<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Kim</first-name><middle-name>Stanley</middle-name><last-name>Robinson</last-name></author><book-title>Roter Mars</book-title><annotation><p>Es ist die gr��te Herausforderung, der sich die Menschheit je gegen�bersah: die Besiedlung unseres Nachbarplaneten Mars. Die Verwandlung einer lebensfeindlichen W�stenwelt in einen blauen Planeten wie die Erde. Von der ersten bemannten Landung auf dem Mars �ber die fr�hen Kolonien und ihre Auseinandersetzungen, welche Form von Gesellschaft sie erbauen sollen, bis zum riskanten Versuch, das Klima einer ganzen Welt zu ver�ndern�� Kim Stanley Robinson erz�hlt in seiner Mars-Trilogie die Geschichte der Zukunft wie ein gro�es historisches Epos.</p></annotation><date>1997</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Winfried</first-name><last-name>Petri</last-name></translator><sequence name="Mars (de)" number="1"/></title-info><src-title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Kim</first-name><middle-name>Stanley</middle-name><last-name>Robinson</last-name></author><book-title>Red Mars</book-title><date value="1992-09-01">1992</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>calibre 2.53.0, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-08-19">19.8.2016</date><id>75d72562-71bd-4772-8f17-30f2452c9d2e</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Kim Stanley Robinson. Roter Mars</book-name><publisher>Wilhelm Heyne</publisher><city>M�nchen</city><year>2013</year><isbn>3-453-09428-X</isbn></publish-info></description><body><title><p>Kim Stanley Robinson</p><p>Roter Mars</p></title><section><p><emphasis>F�r Lisa</emphasis></p></section><section><image l:href="#1"/><empty-line/></section><section><title><p>ERSTER TEIL</p><p>Festlicher Abend</p></title><p><emphasis>Der Mars war leer, ehe wir kamen.</emphasis></p><p><emphasis>Das soll nicht hei�en, es w�re niemals etwas geschehen. Der Planet hatte sich zusammengeballt, war geschmolzen, aufgew�hlt und abgek�hlt. Er hatte eine Oberfl�che hinterlassen, die durch gewaltige geologische�� oder besser:</emphasis> areologische�� <emphasis>Gebilde gepr�gt war: Krater, Schluchten, Vulkane. Aber all das war in mineralischer Bewusstlosigkeit geschehen und wurde nicht beobachtet. Es gab keine Zeugen�� mit Ausnahme von uns, die wir von dem benachbarten Planeten aus zuschauten, und das erst im letzten Moment seiner langen Geschichte. Wir stellen das ganze Bewusstsein dar, welches der Planet je besa�.</emphasis></p><p><emphasis>Jetzt kennt ein jeder die Geschichte des Mars im menschlichen Geist. Wie er f�r alle vorgeschichtlichen Generationen eine der wichtigsten Leuchten am Himmel war wegen seiner roten Farbe und schwankenden Helligkeit sowie der Art, wie er bei seiner Wanderung zwischen den Sternen anhielt und bisweilen sogar die Richtung umkehrte. Es war, als ob er mit alledem etwas sagen wollte. So ist es vielleicht nicht �berraschend, dass alle die �ltesten Namen f�r Mars besonders gewichtig wirken��</emphasis> Nirgal, Mangala, Auqakuh, Harmakhis. <emphasis>Sie klingen so, als w�ren sie noch �lter als die uralten Sprachen, in denen sie vorkommen, und als w�ren es fossile W�rter aus der Eiszeit oder noch fr�her. Ja, im Laufe von Jahrtausenden war der Mars bei menschlichen Angelegenheiten eine heilige Macht; und seine Farbe machte ihn zu einer gef�hrlichen Kraft, da sie Blut, Zorn, Krieg und das Herz darstellte.</emphasis></p><p><emphasis>Dann bescherten uns die ersten Fernrohre einen n�heren Anblick. Wir sahen die kleine orangefarbene Scheibe mit ihren wei�en Polen und dunklen Flecken, die sich ausdehnten und schrumpften im Verlauf der langen Jahreszeiten des Planeten. Keine technische Verbesserung der Teleskope gab uns jemals mehr als das. Aber die besten von der Erde aus gewonnenen Bilder gaben</emphasis> Percival Lowell <emphasis>gen�gend undeutliche Hinweise f�r die Erfindung einer Geschichte, die wir alle kennen, der Geschichte von einer sterbenden Welt und einem heldenhaften Volk, das in seiner Verzweiflung Kan�le baute, um das letzte t�dliche Vordringen der W�ste zu verhindern.</emphasis></p><p><emphasis>Das war eine gro�artige Geschichte. Aber dann schickten die Sonden</emphasis> Mariner <emphasis>und</emphasis> Viking <emphasis>ihre Fotos, und alles �nderte sich. Unser Wissen �ber den Mars erweiterte sich um Gr��enordnungen, und wir erfuhren buchst�blich millionenfach mehr �ber ihn, als wir zuvor besa�en. Und so entfaltete sich vor uns eine neue Welt, eine Welt, die niemand geahnt hatte.</emphasis></p><p><emphasis>Indessen schien sie eine Welt ohne Leben zu sein. Die Leute suchten nach Anzeichen fr�heren oder gegenw�rtigen Lebens auf dem Mars, nach allem m�glichen von Mikroben bis hin zu den ungl�cklichen Erbauern von Kan�len oder sogar Besuchern von au�erhalb. Wie Sie wissen, wurden niemals Hinweise solcher Art gefunden. Und so sind nat�rlich Geschichten erbl�ht, um die L�cke zu f�llen�� gerade so wie zu Zeiten von Lowell oder Homer oder der H�hlenmenschen und Bewohnern von Savannen. Das waren Geschichten von Mikrofossilien, die durch unsere Bio-Organismen vernichtet wurden, oder von Ruinen, die in Staubst�rmen gefunden wurden und dann f�r immer verloren gingen, von dem Gro�en Menschen und all seinen Abenteuern, sowie den schwer erfassbaren kleinen roten M�nnchen, die man immer nur im Augenwinkel zu sehen bekam. Diese Geschichten wurden alle erz�hlt in dem Bem�hen, den Mars lebend zu sehen oder ihn wieder mit Leben zu erf�llen. Denn wir sind immer noch die Wesen, welche die Eiszeit �berlebt haben, die voll Staunen zum Nachthimmel aufgeschaut und Geschichten erz�hlt haben. Und der Mars hat nie aufgeh�rt, das zu sein, was er f�r uns von Anbeginn gewesen ist�� ein gro�es Zeichen, ein gro�es Symbol, eine gro�e Macht.</emphasis></p><p><emphasis>Und so sind wir hierher gekommen. Er war eine Macht, jetzt ist er ein Ort.</emphasis></p><empty-line/><p>�� und so sind wir hierher gekommen. Was sie aber nicht erkannten, war, dass wir um die Zeit, da wir auf den Mars kamen, durch die Ausreise so ver�ndert sein w�rden, dass das, was man uns zu tun aufgetragen hatte, keine Rolle mehr spielte. Es war nicht wie Leben unter Wasser oder wie die Besiedlung des Wilden Westens�� es war eine <emphasis>v�llig neue Erfahrung.</emphasis> Und als der Flug der <emphasis>Ares</emphasis> andauerte, war die Erde schlie�lich so weit entfernt, dass sie nicht mehr war als ein blauer Stern unter all den anderen, so weit entfernt, dass sie aus einem fr�heren Jahrhundert zu stammen schien. Wir waren auf uns allein gestellt und wurden so zu <emphasis>fundamental anderen Wesen.�</emphasis></p><p>Lauter L�gen, dachte Frank Chalmers �rgerlich. Er sa� unter einer Reihe von W�rdentr�gern und verfolgte, wie sein alter Freund John Boone seine �bliche Anfeuerungsrede hielt. Die stimmte Chalmers missmutig. Die lange Reise zum Mars hatte sich in Wahrheit so ausgewirkt wie eine endlose Eisenbahnfahrt. Sie waren nicht nur zu gr�ndlich anderen Wesen, sondern tats�chlich ihrer selbst �hnlicher geworden denn je. Sie waren aller Gewohnheiten entbl��t worden, bis nur noch das nackte Rohmaterial von ihnen �brig geblieben war. Aber John stand auf, richtete einen mahnenden Zeigefinger auf die Menge und sagte: �Wir sind hierher gekommen, um etwas v�llig Neues zu tun; und als wir eintrafen, sind unsere irdischen Differenzen weggefallen, die in dieser neuen Welt irrelevant sind!� Jawohl, er meinte das alles w�rtlich. Seine Vision vom Mars war eine Linse, die alles verzerrte, was er sah, eine Art von Religion.</p><p>Chalmers h�rte nicht mehr hin und lie� seinen Blick �ber die neue Stadt schweifen. Sie w�rden sie <emphasis>Nicosia</emphasis> nennen. Es war die erste Stadt von nennenswerter Gr��e, die auf der Marsoberfl�che freistehend erbaut werden sollte. Alle Geb�ude befanden sich innerhalb von etwas, das praktisch ein ungeheuer gro�es durchsichtiges Zelt war, getragen von einem fast unsichtbaren Rahmen und errichtet auf der Anh�he von Tharsis, westlich von Noctis Labyrinthus. Dieser Standort lieferte eine gewaltige Aussicht, mit einem Horizont, der im Westen durch den breiten Gipfel von Pavonis Mons markiert war. F�r die Marsveteranen in der Menge war es berauschend: Sie waren heraus aus den Gr�ben und Mesas und Kratern und konnten f�r immer etwas sehen! Hurra!</p><p>Ein Lachen im Publikum richtete Franks Aufmerksamkeit wieder auf seinen alten Freund. John Boone hatte eine etwas heisere Stimme und einen angenehmen Akzent des Mittelwestens; und er war abwechselnd (und manchmal alles zugleich) entspannt, angestrengt, ergeben, selbstkritisch, bescheiden, vertrauensvoll, ernsthaft und spa�ig. Kurzum�� der perfekte �ffentliche Redner. Und die H�rerschaft war hingerissen. Es war der <emphasis>erste Mensch auf dem Mars,</emphasis> der zu ihnen sprach; und nach ihren Mienen zu urteilen, h�tten sie ebenso gut zuschauen k�nnen, wie Jesus ihnen ihr Abendessen aus Broten und Fischen erzeugte. Und John verdiente wirklich fast ihre Verehrung, weil er auf einem anderen Planeten ein �hnliches Wunder vollbrachte, indem er ihr auf Konservendosen beruhendes Leben in eine erstaunliche geistige Reise verwandelte. �Auf dem Mars wird es so sein, dass wir mehr denn je zuvor uns umeinander k�mmern�, sagte John. Das bedeutete, wie Chalmers dachte, einen alarmierenden Fall jener Art von Verhalten, wie man sie bei Experimenten mit �berbev�lkerung an Ratten beobachtet hat. John sagte: �Der Mars ist ein erhabener, exotischer und gef�hrlicher Ort�, wobei er eine gefrorene Kugel aus oxidiertem Gestein meinte, auf der sie etwa f�nfzehn Rem<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a> j�hrlich ausgesetzt waren. �Und mit unserer Arbeit�, fuhr er fort, �gestalten wir eine neue soziale Ordnung und den n�chsten Schritt in der Geschichte der Menschheit�, also die j�ngste Variante in der Dynamik der Vorherrschaft von Primaten.</p><p>John schloss mit dieser Floskel, und es gab nat�rlich ein riesiges Beifallsgebr�ll. Dann betrat Maya Toitovna das Podium, um Chalmers vorzustellen. Frank warf ihr einen privaten Blick zu, der besagte, dass er keineswegs in Stimmung war f�r einen ihrer Scherze. Sie sah das und sagte: �Unser n�chster Redner ist der Treibstoff in unserem kleinen Raketenschiff gewesen�, was irgendwie ein Lachen hervorrief. �Seine Vision und Energie sind es, was uns in erster Linie zum Mars gebracht hat; also sparen Sie sich jegliche Beschwerden, die Sie f�r unseren n�chsten Sprecher haben m�gen�� meinen alten Freund Frank Chalmers.�</p><p>Auf dem Podium war er selbst davon �berrascht, wie gro� die Stadt wirkte. Sie bedeckte ein langes Dreieck; und sie waren auf dessen h�chstem Punkt versammelt, einem Park, der seinen westlichen Scheitel einnahm. Sieben Wege verliefen strahlenf�rmig nach unten durch den Park, um zu breiten, von B�umen ges�umten und mit Gras bewachsenen Boulevards zu werden. Zwischen den Boulevards standen niedrige, trapezf�rmige Geb�ude, deren jedes mit polierten Steinen unterschiedlicher Farben verkleidet war. Gr��e und Architektur verliehen den Bauten ein leicht pariserisches Aussehen�� von Paris, wie es ein Betrunkener Fauvist im Fr�hling sah, mit Stra�encafes und so weiter. Vier oder f�nf Kilometer weiter unten war das Ende der City durch drei schlanke Wolkenkratzer markiert, jenseits derer die flachen Gr�nfl�chen der Farm lagen. Die Wolkenkratzer stellten einen Teil des Zeltger�stes dar, welches �ber den K�pfen ein gew�lbtes Netz von himmelfarbenen Linien bildete. Das Material des eigentlichen Zeltes war unsichtbar, so dass es aussah, als st�nde man unter freiem Himmel. Dieser war goldfarben. Nicosia w�rde wohl eine beliebte Stadt werden.</p><p>Chalmers sprach zu den Zuh�rern und erhielt begeisterte Zustimmung. Offenbar hatte er die Leute, launisch wie sie waren, ebenso in der Hand wie John. Chalmers war st�mmig und dunkel und wusste, dass er einen Kontrast zu Johns gutem blondem �u�eren darstellte. Er wusste aber ebenso gut, dass er sein eigenes grobes Charisma hatte; und als er in Schwung kam, zog er die Menge damit an und verfiel in eine Auswahl seines Vorrats an Phrasen.</p><p>Dann fiel zwischen den Wolken ein Sonnenstrahl wie eine Lanze herunter, traf die nach oben gewandten Gesichter der Menge; und er empfand eine seltsame Verkrampfung im Magen. So viele Leute hier, so viele <emphasis>Fremde!</emphasis> Menschenmassen hatten etwas Erschreckendes an sich�� alle diese feuchten, halbfl�ssigen Augen in rosa Fassungen, die ihn anschauten�� das war fast zu viel. F�nftausend Menschen in einer einzigen Stadt auf dem Mars! Nach all den Jahren in Underhill war das schwer zu fassen.</p><p>T�richterweise suchte er seinen H�rern etwas davon mitzuteilen. Er sagte: �Seht euch nur um! Die Seltsamkeit unserer Anwesenheit hier ist�� auff�llig.�</p><p>Die Menge entglitt ihm. Wie sollte er es sagen? Wie sollte er sagen, dass allein sie in dieser ganzen steinernen Welt lebendig waren, sie, deren Gesichter wie Lampions bei Nacht leuchteten? Wie sollte er sagen, dass dies hier, selbst wenn Lebewesen weiter nichts waren als Tr�ger unbarmherziger Gene, immer noch irgendwie besser war als die nackte mineralische Nichtshaftigkeit von allem anderen?</p><p>Nat�rlich konnte er das nicht aussprechen. Vielleicht niemals, und bestimmt nicht in einer Rede. Also nahm er sich zusammen und sagte: �In der Verlassenheit des Mars ist die Pr�senz des Menschen gewiss eine bemerkenswerte Tatsache.� (Sie w�rden sich mehr umeinander k�mmern denn jemals zuvor, wiederholte zynisch eine innere Stimme.) �Der Planet als solcher ist ein toter, gefrorener Alptraum� (deshalb exotisch und grandios), �und so auf uns allein angewiesen, befinden wir uns notwendigerweise im Prozess einer gewissen�� Reorganisation� (oder Bildung einer neuen Ordnung)�� so dass er sich tats�chlich dabei ertappte, dass er genau dieselben L�gen verk�ndete, die er gerade von John geh�rt hatte!</p><p>So bekam er am Ende seiner Rede auch einen donnernden Beifall. Verunsichert erkl�rte er, es sei Essenszeit, und beraubte damit Maya ihrer Chance f�r ein Schlusswort. Obwohl sie wahrscheinlich gewusst hatte, dass er das tun w�rde, und sich gar nicht darum gek�mmert hatte, sich eins auszudenken. Frank Chalmers liebte es, das letzte Wort zu haben.</p><empty-line/><p>Die Leute str�mten auf die improvisierte Plattform, um sich unter die Ber�hmtheiten zu mischen. Es war selten, dass man so viele der Ersten Hundert noch einmal auf einem Fleck antraf. So dr�ngten sie sich um John und Maya, Samantha Hoyle, Sax Russell und Chalmers.</p><p>Frank blickte �ber die Menge auf John und Maya. Er erkannte nicht die Gruppe von Erdleuten, die sich um sie dr�ngten. Das machte ihn neugierig, und er bahnte sich einen Weg �ber das Podium. Als er n�her kam, sah er, wie Maya und John sich einen Blick zuwarfen. �Es gibt keinen Grund, weshalb es hier nicht unter normalem Gesetz funktionieren sollte�, sagte gerade einer der Erdleute.</p><p>Maya antwortete ihm: �Hat Sie der Olympus Mons wirklich an Mauna Loa erinnert?�</p><p>�Sicher�, sagte der Mann. �Schildvulkane sehen alle gleich aus.�</p><p>Frank starrte �ber den Kopf dieses Idioten Maya an. Sie erwiderte den Blick nicht. John tat so, als h�tte er Franks Hinzukommen nicht bemerkt. Samantha Hoyle sprach leise mit einem anderen Mann, dem sie etwas erkl�rte. Der nickte und schaute dann unwillk�rlich Frank an, dem Samantha weiter den R�cken zukehrte. Aber es war John, auf den es ankam, John und Maya. Und diese beiden taten so, als g�be es nichts Ungew�hnliches. Aber der Gegenstand des Gespr�chs, was immer er gewesen sein mochte, war dahin.</p><empty-line/><p>Chalmers verlie� die Plattform. Immer noch str�mten Menschen durch den Park nach unten, auf Tische zu, die an den oberen Enden der sieben Boulevards aufgestellt waren. Chalmers folgte ihnen unter jungen verpflanzten Sykomoren, deren khakifarbene Bl�tter das Licht des Nachmittags belebten, dass der Park aussah wie der Grund eines Aquariums.</p><p>An den Tischen des Banketts kippten Bauarbeiter Wodka hinunter und wurden ruppig�� dunkel bewusst, dass mit der Fertigstellung der Konstruktion das heroische Zeitalter von Nicosia ein Ende gefunden hatte. Vielleicht galt das f�r den ganzen Mars.</p><p>Die Luft wurde erf�llt von durcheinander t�nenden Gespr�chen. Frank tauchte unter die Turbulenz und wanderte zur n�rdlichen Peripherie weiter. An einer brusthohen Betonkappe blieb er stehen. Das war die Stadtmauer. Aus den Metallstreifen dar�ber ragten vier Schichten aus klarem Kunststoff. Ein Schweizer gab mit fr�hlichen Fingerzeigen einer Besuchergruppe Erkl�rungen.</p><p>�Eine �u�ere Membran aus piezoelektrischer Plastik erzeugt aus Wind Elektrizit�t. Dann enthalten zwei Fl�chen eine Schicht aus isolierendem Luft-Gel. Ferner ist die innere Fl�che eine Strahlung auffangende Membran, die sich purpurn f�rbt und ersetzt werden muss. Klarer als ein Fenster, nicht wahr?�</p><p>Die Besucher stimmten zu. Frank langte hin und stie� an die innere Membran. Die dehnte sich, bis seine Finger kn�cheltief eindrangen. Etwas k�hl. Auf dem Kunststoff war ein matter wei�er Aufdruck: ISIDIS PLANTTTA POLYMERE. Durch die Sykomoren konnte er �ber die Schulter noch die Plattform auf dem Scheitel erkennen. John und Maya und ihr Haufen Bewunderer von der Erde waren dort noch in lebhaftem Gespr�ch. Sie f�hrten die Gesch�fte des Planeten und entschieden �ber das Schicksal des Mars.</p><p>Er hielt den Atem an. Er f�hlte, wie sich seine Backenz�hne zusammenpressten. Er stie� so heftig an die Zeltwand, dass er die �u�erste Membran hinausdr�ckte, was bedeutete, dass ein Teil seiner Wut eingefangen und als Elektrizit�t im Netz der Stadt gespeichert wurde. Es war in dieser Hinsicht ein besonderes Polymer�� Kohlenstoffatome, mit Wasserstoff- und Fluoratomen so verbunden, dass die resultierende Substanz sogar noch st�rker piezoelektrisch war als Quarz. Wenn man aber eines der drei Elemente austauschte, ver�nderte sich alles. Zum Beispiel ergab der Austausch von Chlor f�r Fluor das chemisch und mechanisch sehr resistente Verpackungsmaterial Saran.</p><p>Frank starrte auf seine eingeh�llte Hand und dann wieder auf die anderen beiden Elemente, die noch miteinander verbunden waren. Aber ohne ihn waren sie ein Nichts!</p><p>�rgerlich wandte er sich ab und ging durch die engen Stra�en der Stadt.</p><empty-line/><p>Wie Miesmuscheln auf einem Stein hockte in einer Plaza eine Gruppe Araber zusammengedr�ngt und trank Kaffee. Araber waren auf dem Mars erst vor zehn Jahren eingetroffen, bildeten aber schon jetzt eine Macht, mit der man rechnen musste. Sie besa�en sehr viel Geld und hatten sich mit den Schweizern zusammengetan, um eine Anzahl von St�dten zu gr�nden, einschlie�lich dieser hier. Und es gefiel ihnen auf dem Mars. �Es ist wie ein k�hler Tag in einer leeren Wohnung�, wie die Saudis zu sagen pflegten. Die �hnlichkeit war so gro�, dass arabische W�rter schnell ins Englische rutschten, weil der arabische Wortschatz ein gr��eres Vokabular f�r diese Landschaft hatte: <emphasis>akaba</emphasis> f�r die steilen H�nge an Vulkanen, <emphasis>badia</emphasis> f�r die gro�en D�nen, <emphasis>nefuds</emphasis> f�r tiefen Sand, <emphasis>seyl</emphasis> f�r die Milliarden Jahre alten trockenen Flussbetten�� Die Leute sagten, sie k�nnten ebenso gut gleich auf arabisch umschalten, und das war�s dann.</p><p>Frank hatte allerhand Zeit mit Arabern verbracht, und die Leute auf der Plaza freuten sich, ihn zu sehen. <emphasis>�Salaam aleykl�</emphasis> sagten sie zu ihm; und er antwortete: <emphasis>�Marhabba!�</emphasis> Wei�e Z�hne blitzten unter schwarzen Schnurrb�rten. Nur M�nner waren da, wie �blich. Einige Jugendliche f�hrten ihn zu einem Tisch in der Mitte, wo die �lteren M�nner sa�en, einschlie�lich seines Freundes Zeyk. Zeyk sagte: �Wir werden diesen Platz <emphasis>Hajr el-kra Meshab</emphasis> nennen, �den gro�en freien roten Granitplatz in der Stadt�.� Er zeigte auf die rostfarbenen Fliesen. Frank nickte und fragte, was f�r eine Art Stein das w�re. Er sprach Arabisch, soweit er konnte, ging bis an die Grenzen seiner F�higkeit und erhielt einige gute Lacher als Antwort. Dann nahm er an dem zentralen Tisch Platz und entspannte sich. Er hatte den Eindruck, als ob er auf einer Stra�e in Damaskus oder Kairo w�re, behaglich in dem Gemisch von Arabisch und teurem Aftershave.</p><p>Er studierte die Gesichter der M�nner, w�hrend sie sprachen. Ohne Zweifel eine fremdartige Kultur. Sie w�rden sich nicht ver�ndern, blo� weil sie auf dem Mars waren, womit sie Johns Vision L�gen straften. Ihr Denken prallte direkt auf das westliche. Zum Beispiel hielten sie die Trennung von Kirche und Staat f�r falsch, was es ihnen unm�glich machte, mit Westlern hinsichtlich der Grundlagen einer Regierung gleicher Meinung zu sein. Und sie waren so patriarchalisch, dass es hie�, manche ihrer Frauen seien Analphabeten�� auf dem Mars! Das war ein Zeichen. Und diese M�nner hatten in der Tat den gef�hrlichen Blick, den Frank mit Machotum verband, den Blick von M�nnern, die ihre Frauen so grausam unterdr�ckten, dass diese nat�rlich zur�ckschlugen, wo sie konnten, und S�hne terrorisierten, die dann Frauen terrorisierten, die wiederum S�hne terrorisierten und so weiter und so weiter, in einer endlosen Todesspirale von verzerrter Liebe und Geschlechterha�. So dass sie in diesem Sinne alle Wahnsinnige waren.</p><p>Dies war einer der Gr�nde, weshalb Frank sie liebte. Und gewiss w�rden sie sich ihm als n�tzlich erweisen als ein neuer Herd der Macht. Man verteidige einen schwachen neuen Nachbarn, um die alten m�chtigen zu schw�chen, hatte Macchiavelli gesagt. Also trank er mit ihnen Kaffee, und allm�hlich gingen sie h�flicherweise zu Englisch �ber.</p><p>�Wie haben euch die Reden gefallen?� fragte er und blickte in den schwarzen Schlamm auf dem Boden seiner Tasse.</p><p>Der alte Zeyk antwortete: �John Boone ist immer derselbe.� Die anderen lachten �rgerlich. �Wenn er sagt, dass er eine bodenst�ndige Mars-Kultur schaffen will, dann meint er, dass hier einige irdische Kulturen gef�rdert und andere bek�mpft werden sollen. Die, welche man f�r regressiv h�lt, werden zwecks Vernichtung ausgegliedert werden. Das ist eine Form von Atat�rkentum.�</p><p>�Er denkt, dass ein jeder auf dem Mars Amerikaner werden sollte�, sagte ein Mann namens Nejm.</p><p>�Warum nicht?� sagte Zeyd l�chelnd. �Auf der Erde ist das schon passiert.�</p><p>�Nein�, sagte Frank. �Ihr solltet Boone nicht missverstehen. Die Leute sagen, er sei in sich selbst vertieft, aber���</p><p>�Er ist in sich vertieft!� rief Nejm. �Er lebt in einem Spiegelsaal. Er denkt, wir seien auf den Mars gekommen, um eine gute alte amerikanische Superkultur aufzubauen, und dass ein jeder zustimmen wird, weil es der Plan von John Boone ist.�</p><p>�Er begreift nicht, dass andere Leute andere Meinungen haben�, sagte Zeyk.</p><p>�Das ist es nicht�, erkl�rte Frank. �Es ist nur, dass er davon �berzeugt ist, sie w�ren weniger sinnvoll.�</p><p>Sie lachten dar�ber, aber das Gejohle der j�ngeren M�nner hatte einen bitteren Unterton. Sie alle glaubten, dass Boone vor ihrer Ankunft heimlich gegen die Billigung der UN f�r arabische Siedlungen agitiert hatte. Frank ermutigte diese Meinung, die fast stimmte; denn John missbilligte jede Ideologie, die ihm in die Quere kommen k�nnte. Er wollte, dass jeder Neuank�mmling ein m�glichst unbeschriebenes Blatt sein sollte.</p><p>Die Araber glaubten indessen, dass John sie insbesondere nicht leiden k�nnte. Der junge Selim el-Hayil �ffnete den Mund, um zu reden. Frank warf ihm einen schnellen warnenden Blick zu. Selim erstarrte und verzog dann �rgerlich den Mund. Frank sagte: �Nun, gar so schlecht ist er nicht. Obwohl es wahr ist, dass ich ihn sagen h�rte, es w�re besser gewesen, wenn die Amerikaner und Russen in der Lage gewesen w�ren, den Planeten f�r sich zu beanspruchen, als sie eintrafen, wie Kundschafter in den alten Zeiten.�</p><p>Das Gel�chter war kurz und schwach. Selim bewegte eine Schulter, als h�tte er einen Schlag erhalten. Frank zuckte die Achseln und l�chelte mit weit ausgebreiteten Armen. �Es hat aber keinen Sinn! Ich meine, was k�nnen wir tun?�</p><p>Der alte Zeyk hob die Augenbrauen. �Es gibt unterschiedliche Meinungen, die sich �ndern k�nnen.�</p><p>Chalmers erhob sich, um weiterzugehen. F�r einen Moment begegnete ihm der scharfe Blick Selims. Dann schlenderte er durch eine Seitenstra�e, eine jener schmalen Gassen, welche die sieben Hauptboulevards der Stadt verbanden. Die meisten waren mit Kieselsteinen oder Gras bedeckt; aber diese zeigte groben gelben Beton. Er ging langsamer an einem zur�ckgesetzten Torweg vorbei und schaute in das Fenster einer geschlossenen Schuhwerkstatt. Sein schwaches Spiegelbild erschien in einem Paar gro�er Stiefel f�r Au�enarbeiten.</p><p><emphasis>Meinungen �ndern sich.</emphasis> Ja, viele Leute hatten John Boone untersch�tzt�� das war selbst Chalmers �fters passiert. Vor ihm erschien ein Bild von John im Wei�en Hause, mit einem durch �berzeugung ger�teten Gesicht, sein widerspenstiges blondes Haar wild flatternd, wobei die Sonne in die Fenster des Oval Office schien und ihn beleuchtete, wie er mit den H�nden gestikulierte und im Raum hin und her schritt, st�ndig redend, w�hrend der Pr�sident nickte und dessen Adjutanten aufpassten, sich �berlegend, wie sie dies elektrisierende Charisma aufnehmen sollten. Oh, in jenen Tagen waren sie beide, Chalmers und Boone, in Hochform gewesen: Frank mit den Ideen und John als der Frontmann, mit einem Schwung, der praktisch unaufhaltsam war. Es w�re wirklich eher eine Sache von Entgleisung gewesen.</p><p>Selim el-Hajils Spiegelung erschien zwischen den Stiefeln.</p><p>�Ist es wahr?� fragte er.</p><p>�Ist was wahr?� sagte Frank knapp.</p><p>�Ist Boone anti-arabisch?�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�War er es, der die Genehmigung zum Bau der Moschee auf Phobos blockiert hat?�</p><p>�Er ist ein m�chtiger Mann.�</p><p>Der junge Saudi verzog das Gesicht. �Der m�chtigste Mann auf dem Mars, und er will noch mehr! Er will K�nig sein!� Selim ballte die Faust und schlug damit in die andere Hand. Er war schlanker als die anderen Araber, mit einem schwachen Kinn, und sein sch�tterer Schnurrbart bedeckte einen kleinen Mund.</p><p>Frank sagte: �Bald kommt der Vertrag zur Erneuerung. Und Boones Koalition umgeht mich.� Er knirschte mit den Z�hnen. �Ich kenne ihre Pl�ne nicht, werde das aber heute Abend herausfinden. Du kannst dir immerhin vorstellen, wie sie sein werden. Sicher westliche Tendenzen. Er k�nnte seine Zustimmung f�r einen neuen Vertrag hinausschieben, bis er garantiert, dass alle neuen Siedlungen nur mit den Unterschriften der urspr�nglichen Signatare zustande kommen.� Selim erschauerte, und Frank dr�ngte: �Das ist es, was er will. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass er es bekommen k�nnte; denn seine neue Koalition macht ihn noch m�chtiger denn je. Das k�nnte ein Ende f�r Besiedlungen ohne Nichtsignatare bedeuten. Ihr w�rdet zu Gastwissenschaftlern. Oder zur�ckgeschickt.�</p><p>Im Fenster wirkte die Spiegelung von Selims Gesicht wie eine Art w�tender Maske. <emphasis>�Battal, battal�,</emphasis> murmelte er. Sehr schlimm, sehr schlimm. Er rang die H�nde wie au�er Kontrolle und brummte etwas �ber den Koran oder Camus, Persepolis oder den Pfauenthron�� nerv�se Hinweise ohne logischen Zusammenhang. Er stammelte.</p><p>Chalmers sagte rau: �Reden bedeutet nichts. Wenn es so weit kommt, spielt nur Handeln eine Rolle.�</p><p>Das lie� den jungen Araber verstummen. Schlie�lich sagte er: �Ich kann mir nicht sicher sein.�</p><p>Frank knuffte ihn in den Arm und sah, wie ein Schock durch den Mann lief. �Es ist dein Volk, �ber das wir reden. Es ist dieser Planet, �ber den wir reden.�</p><p>Selims Mund verschwand unter seinem Schnurrbart. Nach einiger Zeit sagte er: �Das ist wahr.�</p><p>Frank erwiderte nichts. Sie blickten gemeinsam in das Fenster, als ob sie Stiefel beurteilten.</p><p>Endlich hob Frank die Hand und sagte ruhig: �Ich werde wieder mit Boone reden. Heute Abend. Er reist morgen ab. Ich werde versuchen, zu ihm zu sprechen und ihn zur Vernunft zu bringen. Ich bezweifle, ob das etwas bringt. Das war noch nie der Fall. Aber ich werde es versuchen. Danach�� sollten wir uns treffen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Also im Park auf dem s�dlichsten Weg. Um elf Uhr.�</p><p>Selim nickte.</p><p>Chalmers durchbohrte ihn mit einem Blick. �Reden bringt nichts�, sagte er und ging fort.</p><empty-line/><p>Der n�chste Boulevard, den Chalmers erreichte, war voller Leute, die sich vor zur Stra�e offenen Bars dr�ngten oder vor Kiosken, wo es Kuskus und Bratwurst gab�� sowohl arabisch wie schweizerisch. Das schien eine seltsame Kombination zu sein, vertrug sich aber gut zusammen.</p><p>An diesem Abend verteilten einige Schweizer Gesichtsmasken aus der T�r eines Apartments. Anscheinend feierten sie dieses Stadtfest als eine Fastnacht oder <emphasis>Mardi gras,</emphasis> mit Masken, Musik und jeder Art sozialer Umkehrung, genau so, wie es daheim in jenen wilden Februarn�chten in Basel, Z�rich und Luzern �blich war�� John reihte sich impulsiv der Schlange ein. �Um jeden tiefen Geist w�chst immer eine Maske�, sagte er zu zwei jungen Frauen, die vor ihm standen. Die nickten h�flich und nahmen dann wieder ihre Konversation in Schwyzerd�tsch auf, einem gutturalen Dialekt, der nie aufgeschrieben wurde, einem privaten Code, der sogar f�r Deutsche unverst�ndlich war. Die Schweiz stellte auch eine undurchdringliche Kultur dar, in mancher Hinsicht sogar noch mehr als die arabische. So war es, dachte Frank. Sie arbeiteten gut zusammen, weil beide so insular waren, dass sie nie einen wirklichen Kontakt herstellten. Er lachte laut, als er eine Maske nahm�� ein schwarzes Gesicht mit roten Stoffgemmen beklebt. Er legte sie an.</p><p>Eine Reihe maskierter Festteilnehmer schl�ngelte sich den Boulevard hinunter�� betrunken, gel�st, fast au�er Kontrolle. An einer Kreuzung �ffnete sich der Boulevard auf einen kleinen Platz, wo ein Springbrunnen von der Sonne gef�rbtes Wasser in die Luft spr�hte. Rings um die Font�ne h�mmerte eine Blechtrommelband eine Kalypsomelodie. Leute sammelten sich um sie, tanzten oder h�pften im Rhythmus des tiefen <emphasis>Bumm</emphasis> der Ba�trommel. Hundert Meter in der H�he ergoss eine �ffnung im Zeltger�st kalte Luft auf den Platz�� Luft, die so kalt war, dass kleine Schneeflocken darin schwebten, die im Licht wie Splitter von Glimmer blitzten. Dann knatterte ein Feuerwerk direkt unter dem Zeltdach los, und bunte Funken fielen zwischen den Schneeflocken zu Boden.</p><empty-line/><p>Der Sonnenuntergang machte es mehr als zu jeder anderen Tageszeit deutlich, dass sie auf einem fremden Planeten standen. Etwas in der Neigung und R�te des Lichts war v�llig falsch und widersprach Erwartungen, die im Laufe von Jahrmillionen in das Savannengehirn eingepr�gt waren. Dieser Abend lieferte ein besonders krasses und erregendes Beispiel f�r dieses Ph�nomen. Frank schritt in diesem Licht dahin und begab sich wieder zur Stadtmauer. Der ebene S�den der Stadt war mit Steinen �bers�t, deren jeder einen langen schwarzen Schatten warf. Niemand da. Die Tore wurden bei Festen wie diesem verschlossen, um zu verhindern, dass Betrunkene hinausgingen und zu Schaden k�men. Aber Frank hatte den Notfallcode des Feuerwehrcomputers. Und als er sicher war, dass niemand zuschaute, gab er den Code ein und eilte in die Schleuse. Er legte einen Schutzanzug, Stiefel und Helm an und schritt durch die mittlere und �u�ere T�r. Drau�en war es wie immer sehr kalt, und das rhombusf�rmige Heizelement des Schutzanzugs brannte durch seine Kleidung hindurch. Er ging knirschend �ber Beton und Hartkruste. Loser Sand flog nach Osten, vom Wind getrieben.</p><p>Er schaute sich m�rrisch um. Allenthalben Steine. Ein Planet, der milliardenfach von Tr�mmern getroffen worden war. Und Meteorite fielen immer noch. Eines Tages w�rde eine Stadt einen Treffer erhalten. Er wandte sich um und blickte zur�ck. Sie sah aus wie ein in der D�mmerung leuchtendes Aquarium. Es w�rde keine Vorwarnung geben; aber alles w�rde sofort in St�cke fliegen: W�nde, Fahrzeuge, B�ume, Leiber. Die Azteken hatten geglaubt, dass die Welt auf eine von vier Arten enden w�rde: Erdbeben, Feuer, �berschwemmung oder vom Himmel fallende Jaguare. Hier w�rde es kein Feuer geben. Auch kein Erdbeben und keine Flut, dachte er. Die Jaguare w�rden kommen.</p><p>Der D�mmerungshimmel �ber Pavonis Mons war ein tr�bes Rosa. Nach Osten hin dehnte sich die Farm von Nicosia, ein langes flaches Gew�chshaus, das sich von der Stadt nach unten hinzog. Aus diesem Winkel konnte man erkennen, dass die Farm gr��er war als die eigentliche Stadt und gedr�ngt voller gr�ner Felder. Frank trat gegen eine ihrer �u�eren Schleusen und trat ein.</p><p>Im Innern der Farm war es hei�, volle drei�ig Grad w�rmer als in der Stadt. Er musste seinen Helm aufbehalten, da die Luft hier auf die Pflanzen abgestimmt war, reich an Kohlendioxid und arm an Sauerstoff. Er blieb bei einer Arbeitsstelle stehen und kramte in Schubladen voller kleiner Werkzeuge und Pestizidpflaster, Handschuhe und Beutel. Er suchte sich drei kleine Pflaster aus und tat sie in einen Plastikbeutel; dann schob er diesen in die Tasche des Anzugs. Die Pflaster waren raffinierte Pestizide, Biosaboteure, die dazu dienen sollten, Pflanzen mit systemeigenem Schutz zu versorgen. Er hatte dar�ber gelesen und wusste von einer Kombination, die bei Tieren t�dlich sein w�rde��</p><p>In die andere Tasche tat er ein Paar Scheren. Schmale Kieswege f�hrten ihn empor zwischen langen Beeten mit Gerste und Weizen, zur�ck zur eigentlichen Stadt. Er betrat die in die Stadt f�hrende Schleuse, l�ste den Helm, streifte Anzug und Stiefel ab und tat den Inhalt der �u�eren Taschen in seine Jacke. Dann kehrte er in das untere Ende der Stadt zur�ck.</p><p>Hier hatten die Araber eine Medina errichtet. Sie hatten darauf bestanden, dass eine solche Nachbarschaft f�r die Gesundheit einer Stadt von entscheidender Bedeutung w�re. Die Boulevards wurden enger, und zwischen ihnen lagen Labyrinthe gewundener Gassen, die den Karten von Tunis oder Algier entnommen oder willk�rlich geschaffen waren. Man konnte nirgends von einem Boulevard zum n�chsten sehen, und der Himmel �ber den K�pfen war nur in schmalen Streifen zwischen H�usern zu erblicken, die sich einander zuneigten.</p><p>Die meisten Gassen waren jetzt leer, da die Party oben in der Stadt lief. Ein paar Katzen schlichen zwischen den H�usern herum und erkundeten ihr neues Heim. Frank holte die Scheren aus der Tasche und kratzte in arabischer Schrift in einige Plastikfenster die Worte: <emphasis>Jude, Jude, Jude, Jude.</emphasis> Dann ging er weiter und pfiff durch die Z�hne. Eck-Cafes waren kleine H�hlen voller Licht. Flaschen klapperten wie die H�mmer von Goldsuchern. Ein Araber sa� auf einem breiten schwarzen Lautsprecher und spielte eine elektrische Gitarre.</p><p>Chalmers erreichte den zentralen Boulevard und ging ihn hinauf. Burschen im Ge�st der Linden und Sykomoren br�llten sich Lieder in Schwyzerd�tsch und Englisch zu. Eines lautete: �John Boone / Went to the Moon / No fast cars / He went to Mars!� Kleine Musikergruppen quetschten sich durch die immer dichtere Menge. Einige M�nner mit Schnurrb�rten, kost�miert wie amerikanische Cheerleader, zappelten geschickt in einem komplizierten Cancan. Kinder schlugen auf kleine Plastiktrommeln. Es war laut. Da das Zeltdach den Ton absorbierte, konnte man unter den Kuppeln keine Echos h�ren; aber laut war es trotzdem.</p><p>Weiter oben, wo sich der Boulevard in den Sykomorenpark �ffnete, war John pers�nlich, inmitten einer kleinen Volksmenge. Er sah Chalmers herankommen, erkannte ihn trotz der Maske und winkte ihm zu. So gut kannten die Ersten Hundert einander��</p><p>�He, Frank�, sagte er. �Du scheinst dich gut zu am�sieren.�</p><p>�Allerdings�, sagte Frank durch seine Maske. �Ich liebe St�dte wie diese, du nicht auch? Eine Herde gemischter Arten. Sie zeigt einem, was f�r eine vielf�ltige Sammlung von Kulturen der Mars ist.�</p><p>John l�chelte leicht. Sein Blick glitt �ber den Boulevard unten.</p><p>Frank sagte in scharfem Ton: �So ein Ort ist in deinem Plan ein Hindernis, nicht wahr?�</p><p>Boone wandte ihm wieder den Blick zu. Die Menge ringsum zerstreute sich. Sie sp�rte, dass der Wortwechsel einen scharfen Charakter annahm. Boone sagte zu Frank: �Ich habe keinen Plan.�</p><p>�Oha! Was ist mit deiner Rede?�</p><p>Boone zuckte die Achseln. �Die hat Maya geschrieben.�</p><p>Eine doppelte L�ge, und John glaubte nicht, dass Maya sie verfasst hatte. Selbst nach all diesen Jahren war es fast so, als spr�che er zu einem Fremden. Zu einem Politiker im Einsatz. �Mach schon, John�, zischte Frank. �Du glaubst all dies und wei�t das.</p><p>Aber was wirst du mit all diesen unterschiedlichen Nationalit�ten machen? All dem ethnischen Hass, dem religi�sen Fanatismus? Deine Koalition kann all das schwerlich unterdr�cken. Du kannst den Mars nicht f�r dich behalten, John. Er ist keine Forschungsstation mehr, und du wirst keinen Vertrag kriegen, der ihn wieder zu einer macht.�</p><p>�Das versuchen wir auch gar nicht.�</p><p>�Warum hast du dich dann bem�ht, mich aus den Gespr�chen herauszuhalten?�</p><p>�Das tat ich nicht!� John machte ein gekr�nktes Gesicht. �Entspann dich, Frank! Wir werden es zusammen ausfechten, wie wir es immer getan haben. Nur Ruhe!�</p><p>Frank starrte seinen alten Freund verwirrt an. Was sollte er glauben? Er hatte nie gewusst, was er von John halten sollte�� die Art, wie er Frank als Sprungbrett benutzt hatte, die Art, wie er so freundlich war�� Hatten sie nicht als Verb�ndete, als Freunde begonnen?</p><p>Es fiel ihm auf, dass John sich nach Maya umsah. �Wo ist sie denn?�</p><p>Es war Jahre her, dass sie imstande gewesen waren, �ber Maya zu sprechen. Boone warf ihm einen scharfen Blick zu, als ob er sagen wollte, dass ihn das nichts angehe. Als ob alles von Bedeutung, das Boone im Laufe der Jahre geworden war, Frank gar nichts anginge.</p><p>Frank ging wortlos weiter.</p><empty-line/><p>Der Himmel war inzwischen tief violett und gestreift von gelben Cirruswolken. Frank kam an zwei Gestalten vorbei, die keramische Dominos trugen, die alten Figuren von Kom�die und Trag�die, mit Handschellen aneinander gefesselt. Die Stra�en der Stadt waren dunkel geworden. Fenster, in denen Parties stattfanden, leuchteten grell. In jeder verschwommenen Maske blitzten gro�e Augen auf der Suche nach der Quelle der in der Luft liegenden Spannung. Unter dem wie Ebbe und Flut brausenden Ger�usch der Menge war ein dumpfer st�rmischer Ton zu h�ren.</p><p>Er h�tte nicht �berrascht sein sollen. Er kannte John so gut, wie man �berhaupt einen anderen Menschen kennen konnte, aber es hatte ihn nie betroffen. Hinein zwischen die B�ume des Parks, unter die handgro�en Bl�tter der Sykomoren. Wann war das je anders gewesen? Diese ganze gemeinsame Zeit, jene Jahre der Freundschaft. Und nichts hatte eine Rolle gespielt. Diplomatie mit anderen Mitteln.</p><empty-line/><p>Er schaute auf die Uhr. Fast elf. Er hatte sich mit Selim verabredet. Wieder eine Verabredung. Viele, in Viertelstunden unterteilte Tage seines Lebens hatten ihn daran gew�hnt, von einem Termin zum n�chsten zu rennen, die Masken zu wechseln, mit einer Krise nach der anderen fertig zu werden, zu managen und zu manipulieren und in nie endender hektischer Eile Gesch�fte abzuwickeln. Und heute war ein Feiertag: Mardi gras, Fastnacht! Und er machte es immer noch so. Er konnte sich an gar kein anderes Verhalten erinnern.</p><p>Er kam zu einem Bauplatz, einem Magnesiumger�st, umgeben von Haufen aus Backsteinen, Sand und Pflastersteinen. Es war eine Nachl�ssigkeit von den Leuten, so etwas herumliegen zu lassen. Er stopfte sich die Jackentaschen voll mit Steinen, soviel sie fassen konnten. Als er sich aufrichtete, bemerkte er, dass ihn jemand von der anderen Stra�enseite aus beobachtete�� ein kleiner Mann mit schmalem Gesicht unter struppigen schwarzen Zotteln, der ihn scharf musterte. In seinem Blick lag etwas Beunruhigendes. Es war, als ob der Fremde alle seine Masken durchschaute und ihn so fixierte, als kenne er seine Gedanken und Absichten.</p><p>Chalmers war entsetzt und zog sich rasch in den Randstreifen des Parks zur�ck. Als er sicher war, dass er den Mann abgedr�ngt hatte und ihn sonst niemand beobachtete, fing er an, so heftig er konnte, Steine in die untere Stadt zu schleudern. Und auch einen f�r jenen Fremden, genau ins Gesicht! �ber ihm war das Zeltger�st nur als ein schwaches Muster verdeckter Sterne zu erkennen. Es sah so aus, als st�nden sie frei im k�hlen n�chtlichen Wind. Die Luftzirkulation war in dieser Nacht nat�rlich stark. Zerbrochenes Glas, Rufe. Ein Schrei. Es war wirklich laut. Leute wurden rasend. Ein letzter Stein, gezielt auf ein gro�es, erleuchtetes Fenster jenseits des Grases. Er traf nicht und schl�pfte unter die B�ume.</p><p>Nahe der S�dmauer sah er jemanden unter einer Sykomore�� Selim, der nerv�s herumging. Frank schwitzte, rief aber ruhig: �Selim!� Er langte in seine Brusttasche und fischte vorsichtig drei Pflaster aus dem Beutel. Synergie konnte so m�chtig sein, im Guten oder im B�sen. Er trat vor und nahm den jungen Araber kr�ftig in den Arm. Die Pflaster trafen und durchtr�nkten Selims leichtes Baumwollhemd. Frank trat zur�ck.</p><p>Jetzt hatte Selim etwa sechs Stunden. Er fragte: �Hast du mit Boone gesprochen?�</p><p>�Ich habe es versucht�, erwiderte Chalmers. �Er hat nicht zugeh�rt. Er hat mich belogen.� Es war so leicht, Betr�bnis zu heucheln. �F�nfundzwanzig Jahre der Freundschaft, und er hat mich belogen!� Er schlug mit der Hand auf einen Baumstamm; die Pflaster l�sten sich ab und flogen weg ins Dunkle. Er nahm sich zusammen. �Seine Koalition wird empfehlen, dass alle Siedlungen auf dem Mars in den L�ndern entstehen, die den ersten Vertrag unterzeichnet haben.� Das war m�glich und sogar recht plausibel.</p><p>�Er hasst uns!� schrie Selim.</p><p>�Er hasst alles, was ihm in die Quere kommt. Und er hat erkannt, dass der Islam im Leben der V�lker noch eine echte Macht darstellt. Er formt die Denkweise der Menschen. Das kann Boone nicht ausstehen.�</p><p>Selim erschauerte. Im Dunkeln leuchtete das Wei� seiner Augen hell. �Man muss ihm Einhalt gebieten!�</p><p>Frank wandte sich zur Seite und lehnte sich an einen Baumstamm. �Ich�� wei� nicht.�</p><p>�Du hast es selbst gesagt. Reden n�tzt nichts.�</p><p>Frank umkreiste den Baum. Er f�hlte sich benommen. Du Narr, dachte er. Reden bedeutet alles. Wir sind nichts als Informationsaustausch. Reden ist alles, was wir haben!</p><p>Er kam wieder zu Selim und sagte: �Wie?�</p><p>�Der Planet. Das ist unser Weg.�</p><p>�Die Stadttore sind heute Nacht verschlossen.�</p><p>Er hielt inne. Seine H�nde verkrampften sich.</p><p>Frank fuhr fort: �Aber das Tor zur Farm ist noch offen.�</p><p>�Aber die �u�eren Tore der Farm werden versperrt sein.�</p><p>Frank zuckte die Achseln und lie� ihn sich das ausmalen.</p><p>Selim zwinkerte und sagte: �Ah!� Dann war er verschwunden.</p><empty-line/><p>Frank sa� zwischen B�umen auf dem Boden. Der war ein sandiger feuchter Schmutz, das Ergebnis intensiver Ingenieurt�tigkeit. In der Stadt war nichts nat�rlich�� nichts.</p><p>Nach einiger Zeit stand er auf und ging durch den Park. Er schaute sich die Leute an. Vor der Oper stie�en maskierte Personen aufeinander, rauften und k�mpften, umgeben von Zuschauern, die Blut witterten. Frank ging wieder zu dem Bauplatz, um noch mehr Steine zu holen. Er warf sie; und einige Leute sahen es. Er musste laufen. Wieder zwischen die B�ume, in die kleine Wildnis unter dem Zeltdach, um Raubtieren zu entkommen�� durch Adrenalin aufgeputscht, die st�rkste aller Drogen. Er lachte wild.</p><p>Pl�tzlich erblickte er Maya, die allein bei der improvisierten Plattform am Scheitelpunkt stand. Sie trug einen wei�en Domino. Die Proportionen der Figur, das Haar und die Haltung waren unmissverst�ndlich Maya Toitovna. Die Ersten Hundert, die kleine Bande�� sie waren f�r ihn die einzigen, die immer noch am Leben waren. Der Rest waren Gespenster. Frank eilte �ber unebenem Boden zu ihr. Er umklammerte einen tief in einer Jackentasche vergrabenen Stein und dachte: Komm nur, du Biest! Sag etwas, um ihn zu retten! Sag etwas, das mich veranlasst, durch die ganze Stadt zu laufen, um ihn zu retten!</p><p>Sie h�rte ihn kommen und wandte sich um. Auf dem Domino phosphoreszierten metallisch blaue Zierm�nzen. Ihre Augen waren nicht zu erkennen unter der Maske.</p><p>�Hallo, Frank!� sagte sie, als ob er keine Maske tr�ge. Er machte beinahe kehrt, um wegzulaufen. Schon das Wieder erkennen gen�gte fast, ihn dazu zu veranlassen��</p><p>Aber er blieb doch stehen und sagte: �Hallo, Maya! Es war doch ein h�bscher Sonnenuntergang, nicht wahr?�</p><p>�Eindrucksvoll. Die Natur hat keinen Geschmack. Es war blo� eine st�dtische Einweihungsfeier, sah aber aus wie der Tag des J�ngsten Gerichts.�</p><p>Sie standen unter einer Stra�enlaterne �ber ihren Schatten. Sie sagte: �Hast du dich am�siert?�</p><p>�Sehr. Und du?�</p><p>�Es wird mir ein bisschen zu wild.�</p><p>�Das kann man doch verstehen, meinst du nicht auch? Maya, wir sind aus unsern L�chern heraus und schlie�lich auf der Oberfl�che! Und was f�r einer Oberfl�che! Man bekommt solche Fernblicke nur auf Tharsis.�</p><p>�Es ist eine gute Platzwahl�, r�umte sie ein.</p><p>�Es wird eine gro�e Stadt werden�, prophezeite Frank. �Aber wo wohnst du derzeit, Maya?�</p><p>�In Underhill, Frank, wie immer. Das wei�t du doch.�</p><p>�Aber du bist doch nie dort. Ich habe dich seit einem Jahr oder l�nger nicht mehr gesehen.�</p><p>�Ist das so lange her? Nun, ich bin in Hellas gewesen. Das hast du sicher geh�rt.�</p><p>�Wer w�rde mir das sagen?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, die blauen Zierm�nzen glitzerten. �Frank.� Sie wandte sich zur Seite, als ob sie den Konsequenzen der Frage ausweichen wollte.</p><p>�rgerlich ging Frank um sie herum und trat ihr in den Weg. �Damals auf der <emphasis>Ares.�</emphasis> Seine Stimme klang gepresst, und er drehte den Hals, um die Kehle frei zu machen und leichter sprechen zu k�nnen. �Was ist passiert, Maya? Was geschah damals?�</p><p>Sie zuckte die Achseln und vermied es, ihn anzusehen. L�ngere Zeit sagte sie nichts. Dann blickte sie ihm ins Gesicht und sagte: �Der Sporn des Moments.�</p><empty-line/><p>Und dann l�utete es Mitternacht, und sie befanden sich im Zeitschlupf des Mars, jener L�cke von neununddrei�igeinhalb Minuten zwischen 24.00.00 und 00.00.01 Uhr, wenn alle Uhren aussetzten oder stillstanden. So hatten es die Ersten Hundert beschlossen, um den ein wenig l�ngeren Tag des Mars an die Vierundzwanzigstundenz�hlung anzupassen. Diese L�sung hatte sich erstaunlicherweise als befriedigend erwiesen. Jede Nacht eine Weile aus den zuckenden Zahlen ausscheren, aus dem erbarmungslosen Lauf des Sekundenzeigers��</p><p>Und als in dieser Nacht die Uhren Mitternacht schlugen, wurde die ganze Stadt verr�ckt. Fast vierzig Minuten au�erhalb der Zeit. Das musste der H�hepunkt der Feier werden, das war jedem instinktiv klar.</p><p>Feuerwerke knatterten los, Leute br�llten Freudenrufe, Sirenen schnitten durch den L�rm, und das Jubelgeschrei verdoppelte sich. Frank und Maya sahen sich das Feuerwerk an und lauschten dem Krach.</p><p>Dann gab es ein etwas anderes Ger�usch: Verzweifelte Schreie, w�tendes Geheul. �Was ist das?� fragte Maya.</p><p>�Ein Kampf�, antwortete Frank und lauschte. �Vielleicht hat sich etwas getan im Sporn des Moments.� Sie starrte ihn an, und er f�gte rasch hinzu: �Vielleicht sollten wir gehen, um einen Blick darauf zu werfen.�</p><p>Das Geschrei wurde st�rker. Irgendwo herrschte Aufruhr. Sie gingen durch den Park hinunter. Ihre Schritte wurden l�nger, bis sie den leichten H�pfschritt des Mars angenommen hatten. Der Park schien f�r Frank gr��er zu sein, und er war einen Augenblick lang besorgt.</p><p>Der zentrale Boulevard war voller Ger�mpel. Leute rannten in Gruppen pl�ndernd durch die Finsternis. Eine nervenzerrei�ende Sirene ging los�� der Alarm, der ein Leck im Zelt anzeigte. In beiden Richtungen des Boulevards splitterten Fenster. Auf dem Rasen lag ein Mann reglos auf dem R�cken. Das Gras um ihn herum war mit dunklen Streifen verschmiert.</p><p>Chalmers packte den Arm einer Frau, die sich �ber ihn gebeugt hatte, und br�llte: �Was ist geschehen?�</p><p>Sie weinte. �Sie haben gek�mpft. Sie k�mpfen noch.�</p><p>�Wer? Schweizer, Araber?�</p><p>�Fremde�, sagte sie. �Ausl�nder.� Sie sah Frank blind an. �Holen Sie Hilfe!�</p><p>Frank ging wieder zu Maya, die mit einer Gruppe bei einer weiteren reglosen Gestalt sprach. �Was, zum Teufel, passiert hier?� fragte er sie, w�hrend sie zum Krankenhaus der Stadt eilten.</p><p>�Es ist ein Aufstand. Ich wei� nicht, weshalb.� Ihr Mund war ein gerader Strich in einer Haut, so wei� wie der Domino, der immer noch ihre Augen verh�llte.</p><p>Frank riss seine Maske herunter und warf sie weg. Die Stra�e war voller Glasscherben. Ein Mann rannte auf sie zu. �Frank! Maya!�</p><p>Es war Sax Russell. Frank hatte den kleinen Mann noch nie so erregt gesehen. �Es ist John�� man hat ihn angegriffen!�</p><p>�Was?� riefen sie gleichzeitig.</p><p>�Er versuchte, einen Streit zu schlichten, und drei oder vier M�nner haben ihn angesprungen. Sie haben ihn niedergeschlagen und weggeschleppt.�</p><p>Maya schrie: �Ihr habt sie nicht aufgehalten?�</p><p>�Wir haben es versucht. Einige von uns sind ihnen nachgejagt. Aber in der Medina haben wir sie verloren.�</p><p>Maya blickte Frank an.</p><p>Der rief: �Was geht hier vor sich? Wohin w�rde ihn jemand bringen?�</p><p>�Zu den Toren�, sagte sie.</p><p>�Die sind nachts aber doch verschlossen.�</p><p>�Vielleicht nicht f�r jeden.�</p><p>Sie folgten ihr in die Medina. Stra�enlampen waren zerbrochen; unter den F��en knirschte Glas. Sie fanden einen Feuerwehrhauptmann und gingen zum T�rkischen Tor. Er schloss es auf. Einige von ihnen eilten hindurch und legten in Windeseile Au�enkleidung an. Dann hinaus in die Nacht, die von dem Bathysph�renschimmer der Stadt erhellt war, um sich umzuschauen. Frank schmerzten die Gelenke von der n�chtlichen K�lte, und er konnte genau f�hlen, wo seine Lungenfl�gel sa�en, als ob man zwei Eiskugeln in seine Brust gestopft h�tte, um den rapiden Herzschlag abzuk�hlen.</p><p>Drau�en war nichts. Wieder zur�ck nach innen. Hin�ber zur n�rdlichen Mauer und dem Syrischen Tor. Dann wieder hinaus unter die Sterne. Nichts.</p><p>Es dauerte lange, bis ihnen die Farm einfiel. Inzwischen waren sie etwa drei�ig Personen in Au�enanz�gen. Sie rannten durch die Schleuse und verteilten sich auf die Schneisen zwischen den Feldern.</p><p>Sie fanden ihn zwischen den Rettichen. Seine Jacke war �ber das Gesicht gezogen, um die �bliche Luftblase f�r den Notfall zu bilden. Das musste er unbewu�t getan haben; denn als sie ihn vorsichtig auf die Seite drehten, sahen sie hinter seinem Ohr einen Klumpen.</p><p>Maya sagte mit bitter kr�chzender Stimme: �Schafft ihn ins Innere! Beeilt euch!�</p><p>Vier Leute hoben ihn hoch. Chalmers umfing Johns Kopf, und seine Finger waren mit denen Mayas verschlungen. Sie stolperten durch das Farmtor in die Stadt zur�ck. Einer der Schweizer f�hrte sie zum n�chsten medizinischen Zentrum, das schon von verzweifelten Menschen umdr�ngt war. Sie legten John auf eine freie Bank. Sein Gesicht war verkrampft. Er war bewusstlos. Frank nahm den Helm ab und machte seinen Rang geltend, indem er in die Notfallr�ume platzte und die �rzte und Schwestern anschrie. Die ignorierten ihn, bis eine �rztin sagte: �Halt den Mund! Ich komme.�</p><p>Sie gingen in den Saal und schlossen John mit Hilfe einer Schwester an einen Monitor an. Dann untersuchten sie ihn mit dem abwesenden Blick, den �rzte bei der Arbeit haben. H�nde an Hals und Gesicht und Kopf und Brust, Stethoskop��</p><p>Maya teilte mit, was sie wussten. Die �rztin nahm ein Sauerstoffger�t von der Wand und blickte auf den Monitor. Ihr Mund war zu einem unzufriedenen kleinen Knoten verzogen. Maya sa� am Ende der Bank mit j�h best�rzter Miene. Ihr Domino war l�ngst verschwunden.</p><p>Frank hockte neben ihr.</p><p>Die �rztin sagte: �Wir k�nnen mit ihm noch weitermachen. Aber ich f�rchte, er ist hin�ber. Zu lange ohne Sauerstoff, wissen Sie.�</p><p>�Fahren Sie fort!� schrie Maya.</p><p>Das taten sie nat�rlich. Schlie�lich kamen weitere Mediziner, und sie rollten ihn <emphasis>in</emphasis> die Intensivstation. Frank, Maya, Max, Samantha und eine Anzahl Einheimischer sa�en drau�en in der Halle. �rzte kamen und gingen. Ihre Gesichter zeigten die leere Miene, die sie in der Pr�senz des Todes anzunehmen pflegen. Schutzmasken. Einer kam heraus und sagte: �Er ist tot. Zu lange drau�en gewesen.�</p><p>Frank lehnte den Kopf gegen die Wand.</p><p>Als Reinhold Messer von der ersten Alleinbesteigung des Everest zur�ckkehrte, war er stark dehydriert und �u�erst ersch�pft. W�hrend des letzten Teils des Abstieges fiel er oft hin und brach auf dem Rongbuk-Gletscher zusammen, wo ihn die Frau, welche seine einzige Hilfsmannschaft darstellte, erreichte. Und er schaute im Delirium zu ihr auf und sagte: �Wo sind alle meine Freunde?�</p><p>Es war ruhig. Kein Laut au�er dem leichten Summen und Zischen, dem man auf dem Mars nie entkam.</p><p>Maya legte Frank die Hand auf die Schulter, und er zuckte fast zur�ck. Seine Kehle verkrampfte sich. Es tat richtig weh. Es gelang ihm zu sagen: �Es tut mir leid.�</p><p>Sie wischte die Bemerkung beiseite und runzelte die Stirn. Sie hatte irgendwie die Manier von Medizinern und sagte: �Nun, du hast ihn sowieso nie besonders gemocht.�</p><p>�Stimmt�, sagte er. Er meinte, es w�re diplomatisch, in diesem Moment zu ihr ehrlich zu sein. Aber dann fuhr er zusammen und sagte m�rrisch: �Was wei�t du davon, was ich liebe und was nicht?�</p><p>Er sch�ttelte ihre Hand ab und rappelte sich auf. Sie wusste es nicht. Niemand wusste es. Er wollte in die Intensivstation gehen, �nderte aber seine Absicht. Daf�r war genug Zeit beim Begr�bnis. Er f�hlte sich leer; und pl�tzlich kam es ihm so vor, als sei alles Gute dahingegangen.</p><p>Er verlie� das medizinische Zentrum. Es war unm�glich, in solchen Augenblicken nicht sentimental zu sein. Er ging durch die seltsam stille Dunkelheit der Stadt in das Land des Schweigens. Die Stra�en glitzerten, als seien Sterne auf das Pflaster gefallen. Leute standen in Gruppen herum, schweigend, durch die Nachricht betroffen. Frank Chalmers bahnte sich seinen Weg zwischen ihnen und f�hlte ihre Blicke auf sich ruhen. Ohne nachzudenken begab er sich zu der Plattform auf dem h�chsten Punkt der Stadt. Dabei sagte er sich: <emphasis>Jetzt werden wir sehen, was ich mit diesem Planeten anfangen kann.</emphasis></p></section><section><title><p>ZWEITER TEIL</p><p>Die Ausreise</p></title><section><p><emphasis>�Da sie sowieso den Verstand verlieren werden, warum nicht gleich von vornherein Verr�ckte schicken und ihnen so die M�he ersparen?� sagte Michel Duval.</emphasis></p><p><emphasis>Er scherzte nur halb. Er hatte stets die Position vertreten, dass die Kriterien f�r die Auswahl eine ungew�hnliche Kombination doppelter Bindungen darstellten.</emphasis></p><p><emphasis>Seine psychiatrischen Kollegen starrten ihn an. Der Vorsitzende, Charles York, fragte: �K�nnen Sie irgendwelche spezifischen Ver�nderungen vorschlagen?�</emphasis></p><p><emphasis>�Vielleicht sollten wir alle mit ihnen nach Antarctica gehen und sie gemeinsam in dieser ersten Periode beobachten. Das w�rde uns eine Menge lehren.�</emphasis></p><p><emphasis>�Aber unsere Anwesenheit w�re hinderlich. Ich denke, dass gerade einer von uns genug ist.�</emphasis></p><p><emphasis>Also schickten sie Michel Duval. Er traf etwa hundertvierzig Finalisten auf der McMurdo-Station an. Die erste Zusammenkunft �hnelte jeder anderen internationalen wissenschaftlichen Konferenz, wie sie allen aus ihren unterschiedlichen Disziplinen vertraut war. Aber es gab da einen Unterschied: Dies war die Fortsetzung eines Auswahlprozesses, der Jahre gedauert hatte und noch ein weiteres Jahr dauern w�rde. Und diejenigen, die man auserw�hlt hatte, w�rden zum Mars gehen.</emphasis></p><p><emphasis>Also lebten sie in Antarctica mehr als ein Jahr zusammen. Sie machten sich mit den Unterk�nften und Ger�ten vertraut, die bereits in Robotvehikeln auf dem Mars landeten; ebenso mit einer Landschaft, die fast so kalt und rau war wie der Mars selbst; und ebenso miteinander. Sie lebten in einer Gruppe von Habitaten in Wright Valley, dem gr��ten der Trockenen T�ler von Antarctica. Sie betrieben eine Biosph�renfarm und verbrachten in den Unterk�nften einen finsteren s�dpolaren Winter. Sie studierten zweite oder dritte Berufe oder durchliefen Simulationen der vielf�ltigen Aufgaben, die sie auf dem Raumschiff</emphasis> Ares <emphasis>oder sp�ter auf dem Roten Planeten selbst zu l�sen haben w�rden�� immer bewusst, dass man sie beobachtete, bewertete und beurteilte.</emphasis></p><p><emphasis>Sie waren keineswegs alle Astronauten oder Kosmonauten, obwohl es etwa je ein Dutzend davon gab, wobei viel mehr oben im Norden auch dazu geh�ren wollten. Aber die Mehrzahl der Kolonisten mussten Experten auf Gebieten sein, die erst nach der Landung ins Spiel k�men: Medizin, Computertechnik, Systementwurf, Robotik, Architektur, Areologie, Biosph�renplanung und Biologie. Ebenso jede Art von Ingenieurwesen und mancherlei Konstruktionserfahrungen. Diejenigen, die es bis Antarctica geschafft hatten, waren eine beeindruckende Gruppe von Experten in den relevanten Wissenschaften und Berufen; und sie verbrachten einen guten Teil ihrer Zeit damit, sich gegenseitig etwas beizubringen, um auch auf sekund�ren und terti�ren Gebieten etwas darzustellen.</emphasis></p><p><emphasis>Und all ihre Aktivit�t spielte sich ab unter dem st�ndigen Druck von Beobachtung, Bewertung und Beurteilung. Das war notwendigerweise eine anstrengende Prozedur. Sie bildete einen Teil des Testes. Michel Duval merkte, dass das ein Fehler war, da es zu Zur�ckhaltung und Misstrauen bei den Kolonisten f�hren konnte und die gro�e Vertr�glichkeit verhinderte, die das Auswahlkomitee suchte. Tats�chlich eine der vielen doppelten Bindungen. Die Kandidaten ihrerseits schwiegen �ber diesen Aspekt, und er machte ihnen daraus keinen Vorwurf. Man konnte keine bessere Strategie w�hlen, als eine doppelte Bindung bot. Sie sicherte Ruhe. Sie konnten es nicht wagen, jemanden zu beleidigen oder sich zu viel zu beklagen. Sie konnten es nicht riskieren, sich sehr zur�ckzuziehen. Sie w�rden sich keine Feinde machen.</emphasis></p><p><emphasis>Also kamen sie t�chtig und perfekt voran, um durchzuhalten, aber auch normal genug, um hinzukommen. Sie waren alt genug, um eine Menge gelernt zu haben, aber jung genug, um die physischen H�rten der Arbeiten durchzustehen. Sie waren hinreichend motiviert, um sich auszuzeichnen, aber gen�gend entspannt, um gesellig zu sein. Und sie waren verr�ckt genug, um die Erde f�r immer verlassen zu wollen, aber vern�nftig genug, um diese fundamentale Verr�cktheit zu verbergen und sie in der Tat als reine Rationalit�t, wissenschaftliche Wissbegier oder etwas Derartiges zu verteidigen�� was der einzig akzeptable Grund f�r diesen Wunsch zu sein schien. Somit behaupteten sie, die wissenschaftlich neugierigsten Leute in der Geschichte zu sein. Aber nat�rlich musste noch mehr daran sein. Sie mussten irgendwie entfremdet sein, entfremdet und einsam genug, um sich nicht darum zu k�mmern, jeden f�r immer hinter sich zu lassen, den sie gekannt hatten�� und dennoch verbunden und sozial genug, um mit allen ihren neuen Bekanntschaften in Wright Valley auszukommen, mit jedem Mitglied des kleinen Dorfes, welches die Kolonie bilden w�rde. Oh, die doppelten Bindungen waren endlos!</emphasis></p><p><emphasis>Sie mussten gleichzeitig sowohl au�ergew�hnlich sein und extra-au�ergew�hnlich. Ein unm�gliches Unterfangen, aber doch eine Aufgabe, die ein Hindernis f�r ihren gr��ten Herzenswunsch darstellte und zu einer Quelle von Besorgnis, Furcht, Groll und Wut machte. All diesen Stress zu besiegen��</emphasis></p><p><emphasis>Aber auch das war ein Teil der Pr�fung. Michel konnte nicht umhin, mit gro�em Interesse zu beobachten. Manche versagten, auf die eine oder andere Weise zerbrochen. Ein amerikanischer Thermalingenieur wurde zunehmend introvertiert, zerst�rte dann einige ihrer Rover und musste mit Gewalt in Gewahrsam genommen und entfernt werden. Ein russisches Paar verliebte sich ineinander und hatte dann einen so heftigen Streit, dass sie einander nicht mehr ausstehen konnten und beide ausschieden. Dieses Melodram erl�uterte die Gefahren einer schief gehenden Romanze und machte alle anderen in dieser Hinsicht sehr vorsichtig. Es entwickelten sich immer noch Beziehungen; und bis sie Antarctica verlie�en, hatte es drei Heiraten gegeben. Und diese gl�cklichen sechs konnten sich in gewisser Weise �sicher� f�hlen. Aber die meisten waren so darauf versessen, auf den Mars zu kommen, dass sie diesen Teil ihres Lebens im Zaum hielten und h�chstens diskrete sexuelle Partnerschaften pflegten, die in manchen F�llen jedermann verborgen blieben, sonst aber nur vor dem Auswahlkomitee geheim gehalten wurden.</emphasis></p><p><emphasis>Und Michel wusste, dass er nur die Spitze des Eisbergs sah. Er wusste, dass in Antarctica hinter seinem R�cken kritische Sachen passierten. Beziehungen hatten ihren Anfang. Und bisweilen bestimmt der Anfang einer Beziehung, wie der Rest laufen wird. In den kurzen Stunden von Tageslicht k�nnte jemand das Lager verlassen und nach Lookout Point trampen. Ein anderer w�rde ihm folgen. Und was da drau�en geschah, k�nnte seine Spur f�r immer hinterlassen. Aber Michel w�rde es nie erfahren.</emphasis></p><p><emphasis>Und dann verlie�en sie Antarctica, und das Team war ausgesucht. Es waren f�nfzig M�nner und f�nfzig Frauen�� f�nfunddrei�ig Amerikaner, f�nfunddrei�ig Russen und drei�ig aus gemischten internationalen Verb�ndeten, je f�nfzehn von einem der zwei gro�en Partner eingeladen. Es war schwierig gewesen, eine so vollkommene Symmetrie einzuhalten, aber das Auswahlkomitee hatte darauf bestanden.</emphasis></p><p><emphasis>Die Gl�cklichen flogen nach Cape Canaveral oder Baikonur, um in die Umlaufbahn aufzusteigen. Inzwischen kannten sie sich recht gut und zugleich doch nicht so gut. Sie waren ein Team, dachte Michel, mit festen Freundschaften und etlichen Gruppenzeremonien, Ritualen, Br�uchen und Tendenzen. Und zu diesen Tendenzen geh�rte ein Instinkt, sich zu verstecken, eine Rolle zu spielen und das wahre Selbst zu verkleiden. Vielleicht war das einfach die Definition von d�rflichem oder sozialem Leben. Aber Michel schien es noch schlimmer zu sein. Niemand hatte sich zuvor derart streng bem�hen m�ssen, sich in ein Dorf</emphasis> einzuf�gen. <emphasis>Und die radikale Trennung von �ffentlichem und privatem Leben war neu und fremd. In ihnen war jetzt ein gewisser konkurrierender Unterstrom eingepr�gt, ein st�ndiges subtiles Gef�hl, dass jeder f�r sich allein war und dass jeder im Fall einer Schwierigkeit von den �brigen verlassen und aus der Gruppe verbannt werden k�nnte.</emphasis></p><p><emphasis>Damit hatte das Auswahlkomitee eines der gr��ten Probleme geschaffen, die es gehofft hatte zu verhindern. Einige Leute waren sich dessen bewusst; und nat�rlich sorgten sie daf�r, dass zu den Kolonisten der bestqualifizierte Psychiater geh�rte, den sie sich vorstellen konnten.</emphasis></p><p><emphasis>Also schickten sie Michel Duval.</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>Zuerst war es wie ein Druck auf der Brust. Dann wurden sie in ihren Sesseln nach hinten geschoben, und eine Sekunde lang war der Druck recht vertraut: Ein G, die Schwerkraft, die sie nie wieder erleben w�rden. Die <emphasis>Ares</emphasis> hatte die Erde mit 28000 Kilometern in der Stunde umkreist. Einige Minuten lang beschleunigten sie. Der Schub der Raketen war so stark, dass ihre Sicht unscharf wurde, als sich die Hornhaut abflachte und das Atmen anstrengend wurde. Bei 40000 Stundenkilometern war Brennschlu�. Sie waren von der Erdanziehung frei und nur noch im Sonnenorbit.</p><p>Die Kolonisten sa�en in den Beschleunigungssesseln und zwinkerten, ihre Haut r�tete sich, und sie hatten Herzklopfen. Maya Katarina Toitovna, die offizielle Leiterin des russischen Kontingents, schaute sich um. Die Leute wirkten benommen. Wenn man Besessenen das Objekt ihrer Begierde gibt, was f�hlen sie dann? Das ist wirklich schwer zu sagen. In gewissem Sinne war ihr Leben zu Ende. Aber etwas anderes, irgendein anderes Leben, hatte endlich, endlich begonnen�� Auf einmal voll so vieler Emotionen war es unm�glich, nicht verwirrt zu sein. Es war eine Interferenzerscheinung, manche Gef�hle waren verschwunden, andere verst�rkt. Maya schnallte sich von ihrem Sitz los und merkte, dass ihr Gesicht durch ein Grinsen verzerrt wurde. Und auf den Gesichtern ringsum sah sie dasselbe hilflose Grinsen�� bei allen au�er Sax Russell, der gleichg�ltig wie eine Eule war und blinzelte, als er die Datenangaben auf den Computerschirmen des Raums �berflog.</p><p>Sie schwebten gewichtslos in der Kabine herum. 21. Dezember 2026: Sie bewegten sich schneller als sich je ein Mensch bewegt hatte. Sie waren unterwegs. Es war der Beginn einer neunmonatigen Reise�� oder einer Reise, die den Rest ihres Lebens dauern w�rde. Sie waren auf sich allein gestellt.</p><p>Die f�r die Steuerung der <emphasis>Ares</emphasis> Verantwortlichen zogen sich an die Kontrollkonsolen und gaben Anweisung, seitliche Haltungsraketen zu feuern. Die <emphasis>Ares</emphasis> fing an, sich um ihre Achse zu drehen und stabilisierte sich bei vier Umdrehungen pro Minute. Die Kolonisten sanken zu Boden und standen in einer Pseudoschwerkraft von 0,38 G, sehr nahe der, die sie auf dem Mars f�hlen w�rden. Viele Mannjahre an Tests hatten gezeigt, dass man dabei recht gesund w�rde leben k�nnen, und so sehr viel vorteilhafter als Gewichtslosigkeit, dass man die Rotation des Schiffs der M�he f�r wert erachtet hatte. Und es war ein gro�artiges Gef�hl, dachte Maya. Es gab genug Zug, um ziemlich leicht die Balance halten zu k�nnen, erzeugte aber kaum irgendeinen Eindruck von Gepre�tsein. Es entsprach vollkommen ihrer Stimmung. Sie stolperten durch die Korridore in den gro�en Speisesaal im Torus D, ungehemmt und fr�hlich, wie auf Luft wandelnd.</p><p>In dem Speisesaal mischten sie sich zu einer Art Cocktailparty und feierten den Abflug. Maya ging umher, nippte ungezwungen an einem Glas Champagner und f�hlte sich unreal und h�chst gl�cklich, eine Mischung, die sie an ihre Hochzeitsfeier vor vielen Jahren erinnerte. Sie hoffte, dass es jetzt besser gehen w�rde als damals, weil es jetzt f�r immer w�hren m�sste. In dem Saal war es laut. Gespr�che wurden gef�hrt. �Es ist eine nicht so sehr soziologische als vielmehr mathematische Symmetrie. Eine Art �sthetischer Balance.��� �Wir hoffen, in den Bereich von eins zu einer Milliarde zu gelangen, aber das d�rfte nicht leicht sein.� Maya lehnte das Angebot nachzuschenken ab, da sie sich schwindlig genug f�hlte. Au�erdem war das hier Arbeit. Sie war sozusagen Mit-B�rgermeister dieses Dorfes und verantwortlich f�r Gruppendynamik, die kompliziert werden d�rfte. Antarktische Gewohnheiten machten sich selbst in diesem Moment des Triumphs geltend, und sie horchte und beobachtete wie ein Anthropologe oder Spion.</p><p>�Die Schrumpfung hat ihre Gr�nde. Wir werden zuletzt f�nfzig gl�ckliche Paare sein.�</p><p>�Und sie wissen schon, wer zusammenpasst.�</p><p>Sie merkte, wie sie lachten. Schlau, gesund, h�chst wohlerzogen�� war dies endlich die rationale Gesellschaft, die wissenschaftlich geplante Gemeinschaft, die der Traum der Aufkl�rung gewesen war? Aber da waren Arkady, Nadia, Vlad, Ivana. Sie kannte das russische Kontingent zu gut, um deswegen viele Illusionen zu haben. Es konnte ebenso gut damit enden, dass es wie ein Wohnquartier einer Technischen Universit�t w�rde, voller bizarrer Streiche und wilder Aff�ren. Nur sahen sie f�r so etwas schon ein wenig zu alt aus. Einige M�nner bekamen Glatzen, und viele Personen beiderlei Geschlechts zeigten graue Str�hnen im Haar. Es war ein langer Weg gewesen. Das Durchschnittsalter betrug sechsundvierzig Jahre, mit Extremen von dreiunddrei�ig (Hiroko Ai, das japanische Wunderkind f�r Biosph�renplanung) bis achtundf�nfzig (Vlad Taneev, Nobelpreistr�ger f�r Medizin).</p><p>Aber jetzt war doch der Hauch von Jugend auf allen Gesichtern: Arkady Bogdanov war ein Portr�t in Rot: Haar, Bart, Haut. In all diesem Rot hatten seine Augen ein wildes Stahlblau und traten fr�hlich hervor, als er rief: �Endlich frei! Endlich frei! Alle unsere Kinder sind endlich frei!� Die Videokameras waren ausgeschaltet, nachdem Janet Blyleven eine Reihe Interviews f�r die Fernsehsender daheim aufgezeichnet hatte. Sie waren ohne Kontakt mit der Erde, zumindest im Speisesaal, und Arkady sang, und die Gruppe um ihn stie� darauf an. Maya blieb stehen, um zu dieser Gruppe zu sto�en. Endlich frei; es war kaum zu glauben, sie waren wirklich unterwegs zum Mars! Zusammengescharte Leute f�hrten Gespr�che, viele davon Weltklasse auf ihrem Gebiet: Ivana hatte den Teil eines Nobelpreises in Chemie gewonnen, Vlad war einer der ber�hmtesten Medizinbiologen der Welt, Sax geh�rte in das Pantheon derer, die gro�e Beitr�ge f�r die subatomare Theorie geleistet hatten, Hiroko war unerreicht in der Planung geschlossener Lebenserhaltungssysteme�� und so alle rundum. Ein brillanter Haufen!</p><p>Und Maya war ein Teil ihrer F�hrer. Das war etwas k�hn. Ihre F�higkeiten als Ingenieur und Kosmonaut waren recht bescheiden. Es war wohl ihr diplomatisches Geschick, das sie an Bord gebracht hatte. Dass man sie erw�hlt hatte, das ungleiche, uneinige russische Team, mit diversen Mitgliedern des Commonwealth, zu leiten, nun, das war in Ordnung. Es war eine interessante Arbeit, und sie war daran gew�hnt. Und ihre F�higkeiten k�nnten sich sehr wohl als die wichtigsten an Bord erweisen. Schlie�lich mussten sie alle zurechtkommen. Und das war eine Sache von List, Schl�ue und Willen. Andere Leute dazu zu bewegen, das zu tun, was man ihnen auftrug! Sie blickte auf die Menge leuchtender Gesichter und lachte. Hier an Bord waren alle gut bei ihrer Arbeit; aber einige waren viel h�her bef�higt. Sie musste diese Personen herausfinden und kultivieren. Ihre F�hrungsqualifikation hing davon ab; denn sie dachte, dass sie am Ende sicher eine Art loser, auf wissenschaftlichen Verdiensten beruhender Gemeinschaft sein w�rden. Und in einer solchen Gemeinschaft stellten die au�ergew�hnlichen Talente die wichtigen Kr�fte dar. Wenn es hart auf hart ginge, w�rden sie die wahren F�hrer der Kolonie sein�� sie oder jene, die sie beeinflussten.</p><p>Sie schaute sich um und entdeckte ihren Gegenspieler, Frank Chalmers. In Antarctica hatte sie ihn nicht besonders gut kennen gelernt. Ein hochgewachsener, gro�er, dunkelh�utiger Mann. Er war recht redselig und unglaublich energisch, aber schwer zu durchschauen. Sie fand ihn attraktiv. Sah er die Dinge ebenso wie sie? Sie hatte das nie herausfinden k�nnen. Er sprach gerade quer durch den Raum mit einer Gruppe und h�rte auf seine scharfe unergr�ndliche Art zu<emphasis>,</emphasis> den Kopf zur Seite geneigt und bereit, mit einer geistvollen Bemerkung dazwischenzufahren. Sie m�sste �ber ihn mehr herausfinden. Und �berdies w�rde sie mit ihm auskommen m�ssen.</p><p>Sie ging durch den Saal, hielt neben ihm an, so dass ihre Oberarme sich fast ber�hrten. Sie neigte den Kopf seinem zu. Eine kurze Geste an ihre Kameraden: �Das wird lustig werden, meint ihr nicht auch?�</p><p>Chalmers sah sie an und sagte: �Es geht gut.�</p><empty-line/><p>Nach der Feier und dem Essen wanderte Maya, die nicht schlafen konnte, durch die <emphasis>Ares.</emphasis> Sie alle hatten schon einige Zeit im Weltraum verbracht, aber nicht in so etwas wie der <emphasis>Ares,</emphasis> die wirklich enorm war. Am Bugende des Schiffs befand sich eine Art Penthaus, ein einziger Tank wie ein Bugspriet, der in der umgekehrten Richtung wie das Schiff rotierte, so dass er stillstand. Instrumente zur Sonnenbeobachtung, Radioantennen und alle anderen Ger�te, die am besten ohne Rotation arbeiteten, waren in diesem Tank untergebracht; und ganz an der Spitze war ein kugeliger Raum aus transparentem Kunststoff, der Blasenkuppel genannt wurde. Er lieferte der Besatzung einen schwerelosen, sich nicht drehenden Anblick der Sterne und eine Teilansicht des gro�en Schiffs.</p><p>Maya schwebte zur Fensterwand dieser Blasenkuppel und blickte neugierig auf das Schiff zur�ck. Dies war unter Verwendung der Au�entanks von Raumf�hren erbaut worden. Um die Wende des Jahrhunderts hatten NASA und Glavkosmos angefangen, kleine Schubraketen an den Tanks zu befestigen und sie alle in eine Umlaufbahn zu sto�en. Dutzende von Tanks waren so losgeschickt worden. Dann hatte man sie zu Arbeitsstellen geschleppt und in Gebrauch genommen. Man hatte daraus zwei gro�e Raumstationen gebaut, eine Station im Librationspunkt L5, eine Station in der Mondumlaufbahn, das erste bemannte Marsvehikel und Dutzende unbemannter Frachter zum Mars. Im Laufe der Zeit einigten sich die zwei Beh�rden auf den Bau der <emphasis>Ares,</emphasis> die Benutzung der Tanks war zur Routine geworden, mit standardisierten Kopplungselementen, Innenr�umen, Antriebssystemen und so weiter. Der Bau des gro�en Schiffs hatte weniger als zwei Jahre gedauert.</p><p>Es sah aus wie aus einem Baukasten f�r Kinder, indem Zylinder an ihren Enden verbunden waren, um kompliziertere Figuren zu bilden. In diesem Falle waren es acht Hexagone zusammengef�gter Zylinder, die man Torusse nannte, aufgereiht und in der Mitte durchzogen von einem zentralen Nabenschacht aus einem B�ndel von f�nf Reihen Zylindern. Die Torusse waren mit der Nabe durch d�nne begehbare Speichen verbunden; und das ganze Objekt sah aus wie eine Art landwirtschaftlicher Maschine, etwa der Arm eines M�hdreschers oder eine mobile Beregnungsanlage. Oder wie acht wulstige Krapfen, auf einer Stange aufgespie�t, dachte Maya. Genau das, was einem Kind gefallen w�rde.</p><p>Die acht Ringw�lste waren aus amerikanischen Tanks angefertigt, und die f�nf geb�ndelten L�ngen des Zentralschachts waren russische. Beide Arten von Tanks waren ungef�hr f�nfzig Meter lang und hatten einen Durchmesser von zehn Metern. Maya schwebte ziellos die Tanks des Nabenschachts hinab. Das dauerte lange, aber sie hatte es nicht eilig. Sie gelangte in Torus G. Dort gab es R�ume aller Formen und Gr��en, bis hin zum gr��ten, der ganze Tanks beanspruchte. Der Boden in einem davon, den sie passierte, befand sich genau unter der Markierung der H�lfte, so dass sein Inneres einer langen Nissenh�tte �hnelte. Aber die meisten Tanks waren in kleinere R�ume unterteilt.</p><p>Sie hatte geh�rt, dass es davon �ber f�nfhundert g�be, wodurch der gesamte Innenraum ungef�hr einem gro�en Stadthotel entsprach. W�rde das aber gen�gen?</p><empty-line/><p>Vielleicht w�rde es das. Nach der Antarktis war das Leben auf der <emphasis>Ares</emphasis> wie eine kostspielige, labyrinthische und luftige Erfahrung. Ungef�hr um sechs an jedem Morgen erhellte sich die Dunkelheit in den Wohnterassen langsam zu einer grauen D�mmerung; und um sechs Uhr drei�ig etwa markierte ein pl�tzliches Hellwerden �Sonnenaufgang�. Maya wachte dabei auf, wie sie es ihr ganzes Leben lang getan hatte. Nach dem Besuch des Baderaums begab sie sich in die K�che von Torus D, erw�rmte eine Mahlzeit und ging damit in den gro�en Speisesaal. Dort setzte sie sich an einen Tisch zwischen Citrusb�umen in T�pfen. Hummeln, Finken, Meisen, Sperlinge und Papageien pickten zu ihren F��en und huschten in die H�he, vorbei an den kletternden Reben, die von der langen gew�lbten Decke des Saales herabhingen, welche in einem Graublau bemalt war, das sie an den Winterhimmel von St. Petersburg erinnerte. Sie pflegte langsam zu essen, die V�gel zu beobachten, sich in ihrem Sessel zu entspannen und auf die Gespr�che ringsum zu lauschen. Ein gem�chliches Fr�hst�ck! Nach einem Leben in der Tretm�hle wirkte es zun�chst eher unbequem, sogar alarmierend, wie ein gestohlener Luxus. Als ob jeden Morgen Sonntag w�re, wie Nadia sagte. Aber Mayas Sonntagmorgen waren nie besonders l�ssig gewesen. In ihrer Kindheit war das die Zeit gewesen, die Einzimmerwohnung zu putzen, die sie mit ihrer Mutter geteilt hatte. Diese war �rztin gewesen und hatte wie die meisten Frauen ihrer Generation angestrengt arbeiten m�ssen, um zurechtzukommen, Nahrung zu beschaffen, ein Kind aufzuziehen, sich eine eigene Wohnung zu leisten und eine Laufbahn durchzuhalten. Schlie�lich war das zuviel f�r sie gewesen, und sie hatte sich mit den vielen Frauen zusammengetan, die w�tend ein besseres Leben forderten, als sie in den Sowjetjahren gehabt hatten, die ihnen halb bezahlte Jobs gegeben und die ganze Hausarbeit �berlassen hatten. Kein Anstehen mehr, keine stumme Duldung. Sie mussten vorankommen, solange die Instabilit�t dauerte. �Auf dem Tisch steht alles�, pflegte Mayas Mutter zu sagen, wenn sie ihre mageren Mahlzeiten kochte, �Alles au�er Essen!�</p><p>Und vielleicht hatten sie Fortschritte erzielt. In der Sowjet�ra hatten Frauen gelernt, einander zu helfen. Eine fast selbst�ndige Welt war entstanden, von M�ttern, Schwestern, T�chtern, Babuschkas, Freundinnen, Kolleginnen und sogar Fremden. Im Commonwealth hatte diese Welt ihre Gewinne konsolidiert und war noch weiter in die Machtstruktur vorgedrungen, in die engen m�nnlichen Oligarchien russischer Regierung.</p><p>Ein besonders betroffenes Gebiet war das Raumprogramm gewesen. Mayas Mutter, die etwas mit Weltraummedizin zu tun hatte, schwor immer, dass die Kosmonautik einen Zustrom an Frauen brauchen w�rde. Sei es auch nur, um weibliche Daten f�r medizinische Versuche zu liefern. �Sie k�nnen uns nicht f�r immer Valentina Tereschkowa vorhalten!� pflegte ihre Mutter zu sagen. Und offenbar hatte sie recht; denn nach dem Studium der Flugzeugwissenschaften an der Moskauer Universit�t war Maya in ein Programm in Baikonur aufgenommen worden, hatte sich dort gut gemacht und einen Auftrag f�r die Station <emphasis>Novy Mir</emphasis> erhalten. W�hrend sie dort oben war, hatte sie die Innenr�ume im Sinne verbesserter ergonomischer Leistungsf�higkeit umkonstruiert. Sp�ter verbrachte sie ein Jahr als Kommandantin der Station, w�hrend dessen etliche Notreparaturen ihren Ruf gemehrt hatten.</p><p>Administrative Arbeiten in Baikonur und Moskau waren gefolgt; und im Laufe der Zeit hatte sie es geschafft, in das kleine Politb�ro von Glavkosmos vorzudringen und die M�nner in subtilster Weise gegeneinander auszuspielen. Sie heiratete einen davon, lie� sich scheiden und stieg dann im Glavkosmos zur freien Agentin auf. Sie wurde ein Glied des innersten Kreises, des doppelten Triumvirats.</p><p>Und nun war sie also hier und genoss ein behagliches Fr�hst�ck. �So zivilisiert�, w�rde Nadia spotten. Sie war Mayas beste Freundin auf der <emphasis>Ares,</emphasis> eine kleine Frau mit kurz geschnittenem, graumeliertem Haar. So schlicht wie m�glich. Maya, die wusste, dass sie gut aussah, was ihr �fters geholfen hatte, liebte Nadias Schlichtheit, die ihre Kompetenz irgendwie betonte. Nadia war Ingenieurin und sehr praktisch, eine Expertin f�r Bauten in kaltem Klima. Sie hatten sich vor zwanzig Jahren in Baikonur kennen gelernt und auf der <emphasis>Novy Mir</emphasis> einige Monate zusammengelebt. Im Lauf der Jahre waren sie wie Schwestern geworden. Obwohl sie sich wenig �hnelten und gar nicht so gut miteinander auskamen, waren sie sehr vertraut.</p><p>Jetzt schaute Nadia sich um und sagte: �Die russischen und amerikanischen Wohneinheiten in verschiedenen Torussen unterzubringen, war eine f�rchterliche Idee. Wir arbeiten tags�ber mit ihnen zusammen, verbringen aber den gr��ten Teil unserer Zeit mit den gleichen alten Gesichtern. Das verst�rkt nur die alten Trennungen zwischen uns.�</p><p>�Vielleicht sollten wir vorschlagen, die H�lfte der Zimmer zu tauschen.�</p><p>Arkady, der sein Fr�hst�cksbr�tchen verschlang, beugte sich vom Nachbartisch her�ber und sagte: �Das gen�gt nicht�, als ob er die ganze Zeit an ihrer Unterhaltung teilgenommen h�tte. Sein roter Bart, der jeden Tag wilder aussah, war mit Krumen best�ubt. �Wir sollten jeden zweiten Sonntag zum Umzugstag erkl�ren und alle veranlassen, die Wohnungen auf Zufallsbasis zu wechseln. Die Leute w�rden mehr von den anderen kennen lernen, und es g�be weniger Cliquen. Und der Begriff von Eigentum an den R�umen w�rde gemindert.�</p><p>�Aber ich mag gern einen Raum besitzen�, sagte Nadia.</p><p>Arkady erledigte ein weiteres Br�tchen und grinste beim Kauen. Es war ein Wunder, dass er durch das Auswahlkomitee gekommen war.</p><p>Aber Maya trug das Thema bei den Amerikanern vor; und obwohl niemandem Arkadys Plan gefiel, leuchtete ihnen ein einmaliger Austausch der Wohnungen als gute Idee ein. Nach einigen Beratungen und Diskussionen wurde der Umzug vorgesehen. Er fand an einem Sonntagmorgen statt, und danach war das Fr�hst�ck etwas mehr kosmopolitisch. Morgens im Speisesaal D waren jetzt auch Frank Chalmers und John Boone, sowie Sax Russell, Mary Dunkel, Janet Blyleven, Rya Jimenez, Michel Duval und Ursula Kohl dabei.</p><p>John Boone erwies sich als Fr�haufsteher und erschien noch vor Maya im Speisesaal. �Dieser Raum ist weit und luftig, man hat dabei wirklich das Gef�hl, im Freien zu sei�, sagte er eines fr�hen Morgens von seinem Tisch aus, als Maya hereinkam. �Viel besser als der Saal von B.�</p><p>Maya erwiderte: �Der Trick dabei ist, alles Chrom und wei�es Plastik zu entfernen.� Ihr Englisch war ziemlich gut und wurde schnell noch besser. �Und dann die Decke wie echten Himmel zu bemalen.�</p><p>�Nicht einfach monoton blau, meinst du?�</p><p>�Ja.�</p><p>Er war, wie sie dachte, ein typischer Amerikaner: schlicht, offen, geradeheraus, entspannt. Und dennoch war dieses Exemplar eine der ber�hmtesten Personen der Geschichte. Das war eine unausweichliche, gewichtige Tatsache; aber Boone schien sich davon zu dr�cken, um mit den F��en auf dem Boden zu bleiben. Wenn er sich um den Geschmack eines Br�tchens oder irgendeine Nachricht auf dem Bildschirm des Tisches k�mmerte, erw�hnte er nie seine fr�here Expedition. Und wenn jemand dieses Thema anschnitt, sprach er davon, als unterschiede es sich nicht von den �brigen Fl�gen, die er gemacht hatte. Aber so war es nicht, und nur seine L�ssigkeit lie� es so erscheinen. Jeden Morgen am gleichen Tisch lachte er �ber Nadias lahme technischen Witze und nahm an der Unterhaltung seinen Anteil. Nach einiger Zeit musste man sich anstrengen, die ihn umgebende Aura zu sehen.</p><p>Frank Chalmers war interessanter. Er kam immer sp�t und setzte sich f�r sich allein hin. Aufmerksamkeit schenkte er nur seinem Kaffee und dem Tischschirm. Nach einigen Tassen pflegte er mit den Leuten in der N�he zu plaudern�� in einem h�sslichen, aber brauchbaren Russisch. Die meisten Fr�hst�cksgespr�che in Halle D waren jetzt zu Englisch �bergegangen, um es den Amerikanern zu erleichtern. Die linguistische Lage war wie eine Reihe ineinander geschachtelter Puppen: Englisch umfasste alle, darin war Russisch und darin die Sprachen des Commonwealth und dann die der Internationalen. Acht Personen an Bord waren idiolinguistisch, nach Mayas Ansicht eine Art von Verwaisung. Diese waren mehr zur Erde ausgerichtet als die �brigen und standen in h�ufiger Kommunikation mit den Leuten daheim. Es war drollig, dass ihr Psychiater auch zu der Kategorie z�hlte.</p><p>Jedenfalls war Englisch die Lingua franca des Schiffs, und Maya hatte zuerst geglaubt, dass dies den Amerikanern einen Vorteil g�be. Aber dann merkte sie, dass diese, wenn sie redeten, immer auf gleichem Fu� mit jedermann waren, w�hrend der Rest mehr private Sprachen hatte, zu denen sie umschalten konnten, wenn sie wollten.</p><p>Frank Chalmers war allerdings von diesem allen die Ausnahme. Er sprach f�nf Sprachen, mehr als sonst jeder an Bord. Und er hatte auch keine Angst, sein Russisch zu benutzen, obwohl es sehr schlecht war. Er stie� einfach Fragen heraus und horchte auf die Antworten mit einer wirklich bohrenden Intensit�t und einem schnell und heftig ausbrechenden Lachen. Er war ein auf vielfache Weise ungew�hnlicher Amerikaner, dachte Maya. Zuerst schien er alle entsprechenden Merkmale zu haben. Er war gro�, laut, von besessener Energie, vertrauensvoll und rastlos. Er war nach dem ersten Kaffee recht gespr�chig und freundlich. Es dauerte eine Weile, bis man bemerkte, wie er diese Freundlichkeit ein- und ausschaltete, und zu erkennen, wie wenig sein Gespr�ch verriet. Zum Beispiel erfuhr Maya nie etwas �ber seine Vergangenheit, trotz entschiedener Bem�hungen, ihn zum Reden zu bringen. Das machte sie neugierig. Er hatte schwarzes Haar, ein dunkel get�ntes Gesicht, hellbraune Augen�� h�bsch im Sinne eines z�hen Burschen. Sein L�cheln war kurz und sein Lachen scharf wie das von Mayas Mutter. Auch sein Blick war scharf, besonders, wenn er Maya ansah. Sie nahm an, dass er die andere F�hrungsperson absch�tzte. Er verhielt sich ihr gegen�ber, als best�nde ein Einvernehmen auf der Basis langer Bekanntschaft, eine Annahme, die sie verunsicherte aufgrund dessen, wie wenig sie in Antarctica miteinander gesprochen hatten. Sie pflegte sich Frauen als ihre Verb�ndeten vorzustellen und M�nner als attraktive, aber gef�hrliche Probleme. Also war ein Mann, der ihr Verb�ndeter zu sein vorgab, desto problematischer. Und gef�hrlich. Und�� noch etwas anderes.</p><p>Sie erinnerte sich nur an einen Moment, wo sie ihm bis unter die Haut hatte blicken k�nnen; und das war damals in Antarctica gewesen. Nachdem der thermische Ingenieur zusammengebrochen und nach Norden geschickt worden war und die Nachricht von seinem Ersatz eintraf; und als das bekannt gegeben wurde, war ein jeder h�chst �berrascht und aufgeregt zu h�ren, dass es John Boone selbst sein w�rde, obwohl dieser bestimmt auf seiner fr�heren Expedition mehr als die maximale H�chstdosis an Strahlung mitbekommen hatte. W�hrend der abendliche Saal noch von der Nachricht brodelte, hatte Maya gesehen, wie Chalmers hereinkam und ihm das mitgeteilt wurde. Da hatte er den Kopf herumgeworfen, um seinen Informanten anzustarren. Dann hatte sie f�r einen Sekundenbruchteil gesehen, wie Wut aufblitzte, so kurz, dass es fast ein unterschwelliges Ereignis war.</p><p>Aber dadurch war sie auf ihn aufmerksam geworden. Und sicher bestand zwischen ihm und John eine seltsame Beziehung. Nat�rlich war das f�r Chalmers schwierig. Er war der offizielle Anf�hrer der Amerikaner und hatte sogar den Titel �Captain�; aber Boone hatte mit seinem guten blonden Aussehen und der eigenartigen Pr�senz seiner Perfektion sicher mehr Autorit�t. Er <emphasis>erschien</emphasis> als der wahre amerikanische F�hrer, und Frank Chalmers mehr wie ein �bereifriger stellvertretender Offizier, der die unausgesprochenen Befehle Boones ausf�hrte. Das konnte nicht angenehm sein.</p><p>Sie waren alte Freunde, hatte man Maya gesagt, als sie fragte. Aber sie selbst sah nur selten Anzeichen davon, auch wenn sie die beiden aufmerksam beobachtete. Sie sprachen selten in der �ffentlichkeit miteinander und schienen privat nicht zu verkehren. Also beobachtete sie die beiden, wenn sie nahe beisammen waren, desto genauer, ohne sich je ernsthaft zu fragen, weshalb. Die nat�rliche Logik der Situation schien das einfach zu verlangen. Wenn sie wieder bei Glavkosmos gewesen w�ren, h�tte es strategisch Sinn ergeben, einen Keil zwischen sie zu treiben. Aber hier dachte sie nicht an so etwas. Es gab vieles, �ber das Maya nicht bewusst nachdachte.</p><p>Dennoch passte sie auf. Und eines Morgens brachte Janet Blyleven ihre Videobrille zum Fr�hst�ck in die Halle D mit. Sie war Chefreporterin f�r das amerikanische Fernsehen und wanderte oft durch das Schiff mit aufgesetzter Fernsehbrille. Sie schaute sich um und sprach den Kommentar. Sie sammelte Geschichten und schickte sie nach Hause, wo sie, wie Arkady sich ausdr�ckte, �vorverdaut und in die kindische �ffentliche Meinung ausgekotzt� werden w�rden.</p><p>Nat�rlich gab es nichts Neues. Die Aufmerksamkeit der Medien war ein gewohnter Teil im Leben eines jeden Astronauten, und w�hrend des Auswahlprozesses waren sie mehr denn je aufs Korn genommen worden. Aber jetzt waren sie das Rohmaterial f�r Programme, die um Gr��enordnungen beliebter waren, als je zuvor ein Weltraumthema gewesen war. Millionen sahen sie als die ultimate Space Opera; und das war einigen von ihnen l�stig. Als sich daher Janet am Ende des Tisches niederlie� mit dieser modischen Brille, in deren Gestell Faseroptik steckte, ert�nte einiges St�hnen. Und am anderen Ende des Tisches diskutierten Ann Clayborne und Sax Russell, ohne irgendwie Notiz zu nehmen.</p><p>�Es wird Jahre dauern herauszufinden, was wir dort haben, Sax. Dekaden. Auf dem Mars gibt es so viel Landoberfl�che wie auf der Erde, mit einer einzigartigen Geologie und Chemie. Das Land muss gr�ndlich studiert werden, ehe wir damit anfangen k�nnen, es zu ver�ndern.�</p><p>�Wir werden es schon durch die Landung ver�ndern.� Russell wischte Anns Einw�nde fort, als w�ren es Spinnweben auf seinem Gesicht. �Die Entscheidung, zum Mars zu gehen, ist wie der erste Teil eines Satzes, und der ganze Satz lautet���</p><p><emphasis>�Veni, vidi, vici.�</emphasis></p><p>Russell zuckte die Achseln. �Wenn du es so ausdr�cken willst.�</p><p>�Du bist ein W�rstchen, Sax�, sagte Ann und verzog �rgerlich den Mund. Sie war eine breitschultrige Frau mit wildem braunen Haar, eine Geologin mit strengen Ansichten und in der Diskussion schwierig. �Schau, der Mars ist eine Welt f�r sich. Du kannst deine das Klima ver�ndernden Spielchen hinten auf der Erde treiben, wenn du willst. Die brauchen die Hilfe. Oder es auf der Venus versuchen. Aber du kannst nicht einfach die drei Milliarden Jahre alte Oberfl�che eines Planeten ausl�schen.�</p><p>Russell schob noch mehr Spinnweben weg und sagte einfach: �Er ist tot. Au�erdem ist es eigentlich gar nicht unsere Entscheidung. Sie wird uns aus den H�nden genommen werden.�</p><p>�Keine dieser Entscheidungen wird uns aus den H�nden genommen werden�, warf Arkady scharf ein.</p><p>Janet sah von Sprecher zu Sprecher und nahm sie alle auf. Ann wurde allm�hlich erregt und hob die Stimme. Maya schaute sich um und sah, dass Frank die Situation nicht gefiel. Aber wenn er sich einmischte, w�rde er den Millionen die Tatsache verraten, dass er keine Diskussionen der Kolonisten vor ihnen wollte. Statt dessen blickte er �ber den Tisch und fing Boones Blick ein. Es gab zwischen beiden einen so raschen Austausch von Mienenspiel, dass Maya zwinkern musste.</p><p>Boone sagte: �Als ich dort war, hatte ich den Eindruck, dass er schon erdartig w�re.�</p><p>�Mit Ausnahme von zweihundert Kelvin Temperatur�, sagte Russell.</p><p>�Sicher, aber es <emphasis>sah aus</emphasis> wie die Mojave-W�ste oder die Dry Valleys. Das erste Mal, als ich mich auf dem Mars umschaute, merkte ich, dass ich mich nach jenen mumifizierten Flossenf��lern umsah, die wir in den Dry Valleys gesehen hatten.�</p><p>Und so weiter. Janet wandte sich ihm zu; und Ann nahm mit entt�uschtem Gesicht ihren Kaffee und verschwand damit.</p><p>Danach konzentrierte sich Maya und suchte, sich die Mienen wieder ins Ged�chtnis zu rufen, die Boone und Chalmers ausgetauscht hatten. Sie waren wie eine Art Code gewesen oder wie die privaten Sprachen, die identische Zwillinge manchmal f�r sich erfinden.</p><empty-line/><p>Die Wochen vergingen, und die Tage begannen alle mit einem l�ssigen Fr�hst�ck. Die nachfolgenden Vormittage waren viel gesch�ftiger. Jeder hatte einen Zeitplan, wenn auch manche voller waren als andere. Der von Frank war gedr�ngt voll, so wie er es liebte, ein manischer Nebel von Aktivit�t. Aber die notwendige Arbeit war durchaus nicht immer so gro�artig. Sie mussten sich am Leben und in Form halten, das Schiff in Gang halten und sich auf den Mars vorbereiten. Die Wartung des Schiffs erstreckte sich von den Finessen des Programmierens oder Reparaturen bis hin zu primitiven T�tigkeiten wie Vorr�te aus dem Lager holen oder Abfall zu den Aufbereitern bringen. Das Biosph�renteam verbrachte den gr��ten Teil seiner Zeit auf der Farm, die gro�e Teile der Torusse C, E und F einnahm. Und jedermann an Bord hatte auf der Farm zu arbeiten. Die meisten hatten daran Freude, und manche kehrten sogar in ihren freien Stunden dorthin zur�ck. Auf Anweisung der �rzte mussten alle t�glich drei Stunden mit Tretm�hlen, Rolltreppen, Laufr�dern oder Gewichtsapparaten zubringen. Diese Stunden wurden genossen, ertragen oder geschm�ht, je nach Temperament; aber selbst jene, welche behaupteten, sie nicht zu m�gen, erledigten ihre �bungen in merklich (und sogar messbar) besserer Stimmung. �Beta-Endorphine sind die beste Droge�, w�rde Michel Duval sagen.</p><p>�Was ein Gl�ck ist, da wir keine anderen haben�, w�rde John Boone antworten.</p><p>�Oh, es gibt Koffein���</p><p>�Macht mich schl�frig.�</p><p>�Alkohol���</p><p>�Bereitet mir Kopfschmerzen.�</p><p>�Prokain, Darvon, Morphin���</p><p>�Morphin?�</p><p>�In den medizinischen Vorr�ten. Nicht f�r allgemeinen Gebrauch.�</p><p>Arkady l�chelte. �Vielleicht sollte ich lieber krank werden.�</p><p>Die Ingenieure einschlie�lich Maya verbrachten viele Vormittage beim Training von Simulationen. Diese fanden auf der Ersatzbr�cke in Torus B statt, der die neuesten Errungenschaften an Bildsynthesizern hatte. Die Simulationen waren so geschickt, dass es kaum einen sichtbaren Unterschied zwischen ihnen und der eigentlichen Aktion gab. Das machte sie nicht unbedingt interessant. Die standardisierte Orbitalann�herung, allw�chentlich ge�bt, hatte den Spitznamen �Der Mantra-Lauf� und wurde f�r jegliche Flugmannschaft zu einer langweiligen Plage.</p><p>Aber manchmal war selbst Langeweile den Alternativen vorzuziehen. Arkady war ihr Trainigsspezialist und hatte ein geradezu perverses Talent zum Entwerfen von Probleml�ufen, die so hart waren, dass sie oft jeden �t�teten�. Diese L�ufe waren eigenartig unangenehme Erfahrungen und machten Arkady bei seinen Opfern nicht beliebt. Er mischte willk�rlich Probleml�ufe mit Mantral�ufen, aber es waren immer mehr Probleml�ufe. Sie �n�herten sich dem Mars�, und rote Lampen flammten auf, bisweilen mit Sirenen; und sie waren wieder in Schwierigkeiten. Einmal hatten sie einen Treffer durch ein Planetesimal von etwa f�nfzehn Gramm, das einen gro�en Riss im Hitzeschild hinterlie�. Sax Russell hatte ausgerechnet, dass ihre Chancen, mit etwas gr��er als ein Gramm zusammenzutreffen, ungef�hr zu eins in siebentausend Reisejahren st�nden; aber es gab sie dennoch: <emphasis>Notfall!</emphasis> Adrenalin durchstr�mte sie, obwohl sie schon �ber diese Idee die Nase r�mpften. Sie rannten in die Nabe und legten Anz�ge f�r Au�enarbeiten an, um das Loch zu verstopfen, ehe sie in die Marsatmosph�re gerieten und knusprig gebraten w�rden. Als sie halb soweit waren, kam �ber ihre Interkoms Arkadys Stimme: �Nicht schnell genug! Wir sind l�ngst alle tot!�</p><p>Aber das war noch ein einfacherer Fall. Andere�� Zum Beispiel wurde das Schiff durch Drahtflugsystem gesteuert, was bedeutete, dass die Piloten in die Flugcomputer Befehle eingaben, die diese dann in die tats�chlichen Sch�be umsetzten, um das verlangte Resultat zu erzielen. Das sollte sein; denn wenn man sich mit ihrer Geschwindigkeit einer gravitierenden Masse wie dem Mars n�herte, war es glatt unm�glich zu f�hlen oder zu ahnen, welche Z�ndperioden die gew�nschten Effekte erzielen w�rden. Darum waren sie alle keine Flugzeugpiloten im �blichen Sinne. Nichtsdestoweniger lie� Arkady �fters das ganze massiv redundante System hochgehen, gerade wenn sie einen kritischen Moment erreichten (ein Versagen, das, wie Russell sagte, ungef�hr mit einer Wahrscheinlichkeit von einmal in zehn Milliarden F�llen eintrat), und sie mussten �bernehmen und alle Raketen mechanisch bedienen, wobei sie die Monitore und ein orangefarbenes Bild auf schwarzem Grund des auf sie zukommenden Mars beobachten mussten. Dann konnten sie entweder weitermachen, in den tiefen Raum entweichen und eines langsamen Todes sterben, oder kurz auf den Planeten prallen und sofort sterben. In diesem Falle mussten sie das bis hin zu dem simulierten t�dlichen Zerschellen mit 120 Kilometern in der Sekunde erleben.</p><p>Oder es k�nnte ein mechanisches Versagen eintreten: Hauptantrieb, Stabilisierungsraketen, Computerhardware oder -Software, Entfaltung des Hitzeschildes; all das musste bei der Ann�herung perfekt funktionieren. Und Versager in diesen Systemen waren am allerwahrscheinlichsten�� im Bereich von, wie Sax sagte (obwohl andere seine Risikoabsch�tzungsmethoden in Frage stellten) einer bei zehntausend Ann�herungen. Also machten sie es noch einmal, und rote Lampen w�rden aufleuchten, und sie wurden st�hnen und einen �Mantralauf� herbeisehnen, obwohl sie zum Teil die neue Herausforderung begr��ten. Wenn sie es schafften, einen mechanischen Fehler zu �berleben, waren sie kolossal stolz. Das konnte der H�hepunkt einer Woche sein. Einmal gelang es John Boone, erfolgreich von Hand eine aerodynamische Bremsung auszuf�hren bei nur einer funktionierenden Rakete, indem er die sichere Bogenmillisekunde bei der einzig m�glichen Geschwindigkeit traf. Niemand konnte das glauben. �Reines Gl�ck�, sagte Boone und grinste breit, als die Tat beim Essen zur Sprache kam.</p><p>Die meisten von Arkadys �bungsl�ufen endeten aber mit Versagen, was f�r alle den Tod bedeutete. Simuliert oder nicht, es war f�r alle hart, bei diesen Erfahrungen nicht ern�chtert zu werden und �berdies gereizt, weil Arkady sie erfunden hatte. Einmal reparierten sie jeden Monitor auf der Br�cke gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die Schirme den Treffer eines kleinen Asteroiden verzeichneten, der durch die Nabe stie� und sie alle t�tete. Ein andermal machte Arkady als Teil des Navigationsteams einen �Fehler� und wies die Computer an, die Rotation des Schiffs zu erh�hen, anstatt sie herabzusetzen. �Mit sechs G auf den Fu�boden genagelt!� schrie er in gespieltem Entsetzen; und sie mussten eine halbe Stunde lang auf dem Boden kriechen und so tun, als ob sie den Fehler berichtigten, w�hrend sie jeder eine halbe Tonne wogen. Als sie Erfolg hatten, sprang Arkady vom Boden auf und fing an, sie vom Kontrollmonitor wegzusto�en.</p><p>�Was, zum Teufel, machst du?� kreischte Maya.</p><p>�Er ist verr�ckt geworden�, sagte Janet.</p><p>�Er hat <emphasis>simuliert,</emphasis> dass er verr�ckt wurde�, korrigierte Nadia sie. �Wir m�ssen uns vorstellen����� dabei drehte sie eine letzte Runde um Arcady��, �wie man mit jemand zurechtkommt, der auf der Br�cke verr�ckt wird!�</p><p>Was ohne Zweifel stimmte. Aber sie konnten die ganze Zeit das Wei�e in Arkadys Augen sehen, und es war keine Spur von Erkennen in ihm, w�hrend er sie stumm attackierte. Alle f�nf waren n�tig, um ihn festzuhalten, und Janet und Phyllis Boyle wurden durch seine spitzigen Ellbogen verletzt.</p><p>�Nun?� sagte er sp�ter beim Essen und grinste schief, als er eine Schnute zog. �Wie, wenn das passiert? Wir stehen hier oben unter Druck, und die Ann�herung wird das Allerschlimmste sein. Was, wenn jemand zusammenbricht?� Er wandte sich zu Russell, und sein Grinsen wurde noch wilder. �Wie stehen die Chancen daf�r, he?� Und er stimmte ein Lied aus Jamaika an mit slawisch karibischem Akzent: �Druckabfall, oh, Druckabfall, oho, der Druck wird fallen auch bei euch, oho!�</p><p>Also �bten sie weiter und nahmen die Probleml�ufe so ernst sie konnten, selbst den Angriff durch Eingeborene auf dem Mars oder die Loskopplung von Torus D, verursacht durch �Sprengbolzen, die beim Bau des Schiffs versehentlich eingesetzt wurden�, oder das Ausscheren von Phobos aus seiner Bahn im letzten Moment. Der Umgang mit weniger plausiblen Szenarien nahm bisweilen eine Art von surrealem schwarzen Humor an; und Arkady spielte einige seiner Videob�nder zur Unterhaltung nach dem Essen ab, wodurch manchmal Leute lachend Luftspr�nge machten.</p><p>Aber die plausiblen Probleml�ufe�� Die kamen st�ndig, jeden Morgen, einer nach dem anderen. Und trotz den L�sungen, trotz den Protokollen, um L�sungen zu finden, war da immer wieder dieser Anblick, wie der Rote Planet mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit von 40000 Kilometern in der Sekunde auf sie zuraste, bis er den Bildschirm ausf�llte und kleine schwarze Buchstaben darauf erschienen: <emphasis>Kollision.</emphasis></p><empty-line/><p>Sie reisten zum Mars auf einer Hohmann-Ellipse vom Typ II. Das war ein langsamer, aber wirksamer Kurs, den man gegen�ber anderen Alternativen haupts�chlich deshalb gew�hlt hatte, weil die beiden Planeten in der richtigen Position daf�r waren, als das Schiff endlich fertig war, indem der Mars in der Ebene der Ekliptik ungef�hr f�nfundvierzig Grad vor der Erde stand. W�hrend der Reise w�rden sie gerade halb um die Sonne fahren und dreihundert und ein paar Tage sp�ter den Mars treffen. Das war ihre vorgeburtliche Zeit, meinte Hiroko.</p><p>Die Psychologen daheim hatten es der M�he f�r wert erachtet, von Zeit zu Zeit Ver�nderungen vorzunehmen, um auf der <emphasis>Ares</emphasis> den Ablauf der Jahreszeiten vorzut�uschen. Die Dauer von Tag und Nacht, Wetter und Farben der Umwelt wurden zu diesem Zweck ver�ndert. Manche hatten gewollt, dass ihre Landung ein Herbst sein sollte; andere wollten einen Fr�hling. Nach kurzer Debatte wurde durch Abstimmung unter den Reisenden beschlossen, dass man mit einem zeitigen Fr�hling anfangen sollte, so dass sie im Sommer und nicht im Winter reisen w�rden. Und wenn sie sich dem Ziel n�herten, w�rden die Farben des Schiffs die Herbstt�ne des Mars annehmen anstelle der hellen gr�nen und bl�tenhaften Pastellfarben, die sie so weit hinter sich gelassen hatten.</p><p>Also gingen sie in diesen ersten Monaten nach getaner Morgenarbeit, wenn sie die Farm oder die Br�cke verlie�en oder von Arkadys fr�hlich sadistischen Simulationen herausstolperten, in den Fr�hling. Die W�nde waren mit bla�gr�nen Tafeln beh�ngt oder gro�en Fotos von Azaleen, Jacarandas und ornamentalen Kirschen. Gerste und Senf in den gro�en Farmr�umen gl�hten in lebhaftem Gelb mit neuen Bl�ten und die B�ume und Str�ucher im Fr�hling ihrer Zyklen. Maya liebte diese farbigen Fr�hlingsbl�ten und erledigte nach der morgendlichen Arbeit einen Teil ihres physischen Trainings durch einen Spaziergang im Waldbiotop, das einen h�gligen Boden hatte und so dicht voller B�ume war, dass sie nicht vom einen Ende der Kammer zum anderen blicken konnte. Hier traf sie oft Frank Chalmers, der eine seiner kurzen Pausen machte. Er sagte, er liebe das Blattwerk im Fr�hling, obwohl er es nie anzuschauen schien. Sie gingen zusammen und redeten oder nicht, wie es sich gerade ergab. Wenn sie sich unterhielten, war es nie �ber etwas von Bedeutung. Frank liebte es nicht, ihre Arbeit als F�hrer der Expedition zu er�rtern. Maya fand das drollig, wenn sie es auch nicht sagte. Aber ihre T�tigkeiten waren nicht genau gleich, was f�r seine Zur�ckhaltung sprechen mochte. Mayas Position war recht informell und nichthierarchisch�� Kosmonauten hatten sich immer auf relativ gleicher Ebene verhalten. Das war eine Tradition seit den Zeiten von Korolyov. Das amerikanische Programm hatte eine mehr milit�rische Tradition, die sogar in Titeln zum Ausdruck kam. W�hrend Maya blo� Koordinator des Russischen Kontingents war, war Frank Captain Chalmers, und das wohl im strengen Sinne der alten Segelschiffmarinen.</p><p>Ob diese Autorit�t es ihm mehr oder weniger schwermachte, sagte er nicht. Manchmal diskutierte er �ber das Arboretum oder kleine technische Probleme oder Nachrichten von daheim. �fters aber schien er nur mit ihr spazieren gehen zu wollen. Also�� stumme M�rsche, auf und ab in engen Wegen, durch dichte Gruppen von Kiefern, Eschen und Birken. Und immer diese vorgebliche Vertrautheit, als w�ren sie alte Freunde, oder als ob er ihr sehr sch�chtern (oder subtil) den Hof machte.</p><p>Als Maya eines Tages dar�ber nachdachte, kam ihr in den Sinn, dass der Start der <emphasis>Ares</emphasis> im Fr�hling ein Problem geschaffen haben k�nnte. Sie waren hier in ihrem Mesokosmos, fuhren durch Fr�hling, und alles war fruchtbar und bl�hend, verschwenderisch und gr�n, die Luft voller Bl�tenduft und bewegt, die Tage l�nger und w�rmer, und alle Leute in Shirts und Shorts, hundert gesunde Tiere, auf engem Raum, essend, �bend, duschend und schlafend. Da musste es nat�rlich Sex geben.</p><p>Nun, das war nichts Neues. Maya hatte im Weltraum phantastische Sexspiele erlebt, am ausgepr�gtesten w�hrend ihrer zweiten Dienstzeit auf <emphasis>Novy Mir,</emphasis> wo sie und Georgi und Yeli und Irina jede vorstellbare Variante in Gewichtslosigkeit ausprobiert hatten�� und das waren wirklich sehr viele. Aber jetzt war es anders. Sie waren �lter und f�r immer beisammen. �In einem geschlossenen System ist <emphasis>alles</emphasis> anders�, wie Hiroko oft in anderem Zusammenhang gesagt hatte. Die Idee, auf br�derlicher Ebene zu bleiben, war bei der NASA gro� angeschrieben. Von den 1348 Seiten des Buches, welches die NASA unter dem Titel <emphasis>Menschliche Beziehungen beim Flug zum Mars</emphasis> herausgegeben hatte, war nur eine einzige Seite dem Sex gewidmet, und diese Seite riet davon ab. Sie waren, wie das Buch meinte, etwas wie ein Stamm, mit sp�rbarem Tabu gegen Paarung innerhalb des Stammes. Die Russen lachten fr�hlich dar�ber, aber die Amerikaner waren wirklich so pr�de. Arkady sagte: �Wir sind kein <emphasis>Stamm.</emphasis> Wir sind <emphasis>die Welt.�</emphasis></p><p>Und es war Fr�hling. Und es gab die verheirateten Paare an Bord, von denen manche recht auff�llig waren. Und da gab es das Schwimmbecken in Torus E und die Sauna und das Sprudelbad. Bei gemischter Gesellschaft trug man Badeanz�ge, wiederum wegen der Amerikaner. Aber Badeanz�ge machten nichts aus. Nat�rlich fing es an zu passieren. Sie h�rte von Nadia und Ivana, dass die Blasenkuppel f�r Verabredungen in den stillen Nachtstunden diente. Es zeigte sich, dass viele Kosmonauten und Astronauten die Gewichtslosigkeit liebten. Und die vielen Winkel in den Parks und dem Arboretum dienten als Verstecke f�r solche mit weniger Erfahrung in Gewichtslosigkeit. Die Parks waren daf�r vorgesehen, den Leuten das Gef�hl zu geben, sie k�nnten Abstand gewinnen. Und jede Person hatte ein eigenes schalldichtes Zimmer. Wenn bei all dem ein Paar eine Beziehung anfangen wollte, ohne zum Tagesgespr�ch zu werden, war es m�glich, sehr diskret zu sein. Maya war sicher, dass mehr vor sich ging, als irgendeine Einzelperson erfahren w�rde.</p><p>Das konnte sie f�hlen. Anderen ging es ohne Zweifel genau so. Leise Gespr�che zwischen Paaren, Wechsel bei Partnern im Speisesaal, rasche Blicke, H�nde, die im Vorbeigehen Schultern oder Ellbogen ber�hrten�� o ja, es geschah einiges. Das bewirkte eine gewisse Spannung in der Luft, eine Spannung, die nur zum Teil angenehm war. Es kamen wieder antarktische �ngste ins Spiel, und au�erdem gab es nur eine kleine Anzahl potentieller Partner, was den Dingen den Anstrich einer Wechselpolonaise verlieh.</p><p>Und f�r Maya gab es noch zus�tzliche Probleme. Sie war russischer M�nner mehr als �berdr�ssig, weil das bedeuten w�rde, mit dem (oder: der) Vorgesetzten zu schlafen. Sie war in dieser Hinsicht argw�hnisch, da sie wusste, was f�r ein Gef�hl es gewesen war, wenn sie es selbst gemacht hatte. Au�erdem war keiner von denen���� nun, sie f�hlte sich von Arkady angezogen, mochte ihn aber nicht, und er wirkte uninteressiert.</p><p>Yeli kannte sie von fr�her, er war blo� ein Freund. An Dmitri lag ihr nichts, Vlad war �lter, Yuri nicht ihr Typ, Alex ein Gefolgsmann Arkadys�� und so weiter.</p><p>Und was die Amerikaner oder die Internationalen anging�� nun, das war ein Problem anderer Art. Mischkulturen, wer konnte das wissen? Aber sie dachte dar�ber nach. Und gelegentlich, wenn sie morgens aufwachte oder eine Ausarbeitung beendete, schwebte sie auf einer Woge von Verlangen, das sie an der Bettkante oder unter der Dusche davonsp�lte und das ein Gef�hl von Alleinsein hinterlie�.</p><empty-line/><p>So traf sie eines Morgens sp�t nach einem besonders anstrengenden Problemlauf, den sie fast gel�st und dann doch verfehlt hatten, im Arboretum auf Frank Chalmers und erwiderte seine Begr��ung. Dann gingen sie etwa zehn Meter weit in den Wald und blieben stehen. Sie trug Shorts und ein knappes Oberteil, war barf��ig, verschwitzt und von der verr�ckten Simulation erregt. Er trug Shorts und ein T-Shirt, war barf��ig und von der Farm staubig. Pl�tzlich stie� er sein scharfes Lachen aus und langte hin, um ihren Oberarm mit zwei Fingerspitzen zu ber�hren. �Heute siehst du gl�cklich aus.� Mit dem bewussten aggressiven L�cheln.</p><p>Die F�hrer der beiden H�lften der Expedition. Gleichgestellt. Sie hob die Hand, um seine zu ber�hren, und mehr war nicht n�tig.</p><p>Sie verlie�en den Pfad und tauchten in ein dichtes Kieferndickicht ein. Sie blieben stehen, um sich zu k�ssen. Das war so lange her, dass es ihr seltsam vorkam. Frank stolperte �ber eine Wurzel und lachte leise vor sich hin�� jenes geheimnistuerische Lachen, das Maya fast erschauern lie�. Sie setzten sich auf Kiefernadern hin und rollten sich zusammen wie Studenten bei Schmusespielen im Wald. Sie lachte, sie hatte schon immer den schnellen sexuellen Kontakt geliebt, jene Art, mit der sie einen Mann umhauen konnte, wenn sie wollte.</p><p>Und so trieben sie Liebesspiele, und f�r einige Zeit riss ihre Leidenschaft sie mit. Als es vorbei war, entspannte sie sich und genoss die Brandung der Nachglut. Aber es wurde irgendwie ein wenig unbehaglich. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. An ihm war immer noch etwas Verborgenes, als ob er sich selbst beim Liebesspiel verstecken w�rde. Und noch schlimmer, was sie hinter seiner Zur�ckhaltung sehen konnte, war eine Art von Triumph, als ob er etwas gewonnen und sie etwas verloren h�tte. Jener puritanische Zug bei Amerikanern, der Gedanke, dass Sex etwas Unrechtes w�re und M�nner Frauen dazu verf�hren m�ssten. Sie zog sich etwas zur�ck, ver�rgert durch sein heimliches Grinsen. Gewinnen und Verlieren�� wie Kinder.</p><p>Und dennoch waren sie sozusagen Kollegen. Wenn es also f�r beide auf dasselbe hinauslief.</p><p>Sie plauderten einige Zeit recht jovial und liebten sich schlie�lich noch einmal, ehe sie sich trennten. Aber es war nicht ganz dasselbe wie beim ersten Mal. Sie merkte, dass sie zerstreut war. Beim Sex entzog sich vieles einer rationalen Beurteilung. Maya f�hlte bei ihren Partnern immer Dinge, die sie nicht analysieren oder gar ausdr�cken konnte. Aber immer gefiel ihr, was sie tat, oder es gefiel ihr nicht. Daran gab es keinen Zweifel. Und als sie nach dem ersten Mal Frank Chalmers ins Gesicht geschaut hatte, wurde sie sicher, dass etwas nicht stimmte. Das machte sie missgestimmt.</p><p>Aber sie gab sich freundlich und leidenschaftlich. Es h�tte keinen Sinn, in einem solchen Moment abzubrechen. Das w�rde niemand verzeihen. Sie standen auf, zogen sich an und gingen wieder zum Torus D. Sie speisten am gleichen Tisch mit einigen anderen; und da erschien es ganz richtig, mehr Distanz zu halten. Aber sp�ter in den Tagen nach ihrem ersten Beisammensein war sie �berrascht und �rgerlich zu merken, dass sie ihn mied und Vorw�nde suchte, nicht mit ihm allein zu sein. Das war ungeschickt und keineswegs das, was sie gewollt hatte. Sie h�tte lieber nicht so gef�hlt; und ein paar Mal gingen sie wieder zusammen fort, und als er sie anmachte, trieb sie es wieder mit ihm. Sie w�nschte, dass es klappen w�rde, da sie f�hlte, dass sie mit einer Ablehnung einen Fehler gemacht h�tte oder dann irgendwie in schlechter Stimmung gewesen w�re. Aber es war immer dasselbe, da war immer dieses angedeutete triumphierende Grinsen, das Ich-habe-dich-bekommen, welches sie so verabscheute, diese moralinsaure, puritanische, doppelb�dige Schmuddeligkeit.</p><p>Und so mied sie ihn immer mehr, um nicht wieder in die Ausgangssituation zu geraten. Und er kapierte recht schnell, wie der Wind wehte. Eines Nachmittags bat er sie um einen Spaziergang in das Biotop; und als sie unter dem Vorwand, m�de zu sein, ablehnte, zog ein Staccato von �berraschung �ber sein Gesicht, und dann war es wie eine Maske verschlossen. Sie hatte ein schlechtes Gef�hl, weil sie es nicht einmal selbst erkl�ren konnte.</p><p>Im Versuch, einen solch unvern�nftigen R�ckzug gutzumachen, war sie danach zu ihm freundlich und aufrichtig, solange die Lage sicher war. Und ein paar Mal gab sie indirekt zu verstehen, dass ihre Begegnungen f�r sie nur eine Besiegelung ihrer Freundschaft gewesen w�ren, etwas, das sie auch mit anderen getan h�tte. All dies musste aber zwischen den Worten �bermittelt werden; und es war m�glich, dass er sie missverstand. Nach jenem ersten Ruck von Begreifen schien er nur verwirrt zu sein. Einmal, als sie eine Gruppe verlie�, ehe diese aufbrach, hatte sie gesehen, dass er ihr einen pr�fenden Blick zuwarf. Danach�� nur Distanz und Reserve. Aber er war nie wirklich ver�rgert gewesen und dr�ngte nie auf dieses Thema oder kam zu ihr, um dar�ber zu sprechen. Aber das war doch gerade ein Teil des Problems! Es schien, dass er mit ihr nicht dar�ber sprechen <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Nun, vielleicht hatte er Aff�ren laufen mit anderen Frauen, mit einigen Amerikanerinnen. Das war schwer zu sagen. Er hielt wirklich an sich. Aber es war�� peinlich.</p><p>Maya beschloss, der vertrackten Verlockung ein Ende zu machen, so aufregend sie auch war. Hiroko hatte recht: In einem geschlossenen System war alles anders. Das war �bel f�r Frank (falls es ihn k�mmerte), weil er auf sie in dieser Hinsicht erzieherisch gewirkt hatte. Am Ende beschloss sie, sich mit ihm wieder zu vertragen, indem sie ihm eine gute Freundin war. Sie war so sehr darum bem�ht, dass sie es einmal, fast einen Monat sp�ter, �bertrieb und etwas zu weit ging, soweit, dass sie glaubte, ihn wieder zu verf�hren. Sie waren Teil einer Gruppe gewesen, hatten bis sp�t geplaudert. Und sie hatte dicht bei ihm gesessen. Sp�ter hatte er deutlich den falschen Eindruck erhalten und ging mit ihr durch Torus D zu den Bader�umen. Dabei redete er in jener charmanten und umg�nglichen Art, die er bei einem solchen Stand der Dinge gew�hnlich an den Tag legte. Maya war unsicher. Sie wollte nicht allzu launisch erscheinen, obwohl in diesem Fall jedes m�gliche Verhalten so wirken k�nnte. Also ging sie mit ihm los, nur weil das einfacher war und weil ein Teil von ihr auch Sex wollte. Drum tat sie es, �ber sich selbst ver�rgert und entschlossen, dass dies das letzte Mal sein sollte, eine Art Abschiedsgeschenk, das, wie sie hoffte, die ganze Aff�re f�r ihn zu einer guten Erinnerung machen w�rde. Sie stellte fast, dass sie leidenschaftlicher war als je zuvor. Sie wollte ihm wirklich gefallen. Und dann, kurz vor dem Orgasmus, schaute sie zu seinem Gesicht auf und erblickte die Fenster eines leeren Hauses. Das war das letzte Mal.</p></section><section><empty-line/><p>Av, V <emphasis>f�r Geschwindigkeit, Delta f�r Ver�nderung. Im Weltraum ist dies das Ma� f�r die Geschwindigkeit, welche erforderlich ist, um von einem Ort zum anderen zu gelangen�� mithin ein Ma� f�r die dazu erforderliche Energie.</emphasis></p><p><emphasis>Alles ist schon in Bewegung. Um aber etwas von der sich bewegenden Oberfl�che der Erde in eine Umlaufbahn um sie zu bringen, ist ein Minimum</emphasis> Av <emphasis>von zehn Kilometern in der Sekunde erforderlich. Um den Erd-Orbit zu verlassen und zum Mars zu fliegen, braucht man mindestens ein</emphasis> Av <emphasis>von 3,6 Kilometern in der Sekunde. Der schwierigste Teil ist, die Erde ganz hinter sich zu lassen, denn dabei kommt die tiefste Gravitationssenke ins Spiel. Das Erklimmen dieser steilen Kurve der Raumzeit verlangt ungeheure Energie, um die Richtung einer enormen Tr�gheit zu verschieben.</emphasis></p><p><emphasis>Auch die Geschichte besitzt Tr�gheit. In den vier Dimensionen von Raumzeit haben Partikel (oder Ereignisse) eine Richtung. Um das zu zeigen, zeichnen Mathematiker so genannte �Weltlinien� in Graphiken. Bei menschlichen Angelegenheiten ringeln sich individuelle Weltlinien aus der Dunkelheit der Vorgeschichte als dichtes Gewirr heraus und erstrecken sich durch die Zeit. Ein Kabel von der Gr��e der Erde selbst, das die Sonne auf langer Spiralbahn umrundet. Dieses Kabel einer verflochtenen Welt ist die Geschichte. Wenn man sieht, wo es gewesen ist, ist es klar, wohin es l�uft. Das ist eine Sache einfacher Extrapolation. Denn welche Art von</emphasis> Av <emphasis>w�rde es erfordern, der Geschichte zu entrinnen, einer Tr�gheit, die so m�chtig ist, und einen neuen Kurs zu bahnen?</emphasis></p><p><emphasis>Der h�rteste Teil ist, die Erde hinter sich zu lassen.</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>Die Form der <emphasis>Ares</emphasis> verlieh der Realit�t eine Struktur. Das Vakuum zwischen Erde und Mars kam Maya allm�hlich vor wie eine lange Reihe von Zylindern, die an ihren Verbindungsstellen um Winkel von f�nfundvierzig Grad gedreht waren. Es gab eine Rennbahn, eine Art von Hindernisstrecke, um Torus C. An jeder Ecke verlangsamte sie ihren Lauf und spannte ihre Beine f�r den erh�hten Druck von zwei Knicken um 22,5 Grad. Dann konnte sie pl�tzlich die L�nge des n�chsten Zylinders sehen. Es schien eine recht enge Welt zu sein.</p><p>Vielleicht als Ausgleich daf�r fingen die Menschen im Innern an gr��er zu werden. Der Prozess des Abwerfens ihrer antarktischen Masken dauerte an. Jedes Mal, wenn jemand eine neue und bis dahin unbekannte Eigenschaft zeigte, gab das allen denen, die das bemerkten, ein Gef�hl viel gr��erer Freiheit; und dieses Gef�hl lie� weitere verborgene Z�ge hervortreten. Eines Sonntagmorgens feierten die Christen an Bord, etwa ein Dutzend an der Zahl, in der Kuppelhalle Ostern. Daheim war es April, obwohl in der <emphasis>Ares</emphasis> Mitsommer herrschte. Nach dem Gottesdienst gingen sie zum zweiten Fr�hst�ck in den Speisesaal von Torus D. Maya, Frank, John, Arkady und Sax sa�en an einem Tisch und tranken Kaffee und Tee. Die Gespr�che zwischen ihnen und mit anderen Tischen waren eng verflochten; und zuerst h�rten nur Maya und Frank, was John zu Phyllis Boyle sagte, der Geologin, die den Ostergottesdienst abgehalten hatte.</p><p>�Ich verstehe die Idee des Universums als ein Superwesen, dessen ganze Energie die Gedanken dieses Wesens sind. Das ist eine h�bsche Vorstellung. Aber die Geschichte von Christus��� John sch�ttelte den Kopf.</p><p>Phyllis fragte: �Kennst du die Geschichte wirklich?�</p><p>John antwortete kurz: �Ich wurde in Minnesota als Lutheraner erzogen. Ich ging zur Konfirmation. Mir wurde das ganze Zeug eingedrillt.�</p><p>Was, wie Maya dachte, wohl der Grund war, weshalb er sich in solche Diskussionen einmischen wollte. Er zeigte einen missvergn�gten Ausdruck, den Maya noch nie gesehen hatte; und sie beugte sich etwas vor und konzentrierte sich pl�tzlich. Sie sah Frank an. Der blickte in seine Kaffeetasse wie in eine Traumwelt. Sie war aber sicher, dass er zuh�rte.</p><p>John sagte: �Man wei� doch l�ngst, dass die Evangelien Jahrzehnte nach dem Ereignis geschrieben wurden, von Leuten, die Christus nie begegnet waren. Und es gibt andere Evangelien, die von einem anderen Christus k�nden, Evangelien, die in einem politischen Prozess des dritten Jahrhunderts aus der Bibel verbannt wurden. Also ist Christus in Wirklichkeit eine literarische Gestalt, eine politische Konstruktion. �ber den Mann selbst wissen wir nichts.�</p><p>Phyllis sch�ttelte den Kopf. �Das ist nicht wahr.�</p><p>�Doch, so ist es�, erwiderte John. Dies veranlasste Sax und Arkady am Nebentisch hochzublicken. �Schau, all dieses Zeug hat eine Geschichte. Monotheismus ist ein Glaubenssystem, das man in fr�hen Viehzuchtgesellschaften auftauchen sieht. Je st�rker ihre Abh�ngigkeit von der Viehzucht, desto wahrscheinlicher glauben sie an einen Hirtengott. Das ist eine exakte Korrelation, die man sehen und kartieren kann. Und der Gott ist immer m�nnlich, weil jene Gesellschaften patriarchalisch waren. Es gibt eine Arch�ologie, eine Anthropologie, die das alles vollkommen deutlich macht�� wie es dazu kam und welchen Bed�rfnissen es entsprach.�</p><p>Phyllis sah ihn mit leichtem L�cheln an. �John, ich wei� nicht, was ich dazu sagen kann. Es ist schlie�lich doch keine Sache der Geschichte. Es ist eine Sache des Glaubens.�</p><p>�Glaubst du an die Wunder Christi?�</p><p>�Auf die Wunder kommt es nicht an. Es kommt nicht auf die Kirche oder deren Dogma an. Jesus selbst ist es, auf den es ankommt.�</p><p>�Der ist doch aber nur eine literarische Konstruktion�, beharrte John. �Etwas wie Sherlock Holmes oder der Einsame Ranger. Und du hast meine Frage wegen der Wunder nicht beantwortet.�</p><p>Phyllis zuckte die Achseln. �F�r mich ist die Existenz des Universums ein Wunder. Des Universums und alles dessen, was darin ist. Kannst du das bestreiten?�</p><p>�Sicher�, sagte John. �Das Universum gibt es einfach. Ich definiere ein Wunder als eine Aktion, die deutlich gegen bekannte physikalische Gesetze verst��t.�</p><p>�Wie die Fahrt zu anderen Planeten?�</p><p>�Nein. Wie die Auferweckung von Toten.�</p><p>�Das machen �rzte jeden Tag.�</p><p>�Das haben sie nie getan.�</p><p>Phyllis wirkte unbeeindruckt. �Ich wei� nicht, was ich dir sagen soll, John. Ich bin irgendwie �berrascht. Wir wissen nicht alles. Wenn wir dies behaupten, ist das Arroganz. Die Sch�pfung ist geheimnisvoll. Etwas einen Namen zu geben wie �Urknall� und dann zu denken, man h�tte eine Erkl�rung�� das ist schlechte Logik, schlechtes Denken. Au�erhalb unseres normalen wissenschaftlichen Bereichs gibt es ein enormes Gebiet von Bewusstsein, ein Gebiet, das wichtiger ist als Wissenschaft. Der Glaube an Gott ist ein Teil davon. Und ich nehme an, man hat ihn entweder oder hat ihn nicht.� Sie stand auf. �Ich hoffe, dass er zu dir kommt.� Sie verlie� den Raum.</p><p>Nach einigem Schweigen seufzte John. �Tut mir leid, Leute. Manchmal packt es mich einfach.�</p><p>Sax sagte: �Immer wenn Wissenschaftler sagen, sie w�ren Christen, halte ich das f�r eine �sthetische �u�erung.�</p><p>�Die Kirche der Leute, die meinen, es w�re doch h�bsch, so zu denken�, sagte Frank und blickte weiterhin in seine Tasse.</p><p>�Sie f�hlen, dass uns eine spirituelle Dimension des Lebens fehlt�, sagte Sax, �die fr�here Generationen hatten; und sie versuchen sie wiederzugewinnen, indem sie die gleichen Mittel anwenden.� Er machte sein Eulengesicht, als ob das Problem definiert und damit erledigt w�re.</p><p>�Aber das f�hrt zu so vielen Absurdit�ten!� rief John.</p><p>�Du hast eben keinen Glauben�, sagte Frank und blickte ihn an.</p><p>John ignorierte ihn. �Leute, die im Labor so dickk�pfig wie �berhaupt m�glich sein k�nnen�� ihr solltet einmal sehen, wie Phyllis die Schl�sse ins Kreuzverh�r nimmt, die ihre Kollegen aus ihren Daten ziehen! Und dann fangen sie pl�tzlich an, alle Arten von rhetorischen Tricks anzuwenden, Ausfl�chte, Qualifikationen, unscharfes Denken jeder Art. Als ob sie eine v�llig andere Person w�ren.�</p><p>�Du hast eben keinen Glauben�, wiederholte Frank.</p><p>�Nun, ich hoffe, ihn nie zu bekommen! Das ist so, als w�rde man mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen!�</p><p>John stand auf und trug sein Tablett zur K�che. Der Rest sah einander schweigend an. Maya sagte sich, es muss eine sehr schlechte Konfirmationsklasse gewesen sein. Offenbar hatte keiner der anderen mehr als sie von dieser Seite ihres unbek�mmerten Helden gewusst. Wer wusste, was sie als n�chstes lernen w�rden, �ber ihn oder irgendeinen anderen von ihnen?</p><p>Die Nachricht von der Diskussion zwischen John und Phyllis verbreitete sich in der Crew. Maya war nicht sicher, wer die Geschichte verbreitete. Weder John noch Phyllis schienen geneigt, dar�ber zu sprechen. Dann sah sie Frank mit Hiroko lachen, als er ihr etwas erz�hlte. W�hrend sie mit ihnen ging, h�rte sie Hiroko sagen: �Du musst zugeben, dass Phyllis in dieser Hinsicht recht hat. Wir verstehen ja wirklich nichts vom Warum der Dinge.�</p><p>Also Frank. Er s�te Zwietracht zwischen Phyllis und John. Und (was nicht trivial war) das Christentum war immer noch eine gro�e Kraft in Amerika und anderswo. Wenn es sich daheim herumspr�che, dass John Boone gegen das Christentum war, w�rde er Schwierigkeiten bekommen. Und das w�re f�r Frank gar nicht so �bel. Sie alle hatten auf der Erde Auftritte in den Medien, aber wenn man einige Nachrichten und Beitr�ge verfolgte, dann wurde klar, dass manche mehr davon bekamen als andere. Dadurch sahen sie st�rker aus und wurden es dann auch tats�chlich. Zu dieser Gruppe geh�rten Vlad und Ursula (von denen sie annahm, dass sie jetzt n�her befreundet waren), Frank, Sax�� alles Leute, die vor der Auswahl schon bekannt gewesen waren, und niemand mehr als John. Daher k�nnte jede Minderung ihres Ansehens auf der Erde f�r die betreffende Person auch einen korrespondierenden Effekt auf ihren Status auf der <emphasis>Ares</emphasis> haben. Das also schien Franks Politik zu sein.</p><empty-line/><p>Es gab ein Gef�hl, als w�ren sie im Innern eines Hotels ohne Ausg�nge eingesperrt, sogar ohne Balkons. Der Druck des Hotellebens nahm zu. Sie waren jetzt seit vier langen Monaten drin, aber das war noch nicht mal die halbe Reise. Und keines ihrer sorgf�ltig geplanten physischen Milieus oder t�glichen Routinen konnte deren Ende beschleunigen.</p><p>Dann besch�ftigte sich eines Morgens das zweite Flugteam wieder mit einem von Arkadys Probleml�ufen, als mit einem Mal auf verschiedenen Schirmen rote Lichter aufflammten.</p><p>Rya sagte: �Die Sonnen�berwachungsger�te haben eine Eruption auf der Sonne entdeckt.�</p><p>Arkady stand sofort auf. �Das bin ich nicht!� rief er und beugte sich vor, um den ihm n�chsten Schirm zu betrachten. Er schaute auf, traf auf das skeptische Grinsen seiner Kollegen und grinste zur�ck. �Tut mir leid, Freunde. Das ist jetzt der wirkliche Wolf.�</p><p>Eine Notmeldung aus Houston best�tigte ihn. Er h�tte auch diese vort�uschen k�nnen; aber er war schon unterwegs zur n�chsten Speiche, und sie konnten nichts machen. Ob Schwindel oder nicht, sie mussten ihm folgen.</p><p>Tats�chlich war eine gro�e Sonneneruption ein Ereignis, das sie vorher schon oft simuliert hatten. Ein jeder hatte bestimmte Aufgaben, davon etliche in sehr kurzer Zeit. Darum rannten sie um die Torusse, fluchten auf ihr Pech und bem�hten sich, einander nicht in die Quere zu kommen. Es gab sehr viel zu tun, da das Verschalten kompliziert und nicht sehr automatisiert war. W�hrend des Schleppens von Pflanzenk�sten in den zugeh�rigen Schutzraum schrie Janet: �Ist das einer von Arkadys Tests?�</p><p>�Er sagt nein.�</p><p>�Mist!�</p><p>Sie hatten die Erde absichtlich w�hrend eines Mimimums im Aktivit�tszyklus der Sonne verlassen, um die Wahrscheinlichkeit f�r das Auftreten einer solchen Eruption zu mindern. Sie hatten ungef�hr eine halbe Stunde, bis die erste Strahlung eintraf; und nicht mehr als eine Stunde danach w�rde das wirklich harte Zeug folgen.</p><p>Notlagen im Weltraum k�nnen so auff�llig sein wie eine Explosion oder so ungreifbar wie eine Gleichung, aber ihre Augenf�lligkeit hat nichts mit ihrer Gef�hrlichkeit zu tun. Die Sinnesorgane der Besatzung w�rden nie den subatomaren Wind sp�ren, der auf sie zukam, und doch war er eines der schlimmsten Dinge, die passieren konnten. Und das wussten sie alle. Sie rannten durch die Torusse, um ihre Abdeckungsarbeiten zu erledigen�� Pflanzen mussten verh�llt oder in gesch�tzte Bereiche geschafft werden, die H�hner und Schweine und Zwergrinder und die �brigen Tiere und V�gel mussten in ihre eigenen gesicherten Schutzr�ume getrieben werden, S�mereien und gefrorene Embryos mussten eingesammelt und weggeschafft werden. Empfindliche elektrische Ger�te mussten in K�sten gebettet oder eingeh�llt werden. Nachdem sie mit diesen dringend eiligen Aufgaben fertig waren, hangelten sie sich an den Speichen hinauf zum Zentralschacht und fl�chteten sich dann durch dessen Mittelrohr in den Sturmschutzraum, der sich direkt hinter dem hinteren Ende des Schachtes befand.</p><p>Hiroko und ihre Biosph�renmannschaft kamen als letzte herein und polterten durch die Schleuse volle siebenundzwanzig Minuten nach dem ersten Alarm. Sie st�rzten erhitzt und au�er Atem in den schwerelosen Raum. �Hat es schon angefangen?�</p><p>�Noch nicht.�</p><p>Sie rissen pers�nliche Dosimeter von einem Klettbandregal und befestigten sie an ihrer Kleidung. Der Rest der Crew schwebte schon in der halbzylindrischen Kammer, schwer atmend und mit der Behandlung von Prellungen und einigen Verrenkungen besch�ftigt. Maya lie� sie abz�hlen und war erleichtert zu h�ren, dass alle hundert Personen ohne Ausf�lle durchgekommen waren.</p><p>Der Raum schien gedr�ngt voll zu sein. Sie hatten seit vielen Wochen nicht alle Hundert auf einem Fleck beisammen gehabt, und sogar ein maximaler Raum wirkte nicht gro� genug. Dieser hier beanspruchte einen Tank im mittleren Strang des Nabenschachtes. Die vier Tanks um ihn herum waren mit Wasser gef�llt; und ihr Tank wurde der L�nge nach von einem anderen Halbzylinder eingenommen, der mit Schwermetallen gef�llt war. Dessen flache Seite war ihr �Fu�boden�, und er war auf kreisrunden Schienen in den Tank eingef�gt. Er rotierte, um die Achsenrotation des Schiffs aufzuheben und hielt so das Rohr immer zwischen den Menschen und der Sonne.</p><p>So schwebten sie in einem nicht rotierenden Raum, w�hrend sich das gew�lbte Dach des Tanks �ber ihnen mit den �blichen vier Uml�ufen pro Minute drehte. Das sah merkw�rdig aus und durch die zus�tzliche Schwerelosigkeit drohten einige Leute seekrank zu werden. Diese Ungl�cklichen sammelten sich am Ende des Schutzraums, wo sich die Toiletten befanden. Und um ihnen visuell zu helfen, orientierten sich alle anderen nach dem Fu�boden. Deshalb kam die Strahlung durch die F��e herein, zumeist Gammastrahlen, die von den Schwermetallen ausgestreut wurden. Maya f�hlte einen Impuls, die Knie zusammenzuhalten. Menschen schwebten an Ort und Stelle oder legten Sandalen mit Klettsohlen an, um �ber den Flur zu gehen. Sie sprachen leise, fanden instinktiv ihre T�rnachbarn, Arbeitskollegen und Freunde. Die Unterhaltungen verliefen ged�mpft, als ob man einer Cocktailgesellschaft verk�ndet h�tte, dass die Hors d�oeuvres verdorben gewesen w�ren.</p><p>John Boone zw�ngte sich zu den Computerterminals am vorderen Ende des Raumes durch, wo Arkady und Rex das Schiff �berwachten. Er tastete einen Befehl ein, und die Daten �ber �u�ere Strahlung erschienen pl�tzlich auf dem gr��ten Bildschirm des Raumes. �Wollen wir doch mal sehen, wie viel auf das Schiff trifft�, sagte er fr�hlich.</p><p>St�hnen. �M�ssen wir das?� rief Ursula.</p><p>John sagte: �Das sollten wir schon wissen. Und ich m�chte auch sehen, wie gut dieser Schutz funktioniert. Der auf der <emphasis>Rust Eagle</emphasis> war ungef�hr so wirkungsvoll wie das L�tzchen beim Zahnarzt.�</p><p>Maya l�chelte. Es war eine jener bei John so sehr seltenen Erinnerungen daran, dass er mehr Strahlung ausgesetzt gewesen war als alle anderen�� ungef�hr 160 Rem im Lauf seines Lebens, wie er jetzt in Beantwortung einer ihm gestellten Frage erkl�rte. Auf der Erde erhielt man ein F�nftel eines Menschen-R�ntgen-�quivalents j�hrlich; und im Erdorbit bekam man, noch innerhalb der Magnetosph�re der Erde, ungef�hr f�nfunddrei�ig pro Jahr ab. Also hatte John es sehr hei� gehabt; und das gab ihm jetzt irgendwie das Recht, die �u�eren Daten zu verfolgen, wenn er das wollte.</p><p>Die auch daran interessiert waren�� etwa sechzig Personen��, dr�ngten sich hinter ihm, um den Schirm anzusehen. Der Rest sammelte sich am anderen Ende des Tanks bei denen, die �ber Unwohlsein klagten, einer Gruppe, die bestimmt nicht wissen wollte, wie viel Strahlung sie bekamen. Schon der Gedanke daran gen�gte, dass einige von ihnen aufs Klo eilten.</p><p>Dann schlug die Eruption mit voller Gewalt zu. Die Daten der �u�eren Strahlung stiegen erheblich �ber das normale Niveau des Sonnenwindes und sausten dann j�h in die H�he. Einige Beobachter zogen gleichzeitig scharf die Luft ein, und es gab mehrere Schreckensschreie.</p><p>�Seht aber, wie viel der Schutz aufh�lt!� sagte John und pr�fte das Dosimeter an seinem Hemd. �Es sind nur Null Komma drei Rem.�</p><p>Das war gewiss soviel wie die Strahlendosis eines Zahnarztes w�hrend mehrerer Lebensspannen. Aber die Strahlung au�erhalb des Schutzraums betrug schon 70 Rem, was sich bereits einer t�dlichen Dosis n�herte. Sie kamen also g�nstig davon. Aber die volle Strahlung flog durch den Rest des Schiffes! Milliarden Partikel drangen hindurch und wurden bei Zusammenst��en mit den Atomen von Wasser und Metall gebunden. Hunderte von Millionen flogen zwischen diesen Atomen durch und durch die Atome ihrer K�rper, ohne etwas zu ber�hren, als w�ren sie nur Geister. Aber Tausende trafen auf Atome von Fleisch und Knochen. Die meisten dieser Zusammenst��e waren harmlos. Doch unter all diesen Tausenden gab es h�chstwahrscheinlich eines oder zwei (oder drei?), in denen ein Chromosomenstrang einen Treffer erhielt und sich in die falsche Richtung knickte. Und dann war es passiert: Tumorausl�sung fing mit einer solchen Type im Buch des Lebens an. Und Jahre sp�ter, sofern sich nicht die DNA des Opfers zum Gl�ck selbst heilte, w�rde die Tumoranregung, die ein mehr oder weniger unvermeidlicher Teil des Lebens war, sich auswirken, und es w�rde im Innern etwas anderes aufbl�hen: H�chstwahrscheinlich Krebs, Leuk�mie und ziemlich sicher der Tod.</p><p>Also war es schwer, die Zahlen nicht ungl�cklich anzusehen. 1,4658 Rem, 1,7861, 1,9004. �Wie ein Streckenme�ger�t�, sagte Boone ruhig, w�hrend er auf sein Dosimeter blickte. Er packte mit beiden H�nden ein Gel�nder und zog sich vor und zur�ck, als ob er isometrische �bungen machte. Frank sah das und sagte: �John, was, zum Teufel, machst du da?�</p><p>�Ich weiche aus�, sagte John und l�chelte �ber Franks �rger. �Du wei�t�� ein bewegliches Ziel.�</p><p>Die Leute lachten ihn aus. Da die Gr��e der Gefahr exakt auf Schirmen und Graphiken angegeben war, begannen sie sich weniger hilflos zu f�hlen. Das war unlogisch; aber Benennung war die Kraft, die einen Menschen zu einem guten Wissenschaftler machte. Und sie alle waren Berufsgelehrte, darauf trainiert, die M�glichkeit eines solchen Sturms zu akzeptieren. All solche mentalen Gewohnheiten str�mten in ihre Gedanken, und der Schock des Ereignisses verblasste ein wenig. Sie kamen damit zurecht.</p><p>Arkady trat an ein Terminal und schaltete Beethovens <emphasis>Pastorale</emphasis> ein, genau im dritten Satz, wenn der Tanz der Landleute durch Sturm unterbrochen wird. Er erh�hte die Lautst�rke, und die Leute str�mten in dem langen Halbzylinder zusammen, um der Intensit�t von Beethovens Gewitter zu lauschen, das pl�tzlich genau die St��e des stummen Windes auszudr�cken schien. Er w�rde ebenso klingen! Streich- und Blasinstrumente schrien in wilden B�en, au�er Kontrolle und dennoch gleichzeitig herrlich melodisch. Ein Schauer lief Maya �ber den R�cken. Sie hatte diesem alten K�mpen noch nie so bewusst zugeh�rt und blickte mit Bewunderung (und etwas Angst) auf Arkady, der ekstatisch �ber die Wirkungen seines Discjockey-Einfalls strahlte und wie ein roter Irrwisch im Wind tanzte. Als der Sturm in der Sinfonie seinen H�hepunkt erreichte, war es schwer zu glauben, dass die Strahlenz�hlung nicht anstieg. Und als der musikalische Sturm abebbte, schien es, als ob es auch bei ihnen still w�rde. Donner rollte, die letzten Windst��e pfiffen. Das Englischhorn sang seine heitere Entwarnung.</p><p>Die Leute fingen an, �ber andere Dinge zu sprechen. Sie er�rterten die verschiedenen Tagesarbeiten, die so j�h unterbrochen worden waren, oder ergriffen die Gelegenheit, �ber andere Dinge zu plaudern. Nach einer halben Stunde oder mehr wurde eines dieser Gespr�che lauter. Maya hatte nicht geh�rt, wie es anfing; aber pl�tzlich sagte Arkady sehr laut und auf englisch: �Ich glaube nicht, dass wir uns um Pl�ne k�mmern sollten, die f�r uns hinten auf der Erde gemacht wurden!�</p><p>Andere Gespr�che verstummten, und man wandte sich ihm zu. Er hatte sich hochgesto�en und schwebte unter dem rotierenden Dach der Kammer, wo er sie alle �berblicken und wie ein verr�ckter fliegender Geist sprechen konnte.</p><p>Er sagte: �Ich denke, wir m�ssen neue Pl�ne machen. Wir sollten das jetzt gleich tun. Alles sollte von Anfang neu geplant werden und unser eigenes Denken zum Ausdruck bringen. Es sollte sich auf alles erstrecken, auch auf die ersten Schutzr�ume, die wir bauen.�</p><p>�Warum sich Sorgen machen?� fragte Maya, die sich �ber seine Gro�spurigkeit �rgerte. �Es sind gute Konstruktionen.� Es war wirklich aufreizend. Arkady belegte oft die Mitte der B�hne f�r sich, und die Leute schauten sie immer an, als w�re sie irgendwie f�r ihn verantwortlich, als w�re es ihre Aufgabe, ihn zu hindern, sie zu plagen.</p><p>Arkady sagte: �Geb�ude sind die Schablonen einer Gesellschaft.�</p><p>�Sie sind R�ume�, erkl�rte Sax Russell.</p><p>�Aber R�ume dr�cken die soziale Organisation in ihnen aus.� Arkady schaute sich um und zog mit seinem Blick mehr Leute in die Diskussion. �Das Arrangement eines Geb�udes zeigt, was nach Meinung des Erbauers darin geschehen sollte. Das haben wir zu Beginn der Reise gesehen, als Russen und Amerikaner in Torus D und B getrennt waren. Man hatte erwartet, dass wir zwei verschiedene Entit�ten bleiben sollten, seht ihr. Auf dem Mars wird es das gleiche sein. Geb�ude dr�cken Werte aus, sie haben eine Art Grammatik, und R�ume sind die S�tze. Ich will nicht, dass Leute in Washington oder Moskau sagen, wie ich mein Leben f�hren sollte. Davon habe ich genug.�</p><p>�Was gef�llt dir nicht an dem Entwurf der ersten Unterk�nfte?� fragte John mit interessierter Miene.</p><p>�Sie sind rechteckig�, sagte Arkady. Das rief Gel�chter hervor, aber er beharrte: �Rechteckig, die konventionelle Gestalt! Wobei Arbeitsraum und Wohnungen getrennt sind, als ob Arbeit nicht ein Teil des Lebens w�re. Und die Wohnquartiere bestehen meistens aus Privatr�umen. Darin kommen Hierarchien zum Ausdruck, indem F�hrern mehr Platz zugewiesen wird.�</p><p>�Ist das nicht blo�, um ihnen die Arbeit zu erleichtern?� fragte Sax.</p><p>�Nein. Das ist nicht wirklich erforderlich. Es ist eine Sache von Prestige. Ein sehr konventionelles Beispiel f�r amerikanisches Gesch�ftsdenken, wenn ich so sagen darf.�</p><p>Es gab einige Proteste, und Phyllis sagte: �M�ssen wir politisch werden, Arkady?�</p><p>Bei der blo�en Erw�hnung dieses Wortes zerstreute sich die Schar der Zuh�rer. Mary Dunkel und etliche andere dr�ngten hinaus und wandten sich dem anderen Ende des Raums zu.</p><p>Arkady rief ihnen nach: �Alles ist politisch. Nichts ist es mehr als diese unsere Reise. Wir beginnen eine neue Gesellschaft. Wie k�nnte die anders sein als politisch?�</p><p>�Wir sind eine wissenschaftliche Station�, sagte Sax. �Die muss nicht unbedingt viel Politik in sich bergen.�</p><p>�Als ich das letzte Mal dort war, hatte sie bestimmt nicht lange gedauert�, sagte John und sah Arkady nachdenklich an.</p><p>�O doch�, widersprach Arkady, �aber sie war einfacher. Ihr seid eine rein amerikanische Crew gewesen, dort auf einer zeitweiligen Mission, und habt getan, was eure Vorgesetzten von euch erwarteten. Aber jetzt sind wir eine internationale Crew, die eine permanente Kolonie gr�ndet. Das ist etwas ganz anderes.�</p><p>Allm�hlich drifteten Leute durch die Luft auf die Konversation zu, um besser zu h�ren, was gesprochen wurde. Rya Jimenez sagte: �Ich interessiere mich nicht f�r Politik�, und Mary Dunkel stimmte vom anderen Ende des Raums aus zu: �Das ist eines der Dinge, weshalb ich hier bin, um davon loszukommen.�</p><p>Mehrere Russen entgegneten gleichzeitig: �Das ist selbst eine politische Position!� und dergleichen. Alex rief: �Ihr Amerikaner wollt mit Politik und Geschichte Schluss machen, damit ihr in einer Welt bleiben k�nnt, die ihr beherrscht!�</p><p>Einige Amerikaner versuchten zu protestieren, aber Alex lie� sie nicht zu Wort kommen. �Das ist wahr! Die ganze Welt hat sich in den letzten drei�ig Jahren ver�ndert; jedes Land k�mmert sich um sein Fortkommen und macht enorme Ver�nderungen durch, um Probleme zu l�sen�� alle au�er den Vereinigten Staaten. Ihr seid das reaktion�rste Land der Welt geworden.�</p><p>�Die L�nder, die sich ver�ndert haben, mussten das tun, weil sie vorher starr und fast bankrott waren�, entgegnete Sax. �Die Vereinigten Staaten hatten schon ein flexibles System und mussten sich daher nicht so drastisch ver�ndern. Ich nenne den Amerikanischen Weg �berlegen, weil er glatter ist. Er ist besser gebaut.�</p><p>Diese Analogie gab Alex eine Pause. Und w�hrend er dar�ber nachdachte, sagte John Boone, der sehr interessiert zugeh�rt hatte: �Um wieder auf die Unterk�nfte zu sprechen zu kommen: Wie w�rdest du sie anders machen?�</p><p>�Ich bin mir nicht ganz sicher�, sagte Arkady. �Wir m�ssen die Pl�tze sehen, auf denen wir bauen, in ihnen umhergehen und dar�ber sprechen. Siehst du, es ist ein Prozess, den ich bef�rworte. Aber im allgemeinen denke ich, dass Arbeitsraum und Wohnraum gemischt sein sollten, soweit das praktikabel ist. Unsere Arbeit wird mehr sein, als Lohn zu verdienen. Sie wird unsere Kunst sein, unser ganzes Leben. Wir werden sie einander geben und nicht erkaufen. Es sollte auch keine Anzeichen von Hierarchie geben. Ich glaube nicht einmal an das F�hrersystem, das wir jetzt haben.� Er nickte Maya h�flich zu. �Wir sind jetzt alle gleicherma�en verantwortlich, und das sollten unsere Geb�ude zeigen. Ein Kreis ist am besten�� baulich schwierig, aber sinnvoll f�r W�rme-Ersparnis. Eine geod�tische Kuppel w�re ein guter Kompromiss�� leicht zu errichten und ein Zeichen unserer Gleichheit. Was das Innere angeht, so gr��tenteils offen. Gewiss sollte ein jeder seinen Raum haben, aber diese R�ume sollten klein sein. Vielleicht am Rande angeordnet und gegen�ber gr��eren kommunalen R�umen��� Er griff nach einer Maus und fing an, auf dem Schirm zu zeichnen. �Da! Das ist eine Architekturgrammatik, die sagen will: �Alles gleich.� Ja?�</p><p>John sagte: �Es gibt aber schon viele vorgefertigte Einheiten. Ich bin nicht sicher, ob sie angepasst werden k�nnten.�</p><p>�Das k�nnten sie, wenn wir es wollten.�</p><p>�Ist das aber wirklich notwendig? Ich meine, es ist klar, dass wir schon ein Team aus Gleichen bilden.�</p><p>�Ist das klar?� sagte Arkady scharf und schaute sich um. �Wenn Frank und Maya uns sagen, dass wir etwas tun sollen, sind wir dann so frei, sie zu ignorieren? Wenn Houston oder Baikonur uns auftragen, etwas zu tun, sind wir frei, sie zu ignorieren?�</p><p>�Ich denke schon�, erwiderte John sanft.</p><p>Diese �u�erung brachte ihm einen scharfen Blick von Frank ein. Die Konversation spaltete sich in diverse Diskussionen auf, da eine Menge Leute etwas zu sagen hatten. Aber Arkady fuhr wieder gegen sie alle dazwischen:</p><p>�Wir sind von unseren Regierungen hier hergeschickt; und <emphasis>alle</emphasis> unsere Regierungen haben M�ngel, und manche katastrophale. Darum ist die Geschichte ein so blutiger Schmutz. Jetzt sind wir auf uns allein gestellt, und ich meinerseits habe keine Lust, alle Fehler der Erde zu wiederholen�� nur wegen konventioneller Denkweise. Wir sind die ersten Kolonisten auf dem Mars! Wir sind <emphasis>Wissenschaftler!</emphasis> Es ist unser Beruf, neue Dinge herauszufinden und sie <emphasis>neu</emphasis> zu machen.�</p><p>Die Diskussionen gingen wieder los, lauter denn je. Maya wandte sich ab und fluchte im stillen �ber Arkady. Sie war �rgerlich, wie w�tend die Leute wurden. Sie sah, dass John Boone grinste. Er stie� sich vom Fu�boden auf Arkady hin ab, kam zum Halt, indem er ihn anstie� und sch�ttelte ihm dann die Hand. Dadurch wurden sie beide in die Luft geschleudert wie in einem drolligen Tanz. Diese Geste der Unterst�tzung f�hrte dazu, dass die Leute neu �berlegten. Maya sah das an ihren �berraschten Gesichtern. John war neben seinem Ruhm auch daf�r bekannt, dass er gem��igt und zur�ckhaltend war. Und wenn er Arkadys Ideen billigte, war das eine v�llig andere Sache.</p><p>�Verdammt, Ark!� sagte John. �Erst diese verr�ckten Probleml�ufe und nun dies. Du bist wirklich ein wilder Bursche. Wie, zum Teufel, hat man dich �berhaupt auf dieses Schiff gelassen?�</p><p>Das ist genau meine Frage, dachte Maya.</p><p>�Ich habe gelogen�, sagte Arkady.</p><p>Alle lachten. Sogar Frank sah �berrascht aus. �Aber nat�rlich habe ich geschwindelt!� br�llte Arkady. Ein breites Grinsen spaltete seinen roten Bart. �Wie anders h�tte ich sonst hierher kommen k�nnen? Ich will zum Mars gehen, um zu tun, was ich will; und das Auswahlkomitee wollte, dass Leute gingen und taten, was man ihnen auftrug. Das wisst ihr.� Er zeigte auf sie hinunter und rief: �Ihr habt alle gelogen, und das wisst ihr.�</p><p>Frank lachte heftiger denn je. Sax machte seinen �blichen Buster Keaton, hob aber einen Finger und sagte: �Die Revidierte Vielphasige Personenbestandsaufnahme von Minnesota�, und allgemeine Heiterkeit brach aus. Sie hatten alle diese Pr�fung ablegen m�ssen. Es war der am meisten benutzte psychologische Test der Welt und von Experten hoch gesch�tzt. 556 Fragen mussten beantwortet werden. Daraus wurde ein Profil gewonnen. Aber die Beurteilung dessen, was die Antworten besagten, beruhten auf den vorgegangenen Antworten einer Mustergruppe von 2600 wei�en verheirateten Farmern der 1930er Jahre. Allen sp�teren Revisionen zum Trotz war das durch die Natur dieser ersten Testgruppe erzeugte Vorurteil immer noch tief in dem Test verankert. Zumindest dachten das manche. �Minnesota!� br�llte Arkady und rollte mit den Augen. �Farmer! Farmer aus Minnesota! Ich sage euch jetzt, ich habe bei jeder Antwort gelogen! Ich habe genau das Gegenteil geantwortet, was ich wirklich f�hlte; und das hat mir erlaubt, als normal eingestuft zu werden!�</p><p>Wilde Beifallsrufe begr��ten diese Erkl�rung. John sagte: �Zum Teufel, ich stamme aus Minnesota und musste auch l�gen.�</p><p>Weiterer Applaus. Frank war, wie Maya bemerkte, vor Heiterkeit rot angelaufen, des Sprechens unf�hig. Er presste sich die H�nde auf den Magen. Er nickte und kicherte, unf�hig aufzuh�ren. Sie hatte ihn nie derartig lachen sehen.</p><p>Sax sagte: �Der Test hat dich zu l�gen gezwungen.�</p><p>�Was, und dich nicht?� fragte Arkady. �Hast du nicht auch gelogen?�</p><p>�Eigentlich nicht�, sagte Sax und zwinkerte, als ob ihm diese Idee nie gekommen w�re. �Ich habe bei jeder Frage die Wahrheit gesagt.�</p><p>Sie lachten noch lauter. Sax machte daraufhin ein erstauntes Gesicht, aber dadurch wirkte er noch komischer.</p><p>Jemand rief: �Michel, was sagst du? Was h�ltst du davon?�</p><p>Michel Duval spreizte die H�nde. �Vielleicht untersch�tzt ihr die Raffinesse dieses Tests. Es gibt Fragen, die pr�fen, wie ehrlich man ist.�</p><p>Diese �u�erung �bersch�ttete ihn mit einem Regen von Fragen, einer methodologischen Inquisition. Wie war es mit den Kontrollen? Wie sollten die Tester ihre eigenen Theorien in Frage stellen? Wie wiederholten sie die Tests? Wie eliminierten sie die alternative Deutung der Daten? Wie konnten sie �berhaupt in irgendeinem Sinne des Wortes beanspruchen, wissenschaftlich zu sein? Offensichtlich hielt eine Menge von ihnen Psychologie f�r eine Pseudowissenschaft. Viele waren recht ver�rgert wegen der Reifen, durch die man sie hatte springen lassen. Die Jahre des Wettbewerbs hatten ihren Tribut gefordert. Und die Entdeckung dieses gemeinsamen Gef�hls l�ste dutzendweise heftige Gespr�che aus. Die durch Arkadys politische Rede erzeugte Spannung verschwand.