aber sie kann mir dann trotzdem von Nutzen sein ��, f�gte er mit einem anz�glichen Grinsen hinzu.</p><p>Der andere Mann lachte dreckig und zog das Fallgitter so weit in die H�he, dass Tris und Rialla geduckt hindurchschl�pfen und das Tor passieren konnten. Rialla marschierte los und schlug den offenbar vielgenutzten Trampelpfad in den burgeigenen Forst ein.</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Sobald sie im Schutz der W�lder untergetaucht waren, lie� Tris den Lederranzen zu Boden fallen und begann, ihn zielstrebig zu sichten, wobei er die meisten Werkzeuge herausnahm und neben der Tasche ablegte.</p><p>�Hast du Terrans Tagebuch an dich genommen?�, fragte Rialla ihn.</p><p>�Ja, ist auch in der Tasche.� Er l�ste seinen G�rtel und holte Winterseines Grimoire hervor.</p><p>�Warte.� Rialla lockerte eine Kordel an ihrer Tunika und brachte den Dolch zum Vorschein, den sie darunter versteckt hatte. Sie wickelte die Klinge sorgf�ltig in ein St�ck Stoff und verbarg sie wieder an ihrem K�rper.</p><p>Tris h�llte die verstreuten Werkzeuge in ein �ltuch ein, damit sie vor Regen gesch�tzt waren. Er hoffte, dass irgendjemand sie finden und in Ehren halten w�rde.</p><p>Dann warf er sich den Ranzen wieder �ber die Schulter, lie� den Trampelpfad hinter sich und schlug sich tiefer in den Wald hinein. Rialla folgte ihm, dankbar daf�r, dass das ausgiebige Tanztraining ihr die Ausdauer f�r den vor ihnen liegenden Marsch beschert hatte.</p><p>Tris marschierte m�helos voran und passte sogar sein Tempo an das von Rialla an. Der Weg, den er eingeschlagen hatte, erschien willk�rlich gew�hlt, aber sie vertraute auf seine Waldl�uferf�higkeiten. Auch wusste er ihre Belastbarkeit intuitiv einzusch�tzen, und als ihr schlimmes Bein zu schmerzen begann, wurde er noch langsamer.</p><p>�Kannst du feststellen, ob uns jemand folgt?�</p><p>�Lass mich kurz anhalten, dann �berpr�fe ich es�, erwiderte Rialla und blieb stehen.</p><p>Schwer atmend wischte sie sich den Schwei� von der Stirn. Indem sie sich den unmittelbaren Einflussbereich vornahm, griff sie vorsichtig mit ihrer Gabe um sich. Es war schwierig, tierische Emotionen von menschlichen zu unterscheiden, also suchte sie nach einer ganzen Gruppe, konnte aber nichts ersp�ren.</p><p>�Nichts�, sagte sie und hoffte, dass sie recht damit hatte.</p><p>Tris griff nach der Borke eines Baums, streichelte ihn, bevor er seinen strammen Marsch fortsetzte. �Ich bin froh, aus dieser verfluchten Burg heraus zu sein. Es geht aufs Gem�t, von nichts au�er totem Stein umgeben zu sein.�</p><p>Rialla sprach stockend; ein leichter Plauderton fiel ihr nach den Ereignissen der letzten Tage schwer. �Ich verstehe, was du meinst. Ich wuchs in einer Gemeinschaft auf, die sich nie lange an einem Ort aufhielt. Wir schliefen auf unseren Reisen nur dann in Zelten, wenn es regnete. Manchmal m�chte ich schreien, wenn ich zu lange von dicken Steinmauern umgeben bin.�</p><p>�Und warum lebst du dann in der Stadt?�, fragte er.</p><p>�Weil Sianim der erste Ort war, wo eine Frau als Pferdeausbilderin arbeiten konnte.�</p><p>�Und warum bist du nach deiner Flucht nicht zu den H�ndler-Clans zur�ckgekehrt?�</p><p>Rialla zuckte die Achseln. �Aus meiner Sippe war ja niemand mehr am Leben. Ich sch�tze, eine der anderen h�tte mich wohl aufgenommen, aber � ich h�tte da nicht reingepasst.� In Wahrheit, dachte sie, f�hlte sie sich Tris nach den vergangenen Wochen mehr verbunden als irgendjemandem sonst, einschlie�lich Laeth. Vielleicht lag es an dem mentalen Band: Ihr Blick wanderte hin�ber zu den starken Schultern ihres Gef�hrten, und sie musste l�cheln. Vielleicht war es auch etwas ganz anderes.</p><p>�Tris?�, fragte Rialla.</p><p>�Hmm?�</p><p>�Wohin gehen wir?�</p><p>Etwas bei einem mit Rohrkolben bestandenen Streifen am Bachlauf, dem sie folgten, erregte seine Aufmerksamkeit. Er hielt an und strich behutsam die Erde vom Wurzelwerk einer schlanken Pflanze mit kleinen wei�en Bl�ten.</p><p>�Das ist die �Wei�e M�nchskutte��, erkl�rte er. Er grub die Pflanze behutsam aus und sch�ttelte die Erdbrocken aus den Wurzeln. �Gibt ein starkes Schlafmittel ab. Nur wenige Bl�tter k�nnen einen Mann f�r Stunden in Tiefschlaf versetzen.�</p><p>Er zog sich den Ranzen vor den Bauch und legte die Pflanze vorsichtig auf die B�cher.</p><p>�Sianim�, sagte er, nachdem sie ihren Weg wieder fortgesetzt hatten.</p><p>Rialla hatte keine Ahnung, worauf sich seine Bemerkung bezog. Als sie begriff, dass er ihre Frage beantwortet hatte, sagte sie: �Woher wei�t du, wo Sianim liegt? Warst du schon mal dort?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, aber ich wei�, wo dieser Wald von einer breiten Stra�e durchschnitten wird. Und wenn man dem Koch aus der Burg glauben darf, f�hrt die einzige Hauptstra�e hier gen Osten nach Sianim und gen S�den ins Territorium der Allianz. Besagte Stra�e befindet sich zweieinhalb Tagesreisen von hier. Aber ich dachte, wir k�nnten in den W�ldern erst unsere Verfolger absch�tteln, bevor wir darauf zuhalten.� Er schenkte ihr ein breites Grinsen. �Wir Sylvaner haben eine Menge Vorteile gegen�ber euch <emphasis>Menschen</emphasis>.�</p><p>Rialla erwiderte sein L�cheln. �Besser ein Mensch sein, als sich im Wald mit der �rtlichen Flora verbr�dern zu m�ssen.�</p><p>In gespielter Emp�rung sch�ttelte er den Kopf und sagte traurig: �Immer wird das herabgesetzt, von dem sie nichts wissen. Sich in der Natur aufzuhalten kann eine interessante Erfahrung sein, mit der richtigen Person, versteht sich.� Er sah sie vielsagend an, ruinierte aber den Effekt, da ihm in diesem Moment eine weitere Pflanze ins Auge fiel. �Coralis!�, rief er begeistert aus. �Ich dachte nicht, dass sie so weit im Norden noch zu finden ist.�</p><p>Rialla war froh deswegen, denn sie hatte gerade begonnen, sich ob seiner subtilen Anb�ndelei ein wenig unwohl zu f�hlen. Sie grinste, als er sich hinabbeugte, um die Rinde eines kleinen Baums zu inspizieren, der bemerkenswert blutrote Bl�ten hervorgebracht hatte. Andererseits war es nicht gerade schmeichelhaft, f�r eine Pflanze links liegen gelassen zu werden �</p><p><emphasis>Entschuldige</emphasis>, sagte er und sah zu ihr auf.</p><p>�berrascht starrte sie ihn an. �Kannst du die ganze Zeit �ber meine Gedanken lesen?�, fragte sie. Pl�tzlich konnte sie Laeth ein wenig verstehen; es war nicht sch�n, in dem st�ndigen Gef�hl leben zu m�ssen, dass die eigenen Gedanken nicht l�nger privat waren.</p><p>Er straffte sich und sch�ttelte den Kopf. �Nein, nur ab und zu. Und dann f�r gew�hnlich auch nur die oberfl�chlichsten Gedanken.�</p><p>Sie l�chelte ihn an, als sie sich wieder auf den Weg machten. �Es ist sehr ungewohnt, dass es jemanden gibt, der mich so lesen kann, wie ich es normalerweise bei allen anderen tue.�</p><p>Er zwinkerte ihr zu, wollte etwas sagen, wurde dann aber durch die Sichtung einer anderen Pflanze davon abgehalten.</p><p>Sie reisten schnell, trotz der gelegentlichen Pausen, in denen Tris die ihn umgebende Flora inspizierte und Rialla ein wenig verschnaufen konnte. Im S�den und Westen ragten Berge auf, doch ihre Route verlief durch das h�gelige Vorgebirge. Nachdem sie einige Meilen ohne erkennbare Verfolgung zur�ckgelegt hatten, konnte sich Rialla endlich etwas entspannen und dar�ber freuen, Winterseines Burg hinter sich gelassen zu haben. Tris hatte sogar einige Pflanzen gesammelt, an denen sie auf ihrem Weg knabberten.</p><p>Die Abendd�mmerung brach herein, und sie schlugen ihr Lager auf einer kleinen Lichtung auf. Rialla hatte ein Pl�tzchen mit verh�ltnism��ig wenigen Steinen gefunden und es sich dort bequem gemacht. Ersch�pft legte sie ihren Kopf auf die Arme, w�hrend Tris neben ihr dasselbe tat.</p><p>Die Sommerluft war noch warm, doch Riallas Sklavengewand vermochte sie nur schlecht vor dem drohenden Temperatursturz in der Nacht zu sch�tzen. Aber nach allem, was sie in den letzten Tagen durchgemacht hatte, trug ihre M�digkeit den Sieg �ber derlei Unannehmlichkeiten davon. Und so fr�stelte sie klaglos ein- oder zweimal, bevor sie einschlief.</p><p>Tris bemerkte, wie sie sich zitternd herumw�lzte, doch als er sah, wie sie die Beine anzog, um die W�rme besser im K�rper zu halten, reichte es ihm. Er rutschte auf sie zu, bis er direkt neben ihr lag, und zog sie dann n�her zu sich heran.</p><p>Als er dabei ihre Schultern ber�hrte, sp�rte er <emphasis>� Terrans feingliedrige H�nde auf nackter Haut � einen Widerwillen, der fast an Grauen grenzte � Schmach � Hass � und einen Hauch von Todesangst �</emphasis></p><p>Besitzergreifende Wut �berw�ltigte ihn, selbst als er in diesem Moment begriff, dass das Band zwischen ihnen mittlerweile �ber den Gedankendialog hinausging � zumindest auf seiner Seite. Zum ersten Mal im Leben nahm er Riallas Emotionen wahr, als w�rde ihre Gabe langsam in ihn hineinsickern. Sorgf�ltig schw�chte er die R�nder seines Zorns ab. Ja, er w�rde Rialla nach Sianim bringen, und dann w�rde er diesem Terran vielleicht zeigen, was die Raserei eines Heilers zu bewirken vermochte.</p><p>Leise wimmerte Rialla im Schlaf. Tris stie� langsam die Luft aus. Als er sich wieder unter Kontrolle hatte, lie� er seinen Geist erneut in Riallas Tr�ume hinabsinken.</p><p>Z�rtlich fing er sie ein mit seinen Gedanken, lockte sie fort aus Terrans Schlafzimmer und hinein in die ungleich s��ere Erinnerung an einen See im Norden, der silbern und golden glitzerte im Schein der untergehenden Sonne.</p><p>Wie gew�hnlich war sie allein, als sie noch vor der Morgend�mmerung erwachte. Sie stand auf und sch�ttelte ihre Kleidung aus, doch die meisten Knitterfalten und Dreckklumpen widerstanden ihren Bem�hungen. Sie holte tief Luft und wunderte sich nicht wirklich, als sie den typischen Geruch von Schnee in die Nase bekam. Tris� R�ckkehr ins Lager unterbrach ihre Gedanken, und sie w�nschte ihm einen guten Morgen.</p><p>Im ersten Licht des jungen Tages brachen sie auf. Nach einer Weile bekam Rialla Hunger, und als sie einen Brombeerstrauch erblickte, hielt sie an und bediente sich. Tris fand einige Knollenwurzeln, die er an seinem Hosenbein sauber rieb. Die schmeckten zwar nach so gut wie nichts, f�llten den Magen aber besser als die Beeren.</p><p>��ber dem Feuer ger�stet sind sie leckerer�, meinte er kauend.</p><p>�Wenn du es sagst�, erwiderte Rialla skeptisch, obwohl der Hunger sie herzhaft zubei�en lie�. �Jede Weiterbehandlung, und sei es mit den Ascheresten eines Lagerfeuers, kann eigentlich nur eine Geschmacksverbesserung darstellen.�</p><p>Tris wollte schon etwas erwidern, als ein seltsamer Schrei die Luft zerriss. Danach trat eine gespenstische Stille ein, nicht mal ein Vogelruf war in den W�ldern mehr zu h�ren.</p><p>�Wei�t du, was das war?�, fragte Tris ruhig.</p><p>�Ich bin nicht sicher, aber sind wir nicht in der N�he der Burg des ae�Magi?�</p><p>Tris stutzte, als z�ge er eine innere Landkarte zu Rate. �Einen halben Tagesmarsch von hier liegt so etwas wie eine gro�e Burg, Richtung S�den.�</p><p>Rialla nickte. �Das m�sste sie sein. Und das, was wir geh�rt haben, war vermutlich ein Uriah. Ich hab zwar noch nie selbst einen zu Gesicht bekommen, aber es hei�t, bei der Burg des Erzmagiers sollen noch welche hausen. Als der vorherige ae�Magi starb, gab es dort unz�hlige Uriah, die dann in den umgebenden L�ndereien untergetaucht sind. S�ldner aus Sianim hatten sie aus der Burg vertrieben und die meisten von ihnen vernichtet, aber alle konnten sie in den W�ldern nicht aufsp�ren. Ich h�rte, der amtierende ae�Magi k�mmert sich nicht mehr gro� um sie. Wie man sagt, ist ihnen mit Magie schwer beizukommen, man soll sie nur mit Feuer oder einem Schwert t�ten k�nnen. Und ich hab nicht mal mein Messer ��</p><p>Tris nahm Riallas Arm und ging z�gig weiter. �B�sartige Dinger, wenn man den Geschichten glauben will. Hab mal einen aus der Entfernung gesehen und konnte von Gl�ck sagen, dass er mich nicht entdeckt hatte. Der Schrei von eben klang nicht sehr nah, aber ich denke, es ist eine gute Idee, wenn wir machen, dass wir weiterkommen.�</p><p>Sie schritten kr�ftig aus, dann verfielen sie in einen Dauerlauf, doch der Uriah schien auf einem parallel zu ihrer Route verlaufenden Pfad mit ihnen mitzuhalten, da von Zeit zu Zeit sein charakteristisches Geschrei zu ihnen drang.</p><p>�Glaubst du, er verfolgt uns?� Nerv�s blickte Rialla in die Richtung, aus welcher das Gebr�ll gekommen war, aber die B�ume hier standen zu dicht, um etwas zu erkennen.</p><p>Ein neuerlicher Schrei hallte durch den Wald, gefolgt von einem Chor aus weiteren aufgebrachten Rufen. Rialla blieb stehen, griff mit ihrer Gabe hinaus, um zu sehen, was die Aufregung verursacht hatte. Ihr Geist wanderte durch den Wald. Ja, da war etwas. Die B�ume, durch die sie eben noch versucht hatte, etwas zu erkennen, raschelten, als f�nde zwischen ihnen ein Kampf statt �</p><p>Sie schrak zusammen, als Tris sie pl�tzlich grob am Arm packte und hastig mit sich zog. Rialla protestierte. Jetzt rannte er los, und er lockerte den Griff erst wieder, als sie sich nicht mehr dagegen str�ubte. Stolpernd musste sie mit ihm Schritt halten, bis das Geheul so weit entfernt war, dass sie zumindest wieder reden konnten.</p><p>Rialla lief noch ein kleines St�ck weiter, bevor sie begriff, dass Tris stehengeblieben war. Sie wandte sich um und sah nichts als Ver�rgerung auf seinem Gesicht.</p><p>�Was um alles in der Welt hast du da getan?�, schrie er.</p><p>�Ich � hab versucht herauszufinden, was diesem Uriah geschehen ist. Es schien, als w�re er in irgendwen oder irgendwas hineingerannt. In etwas Gro�es. Sch�tze, der Uriah ist eine Weile damit besch�ftigt, und wir m�ssen uns keine Sorgen mehr um ihn machen�, erwiderte Rialla, wobei sie einen kleinen Schritt auf ihn zu machte.</p><p>Mit undurchdringlicher Miene starrte er sie an, dann ging auch er auf sie zu. �Das war dumm! Uriah sind keine Menschen. Ja, sie sind nicht einmal wie Tiere. Du h�ttest dabei verletzt werden k�nnen, verstehst du das?�</p><p>Sie presste die Z�hne aufeinander, machte einen weiteren Schritt auf ihn zu, bis sie sich direkt gegen�berstanden. �Ich verstehe, dass das allein meine Sache war!�</p><p>�Du h�ttest dich im Todeskampf des Tieres, das er gerade t�tete, emotional verfangen k�nnen�, zischte er und starrte b�se auf sie herab.</p><p>�Sehr unwahrscheinlich. Ich hatte alles unter Kontrolle. Ich war mit der Kreatur im Tanzsaal von Westholdt weitaus st�rker verbunden�, erwiderte sie frostig.</p><p>Tris wandte sich ab, wohl in dem Versuch, sich wieder zu beruhigen. Im n�chsten Moment begriff Rialla, dass er mitnichten versuchte, seinen Zorn niederzuk�mpfen und tief durchzuatmen � sie sah, dass seine Schultern verr�terisch zuckten.</p><p>�Du � du machst dich �ber mich lustig!?� Wenn sie in diesem Moment eine Waffe zur Hand gehabt h�tte, sie h�tte sie benutzt. �Und spar dir irgendwelche faulen Ausreden, du falsche Schlange, du hast dich �ber mich lustig gemacht!�</p><p>�Teils, teils�, sagte Tris mit ged�mpfter Stimme. �Diese Kreatur im Tanzsaal <emphasis>hat</emphasis> dich verletzt, Rialla. Uriah sind nicht wie andere Tiere � sie werden von Hunger und Raserei angetrieben, das wei� jeder. Jeder Empath, der mit einem solchen Ding Kontakt aufnimmt, riskiert leichtsinnigerweise Kopf und Kragen. Die Situation eben hat eine solche Aktion einfach nicht gerechtfertigt.�</p><p>Rialla dachte �ber seine Worte nach. �Du hast recht, ich entschuldige mich daf�r, ein unn�tiges Risiko eingegangen zu sein. Aber du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du gelacht hast.� Ihre Stimme war noch immer k�hl.</p><p>Tris drehte sich um und sah sie an. �Vermutlich zun�chst vor Erleichterung. Ich war besorgt, dass �� Der Schalk aus seinen Augen verschwand, und Rialla konnte wieder die dunkle Wut in ihm sp�ren, die nie wirklich verraucht war. �Ich war besorgt, dass die letzten Wochen dich mehr beeinflusst haben k�nnten, als sie tats�chlich haben. Ich musste an die kleine Rede denken, die du Laeth in meinem Haus hieltest � die, wo du meintest: einmal Sklave, immer Sklave �, w�hrend du mich angeschrien hast. Ich fand das irgendwie lustig.�</p><p>�Lach mich noch mal aus, wenn ich w�tend bin, und ich werde daf�r sorgen, dass das kein weiteres Mal passieren wird�, sagte Rialla feierlich.</p><p>�Ich freue mich drauf�, erwiderte Tris h�flich. Er trat auf sie zu und bot ihr seinen Arm an.</p><p>Nach einem kurzen Z�gern legte Rialla ihre Hand in die Beuge seines Ellbogens. Gemeinsam gingen sie auf dem Pfad weiter, den Tris ausgew�hlt hatte.</p><p>�Wie sehen Uriah eigentlich aus?�, fragte Rialla neugierig. �Ich hab noch nie einen gesehen.�</p><p>Sie hatten ihren Verfolger schon eine Weile hinter sich gelassen. Die B�ume warfen lange Schatten �ber den Boden, und der Osthimmel verdunkelte sich in einem Farbenspiel aus Rot und Gold.</p><p>Tris zuckte die Achseln. �Wie Menschen, die schon monatelang tot sind, dann aber beschlossen haben, sich Rei�z�hne wachsen zu lassen, um auf die Jagd zu gehen. Und sie riechen auch so ��</p><p>�Also nichts, dem man mitten in der Nacht begegnen m�chte�, bemerkte Rialla.</p><p>�Eigentlich m�chte ich sie zu keiner Tageszeit treffen, um ehrlich zu sein�, erwiderte Tris abwesend, w�hrend er einen in der N�he stehenden Busch pr�fte.</p><p>�Wonach suchst du?�, wollte Rialla wissen.</p><p>�Ich rieche hier irgendwo Dornbeeren � Zu dieser Jahreszeit verstr�men die Str�ucher einen starken Duft. Man k�nnte mit seiner Hilfe daf�r sorgen, dass die Uriah nicht wieder unsere Witterung aufnehmen, falls sie doch noch hier vorbeikommen sollten.� Er kniff die Augen zusammen und zeigte nach links. �Dort dr�ben, neben der Eiche! Komm, wir machen jetzt Rast und warten, bis die Uriah diese Gegend wieder verlassen haben, bevor wir weiterziehen.�</p><p>Tris f�hrte sie zu einer Gruppe von dichtem Gestr�pp, das nur wenige Schritte neben einem riesigen Eichenbaum stand. Die Spitzen der B�sche waren mit dicken gelben Bl�ten besetzt, die stanken wie ein trockengefallener Burggraben im Hochsommer. Fingerlange scharfe Dornen bewehrten die Str�ucher von unten bis oben.</p><p>�Wenn du unter den Zweigen herkriechst, kannst du dich an den Dornen nicht verletzen�, riet ihr Tris, der den emp�rten Gesichtsausdruck Riallas, die sich die Nase zuhielt, ignorierte. �Sie zeigen alle nach oben, also halte dich dran.�</p><p>Er lie� sich auf den R�cken fallen und rutschte vorsichtig unter den Strauch, bis er nicht mehr zu sehen war. Rialla betrachtet argw�hnisch die Dornen, doch dann tat sie es ihm gleich.</p><p>Zu ihrer �berraschung m�ndete der enge Tunnel, den Tris geschaffen hatte, in einen gro�en Hohlraum im Zentrum der Strauchgruppe, in der gut und gern zwei oder drei Leute h�tten Platz finden k�nnen. Die Buschkronen bildeten ein nat�rliches Dach �ber ihren K�pfen, aber es war zu niedrig, um sich bequem aufzurichten. Der Boden war weich von alten Laubschichten.</p><p>Tris musste grinsen, als er Riallas Miene sah. �Es kann wirklich sehr gem�tlich sein, wenn man sich erst mal an den Geruch gew�hnt hat. Das Bl�tterdach ist sogar so dicht, dass nur wenig Regen durchdringen kann.