</p><p>Maya dachte, Arkady h�tte vielleicht das eine durch das andere entsch�rft. Falls ja, w�re das geschickt gewesen. Aber Arkady war ja ein geschickter Mann. Sie dachte zur�ck. Tats�chlich war es John Boone gewesen, der das Thema gewechselt hatte. Er war wirkungsvoll zur Decke geflogen und Arkady zu Hilfe gekommen, und Arkady hatte die Chance ergriffen. Sie waren beide geschickte M�nner. Und es schien m�glicht, dass sie irgendwie in Einvernehmen standen. Dass sie vielleicht eine alternative F�hrerschaft bildeten�� einer Amerikaner, einer Russe. Darum w�rde man sich k�mmern m�ssen.</p><p>Sie sagte zu Michel: �H�ltst du es f�r ein schlechtes Zeichen, wenn alle uns f�r L�gner halten?�</p><p>Michel zuckte die Achsel. �Es war heilsam, dar�ber zu sprechen. Jetzt erkennen wir, dass wir einander �hnlicher sind, als wir dachten. Keiner muss sich mehr den Vorwurf machen, ungew�hnlich unredlich gewesen zu sein, um an Bord zu kommen.�</p><p>�Und du?� fragte Arkady. �Hast du dich als ein h�chst rationaler und ausgeglichener Psychologe pr�sentiert, der den seltsamen Geist verbarg, den wir kennen und lieben gelernt haben?�</p><p>Michel l�chelte schwach. �Du bist der Experte f�r seltsame Dinge, Arkady.�</p><p>Dann ert�nten Rufe seitens der wenigen, die noch die Schirme beobachteten. Die Strahlungsrate hatte zu sinken begonnen. Nach einer Weile rutschte sie bis nur ein wenig �ber normal ab.</p><p>Jemand schaltete die <emphasis>Pastorale</emphasis> an der Stelle wieder ein, wo das Horn ert�nt. Der letzte Satz der Sinfonie: �Frohe und dankbare Empfindungen nach dem Sturm� str�mten aus dem Lautsprechersystem und verbreiteten sich durch das Schiff wie L�wenzahnsamen im Wind. Die sch�ne alte volkst�mliche Melodie wurde durch die <emphasis>Ares</emphasis> getragen und entfaltete sich in all ihrer Beethovenschen F�lle. W�hrend sie lief, stellte man fest, dass alle gesch�tzten Systeme des Schiffs intakt geblieben waren. Die dickeren W�nde der Farm und des Arboretums hatten den Pflanzen einigen Schutz geboten. Und obwohl es einige Verluste gab und eine ganze Ernte, die nicht essbar war, waren die Saatbest�nde nicht gesch�digt. Auch die Tiere konnten nicht verzehrt werden. Sie w�rden aber vermutlich eine gesunde neue Generation zur Welt bringen. Die einzigen Todesf�lle waren einige Singv�gel aus dem Speisesaal D, die man nicht eingefangen hatte. Es fanden sich einige tot auf dem Boden.</p><p>Was die Crew anging, so hatte sie der Schutzraum vor mehr als sechs Rem bewahrt. Das war w�hrend gerade nur drei Stunden schlimm, h�tte aber �bler sein k�nnen. Die H�lle des Schiffs hatte mit mehr als 140 Rem eine t�dliche Dosis erhalten.</p><empty-line/><p>Sechs Monate in einem Hotel, ohne je einen Spaziergang drau�en. Drinnen war sp�ter Sommer, und die Tage waren lang. Gr�n beherrschte die W�nde und Decken, und die Leute gingen barfuss. Ruhige Unterhaltungen waren kaum zu h�ren vor dem Summen der Maschinerie und dem Brausen der Ventilatoren. Das Schiff wirkte irgendwie leer. Ganze Sektionen wurden aufgegeben, als die Crew sich zum Warten einrichtete. Kleine Menschengruppen sa�en in den S�len in den Torussen B und D und plauderten. Manche unterbrachen ihre Gespr�che, wenn Maya vorbeikam, was sie nat�rlich beunruhigend fand. Sie hatte M�he einzuschlafen und aufzuwachen. Die Arbeit machte sie ruhelos. Schlie�lich warteten alle Ingenieure, und die Simulationen waren nachgerade unertr�glich geworden. Sie hatte M�he, den Ablauf der Zeit zu verfolgen. Sie stolperte mehr als sonst. Sie hatte Vlad aufgesucht, und der hatte �berhydrierung empfohlen, mehr Laufen, mehr Schwimmen.</p><p>Hiroko riet ihr, mehr Zeit auf der Farm zu verbringen. Sie machte einen Versuch und besch�ftigte sich stundenlang mit J�ten, Ernten, Beschneiden, D�ngen, Bew�ssern, Reden, auf einer Bank sitzen und Bl�tter betrachten. Abstand gewinnen. Die Farmen waren gr��tenteils in maximalen R�umen angelegt, deren gew�lbte D�cher mit hellen Sonnenstreifen besetzt waren. Die vielst�ckigen B�den waren voller Getreide, vieles davon nach dem Sturm neu eingelagert. Es gab nicht gen�gend Raum, um die Leute g�nzlich mit Farmkost zu ern�hren, aber Hiroko mochte das nicht und k�mpfte dagegen an, indem sie Lagerr�ume nutzte, wenn sie leer wurden. Zwerghafte Reihen von Weizen, Reis, Soja und Gerste wuchsen in gestapelten Paletten. Dar�ber hingen Reihen von hydroponischem Gem�se und enorme durchsichtige Kr�ge mit gr�nen und gelben Algen, die zur Regelung des Gasaustauschs dienten.</p><p>Einige Tage lang tat Maya weiter nichts, als den Farmarbeiten zuzuschauen. Hiroko und ihr Assistent Iwao bastelten immer an den endlosen Projekten herum, der Geschlossenheit ihres biologischen Lebenserhaltungssystems n�her zu kommen. Und sie hatten eine Gruppe Mitarbeiter, die daf�r eingesetzt waren: Raul, Rya, Gene, Evgenia, Andrea, Roger, Ellen, Bob und Tasha. Der Erfolg bei dem Klausurprojekt wurde in K-Gr��en gemessen, wobei K die Geschlossenheit darstellte. Also galt f�r jede Substanz, die wiedergewonnen wurde, die Formel:</p><empty-line/><image l:href="#2"/><empty-line/><p>Darin war <emphasis>E</emphasis> das Ma� dessen, was in dem System verbraucht wurde, <emphasis>e</emphasis> das Ma� der (unvollst�ndigen) Geschlossenheit und eine Konstante, f�r die Hiroko fr�her in ihrer Laufbahn einen korrigierten Wert festgestellt hatte. Das Ziel, <emphasis>K = I�� 1,</emphasis> war unerreichbar, aber eine asymptotische N�herung war das Lieblingsspiel der Farmbiologen, und dar�ber hinaus kritisch f�r ihre letztliche Existenz auf dem Mars. Also konnten sich Gespr�che dar�ber tagelang hinziehen und liefen spiralig auf Komplexit�ten hin, die niemand wirklich verstand. Im Grunde war die Farm schon bei ihrer realen Arbeit, worauf Maya neidisch war. Sie hatte restlos genug von Simulationen!</p><p>Hiroko war f�r Maya ein R�tsel. Reserviert und ernsthaft schien sie immer von ihrer Arbeit absorbiert zu sein, und ihr Team war immer bestrebt, um sie zu sein; als ob sie die K�nigin eines Bezirks w�re, der mit dem Rest des Schiffs nichts zu tun hatte. Maya gefiel das nicht, aber sie konnte nichts daran �ndern. Und etwas in Hirokos Verhalten machte es nicht so bedrohlich. Es war einfach eine Tatsache. Die Farm war ein abgesonderter Platz, ihre Mannschaft eine Gesellschaft f�r sich. Und es war m�glich, dass Maya sie irgendwie benutzen k�nnte als Gegengewicht zum Einfluss von Arkady und John. Darum machte sie sich keine Sorgen �ber ihr abgesondertes Reich. Tats�chlich kam sie mit ihnen mehr als fr�her zusammen. Manchmal ging sie mit ihnen am Ende einer Arbeitsperiode bis zur Nabe, um ein Spiel zu treiben, das sie erfunden und Tunnelspringen genannt hatten. Es gab eine Sprungr�hre, die den Zentralschacht hinabf�hrte, wo alle Verbindungselemente zwischen Zylindern auf dieselbe Weite wie die Zylinder selbst ausgearbeitet waren, so dass ein einziges glattes Rohr entstanden war. Es gab auch Schienen, um schnelle Vorw�rts- und R�ckw�rtsbewegungen l�ngs des Rohres zu erm�glichen. Aber bei ihrem Spiel standen die Teilnehmer an der Schleuse des Schutzraums gegen St�rme und versuchten die R�hre bis zur Schleuse der Blasenkuppel hinaufzuspringen, die volle f�nfhundert Meter entfernt war, ohne an die W�nde oder Schienen anzusto�en. Durch Corioliskr�fte wurde das fast unm�glich gemacht, und wenn man nur �ber die halbe Strecke kam, war das gew�hnlich ein Gewinn. Aber eines Tages kam Hiroko vorbei, um eine Versuchsernte in der Blasenkuppel zu inspizieren. Nach einem Gru� kauerte sie sich auf der Schutzraumschleuse hin und sprang. Sie schwebte langsam durch die volle L�nge des Tunnels, rotierte unterwegs und hielt mit einer ausgestreckten Hand an der Kuppelschleuse an.</p><p>Die Spieler starrten in verbl�fftem Schweigen den Tunnel empor.</p><p>�He!� rief Rya zu Hiroko. �Wie hast du das geschafft?�</p><p>�Was denn?�</p><p>Sie erkl�rten ihr das Spiel. Hiroko l�chelte, und Maya war pl�tzlich sicher, dass sie die Regel schon gekannt hatte. Rya wiederholte: �Wie hast du es also gemacht?�</p><p>�Du springst gerade!� sagte Hiroko und verschwand in der Blasenkuppel.</p><p>An diesem Abend machte die Geschichte beim Essen die Runde. Frank sagte zu Hiroko: �Vielleicht hast du blo� Gl�ck gehabt.�</p><p>Hiroko l�chelte. �Vielleicht sollten du und ich uns f�r zwanzig Spr�nge verabreden und sehen, wer gewinnt.�</p><p>�Das finde ich gut.�</p><p>�Um was wollen wir wetten?�</p><p>�Nat�rlich um Geld.�</p><p>Hiroko sch�ttelte den Kopf. �Glaubst du wirklich, dass Geld noch etwas bedeutet?�</p><empty-line/><p>Ein paar Tage sp�ter schwebte Maya unter der W�lbung der Blasenkuppel mit Frank und John. Sie schauten nach vorn zum Mars, der inzwischen eine bucklige Scheibe von der Gr��e eines Pfennigs war.</p><p>John bemerkte beil�ufig: �Eine Menge Streitereien dieser Tage. Ich h�re, dass Alex und Mary ernsthaft aneinander geraten sind. Michel sagt, das w�re zu erwarten, aber dennoch���</p><p>�Vielleicht haben wir zu viele F�hrer dabei�, sagte Maya.</p><p>�Vielleicht h�ttest du die einzige sein sollen�, witzelte Frank.</p><p>�Zu viele H�uptlinge?� sagte John.</p><p>Frank sch�ttelte den Kopf. �Das ist es nicht.�</p><p>�Nein? Es sind viele Stars an Bord.�</p><p>�Der Drang, sich auszuzeichnen, und der Drang zu f�hren, sind nicht dasselbe. Manchmal denke ich, es k�nnten Gegens�tze sein.�</p><p>�Das Urteil �berlasse ich dir, Captain.� John grinste zu Franks m�rrischer Miene. Maya sagte sich, er war unter ihnen noch die einzige entspannte Person.</p><p>�Die B�rohengste haben das Problem erkannt�, fuhr Frank fort. �Es war selbst f�r sie klar genug. Sie benutzten die Harvard-L�sung.�</p><p>�Die Harvard-L�sung�, wiederholte John und genoss diesen Ausdruck.</p><p>�Vor langer Zeit stellten die Administratoren von Harvard fest, dass, wenn sie nur Einserabiturienten zulie�en und dann den Erstsemestern den ganzen Bereich von Noten erteilten, eine betr�bliche Anzahl davon �ber ihre Dreier und Vierer ungl�cklich waren und durch Selbstmorde das Gel�nde versauten.�</p><p>�So was Dummes!� sagte John.</p><p>Maya rollte die Augen. �Ihr beide seid wohl auf Handelsschulen gegangen?�</p><p>�Man fand heraus, dass der Trick zur Vermeidung dieser Unannehmlichkeit darin bestand, eine gewisse Prozentzahl an Studenten zuzulassen, die an mittelm��ige Zensuren gew�hnt waren, sich aber auf irgendeine andere Weise ausgezeichnet hatten���</p><p>�Wie zum Beispiel durch ihre K�hnheit, sich mit m��igen Zensuren in Harvard zu bewerben���</p><p>�� gew�hnt an die schlechtere Benotung und gl�cklich, �berhaupt in Harvard zu sein.�</p><p>�Hast du davon geh�rt?� fragte Maya.</p><p>Frank l�chelte. �Ich war einer von denen.�</p><p>�Wir haben auf diesem Schiff �berhaupt keine Mittelm��igkeiten�, sagte John.</p><p>Frank machte ein zweifelndes Gesicht. �Wir haben wirklich eine Menge gescheiter Wissenschaftler ohne ein Interesse an Verwaltungsangelegenheiten. Viele von ihnen halten es f�r langweilig. Administration, wisst ihr. Sie sind froh, das anderen Personen wie uns zu �bertragen.�</p><p>�Beta-M�nnchen�, sagte John und verspottete Frank und dessen Interesse an Soziobiologie. �Brillante Schafe.� Die Art, wie sie einander anpflaumten��</p><p>�Du irrst dich�, sagte Maya zu Frank.</p><p>�Vielleicht. Jedenfalls sind sie der politische Kern. Sie haben wenigstens die Kraft zu folgen.� Er sagte das so, als ob ihn der Gedanke bedr�ckte.</p><p>John, der zur Schicht auf die Br�cke musste, verabschiedete sich und ging.</p><p>Frank schwebte zu Maya hin�ber, und sie r�ckte nerv�s zur Seite. Sie hatten nie �ber ihre kurze Aff�re gesprochen; und die war auch seit etlicher Zeit nicht wieder aufgetaucht. Sie hatte dar�ber nachgedacht, was sie sagen sollte, wenn es je dazu k�me. Sie w�rde sagen, dass sie sich gelegentlich mit M�nnern abgab, die ihr gefielen. Dass das etwas aus der momentanen Situation heraus Getanes w�re.</p><p>Aber Frank deutete nur auf den roten Pfennig am Himmel. �Ich frage mich, weshalb wir �berhaupt gehen.�</p><p>Maya zuckte die Achseln. Wahrscheinlich meinte er nicht <emphasis>wir,</emphasis> sondern <emphasis>ich.</emphasis> Sie sagte: �Jeder hat so seine Gr�nde.�</p><p>Er schaute sie an. �Das ist nur zu wahr.�</p><p>Sie ignorierte diesen Tonfall von ihm und sagte: �Vielleicht sind es unsere Gene. Vielleicht haben sie gesp�rt, dass die Dinge auf der Erde schief laufen. Haben einen zunehmenden Mutationsdruck gesp�rt oder etwas in der Art.�</p><p>�Deshalb haben sie f�r einen sauberen Start losgeschlagen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Die Theorie des egoistischen Gens. Die Intelligenz nur als ein Werkzeug zur Unterst�tzung erfolgreicher Fortpflanzung.�</p><p>�Das nehme ich an.�</p><p>�Aber diese Reise gef�hrdet erfolgreiche Fortpflanzung�, sagte Frank. �Hier drau�en ist es nicht sicher.�</p><p>�Aber auf der Erde ist es auch nicht sicher. Vergeudung, Strahlung, andere Menschen���</p><p>Frank sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich glaube nicht, dass die Selbstsucht in den Genen steckt. Ich nehme an, sie steckt irgendwo anders.� Er streckte den Zeigefinger aus und stubste sie zwischen die Br�ste�� ein kr�ftiger Sto� gegen das Brustbein, durch den er auf den Boden zur�ckgeschubst wurde. W�hrenddessen starrte er sie unverwandt an und ber�hrte sich an derselben Stelle. �Gute Nacht, Maya!�</p><empty-line/><p>Zwei Wochen sp�ter war Maya in der Farm bei der Kohlernte und ging eine Schneise zwischen langen Stapeln von Paletten entlang. Sie hatte den Raum f�r sich allein. Die Kohlk�pfe sahen aus wie Reihen von Gehirnen, die nachdenklich in dem hellen Nachmittagslicht gl�nzten.</p><p>Dann sah sie eine Bewegung und blickte zur Seite. Quer durch den Raum, durch eine Algenflasche hindurch, sah sie ein Gesicht. Es wurde durch das Glas der Flasche verzerrt. Das Gesicht eines Mannes mit brauner Haut. Der Mann schaute zur Seite und bemerkte sie nicht. Er schien mit jemandem zu sprechen, den sie nicht sehen konnte. Er bewegte sich, und das Bild seines Gesichts wurde deutlich, vergr��ert in der Mitte der Flasche. Sie begriff, warum sie so genau hinschaute und warum ihr Magen sich verkrampfte: Sie hatte ihn noch nie gesehen.</p><p>Er wandte sich um und blickte in ihre Richtung. Durch zwei gekr�mmte Glasfl�chen begegneten sich ihre Augen. Er war ein Fremder, mit schmalem Gesicht und gro�en Augen.</p><p>Er verschwand in einem braunen Schimmer. Maya z�gerte eine Sekunde und f�rchtete sich, ihn zu verfolgen. Dann zwang sie sich, durch den ganzen Raum zu rennen und die zwei Biegungen der Verbindung hinauf in den n�chsten Zylinder. Der war leer. Sie lief durch drei weitere Zylinder, ehe sie anhielt. Dann stand sie da und schaute mit rasselndem Atem auf Tomatenranken. Sie schwitzte, fror aber. Ein Fremder?! Das war unm�glich. Sie hatte ihn aber gesehen! Sie konzentrierte sich auf ihr Ged�chtnis und versuchte sich das Gesicht zu vergegenw�rtigen. Vielleicht war es�� Aber nein. Es war keiner der Hundert gewesen, das wusste sie. Gesichtserkennung geh�rte zu den st�rksten F�higkeiten des Geistes und war erstaunlich exakt. Und er war bei ihrem Anblick weggelaufen.</p><p>Ein blinder Passagier. Aber auch das war unm�glich! Wo w�rde er sich verstecken, wie w�rde er leben? Was w�rde er w�hrend des Strahlungssturms gemacht haben?</p><p>Fing sie also schon an zu halluzinieren? War es so weit gekommen?</p><p>Sie ging in ihren Raum zur�ck. Ihr war �bel. Die G�nge von Torus D waren etwas finster, trotz der hellen Beleuchtung, und es kribbelte ihr im Nacken. Als die T�r erschien, tauchte sie in das Refugium ihres Zimmers. Aber da gab es nur ein Bett und einen Wandtisch, einen Stuhl und eine Toilette, sowie einige Regale. Sie sa� da eine Stunde lang, dann zwei. Aber sie konnte da nichts machen, keine Antworten, keine Zerstreuungen. Kein Entrinnen.</p></section><section><empty-line/><p>Maya fand sich au�erstande, jemandem gegen�ber zu erw�hnen, was sie gesehen hatte; und das war irgendwie noch erschreckender als der Vorfall an sich, da es seine Unm�glichkeit noch unterstrich. Die Leute wurden denken, sie w�re �bergeschnappt. Welche andere Schlussfolgerung gab es? Wie w�rde er essen, wo w�rde er sich verstecken? Nein. Das w�rden zu viele Leute wissen m�ssen. Es war wirklich unm�glich. Aber dieses Gesicht?</p><p>Eines Nachts begegnete es ihr wieder im Traum. Sie wachte schwei�gebadet auf. Halluzination war eines der Anzeichen von Zusammenbruch im Raum, wie sie wohl wusste. Das geschah recht h�ufig w�hrend langer Aufenthalte in Erdumlaufbahnen. Einige Dutzend F�lle waren aktenkundig. Gew�hnlich fing es damit an, dass die Leute vor dem st�ndig vorhandenen Hintergrund von Ventilation und Apparaten Stimmen h�rten; aber eine recht h�ufige Alternative war der Anblick eines Arbeitskollegen, der nicht da war, oder noch schlimmer eines Doppelg�ngers, als ob sich der leere Raum mit Spiegeln angef�llt h�tte. Man glaubte, dass Mangel an Sinneseindr�cken diese Ph�nomene bewirkte. Und die <emphasis>Ares</emphasis> auf ihrer langen Reise und keiner Erde zum Anschauen und einer brillanten (und manche k�nnten sagen: besessenen) Besatzung war als m�gliches Risiko erachtet worden. Dies war einer der Gr�nde, weshalb man den Schiffsr�umen eine solche Vielfalt an Farbe und Struktur gegeben hatte, zusammen mit t�glich und jahreszeitlich sich �nderndem Wetter. Und dennoch hatte sie etwas gesehen, das sie nicht glauben konnte.</p><p>Und wenn sie jetzt durch das Schiff ging, schien es ihr, als ob die Crew sich in kleine private Gruppen aufspaltete, die wenig wechselseitige Beziehungen unterhielten. Das Team der Farm verbrachte fast seine ganze Zeit in den Agrarbezirken, nahm seine Mahlzeiten sogar dort auf dem Fu�boden ein und schlief (miteinander, wie man raunte) l�ngs der Reihen <emphasis>von</emphasis> Pflanzen. Das medizinische Team hatte in Torus B seine eigene Suite von R�umen, B�ros und Labors; und die Leute verbrachten ihre Zeit dort, vertieft in Experimente und Beobachtungen und Konsultationen mit der Erde. Das Flugteam bereitete sich auf den Eintritt in die Marsumlaufbahn vor und lie� jeden Tag mehrere Simulationen laufen. Und der Rest war�� zerstreut und schwer zu finden. Wenn Maya durch die Torusse ging, erschienen ihr die R�ume leerer als je zuvor. Der Speisesaal D war nie voll. Und dann bemerkte sie bei den getrennten Klumpen von Essenden, die da waren, dass recht h�ufig Streitereien ausbrachen und sehr rasch ged�mpft wurden. Privates Gez�nk, aber worum?</p><p>Maya selbst sa� weniger am Tisch und h�rte mehr zu. Man konnte eine Menge �ber eine Gesellschaft daraus erfahren, welche Gespr�chsthemen vorkamen. In diesen Haufen drehte sich das Gespr�ch fast immer um wissenschaftliche Fragen.</p><p>Fachsimpelei: Biologie, Ingenieurwesen, Geologie, Medizin und was auch immer. �ber das Zeug konnte man ewig schwatzen.</p><p>Wenn aber die Anzahl der Leute bei einer Konversation unter vier sank, dann pflegten sich die Themen zu �ndern. Das Fachsimpeln wurde durch Klatsch bereichert (oder g�nzlich ersetzt). Und der Klatsch drehte sich immer um jene zwei gro�en Formen sozialer Dynamik: Sex und Politik. Die Stimmen wurden gesenkt, die K�pfe zusammenger�ckt, und das Gespr�chskarussell drehte sich. Ger�chte �ber sexuelle Beziehungen wurden verbreiteter, bissiger und komplexer. In einigen F�llen, wie dem ungl�cklichen Dreieck von Janet Blyleven, Mary Dunkel und Alex Zhalin, wurde es zum Schiffsgespr�ch. In anderen F�llen blieb es so verborgen, dass man nur fl�sterte, begleitet von geh�ssigen, vielsagenden Blicken. Janet Blyleven pflegte mit Roger Calinks in den Speisesaal zu gehen, und Frank bemerkte zu John mit einem Unterton, der f�r Mayas Ohren bestimmt war: �Janet denkt, dass wir der Promiskuit�t huldigen.� Maya wollte ihn ignorieren wie immer, wenn er auf diese zynische Weise sprach, schaute aber sp�ter dieses Wort in einem soziobiologischen Lexikon nach und fand, dass Promiskuit�t bedeutete, dass jedes M�nnchen sich mit jedem Weibchen paarte.</p><p>Am n�chsten Tage sah sie Janet neugierig an. Sie hatte keine Ahnung gehabt. Janet war freundlich, sie beugte sich vor, wenn man mit ihr sprach, und h�rte wirklich zu. Und sie l�chelte h�ufig. Aber�� nun, das Schiff war so gebaut, dass es viel Privatleben sicherte. Ohne Zweifel passierte mehr, als irgend jemand erfahren konnte.</p><p>Und k�nnte es unter diesen geheimen Leben nicht noch ein anderes geheimes Leben geben, das verhehlt wurde oder nur im Zusammensein mit einigen wenigen unter ihnen existierte, einer kleinen Clique ohne Kabale? Eines Tages fragte sie Nadia nach ihrem gew�hnlichen Fr�hst�cksgespr�ch: �Hast du in letzter Zeit etwas Komisches bemerkt?�</p><p>Nadia zuckte die Achseln. �Die Leute sind gelangweilt. Ich meine, es w�re Zeit anzukommen.�</p><p>Vielleicht war das alles.</p><p>�Hast du von Hiroko und Arkady geh�rt?� fragte Nadia.</p><p>�ber Hiroko schwirrten st�ndig Ger�chte. Maya fand das geschmacklos und st�rend. Dass die einsame asiatische Frau unter ihnen der Brennpunkt von so etwas sein sollte wie Drachenlady, geheimnisvoller Orient�� Unter den wissenschaftlich rationalen Oberfl�chen der Leute gab es so viel tiefen und m�chtigen Aberglauben. Alles k�nnte passieren, alles war m�glich.</p><p>Wie ein Gesicht, das man durch ein Glas sieht.</p><p>Und so h�rte sie mit einem Gef�hl von Krampf im Magen zu, wie Sasha Yefremov sich vom Nachbartisch her�berbeugte und auf Nadias Frage antwortete, ob Hiroko sich einen m�nnlichen Harem aufbaute. Das war Unsinn, obwohl eine gewisse Allianz zwischen Hiroko und Arkady f�r Maya eine beunruhigende Art von Logik hatte. Sie wusste nicht, warum. Arkady war sehr offen in seiner Empfehlung von Unabh�ngigkeit vom Kontrollzentrum auf der Erde. Hiroko sprach nie dar�ber. Hatte sie aber in ihren Aktionen nicht schon das ganze Farmteam entfremdet in einen mentalen Torus, in den die anderen nie hineinkommen konnten?</p><p>Als Sasha dann aber behauptete, dass Hiroko plante, etliche ihrer Eier mit Sperma aller M�nner auf der <emphasis>Ares</emphasis> zu befruchten und dann tiefgefroren f�r sp�teres Wachstum auf dem Mars aufzuheben, konnte Maya nur ihr Tablett nehmen und sich zu den Sp�lmaschinen begeben. Ihr war irgendwie schwindlig. Die Leute wurden wunderlich.</p><p>Die rote Sichel wuchs zur Gr��e eines Halbmonds an, und das Gef�hl von Spannung stieg entsprechend, als ob es die Stunde vor einem Gewitter w�re und die Luft voller Staub, Kreosot und statischer Elektrizit�t. Als ob der Kriegsgott wirklich dort auf dem blutigen Fleck w�re und auf sie wartete. Die gr�nen Wandverkleidungen in der <emphasis>Ares</emphasis> hatten jetzt gelbe und braune Flecken, und das Licht des Nachmittags war getr�nkt mit der blassen Bronzefarbe des Natriums.</p><p>Die Leute verbrachten Stunden in der Blasenkuppel und beobachteten, was au�er John noch niemand von ihnen gesehen hatte. Die �bungsmaschinen wurden st�ndig benutzt und die Simulationen mit frischem Enthusiasmus ausgef�hrt. Janet zog durch die Torusse <emphasis>und</emphasis> schickte Videobilder von allen Ver�nderungen in ihrer kleinen Welt heim. Dann warf sie ihre Brille auf den Tisch und verzichtete auf ihre Stellung als Reporter. Sie sagte: �Schaut, ich bin es m�de, ein Au�enseiter zu sein. Jedes Mal, wenn ich in einen Raum komme, verstummen alle oder fangen an, ihre offizielle Linie vorzutragen. Das ist so, als ob ich ein Spion f�r den Feind w�re, verdammt noch mal!�</p><p>�Das warst du auch�, sagte Arkady und dr�ckte sie fest an sich.</p><p>Zuerst meldete sich keiner, ihren Job zu �bernehmen. Houston �u�erte Bedauern, dann R�gen und dann verschleierte Drohungen. Jetzt, da sie kurz davor standen, den Mars zu erreichen, bekam die Expedition viel mehr Fernsehzeit; und die Situation konnte eine �Nova� werden, wie Mission Control sich ausdr�ckte. Sie erinnerte die Kolonisten daran, dass dieser Ansturm von Publizit�t f�r das Raumprogramm letztlich alle Arten von Vorteilen zeitigen w�rde. Darum sollten die Kolonisten filmen und senden, was sie t�ten, um �ffentliche Unterst�tzung f�r die sp�teren Marsunternehmen anzuregen, von denen sie abh�ngig sein w�rden. Es war ihre Pflicht, ihre Geschichten zu senden!</p><p>Frank erschien auf dem Schirm und schlug vor, dass Mission Control ihre Videoberichte aus Material von Robotkameras zusammenschustern k�nnte. Hastings, der Chef von Houston, war �ber diese Antwort sichtlich w�tend. Aber dann sagte Arkady mit einem Grinsen, das den Bereich der Frage auf alles ausdehnte: �Was k�nnen die machen?�</p><p>Maya sch�ttelte den Kopf. Sie schickten ein �bles Signal und enth�llten, was die Videoberichte bis dahin verheimlicht hatten, dass sich n�mlich die Gruppe in rivalisierende Cliquen aufspaltete. Worin zum Ausdruck kam, dass es Maya selbst an Kontrolle �ber die russische H�lfte der Expedition mangelte. Sie wollte schon Nadia bitten, diese Aufgabe zu �bernehmen, um ihr einen Gefallen zu tun, als sich Phyllis und einige ihrer Freunde in Torus B freiwillig daf�r meldeten. Maya lachte �ber den Gesichtsausdruck von Arkady und gab ihre Zustimmung. Arkady tat so, als ob es ihn nichts anginge. Maya sagte �rgerlich auf russisch: <emphasis>�</emphasis>Du wei�t, dass du eine Chance verfehlt hast! Wirklich eine Chance, unsere Realit�t zu gestalten!�</p><p>�Nicht unsere Realit�t, Maya. <emphasis>Ihre</emphasis> Realit�t. Und es ist mir egal, was sie denken.�</p><empty-line/><p>Maya und Frank begannen sich �ber die Aufgabenverteilung nach der Landung zu beraten. In gewissem Umfang war diese schon vorbestimmt durch die Fachgebiete der einzelnen Mitglieder. Aber wegen mehrfacher und �bergreifender Qualifikationen und Erfahrungen mussten einige Entscheidungen getroffen werden. Und Arkadys Provokationen hatten zumindest die Wirkung gehabt, dass die Pl�ne der Bodenstation vor dem Flug jetzt allgemein nur bestenfalls als provisorisch angesehen wurden. Tats�chlich schien aber auch niemand geneigt, die Autorit�t von Maya oder Frank anzuerkennen, wodurch die Lage gespannt wurde, wenn die Leute erfuhren, woran sie zu arbeiten hatten.</p><p>Der Plan vor dem Flug sah die Einrichtung einer Basiskolonie auf der Ebene n�rdlich von Ophir Chasma vor, dem riesigen n�rdlichen Arm von Valles Marineris. Das ganze Farmteam wurde dieser Basis zugeteilt, sowie eine Mehrheit des technischen und medizinischen Personals�� insgesamt etwa sechzig der hundert Leute. Der Rest w�rde auf Hilfseins�tze verteilt und sollte ab und zu zur Basis zur�ckkehren. Die gr��te Hilfsmission bestand darin, einen Teil der demontierten <emphasis>Ares</emphasis> auf Phobos zu parken und damit zu beginnen, den Mond in eine Raumstation umzuwandeln. Eine weitere kleinere Mission sollte das Basislager verlassen und nach Norden zur Polkappe reisen, um ein Bergbausystem einzurichten, das Eisbl�cke zur Basis bef�rdern sollte. Eine dritte Mission sollte eine Reihe geologischer Durchmusterungen ausf�hren und den ganzen Planeten bereisen�� gewiss ein glanzvoller Auftrag. Alle kleineren Gruppen w�rden f�r Zeitr�ume bis zu einem Jahr halb autonom sein. Darum war die Auswahl keine leichte Aufgabe. Sie wussten jetzt, wie lang ein Jahr sein konnte.</p><p>Arkady und eine Gruppe seiner Freunde�� Alex, Roger, Samantha, Edvard, Janet, Tatiana, Elena�� verlangten alle die T�tigkeiten auf Phobos. Als Phyllis und Mary davon h�rten, kamen sie zu Maya und Frank, um zu protestieren. �Die versuchen offenbar, Phobos zu �bernehmen; und wer wei�, was sie damit machen werden?�</p><p>Maya nickte. Sie bemerkte, dass das Frank auch nicht gefiel. Das Problem war, niemand sonst wollte auf Phobos bleiben. Sogar Phyllis und Mary beanspruchten nicht, Arkadys Leute zu ersetzen. Darum war es nicht klar, wie man sich gegen ihn stellen k�nnte.</p><p>Lautere Zwiste entbrannten, als Ann Clayborne ihre Mannschaftsliste f�r die geologische Erkundung kursieren lie�. Eine Menge Leute wollten da mitmachen; und einige von denen, die auf der Liste fehlten, sagten, sie w�rden losziehen, ob Ann sie haben wollte oder nicht.</p><p>Die Diskussionen wurden h�ufiger und heftiger. Fast alle an Bord sprachen sich f�r die eine oder andere Mission aus und empfahlen sich f�r die endg�ltigen Entscheidungen. Maya merkte, dass sie jede Kontrolle �ber das russische Kontingent verlor. Sie wurde w�tend auf Arkady. Bei einer allgemeinen Versammlung schlug sie sarkastisch vor, den Computer die Zuweisungen treffen zu lassen. Die Idee wurde ohne R�cksicht auf ihre Autorit�t verworfen. Sie warf die H�nde hoch: �Was k�nnen wir denn tun?�</p><p>Niemand wusste es.</p><p>Sie und Frank berieten sich privat. �Lass uns versuchen, ihnen die Illusion zu geben, dass sie die Entscheidung tr�fen�, sagte er ihr mit einem fl�chtigen L�cheln. Sie erkannte, dass es ihm nicht unlieb war, ihren Misserfolg bei der allgemeinen Versammlung erlebt zu haben. Sie wurde wieder von der Erinnerung an ihr fr�heres Beisammensein geplagt, und sie schalt sich eine N�rrin. Kleine Politb�ros pflegten gef�hrlich zu sein��</p><p>Frank lie� alle ihre W�nsche �u�ern und gab dann auf der Br�cke die Ergebnisse bekannt, wobei er f�r jedermann die erste, zweite und dritte Wahl auflistete. Die geologischen Erkundungen waren beliebt, der Aufenthalt auf Phobos dagegen nicht. Das war schon allgemein bekannt; und die ausgestellten Listen zeigten, dass es weniger Konflikte gab, als es den Anschein gehabt hatte. �Er gibt Klagen dar�ber, dass Arkady Phobos �bernimmt�, sagte Frank bei der n�chsten �ffentlichen Versammlung, �aber keiner au�er ihm und seinen Freunden will diesen Job. Jeder andere m�chte auf die Oberfl�che hinuntergehen.�</p><p>�Wir sollten eigentlich H�rtenausgleich erhalten�, schlug Arkady vor.</p><p>�Es sieht dir nicht �hnlich, �ber Ausgleich zu reden�, sagte Frank sanft.</p><p>Arkady grinste und setzte sich wieder hin.</p><p>Phyllis war missvergn�gt. �Phobos wird ein Verbindungsglied zwischen Erde und Mars sein, wie die Raumstationen im Erdorbit. Ohne sie kann man nicht vom einen Planeten zum anderen gelangen. Sie sind das, was Marinestrategen W�rgepunkte nennen.�</p><p>Arkady sagte zu ihr: �Ich verspreche, meine H�nde von deinem Hals zu lassen.�</p><p>Frank fuhr auf. �Wir werden alle Teil des gleichen Dorfes sein! Alles, was wir tun, ber�hrt uns alle! Und danach zu urteilen, wie ihr euch benehmt, wird es f�r uns gut sein, sich von Zeit zu Zeit zu trennen. Ich meinerseits h�tte nichts dagegen, Arkady einige Monate nicht sehen zu m�ssen.�</p><p>Arkady verbeugte sich: �Phobos, wir kommen!� Aber Phyllis und Mary und ihre Schar waren immer noch nicht zufrieden. Sie konferierten lange mit Houston; und immer, wenn Maya in Torus B erschien, schienen die Gespr�che zu verstummen, und die Augen folgten ihr misstrauisch, als ob die Tatsache, dass sie Russin war, sie automatisch ins Lager Arkadys versetzte. Sie verfluchte sie als Narren und verfluchte Arkady noch mehr. Er hatte all dies angefangen.</p><p>Aber am Ende lie� sich schwer sagen, was vor sich ging bei hundert Menschen, die in etwas verstreut waren, das pl�tzlich als ein so gro�es Schiff erschien. Interessengruppen, Mikropolitik�� es kam wirklich zu Spaltungen. Nur hundert Personen, und dennoch waren sie eine zu gro�e Gemeinschaft, um zusammenzuhalten. Und es gab nichts, das sie oder Frank daran �ndern konnten.</p><empty-line/><p>Eines Nachts tr�umte sie wieder von dem Gesicht in der Farm. Sie wachte ersch�ttert auf und war nicht imstande wieder einzuschlafen. Pl�tzlich schien alles au�er Kontrolle zu sein. Sie flogen durch das Vakuum des Raums im Innern eines kleinen B�ndels aus Blechb�chsen, und sie sollte die Leitung dieses verr�ckten Schiffsunget�ms haben. Das war absurd!</p><p>Sie verlie� ihren Raum und erstieg den Speichentunnel von D zum Zentralschacht. Sie zog sich in die Blasenkuppel, ohne an das Spiel des Tunnelspringens zu denken.</p><p>Es war vier Uhr fr�h. Das Innere der Blasenkuppel war wie ein Planetarium, nachdem das Publikum gegangen ist: still, leer, mit Tausenden von Sternen dicht gedr�ngt in der schwarzen Hemisph�re der Kuppel. Der Mars hing direkt �ber dem Kopf, bucklig und deutlich sph�risch, als ob eine steinerne Orange zwischen die Sterne geschleudert w�re. Die vier gro�en Vulkane waren sichtbare Pockennarben, und die langen Kl�fte von Marineris w�ren auszumachen. Sie schwebte darunter, Arme und Beine gespreizt und langsam rotierend, bem�ht, etwas Besonderes in dem engen Interferenzmuster ihrer Emotionen zu empfinden. Wenn sie zwinkerte, strebten kleine kugelige Tr�nentropfen hinaus und davon zwischen die Sterne.</p><p>Die Schleusent�r ging auf. John Boone schwebte herein, sah sie und ergriff den T�rgriff, um anzuhalten. �Oh, tut mir leid. Darf ich zu dir kommen?�</p><p>�Nein.� Maya schnaufte und rieb sich die Augen. �Warum bist du zu so fr�her Stunde auf?�</p><p>�Ich stehe oft fr�h auf. Und du?�</p><p>�Schlimme Tr�ume.�</p><p>�Wovon?�</p><p>�Ich kann mich nicht erinnern�, sagte sie und hatte das Gesicht vor ihrem geistigen Auge.</p><p>Er stie� sich ab und schwebte an ihr vorbei zur Kuppel. �Ich kann mich nie an meine Tr�ume erinnern.�</p><p>�Nie?�</p><p>�Nun, selten. Wenn mich mitten drin etwas aufweckt und ich Zeit habe, dar�ber nachzudenken, dann k�nnte ich mich daran erinnern, wenigstens f�r kurze Zeit.�</p><p>�Das ist normal. Aber es ist ein schlechtes Zeichen, wenn man sich �berhaupt nicht an seine Tr�ume erinnert.�</p><p>�Wirklich? Wovon ist das ein Symptom?�</p><p>�Von extremer Verdr�ngung, glaube ich mich zu erinnern.� Sie war an die Seite der Kuppel getrieben, stie� sich ab und hielt dicht bei ihm an. �Aber vielleicht ist das freudianisch.�</p><p>�Mit anderen Worten: so etwas wie die Phlogistontheorie.�</p><p>Sie lachte. �Genau.�</p><p>Beide schauten hinaus zum Mars und wiesen einander auf Merkmale hin. Plauderten. Maya sah ihn an, wenn er redete. Er sah so sanft und gl�cklich zufrieden aus. Er war wirklich nicht ihr Typ. Tats�chlich hatte sie seine Fr�hlichkeit zuerst f�r eine Art von Einf�ltigkeit gehalten. Aber im Verlauf der Reise hatte sie erkannt, dass er nicht primitiv war.</p><p>�Was sagst du zu all den Diskussionen dar�ber, was wir da oben tun sollten?� fragte sie und wies auf den roten Stein �ber ihnen.</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>�Ich denke, Phyllis hat eine Menge Punkte f�r sich.� Er zuckte die Achseln. �Ich glaube nicht, dass das eine Rolle spielt.�</p><p>�Was ist deine Meinung?�</p><p>�Der einzige Teil eines Arguments, der wirklich wichtig ist, ist das, was wir von denen halten, die sich streiten. X behauptet <emphasis>a,</emphasis> Y behauptet <emphasis>b.</emphasis> Sie tragen Gr�nde vor, um ihre Anspr�che zu begr�nden, mit beliebig vielen Punkten. Wenn sich ihre H�rer aber an die Diskussion erinnern, kommt es nur darauf an, dass X an <emphasis>a</emphasis> glaubt und Y an <emphasis>b.</emphasis> Dann bilden die Leute sich ihr Urteil danach, was sie von X und Y halten.�</p><p>�Aber wir sind doch Wissenschaftler! Wir sind daf�r erzogen, das Beweismaterial abzuw�gen.�</p><p>John nickte. �Stimmt. Da ich dich mag, r�ume ich diesen Punkt ein.�</p><p>Sie lachte und schubste ihn; und sie kugelten an den Seiten der Kuppel voneinander fort nach unten.</p><p>Maya war selbst �berrascht und hielt ihre Bewegung auf den Boden zu an. Sie wandte sich um und sah, wie John auf dem Boden landete. Er sah sie l�chelnd an, ergriff eine Schiene und schwang sich in die Luft, quer durch den Kuppelraum direkt auf sie zu.</p><p>Maya begriff sofort. Sie verga� v�llig ihren Entschluss, so etwas zu vermeiden, und stie� sich ab, um ihn zu parieren. Sie flogen genau aufeinander zu; und um einen schmerzhaften Zusammensto� zu vermeiden, mussten sie sich packen und mitten in der Luft drehen wie im Tanz. Sie rotierten mit verschlungenen H�nden und bewegten sich in Spiralen langsam auf die Kuppel zu. Es war ein Tanz, der ein klares und unvermeidliches Ende nehmen musste, das sie erreichen w�rden, wann immer es ihnen gefiele. Oha! Mayas Puls raste, und der Atem in ihrer Kehle flatterte. W�hrend sie sich drehten, spannten sie ihren Bizeps, zogen sich zusammen wie ein langsam andockendes Raumschiff und k�ssten sich.</p><p>John stie� sich l�chelnd nach unten von ihr ab, so dass sie auf die Kuppel zu flog. Auf dem Boden hielt er an und kroch zur Luke der Schleuse. Er schloss sie ab.</p><p>Maya l�ste ihr Haar auf und sch�ttelte es so, dass es um ihren Kopf �ber ihr Gesicht schwebte. Sie lachte wild auf. Es war nicht so, als f�hlte sie sich auf der Schwelle einer gro�en oder �berw�ltigenden Liebe. Es w�rde einfach Spa� machen, und dieses Gef�hl von Einfachheit war�� Sie empfand einen wilden Ansturm von Lust und stie� sich von der Kuppel auf John hin ab. Sie rollte sich zu einem langsamen Salto zusammen und zog dabei den Rei�verschluss ihrer Jacke auf. Ihr Herz klopfte wie ein Schlagzeug und all ihr Blut dr�ngte sich nach au�en zur Haut, die vibrierte, w�hrend sie sich vollends entkleidete und auf John prallte. Nachdem sie ihn �bereilig am �rmel gezupft hatte, trieb sie davon. Sie h�pften in dem Raum herum, w�hrend sie sich auszogen, und irrten sich in den Winkeln und Impulsen, bis sie mit einem sanften Schub der Gro�en Zehen ineinander flogen und sich in einer rotierenden Umschlingung vereinten und unter K�ssen zwischen ihren dahintreibenden Kleidern dahinschwebten.</p><p>In den nachfolgenden Tagen kamen sie immer wieder zusammen. Sie machten keinen Versuch, die Beziehung geheim zu halten. So waren sie sehr schnell ein allgemein bekanntes Paar. Viele an Bord schienen durch diese Entwicklung �berrascht zu sein. Eines Morgens kam Maya in den Speisesaal und fing einen raschen Blick von dem an einem Ecktisch sitzenden Frank auf, der sie fr�steln lie�. Er erinnerte sie an eine andere Zeit, an ein Ereignis und einen Ausdruck auf seinem Gesicht, den sie nicht ganz in Erinnerung rufen konnte.</p><p>Aber die meisten Leute an Bord schienen erfreut zu sein. Es war schlie�lich eine Art Royal Match, eine Allianz der zwei M�chte hinter der Kolonie, die Harmonie ausdr�ckte. Tats�chlich schien diese Verbindung eine Anzahl anderer zu katalysieren, die entweder die Heimlichtuerei aufgaben oder in dem jetzt emotional �bers�ttigten Milieu einfach entstanden. Vlad und Ursula, Dmitri und Elena, Raul und Marina�� neue unverhohlene Paare gab es �berall, bis es so weit kam, dass die Einzelg�nger anfingen, dar�ber nerv�se Scherze zu machen. Aber Maya glaubte weniger Spannung in Gespr�chen, weniger Streitigkeiten und mehr Lachen zu bemerken.</p><p>Eines Nachts, als sie im Bett lag und dar�ber gr�belte, ob sie in Johns Raum umziehen sollte, fragte sie sich, warum sie sich zusammengefunden hatten. Nicht aus Liebe; denn sie liebte ihn immer noch nicht, sie empfand f�r ihn nicht mehr als Freundschaft, die befrachtet war mit einer Lust, die stark, aber unpers�nlich war. Es war wirklich ein sehr <emphasis>n�tzliches</emphasis> Match. N�tzlich f�r sie. Aber sie wandte sich von diesem Gedanken ab und konzentrierte sich auf den Nutzen dieses Matches f�r die Expedition im ganzen. Ja, es war Politik. Wie Feudalpolitik oder die antiken Kom�dien von Fr�hling und Wiedererstehen. Und sie musste zugeben, es f�hlte sich so an, als w�rde sie als Reaktion auf Imperative handeln, die st�rker waren als ihre eigenen W�nsche, so als ob sie das Verlangen einer gr��eren Macht verwirklichte. Oder vielleicht von Mars selbst. Das war kein unangenehmes Gef�hl.</p><p>Was die Idee anging, sie k�nnte Einfluss auf Arkady oder Frank oder Hiroko gewonnen haben�� Nun, sie vermied erfolgreich, dar�ber nachzudenken. Das war eines ihrer Talente.</p><p>Ein Hauch von Gelb, Rot und Orange breitete sich auf den W�nden aus. Mars war jetzt so gro� wie der Mond am Himmel der Erde. Es war Zeit, ihre ganze Bem�hung zusammenzuraffen. Nur noch eine Woche, und sie w�rden da sein.</p><p>Es gab noch Spannungen wegen der ungel�sten Probleme der nach der Landung anstehenden Obliegenheiten. Und Maya fand es jetzt schwieriger denn je, mit Frank zusammenzuarbeiten. Es war nichts Offenkundiges, aber sie hatte den Eindruck, dass ihm ihre Unf�higkeit, die Lage zu beherrschen, nicht unangenehm war; denn die Spaltungen wurden mehr von Arkady verursacht als von sonst jemandem. Daher schien es mehr ihr Fehler zu sein als seiner. Mehr als einmal verlie� sie eine Zusammenkunft mit Frank und ging zu John in der Hoffnung auf etwas Hilfe. Aber John hielt sich aus den Diskussionen heraus und bef�rwortete alles, was Frank vorschlug. Sein privater Rat f�r Maya war recht scharfsinnig; aber das Problem war, er liebte Arkady und mochte Phyllis nicht. Darum riet er ihr oft, Arkady zu unterst�tzen�� offenkundig unbewu�t dessen, wie dies ihre Autorit�t unter den anderen Russen untergraben k�nnte. Allerdings wies sie ihn nie darauf hin. Ob ein Liebespaar oder nicht�� es gab noch Gebiete, die sie weder mit ihm noch jemand anderem er�rtern wollte.</p><p>Aber eines Nachts in seinem Zimmer waren ihre Nerven rebellisch. Sie lag da, unf�hig zu schlafen, gr�belte �ber dies und jenes und sagte: �H�ltst du es f�r m�glich, einen blinden Passagier auf dem Schiff zu verstecken?�</p><p>Er sagte erstaunt: �Nun, ich wei� nicht. Warum fragst du?�</p><p>Sie schluckte kr�ftig und erz�hlte ihm von dem Gesicht hinter der Algenflasche.</p><p>Er richtete sich im Bett auf und starrte sie an. �Bist du sicher, dass es nicht���</p><p>�Es war keiner von uns.�</p><p>Er rieb sich das Kinn. �Nun�� ich nehme an, wenn er von jemandem aus der Crew Unterst�tzung f�nde���</p><p>�Hiroko�, schlug Maya vor. �Ich meine, nicht blo�, weil sie Hiroko ist, sondern wegen der Farm und all dessen. Es w�rde sein Nahrungsproblem l�sen, und es gibt dort eine Menge Versteckpl�tze. Und er k�nnte w�hrend des Strahlungssturms mit den Tieren Schutz gefunden haben.�</p><p>�Die haben eine Menge Rems abbekommen.�</p><p>�Er k�nnte sich aber hinter ihrem Wasservorrat befunden haben. Ein kleiner Einpersonenbunker w�re nicht allzu schwer einzurichten.�</p><p>John hatte diese Idee noch nicht recht verdaut. �Neun Monate versteckt!�</p><p>�Es ist ein gro�es Schiff. Es h�tte sich machen lassen, nicht wahr?�</p><p>�Nun, ich denke, ja. O ja, das ginge wohl. Aber warum?�</p><p>Maya zuckte die Achseln. �Ich habe keine Ahnung. Jemand, der mit wollte, aber die Auswahl nicht bestanden hatte. Jemand, der einen Freund oder Freunde hatte���</p><p>�Dennoch! Ich meine, dass viele von uns Freunde hatten, die mitkommen wollten. Dies bedeutet aber nicht, dass���</p><p>�Ich wei�, ich wei�.�</p><p>Sie redeten fast eine Stunde lang dar�ber. Sie diskutierten die m�glichen Gr�nde, die Methoden, die man h�tte anwenden k�nnen, um einen Passagier an Bord zu schmuggeln, ihn zu verstecken und so weiter. Und dann f�hlte Maya sich endlich viel besser und war pr�chtig gestimmt. John glaubte ihr! Sie f�hlte einen Schwall von Erleichterung und Gl�ck und warf die Arme um ihn. �Es ist so gut, mit dir hier�ber sprechen zu k�nnen!�</p><p>Er l�chelte. �Maya, wir sind Freunde. Du solltest es schon fr�her zur Sprache gebracht haben.�</p><p>�Ja.�</p><empty-line/><p>Die Blasenkuppel w�re ein wundervoller Ort gewesen, um die letzte Ann�herung an den Mars zu beobachten, aber sie w�rden aerodynamisch bremsen m�ssen, um die Geschwindigkeit herabzusetzen, und die Kuppel w�rde sich hinter dem Hitzeschild befinden, den sie jetzt anbrachten. Es w�rde keine Sicht geben.</p><p>Durch das aerodynamische Bremsen sparten sie enorme Mengen an Treibstoff, die sonst erforderlich gewesen w�ren, um langsamer zu werden. Aber es war eine �u�erst heikle Prozedur und deshalb gef�hrlich. Sie hatten einen Spielraum von weniger als einer tausendstel Bogensekunde. Darum begann schon einige Tage vor Eintritt in den Mars-Orbit das Navigationsteam ihren Kurs mit kleinen Brennst��en fast st�ndlich leicht zu modifizieren und so die Ann�herung fein abzugleichen. Als sie dann n�her kamen, hielten sie die Rotation des Schiffs an. Die R�ckkehr zur Gewichtslosigkeit war auch in den Torussen ein Schock. Maya wurde j�h klar, dass das nicht eine weitere Simulation war. Sie glitt in hohem Bogen durch die zugige Luft der G�nge, sah alles aus einer seltsamen neuen Perspektive, und pl�tzlich wirkte alles real.</p><p>Sie schlief in kurzen Etappen, eine Stunde hier, drei Stunden dort. Jedes Mal, wenn sie sich r�hrte, hatte sie, in ihrem Schlafsack schwebend, einen Moment der Desorientierung und glaubte wieder in der <emphasis>Novy Mir</emphasis> zu sein. Dann erinnerte sie sich, und Adrenalin peitschte sie munter. Sie eilte durch die S�le des Torus und riss die Wandverkleidungen aus Gold und Bronze herunter. Auf der Br�cke traf sie auf Mary oder Raul, oder Marina oder sonst jemand f�r die Navigation. Alles noch richtig auf Kurs. Sie n�herten sich dem Mars so schnell, dass es schien, sie k�nnten auf den Schirmen sehen, wie er gr��er wurde.</p><p>Sie mussten den Planeten um drei�ig Kilometer verfehlen. Das war etwa ein Zehnmillionstel der zur�ckgelegten Distanz. Kein Problem, sagte Mary mit einem raschen Blick auf Arkady. Bis jetzt waren sie im Mantralauf und hofften, dass keines seiner verr�ckten Probleme auftauchen w�rde.</p><p>Die nicht mit Navigation besch�ftigten Besatzungsmitglieder waren daf�r eingesetzt, zu verschalen und alles auf die Dreh- und Sto�kr�fte vorzubereiten, die zweieinhalb G mit sich bringen w�rden. Einige arbeiteten im freien Raum au�erhalb des Schiffs, um zus�tzliche Hitzeschilde und dergleichen anzubringen. Es war eine Menge zu tun, und dennoch schienen die Tage irgendwie lang zu sein.</p><empty-line/><p>Es w�rde mitten in der Nacht passieren. Darum blieben an diesem Abend alle Lichter eingeschaltet, und niemand ging zu Bett. Jeder hatte einen Posten�� manche im Dienst, und die meisten nur abwartend. Maya sa� in ihrem Sessel auf der Br�cke, beobachtete die Schirme und Monitore und fand, dass sie genau so aussahen, als w�re das Ganze eine Simulation in Baikonur. Sollten sie wirklich in eine Umlaufbahn um den Mars eintreten?</p><p>Sie konnten es. Die <emphasis>Ares</emphasis> traf auf die d�nne Hochatmosph�re des Mars mit 40000 Kilometern in der Stunde, und sofort fing das Schiff an, heftig zu vibrieren. Mayas Sessel sch�ttelte sie in raschen, harten St��en, und es gab ein schwaches, tiefes Dr�hnen, als ob sie durch einen Hochofen flogen. Und so sah es auch aus; denn die Schirme ergl�hten in einem intensiven orangeroten Schein. Komprimierte Luft prallte von den Hitzeschilden ab und fauchte an den Au�enkameras vorbei, so dass die ganze Br�cke in die Farbe des Mars get�nt war. Dann kehrte die Schwere rachs�chtig zur�ck. Mayas Rippen wurden so gequetscht, dass sie kaum atmen konnte und ihre Sicht unscharf war. Es schmerzte!</p><p>Sie pfl�gten durch die d�nne Luft mit einer Geschwindigkeit und in einer H�he, die so berechnet waren, dass sie in eine von Aerodynamikern als �bergangszustand bezeichnete Str�mung gerieten, einen Zustand halbwegs zwischen freier molekularer und Kontinuumsstr�mung. Freie Molekularstr�mung w�re vorzuziehen gewesen. Dabei wurde die auf den Hitzeschild treffende Luft zur Seite gedr�ckt und das resultierende Vakuum haupts�chlich durch molekulare Diffusion aufgef�llt werden. Aber sie bewegten sich daf�r zu schnell und konnten nur knapp die entsetzliche Hitze der Kontinuumsstr�mung vermeiden, bei der sich Luft �ber den Schild und das Schiff als Teil einer Wellenwirkung bewegte. Das Beste, was sie tun konnten, war, den h�chsten m�glichen Kurs zu w�hlen, der sie hinreichend bremsen und in eine �bergangsstr�mung bringen w�rde, die zwischen freier molekularer und kontinuierlicher Str�mung schwankte und die Fahrt daher bockig machte. Und darin lag die Gefahr. Falls sie auf eine Hochdruckzelle in der Marsatmosph�re stie�en, wo Hitze oder Vibration oder Gravitationskr�fte irgendeinen empfindlichen Mechanismus besch�digen w�rden, dann k�nnten sie in einen von Arkadys Alptr�umen genau zu der Zeit geschleudert werden, da sie in ihren Sesseln zusammengepresst wurden und je fast zweihundert Kilogramm �wiegen� w�rden�� etwas, das zu simulieren Arkady nicht recht gelungen war. Maya dachte voller Ingrimm, dass sie in der realen Welt gerade dann, wenn sie gegen�ber einer Gefahr am meisten verwundbar waren, auch am hilflosesten waren, damit fertig zu werden.</p><p>Aber wie das Schicksal es wollte, war das Wetter in der Stratosph�re des Mars stabil, und sie blieben im Mantralauf, der sich in der Realit�t als atemberaubende acht Minuten voller Gebr�ll und Ersch�tterungen erwies. Maya konnte sich an keine Stunde erinnern, die so lange gedauert h�tte. Sensoren zeigten, dass der Haupthitzeschild bis auf 600 Kelvin erw�rmt worden war��</p><p>Und dann h�rte die Vibration auf. Das Gebr�ll verstummte. Sie waren aus der Atmosph�re hinausgeglitten, nachdem sie etwa ein Viertel des Planeten umrundet hatten. Sie waren um etwa 20.000 Kilometer in der Stunde langsamer geworden, und die Temperatur des Hitzeschildes hatte 710 Kelvin erreicht�� fast die Obergrenze. Aber die Methode hatte funktioniert. Alles war still. Sie schwebten wieder gewichtslos dahin, nur durch ihre Sitzgurte festgehalten. Es war, als h�tten sie v�llig aufgeh�rt, sich zu bewegen, als ob sie in reiner Stille schwimmen w�rden.</p><p>Schwankend schnallten sie sich los und flogen wie Geister in der k�hlen Luft der R�ume, einer Luft, die in ihren Ohren leise ert�nte und die Stille betonte. Sie redeten zu laut und sch�ttelten sich die H�nde. Maya f�hlte sich benommen und konnte nicht verstehen, was die Leute zu ihr sagten�� nicht weil sie sie nicht h�ren konnte, sondern weil sie nicht acht gab.</p><empty-line/><p>Zw�lf schwerelose Stunden sp�ter f�hrte ihr neuer Kurs wieder auf eine Periapsis in 35.000 Kilometern Entfernung vom Mars. Dort, an der tiefsten Stelle ihrer Umlaufbahn, z�ndeten sie die Hauptraketen f�r einen kurzen Impuls, der ihre Geschwindigkeit um etwa hundert Stundenkilometer erh�hte. Danach wurden sie wieder auf den Mars zu gezogen und beschrieben eine Ellipse, die sie bis auf 500 Kilometer an die Oberfl�che heranf�hrte. Sie waren jetzt im Orbit.</p><p>Jede elliptische Umrundung des Planeten dauerte etwa einen Tag. W�hrend der n�chsten zwei Monate w�rden die Computer Brennst��e ausf�hren, die ihre Bahn allm�hlich kreisf�rmig knapp innerhalb der von Phobos gestalten sollten. Aber die Landegruppen mussten noch davor zur Oberfl�che hinuntergehen, w�hrend der tiefste Bahnpunkt so niedrig lag.</p><p>Sie verstauten die Hitzeschilde wieder und gingen in die Blasenkuppel, um sich umzuschauen.</p><p>In dieser Position nahm der Mars fast den ganzen Himmel ein, als ob sie in einem H�henflugzeug dar�ber hinz�gen. Die Tiefe von Valles Marineris war deutlich, ebenso die H�he der vier gro�en Vulkane, deren breite Gipfel �ber dem Horizont erschienen, noch ehe die umgebende Landschaft in Sicht kam. �berall auf der Oberfl�che gab es Krater. Deren runde Innenfl�chen waren lebhaft sandfarben, ein bisschen heller als die �u�eren Gebiete. Vermutlich Staub. Die kurzen gezackten Bergketten waren dunkler als das umgebende Land�� eine durch schwarze Schatten unterbrochene Rostfarbe. Aber sowohl die hellen wie die dunklen Farben waren nur leicht anders get�nt als das allgegenw�rtige rostig orangefarbene Rot, das alle Bergspitzen, Krater, Schluchten, D�nen und sogar der gekr�mmte Streifen der von Staub erf�llten Atmosph�re aufwiesen, der hoch �ber der hellen Kurve des Planeten zu sehen war. Roter Mars! Er war durchbohrend und faszinierend. Das f�hlten sie alle.</p><empty-line/><p>Sie verbrachten lange Stunden mit Arbeit, und das war endlich richtige Arbeit. Das Schiff musste teilweise zerlegt werden. Der Hauptk�rper w�rde zuletzt in einem Orbit nahe Phobos geparkt werden, um als R�ckkehrvehikel f�r den Notfall dienen zu k�nnen. Aber zwanzig Tanks von den �u�eren L�ngen des Nabenschachts brauchten nur von der <emphasis>Ares</emphasis> getrennt und als planetare Landefahrzeuge hergerichtet zu werden, die die Kolonisten in F�nfergruppen hinunterbringen sollten. Das erste davon sollte sofort landen, wenn es abgekoppelt und vorbereitet war. Darum arbeiteten sie schichtweise rund um die Uhr und verbrachten viel Zeit im freien Raum. Sie r�ckten zu den Essenszeiten m�de und hei�hungrig an und f�hrten laute Gespr�che. Die Langeweile der Reise schien vergessen. Eines Nachts schwebte Maya im Baderaum und machte sich fertig f�r das Bett. Ihre Muskeln f�hlten sich steif an wie seit Monaten nicht mehr. Um sie herum plauderten Nadia und Sasha und Yeli Zudov fr�hlich miteinander, und bei dem warmen Schwall von gel�ufigem Russisch gewann sie pl�tzlich den Eindruck, dass alle gl�cklich waren. Sie befanden sich im letzten Moment ihrer Erwartung�� einer Erwartung, die schon ein halbes Leben lang in ihren Herzen geruht hatte, oder schon seit ihrer Kindheit�� und jetzt pl�tzlich unter ihnen erbl�ht war wie die Zeichnung eines Kindes vom Mars. Sie wurde gro� und klein, als ob sie in einem Jojo-Spiel vor ihnen vorw�rts und r�ckw�rts h�pfte in all ihrem immensen Potential. Tabula rasa, leere Tafel. Eine leere rote Tafel. Alles war m�glich, alles konnte passieren. In diesem Sinne waren sie gerade in diesen letzten Tagen vollkommen frei. Frei von der Vergangenheit, frei von der Zukunft, schwerelos in ihrer warmen Luft, wie Geister umherschwebend, um eine materielle Welt auszustatten�� Im Spiegel erwischte Maya einen Blick auf das vom Z�hneputzen verzerrte Grinsen ihres Gesichts und packte ein Gel�nder, um ihre Position zu halten. Ihr kam der Gedanke, dass sie vielleicht nie wieder so gl�cklich sein w�rde. Sch�nheit war das Versprechen von Gl�ck, aber nicht das Gl�ck selbst; und die erwartete Welt war oft reicher als irgend etwas Reales. Aber wer konnte das diesmal sagen? Es k�nnte jetzt sogar endlich die goldene Zeit sein.</p><p>Sie lie� das Gel�nder los und spie Zahnpaste in einen Wasserbeutel. Dann schwebte sie in den Korridor zur�ck. Komme, was wolle, sie hatten ihr Ziel erreicht. Sie hatten zumindest die Chance f�r einen Versuch gewonnen.</p><empty-line/><p>Die Demontage der <emphasis>Ares</emphasis> bewirkte bei vielen ein seltsames Gef�hl. Es war, wie John bemerkte, als ob man eine Stadt zerlegte und die H�user nach allen Richtungen fortschleuderte. Unter dem Riesenauge des Mars wurden alle ihre Meinungsverschiedenheiten angespannter. Gewiss war es jetzt kritisch, und es war nur noch wenig Zeit. Die Leute diskutierten, offen oder unter der Oberfl�che. Es gab jetzt so viele kleine Gruppen, die unter sich berieten�� Was war aus jenem kurzen Moment des Gl�cks geworden? Maya gab haupts�chlich Arkady die Schuld. Er hatte die B�chse der Pandora ge�ffnet. H�tte sich ohne ihn und seine Reden die Farmgruppe so eng um Hiroko geschart? H�tte das medizinische Team sich so isoliert beraten? Sie meinte, nein.</p><p>Sie und Frank arbeiteten angestrengt, um Differenzen auszub�geln und einen Konsens zu schmieden, ihnen das Gef�hl zu geben, dass sie immer noch ein geschlossenes Team bildeten. Dies schloss lange Konferenzen mit Phyllis und Arkady, Ann und Sax, Houston und Baikonur ein. Dabei entwickelte sich eine Beziehung zwischen den beiden Anf�hrern, die noch komplexer war als ihre fr�heren Begegnungen im Park, obwohl die auch dazu geh�rten. Maya erkannte jetzt bei den gelegentlichen Anfl�gen von Sarkasmus bei Frank, dass ihn dieses Erlebnis mehr bewegt hatte, als sie damals dachte. Aber jetzt konnte man nichts mehr daran �ndern.</p><p>Schlie�lich wurde die Phobosmission tats�chlich Arkady und seinen Freunden �bertragen, haupts�chlich deshalb, weil sie sonst niemand wollte. Es wurde allen ein Platz bei einer geographischen Forschungstour versprochen, wenn sie das w�nschten. Und Phyllis und der Rest der �Houston-Gruppe� erhielten die Zusicherung, dass die Einrichtung des Basislagers nach den Pl�nen aus Houston erfolgen sollte. Sie beabsichtigten auf der Basis zu arbeiten, um zu sehen, dass das auch wirklich geschah. �Fein, fein�, knurrte Frank am Ende einer solchen Konferenz. �Wir werden doch alle auf dem Mars leben; m�ssen wir denn so dar�ber streiten, was wir dort <emphasis>tun</emphasis> werden?�</p><p>�So ist das Leben�, sagte Arkady fr�hlich. �Auf dem Mars oder nicht, das Leben geht weiter.�</p><p>Frank spannte die Kinnmuskeln an. �Ich bin hierher gekommen, um so etwas zu entkommen!�</p><p>Arkady sch�ttelte den Kopf. �Das ist dir bestimmt nicht gelungen. Dies ist dein Leben, Frank. Was w�rdest du ohne es tun?�</p><empty-line/><p>Eines Abends kurz vor der Landung kamen sie zusammen und hielten ein Bankett f�r die gesamte Besetzung ab. Die meisten Lebensmittel waren auf der Farm gewachsen: Pasta, Salat und Brot, dazu Rotwein aus den Best�nden, der f�r einen besonderen Anlass aufgespart war.</p><p>Bei einem Dessert aus Erdbeeren erhob sich Arkady, um einen Toast auszubringen. �Auf die neue Welt, die wir jetzt erschaffen!�</p><p>Ein Chor von Murren und Applaus. Inzwischen wussten alle, was er meinte. Phyllis lie� eine Erdbeere fallen und sagte: �Schau, Arkady, diese Niederlassung ist eine wissenschaftliche Station. Deine Ideen spielen daf�r keine Rolle. Vielleicht in f�nfzig oder hundert Jahren. Aber vorerst wird es �hnlich sein wie bei den Stationen in Antarctica.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Arkady. �Aber antarktische Stationen sind in Wirklichkeit h�chst politisch. Die meisten von ihnen wurden eingerichtet, damit die betreffenden L�nder bei der Revision des Antarktisabkommens mitsprechen k�nnten. Und jetzt werden die Stationen von Gesetzen beherrscht, die dieses Abkommen aufgestellt hat, welches durch einen sehr politischen Prozess zustande gekommen ist. Du darfst also nicht einfach den Kopf in den Sand stecken und rufen: �Ich bin Wissenschaftler, ich bin Wissenschaftler!�� Er legte eine Hand an die Stirn in der allgemeinen Geste, die eine Primadonna verspottet. �Nein. Wenn du das sagst, sagst du nur: �Ich will nicht �ber komplexe Systeme nachdenken!� Was echten Wissenschaftlern gewiss nicht ansteht.�</p><p>�Die Antarktis wird von einem Abkommen regiert, weil dort niemand lebt au�er in Forschungsstationen�, sagte Maya �rgerlich. Sollte ihr Schlu�bankett, ihr letzter Moment der Freiheit, derartig kaputtgemacht werden?!</p><p>�Stimmt�, sagte Arkady. �Denkt aber an das Ergebnis! In Antarctica kann niemand Land besitzen. Kein Land und keine Organisation kann die nat�rlichen Sch�tze des Landes ausbeuten oder nehmen und anderen verkaufen, so dass manche davon profitieren, w�hrend andere f�r ihre Nutzung bezahlen. Seht ihr nicht, wie sich dies davon unterscheidet, wie der Rest der Welt betrieben wird? Und dies hier ist das letzte Areal auf der Erde, das organisiert werden und ein Gesetzeswerk bekommen muss. Es stellt das dar, was alle Regierungen in gemeinsamer Arbeit instinktiv f�r fair halten, sich offenbarend auf einem Land, das frei ist von Herrschaftsanspr�chen und sogar von jeglicher Geschichte. Es ist, um es schlicht zu sagen, der beste Versuch der Erde, gerechte Eigentumsverh�ltnisse zu schaffen. Versteht ihr? Dies ist eine Methode, nach der die ganze Welt betrieben werden sollte, wenn wir sie nur von der Zwangsjacke der Geschichte freimachen k�nnten!�</p><p>Sax Russell blinzelte und sagte: �Aber, Arkady, da der Mars nach einem Abkommen regiert werden soll, das auf dem alten antarktischen beruht, was hast du dagegen einzuwenden? Der Weltraumvertrag besagt, dass kein Land Boden auf dem Mars beanspruchen kann, dass keine milit�rische Aktivit�ten gestattet sind und alle Basen f�r Inspektion durch jedes Land offen stehen. Auch k�nnen keine Bodensch�tze des Mars Eigentum einer einzelnen Nation sein. Die UN soll eine internationale Beh�rde einrichten, der alle montane oder sonstige Ausbeutung untersteht. Wenn alles nach diesen Richtlinien geschieht, was ich bestimmt erwarte, dann haben alle Nationen der Welt daran Anteil.� Er hob die Hand. �Ist nicht das, wof�r du agitierst, schon geschehen?�</p><p>�Es ist ein Anfang�, erwiderte Arkady. �Aber es gibt Aspekte dieses Vertrages, die du nicht erw�hnt hast. Zum Beispiel werden auf dem Mars errichtete Basen dem Land geh�ren, das sie gebaut hat. Wir werden amerikanische und russische Basen errichten, wie im Gesetz vorgesehen. Und damit sind wir wieder in den Alptraum irdischen Rechts und irdischer Geschichte zur�ckgeworfen. Amerikanische und russische Firmen werden das Recht haben, den Mars auszubeuten, solange die Profite irgendwie allen Nationen zugute kommen, die den Vertrag unterzeichnen. Das wird dazu f�hren, dass der UN irgendein Prozentsatz bezahlt wird, der nicht mehr als ein Bestechungsgeld ist. Ich glaube nicht, dass wir diese Ma�nahmen auch nur einen Augenblick lang anerkennen sollten!�</p><p>Der Bemerkung folgte Schweigen.</p><p>Ann Clayborne sagte schlie�lich: �Dieser Vertrag besagt auch, dass wir Ma�nahmen ergreifen m�ssen, um die Zerst�rung der planetaren Umwelt zu verhindern. Das steht wohl in Artikel sieben. Es scheint mir ausdr�cklich das Terraformen zu verbieten, �ber die so viele von euch reden.�</p><p>Arkady sagte schnell: �Ich m�chte sagen, dass wir auch diese Anweisung ignorieren. Unser Wohlergehen h�ngt davon ab.�</p><p>Dieser Gedanke war popul�rer als seine anderen; und mehre Leute sprachen sich daf�r aus.</p><p>�Wenn ihr aber einen Artikel missachten wollt�, erkl�rte Arkady, �dann solltet ihr auch den Rest verwerfen. Nicht wahr?�</p><p>Es folgte ein unbehagliches Schweigen.</p><p>�All diese Ver�nderungen werden unvermeidlich eintreten�, sagte Sax Russell achselzuckend. �Das Leben auf dem Mars wird uns evolution�r ver�ndern.�</p><p>Arkady sch�ttelte heftig den Kopf, so dass er sich ein wenig �ber dem Tisch drehte. �Nein, nein, nein! Geschichte ist keine Evolution! Das ist eine falsche Analogie. Evolution ist eine Sache von Umgebung und Zufall, die sich in Lebenszeiten und manchmal in Jahren abspielt, oder Monaten oder Tagen. Geschichte verl�uft nach Lamarck! Wenn wir uns also entschlie�en, gewisse Institutionen auf dem Mars zu etablieren, wird es sie geben! Und wenn wir andere w�hlen, wird es <emphasis>diese</emphasis> geben.� Eine Handbewegung schloss sie alle ein, die an den Tischen Sitzenden und die, welche zwischen den Ranken umherschwebten. �Ich sage, wir sollten selbst diese Wahl treffen und das nicht Leuten hinten auf der Erde �berlassen. Leuten, die eigentlich schon lange tot sind.�</p><p>Phyllis sagte scharf: �Du willst eine Art kommunaler Utopie, und das ist unm�glich. Ich sollte meinen, dass dich die russische Geschichte in dieser Hinsicht einiges gelehrt haben d�rfte.�</p><p>�Das hat sie�, sagte Arkady. �Jetzt wende ich praktisch an, was sie mich gelehrt hat.�</p><p>�Indem du eine schlecht definierte Revolution bef�rwortest? Eine Krisensituation anstiftest? Alle gegeneinander aufhetzt?�</p><p>Eine Menge Leute nickten hierbei; aber Arkady winkte ab. �Ich lehne es ab, an dieser Stelle der Reise f�r die Probleme von allen verantwortlich gemacht zu werden. Ich habe nur gesagt, was ich denke. Und das ist mein Recht. Ich bereite einigen von euch Unbehagen. Und das ist euer Problem. Das kommt daher, dass euch nicht die Konsequenzen von dem gefallen, was ich sage, ihr aber keine Gr�nde findet, sie zu bestreiten.�</p><p>�Manche von uns k�nnen nicht verstehen, was du sagst�, rief Mary.</p><p>�Ich sage nur dies�, erkl�rte Arkady und starrte sie mit hervorquellenden Augen an. �Wir sind f�r immer auf den Mars gekommen. Wir werden nicht nur unsere Behausungen und unsere Nahrung herstellen, sondern auch unser Wasser und sogar die Luft, die wir atmen�� alles auf einem Planeten, der nichts davon besitzt. Wir k�nnen das tun, weil wir die Technik haben, um Materie bis hinab zum molekularen Niveau zu manipulieren. Das ist eine au�ergew�hnliche F�higkeit, denkt daran! Und dennoch k�nnen einige von uns hier sich damit abfinden, dass wir die ganze physische Realit�t dieses Planeten umformen, ohne auch nur das Geringste daf�r zu tun, uns selbst oder unsere Lebensweise zu �ndern. Als Wissenschaftler des einundzwanzigsten Jahrhunderts auf dem Mars zu sein, aber gleichzeitig in den sozialen Systemen des neunzehnten Jahrhunderts zu leben, gegr�ndet auf Ideologien des siebzehnten Jahrhunderts�� das ist absurd, das ist verr�ckt, es ist��� Er fasste sich an den Kopf, raufte sich das Haar und br�llte: �Es ist <emphasis>unwissenschaftlich!</emphasis> Und ich sage, unter all den vielen Dingen, die wir auf dem Mars umgestalten, sollten auch wir selbst und unsere soziale Realit�t sein. Wir m�ssen nicht nur den Mars, sondern auch uns selbst umformen.�</p><empty-line/><p>Niemand wagte, dem zu widersprechen. Arkady in vollem Schwung lie� sich kaum aufhalten; und viele waren durch seine Worte ernstlich herausgefordert und brauchten Zeit zum Nachdenken. Andere waren blo� verstimmt, hatten aber keine Lust, bei diesem Bankett, das als Feier gedacht war, viel Staub aufzuwirbeln. Es war einfacher, mit den Augen zu rollen und beim Toast anzusto�en: �Zum Mars! Zum Mars!� Als sie aber nach dem Dessert umherschwebten, sagte Phyllis geringsch�tzig: �Erst m�ssen wir �berleben. Wie gut werden unsere Chancen stehen bei solcher Unstimmigkeit?�</p><p>Michel Duval bem�hte sich, sie zu tr�sten. �Viele dieser Meinungsverschiedenheiten sind Symptome des Fluges. Einmal auf dem Mars, werden wir zusammenstehen. Und wir haben mehr als das, was wir auf der <emphasis>Ares</emphasis> mitgebracht haben, um uns zu helfen�� wir werden haben, was die unbemannten Landeger�te schon geliefert haben: Schiffsladungen von Ger�t und Nahrung auf der ganzen Oberfl�che und den Monden. Das ist alles f�r uns dort. Die einzige Beschr�nkung wird unsere Ausdauer sein. Und diese Reise ist ein Teil davon. Sie ist eine Art Vorbereitung, ein Test. Wenn wir hierbei versagen, sollten wir es auf dem Mars gar nicht erst versuchen.�</p><p>�Das ist genau, was ich meine!� sagte Phyllis. �Wir werden dabei scheitern.�</p><p>Sax stand auf, machte ein gelangweiltes Gesicht und stie� sich zur K�che hin ab. Der Saal war voll von dem Rauschen vielstimmiger Diskussionen, manche davon ziemlich bissig. Viele Leute waren offensichtlich auf Arkady w�tend, und andere �rgerten sich ihrerseits �ber diese, weil sie es waren.</p><p>Maya folgte Sax in die K�che. W�hrend er sein Tablett reinigte, seufzte er: �Die Menschen sind so gef�hlsbetont. Manchmal komme ich mir vor wie in einer endlosen Vorstellung des St�cks <emphasis>Geschlossene Gesellschaft.�</emphasis></p><p>�Das ist das, wo sie nicht aus einem kleinen Raum hinausk�nnen?�</p><p>Er nickte. �Wo andere Leute die H�lle sind. Ich hoffe, dass wir diese Hypothese nicht ausprobieren werden.�</p><empty-line/><p>Einige Tage sp�ter waren die Landevehikel bereit. Sie w�rden w�hrend eines Zeitraums von f�nf Tagen hinuntergehen. Nur das Phobosteam w�rde in dem zur�ckbleiben, was von der <emphasis>Ares</emphasis> noch �brig war und es zu einem Beinahe-Andocken mit dem kleinen Mond lenken. Arkady, Alex, Dmitri, Roger, Samantha, Edvard, Janet, Raul, Marina, Tatiana und Elena hatten Lebewohl gesagt, schon mit der bevorstehenden Aufgabe besch�ftigt. Sie versprachen, alsbald hinunterzukommen, wenn die Phobos-Station errichtet war.</p><p>In der Nacht vor der Landung konnte Maya nicht schlafen. Schlie�lich gab sie den Versuch auf und zog sich durch die R�ume und Korridore zur Nabe. Alles, was ihr im Schiff vertraut gewesen war, zeigte sich jetzt ver�ndert durch festgezurrte Stapel von Kisten oder ein abgedichtetes Rohr. Es war, als h�tten sie schon die <emphasis>Ares</emphasis> verlassen. Sie schaute sich ein letztes Mal um, von Gef�hlen ausgelaugt. Dann zog sie sich durch die Schleusen in das ihr zugewiesene Landevehikel. Sie h�tte ebenso gut hier warten k�nnen. Sie kroch in ihren Raumanzug und hatte das Gef�hl wie schon oft, wenn der richtige Moment kam, dass sie nur eine weitere Simulation ausf�hrte. Sie fragte sich, ob sie je diesem Gef�hl entrinnen w�rde, ob der Aufenthalt auf dem Mars dazu ausreichte, es zu beenden. Allein das w�re es schon wert, um sich wirklich als <emphasis>real</emphasis> zu empfinden. Sie lie� sich in ihrem Sitz nieder.</p><p>Einige schlaflose Stunden sp�ter stie�en zu ihr Sax, Vlad, Nadia und Ann. Ihre Gef�hrten gurteten sich an, und sie gingen gemeinsam die Checkliste durch. Schalter wurden umgelegt. Dann kam ein Countdown. Die Raketen z�ndeten. Der Lander trieb von der <emphasis>Ares</emphasis> weg. Ein neuer Raketensto�. Sie fielen auf den Planeten zu.</p><p>Sie gerieten in die Obergrenze der Atmosph�re, und ihr einziges trapezf�rmiges Fenster ergl�hte in marsfarbener Luft. Maya vibrierte mit dem Vehikel und starrte hinauf. Sie f�hlte sich angespannt und ungl�cklich, konzentrierte sich mehr nach r�ckw�rts als nach vorn und dachte an alle, die noch auf der <emphasis>Ares</emphasis> waren. Sie meinte, dass die verungl�ckt w�ren und sie f�nf im Lander eine ungeordnete Gruppe hinter sich lie�en. Ihre beste Chance, eine gewisse Eintracht zu schaffen, war vertan. Der momentane Anflug von Gl�ck, den sie beim Z�hneputzen erlebt hatte, war genau das gewesen�� nur ein Blitz. Sie hatten also versagt. Sie gingen ihre getrennten Wege, zersplittert durch ihre Ansichten. Und selbst nach zwei erzwungenen Jahren des Beisammenseins waren sie wie jede andere menschliche Gruppe nichts mehr als eine Ansammlung von Fremden. Die W�rfel waren gefallen.</p></section></section><section><title><p>DRITTER TEIL</p><p>Schmelz-Tiegel</p></title><section><p><emphasis>Er wurde mit dem Rest des Sonnensystems vor etwa f�nf Milliarden Jahren gebildet. Das sind f�nfzehn Millionen menschliche Generationen. Steinbrocken prallen im Weltraum aufeinander und bleiben schlie�lich aneinander haften, alles wegen der geheimnisvollen Kraft, die wir Gravitation nennen. Dieselbe mysteri�se Verzerrung im Geflecht der Dinge bewirkte, dass der Gesteinshaufen, wenn er gro� genug war, zu seinem Zentrum hin zusammenkrachte, bis die Hitze des Drucks das Gestein schmolz. Der Mars ist klein, aber massereich mit einem Kern aus Nickel-Eisen. Er ist so klein, dass das Innere sich schneller abgek�hlt hat als die Erde. Der Kern rotiert nicht mehr innerhalb der Kruste mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Darum hat der Mars praktisch kein Magnetfeld. Es ist kein Dynamo verblieben. Aber eine der letzten inneren Fluten des geschmolzenen Kerns und Mantels bewirkte, dass ein gewaltiger Klumpen auf einer Seite nach au�en dr�ngte und die Kruste zu einer elf Kilometer hohen Beule von der Gr��e eines Kontinents hochpre�te�� dreimal so hoch wie das tibetische Hochland �ber seiner Umgebung. Infolge dieser Beule kam es zu mannigfachen anderen Erscheinungen. Ein System radialer Br�che, das eine ganze Hemisph�re erfasste, einschlie�lich der gr��ten aller Grabenbr�che, der Valles Marineris, eines Netzes von Canyons, das so gro� war wie die Vereinigten Staaten von K�ste zu K�ste. Dieser Buckel lie� auch eine Anzahl Vulkane entstehen, einschlie�lich dreier quer �ber seinem R�cken: Ascraeus Mons, Pavonis Mons und Arsia Mons. Au�erdem am Nordwestrand Olympus Mons, den h�chsten Berg im Sonnensystem�� dreimal so hoch wie der Everest und mit der hundertfachen Masse von Mauna Loa, dem gr��ten Vulkan der Erde.</emphasis></p><p><emphasis>Also war die Tharsis-Beule der wichtigste Faktor bei der Gestaltung der Marsoberfl�che. Der andere bedeutende Faktor war der Einsturz von Meteoriten. In uralter Zeit, vor drei bis vier Milliarden Jahren, fielen Meteorite in gewaltiger Menge auf den Mars, millionenfach; und Tausende davon waren Planetesimale, Steinbrocken so gro� wie Vesta oder Phobos�� Ein solcher Einsturz hinterlie� das Hellas-Becken, den gr��ten deutlichen Krater im Sonnensystem, obwohl Daedalia Planities ein Einsturzbecken von 4500 Kilometern Durchmesser zu sein scheint. Das sind gewaltige Ausma�e, aber es gibt Areologen, die glauben, dass die ganze n�rdliche Marshemisph�re ein altes Einsturzbecken sein k�nnte.</emphasis></p><p><emphasis>Diese gro�en Aufschl�ge bewirkten so verheerende Explosionen, dass man sie sich kaum vorstellen kann. Davon ausgesto�ene Brocken landeten auf der Erde und dem Mond und als Asteroiden in Trojanischen Bahnen. Manche Areologen meinen, dass der Tharsis-Buckel auf den Hellas-Aufprall zur�ckgeht. Andere glauben, dass Phobos und Deimos Auswurfprodukte sind. Und dies waren nur die gr��ten Treffer. Kleinere Steine fielen jeden Tag, so dass die �ltesten Fl�chen auf dem Mars von Kratergebilden zernarbt sind und die Gegend ein Palimpset aus neuen Ringen ist, die alte verdecken. Kein St�ck Land blieb verschont. Und jeder derartige Aufprall l�ste Hitze-Explosionen aus, die Gestein zum Schmelzen brachten. Elemente wurden aus ihrem Verband gerissen und in Form von hei�em Gas, Fl�ssigkeit und neuen Mineralen ausgeschleudert. Dies und das Ausgasen vom Kern erzeugte eine Atmosph�re und viel Wasser. Es gab Wolken, St�rme, Regen und Schnee, Fl�sse, Seen, K�stenlinien, die allesamt das Land besp�lten und es erodierten. Dabei hinterlie�en sie unmissverst�ndliche Spuren - Flussbetten, K�stenmarkierungen und jede Art von hydrologischen Hieroglyphen.</emphasis></p><p><emphasis>Aber all das verging. Der Planet war zu klein und zu weit von der Sonne entfernt. Die Atmosph�re gefror und sank zu Boden. Sublimiertes Kohlendioxid bildete eine d�nne neue Atmosph�re, w�hrend Sauerstoff sich mit Mineralen verband und sie rot f�rbte. Das Wasser gefror und sickerte im Lauf der �onen durch Kilometer von durch Meteorite zerbrochenem Gestein in die Tiefe. Schlie�lich wurde diese Regolithschicht mit Eis durchsetzt, und die tiefsten Teile waren warm genug, um das Eis zu schmelzen. Daher entstanden auf dem Mars Seen unter der Oberfl�che. Wasser flie�t immer nach unten. Darum wanderten diese Wasser enthaltenden Schichten langsam sickernd in die Tiefe, bis sie vor irgendeinem Hindernis, einer Rippe von Muttergestein oder einer gefrorenen Bodensperre, aufgehalten und angesammelt wurden. Manchmal baute sich starker artesischer Druck gegen diese D�mme auf, und manchmal traf ein Meteorit, oder ein Vulkan erschien, so dass der Damm brach; und ein ganzes unterirdisches Meer ergoss sich �ber die Oberfl�che in enormen Fluten, die die Str�mung des Mississippi zehntausendfach �bertrafen. Schlie�lich gefror aber das Wasser auf der Oberfl�che und wurde in den pausenlos trockenen Winden sublimiert, um in der Nebelkappe allwinterlich auf die Pole zu sinken. Darum wurden die Polkappen dicker; und ihr Gewicht dr�ckte das Eis in den Boden, bis das sichtbare Eis nur die Spitze zweier den Planeten �berdachender Linsen aus unterirdischem Permafrost bildete. Diese Linsen hatten hundertfach mehr Volumen als die sichtbaren Kappen. Inzwischen wurden zum �quator hin neue Wasserschichten durch Ausgasen vom Kern her angef�llt. Und einige der alten wasserf�hrenden Bereiche f�llten sich aufs neue.</emphasis></p><p><emphasis>Und so n�herte sich dieser sehr langsame Zyklus seiner zweiten Runde. Aber w�hrend sich der Planet abk�hlte, geschah dies alles immer langsamer in allm�hlicher Verz�gerung wie eine ablaufende Uhr. Der Planet gewann die Gestalt, in der wir ihn sehen. Aber Ver�nderung h�rt nie auf. Die rastlosen Winde erodierten das Land mit Staub, der immer feiner wurde. Und die Exzentrizit�t der Marsbahn bewirkte, dass die s�dliche und n�rdliche Hemisph�re in einem Zyklus von 51000 Jahren die k�hlen und warmen Winter vertauschten, so dass trockene und w�ssrige Eiskappen ihre Pl�tze wechselten. Jede Schwingung dieses Pendels deponierte eine neue Schicht von Sand, und die T�ler neuer D�nen durchschnitten �ltere Schichten in einem Winkel, bis der Sand um die Pole herum ein T�pfelmuster nach Art der Navajo-Sandbilder zeigte, das den ganzen Oberteil der Welt umspannte.</emphasis></p><p><emphasis>Die farbigen Sande in ihren Mustern, die geriffelten und gezackten W�nde der Canyons, die sich in den Himmel reckenden Vulkane, das lockere Gestein des chaotischen Gel�ndes, die Unmenge an Kratern�� beringten Emblemen vom Anfang des Planeten�� Noch sch�ner oder herber als das: knapp, streng, nackt, schweigend, stoisch, steinig, unver�nderlich. Erhaben. Die sichtbare Sprache der mineralen Existenz der Natur.</emphasis></p><p><emphasis>Mineralisch�� nicht animalisch, noch vegetabilisch oder von Viren bestimmt. Das h�tte passieren k�nnen. Es geschah aber nicht. Es gab nie eine Urzeugung aus den Tonen oder den schwefelhaltigen hei�en Quellen. Keine Spore fiel aus dem Weltraum herunter, keine Ber�hrung eines Gottes fand statt. Was auch immer Leben in Gang bringt (denn wir wissen nicht, was), es geschah nicht auf dem Mars. Der Mars rollte als ein Beweis f�r die Andersartigkeit der Welt, f�r ihre steinige Vitalit�t.</emphasis></p><p><emphasis>Und dann, eines Tages��</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>Sie trat mit beiden Beinen kr�ftig auf den Boden. Es war nichts problematisch dabei. Die vertraute Schwere nach neun Monaten in der <emphasis>Ares.</emphasis> Und mit dem Gewicht des Anzugs war es nicht viel anders, als auf der Erde zu gehen, soweit sie sich erinnern konnte. Der Himmel war rosa, mit sandfarbenen T�nungen, eine Nuance kr�ftiger und feiner als auf allen Fotos. Ann sagte: �Seht euch den Himmel an!� Maya schwatzte so dahin. Sax und Vlad drehten sich wie rotierende Figuren. Nadezhda Francine Cherneshevsky machte einige weitere Schritte und f�hlte, wie ihre Stiefel die Oberfl�che knirschend zusammendr�ckten. Sie bestand aus durch von Salz verh�rtetem Sand, einige Zentimeter dick, und knackte, wenn man dar�berging. Die Geologen sprachen von Durikruste oder Caliche�� rohem Salpeter. Die Stiefelabdr�cke waren von kleinen radialen Br�chen ger�ndert.</p><p>Maya war drau�en und vom Lander entfernt. Der Boden war dunkel orangerostfarben, bedeckt mit einer ebenen lockeren Gesteinsschicht der gleichen Farbe, wenn auch manche Sterne rote, schwarze oder gelbe T�ne aufwiesen. Im Osten standen einige Landevehikel, jedes von anderer Form und Gr��e, deren Spitzen �ber den Horizont herausragten. Alle waren so orangerot verkrustet wie der Boden. Das war ein seltsamer, erregender Anblick, als w�re man auf einen lange aufgegebenen fremdartigen Raumflughafen geraten. Ein Teil von Baikonur k�nnte in einer Million Jahren so aussehen.</p><p>Sie ging zu einem der n�chsten Lander, einem Frachtbeh�lter von der Gr��e eines Einfamilienhauses, und setzte sich auf das Gerippe eines vierbeinigen Raketenaggregates, das so aussah, als h�tte es schon seit Jahrzehnten da gelegen. Die Sonne stand �ber den K�pfen, zu grell, um sie auch durch ein Schutzvisier anzuschauen. Es lie� sich durch die Polarisations- und andere Filter schwer beurteilen; aber ihr schien, dass das Tageslicht dem auf der Erde sehr �hnlich war, so weit sie sich entsinnen konnte. Ein heller Wintertag.</p><p>Sie schaute sich wieder um und wollte alles in sich aufnehmen. Sie stand auf einem leicht h�gligen Gel�nde, das von kleinen scharfkantigen Steinen bedeckt war, die alle zur H�lfte im Staub steckten. Hinten im Westen wurde der Horizont durch einen kleinen Berg mit flachem Gipfel markiert. Es konnte ein Kraterrand sein. Das war schwer zu sagen. Ann war schon halbwegs dort und immer noch eine recht gro�e Gestalt. Der Horizont war n�her, als es richtig schien. Nadia machte eine Pause, um das festzustellen. Sie vermutete, dass sie sich bald daran gew�hnt haben und es nicht mehr bemerken w�rde. Aber er war nicht erdgem��, dieser merkw�rdig nahe Horizont, das erkannte sie jetzt deutlich. Sie stand auf einem kleineren Planeten.</p><p>Sie machte einen angestrengten Versuch, sich die Erdschwere ins Ged�chtnis zu rufen und wunderte sich, dass das so schwierig war. Das Gehen in den W�ldern, durch die Tundra und im Winter �ber das Eis der Fl�sse�� und jetzt: Schritt um Schritt. Der Boden war flach, aber man musste sich zwischen den �berall vorhandenen Felsbl�cken einen Weg suchen. Es gab auf der Erde keinen ihr bekannten Ort, wo die so reichlich und gleichm��ig verteilt waren. Ein Sprung: Sie machte ihn und lachte. Selbst mit ihrem Anzug merkte sie, dass sie leichter war. Sie war ebenso stark wie je, wog aber nur drei�ig Kilo! Dazu die vierzig Kilo des Anzugs�� Nun, der st�rte ihr gewiss die Balance. Sie hatte ein Gef�hl, als w�re sie hohl geworden. Ihr Schwerpunkt war n�mlich verlagert. Er lag jetzt au�erhalb des K�rpers, mehr au�erhalb ihrer Muskulatur als innerhalb. Nat�rlich lag das am Anzug. Im Innern des Habitats w�rde es so sein, wie es in der <emphasis>Ares</emphasis> gewesen war. Aber hier drau�en im Anzug war sie eine hohle Frau. Indem sie das bedachte, konnte sie sich pl�tzlich leichter bewegen, �ber einen Felsblock springen, herunterkommen und sich drehen, tanzen! Einfach in die Luft h�pfen, tanzen und auf einem flachen Felsen landen�� sich umschauen.</p><p>Sie stolperte, landete auf einem Knie und beiden H�nden. Ihre Handschuhe stie�en durch die Staubkruste. Die f�hlte sich an wie eine Schicht von der Sonne zusammengebackenen Sandes am Strand, nur h�rter und spr�der. Wie ausgetrockneter Schlamm. Und kalt! Ihre Handschuhe waren nicht so geheizt wie die Stiefel; und es gab nicht gen�gend Isolation, wenn man direkt den Boden ber�hrte. Es war, als ob man Eis mit blo�en Fingern anfasste. Oha! etwa 185 Kelvin, wie ihr einfiel, oder minus 90 Grad Celsius. K�lter als Antarctica und Sibirien im schlimmsten Falle. Ihre Fingerspitzen waren taub. Sie w�rden bessere Handschuhe brauchen, um arbeiten zu k�nnen, die wie ihre Stiefelsohlen mit Heizelementen best�ckt w�ren. Dadurch w�rden sie dicker und weniger flexibel werden. Sie m�sste ihre Fingermuskeln wieder in Form bringen.</p><p>Sie hatte gelacht. Sie stand auf und ging zu einer anderen abgeworfenen Fracht. Dabei summte sie den �Royal Garden Blues�. Sie kletterte auf das Bein des Containers und kratzte die Kruste aus rotem Staub von einer auf der Seite des gro�en Metallbeh�lters eingravierten Aufschrift. Ein Mars-Bulldozer der Firma John Deere/Volvo mit Hydrazinantrieb, thermisch gesch�tzt, halbautonom und voll programmierbar. Zusatz- und Reserveteile inbegriffen.</p><p>Sie verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. Sch�rfbagger, Frontlader, Bulldozer, Traktoren, Planierer, Bauger�t und Materialien jeder Art. Luftfilter, um Chemikalien aus der Atmosph�re zu ziehen. Kleine Fabriken, um diese Chemikalien zu verarbeiten. Ein ganzes Verpflegungsmagazin. Alles, was sie brauchen w�rden, alles zur Hand in Dutzenden von Beh�ltern, die �ber die Ebene verstreut waren. Sie fing an, von einem Landevehikel zum andern zu h�pfen und Inventur zu machen. Einige waren offensichtlich schwer aufgeschlagen, bei einigen waren die Spinnenbeine zusammengebrochen, bei anderen die Geh�use angeknackt. Eines war sogar zu einem Haufen zerquetschter Kisten zusammengedr�ckt, die halb im Staub begraben waren. Aber das gab ihr nur Gelegenheit zu Bergungs- und Reparaturarbeiten�� einer ihrer Lieblingsbesch�ftigungen! Sie lachte laut und war ein bisschen �berm�tig, als sie sah, dass das Kommunikationslicht auf ihrer Handr�ckenkonsole blinkte. Sie war �berrascht, wie Maya und Vlad zugleich fragten: �Wo ist Ann? Ihr Frauen, kommt hierher zur�ck! He, Nadia, hilf uns, dieses verdammte Habitat hinzukriegen! Wir k�nnen nicht einmal die T�r aufmachen!� Sie lachte.</p><empty-line/><p>Die Habitate waren �ber die Landschaft verstreut wie alles andere. Aber sie waren in der N�he von einem gelandet, von dem sie wussten, dass es einsatzf�hig war. Es war vom Orbit aus vor einigen Tagen eingeschaltet worden und hatte einen vollst�ndigen Check durchgemacht. Ungl�cklicherweise konnte die �u�ere T�r nicht in den Check einbezogen werden, und sie klemmte. Nadia machte sich grinsend an die Arbeit. Es sah komisch aus, wie das, was wie ein verlassener Wohnwagen herumstand, mit der Schleusent�r einer Raumstation geschm�ckt war. Nadia brauchte nur eine Minute, um sie zu �ffnen, indem sie den Code f�r Not�ffnung eingab und gleichzeitig drau�en an der T�r zog. Sie war vielleicht durch die K�lte ungleichm��ig geschrumpft. Sie w�rden noch eine Menge solch kleiner Probleme haben.</p><p>Dann waren sie und Vlad in der Schleuse und danach im Habitat. Das sah immer noch wie ein Wohnwagen aus, aber mit den letzten Errungenschaften an K�chenger�t. Die Luft war warm und zirkulierte gut. Das Kontrollpaneel sah wie das eines Kernkraftwerks aus.</p><p>W�hrend die anderen hineingingen, schritt Nadia durch eine Reihe kleiner R�ume von einer T�r zur anderen; und pl�tzlich �berkam sie ein h�chst merkw�rdiges Gef�hl. Die Dinge schienen nicht in Ordnung zu sein. Die Beleuchtung war eingeschaltet, aber einige R�hren gingen aus und an. Am anderen Ende der Diele pendelte eine T�r langsam in ihren Scharnieren hin und her.</p><p>Das kam sicher von der Ventilation. Und der Sto� bei der Landung hatte vermutlich einiges in Unordnung gebracht. Nadia sch�ttelte das Gef�hl ab und ging zur�ck, um die anderen zu begr��en.</p><empty-line/><p>Inzwischen waren alle gelandet und �ber die steinige Ebene gegangen, wobei sie anhielten, stolperten, den Horizont anstarrten, sich langsam drehten und dann langsam weitergingen. Sie hatten die drei funktionierenden Habitate betreten, ihre Raumanz�ge abgelegt und verstaut, die Wohnanlage �berpr�ft und etwas gegessen. Nachdem sie sich �ber alles unterhalten hatten, war die Nacht gekommen. Sie arbeiteten weiter an den Habitaten und redeten den gr��ten Teil der Nacht weiter, zu aufgeregt, um Schlaf zu finden. Die meisten schliefen in kurzen Abschnitten bis zur Morgend�mmerung. Dann erwachten sie, zogen sich an und gingen wieder hinaus, um sich umzuschauen, Listen nachzusehen und Maschinen durchzuchecken. Dann merkten sie, dass sie erm�det waren und gingen wieder hinein, um eine schnelle Mahlzeit hinunterzuschlingen. Und dann war schon wieder Nacht.</p><p>So blieb es w�hrend einer Reihe von Tagen. Die Zeit verging in einem wilden Trubel. Nadia erwachte beim Piepen ihrer Handr�ckenkonsole und fr�hst�ckte rasch, wobei sie aus dem kleinen �stlichen Fenster des Habitats blickte. Die D�mmerung verlieh dem Himmel einige Minuten lang eine frische Morgenr�te, ehe er von Rosa zu dem kr�ftigen Orange des Tages �berging. �berall auf dem Fu�boden schliefen ihre Gef�hrten auf Matratzen, die tags�ber an die W�nde geklappt wurden. K�che und Aufenthaltsraum waren winzig und die vier Toiletten kaum mehr als Schr�nke. Ann r�hrte sich, als es im Raum hell wurde, und ging zu einer Toilette. John war schon in der K�che und bewegte sich l�ssig. Die Verh�ltnisse waren so viel mehr beengt und �ffentlich als auf der <emphasis>Ares,</emphasis> dass es manchen schwer fallen w�rde, sich anzupassen. Jeden Abend beklagte sich Maya, dass sie unter so vielen Leuten nicht schlafen k�nne; aber da lag sie nun, den Mund offen wie ein kleines M�dchen. Sie w�rde als letzte aufstehen und in dem L�rm und der Gesch�ftigkeit der anderen weiterd�sen.</p><p>Dann stieg die Sonne �ber den Horizont, und Nadia war fertig mit ihren Cornflakes, wozu die Milch aus Pulver hergestellt wurde, das mit aus der Atmosph�re gewonnenem Wasser aufbereitet war und entsprechend schmeckte. Dann war es Zeit, in den Schutzanzug zu steigen und zur Arbeit hinauszugehen.</p><p>Die Schutzanz�ge waren f�r die Marsoberfl�che konstruiert und nicht hermetisch wie Raumanz�ge, sondern aus einem elastischen Gewebe, das den K�rper ungef�hr auf dem Druck der Erdatmosph�re hielt. Dadurch wurden die ernsthaften Verletzungen vermieden, die durch Expansion auftreten m�ssten, wenn die Haut der sehr d�nnen Marsatmosph�re ausgesetzt w�rde. Aber die Tr�ger hatten viel mehr Bewegungsfreiheit als in einem Druckanzug f�r den Weltraum. Diese Au�enkleidung hatte auch den sehr wichtigen Vorzug, gegen Versagen gefeit zu sein. Nur der harte Helm war luftdicht. Wenn man sich also ein Loch am Knie oder Ellbogen riss, w�rde ein St�ck der Haut verletzt und erfroren sein; man w�rde aber nicht binnen Minuten ersticken und sterben.</p><p>Aber das Anlegen des Anzugs war ein hartes St�ck Arbeit. Nadia w�rgte erst die Hosen �ber ihr langes Unterzeug, stieg dann in die Jacke und verband die beiden Teile mit einem Rei�verschluss. Danach stemmte sie sich in gro�e geheizte Stiefel und schloss deren obere Ringe an die Ringe der Fu�gelenke des Anzugs an. Dann setzte sie einen recht normalen Helm auf und verband ihn mit dem Halsring des Anzugs. Danach schulterte sie einen Rucksack mit dem Luftbeh�lter und verband dessen Schl�uche mit dem Helm. Sie atmete ein paar Minuten lang heftig und schmeckte das k�hle Gemisch aus Sauerstoff und Stickstoff im Gesicht. Das Armbandger�t des Anzugs zeigte an, dass alle Anschl�sse dicht waren, und sie folgte John und Samantha in die Schleuse. Sie schlossen die Innent�r, die Luft wurde in die Beh�lter zur�ckgepumpt, und John entriegelte die Au�ent�r. Dann traten alle drei ins Freie.</p><p>Es war jeden Morgen aufregend, auf die steinige Ebene hinauszugehen, wenn die Morgensonne lange schwarze Schatten nach Westen warf und die verschiedenen kleinen Buckel und Vertiefungen des Gel�ndes deutlich hervortreten lie�. Gew�hnlich herrschte S�dwind, und lockere Grusteilchen wurden in Wellen �ber den Boden getrieben, so dass die Steine manchmal zu kriechen schienen. Aber selbst der st�rkste derartige Wind konnte kaum mit der ausgestreckten Hand gesp�rt werden. Allerdings hatten sie noch keinen richtigen Sturm erlebt. Bei 500 Kilometern in der Stunde w�rden sie sicher etwas merken. Bei zwanzig war es fast nichts.</p><p>Nadia und Samantha gingen zu einem der kleinen Gel�ndewagen, die sie ausgepackt hatten, und stiegen hinein. Nadia fuhr den Rover �ber die Ebene zu einem Traktor, den sie am Vortag gefunden hatten, etwa ein Kilometer nach Westen. Die Morgenk�lte biss durch ihren Anzug in einem rhombischen Muster wegen der X-f�rmigen Anordnung der Heizelemente im Material des Anzugs. Ein eigenartiges Gef�hl, aber in Sibirien hatte sie es oft k�lter gehabt, und sie beklagte sich nicht.</p><p>Sie kamen zu dem gro�en Lander und stiegen aus. Nadia nahm einen Bohrer mit einem Philips-Schraubenzieheransatz und fing an, den Verschlag �ber dem Vehikel abzubauen. Der Traktor darin war ein Mercedes-Benz. Sie steckte den Bohrer in einen Schraubenkopf, zog den Schalter und sah zu, wie sich die Schraube herausdrehte. Sie hob sie auf und machte sich grinsend an die n�chste. Sie war in ihrer Jugend unz�hlige Male bei solcher K�lte ins Freie gegangen mit tauben und rissigen H�nden und hatte titanische K�mpfe gef�hrt, um festgefrorene oder �berdrehte Schrauben zu l�sen�� Aber hier machte es <emphasis>wutsch,</emphasis> und die Schraube war heraus. Au�erdem war es in dem Anzug w�rmer als in Sibirien und freier als im Weltraum. Er behinderte nicht mehr als ein d�nner steifer Tauchanzug. Ringsum waren Steine in unheimlicher Regelm��igkeit verstreut. Stimmen schnatterten auf der gemeinsamen Frequenz: �He, ich habe diese Sonnenpaddel gefunden!��� �Wenn du denkst, dass das was ist�� ich habe gerade den verdammten <emphasis>Kernreaktor</emphasis> gefunden.� Ja, es war ein gro�artiger Morgen auf dem Mars.</p><p>Die aufgestapelten W�nde der Kiste bildeten eine Rampe, um den Traktor vom Lander herunterzufahren. Sie sahen anfangs nicht stark genug aus; aber da war wieder die Schwerkraft. Nadia hatte die Heizung des Traktors eingeschaltet, sobald sie herankam, und kletterte jetzt in die Kabine und tastete dem Autopiloten einen Befehl ein, da sie dachte, es w�re am besten, das Ding allein die Rampe herunterkommen zu lassen, w�hrend sie und Samantha von der Seite her zuschauten, nur f�r den Fall, dass die Rampe in der K�lte zerbrechlicher sein w�rde als erwartet, oder sonst wie unzuverl�ssig. Sie fand es immer noch fast unm�glich, in den Schwerkraftverh�ltnissen des Mars zu denken und den Konstruktionen zu vertrauen, die diese in Betracht zogen. Die Rampe sah einfach zu schwach aus!</p><p>Aber der Traktor rollte ohne Unfall hinunter und hielt auf dem Boden an. Acht Meter lang, k�nigsblau, mit �bermannshohen R�dern aus Drahtgeflecht. Sie mussten �ber eine kurze Leiter in die Kabine steigen. Der Kran-Ansatz war schon am vorderen Ende montiert. Das machte es leicht, den Traktor mit der Winde, dem Sandbagger, den Kisten mit Ersatzteilen und schlie�lich den W�nden des Containers zu beladen. Als sie damit fertig waren, sah der Traktor so �berladen und kopflastig aus wie eine Dampfpfeifenorgel, aber die Marsschwerkraft sorgte f�r Gleichgewicht. Der Traktor selbst war ein riesiger Klotz, mit 600 Pferdest�rken, einem gro�en Radstand und m�chtigen hohen R�dern. Sein Hydrazinmotor hatte ein noch schlechteres Anzugsmoment als ein Diesel, stellte aber als Ger�t den letzten Schrei dar und war unverw�stlich. Sie fuhren los und rollten langsam zum Parkplatz der Anh�nger. Und da war sie, Nadezhda Cherneshevsky, und fuhr einen Mercedes-Benz auf dem Mars! Sie folgte Samantha zum Sortierplatz und f�hlte sich wie eine K�nigin.</p><p>Das war also der Morgen gewesen. Zur�ck ins Habitat, Helm und Tank herunter und ein schneller Imbiss in Anzug und Stiefeln. Von all dem Umherlaufen hatte man m�chtigen Hunger.</p><p>Nach dem Lunch zogen sie wieder mit dem Mercedes-Benz los und schleppten damit ein Luftsammelger�t von Boeing zu einem Platz �stlich der Habitate, wohin alle Fabriken kommen sollten. Die Luftsammler waren gro�e Metallzylinder, die R�mpfen einer 737 �hnelten, nur dass sie acht wuchtige Fahrgestelle hatten und Raketenmotore vertikal an den Seiten, dazu zwei D�senmotore vorn und hinten �ber dem Rumpf. F�nf solche Ger�te waren vor zwei Jahren in dem Gel�nde abgeworfen worden. In der Zwischenzeit hatten die D�senmotore die d�nne Luft eingesogen und durch eine Folge von Trennvorrichtungen gejagt, um sie in ihre Bestandteile zu zerlegen. Die Gase wurden komprimiert, in gro�en Tanks gespeichert und standen jetzt zur Verf�gung. Jede Boeing enthielt inzwischen 5000 Liter Wasser-Eis, 3000 Liter fl�ssigen Sauerstoff, 500 Liter Argon und 400 Liter Kohlendioxid.</p><p>Es war keine leichte Aufgabe, diese Giganten �ber das Ger�ll zu den gro�en Vorratstanks bei ihren Habitaten zu schleppen; aber sie mussten das tun, denn nachdem sie dort in die Tanks entleert waren, konnte man sie wieder anstellen. Gerade an diesem Nachmittag hatte eine andere Gruppe einen leer gemacht und wieder in T�tigkeit gesetzt. Das tiefe Brummen seiner D�sen konnte man �berall h�ren, sogar im Helm oder im Habitat.</p><p>Nadia und Samanthas Boeing war hartn�ckiger. Am Nachmittag gelang es ihnen nur, ihn einige hundert Meter zu schleppen; und sie mussten den Bulldozer-Ansatz benutzen, um auf der ganzen Strecke eine rohe Stra�e daf�r zu kratzen. Kurz vor Sonnenuntergang kehrten sie durch die Schleuse in ihr Habitat zur�ck, mit kalten H�nden und vor Ersch�pfung st�hnend. Sie zogen sich bis auf ihr von Staub verklebtes Unterzeug aus und gingen direkt in die K�che. Sie hatten schon wieder Hei�hunger. Vlad sch�tzte, dass sie je etwa 6000 Kalorien am Tage verbrauchten. Sie kochten und verschlangen rehydrierte Pasta. An ihren Sch�sseln verbrannten sie sich fast ihre klammen Finger. Erst als sie mit Essen fertig waren, gingen sie in den Umkleideraum f�r Frauen und versuchten, sich mit hei�em Wasser und Schw�mmen zu s�ubern, um dann saubere Pullover anzuziehen.</p><p>�Es wird schwer werden, unsere Kleidung sauber zu halten. Der Staub geht sogar durch die Verschl�sse am Handgelenk, und die Rei�verschl�sse in der Taille sind wie offene L�cher.�</p><p>�Na ja, dieser Grus ist mikroskopisch fein. Wir werden damit mehr M�he haben als mit schmutzigen Kleidern, das kann ich euch sagen. Das Zeug wird in <emphasis>alles</emphasis> eindringen, unsere Lungen, unser Blut, unsere Gehirne���</p><p>�So ist das Leben auf dem Mars.� Das war schon ein beliebter Refrain, den man jedes Mal benutzte, wenn man auf ein Problem stie�, besonders, wenn es ein unl�sbares war.</p><p>An manchen Tagen blieben nach dem Essen noch ein paar Stunden �brig; und die rastlose Nadia ging manchmal wieder nach drau�en. Oft verbrachte sie die Zeit damit, dass sie um die Container spazierte, die an diesem Tag zur Basis geschleppt worden waren. Sie brachte allm�hlich eine pers�nliche Werkzeugausr�stung zusammen. Sie f�hlte sich wie ein Kind im Bonbonladen. Jahre in der sibirischen Kraftwerksindustrie hatten sie gutes Werkzeug sch�tzen gelehrt. Sie hatte schwer unter dessen Fehlen gelitten. In Nordjakutien war alles auf Permafrost gebaut. Die Plattformen sanken im Sommer ungleichm��g ein und wurden im Winter vom Eis begraben, und Bauteile waren aus der ganzen Welt gekommen, schwere Maschinen aus der Schweiz und Schweden, Bohrer aus Amerika, Reaktoren aus der Ukraine. Dazu eine Menge altes ausgeschlachtetes sowjetisches Zeug�� zum Teil noch gut, zum Teil unsagbarer Schund. Aber das passte alles nicht zusammen�� ein Teil war sogar noch in Zoll gemessen��, so dass sie st�ndig improvisieren mussten. Sie bauten �lbrunnen aus Eis und Bindfaden, schusterten Kernreaktoren zusammen, gegen die Tschernobyl wie eine Schweizer Uhr aussah. Und jedes j�mmerliche Tagewerk wurde mit einer Sammlung von Werkzeug verbracht, �ber die ein Bastler geweint h�tte.</p><p>Jetzt konnte sie in dem rubinroten Licht des Sonnenuntergangs herumwandern. Ihre alte Jazz-Sammlung aus dem Stereoger�t des Habitats in den Kopfh�rern ihres Helmes, w�hrend sie in Versorgungsk�sten herumw�hlte und jedes Ger�t herauspickte, das sie wollte. Sie trug es zu einem kleinen Raum, den sie sich in einem Lagerhaus beschafft hatte, und pfiff dabei mit King Oliver�s Creole Jazz Band vor sich hin, w�hrend sie eine Sammlung bereicherte, die unter anderem folgende St�cke enthielt: einen Satz Allen-Schraubenschl�ssel, einige Zangen, eine Bohrmaschine, diverse Klammern, einige B�gels�gen, einen Satz Drehmomentschl�ssel, einen Satz k�ltevertr�glicher Behelfslitzen, verschiedene Raspeln und Hobel�� einen Satz Gabelschl�ssel, ein R�ndelger�t, f�nf H�mmer, einige Arterienklemmen, drei hydraulische Wagenheber, einen Blasebalg, verschiedene Garnituren Schraubendreher, Bohrer und Beitel, einen tragbaren Zylinder f�r komprimiertes Gas, eine Kiste mit Plastiksprengstoff und Formladungen, ein Bandma�, ein gigantisches Schweizer Milit�rmesser, Blechscheren, Pinzetten, eine Abisolierzange, eine Kreuzhacke, diverse Schl�gel, einige Gewindeschneider, Schlauchklammern, einen Satz Stirnfr�ser, einen Satz Uhrmacherschraubenzieher, ein Vergr��erungsglas, alle Arten von Klebeband, Klempnerwerkzeug, eine N�hgarnitur, Scheren, Siebe, eine Drehbank, Wasserwaagen jeder Gr��e, Spitzzangen, Spannzwingen, Schneidkluppen, drei Schaufeln, einen Kompressor, einen Generator, eine Schwei�einrichtung, eine Schubkarre��</p><p>Und so weiter. Das waren ihre Mechaniker-Ausr�stung und ihr Zimmermannswerkzeug. In anderen Teilen des Lagerhauses h�uften sich Forschungs- und Laborger�te an, geologische Apparate und jede Menge an Computern, Radios, Teleskopen und Videokameras. Und das Biosph�renteam besa� ganze Lagerh�user, um die Farm einzurichten, die Wasser-Aufbereiter, den Mechanismus f�r Gasaustausch�� eigentlich seine ganze Infrastruktur. Die medizinische Abteilung hatte weitere Lagerh�user f�r klinischen Bedarf und Forschungslabors und die Einrichtung f�r genetische Technik. �Du wei�t, was das ist�, sagte Nadia eines Abends zu Sax Russell, der sich in ihren Lagerbest�nden umschaute. �Es ist eine <emphasis>ganze Stadt,</emphasis> zerlegt und in Teilen umherliegend.�</p><p>�Und sogar eine sehr wohlhabende Stadt. Mit erstklassigen Fakult�ten f�r verschiedene Wissensgebiete.�</p><p>�Aber noch in Einzelteilen.�</p><p>�Ja. Aber mir gef�llt sie so irgendwie.�</p><empty-line/><p>Bei Sonnenuntergang war es Vorschrift, in die Habitate zur�ckzukehren. In der D�mmerung stolperten die Leute dann zur Schleuse und hinein und verzehrten auf den Betten sitzend noch eine kalte Mahlzeit. Dabei horchten sie auf die Gespr�che, die sich meistens um die Arbeit des n�chsten Tages drehten und die Einteilung der Aufgaben f�r den n�chsten Morgen. Frank und Maya sollten das besorgen, aber in Wirklichkeit geschah das spontan, in einer Art von improvisiertem Austausch. Hiroko war dabei besonders gut. Das war eine �berraschung, wenn man bedachte, wie zur�ckgezogen sie bei der Ausreise gewesen war. Aber jetzt, wo sie Hilfe von au�erhalb ihres Teams brauchte, verbrachte sie den gr��ten Teil des Abends damit, dass sie vom einen zum anderen ging, so zielstrebig und �berzeugend, dass sie jeden Morgen gew�hnlich eine ansehnliche Gruppe auf der Farm bei der Arbeit hatte. Nadia konnte das nicht recht verstehen. Sie hatte f�nf Jahre lang dehydrierte Kost und Dosenkost gegessen, die ihr zusagte, und sie hatte sich �berhaupt kaum je f�r Nahrung interessiert. Sie h�tte ebenso gut Heu essen oder sich wie ein Traktor auftanken k�nnen. Aber sie brauchten die Farm, um Bambus zu ziehen, den Nadia als Baumaterial in dem permanenten Habitat benutzen wollte, das sie bald zu errichten hoffte. Alles griff ineinander. Alle ihre Aufgaben f�gten sich zusammen und waren gegenseitig notwendig. Als also Hiroko sich neben sie hinsetzte, sagte sie. �Ja ja, um acht da sein. Aber du kannst die permanente Farm nicht einrichten, bevor das Basishabitat fertig ist. Also solltest du mir morgen wirklich helfen, nicht wahr?�</p><p>�Nein, nein�, sagte Hiroko lachend. �Aber �bermorgen, okay?�</p><p>Hirokos gr��ter Konkurrent bei Arbeiterw�nschen war Sax Russell und seine Mannschaft, die alle Fabriken auf einmal in Gang setzen wollten. Vlad und Ursula und die biomedizinische Gruppe waren darauf aus, ihre Labors aufzustellen und in Betrieb zu nehmen. Diese drei Teams schienen bereit, unbegrenzte Zeit in den Containern zu leben, so lange nur ihre Projekte vorankamen; aber zum Gl�ck gab es eine Menge Leute, die nicht so sehr von ihrer Arbeit besessen waren, Menschen wie Maya und John und die �brigen Kosmonauten, die daran interessiert waren, so bald wie m�glich in gr��ere und besser gesch�tzte Quartiere umzuziehen. Von ihnen w�rde Nadias Projekt also Unterst�tzung bekommen.</p><p>Wenn Nadia mit Essen fertig war, brachte sie ihre Sch�ssel in die K�che und s�uberte sie mit einem kleinen Putzlappen. Dann setzte sie sich zu Ann Clayborne, Simon Frazer und den anderen Geologen. Ann schien fast zu schlafen. Sie machte vormittags M�rsche und lange Fahrten mit dem Rover. Dann arbeitete sie den ganzen Nachmittag schwer, um ihre Exkursionen aufzuarbeiten. Nadia fand sie recht angespannt und weniger erfreut, auf dem Mars zu sein, als sie gedacht hatte. Sie schien unwillig, an den Fabriken oder f�r Hiroko zu arbeiten. Tats�chlich arbeitete sie meistens f�r Nadia, von der man, da sie nur Unterk�nfte zu bauen versuchte, wohl sagen konnte, dass sie dem Planeten weniger Schaden zuf�gte als die ehrgeizigeren Teams. Vielleicht war es das, vielleicht auch nicht - Ann sagte es nicht. Sie war schwer zug�nglich und launisch�� nicht auf die extravagante russische Art Mayas, sondern subtiler und, wie Nadia dachte, in einem mehr d�steren Register.</p><p>Um sie herum r�umten die Leute nach dem Essen auf und redeten. Sie sahen Listen durch und redeten. Sie dr�ngten sich um Computerterminals und redeten, wuschen W�sche und reinigten ihre Kleider und redeten, bis die meisten ausgestreckt in ihren Betten lagen und mit ged�mpften Stimmen weiterredeten, bis sie einschliefen. �Es ist wie die erste Sekunde des Universums�, bemerkte Sax Russell und rieb sich m�de das Gesicht. �Alles zusammengedr�ngt und keine Differenzierung. Nur ein Haufen hei�er Partikel, die umhersausen.�</p></section><section><empty-line/><p>Und das war blo� ein Tag, und der war wie alle Tage, einer nach dem anderen. Keine nennenswerte Wetter�nderung au�er einem gelegentlichen Wolkenfetzen oder einem besonders windigen Nachmittag. Haupts�chlich verliefen die Tage alle gleichf�rmig. Alles dauerte l�nger als geplant. Allein schon das Anlegen des Schutzanzugs und Verlassen der Habitate war anstrengend. Und dann musste die ganze Ausr�stung erw�rmt werden. Und obwohl sie nach gleichm��igen Standards angefertigt war, brachte die internationale Natur der Ger�te es mit sich, dass es unvermeidbar Schwierigkeiten beim Zusammenpassen und Funktionieren gab. Und dann der Staub! (�Nennt es nicht Staub!� beklagte sich Ann. �Das ist so, als wenn man Staub als Kies bezeichnet. Nennt es lieber Grus!�) Der drang in alles ein. Und die ganze k�rperliche Arbeit in der durchdringenden K�lte war so ersch�pfend, dass sie langsamer vorankamen, als sie erwartet hatten. Es gab auch einige kleinere Verletzungen. Und schlie�lich gab es eine erstaunliche Menge von Arbeiten, von denen ihnen manche v�llig neu waren. Zum Beispiel brauchten sie etwa einen Monat (sie hatten mit zehn Tagen gerechnet), nur um alle Frachtcontainer aufzumachen, ihren Inhalt zu pr�fen und zu den entsprechenden Vorratslagern zu schaffen�� dorthin, wo sie dann wirklich mit der Arbeit beginnen konnten.</p><p>Danach konnten sie ernsthaft anfangen zu bauen. Und hier war Nadia in ihrem Element. Auf der <emphasis>Ares</emphasis> hatte sie nichts zu tun gehabt. Das war wie eine Art Winterschlaf f�r sie gewesen. Aber etwas zu bauen war ihr gro�es Talent, die Natur ihrer Begabung, ge�bt in der bitteren Schule Sibiriens. Sehr rasch wurde sie der wichtigste Troubleshooter der Kolonie, das M�dchen f�r alles, wie John sie nannte. Bei fast jeder Aufgabe hatten sie von ihrer Hilfe profitiert; und wenn sie den ganzen Tag umherrannte, um Fragen zu beantworten und Rat zu erteilen, f�hlte sie sich in einem zeitlosen Arbeitsparadies und bl�hte richtig auf. So viel zu tun! Jeden Abend bei den Planungssitzungen lie� Hiroko ihre Tricks spielen, und die Farm kam voran. Drei parallele Reihen von Gew�chsh�usern, die wie kommerzielle auf der Erde aussahen, nur kleiner und mit dickeren W�nden, damit sie nicht wie Luftballons explodierten. Selbst bei einem Innendruck von nur 300 Millibar, der kaum f�r Farmbetrieb taugte, war der Unterschied zur Au�enseite drastisch. Eine schlechte Abdichtung oder eine schwache Stelle, und sie w�rden platzen. Aber Nadia verstand sich gut auf Dichtungen bei kaltem Wetter, und deshalb rief Hiroko sie in Panik jeden zweiten Tag zu Hilfe.</p><p>Sodann erforderten die Materialien, welche die Wissenschaftler ben�tigten, um ihre Fabriken in Gang zu setzen, und die Leute, die den Kernreaktor montierten, st�ndig ihre Aufsicht. Sie wurden auch nicht von Arkady getr�stet, der vom Phobos per Funk hartn�ckig erkl�rte, sie w�rden keine so gef�hrliche Technik ben�tigen und sollten alle erforderliche Energie durch Windgeneratoren erzeugen. Er und Phyllis stritten heftig dar�ber. Dann war es Hiroko, die Arkady mundtot machte mit dem, was sie als ein japanisches Sprichwort bezeichnete: <emphasis>�Shikata ga nai�,</emphasis> was bedeutete: �Es gibt keine andere Wahl.� Windm�hlen h�tten gen�gend Energie erzeugt, wie Arkady behauptete. Aber sie hatten keine. Statt dessen hatte man ihnen einen Rickover-Kernreaktor geliefert, von der Navy gebaut und ein pr�chtiges St�ck. Niemand hatte Lust, sich auf das Risiko eines Windkraftsystems einzulassen. Sie hatten zu gro�e Eile. <emphasis>Shikata na gai.</emphasis> Das wurde bei ihnen zu einer oft wiederholten Redensart.</p><p>Und so bat das Bauteam von Tschernobyl (der Name stammte nat�rlich von Arkady) Nadia, mit ihnen hinauszugehen und die Aufsicht zu �bernehmen. Man hatte sie weit in den Osten der Siedlung verbannt, so dass es Sinn machte, mit ihnen einen vollen Tag hinzugehen. Aber dann forderten die Mediziner ihre Hilfe f�r den Bau einer Klinik und mehrerer Labors darin aus einigen aufgegebenen Frachtbeh�ltern, die sie gerade in Unterk�nfte verwandelten. Anstatt also drau�en bei Tschernobyl zu bleiben, ging sie dann mittags zum Essen heim und half dem medizinischen Team. Jeden Abend brach sie ersch�pft zusammen.</p><p>Einige Abende zuvor hatte sie lange Gespr�che mit Arkady oben auf Phobos. Dessen Leute hatten Schwierigkeiten mit der Mikrogravitation dieses Mondes, und auch er wollte ihren Rat. Er sagte: �Wenn wir nur etwas g bekommen k�nnten, nur um zu wohnen und zu schlafen.�</p><p>Nadia schlug leicht verst�rt vor: �Macht aus einem der Tanks der <emphasis>Ares</emphasis> einen Zug und lasst ihn auf Schienen rundherum fahren! Geht an Bord und fahrt so schnell, dass ihr etwas Beschleunigung gegen das Dach des Zuges bekommt!�</p><p>Rauschen, dann gackerte Arkady wild los. �Nadezhda Francine, ich liebe dich, ich liebe dich!�</p><p>�Du liebst Schwerkraft.�</p><p>Bei all dieser Beratert�tigkeit ging der Bau ihrer eigenen permanenten Unterkunft recht langsam voran. Nur einmal in der Woche konnte Nadia in einen offenen Mercedes klettern und �ber den zerw�hlten Boden zum Ende des Grabens fahren, den sie angefangen hatte auszuheben. An dieser Stelle war er zehn Meter breit, f�nfzig lang und vier tief, was die von ihr gew�nschte Tiefe war. Der Boden des Grabens war der gleiche wie an der Oberfl�che: Ton, Grus, Steine aller Gr��e. Regolith. W�hrend sie mit dem Bulldozer arbeitete, kletterten die Geologen in das Loch hinein und heraus, nahmen Proben und sahen sich um, sogar Ann, der es nicht gefiel, wie sie den Boden aufrissen. Aber kein Geologe, der jemals geboren worden war, konnte sich von einem Landaufschlu� fernhalten. Nadia lauschte bei ihrer Arbeit deren Gespr�chen. Sie meinten, der Regolith w�re so ziemlich der gleiche bis hinab zum Muttergestein. Und das war sehr schade; denn Regolith war nicht das, was sich Nadia als idealen Baugrund vorstellte. Zumindest war sein Wassergehalt niedrig, unter einem Zehntel Prozent, was bedeutete, sie w�rden unter einem Fundament nicht viel Einbr�che und Wegrutschen erleben, wie es zu den st�ndigen Alptr�umen des Bauens in Sibirien z�hlte.</p><p>Nachdem sie den Regolithboden begradigt hatte, begann sie mit einem Fundament aus Portlandzement, dem besten Beton, den sie mit den verf�gbaren Materialien machen konnten. Der w�rde brechen, falls sie ihn nicht zwei Meter dick gossen. Aber <emphasis>shikata na gai.</emphasis> Die Dicke w�rde eine gewisse Isolation schaffen. Aber sie m�sste den Schlamm in einen Beh�lter f�llen und erw�rmen, damit er abbinden k�nnte. Das w�rde nicht unter 13 Grad Celsius geschehen, was Heizelemente erforderte�� Langsam�� alles ging schrecklich langsam.</p><p>Sie fuhr den Bulldozer vorw�rts, um den Graben zu verl�ngern. Er biss sich im Boden fest und bockte. Dann machte sich das Gewicht des Dings geltend, und die Schaufel schnitt in den Regolith und pfl�gte hindurch. �Was f�r ein Prachtst�ck!� sagte Nadia z�rtlich zu dem Vehikel.</p><p>�Nadia hat sich in einen Bulldozer verliebt�, sagte Maya auf ihrer Welle.</p><p>Nadia konterte: �Wenigstens wei� ich, in wen ich verliebt bin.� Sie hatte zu viele Abende der letzten Woche drau�en im Werkzeugschuppen mit Maya verbracht und zugeh�rt, wie sie �ber ihre Probleme mit John plapperte, wie sie in vieler Hinsicht mit Frank wirklich besser zurechtkam, wie sie sich nicht entscheiden konnte, was sie f�hlte, und dass Frank sie jetzt sicher hasste undsoweiter undsofort. Nadia hatte beim Werkzeugs�ubern gesagt <emphasis>da, da, da</emphasis> und sich bem�ht, ihr mangelndes Interesse zu verbergen. In Wahrheit war sie der Probleme Mayas �berdr�ssig und h�tte lieber �ber Baumaterialien oder sonst etwas anderes diskutiert.</p><p>Ein Anruf von der Tschernobylgruppe erreichte sie auf dem Bulldozer. �Nadia, wie k�nnen wir so dicken Zement in der K�lte zum Abbinden bringen?�</p><p>�Erw�rmen!�</p><p>�Machen wir schon.�</p><p>�St�rker erw�rmen!�</p><p>�Oh!� Nadia meinte, dass sie da drau�en schon fast fertig w�ren. Der Rickover war gr��tenteils schon vormontiert. Es war jetzt an der Zeit, die Formen zusammenzuf�gen, den st�hlernen Umh�llungstank einzupassen, die Rohre mit Wasser zu f�llen (wodurch ihr Vorrat auf fast Null sank), alles zu verkabeln, Sands�cke darum aufzuschichten und die Kontrollst�be herauszuziehen. Danach w�rden sie 300 Kilowatt verf�gbar haben, was dem Streit dar�ber ein Ende setzen sollte, wer am n�chsten Tag den L�wenanteil an Generatorenergie bekommen k�nnte.</p><p>Es kam ein Anruf von Sax. Einer der Sabattier-Prozessoren war verstopft, und sie konnten das Geh�use nicht herunterbekommen. Also �berlie� Nadia die Arbeit mit dem Bulldozer John und Maya und nahm einen Rover zum Fabrikkomplex, um sich die Sache anzusehen. �Ich bin weg, um die Alchemisten zu besuchen�, sagte sie.</p><p>�Hast du dir schon einmal bewusst gemacht, wie sehr die Maschinerie hier den Charakter der Industrie ausdr�ckt, die sie gebaut hat?� bemerkte Sax zu Nadia, als sie ankam und sich bei dem Sabattier ans Werk machte. �Der wurde von Autogesellschaften gebaut, hat geringe Kraft, ist aber zuverl�ssig: Wenn er von der Flugzeugindustrie gebaut worden w�re, h�tte er ungeheure Kraft, w�rde aber zweimal t�glich versagen.�</p><p>�Und in Partnerschaft konstruierte Produkte sind f�rchterlich�, sagte Nadia.</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Und chemisches Ger�t ist heikel�, erg�nzte Spencer Jackson.</p><p>�Das kann man wohl sagen. Besonders bei diesem Staub.�</p><p>Die Luftsammler von Boeing waren nur der Anfang des Fabrikkomplexes gewesen. Deren Gase wurden in gro�e kastenf�rmige Anh�nger gef�llt, um komprimiert und expandiert und dann wieder rekombiniert zu werden mit Hilfe chemisch-technischer Prozesse wie Entfeuchtung, Verfl�ssigung, fraktionierter Destillation, Elektrolyse, Elektrosynthese, dem Sabattierproze�, dem Raschigproze�, dem Oswaldprozeߠ� Allm�hlich verfertigten sie immer komplexere Chemikalien, die von einer Fabrik zur n�chsten liefen, durch ein Labyrinth von Strukturen, die aussahen wie gro�e Wohnwagen in einem Netz farbiger Tanks und Rohre und Leitungen und Kabel.</p><p>Spencers derzeitiges Lieblingsprodukt war Magnesium, das es hier reichlich gab. Sie gewannen f�nfundzwanzig Kilo davon aus jedem Kubikmeter Regolith, sagte er. Und es war bei Marsschwere so leicht, dass sich ein gro�er Barren wie ein St�ck Kunststoff anf�hlte. Spencer sagte: �In reinem Zustand ist es zu spr�de, aber wir legieren es ein bisschen und haben dann ein extrem leichtes und starkes Metall.�</p><p>�Martinstahl�, sagte Nadia.</p><p>�Noch besser.�</p><p>Also Alchemie, aber mit heimt�ckischen Maschinen. Nadia fand das Problem mit dem Sabattier und ging ans Werk, um eine gebrochene Vakuumpumpe zu reparieren. Es war erstaunlich, wie viel es bei dem Fabrikkomplex auf Pumpen ankam. Manchmal schien er blo� eine wilde Ansammlung davon zu sein. Und die pflegten naturgem�� durch Grus verstopft zu werden und zu versagen.</p><p>Zwei Stunden sp�ter war der Sabattier repariert. Auf dem R�ckweg zum Anh�ngerpark schaute Nadia in das erste Gew�chshaus. Pflanzen standen schon in Bl�te, das neue Getreide stie� aus seinem Bett von frischem schwarzen Boden hervor. Gr�n strahlte heftig in den roten T�nen dieser Welt. Es war eine Freude, das zu sehen. Der Bambus wuchs t�glich um mehrere Zentimeter, wie man ihr gesagt hatte, und der Mais stand schon fast f�nf Meter hoch. Es war leicht zu sehen, dass sie bald mehr Boden brauchen w�rden. Dr�ben bei den Alchemisten benutzten sie Stickstoff von den Boeings, um Stickstoffd�nger herzustellen. Hiroko verlangte danach; denn der Regolith war f�r Ackerbau ein Alptraum, stark salzig, explosiv durch Wasserstoffperoxid, extrem trocken und v�llig ohne Biomasse. Sie w�rden Boden genau so konstruieren m�ssen, wie sie es bei den Magnesiumbarren gemacht hatten.</p><p>Nadia ging in ihr Habitat im Anh�ngerpark zu einem Lunch im Stehen. Der Boden des Grabens war in ihrer Abwesenheit fast eben gemacht worden. Sie trat an das Ende des Lochs und blickte hinein. Sie w�rden ein Geb�ude hinstellen, das ihr �beraus gefiel. Eines, an dem sie selbst in Antarctica und auf der <emphasis>Ares</emphasis> gearbeitet hatte: eine einfache Reihe von Kammern mit gew�lbter Decke und gemeinsamen Zwischenw�nden. Wenn man die Kammern in den Graben senkte, w�rden sie zun�chst halb eingegraben sein. Nach Fertigstellung w�ren sie von zehn Metern Regolith in Sands�cken bedeckt, um Strahlung abzuhalten und auch weil sie einen Druck von 450 Millibar herstellen wollten, um die Bauten vor Explosion zu sch�tzen. Lokales Material war alles, was sie f�r das �u�ere dieser Bauten brauchten. Das waren praktisch Portlandzement und Backsteine, mit Plastikfutter an manchen Stellen, um die Abdichtung zu sichern.</p><p>Ungl�cklicherweise hatten die Backsteinhersteller einige Schwierigkeiten und riefen Nadia an. Deren Geduld war am Ende, und sie st�hnte: �Wir fahren die ganze Strecke zum Mars, und ihr bringt nicht einmal Ziegel zustande?�</p><p>Gene sagte: �Es ist nicht so, dass wir keine Backsteine machen k�nnten. Es ist nur, dass ich sie nicht mag.� Die Ziegelfabrik vermischte Ton und Schwefel, die aus dem Regolith gewonnen wurden; und diese Kombination wurde in Backsteinformen gegossen und gebrannt, bis der Schwefel anfing zu polymerisieren. Nachdem sie abgek�hlt waren, wurden die Ziegel in einem anderen Teil der Maschine etwas zusammengepresst. Die resultierenden schw�rzlich roten Backsteine hatten eine Dehnfestigkeit, die zum Gebrauch in den Tonnengew�lben passte; aber Gene war nicht zufrieden. Er sagte: �Wir wollen uns bei D�chern �ber unseren K�pfen nicht auf Minimalwerte beschr�nken. Wie w�re es, wenn wir einen Sandsack zuviel darauf packten oder es ein kleines Marsbeben g�be? Das gef�llt mir nicht.�</p><p>Nach einigem �berlegen sagte Nadia: �Tut Nylon hinzu!�</p><p>�Was?�</p><p>�Zieht los und findet die Fallschirme von den Frachtabw�rfen! Zerkleinert sie zu feinen Schnipsel und f�gt sie dem Ton zu! Das wird ihre Dehnfestigkeit erh�hen.�</p><p>�Sehr wahr�, sagte Gene nach einer Pause. �Eine gute Idee! Glaubst du, dass wir die Fallschirme finden k�nnen?�</p><p>�Die m�ssen sich irgendwo �stlich von hier befinden.�</p><p>So hatten sie endlich f�r die Geologen eine Besch�ftigung gefunden, die den Baubem�hungen wirklich half. Ann, Simon, Phyllis und Sasha fuhren mit Langstreckenrovern weit �ber den �stlichen Horizont der Basis hinaus nach Osten. Sie suchten und machten Vermessungen weit hinter Tschernobyl und fanden in der n�chsten Woche fast vierzig Fallschirme, von denen jeder ein paar hundert Kilo brauchbaren Nylons darstellte.</p><p>Eines Tages kamen sie aufgeregt zur�ck. Sie hatten Ganges Catena erreicht, eine Reihe von Dolmen in der Ebene etwa hundert Kilometer s�d�stlich. Igor sagte: �Es war eigenartig, weil man diese L�cher erst im letzten Moment sehen kann, und sie sind wie riesige Trichter, von ungef�hr zehn Kilometern Durchmesser und ein paar Kilometer tief, acht oder neun in einer Reihe, jedes folgende kleiner und flacher. Phantastisch! Es sind wahrscheinlich thermische Karstbildungen. Sie sind aber unglaublich gro�.�</p><p>�Es ist h�bsch, nach all diesem Kram mit einem nahen Horizont so weit blicken zu k�nnen�, sagte Sasha.</p><p>�Ja, es sind Thermokarste�, sagte Ann. Aber sie hatten gebohrt und kein Wasser gefunden. Das begann ein Problem zu werden. Bisher hatte sie noch kein Wasser in nennenswerter Menge im Boden gefunden, ganz gleich, wie tief sie bohrten. Sie waren gezwungen, sich auf das zu beschr�nken, was die Luftsammler lieferten.</p><p>Nadia zuckte die Achseln. Die Luftsammler waren recht schwierig. Und sie musste sich um ihre Gew�lbe k�mmern. Die neuen verbesserten Backsteine kamen, und sie hatte die Roboter f�r den Bau der W�nde und D�cher gestartet. Die Ziegelei belud kleine Robotwagen, die wie Spielzeugautos �ber die Ebene zu Kr�nen auf dem Baugel�nde rollten. Die Kr�ne holten Backsteine einzeln heraus und legten sie auf Kaltm�rtel, den eine andere Gruppe von Robotern hingetan hatte. Dies System funktionierte so gut, dass bald die Backsteinproduktion zum Engpass wurde. Nadia h�tte gern mehr Vertrauen in die Roboter gesetzt. Diese schienen zwar in Ordnung; aber ihre Erfahrungen in den Jahren auf der <emphasis>Navy Mir</emphasis> hatten sie vorsichtig gemacht. Roboter waren gro�artig, wenn alles perfekt lief; aber nie ging alles perfekt; und es war schwierig, mit Entscheidungsalgorithmen zu programmieren, die sie entweder so vorsichtig machten, dass sie jeden Moment stillstanden oder so unbeherrscht, dass sie unglaubliche Dummheiten anrichten konnten, einen Fehler tausendmal wiederholten und einen kleinen Ausrutscher zu einem kapitalen Fehler machten, wie in Mayas Gef�hlsleben. Man erhielt von den Robotern, was man in sie hineinsteckte, aber auch die besten von ihnen waren hirnlose Idioten.</p><empty-line/><p>Eines Abends erwischte Maya Nadia in ihrem Werkzeugraum und bat sie, auf einen privaten Kanal umzuschalten. Sie jammerte: �Michel ist nutzlos. Ich habe es wirklich schwer, aber er sieht mich nur an, als ob er mich ablecken wollte. Nadia, du bist der einzige Mensch, dem ich vertraue. Gestern habe ich Frank erz�hlt, dass ich dachte, John w�rde versuchen, seine Autorit�t in Houston zu untergraben, dass er diesen Verdacht aber nicht weitererz�hlen sollte. Und schon am n�chsten Tage fragte mich John, warum ich meinte, dass er etwas gegen Frank h�tte. Es gibt niemanden, der blo� zuh�rt und den Mund h�lt.�</p><p>Nadia nickte und verdrehte die Augen. �Bedaure, Maya, ich muss mit Hiroko �ber ein Leck sprechen, das sie nicht finden k�nnen.� Sie stie� mit ihrer Visierscheibe leicht gegen die Mayas�� Symbol f�r einen Kuss auf die Wange��, schaltete auf die allgemeine Frequenz um und ging weg. Genug war genug. Es war unendlich viel interessanter, mit Hiroko zu sprechen�� echte Konversation �ber reale Probleme in der realen Welt. Hiroko bat Nadia fast jeden Tag um Hilfe, und das gefiel Nadia, weil Hiroko t�chtig war und seit der Landung ihre Wertsch�tzung von Nadias F�higkeiten deutlich gestiegen war. Gegenseitiger professioneller Respekt schafft Freundschaften. Und es war so angenehm, nur fachzusimpeln. Hermetische Verschl�sse, Schleusenmechanismen, W�rmetechnik, Glaspolarisation, human/agrare Grenzfragen (Hiroko war dem Gang der Dinge immer ein paar Schritte voraus). Diese Themen waren eine gro�e Erleichterung nach all den emotional gefl�sterten Gespr�chen mit Maya dar�ber, wen sie mochte und wen nicht, wie sie �ber dies und jenes dachte, und wer an diesem Tag mal wieder ihre Gef�hle verletzt hatte�� Puh! Hiroko war nie wunderlich; au�er wenn sie etwas sagte, mit dem Nadia nichts anfangen konnte, wie: �Der Mars wird uns sagen, was er will, und wann wir es werden tun m�ssen.� Was konnte man zu so etwas sagen? Aber Hiroko zeigte nur ihr gro�es L�cheln und lachte �ber Nadias Achselzucken.</p><p>Abends lief das Gespr�ch meist durcheinander, heftig, beflissen, unbewu�t. Dmitri und Samantha waren sich sicher, dass sie bald genetisch erzeugte Mikroorganismen in den Regolith einbringen k�nnten, die �berleben w�rden. Aber sie m�ssten erst die Genehmigung von den UN bekommen. Nadia fand ihrerseits den Gedanken alarmierend. Die chemische Technik in den Fabriken wirkte dadurch relativ simpel, mehr wie Ziegel herstellen als die gef�hrlichen Sch�pfungsakte, die Samantha vorschlug. Obwohl die Alchemisten auch selbst h�bsch kreativ waren. Fast jeden Tag kamen sie zum Anh�ngerpark mit Proben neuer Materialien: Schwefels�ure, Zement f�r Gew�lbem�rtel, Ammoniumnitratsprengstoffe, ein Treibstoff f�r Gel�ndewagen aus Calcium-Cyanamid, Polysulfidgummi, Hypers�uren auf Siliziumbasis, emulgierende Wirkstoffe, eine Sammlung von Reagenzr�hrchen mit Spurenelementen, die aus den Salzen extrahiert worden waren, und in j�ngster Zeit klares Glas. Dies war ein gro�er Erfolg, da fr�here Versuche zur Glasherstellung nur schwarzes Glas geliefert hatten. Aber das Kunstst�ck war gelungen, indem man den Silikaten das Eisen entzog. Und so sa�en sie eines Abends in dem Anh�nger und reichten kleine wellige St�cke von Glas herum, die noch Blasen und Fehlstellen enthielten, wie Glas aus dem siebzehnten Jahrhundert.</p><empty-line/><p>Als sie die erste Kammer eingegraben und unter Druck gesetzt hatten, ging Nadia darin ohne Helm herum und schnupperte die Luft. Sie hatte einen Druck von 450 Millibar, den gleichen wie in den Helmen und den Anh�ngerparks, mit einer Mischung von Sauerstoff, Stickstoff und Argon, und war auf etwa 15 Grad Celsius erw�rmt.</p><p>Die Kammer war durch einen Boden aus Bambus in zwei Stockwerke geteilt, die in einen Schlitz in der Backsteinwand in zweieinhalb Metern H�he eingef�gt waren. Das halbierte Bambusrohr bildete eine angenehm gr�ne Decke, die von darunter h�ngenden Neonlampen erhellt wurde. An einer Wand befand sich eine Treppe aus Magnesium und Bambus, die durch ein Loch in das Obergescho� f�hrte. Sie stieg hinauf, um sich umzusehen. Bambusscheite bildeten �ber den St�mmen einen annehmbar ebenen gr�nen Fu�boden. Die Decke war niedrig, gerundet und bestand aus Backsteinen. Dort oben wollte man die Schlaf- und Badezimmer unterbringen. Das Untergescho� sollte Wohnraum und K�che sein. Maya und Simon hatten schon Wandvorh�nge aus dem Nylon der geborgenen Fallschirme angebracht. Es gab keine Fenster. Das Licht kam nur von den Neonr�hren. Nadia missfiel das. In dem gr��eren Habitat, das sie schon plante, w�rde es in fast jedem Raum Fenster geben. Aber eines nach dem anderen! Vorerst waren diese fensterlosen R�ume das beste, was sie machen konnten. Und auf jeden Fall eine gro�e Verbesserung nach dem Anh�ngerpark.</p><p>Als sie die Treppe hinunterging, strich sie mit den Fingern �ber die Backsteine und den M�rtel. Die waren rau, aber warm anzufassen, geheizt durch dahinter angebrachte Elemente. Auch unter dem Fu�boden gab es Heizk�rper. Sie zog Schuhe und Socken aus und schwelgte in der W�rme der warmen rohen Backsteine unter ihren F��en. Es war ein wundervoller Raum und au�erdem h�bsch, wenn man bedachte, dass sie den ganzen Weg bis zum Mars zur�ckgelegt und dort H�user aus Ziegelsteinen und Bambus errichtet hatten. Sie erinnerte sich an Ruinengew�lbe, die sie vor Jahren auf Kreta gesehen hatte, an einen Ort namens Aptera. Unterirdische r�mische Zisternen mit Tonnengew�lbe und aus Backstein, in einer Bergflanke versteckt. Die waren fast ebenso gro� gewesen wie diese R�ume hier. Ihr exakter Zweck war unbekannt. Speicher f�r Oliven�l, sagten manche, obwohl das eine schreckliche Menge �l h�tte gewesen sein m�ssen. Jene Gew�lbe waren zweitausend Jahre nach ihrem Bau noch intakt, und das in einem Erdbebengebiet. Als Nadia ihre Stiefel wieder anzog, schmunzelte sie bei diesem Gedanken. In zweitausend Jahren w�rden ihre Nachfahren vielleicht in diese Kammer gehen, ohne Zweifel bis dahin ein Museum, falls sie �berhaupt noch existierte�� die erste auf dem Mars gebaute menschliche Wohnung! Und es war ihr Werk. Pl�tzlich f�hlte sie die Augen jener Zukunft auf sich ruhen und erschauerte. Sie waren wie Cro-Magnons in einer H�hle und f�hrten ein Leben, das von den Arch�ologen k�nftiger Generationen sicher studiert werden w�rde. Von Leuten wie sie, die immer wieder staunen und nie ganz begreifen w�rden.</p><empty-line/><p>Es verging mehr Zeit, und mehr Arbeit wurde geleistet. F�r Nadia verschwamm das irgendwie. Sie war immer besch�ftigt. Die innere Ausstattung der gew�lbten Kammern war schwierig, und die Roboter konnten nicht viel helfen bei Installation, Heizung, Gasaustausch, Schleusen und K�chen. Nadias Team hatte alles Inventar und Werkzeug und konnte in Hosen und kurz�rmligen Hemden arbeiten; aber es erforderte doch erstaunlich viel Zeit. Arbeit, Arbeit, Arbeit�� Tag um Tag!</p><p>Eines Abends, kurz vor Sonnenuntergang, schleppte sich Nadia �ber aufgew�hlten Dreck zum Anh�ngerpark. Sie f�hlte sich hungrig und zerschlagen und h�chst entspannt, v�llig behaglich. Nicht, dass sie am Ende eines Tages nicht vorsichtig h�tte sein m�ssen. Sie hatte sich durch Unachtsamkeit am Vorabend ein Loch in den R�cken eines Handschuhs gerissen, und die K�lte war gar nicht so schlimm gewesen, etwa minus 50 Grad Celsius, nichts im Vergleich mit manchen Wintertagen in Sibirien; aber der geringe Luftdruck hatte sofort Blut aus einer Verletzung gesogen, das dann angefangen hatte zu gefrieren, wodurch die Wunde ohne Zweifel kleiner wurde, aber auch langsamer verheilen w�rde. Jedenfalls musste man aufpassen; aber erm�dete Muskeln am Ende eines Arbeitstages wirkten irgendwie entspannend. Dazu kam das niedrigfarbene Sonnenlicht �ber der Ebene; und mit einemmal f�hlte sie, dass sie gl�cklich war. In diesem Moment rief Arkady von Phobos aus an, und sie begr��te ihn heiter. �Ich f�hle mich genau so wie Louis Armstrong solo 1947.�</p><p>�Warum 1947?� fragte er.</p><p>�Nun, das war das Jahr, in dem er am gl�cklichsten geklungen hat. W�hrend der meisten Zeit seines Lebens hatte sein Ton eine scharfe Note, wirklich sch�n; aber 1947 war er noch sch�ner, weil er diese l�ssige flie�ende Freude ausstrahlte, die man bei ihm nie zuvor oder sp�ter vernommen hat.�</p><p>�Also ein gutes Jahr f�r ihn, nehme ich an?�</p><p>�O ja! Ein erstaunliches Jahr! Schau, nach zwanzig Jahren schrecklicher Big Bands kam er wieder auf eine kleine Gruppe zur�ck wie die Hot Five. Das war die Gruppe, die er in seiner Jugend geleitet hatte. Und da war es nun wieder�� die alten Songs, sogar einige der alten Gesichter. Und alles besser als beim ersten Mal. Die Aufzeichnungstechnik, das Geld, das Publikum, seine eigene Power�� Es muss wie ein Jungbrunnen gewirkt haben, sage ich dir.�</p><p>Arkady sagte: �Du wirst mir einige Aufzeichnungen schicken m�ssen.� Er versuchte zu singen: �I <emphasis>cant give you anything but love, baby!�</emphasis> Phobos stand gerade am Horizont, und er hatte sich nur noch verabschieden k�nnen. Ehe er verschwand, sagte er: �Das ist also dein Jahr 1947.�</p><p>Nadia r�umte ihr Werkzeug fort und sang das Lied korrekt. Und sie verstand, dass das, was Arkady gesagt hatte, stimmte. Mit ihr war etwas so �hnliches geschehen wie bei Armstrong 1947�� denn trotz der miserablen Verh�ltnisse waren ihre Jugendjahre in Sibirien wirklich ihre gl�cklichsten gewesen. Und danach hatte sie zwanzig Jahre Big-Band-Kosmonautik ertragen m�ssen, bestimmt von B�rokratie und Simulationen, ein Leben in geschlossenen R�umen�� das alles, um jetzt hier zu sein. Und nun war sie pl�tzlich wieder im Freien, baute mit ihren H�nden Dinge und ging mit schweren Maschinen um. Sie l�ste t�glich an die hundert Probleme, genau wie in Sibirien, nur besser. Es war genau wie Satchmos Wiederkehr!</p><p>Als dann Hiroko auftauchte und sagte: �Nadia, dieser Gabelschl�ssel ist in dieser Stellung total festgefroren�, sang Nadia ihr vor: <emphasis>�That�s the only thing I�m thinking of baby!�</emphasis> und stemmte ihn gegen einen Tisch wie einen Hammer. Dann drehte sie die Scheibe, um Hiroko zu zeigen, dass er nicht festsa�, und lachte �ber ihre Miene. �Die technische L�sung�, erkl�rte sie und ging summend in ihre Schleuse mit dem Gedanken, wie drollig Hiroko war, eine Frau, die ihr ganzes �kosystem im Kopf hatte, aber keinen Nagel gerade einschlagen konnte.</p><p>Und an diesem Abend sprach sie mit Sax �ber die Arbeit des Tages und mit Spencer �ber Glas; und mitten drin dabei fiel sie auf ihre Pritsche und kuschelte den Kopf ins Kissen. Sie f�hlte sich ganz gro�artig, und der strahlende Schlu�chor von <emphasis>�Ain�t Misbehauin�</emphasis> geleitete sie in den Schlaf.</p><empty-line/><p>Aber im Laufe der Zeit �ndern sich die Dinge. Nichts dauert, nicht einmal Stein, nicht einmal Gl�ck. Eines Abends sagte Phyllis: �Ist dir klar, dass es schon Ls 170 ist? Sind wir bei Ls 7 gelandet?�</p><p>Also waren sie seit einem halben Jahr auf dem Mars. Phyllis benutzte den von Planetenforschern entworfenen Kalender, der unter den Kolonisten gebr�uchlicher wurde als das System der Erde. Das Jahr dauerte auf dem Mars 668,6 Tage Ortszeit; und um zu sagen, wo sie sich in diesem langen Jahr befanden, diente der Ls-Kalender. Dieses System erkl�rte die Linie zwischen Sonne und Mars bei dessen Fr�hlings-Tagundnachtgleiche als 0�; und dann wurde das Jahr in 360 Grade geteilt, so dass der Nordfr�hling von Ls = 0�-90� ging, 90�-180� der n�rdliche Sommer, 180�-270� der Nordherbst und 270�-360��� oder wieder 0��� der Winter auf der n�rdlichen Hemisph�re.</p><p>Diese einfache Situation wurde kompliziert durch die Exzentrizit�t der Marsbahn, die nach irdischen Begriffen sehr gro� ist; denn im Perihel ist der Mars der Sonne um etwa dreiundvierzig Millionen Kilometer n�her als im Aphel und bekommt so etwa f�nfundvierzig Prozent mehr Sonnenlicht. Diese Fluktuation macht die s�dlichen und n�rdlichen Jahreszeiten sehr ungleich. Das Perihel tritt allj�hrlich bei Ls = 250� ein, sp�t im S�dfr�hling. Darum sind im S�den Fr�hling und Sommer viel w�rmer als im Norden, mit um drei�ig Grad h�heren Spitzentemperaturen. Im S�den sind allerdings Herbst und Winter k�lter, da sie in N�he des Aphels eintreten�� so viel k�lter, dass die s�dliche Polkappe gr��tenteils aus Kohlendioxid besteht, die n�rdliche dagegen zumeist aus Wassereis.</p><empty-line/><subtitle>Der Marskalender</subtitle><subtitle>Jahr 1 (2027 AD)</subtitle><image l:href="#3"/><empty-line/><p>669 ganze Marstage m 1 Marsjahr</p><p>24 Monate =</p><p>21 Monate mit 28 Tagen</p><p>3 Monate (jeder achte) mit 27 Tagen</p><empty-line/><p>Also ist der S�den die Hemisph�re der Extreme, der Norden dagegen gem��igter. Und die Bahnexzentrizit�t bewirkt noch einen anderen merklichen Unterschied. Da die Planeten sich um so schneller in ihren Bahnen bewegen, je n�her sie der Sonne sind, sind die Jahreszeiten in N�he des Perihels k�rzer als in N�he des Aphels. Auf dem Mars dauert der Herbst im Norden 143 Tage, der n�rdliche Fr�hling aber 194, also 51 Tage l�nger als der Herbst! Manche meinten, dies alleine mache es wert, sich im Norden anzusiedeln.</p><empty-line/><p>Auf jeden Fall befanden sie sich im Norden; und der Sommer war gekommen. Die Tage wurden jeden Tag ein bisschen l�nger, und die Arbeit ging weiter. Das Gel�nde um die Basis wurde immer zerw�hlter und kreuz und quer von Fahrrinnen durchzogen. Sie hatten eine Zementstra�e nach Tschernobyl, und die Basis selbst war jetzt so gro�, dass sie sich nach allen Richtungen �ber den Horizont erstreckte. Das Alchemistenviertel und die Stra�e nach Tschernobyl im Osten, die Dauersiedlung im Norden, das Lager und die Farm in Westen und das biomedizinische Zentrum im S�den.</p><p>Schlie�lich zogen alle in die fertigen R�ume der Dauersiedlung um. Die abendlichen Besprechungen waren dort k�rzer und routinierter als fr�her im Anh�ngerpark. Es vergingen Tage, in denen Nadia keine Hilferufe bekam. Es gab Leute, die sie nur selten zu sehen bekam. Die Biomediziner in ihren Labors, die Sch�rfgruppe von Phyllis und sogar Ann. Eines Abends haute Ann sich auf ihr Bett neben dem von Nadia und lud sie zu einer Expedition nach Hebes Chasma ein, etwa 130 Kilometer im S�dwesten. Offenbar wollte Ann ihr etwas au�erhalb des Basisgebietes zeigen; aber Nadia lehnte ab. �Wei�t du, ich habe zuviel zu tun.� Und als sie Anns Entt�uschung sah. �Vielleicht beim n�chsten Ausflug.�</p><p>Und dann ging es wieder an die Arbeit mit dem Innern der R�ume und dem �u�eren eines neuen Fl�gels. Arkady hatte vorgeschlagen, die R�ume in einem Quadrat anzuordnen, und Nadia war damit besch�ftigt. Wie Arkady erkl�rte, w�re es dann m�glich, das von dem Quadrat umschlossene Areal zu �berdachen. Nadia sagte: �Da werden wir diese Magnesiumbalken gut brauchen k�nnen. Wenn wir nur st�rkere Glasscheiben machen k�nnten���</p><p>Sie hatten zwei Seiten des Quadrates fertig gestellt und zw�lf R�ume ganz hergerichtet, als Ann und ihr Team von Hebes zur�ckkamen. Alle verbrachten den Abend damit, ihre Videob�nder anzuschauen. Diese zeigten, wie die Rover der Expedition �ber steinige Ebenen rollten. Dann erschien vorn ein Riss, der den ganzen Bildschirm ausf�llte, als ob sie sich dem Ende der Welt n�herten. Schlie�lich zwangen seltsame kleine meterhohe Klippen die Rover zum Halten, und die Bilder machten einen Sprung, als ein Kundschafter ausstieg und mit laufender Helmkamera losging.</p><p>Dann kam abrupt das Panoramabild einer Schlucht, die um so viel gr��er war als die Senken von Ganges Catena, dass es kaum zu fassen war. Die W�nde der gegen�berliegenden Seite des Canyons waren an dem entfernten Horizont knapp sichtbar. Man konnte rundum W�nde sehen; denn Hebes war ein fast geschlossener Schlund, eine eingetiefte Ellipse von ungef�hr zweihundert Kilometern L�nge und hundert Breite. Anns Gruppe hatte den Nordrand am sp�ten Nachmittag erreicht, und die �stliche Kr�mmung der Wand war deutlich sichtbar, von Sonnenlicht �bergossen. Nach Westen zu war die Wand nur eine niedrige dunkle Markierung. Der Boden der Senke war im allgemeinen eben, mit einer zentralen Vertiefung. Ann sagte: �Wenn man eine Kuppel �ber dem Chasma schweben lassen k�nnte, h�tte man ein gro�es geschlossenes Gebiet.�</p><p>�Du sprichst von Zauberkuppeln, Ann�, sagte Sax. �Das sind ungef�hr zehntausend Quadratkilometer.�</p><p>�Nun ja, das g�be eine sch�ne gro�e Einfriedung. Und dann k�nnte man den Rest des Planeten sich selbst �berlassen.�</p><p>�Das Gewicht einer Kuppel w�rde die W�nde des Canyons zum Einsturz bringen.�</p><p>�Darum habe ich gesagt, man m�sste sie schweben lassen.�</p><p>Sax sch�ttelte blo� den Kopf.</p><p>�Das ist nicht ausgefallener als der Weltraumlift, von dem du sprichst.�</p><p>�Ich m�chte in einem Haus wohnen�� gerade dort, wo du dies Video gemacht hast�, warf Nadia ein. �Was f�r eine Aussicht!�</p><p>Ann sagte �rgerlich: �Warte nur, bis du auf einen der Tharsis-Vulkane kommst. Da wirst du eine Aussicht haben!�</p><p>Es gab jetzt dauernd solche kleinen Wortwechsel. Das erinnerte Nadia unangenehm an die letzten Monate auf der <emphasis>Ares.</emphasis> Ein anderes Beispiel: Arkady und seine Crew sendeten Videos von Phobos herunter, wozu er bemerkte: �Der Sidney-Aufprall hat diesen Stein fast in St�cke gebrochen, und er ist chondritisch, fast zwanzig Prozent Wasser. Darum ist eine Menge Wasser bei dem Sto� ausgegast, hat das Bruchsystem gef�llt und ist zu einem ganzen System von Eis-Adern gefroren.� Eine faszinierende Sache, aber sie verursachte nur eine Diskussion zwischen Ann und Phyllis, ihren beiden Spitzengeologinnen, ob dies die richtige Erkl�rung f�r das Eis w�re. Phyllis schlug sogar vor, Wasser von Phobos herunterzuschicken, was verr�ckt war, selbst wenn ihre Best�nde klein waren und der Bedarf wuchs. Tschernobyl brauchte eine Menge Wasser, und die Farmer wollten in ihrer Biosph�re einen kleinen Sumpf einrichten, und Nadia wollte in einer der �berw�lbten Kammern einen Schwimmkomplex installieren, einschlie�lich eines Planschbeckens, dreier Strudelb�der und einer Sauna. Jeden Abend fragte Nadia, wie es damit voranginge; denn alle waren es satt, sich mit Schw�mmen zu waschen und trotzdem staubig zu bleiben und niemals richtig warm zu werden. Sie wollten ein Bad�� in ihren alten delphinischen, von Wasser gepr�gten Gehirnen unterhalb des Gro�hirns, wo die W�nsche urt�mlich und st�rmisch waren, zog es sie zur�ck ins Wasser.</p><p>Sie brauchten also mehr Wasser. Aber die seismischen Sondierungen lieferten keinen Hinweis auf Eisschichten unter der Oberfl�che, und Ann meinte, es g�be keine in dieser Region. Sie mussten sich weiter auf die Luftsammler verlassen oder Regolith zusammenkratzen und in die Boden-Wasser-Destilieranlagen f�llen. Aber Nadia mochte die Destillerien nicht �berbeanspruchen, weil sie von einem franz�sisch-ungarisch-chinesischen Konsortium gebaut waren und sicher versagen w�rden, wenn man sie zu stark belastete.</p><p>Aber so war das Leben auf dem Mars. Er war eine trockene Welt. <emphasis>Shikata ga nai.</emphasis></p><p>�Es gibt immer M�glichkeiten�, sagte Phyllis dazu. Darum hatte sie auch vorgeschlagen, Landevehikel mit Eis von Phobos zu beladen und herunterzubringen. Aber Ann hielt das f�r eine l�cherliche Verschwendung von Energie. Und dann redete man nicht mehr dar�ber.</p><empty-line/><p>F�r Nadia war das besonders unangenehm, da sie so guter Dinge war. Sie sah keinen Grund zu Zank, und es st�rte sie, dass die anderen nicht genau so empfanden. Warum schwankte die Dynamik einer Gruppe so? Sie waren hier auf dem Mars, wo die Jahreszeiten doppelt so lang waren wie auf der Erde und jeder Tag vierzig Minuten l�nger dauerte. Warum konnten die Leute sich nicht entspannen? Nadia merkte, dass etwas getan werden musste, obwohl sie immer gesch�ftig war. Und die zus�tzlichen neununddrei�igeinhalb Minuten pro Tag waren wahrscheinlich der wichtigste Beitrag zu diesem Gef�hl. Die den Tag umspannenden Biorhythmen der Menschen hatten sich im Laufe von Jahrmillionen der Evolution eingepr�gt. Und jetzt hatten sie pl�tzlich zus�tzliche Minuten von Tag und Nacht, allt�glich und alln�chtlich. Das hatte bestimmt Wirkungen. Nadia war sich dessen sicher; denn trotz des hektischen Tempos jedes Arbeitstages und der tiefen Ersch�pfung, in die sie jeden Abend verfiel, wachte sie immer ausgeruht auf. Diese seltsame Pause auf den Digitaluhren, wenn um Mitternacht die Ziffern 24.00.00 zeigten und dann j�h anhielten und die unmarkierte Zeit verstrich�� immer weiter�� was manchmal sehr lange zu dauern schien. Und dann sprangen die Ziffern auf 00.00.01 und fingen wieder unvermeidlich an, wie gewohnt weiterzuspringen. Nun, der Zeitrutsch auf dem Mars war etwas ganz Besonderes. Oft verschlief Nadia ihn, wie auch die meisten anderen. Aber Hiroko hatte eine Melodie, die sie dann sang, wenn sie wach war; und sie und das Farmteam und viele andere verbrachten jeden Samstag Abend mit einer Party und diesem Gesang w�hrend des Zeitrutsches. Es war irgend etwas Japanisches. Nadia erfuhr nie, was, obwohl sie es bisweilen vor sich hin summte, wenn sie da sa� und sich an dem Gew�lbe und ihren Freundinnen erg�tzte.</p><p>Aber eines Abends, als sie wieder da sa� und d�ste, kam Maya her�ber und lehnte sich an ihre Schulter, um zu plaudern. Maya, mit ihrem sch�nen Gesicht, immer sehr elegant, selbst in ihren allt�glichen Pullovern, sah best�rzt aus. �Nadia, du musst mir einen Gefallen tun, bitte, bitte!�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Du musst Frank etwas sagen.�</p><p>�Warum tust du das nicht selbst?�</p><p>�John darf uns nicht miteinander sprechen sehen. Ich muss ihm eine Nachricht zukommen lassen; und bitte, Nadezhda Francine, du bist meine einzige M�glichkeit.�</p><p>Nadia knurrte missmutig.</p><p><emphasis>�Bitte!�</emphasis></p><p>Es war erstaunlich, wie viel lieber Nadia mit Ann oder Samantha oder Arkady gesprochen h�tte. Wenn Arkady nur von Phobos herunterkommen w�rde!</p><p>Aber Maya war ihre Freundin. Und ihre verzweifelte Miene���� Nadia konnte nicht widerstehen. �Was f�r eine Mitteilung?�</p><p>�Sag ihm, dass ich ihn heute Abend im Lagerbereich treffen will!� sagte Maya energisch. �Um Mitternacht.</p><p>Um zu reden.�</p><p>Nadia st�hnte. Aber sp�ter ging sie zu Frank und �berbrachte ihm die Botschaft. Er nickte, ohne sie anzusehen, verlegen, m�rrisch, ungl�cklich.</p><p>Dann s�uberten Nadia und Maya zusammen den Backsteinboden der letzten unter Druck zu setzenden Kammer; und Nadias Neugier siegte. Sie brach ihr �bliches Schweigen �ber dieses Thema und fragte Maya, was los w�re. Maya sagte kl�glich: �Nun, es geht um John und Frank. Sie sind sehr eifers�chtig aufeinander. Sie sind wie Br�der, ja, aber unterschwellig ist da gro�e Eifersucht, vor allem bei Frank. John ist zuerst zum Mars gegangen und hat dann die Erlaubnis erhalten, noch einmal zu gehen. Frank findet das unfair. Frank hat in Washington schwer gearbeitet, um die Kolonie zu f�rdern und denkt, dass John immer Nutzen von seiner Arbeit gehabt hat. Und jetzt, John und ich verstehen einander gut. Ich mag ihn. Mit ihm ist es leicht. Leicht, aber vielleicht ein wenig�� Ich wei� nicht. Nicht langweilig. Aber auch nicht aufregend. Er geht gern umher und treibt sich mit der Farmcrew herum. Er spricht nicht viel. Aber Frank und ich, wir k�nnten f�r immer miteinander reden. Vielleicht f�r immer uns streiten, aber wenigstens sprechen wir! Und du wei�t, wir hatten eine ganz kurze Aff�re auf der <emphasis>Ares</emphasis> damals zu Anfang. Und das hat nichts erbracht, aber er denkt immer noch, dass es das k�nnte.�</p><p>Warum w�rde er das denken? fragte sich Nadia.</p><p>�Also will er mich dauernd �berreden, John zu verlassen und mit ihm zusammen zu sein. Und John argw�hnt das. Darum gibt es zwischen ihnen gro�e Eifersucht. Ich versuche nur zu verhindern, dass sie einander an die Gurgel gehen. Das ist alles.�</p><p>Nadia hatte sich entschieden, bei ihrem Vorsatz zu bleiben und nicht wieder danach zu fragen. Aber jetzt war sie wider Willen darin verwickelt. Maya kam zu ihr, um zu reden und sie zu bitten, f�r sie Frank Mitteilungen zu �berbringen. �Ich bin keine Mittelsperson!� protestierte Nadia st�ndig, tat es aber dennoch weiter. Und ein paar Mal wurde sie dabei in lange Gespr�che mit Frank verwickelt, nat�rlich �ber Maya. Wer sie w�re, wie sie w�re, warum sie so gehandelt h�tte. Nadia sagte ihm: �Schau, ich kann nicht f�r Maya sprechen. Ich wei� nicht, warum sie das tut, was sie tut. Du musst sie selbst fragen. Aber ich kann dir sagen, sie kommt aus der alten Moskauer sowjetischen Kultur, Universit�t und Kommunistischen Partei seitens ihrer Mutter und Gro�mutter. Und f�r Mayas Babushka waren M�nner die Feinde und auch f�r ihre Mutter. Es war eine <emphasis>Matrioshhi.</emphasis> Mayas Mutter pflegte ihr zu sagen: �Frauen sind die Wurzeln, M�nner sind blo� die Bl�tter.� Das war eine Kultur von Misstrauen, Manipulation und Furcht. Das ist es, woher Maya kommt. Und zu gleicher Zeit haben wir diese Tradition von <emphasis>amicochonstvo,</emphasis> einer Art intensiver Freundschaft, wo man die winzigsten Details aus dem Leben seines Freundes�� oder seiner Freundin�� erf�hrt, wo man gewisserma�en in das Leben der anderen Person eindringt. Und das ist nat�rlich unm�glich und muss enden�� meistens schlecht.�</p><p>Frank nickte zu dieser Darstellung. Er erkannte etwas in ihr. Nadia seufzte und fuhr fort: �Das sind die Freundschaften, die zu Liebe f�hren; und dann erf�hrt die Liebe die gleiche Art von Schwierigkeiten, nur vergr��ert, besonders mit all der Furcht, die ihr zugrunde liegt.�</p><p>Und Frank, gro�, dunkel und irgendwie h�bsch, von Energie strotzend, mit seinem inneren Dynamo rotierend, der amerikanische Politiker, jetzt von einer neurotischen russischen Sch�nheit um die Finger gewickelt�� Frank nickte ergeben und dankte ihr mit entt�uschtem Gesicht, so gut er konnte.</p><empty-line/><p>Nadia tat ihr Bestes, um all das zu ignorieren. Aber anscheinend war auch alles andere problematisch geworden. Vlad hatte es nie gefallen, wie viel Zeit sie bei Tage auf der Oberfl�che verbrachten. Er sagte: �Wir sollten die gr��te Zeit unter dem H�gel bleiben und auch alle Labors eingraben. Die Au�enarbeiten sollten auf eine Stunde am fr�hen Morgen und eine zweite am sp�ten Nachmittag beschr�nkt werden, wenn die Sonne tief steht.�</p><p>�Ich denke nicht daran, den ganzen Tag drinnen zu bleiben�, beschied ihm Ann. Viele pflichteten ihr bei.</p><p>Frank erkl�rte: �Wir haben eine Menge Arbeit zu tun.�</p><p>�Aber das meiste davon k�nnte durch Fernsteuerung erledigt werden�, sagte Vlad. �Und das sollte es auch. Was wir tun, ist n�mlich etwa so, als w�rden wir uns zehn Kilometer von einer Atomexplosion entfernt aufhalten.�</p><p>�So?� fragte Ann. �Soldaten haben das getan���</p><p>�� alle sechs Monate�, schloss Vlad und starrte sie an. �W�rdest du das tun?�</p><p>Sogar Ann machte ein besorgtes Gesicht. Keine Ozonschicht, kein nennenswertes Magnetfeld. Sie wurden von Strahlung fast so schlimm ger�stet, als w�ren sie im interplanetaren Raum, mit einer Rate von 10 Rem j�hrlich.</p><p>Und so ordneten Frank und Maya an, dass sie ihre Zeit im Freien rationieren sollten. Es gab unter dem H�gel eine Menge Innenarbeit zu tun, um die letzte Reihe von Kammern fertig zu stellen. Und es war m�glich, unter den Gew�lben einige Keller zu graben, um mehr strahlungsgesch�tzten Raum zu schaffen. Und viele Traktoren waren darauf eingerichtet, von Stationen im Innern ferngesteuert zu werden. Ihre Entscheidungsalgorithmen erledigten die Details, w�hrend die menschlichen Maschinisten unten Bildschirme beobachteten. Es lie�e sich also machen. Aber niemand gefiel das daraus sich ergebende Leben. Sogar Sax Russell, dem es recht war, den gr��ten Teil der Zeit drinnen zu verbringen, sah etwas verwirrt aus. An den Abenden fingen einige Leute an, sich f�r sofortige Bem�hungen um ein Terraformen auszusprechen, und vertraten die Sache mit wachsender Intensit�t.</p><p>Frank entgegnete ihnen scharf: �Diese Entscheidung liegt nicht bei uns, sondern bei den UN. Au�erdem ist es eine langfristige L�sung, bestenfalls nach Jahrhunderten zu bemessen. Vergeudet keine Zeit, indem ihr dar�ber sprecht!�</p><p>�Das ist alles wahr�, erwiderte Ann, �aber ich will meine Zeit nicht hier unten in diesen H�hlen verbringen. Wir sollten unser Leben so leben, wie wir es wollen. Wir sind zu alt, um uns wegen Strahlung Sorgen zu machen.�</p><p>Weitere Diskussionen, die bei Maya den Eindruck erweckten, als w�re sie von dem guten soliden Gestein ihres Planeten wieder in die angespannte schwerelose Realit�t der <emphasis>Ares</emphasis> zur�ckversetzt worden. N�rgeleien, Beschwerden, Gez�nk�� bis die Leute davon genug hatten oder m�de wurden und schlafen gingen. Nadia machte sich zur Angewohnheit, den Raum zu verlassen, sobald das losging. Sie sah Hiroko an und wartete auf eine Chance, etwas Konkretes zu diskutieren. Aber es war schwer, diesen Themen auszuweichen und aufzuh�ren, daran zu denken.</p><p>Dann kam eines Abends Maya weinend zu ihr. In der Dauersiedlung gab es Platz f�r private Gespr�che, und Nadia ging mit ihr hinunter in die nord�stliche Ecke der Gew�lbe, wo man noch am Inneren arbeitete. Dort setzten sie sich dicht nebeneinander. Sie fr�stelte und h�rte ihr zu und legte ab und zu einen Arm um sie und dr�ckte sie an sich. �Schau�, sagte Nadja zu ihr, �warum entscheidest du dich nicht einfach? Warum h�rst du nicht auf, den einen gegen den anderen auszuspielen?�</p><p>�Aber ich habe mich entschieden! John ist es, den ich liebe. John ist es immer gewesen. Aber jetzt hat er mich mit Frank gesehen und denkt, dass ich ihn betrogen h�tte. Das ist wirklich engstirnig von ihm! Sie sind wie Br�der, sie sind Rivalen in jeder Hinsicht; und diesmal ist es blo� ein Irrtum!�</p><p>Nadia hatte keine Lust, die Details anzuh�ren. Sie sa� da und lauschte irgendwie.</p><p>Und dann stand John vor ihnen beiden. Nadia stand auf, um fortzugehen, aber er schien es nicht zu bemerken. Er sagte zu Maya: �Schau, es tut mir leid, aber ich kann mir nicht helfen. Es ist vorbei.�</p><p>�Es ist nicht vorbei�, entgegnete Maya, sofort gefasst. �Ich liebe dich.�</p><p>John l�chelte traurig. �Ja. Und ich liebe <emphasis>dich.</emphasis> Aber ich will klare Verh�ltnisse.�</p><p>�Sie sind klar.�</p><p>�Nein, das sind sie nicht. Ich meine, du kannst gleichzeitig in mehr als eine Person verliebt sein. Das kann ein jeder. So ist es eben. Aber du kannst nur einem treu sein. Und ich�� ich will treu sein. Aber einer Person, die mir treu ist. Das meine ich mit klaren Verh�ltnissen, aber���</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. Er konnte den Ausdruck nicht finden. Er ging zur�ck in die �stliche Reihe von Kammern und verschwand durch eine T�r.</p><p>�Amerikaner�, sagte Maya giftig. �Schreckliche Kinder!� Dann ging sie hinter ihm durch die T�r.</p><p>Sie kam aber bald zur�ck. Er hatte sich zu einer Gruppe in einem der Gesellschaftsr�ume zur�ckgezogen und wollte die nicht verlassen. �Ich bin ersch�pft�, versuchte Nadia sie abzuwimmeln, aber Maya wollte das nicht h�ren. Sie wurde immer erregter. Sie diskutierten unentwegt eine Stunde lang dar�ber. Nadia ging m�rrisch durch die R�ume, ohne die Backsteine und bunten Nylonvorh�nge zu beachten. Die Mittelsperson, welche niemand bemerkte. K�nnte man nicht Roboter daf�r einsetzen? Sie fand John, der sich daf�r entschuldigte, dass er sie vorher ignoriert hatte. �Ich war aufgeregt. Es tut mir leid. Ich dachte, du w�rdest es sowieso zu h�ren bekommen.�</p><p>Nadia zuckte die Achseln. �Kein Problem. Aber schau, du wirst mit ihr sprechen m�ssen. So ist das mit Maya. Wir reden, reden und reden. Wenn du eine Beziehung eingehen willst, musst du dauernd reden. Andernfalls wird es f�r dich auf lange Sicht schlimmer sein, glaub mir!�</p><p>Das kam bei ihm an. Ern�chtert machte er sich auf, um Maya zu finden. Nadia ging zu Bett.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Tage arbeitete sie drau�en auf einem Aushubger�t. Es war der dritte Job dieses Tages, und der zweite hatte Schwierigkeiten gemacht. Samantha hatte versucht, w�hrend einer Drehung eine Ladung auf die Schaufel zu heben, und das Ding war vorn�ber gekippt und hatte die Stangen der Schaufelbl�tter aus ihren Lagern gerissen und hydraulische Fl�ssigkeit �ber den Boden vergossen, wo sie gefror, noch ehe sie sich ausbreiten konnte. Sie mussten Wagenheber unter das in der Luft schwebende Ende des Traktors schieben, dann den ganzen Schaufelansatz loskuppeln und das Vehikel auf die Heber heruntersenken. Jeder Schritt dieser Operation war eine Tortur gewesen.</p><p>Sobald das erledigt war, wurde Nadia zu Hilfe bei einer Sandvik-Tubex-Bohrmaschine gerufen, mit der sie verschalte L�cher durch gro�e Felsbl�cke bohrten, die beim Bau einer Wasserleitung von den Alchemisten zur Wohnsiedlung im Wege waren. Der pneumatische Hammer war offenbar voll ausgestreckt eingefroren und steckte fest wie ein Pfeil, der gr��tenteils durch einen Baumstamm gejagt wurde. Nadja sah sich den Hammerstiel an. Spencer fragte: �Hast du irgendwelche Vorschl�ge, wie man den Hammer freibekommen kann, ohne ihn zu zerbrechen?�</p><p>�Ihr m�sst den Stein zertr�mmern�, sagte Nadia m�de. Sie ging los und brachte einen Traktor her, an dem schon eine Ramme befestigt war. Sie f�hrte ihn �ber den Felsblock und wollte einen kleinen hydraulischen Sto�hammer an der Ramme befestigen, als der Hammer pl�tzlich den Bohrer zur�ckstie�, den Stein mitnahm und die Au�enseite ihrer linken Hand gegen die Unterseite der Ramme quetschte.</p><p>Sie fuhr instinktiv zur�ck. Schmerzen zogen ihren Arm hoch in die Brust. Die linke Seite ihres K�rpers brannte wie Feuer, und sie konnte nichts mehr sehen. In ihre Ohren drangen Rufe. �Was fehlt? Was ist passiert?� Sie kr�chzte: �Hilfe!� Sie sa� da, ihre gequetschte linke Hand noch zwischen Stein und Hammer eingeklemmt. Sie dr�ckte mit dem Fu� gegen das Vorderrad des Traktors, schob mit aller Kraft und f�hlte, wie der Hammer ihre Knochen �ber Gestein zerrte. Dann flog sie mit freier Hand auf den R�cken. Der Schmerz war bet�ubend. Ihr war �bel, und sie meinte, ohnm�chtig zu werden. Sie dr�ckte sich mit der unverletzten Hand auf die Knie und sah, dass die verletzte Hand blutete. Der Handschuh war zerrissen und der kleine Finger offenbar verschwunden. Sie st�hnte, beugte sich vor, presste die Hand an sich und danach auf den Boden, ohne sich um den stechenden Schmerz zu k�mmern. Auch wenn die Hand blutete, m�sste sie einfrieren. Wie lange w�rde das dauern? �Friere endlich, verdammt!� schrie sie. Sie sch�ttelte sich Tr�nen aus den Augen und zwang sich hinzuschauen. �berall dampfendes Blut. Sie schob die Hand so fest in den Boden, wie sie es aushalten konnte. Sie schmerzte schon weniger. Bald w�rde sie taub sein. Sie w�rde aufpassen m�ssen, dass nicht die ganze Hand erfror! Erschrocken wollte sie sie wieder in ihren Scho� ziehen. Dann waren Leute da, hoben sie hoch, und sie verlor das Bewusstsein.</p><empty-line/><p>Danach war sie verst�mmelt. Nadia-mit-den-neun-Fingern, nannte Arkady sie am Telefon. Er schickte ihr Zeilen von Jewtuschenko, die er zur Trauer um den Tod von Louis Armstrong geschrieben hatte: �Mach weiter so, wie du es in der Vergangenheit getan hast, und spiele.�</p><p>�Wo hast du das gefunden!� fragte ihn Nadia. �Ich kann mir nicht vorstellen, dass du Jewtuschenko liest.�</p><p>�Doch, nat�rlich lese ich ihn. Das ist besser als Mc-Gonagall! Nein, das war in einem Buch �ber Armstrong. Ich habe deinen Rat befolgt und ihm bei unserer Arbeit gelauscht und k�rzlich abends einige B�cher �ber ihn gelesen.�</p><p>�Ich w�nschte mir, du k�nntest hier herunterkommen�, sagte Nadia.</p><p>Vlad hatte die chirurgische Arbeit geleistet. Er sagte ihr, es w�rde alles gut werden. �Es hat dich sauber erwischt. Der Ringfinger ist etwas gesch�digt und wird wahrscheinlich so funktionieren wie fr�her der kleine Finger. Aber Ringfinger werden ohnehin nicht sehr besch�ftigt. Die zwei wichtigsten Finger werden so kr�ftig sein wie eh und je.�</p><p>Jedermann kam zu Besuch. Nichtsdestoweniger sprach sie mit Arkady mehr als mit jemandem sonst, wenn sie in der Nacht allein war, in den viereinhalb Stunden, in denen Phobos von West nach Ost �ber den Himmel zog. Er rief zuerst fast jede Nacht an und sp�ter noch �fter.</p><p>Recht bald war sie wieder auf und unterwegs, die Hand in einem Gipsverband, der verd�chtig leicht war. Sie machte sich auf, um St�rungen zu beheben oder Ratschl�ge zu erteilen, in der Hoffnung, ihren Geist besch�ftigt zu halten. Michel Duval kam niemals vorbei, was ihr merkw�rdig erschien. Waren Psychologen nicht zu so etwas da? Sie konnte nicht umhin, sich deprimiert zu f�hlen. Sie brauchte ihre H�nde f�r ihre Arbeit, sie pflegte mit den H�nden zu arbeiten. Der Verband war hinderlich, und sie schnitt den Teil um das Handgelenk herum ab mit einer Schere aus ihrer Werkzeugsammlung. Aber wenn sie drau�en war, musste sie die Hand und den Verband in einem Futteral tragen, und es gab nicht viel, das sie ausrichten konnte. Es war wirklich deprimierend.</p><p>Es kam der Samstag Abend, und sie sa� in dem k�rzlich gef�llten Strudelbad, genoss ein Glas schlechten Weins und sah ihren Kameraden zu, die in ihren Badeanz�gen planschten und nass wurden. Sie war keineswegs die einzige Verletzte. Sie waren jetzt alle ein wenig angeschlagen nach so vielen Monaten k�rperlicher Arbeit. Fast jeder hatte Erfrierungsnarben, Flecken schwarzer Haut, die sich schlie�lich abl�ste und neue hinterlieߠ� rosa, h�sslich und in der W�rme der B�der empfindlich. Und etliche andere Personen hatten Gipsverb�nde an H�nden, Fu�gelenken, Armen und sogar Beinen. Alles wegen Br�chen oder Zerrungen. Sie konnten sich eigentlich gl�cklich sch�tzen, dass es noch keine Toten gegeben hatte.</p><empty-line/><p>All diese K�rper und keiner f�r sie. Sie dachte, dass sie sich kannten wie eine Familie. Sie waren f�reinander �rzte, schliefen in den gleichen R�umen, zogen sich in den gleichen Schleusen an, waren gleich gekleidet und badeten zusammen. Eine unauff�llige Schar menschlicher Tiere, augenf�llig in der tr�gen Welt, die sie bewohnten, aber eher tr�stend als erregend�� zumindest die meiste Zeit. K�rper mittleren Alters. Nadia war rund wie ein K�rbis, eine plumpe, z�he, muskul�se Frau, vierschr�tig und dennoch rundlich. Und allein. Ihr bester Freund in diesen Tagen war nur eine Stimme in ihrem Ohr, ein Gesicht auf dem Bildschirm. Wenn er von Phobos herunterk�me�� Nun, schwer zu sagen. Er hatte eine Menge Freundinnen auf der <emphasis>Ares</emphasis> gehabt, und Janet Blyleven war zum Phobos gegangen, nur um bei ihm zu sein��</p><p>Die Leute stritten sich wieder, dort in dem seichten Planschbecken. Ann, gro� und eckig, b�ckte sich, um Sax Russell kurz etwas zu sagen. Wie gew�hnlich schien er nicht hinzuh�ren. Sie w�rde ihm eines Tages einen Schlag versetzen, wenn er nicht aufpasste. Es war merkw�rdig, wie sich die Gruppe wieder ver�nderte und wie sie sich anders anf�hlte. Sie konnte sich nie ihrer sicher sein. Die reale Natur der Gruppe war eine Sache f�r sich, mit Eigenleben, irgendwie unterschieden von den Charakteren der Individuen, die sie bildeten. Das musste Michels Besch�ftigung als ihrer aller Seelenarzt fast unm�glich machen. Er war der ruhigste und unaufdringlichste Psychiater, der ihr je begegnet war. Ohne Zweifel ein Gewinn in dieser Schar von Leuten, die die Psychologie ablehnten. Aber sie fand es immer noch merkw�rdig, dass er nach dem Unfall nicht gekommen war, um sie zu besuchen.</p><empty-line/><p>Eines Abends verlie� sie die Speiser�ume und ging hinunter zu dem Tunnel, den sie von den gew�lbten Kammern zum Farmkomplex gruben. Dort am Ende des Tunnels waren Maya und Frank, die sich in boshaften T�nen stritten, so dass nicht ihre Gedanken, sondern ihre Gef�hle durch den Tunnel hallten. Franks Gesicht war von Wut verzerrt, und Maya wendete sich weinend von ihm ab. Sie kehrte ihm den R�cken zu und schrie: �Ich bin <emphasis>nie</emphasis> so gewesen!� Dann rannte sie blindlings auf Nadia zu. Ihr Mund war m�rrisch zusammengezogen, und Franks Gesicht eine Grimasse des Schmerzes.</p><p>Nadia drehte sich schockiert um und ging zur�ck in die Wohnr�ume. Sie stieg die Magnesiumtreppe empor zum Wohnzimmer im Sektor Zwei und stellte den Fernseher an, um sich ein vierundzwanzigst�ndiges Nachrichtenprogramm von der Erde einzuschalten, was sie nur sehr selten tat. Nach einer Weile drehte sie den Ton herunter und blickte auf die Backsteinmuster in dem Gew�lbe �ber sich. Maya kam herein und fing an, ihr die Dinge zu erkl�ren: Es gab nichts zwischen ihr und Frank. Das existierte nur in Franks Geist. Er wollte es einfach nicht aufgeben, obwohl es sinnlos war. Sie begehrte nur John; und es war ihr Fehler, dass John und Frank sich jetzt so schlecht vertrugen. Das lag an Franks unvern�nftigem Verlangen. Es war nicht <emphasis>ihr</emphasis> Fehler, aber sie f�hlte sich so schuldig, weil die beiden M�nner fr�her so enge Freunde gewesen waren, fast wie Br�der.</p><p>Und Nadia h�rte mit m�hsam geheuchelter Geduld zu und sagte <emphasis>�Da da�</emphasis> und dergleichen, bis Maya heulend flach auf dem R�cken am Boden lag und Nadia, die auf der Kante eines Stuhles sa�, sie anstarrte und sich fragte, wie viel davon wohl zutr�fe. Und um was sich der Streit in Wirklichkeit gedreht h�tte. Und ob sie eine schlechte Freundin w�re, wenn sie der Story ihrer alten Gef�hrtin so g�nzlich misstraute. Aber irgendwie machte das Ganze den Eindruck, als ob Maya ihre Spuren verwischte und eine neue Manipulation aus�bte. Es war doch so gewesen, dass diese zwei verzerrten Gesichter, die sie im Tunnel gesehen hatte, der klarstm�gliche Beweis f�r einen Streit zwischen intimsten Personen gewesen waren. Also war Mayas Erkl�rung fast sicher eine L�ge. Nadia sagte etwas zu ihr und ging zu Bett. Sie dachte: Du hast mir schon zuviel von meiner Zeit und Energie und Konzentration mit diesen Spielchen geraubt. Du hast mich damit einen Finger gekostet, du Biest!</p><empty-line/><p>Es war ein neues Jahr, das sich dem Ende des langen n�rdlichen Sommers zuneigte; und sie hatten immer noch keine zufrieden stellende Wasserversorgung. Darum schlug Ann vor, eine Expedition zur Polkappe zu unternehmen und eine Roboter-Destillieranlage einzurichten, sowie l�ngs des Weges eine Route anzulegen, damit Roboter einem automatischen Piloten folgen k�nnten. Sie sagte zu Nadia: �Komm mit uns! Du hast noch nichts auf dem Planeten gesehen au�er dem Streifen zwischen hier und Tschernobyl, und das ist nichts. Du hast Hebes und Ganges vers�umt und machst hier nichts Neues. Wirklich, Nadia, ich kann nicht glauben, was f�r ein Arbeitstier du gewesen bist. Ich meine, wozu bist du �berhaupt auf den Mars gekommen?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ja, <emphasis>warum?</emphasis> Ich meine, es gibt hier zwei Arten von Aktivit�ten. Da ist die Erforschung des Mars und dann die Sorge f�r das Leben dieser Erforschung. Und hier bist du v�llig in der Lebensversorgung aufgegangen, ohne dem Grund, weshalb wir in erster Linie hergekommen sind, die geringste Aufmerksamkeit zu widmen!�</p><p>�Nun, das tue ich eben gern�, sagte Nadia beunruhigt.</p><p>�Fein, aber bem�he dich, etwas Abstand davon zu gewinnen! Zum Teufel, du h�ttest auf der Erde bleiben und Klempner werden k�nnen. Du musstest nicht diesen ganzen Weg zur�cklegen, um einen bl�den Bulldozer zu fahren. Wie lange willst du hier noch weiter schuften, Toiletten installieren und Traktoren programmieren?�</p><p>�Schon gut�, sagte Nadia und dachte an Maya und alles �brige. Das Gew�lbequadrat war sowieso fast fertig gestellt. �Du hast recht. Ich k�nnte einen Urlaub brauchen.�</p></section><section><empty-line/><p>Sie fuhren in drei gro�en Gel�ndewagen f�r Fernfahrten los. Nadia und f�nf Geologen: Ann, Simon Frazier, George Berkovic, Phyllis Boyle und Edvard Perrin. George und Edvard waren Freunde seit ihren Tagen bei der NASA und bef�rworteten �angewandte geologische Studien�, das hei�t die Suche nach Edelmetallen. Simon andererseits war ein stiller Verb�ndeter von Ann, der sich reiner Forschung und einer gewissen Zur�ckhaltung widmete. Nadia wusste all das, obwohl sie nur sehr wenig Zeit mit diesen Leuten allein verbracht hatte, au�er mit Ann. Aber es wurde viel geredet. Sie h�tte, wenn n�tig, alle Neigungen eines jeden auf der Basis nennen k�nnen.</p><p>Die Rover bestanden alle aus je zwei vierr�drigen Elementen, die durch einen flexiblen Rahmen zusammengekoppelt waren, und sahen etwa wie Riesenameisen aus. Sie waren von Rolls-Royce und einem multinationalen Aerospace-Konsortium gebaut worden und hatten eine h�bsche meeresgr�ne Lackierung. Die vorderen Elemente enthielten die Wohnr�ume und hatten auf allen Seiten get�nte Fenster. Die hinteren enthielten die Treibstoffbeh�lter und prangten mit schwarzen rotierenden Sonnenpaddeln. Die R�der aus achtfachem Drahtgeflecht waren zweieinhalb Meter hoch und sehr breit.</p><p>W�hrend sie �ber Lunae Planum nach Norden fuhren, markierten sie ihre Route mit kleinen gr�nen Transpondern, die sie alle paar Kilometer absetzten. Sie r�umten auch Steine aus ihrem Weg, die einen Rover mit Robotersteuerung behindern k�nnten, wozu sie den Schneepflug-Ansatz oder den kleinen Kran am Vorderende des ersten Rovers benutzten. So bauten sie praktisch eine Stra�e. Aber sie hatten auf Lunae die Vorrichtung zum Beseitigen von Steinen nur selten einzusetzen. Sie fuhren mit fast ihrer vollen Geschwindigkeit von drei�ig Kilometern in der Stunde einige Tage lang glatt durch. Ihre Richtung war Nordwest, um die Canyonsysteme von Tempe und Mareotis zu umgehen. Diese Route f�hrte sie �ber Lunae zu dem langen Abhang von Chryse Planitia. Diese Regionen sahen beide dem Land um ihr Basislager sehr �hnlich, holprig und mit kleinen Steinen �bers�t. Aber da sie bergab fuhren, hatten sie oft viel weitere Ausblicke, als sie gewohnt waren. F�r Nadia war es ein neues Vergn�gen, immer weiter zu fahren und zu sehen, wie st�ndig neue Landschaften �ber dem Horizont auftauchten: H�gel, Senken, enorme isolierte Felsbl�cke und gelegentlich eine niedrige runde Mesa, welche die Au�enseite eines Kraters war.</p><p>Als sie in das Tiefland der n�rdlichen Hemisph�re hinunter gekommen waren, wandten sie sich direkt nach Norden und fuhren wieder mehrere Tage lang durch die immense Acidalia Planitia. Ihre Radspuren zogen sich hinter ihnen dahin wie der erste Schnitt eines Rasenm�hers, und die Transponder schimmerten hell und deplaziert zwischen den Steinen. Phyllis, Edvard und George sprachen davon, einige Abstecher zu machen, um einigen Hinweisen nachzugehen, die sie auf Satellitenfotos gesehen hatten. Das waren ungew�hnliche mineralische Ausbisse beim Perepelkin-Krater. Ann erinnerte sie gereizt an ihren Auftrag. Nadia war betr�bt zu sehen, dass Ann hier drau�en fast genau so distanziert und verkniffen war wie auf der Basis. Immer, wenn die Rover anhielten, ging sie allein drau�en herum und wurde wieder hereingeholt, wenn sie im Rover beisammen sa�en, um zu essen. Einmal versuchte Nadia aus ihr etwas herauszulocken: �Ann, warum sind alle diese Steine so verstreut?�</p><p>�Meteorite.�</p><p>�Aber wo sind die Krater?�</p><p>�Die meisten im S�den.�</p><p>�Wie sind dann aber die Steine hierher gekommen?�</p><p>�Sie sind geflogen. Darum sind sie so klein. Nur kleinere St�cke konnten so weit geschleudert werden.�</p><p>�Aber ich dachte, du h�ttest mir gesagt, dass diese n�rdlichen Ebenen relativ jung w�ren, die �ltere Kraterlandschaft dagegen relativ alt.�</p><p>�Das stimmt. Die Steine, die du hier siehst, stammen aus sp�terer Meteort�tigkeit. Die gesamte Ansammlung loser Steine aus Meteoritenf�llen ist viel gr��er, als was wir sehen k�nnen. Man nennt das Regolithfelder. Und die sind ein Kilometer tief.�</p><p>�Kaum zu glauben�, sagte Nadia. �Ich meine, dass es so viele Meteorite sind.�</p><p>Ann nickte. �Es sind Milliarden Jahre. Das ist der Unterschied zwischen hier und der Erde. Das Alter des Landes differiert von Millionen zu Milliarden Jahren. Das ist ein kaum vorstellbarer Unterschied. Aber es kann helfen, wenn man solches Zeug sieht wie hier.�</p><p>Mitten auf Acidalia stie�en sie auf lange, gerade Canyons mit steilen W�nden und flachem Boden. Sie sahen, wie George mehrfach bemerkte, eher aus wie trockene Betten der legend�ren Kan�le. Der geologische Name f�r sie war <emphasis>fossae</emphasis> (Gr�ben), und sie traten haufenweise auf. Die kleineren dieser Schluchten waren f�r Rover unpassierbar. Wenn sie an eine kamen, mussten sie wenden und an ihrem Rand entlangfahren, bis sich ihr Boden hob oder die W�nde zusammentraten. Dann konnten sie weiter nach Norden �ber die flache Ebene fahren.</p><p>Der Horizont vor ihnen war manchmal zwanzig Kilometer entfernt, manchmal nur drei. Krater wurden seltener, und die, an welchen sie vorbeikamen, waren von niedrigen H�geln umgeben, die strahlenf�rmig von den R�ndern ausgingen�� Spritzkrater, wo Meteorite in den Permafrost gest�rzt waren, der durch den Aufprall in hei�en Schlamm verwandelt wurde. Nadias Gef�hrten verbrachten einen ganzen Tag damit, emsig um einen dieser Krater �ber die H�gel herumzuwandern. Die runden H�nge wiesen, wie Phyllis sagte, ebenso deutlich auf altes Wasser hin, wie das Korn in versteinertem Holz den urspr�nglichen Baum verriet. W�hrend sie sprach, erkannte Nadia, dass dies eine weitere Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und Ann war. Phyllis glaubte an das Modell der langen nassen Vergangenheit des Mars, Ann an das der kurzen. Oder irgend so etwas. Die Wissenschaft hatte viele Seiten, darunter auch eine Waffe, mit der man andere Gelehrte treffen konnte.</p><p>Weiter im Norden, auf 54� Breite, fuhren sie in das eigenartig aussehende Land von Thermokarsten, ein buckliges Terrain, das �bers�t war von einer Menge ovaler Gruben mit steilen W�nden, so genannten Dolinen. Diese waren hundertmal gr��er als ihre Entsprechungen auf der Erde. Die meisten hatten zwei bis drei Kilometer Durchmesser und waren etwa sechzig Meter tief. Ein sicheres Anzeichen f�r Permafrost, wie sich alle Geologen einig waren. Jahreszeitliches Gefrieren und Auftauen des Bodens lie� ihn in dieser Form absinken. Gruben solcher Gr��e zeigten, dass der Boden hohen Wassergehalt gehabt haben m�sse, wie Phyllis sagte. Sofern das nicht eine andere Manifestation von Zeitskalen f�r den Mars w�re, wie Ann erwiderte. Einfach eisiger Boden, der �onen lang immer so langsam eingesunken w�re.</p><p>Phyllis schlug �rgerlich vor, sie sollten Wasser aus dem Boden gewinnen, und Ann stimmte �rgerlich zu. Sie fanden einen glatten Abhang zwischen den Senken und hielten an, um einen Wassersammler f�r Permafrost zu installieren. Nadia leitete das Vorhaben mit einiger Erleichterung. Der Mangel an Besch�ftigung ging ihr allm�hlich auf die Nerven. Es war die Arbeit eines vollen Tages. Sie grub mit der kleinen Aushubschaufel des vorderen Rovers einen zehn Meter langen Graben und legte den seitlichen Sammelstollen an, ein mit Kies gef�lltes Rohr aus perforiertem rostfreiem Stahl. Dann pr�fte sie die elektrischen Heizelemente, die in Streifen an dem Rohr und den Filtern angebracht waren. Schlie�lich f�llte sie den Graben mit Ton und Steinen, die sie vorher ausgegraben hatten.</p><p>�ber dem unteren Ende des Stollens befanden sich ein Sammelbeh�lter und eine Pumpe, und eine isolierte Leitung f�hrte zu einen kleinen Vorratstank. Batterien speisten die Heizelemente, und Sonnenpaddel luden die Batterien. Wenn der Vorratstank voll war, schaltete sich die Pumpe ab, und es �ffnete sich ein Solenoid-Ventil, welches das Wasser in dem Vorratstank in den Stollen zur�cklaufen lie�, woraufhin auch die Heizelemente abgestellt wurden.</p><p>�Fast fertig�, erkl�rte Nadia sp�t am Tag, als sie sich daran machte, die Transportr�hre auf dem letzten Magnesiumpfosten zu befestigen. Ihre H�nde waren gef�hrlich kalt, und die verst�mmelte Hand schmerzte. Sie sagte: �Vielleicht kann jemand mit dem Abendessen anfangen. Ich bin hier fast fertig.� Die Transportr�hre musste in einen dicken Zylinder aus wei�em Polyurethanschaum gepackt und dann in eine gr��ere Schutzr�hre eingepasst werden. Erstaunlich, wie sehr Isolation eine einfache Klempnerarbeit erschwerte.</p><p>Sechskantmutter, Dichtungsscheibe, Schlie�bolzen und ein fester Ruck am Schraubenschl�ssel. Nadia ging an der Leitung entlang und pr�fte die Kupplungsb�nder an den Verbindungen. Alles fest. Sie schleppte ihr Werkzeug zum Rover Eins hin�ber und schaute auf das Ergebnis eines Tagewerks zur�ck: Ein Tank, eine kurze R�hre auf Pfosten, ein Kasten auf dem Boden, ein langer flacher H�gel aus aufgew�hltem Boden, der bergauf f�hrte und roh, aber eigentlich nicht ungew�hnlich in diesem Land voller Klumpen aussah. Sie sagte: �Auf dem R�ckweg werden wir frisches Wasser trinken.�</p><empty-line/><p>Sie hatten �ber zweitausend Kilometer nach Norden zur�ckgelegt und rollten endlich hinab zu Vastitas Borealis, einer alten Lavafl�che mit Kratern, die die n�rdliche Hemisph�re zwischen 60� und 70� Breite umrundet. Ann und die anderen Geologen verbrachten jeden Morgen einige Stunden auf dem kahlen schwarzen Gestein dieser Ebene und nahmen Proben, woraufhin sie dann den Rest des Tages weiter nach Norden fuhren und ihre Funde besprachen. Ann schien mehr von der Arbeit absorbiert und gl�cklicher zu sein. Eines Abends zeigte Simon, wie Phobos gerade �ber die niedrigen Berge im S�den stieg. Die Fahrstrecke des n�chsten Tages w�rde ihn ganz unter dem Horizont verschwinden lassen. Das war eine eindrucksvolle Demonstration daf�r, wie niedrig die Bahn dieses kleinen Mondes verlief. Sie waren erst auf 69� Breite! Aber Phobos befand sich nur etwas mehr als 5000 Kilometer �ber dem �quator des Planeten. Nadia winkte ihm einen Abschiedsgru� zu in dem Bewusstsein, dass sie immer noch mit Arkady w�rde sprechen k�nnen mittels der k�rzlich eingetroffenen areosynchronen Radiosatelliten.</p><p>Drei Tage sp�ter h�rte der kahle Fels auf und verschwand unter Wellen schw�rzlichen Sandes. Es war, als k�me man an das Ufer eines Meeres. Sie hatten die Gro�en N�rdlichen D�nen erreicht, die den Planeten zwischen Vastitas und der Polkappe wie ein ungef�hr 800 Kilometer breites Band umschlie�en. Der Sand hatte die Farbe von Holzkohle mit purpurnen und rosa T�nen, eine wahre Erleichterung f�r das Auge nach all dem roten Schotter des S�dens. Die D�nen zogen sich nach Norden und S�den hin in parallelen K�mmen, die gelegentlich gebrochen wurden oder zusammenliefen. Es war leicht, dar�berzufahren. Der Sand war fest gepackt, und sie mussten sich nur eine gro�e D�ne aussuchen und dann an ihrer buckligen Westseite entlangziehen.</p><p>Nach ein paar Tagen wurden die D�nen allerdings gr��er und zu etwas, das Ann (mit einem Ausdruck f�r einzeln stehende D�nen in der Kirgisensteppe) als �Barchan� bezeichnete. Sie sahen aus wie gro�e gefrorene Wellen mit hundert Meter hohen Vorderseiten und waren einige Kilometer lang. Wie so viele andere landschaftliche Merkmale auf dem Mars waren sie hundertmal gr��er als ihre Entsprechungen in der Sahara und Gobi. Die Expedition hielt einen ebenen Kurs ein �ber die R�cken dieser gro�en Wellen, indem sie von einer Welle zur n�chsten kurvte. Die Rover waren wie kleine Schiffe, die �ber ein dunkles Meer fuhren, das im H�hepunkt eines titanischen Sturms eingefroren war.</p><p>Eines Tages hielt Rover Zwei auf diesem gigantischen Meer an. Ein rotes Licht auf dem Kontrollpaneel besagte, dass das Problem in dem flexiblen Rahmen wischen den beiden Elementen steckte. Es zeigte sich, dass das hintere Modul nach links gekippt war und mit den R�dern an der linken Seite im Sand schaufelte. Nadia legte einen Anzug an und ging nach hinten, um nachzusehen. Sie nahm die Staubh�lle von dem Gelenk, wo der Rahmen mit dem Chassis des Moduls verbunden war, und fand, dass alle Bolzen, die diese Teile zusammenhalten sollten, gebrochen waren.</p><p>�Das wird eine Weile dauern�, sagte Nadia. �Ihr k�nnt euch inzwischen gut noch etwas umschauen.�</p><p>Bald kamen in ihren Anz�gen Phyllis und George heraus, hinter ihnen Simon, Ann und Edvard. Phyllis und George nahmen einen Transponder von Rover Drei und stellten ihn drei Meter rechts von ihrer �Stra�e� auf. Nadia machte sich bei dem gebrochenen Rahmen an die Arbeit, wobei sie die Dinge so wenig wie m�glich anfasste. Es war ein kalter Nachmittag, vielleicht siebzig Grad unter Null, und sie sp�rte die schneidende K�lte bis ins Mark.</p><p>Die Enden der Bolzen wollten nicht aus der Seite des Moduls herausgehen, darum holte sie einen Bohrer und machte neue L�cher. Sie fing an, <emphasis>�The Sheik of Araby�</emphasis> zu summen. Ann, Edvard und Simon diskutierten �ber Sand. Es war so nett, dachte Nadia, einen Boden zu sehen, der nicht rot war. Zu h�ren, wie Ann in ihre Arbeit versunken war. Und selbst etwas zu tun zu haben.</p><p>Sie hatten fast den Polarkreis erreicht, und es war Ls = 84. Bis zur n�rdlichen Sonnenwende waren es nur noch zwei Wochen. Also wurden die Tage lang. Nadia und George arbeiteten den ganzen Abend, w�hrend Phyllis das Essen erhitzte und Nadia danach wieder hinausging, um die Arbeit zu vollenden. Die Sonne war rot in braunem Dunst, klein und rund, selbst kurz vor dem Untergang. Es gab nicht genug Atmosph�re, um sie durch Refraktion zu vergr��ern und abzuflachen. Nadia wurde fertig, hatte ihr Werkzeug weggepackt und die �u�ere Schleusent�r von Rover Eins ge�ffnet, als sie im Ohr die Stimme Anns h�rte: �Oh, Nadia, kommst du schon herein?�</p><p>Nadia blickte auf. Ann war auf dem Grat der D�ne im Westen und winkte ihr zu, eine schwarze Silhouette vor einem blutroten Himmel.</p><p>�Das hatte ich vor�, sagte Nadia.</p><p>�Komm nur f�r eine Minute hier herauf! Ich m�chte, dass du diesen Sonnenuntergang siehst. Er verspricht sch�n zu werden. Komm nur, es wird nur eine Minute dauern, und du wirst dich freuen, dass du es getan hast. Im Westen gibt es Wolken.�</p><p>Nadia seufzte und machte die �u�ere Schleusent�r wieder zu.</p><p>Die Ostseite der D�ne war steil. Nadia trat vorsichtig in die Fu�stapfen, die Ann beim Aufstieg gemacht hatte. Der Sand war hier dicht gepackt und hielt meistens fest. Nahe dem Kamm wurde es steiler, und sie lehnte sich vor und grub mit den Fingern. Dann kletterte sie auf den breiten runden Grat, konnte sich aufrichten und umschauen.</p><p>Nur die K�mme der h�chsten D�nen lagen noch im Sonnenschein. Die Welt war eine schwarze Fl�che, die durch kurze sichelf�rmige stahlgraue Kurven verunstaltet war. Der Horizont war ungef�hr f�nf Kilometer entfernt. Ann hatte sich geb�ckt, ein Gef�� mit Sand in der Hand.</p><p>�Woraus besteht er?� fragte Nadia.</p><p>�Dunkle feste mineralische Partikel.�</p><p>Nadia knurrte: �Das h�tte ich dir vorher sagen k�nnen.�</p><p>�Ehe wir hier hergekommen sind, h�ttest du das nicht gekonnt. Es h�tte Grus-Abrieb in Verbindung mit Salzen sein k�nnen. Aber statt dessen ist es Gestein.�</p><p>�Warum so dunkel?�</p><p>�Vulkanisch. Siehst du, auf der Erde besteht Sand meistens aus Quarz, weil es dort eine Menge Granit gibt. Aber auf dem Mars gibt es nicht viel Granit. Diese K�rner sind wahrscheinlich vulkanische Silikate. Obsidian, Feuerstein, etwas Granat. Sch�n, nicht wahr?�</p><p>Sie hielt Nadia eine Handvoll Sand zum Betrachten hin. Nat�rlich vollkommen ernsthaft. Nadia sah sich durch ihre Visierscheibe das schwarze Material an und sagte: �Sch�n.�</p><p>Sie standen da und beobachteten den Sonnenuntergang. Ihre Schatten liefen direkt auf den Osthorizont zu. Der Himmel war dunkelrot und tr�be, nur im Westen �ber der Sonne etwas heller. Die von Ann erw�hnten Wolken waren hellgelbe Streifen sehr hoch am Himmel. Etwas in dem Sand nahm das Licht auf, und die D�nen waren deutlich purpurn. Die Sonne war ein kleiner goldener Knopf, und dar�ber leuchteten zwei Abendsterne: Venus und Erde.</p><p>Ann sagte leise: �Sie sind jetzt jeden Abend n�her zusammenger�ckt. Die Konjunktion d�rfte wirklich pr�chtig werden.�</p><p>Die Sonne ber�hrte den Horizont, und die D�nenk�mme wurden zu Schatten. Die kleine knopfartige Sonne sank unter die schwarze Linie im Westen. Jetzt war der Himmel eine kastanienbraune Kuppel. Die hohen Wolken hatten die Farbe von Leimkraut. �berall tauchten Sterne auf, und der braune Himmel verf�rbte sich in ein lebhaftes dunkles Violett, eine metallene Farbe, die von den D�nenk�mmen aufgenommen wurde, so dass es aussah, als l�gen Halbmonde aus fl�ssiger D�mmerung �ber der schwarzen Ebene. Pl�tzlich f�hlte Nadia, wie eine Brise durch ihr Nervensystem wirbelte, das R�ckgrat herauf und durch die Haut hinauslief. Ihre Wangen kribbelten, und sie konnte ihr R�ckenmark klopfen h�ren. Sch�nheit konnte einen erschauern lassen! Es war ein Schock, eine solche physische Reaktion auf Sch�nheit zu sp�ren, eine Erregung wie eine Art von Sex. Und dabei war diese Sch�nheit so absolut fremdartig. Nadia hatte sie vorher nie gesehen oder wirklich empfunden. Das wurde ihr jetzt bewusst. Sie hatte ihr Leben genossen, als w�re es ein zurechtgemachtes Sibirien gewesen, so dass sie tats�chlich in einer gewaltigen Analogie gelebt und alles in Formen ihrer Vergangenheit verstanden hatte. Aber jetzt stand sie unter einem hohen violetten Himmel auf der Oberfl�che eines versteinerten schwarzen Ozeans. Alles neu, alles fremdartig. Es war unm�glich, dies mit irgend etwas zu vergleichen, das sie fr�her gesehen hatte. Und mit einemmal entwich die Vergangenheit aus ihrem Kopf, und sie drehte sich in Kreisen wie ein kleines M�dchen, das sich schwindlig machen will, ohne einen Gedanken im Kopf. Von ihrer Haut sickerte Gewicht nach innen; und sie f�hlte sich nicht mehr hohl. Im Gegenteil fand sie sich �u�erst massiv, kompakt, ausgeglichen. Ein kleiner denkender Felsblock, der wie ein Kreisel in Drehung versetzt wurde.</p><p>Sie rutschten die steile Vorderseite der D�ne auf den Abs�tzen ihrer Stiefel hinunter. Unten angekommen dr�ckte Nadia Ann impulsiv an sich. �O Ann, ich wei� nicht, wie ich dir daf�r danken kann!� Selbst durch die get�nten Visierscheiben konnte sie Ann grinsen sehen. Ein seltenes Bild.</p><empty-line/><p>Danach sahen die Dinge f�r Nadia anders aus. Oh, sie wusste, dass es in ihrem Innern war, dass sie vermochte, mit neuen Augen hinzuschauen, zu <emphasis>sehen.</emphasis> Aber die Landschaft inspirierte diese Sinneserregung und n�hrte ihre neue Aufmerksamkeit. Denn schon am n�chsten Tage verlie�en sie die schwarzen D�nen und fuhren auf etwas, das ihre Kameraden ein geschichtetes oder bl�tteriges Gel�nde nannten. Dies war das Gebiet aus flachem Sand, das im Winter unter der CO2-Decke der Polkappe lag. Jetzt im Mittsommer war es frei und bildete eine Landschaft mit Mustern aus krummen Linien. Sie fuhren durch breite flache Mulden aus gelbem Sand, die durch lange gewellte Plateaus mit flachen Gipfern begrenzt waren. Deren H�nge waren abgestuft und zeigten feine und gr�bere Schichtungen. Sie sahen aus wie Holz, das geschnitten und poliert worden war, um eine h�bsche Maserung zu zeigen. Niemand von ihnen hatte je ein so entlegenes Land gesehen; und sie verbrachten die Morgen mit Entnahme von Proben und Bohrungen. Sie kletterten umher mit kleinen Spr�ngen in einem Marsballet und schwatzten und plapperten. Nadia war ebenso erregt wie jeder andere. Ann erkl�rte ihr, dass der Frost in jedem Winter eine Art Lamelle auf der Oberfl�che bewirkte. Dann hatte Wind-Erosion Schluchten geschnitten und deren W�nde abgewetzt. Jede Schicht wurde etwas st�rker beschnitten als die darunterliegende, so dass die W�nde dieser Trockent�ler aus Hunderten schmaler Terrassen bestanden. Simon sagte: �Es ist, als w�re das Land eine Konturenkarte von sich selbst.�</p><p>Sie fuhren tags�ber und kamen abends heraus, in einer purpurnen D�mmerung, die bis kurz vor Mitternacht w�hrte. Sie bohrten L�cher und holten Kerne heraus, die sandig und geschichtet waren, soweit sie nur bohren konnten. Eines Abends kletterte Nadia mit Ann eine Reihe paralleler Terrassen empor und lauschte mit halbem Ohr ihren Ausf�hrungen �ber die Pr�zession der Tag- und Nachtgleichen, als sie �ber das Tal zur�ckblickte und sah, dass es wie Limonen und Aprikosen im Abendlicht schimmerte, und dass sich dar�ber bla�gr�ne linsenf�rmige Wolken befanden, die perfekt die Kurvenlinien des Terrains nachzeichneten. �Schau!� rief sie aufgeregt.</p><p>Ann schaute zur�ck, sah es und wurde still. Sie beobachteten die niedrigen geb�nderten Wolken �ber ihren K�pfen.</p><p>Schlie�lich holte sie ein Ruf zum Essen von den Rovern zur�ck. Und als sie �ber die abgestuften Terrassen aus Sand hinuntergingen, erkannte Nadia, dass sie sich ver�ndert hatte�� oder aber, dass der Planet immer fremdartiger und sch�ner wurde, je weiter sie nach Norden fuhren. Oder beides.</p><empty-line/><p>Sie rollten �ber flache Terrassen aus gelbem Sand, so fein und hart und frei von Steinen, dass sie mit voller Geschwindigkeit fahren konnten und nur langsamer wurden, um von einer Plattform zur anderen �berzuwechseln. Gelegentlich machte ihnen der abgerundete Hang zwischen Terrassen einige Schwierigkeiten; und ein paar Mal mussten sie zur�ckfahren, um einen Weg zu finden. Aber gew�hnlich lie� sich eine nach Norden f�hrende Route ohne Schwierigkeit finden.</p><p>An ihrem vierten Tag in dem geschichteten Gel�nde r�ckten die W�nde des Plateaus, das ihr flaches Tal begrenzte, zusammen, und sie fuhren durch den Spalt auf eine h�here Ebene. Und dort, vor ihnen an dem neuen Horizont, war ein wei�er Berg, ein gro�es rundes Ding wie ein Ayers Rock in Wei� zu sehen. Ein wei�er Berg�� das war Eis! Ein Berg aus Eis, etwa hundert Meter hoch und ein Kilometer breit. Und als sie um ihn herumfuhren, sahen sie, dass er sich �ber den Horizont nach Norden hinzog. Es war die Spitze eines Gletschers, vielleicht eine Zunge der Polkappe selbst. In den anderen Wagen ert�nten Rufe; und bei dem L�rm und der Verwirrung konnte Nadia nur h�ren, wie Phyllis schrie: �Wasser, Wasser!�</p><p>Tats�chlich Wasser. Obwohl sie gewusst hatten, dass es hier sein m�sste, war es doch h�chst aufregend, einen ganzen gro�en Berg davon anzutreffen, tats�chlich die h�chste Erhebung, der sie auf den ganzen 5000 Kilometern ihrer Reise begegnet waren. Sie brauchten den ganzen ersten Tag, um sich daran zu gew�hnen. Sie hielten die Rover an, zeigten hin, plapperten, stiegen aus, um zu schauen, nahmen Proben von der Oberfl�che und aus Bohrungen, ber�hrten es und kletterten ein St�ck hinauf. Der Eisberg war wie der Sand um ihn horizontal geschichtet, mit Staublinien in etwa einem Zentimeter Abstand. Zwischen den Linien war das Eis narbig und k�rnig. Bei diesem atmosph�rischen Druck sublimierte es bei fast allen Temperaturen und hinterlie� l�chrige, verwitterte Seitenw�nde bis zu einer Tiefe von einigen Zentimetern. Darunter war es fest und hart.</p><p>�Das ist eine <emphasis>Menge</emphasis> Wasser�, sagten sie alle an der einen oder anderen Stelle. Wasser, auf der Oberfl�che des Mars��</p><p>Am n�chsten Tag bildete der Gletscherh�gel ihren Horizont, eine Wand, die w�hrend der Fahrt des ganzen Tages neben ihnen her verlief. Danach schien er wirklich wie eine Menge Wasser auszusehen, besonders, als im Laufe des Tages die Wand h�her wurde und sich bis auf etwa dreihundert Meter erhob. Wirklich eine Art wei�er Bergrippe, die ihr flaches Tal auf der Ostseite begrenzte. Und dann erschien �ber dem Horizont im Nordwesten noch ein wei�er H�gel�� die Spitze eines anderen Grates, dessen Basis noch unter dem Horizont lag. Ein weiterer Gletscherberg, der sie in etwa drei�ig Kilometern Entfernung im Westen abschloss.</p><p>Also waren sie im Chasma Borealis, einem von Wind ausgetieften Tal, das nach Norden etwa f�nfhundert Kilometer in die Eiskappe einschnitt, mehr als die halbe Entfernung bis zum Pol. Der Boden des Chasmas war flacher Sand, hart wie Beton und oft mit einer Schicht von CO2-Eis bedeckt, die knirschend unter den R�dern zerbrach. Die Eisw�nde waren hoch, aber nicht senkrecht. Sie wichen zur�ck in einem Winkel von weniger als f�nfundvierzig Grad; und wie die Bergflanken in dem geschichteten Gel�nde waren sie terrassiert, wobei die Terrassen durch Erosion und Sublimation ausgezackt waren, jene beiden Kr�fte, die w�hrend Zehntausenden von Jahren das Chasma in seiner vollen L�nge zerschnitten hatten.</p><p>Anstatt auf den Kopf des Tales hinaufzufahren, �berquerten die Forscher das Chasma in westlicher Richtung auf einen Transponder zu, der bei einem Abwurf von Ger�t zum Sch�rfen von Eis dorthin gelangt sein musste. Die Sandd�nen waren in der Mitte des Chasmas niedrig und regelm��ig, und die Rover rollten �ber das wellige Gel�nde auf und ab, auf und ab. Als sie dann den Grat einer Sandwelle erreichten, erblickten sie das abgeworfene Ger�t nicht mehr als zwei Kilometer vom Fu� der nordwestlichen Eiswand entfernt. Dicke limonengr�ne Container auf skelettartigen Landeapparaten, ein seltsames Bild in dieser Welt von wei�en, braunen und rosa T�nen. �Was f�r ein h�sslicher Anblick!� rief Ann, aber Phyllis und George jubelten.</p><p>W�hrend des langen Nachmittags nahm die im Schatten liegende westliche Flanke des Eises mannigfache blasse Farben an. Das reinste Wasser-Eis war klar und bl�ulich, aber der gr��te Teil des Abhangs war transparent elfenbeinfarben, �ppig get�nt mit rosa und gelbern Staub. Unregelm��ige Flecken von Kohlendioxid-Eis waren rein hellwei�. Der Kontrast zwischen Trockeneis und Wassereis war stark und machte es unm�glich, die wahren Konturen der Bergflanke zu erkennen. Und die perspektivische Verk�rzung machte es schwierig zu sagen, wie hoch der Berg wirklich war. Er schien f�r immer aufzuragen und befand sich wahrscheinlich zwischen drei- und f�nfhundert Metern �ber dem Boden von Borealis.</p><p>�Das ist eine <emphasis>Menge</emphasis> Wasser!� rief Nadia.</p><p>Phyllis sagte: �Und unter der Oberfl�che gibt es noch mehr davon. Unsere Bohrungen zeigen, dass sich die Kappe um viele Breitengrade weiter nach S�den erstreckt, als wir sehen, unter dem geschichteten Gel�nde begraben.�</p><p>�Also haben wir mehr Wasser, als wir je brauchen werden!�</p><p>Ann verzog unwillig den Mund.</p><empty-line/><p>Der Abwurf der Sch�rfger�te hatte die Lage des Eisgewinnungslagers bestimmt: die Westwand von Chasma Borealis auf 41� L�nge und 83� n�rdlicher Breite. Deimos war gerade Phobos unter den Horizont gefolgt. Sie w�rden ihn nicht wieder sehen, bis sie s�dlich bis 82� N zur�ckgekehrt w�ren. Die Sommern�chte bestanden aus einer Stunde purpurner D�mmerung. Den �brigen Teil drehte sich die Sonne herum, nie mehr als zwanzig Grad �ber dem Horizont. Alle sechs verbrachten lange Stunden im Freien. Sie r�ckten den Eis-Sch�rfer an die Wand und stellten ihn dann auf. Der Hauptteil war ein robotischer Tunnelbohrer, ungef�hr so gro� wie einer ihrer Roboter. Der schnitt ins Eis und gab zylindrische Trommeln von anderthalb Metern Durchmesser aus. Als sie den Bohrer anstellten, erzeugte er ein lautes, tiefes Brummen, das noch st�rker war, wenn sie ihre Helme auf das Eis dr�ckten oder dies auch nur mit den H�nden ber�hrten. Nach einiger Zeit plumpsten wei�e Eistrommeln in einen Ladewagen, und dann brachte sie ein kleiner robotischer Gabelstapler zu einer Destillerie, die das Eis schmolz und seinen betr�chtlichen Anteil an Staub ausschied. Danach wurde das Wasser in W�rfel von einem Meter Kantenl�nge gefroren, die besser zum Beladen der Rover geeignet waren. Diese Gel�ndelastwagen waren bestens imstande, vor Ort zu fahren, aufzuladen und selbst�ndig wieder zur Basis zu fahren. Damit w�rde die Basis eine regelm��ige Versorgung mit Wasser haben�� gr��er, als sie je brauchen w�rden. Rund vier bis f�nf Millionen Kubikkilometer steckten in der sichtbaren Polkappe, so rechnete Edvard aus, obwohl darin viele Sch�tzwerte enthalten waren.</p><p>Mehrere Tage lang testeten sie den Sch�rfer und stellten eine Reihe von Sonnenpaddeln auf, um ihn mit Energie zu versorgen. In den langen Abenden nach dem Essen pflegte Ann auf die Eismauer zu klettern, vorgeblich, um noch mehr Bohrungen zu machen, obwohl Nadia wusste, dass sie blo� von Phyllis und Edvard und George entfernt sein wollte. Und nat�rlich wollte sie die ganze Strecke bis zum Gipfel ersteigen, um auf die Polkappe zu gelangen und sich umzuschauen und von den j�ngsten Eisschichten Proben zu nehmen. Als nun eines Tages der Sch�rfer alle Probel�ufe beendet hatte, standen Ann, Nadia und Simon in der Morgend�mmerung auf�� kurz nach zwei Uhr fr�h��, traten in die extrem kalte Morgenluft hinaus und kletterten los. Ihre Schatten waren wie gro�e Spinnen, die vor ihnen kletterten. Der Eishang hatte einen Neigungswinkel von etwa drei�ig Grad, der noch gr��er wurde und dann nachlie�, w�hrend sie allm�hlich die rohen Stufen in dem geschichteten Eis des H�gels erstiegen.</p><p>Es war sieben Uhr, als sich der Hang abflachte und sie auf der Oberfl�che der Polkappe marschierten.</p><p>Nach Norden zog sich eine Eisfl�che hin, so weit sie sehen konnten, bis zu einer Horizontlinie in <emphasis>etwa</emphasis> drei�ig Kilometern Entfernung. Zur�ckschauend gen S�den konnten sie weit �ber die geometrischen Strudel des laminaren Gel�ndes hin blicken. Das war der weiteste Ausblick, den Nadia je auf dem Mars erlebt hatte.</p><p>Das Eis des Plateaus war ganz �hnlich geschichtet wie der laminare Sand unter ihnen, mit breiten, schmutzig roten B�ndern, die reineres Material umgaben. Die andere Wand von Chasma Borealis lag fern im Osten und sah von ihrem Beobachtungsplatz fast vertikal aus, lang, hoch, massiv. �So viel Wasser!� sagte Nadia wieder. �Das ist mehr, als wir je brauchen werden.�</p><p>�Das kommt darauf an�, sagte Ann unaufmerksam und drehte den kleinen Bohrer ins Eis. Ihre abgedunkelte Gesichtsscheibe wandte sich Nadia zu. �Wenn man die Terraformer gew�hren l�sst, wird das alles wie Tau an einem hei�en Morgen verschwinden. In die Luft, um h�bsche Wolken zu erzeugen.�</p><p>�W�re das so schlimm?� fragte Nadia.</p><p>Ann starrte sie an. Durch die get�nte Visierscheibe sahen ihre Augen aus wie Stahlkugeln.</p><p>An diesem Abend beim Essen sagte sie: �Wir sollten wirklich einen Ausflug bis hin zum Pol machen.�</p><p>Phyllis sch�ttelte den Kopf. �Wir haben weder die Nahrung noch die Luft daf�r.�</p><p>�Ruf an, dass sie etwas abwerfen!�</p><p>Edvard sch�ttelte den Kopf. �Die Polkappe ist von T�lern durchschnitten, die fast so tief sind wie Borealis.�</p><p>�O nein�, sagte Ann. �Man k�nnte direkt hinfahren. Die Wirbelt�ler sehen aus dem Weltraum dramatisch aus, aber das kommt durch den Unterschied in der Albedo zwischen Wasser und Kohlendioxid. Die H�nge sind in Wirklichkeit nicht mehr als sechs Grad gegen die Horizontale geneigt. Es ist tats�chlich blo� noch mehr geschichtetes Gel�nde.�</p><p>�Wir m�ssten aber erst mal auf die Kappe kommen�, warf George ein.</p><p>�Kein Problem. Wir fahren herum zu einer der Eiszungen, die zum Sand herunterf�hren. Die sind wie Rampen zum Zentralmassiv. Und einmal dort, fahren wir direkt zum Pol!�</p><p>Phyllis sagte: �Es gibt keinen Grund hinzugehen. Es wird blo� mehr von dem sein, was wir hier sehen. Und es bedeutet, mehr der Strahlung ausgesetzt zu sein.�</p><p>�Und�, f�gte George hinzu, �wir sollten das, was wir an Nahrung und Luft haben, dazu benutzen, einige der Stellen zu erkunden, an denen wir auf dem Weg hierher vorbeigekommen sind.�</p><p>Darauf kam es ihnen also an. Ann knurrte: �Ich bin die Leiterin der geologischen Durchmusterung�, sagte sie scharf. Das mochte stimmen; aber sie war eine schreckliche Politikerin, besonders im Vergleich mit Phyllis, die jede Menge Freunde in Houston und Washington hatte.</p><p>Phyllis sagte l�chelnd: �Es gibt aber keinen geologischen Grund, zum Pol zu gehen. Es wird dasselbe Eis sein wie hier. Ihr wollt blo� hin.�</p><p>�Na und?� fragte Ann. �Ich will! Es gibt da oben immer noch wissenschaftliche Fragen zu beantworten. Hat das Eis die gleiche Zusammensetzung? Wie viel Staub? �berall, wohin wir hier kommen, sammeln wir wertvolle Daten.�</p><p>�Wir sind aber hier, um Wasser zu besorgen. Nicht, um uns herumzutreiben.�</p><p>�Das ist kein Herumtreiben!� platzte Ann heraus. �Wir erhalten Wasser, das uns erlaubt zu forschen. Wir forschen nicht blo�, um Wasser zu bekommen. Du siehst das verkehrt herum. Ich kann mir nicht vorstellen, wie viele Leute in der Kolonie das tun.�</p><p>�Lasst uns sehen, was sie in der Basis sagen�, sagte Nadia. �Die k�nnten uns vielleicht mit etwas dort unterst�tzen wollen, oder aber nicht imstande sein, eine Kleinigkeit zu schicken. Das kann man nie wissen.�</p><p>Ann st�hnte. �Wir werden schlie�lich noch die Erlaubnis von den UN erbitten, das schw�re ich.�</p><p>Sie hatte recht. Frank und Maya gefiel die Idee nicht; John war interessiert, legte sich aber nicht fest. Arkady unterst�tzte das Vorhaben, als er davon h�rte, und erkl�rte, er w�rde n�tigenfalls von Phobos etwas zur Hilfe abwerfen, was in Anbetracht von dessen Bahn bestenfalls unpraktisch sein w�rde. Aber an dieser Stelle rief Maya die Kontrollzentren in Houston und Baikonur an, und die Diskussion verlagerte sich nach drau�en. Hastings widersetzte sich dem Plan; aber Baikonur und vielen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft gefiel er.</p><p>Schlie�lich ging Ann ans Telefon. Sie sprach sehr knapp und arrogant, obwohl sie verschreckt aussah. �Ich bin hier die geologische Leiterin und sage, dass es gemacht werden muss. Es wird keine bessere Gelegenheit geben, an Ort und Stelle Daten �ber die urspr�ngliche Lage auf der Polkappe zu bekommen. Sie ist ein empfindliches System, und jede Ver�nderung in der Atmosph�re wird sie schwer treffen. Und ihr habt doch Pl�ne, das zu tun, nicht wahr? Sax, arbeitest du noch an diesen Windm�hlenheizern?�</p><p>Sax hatte nicht an der Diskussion teilgenommen und musste ans Telefon gerufen werden. �Sicher�, sagte er, als die Frage wiederholt wurde. Er und Hiroko hatten die Idee aufgebracht, kleine Windm�hlen herzustellen, die �ber dem ganzen Planeten von Luftschiffen abgeworfen werden sollten. Die best�ndigen Westwinde w�rden die M�hlen antreiben, und die Rotation w�rde im Fu�e der M�hlen in Spulen zu W�rme umgewandelt werden, und diese W�rme w�rde einfach in die Atmosph�re entlassen werden. Sax hatte schon eine robotische Fabrik entworfen f�r die Herstellung der Windm�hlen. Er hoffte, sie zu Tausenden herstellen zu k�nnen. Vlad wies darauf hin, dass die gewonnene W�rme auf Kosten einer Verlangsamung der Winde gehen w�rde. Man konnte nichts umsonst haben. Sax argumentierte sofort, dass das ein Nebengewinn sein w�rde angesichts der Strenge der globalen Staubst�rme, die der Wind manchmal bewirkte. �Etwas W�rme f�r ein bisschen Wind ist ein gro�er Gewinn.�</p><p>�Also jetzt eine Million Windm�hlen�, sagte Ann. �Und das ist blo� der Anfang. Du hast doch auch davon gesprochen, schwarzen Staub auf die Polkappen zu streuen, nicht wahr, Sax?�</p><p>�Das w�rde die Atmosph�re schneller verdichten als jede andere Ma�nahme, die wir ergreifen k�nnten.�</p><p>�Wenn ihr also freie Hand bekommt, ist das Schicksal der Kappen besiegelt�, sagte Ann. �Sie werden verdunsten; und dann werden wir fragen: �Wie waren sie eigentlich?� Und wir werden es nicht wissen.�</p><p>�Habt ihr gen�gend Material und genug Zeit?� fragte John.</p><p>�Wir werden euch Nachschub abwerfen�, sagte Arkady wieder.</p><p>�Es sind vier Monate Sommer�, gab Ann zu bedenken.</p><p>�Blo� weil es dein Wille ist, zum Pol zu gehen!� sagte Frank vorwurfsvoll.</p><p>�So?� entgegnete Ann. �Du bist vielleicht hier hergekommen, um B�ropolitik zu machen, aber ich beabsichtige, mich hier etwas umzusehen.�</p><p>Nadia verzog das Gesicht. Damit war dieser Teil des Gespr�chs beendet, und Frank w�rde w�tend sein. Das war nie eine gute Idee. Ann, Ann��</p><p>Am n�chsten Tage machten sich die Dienststellen der Erde geltend mit der Ansicht, dass die Polkappe in ihrer urt�mlichen Verfassung erforscht und dokumentiert werden m�sse. Keine Einw�nde seitens der Basis, obwohl Frank nicht mehr ans Telefon ging. Simon und Nadia jubelten. �Auf nach Norden zum Pol!�</p><p>Phyllis sch�ttelte blo� den Kopf. �Ich verstehe das nicht. George, Edvard und ich werden als R�ckendeckung hier bleiben und uns vergewissern, dass der Eis-Sch�rfer richtig funktioniert.�</p><p>Also nahmen Ann, Nadia und Simon den Rover drei und fuhren wieder das Chasma Borealis hinunter und dann nach Westen, wo ein von der Kappe heruntergleitender Gletscher sich zu einer perfekten Rampe abflachte. Das Geflecht der gro�en Roverr�der griff wie ein Schneemobil und lief gut �ber alle die verschiedenen Oberfl�chen der Kappe, �ber Flecke von freiliegendem granul�ren Staub, niedrige H�gel aus hartem Eis, Felder von blendend wei�em CO2-Reif und das �bliche Spitzenmuster aus sublimiertem Wasser-Eis. Flache T�ler zogen sich im Uhrzeigersinn vom Pol weg. Manche davon waren sehr breit. Bei deren Durchquerung mussten sie einen holprigen Abhang hinunterfahren, der sich nach rechts und links �ber beide Horizonte hinweg kr�mmte. Das alles war bedeckt von hellem Trockeneis. Dies ging so weiter �ber zwanzig Kilometer, bis die ganze sichtbare Welt strahlend wei� war. Dann erschien vor ihnen eine Steigung aus dem vertrauteren schmutzig roten Wasser-Eis, von Konturlinien gestreift. Als sie den Boden der Senke kreuzten, teilte sich die Welt in zwei Teile: wei� hinten, und schmutzig rosa vorn. Als sie die nach S�den gerichteten H�nge hinauffuhren, fanden sie das Wasser-Eis mehr verrottet als anderswo. Aber Ann erkl�rte, dass sich in jedem Winter ein Meter Trockeneis auf der best�ndigen Kappe absetzte und das morsche Filigran des Sommers zerquetschte, so dass die Gruben in j�hrlichem Rhythmus angef�llt wurden. Und die gro�en R�der des Rovers knirschten hindurch.</p><p>Nach den Strudelt�lern befanden sie sich auf einer glatten wei�en Ebene, die sich nach allen Richtungen bis zum Horizont hinzog. Hinter dem polarisierten und get�nten Glas der Fenster des Rovers war das Wei� makellos und rein. Einmal passierten sie einen niedrigen Ringh�gel, das Zeichen f�r einen relativ neuen Meteoritenaufprall, ausgef�llt durch nachfolgende Eisablagerung. Sie hielten nat�rlich an, um Bohrproben zu nehmen. Nadia musste Ann und Simon auf vier Bohrungen t�glich beschr�nken, um Zeit zu sparen und zu verhindern, dass die Gep�ckr�ume des Rovers �berlastet w�rden. Und es waren nicht blo� Bohrungen. Oft kamen sie an isolierten Felsen vorbei, die wie Magritte-Skulpturen auf dem Eis lagen. Das waren Meteorite. Sie sammelten die kleinsten von ihnen ein und nahmen Proben von den gr��eren. (Einmal begegnete ihnen sogar einer, der so gro� war wie der Rover.) Sie bestanden gr��tenteils aus Nickeleisen, oder es waren Chondrite. W�hrend Ann an einem solchen herumschnippelte, sagte sie zu Nadia: �Du wei�t, man hat auf der Erde Meteorite gefunden, die vom Mars stammen. Auch das Umgekehrte kommt vor, wenn auch viel seltener. Es erfordert einen wirklich gro�en Aufprall, um Steine aus dem Schwerefeld der Erde zu schleudern, dass sie hier herkommen�� mindestens f�nfzehn Kilometer pro Sekunde. Ich habe geh�rt, dass etwa zwei Prozent des der Erde entrissenen Materials auf dem Mars enden. Aber nur von den gr��ten Treffern. Es w�re eigenartig, hier einen Brocken vom Yucatan-Me-teoriten zu finden, nicht wahr?�</p><p>�Aber das war vor sechzig Millionen Jahren�, sagte Nadia. �Er w�re tief unter dem Eis begraben.�</p><p>�Stimmt.� Sp�ter, auf dem R�ckweg zum Rover, sagte sie: �Nun, wenn sie diese Kappen abschmelzen, werden wir einige finden. Wir werden dann ein ganzes Museum von allen m�glichen Meteoriten haben, die auf dem Sand herumsitzen.�</p><p>Sie durchquerten immer mehr Strudelt�ler und verfielen wieder in das alte Muster eines Schiffs �ber den Wellen. Diesmal waren es die bisher gr��ten Wellen, vierzig Kilometer von Kamm zu Kamm. Sie benutzten die Uhren, um einen Zeitplan einzuhalten, und parkten von zehn bis siebzehn Uhr auf kleinen H�geln oder eingesunkenen Kraterr�ndern, um w�hrend der Pausen ein Bild vor Augen zu haben. Und sie verdunkelten die Fenster mit doppelter Polarisation, um nachts etwas Schlaf zu bekommen.</p><p>Dann, als sie eines Morgens dahinknirschten, stellte Ann das Radio an und begann mit den areosynchronen Satelliten Kontrollmessungen auszuf�hren. Sie sagte bei der Arbeit: �Es ist nicht leicht, den Pol zu finden. Die fr�hen Forschungsreisenden auf der Erde hatten es im Norden h�llisch schwer. Sie waren immer im Sommer dort und konnten die Sterne nicht sehen. Sie hatten noch keine Satellitenpeilungen.�</p><p>�Wie haben sie es dann gemacht?� fragte Nadia, pl�tzlich neugierig geworden.</p><p>Ann dachte dar�ber nach und l�chelte. �Ich wei� es nicht. Wahrscheinlich nicht sehr gut, f�rchte ich. Vermutlich Koppelnavigation.�</p><p>Nadia wurde von diesem Problem gepackt und fing an, auf einem Skizzenblock daran zu arbeiten. Geometrie war nie ihre St�rke gewesen. Aber vermutlich w�rde die Sonne am Mittsommertag einen perfekten Kreis um den Horizont beschreiben, ohne h�her oder tiefer zu gehen. Wenn man also in N�he des Pols war und fast am Mittsommertag, k�nnte man die H�he der Sonne �ber dem Horizont von Zeit zu Zeit messen�� War das richtig?</p><p>�Das ist es�, sagte Ann.</p><p>�Was?�</p><p>Sie hielten den Rover an und sahen sich um. Die wei�e Ebene erstreckte sich in Wellen bis zum nahen Horizont, ohne Merkmale au�er einigen breiten roten Konturlinien. Diese Linien bildeten keine konzentrischen Kreise um sie herum, und es sah nicht so aus, als h�tten sie irgendeinen H�hepunkt erreicht.</p><p>�Wo genau?� fragte Nadia.</p><p>�Nun, irgendwie gerade n�rdlich von hier.� Ann l�chelte wieder. �Innerhalb von einem oder zwei Kilometern. Vielleicht in dieser Richtung.� Sie zeigte nach rechts. �Wir werden ein St�ck dort hin�bergehen und mit dem Satelliten wieder kontrollieren m�ssen. Ein wenig Triangulation, und wir sollten imstande sein, ihn auf den Kopf zu treffen. Jedenfalls plus oder minus etwa hundert Meter.�</p><p>�Wenn wir uns die Zeit n�hmen, k�nnten wir es auf plus oder minus ein Meter bringen�, sagte Simon begeistert. �Lasst es uns genau festlegen!�</p><p>Also fuhren sie eine Minute lang weiter, befragten das Radio, machten nach rechts kehrt und fuhren weiter. Dann berieten sie sich wieder. Schlie�lich erkl�rte Ann, sie w�ren dort, oder nahe genug. Simon wies den Computer an, weiter daran zu arbeiten, und sie zogen sich an, gingen hinaus und wanderten etwas umher, um sich zu vergewissern, dass sie den Pol betreten hatten. Ann und Simon bohrten ein Loch. Nadia ging weiter, in einer Spirale, die vom Wagen wegf�hrte. Eine r�tliche wei�e Ebene, der Horizont etwa vier Kilometer entfernt�� zu nahe. Es �berkam sie j�h, wie bei dem schwarzen Sonnenuntergang, dass dies fremdartig war. Eine scharfe Empfindung der N�he des Horizonts, die traumhaft geringe Schwere, eine Welt, die nur eben so gro� war und nicht gr��er�� Und jetzt stand sie genau auf deren Nordpol. Es war Ls = 92, so nahe dem Mittsommer, wie man verlangen konnte. Wenn sie also dastand, die Sonne direkt vor sich, und sich nicht bewegte, dann w�rde diese in gleicher H�he bleiben und den Rest des Tages um sie kreisen, oder auch den Rest der Woche! Das war fremdartig. Sie drehte sich wie ein Kreisel. Wenn sie lange genug still stand, w�rde sie es dann f�hlen?</p><p>Ihre polarisierte Visierscheibe reduzierte den Glanz der Sonne auf dem Eis zu einem Bogen aus kristallinen regenbogenfarbigen Punkten. Es war nicht sehr kalt. Sie konnte nur gerade eine Brise mit ihrer erhobenen Handfl�che sp�ren. Ein lieblicher roter Streifen aus abgelagertem Schichtmaterial lief wie eine geographische L�nge markierende Linie �ber den Horizont. Sie lachte bei diesem Gedanken. Um die Sonne herum war ein sehr schwacher Eisring, so gro�, dass sein unterer Bogen eben den Horizont ber�hrte. Eis sublimierte von der Polkappe und schimmerte oben in der Luft. Dadurch entstanden die Kristalle in dem Ring. Grinsend stampfte sie die Abdr�cke ihrer Stiefel in den Nordpol des Mars.</p><empty-line/><p>An diesem Abend stellten sie die Polarisatoren so ein, dass sie ein sehr ged�mpftes Bild der wei�en W�ste in den Fenstern des Moduls umgab. Nadia hatte sich zur�ckgelehnt mit einer leeren Ess-Sch�ssel im Scho� und trank eine Tasse Kaffee. Die Digitaluhr sprang von 23.59.59 auf 0.00.00 und hielt an. Ihre Ruhe betonte die Stille im Wagen. Simon schlief, Ann sa� im Fahrersitz und starrte auf die Szene hinaus. Sie hatte ihr Abendessen zur H�lfte verspeist. Kein Laut au�er dem Summen des Ventilators. Nadia sagte: �Ich freue mich, dass du uns hier heraufgebracht hast. Es war gro�artig.�</p><p>�Irgendwer sollte sich dar�ber freuen�, erwiderte Ann. Wenn sie �rgerlich oder m�rrisch war, wurde ihre Stimme flach und distanziert. �Es wird hier nicht lange so bleiben.�</p><p>�Bist du sicher, Ann? Das Eis ist hier f�nf Kilometer tief, hast du doch gesagt. Denkst du wirklich, dass es vollkommen verschwinden wird, blo� weil schwarzer Staub darauf liegt?�</p><p>Ann zuckte die Achseln. �Es kommt darauf an, wie warm wir es machen. Und wie viel Wasser es insgesamt auf dem Planeten gibt, und wie viel von dem Wasser im Regolith an die Oberfl�che gelangen wird, wenn wir die Atmosph�re heizen. Wir wissen von all diesen Dingen nichts, ehe sie eintreten. Aber ich f�rchte, dass diese Kappe, da sie der prim�r exponierte Wasserk�rper ist, gegen Ver�nderungen am empfindlichsten sein wird. Sie k�nnte g�nzlich wegsublimieren, ehe ein bedeutsamer Teil des Permafrostes geschmolzen ist.�</p><p>�V�llig?�</p><p>�Oh, gewiss wird jeden Winter etwas abgelagert werden. Aber das ist gar nicht so viel Wasser, wenn man es aus globaler Perspektive betrachtet. Dies ist eine trockene Welt, die Atmosph�re ist superarid. Antarctica wirkt daneben wie ein Dschungel. Und denk daran, wie dieser Ort uns auszud�rren versuchte. Wenn also die Temperaturen hoch genug ansteigen, wird das Eis wirklich in sehr hohem Tempo sublimieren. Diese ganze Kappe wird sich in die Atmosph�re verlagern und nach S�den geweht werden, wo sie bei Nacht ausfriert. Also wird sie im Effekt wieder gleichm��ig �ber den ganzen Planeten verteilt werden, in einer Schicht von ungef�hr einem Zentimeter Dicke.� Sie zog eine Grimasse. �Nat�rlich noch weniger; denn das meiste davon wird in der Luft bleiben.�</p><p>�Wenn es aber noch w�rmer wird, wird der Reif schmelzen, und es wird regnen. Dann haben wir Fl�sse und Seen, nicht wahr?�</p><p>�Falls der atmosph�rische Druck hoch genug ist. Fl�ssiges Oberfl�chenwasser h�ngt ebenso vom Luftdruck ab wie von der Temperatur. Wenn beide steigen, k�nnten wir in einigen Jahrzehnten hier auf Sand herumlaufen.�</p><p>�Das wird eine beachtliche Meteoritensammlung ergeben�, sagte Nadia im Versuch, Anns Stimmung zu heben.</p><p>Das klappte nicht. Ann zog den Mund zusammen, starrte aus dem Fenster und sch�ttelte den Kopf. Ihr Gesicht konnte so traurig sein. Das lie� sich nicht allein dem Mars zuschreiben. Da musste noch mehr dran sein, etwas, das diesen starken inneren Krampf und diesen �rger erkl�rte. Es fiel schwer zuzusehen. Wenn Maya ungl�cklich war, war es, als ob Ella Fitzgerald einen Blues s�nge. Man wusste, es war aufgesetzt. Der �berschwang str�mte einfach hindurch. Aber wenn Ann ungl�cklich war, schmerzte es hinzusehen.</p><p>Jetzt nahm sie ihre Sch�ssel mit Lasagne und lehnte sich zur�ck, um sie in die Mikrowelle zu tun. Hinter ihr schimmerte die wei�e Ferne unter einem schwarzen Himmel, als ob die Welt drau�en ein fotografisches Negativ w�re. Die Uhr sprang auf 0.00.01.</p><empty-line/><p>Vier Tage sp�ter waren sie vom Eis herunter. W�hrend sie ihre Route r�ckw�rts zu Phyllis und George verfolgten, rollten die drei Reisenden �ber eine Steigung und hielten an. Am Horizont war eine Struktur. Aus dem flachen Sediment des Chasmabodens ragte ein klassischer griechischer Tempel empor, sechs dorische S�ulen aus wei�em Marmor, �berdeckt von einem runden Flachdach.</p><p>�Was, zum Teufel��?�</p><p>Beim N�her kommen sahen sie, dass die drei S�ulen aus Eistrommeln des Sch�rfers bestanden, die man aufeinander get�rmt hatte. Die Scheibe, die als Dach diente, war roh ausgehauen.</p><p>�Georges Idee�, sagte Phyllis �ber Radio.</p><p>�Ich habe bemerkt, dass die Eiszylinder ebenso gro� waren wie die Marmortrommeln, die die Griechen f�r ihre S�ulen benutzt haben�, sagte George, der sichtlich mit sich zufrieden war. �Danach lag es auf der Hand.</p><p>Und der Sch�rfer l�uft perfekt. Also konnten wir etwas die Zeit totschlagen.�</p><p>�Es sieht gro�artig aus�, sagte Simon. Und da hatte er recht. Ein fremdartiges Bauwerk schimmerte traumhaft wie Fleisch in den langen D�mmerungszeiten, als ob Blut unter seinem Eis fl�sse. �Ein Tempel f�r Ares.�</p><p>�F�r Neptun�, korrigierte George. �Ich glaube nicht, dass wir Ares allzu oft beschw�ren sollten.�</p><p>�Besonders in Anbetracht der Leute im Basislager�, sagte Ann.</p><p>W�hrend sie nach S�den fuhren, zog sich ihre Bahn aus Radspuren und Transpondern vor ihnen her, so deutlich wie jede Fernstra�e mit einer Betondecke. Es war nicht n�tig, dass Ann darauf hinwies, wie sehr dies das Gef�hl ihrer Reise ver�nderte. Sie erforschten nicht mehr unber�hrtes Land, und die Natur der Landschaft selber war ver�ndert, in links und rechts gespalten durch die parallelen Linien quergerippter Reifenspuren und durch die gr�nen, vom Staub leicht mattierten Kanister, die alle �den Weg� markierten. Es war nicht mehr Wildnis. Darauf kam es ja beim Stra�enbau auch an. Sie konnten das Fahren dem automatischen Piloten von Rover Drei �berlassen, und taten das auch oft.</p><p>Also gondelten sie mit drei�ig km/h dahin mit nichts weiter zu tun, als die zweigeteilte Aussicht zu genie�en oder miteinander zu reden, was sie nicht h�ufig taten, au�er an dem Morgen, wo sie in eine hitzige Diskussion �ber Frank Chalmers gerieten. Ann erkl�rte ihn f�r einen abgefeimten Machiavellisten. Phyllis bestand darauf, dass er nicht schlimmer w�re als jeder beliebige Machthaber. Nadia erinnerte sich an ihre Gespr�che mit ihm �ber Maya und wusste, dass es komplizierter war als eine dieser beiden Ansichten. Aber Anns Mangel an Diskretion machte sie best�rzt; und als Phyllis weiter damit fortfuhr, wie Frank sie in den letzten Monaten der Ausreise zusammengehalten h�tte, sah Nadia Ann scharf an, um ihr mit Blicken klarzumachen, dass sie zu dem falschen Publikum redete. Phyllis wurde ihre Indiskretionen sp�ter gegen sie verwenden. Das war klar. Aber Ann verstand sich schlecht darauf, Blicke zu deuten.</p><p>Dann bremste der Rover pl�tzlich und blieb stehen. Niemand hatte aufgepasst, und sie sprangen alle zum Frontfenster.</p><p>Vor ihnen befand sich eine flache wei�e Fl�che, die ihre Stra�e auf fast hundert Meter bedeckte. �Was ist das?� schrie George.</p><p>�Unsere Permafrostpumpe�, sagte Nadia und zeigte hin. �Sie muss versagt haben?�</p><p>�Oder hat zu gut gearbeitet�, sagte Simon. �Das ist Wasser-Eis!�</p><p>Sie schalteten den Rover auf Handsteuerung und fuhren n�her heran. Das �bergelaufene bedeckte die Stra�e wie eine T�nche aus wei�er Lava. Sie zw�ngten sich in ihre Anz�ge und gingen zum Ende des Ergusses.</p><p>�Unsere private Eisbahn�, sagte Nadia und ging zur Pumpe. Sie l�ste das Isolationspolster und warf einen Blick hinein. �Aha�� ein Leck in der Isolation. Genau hier ist Wasser gefroren und hat den Sperrhahn in Stellung �offen� blockiert. Ein ganz anst�ndiger Druck, m�chte ich sagen. Ist gelaufen, bis es dick genug einfror, um es zum Stillstand zu bringen. Ein Hammerschlag k�nnte uns einen kleinen Geyser bescheren.�</p><p>Sie ging zu ihrem Werkzeugfach unterhalb des Moduls und holte eine Spitzhacke heraus. �Aufpassen!� Sie schlug einmal auf die wei�e Eismasse dort, wo die Pumpe mit dem Zuleitungsrohr f�r den Tank verbunden war. Ein dicker Wasserschwall spritzte ein Meter hoch in die Luft. �Oha!� Er platschte dampfend auf die wei�e Eisfl�che, wo er binnen Sekunden gefror und sich auf dem dort schon vorhandenen Eis wie in wei�en Bl�tenbl�ttern ausbreitete. �Seht euch das an!�</p><p>Auch das ganze Loch fror zu, der Wasserstrom h�rte auf, und der Dampf wurde davongetragen.</p><p>�Schaut, wie schnell es gefroren ist!�</p><p>�Sieht genau so aus wie diese Spritzkrater�, bemerkte Nadia grinsend. Es war ein wundervoller Anblick gewesen, wie Wasser ausstr�mte und wie verr�ckt dampfte, als es einfror.</p><p>Nadia klopfte an dem Eis um das Sperrventil herum, w�hrend Ann und Phyllis �ber Wanderung von Permafrost und Wassermengen in dieser Breite etc. etc. diskutierten. Man m�chte meinen, sie w�ren dessen �berdr�ssig geworden. Aber sie mochten einander wirklich nicht und konnten nicht aufh�ren. Es w�re die letzte Reise, die sie zusammen unternehmen w�rden, das war sicher. Nadia hatte keine Lust, jemals wieder mit Phyllis, George und Edvard zu reisen. Die waren zu selbstgef�llig und zu sehr eine kleine intime Gruppe f�r sich. Aber auch Ann war etlichen anderen Leuten entfremdet. Wenn sie nicht Acht g�be, w�rde sie �berhaupt niemanden haben, um sie auf ihren Fahrten zu begleiten. Zum Beispiel Frank�� die Bemerkung �ber ihn neulich in der Nacht und dann ausgerechnet Phyllis erz�hlen, wie schrecklich er war�� entsetzlich!</p><p>Und wenn sie sich von allen au�er Simon entfremdete, w�rde sie nach Konservation lechzen; denn Simon Frazier war der stillste Mann der ganzen Expedition. Er hatte w�hrend der ganzen L�nge der Reise kaum zwanzig S�tze gesprochen. Es war geradezu unheimlich, als ob man mit einem Taubstummen f�hre. Au�er, er redete vielleicht mit Ann, wenn sie allein waren. Wer konnte das wissen?</p><p>Nadia brachte das Ventil in Sperrstellung und schaltete dann die Pumpe ab. �Wir werden hier so weit im Norden dickere Isolierung brauchen�, sagte sie zu niemandem im besonderen, als sie ihr Werkzeug wieder zum Rover brachte. Sie war all der Intrigen m�de und wollte wieder ins Basislager zur�ck und an ihre Arbeit. Sie wollte mit Arkady sprechen. Er w�rde sie zum Lachen bringen. Und ohne es zu versuchen oder auch nur genau zu wissen, wie, w�rde sie ihn auch zum Lachen bringen.</p><p>Sie taten ein paar St�cke von dem �bergelaufenen Eis zu den �brigen Proben und stellten um die Stelle vier Transponder auf, um Robotpiloten darum herumzuf�hren. �Obwohl es wegsublimieren k�nnte, nicht wahr?� sagte Nadia.</p><p>Ann war in Gedanken versunken und h�rte die Frage nicht. Sie murmelte vor sich hin: �Hier oben gibt es eine Menge Wasser.� Sie wirkte besorgt.</p><p>Phyllis rief: �Du hast verdammt recht, das gibt es. Warum werfen wir jetzt keinen Blick auf jene Best�nde, die wir am Nordende von Mareotis geortet haben?�</p><empty-line/><p>Als sie der Basis n�her kamen, wurde Ann noch wortkarger und zur�ckgezogener. Ihr Gesicht war unbewegt wie eine Maske. �Was ist los?� fragte Nadia eines Abends, als sie zusammen kurz vor Sonnenuntergang im Freien waren und einen defekten Transponder reparierten.</p><p>�Ich will nicht zur�ckgehen�, sagte Ann. Sie kniete bei einem freistehenden Felsblock und klopfte daran herum. �Ich w�nschte mir, dass dieser Trip kein Ende h�tte. Ich m�chte die <emphasis>ganze Zeit</emphasis> unterwegs sein, hinab in die Canyons, hinauf auf die Vulkanr�nder, hinein in das Chaos und die Berge um Hellas. Ich werde nie aufh�ren wollen.� Sie seufzte. �Aber�� ich bin ein Teil des Teams. Also muss ich wieder in das elende Loch zur�ckkrabbeln zu all den anderen.�</p><p>�Ist das wirklich so schlimm?� fragte Nadia und dachte an ihre sch�nen Tonnengew�lbe, das dampfende Strudelbad und ein Glas eisgek�hlten Wodkas.</p><p>�Du wei�t, dass es das ist! Vierundzwanzigeinhalb Stunden t�glich unter der Oberfl�che in diesen kleinen R�umen, wenn Maya und Frank ihre politischen Spielchen betreiben und Arkady und Phyllis st�ndig �ber alles streiten�� was ich �brigens jetzt verstehe, glaube mir. Und wo George jammert und John in einem Nebel schwebt und Hiroko von ihrem kleinen Imperium besessen ist. Vlad auch, Sax auch�� Ich meine, was f�r ein Haufen!�</p><p>�Sie sind nicht schlechter als jeder andere. Nicht schlechter und nicht besser. Du musst zurechtkommen. Du k�nntest hier nicht ganz f�r dich allein sein.�</p><p>�Nein. Aber ich habe das Gef�hl, als w�re ich �berhaupt nicht hier, wenn ich in der Basis bin. Ich k�nnte ebenso gut wieder auf dem Schiff sein.�</p><p>�Nein, nein�, sagte Nadia. �Du vergisst.� Sie gab dem Felsen, an dem Ann weiterarbeitete, einen Tritt, und Ann blickte �berrascht auf. �Du kannst Steine wegsto�en, siehst du? Ann, wir sind hier. Hier auf dem Mars. Stehen auf ihm. Und jeden Tag kannst du hinausgehen und umherlaufen. Und du wirst in deiner Position so viele Reisen machen wie jeder andere.�</p><p>Ann blickte weg. �Manchmal kommt es mir gar nicht so vor.�</p><p>Nadia starrte sie an. �Nun gut, Ann. Die Strahlung h�lt uns mehr unter der Oberfl�che als alles andere. Was du sagst, l�uft praktisch darauf hinaus, dass du willst, die Strahlung sollte verschwinden. Was bedeutet, die Atmosph�re dichter zu machen, was aufs Terraformen hinausl�uft.�</p><p>�Ich wei�.� Ihre Stimme war gepresst�� so sehr, dass mit einemmal der zur�ckhaltende sachliche Ton verloren und vergessen war. �Glaubst du, dass ich das nicht wei�?� Sie stand auf und schwang den Geologenhammer. �Aber es ist nicht richtig! Ich meine, ich schaue auf dieses Land, und�� und ich <emphasis>liebe</emphasis> es. Ich m�chte immer drau�en sein und es bereisen, es studieren, darauf leben und es kennen lernen. Aber wenn ich das tue, dann ver�ndere ich es. Ich zerst�re das, was ich liebe und darin liebe. Diese Stra�e, die wir angelegt haben�� es schmerzt mich, sie zu sehen! Und das Basislager ist wie ein Tagebau, inmitten einer W�ste, die nie angetastet wurde seit dem Anfang der Zeit. So h�sslich, so��</p><p>Ich will dem Mars nicht das alles antun. Nein, Nadia! Ich w�rde lieber sterben. Lasst den Planeten in Ruhe, lasst ihm seine Wildheit und lasst die Strahlung tun, was sie will! Das ist sowieso nur eine Sache der Statistik. Ich meine, wenn sie meine Chance auf Krebs um das Zehnfache erh�ht, dann wird es mir neun Male von zehn gut gehen.�</p><p>�Fein f�r dich�, sagte Nadia. �Oder f�r jeden einzelnen. Aber f�r die Gruppe, f�r alle Lebewesen hier�� der genetische Schaden, wei�t du. Im Laufe der Zeit k�nnte er uns zu Kr�ppeln machen. Also du wei�t, dass du nicht nur an dich allein denken kannst.�</p><p>�Teil eines Teams�, sagte Ann niedergeschlagen.</p><p>�Ja, das bist du.�</p><p>�Ich wei�.� Sie seufzte. �Wir alle werden das sagen. Wir alle werden gehen und den Platz sicher machen. Stra�en, St�dte. Neuer Himmel, neuer Boden. Bis das alles ein Teil von Sibirien oder den amerikanischen Nordwestterritorien ist. Der Mars wird dahin sein, und wir werden hier sein und uns wundern, warum wir uns so leer f�hlen. Wie w�re es, wenn wir das Land anschauen und niemals wieder etwas sehen k�nnen als unsere eigenen Gesichter?�</p></section><section><empty-line/><p>Am zweiundsechzigsten Tag ihrer Reise sahen sie Rauchfahnen �ber dem S�dhorizont, braune, graue, wei�e und schwarze Streifen, die aufstiegen, sich vermischten und zu einer Pilzwolke mit flachem Oberteil aufbl�hten, die nach Westen zog. �Endlich wieder daheim�, sagte Phyllis vergn�gt.</p><p>Ihre Spuren von der Hinreise, halb von Staub gef�llt, f�hrten sie wieder zu dem Rauch. Durch die Zone der Frachtlandungen, �ber einen von Fahrspuren kreuz und quer gezeichneten Boden, �ber einen Boden, der zu leicht rotem Sand getrampelt war, vorbei an Senken und H�geln, Gruben und Pf�hlen und schlie�lich zu dem gro�en rohen H�gel der Dauersiedlung, einer quadratischen Schanze aus Erde, auf der jetzt ein silbriges Netz von Magnesiumtr�gern stand. Dieser Anblick reizte Nadias Interesse; aber als sie weiterrollten, konnte sie nicht umhin, das Gewirr von Rahmen, Kisten, Traktoren, Kr�nen, Ersatzteilhaufen, Abfallgruben, Windm�hlen, Sonnenpaddeln, Wassert�rmen, Betonstra�en, die nach Ost, West, S�d und Nord f�hrten, sowie Luftsammlern zu bemerken, ferner die niedrigen Geb�ude des Alchemistenviertels, deren Schornsteine die Rauchfahnen ausstie�en, die sie gesehen hatten. Die Stapel von Glas, die runden Kegel von grauem Kies, die gro�en Haufen aus rohem Regolith bei der Zementfabrik und die kleinen Haufen von Regolith, die �berall sonst verstreut waren. Das Ganze hatte das unordentliche, funktionale, h�ssliche Aussehen von Vanino oder Usman oder irgendwelcher stalinistischer Schwerindustriest�dte im Ural oder der �lfelder von Yakut. Sie rollten gute f�nf Kilometer durch diese Verw�stung; und dabei wagte Nadia nicht, Ann anzuschauen, die schweigend neben ihr sa� und Widerwillen und Ekel ausstrahlte. Auch Nadia war schockiert und davon �berrascht, wie sie sich selbst ver�ndert hatte. Vor der Reise hatte das alles v�llig normal gewirkt und hatte ihr sogar sehr gefallen. Jetzt war ihr leicht �bel, und sie f�rchtete, dass Ann etwas Gewaltt�tiges tun k�nnte, besonders wenn Phyllis noch etwas mehr sagen w�rde. Aber Phyllis hielt den Mund, und sie fuhren in das Traktorengel�nde au�erhalb der Nordgarage und hielten an. Die Reise war zu Ende.</p><p>Einen nach dem anderen zw�ngten sie die Rover in die Wand der Garage und krochen durch die T�ren hinaus. Ringsum dr�ngten sich vertraute Gesichter: Maya, Frank, Michel, Sax, John, Ursula, Spencer, Hiroko und alle �brigen, wirklich wie Br�der und Schwestern; aber so viele, dass Nadia �berw�ltigt war. Sie schrumpfte zusammen wie eine Mimose und konnte kaum sprechen. Sie hatte das Verlangen, etwas zu packen, das ihr zu entkommen schien. Sie sah sich um nach Ann und Simon, aber die waren von einer anderen Gruppe mit Beschlag belegt und wirkten best�rzt. Ann war stoisch eine Maske ihrer selbst.</p><p>Phyllis sprach f�r sie alle. �Es war h�bsch, wirklich eindrucksvoll. Die Sonne schien die ganze Zeit, und das Eis gibt es dort wirklich. Wir haben Zugang zu einer Menge Wasser bekommen. Es ist wie die Arktis, wenn man sich auf dieser Polkappe befindet���</p><p>�Habt ihr etwas Phosphorhaltiges entdeckt?� fragte Hiroko. Es war wunderbar, Hirokos Gesicht zu sehen, die wegen des Mangels an Phosphor f�r ihre Pflanzen besorgt war. Ann sagte ihr, sie h�tten Verwehungen von Sulfaten in dem leichten Material um die Krater in Acidalia gefunden. Also gingen sie zusammen los, um die Proben anzuschauen. Nadia folgte den anderen durch die unterirdische, mit Betonw�nden versehene Passage in die Dauersiedlung. Sie dachte an eine richtige Dusche und frisches Gem�se. Dabei h�rte sie halb Maya zu, die ihr die letzten Nachrichten verk�ndete. Sie war wieder daheim!</p><p>Zur�ck an die Arbeit! Und die war wie zuvor unerbittlich und vielseitig. Eine endlose Liste von Dingen, die getan werden mussten, und nie genug Zeit; denn obwohl manche Aufgaben viel weniger menschliche Zeit erforderten, als Nadia erwartet hatte, da sie f�r Roboter geeignet waren, erforderte alles andere mehr. Und nichts davon bereitete ihr die gleiche Freude wie damals der Bau der R�ume mit Tonnengew�lbe, selbst wenn es technisch interessant war.</p><p>Wenn sie wollten, dass der zentrale Platz unter der Kuppel irgendeinen Nutzen haben sollte, mussten sie ein Fundament legen, das von unten nach oben aus Kies, Beton, Kies, Fiberglas, Regolith und schlie�lich behandeltem Boden bestand. Die Kuppel selbst w�rde aus doppelten Scheiben von dickem behandeltem Glas bestehen, um den Druck auszuhalten und UV-Strahlen abzuschw�chen, sowie einen gewissen Prozentsatz an kosmischer Strahlung abzuhalten. Wenn das alles geschehen war, h�tten sie ein zentrales Garten-Atrium von zehntausend Quadratmetern. Wirklich ein eleganter und befriedigender Plan. Aber w�hrend Nadia an den verschiedenen Aspekten des Bauwerks arbeitete, fand sie, dass ihr Geist abschweifte und ihr Magen sich verkrampfte. Maya und Frank sprachen nicht mehr miteinander in ihren offiziellen Funktionen, was darauf hinwies, dass ihre private Beziehung wirklich auf einem Tiefpunkt war. Und Frank schien auch nicht gewillt, mit John zu sprechen, was ein Jammer war. Die geplatzte Aff�re zwischen Sasha und Yeli war zu einer Art B�rgerkrieg zwischen ihren Freunden geworden; und Hirokos Schar, Iwao, Paul, Ellen, Rya, Gene, Evgenia und der Rest, verbrachte, vielleicht in Reaktion auf all dies, jeden Tag drau�en im Atrium oder in den Gew�chsh�usern. Sie lebten da drau�en zusammen, mehr zur�ckgezogen denn je. Vlad und Ursula und der Rest des medizinischen Teams waren so in Forschungen vertieft, dass klinische Arbeit mit den Kolonisten fast unterblieb, was Frank erboste. Und die Geningenieure verbrachten ihre ganze Zeit drau�en in dem umgewandelten Anh�ngerpark, in den Labors.</p><p>Und dennoch verhielt sich Michel, als w�re nichts abnormal und als w�re er nicht der psychologische Beamte der Kolonie. Er verbrachte viel Zeit damit, franz�sisches Fernsehen anzuschauen. Als Nadia ihn wegen Frank und John fragte, machte er nur ein ausdrucksloses Gesicht.</p><p>Sie waren jetzt seit 420 Tagen auf dem Mars, und die ersten Sekunden ihres Universums waren vergangen. Sie kamen nicht mehr zusammen, um die Arbeit des n�chsten Tages zu planen oder zu besprechen, was sie machten. �Zu besch�ftigt�, sagten die Leute zu Nadia, wenn sie fragte. �Nun, das ist zu kompliziert zu beschreiben, wei�t du. Du w�rdest dabei einschlafen. Mir geht es jedenfalls so.� Und so weiter.</p><p>Und dann sah sie, in stillen Momenten mit ihrem geistigen Auge die schwarzen D�nen, das wei�e Eis, die Silhouetten der Gestalten vor dem Himmel eines Sonnenuntergangs. Sie erbebte dann und kam mit einem Seufzer wieder zu sich. Ann hatte tats�chlich einen neuen Ausflug arrangiert und war fort, diesmal nach S�den zu den n�rdlichsten Armen der gro�en Valles ,Marineris, um noch mehr unvorstellbare Wunder zu schauen. Aber Nadia wurde im Basislager gebraucht, ob sie mit Ann in die Canyons losziehen wollte oder nicht. Maya beklagte sich dar�ber, wie viel Ann fort war. �Es ist klar, dass sie und Simon etwas angefangen haben und nun da drau�en Flitterwochen feiern, w�hrend wir hier drinnen schuften.� Das war Mayas Art, die Dinge anzuschauen. Das w�re n�tig, um Maya so gl�cklich zu machen, wie Ann klang, wenn sie anrief. Aber Ann war in den Canyons; und das allein gen�gte, um sie so heiter zu stimmen. Falls sie und Simon ein Verh�ltnis angefangen h�tten, w�re das nur eine nat�rliche Fortsetzung davon, und Nadia hoffte, es w�re so. Sie wusste, dass Simon Ann liebte, und sie hatte in Ann eine immense Einsamkeit gesp�rt, etwas, das einen menschlichen Kontakt brauchte. Wenn sie nur wieder mit ihnen beisammen sein k�nnte!</p><p>Aber sie musste arbeiten. Also arbeitete sie. Sie scheuchte Leute auf den Baustellen umher, sie stolzierte �ber die Baupl�tze und schalt die nachl�ssige Arbeit ihrer Freunde. Ihre Versehrte Hand hatte w�hrend der Reise wieder etwas Kraft gewonnen, so dass sie wieder Traktoren und Bulldozer fahren konnte. Sie verbrachte damit lange Tage. Aber es war nicht mehr dasselbe.</p><empty-line/><p>Bei Ls = 208� kam Arkady zum ersten Mal auf den Mars herunter. Nadia ging zu dem neuen Raumhafen hinaus und stand am Rande der breiten Fl�che aus staubigem Zement, um die Ankunft zu beobachten. Sie h�pfte von einem Fu� auf den anderen. Der ockerfarbene Zement trug schon die gelben und braunen Flecken fr�herer Landungen. Arkadys Kokon erschien an dem roten Himmel, ein wei�er Punkt und dann eine gelbe Flamme wie eine umgedrehte Gasfackel. Schlie�lich l�ste er sich zu einer geod�tischen Halbkugel auf mit Raketen und Beinen darunter, die auf einer Feuers�ule herunterschwebte und mit unirdischer Sanftheit direkt auf dem Zentrumspunkt landete. Arkady hatte am Landeprogramm gearbeitet, offenbar mit Erfolg.</p><p>Er kletterte etwa zwanzig Minuten sp�ter aus der Luke des Landers und stand aufrecht auf der obersten Stufe, um sich umzuschauen. Selbstsicher ging er die Treppe hinunter und h�pfte, auf dem Boden angekommen, versuchsweise auf den Zehenspitzen, tat ein paar Schritte und drehte sich dann mit ausgebreiteten Armen um. Nadia erinnerte sich sofort daran, was f�r ein Gef�hl diese Empfindung von Hohlheit gewesen war. Dann fiel er vorn�ber. Sie eilte auf ihn zu; und er sah sie, stand auf, reckte sich und trippelte wieder �ber den rauen Portlandzement. Sie half ihm wieder auf die F��e, und sie trafen in einer Umarmung zusammen und stolperten�� er in einem gro�en Druckanzug und sie in einem Schutzanzug f�r den Mars. Sein haariges Gesicht sah durch die Visierscheiben schockierend real aus. Das Video hatte sie die dritte Dimension vergessen lassen und alles andere, das die Realit�t so lebhaft und wirklich machte. Er stie� mit seinem Visier gegen ihres und zeigte sein wildes Grinsen. Sie sp�rte die Spannung eines �hnlichen L�chelns auf ihrem Gesicht.</p><p>Er zeigte auf seine Armbandkonsole, und schaltete auf ihre private Frequenz um. Sie tat dasselbe.</p><p>�Willkommen auf dem Mars!�</p><p>Alex, Janet und Roger waren mit Arkady heruntergekommen; und als sie alle ausgestiegen waren, kletterten sie in einen offenen Wagen des Modells T, und Nadia fuhr sie zur Basis, erst �ber die breite befestigte Stra�e und dann in einer Abk�rzung durch das Alchemistenviertel. Sie erz�hlte ihnen von jedem Geb�ude, an dem sie vorbeikamen, und bemerkte, dass sie die schon alle kannten. Pl�tzlich wurde sie nerv�s, als sie sich erinnerte, wie es ihr nach der Reise zum Pol vorgekommen war. Sie hielten an der Garagenschleuse an, und Nadia f�hrte sie hinein. Dort gab es noch eine Familienwiedervereinigung.</p><p>Sp�ter an diesem Tag f�hrte Nadia Arkady durch das Quadrat �berw�lbter R�ume, eine T�r nach der anderen, einen fertig ausgestatteten Raum nach dem anderen, alle vierundzwanzig, und dann hinaus ins Atrium. Der Himmel hatte durch die Glasscheiben eine rubinrote Farbe, und die Magnesiumst�tzen schimmerten wie mattiertes Silber.</p><p>�Nun?� fragte Nadia schlie�lich, unf�hig, sich zur�ckzuhalten. �Was meinst du?�</p><p>Arkady lachte und zog sie an sich. Er trug noch seinen Raumanzug, und sein Kopf sah in der freien Hals�ffnung klein aus. Er f�hlte sich gepolstert und sperrig, und sie wollte ihn davon befreien.</p><p>�Nun, manches davon ist gut und manches schlecht. Aber warum ist es so h�sslich? Warum ist es so tr�bselig?�</p><p>Nadia zuckte �rgerlich die Achseln. �Wir haben zu tun gehabt.�</p><p>�Wir auf Phobos auch, aber du solltest es sehen! Wir haben alle G�nge mit Paneelen aus Nickel mit Platinstreifen verkleidet und deren Oberfl�chen mit sich wiederholenden Mustern verziert, die die Roboter nachts anfertigten. Escher-Reproduktionen, Spiegel f�r endlose Bildreihen angeordnet, Szenen von der Erde�� du solltest das sehen! Du kannst in eine der Kammern eine Kerze stellen, und es sieht aus wie die Sterne am Himmel oder ein Raum im Feuer. Jeder Raum ist ein Kunstwerk. Warte, bis du es siehst!�</p><p>�Ich warte schon darauf.� Nadia sch�ttelte den Kopf und l�chelte ihn an.</p><p>An diesem Abend gab es ein gro�es kommunales Bankett in den vier zusammenh�ngenden Kammern, die den gr��ten Raum in dem Komplex bildeten. Sie a�en H�hnchen und Sojaburger und �ppige Salate, und alle redeten zugleich, so dass man an die besten Monate auf der <emphasis>Ares</emphasis> oder sogar in Antarctica erinnert wurde. Arkady erhob sich, um ihnen �ber die Arbeit auf Phobos zu berichten. �Ich freue mich, endlich in Underhill zu sein.� Sie waren fast damit fertig, den Stickney-Krater zu �berkuppeln, sagte er ihnen. Und darunter waren lange G�nge in den br�chigen und an Brekzien reichen Fels gebohrt worden, die den Eisadern direkt durch den Mond folgten. �G�be es nicht die mangelnde Schwere, w�re es ein gro�artiger Ort�, schloss Arkady. �Aber dagegen k�nnen wir nichts tun. Wir haben den gr��ten Teil unserer Freizeit in Nadias Gravitationszug verbracht, aber es ist eng, und inzwischen erfolgt alle Arbeit in Stickney oder darunter. Darum haben wir zu viel Zeit schwerelos oder im Training verbracht und dennoch an Kraft eingeb��t. Schon die Schwere auf dem Mars erm�det mich jetzt. Ich bin schon ganz benommen.�</p><p>�Das bist du immer!�</p><p>�Also m�ssen wir dort die Crews regelm��ig auswechseln oder alles von Robotern erledigen lassen. Wir denken daran, dass wir alle endg�ltig herunterkommen. Wir haben unseren Part da oben erledigt. Eine funktionierende Raumstation ist jetzt bereit f�r diejenigen, welche folgen. Jetzt wollen wir unsere Belohnung hier unten.� Er hob sein Glas.</p><p>Frank und Maya runzelten die Stirn. Niemand w�rde gern zu Phobos hinaufgehen, und dennoch verlangten Houston und Baikonur, dass der Satellit stets besetzt sein sollte. Maya hatte den schon von der <emphasis>Ares</emphasis> gel�ufigen Gesichtsausdruck, der besagte, es sei alles Arkadys Fehler. Als Arkady das sah, brach er in Lachen aus.</p><p>Am n�chsten Tage f�hrten ihn Nadia und einige andere zu einer detaillierteren Tour durch Underhill und die umliegenden Einrichtungen; und er nickte die ganze Zeit mit seinem typisch glotz�ugigen Blick, der einen veranlasste, zur�ckzunicken, wenn er sagte: �Ja, aber; ja, aber�, und dann folgte eine ins einzelne gehende Kritik nach der anderen, bis er schlie�lich sogar Nadia auf die Nerven fiel. Obwohl schwer zu bestreiten war, dass das Gebiet von Underhill arg mitgenommen war und bis zum Horizont in jeder Richtung verunstaltet, so dass es schien, das ginge �ber den ganzen Planeten so weiter.</p><p>Arkady sagte: �Es ist leicht, Backsteine zu f�rben. Man f�ge Manganoxid vom Magnesiumschmelzen hinzu, und schon hat man reinwei�e Backsteine. F�r Schwarz f�ge man Kohle hinzu, die beim Bosch-Verfahren �brig geblieben ist. Man kann jede gew�nschte Stufe von Rot erhalten, indem man die Menge an Eisenoxiden ver�ndert. Einschlie�lich einiger wirklich erstaunlicher Scharlacht�ne. Schwefel f�r Gelb. Und es muss auch etwas f�r Gr�n und Blau geben. Ich wei� nicht, was; aber Spencer d�rfte es wissen. Vielleicht irgendein Polymer auf Schwefelbasis. Ich wei� es nicht. Aber ein helles Gr�n w�rde an so einem roten Ort fabelhaft aussehen. Es wird vom Himmel eine schw�rzliche Schattierung haben, aber dennoch gr�n sein und das Auge anziehen.</p><p>Und dann baut ihr mit diesen bunten Backsteinen W�nde, die alle Mosaiken sind. Das ist eine sch�ne Arbeit. Jeder kann seine eigene Wand oder sein eigenes Geb�ude haben, was immer er will. Alle Arbeitsst�tten im Alchemistenviertel sehen aus wie Hinterhofgaragen oder weggeworfene Sardinendosen. Backstein um sie herum w�rde helfen, sie zu isolieren. Also gibt es einen guten wissenschaftlichen Grund daf�r. Aber gewiss ist es ebenso wichtig, dass sie gut aussehen und dass es hier anheimelnd aussieht. Ich habe schon zu lange in einem Lande gelebt, das nur an N�tzlichkeit dachte. Wir m�ssen zeigen, dass wir hier mehr als das wertsch�tzen, ja?�</p><p>�Ganz gleich, was wir mit den Geb�uden anfangen�, erkl�rte Maya scharf, �der Boden um sie herum wird dennoch ganz aufgerissen sein.�</p><p>�Aber nicht unbedingt! Schau, wenn die Bauarbeiten beendet sind, w�re es leicht m�glich, den Boden wieder in seinen urspr�nglichen Zustand zu versetzen und dann lockeres Gestein dar�berzubreiten auf eine Weise, die die einstige Ebene nachahmt. Staubst�rme w�rden bald genug den erforderlichen Abrieb hinzuf�gen; und wenn die Leute dann Gehwege benutzen und Fahrzeuge auf Stra�en oder Schienen laufen w�rden, s�he es bald aus wie der alte Grund, hier und da von Geb�uden mit farbigem Mosaik besetzt und Glaskuppeln voller Gr�nzeug und gelben Backsteinstra�en oder sonst etwas. Nat�rlich m�ssen wir das machen. Es ist eine Angelegenheit des Geistes. Dies soll nicht hei�en, es h�tte schon fr�her gemacht werden k�nnen. Erst musste die Infrastruktur eingerichtet werden. Das ist immer unsauber; aber jetzt sind wir bereit f�r die Kunst der Architektur, f�r ihren Geist.�</p><p>Er schwenkte die H�nde, hielt pl�tzlich inne und starrte auf die zweifelnden Mienen hinter den Visierscheiben um ihn herum. �Nun, das ist doch eine Idee, oder?�</p><p>Ja, dachte Nadia und schaute sich mit Interesse um in dem Versuch, es sich bildlich vorzustellen. Vielleicht w�rde ihr ein solches Vorhaben wieder Freude an der Arbeit geben? Vielleicht w�rde es dann auch f�r Ann anders aussehen?</p><p>�Noch mehr Ideen von Arkady�, sagte Maya mit saurer Miene an diesem Abend im Schwimmbecken. �Das haben wir gerade n�tig.�</p><p>�Es sind aber gute Idee�, sagte Nadia. Sie stieg heraus, duschte und zog einen Pullover an.</p><p>Sp�ter am Abend traf sie wieder Arkady und zeigte ihm die Kammer in der Nordwestecke von Underhill, bei der sie die W�nde kahl gelassen hatte, so dass sie ihm das strukturelle Detail vorf�hren konnte.</p><p>�Es ist sehr elegant�, sagte er und strich mit einer Hand �ber die Backsteine. �Wirklich, Nadia, ganz Underhill ist pr�chtig. Ich kann deine Hand �berall daran erkennen.�</p><p>Erfreut ging sie an einen Schirm und rief die Pl�ne f�r ein gr��eres Habitat auf, an denen sie gearbeitet hatte. Drei Reihen von Kammern mit gew�lbter Decke unter der Oberfl�che �bereinander, in einer Wand eines sehr tiefen Grabens, Spiegel an der gegen�berliegenden Seite, um Sonnenlicht in die R�ume zu lenken�� Arkady nickte und zeigte grinsend auf den Schirm. Er stellte Fragen und machte Vorschl�ge: �Eine Arkade zwischen den R�umen und der Mauer f�r freien Platz. Und jedes Stockwerk gegen�ber dem darunterliegenden etwas zur�ckgesetzt, so dass jeder einen Balkon hat, der die Arkade �berschaut���</p><p>�Ja, das sollte m�glich sein��� Und sie tasteten an dem Computer, um die Architekturskizze zu ver�ndern, w�hrend sie redeten.</p><p>Sp�ter gingen sie in das �berdachte Atrium. Sie standen unter hohen B�scheln von schwarzen Bambusbl�ttern. Die Pflanzen waren noch in T�pfen, w�hrend der Boden vorbereitet wurde. Es war ruhig und dunkel.</p><p>Arkady sagte leise: �Vielleicht k�nnten wir dieses Areal um ein Stockwerk absenken. Fenster und T�ren in eure Gew�lbe schneiden und sie aufhellen.�</p><p>Nadia nickte. �Wir haben daran gedacht und werden es tun. Aber es geht langsam, so viel Erdreich durch Schleusen hinauszuschaffen.� Sie schaute ihn an. �Aber was ist mit uns, Arkady? Bis jetzt haben wir nur �ber die Infrastruktur gesprochen. Ich sollte meinen, dass sch�ne Geb�ude ziemlich weit unten auf der Liste der Dinge stehen, die zu tun w�ren.�</p><p>Arkady grinste. �Nun, vielleicht sind alle Dinge weiter oben auf der Liste schon erledigt.�</p><p>�Was? H�re ich, dass Arkady Nikelyovich das sagt?�</p><p>�Nun, du wei�t�� ich beklage mich nicht blo�, um mich zu beklagen, Miss Neun-Finger. Und die Art, wie die Dinge hier gelaufen sind, kommt dem sehr nahe, was ich w�hrend der Ausreise gesagt habe. So nahe, dass es t�richt w�re, sich zu beklagen.�</p><p>�Ich muss zugeben, du �berraschst mich.�</p><p>�Wirklich? Denk aber daran, wie ihr alle in diesem letzten Jahr zusammengearbeitet habt.�</p><p>�Halbjahr.�</p><p>Er lachte. �Halbjahr. Und w�hrend dieser ganzen Zeit besa�en wir keine Lander, wirklich. Diese abendlichen Zusammenk�nfte, wenn ein jeder das Sagen hat und die Gruppe entscheidet, was am dringendsten zu tun ist. So sollte es sein. Und keine Zeit vergeuden mit Kaufen oder Verkaufen, weil es keinen Markt gibt. Alles hier geh�rt allen gleicherma�en. Und niemand von uns kann irgend etwas, das wir besitzen, ausbeuten, weil es au�er uns keinen m�glichen K�ufer gibt. Es ist eine kommunale Gesellschaft geworden. Alle f�r einen und einer f�r alle.�</p><p>Nadia seufzte. �Arkady, die Dinge haben sich ge�ndert. Es ist nicht mehr so. Und es �ndert sich st�ndig noch mehr. Also wird es nicht dauern.�</p><p>�Warum sagst du das?� rief er. �Es wird dauern, wenn wir uns daf�r entscheiden, dass es dauern wird.�</p><p>Sie sah ihn skeptisch an. �Du wei�t, das ist nicht so einfach.�</p><p>�Nun ja, das ist es nicht. Aber es liegt in unserer Macht.�</p><p>�Vielleicht.� Sie seufzte wieder, dachte an Maya und Frank, an Phyllis, Sax und Ann. �Es gibt schrecklich viel Streit.�</p><p>�Das macht nichts, solange wir uns �ber gewisse grundlegende Dinge einig sind.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und rieb sich die Narbe mit den Fingern ihrer anderen Hand. Der fehlende Finger juckte. Sie f�hlte sich pl�tzlich bedr�ckt. �ber ihnen zeichneten sich die langen Bambusbl�tter vor den Sternen ab. Sie sahen aus wie Spritzer eines gigantischen Bazillus. Beide gingen sie den Weg zwischen Getreidebeeten entlang. Arkady ergriff ihre verst�mmelte Hand und schaute auf die Narbe, bis es ihr l�stig wurde, und sie sie zur�ckziehen wollte. Er hob sie hoch und gab dem jetzt freiliegenden Kn�chel an der Wurzel des Ringfingers einen Kuss. �Du hast starke H�nde, Miss Neun-Finger.�</p><p>�Fr�her habe ich das gemacht.� Sie machte eine Faust und hielt sie empor.</p><p>�Eines Tages wird Vlad dir einen neuen Finger wachsen lassen�, versicherte er, nahm ihre Faust und �ffnete sie. Dann hielt er die Hand fest, w�hrend sie weitergingen. Er sagte: �Das erinnert mich an das Arboretum in Sevastopol.�</p><p>�Mmm�, machte Nadia. Sie h�rte nicht richtig hin und achtete auf den warmen Druck seiner Hand in der ihren und ihre eng verschlungenen Finger. Auch er hatte starke H�nde. Sie war einundf�nfzig Jahre alt, eine rundliche kleine russische Frau mit grauem Haar, eine Bauarbeiterin mit einem fehlenden Finger. So sch�n, die W�rme eines anderen K�rpers zu f�hlen. Das war so lange her, und ihre Hand sog das Gef�hl auf wie ein Schwamm, bis das arme Ding voll und warm kribbelte. Es musste ihm merkw�rdig vorkommen, dachte sie. Dann gab sie es auf und sagte: �Ich freue mich, dass du hier bist.�</p><empty-line/><p>Die Anwesenheit von Arkady in Underhill war wie die Stunde vor einem Gewitter. Er veranlasste die Leute, �ber das, was sie taten, nachzudenken. Gewohnheiten, in die sie unbedacht verfallen waren, wurden kritisch betrachtet. Unter diesem neuen Druck wurden manche depressiv und manche aggressiv. Alle laufenden Diskussionen wurden etwas heftiger. Nat�rlich geh�rte die Debatte um das Terraformen dazu.</p><p>Jetzt war diese Debatte keineswegs ein Einzelfall, sondern vielmehr ein anhaltender Prozess, ein Thema, das immer wieder auftauchte, eine Sache beil�ufiger Gespr�che zwischen Einzelpersonen drau�en bei der Arbeit, beim Essen und Einschlafen. Alles m�gliche konnte es zur Sprache bringen: Der Anblick der wei�en Reiffahne �ber Tschernobyl, die Ankunft eines von Robotern gefahrenen Rovers, beladen mit Wassereis aus der Polstation, Wolken am D�mmerungshimmel. Manch einer, der diese oder andere Ph�nomene sah, sagte: �Das alles wird einige W�rmeeinheiten f�r das System bringen�, oder: �Ist dies Hexafluor�than nicht ein gutes Gas f�r Gew�chsh�user?� Vielleicht folgte dann eine Diskussion �ber die technischen Aspekte dieses Problems. Manchmal kam das Thema abends wieder in Underhill zur Sprache und f�hrte vom Technischen ins Philosophische und mitunter zu langen hitzigen Diskussionen.</p><p>Nat�rlich beschr�nkte sich die Debatte nicht auf den Mars. Positionspapiere wurden ausgefertigt von politischen Zentren <emphasis>in</emphasis> Houston, Baikonur, Moskau, Washington und dem UN-Amt f�r Marsfragen in New York, sowie in Regierungsb�ros, Zeitungsredaktionen, K�rperschaftsgremien, Universit�tsinstituten und Bars und Wohnungen in der ganzen Welt. Bei den Diskussionen auf der Erde fingen viele Leute an, die Namen der Kolonisten als eine Art von K�rzeln f�r die unterschiedlichen Positionen zu verwenden, so dass die Kolonisten selbst, wenn sie die Nachrichten von der Erde verfolgten, sahen, dass Leute sagten, sie w�ren f�r die Clayborne-Position ,oder unterst�tzten das Russell-Programm. Diese Erinnerung an ihren enormen Ruhm auf der Erde, ihre Existenz als Personen in einem laufenden TV-Drama war immer wieder spa�ig und aufregend. Nach der Flut von Sondersendungen und Interviews, die der Landung gefolgt waren, hatten sie dazu geneigt, die st�ndigen Fernseh�bertragungen zu vergessen, absorbiert von der t�glichen Realit�t ihres Lebens. Aber die Videokameras lieferten immer noch Berichte nach Hause; und es gab eine Menge Leute auf der Erde, die diese Shows liebten.</p><p>So hatte fast jeder seine Meinung. Abstimmungen zeigten, dass die meisten f�r das Russell-Programm waren�� ein inoffizieller Name f�r die Pl�ne von Sax, den Planeten so schnell wie m�glich mit allen denkbaren Mitteln zu terraformen. Aber die Minorit�t, die hinter Anns Haltung, die Finger davon zu lassen, stand, vertrat ihre Ansicht heftiger und behauptete, dass diese Frage unmittelbaren Einfluss auf die Antarktis-Politik und �berhaupt alle Umweltma�nahmen auf der Erde h�tte. Inzwischen zeigten verschiedene in den Abstimmungen gestellte Fragen, dass viele Leute von Hiroko und dem Farmprojekt fasziniert waren, w�hrend andere sich Bogdanovisten nannten. Arkady hatte n�mlich von Phobos eine Menge Videos geschickt; und Phobos war gut im Fernsehen, ein wahres Beispiel von Architektur und Ingenieurskunst. Neue Hotels und kommerzielle Zentren auf der Erde ahmten schon manche seiner Z�ge nach. Es gab in der Architektur eine Bewegung namens Bogdanovismus, w�hrend andere an ihm interessierte Bewegungen sich mehr auf soziale und �konomische Reformen der Weltordnung konzentrierten.</p><p>Aber das Terraformen stand immer dicht beim Zentrum all dieser Debatten, und die Meinungsverschiedenheiten der Kolonisten dar�ber wurden auf der gr��ten m�glichen �ffentlichen B�hne ausgetragen. Manche reagierten, indem sie Kameras vermieden und Bitten um Interviews verweigerten. �Davon komme ich gerade her�, sagte Hirokos Assistent Iwao, und recht viele pflichteten ihm bei. Die meisten �brigen k�mmerten sich nicht um die eine oder die andere Richtung. Manchen schien es aber zu gefallen. Zum Beispiel wurde das w�chentliche Programm von Phyllis durch beide christlichen Kabelstationen und Programme �ber Gesch�ftsanalyse in der ganzen Welt gesendet. Aber ganz gleich, wie man damit umging, es wurde deutlich, dass die meisten Leute auf der Erde und dem Mars annahmen, dass es zum Terraformen kommen w�rde. Es war keine Frage des Ob, sondern des Wann und Wie viel. Unter den Kolonisten selber war das fast die allgemeine Ansicht. Sehr wenige hielten es mit Arm: Nat�rlich Simon, vielleicht Ursula und Sasha, vielleicht Hiroko, auf seine Weise John und jetzt auf ihre Weise Nadia. Auf der Erde gab es mehr dieser �Roten�; aber sie hielten ihre Stellung notwendigerweise f�r eine Theorie, ein �sthetisches Urteil. Der st�rkste Punkt zu ihren Gunsten, und damit auch der von Ann am h�ufigsten in ihren Verlautbarungen f�r die Erde vertretene, war die M�glichkeit einheimisch entstandenen Lebens. Ann pflegte zu sagen: �Wenn es hier auf dem Mars Leben gibt, k�nnte die radikale Ver�nderung es t�ten. Wir k�nnen uns nicht einmischen, solange der Status von Leben auf dem Mars unbekannt ist. Das w�re unwissenschaftlich und�� noch schlimmer�� unmoralisch.�</p><p>Viele stimmten dem zu, einschlie�lich einer Menge in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf der Erde, die das Mars-Komitee der UN beeinflusste, welches die Kolonie beaufsichtigte. Aber jedes Mal, wenn Sax dieses Argument h�rte, konterte er sofort: �Es gibt kein Anzeichen von Leben auf der Oberfl�che in der Vergangenheit oder Gegenwart�, sagte er sanft. �Falls es existiert, muss es unterirdisch sein, vermutlich in der N�he vulkanischer Schlote. Aber selbst wenn es da unten Leben gibt, k�nnten wir zehntausend Jahre danach suchen und es nie finden, noch auch die M�glichkeit eliminieren, dass es sich da irgendwo anders befindet, irgendwo, wohin wir nicht geschaut haben. Also bedeutet das Warten, bis wir sicher wissen, dass es kein Leben gibt����� was unter Gem��igten eine recht verbreitete Meinung war��, �bedeutet praktisch Warten f�r immer. Auf eine entfernte M�glichkeit, die durch das Terraformen in keiner Weise unmittelbar gef�hrdet werden w�rde.�</p><p>�Nat�rlich w�rde sie das�, widersprach Ann. �Vielleicht nicht unmittelbar, aber schlie�lich w�rde der Permafrost schmelzen, es w�rde Bewegung durch die Hydrosph�re geben und deren totale Kontamination durch w�rmeres Wasser und irdische Lebensformen, Bakterien, Viren, Algen. Das k�nnte einige Zeit dauern, aber es w�rde bestimmt passieren. Und das k�nnen wir nicht riskieren.�</p><p>Sax zuckte dann die Achseln. �Erstens ist es ein postudiertes Leben mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit. Zweitens w�rde es auf Jahrhunderte hinaus nicht gef�hrdet sein. Wir k�nnten es in jener Zeit vermutlich lokalisieren und sch�tzen.�</p><p>�Aber vielleicht w�rden wir es nicht finden k�nnen.�</p><p>�Sollen wir also innehalten f�r ein wenig wahrscheinliches Leben, das wir wom�glich nie finden werden?�</p><p>Ann zuckte die Achseln. �Das m�ssen wir, sofern du nicht erkl�rst, dass es in Ordnung w�re, Leben auf anderen Planeten zu vernichten, so lange wir es nicht finden k�nnen. Und vergi� nicht: Einheimisches Leben auf dem Mars w�rde die gr��te Story aller Zeiten sein. Es w�rde Konsequenzen f�r die H�ufigkeit von Leben in der Galaxis haben, die man unm�glich �bersch�tzen kann. Die Suche nach Leben ist einer der Hauptgr�nde, weshalb wir hier sind.�</p><p>�Gut�, w�rde Sax sagen. �In der Zwischenzeit ist Leben, dessen Existenz wir ganz sicher sind, einem au�erordentlich hohen Ma� an Strahlung ausgesetzt.</p><p>Wenn wir nichts tun, um das zu mindern, k�nnten wir nicht imstande sein, hier zu bleiben. Wir brauchen eine dichtere Atmosph�re, um die Strahlung zu verringern.�</p><p>Das war keine Antwort auf Anns Punkt, sondern die Einf�hrung eines anderen Arguments, das einen hohen Einfluss hatte. Millionen auf der Erde wollten zum Mars kommen, an die �neue Grenze�, wo das Leben wieder ein Abenteuer war. Wartelisten f�r Emigration�� sowohl echte wie falsche�� waren massiv �berzeichnet. Aber keiner wollte in einem Bad mutagener Strahlung leben; und das praktische Verlangen, den Planeten f�r Menschen sicher zu machen, war bei den meisten st�rker als der Wunsch, die dort schon vorhandene leblose Landschaft zu erhalten, oder ein postuliertes einheimisches Leben zu sch�tzen, das, wie viele Wissenschaftler versicherten, gar nicht existierte.</p><p>Also schien es, auch bei denen, die zur Vorsicht mahnten, sicher, dass es zum Terraformen kommen w�rde. Ein Unterausschuss des Marskomitees der UN war zusammengetreten, um das Thema zu er�rtern; und auf der Erde hatte es jetzt den Charakter eines gegebenen unvermeidlichen Teils des Fortschritts angenommen, eines nat�rlichen Teils der Ordnung der Dinge. Ein offenkundiges Schicksal.</p><p>Auf dem Mars indessen war die Frage zugleich offener und dringender, weniger eine Sache der Philosophie als des t�glichen Lebens, von kalter giftiger Luft und der aufgenommenen Strahlung. Unter den Bef�rwortern des Terraformens scharte sich eine bedeutende Gruppe um Sax�� eine Gruppe, die es nicht nur tun, sondern so schnell wie m�glich tun wollte. Niemand war sich sicher, was das in der Praxis bedeutete. Sch�tzungen der Zeit, die es erfordern w�rde, eine �menschengerechte Oberfl�che� zu bekommen, reichten von einem Jahrhundert bis zu zehntausend Jahren, mit extremen Ansichten an beiden Enden von drei�ig Jahren (Phyllis) bis zu hunderttausend Jahren (Iwao). Phyllis sagte: �Gott hat uns diesen Planeten gegeben, um ihn nach unserm Bilde zu gestalten, um ein neues Eden zu schaffen.� Simon sagte: �Wenn der Permafrost schmilzt, w�rden wir auf einer zusammenbrechenden Landschaft leben, und eine Menge von uns w�rde get�tet werden.� Die Argumente gingen �ber einen weiten Bereich von Themen: Niveaus von Salz, Peroxid und Strahlung, Aussehen des Landes, m�gliche lethale Mutationen genetisch behandelter Mikroorganismen und so weiter.</p><p>Sax sagte: �Wir k�nnen versuchen, es zu modellieren; aber wir werden nie imstande sein, es ad�quat zu modellieren. Es ist zu gro�, und es gibt zu viele Faktoren, von denen viele unbekannt sind. Aber was wir daraus lernen werden, d�rfte n�tzlich sein f�r die Beherrschung des Erdklimas, zur Vermeidung einer globalen Erw�rmung oder einer k�nftigen Eiszeit. Es ist ein Experiment, ein gro�es, und es wird stets ein fortlaufendes Experiment sein, bei dem nichts garantiert oder sicher bekannt ist. Aber so ist nun einmal die Wissenschaft.�</p><p>Die Leute pflegten an dieser Stelle zu nicken.</p><p>Arkady dachte wie immer an die politische Seite der Sache. Er erkl�rte: �Wir k�nnen nie autark sein, wenn wir nicht terraformen. Wir m�ssen das tun, um uns den Planeten zu eigen zu machen, damit wir eine materielle Basis f�r die Unabh�ngigkeit haben werden.�</p><p>An dieser Stelle pflegten die Leute die Augen zu verdrehen. Aber es bedeutete, dass Sax und Arkady in gewisser Weise Verb�ndete waren; und das war eine starke Kombination. Und so gingen die Argumente immer und immer wieder herum und herum�� endlos.</p><p>Und jetzt war Underhill fast fertig, ein funktionierendes und in sehr vieler Hinsicht autarkes Dorf. Jetzt war es m�glich, weiterzugehen. Jetzt mussten sie entscheiden, was als n�chstes zu tun w�re. Und die Mehrheit wollte terraformen. Es wurde jede Menge Projekte vorgebracht, um den Prozess zu beginnen, die alle ihre Bef�rworter hatten, gew�hnlich bei denen, die f�r die Ausf�hrung verantwortlich sein w�rden. Das war ein wichtiges Motiv f�r die Beliebtheit der Sache. Eine jede Disziplin konnte auf die eine oder andere Weise dazu beitragen. Darum genoss die Sache breite Unterst�tzung. Die Alchemisten redeten �ber physikalische und mechanische Mittel, dem System mehr W�rme zuzuf�hren. Die Klimatologen debattierten �ber eine Beeinflussung des Wetters. Das Biosph�renteam sprach �ber zu pr�fende �kologische Systeme. Die Bioingenieure arbeiteten schon an neuen Mikroorganismen. Sie verlagerten, beschnitten und rekombinierten Gene von Algen, Methanogenen, Cyanobakterien und Flechten im Versuch, Organismen zu erzielen, die auf oder unter der gegenw�rtigen Marsoberfl�che leben k�nnten. Eines Tages luden sie Arkady ein, einen Blick auf das zu werfen, was sie machten, und Nadia kam mit ihm.</p><p>Sie hielten einige ihrer genetischen Prototypen in Mars-Beh�ltern, von denen der gr��te eines der alten Habitate im Anh�ngerpark war. Sie hatten es aufgemacht, Regolith auf den Fu�boden geh�uft und es wieder hermetisch versiegelt. Darin arbeiteten sie mit Fernbedienung und betrachteten die Resultate aus dem benachbarten Anh�nger, wo Messinstrumente Daten lieferten und Bildschirme zeigten, was die verschiedenen Schalen produzierten. Arkady sah sich genau jeden Schirm an, aber es gab nicht viel zu sehen. Ihre alten Unterk�nfte, bedeckt mit Plastikbeh�ltern voll roten Schmutzes, Roboterarme, die sich von ihren Halterungen gegen die W�nde ausstreckten. Auf einem Teil des Bodens sah man Anzeichen von Bewuchs, einen bl�ulichen Ginster.</p><p>�Das ist bis jetzt unser Champion�, sagte Vlad. �Aber immer noch nur leicht areophytisch, f�r Leben auf dem Mars geeignet.� Sie suchten nach einer Anzahl extremer Eigenschaften, einschlie�lich Resistenz gegen K�lte, Dehydration und UV-Strahlung, Vertr�glichkeit mit Salzen, wenig Sauerstoffbedarf und auf Stein oder Boden gedeihend. Kein einziger Organismus von der Erde hatte alle diese Z�ge; und wenn doch, so pflegten sie �u�erst langsam zu wachsen. Aber die Ingenieure hatten mit etwas angefangen, das Vlad ein �Misch- und Pass-Programm� nannte; und k�rzlich hatten sie eine Variante des Cyanophyten geschaffen, der manchmal als Blaugr�ne Alge bezeichnet wurde. �Sie gedeihen nicht so recht, sterben aber nicht so schnell, kann man sagen.� Sie nannten sie <emphasis>areophyte prim�res.</emphasis> Der gebr�uchliche Name wurde: <emphasis>Underhill-Algen.</emphasis> Sie wollten damit einen Feldversuch machen und hatten einen Antrag an UNOMA, das Marskomitee der UN, vorbereitet.</p><p>Arkady war, als er den Anh�ngerpark verlie�, sichtlich erregt, wie Nadia merkte. Und an diesem Abend sagte er der Gruppe beim Essen. �Wir sollten diese Entscheidung von uns aus f�llen; und wenn wir daf�r sind, handeln.�</p><p>Maya und Frank waren dar�ber emp�rt, und die meisten �brigen f�hlten sich dabei sicher auch nicht recht wohl. Maya bestand darauf, das Gespr�chsthema zu wechseln, und so geschah es dann auch etwas m�rrisch. Am n�chsten Morgen kamen Maya und Frank zu Nadia, um �ber Arkady zu sprechen. Die beiden Anf�hrer hatten schon sp�t in der vergangenen Nacht versucht, mit ihm vern�nftig zu reden. Maya erkl�rte: �Er lacht uns ins Gesicht. Es ist zwecklos, mit ihm zu argumentieren.�</p><p>�Was er vorschl�gt, k�nnte sehr gef�hrlich sein�, sagte Frank. �Wenn wir eine Direktive der UN ausdr�cklich missachten, w�rden sie vermutlich herkommen, uns zusammentreiben und heimschicken, um uns durch Leute zu ersetzen, die das Gesetz beachten. Ich meine, biologische Kontamination dieser Umwelt ist bei diesem Stand der Dinge schlechthin illegal; und wir haben nicht das Recht, dies zu ignorieren. Das ist internationales Recht. Das ist es, wie die Menschheit im allgemeinen diesen Planeten zur Zeit behandeln will.�</p><p>�Kannst du mit ihm <emphasis>reden?�</emphasis> fragte Maya.</p><p>�Ich kann zu ihm sprechen�, erwiderte Nadia. �Aber ich kann nicht sagen, dass das etwas bringen wird.�</p><p>�Bitte, Nadia, versuche es einfach! Wir haben genug Probleme damit.�</p><p>�Sicher, ich werde es versuchen.�</p><p>Also redete sie an diesem Nachmittag mit Arkady. Sie waren drau�en auf der Tschernobyl-Stra�e und auf dem R�ckweg nach Underhill. Sie fing davon an und meinte, dass Geduld angeraten w�re. �Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die UN ohnehin zu deiner Ansicht gelangen.�</p><p>Er blieb stehen, hob ihre verst�mmelte Hand hoch und sagte: �Wie viel Zeit haben wir deines Erachtens?� Er wies auf die untergehende Sonne. �Wie lange schl�gst du vor, sollen wir warten? Auf unsere Enkelkinder? Oder unsere Urenkel? Oder unsere Ururenkel, blind wie ein Grottenfisch?�</p><p>�Na na�, sagte Nadia und machte ihre Hand frei. �Grottenfisch!�</p><p>Arkady lachte. �Es ist doch aber eine ernste Frage. Wir haben nicht unendlich viel Zeit; und es w�re h�bsch zu sehen, wie die Dinge anfangen, sich zu ver�ndern.�</p><p>�Selbst so�� warum nicht ein Jahr warten?�</p><p>�Ein irdisches oder Marsjahr?�</p><p>�Ein Marsjahr. Daten aus allen Jahreszeiten bekommen und den UN Zeit lassen, sich zu entscheiden.�</p><p>�Wir brauchen die Daten nicht. Die liegen jetzt schon �ber Jahre vor.�</p><p>�Hast du mit Ann dar�ber gesprochen?�</p><p>�Nein. Das hei�t irgendwie. Aber sie ist dagegen.�</p><p>�Eine Menge Leute sind dagegen. Ich meine letztlich werden sie vielleicht zustimmen, aber du musst sie <emphasis>�berzeugen.</emphasis> Du kannst nicht einfach mir nichts dir nichts gegenteilige Meinungen �berrennen, sonst bist du genau so schlimm wie die Leute daheim, die du immer kritisierst.�</p><p>Arkady seufzte. �Ja, ja.�</p><p>�Nun, was ist mit dir?�</p><p>�Ihr verdammten Liberalen.�</p><p>�Ich wei� nicht, was das hei�en soll.�</p><p>�Es hei�t, du bist zu weichherzig, um jemals wirklich etwas zu tun.�</p><p>Aber jetzt waren sie in Sicht des flachen H�gels von Underhill, das aussah wie ein frischer leicht quadratischer Krater, dessen ausgeschleudertes Material um ihn herum verstreut war. Nadia zeigte darauf. �Ihr verdammten Radikalen����� sie stie� ihm mit dem Ellbogen hart in die Rippen�� �ihr hasst den Liberalismus, weil er funktioniert.�</p><p>Er knurrte.</p><p>�Doch! Er funktioniert allm�hlich, im Laufe der Zeit, nach schwerer Arbeit, ohne Feuerwerk oder billige Dramatik, oder dass Personen verletzt werden. Ohne eure sexistischen Revolutionen und alles, was damit an Qual und Hass verbunden ist. Er funktioniert einfach.�</p><p>�O Nadia!� Er legte seinen Arm um ihre Schultern, und sie gingen weiter auf die Basis zu. �Die Erde ist eine perfekt liberale Welt. Aber die H�lfte davon verhungert. So war es immer und so wird es immer sein. Sehr liberal.�</p><p>Dennoch schien Nadia ihn beeinflusst zu haben. Er h�rte auf, nach einer einseitigen Entscheidung f�r die Ausbringung der neuen Genprodukte auf die Oberfl�che zu rufen; und er beschr�nkte seine Propaganda auf sein Programm der Versch�nerung und verbrachte viel Zeit mit Versuchen zur Herstellung von farbigen Backsteinen und Gl�sern. Nadia traf sich mit ihm an den meisten Tagen zum Schwimmen vor dem Fr�hst�ck; und zusammen mit John und Maya zogen sie �ber eine Bahn in dem flachen Becken, das eine der �berw�lbten Kammern ganz ausf�llte, und schwammen ein flottes Training von ein- oder zweitausend Metern. John f�hrte beim Sprinten, Maya bei weiten Distanzen, Nadia war bei allem im R�ckstand, da sie durch ihre Hand behindert war; und sie quirlten durch das sehr spritzige Wasser wie eine Reihe von Delphinen, wenn sie durch ihre Schutzbrillen auf den himmelblauen Beton des Beckens schauten. �Der Schmetterlingsstil ist f�r diese Schwerkraft ideal�, sagte John und grinste dar�ber, wie sie praktisch aus dem Wasser herausfliegen konnten. Das Fr�hst�ck danach war angenehm, wenn auch kurz, und der Rest des Tages war die �bliche Arbeitsroutine. Nadia bekam Arkady nur selten vor dem Abend beim Essen zu sehen. Oder danach.</p><p>Dann wurden Sax und Spencer fertig mit der Installation der Roboterfabrik f�r die Windm�hlenheizer von Sax und beantragten bei der UNOMA Genehmigung, tausend St�ck davon rings auf den �quatorgebieten zu verteilen, um ihre effektive Heizleistung zu erproben. Man erwartete, dass sie alles in allem nur etwa doppelt so viel W�rme mehr liefern w�rden als Tschernobyl; und es wurde auch gefragt, ob man imstande sein w�rde, die zus�tzliche W�rme von den Fluktuationen des Hintergrundes zu unterscheiden. Aber wie Sax sagte, w�rde man das erst sicher wissen, nachdem man es versucht hatte.</p><p>Und so flammte der Streit ums Terraformen wieder auf. Und Ann entwickelte pl�tzlich eine emsige Betriebsamkeit. Sie tippte lange Mitteilungen, die sie an die Mitglieder des Exekutivkomitees der UNOMA und an die nationalen �mter f�r Marsangelegenheiten bei allen L�ndern, die derzeit dem Komitee angeh�rten, und schlie�lich auch an die UN-Generalversammlung verschickte. Diese Verlautbarungen erhielten st�rkste Beachtung, von den h�chst seri�sen politisch aktiven Ebenen bis hinunter zu Boulevardzeitungen und dem Fernsehen, zu Medien, die darin die neueste Episode der roten Seifenoper sahen. Ann hatte ihre Mitteilungen privatim geschrieben und verschickt. Daher erfuhren die Kolonisten davon erst, wenn Ausz�ge daraus im irdischen TV erschienen. Zu den nachfolgenden Reaktionen in den n�chsten Tagen z�hlten Debatten bei der Regierung, eine Rallye in Washington mit zwanzigtausend Teilnehmern, endloser Raum in den Spalten der Presse und Kommentare in den wissenschaftlichen Netzen. Die Intensit�t dieser Reaktionen wirkte etwas schockierend, und manche Kolonisten waren der Meinung, dass Ann ihre Kompetenzen �berschritten h�tte. Phyllis ihrerseits war au�er sich.</p><p>Sax sagte mit heftigem Augenzwinkern: �Au�erdem ergibt das keinen Sinn. Tschernobyl entl�sst schon fast so viel W�rme in die Atmosph�re wie diese Windm�hlen, und dar�ber hat sie sich nie beklagt.�</p><p>�O doch�, sagte Nadia. �Sie hat blo� die Abstimmung verloren.�</p><p>Man hielt bei der UNOMA Hearings ab, und w�hrenddessen trat eine Gruppe gewichtiger Wissenschaftler Ann beim Dinner entgegen. Viele der �brigen waren dort Zeugen dieser Konfrontation. Der Hauptspeisesaal von Underhill nahm vier Kammern ein, deren Trennw�nde entfernt und durch tragende S�ulen ersetzt worden waren. Es war ein gro�er Raum voller St�hle und Topfpflanzen und der Abk�mmlinge der V�gel von der <emphasis>Ares.</emphasis> Neuerdings wurde er auch erhellt durch Fenster, die an der ganzen Nordwand eingef�gt waren, und durch die man die ebenerdigen Getreidefelder im Atrium erblickte. Ein gro�er Raum; und mindestens die H�lfte der Kolonisten waren darin beim Essen, als das Meeting stattfand.</p><p>�Warum hast du nicht mit uns diskutiert?� fragte Spencer Ann.</p><p>Sie zwang ihn mit einem scharfen Blick wegzuschauen und sagte, Sax zugewandt: �Warum sollte ich mit dir dar�ber diskutieren? Es ist klar, was ihr alle dar�ber denkt, wir haben das schon oft durchgekaut; und nichts, das ich sage, hat f�r euch einen Unterschied gemacht. Ihr sitzt hier in euren kleinen L�chern, macht eure kleinen Experimente und stellt Dinge her wie Kinder mit einem Chemiebaukasten im Keller, w�hrend die ganze Zeit eine ganze Welt drau�en vor eurer T�r sitzt. Eine Welt, wo die Gel�ndeformen hundertmal gr��er sind als ihre Entsprechungen auf der Erde und tausendmal �lter, wobei �berall Beweisst�cke f�r den Anfang des Sonnensystems verstreut sind, ebenso wie die ganze Geschichte des Planeten, kaum ver�ndert w�hrend der letzten Milliarde Jahren. Und ihr macht euch daran, das alles zu vernichten. Und auch ohne euch ehrlich einzugestehen, was ihr da tut. Weil wir hier leben und den Planeten studieren k�nnten, ohne ihn zu ver�ndern. Das k�nnten wir tun mit sehr wenig Schaden oder auch nur Unannehmlichkeiten f�r uns selbst. All dieses Gerede �ber Strahlung ist doch Mist, und das wisst ihr auch. Ihr wollt das nur tun, weil ihr glaubt, es zu k�nnen. Ihr wollt es ausprobieren und sehen�� als ob es ein gro�er Sandkasten auf einem Spielplatz w�re, auf dem ihr H�user bauen k�nnt. Ein gro�er Marstopf! Ihr findet eure Rechtfertigungen, wo ihr k�nnt; aber das ist �ble Zuversicht und <emphasis>keine Wissenschaft!�</emphasis></p><p>W�hrend dieser Tirade war ihr Gesicht rot angelaufen. Nadia hatte sie noch nie auch nur ann�hernd so w�tend erlebt wie jetzt. Die gew�hnliche T�nche von Sachlichkeit, mit der sie ihren bitteren �rger verdeckte, war dahin; und sie war fast sprachlos vor Wut und bebte. �Ich sage, das ist keine Wissenschaft! Es ist nur ein Herumspielen. Und f�r dieses Spiel schickt ihr euch an, diese einmalige historische Chronik zu zerst�ren, die Polkappen zu vernichten und die Abflu�kan�le und die B�den der Canyons�� eine sch�ne reine Landschaft unwiederbringlich zu verw�sten. Und das f�r <emphasis>�berhaupt nichts!�</emphasis></p><p>Im Raum war�s m�uschenstill, alle waren wie versteinert. Die Ventilatoren summten. Die Leute fingen an, einander bed�chtig anzusehen. Simon machte einen Schritt auf Ann zu mit ausgestreckter Hand. Sie stoppte ihn mit einem Blick. Er h�tte ebenso gut in seiner Unterw�sche hinausgegangen und steifgefroren sein k�nnen, so erstarrte er. Sein Gesicht lief rot an. Er verlor seine Haltung und setzte sich wieder hin.</p><p>Sax Russell stand auf. Er sah so aus wie immer, vielleicht etwas erhitzter als sonst, aber milde, klein, mit eulenhaftem Blinzeln und ruhiger, trockener Stimme, als ob er �ber einen Lehrbuchabschnitt der Thermodynamik eine Vorlesung hielte oder das Periodische System der Elemente aufsagte.</p><p>�Die Sch�nheit des Mars besteht im menschlichen Geist�, sagte er in diesem trockenen, sachlichen Ton, und alle starrten ihn erstaunt an. �Ohne die menschliche Pr�senz ist er nur eine Ansammlung von Atomen, die sich von keinem anderen Fleck im Universum unterscheidet. Wir sind es, die ihn verstehen und ihm Sinn verleihen. Alle unsere Jahrhunderte haben wir zum Nachthimmel aufgeschaut und den Mars zwischen den Sternen wandern sehen. Alle jene N�chte haben wir ihn durch die Teleskope beobachtet, zugeschaut, eine winzige Scheibe betrachtet und versucht, Kan�le in den Ver�nderungen der Albedo zu erblicken. Alle diese bl�den Science Fiction-Romane mit ihren Monstern und Jungfrauen und sterbenden Zivilisationen. Und all die Wissenschaftler, die die Daten erforscht haben oder uns hierher gebracht haben. Das ist es, was den Mars sch�n macht. Nicht der Basalt und die Oxide.�</p><p>Er machte eine Pause, um sie alle anzuschauen. Nadia schluckte. Es war h�chst seltsam zu h�ren, wie diese Worte aus dem Mund von Sax Russell kamen, in dem gleichen trockenen Ton, den er bei der Analyse einer Datenkurve zu benutzen pflegte.</p><p>Er fuhr fort: �Jetzt, da wir hier sind, gen�gt es nicht, sich unter zehn Metern Boden zu verstecken und das Gestein zu untersuchen. Gewiss ist das Wissenschaft, und auch notwendige Forschung. Aber Wissenschaft ist mehr als das. Wissenschaft ist Teil eines gr��eren menschlichen Unterfangens; und dieses Unterfangen schlie�t ein, dass man zu den Sternen geht, sich anderen Planeten anpasst und diese an uns. Wissenschaft ist Sch�pfung. Das Fehlen von Leben hier und das Fehlen, es in f�nfzig Jahren des SETI-Programms, der Suche nach extraterrestrischen Zivilisationen, irgendwie gefunden zu haben, bezeugt, dass Leben selten ist und intelligentes Leben noch seltener. Und dennoch ist der ganze Sinn des Universums, seine Sch�nheit, in dem Bewusstsein intelligenten Lebens enthalten. Wir sind das Bewusstsein des Universums; und unsere Aufgabe ist es, dieses allenthalben zu verbreiten und die Dinge zu betrachten und �berall zu leben, wo wir es k�nnen. Es ist zu gef�hrlich, das Bewusstsein des Universums auf einen einzigen Planeten beschr�nkt zu halten. Es k�nnte ausgel�scht werden. Und so sind wir jetzt auf zweien, auch dreien, wenn ihr den Erdmond mitz�hlt. Und wir k�nnen diesen hier ver�ndern, um das Leben darauf sicherer zu gestalten. Ver�ndern w�rde nicht hei�en Zerst�ren. Es k�nnte schwieriger werden, seine Vergangenheit zu erkunden, aber seine Sch�nheit w�rde nicht vergehen. Wenn es Seen, W�lder oder Gletscher g�be, wie minderte das die Sch�nheit des Mars? Ich glaube nicht, dass es das t�te. Ich meine, es erh�hte sie nur. Es f�gt Leben hinzu, das sch�nste aller Systeme. Aber nichts, was Leben tun kann, wird Tharsis herunterholen oder Marineris f�llen. Mars wird immer Mars bleiben, anders als die Erde, k�lter und wilder. Aber er kann Mars sein und zugleich der unsere. Und er wird es sein. Das hat der menschliche Geist so an sich: Es kann gemacht werden, und es wird gemacht werden. Wir k�nnen den Mars umwandeln und bauen, wie man eine Kathedrale erbauen w�rde, als ein Denkmal zugleich f�r die Menschheit und das Universum. Wir k�nnen das machen, also werden wir es machen. Also����� er hielt die Hand empor, als ob er dar�ber befriedigt w�re, dass die Analyse durch die Daten in der Graphik best�tigt w�rde, als ob er das Periodische System gepr�ft und gefunden h�tte, dass es noch g�ltig w�re�� �� also k�nnen wir sehr wohl anfangen.�</p><p>Er sah Ann an; und alle Augen folgten ihr. Ann hatte die Lippen zusammengepresst, und ihre Schultern sanken herab. Sie wusste, dass sie geschlagen war.</p><p>Sie zuckte die Achseln, als ob sie eine Kapuze �ber Kopf und Rumpf z�ge, einen schweren Umhang, der sie zu Boden dr�ckte und ganz vor ihnen verbarg. Mit dem flachen stillen Ton, den sie gew�hnlich benutzte, wenn sie erregt war, sagte sie: �Ich denke, du bewertest Bewusstsein zu hoch und Gestein zu niedrig. Wir sind nicht Herren des Universums. Wir sind nur ein kleiner Teil davon. Wir m�gen sein Bewusstsein sein; aber dies bedeutet nicht, alles in ein Spiegelbild von uns zu verwandeln. Es bedeutet vielmehr, sich darin einzuf�gen, wie es ist, und es mit unserer Achtsamkeit zu verehren.� Sie begegnete dem sanften Blick von Sax, und ein letzter Wutausbruch schoss heraus. �Du hast den Mars nie <emphasis>gesehen.�</emphasis> Und sie verlie� den Raum.</p><empty-line/><p>Es war geplant, sie aus Luftschiffen abzuwerfen. Arkady beanspruchte sofort das Recht, deren erstes zu steuern, als eine Art von Belohnung f�r seine Arbeit auf Phobos. Maya und Frank waren nicht ungl�cklich bei dem Gedanken, dass Arkady f�r einen oder zwei Monate aus Underhill verschw�nde, und wiesen ihm gleich eines der Schiffe zu. Er w�rde in den vorherrschenden Winden ostw�rts driften und absteigen, um Windm�hlen in Kanalbetten und auf den �u�eren Flanken von Kratern zu platzieren, beides Stellen, wo es oft starke Winde geben k�nnte. Nadia h�rte erst von der Expedition, als Arkady durch die R�ume zu ihr kam und davon erz�hlte.</p><p>�Klingt h�bsch�, sagte sie. Er fragte: �Hast du Lust mitzukommen?� �O ja�, sagte sie. Ihr Geisterfinger pulsierte.</p></section><section><empty-line/><p>Das Lenkluftschiff war das gr��te, das jemals gebaut wurde, ein planetares Modell, das seinerzeit in Deutschland in Friedrichshafen konstruiert worden war. Man hatte es 2029 auf den Weg gebracht, so dass es erst k�rzlich angekommen war. Es hie� <emphasis>Arrowhead</emphasis> und ma� 120 Meter �ber die Fl�gel, 100 Meter von Bug bis Heck und war 40 Meter hoch. Es hatte ein inneres ultraleichtes Gerippe, Turbopropeller an jeder Fl�gelspitze und unter der Gondel. Diese wurden von Solarzellen angetrieben, die auf der Oberseite der H�lle untergebracht waren. Die bleistiftf�rmige Gondel erstreckte sich l�ngs �ber den gr��ten Teil der Unterseite, war innen aber kleiner, als Nadia erwartet hatte, weil ein gro�er Teil von ihr vorerst mit ihrer Ladung an Windm�hlen angef�llt war. Beim Start bestand ihr freier Raum aus kaum mehr als dem Cockpit, zwei schmalen Betten, einer winzigen K�che, einer noch kleineren Toilette und dem engen Tunnel, der notwendig war, um dazwischen herumzukriechen. Es war reichlich eng, aber zum Gl�ck hatten beide Seiten der Gondel Fenster an den Seiten; und diese boten, obwohl etwas durch Windm�hlen blockiert, eine Menge Licht und gute Sicht.</p><p>Das Abheben beim Start war langsam. Arkady l�ste die von den drei Anlegemasten ausgehenden Taue mit dem Umlegen eines Knebels im Cockpit. Die Turboprops arbeiteten heftig, aber sie hatten es mit Luft zu tun, die nur zw�lf Millibar dicht war. Das Cockpit schaukelte langsam auf und ab und bog sich mit dem inneren Ger�st. Und jeder Auf- und Abh�pfer f�hrte etwas h�her �ber den Boden. F�r jemanden, der an Raketenstarts gew�hnt war, wirkte das komisch.</p><p>�Lass uns dreisechzig nehmen und Underhill ansehen, ehe wir wegfahren�, sagte Arkady, als sie f�nfzig Meter hoch waren. Er neigte das Schiff auf die Seite, und sie machten eine langsame weite Kurve, wobei sie aus Nadias Fenster blickten. Fahrspuren, L�cher, Haufen von Regolith, alles dunkelrot vor der staubig orangenen Oberfl�che der Ebene�� es sah aus, als h�tte ein Drache mit gro�er Klaue hinuntergelangt und ab und zu Blut gesogen. Underhill befand sich im Zentrum der Wunden und bot an sich einen h�bschen Anblick, ein dunkelrotes Quadrat als Rahmen f�r ein leuchtendes Juwel aus Glas und Silber, mit unter der Kuppel eben erkennbarem Gr�n. Von ihm ausgehend f�hrten die Stra�en nach Osten zu Tschernobyl und nach Norden zu den Raumflugfeldern. Und oberhalb davon lagen die gr�nen Blasen von Gew�chsh�usern, und dann war da der Anh�ngerpark��</p><p>�Das Alchemistenviertel sieht immer noch aus wie etwas aus dem Ural�, sagte Arkady. �Wir m�ssen wirklich etwas daran tun.� Er lenkte das Luftschiff aus seiner Kurve und wendete es mit dem Wind nach Osten. �Sollte ich uns �ber Tschernobyl bringen und den Aufwind einfangen?�</p><p>�Warum sehen wir nicht einmal, was dieses Ding ohne Unterst�tzung kann?� fragte Nadia. Sie f�hlte sich leicht, als ob der Wasserstoff in den Ballons auch sie angef�llt h�tte. Die Aussicht war eindrucksvoll, der dunstige Horizont vielleicht hundert Kilometer entfernt, die Konturen des Landes alle klar sichtbar�� die leichten Buckel und Senken von Lunae, die Berge und Canyons des von Kan�len durchzogenen Gel�ndes im Osten. �Oh, das wird wundervoll werden!�</p><p>�Ja.�</p><p>Es war tats�chlich bemerkenswert, dass sie fr�her noch nie so etwas unternommen hatten. Aber Fliegen war auf dem Mars nicht einfach wegen der d�nnen Atmosph�re. Sie hatten die beste L�sung erw�hlt: Ein Luftschiff, so gro� und leicht wie m�glich, gef�llt mit Wasserstoff, der sich in der Luft des Mars nicht entz�ndete und relativ zu seiner Umgebung leichter war, als er auf der Erde gewesen w�re. Wasserstoff und die letzten Errungenschaften in superleichten Materialien gaben ihnen den Auftrieb, um eine Fracht wie ihre Windm�hlen zu bef�rdern. Aber mit einer solchen Last an Bord waren sie l�cherlich tr�ge.</p><p>Und so drifteten sie dahin. Den ganzen Tag �ber durchquerten sie die leicht h�glige Ebene von Lunae Planum, vom Wind nach S�dosten getrieben. Eine oder zwei Stunden lang konnten sie am S�dhorizont Juventa Chasma erkennen, einen klaffenden Canyon, die wie eine riesige Bergwerksgrube aussah. Weiter �stlich wurde das Land gelblich. Es war weniger Schotter an der Oberfl�che, und das darunter liegende Urgestein war zerknitterter. Es gab auch viel mehr Krater�� gro�e und kleine, mit scharfen R�ndern oder fast versch�ttet. Dies war Xanthe Terra, ein Hochland, das topographisch dem s�dlichen Bergland �hnelte und hier nach Norden zwischen die Tiefebenen von Chryse und Isidis hineinragte. Sie w�rden sich einige Tage lang �ber Xanthe befinden, wenn die vorherrschenden Westwinde ihnen treu blieben.</p><p>Sie kamen mit lausigen zehn Kilometern in der Stunde voran. Die gr��te Zeit flogen sie in etwa hundert Metern H�he, wodurch der Horizont ungef�hr f�nfzig Kilometer entfernt lag. Sie hatten Zeit, sich alles genau anzuschauen, was sie wollten, obwohl Xanthe sich als wenig mehr denn eine st�ndige Folge von Kratern herausstellte.</p><p>Sp�t an diesem Nachmittag neigte Nadia den Bug des Luftschiffs nach unten und kurvte in den Wind. Sie sanken bis auf zehn Meter �ber dem Boden und warfen dann ihren Anker aus. Das Schiff stieg, zerrte an seinem Tau und r�ckte abwindig zum Anker, an dem es wie ein dicker Spielzeugdrache zappelte. Nadia und Arkady zw�ngten sich durch die ganze L�nge der Gondel bis hin zu dem, was Arkady als Bombenschacht bezeichnete. Nadia hob eine Windm�hle auf den Haken der Frachtwinde. Die Windm�hle war ein kleines Ding, ein Magnesiumbeh�lter mit vier vertikalen Windfahnen auf einer oben herausragenden Stange. Sie wog ungef�hr f�nf Kilo. Sie schlossen den Schacht �ber ihr, pumpten die Luft heraus und �ffneten die Bodenklappen. Arkady bediente die Winde und blickte durch ein niedriges Fenster, um zu sehen, was er tat. Die Windm�hle fiel wie ein Stein hinunter und traf auf verh�rteten Sand an der S�dflanke eines kleinen namenlosen Kraters. Arkady l�ste den Haken der Winde und spulte das Tau zur�ck in den Schacht. Dann schloss er die Bombenklappen.</p><p>Sie gingen ins Cockpit zur�ck und schauten wieder nach unten, um zu sehen, ob die Windm�hle arbeitete. Da stand sie, ein kleiner Kasten auf dem Au�enhang eines Kraters, etwas geneigt, und die vier breiten vertikalen Bl�tter drehten sich fr�hlich. Es sah aus wie ein Anemometer aus dem meteorologischen Baukasten eines Kindes. Das Heizelement, eine freiliegende Metallspule, die wie eine Herdplatte strahlen w�rde, war auf einer Seite der Basis. Bei gutem Wind k�nnte das Element bis zu zweihundert Grad Celsius erreichen. Das war nicht schlecht, besonders in dieser Umgebungstemperatur. Dennoch�� �Es wird eine Menge davon erfordern, um einen Unterschied zu bewirken�, bemerkte Nadia.</p><p>�Sicher; aber jedes kleine bisschen hilft, und es ist in gewisser Weise kostenlose W�rme. Der Wind besorgt das Erhitzen, und die Sonne versorgt die Fabriken, welche die Windm�hlen herstellen, mit Energie. Ich halte es f�r eine gute Idee.�</p><p>Sie hielten an diesem Nachmittag noch einmal an, um eine weitere Windm�hle abzusetzen. Dann ankerten sie f�r die Nacht im Lee eines frischen jungen Kraters. Sie w�rmten sich in der winzigen K�che eine Mahlzeit durch Mikrowelle und zogen sich dann in ihre engen Kojen zur�ck. Es war ein eigenartiges Gef�hl, vor dem Wind zu schaukeln wie ein Boot an seiner Vert�uung: Ziehen und Treiben, Ziehen und Treiben. Aber es war sehr entspannend, wenn man sich daran gew�hnt hatte; und bald war Nadia eingeschlafen.</p><p>Am n�chsten Morgen erwachten sie vor der D�mmerung, legten ab und stiegen mit Motorkraft nach oben ins Sonnenlicht. Aus einer H�he von hundert Metern konnten sie beobachten, wie die im Schatten liegende Landschaft anfing, sich wie Bronze zu f�rben, bis der Terminator durchzog und helles Tageslicht folgte. Es beleuchtete ein phantastisches Gewirr von hellen Steinen und langen Schatten. Der Morgenwind dr�ckte direkt nach links gegen ihren Bug, so dass sie nordostw�rts gen Chryse geschoben wurden und mit voller Kraft der Propeller dahinbrummten. Dann senkte sich das Land unter ihnen, und sie befanden sich �ber dem ersten der Ausflu�kan�le, die sie passieren w�rden, einem gewundenen namenlosen Tal westlich von Shalbatana Vallis. Die S-Form dieses kleinen Trockentales war unzweifelhaft durch Wasser eingeschnitten. Stunden sp�ter schwebten sie �ber dem tieferen und viel breiteren Canyon von Shalbatana. Hier waren die Zeichen noch deutlicher: Tr�nentropfenf�rmige Inseln, gewundene Kan�le, alluviale Ebenen, Plateaulandschaften. �berall gab es Spuren einer m�chtigen Flut, einer Flut, die einen so riesigen Canyon geschaffen hatte, dass die <emphasis>Arrowhead</emphasis> darin wie ein Schmetterling aussah.</p><p>Die Ausflu�canyons und das Hochland dazwischen erinnerten Nadia an die Landschaft amerikanischer Cowboyfilme, mit Mulden, Mesas und isolierten Schiffsfelsen wie im Monument Valley. Nur hier dauerte es vier Tage, als sie nacheinander �ber den anonymen Kanal, Shalbatana, Simud, Tiu und dann Ares zogen. Und alle waren durch gigantische �berschwemmungen gebildet, die auf die Oberfl�che durchgebrochen und Monate lang gew�hrt hatten, wobei sie den Mississippi um das Zehntausendfache �bertrafen. Nadia und Arkady sprachen dar�ber, w�hrend sie in die Canyons unter ihnen hinabschauten. Aber es war schwer, sich so m�chtige Fluten vorzustellen. Jetzt str�mte durch die gro�en leeren Canyons nichts als Wind. Das aber so gut, dass Arkady und Nadia mehrmals hinuntergingen, um mehr Windm�hlen abzusetzen.</p><p>�stlich von Ares Vallis flogen sie dann wieder �ber das dicht mit Kratern besetzte Terrain von Xanthe. Wieder war das Land �berall durch Krater markiert: gro�e, kleine, alte, neue, Krater mit R�ndern, die durch j�ngere zerfranst waren, Krater mit B�den, die von f�nf kleineren Kratern punktiert waren, Krater, so frisch, als w�ren sie erst gestern eingepr�gt worden, Krater, die in der D�mmerung kaum zu erkennen waren als versch�ttete B�gen in dem alten Plateau. Sie kamen �ber Schiaparelli, einen m�chtigen alten Krater von hundert Kilometern Durchmesser. Als sie �ber seinen inneren Zentralberg schwebten, bildeten die Kraterw�nde den Horizont, einen perfekten Ring von H�geln rings um den Rand der Welt.</p><p>Danach wehten Winde einige Tage lang von S�den her. Sie erhaschten einen Blick auf Cassini, einen anderen gro�en Krater, und flogen �ber Hunderte kleinerer. Sie setzten t�glich einige Windm�hlen ab; aber der Flug gab ihnen ein st�rkeres Gef�hl f�r die Gr��e des Planeten, und das Projekt kam ihnen immer mehr wie ein Scherz vor, als ob sie �ber die Antarktis flogen und das Eis durch Absetzen einer Anzahl von Camping�fen zu schmelzen versuchten. �Man muss Millionen einsetzen, um irgendeinen Unterschied zu bewirken�, sagte Nadia, als sie nach einem weiteren Absetzen wieder aufstiegen.</p><p>�Stimmt�, sagte Arkady. �Sax w�rde auch gern Millionen einsetzen. Er hat ein automatisches Montageband, das sie laufend auswirft. Nur die Verteilung ist das Problem. Und au�erdem ist es auch ein Teil der Kampagne, die er plant.� Er zeigte nach hinten auf den letzten Bogen von Cassini, der den ganzen Nordwesten umspannte. �Sax m�chte gern noch ein paar L�cher mehr herausschlagen wie dieses hier. Vom Saturn einige kleine Eismonde einfangen oder vom Asteroideng�rtel, wenn er welche finden kann, und die dann in den Mars hineinjagen. Hei�e Krater erzeugen, den Permafrost schmelzen. Sie werden wie Oasen sein.�</p><p>�W�rden das nicht trockene Oasen sein? Man w�rde beim Eintritt das meiste Eis verlieren, und der Rest w�rde beim Kontakt verschwinden.�</p><p>�Sicher, aber wir k�nnen auch in der Luft mehr Wasserdampf brauchen.�</p><p>�Es w�rde aber nicht einfach verdampfen, sondern in seine atomaren Bestandteile zerfallen.�</p><p>�Einiges davon. Aber auch von Wasserstoff und Sauerstoff k�nnten wir mehr gebrauchen.�</p><p>�Also wollt ihr Wasserstoff und Sauerstoff vom Saturn holen? Na na, es gibt hier schon Mengen von beidem. Man m�sste nur etwas von dem Eis zerlegen.�</p><p>�Nun, auch das ist eine seiner Ideen.�</p><p>�Ich kann es gar nicht erwarten zu h�ren, was Ann dazu sagt.� Sie seufzte und dachte dar�ber nach. �Was man tun m�sste, w�re, glaube ich, einen Eis-Asteroiden streifend durch die Atmosph�re zu jagen, als ob man ihn aerodynamisch abbremsen wollte. Da w�rde er vergl�hen, ohne dass die Molek�le zerfielen. So bekommt man Wasserdampf in die Atmosph�re, der helfen w�rde. Und man m�sste nicht die Oberfl�che bombardieren mit Explosionen, die so stark sind wie hundert Wasserstoffbomben auf einmal.�</p><p>Arkady nickte. �Eine gute Idee! Das solltest du Sax erz�hlen.�</p><p>�Mach du das!�</p><p>�stlich von Cassini wurde das Terrain rauer denn je. Dies war eine der �ltesten Oberfl�chen des Planeten, schon in den fr�hesten Jahren des Bombardements mit Meteoriten von zahllosen Kratern zernarbt. Ein h�llisches Zeitalter, diese Fr�hzeit. Das konnte man an der Landschaft erkennen. Ein Niemandsland aus einem titanischen Stellungskrieg. Sein Anblick erzeugte nach einiger Zeit eine gewisse Abstumpfung, eine kosmologische Sch�tzengrabenneurose.</p><p>Sie flogen weiter�� nach Osten, Nordosten, S�dosten, S�den, Nordosten, Westen, Osten und wieder Osten. Endlich kamen sie an das Ende von Xanthe und begannen den langen Abhang von Syrtis Major Planitia hinabzusteigen. Das war eine Lava-Ebene, viel weniger dicht von Kratern �bers�t als Xanthe. Das Land senkte sich immer weiter, bis sie schlie�lich �ber ein Becken mit glattem Boden drifteten: Isidis Planitia, eine der niedrigsten Stellen auf dem Mars. Sie war das Kernst�ck der n�rdlichen Hemisph�re und wirkte nach den Gebirgen des S�dens besonders glatt, flach und niedrig. Und sie war auch ein sehr gro�es Gebiet. Es gab auf dem Mars wirklich eine Menge Land.</p><p>Als sie dann eines Morgens wieder auf Marschh�he aufstiegen, erhob sich ein Trio von Bergspitzen �ber den Osthorizont. Sie waren nach Elysium gekommen, dem einzigen anderen der Tharsis �hnlichen �Buckelkontinente�, die der Planet besa�. Elysium war eine kleinere Ausbuchtung als Tharsis, aber immer noch gro�, ein hoher Kontinent, tausend Kilometer lang und um zehn Kilometer h�her als das umgebende Gel�nde. Wie Tharsis war er beringt mit Flecken aus zerst�ckeltem Terrain, von Bruchsystemen, die von der Erhebung des Gebietes herr�hrten. Sie flogen �ber das westlichste dieser Bruchsysteme, Hephaestus Fossae, und erlebten einen phantastischen Anblick. F�nf lange tiefe parallele Canyons, wie Kratzspuren von Klauen im Muttergestein. Elysium ragte dahinter auf. Wie ein Sattel gestaltet erhoben sich Elysium Mons und Hecates Tholus an den beiden Enden einer langen Bergkette, 5000 Meter h�her als der von ihnen markierte Wulst. Ein Ehrfurcht gebietender Anblick. Elysium war um so vieles gr��er als alles, was Nadia und Arkady bisher gesehen hatten, als das Luftschiff auf die Bergkette zuschwebte. Beide waren sie einige Minuten lang sprachlos. Sie sa�en in ihren Sitzen und sahen zu, wie das alles langsam auf sie zuglitt. Als sie dann sprachen, dachten sie nur laut. Arkady sagte: �Sieht aus wie der Karakorum. Himalayaw�sten. Nur sind diese so einfach. Diese Vulkane sehen aus wie der Fudschi. Vielleicht werden eines Tages Menschen in Pilgerz�gen hinaufziehen.�</p><p>�Die sind so gro�. Man kann sich schwer vorstellen, wie die Tharsisvulkane aussehen werden. Sind die nicht doppelt so gro� wie diese?�</p><p>�Mindestens. Sie sehen doch beide aus wie Fudschi, findest du nicht?�</p><p>�Nein�, erwiderte Nadia.</p><p>Nach einer Weile sagte Arkady: �Nun, wir sollten lieber versuchen, das Ding zu umfahren. Ich bin nicht sicher, ob wir den Auftrieb haben, �ber diese Berge zu kommen.�</p><p>Also stellten sie die Propeller an und wandten sich scharf nach S�den. Die Winde spielten nat�rlich mit, da auch sie den Kontinent umrundeten. Also schwebte die <emphasis>Arrowhead</emphasis> nach S�dosten in eine raue Gebirgsregion namens Cerberus; und den ganzen n�chsten Tag konnten sie ihr Fortkommen am Anblick von Elysium erkennen, das langsam links von ihnen vorbeizog. Es vergingen Stunden, das Massiv r�ckte in ihre Seitenfenster. Wie langsam das ging, machte es deutlich, wie gro� diese Welt war. <emphasis>Der Mars hat so viel Landfl�che wie die Erde.</emphasis> Das hatten alle immer gesagt, aber das waren nur Worte gewesen. Der augenf�llige Beweis daf�r war jetzt die Langsamkeit, mit der sie an Elysium vorbeikrochen.</p><empty-line/><p>Die Tage vergingen. Hinauf in der kalten Morgenluft, �ber das zerkl�ftete rote Land, hinunter bei Sonnenuntergang, um an einer luftigen Verankerung zu h�pfen. Eines Abends, als der Vorrat an Windm�hlen geschrumpft war, ordneten sie die restlichen anders an und zogen mit ihren Betten zusammen unter die Steuerbordfenster. Das geschah ohne Diskussion, als ob es so geplant gewesen w�re. Als ob sie sich schon lange zuvor darauf verst�ndigt h�tten. Und als sie sich bei der Umordnung der Sachen in der Gondel umherbewegten, stie�en sie zusammen, wie es schon w�hrend der ganzen Reise geschehen war; jetzt aber geschah es absichtlich und mit einer Sinnlichkeit, die dem Ausdruck gab, was sie schon lange vorgehabt hatten. Zuf�lle wurden zum Vorspiel. Und schlie�lich brach Arkady in Gel�chter aus, packte sie und dr�ckte sie wie ein B�r an sich. Nadia trug ihn auf den Schultern zu ihrem neuen Doppelbett, und sie k�ssten sich wie Teenager und liebten sich immer wieder in dem r�tlichen Licht der D�mmerung und den gestirnten schwarzen N�chten, w�hrend sich das Schiff in seinen Vert�uungen leicht bewegte. Und sie lagen beisammen und plauderten. Das Gef�hl des Schwebens, w�hrend sie sich in den Armen lagen, war deutlich sp�rbar, romantischer als in einem Zug oder Schiff auf See. Einmal sagte Arkady: �Zuerst sind wir Freunde geworden. Das macht hier einen Unterschied, denkst du nicht auch?� Er stupste sie mit dem Finger. �Ich liebe dich.� Es war, als ob er die Worte mit der Zunge auskostete. Es war Nadia klar, dass er sie noch nicht oft ausgesprochen hatte. Es war klar, dass sie f�r ihn etwas bedeuteten, eine Art von Verpflichtung. Ideen bedeuteten ihm so viel! �Und ich liebe dich�, sagte sie.</p><p>Und morgens pflegte Arkady in der engen Gondel nackt auf und ab zu tapsen, wobei sein rotes Haar gleich allem anderen in dem horizontalen Morgenlicht wie Bronze schimmerte und Nadia sich in ihrem Bett so heiter und gl�cklich f�hlte und sie sich immer wieder daran erinnern musste, dass das Gef�hl des Schwebens nur durch die geringe Schwere des Mars zustande kam. Aber es f�hlte sich an wie Freude.</p><empty-line/><p>Eines Nachts, als sie einschliefen, fragte Nadia neugierig: �Warum mich?�</p><p>�Ha?� Er hatte schon fast geschlafen.</p><p>�Ich sagte: Warum ich? Ich meine, Arkady Nikelyovich, du k�nntest jede der Frauen hier geliebt haben, und sie h�tten dich auch geliebt. Du h�ttest Maya haben k�nnen, wenn du gewollt h�ttest.�</p><p>Er brummte: �Ich h�tte Maya haben k�nnen! Oje! Ich h�tte mich an Maya Katarina erfreuen k�nnen. Genau wie Frank und John!� Er knurrte, und beide lachten laut los. �Wie habe ich mir so ein Vergn�gen entgehen lassen k�nnen. Ich muss verr�ckt sein!� Er kicherte, bis sie ihm einen Sto� gab.</p><p>�Schon recht, schon recht. Also eine der anderen, der h�bschen, Janet oder Ursula oder Samantha.�</p><p>�Lass nur!� sagte er. Er st�tzte sich auf einen Ellbogen und blickte sie an. �Du hast wirklich keine Ahnung, was Sch�nheit ist, oder?�</p><p>�Ganz gewiss doch�, sagte Nadia eigensinnig.</p><p>Arkady ignorierte sie und sagte: �Sch�nheit ist Macht und Eleganz, rechtes Handeln, eine zur Funktion passende Form, Intelligenz und Einsicht. Und sehr oft����� er grinste und stupste sie auf den Bauch�� �dr�ckt sich das in Kurven aus.�</p><p>�Kurven habe ich schon�, sagte Nadia und stie� seine Hand fort.</p><p>Er beugte sich vor und versuchte, sie in die Brust zu bei�en, aber sie wehrte ihn ab.