�</p><p>Er �ffnete seinen Rucksack und sichtete einmal mehr seine Pflanzensammlung. Mit bedauerndem Gesichtsausdruck sortierte er die Exemplare aus, die die Reise nicht so gut �berstanden hatten.</p><p>Rialla sah ihm eine Weile dabei zu, dann kramte sie aus seinem Ranzen die B�cher hervor, die sie Winterseine gestohlen hatten. Sie sch�ttelte sie, um sie von zerdr�ckten Bl�ttern und welken Kr�utern zu befreien. Als sie das Grimoire beiseitelegte, bemerkte sie, dass einige Seiten halb herausgerutscht waren, und dies trotz der Schlie�e, die den wei�en Ledereinband zusammenhielt.</p><p>�Tris�, sagte sie.</p><p>�Hmm?� Er schaute von seiner Pflanzenkollektion auf.</p><p>Sie hielt ihm das Buch vor die Nase, und die Seiten schoben sich noch ein St�ck weiter heraus. Rasch drehte Rialla den Folianten nach oben, damit die Bl�tter nicht ganz herausfielen.</p><p>�Nicht die Seiten ber�hren!�, warnte Tris und legte das Gr�nzeug beiseite. �Es gibt eine Menge ungesunder �berraschungen, die ein Menschenmagier in seinem Zauberbuch f�r Unbefugte bereithalten kann.�</p><p>Er nahm ihr das Grimoire aus der Hand und klopfte mit dem Buchr�cken gegen sein Bein, doch die Seiten weigerten sich standhaft, wieder an ihren Platz zur�ckzurutschen. Er neigte es vorsichtig, bis ein d�nner Lichtstrahl von oben auf die cremefarbene Oberfl�che der st�rrischen Seiten fiel.</p><p>�Hmm�, machte Tris, bevor er seine Hand ausstreckte und kurz �ber den Folianten hinwegstrich. �Diese Seiten waren nie Teil des Grimoires � daf�r sind sie zu alt.�</p><p>Rialla betrachtete die sorgf�ltig gefalteten Bl�tter genauer. �Aber sie sehen gar nicht alt aus.�</p><p>�Magie�, erkl�rte Tris. �Diese Seiten bergen mehr Magie in sich, als ein Zauberer allein anh�ufen k�nnte, menschlich oder nicht. Man br�uchte zwanzig oder mehr der st�rksten aus meinem Volk, um so viel Magie zu beschw�ren. Und ich sch�tze, mindestens ebenso viele Menschenmagier.�</p><p>�Aber es sind doch nur leere Pergamentseiten�, sagte Rialla �berrascht.</p><p>Tris hob die Augenbrauen und schaute wieder auf die gelblichen Bl�tter. �Kannst du denn nicht die Symbole darauf erkennen?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, lehnte sich noch ein wenig weiter vor, um besser sehen zu k�nnen, wobei sie sich mit einer Hand an Tris� Schulter abst�tzte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sobald sie ihn ber�hrte, erschienen auf der ihr zugewandten leeren Seite Markierungen, die seltsam verschwommen wirkten.</p><p>Rialla blinzelte, stie� einen leisen Fluch aus und nahm ihre Hand von Tris� Arm. Sobald der Kontakt zu ihm unterbrochen war, waren die Seiten wieder leer. �Kannst du sagen, wozu diese Zauberspr�che gut sind?� Ihre Stimme klang unsicher.</p><p>Tris sch�ttelte den Kopf. �Ich bin kein Anwender von Menschenmagie und w�rde niemals Spr�che einsetzen, die man auf eine solche Weise niederschreiben k�nnte.�</p><p>Rialla musste ob seiner unverhohlenen Verachtung l�cheln. �Und was sollen wir jetzt damit anstellen?�</p><p>�Wir nehmen alles mit nach Sianim. Sollen sich doch die Menschenmagier dar�ber den Kopf zerbrechen.� Tris verstaute das Buch in der dunkelsten Ecke seines Ranzens, wo die halb herausgerutschten Seiten nicht weiter st�rten.</p><p>Als Tris sich herumdrehte, um eine bequemere Position zu finden, ber�hrte er zuf�llig Terrans Tagebuch mit der Hand. Er nahm es an sich.</p><p><emphasis>Macht es dir was aus, wenn ich das mal durchbl�ttere?,</emphasis> fragte er.</p><p>Rialla zuckte die Achseln. <emphasis>Ich tue mich selbst bei Festbeleuchtung schwer mit geschriebenem Darranisch. Wenn du es hier entziffern willst, nur zu. Ich denke, ich werde mich jetzt ein wenig ausruhen �</emphasis></p><p>Sie sp�rte, wie er seine Aufmerksamkeit auf sie lenkte. <emphasis>Dein Bein macht dir Probleme,</emphasis> stellte er fest. <emphasis>Soll ich mal schauen, ob ich was f�r dich tun kann?</emphasis></p><p>Sie z�gerte, sch�ttelte dann jedoch den Kopf. Sie war noch nicht dazu bereit, sich unter den H�nden eines Mannes zu entspannen.</p><p><emphasis>Also gut,</emphasis> meinte Tris. <emphasis>Das Angebot steht, falls du es dir doch noch anders �berlegen solltest.</emphasis></p><p>Erst nachdem sich Rialla auf dem Laubbett zusammengerollt und die Augen geschlossen hatte, stellte sie fest, dass der Wechsel vom gesprochenen Wort zum Gedankendialog ganz unbewusst erfolgt war. Sie fragte sich, ab welchem Moment es zu einer solchen Leichtigkeit geworden war, sich auf diese Weise mit Tris zu verst�ndigen. Sie h�rte, wie Tris in dem d�nnen Diarium leise die Seiten umbl�tterte, und das Ger�usch verschmolz mit dem Rascheln der Bl�tter, auf denen sie lag. Ohne einen weiteren Gedanken glitt sie hin�ber in einen erholsamen Schlaf.</p><p>Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie wieder erwachte, doch in ihrem Unterschlupf war es immer noch d�ster.</p><p>�Rialla?�</p><p>�Hmmm?�, antwortete sie schl�frig.</p><p>�Ich denke, das d�rfte dich interessieren.�</p><p>�So?� Rialla versuchte klar zu werden und setzte sich auf, w�hrend sie sich Blattst�cke und Schmutz von der Kleidung fegte. �Um was geht�s denn?�</p><p>Tris zeigte mit dem Finger auf die Seite im Tagebuch, die er gerade aufgeschlagen hatte. Dann legte er seine Lekt�re beiseite, zog die Knie an und sagte: �Lass mich dir eine Geschichte erz�hlen:</p><p>Es war einmal ein Junge, gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sein Vater war sowohl ein Magier als auch ein Athlet. Als klar wurde, dass der Junge nichts von beidem werden w�rde, f�hlte er sich als Versager. Eine Einsch�tzung, die sein Vater teilte.</p><p>Wie vielen Kindern seines Alters fiel es dem Jungen schwer, sich vorzustellen, was f�r ein Mann einst aus ihm werden konnte. Er war ungeschickt und gehemmt und neigte dazu zu stottern, wenn er nerv�s wurde.</p><p>Neben seiner Profession als Magier war der Vater auch Sklavenh�ndler. Ab und an �berquerte er den Gro�en Sumpf und besuchte die geheimnisvollen Reiche im Osten, weil Sklaven aus diesem Teil der Welt besonders wertvoll waren. Das nicht zuletzt deshalb, weil es aufgrund der gro�en Entfernung nicht so leicht war, ihrer habhaft zu werden. Das einzige Talent des Jungen bestand in einer gewissen Sprachbegabung, sodass sein Vater ihn auf seine Reisen mitnahm.</p><p>Eines Tages durchquerten sie ein kleines, vom Krieg zerrissenes Land im Osten. Sie �bernachteten in einer Unterkunft, die vor langer, langer Zeit ein Schrein zu Ehren des Gottes Altis gewesen war. Obwohl vieles vom urspr�nglichen Geb�ude umgebaut oder den Jahren zum Opfer gefallen war, betrachtete sein Besitzer, ein reicher H�ndler, den urspr�nglichen Zweck des Geb�udes mit einigem Stolz.</p><p>An diesem Abend machte sich der Junge beim Abendessen einmal mehr zum Narren. Eine der T�chter ihres Gastgebers sprach ihn an, und er wurde so fahrig, dass er sein Weinglas umstie�, dessen Inhalt sich �ber seinen Scho� ergoss. Das Lachen seines Vaters und ihres Gastgebers im Ohr, st�rmte der Junge aus dem Speisesaal und begab sich auf das Zimmer, das ihm und seinem Vater zugewiesen worden war.</p><p>Der Raum selbst war ungew�hnlich. Anders als die �brigen Zimmer, die der Junge in diesem Haus gesehen hatte, bestanden hier Boden und W�nde aus Stein und nicht aus Holz. Die Pritsche, die man ihm zugeteilt hatte, dr�ngte sich in eine Ecke, sein Vater schlief in dem pomp�sen, mit seidenen Laken bezogenen Bett. Der lange, niedrige Marmortisch, der fest mit dem Boden verbunden war, lie� die �brigen M�bel im Zimmer winzig erscheinen.</p><p>Der Junge, der nichts als Ruhe und Zuflucht suchte, betrat das Zimmer mit einer �llampe, die er aus dem Flur vor dem Speisesaal mitgenommen hatte. Ungeschickt wie eh und je und noch immer verwirrt durch die erlittene Schmach, stolperte er �ber einen kleinen L�ufer und st�rzte. Dabei streifte seine Stirn eine Ecke des schweren Tisches. Obwohl es kein harter Aufprall war, blutete er heftig, wie es bei Platzwunden am Kopf ja h�ufig der Fall ist.</p><p>Froh, dem Gesp�tt der anderen entkommen zu sein, rappelte sich der Junge wieder auf. Irgendwie hatte er beim Sturz die Lampe fallen lassen, deren �l dabei durch den halben Raum gespritzt war. Er stellte sie auf dem wei�en Marmortisch ab und schenkte Blut und �l, das �ber die Oberfl�che verteilt war, keine Beachtung.</p><p>Er wusste, er w�rde jemanden bitten m�ssen, seine Kopfwunde zu versorgen, aber er wollte sich auch nicht der Untersuchung durch einen v�llig Fremden aussetzen. Und schon gar nicht wollte er sich von seinem Vater verbinden lassen, der ihn sicherlich wegen seiner Ungeschicklichkeit verh�hnt h�tte.</p><p>Ihm wurde schwindlig, und da er vor dem Tisch kniete, legte er erst die Arme und dann den Kopf auf die k�hle Oberfl�che. Nach und nach glitt er hin�ber in einen leichten D�mmerzustand.�</p><p>Tris machte eine Pause, dann fuhr er fort: �Was als N�chstes geschah, mag vom jeweiligen Blickwinkel desjenigen abh�ngen, der die Ereignisse zu bewerten hat. Ich berichte die nachfolgenden Geschehnisse aus der Sicht des Jungen, und du musst dir angesichts deiner eigenen Erfahrungen und Beobachtungen selbst ein Bild machen, Rialla.</p><p>Der Knabe tr�umte. Und in diesem Traum ging er einen wei�en Gang entlang, in dem sich T�ren zu beiden Seiten befanden. Er �ffnete die erste und erblickte eine verh�llte Gestalt, die auf einem Tisch lag, der dem in seinem Zimmer �hnlich war. Er konnte nicht sagen, ob die Person lebte oder tot war, und etwas hielt ihn davon ab, das Zimmer zu betreten und sich die Sache genauer anzuschauen. Auf einem riesigen Relief an der Wand �ber dem Tisch waren zwei rote, ineinander verschlungene Drachen zu erkennen.</p><p>Nun war unser Held ein belesenes Kind � die Welt der B�cher war ihm von jeher eine Zuflucht vor seines Vaters Missachtung gewesen �, und so erkannte er wieder, was nur wenigen aufgefallen w�re: Die Drachen stellten das uralte Symbol von Temris dar, dem Gott des Krieges.</p><p>In dem Glauben zu tr�umen, k�mpfte der Junge nicht gegen den eigent�mlichen Drang an, dem langen Gang zu folgen. Je weiter er vordrang, umso mehr Altarzimmer mit verh�llten Gestalten entdeckte er. Und �ber einer jeden prangte das Symbol eines l�ngst vergessenen Gottes an der Wand. Die meisten kannte der Junge, doch von anderen hatte er noch nie geh�rt.</p><p>Immer weiter ging er den Gang entlang, bis er schlie�lich zu einer ganz bestimmten T�r hingelenkt wurde. Er �ffnete sie und trat ein.</p><p>Er bemerkte, dass �berall in dem Raum eine dicke Staubschicht lag. An der Wand entdeckte er ein Symbol, das er nicht nur von seinen eigenen Studien her kannte, sondern auch im Hause seines Gastgebers schon gesehen hatte: die Katze von Altis.</p><p>Vorsichtig n�herte er sich der eingeh�llten Gestalt auf dem Altar. Dabei fiel ihm auf, dass der Staub ringsum aufgewirbelt worden war, wie auch die Seident�cher, in die man den K�rper eingeschlagen hatte, nicht mehr so ordentlich drapiert waren wie bei den anderen. Kurz: Es schien, als habe sich die darunter liegende Person erst k�rzlich bewegt.</p><p>Mit dem Mut des Tr�umenden ber�hrte der Junge den feinen blauen Stoff, um ihn fortzuziehen. Im gleichen Moment griffen seine Finger ins Leere � die Gestalt war verschwunden, zur�ck blieb nur ein leerer Marmortisch.</p><p>Wie er auf die polierte Platte hinabschaute, fiel darauf ein Tropfen Blut aus seiner Wunde, gefolgt von einem Tropfen �l aus der Lampe in seiner zitternden Hand. Die Tropfen liefen zusammen, wie sie es in der realen Welt niemals tun w�rden. Er konnte den Blick nicht davon abwenden, nicht einmal, als eine tiefe Stimme zu ihm sprach:</p><p>�Wer st�rt den Schlaf der Uralten, Knabe? Wer bedient sich der Kr�fte, die jenseits jeden menschlichen Verm�gens liegen? Auf Erden ist erneut gro�e Magie am Werke, und die Schl�fer werden in ihrer Ruhe gest�rt. Am Himmel reisen wieder Drachen mit dem Wind. H�re, dies ist nicht die rechte Zeit, um durch die Hallen der G�tter zu wandeln und sie aufzuwecken.�</p><p>Der Junge konnte die Stimme gleicherma�en sp�ren wie h�ren. Er wusste, dass er zitterte, aber er f�hlte keine Furcht. Langsam antwortete er: �Ich wei� nichts von Drachen oder gro�er Magie. Aber ich habe das Tuch ber�hrt. Ich bin Terran.�</p><p>Er hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, da fand er sich in dem G�stezimmer auf dem Altar liegend wieder. Was wohl sein Vater zu der ganzen Sauerei sagen w�rde, die er hier angerichtet hatte? Er zog sein Gewand aus und wischte die Marmoroberfl�che so gut es ging damit sauber.</p><p>Nahe der T�r stand ein Wasserk�bel, daneben lag ein frisches zusammengefaltetes Handtuch. Er schrubbte sich das Blut von den H�nden und aus dem Gesicht, bevor er feststellte, dass sein Kopf v�llig unverletzt war. Der alleinige Hinweis darauf, dass er geblutet hatte, fand sich auf seiner beschmierten Tunika, dem befleckten Handtuch und in dem hellroten Wasser.</p><p>Terran sch�ttete den Inhalt des Wasserk�bels aus dem Fenster, versteckte sein Gewand und verstaute das Handtuch in seiner Reisetasche.�</p><p>Tris holte tief Luft. �Das war Terrans erste Begegnung mit Altis. In sp�teren Traumgespr�chen mit dem Gott der Nacht wurde der Junge dann mit immenser Macht ausgestattet, neben der Winterseines Magie geradezu unbedeutend wirkte.</p><p>Einige Monate sp�ter begr�ndete Terran, der sich nun die Stimme von Altis nannte, mithilfe seines Vaters eine neue Religion zu Ehren von Altis.�</p><p>�Verdammt�, fluchte Rialla. �Dann war Winterseine gar nicht derjenige, den wir suchten.� Sie musste daran denken, wie er der Forderung seines Sohnes nachgegeben hatte, als es Terran nach ihr verlangt hatte.</p><p>Tris schien laut zu �berlegen: �Der einzige Beweis f�r die Echtheit des Traums w�re, dass Terrans Wunde kurz darauf verschwunden war. Ein kleiner Schnitt am Kopf blutet heftig, schlie�t sich andererseits aber auch recht schnell. Man h�tte ihn leicht �bersehen k�nnen. Mehr noch, ein Schlag auf den Kopf f�hrt oft zu seltsamen, von der Realit�t kaum zu unterscheidenden Tr�umen.�</p><p>Rialla f�hrte seinen Gedanken fort: �Und nat�rlich w�rde er in einer solchen Umgebung von alten G�ttern tr�umen, zumal er ja eine Schw�che f�r Mythen und Legenden hat. Jedes Kind wei�, dass �l und Blut verbreitete Komponenten f�r das Herstellen von Zaubern sind, ganz sicher jedoch wei� dies der Sohn eines Magiers.�</p><p>Tris nickte. �Wie ich erfahren habe, erlangen Menschenmagier ihre volle Macht erst mit Eintritt ins Erwachsenenalter. Wenn diese Kr�fte just nach jenem Traum in ihm erwacht sind, w�rde er nat�rlich die alten G�tter f�r das Ph�nomen verantwortlich machen und nicht seine pers�nliche Entwicklung. Besonders jemand wie Terran, dem man jahrelang eingebl�ut hat, dass er ein Nichtsnutz sei.�</p><p>Rialla legte das Kinn in die Hand und l�chelte Tris schwach an, obwohl es zu dunkel in ihrem Versteck war, als dass er es sehen konnte. �Nun gut � All diese Punkte spr�chen daf�r, dass Terrans Macht das Produkt seiner ohnehin latent vorhandenen Magie ist � etwas, das uns wohlvertraut ist. Aber ��</p><p>�Aber�, setzte Tris ihren Gedanken fort, �da w�re noch die wundersame Heilung von Tamas� Arm auf dem Weg zu Winterseines Burg. Bekanntlich konnte ich damals keinerlei Magie in der Umgebung ausmachen. Und so dachte ich, dass ein ge�bter Menschenmagier seine Kunst vielleicht in einer Art und Weise auszu�ben vermag, die sich nicht feststellen l�sst. Doch dann wiederum sp�rte ich die Magie, die Winterseines Grimoire innewohnte, schon in dem Moment, da wir sein Arbeitszimmer betraten.�</p><p>�Ich kann Terran empathisch nicht erfassen�, f�gte Rialla hinzu. Und nach einer kurzen Pause: �Ich denke, dass Winterseine seinen Sohn f�r einen G�tterpropheten h�lt. Wenn Winterseine mich ber�hrt, kann ich ihn lesen, und derzeit ist eine unterschwellige Furcht in ihm, die nicht da war, als ich noch seine Sklavin gewesen bin. Ich sch�tze � er hat Angst vor Terran.�</p><p>�Und was meinst du? Glaubst du, Terran ist wirklich ein Prophet?�, fragte Tris.</p><p>�Ja.�</p><p>�Das denke ich ebenso.�</p><p>Rialla schwieg einen Moment, dann sagte sie: �Wenn Terran tats�chlich die Stimme von Altis ist, wird die Invasion, der wir entgegensehen, von einem Gott gelenkt. Was mich zu der Frage bringt: Wie m�chtig sind diese G�tter �berhaupt?� Sie war froh, dass ihre Stimme noch immer ruhig klang.</p><p>Tris zuckte die Achseln. �Hab mich nie mit einem unterhalten. Wir k�nnen hier warten, dann kannst du Terran pers�nlich danach fragen, wenn du willst. Ich jedenfalls halte nicht viel von davon. So viel ich wei�, waren diese G�tter nicht mal m�chtig genug, um den Magierkriegen Einhalt zu gebieten.�</p><p>�Vielleicht wollten sie es ja nicht�, meinte Rialla.</p><p>�Ja, eine drollige Vorstellung�, erwiderte Tris sp�ttisch.</p><p>Rialla lachte verhalten. �Wir werden Ren �ber alles informieren, dann soll er entscheiden, was zu tun ist.�</p><p>�Aber wird er uns die Geschichte auch glauben?�</p><p>Rialla lehnte sich seufzend zur�ck. �Keine Ahnung. Sch�tze, ich bin nicht wirklich zur Kundschafterin geeignet. Wenn wir in Sianim sind, erinnere mich bitte daran, dem Meisterspion mitzuteilen, dass er sich in Zukunft an die Experten wenden soll. Was mich betrifft, so habe ich es w�hrend einer einfachen Mission zur Informationsbeschaffung geschafft, niemand Geringeres als die G�tter herauszufordern. Und das an der Seite eines Mannes, der behauptet, von einem obskuren, fast vergessenen Waldvolk abzustammen. Ich k�nnte sicherlich erkl�ren, wie es dazu kommen konnte, wenn ich l�nger dar�ber nachdenke, aber im Moment ist mir gerade nicht danach ��</p><p>Tris� Z�hne blitzten in der Dunkelheit auf, als er l�chelte. �Drau�en scheint alles ruhig zu sein, also schaue ich mich mal ein bisschen in der Umgebung um. Wenn dir in der Zwischenzeit eine gute Idee kommen sollte, lass es mich wissen.� Er nahm zwei Hand voll grasartige St�ngel aus seinem Ranzen, rollte sich auf den R�cken und schl�pfte aus der Dornbeerenh�hle.</p><p>Als Tris weg war, atmete Rialla auf. Es war gut, dass sie nun ein bisschen Zeit f�r sich hatte; sie war es nicht gewohnt, st�ndig unter Leuten zu sein. In Sianim war sie manchmal tagelang unterwegs gewesen, ohne mit jemandem zu sprechen, mit Ausnahme der Pferde, versteht sich. In den letzten Monaten hatte sie kaum Gelegenheit gehabt, einmal ganz f�r sich zu sein, und dieser Zustand begann allm�hlich, sie zu erdr�cken.</p><p>Tris erforschte den dunklen Wald, als w�re es helllichter Tag. Seine Sicht war perfekt an das D�mmerlicht angepasst, das der Mond in dieser Nacht schuf. Er beschloss, den Abschnitt des Weges zu �berpr�fen, den sie bei ihrer Weiterreise nehmen w�rden, suchte gewissenhaft nach einem Zeichen, das darauf hindeutete, dass sie verfolgt wurden. Nach einer ganzen Weile zerbrach er die mitgebrachten Grashalme in kleine St�cke und verteilte sie auf dem Pfad. Schnaufkraut war noch viel effektiver als Pfeffer, wenn es darum ging, tierische Sp�rnasen dabei zu behindern, Witterung aufzunehmen. Als die letzten Schnipsel zerstreut waren, rieb er sich die H�nde sauber und schaute sich um.