</p><p>�Sch�nheit ist das, was du bist, Nadezhda Francine. Nach diesen Kriterien bist du die K�nigin des Mars.�</p><p>�Prinzessin des Mars�, korrigierte sie zerstreut und dachte dar�ber nach.</p><p>�Ja, das ist richtig. Nadezhda Francine Cherneshevsky, die neunfingrige Marsprinzessin.�</p><p>�Du bist kein konventioneller Mann.�</p><p>�Nein!� br�llte er. �Ich habe nie behauptet, eine Ausnahme zu sein, au�er nat�rlich vor gewissen Auswahlkomitees. Ein konventioneller Mann! Ah, hahaha�� die konventionellen M�nner bekommen Maya. Das ist ihr Lohn.� Er lachte wie ein Wilder.</p><empty-line/><p>Eines Morgens �berquerten sie die letzten zerkl�fteten Berge von Cerberus und schwebten hinaus auf die staubige Ebene von Amazonis Planitia. Arkady f�hrte das Luftschiff nach unten, um eine Windm�hle in einem Pass zwischen den zwei letzten H�geln des alten Cerberus abzusetzen. Aber mit der Klammer des Windenhakens ging etwas schief; und sie schnappte auf, als die Windm�hle noch halbwegs �ber dem Boden war. Sie fiel flach auf ihre Basis. Vom Schiff aus schien das in Ordnung zu sein; aber als Nadia sich anzog und in der Schlinge hinunterging, um es genau zu pr�fen, fand sie, dass die Heizplatte von der Basis abgebrochen war.</p><p>Und da, hinter der Platte, war etwas. Ein mattgr�nes Etwas mit einem Stich ins Blaue, im dunkeln Innern des Kastens. Sie langte mit einem Schraubenzieher hinein und stocherte vorsichtig daran herum. �Verdammt!� sagte sie.</p><p>�Was ist?� sagte Arkady oben.</p><p>Sie ignorierte ihn und kratzte etwas von der Substanz in einen Beutel, den sie f�r Schrauben und Muttern benutzte.</p><p>Dann stieg sie in die Schlinge und verlangte: �Zieh mich hoch!�</p><p>�Was fehlt?� fragte Arkady.</p><p>�Zieh mich blo� hoch!�</p><p>Er schloss die Bombenklappen hinter ihr und fragte sie: �Was ist los?�</p><p>Sie nahm den Helm ab. �Du wei�t, was los ist, du Schuft!� Sie holte zu einem Haken aus, und er sprang zur�ck und prallte auf eine Wand aus Windm�hlen. �Au!� schrie er. Eine Windfahne hatte ihn im R�cken getroffen. �He! Was ist denn los, Nadia?�</p><p>Sie nahm den Beutel aus der Tasche ihres Schutzanzugs und schwenkte ihn vor ihm. �Wie konntest du das tun? Wie konntest du mich anl�gen? Du Schuft, hast du eine Ahnung, in welche Schwierigkeiten uns das hier bringen wird? Sie werden herkommen und uns alle zur Erde zur�ckschicken!�</p><p>Arkady machte gro�e Augen und rieb sich das Kinn. Er sagte ernst: �Ich w�rde dich nicht bel�gen, Nadia. Ich bel�ge meine Freunde nicht. Zeig her!�</p><p>�Wei�t du es wirklich nicht?�</p><p>�Was soll ich wissen?�</p><p>Sie konnte nicht glauben, dass er Unkenntnis heuchelte. Das war einfach nicht seine Art. Was die Dinge gleich sehr seltsam machte. �Mindestens einige unserer Windm�hlen sind kleine Algenplantagen.�</p><p>�Sind <emphasis>was?�</emphasis></p><p>�Die verfluchten Windm�hlen, die wir �berall abgesetzt haben�, sagte sie, �sind voll gestopft mit Vlads neuen Algen oder Flechten, oder was immer es ist. Schau!� Sie legte den kleinen Beutel auf den winzigen K�chentisch, �ffnete ihn und benutzte den Schraubenzieher, um etwas herauszuholen. Kleine knollige Brocken aus bl�ulicher Flechte. Wie Lebensformen des Mars aus einem alten Science Fiction-Roman.</p><p>Sie starrten es an.</p><p>Arkady sagte: �Mich laust der Affe!� Er beugte sich hinunter, bis seine Augen nur noch ein Zentimeter �ber dem Zeug auf dem Tisch waren.</p><p>�Schw�rst du, es nicht gewusst zu haben?� fragte Nadia.</p><p>�Ich schw�re. Das w�rde ich dir nicht antun, Nadia. Du wei�t das.�</p><p>Sie holte tief Luft. �Nun, offenbar wollten unsere Freunde uns das antun.�</p><p>Er richtete sich auf und nickte. �Das stimmt.� Er dachte scharf nach. Dann nahm er einen der Windm�hlenk�sten und stellte ihn vor sich hin. �Wo war es?�</p><p>�Hinter der Heizplatte.�</p><p>Sie machten sich mit Nadias Werkzeug an die Arbeit und �ffneten das Ding. Hinter der Platte war wieder eine Kolonie von Underhill-Algen. Nadia stocherte an den Kanten der Platte herum und entdeckte ein Paar kleiner Scharniere, wo die Oberseite der Platte an die Innenseite der Containerwand stie�. �Schau, es ist so konstruiert, dass man es �ffnen kann.�</p><p>�Aber wer soll das �ffnen?� fragte Arkady.</p><p>�Radio?�</p><p>�Ich werde verr�ckt!� Arkady stand auf und ging in dem engen Korridor auf und ab. �Ich meine���</p><p>�Wie viele Fahrten mit Luftschiffen sind bis jetzt gemacht worden? Zehn? Zwanzig? Und sie alle werfen diese Dinger ab?�</p><p>Arkady fing an zu lachen. Er warf den Kopf zur�ck, und sein heftiges, verr�cktes Grinsen spaltete seinen roten Bart. Er lachte, bis er sich die Seiten hielt. �Ah, hahaha!�</p><p>Nadia, die das �berhaupt nicht f�r spa�ig hielt, merkte dennoch, dass sie selbst bei seinem Anblick grinsen musste. Sie protestierte: �Wir sind in gro�en Schwierigkeiten!�</p><p>�Vielleicht�, sagte er.</p><p>�Bestimmt! Und das ist alles dein Fehler. Einige dieser t�richten Biologen in dem Anh�ngerpark haben deinen anarchistischen Schwulst ernst genommen.�</p><p>�Nun, das ist wenigstens ein Punkt zugunsten dieser Bastarde. Ich meine����� er ging wieder in die K�che, um den Klumpen aus blauem Zeug anzustarren��, �wor�ber reden wir deiner Meinung nach �berhaupt. Wie viele unserer Freunde stecken da drin? Und warum, in aller Welt, haben sie <emphasis>mir</emphasis> nichts gesagt?�</p><p>Das wurmte ihn wirklich, wie sie merkte. Tats�chlich war er immer emp�rter, je l�nger er dar�ber nachdachte; denn die Algen bedeuteten, dass in ihrer Gruppe eine Subkultur au�erhalb der UNOMA-Auf-sicht agierte, die aber Arkady nicht eingeweiht hatte, obwohl er der erste und lautst�rkste Bef�rworter einer solchen Subversion gewesen war. Was hatte das zu bedeuten? Gab es Leute, die auf seiner Seite standen, ihm aber nicht vertrauten? Gab es Dissidenten mit einem konkurrierenden Programm?</p><p>Das konnten sie nicht sagen. Schlie�lich lichteten sie den Anker und fuhren �ber Amazonis. Sie passierten einen Krater mittlerer Gr��e namens Pettit; und Arkady bemerkte, dass der einen guten Platz f�r eine Windm�hle abgeben w�rde. Aber Nadia knurrte nur. Sie flogen vorbei und besprachen die Lage. Sicherlich musste es etliche Leute in den Labors der Bioingenieure geben, die davon wussten, wahrscheinlich die meisten von ihnen, m�glicherweise alle. Und Hiroko hatte sich f�r die Windm�hlen ausgesprochen. Aber sie waren sich nie sicher gewesen, weshalb. Es war unm�glich zu beurteilen, ob sie etwas dieser Art billigen w�rde oder nicht, da sie mit ihren Ansichten einfach zu zur�ckhaltend war. Aber es war m�glich.</p><p>W�hrend sie dar�ber redeten, nahmen sie die zerbrochene Windm�hle v�llig auseinander. Die Heizplatte diente gleichzeitig als Tor f�r das Abteil mit den Algen. Wenn sich das Tor �ffnete, w�rden die Algen in ein Gebiet entlassen, das durch die Heizplatte etwas w�rmer war als die Umgebung. Jede Windm�hle diente so als Mikro-Oase; und wenn die Algen es schafften, mit ihrer Hilfe zu �berleben und dann �ber das kleine, von der Heizplatte erw�rmte Gebiet hinauswuchsen, war es gut. Falls nicht, w�rden sie auf dem Mars jedenfalls nicht recht gedeihen. Die Heizplatte diente f�r sie nur als Startplatz, nicht mehr. So etwa m�ssten ihre Konstrukteure gedacht haben. �Man hat uns zu Johnny Appleseeds gemacht�, sagte Arkady.</p><p>�Johnny was?�</p><p>�Eine amerikanische Volkssage.� Er erz�hlte ihr von dem Mann, der durch das Auss�en von Apfelkernen segensreich f�r sein Land gewirkt haben soll.</p><p>�Ach so. Und jetzt wird John Bunyan uns in den Hintern treten.�</p><p>�O nein. Niemals. Der Gro�e Mann ist st�rker als dieser legend�re Holzf�ller, das kannst du mir glauben.�</p><p>�Der Gro�e Mann?�</p><p>�Wei�t du, alle diese Namen gelten Merkmalen der Landschaft. Die Badewanne des Gro�en Mannes, sein Golfplatz und was auch immer.�</p><p>�Nun ja.�</p><p>�Jedenfalls sehe ich nicht ein, weshalb wir in Schwierigkeiten geraten sollten. Wir haben nichts davon gewusst.�</p><p>�Wer wird uns das aber glauben?�</p><p>�Wahrscheinlich niemand. Diese Schufte, damit haben sie mich wirklich erwischt.�</p><p>Offenbar machte dies Arkady die meisten Sorgen. Nicht dass sie den Mars mit fremden Lebensformen kontaminiert h�tten, sondern dass er von einem Geheimnis ausgeschlossen worden war. M�nner waren so Ichbesessen, wenn es darum ging. Und Arkady hatte seine eigene Gruppe von Freunden gehabt, vielleicht mehr als das. Es gab Leute, die ihm in allen zustimmten, gewisserma�en Gefolgsleute. Die ganze Phobos-Crew und eine Menge der Programmierer in Underhill. Und wenn einige seiner eigenen Leute ihm etwas verheimlichten, so war das schlimm. Wenn aber eine andere Gruppe ihre eigenen Geheimpl�ne hatte, war das gewiss noch schlimmer; weil die mindestens St�rer und vielleicht Konkurrenten waren.</p><p>So etwa schien er zu denken. Er sprach nicht viel dar�ber; aber es kam zum Ausdruck durch sein Gebrumm und seine pl�tzlichen scharfen Fl�che, die echt waren, obwohl sie mit Ausbr�chen von Heiterkeit abwechselten. Er konnte sich anscheinend nicht entschlie�en, ob er geschmeichelt oder w�tend sein sollte. Nadia glaubte schlie�lich, dass er beides zugleich war. So war Arkady. Er empfand die Dinge unbefangen und total, ohne sich viel Gedanken zu machen, ob das zusammenpasste. Aber sie war sich nicht allzu sicher, ob ihr seine Motive diesmal gefielen�� sei es sein �rger oder seine Heiterkeit. Und das sagte sie ihm ziemlich verwirrt.</p><p>�Na, mach schon!� schrie er. �Warum sollten sie es vor mir geheim halten, wenn es urspr�nglich meine Idee war?�</p><p>�Weil sie wussten, dass ich mit dir kommen w�rde. Wenn sie es dir sagten, h�ttest du es mir erz�hlen m�ssen. Und wenn du es mir sagtest, w�rde ich es verhindert haben.�</p><p>Arkady lachte dar�ber unb�ndig. �Also war von ihnen schlie�lich doch alles wohl bedacht!�</p><p>�Quatsch!�</p><p>Die Bioingenieure, Sax, die Leute in der Abteilung, die die Dinger wirklich gebaut hatten. Jemand im Nachrichtenwesen wahrscheinlich auch�� Es gab eine ganze Anzahl, die es gewusst haben mussten.</p><p>�Was ist mit Hiroko?� fragte Arkady.</p><p>Sie konnten sich nicht entscheiden. Sie wussten nicht genug von ihren Ansichten, um erraten zu k�nnen, was sie vielleicht dachte. Nadia war sich ziemlich sicher, dass sie auch dazu geh�rte, konnte aber nicht erkl�ren, warum. Sie dachte dar�ber nach und sagte: �Ich habe das Gef�hl, es ist die Gruppe um Hiroko, das ganze Farmteam und eine h�bsche Anzahl anderer, die sie respektieren und�� ihr folgen. In gewisser Weise sogar Ann. Obwohl Ann sehr w�tend sein wird, wenn sie davon h�rt. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass Hiroko von allem, was an Geheimem vor sich geht, wissen w�rde. Besonders, wenn es mit �kologischen Systemen zu tun hat. Schlie�lich arbeitet ja die Bioingenieurgruppe die meiste Zeit mit ihr zusammen; und f�r manche von denen ist sie wie so was wie ein weiblicher Guru. Sie verehren sie beinahe. Wahrscheinlich haben sie ihren Rat erhalten, als sie diese Algen zusammengef�gt haben.�</p><p>�Hmmm���</p><p>�Also haben sie wahrscheinlich ihre Zustimmung f�r diese Idee bekommen. Vielleicht sollte ich sogar sagen, ihre Erlaubnis.�</p><p>Arkady nickte. �Ich verstehe, was du meinst.�</p><p>Sie redeten endlos weiter, zerkr�melten jeden einzelnen Punkt. Das Land, �ber das sie kamen, flach und unbewegt, sah f�r Nadia jetzt anders aus. Es war bes�t und ged�ngt. Es w�rde sich jetzt unausweichlich ver�ndern. Sie sprachen �ber die anderen Teile der Terraformungspl�ne von Sax, gigantische orbitale Spiegel, die Sonnenlicht auf die Grenzgebiete der D�mmerungen lenkten, �ber Kohlenstaub, der �ber die Polkappen ausgestreut w�rde, aerothermale W�rme, die EisAsteroiden. Es schien, dass das alles wirklich passieren w�rde. Die Debatte war umgangen, die ersten irreversiblen Fakten geschaffen worden. Jetzt w�rden sie das Antlitz des Mars ver�ndern.</p><empty-line/><p>Am zweiten Abend nach ihrer Entdeckung, als sie im Lee eines Kraters vor Anker lagen, bekamen sie einen Anruf aus Underhill, der von einem Nachrichtensatelliten �bermittelt wurde. �He, ihr beiden!� sagte John Boone zur Begr��ung. �Wir haben ein Problem.�</p><p><emphasis>�Ihr</emphasis> habt ein Problem?� entgegnete Nadia.</p><p>�Wieso, stimmt da drau�en etwas nicht?�</p><p>�Nein, nein.�</p><p>�Na sch�n; denn in Wirklichkeit seid ihr es, auf die ein Problem zukommt. Und ich m�chte nicht, dass ihr euch mit mehr als einem herumschlagen m�sstet. Unten in der Claritas-Fossae-Region ist ein Staubsturm aufgekommen, und er w�chst und bewegt sich ziemlich schnell nach Norden. Wir denken, dass er euch in einem Tag erreichen k�nnte.�</p><p>�Ist es f�r Staubst�rme nicht etwas fr�h?� fragte Arkady.</p><p>�O nein, wir sind bei Ls = 240, das ist die �bliche Jahreszeit daf�r. Jedenfalls gibt es ihn, und er kommt in eure Richtung.�</p><p>Er �bermittelte ein Satellitenfoto des Sturms, und sie studierten ihren Fernsehbildschirm eingehend. Die Gegend s�dlich von Tharsis war jetzt durch eine amorphe gelbe Wolke verdeckt.</p><p>�Wir sollten lieber gleich nach Hause starten�, sagte Nadia nach eingehender Betrachtung.</p><p>�Bei Nacht?�</p><p>�Wir k�nnen die Propeller nachts mit Batterien laufen lassen und diese dann morgen fr�h wieder aufladen. Wir werden nicht viel Sonnenlicht haben, sofern wir nicht �ber den Staub gelangen k�nnen.�</p><p>Nach einiger Diskussion mit John und dann mit Ann legten sie ab. Der Wind trieb sie nach Ostnordost, und bei diesem Kurs w�rden sie direkt zum S�dhang des Olympus Mons gelangen. Sie hofften, danach um die Nordflanke von Tharsis herumzukommen, die sie wenigstens f�r einige Zeit vor dem Sturm sch�tzen w�rde.</p><p>Bei Nacht erschien das Fliegen lauter. Das Rauschen des Windes �ber den Stoff der H�lle war ein fluktuierendes St�hnen und der Klang ihrer Motoren ein j�mmerliches kleines Brummen. Sie sa�en im Cockpit, das nur durch schwach leuchtende gr�ne Instrumentenlichter erhellt war, und sprachen mit gesenkter Stimme, w�hrend sie sich �ber das dunkle Land in der Tiefe bewegten. Sie mussten etwa 3000 Kilometer zur�cklegen bis Underhill. Das bedeutete etwa dreihundert Stunden Flugzeit. Wenn sie rund um die Uhr fuhren, w�ren das ungef�hr zw�lf Tage. Aber der Sturm w�rde, wenn er in dem �blichen Ma�e zunahm, sie lange davor erreichen. Danach�� Es war schwer zu sagen, wie es gehen w�rde. Ohne Sonnenlicht w�rden die Propeller die Batterien ersch�pfen und dann��</p><p>�K�nnen wir einfach mit dem Wind treiben?� fragte Nadia. �Die Propeller f�r gelegentliche Richtungssch�be benutzen?�</p><p>�Vielleicht. Aber diese Dinge sind so konstruiert, dass die Propeller zum Auftrieb beitragen.�</p><p>�Ach ja.� Sie machte Kaffee und brachte zwei Becher davon ins Cockpit. Sie sa�en da, tranken und schauten auf die schwarze Landschaft oder den gr�nen Wischer auf dem kleinen Radarschirm. �Wahrscheinlich m�ssten wir alles abwerfen, das wir nicht brauchen. Besonders diese verdammten Windm�hlen.�</p><p>Die Stunden der Nacht zogen sich hin. Sie wechselten sich am Steuer ab, und Nadia konnte eine Stunde lang unruhig schlafen. Als sie wieder ins Cockpit kam, sah sie, dass der gr��te Teil von Tharsis �ber den Horizont vor ihnen gerutscht war. Die zwei n�rdlichen der drei Hauptvulkane, Ascraeus Mons und Pavonis Mons, waren fern am Ende der Welt als Klumpen zu erkennen, welche die Sterne nahe dem Horizont verdeckten. Zu ihrer Linken ragte Olympus Mons noch immer �ber den Horizont; und wenn man die anderen beiden Vulkane hinzunahm, war es so, als flogen sie in einem gigantischen Canyon. Der Radarschirm gab das Bild im kleinen wieder, mit gr�nen Linien auf dem Netz des Schirms.</p><p>Dann, in der Stunde vor der D�mmerung, schien es, als ob sich ein anderer m�chtiger Vulkan vor ihnen erheben w�rde. Der ganze s�dliche Horizont hob sich, tiefstehende Sterne verschwanden vor ihren Augen. Orion ertrank in Schw�rze. Der Sturm kam.</p><p>Er erwischte sie gerade bei Tagesanbruch, erstickte das Rot am Osthimmel, �berrollte sie und tauchte die Welt in rostfarbene Dunkelheit. Der Wind frischte auf.</p><p>Er fuhr an den Fenstern der Gondel vorbei mit dumpfem Gebr�ll und dann laut heulend. Staub flog mit erschreckender, unwirklicher Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Dann wurde der Wind noch heftiger, und die Gondel h�pfte auf und ab, wenn das Ger�st des Luftschiffs hin und her verdreht wurde.</p><p>Sie hatten insofern Gl�ck, als sie nach Norden wollten. Arkady sagte: �Hoffentlich bewegt sich der Wind um die Nordschulter von Tharsis.�</p><p>Nadia nickte schweigend. Sie hatten keine Gelegenheit gehabt, die Batterien nach dem n�chtlichen Flug wieder aufzuladen, und ohne Sonnenlicht w�rden die Motoren nicht sehr viel l�nger laufen. Nadia sagte: �Hiroko meinte, dass das Sonnenlicht w�hrend eines Sturms ungef�hr f�nfzehn Prozent seiner normalen St�rke erreichen d�rfte. In der H�he w�rde es mehr sein. Also werden wir etwas nachladen k�nnen; aber das wird nur langsam gehen. Es k�nnte sein, dass wir im Laufe der Fahrt bei Tag gerade genug bekommen, um die Propeller bei Nacht zu betreiben.� Sie rechnete es mit dem Computer aus. Irgend etwas in Arkadys Gesichtsausdruck�� nicht Furcht oder Angst, aber ein eigenartiges kleines <emphasis>L�cheln��</emphasis> gab ihr zu erkennen, in welch gro�er Gefahr sie schwebten. Wenn sie die Propeller nicht benutzen k�nnten, w�ren sie nicht imstande, ihren Kurs zu halten und k�nnten vielleicht nicht einmal mehr in der Luft bleiben. Sie w�rden gewiss hinuntergehen und versuchen, sich zu verankern. Aber sie hatten nur noch f�r ein paar Wochen zu essen; und St�rme wie dieser w�hrten oft zwei Monate, manchmal auch drei.</p><p>�Das ist Ascraeus Mons�, sagte Arkady und zeigte auf den Radarschirm. �Ein gutes Bild.� Er lachte. �Ich f�rchte, das beste Bild, das wir diesmal bekommen, wenn wir herumfahren. So ein Pech! Ich hatte wirklich erwartet, ihn zu sehen. Erinnerst du dich an Elysium?�</p><p>�O ja�, sagte Nadia und lie� emsig Simulationen �ber die Batterieleistung durchlaufen. Das Sonnenlicht des Tages hatte fast sein Maximum im Perihel erreicht. Das war der Hauptgrund f�r den Ausbruch des Sturms gewesen. Und die Instrumente sagten, dass etwa 20 Prozent des vollen Tageslichts bis zu dieser H�he durchk�men (ihr Auge hatte den Eindruck, dass es eher 30 oder 40 w�ren). Darum sollte es m�glich sein, die Propeller w�hrend der halben Zeit laufen zu lassen, was enorm hilfreich sein w�rde. Ohne sie bewegten sie sich mit rund zw�lf Kilometern pro Stunde und verloren auch an H�he�� obwohl das auch der unter ihnen ansteigende Boden sein mochte. Mit den Propellern k�nnten sie eine gleichm��ige H�he halten und ihren Kurs um einen oder zwei Grad beeinflussen.</p><p>�Was meinst du, wie dick dieser Staub ist?�</p><p>�Wie dick?�</p><p>�Du wei�t, in Gramm pro Kubikzentimeter. Versuche, Ann oder Hiroko �ber Funk zu bekommen, um es herauszufinden.�</p><p>Sie ging nach hinten, um zu sehen, was sie an Bord hatten, das f�r die Energieversorgung der Propeller benutzt werden k�nnte. Hydrazin f�r die Vakuumpumpen der Luftschleuse des Bombenschachts. Die Pumpenmotoren k�nnten wahrscheinlich an die Propeller angeschlossen werden�� Sie stie� eine der verdammten Windm�hlen aus dem Weg und starrte sie an. Die Heizplatten wurden durch elektrischen Strom erw�rmt, den die Rotation der Windm�hlen erzeugte. Wenn sie also Strom in die Propellerbatterien leiten k�nnte�� Man m�sste die Windm�hlen au�en an der Gondel befestigen k�nnen, und dieser Wind k�nnte die Fl�gel wie Kreisel rotieren lassen. Die resultierende Elektrizit�t k�nnte bei der Energieversorgung der Propeller helfen. Sie durchw�hlte das Ausr�stungsfach auf der Suche nach Draht, Transformatoren und Werkzeug und erz�hlte Arkady von ihrer Idee. Er lachte wie ein Verr�ckter. �Eine gute Idee, Nadia. Eine gro�artige Idee!�</p><p>�Wenn es funktioniert.� Sie durchsuchte den Ger�tesatz, betr�blich kleiner als ihre gew�hnliche Ausr�stung. Das Licht in der Gondel war unheimlich, ein schwaches gelbes Glimmen, das bei jedem Windsto� flackerte. Die Sicht aus den Au�enfenstern wechselte von Perioden v�lliger Klarheit mit dicken gelben Wolken, die wie Gewitterk�pfe unter ihnen dahinzogen, zu v�lliger Dunkelheit. Alle Fensterfl�chen wurden von Staub gepeitscht, der mit �ber dreihundert Kilometern in der Stunde vorbeifegte. Selbst bei den ganzen zw�lf Millibar stie�en die B�en das Luftschiff herum. Vorn im Cockpit fluchte Arkady �ber die mangelnde Leistung des Autopiloten. �Du musst ihn umprogrammieren!� rief Nadia ihm zu. Sie erinnerte sich an seine vielen sadistischen Simulationen auf der <emphasis>Ares</emphasis> und lachte laut. �Problemlauf! Problemlauf!� Sie lachte �ber seine lauten Verw�nschungen und machte sich wieder an die Arbeit. Wenigstens w�rde der Wind sie etwas schneller voranschieben. Arkady br�llte ihr von vorn Information seitens Ann zu. Der Staub war �u�erst fein, durchschnittliche Partikelgr��e um 2,5 Mikron und totale Masse der S�ule um 10-3 Gramm pro cm2, ziemlich gleichm��ig verteilt von oben bis unten. Das war nicht allzu schlimm. Wenn er zu Boden sank, w�rde er eine recht d�nne Schicht bilden, was mit dem �bereinstimmte, das sie auf den �ltesten abgeworfenen Lasten in Underhill gesehen hatten.</p><p>Als sie einige Windm�hlen neu verdrahtet hatte, klopfte sie an die Verbindungst�r zum Cockpit. Arkady sagte: �Ann meint, dass die Winde dicht in Bodenn�he am langsamsten sein w�rden.�</p><p>�Gut! Wir m�ssen landen, um diese Windm�hlen au�en anzubringen.�</p><p>Also gingen sie an diesem Nachmittag blind herunter und lie�en den Anker schleppen, bis er sich festhakte und hielt. Der Wind war hier schw�cher, aber auch so war das Absenken Nadias in der Schlinge schrecklich. Immer tiefer hinein in die rasende Wolken aus gelbem Staub schwang sie vor und zur�ck. Und dann war der Boden direkt unter ihren F��en! Sie traf auf und zog sich an einen Halt. Einmal aus der Schlinge heraus, stemmte sie sich gegen den Wind, der sie trotz geringer materieller Dichte geradezu mit Schl�gen traktierte. Ihr altes Gef�hl von Hohlheit war �berdeutlich. Die Sicht schwankte in Wellen; und der Staub flog so rasch vorbei, dass er ihr die Orientierung raubte. Auf der Erde w�rde ein derart schneller Wind einen einfach hochheben und wie einen Strohhalm in einem Tornado herumschleudern.</p><p>Aber hier konnte man sich, wenn auch nur sehr knapp, am Boden halten. Arkady hatte das Luftschiff langsam an der Ankerwinde heruntergezogen, und jetzt bl�hte es sich �ber ihr wie ein gr�nes Dach. Darunter war es unheimlich finster. Nadia spulte die Dr�hte zu den Turboprops an den Fl�gelspitzen ab, befestigte sie am Schiff und klemmte sie an die Kontakte im Innern. Sie arbeitete rasch, um nur m�glichst kurz dem Staub ausgesetzt zu sein und unter der <emphasis>Arrowhead</emphasis> hervorzukommen, die im Wind h�pfte. Mit M�he bohrte sie L�cher in den Boden der Gondel und befestigte zehn Windm�hlen mit Schrauben. W�hrend sie die Verdrahtung von dort zu dem Rumpf aus Plastik zog, sank das ganze Luftschiff so schnell, dass sie sich mit gespreizten Armen und Beinen mit dem Gesicht auf den kalten Boden fallen lassen musste. Der Bohrer war ein harter Brocken unter ihrem Magen. �Mist!� br�llte sie. Arkady rief �ber Interkom: �Was ist los?� Sie sagte: �Nichts�, sprang auf und machte noch schneller weiter. �Verfluchtes Ding! Es ist, als ob man auf einem Trampolin arbeiten w�rde��� Als sie dann fertig wurde, frischte der Wind wieder auf, und sie musste zur�ck in den Bombenschacht kriechen. Ihr Atem rasselte in heftigen St��en.</p><p>�Das verdammte Ding hat mich beinahe zerquetscht!� br�llte sie Arkady nach vorn zu, als sie den Helm abgenommen hatte. W�hrend er arbeitete, den Anker loszuhaken, stolperte sie im Innern der Gondel herum, griff sich Dinge, die sie nicht brauchen w�rden, und warf sie in den Bombenschacht. Eine Lampe, eine der Matratzen, die meisten K�chenutensilien und Essgeschirr, einige B�cher, alle Gesteinsproben. Dann ging sie in den Schacht und lie� alles fr�hlich hinunterplumpsen. Sie dachte, falls jemals ein Reisender auf diesen Haufen sto�en w�rde, er sich bestimmt wundern w�rde, was da passiert war.</p><p>Sie mussten beide Propeller mit voller Kraft laufen lassen, um den Anker frei zu bekommen. Als es ihnen endlich gelang, flogen sie dahin wie ein welkes Blatt im November. Sie lie�en die Motoren weiter voll laufen, um so schnell wie m�glich H�he zu gewinnen. Es lagen einige kleine Vulkane zwischen Olympus und Tharsis, und Arkady wollte einige hundert Meter �ber ihnen fahren. Der Radarschirm zeigte, dass Ascraeus Mons hinter ihnen zur�ckblieb. Als sie gut n�rdlich von ihm waren, konnten sie nach Ost wenden und versuchen, einen Kurs um die Nordflanke von Tharsis zu finden und dann hinab nach Underhill.</p><p>Aber im Verlauf der langen Stunden stellten sie fest, dass der Wind den Nordhang von Tharsis herabgebraust kam, genau ihnen entgegen, so dass sie auch bei voller Kraft nach S�dosten gewandt h�chstens nach Nordosten vorankommen konnten. Bei den Versuchen, gegen den Wind zu kreuzen, h�pfte die arme <emphasis>Arrowhead</emphasis> wie ein Gleitflieger und riss sie auf und ab, auf und ab, als ob die Gondel unter einem Trampolin befestigt w�re. Aber trotz allem kamen sie nicht in der gew�nschten Richtung voran.</p><p>Es wurde wieder dunkel. Sie wurden weiter nach Nordosten getrieben. Bei diesem Kurs w�rden sie Underhill um einige hundert Kilometer verfehlen. Und dahinter nichts, �berhaupt keine Siedlungen, keine Zuflucht. Sie w�rden �ber Acidalia geblasen werden, hinauf zu Vastitas Borealis und dem leeren versteinerten Meer schwarzer D�nen. Und sie hatten nicht genug Nahrung und Wasser, um den Planeten noch einmal zu umrunden und es noch einmal zu versuchen.</p><p>Nadia f�hlte Staub in Mund und Augen. Sie ging wieder in die K�che und erw�rmte ihnen eine Mahlzeit. Sie war schon ersch�pft, und als der Geruch von Essen die Luft erf�llte, merkte sie, dass sie auch sehr hungrig war. Au�erdem durstig. Und der Wasseraufbereiter wurde mit Hydrazin betrieben��</p><p>Bei dem Gedanken an Wasser kam ihr ein Bild von der Fahrt zum Nordpol in den Sinn: Die geborstene Permafrostleitung mit ihrem wei�en Schwall von Wasser-Eis. Aber wieso war das wichtig? Wieso kreisten ihre Gedanken um dieses Bild?</p><p>Sie begab sich wieder ins Cockpit, wobei sie sich bei jedem Schritt an einer Wand festhielt. Sie a� mit Arkady eine kleine Mahlzeit. Staub knirschte zwischen den Z�hnen. Arkady wandte keinen Blick vom Radarschirm und sagte nichts. Aber er sah besorgt aus.</p><p>Ah! �Schau�, sagte sie, �wenn es uns gel�nge, die Signale von den Transpondern auf unserer Stra�e zu Chasma Borealis zu empfangen, k�nnten wir dort landen. Dann k�nnte ein Robot-Rover ausgeschickt werden, um uns zu holen. Der Sturm w�rde den Rovern nichts ausmachen, da sie sowieso nicht auf Sicht fahren. Wir k�nnten die <emphasis>Arrowhead</emphasis> vert�ut dalassen und nach Hause fahren.�</p><p>Arkady sah sie an und h�rte auf zu kauen. �Eine gute Idee�, sagte er.</p><empty-line/><p>Aber nur, wenn sie die Signale des Transponders wirklich empfangen konnten. Arkady drehte am Radio und rief Underhill. Die Verbindung knisterte von St�rungen, die fast so stark waren wie der Staub; aber sie konnten sich dennoch verst�ndlich machen. W�hrend der ganzen Nacht konferierten sie mit den Leuten zu Hause, diskutierten Frequenzen, Bandbreiten, das Ma�, wie der Staub die recht schwachen Signale des Transponders �berdecken k�nnte, und so weiter. Weil die Transponder nur daf�r konstruiert waren, Rovern, die in der N�he und auf dem Boden waren, Signale zu �bermitteln, w�rde es problematisch sein, sie zu h�ren. Underhill k�nnte imstande sein, ihre Position gut genug zu bestimmen, um ihnen mitzuteilen, wann sie heruntergehen m�ssten; und ihre eigene Radarkarte w�rde ihnen auch eine allgemeine Ortung der Stra�e liefern. Aber keine dieser Methoden war exakt genug, und es w�re fast unm�glich, die Stra�e in dem Sturm zu finden, wenn sie nicht direkt auf ihr landeten. Zehn Kilometer nach beiden Seiten, und sie l�ge hinter dem Horizont. Dann h�tten sie Pech gehabt. Es w�re viel sicherer, wenn sie sich an eines der Transpondersignale anh�ngen und ihm nach unten folgen k�nnten.</p><p>F�r jeden Fall schickte Underhill einen Robotrover auf die Stra�e nach Norden. Er w�rde in etwa f�nf Tagen in dem Gebiet der Stra�e ankommen, das sie wahrscheinlich kreuzen w�rden. Bei ihrer derzeitigen Geschwindigkeit von fast drei�ig Kilometern pro Stunde w�rden sie selbst in etwa vier Tagen dort eintreffen.</p><p>Als die Vereinbarungen getroffen waren, l�sten sie sich w�hrend des Restes der Nacht bei der Wache ab.</p><p>Nadia schlief schlecht, wenn sie Freiwache hatte, lag einen gro�en Teil der Zeit auf dem Bett und f�hlte, wie der Wind sie umherstie�. Die Fenster waren so dunkel, als w�ren Vorh�nge zugezogen. Das Br�llen des Windes war wie ein Gasofen und manchmal wie von Todesengeln. Einmal tr�umte ihr, sie w�re in einem gro�en Hochofen voller Feuerd�monen. Sie wachte schwitzend auf und ging nach vorn, um Arkady abzul�sen. Die ganze Gondel roch nach Schwei�, Staub und verbranntem Hydrazin. Trotz allen Mikronsiegeln der Dichtungen lag auf allen Fl�chen in der Gondel ein sichtbarer wei�licher Belag. Sie wischte mit den Fingern �ber ein blaues Kunststoffschott und starrte auf deren Spuren. Unglaublich.</p><p>Sie h�pften dahin in tr�ben Tagen und in der sternlosen Finsternis der N�chte. Das Radar zeigte etwas, das sie f�r den Fesenkov-Krater hielten, der unter ihnen dahinzog. Dann wurden sie noch weiter nach Norden geschoben, und es gab absolut keine Chance, dem Sturm Trotz zu bieten und nach S�den bis Underhill zu gelangen. Die Polstra�e war ihre einzige Hoffnung. Nadia sah sich in ihren Freiwachen nach Dingen um, die sie �ber Bord werfen k�nnten. Sie schnitt Teile des Gondelrahmens weg, die sie f�r unwesentlich hielt, dass es die Ingenieure in Friedrichshafen gegraust h�tte. Aber Deutsche pflegten es als Ingenieure immer zu �bertreiben; und niemand auf der Erde konnte sich �berhaupt die Marsschwere wirklich vorstellen. Also s�gte und h�mmerte sie, bis alles in der Gondel fast zu einem Nichts aus Gitterwerk geworden war. Jede Benutzung des Schachts brachte eine neue kleine Staubwolke herein; aber sie meinte, dass es das wert sei. Sie brauchten den Auftrieb. Die Windm�hleninstallation lieferte den Batterien nicht genug Strom, und sie hatte den Rest davon l�ngst �ber Bord geworfen. Aber selbst wenn sie sie noch h�tten, h�tte sie sich nicht wieder unter das Luftschiff begeben, um sie zu montieren.</p><p>Die Erinnerung an den Vorfall lie� sie immer noch erschauern. Statt dessen schnitt sie immer mehr weg. Sie h�tte auch Teile vom Gerippe des Luftschiffs abgeworfen, wenn sie zwischen die Ballonets h�tte gelangen k�nnen.</p><p>W�hrend sie damit besch�ftigt war, tapste Arkady in der Gondel herum und feuerte sie an�� nackt und von Staub verkrustet, der leibhaftige rote Mann, sang Lieder und beobachtete den Fernsehschirm, schlang schnelle Mahlzeiten hinunter und plante ihren Kurs nach Lage der Dinge. Es war unm�glich, nicht von seiner Heiterkeit angesteckt zu werden und mit ihm �ber die st�rksten Windst��e zu staunen und den Staub allm�hlich sogar im Blut fliegen zu f�hlen.</p><p>Und so vergingen drei lange anstrengende Tage im harten Griff des dunkelorangefarbenen Windes. Und am vierten Tag, kurz nach Mittag, drehten sie den Radioempf�nger auf volle Lautst�rke und h�rten die St�rungen auf der Transponderfrequenz knistern. Nadia wurde durch die Konzentration auf das wei�e Rauschen d�sig, denn sie hatte nur wenig Schlaf gehabt. Sie war fast bewusstlos, als Arkady etwas sagte; und sie fuhr in ihrem Sitz hoch.</p><p>�H�rst du es?� fragte er wieder. Sie lauschte und sch�ttelte den Kopf. �Da, es macht irgendwie <emphasis>ping.�</emphasis></p><p>Sie h�rte ein leises Piepsen. �Ist es das?�</p><p>�Ich meine ja. Ich werde uns hinunterbringen, so schnell wir k�nnen. Ich werde einige Ballonets entleeren m�ssen.�</p><p>Er tastete sich zum Steuerpaneel vor, und das Luftschiff neigte sich nach vorn, und sie fingen an, im Notfalltempo zu sinken. Die Zahlen des H�henmessers flimmerten nach unten. Der Radarschirm zeigte, dass der Boden unten im wesentlichen eben war. Das Piepsen wurde immer lauter. Ohne einen Peilempf�nger war das ihre einzige M�glichkeit festzustellen, ob sie noch n�her kamen oder sich schon wieder entfernten.</p><p><emphasis>Ping�� ping�� ping��</emphasis> Bei ihrer Ersch�pfung war schwer zu sagen, ob es lauter oder leiser wurde. Jeder Piepser schien eine andere Lautst�rke zu haben, je nach der Aufmerksamkeit, die sie aufbringen konnte.</p><p>Pl�tzlich sagte Arkady: �Es wird leiser. Meinst du nicht auch?�</p><p>�Ich kann es nicht beurteilen.�</p><p>�Doch, so ist es.� Er schaltete die Propeller ein, und mit dem Gebrumm der Motoren wirkte das Signal entschieden ruhiger. Er drehte in den Wind, und das Luftschiff bockte wild. Er k�mpfte darum, seine Abw�rtsbewegung zu stabilisieren. Aber zwischen jeder Verschiebung der Klappen und den St��en des Schiffs gab es eine Verz�gerung. In Wirklichkeit hatten sie kaum mehr als einen kontrollierten Aufprall zu gew�rtigen. Vielleicht wurde das <emphasis>ping</emphasis> langsamer schw�cher.</p><p>Als der H�henmesser anzeigte, dass sie tief genug waren, um den Anker auszuwerfen, taten sie es; und nach kurzem, besorgniserregendem Treiben griff er und hielt. Sie lie�en alle Anker fallen, die sie hatten, und zogen die <emphasis>Arrowhead</emphasis> an den Leinen nach unten. Dann zog Nadia sich an, kletterte in die Schlinge und lie� sich mit der Winde hinunter. Auf der Oberfl�che angelangt, tappte sie in einer schokoladefarbenen D�mmerung umher, wobei sie sich hart gegen den ungleichm��igen Orkan anstemmen musste. Sie merkte, dass sie st�rker ersch�pft war, als sie sich erinnern konnte, je gewesen zu sein. Es war wirklich schwer, gegen den Wind voranzukommen. Sie musste lavieren. In ihrem Interkom piepte der Transponder sein Signal, und der Boden schien unter ihren F��en zu h�pfen. Es war schwer, Balance zu halten. Das Piepen war ganz deutlich. Sie sagte zu Arkady: �Wir h�tten die ganze Zeit mit unseren Helmen lauschen sollen. Da kann man es besser h�ren.�</p><p>Eine B� warf sie um. Sie stand auf und schlurfte langsam dahin. Sie lie� eine Nylonleine abrollen und richtete ihren Kurs nach der Lautst�rke des Signals aus. Der Boden unter ihr war in Bewegung, wenn sie ihn sehen konnte. Die Sicht war, zumindest in den st�rksten B�en, auf ein Meter oder weniger gesunken. Wenn es dann f�r einen Moment aufklarte, rasten braune Staubstrahlen vorbei, ein Schwall nach dem anderen, die sich mit f�rchterlicher Geschwindigkeit bewegten. Der Wind stie� sie so hart umher, wie sie es auf der Erde kaum je erlebt hatte. Es war schmerzhaft, das Gleichgewicht zu bewahren�� eine st�ndige k�rperliche Anstrengung.</p><p>Als sie gerade in einer dicken, die Sicht raubenden Wolke steckte, stolperte sie gegen einen Transponder, der dastand wie ein Zaunpfahl. Sie schrie: �He!�</p><p>�Was fehlt?�</p><p>�Nichts. Ich bin nur erschrocken, als ich auf den Wegweiser gesto�en bin.�</p><p>�Du hast ihn gefunden?�</p><p>�Jawohl!� Sie f�hlte, wie ihr die Ersch�pfung in H�nde und F��e glitt. Sie blieb eine Minute lang einfach auf dem Boden sitzen, dann stand sie wieder auf. Es war zu kalt zum Sitzen. Ihr Phantomfinger schmerzte.</p><p>Sie nahm die Nylonschnur und kehrte blind zum Luftschiff zur�ck. Ihr kam vor, als w�re es der Ariadne-Faden, und sie w�rde ihm aus dem Labyrinth folgen.</p><empty-line/><p>W�hrend sie im Rover nach S�den fuhren, von dem Flugstaub geblendet, kr�chzte das Radio die Nachricht, dass die UNOMA soeben die Einrichtung von drei weiteren Kolonien gebilligt und im Etat verankert h�tte. Eine jede sollte aus f�nfhundert Personen bestehen, alle aus L�ndern, die unter den ersten hundert Expeditionsteilnehmern nicht vertreten gewesen waren.</p><p>Und der Unterausschuss f�r Terraformung hatte empfohlen, und die Generalversammlung hatte es genehmigt: ein ganzes Paket von Terraformungsbem�hungen, darunter die Verteilung genetisch konstruierter Mikroorganismen aus dem Zuchtbestand von Algen, Bakterien oder Flechten.</p><p>Arkady lachte gut drei�ig Sekunden lang. �Diese Schufte, diese gl�cklichen Bastarde! Jetzt werden sie erst recht damit loslegen!�</p></section></section><section><title><p>VIERTER TEIL</p><p>Heimweh</p></title><section><p><emphasis>An einem Wintermorgen scheint die Sonne auf Valles Marineris herunter und beleuchtet die Nordw�nde aller Canyons in dieser gro�en Anh�ufung von Canyons. Und in diesem hellen Licht kann man erkennen, dass hie und da eine blo�liegende Gesteinskante von einem warzenartigen Fleck schwarzer Flechte bedeckt ist.</emphasis></p><p><emphasis>Man sieht, sie ist dem Leben angepasst. Sie hat nur wenige Bed�rfnisse�� etwas Betriebstoff und etwas Energie; und sie ist phantastisch genial darin, diese Bed�rfnisse aus einem weiten Bereich terranischer Milieus herauszuziehen. Manche Organismen leben immer unter dem Gefrierpunkt des Wassers, andere �ber den Siedepunkten. Manche leben in starker Strahlung, andere in stark salzigen Regionen oder in festem Gestein oder in pechschwarzer Finsternis oder bei extremem Wasserentzug oder ohne Sauerstoff. An alle Arten von Umwelt sind Anpassungen erfolgt durch Adaptationsma�nahmen so seltsam und wunderbar, dass sie jenseits unserer Vorstellungsm�glichkeiten liegen. Und so hat das Leben die Erde vom Urgestein bis in die Hochatmosph�re mit der vollen Welle einer gro�artigen Biosph�re durchdrungen.</emphasis></p><p><emphasis>All diese Anpassungsf�higkeiten sind in Genen codiert und werden darin weitergegeben. Wenn die Gene mutieren, ver�ndern sich die Organismen. Wenn die Gene ver�ndert werden, �ndern sich die Organismen auch. Bioingenieure benutzen diese beiden Formen von Ver�nderungen, indem sie nicht nur rekombinierende Gene versplei�en, sondern auch auf viel �ltere Weise Zuchtauswahl betreiben. Mikroorganismen werden auf Schalen aufgetragen; und diejenigen von ihnen, welche am schnellsten wachsen (oder am st�rksten das gesuchte Merkmal aufweisen), k�nnen aussortiert und wieder aufgetragen werden. Man kann Mutagene hinzuf�gen, um die Mutationsrate zu erh�hen. Und in schneller Aufeinanderfolge mikrobischer Generationen (sagen wir zehn pro Tag) kann man diesen Prozess wiederholen, bis man etwas wie das bekommt, was man will. Selektive Zucht ist eine der m�chtigsten Biotechniken, die wir besitzen.</emphasis></p><p><emphasis>Aber die neueren Techniken gewinnen immer mehr Beachtung. Gentechnisch erzeugte Mikroorganismen gab es seit ungef�hr einem halben Jahrhundert, als die �Ersten Hundert� auf dem Mars eintrafen. Aber ein halbes Jahrhundert ist in der Wissenschaft eine lange Zeit. In diesen Jahren sind plasmidische Konjugate zu sehr verfeinerten Werkzeugen geworden. Das Angebot an Restriktionsenzymen zum Trennen und Ligase-Enzymen zum Verbinden war gro� und vielseitig. Man fand eine M�glichkeit, lange DNA-Ketten exakt auseinander zuziehen. Das �ber Genome angesammelte Wissen war immens und wuchs exponentiell. Unter Benutzung von alledem erlaubte die neue Biotechnik alle Arten von Merkmalmobilisierung, F�rderung, Replikation, ausgel�stem Selbstmord (um exzessiven Erfolg anzuhalten) und so fort. Es war m�glich, genau die DNA-Sequenzen aus einem Organismus zu finden, der die gew�nschte Eigenschaft aufwies, um diese DNA-Mitteilungen zu synthetisieren, zu schneiden und in plasmidische Ringe zu verbinden. Danach wurden Zellen gewaschen und mit den neuen Plasmiden in Glyzerin aufgeschwemmt, das zwischen zwei Elektroden schwebend einem kurzen heftigen Schock von ungef�hr 2000 Volt ausgesetzt wurde. Dann schossen die Plasmide in dem Glyzerin in die Zellen und�� voila! Da war, zum Leben erweckt wie Frankenstein, ein neuer Organismus. Mit neuen F�higkeiten.</emphasis></p><p><emphasis>So also kam es auch zu schnellwachsenden Flechten, strahlungsresistenten Algen, gegen extreme K�lte unempfindlichen Schw�mmen, salzliebenden Archaebakterien, die Salz verspeisen und Sauerstoff ausscheiden, superarktischen Moosen. Eine ganze Taxonomie neuer Lebensformen, alle partiell der Marsoberfl�che angepasst, denen allen ein Versuch damit geboten wurde. Manche Spezies starben aus: nat�rliche Selektion. Manche gediehen: �berleben der T�chtigsten. Manche wucherten wild auf Kosten anderer Organismen; und dann aktivierten Chemikalien in ihren Ausscheidungen ihre Selbstmord-Gene, und sie starben so weit aus, bis der Anteil dieser Chemikalien wieder sank.</emphasis></p><p><emphasis>So passt sich das Leben den Umst�nden an. Und gleichzeitig werden die Umst�nde durch das Leben ver�ndert. Das ist eine der Definitionen von Leben: Organismus und Umwelt ver�ndern sich gemeinsam in reziprokem Verh�ltnis, da sie zwei Manifestationen einer �kologie sind, zwei Teile eines Ganzen.</emphasis></p><p><emphasis>Daher also kamen mehr Sauerstoff und Stickstoff in die Luft. Schwarzer Flaum auf dem Polareis. Schwarzer Flaum auf den ausgezackten Fl�chen von blasigem Gestein. Bla�gr�ne Flecken auf dem Boden. Gr��ere Reifk�rner in der Luft. Winzige Lebensformen, die durch die Tiefen des Regoliths kriechen wie Milliarden von Maulw�rfen und Nitrite zu Stickstoff und Oxide zu Sauerstoff umwandeln.</emphasis></p><p><emphasis>Zuerst war es fast unsichtbar und sehr langsam. Bei einer K�ltewelle oder einem Sonnensturm gab es massenhaft Todesf�lle, ganze Spezies wurden in einer Nacht ausgel�scht. Aber die �berbleibsel der toten ern�hrten andere Kreaturen. F�r diese waren die Bedingungen so leichter, und der Prozess gewann an Schwung. Bakterien vermehren sich rasch. Sie verdoppeln ihre Masse oftmals am Tag, wenn die Verh�ltnisse stimmen. Die mathematischen M�glichkeiten f�r ihre Wachstumsgeschwindigkeit sind atemberaubend. Und obwohl Beschr�nkungen in der Umwelt�� besonders auf dem Mars�� jedes wirkliche Wachstum weit unter den mathematischen Grenzen halten, haben sich die neuen Organismen, die Archaeophyten, schnell vermehrt, manchmal mutiert, sind immer gestorben. Und die neuen haben sich vom Kompost ihrer Ahnen ern�hrt und wieder vermehrt. Sie lebten und starben. Und was an Boden und Luft zur�ckblieb, war anders als vor diesen Millionen kurzer Generationen.</emphasis></p><p><emphasis>So geht also eines Morgens die Sonne auf und schie�t lange Strahlen durch das zerrissene Gew�lk auf Valles Marineris. Auf den Nordw�nden erkennt man kleine Spuren von Schwarz, Gelb, Oliv, Grau und Gr�n. Flecke von Flechten punktieren die vertikalen Felsen, die so dastehen, wie sie es immer getan haben</emphasis>�� <emphasis>steinig und zerborsten und rot; aber jetzt gefleckt wie von Schimmel.</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>Michel Duval tr�umte von zu Hause. Er schwamm in der Brandung von Villefranche-sur-Mer. Das warme Augustwasser hob ihn hoch und hinunter. Es war windig, nahe Sonnenuntergang, und das Wasser war eine tr�ge wei�e Bronze, �ber die das Sonnenlicht h�pfte. Die Wellen waren f�r das Mittelmeer gro�, schnelle Brecher, die in B�en aufstiegen und rasch ungleichm��ig zusammenbrachen, was ihm erm�glichte, einen Moment lang auf den Wellen zu reiten. Dann ging es nach unten in einem Durcheinander von Blasen und Sand und wieder nach oben in einen Schwall von goldenem Licht und Salzgeschmack allenthalben. Seine Augen juckten heftig. Gro�e schwarze Pelikane ritten wie auf Luftkissen �ber die Wellen, flogen in steilen, unbeholfenen Wendungen auf, hielten inne und fielen gleich neben ihm ins Wasser. Beim Sturzflug legten sie ihre Fl�gel halb zusammen und operierten mit ihnen bis zum Moment des plumpen Aufschlagens im Wasser. Oft kamen sie hoch und verschluckten dabei kleine Fische. Ein Pelikan platschte gerade ein Meter von ihm entfernt auf. Gegen die Sonne bot er die Silhouette eines Stuka oder Pterodaktylus. K�hl und warm, in Salz eingetaucht, tanzte Michel auf der Flut und zwinkerte, vom Salz erblindet. Eine sich brechende Woge sah aus wie Diamanten, die zu Creme zerpulvert sind.</p><p>Sein Telefon klingelte.</p><p>Sein Telefon klingelte. Es waren Ursula und Phyllis, die ihm sagten, dass Maya wieder einen Anfall h�tte und untr�stlich w�re. Er stand auf, legte Unterzeug an und ging ins Bad. Wellen leckten �ber eine Gegenstr�mung. Maya, wieder deprimiert. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie guter Dinge gewesen, fast euphorisch. Wann war das gewesen? Vor einer Woche? Aber so war Maya. Maya war verr�ckt. Allerdings verr�ckt auf eine russische Art, was hie�, sie war eine Macht, mit der man rechnen musste. M�tterchen Russland! Sowohl die Kirche wie die Kommunisten hatten das ihnen vorausgegangene Matriarchat auszurotten gesucht; und alles, was sie erreichten, war eine bittere, entnervende Wut, eine ganze Nation voller geringsch�tziger <emphasis>russalkas</emphasis> und <emphasis>baba yagas</emphasis> und vierundzwanzig Stunden am Tag aktiver �berweiber, die in einer fast parthenogenen Kultur von M�ttern, T�chtern, Babushkas und Enkelinnen lebten. Die aber dennoch zwangsweise in ihren Beziehungen mit M�nnern absorbiert waren und verzweifelt versuchten, den verlorenen Vater, den perfekten Gatten zu finden. Oder blo� eben einen Mann, der seinen Teil an der Last tragen w�rde. Die gro�e Liebe finden und sie in der Mehrzahl der F�lle nicht zerst�ren. Verr�ckt!</p><p>Nun, es war gef�hrlich, zu verallgemeinern. Aber Maya war ein klassischer Fall. Launisch, �rgerlich, dem Flirt zugetan, brillant, charmant, manipulierend, intensiv�� Und jetzt nahm sie sein B�ro ein wie ein riesiger Abfallklumpen, ihre Augen mit roten R�ndern und von Blut unterlaufen, ihr Mund schmal, verst�rt. Ursula und Phyllis nickten und dankten Michel fl�sternd daf�r, dass er so fr�h aufgestanden war. Dann gingen sie. Er trat an die t�rhohen Fensterjalousien und �ffnete sie. Das Licht str�mte von der Zentralkuppel herein. Ihm wurde wieder bewusst, dass Maya eine sch�ne Frau war, mit wildem, schimmerndem Haar und einem verschleierten charismatischen Blick, unmittelbar und direkt. Es war ein Jammer, sie hier so aufgeregt zu sehen. Daran w�rde er sich nie gew�hnen. Es kontrastierte zu sehr mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit, mit der Art, wie sie einem den Finger auf den Ann legen konnte, wenn sie in vertraulichem Ton �ber das eine oder andere faszinierende Thema plapperte��</p><p>Alles seltsam nachgeahmt von dieser verzweifelten Kreatur, die sich �ber seinen Tisch lehnte und ihm mit abgerissener heiserer Stimme �ber die letzte Szene in dem laufenden Drama von ihr und John und dann wieder Frank berichtete. Offenbar hatte sie sich �ber John erz�rnt wegen seiner Weigerung, ihr bei einem Plan zu helfen, einige der russisch fundierten Multinationalen dazu zu bringen, die Entwicklung von Siedlungen im Hellas-Becken zu unterschreiben, welches der tiefste Punkt auf dem Mars war und als erster von den atmosph�rischen Ver�nderungen profitieren w�rde, die sich gerade abzeichneten. Der Druck in Low Point, vier Kilometer unter dem Bezugsniveau, pflegte immer zehnmal st�rker zu sein als auf den Gipfeln der gro�en Vulkane und dreimal st�rker als auf Normalh�he. Es w�rde der erste f�r Menschen annehmbare Ort sein, perfekt f�r Entwicklung.</p><p>Aber offenbar zog Frank es vor, �ber UNOMA und Regierungen zu arbeiten. Und genau das war eine der fundamentalen politischen Meinungsverschiedenheiten, die ihr pers�nliches Leben zu vergiften begannen�� bis dahin, dass sie oft �ber andere Dinge stritten, die keine Rolle spielten und wegen derer sie sich fr�her nie gezankt hatten.</p><p>Michel beobachtete sie und h�tte beinahe gesagt, dass John den Streit mit ihr w�nschte. Er war sich nicht sicher, was John dazu sagen w�rde. Maya rieb sich die Augen, st�tzte die Stirn auf seinen Schreibtisch und zeigte den Nacken und ihre breiten geschmeidigen Schultern. Sie w�rde vor den meisten Bewohnern von Underhill niemals so aufgew�hlt erscheinen. Das war eine Intimit�t zwischen ihnen, etwas, das sie nur mit ihm teilte. Es war, als h�tte sie ihre Kleider abgelegt. Die Leute verstanden nicht, dass wahre Intimit�t nicht aus Geschlechtsverkehr bestand, den man mit Fremden und sogar in einem Zustand v�lliger Abgeneigtheit aus�ben konnte. Intimit�t bestand darin, dass man stundenlang �ber das sprach, was einem in seinem Leben das Wichtigste war. Obwohl sie nackt wirklich sch�n war. Sie hatte perfekte Proportionen. Michel erinnerte sich daran, wie sie beim Schwimmen im Becken aussah, wenn sie den R�ckenschlag in einem blauen, hoch �ber den H�ften ausgeschnittenen Badeanzug ausf�hrte. Ein mediterranes Bild: Er schwebte im Wasser bei Villefranche, alles �berflutet vom bernsteinfarbenen Licht der Abendsonne; und er blickte auf den Strand, wo M�nner und Frauen spazierten�� nackt bis auf die Nylondreiecke von <emphasis>cache-sexe-Badeanz�gen</emphasis>. Braunh�utige barbusige Frauen, die paarweise wie T�nzer im Sonnenlicht einherschritten. Dann Delphine, die zwischen ihm und dem Strand aus dem Wasser schossen, und deren geschmeidige schwarze K�rper gerundet waren wie die der Frauen��</p><p>Aber jetzt redete Maya �ber Frank. Frank, der einen sechsten Sinn f�r Probleme zwischen John und Maya hatte (sechs w�ren gar nicht n�tig), und der jedes Mal zu Maya rannte, wenn er die Anzeichen sp�rte, um mit ihr zu plaudern und �ber seine Vision vom Mars zu sprechen, die progressiv, erregend, ehrgeizig war�� alles das, was John nicht war. �Frank ist in diesen Tagen so viel dynamischer als John. Ich wei� nicht, warum.�</p><p>�Weil er mit dir �bereinstimmt�, sagte Michel.</p><p>Maya zuckte die Achseln. �Vielleicht ist das alles, was ich meine. Aber wir haben eine Chance, hier eine ganze Zivilisation aufzubauen, ganz gewiss. Aber John ist so��� Tiefer Seufzer. �Und dennoch liebe ich ihn, wirklich! Aber���</p><p>Sie sprach eine Weile �ber ihre Vergangenheit, wie ihre Aff�re die Reise vor Anarchie (oder zumindest Langeweile) gerettet hatte, wie Johns l�ssige Festigkeit ihr gut getan hatte. Wie sie auf ihn z�hlen konnte. Wie beeindruckt sie gewesen war durch seinen Ruhm, wie sie gef�hlt hatte, dass die Liaison sie f�r immer zu einem Teil der Weltgeschichte machte. Aber jetzt verstand sie, dass sie ohnehin ein Teil der Weltgeschichte sein w�rde. Das galt f�r all die Ersten Hundert. Sie hob die Stimme, wurde schneller und heftiger. �Ich werde John jetzt nicht mehr daf�r ben�tigen. Ich brauche ihn nur wegen dessen, was ich f�r ihn empfinde. Aber jetzt sind wir �ber nichts mehr einer Meinung und sind uns nicht sehr �hnlich; und Frank, der so aufmerksam gewesen ist, sich zur�ckzuhalten, ganz gleich, um was es ging, wir stimmen in fast allem �berein, und ich bin davon so begeistert gewesen, dass ich ihm wieder das falsche Zeichen gegeben habe; und so hat er es auch wieder getan. Gestern im Schwimmbecken hat er�� wei�t du�� hat er mich gehalten, meine Arme in seine H�nde genommen����� sie kreuzte die Arme und nahm den Bizeps in die H�nde�� �und mich gebeten, John um seinetwillen zu verlassen, was ich nie tun w�rde. Er hat mich gesch�ttelt und ich habe gesagt, ich k�nnte nicht; aber ich zitterte auch.� So war sie sp�ter aufs �u�erste gereizt und hatte einen Streit mit John angefangen, so heftig, dass er wirklich w�tend geworden war. �Er hat einen Rover genommen, ist zu Nadias Arkade gefahren und hat dort die Nacht mit dem Bauteam verbracht.� Frank war gekommen, um wieder mit ihr zu sprechen. Als sie ihn offen abgewiesen hatte, hatte er erkl�rt, er w�rde in die europ�ische Siedlung auf der anderen Seite des Planeten ziehen�� er, der die treibende Kraft der Kolonie war!</p><p>�Und das wird er wirklich tun. Er ist nicht jemand, der blo� droht. Er hat auf seine Weise Deutsch gelernt. Sprachen fallen ihm leicht.�</p><p>Michel versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was sie sagte. Das war schwierig, weil er recht gut wusste, dass in einer Woche alles anders sein w�rde. Die ganze Dynamik in diesem kleinen Trio �nderte sich in unverst�ndlicher Weise. Es war also schwierig, etwas daran zu �ndern. Was war mit seinen Schwierigkeiten? Die gingen sehr viel tiefer. Aber niemand hatte ihm je zugeh�rt. Er ging vor dem Fenster auf und ab und redete ihr mit den �blichen Fragen und Bemerkungen zu. Das Gr�nzeug im Atrium war erfrischend. Es h�tte ein Hinterhof in Arles oder Villefranche sein k�nnen. Oder pl�tzlich erinnerte es ihn an Avignons schmale, von Zypressen �berw�lbte Plaza und ihre Cafetische, die im Sommer nach Sonnenuntergang genau die Farbe des Mars hatten. Das Aroma von Oliven und Rotwein��</p><p>�Lass uns spazieren gehen!� sagte er. Sie �berquerten das Atrium und gingen zu den K�chen. So konnte Michel ein Fr�hst�ck essen, das er beim Schlucken fast verga�. Wir sollten Essen Vergessen nennen, dachte er, als sie um die Halle herum zu den Schleusen gingen. Sie legten Schutzanz�ge an�� Maya betrat ein Umkleidezimmer, um ihr Unterzeug anzulegen. Sie �berpr�ften die Anz�ge, gingen in die Schleuse, lie�en den Druck ab und traten ins Freie.</p><p>Die diamantene K�lte. Sie blieben einige Zeit auf den Gehwegen, die um Underhill verliefen und machten eine Tour zur Grube und ihren gro�en Salzpyramiden. Er sagte: �Glaubst du, dass man je eine Anwendung f�r dies Salz finden wird?�</p><p>�Sax arbeitet noch daran.�</p><p>Von Zeit zu Zeit kam Maya wieder auf John und Frank zu sprechen. Michel stellte die Fragen, die ein routinem��iges psychiatrisches Programm gestellt h�tte, und Maya antwortete so, wie ein Maya-Programm geantwortet h�tte. Ihre Stimmen klangen einander direkt in den Ohren�� die Intimit�t des Interkom.</p><p>Sie kamen zur Flechtenfarm, und Michel blieb stehen, um �ber die Schalen zu blicken und ihren intensiven lebendigen Duft einzuatmen. Schwarze Schneealgen und dann dicke Matten von Flechten, bei denen der Algen-Symbiont ein blaugr�ner Strang war, den Vlad gerade allein gez�chtet hatte. Rote Flechten schienen nicht so gut zu gedeihen. �berfl�ssig auf jeden Fall. Gelbe Flechten, olive Flechten, eine Flechte, die genau wie der Tarnanstrich eines Schlachtschiffs aussah. Flockiges Wei� und limonengr�ne Flechten�� lebendiges Gr�n! Es pulsierte im Auge, eine �ppige und unwahrscheinliche W�stenpflanze. Er hatte geh�rt, wie Hiroko beim Anblick einer solchen gesagt hatte: �Dies ist <emphasis>viriditas.�</emphasis> Das war Latein f�r �gr�nende Kraft�. Das Wort hatte eine christliche Mystikerin im Mittelalter gepr�gt, eine Frau namens Hildegard. <emphasis>Viriditas</emphasis> war jetzt den hiesigen Verh�ltnissen angepasst und verbreitete sich langsam �ber die Tieflande der n�rdlichen Hemisph�re. In den s�dlichen Sommern gedieh es sogar noch besser. An einem Tage hatte man �ber 285 Kelvin erreicht, eine Rekordh�he von zw�lf Grad Celsius. �Die Welt ver�ndert sich�, bemerkte Maya, als sie an den Wohnungen vorbeigingen. �Ja�, sagte Michel und konnte nicht vermeiden hinzuf�gen: �Nur noch dreihundert Jahre, bis wir lebensgerechte Temperaturen erreichen.�</p><p>Maya lachte. Sie f�hlte sich besser. Bald w�rde sie wieder auf der H�he sein oder sich mindestens auf dem Weg zum Wohlgef�hl befinden. Maya war labil. Stabilit�t/Labilit�t war das j�ngste Merkmal, das Michel bei den Ersten Hundert beobachtet hatte. Maya stellte den Extremfall an Labilit�t dar.</p><p>Sie sagte: �Lass uns hinausfahren und die Arkade besuchen.� Michel stimmte zu und fragte sich, was passieren k�nnte, wenn sie auf John tr�fen. Sie gingen zum Parkplatz und lie�en sich ein Stra�enfahrzeug zuteilen. Michel fuhr den kleinen Jeep und h�rte Mayas Reden zu. �nderte sich eine Konversation, wenn die Stimmen von den K�rpern getrennt waren und durch Helmmikrofone direkt in die Ohren der H�rer eindrangen? Es war, als w�re man st�ndig am Telefon, selbst wenn die Person, mit der man sprach, dicht bei einem sa�. Oder�� war das besser oder schlechter?�� als wenn man es mit Telepathie zu tun h�tte.</p><p>Die Zementstra�e war eben, und er fuhr mit der H�chstgeschwindigkeit des Jeeps von sechzig Kilometern in der Stunde. Er konnte das Rauschen der d�nnen Luft vor seiner Visierscheibe f�hlen. All jenes CO2 das Sax aus der Atmosph�re herauskratzen wollte. Sax w�rde starke Schrubber brauchen, noch wirksamer als die Flechten. Er brauchte W�lder, enorme vielschichtige salzliebende Regenw�lder, die gewaltige Mengen an Kohlenstoff in Holz, Bl�tter, Kompost und Torf binden w�rden. Er brauchte Torfmoore von hundert Metern Tiefe und Regenw�lder von hundert Metern H�he. So hatte er gesagt. Schon beim Klang seiner Stimme verzog Ann das Gesicht.</p><p>Nach f�nfzehn Minuten Fahrt kamen sie zu Nadias Arkade. Der Platz war noch im Bau und machte einen unfertigen und unordentlichen Eindruck, wie Underhill zu Anfang, aber in gr��erem Ma�stab. Aus dem Graben war ein gro�er Haufen aus dunkelrotem Schutt ausgehoben, der sich wie ein H�nengrab nach Ost und West erstreckte.</p><p>Sie standen an dem einen Ende des gro�en Grabens. Drei�ig Meter tief, drei�ig breit und ein Kilometer lang. Die S�dseite des Grabens war jetzt eine Mauer aus Glas, und die n�rdliche war mit Fl�chen aus filternden Spiegeln bedeckt, die mit Wand-Mesokosmen und Marskr�gen oder Terrarien abwechselten wie ein Gobelin aus Vergangenheit und Zukunft. Die meisten Terrarien waren voller Fichten und anderer Gew�chse, dass sie aussahen wie der gro�e, die Welt einh�llende Forst auf der Erde im 16. Jahrhundert. Mit anderen Worten: wie Nadia Cherneshevskys alte Heimat in Sibirien. War das vielleicht ein Zeichen daf�r, dass sie etwas von dieser Krankheit mitbekommen hatte? Und konnte er sie dazu bringen, ein Mittelmeer zu bauen?</p><p>Nadia arbeitete mit einem Bulldozer. Eine Frau mit ihrer eigenen Form von Viriditas. Sie hielt an und kam her�ber, um kurz mit ihnen zu sprechen. Das Projekt kam voran, wie sie ihnen ruhig sagte. Erstaunlich, was man mit den Robotvehikeln anfangen konnte, die immer noch von der Erde geschickt wurden. Der Promenadeplatz war fertig und mit verschiedenen B�umen bepflanzt, einschlie�lich einer Reihe von Zwergsequoien, die schon drei�ig Meter gro� waren, fast so hoch wie die ganze Arkade. Die drei �bereinander liegenden Reihen von �berw�lbten R�umen im Stil von Underhill hinter dem Platz waren erstellt, und ihre Isolierung angebracht. Die Siedlung war gerade am Vortag versiegelt, geheizt und unter Druck gesetzt worden, so dass man ohne Anz�ge darin arbeiten konnte. Die drei Stockwerke lagen in immer kleineren Bogen �bereinander und erinnerten Michel an den Pont du Gard. Nat�rlich war die ganze Architektur r�mischen Ursprungs, so dass das keine �berraschung sein durfte. Aber die Bogen waren breiter und leichter. Luftiger, wie es die geringere Schwere zulie�.</p><p>Nadia machte sich wieder an die Arbeit. Eine so ruhige Person! Stabil, genau das Gegenteil von labil. Gem��igt, in sich zur�ckgezogen. Sie konnte sich nicht mehr von ihrer alten Freundin Maya unterscheiden. Es war gut f�r Maya, in ihrer N�he zu sein. Das entgegengesetzte Ende der Skala; sie konnte sie hindern davonzufliegen. Gab ein Beispiel f�r sie ab. Wie bei dieser Begegnung passte Maya sich Nadias ruhigem Ton an. Und als Nadia wieder an die Arbeit ging, gewann Maya etwas von jener Heiterkeit zur�ck. Sie sagte: �Ich werde Underhill vermissen, wenn wir von hier wegziehen. Du nicht auch?�</p><p>�Ich glaube nicht�, erwiderte Michael. �Dies hier wird erheblich mehr besonnt sein.� Alle drei Stockwerke des neuen Habitats w�rden sich auf den hohen Platz �ffnen und terrassierte breite Balkons auf der Sonnenseite der Zimmer haben, so dass, obwohl das Bauwerk nach Norden gerichtet und tiefer als Underhill eingegraben war, die heliotropischen, sich automatisch zur Sonne ausrichtenden Filter auf der anderen Seite des Grabens von Morgen- bis Abendd�mmerung Licht auf sie werfen w�rden. �Ich freue mich auf den Umzug. Wir haben den Platz von Anfang an ben�tigt.�</p><p>�Aber wir werden nicht diesen ganzen Platz f�r uns allein haben. Es wird hier neue Leute geben.�</p><p>�Ja. Aber das gibt uns Raum anderer Art.�</p><p>Maya machte ein nachdenkliches Gesicht. �Wie John und Frank, die weggehen.�</p><p>�Ja. Aber auch das ist nicht unbedingt schlimm.� In einer gr��eren Gesellschaft, so sagte er ihr, w�rde die klaustrophobe Dorfatmosph�re von Underhill sich allm�hlich verfl�chtigen, und das w�rde eine bessere Perspektive f�r gewisse Aspekte der Dinge ergeben. Michel z�gerte, ehe er fortfuhr, unsicher, wie er es sagen sollte. Subtilit�t war gef�hrlich, wenn beide Gespr�chspartner eine f�r sie zweite Sprache benutzten und unterschiedliche Muttersprachen hatten. M�glichkeiten f�r Missverst�ndnisse lagen allzu nahe. �Du musst dich mit der Idee vertraut machen, dass du vielleicht gar nicht zwischen John und Frank w�hlen willst. Dass du in Wirklichkeit beide haben m�chtest. Im Kontext der Ersten Hundert kann das nur skandal�s sein. Aber in einer gr��eren Welt und im Laufe der Zeit���</p><p>�Hiroko h�lt sich zehn M�nner!� rief sie �rgerlich.</p><p>�Ja, und du auch. Und in einer gr��eren Welt wird niemand es erfahren oder sich darum k�mmern.�</p><p>Er redete ihr weiter zu und sagte ihr, dass sie stark sei und (wie Frank es ausdr�cken w�rde) das Alpha-Weibchen des Trupps. Sie widersprach und n�tigte ihn solange zu mehr Lobreden, bis sie schlie�lich befriedigt war und er vorschlagen konnte zur�ckzukehren.</p><p>�Meinst du nicht, dass es ein Schock sein wird, neue Leute um sich zu haben? Andere Menschen?� Sie fuhr, und als sie sich zur Seite wandte, um ihn dies zu fragen, kam sie fast von der Stra�e ab.</p><p>�Das nehme ich an.� In Borealis und Acidalia waren schon Teilgruppen gelandet, und die Videob�nder von ihnen waren ein Schock gewesen. Das konnte man an den Gesichtern der Leute erkennen. Als ob Aliens aus dem Weltraum eingefallen w�ren. Aber bisher waren nur Ann und Simon einigen von ihnen in Person begegnet, die auf eine Rover-Expedition n�rdlich von Noctis Labyrinthus getroffen waren. �Ann sagt, sie hatte ein Gef�hl, als ob jemand aus dem Fernseher herausgekommen w�re.�</p><p>�Mein Leben gibt mir immer ein solches Gef�hl�, sagte Maya traurig.</p><p>Michel zog die Augenbrauen hoch. Das Maya-Programm h�tte nicht so gesprochen. �Was meinst du damit?�</p><p>�Oh, das wei�t du. Die halbe Zeit wirkt es wie eine gro�e Simulation, meinst du nicht auch?�</p><p>�Nein.� Er dachte dar�ber nach. �Das meine ich nicht.� Es war alles wirklich nur zu real�� die durch den Roversitz tief ins Fleisch schneidende K�lte�� unausweichlich real, unausweichlich kalt. Vielleicht nahm sie als Russin das nicht so wahr. Aber es war immer und immer kalt. Selbst mittags an einem Mittsommertag, wenn die Sonne �ber den K�pfen wie ein offene Ofent�r im sandfarbenen Himmel loderte, betrug die Temperatur bestenfalls 260 Kelvin, also 15 Grad unter Null�� kalt genug, um durch das Geflecht eines Schutzanzugs zu dringen und jede Bewegung schmerzhaft zu machen. Als sie sich Underhill n�herten, f�hlte Michel die K�lte durch die Haut stechen, und er sp�rte, wie allzu k�hle, mit Sauerstoff versetzte Luft aus dem Mundst�ck tief in seine Lungen str�mte. Er blickte auf den Sandhorizont und den Sandhimmel und sagte sich: Ich bin wie eine Diamantklapperschlange, die durch eine W�ste aus kaltem Gestein und trockenem Staub gleitet. Eines Tages werde ich meine Haut abwerfen wie ein Ph�nix im Feuer, um eine neue Kreatur der Sonne zu werden und nackt am Strand zu spazieren und in warmem Salzwasser zu planschen��</p><p>Zur�ck in Underhill stellte er das psychiatrische Programm in seinem Kopf an und fragte Maya, ob sie sich besser f�hle. Sie ber�hrte seine Stirnscheibe mit der ihren und schenkte ihm einen kurzen strahlenden Blick, der einen Kuss bedeutete. �Das wei�t du�, sagte ihre Stimme ihm ins Ohr. Er nickte und sagte: �Ich werde dann noch etwas spazieren gehen.� Er sagte nicht: Aber was ist mit mir? Was wird mir ein besseres Gef�hl geben?</p><p>Er zwang seine Beine, sich zu bewegen, und marschierte los. Die kahle Ebene rings um die Basis war wie die Vision einer Ein�de nach einem Holocaust, eine Welt der Alptr�ume. Trotzdem wollte er nicht in ihren kleinen Bau aus k�nstlichem Licht, erw�rmter Luft und geschickt dargebotenen Farben zur�ck, die er gr��tenteils selbst ausgesucht hatte unter Hinzuziehung neuester Errungenschaften der Theorie �ber die Zusammenh�nge zwischen Stimmungen und Farben, einer Theorie, die, wie er jetzt erkannte, auf gewissen Grundannahmen beruhte, die hier eigentlich nicht zutrafen. Die Farben waren alle falsch, oder noch schlimmer: irrelevant. Tapeten in der H�lle.</p><p>Diese Phrase formte sich in seinem Kopf und legte sich ihm auf die Zunge. Tapeten in der H�lle. Da sie ohnehin alle verr�ckt werden w�rden�� Es war gewiss ein Fehler gewesen, nur einen einzigen Psychiater mitzunehmen. Jeder Therapeut auf der Erde stand auch selbst in Behandlung, das geh�rte zum Job, und der Kollege musste dieselbe Sprache sprechen. Aber sein Therapeut befand sich drunten in Nizza, mindestens f�nfzehn Sprechminuten entfernt; und Michel sprach mit ihm, aber der konnte nicht helfen. Er verstand ihn gar nicht richtig. Er lebte dort, wo es warm und blau war, er konnte ins Freie gehen und war (wie Michel annahm) bei recht guter mentaler Gesundheit. Dagegen war Michel ein Arzt in einem Hospital in einem Gef�ngnis in der H�lle. Und dieser Arzt war krank.</p><p>Es war ihm nicht gelungen, sich anzupassen. In dieser Hinsicht waren die Menschen verschieden. Es war eine Sache des Temperamentes. Maya, die auf die T�r der Schleuse zuging, hatte ein von dem seinen ganz unterschiedliches Temperament, was ihr irgendwie erm�glichte, sich v�llig daheim zu f�hlen. Um die Wahrheit zu sagen, er glaubte nicht, dass sie von ihrer Umgebung �berhaupt viel Notiz nahm. Und dennoch waren er und sie sich in anderer Hinsicht �hnlich. Das hatte mit dem Index von Labilit�t/Stabilit�t zu tun und dessen besonderer Emotionalit�t. Sie waren beide labil. Und doch waren sie fundamental sehr verschiedene Charaktere. Man musste den Index von Labilit�t/Stabilit�t im Zusammenhang mit den sehr unterschiedlichen Kombinationen von Eigenschaften sehen, die unter den Etiketten <emphasis>Extroversion</emphasis> und <emphasis>Introversion</emphasis> zusammengefasst werden. Das war seine gr��te Entdeckung im letzten Jahr gewesen; und jetzt bestimmte sie sein ganzes Denken �ber sich und seine Pfleglinge.</p><p>W�hrend er zum Alchemistenviertel ging, ordnete er die Ereignisse des Morgens in das Gitter dieses neuen charakterologischen Systems ein. Extroversion/Introversion war eines der am besten studierten Systeme von Eigenschaften in der ganzen psychologischen Theorie, mit sehr reichem Beweismaterial aus vielen verschiedenen Kulturen, das die objektive Realit�t des Konzeptes unterst�tzte. Nat�rlich keine einfache Dualit�t. Man stempelte eine Person nicht einfach als so oder so ab, sondern ordnete sie auf einer Skala ein nach solchen Eigenschaften wie Geselligkeit, Impulsivit�t, Unbest�ndigkeit, Gespr�chigkeit, Mitteilsamkeit, Aktivit�t, Lebhaftigkeit, Reizbarkeit, Optimismus und so weiter. Diese Messungen waren oft genug ausgef�hrt worden, und es war statistisch erwiesen, dass die mannigfachen Eigenschaften tats�chlich im Zusammenhang standen, bis zu einem Ma�e, das Zufall weitgehend ausschloss. Also war dieses Konzept real, durchaus real! Tats�chlich hatten physiologische Untersuchungen ergeben, dass Extroversion mit Ruhezust�nden geringer cortikaler Erregung verkn�pft war und Introversion mit hoher cortikaler Erregung. Dies war Michel zun�chst widersinnig vorgekommen; aber dann erinnerte er sich, dass der Cortex�� die Gro�hirnrinde�� die unteren Zentren des Gehirns hemmt, so dass geringe cortikale Erregung das weniger behinderte Verhalten des Extrovertierten erm�glicht, w�hrend hohe cortikale Erregung dies verhindert und zu Introversion f�hrt. Dies erkl�rte auch, warum der Genuss von Alkohol, der cortikale Erregung d�mpft, zu einem aufgeregteren und weniger gehemmten Verhalten f�hrte.</p><p>Also w�rde das ganze B�ndel extrovertierter/introvertierter Z�ge, mit allem, was sie �ber jemandes Charakter aussagten, auf eine Gruppe von Zellen im Hirnstamm zur�ckgef�hrt, die man das retikulare aktivierende System nennt, das Gebiet, welches letztlich die Niveaus cortikaler Erregung bestimmt. Damit wurde man zur Biologie gef�hrt. Ralph Waldo Emerson, der ber�hmte amerikanische Transzendentalphilosoph des 19. Jahrhunderts, sagte nach dem Tod seines sechsj�hrigen Sohnes: <emphasis>So etwas wie Schicksal d�rfte es nicht geben.</emphasis> Aber Biologie war Schicksal.</p><p>Und Michels System ging noch weiter. Schicksal war schlie�lich kein einfaches Entweder/Oder. Er hatte sich k�rzlich mit Wengers Index automatischer Balance besch�ftigt, der sieben verschiedene Variable benutzte, um zu bestimmen, ob ein Individuum durch die sympathetischen oder die parasympathetischen Zweige des autonomen Nervensystems beherrscht wird. Der sympathetische Zweig reagiert auf �u�ere Reize und veranlasst den Organismus zu reagieren, so dass von ihm beherrschte Personen reizbar waren. Der parasympathetische Zweig hingegen gew�hnt den alarmierten Organismus an den Reiz und bringt ihn wieder in hom�ostatisches Gleichgewicht, so dass von ihm beherrschte Individuen friedlich w�ren. Duffy hatte vorgeschlagen, diese beiden Klassen von Individuen als labil und stabil zu bezeichnen; und diese Klassifikation, wenn auch nicht so ber�hmt wie Extroversion und Introversion, war ebenso solide auf empirisches Beweismaterial gegr�ndet und ebenso n�tzlich, um Verschiedenheiten des Temperaments zu verstehen.</p><p>Nun sagte aber keines dieser Systeme dem Forscher besonders viel �ber die gesamte Natur der untersuchten Person. Die Ausdr�cke waren so allgemein, sie waren Zusammenfassungen so vieler Z�ge, dass sie nur sehr wenig in irgendeinem diagnostischen Sinn aussagten, besonders da beide in der aktuellen Besetzung Gau�sche Fehlerkurven darstellten.</p><p>Aber wenn man die beiden Systeme kombinierte, begann es wirklich interessant zu werden.</p><p>Das war kein leichtes Unterfangen, und Michel hatte allerhand Zeit an seinem Computerschirm verbracht und eine Kombination nach der anderen skizziert. Dabei benutzte er die beiden unterschiedlichen Systeme als <emphasis>x- und y-</emphasis>Achsen in verschiedenen Koordinatensystemen. Nichts davon hatte ihm viel zu sagen. Aber dann fing er an, die vier Terme um die Ausgangspunkte eines semantischen Rechtecks nach Greimas herumzuschieben, ein strukturalistisches Schema alchemistischer Herkunft, wonach keine einfache Dialektik gen�gen w�rde, die wahre Komplexit�t irgendeiner Gruppe verwandter Konzeptionen zu beschreiben, so dass es n�tig w�re, die reale Differenz zwischen zwei gegens�tzlichen Dingen anzuerkennen. Der Begriff �nicht-X� w�re nicht genau dasselbe wie �Anti-X�, was unmittelbar einleuchtete. Also war die erste Stufe gew�hnlich gekennzeichnet durch Anwendung der vier Terme S, -S, S und -S in einem einfachen Rechteck:</p><empty-line/><image l:href="#4"/><p>Also war -S ein einfaches Nicht-S, und S war st�rker als Anti-S, w�hrend -S f�r Michel eine sch�delspalterische Negation einer Negation war�� entweder eine Neutralsierung der anf�nglichen Opposition oder die Vereinigung der zwei Negationen. In der Praxis blieb das oft ein Mysterium oder <emphasis>koan.</emphasis> Aber manchmal wurde es klar als eine Idee, die die konzeptuelle Einheit recht h�bsch vervollst�ndigte, wie in einem Beispiel von Greima:</p><empty-line/><image l:href="#5"/><p>Der n�chste Schritt in der Komplikation des Schemas, der Schritt, wo neue Kombinationen oft strukturelle Beziehungen enth�llten, die oberfl�chlich keineswegs zu erkennen waren, bestand darin, ein anderes Rechteck zu konstruieren, das das erste rechtwinklig umspannte, etwa so:</p><empty-line/><image l:href="#6"/><empty-line/><p>Und Michel hatte verwundert dieses Schema angestarrt�� mit Extroversion, Introversion, Labilit�t und Stabilit�t an den ersten vier Ecken, und deren Kombinationen erwogen. Pl�tzlich war alles deutlich geworden. Ein Kaleidoskop hatte zuf�llig die Darstellung einer Rose getroffen. Denn das ergab vollkommen Sinn. Da waren Extrovertierte, die reizbar waren, und Extrovertierte, die ausgeglichen waren; und es gab Introvertierte, die recht emotional waren, und solche, die es nicht waren. Er konnte unter den Kolonisten sofort Beispiele f�r alle vier Typen finden.</p><empty-line/><image l:href="#7"/><empty-line/><p>Als er �ber Namen nachdachte, die er diesen kombinierten Kategorien geben sollte, hatte er lachen m�ssen. Unglaublich! Es war geradezu eine Ironie zu denken, dass er die Ergebnisse eines Jahrhunderts psychologischen Denkens benutzt hatte und eine der j�ngsten Laboratoriumsforschungen in Psychophysiologie, ganz zu schweigen von einem komplizierten Apparat aus der strukturalistischen Alchemie�� das alles, um das antike System der Humore neu zu erfinden. Aber das war es! Darauf lief es hinaus! Denn die n�rdliche Kombination, extrovertiert und stabil, war offenkundig das, was Hippokrates, Galen, Aristoteles, Trismegistos, Wundt und Jung sanguinisch genannt h�tten.</p><p>Der westliche Punkt, extrovertiert und labil, war cholerisch. Im Osten war introvertiert und stabil phlegmatisch. Und im S�den war introvertiert und labil nat�rlich genau die Definition von melancholisch. Jawohl, die passten alle genau! Galens physiologische Erkl�rung f�r die vier Temperamente war nat�rlich falsch gewesen, und Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle waren als kausale Agentien jetzt durch das aufsteigende retikulare Aktivierungssystem und das autonome Nervensystem ersetzt worden. Aber die Wahrheiten der menschlichen Natur hatten Bestand gehabt. Und die Kr�fte psychologischer Einsicht und analytischer Logik der ersten griechischen �rzte hatten sich als ebenso stark, oder eher noch viel starker erwiesen denn die jeder nachfolgenden Generation, die durch eine oft nutzlose Ansammlung von Wissen get�uscht wurde. Und so hatten die Kategorien �berdauert und waren best�tigt worden im Laufe der Zeiten.</p><p>Michel befand sich jetzt im Alchemistenviertel. Er bem�hte sich um Aufmerksamkeit. Hier benutzten Menschen arkanes Wissen, um aus Kohle Diamanten herzustellen. Und sie taten das so leicht und genau, dass all ihr Fensterglas mit einer molekularen Schicht von Diamant bedeckt war, um es vor Stauberosion zu sch�tzen. Ihre gro�en wei�en Salzpyramiden (Pyramiden�� eine der gro�en Figuren antiken Wissens) waren auch mit Schichten aus reinem Diamant bedeckt. Und dieser Prozess des Belegens mit monomolekularem Diamant war nur eine von Tausenden alchemischer Prozeduren, die in diesen gedrungenen Geb�uden abliefen.</p><p>In den letzten Jahren hatten die Geb�ude ein leicht muslimisches Aussehen gewonnen. Ihre wei�en Backsteinw�nde stellten eine Gleichung nach der anderen zur Schau, alle in schwarzen kalligraphischen Mosaiken. Michel stie� auf Sax, der am n�chsten bei der letzten Gleichung stand, die auf der Mauer der Backsteinfabrik angef�hrt war, und schaltete auf die allgemeine Frequenz um: �Kannst du Blei in Gold verwandeln?�</p><p>Sax neigte sp�ttisch seinen Helm und sagte: �Nun, warum nicht? Es sind Elemente. Das w�rde schwierig sein. Lass mich etwas dar�ber nachdenken.�</p><p>Russell Sax, der Steinbrecher. Der perfekte Phlegmatiker.</p><p>Das wirklich N�tzliche bei der Kartierung der vier Temperamente auf dem semantischen Viereck war, dass es sofort eine Anzahl fundamentaler struktureller Beziehungen zwischen ihnen aufzeigte, die dann Michel halfen, ihre Anziehungen und Gegens�tzlichkeiten in einem neuen Licht zu sehen. Maya war labil und extrovertiert, deutlich cholerisch. Und Frank war das auch. Und beide waren F�hrer und wurden beide von einander angezogen. Aber der Umstand, dass beide cholerisch waren, war auch ein fl�chtiger und im Grunde absto�ender Aspekt ihrer Beziehung, als ob sie gegenseitig genau erkennen w�rden, was sie bei sich selbst nicht mochten.</p><p>Und so war Mayas Liebe zu John, der deutlich sanguinisch war, mit einer Extroversion, die der von Maya �hnlich war, aber emotional viel stabiler bis hin zur Gelassenheit. So gab er die meiste Zeit den gr��ten Frieden, wie ein Anker zur Realit�t�� der dann gelegentlich schmerzte. Und Johns Hinneigung zu Maya? Vielleicht die Anziehung des Unverhersagbaren, das Gew�rz in diesem herzlichen einfachen Gl�ck. Sicher, warum nicht? Man kann nicht mit seinem Ruhm flirten. Auch wenn manche Leute es versuchen.</p><p>O ja, es gab viele Sanguiniker unter den Ersten Hundert. Wahrscheinlich bevorzugten die Spezialisten der Auswahl f�r die Kolonie diesen Typ. Arkady, Ursula, Phyllis, Spencer, Yeli�� ja. Und da Stabilit�t die f�r die Auswahl am meisten gesch�tzte Eigenschaft war, gab es unter ihnen auch eine Menge Phlegmatiker: Nadia, Sax, Simon Frazier, vielleicht Hiroko�� der Umstand, dass man ihrer nicht sicher sein konnte, legte diese Vermutung nahe��, Vlad, George, Alex.</p><p>Phlegmatiker und Melancholiker w�rden nat�rlich nicht miteinander auskommen, da beide introvertiert waren und sich rasch zur�ckzogen; und der Stabile w�rde von der Unvorhersagbarkeit des Labilen abgesto�en, so dass sie einander auswichen, wie Sax und Ann. Es gab nicht viele Melancholiker unter ihnen. Ann�� ja. Und wahrscheinlich durch das Schicksal ihrer Hirnstruktur, obwohl es nicht half, dass sie als Kind falsch behandelt worden war. Sie hatte sich aus dem gleichen Grund in den Mars verliebt, aus dem Michel ihn hasste: Weil er tot war. Und Ann liebte den Tod.</p><p>Auch einige Alchemisten waren Melancholiker. Und leider auch Michel selbst. Vielleicht alles in allem f�nf Personen. In beiden Aussch�ssen hatte man gegen sie die Wahl getroffen, da weder Introversion noch Labilit�t f�r w�nschenswert erachtet wurden. Nur Leute, die sehr geschickt ihre wahre Natur vor dem Komitee verbargen, hatten durchrutschen k�nnen, Leute mit gro�er Kontrolle �ber ihre <emphasis>personas,</emphasis> jene das Leben �berdauernden Masken, die alle wilden Unstimmigkeiten im Innern verbergen. Vielleicht war nur ein bestimmter Typ von <emphasis>persona</emphasis> f�r die Kolonie ausgesucht worden, mit einer gro�en Mannigfaltigkeit von Personen dahinter. War das so? Die Auswahlkomitees hatten unm�gliche Anforderungen gestellt. Es war wichtig, sich daran zu erinnern. Sie hatten Stabile haben wollen und dennoch nach Leuten verlangt, die so leidenschaftlich und monomanisch zum Mars gehen wollten, dass sie Jahre ihres Lebens diesem Ziel zu widmen bereit waren. Vertrug sich das miteinander? Sie wollten Extrovertierte und zugleich hervorragende Wissenschaftler, die sich notwendigerweise tief in einsames Studium vergraben mussten. Passte das zusammen?�� Nein, nie! So ging es die ganze Liste hinunter weiter. Sie hatten eine doppelte Bindung nach der anderen geschaffen. Kein Wunder, dass die Ersten Hundert sich vor ihnen versteckt hatten und sie hassten. Mit Schaudern erinnerte er sich an den gro�en Sonnensturm auf der <emphasis>Ares,</emphasis> wo ein jeder erkannte, wie viel L�gen und sich Verstecken er hatte tun m�ssen, als sich alle umgewendet und ihn angestarrt hatten mit all jener verhaltenen Wut, als ob das alles sein Fehler w�re, als ob er nur Psychologe w�re und die Kriterien zusammengebraut und die Tests durchgef�hrt und die Auswahl ganz allein getroffen h�tte. Wie er in diesem Moment zusammengezuckt war, wie allein er sich gef�hlt hatte! Es hatte ihn so sehr schockiert und erschreckt, dass er nicht imstande gewesen war, schnell genug zu denken, um sich einzugestehen, dass auch er gelogen hatte. Nat�rlich hatte er das getan, mehr als viele andere von ihnen.</p><p>Aber warum hatte er gelogen? Warum?</p><p>Das war es, an das er sich nicht recht erinnern konnte. Melancholie als Ged�chtnisfehler, eine akute Empfindung der Irrealit�t der Vergangenheit, ihre Nichtexistenz�� Er war Melancholiker, zur�ckgezogen, ohne Kontrolle �ber seine Gef�hle, zu Depression neigend. Man h�tte ihn nicht ausw�hlen sollen zu gehen; und jetzt konnte er sich nicht erinnern, weshalb er so leidenschaftlich gek�mpft hatte, ausgew�hlt zu werden. Die Erinnerung war fort, vielleicht �berw�ltigt von den qu�lenden, schmerzenden, bruchst�ckhaften Bildern des Lebens, das er zwischen seinen Gel�sten, zum Mars zu gehen, gef�hrt hatte. So winzig und so kostbar. Die Abende auf den Plazas, die Sommertage an den Str�nden, die N�chte in den Berten von Frauen. Die Olivenb�ume von Avignon. Die gr�n leuchtenden Zypressen.</p><p>Er stellte fest, dass er das Alchemistenviertel verlassen hatte. Er befand sich am Fu�e der gro�en Salzpyramide. Er ging langsam die vierhundert Stufen hinauf und setzte seine F��e vorsichtig auf die blauen rutschfesten Platten. Jede Stufe lieferte ihm eine weitere Sicht auf die Ebene von Underhill; aber es war immer der gleiche sterile Steinhaufen, ganz gleich, wie gro� er wurde. Von dem quadratischen wei�en Pavillon auf dem Gipfel der Pyramide konnte man eben noch Tschernobyl und den Raumhafen erkennen.</p><p>Sonst aber nichts. Warum war er zu diesem Platz gekommen? Warum hatte er so hart gearbeitet, um hierher zu kommen und so viele der Freuden von Leben, Familie, Heim, Mu�e und Spiel geopfert? Er sch�ttelte den Kopf. Soweit er sich erinnern konnte, war es einfach das gewesen, was er zu tun verlangt hatte, die Definition seines Lebens. Ein Zwang, ein Leben mit einem Ziel�� wie konnte man den Unterschied benennen? Von Mond erhellte N�chte im duftenden Olivenhain, der Boden gefleckt von kleinen schwarzen Kreisen und die elektrisierende warme Brise des Mistral, die die Bl�tter in schnellen kleinen Wellen rauschen l�sst. Er flach auf dem R�cken, die Arme weit ausgebreitet, w�hrend die Bl�tter silbrig und grau unter der schwarzen Kuppel der Sterne flackern. Und einer dieser Sterne war still, schwach, rot; und er w�rde ihn suchen und beobachten, dort zwischen den von Wind bewegten Olivenbl�ttern. Und er war acht Jahre alt gewesen! Mein Gott, was waren die? Nichts erkl�rte das. Ebenso gut k�nnte man erkl�ren, warum sie in Lascaux gemalt hatten, warum sie steinerne Kathedralen in den Himmel gebaut hatten. Warum Korallenpolypen Riffe bauten.</p><p>Er hatte eine gew�hnliche Jugend gehabt, war oft umgezogen, hatte die gewonnenen Freunde verloren, war auf die Universit�t von Paris gegangen, um Psychologie zu studieren. Er hatte seine Dissertation �ber Depression auf Raumstationen angefertigt und dann f�r Ariane und sp�ter Glavkosmos gearbeitet. Inzwischen hatte er geheiratet und war geschieden. Franchise hatte gesagt, er �w�re nicht da�. All diese N�chte mit ihr in Avignon, all jene Tage in Villefranche-sur-Mer. Ein Leben auf dem sch�nsten Fleck der Erde�� und er war umhergelaufen in einem Nebel von Verlangen nach dem Mars! Das war absurd! Schlimmer noch, es war t�richt. Ein Fehler der Phantasie, der Erinnerung und letztlich sogar der Intelligenz. Er war nicht imstande gewesen <emphasis>zu</emphasis> sehen, was er gehabt hatte, oder sich vorzustellen, was er bekommen k�nnte. Und jetzt musste er daf�r zahlen, gefangen auf einer Eisscholle in der arktischen Nacht mit neunundneunzig Fremden, von denen kein einziger richtig Franz�sisch sprach. Nur drei, die es immerhin versuchen konnten. Und Franks Franz�sisch war schlimmer als gar keins. Es war, als ob man die Sprache mit einer Axt bearbeitete.</p><p>Das Fehlen der eigenen Zunge seines Geistes hatte ihn dazu getrieben, das Fernsehen aus der Heimat zu betrachten, was aber seine Qual nur noch versch�rfte. Dennoch schickte er auf Band gesprochene Videomonologe an seine Mutter und Schwester, damit sie in gleicher Weise antworten konnten. Er sah sich diese Antworten oft an und achtete mehr auf die Hintergr�nde als auf seine Verwandten. Er f�hrte auch gelegentlich Live-Gespr�che mit Journalisten und wartete ungeduldig w�hrend der Dialogpausen auf Antworten. Solche Unterhaltungen zeigten, wie ber�hmt er in Frankreich war, eine allgemein vertraute, eine ��ffentliche� Person; und er bem�hte sich, alle Fragen konventionell zu beantworten, indem er die Persona von Michel Duval spielte und das Michel-Programm ablaufen lie�. Manchmal sagte er Konsultationen mit Kolonistenkollegen ab, wenn ihm danach war, Franz�sisch anzuh�ren. Sollten jene doch Englisch essen!</p><p>Aber diese Vorf�lle trugen ihm eine scharfe R�ge seitens Frank ein und eine Konferenz mit Maya. War er �berarbeitet? Nat�rlich nicht. Er hatte nur neunundneunzig Personen geistig gesund zu halten und wanderte zugleich in einer geistigen Provence auf von B�umen bedeckten steilen Bergflanken mit ihren Weing�rten, Bauernh�usern und verfallenen St�dten und Kl�stern in einer lebendigen Landschaft, einer Landschaft, die unendlich viel sch�ner und menschlicher war als die steinige W�ste dieser Realit�t��</p><p>Er sa� in der Fernsehlounge. In Gedanken verloren war er offenbar in sich gegangen. Aber er konnte sich nicht daran erinnern. Er hatte gedacht, er st�nde oben auf der Gro�en Pyramide. Und dann hatte er gezwinkert und befand sich in der TV-Lounge (alle Wohnkomplexe haben eine) und sah das Videobild einer von Flechten bedeckten Canyonwand in Marineris.</p><p>Er erschauderte. Es war wieder passiert. Er hatte den Kontakt verloren, war fortgegangen und sp�ter am Tage wieder zu sich gekommen. Das war schon einige dutzend Male passiert. Und es war nicht einfach Verlorensein in Gedanken, sondern darin vergraben sein, f�r die Welt tot. Er schaute sich in dem Raum um und erbebte krampfhaft. Es war jetzt Ls = 5, der Anfang des n�rdlichen Fr�hlings, und die Nordw�nde der gro�en Canyons erw�rmten sich in der Sonne. Da sie alle irgendwie verr�ckt werden w�rden��</p><p>Dann war es Ls = 157, und 152 Grade waren in einer verschwommenen Nichtexistenz vergangen. Er w�rmte sich in der Sonne im Hofe von Francoises Villa am Strand von Villefranche-sur-Mer und schaute hinab auf die D�cher und Terracottas�ulen und ein kleines Becken, t�rkisfarben �ber dem Kobalt des Mittelmeeres. Eine Zypresse stand wie eine gr�ne Flamme �ber dem Teich, schwankte in der Brise und ergoss ihren Duft �ber sein Gesicht. In der Ferne die gr�ne Landzunge einer Halbinsel��</p><p>Nur befand er sich real in Underhill Prime, gew�hnlich als �der Graben� oder �Nadias Arkade� bezeichnet, und sa� auf dem oberen Balkon mit Blick auf eine Zwergsequoia. Dahinter die Glaswand und die Spiegel mit ihrem abgestuften Reflexionsindex, die das Licht aus seinem Ursprung an der Cote d�Or in den Promenadeplatz hinunterlenkten. Tatiana Durova war durch einen von einem Roboter umgekippten Kran get�tet worden, und Nadia war untr�stlich. Aber Kummer l�uft von uns ab wie Regen an einer Ente, dachte Michel, als er bei ihr sa�. Im Laufe der Zeit w�rde Nadia sich erholen. Inzwischen konnte man nichts tun. Hielt man ihn etwa f�r einen Zauberer? Einen Priester? Wenn das stimmte, h�tte er sich l�ngst selbst heilen k�nnen und auch all diese Welt oder noch besser, er w�re durch den Weltraum nach Hause geflogen. H�tte das nicht eine Sensation ausgel�st, am Strand von Antibes zu erscheinen und zu sagen �Bonjour, ich bin Michel. Ich bin nach Hause gekommen?�</p><p>Dann war es Ls = 190, und er war eine Eidechse oben auf dem Pont du Gard, auf den schmalen rechteckigen Steinplatten, die den eigentlichen Aqu�dukt bedeckten, der geradlinig hoch �ber die Schlucht verlief. Seine schuppige Haut hatte sich um die Taille herum abgesch�lt, und die hei�e Sonne brannte ein schachbrettartiges Muster in die neue Haut. Nur, dass er sich tats�chlich in Underhill befand, im Atrium, und dass Frank weggezogen war, um bei den Japanern zu wohnen, die in Argyre gelandet waren, und dass Maya und John sich in den Haaren lagen wegen ihrer Zimmer und dar�ber, wo das lokale Hauptquartier der UNOMA unterzubringen w�re. Maya selbst, sch�ner denn je, schlich ihm durch das Atrium nach und beschwor ihn zu helfen. Er und Marina Tokareva hatten vor fast einem vollen Marsjahr aufgeh�rt zusammenzuwohnen�� sie hatte gesagt, er w�re nicht da. Und wenn er Maya anschaute, fand Michel, dass er sie sich als Geliebte vorstellte. Aber das war nat�rlich verr�ckt. Sie war eine <emphasis>russalka��</emphasis> eine Wasserhexe�� und hatte mit Bossen von Glavkosmos und mit Kosmonauten geschlafen, um ihren Weg durch das System nach oben zu machen. Dadurch war sie ungesellig, bitter und unberechenbar geworden. Sie benutzte Sex jetzt, um zu verletzen. Sex war f�r sie einfach Diplomatie mit anderen Mitteln. Es w�re unsinnig, mit ihr auf diese Art etwas zu tun zu haben und sich in den Wirbel ihrer Glieder und ihres Bannkreises ziehen zu lassen. Warum sollte man nicht an erster Stelle verr�ckte Leute schicken��</p><p>Aber jetzt war es Ls = 241. Er ging �ber die l�chrige Brustwehr von Les Baux und blickte in die verfallenen Kammern der mittelalterlichen Einsiedelei. Es war kurz vor Sonnenuntergang, und das Licht war marsartig orangefarben. Der Kalkstein gl�hte, und das ganze Dorf und die dunstige Ebene unten dehnten sich bis hin zur wei�bronzenen Linie des Mittelmeers. Sie sahen so unerkl�rlich aus wie ein Traum�� Au�er, es war ein Traum. Und er erwachte und fand sich wieder in Underhill. Phyllis und Edvard waren gerade von einer Expedition zur�ckgekehrt. Phyllis lachte und zeigte ihnen einen glatten Steinklumpen. Sie sagte fr�hlich: �Das war �ber den ganzen Canyon verstreut. Goldnuggets von Faustgr��e.�</p><p>Dann ging er durch die Tunnels hinaus zur Garage. Der Psychiater der Kolonie erlebte Visionen und fiel in L�cken des Bewusstseins und des Ged�chtnisses. Arzt, hilf dir selber! Aber das konnte er nicht. Er war an Heimweh erkrankt. Heimweh�� es m�sste einen besseren Ausdruck daf�r geben, ein wissenschaftliches Etikett, um es zu legitimieren und f�r andere real zu machen. Aber er wusste schon, dass es real war. Er vermisste die Provence so sehr, dass er glaubte, nicht atmen zu k�nnen. Er war wie Nadias Hand, ein Teil davon abgerissen, und die Phantomnerven pulsierten noch schmerzhaft.</p><p>Und ihnen die M�he ersparen?</p><p>Die Zeit verging. Das Michel-Programm machte die Runde, eine hohle Persona, innen leer, nur irgendein winziger Homumculus des Kleinhirns noch verblieben, um das Ding aus der Ferne zu bedienen.</p><p>In der Nacht des zweiten Tages von Ls = 266 ging er zu Bett. Er war hundem�de, obwohl er nichts getan hatte, v�llig ersch�pft und ausgelaugt, und dennoch lag er in der Dunkelheit seines Zimmers und konnte nicht schlafen. Seine Gedanken drehten sich wild im Kreise. Er war sich durchaus dar�ber im klaren, wie krank er war. Er w�nschte, er k�nnte die Verstellung aufgeben und zugeben, dass er verloren hatte. Sich selbst in die Klinik schicken. Heimgehen. Er konnte sich an fast nichts aus den letzten Wochen erinnern�� oder gar etwa noch l�nger? Er war sich nicht sicher. Er fing an zu weinen.</p><p>Die T�r knackte, schwang auf, und ein kleiner Lichtkeil aus der Halle schien ungehindert herein. Niemand da.</p><p>�Hallo?� sagte er, bem�ht, die Tr�nen aus seiner Stimme zu verdr�ngen.</p><p>Die Antwort drang ihm direkt ins Ohr, wie vom Interkom eines Helms. Eine m�nnliche Stimme sagte: �Komm mit mir!�</p><p>Michel prallte zur�ck und stie� gegen die Wand. Er starrte auf eine schwarze Silhouette.</p><p>Die Gestalt fl�sterte: �Wir brauchen deine Hilfe.� Eine Hand packte seinen Ann, als er sich an die Wand presste. �Und du brauchst die unsere.� Die Andeutung eines L�chelns in der Stimme, die Michel nicht erkannte.</p><p>Furcht schleuderte ihn in eine neue Welt. Pl�tzlich konnte er viel besser sehen, als ob die Ber�hrung seines Besuchers seine Pupillen ge�ffnet h�tte wie Kamerablenden. Ein hagerer dunkelh�utiger Mann. Ein Fremder. Erstaunen mischte sich in seine Angst; und er stand auf und bewegte sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch das Zwielicht, trat in seine Pantoffeln und folgte dem Fremden auf sein Dr�ngen hin in den Korridor, wobei er die Leichtigkeit der geringen Schwere des Mars zum ersten Mal seit Jahren empfand. Der Gang schien vor grauem Licht zu bersten, obwohl er bemerkte, dass nur die n�chtlichen Leuchtstreifen in Betrieb waren. Es war hell genug, um zu erkennen, wer ihn bel�stigte. Sein Begleiter hatte kurze schwarze Haarborsten, wodurch sein Kopf stachlig erschien. Er war klein, mager, und hatte ein schmales Gesicht. Unzweifelhaft ein Fremder. Ein Eindringling aus einer der neuen Kolonien in der s�dlichen Hemisph�re, dachte Michel. Aber der Mann f�hrte ihn mit ortskundiger Sicherheit und in tiefstem Schweigen durch Underhill, als ob es ein schwarzwei�er Stummfilm w�re. Er blickte auf sein Armbandger�t. Es zeigte nichts an. Der Zeitrutsch. Er wollte sagen: �Wer bist du?�, aber das Schweigen war so �berw�ltigend, dass er sich nicht zum Sprechen �berwinden konnte. Er formulierte die Worte mit den Lippen, und der Mann drehte sich um und sah ihn �ber die Schulter an. Das Wei� in den Augen war rund um die Irisse sichtbar und leuchtend. Die Nasenl�cher waren weite schwarze L�cher. �Ich bin der blinde Passagier�, sagte er und grinste. Seine Eckz�hne waren verf�rbt. Sie waren aus Stein, wie Michel pl�tzlich erkannte. Steinz�hne vom Mars in seinem Kopf. Er nahm Michel am Ann. Sie gingen auf die Farmschleuse zu. �Wir brauchen da drau�en Helme�, fl�sterte Michel und z�gerte.</p><p>�Nicht heute Nacht.� Der Mann �ffnete die Schleusent�r, und keine Luft str�mte hinein, obwohl sie auf der anderen Seite offen war. Sie traten ein und gingen zwischen den schwarzen Reihen aus dicht gepackten Bl�ttern. Die Luft war angenehm. Hiroko wird �rgerlich sein, dachte Michel.</p><p>Sein F�hrer war verschwunden. Michel sah eine Bewegung und h�rte ein helles leises Lachen. Es klang wie von einem Kind. Mit einemmal kam Michel der Gedanke, dass das Fehlen von Kindern f�r das die Kolonie durchdringende Gef�hl von Sterilit�t verantwortlich sein mochte, dass sie Bauwerke errichten und Pflanzen ziehen konnten; jedoch w�rde dieses sterile Gef�hl jeden Teil ihres Lebens durchdringen. Extrem erschrocken ging er weiter auf das Zentrum der Farm zu. Es war warm und feucht, und die Luft stank von nassem Schmutz, D�nger und Bl�ttern. Licht schimmerte von tausend Blattfl�chen, als ob die Sterne durch das klare Dach gefallen w�ren und sich um ihn zusammengedr�ngt h�tten. Reihen von Getreide�hren raschelten, und die Luft stieg ihm zu Kopf wie Branntwein. Kleine F��e scharrten hinter den engen Reisbeeten. Sogar im Dunkeln war der Reis ein ausgedehntes schw�rzliches Gr�n; und zwischen den Pflanzen erschienen kleine Gesichter, die kniehoch grinsten und verschwanden, wenn er sich ihnen zuwandte. Hei�es Blut str�mte ihm durch Gesicht und H�nde, sein Blut wurde zu Feuer, und er trat drei Schritte zur�ck. Dann hielt er an und drehte sich um. Zwei nackte kleine M�dchen kamen durch die Schneise auf ihn zu, mit schwarzem Haar, dunklen Augen und schwarzer Haut, ungef�hr drei Jahre alt. Ihre orientalischen Augen schimmerten in dem tr�ben Licht hell, ihre Mienen waren ernst. Sie nahmen ihn bei den H�nden und drehten ihn um. Er gestattete ihnen, ihn den Weg hinabzuf�hren, und sah sich erst die eine und dann die andere an. Jemand musste beschlossen haben, etwas gegen ihre Sterilit�t zu unternehmen. W�hrend sie so gingen, tauchten andere nackte kleine Kinder aus dem Geb�sch auf und dr�ngten sich um ihn, sowohl Jungen wie M�dchen, einige davon etwas heller oder dunkler als die ersten zwei, meistens von der gleichen Farbe und alle im selben Alter. Neun oder zehn von ihnen begleiteten Michel zum Zentrum der Farm. Sie wimmelten in raschen Schritten um ihn herum. Und dort im Zentrum des Labyrinths war eine kleine Lichtung, derzeit besetzt von etwa einem Dutzend Erwachsener, die, alle nackt, in einem rohen Kreis sa�en. Die Pupillen Michels weiteten sich in dem Nimbus von Sternenlicht und schimmernden Bl�ttern. Er erkannte Mitglieder des Farmteams; Iwao, Raul, Ellen, Rya, Gene, Evgenia�� alle vom Farmteam au�er Hiroko selbst.</p><p>Nach kurzem Z�gern zog Michel seine Pantoffeln aus, legte seine Kleider ab, legte sie auf die Pantoffeln und setzte sich an einer leeren Stelle im Kreis hin. Er wusste nicht, an was er hier teilnahm, aber das spielte keine Rolle. Einige Gestalten nickten ihm zur Begr��ung zu; und Ellen und Evgenia, die zu beiden Seiten von ihm sa�en, ber�hrten ihn an den Armen. Pl�tzlich standen die Kinder auf und liefen zusammen quietschend und kichernd eine Schneise hinunter. Sie kamen zur�ck in einem dichten Kn�uel um Hiroko, die in die Mitte des Kreises trat, ihre nackte Gestalt dunkel in der Dunkelheit. Von den Kindern gefolgt ging sie langsam in dem Kreis herum und streute aus ihren zwei ausgestreckten F�usten ein bisschen Schmutz in die ausgestreckten H�nde aller Personen. Michel hielt seine H�nde zusammen mit Ellen und Evgenia hin, als sie n�her kam, und starrte auf ihre schimmernde Haut. Er war einmal am n�chtlichen Strand von Villefranche an einer Schar afrikanischer Frauen vorbeigekommen, die in den phosphoreszierenden Wellen planschten, wei�es Wasser auf schwarzer gl�nzender Haut��</p><p>Der Schmutz in seiner Hand war warm und roch nach Rost. Hiroko sagte: �Dies ist unser K�rper.� Sie ging zur anderen Seite des Kreises, gab den Kindern je eine Handvoll Schmutz und schickte sie zur�ck, um zwischen den Erwachsenen Platz zu nehmen. Sie setzte sich Michel gegen�ber hin und fing an, auf japanisch zu rezitieren. Evgenia beugte sich hin�ber und fl�sterte Michel eine �bersetzung oder wohl eher Erkl�rung ins Ohr. Sie feierten die Areophanie, eine Zeremonie, die sie unter Hirokos Anleitung und Inspiration geschaffen hatten. Das war eine Art landschaftlicher Religion, ein Bewusstsein vom Mars als eines physischen Raums, der erf�llt sei von <emphasis>Kami,</emphasis> welches die spirituelle Energie darstellte, die im Lande selbst ruhte. <emphasis>Kami</emphasis> manifestierte sich am augenf�lligsten in bestimmten au�ergew�hnlichen Objekten in der Landschaft�� Steins�ulen, isolierten Ausw�rfen, steilen Klippen, seltsam gegl�tteten Innenseiten von Kratern und den breiten runden Gipfeln der gro�en Vulkane. Diese intensiven Auspr�gungen vom <emphasis>Kami</emphasis> des Mars hatten eine terrestrische Analogie unter den Kolonisten in jener Kraft, die Hiroko <emphasis>viriditas</emphasis> nannte, der gr�nenden fruchttragenden inneren Kraft, die wei�, dass die wilde Welt selbst heilig ist. <emphasis>Kami, viriditas.</emphasis> Es war die Kombination dieser geheiligten Kr�fte, die es Menschen gestatten w�rde, hier sinnvoll zu existieren.</p><p>Als Michel h�rte, wie Evgenia das Wort �Kombination� fl�sterte, fielen alle Ausdr�cke sofort in ein semantisches Rechteck: <emphasis>Kami</emphasis> und <emphasis>viriditas,</emphasis> Mars und Erde, Hass und Liebe, Abwesenheit und Sehnsucht. Und dann schnappte das Kaleidoskop ein, und alle Rechtecke kamen in seinem Geist auf ihren Platz, alle Antinomien st�rzten zu einer einzigen sch�nen Rose zusammen, das Herz der Areophanie, <emphasis>Kami,</emphasis> durchstr�mt von <emphasis>viriditas,</emphasis> beide zur gleichen Zeit v�llig rot und v�llig gr�n. Sein Kinnbacken war schlaff, seine Haut brannte. Er konnte und wollte das nicht erkl�ren. Sein Blut war Feuer in den Adern.</p><p>Hiroko h�rte mit der Rezitation auf, f�hrte die Hand an den Mund und fing an, den Schmutz in ihrer Hand zu verzehren. Alle anderen taten desgleichen. Michel hob die Hand ans Gesicht. Eine Menge Schmutz zu essen; aber er streckte die Zunge heraus, leckte die H�lfte davon auf und f�hlte einen kurzen elektrischen Schauer, als er sie gegen den Gaumen rieb und das glitschige Zeug nach vorn und hinten schob, bis es Schlamm war. Es schmeckte salzig und rostig, mit einer unangenehmen Spur von faulen Eiern und Chemikalien. Er w�rgte es hinunter und erstickte fast. Dann verschlang er die zweite Handvoll. Aus dem Kreis der Feiernden kam w�hrend des Essens ein ungleichm��iges Summen. Vokale verschoben sich nacheinander, aaaa, oooo, iiiii, eeee, uuuu, wobei sie bei jedem Vokal wohl eine Minute lang verweilten und der Ton sich in zwei und manchmal drei Teile aufspaltete und Obert�ne seltsame Harmonien bildeten. Hiroko fing an, �ber diesem Lied zu rezitieren. Alle standen auf, und Michel rappelte sich mit ihnen hoch. Sie bewegten sich alle zusammen in das Zentrum des Kreises. Evgenia und Ellen nahmen Michel bei den Armen und zogen ihn mit. Dann wurden sie alle um Hiroko zusammengepresst in eine Masse eng gedr�ngter Leiber, die Michel so umringten, dass warme Haut von allen Seiten gegen ihn gedr�ckt wurde. Dies ist unser Leib. Einige von ihnen k�ssten sich mit geschlossenen Augen. Langsam bewegten sie sich und drehten sich, um maximalen Kontakt zu halten, w�hrend sie zu neuen kinetischen Konfigurationen �bergingen. Drahtiges Schamhaar kitzelte seinen Hintern, und er f�hlte etwas, das ein erigierter Penis sein konnte, an der H�fte. Der Schmutz lag ihm schwer im Magen, und er f�hlte sich benommen. Sein Blut war Feuer, und seine Haut f�hlte sich an wie ein praller Ballon mit Glut im Innern. Die Sterne waren �ber den K�pfen in erstaunlicher Anzahl zusammengedr�ngt, und ein jeder hatte seine eigene Farbe, gr�n oder rot oder blau oder gelb. Sie sahen aus wie Funken.</p><p>Er war ein Phoenix. Hiroko selbst dr�ckte sich an ihn, und er erhob sich im Mittelpunkt des Feuers, bereit zur Wiedergeburt. Sie hielt seinen neuen K�rper eng umschlungen und dr�ckte ihn. Sie war gro� und schien nur aus Muskeln zu bestehen. Sie blickte ihm direkt in die Augen. Er sp�rte ihre Br�ste an seinen Rippen, und ihr Schambein presste sich hart an seinen Schenkel. Sie k�sste ihn, wobei ihre Zunge seine Z�hne ber�hrte. Er schmeckte den Schmutz und empfand dann ganz pl�tzlich nur noch ganz sie. F�r den ganzen Rest seines Leben sollte dieses Gef�hl ausreichen, bei ihm eine impulsive Erektion auszul�sen. Aber in diesem Moment war er allzu �berw�ltigt und v�llig entflammt.</p><p>Hiroko legte den Kopf zur�ck und schaute ihn wieder an. In seinen Lungen zischte der Atem hinein und heraus. Sie sagte auf englisch in einem formellen, aber freundlichen Ton: �Dies ist deine Einweihung in die Areophanie, die Feier des K�rpers vom Mars. Sei dazu willkommen! Wir verehren diese Welt. Wir beabsichtigen, hier einen Ort f�r uns selbst zu schaffen, einen Ort, der auf eine neue Weise des Mars sch�n ist, eine Weise, die man nie auf Erden gesehen hat. Wir haben im S�den ein verstecktes Refugium errichtet und brechen jetzt dahin auf.</p><p>Wir kennen und lieben dich. Wir wissen, dass du unsere Hilfe brauchen kannst. Wir wollen genau das erbauen, wonach du dich sehnst und was du hier vermisst hast. Aber alles in neuen Formen. Denn wir k�nnen nie zur�ckkehren. Wir m�ssen vorw�rts schreiten. Wir m�ssen unseren eigenen Weg finden. Wir brechen heute Nacht auf. Wir wollen, dass du mit uns kommst.�</p><p>Und Michel sagte: �Ich werde kommen.�</p></section></section><section><title><p>F�NFTER TEIL</p><p>Sturz in Geschichte</p></title><section><p><emphasis>Das Labor summte friedlich vor sich hin. Pulte, Tische und B�nke waren von Sachen �berh�uft, die wei�en W�nde gedr�ngt voller Graphiken, Plakaten und ausgeschnittener Skizzen, die alle unter heller k�nstlicher Beleuchtung vibrierten. Wie jedes Labor irgendwo. Irgendwie sauber und irgendwie unordentlich. Das einzige Fenster in der Ecke war schwarz und reflektierte das Innere. Drau�en war Nacht. Das ganze Geb�ude war nahezu leer.</emphasis></p><p><emphasis>Aber zwei M�nner in Laborkitteln standen an einer Bank und beugten sich vor, um einen Computerbildschirm zu betrachten. Der kleinere der beiden dr�ckte mit einem Zeigefinger auf die Tastatur unter dem Schirm, und das Bild wechselte. Gr�ne Korkenzieher auf schwarzem Grund, die so verschn�rkelt waren, dass sie dreidimensional wirkten. Als ob der Bildschirm ein Kasten w�re. Das Bild aus einem Elektronenmikroskop. Das Gesichtsfeld hatte einen Durchmesser von ein paar Mikrons.</emphasis></p><p><emphasis>Der kleinere Gelehrte sagte: �Sie sehen, es ist eine plasmidische Reparatur der Gensequenz. Br�che in den urspr�nglichen Str�ngen sind identifiziert. Austauschsequenzen sind synthetisiert; und wenn massenhafte Mengen dieser Austauschsequenzen in die Zelle eingef�hrt werden, sieht man die Br�che als Ansatzstellen, und die Erg�nzungen binden sich an die Originale.�</emphasis></p><p><emphasis>�F�hren Sie die durch Transformation ein? Elektroportation?�</emphasis></p><p><emphasis>�Transformation. Behandelte Zellen werden zusammen mit einer Komponente injiziert, und die Reparaturstr�nge machen einen konjugalen Transfer.�</emphasis></p><p><emphasis>�In vivo?�</emphasis></p><p><emphasis>�In vivo.�</emphasis></p><p><emphasis>Ein leiser Pfiff. �Also k�nnen Sie jedes kleine Ding reparieren? Zellteilungsfehler?�</emphasis></p><p><emphasis>�Das stimmt.�</emphasis></p><p><emphasis>Die beiden M�nner starrten die Korkenzieher auf dem Schirm an, die hin und her wedelten wie die neuen Spitzen von Weinranken in einer Brise.</emphasis></p><p><emphasis>�Haben Sie Beweise?�</emphasis></p><p><emphasis>�Hat Vlad Ihnen diese M�use im Nachbarraum gezeigt?�</emphasis></p><p><emphasis>�Allerdings.�</emphasis></p><p><emphasis>�Diese M�use sind f�nfzehn Jahre alt.�</emphasis></p><p><emphasis>Ein neuer Pfiff.</emphasis></p><p><emphasis>Sie gingen durch die n�chste T�r in das M�usezimmer und sprachen leise miteinander unter dem Summen der Maschinerie. Der Gr��ere blickte neugierig in einen K�fig, wo Fellst�cke unter Holzsp�nen atmeten. Als sie wieder gingen, schalteten sie die Lichter in beiden R�umen aus. Das Flimmern des Elektronenmikroskopschirms erhellte das erste Labor und verlieh ihm einen gr�nen Ton. Die Forscher traten ans Fenster und unterhielten sich leise. Sie blickten hinaus. Der Himmel war schon purpurn vom herannahenden Tag. Sterne verschwanden. Fern am Horizont stand ein schwarzes Massiv, der abgeflachte Berg eines riesigen Vulkans. Olympus Mons, der gr��te Berg im Sonnensystem.</emphasis></p><p><emphasis>Der gr��ere Wissenschaftler sch�ttelte den Kopf. �Wissen Sie, dies �ndert alles.�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich wei�.�</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>Aus dem Boden des Schachts sah der Himmel wie eine helle rosa M�nze aus. Der Schacht war rund, hatte ein Kilometer Durchmesser und war sieben Kilometer tief. Aber vom Boden aus wirkte er viel enger und tiefer. Die Perspektive spielt dem menschlichen Auge viele Tricks.</p><p>So zum Beispiel sah dieser Vogel, der von dem runden rosa Punkt des Himmels herunterflog, so gro� aus. Aber es war kein Vogel. �He!� sagte John. Der Direktor des Schachts, ein Japaner mit rundem Gesicht namens Etsu Okakura, sah ihn an; und durch ihre beiden Frontscheiben konnte John das nerv�se Grinsen des Mannes erkennen. Einer seiner Z�hne war verf�rbt.</p><p>Okakura schaute auf. �Da f�llt etwas�, sagte er rasch und dann: �Laufen!�</p><p>Sie machten kehrt und rannten �ber den Boden des Schachtes. John stellte schnell fest, dass, obwohl das meiste Gestein von dem schwarzen Basalt beseitigt war, man sich nicht bem�ht hatte, den Boden des Schachts vollkommen eben zu machen. Sehr kleine Krater und B�schungen machten immer mehr Schwierigkeiten, als er schneller wurde. In diesem Moment primitiver Flucht wurden die in der Kindheit geformten Instinkte wieder aktiviert; und er stie� sich bei jedem Schritt zu hart ab, so dass er auf nicht inspiziertem Gel�nde heftig aufschlug und sich dann wieder wild abstie� in einem verr�ckten Rennen, bis er schlie�lich mit dem Zeh h�ngen blieb, zwischen die gezackten Steine krachte und die Kontrolle verlor, die Arme ausgebreitet, um seine Visierscheibe zu retten. Es war wenig tr�stlich zu sehen, dass Okakura auch hingefallen war. Zum Gl�ck lie� ihnen die gleiche Schwere, die sie zu Fall gebracht hatte, auch mehr Zeit zum Ausweichen. Das herunterfallende Objekt war noch nicht gelandet. Sie standen auf und rannten wieder los. Mit einem Mal fiel Okakura wieder hin. John blickte zur�ck und sah, wie ein heller metallischer Wisch auf den Fels traf; und dann war der Ton des Aufpralls ein solides <emphasis>Wumm,</emphasis> wie ein Schlag. Silberst�cke spritzten fort, manche in ihre Richtung. Er h�rte zu laufen auf und suchte den Himmel nach Bruchst�cken ab. �berhaupt kein Ton.</p><p>Ein gro�er hydraulischer Zylinder kam herunter und prallte, sich �berschlagend, links von ihnen auf. Sie sprangen beide fort. Sie hatten ihn nicht kommen sehen.</p><p>Danach herrschte Stille. Sie blieben fast eine Minute lang stehen. Dann r�hrte sich Boone. Er schwitzte. Sie trugen Druckanz�ge, aber mit 49 Grad Celsius war der Boden des Schachtes die hei�este Stelle auf dem Mars, und die Isolation des Anzugs war gegen K�lte gedacht. Boone machte eine Bewegung, um Okakura auf die Beine zu helfen, hielt aber inne. Der Mann w�rde wohl lieber alleine aufstehen, als Boone ein <emphasis>giri</emphasis> f�r die Hilfe zu schulden. Falls Boone das richtig verstand. Statt dessen sagte er: �Wir wollen mal schauen.�</p><p>Okakura stand auf, und sie gingen �ber den schwarzen Basalt zur�ck. Der Schacht war vor langer Zeit in solides Urgestein gebohrt worden und reichte jetzt mit etwa zwanzig Prozent durch die Lithosph�re. Auf dem Grund war es stickig, als ob die Anz�ge �berhaupt nicht isoliert w�ren. Aber die Luftversorgung des Anzugs brachte Boone eine willkommene Abk�hlung f�r Gesicht und Lungen. Eingerahmt von den dunklen W�nden des Schachts war der r�tliche Himmel in der H�he sehr hell. Sonnenschein erhellte auch einen kurzen kegelf�rmigen Abschnitt der Wand. Im Mittsommer k�nnte die Sonne bis ganz herunter scheinen�� aber nein, sie befanden sich s�dlich vom Wendekreis des Steinbocks. Hier unten herrschte immer Schatten.</p><p>Sie n�herten sich dem Wrack. Es war ein Robotlastwagen f�r Abraum gewesen, der Gestein die Stra�e hinaufschaffte, die als Spirale in die Wand des Schachts geschnitten war. St�cke des Wagens waren gemischt mit rohen Felsbl�cken. Manche waren hundert Meter weit von der Aufschlagstelle weggeschleudert worden. Dar�ber hinaus waren Tr�mmer selten. Der Zylinder, der an ihnen vorbeigeflogen war, musste irgendwie unter Druck abgeschossen worden sein.</p><p>Ein Haufen aus Magnesium, Aluminium und Stahl, alles schrecklich verkr�mmt. Das Magnesium und Aluminium war zum Teil geschmolzen. Boone fragte: �Glaubst du, dass es die ganze Strecke von oben heruntergefallen ist?�</p><p>Okakura antwortete nicht. Boone sah ihn an. Der Mann vermied absichtlich seinen Blick. Vielleicht war er erschrocken. Boone sagte: �Es m�ssen etwa drei�ig Sekunden verstrichen sein zwischen dem Augenblick, wo ich es erblickt habe, und dem Aufschlag.�</p><p>Bei etwa drei Metern pro Sekunde im Quadrat war das mehr als genug Zeit gewesen, um die Endgeschwindigkeit zu erreichen. Also war es mit etwa zweihundert Kilometern pro Stunde auf getroffen. Wirklich nicht so schlecht. Auf der Erde w�re es in weniger als der halben Zeit heruntergekommen und h�tte sie erwischen k�nnen. Zum Teufel, wenn er nicht zuf�llig nach oben geschaut h�tte, h�tte das Ding sie treffen k�nnen. Er stellte eine kurze Berechnung an. Es war vermutlich in halber Schafth�he gewesen, als er es erblickte. Aber an jener Stelle h�tte es schon ziemlich lange im Fall gewesen sein k�nnen.</p><p>Boone ging langsam in die L�cke zwischen der Schachtwand und dem Schrotthaufen. Der Wagen war auf seiner rechten Seite gelandet. Die linke Seite war deformiert, aber noch erkennbar. Okakura kletterte einige Stufen hinauf und deutete dann auf eine schwarze Stelle hinter dem linken Vorderreifen. John folgte ihm und kratzte mit der Kralle des Zeigefingers seines rechten Handschuhs an dem Metall. Das Schwarze ging als Ru� herunter. Explosion von Ammoniumnitrat. Der Wagen war dort eingebeult wie mit einem Hammer. �Eine gut dimensionierte Ladung�, bemerkte John.</p><p>�Ja�, sagte Okakura und r�usperte sich. Er war erschrocken, das stand fest. Na ja, der erste Mann auf dem Mars war beinahe get�tet worden, w�hrend er f�r ihn verantwortlich war; und er selbst nat�rlich auch. Aber wer wusste, was ihm mehr Sorge machte? �Genug, um den Lastwagen von der Stra�e wegzusto�en.�</p><p>�Ja, wie ich sagte, es wurde von Sabotage berichtet.�</p><p>Okakura runzelte die Stirn hinter seiner Visierscheibe. �Aber wer? Und warum?�</p><p>�Ich wei� nicht. K�nnte irgend jemand in deinem Team psychische Schwierigkeiten haben?�</p><p>�Nein.� Okakuras Gesicht war betont ausdruckslos. Jede Gruppe aus mehr als f�nf Personen hatte ein problematisches Mitglied, und Okakuras kleine Industriestadt z�hlte eine Bev�lkerung von f�nfhundert.</p><p>�Dies ist der sechste Fall, den ich erlebt habe�, sagte John. �Obwohl keinen aus solcher N�he.� Er lachte. Das Bild des vogel�hnlichen Punktes im roten Himmel kam ihm wieder in den Sinn. �Es w�re leicht gewesen, eine Bombe an einem Lastwagen zu befestigen, ehe er nach unten ging. Um sie dann mit Hilfe einer Uhr oder eines H�henmessers zur Explosion bringen.�</p><p>�Du denkst an Rote.� Okakura sah erleichtert aus. �Wir haben von denen geh�rt. Aber es ist��� Er zuckte die Achseln. �Verr�ckt.�</p><p>�Ja.� John kletterte unsicher vom Wrack herunter. Sie gingen quer �ber den Boden zum Wagen, mit dem sie heruntergekommen waren. Okakura sprach auf einer anderen Frequenz mit den Leuten in der H�he.</p><p>John blieb bei der zentralen Grube stehen, um sich ein letztes Mal umzuschauen. Die reine Gr��e des Schachts war schwer zu fassen. Das ged�mpfte Licht und vertikale Linien erinnerten ihn an eine Kathedrale. Aber alle jemals erbauten Kathedralen h�tten wie Puppenh�user auf dem Boden dieses gro�en Lochs Platz gefunden. Der surreale Ma�stab lie� ihn blinzeln, und er stellte fest, dass er den Kopf zu lange nach hinten geneigt hatte.</p><p>Sie fuhren die in die Wand eingelassene Stra�e bis zum ersten Aufzug hoch, verlie�en den Wagen und stiegen in die Kabine. Sie fuhren nach oben. Sie mussten siebenmal aussteigen und auf der Schachtstra�e zum unteren Ende des n�chsten Aufzugs herumgehen. Das sie umgebende Licht wurde gew�hnlichem Tageslicht immer �hnlicher. Auf der gegen�berliegenden Seite konnten sie erkennen, wo die Wand von der doppelten Spirale der zwei Stra�en eingekerbt war. Gewinderillen in einem enormen Schraubenloch. Der Boden des Schachts war im Dunkel verschwunden. Man konnte nicht einmal mehr den Lastwagen ausmachen.</p><p>In den letzten beiden Aufz�gen bewegten sie sich durch Regolith. Erst Megaregolith, der wie zertr�mmertes Urgestein aussah, und dann eigentlicher Regolith, dessen Steine, Kies und Eis alle hinter einer Betonsperre verborgen waren, einer gro�en gekr�mmten Mauer, die wie ein Damm aussah und so weit zur�ckgesetzt war, dass der letzte Aufzug praktisch eine Zahnradbahn war. Sie wanden sich an der Seite dieses riesigen Trichters hoch�� der Abfluss der Badewanne des Gro�en Mannes, hatte Okakura beim Weg nach unten gesagt�� und kamen schlie�lich an die Oberfl�che, in die Sonne.</p><p>Boone stieg aus der Zahnradbahn aus und blickte zur�ck nach unten. Der Regolithdamm sah aus wie die Innenwand eines sehr glatten Kraters, an der eine zweispurige Stra�e in Spiralen nach unten f�hrte. Aber der Krater hatte keinen Boden. Eine Tiefenbohrung, ein Mohole. Er konnte ein kleines St�ck in den Schacht hineinblicken, aber die Wand lag im Schatten, und nur die spiralige Stra�e nach unten fing etwas Licht auf, so dass sie wie eine freistehende Wendeltreppe aussah, die durch leeren Raum zum Kern des Planeten f�hrte.</p><p>Drei der riesigen Abraumlastwagen arbeiteten sich langsam das letzte St�ck der Stra�e herauf, voll mit schwarzen Felsbrocken. In diesen Tagen brauchten sie f�nf Stunden, um die Fahrt vom Boden des Schachts zu bew�ltigen, wie Okakura sagte. Sehr wenig Aufsichtspersonal wie meistens bei diesem Projekt hinsichtlich Fertigung und Betrieb. Die Bewohner der Stadt mussten sich nur um Programmierung, Aufbau, Wartung und Fehlerbeseitigung k�mmern. Und jetzt auch noch um Sicherheit.</p><p>Die Stadt hie� Senzeni Na und dehnte sich �ber den Boden des tiefsten Canyons von Thaumasia Fossae aus. Dem Loch am n�chsten befand sich der Industriepark. Hier wurde der gr��te Teil der Ger�te f�r die Ausgrabung hergestellt und das Gestein aus dem Loch verarbeitet wegen seiner Spurenmengen an wertvollen Metallen. Boone und Okakura betraten die Randstation, wechselten aus ihren Druckanz�gen in mit Kupfer beschichtete Overalls und gingen dann in eine der hellen Gehr�hren, die alle Geb�ude der Stadt verbanden. In diesen R�hren war es kalt und sonnig; und alle Leute darin trugen Kleidung mit einer Au�enschicht aus kupferfarbener Folie, die das Letzte in japanischem Strahlenschutz darstellte. Kupferne Kreaturen bewegten sich in klaren R�hren und wirkten auf Boone wie ein gigantischer Ameisenhaufen. �ber ihnen gefror die thermale Wolke zu Raureif und schoss in die H�he wie Dampf aus einem Ventil, bis sie von H�henwinden erfasst und zu einer langen flachen Schleppe verblassen wurde.</p><p>Die eigentlichen Wohnbereiche der Stadt waren in die S�dostwand des Canyons eingebaut worden. Ein gro�er rechteckiger Abschnitt der Klippe war durch Glas ersetzt worden. Dahinter befand sich ein hoher offener Promenadenplatz vor f�nf Stockwerken terrassierter Apartments.</p><p>Sie gingen �ber den Platz, und Okakura f�hrte Boone hinauf zu den Stadtb�ros im f�nften Stock. Eine kleine Schar besorgt aussehender Leute sammelte sich in ihrem Gefolge. Sie redeten mit Okakura und miteinander. Alle gingen durch das B�ro und hinaus auf dessen Balkon. John beobachtete genau, wie Okakura auf japanisch schilderte, was passiert war. Einige seiner Zuh�rer sahen nerv�s aus, und die meisten vermieden es, John ins Auge zu schauen. Hatte das fast geschehene Ungl�ck gen�gt, um <emphasis>giri</emphasis> zu bewirken? Es war wichtig, sich zu vergewissern, dass sie sich nicht �ffentlich blo�gestellt f�hlten oder etwas dergleichen. Schande war f�r den Japaner eine schlimme Sache; und Okakura machte allm�hlich ein ungl�ckliches Gesicht, als ob er zu der Ansicht k�me, es w�re sein Fehler gewesen.</p><p>John sagte k�hn: �Schau, es h�tten ebenso gut Au�enseiter gewesen sein k�nnen wie jemand von hier.� Er machte einige Vorschl�ge f�r k�nftige Sicherheit. �Der Rand ist eine perfekte Sperre. Richtet ein Alarmsystem ein, und ein paar Leute an der Randstation k�nnten ein Auge auf sowohl das System wie die Aufz�ge halten. Eine Zeitvergeudung, aber ich nehme an, dass wir es tun m�ssen.�</p><p>Sch�chtern fragte ihn Okakura, ob er jemanden w�sste, der f�r die Sabotage verantwortlich sein k�nne. Boone zuckte die Achseln. �Tut <emphasis>mir</emphasis> leid, keine Ahnung. Nehme an, Leute, die gegen die Tiefbohrungen sind.�</p><p>�Die Moholes werden aber doch gegraben�, sagte einer von ihnen.</p><p>�Ich wei�. Ich nehme an, es ist symbolisch.� Er grinste. �Aber wenn ein Lastwagen jemanden zermalmt, w�re das ein schlimmes Symbol.�</p><p>Sie nickten ernsthaft. Er w�nschte sich Franks Leichtigkeit mit Fremdsprachen. Das w�rde helfen, sich mit diesen Leuten zu verst�ndigen. Sie waren schwer zu durchschauen. Undurchsichtig und dergleichen.</p><p>Sie fragten, ob er sich hinlegen wolle.</p><p>Er sagte: �Ich bin in Ordnung. Das Ding hat uns verfehlt. Wir werden hineinschauen m�ssen: aber heute lasst uns nach dem vorgesehenen Plan weitermachen.�</p><p>Also f�hrten Okakura und einige M�nner und Frauen ihn zu einem Rundgang durch die Stadt, und er besuchte fr�hlich Labors und Versammlungsr�ume, Salons und Speises�le. Er nickte, sch�ttelte H�nde und sagte <emphasis>Hallo!,</emphasis> bis er sicher war, mehr als f�nfzig Prozent der Einwohner von Senzeni Na getroffen zu haben. Die meisten hatten noch nicht von dem Vorfall in dem Loch geh�rt, und alle waren erfreut, ihn kennen zu lernen und ihn anzusehen. Das geschah �berall, wohin er kam, und erinnerte ihn unangenehm an die Jahre im Goldfischglas zwischen seiner ersten und zweiten Reise.</p><p>Aber er waltete seines Amtes. Eine Stunde Arbeit, dann vier Stunden als <emphasis>Der Erste Mensch auf dem Mars��</emphasis> das �bliche Verh�ltnis. Und als der Nachmittag in den Abend �berging und die ganze Stadt in einem Bankett zu Ehren seines Besuches versammelt war, lehnte er sich zur�ck und spielte geduldig seine Rolle. Das bedeutete �bergang in gute Stimmung�� an diesem Abend keine leichte Aufgabe. Tats�chlich machte er eine Pause und ging ins Bad seiner Unterkunft, um eine Kapsel zu schlucken, die Vlads Mediziner in Acheron hergestellt hatten. Das war eine Droge, die sie Omegendorph genannt hatten, eine synthetische Mischung aller Endorphine und Opiate, die sie in der nat�rlichen Chemie des Gehirns gefunden hatten und eine bessere Droge f�r Wohlbefinden, als Boone f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>Er kehrte viel entspannter zum Bankett zur�ck. Sogar mit einer gewissen Glut. Schlie�lich war er dem Tode entronnen, noch dazu, indem er wie wild gerannt war! Noch mehr Endorphine w�ren nicht angebracht. Er bewegte sich l�ssig von Tisch zu Tisch und stellte dabei Fragen. Das war es, was die Leute mochten und ihnen das festliche Gef�hl gab, welches eine Begegnung mit John Boone mit sich bringen sollte. John freute sich, dass er dazu imstande war. Es war der Teil seines Berufs, der Ber�hmtheit ertr�glich machte. Denn wenn er Fragen stellte, sprangen die Leute hoch, um zu antworten, wie Lachse im Strom. Es war wirklich drollig; als ob die Leute bem�ht w�ren, das Ungleichgewicht zu beheben, dass sie in der Situation empfanden, wo sie so viel �ber ihn wussten, er dagegen so wenig �ber sie. So kam es, dass oft, wenn bei passender Aufmunterung auch nur einer richtig eingesch�tzt wurde, die erstaunlichsten Erg�sse pers�nlicher Information zutage kamen. Zeugnisse, Urteile, Bekenntnisse.</p><p>So verbrachte Boone den Abend damit, �ber das Leben in Senzeni Na etwas zu erfahren. Und danach wurde er in seine gro�e Gastsuite gef�hrt. Die R�ume waren dick mit lebendem Bambus verkleidet, und das Bett schien aus einem Stamm davon ausgehauen zu sein. Als er allein war, schloss er seinen Codekasten ans Telefon an und rief Sax Russell an.</p><p>Russell befand sich in Vlads neuem Hauptquartier, einem Forschungskomplex, der in eine dramatische flossenartige Felsrippe in den Acheron Fossae n�rdlich von Olympus Mons eingef�gt war. Sax verbrachte dort jetzt seine ganze Zeit und studierte Gentechnik wie ein Anfangssemester. Er war jetzt �berzeugt, dass Biotechnik der Schl�ssel f�r Terraformung w�re; und er war entschlossen, sich so weit darin zu bilden, dass er aktiv zu diesem Teil des Unternehmens beitragen konnte, trotz des Umstands, dass seine ganze Ausbildung in Physik stattgefunden hatte. Moderne Biologie galt als typisch klebrig, und viele Physiker mochten sie nicht. Aber die Leute in Acheron sagten, Sax w�rde schnell lernen; und John glaubte das. Sax selbst machte �ber seine Fortschritte nicht viel her, aber es war klar, dass er tief eingedrungen war. Er redete die ganze Zeit dar�ber. Er pflegte zu sagen: �Die Crux ist, dass wir Wasser und Stickstoff aus dem Boden brauchen und Kohlendioxid aus der Luft. Aber man braucht Biomasse, um beides zu schaffen.� Und so schuftete er vor den Bildschirmen und in den Labors.</p><p>Er h�rte sich Boones Bericht mit seiner gewohnten Ungeduld an. Was f�r eine Parodie eines Wissenschaftlers, dachte John. Er trug sogar einen Laborkittel. Als er sein charakteristisches Zwinkern sah, musste John an eine Geschichte denken, die er von einem Assistenten von Sax geh�rt hatte, wie er sie einer lachenden Zuh�rerschaft auf einer Party erz�hlte: �Bei einem schiefgegangenen geheimen Experiment waren hundert Laborratten, denen ein intelligenzsteigernder Stoff injiziert wurde, zu Genies geworden. Sie revoltierten, nahmen ihren Chef-Forscher gefangen, banden ihn fest und injizierten allen ihren Verstand wieder in seinen K�rper mit Hilfe einer Methode, die sie auf der Stelle erfanden. Und dieser Wissenschaftler war Saxifrage Russell in wei�em Kittel, zwinkernd, zuckend, wissbegierig, ans Labor gefesselt. Sein Gehirn ist die Summe von hundert hyperintelligenten Ratten, und er ist nach einer Pflanze benannt nach Art von Laborratten. Seht ihr, das ist ihr kleiner Spa�.�</p><p>Das erkl�rte vieles. John l�chelte, als er seinen Bericht abschloss, und Sax neigte ihm neugierig den Kopf zu. �Denkst du, dass dieser Lastwagen dich hatte t�ten sollen?�</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>�Wie wirken die Leute dort?�</p><p>�Besorgt.�</p><p>�Meinst du, dass sie mit drin stecken?�</p><p>John zuckte die Achseln. �Das bezweifle ich. Sie sind wahrscheinlich dar�ber besorgt, was als n�chstes passiert.�</p><p>Sax streckte die Hand aus und sagte sanft: �Eine solche Sabotage w�rde das Projekt nicht im mindesten sch�digen.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Wer macht es also, John?�</p><p>�Meinst du, es k�nnte Ann sein? Ist sie ein neuer Prophet geworden wie Hiroko oder Arkady, mit J�ngern und einem Programm und dergleichen?�</p><p>�Auch du hast J�nger und ein Programm�, erinnerte ihn John.</p><p>�Aber ich sage meinen Gefolgsleuten nicht, dass sie Sachen kaputt machen und versuchen sollen, Leute umzubringen.�</p><p>�Manche Leute denken, du versuchst, den Mars zu ruinieren. Und bestimmt werden beim Terraformen Menschen durch Unf�lle sterben.�</p><p>�Was ist deine Meinung?�</p><p>�Ich wollte dich blo� daran erinnern und versuchen, dir verst�ndlich zu machen, warum jemand das tun k�nnte.�</p><p>�Also denkst du, Ann steckt dahinter.�</p><p>�Oder Arkady oder Hiroko oder irgend jemand in den neuen Kolonien, von dem wir noch nie geh�rt haben. Es gibt hier eine Menge Leute. Und eine Menge Gruppierungen.�</p><p>�Ich wei�.� Sax ging an eine Anrichte und trank seinen alten, angesto�enen Kaffeebecher aus. Schlie�lich sagte er: �Ich w�rde mich freuen, wenn du herausf�ndest, wer es ist. Geh, wohin zu musst! Geh und sprich mit Ann! Diskutiere mit ihr!� In seiner Stimme war eine kl�gliche Note. �Ich kann mit ihr nicht einmal mehr reden.�</p><p>John starrte ihn an, �berrascht durch diesen Ausbruch von Emotion. Sax hielt sein Schweigen f�r Z�gern und fuhr fort: �Ich wei�, es ist nicht gerade deine Art; aber jeder wird mit dir sprechen. Du bist praktisch als einziger �brig geblieben, von dem man das sagen kann. Ich wei�, du bist mit dem Mohole-Projekt besch�ftigt; aber du kannst deine Leute deinen Teil daran erledigen lassen und weiterhin die Bohrl�cher als einen Teil dieser Untersuchung visitieren. Es gibt sonst wirklich niemanden, der das machen kann. Es gibt keine richtige Polizei, an die man sich wenden k�nnte. Obwohl UNOMA, wenn es zu weiteren Vorf�llen kommen sollte, sicher f�r eine sorgen wird.�</p><p>�Oder die Transnationalen.� Boone �berlegte. Der Anblick dieses vom Himmel fallenden Lastwagens�� �In Ordnung. Ich werde auf jeden Fall mit Ann sprechen. Danach sollten wir zusammenkommen und �ber Sicherheit f�r alle Terraformungsprojekte reden. Wenn wir verhindern k�nnen, dass noch mehr passiert, wird das die UNOMA drau�en lassen.�</p><p>�Danke, John!�</p><p>Boone trat auf den Balkon seiner Suite. Der Platz war voller Hokkaido-Kiefern, die Luft von Harz geschw�ngert. Kupferne Gestalten gingen unten zwischen den Baumst�mmen umher. Boone �berdachte die neue Lage. Inzwischen arbeitete er schon seit zehn Jahren f�r Russell an der Terraformung, leitete die Tiefbohrungen, trieb �ffentlichkeitsarbeit und dergleichen. Und er hatte Freude an der Arbeit, war aber nicht ma�geblich an irgendeiner Forschung beteiligt und geh�rte nicht zu dem die Entscheidungen treffenden Gremium. Er wusste, dass viele Leute ihn nur f�r eine Vorzeigefigur hielten, eine Ber�hmtheit f�r den Konsum drunten auf der Erde, einen bl�den Weltraumjockey, der einmal Gl�ck gehabt hatte und nun f�r immer davon lebte. Das machte John nichts aus. Es gab immer kleine Wadenbei�er, die meckerten und alle auf ihr Niveau hinabziehen wollten. Das ging schon, zumal sie in seinem Falle im Unrecht waren. Seine Macht war betr�chtlich, auch wenn vielleicht nur er ihren vollen Umfang erkennen konnte, da sie aus einer endlosen Folge pers�nlicher Begegnungen bestand, aus dem Einfluss, den er �ber das hatte, was die Leute zu tun sich entschlossen. Schlie�lich war Macht keine Sache beruflicher Titel. Macht war ein Zusammenwirken von �berzeugungskraft, Bewegungsfreiheit, Ansehen und Einfluss. Die Galionsfigur stand schlie�lich ganz vorn und wies den Weg.</p><p>Trotz alledem hatte es mit dieser neuen Aufgabe eine besondere Bewandtnis. Das konnte er schon jetzt f�hlen. Es w�re problematisch, schwierig, vielleicht gewagt�� vor allem herausfordernd. Eine neue Herausforderung. Das gefiel ihm. Als er wieder in seine Suite und zu Bett ging (John Boone hat hier geschlafen!), fiel ihm ein, dass er jetzt nicht nur der erste Mensch auf dem Mars sein w�rde, sondern auch der erste Detektiv. Er grinste bei diesem Gedanken, und die letzte Wirkung von Omegendorph regte seine Nerven an.</p><empty-line/><p>Ann Clayborne machte eine Inspektion in den Bergen, die das Argyre-Becken umgeben. Dies bedeutete, John konnte sich einen Gleiter nehmen und von Senzeni Na zu ihr fliegen. Also stieg er am n�chsten Morgen mit dem Aufzugsballon am Anlegemast zu dem st�ndig �ber der Stadt schwebenden Luftschiff auf und freute sich, als er in die sich st�ndig erweiternde Sicht der gro�en Canyons von Thaumasia emporglitt. Aus dem Luftschiff lie� er sich in das Cockpit eines der Gleiter hinab, die an der Unterseite vert�ut waren. Nachdem er sich gesichert hatte, hakte er den Gleiter aus, der wie ein Stein fiel, bis er ihn �ber das Mohole-Terminal brachte, das ihn heftig in die H�he stie�. Er gewann m�hsam die Kontrolle und legte das gro�e, filigranartige Vehikel mit einer Kippbewegung in eine steile Aufw�rtskurve. Er br�llte laut, w�hrend er mit den heftigen St��en k�mpfte. Es war, als ob man mit einer Seifenblase �ber einem Freudenfeuer ritte.</p><p>In f�nftausend Metern flachte sich die Blase ab und dehnte sich nach Osten hin aus. John glitt aus seiner Spirale und nahm Kurs nach S�dosten. Er spielte mit dem Gleiter, als er ein Gef�hl f�r ihn bekam. Er w�rde sorgf�ltig mit den Winden fahren m�ssen, um es bis Argyre zu schaffen.</p><p>Er zielte in den schmutzig gelben Glast der Sonne hinein. Wind zischte �ber die Fl�gel. Das Land unter ihm war dunkelorange, das in einen sehr hellen Orangeton am Horizont �berging. Die Gebirge im S�den waren in jeder Richtung pockennarbig mit dem groben, urt�mlichen mondartigen Aussehen, das eine S�ttigung mit Kratern immer aufwies. John flog gern dar�ber hin. Er steuerte unbewu�t und konzentrierte sich auf das Land unter ihm. Es war ein Hochgenuss, sich zur�ckzulehnen und zu fliegen, den Wind wie unter den Ellbogen zu sp�ren, das Land zu betrachten und an nichts zu denken. Er war in diesem Jahr 2047 (oder �M-Jahr 10�, wie er gew�hnlich dachte) vierundsechzig Jahre alt und war der ber�hmteste lebende Mensch seit fast drei�ig solcher Jahre. Und jetzt war er am gl�cklichsten, wenn er allein war und flog.</p><p>Er dachte �ber sein neues Vorhaben nach. Es war wichtig, sich nicht in Phantasien von Vergr��erungsgl�sern und Zigarrenasche oder Gumshoes mit Revolvern zu ergehen. Es gab Arbeit, die er sogar beim Fliegen erledigen konnte. Er rief Sax an und fragte, ob er seinen Computer in die UNOMA-Akten �ber Emigration und planetaren Verkehr einschalten k�nne, ohne die UNOMA dadurch zu alarmieren. Nach einigen Erkundigungen rief Sax zur�ck und sagte, er k�nne das hinkriegen. Und so �bermittelte John ihm eine Reihe von Fragen. Eine Stunde und viele Krater sp�ter blinkte das rote Licht seiner K�nstlichen Intelligenz Pauline heftig und zeigte damit den Eingang roher Daten an. John bat sie, die Daten durch verschiedene Analysen laufen zu lassen. Als das geschehen war, studierte er die Ergebnisse auf dem Schirm. Die Bewegungsmuster waren verwirrend, aber er hoffte, dass bei Vergleich mit den Sabotagef�llen etwas zum Vorschein kommen k�nnte. Nat�rlich bewegten sich Personen umher ohne Registrierung, darunter die verborgene Kolonie. Und wer wusste, was Hiroko und die anderen von den Terraformungsprojekten hielten? Dennoch war es einen Blick wert.</p><p>Die Nereidum Montes tauchten voraus �ber dem Horizont auf. Der Mars hatte nie viel tektonische Bewegungen erlebt, darum waren Gebirgsketten selten. Die, welche es gab, pflegten gro� ausgepr�gte Kraterr�nder zu sein, Ringe von ausgeworfenen Brocken, so gro�, dass der Schutt in zwei oder drei konzentrischen Reihen herunterkam, jede viele Kilometer breit und extrem zerkl�ftet. Hellas und Argyre als die gr��ten Becken hatten deshalb die gr��ten Gebirgsketten; und die einzige andere Bergkette, die Phlegra Montes auf dem Abhang von Elysium, stellte wahrscheinlich die fragmentarischen Reste eines Einsturzbeckens dar, das sp�ter von den Elysium-Vulkanen �berflutet wurde oder durch einen alten Oceanus Borealis. �ber diese Frage tobte noch eine Debatte, und Ann, Johns letzte Autorit�t in solchen Dingen, hatte nie eine Meinung dazu ge�u�ert.</p><p>Die Nereidum Montes bildeten den n�rdlichen Rand um Argyre. Aber derzeit untersuchten Ann und ihr Team den S�drand, die Charitum Montes. Boone richtete seinen Kurs nach au�en, und am fr�hen Nachmittag segelte er tief �ber der breiten flachen Ebene des Argyre-Beckens. Nach der wilden Kraterlandschaft der Gebirge wirkte der Boden des Beckens geradezu glatt, eine flache gelbliche Ebene, begrenzt von dem gro�en Bogen von Randgebirgen. Von seinem Ausguck aus konnte er etwa neunzig Grad des Randbogens �berblicken, genug, um ihm ein Gef�hl f�r die Gr��e des Einsturzes zu geben, der Argyre gebildet hatte. Es war ein erstaunlicher Anblick. Das Fliegen �ber Tausende von Marskratern hatte Boone eine Vorstellung der betreffenden Gr��en gegeben; aber Argyre fiel einfach aus dem Rahmen. Ein stattlicher Krater namens Galle im Rand von Argyre war nicht mehr als eine Pockennarbe! Hier musste eine ganze Welt hereingekracht sein. Oder zumindest ein verdammt gro�er Asteroid.</p><p>Innerhalb der S�dostkurve des Randes, auf dem Boden des Beckens nach den Vorbergen von Charitum, erkannte er die feine wei�e Linie einer Landebahn. Es war leicht, menschliche Konstrukte in einer solchen Ein�de auszumachen. Ihre Regelm��igkeit hob sich ab wie ein Signal. Dicht vor den durch die Sonne erw�rmten H�geln stieg Thermik auf. Er kurvte in eine solche Blase hinein, sank mit vibrierendem <emphasis>humm,</emphasis> und die Fl�gel des Gleiters zuckten sichtlich, als er sich neigte. Er fiel wie ein Stein, wie jener Asteroid, dachte John grinsend, und zog zur Landung hoch mit einem letzten dramatischen Schn�rkel. Mit so viel Pr�zision, wie er aufbringen konnte, ging er herunter, sich seines Rufes als �hei�er� Flieger bewusst, den er nat�rlich bei jeder Gelegenheit neu rechtfertigen musste. Das geh�rte zum Job��</p><p>Aber es stellte sich heraus, dass nur zwei Personen in den Anh�ngern an der Landebahn waren, und keine davon hatte ihn landen sehen. Sie sa�en drinnen und sahen sich Fernsehnachrichten von der Erde an. Als er in die innere Schleusent�r trat, schauten sie hoch und sprangen auf, um ihn zu begr��en. Ann war mit einer Gruppe oben auf einem Gebirgscanyon, wie sie ihm sagten, wahrscheinlich nicht mehr als zwei Fahrstunden entfernt. John a� Lunch mit ihnen, zwei britischen Frauen mit n�rdlichem Akzent, sehr robust und charmant. Dann nahm er einen Rover und folgte den Spuren eine Spalte hinauf in das Chariten. Eine Stunde kurvenreichen Aufstiegs in einem Trockental mit flachem Boden f�hrte ihn zu einem mobilen Anh�nger, vor dem drei Rover parkten. Alles zusammen ergaben sie das Bild eines ausged�rrten Cafes in der Mojave-W�ste.</p><p>In dem Anh�nger war niemand. Fu�spuren f�hrten vom Lager in viele Richtungen. Nachdem Boone dar�ber nachgedacht hatte, stieg er auf einen Buckel westlich des Lagers und setzte sich oben hin. Er lag auf dem Felsen und schlief, bis die K�lte durch seinen Schutzanzug drang. Dann richtete er sich auf, lutschte eine Kapsel Omegendorph und sah zu, wie die schwarzen Schatten der Berge nach Osten krochen. Er dachte �ber das in Senzeni Na Geschehene nach, lie� seine Erinnerungen vor und nach dem Vorfall ablaufen und die Blicke der Leute und was sie gesagt hatten. Das Bild des fallenden Lasters lie� seinen Puls etwas ansteigen.</p><p>Kupferne Gestalten erschienen in einer Schlucht zwischen H�geln im Westen. Er stand auf und ging den Buckel hinunter, um sie unten beim Anh�nger zu treffen.</p><p>�Was tust du hier?� fragte Ann �ber die Frequenz der Ersten Hundert.</p><p>�Ich m�chte reden.�</p><p>Sie grunzte und schaltete ab.</p><p>Der Anh�nger w�re sogar ohne ihn etwas eng gewesen. Sie sa�en Knie an Knie im Hauptraum, w�hrend Simon Frazier Spaghettisauce erw�rmte und Wasser f�r Pasta in der kleinen K�chenecke kochte. Das einzige Fenster des Anh�ngers ging nach Osten; und w�hrend sie a�en, sahen sie den Schatten der Berge �ber den Boden des gro�en Beckens laufen. John hatte eine Halbliterflasche von Utopia-Cognac mitgebracht und �ffnete sie nach dem Essen unter beif�lligem Gemurmel. W�hrend die Areologen tranken, wusch er das Geschirr ab (�Ich bestehe darauf�) und fragte nach dem Fortgang ihrer Forschungen. Sie suchten nach Anzeichen f�r alte Gletscherperioden. Wenn man solche f�nde, w�rden sie f�r ein Modell der Fr�hgeschichte des Planeten sprechen, bei dem Ozeane die tief gelegenen Stellen gef�llt haben k�nnten.</p><p>Aber Ann, dachte John, als er ihnen zuh�rte, w�rde sie Beweise f�r eine ozeanische Vergangenheit finden wollen? Das war ein Modell, das moralische Unterst�tzung f�r das Terraformungsprojekt lieferte, indem es besagte, dass sie nur einen fr�heren Zustand der Dinge wiederherstellten. W�rde diese Abneigung Anns Arbeit subjektiv beeinflussen? Wenn nicht wissentlich, dann doch tiefer. Schlie�lich war Bewusstsein nur wie eine d�nne Lithosph�re �ber einem gro�en hei�en Kern. Detektive mussten das bedenken.</p><p>Aber alle im Anh�nger schienen sich darin einig, dass sie keinerlei Anzeichen f�r Vereisung f�nden. Und sie waren alle gute Areologen. Es gab tiefe Becken mit kreisf�rmiger Struktur und tiefe T�ler mit der klassischen U-Form von Gletschert�lern, sowie einige Gebilde mit Kuppeln und W�nden, die durch glaziale Erosion entstanden sein k�nnten. Alle diese Formen hatte man schon auf Satellitenfotos gesehen, neben einem oder zwei hellen Blitzen, die manche Leute f�r m�gliche Reflexe an Gletscherpolitur gehalten hatten. Aber auf dem Boden hatte nichts davon Bestand. Sie hatten keine Gletscherpolitur gefunden, nicht einmal in den am meisten vor Wind gesch�tzten Abschnitten der U-f�rmigen T�ler. Keine Mor�nen, weder seitlich noch am Ende. Keine Zeichen von Abrieb oder �bergangslinien, wo Nanatuks selbst aus den h�chsten Schichten alten Eises herausgeragt h�tten. Nichts. Das war ein neuer Fall von etwas, das man Himmels-Areologie�� also Marsforschung aus gro�er H�he�� genannt hatte. Deren Geschichte ging zur�ck bis auf die fr�hen Satellitenfotos und sogar die Teleskope. Die Kan�le waren Produkte von Himmels-Areologie gewesen, und viele schlechte Hypothesen waren auf die gleiche Weise zustande gekommen, Hypothesen, die erst jetzt mit strenger Boden-Areologie gepr�ft werden konnten. Die meisten fielen dem Gewicht von Oberfl�chendaten zum Opfer und wurden, wie man sich ausdr�ckte, in den Kanal gekippt.</p><p>Aber die Glazialtheorie und das ozeanische Modell, von dem sie ein Teil war, hatte sich immer als h�chst widerstandsf�hig erwiesen. Erstens, weil fast jedes Modell der Entstehung des Planeten darauf hinwies, das eine Menge Wasser ausgegast sein und irgendwohin verschwunden sein musste. Und zweitens, dachte John, weil es eine Menge Leute gab, die es begr��en w�rden, wenn das ozeanische Modell zutr�fe. Die moralische Seite des Terraformens w�re ihnen weniger unangenehm. Gegner des Terraformens w�rden also�� Nein, er war nicht �berrascht, dass Anns Gruppe nichts fand. Er sp�rte etwas den Cognac und war durch ihre Unfreundlichkeit gereizt. Von der K�che her sagte er: �Wenn es aber Gletscher gegeben h�tte, w�ren die j�ngsten vor einer Milliarde Jahren dagewesen. So viel Zeit w�rde alle oberfl�chlichen Merkmale beeinflussen, sollte ich meinen, Gletscherschliff oder Mor�nen oder Nanatuks. Es war nichts geblieben als die gro�en Landformen. Und das ist es, was ihr habt. Stimmt�s?�</p><p>Ann hatte geschwiegen, aber jetzt sagte sie: �Die Landformen sind nicht singul�r f�r Vergletscherung. In Marsgebirgen sind sie allgemein verbreitet, weil sie alle durch Gestein entstanden sind, das vom Himmel fiel. Es gibt hier drau�en jede erdenkliche Formationsart. Bizarre Gestalten sind nur durch den Ruhewinkel beschr�nkt.� Sie hatte jeden Cognac abgelehnt, was John �berraschte, und starrte jetzt missmutig auf den Fu�boden.</p><p>�Bestimmt keine U-f�rmigen T�ler?� fragte John.</p><p>�Doch, auch U-f�rmige T�ler.�</p><p>�Das Problem liegt darin, dass das Ozeanische Modell nicht leicht zu widerlegen ist�, sagte Simon ruhig. �Man kann, wie wir, st�ndig gutes Beweismaterial dagegen finden; aber dadurch wird es nicht falsifiziert.�</p><p>Nachdem die K�che sauber war, forderte John Ann zu einem Spaziergang bei Sonnenuntergang auf. Sie z�gerte unwillig; aber das war eines ihrer Rituale, wie jedermann wusste, und mit einer schnellen Grimasse und harter Miene stimmte sie zu.</p><p>Einmal im Freien, f�hrte John sie auf denselben H�gel, auf dem er geschlafen hatte. Der Himmel bildete einen pflaumenfarbenen Bogen �ber den schwarzen gezackten Bergketten um sie herum, und Sterne tauchten in Schw�rmen auf, Hunderte mit einem Augenzwinkern. Er stand neben ihr. Sie schaute von ihm weg. Die gezackte Linie des Horizonts h�tte es auf der Erde geben k�nnen. Ann war etwas gr��er als er, eine d�nne eckige Silhouette. John konnte sie gut leiden; aber welche Zuneigung sie ihrerseits f�r ihn gehabt haben mochte�� und sie hatten in vergangenen Jahren manche guten Gespr�che gef�hrt��, war verflogen, als er sich entschloss, mit Sax zusammenzuarbeiten. Er h�tte alles m�gliche machen k�nnen, was ihm zusagte, dr�ckte ihre finstere Miene aus, aber er hatte sich f�rs Terraformen entschieden.</p><p>Nun, so war es. Er hielt die Hand mit erhobenem Zeigefinger vor sie. Sie dr�ckte ihre Armbandtastatur, und sogleich drang ihre Atmung in sein Ohr. �Was ist?� fragte sie, ohne ihn anzuschauen.</p><p>Er sagte: �Es geht um die Sabotageunf�lle.�</p><p>�Das habe ich mir gedacht. Ich nehme an, Russell denkt, dass ich dahinter stecke.�</p><p>�Es ist nicht so, dass���</p><p>�H�lt er mich f�r bl�de? Bildet er sich ein, ich glaube, dass ein wenig Vandalismus euch von euren knabenhaften Spielchen abhalten wird?�</p><p>�Nun, es sind keine Lappalien. Es hat jetzt schon sechs gr��ere Vorf�lle gegeben, von denen jeder Menschenleben h�tte fordern k�nnen.�</p><p>�K�nnen Menschen get�tet werden, wenn man Spiegel aus dem Orbit st��t?�</p><p>�Wenn man sie nicht richtig wartet.�</p><p>Sie brummte. �Was ist sonst geschehen?�</p><p>�Ein Lastwagen ist gestern von der Stra�e im Mohole-Schacht heruntergesto�en worden und ist fast auf mir gelandet.� Er h�rte, wie sie den Atem anhielt. �Das ist nun schon der dritte Lastwagen. Und jener Spiegel wurde in Drehung gesto�en mit einer Wartungsperson darauf; und die musste solo zur Station zur�ckkehren. Sie hat daf�r mehr als eine Stunde gebraucht und h�tte es beinahe nicht geschafft. Und dann ist ein Sprengstoffbrocken zuf�llig im Bohrloch von Elysium explodiert, kurz nachdem die ganze Mannschaft es verlassen hatte. Und s�mtliche Flechten in Underhill wurden durch ein Virus get�tet, das durch das ganze Labor gerast ist.�</p><p>Ann zuckte die Achseln. �Was erwartest du von gr�n�ugigen Ungeheuern? Es h�tte ein Zufall sein k�nnen. Ich wundere mich, dass das nicht �fter passiert.�</p><p>�Es war kein Zufall.�</p><p>�Das ist alles Kleinkram. H�lt Russell mich f�r so bl�de?�</p><p>�Du wei�t, dass er das nicht tut. Aber es muss sich in Grenzen halten. In dem Projekt ist sehr viel Geld von der Erde investiert; aber es w�rde nicht viele schlimme Nachrichten erfordern, um davon eine Menge wegfallen zu lassen.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Ann. �Aber du solltest auf dich selbst h�ren, wenn du so etwas sagst. Du und Arkady, ihr seid die gr��ten Bef�rworter einer neuen Mars-Gesellschaft, vielleicht ihr beide plus Hiroko. Aber die Art, wie Russell, Frank und Phyllis Kapital von der Erde heranschaffen�� das alles wird euch aus den H�nden gleiten. Es wird ein Gesch�ft sein wie �blich, und alle eure Ideen werden beiseite gefegt werden.�</p><p>�Ich neige zu der Ansicht, dass wir alle hier �hnliche Ziele haben. Wir wollen an einer guten Stelle gute Arbeit leisten. Wir betonen nur unterschiedliche Teile des Prozesses, um dahin zu kommen. Das ist alles. Wenn wir unsere Bem�hungen koordinieren und als ein Team arbeiten w�rden���</p><p>�Wir wollen nicht dasselbe�, sagte Ann. �Ihr wollt den Mars ver�ndern, und ich nicht. So einfach ist das.�</p><p>�Nun��� John kapitulierte vor ihrer Erbitterung. Sie bewegten sich langsam um den H�gel herum in einem komplizierten Tanz, der die Konversation widerspiegelte. Manchmal die Gesichter einander zugewandt, manchmal R�cken an R�cken. Und immer war ihre Stimme direkt in seinem Ohr und seine in dem ihren. Er liebte solche Gespr�che im Umhergehen und benutzte sie. Diese eindringliche Stimme im Ohr konnte so �berzeugend, schmeichelnd und hypnotisch sein. �So einfach ist es wirklich nicht. Ich meine, du solltest denen von uns helfen, die deinen Ansichten am n�chsten stehen, und dich denen widersetzen, die am weitesten davon entfernt sind.�</p><p>�Das tue ich.�</p><p>�Das ist es, weshalb ich zu dir gekommen bin, um dich zu fragen, was du �ber jene Saboteure wei�t. Das ergibt doch Sinn, nicht wahr?�</p><p>�Ich wei� nichts �ber sie. Ich w�nsche ihnen Erfolg.�</p><p>�In Person?�</p><p>�Was?�</p><p>�Ich habe eure Bewegungen in den letzten Jahren verfolgt; und du bist immer in der N�he eines jeden Vorfalls gewesen, innerhalb eines Monats oder so, ehe er eintrat. Du bist vor ein paar Wochen auf deinem Weg nach hier in Senzeni Na gewesen. Oder etwa nicht?�</p><p>Er h�rte sie atmen. Sie war w�tend. �Er benutzt mich als Deckung�, murmelte sie, und noch einiges mehr, das er nicht mitbekam.</p><p>�Wer?�</p><p>Sie kehrte ihm den R�cken zu. �John, du solltest den Cojoten nach diesem Zeug fragen.�</p><p>�Den Cojoten?�</p><p>Sie lachte kurz. �Hast du nicht von ihm geh�rt? Die Leute sagen, dass er ohne Schutzanzug auf der Oberfl�che umherl�uft. Taucht pl�tzlich hier und da auf, manchmal in einer Nacht auf beiden Seiten der Welt. Hat den Gro�en Mann pers�nlich gekannt in den guten alten Tagen. Und er ist ein guter Freund von Hiroko. Und ein gro�er Feind des Terraformens.�</p><p>�Bist du ihm begegnet?�</p><p>Sie antwortete nicht.</p><p>�Schau�, sagte er nach einer Minute schweigenden Atmens, �es werden Menschen get�tet werden. Unschuldige Zuschauer.�</p><p>�Unschuldige Zuschauer werden get�tet werden, wenn der Permafrost schmilzt und der Boden unter unseren F��en einsinkt. Ich habe mit beidem nichts zu tun. Ich tue blo� meine Arbeit. Versuche zu katalogisieren, was hier war, ehe wir kamen.�</p><p>�Ja. Aber du bist die ber�hmteste Rote von allen, Ann. Diese Leute m�ssen deswegen vorher mit dir in Verbindung gewesen sein; und ich w�nsche, du k�nntest sie entmutigen. Das k�nnte einige Leben retten.�</p><p>Sie wandte ihm das Gesicht zu. Die Visierscheibe ihres Helms reflektierte den westlichen Horizont, oben purpurn und unten schwarz, die Grenze zwischen den beiden Farben ausgezackt und roh. �Wenn ihr den Planeten in Ruhe lie�et, w�rde das Leben retten. Das ist es, was ich will. Ich w�rde sogar <emphasis>dich</emphasis> t�ten, wenn es hilfreich w�re.�</p><p>Danach gab es nicht mehr viel zu sagen. Auf dem R�ckweg zum Anh�nger hinunter sprach er ein anderes Thema an. �Was, denkst du, ist mit Hiroko und den anderen ihrer Gruppe passiert?�</p><p>�Sie sind verschwunden.�</p><p>John verdrehte die Augen. �Hat sie zu dir nicht dar�ber gesprochen?�</p><p>�Nein. Hat sie mit dir gesprochen?�</p><p>�Nein. Ich glaube, sie hat mit niemandem au�er ihrer Gruppe geredet. Wei�t du, wohin sie gegangen sind?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Hast du irgendeine Ahnung, warum sie fort sind?�</p><p>�Sie wollten wahrscheinlich von uns loskommen. Etwas Neues machen. Was du und Arkady sagtet, das ihr tun wollt, das haben sie wirklich getan.�</p><p>John sch�ttelte den Kopf. �Wenn sie das tun, tun sie es f�r zwanzig Personen. Ich will es f�r jeden tun.�</p><p>�Vielleicht sind sie realistischer als du.�</p><p>�Vielleicht. Wir werden es herausfinden. Es gibt mehr als einen Weg, das zu tun, Ann. Das musst du lernen.�</p><p>Sie antwortete nicht.</p><p>Die anderen starrten sie an, als sie in den Anh�nger kamen; und Ann, die in die Kochecke rannte, war keine Hilfe. John setzte sich auf die Lehne der einen Couch und stellte ihnen noch mehr Fragen �ber ihre Arbeit und �ber den Grundwasserpegel in Argyre und der S�dhemisph�re im allgemeinen. Die gro�en Becken waren tief gelegen, aber durch die Aufschl�ge, welche sie gebildet hatten, des Wassers beraubt. Im allgemeinen schien das Wasser des Planeten gr��tenteils nach Norden gesickert zu sein. Ein anderer Teil des Mysteriums: Niemand hatte jemals erkl�ren k�nnen, weshalb die n�rdliche und die s�dliche Hemisph�re so verschieden waren. Dies war das Hauptproblem der Areologie. Seine L�sung k�nnte sich als Schl�ssel erweisen f�r alle anderen R�tsel der Landschaft des Mars, wie die tektonische Plattentheorie einst so viele Fragen in der Geologie beantwortet hatte. Tats�chlich wollten manche die tektonische L�sung auch hier anwenden. Sie postulierten, dass eine alte Kruste sich auf die s�dliche H�lfte aufgeschoben h�tte, wonach der Norden sich eine neue Haut schuf. Danach w�re alles an Ort und Stelle festgefroren, als die Abk�hlung des Planeten jeder tektonischen Bewegung ein Ende setzte. Ann hielt das f�r l�cherlich. Nach ihrer Ansicht war die n�rdliche Hemisph�re einfach das gr��te Aufprallbecken von allen, der letzte gro�e Knall der Urzeit. Ein Treffer �hnlichen Ausma�es hatte den Mond aus der Erde herausgeschlagen, wahrscheinlich etwa um die gleiche Zeit. Die Areologen er�rterten einige Zeit verschiedene Aspekte des Problems. John h�rte zu und stellte gelegentlich eine neutrale Frage.</p><p>Sie stellten den Fernseher an f�r Nachrichten von der Erde und sahen sich einen kurzen Beitrag �ber Bergbau- und �lbohrarbeiten an, die in der Antarktis begannen.</p><p>�Wei�t du, das ist unser Werk�, sagte Ann aus der K�che. �Sie haben seit fast hundert Jahren die F�rderung von Erzen und �l aus Antarctica herausgehalten, schon seit dem ersten Internationalen Geophysikalischen Jahr und dem ersten Vertrag. Jetzt aber ist alles zusammengebrochen, seit hier die Terraformung begann. Da unten wird ihnen das �l knapp, und der S�dclub ist arm, und in ihrer unmittelbaren N�he gibt es einen ganzen Kontinent voll �l, Gas und Mineralien, der von den reichen n�rdlichen L�ndern als Naturschutzpark behandelt wird. Und dann hat der S�den gesehen, dass dieselben reichen n�rdlichen L�nder ganz f�r sich zum Mars aufgebrochen sind. Da sagten sie: Was, zum Teufel? Ihr k�nnt einen ganzen Planeten in St�cke rei�en, und wir sollen diesen Eisberg besch�tzen, der gerade vor unserer T�r liegt mit all diesen Rohstoffen, die wir verzweifelt ben�tigen! Schluss damit! Also haben sie den Anatarktisvertrag gebrochen, und jetzt bohren sie, ohne dass jemand etwas dagegen getan hat. Nun ist der letzte saubere Platz auf der Erde auch dahin.�</p><p>Sie kam her�ber, setzte sich vor den Bildschirm und steckte das Gesicht in einen Becher hei�er dampfender Schokolade. �Es ist noch mehr da, wenn du m�chtest�, sagte sie schroff zu John. Simon warf ihm einen mitf�hlenden Blick zu, und die anderen starrten sie beide mit runden Augen an. Sie waren entsetzt, einen Streit zwischen zwei der Ersten Hundert zu erleben. Was f�r ein Spa� war das! John musste fast lachen; und als er aufstand, um sich auch einen Becher zu holen, beugte er sich impulsiv hin�ber und k�sste Ann auf den Kopf. Sie versteifte sich, und er ging in die K�che. Er sagte: �Wir alle wollen vom Mars verschiedene Dinge.� Dabei verga� er, dass er Ann gerade eben auf dem H�gel das Gegenteil gesagt hatte. �Aber wir sind hier, und es gibt nicht viele von uns, und es ist unsere Welt. Wir machen aus ihm, was wir wollen, wie Arkady sagt. Jetzt gef�llt euch nicht, was Sax oder Phyllis wollen, und die m�gen nicht, was ihr wollt, und Frank gef�llt nicht, was irgend jemand will. Und jedes Jahr kommen neue Leute, welche die eine oder andere Position vertreten, auch wenn sie es selbst nicht wissen. Also k�nnte es h�sslich werden. Es hat tats�chlich schon damit angefangen mit diesen Angriffen auf Ger�te. K�nnt ihr euch vorstellen, dass so etwas in Underhill passiert?�</p><p>�Hirokos Gruppe hat Underhill die ganze Zeit ausgepl�ndert�, erwiderte Anne, �seit sie da waren. Das musste geschehen, um sich so abzusetzen.�</p><p>�Nun ja, vielleicht. Aber sie haben keine Menschenleben gef�hrdet.� Ihm trat wieder lebhaft das Bild des den Schacht herunterfallenden Lastwagens vor Augen. Er trank hei�en Kakao und verbrannte sich den Mund. �Verdammt! Aber immer, wenn ich entmutigt werde wegen alledem, bem�he ich mich zu bedenken, dass so etwas nat�rlich ist. Es ist unvermeidlich, dass Leute k�mpfen; aber diesmal k�mpfen wir um Dinge, die den Mars betreffen. Ich meine, die Leute k�mpfen nicht darum, ob sie Amerikaner oder Japaner oder Russen oder Araber sind, oder um Religion, Rasse, Sex oder was auch immer. Sie k�mpfen, weil sie die eine oder die andere Realit�t f�r den Mars wollen. Das ist alles, worauf es jetzt ankommt. Also sind wir schon halb am Ziel.� Er sah Ann m�rrisch an, die auf den Boden starrte. �Verstehst du, was ich meine?�</p><p>Sie schaute ihn an. �Die zweite H�lfte ist es, auf die es ankommt.�</p><p>�Na sch�n, vielleicht. Ihr nehmt zu viel f�r garantiert an. Aber so sind die Menschen nun einmal. Ihr m�sst aber bedenken, dass ihr Einfluss auf uns habt, Ann. Ihr habt die Weise ge�ndert, in der alle �ber das denken, was wir hier tun. Sax und viele andere haben immer dar�ber gesprochen, dass man alles m�gliche tun m�sse, um das Terraformen recht schnell durchzuf�hren�� einen Haufen Asteroiden direkt in den Planeten jagen, Wasserstoffbomben einsetzen und Vulkane erzeugen�� alles �berhaupt Erdenkliche zu versuchen. Jetzt sind alle diese Pl�ne geplatzt durch euch und eure Hinterleute. Die ganze Vision �ber die Art und Weise, wie die Terraformung zu machen sei und wie weit man damit gehen k�nne, hat sich ge�ndert. Ich denke aber, dass wir uns schlie�lich auf einen Kompromi�wert einigen k�nnen, bei dem wir einigen Strahlenschutz bekommen und eine Biosph�re und vielleicht Luft, die wir atmen k�nnen oder in der wir zumindest nicht sofort sterben; wobei es aber ziemlich so bleibt, wie es war, ehe wir kamen.� Ann verdrehte die Augen, aber er dr�ngte weiter. �Du wei�t, niemand spricht davon, den Mars in einen Dschungelplaneten zu verwandeln, selbst wenn das ginge. Er wird immer kalt sein, und die Tharsis-W�lbung wird immer in den Raum hinausragen. Also wird es einen gro�en Teil des Planeten geben, der nie anger�hrt wird. Und das wird teilweise euer Werk sein.�</p><p>�Aber wer sagt, dass ihr, wenn der erste Schritt getan ist, nicht mehr wollt?�</p><p>�Vielleicht werden das einige tun. Aber ich meinerseits werde versuchen, ihnen Einhalt zu gebieten. Das will ich! Ich bin vielleicht nicht auf eurer Seite, aber ich verstehe euren Standpunkt. Und wenn man �ber die Hochlande fliegt, wie ich es heute getan habe, kann man gar nicht umhin, diese Welt zu lieben. M�gen Menschen versuchen, den Mars zu ver�ndern, aber gleichzeitg wird der Mars auch <emphasis>sie</emphasis> ver�ndern. Ein Gef�hl f�r den Ort, eine �sthetik der Landschaft, alle diese Dinge �ndern sich mit der Zeit. Du wei�t, die ersten Menschen, die den Grand Canyon erblickten, hielten ihn f�r h�sslich wie die H�lle, weil er nicht wie die Alpen war. Es hat lange gedauert, bis sie seine Sch�nheit erkannten.�</p><p>�Das meiste davon haben sie jedenfalls ertr�nkt�, sagte Ann m�rrisch.</p><p>�Ja, ja! Aber wer wei� denn, was unsere Kinder f�r sch�n halten werden? Das wird sicher auf dem basieren, was sie wissen, und dieser Platz wird der einzige sein, den sie kennen. Also terraformen wir den Mars, aber der Mars <emphasis>areoformt</emphasis> uns.�</p><p>�Areoformung�, sagte Ann, und ein seltenes kleines L�cheln huschte �ber ihr Gesicht. John f�hlte sich err�ten, als er das sah. Er hatte sie seit Jahren nicht mehr so l�cheln sehen. Und er liebte Ann. Es freute ihn, sie l�cheln zu sehen.</p><p>�Das Wort gef�llt mir�, sagte sie. Sie deutet mit dem Finger auf ihn. �Aber ich nehme dich beim Wort, John Boone. Ich werde mich daran erinnern, was du heute Abend gesagt hast!�</p><p>�Ich auch�, versicherte er.</p><empty-line/><p>Der Rest des Abends verlief in entspannterer Stimmung. Und am n�chsten Tage begleitete Simon ihn zur Landebahn, zu dem Rover, mit dem er nach Norden fahren wollte. Und Simon, der ihn �blicherweise mit einem L�cheln und einem H�ndesch�tteln verabschiedet h�tte, sagte pl�tzlich: �Ich freue mich wirklich �ber das, was du gestern Abend gesagt hast. Ich glaube, es hat sie wirklich aufgemuntert. Besonders, was du �ber Kinder gesagt hast. Wei�t du, sie ist schwanger.�</p><p>�Was?� John sch�ttelte den Kopf. �Das hat sie mir nicht gesagt. Bist du der Vater?�</p><p>�Allerdings.� Simon grinste.</p><p>�Wie alt ist sie jetzt? Sechzig?�</p><p>�O ja. Es treibt die Dinge sozusagen etwas auf die Spitze, ist aber schon fr�her geschehen. Man hat ein vor rund f�nfzehn Jahren von ihr eingefrorenes Ei genommen, befruchtet und ihr eingepflanzt. Wir werden sehen, wie es geht. Man sagt, Hiroko w�re jetzt dauernd schwanger und produziere Kinder wie ein Inkubator���</p><p>�Man redet viel �ber Hiroko, aber das ist alles nur Geschw�tz.�</p><p>�Nun ja, aber dies haben wir von jemandem geh�rt, der es wissen d�rfte.�</p><p>�Dem Cojoten?� fragte John scharf.</p><p>Simon zog die Brauen hoch. �Ich wundere mich, dass sie dir von ihm erz�hlt hat.�</p><p>John grunzte leicht ver�rgert. Offenbar bedeutete sein Ruhm, dass ihm viel Klatsch entging. �Es ist gut, dass sie es getan hat. Nun, jedenfalls��� Er streckte ihm die Rechte hin, und sie sch�ttelten sich die H�nde mit dem steifen Zugriff der Finger, den sie in den alten Weltraumtagen entwickelt hatten. �Ich gratuliere. K�mmere dich um sie!�</p><p>Simon zuckte die Achseln. �Du kennst Ann. Sie tut, was sie will.�</p></section><section><empty-line/><p>Nun fuhr Boone also drei Tage lang nach Norden, genoss die Gegend und die Einsamkeit und verbrachte jeden Nachmittag damit, die planetaren Aufzeichnungen auf Bewegungen der Leute abzusuchen, wobei es ihm auf Korrelationen mit den Sabotagef�llen ankam. Fr�h am vierten Morgen erreichte er die Marineris-Canyons, die etwa 1500 Kilometer n�rdlich von Argyre liegen. Er traf auf eine nords�dliche Transponderstra�e und folgte ihr �ber einen kurzen Anstieg zum S�drand von Melas Chasma. Dann stieg er aus dem Rover, um sich richtig umzuschauen.</p><p>Er war noch nie in diesen Teil des gro�en Canyonsystems gekommen. Vor der Fertigstellung der gro�en Stra�e quer durch Marineris war es schwer zug�nglich gewesen. Ohne Zweifel war es dramatisch. Die Melas-Klippe fiel volle 3000 Meter zum Boden des Canyons ab, so dass man am Rande eine Aussicht nach Norden wie aus einem Gleiter hatte. Die andere Wand des Canyons war von dort aus gerade noch sichtbar. Ihr Rand lugte �ber den Horizont, und zwischen den beiden Klippen lag die Weite von Melas Chasma, das Herz des ganzen Marineris-Komplexes. Er konnte eben noch die L�cken in entfernten Klippen ausmachen, welche die Zug�nge zu anderen Canyons markierten: Ius Chasma im Westen, Candor im Norden und Coprates im Osten.</p><p>John ging l�nger als eine Stunde �ber den zerkl�fteten Rand. W�hrend l�ngerer Zeit zog er die Binokularlinsen seines Helms �ber die Visierscheibe, um m�glichst viel von dem gr��ten Canyon des Mars in sich aufzunehmen. Er empfand die Euphorie roten Landes. Er warf Steine �ber den Steilabfall und sah zu, wie sie verschwanden. Er sprach mit sich selbst und sang. Er h�pfte auf Zehenspitzen in einem unbeholfenen Tanz.</p><p>Dann stieg er wieder in seinen Rover und r�hr eine kurze Strecke am Rand entlang bis zum Anfang der Klippenstra�e.</p><p>Hier wurde die Querstra�e zu einem schmalen Betonband, das sich in Serpentinen vom S�drand zum Boden des Canyons hinabwand. Das merkw�rdige Gebilde, welches der �Geneva-Sporn� hie�, zeigte fast rechtwinklig von der Klippe weg direkt auf Candor Chasma. Es war f�r ihre Zwecke so ideal gelegen, dass es mit der Stra�e darauf aussah, als w�re es eine von den Stra�enbauern konstruierte Rampe.</p><p>Immerhin war es ein steiler Vorsprung, und die Stra�e verlief die ganze Strecke hinunter in engen Serpentinen, um das Gef�lle ertr�glich zu halten. Von oben konnte man alle rund tausend Kehren sehen, die sich den Sporn hinunter schl�ngelten. Es sah aus, als h�tte man einen gelben Faden �ber einen Buckel in einen gefleckten orangefarbenen Teppich gestickt.</p><p>Boone fuhr vorsichtig dieses Wunderwerk hinunter. Er drehte das Lenkrad des Rovers immer wieder abwechselnd nach links und rechts, bis er sogar anhalten musste, um seine Arme auszuruhen und dabei eine Gelegenheit zu bekommen, sich umzuschauen und die S�dwand hoch hinter sich zu betrachten. Die war wirklich steil und geriffelt durch ein gebrochenes Muster tief erodierter Schluchten. Dann ging es eine halbe Stunde weiter durch Haarnadelkurven, bis sich die Stra�e endlich wieder auf der flacher werdenden Strecke gerade hinzog und sich schlie�lich verbreiterte und in den Boden des Canyons einm�ndete. Und dort unten stand eine kleine Gruppe von Fahrzeugen.</p><p>Es erwies sich als das Schweizer Team, das gerade mit dem Bau der Stra�e fertig geworden war, und er verbrachte mit ihnen die Nacht. Es war eine Gruppe von etwa achtzig Personen, meistens jung, meistens verheiratet, die Deutsch, Italienisch und Franz�sisch sprachen und�� f�r ihn g�nstig�� Englisch mit mehreren verschiedenen Akzenten. Sie hatten Kinder dabei und Katzen und ein transportables Gew�chshaus voller Kr�uter und Gem�se. Bald w�rden sie wie Zigeuner aufbrechen in einer Karawane, die gr��tenteils aus ihren Vehikeln f�r Bodenbewegungen bestand, und zum westlichen Ende des Canyons fahren, um durch Noctis Labyrinthus und zur Ostflanke von Tharsis eine Stra�e zu bahnen. Danach k�men andere Stra�en, vielleicht eine �ber die Tharsis-Erhebung zwischen Arsia Mons und Pavonis Mons, vielleicht auch eine nach Norden zum Aussichtspunkt Echus. Sie waren noch nicht sicher, und Boone gewann den Eindruck, dass es ihnen ziemlich gleichg�ltig war. Sie beabsichtigten, den Rest ihres Lebens damit zu verbringen, dass sie umherreisten und Stra�en anlegten. Deshalb spielte es keine gro�e Rolle, wohin sie zun�chst gingen. Stra�enzigeuner f�r immer.</p><p>Sie vergewisserten sich, dass alle Kinder John die Hand sch�ttelten, und nach dem Dinner hielt er eine kurze Rede, die, wie bei ihm �blich, ihr neues Leben auf dem Mars behandelte. �Wenn ich euch hier drau�en sehe, macht mich das wirklich gl�cklich, weil es der Teil eines neuen Lebensstils ist. Wir haben die Chance erhalten, hier eine neue Gesellschaft zu gr�nden. Auf technischem Gebiet �ndert sich alles, und der soziale Bereich k�nnte sehr wohl folgen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was die neue Gesellschaft sein oder wie sie aussehen sollte. Das ist schlie�lich der harte Teil bei der Sache. Aber ich wei�, dass es getan werden sollte. Und ich denke, dass ihr und alle die anderen kleinen Gruppen drau�en auf der Oberfl�che es auf empirischer Basis gestaltet. Und wenn ich euch sehe, hilft mir das, dar�ber nachzudenken.� Das tat es dann auch, obwohl er selbst nicht viel dazu tat. Er bewegte sich eher l�ssig in freien Gedankenverbindungen, je nachdem, was ihm gerade in den Sinn kam. Und ihre Augen leuchteten im Lampenlicht, w�hrend sie ihm lauschten.</p><p>Sp�ter sa� er mit einigen von ihren im Kreis um eine einzige brennende Lampe herum, und sie blieben die ganze Nacht im Gespr�ch auf. Die jungen Schweizer stellten ihm Fragen nach seiner ersten Reise und �ber die ersten Jahre in Underhill, was beides f�r sie offenbar mythische Dimensionen waren. Und er erz�hlte ihnen einigerma�en die wirkliche Geschichte und brachte sie oft zum Lachen. Dann stellte er ihnen Fragen �ber die Schweiz, wie sie funktionierte, was sie von ihr hielten und warum sie hier w�ren statt dort. Eine blonde Frau lachte, als er das fragte. Sie sagte: �Kennst du den B��gen?�, und er sch�ttelte den Kopf. �Er ist ein Teil unserer Weihnacht. Sami Claus besucht nacheinander alle H�user, und er hat einen Helfer, den B��gen, der Mantel und Kapuze tr�gt und einen gro�en Sack hat. Sami Claus fragt die Eltern, wie sich die Kinder in diesem Jahr aufgef�hrt haben; und die Eltern zeigen ihm das Hauptbuch, die Chronik. Und wenn die Kinder brav gewesen sind, gibt Sami Claus ihnen Geschenke. Wenn aber die Eltern sagen, dass die Kinder b�s gewesen sind, steckt der B��gen sie in den Sack, schleppt sie weg, und sie werden nie wieder gesehen.�</p><p>�Was?� schrie John.</p><p>�So sagt man. Das ist die Schweiz. Und deshalb bin ich hier auf dem Mars.�</p><p>�Der B��gen hat dich hergebracht.�</p><p>Sie lachten, auch die Frau. �Ja, ich war immer b�se.� Dann wurde sie ernster. �Aber hier werden wir keinen B��gen haben.�</p><p>Sie fragte ihn, was er �ber die Debatte zwischen den Roten und den Gr�nen hielte. Er zuckte die Achseln und fasste zusammen, was er �ber die Positionen von Ann und Sax wusste.</p><p>Einer von ihnen sagte: �Ich wei� nicht, ob einer von ihnen recht hat.� Er hie� J�rgen und war einer ihrer Anf�hrer, anscheinend eine Art Kreuzung von B�rgermeister und Zigeunerk�nig, mit dunklem Haar, scharfem Gesicht und ernsthaft. �Nat�rlich sagen beide Seiten, dass sie f�r die Natur sind. Das m�ssen sie sagen. Die Roten sagen, dass der Mars, so wie er war, Natur sei. Aber er ist nicht Natur; denn er ist tot. Er ist nur Gestein. Das sagen die Gr�nen, und sie wollen durch ihr Terraformen Natur zum Mars bringen. Aber auch das ist nicht Natur, sondern nur Kultur. Eine k�nstliche Sache. Also bekommt keiner Natur. So etwas wie Natur ist auf dem Mars nicht m�glich.�</p><p>�Interessant!� sagte John. �Das muss ich Ann erz�hlen und sehen, was sie sagt. Aber��� Er dachte dar�ber nach. �Wie nennt ihr dann dies hier? Wie nennt ihr das, was ihr tut?�</p><p>J�rgen zuckte die Achseln und grinste. �Wir geben ihm gar keinen Namen. Es ist eben der Mars.�</p><p>Vielleicht war das die Schweizer Art, dachte John. Er war ihnen bei seinen Reisen immer mehr begegnet, und sie schienen alle so zu sein. Tu etwas und k�mmere dich nicht zu viel um Theorie! Was auch immer richtig scheinen m�ge.</p><p>Noch sp�ter, als sie noch einige Flaschen Wein getrunken hatten, fragte er sie, ob sie je von dem Cojoten geh�rt h�tten. Sie lachten, und einer sagte: �Das ist der, welcher vor dir hierher gekommen ist, nicht wahr?� Sie lachten �ber seine Miene. Einer erkl�rte: �Nur eine Story. Wie die Kan�le oder der Gro�e Mann. Oder Sami Claus.�</p><p>W�hrend er am n�chsten Tag durch Melas Chasma nach Norden fuhr, w�nschte John (wie schon fr�her), dass alle Leute auf dem Mars Schweizer w�ren oder zumindest so wie diese. Oder jedenfalls in mancher Hinsicht den Schweizern �hnlicher. Ihre Liebe f�r das Land schien in einer Lebensweise zum Ausdruck zu kommen: rational, gerecht, erfolgreich, wissenschaftlich. F�r ein solches Leben w�rden sie �berall arbeiten; denn f�r sie kam es auf das Leben an, nicht auf eine Fahne oder auf einen Glauben oder auf einen bestimmten Text, noch sogar das kleine, steinige Fleckchen Land, das sie auf der Erde besa�en. Die Schweizer Stra�enbau-Crew hier war schon ein Teil des Mars geworden. Sie hatte das Leben gebracht und das Gep�ck zur�ckgelassen.</p><p>Er seufzte und fr�hst�ckte, w�hrend sein Rover an Transpondern vorbei nach Norden rollte. Die Sache war nat�rlich gar nicht so einfach. Die fahrenden Stra�enbauer waren reisende Schweizer, eine Art von Zigeunern, die Art von Schweizern, die den gr��ten Teil ihres Lebens au�erhalb der Schweiz verbrachte. Davon gab es eine Menge; aber sie waren durch diesen Entschluss ausgesondert und waren anders. Die Schweizer, die zu Hause blieben, waren sehr auf ihr Schweizertum bedacht. Immer noch bis an die Z�hne bewaffnet, immer noch bereit, den Handelsvertreter f�r jeden zu spielen, der ihm Bargeld brachte, immer noch kein Mitglied der UN. Allerdings machte dieser Umstand in Anbetracht der Macht, die UNOMA �ber die lokale Situation hatte, die Schweiz f�r John als ein Modell noch interessanter. Dieses Geschick, ein Teil der Welt zu sein und sich trotzdem gleichzeitig von ihr auf Distanz zu halten; die Welt zu benutzen, aber fernzuhalten; klein zu sein an Macht, immer bis an die Z�hne bewaffnet zu sein, aber nie in den Krieg zu ziehen�� war das eine Art von Definition dessen, was er f�r den Mars erstrebte? Ihm schien, dass man hier einige Lektionen f�r jedweden hypothetischen Mars-Staat lernen k�nnte.</p><p>Er dachte einen erheblichen Teil seiner Zeit �ber diesen hypothetischen Staat nach. Das war eine Art fixer Idee von ihm, und er fand es sehr frustrierend, dass er anscheinend nicht mehr als vage W�nsche zustande brachte. Und so dachte er jetzt scharf �ber die Schweiz nach und was sie ihm sagen k�nnte. Um das einzuordnen, bediente er sich seines Computers: �Pauline, ruf bitte einen Enzyklop�die-Artikel �ber die Schweizer Regierung ab!�</p><p>Der Rover passierte einen Transponder nach dem anderen, w�hrend er den Artikel las, der auf dem Schirm erschien. Er war dar�ber entt�uscht, dass es nichts �ber das Schweizer Regierungssystem gab, das deutlich einzigartig war. Die Exekutive besa� ein Siebenerrat, der von der gesetzgebenden K�rperschaft gew�hlt wurde. Kein charismatischer Pr�sident (was einem Teil von Boone nicht sehr behagte). Das Parlament hatte au�er der Wahl der Bundesr�te wenig zu tun. Es war gefangen zwischen der Macht der Bundesr�te und der des Volkes, wie sie in direkten Initiativen und Abstimmungen zum Ausdruck kam�� einer Idee, die sie im neunzehnten Jahrhundert �berall von Kalifornien �bernommen hatten. Und dann war da das f�deralistische System. Die Kantone in all ihrer Vielfalt sollten viel Unabh�ngigkeit haben. Auch dadurch wurde das Bundesparlament geschw�cht. Aber die Macht der Kantone war seit Generationen abgebr�ckelt, die Bundesregierung riss immer mehr an sich. Worauf lief dies alles hinaus? �Pauline, ruf bitte meine Rats-Akte ab!� Er f�gte der k�rzlich angelegten Akte einige Notizen hinzu: <emphasis>�Bundesrat, direkte Initiativen, Volksbefragungen, schwaches Parlament, lokale Unabh�ngigkeit, besonders in kulturellen Angelegenheiten.�</emphasis> Jedenfalls etwas, wor�ber man nachdenken sollte. Mehr Daten dem Eintopf seiner Ideen zuf�gen. Es half etwas, wenn man das aufschrieb.</p><p>Er fuhr weiter und dachte an die Ruhe der Stra�enbauer, ihre seltsame Mischung von Ingenieurwesen und Mystizismus. Die W�rme ihres Willkommens, die Boone keineswegs f�r gew�hrleistet hielt. Das geschah nicht �berall. Zum Beispiel begegnete man ihm in den arabischen und israelischen Siedlungen sehr steif; vielleicht, weil man ihn f�r einen Religionsgegner hielt, und vielleicht, weil Frank Geschichten verbreitet hatte, die gegen ihn sprachen. Er war �berrascht gewesen, eine arabische Karawane anzutreffen, deren Mitglieder glaubten, er h�tte den Bau einer Moschee auf Phobos verboten. Und sie hatten ihn blo� angestarrt, als er bestritt, von einem solchen Plan auch nur geh�rt zu haben. Er war sich ziemlich sicher, dass das Franks Werk war. �ber Janet und andere erreichten ihn Ger�chte, wonach Frank darauf aus w�re, seine Stellung auf diese Weise zu untergraben. Ja, es gab also bestimmte Gruppen, die ihn k�hl begr��ten. Die Araber, die Israelis, die Teams der Kernreaktoren, einige der transnationalen Beamten�� Gruppen mit ihren eigenen ausgepr�gten und provinzlerischen Programmen, die sich seiner gr��eren Perspektive widersetzten. Ungl�cklicherweise gab es eine ganze Menge davon.</p><p>Er erwachte aus seiner Tr�umerei, schaute sich um und war �berrascht zu entdecken, dass es in der Mitte von Melas genau so aussah, als ob er sich irgendwo drau�en auf den n�rdlichen Ebenen bef�nde. Der gro�e Canyon war an dieser Stelle zweihundert Kilometer breit, und die Kr�mmung des Planeten war so stark, dass die n�rdlichen und s�dlichen W�nde mit all ihren drei vertikalen Kilometern g�nzlich unter dem Horizont lagen. Erst am folgenden Morgen trennte sich der Nordhorizont in den Boden des Canyons und die gro�e n�rdliche Wand, die durch einen kurzen nords�dlichen Canyon zwischen Melas und Candor zerschnitten war. Erst als er in diesen weiten Spalt hineinfuhr, bekam er die Ansicht, an die die Menschen dachten, wenn sie sich einbildeten, unten in Marineris zu sein. Wahrhaft gigantische W�nde flankierten ihn zu beiden Seiten, dunkelbraune Steinplatten, die von einer Vielfalt an Rinnen und Graten zerfurcht waren. Am Fu� der W�nde lag der tiefe Schotter fr�herer Steinschl�ge oder das Material verfallener Strande.</p><p>In dieser L�cke war die Schweizer Stra�e eine Kette gr�ner Transponder, die sich an Mesas und Trockent�lern vorbeischl�ngelte, so dass es aussah, als ob man das Monument Valley auf den Boden eines Canyons versetzt h�tte, der doppelt so tief und f�nfmal so breit war wie der Grand Canyon. Der Anblick war so ungeheuer, dass John nicht imstande war, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, und zum ersten Mal auf dieser Reise fuhr er den ganzen Tag, ohne Pauline einzuschalten.</p><p>N�rdlich der Querspalte kam er in die gewaltige Senke von Candor Chasma; und jetzt war <emphasis>es,</emphasis> als bef�nde er sich in einer gigantischen Kopie der Painted Desert mit gro�en Sedimentschichten �berall, B�ndern aus purpurnen und gelben Ablagerungen, orangefarbenen D�nen, roten erratischen Bl�cken, rosa Sanden und indigofarbenen Rinnen�� wirklich eine phantastische und extravagante Landschaft, die das Auge verwirrte, weil alle die wilden Farben es schwierig machten, sich vorzustellen, um was es sich jeweils handelte und wie gro� es war und wie weit entfernt. Riesige Plateaus, die ihm den Weg zu versperren drohten, erwiesen sich als die rundlichen Schichten einer entfernten Klippe. Kleine Felsbl�cke dicht hinter den Transpondern entpuppten sich als enorme Mesas in fast einer halben Tagesfahrt Entfernung. Und im Licht des Sonnenuntergangs flammten alle Farben auf, das ganze Spektrum des Mars enth�llte sich und strahlte, als ob Farben aus dem Felsen br�chen�� alles von bla�gelb bis hin zu dunkel purpurn. Candor Chasma! Er m�sste einmal wiederkommen und es erforschen.</p><p>Am Tage danach fuhr er den gleichm��igen Hang der n�rdlichen Ophir-Stra�e hinauf, welche die Schweizer Gruppe im vorigen Jahr fertig gestellt hatte. Hinauf und hinauf�� und dann war er, ohne je einen ausgepr�gten Rand gesehen zu haben, aus den Canyons heraus, rollte an den �berkuppelten L�chern von Ganges Catena vorbei und danach �ber die alte vertraute Ebene, indem er einer breiten Stra�e folgte, �ber den nahen Horizont bei Tschernobyl und Underhill. Dann, noch einen Tag weiter zum Echus-Aussichtspunkt nach Westen, dem neuen Hauptquartier f�r Terraformung von Sax. Seine Reise hatte eine Woche gedauert; und er hatte 2500 Kilometer zur�ckgelegt.</p><empty-line/><p>Sax Russell war von Acheron zur�ck an seinem eigenen Ort. Er stellte jetzt eine Macht dar. Daran bestand kein Zweifel, da er vor einem Jahrzehnt von UNOMA als wissenschaftlicher Leiter des Terraformunternehmen benannt war. Und nat�rlich hatte diese Dekade der Macht bei ihm ihre Spuren hinterlassen. Er hatte UN- und transnationale Hilfe angefordert, um eine ganze Stadt zu bauen, die als Hauptquartier f�r die Terraformung dienen sollte. Und er hatte diese Stadt etwa f�nfhundert Kilometer westlich von Underhill angesiedelt, auf der Kante der Klippe, die die Ostwand von Echus Chasma bildete. Echus war einer der engsten und tiefsten Canyons des Planeten, und seine Ostwand war noch h�her als S�d-Melas. Der Abschnitt, den sie ausgesucht hatten, um die Stadt hineinzubauen, war eine vertikale Basaltklippe von viertausend Metern H�he.</p><p>Oben auf der Klippe gab es wenige Anzeichen der neuen Stadt. Das Land hinter dem Rand war fast unmarkiert. Nur hie und da ein Betonbunker und im Norden die Rauchfahne des Rickover-Kernkraftwerks. Aber als John aus seinem Rover stieg und einen Bunker am Rande betrat, um einen der gro�en Aufz�ge darin zu benutzen, begann ihm das Ausma� der Stadt klar zu werden. Als er f�nfzig Stockwerke tief war, stieg er aus und fand eine ganze Reihe weiterer Aufz�ge, die ihn noch tiefer brachten, bis hinab zum Boden von Echus Chasma. Wenn man ein Stockwerk zu zehn Metern rechnete, bedeutete das Raum in der Klippe f�r vierhundert Stockwerke. Soviel davon wurde noch nicht benutzt, und die meisten bisher gebauten R�ume dr�ngten sich in den oberen zwanzig Etagen. Sax hatte sein B�ro sehr weit oben.</p><p>Sein Konferenzraum war eine gro�e offene Kammer mit einem durchlaufenden Fenster vom Fu�boden bis zur Decke an der Westwand. Als John in den Raum trat, um sich nach Sax umzusehen, war es noch ziemlich fr�h am Vormittag, und das Fenster war fast klar. Weit weit drunten lag der Chasma-Boden, noch halb im Schatten, und drau�en im Sonnenlicht stand die viel niedrigere Westwand von Echus und dahinter der gro�e Abhang der Tharsis-Erhebung, die immer h�her nach S�den anstieg. In mittlerer Entfernung lag der niedrige Buckel von Tharsis Tholus und links davon, eben �ber den Horizont schauend, lag der purpurne, oben abgeflachte Kegel von Ascraeus Mons, dem n�rdlichsten der gro�en Vulkane.</p><p>Aber Sax war nicht im Konferenzzimmer und hatte, soweit John sagen konnte, nie aus diesem Fenster geblickt. Er befand sich hinter der n�chsten T�r in einem Labor, mehr Laborratte denn je, mit krummen Schultern und spitzem Schnurrbart. Er schaute sich auf dem Fu�boden um und sprach mit einer Stimme, die wie die eines Computers klang. Er f�hrte John durch eine ganze Folge von Labors, beugte sich vor, um Bildschirme oder Koordinatenbl�tter anzuschauen, und sprach zerstreut �ber die Schulter zu John. Die R�ume, durch die sie gingen, waren gedr�ngt voller Computer, Drucker, Bildschirme, B�cher, Rollen und Papierstapel, Discs, GC-Massenspektrographen, Brutschr�nke, Abzugshauben, langer Labortische voller Apparate und ganzer Bibliotheken. Auf jeder wackligen Unterlage standen Topfpflanzen, die meisten davon unerkennbare W�lste, stachlige Sukkulenten und dergleichen, so dass es auf den ersten Blick aussah, als w�re ein virulenter Schimmelpilz ausgebrochen und h�tte alles �berwuchert. �Deine Labors werden irgendwie schmutzig�, sagte John.</p><p>�Der Planet ist das Labor�, entgegnete Sax.</p><p>John lachte, nahm einen hellgelben subarktischen Kaktus von einem Pult und setzte sich hin. Sax verlie� diese R�ume �berhaupt nicht mehr. �Was simulierst du heute?�</p><p>�Atmosph�ren.�</p><p>Nat�rlich. Dieses Problem machte Sax ernstlich zu schaffen. Alle W�rme, die sie freisetzten oder dem Planeten zuf�gten, machte die Atmosph�re dichter; aber alle ihre Strategien, um CO2 zu fixieren, machte sie d�nner. Und als sich die chemische Zusammensetzung der Luft langsam zu etwas verschob, das weniger giftig war, enthielt sie auch weniger Treibhausgase, so dass die Dinge sich wieder abk�hlten und der Prozess verlangsamt wurde. Negatives Feedback gegen positives Feedback allenthalben. Alle diese Faktoren in ein sinnvolles extrapolatives Programm zu jonglieren, war mehr, als je einer zu Saxens Befriedigung geschafft hatte. Darum hatte er zu seiner gewohnten Methode Zuflucht genommen. Er versuchte, es selbst zu machen.</p><p>Er schritt durch die schmalen G�nge zwischen den Ger�ten und schob St�hle beiseite. �Es gibt einfach zu viel Kohlendioxid. In den alten Tagen haben die Modell-Leute das einfach unter den Teppich gekehrt. Ich denke, ich werde die s�dliche Polkappe von Robotern zu Sabatier-Fabriken umgestalten lassen m�ssen. Was wir verarbeiten, kann dann nicht sublimieren, und wir k�nnen den Sauerstoff freisetzen und aus dem Kohlenstoff Ziegelsteine machen, nehme ich an. Wir werden mehr Karbonbl�cke haben, als wir uns ausdenken k�nnen zu verwenden. Schwarze Pyramiden neben den wei�en.�</p><p>�H�bsch!�</p><p>�Hmm.� Die Crays und die zwei Schillers summten hinter ihm vor sich hin und lieferten zu seinem eint�nigen Rezitativ einen profunden Bass. Diese Computer liefen die ganze Zeit mit einem Satz Bedingungen nach dem anderen, wie Sax sagte. Die Ergebnisse waren zwar nie die gleichen, jedoch nur selten ermutigend. Die Luft w�rde noch ziemlich lange kalt und giftig bleiben.</p><p>Sax marschierte durch die Halle, und John folgte ihm in etwas, das wie ein weiteres Labor aussah. Nur gab es dort ein Bett und einen K�hlschrank in einer Ecke. Gewaltsam in Unordnung gebrachte B�cherregale waren �berladen mit Topfpflanzen, bizarren Pleistoz�n-Gew�chsen, die ebenso t�dlich aussahen wie die Luft drau�en. John setzte sich in den einzigen leeren Sessel. Sax stand da und schaute auf einen Muschelbusch, w�hrend John seine Begegnung mit Ann schilderte.</p><p>�Glaubst du, dass sie darin verwickelt ist?� fragte Sax.</p><p>�Ich denke, sie wei�, wer es ist. Sie erw�hnte jemanden namens Cojote.�</p><p>�Ach ja.� Sax sah John kurz an�� genauer seine F��e. �Sie hetzt uns auf eine legend�re Person. Er soll mit uns auf der <emphasis>Ares</emphasis> gewesen sein, wei�t du. Von Hiroko versteckt.�</p><p>John war so davon �berrascht, dass Sax von dem Cojoten geh�rt hatte, das es eine Weile dauerte, bis ihm klar wurde, was au�erdem noch beunruhigend war an dem, was Sax gesagt hatte. Aber dann fiel es ihm ein. Eines Nachts hatte Maya ihm gesagt, dass sie ein Gesicht gesehen h�tte, das Gesicht eines Fremden. Die Ausreise war f�r Maya hart gewesen, und er hatte die Geschichte in den Wind geschlagen. Aber jetzt��</p><p>Sax ging umher, schaltete Lichter an, glotzte auf Schirme und murmelte etwas �ber Sicherheitsma�nahmen. Er �ffnete kurz die T�r vom K�hlschrank, und John erhaschte einen Blick auf weitere stachlige Gew�chse. Entweder hielt er sich darin Experimente, oder sein Zwischenimbi� hatte einen wirklich virulenten Anfall von Schimmel erlitten. John sagte: �Du verstehst sicher, warum die meisten Angriffe auf die Moholes erfolgt sind. Sie sind das am leichtesten anzugreifende Projekt.�</p><p>Sax neigte den Kopf. �Sind sie das?�</p><p>�Denk dar�ber nach! Deine kleinen Windm�hlen gibt es �berall; da kann man nicht viel ausrichten.�</p><p>�Es gibt Leute, die sie demolieren. Wir haben Meldungen bekommen.�</p><p>�Was, ein Dutzend? Und wie viele sind da drau�en, hunderttausend? Sie sind blo� Schrott, Sax. Deine schlechteste Idee.� Und f�r sein Projekt sogar fast t�dlich wegen der Algentabletts, die Sax in einigen davon versteckt hatte. Anscheinend waren alle Algen eingegangen. Falls aber nicht, und wenn es jemandem gelungen w�re zu beweisen, dass Sax f�r ihre Verbreitung verantwortlich war, h�tte er seinen Job verlieren k�nnen. Dies war ein weiterer Hinweis darauf, dass Saxens logische Art eine Fassade war.</p><p>Jetzt runzelte er die Stirn. �Sie liefern j�hrlich ein Terawatt.�</p><p>�Und wenn man ein paar davon zerst�rt, macht das nichts aus. Was aber die anderen physikalischen Ma�nahmen angeht, so befinden sich die schwarzen Schneealgen auf der n�rdlichen Polkappe und k�nnen nicht beseitigt werden. Die Spiegel f�r die D�mmerung befinden sich im Orbit, und es ist nicht so einfach, sie aus der Bahn zu werfen.�</p><p>�Mit Pythagoras hat das jemand gemacht.�</p><p>�Gewiss, aber wir wissen, wer das war, und ein Sicherheitsteam verfolgt die Person.�</p><p>�Die wird wahrscheinlich nie zu einer anderen f�hren. Vielleicht k�nnen sie es sich leisten, f�r jede Aktion eine Person einzub��en. Das w�rde mich nicht �berraschen.�</p><p>�Na ja., aber einige einfache Wechsel im Kontrollpersonal w�rden es f�r jeden unm�glich machen, irgendwelche Ger�te an Bord zu schmuggeln.�</p><p>�Sie k�nnten benutzen, was sich da drau�en befindet.� Sax sch�ttelte den Kopf. �Die Spiegel sind verwundbar.�</p><p>�Okay. Jedenfalls mehr als einige andere Projekte.�</p><p>�Diese Spiegel liefern zus�tzliche drei�ig Kalorien pro Quadratzentimeter per Sol. Und die ganze Zeit werden es noch mehr.� Fast alle von der Erde kommenden Frachtschiffe waren jetzt Sonnensegler; und wenn sie im System des Mars ankamen, wurden sie an gro�e Aggregate fr�her angekommener angeschlossen, die im areosynchronen Orbit geparkt sind und so programmiert, dass sie durch Schwenkungen ihr Licht auf die Terminatoren werfen und so der Morgen- und Abendd�mmerung jedes Tages ein wenig zus�tzliche Energie liefern. Dieses Arrangement war durch das Amt von Sax koordiniert worden, und er war darauf stolz.</p><p>John sagte: �Wir werden die Sicherheit f�r das Wartungspersonal verst�rken.�</p><p>�So. Erh�hte Sicherheit bei den Spiegeln und den Moholes.�</p><p>�Ja. Aber das ist noch nicht alles.�</p><p>Sax schnaufte. �Was meinst du?�</p><p>�Nun, das Problem liegt darin, dass nicht blo� die Terraformprojekte als solche potentielle Ziele sind. Ich meine, die Kernreaktoren sind in ihrer Weise auch ein Teil des Projektes. Sie liefern eine Menge Energie f�r dich und pumpen mehr W�rme aus als die �fen, die sie im Grunde sind. Wenn einer davon hochginge, w�rde er alle Arten von Fallout produzieren, mehr noch politisch als physikalisch.�</p><p>Die vertikalen Falten zwischen Saxens Augen reichten ihm fast bis zum Haaransatz. John streckte die H�nde aus. �Nicht mein Fehler. So ist es nun eben einmal.�</p><p>�Computer�, befahl Sax, �mach eine Notiz: Reaktorsicherheit pr�fen!�</p><p>�Notiz gemacht�, sagte einer der Schillers. Er klang genau wie Sax.</p><p>�Und das ist noch nicht das Schlimmste�, sagte John und blickte w�tend zu Boden. �Die biotechnischen Labors.�</p><p>Saxens Mund wurde eine schmale Linie.</p><p>John fuhr fort: �T�glich werden neue Organismen ausgebr�tet; und es k�nnte m�glich sein, etwas zu schaffen, das alles andere auf dem Planeten t�tet.�</p><p>Sax zwinkerte. �Hoffen wir, dass keiner dieser Leute so denkt wie du.�</p><p>�Ich versuche nur, wie sie zu denken.�</p><p>�Computer, eine Notiz: Biolab-Sicherheit!�</p><p>John sagte: �Nat�rlich haben Vlad und Ursula Selbstmordgene allem eingepflanzt, das sie gemacht haben. Aber die sollen einen �berm��igen Erfolg stoppen oder Mutationsunf�lle. Falls jemand sie vors�tzlich umgehen und etwas zusammenkochen w�rde, das sich von �berm��igem Erfolg n�hrt, k�nnten wir in Schwierigkeiten geraten.�</p><p>�Das sehe ich.�</p><p>�Also: Die Labors, die Reaktoren, die Moholes und die Spiegel. Es k�nnte schlimmer sein.�</p><p>Sax verdrehte die Augen. �Ich bin froh, dass du so denkst. Ich werde mit Helmut dar�ber sprechen. Ich werde ihn sowieso bald treffen. Es sieht so aus, dass sie den Aufzug von Phyllis bei der n�chsten UNOMA-Sit-zung genehmigen werden. Das wird die Kosten der Terraformung m�chtig beschneiden.�</p><p>�Letztlich ja, aber die Ausgangsinvestition muss gewaltig sein.�</p><p>Sax zuckte die Achseln. �Man schiebe einen Amor-Satelliten in den Orbit, errichte eine Roboterfabrik und lasse sie ans Werk gehen. Das ist nicht so teuer, wie du zu denken scheinst.�</p><p>John hob die Schultern. �Sax, wer bezahlt das alles?� Sax neigte den Kopf und zwinkerte. �Die Sonne.� John stand auf. Er hatte pl�tzlich Hunger bekommen. �Dann zahlt die Sonne die Zeche. Bedenke das!�</p><empty-line/><p>Jeden Abend sendete die Mangalavid-Amateurstation sechs Stunden lang ein kunterbunt gemischtes Programm, das John sich bei jeder passenden Gelegenheit anschaute. Also ging er, nachdem er in der K�che einen gro�en gr�nen Salat zubereitet hatte, ins Fensterzimmer und schaute w�hrend des Essens hin, wobei er sich von Zeit zu Zeit auch den roten Sonnenuntergang �ber Ascraeus ansah. Die ersten zehn Minuten dieser Abendsendung waren von einer Sanit�tsingenieurin aufgenommen, die auf einer Abfallverwertungsanlage in Chasma Borealis arbeitete. Ihre dar�bergelegte Stimme war begeistert, aber langweilig. �Es ist nett, dass wir alles, was wir wollen, verschmutzen k�nnen mit bestimmten Stoffen: Sauerstoff, Ozon, Stickstoff, Argon, Dampf und einigen biologischen Materialien. Dadurch haben wir eine Freiheit, die wir daheim nicht besessen haben. Wir verarbeiten einfach alles, was man uns gibt, bis wir es freilassen k�nnen.� Daheim, sagte sich John. Eine neu Hinzugekommene. Danach kam der Versuch einer Karaterunde, gleichzeitig erheiternd und h�bsch. Es folgten zwanzig Minuten, in denen einige Russen in Druckanz�gen <emphasis>Hamlet</emphasis> auf dem Boden des Mohole von Tyrrhena Patera auff�hrten. Diese Produktion fand John verr�ckt, bis Hamlet Claudius erblickte, wie er im Gebet kniete, und die Kamera nach oben schwenkte, um das Mohole als W�nde einer Kathedrale zu zeigen, die sich �ber Claudius zu einem unendlich entfernten Sonnenstrahl erhoben�� wie die Verzeihung, die er nie erlangen w�rde.</p><p>John schaltete den Fernseher aus und nahm den Aufzug zur Schlafetage hinunter. Er ging zu Bett und entspannte sich. Karate als Ballett. Die Neulinge waren noch alle Ingenieure, Bauarbeiter, Wissenschaftler jeder Richtung. Aber sie wirkten nicht so einm�tig wie die Ersten Hundert, und das war wohl gut so. Sie hatten noch eine wissenschaftliche geistige Haltung und Weltanschauung; sie waren praktisch, empirisch und rational. Man konnte hoffen, dass der Ausleseprozess auf der Erde immer noch gegen Fanatismus arbeitete und Leute heraufschickte mit einer Sensibilisierung nach Art der wandernden Schweizer; praktisch, aber f�r neue M�glichkeiten offen und imstande, neue Loyalit�ten und Glaubensrichtungen zu bilden. Man brauchte nur die Ersten Hundert anzuschauen, um zu erkennen, dass Wissenschaftler genau so fanatisch werden konnten wie jeder andere, vielleicht sogar noch mehr. Vielleicht war ihre Ausbildung zu eng konzentriert gewesen. Hirokos Team war verschwunden�� Irgendwo da drau�en im wilden Fels, gl�ckliche Halunken�� Er fiel in Schlaf.</p><empty-line/><p>John arbeitete noch ein paar Tage im Echus-Aussichtspunkt und bekam dann einen Anruf von Helmut Bronski in Burroughs, der sich mit ihm �ber die neuen Eing�nge von der Erde beraten wollte. John beschloss, den Zug nach Burroughs zu nehmen und Helmut pers�nlich zu treffen.</p><p>Am Abend vor seiner Abreise suchte er Sax in seinen Labors auf. Als er eintrat, sagte Sax auf seine monotone Art: �Wir haben einen Asteroiden der Amorklasse gefunden, der zu neunzig Prozent aus Eis besteht, in einer Bahn, die ihn nach drei Jahren in Marsn�he bringen wird. Wirklich genau das, was ich gesucht habe.� Sein Plan war, ein von Robotern gesteuertes Schub-Aggregat auf dem Eis-Asteroiden anzubringen und den in eine durch Luft gebremste Bahn um den Mars zu schieben, so dass er in der Atmosph�re vergl�hen w�rde. Damit w�re den UNOMA-Protokollen Gen�ge getan, die eine Massenzerst�rung untersagten, welche ein direkter Aufprall bewirken m�sste. Es w�rde aber immer noch gro�e zus�tzliche Mengen an Wasser liefern und in der Atmosph�re getrennten Wasserstoff und Sauerstoff, so dass diese mit genau jenen Gasen angereichert w�rde, die am dringendsten ben�tigt wurden. �Es w�rde den atmosph�rischen Druck um nicht weniger als f�nfzig Millibar anheben.�</p><p>�Du machst Witze!� Der mittlere Druck in Normalh�he hatte zwischen sieben und zehn Millibar betragen (gegen�ber 1,013 Bar auf der Erde), und alle bisherigen Bem�hungen hatten den Durchschnittswert nur auf rund f�nfzig gesteigert. �Ein Eisball wird den atmosph�rischen Druck verdoppeln?�</p><p>�Das besagen die Simulationen. Nat�rlich ist bei einem so geringen Ausgangswert eine Verdopplung nicht so eindrucksvoll, wie es klingt.�</p><p>�Dennoch ist das gro�artig, Sax. Und es wird schwer zu sabotieren sein.�</p><p>Aber Sax mochte nicht daran erinnert werden. Er runzelte die Stirn und machte sich davon.</p><p>John lachte �ber seine Launenhaftigkeit und ging zur T�r. Dann h�rte er auf nachzudenken und sah sich in der Halle nach beiden Seiten um. Leer. Und keine Videomonitore in Saxens B�ro. Er trat wieder ein, grinste �ber seinen verstohlenen Gang auf Zehenspitzen und musterte das Papierchaos auf dem Schreibtisch. Wo sollte er anfangen? Vermutlich w�rde sein PC alles Interessante enthalten, aber wohl nur auf die Stimme von Sax reagieren und sicher alle anderen Anfragen registrieren. John �ffnete ruhig eine Schreibtischschublade. Leer. Alle Schubladen waren leer. Er h�tte fast laut gelacht, unterdr�ckte das aber. Auf einer Laborbank lag ein Haufen Korrespondenz, und er sah ihn durch. Meist Mitteilungen von den Biologen in Acheron. Unten in dem Stapel war ein einzelnes Blatt nicht unterschriebener Post, auch ohne R�cksendeanschrift oder Herkunftscode. Saxens Drucker hatte das Blatt ausgespuckt ohne jede Identifikation, die John sehen konnte. Die Mitteilung war kurz:</p><cite><p>1. Wir benutzen Selbstmordgene, um Vermehrung im Griff zu halten. 2. Es gibt auf der Oberfl�che jetzt so viele W�rmequellen, dass wir nicht glauben, jemand k�nnte unseren Aussto� vom Rest unterscheiden. 3. Wir haben uns einfach geeinigt auszubrechen und unabh�ngig allein zu arbeiten, ohne Einmischungen. Ich bin sicher, du verstehst jetzt.</p></cite><p>Nachdem er eine Minute lang daraufgestarrt hatte, hob John den Kopf und sah sich um. Er war immer noch allein. Er schaute noch einmal auf die Nachricht, legte sie da hin, wo er sie gefunden hatte, und ging ruhig aus Saxens B�ros zu den G�stequartieren zur�ck. �Sax�, sagte er anerkennend, �du raffinierter Rattenk�nig!�</p><empty-line/><p>Der Zug nach Burroughs f�hrte haupts�chlich Fracht in drei�ig engen Waggons. Vorn waren zwei Passagierwaggons. Er glitt �ber eine supraleitende Magnetpiste so schnell und geschmeidig, dass man kaum den Augen trauen konnte. Nach Johns endloser Schufterei querfeldein in Rovern war es fast erschreckend. Man hatte nichts weiter zu tun, als das Lustzentrum in dem alten Gehirn mit Omegendorph zu �berschwemmen, sich zur�ckzulehnen und es zu genie�en. Wenn man hinausschaute, schien es eine Art Flug mit �berschallgeschwindigkeit auf dem Boden zu sein.</p><p>Die Piste war ungef�hr parallel zu 40� Nord angelegt. Der Plan war, letztlich den ganzen Planeten mit einer Magnetschwebebahn zu umg�rten; aber bisher war nur die Hemisph�re zwischen Echus und Burroughs fertig gestellt. Burroughs war die gr��te Stadt in der r�ckseitigen Hemisph�re geworden. Die urspr�ngliche Siedlung war von einem in Amerika heimischen Konsortium nach einem europ�ischen Plan unter franz�sischer F�hrung erbaut worden und lag am oberen Ende von Isidis Planitia, die praktisch ein riesiger Trog war, wo die Ebenen des Nordens einen tiefen Einschnitt in die Hochl�nder des S�dens machten. Seiten und Kopf des Trogs wirkten der Kr�mmung des Planeten derart entgegen, dass die Landschaft um die Stadt herum fast irdische Horizonte hatte; und als der Zug in den gro�en Trog hinunterflog, konnte Boone �ber mit Mesas besetzte dunkle Ebenen bis zu Horizonten in mehr als sechzig Kilometern Entfernung blicken.</p><p>Die Geb�ude von Burroughs waren fast alle Klippenbauten, die in die Flanken von f�nf gro�en Mesas eingeschnitten waren, die als Gruppe auf einer Anhebung in der Kr�mmung eines alten gewundenen Kanals standen. Gro�e Abschnitte der vertikalen Seiten der Mesas waren mit Rechtecken aus verspiegeltem Glas besetzt, als ob man postmoderne Wolkenkratzer auf die Seiten gelegt und in die Berge hineingeschoben h�tte. Wirklich ein aufregender Anblick und viel beeindruckender als Underhill oder sogar der Echus-Aussichtspunkt, der eine gro�artige Aussicht bot, aber nicht gesehen werden konnte. Nein, die mit Glas verkleideten Flanken von Burroughs, die sich �ber einen Kanal erhoben, der nach Wasser zu flehen schien, und ein Ausblick bis zu fernen Bergen�� diese Merkmale vereinten sich, um der neuen Stadt einen rasch wachsenden Ruf als die sch�nste Stadt auf dem Mars zu verleihen.</p><p>Ihre westliche Bahnstation befand sich im Innern einer ausgeh�hlten Mesa, ein sechzig Meter hoher Raum mit gl�sernen W�nden. John trat in diese gro�artige Halle hinaus und bahnte sich einen Weg durch die Volksmenge mit zur�ckgeneigtem Kopf wie ein T�lpel vom Lande in Manhattan. Das Bahnpersonal trug blaue Pullover, die Sch�rfungsleute hatten gr�ne Schutzkleidung, die UNOMA-B�rokraten Anz�ge und die Bauarbeiter Arbeitsjumper in Regenbogenfarben, die an Sportsdress erinnerten. Das UNOMA-Hauptquartier war vor drei Jahren, in Burroughs untergebracht worden, was einen gro�en Bau-Aufschwung bewirkt hatte. Es war eine offene Frage, ob es mehr UNOMA-B�rokraten oder Bauarbeiter in der Station gab.</p><p>Am anderen Ende des gro�en Raums fand John einen U-Bahn-Eingang und nahm einen kleinen Wagen zum Hauptquartier der UNOMA. In dem Wagen sch�ttelte er einigen Leuten die Hand, die ihn erkannten und an ihn herantraten. Er f�hlte, wie das alte Unbehagen des Goldfischglases zur�ckkehrte. Er befand sich wieder unter Fremden. In einer Stadt.</p><p>An diesem Abend speiste er mit Helmut Bronski. Sie waren sich zuvor schon oft begegnet, und John war von dem Mann beeindruckt einem deutschen Million�r, der in die Politik gegangen war. Gro�, f�llig, blond mit r�tlichem Gesicht, makellos gepflegt und in einen teuren grauen Anzug gekleidet. Er war der Finanzminister des Europarats gewesen, als er den Posten bei der UNOMA annahm. Jetzt erz�hlte er John die letzten Neuigkeiten in einem sehr gepflegten britischen Englisch und a� Roastbeef mit Kartoffeln zwischen schnell ge�u�erten S�tzen, wobei er sein Silberbesteck auf die deutsche werkm�nnische Art hielt. �Wir werden einen Sch�rfkontrakt in Elysium dem transnationalen Konsortium Armscor �bertragen. Sie werden ihre eigene Ausr�stung schicken.�</p><p>�Aber, Helmut�, sagte John, �w�rde das nicht den Mars-Vertrag verletzen?�</p><p>Helmut machte eine weite Bewegung mit der Hand, die die Gabel hielt. Seine Miene sagte, sie w�ren M�nner von Welt und verst�nden sich auf diese Dinge. �Der Vertrag ist mehr als veraltet, das ist jedem klar, der mit der Situation zu tun hat. Aber seine Revision ist erst nach zehn Jahren angesetzt. Inzwischen m�ssen wir versuchen, gewisse Aspekte der Revision vorzuziehen. Darum erteilen wir schon jetzt einige Konzessionen. Es gibt keinen Grund zur Verz�gerung; und sollten wir das versuchen, g�be es �rger in der Generalversammlung.�</p><p>�Aber die Generalversammlung wird nicht gerade begeistert sein, dass ihr die erste Konzession einem alten s�dafrikanischen Waffenfabrikanten erteilt habt.�</p><p>Helmut zuckte die Achseln. �Armscor hat nur noch sehr wenig mit seinen Urspr�ngen gemein. Es ist blo� ein Name. Als aus S�dafrika Azania wurde, hat die Gesellschaft ihre B�ros nach Australien verlegt und dann nach Singapore. Und jetzt ist sie nat�rlich viel mehr als eine Luft- und Raumfahrtfirma geworden. Sie ist eine echte Transnationale, einer der neuen Tiger, mit eigenen Banken und kontrolliert f�nfzig der alten Fortune 500.�</p><p><emphasis>�F�nfzig</emphasis> von ihnen?� fragte John.</p><p>�Jawohl. Und Armscor ist eine der kleinsten Transnationalen. Darum haben wir sie ausgesucht. Aber sie hat immer noch ein gr��eres Wirtschaftsvolumen als jedes Land au�er den gr��ten Zwanzig. Wenn die alten Multinationalen zu Transnationalen verschmelzen, siehst du, dann gewinnen sie wirklich eine ganze Menge Macht und haben Einfluss in der Generalversammlung. Wenn wir einer eine Konzession erteilen, profitieren davon etwa zwanzig oder drei�ig L�nder und gewinnen Zugang zum Mars. Und f�r den Rest der L�nder dient das als Pr�zedenzfall. Und so wird der Druck auf uns gemindert.�</p><p>�Oha!� John dachte dar�ber nach. �Sag mir, wer hat diese �bereinkunft zustande gebracht?�</p><p>�Nun, wei�t du, es waren ein paar von uns.�</p><p>Helmut a� weiter und ignorierte fr�hlich Johns starren Blick.</p><p>John zog die Lippen zusammen und schaute weg. Ihm wurde j�h bewusst, dass er mit einem Manne sprach, der, obwohl nur ein Funktion�r, sich auf dem Planeten f�r weitaus wichtiger hielt als Boone. Genial, mit einem glatten Gesicht (wer schnitt ihm wohl das Haar?), lehnte Bronski sich zur�ck und bestellte Getr�nke nach der Mahlzeit. Seine Assistentin, die an dem Abend aufwartete, eilte folgsam hin und her.</p><p>John bemerkte: �Ich glaube nicht, dass man mich schon einmal auf dem Mars bedient hat.�</p><p>Helmut begegnete seinem Blick ruhig, aber seine Gesichtsr�te war st�rker geworden. John musste fast grinsen. Der UNOMA-Beamte wollte drohend wirken, der Repr�sentant von so hochgestochenen, quasi klimatischen Kr�ften, dass Johns kleine Mentalit�t eines Wetterh�uschens diese nicht einmal begreifen k�nnte. Aber John hatte schon fr�her festgestellt, dass ein paar Minuten seiner Routine als Erster-Mann-auf-dem-Mars gew�hnlich ausreichten, um einer solchen Haltung den Boden zu entziehen. Also lachte er und trank und erz�hlte Geschichten und spielte auf Geheimnisse an, die nur den Ersten Hundert einsichtig waren. Er machte es der Assistentin/Kellnerin klar, dass er es war, der am Tisch das Sagen hatte und so weiter. Er benahm sich allgemein auf eine nicht betroffene, wissende, arrogante Art; und als sie mit ihrem Sorbet und Brandy fertig waren, war Bronski laut und polternd, offenkundig nerv�s und in der Defensive.</p><p>Funktion�re�� John musste lachen.</p><p>Aber er war neugierig hinsichtlich des letzten Punktes ihrer Konferenz, der ihm immer noch nicht klar war. Vielleicht hatte Bronski selbst pers�nlich sehen wollen, wie die Nachricht von der neuen Konzession einen der Ersten Hundert treffen w�rde�� vielleicht, um die Reaktion der �brigen zu ermessen? Das w�re t�richt; denn um ein gutes Urteil �ber die Ersten Hundert zu bekommen, m�sste man mindestens achtzig von ihnen befragen. Aber das w�rde auch nicht hei�en, dass es stimmte. John war es gewohnt, als Repr�sentant von Dingen zu gelten, als ein Symbol. Wieder die Galionsfigur. Es w�re bestimmt eine Zeitverschwendung.</p><p>Er fragte sich, ob er aus diesem Abend etwas f�r sich herausholen k�nnte; und als sie wieder zu seiner Gastsuite gingen, sagte er: �Hast du jemals von dem Cojoten geh�rt?�</p><p>�Ein Tier?�</p><p>Er grinste und belie� es dabei. Er legte sich in seinem Zimmer aufs Bett, Mangalavid im Fernseher, und dachte nach. Als er sich vor dem Schlafengehen die Z�hne putzte, sah er im Spiegel sein Bild und machte ein brummiges Gesicht. Er schwang die Zahnb�rste in einer weit ausholenden Geste und sagte in einer unfairen Parodie von Helmuts leichtem Akzent: �Vell, dass is bisine�, bisine� a� juschel!�</p><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen hatte er ein paar Stunden vor der n�chsten Konferenz und verbrachte deshalb die Zeit mit Pauline. Er sah durch, was er �ber Helmut Bronskis Unternehmungen in den letzten sechs Monaten finden konnte. Konnte Pauline der UNOMA in die Diplomatentasche greifen? War Helmut je in Senzeni Na oder einem anderen Sabotage-Ort gewesen? W�hrend Pauline ihre Suchalgorithmen laufen lie�, schluckte John ein Omegendorph gegen seinen Kater und dachte dar�ber nach, was hinter seinem Einfall steckte, die Akten von Helmut durchzust�bern. In diesen Tagen stellte UNOMA die h�chste Autorit�t auf dem Mars dar, zumindest nach dem Buchstaben des Gesetzes. In der Praxis war sie so zahnlos wie die UN gegen�ber nationalen Armeen und transnationalem Geld. Wenn sie nicht nach ihrer Pfeife tanzte, war sie hilflos. Sie konnte nicht entgegen deren W�nschen Erfolg haben und w�rde es wohl auch nie versuchen, da sie ihr Werkzeug war. Was wollten <emphasis>sie</emphasis> also, die nationalen Regierungen und der transnationale Ausschuss von Direktoren? Wenn es gen�gend Sabotage g�be, w�rde das ein Grund sein, mehr f�r ihre eigene Sicherheit zu tun? W�rde es dahin tendieren, ihre Kontrolle zu verst�rken?</p><p>Er knurrte angewidert. Offenbar war bisher das einzige Resultat seiner Nachforschungen, dass sich die Liste der Verd�chtigen verdreifacht hatte. Pauline sagte: �Entschuldige mich, John!� und die Information erschien auf dem Schirm. Die Diplomatentasche war, wie sie herausgefunden hatte, in einem der neuen, nicht zu knackenden Schl�ssel codiert. Man m�sste die L�sungen haben, um hineinzukommen. Helmuts Bewegungen waren andererseits leicht zu verfolgen. Er war vor zehn Wochen in Pythagoras gewesen, der Spiegelstation, die aus dem Orbit gesto�en worden war. Und in Senzeni Na zwei Wochen vor Johns Besuch. Und dennoch hatte niemand dort sein Auftreten erw�hnt.</p><p>In j�ngster Zeit war er gerade von dem Bergbaukomplex zur�ckgekehrt, der an einer Stelle namens Bradbury Point eingerichtet wurde. Zwei Tage sp�ter reiste John ab, um ihn zu besuchen.</p><empty-line/><p>Bradbury Point lag etwa achthundert Kilometer n�rdlich von Burroughs an der �stlichsten Stelle von Nilosyrtis Mensae. Die Mensae waren eine Reihe langer Mesas, die wie Inseln der s�dlichen Hochl�nder in dem Flachland der n�rdlichen Ebenen aufragten. Man hatte unl�ngst festgestellt, dass die Mesa-Inseln von Nilosyrtis ein reiches metallogenes Gebiet darstellten, mit Lagerst�tten von Kupfer, Silber, Zink, Gold, Platin und anderen Metallen. Konzentrationen von Erzen wie diese hatte man an mehreren Stellen im so genannten Gro�en Steilhang entdeckt, wo die s�dlichen Hochl�nder zu den n�rdlichen Niederungen abfielen. Einige Areologen gingen so weit, das ganze Gebiet des Steilhangs zu einer metallogenen Provinz zu erkl�ren, die den Planeten wie die Naht auf einem Baseball umgab.</p><p>Das war ein anderes Faktum, das sich zu dem gro�en Nord-S�d-Mysterium f�gte und nat�rlich seine besondere Aufmerksamkeit erregte. Ausgrabungen, begleitet von intensiven areologischen Studien, wurden von Wissenschaftlern durchgef�hrt, die f�r UNOMA arbeiteten und, wie John herausfand, als er die Arbeitsakten neuer Ank�mmlinge nachpr�fte, f�r die Transnationalen, die alle nach Hinweisen suchten, die sie in die Lage versetzen w�rden, noch mehr lokale Lagerst�tten zu finden. Aber selbst auf der Erde verstand man die Geologie der Mineralbildung noch nicht so recht; und darum enthielten solche Vermutungen immer noch gro�e Zufallselemente. Und auf dem Mars war das noch mysteri�ser. Die k�rzlichen Funde auf dem Gro�en Steilhang waren gr��tenteils zuf�llig gewesen, und erst jetzt wurde die Gegend zu einem Brennpunkt des Sch�rfens.</p><p>Die Entdeckung des Bradbury-Komplexes hatte diese Jagd beschleunigt; und er erwies sich als so gro� wie die gr��ten Komplexe auf der Erde, vielleicht vergleichbar dem Bushveldt-Komplex von Azania. Also gab es einen Goldrausch in Nilosyrtis. Und Helmut Bronski hatte die Szene besucht.</p><p>Diese erwies sich als klein und rein zweckm��ig, ein blo�er Anfang. Ein Kernreaktor und einige Raffinerien, dicht bei einer ausgeh�hlten, von einem Habitat erf�llten Mesa. Die Minen waren im Flachland zwischen Mesas verstreut. Boone fuhr bis zum Habitat hinauf, koppelte an der Garage an und kroch dann durch die Schleusen. Drinnen wurde er von einem Empfangskomitee begr��t und in einen mit Fenstern versehenen Konferenzraum gef�hrt, wo er sprechen sollte.</p><p>Sie sagten, sie w�ren in Bradbury etwa dreihundert Personen, alles Angestellte von UNOMA und ausgebildet von der transnationalen Shelalco. Als sie mit John einen kleinen Rundgang machten, stellte er fest, dass sie eine Mischung aus fr�heren S�dafrikanern, Australiern und Amerikanern bildeten, alle gl�cklich, ihm die Hand zu sch�tteln. Ungef�hr dreiviertel waren M�nner, blass und sauber, die mehr wie Labortechniker aussahen als die geschw�rzten Trolle, an die er dachte, wenn er das Wort <emphasis>Bergarbeiter</emphasis> h�rte. Die meisten arbeiteten mit Zweijahreskontrakten, wie sie ihm sagten, und hielten sich auf dem laufenden �ber die noch verbliebene Zeit�� nach Wochen oder sogar Tagen. Sie betrieben die Minen haupts�chlich durch Fernsteuerung und machten ein entsetztes Gesicht, als Boone darum bat, in eine Mine einzufahren, um sich umzuschauen. Einer sagte: �Es ist blo� ein Loch.� Boone starrte sie arglos an, und nach kurzem Z�gern brachten sie eine Begleitmannschaft f�r ihn zusammen.</p><p>Sie brauchten zwei Stunden, in die Schutzanz�ge zu steigen und aus einer Schleuse hinauszukommen. Sie fuhren an den Rand einer Mine und dann auf einer Rampenstra�e in eine terrassierte ovale Grube von etwa zwei Kilometern L�nge. Dort stiegen sie aus und folgten John, als er herumging. Umgeben von gro�en robotischen Bulldozern, Abraumlastern und Bodenr�umern waren die Gesichtsscheiben seiner vier Begleiter ganz Auge�� auf der Hut wegen eines wildgewordenen Behemoths, wie John meinte. Er war �ber ihre Furchtsamkeit erstaunt. Pl�tzlich erkannte er, dass der Mars auch nur eine andere Version einer harten Arbeit sein konnte, eine h�llische Kombination von Sibirien, dem Innern von Saudi Arabien, dem S�dpol im Winter und <emphasis>Nouy Mir.</emphasis></p><p>Oder vielleicht hielten sie es einfach f�r gef�hrlich, wenn sich da ein Mensch aufhielt. Das schreckte ihn auf. Ohne Zweifel hatten sie alle von dem von der Stra�e gesprengten Abraumlaster geh�rt. Vielleicht war es blo� das. Aber k�nnte es noch mehr sein? Waren diese Leute auf etwas gefasst, das er nicht wusste? Als er dar�ber eine Weile nachdachte, fand John, dass er seine Augen an die Glasscheibe presste. Er hatte sich den fallenden Lastwagen als einen Unfall vorgestellt oder h�chstens etwas, das nur einmal passieren konnte. Aber seine Bewegungen waren leicht zu verfolgen. Jedermann wusste, wo er war. Und jedes Mal, wenn man ins Freie ging, war nur ein Schutzanzug dazwischen, wie man zu sagen pflegte. Und in einer Grube gab es massenhaft Behemoths��</p><p>Aber sie kamen ohne einen Unfall zur�ck. Und an diesem Abend hatten sie das �bliche Bankett zu seinen Ehren, eine Party, bei der viel getrunken wurde, mit erheblichem Konsum von Omegendorph und mit lauten rauen Reden. Eine Schar junger, z�her Ingenieure, die sich freuten, dass John Boone wirklich ein pr�chtiger Kumpel auf einer Party war. Eine recht verbreitete Reaktion unter Neuank�mmlingen, besonders j�ngeren M�nnern. John plauderte munter mit ihnen und lie� es sich Wohlergehen. Seine Erkundigungen streute er�� ziemlich unmerklich, wie er meinte�� in den Gespr�chsstrom ein. Sie hatten nicht von dem Cojoten geh�rt, was interessant war, da sie von dem Gro�en Mann und der verborgenen Kolonie wussten. Offenbar geh�rte der Cojote nicht zu solcher Art von Themen. Er war ein K�nig f�r Insider, den nur einige der Ersten Hundert kannten, soweit John beurteilen konnte.</p><p>Die Bergleute hatten aber k�rzlich einen ungew�hnlichen Besuch gehabt. Eine arabische Karawane war vorbeigekommen, die sich auf dem Rand von Vastitas Borealis bewegte. Und sie sagten, die Araber h�tten behauptet, von einigen der verlorenen Kolonisten besucht worden zu sein, wie sie die nannten.</p><p>�Interessant�, sagte John. Er hielt es f�r unwahrscheinlich, dass Hiroko oder jemand ihrer Gruppe sich selbst offenbaren w�rde, aber wer konnte das sagen?</p><p>Er k�nnte sich ebenso daran machen, es herauszufinden. Er hatte ohnehin in Bradbury Point einiges zu tun. Sehr wenig Detektivarbeit konnte, wie er sich sagte, geleistet werden, ehe ein Verbrechen vorkam. Also verbrachte er noch einige weitere Tage damit, dass er die Bergbauarbeiten beobachtete. Aber das erh�hte nur seinen Schock �ber das Ausma� des Vorhabens, wie viel robotische Bodenr�umer wegschaffen konnten. �Was werdet ihr mit all dem Metall machen?� fragte er, nachdem er einen Blick in einen anderen gro�en Tagebau geworfen hatte, der f�nfundzwanzig Kilometer von dem Habitat entfernt lag. �Es zur Erde schaffen, w�rde mehr kosten, als es wert ist, nicht wahr?�</p><p>Der Leiter der Arbeiten, ein schwarzhaariger Mann mit einem Adlergesicht, grinste. �Wir werden es behalten, bis es mehr wert ist. Oder bis sie diesen Weltraumlift bauen.�</p><p>�Glaubt ihr daran?�</p><p>�O ja. Das Material ist hier�� Graphitf�den, verst�rkt mit Diamantspiralen. Auf der Erde so etwas zu bauen, ist schwierig. Hier w�re es erheblich leichter.�</p><p>John sch�ttelte den Kopf. An diesem Nachmittag fuhren sie eine Stunde lang ins Habitat zur�ck, vorbei an neuen Gruben und Schlackenhalden in Richtung auf die entfernte Rauchfahne der Raffinerien auf der anderen Seite der bewohnten Mesa. Er war es gewohnt, Land zu sehen, das von Baut�tigkeit zerw�hlt war�� aber dies hier�� Es war erstaunlich, was ein paar hundert Leute ausrichten konnten. Nat�rlich war es die gleiche Technik, die es Sax erm�glichte, eine vertikale Stadt von der vollen H�he des Echus-Aus-gucks zu bauen, und die es erm�glichte, alle die neuen St�dte so rasch zu errichten. Aber dennoch�� eine solche Verw�stung anzurichten, nur um Metalle herauszurei�en, bestimmt f�r den uners�ttlichen Bedarf der Erde��</p><empty-line/><p>Am n�chsten Tag erteilte er dem Leiter der Arbeiten teuflisch strenge Sicherheitsanweisungen, die zwei Monate lang eingehalten werden sollten. Dann fuhr er los auf den vom Wind verwehten Spuren der arabischen Karawane und folgte ihnen nach Norden und Osten.</p></section><section><empty-line/><p>Es stellte sich heraus, dass Frank Chalmers mit dieser arabischen Karawane reiste. Aber der hatte noch von keinem Besuch durch Hirokos Leute etwas geh�rt oder gesehen; und keiner von den Arabern wollte zugeben, dass er es gewesen war, der diese Story in Bradbury Point erz�hlt h�tte. Also eine falsche Spur. Oder aber <emphasis>eine,</emphasis> die zu verwischen Frank den Arabern behilflich war. Und wie w�rde John das in diesem Falle herausfinden? Obwohl die Araber erst unl�ngst auf dem Mars angekommen waren, waren sie ohne Zweifel schon Franks Verb�ndete. Er lebte mit ihnen, er sprach ihre Sprache und war jetzt nat�rlich der st�ndige Vermittler zwischen ihnen und John. Keine Chance f�r eine unabh�ngige Nachforschung au�er dem, was Pauline in den Archiven ausrichten konnte. Aber dazu brauchte sie nicht mit der Karawane zu reisen. Nichtsdestoweniger reiste John eine Weile mit ihr, w�hrend sie durch das gro�e D�nenmeer zog, und besch�ftigte sich mit Areologie und etwas Mutung. Frank war selbst erst seit kurzer Zeit da, um mit einem �gyptischen Freund zu sprechen. Er war zu besch�ftigt, um sich irgendwo l�nger aufzuhalten. Sein Amt als US-Minister machte ihn ebenso zu einem Globetrotter wie John; und ihre Wege kreuzten sich recht oft. Frank hatte es geschafft, seine Position als Chef des amerikanischen Ministeriums inzwischen durch drei Amtsperioden zu behaupten, obwohl es ein Kabinettsposten war. Eine beachtliche Leistung, selbst ohne Ber�cksichtigung seiner Entfernung von Washington. Und so beaufsichtigte er jetzt die eingehenden Investitionen der in Amerika angesiedelten Transnationalen�� eine Verantwortung, die ihm wahnsinnige �berstunden und eine Macht einbrachte, dass er John so etwas wie die gesch�ftliche Version von Sax erschien, immer unterwegs, immer mit den H�nden gestikulierend, als ob er die Musik zu seinen Reden dirigierte, die sich im Laufe der Jahre zu einer rasenden kommerziellen Rhapsodie entwickelt hatte. Sein st�ndiger Refrain lautete: �Ich muss einen Besitz auf der gro�en B�schung abstecken, ehe die Transnats und die Deutschen alles wegschnappen. Eine Menge Arbeit!� Das sagte er oft und zeigte zur Illustration auf den kleinen Globus, den er mit sich f�hrte. �Schaut auf eure Moholes, in die ich in der letzten Woche gerade eingestiegen bin. Eins nahe dem Nordpol, drei in den sechziger Breiten im Norden und S�den, vier l�ngs des �quators und vier in N�he des S�dpols, alle h�bsch westlich von vulkanischen Erhebungen platziert, um ihre Aufwinde einzufangen. Das ist sch�n.� Er lie� den Globus rotieren, und die blauen Punkte, welche die Gruben bezeichneten, verschwammen kurz zu blauen Linien. �Es ist gut zu sehen, dass ihr endlich etwas N�tzliches macht.�</p><p>�Endlich.�</p><p>�Seht, hier ist die neue Wohnanlagenfabrik in Hellas. Die stellen gr��ere Einheiten her und in so einem Tempo, dass sie dreitausend Emigranten in Ls = 90 aufnehmen k�nnen. Und angesichts der neuen Flotte von Shuttles f�r Hin- und R�ckreise ist das knapp genug.� Er sah Johns Miene und sagte rasch: �Letztlich alles W�rme, John, darum hilft es der Terraformung mit mehr als blo� Geld und Arbeitskraft. Dar�ber sollte man nachdenken.�</p><p>��berlegst du dir �berhaupt, was aus all dem werden wird?� fragte John.</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Das wei�t du genau: Diese �berschwemmung an Menschen und Ger�t, w�hrend auf der Erde die Dinge verkommen.�</p><p>�Auf der Erde verkommen immer Dinge. Daran solltest du dich inzwischen gew�hnt haben.�</p><p>�Na ja, aber wem wird das hier oben geh�ren? Wer wird das alles bezahlen?�</p><p>Frank zog ein Gesicht �ber Johns Naivit�t. Ein Blick auf seine Grimasse sagte John alles, den ganzen Komplex von Widerwillen, Ungeduld und Belustigung. Ein Teil von John war �ber diese rasche Erkenntnis erfreut. Er kannte seinen alten Freund besser, als er je ein Mitglied seiner Familie gekannt hatte, so dass das dunkle Gesicht mit den blassen Augen, das ihn ansah, wie das eines Bruders war, eines Zwillings, den er seit je gekannt zu haben schien. Andererseits war er �ber Frank wegen seiner Herablassung ver�rgert. �Die Leute fragen danach. Nicht nur ich und nicht blo� Arkady. Du kannst es nicht einfach ignorieren und so tun, als w�re es eine bl�de Frage, als ob nichts entschieden werden m�sste.�</p><p>Frank sagte br�sk: �Die UN entscheiden. Das sind zehn Milliarden gegen�ber zehntausend von uns. Das ist ein Verh�ltnis von einer Million zu eins. Wenn du darauf Einfluss nehmen wolltest, h�ttest du der UNOMA-Manager werden sollen, wie ich dir gesagt habe, als sie diese Position geschaffen haben. Aber du hast nicht auf mich geh�rt. Du hast einfach nur die Achseln gezuckt. Du h�ttest wirklich etwas tun k�nnen, aber was bist du jetzt? Der Assistent von Sax f�r �ffentlichkeitsarbeit.�</p><p>�Und Entwicklung und Sicherheit und Angelegenheiten der Erde und der Moholes.�</p><p>�Wie ein Strau�!� erwiderte Frank bissig. �Mit dem Kopf in einem Loch! Los, gehen wir essen!�</p><p>John stimmte zu, und sie begaben sich zum gr��ten Rover der Araber, der als Kantine eingerichtet war. Es gab Lammbraten und Joghurt mit Dill, delikat und exotisch. Aber John war immer noch durch Franks �rger irritiert, der st�ndig an ihm zehrte. Die alte Rivalit�t war so stark wie eh und je. Und keine Routine als Erster Mann w�rde Franks hochn�siger Arroganz Abbruch tun.</p><p>Als daher Maya Toitovna am n�chsten Tag auf ihrem Weg nach Acheron aufkreuzte, dr�ckte John sie l�nger an sich, als er es sonst getan h�tte. Und als das Abendessen vorbei war, vergewisserte er sich, dass sie die Nacht in seinem Rover verbringen w�rde�� eine Sache besonderer H�flichkeit, eines gewissen Lachens, eines gewissen Blicks, des fast zuf�lligen Aneinanderstreifens der Arme, als sie da standen und ihre Sorbets l�ffelten und mit den frohen Menschen der Karawane sprachen, die Maya faszinierend fanden�� Ihr ganzer alter Code von Vers�hnung und Verf�hrung, wie er im Laufe der Jahre entstanden war. Und Frank konnte blo� zusehen mit einem Schafsgesicht, w�hrend er mit seinen �gyptischen Freunden sprach.</p><p>Und in dieser Nacht, als John und Maya sich in Johns Roverbett liebten, richtete John sich kurz von ihr auf, sah auf ihren wei�en K�rper hinab und dachte: Das hatte nun der Kumpel Frank von seiner politischen Macht! Diese ausdruckslose Miene hatte alles gesagt. Das wilde Verlangen nach Maya gab es immer noch und brannte noch immer. Frank w�re, wie die meisten M�nner in der Karawane, in diesem Moment gern an Johns Stelle gewesen. Ein paar Mal war ihm das zweifellos gelungen. Aber nicht, wenn John da war. Nein, heute Nacht w�rde Frank gewahr werden, woraus wahre Macht bestand.</p><p>Abgelenkt durch solche Bosheit brauchte John einige Zeit, um Maya echte Aufmerksamkeit zu widmen. Es war fast f�nf Jahre her, seit er und sie miteinander geschlafen hatten; und in der Zwischenzeit hatte er verschiedene andere Partnerinnen gehabt, und er wusste, dass sie einige Zeit mit einem Ingenieur in Hellas zusammengelebt hatte. Es war eigenartig, wieder anzufangen, da sie einander intim kannten und dennoch nicht so recht. Ihr sich drehendes Gesicht schimmerte unter ihm in dem schwachen Licht, Schwester und Fremde, Schwester und Fremde�� Dann geschah etwas und ver�nderte sich in ihm. Alle �u�eren Angelegenheiten fielen ab, alle jene Spiele. Etwas in ihrem Gesicht, in der Art, wie sie ganz da war und wie sie ihm ihr ganzes Selbst hingeben konnte, wenn sie sich liebten. Er kannte keine andere, die ganz so war.</p><p>Und so entbrannte die alte Flamme wieder, zun�chst unsicher, als ob es sie bei ihrem ersten Liebesspiel �berhaupt nicht gegeben h�tte. Aber dann, nach einer Stunde ruhigen Gespr�chs, hatten sie angefangen, sich zu k�ssen, rollten sich zusammen, und pl�tzlich brannte es, und sie waren mitten drin. Wie �blich durch Maya entflammt, musste er zugeben. Sie <emphasis>zwang</emphasis> ihn zur Aufmerksamkeit. Sex war f�r sie (wie es f�r John zu sein neigte) nicht irgendeine reizvolle sportliche Bet�tigung; es war f�r sie eine gro�e Leidenschaft, ein transzendenter Seinszustand, und sie war wie eine Tigerin, wenn sie in Schwung kam, dass sie ihn stets �berraschte, aufweckte, auf ihr Niveau hob und daran erinnerte, was Sex sein konnte. Und es war wundervoll, wieder daran erinnert zu werden und das wieder zu erfahren�� wirklich wundervoll. Omegendorph war nichts dagegen. Wie konnte er vergessen haben, warum wanderte er st�ndig von ihr fort, als ob sie nicht irgendwie unersetzlich w�re? Er presste sie an sich, und sie verschlangen sich ineinander, bissen einander, keuchten und st�hnten. Sie kamen zusammen wie fr�her schon so oft. Maya zog ihn mit sich �ber die Grenze. Ihr Ritual.</p><p>Und selbst danach, als sie noch ein wenig plauderten, f�hlte er sich viel mehr zu ihr hingezogen. Er hatte damit angefangen, blo� um Frank zu �rgern, das stimmte. Sie war ihm v�llig gleichg�ltig gewesen. Aber jetzt, als er an ihrer Seite lag, f�hlte er, wie sehr er ihre Anwesenheit in den vergangenen f�nf Jahren vermisst hatte, und wie leer sein Leben gewesen war. Neue Gef�hle�� die �berraschten ihn immer. Er hatte geglaubt, zu alt daf�r zu sein, und dass er mehr oder weniger aufgeh�rt hatte, sich zu ver�ndern. Und dann pflegte pl�tzlich etwas zu passieren, und oft, wenn man �ber die Jahre zur�ck dachte, war dieses Etwas eine Begegnung mit Maya gewesen��</p><p>Sie war aber immer noch dieselbe Maya Toitovna: quecksilbrig, voller eigener Gedanken und Pl�ne, voll von sich selbst. Sie hatte keine Ahnung, was John hier drau�en auf den D�nen machte und w�re nie auf den Gedanken gekommen zu fragen. Und sie w�rde ihn in St�cke rei�en, wenn er sich zuf�llig ihrer Laune widersetzte. Das konnte er an der hitzigen Haltung ihrer Schultern erkennen, als sie zur Toilette tapste. Aber das wusste er schon alles, das war ein alter Hut seit den ersten Jahren in Underhill; und die reine Vertrautheit damit war schon angenehm. Sogar ihre Reizbarkeit machte Spa�. Wie Frank und sein Zorn. Nun ja, er wurde alt, und sie waren eine Familie. Er musste fast lachen. Er sagte beinahe etwas, um sie explodieren zu lassen, �berlegte es sich dann aber anders. Es gen�gte, das nur zu wissen, und bedurfte keiner weiteren Demonstration. Um Gottes willen! Bei diesem Gedanken lachte er, und sie l�chelte, als sie es h�rte, und kam wieder ins Bett und stie� ihn vor die Brust. �Du lachst wieder �ber mich, wie ich sehe! Das ist wegen meines Hintern, nicht wahr?�</p><p>�Du wei�t, dass dein Po perfekt ist.� Sie stupste ihn wieder, durch das gekr�nkt, was sie f�r eine grobe L�ge hielt; und ihr Gerangel zog sie wieder zur�ck in die Realit�t von Haut und Salz, in die Welt des Sex. Irgendwann in dem langen, l�ssigen Techtelmechtel ertappte er sich bei dem Gedanken: <emphasis>Ich liebe dich, du wilde Maya, ich liebe dich wirklich1.</emphasis> Das war ein beunruhigender und gef�hrlicher Gedanke. Nicht, dass er sich getrauen w�rde, ihn auszusprechen, aber er f�hlte sich wahr an.</p><p>Als sie dann einige Tage sp�ter fortging, um die Acherongruppe zu besuchen, und ihn bat, sich dort mit ihr zu treffen, war er erfreut. �Vielleicht in ein paar Monaten.�</p><p>�Nein, nein.� Ihr Gesicht war ernst. �Komm fr�her, ich m�chte dich dort eher bei mir haben.�</p><p>Als er dann in einer Laune zusagte, grinste sie wie ein M�dchen, das ein Geheimnis h�tet. �Du wirst es nicht bereuen.� Mit einem Kuss war sie verschwunden und fuhr nach S�den, um in Burroughs den Zug nach Westen zu nehmen.</p><p>Danach war die Aussicht geringer denn je, von den Arabern etwas zu erfahren. Er hatte Frank gekr�nkt, und die Araber schlossen die Reihen um ihren Freund dichter, was nur richtig war. Sie sagten: �Eine verborgene Kolonie? Was ist das?� Er seufzte, gab es auf und beschloss aufzubrechen. Er belud seinen Rover am Abend vor der Abreise (die Araber waren pedantisch, seine Beh�lter mit Vorr�ten aufzuf�llen) und �berlegte, was er bislang hinsichtlich seiner Untersuchung der Sabotagen erreicht hatte. Sherlock Holmes war bis jetzt gewiss nicht gef�hrdet. Aber noch schlimmer: Es gab jetzt eine ganze Gesellschaft auf dem Mars, die f�r ihn von Grund auf undurchdringlich war. Muslime�� was waren die genau? Er befragte Pauline an jenem Abend, nachdem er mit Beladen fertig war. Dann ging er wieder zu seinen Gastgebern und beobachtete sie so genau, wie er vermochte, und stellte die ganze Nacht Fragen�� Er wusste, dass Fragen zu stellen der Schl�ssel zu den Herzen der Menschen war, unendlich viel n�tzlicher als Schlauheit. Aber in diesem Fall schien es �berhaupt keinen Unterschied zu machen. Cojote? War das eine Art wilder Hund?</p><p>Entt�uscht verlie� er am n�chsten Morgen die Karawane und fuhr nach Westen an den s�dlichen Rand des D�nenmeers. Es w�rde eine lange Reise werden, um Maya zu treffen, f�nftausend Kilometer eine D�ne nach der andern. Aber er zog es vor zu fahren, anstatt sich nach Burroughs zu begeben und die Magnet-Schwebebahn zu benutzen. Er brauchte Zeit zum Nachdenken. Und es war jetzt eine richtige Angewohnheit, quer durchs Land zu fahren oder Gleiter zu fliegen�� wegzukommen und sich langsam �ber das Land zu bewegen. Er war jetzt schon seit Jahren unterwegs, reiste kreuz und quer durch die n�rdliche Hemisph�re und machte lange Abstecher in den S�den. Er inspizierte Moholes oder erwies Sax oder Helmut oder Frank Gef�lligkeiten, sah sich f�r Arkady irgendwo um oder zerschnitt B�nder bei irgendeiner Er�ffnung�� einer Stadt, einer Zisterne, einer Wetterstation, einer Mine, eines Moholes; und dabei musste er immer reden, �ffentlich oder privat, zu Fremden, alten Freunden, neuen Bekannten, fast so, wie Frank es tat, und das alles im Bem�hen, die Leute auf dem Planeten daf�r zu inspirieren, einen Weg zu finden, um die Geschichte zu vergessen und eine neue funktionierende Gesellschaft aufzubauen. Ein wissenschaftliches System zu schaffen, das f�r den Mars und seine Besonderheiten entworfen w�re, fair, gerecht und rational und lauter solche guten Dinge. Den Weg zu einem neuen Mars zu weisen!</p><p>Aber bei jedem Jahr, das verging, sah es weniger so aus, als ob das passieren w�rde, wie er es vorausgeschaut hatte. Ein Ort wie Bradbury Point zeigte, wie schnell sich die Dinge �nderten, und Leute wie die Araber best�tigten diesen Eindruck. Die Ereignisse gerieten ihm au�er Kontrolle und noch mehr�� au�er Kontrolle von irgend jemandem. Es gab keinen Plan. Er rollte mit Autopilot nach Westen, auf und ab �ber eine D�ne nach der anderen, ohne etwas zu sehen, tief versunken in einem Versuch herauszufinden, was Geschichte eigentlich war und wie sie funktionierte. Und als er so Tag f�r Tag dahinfuhr, schien es ihm, als ob die Geschichte ein riesiges Ding w�re, das immer jenseits des engen Horizonts l�ge, unsichtbar�� au�er durch seine Wirkungen. Wenn man nicht hinschaute, geschah es�� eine unergr�ndliche Vielfalt von Ereignissen, die, obwohl au�er Kontrolle, alles bestimmte. Schlie�lich war er doch schon ganz seit dem Anfang hier! Er selbst war der Anfang <emphasis>gewesen,</emphasis> die erste Person, die auf diese Welt den Fu� gesetzt hatte. Und dann war er gegen alle Wahrscheinlichkeit zur�ckgekehrt und hatte geholfen, sie vom ersten Federstrich an zu bauen! Aber jetzt wirbelte sie allem zum Trotz von ihm weg. Wenn er �ber diese Tatsache nachdachte, wurde er von Zweifeln und manchmal einer j�hen wilden Frustration ergriffen. Zu denken, dass das ganze Ding sich beschleunigte, nicht nur jenseits seiner Kontrolle, sondern auch jenseits seiner F�higkeit, es zu begreifen! Das war nicht richtig. Er musste dagegen k�mpfen.</p><p>Aber wie wohl? Eine Art sozialer Planung�� Gewiss m�ssten sie die bekommen. Dieses planlose Herumstolpern unter Missachtung selbst des d�rftigen Plans, den man zu Beginn mit dem Mars-Abkommen aufgestellt hatte�� Nun gut, Gesellschaften ohne einen Plan, das war bislang Geschichte. Aber Geschichte war bislang ein Alptraum gewesen, ein riesiges Kompendium von Beispielen, die man vermeiden sollte. Nein, sie brauchten einen Plan. Sie hatten hier die Chance f�r einen Neubeginn. Sie brauchten eine Vision. Helmut, der aalglatte Funktion�r, Frank mit seiner zynischen Akzeptanz des Status quo, als ob sie in einer Art Goldrausch lebten�� Frank war im Unrecht. Unrecht wie gew�hnlich!</p><p>Aber sein eigenes Umhersausen war wohl auch falsch. Er hatte nach der unausgesprochenen Theorie gearbeitet, dass er, wenn er nur mehr von dem Planeten sehen und zu mehr als einer Person sprechen w�rde, es irgendwie (ohne allzu scharf nachzudenken) <emphasis>hinkriegen</emphasis> w�rde, dass seine holistische Sicht dann von ihm zu allen anderen �berstr�men, sich unter allen neuen Siedlern verbreiten und die Dinge �ndern k�nnte. Jetzt war er sich ziemlich sicher, dass dieses Gef�hl naiv gewesen war. Es gab jetzt so viele Leute auf dem Planeten, dass er nie hoffen konnte, mit ihnen in Verbindung zu kommen und der K�nder aller ihrer Hoffnungen und W�nsche zu werden. Und nicht nur das. Nur wenige der Neuank�mmlinge schienen den Ersten Hundert hinsichtlich ihrer Gr�nde f�r das Kommen besonders �hnlich zu sein. Nun, das stimmte nicht ganz. Es kamen immer noch Wissenschaftler her und Leute wie die Stra�en bauenden Schweizer Zigeuner. Aber er kannte sie nicht so wie die Ersten Hundert und w�rde sie auch nie so kennen. Diese kleine Schar hatte ihn wirklich geformt. Sie hatten seine Ansichten und Ideen gebildet. Sie waren seine Familie, und er vertraute ihnen. Und er brauchte ihre Hilfe jetzt mehr denn je. Vielleicht war es das, was die pl�tzlich neue Intensit�t seiner Gef�hle f�r Maya erkl�rte. Und vielleicht war es auch das, was ihm so an Hiroko gefiel. Er wollte mit ihr sprechen, er brauchte ihre Hilfe! Und sie hatte sie alle verschm�ht.</p></section><section><empty-line/><p>Vlad und Ursula hatten ihren biotechnischen Komplex auf eine flossenartige Felsleiste in den Acheron Fossae verlegt, einen schmalen Grat, der wie der Turm eines gro�en halb getauchten U-Boots aussah. Sie hatten den Oberteil davon wie mit Waben ausgeh�hlt, die von der einen Kante zur anderen reichten. Manche R�ume waren ein Kilometer weit und hatten auf beiden Seiten gl�serne W�nde. Auf der S�dseite blickten die Fenster auf Olympus Mons, der etwa sechshundert Kilometer entfernt war. Nach Norden schauten sie hinunter auf die bla�braunen Sandfl�chen von Arcadia Planitia.</p><p>John fuhr ein breites Band zum unteren Rand des Grats hinauf und schleuste sich in der Garage ein. Dabei merkte er, dass der Boden s�dlich der Siedlung klumpig war mit Haufen von etwas, das wie geschmolzener brauner Zucker aussah. �Eine neue Art kryptogamer Kruste�, sagte Vlad, als John ihn danach fragte. �Eine Symbiose von Cyanobakterien und Floridaplattformbakterien. Diese Plattformbakterien gehen sehr tief und verwandeln die Sulfate im Gestein zu Sulfiden, die dann eine Variante von <emphasis>Microcolens</emphasis> ern�hren. Die obersten Schichten davon wachsen in Filamenten, die sich in gro�en dendritischen Gebilden an Sand und Ton heften. Sie sind wie kleine Wald-Sylvanole mit wirklich langen bakteriellen Wurzelsystemen. Es sieht so aus, als ob diese Wurzelsysteme durch den Regolith allm�hlich bis zum Urgestein hinunterdringen und dabei den Permafrost schmelzen.�</p><p>�Und ihr habt dieses Zeug freigelassen?� fragte John.</p><p>�Sicher. Wir brauchen doch etwas, um den Permafrost kaputtzumachen.�</p><p>�Gibt es etwas, das es verhindert, sich �ber den ganzen Planeten auszubreiten?�</p><p>�Nun, es hat das �bliche Set von Selbstmordgenen f�r den Fall, dass es anfangen sollte, den Rest der Biomasse zu �berw�ltigen; aber es h�lt sich an seine Nische���</p><p>�Oha!�</p><p>�Wir denken, es ist nicht un�hnlich den ersten Lebensformen, die die Kontinente der Erde bedeckt haben. Wir haben nur seine Wachstumsgeschwindigkeit erh�ht und seine Wurzelsysteme verst�rkt. Ich habe den komischen Gedanken, dass es zun�chst die Atmosph�re abk�hlen wird, auch wenn es unter der Oberfl�che W�rme bildet. Denn es wird die chemische Verwitterung des Gesteins tats�chlich beschleunigen; und alle diese Reaktionen absorbieren CO2 aus der Luft, so dass der Luftdruck sinken wird.�</p><p>Maya war heraufgekommen und dr�ckte zur Begr��ung John fest an sich. Dann sagte sie: �Werden die Reaktionen aber nicht ebenso schnell Sauerstoff freisetzen, wie sie Kohlendioxid binden, und dadurch den Druck hoch halten?�</p><p>Vlad zuckte die Achseln. �Vielleicht. Wir werden sehen.�</p><p>John lachte. �Sax pflegt langfristig zu denken. Vielleicht wird es ihn freuen.�</p><p>�O ja. Er hat die Freigabe genehmigt. Und er wird im Fr�hling wieder herkommen, um es zu studieren.�</p><p>Sie speisten in einem Saal hoch auf dem Grat, dicht unter dem Kamm. Oberlichter gingen auf das Gew�chshaus ganz oben, und Fenster liefen die Nord- und S�dw�nde entlang. Bambusb�sche f�llten die W�nde in Ost und West. Alle Bewohner von Acheron waren hier zum Dinner versammelt. Sie hielten wie auch in vieler anderer Hinsicht an einer Gewohnheit aus Underhill fest. Die Unterhaltung an Johns und Mayas Tisch war weitl�ufig, kam aber immer wieder auf die laufenden Arbeiten zur�ck. Dazu geh�rte die L�sung von Problemen, die durch die Notwendigkeit entstanden waren, Sicherheitsma�nahmen bei allen Genprodukten einzubauen, die sie freilie�en. Doppelte Selbstmordgene in jedem solchem gr�n�ugigen Ungeheuer war eine Praxis, die die Acherongruppe von sich aus schon initiiert hatte; und das sollte jetzt als UN-Gesetz codifiziert werden. �Das ist alles ganz sch�n und gut f�r legale Erzeugnisse�, sagte Vlad. �Wenn aber einige Narren selbst eigenm�chtig etwas probieren und loslassen, k�nnten wir in arge Schwierigkeiten geraten.�</p><p>Nach dem Essen sagte Ursula zu John und Maya: �Da ihr nun einmal hier seid, solltet ihr euren Gesundheitstest absolvieren. Das ist bei euch beiden schon ziemlich lange her.�</p><p>John, der solche Untersuchungen und �berhaupt jegliche medizinische Betreuung hasste, z�gerte. Aber Ursula bedr�ngte ihn, und schlie�lich gab er nach und suchte einige Tage sp�ter ihre Klinik auf. Dort wurde er einer Serie diagnostischer Tests unterzogen, die noch intensiver schienen als �blich. Die meisten wurden von Bildger�ten und Computern mit allzu sehr bes�nftigenden Stimmen ausgef�hrt, die ihm sagten, sich so und dann so zu bewegen, was John in v�lliger Unwissenheit auch tat. Moderne Medizin! Aber danach wurde er von Ursula selbst in durch die Zeit geheiligter Weise gepiekt und gepufft und geklopft. Und als das vorbei war, lag er auf dem R�cken unter einem wei�en Laken, w�hrend sie neben ihm stand, Datenausgaben studierte und zerstreut vor sich hin summte.</p><p>Nach einigen Minuten sagte sie dann: �Du siehst gut aus. Ein paar der �blichen, mit der niedrigen Schwerkraft zusammenh�ngenden Probleme, aber nichts, mit dem wir nicht zurechtkommen k�nnen.�</p><p>�Gro�artig!� sagte John und f�hlte sich erleichtert. So war es eben mit solchen Untersuchungen. Jede Auskunft war eine schlechte Nachricht. Man wollte �berhaupt keine Neuigkeiten h�ren. Das war dann eine Art Sieg, und jedes Mal mehr so. Aber doch eine negative Leistung. Ihm war nichts zugesto�en�� prima!</p><p>�Willst du also die Behandlung haben?� fragte Ursula ihn beil�ufig, wobei sie ihm den R�cken zukehrte.</p><p>�Behandlung?�</p><p>�Das ist eine Art gerontologischer Therapie. Eine experimentelle Prozedur. So etwas wie eine Impfung, aber mit einem DNA-Verst�rker. Repariert gebrochene Gewebestr�nge und stellt die Genauigkeit der Zellteilung in wesentlichem Grade wieder her.�</p><p>John st�hnte. �Und was bedeutet das?�</p><p>�Nun, du wei�t, gew�hnliches Altern wird meistens durch Fehler der Zellteilung bewirkt. Nach einer Anzahl von Generationen, die von Hunderten bis zu Zehntausenden reichen kann, je nachdem, um welche Art von Zellen es sich handelt, werden Reproduktionsfehler h�ufiger, und alles wird schw�cher. Das Immunsystem wird mit als erstes geschw�cht, danach andere Gewebe, und schlie�lich geht etwas schief, oder das Immunsystem wird von einer Krankheit �berw�ltigt. Und das ist es dann.�</p><p>�Und du sagst, man kann diese Fehler anhalten?�</p><p>�Sie jedenfalls verlangsamen und das reparieren, was schon kaputt ist. Die Zellteilungsfehler entstehen durch Br�che in DNA-Str�ngen. Also wollen wir DNA-Str�nge st�rken. Um das zu tun, m�ssten wir dein Genom lesen und dann eine genomische Bibliothek aus kleinen Segmenten bauen, welche die gebrochenen Str�nge ersetzen.�</p><p>�Selbstreparatur?�</p><p>Sie seufzte. �Alle Amerikaner halten das f�r spa�ig. Jedenfalls f�hren wir diese Selbstreparaturbibliothek in die Zellen ein, wo sie sich an die urspr�ngliche DNA bindet und Br�che verhindert.� W�hrend sie sprach, fing sie an, doppelte und vierfache Spiralen zu zeichnen und glitt unvermeidlich in biotechnisches Fachchinesisch, bis John nur noch die allgemeine Richtung des Argumentes mitbekam, das offensichtlich aus dem Genomprojekt stammte und dem Gebiet genetischer Korrektur von Abnormit�ten, mit Anwendungsmethoden aus Krebstherapie und Zellbiologie. Aspekte dieser und vieler anderer verschiedener Verfahren waren von der Acherongruppe kombiniert worden, wie Ursula erl�uterte. Und das Resultat sah so aus, dass sie ihn mit St�cken seines eigenen Genoms infizieren k�nnten, welches in jede Zelle seines K�rpers eindringen w�rde mit Ausnahme von Z�hnen, Haut und Haaren. Danach w�rde er nahezu makellose DNA-Str�nge haben, reparierte und verst�rkte Str�nge, was die Zellteilung in der Folge genauer machen w�rde.</p><p>�Um wie viel genauer?� fragte er und versuchte zu begreifen, was das alles bedeutete.</p><p>�Nun, ungef�hr so, als w�rest du zehn Jahre alt.�</p><p>�Du scherzst.�</p><p>�Nein, nein. Wir haben es alle mit uns selbst gemacht, etwa um Ls = 10 in diesem Jahr: und so viel wir sagen k�nnen, funktioniert es.�</p><p>�H�lt <emphasis>es</emphasis> f�r immer an?�</p><p>�John, nichts w�hrt f�r immer.�</p><p>�Wie lange dann?�</p><p>�Das wissen wir nicht. Wir selbst sind das Experiment. Wir denken, wir werden es herausfinden, wenn wir weitermachen. Es scheint m�glich, dass wir die Therapie wiederholen k�nnen, wenn die Zellteilungsfehler wieder h�ufiger auftreten. Falls das erfolgreich ist, k�nnte es bedeuten, dass man eine betr�chtliche Zeit �berdauern kann.�</p><p>�Wie lange dann etwa?� fragte er hartn�ckig.</p><p>�Nun, das wissen wir wirklich nicht. L�nger, als wir jetzt leben. Das scheint ziemlich sicher. M�glicherweise erheblich l�nger.�</p><p>John starrte sie an. Sie l�chelte �ber seinen Gesichtsausdruck, und er merkte, dass er vor Erstaunen das Kinn h�ngen lie�. Ohne Zweifel machte er keinen brillanten Eindruck, aber was erwartete sie auch? Es war�� es war��</p><p>Er suchte m�hsam seine herumirrenden Gedanken einzufangen. Er fragte: �Wem habt ihr davon erz�hlt?�</p><p>�Nun, wir haben jeden der Ersten Hundert gefragt, wenn sie uns zu einem Test aufsuchten. Und jeder hier in Acheron hat es versucht. Die Sache ist die: Wir haben nur Methoden kombiniert, die ein jeder hat. Daher wird es nicht lange dauern, bis auch andere sich alles zusammenreimen. Darum schreiben wir es auf f�r eine Publikation, werden die Artikel aber erst von der Weltgesundheitsorganisation besprechen lassen. Politischer Niederschlag, wei�t du.�</p><p>�Hm�, sagte John und dachte dar�ber nach. Die Nachricht von einer auf dem Mars freigesetzten Langlebigkeitsdroge�� losgelassen auf die anschwellenden Milliarden auf der Erde�� O <emphasis>mein Gott!</emphasis> dachte er. �Ist es kostspielig?�</p><p>�Nicht extrem. Das Lesen der Genome ist der teuerste Teil und erfordert Zeit. Aber wei�t du, es ist blo� eine Prozedur, die Computerzeit erfordert. Es ist durchaus m�glich, dass man einen jeden auf der Erde impfen k�nnte. Aber das Bev�lkerungsproblem ist dort schon jetzt so kritisch. Man m�sste eine recht strenge Impfkontrolle einf�hren, sonst h�tte man wirklich schnell die von Malthus heraufbeschworene Realit�t am Halse. Wir meinten, wir sollten die Entscheidungen lieber den Autorit�ten da unten �berlassen.�</p><p>�Aber es wird sicher etwas nach au�en dringen.�</p><p>�Ist das wahr? Sie k�nnten versuchen, das zu unterdr�cken. Vielleicht mit einem sehr wirksamen Knebel. Ich wei� nicht.�</p><p>�Oha! Aber ihr hier�� Ihr habt einfach weitergemacht und es <emphasis>getan?�</emphasis></p><p>�Allerdings.� Sie zuckte die Achseln. �Was sagst du also? Sollen wir es bei dir machen?� �Lass mich das �berdenken!�</p><empty-line/><p>Er machte einen Spaziergang auf der Kuppe des Grates, auf und ab in dem langen Gew�chshaus, das voller Bambus- und N�hrpflanzen war. Wenn er nach Westen ging, musste er seine Augen vor der Blendung der nachmitt�glichen Sonne sch�tzen, die selbst durch das Glasfilter grell hereinschien. Beim R�ckweg nach Osten konnte er auf die zerkl�fteten Lavah�nge blicken, die sich den Olympus Mons emporzogen. Es war ein k�hner Gedanke. Er war 1982 geboren, und was schrieb man jetzt auf der Erde�� 2048 oder M-ll, elf lange Marsjahre unter harter Strahlung. Und er hatte f�nfunddrei�ig Monate im Weltraum verbracht, einschlie�lich dreimal der Strecke zwischen Erde und Mars, was immer noch der Rekord war. Er hatte allein auf diesen Reisen 195 Rem aufgenommen, und sein Blutdruck war niedrig bei ung�nstiger Differenz zwischen systolischem und diastolischem Wert; und wenn er schwamm, schmerzten ihn die Schultern, und er f�hlte sich sehr ersch�pft. Er wurde alt. Ihm waren nicht mehr allzu viele Jahre verblieben, obwohl das ein unangenehmer Gedanke war. Und er hatte viel Vertrauen in die Acherongruppe, die, wie ihm jetzt bewusst wurde, bei ihrer Arbeit locker herumliefen, a�en, Fu�ball spielten, schwammen und so weiter mit leichtem konzentrierten L�cheln und fr�hlich vor sich hin summend. Gewiss nicht so, als w�ren sie zehn Jahre alt, aber sie strahlten voller Gl�ck, von Gesundheit und noch mehr. Er lachte laut heraus, ging nach Acheron zur�ck und suchte Ursula. Als sie ihn sah, musste sie auch lachen. �Es ist doch wirklich kein so schwerer Entschluss.�</p><p>�Nein.� Er lachte mit ihr zusammen. �Ich meine, was habe ich zu verlieren?�</p><p>Also stimmte er zu. Sie hatten sein Genom in ihren Archiven, aber es w�rde einige Tage dauern, die Sammlung von Repaturstr�ngen zu synthetisieren, sie an Plasmide zu koppeln und Millionen mehr zu klonen. Ursula sagte ihm, er m�ge in drei Tagen wiederkommen.</p><p>Als er wieder in die G�stezimmer ging, war Maya schon da und sah so schockiert aus, wie er sich f�hlte. Sie ging nerv�s von der Anrichte zur Sp�le und zum Fenster, r�hrte Dinge an und schaute sich um, als h�tte sie noch nie einen solchen Raum gesehen. Vlad hatte ihr davon erz�hlt nach ihrer Untersuchung, so wie Ursula es mit John gemacht hatte. �Unsterblichkeitsseuche!� rief sie und lachte eigenartig. �Kannst du dir das vorstellen?�</p><p>�Langlebigkeitsseuche�, berichtigte er sie. �Und nein, ich kann es nicht. Nicht wirklich.� Er f�hlte sich etwas benommen und stellte fest, dass sie ihm nicht zugeh�rt hatte. Ihre Aufgeregtheit machte ihn nerv�s. Sie erw�rmten Suppe und a�en verst�rt. Vlad hatte Maya aufgefordert, nach Acheron zu kommen und angedeutet, um was es da ginge. Darum hatte sie darauf bestanden, dass John sie dahin begleiten sollte. Als sie ihm das erz�hlte, �berrieselte ihn ein Hauch von Zuneigung f�r sie. Als er dicht bei ihr stand, wie sie die Teller wusch und sah, wie ihre H�nde beim Sprechen zitterten, f�hlte er sich ihr ganz besonders nahe. Es war, als ob sie gegenseitig ihre Gedanken kennen w�rden, und als ob nach all diesen Jahren angesichts dieser bizarren Entwicklung kein Bed�rfnis nach Worten best�nde, sondern nur nach der Anwesenheit des anderen. In dieser Nacht im warmen Dunkel ihres Bettes fl�sterte sie heiser: <emphasis>�Wir sollten es heute Abend lieber zweimal machen. Solange wir noch wir selbst sind.�</emphasis></p><empty-line/><p>Drei Tage sp�ter erhielten sie beide die Behandlung. John lag auf einer medizinischen Couch in einem kleinen Zimmer auf dem R�cken und starrte auf einen intraven�sen St�psel in seinem Handr�cken. Eine Einspritzung von N�hrl�sung, wie schon so oft. Nur diesmal f�hlte er, wie eine merkw�rdige W�rme in seinem Ann aufstieg, seine Brust �berflutete und sich in die Beine hinab ergoss. War das real? Bildete er es sich ein? Eine Sekunde lang f�hlte er sich im ganzen h�chst eigenartig, als ob sein Geist durch ihn geschritten w�re. Danach war ihm blo� sehr hei�. �K�nnte ich so hei� sein?� fragte er Ursula besorgt.</p><p>Sie sagte: �Zuerst ist es wie ein Fieber. Dann jagen wir einen kleinen Schock durch dich, um die Plasmide in deine Zellen zu sto�en. Danach ist es mehr Fr�steln als Fieber, wenn die neuen Str�nge sich an die alten binden. Manchmal f�hlen sich die Leute richtig kalt.�</p><p>Eine Stunde sp�ter war ihm ein gro�er intraven�ser Beutel eingefl��t worden. Ihm war immer noch warm, und seine Blase war voll. Sie lie�en ihn aufstehen und auf die Toilette gehen. Als er dann zur�ckkam, wurde er auf etwas festgebunden, das wie eine Kreuzung von Couch und elektrischem Stuhl aussah. Das machte ihm nichts aus. Astronautentraining hatte ihn an alle Apparate gew�hnt. Als der Schock kam, w�hrte er rund zehn Sekunden und f�hlte sich an, als ob es in ihm �berall juckte. Ursula und die anderen befreiten ihn von dem Apparat. Ursula gab ihm augenzwinkernd einen Kuss voll auf den Mund. Sie warnte ihn noch einmal, dass ihn nach einiger Zeit ein Fr�steln �berkommen und dass das ein paar Tage anhalten w�rde. Es war in Ordnung, in Saunas oder Sprudelb�dern zu sitzen. Sie empfahl das sogar.</p><empty-line/><p>So sa�en er und Maya in der Ecke einer Sauna beisammen, eingekuschelt in die durchdringende W�rme, und betrachteten die K�rper der anderen Besucher, die wei� herein- und rosa wieder herauskamen. John erschien es wie ein Abbild von dem, was ihnen beiden passierte�� mit f�ndundsechzig rein und mit zehn raus. Er konnte es gar nicht glauben. Es war f�r ihn immer noch ein sehr schwieriger Gedanke. Er fand seine Gedanken einfach ausgel�scht und seinen Geist bet�ubt. Falls auch die Gehirnzellen verst�rkt wurden, waren seine etwa unerwartet verstopft worden? Er war immer ein holprig langsamer Denker gewesen. Vielleicht war dies in Wirklichkeit blo� seine gewohnte Beschr�nktheit, die ihm jetzt auffiel, weil er stark bem�ht war, mit der Sache klarzukommen und zu verstehen, was sie bedeutete. Konnte es wirklich wahr sein? Konnten sie dem Tod wirklich f�r einige Jahre, vielleicht sogar einige Jahrzehnte ausweichen?</p><p>Sie verlie�en die Sauna, um zu essen, und danach machten sie kurze Spazierg�nge im Gew�chshaus auf dem Grat und betrachteten die D�nen im Norden und die chaotische Lava im S�den. Die Aussicht nach Norden erinnerte Maya an das fr�he Underhill, wobei das Chaos aus Steinen auf Lunae ersetzt war durch das vom Wind getriebene Fleckenmuster der D�nen Arcadias, als ob ihr Ged�chtnis ihre Erinnerungen an jene Zeit aufgearbeitet und besser geordnet h�tte, indem sie verblasste Farben von Ocker und Rot zu reichem Zitronengelb gewandelt hatte. Patina der Vergangenheit. John starrte sie neugierig an. Es waren M-ll Jahre her seit jenen ersten Tagen im Anh�ngerpark; und in den meisten Jahren danach waren sie ein Liebespaar gewesen, mit einer Anzahl (gl�cklicher) Unterbrechungen und Trennungen nat�rlich, die durch die Verh�ltnisse oder noch h�ufiger ihre Unf�higkeit, miteinander auszukommen, verursacht waren. Aber sie hatten immer wieder von neuem begonnen, wenn die Gelegenheit kam. Und das Ergebnis war, dass sie einander jetzt ziemlich so gut kannten wie ein altes Ehepaar mit weniger unterbrochener Geschichte. Vielleicht sogar noch besser, weil jedes v�llig best�ndige Paar wohl irgendwann h�tte aufh�ren k�nnen, einander Aufmerksamkeit zu widmen, w�hrend sie zwei bei all ihren Trennungen und Wiedervereinigungen, K�mpfen und Auss�hnungen, einander unz�hlige Male hatten neu kennen lernen m�ssen. John hatte etwas in dieser Art zu ihr gesagt; und sie sprachen dar�ber�� das war ein Vergn�gen��, und Maya sagte nachdr�cklich: �Wir <emphasis>mussten</emphasis> einander st�ndig Aufmerksamkeit schenken.� Dabei nickte sie mit einer Miene feierlicher Genugtuung in der Gewissheit, dass dies haupts�chlich ihr Werk war. O ja, sie hatten aufgepasst und waren nie in geistlose Routine verfallen. Gewiss, sie stimmten �berein, wenn sie in den B�dern sa�en oder auf dem Grat spazierten. Dies war eine Kompensation f�r die Zeit, die sie getrennt verbracht hatten�� und mehr als das. O ja, ohne Zweifel kannten sie einander sogar noch besser als jedes alte Ehepaar.</p><p>So sprachen sie nun miteinander und versuchten, ihre Vergangenheiten mit dieser fremdartigen neuen Zukunft zu verbinden in der bangen Hoffnung, dass es sich nicht als ein un�berbr�ckbarer Bruch erweisen w�rde. Und sp�t am n�chsten Abend, zwei Tage nach der Impfung, als sie nackt allein in der Sauna sa�en, ihre Haut noch k�hl und ihr Fleisch von Schwei� ganz ger�tet, schaute John auf den K�rper von Maya, die da neben ihm sa�, so real wie ein Fels; und er f�hlte, dass eine Glut wie die intraven�se Injektion ihn ganz durchstr�mte. Er hatte seit der Behandlung nicht viel gegessen, und die braunen und gelben Fliesen, auf denen sie sa�en, hatten angefangen zu pulsieren, als ob sie von innen her erleuchtet w�ren. Licht schimmerte auf jedem Wassertr�pfchen, das die Fliesen bedeckte, wie kleine, allenthalben verteilte Lichtpunkte; und Mayas K�rper, der �ber diese funkelnden Fliesen ausgestreckt war, pulsierte vor ihm wie eine rosa Kerze. Sein intensives Dortsein�� <emphasis>Pr�senz</emphasis> hatte Sax es einmal genannt. Als John ihn etwas �ber seine religi�sen Ansichten gefragt hatte, hatte Sax gesagt: �Ich glaube an Pr�senz, an das Hier und Jetzt, an die besondere Individualit�t eines jeden Augenblicks. Darum will ich wissen, was dies ist.� Jetzt, als er sich an Saxens merkw�rdige Worte und seine merkw�rdige Religion erinnerte, verstand John ihn endlich. Denn er empfand die Pr�senz des Augenblicks wie einen Stein in seiner Hand; und er hatte das Gef�hl, als habe er sein ganzes Leben nur gelebt, um diesen Moment zu erreichen. Die Fliesen und die dicke, hei�e Luft pulsierten um ihn, als ob er st�rbe und wiedergeboren w�rde. Und das war gewiss der Fall, wenn das, was Ursula und Vlad sagten, wahr w�re. Und da neben ihm, im Prozess der Wiedergeburt, war der rosige K�rper von Maya Toitovna, Mayas K�rper, den er besser kannte als seinen eigenen. Und nicht nur in diesem Moment, sondern im Laufe der Zeit. Er konnte sich lebhaft daran erinnern, wie er sie zum ersten Mal nackt gesehen hatte, als sie in der Blasenkammer der <emphasis>Ares</emphasis> auf ihn zuschwebte, umgeben von einem Nimbus aus Sternen und dem schwarzen Samt des Raums. Und jede Ver�nderung in ihr seither war f�r ihn deutlich zu sehen. Der �bergang von dem Bild in seiner Erinnerung zu dem K�rper neben ihm war ein halluzinatorischer Zeitsprung. Ihr Fleisch und ihre Haut verschoben sich, verfielen�� und alterten. Sie waren beide �lter, gebrechlicher, gewichtiger. So war der Gang der Dinge. Aber wirklich erstaunlich war, wie viel geblieben war, wie sehr sie noch sie selbst waren. Ihm kamen Zeilen eines Gedichts in den Sinn, die Grabinschrift der Scott-Expedition nahe Ross-Station in der Antarktis. Sie waren alle den H�gel emporgestiegen, um gemeinsam das gro�e h�lzerne Kreuz zu betrachten. Und darauf waren Zeilen eingeschnitzt gewesen: <emphasis>Vieles ist dahin, aber vieles bleibt��</emphasis> Etwas in dieser Art.</p><p>Er konnte sich nicht genau erinnern, zuviel war dahin; es war schlie�lich schon lange her. Aber sie hatten schwer gearbeitet und gut gegessen; und vielleicht war die Schwere des Mars freundlicher gewesen als die Erdschwere, weil ganz offenkundig war, dass Maya Toitovna noch immer eine sehr sch�ne Frau war, stark und muskul�s. Ihr graues Haar forderte immer noch seinen Blick heraus, ihre Br�ste waren immer noch Magnete f�r sein Auge, v�llig verschieden erscheinend, wenn sie auch nur einen Ellbogen verschob, und dennoch in jeder Stellung ihm so v�llig vertraut�� Es waren <emphasis>seine</emphasis> Br�ste, Arme, Rippen und Flanken. Sie war wohl oder �bel diejenige Person, die ihm am n�chsten stand, ein sch�nes rosiges Tier und auch f�r ihn eine Inkarnation von Sex oder Leben selbst�� auf dieser kahlen steinigen Welt. Das waren sie nun mit f�nfundsechzig, und wenn die Behandlung nicht mehr bewirkte, als sie auf diesem Punkt zu halten sogar f�r einige zus�tzliche Jahre oder (es war immer noch ein Schock) f�r Dekaden. F�r <emphasis>Jahrzehnte?</emphasis> Nun, es war erstaunlich. Absolut zu viel, um es zu fassen. Er musste aufh�ren, das zu versuchen, oder er w�rde alle Windungen seines Gehirns ruinieren. Aber konnte es sein? Konnte es wirklich sein? Das schmerzhafte Verlangen aller Liebenden zu allen Zeiten, etwas mehr Zeit beisammen zu sein, imstande zu sein, die Hand auszustrecken, sich zu ber�hren und die Liebe voll auszukosten��</p><p>�hnliche Gef�hle schienen Maya zu bewegen. Sie war in pr�chtiger Stimmung. Sie beobachtete ihn aus leicht verschleierten Augen mit jenem halben anlockenden L�cheln, das er so gut kannte. Ein Knie hochgezogen und in die Armgrube geschmiegt, nicht ihr Geschlecht zur Schau stellend, aber bequem und entspannt, als ob sie allein w�re�� Ja, es ging nichts �ber Maya, wenn sie gut gelaunt war. Niemand konnte andere Leute damit so sehr und so sicher beeinflussen. Er f�hlte einen Schwall von Hingabe f�r diesen ihren Charakterzug, eine Injektion von Gef�hl. Und er legte ihr die Hand auf die Schulter und dr�ckte. Eros als eine W�rze von <emphasis>Agape.</emphasis> Sinnliche und geistige Liebe vereint. Und pl�tzlich schossen die Worte aus ihm heraus, und er sagte Dinge, die er nie zuvor ausgesprochen hatte: �Lass uns heiraten!� Als sie lachte, tat er das auch und sagte: �Nein, nein, ich meine es ernst. Lass uns heiraten!� Heiraten und wirklich�� aber auch wirklich�� zusammen alt werden, alles nehmen, was ihnen geschenkte Jahre brachten, und sie zu einem gemeinsamen Abenteuer machen. Kinder haben, zusehen, wie die Kinder Kinder hatten, sehen, wie die Enkelkinder Kinder hatten und die Urenkel�� mein Gott, wer wusste, wie lange das dauern wurde? Sie k�nnten erleben, wie eine ganze Nation von Nachkommen gedieh, Patriarch und Matriarchin werden, eine Art von Adam und Eva des Mars im kleinen. Und Maya lachte bei jeder �u�erung. Ihre Augen waren lebhaft und funkelten vor Zuneigung, Fenster zu einer Seele in sehr, sehr guter Stimmung. Sie sah ihn an und sog ihn auf und sagte: �Etwas dieser Art, ja, so etwas.� Und dann dr�ckte sie ihn fest an sich. �O John, du verstehst es, mich gl�cklich zu machen. Du bist der beste Mann, den ich je gehabt habe.� Sie k�sste ihn, und er fand, dass es trotz der Hitze der Sauna leicht war, den Nachdruck von <emphasis>agape</emphasis> auf <emphasis>eros</emphasis> zu verlegen. Aber jetzt waren sie beide eins, ununterscheidbar, ein gro�er vereinter Strom von Liebe. �Willst du mich also heiraten und alles?� fragte er, als er die Sauna-T�r verriegelte und sie sich vereinten. Sie sagte mit leuchtenden Augen: �So etwas wie dieses!�, und ihr Gesicht in einem absolut hinrei�enden L�cheln erstrahlte, w�hrend er sich tiefer und tiefer in sie vergrub, und h�tte weinen k�nnen vor Gl�ck.</p></section><section><empty-line/><p>Wenn man erwartet, noch weitere zweihundert Jahre zu leben, benimmt man sich anders, als wenn man nur noch mit zwanzig rechnet.</p><p>Dies bewiesen sie sofort. John verbrachte den Winter dort in Acheron am Rande der Nebelkappe aus Kohlendioxid, die jeden Winter �ber den Nordpol herunterkam. Er studierte mit Marina Tokaeva und ihrer Laborgruppe Areobotanik. Das tat er auf Anweisung von Sax, und weil er es nicht eilig hatte fortzugehen. Sax schien die Suche nach den Saboteuren vergessen zu haben, was John etwas misstrauisch machte. In seiner Freizeit machte er immer noch Versuche mit Pauline und konzentrierte sich auf die Gebiete, �ber die er vor Acheron gearbeitet hatte, meistens Reiseberichte, sowie Aufzeichnungen �ber die Arbeiten aller Leute, die in die Gebiete gereist waren, in denen die Sabotageakte stattgefunden hatten. Vermutlich waren eine Menge Leute beteiligt, so dass individuelle Reisen ihm nicht viel sagen konnten. Aber jeder auf dem Mars war von irgendeiner Organisation hergeschickt worden; und durch Nachpr�fen, welche Organisationen Leute zu den relevanten Pl�tzen geschickt hatten, hoffte er auf einige Hinweise zu sto�en. Das war ein mieses Gesch�ft; und er musste sich auf Pauline verlassen, nicht nur f�r Statistik, sondern auch f�r Beratung, was beunruhigend war.</p><p>Den Rest der Zeit studierte er einen Zweig der Areobotanik, in dem alle nutzbringenden Ergebnisse mindestens noch Jahrzehnte in der Zukunft lagen. Warum nicht? Er hatte die Zeit und k�nnte sehr wohl noch die Fr�chte der Arbeit erleben. Also sah er zu, wie Marinas Gruppe einen neuen Baum entwarf. Er studierte mit ihnen und verrichtete ihre Laborarbeit, wusch Glasger�t ab und dergleichen. Der Baum sollte als Schutzdach f�r einen vielschichtigen Wald dienen, den sie auf den D�nen von Vastitas Borealis zu z�chten hofften. Er beruhte auf dem Genom einer Sequoia; aber sie wollten B�ume haben, die dreimal so gro� w�ren wie die Sequoias, vielleicht zweihundert Meter hoch, mit einem Stamm von f�nfzig Metern Durchmesser an der Basis. Die Borke w�rde die meiste Zeit gefroren sein, und die breiten Bl�tter, die wahrscheinlich aussahen, als litten sie an der Tabakmosaikkrankheit, sollten imstande sein, die Normalbasis von UV-Strahlung zu absorbieren ohne Schaden f�r ihre purpurnen Unterseiten. John hielt die Gr��e der B�ume erst f�r �bertrieben, aber Marina erkl�rte, dass sie gro�e Mengen von Kohlendioxid aufnehmen k�nnten, dann den Kohlenstoff binden und den Sauerstoff wieder an die Luft zur�ckgeben w�rden. Und sie w�rden ein eindrucksvolles Bild ergeben, wie sie annahmen. Die zur Wahl stehenden Prototypen an Sch�sslingen waren erst zehn Meter hoch, und es w�rde zwanzig Jahre dauern, bis die Gewinner des Wettbewerbs ihre reifen H�hen erreichten. Und vorerst starben noch alle Prototypen in K�beln. Die atmosph�rischen Verh�ltnisse w�rden sich noch betr�chtlich ver�ndern m�ssen, ehe sie im Freien �berleben k�nnten. Marinas Labor war der Zeit voraus.</p><p>Aber das galt f�r alle. Dies schien eine Folge der Behandlung zu sein. Dann ergab es Sinn. L�ngere Experimente und l�ngere (John st�hnte) Untersuchungen. L�ngere �berlegungen.</p><p>Aber in vieler Hinsicht �nderte sich nichts. John f�hlte sich ziemlich so wie zuvor, nur dass er kein Omegendorph brauchte, um sich gelegentlich aufzuputschen, als ob er eine Anzahl von Kilometern geschwommen oder an einem Nachmittag auf Skiern �ber Land gefahren w�re oder auch eine Dosis Omegendorph eingenommen h�tte. Das h�tte jetzt bedeutet, Eulen nach Athen zu tragen. Denn alles gl�hte.</p><empty-line/><p>Wenn er auf dem Grat ging, leuchtete die ganze sichtbare Welt. Stillgelegte Bulldozer, ein Kran wie ein Galgen�� er konnte alles endlos lange anschauen. Maya war nach Hellas abgereist, und das spielte keine Rolle. Ihre Beziehungen verliefen wieder wie auf einer Berg- und Talbahn: Eine Menge Zank und Temperamentsausbr�che ihrerseits; aber das erschien alles unwichtig. Er schwebte noch in der Glut und hatte die gleichen Gef�hle f�r sie. Auch Maya schenkte ihm immer noch ab und zu jenen Blick. Er w�rde sie in ein paar Monaten treffen und sprach mit ihr auf dem Bildschirm. Inzwischen war er �ber diese Trennung nicht ausgesprochen ungl�cklich.</p><p>Es war ein guter Winter. Er lernte eine Menge �ber Areobotanik und Biotechnik, und an vielen Abenden nach dem Essen fragte er die Acheronleute einzeln und ernsthaft, wie sie sich eine k�nftige Marsgesellschaft vorstellten und wie sie betrieben werden sollte. In Acheron f�hrte das gew�hnlich zu �kologischen Erw�gungen und m�glichen Entartungen der �kologie. Diese waren f�r sie kritischer als Politik oder das, was Marina als den � erwarteten, die Entscheidungen treffenden Apparat� bezeichnete. Marina und Vlad waren besonders an diesem Thema interessiert, da sie ein System von Gleichungen ausgearbeitet hatten f�r das, was sie als ��ko-�konomie� bezeichneten. F�r John klang das immer wie �Echo-�konomie� Er h�rte gern zu, wenn sie die Gleichungen erl�uterten, und stellte ihnen eine Menge Fragen und lernte etwas �ber Tragkapazit�t, Koexistenz, Gegenadaptation, Legitimit�tsmechanismen und �kologische Effizienz. Vlad sagte immer: �Das ist das einzige reale Ma� unseres Beitrags zu dem System. Wenn du unsere K�rper in einem Mikrobombenkalorimeter verbrennst, findest du, dass wir ungef�hr sechs bis sieben Kilokalorien pro Gramm Gewicht enthalten. Und nat�rlich nehmen wir eine Menge Kalorien auf, um das unser Leben lang aufrechtzuerhalten. Unser Output ist schwieriger zu messen; denn es kommt nicht auf Raubtiere an, die sich von uns ern�hren, wie in den klassischen Gleichungen des Wirkungsgrades. Sondern es ist mehr eine Frage, wie viel Kalorien wir durch unsere Anstrengungen erschaffen oder an k�nftige Generationen weitergeben. Irgend etwas dieser Art. Und das meiste davon ist naturgem�� sehr indirekt und enth�lt viel Spekulation und pers�nliches Urteil. Wenn man sich nicht endlich entschlie�t, auch nichtphysikalischen Dingen Zahlen zuzuordnen, dann werden Elektriker und Klempner und Reaktorbauer und andere Arbeiter an der Infrastruktur immer als die produktivsten Mitglieder der Gesellschaft gewertet werden, w�hrend K�nstler und dergleichen als v�llig unproduktiv gelten m�ssten.�</p><p>�K�nnte vielleicht stimmen�, ulkte John, aber Vlad und Marina ignorierten ihn.</p><p>�F�r mich besteht jedenfalls ein gro�er Teil von dem, was �konomie ist, darin, dass Menschen willk�rlich oder nach Geschmackspunkten nichtnumerischen Dingen numerische Werte zuordnen. Und dann tun sie so, als h�tten sie diese Zahlen nicht einfach erfunden. �konomie ist in diesem Sinne wie Astrologie; nur dient �konomie zur Rechtfertigung der herrschenden Machtstruktur und hat daher unter den M�chtigen viele eifrige Anh�nger.�</p><p>�Besser konzentrieren wir uns einfach auf das, was wir hier machen�, warf Marina ein. �Die Grundgleichung ist einfach. Leistung ist blo� gleich den freigesetzten Kalorien geteilt durch die eingenommenen Kalorien mal einhundert, um es als Prozent auszudr�cken. Im klassischen Sinne der einem Raubtier zuteil werdenden Kalorien waren zehn Prozent der Durchschnitt und zwanzig Prozent hervorragend. Die meisten Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette haben mehr als f�nf Prozent erreicht.�</p><p>�Das ist der Grund, weshalb Tiger Reviere von Hunderten von Quadratkilometern haben�, sagte Vlad. �R�uberhauptleute sind wirklich nicht sehr t�chtig.�</p><p>�Also haben Tiger nicht deshalb keine r�uberischen Feinde� sagte John, �weil sie so t�chtig sind, sondern weil es die M�he nicht lohnt.�</p><p>�Genau!�</p><p>�Das Problem liegt in der Berechnung der Werte�, erkl�rte Marina. �Wir hatten einfach allen Arten von Aktivit�ten bestimmte den Kalorien �quivalente Zahlenwerte zuordnen m�ssen, um dann von da auszugehen.�</p><p>�Aber wir haben doch �ber �konomie gesprochen?� sagte John.</p><p>�Aber siehst du nicht, dies ist �konomie, ist unsere �ko-�konomie! Jedermann sollte seinen Lebensunterhalt gewisserma�en auf eine Berechnung seines realen Beitrags zur menschlichen �kologie gr�nden. Alle k�nnen ihre �kologische Effizienz steigern durch Bem�hungen, die Menge der von ihnen verbrauchten Kilokalorien herabzusetzen. Dies ist das alte Argument des S�dens gegen den Energieverbrauch der Industrienationen des Nordens. Dieser Vorwurf hatte eine reale �kologische Basis; denn ganz gleich, wie viel die Industrienationen produzierten, konnten sie in der gr��eren Gleichung nicht ebenso effizient sein wie der S�den.�</p><p>�Sie waren Raubtiere gegen�ber dem S�den�, sagte John.</p><p>�Ja, und sie werden auch f�r uns Raubtiere sein, wenn wir sie lassen. Und wie bei allen Raubtieren ist ihr Wirkungsgrad niedrig. Aber hier, siehst du, in diesem theoretischen Zustand von Unabh�ngigkeit, von dem du sprichst����� sie grinste �ber Johns betroffene Miene��, �musst du zugeben, dass dies es letztlich ist, wor�ber du die ganze Zeit redest, John. Dass laut Gesetz alle Leute im Verh�ltnis zu ihrem Beitrag zum System entlohnt werden sollten.�</p><p>Dmitri kam ins Labor und sagte: �Von jedem nach seinen F�higkeiten, an jeden nach seinen Bed�rfnissen!�</p><p>�Nein, das ist nicht dasselbe�, sagte Vlad. �Was es bedeutet, ist: Du bekommst das, wof�r du bezahlst.�</p><p>�Aber das gibt es doch schon�, sagte John. �Wie unterscheidet es sich von der �konomie, die bereits existiert?�</p><p>Sie waren sofort alle aufgebracht, und Marina am heftigsten. �Es gibt alle Arten von Scheinarbeit! Unreale Werte werden den meisten Jobs auf der Erde zugeordnet. Die ganze Klasse der transnationalen Exekutive tut nicht, was nicht auch ein Computer tun k�nnte; und es gibt ganze Kategorien parasit�rer Jobs, die dem System �kologisch gerechnet nichts erbringen. Werbung, Effektenb�rse, der ganze Apparat, um Geld nur aus der Manipulation von Geld zu machen�� das ist nicht nur verschwenderisch, sondern auch korrumpierend, da alles sinnvolle Geld bei einer solchen Manipulation verzerrt wird.� Sie machte eine angewiderte Geste.</p><p>�Nun gut�, sagte Vlad, �wir k�nnen sagen, dass der Wirkungsgrad dort sehr gering ist und dass sie aus dem System Nutzen ziehen ohne eigene Raubtiere, so dass sie entweder auf der Spitze der Kette stehen oder Schmarotzer sind, je nachdem, wie man es definiert. Werbung, Banking, manche Arten von Manipulation des Rechts, manche Politik���</p><p>�Aber das sind doch alles subjektive Urteile!� rief John. �Wie habt ihr Kalorienwerte einer solcher Mannigfaltigkeit von Aktivit�ten praktisch zugeordnet?�</p><p>�Nun, wir haben unser Bestes getan, um zu berechnen, was sie dem System zur�ckgeben in Form von physikalisch gemessenen Wohltaten. Was kommt der Aktivit�t gleich in Formen von Nahrung oder Wasser oder Obdach oder medizinischer Hilfe oder Bildung oder Freizeit? Wir haben das durchgesprochen, und gew�hnlich hat ein jeder in Acheron eine Zahl angegeben, und wir haben das Mittel gebildet. Hier, lass mich dir zeigen���</p><p>Und sie redeten dann den ganzen Abend dar�ber vor dem Computerschirm, und John stellte Fragen und st�pselte Pauline ein, um die Schirmbilder und Debatten aufzuzeichnen. Dann gingen sie die Gleichungen durch und zeigten mit den Fingern auf die Flussdiagramme. Dann machten sie eine Kaffeepause und nahmen es vielleicht mit auf den Grat empor, um durch das ganze Gew�chshaus zu spazieren und heftig �ber den menschlichen Wert in Kilokalorien zu diskutieren f�r Installationsarbeit, Opernauff�hrungen, Simulationsprogramme und dergleichen. Sie befanden sich eines Abends vor Sonnenuntergang tats�chlich auf dem Grat, als John von der Gleichung auf seinem Armbandger�t aufschaute und den langen Hang nach Olympus Mons emporblickte.</p><p>Der Himmel war dunkel geworden. Es kam ihm so vor, als g�be es wieder eine doppelte Sonnenfinsternis. Phobos war so nahe �ber den K�pfen, dass er ein Drittel der Sonne verdeckte, als er vor ihr durchging, und Deimos etwa ein Neuntel. Und ein paar Mal im Monat gingen sie zur gleichen Zeit durch und lie�en einen Schatten �ber das Land fallen, als ob einem etwas ins Auge geraten w�re oder man einen schlechten Gedanken gehabt h�tte.</p><p>Aber dies war keine Sonnenfinsternis. Olympus Mons war au�er Sicht, und der S�dhorizont war eine unscharfe bronzefarbene Schranke. �Seht euch das an!� sagte er zu den anderen und zeigte hin. �Ein Staubsturm.� Sie hatten seit mehr als zehn Jahren keinen globalen Staubsturm mehr erlebt. John rief die Fotos der Wettersatelliten auf seinem Armbandger�t ab. Der Ursprung des Sturms war nahe dem Thaumasia-Mohole gewesen in Senzeni Na. Er rief Sax an und sah, dass er philosophisch blinzelnd seine �berraschung in sanften T�nen ausdr�ckte.</p><p>�Die Winde an der Kante des Sturms erreichten bis zu sechshundertsechzig Kilometern pro Stunde�, berichtete Sax. �Ein neuer planetarer Rekord. Dies scheint ein gro�er zu werden. Ich dachte, dass die kryptogamen B�den in den Entstehungszonen des Sturms ihn gemildert oder sogar angehalten h�tten. Offenbar stimmt an diesem Modell etwas nicht.�</p><p>�Okay, Sax, das ist sehr schlimm; aber das geht schon in Ordnung. Ich muss herausfinden, warum er jetzt direkt auf uns zul�uft, und ich m�chte zuschauen.�</p><p>�Viel Spa�!� sagte Sax mit unbewegter Miene, als John ihn ausschaltete. Vlad und Ursula machten sich �ber Saxens Modell lustig. Temperaturgradienten w�rden zwischen biotisch aufgetautem Boden und den restlichen gefrorenen Gebieten gr��er sein denn je und die Winde dazwischen entsprechend heftiger, so dass sie, wenn sie schlie�lich auf lockeren Grus tr�fen, losbrechen w�rden. V�llig einleuchtend.</p><p>�Jetzt ist das also passiert�, sagte John. Er lachte und ging durch das Gew�chshaus, um das Herannahen des Sturms selbst zu beobachten. Wissenschaftler konnten so hartn�ckig sein.</p><p>Die Staubwand rollte die langen Lavah�nge der n�rdlichen Umgebung vom Olympus Mons herunter. Sie hatte schon das sichtbare Land halbiert, seit John sie zum ersten Mal erblickt hatte, und jetzt erschien sie wie ein gigantischer Brecher, eine wulstige, zehntausend Meter hohe Welle in der Farbe von Milchschokolade, auf der bronzefarbener Gischt auf und ab sch�umte und gro�e gebogene Streifen in dem rosa Himmel dar�ber erzeugte. �Oha!� schrie John. �Hier kommt es!� Pl�tzlich schien sich der Grat des Acheronsporns hoch �ber den langen engen Canyons der Fossae darunter zu befinden; und tiefer gelegene Felskanten ragten wie Drachenr�cken aus der zerkl�fteten Lava. Eine wilde Stelle, um von da aus den Ansturm eines solchen Orkans zu beobachten. Zu hoch, zu exponiert. John lachte wieder und presste sich gegen die s�dlichen Fenster des Gew�chshauses, blickte nach unten, au�en und um sich und br�llte: �Oha! Schaut, wie er l�uft!�</p><p>Und dann wurden sie pl�tzlich �berw�ltigt. Staub flog �ber sie weg, es trat Finsternis ein, und es ert�nte ein hohes zischendes Kreischen. Der erste Ansturm gegen den Acherongrat erzeugte wilde Turbulenz und schnelle zyklonische Wirbel, die auftauchten und verschwanden, horizontal, vertikal, schr�g zu den wenigen steilen Rinnen im Grat. Das allgemeine Gekreisch wurde betont durch Get�se, als diese St�rungen auf das Gestein prallten und zusammenbrachen. Dann beruhigte sich der Wind mit traumhafter Schnelligkeit zu einer sanften stehenden Welle, und der Staub raste an Johns Gesicht vorbei. Seine Magengrube hob sich, als ob das Gew�chshaus pl�tzlich mit heftiger Geschwindigkeit fiele. Offenbar hatte die Klippe einen wilden Aufwind erzeugt. Als John aber zur�cktrat, sah er den Staub �ber sich fort und dann nach Norden str�men. Auf dieser Seite des Gew�chshauses konnte er ein paar Kilometer weit sehen, ehe der Wind wieder in den Boden prallte und die Sicht durch st�ndige Staubexplosionen abschnitt. �Oha!�</p><p>Seine Augen waren trocken, und sein Mund f�hlte sich etwas verklebt an. Viele Teile vom Grus waren kleiner als ein Mikron. War das da auf den Bambusbl�ttern ein schwacher Schimmer davon? Nein. Nur das eigenartige Licht des Sturms. Aber schlie�lich w�rde auf allem Staub liegen. Keine Dichtung konnte ihn abhalten.</p><p>Vlad und Ursula trauten nicht v�llig der Widerstandsf�higkeit des Gew�chshauses gegen�ber dem Wind und rieten allen, sich nach unten zu begeben. Auf dem Weg dahin stellte John wieder Verbindung mit Sax her. Der hatte den Mund noch st�rker zusammengepresst als sonst. Sie w�rden mit diesem Sturm sehr viel Sonneneinstrahlung verlieren, sagte er ruhig. Die Oberfl�chentemperaturen am �quator hatten durchschnittlich um achtzehn Grad h�her gelegen als die Grundwerte; aber die Temperaturen bei Thaumasia waren schon um sechs Grad gesunken, und sie w�rden w�hrend der Dauer des Sturms weiter fallen. Und, wie er mit fast masochistischer Gr�ndlichkeit hinzuf�gte, wie es John schien, die thermischen Aufwinde der Moholes w�rden den Staub h�her tragen als je zuvor, so dass es durchaus m�glich schien, der Sturm k�nnte lange andauern.</p><p>�Kopf hoch, Sax!� riet John. �Ich denke, er wird k�rzer sein als je zuvor. Sei nicht so pessimistisch!�</p><p>Sp�ter, als der Sturm in sein zweites M-Jahr kam, w�rde Sax John schief grinsend an seine Vorhersage erinnern.</p><empty-line/><p>Das Reisen w�hrend des Sturms war offiziell auf die Z�ge beschr�nkt und auf bestimmte, stark benutzte Stra�en mit doppelten Transpondern. Als aber deutlich wurde, dass er in diesem Sommer nicht aufh�ren w�rde, ignorierte John die Beschr�nkungen und nahm seine Wanderungen wieder auf. Er vergewisserte sich, dass sein Rover gut bevorratet war, lie� einen Reserverover hinterher fahren und hatte einen extra starken Funksender einbauen lassen. Dies und Pauline im Fahrersitz w�rden gen�gen, ihn um den gr��ten Teil der n�rdlichen Hemisph�re herumzubringen, wie er dachte. Roverpannen waren selten wegen der wirklich umfassenden inneren �berwachungssysteme, die in ihre Computer integriert waren. Dass zwei Pannen gleichzeitig aufgetreten w�ren, hatte man noch nie geh�rt. Es hatte nur einen dokumentierten schweren Unfall gegeben. Also sagte John der Acherongruppe Lebewohl und machte sich wieder auf den Weg.</p><p>Im Sturm zu fahren war wie Fahren bei Nacht, aber interessanter. Der Staub raste in B�en vorbei und lie� kleine L�cken f�r Sicht, die kurze sepiafarbene Anblicke der vorbeirollenden Landschaft freigaben. Alles schien sich nach S�den zu bewegen. Dann brausten wieder massive Staubst�rme gegen die Fenster. Bei den schlimmsten Windst��en schaukelte der Rover heftig auf seinen Sto�d�mpfern, und der Staub drang wirklich �berall ein.</p><p>Am vierten Tag seiner Fahrt wandte er sich direkt nach S�den und begann den Nordwesthang der Tharsis-Erh�hung in Angriff zu nehmen. Das war wieder die Gro�e B�schung; aber hier bildete sie keine Klippe, sondern einen Hang, der in der mehr als einen Tag w�hrenden Dunkelheit des Sturms nicht zu bemerken war, bis er sich hoch auf der Seite von Tharsis befand, f�nf vertikale Kilometer h�her, als er in Acheron gewesen war.</p><p>Bei einer anderen Mine, die sich in der N�he von Krater <emphasis>Pt</emphasis> im oberen Ende der Tantalus Fossae befand, machte er halt. Offenbar hatte die Tharsis-Erhebung die gro�e Lavaflut ausgel�st, die Alba Patera bedeckte. Sp�tere Aufw�lbung hatte dann den Lavaschild zerbrochen und die Tantalus-Canyons gebildet. Einige davon waren �ber einer an Platinoid reichen Feuerintrusion aufgebrochen, die die Bergwerksleute als Merensky-Reeflets bezeichnet hatten. Die Bergleute waren diesmal echte Azanier, die sich Afrikaaner nannten und unter sich Afrikaans sprachen. Wei�e M�nner, die John mit kr�ftigen Portionen von <emphasis>god, volk</emphasis> und <emphasis>trek</emphasis> begr��ten. Sie hatten die Canyons, in denen sie arbeiteten, Neuw-Orange- und Neuw-Pretoria-Freistaat genannt. Und sie arbeiteten wie ihre Kollegen in Bradbury Point f�r Armscor. �Jawohl�, sagte der Chef der Arbeiten zufrieden, mit einem neuseel�ndischen Akzent. Er hatte ein dickes Doppelkinn, eine Skispringernase und ein breites schiefes L�cheln. Seine Art war sehr intensiv. �Wir haben Eisen, Kupfer, Silber, Mangan, Aluminium, Gold, Platin, Titan und Chrom gefunden. Stell dir das vor! Ferner Sulfide, Oxide, Silikate�� sozusagen einheimische Erze. Die Gro�e B�schung bietet das alles.� Die Mine wurde seit ungef�hr einem M-Jahr betrieben Sie bestand aus Tagebaubetrieben auf den B�den der Canyons mit einem Habitat, das halb in der Mesa eingelassen war zwischen den beiden gr��ten Canyons und wie eine durchsichtige Eierschale aussah voller gr�ner B�ume und orangefarbener Ziegeld�cher.</p><p>John verbrachte mit ihnen mehrere Tage. Er war umg�nglich und stellte Fragen. Mehr als einmal fragte er sie in Erinnerung an die �ko-�konomie der Acherongruppe, wie sie ihr wertvolles, aber schweres Produkt zur Erde schaffen wollten. W�rden die Energiekosten f�r den Transport nicht den m�glichen Nutzen bei weitem �bersteigen?</p><p>�Nat�rlich�, sagten sie, genau wie die Leute von Bradbury Point. �Es wird den Raumlift erfordern, um es lohnend zu machen.�</p><p>�Mit dem Raumlift sind wir auf dem terranischen Markt�, erkl�rte ihr Chef. �Ohne ihn werden wir nie vom Mars loskommen.�</p><p>�Das ist nicht notwendigerweise schlecht�, sagte John, aber sie verstanden ihn nicht, und als er es zu erkl�ren versuchte, machten sie ein unbeeindrucktes Gesicht und nickten h�flich, eifrig bestrebt, nicht �ber Politik nachzudenken. Darin waren die Afrikaaner gut. Als John erkannte, was los war, fand er, er k�nnte das Thema Politik zur Sprache bringen, um etwas Zeit f�r sich selbst zu gewinnen. Das war, wie er Maya eines Nachts erz�hlte, so, als ob man einen Kanister mit Tr�nengas in den Raum w�rfe. Das gab ihm auch die M�glichkeit, den gr��ten Teil eines Nachmittags allein im Operationszentrum der Bergwerke umherzugehen. Dabei schaltete er Pauline auf die Datenaufzeichnungen und hielt alles fest, das sie schaffen konnte. Pauline stellte keine ungew�hnlichen Z�ge in dem Betrieb fest. Aber sie meldete einen Kommunikationsaustausch mit dem Heimatb�ro von Armscor. Die lokale Gruppe wollte eine Sicherheitseinheit von hundert Personen, und Singapore hatte zugestimmt.</p><p>John stie� einen Pfiff aus. �Was ist mit UNOMA?� Sicherheitsfragen galten v�llig als ihr Ressort, und sie erteilten Genehmigungen f�r private Sicherheitsma�nahmen recht routinem��ig. Aber hundert Personen? John gab Pauline Anweisung nachzusehen, was die UNOMA hierzu verlautbart h�tte; und ging weg, um mit den Afrikaanern zu speisen.</p><p>Wiederum wurde der Raurnlift als Notwendigkeit erkl�rt. �Sie werden uns einfach �bergehen, wenn wir den nicht haben, direkt zu den Asteroiden hinausgehen und dann keine M�he mit einer Gravitationssenke haben, nicht wahr?�</p><p>Trotz den f�nfhundert Mikrogramm Omegendorph in seinem K�rper war John in keiner fr�hlichen Stimmung. Er fragte beil�ufig: �Sagt mir, arbeiten hier auch Frauen?�</p><p>Sie starrten ihn an wie Fische. Sie waren wirklich noch schlimmer als Muslims.</p><p>Er brach am n�chsten Tage auf und fuhr nach Pavonis, wobei er sich besonders um die Angelegenheit des Raumlifts k�mmern wollte.</p><empty-line/><p>Er fuhr den langen Hang von Tharsis empor. Den steilen blutfarbenen Kegel von Ascraeus Mons bekam er nie zu sehen. Er war mit allem anderen im Staub verloren. Reisen bedeutete jetzt, in einigen kleinen R�umen zu leben, die m�chtig rumpelten. Er umging Ascraeus auf seiner Westflanke und fuhr dann auf die Kuppe von Tharsis, zwischen Ascraeus und Pavonis. Hier wurde die Doppeltransponderstra�e zu einem richtigen Betonband unter den R�dern. Beton unter einem Anflug von Staub. Schlie�lich stieg die Fahrbahn steil empor und f�hrte ihn direkt auf den n�rdlichen Hang von Pavonis Mons. Das ging so lange weiter, bis es ihm wie ein langsamer Blindstart in den Weltraum vorkam.</p><p>Der Krater von Pavonis war, wie die Afrikaaner ihm best�tigt hatten, erstaunlich genau auf dem �quator platziert. Das runde O seiner Caldera sa� wie ein Ball genau auf der Linie des �quators. Dadurch wurde der S�drand von Pavonis zu einem perfekten Ankerpunkt f�r einen Raumlift, da er zugleich genau auf dem �quator lag und siebenundzwanzig Kilometer �ber dem Bezugsniveau. Phyllis hatte schon f�r die Konstruktion eines einfachen Habitats auf dem S�drand vorgesorgt. Sie hatte sich selbst auf die Arbeit am Aufzug gest�rzt und war eine seiner Hauptorganisatoren.</p><p>Ihr Habitat war in die Wand des Calderarandes eingelassen im Stile von Echus-Aussichtspunkt, so dass Fenster in verschiedenen Stockwerken �ber die Caldera blickten, sofern der Staub nachlie�. Vergr��erte und an die W�nde geheftete Fotos zeigten, dass die Caldera sich schlie�lich als eine einfache kreisrunde Senke erwies mit f�nftausend Meter tiefen W�nden, die nahe dem Boden leicht terrassiert waren. Die Caldera war in fr�heren Tagen oft eingesunken, aber immer an derselben Stelle. Sie war der einzige unter den gro�en Vulkanen, der so regelm��ig war. Die anderen drei hatten Calderas wie Gruppen sich �berlappender Kreise, wobei jeder Kreis in anderer Tiefe lag.</p><p>Das neue Habitat, derzeit noch namenlos, war von der UNOMA erbaut worden, aber Ausstattung und Personal waren von der transnationalen Gesellschaft Praxis geliefert, die zu den allergr��ten geh�rte. Gegenw�rtig waren die fertig gestellten R�ume mit Beamten dieser Gesellschaft besetzt oder denen anderer Transnationaler, die Subkontrakte f�r das Liftprojekt hatten. Dazu geh�rten Vertreter von Amex, Oroco, Subarashi und Mitsubishi. Und alle ihre Bem�hungen wurden koordiniert von Phyllis, die jetzt offenbar Helmut Bronskis Assistentin und Leiterin der Operation war.</p><p>Auch Helmut war da; und nachdem John ihn und Phyllis begr��t hatte und einigen der zu Besuch weilenden Beratern vorgestellt worden war, wurde er in einen gro�en, hohen Raum mit einer Fensterwand gef�hrt. Vor dem Fenster wirbelten Wolken aus dunkelorangefarbenem Staub in die Caldera hinunter, so dass es schien, als stiege der Raum undeutlich in die H�he in einem matten fluktuierenden Licht.</p><p>Die einzige Ausstattung des Raums bestand aus einem Marsglobus von einem Meter Durchmesser, der brusthoch auf einem blauen Plastikst�nder ruhte. Von diesem Globus, speziell von der Erh�hung, die Pavonis Mons darstellte, lief ein etwa f�nf Meter langer Silberdraht aus. An dessen Ende war ein kleiner schwarzer Punkt. Der Globus rotierte auf seinem St�nder mit ungef�hr einer Umdrehung pro Minute, und der schwarze Punkt am Ende rotierte mit ihm und blieb immer �ber Pavonis.</p><p>Eine Gruppe von etwa acht Personen umgab diese Darstellung. �Alles ist ma�stabsgetreu� ,sagte Phyllis. �Der areosynchrone Satellit ist 20435 Kilometer vom Massenzentrum entfernt, und der �quatorradius des Mars betr�gt 3386 Kilometer. Daher betr�gt die Distanz von der Oberfl�che zum areosynchronen Punkt 17049 Kilometer. Wenn man das verdoppelt und den Radius hinzuaddiert, bekommt man 37484 Kilometer. Wir werden am entfernten Ende einen Ballastfelsen haben, so dass das Kabel nicht so lang sein muss, wie es ohne diesen w�re. Der Durchmesser des Kabels wird etwa zehn Meter betragen, und es wird ungef�hr sechs Milliarden Tonnen wiegen. Das Material daf�r wird von seinem Ballastpunkt am Ende gewonnen werden, der ein Asteroid sein wird, welcher mit rund dreizehn und einer halben Milliarde Tonnen anf�ngt und, wenn das Kabel fertig ist, mit dem richtigen Ballastgewicht von siebeneinhalb Milliarden Tonnen endet. Das ist kein sehr gro�er Asteroid, von nur ungef�hr zwei Kilometern Radius zu Anfang. Es gibt sechs Amor-Asteroiden, die die Bahn des Mars kreuzen und als Kandidaten f�r den Job identifiziert wurden. Das Kabel wird von Robotern hergestellt werden, die den Kohlenstoff in den Chondriten des Asteroiden gewinnen und verarbeiten. Dann, in den letzten Stufen der Konstruktion, wird das Kabel zu seinem Befestigungspunkt gebracht werden, hier.� Sie zeigte pomp�s auf den Fu�boden des Raums. �An dieser Stelle wird das Kabel sich selbst in areosynchroner Umlaufbahn befinden und hier unten kaum Kontakt haben. Sein Gewicht wird zwischen dem Zug der Schwerkraft des Planeten und der Zentrifugalkraft des oberen Teils des Kabels und des Ballastfelsens an seinem Ende ausgeglichen sein.�</p><p>�Was ist mit Phobos?� fragte John.</p><p>�Phobos ist nat�rlich auch da unten. Das Kabel wird vibrieren, um ihn zu vermeiden in einer so genannten Clarke-Oszillation. Das wird kein Problem sein. Auch Deimos wird man durch Oszillation aus dem Wege gehen; aber weil seine Bahnebene st�rker geneigt ist, wird dieses Problem nicht so oft auftreten.�</p><p>�Und wenn es in Position ist?� fragte Helmut mit vor Vergn�gen strahlendem Gesicht.</p><p>�An dem Kabel werden mindestens einige hundert Aufz�ge befestigt werden, und Lasten werden mittels eines Gegengewichtsystems in den Orbit gehoben werden. Es wird wie �blich Mengen an Material von der Erde herunterzuschaffen geben, so dass die f�r Hochbringung erforderliche Energie minimal ist. Es wird auch m�glich sein, die Rotation des Kabels f�r einen Schleudereffekt zu benutzen. Von dem Ballastasteroiden zur Erde entsandte Objekte k�nnen die Energie der Marsrotation als Anschub benutzen und werden einen energiefreien Start mit hoher Geschwindigkeit haben. Das ist eine saubere, wirksame und au�erordentlich billige Methode, sowohl, um Fracht in den Raum zu heben, als auch, um sie zur Erde hin zu beschleunigen. Und angesichts der j�ngsten Entdeckungen strategischer Metalle, die auf der Erde immer knapper werden, ist ein derart billiges Hochheben und Anschieben buchst�blich wertvoll. Es schafft die M�glichkeit eines Austauschs, der fr�her �konomisch nicht machbar war. Es wird eine kritische Komponente der Wirtschaft des Mars sein, der Eckstein seiner Industrie. Und es wird nicht allzu teuer sein, das zu bauen. Wenn erst einmal ein kohlenstoffhaltiger Asteroid in den richtigen Orbit geschoben ist und darauf eine mit Kernenergie arbeitende robotische Kabelfabrik den Betrieb aufgenommen hat, wird die Fabrik Kabel aussto�en wie eine Spinne ihren Faden. Man wird wenig mehr zu tun haben als abzuwarten. Die Kabelfabrik wird wie geplant j�hrlich mehr als dreitausend Kilometer Kabel aussto�en k�nnen. Das hei�t, wir m�ssen so bald wie m�glich anfangen; aber nach Produktionsbeginn wird es nur noch zehn oder elf Jahre erfordern. Und das Warten wird sich schon lohnen.�</p><p>John starrte Phyllis an, wie immer beeindruckt durch ihren Eifer. Sie war wie ein Konvertit, der <emphasis>Zeugnis</emphasis> ablegt, wie ein Prediger auf der Kanzel, ruhig und vertrauensvoll triumphierend. Das Wunder des Himmelshakens. M�nchhausen und die Bohnenstange, die Himmelfahrt. Das hatte wirklich einen Hauch des Wunderbaren. �Wir haben wirklich keine gro�e Wahl�, sagte Phyllis. �Dies holt uns aus der Senke unserer Gravitation und eliminiert sie als physikalisches und �konomisches Problem. Das ist entscheidend. Ohne das wird man uns links liegen lassen, wir w�rden wie Australien im neunzehnten Jahrhundert sein, zu weit entfernt, um eine bedeutende Rolle in der Weltwirtschaft zu spielen. Die Leute w�rden uns �bergehen und die Asteroiden direkt ohne gravitative Beschr�nkungen ausbeuten. Ohne den Aufzug w�rden wir in Stagnation enden.�</p><p><emphasis>Shikata ga nai,</emphasis> dachte John zynisch. Phyllis sah ihn ganz kurz an, als ob er laut gesprochen h�tte. Sie sagte: �Wir wollen nicht, dass das geschieht. Und was das Beste ist: Unser Aufzug wird als experimenteller Prototyp f�r einen auf der Erde dienen. Die Transnationalen, die beim Bau dieses Aufzugs Erfahrungen sammeln, werden in beherrschender Position sein, wenn es dazu kommt, Kontrakte f�r das viel gr��ere terrestrische Projekt abzuschlie�en, das bestimmt folgen wird.�</p><p>Sie redete immer noch weiter, schilderte jeden Aspekt des Plans und beantwortete dann Fragen der Manager mit ihrer �blichen glatten Eleganz. Sie erntete eine Menge Lacher. Sie war lebendig, mit strahlenden Augen. John konnte beinahe die Feuerzungen von der Masse ihres kastanienbraunen Haars lodern sehen, das in dem Sturmlicht wie eine Kappe aus Juwelen wirkte. Die Manager und Projektwissenschaftler ergl�hten unter ihrem Blick. Sie hatten es mit einer gro�en Sache zu tun und wussten das. Die Erde war ernsthaft vieler Metalle entbl��t, die man auf dem Mars fand. Es waren Verm�gen zu gewinnen, enorme Verm�gen. Und jeder, der ein St�ck der Br�cke besa�, �ber die jede Unze Metall gehen m�sste, w�rde auch ein riesiges Verm�gen machen, wahrscheinlich das gr��te Verm�gen von allen. Kein Wunder, dass Phyllis und alle anderen ein Gesicht machten, als w�ren sie in der Kirche.</p><p>An diesem Abend stand John vor dem Dinner im Bad und nahm, ohne sich im Spiegel anzuschauen, zwei Tabletten Omegendorph ein. Phyllis hatte ihm �belkeit bereitet. Aber nach der Droge f�hlte er sich besser. Phyllis war ja schlie�lich auch nur eine weitere Rolle im Spiel. Und als er sich zum Essen hinsetzte, war er in freundlich mitteilsamer Stimmung. Okay, dachte er, die haben ihre Goldmine in Form einer Bohnenstange. Aber es war nicht klar, ob sie diese f�r sich w�rden behalten k�nnen, sogar h�chst unwahrscheinlich. So sehr, dass ihre Selbstzufriedenheit wie die einer fetten Katze etwas komisch, aber auch peinlich war. Und er lachte inmitten eines ihrer enthusiastischen Gespr�che und sagte: �Haltet ihr es nicht f�r unwahrscheinlich, dass ein solcher Aufzug in Privatbesitz verbleiben wird?�</p><p>Phyllis sagte mit ihrem strahlenden L�cheln: �Wir haben nicht vor, ihn in Privatbesitz zu lassen.�</p><p>�Aber ihr erwartet Bezahlung f�r seine Konstruktion. Und dann erwartet ihr, dass Konzessionen einger�umt werden. Ihr wollt Profit aus dem Unternehmen schlagen. Ist das nicht Unternehmenskapitalismus?�</p><p>�Nun ja, nat�rlich�, sagte Phyllis und sah gekr�nkt aus, weil er von solchen Dingen so unverbl�mt gesprochen hatte. �Jeder auf dem Mars wird davon profitieren, das liegt im Wesen der Sache.�</p><p>�Und ihr werdet von jedem Prozentsatz noch Prozente absch�pfen.� Raubtiere am oberen Ende der Kette. Oder vielmehr Parasiten, die an ihrer vollen L�nge auf und ab kletterten. �Was denkst du, wie reich die Erbauer der Golden Gate Bridge geworden sind? Sind gro�e transnationale Dynastien aus dem Profit der Golden Gate Bridge gebildet worden? Nein. Sie war doch ein �ffentliches Vorhaben. Die Erbauer waren �ffentliche Beamte, die f�r ihre Arbeit ein Standardgehalt bezogen. W�rdest du wetten, dass der Marsvertrag hier f�r infrastrukturellen Bau nicht eine �hnliche �bereinkunft ausbedingen w�rde? Ich bin mir dessen recht sicher.�</p><p>�Aber der Vertrag steht erst in neun Jahren zur Revision an�, sagte sie mit funkelnden Augen.</p><p>John lachte. �So ist es! Aber du w�rdest nicht glauben, welche Stimmung ich rund um diesen Planeten f�r einen revidierten Vertrag sehe, der noch engere Grenzen f�r Investitionen und Profit seitens der Erde setzt. Du hast einfach nicht aufgepasst. Du musst bedenken, dass dies hier ein vom ersten Federstrich an aufgebautes �konomisches System ist�� auf Grund von Prinzipien, die wissenschaftlich sinnvoll sind. Es gibt hier nur eine beschr�nkte tragende Kapazit�t, und um eine lebenst�chtige Gesellschaft zu schaffen, m�ssen wir das beachten. Ihr k�nnt nicht einfach Rohstoffe von hier zur Erde schaffen. Die Kolonial�ra ist vorbei. Das m�sst ihr bedenken.� Er lachte wieder �ber die glitzernden Augen, die auf ihn gerichtet waren. Es war, als h�tte man Gewehrvisiere in ihre Hornh�ute eingepflanzt.</p><p>Und erst sp�ter, als er wieder in seinem Zimmer war und sich an diese Blicke erinnerte, kam er auf den Gedanken, dass es wahrscheinlich keine sehr gute Idee gewesen war, ihre Nasen so hart auf die Lage zu sto�en. Der Amex-Mann hatte sogar sein Handgelenk an den Mund gehoben, um eine Notiz zu machen, in einer Geste, die offenkundig gesehen werden sollte. <emphasis>Dieser John Boom ist eine Katastrophe</emphasis> hatte er gefl�stert und dabei die ganze Zeit John angeblickt. Er hatte gewollt, dass er gesehen w�rde. Nun, ein neuer Verd�chtiger. In dieser Nacht schlief John erst sp�t ein.</p><empty-line/><p>Er verlie� Pavonis am n�chsten Tag und wandte sich nach Osten, Tharsis hinunter in der Absicht, volle siebentausend Kilometer bis Hellas zu fahren, um Maya zu besuchen. Durch den gro�en Sturm verlief die Reise recht einsam. Die s�dlichen Gebirge zeigten sich nur kurzzeitig tr�be durch aufgebl�hte Sandvorh�nge mit dem st�ndig wechselnden Pfeifen des Windes als Begleitung. Maya freute sich, dass er zu Besuch kam. Er war noch nie in Hellas gewesen, und eine Menge Leute warteten dort darauf, ihn kennen zu lernen. Sie hatten n�rdlich von Low Point ein erhebliches Wasserlager entdeckt und planten jetzt, Wasser von da an die Oberfl�che zu pumpen und in Low Point einen See zu schaffen, der st�ndig durch Sublimation Wasser an die Atmosph�re abgeben w�rde, das man durch Nachschub aus der Tiefe erg�nzen k�nnte. Auf diese Weise erhalten, w�rde der See sowohl die Atmosph�re bereichern, als auch als Reservoir und W�rmesenke f�r Ackerbau dienen in einem Ring �berkuppelter Farmen rund um das Ufer des Sees. Maya war von diesen Pl�nen sehr begeistert.</p><p>John verbrachte die lange Reise zu ihr in einem fast hypnotisierten Zustand, wenn er einen Krater nach dem anderen aus den Staubwolken aufragen sah. An einem Abend hielt er bei einer chinesischen Siedlung, wo man kaum ein Wort Englisch konnte und in K�sten wie dem Anh�ngerpark lebte. Er und die Siedler mussten ein Computer�bersetzungsprogramm benutzen, das beide Seiten den gr��ten Teil des Abends zum Lachen brachte. Zwei Tage sp�ter hielt er sich f�r einen Tag bei einer riesigen japanischen Luftverarbeitungsanlage in einem hohen Pass zwischen Kratern auf. Hier sprachen alle hervorragend Englisch. Sie waren aber frustriert, weil ihre Arbeiten durch den Sturm zum Stillstand gekommen waren. Die Techniker l�chelten schmerzlich und f�hrten ihn durch einen alptraumartigen Komplex von Filtersystemen, den sie aufgestellt hatten, um die Pumpen in Gang zu halten�� aber alles umsonst.</p><p>Drei Tage �stlich von den Japanern traf er auf eine Sufi-Karawane auf einer runden Mesa mit steilen W�nden. Diese spezielle Mesa war fr�her der Boden eines Kraters gewesen, war aber so verh�rtet, dass sie der Erosion widerstanden hatte, welche das umgebende weiche Material in den nachfolgenden �onen weggeschnitten hatte. Und jetzt stand sie allein �ber der Ebene wie ein dickes rundes Piedestal, dessen zerfurchte Seiten ein Kilometer hoch waren. John fuhr auf einer Rampe in Serpentinen zu der Karawanserei auf dem Gipfel.</p><p>Da oben fand er, dass die Mesa sich inmitten des Staubsturms in einer permanenten stehenden Welle befand, so dass hier mehr Sonnenlicht durch die dunklen Wolken sickerte, als anderswo, wo er gewesen war, selbst auf dem Rande von Pavonis. Die Sicht war fast ebenso behindert wie �berall sonst, aber alles hatte hellere Farben, die D�mmerungen purpurn und schokoladefarben, die Tage ein lebhaftes wolkiges Str�men von Umbra und Gelb, Orange und Rost, gelegentlich von. einem bronzefarbenen Sonnenstrahl durchbrochen.