</p><p>Er hatte an diesem Nachmittag v�llig impulsiv reagiert, als er mitbekam, wie Rialla sich bei der Kontaktaufnahme mit dem Uriah in gro�e Gefahr begeben hatte. Und w�hrend sie vor seinem Zorn zur�ckgewichen war, hatte ihre Furcht mit einem Mal an dem Band gezerrt, das zwischen ihnen bestand, und eine noch viel gr��ere, fast atavistische Wut in ihm ausgel�st, auf die er nicht vorbereitet gewesen war. Man hatte ihn zwar gewarnt, dass jegliche Bedrohung f�r die Verbindung eine solche Reaktion hervorrufen k�nne, doch er hatte die Mahnung ignoriert, da die Vergewaltigung durch Terran nichts in dieser Richtung ausgel�st hatte. Offensichtlich war der Missbrauch nicht dazu angetan gewesen, ihre besondere Beziehung zu st�ren. Es war ihm indes m�glich gewesen, seine Wut so weit zu kontrollieren, dass er sie weiter durch Worte angreifen konnte in der Hoffnung, dass sie sich dagegen verwehrte. W�re sie ihm stattdessen fortgelaufen � Er wollte lieber nicht dar�ber nachdenken, was dann h�tte passieren k�nnen. Sein Gel�chter war aus Erleichterung wie aus Belustigung erfolgt. Und jetzt brauchte er erst einmal ein bisschen Abstand von Rialla, um sich wieder zu sammeln.</p><p>Nachdem er ihren R�ckzug gesichert hatte, beschloss er, den Uriah aufzusp�ren. Es w�re hilfreich, seinen Aufenthaltsort zu kennen, damit sie bei ihrer Weiterreise keine Zeit damit verschwendeten, ihm unn�tigerweise aus dem Weg zu gehen. Ohne Rialla an seiner Seite konnte er sich dazu den Sylvanischen Pfad zunutze machen. Auf diese Weise konnte er nicht nur den Uriah finden, sondern w�re auch wieder zur�ck bei Rialla, bevor die sich Sorgen machte.</p><p>Er begann leise zu summen, rief die allgegenw�rtige Magie herbei und versetzte sie in einen Wirbel, um einen Tunnel zu erschaffen. Er betrat den beschatteten Reisepfad, der ihn geradewegs durch die vor ihm liegenden H�gel und T�ler f�hrte. Die F�lle an Eiben und Eichen in diesem Wald intensivierte die Macht seiner Magie noch, sodass er in wenigen Minuten eine Strecke zur�cklegen konnte, f�r die man ansonsten einen halben Tag unterwegs gewesen w�re.</p><p>Als er den Ort erreichte, an dem sie den Uriah zum letzten Mal wahrgenommen hatten, schloss er den Tunnel und kam neben dem Trampelpfad, dem sie gefolgt waren, wieder zum Vorschein. Durch die Baumkronen sank er auf den Boden herab. Er brauchte nicht lange, um die Beute ihres Verfolgers zu finden � es war ein Elch. Seine abgenagten Knochen lagen rund um den Pfad verstreut, und es schien, als h�tte hier mehr als nur ein Uriah gew�tet.</p><p>Fast stolperte er �ber einen schweren Beinknochen, der fein s�uberlich in der Mitte durchgebrochen worden war. Kurz wunderte sich Tris �ber die Kraft, die dazu n�tig gewesen sein musste. Sie konnten von Gl�ck sagen, so dachte er, dass der Elch offenbar zur rechten Zeit am rechten Ort aufgetaucht war. Es war leicht, der F�hrte der Uriah zu folgen, selbst im Dunkeln. Zerbrochene Zweige und aufgew�hltes Erdreich �berall dort, wo sie entlanggeschlurft waren, wiesen ihm so klar den Weg wie mit Kreide markierte Baumst�mme.</p><p>Er erklomm eine Anh�he und entdeckte auf einer Lichtung ein flackerndes Lagerfeuer. Er lie� von der Verfolgung der Uriah-Spuren ab, um sich die Sache genauer anzusehen.</p><p>Als er sich dem Feuerschein n�herte, stieg Tris der salzig-s��liche Geruch von Pferden in die Nase. Er bewegte sich gegen den Wind auf das Lager zu. Die Tiere wurden unruhig, als er einen Baum bestieg, beruhigten sich aber rasch wieder, da er beim Klettern hektische Bewegungen vermied.</p><p>Von seinem Aussichtspunkt aus konnte er sehen, dass sich niemand auf der kleinen Lichtung unter ihm aufhielt, doch die Holzscheite im Feuer brannten noch nicht allzu lange. Wer auch immer das Lager errichtet hatte, richtete sich auf einen l�ngeren Aufenthalt ein und w�rde bald zur�ckkehren.</p><p>Als Erstes drang Winterseines Stimme an sein Ohr.</p><p>�� verstehe nicht, warum du darauf bestanden hast, die Wachen zur�ckzulassen. Das ist ein verdammt gef�hrlicher Ort hier.�</p><p>�Eben deshalb, Vater. Je mehr Leute hier herumrennen, umso wahrscheinlicher ist es, dass wir die Aufmerksamkeit von Banditen oder Uriah auf uns ziehen. Mit denen k�me ich schon zurecht, aber ich kann nicht auch noch eine ganze Truppe von M�nnern vor ihnen besch�tzen.� Terrans Stimme klang entschlossener, als Tris sie in Erinnerung hatte.</p><p>Tris kauerte sich in der Baumkrone zusammen, als Terran und sein Vater mit einer Reihe ausgenommener Fische an das Feuer traten.</p><p>�Wir k�nnen sie nicht mit diesem Dolch nach Sianim zur�ckkehren lassen. Wenn ich mit Karstens Tod in Zusammenhang gebracht werde, werde ich nie die Kontrolle �ber Darran erlangen. Bist du sicher, dass du wei�t, wo sie ist. Mehr als ein paar Fu�abdr�cke haben wir ja bisher nicht gefunden.� Die Art, wie Winterseine sprach, weckte in Tris den Verdacht, dass der Vater nicht zum ersten Mal die Richtung in Frage stellte, die er und sein Sohn bei ihrer Verfolgung eingeschlagen hatten.</p><p>�Wenn ich�s dir doch sage�, erwiderte Terran bissig. �Sie hat ein oder zwei Wegstunden von hier Rast gemacht. Irgendwann morgen werden wir sie eingeholt haben. Du hast ihre Spuren nicht gesehen, weil wir nicht ihrer beider F�hrte folgen. Diese Strecke verl�uft direkter als die, welche sie nehmen.�</p><p>Winterseine stellte die Frage, die auch Tris umtrieb. �Was meinst du mit �ihrer beider� F�hrte? Ich dachte, sie ist allein unterwegs.�</p><p>Terran grunzte, dann sagte er langsam: �Nein, sie reist mit einer anderen Person. Ich kann nicht genau erkennen, um wen es sich dabei handelt, aber es k�nnte eine Art Magier sein.� Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: �Im Moment ist er nicht bei ihr, aber er war es den ganzen Tag �ber. Ich vermute, dass er ihr auch bei der Flucht aus der Burg geholfen hat.�</p><p>�Du meinst, sie reist � mit einem Magier?�, hakte Winterseine stockend nach.</p><p>Terran nickte und bereitete den Fisch f�r das Feuer zu.</p><p>Winterseine stand von Tris abgewandt, sodass er das Gesicht des Mannes nicht sehen konnte, aber seine Haltung verriet gro�e Anspannung. �Sie hat mein Grimoire gestohlen. Wir m�ssen sie so schnell wie m�glich finden, bevor dieser Magier erkennt, was er da hat.�</p><p>Terran unterbrach seine T�tigkeit und schaute seinen Vater eindringlich an. �Und was genau hat er da? Dein Zauberbuch? Das, was sie gestohlen haben, wurde verfasst, als du noch Lehrling warst. Sicherlich steht nichts darin, was ein halbwegs geschulter Magier nicht ohnehin schon wei�.�</p><p>Tris musste an die Pergamentseiten denken, die aus Winterseines Grimoire herausgerutscht waren, und begann zu gr�beln.</p><p>Winterseine z�gerte. �Nun, es gibt da einige alte Zauberspr�che, die mir mein alter Lehrer gegeben hat und die ich lieber nicht in den falschen H�nden sehen m�chte � Davon abgesehen behagt es mir nicht, dass ein anderer Zauberer mein Buch durchbl�ttert.�</p><p>Diese Pergamentseiten mussten wichtig sein, dachte Tris hochzufrieden.</p><p>Terran wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Abendessen zu, und Tris nahm dies zum Anlass, vom Baum herabzusteigen. Leise zog er sich wieder in den Wald zur�ck und begab sich in den Schutz der Schatten.</p><p>Nachdenklich machte er sich wieder an die Suche nach dem Uriah. Das hatte nun Vorrang, da es so aussah, als m�ssten er und Rialla noch heute Nacht aufbrechen. Auf keinen Fall wollte er im Dunkeln in eine Horde dieser Scheusale hineinlaufen.</p><p>Er roch sie lange, bevor er sie sah. Er erinnerte sich daran, dass diese Kreaturen besonders gesch�rfte Sinne besa�en, und zog mithilfe seiner Magie die Dunkelheit noch enger um sich herum. Gleichzeitig d�mpfte er damit jedes Ger�usch, w�hrend er sich der Gruppe n�herte.</p><p>Es waren sechs, und sie schliefen. Tris war erstaunt dar�ber, wie menschlich sie wirkten, w�hrend sie so dalagen. Bei seinen fr�heren Begegnungen mit ihnen war ihm die �hnlichkeit gar nicht aufgefallen; sie bewegten sich nicht wie Menschen, genauso wenig wie sich ein Hund nicht mehr wie ein Wolf geb�rdete. Hier, w�hrend ihrer n�chtlichen Rast, sahen sie kaum anders aus als eine Gruppe verwahrloster Herumtreiber.</p><p>Tris erklomm einen weiteren Baum, von dem aus er die Uriah besser beobachten konnte. Alle waren m�nnlich, und Tris hatte auch nichts anderes erwartet. Von weiblichen Uriah hatte er noch nie geh�rt.</p><p>Einer der Schlafenden benutzte die Wurzel einer Eiche als Kopfst�tze. Dar�ber hing ein schwerer Ast, der ziemlich stabil wirkte. Tris schloss die Augen, tastete nach der Magie, die alle B�ume des Waldes miteinander verband, und suchte dann den Baum, um den es ihm ging. Als er ihn gefunden hatte, reiste er auf dem best�ndigen Magiefluss durch die L�fte, bis er auf dem Ast stand, unter dem der Uriah schlief.</p><p>Als er hinabschaute, wurde ihm klar, dass er diesen Kreaturen nun n�her war als je zuvor. Ihm lief es kalt �ber den R�cken. Irritiert �ber diese f�r ihn untypische Furcht, reckte er den Hals, bis zwischen ihm und dem Schlafenden kein Blatt mehr war. Das war der Moment, da er etwas an der Taille des Uriah bemerkte; um seine H�ften war locker ein stabiler Lederg�rtel geschlungen. Die zerbrochene Schnalle einer Schwert- oder Messerscheide hing noch immer daran, wenngleich das Futteral selbst fehlte.</p><p>Das Ding dort unten war einst ein Mensch gewesen, egal, was man Tris �ber die Uriah erz�hlt hatte. Der Heiler in ihm erwachte. Wenn das so eine Art Seuche war, von der sie befallen worden waren, konnte er ihnen wom�glich helfen.</p><p>Er konnte vielleicht <emphasis>einen</emphasis> Uriah mithilfe seiner Magie festsetzen, um ihn zu untersuchen, aber hier gab es eindeutig zu viele von ihnen, als dass es ihm m�glich gewesen w�re, sich ihnen gefahrlos zu n�hern. Derjenige, der direkt unter ihm lag, ber�hrte mit seinem Kopf die Eichenwurzel. Tris hockte sich hin. Was er vorhatte, w�rde nicht so effektiv sein wie eine direkte Ber�hrung, aber der Baum konnte ihm als Kanal f�r seine Magie dienen.</p><p>Tris klammerte sich noch fester an den Ast und suchte dann nach dem Magiefluidum, das allen lebenden Dingen innewohnte. Er folgte dem Magiestrom des Baumes bis hinab zu seinen Wurzeln, griff dann nach der Kreatur, die daneben schlief. Und ber�hrte sie �</p><p>Zur gleichen Zeit erhob sich Rialla in ihrem Dornbeerenversteck auf Knie und H�nde, als sie Tris� unermessliche Qualen wahrnahm. V�llig unvorbereitet schrie sie auf. Sie suchte ihn, riss vor lauter Sorge all ihre Blockaden nieder.</p><p><emphasis>Rialla</emphasis>. Sie drang nur schwach zu ihr durch, aber es war ganz eindeutig seine Stimme, die ihrem erschreckten Ruf antwortete.</p><p><emphasis>Geht es dir gut?</emphasis>, fragte sie angstvoll, obwohl sie sp�rte, dass er keine k�rperlichen Schmerzen litt. Die ihn erf�llende Abscheu und der Schock, den er erlitten hatte, waren aber immer noch stark und erschwerten es ihr, seine Gedanken zu lesen.</p><p><emphasis>Ja � reden sp�ter � wenn ich wieder da bin</emphasis>, kam es zur�ck.</p><p>Sie lie� ihn wissen, dass sie verstanden hatte, und zog sich wieder von ihm zur�ck. Einsam und besorgt erwartete sie seine R�ckkehr.</p><p>Auch Tris hatte unbeabsichtigt aufgeschrien, woraufhin die Uriah erwacht waren. Alle. Erkennend, dass direkt �ber seinem Kopf lohnende Beute auf ihn wartete, machte sich der, der direkt unter Tris geschlafen hatte, daran, den Baum zu erklimmen. Dabei gab er ein seltsames Wimmern von sich.</p><p>Tris presste sein Gesicht gegen die raue Rinde der Eiche. Mehr als nach einem anderen Baum Ausschau zu halten, der f�r seine Zwecke nah genug stand, war ihm auf die Schnelle nicht m�glich. Er fand eine weitere Eiche auf der entgegengesetzten Seite der Lichtung und benutzte seine Magie, um sich in ihre Baumkrone zu retten. Es waren insgesamt vier solcher Spr�nge vonn�ten, bis er die Uriah zu guter Letzt nicht mehr roch.</p><p>Baumrinde schrammte �ber seine Handinnenfl�chen, bevor er hart auf die Knie sackte und unkontrolliert w�rgte.</p><p>Der Uriah, den er ber�hrt hatte, war ein Toter gewesen. Doch der Leichnam war mithilfe von Menschenmagie zu einem Wiederg�nger gemacht worden � einer Magie jedoch, die so falsch, so verdorben gewesen war, dass es sich bei dem Versuch, sie zu erfassen und seinem Willen zu unterwerfen, angef�hlt hatte, als ber�hre er geschmolzenen Stein.</p><p>Tris holte zitternd Luft und kam auf die Beine. Er suchte den nahen Bach auf und klatschte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Der Temperaturschock half, seine �belkeit zu lindern. Die Reise durch die B�ume war schwer und eine auszehrende Sache. Es kostete ihn zwei Versuche, den Tunnel zu formen, der ihn zur�ck zu Rialla bringen w�rde.</p><p>Unruhig ging Rialla vor der Dornbeerenh�hle auf und ab, als Tris mit seinem Ranzen zur�ckkehrte. Auf einem gegabelten Stock neben ihr steckten zwei pr�chtige Forellen.</p><p>�Bist du verletzt?� Sofort machte sie einen Schritt auf ihn zu.</p><p>�Nein, aber hungrig.�</p><p>Sie kniff die Augen zusammen, doch die Verbindung zwischen ihnen sagte ihr, dass er nicht log. Nachdem sie die Fische gefangen hatte, hatte sie au�erdem gen�gend Holz f�r ein kleines Feuer zusammengeklaubt, auf das sie nun deutete. �Ist es sicher, hier ein Feuer zu machen? Ich wei� nicht, wie es bei dir ist, aber ich mag mein Essen gern gekocht.�</p><p>�Die Uriah sind zu weit entfernt, um den Bratenduft wahrzunehmen. Und unsere anderen Verfolger werden wohl schon schlafen.� Er entz�ndete das Feuer mit ein wenig Magie und setzte sich daneben.</p><p>�Unsere anderen Verfolger?�, fragte Rialla und schnappte sich das Messer, das Tris im Stiefel bei sich trug.</p><p>�Winterseine und Sohn kampieren einen strammen Morgenspaziergang von hier entfernt. Und ganz offensichtlich f�llt es Terran nicht schwer, aus der Entfernung unsere Bewegungen zu verfolgen.� Er erz�hlte Rialla in wenigen Worten, was er mit angeh�rt hatte.</p><p>�Und dabei hast du dich verletzt?�, fragte Rialla besorgt, w�hrend sie die Fische ausnahm. Sie entsorgte die Innereien hinter einem nahegelegenen Busch.</p><p>Tris sch�ttelte den Kopf. �Nein, das waren der Uriah und meine eigene Bl�dheit. Nachdem ich Winterseine und Terran entdeckt hatte, machte ich mich auf die Suche nach den Uriah. Es war eine Gruppe von sechs, und ich wollte sichergehen, dass wir ihnen auf unserer Flucht vor Winterseine nicht in die Arme laufen. Als ich sie aufsp�rte, dachte ich, ihnen mit einer Heilber�hrung helfen zu k�nnen. Und dabei habe ich mich verletzt.�</p><p>�Bl�dheit trifft es recht gut.� Rialla grinste z�gernd. �Den ganzen Tag hast du mir Vortr�ge �ber die Uriah gehalten. Darf ich mich erkenntlich zeigen?�</p><p>�Nein�, sagte er. �Sch�tze, ich hab meine Lektion auf die denkbar schmerzhafteste Weise gelernt.�</p><p>Sie lachte, reichte ihm einen der Fische und eine Hand voll Weidenzweige. Ihren eigenen Fisch spie�te sie auf einen langen Ast und flocht aus den Weidenzweigen einen behelfsm��igen Korb um die Mahlzeit herum. �Und jetzt sag mir, wie du die Strecke eines �strammen Morgenspaziergangs� und zur�ck in so kurzer Zeit zur�ckgelegt hast.�</p><p>�Mit Magie�, erkl�rte er leichthin, w�hrend er seinen Fisch mit den Zweigen umwickelte.</p><p>Schweigend brutzelten sie ihren Fisch �ber dem Feuer, nur das Knacken des Holzes unterbrach ab und an die Stille. W�hrend sie in die Flammen starrte, w�lzte Rialla im Geiste alle nur denkbaren M�glichkeiten hin und her, bis nur noch eine �brig blieb.</p><p>�Wie lange w�rdest du brauchen, um allein nach Sianim zu reisen?�, fragte sie.</p><p>Tris schaute von seiner Mahlzeit auf; nach einer Weile zuckte er die Achseln. �Den schnellen Weg kann ich nur nehmen, bis ich die �berlandstra�e erreicht habe � also w�rde es wohl zwei Tage dauern, vielleicht drei. Vorausgesetzt der Koch aus Winterseines Burg lag richtig, als er mir erkl�rte, wie lang eine Reise von der Wegkreuzung nach Sianim dauern w�rde.�</p><p>Er wandte seinen Blick wieder dem Feuer zu. �Aber ich werde dich nicht zur�cklassen. Nur um den Dolch und die B�cher nach Sianim zu schaffen, werden wir dein Leben nicht aufs Spiel setzen.�</p><p>�Und deines auch nicht�, sagte sie. �Ich stimme dir zu, aber ich denke nicht, dass sie mich t�ten werden. Ich bin eine wertvolle Sklavin, schon vergessen? Ich bin inzwischen fest davon �berzeugt, dass Terran die Stimme von Altis ist, und es ist ungemein wichtig, dass Sianim davon erf�hrt. Du sagtest, Terran kann meinen Weg verfolgen? Soll er nur! Ich werde dir die Zeit verschaffen, das Tagebuch in Sicherheit zu bringen. Wenn wir aber darauf warten, dass sie uns schnappen, kriegen sie wom�glich alles wieder, was wir ihnen genommen haben. Es w�re dumm, zu glauben, deine Magie k�nnte es mit einem Zauberer und mit einem Propheten gleichzeitig aufnehmen. Tats�chlich k�nnte es mich in noch gr��ere Gefahr bringen, wenn du bei mir bleibst. Die beiden denken ja immer noch, ich sei eine Sklavin. Sie wollen die Dinge, die wir ihnen gestohlen haben, unbedingt, und sie werden mich wenigstens so lange am Leben lassen, bis sie wissen, wo sie sind.�</p><p>Tris antwortete nicht, also fuhr Rialla fort: �Ich k�nnte ihnen immer wieder entwischen, w�hrend du die B�cher zum Meisterspion schaffst, und das so lange, bis du zur�ckkehrst, um mir zur Seite zu stehen. Wenn ich nicht mehr gezwungen bin, Richtung Sianim zu reisen, kann ich Wege nehmen, auf denen ich gegen�ber einem berittenen Verfolger im Vorteil bin.� Sie wusste, dass man sie fr�her oder sp�ter kriegen w�rde, wenn Terran imstande war, sie mit seinen gottgegebenen Talenten aufzust�bern. Mit ein wenig Vorsicht war sie aber vielleicht in der Lage, die beiden so lange an der Nase herumzuf�hren, bis Tris es wieder zu ihr zur�ckgeschafft hatte und ihr bei der Flucht helfen konnte.</p><p>�Dein Fisch verbrennt�, war alles, was Tris darauf erwiderte. Er zog sein eigenes Abendessen aus der Glut.</p><p>Rialla drang nicht weiter in ihn. Auch sie holte ihren Fisch aus dem Feuer und begann zu essen.</p><p>Schlie�lich warf Tris seine Gr�ten mit einem schweren Seufzer in die z�ngelnden Flammen. �Ich werde in vier, f�nf Tagen wieder zur�ck sein. Mach dir keine Sorgen, ich werde dich aufsp�ren. Und jetzt sag mir, wo genau ich diesen Ren finde.�</p><p>Rialla z�gerte. Wie sollte sie das uralte Labyrinth beschreiben, in dem der Meisterspion sein Arbeitszimmer unterhielt? Schlie�lich sagte sie: �Ich glaube, es w�re einfacher, wenn ich dir den Weg zu Laeth erkl�re. Er sollte inzwischen wieder zur�ck sein. Ren wird ihm wohl eher zuh�ren als einem ihm v�llig Fremden.� Sie beschrieb Tris den Weg zu Laeths Zimmer in Sianim. �Wenn du das Haus nicht finden kannst, frag einfach jemanden auf der Stra�e nach der Sch�nke �Zum Verirrten Schwein�. Der Wirt ist ein Freund, er wird wissen, wo du Laeth erwischt.�</p><p>�Ich werde ihn finden�, sagte er knapp.</p><p>Dann kroch er in die Dornbeerenh�hle und kehrte mit dem Grimoire wieder zur�ck. Das Tagebuch steckte in seinem Hosenbund. Er ging zu seinem Ranzen, um den Dolch hervorzuholen. Als er sich dazu vorbeugte, erlangten die losen Pergamentseiten in Winterseines Zauberbuch vollends ihre Freiheit und flatterten zu Boden.