</p><p>Es war ein pr�chtiger Platz; und die Sufis erwiesen sich als gastfreundlicher als alle anderen Arabergruppen, die er bisher getroffen hatte. Sie waren, wie sie ihm erz�hlten, in einer der j�ngsten arabischen Gruppen gekommen, als eine Konzession gegen�ber religi�sen Gruppierungen daheim. Und da es viele Sufis unter islamischen Gelehrten gab, hatte es wenig Einw�nde dagegen gegeben, sie als eine selbst�ndige zusammenh�ngende Gruppe auszusenden. Einer von ihnen, ein kleiner schwarzer Mann namens Dhu el-Nun, sagte ihm: �Es ist wundervoll in dieser Zeit der siebzigtausend Schleier, dass du, der gro�e <emphasis>talib,</emphasis> seiner <emphasis>tariqat</emphasis> hierher gefolgt ist, um uns zu besuchen.�</p><p>John fragte: <emphasis>�Talib? Tariqat?�</emphasis></p><p>�Ein <emphasis>talib</emphasis> ist ein Sucher. Und die <emphasis>tariqat</emphasis> des Suchers ist sein Weg, sein spezieller Weg, auf der Stra�e zur Realit�t.�</p><p>�Ich sehe�, sagte John, immer noch �berrascht �ber die Freundlichkeit ihres Gru�es.</p><p>Dhu f�hrte ihn von der Garage zu einem niedrigen schwarzen Geb�ude, das im Zentrum eines Ringes von Rovern stand und nach konzentrierter Energie aussah. Ein breites rundes Ding wie ein Modell der Mesa selbst mit Fenstern aus rohen klaren Kristallen. Dhu bezeichnete das schwarze Gestein des Geb�udes als Stischovit, ein Mineral hoher Dichte, das durch Meteoritenaufprall gebildet worden war, als Dr�cke von mehr als einer Million Kilogramm f�r einen Moment geherrscht hatten. Die Fenster waren aus Lechatelierit, einer Art komprimierten Glases, das auch durch den Aufprall entstanden war.</p><p>Im Innern des Geb�udes begr��te ihn eine Gesellschaft von etwa zwanzig Personen, M�nner und Frauen gleicherma�en. Die Frauen waren barh�uptig und verhielten sich genau wie M�nner, was John wiederum �berraschte und ihm bewusst machte, dass die Dinge bei den Sufis anders waren als bei Arabern allgemein. Er setzte sich hin und trank mit ihnen Kaffee. Dann fing er wieder an, Fragen zu stellen. Sie waren Qadariten-Sufis, wie sie ihm sagten, Pantheisten, die durch altgriechische Philosophie und modernen Existentialismus beeinflusst waren. Sie versuchten, moderne Wissenschaft und die <emphasis>ru�yal al-qalb,</emphasis> die Sicht des Herzens, mit der letzten Realit�t zu vereinen, die Gott war. �Es gibt vier mystische Reisen�, sagte ihm Dhu. �Die erste beginnt mit Gnosis und endet <emphasis>mit fana,</emphasis> oder dem Entschwinden aller Ph�nomene. Die zweite beginnt, wenn <emphasis>demfana baqa folgt,</emphasis> die Best�ndigkeit. An dieser Stelle reist du ins Reale, durch das Reale und zu dem Realen, und bist selbst eine Realit�t, ein <emphasis>haqq.</emphasis> Und danach bewegst du dich weiter zum Zentrum des spirituellen Universums und wirst eins mit allen andern, die es ebenso gemacht haben.�</p><p>�Ich sch�tze, ich habe noch nicht die erste Reise angetreten�, sagte John. �Ich wei� nichts.�</p><p>Sie waren, wie er feststellte, �ber diese seine Antwort erfreut. Sie sagten zu ihm: �Du kannst starten�, und gossen ihm mehr Kaffee ein. �Du kannst immer den Anfang machen.� Sie waren so ermutigend und freundlich im Vergleich mit allen Arabern, die John fr�her getroffen hatte, dass er sich ihnen �ffnete und von seiner Reise nach Pavonis und den Pl�nen f�r das gro�e Liftkabel erz�hlte. Dhu sagte: �Keine Phantasie in der Welt ist v�llig unwahr.� Und als John seine letzte Begegnung mit Arabern erw�hnte auf Vastitas Borealis, und wie Frank sie begleitet hatte, sagte Dhu geheimnisvoll: �Die Liebe zum Rechten verlockt Menschen zum Falschen.�</p><p>Eine der Frauen lachte und sagte: �Chalmers ist dein <emphasis>nafs.�</emphasis></p><p>�Was ist das?� fragte John.</p><p>Sie lachten alle. Dhu sagte kopfsch�ttelnd: �Er ist nicht dein <emphasis>nafs. Nafs</emphasis> ist das b�se Selbst eines Menschen, von dem manche glauben, dass es in der Brust lebe.�</p><p>�Wie ein Organ oder so etwas?�</p><p>�Wie eine wirkliche Kreatur. Muhammad ibn Ulyan berichtete zum Beispiel, dass aus seiner Kehle etwas wie ein junger Fuchs gesprungen sei, der nur gr��er wurde, als er ihn trat. Das war sein <emphasis>nafs.�</emphasis></p><p>�Es ist ein anderer Name f�r deinen Schatten�, erkl�rte die Frau, die damit angefangen hatte.</p><p>�Na sch�n�, sagte John. �Vielleicht ist er es also. Oder vielleicht ist es nur, dass Franks <emphasis>nafs</emphasis> einen kr�ftigen Tritt bekommen hat.� Und sie lachten mit ihm �ber diese Idee.</p><p>Sp�ter an diesem Nachmittag drang die Sonne st�rker durch den Dunst als gew�hnlich und erhellte die ziehenden Wolken so, dass die Karawanserei in der Kammer eines gigantischen Herzens zu ruhen schien, wobei die Windst��e rhythmisch den Takt angaben. Die Sufis riefen sich etwas zu, als sie durch die Lechatelieritfenster blickten, und legten rasch Schutzanz�ge an, um in diese karmesinrote Welt hinauszugehen. Sie forderten Boone auf, sie zu begleiten. Er zog sich grinsend an und verschluckte heimlich dabei eine Omeg-Tablette.</p><p>Drau�en gingen sie rund um den zerkl�fteten Rand der Mesa, blickten in die Wolken und auf die im Schatten liegende Ebene in der Tiefe und wiesen John auf alle Merkmale hin, die gerade sichtbar wurden. Danach sammelten sie sich bei der Karawanserei, und John h�rte ihnen zu, wie sie feierlich sangen, wobei verschiedene Stimmen englische �bersetzungen f�r Arabisch und Farsi lieferten. �Besitze nichts und sei von nichts besessen. Entferne das, was du im Kopf hast, und gib, was du in deinem Herzen hast. Hier eine Welt und dort eine Welt. Wir sitzen auf der Schwelle.�</p><p>Eine andere Stimme: �Liebe hat die Saite an der Laute meiner Seele angeschlagen und mich ver�ndert, auf dass ich von Kopf bis Fu� liebe.�</p><p>Und sie fingen an zu tanzen. John, der zusah, erkannte, dass sie tanzende Derwische waren. Sie h�pften in die Luft zum Schlag von Trommeln, die die allgemeine Musik �bert�nten. Sie sprangen und wirbelten in langsamen unirdischen Drehungen mit ausgestreckten Armen. Und wenn sie den Boden ber�hrten, stie�en sie sich ab und wiederholten es, eine Drehung nach der anderen. Tanzende Derwische in dem gro�en Sturm auf einer hohen runden Mesa, die in grauer Vorzeit der Boden eines Kraters gewesen war. In dem blutroten pulsierenden Licht sah das so wundervoll aus, dass John aufstand und anfing, sich mit ihnen zu drehen. Er st�rte ihre Symmetrien und stie� manchmal mit anderen T�nzern zusammen, aber das schien niemanden zu st�ren. Er fand, dass es hilfreich war, leicht gegen den Wind zu springen, um nicht au�er Balance geblasen zu werden. Eine starke B� w�rde einen glatt umsto�en. Er lachte. Einige T�nzer psalmodierten laut zur Musik in den �blichen Vierteltontremoli, akzentuiert durch Rufe und scharfes rhythmisches Atmen und die Phrase <emphasis>�Ana el-Haqq, ana el-Haqq���</emphasis> Ich bin Gott, ich bin Gott. Eine sufische Blasphemie. Der Tanz sollte hypnotisierend wirken. John wusste, dass es andere Muslimkulte gab, die es mit Selbstgei�elung taten. Sich drehen war besser. Er tanzte und stimmte in den gemeinsamen Gesang ein, indem er ihn mit seinem scharfen Atem und mit Grunzen und Plappern akzentuierte.</p><p>Dann fing er an, ohne sich dar�ber Gedanken zu machen, in den Strom der Kl�nge die Namen f�r Mars einzuf�gen: �Al-Qahira, Ares, Auqakuh. Bahram, Harmakhis, Hrad, Huo Hsing, Kasei, Ma�adim, Maja, Mamers, Mangala, Nirgal, Shalbatanu, Simud und Tiu.� Er hatte diese Liste vor einigen Jahren auswendig gelernt als eine Art Partytrick. Jetzt war er ganz �berrascht, was f�r eine hervorragende Rezitation sie abgab, wie sie aus seinem Mund str�mte und ihm half, seine Drehungen zu stabilisieren. Die anderen T�nzer lachten ihn freundlich an. Es schien ihnen zu gefallen. Er f�hlte sich berauscht. Sein ganzer K�rper summte. Er wiederholte die Litanei noch oft und ging dann dazu �ber, den arabischen Namen st�ndig zu wiederholen: �Al-Qahira, Al-Qahira, Al-Qahira.� Und dann, eingedenk dessen, was ihm eine der �bersetzenden Stimmen gesagt hatte: �Ana el-Haqq, ana Al-Qahira. Ana el-Haqq, ana Al-Qahira.� Ich bin Gott, ich bin Mars�� Die anderen stimmten rasch in diesen Gesang ein und machten daraus ein wildes Lied. Im Aufblitzen rotierender Visierscheiben nahm er ihre grinsenden Gesichter wahr. Sie waren wirklich t�chtig in ihren Drehungen. W�hrend sie herumwirbelten, schnitten ihre ausgestreckten Finger den Staubstrom zu Arabesken. Und dabei stie�en sie ihn mit den Fingerspitzen an und f�hrten ihn oder schoben sogar seine ungeschickten Drehungen in das Geflecht ihrer Rotationen. Er schrie die Namen des Planeten, und sie wiederholten sie danach wie bei einer Antiphone. Sie rezitierten die Namen -Arabisch, Sanskrit, Inka��, alle Namen des Mars, verquirlt in einen Brei aus Silben, so dass sie eine polyphone Musik erschufen, die sch�n und ergreifend zugleich war; denn die Namen f�r den Mars kamen aus Zeiten, als W�rter unheimlich klangen und Namen Macht besa�en. Er konnte das h�ren, wenn er sie sang. Ich werde tausend Jahre lang leben, dachte er.</p><p>Als er endlich zu tanzen aufh�rte und sich hinsetzte, um zuzuschauen, fing er an, sich unwohl zu f�hlen. Die Welt verschwamm, in seinem Mittelohr drehte etwas sich offenbar immer noch wie eine Roulettekugel. Die Szene pulsierte vor ihm. Es war unm�glich zu sagen, ob das der wirbelnde Staub war oder etwas Inneres; aber jedenfalls starrte er auf das, was er sah: tanzende Derwische�� auf dem Mars? Nun, in der muslimischen Welt waren sie irgendwie Abweichler und hatten einen �kumenischen Zug, der im Islam selten ist. Und sie waren auch Wissenschaftler. So stellten sie vielleicht seinen Weg zum Islam dar, seine <emphasis>tariqat.</emphasis> Und ihre Derwischzeremonien w�rden vielleicht in die Areophanie, die Erscheinung des Mars, �bergehen wie w�hrend seiner Rezitation. Er stand taumelnd auf und verstand pl�tzlich, dass man nicht alles vom ersten Federstrich an erfinden musste, sondern dass es darauf ank�me, etwas Neues zu schaffen durch eine Synthese von allem, was gut war, in das, was vorher gekommen war. �Liebe hat die Saite an der Laute meiner Seele angeschlagen��� Er war allzu benommen. Die anderen lachten und st�tzten ihn. Er sprach zu ihnen in seiner �blichen Weise in der Hoffnung, dass sie verstehen w�rden. �Ich f�hle mich schlecht. Ich denke, ich werde mich �bergeben. Aber ihr m�sst mir sagen, warum wir nicht all das traurige Gep�ck der Erde zur�cklassen k�nnen. Warum k�nnen wir nicht zusammen eine neue Religion erfinden? Die Verehrung von Al-Qahira, Mangala, Kasei!�</p><p>Sie lachten und trugen ihn auf den Schultern zur�ck zum Schutzbau. �Ich meine es ernst�, sagte er, w�hrend sich die Welt drehte. �Ich m�chte, dass ihr es tut, ich m�chte, dass euer Tanzen mit drin ist. Es ist klar, dass ihr diejenigen seid, um diese Religion zu schaffen. Ihr tut das bereits.� Aber es war gef�hrlich, sich in einem Helm zu �bergeben; und so lachten sie nur und schafften ihn, so schnell sie konnten, in das Habitat aus Tr�mmergestein. Als ihm dort schlecht wurde, hielt ihm eine Frau den Kopf und sagte in musikalischem, orientalisch gef�rbtem Englisch: �Der K�nig hat seine weisen M�nner nach etwas gefragt, das ihn gl�cklich machen w�rde, wenn er traurig w�re, aber traurig im Falle des Frohsinns. Sie berieten sich und kamen zur�ck mit einem Ring, auf dem eingraviert war: ��Auch dies wird vor�bergehen.��</p><p>�Direkt in die Wiederverwertung�, sagte Boone. Er lag auf dem R�cken, und alles drehte sich. Das war ein schreckliches Gef�hl, wenn er versuchte, still zu liegen. �Aber was willst du hier? Warum bist du auf dem Mars? Du musst mir sagen, was du hier willst.� Sie brachten ihn in den Gemeinschaftsraum und teilten Tassen aus. Dann brachten sie einen Topf mit aromatischem Tee. Er hatte immer noch das Gef�hl, sich zu drehen, und der an den Kristallfenstern vorbeibrausende Staub war keine Hilfe.</p><p>Eine alte Frau bei ihm nahm den Topf und goss Johns Tasse voll. Dann stellte sie den Topf hin und gab ihm zu verstehen: �Jetzt schenkst du mir ein.� John tat es unsicher, und dann machte der Topf im Raum die Runde. Jeder f�llte die Tasse eines anderen.</p><p>Die alte Frau sagte: �Wir beginnen jedes Mahl so. Es ist ein kleines Zeichen daf�r, wie wir zueinander sind. Wir haben die alten Kulturen studiert, ehe euer globaler Markt alles einfing; und in jenen Zeiten gab es viele verschiedene Formen des Tausches. Einige beruhten auf dem Geben von Geschenken. Jeder von uns hat eine Gabe, siehst du, die uns unentgeltlich vom Universum zuteil wurde. Und jeder von uns gibt mit jedem Atemzug etwas zur�ck.�</p><p>�Das ist wie die Gleichung f�r �kologische Leistung�, sagte John.</p><p>�Vielleicht. In jedem Fall wurden ganze Kulturen auf der Idee des Geschenkes aufgebaut. In Malaysia, im amerikanischen Nordwesten, in vielen primitiven Kulturen. In Arabien gaben wir Wasser oder Kaffee, Nahrung und Unterkunft. Und was immer man erhielt, es wurde erwartet, dass man es nicht behielt, sondern seinerseits zur�ckgab, im g�nstigen Falle mit Zinsen. Man arbeitete, um mehr geben zu k�nnen, als man empfing. Jetzt denken wir, dass dies die Grundlage f�r eine ehrerbietige und r�cksichtsvolle �konomie sein kann.�</p><p>�Dies ist genau das, was Vlad und Ursula gesagt haben!�</p><p>�Vielleicht ja.�</p><p>Der Tee half. Nach einer Weile kehrte sein Gleichgewicht zur�ck. Sie sprachen �ber andere Dinge, den gro�en Sturm, den gro�en harten Sockel, auf dem sie lebten. Sp�t am Abend fragte er, ob sie von dem Cojoten geh�rt h�tten. Aber das war nicht der Fall. Sie kannten aber Geschichten �ber eine Kreatur, die sie den �Verborgenen� nannten, den letzten �berlebenden einer alten Rasse von Marsbewohnern, ein runzliges Wesen, das �ber den Planeten zog und Wanderern, Rovern und Siedlungen Hilfe angedeihen lie�. Man hatte es im letzten Jahr bei der Wasserstation in Chasma Borealis gesehen, als ein Eisfall aufgetreten war und anschlie�end die Energie ausfiel.</p><p>�Ist das nicht der sagenhafte Gro�e Mann?� fragte John. �Nein, nein. Der Gro�e Mann ist ein Riese. Der Verborgene ist wie wir. Seine Leute waren Untertanen des Gro�en Mannes.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Aber er verstand nicht, nicht richtig. Wenn der Gro�e Mann f�r den Mars selbst stand, dann war die Geschichte von dem Verborgenen vielleicht von Hiroko inspiriert worden. Unm�glich zu sagen. Er brauchte einen Volkskundler oder Fachgelehrten f�r Sagen, jemanden, der ihm sagen konnte, wie Stories entstehen. Aber er hatte nur die Sufis, l�chelnd und sonderbar, selbst Sagengestalten. Seine Mitb�rger in diesem neuen Lande. Er musste lachen. Sie lachten mit ihm und brachten ihn zu Bett. Die alte Frau sagte: �Wir sprechen ein Gutnachtgebet des persischen Dichters Jalaluddin Rumi.� Sie rezitierte:</p><cite><p>Ich starb als Stein und wurde eine Pflanze.</p><p>Ich starb als Pflanze und erhob mich als Tier.</p><p>Ich starb als Tier und wurde Mensch.</p><p>Um aufzusteigen mit gesegneten Engeln in der</p><p>H�he. Und wenn ich meine Engelsseele opfere,</p><p>Werde ich werden, was noch kein Verstand je erfasste.</p></cite><p>�Schlaf gut!� sagte sie in seinen einschlummernden Geist. �Dies ist all unser Weg.�</p><p>Am n�chsten Morgen kletterte er steif in seinen Rover, kniff die Augen zusammen aus schmerzlichem Unbehagen und beschloss, etwas Omeg einzunehmen, sobald er unterwegs w�re. Die alte Frau war da, um ihn zu verabschieden, und er dr�ckte herzlich seine Gesichtsscheibe gegen die ihre.</p><p>Sie sagte: �Ob von dieser oder jener Welt, deine Liebe wird dich am Ende hin�berf�hren.�</p></section><section><empty-line/><p>Die Transponderstra�e f�hrte ihn durch die braunen, vom Wind gepeitschten Tage. Er durchquerte das zerkl�ftete Land s�dlich vom Margaritifer Sinus. Er w�rde noch einmal zu anderer Zeit hindurchfahren m�ssen, um etwas davon zu sehen; denn in dem Sturm war es nichts als fliegender Kakao von momentanen goldenen Lichtspeeren. Nahe dem Bakhuysen-Krater hielt er bei einer neuen Siedlung namens Turner Wells an. Hier war man auf einen Wasservorrat gesto�en, der unter solchem hydrostatischem Druck stand, dass sie dabei waren, Energie zu gewinnen, indem sie den artesischen Strom durch eine Reihe von Turbinen leiteten. Das freigesetzte Wasser w�rde in Wannen gef�hrt, eingefroren und dann mit Robotern hochgehievt und zu trockenen Siedlungen in der ganzen s�dlichen Hemisph�re gebracht werden. Mary Dunkel arbeitete dort und zeigte ihm die Brunnen, das Kraftwerk und die Eisreservoire. �Die Versuchsbohrung war schrecklich wie die H�lle. Als der Bohrer den fl�ssigen Teil der wasserhaltigen Schicht anstach, wurde er explosionsartig aus dem Loch getrieben; und es hing an Messers Schneide, ob es uns gelingen w�rde, die Springquelle zu kontrollieren oder nicht.�</p><p>�Was w�re geschehen, wenn das nicht gelungen w�re?�</p><p>�Nun, ich wei� nicht. Da unten gibt es eine Menge Wasser. Wenn es den Fels um das Loch gesprengt h�tte, h�tte es wie zu den gro�en Ausflu�kan�len in Chryse kommen k�nnen.�</p><p>�So gro�?�</p><p>�Wer wei�? M�glich ist es.�</p><p>�Oha!�</p><p>�Das habe ich auch gesagt. Jetzt hat Ann eine Studie gestartet �ber Methoden zur Bestimmung von Wasserdr�cken durch die Echos, die sie bei seismischen Tests geben. Aber es gibt Leute, die gern einen oder zwei Wasservorr�te freilassen w�rden. Sie �u�ern sich durch Mitteilungen im Bulletin des Netzes. Es w�rde mich nicht �berraschen, wenn Sax dazu geh�rte. Gro�e Fluten von Wasser und Eis, sehr viel Sublimation in die Luft�� warum sollte er da nicht jubeln?�</p><p>�Aber �berschwemmungen wie jene in alter Zeit w�rden f�r die Landschaft ebenso zerst�rerisch sein, wie wenn man Asteroiden darauf fallen lie�e.�</p><p>�Oh, noch verheerender! Jene aus dem Wirrwarr herunterkommenden Kan�le waren unglaubliche Ausbr�che. Die beste Analogie auf der Erde sind die Scablands, eine Lava- und Plateaulandschaft im �stlichen Washington. Hast du davon geh�rt? Vor etwa achtzehntausend Jahren gab es einen See, der den gr��ten Teil von Montana bedeckte. Man nennt ihn Lake Missoula. Er bestand aus Schmelzwasser der Eiszeit und wurde durch einen Eisdamm zur�ckgehalten. Irgendwann brach dieser Damm, und der See entleerte sich katastrophal. Etwa zwei Billionen Kubikmeter Wasser str�mten in wenigen Tagen das Columbia-Plateau hinunter und hinaus in den Pazifik.�</p><p>�Donnerwetter!�</p><p>�W�hrend es floss, f�hrte es ungef�hr dreimal soviel Wasser, wie dem Amazonas entstr�mt. Es grub in das basaltische Urgestein Kan�le, die immerhin zweihundert Meter tief sind.�</p><p>�Zweihundert Meter!�</p><p>�Stimmt. Und das war noch nichts im Vergleich mit den Wassermassen, die die Chrysekan�le gegraben haben. Die Ver�stelungen dort bedecken Gebiete���</p><p>�Zweihundert Meter <emphasis>Urgestein?�</emphasis></p><p>�Nun ja, es ist keine normale Erosion. In derart gro�en Fluten schwanken die Dr�cke so stark, dass es zur Freisetzung gel�ster Gase kommt; und wenn diese Blasen zusammenbrechen, erzeugen sie unglaubliche Dr�cke. Sie h�mmern wie etwas, das alles zerbrechen kann.�</p><p>�Es w�re also schlimmer als ein Meteoritenaufschlag?�</p><p>�Sicher. Falls man nicht einen wirklich gro�en Asteroiden fallen lie�e. Wenn man beispielsweise einen in Hellas einst�rzen lie�e, h�tte man ein Meer. Und man k�nnte es schneller wieder anf�llen, als das Oberfl�chen-Eis sublimieren w�rde.�</p><p>�Eine solche Flut <emphasis>steuern?�</emphasis> rief John.</p><p>�Nun, das w�re unm�glich. Aber wenn man einen Asteroiden an der richtigen Stelle f�nde, m�sste man ihn nicht lenken. Du solltest nachpr�fen, wohin Sax k�rzlich seine W�nschelruteng�nger geschickt hat. Sieh nach, wie es dir vorkommt!�</p><p>�Aber das w�rde doch bestimmt von der UNOMA verboten werden.�</p><p>�Seit wann hat das f�r Sax etwas ausgemacht?�</p><p>John lachte. �Oh, jetzt spielt es schon eine Rolle. Sie haben ihm zu viel gegeben, als dass er sie ignorieren k�nnte. Sie haben ihn mit Geld und Macht gebunden.�</p><p>�Vielleicht.�</p><empty-line/><p>In dieser Nacht ereignete sich morgens um halb vier eine kleine Explosion in einer Quelle. Alarmglocken rissen sie aus dem Schlaf. Halb nackt taumelten sie durch die Tunnels zu einem Sprudelausbruch, der in den fliegenden Staub der Nacht emporschoss, eine S�ule aus wei�em Wasser, die vom schwankenden Licht hastig installierter Scheinwerfer in St�cke gerissen wurde. Aus den Staubwolken fiel das Wasser herunter in Form von Eisbrocken und Hagelk�rnern bis zur Gr��e von Bowlingkugeln. Im Windschatten gelegene Quellen wurden von diesen Geschossen getroffen, und die Eisst�cke lagen schon knietief.</p><p>Nach der Diskussion in der vorangegangenen Nacht wurde John durch den Anblick ziemlich alarmiert, und er rannte umher, bis er Mary fand. Durch den L�rm der Eruption und des stets tobenden Sturms br�llte Mary John ins Ohr: �R�ume das Feld! Ich werde hinter der Quelle eine Sprengladung anbringen und versuchen, dem Ding einen Denkzettel zu geben.� Sie lief in ihrem wei�en Nachthemd fort, und John trieb die Zuschauer zusammen und brachte sie durch die Tunnels zum Habitat der Station zur�ck. Mary traf japsend in der Schleuse zu ihnen. Sie fummelte an ihrem Handger�t, und es gab einen dumpfen Knall aus Richtung der Quelle. �Kommt, wir wollen es uns anschauen!� sagte sie. Sie gingen durch die Schleuse und liefen wieder durch die Tunnels zur�ck zu dem Fenster oberhalb der Quelle. Dort lag in einem Haufen wei�er Eiskugeln das Wrack des Bohrers still auf der Seite. Mary rief: �Jawohl! Zugedeckt.�</p><p>Sie applaudierten schwach. Einige gingen hinunter in den Bereich der Quelle, um zu sehen, ob sie etwas tun k�nnten, die Situation zu sichern. �Gute Arbeit!� sagte John zu Mary.</p><p>Mary sagte, immer noch au�er Atem: �Ich habe seit jenem ersten Vorfall viel �ber das Zudecken von Sprudelquellen gelesen. Und wir hatten alles einsatzf�hig vorbereitet. Aber wir hatten nie die Chance, es zu versuchen. Nat�rlich. Darum kann man nie wissen.�</p><p>�Haben eure Schleusen Recorder?� fragte John.</p><p>�Allerdings!�</p><p>�Prima!�</p><p>John ging los, um die Aufzeichnungen durchzusehen. Er st�pselte Pauline in das System der Station ein und stellte Fragen. Die Antworten las er auf seinem Handger�t ab. Niemand hatte seit dem Zeitrutsch dieser Nacht die Schleusen benutzt. Er rief den Wettersatelliten oben ab und schaltete sich in die Radar- und Infrarotsysteme ein, f�r die Sax ihm die Codes gegeben hatte, und �berpr�fte das Gebiet um Bakhuysen. Kein Anzeichen von irgendeiner Maschine in der N�he, au�er einigen alten Windm�hlenheizern. Und die Transponder zeigten, dass seit seiner Ankunft am Vortag niemand in dieser Gegend gewesen war.</p><p>John sa� niedergeschlagen vor Pauline. Er f�hlte sich schlapp und ratlos. Er konnte sich keine anderen �berpr�fungen ausdenken, die er anstellen k�nnte; und nach denen, die er hatte, schien niemand in der Nacht drau�en gewesen zu sein, um den Schaden anzurichten. Die Explosion h�tte schon vor Tagen vorbereitet sein k�nnen, obwohl es schwierig w�re, das Ger�t zu verstecken, da t�glich an den Quellen gearbeitet wurde. Er stand langsam auf, suchte Mary und sprach mit ihrer Hilfe zu den Leuten, die am Tag zuvor als letzte an dieser Quelle zu tun gehabt hatten. Kein Hinweis auf ein Herumpfuschen bis hin um acht Uhr abends. Und danach waren alle Stationsmitglieder auf der John-Boone-Party gewesen und die Schleusen nicht mehr benutzt worden. Also hatte es wirklich keine Chance gegeben.</p><p>Er ging wieder zu Bett und dachte dar�ber nach. �Oh, �brigens, Pauline, pr�f bitte die Akten von Sax und gib mir eine Liste aller W�nschelrutenexpeditionen im letzten Jahr!�</p><empty-line/><p>John traf auf seiner blinden Fahrt nach Hellas Nadia, die den Bau einer neuartigen Kuppel �ber dem Rabe-Krater beaufsichtigte. Es war die gr��te je errichtete Kuppel�� unter Ausnutzung der dichteren Atmosph�re und der leichteren Baustoffe, die eine Situation schufen, wo Schwere durch Druck ausgeglichen werden konnte, so dass die unter �berdruck stehende Kuppel praktisch gewichtslos wurde. Der Rahmen sollte aus verst�rkten Areogel-Tr�gern bestehen, dem j�ngsten Erzeugnis der Alchemisten. Areogel war so leicht und stark, dass Nadia in leichte Verz�ckung geriet, als sie seine Einsatzm�glichkeiten schilderte. Nach ihrer Ansicht waren Kraterkuppeln eine Sache der Vergangenheit. Es w�re ebenso einfach, Areogelpfeiler um die Peripherie einer Stadt zu errichten, die Felsengelasse zu vermeiden und die ganze Bev�lkerung in einem gro�en hellen Zelt unterzubringen.</p><p>Sie erz�hlte John alles dar�ber, w�hrend sie um das Innere von Rabe herumgingen, das bislang nichts als ein gro�er Bauplatz war. Der ganze Kraterrand sollte wabenartig mit R�umen unter Tageslicht ausgeh�hlt werden, und das �berkuppelte Innere w�rde eine Farm enthalten, die drei�igtausend Menschen ern�hren sollte. Roboter f�r Bodenbewegungen in der Gr��e von H�usern brummten aus der Dunkelheit des Staubes heraus und waren schon aus f�nfzig Metern Entfernung nicht mehr zu sehen. Diese Behemothe arbeiten selbst�ndig oder durch Fernlenkung. Das Bedienungspersonal hatte wahrscheinlich zu wenig Sicht auf die Umgebung, als dass Fu�g�ngerverkehr in der N�he ganz sicher w�re. John folgte Nadia nerv�s, als sie umherschlenderte. Er erinnerte sich, wie unruhig die Bergleute von Bradbury Point gewesen waren�� und dort hatten sie immerhin sehen k�nnen, was geschah. Er musste �ber Nadias Arglosigkeit lachen. Wenn der Boden unter den F��en zitterte, blieben sie einfach stehen und schauten sich um, bereit, allen herankommenden haushohen Vehikeln aus dem Weg zu springen. Es war wirklich anstrengend. Nadia schimpfte �ber den Staub, der viele Maschinen unbrauchbar machte. Der gro�e Sturm war jetzt vier Monate alt, der l�ngste seit Jahren, und ein Ende zeichnete sich noch nicht ab. Die Temperaturen waren scharf gesunken, die Menschen a�en Konserven und Trockennahrung und gelegentlich etwas Salat oder Gem�se, die bei k�nstlicher Beleuchtung gewachsen waren. Und Staub war �berall drin. Selbst w�hrend sie dar�ber sprachen, f�hlte John, wie er seine Lippen verklebte, und die Augen waren trocken in ihren H�hlen. Kopfschmerzen waren sehr h�ufig geworden, ebenso Nebenh�hlenentz�ndungen, wunde Kehlen, Bronchitis, Asthma und Lungenbeschwerden allgemein. Dazu allerhand Frostsch�den. Und Computer wurden gef�hrlich unzuverl�ssig, viele Ger�te versagten. Es gab Neurosen und Verz�gerungen bei intelligenter Elektronik. Die Mittage im Innern von Rabe waren wie das Leben in einem Backstein sagte Nadia, und die Sonnenunterg�nge sahen aus wie glimmende Kohlefl�ze. Sie hasste das.</p><p>John wechselte das Thema. �Was h�ltst du von diesem Raumaufzug?�</p><p>�Eine gro�e Sache.�</p><p>�Aber der <emphasis>Effekt,</emphasis> Nadia. Was kommt dabei heraus?�</p><p>�Wer wei�? Bei einem solchen Ding kann das ja niemand sagen.�</p><p>�Er wird einen strategischen Engpass bilden, so wie der, von dem Phyllis sprach, als wir dar�ber diskutierten, wer die Phobos-Station bauen w�rde. Sie wird jetzt ihren eigenen Engpass bekommen. Das ist eine Menge Macht.�</p><p>�So redet Arkady; aber ich verstehe nicht, warum man ihn nicht wie eine gemeinsame Hilfsquelle behandeln kann, wie eine Naturerscheinung.�</p><p>�Du bist eine Optimistin.�</p><p>Sie zuckte die Achseln. �Arkady sagt das auch. Ich versuche nur, sensibel zu sein.�</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Ich wei�. Manchmal denke ich, wir zwei w�ren die letzten.�</p><p>�Und Arkady?�</p><p>Sie lachte.</p><p>�Aber ihr zwei seid doch ein Paar!�</p><p>�Ja, ja. Wie du und Maya.�</p><p><emphasis>�Touche.�</emphasis></p><p>Nadia l�chelte kurz. �Ich bem�he mich, Arkady dazu zu bringen, dass er �ber Dinge nachdenkt. Das ist das beste, was ich tun kann. Wir treffen uns in einem Monat in Acheron, um die Behandlung zu bekommen.</p><p>Maya h�lt es f�r gut, wenn man das gemeinsam macht.�</p><p>�Ich kann es nur empfehlen�, sagte John grinsend.</p><p>�Und die Behandlung?�</p><p>��bertrifft die Alternative, nicht wahr?�</p><p>Sie kicherte. Dann grummelte der Boden unter ihren F��en. Sie reckten sich und drehten den Kopf, um nach Schatten in dem Dunkel Ausschau zu halten. Rechts von ihnen erschien ein gro�es schwarzes Gebilde wie ein wandernder Berg. Sie rannten zur Seite, stolperten und sprangen �ber Klumpen und Schutt. John fragte sich, ob dies eine neue Attacke w�re. Nadia stie� rasche Befehle auf der allgemeinen Frequenz aus und fluchte auf die RC-Piloten, die sie im Infrarot nicht verfolgt h�tten. �Achtet auf eure Schirme, ihr krummen Hunde!�</p><p>Der Boden h�rte auf zu vibrieren. Der schwarze Leviathan bewegte sich nicht mehr. Sie gingen unsicher darauf zu. Ein Abraumtransporter wie aus dem legend�ren Riesenland Brobdingnag, auf Schienen. Hier erbaut von Utopia Planitia Machines. Ein von Robotern erbauter Roboter, so gro� wie ein B�rohaus.</p><p>John starrte an ihm in die H�he und f�hlte, wie ihm der Schwei� die Stirn herunterrann. Sie waren in Sicherheit. Sein Puls beruhigte sich. �Monster wie dieses gibt es �berall auf dem Planeten�, sagte er erstaunt zu Nadia. �Sie schneiden, kratzen, graben, beladen und bauen. H�bsch bald werden sich einige von ihnen an einen jener zwei Kilometer gro�en Asteroiden heften und ein Kraftwerk bauen, das den Asteroiden selbst als Treibstoff benutzen wird, um ihn in einen Marsorbit zu schieben. Dann werden andere Maschinen darauf landen und anfangen, das Gestein in ein Kabel von siebenunddrei�igtausend Kilometern L�nge zu verwandeln. Stell dir die Gr��e davon vor, Nadia! Die Gr��e!�</p><p>�Na ja, ganz sch�n gro�.�</p><p>�Es ist wirklich unvorstellbar. Etwas, das g�nzlich au�erhalb menschlicher F�higkeiten liegt, wie wir sie zu verstehen gelernt haben. Teleoperation in kolossalem Ma�stab. Eine Art spiritueller Waldo. Alles, das man sich ausdenken kann, l�sst sich machen!� Sie gingen langsam um das gigantische schwarze Objekt vor ihnen herum. Nichts weiter als ein Abraumlaster, nichts im Vergleich mit dem, was der Raumlift sein w�rde. Aber selbst schon dieser Lastwagen, dachte er, war ein erstaunliches Ding. �Muskeln und Gehirn sind durch eine robotische Armatur verl�ngert worden, die so gro� und stark ist, dass man es kaum fassen kann. Vielleicht unm�glich. Wahrscheinlich ist es ein Teil deines Talents�� und auch dessen von Sax��, die Muskeln in bisher unerh�rter Weise einzusetzen. Ich meine L�cher, die direkt durch die Lithosph�re gebohrt werden, der Terminator beleuchtet durch gespiegeltes Sonnenlicht, alle die St�dte, die Mesas f�llen und in den Flanken von Klippen stecken�� und jetzt ein Kabel bis weit �ber Phobos und Deimos hinaus, so lang, dass es aus dem Orbit heraus bis nach unten reicht. So etwas kann man sich nicht vorstellen!�</p><p>�Es ist nicht unm�glich�, bemerkte Nadia.</p><p>�Nein. Und jetzt sehen wir nat�rlich Zeugnisse unserer Macht ringsumher. Wir werden davon fast �berrannt, wenn es funktioniert. Und Sehen hei�t Glauben. Selbst ohne Phantasie kannst du sehen, welche Macht wir haben. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb die Dinge jetzt so seltsam laufen. Jedermann spricht �ber Souver�nit�t, K�mpfe und Gebietsanspr�che. Die Leute quatschen wie jene alten G�tter auf dem Olymp, weil wir fast so m�chtig sind wie sie.�</p><p>�Oder noch mehr�, sagte Nadia.</p><empty-line/><p>Er fuhr weiter zu den Hellespontus Montes, der gebogenen Bergkette, die das Hellas-Becken umgibt. Irgendwie geriet eines Nachts, als er schlief, sein Rover von der Transponderstra�e ab. Er erwachte und sah bei L�cken im Staub, dass er sich in einem engen Tal befand mit W�nden aus kleinen Klippen, eingeschnitten, wie sie typisch f�r �berflutungen waren. Es erschien wahrscheinlich, dass er, wenn er auf dem Talboden bliebe, die Stra�e wieder kreuzen w�rde. Also fuhr er querfeldein los. Dann war der Talboden durch flache Quergr�ben unterbrochen wie leere Kan�le; und Pauline musste wiederholt anhalten, wenden und eine andere Abzweigung in ihrem Stra�en findenden Algorithmus suchen, abgeschlagen durch eine Schlucht nach der anderen, wie sie aus der Finsternis auftauchten. Als John ungeduldig wurde und versuchte zu �bernehmen, wurde es nur noch schlimmer. Im Lande der Blinden ist der Autopilot K�nig.</p><p>Aber langsam n�herte er sich der Talm�ndung, wo die Karte anzeigte, dass die Transponderstra�e in ein weiteres Tal unten abstieg. Also machte er in dieser Nacht unbek�mmert halt, sa� vor dem Fernseher und nahm eine Mahlzeit ein. Mangalavid zeigte die Erstauff�hrung einer Aeolia, die von einer Gruppe in Noctis Labyrinthus erbaut war. Die Aeolia erwies sich als ein kleines Geb�ude mit �ffnungen, durch die es pfiff oder t�nte oder quietschte, je nach dem Winkel und der St�rke des Windes, der darauf traf. F�r die Premiere war der t�gliche ins Tal f�hrende Wind von Noctis verst�rkt durch einige wilde Fallb�en des Sturms; und die Musik fluktuierte wie eine Komposition�� klagend, �rgerlich, dissonant oder pl�tzlich harmonisch. Sie schien das Werk eines Geistes zu sein, vielleicht eines fremden Geistes, war aber sicherlich mehr als ein Zufallsprodukt. Die fast aleatorische Aeolia, wie ein Kommentator sagte.</p><p>Danach kamen Nachrichten von der Erde. Die Existenz gerontologischer Behandlungen war durch einen Beamten in Genf durchgesickert und in einem Tage um die Welt gerast. Jetzt lief eine heftige Debatte in der Generalversammlung dar�ber. Viele Delegierte verlangten, dass die Behandlungen zu einem menschlichen Grundrecht erkl�rt werden sollten, durch die UN f�r alle garantiert, finanziert durch die entwickelten Nationen, die sofort einen Pool bilden m�ssten, um zu gew�hrleisten, dass die Bezahlung der Behandlungen gleicherma�en allen zug�nglich w�re. Inzwischen trafen andere Meldungen ein. Einige religi�se F�hrer, unter ihnen der Papst, traten gegen eine derartige Behandlung auf. Es gab weithin Krawalle und einige Schadensf�lle in gewissen medizinischen Zentren. Regierungen waren in Unruhe. Alle Gesichter auf dem Bildschirm zeigten Erregung oder Wut und verlangten �nderungen. Und alles an Ungleichheit, Hass und Elend, das die Gesichter zeigten, lie� John zur�ckzucken. Er konnte das nicht ansehen. Er fiel in einen k�mmerlichen Schlaf.</p><p>Er tr�umte von Frank, als ihn ein Ger�usch weckte. Ein Klopfen an seiner Windschutzscheibe. Es war mitten in der Nacht. Benommen dr�ckte er auf die Schleuse. Er setzte sich auf und wunderte sich �ber eine solche Reflexhandlung. Wann hatte er die wohl gelernt? Er rieb sich das Kinn und schaltete auf die allgemeine Frequenz. �Hallo? Jemand da drau�en?�</p><p>�Die Marsmenschen.�</p><p>Es war eine m�nnliche Stimme. Ihr Englisch hatte einen Akzent, aber John konnte ihn nicht identifizieren.</p><p>�Wir wollen reden�, sagte die Stimme.</p><p>John stand auf und blickte durch die Scheibe. Bei Nacht und in diesem Sturm war wenig zu sehen. Aber er glaubte Gestalten in der Dunkelheit ausmachen zu k�nnen, die um sein Fahrzeug standen.</p><p>�Wir wollen blo� reden�, sagte die Stimme.</p><p>Falls sie ihn h�tten t�ten wollen, h�tten sie blo� die Scheibe des Rovers aufzusprengen brauchen, w�hrend er schlief. Au�erdem konnte er sich kaum vorstellen, dass jemand ihm �bles wollte. Daf�r gab es keinen Grund!</p><p>Also lie� er sie ein.</p><p>Es waren ihrer f�nf, lauter M�nner. Ihre Schutzanz�ge waren abgewetzt, schmutzig und mit Material geflickt, das nicht daf�r vorgesehen war. Ihre Helme trugen keine Identit�tskennzeichen und waren ohne jede Farbe. Als sie die Helme abnahmen, sah er, dass ein Mann Asiate war und jung. Er schien etwa sechzehn Jahre alt zu sein. Dieser trat vor, setzte sich in den Fahrersitz und beugte sich vor, um die Instrumentenanordnung n�her zu betrachten. Ein anderer nahm den Helm ab. Ein kleiner Mann von brauner Hautfarbe mit schmalem Gesicht und langer Zottelfrisur. Er setzte sich auf die gepolsterte Bank gegen�ber von Johns Bett und wartete, bis auch die anderen drei ihren Helm abgenommen hatten. Dabei hockten sie sich auf die Fersen und sahen John scharf an. Er hatte noch nie einen von ihnen gesehen.</p><p>Der Mann mit dem schmalen Gesicht sagte: �Wir wollen, dass ihr die Einwanderungsrate verlangsamt.� Er war es auch, der von drau�en gesprochen hatte. Jetzt klang sein Akzent nach der Karibik. Er sprach leise, fast fl�sternd, und John fand es schwer, ihm das nicht nachzumachen.</p><p>�Oder ganz stoppt�, sagte der Mann im Fahrersitz.</p><p>�Halt den Mund, Kasei!� Der mit dem schmalen Gesicht schaute unentwegt weiter John an. �Es kommen zu viele Leute her. Das wei�t du. Sie sind keine Marsmenschen, und es ist ihnen gleichg�ltig, was hier geschieht. Sie werden uns �berw�ltigen. Ich wei�, du versuchst, sie zu Marsmenschen zu machen; aber sie kommen viel schneller herein, als du das schaffen kannst. Das einzige, was funktionieren wird, ist eine Verlangsamung des Zustroms.�</p><p>�Oder ihn einzustellen.�</p><p>Der Mann verdrehte die Augen und bat mit einer Grimasse John um Verst�ndnis. Der Junge war eben noch jung, sagte sein Blick.</p><p>�Ich habe keinen Einfluss��� fing John an, aber der Mann fiel ihm ins Wort: �Du kannst dich daf�r einsetzen, und du bist auf unserer Seite.�</p><p>�Kommt ihr von Hiroko?�</p><p>Der Junge schnalzte mit der Zunge am Gaumen. Der mit dem schmalen Gesicht sagte nichts. Vier Gesichter starrten John an. Der andere schaute resolut aus dem Fenster.</p><p>John fragte: �Habt ihr die Moholes sabotiert?�</p><p>�Wir wollen, dass ihr die Immigration anhaltet.�</p><p>�Ich will, dass ihr mit der Sabotage Schluss macht. Die bringt nur mehr Leute hierher. Polizei.�</p><p>Der Mann sah ihn scharf an. �Wie kommst du auf den Gedanken, dass wir die Saboteure kontaktieren k�nnen?�</p><p>�Findet Sie! Macht euch an sie heran. Bei Nacht.�</p><p>Der Mann l�chelte. �Aus den Augen, aus dem Sinn.�</p><p>�Nicht unbedingt.�</p><p>Sie mussten bei Hiroko sein. Ockhams Skalpell. <emphasis>Eniia non sunt multiplicanda praeter necessitatem.</emphasis> Es konnte nicht mehr als <emphasis>eine</emphasis> verborgene Gruppe geben. Oder vielleicht doch? John f�hlte sich schwindelig und �berlegte, ob sie etwa die Luft manipulierten. Aerosoldrogen freisetzten. Er f�hlte sich entschieden seltsam. Alles war surreal traumhaft. Der Wind sch�ttelte den Rover und schickte einen Sto� aeolischer Musik vorbei, einen unheimlich lang gezogenen Ton. Seine Gedanken waren langsam und dr�ckend, und er h�tte fast geg�hnt. Das ist es, dachte er. Ich versuche immer noch, aus einem Traum zu erwachen.</p><p>�Warum versteckt ihr euch?� h�rte er sich sagen.</p><p>�Wir erbauen den Mars. Genau wie du. Wir sind auf deiner Seite.�</p><p>�Also solltet ihr auch helfen.� Er versuchte nachzudenken. �Was ist mit dem Raumlift?�</p><p>�Darum k�mmern wir uns nicht.� Der Junge kicherte. �Darauf kommt es nicht an. Auf Menschen kommt es an.�</p><p>�Der Aufzug wird noch viel mehr Leute herbeischaffen.�</p><p>Der Mann dachte dar�ber nach �Verlangsamt die Einwanderung, dann kann er �berhaupt nicht gebaut werden.�</p><p>Wieder langes Schweigen, unterstrichen durch den unheimlichen Kommentar des Windes. Kann nicht einmal gebaut werden? Dachten sie, dass Menschen ihn bauen w�rden? Oder vielleicht meinten sie das Geld.</p><p>John sagte: �Ich werde mich darum k�mmern.� Der Junge wandte sich um und starrte ihn an. John hob die Hand, um ihm zuvorzukommen. �Ich werde tun, was ich kann.� Seine Hand stand vor ihm, ein gro�es rosiges Ding. �Das ist alles, was ich sagen kann. Falls ich Ergebnisse verspr�che, w�re das gelogen. Ich wei�, was ihr wollt. Ich werde tun, was ich kann.� Er dachte m�hsam weiter nach. �Ihr solltet euch drau�en im Freien aufhalten. Wir brauchen mehr Hilfe.�</p><p>�Jeder auf seine Weise�, sagte der Mann ruhig. �Wir werden jetzt gehen. Wir werden weiter verfolgen, was du tust.�</p><p>�Sagt Hiroko, dass ich mit ihr sprechen will!�</p><p>Die f�nf M�nner sahen ihn an, der Junge scharf und �rgerlich. Der mit dem schmalen Gesicht l�chelte kurz. �Wenn ich sie sehe, werde ich es ihr sagen.�</p><p>Einer der hockenden M�nner hielt eine durchscheinende blaue Masse hin�� ein Aerogelschwamm, kaum sichtbar unter der Nachtbeleuchtung. Die Hand, die ihn hielt, bildete eine Faust. Ja, eine Droge. Er stie� zu und erwischte den Jungen �berraschend, umklammerte seinen nackten Hals und fiel dann gel�hmt um.</p><p>Als er wieder zu sich kam, waren sie fort. Er hatte Kopfschmerzen und fiel zu einem unerquicklichen Schlaf aufs Bett. Der Traum von Frank kehrte erstaunlicherweise zur�ck, und John erz�hlte ihm von dem Besuch. Frank sagte: �Du bist ein Narr. Du verstehst nicht.�</p><p>Als er wieder aufwachte, war es Morgen. Vor der Windschutzscheibe wirbelte es rotbraun dahin. Die Winde schienen im letzten Monat schw�cher geworden zu sein, aber man konnte nicht recht sicher sein. In den Staubwolken erschienen f�r kurze Zeit Gestalten und fielen dann wieder ins Chaos zur�ck, in kleine unsinnige Halluzinationen. Er war wirklich die Sinne raubend, dieser Sturm, und er erzeugte Klaustrophobie. John nahm etwas Omeg zu sich, zog sich an und ging umher. Er versuchte die Spuren seiner Besucher zu verfolgen. Die f�hrten �ber Urgestein und verschwanden. Eine schwierige Begegnung, sollte er meinen. Ein in der Nacht verirrter Rover�� wie hatten sie ihn gefunden?</p><p>Aber wenn sie ihm auf der Spur geblieben waren��</p><p>Wieder im Innern rief er die Satelliten an. Radar und Infrarot fanden nichts au�er seinem Rover. Sogar Schutzanz�ge w�ren im IR aufgetaucht. Also hatten sie vermutlich in der N�he eine Unterkunft. Es war leicht, sich in Bergen wie diesen zu verstecken. Er rief seine Hiroko-Karte auf und zog einen rohen Kreis um seinen Standort mit Erweiterungen nach Norden und S�den ins Gebirge. Er hatte inzwischen etliche Kreise auf der Hiroko-Karte; aber keiner von ihnen war von Bodenmannschaften gr�ndlich durchsucht worden. Wahrscheinlich w�rden sie das auch nicht werden, da sie meist in chaotischem Gel�nde lagen, in unwirtlichem Land von der Gr��e von Wyoming oder Texas. �Es ist eine gro�e Welt�, murmelte er.</p><p>Er ging im Innern des Wagens umher und schaute auf den Fu�boden. Dann fiel ihm ein, was er zuletzt getan hatte. Er blickte unter seine Fingern�gel. Jawohl, dort klebte ein kleiner Hautfetzen. Er holte eine Laborschale aus dem Autoklaven und schabte vorsichtig das, was da war, hinein. Identifikation von Genomen lag g�nzlich au�erhalb der M�glichkeiten des Rovers, aber jedes gro�e Laboratorium sollte imstande sein, den Jungen zu identifizieren, falls sein Genom aufgezeichnet w�re. Falls nicht, w�re auch das eine n�tzliche Information. Und vielleicht k�nnten Ursula und Vlad seine Eltern ermitteln.</p><empty-line/><p>An diesem Nachmittag fand er die Transponderstrecke wieder und gelangte am n�chsten Tag sp�t ins Hellas-Becken. Dort traf er Sax, der an einer Konferenz �ber den neuen See teilnahm, obwohl es eher schien, dass es zu einer Konferenz �ber Ackerbau unter k�nstlicher Beleuchtung wurde. Am n�chsten Morgen nahm John Sax zu einem Spaziergang in den klaren Tunneln zwischen den Geb�uden mit, und sie schritten in einem wechselnden gelben D�mmerlicht dahin. Die Sonne war ein safranfarbener Schimmer in den Wolken im Osten. John sagte: �Ich glaube, ich bin dem Cojoten begegnet.�</p><p>�Wirklich? Hat er dir gesagt, wo Hiroko ist?�</p><p>�Nein.�</p><p>Sax zuckte die Achseln. Er schien durch die Rede abgelenkt zu sein, die er am Abend halten musste. Also beschloss John zu warten und h�rte sich am Abend zusammen mit den Bewohnern der See-Station die Rede an. Sax versicherte der Menge, dass Mikrobakterien in Atmosph�re, Oberfl�che und Permafrost in einem Tempo w�chsen, das ein wesentlicher Bruchteil ihres theoretischen Maximums w�re�� etwa zwei Prozent, um genau zu sein�� und dass man binnen weniger Jahrzehnte die Probleme von Kultivierung im Freien w�rde erw�gen m�ssen. Einen Applaus gab es bei dieser Ank�ndigung nicht, weil alle durch die schrecklichen Probleme absorbiert waren, die der Gro�e Sturm heraufgef�hrt hatte, dessen Ausbruch sie auf eine Fehlkalkulation von Sax zur�ckzuf�hren schienen. Die Sonnenbestrahlung der Oberfl�che war immer noch zu 25 Prozent normal, wie einer von ihnen angriffslustig ausf�hrte, und der Sturm lie� kein Ende erkennen. Die Temperaturen waren gefallen, und die Gem�ter erhitzten sich. Keine neu Angekommenen hatten jemals mehr als ein paar Meter um sich gesehen, und psychologische Probleme von Langeweile bis Katatonie waren pandemisch.</p><p>Sax tat das alles mit einem milden Achselzucken ab. Er sagte: �Es ist der letzte globale Sturm. Er wird in die Geschichte eingehen als eine Art heroisches Zeitalter. Genie�t ihn, solange er w�hrt!�</p><p>Das fand nur schwachen Anklang. Aber Sax schien es nicht zu bemerken.</p><p>Ein paar Tage sp�ter fuhren Ann und Simon in die Siedlung mit ihrem Sohn Peter, der inzwischen drei Jahre alt war. Er war, soweit man sagen konnte, das dreiunddrei�igste auf dem Mars geborene Kind. Die nach den Ersten Hundert eingerichteten Kolonien hatten sich als sehr fruchtbar erwiesen. John spielte mit dem Jungen im Flur, w�hrend er, Ann und Simon Neuigkeiten austauschten und sich einige der Tausendundein Geschichten �ber den Gro�en Sturm erz�hlten. John hatte den Eindruck, dass Ann den Sturm genoss und den gewaltigen Sto�, den er dem Prozess des Terraformens versetzte, als eine Art planetarer allergischer Reaktion interpretierte. Die Temperaturen sanken unter den Grundwert, die r�cksichtslosen Experimentierer k�mpften mit ihren schwachen blockierten Maschinen�� Aber sie war nicht erfreut, sondern sogar wie �blich gereizt. �Eine W�nschelrutengruppe hat einen Vulkanschlot in Daedalia angebohrt und dabei eine Probe mit einzelligen Mikroorganismen erhalten, die sich wesentlich von den Cyanobakterien unterscheiden, die ihr im Norden freigesetzt habt. Und der Schlot war fast v�llig in Urgestein eingeschlossen und sehr weit von allen biotischen Freilassungsstellen entfernt. Sie schickten Proben von dem Zeug zur Analyse nach Acheron, und Vlad hat sie untersucht. Er erkl�rte, dass es nach einem mutierten Stamm auss�he von denen, die sie freigesetzt h�tten, vielleicht durch kontaminiertes Bohrger�t dem Probegestein injiziert.� Ann stie� John auf die Brust. ��Wahrscheinlich terrestrisch�� hat Vlad gesagt. <emphasis>Wahrscheinlich</emphasis> terrestrisch!</p><p>�Warscheinlich teilisch� ,sagte der kleine Junge. Er traf Anns Tonfall perfekt.</p><p>�Nun, wahrscheinlich ist er das�, sagte John.</p><p>�Aber wir werden das nie erfahren! Sie werden noch jahrhundertelang dar�ber debattieren, es wird eine Zeitschrift eigens f�r dies Thema geben, aber wir werden <emphasis>niemals wirklich wissen.�</emphasis></p><p>�Wenn es zu schwierig zu sagen ist, ist es wahrscheinlich terrestrisch�, sagte John und grinste den Jungen an. �Alles, was sich getrennt vom irdischen Leben entwickelt hat, w�rde sich sofort verraten.�</p><p>�Wahrscheinlich�, sagte Ann. �Es sei denn, es g�be eine gemeinsame Quelle, zum Beispiel die Theorie der Sporen im Weltraum oder planetare Ausw�rfe von in Gestein eingebetteten Mikroorganismen.�</p><p>�Das ist aber nicht allzu wahrscheinlich.�</p><p>�Wir wissen es nicht. Wir werden es jetzt nie erfahren.�</p><p>John hatte M�he, ihre Besorgnis zu teilen. �Sie k�nnten von den Viking-Landesonden gekommen sein. Man hat sich nie allzu sehr bem�ht, unsere Forschungen hier steril zu machen. So ist es nun einmal. Inzwischen haben wir dringendere Probleme.� So wie ein globaler Staubsturm, der l�nger dauert, als man je verzeichnet hat; oder ein Zustrom von Immigranten, deren Interesse am Mars so minimal war wie ihre Behausung; oder eine bevorstehende Revision des Vertrags, der niemand zustimmen kann; oder ein Terraformungsunternehmen, das vielen verha�t ist. Oder ein Heimatplanet, der kritisch wird. Oder ein (oder zwei) Versuche, einem gewissen John Boone Schaden zuzuf�gen.</p><p>�Ja, ja�, sagte Ann. �Ich wei�. Aber das ist alles Politik. Davon werden wir nie loskommen. Dies hier war Wissenschaft, eine Frage, die ich beantwortet haben will. Und jetzt kann ich das nicht. Niemand kann es.�</p><p>John zuckte die Achseln. �Diese Frage werden wir nie beantworten k�nnen, Ann. Das war eine jener Fragen, auf die das Schicksal nie eine Antwort geben wird. Wusstest du das nicht?�</p><p><emphasis>�Warscheinlich teilisch.�</emphasis></p><empty-line/><p>Ein paar Tage danach landete eine Rakete auf dem kleinen Raumhafen der Seestation, und eine kleine Gruppe Terraner tauchte aus dem Staub auf. Sie h�pften noch herum beim Gehen. Untersuchungsagenten, wie sie sagten, auf Gehei� der UNOMA hier, um nach Sabotage und verwandten Vorf�llen zu schauen. Es waren im ganzen zehn Personen, acht adrette junge M�nner wie aus dem Fernsehen und zwei attraktive junge Frauen. Die meisten waren vom amerikanischen FBI abgeordnet worden. Ihr Anf�hrer, ein gro�er braunhaariger Mann namens Sam Houston, ersuchte um ein Interview mit Boone, dem dieser h�flich zustimmte.</p><p>Als sie sich am n�chsten Morgen trafen�� es waren sechs Agenten da, einschlie�lich der beiden Frauen��, beantwortete John jede Frage ohne Z�gern, obwohl er ihnen instinktiv nur das erz�hlte, was sie seiner Meinung nach schon wussten, dazu ein bisschen mehr, um aufrichtig und hilfsbereit zu erscheinen. Die Leute waren h�flich und r�cksichtsvoll, gr�ndlich in ihren Fragen und extrem zur�ckhaltend, wenn er sie seinerseits etwas fragte. Sie schienen �ber viele Details der Lage auf dem Mars in Unwissenheit zu sein und fragten ihn nach Dingen, die w�hrend der ersten Jahre in Underhill geschehen waren oder w�hrend der Zeit von Hirokos Verschwinden. Offenbar kannten sie die Ereignisse jener Zeit und die Grundtatsachen der mannigfachen Beziehungen unter den Medienstars der Ersten Hundert. Sie stellten ihm eine Menge Fragen �ber Maya, Phyllis, Arkady, Nadia, die Acherongruppe, Sax�� Diese alle waren diesen jungen Terranern wohlbekannt, st�ndige Festpunkte auf ihren Fernsehern. Aber es schien, dass sie wenig �ber das hinaus wussten, was auf Band aufgenommen und zur Erde gesendet worden war. John lie� seine Gedanken schweifen und fragte sich, ob das f�r alle Terraner zutr�fe. Und was f�r Informationsquellen hatten sie wohl noch?</p><p>Am Ende des Interviews fragte ihn einer namens Chang, ob er noch etwas anderes sagen wolle. John, der neben vielen anderen Dingen einen Bericht �ber den mittern�chtlichen Besuch des Cojoten ausgelassen hatte, sagte: �Ich w�sste nicht, was.�</p><p>Chang nickte, und dann sagte Sam Houston: �Wir w�rden es sch�tzen, wenn Sie uns Zugang zu Ihrem PC �ber diese Dinge gestatten w�rden.�</p><p>�Tut mir leid�, sagte John und machte ein um Entschuldigung bittendes Gesicht. �Ich gestatte keinen Zugang zu meinem PC.�</p><p>�Haben Sie eine Zerst�rungssperre dran?� sagte Houston, sichtlich �berrascht.</p><p>�Nein. Ich tue es einfach nicht. Das sind meine privaten Aufzeichnungen.� John sah dem Mann fest ins Auge und beobachtete, wie er sich unter dem Blick seiner Gef�hrten wand.</p><p>�Wir�� hm�� wir k�nnen eine Vollmacht von UNOMA bekommen, wenn Sie das w�nschen.�</p><p>�Ich zweifle wirklich daran, dass Sie das k�nnen. Aber selbst dann werde ich Sie nicht hineinlassen.�</p><p>John l�chelte den Mann an und musste fast lachen. Es war wieder einmal n�tzlich, der Erste Mann auf dem Mars zu sein. Sie konnten ihm weiter nichts antun, ohne viel mehr Unruhe zu stiften, als es wert war. Er stand auf und betrachtete die kleine Schar mit so viel l�ssiger Arroganz, wie er aufbringen konnte. Und das war ziemlich viel. �Lassen Sie es mich wissen, wenn ich sonst noch etwas f�r Sie tun kann.�</p><p>Er verlie� den Raum. �Pauline, schalte dich in das Kommunikationszentrum ein und kopiere von dem, was gesendet wird, alles, was du kriegen kannst!� Dann rief er Helmut an. Er war sich dar�ber im klaren, dass auch seine eigenen Rufe erfasst werden konnten, und hielt seine Fragen kurz, als ob er blo� Empfehlungsschreiben nachpr�fen w�rde. Jawohl, die UNOMA hatte ein Team ausgeschickt. Es war Teil einer Eingreiftruppe, die in den letzten sechs Monaten zusammengestellt worden war, um Schwierigkeiten zu beheben.</p><p>Also auf dem Mars sowohl Polizei wie auch Detektive. Nun, das war zu erwarten gewesen. Aber es war trotzdem l�stig. Er konnte nicht viel tun, wenn die herumhingen und ihn beobachteten, misstrauisch, weil er ihnen keinen Zugang zu Pauline gew�hrt hatte. Und in Hellas gab es ohnehin nicht viel zu tun. Es hatte hier keine F�lle von Sabotage gegeben und erschien unwahrscheinlich, dass jetzt welche vorkommen w�rden. Maya war teilnahmslos. Sie wollte nicht mit seinen Problemen behelligt werden und hatte genug eigene Probleme mit den technischen Aspekten des Wasserlagerprojekts. Sie sagte �rgerlich: �Diese Dinge passieren dir, ein Lastwagen in Thaumasia, eine Quelle in Bakhuysen; und jetzt willst du sie nicht an deine Aufzeichnungen heranlassen. Warum tust du das nicht einfach?�</p><p>�Weil ich sie nicht leiden kann�, sagte John und sah sie an. Es war mit Maya wieder normal. Nun, nicht ganz. Sie erledigten ihre Routine in gehobener Stimmung, als ob sie eine gute Rolle im Theater spielen w�rden. Sie wussten, dass sie Zeit hatten f�r alles. Sie wussten jetzt, was real war und was ihrer Beziehung zugrunde lag. In diesem Sinne war es also viel besser. Oberfl�chlich erschien es allerdings wie dasselbe alte Melodram. Maya weigerte sich zu verstehen, und John gab schlie�lich auf. Er dachte einige Tage dar�ber nach. Er ging zu den Labors der Station und lie� die Hautproben, die er unter seinen Fingern�geln genommen hatte, kultivieren, klonen und lesen. In den Akten des Planeten gab es keine einzige Person mit diesem Genom. Also schickte er die Information nach Acheron mit der Bitte um Analyse und jede m�gliche Information. Ursula schickte ihre Resultate codiert zur�ck mit einem einzigen Wort am Schluss: <emphasis>Gratuliere.</emphasis></p><p>Er las die Nachricht noch einmal und fluchte laut. Er ging spazieren, abwechselnd lachend und schimpfend. �Verdammt sollst du sein, Hiroko! Geh zum Teufel! Komm aus deinem Loch heraus und hilf uns! Ah, ha ha ha! Du Biest! Mir ist von diesem Persephone-Mist ganz �bel.�</p><p>Selbst die Gehr�hren bedr�ckten ihn in diesem Moment. Er ging zur�ck zur Garage, zog sich an und ging zu einem Spaziergang im Freien aus der Schleuse, dem ersten seit vielen Tagen. Er befand sich drau�en am Ende des n�rdlichen Zweiges der Stadt auf glattem W�stenboden. Er wanderte umher und blieb in der fluktuierenden S�ule staubfreier Luft stehen, die jede Stadt erzeugte, und dachte �ber die Lage nach, w�hrend er die Stadt �berblickte. Hellas wurde viel weniger eindrucksvoll als Burroughs oder Acheron oder Echus oder sogar Senzeni Na. Am tiefsten Punkt des Beckens gelegen, besa� es keine H�hen, auf denen man bauen konnte, und keine Aussicht. Obwohl der peitschende Staub die Beurteilung gerade erschwerte. Die Stadt war in Form einer Sichel erbaut worden, die schlie�lich die K�stenlinie des neuen Sees bilden sollte. Das k�nnte h�bsch aussehen, wenn es so weit war�� eine Strandpromenade. Aber vorerst war es so uninteressant wie Underhill. Mit allen neuesten Errungenschaften an Kraftwerk und Dienstleistungsapparat, Einsaugventilen, Kabeln, Tunneln wie gigantische abgestreifte Schlangenh�ute. Es war das Aussehen einer alten Forschungsstation ohne jede �sthetik. Nun, das war fein. Sie konnten nicht jede Station auf einen Berggipfel setzen.</p><p>Ihm begegneten zwei Personen, deren Gesichtsscheiben polarisiert waren. Er fand das seltsam, da es in dem Sturm so tr�be war. Dann sprangen sie ihn an und stie�en ihn um. Er schob den Sand mit einem wilden John-Carter-Sprung weg und streckte die F�uste aus, aber zu seiner �berraschung rannten sie weg in die Wolken aus vorbeirasendem Staub. Er torkelte und starrte ihnen nach. Sie verschwanden hinter den Staubschleiern. Sein Puls raste. Dann f�hlte er seine Schultern brennen. Er griff nach oben und hinten. Sie hatten seinen Schutzanzug aufgerissen. Er presste die Hand auf den Riss und fing an rasch zu laufen. Er konnte seine Schultern �berhaupt nicht mehr f�hlen. Es war unbequem zu laufen mit dem Arm oben auf dem R�cken. Sein Luftvorrat schien zu stimmen. Nein, ein Riss im Rohr am Halse. Er nahm seine Hand so lange von der Schulter, dass er maximalen Fluss auf seinem Handger�t eintippen konnte. Die K�lte str�mte ihm den R�cken hinunter wie gespenstisches Eiswasser. Hundert Grad unter Null. Er hielt den Atem an und konnte Staub auf den Lippen f�hlen, der ihm den Mund verklebte. Unm�glich zu sagen, wie viel Kohlendioxid in seine Sauerstoffzufuhr geriet; aber viel war nicht n�tig, um einen zu t�ten.</p><p>Die Garage tauchte aus der Finsternis auf. Er war gerade darauf zugerannt und f�hlte sich sehr mit sich zufrieden, bis er an die Schleusent�r kam, den Knopf f�r �ffnen dr�ckte und nichts geschah. Es war leicht, die Au�ent�r einer Schleuse zu sperren, indem man blo� die innere offen lie�. Seine Lunge brannte, er musste Luft holen. Er rannte um die Garage herum zu der Gehr�hre, die sie mit dem eigentlichen Habitat verband, erreichte diese und starrte durch die Plastikschichten hinein. Niemand in Sicht. Er nahm die Hand von dem Riss auf seiner Schulter weg, �ffnete, so schnell er konnte, den Kasten auf seinem linken Unterarm und holte den kleinen Bohrer heraus. Er stellte ihn an und stie� ihn in die Plastik, die nachgab, ohne zu brechen, und sich um die Spitze des Bohrers wickelte, bis dieser fast seinen Ellbogen zerbrach. Er stocherte wild damit herum und schaffte es schlie�lich, dass die Plastik riss. Dann schlitzte er sie nach unten hin auf und erweiterte das Loch, bis er seinen Helm hindurchquetschen konnte. Als er bis zur H�fte drin war, hielt er still und benutzte seinen K�rper als groben Pflock f�r das Loch. Er klammerte den Helm los, riss ihn sich vom Kopf und japste nach Luft wie nach einem langen Tauchgang�� <emphasis>aus</emphasis> ein, <emphasis>aus</emphasis> ein. Er musste das CO2 aus dem Blut entfernen. Schultern und Hals waren taub. Unten an der Garage l�utete eine Alarmglocke.</p><p>Nach zwanzig Sekunden intensiven Nachdenkens zw�ngte er die Beine durch das Loch und rannte durch die schnell Druck verlierende R�hre zum Habitat, weg von der Garage. Gl�cklicherweise �ffnete sich die T�r dort auf Befehl. Einmal im Innern, sprang er in einen Aufzug und fuhr bis zum dritten unterirdischen Stockwerk, wo er in einer G�stesuite wohnte. Er lie� die Liftt�r offen und schaute hinaus. Niemand zu sehen. Er eilte in sein Zimmer. Drinnen zog er den Schutzanzug aus und stopfte ihn und den Helm in seinen Schrank. Im Bad zuckte er zusammen beim Anblick von Schulter und oberem R�cken, die wei� geworden waren. Ein wirklich schlimmer Fall von Erfrierung. Er nahm schmerzsstillende Mittel ein und eine dreifache Dosis Omegendorph, zog ein Hemd mit Kragen an, Hosen und Schuhe. Er k�mmte das Haar und brachte sich in Ordnung. Das Gesicht im Spiegel zeigte glasige Augen und wirkte fast bet�ubt. Er zwang sich zu st�rksten Grimassen, schlug sich ins Gesicht, bem�hte sich um eine normale Miene und begann tief zu atmen. Die Drogen fingen an zu wirken, und sein Spiegelbild sah etwas besser aus.</p><p>Er ging hinaus in die Halle und zu der gro�en Promenade an der Grabenwand, die weitere drei Stockwerke in die Tiefe f�hrte. W�hrend er am Gel�nder entlangschritt, schaute er auf die Leute unten und empfand eine eigenartige Mischung von gehobener Stimmung und Wut. Dann kamen Sam Houston und eine seiner Kolleginnen auf ihn zu.</p><p>�Entschuldigen Sie, Mr. Boone, aber w�rden Sie bitte mit uns kommen?�</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Es hat wieder einen Zwischenfall gegeben. Jemand hat eine Gehr�hre aufgeschnitten.�</p><p>�Eine Gehr�hre aufgeschnitten? Das nennen sie einen <emphasis>Zwischenfall?</emphasis> Wir haben Satelliten, die aus der Bahn fliegen und Lastwagen, die in Bohrl�cher st�rzen, und Sie nennen so einen Streich einen Zwischenfall?�</p><p>Houston starrte ihn an, und Boone h�tte ihn fast ausgelacht. �Wie denken Sie, dass ich helfen kann?� fragte er.</p><p>�Wir wissen, dass Sie f�r Dr. Russell daran arbeiten. Wir dachten, dass sie gern informiert sein w�rden.�</p><p>�Oh, ich verstehe. Na sch�n, gehen wir also, es uns anzuschauen.�</p><p>Und dann hie� es, fast zwei Stunden lang Schritt zu halten, wobei ihm die Schultern die ganze Zeit wie Feuer brannten. Houston und Chang und die anderen Untersuchungsbeamten sprachen mit ihm, als ob sie ihm vertrauten und an seinen Bemerkungen interessiert w�ren. Aber ihre Blicke waren k�hl absch�tzend. John erwiderte sie mit einem leichten L�cheln.</p><p>�Warum gerade jetzt, m�chte ich wissen�, sagte Houston.</p><p>John antwortete: �Vielleicht gefallt es jemandem nicht, dass Sie hier sind.� -Erst als die ganze Scharade zu Ende war, hatte er Zeit, dar�ber nachzudenken, weshalb er verhindern wollte, dass sie die Attacke aufkl�ren w�rden. Ohne Zweifel h�tte das noch mehr Detektive herbeigezogen, und das w�re schlimm. Und sicher w�re es die Spitzenmeldung auf Mars und Erde geworden, was ihn wieder in ein riesiges Goldfischglas geworfen h�tte. Und er hatte das Goldfischglas satt.</p><p>Aber es war noch mehr daran, das er nicht genau festlegen konnte. Der Detektiv des Unterbewusstseins. Er knurrte missmutig. Um sich von dem Schmerz abzulenken, marschierte er von einem Speisesaal in den anderen in der Hoffnung, eine Miene schlecht verhohlener �berraschung zu finden, wenn er in den Raum kam. Zur�ck von den Toten! Wer von euch hat mich ermordet? Und ein- oder zweimal sah er jemanden vor seinem fl�chtigen Blick zur�ckzucken. Aber es war so, wie er m�rrisch meinte, dass viele Leute vor seinem Blick zur�ckzuckten. Als ob sie den Blick eines Monstrums oder Verdammten vermeiden wollten. Er hatte seinen Ruhm noch nie so empfunden, und das machte ihn w�tend.</p><p>Die schmerzstillenden Mittel lie�en nach, und er kehrte zeitig in seine Suite zur�ck. Die T�r war offen. Als er hineinst�rmte, fand er drinnen zwei UNOMA-Detektive. �Was tun Sie hier?� rief er �rgerlich.</p><p>�Wir warteten blo� auf Sie�, sagte der eine �lig. Sie sahen einander an. �Wir wollten nicht, dass jemand versuchen w�rde, etwas anzustellen.�</p><p>�Wie Einbrechen und Eintreten?� fragte Boone. Er stand im T�rrahmen und lehnte sich dagegen.</p><p>�Das geh�rt zu unserem Job, Sir. Tut uns leid, Sie in Erregung versetzt zu haben.�</p><p>�Wer hat sie hierzu erm�chtigt?� fragte Boone und kreuzte die Arme �ber der Brust.</p><p>Sie sahen sich wieder an. �Nun, Mr. Houston ist unser vorgesetzter Offizier���</p><p>�Rufen Sie ihn und schaffen Sie ihn her!�</p><p>Einer fl�sterte in sein Armbandger�t. In verd�chtig kurzer Zeit erschien Sam Houston im Gang; und als er vor Eile rot wurde, musste John lachen. �Was haben Sie gemacht, da um die Ecke versteckt?�</p><p>Houston trat dicht an ihn heran, beugte sich vor und sagte mit leiser Stimme: �Sehen Sie, Mr. Boone, wir sind hier mitten in einer �beraus wichtigen Untersuchung, und Sie behindern diese. Obwohl Sie das zu glauben scheinen, Sie stehen nicht �ber dem Gesetz���</p><p>Boone ruckte so rasch nach vorn, dass Houston nicht vermeiden konnte, dass ihre Nasen zusammenstie�en. �Sie sind nicht das Gesetz�, sagte er. Er streckte die Arme, stie� Houston vor die Brust und trieb ihn weiter den Gang hinunter. Jetzt verlor Houston die Beherrschung, und John lachte ihn aus. �Was werden Sie mit mir machen, Officer? Mich verhaften? Bedrohen? Mir etwas Gutes erweisen, das ich in meinem n�chsten Bericht f�r Eurovid erw�hne? W�nschen Sie sich das? M�chten Sie, dass ich der Welt zeige, wie John Boone von einem Lamettahengst von Beamten behelligt wurde, der zum Mars gekommen ist in der Meinung, er w�re ein Sheriff im Wilden Westen?� Er dachte daran, dass jemand, der von sich in der dritten Person sprach, sich selbst zum Narren machte. Er lachte und sagte: �John Boone hat so etwas nicht gern. Ganz und gar nicht!�</p><p>Die anderen zwei hatten die Gelegenheit ergriffen, sich aus dem Zimmer zu schleichen, und sahen nun gespannt zu Houstons Gesicht hatte die Farbe von Ascraeus Mons angenommen, und seine Z�hne waren entbl��t. Er kr�chzte: �Niemand steht �ber dem Gesetz. Hier ereignen sich kriminelle Delikte, sehr gef�hrliche, und nicht wenige davon geschehen, wenn Sie in der N�he sind.�</p><p>�Wie zum Beispiel Einbrechen und Eintreten.�</p><p>�Wenn wir entscheiden, dass wir Ihre R�ume durchsuchen m�ssen oder Ihre Aufzeichnungen, um unsere Untersuchungen durchzuf�hren, werden wir das tun. Wir haben die Autorit�t dazu.�</p><p>�Ich sage, Sie haben sie nicht�, sagte John arrogant und schnippte mit den Fingern dem Mann ins Gesicht.</p><p>�Wir werden Ihre Zimmer durchsuchen�, sagte Houston und betonte jedes Wort sorgf�ltig.</p><p>�Haut ab!� sagte John ver�chtlich, sprang auf die anderen zwei los und scheuchte sie zur�ck. Er lachte mit w�tend gesch�rzten Lippen. �So ist es recht. Haut ab! Raus hier! Ihr seid hier zu nichts befugt! Haut ab und lest die Vorschriften �ber Durchsuchen und Festnahme!�</p><p>Er ging in sein Zimmer und schloss die T�r hinter sich zu.</p><p>Er machte eine Pause. Es klang so, als w�rden sie gehen; aber er musste so oder so tun, als ob es ihn nicht k�mmern w�rde. Er lachte, ging ins Bad und nahm noch einige Schmerzstiller ein.</p><p>Sie waren noch nicht bis zum Schrank vorgedrungen. Das war ein Gl�ck. Es w�re schwierig gewesen, den zerrissenen Anzug zu erkl�ren, ohne die Wahrheit zu sagen, und das w�re peinlich gewesen. Seltsam, wie verzwickt es wurde, wenn man die Tatsache verheimlichte, dass jemand versucht hatte, einen umzubringen. Das lie� ihn innehalten. Der Versuch war schlie�lich doch sehr ungeschickt gewesen. Es m�sste hundert wirksamere Wege geben, um jemanden auf dem Mars im Freien in einem Schutzanzug zu t�ten. Wenn sie also blo� versuchten, ihn zu �rgern oder vielleicht hofften, dass er versuchen w�rde, den Angriff zu verheimlichen, so dass sie ihn der L�ge �berf�hren k�nnten und dann etwas gegen ihn in der Hand h�tten��</p><p>Er sch�ttelte verwirrt den Kopf. Ockhams Skalpell. Das wichtigste Instrument des Detektivs. Wenn einen jemand angreift, will er einem B�ses. Das war die fundmentale Tatsache. Es war wichtig herauszufinden, wer die Angreifer waren. Und so weiter. Die schmerzstillenden Mittel waren stark, und das Omegendorph lass nach. Das Denken fiel schwerer. Es w�rde ein Problem sein, den Schutzanzug loszuwerden. Besonders der Helm war ein gro�es sperriges Ding. Aber jetzt steckte er in der Sache drin, und es gab keinen eleganten Ausweg. Er lachte. Er wusste, dass ihm schon etwas einfallen w�rde.</p></section><section><empty-line/><p>Er wollte mit Arkady sprechen. Ein Anruf erkl�rte aber, dass Arkady die gerontologische Behandlung mit Nadia in Acheron beendet hatte und sich nach oben zu Phobos begeben hatte. John hatte den schnellen kleinen Mond noch nie besucht. �Warum kommst du nicht herauf und siehst ihn dir an?� fragte Arkady am Telefon. �Besser, sich pers�nlich zu unterhalten, nicht wahr?�</p><p>�Okay.�</p><p>Er war seit der Landung der <emphasis>Ares</emphasis> vor f�nfundzwanzig Jahren nicht mehr im Weltraum gewesen, und die gewohnten Eindr�cke von Beschleunigung und Gewichtslosigkeit riefen einen unerwarteten Anfall von �belkeit hervor. Er erz�hlte Arkady davon, als sie bei Phobos andockten, und Arkady sagte: �Mir ist es immer so ergangen, bis ich anfing, kurz vor dem Start Wodka zu trinken.� Er hatte daf�r eine lange physiologische Erkl�rung, aber die Details machten John nerv�s, und er bat ihn aufzuh�ren. Arkady lachte. Die gerontologische Behandlung hatte ihm den �blichen postoperativen Schwung gegeben, und er war schon vorher ein gl�cklicher Mensch gewesen. Er sah so aus, als w�rde ihm tausend Jahre lang nicht wieder schlecht werden.</p><p>Stickney erwies sich als eine kleine aufbl�hende Stadt. Die Betonkuppel des Kraters war mit dem neuesten Strahlenschutz verkleidet, und der Boden des Kraters verlief in konzentrischen Ringen terrassenf�rmig bis zu einer Plaza ganz unten. Die Ringe wechselten zwischen Parks und zweist�ckigen Geb�uden mit Dachg�rten. In der Luft gab es Netze f�r Leute, die bei ihren Spr�ngen �ber die Stadt die Orientierung verloren oder durch einen Unfall in die H�he sprangen. Die Entweichgeschwindigkeit betrug nur f�nfzig Kilometer in der Stunde, so dass es fast m�glich war, von dem Mond direkt wegzulaufen. Genau unter dem Fundament der Kuppel ersp�hte John eine kleine Version des au�en herumlaufenden Zuges, die gegen�ber den Bauten der Stadt horizontal verlief und sich mit einer Geschwindigkeit bewegte, die ihren Passagieren das Gef�hl von Marsschwere vermittelte. Die Bahn hielt viermal am Tage, um Leute aufzunehmen. Aber wenn John sich dort hineinfl�chten w�rde, h�tte das nur seine Akklimatisation verz�gert. Darum ging er zu dem ihm zugewiesenen G�stezimmer und wartete in j�mmerlichem Zustand ab, bis die �belkeit abklang. Anscheinend war er jetzt ein Planetenbewohner, endg�ltig ein Marsmensch, so dass es schmerzhaft war, den Mars zu verlassen. L�cherlich, aber wahr.</p><p>Am n�chsten Tag f�hlte er sich besser, und Arkady machte mit ihm eine Besichtigungstour von Phobos. Das Innere war von Tunneln, G�ngen, Stollen und mehreren riesigen offenen Kammern ausgeh�hlt, von denen in vielen noch Wasser und Treibstoff gewonnen wurde. Die meisten Tunnels im Innern des Mondes waren glatte zweckm��ige R�hren, aber die Innenr�ume und einige der gro�en G�nge waren nach Arkadys sozioarchitekturellen Theorien gestaltet; und er f�hrte John durch einige dieser runden Korridore, gemischte Gebiete f�r Arbeit und Erholung und ge�tzte Metallw�nde�� alles Merkmale, die zum Standard geworden waren w�hrend der nach Kratern orientierten Phase des Bauens auf dem Mars, auf die Arkady aber immer noch stolz war.</p><p>Drei der kleinen Krater gegen�ber von Stickney waren mit Glas abgedeckt und voller D�rfer, die eine Aussicht auf den unter ihnen dahinrasenden Planeten boten, wie sie niemals von Stickney aus m�glich waren, da die Hauptachse von Phobos st�ndig auf den Mars gerichtet war, wobei der gro�e Krater immer in die entgegengesetzte Richtung zeigte. Arkady und John standen in Semenov und schauten durch die Kuppel zum Mars auf, der den halben Himmel ausf�llte und von Staubwolken verh�llt war, so dass keine Merkmale zu erkennen waren. �Der Gro�e Sturm�, sagte Arkady. �Sax muss allm�hlich durchdrehen.�</p><p>�Nein�, sagte John. �Er h�lt es f�r eine momentane Erscheinung.�</p><p>Arkady johlte. Die beiden waren schon wieder in ihre alte Kameraderie verfallen, in das Gef�hl, seit langer Zeit wie gleichgestellte Br�der zu sein. Arkady war immer noch derselbe, lachend, scherzend, ein gro�er Witzbold, aus dem Ideen und Gedanken str�mten, die auf eine Weise zuversichtlich waren, die John m�chtig freute, selbst jetzt, da er sicher war, dass viele Ideen Arkadys falsch und sogar gef�hrlich waren.</p><p>Arkady sagte: �Sax hat wahrscheinlich wirklich recht. Wenn diese Altersbehandlungen funktionieren und wir alle um Jahrzehnte l�nger leben als zuvor, dann wird das sicher eine soziale Revolution bewirken. Die K�rze des Lebens war eine wesentliche Kraft f�r die Dauer von Institutionen, so seltsam das scheinen mag. Aber es ist viel leichter, sich an irgendeinen kurzlebigen �berlebensplan zu halten, den man hat, als alles mit einem neuen Plan zu riskieren, der nicht funktionieren k�nnte�� ganz gleich, wie zerst�rerisch der kurzfristige Plan f�r die folgenden Generationen sein mag. Sollen die doch damit zurechtkommen. Und man muss auch einr�umen, bis die Leute das System gelernt hatten, waren sie alt und starben; und f�r die n�chste Generation war es genau so kompakt und schwer zug�nglich und musste wieder von Anfang an erlernt werden. Aber schau, wenn du es lernst und dann f�nfzig weitere Jahre anstarrst, wirst du am Ende sagen: Warum soll man es nicht rationaler machen? Warum es nicht n�her dem Verlangen unseres Herzens anpassen? Was h�lt uns auf?�</p><p>�Vielleicht werden deshalb die Dinge da unten so seltsam�, sagte John. �Aber irgendwie denke ich, dass diese Leute nicht auf lange Sicht rechnen.� Er gab Arkady einen kurzen Bericht �ber die Sabotagesituation und erkl�rte zum Schluss k�hn: �Du wei�t, wer es macht, Arkady? Steckst du mit drin?�</p><p>�Was, ich? Nein, John, du kennst mich besser. Diese Zerst�rungen sind dumm. Wie es aussieht, das Werk von Roten. Und ich bin nicht rot. Ich wei� nicht genau, wer es tut. Wahrscheinlich Ann. Hast du sie gefragt?�</p><p>�Sie sagt, sie wei� es nicht.�</p><p>Arkady kicherte. �Immer der gleiche John Boone! Das gef�llt mir. Sieh her, mein Freund, ich werde dir sagen, warum diese Dinge passieren, und dann kannst du es systematisch ausarbeiten und vielleicht mehr sehen. Ah, hier ist die U-Bahn nach Stickney. Los, ich will dir das Gew�lbe der Unendlichkeit zeigen. Das ist wirklich ein sch�nes St�ck Arbeit.� Er f�hrte John zu dem kleinen U-Bahn-Wagen, und sie schwebten in einem Tunnel auf das Zentrum von Phobos zu. Dort hielt der Wagen, und sie stiegen aus. Sie stie�en sich durch den engen Raum und zogen sich zu einer Halle hinunter. John stellte fest, dass sein K�rper sich auf die Gewichtslosigkeit eingestellt hatte, dass er schweben und wieder das Gleichgewicht bewahren konnte. Arkady f�hrte ihn in eine weite offene Galerie, die auf den ersten Blick zu gro� erschien, um sich im Innern von Phobos zu befinden. Boden, Wand und Decke waren mit facettierten Spiegeln get�felt, und jede runde Platte aus poliertem Magnesium befand sich in einem solchen Winkel, dass in diesem Raum von Mikroschwere alles tausendfach hintereinander gespiegelt wurde.</p><p>Sie landeten auf dem Fu�boden und hakten die Zehen durch Ringe, die wie Pflanzen auf dem Meeresgrund in einer sich bewegenden Vielheit von Arkadys und Johns schwebten. �John, du siehst, die �konomische Basis des Lebens auf dem Mars ver�ndert sich jetzt�, sagte Arkady. �Nein, spotte ja nicht! Bis jetzt leben wir noch nicht in einer Geldwirtschaft. So sind nun einmal die wissenschaftlichen Stationen. Es ist, als gew�nne man einen Preis, der einen von der �konomischen Tretm�hle befreit. Wir haben diesen Preis gewonnen und auch eine Menge anderer; und wir alle sind hier seit Jahren und leben so. Aber jetzt str�men Menschen zu Tausenden auf den Mars! Und viele von ihnen wollen hier arbeiten, einiges Geld verdienen und zur Erde zur�ckkehren. Sie arbeiten f�r die Transnationalen, die UNOMA-Konzessionen bekommen haben. Die Buchstaben des Marsvertrages werden eingehalten, weil man annimmt, dass UNOMA allem vorgesetzt ist, aber der Geist des Vertrages wird durch die UN selbst links und rechts verletzt.�</p><p>John nickte. �Ja, das habe ich gesehen. Helmut hat es mir direkt ins Gesicht gesagt.�</p><p>�Helmut ist eine Schnecke. Aber h�re, wenn die Erneuerung des Vertrages ansteht, werden sie den Buchstaben des Gesetzes �ndern, um es dem neuen Geist anzupassen. Oder sich sogar die Lizenz geben, noch mehr zu tun. Es geht um die Entdeckung strategisch wichtiger Metalle und den ganzen freien Weltraum. Dies bedeutet Rettung f�r eine Menge von L�ndern da unten und neues Territorium f�r die Transnationalen.�</p><p>�Und du denkst, sie werden gen�gend Unterst�tzung finden, um den Vertrag zu �ndern?�</p><p>Millionen von Arkadys starrten Millionen von Johns an. �Sei nicht so naiv! Nat�rlich haben sie genug Unterst�tzung. Schau, der Marsvertrag gr�ndet sich auf den Vertrag �ber den freien Weltraum. Das war der erste Fehler; dieser Vertrag war in Wirklichkeit ein sehr schwaches Arrangement, und der Marsvertrag ist das auch. Nach den eigenen Bestimmungen des Vertrages k�nnen L�nder stimmberechtigte Mitglieder des Vertrages werden, indem sie hier ein Interesse konstituieren. Deshalb sehen wir alle die neuen wissenschaftlichen Stationen�� die Arabische Liga, Nigeria, Indonesien, Azania, Brasilien, Indien und China und der ganze Rest. Und eine ziemliche Anzahl dieser neuen L�nder werden Mitglieder des Vertrages ausdr�cklich mit dem Ziel, den Vertrag zur Zeit seiner Erneuerung zu brechen. Sie wollen den Mars f�r individuelle Regierungen �ffnen, au�er UN-Kontrolle. Und die Transnationalen benutzen L�nder mit Gef�lligkeitsflaggen wie Singapore, die Seychellen und Moldavia zum Versuch, den Mars f�r private Besiedlung zu �ffnen, beherrscht von Korporationen.�</p><p>�Bis zur Erneuerung sind es einige Jahre�, gab John zu bedenken.</p><p>Eine Million Arkadys verdrehte die Augen. �Sie geschieht bereits jetzt. Nicht nur in Worten, sondern in dem, was heute da unten Tag f�r Tag passiert. Als wir ankamen und zwanzig Jahre danach war der Mars wie die Antarktis, aber noch reiner. Wir befanden uns au�erhalb der Welt, wir besa�en fast nichts�� etwas Kleidung, ein Leseger�t, und das war�s dann schon! Jetzt wei�t du, was ich denke, John. Dieses Arrangement �hnelt der pr�historischen Lebensweise und kommt uns deshalb richtig vor, denn unsere Gehirne erkennen sie wieder nach den drei Millionen Jahren der Praxis. Im wesentlichen sind unsere Gehirne zu ihrer gegenw�rtigen Konfiguration gewachsen in Reaktion auf die Realit�ten jenes Lebens damals. Im Resultat werden die Menschen dieser Lebensweise m�chtig verbunden, wenn sie die Chance erhalten, sie auszu�ben. Sie erlaubt dir, deine Aufmerksamkeit auf die reale Arbeit zu konzentrieren, das hei�t auf alles, was man tut, um am Leben zu bleiben oder Dinge herzustellen oder die Neugier zu befriedigen oder zu spielen. Das ist eine Utopie, John, speziell f�r Primitive und Wissenschaftler, das hei�t f�r jedermann. So eine Forschungsstation ist tats�chlich ein kleines Modell einer pr�historischen Utopie, aus der transnationalen Geldwirtschaft geschnitzt von geschickten Primaten, die gut leben wollen.�</p><p>�Und du meinst, dass da jeder mitmachen w�rde?� fragte John.</p><p>�Ja, und das k�nnten sie wohl; aber es wird ihnen nicht angeboten. Und das hei�t, es war keine wahre Utopie. Wir schlauen Primatenwissenschaftler waren gewillt, Inseln f�r uns selbst zu gestalten, aber nicht solche Bedingungen f�r jedermann zu schaffen. Und so sind diese Inseln in Wirklichkeit ein Teil der transnationalen Ordnung. Die Leute werden daf�r bezahlt, sie sind nie wirklich frei, es gibt nie einen Fall wirklich reiner Forschung. Denn diejenigen, welche f�r die Wissenschaftsinseln bezahlen, werden schlie�lich einen Ertrag f�r ihre Investitionen verlangen. Und jetzt treten wir in diese Zeit ein. Man fordert einen Ertrag f�r unsere Insel. Du siehst, wir betreiben nicht reine, sondern angewandte Forschung. Und mit der Entdeckung strategisch wichtiger Metalle ist die Anwendung deutlich geworden. Und so str�mt alles zur�ck, und wir haben einen Ertrag an Besitztiteln, Preisen und L�hnen. Das ganze Profitsystem. Und die Wissenschaftler werden gefragt: Was tut ihr, wie viel ist es wert? Man verlangt, dass sie ihre Arbeit f�r Bezahlung tun, und der Profit ihrer Arbeit wird den Eignern der Gesch�fte �bertragen, f�r die sie pl�tzlich arbeiten.�</p><p>�Ich arbeite f�r niemanden�, sagte John.</p><p>�Nun gut, aber du arbeitest an dem Terraformungsprojekt, und wer bezahlt daf�r?�</p><p>John versuchte es mit der Antwort von Sax: �Die Sonne.�</p><p>Arkady gr�lte: �Falsch! Es sind nicht einfach die Sonne und einige Roboter, es ist menschliche Zeit, eine Menge davon. Und diese Menschen m�ssen essen und so weiter. Also sorgt jemand f�r sie, f�r uns, weil wir uns nicht bem�ht haben, ein Leben aufzubauen, in dem wir selbst f�r uns sorgen k�nnen.�</p><p>John runzelte die Stirn. �Nun ja, im Anfang mussten wir die Hilfe haben. Das waren Milliarden an Dollars f�r Ger�t, das hierher geflogen wurde. Eine Menge Arbeitszeit, w�rdest du sagen.�</p><p>�Ja, das ist wahr. Aber einmal angekommen, h�tten wir alle unsere Anstrengungen darauf konzentrieren sollen, uns autark und unabh�ngig zu machen, und danach es ihnen zur�ckzahlen und Schluss damit. Aber das haben wir nicht getan, und jetzt sind die Zinswucherer da. Schau, damals am Anfang, wenn uns jemand gefragt h�tte, wer mehr Geld verdiente, du oder ich, h�tte man das unm�glich sagen k�nnen, nicht wahr?�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Eine sinnlose Frage. Aber jetzt fragst du, und wir m�ssen uns beraten. Bist du f�r irgend jemanden als Konsultant t�tig?�</p><p>�Nein, f�r niemanden.�</p><p>�Ich auch nicht. Aber Phyllis ber�t Amex, Subarashii und Armscor. Und Frank ber�t Honeywell-Messerschmitt und GE, Boeing und Subarashii. Und so weiter. Die sind reicher als wir. Und in diesem System bedeutet mehr Reichtum mehr Macht.�</p><p>Darum werden wir uns schon k�mmern, dachte John. Aber er wollte Arkady nicht wieder zum Lachen reizen und sagte es nicht.</p><p>�Und das geschieht �berall auf dem Mars�, sagte Arkady. Um sie herum schwenkten Wolken von Arkadys die Arme. Sie sahen aus wie ein tibetisches Mandala rothaariger D�monen. �Und nat�rlich gibt es Leute, die merken, was vor sich geht. Oder ich werde es ihnen sagen. Und das ist es, was du verstehen musst, John: Es gibt Leute, die daf�r zu k�mpfen bereit sind, dass die Dinge so bleiben, wie sie waren. Es gibt Leute, die sich als wissenschaftliche Primitive so wohl gef�hlt haben, dass sie sich weigern werden, das kampflos aufzugeben.�</p><p>�Also die Sabotagen���</p><p>�Jawohl! Vielleicht werden einige davon von diesen Leuten begangen. Ich halte es f�r kontraproduktiv, aber sie sind anderer Meinung. Zum gr��ten Teil wird die Sabotage von jenen begangen, die dagegen k�mpfen wollen, dass der Mars eine Freizone f�r transnationale Montanvorhaben wird. Die verhindern wollen, dass wir alle gl�ckliche Sklaven f�r eine Klasse von Managern werden, die hinter den Mauern ihrer Wohnfestung sitzen.� Er sah John an, und der erkannte in seinem Augenwinkel eine Unendlichkeit von Konfrontationen. �Hast du nicht das gleiche Empfinden?�</p><p>�Doch, wirklich.� Er grinste. �Ich denke, wenn wir verschiedener Meinung sind, geht es meistens um Methoden.�</p><p>�Welche Methoden schl�gst du vor?�</p><p>�Nun�� eigentlich m�chte ich, dass der Vertrag so erneuert wird, wie er ist, und dann eingehalten wird. Wenn das geschieht, werden wir haben, was wir wollen, oder wir werden zumindest die Basis haben, um volle Unabh�ngigkeit zu erlangen.�</p><p>�Der Vertrag wird nicht erneuert werden�, erwiderte Arcady klanglos. �Es wird etwas viel Radikaleres n�tig sein, um diese Leute aufzuhalten, John. Direkte Aktion�� ja, schau nicht so ungl�ubig! Besetzung irgendeines Eigentums oder des Kommunikationssystems�� die Einf�hrung unserer eigenen Gesetzessammlung, hinter der jedermann steht, drau�en in den Stra�en�� ja, John, ja! Es wird dazu kommen, weil unter dem Tisch Waffen sind. Massendemonstrationen und Aufst�nde sind das einzige, was sie schlagen wird. Dies lehrt die Geschichte.�</p><p>Eine Million Arkadys scharten sich um John und machten ein finstereres Gesicht als jeder Arkady, an den er sich erinnern konnte. So finster, dass die bl�henden Z�ge von Johns Gesicht eine zur�ckweichende Besorgnis ausdr�ckten. Er schloss den Mund und sagte dann: �Ich m�chte es zuerst auf meine Weise versuchen.�</p><p>Das veranlasste alle Arkadys zum Lachen. John schubste ihn scherzhaft am Arm, und Arkady ging zu Boden. Dann stie� er sich ab und griff ihn an. Sie rangen miteinander, solange sie Kontakt halten konnten. Dann flogen sie in entgegengesetzte Seiten des Raums auseinander. In den Spiegeln flohen sie zu Millionen in die Unendlichkeit.</p><p>Danach gingen sie wieder zur U-Bahn und zum Dinner in Semenov. W�hrend des Essens sahen sie zur Oberfl�che des Mars empor, der wie ein Gasriese wirbelte. Pl�tzlich kam er John vor wie eine gro�e Orange oder ein Embryo oder ein Ei. Eine neue Kreatur wartete darauf, geboren zu werden, sicher genetisch manipuliert. Und sie waren die Ingenieure, die noch daran arbeiteten, was f�r eine Kreatur es sein w�rde. Sie versuchten, alle gew�nschten Gene (ihre eigenen) auf Plasmide zu fixieren und in die DNA-Spiralen des Planeten einzuf�gen, um die Ausdr�cke der neuen Chim�re zu bekommen, die sie haben wollten. Ja. Und John gefiel vieles von dem, was Arkady hineintun wollte. Aber er hatte auch seine eigenen Ideen. Sie w�rden sehen, wer es schaffte, am Ende mehr von dem Genom zu erzeugen.</p><p>Er blickte Arkady an, der auch zu dem den Himmel ausf�llenden Planeten aufschaute�� mit der gleichen ernsten Miene, die er in der Spiegelhalle gezeigt hatte. Es war ein Ausdruck, der sich John sehr genau und kr�ftig eingepr�gt hatte, wie er fand, aber in der unwirklichen Form der Sicht eines Fliegenauges.</p><empty-line/><p>John begab sich wieder in die Dunkelheit des Gro�en Sturms hinab. Und in den tr�ben und von Sand durchwehten Tagen sah er Dinge, die er nie zuvor gesehen hatte. Das war der Lohn f�r die Gespr�che mit Arkady. Er betrachtete die Dinge auf eine neue Weise. Er reiste zum Beispiel von Burroughs nach S�den zum Sabishii (�Einsamen�) Mohole und besuchte die dort lebenden Japaner. Sie waren Oldtimer, das japanische �quivalent f�r die Ersten Hundert, schon sieben Jahre nach diesen angekommen. Und anders als diese waren sie eine sehr eng verbundene Einheit geworden und ausgesprochen zu �Eingeborenen� geworden. Sabishii war klein geblieben, auch nachdem das Loch dort gegraben war. Es lag drau�en in einem Gebiet roher Steinbl�cke in der N�he des Kraters Jarry-Desloges; und als John das letzte St�ck der Transponderstra�e zur Siedlung hinunterfuhr, erhaschte er kurze Blicke auf Steine, die zu �bergro�en Gesichtern oder Gestalten behauen oder mit eleganten Piktogrammen bedeckt oder zu kleinen Shinto- oder Zen-Schreinen ausgeh�hlt waren. Nach diesen Anblicken starrte er in die Staubwolken, aber sie waren immer wie Halluzinationen verschwunden, halb gesehen und dahingegangen. Als er in die br�chige Zone klarer Luft direkt auf der Leeseite des Moholes kam, sah er, dass die Sabishiianer den aus dem gro�en Schacht gehobenen Fels bis zu dieser Stelle brachten und zu geschwungenen H�geln anordneten. Aus dem Raum w�rde das wie ein Drache aussehen?</p><p>Und dann erreichte er die Garage und wurde von einer Schar von ihnen begr��t�� barfuss und langhaarig, in abgewetzten braunen Pullovern oder Sportbinden von Sumoringern. Es waren runzlige alte weise Marsjapaner, die �ber die <emphasis>Kami</emphasis>-Zentren in der Region sprachen und dar�ber, wie ihr tiefstes <emphasis>on</emphasis>-Gef�hl sich l�ngst vom Kaiser auf den Planeten verlagert hatte. Sie zeigten ihm ihre Labors, wo sie an Areobotanik und strahlungssicheren Kleiderstoffen arbeiteten. Sie hatten auch viel �ber die Ortung von Wasserst�tten und Klimatologie im �quatorg�rtel gearbeitet. Wenn John ihnen lauschte, kam es ihm vor, als ob sie gerade mit Hiroko in Ber�hrung gewesen w�ren. Es g�be keinen Sinn, wenn das nicht so w�re. Aber sie zuckten die Achseln, wenn er nach ihr fragte. John machte sich daran, sie zu fragen und ihnen zuzuh�ren und die Atmosph�re von Vertrauen zu schaffen, die er so oft bei Oldtimern herbeif�hren konnte, das Gef�hl, als w�ren sie zusammen weit zur�ckgegangen in ihre eigene Vorzeit. Nachdem er einige Tage lang Fragen gestellt, die Stadt kennen gelernt und ihnen gezeigt hatte, dass er ein Mann war, der <emphasis>giri</emphasis> kannte, begannen sie langsam, sich zu �ffnen und in einer ruhigen, aber unverbl�mten Art zu sagen, dass ihnen das pl�tzliche Wachstum von Burroughs nicht gefiele, noch das Mohole in ihrer N�he, noch die Bev�lkerungszunahme im allgemeinen noch die neuen, von der japanischen Regierung auf sie ausge�bten Pressionen, die Gro�e B�schung zu erkunden und �Gold zu finden�. �Wir lehnen das ab�, sagte Nanao Nakayama, ein runzliger alter Mann mit sch�tterem wei�em Backenbart und T�rkisohrringen und langem wei�em Haar als Pferdeschwanz. �Sie k�nnen uns nicht dazu zwingen.�</p><p>�Und wenn sie es versuchen?� fragte John.</p><p>�Sie werden scheitern.� Seine l�ssige Zuversicht erregte Johns Aufmerksamkeit, und er erinnerte sich an das Gespr�ch mit Arkady zwischen den Spiegeln.</p><p>So waren manche Dinge, die er jetzt sah, das Ergebnis einer neuen Art von Aufmerksamkeit und Fragestellungen. Aber andere waren das Ergebnis davon, dass Arkady durch sein Netz von Freunden und Bekannten Anweisungen zukommen lie�, sich John erkennen zu geben und ihn herumzuf�hren. Als John auf dem Weg von Sanbishii nach Senzeni Na bei Siedlungen anhielt, n�herten sich ihm oft kleine Gruppen von zwei, drei oder f�nf Personen, die sich vorstellten und sagten: Arkady dachte, du k�nntest interessiert sein, dies zu sehen�� Und sie f�hrten ihn zur Besichtigung einer unterirdischen Farm mit unabh�ngigem Kraftwerk oder einem Versteck von Werkzeug und Ger�t oder einer verborgenen Garage voller grosser oder vollst�ndigen kleinen Mesa-Habitaten, leer, aber bezugsbereit. John folgte ihnen mit vorquellenden Augen und h�ngendem Kinn, stellte Fragen und sch�ttelte erstaunt den Kopf. Ja, Arkady zeigte ihm allerhand Sachen. Es gab hier unten eine ganze Bewegung, eine kleine Gruppe in jeder Stadt!</p><p>Schlie�lich kam er nach Senzeni Na. Er kehrte dorthin zur�ck, weil Pauline zwei Arbeiter identifiziert hatte, die unentschuldigt an jenem Tage auf ihrem Arbeitsplatz gefehlt hatten, als der Lastwagen auf ihn gefallen war. Er sprach mit ihnen am Tage nach seiner Ankunft; aber sie brachten plausible Gr�nde f�r ihre Abwesenheit vom Netz vor. Sie waren zum Klettern drau�en gewesen. Aber nachdem er sich daf�r entschuldigt hatte, ihre Zeit in Anspruch genommen zu haben, und wieder zu seinem Zimmer unterwegs war, stellten sich drei andere Mohole-Techniker als Freunde von Arkady vor. John begr��te sie enthusiastisch, erfreut, dass die Reise etwas erbringen w�rde. Und am Ende brachte ihn eine Gruppe von acht Leuten in einem Rover zu einem Canyon, der parallel zum Canyon des Moholes verlief. Sie fuhren durch den verdunkelnden Staub zu einem Habitat, das in eine �berh�ngende Canyonwand eingegraben war. Es war f�r Satelliten unsichtbar, und seine W�rme wurde durch eine Anzahl kleiner Kan�le abgeleitet, die aus dem Weltraum wie alte Windm�hlenheizer von Sax aussehen w�rden. �Wir denken, dass Hirokos Gruppe es so gemacht hat�, sagte ihm eine F�hrerin. Sie hie� Marian und hatte eine lange spitze Nase und dicht beisammen stehende Augen, so dass ihr Blick sehr intensiv wirkte.</p><p>�Wei�t du, wo Hiroko ist?� fragte John. �Nein, aber wir denken, sie im Chaos.� Die allgemeine Antwort. Er fragte sie nach der Klippenwohnung. Marian sagte ihm, dass sie mit Ger�t von Senzeni Na erbaut w�re.</p><p>Sie war derzeit unbewohnt, aber bereit, wenn es n�tig w�re.</p><p>�N�tig <emphasis>wof�r!�</emphasis> fragte John, als er durch die kleinen dunklen R�ume ging.</p><p>Marian starrte ihn an. �Nat�rlich f�r die Revolution.�</p><p>�Die <emphasis>Revolution!�</emphasis></p><p>John hatte auf der R�ckfahrt sehr wenig zu sagen. Marian und ihre Gef�hrten sp�rten seinen Schock, und das war auch ihnen unangenehm. Vielleicht kamen sie auf den Gedanken, Arkady h�tte einen Fehler gemacht, als er sie bat, John ihr Habitat zu zeigen. �Es werden viele solche vorbereitet�, sagte Marian zur Verteidigung. Hiroko hatte ihnen die Idee gegeben, und Arkady dachte, sie k�nnten n�tzlich werden. Marian und ihre Gef�hrten z�hlten sie an den Fingern auf: ein ganzes Vorratslager an Ger�t f�r Luft- und Eisgewinnung, verborgen in einem trockenen Eistunnel in einer der Verarbeitungsstationen an der s�dlichen Polkappe; ein Quellenschacht, der das gro�e Wasserlager unter Kasei Vallis anzapfte; um Acheron verstreute Gew�chshauslabors, die pharmazeutisch n�tzliche Pflanzen zogen; ein Kommunikationszentrum im Untergescho� von Nadias Promenadeplatz in Underhill. �Und das ist nur das, wovon wir wissen. Im Netz erscheinen Untergrundnotizen f�r einmalige Kenntnisnahme, mit denen wir nichts zu tun haben; und Arkady ist sicher, dass es da drau�en weitere Gruppen gibt, die dasselbe tun wie wir. Denn wenn es zum �u�ersten kommt, werden wir alle Pl�tze brauchen, um uns zu verstecken und von da aus zu k�mpfen.�</p><p>�Nicht so wild!� sagte John. �Ihr m�sst es euch nur durch den Kopf gehen lassen, dass dieses ganze Revolutionsszenario nichts anderes ist als eine Phantasie �ber den amerikanischen Unabh�ngigkeitskrieg, wisst ihr, die Gro�e Grenze, die rauen Pionierkolonisten, die von der imperialen Macht ausgebeutet wurden, die Revolte von Kolonie zum souver�nen Staat�� Das ist alles eine falsche Analogie!�</p><p>�Warum sagst du das?� fragte Marian. �Was ist der Unterschied?�</p><p>�Nun, erstens leben wir nicht auf einem Land, das uns ern�hren kann. Und zweitens haben wir nicht die Mittel, um erfolgreich zu revoltieren.�</p><p>�Ich bin in beiden Punkten anderer Meinung. Du solltest dich mehr mit Arkady dar�ber unterhalten.�</p><p>�Ich werde es versuchen. Jedenfalls halte ich einen direkteren Weg f�r besser als all dieses heimliche Stehlen von Ger�t. Wir sagen UNOMA einfach, wie der neue Marsvertrag aussehen muss.�</p><p>Seine Kameraden sch�ttelten �rgerlich den Kopf.</p><p>�Wir k�nnen sagen, was wir wollen�, erkl�rte Marian, �aber das wird nichts �ndern an dem, was sie tun.�</p><p>�Warum nicht? Denkt ihr, sie k�nnen die Menschen, die hier wohnen, einfach ignorieren? Sie m�gen jetzt F�hren im Dauereinsatz haben, aber wir sind immer noch achtzig Millionen Kilometer von ihnen entfernt, und wir sind hier und sie nicht. Vielleicht ist es nicht gerade Nordamerika in den 1760er Jahren, aber wir genie�en einige der gleichen Vorteile: Wir sind weit entfernt und wir haben den Besitz. Wichtig ist, nicht in ihre Denkweise zu verfallen, in alle die gleichen alten Fehler.�</p><p>Und so argumentierte er gegen Revolution, Nationalismus, Religion, �konomie�� gegen jede Art terrestrischen Denkens, die ihm einfiel, alles zusammengemanscht in seinem �blichen Stil. �Revolution hat auf der Erde nie wirklich funktioniert. Und hier ist sie v�llig �berholt. Wir sollten ein neues Programm erfinden, genau wie Arkady sagt, <emphasis>einschlie�lich</emphasis> der Wege, die Kontrolle �ber unser Schicksal zu �bernehmen. Wenn ihr alle in einer Phantasie der Vergangenheit lebt, f�hrt ihr uns direkt in die Repression, �ber die ihr euch beklagt! Wir brauchen einen neuen Mars-Weg, eine neue Mars-Philosophie, Wirtschaft und Religion!�</p><p>Sie fragten ihn danach, wie denn diese neuen Denkweisen des Mars sein w�rden, und er hob die H�nde. �Wie kann ich das sagen? Wenn sie nie existiert haben, ist es schwer, dar�ber zu sprechen und sie sich vorzustellen, weil wir nicht �ber vorgefertigte Bilder verf�gen. Das ist immer das Problem, wenn man etwas Neues zu machen versucht. Und glaubt mir, ich wei� das, weil ich es versucht habe. Aber ich denke, ich kann euch sagen, wie es sich anf�hlen wird. Es wird ein Gef�hl sein wie in den ersten Jahren hier, als wir eine Gruppe waren und alle zusammengearbeitet haben. Als es im Leben kein Ziel gab, au�er sich sesshaft zu machen und diese Welt zu entdecken, und wir alle entschieden haben, was zu tun war. So ein Gef�hl sollte es sein!�</p><p>�Aber jene Tage sind vergangen�, sagte Marian, und die anderen nickten. �Das ist nur deine eigene Phantasie der Vergangenheit. Nichts als Worte. Es ist so, als hielte man in einer riesigen Goldmine eine philosophische Vorlesung, w�hrend auf beiden Seiten Armeen auf einen zukommen.�</p><p>�Nein, nein�, sagte John. �Ich spreche �ber Methoden f�r Widerstand, Methoden, die unserer realen Situation angepasst sind, und keine revolution�re Phantasie aus den Geschichtsb�chern.�</p><p>Und so ging es immer und immer weiter dahin, bis sie wieder in Senzeni Na waren und sich auf die R�ume der Arbeiter in der tiefsten Wohnetage zur�ckgezogen hatten. Dort diskutierten sie leidenschaftlich �ber den Zeitrutsch hinaus und bis weit in die Nacht. Und w�hrend dieser Diskussionen wurde John von einer gewissen Hochstimmung erf�llt, weil er sah, dass sie anfingen, dar�ber nachzudenken. Es war deutlich, dass sie ihm zuh�rten, und dass das, was er sagte und was er von ihnen hielt, ihnen etwas bedeutete. Das war der bisher beste Lohn f�r das Goldfischglas des Ersten Menschen. Kombiniert mit Arkadys erkl�rter Zustimmung gab es ihm einen Einfluss �ber sie, der greifbar war. Er konnte ihre Zuversicht ersch�ttern, er konnte sie zum Nachdenken bringen, er konnte sie zwingen, neu zu bewerten, er konnte ihre Gedanken �ndern!</p><p>Und so marschierten sie in dem tr�ben Gro�en Sturm durch die Korridore zur K�che und redeten weiter. Sie schauten aus den Fenstern und st�rzten Kaffee hinunter. Sie gl�hten mit einer Art von Inspiration, mit der uralten Erregung einer anst�ndigen Debatte. Und als sie schlie�lich gingen, um etwas Schlaf zu bekommen, ehe der Tag in Gang kam, war sogar Marian deutlich ersch�ttert, und alle waren tief in Gedanken, halb �berzeugt, dass John recht hatte.</p><p>John ging wieder in seine G�stesuite. Er f�hlte sich ersch�pft, aber gl�cklich. Arkady hatte, ob er es wollte oder nicht, John zu einem Anf�hrer in seiner Bewegung gemacht. Vielleicht w�rde er das bedauern m�ssen, aber es gab jetzt kein Zur�ck mehr. Und John war sich sicher, dass es zum Besten sein w�rde. Er konnte eine Art Br�cke zwischen diesem Untergrund und den �brigen Leuten auf dem Mars sein, indem er in beiden Welten operierte, die beiden vers�hnte und in eine einzige Macht zusammenzwang, die wirksamer sein w�rde als jede einzeln f�r sich. Eine Macht mit den Ressourcen des Hauptstroms und dem Enthusiasmus des Untergrunds�� vielleicht. Arkady hielt das f�r eine unm�gliche Synthese, aber John hatte Kr�fte, die Arkady fehlten. So dass er�� nun ja�� nicht Arkadys F�hrerschaft usurpieren, aber einfach sie alle ver�ndern k�nnte.</p><p>Die T�r zu seinem Zimmer in den G�stequartieren war offen. Er st�rmte hinein, und da sa�en in den zwei Sesseln des Raumes Sam Houston und Michael Chang. �So�, sagte Houston, �wo sind Sie gewesen?�</p><p>�Oho!� sagte John. Sein Temperament flammte auf, und seine gute Stimmung war blitzartig dahin. �Habe ich aus Versehen die falsche T�r erwischt?� Er beugte sich zur�ck, um zu schauen. �Nein, das ist nicht der Fall. Dies sind meine R�ume.� Er hob die Arme und stellte seinen Armbandrecorder an. �Was tun Sie hier drin?�</p><p>�Wir wollen wissen, wo Sie gewesen sind�, sagte Houston ruhig. �Wir haben die Vollmacht, alle R�ume hier zu betreten und auf alle unsere Fragen Antworten zu bekommen. Also k�nnen Sie recht gut den Anfang machen.�</p><p>�Na na!� spottete John. �Werden Sie nie m�de, den h�sslichen Bullen zu spielen? K�nnt ihr Burschen nie genug kriegen?�</p><p>�Wir wollen nur Antworten auf unsere Fragen�, sagte Chang ruhig.</p><p>�O bitte, Mister Braver Bulle�, sagte John, �wir alle wollen doch Antworten auf unsere Fragen, oder nicht?�</p><p>Houston stand auf. Er war schon dabei, die Beherrschung zu verlieren, und John trat direkt auf ihn zu und blieb stehen, als ihre K�rper etwa zehn Zentimeter voneinander entfernt waren. Er sagte: �Verlassen Sie meine R�ume! Hauen Sie sofort ab, oder ich werde sie hinauswerfen; und dann werden wir sehen, wer das Recht hatte, sich hier drin aufzuhalten.�</p><p>Houston starrte ihn blo� an, und John stie� ihn ohne Vorwarnung heftig vor die Brust. Houston flog in seinen Sessel und setzte sich unfreiwillig hin. Dann st�rzte er sich auf John, aber Chang sprang dazwischen und sagte: �Warte eine Sekunde, Sam, eine Sekunde!� w�hrend John aus Leibeskr�ften immer wieder br�llte: �Raus aus meinen R�umen!� Er stie� gegen Changs R�cken und starrte �ber dessen Schulter in Houstons rotes Gesicht. John brach bei dem Anblick fast in Gel�chter aus. Seine gute Laune war mit dem Erfolg seines Sto�es zur�ckgekehrt, und er schritt zur T�r und kl�ffte: �Raus! Raus!� so dass Houston nicht das Grinsen auf seinem Gesicht erkennen konnte. Chang zog seinen w�tenden Kollegen in die Halle hinaus, und John folgte. Da standen nun die drei, wobei Chang sich vorsichtig zwischen seinem Partner und John befand. Er war gr��er als die beiden anderen und fixierte John jetzt mit einer bek�mmerten und verwirrten Miene.</p><p>�Was wollen Sie jetzt also?� fragte John harmlos. Chang sagte hartn�ckig: �Wir wollen wissen, wo Sie gewesen sind. Wir haben Grund zu dem Verdacht, dass Ihre vorgebliche Inspektion der Sabotagevorf�lle f�r Sie ein sehr willkommener Deckmantel gewesen ist.�</p><p>�Das gleiche argw�hne ich von Ihnen!� versetzte John.</p><p>Chang ignorierte ihn. �Kurz nach Ihren Besuchen passieren Dinge, sehen Sie���</p><p>�Sie passieren genau <emphasis>w�hrend</emphasis> Ihrer Besuche.�</p><p>�� Staubbeh�lter sind in jedes Mohole gefallen, das Sie w�hrend des Gro�en Sturms besucht haben. Computerviren haben die Software im B�ro von Sax Russell angegriffen unmittelbar nach Ihrer Konsultation mit ihm im Jahre 2047. Biologische Viren haben die schnellen Flechten in Acheron �berfallen unmittelbar, nachdem sie gegangen sind. Und so weiter.�</p><p>John zuckte die Achseln. �So? Sie sind seit zwei Monaten hier, und das ist alles, was Sie vorzuweisen haben?�</p><p>�Wenn wir recht haben, gen�gt das v�llig. Wo waren Sie in der letzten Nacht?�</p><p>�Tut mir leid�, sagte John. �Ich beantworte keine Fragen von Leuten, die in meine R�ume einbrechen.�</p><p>�Das m�ssen Sie aber�, sagte Chang. �Es ist das Gesetz.�</p><p>�Was f�r ein Gesetz? Was wollen Sie mit mir machen?� Er wandte sich der offenen Zimmert�r zu, und Chang machte eine Bewegung, ihn zu hindern. Da verlor John wieder die Beherrschung und sprang auf Chang los, der zuckte, aber unbeweglich in der T�r stehen blieb. John drehte sich um und ging fort, zur�ck zum Speisesaal.</p><empty-line/><p>Er verlie� Senzeni Na noch am selben Nachmittag in einem Rover und nahm die Transponderstra�e l�ngs der Ostflanke von Tharsis. Die Stra�e war gut, und drei Tage sp�ter war er 1300 Kilometer weiter n�rdlich, genau nordwestlich von Noctis Labyrinthus. Als er zu einer gro�en Transponderkreuzung mit einer neuen Tankstelle kam, wandte er sich nach rechts und nahm die Stra�e �stlich nach Underhill. Jeden Tag, w�hrend der Rover blind durch den Staub rollte, arbeitete er mit Pauline. �Pauline, w�rdest du bitte alle planetaren Akten auf Diebstahl von zahn�rztlichem Ger�t durchsehen?� Sie war so langsam wie ein Mensch bei der Bearbeitung einer au�ergew�hnlichen Anfrage, aber schlie�lich waren die Daten da. Dann lie� er sie die Aufzeichnungen der Bewegungen einer jeden verd�chtigen Person, an die er denken konnte, durchsehen. Als er sicher war, wo ein jeder gewesen war, rief er Helmut Bronski an, um gegen die Aktionen von Houston und Chang zu protestieren. �Sie sagen, dass sie mit deiner Autorisierung arbeiten, Helmut; darum dachte ich, du solltest wissen, was sie tun.�</p><p>�Sie tun ihr Bestes�, erwiderte Helmut. �Ich w�nsche, du w�rdest aufh�ren, sie zu qu�len, und kooperieren, John. Das k�nnte hilfreich sein. Ich wei�, du hast nichts zu verbergen; also warum nicht hilfsbereiter sein?�</p><p>�Mach schon, Helmut, sie bitten nicht um <emphasis>Hilfe.</emphasis> Es ist schiere Einsch�chterung. Sage ihnen, sie sollen damit aufh�ren!�</p><p>�Sie versuchen nur, ihre Arbeit zu tun�, erkl�rte Helmut rundheraus. �Ich habe nicht von etwas Illegitimem geh�rt.�</p><p>John brach die Verbindung ab. Sp�ter rief er Frank an, der sich in Burroughs befand. �Was ist mit Helmut? Warum �berl�sst er den Planeten diesen Polizisten?�</p><p>�Du Idiot!� sagte Frank. Er tippte wild auf einem Computerschirm, w�hrend er redete, so dass er sich nur schwach dessen bewusst zu sein schien, was er sprach. �Achtest du denn �berhaupt nicht darauf, was hier vor sich geht?�</p><p>�Ich dachte, das t�te ich�, sagte John.</p><p>�Wir stecken bis zum Hals in Schwierigkeiten. Und diese gottverdammten Altersbehandlungen haben uns gerade noch gefehlt. Aber du hast nie begriffen, weshalb wir in erster Linie hier hergeschickt wurden, warum solltest du es jetzt verstehen?� Er tippte weiter und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf seinen Schirm.</p><p>John studierte das kleine Bild von Frank auf seinem Handgelenk. Schlie�lich sagte er: �Warum sind wir denn in erster Linie hier hergeschickt worden, Frank?�</p><p>�Weil Russland und unsere Vereinigten Staaten von Amerika verzweifelt waren. Darum! Gebrechliche altmodische industrielle Dinosaurier, das waren wir, kurz davor, von Japan und Europa und allen den kleinen Tigern gefressen zu werden, die in Asien auftauchten. Und wir hatten alle diese Weltraumerfahrung, die zu Schrott wurde, und eine Menge gro�er und unn�tiger Luft- und Raumfahrtindustrien. Also haben wir sie zusammengetan und sind hier hergekommen wegen der Chance, etwas zu finden, das der M�he wert w�re. Und das hat sich gelohnt! Wir sind gewisserma�en auf Gold gesto�en. Das hat aber nur noch mehr �l ins Feuer gesch�ttet, weil Goldrausch zeigt, wer Macht hat und wer nicht. Und obwohl wir jetzt hier einen guten Anfang gemacht haben, gibt es da unten eine Menge neuer Tiger, die in manchem besser sind als wir. Und sie alle wollen ein St�ck von der Unternehmung. Es gibt da unten viele L�nder ohne Raum und Ressourcen. Zehn Milliarden Menschen stehen in ihrer eigenen Schei�e.�</p><p>�Ich dachte, du h�ttest mir gesagt, dass die Erde immer zerfallen w�rde.�</p><p>�Das ist kein Zerfall. Denk dar�ber nach! Wenn diese verdammte Behandlung nur zu den Reichen kommt, werden die Armen revoltieren, und alles wird explodieren. Aber wenn die Behandlung jedermann zugute kommt, dann werden die Bev�lkerungszahlen in die H�he rasen, und alles wird explodieren. Es ist in beide Richtungen gelaufen und l�uft noch! Und nat�rlich gef�llt das den Transnationalen nicht. Es ist sehr schlecht f�rs Gesch�ft, wenn die Welt explodiert. Also sind sie besorgt und entschlossen, die Dinge mit roher Gewalt zusammenzuhalten. Helmut und diese Polizisten sind nur die kleinste Spitze des Eisbergs. Eine Menge von Politikastern halten einen Weltpolizeistaat f�r einige Dekaden oder so f�r unsere einzige Chance, zu einer gewissen Stabilisierung der Bev�lkerungszahl ohne eine Katastrophe zu kommen. Kontrolle von oben, diese bl�den Hunde.�</p><p>Frank sch�ttelte angewidert den Kopf und beugte sich dann zu seinem Schirm und wurde von seinem Inhalt absorbiert. John fragte: �Frank, hast du die Behandlung bekommen?�</p><p>�Nat�rlich. Lass mich jetzt in Ruhe, John! Ich muss arbeiten.�</p><empty-line/><p>Der s�dliche Sommer war w�rmer als der vorangegangene, der von dem Gro�en Sturm verdeckt worden war, aber immer noch k�lter als jeder verzeichnete. Der Sturm dauerte jetzt fast zwei M-Jahre, mehr als drei Erdenjahre, aber Sax nahm das als Philosoph. John rief ihn bei Echus Aussichtspunkt an; und als er von den kalten N�chten sprach, die er durchmachte, sagte Sax blo�: �Wir werden sehr wahrscheinlich f�r den gr��eren Teil der Terraformungsperiode niedrige Temperaturen haben. Aber wir sind auch nicht auf W�rme an sich aus. Venus ist warm. Was wir wollen, ist �berlebensm�glichkeit. Wenn wir die Luft atmen k�nnen, macht es mir nichts aus, ob sie kalt ist.�</p><p>Inzwischen war es kalt, �berall kalt, bis zu minus hundert Grad jede Nacht, selbst am �quator. Als John Underhill erreichte, eine Woche nachdem er Senzeni Na verlassen hatte, stellte er fest, dass dort eine Art rosa Eis die Gehwege bedeckte. Das war in dem tr�ben Licht des Sturms kaum zu sehen, und es war gef�hrlich zu betreten. Die Leute in Underhill verbrachten den gr��ten Teil ihrer Zeit im Innern. John half ein paar Wochen lang den dortigen Bioingenieuren beim Testen einer neuen Art von Schneealgen. Underhill war voller Fremder. Die meisten waren junge Japaner oder Europ�er, die zum Gl�ck noch Englisch benutzten, um sich untereinander zu verst�ndigen. John wohnte in einem der alten Tonnengew�lbe nahe der Nordostecke des Quadranten. Der alte Quadrant war weniger beliebt als Nadias Promenadeplatz, kleiner und dunkler, und viele seiner Gew�lbe dienten jetzt als Lagerr�ume. Es war eigenartig, durch das quadratische Netz der Korridore zu gehen und sich an das Schwimmbecken, Mayas Zimmer und den Speisesaal zu erinnern�� alles jetzt dunkel und mit Kisten voll gepackt. An jene Jahre, da die Ersten Hundert die einzigen Hundert gewesen waren. Es war schwer, sich daran zu erinnern, wie das gewesen war.</p><p>Er blieb mittels Pauline den Bewegungen etlicher Leute auf der Spur, darunter auch die Untersuchungstruppe der UNOMA. Diese �berwachung war nicht allzu streng, da es nicht immer leicht war, den Detektiven zu folgen, besonders Houston, Chang und ihrer Crew, die sich, wie er vermutete, absichtlich aus dem Netz entfernten. Inzwischen gaben die Ankunftslisten der Raumh�fen jeden Monat mehr Beweise daf�r, dass Frank recht gehabt hatte, als er sie nur als Spitze des Eisbergs bezeichnet hatte. Eine Menge Leute, besonders solche, die in Burroughs landeten, arbeiteten f�r UNOMA ohne spezielle Angabe ihres Jobs; und dann verbreiteten sie sich �ber die Minen und Moholes und andere Siedlungen und begannen, f�r die �rtlichen Sicherheitschefs zu arbeiten. Und die Akten ihrer T�tigkeit auf der Erde waren wirklich sehr interessant.</p><p>Oft verlie� John am Ende einer Sitzung mit Pauline den Quadranten und ging zu einem Spaziergang nach drau�en. Er f�hlte sich verwirrt und dachte scharf nach. Die Sicht war viel besser als zuvor. Auf der Oberfl�che wurde es etwas klarer, obwohl das rosa Eis immer noch das Gehen erschwerte. Der Gro�e Sturm schien nachzulassen. Die Windgeschwindigkeiten an der Oberfl�che lagen nur noch zwei- oder dreimal �ber dem Durchschnitt von drei�ig Stundenkilometern vor dem Sturm, und der Staub in der Luft war manchmal kaum mehr als ein dichter Nebel, der die Sonnenunterg�nge zu flammenden pastellfarbenen Wirbeln von Rosa, Gelb, Orange, Rot und Purpur machte, mit gelegentlichen Streifen von Gr�n oder T�rkis, die auftauchten und verschwanden zusammen mit Eisb�gen und Nebensonnen und ab und zu leuchtenden Pfeilern aus rein gelbem Licht. Verg�ngliche und eindrucksvolle Naturerscheinungen. Und wenn John alle die unscharfen Farben und Bewegungen beobachtete, wurde er von seinen Gedanken abgelenkt und stieg auf die gro�e wei�e Pyramide, um einen Rundblick zu bekommen. Dann ging er wieder hinein, um den Kampf wieder aufzunehmen.</p><p>Eines Abends stieg er nach einer solchen extravaganten Sonnenvorstellung von der Spitze der gro�en Pyramide herunter und ging langsam nach Underhill zur�ck. Da ersp�hte er zwei Gestalten, die aus der Seitent�r einer Garage herauskamen und durch eine klare Kriechr�hre in einen Rover stiegen. In ihren Bewegungen lag etwas Eiliges und Verstohlenes. Er blieb stehen, um n�her hinzuschauen. Sie trugen keine Helme, und er erkannte Houston und Chang an ihren Hinterk�pfen und ihrer K�rpergr��e. Sie kletterten mit trippelnder terrestrischer Unbeholfenheit in den Rover und fuhren auf ihn zu.</p><p>John polarisierte seine Gesichtsscheibe und ging weiter. Er bem�hte sich, wie jemand auszusehen, der von der Arbeit kommt. Dabei schwenkte er etwas zur Seite, um die Distanz zwischen sich und ihnen zu vergr��ern. Der Rover tauchte in eine dichte Staubwolke und verschwand abrupt.</p><p>Bis er zu den Schleusent�ren gelangte, war er rief in Gedanken und fast in Angst. Er stand bewegungslos an der T�r und dachte dar�ber nach. Als er sich dann bewegte, war es nicht zur T�r, sondern zu der Interkomkonsole in der Wand dicht bei der T�r. Da waren unter den Lautsprechern diverse Steckdosen, und er zog vorsichtig den Schutzstecker in einer davon heraus und entfernte den Staub an den R�ndern�� diese Steckdosen wurden nicht mehr gebraucht�� und st�pselte dann sein Armbandger�t ein. Er tastete den Code f�r Pauline ein und wartete, bis die Verschl�sselung und Entschl�sselung durchkamen. �Ja, John?� sagte Paulines Stimme in seinem Helm.</p><p>�Pauline, stelle bitte deine Kamera ein und schwenke durch mein Zimmer!�</p><p>Pauline befand sich auf dem Seitentisch am Bett und war in die Wand gest�pselt. Ihre Kamera war ein kleines, selten benutztes Ger�t mit Faseroptik, das Bild auf dem Armband war klein, und im Zimmer war es dunkel mit nur einem Nachtlicht. Sein gebogenes Visier war noch eine Behinderung, so dass er die Bilder nicht ganz deutlich erkennen konnte. Graue, sich bewegende Gestalten. Da war das Bett und etwas darauf und dann die Wand. �Zehn Grad zur�ck!� sagte John und blinzelte, um das Bild von zwei Zentimetern im Quadrat zu verstehen. Sein Bett. Auf seinem Bett lag ein Mann. War es wirklich so? Eine Schuhsohle, Rumpf, Haar. Schwer zu sagen. Es bewegte sich nicht. �Pauline, h�rst du irgend etwas in dem Zimmer?�</p><p>�Die L�ftung, den Strom.�</p><p>�Sende mir, was du mit deinem Mikrofon empf�ngst mit voller Lautst�rke!� Er dr�ckte den Kopf nach links mit dem Ohr gegen den Helmlautsprecher. Ein Zischen, statisches Rauschen. Bei diesem Prozess gab es zu viel �bertragungsfehler, besonders wenn man die korrodierten Steckdosen benutzte. Aber bestimmt h�rte er kein Atmen. �Pauline, kannst du in das Monitorsystem von Underhill hineingehen, die Kamera f�r die T�r unseres Gew�lbes bekommen und ihr Bild auf mein Handgelenk legen, bitte?�</p><p>Er hatte erst vor ein paar Jahren selbst die Installation des Sicherheitssystems von Underhill geleitet. Pauline hatte noch alle Pl�ne und Codes, und sie brauchte nicht lange, um auf seinem Handgelenk das Bild der Au�enseite seines Zimmers von oben gesehen erscheinen zu lassen. Das Licht in der Suite war an, und in den Kameraschwenks konnte er sehen, dass seine T�r geschlossen war. Das war alles.</p><p>Er lie� die Hand zur Seite fallen und dachte nach. Es vergingen f�nf Minuten, bis er sie wieder hob und anfing, �ber Pauline dem Sicherheitssystem von Underhill Anweisungen zu geben. Der Besitz des Codes erlaubte ihm, das ganze Kamerasystem anzuweisen, seine �berwachungsb�nder zu l�schen und dann auf eine einst�ndige Schleife anstelle der �blichen acht Stunden zu schalten. Danach wies er zwei Reinigungsroboter an, zu seinem Zimmer zu kommen und die T�r zu �ffnen. W�hrend sie das taten, stand er zitternd da und wartete, dass sie langsam durch die Gew�lbe rollen w�rden. Als sie seine T�r �ffneten, erblickte er sie durch das kleine Auge von Pauline. Licht ergoss sich in den Raum, flammte auf und wurde dann angepasst, so dass er viel deutlicher sehen konnte. Ja, es lag ein Mann auf seinem Bett. Johns Atem wurde flach. Er bediente die Roboter mit den winzigen Kn�pfen auf seinem Handapparat. Das war eine heikle Prozedur, aber wenn der Mann beim Hochgehobenwerden aufwachte, um so besser.</p><p>Er tat es nicht. Der Mann rollte auf beide Seiten der ihn umfangenden Arme der Roboter herunter, die ihn mit ihrer algorithmischen Zartheit emporhoben. Ein herunterh�ngender K�rper. Der Mann war tot.</p><p>John holte tief Luft, hielt den Atem an und fuhr mit der Fernmanipulation fort. Er lie� den ersten Roboter die Leiche in den gro�en M�llbeh�lter des zweiten legen. Die Roboter dann wieder in ihr Magazingew�lbe zu schicken, war einfach.</p><p>W�hrend sie dahinrollten, kamen mehrere Leute an ihnen vorbei, aber das lie� sich nicht �ndern. Der Leichnam war nur von oben sichtbar, und er hoffte, dass sich niemand sp�ter an die Roboter erinnern w�rde.</p><p>Als er sie in ihrem Magazinraum antraf, z�gerte er. Sollte er die Leiche zu den Ein�scherungs�fen im Alchemistenviertel bringen? Aber nein. Jetzt, da sie sich nicht mehr in seinem Zimmer befand, brauchte er sich ihrer nicht zu entledigen. Das w�rde erst sp�ter n�tig werden. Zun�chst fragte er sich, wer es war. Er steuerte den ersten Roboter so, dass er sein ausfahrbares Auge auf das rechte Handgelenk der Leiche richtete und es mit seinem magnetischen Bildger�t ablesen sollte. Es dauerte lange, bis das Auge die richtige Stelle fand. Das winzige Schild, das ein jeder auf einem Handknochen implantiert trug, enthielt Information in der Standard-Punktsprache; und Pauline brauchte nur eine Minute, um eine Identifikation zu bekommen. Hashika Mui, UNOMA-Revisor, angekommen 2050.</p><p>Eine wirkliche Person. Ein Mann, der tausend Jahre h�tte leben k�nnen.</p><p>John begann zu zittern. Er lehnte sich gegen die glasierte blaue Backsteinwand von Underhill. Es w�rde eine Stunde dauern, bis er hineingehen k�nnte, oder etwas weniger. Ungeduldig stie� er sich ab und ging um das Quadrat herum. Das erforderte gew�hnlich f�nfzehn Minuten, aber jetzt Schafte er es in zehn. Nach der zweiten Runde ging er zum Anh�ngerpark hin�ber.</p><p>Dort waren nur noch zwei der alten Trailer da, und die waren offenbar aufgegeben oder nur f�r Lagerzwecke benutzt worden. Aus dem n�chtlichen Staub zwischen ihnen tauchten Gestalten auf, und eine Sekunde lang war er erschrocken, aber sie gingen vorbei.</p><p>Er kehrte zu dem Quadrat zur�ck und machte wieder einen Rundgang. Dann ging er im Freien zum Alchemistenquartier. Er stand da, betrachtete den antiquierten Komplex aus Rohren und Anlagen und flachen wei�en Geb�uden, die alle mit ihren schwarzen kalligraphischen Gleichungen beschriftet waren. Er dachte an ihre ersten Jahre. Und jetzt war es wie mit einem Wimpernschlag so weit gekommen. In der D�sternis des Gro�en Sturms. Zivilisation, Korruption, Krise. Er knirschte mit den Z�hnen.</p><p>Eine Stunde war vergangen, es war neun Uhr abends. Er ging zur Schleuse zur�ck und hinein, entledigte sich im Umkleideraum von Helm, Schutzanzug und Stiefeln, zog sich aus, ging in die Dusche. Nach dem Duschen trocknete er sich ab, zog einen Pullover an und k�mmte sich. Er holte tief Luft und ging um die S�dseite des Quadrats und nach oben durch die Gew�lbe zu dem mit seinem Zimmer. Als er die T�r �ffnete, war er nicht �berrascht, wie er vier UNOMA-Detektive auftauchen sah. Aber er versuchte, erstaunt zu tun, als sie ihn aufforderten, stehen zu bleiben. Er sagte: �Was ist los?�</p><p>Es war weder Houston noch Chang, sondern drei M�nner und eine der Frauen, die bei der ersten Gruppe in Low Point gewesen waren. Die M�nner dr�ngten sich an seine Seiten, ohne zu antworten, zogen die T�r ganz auf, und zwei von ihnen gingen hinein. John beherrschte den Drang, sie anzusto�en oder anzubr�llen oder �ber ihre Mienen zu lachen, als sie sahen, dass sein Zimmer leer war. Er starrte sie nur neugierig an und versuchte, sich darauf zu beschr�nken, wie �rgerlich er sich gezeigt haben w�rde, wenn er nicht gewusst h�tte, was los war. Dieser �rger w�re nat�rlich erheblich gewesen; und als die T�r ge�ffnet wurde, musste er sich wirklich sehr zusammennehmen, um seine Wut auf dem Niveau eines Arglosen zu halten. Sie mussten angefahren werden, als ob sie �bereifrige Polizisten w�ren, und sollten nicht als m�rderische Funktion�re attackiert werden.</p><p>Bei ihrer Verwirrung �ber die unerwartete Situation gelang es ihm, sie mit ein paar bissigen S�tzen zu verscheuchen. Und als er die T�r hinter ihnen geschlossen hatte, trat er mitten ins Zimmer. �Pauline, nimm bitte auf, was sich im Sicherheitssystem abspielt, und zeichne es auf! Zeig mir, welche Kameras auch immer sie haben.�</p><p>Also verfolgte Pauline sie. Sie brauchten nur ein paar Minuten, um in den Sicherheitskontrollraum zu gelangen, wo sie auf Chang und andere trafen. Sie holten die Kamerakassetten. John sa� vor Paulines Bildschirm und sah mit ihnen zu, wie sie die Spulen zur�cklaufen lie�en und merkten, dass sie nur eine Stunde lang waren und die Ereignisse des Nachmittags gel�scht waren. Das w�rde ihnen einiges zu denken geben. Er l�chelte grimmig und sagte Pauline, sie solle sich aus dem System zur�ckziehen.</p><p>Eine Welle von Ersch�pfung �berkam ihn. Es war erst elf Uhr, aber alles Adrenalin und die morgendliche Dosis Omegendorph waren verflogen, und er war m�de. Er setzte sich auf sein Bett, erinnerte sich dann aber daran, was zuletzt dort gewesen war, und stand auf. Schlie�lich schlief er auf dem Fu�boden.</p><p>W�hrend des Zeitrutsches wurde er von Spencer Jackson geweckt mit der Nachricht, dass man in einem Roboterbeh�lter eine Leiche gefunden h�tte. Er ging hin, stand schlapp neben Spencer in der Klinik und starrte auf den Leichnam von Yashika Mui, w�hrend einige Detektive ihn m�de be�ugten. Die diagnostische Maschine war bei einer Autopsie so gut wie jede andere, vielleicht sogar besser. Musterproben zeigten ein Blutgerinnungsmittel an. John ordnete finster eine volle Kriminal-Autopsie an. K�rper und Kleider von Mui mussten untersucht und alle mikroskopischen Partikel gegen�ber seinem Genom und alle Fremdpartikel �berpr�ft werden im Vergleich mit der Liste von Leuten, die derzeit in Underhill waren. John sah die UNOMA-Detektive scharf an, als er diese Anweisung gab; aber sie zuckten nicht mit der Wimper. Wahrscheinlich hatten sie Handschuhe und Schutzanz�ge getragen, oder das ganze Ding mit Fernbedienung erledigt wie er selbst. Er musste sich abwenden, um seine Entt�uschung zu verbergen. Er konnte nicht ausplaudern, dass er Bescheid wusste.</p><p>Aber dann wussten sie nat�rlich, dass er die Leiche dorthin geschafft hatte. Also mussten sie argw�hnen, dass er es war, der sie entfernt und die Kamerab�nder gel�scht hatte. Aber sie konnten nicht sicher sein, und es gab keinen Grund, etwas aufzugeben.</p><p>Eine Stunde sp�ter ging er wieder in sein Zimmer und legte sich wieder auf den Boden. Obwohl er noch ersch�pft war, konnte er nicht mehr schlafen. Er starrte an die Decke und dachte nach. �ber alles, was er erfahren hatte.</p><empty-line/><p>Kurz vor der Morgend�mmerung hatte er den Eindruck, klargekommen zu sein. Er gab es auf zu schlafen und stand auf, um wieder spazieren zu gehen. Er musste im Freien sein, weg von der Welt der Menschen und all ihrer widerlichen Korruption, hinaus in den gro�en Windesrausch, der durch den fliegenden Staub des Sturms so dramatisch zum Ausdruck kam.</p><p>Aber als er aus der T�r der Schleuse trat, waren �ber seinem Kopf Sterne. Ihre ganze F�lle, alle Tausende brannten wie einst, ohne das leichteste Flimmern oder Zittern. Die schwachen waren so dicht, dass sogar der schwarze Himmel einen wei�en Schimmer hatte, als ob der ganze Himmel die Milchstra�e w�re.</p><p>Als er sich von seiner Verwunderung und dem fast vergessenen Wunder der Sterne erholt hatte, stellte er in seinem Interkom die Nachrichten ein.</p><p>Sie l�sten ein Pand�monium aus. Leute h�rten sie, weckten ihre Freunde und rasten in den Umkleideraum, um einen Schutzanzug zu erwischen, ehe der Vorrat ersch�pft war. Und die Schleusent�ren spieen unentwegt Volksmengen aus.</p><p>Der Himmel im Osten wurde dunkelrot und dann rasch heller. Der ganze Himmel nahm eine dunkelrosa T�nung an und fing dann an zu gl�hen. Die Sterne verschwanden zu Hunderten, bis nur noch Venus und Erde im Osten schwebten vor einer st�ndig zunehmenden Helligkeit. Der Himmel im Osten leuchtete noch st�rker, als man am Tage glaubte erwarten zu k�nnen. Sogar hinter den Gesichtsscheiben tr�nten die Augen, und manche Leute schrien �ber die allgemeine Frequenz laut bei dem Anblick. Gestalten torkelten herum, das Interkom plapperte, und der Himmel wurde unm�glicherweise immer noch heller, bis er bersten zu wollen schien. Er pulsierte in leuchtend rosigem Licht. Die Punkte, welche Venus und Erde darstellten, gingen darin unter. Und dann brach die Sonne �ber den Horizont und schoss �ber die Ebene wie eine thermonukleare Bombe. Die Menschen br�llten, sprangen auf und ab und rannten zwischen die schwarzen Schatten der Felsen und Geb�ude. Alle nach Osten gerichteten W�nde wurden gro�e Fl�chen von fahlgelber Farbe, deren glasierte Mosaiken kaum direkt anzusehen waren. Die Luft war klar wie Glas und schien eine feste Substanz zu sein, die die in ihr befindlichen Dinge messerscharf deutlich erscheinen lie�.</p><p>John ging von den Volksmengen fort ostw�rts in Richtung Tschernobyl. Er stellte sein Interkom ab. Der Himmel war dunkler rot, als er sich erinnerte, mit einem Hauch von Purpur im Zenith. Alle Leute in Underhill wurden verr�ckt. Viele dort hatten noch nie den Sonnenschein auf dem Mars gesehen, und ohne Zweifel hatten sie den Eindruck, ihr ganzes Leben im Gro�en Sturm verbracht zu haben. Jetzt war er vorbei, und sie spazierten drau�en im Sonnenschein, trunken davon. Sie rutschten auf rosa Eis nach links und rechts, veranstalteten Schlachten mit gelben Schneeb�llen und erstiegen die �berfrorenen Pyramiden. Als John das sah, machte er kehrt und ging die Stufen der letzten Pyramide selbst hinauf, um einen Blick auf die H�gel und T�ler um Underhill zu werfen. Die waren etwas von Reif und Treibsand bedeckt, aber sonst unver�ndert. Er schaltete die allgemeine Frequenz ein, schaltete sie aber wieder aus. Die Menschen darin schrien immer noch nach Schutzanz�gen, und niemand drau�en beachtete sie. Seit Sonnenaufgang war eine Stunde vergangen, schrie jemand, obwohl das John schwer glaublich erschien. Er sch�ttelte den Kopf. Die kr�chzenden Stimmen und die Erinnerung an die Leiche auf seinem Bett machten es ihm schwer, viel Freude am Ende des Sturms zu haben.</p><p>Schlie�lich ging er wieder hinein. Er gab seinen Schutzanzug einem Paar Frauen von seiner Gr��e, die dar�ber stritten, wer ihn als erste bekommen sollte, ging dann ins Kommunikationszentrum und rief Sax in Echus an. Als er ihn bekam, gratulierte er ihm zum Ende des Sturms.</p><p>Sax wehrte das br�sk ab, als w�re es schon vor Jahren passiert. Er sagte: �Sie sind auf Amor 2051 B gelandet.� Das war der Eis-Asteroid, den sie f�r die Einbringung ins Marsorbit gefunden harten. Sie waren dabei, Raketen auf ihm zu installieren, die ihn auf einen Kurs schieben w�rden, der dem der <emphasis>Ares</emphasis> �hnlich w�re. Ohne Hitzeschild w�rde die Luftbremsung ihn vergl�hen lassen. Alles sah gut aus f�r Eintritt in die Marsumlaufbahn in etwa sechs Monaten. <emphasis>Das</emphasis> war die gro�e Nachricht, wie Sax auf seine zwinkernde ruhige Art zu verstehen gab. Der Gro�e Sturm war schon Geschichte.</p><p>John musste lachen. Aber dann dachte er an Yashika Mui und erz�hlte Sax davon, weil er auch einem anderen die Stimmung vermiesen wollte. Sax zwinkerte nur und sagte schlie�lich: �Sie machen jetzt ernst.� John verabschiedete sich und schaltete ab.</p><p>Er ging wieder zur�ck durch die Gew�lbe, verwirrt durch eine krass widerspr�chliche Mischung von guten und schlechten Emotionen. Er kam in sein Zimmer und nahm ein Omegendorph und eines der neuen Pandorphs, die Spencer ihm gegeben hatte. Dann ging er hinaus ins zentrale Atrium des Quadrats und spazierte zwischen den Pflanzen umher, die im Sturm alle d�rr aufgeschossen waren und sich den Leuchtr�hren in der H�he zuwandten. Der Himmel war immer klar, rosa und sehr hell. Viele Leute, die zuerst ins Freie gegangen waren, waren jetzt wieder zur�ck und hielten eine Party im Atrium zwischen den Beeten ab. Er traf auf einige neue Freunde, manche Bekannte und haupts�chlich Fremde. Er ging wieder in die Gew�lbe durch R�ume voller Unbekannter, die ihn manchmal fr�hlich anriefen, wenn er hineinkam. Wenn sie lange genug schrieen: �Reden!�, stellte er sich wohl auf einen Stuhl und ratterte etwas herunter. Er f�hlte die Endorphine, deren Wirkung durch den Gedanken an den toten Mann heute aufgehoben wurde. Manchmal war er recht heftig und wusste nie, was er sagen w�rde, bis es aus ihm herauskam. Die Leute w�rden sagen, sie h�tten John Boone an dem Tage, wo der Gro�e Sturm aufh�rte, sternhagelvoll betrunken gesehen. Fein, dachte er, mochten sie sagen, was sie wollten. Ihm machte das schon nichts mehr aus, soweit es seine Legende betraf.</p><p>In einem Raum war eine Schar von �gyptern, nicht wie Sufis, sondern orthodoxe Muslime, die wie der Wind sprachen und Kaffee tranken, berauscht von Coffein und Sonnenlicht. Wei�es L�cheln blitzte unter ihren Schnurrb�rten, diesmal �u�erst herzlich, wirklich erfreut, ihn zu sehen. Ihm wurde dabei warm, und im Schwung des Tages sagte er: �Schaut, wir sind Teil einer neuen Welt. Wenn ihr eure Handlungen nicht auf die Realit�t des Mars gr�ndet, werdet ihr schizophren, mit eurem K�rper auf einem Planeten und euren Geist auf einem anderen. Keine so gespaltene Gesellschaft kann lange funktionieren.�</p><p>�Sehr wohl�, sagte einer von ihnen l�chelnd. �Du musst verstehen, dass wir schon fr�her gewandert sind. Wir sind ein wanderndes Volk. Aber wo immer wir sind, Mekka ist unsere Heimat. Wir k�nnten zur anderen Seite des Universums fliegen, und das w�rde immer noch gelten.�</p><p>Darauf gab es nichts zu sagen, und solche direkte Ehrlichkeit war wirklich viel sauberer als das, womit er w�hrend der Nacht zu tun gehabt hatte. Darum sagte er: �Ich verstehe.� Man vergleiche das letztlich mit der Heuchelei des Westens, wo die Leute bei Morgenandachten �ber Profit sprachen, Leute, die keinen einzigen Glauben artikulieren konnten, den sie hatten. Leute, die ihre Werte f�r physikalische Konstanten hielten und zu sagen pflegten: �So sind die Dinge nun einmal.� Wie es Frank so oft tat.</p><p>Also blieb John da und unterhielt sich einige Zeit mit den �gyptern; und als er sie verlie�, f�hlte er sich besser. Er ging wieder zu seinem Gew�lbe und horchte auf die w�sten Stimmen, die aus jedem Raum in den Korridor erklangen. Rufe, Schreie, Gerede fr�hlicher Wissenschaftler: �Diese Dinger sind solche Halophyten, dass sie keine Lauge m�gen, weil zu viel Salz darin ist.� Lachsalven.</p><p>Ihm kam eine Idee. Spencer Jackson wohnte in dem Gew�lbe T�r an T�r mit John und kam vorbei, als John hereinlief. Also teilte er ihm seine Idee mit. �Wir sollten alle Leute, die wir auftreiben k�nnen, zu einer gro�en Feier f�r das Ende des Sturms versammeln. Von allen irgendwie auf dem Mars ans�ssig gewordenen Gruppen, wei�t du, oder wenigstens jeden, der es vielleicht schaffen kann. Jeden, der hier sein m�chte.�</p><p>�Wo denn?�</p><p>�Oben auf Olympus Mons�, sagte er, ohne nachzudenken. �Vielleicht k�nnten wir Sax dazu bringen, die Ankunft des Eis-Asteroiden zeitlich so abzustimmen, dass wir sie von dort aus beobachten k�nnen.�</p><p>�Eine gute Idee!� sagte Spencer.</p></section><section><empty-line/><p>Olympus Mons ist ein Schildvulkan und deshalb ein Kegel, der an den meisten Stellen nicht steil ist. Seine gro�e H�he ergibt sich aus seiner noch gr��eren Breite. Er ist zwanzig Kilometer h�her als die umgebende Ebene; daher betr�gt die Steigung durchschnittlich etwa sechs Grad. Aber um die Peripherie seiner gro�en Masse gibt es eine runde B�schung von etwa sieben Kilometern H�he. Und diese eindrucksvolle Klippe, doppelt so hoch wie Echus Ausblick, ist an vielen Stellen fast vertikal. Abschnitte davon hatten schon die wenigen Alpinisten des Planeten gereizt, aber noch niemandem war es gelungen, sie zu erklimmen; und f�r die meisten Bewohner des Mars blieb sie blo� ein ansehnliches Hindernis auf dem Weg zur Gipfelcaldera. Reisende auf dem Boden schafften den Weg auf die B�schung durch eine breite Rampe auf der Nordseite, wo einer der letzten Lavastr�me �ber die Klippe gelaufen war. Areologen erz�hlten Geschichten, wie das gewesen sein m�sste�� ein Strom aus geschmolzenem Fels von hundert Kilometern Breite, zu hell, um ihn anzuschauen, der siebentausend Meter auf die schwarze von Lava verkrustete Ebene st�rzte und sich immer h�her und h�her auft�rmte. Dieser Lavaergu� hatte eine Rampe hinterlassen mit nur einer leichten Kerbe an der Stelle, wo die B�schung �berflutet wurde. Der Anstieg war leicht, und danach brachte einen eine Fahrt von etwa zweihundert Kilometern auf den Rand der Caldera.</p><p>Die Gipfelkante von Olympus Mons ist so breit und flach, dass man, obwohl sie einen hervorragenden Blick auf die Caldera mit ihren vielen Ringen bietet, den Rest des Planeten von ihr aus nicht sehen kann. Wenn man nach au�en blickt, sieht man nur den �u�eren Rand der Kante und dann den Himmel. Aber auf der S�dseite der Kante gibt es einen kleinen Meteoritenkrater, der keinen Namen hat, aber auf der Karte als THA-Zp bezeichnet wird. Das Innere dieses kleinen Kraters ist etwas gesch�tzt vor dem d�nnen Strahlstrom, der �ber den Olympus Mons braust; und wenn ein Beobachter auf seinem s�dlichen Bogen steht, hat er endlich einen Blick den Hang des Vulkans hinab und dann �ber die weite aufsteigende Ebene von West-Tharsis. Es sieht aus, als schaute man von einer Plattform im nahen Weltraum auf den Planeten hinunter.</p><empty-line/><p>Es dauerte fast neun Monate, bis der Asteroid zu einem Rendezvous mit dem Mars gebracht war, und die Nachricht von Johns Feier hatte Zeit, die Runde zu machen. Also kamen sie in einzelnen Roverkarawanen, zu zweit, f�nft und zehnt, die Nordrampe hoch und herum zum �u�eren S�dhang von Zp. Dort stellten sie eine Anzahl gro�er sichelf�rmiger Zelte mit durchsichtigen festen B�den auf, die zwei Meter �ber dem Grund standen und auf klaren Eingangspfeilern ruhten. Sie waren tats�chlich das Neueste an zeitweiligen Schutzr�umen und waren alle mit der Innenseite ihrer B�gen bergauf orientiert, so dass sie eine Reihe von Sicheln bildeten, die wie eine Treppe gestapelt waren, wie Gew�chsh�user auf einem Berghang, die die immense Weite einer bronzefarbenen Welt �berblickten. Eine Woche lang trafen jeden Tag Karawanen ein, und Luftschiffe qu�lten sich den langen Abhang herauf und wurden im Innern von Zp vert�ut. Sie f�llten den Krater so, dass sein Inneres wie eine Sch�ssel voller Geburtstagsballons aussah.</p><p>Die Gr��e der Menge �berraschte John, da er erwartet hatte, dass nur ein paar Freunde zu einem so entlegenen Platz reisen w�rden. Das war ein neuer Beweis seines Unverm�gens, die laufende Bev�lkerung des Planeten zu verstehen. Dort waren um die tausend Personen versammelt. Es war erstaunlich. Obwohl er viele Gesichter schon fr�her gesehen hatte und einige mit Namen kannte. Es war also in gewisser Weise eine Versammlung von Freunden. Es war, als ob eine Heimatstadt, die er vorher nicht gekannt hatte, pl�tzlich um ihn herum entstanden w�re. Und es waren auch viele der Ersten Hundert gekommen, im ganzen vierzig Personen, einschlie�lich Maya und Sax, Ann und Simon, Nadia und Arkady, Vlad und Ursula und dem Rest der Phobosgruppe, und Arnie und Sasha und Yeli und einigen mehr, von denen er manche seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte�� jeder, der ihm nahe stand, au�er Frank, der gesagt hatte, er h�tte zu viel zu tun, und Phyllis, die auf die Einladung �berhaupt nicht geantwortet hatte.</p><p>Und es waren nicht blo� die Ersten Hundert. Viele der anderen waren auch gute Freunde�� eine Menge Schweizer, einschlie�lich der Stra�en bauenden Zigeuner; Japaner von �berall her; die meisten Russen auf dem Planeten; seine Sufi-Freunde. Und sie alle waren auf und ab in den terrassierten Zelten verstreut, in Gruppen von Karawanen und Luftschiffbesatzungen, die von Zeit zu Zeit an die Schleusen eilten, um die letzten Ank�mmlinge zu begr��en.</p><p>Im Laufe der Tage wanderten viele drau�en um die Zelte und sammelten loses Gestein von dem gro�en gekr�mmten Abhang. Der Aufprall des Zp-Meteoriten hatte St�cke von Brekzienlava �berall hin verstreut, einschlie�lich Splitterkegeln aus Stishovit wie Tonscherben, manche mattschwarz, andere hell blutrot oder gefleckt mit Aufschlagdiamanten. Eine areologische Gruppe aus Griechenland begann, diese unter dem erh�hten Boden eines Zeltes in einem Muster anzuordnen, und sie hatten einen kleinen Brennofen mitgebracht, so dass sie einige Scherben gelb, gr�n oder blau glasieren konnten, um ihre Muster hervorzuheben. Diese Idee fand sofort Anklang, als andere Leute das sahen; und binnen zwei Tagen stand jeder Zeltboden �ber einem Fliesenparkett mit Mosaikmuster. Karten der Umgebung, Bilder von V�geln und Fischen, fraktale Abstrakte, Escher-Bilder, <emphasis>Om mani padme hum</emphasis> in tibetischer Kalligraphie, Karten des Planeten und kleinerer Gebiete, Gleichungen, Gesichter von Menschen, Landschaften und so weiter.</p><p>John verbrachte seine Zeit damit, dass er von Zelt zu Zelt wanderte, mit Leuten sprach und die Karnevals-Atmosph�re genoss, eine Atmosph�re, die Diskussionen nicht ausschloss, es gab eine Menge davon; aber die meisten Leute verbrachten die Zeit mit Parties, Plaudern, Trinken, Ausfl�gen auf die wellige Fl�che der alten Lavastr�me, Anfertigen von Mosaikb�den und Tanzen zur Musik verschiedener Amateurbands. Deren beste war eine Band mit Magnesiumtrommeln. Die Instrumente waren von hier, die Spieler aus Trinidad Tobago, einer bekannten transnationalen Gef�lligkeitsflagge mit starker lokaler Widerstandsbewegung, von der die Musiker Repr�sentanten waren. Es gab auch eine Country-and-Western-Gruppe mit einem guten Spieler der Hawaiigitarre und eine irische Band mit selbstgebauten Instrumenten und einer gro�en wechselnden Besetzung, was ihr gestattete, mehr oder weniger pausenlos zu spielen. Diese drei Kapellen waren alle umringt von zahlreichen T�nzern, und die Zelte, in denen sie sich befanden, hatten deren Bewegungen ganz in eine Art von pulsierendem Tanz verwandelt, da die M�glichkeit, von hier nach da zu kommen, j�h durch die Sch�nheit und �ppigkeit der Musik behindert wurde, durch die Schwere und die Aussicht.</p><p>Es war also eine gro�e Festlichkeit, und John freute sich und feierte kr�ftig mit in jedem wachen Moment. Er brauchte weder Omegendorph noch Pandorph; und einmal, als Marian und die Leute von Senzeni Na ihn in eine Ecke dr�ngten und anfingen, Tabletten zu verteilen, konnte er blo� lachen. Er sagte zu den jungen Hitzk�pfen mit einer schwachen Handbewegung: �Mir ist jetzt nicht danach. Das hie�e jetzt Eulen nach Athen tragen, wirklich!�</p><p>�Eulen nach Athen?�</p><p>�Er meint, als ob man Permafrost nach Borealis br�chte.�</p><p>�Oder mehr Kohlendioxid in die Atmosph�re pumpte.�</p><p>�Mehr Salz in den verdammten Boden t�te.�</p><p>�Mehr Eisenoxid �ber den ganzen verdammten Planeten verteilte.�</p><p>�Genau�, lachte John. �Ich bin schon ganz rot.�</p><p>�Nicht so rot wie diese Leute�, sagte einer von ihnen und zeigte hinunter nach Westen. Eine Kette von drei sandfarbenen Luftschiffen schwebte den Vulkanhang herauf. Sie waren klein und veraltet und beantworteten keine Funkanfragen. Als sie �ber den Rand von Zp gerutscht waren und zwischen den gr��eren und bunteren Schiffen im Krater verankert waren, warteten alle darauf, von den Beobachtern in der Schleuse zu erfahren, wer sie sein k�nnten. Als ihre Gondeln aufgingen und zwanzig oder drei�ig Personen in Schutzanz�gen herauskamen, trat Stille ein. �Das ist Hiroko�, sagte Nadia pl�tzlich �ber die allgemeine Frequenz. Die Ersten Hundert begaben sich rasch zum oberen Zelt und blickten nach oben zu dem Gehrohr, das �ber den Rand verlief. Und als die neuen Besucher das Rohr hinab zur Zeltschleuse gingen und dann hindurch und drin waren�� ja, es waren Hiroko, Michel, Evgenia, Iwao, Gene, Ellen, Rya, Raul und eine ganze Schar Jugendlicher.</p><p>Schreie und Rufe drangen durch die Luft, Menschen fielen sich in die Arme, einige weinten; und es gab eine Menge �rgerlicher Vorw�rfe. John konnte nicht umhin, Hiroko an sich zu dr�cken, als er eine Gelegenheit bekam nach allen diesen Stunden im Rover, wo er sich Sorgen machte und w�nschte, mit ihr sprechen zu k�nnen. Jetzt packte er sie bei den Schultern und sch�ttelte sie fast. Hei�e Worte wollten ihm aus der Kehle str�men; aber ihr grinsendes Gesicht glich so sehr dem, das er in Erinnerung hatte, und dennoch nicht. Ihr Gesicht war schmaler und faltiger, nicht sie und doch deutlich sie. Ihr Gesicht verschwamm ihm vor den Augen zwischen dem, was er zu sehen erwartet hatte, und dem, was er jetzt sah. Er war durch diese halluzinatorische Undeutlichkeit (auch in seinen Gef�hlen) so verwirrt, dass er nur sagte: �Oh, ich habe mir so gew�nscht, mit dir zu reden!�</p><p>�Und ich mit dir�, sagte sie, obwohl es bei dem allgemeinen L�rm kaum zu h�ren war. Nadia vermittelte zwischen Maya und Michael, denn Maya br�llte immer wieder: �Warum hast du es mir nicht gesagt?�, ehe sie in Tr�nen ausbrach. John wurde dadurch abgelenkt und sah dann Arkadys Gesicht �ber Hirokos Schulter mit einer Miene, die sagte: <emphasis>Fragen</emphasis> werden sp�ter beantwortet werden; und er verlor seinen Gedankenfaden. Es w�rden manche harte Sachen gesagt werden m�ssen�� aber jedenfalls waren sie hier! Unten in den Zelten war der Ger�uschpegel um zwanzig Dezibel gestiegen. Die Leute feierten ihre Wiedervereinigung.</p><p>Sp�t am Nachmittag versammelte John die Ersten Hundert, die jetzt knapp sechzig z�hlten. Sie kamen von selbst in dem h�chsten Zelt zusammen und schauten �ber die weiter unten und das Land dahinter hinab.</p><p>Es war alles so viel gr��er als Underhill und die enge steinige Ebene darum herum. Alles hatte sich ver�ndert, wie es schien. Die Welt und ihre Zivilisation waren viel gr��er und komplizierter geworden. Und dennoch standen sie jetzt hier. Die ach so vertrauten Gesichter ver�ndert, gealtert, wie menschliche Gesichter altern. Die Zeit formte sie mit Erosion, als ob sie seit geologischen Zeitr�umen gelebt h�tten, und gab ihnen einen wissenden Ausdruck, als ob man die Wasserreservoire hinter ihren Augen erkennen k�nnte. Die meisten von ihnen waren jetzt in ihren siebziger Jahren. Und die Welt war in der Tat gr��er auf vielfache Weise. Schlie�lich war es jetzt durchaus m�glich, dass es ihnen beschieden w�re, einander noch viel mehr altern zu sehen, wenn sie Gl�ck hatten. Das war ein eigenartiges Gef�hl.</p><p>So dr�ngten sie sich durcheinander, schauten auf die Leute in den Zelten weiter unten und dahinter auf den bunt orangefarbenen Teppich des Planeten. Und die Konversation ging in raschen chaotischen Wellen hierhin und dorthin und erzeugte �berlagerungseffekte, so dass manchmal alle zugleich still waren und beisammen standen, verwundert, bet�ubt oder wie Delphine grinsend. In den Zelten unten schauten die Leute gelegentlich durch die Plastikb�gen zu ihnen herauf, um einen Blick auf ein so historisches Treffen zu erhaschen.</p><p>Schlie�lich setzten sie sich in unordentlich herumstehende St�hle und reichten K�se, Kekse und Flaschen mit Rotwein herum. John lehnte sich zur�ck und schaute sich um. Arkady hatte einen Arm �ber Mayas Schultern gelegt, den anderen �ber die Nadias, und alle drei lachten �ber etwas, das Maya gesagt hatte. Sax zwinkerte vergn�gt wie eine Eule, und Hiroko strahlte. John hatte in den fr�heren Jahren nie diesen Gesichtsausdruck bei ihr gesehen. Es war ein Jammer, eine solche Stimmung zu st�ren, aber es w�rde nie wieder eine gute Gelegenheit geben, und die Stimmung w�rde zur�ckkehren. Also sagte er in einem stillem Moment laut und deutlich zu Sax: �Ich kann dir sagen, wer hinter der Sabotage steckt.�</p><p>Sax zwinkerte: �Kannst du das?�</p><p>�Ja.� Er sah Hiroko ins Auge. �Hiroko, es sind deine Leute.�</p><p>Das ern�chterte sie, obwohl sie immer noch l�chelte. Aber es war das zur�ckhaltende private L�cheln von einst. �Nein, nein�, sagte sie sanft und sch�ttelte den Kopf. �Du wei�t, dass ich das nicht tun w�rde.�</p><p>�Das habe ich auch nicht gemeint. Aber deine Leute tun es ohne dein Wissen. Praktisch deine Kinder. Arbeiten mit dem Cojoten zusammen.�</p><p>Ihre Augen verengten sich, und sie warf einen raschen Blick auf die Zelte unter ihnen.</p><p>Als sie John wieder anblickte, fuhr er fort: �Du hast sie erzeugt, nicht wahr? Einen Haufen deiner Eier befruchtet und sie in vitro wachsen lassen?�</p><p>Nach einer Pause nickte sie.</p><p>�Hiroko!� sagte Ann. �Du hast keine Ahnung, wie gut dieses ektogene Verfahren funktioniert!�</p><p>�Wir haben es ausprobiert�, sagte Hiroko. �Die Kleinen sind sehr gut geraten.�</p><p>Jetzt schwieg die ganze Gruppe und beobachtete Hiroko und John. Der sagte: �Mag sein, aber manche von ihnen teilen nicht deine Gedanken. Sie handeln eigenm�chtig, wie Kinder nun einmal sind. Sie haben Eckz�hne aus Stein, oder stimmt das nicht?�</p><p>Hiroko r�mpfte die Nase. �Es sind Kronen. Eher eine Mischung als echter Stein. Eine alberne Mode.�</p><p>�Und eine Art Abzeichen. Und drau�en auf der Oberfl�che gibt es Leute, die das aufgegriffen haben, Leute, die mit deinen Kindern in Kontakt stehen und ihnen bei den Sabotagen helfen. Ich bin von einigen fast get�tet worden in Senzeni Na. Mein F�hrer dort hatte einen steinernen Eckzahn, obwohl es lange dauerte, bis ich mich daran erinnerte, wo ich das gesehen hatte. Ich nehme an, es war ein Zufall, dass wir beide gleichzeitig da unten waren, als der Wagen herunterfiel. Ich hatte ihnen nicht angek�ndigt, dass ich zu Besuch kommen w�rde, und so nehme ich an, die ganze Sache war geplant, ehe ich hinkam, und sie wussten nicht, wie man sie aufhalten konnte. Okakura ist wahrscheinlich in das Loch hinabgestiegen in dem Glauben, dass er wie ein K�fer zerquetscht w�rde um der Sache willen.�</p><p>Eine neue Pause. Hiroko sagte: �Bist du sicher?� �Ich bin mir recht sicher. Es war lange verwirrend, weil es ihnen nicht ganz �hnlich sieht. Es l�uft mehr als ein Ding. Aber als ich den ersten steinernen Zahn gesehen hatte, wurde es mir klar; und ich stellte fest, dass eine ganze Schiffsladung mit zahn�rztlichem Ger�t damals 2044 von der Erde leer angekommen war. Ein ganzer Frachter ausgeraubt. Das brachte mich auf den Gedanken, einer Sache auf der Spur zu sein. Und dann geschahen die Sabotagen an Orten und zu Zeiten, wo niemand, der im Netz war, es h�tte tun k�nnen. Wie damals, als ich Mary bei dem Wasserlager von Margaritifer besuchte, und das Quellengeb�ude explodierte. Es war klar, dass es niemand gewesen sein konnte, der dort stationiert war. Das war einfach unm�glich. Aber es ist eine sehr isolierte Station, und zu jener Zeit war sonst niemand in der N�he. Also musste es jemand au�erhalb des Netzes gewesen sein. Und so habe ich an dich gedacht.�</p><p>Er zuckte entschuldigend die Achseln. �Wenn du es nachpr�fst, wirst du feststellen, dass ungef�hr die H�lfte der Sabotagen einfach nicht von jemandem im Netz ausgef�hrt sein konnte. Und bei der anderen H�lfte wurde gew�hnlich jemand mit einem Steinzahn in der Gegend bemerkt. Das ist inzwischen eine recht weit verbreitete Mode, aber ich dachte immer noch, dass du es warst. Und ich hatte meine KI eine Analyse machen lassen, die zeigte, dass etwa zwei Drittel der F�lle in der unteren s�dlichen Hemisph�re passiert sind, dies oder innerhalb eines Kreises von dreitausend Kilometern mit dem chaotischen Terrain am Ostende von Marineris als Zentrum. Das ist ein Kreis, der eine Menge Siedlungen enth�lt; aber selbst in diesem Fall schien mir, dass das Chaos ein logischer Platz w�re, wo sich die Saboteure verstecken k�nnten. Und wir haben alle seit Jahren herausgefunden, dass es dort war, wohin ihr gegangen seid, als ihr Underhill verlie�et.�</p><p>Hirokos Gesicht lie� nichts erkennen. Endlich sagte sie: �Ich werde dem nachgehen.�</p><p>�Gut.�</p><p>Sax sagte: �John, du sagtest, dass mehr als ein Ding im Gange w�re?�</p><p>John nickte. �Siehst du, es ist nicht blo� Sabotage gewesen. Jemand hat versucht, mich zu t�ten.�</p><p>Sax zwinkerte, und die anderen machten ein schockiertes Gesicht. John sagte: �Zuerst dachte ich, es w�ren die Saboteure, die versuchten, meine Nachforschungen zu verhindern. Das ergab Sinn, und der erste Vorfall war wirklich ein Sabotageakt, so dass man leicht verwirrt werden konnte. Aber jetzt bin ich recht sicher, dass es damals ein Irrtum gewesen war. Die Saboteure waren nicht daran interessiert, mich zu t�ten. Das h�tten sie tun k�nnen, machten es aber nicht.</p><p>Eines Nachts hat mich eine Gruppe von ihnen aufgehalten, einschlie�lich deines Sohnes Kasei, Hiroko, und des Cojoten, von dem ich annehme, dass er derselbe blinde Passagier ist, den du auf der <emphasis>Ares</emphasis> versteckt hattest���</p><p>Das verursachte einen Aufruhr. Offenbar hatte eine Anzahl von ihnen Verdacht hinsichtlich eines blinden Passagiers gehabt. Und Maya sprang auf, deutete mit einer dramatischen Geste auf Hiroko und schrie laut. John br�llte sie alle nieder und dr�ngte weiter. �Ihr Besuch war der beste Beweis meiner Theorie �ber die Sabotagen, weil es mir gelang, einige Hautzellen von einem von ihnen zu bekommen. Und ich konnte seine DNA lesen und mit anderen Proben vergleichen lassen, die an einigen Sabotagestellen gefunden wurden. Und diese Person war dort gewesen. Also waren sie die Saboteure, versuchten aber offenbar nicht, mich zu t�ten. Aber in einer Nacht in Hellas Low Point wurde ich umgeworfen und mein Schutzanzug aufgeschnitten.�</p><p>Er nickte zu den Ausrufen seiner Freunde. �Das war die erste geplante Attacke auf mich; und sie kam ziemlich bald, nachdem ich zu Pavonis gegangen war und mit Phyllis und einer Gruppe transnationaler Typen �ber Internationalisierung des Aufzugs und so weiter gesprochen hatte.�</p><p>Arkady lachte ihn an, aber John ignorierte ihn und fuhr fort: �Danach wurde ich mehrfach durch UNOMA-Detektive bel�stigt, denen Helmut gestattet hatte herzukommen. Das geschah auf Druck seitens einiger Transnationaler. Und ich fand tats�chlich heraus, dass die meisten dieser Leute f�r Armscor oder Subarashii auf der Erde gearbeitet hatten und nicht f�r das FBI, wie sie mir erz�hlten. Das sind die Transnationalen, die am meisten mit dem Aufzugsprojekt und der Ausbeutung der Gro�en B�schung zu tun haben. Und jetzt haben sie ihre eigenen Sicherheitsleute �berall eingesetzt und dieses mobile Team von so genannten Detektiven. Und dann, kurz vor dem Ende des Gro�en Sturms, haben einige dieser Detektive versucht, mich des Mordes anklagen zu lassen, der in Underhill passiert ist. Jawohl, das haben sie versucht! Das hat nicht geklappt, und ich kann absolut beweisen, dass sie es waren, und ich habe zwei von ihnen an dem Plan arbeiten sehen. Und ich denke, dass sie auch diesen Mann get�tet haben, nur um mich in Schwierigkeiten zu bringen. Um mich aus dem Wege zu schaffen.�</p><p>�Das solltest du Helmut erz�hlen�, sagte Nadia. �Wenn wir eine einheitliche Front bilden und darauf bestehen, dass diese Leute zur Erde zur�ckgeschickt werden, k�nnte er uns das kaum verweigern.�</p><p>�Ich wei� nicht, wie viel Macht Helmut �berhaupt noch hat�, erwiderte John. �Aber es w�re einen Versuch wert. Ich m�chte, dass diese Leute vom Planeten verjagt werden. Und besonders jene zwei, die ich von dem Sicherheitssystem in Senzeni Na habe aufzeichnen lassen, als sie beide in die Roboterklinik gingen und an den Reinigungsrobotern herumgefummelt haben, ehe ich es tat. Also ist der Indizienbeweis gegen sie wohl so stark wie n�tig.�</p><p>Die anderen wussten nicht recht, was sie damit anfangen sollten, aber es stellte sich heraus, dass einige von ihnen auch von anderen UNOMA-Teams bel�stigt worden waren�� Arkady, Alex, Spencer, Vlad und Ursula��, und sie stimmten rasch zu, dass es eine gute Idee w�re, die Detektive deportieren zu lassen. �Zumindest diese zwei Kerle sollten ausgewiesen werden�, sagte Maya energisch.</p><p>Sax dr�ckte einfach auf sein Armband und rief Helmut gleich auf der Stelle an. Er legte ihm die Situation dar, und die aufgebrachte Gruppe mischte sich ab und zu laut ein. Vlad erkl�rte: �Wir werden das der Presse der Erde unterbreiten, wenn du nichts dagegen tust.�</p><p>Helmut runzelte die Stirn und sagte nach einer Pause: �Ich werde mich darum k�mmern. Jene Agenten, �ber die ihr euch besonders beschwert, werden sicher abgel�st und nach Hause geschickt werden.�</p><p>�Lass ihre DNA nachpr�fen, ehe du sie ziehen l�sst!� sagte John. �Der M�rder jenes Mannes ist sicher dabei, dessen bin ich sicher.�</p><p>�Wir werden das nachpr�fen�, sagte Helmut nachdr�cklich.</p><p>Sax trennte die Verbindung, und John sah wieder seine Freunde an. Er sagte: �Okay. Aber es wird mehr n�tig sein als ein Anruf bei Helmut, um alle Ver�nderungen zu bewirken, die wir brauchen. Die Zeit ist gekommen, wieder gemeinsam zu handeln in einem weiten Bereich von Angelegenheiten, wenn wir �berleben wollen. Das ist ein Minimum, m�sst ihr wissen. Ein Beginn f�r das �brige. Wir m�ssen eine koh�rente politische Einheit bilden, ungeachtet aller m�glichen Meinungsverschiedenheiten.�</p><p>�Es wird nichts bewirken, was wir tun�, sagte Sax sanft. Er wurde aber sofort mit einem unverst�ndlichen Gebrabbel wetteifernder Proteste angegriffen.</p><p>John schrie: �Es wird sehr wohl etwas bewirken! Wir haben eine ebenso gute Chance wie jedermann zu bestimmen, was hier geschieht.�</p><p>Sax sch�ttelte den Kopf, aber die anderen h�rten auf John und schienen ihm meistens zuzustimmen: Arkady, Ann, Maya, Vlad�� jeder aus seiner anderen Perspektive�� Es konnte getan werden; das sah John in ihren Gesichtern. Nur Hiroko konnte er nicht deuten. Ihr Gesicht war ausdruckslos, in einer Weise verschlossen, die ihm einen j�hen Stich der Erinnerung versetzte. Sie war immer so zu John gewesen, und pl�tzlich verursachte es ihm Schmerzen von Frustration und fr�herer Pein. Er war beunruhigt.</p><p>Er stand da und deutete nach drau�en. Es war kurz vor Sonnenuntergang, und die riesige gekr�mmte Fl�che des Planeten war ein endloses Muster von Schatten. �Hiroko, kann ich mit dir privat ein Wort sprechen? Wir k�nnen in das Zelt hier unten gehen. Ich habe blo� ein paar Fragen; und dann k�nnen wir wieder zur�ckkommen.�</p><p>Die anderen starrten sie neugierig an. Unter diesem Blick verbeugte sich Hiroko schlie�lich und ging John voraus zu der R�hre, die in das n�chste Zelt f�hrte.</p><empty-line/><p>Sie standen am spitzen Ende der Sichel dieses Zeltes, unter den Blicken der Freunde oben und der zuf�lligen Beobachter unten. Das Zelt war gr��tenteils leer. Man achtete die Privatsph�re der Ersten Hundert, indem man eine L�cke lie�.</p><p>Hiroko fragte: �Hast du Vorschl�ge, wie ich die Saboteure identifizieren kann?�</p><p>�Du k�nntest mit dem Jungen namens Kasei anfangen�, sagte John. �Dem, der eine Mischung von dir und mir ist.�</p><p>Sie vermied seinen Blick.</p><p>John beugte sich zu ihr. Er wurde �rgerlich. �Ich nehme an, es gibt Kinder von jedem Mann unter den Ersten Hundert?�</p><p>Hiroko wandte ihm den Kopf zu und zuckte ganz leicht die Achseln. �Wir haben uns von den Proben bedient, die ein jeder gegeben hat. Die M�tter sind alle Frauen in der Gruppe und die V�ter alle M�nner.�</p><p>�Was hat dir das Recht gegeben, all dies ohne unsere Erlaubnis zu tun?� fragte John. �Unsere Kinder zu machen, ohne uns zu fragen, wegzulaufen und sich gleich zu verstecken? Warum? Warum?�</p><p>Hiroko erwiderte seinen Blick ruhig. �Wir haben eine Vision davon, was Leben auf dem Mars sein kann. Wir konnten sehen, dass es nicht so verlief. Wir haben recht bekommen durch das, was inzwischen geschehen ist. Also gedachten wir, unser eigenes Leben einzurichten���</p><p>�Aber siehst du nicht ein, wie selbsts�chtig das ist? Wir alle hatten eine Vision, und wir haben daf�r so hart gearbeitet, wie wir konnten; und w�hrend dieser ganzen Zeit bist du verschwunden gewesen, um eine kleine Taschenwelt f�r deine kleine Gruppe zu schaffen! Ich meine, wir h�tten eure Hilfe brauchen k�nnen. Ich wollte so oft mit dir sprechen. Jetzt haben wir ein Kind zwischen uns, eine Mischung von dir und mir, und du hast seit zwanzig Jahren nicht mit mir gesprochen!�</p><p>Hiroko sagte ruhig: �Wir hatten nicht vor, selbsts�chtig zu sein. Wir wollten den Versuch machen, um durch ein Experiment zu zeigen, wie wir hier leben k�nnen. Wenn man �ber ein unterschiedliches Leben spricht, muss jemand zeigen, was man meint, John Boone. Es muss einer dieses Leben f�hren.�</p><p>�Aber wenn ihr das im geheimen tut, kann es keiner sehen!�</p><p>�Wir hatten nie vor, f�r immer geheim zu bleiben. Die Lage hat sich verschlechtert, und so sind wir ferngeblieben. Aber hier sind wir nun schlie�lich. Und wenn man uns braucht, wenn wir helfen k�nnen, werden wir wieder erscheinen.�</p><p>�Ihr werdet jeden Tag gebraucht�, sagte John leise. �So funktioniert nun einmal das soziale Leben. Du hast einen Fehler gemacht, Hiroko. Denn w�hrend ihr euch versteckt hattet, haben sich die Chancen daf�r, dass der Mars unabh�ngig bleibt, vermindert; und viele Leute haben an diesem Niedergang mitgewirkt, darunter auch einige der Ersten Hundert. Und was hast du getan, ihnen Einhalt zu gebieten?�</p><p>Hiroko sagte nichts. John fuhr fort: �Ich nehme an, dass du heimlich Sax etwas geholfen hast. Ich habe eine deiner Mitteilungen an ihn gesehen. Aber das ist auch etwas, mit dem ich ganz und gar nicht einverstanden bin: einigen von uns helfen, anderen aber nicht.�</p><p>�Wir alle tun das�, sagte Hiroko. Sie sah aber verlegen aus.</p><p>�Habt ihr in eurer Kolonie die gerontologischen Behandlungen erhalten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und ihr habt die Prozedur von Sax bekommen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Kennen diese eure Kinder ihre Elternschaft?�</p><p>�Ja.�</p><p>John sch�ttelte den Kopf. Er war mehr als w�tend. �Ich kann einfach nicht glauben, dass du zu so etwas imstande warst.�</p><p>�Uns interessiert nicht, was du glaubst, John.�</p><p>�Offensichtlich nicht. Aber machte es dir wirklich gar nichts aus, unsere Gene zu stehlen und durch uns Kinder zu machen ohne unser Wissen oder Einverst�ndnis? Sie aufzuziehen, ohne uns dabei zu beteiligen, ohne uns ihre Kindheit miterleben zu lassen?�</p><p>Sie zuckte die Achseln. �Ihr k�nnt eure Kinder haben, wenn ihr wollt. Was dies angeht, na gut. War irgendwer von euch vor zwanzig Jahren interessiert, Kinder zu haben? Nein. Davon ist nie die Rede gewesen.�</p><p>�Wir waren zu alt!�</p><p>�Wir waren nicht zu alt. Wir wollten nicht daran denken. Wei�t du, die meiste Ignoranz ist gewollt, und so k�ndet Ignoranz davon, woran dem Volk wirklich gelegen ist. Ihr wolltet keine Kinder, und so wusstet ihr nichts �ber sp�te Geburten. Aber wir wollten und erlernten so die Techniken. Und wenn ihr die Resultate seht, werdet ihr wohl erkennen, dass das eine gute Idee war. Ich denke, ihr werdet uns danken. Was habt ihr schlie�lich verloren? Diese Kinder sind unsere. Aber sie haben eine genetische Verbindung mit euch, und von jetzt an werden sie sozusagen als ein unerwartetes Geschenk f�r euch existieren. Als ein ganz au�ergew�hnliches Geschenk.� Ihr Mona-Lisa-L�cheln erschien und verschwand.</p><p>Wieder die Vorstellung des Geschenkes. John machte eine Pause, um nachzudenken. Endlich sagte er: �Gut. Ich denke, wir werden dar�ber noch lange reden m�ssen.�</p><p>D�mmerung hatte die Atmosph�re unter ihnen zu einem schwarz-purpurnen Band gemacht, das wie eine samtene Kante um die schwarze, von Sternen get�pfelte Sch�ssel lief, die �ber ihren K�pfen erschienen war. In den Zelten unten sangen sie, angef�hrt von den Sufis: �Harmakhis, Mangala, Nirgal, Auqakuh; Harmakhis, Mangala, Nirgal, Auqakuh�, immer wieder, und von Zeit zu Zeit f�gten sie Ziernoten hinzu, die andere Namen f�r Mars waren. Sie ermutigten die dort schon anwesenden Bands, Instrumentalbegleitungen aller Art hinzuzuf�gen, bis jedes Zelt von diesem Gesang erf�llt war und alle zusammen sangen. Dann begannen die Sufis ihren Drehtanz, und kleine Gruppen von T�nzern wirbelten durch die Mengen.</p><p>�Wirst du wenigstens mit mir in Kontakt bleiben?� sagte John eindringlich zu Hiroko. �Wirst du mir das zusichern?�</p><p>�Ja.�</p><empty-line/><p>Sie begaben sich wieder in das obere Zelt, und die Gruppe ging gemeinsam nach unten zu der allgemeinen Party. John n�herte sich langsam den Sufis und versuchte die Drehungen, die er von ihnen auf ihrer Mesa gelernt hatte. Das Volk jubelte und erwischte ihn, wenn er au�er Kontrolle in die Zuschauer wirbelte. Nach einem Fall half ihm der schmalgesichtige Mann mit Haarborsten, der den mittern�chtlichen Besuch seines Rovers angef�hrt hatte. �Cojote!� rief John.</p><p>�Das bin ich�, sagte der Mann, und seine Stimme lie� John einen Schauer von Elektrizit�t den R�cken hinunterrieseln. �Aber kein Grund zur Besorgnis.�</p><p>Er bot John eine Flasche an. Nach kurzem Z�gern nahm John sie und trank. Das Gl�ck ist mit dem K�hnen, dachte er. Anscheinend Tequila. �Du bist der Cojote!� br�llte er �ber die Musik der Magnesiumtrommelband.</p><p>Der Mann grinste breit und nickte einmal, nahm die Flasche zur�ck und trank.</p><p>�Ist Kasei bei euch?�</p><p>�Nein. Er mag diesen Meteoriten nicht.� Und dann entfernte sich der Mann mit einem freundlichen Klaps auf den Arm in die wirbelnde Menge. Er blickte noch �ber die Schulter zur�ck und rief: �Viel Vergn�gen!�</p><p>John sah ihn unter den Gesichtern in der Menge verschwinden und f�hlte die Tequila in seinem Magen brennen. Die Sufis, Hiroko, jetzt Cojote. Das war ein gesegnetes Zusammentreffen. Er erblickte Maya, lief zu ihr hin�ber und legte einen Arm um ihre Schulter.</p><p>Dann gingen sie durch die Zelte und die Verbindungstunnels, und die Leute toasteten ihnen zu, wenn sie vorbeikamen. Die halbstarren Fu�b�den der Zelte h�pften leicht auf und ab.</p><p>Der Countdown erreichte zwei Minuten, und viele Leute stiegen zu den oberen Zelten empor und dr�ckten sich dann gegen die klaren W�nde der nach S�den gerichteten B�gen. Der Eis-Asteroid w�rde wahrscheinlich in einem einzigen Umlauf vergl�hen, weil seine Injektionsbahn so steil war. Ein Objekt, ein Viertel so gro� wie Phobos, verbrannte zu Dampf und dann, wenn es hei�er wurde, zu Molek�len von Sauerstoff und Wasserstoff. Und all das in Minuten. Niemand konnte sicher sein, wie es aussehen w�rde.</p><p>So standen sie nun da. Manche sangen noch die Melodie der Namen. Immer mehr stimmten in das Ende des Countdowns ein. Als sie bei den letzten zehn Sekunden waren, br�llten sie die r�ckl�ufige Zahlenfolge aus Leibeskr�ften. Dann kam �Null!� und w�hrend dreier atemloser Sekunden geschah nichts. Dann schoss eine wei�e Kugel mit einer Schleppe aus wei�em Feuer �ber dem S�dwesthonzont empor, so gro� wie der Komet im Teppich von Bayeux und heller als alle Monde, Spiegel und Sterne zusammengenommen. Brennendes Eis blutete �ber den Himmel, wei� auf schwarz, schnell und niedrig vorbeirasend, so niedrig, dass es nicht viel h�her war, als sie sich auf Olympus befanden, so niedrig, dass sie sehen konnten, wie wei�e Brocken durch den Schweif zur�ckbrachen und wie riesige Funken abfielen. Dann brach das Ding halbwegs �ber dem Himmel in St�cke, und die ganze Sammlung gl�hender Blitze taumelte nach Osten und zerstreute sich wie Schrot. Mit einemmal erzitterten alle Sterne. Das war der erste akustische Knall, der die Zelte traf und sch�ttelte. Ein zweiter Knall folgte, und die Phosphorst�cke h�pften wild f�r einen Moment, als sie vom Himmel heruntertorkelten und �ber dem S�dosthorizont verschwanden. Ihre Feuerdrachenschw�nze folgten ihnen in den Mars hinein und verschwanden auch. Pl�tzlich war es wieder dunkel, und der gew�hnliche Nachthimmel stand �ber ihnen, als w�re nichts geschehen. Nur dass die Sterne flimmerten.</p><empty-line/><p>Nach all dieser Erwartung hatte die Passage nicht l�nger als drei oder vier Minuten gedauert. Die Festg�ste waren bei dem Anblick zumeist still geworden, aber viele hatten unwillk�rlich beim Anblick des Auseinanderbrechens geschrien wie bei einem Feuerwerk. Und dann wieder beim Eintreffen der beiden gro�en Knalle. Jetzt in der alten Dunkelheit war die Stille vollst�ndig, und die Leute standen ruhig da. Was konnte man nach so etwas auch tun?</p><p>Aber da war Hiroko, die sich ihren Weg durch die Zelte bahnte bis zu dem, wo John und Maya und Nadia und Arkady beisammenstanden. Unterwegs rezitierte sie in einem Ton, der ruhig war, aber durch jedes Zelt hallte, das sie passierte: �Al-Qahira, Ares, Auqakuh, Bahram. Harmakhis, Hrad, Huo Hsing, Kasei. Ma�adim, Maja, Mamers, Mangala, Mawrth, Nirgal, Shalbatanu, Simud und Tiu.� Sie ging durch die Menge direkt zu John, und vor ihm ergriff sie seine Rechte, zog sie hoch und rief pl�tzlich: �John Boone! John Boone!�</p><p>Und dann jubelten alle und schrien: �Boone! Boone! Boone!� Und andere riefen: �Mars! Mars! Mars!�</p><p>Johns Gesicht ergl�hte wie vorhin der Meteorit, und er f�hlte sich benommen, als ob ihm ein St�ck davon auf den Kopf gefallen w�re. Seine alten Freunde lachten ihn an, und Arkady schrie: �Reden!� mit dem, was er f�r einen amerikanischen Akzent hielt: �Spiitsch, spiitsch!�</p><p>Andere nahmen das auf, und nach einiger Zeit ebbte der L�rm ab, und sie sahen ihn erwartungsvoll an. Beim Anblick seiner erstaunten Miene wurden sie von Lachen erfasst. Hiroko lie� seine Hand los, und er hob auch die andere Hand hilflos hoch und streckte beide offenen Handfl�chen �ber den Kopf.</p><p>Er rief: �Freunde, was kann ich sagen? Das ist das Ding an sich. Daf�r gibt es keine Worte. Worte daf�r m�ssen erst noch gefunden werden.�</p><p>Aber sein Blut war von Adrenalin aufgeputscht, von Tequila, Omegendorph und Gl�ck; und ohne es zu wollen, str�mten aus ihm die Worte wie schon so oft. Er sagte; �Schaut, hier sind wir auf dem Mars!� (Gel�chter.) �Das ist unsere Gabe, und es ist eine gro�e Gabe, der Grund, weshalb wir alle unser Leben daf�r geben m�ssen, dass der Zyklus weitergeht. Es ist wie bei der �ko-�konomie, wo das, was man von dem System nimmt, ausgeglichen werden muss durch das, was man ihm gibt. Balanciert oder �bertroffen, um jenen anti-entropischen Aufschwung zu geben, der alles kreative Leben kennzeichnet und besonders diesen Schritt auf eine neue Welt, diesen Ort, der weder Natur noch Kultur ist, die Umwandlung eines Planeten in eine Welt und dann in eine Heimat. Wir wissen jetzt alle, dass unterschiedliche Leute unterschiedliche Gr�nde daf�r haben, dass sie hier sind; und ebenso wichtig ist, dass die Leute, die uns geschickt haben, unterschiedliche Gr�nde daf�r hatten; und jetzt beginnen wir, die durch solche Differenzen verursachten Konflikte zu sehen. Am Horizont brauen sich St�rme zusammen, gef�hrliche Meteore fliegen heran, und manche von ihnen werden uns voll treffen, anstatt uns �ber die K�pfe zu streifen, wie diese wei�e Glut es eben gerade getan hat.� (Beifall.) �Es kann schlimm kommen, bisweilen wird es fast sicher schlimm ausgehen. Darum m�ssen wir bedenken, dass so, wie diese Meteortreffer die Atmosph�re bereichern, sie verdichten und Sauerstoff als Elixier in die Giftbr�he au�erhalb unserer Zelte tun, die herabkommenden menschlichen Konflikte ebenso wirken k�nnten, indem sie den Permafrost an unserer sozialen Basis schmelzen, alle diese erstarrten Institutionen wegtauen und uns der Notwendigkeit der <emphasis>Kreativit�t</emphasis> aussetzt, dem Imperativ, eine neue soziale Ordnung zu erfinden, die rein marsianisch ist, so marsianisch wie Hiroko Ai, unsere Persephone, die jetzt aus dem Regolith zur�ckgekehrt ist, um den Beginn dieses neuen Fr�hlings zu verk�nden!� (Hochrufe.)</p><p>�Nun, ich pflegte zu sagen, dass wir alles von Grund auf neu erfinden m�ssten; aber in diesen letzten Jahren, in denen ich umhergereist bin und euch alle kennen gelernt habe, ist mir klar geworden, dass das falsch war. Es ist nicht so, als h�tten wir �berhaupt nichts und seien gezwungen, wie G�tter Formen aus dem Vakuum zu gestalten. Ihr k�nntet sagen, wir haben die Gene, dieselben, von denen Vlad spricht, wenn er von unseren kulturellen Genen spricht. Also ist es eine Art genetischer Technik, was wir hier tun. Wir besitzen die DNA-St�cke der Kultur, die alle von der Geschichte gebildet, zerbrochen und gemischt wurden; und wir k�nnen ausw�hlen und alles zusammenkn�pfen und schneiden, so wie die Schweizer ihre Verfassung gemacht haben oder die Sufis ihren Ritus oder die Methode, nach der die Acherongruppe ihre j�ngsten schnellen Flechten�� ein St�ck von hier und von da, was immer passend ist, wobei man die Regel der sieben Generationen beachtet, indem man sieben Generationen zur�ck und sieben Generationen voraus denkt, und siebenmal sieben, wenn ihr mich fragt; denn jetzt reden wir davon, unser Leben weit in die kommenden Jahre auszudehnen. Wir wissen noch nicht, wie uns das beeinflusst, aber es ist sicher, dass Altruismus und Eigeninteresse enger zusammengesto�en sind denn jemals zuvor. Aber wir m�ssen immer noch an das Leben unserer Kinder, Kindeskinder und so fort f�r immer denken. Wir m�ssen so handeln, dass sie ebenso viele und hoffentlich noch mehr Chancen erhalten, um die Sonnenenergie auf immer genialere Weise so zu lenken, dass der Strom der Entropie in diesem kleinen Bereich des universellen Stroms umgekehrt wird. Und ich wei�, dass es eine schrecklich allgemeine Formulierung ist, wenn dieser Vertrag, der unser Leben hier regelt, so bald schon zur Erneuerung ansteht; aber wir m�ssen stets bedenken, dass das, was kommt, nicht blo� ein Vertrag ist, sondern eher ein Verfassungskongre�, weil wir es hier mit dem Genom unserer sozialen Organisation zu tun haben�� du kannst dies tun, du kannst das nicht tun; du musst das machen, essen oder geben. Und wir haben nach einem Katalog von Regeln gelebt, die f�r ein leeres Land eingef�hrt wurden, dem so zerbrechlichen und idealistischen Antarktisvertrag, der den kalten Kontinent so lange von Besitzst�rung freigehalten hat, praktisch bis zum letzten Jahrzehnt, wo er zerst�ckelt wurde. Und dies ist ein Anzeichen daf�r, was jetzt auch hier anzufangen beginnt. Die Verletzung dieses Regelwerks hat �berall eingesetzt. Sie n�hrt sich wie ein Parasit von den Grenzbereichen ihres Wirtsorganismus. Denn das steckt in den �nderungen der Regeln�� die alte parasitische Gier der K�nige und ihrer Gefolgsleute. Dieses System, das wir die transnationale Weltordnung nennen, ist wieder reiner Feudalismus, ein Regelwerk, das anti-�kologisch ist, das eine fluktuierende internationale Elite bereichert, aber alles andere �rmer macht. Und so ist die so genannte Elite in Wirklichkeit auch arm. Sie ist bar jeder echten humanen T�tigkeit und daher auch bar jeder echt humanen Leistung und Bildung, parasitisch im ganz eigentlichen Sinne und doch auch so m�chtig, wie Parasiten, die die Kontrolle �bernommen haben, nur sein k�nnen, indem sie die Gaben menschlicher T�tigkeit den rechtm��igen Empf�ngern entziehen, welche die sieben Generationen sind, und w�hrend sie sich so ern�hren, die repressiven Kr�fte st�rken, die sie in ihrer Position halten.� (Beifall.)</p><p>�Also, Freunde, geht es hier um Demokratie gegen Kapitalismus; und wir hier drau�en auf dem Grenzposten der menschlichen Welt haben vielleicht eine bessere Stellung als jeder andere, um dies zu sehen und diese globale Schlacht zu k�mpfen. Hier gibt es leeres Land, hier gibt es seltene und nicht nachwachsende Ressourcen, und wir werden in den Kampf hineingezogen und k�nnen uns ihm nicht entziehen. Wir geh�ren zu den Opfern, und unser Schicksal wird dadurch entschieden werden, was der ganzen Menschenwelt passiert. Und da dem so ist, sollten wir uns lieber f�r das gemeinsame Gute zusammentun, f�r den Mars und f�r uns und f�r alle V�lker auf der Erde und f�r die sieben Generationen. Das wird hart sein und Jahre erfordern, und je st�rker wir sind, desto besser sind unsere Chancen. Und darum bin ich so gl�cklich zu sehen, wie dieser brennende Meteorit die Matrix des Lebens in unsere Welt pumpt, und darum bin ich so gl�cklich, euch alle hier beisammen zu sehen, um das zu feiern, ein repr�sentativer Kongress von allem, das ich in dieser Welt liebe. Aber ich denke, dass die Stahltrommelband bereit ist zu spielen, nicht wahr?� (Zustimmende Rufe) �Warum fangt ihr also nicht an, und wir werden bis zur Morgend�mmerung tanzen und uns morgen in die Winde zerstreuen und die Seiten dieses gro�en Berges hinabbegeben, um die Gabe �berallhin zu tragen.�</p><p>Wilder Applaus. Die Magnesiumtrommelband nahm ihn in ihre Staccato-Rhythmen auf, und die Menge geriet wieder in Bewegung.</p><p>Die Party dauerte die ganze Nacht. John verbrachte die Zeit damit, von Zelt zu Zelt zu wandern, H�nde zu sch�tteln und Leute zu umarmen. �Danke, danke, danke! Ich wei� nicht, ich erinnere mich nicht an das, was ich gesagt habe. Aber das hier habe ich die ganze Zeit gemeint, genau hier.�</p><p>Seine alten Freunde lachten ihm zu. Sax, Kaffee trinkend und h�chst entspannt, sagte zu ihm: �Ist das nicht Synkretismus? Sehr interessant, sehr gut formuliert�, mit einem ganz feinen L�cheln. Maya gab ihm einen Kuss, Vlad und Ursula und Nadia desgleichen. Arkady hob ihn hoch und wirbelte ihn mit gro�em Gebr�ll in der Luft herum, gab ihm einen haarigen Kuss auf beide Wangen und rief: �He, John, k�nntest du das bitte noch einmal machen?� Er johlte: �Du setzt mich immer wieder in Erstaunen!� Und Hiroko l�chelte intim, w�hrend Michel und Iwao neben ihr John zugrinsten��</p><p>Michel sagte: �Ich denke, das ist es, was Maslow mit dem Ausdruck Spitzenerfahrung gemeint hat.� Iwao stie� ihn in den Ellbogen. Hiroko ber�hrte John mit dem Zeigefinger am Arm, als ob sie einen gewissen belebenden Kontakt herstellen wollte, eine Macht oder eine Gabe �bertragen.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Tag sortierten und verpackten sie die Reste der Party und verlie�en die Fliesenterrassen, die wie Fransen eines Emailhalsbandes an der Seite des alten schwarzen Vulkans drapiert waren. Sie sagten Lebewohl zu den Besatzungen der Luftschiffe, die vom Hang hinunterglitten wie Ballone, die einer Kinderhand entglitten waren. Die sandfarbenen der verborgenen Kolonie waren bald nicht mehr zu erkennen. Als John mit Maya in seinen Rover stieg, verabschiedeten sie sich, und w�hrend sie um den Rand von Olympus Mons fuhren, bewegten sie sich in Kolonne mit Rovern, in denen Arkady und Nadia, Ann und Simon und ihr Sohn Peter sa�en. John sagte gespr�chsweise an diesem Tage: �Wir m�ssen mit Helmut reden und die UN dazu bringen, uns als Sprecher f�r die Gesamtheit der lokalen Bev�lkerung zu akzeptieren. Und wir m�ssen der UN einen Entwurf des revidierten Vertrages vorlegen. Um Ls neunzig soll ich zu einer Einweihungszeremonie f�r ein neues Zelt auf Ost-Tharsis erscheinen. Man nimmt an, dass Helmut dort sein wird. Vielleicht k�nnten wir uns dann treffen?�</p><p>Nur wenige von ihnen konnten es schaffen, aber sie waren f�r den Rest als Delegierte ernannt, und man stimmte dem Plan zu. Danach sprachen sie �ber den m�glichen Inhalt des Vertragsentwurfs und f�hrten Funkgespr�che mit allen Karawanen und Luftschiffen. Am n�chsten Tag kamen sie �ber die Rampe zur n�rdlichen B�schung und fuhren an deren Fu� in verschiedene Richtungen weiter. �Das war eine gute Party!� sagte John �ber Radio der Reihe nach zu allen. �Auf Wiedersehen bei der n�chsten!�</p><p>Die Sufis rollten da, wo sie hielten, vorbei. Sie winkten aus ihren Fenstern und sagten auch per Funk Lebewohl. John erkannte die Stimme der alten Frau, die ihn im Sturm nach dem Tanz auf der Toilette betreut hatte. Als sie seiner Karawane zuwinkte, rief sie �ber Funk:</p><p>�Sei es in dieser Welt oder jener�� Deine Liebe wird uns hin�berfuhren zuletzt.�</p></section></section><section><title><p>SECHSTER TEIL</p><p>Waffen unter dem Tisch</p></title><section><p><emphasis>An dem Tag, da John Boone ermordet wurde, befanden wir uns bei Ost-Elysium, und dieser Meteorschauer regnete auf uns herab. Es m�ssen etwa drei�ig Spuren gewesen sein, und die waren alle schwarz. Ich wei� nicht, woraus diese Meteore bestanden, aber sie brannten schwarz anstatt wei�. Wie Rauch aus berstenden Flugzeugen, aber geradlinig und schnell wie der Blitz. Es war ein so ungew�hnlicher Anblick, dass alle erstaunt waren, und dabei hatten wir noch nicht einmal die Nachricht geh�rt, aber dann rechneten wir zur�ck und stellten fest, dass es genau um die gleiche Zeit geschehen war.</emphasis></p><p><emphasis>Wir waren unten in Hellas am Seeufer, und der Himmel wurde schwarz, und ein pl�tzlicher Wind peitschte �ber den See und blies jede Gehr�hre in der Stadt weg. Und dann h�rten wir es.</emphasis></p><p><emphasis>Wir waren in Senzeni Na, wo wir viel gearbeitet hatten, und es wurde Nacht, und Blitze fingen an, auf uns einzuh�mmern. Gigantische Blitzkeulen schossen direkt in das Mohole hinein. Niemand konnte es glauben, und es war so laut, dass man nicht h�ren konnte. Und dann war ein Bild von ihm unten in den Arbeiterquartieren an der Wand einer Suite, und ein Blitzkeil traf das Fenster des Promenadeplatzes, und jeder war f�r eine Sekunde geblendet. Und als unsere Sicht wiederkehrte, war dies Bild gesprungen und der Rahmen zerbrochen, und es rauchte. Und dann h�rten wir die Nachricht.</emphasis></p><p><emphasis>Wir waren in Carr und konnten es nicht glauben. Alle der Ersten Hundert hier weinten. Er musste der einzige in dem ganzen Haufen gewesen sein, den alle gern hatten. Wenn die meisten von ihnen get�tet w�ren, w�rde die andere H�lfte jubeln. Arkady war von Sinnen. Er weinte stundenlang; und das war so schrecklich, weil es ihm gar nicht �hnlich sah. Nadia bem�hte sich st�ndig, ihn zu tr�sten, und Arkady sagte immer wieder: Nein, das ist gar nicht recht. Er br�llte, warf mit Gegenst�nden und sank dann wieder Nadia in die Arme. Auch Nadia war ersch�ttert. Und dann lief er aus seinem Zimmer und kam zur�ck mit einem Kasten f�r die Sendung von Z�ndsignalen. Und als er erkl�rte, was das war, wurde Nadia mehr noch als wir anderen richtig w�tend und sagte: Warum w�rdest du je so etwas tun wollen? Und Arkady schrie: Wegen dessen, was gerade John widerfahren ist. Sie haben ihn get�tet! Wer wei�, wer von uns der n�chste sein wird? Sie werden uns alle umbringen, wenn sie k�nnen. Und Nadia versuchte, ihn dazu zu �berreden, dass er den Sender aush�ndigte; und er wurde so aufgeregt, dass er sie veranlasste, ihn zu halten und sie st�ndig aufforderte: Bitte, Nadia, bitte, nur f�r den Fall, bitte, bis sie ihn schlie�lich behalten musste, um ihn zu beruhigen. Ich habe noch nie so etwas gesehen.</emphasis></p><p><emphasis>Wir waren in Underhill, und der Strom fiel aus; und als er wiederkam, waren alle Pflanzen in der Farm gefroren. Die Beleuchtung und die W�rme kamen wieder, und alle Pflanzen begannen zu verwelken. Wir sa�en die ganze Nacht herum und erz�hlten uns Geschichten �ber ihn. Ich entsann mich, wie es war, als er in den zwanziger Jahren als erster landete. Das taten viele von uns. Ich war damals erst ein kleines Kind; aber ich erinnere mich daran, dass ein jeder bei seinen ersten Worten lachte. Ich hielt mich f�r verr�ckt, wei� aber noch, dass ich sehr �berrascht war, dass auch die Erwachsenen lachten. Alle waren so aufgeregt. Ich glaube, ein jeder verliebte sich in diesem Moment in ihn. Ich meine, wie konnte man jemanden nicht gern haben, der als erster Mensch auf einem anderen Planeten hinausging und sagte: �Nun, da sind wir.� Es war unm�glich, ihn nicht zu m�gen.</emphasis></p><p><emphasis>Oh, ich wei� nicht. Ich habe einmal gesehen, wie er einem Mann einen Sto� gab. Das war im Burroughs-Zug, und er war in unserem Wagen und offenbar angeheitert. Und dann war da diese Frau mit einer Missbildung, einer gro�en Nase und ohne Kinn, und als sie zur Toilette ging, sagte ein Bursche: �Mein Gott, wie h�sslich diese Frau ist.� Und Boone hat ihn in den n�chsten Sitz geschubst und gesagt: �H�r mir gut zu! Eine h�ssliche Frau gibt es nicht.�</emphasis></p><p><emphasis>Das war seine Meinung.</emphasis></p><p><emphasis>Das war der Grund, warum er jede Nacht mit einer anderen Frau schlief, ohne sich darum zu k�mmern, wie sie aussahen. Oder wie alt sie waren. Er musste sich allerhand sagen lassen, als man ihn mit dieser F�nfzehnj�hrigen erwischte. Ich glaube nicht, dass Toitovna je davon erfahren hat, sonst w�re es um seine Hoden geschehen gewesen, und Hunderte von Frauen h�tten Not gelitten. Er fickte sie am liebsten in zweisitzigen Gleitfliegern, wobei die Frau auf ihm hockte, w�hrend er steuerte.</emphasis></p><p><emphasis>O Mann, einmal habe ich gesehen, wie er einen Gleiter aus einer Fallb� gerissen hat, die jeden anderen get�tet h�tte. Es war eine Scherstr�mumg, die das Flugzeug zerrissen h�tte, h�tte er versucht, sich zu widersetzen. Aber er lie� sich treiben, und der Gleiter fiel wie ein Stein mit tausend Metern in der Sekunde, der drei- oder vierfachen Endgeschwindigkeit. Und kurz vor dem Aufprall hat er ihn zur Seite gekippt und hochgezogen und in ungef�hr zwanzig Metern eine Bumslandung gemacht. Er stieg mit blutender Nase und Ohren aus. Er war der beste Pilot auf dem Mars. Er konnte fliegen wie ein Engel. Die Ersten Hundert w�ren tot gewesen, wenn er sie nicht von Hand in die orbitale Bahn eingef�delt h�tte. So hat man mir erz�hlt.</emphasis></p><p><emphasis>Es gab ein paar Leute, die ihn hassten. Und auch aus gutem Grund. Er hat verhindert, dass die Moschee auf Phobos fertiggebaut wurde. Und er konnte grausam sein, und ich habe nie einen arroganteren Menschen getroffen.</emphasis></p><p><emphasis>Wir waren auf Olympus Mons, und der ganze Himmel wurde schwarz.</emphasis></p><p><emphasis>Nun, noch vor dem Anfang ist der legend�re John Bunyan zum Mars gekommen und hat seinen blauen Ochsen Babe mitgebracht. Er zog herum, um sich nach Nutzholz umzusehen, und unter jedem Schritt zerbrach die Lava und hinterlie� einen Canyon. Er war so gro�, dass er beim Gehen in den Asteroideng�rtel hinauflangen konnte, und er kaute diese Felsen wie Kirschen und spie die Kerne aus. Bums�� gab es wieder einen Krater.</emphasis></p><p><emphasis>Und dann traf er auf den Gro�en Mann. Es war das erste Mal, dass Paul jemanden sah, der gr��er war als er selbst. Und ihr k�nnt mir glauben, dass der Gro�e Mann ihn um zwei Gr��enordnungen �bertraf. Aber das k�mmerte Paul nicht. Als der Gro�e Mann sagte: �Wir wollen einmal sehen, was du mit deiner Axt ausrichten kannst�, sagte Paul: �Sicher�, und traf den Planeten mit einem Schlag so hart, dass alle Spr�nge im Mare Noctis auf einmal erschienen. Aber dann kratzte der Gro�e Mann die gleiche Stelle mit seinem Zahnstocher, und das ganze Marineris-System klaffte auf. �Wir wollen es mit den blo�en F�usten versuchen�, sagte Paul und landete einen rechten Haken auf der S�dhemisph�re, und da war Argyre. Aber der Gro�e Mann klopfte auf eine Stelle in der N�he mit seinem kleinen Finger, und da war Hellas. �Versuche es mit Spucken�, schlug der Gro�e Mann vor; und Paul spuckte, und Nirgal Vallis lief so lang wie der Mississippi dahin. Aber der Gro�e Mann spuckte, und mit einemmal str�mten alle gro�en Ausflu�kan�le. �Versuche es mit Schei�en1.� sagte der Gro�e Mann, und Paul hockte sich hin und stie� Ceraunius Tholus aus.</emphasis></p><p><emphasis>Aber der Gro�e Mann reckte seinen Hintern, und da war das Elysium-Massiv, gleich rechts davon, hei� und dampfend. �Tu dein �u�erstes!� schlug der Gro�e Mann vor. �Schleudere mich fort!� Und so packte ihn John Bunyan am Zeh, schwang seine ganze K�rpermasse herum und lie� ihn so hart auf den Nordpol prallen, dass bis heute die ganze n�rdliche Hemisph�re eine Depression hat. Aber ohne auch nur aufzustehen, packte der Gro�e Mann Paul am Fu�gelenk, hob ihn mitsamt seinem blauen Ochsen in derselben Faust hoch und schleuderte sie beide direkt durch den Planeten hindurch und auf der anderen Seite fast wieder hinaus. Und das ist die Tharsis-Beule. Paul Bunyan ragt fast heraus�� Ascraeus ist sein Zinken, Pavonis sein Steifer, und Arsia sind seine gro�en Zehen. Und Babe ist nebenan. Er hat Olympus Mons hochgedr�ckt. Der Sto� hat Babe und Paul Bunyan beide get�tet. Und danach musste Paul sich geschlagen geben.</emphasis></p><p><emphasis>Aber seine eigenen Bakterien haben ihn nat�rlich gefressen und sind alle hinab auf das Urgestein und unier den Megaregolith �berall hin gekrochen. Sie haben die W�rme des Mantels aufgesogen, die Sulfide verspeist und den Permafrost geschmolzen. Und jedes Mal, wenn sie da hinunterkamen, sagte jedes dieser kleinen Bakterien: �He! Ich bin Bunyan!�</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>Es ist eine Sache des Willens, sagte Frank Chalmers zu seinem Gesicht im Spiegel. Diese Phrase war der einzige Rest eines Traums, unter dem er aufgewacht war. Er rasierte sich mit raschen, entschlossenen Strichen. Er f�hlte sich angespannt, voller Energie, die losgelassen werden wollte, bereit, an die Arbeit zu gehen. Noch ein Rest: Jeder, der will, gewinnt am meisten!</p><p>Er duschte, zog sich an, und trabte in den Speisesaal. Es war fr�h am Morgen. Die Sonne �berflutete Isidis mit horizontalen Strahlen aus rotbronzenem Licht, und hoch am Osthimmel sahen Cirruswolken aus wie Kupfersp�ne.</p><p>Rashid Niazi, der syrische Repr�sentant der Konferenz, kam vorbei und gr��te Chalmers mit einem k�hlen Kopfnicken. Frank erwiderte es und ging weiter. Wegen Selim el-Hayil war der Ahad-Fl�gel der Muslimischen Bruderschaft f�r die Ermordung von Boone verantwortlich gemacht worden; und Chalmers hatte sie immer schnell und �ffentlich vor all solchen Anschuldigungen verteidigt. Selim w�re ein Einzelt�ter gewesen, wie er immer versicherte, ein wahnsinniger M�rder und Selbstm�rder. Das unterstrich die Schuld der Ahads, forderte aber zugleich ihre Dankbarkeit heraus. Nat�rlich war Niazi, ein Anf�hrer der Ahads, etwas frustriert.</p><p>Man kam in den Speisesaal, und Frank begr��te sie herzlich. Er verbarg automatisch das Unbehagen, das er immer in ihrer Gegenwart empfand.</p><p>�Darf ich mich zu dir setzen?� fragte sie und sah ihn an.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Maya pflegte vorauszuschauen, Frank konzentrierte sich auf den Augenblick. Sie plauderten. Das Thema des Vertrags kam auf, und Frank sagte: �Ich w�nsche sehr, John w�re jetzt hier. Wir k�nnten ihn so n�tig brauchen.� Und dann: �Er fehlt mir.�</p><p>Das lenkte Maya sofort ab. Sie legte ihre Hand �ber seine. Frank f�hlte es kaum. Sie l�chelte und hatte ihren fesselnden Blick voll auf ihn gerichtet. Er musste, ohne es zu wollen, wegschauen.</p><p>Die Fernsehwand zeigte den neuesten von der Erde hochgeschickten Block. Frank dr�ckte auf die Tischkonsole und drehte den Ton auf. Die Erde war in einem �blen Zustand. Das Video zeigte einen massiven Protestmarsch in Manhattan. Die ganze Insel war gedr�ngt voll von einer Menge, die die Demonstranten auf zehn Millionen und die Polizei auf f�nfhunderttausend bezifferte. Die Bilder vom Helikopter waren recht eindrucksvoll, aber es gab in diesen Tagen eine Menge Pl�tze, die, obwohl weniger spektakul�r, viel gef�hrlicher waren. Bei den fortgeschrittenen Nationen marschierten die Leute gegen drakonische Gesetze f�r Geburtenkontrolle und Gesetze, die die Chinesen wie Anarchisten aussehen lie�en; und die Jugend war in Wut und Missmut ausgebrochen, da sie f�hlte, dass ihnen ihr Leben aus den H�nden gerissen wurde durch eine gro�e Anzahl alter widernat�rlicher Untoter, durch die Geschichte selbst, die wieder lebendig geworden war. Das war gewiss schlimm. Aber in den Entwicklungsl�ndern revoltierten die Menschen �ber die �Ungleichheit beim Zugang� zu den Behandlungen, und das war noch viel schlimmer. Regierungen wurden gest�rzt, Menschen starben zu Tausenden. In Wirklichkeit sollten diese Bilder von Manhattan wohl Zuversicht wecken: Alles ist noch in Ordnung! sagten sie. Leute, die sich zivil auff�hrten, sei es auch in zivilem Ungehorsam. Aber Mexiko City und Sao Paulo und New Delhi und Manila standen in Flammen.</p><p>Maya blickte auf den Schirm und las laut eines der Spruchb�nder von Manhattan: SCHICKT DIE ALTEN ZUM MARS!</p><p>�Das ist der Kern eines Gesetzes, das jemand dem Kongress vorgelegt hat. Wenn man hundert Jahre erreicht, ist man weg, auf Pensionssatelliten, den Mond oder nach hier.�</p><p>�Speziell hier.�</p><p>�Vielleicht�, sagte er.</p><p>�Ich nehme an, das erkl�rt ihre Sturheit hinsichtlich Emigrationsquoten.�</p><p>Frank nickte. �Die werden wir nie bekommen. Sie stehen da unten unter zu gro�em Druck, und man sieht uns als eines der wenigen Sicherheitsventile. Hast du das Programm gesehen, das von Eurovid �ber all das freie Land auf dem Mars ausgestrahlt wurde?�</p><p>Maya sch�ttelte den Kopf. �Es war wie ein richtiges Immobilieninserat. Nein. Wenn die UN-Delegierten uns bei Emigration mitsprechen lie�en, w�rden sie gekreuzigt werden.�</p><p>�Was sollen wir also machen?�</p><p>Er zuckte die Achseln. �In jedem Punkt auf dem alten Vertrag bestehen. So handeln, als sei jede �nderung das Ende der Welt.�</p><p>�Darum warst du also so verr�ckt wegen der Pr�ambel.�</p><p>�Sicher. Das Zeug mag nicht ganz so wichtig sein, aber es geht uns wie den Briten bei Waterloo. Wenn wir in irgendeinem Punkt nachgeben, bricht die ganze Front zusammen.�</p><p>Sie lachte. Sie war mit ihm zufrieden. Sie bewunderte seine Strategie. Und das war eine gute Strategie, obwohl es nicht die war, die er verfolgte. Denn sie waren nicht wie die Briten bei Waterloo. Sie waren, wenn �berhaupt, wie die Franzosen, die einen letzten Notangriff machten, den sie gewinnen m�ssten, um zu �berleben. Und so war er sehr eifrig gewesen, in manchen Punkten bei dem Vertrag nachzugeben in der Hoffnung, vorw�rtszukommen und das zu behalten, was er auf anderen Gebieten verlangte. Dazu geh�rte sicherlich eine weitere F�hrungsrolle f�r das Amerikanische Marsministerium und seinen Minister. Schlie�lich brauchte er eine Ausgangsbasis, um zu arbeiten.</p><p>Also zuckte er die Achseln und ging �ber ihre Freude hinweg. Auf der Fernsehwand schw�rmten die Volksmengen die gro�en Avenuen auf und ab. Er knirschte einige Male mit den Z�hnen. �Wir sollten lieber wieder hingehen.�</p><p>Oben w�lzten sich die Konferenzteilnehmer durch eine Folge langer gro�er R�ume, die durch hohe Trennw�nde unterteilt waren. Sonnenlicht str�mte aus den Versammmlungs�len im Osten in den gro�en Zentralraum und warf einen r�tlichen Schimmer �ber den wei�en Veloursteppich, die kantigen Sessel und den dunkel rosa Stein der langen Tischfl�che. Gruppen von Leuten f�hrten an den W�nden beil�ufige Gespr�che. Maya machte sich auf, um sich mit Samantha und Spencer zu besprechen. Sie drei waren jetzt die Anf�hrer(innen) der Koalition �Mars-zuerst� und waren in dieser Eigenschaft als nicht stimmberechtigte Repr�sentanten der Mars-Bev�lkerung zur Konferenz geladen worden: der Partei des Volkes, der Trib�ne und der einzigen, die wirklich in ihre Positionen gew�hlt worden waren, obwohl nur unter stillschweigender Duldung von Helmut. Helmut geh�rte fraglos selbstverst�ndlich dazu. Er hatte Ann gestattet, ohne Stimmrecht als Repr�sentantin der Roten teilzunehmen, obwohl sie sogar zur Koalition geh�rten. Sax war da als Beobachter des Terraformungsteams, und jede Menge Bergbau- und Entwicklungsfunktion�re waren auch als Beobachter da. Es gab wirklich sehr viele Beobachter; aber die stimmberechtigten Teilnehmer durften als einzige an dem zentralen Tisch sitzen, wo Helmut jetzt eine kleine Glocke l�utete. Dreiundf�nfzig nationale Vertreter und achtzehn UN-Beamte nahmen ihre Pl�tze ein, und weitere hundert begaben sich in die �stlichen R�ume und verfolgten die Diskussion durch die offenen Portale oder auf kleinen Fernsehern. Jenseits der Fenster wimmelte es in Burroughs von Gestalten und Fahrzeugen, die sich in den Mesas mit transparenten W�nden bewegten und in den Zelten auf und zwischen den Mesas und in dem Netz klarer Verbindungsrohre, die auf dem Boden lagen oder sich durch die Luft schwangen, und in dem gro�en Zelt des Tales mit seinen breiten begrasten Boulevards und Kan�len. Eine kleine Metropolis.</p><p>Helmut rief die Sitzung zur Ordnung. In den �stlichen R�umen dr�ngten sich die Leute um die Fernseher. Frank schaute durch ein Portal in den ihm am n�chsten gelegenen Ostraum. Derartige R�ume w�rde es �berall auf dem Mars und der Erde geben�� zu Tausenden, mit Millionen Zuschauern. Zwei Welten sahen zu.</p><p>Auf der Tagesordnung standen, wie schon in den letzten zwei Wochen, Emigrationsquoten. China und Indien hatten einen gemeinsamen Vorschlag zu machen, den der Leiter des Indienministeriums stehend in seinem musikalischen Bombay-Englisch verlas. Von tarnendem Beiwerk entkleidet lief er nat�rlich auf ein Proportionalsystem hinaus. Chalmers sch�ttelte den Kopf. Indien und China stellten zwar vierzig Prozent der Weltbev�lkerung, aber sie erhielten bei der Konferenz nur zwei von dreiundf�nfzig Stimmen, und ihr Vorschlag w�rde nie angenommen werden. Der Brite in der europ�ischen Delegation stand auf und wies auf diesen Umstand hin, nat�rlich nicht in so vielen Worten. Es begann ein Gerangel. Das w�rde den ganzen Vormittag dauern. Der Mars war wirklich eine Beute, und die reichen und armen Nationen k�mpften darum wie um alles andere. Die Reichen hatten das Geld, die Armen hatten die Menschen; und die Waffen waren recht gleichm��ig verteilt, besonders die neuen Virentr�ger, die ganze Kontinente entv�lkern konnten. Ja, die Eins�tze waren hoch, und die Lage befand sich in einer �u�erst heiklen Balance. Die Armen erhoben sich vom S�den her und brandeten gegen die n�rdlichen Schranken aus Gesetz und Geld und reiner Milit�rmacht. Kanonenrohre starrten ihnen praktisch ins Gesicht. Aber es gab jetzt so viele Gesichter. Es schien, dass jeden Augenblick eine Menschenwelle explodieren k�nnte, blo� aus dem Expansionsdruck schierer Zahlenm��igkeit. Angreifer dr�ngten �ber die Barrikaden durch den Druck der Babies hinter ihnen und tobten f�r ihre Chance zur Unsterblichkeit.</p><p>W�hrend der Fr�hst�ckspause, als noch nichts weiter erledigt war, erhob sich Frank aus seinem Sitz. Er hatte wenig von dem Gerangel geh�rt, aber er hatte nachgedacht, und auf der Schreibfl�che seines Pultes stand ein rohes Schema. Geld, Menschen, Land, Waffen. Alte Gleichungen, alte Gesch�fte. Aber er war nicht auf Originalit�t aus. Es war etwas, das funktionieren w�rde.</p><p>An dem langen Tisch selbst w�rde nichts passieren. Das war sicher. Jemand musste den Knoten durchhauen. Er stand auf und ging hin�ber zu der indischen und chinesischen Delegation, einer Gruppe von ungef�hr zehn Personen, die sich in einem f�r Kameras unzug�nglichen Nebenzimmer besprachen. Nach dem �blichen Austausch von H�flichkeiten lud er die zwei Anf�hrer, Haravada und Sung, zu einem Spaziergang auf der Br�cke des Observatoriums ein. Nach einem Wechsel von Blicken und kurzen Gespr�chen in Mandarin und Hindi mit ihren Adjutanten stimmten sie zu.</p><p>Also gingen die drei Delegierten aus den R�umen und die Korridore hinab zur Br�cke, einem starren Gehrohr, das an der Wand ihrer Mesa anfing und sich �ber das Tal und mit einem Bogen in den Hang einer kleineren Mesa im S�den m�ndete. Ihre H�he gab der Br�cke einen luftigen, fliegenden Eindruck. Nur sehr wenige Leute gingen ihre vier Kilometer entlang oder standen in der Mitte und nahmen die Ansicht von Burroughs in sich auf.</p><p>�Sehen Sie�, sagte Chalmers zu seinen Kollegen, �die Kosten der Emigration sind so hoch, dass Sie nie Ihre Bev�lkerungsprobleme l�sen werden, indem Sie die Menschen hierher umziehen lassen. Das wissen Sie. Und Sie haben schon viel mehr nutzbares Land daheim. Was Sie also vom Mars haben wollen, ist nicht Land, sondern es sind Rohstoffe oder Geld. Der Mars ist der Hebel, um zu Hause Ihren Anteil an Ressourcen zu bekommen. Sie hinken hinter dem Norden zur�ck, weil Ihre Ressourcen Ihnen in den Kolonialjahren ohne Bezahlung genommen wurden, und Sie sollten daf�r jetzt Verg�tung erhalten.�</p><p>�Ich f�rchte, dass die Kolonialperiode eigentlich nie zu Ende gegangen ist�, sagte Haravada h�flich.</p><p>Chalmers nickte. �Das ist das Wesen des transnationalen Kapitalismus. Wir alle sind jetzt Kolonien. Und auf uns hier wird ein furchtbarer Druck ausge�bt, den Vertrag zu �ndern, so dass der L�wenanteil der Profite aus lokalem Bergbau zum Eigentum der Transnationalen wird. Die entwickelten Nationen empfinden das sehr stark.�</p><p>�Das wissen wir�, sagte Haravada und nickte.</p><p>�Okay. Und jetzt haben sie den Akzent auf proportionale Emigration gelegt, was ebenso logisch ist wie die Zuteilung von Gewinnen im Verh�ltnis zur Investition. Aber keiner dieser Vorschl�ge liegt in Ihrem wesentlichen Interesse. Die Emigration w�re f�r Sie ein Tropfen in einem Eimer, aber das Geld nicht. Inzwischen haben die entwickelten Nationen ein neues Bev�lkerungsproblem. Darum w�re eine Chance f�r gr��eren Anteil an der Emigration willkommen. Und sie k�nnen das Geld sparen, das ohnehin gr��tenteils an die Transnationalen geht und frei vagabundierendes Kapital sein w�rde au�erhalb jeder nationalen Kontrolle. Warum sollten die entwickelten Nationen Ihnen nicht mehr davon geben? Das k�me ohnehin eigentlich nicht aus ihren Taschen.�</p><p>Sung nickte rasch und machte ein ernstes Gesicht. Vielleicht hatten sie diese Reaktion vorausgesehen und ihren Vorschlag gemacht, um sie anzuregen, und warteten nun, dass er seine Rolle spielte. Aber genau das machte es leichter. Sung fragte: �Glauben Sie, dass Ihre Regierungen einem solchen Handel zustimmen w�rden?�</p><p>�Ja�, sagte Chalmers. �Was ist es mehr, als dass Regierungen ihre Macht �ber die Transnationalen wieder festigen? Teilung der Profite �hnelt irgendwie Ihren alten Nationalisierungsbewegungen. Nur w�rden diesmal alle L�nder davon profitieren. Internationalisierung, wenn Sie wollen.�</p><p>Hanavada bemerkte: �Es w�rde Investitionen durch die Korporationen beschneiden.�</p><p>�Was den Roten gefallen wird�, sagte Chalmers. �Besonders der Mars-zuerst-Gruppe.�</p><p>�Und Ihre Regierung?� fragte Hanavada.</p><p>�Das kann ich garantieren.� Tats�chlich w�rde die Administration ein Problem sein. Aber Frank w�rde sich darum k�mmern, wenn die Zeit k�me. Sie waren in diesen Tagen ein Haufen Handelskammerkinder, arrogant, aber stur. Wenn man ihnen sagte, die Alternative w�re ein Mars der Dritten Welt, ein chinesischer Mars, ein hinduistischer Mars, mit kleinen braunen Menschen und frei herumlaufenden heiligen K�hen in den Gehr�hren, w�rden sie anr�cken. Tats�chlich w�rden sie sich hinter seinen Knien verstecken und um Protektion winseln. Opa Chalmers, bitte rette mich vor der gelben Horde!</p><p>Er beobachtete, wie sich der Inder und der Chinese anschauten und sich ganz offen mit Blicken konsultierten. �Zum Teufel!� sagte er. �Das ist es doch, was Sie erhoffen, nicht wahr?�</p><p>Hanavada sagte: �Vielleicht sollten wir uns mit einigen Zahlen besch�ftigen.�</p><empty-line/><p>Es erforderte einen gro�en Teil des n�chsten Monats, den Kompromiss zustande zu bringen, da er eine ganze Reihe von zus�tzlichen Kompromissen mit sich brachte, damit alle stimmberechtigten Delegationen ihn annahmen. Jeder nationale Abgeordnete musste einen Anteil bekommen, den er den Leuten zu Hause vorzeigen konnte. Und dann musste auch Washington �berzeugt werden. Am Ende musste Frank �ber die K�pfe der Kleinen hinweg direkt zum Pr�sidenten gehen, der ein Gesch�ft wittern konnte, wenn man ihn mit der Nase darauf stie�. Also war Frank sehr besch�ftigt und hatte fast sechzehn Stunden am Tage Sitzungen in seiner alten Weise, so sicher wie der Sonnenaufgang. Zuletzt waren transnationale Lobbyisten wie Andy Jahns der h�rteste Brocken, praktisch unm�glich zu knacken, da das Gesch�ft auf ihre Kosten ging und sie das wussten. Sie �bten auf die Regierungen des Nordens und deren Gef�lligkeitsflaggen jeden Druck aus, den sie kannten, und der war betr�chtlich, wie die �rgerliche Reizbarkeit des Pr�sidenten zeigte und der R�cktritt von Singapore und Sofia von dem Abkommen. Aber Frank �berzeugte den Pr�sidenten auch trotz der gro�en Entfernung und der tiefen psychologischen Schranke des Zeitschlupfes. Und er benutzte bei jeder anderen n�rdlichen Regierung die gleichen Argumente. Wenn ihr den Transnationalen nachgebt, pflegte er zu sagen, dann sind sie die wahre Regierung der Welt. Dies ist die Gelegenheit, eure und eurer Bev�lkerung Interessen gegen�ber jenen frei schwebenden Ansammlungen von Kapital zu sichern, die sehr nahe daran sind, die h�chste Macht auf der Erde zu besitzen. Ihr <emphasis>m�sst</emphasis> sie irgendwie im Zaum halten!</p><p>Und bei der UN bei jedem Beamten dort war es dasselbe. �Ihr oder sie?�</p><p>Dennoch war es sehr knapp. Die Druckmittel, welche die Transnationalen einsetzen konnten, waren erschreckend und boten ein eindrucksvolles Bild. Subarashii und Armscor und Shelalco waren jede gr��er als alle au�er den zehn gr��ten L�ndern oder Freistaaten, und sie setzten wirklich ihre Mittel ein. Geld ist gleich Macht; Macht schafft das Gesetz; und Gesetz macht Regierung. Daher waren die nationalen Regierungen im Versuch, die Transnationalen zur�ckzuhalten, wie die Liliputaner, die versuchten, Gulliver festzubinden. Diese brauchten ein gro�es Netz d�nner F�den, die an jedem Millimeter der Peripherie im Boden angepflockt waren. Und als sich der Riese aufb�umte, um sich loszurei�en und anfing, herumzustrampeln, mussten sie von der einen Seite zur anderen rennen, neue Leinen �ber das Ungeheuer werfen und neue kleine Pf�hle einrammen. So musste Frank herumrennen und viertelst�ndliche Termine zum Einschlagen von Pf�hlen wahrnehmen�� sechzehn Stunden am Tag.</p><p>Andy Jahns, einer der �ltesten Kontaktpersonen Franks bei den Korporationen, nahm ihn eines Abends zum Essen mit. Nat�rlich war Andy auf Chalmers schlecht zu sprechen; aber er bem�hte sich, das zu verbergen, da es ihm an diesem Abend darum ging, Frank eine leicht getarnte Bestechung vorzuschlagen, begleitet von kaum verschleierten Drohungen. Mit anderen Worten: �Business as usual�. Er bot Chalmers eine Position als Chef einer Stiftung an, die von dem Konsortium f�r den Transport von der Erde zum Mars gegr�ndet werden sollte�� den alten Luft- und Raumfahrtindustrien, in deren Taschen noch das alte Pentagondepot herumschwappte. Diese neue Stiftung sollte dem Konsortium helfen, Politik zu betreiben, und die UN in Angelegenheiten beraten, die mit dem Mars zu tun hatten. Er sollte diesen Posten �bernehmen, sobald seine Amtszeit als Marsminister vorbei w�re, um jeden Anschein eines Interessenkonflikts zu vermeiden.</p><p>Chalmers sagte: �Das klingt wundervoll. Ich bin wirklich sehr interessiert.� Und im Laufe des Dinners �berzeugte er Jahns, dass er es ernst meinte. Nicht nur hinsichtlich �bernahme der Stellung in der Stiftung, sondern mit sofortiger Arbeit f�r das Konsortium. Das bedeutete wirklich Arbeit; aber darin war er gut. Er konnte sehen, wie das Misstrauen Jahns langsam schwand, als die Zeit fortschritt. Die Schw�che von Gesch�ftsleuten war ihr Glaube, dass mit Geld alles machbar war. Sie arbeiteten vierzehn Stunden t�glich, um genug davon zu verdienen, damit sie Wagen mit Lederausstattung kaufen konnten. Das hielten sie f�r eine sinnvolle Reaktion, um damit in Kasinos auftreten zu k�nnen. Kurzum�� Idioten. Aber n�tzliche Idioten. �Ich werde tun, was ich kann�, versprach Chalmers energisch und skizzierte einige Strategien, mit denen er sogleich anfangen wollte. Mit den Chinesen �ber ihren Bedarf an Land sprechen, dem Kongress wieder die Idee eines fairen Ertrages von Investitionen nahe bringen. Gewiss! Hier und da Versprechungen machen, dann w�rde der Druck nachlassen, und inzwischen konnte die Arbeit weitergehen. Das war kein solcher Spa�, wie zweimal �ber einen Bach zu h�pfen.</p><p>Also kehrte er an den Konferenztisch zur�ck und machte weiter wie zuvor. Der Spaziergang auf der Br�cke, wie er jetzt genannt wurde (andere nannten ihn den Chalmers-Trick), hatte aus der Sackgasse gef�hrt. Der 6. Februar 2057 = Ls 144 wurde in der Geschichte der Diplomatie ein Datum, das rot angestrichen wurde. Jetzt kam es noch darauf an, jedem anderen ein St�ck zu geben und die tats�chlichen Zahlen festzusetzen. Im Verlauf dieses Prozesses sprach Chalmers mit all den Beobachtern der Ersten Hundert dort, gab ihnen Zuversicht und sondierte ihre Ansichten.</p><p>Sax war, wie sich zeigte, ver�rgert �ber ihn, weil er dachte, dass das Terraformen erheblich verlangsamt werden w�rde, wenn die Transnationalen ihre Investitionen einstellten. Er sah bei allen neuen Unternehmen W�rme entstehen. Und Ann war ihm auch gram, weil ein neuer Vertrag auf Basis seines Tricks sowohl verst�rkte Einwanderung als auch Investition zulassen w�rde; und sie und die Roten hatten immer auf einen Vertrag gehofft, der dem Mars den Status einer Art von Welt-Naturschutzpark geben sollte. Diese Realit�tsfremdheit machte ihn rasend. �Ich habe euch gerade f�nfzig Millionen chinesischer Immigranten erspart�, schrie er sie an, �und du hackst auf mich ein, weil ich es nicht geschafft habe, alle nach Hause zu schicken. Du meckerst, weil ich kein Wunder getan und diesen Felsen in einen heiligen Schrein verwandelt habe, gleich T�r an T�r mit einer Welt, die allm�hlich aussieht wie Calcutta an einem schlechten Tag. Ann, Ann, Ann! Was h�ttest <emphasis>du</emphasis> denn getan, au�er herumzustolzieren und alles mieszumachen, was die Leute sagen, und alle zu �berzeugen, dass du vom Mars kommst? Mein Gott, geh los und spiele mit deinen Steinen und �berla� die Politik den Leuten, die denken k�nnen!�</p><p>�Frank, erinnere dich daran, was Denken ist!� erwiderte sie gelassen. Irgendwie hatte er sie da f�r eine Sekunde zum L�cheln veranlasst, mitten in seiner Tirade. Aber sie funkelte ihn genauso wie fr�her an, ehe sie ging.</p><p>Aber Maya�� nun Maya war mit ihm zufrieden. Er konnte ihren Blick f�hlen, wenn er in den �ffentlichen Versammlungen sprach. Millionen schauten zu, und er f�hlte nur diesen Blick. Das �rgerte ihn. Sie war voller Bewunderung f�r den Spaziergang auf der Br�cke, und er erz�hlte ihr nur das, was sie gern h�ren wollte �ber die Kompromisse, die er hinter der B�hne machte, um Zustimmung zu erzielen. Sie leistete ihm am Abend w�hrend der Cocktailstunde immer h�ufiger Gesellschaft. Sie ging auf ihn zu, sobald der erste Ansturm von Kritikern und Bittstellern abgeebbt war, stand an seiner Seite w�hrend der zweiten und dritten Wellen. Sie sah zu und erleichterte die Dinge mit ihrem Lachen und holte ihn von Zeit zu Zeit heraus durch den Hinweis, dass sie gehen m�ssten, um etwas zu essen. Dann pflegten sie in ein Terrassenrestaurant unter den Sternen zu gehen, zu essen und Kaffee zu trinken, �ber die orangefarbenen Fliesen und Dachg�rten unter einem der gro�en Zelte oben auf einer Mesa Ausschau zu halten und die abendliche Brise genau so zu f�hlen, als w�ren sie im Freien. Die Schar von Mars-zuerst hatte sich f�r diesen Plan entschieden, damit hatte er die meisten Hiesigen hinter sich und das Heimatb�ro und damit wohl die zwei wichtigsten Einzelgruppen in dem ganzen Prozess, au�er der transnationalen F�hrungsschicht, bei der er wenig ausrichten konnte. Es war also nur eine Sache der Zeit, bis er den Handel durchf�hren k�nnte. Manchmal, sp�t am Abend, wenn er etwas ihrem Reiz erlegen war, sprach er so. Wurde von ihr beruhigt. �Wir werden es unter uns schaffen�, pflegte er zu sagen, wenn er zu den Sternen am Himmel aufschaute, unf�hig, ihren durchdringenden Blick zu ertragen.</p><p>Und eines Abends kam sie w�hrend der Cocktailparty immer wieder zu ihm zur�ck. Zusammen mit allen anderen sahen sie die Nachrichtenmeldungen der Erde �ber den Tagesverlauf und sahen wieder, wie verzerrt und verflacht sie wirkten, wie winzige Akteure in einer unverst�ndlichen Seifen-Oper. Und dann brachen sie zusammen auf, speisten und gingen �ber die breiten Grasboulevards, bis sie zu seinem Zimmer in der Unterstadt kamen. Maya ging mit ihm hinein, ohne Erkl�rung oder Bemerkung, wie es ihre Art war. Es geschah einfach. Sie befand sich in seinem Zimmer und dann in seinen Armen und dr�ckte ihn an sich. Sie lagen auf seinem Bett, und sie k�sste ihn. F�r Frank war das ein solcher Schock, dass er sich v�llig von seinem K�rper getrennt f�hlte und sein Fleisch wie Gummi war. Das beunruhigte ihn, bis ihre schiere animalische Pr�senz den Schock durchbrach, K�rper zu K�rper sprach, und er sie pl�tzlich wieder f�hlen konnte. Die Sinnesempfindungen kehrten zur�ck, und er reagierte mit animalischer Intensit�t. Es hatte lange gedauert.</p><p>Danach stand sie auf, drapierte ein wei�es Laken wie ein Cape um sich und holte sich ein Glas Wasser. �Mir gef�llt es, wie du mit diesen Leuten umgehst�, sagte sie, wobei sie ihm den R�cken zukehrte. Sie trank das Glas aus und blickte �ber die Schulter mit ihrem alten Grinsen der Zuneigung und diesem offenem Blick�� einem Blick, der so durchdringend schien wie Laserlicht, das ihn sezierte, so dass er sich pl�tzlich nicht nur nackt, sondern blo�gestellt f�hlte. Er zog sich den Rest des Lakens �ber die H�fte und hatte das Gef�hl sich l�cherlich gemacht zu haben. Sie w�rde sicher sehen, wie die Luft in seiner Lunge zu kaltem Wasser wurde, sein Magen sich verkrampfte und seine F��e erstarrten. Er zwinkerte und erwiderte ihr L�cheln. Er wusste, dass das ein schwaches und schiefes L�cheln war, aber es tr�stete ihn, wenn er sein Gesicht wie eine steife Maske �ber seinem wirklichen Fleisch f�hlte. Niemand konnte aus dem Gesichtsausdruck Emotionen genau erkennen, das war alles gelogen, ein Schwindel wie Handlesen oder Astrologie. Also war er sicher.</p><p>Aber nach dieser Nacht fing sie an, viel Zeit mit ihm zu verbringen, sowohl in der �ffentlichkeit wie privat. Sie begleitete ihn bei den Empf�ngen, die jeden Abend von dem einen oder anderen nationalen B�ro gegeben wurden; sie sa� neben ihm bei vielen Gruppenbanketten; sie befuhr mit ihm danach die raue See der Konversation, wenn sie sich die schlechten Nachrichten von der Erde ansahen, oder sie sa� in der engen Gruppe der Ersten Hundert. Und sie ging mit ihm jeden Abend in sein Zimmer oder, was noch verwirrender war, nahm ihn mit in ihres.</p><p>Und das alles ohne jedes Anzeichen, was sie von ihm wollte. Er konnte nur vermuten, sie w�sste, dass sie nicht dar�ber sprechen musste. Dass es gen�gte, einfach bei ihm zu sein, dass er wissen w�rde, was sie w�nschte, und sein Bestes tun w�rde, dies zu tun, ohne dass sie je ein Wort sagen m�sste. Dass sie bekommen w�rde, was sie wollte. Nat�rlich war es unm�glich, dass sie all das ohne Grund t�te. Das lag im Wesen der Macht. Wenn man sie besa�, war niemand wieder einfach blo� ein Freund oder ein Liebhaber. Unvermeidlicherweise begehrten alle Dinge, die man ihnen geben konnte, sei es auch nur das Prestige einer Freundschaft mit dem M�chtigen. Ein solches Prestige hatte Maya nicht n�tig; aber sie wusste, was sie wollte. Und tat er das schlie�lich nicht auch? Er ver�rgerte einen gro�en Teil seiner Machtbasis und schmiedete an einem Vertrag, der niemandem au�er einer Handvoll Ortsans�ssiger gefallen w�rde. Ja, sie bekam, was sie wollte. Und das alles ohne ein Wort, jedenfalls ohne ein direktes Wort. Nichts als Lob und Zuneigung.</p><p>Als er so in den endlosen Konferenzen der Aussch�sse sprach und sorgf�ltig die Formulierung jedes einzelnen Satzes in dem Vertrag durchpaukte und die Rolle eines James Madison vor diesem merkw�rdigen Phantom einer konstitutionierenden Versammlung spielte, gingen Spencer und Samantha herum und halfen ihm, und Maya beobachtete ihn mit einem minimalen L�cheln, das nur ihm ihre Zustimmung und ihren Stolz auf ihn kundtat. Und dann, durch die Arbeit des Tages mit Energie geladen, wanderte er durch den abendlichen Empfang, und sie lachte ihn an und stand an seiner Seite und plauderte mit allen anderen als eine Art von Gef�hrtin. Und was f�r eine Gef�hrtin! Und bei Nacht �bersch�ttete sie ihn mit K�ssen, bis es unm�glich war, sich vorzustellen, dass sie ihn nicht liebte.</p><p>Dies war unertr�glich. Dass es so einfach sein sollte, sogar die Leute zu t�uschen, die einen am besten kannten�� dass sie so stupide sein k�nnte�� Es war schockierend, das deutlicher denn je zu erkennen. Wie versteckt ist doch die Wahrheit, dachte er, unter der ph�nomenologischen Maske. In Wirklichkeit waren alle die ganze Zeit Schauspieler, die ihre Video-Rollen spielten; und es gab keine Chance mehr, mit den wahren Pers�nlichkeiten in den anderen in Kontakt zu kommen. Im Laufe langer Jahre waren ihre Schalen verkrustet und die Personen drinnen atrophiert oder fortgewandert und verloren gegangen. Und jetzt waren sie alle hohl.</p><p>Oder vielleicht war es gerade blo� er. Weil sie so real schien! Ihr Lachen, ihr wei�es Haar, ihre Leidenschaft�� mein Gott! Ihre verschwitzte Haut und die Rippen darunter, Rippen, die unter seinen Fingern hin und her glitten wie die Latten einer Jalousie, Rippen, die sich im Paroxysmus des Orgasmus verh�rteten. Ein wahres Selbst, musste das nicht so sein? Er konnte es sich kaum anders vorstellen. Ein wahres Selbst.</p><p>Aber er t�uschte sich bitter. Eines Morgens erwachte er aus einem Traum �ber John. Es war vor ihrer gemeinsamen Zeit in der Raumstation, als sie jung gewesen waren. Nur waren sie in dem Traum alt gewesen, und John nicht gestorben und dennoch. Er sprach als ein Geist, wissend, dass er tot war und dass Frank ihn get�tet hatte, aber auch all dessen bewusst, was seither geschehen war, und ganz frei von �rger oder Vorwurf. Es war eben einfach passiert, so wie damals, als John den Auftrag zur Erstlandung erhalten oder ihm Maya auf der <emphasis>Ares</emphasis> weggenommen hatte. Zwischen ihnen war auf die eine oder andere Weise viel geschehen, aber sie waren immer noch Freunde, immer noch Br�der. Sie konnten miteinander reden, sie verstanden einander. Als Frank diesen Horror empfand, hatte er im Traum gest�hnt und versucht, sich in sich zur�ckzuziehen. Dann erwachte er. Es war warm, seine Haut war verschwitzt. Maya hatte sich mit wildem Haar aufgerichtet, ihre Br�ste baumelten lose zwischen ihren Armen. �Was ist los?� sagte sie. �Fehlt dir was?�</p><p>�Nichts!� schrie er, stand auf und tapste ins Bad. Aber sie kam hinter ihm her und legte ihre H�nde auf ihn. �Frank, was war das?�</p><p>�Nichts�, schrie er und riss sich unwillk�rlich von ihr los. �Kannst du mich nicht in Ruhe lassen?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte sie gekr�nkt. Ein Wutanfall. �Nat�rlich kann ich das.� Und sie verlie� das Bad.</p><p>�Nat�rlich kannst du das!� rief er ihr nach, pl�tzlich w�tend �ber ihre Stupidit�t, dass sie ihn so schlecht kannte und so verwundbar war, wenn nun schon alles egal war. �Jetzt, wo du von mir bekommen hast, was du wolltest!�</p><p>�Was soll das hei�en?� fragte sie und erschien wieder in der T�r des Bads, in ein Laken gewickelt.</p><p>�Du wei�t, was ich meine�, sagte er grimmig. �Du hast doch vom Vertrag bekommen, was du wolltest, nicht wahr? Und das h�ttest du ohne mich nie erlangt.�</p><p>Sie stand mit den H�nden auf den H�ften da und sah ihn an. Das Laken hing ihr locker um die H�ften, und sie sah aus wie diese legend�re franz�sische Freiheitsk�mpferin, sehr sch�n und sehr gef�hrlich. Ihr Mund war ein schmaler Strich. Sie sch�ttelte missmutig den Kopf und ging weg. �Du hast nicht die geringste Ahnung�, sagte sie.</p><p>Er folgte ihr. �Was meinst du?�</p><p>Sie warf das Laken fort und stieg heftig in ihre Unterw�sche und zerrte sie �ber ihr Hinterteil. W�hrend sie sich anzog, warf sie ihm kurze S�tze zu. �Du wei�t �berhaupt nichts davon, was andere Leute denken. Du wei�t nicht einmal, was du selbst denkst. Was verlangst du selber von dem Vertrag? Du, Frank Chalmers? Du wei�t es nicht. Es geht nur darum, was ich will, was Sax will, was Helmut will�� was jeder von ihnen will. Du selbst hast gar keine Meinung. Was immer am einfachsten zu managen ist. Was immer dir am Ende die F�hrung l�sst.</p><p>Und was Gef�hle anbetrifft!� Sie war angekleidet und stand in der T�r. Sie blieb stehen, um ihn anzustarren. Ein Blick wie ein Blitzschlag. Er hatte dagestanden, zu verdutzt, um sich zu bewegen; und so stand er jetzt nackt vor ihr, der vollen Wucht ihres Zorns ausgesetzt. �Du hast �berhaupt keine Gef�hle. Ich habe es versucht, glaube mir, aber du��� Sie erbebte, offenbar au�erstande, Worte zu finden, die h�sslich genug waren, ihn zu beschreiben. Hohl, wollte er sagen. Leer. Und dennoch��</p><p>Sie ging hinaus.</p><empty-line/><p>Als sie dann den neuen Vertrag unterzeichneten, war Maya nicht an seiner Seite, nicht einmal in Burroughs. Das war in mancher Hinsicht wirklich eine Erleichterung. Aber dennoch konnte er nicht umhin, sich leer und kalt in der Brust zu f�hlen. Und sicher wussten (mindestens) die anderen der Ersten Hundert, dass (wieder) etwas zwischen ihnen vorgefallen war. Und das war �rgerlich, wie er sich selbst sagte.</p><p>Sie unterzeichneten den Vertrag in dem gleichen Konferenzraum, in dem sie ihn ausgefochten hatten. Helmut machte mit einem breiten L�cheln die Honneurs, und die Delegierten kamen nacheinander heran, im Frack oder schwarzen Abendkleid, sprachen ein paar Worte f�r die Kameras und legten dann die Hand auf �das Dokument� eine Geste, die nur Frank als bizarr archaisch zu empfinden schien wie das Einritzen von Hieroglyphen. L�cherlich! Als er an der Reihe war, sagte er etwas �ber eine erzielte Ausgewogenheit. Und genau das war es auch. Er hatte die konkurrierenden Interessen so disponiert, dass sie unter Winkeln zusammentrafen, die genau ihren Impuls ausglichen. Bei einem Verkehrsunfall w�ren auf diese Weise alle Fahrzeuge zu einer kompakten Masse zusammengesto�en. Das Ergebnis war der fr�heren Version des Vertrags gar nicht allzu un�hnlich, indem sowohl Emigration wie Investitionen, die beiden Hauptmerkmale des Status quo (falls es auf dem Mars so etwas gab) gr��tenteils blockiert waren und zwar (das war der raffinierte Teil der Sache) sich gegenseitig blockierten. Das war eine gute Arbeit, und er unterzeichnete mit einem Schn�rkel. Emphatisch erkl�rte er: �F�r die Vereinigten Staaten von Amerika� und strahlte rundum alle an. Das w�rde sich im Fernsehen gut machen.</p><p>An der anschlie�enden Parade nahm er mit der k�hlen Genugtuung einer gut erledigten Arbeit teil. Die Zelte mit Grasb�den und die Gehr�hren der Stadt waren voll Tausender Zuschauer; und die Parade schl�ngelte sich hindurch, hinab durch das gro�e Zelt an der Kanalseite mit Abzweigungen in die Mesas und dann zur�ck und unter Beifallsrufen �ber jede Kanalbr�cke und weiter hinauf zum Princess Park zu einer gro�en Stra�enparty. Das Wetter war auf k�hl und frisch eingestellt worden mit lebhaften Fallwinden. Spielzeugdrachen wetteiferten unter den Zeltd�chern miteinander in hellen Farben vor dem dunkelroten Nachmittagshimmel.</p><p>Frank fand die Party im Park unbequem. Zu viele Leute beobachteten ihn, zu viele wollten sich ihm n�hern und reden. Das brachte der Ruhm mit sich. Man musste zu den Leuten sprechen, wenn sie beisammen waren. Also machte er kehrt und ging wieder zu dem Zelt am Kanal hinauf.</p><p>Zwei parallele Reihen wei�er S�ulen flankierten den Kanal. Jede war im Barei�stil oben und unten halbkreisf�rmig, aber mit um 180 Grad gegeneinander versetzten Hemisph�ren. Durch diesen einfachen Trick entstanden S�ulen, die v�llig verschieden aussahen, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sie anschaute. Und die beiden Reihen wirkten seltsam bauf�llig, als ob sie schon Ruinen w�ren, obwohl die Gl�tte und wei�e Farbe ihrer von Diamantsplittern bedeckten Oberfl�chen diesen Eindruck L�gen straften. Sie erhoben sich aus dem Gras wie Zuckerw�rfel und gl�nzten, als w�ren sie feucht.</p><p>Frank ging zwischen den Reihen entlang und ber�hrte abwechselnd jede einzelne S�ule. �ber ihnen stiegen zu beiden Seiten die Talh�nge zu den mit Fenstern besetzten Klippen von Mesas an. Hinter dem ungef�rbten Glas dieser Steilw�nde war massenhaft Gr�nzeug zu sehen, so dass die Stadt von riesigen Terrarien eingefasst schien. Ein wirklich eleganter Ameisenbau. Der unter Zelten befindliche Teil des Talhanges war get�pfelt von B�umen und Fliesend�chern und von breiten begrasten Boulevards durchschnitten. Der nicht �berdachte Teil war noch eine rote Steinflache. Eine gro�e Anzahl von Geb�uden war gerade fertig gestellt worden oder noch im Bau. �berall ragten Kr�ne zu den Zeltd�chern auf, eine Art seltsamer bunter Skulpturen. Es gab auch Dutzende von Bauten mit Ger�sten, so dass Helmut gesagt hatte, die von Zelten bedeckten H�nge erinnerten ihn an die Schweiz�� kein Wunder, da die Konstruktion gr��tenteils von Schweizern stammte. �Sie r�sten ein Haus ein, auch wenn sie nur einen Blumenkasten ersetzen.�</p><p>Sax Russell stand am Fu� eines solchen einger�steten Bauwerks und sah kritisch daran empor. Frank machte kehrt, ging durch eine R�hre zu ihm und begr��te ihn.</p><p>�Die haben doppelt so viel St�tzen, als sie brauchen�, sagte Sax. �Vielleicht noch mehr.�</p><p>�Die Schweizer m�gen das.�</p><p>Sax nickte. Sie starrten das Geb�ude an.</p><p>�Nun, was meinst du?� sagte Frank.</p><p>�Der Vertrag? Er wird die Unterst�tzung f�r das Terraformen mindern�, sagte Sax. �Die Leute sind mehr geneigt zu investieren als zu geben.�</p><p>�Sax, nicht jede Investition ist gut f�rs Terraformen, das musst du bedenken�, brummte Frank. �Eine Menge von jenem Geld wird f�r ganz andere Zwecke ausgegeben.�</p><p>�Aber siehst du, Terraformen ist ein Weg zur Reduzierung der Gesamtkosten. Ein gewisser Prozentsatz des gesamten Investments wird ihm immer gewidmet sein. Darum m�chte ich das Ganze so hoch wie m�glich haben.�</p><p>�Realer Nutzen kann nur mit realen Kosten errechnet werden�, erwiderte Frank. �Die Wirtschaftler der Erde hat das nie gek�mmert; aber du bist Wissenschaftler und solltest es tun. Du musst sowohl den Schaden beurteilen, der durch h�here Bev�lkerungszahlen und gr��ere Aktivit�t entsteht, wie auch den damit einhergehenden Nutzen f�r das Terraformen. Man sollte lieber die Investitionen erh�hen, die reiner Terraformung dienen, als einen Kompromiss eingehen und einen prozentualen Anteil vom Ganzen nehmen, der in mancher Hinsicht gegen einen arbeitet.�</p><p>Sax blinzelte. �Frank, es ist komisch zu h�ren, wenn du nach den letzten vier Monaten gegen Kompromisse sprichst. Die Umweltkosten sind vernachl�ssigbar. Bei richtigem Management k�nnen sie gr��tenteils in Vorteile verwandelt werden. Man kann eine �konomie in Terrawatt oder Kilokalorien messen, wie John zu sagen pflegte. Und das ist Energie. Und Energie k�nnen wir hier in jeder Form gebrauchen, sogar als eine Menge von K�rpern. K�rper sind blo� mehr Arbeit, sehr anpassungsf�hig und sehr energetisch.�</p><p>�Reale Kosten, Sax. Sie alle. Du versuchst immer noch, mit �konomie zu spielen. Aber die ist nicht wie Physik, sondern wie Politik. Stelle dir vor, was geschehen w�rde, wenn Millionen vertriebener Emigranten von der Erde hier eintr�fen mit all ihren biologischen und psychischen Viren. Vielleicht w�rden sie sich alle Arkady oder Ann anschlie�en. Hast du je daran gedacht? Epidemien, die K�rper und Geist des P�bels durchziehen, w�rden dein ganzes System zusammenbrechen lassen. Schau, hat nicht die Acherongruppe versucht, dich Biologie zu lehren? Du solltest aufpassen! Das ist keine Mechanik, Sax. Es ist �kologie. Und es ist eine gebrechliche, gesteuerte �kologie, darum <emphasis>muss</emphasis> sie gelenkt werden.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Sax. Diese Phrase war eine Manier von John. Frank entging eine Minute lang das, was Sax sagte. Dann war seine Aufmerksamkeit wieder gebannt.</p><p>�� dieser Vertrag wird auf keinen Fall einen so gro�en Unterschied machen. Die Transnationalen, die investieren wollen, werden einen Weg finden. Sie werden eine neue Flagge der Gef�lligkeit schaffen, und es wird so aussehen, als ob ein Land hier seinen Claim absteckt, genau nach den Quoten des Vertrages. Aber dahinter wird transnationales Kapital stehen. Frank, es werden allerhand Sachen dieser Art passieren. Du wei�t, wie es ist. Politik, nicht wahr?�</p><p>�Vielleicht�, sagte Frank m�rrisch und �rgerlich. Er ging weg.</p><empty-line/><p>Sp�ter befand er sich in einem h�her im Tal gelegenen Distrikt, der noch im Bau befindlich war. Die Ger�ste waren extrem, wie Sax gesagt hatte, speziell f�r Marsschwere. Manche sahen aus, als ob sie schwer abzumontieren sein w�rden. Er wandte sich um und schaute �ber das Tal. Die Stadt war sch�n platziert. Das stand au�er Diskussion. Die zwei Seiten des Tales brachten es mit sich, dass von jeder Stelle aus eine Menge zu sehen war. �berall in der Stadt w�rde man eine Aussicht haben.</p><p>Pl�tzlich piepte sein Armband, und er antwortete. Es war Ann. �Was willst du?� knurrte er. �Ich nehme an, du denkst, dass ich auch dich verh�kert habe. Die Horden hereingelassen, die deinen Spielplatz �berrennen.�</p><p>Sie machte eine Grimasse. �Nein. Du hast das Beste getan, das angesichts der Lage m�glich war. Das wollte ich sagen.� Sie schaltete ab, und sein Handschirm wurde leer.</p><p>�Gro�artig!� sagte er laut. �Alle Leute auf zwei Welten sind jetzt auf mich w�tend au�er Ann Clayborne.� Er lachte bitter und ging weiter.</p><p>Wieder unten am Kanal und bei den Reihen von Barei�s�ulen. Salzs�ulen wie die Frau von Lot. �ber die Rasenfl�chen waren Gruppen feiernder Menschen verteilt, und im Licht des sp�ten Nachmittags warfen sie lange Schatten. Der Anblick wirkte etwas unheimlich, und Frank wandte sich ab, unentschieden wohin. Er liebte nicht den Nachhall der Ereignisse. Alles schien beendet, fertig, sinnlos zu sein. So ging es ihm immer.</p><p>Eine Gruppe Terraner stand unter einem der �ppigeren neuen Gesch�ftsh�user im Niederdorf-Zelt. Andy Jahns befand sich unter ihnen.</p><p>Wenn Ann erfreut war, m�sste Andy w�tend sein. Frank ging zu ihm. Er wollte das erleben.</p><p>Andy sah ihn, und sein Gesicht entspannte sich f�r einen Moment. Er sagte: �Frank Chalmers, was bringt dich hier herunter?�</p><p>Sein Ton war liebensw�rdig, aber seine Augen waren nicht heiter, sondern sogar kalt. Jawohl, er war �rgerlich. Frank f�hlte sich sofort wohler und sagte: �Ich gehe blo� so umher, Andy, um das Blut wieder in Gang zu bringen. Was macht ihr so?�</p><p>Jahns sagte nach ganz kurzem Z�gern: �Wir sehen uns nach B�roraum um.�</p><p>Er beobachtete, wie Frank verdaute, was das zu bedeuten hatte. Sein L�cheln wurde freundlicher. Er fuhr fort: �Das sind Freunde von mir aus �thiopien, aus Addis Abeba. Wir gedenken, unser Stammb�ro n�chstes Jahr hierher zu verlegen. Und so��� Sein L�cheln wurde breiter, ohne Zweifel als Reaktion auf Franks Miene, die sich, wie dieser f�hlte, auf seinem Gesicht verh�rtete. �Und so haben wir eine Menge zu besprechen.�</p></section><section><empty-line/><p>Al-Qahira ist der arabische Name f�r Mars, ebenso auf malaiisch und indonesisch. Diese zwei Sprachen haben ihn von der erstgenannten �bernommen. Man nehme einen Globus und sehe sich an, wie weit sich die Religion der Araber ausgebreitet hat. Die ganze Mitte der Welt, von Westafrika bis zum Westpazifik. Und das meiste davon in einem einzigen Jahrhundert. O ja, das war zu seiner Zeit ein Imperium; und es hatte wie alle Imperien nach seinem Tod ein langes Nachleben.</p><p>Die au�erhalb von Arabien lebenden Araber nennt man Mahdschari, und diejenigen, die auf den Mars kamen, sind die Mahdscharis von Qahira (w�rtlich: die Kairo-Vorst�dter). Als eine gro�e Anzahl von ihnen auf dem Mars angekommen war, begannen sie durch Vastitas Borealis (die n�rdliche Badija = W�ste) und die Gro�e B�schung zu wandern. Das waren meistens arabische Beduinen, und sie reisten in Karawanen, in einer absichtlichen Neusch�pfung eines Lebens, das auf der Erde verschwunden war. Leute, die ihr ganzes Leben in St�dten verbracht hatten, kamen zum Mars und zogen in Rovern und Zelten herum. Als Vorwand f�r ihr unabl�ssiges Wandern diente auch die Suche nach Metallen, die Areologie und der Handel; aber offenbar war die Hauptsache das Reisen, das Leben selbst.</p><p>Frank Chalmers kam zur Karawane des alten Zeyk Tuqan einen Monat, nachdem der Vertrag unterzeichnet worden war, im n�rdlichen Herbst des M-Jahres 15 (Juli 2057). Er zog lange Zeit mit dieser Karawane �ber die zerrissenen H�nge der Gro�en B�schung. Er verbesserte seine arabischen Sprachkenntnisse, half bei ihren Minenarbeiten und machte meteorologische Beobachtungen. Die Karawane bestand aus wirklichen Beduinen aus Awlad �Ali, der Westk�ste �gyptens. Die hatten n�rdlich des Gebietes gelebt, welches die �gyptische Regierung das Neue Talprojekt genannt hatte, als bei der Suche nach �l ein Wasserlager entdeckt wurde, dessen Umfang der vorn Nil in tausend Jahren gef�hrten Wassermenge entsprach. Schon vor der Entdeckung der gerontologischen Behandlung war in �gypten die Bev�lkerungslage angespannt gewesen. Bei sechsundneunzig Prozent W�stenland und neunundneunzig Prozent der Bev�lkerung im Niltal war es unvermeidlich, dass die ins Neue Talprojekt umgesiedelten Horden die Beduinen und ihre v�llig andere Kultur �berw�ltigen w�rden. Die Beduinen wollten sich nicht einmal als �gypter bezeichnen und verachteten die Nil-�gypter als r�ckgratlos und unmoralisch. Aber das hinderte die �gypter nicht daran, von Norden her aus dem Neuen Talprojekt nach Awlad �Ali einzustr�men. Beduinen in den anderen arabischen L�ndern hatten f�r diese �berw�ltigten Au�enposten ihrer Kultur Partei ergriffen. Und als das Arabische Commonwealth ein Marsprogramm startete und Platz auf der st�ndigen zwischen Erde und Mars pendelnden Flotte kaufte, bat es �gypten, seinen westlichen Beduinen den Vorzug zu geben. Die �gyptische Regierung war nur allzu froh gewesen zuzustimmen und so die Region von ihrer l�stigen Minorit�t zu s�ubern. So waren sie nun hier, Beduinen auf dem Mars, und zogen durch die den Planeten umspannende n�rdliche W�ste.</p><empty-line/><p>Die Wetterbeobachtungen stachelten Franks Interesse an Klimatologie an, wie es noch kein Wissenschaftler mit seinen Worten hatte tun k�nnen. Das Wetter auf der B�schung war oft rau, mit katabatischen Winden, die nach unten bliesen und mit den Monsunen der Syrte zusammenstie�en und so gro�e, schnelle rote Tornados oder Kieshagelschl�ge erzeugten. Gew�hnlich betrug der Luftdruck im Sommer um 130 Millibar, bei einer Mischung aus rund achtzig Prozent Kohlendioxid und zehn Prozent Sauerstoff, wobei der Rest meistens Stickstoff aus den neuen Pflanzen war, die Stickstoff produzierten. Es war noch nicht klar, ob diese das CO2 mit Sauerstoff und den anderen Gasen �bertreffen w�rden; aber Sax schien bisher mit ihrem Fortschritt zufrieden zu sein. An einem windigen Tage auf der B�schung war es gewiss deutlich, dass die Luft dichter wurde. Sie f�hlte sich gewichtiger an, streute schweren Sand und verdunkelte die Nachmittage zur Farbe eines Skarab�us. Und bei st�rksten St�rmen konnten die B�en einen leicht umwerfen. Frank stoppte eine katabatische B� mit vierhundert Kilometern in der Stunde. Es war ein Gl�ck, dass alle sich in den Rovern befanden, als ein solch harter Windsto� eintrat.</p><empty-line/><p>Die Karawane war ein mobiles Bergwerksunternehmen. Metalle und erzhaltige Minerale wurden auf dem Mars �berall und in allen Konzentrationen entdeckt; aber als Besonderheit fanden die arabischen Prospektoren heraus, dass eine Menge Sulfide auf der Gro�en B�schung und den Ebenen unmittelbar darunter sehr d�nn verteilt waren. Die meisten dieser Lagerst�tten wiesen Konzentrationen und Gesamtmengen auf, die die Anwendung konventioneller Montanverfahren nicht rechtfertigen w�rden. Darum besch�ftigten sich die Araber in Pionierfunktion mit neuen Extraktions- und Verarbeitungsmethoden. Sie hatten eine Kolonne mobilen Ger�ts gebaut, wobei sie Baufahrzeuge und Mutungsrover ihren Zwecken entsprechend umkonstruiert hatten. Dabei kamen gro�e, segmentierte Maschinen zustande, die ganz �hnlich wie Insekten aussahen. Sie wirkten wie Gesch�pfe aus dem Alptraum eines Lastwagenmechanikers. Diese Kreaturen wanderten in lockeren Karawanen �ber die Gro�e B�schung und suchten nach diffus an der Oberfl�che verteilten Schichten von Kupferlagern, vorzugsweise solchen mit hohem Gehalt an Tetrahedrit oder Chalkozit, so dass sie als Nebenprodukt zum Kupfer auch noch Silber gewinnen konnten. Hatten sie eine derartige Stelle gefunden, hielten sie an, um�� wie sie sagten�� ans Ernten zu gehen.</p><p>W�hrend sie das taten, fuhren Mutungsrover auf der B�schung voraus in Expeditionen von einer Woche oder zehn Tagen. Dabei folgten sie den alten Str�men und Spalten. Als Frank angekommen war, hatte Zeyk ihn begr��t und ihm freigestellt zu tun, was immer er m�chte. Also �bernahm Frank einen Mutungsrover und fuhr mit ihm auf Solo-Expeditionen. Er pflegte drau�en eine Woche zu verbringen, tr�delte herum mit automatischer Suche, las den Seismographen, Sonden und Wetterinstrumente ab, machte gelegentlich eine Bohrung und beobachtete die Himmelserscheinungen.</p><p>�berall in beiden Welten sahen Beduinensiedlungen von au�en sch�big aus. Bei abgebauten Zeltkuppeln boten sie ein Bild ohne Fenster mit dicken W�nden, als ob sie st�ndig nach vorn geneigt w�ren, um sich vor der Hitze der W�ste zu sch�tzen. Erst wenn man hineinging, sah man, was alles gesch�tzt war�� die H�fe, G�rten, Font�nen, V�gel, Treppen, Spiegel und Arabesken.</p><p>Die Gro�e B�schung war ein seltsames Land, in nords�dlicher Richtung durchzogen von Canyonsystemen, entstellt durch alte Krater, �berflutet von Lava, zerteilt in Buckel, Karstplateaus, Mesas und Grate, und das alles auf einem steilen Abhang, so dass man von jedem Felsblock oder H�gel bis weit nach Norden hinunterschauen konnte. In seinen einsamen Reisetagen �berlie� Frank dem Mutungsprogramm die meisten Entscheidungen und lie� das Land an sich vorbeiziehen: still, riesig, zerrissen wie die tote Vergangenheit selbst. Die Tage vergingen, und die Schatten drehten sich. Am Morgen wirbelten die Winde den Hang empor und in den sp�ten Nachmittagen abw�rts. Wolken dr�ngten sich am Himmel, von niedrigen Nebelklumpen, die �ber die Felsen h�pften, bis zu hohen Cirrusfetzen und gelegentlichen Gewitterk�pfen, die die ganze Distanz �berspannten, solide Wolkenmassen von siebentausend Metern H�he.</p><p>Gelegentlich schaltete er das Fernsehen ein und verfolgte den arabischen Nachrichtenkanal. Manchmal in morgendlicher Stille schimpfte er dar�ber. Ein Teil von ihm war �rgerlich �ber die Stupidit�t der Medien und der von ihnen verkauften Ereignisse. Die Dummheit der menschlichen Rasse, die sich darin tummelte. Nur erschien die �berw�ltigende Masse der Menschheit nie im Fernsehen, nicht einmal im Leben, nicht einmal in den Szenen, wo eine Kamera �ber den P�bel schwenkte. Dort lebten die Terraner immer noch in enormen Regionen, wo Dorfleben sich dahinschleppte, wie es immer gewesen war. Vielleicht war das eine von alten Weibern und Schamanen vertretene Weisheit. Vielleicht. Aber es war schwer zu glauben, denn man sah, was geschah, wenn sie sich in St�dten sammelten. Idioten auf Video, Geschichte im Entstehen. �Man kann sagen, dass die Verl�ngerung menschlichen Lebens definitionsgem�� eine gro�e Wohltat ist.� So etwas reizte ihn zum Lachen. �Hast du noch nie von Sekund�reffekten geh�rt, du Mistvieh?�</p><p>Eines Abends sah er einen Bericht �ber die D�ngung des Antarktischen Ozeans mit Eisenstaub, der als zus�tzliche Nahrung f�r Phytoplankton dienen sollte, eine Population, die ohne klaren Grund alarmierend abnahm. Der Eisenstaub wurde aus Flugzeugen abgeworfen. Es sah aus, als ob sie eine Art von Feuer unter dem Meeresspiegel bek�mpften. Das Projekt w�rde j�hrlich zehn Milliarden Dollar kosten und m�sste auf immer fortgesetzt werden; aber man hatte berechnet, dass um den Preis eines Jahrhunderts D�ngung die globale Konzentration von Kohlendioxid um f�nfzehn Prozent plus oder minus zehn Prozent herabsetzen w�rde; und angesichts der st�ndigen Erw�rmung und entsprechenden Bedrohung der K�stenst�dte, geschweige denn des Todes der meisten Korallenriffe der Welt, hatte man befunden, dass das Projekt soviel wert w�re. �Ann wird sich dar�ber freuen�, knurrte Frank. �Jetzt wird die Erde terrageformt.�</p><p>Bei jedem Stimmausbruch l�ste sich ein Knoten in seiner Brust. Er wurde sich bewusst, dass ihn niemand beobachtete und niemand zuh�rte. Die winzige imagin�re Zuh�rerschaft in seinem Kopf existierte nicht. Niemand verfolgt die Filme unseres Lebens. Kein Freund oder Feind w�rde je erfahren, was er hier machte. Er konnte tun, was immer ihm gefiel. Die Normalit�t sei verflucht. Offenbar war es dies, wonach er sich gesehnt und was er instinktiv gesucht hatte. Er konnte losgehen und den ganzen Nachmittag Steine von der Seite eines Karstes hinuntertreten; oder schreien; oder Aphorismen in den Sand schreiben; oder Schm�hungen gegen die Monde aussto�en, die �ber den S�dhimmel torkelten. Er konnte sich �ber Mahlzeiten beschweren oder das Fernsehen beschimpfen; er konnte Gespr�che mit seinen Eltern oder verlorenen Freunden f�hren, mit dem Pr�sidenten oder John oder Maya. Er konnte lange weitschweifige Eintr�ge in sein Notizbuch machen: Teile einer soziobiologischen Weltgeschichte, ein Journal, eine philosophische Abhandlung, einen pornographischen Roman (er konnte masturbieren), eine Analyse der arabischen Kultur und ihrer Geschichte. Er tat all dies, und wenn er und sein Prospektor zu den Karawanen zur�ckrollten, f�hlte er sich wohler, leerer, ruhiger. Eigentlich eher hohl. Wie die Japaner hilfreich gesagt hatten: �Leben ist, wenn du schon tot bist.�</p><empty-line/><p>Aber die Japaner waren fremdartig. Und das Leben mit den Arabern sch�rfte seinen Sinn daf�r, wie fremdartig auch diese waren. Gewiss waren sie ein Teil der Menschheit des einundzwanzigsten Jahrhunderts, eingesponnen wie jeder andere auch in eine Schutzh�lle aus Technik in jedem Moment ihres Lebens und eifrig damit besch�ftigt, die Filme ihres Lebens zu drehen und anzuschauen. Aber dennoch beteten sie drei- bis sechsmal am Tag, verbeugten sich bis zum Boden, wenn es der Morgen- oder Abendstern war. Und der Grund daf�r, weshalb ihre Techno-Karawanen ihnen eine so gro�e und auff�llige Freude machten, lag darin, dass diese Karawanen eine �u�ere Manifestation dieser Hinwendung der modernen Welt zu ihren alten Zielen waren. Zeyk pflegte zu sagen: �Die Aufgabe des Menschen ist die Verwirklichung von Gottes Willen in der Geschichte. Wir k�nnen die Welt auf Weisen ver�ndern, die helfen, den g�ttlichen Plan zu aktualisieren. Das ist immer unsere Art gewesen. Der Islam sagt, dass die W�ste nicht W�ste bleibt und der Berg nicht Berg. Die Welt muss nach dem g�ttlichen Plan umgeformt werden, und das ist es, was im Islam Geschichte bedeutet. Al-Qahira stellt uns die gleiche Herausforderung wie die alte Welt, nur in reinerer Form.� So sprach er zu Frank, wenn sie in seinem Rover in der Runde sa�en, in seiner kleinen Residenz. Diese Familienrover waren zu privaten Reservaten geworden, zu R�umen, in die Frank selten eingeladen wurde, und dann nur von Zeyk. Bei jedem Besuch war er von neuem �berrascht. Von au�en war der Rover unauff�llig: gro�, mit verdunkelten Fenstern, einer von mehreren, die zusammen geparkt waren mit Gehr�hren dazwischen. Aber dann duckte man sich durch eine T�r nach innen und trat in einen Raum, der erf�llt war von Sonnenlicht, das durch Oberlichtfenster str�mte, Sofas und pr�chtige Teppiche beleuchtete, geflieste Fu�b�den, Pflanzen mit gr�nen Bl�ttern, Schalen mit Obst, ein Fenster mit der Ansicht des Mars, gef�rbt und gerahmt wie ein Foto, niedrige Liegen, silberne Kaffeekannen, Computerkonsolen mit Intarsien aus Teakholz und Mahagoni, flie�endes Wasser in Becken und Springbrunnen. Eine k�hle feuchte Welt, gr�n und wei�, intim und klein. Wenn Frank sich umschaute, hatte er den Eindruck, dass es solche R�ume schon seit Jahrhunderten gegeben hatte und dass die Kammer sofort als das, was sie war, erkannt werden w�rde von Menschen, die im zehnten Jahrhundert in leeren Regionen gelebt hatten oder im n�rdlichen Asien im zw�lften.</p><p>Zeyks Einladungen kamen oft am Nachmittag, wenn sich in seinem Rover eine Gruppe von M�nnern zu Kaffee und Gespr�ch zusammenfand. Frank sa� an seinem Platz nahe Zeyk, schl�rfte seinen tr�ben Kaffee und h�rte dem Arabischen zu mit aller Aufmerksamkeit, die er aufbringen konnte. Es war eine sch�ne Sprache, musikalisch und sehr metaphorisch, so dass alle ihre moderne Terminologie von Bildern aus der W�ste widerhallte wegen der Bedeutung der Stammwurzeln aller neuen W�rter, die wie die meisten ihrer abstrakten Ausdr�cke konkreten physischen Ursprung hatten. Arabisch war wie Griechisch von Alters her eine wissenschaftliche Sprache gewesen; und es ergaben sich viele �berraschende Verwandtschaften mit dem Englischen, auch in der organischen und kompakten Natur des Wortschatzes.</p><p>Die Gespr�che pl�tscherten so dahin. Sie wurden aber geleitet von Zeyk und den anderen Senioren, die von den j�ngeren M�nnern in einer Weise geachtet wurden, die Frank unglaublich erschien. Oft wurde die Konversation f�r ihn zu einer deutlichen Lektion �ber beduinische Lebensweise, was ihm erm�glichte, zu nicken und Fragen zu stellen und gelegentlich auch Bemerkungen oder Kritik anzubringen. Zeyk sagte: �Wenn es in einer Gesellschaft einen stark konservativen Zug gibt, der sich von dem progressiven Teil absondert, kommt es zu B�rgerkriegen der schlimmsten Art. Wie zum Beispiel bei dem Konflikt in Columbien, den man La Violencia genannt hat. Ein B�rgerkrieg, der zum v�lligen Zusammenbruch des Staates f�hrte, einem Chaos, das niemand verstehen, geschweige denn kontrollieren konnte.�</p><p>�Oder wie Beirut�, sagte Frank arglos.</p><p>�Nein, nein� erwiderte Zeyk l�chelnd. �Beirut war viel komplexer. Das war nicht nur B�rgerkrieg, sondern auch eine Anzahl �u�erer Kriege, die da mitspielten. Es war nicht nur eine Sache sozialer oder religi�ser Konservativer, die sich vom normalen Fortgang der Kultur absonderten, wie in Columbien oder im Spanischen B�rgerkrieg.�</p><p>�Gesprochen wie ein echter Konservativer.�</p><p>�Alle Mahdscharis von Al-Qahira sind definitionsgem�� progressiv, sonst w�ren wir nicht hier. Aber der Islam hat B�rgerkriege dadurch vermieden, dass er ein Ganzes geblieben ist. Wir haben eine koh�rente Kultur, so dass die Araber hier immer noch fromm sind. Das verstehen auch die konservativsten Elemente in der Heimat. Wir werden nie B�rgerkriege erleben, weil wir durch unseren Glauben geeint sind.�</p><p>Frank dr�ckte nur durch seine Miene die Tatsache der schiitischen H�resie aus, neben vielen anderen islamischen �B�rgerkriegen� Zeyk verstand ihn, ignorierte das aber und fuhr fort: �Wir alle bewegen uns durch die Geschichte fort, eine lockere Karawane. Man k�nnte sagen, dass wir hier auf Al-Qahira wie einer unserer prospektierenden Rover sind. Und du wei�t, was f�r ein Vergn�gen es ist, in einem solchen zu sein.�</p><p>�So��� Frank dachte angestrengt nach, wie er seine Frage formulieren sollte. Seine mangelnde Erfahrung mit dem Arabischen w�rde ihm nur einen gewissen Spielraum geben, ehe sie beleidigt w�ren. �Gibt es im Islam wirklich den Begriff des sozialen Fortschritts?�</p><p>�Oh, gewiss!� Mehrere hatten das bejaht und nickten. Zeyk sagte: �Ist das nicht deine Ansicht?�</p><p>�Nun��� Frank gab es auf. Es gab immer noch keine einzige arabische Demokratie. Es war eine hierarchische Kultur mit hoher Wertsch�tzung von Ehre und Freiheit; und f�r diejenigen, die in der Hierarchie weit unten standen, waren Ehre und Freiheit nur durch Ergebenheit erreichbar. Was das System st�rkte und stabil hielt. Aber was konnte er sagen?</p><p>Ein anderer Mann sagte: �Die Zerst�rung von Beirut war eine Katastrophe f�r die fortgeschrittene arabische Kultur. Beirut war die Stadt, wohin Intellektuelle, K�nstler und Radikale gingen, wenn sie von ihren lokalen Regierungen angegriffen wurden. Alle nationalen Regierungen hassten das panarabische Ideal; aber es ist eine Tatsache, dass wir seit etlichen Jahrhunderten eine einzige Sprache sprechen, und Sprache ist ein m�chtiges Bindemittel der Kultur. Zusammen mit dem Islam macht sie uns wirklich zu einem Ganzen, trotz der politischen Grenzen. Beirut war immer der Ort, um diese Position zu best�tigen; und als die Israelis es zerst�rt hatten, wurde diese Best�tigung schwieriger. Die Zerst�rung war darauf abgestellt, uns zu zersplittern, und das gelang. Also fangen wir von vorn an.� Und das war ihr sozialer Fortschritt.</p><empty-line/><p>Die fl�chenhafte Kupferlagerst�tte, die sie abgesch�rft hatten, wurde leer, und es war Zeit f�r eine weitere <emphasis>rahla,</emphasis> die Bewegung der <emphasis>hidschra</emphasis> zu einer neuen St�tte. Sie fuhren zwei Tage lang und kamen zu einer anderen Fl�chenablagerung, die Frank gefunden hatte. Frank selbst zog wieder zu einer neuen Mutungsreise los.</p><p>Er sa� tagelang im Fahrersitz, die F��e auf dem Armaturenbrett, und sah das Land vorbeiziehen. Sie waren in einem Gebiet von <emphasis>thulmas</emphasis> oder kleinen Rippen, die parallel bergab verliefen. Er stellte das Fernsehen �berhaupt nicht mehr an. Er musste �ber vieles nachdenken. �Die Araber glauben nicht an so etwas wie Erbs�nde�, schrieb er in sein Notizbuch. �Sie glauben, dass der Mensch unschuldig und der Tod eine nat�rliche Sache ist. Es gibt weder Himmel noch H�lle, sondern nur Lohn und Strafe, welche die Form dieses Lebens annehmen und wie es gelebt wurde. Das ist sozusagen eine humanistische Korrektur von Judentum und Christenrum. Obwohl sie es in einem anderen Sinne stets abgelehnt haben, die Verantwortung f�r ihr Schicksal zu tragen. Es ist immer Allahs Wille. Ich verstehe diesen Widerspruch nicht. Aber jetzt sind sie hier. Und die Mahdscharis sind immer ein intimer Teil arabischer Kultur gewesen, oft an f�hrender Stelle. Die arabische Dichtkunst ist im zwanzigsten Jahrhundert wiederbelebt worden von Poeten, die in New York oder Lateinamerika gelebt haben. Vielleicht wird es hier das gleiche sein. Es ist �berraschend, wie sehr ihre Sicht der Geschichte dem entspricht, was Boone geglaubt hat. Ich glaube nicht, dass ich beides verstanden habe. Nur wenige Leute bem�hen sich �berhaupt herauszufinden, was andere Menschen wirklich denken. Sie sind bereit, alles zu akzeptieren, was man ihnen �ber jemanden erz�hlt, der hinreichend weit entfernt ist.�</p><p>Er stie� auf Porphyrkupfer, ungew�hnlich dicht und auch mit hohen Konzentrationen an Silber. Das w�rde willkommen sein. Kupfer und Silber waren beide auf der Erde recht knappe Metalle. Aber Silber wurde in gro�en Mengen von einer gro�en Anzahl Industrien gebraucht, denen die Ressourcen allm�hlich ausgingen. Und hier gab es mehr davon, direkt auf der Oberfl�che in guten Konzentrationen. Nat�rlich nicht so viel wie in Silver Mountain auf dem Elysium-Massiv; aber den Arabern w�rde das nichts ausmachen. Man erntete es ab und w�rde dann weiterziehen.</p><p>Er zog selbst weiter. Die Tage vergingen, die Schatten drehten sich. Der Wind wehte den Abhang hinab, hinauf, hinab und wieder hinauf. Wolken bildeten sich, und St�rme brachen los. Manchmal war der Himmel geschm�ckt mit Eisb�gen und Nebensonnen und Windhosen aus Hagel, die wie Glimmer im rosa Sonnenlicht schimmerten. Manchmal sah er eine der luftgebremsten st�ndigen F�hren wie einen Meteor gleichm��ig �ber den Himmel ziehen. An einem klaren Morgen erblickte er Elysium Montes, die �ber den Horizont wie ein schwarzer Himalaya aufragten. Durch eine Inversionsschicht in der Atmosph�re war die Sicht bis tausend Kilometer �ber den Horizont gekr�mmt worden. Er hielt an und schaltete das Tagebuch aus wie vorher schon den Fernseher. Wind packte den Sand und schleuderte ihn in Wolken gegen den Rover. <emphasis>Khala,</emphasis> das leere Land.</p><empty-line/><p>Aber dann begannen ihn Tr�ume zu plagen, Tr�ume der Erinnerung, die so intensiv, voll� und korrekt waren, als ob er im Schlaf seine Vergangenheit nacherleben w�rde. Eines Nachts tr�umte er von dem Tag, an dem ihm endg�ltig klar geworden war, dass er die amerikanische H�lfte der ersten Marskolonie leiten w�rde. Er war von Washington zum Shenandoah Valley hinausgefahren und f�hlte sich sehr sonderbar. Er ging lange im gro�en Eastern Hardwood Forest spazieren. Er kam zu den Kalksteinh�hlen in Luray, jetzt eine Touristenattraktion, und nahm aus einer Laune heraus an der F�hrung teil. Jeder Stalaktit und Stalagmit war von geisterhaften farbigen Lampen beleuchtet. An einigen waren H�mmerchen befestigt, und ein Organist konnte darauf spielen wie mit einem Glockenspiel. Die wohltemperierte H�hle! Er musste weiter hinaus in die Finsternis gehen und sich einen �rmel in den Mund stopfen, damit ihn die Touristen nicht lachen h�ren konnten.</p><p>Dann parkte er an einem Aussichtspunkt, ging in den Wald hinein und setzte sich zwischen den Wurzeln eines gro�en Baumes hin. Niemand in der Runde, eine warme Herbstnacht, die Erde dunkel und wie ein Pelz von B�umen bedeckt. Zikaden lie�en ihr eigenartiges Lied ert�nen und Grillen stie�en ihre letzten Klageschreie aus im Vorgef�hl des ersten Frostes, der sie t�ten w�rde. Er f�hlte sich so sonderbar�� Konnte er diese Welt wirklich verlassen? W�hrend er so auf der Erde sa�, hatte er sich gew�nscht, er k�nnte wie ein Wechselbalg in eine Felsspalte rutschen und wieder herauskommen als etwas Besseres, etwas M�chtiges, Edles, Langlebiges�� so etwas wie ein Baum. Aber nat�rlich geschah nichts. Er lag auf dem Boden, schon von ihm abgeschnitten. Schon ein Marsmensch.</p><p>Und er erwachte und war den ganzen Rest des Tages verst�rt.</p><p>Danach, noch schlimmer, tr�umte er von John. Er tr�umte von der Nacht, da er in Washington gesessen und John im Fernsehen gesehen hatte, wie er zum ersten Mal auf den Mars hinausging, dicht gefolgt von den anderen drei. Frank verlie� die offizielle Feier bei der NASA und ging durch die Stra�en in einer hei�en Nacht von D.C. im Sommer 2020. Es hatte zu seinem Plan geh�rt, John die erste Landung machen zu lassen. Er hatte ihm das zukommen lassen, wie man eine K�nigin im Schach opfert, weil jene erste Crew auf der Reise von der Strahlung ger�stet werden w�rde und gem�� den Vorschriften nach ihrer R�ckkehr f�r immer auf dem Boden bleiben m�sste. Und dann wurde das Feld f�r die n�chste Ausreise freigegeben, f�r die Touristen, die endg�ltig dort bleiben w�rden. Das war die eigentliche Aufgabe und die, welche Frank zu leiten gedachte.</p><p>Aber in jener historischen Nacht befand er sich in miserabler Stimmung. Er kehrte zu seinem Apartment nahe Dupont Circle zur�ck und ging dann wieder los ohne sein FBI-Abzeichen, schl�pfte in eine dunkle Bar, nahm Platz und sah sich �ber die K�pfe der Barkeeper das Fernsehen an. Das Licht des Mars str�mte aus dem Fernseher und r�tete den dunklen Raum. Er wurde betrunken und h�rte sich Johns alberne Rede an. Seine Stimmung wurde immer schlechter. In der Bar war es laut, und die Leute passten nicht auf. Nicht, dass man die Landung nicht beachtet h�tte; aber die stellte hier nur eine Art von Unterhaltung dar, auf dem gleichen Niveau wie das Spiel der Bullets, auf das ein Barkeeper immer umschaltete. Dann wieder zur�ck auf die Szene in Chryse Planitia. Sein Nachbar schimpfte dar�ber. �Basketball m�sste auf dem Mars �ne tolle Sache sein�, sagte Frank in dem Florida-Akzent, den er l�ngst abgelegt hatte.</p><p>�M�ssen den Reifen h�her legen, sonst brechen sie sich den Hals.�</p><p>�Sicher, aber denk an die Spr�nge. Leicht zwanzig Fu�.�</p><p>�Na ja, auch ihr wei�en Jungs springt da hoch. Aber bleibt lieber vom Korb weg, sonst kriegt ihr die gleichen Schwierigkeiten wie hier.�</p><p>Frank lachte. Aber drau�en war es hei�, eine dumpfe D.C.-Sommernacht, und er ging nach Hause in einer miserablen Stimmung, die mit jedem Schritt noch schlimmer wurde. Als er auf einen Bettler vor Dupont traf, z�ckte er eine Zehn-Dollarnote und warf sie dem Kerl zu. Als der hinlangte, stie� er ihn fort und rief: �Hau ab! Such dir Arbeit!� Aber dann kamen Leute aus der Metro, und er eilte davon, schockiert und w�tend. Bettler sackten in den Eing�ngen zusammen. Da waren Menschen auf dem Mars, und in der Hauptstadt der Nation gab es Bettler, an denen alle Rechtskundigen t�glich vorbeigingen, deren Gerede von Freiheit und Gerechtigkeit nur eine Tarnung ihrer Gier war. �Wir werden es auf dem Mars <emphasis>anders</emphasis> machen�, sagte Frank giftig. Und ganz pl�tzlich w�nschte er sich, dort zu sein, ohne umst�ndliche Jahre des Wartens und K�mpfens. �Besorg dir einen verdammten Job�, br�llte er einen anderen obdachlosen Mann an. Dann weiter zu seinem Appartementhaus, hinter dem im Foyer am Pult gelangweilte Sicherheitsleute sa�en, die ihr ganzes Leben da mit Nichtstun verbrachten. Oben angekommen, zitterten seine H�nde so stark, dass er erst seine T�r nicht aufkriegte. Als er dann drinnen stand, erstarrte er, schockiert von all dem geschniegelten Mobiliar eines h�heren Beamten, das Ganze eine Theaterausstattung, darauf abgestellt, seltene Besucher zu beeindrucken, tats�chlich nur von der NASA und dem FBI. Nichts davon seines! Nichts als ein Plan.</p><p>Und dann erwachte er, allein, in einem Rover auf der Gro�en B�schung.</p><empty-line/><p>Schlie�lich kehrte er von seiner schrecklichen Expedition voller Tr�ume zur�ck. Wieder in der Karawane fand er es schwer zu sprechen. Er wurde von Zeyk zum Kaffee eingeladen und schluckte eine Tablette gemischten Opiats, um sich in der Gesellschaft von M�nnern zu entspannen. In Zeyks Rover sa� er auf seinem Platz und wartete darauf, dass Zeyk kleine Tassen mit durch Nelken gew�rztem Kaffee austeilte. Unsi Al-Khal sa� zu seiner Linken und redete langatmig �ber die islamische Vision der Geschichte und wie sie in der Dschahiliya oder vorislamischen Periode begonnen hatte. Al-Khal war nie freundlich gewesen; und als Frank ihm in einer �blichen h�flichen Geste die zu ihm kommende Tasse weiterzureichen versuchte, bestand Al-Khal darauf, dass Frank die Ehre geb�hre und er sie ihm nicht rauben wolle. Eine typische Kr�nkung aus �bertriebener H�flichkeit, wieder die Hierarchie. Man konnte keinem, der im System h�her stand, eine Gunst erweisen. Gef�lligkeiten gab es nur abw�rts. Alpham�nnchen, Hackordnungen. Sie h�tten wirklich ebenso gut wieder auf der Savanne (oder in Washington) sein k�nnen. Wiederum nichts weiter als Primatentaktik.</p><p>Frank knirschte mit den Z�hnen, und als Al-Khal wieder zu predigen anfing, sagte er: �Wie ist es mit euren Frauen?�</p><p>Sie waren aus der Fassung gebracht, und Al-Khal zuckte die Achseln. �Im Islam haben M�nner und Frauen verschiedene Rollen. Genau wie im Westen. Das hat biologische Gr�nde.�</p><p>Frank sch�ttelte den Kopf und f�hlte die Wirkung der Tabletten und das finstere Gewicht der Vergangenheit. Der Druck eines st�ndigen Wasserreservoirs auf dem Boden seines Denkens verst�rkte sich, etwas gab nach, und pl�tzlich war ihm alles egal, und er war es satt, so zu tun als ob. Er war all der Maske �berdr�ssig, des klebrigen �ls, welches der Gesellschaft erlaubte, auf ihrem knirschenden schrecklichen Weg weiterzugehen.</p><p>�Ja�, sagte er. �Aber das ist doch Sklaverei, nicht wahr?�</p><p>Die M�nner um ihn herum waren �ber dieses Wort schockiert und erstarrten.</p><p>�Nicht wahr?� wiederholte er und f�hlte hilflos die Worte aus seiner Kehle sprudeln. �Eure Frauen und T�chter sind machtlos, und das ist Sklaverei. Ihr m�gt sie gut behandeln, und sie k�nnen Sklavinnen mit besonderen und intimen Kr�ften �ber ihre Herren sein, aber die Beziehung von Herren zu Sklaven f�hrt darauf hinaus, dass alle diese Beziehungen verzerrt sind und bis zum Zerrei�en gespannt.�</p><p>Zeyk r�mpfte die Nase. �Das ist nicht die gelebte Erfahrung davon. Das kann ich dir versichern. Du solltest unsere Poesie h�ren.�</p><p>�Aber w�rden eure Frauen mir das best�tigen?�</p><p>�Ja�, sagte Zeyk im Brustton absoluter �berzeugung.</p><p>�Mag sein. Aber schau, die erfolgreichsten Frauen unter euch sind immer bescheiden und ergeben. Sie sind peinlich darum bem�ht, das System zu ehren. Das sind diejenigen, welche ihren Gatten und S�hnen helfen, im System aufzusteigen. Um damit Erfolg zu haben, m�ssen sie dieses System st�rken, das sie unterdr�ckt. Das hat gef�hrliche Auswirkungen. Und der Zyklus wiederholt sich Generation um Generation. Getragen von Herren und Sklavinnen gleicherma�en.�</p><p>�Der Gebrauch des Wortes <emphasis>Sklave�,</emphasis> sagte Al-Khal langsam und machte eine Pause, �ist offensiv; denn er nimmt ein Urteil vorweg. Das Urteil �ber eine Kultur, die du nicht wirklich kennst.�</p><p>�Sicher. Ich sage nur, wie es von au�en aussieht. Das kann f�r einen fortschrittlichen Muslim nur von Interesse sein. Ist dies der g�ttliche Plan, f�r dessen Verwirklichung in der Geschichte ihr k�mpft? Die Gesetze sind dazu da, dass man sie liest und ihre Einhaltung �berwacht; und f�r mich sieht das wie eine Form von Sklaverei aus. Und ihr wisst, dass wir Kriege gef�hrt haben, um die Sklaverei abzuschaffen. Und wir haben S�dafrika aus der V�lkergemeinschaft ausgeschlossen, weil dessen Gesetze so angelegt waren, dass die Schwarzen nie so gut leben konnten wie die Wei�en. Ihr aber tut das die ganze Zeit. Wenn irgendwelche Menschen auf der Welt so behandelt w�rden, wie ihr eure Frauen behandelt, w�rde die UN diese Nation �chten. Aber weil es eine Angelegenheit der Frauen ist, schauen die M�nner, die an der Macht sind, weg. Sie sagen, es sei eine Sache der Kultur, der Religion, in die man sich nicht einmischen d�rfe. Oder es hei�t deshalb nicht Sklaverei, weil es nur eine �bertreibung davon ist, wie Frauen anderswo behandelt werden.�</p><p>�Oder nicht einmal eine �bertreibung�, meinte Zeyk. �Eine Variante.�</p><p>�Nein, es ist eine �bertreibung. Westliche Frauen k�nnen vieles von dem, was sie tun, w�hlen. Sie k�nnen ihr eigenes Leben f�hren. Aber nicht so bei euch. Menschen wollen kein Eigentum sein. Sie hassen das und wenden sich dagegen und r�chen sich daf�r, soweit sie k�nnen. So sind eben die Menschen. Und in diesem Falle handelt es sich um eure Mutter, eure Frau, eure Schwestern, eure T�chter.�</p><p>Die M�nner sahen ihn an, immer noch mehr schockiert als gekr�nkt. Aber Frank schaute in seine Kaffeetasse und fuhr unerbittlich fort: �Ihr m�sst eure Frauen befreien!�</p><p>�Was schl�gst du vor, wie wir das tun sollten?� fragte Zeyk und sah Frank neugierig an.</p><p>��ndert eure Gesetze! Erzieht eure T�chter so, dass sie in die gleichen Schulen wie eure S�hne gehen. Macht sie gleichberechtigt mit jedem Muslim jeder Art �berall. Bedenkt, dass in euren Gesetzen viel ist, das nicht im Koran steht, sondern in der Zeit nach Muhammad hinzuf�gt wurde.�</p><p>�Hinzugef�gt von heiligen M�nnern�, sagte Al-Khal �rgerlich.</p><p>�Gewiss. Aber wir suchen die Wege, in denen wir unsere religi�sen Glaubenss�tze st�rken k�nnen, im allt�glichen Verhalten. Das trifft f�r alle Kulturen zu. Und wir k�nnen neue Wege w�hlen. Ihr m�sst eure Frauen befreien!�</p><p>�Ich mag mir keine Predigten anh�ren au�er von einem Mullah�, sagte Al-Khal mit schmalen Lippen unter seinem Schnurrbart. �M�gen die, welche ohne Schuld sind, verk�nden, was recht ist.�</p><p>Zeyk l�chelte heiter und sagte: �So pflegte Selim el-Hayil zu sprechen.�</p><p>Und es trat tiefe, gespannte Stille ein.</p><p>Frank zwinkerte. Viele M�nner l�chelten jetzt und sahen Zeyk zustimmend an. Frank fiel blitzartig ein, was in Nicosia geschehen war. Nat�rlich! Selim war in jener Nacht nur Stunden nach dem Attentat gestorben, vergiftet durch eine fremdartige Kombination von Mikroben. Aber sie wussten jedenfalls Bescheid.</p><p>Und dennoch hatten sie ihn akzeptiert und in ihre Wohnungen gef�hrt, in ihre pers�nlichen Bezirke, wo sie ihr Privatleben f�hrten. Sie hatten versucht, ihn das zu lehren, was sie glaubten.</p><p>�Vielleicht sollten wir sie so frei machen wie russische Frauen?� sagte Zeyk lachend und entlastete Frank f�r den Moment. �Durch �berarbeitung verr�ckt, so sagen sie doch? Man erz�hlt ihnen, sie seien gleich, sind das in Wirklichkeit aber nicht!�</p><p>Yussuf Hawl, ein schneidiger junger Mann, kicherte t�ckisch. �Das sind tolle Weiber, kann ich euch sagen! Aber nicht mehr oder weniger als alle anderen Frauen. Ist es nicht so, dass daheim die Macht immer an den St�rkeren f�llt? In meinem Rover bin <emphasis>ich</emphasis> der Sklave, das kann ich euch erz�hlen. Bei meiner Aziza bin ich blo� ein Pantoffelheld!�</p><p>Die M�nner br�llten vor Lachen �ber ihn. Zeyk nahm ihre Tassen und schenkte eine neue Runde Kaffee aus. Die M�nner retteten die Lage, so gut sie konnten. Sie sahen �ber Franks grobe Kr�nkung hinweg, entweder, weil sie so ma�los war, dass sie nur Ignoranz verriet, oder weil sie Zeyks G�nnerschaft f�r ihn anerkennen und unterst�tzen wollten. Aber nur die H�lfte von ihnen schaute Frank �berhaupt wieder an.</p><p>Er zog sich zur�ck und h�rte wieder zu, sehr �ber sich selbst ver�rgert. Es war ein Fehler, seine Meinung jederzeit zu �u�ern, es sei denn, sie diente einem politischen Zweck. Und das war nie der Fall. Am besten war es, alle �u�erungen des realen Inhalts zu entkleiden. Das war die Grundregel von Diplomatie. Drau�en auf der B�schung hatte er das vergessen.</p><p>Erregt stieg er wieder in seinen Rover. Die Tr�ume wurden seltener. Als er zur�ckkam, nahm er keine Medikamente. Er sa� schweigend in den Kaffeerunden oder sprach �ber Mineralien und Grundwasser oder den Komfort der neu modifizierten Mutungsrover. Die M�nner sahen ihn zur�ckhaltend an und beteiligten ihn wieder an der Konversation wegen Zeyks Freundlichkeit, die nie erlahmte�� au�er in jenem einen Moment, da er Frank nachdr�cklich an eine der Grundtatsachen der Lage erinnert hatte.</p><p>Eines Abends lud ihn Zeyk zu einem privaten Abendessen mit ihm und seiner Frau Nazik ein. Nazik trug ein langes wei�es Kleid im traditionellen Beduinenstil mit einem blauen Bund und war barh�uptig. Ihr dichtes schwarzes Haar war mit einem flachen Kamm zur�ckgehalten und hing ihr dann den R�cken hinab. Frank hatte genug gelesen, um zu wissen, dass das alles falsch war. Bei den Beduinen von Awlad �Ali trugen die Frauen schwarze Gew�nder und rote Bauchbinden, um ihre Unreinheit, Sexualit�t und moralische Unterlegenheit anzuzeigen. Sie hielten den Kopf bedeckt und benutzten den Schleier in einem komplizierten Code von Bescheidenheit. Alles, um sich m�nnlicher Macht zu beugen; so dass Naziks Bekleidung ihre Mutter und Gro�m�tter schockiert h�tte, selbst wenn sie sie wie jetzt vor einem Au�enseiter trug, auf den es eigentlich nicht ankam. Aber wenn er genug wusste, um zu verstehen, dann war das ein Zeichen.</p><p>Und dann, als gerade alle lachten, erhob sich Nazik auf Zeyks Bitte hin, um das Dessert zu bringen, und sagte zu Zeyk lachend: �Jawohl, Herr.�</p><p>Zeyk runzelte die Stirn, sagte: �Geh, Sklavin!� und gab ihr einen Sto�, und sie schnappte mit den Z�hnen nach ihm. Sie lachten, als Frank heftig err�tete, und sahen, dass er verstand. Sie machten sich �ber ihn lustig und brachen auch das Tabu der Beduinen gegen das Zeigen ehelicher Zuneigung jeder Art vor jedermann. Nazik kam her�ber und legte ihm eine Fingerspitze auf die Schulter mit den Worten: �Wir scherzen nur mit dir, musst du wissen. Wir Frauen haben von deiner �u�erung vor den M�nnern geh�rt und lieben dich daf�r. Du k�nntest bei uns so viele Frauen haben wie ein osmanischer Sultan. Denn in dem, was du gesagt hast, liegt einige Wahrheit�� zu viel.� Sie nickte ernsthaft und zeigte mit einem Finger auf Zeyk, der sich das Grinsen verkniff und auch nickte. Nazik fuhr fort: �Aber von den Menschen h�ngt in den Gesetzen so viel ab, findest du nicht auch? Die M�nner in dieser Karawane sind gute M�nner, kluge M�nner. Und die Frauen sind noch kl�ger, denn wir haben sie vollkommen �bernommen.� Zeyk hob die Augenbrauen, und Nazik lachte. �Nein, in Wirklichkeit haben wir uns nur unseren Anteil genommen. Ernsthaft.�</p><p>�Aber wo seid ihr denn?� fragte Frank. �Ich meine, wo sind alle die Frauen der Karawane tags�ber? Was tut ihr?�</p><p>�Wir arbeiten�, sagte Nazik einfach. �Sieh es dir an! Du wirst uns sehen.�</p><p>�Ihr macht alle Arten von Arbeit?�</p><p>�O ja. Vielleicht nicht da, wo du uns viel sehen kannst. Es gibt noch gewisse�� Br�uche, Gewohnheiten. Wir leben zur�ckgezogen, getrennt, haben unsere eigene Welt. Das ist vielleicht nicht gut. Wir Bedus schlie�en uns gern in Gruppen zusammen, M�nner und Frauen. Wir haben unsere Traditionen, siehst du, und die dauern an. Aber hier ist vieles dabei, sich zu �ndern, schnell zu �ndern. Also ist dies die n�chste Stufe des islamischen Weges. Wir sind��� Sie suchte nach dem Wort.</p><p>�Utopia�, schlug Seyk vor. �Das islamische Utopia.�</p><p>Sie wedelte zweifelnd mit der Hand und sagte: �Geschichte. Der <emphasis>Hadsch</emphasis> nach Utopia.�</p><p>Zeyk lachte vergn�gt. �Aber der Hadsch ist das Ziel. Das ist es, was uns die Mullahs immer lehren. So sind wir schon da, nicht?� Und er und seine Frau lachten sich an, eine private Kommunikation mit hoher Dichte an Informationsaustausch und ein L�cheln, das sie einen Moment mit Frank teilten. Und dann wandte sich ihr Gespr�ch anderen Themen zu.</p><empty-line/><p>Praktisch gesehen war Al-Qahira der lebendig gewordene panarabische Traum, da alle Nationen f�r die Mahdscharis Geld und Menschen beigesteuert hatten. Die Mischung arabischer Nationen auf dem Mars war vollkommen, aber die individuellen Karawanen gingen etwas ihre eigenen Wege. Immerhin vermischten sie sich. Und ob sie aus den �lreichen oder �larmen Nationen kamen, schien keine Rolle zu spielen. Hier unter den Fremden waren sie alle Vettern. Syrer, Iraker, �gypter und Saudis, Golfanrainer, Pal�stinenser, Libyer und Beduinen. Alles Vettern.</p><p>Frank begann sich besser zu f�hlen. Er schlief wieder tief, jeden Tag erfrischt durch den Zeitrutsch, etwas l�ssig im ganzt�gigen Rhythmus, der K�rper nach seiner Eigenzeit abgeschaltet. Tats�chlich hatte alles Leben in der Karawane ein anderes Zeitma�, als ob sogar der Augenblick gedehnt w�re. Er f�hlte, dass man Zeit er�brigen konnte, dass es nie einen Grund zur Eile gab.</p><p>Und die Jahreszeiten glitten dahin. Die Sonne ging jeden Abend fast an der gleichen Stelle unter, die sich nur ganz langsam verschob. Sie lebten jetzt ganz nach dem Marskalender. Er war das einzige Neujahr, das sie beachteten oder feierten: Ls = 0, der Beginn des n�rdlichen Fr�hlings des Jahres 16. Eine Jahreszeit nach der anderen, jede sechs Monate lang und jede ablaufend ohne das scharfe Empfinden von Sterblichkeit. Es war so, als ob man jetzt im Ewigen lebte, in einer endlosen Runde von Arbeiten und Tagen, im kontinuierlichen Zyklus von Gebet zu dem ach so entfernten Mekka, im pausenlosen Wandern �bers Land. In der st�ndigen K�lte.</p><p>Als sie eines Morgens erwachten, stellten sie fest, dass es �ber Nacht geschneit hatte, und die ganze Landschaft war rein wei�. Und haupts�chlich Wasser-Eis. Die ganze Karawane spielte den Tag �ber verr�ckt. Sie alle, M�nner und Frauen, drau�en in Schutzanz�gen, n�rrisch von dem Anblick, traten Schnee, machten Schneeb�lle, die nicht richtig zusammenhielten, versuchten, Schneem�nner zu bauen, die ebenso wenig zusammenhielten. Der Schnee war zu kalt.</p><p>Zeyk lachte �ber diese Bem�hungen. �Was f�r eine Albedo�, sagte er. �Es ist erstaunlich, wie viel von dem, was Sax tut, auf ihn zur�ckschl�gt. Gegeneffekte arbeiten von Natur der Hom�ostase entgegen, meinst du nicht auch? Ich frage mich, ob Sax nicht zuerst die Dinge so viel k�lter h�tte machen sollen, dass die ganze Atmosph�re bis zur Oberfl�che ausgefroren w�re. Wie dick w�rde sie sein�� ein Zentimeter? Dann unsere Verarbeitungsmaschinen von Pol zu Pol aufreihen und rund um die Welt wie Breitenkreise laufen lassen, um das Kohlendioxid zu guter Luft und D�nger zu verarbeiten. Leuchtet dir das nicht ein?�</p><p>Frank sch�ttelte den Kopf. �Sax hat das wahrscheinlich erwogen, es aber aus irgendeinem Grunde verworfen, den wir nicht sehen.� �Ohne Zweifel.�</p><empty-line/><p>Der Schnee verschwand durch Sublimation, das rote Land kehrte zur�ck, und sie zogen auf ihrem Weg weiter. Gelegentlich kamen sie an Kernreaktoren vorbei, die wie Burgen auf der H�he der B�schung standen�� nicht gerade Rickovers, aber gigantische Westinghouse-Br�ter, mit Reiffahnen wie Gewitterwolken. �ber Mangalavid sahen sie Programme �ber den Prototyp einer Fusion in Chasma Borealis.</p><p>Canyon nach Canyon. Sie kannten das Land noch besser als Ann. Diese interessierte jeder Teil vom Mars gleicherma�en, so dass sie sich nicht auf ein einziges Gebiet konzentrieren konnte. Aber sie lasen das Land wie ein Buch, folgten seinen Angaben durch das rote Gestein zu einer Stelle mit schw�rzlichen Sulfiden oder dem zarten Zinnober von Quecksilbervorkommen. Sie waren nicht so sehr Studenten des Landes als seine Liebhaber. Sie wollten etwas von ihm und fragten nur nach Antworten. Es gab so viele verschiedene Arten von Sehnsucht.</p><p>Die Tage vergingen und dann weitere Jahreszeiten. Wenn sie auf andere arabische Karawanen trafen, feierten sie bis weit in die Nacht mit Musik und Tanz, Kaffee, Wasserpfeifen und Gespr�chen in Versammlungszelten, die ein Achteck aus geparkten Rovern bedeckten. Die Musik wurde nie aufgezeichnet, spielte aber mit gro�em Geschick auf Fl�ten und elektrischen Gitarren, dazu viel Gesang in Viertelt�nen und lang gezogenen T�nen, so fremdartig f�r Franks Ohren, dass er lange nicht sagen konnte, ob die S�nger gut waren oder nicht. Die Mahlzeiten dauerten stundenlang, und danach plauderten sie bis zur D�mmerung. Es kam ihnen darauf an, das Aufblitzen des Sonnenaufgangs zu beobachten.</p><p>Aber wenn sie andere Nationalit�ten trafen, waren sie nat�rlich zur�ckhaltender. Einmal kamen sie an einer neuen Amex-Bergbaustation vorbei, die meistens mit Amerikanern bemannt war und auf einer der seltenen gro�en an Platinoiden reichen Adern in Tantalus Fossae nahe Alba Patera lag. Die Mine selbst lag unten auf dem langen flachen Boden des engen Canyons. Sie wurde aber haupts�chlich von Robotern betrieben, und die Crew wohnte in einem feudalen Zelt auf dem Grat oberhalb der Spalte. Die Araber drehten eine Runde bei diesem Zelt, machten drinnen einen kurzen Besuch und zogen sich dann f�r die Nacht in ihre insekten�hnlichen Rover zur�ck. Es w�re f�r die Amerikaner unm�glich gewesen, irgend etwas von ihnen zu erfahren.</p><p>Aber an diesem Abend ging Frank von sich aus wieder zum Amexzelt. Die Leute darin kamen aus Florida, und ihre Stimmen riefen bei ihm Erinnerungen hervor wie Netze voller Quastenflosser. Frank ignorierte alle kleinen Gem�tsausbr�che und stellte eine Frage nach der anderen. Er konzentrierte sich auf die schwarzen, lateinamerikanischen und rothalsigert Gesichter, die ihm antworteten. Er sah, dass diese Gruppe eine �ltere Form von Gemeinschaft nachahmte genau wie die Araber. Das war eine draufg�ngerische �lsuchmannschaft, die raue Verh�ltnisse und lange Arbeitszeiten ertrug, um dicke Lohnschecks zu bekommen, die alle f�r die R�ckkehr in die Zivilisation gespart wurden. Es war das wert, selbst wenn der Mars einen ersch�pfte, was er ja tat. �Ich meine, selbst auf dem Eis kannst du nach drau�en gehen, aber hier��?�� Mist!�</p><p>Ihnen war es egal, wer Frank war, und als er unter ihnen sa� und zuh�rte, erz�hlten sie einander alte Geschichten, die ihn erstaunten, obwohl sie irgendwie sehr vertraut waren. �Zwanzig von uns waren mit diesem kleinen mobilen Habitat ohne Zimmer darin zwecks �lsuche unterwegs; und eines Abends machten wir eine Party und zogen uns vollst�ndig aus. Und die Frauen bildeten auf dem Fu�boden einen Kreis mit den K�pfen in der Mitte. Und wir Burschen bildeten au�en einen Kreis. Und da waren zw�lf M�nner und zehn Weiber, so dass die zwei Kerle die Rotation h�bsch schnell in Gang hielten. Und tats�chlich sind wir w�hrend des Zeitrutsches ganz herumgekommen. Wir versuchten, an seinem Ende alle gleichzeitig zu kommen, und das klappte recht gut. Nur einige Paare schafften es nicht. Es war wie ein Strudel und zog alle in sich hinein. War ein so gutes Gef�hl!�</p><p>Und dann, nach dem Gel�chter und lauten �u�erungen von Ungl�ubigkeit: �In Acidalia pflegten wir diese Schweine zu t�ten und einzufrieren, aber das Schlachten war so, als ob man ihnen einen gro�en Pfeil in den Kopf sch�sse. Darum gedachten wir, sie gleichzeitig zu t�ten und einzufrieren und zu sehen, was dabei geschieht. Also haben wir sie alle mit Handicaps belegt und gewettet, welche es am weitesten bringen w�rden. Dann �ffneten wir die �u�ere Schleusent�r, und alle Schweine rannten hinaus und <emphasis>bums</emphasis> kippten alle um innerhalb vor f�nfzig Yards von der T�r, au�er einem kleinen weiblichen Exemplar, das fast <emphasis>zweihundert</emphasis> Yards schaffte und <emphasis>aufrecht stehend</emphasis> gefror. Ich habe dabei tausend Dollar gewonnen.�</p><p>Frank grinste �ber ihr Gejohle. Er war wieder in Amerika. Er fragte sie, was sie sonst noch auf dem Mars getan h�tten. Einige hatten auf dem Gipfel von Pavonis Mons Kernreaktoren gebaut, wo der Raumlift herunterkommen w�rde. Andere hatten an der Wasserleitung gearbeitet, die von Noctis bis Pavonis den �stlichen Tharsisbuckel hinauff�hrte. Praxis, die federf�hrende Transnationale f�r den Aufzug, hatte viele Interessen am �Arsch�, wie sie es nannten. �Ich habe an einem Westinghouse gearbeitet oben auf dem Compton-Wasserreservoir unter Noctis, von dem man annimmt, dass es soviel Wasser enth�lt wie das Mittelmeer. Und die ganze Energie dieses Reaktors war f�r eine Anzahl von Befeuchtern bestimmt. Tolle zweihundert Megawatt im ganzen. Es sind die gleichen Befeuchter, wie ich als Kind einen in meinem Schlafzimmer hatte, nur brauchen sie je f�nfzig Kilowatt. Gigantische Rockwell-Unget�me mit Einzelmolek�lverdampfern und D�senturboaggregaten, die den Nebel aus tausend Meter hohen Kaminen blasen. Einfach unglaublich. Eine Million Liter Wasserstoff und Sauerstoff jeden Tag in die Luft geblasen.�</p><p>Ein anderer hatte eine neue Zeltstadt im Echuskanal unter Overlook gebaut. �Die haben dort ein Wasserreservoir angezapft, und in der ganzen Stadt gibt es Springbrunnen mit Statuen darin, Wasserf�lle, Kan�le, Teiche, Schwimmbecken und so weiter. Es ist ein kleines Venedig da oben. Und auch gro�e W�rmed�mmung.�</p><p>Das Gespr�ch wandte sich dem Fitnessraum zu, der gut ausgestattet war mit Maschinen, die ihre Benutzer in die Lage versetzen sollten, f�r die Erde bereit zu bleiben. Fast alle waren bestrebt, einen strengen Trainingsplan einzuhalten, mindestens drei Stunden t�glich. �Wenn du aufgibst, bleibt du hier h�ngen, nicht wahr? Und wozu ist dann dein Sparkonto gut?�</p><p>�Das wird schlie�lich legal werden�, sagte ein anderer. �Wo die Leute hingehen, wird der amerikanische Dollar sicher folgen.�</p><p>�Ich dachte, der Vertrag verb�te hier den Gebrauch von Geld der Erde�, sagte Frank.</p><p>�Der Vertrag ist ein Kasperltheater�, sagte einer und machte Klimmz�ge.</p><p>�So tot wie Bessie, das Langstreckenschwein.�</p><p>Sie blickten auf Frank, alle in den zwanziger und drei�iger Jahren, eine Generation, mit der er nie viel gesprochen hatte. Er wusste nicht, wie diese Menschen aufgewachsen waren, was sie geformt hatte, an was sie vielleicht glaubten. Die nur allzu vertrauten Akzente und Gesichter k�nnten t�uschen, und taten das wahrscheinlich auch. �Meint ihr das?� fragte er.</p><p>Einige schienen mehr als die �brigen zu merken, dass er mit dem Vertrag zu tun haben k�nnte bei all seinen anderen historischen Ankl�ngen. Aber den Mann mit den Klimmz�gen k�mmerte das nicht. �Wir sind hier aufgrund eines Handels, den der Vertrag f�r illegal erkl�rt, Mann. Und das geschieht �berall. Brasilien, Georgien, die Golfstaaten, alle L�nder, die gegen den Vertrag gestimmt haben, lassen die Transnationalen herein. Es ist unter den Gef�lligkeitsflaggen ein Wettbewerb, wie gef�llig sie sein k�nnen! Und UNOMA liegt flach auf dem R�cken mit gespreizten Beinen und sagt: Mehr, mehr! Menschen landen zu Tausenden, und die meisten werden von Transnats besch�ftigt. Sie haben ihre staatlichen Visa und F�nfjahresvertr�ge, einschlie�lich Rehabilitationszeit, um wieder erdentauglich zu werden und so weiter.�</p><p>�Zu Tausenden?� fragte Frank.</p><p>�O ja! Zu Zehntausenden.�</p><p>Er merkte, dass er lange nicht mehr ferngesehen hatte.</p><p>Ein Mann mit Stemm�bungen sprach, w�hrend er die ganze Zeit die Stange mit schwarzen Gewichten stemmte. �Ich werde bald die Fliege machen�� eine Menge Leute m�gen es nicht�� nicht gerade Oldtimer wie du�� ein ganzer Haufen Neuank�mmlinge auch sie verschwinden in Massen�� ganze Betriebsgruppen�� manchmal ganze St�dte�� bin zu einer Mine in Syrtis gekommen�� vollkommen leer�� alles N�tzliche weg�� komplett ausger�umt�� sogar Zeug wie Schleusent�ren�� Sauerstofftanks�� Toiletten�� Zeug, das Stunden gedauert hat loszumachen.�</p><p>�Warum haben sie das gemacht?�</p><p>�Zu den Eingeborenen gehen!� erkl�rte einer mit Liegest�tzen. �Von deinem Genossen Arkady Bogdanov abgeworben.�</p><p>Von unten her sah der Mann Frank ins Gesicht. Ein gro�er breitschultriger Kerl mit einer Adlernase. Er sagte: �Die Leute kommen hierher, und die Kompanie bem�ht sich, einen guten Eindruck zu machen. Gymnastik, gutes Essen, Freizeit und alles; aber es l�uft immer darauf hinaus, dass sie einem alles vorschreiben, was man zu tun und zu lassen hat. Alles ist geregelt, beim Aufwachen, beim Essen, beim Schei�en. Es ist so, als h�tte die Navy den Club Med �bernommen, verstehst du? Und dann kommt dein Kumpel Arkady und sagt uns: Jungs, ihr seid Amerikaner, ihr solltet frei sein, dieser Mars ist die neue Grenze, und ihr m�sst wissen, dass einige von uns ihn so behandeln.</p><p>Wir sind keine Roboter-Software, sondern freie M�nner und machen unsere eigenen Gesetze auf unserer eigenen Welt. Und das ist es, Mann!�</p><p>Der Raum, prasselte vor Gel�chter. Jeder hatte innegehalten, um zuzuh�ren. �Das ist der Trick! Die Leute kommen hierher und sehen, dass sie reglementierte Software sind und hier vielleicht f�r immer h�ngen bleiben. Sklaven, Mann! Elende Sklaven! Und glaub mir, das kotzt eine Menge an. Sie sind bereit zur�ckzuschlagen, das kann ich dir sagen. Und das sind die Leute, die verschwinden. Wird eine ganze Menge sein, ehe alles vorbei ist.�</p><p>Frank sah zu dem Mann hinunter. �Warum bist du nicht verschwunden?�</p><p>Der Mann lachte kurz und pumpte wieder seine Gewichte.</p><p>�Sicherheit�, rief jemand von der Nautilusmaschine.</p><p>Der Gewichtsheber war anderer Ansicht. �Die Sicherheit ist schlapp. Aber du musst etwas haben, wohin du gehen kannst. Sobald Arkady auftaucht�� weg!�</p><p>Der Liegest�tzler sagte: �Ich habe mal ein Video von ihm gesehen, wo er dar�ber redete, dass Farbige sich besser f�r den Mars eignen als Wei�e, weil wir besser mit dem UV zurechtkommen.�</p><p>�O ja, o ja!� Alle lachten dar�ber, zugleich skeptisch und belustigt.</p><p>�Das ist alles Mist, aber zum Teufel, warum nicht?� sagte der Liegest�tzler. �Warum nicht? Nenne es unsere Welt. Nenne es Nova Africa. Sage, dass kein Boss es uns diesmal wegnehmen wird.� Er lachte wieder, als ob alles, was er gesagt hatte, nur eine ulkige Idee gewesen w�re, oder aber eine heitere Wahrheit, eine so entz�ckende Wahrheit, dass man schon laut lachen musste, wenn man sie aussprach.</p><p>Und so ging Frank sp�t in der Nacht zu den arabischen Rovern zur�ck und machte mit ihnen weiter.</p><p>Aber es war nicht mehr dasselbe. Er war in die Zeit zur�ckgerissen, und jetzt bereiteten ihm die langen Tage in dem Sch�rfer nur Unbehagen. Er schaute das Fernsehen an. Er machte einige Anrufe. Er hatte sein Amt als Minister nie aufgegeben. Das B�ro wurde in seiner Abwesenheit vom Staatssekret�r Slusinski und dem Stab gef�hrt; und er hatte ihnen mit Telefonieren genug geliefert, ihn zu decken, indem sie Washington sagten, dass er arbeitete, dass er Grundlagenforschung betriebe und dann, dass er einen Arbeitsurlaub n�hme und dass er als einer der Ersten Hundert da drau�en umherwandern m�sste. Das h�tte nicht viel l�nger gedauert; aber als Frank Washington direkt anrief, war der Pr�sident erfreut, und in Burroughs sah der ersch�pft wirkende Slusinski richtig gl�cklich aus. Tats�chlich schien sich das ganze B�ro in Burroughs zu freuen, dass er zur�ckzukehren beabsichtigte, was Frank einigerma�en erstaunte. Als er Burroughs verlassen hatte, entt�uscht von dem Vertrag und bek�mmert wegen Maya, hatte er geglaubt, ein miserabler Chef gewesen zu sein. Aber sie hatten ihn fast zwei Jahre lang gedeckt und schienen froh zu sein zu h�ren, dass er zur�ckk�me. Die Menschen waren seltsam. Ohne Zweifel die Aura der Ersten Hundert. Als ob das eine Rolle spielte.</p><empty-line/><p>Also kehrte Frank von seinem letzten Sch�rfausflug zur�ck und sa� an diesem Abend in Zeyks Rover, schl�rfte seinen Kaffee und lauschte ihrem Gespr�ch�� Zeyk und AI-Khan und Yussuf und die �brigen und ein- und ausgehend Nazik und Aziza. Es waren Menschen, die ihn akzeptiert hatten, die ihn in gewisser Weise verstanden. Nach ihrem Codex hatte er getan, was notwendig war. Er entspannte sich in dem Strom von Arabisch, immer noch durch Mehrdeutigkeit verwirrt. Lilie, Fluss, Wald, Lerche, Jasmin�� W�rter, die eine Waldo-Hand bezeichnen k�nnten, ein Rohr, eine Art B�schung, Teile von Robotern. Oder vielleicht wirklich nur Lilie, Fluss, Wald, Lerche, Jasmin. Eine wundersch�ne Sprache. Die Sprache des Volkes, das ihn aufgenommen hatte und ihm Ruhe gab. Aber er w�rde fortgehen m�ssen.</p></section><section><empty-line/><p>Man hatte es so arrangiert, dass man, wenn man ein halbes Jahr in Underhill verbrachte, ein festes eigenes Zimmer zugewiesen bekam. Die St�dte im ganzen Planeten gingen zu �hnlichen Systemen �ber, weil die Leute so viel umherzogen, dass sich niemand irgendwo zu Hause f�hlte; und diese Regelung schien das zu mildern. Gewiss hatten die Ersten Hundert, die zu den mobilsten von allen geh�rten, angefangen, mehr Zeit in Underhill zu verbringen als in den Jahren davor; und das war f�r die meisten von ihnen vorwiegend ein Vergn�gen. Zu jeder beliebigen Zeit pflegten zwanzig oder drei�ig von ihnen da zu sein, und andere kamen herein und blieben eine Weile zwischen ihren Jobs. Und in dem st�ndigen Kommen und Gehen hatten sie Gelegenheit, eine mehr oder weniger st�ndige Konferenz �ber den Stand der Dinge abzuhalten, wobei Neuank�mmlinge berichteten, was sie zun�chst gesehen hatten, und der Rest dar�ber diskutierte, was das zu bedeuten h�tte.</p><p>Aber Frank verbrachte nicht die erforderlichen zw�lf Monate j�hrlich in Underhill und durfte deshalb dort kein Zimmer haben. Er war mit dem Chefb�ro des Ministeriums schon 2050 nach Burroughs umgezogen, und ehe er 2057 zu den Arabern ging, hatte sich sein einziges Zimmer in den B�ros befunden.</p><p>Jetzt war es 2059, und er war wieder da, in einem Zimmer auf einem Stockwerk unterhalb seines alten. Als er sein Gep�ck auf den Boden warf und sich im Raum umschaute, fluchte er laut. Pers�nlich in Burroughs anwesend sein zu m�ssen�� als ob die physische Pr�senz in diesen Tagen irgendeinen Unterschied ausmachte! Das war ein absurder Anachronismus, aber so waren die Menschen eben einmal. Wieder eine Spur der Savanne. Sie lebten immer noch wie Affen, w�hrend ihre neuen g�ttlichen Kr�fte um sie herum im Unkraut steckten.</p><p>Slusinki kam herein. Obwohl sein Akzent reines New York war, hatte Frank ihn immer Jeeves genannt; weil er wie der Darsteller in der NBC-Serie �Wir sind wie Zwerge in einem Waldo� aussah. Frank sagte �rgerlich zu ihm: �Einer dieser wirklich gro�en Waldo-Bagger. Wir sitzen darin und sollen einen Berg bewegen; aber anstatt die Waldo-M�glichkeiten zu benutzen, beugen wir uns aus einem Fenster und graben mit Teel�ffeln. Und machen uns gegenseitig Komplimente dar�ber, wie wir die H�he ausnutzen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Jeeves vorsichtig.</p><p>Aber man konnte daran nichts �ndern. Er war wieder zur�ck in Burroughs, sauste umher, vier Sitzungen in der Stunde, Konferenzen, die ihm mitteilten, was er schon wusste, n�mlich dass UNOMA den Vertrag als Toilettenpapier benutzte. Sie bildete Bilanzierungsysteme, die garantierten, dass die Sch�rfungen nie irgendeinen Profit f�r die Mitglieder der Generalversammlung abwerfen w�rden, selbst nachdem der Aufzug arbeitete. Sie wiesen Tausenden von Emigranten den Status als notwendiges Personal zu. Sie ignorierten die zahlreichen lokalen Gruppen und Mars-zuerst. Das meiste geschah im Namen des Aufzugs selbst, der eine endlose Kette von Entschuldigungen lieferte, 35000 Kilometer lang. 120 Milliarden Dollar an Entschuldigungen. Was gar nicht allzu teuer war im Vergleich mit den Milit�retats des vorigen Jahrhunderts. Und die meisten Geldmittel f�r den Aufzug waren in den ersten Jahren gebraucht worden, um den Satelliten zu finden und in die richtige Umlaufbahn zu bringen und um die Kabelfabrik zu errichten. Danach fra� die Fabrik den Asteroiden und spie das Kabel aus, und das war es dann. Sie mussten nur noch abwarten, bis das lang genug wurde, und es dann in Position bringen. Ein wirklich gutes Gesch�ft!</p><p>Und auch eine gro�artige Entschuldigung, den Vertrag zu verletzen, wann immer es passend schien. �Verdammt!� rief Frank am Ende eines langen Tages in der ersten Woche nach seiner R�ckkehr. �Warum hat UNOMA so klein beigegeben?�</p><p>Jeeves und sein �briger Stab verstanden das als eine rhetorische Frage und boten keine Theorien an. Er war entschieden zu lange fort gewesen. Sie hatten jetzt vor ihm Angst. Er musste die Frage selbst beantworten. �Ich nehme an, es ist Habsucht, sie werden alle auf die eine oder andere kosmetische Art bezahlt.�</p><p>An diesem Abend traf er beim Dinner auf Janet Blyleven, Ursula Kohl und Vlad Taneev. Beim Essen sahen sie sich die Nachrichten von der Erde an einem Fernseher der Bar an. Es war wirklich fast zu viel geworden, um alles aufzunehmen. Kanada und Norwegen traten dem Plan bei, das Bev�lkerungswachstum zu verlangsamen. Niemand wollte nat�rlich von Geburtenkontrolle sprechen. Das war in der Politik eine verbotene Parole. Aber in Wirklichkeit war es das Hauptproblem, und es war wieder dabei, zu einer Trag�die des einfachen Volkes zu werden. Wenn ein Land die UN-Resolutionen ignorierte, heulten benachbarte L�nder auf aus Furcht, �berw�ltigt zu werden. Eine t�richte Angst, aber es gab sie. Inzwischen hatten Australien, Neuseeland, Skandinavien, Azania, die Vereinigten Staaten, Kanada und die Schweiz alle Immigration f�r illegal erkl�rt, w�hrend Indien j�hrlich um acht Prozent zunahm. Hungersnot w�rde die L�sung sein wie in vielen L�ndern. Die vier apokalyptischen Reiter waren gut f�r Bev�lkerungskontrolle. Bis dann�� Das Fernsehen schaltete um auf Werbung f�r ein beliebtes Di�tfett, das unverdaulich war und unver�ndert den Darm durchlief. �Essen Sie alles, was Sie wollen!�</p><p>Janet stellte den Apparat ab. �Lasst uns das Thema wechseln!�</p><p>Sie sa�en um ihren Tisch herum und blickten auf ihre Teller. Es stellte sich heraus, dass Vlad und Ursula von Acheron gekommen waren wegen eines Ausbruchs resistenter Tuberkulose in Elysium. �Der <emphasis>cordon sanitaire</emphasis> ist zerrissen�, sagte Ursula. �Einige der Emigrantenviren werden sicherlich mutieren oder sich mit einem unserer ma�geschneiderten Systeme verbinden.�</p><p>Wieder die Erde. Es war unm�glich, ihr zu entgehen. Janet sagte: �Da unten f�llt alles auseinander.�</p><p>�Das war schon seit Jahren im Gange�, sagte Frank grob. Seine Zunge war durch die Gesichter der alten Freunde gel�ster geworden. �Schon vor dem Vertrag war die Lebenserwartung in den reichen L�ndern fast doppelt so hoch wie in den armen. Denkt dar�ber nach! Aber in alten Zeiten waren die Armen so arm, dass sie kaum wussten, was Lebenserwartung war. Sie lebten nur in den Tag hinein. Jetzt hat jeder Laden an der Ecke einen Fernseher, und sie k�nnen sehen, was passiert�� dass sie AIDS bekommen haben, w�hrend die Reichen die gerontologische Behandlung erhalten. Es ist �ber einen graduellen Unterschied hinausgegangen. Ich meine, sie sterben jung, und die Reichen leben f�r immer! Warum sollten sie sich zur�ckhalten? Sie haben nichts zu verlieren.�</p><p>�Und alles zu gewinnen�, sagte Vlad. �Sie k�nnten leben wie wir.�</p><p>Sie scharten sich um Tassen mit Kaffee. Das Licht im Raum war ged�mpft. Die M�bel aus Kiefernholz hatten eine dunkle Patina: Flecke, Kerben, von Hand einpolierter Grus�� Es h�tte eine jener N�chte sein k�nnen in jener fernen Zeit, da sie die einzigen auf der Welt waren und miteinander sprachen. Nur Frank blinzelte und sah sich um und erkannte in den Gesichtern seiner Freunde die M�digkeit, das wei�e Haar, die schildkr�tenartigen Gesichter des Alters. Es war Zeit vergangen, sie hatten sich �ber den Planeten verteilt und liefen herum wie er, oder waren versteckt wie Hiroko oder tot wie John. Pl�tzlich erschien Johns Abwesenheit wie eine riesige L�cke, wie ein Krater, auf dessen Rand sie sich m�rrisch zusammendr�ngten, um ihre H�nde zu w�rmen. Frank grauste es.</p><p>Sp�ter gingen Vlad und Ursula zu Bett. Frank sah Janet an. Er f�hlte sich unbeweglich wie manchmal am Ende eines langen Tages, unf�hig, sich wieder zu r�hren. Er fragte: �Wo treibt sich Maya eigentlich herum?�, um zu verhindern, dass sich auch Janet zur�ckzog. Sie und Maya waren in den Hellas-Jahren gut befreundet gewesen.</p><p>�Oh, sie ist in Burroughs. Wusstest du das nicht?� sagte Janet.</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie hat Samanthas alte Zimmer bekommen. Vielleicht geht sie dir aus dem Wege.�</p><p>�Was?�</p><p>�Sie ist auf dich ziemlich b�se.�</p><p>�Auf <emphasis>mich</emphasis> b�se?�</p><p>�Sicher.� Sie sah ihn in dem halbdunklen, von ged�mpftem Stimmengewirr erf�llten Raum an. �Das h�ttest du wissen m�ssen.�</p><p>W�hrend er noch �berlegte, wie offen er mit ihr sein k�nnte, sagte er: �Nein! Warum sollte sie das sein?�</p><p>Sie lehnte sich in ihrem Sessel vor und sagte: �O Frank! H�r auf, dich so zu benehmen, als h�ttest du eine Elle verschluckt! Wir kennen dich, wir waren da, wir haben gesehen, wie alles geschah.� Und als er zur�ckwich, lehnte sie sich auch zur�ck und sagte ruhig: �Du musst wissen, dass Maya dich liebt. Sie mag es hart. Und das bist du.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Das glaube ich nicht.�</p><p>Janet lachte. �Ich wei�, dass ich recht habe. Sie hat mir genug erz�hlt. Schon seit der Vertragskonferenz ist sie dir gram, und sie spricht immer davon, wenn sie w�tend ist.�</p><p>�Aber warum ist sie w�tend?�</p><p>�Weil du sie verschm�ht hast. Verschm�ht, nachdem du ihr Jahre um Jahre nachgestellt hast. Und sie hatte sich daran gew�hnt, und es gefiel ihr. Die Art, wie beharrlich du warst, war romantisch. Sie war sich dessen sicher, gewiss, aber sie liebte dich deswegen. Und sie liebte es, wie m�chtig du warst. Und jetzt ist John tot, und sie k�nnte dir endlich ja sagen; und du hast sie fortgeschickt. Sie war w�tend, und das h�lt bei ihr lange an.�</p><p>�Das��� Frank bem�hte sich um Fassung. �Das passt einfach nicht zu dem, wie ich das Geschehene verstehe.�</p><p>Janet stand auf, um zu gehen, und im Vorbeigehen klopfte sie ihm leicht auf den Kopf. �Vielleicht solltest du dann mit Maya dar�ber reden.� Sie ging fort.</p><p>Er sa� lange da, f�hlte sich benommen und betrachtete die feine K�rnung der Sessellehne. Schlie�lich h�rte er auf und ging zu Bett.</p><empty-line/><p>Er schlief m��ig, und am Ende einer langen Nacht tr�umte er wieder von John. Sie waren in den langen, zugigen, nach oben gekr�mmten R�umen der Raumstation, die mit Marsschwere rotierte, bei ihrem langen Aufenthalt da oben, sechs Wochen beisammen, jung und stark. John sagte: Ich f�hle mich wie Superman, diese Schwere ist gro�artig! Laufe Runden durch den gro�en Ring der Stationskorridore. Auf dem Mars wird sich alles �ndern, Frank. Alles!</p><p>Nein. Jeder Schritt war wie der letzte Schritt eines Dreisprungs. <emphasis>P�ng, p�ng, p�ng.</emphasis></p><p>Ja! Es kommt nur darauf an, schnell genug laufen zu lernen.</p><p>Ein perfektes Interferenzmuster von Wolkenflecken hing �ber der Westk�ste von Madagaskar. Die Sonne verlieh dem Ozean unten einen Bronzeschimmer.</p><p>Von hier oben sieht alles so sch�n aus.</p><p>Geh n�her, und du beginnst, zu viel zu sehen, murmelte Frank.</p><p>Oder nicht genug.</p><p>Es war kalt, sie diskutierten �ber die Temperatur. John war aus Minnesota und hatte als Junge stets bei offenem Fenster geschlafen. Darum erschauerte Frank. Er hatte eine Daunendecke um die Schultern gelegt, seine F��e waren Eisklumpen. Sie spielten Schach, und Frank gewann. John lachte. Wie dumm, sagte er.</p><p>Was meinst du?</p><p>Spiele haben keine Bedeutung.</p><p>Bist du sicher? Manchmal kommt mir das Leben wie eine Art Spiel vor.</p><p>John sch�ttelte den Kopf. Im Spiel gibt es Regeln, aber im Leben �ndern sich die Regeln st�ndig. Du k�nntest deinen L�ufer hierher setzen, um den K�nig des Spielpartners mattzusetzen; und pl�tzlich spielt er f�r ihn und bewegt sich wie ein Turm. Und du bist angeschmiert.</p><p>Frank nickte. Er hatte John diese Dinge beigebracht.</p><p>Ein Durcheinander von Mahlzeiten, Schachspielen, Gespr�chen, der Anblick der rollenden Erde. Es war, als ob er einzig dieses Leben gelebt h�tte. Die Stimmen von Houston klangen wie aus Computern, ihre Anliegen waren absurd. Der Planet selbst war so sch�n, so fein von seinem Land und seinen Wolken gemustert.</p><p>Ich m�chte nie wieder hinuntergehen. Ich denke, dies ist fast besser, als der Mars sein wird. Meinst du nicht auch?</p><p>Nein.</p><p>Zusammengekauert und zitternd h�rte er John von seiner Kindheit erz�hlen. M�dchen, Sport, Tr�ume vom Weltraum. Frank antwortete mit Geschichten von Washington, Lektionen von Machiavelli, bis er merkte, dass John so schon schrecklich genug war. Freundschaft war letztlich nur Diplomatie mit anderen Mitteln. Aber sp�ter, nach einer unklaren Pause�� reden, einhalten, zittern, reden �ber seinen Vater, betrunken aus den Bars in Jacksonville heimkommen, Priscilla und ihr wei�blondes Haar, ihr Gesicht wie aus dem Modemagazin, wie ihm das nichts mehr bedeutete, eine Ehe als Resume, um f�r die Gehirnklempner einen normalen Eindruck zu machen. Und nicht sein Fehler. Schlie�lich aufgegeben. Betrogen.</p><p>Das klingt schlimm. Kein Wunder, wenn du die Menschen f�r so schlecht h�ltst.</p><p>Frank winkte ihrer gro�en blauen Lampe zu. Das sind sie aber. Winkt zuf�llig gerade beim Horn von Afrika. Denk dar�ber nach, was da unten passiert.</p><p>Das ist Geschichte, Frank. Wir k�nnen es besser machen. K�nnen wir? K�nnen wir?</p><p>Nur abwarten und sehen.</p><empty-line/><p>Er wachte auf mit verklemmtem Magen und verschwitzter Haut. Er stand auf und duschte. Er konnte sich nur noch an ein einziges Fragment des Traums erinnern. John sagte: �Abwarten und sehen.� Aber sein Magen war wie Holz.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck warf er die Gabel auf den Tisch und dachte nach. Den ganzen Tag �ber war er zerstreut, lief herum wie noch im Traum, fragte sich von Zeit zu Zeit, wie man den Unterschied erkannte. War sein Leben nicht in jeder Hinsicht traumhaft? Alles �berbelichtet, bizarr, symbolisch f�r etwas anderes?</p><p>Am Abend ging er, um nach Maya zu schauen. Er f�hlte sich hilflos, von einem Zwang getrieben. Die Entscheidung hatte er in der Nacht zuvor getroffen, als Janet sagte: �Wei�t du, sie liebt dich.� Und er ging um eine Ecke zu den Speises�len; und da war sie, den Kopf mitten in ihrem schallenden Gel�chter zur�ckgeworfen, ganz die muntere Maya, ihr Haar so wei�, wie es fr�her schwarz gewesen war, die Augen fest auf ihren Begleiter gerichtet, einen Mann mit dunklem Haar, h�bsch, vielleicht in den F�nfzigern, der ihr zul�chelte. Maya legte die Hand auf seinen Oberarm, eine charakteristische Geste, eine ihrer gew�hnlichen Vertraulichkeiten, die nichts zu sagen hatte und tats�chlich anzeigte, dass er nicht ihr Liebhaber war, sondern eher jemand, den sie gerade becircen wollte. Sie h�tten sich erst vor wenigen Minuten getroffen haben k�nnen, obwohl seine Miene dagegen sprach.</p><p>Sie wandte sich um, erblickte Frank und zwinkerte vor �berraschung. Sie sah wieder den Mann an und redete weiter, auf russisch, ihre Hand immer noch auf seinem Arm.</p><p>Frank z�gerte. Er h�tte sich fast umgedreht und w�re hinausgegangen. Im stillen verfluchte er sich selbst. War er denn nicht mehr als ein Schuljunge? Er ging an ihnen vorbei und gr��te fl�chtig. Er h�rte nicht, ob sie antworteten. W�hrend des ganzen Dinners blieb sie fest an der Seite des Mannes kleben, ohne in seine Richtung zu blicken oder her�berzukommen. Der Mann, der recht gut aussah, war �ber ihre Aufmerksamkeit �berrascht�� �berrascht aber erfreut. Sicher w�rden sie zusammen gehen; sicher w�rden sie die Nacht zusammen verbringen. Dieses im voraus zu wissen, machte Leute immer liebensw�rdig. Sie w�rde Menschen in dieser Weise benutzen ohne Bedenken, das Weibsbild. Liebe�� Je mehr er dar�ber nachdachte, desto �rgerlicher wurde er. Sie hatte nie jemanden geliebt au�er sich selbst. Und dennoch�� Der Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie ihn erblickte. War sie nicht f�r einen Sekundenbruchteil erfreut gewesen und hatte dann gew�nscht, dass er auf sie b�se w�re? Und war das nicht ein Zeichen f�r verletzte Gef�hle oder das Verlangen zur�ckzuschlagen, das ein gewisses (unglaublich kindisches) Verlangen nach ihm bedeutete?