</p><p>�Ich will sie auf keinen Fall Winterseine �berlassen�, Tris schaute die Seiten grimmig an, �aber ich werde sie auch um keinen Preis anfassen.�</p><p>�Was ist mit dem Feuer�, fragte Rialla.</p><p>�W�re einen Versuch wert�, meinte Tris.</p><p>Mithilfe der Bratspie�e hob er die Seiten auf und man�vrierte sie in das kleine Lagerfeuer.</p><p>Einen Moment lang geschah gar nichts, dann hallte ein dumpfer Knall durch die W�lder, und die Flammen neigten sich den Pergamentseiten entgegen, verzehrten das Holz, bis nur noch Kohlest�ckchen �brig waren. Nach und nach erstarben die Flammen und lie�en die Seiten gl�hend und doch unversehrt zur�ck.</p><p>�Das k�nnte schwierig werden�, meinte Tris trocken.</p><p>�Sozusagen verflucht schwierig�, gab Rialla zur�ck.</p><p>Tris grinste sie an und deklamierte mit einigem Pathos: �Aber ich verf�ge �ber die wohl zerst�rerischste Naturgewalt aller Zeiten. Siehe zu und staune, werte Dame.�</p><p>Er huschte unter einen nahegelegenen Baum und erschuf ein Magierlicht zur Unterst�tzung. Pl�tzlich hielt er einen verschrumpelten sackartigen Ball hoch, den er zwischen zwei Fingern vorsichtig zum sterbenden Feuer trug. Er setzte das Ding behutsam auf die noch immer gl�henden Seiten. In dem r�tlich schwelenden Licht, das die Pergamente verstr�mten, sah der Ball f�r Rialla nicht sonderlich beeindruckend aus.</p><p>�Was ist das?�, fragte sie.</p><p>�Ein Sporensack.�</p><p>Mit seinem Bratspie� stupste Tris das ledrige Etwas leicht an. Rialla hielt sich die Ohren zu, als der Ball explodierte � mit einem lautlosen Knall. Ein seltsamer Rauch stieg von dem Ding auf, der sich in Form eines ascheartigen Nebels auf die Seiten legte.</p><p>Rialla begann zu kichern.</p><p>Tris schenkte ihr keine Beachtung, starrte unverwandt auf die sporenbedeckten Pergamentseiten. Das Gl�hen wurde etwas schw�cher, dann breitete es sich in alle Richtungen aus. Rialla sah, wie das Gras vor ihren Augen zu wachsen und die Blumen zu bl�hen begannen ob der Magie, die an diesem Ort freigesetzt worden war. Sie konnte gar ein ganz leises Seufzen vernehmen, als die Bl�tter der nahegelegenen B�sche aneinander rieben, w�hrend sie mithilfe der Magie wuchsen, mit der der Menschenzauberer zwei hauchd�nne Seiten aus Lammhaut getr�nkt hatten.</p><p>Nach und nach kehrte die Dunkelheit zur�ck, und das Licht erstarb. Tris stand �ber den fast erkalteten Kohlen des Feuers und erschuf ein Magierlicht.</p><p>In diesem Moment versp�rten sie eine leichte Brise auf ihrer Haut, welche die gelblichen Seiten in kleine St�cke blies, die sich im Winde verloren. Zur�ck blieb ein Ring aus wilden Pilzen inmitten der Asche des Feuers.</p><p>Rialla lachte. �Die wohl zerst�rerischste Naturgewalt aller Zeiten, was? Wahnsinn!�</p><p>Tris grinste. �Du sagst es.�</p></section><section><title><p>10</p></title><p>�Tris�, sagte Rialla, die ihren Begleiter dabei beobachtete, wie er einmal mehr den Inhalt seines Rucksacks �berpr�fte. �Ich wei� nicht, ob ich dir je daf�r gedankt habe, was du f�r mich getan hast. Falls wir uns nicht mehr wiedersehen, wollte ich dir sagen�, sie schenkte ihm ein seltsames L�cheln, als sie die ihren Worten innewohnende Wahrheit erkannte, �dass ich deine Gesellschaft sehr genossen habe.�</p><p>Er sah mit indifferenter Miene zu ihr auf, dann schlich sich der Schalk in seinen Blick. �Falls ich dich nie mehr wiedersehen sollte, dann �� F�r einen so gro�en Mann bewegte er sich nun mit erstaunlicher Eleganz auf sie zu und umfasste ihr Kinn mit seiner Hand.</p><p>W�hrend seine Worte erstarben, fragte sich Rialla, ob sie sich seiner Ber�hrung entziehen sollte. Sie zuckte im Geiste die Achseln und beschloss, seinen Kuss stattdessen zu genie�en. Als er sich wieder von ihr zur�ckzog, ging sein Atem so sto�weise wie der ihre.</p><p>Er blickte ihr tief in die Augen und sagte: �Wir sehen uns dann in drei oder vier Tagen.�</p><p>Rialla sah ihm nach, bis die Dunkelheit ihn verschluckte, bevor sie sich selbst auf den Weg machte. Falls Terran und sein Vater wirklich schon so nah waren, w�rde sie die ganze Nacht laufen m�ssen, um ihren Vorsprung zu halten.</p><p>Sie schlug die Richtung ein, in der sie und Tris schon vor ihrer Rast unterwegs gewesen waren, und bewegte sich so in gerader Linie vom Lager ihrer Verfolger fort.</p><p>Die Route, die sie w�hlte, f�hrte durch das dichteste Unterholz, das sie finden konnte. Ohne sich an einem sichtbaren Pfad orientieren zu k�nnen, war sie gezwungen, sich durch ein fast undurchdringliches Geflecht aus Gestr�uch und Ge�st zu schlagen. Zweige verfingen sich in ihrem Haar, und wie aus dem Nichts erscheinende Bodenwurzeln lie�en sie stolpern. Und als sie sich zum wiederholten Mal das Schienbein an einem herabgefallenen Ast stie�, musste sie sich grimmig daran erinnern, dass sie diesen Weg gew�hlt hatte, weil ein Reiter ihr in diesem Dickicht nur schlecht folgen konnte. Sie biss die Z�hne zusammen und ging weiter.</p><p>Tris hatte ihr gesagt, dass der Untergrund in diesem Gebiet teilweise morastig war, daher war sie einige Male sogar gezwungen, sich einen Weg um sumpfige Moorwiesen herum zu suchen, die auf den ersten Blick �beraus harmlos wirkten, f�r den arglosen Wanderer aber eine nicht zu untersch�tzende Gefahr darstellen konnten. Sie �berquerte einen flachen, steinigen Bachlauf, dem sie nasse und kalte F��e verdankte. Als das Licht des Morgens durch die Baumkronen fiel, hatte sie schon einige Meilen zur�ckgelegt. Auch wurde nach und nach die st�ndige Verbindung zu Tris immer schw�cher.</p><p>Auf ihrer Flucht nahm sich Rialla die Position der Sterne und sp�ter den Stand der Sonne zu Hilfe, damit sie nicht von der gew�hlten schnurgeraden Route abkam, die Terran zu Pferde nicht abk�rzen konnte. Sie lief, bis sie vor Ersch�pfung nur noch voranstolperte, kletterte dann am sp�ten Nachmittag einen gro�en alten Apfelbaum hinauf, um sich auszuruhen.</p><p>Als die Sonne unterging, war sie schon wieder unterwegs. Sie versuchte, Kontakt zu Tris aufzunehmen, aber der war daf�r offenbar schon zu weit entfernt. Zweimal fand sie B�renspuren, doch kein Zeichen von den Uriah. In den W�sten ihrer Kindheit h�tte sie sich jetzt wohler gef�hlt als im gem��igten, teils feuchten Klima S�ddarrans, aber es hatte auch seine Vorteile. Aufgrund der starken Niederschl�ge um diese Jahreszeit waren an den H�gelflanken und in den T�lern zahlreiche B�chlein entstanden.</p><p>Da sie wusste, dass Terran ihren Weg mithilfe welch g�ttlicher Gabe auch immer verfolgen konnte, versuchte sie gar nicht erst, ihre Spuren zu verwischen. Stattdessen watete sie durch sumpfige Gebiete und durchquerte Dickichte, die ein Mann zu Pferde in jedem Fall weitr�umig umgehen musste.</p><p>Am Nachmittag des zweiten Tages fand man sie.</p><p>Sie trank gerade aus einem Wasserlauf, als sie h�rte, wie sie sich auf ihren Pferden n�herten. Sie blieb hocken, wo sie war, und wartete auf das Unvermeidliche.</p><p>Winterseine trieb, als er seine Beute entdeckt hatte, sein Pferd zum Galopp an und kam kurz vor Rialla zum Stehen. Mit ausdruckslosem Gesicht starrte sie auf die Beine des Tiers und stellte dabei gedankenverloren fest, dass es dringend neu beschlagen werden musste.</p><p>Winterseine sprang aus dem Sattel und zerrte Rialla an den Haaren auf die Beine.</p><p>�Mistst�ck!�, schleuderte er ihr entgegen. �Wo ist es? Wo ist das Buch?�</p><p>�Wenn du sie so hart angehst, wird sie dir kaum antworten k�nnen, Vater�, sagte Terran mit ruhiger Stimme.</p><p>Winterseine lie� von ihr ab und schnappte sich etwas, das an seinem Sattel hing. �Antworte, du Aas! Wo ist das Buch, das du gestohlen hast. Wo ist der Dolch?�</p><p>Sich ihrer Rolle erinnernd, die sie zu spielen hatte, erwiderte Rialla kleinlaut: �Er hat es.�</p><p>Pfeifend sauste die Peitsche auf ihren R�cken nieder. Terran fiel seinem Vater in den Arm, bevor der ein weiteres Mal zuschlagen konnte.</p><p>�Sie sagt die Wahrheit, Vater.� Kalte Gewissheit lag in der Stimme des jungen Mannes. �Warum l�sst du sie nicht erkl�ren, bevor du ihren K�rper unrettbar ruinierst. Deine Unbeherrschtheit wird dich am Ende noch eine wertvolle T�nzerin kosten.�</p><p>Ohne die Antwort seines Vaters abzuwarten, wandte sich nun Terran an Rialla: �Wer hat sie genommen?�</p><p>Eingesch�chtert sah Rialla zu Winterseine auf. Er kochte vor Wut wegen Terrans Einmischung.</p><p>Mit kraftloser Stimme, doch um die Wahrheit bem�ht, antwortete sie: �Der Mann, der mit mir reiste. Der, von dem Laeth gesagt hat, er w�rde mich holen kommen. Er meinte, es w�re an der Zeit, Eure Burg zu verlassen und nach Sianim zu gehen � also haben wir das getan. Nach einem Tag oder so sagte er mir dann, dass Ihr uns verfolgt � also verschwand er mit dem Dolch.�</p><p>�Und hat er auch das Buch gestohlen?�, blaffte Winterseine.</p><p>Rialla nickte.</p><p>�Wie lange ist es her, dass ihr euch getrennt habt?�, hakte der Sklavenausbilder nach.</p><p>�Zwei Tage�, sagte Rialla.</p><p>�Und dieser Mann�, fragte Terran mit ruhiger Stimme, �ist er ein Magier?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie hei�t er?�</p><p>�Er nannte sich selbst �Sylvaner�.�</p><p>�Nach diesem Waldvolk?�, fragte Terran erstaunt. �Vater, hast du je von einem solchen Magier geh�rt?�</p><p>�Nein.� Winterseine sch�ttelte den Kopf. �Und ich glaube auch nicht, dass das sein wahrer Name ist.�</p><p>Terran wandte sich wieder an Rialla. �Wie hat er den Dolch gefunden?�</p><p>�Er hatte mehrere Tage danach gesucht, bevor ihm zuf�llig das Buch in die H�nde fiel, in dem es versteckt war�, gab Rialla zur�ck. �Er hatte sich auf Eurer Burg als Schreiner ausgegeben. Dieses Handwerk erlernte er wohl in seiner Jugend.�</p><p>�Und warum bist du mit ihm gegangen? Ich nahm an, du h�ttest deine Lektion gelernt.� Es war Winterseine, der diese Frage stellte.</p><p>Rialla senkte den Kopf und erwiderte im Ton einer Person, die das Offensichtliche aussprach: �Er sagte, es w�re Zeit zu gehen. Dass Laeth mich in Sianim erwarten w�rde ��</p><p>�Verstehst du denn nicht, Vater? Sie ist nicht wirklich geflohen. Streng genommen ist Laeth noch immer ihr Besitzer. Er hat ihr befohlen, diesem Sylvaner zu folgen. Es war nicht an ihr, Laeths Befehl in Frage zu stellen.� Terran t�tschelte Rialla die Wange, wie ein Mann seinen Hund streichelte. �Sie ist n�mlich ein braves M�dchen, nicht wahr?�</p><p>Rialla blieb passiv, wiewohl angsterf�llt. War das Sarkasmus gewesen, der in Terrans Stimme mitgeschwungen hatte? Es war schwer, dies allein an seinem Tonfall festzumachen, und ihn direkt anzuschauen, das wagte sie nicht.</p><p>�Nur weil du mit ihr im Bett warst, hei�t das nicht, dass sie die Wahrheit sagt�, schnappte Winterseine.</p><p>�Vater�, sagte Terran, nun kein bisschen unterw�rfig, �nur weil meine Magie auf andere Art funktioniert als deine, ist sie noch lange nicht weniger m�chtig. Lass dir gesagt sein: Ich vermag Wahrheit von L�ge zu unterscheiden.� Seine Stimme nahm einen fast drohenden Unterton an. �Wenn du es allerdings weiterhin vorziehst, meine F�higkeiten zu untersch�tzen, wird es allein dir zum Schaden gereichen.�</p><p>�Ich verstehe nicht, was du meinst�, sagte Winterseine. Es klang gekr�nkt und gleichzeitig so falsch wie ein Glasrubin.</p><p>�Nat�rlich tust du das nicht. Vergiss einfach niemals, dass ohne mich deine Chancen, K�nig von Darran zu werden, denkbar gering w�ren. Besonders wenn dieser Dolch nach Sianim gelangen sollte.� Terrans Stimme war so kalt wie Eis. Rialla hielt den Kopf gesenkt.</p><p>�Ich glaube, es ist alles gesagt�, erwiderte Winterseine rasch. Dann legte er Rialla das schwere Lederhalsband um und zog sie auf die F��e. Als er sie ber�hrte, konnte Rialla seine Furcht sp�ren � und seinen Hass. �Wollen wir nun zur�ckreiten?�</p><p>Es gab f�r Rialla kein Pferd f�r die R�ckreise; das Packpferd war schwer mit Ausr�stung und Proviant beladen. Stattdessen musste sie neben Winterseines Wallach herlaufen. Der Untergrund in dieser Gegend war schwierig, weshalb das Pferd auch nicht wesentlich schneller vorankam als sie. Dennoch nahm es stets den einfachsten Weg durchs Gel�nde, weswegen Rialla sich ein ums andere Mal abm�hen musste, Schritt zu halten.</p><p>Am Abend rasteten sie neben einem Bachlauf und a�en das, was das Lasttier an Vorr�ten noch mit sich f�hrte. Der Eintopf war ungew�rzt und h�tte Rialla sicherlich besser geschmeckt, wenn die Ungewissheit ihr nicht den Magen zugeschn�rt h�tte.</p><p>Nach dem frugalen Mahl f�llte Terran ein kleines Tongef�� mit Wasser aus dem Bach. Er kniete sich hin, stach sich mit seinem Messer in den Daumen und lie� einige Blutstropfen in das Gef�� fallen. Die Schale in H�nden sa� er sodann mit gekreuzten Beinen und geschlossenen Augen da.</p><p>W�hrend er meditierte oder betete, wusch Rialla das Geschirr ab und verstaute es wieder auf dem Packpferd. Danach fesselte Winterseine ihr die Arme hinter dem R�cken und machte die Leine an einem Baum fest. Schlie�lich entrollte er seinen Schlafsack und schloss die Augen.</p><p>Rialla ging es zu schlecht, als dass sie h�tte schlafen k�nnen, also lehnte sie ihre Wange gegen die raue Rinde und sah Terran teilnahmslos zu. Die untergehende Sonne spendete noch gen�gend Licht, um alles klar erkennen zu k�nnen.</p><p>Sie rutschte ein wenig hin und her, versuchte trotz der gefesselten Arme eine halbwegs bequeme Haltung zu finden, und w�nschte sich, Tris w�re hier, um sie zu befreien. Sie kannte sich mit Peitschen gut genug aus, um zu wissen, dass Winterseines Schlag nur einen Striemen auf ihrem R�cken hinterlassen hatte, aber die Stelle rieb schmerzhaft gegen den Stamm des Baumes.</p><p>Pl�tzlich zerriss ein schrecklicher Schrei die Stille, der unmittelbar darauf von irgendwo jenseits ihres Lagers eine Antwort erhielt. Reflexartig zerrte Rialla an ihren Fesseln, als der Ruf eines dritten Uriah hinter ihr laut wurde.</p><p>Sie erstarrte und verfolgte einen sich bewegenden Schatten bei den nahegelegenen B�schen, bis sie nach und nach auch anderer Schemen gewahr wurde, die das Lager einkreisten. Erst jetzt wurde Rialla bewusst, dass sie die Kreaturen schon eine ganze Weile gerochen hatte, jedoch zu m�de gewesen war, um in irgendeiner Form darauf zu reagieren. Tris hatte recht: Sie rochen wie verwesende Leichen.</p><p>Und sie bewegten sich weiter auf das Lager zu. Schweigend nun und lautlos. Es musste sich um eine weitaus gr��ere Gruppe handeln als die, welche Tris aufgest�bert hatte. Rialla konnte m�helos zwanzig von ihnen ausmachen und vermutete, dass noch weitere in den Schatten lauerten.</p><p>Winterseine war beim ersten Schrei auf die F��e gesprungen. Jetzt stand er zwischen Rialla und dem kleinen Lagerfeuer, sodass sie nur seine umschattete Gestalt sah, die sich nach allen Richtungen umschaute.</p><p>Terran stellte das Tongef�� beiseite und erhob sich. Er wirkte seltsam entspannt. �Keine Sorge�, sagte er. �Sie sind gekommen, weil sie wissen, wer ich bin.�</p><p>Als er sprach, hielten die Kreaturen inne. W�re Riallas Aufmerksamkeit nicht schon vorher auf sie gerichtet gewesen, sie h�tte nicht sagen k�nnen, wo genau sich die Uriah im Dunkeln befanden.</p><p>�Arme Dinger�, meinte Terran im Plauderton. �Der erste Uriah wurde noch vor den Magierkriegen erschaffen, und das schwarze Geheimnis ihrer Sch�pfung h�tte eigentlich mit dem letzten der Gro�m�chtigen sterben sollen. Aber nein, Geoffrey ae�Magi musste ja auch weiterhin mit den verdorbenen K�nsten herumexperimentieren. Und so hat seine Pervertierung der Magie letztlich die alten G�tter wiedererweckt.� Terran sch�ttelte den Kopf. �Und dabei bestand der Sinn, einen Erzmagier zu berufen, doch eigentlich darin, das Wirken verbotener Magie zu unterbinden. Hat offensichtlich nicht funktioniert.�</p><p>Terran deutete in Richtung der Uriah. �Und das ist der Grund, Vater, warum Altis den Westen unterwerfen muss. F�r die Menschen stellt die Magie eine viel zu m�chtige Waffe dar, um sie unkontrolliert zum Einsatz zu bringen.�</p><p>Rialla hatte den Eindruck, dass sich Winterseines Silhouette versteifte.</p><p>Die Uriah setzten sich wieder in Bewegung, n�herten sich unaufhaltsam ihrem kleinen Lager. Die Pferde wurden unruhig und begannen, an ihren Z�geln zu zerren � Rialla tat es ihnen gleich.</p><p>�Arme Dinger�, sagte Terran noch einmal und hob mit nach au�en weisenden Handfl�chen seine Arme �ber den Kopf. �H�rt!� Seine Stimme war zu der des Propheten von Altis geworden und hallte bedrohlich in den W�ldern wider. Die Uriah unterbrachen erneut ihr langsames Vorr�cken. W�ren ihre H�nde frei gewesen, Rialla h�tte den ersten bereits ber�hren k�nnen, so nah war er ihnen gekommen � nicht dass sie das Bed�rfnis dazu hatte.</p><p>�Erh�re mich, Altis, Herr der Nacht. Erl�se diese Kinder. Erl�se sie, Altis, denn sie leiden f�r die S�nden eines anderen.�</p><p>Durch die Reihen der Uriah ging eine Art Fl�stern. Rialla stellten sich die Nackenhaare auf, als sie der Kreatur lauschte, die direkt neben ihr war.</p><p>Denn die Kreatur sprach, allerdings nicht auf Darranisch, sondern in der Gemeinsprache. �Bitte�, sagte sie, und immer wieder: �Bitte, bitte �� Rialla sah sich den Uriah n�her an und bemerkte, dass er die �berreste einer Uniform trug, die zu den Wachen von Sianim geh�rte. Sie erstarrte vor Entsetzen, als ihr klar wurde, dass dieser Untote einst ein Mensch gewesen war.</p><p>Rialla war keine Magierin, doch selbst sie sp�rte die Macht in Terrans Stimme, als er rief: �Erl�se sie, jetzt!�</p><p>Langsam erst, doch dann immer schneller, sanken die Uriah zu Boden. Wieder blickte sie zu der Kreatur, die direkt neben ihr gestanden hatte. Der K�rper des Dings zuckte und warf sich herum, bis er sich in die Leiche eines Menschen zur�ckverwandelt hatte � einer Leiche im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung.</p><p>Still lag er da und atmete nicht.</p><p>Winterseine blickte auf all die Toten um sich herum und meinte: �Wir m�ssen das Lager woanders aufschlagen. Ich wei� nicht, wie du dar�ber denkst, aber ich werde bei dem Gestank kein Auge zumachen k�nnen.�</p><p>Rialla starrte auf den Toten neben sich. Uriah, so hie� es, waren so gut wie immun gegen Magie, doch Terran hatte gerade drei Dutzend von diesen dreimal verfluchten Gestalten hinweggerafft.</p><p>Sie wusste nicht, wie stark Tris war, aber sie bezweifelte, dass es auf dieser Welt irgendeine Magie gab � sei sie nun menschlich oder nicht �, die imstande war, Winterseines Sohn zu bezwingen. Wenn sie es nicht schaffte zu fliehen, bevor Tris zur�ckkehrte, w�rde es zu einer Konfrontation kommen, bei der sie und der Heiler nur verlieren konnten.</p><p>Tris konnte den Sylvanischen Pfad nicht f�r seine ganze Reise nutzen; diese Art der Magie kostete Kraft und wurde ineffektiver, als die Waldgebiete aus Eiben und Eichen allm�hlich in eine Region �bergingen, in der haupts�chlich Weiden und Birken wuchsen. Und doch erreichte er Sianim in weniger als zwei Tagen; deutlich schneller, als jeder Mensch dies geschafft h�tte.</p><p>In der Mitte eines riesigen Tals erhob sich ein steilwandiges Plateau. Zu der Stadt, die auf der Hochfl�che errichtet worden war, f�hrte nur ein einziger schmaler, von begrenzenden Mauern gesicherter Weg hinauf. Der Pfad war um diese Tageszeit recht bev�lkert, und so war Tris gezwungen, den Aufstieg hinter einer Eselskarawane hinter sich zu bringen.</p><p>Nach der Ruhe im Wald erschienen ihm die Ger�usche der Stadt ohrenbet�ubend. Tris folgte den Eseln ins Zentrum von Sianim, wo sich die M�rkte befanden. Dort versuchte er jemanden zu finden, mit dem er sich verst�ndigen konnte. Er hatte fast sein ganzes Leben in Darran zugebracht und beherrschte Sylvanisch, Darranisch und nur ein paar wenige Brocken Gemeinsprache: eher ein Mischmasch aus Gesten und dem Dialekt der fahrenden H�ndler, doch die Kaufleute von Sianim sprachen ihre ganz eigene Mundart. So hoffte er, hier jemanden aufzutreiben, der Darranisch sprach, musste sich jedoch am Ende mit seinen schlechten Gemeinsprachekenntnissen durchschlagen.</p><p>Er gab es auf, Laeths Unterkunft zu finden, und konzentrierte sich stattdessen auf das �Verirrte Schwein�. Als drei von vier Leuten, die er fragte, in Richtung der gleichen verschlungenen Gasse deuteten, machte er sich auf den Weg.</p><p>Nach einem kurzen Fu�marsch stand Tris vor einem Geb�ude, das an allen vier Ecken mit schweren, rostigen Eisenketten am Boden befestigt worden war. �ber dem Eingang hing ein Schild, auf dem ein orangefarbenes Schwein lauernd mit den Augen rollte. Hier musste es sein.</p><p>Er betrat die Sch�nke und wich fast zur�ck vor dem irren Ger�uschpegel, der ihm entgegenschlug. Am anderen Ende des Gastraums erschien in einem Durchgang gerade eine dralle Kellnerin mit einem Tablett �bersch�umender Bierkr�ge. In der Annahme, dass sich auch der Wirt irgendwo da hinten befinden musste, begann Tris, sich einen Weg durch den Raum zu bahnen.</p><p>Auf halber Strecke wurde er pl�tzlich am �rmel festgehalten. Er fuhr herum und fand sich einem Mann in einer Lederr�stung gegen�ber, der schweigend auf einen der langen Tische deutete.</p><p>Tris� Augen folgten der Geste, und da entdeckte er Laeth und Marri, die gerade ihrerseits versuchten, sich einen Weg durch den �berf�llten Schankraum zu k�mpfen. Laeth versuchte ihm etwas zu sagen, doch selbst auf diese kurze Entfernung war er in dem L�rm nicht zu verstehen.</p><p>Als das Paar Tris erreicht hatte, setzten sie sich wortlos wieder Richtung Eingangst�r in Bewegung. Endlich standen die drei drau�en.</p><p>�Tris, was macht Ihr hier�, fragte Laeth. �Und wo ist Rialla.�</p><p>�Irgendwo im Darranischen Wald, hoffe ich�, erwiderte Tris ersch�pft und massierte sich den Nacken. �Ich muss das hier ausliefern.� Er holte die B�cher unter seinem Wams hervor und zog den Dolch aus dem Futteral, in dem normalerweise sein eigenes Messer steckte. �Und zwar an den Meisterspion Ren. Dann kehre ich zu Rialla zur�ck. K�nnt ihr mir sagen, wo ich den Mann finde?�</p><p>�Warum habt Ihr Rialla nicht mit hierhergebracht?�, fragte Marri besorgt.</p><p>�Winterseine und sein Sohn sind uns gefolgt. Rialla hoffte ihnen entkommen zu k�nnen, bis ich meinen Auftrag in Sianim erledigt habe. Nach allem, was wir durchgemacht haben, w�re es eine Schande gewesen, wenn Winterseine die Beweismittel wieder in die H�nde gefallen w�ren.�</p><p>�Ich k�nnte Ren die Sachen bringen�, bot sich Laeth an. �Dann k�nntet Ihr umgehend zur�ckkehren. Wenn Ihr uns au�erdem beschreiben k�nntet, wo wir euch finden, k�nnte ich ein paar Freunde zusammentrommeln und sie euch zur Verst�rkung schicken.�</p><p>Tris dachte dar�ber nach, sch�ttelte dann aber den Kopf. �Nein�, meinte er, �das Tagebuch, das ich bei mir trage, bedarf der Erl�uterung. Wenn ich Euch erst alles, was damit zusammenh�ngt, darlegen muss, kann ich es dem Meisterspion genauso gut selbst erkl�ren � und zudem daf�r sorgen, dass er mir die Geschichte auch abkauft. Wenn Ihr mich also zu Ren bringen k�nntet, w�re ich Euch sehr dankbar.�</p><p>�Da habt Ihr recht�, sagte Laeth. �Folgt mir.</p><p>Er und Marri f�hrten Tris durch die Stra�en zu einem gro�en Geb�ude, das vermutlich genauso alt war wie die Stadt selbst. �ber die Jahrhunderte war immer wieder etwas angebaut oder umge�ndert worden, sodass der Bau irgendwie schief und ungeordnet auf den Betrachter wirkte. Die Steinstufen im Innern waren ausgetreten unter dem Gewicht von Generationen.</p><p>Oben angekommen klopfte Laeth kurz an eine zerkratzte Holzt�r.</p><p>�Geht weg!�, rief von drinnen eine Stimme. �Ich hab den Bericht gestern abgegeben!�</p><p>Laeth sah zu Tris, zuckte die Achseln und �ffnete die T�r. �Ich bin�s nur�, sagte er, w�hrend er in den Raum hineinlugte.</p><p>Tris folgte Marri und Laeth in das Zimmer. Es roch muffig, als w�re hier schon l�nger nicht mehr gel�ftet worden. Hinter einem Schreibtisch, der f�r den Raum viel zu gro� bemessen war, sa� ein gebrechlich wirkender Mann, der sich das sch�ttere Haar raufte.</p><p>Davor hatte es sich ein weiterer Mann in einem gepolsterten Stuhl gem�tlich gemacht, doch als er die Frau hereinkommen sah, sprang er auf flink auf. Tris war bewusst, dass er ein wenig fassungslos dreinschaute, aber er hatte noch nie jemanden in einem so bizarren Aufzug gesehen, nicht einmal unter den geckenhaftesten Darranern. Die teuren Lederstiefel des Mannes waren in einem abscheulichen Orangeton gef�rbt. Damit standen sie in einem auff�lligen Kontrast zu den smaragdgr�nen Samthosen, die allerdings mit orangefarbener Spitze besetzt waren. Das �bergewand war ebenfalls smaragdgr�n, mit Ausnahme der langen, wallenden �rmel � die leuchteten wiederum Orange. Das Haar des Mannes war in Locken gelegt und wallte hinab bis zu den Schultern; eine Pracht, um die ihn so manche Frau beneidet h�tte.</p><p>�Welch Freude, von einer solch liebreizenden Besucherin bei der Arbeit unterbrochen zu werden�, fl�tete er. Er trat vor und gab Marri einen Handkuss. �Erlaubt mir, mich Euch vorzustellen. Ich bin Lord Kisrah.�</p><p>Bevor irgendjemand antworten konnte, sprang der Mann hinter dem Schreibtisch, von dem Tris annahm, dass dies der Meisterspion war, ebenfalls auf und ergriff das Wort: �Laeth, ich sagte Euch doch, dass ich jemanden da drau�en habe, der bei Winterseines Besitzungen nach Rialla Ausschau h�lt. Ich werde Euch wissen lassen, wenn es in dieser Hinsicht Neuigkeiten gibt.�</p><p>�Ich habe Neuigkeiten f�r <emphasis>Euch</emphasis>, mein Herr�, sagte Laeth und ignorierte Rens offensichtliche Verstimmung, w�hrend er Marri entschieden von Lord Kisrah fort und hinter seinen R�cken zog.</p><p>Tris kniff die Augen zusammen, als er sich an den menschgewordenen Pfau wandte: �Lord Kisrah�, sagte er langsam, �der Erzmagier.�</p><p>Kisrah verbeugte sich formvollendet. �Ebendieser.�</p><p>Ren r�usperte sich, um sich Geh�r zu verschaffen. �Ich bin Ren�, verk�ndete er mit fester Stimme. �Und dieser junge Narr dort ist Laeth, einst ein kleiner darranischer Lord und derzeit S�ldner von Sianim.� Irgendwie gelang es Ren, die zweite Bezeichnung weitaus eindrucksvoller klingen zu lassen.</p><p>Seine Stimme wurde sanfter, als er fortfuhr: �In seiner Begleitung befindet sich Lady Marri, die Witwe von Lord Karsten zu Darran und schon bald Laeths Verlobte. Lord Kisrah war so h�flich, sich selbst vorzustellen, aber ich bin mir nicht sicher, wer Ihr seid, mein Herr.� Die letzten Worte waren an Tris gerichtet.</p><p>�Ich bin Tris�, erwiderte der. �F�r eine Weile Heiler von Tallonwald, momentan Bote f�r eine gewisse Rialla, einer Sklavin, die zur Pferdeausbilderin wurde, bevor man sie zur Kundschafterin machte. Ich habe einige Dinge bei mir, die ich dem Meisterspion von Sianim �bergeben muss.�</p><p>Tris h�ndigte Ren die B�cher aus, zog dann Laeths Dolch aus seinem Stiefelschaft. �Mit dieser Waffe wurde Lord Karsten ermordet. Rialla und ich fanden sie auf Winterseines Burg.�</p><p>Lord Kisrah machte eine Geste, und Ren reichte ihm den Dolch. Der Erzmagier schloss seine Hand um den Griff und murmelte dann etwas. �Unzweifelhaft hat Winterseine den Knauf gehalten, als die Waffe das letzte Mal t�tete � aber ich kannte Lord Karsten nicht pers�nlich. Ich brauche etwas aus seinem Besitz, um zu best�tigen, dass er das Opfer war. Allerdings muss ich gestehen, dass ich neugierig bin, ob ein darranisches Gericht dem Wort eines Magiers Glauben schenken wird.�</p><p>�Rialla war davon �berzeugt, dass Ren eine solche Meisterleistung zu vollbringen imstande w�re�, erwiderte Tris knapp, �aber wir haben noch etwas anderes gefunden, das vielleicht dabei helfen k�nnte. Das dickere der beiden B�cher ist Winterseines Grimoire, praktischerweise tr�gt der Einband eine Pr�gung mit seinem pers�nlichen Siegel. Es ist vollst�ndig bis auf einige lose Pergamentseiten, die verlorengingen, als wir flohen.�</p><p>Kisrah nahm das Zauberbuch vom Schreibtisch. Sobald er es ber�hrte, wurde sichtlich sein Interesse geweckt. Einen Moment lang hielt er das Buch in den H�nden, dann legte er es wieder beiseite. �Was habt Ihr mit diesen Seiten gemacht?� Seine gelangweilte Art war von ihm abgefallen. An ihre Stelle war die Macht und Pr�senz getreten, die einem ae�Magi zu eigen war.</p><p>�Sie waren so sehr mit Magie erf�llt worden, dass ich mir nicht sicher war, ob man sie gefahrlos ber�hren konnte. Als sie herausfielen, habe ich sie zerst�rt, damit sie Winterseine nicht wieder in die H�nde fielen.�</p><p>�Zerst�rt? Wie?�, fragte Lord Kisrah. Er war leichenblass, und seine Stimme zitterte.</p><p>�Mit Magie, Lord Kisrah, wie auch sonst?� Tris hob die Augenbrauen.</p><p>�Gut, gut�, meinte Ren. �Zumindest sind sie nicht wieder in Winterseines Besitz gelangt. Und was hat es mit diesem schmalen Buch auf sich?�</p><p>�Das�, erwiderte Tris, �ist das interessanteste Ding, das wir beschaffen konnten. Rialla erw�hnte, dass Ihr Euch wegen eines Propheten Sorgen macht, der sich unserer L�nder bem�chtigen k�nnte.�</p><p>�Und das Buch verr�t, dass es sich dabei um meinen Onkel handelt, hab ich recht?�, fragte Laeth ohne gro�e �berraschung.</p><p>Tris sch�ttelte den Kopf. �Es ist das pers�nliche Tagebuch der Stimme von Altis. Ihr werdet sie wohl eher unter dem Namen Terran kennen.�</p><p>Erstaunt sahen Laeth und Marri den Heiler an; die anderen beiden hatten offenbar keine Ahnung, wer dieser Terran �berhaupt war.</p><p>�Mein <emphasis>Cousin</emphasis> Terran�, fragte Laeth schlie�lich ungl�ubig.</p><p>�Winterseines Sohn�, best�tigte Ren.</p><p>Lord Kisrah versteifte sich. �Winterseines Sohn ist aber kein Magier. Ich war bei seiner Eignungspr�fung zugegen.�</p><p>�Nein�, stimmte Tris ihm zu. �Terran ist kein Magier, er ist ein Prophet.�</p><p>�Winterseine missbrauchte seine Magie, auf dass sein Sohn sich zu einem Propheten erkl�ren konnte?�, fragte Ren skeptisch.</p><p>�Nein�, sagte Tris abermals. �Terran ist ein Prophet Altis� � zumindest denken das Rialla und ich.�</p><p>�G�tter ��, schimpfte Laeth leise.</p><p>�Ja�, stimmte Tris zu. �Ich denke, Ihr werdet Terrans Tagebuch sehr �� Er brach ab und zuckte zusammen, als er einen bohrenden Schmerz im R�cken versp�rte.</p><p>Laeth ber�hrte seine Schulter. �Was ist mit Euch?�</p><p>Grimmig sch�ttelte Tris den Kopf, als er einmal mehr vergeblich versuchte, durch das Band, das zwischen ihnen bestand, Rialla zu erreichen. Doch alles, was �ber die gro�e Entfernung zu ihm durchgedrungen war, war das kurze Aufflammen ihres Schmerzes.</p><p>�Ich muss gehen�, sagte er. �Lest das Tagebuch � und tut es m�glichst unvoreingenommen.�</p><p>Tris hatte f�r sich ein Pferd verlangt, weil er wusste, dass er so schneller vorankommen w�rde, bis er wieder die W�lder erreicht hatte. Laeth begleitete ihn zu den St�llen und besorgte ihm einen rassigen grauen Wallach.</p><p>In der ersten Stunde seines Ritts verdr�ngte die Sorge um Rialla jede M�digkeit. Der Wallach lief geschmeidig in einem raumgreifenden Trab. Hinter ihm wurde Sianim immer kleiner, w�hrend nach und nach das Ackerland, das den gesamten Stadtstaat umgab, die Oberherrschaft gewann und schlie�lich in die sanfte H�gellandschaft im Norden �berging. Sobald die letzte Feldbegrenzung hinter ihm lag, verlie� Tris die �berlandstra�e.</p><p>Obwohl die Entfernung noch immer zu gro� war, um Rialla mental klar zu erfassen, wies ihm das Band zwischen ihnen die ungef�hre Richtung. Wenn der Schmerz, den er empfangen hatte, bedeutete, dass sie sich wieder in Winterseines H�nden befand, dann musste er sich beeilen, um sie noch vor Erreichen der Burg abzufangen.</p><p>Tris hoffte, die Gruppe noch im Wald einzuholen, wo seine Kr�fte am st�rksten waren, anstatt Rialla aus dem kalten Steingeb�ude befreien zu m�ssen, das zu allem �berfluss auch noch Terrans Altis-Schrein beherbergte. Er nahm an, dass seine Weggef�hrtin recht hatte: Terran und Winterseine waren zu m�chtig, um sie direkt anzugreifen. Doch wie dem auch sei, der Wald war seine Dom�ne, und in ihr galten andere Kampfgesetze.</p><p>Er ritt weiter, bis der Hengst vor Ersch�pfung den Kopf h�ngen lie�, und auch er war in kaum besserer Verfassung. Seine Verbindung zu Rialla mochte ihm erlauben, sie zu lokalisieren, doch das erforderte Konzentration; schon zwei Mal hatte er die Richtung korrigieren m�ssen, als die M�digkeit ihn abgelenkt hatte.</p><p>Widerstrebend kam Tris zu dem Schluss, dass er entweder eine Pause einlegte oder riskierte, sowohl das Pferd als auch die Spur zu verlieren. Die Entscheidung fiel, als ihm klar wurde, dass es niemandem etwas nutzte, wenn er die Gruppe am Ende sterbensm�de erreichte und er sich Winterseine und seinem Sohn allein deshalb geschlagen geben musste.</p><p>Steif bewegte sich Rialla hin und her, nachdem Terran ihre H�nde losgemacht hatte. Die unbequemen Fesseln hatten sie fast die ganze Nacht wachgehalten. Ihre Finger waren taub, und ihre Arme schmerzten, trotz Terrans sanfter Massage.</p><p>Als sie ihre H�nde wieder gebrauchen konnte, reichte ihr Terran eine Tasse mit einem hei�en Gebr�u, das nach Kr�utern roch, die sie nicht kannte. Vermutlich hatten sie einen medizinischen Nutzen, denn sie f�hlte sich danach betr�chtlich besser.</p><p>Als das Lager abgebrochen und die Pferde gesattelt und bepackt waren, l�ste Winterseine ihre Leine von dem Baum und befestigte sie an seinem Sattelring.</p><p>Rialla brauchte eine Weile, bis sie sich von der Strapaze, die ganze Nacht �ber gefesselt gewesen zu sein, erholte. Auch die lange Verfolgungsjagd und der Schlafmangel forderten ihren Tribut. Ihr schlimmes Bein protestierte unter der Belastung, die sie ihm zumutete, und gegen Mittag begann die Narbe zu brennen.</p><p>Endlich hatten sie sich durch das dichte Unterholz gek�mpft und erreichten eine Lichtung, die von einem flachen Wasserlauf durchschnitten wurde. Winterseine trieb sein Pferd in den Trab. Rialla schaffte es, ihm einige Schritte zu folgen, dann verkrampften sich die Muskeln in ihrem verletzten Bein. Als sie versuchte, das Gleichgewicht zu halten, zerrte die Leine an ihrem Halsband, wodurch sie ungebremst zu Boden fiel.</p><p>Winterseine zog sie noch einige Meter hinter sich her, bevor er sein Pferd anhielt, und f�gte ihren ohnehin schon zahlreichen Prellungen und Sch�rfwunden noch einige hinzu. Rialla setzte sich auf, w�rgte und hustete und versuchte verbissen, ihr krampfhaft angewinkeltes Bein durchzustrecken, doch der gro�e Muskel in ihrem Oberschenkel wollte sich einfach nicht entspannen.</p><p>Terran stieg vom Pferd, platzierte ein Knie auf Riallas Schulter sowie beide H�nde auf der Kniescheibe ihres verletzten Beins. Mittels dieses Hebels war er imstande, ihr Bein so weit zu strecken, dass der Muskel sich wieder dehnte. W�hrend sich ihr Bein allm�hlich wieder beruhigte, rutschte sein Knie bis hinunter auf ihre H�fte, und er begann, den st�rrischen Muskel zu kneten.</p><p>Rialla starrte auf die langen Finger seiner H�nde, die das nackte Fleisch ihres Oberschenkels bearbeiteten, und musste an jenen schrecklichen Moment denken, wo sie beinahe dasselbe getan hatten. Sie erschauderte vor Ekel. M�de und schmerzgesch�ttelt, wie sie war, besa� sie nicht mehr die Kraft, ihre Gedanken zu kontrollieren. Und so traf in dem gleichen Augenblick, in dem sie sich mit einem Ruck von Terran abwandte, ihre Abscheu ihn mit der Wucht eines Schlags.</p><p>Terran wich instinktiv zur�ck, verlor sowohl den Halt an ihrer H�fte als auch den an ihrem Bein. Rialla kr�mmte sich vor Schmerz, als der Muskel sich wieder zusammenzog und ihr Bein sich unter dem Krampf erneut anwinkelte. Sie k�mpfte dagegen an und versuchte alles, konnte jedoch das Bein nicht wieder durchstrecken und gleichzeitig verhindern, dass das Halsband ihr die Luft abschnitt.</p><p>Winterseines Pferd mochte zwar daran gew�hnt sein, st�rrische Sklaven zu f�hren, doch das Ding, das sich gerade wie verr�ckt am Boden herumw�lzte, war etwas anderes. Der Hengst schnaubte unruhig, dann b�umte er sich auf. Doch er wurde erst so richtig wild, als Riallas Schutzwall zusammenbrach und er mit ihrer ungehemmten Raserei konfrontiert wurde.</p><p>Terran zog sein Messer hervor und versuchte das z�he Leder der Leine durchzuschneiden. Winterseine schaffte es irgendwie zu verhindern, dass das Pferd mit ihm durchging, doch sowohl Rialla als auch Terran drohten von den stampfenden Hufen erwischt zu werden.</p><p>Terran hatte die Leine fast durchtrennt, als ein besonders harter Ruck � niemand konnte sagen, ob von Rialla oder dem Pferd � das Leder g�nzlich durchrei�en lie�. Vern�nftigerweise gab Winterseine seinem Tier Gelegenheit, sich einige Meter von Terran und Rialla zu entfernen, bevor er daran dachte, es zu beruhigen.</p><p>Halb stranguliert sowie blind vor Panik und wegen des zerzausten Haars in ihrem Gesicht, k�mpfte Rialla gegen jeden Versuch Terrans an, sich ihr auch nur zu n�hern. Hustend schlug sie am Boden liegend um sich und konnte noch immer nicht aufstehen, weil das Bein nach wie vor nicht mitspielte.</p><p>In dem Moment drang ein lautes Ger�usch an ihr Ohr, als wenn jemand in die H�nde klatschte, und dann h�rte sie gar nichts mehr.</p><p>Eine Welle aus Panik und Schmerz holte Tris aus seinem erholsamen Schlaf, und noch bevor er v�llig wach war, stand er schon auf den Beinen. Als ihm klar wurde, dass es Riallas Emotionen waren, die er sp�rte, versuchte er sie zu rufen, verlangte nach Antworten, doch es war vergebens.</p><p>Er fluchte, dann riss er sich zusammen. Er war noch immer zu weit vom Herzen des Waldes entfernt; der Sylvanische Pfad w�rde l�nger dauern als das Reiten.</p><p>Grimmig zurrte er den Sattelgurt fest und bestieg sein Pferd. Egal, was eben geschehen war, er w�rde sie niemals rechtzeitig erreichen. Er war noch mindestens einen halben Tagesritt von ihr entfernt � sofern sie dort blieb, wo sie gerade war. Tris presste dem Grauen seine Waden gegen die Seiten, und der Wallach wechselte fast spielerisch in einen starken Galopp.</p><p>Von irgendwoher wurde ihr Name gerufen. Etwas an der Stimme sorgte daf�r, dass Rialla sich aus der Dunkelheit herausk�mpfte, die sie umgeben hatte. Doch gerade, als sie die Benommenheit abgesch�ttelt hatte, gab Tris seine Kontaktaufnahmeversuche auf.</p><p>In ihrem treulosen Bein brummte ein dumpfer Schmerz, der zu dem in ihrem Kiefer passte. Sie nahm an, dass Terran sie geschlagen hatte, um sie ruhigzustellen. Die Haut an Kehle und Nacken brannte unter dem Sklavenhalsband, und ihr Rachen tat beim Schlucken m�rderisch weh. Ihre Wange, eine Schulter und das heile Bein zeigten Absch�rfungen, da Winterseine sie ein St�ck mit seinem Pferd hinter sich hergeschleift hatte. Doch trotz all dieser Blessuren war sie in besserer Verfassung, als es eine verdiente, die sich wie eine Idiotin benommen hatte.</p><p>Langsam �ffnete sie die Augen, setzte sich auf und rieb sich das schmerzende Kinn. Sie konnte nicht lange bewusstlos gewesen sein, weil Terran und sein Vater noch immer versuchten, Winterseines Wallach zu beruhigen. Terrans Pferd und das Packtier waren nicht auf der Lichtung zu sehen.</p><p>Falls sie auf ihr Bein vertrauen konnte, k�nnte sie sich jetzt in den Wald davonstehlen und Terrans Stute zu sich rufen. Zu Pferde war es ihr dann vielleicht m�glich, den beiden zu entkommen. Als sie sich aufrichtete, machte der Muskel in ihrem Oberschenkel erneut Anstalten, sich zu verkrampfen, also verwarf sie den Fluchtplan wieder. Ihre Zeit w�rde schon noch kommen.</p><p>Als Winterseines Pferd endlich stillstand, waren die Flanken und die Schulter mit Schaum bedeckt � die Spuren seines heftigen Kampfes. Der Wallach hielt den Kopf gesenkt, w�hrend sich sein Brustkorb unter schwerem Atmen hob und senkte.</p><p>Winterseine untersuchte das Tier fl�chtig auf Verletzungen, dann sa� er auf. �Ich gehe deine Stute und das Packpferd suchen. Du wartest hier bei der Sklavin und sorgst daf�r, dass sie bleibt, wo sie ist.�</p><p>Terran nickte und sah seinem Vater nach, bis er im Wald verschwunden war. Rialla h�tte ihnen sagen k�nnen, dass er in der falschen Richtung suchte, aber ihre Zuvorkommenheit hielt sich momentan in Grenzen.</p><p>Als Winterseine au�er Sicht war, ging Terran zu Rialla hin�ber. �Geht�s dir gut?�, fragte er, nachdem er sich neben ihr hingekniet hatte.</p><p>Er war zu nahe, und Rialla versteifte sich leicht, doch sie nickte. Terran wollte gerade wieder das Wort ergreifen, als er innehielt. Er drehte ihre abgesch�rfte Wange ins Sonnenlicht, um sie sich genauer anzuschauen.</p><p>Rialla fiel auf, dass die Kratzer nun nicht mehr schmerzten, stattdessen versp�rte sie nur ein warmes Kribbeln unter der Haut. Sie entzog sich seinem Griff und schaute hinab auf ihren Arm, der eigentlich von der Schulter bis zum Handgelenk mit Sch�rfwunden bedeckt sein sollte. Die Wunden waren noch da, doch sie verblassten zusehends, bis alles, was ihre Haut noch verunzierte, ein bisschen Schmutz war.</p><p>Verwirrt starrte sie auf ihren Arm, versuchte, ihre konfusen Gedanken zu ordnen.</p><p>�Wie machst du das?�, fragte in diesem Moment Terran, und es lag ein Hauch von Faszination in seiner Stimme.</p><p>Verst�ndnislos blinzelte ihn Rialla an. �Was?�</p><p>�Das da!� Terran packte ihr Handgelenk und sch�ttelte es vor ihrer Nase. �Wie heilst du dich selbst?�</p><p>�Aber das tue ich nicht.� Sie sch�ttelte den Kopf und entzog sich abermals seinem Griff. Das w�rde sich eine Sklavin zwar nie herausnehmen, aber sie konnte seine Ber�hrung einfach nicht mehr ertragen. �Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht.�</p><p>�Vater sagt, du bist Empathin. Was bist du au�erdem?�, hakte Terran nach und beugte sich zu ihr vor. �Da ist eindeutig Magie mit im Spiel, aber nichts, von dem ich je geh�rt h�tte. Also, was genau bist du?�</p><p>Rialla wich vor ihm zur�ck und fl�sterte: �Ich wei� nicht, wovon Ihr redet.� Sie beschloss, in die Offensive zu gehen. Nach der Sache mit dem Muskelkrampf musste Terran sie f�r ein bisschen hysterisch halten. Daher setzte sie mit leicht schriller Stimme hinzu: �Und ich wei� auch nicht, was Ihr da mit mir macht ��</p><p>Sie musste ihn unbedingt von sich ablenken, also benutzte sie ihre Gabe, um sein Pferd ausfindig zu machen. Die Stute weidete bei einem nahegelegenen Flecken mit Weizengras. Rialla musste nicht viel tun, um sie dazu zu bewegen, auf die Lichtung zur�ckzukehren, weil das kleine Tier seinen Reiter liebte. Fast widerstandslos lie� es von seinem Mahl ab und machte sich auf den R�ckweg; das Lasttier folgte ihm auf dem Fu�e.</p><p>�Ich mache gar nichts. Das bist du. Ich kann doch die Heilmagie sp�ren, die in dir ist.� Es lag �berzeugung in seiner Stimme, aber auch ein Hauch von Verwunderung. �Ich h�rte von Wesen, die in den W�ldern des Nordens leben und �ber dieselben Heilf�higkeiten verf�gen. Sag, bist du eine Gestaltwandlerin?�</p><p>Rialla schaute ihn entgeistert an. Sie wusste doch selbst am besten, dass sie �ber keine magischen F�higkeiten gebot. Und doch merkte sie, dass sich Terran seiner Einsch�tzung sehr sicher zu sein schien. Nein, er <emphasis>wusste</emphasis>, dass sie sich selbst geheilt hatte. Und sie wusste, dass das eigentlich nicht sein konnte.</p><p>Tris indes beherrschte diese Kunst, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass er so dumm war, sie aus der Ferne zu heilen, wo er doch nie wissen konnte, wer dabei alles zugegen war. Er h�tte kaum so lange in Darran �berlebt, wenn er so leichtsinnig w�re.</p><p>V�llig entspannt trottete die graue Stute auf die Lichtung, gefolgt vom treuen Packpferd. Sie wieherte leise, als sie Terran entdeckte, und rieb voller Freude ihre Nase an ihm.</p><p>Ohne seinen Blick von Rialla abzuwenden, griff Terran hinauf und streichelte den Kopf der Stute. �Gutes M�dchen�, fl�sterte er ihr zu.</p><p>Rialla zog die Beine an und schlang die Arme darum. Dann legte sie das Gesicht auf ihre Knie, schloss die Augen und versuchte Terran auszusperren. Nach einer Weile sp�rte sie, wie seine Pr�senz verblasste. Er schlug nun ohnehin die Zeit bis zum Eintreffen seines Vaters tot, und sie war dankbar daf�r.</p><p><emphasis>Tris?</emphasis>, rief sie.</p><p>Seine Antwort erfolgte schwach, doch der Gedankenstrom riss nicht ab. Sie konnte seine Erleichterung sp�ren. <emphasis>Geht es dir gut? Was ist geschehen?</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ich bin in Ordnung. Glaube ich wenigstens. Tris, hast du mich gerade eben geheilt?</emphasis></p><p><emphasis>Was?</emphasis>, kam es zur�ck. Bevor Rialla ihm erkl�ren konnte, was passiert war, erreichte sie von seiner Seite ein Moment pl�tzlichen Begreifens, gefolgt von einem kurzen Aufflackern von Schuld.</p><p><emphasis>Es ist alles gut,</emphasis> sagte Tris. <emphasis>Du musst dir keine Sorgen machen. Erinnerst du dich an das Band, das ich zwischen uns gekn�pft habe, damit wir uns �ber die Entfernung hinweg austauschen k�nnen?</emphasis></p><p><emphasis>Ja</emphasis>, erwiderte sie.</p><p><emphasis>Die Heilung ist ein Resultat dieser Verbindung.</emphasis></p><p><emphasis>Was?</emphasis> Sie lie� ihn an ihrer Ratlosigkeit angesichts dieser mageren Erkl�rung teilhaben.</p><p><emphasis>Die Magie, die ich benutze, ist nicht wie die, welche Menschen zum Einsatz bringen</emphasis>, erkl�rte er. <emphasis>Sie erfordert manchmal wenige bis gar keine Ma�nahmen, um zu funktionieren.</emphasis></p><p>Sie versuchte sich klar zu machen, was das bedeutete. <emphasis>Willst du damit sagen, ein Teil deiner Magie h�tte eigenm�chtig beschlossen, einige meiner Kratzer und Beulen direkt vor Terrans Nase zu heilen, ohne dass du irgendwas dazu getan h�ttest? Und dass es wieder und wieder geschehen mag, ohne dass wir etwas dagegen unternehmen k�nnten?</emphasis></p><p>Einige ihrer Emotionen mussten bis zu Tris durchgedrungen sein, denn als er ihr antwortete, war er sp�rbar darum bem�ht, sie zu beschwichtigen. <emphasis>Ich h�tte dich davor warnen m�ssen, aber ich hatte nicht erwartet, dass es schon so bald geschieht. Ich kann die Heilung nat�rlich kontrollieren, aber ich war mir nicht dar�ber im Klaren, dass ich es �berhaupt tun muss.</emphasis></p><p><emphasis>Du wusstest, dass das passieren w�rde? Was soll das hei�en? Und was kommt da noch auf mich zu?</emphasis> Rialla wusste kaum zu sagen, wie sie sich angesichts dieser Entwicklung f�hlte; es war eine Mischung aus Ver�rgerung und Best�rzung.</p><p>Wieder erreichte sie ein Gef�hl von Schuld seitens Tris. <emphasis>Ich h�tte es dir vorher sagen m�ssen. Es tut mir leid. Ich sch�tze, es ist gerade ein schlechter Zeitpunkt, die Sache n�her zu er�rtern, aber wenn wir dies hier hinter uns haben, werde ich dir alles ganz genau erkl�ren.</emphasis></p><p>Rialla schlug die Augen auf, sah, dass Terran in ihre Richtung starrte. Sie vergrub ihr Gesicht wieder in ihren Armen und sagte: <emphasis>Das muss mir einstweilen wohl als Erkl�rung reichen.</emphasis></p><p>Ohne noch einmal zu Terran zu schauen, begann sie ihr l�diertes Bein zu bearbeiten. Tris� Magie hatte sich zwar des verkrampften Muskels angenommen, aber sie musste sich unter Terrans st�ndiger Beobachtung normal verhalten. Ob er wohl ahnte, dass sie mit jemandem Kontakt aufgenommen hatte?</p><p>Endlich kehrte Winterseine von seiner Suche zur�ck; er wirkte nicht sonderlich am�siert. Und als er sah, dass die Pferde von selbst wiedergekommen waren, trug das nicht eben zur Hebung seiner Stimmung bei.</p><p>�Diese bl�den Biester�, schimpfte er, als er sich mit einiger Eleganz von seinem Pferd schwang. �Jetzt k�nnen wir die Nacht genauso gut hier verbringen. Es zieht ein Sturm auf, und wir w�rden es vor Einbruch der Dunkelheit ohnehin nicht zur Burg schaffen.�</p><p>Rialla war nicht bewusst gewesen, wie nah sie Winterseines Feste bereits waren.</p><p>W�hrend Terran sich um das Lagerfeuer k�mmerte und einen weiteren Wanderereintopf aus D�rrfleisch zubereitete, lud sein Vater die Pferde ab und pflockte sie in der N�he an.</p><p>Da sich niemand mehr um sie scherte, beschloss Rialla, die Zeit zu nutzen und ein Bad im Bach zu nehmen. Sie entledigte sich ihrer Schuhe, bevor sie, ansonsten voll bekleidet, ins k�hle Nass watete.</p><p>Zitternd vor K�lte setzte sie sich ins knietiefe Wasser und schrubbte sich die Dreck- und Schwei�schicht ab, die sich in den Tagen ihrer wahnsinnigen Verfolgungsjagd durch die W�lder auf ihrer Haut gebildet hatte. Als sie sich wieder sauber f�hlte, war ihr ganzer K�rper taub vor K�lte, aber das war es wert gewesen. Es war noch immer warm genug, dass ihre Kleidung an der Luft trocknen konnte und sie nicht in feuchten Sachen schlafen musste. Andererseits w�rde es, wenn sie die schwarzen Wolken am Himmel so betrachtete, heute Nacht wohl regnen.</p><p>Sie trat ans Ufer des Bachs und wrang das Wasser aus dem Saum ihrer Tunika. Sie nahm an, dass der Stoff nach dem Trocknen fleckig bleiben w�rde, aber wenigstens roch er nicht mehr so streng.</p><p>�Rialla.�</p><p>Z�gernd drehte sie sich zu Terran um, der neben dem kleinen Lagerfeuer mit den Kochutensilien hantierte. Winterseine war noch immer mit den Pferden besch�ftigt.</p><p>�Links von dir stehen ein paar wilde Zwiebeln. K�nntest du sie mir pfl�cken? Und wenn du noch was findest, mit dem wir den Geschmack des Eintopfs verbessern k�nnten, nur zu.�</p><p>Erleichtert ging Rialla auf die Knie und tat, wie ihr gehei�en. Einmal auf die Zwiebeln aufmerksam gemacht, waren sie leicht zu finden. Sie mochte sie zwar nicht in ihrem Essen, aber sie erntete trotzdem zwei Hand voll. Danach schaute sie sich um und entdeckte im Schatten eines kleinen Strauchs eine ihr bekannte Pflanze.</p><p>Sie ging hin�ber und untersuchte die Stelle. Das Kraut sah aus wie das, welches Tris �Wei�e M�nchskutte� genannt hatte. Die Wei�e M�nchskutte war, wie der Heiler ihr verraten hatte, auch ein �u�erst wirksames Schlafmittel. Sie haderte mit sich, doch die Aussicht darauf, schon morgen wieder bei Winterseines Burg einzutreffen, verlieh ihr Mut.</p><p>Da Rialla nicht wusste, wie viel M�nchskutte es brauchte, um einen Menschen in Tiefschlaf zu versetzen, sammelte sie kurzerhand alle Bl�tter ein, die sie finden konnte. Neben den Zwiebelknollen w�rde das Kraut vielleicht Verdacht erregen, doch sie fand auch etwas L�wenzahn in der N�he, dessen lanzenf�rmige Bl�tter denen der M�nchskutte ein wenig �hnlich sahen.</p><p>Sie ging wieder zum Bach und wusch Zwiebeln und Bl�tter, bevor sie ihre Ausbeute in den Eisenkessel �ber dem Lagerfeuer warf. Terran dankte ihr mit einem Nicken und r�hrte weiter in dem Eintopf herum.</p><p>Rialla zog sich so weit zur�ck, wie sie sich traute, und setzte sich auf einen Baumstumpf. Dort fuhr sie sich mit den Fingern durch das feuchte Haar, bis sie es sich aus dem Gesicht flechten konnte. Leider hatte sie nichts, um die Z�pfe abzubinden, aber f�r eine Weile w�rde ihre Frisur vielleicht trotzdem halten.</p><p>Durch die klammen Kleider auf ihrer Haut f�hlte sich die Luft k�lter an, als sie tats�chlich war. Zudem frischte der Wind aufgrund des heraufziehenden Sturms sp�rbar auf. Und doch war es nicht die K�lte, sondern die Sorge, die sie zittern und die Arme um sich schlingen lie�. Sie konnte nur hoffen, dass die M�nchskutte w�hrend des Kochvorgangs nicht anfing, verd�chtig zu riechen oder sich ungew�hnlich zu verf�rben.</p><p>Je n�her der Abend r�ckte, umso mehr zog sich der Himmel im Zeichen des nahenden Sommersturms zu. Als Terran sie zum Essen rief, war es schon fast dunkel, und der Wind blies nun st�rker.</p><p>Nach dem Abendessen schnappte sich Rialla die Schalen und den Topf und brachte sie zum Sp�len an den Bach. Sie lie� sich mit dem S�ubern ausgiebig Zeit; vielleicht w�rden die beiden M�nner ja einschlafen, bevor Winterseine sie wieder fesselte.</p><p>Als sie ans Lagerfeuer zur�ckkehrte, l�ste sich der Funken Hoffnung, den sie gehabt hatte, in Nichts auf. Klar umrissen vor dem Schein der Flammen sa� Winterseine gem�tlich auf einem gro�en Felsen und warf spielerisch sein Messer in die Luft. In der Ferne wurde Donnergrollen laut.</p><p>Langsam ging Rialla zu dem Gep�ck hin�ber, das Winterseine am Boden aufgestapelt hatte, und verstaute das Geschirr. Mit m�glichst ausdruckslosem Gesicht trottete sie alsdann zur Feuerstelle zur�ck.</p><p>�Sklavenm�dchen�, gurrte Winterseine mit sanfter Stimme.</p><p>Fragend sah sie ihn an, misstraute zutiefst der Zufriedenheit in seiner Stimme.</p><p>�Magier gebrauchen eine Menge Kr�uter f�r ihre Spr�che, wusstest du das?� Er l�chelte sie an.</p><p>Riallas Herz sank, aber sie zeigte keine Regung und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Die Wei�e M�nchskutte besitzt einen unverwechselbaren Geschmack, fast ein wenig minzig. Die Zwiebeln hatten das Aroma zun�chst �berdeckt, sodass ich das Kraut fast nicht herausgeschmeckt h�tte. So wie Terran dort dr�ben.� Winterseine nickte in Richtung des Feuers.</p><p>Rialla wandte sich um und sah, dass Terran eingerollt am Boden lag � tief und fest schlafend.</p><p>�Andererseits ist er aber auch kein Magier. Ich muss dir danken, Sklavenm�dchen.� Winterseines Stimme lie� Rialla wieder herumfahren. �Schon geraume Zeit versuche ich, Terran in genau solch eine Lage zu bringen. Mein armer Tamas ist ganz eingenommen von diesem Altis-Kult, den mein Sohn ins Leben gerufen hat. Insofern w�re es sinnlos gewesen, ihn zu bitten, Terran zu vergiften, so wie er es schon bei meinem Neffen Karsten versucht hat.�</p><p>Wieder wurde das Messer in die Luft geworfen, wo es sich mehrmals drehte, um von der geschickten Hand des Magiers wieder aufgeschnappt zu werden. Ein Blitz durchzuckte den Abendhimmel, w�hrend der Sturm sich unaufhaltsam n�herte.</p><p>�Es tut mir leid, aber Terran scheint vergessen zu haben, dass auch andere bestimmte Ziele verfolgen�, fuhr Winterseine fort. �Er ist so in seinem eigenen Mythos gefangen, dass er dar�ber die eher weltlichen Probleme vergisst.� Traurig sch�ttelte er den Kopf. �Er war mir b�se, weil ich Karsten ermordete, hoffte, ich w�rde aufgeben, als die Sache mit dem Sumpfbiest fehlschlug.�</p><p>�Aber die Ablenkung erf�llte ihren Zweck, und Karsten starb�, setzte Rialla hinzu.</p><p>Winterseine lachte auf. �Das Ding sollte Karsten erledigen, nicht als Ablenkung fungieren. Ich hatte es mit einem Fluchgel�bde belegt, doch es konnte das Biest leider nicht davon abhalten, sich der Empathin zuzuwenden. Irgendwie hat Terran von meinen Pl�nen erfahren. Ich habe nicht verstanden, warum er wollte, dass wir eine halb ausgebildete Sklavin zu Karstens Feier mitbringen � nicht, bis die Kreatur in jener Nacht dich angriff. Auch dieses M�dchen war eine Empathin gewesen. Nachdem sie sich das Leben genommen hatte, muss Terran sich daran erinnert haben, dass du ebenfalls eine Empathin bist. Und so beschloss er, statt ihrer dich zu benutzen, um das Fluchgel�bde zu brechen.� Je w�tender Winterseine wurde, umso ruhiger wirkte er nach au�en. �Er dachte wohl, ich w�rde nicht t�ten, wenn ich es eigenh�ndig tun m�sste. Wie dumm von ihm. Was glaubt er denn, wie mein Vater zu Tode kam. Durch einen Jagdunfall?�</p><p>Winterseine sprach nun mehr zu sich selbst als zu Rialla. Sie hoffte, er w�rde irgendwann einen Grad an Unaufmerksamkeit erreichen, der es ihr erlaubte, sich davonzustehlen. In der Dunkelheit des Waldes vermochte sie sich eine ganze Weile vor ihm zu verstecken.</p><p>�Wenn Terran tot ist�, sinnierte Winterseine weiter, �werde ich wohl Tamas nach Sianim entsenden, um meinen Neffen Laeth zu vergiften. Auch Lord Jarroh k�nnte sich als Problem erweisen, aber einer seiner Diener hat bereits gewisse Aufgaben f�r mich erledigt, da kommt es auf eine mehr oder weniger auch nicht mehr an.� Winterseine grinste zufrieden, und Rialla lief es eiskalt �ber den R�cken. Sie war zu weit entfernt, um den Wahnsinn, der unter seiner Oberfl�che lauerte, empathisch zu ber�hren, aber sie konnte ihn in den Augen des Mannes glitzern sehen � des Mannes, der so beil�ufig davon sprach, sein eigen Fleisch und Blut zu ermorden.</p><p>�Cerric, unser kleiner Kronprinz, hat keine legitimen m�nnlichen Erben. Nach zehn Jahren oder so, in denen ich als sein Reichsvikar die laufenden Gesch�fte fortgef�hrt haben werde, wird Darran schon ganz nach meinen Vorstellungen umgestaltet worden sein. Und wenn Cerric dann unerwartet stirbt, ist es nur folgerichtig, dass ich ihm als K�nig auf den Thron nachfolgen werde. Immerhin ist die Blutlinie meiner Familie mit der des k�niglichen Hauses verkn�pft. Vielleicht w�re es aber auch besser, wenn Cerric einfach nur verr�ckt w�rde, sodass man ihn lebenslang wegsperren m�sste. Nun ja, ich werde die Dinge einfach auf mich zukommen lassen ��</p><p>Winterseine schwieg, hielt das Messer einen Moment lang in seiner Hand, bevor er es in Richtung seines Sohnes warf. Es bohrte sich in den Boden, direkt neben Terrans Kopf. Er blickte wieder zu Rialla. Unwillk�rlich trat sie einen Schritt zur�ck, und Winterseine grinste wieder. Dann griff er nach einem Beutel, den er am G�rtel trug.</p><p>�Die Vorstellung, Terran zu t�ten, hat mir schon ein wenig Kopfzerbrechen bereitet. Gewiss hast du schon die Geschichten geh�rt, in denen es um die Wiederkunft der alten G�tter geht?� Offenbar erwartete er eine Antwort von Rialla, gr�mte sich aber nicht weiter deswegen, als die nicht erfolgte.</p><p>�Ungl�cklicherweise sind diese Geschichten wahr�, plauderte Winterseine weiter. �Terran scheint tats�chlich eine Art Verbindung zum Gott Altis zu unterhalten. Zun�chst dachte ich, es k�nnte mir nur zum Vorteil gereichen, einen so machtvollen Sohn zu haben.� Winterseine sch�ttelte den Kopf. �Aber ich kann ihm nicht einfach die F�hrung �berlassen. Meine produktivsten Jahre habe ich damit zugebracht, mich dem ae�Magi zu beugen. Als der starb, stahl ich die Schl�ssel zu den Meisterzaubern, damit ich nicht noch einmal in so eine Lage kommen w�rde. Und jetzt soll ich mich Terrans Kontrolle unterwerfen? <emphasis>Terrans?</emphasis>� W�tend spie er den Namen seines Sohnes aus, bekam sich aber rasch wieder in den Griff und setzte leise hinzu: �Ich entdeckte, dass Altis meinem Sohn zwar Macht verleiht, er aber nicht die ganze Zeit �ber ihn wacht. Der hier �� Winterseine zeigte Rialla einen Silberring, den er am Finger trug. Es war derselbe, den Tris und sie in dem ausgeh�hlten Buch in seinem Arbeitszimmer entdeckt hatten. �Der hier l�sst mich wissen, wann mein Sohn unter dem Schutz seines Gottes steht und wann nicht. Im Moment zum Beispiel ist er g�nzlich wehrlos.</p><p>W�rde ich Terran allerdings selbst t�ten, so wie im Fall von Karsten, w�rde Altis mich vernichten � herauszufinden, wer ein Messer gef�hrt oder einen Trank verabreicht hat, ist doch ein Kinderspiel, selbst f�r eine Dorfhexe. Aber es gibt andere Mittel und Wege.� W�hrend er sprach, hatte Winterseine den Beutel ge�ffnet und vier sorgf�ltig zusammengelegte Stoffb�ndel herausgeholt. Diese entfaltete er nun, doch es war zu dunkel f�r Rialla, um zu sehen, was f�r Ingredienzien sich darin verbargen. Nun sch�ttete Winterseine die Substanzen auf einem der T�cher zusammen.</p><p>�Nat�rlich werde ich wegen des Todes meines Sohnes am Boden zerst�rt sein. Man wird sich erz�hlen, er wurde von einer geflohenen und wieder eingefangenen Sklavin im Schlaf erstochen, nachdem er und sein Vater in der Wildnis ihr Lager aufgeschlagen hatten. Nun, es ist ja nicht so, als h�tte ich ihn nicht vor so etwas gewarnt. Ich, der trauernde Vater, habe die Sklavin daraufhin selbstverst�ndlich get�tet. Aber Rache ist kein Ersatz f�r einen verlorenen Sohn.� Sein breites Grinsen strafte seinen kummervollen Ton L�gen. Dann sagte er etwas in einer Sprache, die Rialla nicht verstand, und blies die Substanzen, die sich auf dem Tuch befanden, in ihre Richtung.</p><p>�Nimm das Messer und t�te ihn damit�, befahl Winterseine mit eiskalter Stimme.</p><p>Rialla machte einen Schritt auf Terran zu, dann hielt sie inne. Sie biss sich auf die Lippe in dem Versuch, sich gegen Winterseines Befehl aufzulehnen.</p><p>�Nimm das Messer und t�te Terran�, wiederholte Winterseine und gestikulierte dazu.</p><p>Zwei weitere Schritte, dann umfasste ihre Hand den Griff des Messers. Es f�hlte sich schwer an, schwerer als eine Waffe dieser Gr��e eigentlich wiegen sollte. Sie versuchte sie fallen zu lassen, doch ihre Finger klebten f�rmlich an dem Heft.</p><p>�T�te ihn.� Sie konnte Winterseine von ihrer Position aus nicht mehr sehen; ihr Blick war ganz auf Terrans Gesicht fixiert, doch von einem unheimlichen Zwang getrieben erhob sie das Messer. Sie hoffte, dass Tris nah genug war, um sie zu h�ren, also rief sie wortlos nach ihm.</p><p><emphasis>Rialla?</emphasis> In den Sekunden, die sie brauchte, um neben Terran niederzuknien, war es Tris gelungen, die ganze Situation zu erfassen und � Rialla f�hlte, wie sie von St�rke erf�llt wurde.</p><p>Schwankend richtete sie sich wieder auf und wich einen Schritt von dem schlafenden Propheten zur�ck. Dann warf sie das Messer ins Feuer. Sie fuhr herum und sah, wie Winterseine mit wutverzerrtem Gesicht auf die F��e sprang.</p><p>�Wer bist du, Sklavenm�dchen?�, verlangte er zu erfahren, ohne zu wissen, dass er ihr mit �hnlichen Worten die gleiche Frage stellte wie schon vorher sein Sohn.</p><p>Sie l�chelte ihn an. �Ich bin Rialla, Pferdeausbilderin aus Sianim.�</p></section><section><title><p>11</p></title><p>�Eine Pferdeausbilderin?�, fragte Winterseine l�chelnd. �Nun, wer h�tte das gedacht. Da hat Laeth doch tats�chlich eine Spionin aus Sianim in die Burg seines Bruder eingeschleust.�</p><p>�Ihr, der Ihr die Ermordung Eures eigenen Sohns geplant habt, besitzt wohl kaum das Recht, Euch in dieser Sache zum Richter aufzuschwingen�, bemerkte Rialla trocken. In diesem Moment begann es zu regnen.</p><p>�Ach, meine Liebe�, begann Winterseine. Er hob einen Ast vom Boden auf und schubste mit diesem das Messer wieder aus dem Feuer. �Die Eliminierung von Familienmitgliedern ist eine alte darranische Tradition. Spionage dagegen ist Verrat, und �ber den sieht man viel weniger gn�dig hinweg. Allerdings kommt mir mit deinem Tod der Beweis f�r Laeths Spionaget�tigkeit abhanden � und dein Tod ist f�r mich unabdingbar.�</p><p>W�hrend er sprach, vollf�hrte er mit der freien Hand eine Geste, und der Drang, das Messer an sich zu nehmen, kehrte zur�ck. Doch mit Tris� St�rke konnte Rialla widerstehen, und Winterseine presste ungehalten die Lippen aufeinander. �Wann bist du zur Magierin geworden, Sklavin?�</p><p>Die Macht, mit der Tris sie erf�llte, um sich Winterseines Zauber zu erwehren, war so wirkungsvoll wie eine Droge � und genauso gef�hrlich. Und ungeachtet aller Warnungen, die sie sich selbst zukommen lie�, wanderte ein L�cheln �ber ihr Gesicht, und sie sagte: �Wie bereits erw�hnt � doch vielleicht habt Ihr�s nicht ganz verstanden �, bin ich keine Sklavin. Bin es schon eine sehr lange Zeit nicht mehr.�</p><p>Sie ber�hrte ihre Wange. Mit ihren magieverst�rkten Sinnen konnte sie die Narbe ersp�ren � trotz Tris� Blendwerkzauber. Und ohne nachzudenken hob sie den Zauber auf, der sie als Winterseines Eigentum kennzeichnete.</p><p>Blitze erhellten den n�chtlichen Wald, gefolgt von dem unvermeidlichen Donnergrollen.</p><p>In der gleichen Sekunde, da Rialla ihn um Hilfe bat, um Winterseines Zauber zu widerstehen, glitt Tris vom Pferd. Er nahm dem Tier Sattel und Zaumzeug ab und entlie� es in die Freiheit, so es ihn denn zu verlassen w�nschte.</p><p>Ihm war klar, dass er Rialla nicht rechtzeitig finden w�rde, um ihr direkt beizustehen; das Band zwischen ihnen w�rde diese Aufgabe erledigen m�ssen. Allerdings war er nicht sicher, wie effektiv er ihr auf die Entfernung von Nutzen sein konnte, doch es lag Gr�ne Magie in dem Sturm, der in der Nacht aufgezogen war. Skrupellos lenkte er das Unwetter zu sich und scherte sich nicht um den Regen, der damit einherging.</p><p>Alle seine Gedanken hatten sich nur darum gedreht, Rialla aus Winterseines Kontrolle zu befreien; er hatte die M�glichkeit, dass sie die Magie, die er ihr gegeben hatte, benutzen k�nnte, zun�chst gar nicht in Betracht gezogen. Als sie jedoch begann, seinen Illusionszauber aufzuheben, sprang Tris ihr diskret zur Seite, um die Manipulation zu begleiten.</p><p>Auf diese Weise, so lie� er sie wissen, <emphasis>kostet es uns nicht so viel Magie.</emphasis></p><p>Rialla nahm seine Hilfe dankbar an. Das verzauberte Ziegenleder fiel in ihre Hand; die Umrisse der T�towierung verblassten, doch Tris� Magie unter ihrer Kontrolle hatte beschlossen, noch mehr zu tun. Die Haut unter ihren Fingerspitzen f�hlte sich glatt und makellos an. Alle Narben waren verschwunden. Ihr L�cheln wurde breiter, als sie Winterseine nun direkt in die Augen sah.</p><p>�Ich bin weder Sklavin noch Magierin.� Sie trat einen Schritt n�her und packte fest seine linke Hand. �Habt Ihr vergessen? Ich bin Empathin.�</p><p>Ihre Ber�hrung war f�r ihn so �berraschend erfolgt, dass Winterseine einen Moment lang wie erstarrt dastand. Und dann war es auch schon zu sp�t. Rialla zog ihn hinein in einen Mahlstrom der Emotionen.</p><p>Diesmal war es kein Saal voller Menschen, aus dem sie sch�pfen konnte, nur Winterseine allein. Sie �berwand ihre instinktive Abscheu vor dem Mann und suchte in seinem Unterbewusstsein nach den schwachen Spuren destruktiver Gef�hle, die er sogar vor sich selbst verbarg. Sie ignorierte die schwelende Wut, die mehr als nur einen Hauch von Wahnsinn verriet � die w�rde ihn kaum mehr erstarken lassen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf seine �ngste, die st�ndig gr��er wurden seit dem Tag, da sein Sohn entdeckt hatte, dass der Gott der Nacht in dieser Welt noch existierte.</p><p>Sie nahm diese Furcht, unterf�tterte sie mit Zweifel und zerrte sie hinauf in sein aktives Bewusstsein �</p><p>Winterseine befreite sich aus ihrem Griff. Im Lichtschein des Lagerfeuers konnte sie sehen, dass sein Hemd von Schwei� durchtr�nkt war.</p><p>�Mistst�ck�, stie� er hervor. Sein linker Arm � es war der, den sie ber�hrt hatte � hing schlaff an seinem K�rper herab. Nur ein Reflex, denn sie hatte ihm k�rperlich nichts zuleide getan.</p><p>Er vollf�hrte eine schnelle Bewegung mit der rechten Hand. Keine arkane Magiergeste diesmal. Sie sah das Aufblitzen einer Klinge und duckte sich im letzten Moment weg.</p><p>Nach der Zeit ihrer Versklavung hatte Rialla in Sianim wie eine Besessene trainiert, um ihr Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Und so ritzte das Messer, das Winterseine aus den Tiefen seines �rmels hervorgezogen hatte, nur ihren Oberarm, bevor es im Dreck landete.</p><p>Sie verlagerte ihr Gewicht auf die Fu�ballen und beugte leicht die Knie, als sie nach einer Gelegenheit suchte, ihn noch einmal zu ber�hren. Und es durfte dabei auch keine Stoffschicht zwischen ihnen sein, das w�rde die Wirkung nur herabsetzen, nein, sie musste den Kontakt direkt �ber die Haut herstellen.</p><p>Schon lie� das Grauen, das sie an Winterseines Oberfl�che gezerrt hatte, wieder nach, und der Sklavenmeister ersetzte es durch Wut. Sie konnte die Rage zwar nicht sp�ren, aber sie zeichnete sich �berdeutlich auf seinem Gesicht ab.</p><p><emphasis>Vorsicht</emphasis>, warnte Tris sie, ohne ihre Konzentration zu st�ren. <emphasis>Er hat irgendwas vor. Sp�rst du die Magie, die er gerade ansammelt?</emphasis></p><p>Winterseine l�chelte und streckte seine rechte Hand nach ihr aus. Dann machte er eine zupackende Bewegung, und Rialla f�hlte einen unbeschreiblichen Schmerz in ihrer Brust explodieren. Sie fiel auf die Knie, schnappte nach Luft, die einfach nicht kommen wollte. Langsam breitete sich Tris� W�rme in ihrem Oberk�rper aus und damit einhergehend die F�higkeit, wieder zu atmen. Doch der alles l�hmende Schmerz blieb.</p><p>Es begann zu regnen; die schweren Tropfen prasselten auf den Boden der Lichtung. Winterseine trat einen Schritt auf sie zu. Rialla streckte ihren Arm aus, ber�hrte kurz seinen Stiefel, bevor er wieder zur�ckwich. Doch der Moment gen�gte, um den Schmerz in ihrer Brust sowie Tris� empathisch empfangenes Leid auf Winterseine zu werfen. Selbst durch das schwere Leder hindurch wurde seine Konzentration unterbrochen, und Riallas Qual schwand dahin.</p><p>Sie kam auf die F��e, keuchte unter dem Dreifacheffekt ihres, Winterseines und Tris� Schmerzes. Doch auch dieses Gef�hl verblasste schnell. Nun, da Winterseines Magie ihn nicht mehr st�ren konnte, hatte Tris den kleinen Schaden, der angerichtet worden war, im Nu repariert.</p><p>�Es ist Magie in dir!�, beschuldigte Winterseine sie nun. �Ich kann sie doch f�hlen!�</p><p>In den wenigen Momenten, da sie den Mann ber�hrt und sein Innerstes entbl��t hatte, hatte sie seine geheimsten �ngste entdeckt. Nun war es an der Zeit, sich dies zunutze zu machen.</p><p>Rialla sch�ttelte den Kopf und sah dann zu dem schlafenden Terran hin�ber. Dabei sorgte sie daf�r, dass dem Sklavenmeister ihr bewundernder Blick nicht entging. Mit sanfter Stimme sagte sie: �Aber nein, <emphasis>er</emphasis> ist es.�</p><p>Ein Hauch von Furcht schlich sich zur�ck in Winterseines Miene. �Du hast doch nur mit ihm geschlafen. Und er hat es mit vielen Frauen getrieben.� Es lag Verunsicherung in seiner Stimme.</p><p>Da fiel Rialla ein, dass Winterseine es nicht gern gesehen hatte, dass sein Sohn sich mit einer Empathin einlie�. Sie l�chelte tr�ge, um ihn noch nerv�ser zu machen. �Aber die waren nicht wie ich.�</p><p>�Wenn du so von ihm begeistert bist, warum hast du ihn dann in Schlaf versetzt?�</p><p>Rialla stellte fest, dass er nicht mehr auf das achtete, was sie tat, und so schob sie sich zentimeterweise an ihn heran. Sie sch�ttelte den Kopf. �Er ist nicht wie Ihr. Euer Tod h�tte ihn durchaus bek�mmert.� Sie n�hrte seine �ngste mit Worten statt mit Empathie. �Er sieht durchaus den Vorteil, aber er ist zu ehrenhaft f�r eine solche Tat. Zu dumm, dass Ihr den Eintopf nicht gegessen habt. Ein Tod durch meine Hand w�re viel weniger schmerzhaft gewesen als der, den Altis f�r Euch vorsieht, falls meine Mission scheitert.�</p><p>F�r einen Moment erstarrte Winterseine. Und es war dieser Moment, den Rialla f�r sich nutzte. Mit einer Bewegung, die sie unz�hlige Male ge�bt hatte, griff sie nach seinem Handgelenk und verdrehte es so, dass er seinen Ellbogen nicht mehr einsetzen konnte. Blitzschnell trat sie an seine Seite und platzierte die andere Hand auf seinem Schulterblatt, dr�ckte ihn nach vorn und Richtung Boden. Nachdem sie ihm die Beine weggetreten hatte und er auf dem Bauch gelandet war, setzte sie ihm einen Fu� in den Nacken und dr�ckte so sein Gesicht in den Schlamm. Den Arm hatte sie ihm gleichzeitig schmerzvoll auf den R�cken gebogen.</p><p>Sie schaute zur Seite und wischte sich an ihrer Schulter Schwei� und Regen aus dem Gesicht.</p><p><emphasis>Tris</emphasis>, sagte sie. <emphasis>Du musst die Verbindung zwischen uns l�sen. Wenn nicht, kann es sein, dass du von der Gegenreaktion mitgerissen wirst. Ich kann nicht uns beide davor sch�tzen.</emphasis></p><p><emphasis>Rialla!</emphasis>, erwiderte er aufgeregt, doch sie hatte ihn schon ausgesperrt.</p><p>Davon ausgehend, dass Tris ihre Warnung beherzigte, wandte sie sich wieder Winterseine zu. Er hatte es aufgegeben sich zu wehren, als ihm klar geworden war, dass er sich dabei am Ende nur die Schulter auskugeln w�rde. Noch immer umklammerten Riallas Finger sein nacktes Handgelenk.</p><p>Zun�chst widmete sie sich seinen seelischen Ersch�tterungen, und zwar denen, die am offensichtlichsten dalagen. Winterseine w�rde ahnen, was sie vorhatte; sein Geist war geschult und geordnet. Allein sein unterschwelliger Wahnsinn � Wut, die durch die Bef�rchtung befeuert wurde, dass sein Sohn ihn kontrollieren k�nnte �, konnte ihr als Waffe dienen, um ihn in die Knie zu zwingen.</p><p>Sie versuchte all die verirrten Gedanken zu ignorieren, die sich darunterzumischen drohten. Rialla war allein an Emotionen interessiert. Sie fand seine allerersten �ngste: <emphasis>sein Sohn, der aus seinem Zimmer st�rzte, bleich und zitternd, doch gl�hend vor Macht � das erste Mal, als sich Terran gegen seinen Vater erhob und Winterseine einlenken musste, wohl wissend, dass er in einem Machtkampf mit ihm den K�rzeren ziehen w�rde �</emphasis> Und eben diese Gef�hle warf sie auf Winterseine zur�ck. Gerade rechtzeitig stimmte sich ihr eigener Herzschlag auf den seinen ein. Nun durchlebte er die Pein, die seine Erinnerungen hervorgebracht hatte, weil Rialla sich seine eigenen Gef�hle zunutze machte. Sie konnte sich ihnen allerdings nicht entziehen wie im Fall des empathischen Sumpfwesens in der Nacht, als Karsten starb.</p><p>Rialla nahm seinen Schmerz, den die zur�ckliegenden Gedanken ausl�sten, auf und verst�rkte ihn, trieb Winterseine immer weiter in seinen eigenen Albtraum hinein. Sie grub tiefer, fand alte Kr�nkungen und Verunsicherungen. Sie erreichte den Jungen, der er einst gewesen war, verletzbar gegen�ber Spott und Dem�tigungen, und pr�sentierte ihm diese Momente noch einmal.</p><p>Erst als er gequ�lt aufschrie, fachte sie auch das Feuer seiner Rage an. Es war zuvor nur ein wohlkontrolliertes Fl�mmchen gewesen, das ihn vor seinen Ur�ngsten beh�tet hatte. Durch Riallas Eingreifen wurde es nun zu einem lodernden Brand, der jeden klaren Gedanken verzehrte.</p><p>Doch das war noch nicht genug.</p><p>Sie f�gte ihr eigenes Grauen hinzu: die Erinnerung an den Kampf mit der Sumpfkreatur, die Angst davor, wieder versklavt zu werden. Sie w�hlte tiefer, stie� auf die Hilflosigkeit im Angesicht ihrer gnadenlosen Entf�hrer, die elendige Furcht davor, geschlagen zu werden, in dem schrecklichen Wissen, wie weh es tat � <emphasis>die tiefe, seelenverschlingende Trauer dar�ber, unter Fremden leben zu m�ssen, ohne die vertrauten Familienbande und ohne Hoffnung darauf, je etwas daran �ndern zu k�nnen �</emphasis> Ein Teil von Rialla realisierte, dass der letzte Gedanke weder von ihr noch von Winterseine stammte, doch sie war zu eingebunden in das, was sie tat, als dass sie nach seinem Ursprung forschen konnte. Selbst als sie ihre Emotionen auf Winterseine projizierte, sp�rte sie, wie sehr er darum k�mpfte, die Kontrolle wiederzuerlangen.</p><p>Wenn sie den Mann jetzt nicht erledigte, w�rde er sie t�ten. Und damit w�re es noch nicht vorbei. Tris w�rde Winterseine entgegentreten, und es stand zu bef�rchten, dass der Heiler der Macht des Magiers nicht das Geringste entgegenzusetzen hatte.</p><p>Bebend griff sie nach dem geheimen Ort, den sie aus Angst um ihre geistige Gesundheit tief in sich verborgen gehalten hatte. Hier fanden sich unter anderem die Gef�hle und letzten Gedanken ihrer Familie wie auch die Qualen, die den Tod von Jarrohs Kindersklavin begleitet hatten. Sie schob den Schattenvorhang beiseite, zog einen Strang aus dem verschlungenen Kn�uel aus purem Grauen und warf ihn gezielt auf Winterseine. Es kostete sie unendliche Kraft, dabei auf Distanz zu bleiben, doch sie wusste, was nun kam, w�rde es ihr erlauben, schneller mit dem Schmerz und der Furcht ihres Feindes umzugehen.</p><p>Nach und nach f�tterte sie ihn mit ihrer Pein, und langsam, aber sicher sp�rte sie, wie Winterseines Widerstand nachgab. Sie musste ihn brechen und aus dem Lager verschwinden, bevor Terran wieder erwachte.</p><p>F�r einen Moment durch ihre eigenen �ngste abgelenkt, griff sie nach einer letzten, tief vergrabenen Erinnerung.</p><p>Dieses Mal entglitt ihr die d�nne Rettungsleine der Besonnenheit, die es ihr gestattet hatte, sich auf Abstand von all dem Schmerz zu halten, und sie verfing sich in einem Dickicht aus Emotionen. Erst als sie sich ihren Weg hinausk�mpfte, wurde ihr klar, warum es so schwierig gewesen war, die Distanz zu wahren.</p><p><emphasis>Allein, selbst unter seinesgleichen. Ausgeschlossen sowohl durch seine Weigerung, sich in den eigenen Handlungen durch Furcht leiten zu lassen, als auch aufgrund einer Gabe, die schon seit langer Zeit unter seinen Leuten im Aussterben begriffen war. Ein anderer w�re vielleicht nicht daf�r versto�en worden, dass er ein Menschenkind gerettet hatte, aber er war anders. Und deshalb hatte sich f�r ihn auch kein F�rsprecher gefunden.</emphasis></p><p>Rialla hatte sich in Tris� Erinnerungen verfangen!</p><p>Panisch versuchte sie sich daraus zu befreien. Und musste sich gleichzeitig all dessen erwehren, das sich nun anschickte, durch die L�cke in ihrer Verteidigung zu sto�en. Sie musste sich unbedingt von ihm l�sen, oder sie w�rde von dem Mahlstrom verschlungen werden, den sie in Winterseines Geist heraufbeschworen hatte. Doch dazu musste sie Tris erst einmal finden �</p><p>Und dann, als die einzig verbliebene Bastion gegen Furcht und Schmerz schon zu fallen drohte, verlor Winterseine seinen Kampf. Das wachsende Miasma des Grauens, dem sie sich entgegengestellt hatte, warf Rialla mit unvorstellbarer Kraft zur�ck.</p><p>Ohne zu �berlegen gab sie den Versuch auf, ihren Schutzschild wieder zu errichten, und versuchte Tris so lange zu beschirmen, bis er sie verlassen konnte. Offensichtlich wusste er, was sie tat, denn kurz bevor sie sich im Sturm der Emotionen verlor, hallten in ihr seine Worte wider:</p><p><emphasis>Es tut mir leid, Geliebte</emphasis>. Seine Gedankenstimme war durch denselben Schmerz zerrissen, der sie durchzuckte. <emphasis>Ich hatte versucht, es dir zu sagen, aber � ich kann dich nicht mehr verlassen.</emphasis></p><p>Am Rand des Waldes sank der Heiler lautlos auf ein Bett aus Laub aus l�ngst vergangenen Jahren. Der Wallach, zu wohlerzogen, um seinen Reiter im Stich zu lassen, knabberte eine Weile z�rtlich, wenngleich erfolglos an Tris� Wange und begann dann zu grasen, w�hrend um sie herum der Regen fiel und Blitze den Himmel �ber ihnen durchzuckten.</p><p>Rialla schrie auf, als sie sich im Sturm der Emotionen verlor. Etwas schlug hart gegen ihre Schulter, warf sie zur�ck und fort von Winterseines zuckendem K�rper. Sie fiel zu Boden, rollte sich zusammen wie ein F�tus und wimmerte ob der Schmerzen in ihrem Kopf. So nah war sie einer Ohnmacht, dass sie keinen Unterschied mehr machen konnte zwischen den schlimmen Kopfschmerzen und der weitaus gef�hrlicheren Tortur, die sie schier zerrissen hatte.</p><p>Auf dem Boden liegend h�rte Rialla das heisere Keuchen Winterseines und begann zu zittern, als ihr K�rper nun auf die Belastung des Kampfes reagierte. Ein Teil von ihr begriff, was geschehen sein musste: Terran hatte sie von Winterseine fortgerissen in dem Moment, da sie kurz davor war, ihm in den unendlichen Wahnsinn zu folgen.</p><p>Die emotionale Pein, die sie durchlitten hatte, schloss jedes andere Gef�hl aus. Sie konnte sich nicht einmal um Tris sorgen. Doch daf�r w�rde noch genug Zeit sein, nahm sie an. Sofern Terran sie lange genug am Leben lie�.</p><p>Sie h�rte Terran �ber dem K�rper seines Vaters murmeln, doch sie bezweifelte, dass selbst die G�tter Winterseines Verstand wiederherstellen konnten. Es w�re gn�diger gewesen, ihn zu t�ten, doch das war ihr nicht gegl�ckt.</p><p>Winterseines St�hnen verstummte, und Rialla h�rte, wie Terran sich erhob und zu den Vorr�ten ging. Er kam zur�ck und hob sie mit einem Grunzen vom Boden auf. Jeder andere, der sie auch nur ber�hrt h�tte, w�re schreiend zu Boden gegangen. Sie hatte nicht einmal damit begonnen, die Barriere wieder zu errichten, um ihre Emotionen vor anderen abzuschirmen. Doch immer noch konnte sie Terran mental nicht erfassen.</p><p>Unwillk�rlich zog sie ob der wieder st�rker werdenden h�mmernden Kopfschmerzen scharf die Luft ein. Terran legte sie auf eine der Decken, wickelte sie darin ein und setzte sie dann behutsam auf. Einen Arm um ihren Oberk�rper gelegt, brachte er eine Tasse an ihre Lippen und fl��te ihr ein paar Schlucke eines alkoholhaltigen Kr�utertrunks ein.</p><p>Sie w�rgte und keuchte, aber das Gebr�u zeigte Wirkung, und ihr Zittern lie� langsam nach.</p><p>�Besser?�, fragte Terran ruhig und dr�ckte ihr die halbvolle Tasse in die Hand.</p><p>Rialla nickte z�gernd, und er zog seinen Arm zur�ck, bis sie eigenst�ndig sitzen konnte. Dann stand er auf, sch�rte das ersterbende Lagerfeuer, bis die Flammen hell aufloderten. Auf seinem Gesicht war nichts zu lesen.</p><p>Von irgendwo aus der Dunkelheit drang aus Winterseines Richtung ein erstickter Schrei an ihre Ohren, und sie bemerkte, wie Terran einen Moment lang innehielt, doch er sah nicht zu seinem Vater hin. Stattdessen wandte er sich um und blickte Rialla direkt an. Mit dem Feuer in seinem R�cken lag sein Gesicht im Schatten, w�hrend er selbst sie klar und deutlich sehen konnte. Sie wusste nicht, ob sich auf ihrer Miene irgendein anderes Gef�hl widerspiegelte als die Abgestumpftheit, die sie sch�tzte.</p><p>�Der Schaden, den er erlitten hat, ist von Dauer?� Wieder klang seine Stimme seltsam abgekl�rt.</p><p>Rialla nickte. Dann sagte sie in ebenfalls m�glichst sachlichem Ton: �Er war schon seit geraumer Zeit nicht mehr ganz � gesund. Fr�her oder sp�ter h�tte sein Geist ohnehin dieses Stadium erreicht.�</p><p>Terran nickte. �Ich wei�.� Er betrachtete seinen Fu�, als w�re ihm daran gerade etwas ganz Besonderes aufgefallen. �Allein wegen dir bin ich noch am Leben, Rialla. Ich danke dir.�</p><p>Dankbarkeit war das Letzte, was Rialla erwartet hatte. Sie legte den Kopf schief, sah ihn misstrauisch an.</p><p>Terran seufzte. �Er h�tte mich get�tet. Tamas warnte mich, nachdem mein Vater sich deswegen an ihn gewandt hatte. Ich nahm Vater beiseite und erkl�rte ihm, was einem passiert, der es auch nur wagt, mir etwas zuleide zu tun. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ihn das aufhalten w�rde.</p><p>Es fing an, als ich ihn dabei erwischte, wie er sich in Altis� Namen willf�hrige Sklaven beschaffte. Altis ist nicht gegen die nat�rliche Ordnung, aber er hat nun mal keine Verwendung f�r Sklaven, und er sch�tzt es nicht, wenn sein Name dazu missbraucht wird, sich pers�nlich zu bereichern. Als ich Vater das auseinandersetzte, wurde er w�tend.</p><p>Ich denke, er hat beschlossen, mich aus dem Weg zu r�umen, nachdem ich versucht hatte, Karsten zu retten. Ich mochte Karsten, und sein Tod war nicht erforderlich f�r Altis� Zwecke. Nein, er lag einzig und allein in meines Vaters Interesse. Ich dachte, ich k�nnte den Seelenfresser im Zaum halten � das Sumpfbiest, mit dem Vater Karsten beseitigen wollte. Er dachte, dass eine solche Kreatur die darranische Furcht vor Magiern neu entfachen und so die Allianz mit Reth verhindern k�nne. Doch nachdem die Kreatur dich ber�hrte, h�tte ich sie nicht mehr vernichten k�nnen, ohne dich im gleichen Augenblick ebenfalls zu t�ten. Daher gab ich dir die Chance, sie selbst zur Strecke zu bringen. Vater hatte recht: Es w�re mir nicht in den Sinn gekommen, dass er an jenem Abend so weit gehen k�nnte, Karsten eigenh�ndig umzubringen.�</p><p>Schweigend lauschte Rialla seinen Worten, trank den Rest des Gebr�us und erholte sich allm�hlich von den Strapazen, w�hrend auch ihre Kopfschmerzen nachlie�en. Als Terran innehielt, stellte sie ihm die Frage, die ihr schon eine Weile unter den N�geln brannte: �Wie kommt es, dass Ihr Euch so schnell von dem Schlaftrunk erholt habt?�</p><p>Terran zuckte die Achseln. �Gift und Drogen beeintr�chtigen mich nur insoweit, als Altis dies f�r n�tzlich erachtet. Ich habe nicht wirklich geschlafen, konnte mich nur nicht bewegen. Altis wollte, dass Vater kaltgestellt wird, und er hat dich daf�r ausgew�hlt. Weil er wusste, dass ich es nicht tun w�rde.�</p><p>Rialla hob emp�rt den Kopf, und ihre Ver�rgerung war st�rker als ihre Ersch�pfung. �Nein!�, rief sie entschieden. �Ich habe Winterseine aus eigenem Antrieb heraus angegriffen. Altis mag Euer Leben lenken, aber meines lenkt er nicht.�</p><p>Er l�chelte, und es war ein m�des, trauriges L�cheln. �Wirklich nicht?�</p><p>Rialla schlug die Decke zur�ck, erhob sich und entfernte sich vom Feuer.</p><p>�Wohin gehst du?� Es lag nichts Bedrohliches in Terrans Stimme, aber Rialla blieb trotzdem stehen und drehte sich zu ihm um. �Dahin, wo ich hingeh�re�, erwiderte sie.</p><p>�Nach Sianim?�, fragte er. �Du k�nntest doch bei mir bleiben. Altis wei� sch�ne Dinge sehr zu sch�tzen. Und ich auch. Er wird schon bald auch �ber diese Welt herrschen, wei�t du. Und sie wird zu einem eindrucksvollen Ort werden. Er wird keine Gewalt dulden, keine Kriege, keinen Hass. Die Leute werden ihn verehren und kein Bed�rfnis mehr versp�ren nach Macht oder Gold. Sie werden sich an Altis� Gesetze halten und in Frieden leben.�</p><p>Rialla hielt seinem Blick stand. �Euer Utopia kann nicht funktionieren, solange den Menschen das Recht gegeben ist, eigene Entscheidungen zu f�llen. Die Leute werden immer etwas finden, mit dem sie nicht einverstanden sind.�</p><p>Terran sch�ttelte den Kopf. �In Altis� K�nigreich erlangen die Menschen Weisheit durch Altis selbst, um immer die richtige Entscheidung zu treffen.�</p><p>�Jetzt verstehe ich, warum Altis die Sklaverei nicht ablehnt�, erwiderte Rialla leise. �Weil sie das ist, was ihm im Grunde f�r jeden einzelnen von uns vorschwebt. Aber ein Sklave ist immer noch ein Sklave, selbst wenn man ihn gut behandelt. Niemals wieder werde ich mich freiwillig in die Unfreiheit begeben, Terran. Eher w�rde ich sterben.� Es lag Friede in dieser Erkenntnis, ein Friede, den sie nie zuvor versp�rt hatte.</p><p>�Dann soll es so sein.� Terran nickte und stocherte mit einem Ast im Feuer herum.</p><p>Rialla wartete. Nach einer Weile sah Terran auf und l�chelte. �Geh zur�ck nach Sianim. Du hast Altis heute Nacht genug gedient.�</p><p>Rialla verlor keine Zeit, die Lichtung zu verlassen, auf der Terran mit seinem wahnsinnigen Vater zur�ckblieb. Als sie den Schein des Lagerfeuers nicht mehr sehen konnte, hielt sie an und suchte mit ihrer �berstrapazierten empathischen Gabe nach einem Zeichen von Tris.</p><p><emphasis>Rialla?</emphasis></p><p>Sie sp�rte, dass er ersch�pft war und Schmerzen litt, aber sie war einfach zu gl�cklich, dass er noch lebte, um sich dar�ber gro�e Sorgen zu machen.</p><p><emphasis>Ich komme,</emphasis> sagte sie. <emphasis>Bleib, wo du bist.</emphasis></p><p><emphasis>Nein</emphasis>, kam es sofort zur�ck. <emphasis>Mir geht�s gut, und ich bin schneller bei dir als du bei mir.</emphasis></p><p>Rialla suchte sich ein gem�tliches Pl�tzchen im Schutz eines riesigen Baums, wo der Regen sie nicht erreichte. Und wartete.</p><p>In weniger als einem Drittel der Zeit, die ein Mensch gebraucht h�tte, fand Tris die auf dem feuchten Waldboden schlafende Rialla.</p><p>Sie versteifte sich kurz, als er sie in die Satteldecke wickelte, aber sie �ffnete nicht einmal die Augen, bis ihr der Geruch von �ber einem Feuer zubereitetem Essen in die Nase stieg.</p><p>�Ich musste das Pferd auf dem Weg hierher zur�cklassen�, sagte Tris, w�hrend er in dem kleinen Topf herumr�hrte. �Aber ich habe die Satteltaschen bei mir.� Ohne seinen Blick vom Feuer abzuwenden, fuhr er fort: �Ich denke, ich schulde dir eine Erkl�rung.�</p><p>Rialla setzte sich auf und rieb sich die Augen. Es hatte zwar aufgeh�rt zu regnen, aber es war immer noch dunkel; lange konnte sie nicht geschlafen haben. Aber sie f�hlte sich �berraschend gut � einer der Vorteile, wenn man mit einem Heiler reiste.</p><p>�Ja, das glaube ich auch.�</p><p>Er legte den langen Kochl�ffel auf einen Stein und wandte sich von dem Feuer ab. Dann hockte er sich vor sie hin und beschwor ein Magierlicht, sodass Rialla sein Gesicht erkennen konnte. �Unter uns Sylvanern ist es so, dass die Bindung, die ich zwischen uns erschaffen habe, ein Paar f�r immer zusammenschmiedet�, sagte er geradeheraus.</p><p>Sie starrte ihn an. �Soll das hei�en, wir sind � verheiratet, und du hast mir nichts davon gesagt?�</p><p>Das machte ihn lachen. �Ja, ich denke, so kann man es auch formulieren.�</p><p>�Und warum hast du das getan?�, fragte sie.</p><p>�Bevor ich dich traf, teilte die Frau, die mich nach Tallonwald holte, eine Vision mit mir. Naturgem�� sind solche Bilder immer etwas diffus, aber aus dem, was sie sagte, wurde klar, dass ich die Eine treffen w�rde, mit der ich mich verbinden k�nnte.�</p><p>�Soll das bedeuten, du kannst dich nicht verbinden, mit wem du willst?�</p><p>�Nein, ich habe nur nie jemanden getroffen, mit dem ein solches B�ndnis gegl�ckt w�re. Es gibt dieser Tage nur noch so wenige Sylvaner, und noch weniger passende Partner f�r ein ganzes Leben.�</p><p>Rialla dachte �ber seine Worte nach. �Du hast die Verbindung zwischen uns hergestellt, weil eine Seherin dir gesagt hat, dass es klappen k�nnte?�</p><p>�Nein�, sagte er. �Ich hab es getan, weil ich endlich jemanden gefunden hatte, mit dem ich ein Leben lang zusammenbleiben wollte.� Er stand auf, ging zur�ck zum Feuer, aber er nahm den R�hrl�ffel nicht wieder zur Hand. �Es tut mir leid.�</p><p>Tief in ihre eigenen Gedanken versunken, nahm Rialla seine Stimme nur mehr wie ein ged�mpftes Hintergrundmurmeln wahr, als er fortfuhr: �Zuerst dachte ich, dass ich die Bande wieder l�sen k�nnte, wenn du es nicht willst. Normalerweise sollte das B�ndnis nicht so stark werden wie das unsrige � In vergangenen Zeiten, als mein Volk noch zahlreich war, dauerte die Probezeit drei Monate. Wenn das Paar danach nicht mehr zusammenbleiben wollte, wurde das Band wieder durchtrennt. Trenna sagte mir, dass wir uns miteinander verbinden k�nnten. Sie sagte allerdings nicht, dass du damit einverstanden w�rst.�</p><p>Rialla erinnerte sich an die Dinge, die sie in der letzten Nacht �ber ihn erfahren hatte. Erinnerte sich an die tiefe, seelenverschlingende Trauer und fand ihr Echo in sich selbst. H�tte sie von einem solchen Band gewusst, sie h�tte alles darum gegeben, ein Teil davon zu werden. Und wenn sie es recht bedachte, so �ngstigte sie der Gedanke daran nicht im Geringsten. Sie dachte eine Weile �ber eine Antwort nach, dann sagte sie leise: �Sehr bedauerlich.�</p><p>�Ich wei߫, seufzte Tris. �Aber ich kann nun nichts mehr daran �ndern. Es war in dem Moment zu sp�t, da Winterseine dich an das Wasserrad hat binden lassen.�</p><p>�Nein�, sagte Rialla und hob den Kopf, damit er ihr L�cheln sehen konnte. �Ich meinte, es ist bedauerlich, dass es dir leid tut. Mir tut es n�mlich kein bisschen leid.�</p><p>Tris wirbelte zu ihr herum und warf ihr einen bitterb�sen Blick zu. Rialla biss sich auf die Lippen, wusste, dass er gekr�nkt sein w�rde, wenn sie jetzt auch noch lachte. Sie wusste auch, ein Teil ihrer Aufgekratztheit war ihrer M�digkeit geschuldet, also riss sie sich so gut es ging zusammen.</p><p>�Du hast mich um Gnade winseln lassen�, knurrte er.</p><p>Rialla senkte den Kopf auf die Knie und vergrub das Gesicht in ihrer Armbeuge. Dann verlor sie den Kampf und brach in haltloses Gekicher aus.</p><p>In der Dunkelheit des Waldes erstarb Tris� Magierlicht.</p><p>�Drachenraub�, gurrte Tris ihr sp�ter z�rtlich ins Ohr.</p><p>�Ich gebe mich geschlagen�, erwiderte Rialla lachend.</p></section><section><title><p>Epilog</p></title><p>Irritiert schaute Lord Jarroh auf, als es zaghaft an der T�r seines Arbeitszimmers klopfte. Hatte er nicht klipp und klar gesagt, dass er keine St�rungen w�nschte? Er warf einen Blick aus dem Fenster und stellte fest, dass die Nacht hereingebrochen war, w�hrend er an seinen Gesch�ftsb�chern gearbeitet hatte.</p><p>Seufzend legte er die Bilanzaufstellung beiseite, ging um den Schreibtisch herum und �ffnete die T�r. �Ja?�</p><p>Drau�en im Gang war es dunkel, und so konnte er die Person, die ihn bei der Arbeit unterbrochen hatte, nicht genau erkennen.</p><p>�Ich bitte um Verzeihung, verehrter Herr, aber ich habe eine Information f�r Euch � eine Information rein privater Natur.�</p><p>Lord Jarroh erhielt viele private Botschaften. Was mit ein Grund daf�r war, dass er stets ein d�nnes Kettenhemd unter der Kleidung trug. Er trat vom Eingang zur�ck und winkte den Kurier herein. Dann schloss er die T�r.</p><p>�Um was geht es denn?�, fragte er.</p><p>�Um Lord Karstens Ermordung�, sagte Rialla und schlug die Kapuze ihres Umhangs zur�ck, damit er ihr Gesicht sehen konnte. �Ich hatte Euch geraten, dar�ber nachzudenken, warum Lord Laeth seinen Bruder aus dem Weg ger�umt haben sollte. Habt Ihr dies getan?�</p><p>Instinktiv ging Lord Jarrohs Hand zu seinem Dolch, dessen Griff er umschloss, doch seine Miene verlor nichts von ihrer Gelassenheit. �Ja. Unabh�ngig davon, was ich sah, als Karsten starb, erscheint mir Lord Winterseine als der wahrscheinlichste T�ter. Ich kannte sie beide, ihn und Lord Laeth, beinahe so lange, wie ich Karsten kannte. Wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen h�tte, wie Laeth seinen Bruder erstach, h�tte ich es niemals geglaubt. Leider wurde Lord Winterseine k�rzlich von einer, �hm, Krankheit heimgesucht, die es mir unm�glich macht, ihn dazu zu verh�ren.�</p><p>Rialla lie� die Botentasche von der Schulter gleiten und holte ein dickes Buch daraus hervor, dazu einen Dolch und zwei Pergamentseiten. �Ich habe, mein Herr, einige Dinge mitgebracht, die ich Euch bitten m�chte, einer Pr�fung zu unterziehen.</p><p>Da w�re als Erstes Lord Winterseines Grimoire. Es wurde vom ae�Magi, Lord Kisrah, unsch�dlich gemacht. Ihr werdet bemerken, dass der Erzmagier einige Seiten sowie das Schloss entfernt hat.</p><p>Als zweites habe ich hier den Dolch, mit dem Lord Karsten get�tet wurde. Wir entdeckten ihn auf einer kleinen Burg, in der Lord Winterseine Sklaven ausbildet.</p><p>Der dritte Gegenstand ist ein Brief von Lord Kisrah, in dem er seine Erkenntnisse zu dem Dolch niedergeschrieben hat. Des Weiteren ist er bereit zu schw�ren, dass Lord Winterseine ein so m�chtiger Magier ist, dass er gut und gern f�r den Magierrat h�tte t�tig werden k�nnen. Ganz sicher jedoch h�tte er eine Illusion erschaffen k�nnen, die Euch glauben machte, dass es Laeths Hand war, die den Dolch f�hrte.�</p><p>Lord Jarroh sch�ttelte den Kopf. �Das spielt keine Rolle. Glaubst du wirklich, ein darranisches Gericht w�rde bei einer Angelegenheit von solcher Tragweite dem Wort eines Erzmagiers glauben?�</p><p>�Nein�, sagte Rialla. �Doch wir hatten gehofft, dass Ihr den Fall trotzdem noch einmal pr�ft.�</p><p>�Zu welchem Zweck?�</p><p>�Mein Herr�, sagte Rialla, �wir m�chten, dass Ihr sicherstellt, dass Lord Winterseine und sein Sohn keinen Anspruch auf Lord Karstens L�ndereien erheben. Und sofern Ihr noch immer nicht von Laeths Unschuld �berzeugt seid, sollen Karstens Besitzt�mer an die Krone fallen.</p><p>Der vierte Gegenstand, den ich Euch bringe, mein Herr, ist ein Brief von Ren, dem Meisterspion von Sianim. Ren denkt, er beantwortet darin alle Fragen, die Ihr vielleicht hinsichtlich Sianims Interessen in dieser Angelegenheit haben k�nntet.�</p><p>Rialla trat einen Schritt ins Licht. �Lord Jarroh, Lord Karsten wurde ermordet, weil er auf ein Ende des Krieges hoffte, der sowohl Darran als auch Reth so unendlich viel gekostet hat. Er hatte den glorreichen Tag vor Augen, an dem in unseren Reichen der Frieden regieren w�rde. Winterseine war bei der Planung von Karstens Tod nicht allein; lasst bitte nicht zu, dass seine M�rder triumphieren. Wenn Ihr diesen Leuten Lord Karstens Macht und Rang verleiht, werdet Ihr seinen Traum damit auf immer zerst�ren.�</p><p>Lord Jarroh ber�hrte Riallas Gesicht, drehte es so ins Licht der �llampe, dass ihre Z�ge klar erkennbar wurden. �Du bist Laeths Sklavin.�</p><p>�Nein.� Sie sch�ttelte den Kopf und trat einen Schritt zur�ck. �Ich bin eine Freundin Laeths.�</p><p>Lord Jarroh lie� die Hand sinken und sch�rzte die Lippen, w�hrend er nachdachte. Dann schaute er Rialla wieder an, die seinem Blick standhielt. �Sag Laeth, ich werde mein Bestes tun, um seinen Namen wieder zu rehabilitieren. Und im Angedenken an seinen Bruder werde ich daf�r sorgen, dass die Heirat zwischen unserer Prinzessin und K�nig Myr von Reth wie geplant stattfindet.� Er machte eine Pause und betrachtete Riallas makelloses Gesicht, als er mit leiser Stimme hinzuf�gte: �Selbst wenn dies das Ende der Sklaverei bedeutet.�</p></section></body><binary id="cover" 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