</p><p>Nun, zur H�lle mit ihr! Er ging wieder in sein Zimmer, packte sein Zeug <emphasis>und</emphasis> nahm die U-Bahn zur Bahnstation. Er nahm einen Nachtzug nach Westen, Tharsis hinauf zu Pavonis Mons.</p><empty-line/><p>Binnen weniger Monate, wenn der Aufzug in seinen interessanten Orbit man�vriert sein w�rde, sollte Pavonis Mons der Nabel des Mars werden und Burroughs �bertreffen, wie Burroughs einst Underhill in den Schatten gestellt hatte. Und als das Herunterkommen des Aufzugs nicht mehr fern war, waren schon �berall Anzeichen der k�nftigen �berlegenheit des Gebietes zu erkennen. Parallel zu der Bahnroute, die den steilen Osthang des Vulkans hinauff�hrte, gab es zwei neue Stra�en und vier dicke Pipelines, sowie etliche Kabel, eine Reihe von Mikrowellent�rmen und ein st�ndiges Gewirr von Stationen, Verladegleisen, Lagerh�usern und Depots. Und dann, auf der letzten und steilsten Kurve zum Vulkan hinauf, war eine gro�e Ansammlung von Kuppeln und Industriebauten, dichter und dichter, bis sie auf dem breiten Rand alles bedeckten, und ringsum immense Felder mit Fl�chen zum Einfangen der Sonnenstrahlung und Empf�nger f�r die Energie, die von den Orbitalen Sonnenpaddeln auf Mikrowelle heruntergestrahlt wurde. Jede Kuppel entlang des Weges war eine kleine Stadt voller kleiner Apartmentblocks, und jeder Apartmentblock war gedr�ngt voll mit Menschen, deren W�sche in jedem Fenster hing. In den Kuppeln in unmittelbarer N�he der Piste standen nur wenige B�ume. Hier dr�ngten sich Versorgungseinrichtungen. Frank konnte kurz Imbi�buden, Videoshops, offene Fitnessr�ume, Kleidungsl�den und Waschsalons erkennen. In den Stra�en t�rmte sich Abfall.</p><empty-line/><p>Dann kam er in die Bahnstation auf dem Rand, verlie� den Zug und ging in die ger�umige Kuppel des Bahnhofs. Der S�drand bot eine ergreifende Aussicht auf die gro�e Caldera, ein ungeheures, fast kreisrundes Loch, dessen Makellosigkeit nur durch eine einzelne riesige Mulde gest�rt wurde, die nach Nordosten den Rand durchbrach. Diese Mulde bildete eine gro�e L�cke dem Bahnhof gegen�ber als Zeichen einer echt gigantischen seitlichen Explosion. Aber das war der einzige Mangel in der Anlage. Sonst war die Steilwand regelm��ig und der Boden der Caldera fast vollkommen rund und fast vollkommen eben. Sechzig Kilometer im Durchmesser und volle sechstausend Meter tief. Wie der Anfang eines Moholes, das allen anderen Moholen ein Ende setzen w�rde. Die wenigen Zeichen menschlicher Anwesenheit auf dem Calderaboden waren im Ma�stab von Ameisen und vom Rand aus fast unsichtbar.</p><p>Der �quator verlief genau quer �ber den S�drand; und dort sollte das untere Ende des Aufzugs festgemacht werden. Der Befestigungspunkt stach in die Augen. Es war ein massiver braunwei�er Betonblock, einige Kilometer von der gro�en Kuppel �ber dem Bahnhof entfernt. Von dem Block aus verlief nach Westen eine Reihe von Fabriken und Bodenbewegern und Kegeln von Verpflegungsvorr�ten, die alle in der reinen staubfreien d�nnen H�henluft fotografisch scharf zu sehen waren unter einem Himmel, der pflaumenschwarz war. Einige Sterne in Zenitn�he waren selbst bei Tag zu erkennen.</p><p>Am Tag nach seiner Ankunft f�hrte ihn der Stab der �rtlichen Verwaltungsbeh�rde zur Basis des Aufzuges. Man sah, dass Techniker an diesem Nachmittag das Leitseil des Kabels einfangen wollten. Das war eigentlich nicht spektakul�r, aber doch ein interessantes Schauspiel. Das Ende des F�hrungsseils war mit einer kleinen Leitrakete markiert, deren nach Osten gerichtete Triebwerke st�ndig brannten, w�hrend die Nord- und S�dd�sen nur ab und zu feuerten. Die Rakete senkte sich langsam in die Klammern eines Ger�stes.</p><p>Sie sah aus wie jedes andere Landevehikel, nur dass von ihr eine silberne Trosse nach oben f�hrte, eine feine gerade Linie, die nur bis zu einigen tausend Metern �ber der Rakete zu erkennen war. Als Frank sie ansah, kam es ihm vor, als st�nde er auf dem Meeresboden und beobachtete eine Angelschnur, die von der dunklen Wasseroberfl�che zu ihnen heruntergelassen w�rde, eine Angelschnur, die an einem hellen bunten K�der befestigt war, um ein Wrack auf dem Boden einzufangen. Sein Blut brannte ihm im Halse, und er musste nach unten schauen und tief atmen. Sehr eindrucksvoll.</p><p>Sie machten einen Rundgang um den Basiskomplex. Der St�tzblock, der die F�hrungstrosse eingefangen hatte, befand sich in einem gro�en Loch des Betonklotzes, einem Betontrichter mit starkem Rand. Dessen W�nde waren mit gebogenen Silbers�ulen besetzt, die magnetische Spulen festhielten, welche das Kabelende in einem sto�d�mpfenden Kragen fixierten. Das Kabel w�rde �ber den Betonboden der Kammer gleiten, dort h�ngend durch den Zug der anderen H�lfte des Kabels. Ein subtil ausbalancierter Orbit, ein Objekt, das sich von einem kleinen Mond in diesen Raum hinab erstreckte, im ganzen 37000 Kilometer. Und nur zehn Meter Durchmesser.</p><p>War die F�hrungstrosse gesichert, w�rde das Kabel selbst recht leicht heruntergeleitet werden, aber nicht schnell, da es wirklich sehr sanft asymptotisch in seinen endg�ltigen Orbit driften musste. �Es wird wie Zenos Paradoxon gehen�, sagte Slusinski.</p><p>So erschien dann viele Tage nach jenem Besuch das Ende des Kabels wirklich am Himmel und hing dort. W�hrend der n�chsten Wochen senkte es sich immer langsamer vom Himmel herab. Tats�chlich ein sehr seltsamer Anblick, der bei Frank einen leichten Schwindel hervorrief und jedes Mal, wenn er es sah, kam ihm wieder das Bild in den Sinn, er st�nde auf einem Meeresboden. Man sah an einer Angelschnur in die H�he, einem schwarzen Faden, der von der dunklen Oberfl�che des Ozeans herunterhing.</p><empty-line/><p>Frank verbrachte diese Zeit mit der Einrichtung der leitenden Ministerialb�ros des Mars in der Stadt, die eines Tages den Namen Sheffield erhielt. Der Stab in Burroughs protestierte gegen den Umzug, aber er ignorierte ihn. Er traf sich in dieser Zeit mit amerikanischen Beamten und Projektmanagern, die alle an verschiedenen Aspekten des Aufzugs in Sheffield arbeiteten oder in den St�dten der Umgebung von Pavonis. Amerikaner bildeten nur einen Teil der vor Ort t�tigen Arbeitskr�fte, aber Chalmers wurde trotzdem in Atem gehalten, weil das Projekt im Ganzen so riesig war. Und Amerikaner schienen die Oberleitung zu beherrschen und auch die mit den eigentlichen Aufzugswagen verbundene Software. Dieses Unternehmen war milliardenschwer, und viele Leute schrieben es Frank zu, obwohl faktisch sein intelligenter Computer und Slusinski zusammen mit Phyllis daf�r verantwortlich waren.</p><p>Viele Amerikaner wohnten in einer Kuppelstadt �stlich von Sheffield namens Texas und teilten sich den Raum mit Internationalen, denen die Idee von Texas gefiel, oder die zuf�llig dorthin geraten waren. Frank kam mit so vielen von ihnen zusammen, wie er konnte, so dass sie zu der Zeit, da das Kabel unten ankam, organisiert waren und mit einer koh�renten Direktive arbeiteten oder, wie manche es ausdr�ckten, unter seiner Fuchtel. Aber sie waren froh, dort zu sein, so lange es f�r sie reizvoll war. Sie wussten, dass sie weniger Macht hatten als das Ostasiatische Commonwealth, das die Wagenkabinen baute, und als die Gesellschaft, welche das Kabel gebaut hatte. Und auch weniger m�chtig als Praxis, Amex, Armscor und Subarashii.</p><p>Schlie�lich kam der Tag, da das Kabel unten landen w�rde. In Sheffield versammelte sich eine riesige Volksmenge, um das zu sehen. Die Bahnhofshalle war �berf�llt, da man von dort einen guten Blick l�ngs des Randes zum Basiskomplex hatte, der popul�r als die <emphasis>Steckdose</emphasis> bezeichnet wurde.</p><p>W�hrend die Stunden vergingen, driftete das Ende der schwarzen S�ule nach unten und bewegte sich immer langsamer, bis es seinem Ziel nahe war. Da hing es nun, nicht sehr viel dicker als die F�hrungstrosse, die es nach unten lenkte, tats�chlich kleiner als das untere Ende einer Energija-Rakete. Es ragte genau senkrecht in den Himmel auf, war aber so d�nn, und die perspektivische Verk�rzung war so stark, dass es nicht viel l�nger wirkte als ein hoher Wolkenkratzer. Ein sehr magerer Wolkenkratzer, der auf der Luft ruhte. Ein schwarzer Baumstamm, h�her als der Himmel. �Wir sollten uns direkt darunter befinden auf dem Boden der Steckdose�, sagte einer von seinen Leuten. �Dort wird noch lichte H�he sein, wenn es anh�lt, nicht wahr?�</p><p>Slusinski entgegnete, ohne den Blick vom Himmel zu wenden: �Das Magnetfeld k�nnte dich etwas zerzausen.�</p><p>Als es n�her kam, sahen sie, dass das Kabel allerhand Vorspr�nge aufwies und mit Silberf�den umsponnen war. Die L�cke unter ihm wurde kleiner. Dann verschwand sein Ende im Basiskomplex, und das wie das Rauschen in einer Muschel klingende Ger�usch der Menge im Bahnhof wurde lauter. Die Leute verfolgten es genau im Fernsehen. Kameras im Innern der Steckdose zeigten, wie das Kabel langsam anhielt, noch zehn Meter �ber dem Betonboden. Danach kam die pinzettenartige Bewegung von St�tzbl�cken und die Verklammerung eines festen Kragens um das Kabel einige Meter vor seinem Ende. Alles geschah in traumartiger Zeitlupe; und als es fertig war, sah es so aus, als ob der runde Raum der Steckdose pl�tzlich ein schlecht passendes schwarzes Dach bekommen h�tte.</p><p>�ber das Lautsprechersystem sagte eine Frauenstimme: �Der Aufzug ist gesichert.� Es gab kurze Hochrufe. Die Leute entfernten sich von den Fernsehern und schauten wieder aus den W�nden der Kuppeln nach drau�en. Jetzt sah das Objekt viel weniger seltsam aus, als da es aus dem Himmel herausgehangen hatte. Jetzt war es nicht mehr als die <emphasis>reductio ad absurdum</emphasis> von Mars-Architektur, ein sehr schlanker, sehr hoher schwarzer Kirchturm. Eine Bohnenstange, komisch, aber nicht umwerfend. Die Menge l�ste sich in tausend Gespr�che auf und ging auseinander.</p><empty-line/><p>Und nicht lange danach arbeiteten die Aufz�ge. Im Laufe der Jahre, als sich das Kabel von Clarke aus verl�ngerte, waren Roboter wie Spinnen daran entlanggekrochen und hatten die Stromleitungen, Sicherheitstrossen, Generatoren, supraleitenden Pisten, Wartungsstationen, Verteidigungsstationen, Positionierungsraketen, Treibstofftanks und Schutzr�ume installiert, die alle paar Kilometer das Kabel markierten. Diese Arbeit war im gleichen Tempo fortgeschritten wie die Konstruktion des Kabels selbst, so dass bald nach Erdber�hrung die Wagen auf und ab liefen, je vierhundert in einer Richtung, wie Parasiten auf einer Haarstr�hne. Und einige Monate sp�ter konnte man mit dem Aufzug in den Orbit fahren. Und man konnte einen anderen Lift vom Orbit nach unten hinab zur Oberfl�che nehmen.</p><p>Und sie kamen herunter, von der Erde bef�rdert durch die Flotte st�ndiger Shuttles, jene gro�en Raumschiffe, von denen es um das System Erde-Venus-Mars wimmelte, welche die drei Planeten und Luna als Gravitationshebel benutzten, indem sie wild beschleunigende Frachten von Erde und Mars losschickten. Jedes der dreizehn in Betrieb befindlichen Schiffe nahm dreitausend Personen auf und war bei jedem Trip nach drau�en voll besetzt. So gab es also einen st�ndigen Strom von Menschen, die bei Clarke andockten, in Aufzugswagen herunterkamen und in der Steckdose ausstiegen. Dann str�mten sie in die S�le von Sheffield, wild, wackelig und mit Stielaugen, wenn man sie mit einiger Schwierigkeit in den Bahnhof trieb und zu den Z�gen nach drau�en. Die meisten Z�ge entledigten sich ihrer Fracht in den Kuppelst�dten von Pavonis. Roboterteams bauten die Kuppeln eben schnell genug, um den Zustrom zu beherbergen. Und die Fertigstellung zweier neuer Pipelines hatte die Wasserversorgung von Pavonis gesichert.</p><p>Das Wasser wurde aus dem Comptonreservoir unter Noctis Labyrinthus heraufgepumpt. So wurden die Emigranten angesiedelt.</p><p>In der Steckdose auf der anderen Seite des Kabels wurden nach oben bestimmte Aufzugswagen mit aufbereiteten Metallen, Platin, Gold, Uran und Silber beladen. Dann schwenkten die Wagen ein, wurden auf der Piste angeschlossen und stiegen wieder nach oben. Sie wurden langsam auf ihr volles Tempo von dreihundert Kilometern in der Stunde beschleunigt. F�nf Tage sp�ter kamen sie am oberen Ende des Kabels an und bremsten ab zu Schleusen im Innern des BallastAsteroiden Clarke, der jetzt ein von vielen Tunneln durchzogener Klumpen aus kohlenstoffhaltigem Chondrit geworden war, so filigranhaft voller �u�erer Geb�ude und innerer Kammern, dass er mehr einem Raumschiff oder einer Stadt glich als dem dritten Mond des Mars. Es war ein betriebsamer Ort, belebt von einer nicht abrei�enden Folge von ankommenden und abfahrenden Schiffen und Besatzungen, die dauernd unterwegs waren, sowie einer gro�en Schar von Verkehrs�berwachern, die die leistungsf�higsten KIs benutzten. Obwohl die meisten mit dem Kabel zusammenh�ngenden Vorg�nge durch Computer kontrolliert und robotisch ausgef�hrt wurden, entstanden ganze neue Berufszweige f�r Menschen, die alle diese Leistungen leiteten und �berwachten.</p><p>Und nat�rlich wurden alle diese neuen Bilder von den Medien unmittelbar und intensiv erfasst. Alles in allem schien es trotz der Dekade des Wartens, als ob der Aufzug dem Nichts entsprungen w�re wie Athene aus dem Haupt des Zeus.</p><empty-line/><p>Aber es gab Schwierigkeiten. Frank stellte fest, dass sein Stab immer mehr Zeit mit M�nnern und Frauen aus den Kuppeln verbrachte, die nach Sheffield und direkt in ihre B�ros gekommen waren�� Neuank�mmlinge, die manchmal nerv�s und manchmal laut und �rgerlich waren und sich �ber beengte Lebensbedingungen oder unzul�ngliche Polizei oder schlechtes Essen beschwerten. Ein st�mmiger Mann mit rotem Gesicht und einer Baseballm�tze wackelte mit einem Finger und sagte: �Private Sicherheitsdienste kommen von h�her gelegenen Zelten herunter und bieten ihren Schutz an. Aber das sind nur Gangs, es ist reine Erpressung! Ich kann nicht einmal Ihnen meinen Namen angeben, sonst k�nnten die herausfinden, dass ich hergekommen bin. Ich meine, ich glaube an die schwarze Wirtschaft so wie an den n�chsten Burschen, aber das ist verr�ckt! Deswegen bin ich nicht hier hergekommen.�</p><p>Frank ging in seinem B�ro auf und ab und sch�umte vor Wut. Diese Art von Vorw�rfen waren sicher wahr, aber schwer zu verifizieren ohne einen eigenen Sicherheitsdienst, was auf eine gro�e Polizeimacht hinauslief. Als der Mann gegangen war, heizte er seinem Stab ein; aber die Leute konnten ihm nichts Neues sagen, was ihn noch �rgerlicher machte. �Ihr werdet daf�r bezahlt, dass ihr f�r mich diese Dinge herausfindet. Das ist euer Job. Ihr sitzt blo� den ganzen Tag herum und seht euch die Nachrichten von der Erde an.�</p><p>Er sagte die Termine f�r einen Tag <emphasis>ab,</emphasis> siebenunddrei�ig im ganzen. �Schlappe, unf�hige Burschen!� sagte er laut, als er aus der T�r stolzierte. Er ging zum Bahnhof und nahm einen Nahverkehrszug nach unten, um selbst nachzusehen.</p><p>Der Zug hielt bei jedem Kilometer an in kleinen rostfreien Schleusen, die als Stationen f�r die Kuppelst�dte dienten. Bei einer stieg er aus. Schilder in der Schleuse identifizierten sie als El Paso. Er ging durch die offenen T�ren des Ausgangs.</p><p>Diese Kuppelzelte boten zumindest eine Aussicht, das lie� sich nicht bestreiten. Den gro�en Osthang des Vulkans hinab liefen die Bahntrasse und die Pipelines, und zu beiden Seiten von ihnen standen sie wie Ketten von Blasen eins hinter dem andern. Das helle Material der �lteren wurde schon etwas purpurn. Ventilatoren brummten laut von der physikalischen Anlage bei der Station her, und irgendwo f�gte ein Hydrazingenerator in hohen T�nen sein Brausen hinzu. Die Leute unterhielten sich auf spanisch und englisch. Frank veranlasste sein B�ro, das Apartment eines Mannes aus El Paso anzurufen, der bei ihm aufgekreuzt war. Der Mann antwortete, und Frank verabredete sich mit ihm in einem Cafe am Bahnhof, ging dann hin�ber und nahm an einem �u�eren Tisch Platz. M�nner und Frauen sa�en an Tischen und a�en und redeten wie anderswo auch. Kleine elektrische Wagen brummten die Stra�en auf und ab, zumeist hoch beladen mit Kisten. Die Geb�ude in N�he des Bahnhofs waren drei Stockwerke hoch und schienen vorgefertigt zu sein, mit Stahl verst�rkter Beton, der hellblau und wei� gestrichen war. Eine Reihe junger B�ume in K�beln lief vom Bahnhof durch die Hauptstra�e. Kleine Menschengruppen sa�en am Astroturf oder gingen ziellos von einem Laden zum andern oder eilten mit Umh�ngetaschen und Tagesgep�ck zum Bahnhof. Sie sahen alle etwas desorientiert oder unsicher aus, als ob sie keine rechte Verhaltensweise h�tten oder noch nicht gelernt h�tten, richtig zu gehen.</p><p>Der Mann erschien mit einem ganzen Haufen seiner Nachbarn, alle in den Zwanzigern, zu jung, um auf dem Mars zu sein, wie man jedenfalls zu sagen pflegte. Vielleicht konnte die Behandlung Strahlensch�den heilen und ihnen gestatten, sich korrekt fortzupflanzen. Wer konnte das sicher sagen, ehe man es versucht hatte? Labortiere, das waren sie. Das waren sie immer gewesen.</p><p>Es war eigenartig, zwischen ihnen zu stehen wie ein alter Patriarch und mit einer Mischung aus Achtung und Herablassung behandelt zu werden wie ein Gro�vater. Gereizt bat er sie, mit ihm einen Spaziergang zu machen und ihn herumzuf�hren. Sie f�hrten ihn durch enge Stra�en vom Bahnhof und den h�heren Geb�uden weg zwischen langen Reihen einer Art von Baracken, die als Behelfsunterk�nfte in der Fremde gedacht waren f�r wissenschaftliche Au�enstellen oder Wasserstationen oder Fl�chtlingsh�tten. Jetzt dutzendweise aufgereiht. Der Abhang des Vulkans war hastig planiert worden, und viele H�tten standen auf einer Neigung von zwei oder drei Grad, so dass sie, wie sie sagten, in der K�che aufpassen mussten und sich vergewissern, dass ihre Betten richtig aufgestellt waren.</p><p>Frank fragte sie, was sie machten. Packer in Sheffield, sagten die meisten. Die Aufzugswagen entladen und das Zeug auf Z�ge laden. Das hatten Roboter tun sollen, aber es war �berraschend, wie viel Arbeit f�r menschliche Muskeln dabei noch �brig blieb. Bedienungspersonal f�r schweres Ger�t, Roboterprogrammierer, Maschinenreparaturleute, Waldozwerge, Bauarbeiter. Die meisten von ihnen waren nur selten auf die Oberfl�che gekommen, manche von ihnen nie. Sie hatten daheim �hnliche Arbeiten erledigt oder waren arbeitslos gewesen. Dies war ihre Chance. Die meisten wollten eines Tages zur Erde zur�ckkehren, aber die Trainingszentren waren �berf�llt, teuer und zeitraubend, und sie verloren alle ihre k�rperliche Form. Sie hatten s�dliche Akzente, die Frank seit seiner Kindheit nicht mehr geh�rt hatte. Es war, als ob man Stimmen aus einem fr�heren Jahrhundert h�rte, aus dem Elisabethanischen Zeitalter. Sprachen Leute noch so? Das Fernsehen zeigte das nie. �Ihr seid alle schon so lange hier, dass es euch nichts ausmacht, drinnen zu sein, aber ich kann das nicht aushalten.� <emphasis>Ich kann das nicht.</emphasis></p><p>Frank schaute in eine K�che und fragte: �Was esst ihr?�</p><p>Fisch. Gem�se, Reis, Tofu. Das kam alles in Gro�packungen. Sie hatten keine Beschwerden und fanden es gut. Amerikaner hatten die heruntergekommensten Gaumen der Geschichte. <emphasis>Her mit �ner K�sestulle.</emphasis> Nein, was sie nicht mochten, war das Eingesperrtsein, der Mangel an Privatsph�re, die Fernmanipulation, die Beengtheit. Und die sich daraus ergebenden Probleme: �Alle meine Klamotten geklaut am Tag nach meiner Ankunft.��� �Meine auch.��� �Meine auch.� Diebstahl, �berfall, Erpressung. Die Kriminellen kamen alle aus anderen Kuppelst�dten, sagten sie. Russen, sagten sie. Wei�e Leute mit eigenartiger Sprache. Auch einige Schwarze, aber nicht so viele wie zu Hause. Eine Frau war in der vorigen Woche vergewaltigt worden. �Ihr macht Witze!� sagte Frank.</p><p>�Was soll das hei�en: <emphasis>Ihr macht Witze?�</emphasis> fragte eine Frau emp�rt.</p><p>Schlie�lich f�hrten sie ihn wieder zum Bahnhof zur�ck. Frank blieb in der T�r stehen und wusste nicht, was er ihnen sagen sollte. Es war eine ganze Menge zusammengekommen, als Leute ihn erkannt hatten oder zu der Gruppe gerufen oder hinzugekommen waren. �Ich werde sehen, was ich tun kann�, murmelte er und schl�pfte durch die Schleuse.</p><p>Ohne nachzudenken blickte er in Kuppelzelte, als er mit einem Zug wieder nach oben fuhr. Da war eins mit Sargbetten im Tokiostil. Das <emphasis>w�re</emphasis> noch viel enger als El Paso, aber k�mmerte das seine Bewohner? Manche Leute waren es gewohnt, wie Kugellager behandelt zu werden. Wirklich eine Menge Leute. Aber auf dem Mars hatte es doch anders sein sollen!</p><p>Wieder zur�ck am Sheffield marschierte er �ber den Rand Boulevard, blickte auf die d�nne vertikale Linie des Aufzugs, ignorierte andere Leute und zwang sie, beiseite zu springen, wenn er kam. Einmal blieb er stehen und sah sich in der Menge um. Es waren im Augenblick etwa f�nfhundert Leute zu sehen, die ihr t�gliches Leben f�hrten. Wann war es so weit gekommen? Sie waren eine wissenschaftliche Au�enstelle gewesen, eine Handvoll Forscher, zerstreut �ber eine Welt mit so viel Landfl�che wie die Erde. Ein ganzes Eurasien, Afrika, Amerika, Australien und Antarctica�� alles f�r sie. All dieses Land gab es da drau�en noch; aber wie viel Prozent davon waren �berkuppelt und bewohnbar? Weniger als ein Prozent. Aber was sagte UNOMA? Eine Million Menschen schon hier und noch mehr unterwegs. Und keine Polizei oder Verbrechen. Oder vielmehr: Verbrechen ohne Polizei. Eine Million Menschen und kein Gesetz. Kein Gesetz, aber K�rperschaftsrecht. Die untere Grenze. Ausgaben minimieren, Profite maximieren. Lief glatt auf Kugellagern.</p><empty-line/><p>In der n�chsten Woche begannen die Leute in einer Gruppe von Kuppeln am S�dhang zu streiken. Chalmers h�rte davon, als er zu seinem B�ro unterwegs war. Slusinski platzte mit einem Anruf dazwischen. Die streikenden Kuppeln waren zumeist amerikanisch, und sein Stab war in Panik. �Sie haben die Bahnh�fe geschlossen und lassen niemanden aus den Z�gen aussteigen. Darum kann man sie nicht kontrollieren, wenn nicht ihre Notschleusen gest�rmt werden��� �Halt�s Maul!�</p><p>Frank ging an der S�dpiste zu den streikenden Kuppeln hinunter, trotz Slusinskis Einw�nden. Er wies sogar einige Leute seines Stabes an, ihm nach unten zu folgen.</p><p>Ein Team des Sicherheitsdienstes von Sheffield stand im Bahnhof; aber er befahl ihnen, den Zug zu besteigen und sich zu entfernen. Nach einer Beratung mit den leitenden Beamten von Sheffield taten sie es. An der Durchgangsschleuse wies er sich aus und bat, allein hineingelassen zu werden. Sie lie�en ihn passieren.</p><p>Er erschien auf dem Hauptplatz einer anderen Kuppel, umgeben von einem Meer w�tender Gesichter. Er sagte: �Packt das Fernsehen weg! Lasst uns privat miteinander reden!�</p><p>Sie stellten die Kameras ab. Es war dasselbe wie in El Paso.</p><p>Andere Akzente, aber die gleichen Beschwerden. Sein fr�herer Besuch machte es ihm m�glich, vorwegzunehmen, was sie sagen wollten, und es vor ihnen auszusprechen. Er stellte grimmig fest, dass ihre Gesichter erkennen lie�en, wie sehr sie von dieser F�higkeit beeindruckt waren. Sie waren noch jung.</p><p>�Seht, es ist eine schlimme Situation�, sagte er, nachdem sie eine Stunde lang geredet hatten. �Aber wenn ihr lange streikt, macht ihr es nur noch schlimmer. Sie werden Sicherheitsleute schicken; und es wird nicht so sein, als ob Banden und Polizisten unter euch leben, es wird wie das Leben im Gef�ngnis sein. Ihr habt euren Punkt schon herausgestellt und solltet jetzt wissen, wann es Zeit ist abzulassen und zu verhandeln. Bildet ein Komitee, das euch vertritt, und macht eine Liste von Beschwerden und W�nschen! Dokumentiert alle F�lle von Verbrechen! Schreibt sie einfach auf und lasst sie von den Opfern unterschreiben! Ich werde davon guten Gebrauch machen. Das wird Arbeit bei der UNOMA und daheim erfordern, weil die den Vertrag verletzen.�</p><p>Er machte eine Pause, um zu sich zu kommen und seine Z�ge zu entspannen. �Geht inzwischen wieder an die Arbeit! Damit verbringt ihr die Zeit besser, als wenn ihr hier beisammenhockt, und es wird euch gute Punkte bei den Verhandlungen eintragen. Falls ihr das nicht tut, werden sie euch vielleicht die Verpflegung abschneiden und euch fertigmachen. Besser, es aus freiem Willen tun und wie vern�nftige Verhandlungspartner aussehen.�</p><p>So endete der Streik. Sie applaudierten ihm sogar, als er wieder in den Bahnhof ging.</p><p>Er bestieg den Zug in blinder Wut und lehnte es ab, Fragen seines Stabs zu beantworten oder auf ihre stummen Blicke einzugehen. Er nahm sich den Leiter der Sicherheitsgruppe vor, der ein arroganter Idiot war. �Wenn ihr korrupten Bastarde irgendwelche Integrit�t bes��et, w�re das nicht passiert. Ihr seid weiter nichts als eine Bestechungsbande. Warum werden Menschen in den Kuppeln �berfallen? Warum zahlen sie Schutzgelder? Wo seid ihr, wenn all das passiert?�</p><p>�Das f�llt nicht in unsere Zust�ndigkeit�, sagte der Mann mit blassen Lippen.</p><p>�Na, macht schon, was ist denn eure Zust�ndigkeit? Eure einzige Zust�ndigkeit ist euer Portemonnaie.� Er fuhr fort, bis die Sicherheitsleute aufstanden und den Wagen verlie�en, so w�tend auf ihn wie er auf sie, aber zu diszipliniert, um zu widersprechen.</p><p>In den B�ros von Sheffield ging er von Zimmer zu Zimmer, br�llte den Stab an und t�tigte Anrufe. Sax, Vlad, Janet. Er sagte ihnen, was geschah, und sie alle machten den gleichen Vorschlag, den er als gut anerkennen musste. Er w�rde sich mit dem Aufzug nach oben begeben und mit Phyllis sprechen m�ssen. �Seht zu, ob ihr die Platzreservierungen machen k�nnt�, sagte er zu seinem Stab.</p></section><section><empty-line/><p>Der Wagen des Aufzugs war wie ein altes Haus in Amsterdam, eng und hoch, mit einem von Licht erf�llten Raum ganz oben, in diesem Fall ein Raum mit klaren W�nden und einer Kuppel, die Frank an die Blasenkuppel der <emphasis>Ares</emphasis> erinnerte. Am zweiten Tage der Fahrt kam er mit den anderen Passagieren zusammen (in diesem Wagen nur zwanzig, weil nicht sehr viele Leute in diese Richtung fuhren), und sie nahmen den kleinen eigenen Lift des Aufzugs drei�ig Stockwerke nach oben zu diesem klaren Dachst�bchen, um Phobos vorbeiziehen zu sehen. Der Raum ragte etwas �ber den eigentlichen Aufzug hinaus, so dass man auch nach unten blicken konnte. Frank sah auf die gekr�mmte Horizontlinie des Planeten hinab, viel wei�er und dichter, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Die Atmosph�re war jetzt bei 150 Millibar angelangt, wirklich recht eindrucksvoll, selbst wenn sie aus giftigem Gas bestand.</p><p>W�hrend sie auf das Erscheinen des kleinen Mondes warteten, schaute Frank den Planeten unter sich an. Der filigranartige Pfeil des Kabels zeigte genau darauf hin. Es sah aus, als stiegen sie auf einer seltsamen d�nnen Rakete empor, die sich einige Kilometer �ber und unter ihnen hinzog. Das war alles, was sie je vom Kabel zu sehen bekommen w�rden. Und unten sah der runde orangefarbene Boden des Mars genau so leer aus wie bei ihrer ersten Ann�herung vor so langer Zeit, unver�ndert trotz all ihrer Einmischung. Man musste sich nur weit genug entfernen.</p><p>Dann deutete einer der Aufzugspiloten auf Phobos, ein mattes wei�es Objekt im Westen. Nach zehn Minuten war er bei ihnen und sauste mit erstaunlicher Geschwindigkeit vorbei, eine gro�e graue Kartoffel, die schneller wirbelte, als man den Kopf drehen konnte.</p><p><emphasis>Wusch!</emphasis> Vorbei. Die Zuschauer im Kuppelraum johlten, schrien und plapperten. Frank hatte nur einen ganz kurzen Blick auf die Kuppel von Stickney erhascht, die wie ein Juwel im Gestein blinkte. Und dann war da ein Schienenstrang gewesen, der die Mitte wie ein Ring umspannte, und einige helle Silberbrocken. Das war alles, an das er sich nach dem verwischten Bild erinnern konnte. Als das geschah, war Phobos f�nfzig Kilometer entfernt, wie der Pilot sagte. Bei 7000 Kilometern in der Stunde. Gar nicht so besonders schnell. Es gab Meteore, die den Planeten mit 50000 trafen. Aber immer noch schnell genug.</p><p>Frank ging wieder zur�ck in die Speise-Etage und bem�hte sich, das fl�chtige Bild im Geist festzuhalten. Phobos: Leute am Nachbartisch sprachen davon, ihn in eine sich wie eine Zopfflechte hin und her schl�ngelnde Bahn mit Deimos zu schieben, da er jetzt nur ein Hindernis f�r das Kabel bedeutete. Und Phyllis hatte schon immer argumentiert, dass den Mars das gleiche Schicksal in gro�em Stil ereilt haben w�rde, wenn nicht der Aufzug gebaut worden w�re, um seine Gravitationssenke zu �berwinden. Die Montanleute h�tten ihn au�er acht gelassen. Sie w�ren zu den an Metall reichen Asteroiden gegangen, bei denen man sich nicht mit Schwerkraft plagen musste. Und dann waren da auch noch die Monde von Jupiter, Saturn und den �u�eren Planeten��</p><p>Aber diese Gefahr bestand jetzt nicht mehr.</p><empty-line/><p>Am f�nften Tag n�herten sie sich Clarke und bremsten ab. Clarke war ein Asteroid von etwa zwei Kilometern Durchmesser gewesen, ein kohlenstoffhaltiger Brocken, der jetzt zu einem W�rfel umgestaltet war, von dessen auf den Mars gerichteter Seite jeder Zentimeter der Oberfl�che planiert und von Beton, Stahl oder Glas bedeckt war. Das Kabel tauchte genau in das Zentrum dieser Anordnung. Auf beiden Seiten des Gelenks, wo das Kabel auf den Mond traf, waren L�cher, die genau gro� genug waren, um die Passage der Aufzugswagen zu erm�glichen.</p><p>Sie glitten in eines dieser L�cher und hielten sanft an. Der Innenraum, in den sie gelangten, war wie ein vertikaler U-Bahnhof. Die Passagiere stiegen aus und verschwanden in den Tunneln von Clarke. Ein Assistent von Phyllis holte Frank ab und fuhr ihn in einem kleinen Wagen durch ein Labyrinth von Tunneln mit Steinw�nden. Sie kamen zu Phyllis� B�ros, die sich auf der Planetenseite des Mondes befanden, und mit Spiegeln und gr�nem Bambus verkleidet waren. Obwohl sie sich fast in Mikroschwere befanden und nur sehr langsam vom Mars wegdrifteten, standen sie auf dem Fu�boden mit Klettsohlen an den Schuhen. Eine recht konservative Praxis, die aber an einem solchen auf die Erde bezogenen Ort zu erwarten war. Frank tauschte seine Schuhe an der T�r gegen solche Velcro-Sandalen aus und trat ein.</p><p>Phyllis war gerade dabei, ein Gespr�ch mit einigen M�nnern zu beenden. �Nicht nur ein billiger und sauberer Aufzug aus der Gravitationssenke, sondern ein Antriebsverfahren, um Lasten durch das ganze Sonnensystem zu schleudern! Das ist doch eine au�erordentlich elegante Ingenieurleistung, meinen Sie nicht auch?�</p><p>�Ja�, antworteten die M�nner.</p><p>Phyllis sah etwa f�nfzig Jahre alt aus. Nach l�stiger Vorstellung�� die M�nner waren von Amex�� gingen die anderen. Als Phyllis und Frank im Zimmer allein waren, sagte Frank zu ihr: �Ihr sollt besser aufh�ren, diese au�erordentlich elegante Ingenieurleistung zu benutzen, um den Mars mit Emigranten zu �berfluten, sonst wird er euch ins Gesicht explodieren, und ihr verliert euren Ankerpunkt.�</p><p>�O Frank!� Sie lachte. Sie war wirklich deutlich gealtert: silbernes Haar, das Gesicht straff, mit h�bschen Falten, eine schlanke Figur. Sauber wie eine Nadel in einem rostfarbenen Einteiler und viel Goldschmuck, was ihr zusammen mit dem Silberhaar einen umfassenden metallischen Schimmer verlieh. Sie sah Frank durch eine Brille mit einer Fassung aus Golddraht an, eine Affektiertheit, die sie von dem Raum distanzierte, als ob sie sich auf flache Videobilder an der Innenseite ihrer Gl�ser konzentrierte.</p><p>Frank dr�ngte weiter: �Ehr k�nnt nicht so viele so schnell hinunterschicken. Es gibt f�r sie keine Infrastruktur, weder physisch noch kulturell. Was sich da entwickelt, sind Rabaukensiedlungen der schlimmsten Art, wie Lager von Fl�chtlingen oder Zwangsarbeitern; und das wird nach Hause gemeldet werden. Du wei�t, wie sie immer Analogien zu Situationen auf der Erde benutzen. Und das muss euch sicher verletzen.�</p><p>Sie starrte auf einen Punkt ungef�hr drei Meter vor ihm und erkl�rte, als ob der Raum voller Zuh�rer w�re: �Ich sehe es nicht so. Das ist nur ein Schritt auf dem Weg zur vollen Nutzung des Mars durch den Menschen. Er ist hier f�r uns, und wir werden ihn nutzen. Die Erde ist hoffnungslos �berv�lkert und die Sterblichkeitsrate sinkt immer noch. Wissenschaft und Glaube werden weiterhin neue Gelegenheiten schaffen, wie sie es immer getan haben. Diese ersten Pioniere m�gen manche Unbilden erdulden, aber die werden nicht lange dauern. Wir haben schlechter gelebt als sie jetzt, als wir zuerst ankamen.�</p><p>Aufgebracht �ber diese L�ge, sah Frank sie an. Aber sie wich nicht zur�ck. W�tend sagte er: �Du gibst nicht Obacht!� Aber der Gedanke erschreckte ihn, und er hielt inne.</p><p>Er gewann die Selbstbeherrschung zur�ck, blickte durch die klare Decke zum Planeten. Da sie mit ihm rotierten, hatten sie nat�rlich immer Tharsis im Blickfeld, und aus dieser Entfernung sah er aus wie eine alte Fotografie, der orangefarbene Ball mit allen vertrauten Merkmalen seiner ber�hmtesten Hemisph�re: den gro�en Vulkanen, Noctis, den Canyons, dem Chaos, alles unversehrt. Er fragte sie: �Wann bist du zum letzten Mal hinuntergegangen?�</p><p>�Lg = 60. Ich gehe regelm��ig hinunter.� Sie l�chelte.</p><p>�Wo wohnst du, wenn du hinunterkommst?�</p><p>�In UNOMA-Geb�uden.� Wo sie emsig daran arbeitete, den UN-Vertrag zu brechen.</p><p>Aber das war ihr Job, das war es, was UNOMA ihr aufgetragen hatte. Aufzugsmanagerin und zugleich die erste Verbindung zu den Montankonzernen. Wenn sie die UN verlie�, konnte sie ihnen alle T�tigkeiten, denen sie gewachsen war, wegnehmen. K�nigin des Aufzugs. Der jetzt die Br�cke war f�r den gr��ten Teil der Marswirtschaft. Sie w�rde alles Kapital zur Verf�gung haben von jedem Transnationalen, mit dem sie sich zusammentat.</p><p>Und all dies kam nat�rlich darin zum Ausdruck, wie sie in dem glitzernden Raum herumh�pfte und zu allen seinen abf�lligen Bemerkungen l�chelte. Nun, sie war schon immer etwas stupide gewesen. Frank knirschte mit den Z�hnen. Es war wohl an der Zeit, die guten alten USA als Vorschlaghammer zu benutzen und zu sehen, ob noch etwas Schwung darin geblieben war.</p><p>�Die meisten Transnationalen haben in den Staaten m�chtige Guthaben�, sagte er. �Wenn die amerikanische Regierung sich entschl�sse, ihre Konten einzufrieren, weil sie den Vertrag brechen, w�rde das sie alle hemmen und einige zusammenbrechen lassen.�</p><p>�Das k�nntest du nie tun�, sagte Phyllis. �Es w�rde die Regierung bankrott machen.�</p><p>�Das ist so, als ob man einem toten Mann mit Erh�ngen drohen w�rde. Einige Nullen mehr an der Zahl erh�hen nur die Irrealit�t. Man kann sich das ohnehin nicht mehr vorstellen. Die einzigen, die denken, sie k�nnten das, sind genau deine transnationalen Manager. Sie halten die Obligationen, aber niemand sonst k�mmert sich um ihr Geld. Ich k�nnte Washington in einer Minute davon �berzeugen, und dann w�rdest du sehen, wie es dir genau ins Gesicht explodiert. Welchen Weg es auch geht, es ruiniert dein Spiel.� Er machte eine �rgerliche Handbewegung. �Zu diesem Zeitpunkt wird jemand anders diese R�ume einnehmen����� eine pl�tzliche Intuition�� �du wirst wieder in Underhill sein.�</p><p>Das erregte ohne Zweifel ihre Aufmerksamkeit. Ihre l�ssige Geringsch�tzung bekam einen Sto�. �Niemand kann Washington von etwas �berzeugen. Da gibt es Flugsand. Du kannst denen sagen, was du willst, und ich werde meine Aussage machen. Dann werden wir sehen, wer den gr��eren Einfluss hat.� Sie trippelte durchs Zimmer, �ffnete die T�r und begr��te laut eine Schar UN-Beamter.</p><empty-line/><p>Nichts als Zeitverschwendung. Er war nicht �berrascht. Anders als diejenigen, welche ihm geraten hatten zu kommen, hatte er kein Vertrauen in die Idee gehabt, dass Phyllis vern�nftig sein k�nnte. Wie f�r viele gl�ubige Fundamentalisten war f�r sie Gesch�ft ein Teil der Religion. Die beiden Dogmen verst�rkten sich gegenseitig, waren Teil des gleichen Systems. Vernunft hatte damit nichts zu tun. Und w�hrend Phyllis noch an Amerikas St�rke glauben mochte, glaubte sie bestimmt nicht, dass Frank sie lenken k�nnte. Er w�rde ihr das Gegenteil beweisen.</p><p>W�hrend der R�ckfahrt am Kabel hinunter traf er alle halbe Stunden Videoverabredungen, f�nfzehn Stunden am Tag. Seine Mitteilungen nach Washington f�hrten bald zu komplexen, durch die �bertragung verz�gerten Gespr�chen mit seinen Leuten in den Au�en- und Handelsministerien und mit den verschiedenen Kabinettschefs, auf die es ankam. Bald w�rde ihn auch der neue Pr�sident anh�ren. Inzwischen h�pften die Nachrichten wie Fr�sche mit allen m�glichen Argumenten hin und her, je nachdem, welcher Korrespondent ihn zuerst erreichte. Es war kompliziert und ersch�pfend. Der Fall auf der Erde musste wie ein Kartenhaus gebaut werden, und viele der Karten waren krumm.</p><p>Gegen Ende des Fahrt, als das Kabel schon bis hinunter zur Steckdose bei Sheffield zu sehen war, f�hlte er sich pl�tzlich richtig sonderbar. Eine Welle physischer Erinnerung durchlief ihn. Das Gef�hl ging vorbei, und nach etwas Nachdenken kam er zu der Ansicht, dass der abbremsende Wagen f�r einen Moment ein G durchlaufen harte. Es erschien ihm ein Bild, dass er �ber einen langen Pier liefe, wo unebene Bretter mit silbernen Fischschuppen zusammenplatschten. Er konnte sogar riechen, wie die salzigen Fische stanken. Ein G�� merkw�rdig, wie sich der K�rper daran erinnerte.</p><p>Wieder in Sheffield eingetroffen, kam er wieder in den st�ndigen Trott, dass er Mitteilungen aufzeichnete, eingehende Antworten analysierte, sich mit alten Kumpeln und aufkommenden M�chten abgeben musste, wobei alles zusammen einen Fleckenteppich von Diskussionen ergab, die unterschiedlich schnell abliefen. Einmal, sp�t im n�rdlichen Herbst, war er in etwa f�nfzig Konferenzen gleichzeitig engagiert. Es war wie mit einem Raum voller Gegner simultan blind Schach zu spielen. Aber nach drei solchen Wochen sprach es sich allm�hlich herum, haupts�chlich deshalb, weil Pr�sident Incaviglia pers�nlich h�chst daran interessiert war, etwas gegen Amex, Mitsubishi und Armscor in die Hand zu bekommen. Er war gern bereit, etwas in die Medien dringen zu lassen von seiner Absicht, sich um angebliche Vertragsverletzungen zu k�mmern.</p><p>Er tat das auch, und die Wertpapiere fielen stark in den betreffenden Sektoren. Zwei Tage sp�ter verk�ndete das Aufzugskonsortium, die Begeisterung f�r Mars-Ausreisen sei so gestiegen, dass die Nachfrage gegenw�rtig das Angebot �bertr�fe. Nat�rlich w�rden sie entsprechend ihren Gepflogenheiten die Preise erh�hen, aber sie m�ssten auch zeitweilig die Emigration verringern, bis mehr St�dte und Bauroboter geschaffen w�rden.</p><p>Frank erfuhr dies zuerst durch eine Fernsehmeldung in der Bar, eines Abends bei einem einsamen Dinner. Er grinste wie ein Wolf, w�hrend er weiterkaute. �Jetzt sehen wir also, wer beim Ringen in Flugsand besser ist, du Biest.� Nach dem Essen ging er auf der Randpromenade spazieren. Er wusste, dass das nur eine Schlacht war. Und es w�rde ein bitterer, langer Krieg werden. Aber dennoch machte er ihm Spa�.</p><empty-line/><p>Dann meuterten im n�rdlichen Mittwinter die Bewohner der �ltesten Kuppel auf dem Osthang, warfen alle UNOMA-Polizisten hinaus und schlossen sich ein. Die Russen nebenan machten es genauso.</p><p>Eine schnelle Besprechung mit Slusinski setzte Frank von der Vorgeschichte in Kenntnis. Offenbar waren beide Gruppen in der Unterabteilung f�r Stra�enbau von Armscor besch�ftigt; und beide Kuppelzelte waren mitten in der Nacht von eingedrungenen asiatischen Rowdies �berfallen worden, die den Zeltstoff aufgeschlitzt, in jeder Kuppel drei M�nner get�tet und etliche weitere mit Messern verletzt hatten. Sowohl Amerikaner wie Russen behaupteten, die Angreifer w�ren <emphasis>yakusa</emphasis> in einem Rassenrausch gewesen, obwohl es sich in Franks Ohren mehr und mehr nach Subarashiis Sicherheitskr�ften anh�rte, einer kleinen Armee, die haupts�chlich aus Koreanern bestand. Auf jeden Fall waren Polizei-Einheiten der UNOMA auf dem Schauplatz erschienen. Sie hatten festgestellt, dass die Angreifer verschwunden waren und die Kuppeln sich in Aufruhr befanden. Sie hatten beide Kuppeln versiegelt und �ber ihre Bewohner eine Ausgangssperre verh�ngt. Die Bewohner hatten sich als Gefangene empfunden, waren �ber diese Ungerechtigkeit erbost aus ihren Schleusen gebrochen�� und hatten die durch ihre Bahnh�fe f�hrenden Gleise mit Schwei�ger�ten zerst�rt. Auf beiden Seiten wurden einige Leute get�tet. Die UNOMA-Polizei hatte massive Verst�rkungen geschickt, und die Arbeiter in den beiden Kuppeln sa�en nun mehr in der Falle denn je.</p><p>W�tend und entr�stet ging Frank wieder nach unten, um sich pers�nlich darum zu k�mmern. Er musste sowohl die �blichen Einw�nde seines Stabes ignorieren wie auch das Verbot seitens des neuen Managers. (Helmut war zur Erde zur�ckgerufen worden.) Auf der Station musste er auch noch den Chef der UNOMA-Polizei kleinkriegen, kein leichtes Unterfangen. Er hatte noch nie zuvor versucht, sich so stark auf das Charisma der Ersten Hundert zu verlassen. Das machte ihn �rgerlich. Am Ende musste er blo� zwischen den Polizisten hindurchgehen�� ein verr�ckter alter Mann, der alle zivilisierte Hemmung �berwand. Und niemand wollte ihn anhalten. Diesmal nicht.</p><p>Die Meute drinnen sah auf den Monitoren wirklich h�sslich aus. Aber er klopfte an ihre Schleusent�r und wurde schlie�lich eingelassen, in eine Menge w�tender junger M�nner und Frauen. Er ging durch die innere Schleusent�r und atmete warme abgestandene Luft. Es br�llten so viele Leute durcheinander, dass er die einzelnen Sprecher nicht ausmachen konnte, aber die in der vordersten Reihe erkannten ihn und waren deutlich �berrascht, ihn hier zu sehen. Einige stie�en Hochrufe aus.</p><p>Er schrie: �Okay! Ich bin hier. Wer ist euer Sprecher?�</p><p>Sie hatten keinen. Er fluchte heftig. �Was f�r Idioten seid ihr eigentlich? Ihr solltet besser lernen, mit dem System umzugehen, sonst steckt ihr f�r immer so in der Klemme. So wie jetzt�� oder gar in Leichens�cken!�</p><p>Mehrere Leute riefen ihm etwas zu, aber die meisten wollten h�ren, was er zu sagen hatte. Und immer noch keine Spur von einem Sprecher. Darum br�llte Chalmers: �In Ordnung. Ich werde zu euch allen sprechen. Setzt euch hin, damit ich sehen kann, wer redet!�</p><p>Sie konnten sich nicht setzen, standen aber da, ohne sich zu r�hren, in einer Gruppe um ihn auf dem zerw�hlten Rasen des Hauptplatzes der Kuppel. Chalmers kletterte auf eine umgedrehte Kiste in ihrer Mitte. Es war sp�ter Nachmittag, und sie warfen Schatten bis hinunter zum Osthang. Er fragte, was geschehen sei; und verschiedene Stimmen schilderten den mittern�chtlichen Angriff und das Scharm�tzel in der Station, �Ihr wurdet provoziert�, sagte er, als sie fertig waren. �Sie wollten, dass ihr einen idiotischen Krawall macht. Das ist ein uralter Trick. Sie haben euch dazu gebracht, einige Personen zu t�ten, die mit dem Angriff auf euch nichts zu tun hatten; und jetzt seid ihr die M�rder, die die Polizei erwischt hat! Man hat euch reingelegt, und ihr wart so bl�de, euch reinlegen zu lassen.�</p><p>Die Menge murrte und fluchte, aber einige waren best�rzt. Einer sagte laut: �Diese so genannte Polizei war auch beteiligt!�</p><p>�Mag sein�, sagte Chalmers. �Aber es waren korporative Truppen, die euch angriffen, keine beliebigen Japaner in einem Wutausbruch. Ihr h�ttet den Unterschied erkennen sollen, ihr h�ttet euch bem�hen m�ssen, das herauszufinden! So, wie es ist, habt ihr ihnen in die H�nde gespielt, und die UNOMA-Polizei hat mit Vergn�gen losgelegt. Sie stehen jetzt auf der Gegenseite, wenigstens manche von ihnen. Aber die nationalen Streitkr�fte sind dabei, sich auf eure Seite zu stellen. Also m�sst ihr lernen, mit ihnen zusammenzuarbeiten, ihr m�sst merken, wer eure Verb�ndeten sind, und entsprechend handeln. Ich wei� nicht, warum so wenige Leute auf diesem Planeten f�hig sind, das zu tun. Es ist, als ob die Passage von der Erde vielen den Verstand verwirrte oder so.�</p><p>Manche lachten verdutzt. Frank fragte sie nach den Verh�ltnissen in den Kuppeln. Sie hatten die gleichen Beschwerden wie die anderen; und wieder konnte er das vorwegnehmen und an ihrer Stelle aussprechen. Dann schilderte er das Ergebnis seiner Reise zu Clarke. �Ich habe ein Moratorium f�r Emigration bekommen; und das bedeutet mehr als nur gerade etwas mehr Zeit f�r das Erbauen neuer St�dte. Es bedeutet den Beginn einer neuen Phase zwischen den USA und der UN. Sie haben in Washington endlich begriffen, dass die UN f�r die Transnationalen arbeitet, und m�ssen darum selbst den Vertrag durchsetzen. Das liegt im vitalen Interesse von Washington, und sie sind die einzigen, die das tun werden. Der Vertrag ist jetzt ein Teil der Schlacht, der Schlacht zwischen dem Volk und den Transnationalen. Ihr steht in dieser Schlacht. Ihr seid angegriffen worden, und ihr m�sst herausfinden, wem der Gegenangriff zu gelten hat, und wie ihr euch mit euren Verb�ndeten zusammenschlie�t.�</p><p>Sie machten dazu grimmige Gesichter, was verst�ndlich war, und Frank sagte: �Ihr sollt wissen, dass wir schlie�lich gewinnen werden. Unsere Zahl ist gr��er als die ihre.�</p><p>So weit die R�be, die man Eseln vorhielt. Was den Kn�ppel anging, war das mit so machtlosen Leuten immer einfach. �Seht, wenn die nationalen Regierungen die Lage nicht schnell ins reine bringen k�nnen, wenn hier mehr Unrecht geschieht und sich Chaos anbahnt, dann werden sie sagen: Zum Teufel! Sollen die Transnationalen ihre Arbeiterprobleme selber l�sen, dabei werden sie erfolgreicher sein. Und ihr wisst, was das f�r euch bedeutet.�</p><p>�Wir haben das satt!� rief ein Mann.</p><p>�Nat�rlich�, sagte er. �Habt ihr nun einen Plan, die Sache zu Ende zu bringen, oder nicht?�</p><p>Es dauerte eine Weile, sie zu einer �bereinkunft zu bringen. Entwaffnung, Kooperation, Organisation, eine Petition an die amerikanische Regierung um Unterst�tzung und Gerechtigkeit. Die Sache selbst in die Hand zu nehmen, darauf lief es hinaus. Nat�rlich dauerte das einige Zeit. Und w�hrenddessen musste er versprechen, jede Beschwerde anzuh�ren, jede Ungerechtigkeit zu bereinigen und alles in Ordnung zu bringen, was falsch war. Das war l�cherlich und widerlich, aber er verzog das Gesicht und machte es. Er beriet sie �ber Medienbeziehungen und Schlichtungsverfahren und wie man Zellen und Komitees bildet und F�hrer w�hlt. Sie waren ja so unwissend! Junge M�nner und Frauen, sorgf�ltig erzogen, unpolitisch zu sein, Techniker zu sein, die jede Politik verabscheuten, um sie zu Wachs in der Hand ihrer Anf�hrer zu machen. So wie immer. Es war erschreckend, wie stupide sie waren, und er konnte nicht umhin, sie aufzuputschen.</p><p>Als er ging, erhielt er Beifall.</p><empty-line/><p>Maya war drau�en im Bahnhof. Er war ersch�pft und konnte sie nur ungl�ubig anstarren. Sie hatte ihm �ber Video zugesehen, wie sie sagte. Frank sch�ttelte den Kopf. Die Idioten da drin hatten sich nicht einmal bem�ht, die inneren Kameras auszuschalten. Vielleicht wussten sie nicht einmal, dass es sie gab. Also hatte die Welt alles gesehen. Und Maya hatte die gleiche Miene von Bewunderung, als ob die Befriedung ausgebeuteter Arbeiter mit L�gen und Raffinesse h�chstes Heldentum bedeutete. Was es f�r sie ohne Zweifel war.</p><p>Tats�chlich war sie losgezogen, um in der russischen Kuppel die gleiche Masche anzuwenden, weil es dort keinen Fortschritt gegeben hatte und sie nach ihr gefragt hatten. Also waren die Russen offenbar noch d�mmer als die Amerikaner.</p><p>Sie bat ihn, sie zu begleiten; und er war zu ersch�pft, um Vorteil und Nutzen davon abzuw�gen. Mit verzogenem Munde sagte er zu. Es war leichter, einfach weiterzumachen.</p><p>Sie nahmen den Zug nach unten zur n�chsten Station und bahnten sich ihren Weg durch die Polizei nach innen. Die russische Kuppel war dicht gef�llt wie ein Schaltbrett. Frank sah sich um und sagte: �Du wirst es wohl noch schwerer haben als ich.�</p><p>�Russen sind es gewohnt�, erwiderte sie. �Die Unterk�nfte in den Kuppeln unterscheiden sich gar nicht so sehr von Moskauer Wohnungen.�</p><p>�O ja.� Russland war zu einer Art immensem Korea geworden, das denselben brutalen stromlinienf�rmigen Kapitalismus kultivierte, perfekt nach dem Taylor-System und mit einer T�nche aus Demokratie und Gebrauchsg�tern, um die Junta zu tarnen. �Es ist erstaunlich, wie wenig man braucht, um verhungernde Menschen nach seiner Pfeife tanzen zu lassen.�</p><p>�Frank, bitte!�</p><p>�Denk daran, und es wird klappen.�</p><p>�Wirst du helfen oder nicht?�</p><p>�Doch, ja.�</p><empty-line/><p>Der Hauptplatz roch nach Bohnen, saurer Milch, Borschtsch und elektrischen �fen, und die Menge war viel ungeb�rdiger und lauter als in der amerikanischen Kuppel. Jeder war ein trotziger F�hrer und bereit, eine Erkl�rung abzugeben. Es waren viel mehr Frauen dabei als bei den Amerikanern. Die Leute hatten einen Zug zum Entgleisen gebracht, und das hatte sie elektrisiert. Sie dr�ngten auf weitere Aktionen. Maya musste sich eines Handmegaphons bedienen und stand w�hrend der ganzen Zeit auf einem Stuhl und redete. Die Menge wirbelte um sie herum, und Teilnehmer mit lauten Argumenten ignorierten sie, als ob sie eine Cocktailpianistin w�re.</p><p>Franks Russisch war eingerostet, und er konnte das meiste von dem, was die Menge Maya zubr�llte, nicht verstehen. Er folgte aber sehr gut ihren Antworten. Sie erkl�rte das Emigrationsmoratorium, den Engpass in der Produktion von St�dtebaurobotern und bei der Wasserversorgung, die Notwendigkeit von Disziplin und das Versprechen eines k�nftigen besseren Lebens, wenn alles ordentlich abliefe. Er hatte den Eindruck, dass das eine typische Babuschka-Ansprache war; und sie hatte den Effekt, die Leute etwas zu beruhigen, da bei vielen Russen jetzt eine starke reaktion�re Stimmung herrschte. Sie erinnerten sich, was soziale Unruhe wirklich bedeutete, und hatten verst�ndlicherweise Angst davor. Und es gab viel zu versprechen. Alles erschien plausibel: eine gro�e Welt, wenig Menschen, eine Menge von Rohstoffen, gute Roboterkonstruktionen, Computerprogramme, Gen-Muster��</p><p>Als die Diskussion einmal wirklich laut wurde, sagte er zu ihr auf englisch: �Denk an den Kn�ppel!�</p><p>�Was?�</p><p>�Den Kn�ppel! Droh ihnen! R�be und Kn�ppel.�</p><p>Sie nickte und nahm wieder das Megaphon. Die st�ndige Unsicherheit der giftigen Luft, die t�dliche K�lte. Sie waren nur durch die Kuppel am Leben und durch die Lieferung von Elektrizit�t und Wasser. Sie waren auf vielf�ltige Weise gef�hrdet, an die sie nicht richtig gedacht hatten und die es daheim �berhaupt nicht gab.</p><p>Sie war schnell, wie sie es immer gewesen war. Zur�ck zu Versprechungen. Vor und zur�ck, Kn�ppel und R�be, ein Schlag mit der Peitsche und einige Leckereien. Schlie�lich waren auch die Russen befriedet.</p><p>Nachher im Zug hinauf nach Sheffield schnatterte Maya nerv�s erleichtert, mit ger�tetem Gesicht und leuchtenden Augen. Sie ergriff seinen Arm, warf den Kopf zur�ck und lachte. Diese nerv�se Intelligenz, diese anhaltende physische Pr�senz�� Er musste selbst ersch�pft gewesen sein oder mehr ersch�ttert durch das, was er w�hrend der Zeit in den Kuppeln gesehen hatte. Oder vielleicht war es auch die Begegnung mit Phyllis gewesen. Er hatte jetzt w�rmere Gef�hle f�r Maya. Es war, als ob man in eine Sauna k�me nach einem kalten Tag im Freien, mit dem gleichen Gef�hl von Erleichterung und tiefem Wohlgef�hl. Sie sagte schnell: �Ich wei� nicht, was ich h�tte tun k�nnen ohne dich. Du bist in solchen Situationen wirklich so gut, so klar, fest und scharf. Sie schenken dir Glauben, weil du nicht versuchst, ihnen zu schmeicheln oder die Wahrheit abzumildern.�</p><p>�Das funktioniert am besten�, sagte er und schaute aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Kuppeln. �Besonders wenn man ihnen schmeichelt und sie anl�gt.�</p><p>�O Frank!�</p><p>�Das ist wahr. Darin bist du selbst gut.�</p><p>Das war eine typische rhetorische Floskel, aber Maya merkte es nicht. Es gab daf�r einen Fachausdruck, an den er sich nicht erinnern konnte. Metonymie? Synekdoche? Aber sie lachte blo�, lehnte sich an ihn und dr�ckte seine Schulter. Als ob der Kampf in Burroughs nie stattgefunden h�tte, von dem, was davor lag, ganz zu schweigen. Und in Sheffield lie� sie ihre Station passieren und stieg dann mit ihm zusammen aus. Sie ging an seine Schulter gelehnt durch die gro�e Bahnhofshalle und dann zu seiner Wohnung. Dort entkleidete sie sich, duschte und zog einen Pullover von ihm an. Dabei plapperte sie st�ndig �ber den Tag und die Lage im allgemeinen. Als ob sie das immer so machten, gingen sie essen: Suppe, Forelle, Salat, eine Flasche Wein�� wie alle Tage! Dann lehnten sie sich in ihren Sesseln zur�ck, um Kaffee und Brandy zu trinken. Politiker nach einen arbeitsreichen Tag. Die Anf�hrer.</p><p>Schlie�lich hatte sie genug und lag l�ssig in ihrem Sessel, damit zufrieden, ihn blo� anzusehen. Und erstaunlicherweise machte ihn das nicht nerv�s. Es war, als ob ein Kraftfeld ihn vor alledem sch�tzte. Vielleicht der Ausdruck in ihren Augen. Manchmal schien es, als ob man wirklich sagen k�nnte, dass jemand einen mochte.</p><p>Sie verbrachten die Nacht zusammen. Und danach teilte sie ihre Zeit zwischen ihrer Wohnung im �Mars-zuerst�-B�ro und seinen Zimmern, ohne je zu diskutieren, was sie tat und was das bedeutete. Und wenn es Zeit f�rs Bett war, zog sie sich aus, rollte sich neben ihn und dann auf ihn, warm und ruhig. Die Ber�hrung eines ganzen K�rpers, alles auf einmal�� Und wenn er etwas unternahm, reagierte sie unverz�glich. Er brauchte nur ihren Arm zu ber�hren. Als ob man in eine Sauna ginge. Sie war in diesen Tagen so angenehm, so ruhig. Wie eine andere Person. Es war erstaunlich. Ganz und gar nicht Maya. Aber da war sie und fl�sterte: Frank, Frank.</p><p>Aber sie sprachen nie dar�ber. Es ging immer um die Lage, die Neuigkeiten des Tages; und das gab ihnen wahrhaft reichlich Gespr�chsstoff. Die Unruhe auf Pavonis war in einen zeitweiligen Schwebezustand �bergegangen; aber die Schwierigkeiten umfassten den ganzen Planeten und wurden immer schlimmer: Sabotagen, Streiks, Krawalle, K�mpfe, Scharm�tzel, Morde. Und die Meldungen von der Erde waren durch den schw�rzesten Galgenhumor in schieres Entsetzen abgesunken. Mars bot demgegen�ber ein Bild der Ordnung, ein kleiner lokaler Wirbel, abgetrennt von dem gigantischen Mahlstrom, der Frank wie eine Todesspirale vorkam f�r alles, was hineingeriet. Kleine Kriege flackerten �berall auf wie Z�ndh�lzer. Indien und Pakistan hatten in Kaschmir Kernwaffen eingesetzt.</p><p>Afrika lag im Sterben, und der Norden zankte sich darum, wer zuerst helfen sollte.</p><p>Eines Tages erfuhren sie, dass die Mohole-Stadt Hephaestus westlich von Elysium, bemannt von Amerikanern und Russen, verlassen worden war. Der Funkkontakt war abgerissen; und als Leute aus Elysium gekommen waren, um nachzusehen, hatten sie die Stadt leer vorgefunden. Ganz Elysium war in Aufruhr; und Frank und Maya beschlossen zu sehen, ob sie in Person etwas ausrichten k�nnten. Sie nahmen zusammen den Zug nach Tharsis, hinab in die dicker werdende Luft und �ber die steinigen Ebenen, die jetzt gefleckt waren von Treibschnee, der nie schmolz. Der Schnee war jetzt gek�rnt, schmutzig rosa, �hnlich wie die Nordseite jeder D�ne und jedes Felsblocks, wie farbige Schatten. Und dann �ber die glitzernden schwarzen Fl�chen von Isidis, wo der Permafrost an warmen Sommertagen schmolz, um wieder zu schwarzen Schollen zu gefrieren. Eine Tundra im Entstehen, vielleicht sogar ein Sumpf. An den Fenstern des Zuges flogen B�schel schwarzen Grases vorbei, vielleicht sogar arktische Bl�ten. Oder war es vielleicht blo� Abfall?</p><p>Burroughs war still und ungem�tlich, die breiten begrasten Boulevards leer, ihr Gr�n so schockierend wie die Halluzination eines Nachbildes, wenn man in die Sonne geblickt hat. W�hrend sie auf den Zug nach Elysium warteten, ging Frank in den Gep�ckraum des Bahnhofs und reklamierte den Inhalt seines Zimmers in Burroughs, den er zur�ckgelassen hatte. Der W�rter kam mit einer einzigen gro�en Kiste zur�ck, die die K�cheneinrichtung eines Junggesellen enthielt, eine Lampe, einige Pullover und ein Leseger�t. Er konnte sich an nichts davon erinnern. Er steckte das Lese- und Notizger�t in die Tasche und warf den Rest in einen M�llbeh�lter. Vertane Jahre. Er konnte sich an keinen Tag davon erinnern. Die Vertrags�bereinkunft hatte sich jetzt als reines Theater entpuppt, als ob jemand die St�tze einer B�hnendekoration umgeworfen und den ganzen Hintergrund h�tte herunterkommen lassen, womit eine wahre Geschichte auf den Stufen dahinter zum Vorschein gekommen w�re, die zwei M�nner zeigte, die sich die H�nde sch�ttelten und zunickten.</p><p>Das russische B�ro in Burroughs w�nschte, dass Maya bliebe und sich mit einigen russischen Angelegenheiten dort befasste. Also nahm Frank allein einen Zug nach Elysium und schloss sich dann einer Roverkarawane nach Hephaestus an. Die Leute in seinem Wagen waren durch seine Anwesenheit gehemmt. Er ignorierte sie �rgerlich und sah sein Notizbuch durch. Gr��tenteils eine Standardauswahl, eine gro�e Reihe von B�chern, die nur durch einige politisch-philosophische Titel erg�nzt wurde. Hunderttausend B�nde. Heute fassen solche Ger�te das Hundertfache, obwohl das eine sinnlose Verbesserung war; denn es gab nicht mehr Zeit, auch nur ein einziges Buch zu lesen. Er hatte sich in jenen Tagen offenbar f�r Nietzsche interessiert. Ungef�hr die H�lfte der markierten Stellen stammten von ihm. Als Frank sie durchsah, konnte er nicht nachvollziehen, weshalb er sie markiert hatte. Es war alles windiges Gefasel. Und dann las er etwas, das ihn erschaudern machte: �Das Individuum ist in seiner Zukunft und seiner Vergangenheit ein St�ck Schicksal, ein Gesetz mehr und eine Notwendigkeit mehr f�r alles, das ist und alles, das sein wird. Wenn man zu ihm sagt �Ver�ndere dich!�, hei�t das zu verlangen, dass alles sich �ndern soll, sogar in der Vergangenheit���</p><p>In Hephaestus richtete sich eine neue Mohole-Mannschaft ein, gr��tenteils Oldtimer, Techniker und Ingenieure, aber viel gebildeter als die Neulinge auf Pavonis. Frank unterhielt sich mit einer Reihe von ihnen und fragte nach denen, die verschwunden waren.</p><p>Eines Morgens beim Fr�hst�ck, als er an einem Fenster sa�, durch das man die wei�e Thermalpumpe des Moholes sah, sagte eine Frau, die ihn an Ursula erinnerte: �Diese Leute haben ihr ganzes Leben lang die Videos gesehen, sie haben den Mars studiert, sie glauben an ihn wie an einen Gral und organisieren ihr Leben daf�r, hier zu leben. Sie arbeiten jahrelang und sparen und verkaufen dann alles, was sie haben, um eine Passage zu bekommen, weil sie eine ideale Vorstellung davon haben, wie es sein wird. Und dann kommen sie hierher und werden eingesperrt oder geraten bestenfalls in die alten Gleise, arbeiten irgendwo in einer Kuppel, so dass alles nur immer noch so ist wie im Fernsehen. Und so verschwinden sie. Denn sie suchen nach dem, weswegen sie hergekommen sind.�</p><p>Chalmers entgegnete: �Aber sie wissen nicht, wie die Verschwundenen leben. Wenn sie �berhaupt �berleben.�</p><p>Die Frau sch�ttelte den Kopf. �Das spricht sich herum. Leute kommen zur�ck. Es gibt Videos f�r einmalige Wiedergabe, die gelegentlich auftauchen.� Die Leute um sie herum nickten. �Und wir k�nnen sehen, was nach uns von der Erde heraufkommt. Am besten ist es, hinauszugehen, solange man noch die Chance hat.�</p><p>Frank sch�ttelte erstaunt den Kopf. Es war dasselbe, was der Liegest�tzler im Bergmannscamp gesagt hatte. Aber es war etwas beunruhigend, dass es von dieser ruhigen Frau in mittleren Jahren kam.</p><p>Als er an diesem Abend nicht einschlafen konnte, rief er Arkady an und bekam ihn nach einer halben Stunde zu sprechen. Arkady war oben auf Olympus Mons im Observatorium. Frank sagte: �Was, meinst du, wird geschehen, wenn sich hier alles in die Berge verdr�ckt?�</p><p>Arkady grinste. �Nun, Frank, dann werden wir ein menschliches Leben schaffen. Wir werden arbeiten, tun f�r unsere Bed�rfnisse zu sorgen, und werden wissenschaftlich arbeiten und vielleicht etwas mehr terraformen. Wir werden singen und tanzen und vor der Sonne spazieren gehen und wie Wilde arbeiten f�r Nahrung und aus Neugier.�</p><p>Frank rief: �Das ist <emphasis>unm�glich!</emphasis> Wir sind ein Teil der Welt, wir k�nnen ihr nicht entrinnen.�</p><p>�K�nnen wir nicht? Die Welt, von der du sprichst, ist nur der blaue Abendstern. F�r uns ist jetzt die rote Welt die einzig reale.�</p><p>Frank gab es �rgerlich auf. Er war nie f�hig gewesen, mit Arkady zu diskutieren, niemals. Mit John war es anders gewesen. Aber er und John waren schlie�lich auch Freunde gewesen.</p><p>Er fuhr mit dem Zug nach Elysium zur�ck. Das Elysium-Massiv erhob sich �ber den Horizont wie ein enormer Sattel, der auf die W�ste gefallen war. Die steilen Flanken der beiden Vulkane waren jetzt r�tlich wei�, tief in Schneemassen begraben, die sich zu Firn verfestigt hatten. Die w�rden bald zu Gletschern werden. Er hatte sich die St�dte in Elysium immer als Gegengewicht zu Tharsis gedacht�� �lter, kleiner, leichter zu verwalten und ges�nder. Aber jetzt verschwanden Menschen zu Hunderten. Es war ein Absprungpunkt in die unbekannte Nation, die da drau�en in der Kraterwildnis verborgen war.</p><p>In Elysium baten sie ihn, zu einer Gruppe amerikanischer Neuank�mmlinge zu sprechen am ersten Abend ihrer Einf�hrung. Eine offizielle Rede; aber vorher war eine informelle Zusammenkunft, und Frank ging herum und stellte Fragen wie �blich. Ein Mann sagte zu ihm frech: �Nat�rlich werden wir hinausgehen, wenn wir k�nnen.�</p><p>Andere fuhren gleich dazwischen. �Man hat uns gesagt, wir sollten nicht herkommen, wenn wir viel ins Freie gehen wollten. Sie sagten, auf dem Mars ist das nicht so.�</p><p>�Wen glauben sie zum Narren halten <emphasis>zu</emphasis> k�nnen?�</p><p>�Wir k�nnen das Video, das du zur Erde geschickt hast, ebenso gut sehen wie sie.�</p><p>�Zum Teufel, jeder zweite Artikel, den man liest, handelt vom Untergrund auf dem Mars und dass sie Kommunisten w�ren oder Nudisten oder Rosenkreuzer���</p><p>�Utopias oder Karawanen oder primitive H�hlenbewohner���</p><p>�Amazonen oder Lamas oder Cowboys���</p><p>�Es ist so, dass ein jeder seine Phantasien nach hier drau�en projiziert, weil es da unten so schlecht ist, verstehst du?�</p><p>�Vielleicht gibt es eine koordinierte Gegenwelt.�</p><p>�Das ist wieder so eine gro�e Phantasievorstellung���</p><p>�Die wahren Herren des Planeten, warum nicht? Versteckt, vielleicht von deiner Freundin Hiroko angef�hrt, vielleicht in Kontakt mit deinem Freund Arkady, vielleicht auch nicht. Wer wei�? Niemand wei� es sicher, jedenfalls nicht auf der Erde.�</p><p>�Das sind alles Geschichten. Am besten sollte man gleich losgehen. Millionen auf der Erde sind dabei. Viele von ihnen m�chten kommen, aber nur wenige von uns kommen dazu. Und ein guter Prozentsatz derer von uns, die ausgesucht wurden, gelangten durch den Auswahlproze�, indem sie denen die Hucke vollgelogen haben.�</p><p>�Ja, ja�, schaltete Frank sich bek�mmert ein. �Wir alle haben das getan.� Es erinnerte ihn an Michels alten Witz, dass sie alle sowieso verr�ckt werden w�rden��</p><p>�Nun, ihr seid aber hier. Was hattet ihr erwartet?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Er sch�ttelte ungl�cklich den Kopf. �Aber es ist <emphasis>alles</emphasis> Phantasie, versteht ihr? Die Notwendigkeit versteckt zu bleiben, w�rde jede Gemeinschaft verk�mmern lassen. Es sind alles nur Fiktionen, wenn ihr der Sache auf den Grund geht. Nur Geschichten.�</p><p>�Wohin gehen denn alle, die verschwinden?�</p><p>Frank zuckte m�rrisch die Achseln, und sie grinsten.</p><p>Eine Stunde sp�ter dachte er immer noch dar�ber nach. Sie hatten sich alle in ein Amphitheater begeben, das aus festen Salzbl�cken in klassisch griechischem Stil erbaut war. Der Halbkreis ansteigender wei�er B�nke war gef�llt mit aufmerksamen Personen, die auf seine Rede warteten, gespannt darauf, was einer der Ersten Hundert ihnen sagen w�rde. Er war ein Relikt aus der Vergangenheit, eine Person der Geschichte, er war zehn Jahre fr�her auf dem Mars gewesen, als einige der Zuh�rer geboren wurden, und seine Erinnerungen an die Erde stammten aus gro�elterlicher Zeit, jenseits einer weiten und d�steren Kluft von Jahren.</p><p>Die Griechen der Antike hatten richtig die Gr��e und Proportionen f�r einen einzelnen Sprecher getroffen. Er brauchte kaum die Stimme zu erheben, und alle konnten ihn h�ren. Er erz�hlte ihnen einige der �blichen Dinge, seine Standardansprache, alles gest�ckelt und zensiert, da es durch laufende Ereignisse j�mmerlich zerfetzt worden war. �Seht�, sagte er, w�hrend er die Gesichter in der Menge erforschte und krampfhaft revidierte und extemporierte, �als wir hier ankamen, war es ein anderer Ort, eine andere Welt; und das macht uns notwendigerweise zu anderen Menschen, als wir vorher waren. Keine der alten Direktiven der Erde spielen mehr eine Rolle. Wir werden unausweichlich eine neue Marsgesellschaft begr�nden. Das liegt in der Natur der Dinge. Sie entsteht aus den Entscheidungen, die wir zusammen treffen, aus unserer kollektiven T�tigkeit. Und das sind Entscheidungen, die wir in unserer Zeit treffen, in diesen Jahren, in diesem Augenblick. Aber wenn ihr euch in die Wildnis verdr�ckt und euch einer der verborgenen Kolonien anschlie�t, dann isoliert ihr euch selbst! Ihr bleibt, was immer ihr wart, als ihr kamt, und verwandelt euch nie in einen Menschen des Mars. Und ihr beraubt auch uns �brigen eurer Erfahrung und eures Beitrags. Ich kenne das pers�nlich, glaubt mir!� Er wurde von Schmerz durchdrungen und war dar�ber erstaunt.</p><p>�Wie ihr wisst, sind einige der Ersten Hundert als erste verschwunden, vermutlich unter F�hrung von Hiroko Ai. Ich verstehe immer noch nicht, warum sie das taten, wirklich nicht. Aber wie sehr haben wir ihren Genius f�r Systemplanung in der Folgezeit vermisst. Das kann ich euch versichern! Ich glaube, man kann tats�chlich sagen, dass ein Teil unserer jetzigen Schwierigkeiten aus ihrer Abwesenheit in diesen vielen Jahren resultiert.� Er sch�ttelte den Kopf und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. �Als ich zum ersten Mal diesen Canyon sah, in dem wir uns befinden, war ich mit ihr zusammen. Es war eine der ersten Erkundungen dieses Gebietes, ich hatte Hiroko an meiner Seite, und wir blickten in diesen Canyon hinunter, seinen ebnen und kahlen Boden; und sie sagte zu mir: �Das ist wie der Fu�boden eines Zimmers. ��</p><p>Er sah sein Publikum an und suchte sich an Hirokos Gesicht zu erinnern. Ja�� nein. Seltsam, wie man sich an Gesichter erinnerte, bis man sie im Geist vor sich zu sehen bem�ht war, als sie sich von einem abgewendet hatten. �Ich habe sie vermisst. Ich komme hierher, und es ist unm�glich zu glauben, dass es derselbe Ort ist, und so�� f�llt es mir schwer zu glauben, dass ich sie wirklich gekannt habe.� Er machte eine Pause und versuchte, sich auf ihre Gesichter zu konzentrieren. �Versteht ihr?�</p><p>�Nee!� kl�fften einige.</p><p>Er war verwirrt und �rgerte sich wieder. �Ich sage, wir m�ssen hier einen neuen Mars schaffen! Ich sage, wir sind v�llig neue Wesen und dass hier nichts dasselbe ist. Nichts ist dasselbe!�</p><p>Er musste aufgeben und sich setzen. Andere Redner folgten, und ihre dr�hnenden Stimmen ergossen sich �ber ihn, w�hrend er wie gel�hmt dasa� und �ber das offene Ende des Amphitheaters in einen Park locker gepflanzter Sykomoren blickte. Dahinter schlanke wei�e Geb�ude mit B�umen auf D�chern und Balkons. Eine Vision in Gr�n und Wei�.</p><p>Er konnte es ihnen nicht sagen. Niemand konnte es ihnen sagen. Nur Zeit und der Mars selbst. Und in der Zwischenzeit w�rden sie in offenem Widerspruch zu ihren eigenen materiellen Interessen handeln. Es war immer wieder dasselbe. Aber wie konnte das nur sein? Warum waren die Menschen so bl�d?</p><p>Er verlie� das Amphitheater und ging durch den Park und die Stadt. �ber sein Armband fragte er Slusinski: �Wie k�nnen Menschen gegen ihre eigenen offenkundigen Interessen handeln? Das ist Wahnsinn! Marxisten waren Materialisten. Wie haben die das erkl�rt?�</p><p>�Ideologie, Sir.�</p><p>�Aber wenn die materielle Welt und unsere Art, damit umzugehen, alles andere bestimmen, wie kann da Ideologie aufkommen? Woher, sagen sie, ist sie gekommen?�</p><p>�Einige von ihnen haben Ideologie als eine imagin�re Beziehung zu einer realen Situation definiert. Sie haben zugegeben, dass Ideologie eine m�chtige Kraft im menschlichen Leben ist.�</p><p>�Aber dann waren sie gar keine Materialisten!� Er fluchte �rgerlich. �Kein Wunder, dass der Marxismus tot ist.�</p><p>�Nun, Sir, tats�chlich bezeichnen sich viele Leute auf dem Mars als Marxisten.�</p><p>�Schei�e! Sie k�nnten sich ebenso gut Zoroastrier oder Jansenisten oder Hegelianer nennen.�</p><p>�Marxisten sind Hegelianer, Sir.�</p><p>�Schluss!� knurrte Frank und trennte die Verbindung.</p><p>Imagin�re Wesen in einer realen Landschaft. Kein Wunder, dass er die R�be und den Kn�ppel vergessen hatte und durch die Gefilde neuen Seins und radikalen Unterschieds und all solchen Unfug gewandelt war. Zu versuchen, John Boone zu sein. Ja, das stimmte! Er versuchte, das zu tun, was John gemacht hatte. Aber John war darin gut gewesen. Frank hatte in den alten Zeiten seinen Zauber immer wieder wirken sehen, wo er alles blo� durch seine Worte ver�nderte.</p><p>Dagegen waren f�r Frank Worte nur Steine im Mund. Selbst jetzt, wo sie gerade das brauchten, wenn es das einzige war, das sie retten w�rde.</p><empty-line/><p>Maya traf ihn in der Burroughs-Station und dr�ckte ihn an sich. Er lie� sich das steif gefallen, w�hrend seine herunterh�ngenden H�nde die Gep�ckst�cke hielten. Au�erhalb der Kuppel bl�hten sich an einem malvenfarbenen Himmel tiefe schokoladenfarbene Gewitterwolken. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Sie sagte: �Du warst wundervoll. Jeder spricht dar�ber.�</p><p>�Eine Stunde lang.� Danach w�rden die Emigranten verschwinden wie zuvor. Es war eine Welt der Taten, und Worte hatten darauf nicht mehr Einfluss als das Rauschen eines Wasserfalls auf den Fluss des Stromes.</p><p>Er begab sich eilig zu den Mesa-B�ros. Maya kam herbei und plauderte mit ihm, als er in einen der R�ume mit gelben W�nden im vierten Stock hineinschaute. Bambusm�bel, gebl�mte Folien und Couchkissen. Maya war voller Pl�ne und war mit ihm zufrieden. Sie war mit ihm zufrieden! Er biss die Z�hne aufeinander, bis es weh tat��</p><p>Schlie�lich stand er auf und ging zur T�r. �Ich muss Spazierengehen�, sagte er. Als er ging, sah er ihr Gesicht im Augenwinkel. Verletztes Erstaunen. Wie �blich.</p><p>Er ging rasch zum Rasen hinunter und l�ngs der Reihe von Barei�s�ulen, die in ihrer Unordnung wie fliegende Kegel aussahen. Auf der anderen Seite des Kanals setzte er sich am Rande eines Cafes an einen runden wei�en Tisch und labte sich eine Stunde lang an griechischem Kaffee.</p><p>Pl�tzlich stand Maya vor ihm.</p><p>�Was meinst du damit?� sagte sie und zeigte auf den Tisch und seine m�rrische Miene. �Was stimmt jetzt nicht?�</p><p>Er blickte auf seine Kaffeetasse, dann zu ihr auf, dann wieder in die Tasse. Es war unm�glich. In seinem Kopf bildete sich ein Satz, der jedes Wort gleichm��ig betonte: <emphasis>Ich�� habe�� John�� get�tet.</emphasis></p><p>Er sagte: �Es ist alles in Ordnung. Was meinst du?�</p><p>Sie straffte die Mundwinkel. Das verlieh ihr einen ver�chtlichen Blick, und sie wirkte alt dabei. Jetzt war sie fast achtzig. Sie waren beide daf�r zu alt. Nach langem Schweigen setzte sie sich ihm gegen�ber hin.</p><p>�Schau�, sagte sie langsam. �Ich k�mmere mich nicht um das, was in der Vergangenheit geschehen ist.� Sie hielt inne, und er wagte einen Blick auf sie. Sie schaute nach unten, in sich hinein. �Ich meine, was auf der <emphasis>Ares</emphasis> geschehen ist oder in Underhill. Oder sonst wo.�</p><p>Sein Herz h�mmerte wie ein Kind, das heraus will. Seine Lungen waren kalt. Sie redete immer, aber er hatte es nicht mitbekommen. Wusste sie Bescheid? Wusste sie, was er in Nicosia getan hatte? Das war unm�glich, sonst w�re sie nicht hier gewesen. (Wirklich?) Aber sie h�tte es wissen m�ssen.</p><p>�Verstehst du?� fragte sie.</p><p>Er hatte nicht geh�rt, was sie meinte. Er starrte weiter auf seine Kaffeetasse und schleuderte sie j�h mit dem Handr�cken fort. Sie polterte unter einen Tisch in der N�he und zerbrach. Der wei�e keramische Halbkreis des Henkels drehte sich auf dem Boden.</p><p>�Ich sagte: <emphasis>Verstehst du?�</emphasis></p><p>Er starrte gel�hmt weiter auf die leere Tischfl�che. Sich �berschneidende Ringe aus braunen Kaffeeflecken. Maya beugte sich vor und nahm ihr Gesicht in die H�nde. Sie kr�mmte sich �ber dem Magen zusammen und atmete nicht.</p><p>Endlich holte sie wieder Luft und hob den Kopf.</p><p>�Nein�, sagte sie so ruhig, dass er zuerst glaubte, sie spr�che mit sich selbst. Sie blickte auf, schaute ihm in die Augen und sagte: �Es war vor drei�ig Jahren. Vor mehr als f�nfunddrei�ig haben wir uns kennen gelernt; und drei�ig sind es her, dass all dies geschah. Ich bin nicht jene Maya Katarina Toitovna. Ich kenne sie nicht. Ich wei� nicht, was sie dachte oder f�hlte, oder warum. Das macht mir jetzt nichts mehr aus. Ich habe kein Empfinden daf�r. Jetzt bin ich, und dies bin ich.� Sie stie� sich mit einem Daumen zwischen die Br�ste. �Und schau: Ich liebe dich.�</p><p>Die Stille zog sich hin. Ihre letzten Worte drifteten davon wie die kleinen Wellen in einem Teich. Er konnte nicht aufh�ren, sie anzusehen. Dann wandte er den Blick ab und schaute zu den Sternen �ber ihren K�pfen auf und lie� deren Position in seine Erinnerung einsinken. Als sie sagte <emphasis>Ich liebe dich,</emphasis> stand Orion hoch am S�dhimmel. Der Metallstuhl war hart. Die F��e waren kalt.</p><p>Sie sagte: �Ich will �ber nichts nachdenken als dies.�</p><p>Sie wusste nicht, aber er. Und jeder musste seine Vergangenheit irgendwie akzeptieren. Sie waren jetzt fast achtzig Jahre alt�� und gesund. Es gab Leute, die jetzt einhundertzehn Jahre alt waren�� gesund und kr�ftig. Wer wusste, wie lange das dauern w�rde? Sie w�rden sich mit einer Menge Vergangenheit abfinden m�ssen. Und wenn das so weiterging und die Jahre ihrer Jugend in ferne Vergangenheit entwichen, und alle die verzehrenden Leidenschaften, die so tiefe Wunden geschnitten hatten�� w�rden sie wirklich nur Narben sein? Waren sie nicht entstellende Wunden, Tausende von Amputationen?</p><p>Aber es war nichts K�rperliches. Amputationen, Kastrationen, Aush�hlungen. <emphasis>Die</emphasis> gab es alle in der Einbildung. Eine imagin�re Beziehung zu einer realen Situation��</p><p>�Der Geist ist ein komisches Vieh�, murmelte er.</p><p>Sie neigte den Kopf und blickte ihn wissbegierig an. Pl�tzlich hatte er Angst. Sie <emphasis>waren</emphasis> ihre Vergangenheiten. Sie mussten es sein, oder sie waren gar nichts. Und was auch immer sie in der Gegenwart f�hlten oder dachten oder sagten, war nicht mehr als ein Echo der Vergangenheit. Und wenn sie also sagten, was sie sagten, wie konnten sie wissen, was ihre tieferen Gehirne wirklich f�hlten, dachten und sagten? Sie wussten das nicht, nicht wirklich. Aus diesem Grund waren Beziehungen h�chst mysteri�s. Sie fanden statt zwischen zwei Unterbewu�tseinsebenen; und was auch immer der d�nne Strom des Oberbewu�tseins dachte, das vor sich ginge, dem konnte man nicht trauen, dass es wahr w�re. Ob Maya dies auf der tiefsten Ebene wusste oder nicht wusste, sich erinnerte oder verga�, Rache schwor oder verzieh? Es gab keine M�glichkeit, das zu sagen. Er konnte nie sicher sein. Es war unm�glich.</p><p>Und dennoch war sie da, sa� da in j�mmerlichem Zustand und sah aus, als ob er sie wie eine Kaffeetasse zerschmettern k�nnte mit einem einzigen Schnippen des Fingers. Wenn er nicht mindestens vorgeben w�rde, ihr zu glauben, was dann? Was dann? Wie konnte er sie so zerbrechen? Sie w�rde ihn deswegen hassen, weil er sie zwang, sich an die Vergangenheit zu erinnern und sich darum zu k�mmern. Und so�� musste man fortfahren, handeln.</p><p>Er hob die Hand, so erschreckt, dass ihm diese Bewegung wie eine Teleoperation vorkam. Er war ein Zwerg in einem Waldo-Manipulator, einem Waldo, das steif, heikel und ungewohnt war: Heben, rasch manipulieren! Nach links, halt, zur�ck. Ruhig. Sanft nach unten. Ganz sanft auf ihren Handr�cken. Zufassen, sehr zart. Ihre Hand war wirklich sehr kalt. Und auch die seine.</p><p>Sie blickte von ihm fort.</p><p>�Lass uns��� Er musste sich r�uspern. �Lass uns wieder in unsere Zimmer gehen!�</p><empty-line/><p>Noch Wochen danach blieb er k�rperlich unbeholfen, als h�tte er sich in einen Raum anderer Art zur�ckgezogen und m�sste seinen K�rper aus der Entfernung bet�tigen. Teleoperation. Das machte ihm bewusst, wie viele Muskeln er hatte. Manchmal kannte er sie so gut, dass er sich wie eine Schlange durch die Luft bewegen konnte; aber meistens schoss er durch die Gegend wie Frankensteins Monstrum.</p><p>Burroughs war von schlechten Nachrichten �berschwemmt. Das Leben in der Stadt schien ziemlich normal, aber die Videoschirme brachten Szenen einer Welt, die Frank kaum glauben konnte. Krawalle in Hellas. Der �berkuppelte Krater New Houston erkl�rte sich zu einer unabh�ngigen Republik; und in der gleichen Woche schickte Slusinski ein amerikanisches Band, wonach alle f�nf Wohngruppen daf�r gestimmt hatten, Hellas ohne g�ltige Reisegenehmigungen zu verlassen. Chalmers setzte sich mit dem neuen UNOMA-Agenten in Verbindung und erhielt ein Sonderkommando von UN-Sicherheitspolizei, das dorthin gehen sollte. Zehn M�nner verhafteten f�nfhundert durch den einfachen Trick, indem sie den Versorgungscomputer der Kuppel �berwanden und die hilflosen Bewohner zwangen, eine Reihe von Bahnwagen zu besteigen, ehe die Luft aus der Kuppel abgelassen w�rde. Sie wurden per Bahn nach Korolyov gebracht, das jetzt praktisch eine Gef�ngnisstadt war. Seine Umfunktionierung in ein Gef�ngnis war k�rzlich allgemein zur Kenntnis gebracht worden; es war schwer zu sagen, wann, weil es von langer Hand vorbereitet schien, vielleicht weil die Teile eines Gef�ngnissystems schon seit einigen Jahren planetenweit existiert hatten.</p><p>Chalmers interviewte einige Insassen �ber ihre Zimmerfernseher, immer zwei oder drei gleichzeitig. Er sagte ihnen: �Ihr seht, wie leicht es war, euch festzusetzen. Und so wird es �berall sein. Die Lebenserhaltungssysteme sind so empfindlich, dass man sie unm�glich verteidigen kann. Selbst auf der Erde ist ein Polizeistaat mit fortgeschrittener Milit�rtechnik viel leichter zu verwirklichen. Aber hier ist es l�cherlich einfach.�</p><p>Ein Mann in den Sechzigern entgegnete: �Nun gut, ihr habt uns erwischt, als es am leichtesten war. Das war geschickt. Wenn wir einmal freikommen, m�chte ich sehen, wie du uns f�ngst. In dieser Hinsicht ist euer Lebenserhaltungssystem ebenso verwundbar f�r uns wie unseres f�r euch. Und eures ist leichter auszumachen.�</p><p>�Das solltet ihr eigentlich besser wissen! Alles, was zur Erhaltung des Lebens dient, ist letztlich an die Erde gebunden. Und die haben ungeheure Milit�rmacht zur Verf�gung, wir aber nicht. Ihr und alle eure Freunde versucht, eine Phantasie-Rebellion zu inszenieren, eine Art Science Fiction im Stil von 1776, wo Grenzer das Joch der Tyrannei absch�tteln. Aber hier ist das nicht so! Die Analogien sind alle falsch und tr�gerisch, weil sie die Realit�t verschleiern, die wahre Natur unserer Abh�ngigkeit und die Macht jener. Sie hindern euch daran zu erkennen, dass es eine Phantasterei ist!�</p><p>Der Mann sagte grinsend: �Ich bin sicher, dass es in den Kolonien manchen guten Tory-Nachbar gab, der genau so argumentierte. In mancher Hinsicht ist die Analogie gut. Wir sind hier nicht blo� kleine R�dchen in der Maschine, sondern Individuen, die meisten von uns sind gew�hnliche Leute, aber es gibt auch etliche echte Pers�nlichkeiten. Ich garantiere dir, dass wir unsere Washingtons, Jeffersons und Paines erleben werden. Auch die Andrew Jacksons und Forrest Mosebys, die brutalen M�nner, die sich darauf verstehen, das zu bekommen, was sie wollen.�</p><p>�Das ist l�cherlich!� rief Frank. �Das ist eine falsche Analogie.�</p><p>�Nun ja, es ist eher eine Metapher als eine Analogie. Es gibt Unterschiede, aber wir wollen kreativ antworten. Wir wollen nicht Flinten �ber Steinmauern heben, um unfaire Sch�sse abzugeben.�</p><p>�Laserkanonen �ber Kraterw�nde heben? Meinst du, dass das anders ist?�</p><p>Der Mann schlug nach ihm, als ob die Kamera in seinem Zimmer ein Moskito w�re. �Ich nehme an, die eigentliche Frage ist, ob wir einen Lincoln haben werden.�</p><p>�Lincoln ist tot�, erwiderte Frank. �Und historische Analogien sind die letzte Zuflucht f�r Leute, die die aktuelle Situation nicht begreifen k�nnen.� Er trennte die Verbindung.</p><p>Vernunft war nutzlos. Ebenso �rger und Sarkasmus, von Ironie ganz zu schweigen. Er konnte nur versuchen, sich mit ihnen im Lande der Phantasie auseinanderzusetzen. So trat er in Versammlungen auf und tat sein Allerbestes. Er trug ihnen vor, was der Mars war, wie er entstanden war und was f�r eine sch�ne Zukunft er als eine kollektive Gesellschaft haben k�nnte, spezifisch und organisch marsm��ig in seiner Natur, �wenn die Schlacken all dieser terranischen Hassgef�hle weggebrannt sind, alle jene toten Gewohnheiten, die uns hindern, wirklich zu leben von der Sch�pfung, welche die einzige reale Sch�nheit der Welt ist, verdammt!�</p><p>Zwecklos. Er versuchte, Zusammenk�nfte mit einigen Verschwundenen zu arrangieren. Einmal sprach er mit einer Gruppe am Telefon und bat sie, wenn m�glich Hiroko zu �bermitteln, dass er dringend mit ihr reden m�sse. Aber niemand schien zu wissen, wo sie war.</p><p>Dann bekam er eines Tages eine Mitteilung von ihr, in Druckschrift von Phobos gefaxt. Es hie�, er sollte lieber mit Arkady sprechen. Aber Arkady war verschwunden, als er in Hellas war, und nahm keine Anrufe mehr entgegen.</p><p>Frank sagte eines Tages vergr�mt zu Maya: �Es ist ein Versteckspiel. Hattet ihr dieses Spiel in Russland? Ich erinnere mich, dass ich es einmal mit einigen �lteren Kindern gespielt habe. Es war gegen Sonnenuntergang, und ein �ber dem Wasser aufziehendes Gewitter machte es richtig dunkel; und da war ich, lief in leeren Stra�en herum und merkte, dass ich nie einen von ihnen finden w�rde.�</p><p>Sie gab ihm den Rat: �Vergi� die Verschwundenen! Konzentrier dich auf diejenigen, die du sehen kannst. Die Verschwundenen werden dir sowieso auf der Spur bleiben. Es spielt keine Rolle, wenn du sie nicht sehen kannst oder sie nicht antworten.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>Dann kam eine neue Einwanderungswelle. Er rief nach Slusinski und befahl ihm, eine Erkl�rung von Washington zu fordern.</p><p>�Offensichtlich, Sir, ist das Konsortium des Aufzugs im Kampf von Subarashii �bernommen worden, so dass sich seine Guthaben in Trinidad Tobago befinden und es nicht l�nger interessiert ist, amerikanischen Belangen in der Sache zu entsprechen. Sie sagen, dass die Kapazit�t der Infrastruktur jetzt mit einer gem��igten Emigrationsrate im Einklang w�re.�</p><p>�Zum Teufel mit ihnen!� sagte Frank. �Sie wissen nicht, was sie damit anrichten.�</p><p>Er ging im Kreis herum und knirschte mit den Z�hnen. Die Worte str�mten ruhig in einem Monolog eigener Art aus ihm heraus. �Dir seht, aber ihr versteht nicht. Es ist so, wie John zu sagen pflegte, dass es Teile der Realit�t des Mars gibt, die sich nicht durch das Vakuum bewegen k�nnen. Das ist nicht blo� die Empfindung der Schwerkraft, sondern das Gef�hl, in einem Wohnkomplex aufzustehen und ins Bad zu gehen und dann �ber die Allee in einen Speisesaal. Und ihr versteht alles falsch, ihr arroganten, Ignoranten, stupiden Schei�kerle���</p><p>Er und Maya nahmen den Zug von Burroughs zur�ck hinauf zum Pavonis Mons. W�hrend der ganzen Fahrt sa� sie am Fenster und sah zu, wie Landschaft aufstieg und sich senkte und sich im Flachland auf f�nf Kilometer verengte und dann beim Anstieg sich auf f�nfzig oder hundert Kilometer ausweitete. Eine so gro�e Beule war Tharsis an dem Planeten. Etwas war darin ausgebrochen. Wie in der gegenw�rtigen Lage. Ja, sie waren auf dem Tharsisbuckel der Geschichte des Mars stecken geblieben, wobei die gro�en Vulkane vor dem Ausbruch standen.</p><p>Und dann war da einer, Pavonis Mons, ein riesiger Traumberg, als ob die Welt ein Druck von Hokusai w�re. Frank hatte M�he zu sprechen. Er vermied es, das Fernsehen auf der Vorderseite des Wagens anzuschauen. Nachrichten leuchteten im ganzen Zug sowieso st�ndig auf, um wieder zu erl�schen�� in St�cken mitgeh�rter Gespr�che oder dem Aussehen von Gesichtern der Leute. Es war nie n�tig, das Video zu verfolgen, um die wirklich wichtigen Meldungen herauszufinden.</p><p>Der Zug bewegte sich durch einen Wald von Acheronkiefern, kleine z�he Gew�chse mit einer Rinde wie Schmiedeeisen und zylindrischen Nadelb�scheln. Aber die Nadeln waren alle gelb und hingen herab. Er hatte davon geh�rt. Es gab Probleme mit dem Boden, zu viel Salz oder zu wenig Stickstoff. Sie waren nicht ganz sicher. Gestalten mit Helmen standen um einen herum und pfl�ckten Proben der kranken Nadeln. �Das bin ich�, sagte Frank leise zu Maya, denn sie schlief. �Mit Nadeln herumspielen, wenn die Wurzeln krank sind.�</p><empty-line/><p>In den Sheffieldb�ros nahm er Besprechungen auf mit den neuen Verwaltern des Aufzugs und fing zugleich eine neuer Runde simultaner Konferenzen mit Washington an. Es stellte sich heraus, dass Phyllis immer noch die Leitung des Aufzugs hatte, nachdem sie Subarashii bei der feindlichen �bernahme unterst�tzt hatte.</p><p>Dann h�rte er, dass Arkady sich in Nicosia befand, gleich unterhalb des Abhangs von Pavonis, und dass er und seine Gefolgsleute Nicosia zu einer freien Stadt wie New Houston erkl�rt hatten. Nicosia war ein gro�er Absprungpunkt f�r die Verschwundenen geworden. Man konnte nach Nicosia hineinschl�pfen und nie wieder auftauchen. Das war Hunderte Male vorgekommen, so klar, dass es ziemlich deutlich war, es m�sste dahinter ein System von Kontakt und �bermittlung stecken, eine Art Untergrundbahn, in die noch kein verdeckter Ermittler hatte eindringen oder aus ihr zur�ckkommen k�nnen. Als Frank das h�rte, sagte er zu Maya: �Lass uns hinuntergehen und mit ihm reden. Ich m�chte ihm wirklich in Person gegen�berstehen.�</p><p>Maya sagte finster: �Das wird nichts n�tzen.� Aber Nadia war vermutlich auch dort, und so kam sie mit.</p><p>Den ganzen Abhang von Tharsis hinunter fuhren sie schweigend und sahen den �berfrorenen Fels vorbeifliegen. In Nicosia �ffnete sich der Bahnhof f�r ihren Zug, als ob eine Verweigerung f�r sie �berhaupt nicht fraglich gewesen w�re. Aber Arkady und Nadia waren nicht in der kleinen Schar, die sie begr��te. Statt dessen war es Alexander Zhalin. Im B�ro des Stadtverwalters riefen sie Arkady �ber eine Videoverbindung an. Nach dem Sonnenlicht hinter ihm zu urteilen, befand er sich viele Kilometer weit im Osten. Und Nadia, hie� es, w�re �berhaupt nie in Nicosia gewesen.</p><p>Arkady sah so aus wie immer�� freundlich und entspannt. �Das ist Wahnsinn�, sagte Frank zu ihm, w�tend, dass er ihn nicht in Person erreicht hatte. �Du kannst nicht hoffen, Erfolg zu haben.�</p><p>�O doch�, sagte Arkady. �Wir k�nnen.� Sein �ppiger roter und wei�er Bart war ein deutliches Revolutionsabzeichen, als w�re er der junge Fidel Castro und im Begriff, Havanna einzunehmen. �Nat�rlich w�re es mit eurer Hilfe leichter, Frank. Denk dar�ber nach!�</p><p>Ehe Frank mehr sagen konnte, erweckte jemand au�erhalb des Bildschirms Arkadys Aufmerksamkeit. Eine gefl�sterte Konversation auf russisch, und dann sah Arkady ihn wieder an. Er sagte: �Entschuldigung, ich muss mich um etwas k�mmern. Ich komme so schnell wie m�glich wieder zu dir zur�ck.�</p><p>�Geh nicht!� br�llte Frank, aber die Verbindung war schon getrennt. �Gottverdammt!�</p><p>Nadia kam in die Leitung. Sie war in Burroughs gewesen, war aber in die Verbindung eingeschaltet gewesen, wie es schien. Im Gegensatz zu Arkady war sie streng, br�sk und m�rrisch. �Du kannst nicht das unterst�tzen, was er tut!� rief Frank.</p><p>�Nein�, sagte Nadia grimmig. �Wir sprechen nicht. Wir haben noch diesen Telefonkontakt, daher wei� ich, wo du warst; aber wir benutzen ihn nicht mehr direkt. Keinen Sinn.�</p><p>�Du kannst ihn nicht beeinflussen?� fragte Maya.</p><p>�Nein.�</p><p>Frank sah, dass es Maya schwer fiel, das zu glauben, und er musste fast dar�ber lachen. Keinen Mann beeinflussen und manipulieren? Nadia hatte doch damit nie Probleme gehabt.</p><empty-line/><p>In dieser Nacht blieben sie in einem Wohnheim nahe dem Bahnhof. Nach dem Abendessen ging Maya wieder zum B�ro des Stadtverwalters, um mit Alexander, Dmitri und Elena zu sprechen. Frank war nicht interessiert. Es war Zeitvergeudung. Er ging ruhelos um die alte Stadt herum, durch Gassen, die zur Kuppelwand f�hrten, und erinnerte sich an jene Nacht, die so lange zur�cklag. Tats�chlich nur neun Jahre, obwohl es ihm wie hundert vorkam. Nicosia war in diesen Tagen nicht sehr ansehnlich. Der Park am westlichen Ende bot noch einen guten Anblick im ganzen, aber es war so finster, dass er kaum etwas erkennen konnte.</p><p>In dem Sykomorenhain, der jetzt voll ausgewachsen war, kam er an einem kleinen Mann vorbei, der in umgekehrter Richtung ging. Der rief: �Chalmers!�</p><p>Frank wandte sich um. Der Mann hatte ein schmales Gesicht, lange verfilzte Haarfransen und dunkle Haut. Aber als er ihn erblickte, erschauerte er und platzte heraus: �Ja?�</p><p>Der Mann schaute ihn an und sagte: �Du kennst mich wohl nicht?�</p><p>�Nein. Wer bist du?�</p><p>Das Grinsen des Mannes war schief, als ob sein Gesicht durch ein gebrochenes Kiefergelenk gehandicapt w�re. Bei der Stra�enbeleuchtung sah es undeutlich und entstellt aus.</p><p>�Wer bist du?� fragte Frank wieder.</p><p>Der Mann hob den Finger. �Als wir uns das letzte Mal begegneten, hast du die Stadt kaputt gemacht. Heute Nacht bin ich an der Reihe. Ha!� Er ging lachend davon. Jedes scharfe �Ha!� war h�her als das vorige.</p><p>Als er kurz darauf ins Stadtb�ro kam, ergriff Maya ihn am Arm. �Ich habe mir Sorgen gemacht. Du solltest nicht allein in dieser Stadt umhergehen.�</p><p>�Halt den Mund!� Er ging ans Telefon und rief die Versorgungszentrale. Alles war normal. Er rief die UNOMA-Polizei an und sagte den Leuten, sie sollten eine bewaffnete Wache an der Zentrale und am Bahnhof in Stellung bringen. Er wiederholte die Anordnung noch f�r jemanden, der h�here Befugnisse hatte; aber es schien, als ob er bis zu dem neuen Manager gehen m�sste, um eine Best�tigung zu erhalten, als der Schirm leer wurde. Unter den F��en bebte es, und alle Alarmglocken der Stadt schrillten zugleich los.</p><p>Dann gab es einen heftigen Sto�. Alle T�ren schlossen sich zischend. Das Geb�ude schloss sich hermetisch, was bedeutete, dass der Druck drau�en j�h gefallen war. Frank und Maya rannten ans Fenster und schauten hinaus. Die Kuppel �ber Nicosia war heruntergekommen. An manchen Stellen hatte sie sich wie eine Kunststoff-Folie �ber die h�chsten D�cher gebreitet, anderswo blies der Wind sie fort. Leute unten auf den Stra�en klopften an T�ren, rannten, brachen zusammen und kauerten sich hin wie die Leichen in Pompeji. Frank wandte sich rasch ab. Seine Z�hne klapperten vor grimmem Schmerz.</p><p>Offenbar hatte sich das Geb�ude erfolgreich abgedichtet. Unter all dem L�rm konnte Frank das Summen eines Generators h�ren oder f�hlen. Die Videoschirme waren leer, so dass es schwer war, dem Blick aus dem Fenster zu glauben. Mayas Gesicht war ger�tet, aber sie verhielt sich ruhig. �Die Kuppel ist heruntergekommen!�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Aber was ist passiert?�</p><p>Er antwortete nicht.</p><p>Sie hantierte noch an den Bildschirmen. �Hast du schon das Radio versucht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Na und?� schrie sie, au�er Fassung durch sein Schweigen. �Wei�t du, was vor sich geht?�</p><p>�Revolution�, sagte er.</p></section></section><section><title><p>SIEBTER TEIL</p><p>Senzeni Na</p></title><section><p><emphasis>Am vierzehnten Tag der Revolution tr�umte Arkady Bogdanov, wie er und sein Vater auf einer Holzkiste sa�en vor einem kleinen Feuer am Rande der Lichtung�� einer Art von Lagerfeuer, nur dass die langen, niedrigen, mit Blech gedeckten H�user von Ugoly nur hundert Meter hinter ihren R�cken standen. Sie hatten die blo�en H�nde zu der w�rmenden Hitze ausgestreckt, und sein Vater erz�hlte wieder einmal die Geschichte von seiner Begegnung mit dem Schneeleoparden. Es war windig, und die Flammen z�ngelten. Dann ert�nte hinter ihnen ein Feueralarm.</emphasis></p><p><emphasis>Das war Arkadys Wecker, der auf vier Uhr morgens gestellt war. Ein Bild aus dem Traum kam ihm wieder in den Sinn. Er hatte seit dem Beginn der Revolte nicht viel geschlafen, ein paar Stunden hier und da; und dieser Alarm hatte ihn aus einigen Tr�umen im Tiefschlaf gerissen, aus Tr�umen, an die man sich normalerweise nicht erinnerte. Fast alle waren unverzerrte Erinnerungen an seine Kindheit gewesen, Erinnerungen, die ihm fr�her nie erschienen waren. Er musste sich fragen, wie viel das Ged�chtnis barg, und ob sein Speicher nicht unendlich viel gr��er w�re als sein Mechanismus der Wiedergewinnung. K�nnte man imstande sein, sich an jede Sekunde seines Lebens zu erinnern, aber nur in Tr�umen, die beim Erwachen immer verloren gingen? Und falls ja, was w�rde geschehen, wenn die Menschen zwei- oder dreihundert Jahre lang lebten?</emphasis></p><p><emphasis>Janet Blyleven kam vorbei. Sie sah besorgt aus. �Sie haben Nemesis in die Luft gejagt. Roald hat das Video analysiert und vermutet, dass sie es mit einem B�ndel Wasserstoffbomben getroffen haben.�</emphasis></p><p><emphasis>Sie gingen nach nebenan in die gro�en Cityb�ros von Carr, wo Arkady den gr��ten Teil der vergangenen zwei Wochen verbracht hatte. Alex und Roald waren drin vor dem Fernseher. Roald sagte: �Schirm, Band Eins wiederholen!�</emphasis></p><p><emphasis>Ein Bild flimmerte und stand: Schwarzer Raum, das dichte Netz der Sterne, und mitten im EM ein dunkler unregelm��iger Asteroid, haupts�chlich sichtbar als Fleck verdeckter Sterne. Die Expansion und Dispersion des Asteroiden war unmittelbar zu sehen. �Schnelle Arbeit�, bemerkte Arkady.</emphasis></p><p><emphasis>�Da ist noch ein Bild aus einer entfernteren Kamera.�</emphasis></p><p><emphasis>Dieser Schnitt zeigte den Asteroiden als l�nglich, und man konnte die silbernen Blasen seines Massenantriebs erkennen. Dann war ein wei�es Aufblitzen zu sehen; und als der dunkle Himmel wiederkam, war der Asteroid verschwunden. Ein Flimmern von Sternen rechts auf dem Schirm zeigte die Passage von Fragmenten an. Dann wurde es ruhig und war vorbei. Keine feurige wei�e Wolke, noch ein Dr�hnen auf der Tonspur. Nur die d�nne Stimme eines Reporters, der sagte, dass die Drohung seitens der Marsrevolution�re endlich beseitigt sei, und etwas �ber die Rechtfertigung des Konzepts strategischer Verteidigung. Obwohl die Geschosse ganz offensichtlich von der Amex-Mondbasis gekommen waren, von Magnetschienenkatapulten gestartet.</emphasis></p><p><emphasis>�Mir hat die Idee nie gefallen�, sagte Arkady. �Das war wieder gegenseitige totale Vernichtung.�</emphasis></p><p><emphasis>�Wenn aber bei gegenseitiger totaler Vernichtung eine Seite die F�higkeit verliert��� wandte Roald ein.</emphasis></p><p><emphasis>�Wir haben hier aber nicht die F�higkeit verloren. Und sie beurteilen das, was hier ist, genau so wie wir. So sind wir wieder bei der Schweizer Verteidigung angelangt.� Zerst�ren, was sie begehrten, und sich in die Berge zur�ckziehen, um ewig Widerstand zu leisten. Das war mehr nach seinem Geschmack.</emphasis></p><p><emphasis>�Es ist schw�cher�, sagte Roald offen. Er hatte mit der Mehrheit daf�r gestimmt, Nemesis auf Erdkurs zu bringen.</emphasis></p><p><emphasis>Arkady nickte. Es konnte nicht bestritten werden, dass ein Term aus der Gleichung gel�scht worden war. Aber es war nicht klar, ob sich das Gleichgewicht der Kr�fte ge�ndert hatte. Nemesis war nicht seine Idee gewesen. Mikhail Yangel hatte es vorgeschlagen, und die Gruppe in dem Asteroiden hatte es von sich aus durchgef�hrt. Jetzt waren viele von ihnen tot, get�tet durch die gro�e Explosion oder durch kleinere im G�rtel drau�en, w�hrend Nemesis selbst den Eindruck erweckt hatte, dass die Rebellen Massenzerst�rung auf der Erde dulden w�rden. Eine schlechte Idee, wie Arkady dargelegt hatte.</emphasis></p><p><emphasis>Aber so war es nun einmal bei einer Revolution. Niemand war unter Kontrolle, ganz gleich, was das Volk sagte. Und zum gr��ten Teil war es so besser, besonders hier auf dem Mars. In der ersten Woche waren die K�mpfe heftig gewesen. UNOMA und die Transnationalen hatten ihre Sicherheitskr�fte im vorangegangenen Jahr verst�rkt. Eine Menge der gro�en St�dte war sofort von ihnen eingenommen worden; und das h�tte �berall geschehen k�nnen. Nur stellte sich heraus, dass es so viel mehr Rebellengruppen gab, als sie oder sonst jemand gewusst hatten. �ber sechzig St�dte und Stationen waren ins Nachrichtennetz gegangen und hatten sich f�r unabh�ngig erkl�rt. Sie waren aus den Labors und Bergen herausgest�rmt und hatten einfach die Macht ergriffen. Und jetzt, da die Erde auf der anderen Seite der Sonne stand und die n�chste st�ndige F�hre zerst�rt war, waren es die Sicherheitskr�fte, die unter Belagerung standen, ob gro�e St�dte oder nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Es kam ein Anruf von der Versorgungszentrale. Sie hatten Schwierigkeiten mit den Computern und wollten, dass Arkady nach dem Rechten sah.</emphasis></p><p><emphasis>Er verlie� die Stadtb�ros und ging durch Menlo Park zur Zentrale. Es war kurz nach Sonnenaufgang, und der gr��te Teil des Carr-Kraters lag noch im Schatten. Zu dieser Stunde erhielten nur der Westrand und die hohen Betonbauten der Versorgungszentrale Sonnenlicht. Die W�nde waren im Morgenlicht ganz gelb, und die den Kraterrand hinauflaufenden Pisten waren wie Goldb�nder. In den schattigen Stra�en begann die Stadt gerade zu erwachen. Eine Menge Rebellen waren von anderen St�dten oder aus den mit Kratern bedeckten Gebirgen hereingekommen, und sie schliefen auf dem Gras des Parks. Einige richteten sich auf, die Schlafs�cke noch �ber den Beinen, die Augen verquollen, mit wirrem Haar. Die n�chtliche Temperatur war aufrechterhalten worden, aber es war in der Morgend�mmerung immer noch k�hl. Die aus den Schlafs�cken Gekrochenen dr�ngten sich um Herde zusammen, pusteten in die H�nde und hantierten mit Kaffeekannen und Samowars. Sie schauten nach Westen, um zu sehen, wie weit die Linie des Sonnenscheins schon heruntergekrochen war. Als sie Arkady sahen, winkten sie ihm zu; und ein paar Mal wurde er von Leuten angehalten, die seine Meinung �ber die Neuigkeiten h�ren oder ihm Ratschl�ge erteilen wollten. Arkady antwortete allen fr�hlich. Er sp�rte wieder jenen Unterschied in der Luft, das Gef�hl, sie w�ren alle in einem neuen Raum beisammen, wobei jeder vor den gleichen Problemen st�nde, alle einander gleich und jeder (das empfand er beim Anblick einer Heizspule, die unter einem Kaffeetopf gl�hte) gl�hend von der Elektrizit�t der Freiheit.</emphasis></p><p><emphasis>Beim Weitergehen f�hlte er sich leichter und sprach dabei in seinen Armbandrecorder. �Der Park erinnert mich an das, was Orwell gesagt hat �ber Barcelona in den H�nden von Anarchisten: �Es ist die Euphorie eines neuen Sozialvertrags, einer Wiederkehr zu jenem Kindertraum von Fairness, mit der wir alle begonnen haben.��</emphasis></p><p><emphasis>Sein Armbandger�t piepte, und Phyllis erschien auf dem kleinen Schirm. Das war beunruhigend. Er fragte: �Was willst du?�</emphasis></p><p><emphasis>�Nemesis ist vernichtet. Wir wollen, dass ihr euch ergebt, ehe weiterer Schaden entsteht. Arkady, es ist jetzt ganz einfach. Kapitulation oder Tod.�</emphasis></p><p><emphasis>Er musste fast lachen. Sie war wie die b�se Hexe in dem Film von Oz, die unerwartet in seiner Kristallkugel erschien.</emphasis></p><p><emphasis>�Da gibt es nichts zu lachen!� schrie sie. Er sah pl�tzlich, dass sie verst�rt war.</emphasis></p><p><emphasis>�Du wei�t, dass wir mit Nemesis nichts zu tun hatten�, sagte er. �Das ist irrelevant.�</emphasis></p><p><emphasis>�Wie kannst du nur so ein Narr sein?�</emphasis></p><p>�<emphasis>Das ist keine Narretei. H�r zu, sag deinen Herren folgendes: Wenn sie versuchen, die freien St�dte hier auf dem Mars zu unterjochen, werden wir alles auf dem Mars zerst�ren.� Das war die Schweizer Verteidigung.</emphasis></p><p><emphasis>�Glaubst du, dass das etwas ausmacht?� Sie hatte blasse Lippen, und ihr kleines Bild zeigte die Maske einer Furie.</emphasis></p><p>�O <emphasis>doch! Schau, Phyllis, ich bin nur die Polkappe davon. Es gibt einen massiven Untergrundblock, den du nicht sehen kannst. Er ist wirklich riesig; und sie haben die Mittel zum Gegenschlag, wenn sie das wollen.�</emphasis></p><p><emphasis>Sie musste den Arm gesenkt haben; denn das Bild auf seinem kleinen Schirm schaukelte wild und zeigte dann einen Fu�boden. Ihre k�rperlose Stimme sagte: �Du bist immer ein Tor gewesen. Sogar schon auf der</emphasis> Ares.�</p><p><emphasis>Die Verbindung riss ab.</emphasis></p><p><emphasis>Arkady ging weiter. Das Gew�hl der Stadt war nicht mehr so erheiternd wie zuvor. Wenn Phyllis Angst hatte��</emphasis></p><p><emphasis>An der Versorgungszentrale lie�en sie emsig eine Fehlersuche laufen. Vor ein paar Stunden hatte das Sauerstoffniveau in der Stadt zu steigen begonnen, aber die Warnlichter waren nicht angegangen. Ein Techniker hatte das durch Zufall bemerkt.</emphasis></p><p><emphasis>Nach einer halben Stunde Arbeit fanden sie es. Ein Programm war ausgetauscht worden. Sie ersetzten es; aber Tati Anokhin war nicht gl�cklich. �Schau, das muss Sabotage gewesen sein, und es gibt immer noch mehr Sauerstoff, als sein sollte. Schau, da drau�en sind es immer noch fast vierzig Prozent.�</emphasis></p><p><emphasis>�Kein Wunder, dass alle heute morgen in so guter Stimmung sind.�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich bin es nicht. Au�erdem ist dies Gerede von der Stimmung eine Legende.�</emphasis></p><p><emphasis>�Bist du sicher? Geh noch einmal durch das Programm und sieh dir die Kennzeichen der Verschl�sselung an und schau, ob darunter noch eine andere Substitution verborgen ist.�</emphasis></p><p><emphasis>Er machte sich wieder auf den Weg zu den Stadtb�ros.</emphasis></p><p><emphasis>Auf halbem Weg h�rte er in der H�he einen lauten Knall.</emphasis> Er <emphasis>schaute hoch und sah ein kleines Loch in der Kuppel. Die Luft gewann pl�tzlich einen irisierenden Schimmer, als ob sie in einer gro�en Seifenblase w�ren. Ein heller Blitz und ein lauter Bums warf ihn um. Als er sich hochrappelte, sah er, wie alles zugleich Feuer fing. Menschen brannten wie Fackeln, und direkt vor seinen Augen geriet sein Arm in Brand.</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>Es ist nicht schwer, St�dte auf dem Mars zu zerst�ren. Nicht schwerer, als eine Fensterscheibe zu zerbrechen oder einen Ballon zum Platzen zu bringen.</p><p>Nadia Cherneshevsky entdeckte dies, w�hrend sie in den Stadtb�ros von La�witz versteckt war, einer Kuppelstadt, die eines Abends gleich nach Sonnenuntergang ein Loch bekommen hatte. Alle �berlebenden Einwohner hatten sich in den Stadtb�ros oder der Versorgungszentrale zusammengedr�ngt. Drei Tage lang hatten sie ihre Zeit damit verbracht, nach drau�en zu gehen und die Kuppel zu reparieren. Im Fernsehen hatten sie versucht herauszufinden, was vor sich ging. Aber die Nachrichtenbl�cke von der Erde waren mit ihren eigenen Angelegenheiten besch�ftigt, wo die verschiedenen kleinen Kriege sich zu einem einzigen gro�en verschmelzen schienen. Nur ab und zu kam eine kurze Meldung �ber die zerst�rten St�dte auf dem Mars. In einer davon hie� es, dass viele �berkuppelte Krater von Geschossen getroffen worden seien, die �ber den Horizont gekommen waren. Gew�hnlich wurde zun�chst Sauerstoff oder mit Luft gemischte Treibstoffe hineingeschickt und gleich danach ein Z�nder, der Explosionen verschiedener Intensit�t bewirkte�� von Menschen t�tenden Feuern �ber Explosionen, die die Kuppel aufrissen, bis hin zu wirklich gro�en Detonationen, die den Krater praktisch entkernten. Sauerstoffbr�nde gegen Menschen schienen am h�ufigsten zu sein. Sie lie�en die Infrastruktur gr��tenteils intakt.</p><p>Mit Kuppelst�dten war es noch einfacher. Die meisten waren durch Laser von der Basis Phobos aus perforiert worden. Bei manchen waren die Versorgungszentralen durch gesteuerte Marschflugk�rper getroffen worden. Andere waren von Truppen der einen oder anderen Seite erobert worden, die Raumh�fen besetzt und mit gepanzerten Rovern die Stadtw�nde durchbrochen hatten, und in seltenen F�llen waren Fallschirmspringer mit Raketen von oben eingefallen.</p><p>Nadia beobachtete die zitternden Fernsehbilder, die deutlich die Angst der Kameraleute zeigten. Ihr Magen krampfte sich zu einem faustgro�en Ball zusammen. �Was tun sie? Testen sie verschiedene Methoden?� rief sie.</p><p>�Das bezweifle ich�, sagte Veli Zudov. �Es sind wohl nur verschiedene Gruppen, die unterschiedliche Methoden verwenden. Manche sehen so aus, als ob sie m�glichst wenig Schaden anrichten wollten, aber andere scheinen so viele von uns t�ten zu wollen, wie sie k�nnen, um neuen Raum f�r Auswanderer zu schaffen.�</p><p>Nadia wandte sich angewidert ab. Sie stand auf und ging in die K�che, leicht gebeugt wegen ihres verkrampften Magens. Sie wollte unbedingt etwas tun. In der K�che hatten sie einen Generator angestellt und w�rmten gefrorene Mahlzeiten mit Mikrowelle auf. Sie half bei der Ausgabe und ging an einer Reihe von Leuten auf und ab, die drau�en in der Halle sa�en. Ungewaschene Gesichter mit schwarzen Frostblasen. Einige Leute redeten lebhaft, andere sa�en da wie St�hlen oder schliefen gegeneinander gelehnt. Die meisten von ihnen hatten in La�witz gewohnt, aber eine gro�e Anzahl war aus Kuppeln oder Verstecken gekommen, die aus dem Weltraum zerst�rt oder durch Landstreitkr�fte angegriffen worden waren. Eine alte arabische Frau sagte zu einem kleinen knorrigen Mann: �Das ist dumm. Meine Eltern waren beim Roten Halbmond in Bagdad, als die Amerikaner es bombardierten. Wenn sie die Lufthoheit haben, kann man nichts tun�� gar nichts! Wir m�ssen uns ergeben. So bald wie m�glich.�</p><p>�Aber wem?� fragte der kleine Mann. �Und f�r wen? Und wie?�</p><p>�Jedem, und nat�rlich �ber Funk!� Die Frau sah Nadia an, die die Achseln zuckte.</p><p>Dann piepte ihr Armband, und Sasha Yefremov plapperte mit einer kleinen Stimme aus dem Armbandlautsprecher. Die Wasserstation im Norden der Stadt war explodiert, und die Quelle, die sie abdeckte, war zu einem artesischen Brunnen aus Wasser und Eis geworden.</p><p>�Ich werde gleich da sein�, sagte Nadia entsetzt. Das Wasserwerk der Stadt bildete die Kappe des Wasserreservoirs von La�witz, welches recht gro� war. Wenn ein wesentlicher Teil des Wasserlagers durch die Oberfl�che brach, w�rden das Wasserwerk und die Stadt und der ganze Canyon in einer katastrophalen Flut verschwinden. Und noch schlimmer�� Burroughs lag nur zweihundert Kilometer abw�rts am Abhang von Syrtis und Isidis; und die Flut k�nnte recht wahrscheinlich so weit laufen. Burroughs! Seine Bev�lkerung war f�r eine Evakuierung viel zu gro�, besonders jetzt, wo es zu einem Zufluchtsort f�r Menschen geworden war, die dem Krieg entronnen waren. Es gab einfach keinen anderen Ort, wohin man gehen k�nnte.</p><p>�Kapitulation�, beharrte die Frau in der Halle. �Alle m�ssen sich ergeben!�</p><p>�Ich glaube nicht, dass das noch gehen wird�, sagte Nadia und lief zur Schleuse des Geb�udes.</p><empty-line/><p>Ein Teil von ihr war h�chst erleichtert, etwas tun zu k�nnen, aufzuh�ren, sich in ein Geb�ude zu dr�ngen und Katastrophen im Fernsehen zu betrachten. Sie konnte etwas tun. Und Nadia hatte den Plan von La�witz angefertigt und den Bau vor sechs Jahren �berwacht. Darum hatte sie jetzt eine Vorstellung davon, was zu tun war. Die Stadt war eine Kuppel der Nicosia-Klasse, bei dem die Farm und die Versorgungszentrale getrennte Strukturen waren und das Wasserwerk sich weit im Norden befand. Alle Bauten befanden sich auf dem Boden einer gro�en ostwestlichen Spalte, genannt der Arena-Canyon. Dessen W�nde waren fast senkrecht und einen halben Kilometer hoch. Das Wasserwerk lag nur ein paar hundert Kilometer von der Nordwand des Canyons entfernt, die dort einen beachtlichen �berhang in der H�he hatte. W�hrend Nadia mit Sasha und Yeli zum Wasserwerk fuhr, skizzierte sie schnell ihren Plan. �Ich denke, wir k�nnen die Klippe sprengen und auf das Werk herunterlassen, und wenn das gelingt, sollte der Erdrutsch ausreichen, um das Leck abzudecken.�</p><p>�W�rde die Flut nicht das heruntergekommene Gestein wegrei�en?� fragte Sasha.</p><p>�Sicher, falls es der volle Ausbruch eines Wasserlagers ist. Aber wenn wir es abdecken, wird das austretende Wasser in dem Erdrutsch gefrieren und einen Damm bilden, der schwer genug ist, es festzuhalten. Der hydrostatische Druck ist in diesem Wasserreservoir nur etwas gr��er als der lithostatische Druck des Gesteins dar�ber. Also wird der artesische Strom nicht allzu stark sein. Andernfalls w�ren wir bereits tot.�</p><p>Sie bremste den Rover ab. Durch die Windschutzscheibe konnten sie in einer Wolke aus d�nnem Reif die Reste des Wasserwerk erkennen. Ein Rover kam mit voller Geschwindigkeit auf sie zu. Nadia schaltete die Scheinwerfer ein und stellte das Radio auf die allgemeine Frequenz. Es war die Besatzung des Werks, ein Paar namens Angela und Sam, v�llig entnervt nach den Abenteuern der letzte Stunde. Als sie nebeneinander stehend berichtet hatten, erkl�rte Nadia ihnen, was sie vorhatte. Angela sagte: �Das w�rde funktionieren. Bestimmt wird jetzt nichts anderes es stoppen k�nnen. Es pumpt richtig.�</p><p>�Wir m�ssen uns beeilen�, sagte Sam. �Es frisst das Gestein in unheimlichem Tempo.�</p><p>Angela sagte mit einer gewissen morbiden Begeisterung: �Wenn wir es nicht abdecken, wird es so aussehen wie damals, als der Atlantik durch die Meerenge von Gibraltar gebrochen ist und das Becken des Mittelmeers �berflutet hat. Das war ein Wasserfall, der zehntausend Jahre gedauert hat.�</p><p>�Ich habe nie davon geh�rt�, sagte Nadia. �Kommt mit uns zur Klippe und helft uns, die Roboter in Gang zu setzen!�</p><p>W�hrend der Hinfahrt hatte sie alle Bauroboter der Stadt aus ihrem Hangar zum Fu� der Nordwand dirigiert, neben dem Wasserwerk. Als die zwei Rover dort ankamen, fanden sie, dass einige der schnelleren Roboter schon eingetroffen waren. Der Rest w�hlte sich �ber den Canyonboden auf sie zu. Eine kleine Ger�llhalde befand sich am Fu� der Klippe, die im Mittagslicht schimmernd wie eine enorme gefrorene Welle �ber ihnen aufragte. Nadia schaltete sich auf die R�umfahrzeuge und Bulldozer und gab ihnen Anweisungen, Wege durch die Halde freizumachen. Danach w�rden direkt in die Klippe Tunnels gebohrt werden. Nadia zeigte auf eine areologische Karte des Canyons, die sie auf den Schirm des Rovers gerufen hatte, und sagte: �Seht, da hinter dem �berh�ngenden St�ck ist eine St�rung. Sie ist die Ursache, weshalb die Lippe der Mauer ein wenig abrutscht. Seht ihr den etwas niedrigeren Sims ganz oben? Wenn wir alle Sprengmittel, die wir haben, am Fu� dieser St�rung einsetzten, wird sicher der ganze �berhang herunterkommen. Meint ihr nicht auch?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Yeli. �Es ist aber einen Versuch wert.�</p><p>Inzwischen kamen die langsameren Roboter an und brachten verschiedene Sprengstoffe, die von der Ausschachtung bei der Gr�ndung der Stadt �brig geblieben waren. Nadia ging ans Werk und programmierte die Vehikel, einen Tunnel in den Boden der Klippe zu bohren. F�r den gr��ten Teil einer Stunde war sie f�r die Welt verloren. Als sie fertig war, sagte sie: �Lasst uns wieder zur Stadt zur�ckgehen und alle evakuieren. Ich kann nicht sicher sein, wie viel von der Klippe herunterkommen k�nnte, und wir wollen nicht alle versch�tten. Wir haben vier Stunden.�</p><p>�Jesus, Nadia!�</p><p>�Vier Stunden.� Sie gab den letzten Befehl ein und startete ihren Rover. Angela und Sam folgten mit Hochrufen.</p><p>�Ihr scheint nicht sehr traurig zu sein wegzukommen�, sagte Yeli.</p><p>�Es war h�llisch langweilig�, erwiderte Angela.</p><p>�Ich denke nicht, dass das k�nftig noch ein Problem sein wird.�</p><p>Die Evakuierung war schwierig. Eine Menge Leute wollten die Stadt nicht verlassen, und es gab f�r sie kaum Platz in den verf�gbaren Rovern. Schlie�lich waren alle in das eine oder andere Vehikel gestopft und befanden sich auf der Transponderstra�e nach Burroughs. La�witz war leer. Nadia versuchte eine Stunde lang Phyllis �ber Satellitentelefon zu erreichen, aber die Kan�le waren unterbrochen durch etwas, das wie systematische St�rbem�hungen klang. Nadia hinterlie� eine Mitteilung auf dem Satelliten: �Wir sind Nichtkombattanten in Syrtis Major und versuchen zu verhindern, dass das Wasserlager von La�witz Burroughs �berflutet. Lasst uns also in Ruhe!� Eine Art von Kapitulation.</p><p>Zu Nadia, Sasha und Yeli stie�en noch Angela und Sam in ihrem Rover, und sie fuhren die steilen Spitzkehren der Klippenstra�e empor zum S�drand des Arena-Canyons. Querab von ihnen lag die imposante Nordwand. Links unten war die Stadt, die fast normal aussah. Aber zur Rechten war deutlich etwas nicht richtig. Das Wasserwerk war in der Mitte durch einen dicken wei�en Geysir zerbrochen, der wie ein defekter Hydrant eine Fahne bildete, die in ein Gewirr aus schmutzig wei�roten Eisbl�cken absank. Noch w�hrend sie hinschauten, verschob sich die ungef�ge Masse und lie� kurzzeitig schwarzes str�mendes Wasser erkennen, das wild Rauhreifdampf ausstie�. Wei�e Nebelschwaden drangen aus den schwarzen Rissen und peitschten dann mit dem Wind den Canyon hinab. Das Gestein und der Grus der Marsoberfl�che waren so dehydriert, dass sie, wenn Wasser darauf klatschte, in heftigen chemischen Reaktionen zu explodieren schienen. Wenn Wasser �ber den Boden rann, schossen darum gro�e Staubwolken in die Luft und verbanden sich mit dem Eisdampf, der vom Wasser aufwirbelte.</p><p>�Sax wird zufrieden sein�, sagte Nadia grimmig.</p><p>Zu der angegebenen Stunde schossen vier Rauchwolken aus der Basis der Nordwand. Einige Sekunden lang passierte nichts weiter, und die Beobachter st�hnten. Dann machte die Vorderseite der Klippe einen Ruck, und der Fels des �berhangs rutschte langsam und majest�tisch in die Tiefe. Dicke Wolken schossen vom Boden der Klippe auf, und dann sprangen dichte Massen von Auswurfmaterial heraus wie Wasser unter einem kalbenden Eisberg. Ein tiefes Dr�hnen ersch�tterte ihren Rover, und Nadia fuhr ihn vorsichtshalber vom S�drande zur�ck. Gerade noch, ehe eine massive Staubwolke ihnen die Sicht nahm, sahen sie, wie das Wasserwerk von der rasch kippenden Kante des Erdrutsches bedeckt wurde.</p><p>Angela und Sam hatten gejubelt. Sasha fragte: �Wie k�nnen wir feststellen, ob es geklappt hat?�</p><p>�Warte, bis wir es wieder sehen k�nnen!� sagte Nadia. �Hoffentlich wird die Flut stromabw�rts wei� geworden sein. Kein offenes Wasser mehr, keine Bewegung.�</p><p>Sasha nickte. Sie sa�en da und schauten in den alten Canyon hinunter. Sie warteten. Nadia f�hlte sich leer. Tr�be Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Sie brauchte mehr Aktion, als in den letzten paar Stunden, eine T�tigkeit, die ihr Zeit zum Nachdenken lie�. Nur einen Moment Pause, und die ganze elende Situation prallte wieder auf sie zur�ck: die ruinierten St�dte, die Toten �berall, Arkadys Verschwinden. Und offenbar hatte niemand die Kontrolle. Keinerlei Plan. Polizeitruppen verw�steten St�dte, um der Revolution Einhalt zu gebieten; und Rebellen verw�steten St�dte, um die Revolution in Gang zu halten. Es w�rde damit enden, dass alles zerst�rt war, ihr ganzes Lebenswerk, vor ihren Augen in die Luft geflogen�� und v�llig ohne Grund. Aus absolut keinem Grund!</p><p>Sie konnte es sich nicht leisten, nachzudenken. Da unten hatte ein Erdrutsch hoffentlich ein Wasserwerk �berrannt, und das aus dem Brunnen brausende Wasser war blockiert worden und gefroren, um einen festen Damm zu bilden. Es war schwer zu sagen, was danach kommen w�rde. Wenn der hydrostatische Druck in dem Wasserreservoir gro� genug war, konnte es zu einem neuen gewaltsamen Ausbruch kommen. Aber wenn der Damm dick genug war�� Nun, man konnte daran nichts �ndern. Wenn sie allerdings eine Art Notventil schaffen k�nnten, um den Druck von dem Erdrutschdamm zu nehmen��</p><p>Langsam trieb der Wind den Staub fort. Ihre Gef�hrten jubelten wieder. Das Wasserwerk war dahin, bedeckt von einem frischen schwarzen Erdrutsch, der aus der Nordwand herausgekommen war, die jetzt an ihrem Rand einen gro�en neuen Bogen bildete. Aber es war knapp gewesen. Nichts auch nur ann�hernd so Gro�es wie ein Erdrutsch, wie sie gehofft hatte. La�witz selbst gab es noch, und es schien, als ob die Gesteinsschicht �ber dem Wasserwerk nicht allzu dick w�re. Die Flut schien einged�mmt zu sein. Sie schien bewegungslos, ein klumpiger, dreckiger, wei�er Schwaden, wie ein Gletscher, der mitten in einem Canyon hinabgleitet. Und es stieg nur noch sehr wenig Reif dampf von ihm auf. Aber��</p><p>�Wir sollten nach La�witz hinuntergehen und die Daten des Wasserreservoirs kontrollieren�, sagte Nadia.</p><p>Sie fuhren die Stra�e in der Canyonwand hinab und in die Garage von La�witz. Sie gingen in Schutzanz�gen durch die leeren Stra�en. Der Kontrollraum des Wasserwerks lag gleich neben den Stadtb�ros. Es war seltsam, ihre Zufluchtst�tte der letzten Tage leer zu sehen.</p><p>Im Kontrollraum untersuchten sie die Daten der verschiedenen unterirdischen Sensoren. Viele von ihnen funktionierten nicht mehr; aber die anderen zeigten an, dass der hydrostatische Druck im Reservoir h�her war als je zuvor und noch zunahm. Wie um das zu unterstreichen, ersch�tterte ein leichtes Beben den Boden, dass die Sohlen ihrer Stiefel vibrierten. Keiner von ihnen hatte je zuvor so etwas auf dem Mars erlebt. �Schei�e!� sagte Yeli. �Das Ding wird sicher noch einmal explodieren.�</p><p>�Wir m�ssen einen Abzugskanal bohren�, sagte Nadia. �Eine Art Druckventil.�</p><p>�Aber wie, wenn es ausbricht wie das gro�e?� fragte Sasha.</p><p>�Wenn wir es an das obere Ende des Reservoirs legen oder auf halber Strecke, so dass es einen Teil der Wassermassen aufnimmt, sollte es gut sein. Ebenso gut wie das alte Wasserwerk, das vermutlich jemand hat hochgehen lassen, sonst w�rde es noch prima funktionieren.� Sie sch�ttelte traurig den Kopf. �Wir m�ssen es riskieren. Wenn es klappt, dann klappt es. Falls nicht, bewirken wir vielleicht einen Ausbruch. Aber wenn wir gar nichts tun, wird es mit Sicherheit einen Ausbruch geben.�</p><p>Sie f�hrte die kleine Gruppe �ber die Hauptstra�e zum Lagerhaus der Roboter in der Garage und fing an, im Befehlszentrum neu zu programmieren. Eine Standard-Bohrung mit maximaler Ausblashemmung. Das Wasser w�rde unter artesischem Druck an die Oberfl�che kommen; und dann w�rden sie es in eine Pipeline leiten, die eine Robotergruppe in einer Richtung anlegen sollte, die aus dem Bereich des Arena-Canyons hinausf�hren w�rde. Nadia und die anderen studierten topographische Karten und lie�en simulierte Fluten durch verschiedene, parallel zu Arena nach Norden und S�den verlaufende Canyons str�men. Sie fanden, dass die Wasserscheide enorm war. Alles auf Syrtis floss in Richtung Burroughs ab. Das Land war hier eine riesige Sch�ssel. Sie w�rden das Wasser fast dreihundert Kilometer nach Norden leiten m�ssen, um in die n�chste Wasserscheide zu kommen. Yeli sagte: �Seht, wenn wir es in die Nili Fossae f�hren, wird es direkt nach Norden bis Utopia Planitia laufen und auf den n�rdlichen D�nen gefrieren.�</p><p>�Sax muss diese Revolution <emphasis>lieben�,</emphasis> sagte Nadia von neuem. �Er bekommt etwas, das sie ihnen nie genehmigt h�tten.�</p><p>�Aber eine Menge seiner Projekte d�rften schief gehen�, erkl�rte Yeli.</p><p>�Ich wette, das ist immer noch ein Nettogewinn, so wie Sax es sieht. All dieses Wasser auf der Oberfl�che���</p><p>�Wir werden ihn fragen m�ssen.�</p><p>�Wenn wir ihn je wieder sehen.�</p><p>Yeli schwieg. Dann sagte er: �Ist das wirklich so viel Wasser?�</p><p>�Es ist nicht blo� La�witz�, sagte Sam. �Ich habe neulich eine kurze Meldung gesehen�� sie haben das Wasserreservoir von Lowell zerst�rt, ein gro�er Ausbruch wie jene, die einst die Ausflu�kan�le geschnitten haben. Das wird Millionen Tonnen Regolith zu Tal rei�en, aber ich wei� nicht, wie viel Wasser das war. Es ist unglaublich.�</p><p>�Aber <emphasis>warum?�</emphasis> sagte Nadia.</p><p>�Ich nehme an, es ist die beste Waffe, die sie haben.�</p><p>�Was hei�t hier Waffe? Sie k�nnen weder damit zielen, noch sie anhalten!�</p><p>�Nein. Aber das kann auch sonst niemand. Und denk dar�ber nach: Alle St�dte unterhalb von Lowell sind verschwunden. Franklin, Drexler, Osaka, Galileo. Ich glaube, sogar Silverton. Und das waren alle transnationale St�dte. Ich denke, dass viele Bergwerkst�dte in den Kan�len verwundbar sind.�</p><p>�Also greifen beide Seiten die Infrastruktur an�, sagte Nadia niedergeschlagen.</p><p>�Ja.�</p><p>Sie mussten arbeiten. Sie hatten keine andere Wahl. Sie programmierten Roboter; und sie verbrachten den Rest des Tages und den n�chsten damit, dass sie die Roboterteams zur Bohrstelle hinausschickten und sich vergewisserten, dass der Start in Ordnung ging. Das Bohren ging gut voran. Man musste nur daf�r sorgen, dass die Dr�cke in den Wasserlagern nicht zu einem Ausbruch f�hrten. Und die Pipeline zu verlegen, die Wasser nach Norden leiten sollte, war noch einfacher, eine Arbeit, die seit Jahren vollautomatisiert war. Aber sie verdoppelten ihre Bem�hungen bei allen Ger�ten, um sicherzugehen. Hinauf zum Bett des Nordcanyons und dann von dort noch weiter. Es war nicht n�tig, Pumpen vorzusehen. Der artesische Druck w�rde die Str�mung regeln; denn wenn der Druck stark genug fiel, dass kein Wasser aus dem Canyon hinausgedr�ckt wurde, dann w�re die Gefahr eines Ausbruchs am unteren Ende wahrscheinlich ohnehin vorbei. Als also die mobilen Magnesiumm�hlen sich vorarbeiteten und Grus aufsch�pften und Rohre herstellten, und als die Gabelstapler und Frontlader diese Rohrabschnitte zur Montage brachten, und wenn das gro�e, sich bewegende Bauwerk die Segmente aufnahm und hinter sich die Pipeline ausstie�, w�hrend es langsam die Stra�e entlangrollte, und ein weiterer mobiler Behemoth das fertige Rohr �bernahm und es in eine Luftgitterisolierung h�llte, die aus Abf�llen der Raffinerie angefertigt wurde, und das erste Segment der Pipeline erw�rmt war und lief�� da erkl�rten sie das System f�r brauchbar und hofften, dass es weitere dreihundert Kilometer schaffen w�rde. Die Pipeline w�rde mit ungef�hr einem Kilometer pro Stunde gebaut werden, vierundzwanzigeinhalb Stunden t�glich. Wenn also alles gut ginge, w�ren es etwa zw�lf Tage bis Nili Fossae. In diesem Tempo w�rde die Pipeline sehr bald fertig sein, nachdem der Brunnen gebohrt und bereit w�re. Und falls der Erdrutschdamm so lange hielt, w�rden sie ihr Druckventil haben.</p><p>Also war Burroughs sicher, jedenfalls so sicher, wie sie es durch ihre Bem�hungen machen konnten. Sie konnten jetzt gehen. Aber die Frage war, wohin. Nadia hockte �ber einem Mikrowellen-Essen und sah sich eine Nachrichtensendung von der Erde an, w�hrend sie h�rte, wie ihre Gef�hrten �ber die Lage diskutierten. Die Bilder von der Revolution auf der Erde waren schrecklich. Extremisten, Kommunisten, Vandalen, Saboteure, Rote und Terroristen. Niemals die Worte <emphasis>Rebellen</emphasis> oder <emphasis>Revolution�re,</emphasis> welche (mindestens) die halbe Erde billigen w�rde. Nein, es waren isolierte Gruppen wahnsinniger destruktiver Terroristen. Und es half Nadias Stimmung nicht, dass, wie sie f�hlte, einige Wahrheit in der Darstellung steckte. Das machte sie nur noch w�tender.</p><p>�Wir sollten uns mit jedem, wem auch immer wir k�nnen, zusammentun und beim Kampf helfen�, sagte Angela.</p><p>�Ich k�mpfe gegen niemanden�, erwiderte Nadia st�rrisch. �Das ist bl�de. Ich werde es nicht hin. Ich werde die Dinge in Ordnung bringen, wo ich kann. Aber ich werde nicht k�mpfen.�</p><p>Im Radio kam eine Meldung. Der Krater Fournier, etwa f�nfhundert Kilometer entfernt, hatte eine defekte Kuppel. Die Bev�lkerung war in hermetischen Geb�uden gefangen, und die Luft wurde knapp.</p><p>�Ich werde dorthin gehen�, erkl�rte Nadia. �Dort gibt es ein gro�es zentrales Lagerhaus mit Baurobotern. Sie k�nnten die Kuppel reparieren und dann f�r andere Instandsetzungsarbeiten unten auf Isidis eingesetzt werden.�</p><p>�Wie willst du da hinkommen?� fragte Sam.</p><p>Nadia �berlegte und holte tief Luft. �Ich denke, mit einem der Ultraleichtflugzeuge. Es gibt einige von diesen neuen 16Ds auf dem Flugfeld am S�drand. Das w�re gewiss der schnellste Weg und vielleicht auch der sicherste. Wer wei�?� Sie sah Yeli und Sasha an. �Wollt ihr mit mir fliegen?�</p><p>�Ja�, sagte Yeli. Sasha nickte.</p><p>�Wir gehen mit dir�, sagte Angela. �Mit zwei Flugzeugen wird es ohnehin sicherer sein.�</p></section><section><empty-line/><p>Sie nahmen zwei Flugzeuge, die von der aeronautischen Fabrik Spencer in Elysium gebaut worden waren. Das Neueste, einfach 16Ds genannt: ultraleichte viersitzige Turbojets, gr��tenteils aus Areogel und Plastik und gef�hrlich zu fliegen, weil sie so leicht waren. Aber Yeli war ein erfahrener Pilot, und Angela behauptete von sich dasselbe. Also stiegen sie am n�chsten Morgen in zwei davon, nachdem sie die Nacht in dem leeren kleinen Flughafen verbracht hatten. Sie rollten zu der verschmutzten Startbahn und starteten direkt auf die Sonne zu. Sie brauchten lange, um auf tausend Meter zu kommen.</p><p>Der Planet unter ihnen sah tr�gerisch normal aus. Sein altes raues Gesicht war nur auf den n�rdlichen Fl�chen ein bisschen wei�er, wie gealtert durch Parasitenbefall. Aber dann flogen sie in den Arena Canyon und sahen, dass darin ein schmutziger Gletscher floss, ein Fluss aus zerbrochenen Eisbl�cken. Der Gletscher verbreiterte sich �fters, wo die Flut einige Zeit einen Teich gebildet hatte. Die Eisst�cke waren manchmal rein wei�, aber zum gr��eren Teil mit der einen oder anderen Farbe des Mars get�nt, dann zerbrochen und durcheinander gemischt, so dass der Gletscher ein buntes Mosaik bildete wie aus gefrorenem Backstein, Schwefel, Zimt, Kohle, Sahne, Blut�� welches das flache Bett des Canyons hinabstr�mte zum Horizont in etwa f�nfundsiebzig Kilometern Entfernung.</p><p>Nadia fragte Yeli, ob sie nach Norden fliegen und das Land inspizieren k�nnten, wo die Roboter die Pipeline bauen w�rden. Kurz nach ihrer Wendung empfingen sie eine schwache Mitteilung auf der Frequenz der Ersten Hundert von Ann Clayborne und Simon Frazier. Die waren im Krater Peridier gefangen, der seine Kuppel eingeb��t hatte. Das war auch im Norden; also waren sie schon auf dem richtigen Kurs.</p><p>Das Land, �ber das sie an diesem Morgen kamen, schien f�r die Robotergruppe brauchbar zu sein. Es war eben, und obwohl mit Auswurftr�mmern �bers�t, gab es kerne behindernden B�schungen. In einiger Entfernung fingen die Nili Fossae an, zun�chst ganz allm�hlich, nur vier sehr flache Senken, die sich nach Nordosten kr�mmten, wie die Fingerspitzen eines schwachen Handabdrucks. Aber hundert Kilometer weiter n�rdlich gab es Schluchten von f�nfhundert Metern Tiefe, zwischen denen dunkles Land lag, das schwer von Kratern zernarbt war. Eine Art Mondlandschaft, die Nadia an eine unordentliche Baustelle erinnerte. Noch weiter im Norden erlebte sie eine �berraschung. Wo der �stlichste Canyon nach Utopia einschwenkte, gab es noch einen Ausbruch eines Wasserlagers. An seinem oberen Ende war es blo� ein neuer Erdrutsch, eine gro�e Landmulde wie eine zerbrochene Glasscheibe. Weiter unten erhoben sich Massen aus gefrierendem schwarzem und wei�em Wasser direkt aus dem zerkl�fteten Land. Sie zerrten an den sich bildenden Schollen und schleppten sie vor ihren Augen fort in einer dampfenden Flut, die das Land, das sie ber�hrten, zur Explosion brachte. Diese entsetzliche Wunde war mindestens drei�ig Kilometer breit und verlief �ber den Horizont nach Norden ohne ein Anzeichen, sich zu zerstreuen.</p><p>Nadia starrte auf das Bild und bat Yeli, n�her hinzufliegen. �Ich m�chte nicht in den Dampf geraten�, sagte Yeli. Er war selbst von dem Anblick gebannt. Der gr��te Teil der wei�en Reifwolke zog nach Osten ab und sank zu Boden, aber der Wind war wechselhaft. Manchmal stieg der d�nne wei�e Schleier direkt nach oben und verdeckte die Streifen von schwarzem Wasser und wei�em Eis. Was hinausflo�, war so viel wie bei einem gro�en antarktischen Gletscher oder noch mehr. Es schnitt die rote Landschaft in zwei Teile.</p><p>�Das ist h�llisch viel Wasser�, sagte Angela.</p><p>Nadia ging auf die Frequenz der Ersten Hundert und rief Ann unten in Peridier an. �Ann, wei�t du hiervon?� Sie beschrieb, wor�ber sie flogen. �Und es ist immer noch im Fluss. Das Eis bewegt sich, und wir k�nnen Stellen mit offenem Wasser ausmachen. Es sieht schwarz oder bisweilen rot aus.�</p><p>�Kannst du es h�ren?�</p><p>�Nur wie eine Art von Ventilatorsummen, und manchmal das Knallen und Krachen von brechendem Eis. Aber wir sind hier oben selbst recht laut. Eine h�llische Menge Wasser!�</p><p>�Nun, dieses Wasserreservoir ist im Vergleich mit manchen anderen nicht sehr gro߫, sagte Ann.</p><p>�Wie brechen sie sie auf? Kann man wirklich solche Lagerstellen aufrei�en?�</p><p>�Manche davon, ja�, erkl�rte Ann. �Diejenigen mit hydrostatischem Druck, der h�her ist als der durch das Gestein verursachte lithostatische, heben praktisch das Gestein hoch; und die Permafrostschicht bildet eine Art Damm, einen Eisdamm. Wenn man einen Brunnen bohrt und ihn hochjagt, oder es schmilzt���</p><p>�Aber wie?�</p><p>�Reaktorschmelze.�</p><p>Angela stie� einen Pfiff aus.</p><p>�Aber die Strahlung!� schrie Nadia.</p><p>�Sicher. Habt ihr k�rzlich mal auf euren Z�hler geschaut? Ich nehme an, dass drei oder vier von ihnen hin sind.�</p><p>�Oho!� rief Angela.</p><p>�Und das ist nur vorl�ufig.� Anns Stimme hatte jenen distanzierten, toten Klang, den sie annahm, wenn sie w�tend war. Sie beantwortete ihre Fragen wegen der Flut sehr kurz. Eine so gro�e Flut bewirkte extreme Druckschwankungen. Und alles wurde stromabw�rts gefegt in einem zermahlenden Tosen, einem rei�enden, mit Gas gemischten und Felsbl�cke mitf�hrenden Brei. �Werdet ihr nach Peridier kommen?� fragte sie, nachdem sie die Fragen beantwortet hatte.</p><p>�Wir wenden uns gerade nach Osten�, erwiderte Yeli. �Ich wollte erst eine visuelle Peilung von Fv-Krater bekommen.�</p><p>�Eine gute Idee.�</p><p>Sie flogen weiter. Das wilde Toben der Flut versank unter dem Horizont, und sie flogen wieder �ber dem vertrauten alten Sand und Gestein. Bald erschien Peridier vor ihnen �ber dem Horizont, eine niedrige, stark erodierte Kraterwand. Die Kuppel war verschwunden. Zerrissene Gewebefetzen flatterten noch da und dort am Kraterrand, als ob ein Saatbeutel geplatzt w�re. Die nach S�den f�hrende Piste spiegelte die Sonne wie ein Silberfaden. Sie flogen �ber den Bogen der Kraterwand, und Nadia betrachtete mit dem Feldstecher die dunklen Geb�ude. Dabei fluchte sie in einem leisen slawischen Singsang. Wie? Wer? Warum? Es war nicht zu verstehen. Sie flogen weiter zur Landebahn an der anderen Kraterb�schung. Keiner der Hangars war in Funktion. Sie mussten Schutzkleidung anlegen und mit kleinen Wagen �ber den Rand in die Stadt fahren.</p><p>Die �berlebenden Bewohner von Peridier waren in der Versorgungszentrale zusammengedr�ngt. Nadia und Yeli gingen durch deren Schleuse, umarmten Ann und Simon und wurden dann den anderen vorgestellt. Das waren ungef�hr vierzig Personen, die von Notvorr�ten lebten und sich bem�hten, die Luftversorgung in den hermetisch verschlossenen Geb�uden aufrecht zu halten. Zum Gl�ck war die Zentrale verst�rkt gewesen und hatte dem inneren Druck ihrer eigenen Luftversorgung widerstanden. Angela fragte die �berlebenden, was geschehen sei. Sie erz�hlten die Geschichte wie eine Art von griechischem Chor, wobei sie einander h�ufig unterbrachen. Eine einzige Explosion hatte die Kuppel wie einen Ballon zerplatzen lassen und eine sofortige Dekompression bewirkt, die auch viele Geb�ude in der Stadt hatte hochgehen lassen. Aber die im Innern der Zentrale hatten �berlebt. Die drau�en auf den Stra�en oder in den anderen Geb�uden nicht.</p><p>�Wo ist Peter?� fragte Yeli aufgeregt und �ngstlich. Simon sagte rasch: �Er befindet sich auf Clarke. Er hat uns angerufen, gleich nachdem alles anfing. Er hat versucht, in einem Aufzug nach unten einen Platz zu bekommen. Aber dort ist alles von Polizeitruppen �bernommen worden. Ich nehme an, dass sie sich bereits im Orbit befanden. Er wird herunterkommen, sobald er kann. Da oben ist es jetzt sicherer, daher habe ich es nicht besonders eilig, ihn zu sehen.�</p><p>Nadia dachte an Arkady. Aber da war nichts zu machen, und sie ging rasch daran, Peridier wieder aufzubauen. Zun�chst fragte sie die �berlebenden nach ihren Pl�nen; und als sie die Achseln zuckten, schlug sie vor, sie sollten zun�chst eine kleinere Kuppel auf dem Grund des Kraters errichten, unter Benutzung von Zeltmaterial, das drau�en am Flughafen f�r Bauzwecke gelagert war. Da drau�en waren auch eine Menge �lterer Roboter eingemottet, so dass der Wiederaufbau ohne allzu viel Ger�tebeschaffung m�glich war. Die Bewohner waren begeistert, sie hatten nichts von dem Inhalt der Lagerh�user am Flughafen gewusst. Nadia sch�ttelte dar�ber den Kopf. Sie sagte sp�ter zu Yeli: �Das steht alles in den Dateien. Sie h�tten blo� zu fragen brauchen. Sie haben einfach nicht nachgedacht. Sie schauen blo� das Fernsehen an, sehen zu und warten.�</p><p>�Nun, Nadia, es ist ein Schock, pl�tzlich ohne Kuppel zu sein. Sie mussten sich erst vergewissern, dass das Geb�ude sicher war.�</p><p>�Scheint so.�</p><p>Aber unter ihnen waren sehr wenige Ingenieure oder Baufachleute. Sie waren zumeist Areologen, Spezialisten f�r B�schungen oder Bergwerksleute. Der Bau von Basen war etwas f�r Roboter, so schienen sie jedenfalls zu denken. Es war schwer zu sagen, wie lange sie gebraucht h�tten, um selbst an den Wiederaufbau zu gehen; aber mit Nadia, die zeigte, was getan werden konnte, die sie mit einem kurzen Wutausbruch �ber ihre Unt�tigkeit auf Trab brachte, waren sie bald am Werk. Nadia arbeitete jeden Tag achtzehn bis zwanzig Stunden lang. Sie lie� eine Grundmauer errichten und setzte Kr�ne ein zum Bau der Kuppel. Danach war es nur noch eine Sache der Aufsicht. Nadia fragte ihre Gef�hrten aus La�witz unentwegt, ob sie wieder mit ihr in die Flugzeuge steigen w�rden. Sie sagten zu, und so starteten sie etwa eine Woche nach ihrer Ankunft wieder, wobei Ann und Simon sie in Angela und Sams Flugzeug begleiteten.</p><empty-line/><p>W�hrend sie nach S�den flogen, den Abhang von Isidis hinab auf Burroughs zu, knisterte pl�tzlich eine codierte Mitteilung �ber ihre Lautsprecher. Nadia w�hlte in ihrem Gep�ck und fand einiges Zeug, das Arkady ihr gegeben harte. Sie fand, was sie suchte, und st�pselte es in die KI des Flugzeugs ein. Einige Sekunden nachdem die Mitteilung Arkadys Entschl�sselungsprogramm durchlaufen hatte, sprach das Ger�t monoton:</p><p>�UNOMA in Besitz von Burroughs. H�lt jeden fest, der dorthin kommt.�</p><p>In beiden Flugzeugen herrschte Schweigen, w�hrend sie durch den leeren rosa Himmel s�dw�rts strebten. Unter ihnen senkte sich die Ebene von Isidis nach links.</p><p>�Lasst uns jedenfalls hingehen�, schlug Ann vor. �Wir k�nnen ihnen pers�nlich sagen, dass sie die Angriffe einstellen sollen.�</p><p>�Nein�, entgegnete Nadia. �Ich will imstande sein zu arbeiten. Und wenn sie uns einsperren�� Au�erdem, warum denkst du, dass sie sich anh�ren werden, was wir �ber die Angriffe sagen?�</p><p>Keine Antwort von Ann.</p><p>�K�nnen wir es bis Elysium schaffen?� fragte Yeli.</p><p>�Ja�, erwiderte Nadia.</p><p>Also wandten sie sich nach Osten und ignorierten Beschwerden seitens der Flug�berwachung von Burroughs. �Sie werden nicht hinter uns herkommen�, sagte Yeli zuversichtlich. �Schaut, das Satellitenradar zeigt, dass viele Flugzeuge hier herum in der Luft sind, zu viele, um alle zu verfolgen. Und es w�re auf jeden Fall eine Zeitverschwendung, weil ich den Verdacht habe, dass einige davon K�der sind. Da hat jemand eine Menge Drohnen hochgeschickt, was die Sache h�bsch verwirrend macht, was uns betrifft.�</p><p>�Dabei hat sich jemand wirklich viel M�he gegeben�, fl�sterte Nadia, w�hrend sie das Radarbild betrachtete. F�nf oder sechs Objekte gl�hten im S�dquadranten. �Bist du das gewesen, Arkady? Hast du so viel vor mir verheimlicht?�</p><p>Sie dachte an seinen Radiosender, auf den sie gerade in ihrem Gep�ck gesto�en war. �Oder vielleicht war es gar nicht versteckt. Vielleicht habe ich es blo� nicht sehen wollen.�</p><empty-line/><p>Sie flogen nach Elysium und landeten dicht bei South Fossa, dem gr��ten �berdachten Canyon von allen. Sie stellten fest, dass das Dach noch da war, aber, wie sich herausstellte, nur deshalb, weil der Druck aus der Stadt abgelassen worden war, ehe sie leck wurde. Daher waren die Einwohner in vielen intakten Geb�uden gefangen und hatten versucht, die Farm in Gang zu halten. Es hatte in der Versorgungszentrale eine Explosion gegeben und mehrere weitere in der Stadt selbst. Also gab es hier viel Arbeit; aber man hatte eine gute Grundlage f�r einen raschen Wiederaufbau; und die Bev�lkerung war unternehmenslustiger als in Peridier. Also machte Nadia sich wie zuvor ans Werk und beschloss, jeden wachen Augenblick mit Arbeit auszuf�llen. Sie hielt es nicht aus, m��ig zu sein. Die alten Jazzmelodien gingen ihr durch den Kopf�� nichts Passendes; es gab keinen hierf�r geeigneten Jazz oder Blues. Alles war v�llig inhomogen. �On the Sunny Side of the Street�, �Pennies from Heaven�, �A Kiss to Build a Dream On���</p><p>Und in diesen hektischen Tagen in Elysium wurde ihr langsam klar, wie viel Kraft die Roboter besa�en. Sie hatte nie versucht, diese M�glichkeiten voll auszunutzen. Das war einfach nicht n�tig gewesen. Aber jetzt mussten Hunderte von Aufgaben erledigt werden, mehr als selbst mit einer totalen Anstrengung geschafft werden konnten. Daher beanspruchte sie das System bis an die Halskrause, wie die Programmierer sagen w�rden, und sah zu, wie viel dabei herauszuholen war, obwohl sie immer noch mehr zu erzielen hoffte. Sie hatte das Teleoperating immer f�r eine im Grunde lokale Prozedur gehalten. Aber das war nicht notwendigerweise so. Mit Hilfe eines Relais-Satelliten konnte sie einen Bulldozer auf der anderen Hemisph�re des Planeten steuern. Und das tat sie jetzt, wann immer sie eine gute Verbindung herstellen konnte. Sie h�rte nicht eine einzige ihrer wachen Sekunden auf zu arbeiten. Sie arbeitete beim Essen und las Berichte und Programme im Bad. Sie schlief nur dann, wenn Ersch�pfung sie umhaute. In diesem zeitlosen Zustand sagte sie jedem ihrer Mitarbeiter, was zu tun war�� ohne R�cksicht auf deren Meinung oder Bequemlichkeit. Und angesichts ihrer monomanen Konzentration und Autorit�t in der Beurteilung der Lage gehorchten ihr die Leute.</p><p>Trotz all dieser Anstrengungen konnte sie nicht genug tun. Alles fiel auf sie zur�ck; und sie allein verlieh in den schlaflosen Stunden dem System vollen Schwung, immer an der Grenze des M�glichen. Elysium hatte schon eine gro�e Menge von Baurobotern fertig gestellt, so dass es m�glich war, die allerdringendsten Probleme sofort in Angriff zu nehmen. Bei den meisten davon ging es um die Canyons am Westhang von Elysium. Alle �berdachten Canyons waren mehr oder weniger aufgebrochen worden, aber die meisten ihrer Versorgungszentralen waren nicht betroffen, und es gab eine gro�e Anzahl �berlebender, die in einzelnen Geb�uden hockten, welche Notgeneratoren hatten wie die in South Fossa. Nachdem South Fossa wieder �berdacht, beheizt und unter Druck gesetzt war, schickte sie Teams aus, um alle �berlebenden auf dem Westhang ausfindig zu machen. Diese wurden aus den anderen Canyons herausgeholt und nach S�den geschafft und dann mit Arbeitsaufgaben wieder zur�ckgeschickt. Die an den Kuppeln t�tigen Mannschaften zogen von einem Canyon zum andern; und deren fr�here Bewohner gingen darunter ans Werk und bereiteten das Wiederaufpumpen vor. Als es so weit war, richtete Nadia ihr Augenmerk auf andere Dinge. Sie programmierte Werkzeugmacher und setzte Roboter als Streckenarbeiter l�ngs der unterbrochenen Pipelines von Chasma Borealis in Marsch. �Wer hat nur das alles getan?� sagte sie w�tend, als sie eines Abends im Fernsehen geborstene Wasserleitungen anschaute.</p><p>Diese Frage war ihr herausgerutscht. In Wirklichkeit wollte sie es gar nicht wissen. Sie wollte nicht �ber das gr��ere Bild nachdenken, �ber irgend etwas au�er der Pipeline hier, die zerst�rt auf den Dunen lag. Aber Yeli nahm sie beim Wort und sagte: �Das ist schwer zu sagen. Die terrestrischen Nachrichten berichten jetzt ausschlie�lich von der Erde. Es gibt nur gelegentlich eine Kurzmeldung von hier; und sie wissen auch nicht, was sie daraus machen sollen. Offenbar werden die n�chsten F�hren UN-Truppen hier herbringen, die die Ordnung wiederherstellen sollen. Aber die meisten Nachrichten von der Erde betreffen den Krieg im Mittleren Osten, das Schwarze Meer und Afrika. Viele vom S�dlichen Club bombardieren L�nder mit Gef�lligkeitsflaggen; und die Gruppe der Sieben hat erkl�rt, diese verteidigen zu wollen. Und dann treibt sich in Kanada und Skandinavien ein biologischer Saboteur herum���</p><p>�Und hier vielleicht auch�, unterbrach Sasha. �Habt ihr dies Bild von Acheron gesehen? Da ist etwas passiert. Alle Fenster des Habitats sind herausgeflogen, und der Boden unter der Finne ist mit diesen Gew�chsen von Gott wei� was bedeckt. Niemand traut sich nahe genug heran, um das heraus zu finden���</p><p>Nadia schottete ihren Geist von deren Gerede ab und konzentrierte sich auf das Problem der Pipeline. Als sie wieder in die reale Zeit zur�ckkehrte, stellte sie fest, dass jeder Roboter, den sie finden konnte, mit der Wiederherstellung der St�dte besch�ftigt war. Und die Fabriken lieferten noch mehr Bulldozer, Planierraupen, Abraumlaster, Frontlader, Dampfwalzen Schwei�ger�te, Zementmischer, Kunststoffbereiter, kurzum alles. Das System war in voller Fahrt, und es gab f�r sie nicht mehr genug zu tun. So sagte sie den anderen, dass sie wieder aufbrechen wolle. Ann, Simon, Yeli und Sasha beschlossen, sie zu begleiten. Aber Angela und Sam hatten in South Fossa Freunde gewonnen und wollten bleiben.</p><p>Also stiegen die f�nf in ihre Flugzeuge und hoben wieder ab. So pflegte es �berall zu gehen, wie Yeli versicherte. Wenn Mitglieder der Ersten Hundert zusammentrafen, w�rden sie sich nicht trennen.</p><empty-line/><p>Sie wandten sich nach S�den auf Hellas zu. Als sie �ber Tyrrhena Mohole kamen, nahe bei Hadriaca Pater a, landeten sie kurz. Die Mohole-Stadt hatte ein Loch bekommen und brauchte Hilfe zum Wiederaufbau. Es waren keine Roboter verf�gbar; aber Nadia hatte die Erfahrung gemacht, dass sie Ma�nahmen ergreifen konnte mit lediglich ihren Programmen, einem Computer und einer Luftverwertungsanlage als Ausgangsbasis. Diese Art von spontaner Erzeugung von Maschinen war ein weiterer Aspekt ihrer M�glichkeiten. Der Start verlief zweifellos langsam. Aber im Verlauf eines Monats w�rden diese drei Komponenten zusammen folgsame Tiere aus dem Sand geschaffen haben. Erst die Fabriken, dann die Montagewerke und danach die Bauroboter selbst, Vehikel so gro� und gegliedert wie H�userblocks in der Stadt, die in ihrer Abwesenheit ihre Arbeit verrichteten. Ihre neue Kraft war erstaunlich.</p><p>Und dennoch war all dies nichts angesichts der menschlichen Zerst�rungswut. Die f�nf Reisenden flogen von Ruine zu Ruine und wurden taub gegen�ber dem Schaden und den Toten. Nicht dass sie sich nicht ihrer eigenen Gefahr bewusst gewesen w�ren. Nachdem sie im Flugkorridor Hellas-Elysium an einer Anzahl abgeschossener Flugzeuge vorbeigekommen waren, gingen sie zu Nachtfl�gen �ber. Die waren in vielfacher Hinsicht gef�hrlicher als Fl�ge bei Tag, aber Yeli f�hlte sich dabei wohler. Die 16Ds waren f�r Radar fast unsichtbar und w�rden auf den st�rksten Infrarotdetektoren mit enger B�ndelung nur sehr schwache Spuren hinterlassen. Sie waren alle gewillt, diese minimale Bl��e zu wagen. Nadia war es gleichg�ltig. Sie w�re gern bei Tag geflogen. Sie lebte so sehr im Augenblick, wie sie konnte; aber ihre Gedanken bewegten sich in Kreisen, wenn sie sich st�ndig bem�hte, sie in die Gegenwart zur�ckzuf�hren. Benommen durch das Ausma� der Zerst�rungen wurde sie von ihren Emotionen abgeschnitten. Sie wollte lediglich arbeiten.</p><p>Und Ann ging es noch schlechter, wie ein Teil von Nadia bemerkte. Nat�rlich musste sie sich um Peter Sorgen machen. Und dann auch noch alle diese Zerst�rungen�� f�r Ann waren das weniger die Bauten und Konstruktionen, sondern das Land selbst, die Fluten, die Massenverluste, der Schnee und die Strahlung. Und sie hatte keine Arbeit, um sich abzulenken. Ihre Aufgabe w�re gewesen, den Schaden zu untersuchen. Und so tat sie nichts oder suchte, Nadia zu helfen, wenn sie konnte. Sie bewegte sich wie ein Automat, Tag f�r Tag arbeitete sie, um die Reparatur der einen oder anderen besch�digten Struktur in Gang zu setzen, einer Br�cke, einer Pipeline, eines Brunnens, eines Kraftwerks, einer Piste, einer Stadt. Sie lebten in etwas, das Yeli eine Waldo-Welt nannte. Sie scheuchten Roboter mit Befehlen herum, als w�ren sie Sklavenhalter, Zauberer oder G�tter. Und die Maschinen gingen an die Arbeit, versuchten, den Film der Zeit r�ckw�rts laufen zu lassen und zerbrochene Dinge wieder zusammenzusetzen. Bei dem Luxus der Eile konnten sie nachl�ssig sein; und es war unglaublich, wie schnell sie einen Wiederaufbau starten und dann weiterfliegen konnten. �Im Anfang war das Wort�, sagte Simon m�de eines Abends und dr�ckte auf sein Armband. Ein Br�ckenkran schwenkte �ber die untergehende Sonne. Und dann waren sie wieder unterwegs.</p><empty-line/><p>Sie starteten D�mmungs- und Eingrabungsprogramme f�r drei explodierte Reaktoren. Dabei blieben sie in Sicherheit hinter dem Horizont und arbeiteten mit Teleoperating. W�hrend er die Arbeiten �berwachte, wechselte Yeli manchmal die Kan�le und warf einen Blick auf die Nachrichten. Ein Bild kam aus dem Orbit. Eine Aufnahme der Tharsis-Hemisph�re, welche die ganze Sichel au�er den Westrand bei Tageslicht zeigte. Aus dieser H�he konnten sie kein Anzeichen der Ausfl�sse erkennen. Aber die Stimme aus dem Off erkl�rte, dass diese in allen alten Flussbetten stattgefunden h�tten, die von Marineris nach Norden zu Chryse verliefen. Und das Bild sprang zu einem teleskopischen Bild, das in jener Region r�tlich wei�e B�nder zeigte. Also jetzt wirkliche Kan�le.</p><p>Nadia ging nach dem Fernsehbericht gleich wieder an ihre Arbeit. So viel zerst�rt, so viele Menschen get�tet, Menschen, die tausend Jahre h�tten leben k�nnen, und nat�rlich kein Wort von Arkady. Es waren jetzt zwanzig Tage. Manche sagten, er konnte gezwungen worden sein, ganz unterzutauchen, um nicht durch einen Schlag aus dem Orbit get�tet zu werden. Aber Nadia glaubte das nicht mehr l�nger, au�er in Momenten extremer Sehnsucht und Schmerzes, den beiden Emotionen, die durch die besessene Arbeitsweise in einer brandneuen Mischung aufwallten zu einem neuen Gef�hl, das sie hasste und f�rchtete. Sehnsucht bewirkte Schmerz, und Schmerz bewirkte Sehnsucht�� ein hei�es wildes Verlangen, dass die Dinge nicht so sein sollten, wie sie waren. Wie qu�lend ein solches Verlangen war! Aber wenn sie hart genug arbeitete, gab es keine Zeit daf�r. Keine Zeit zu denken oder zu f�hlen.</p><p>Sie flogen �ber die Br�cke, die an der Ostgrenze von Hellas Harmakhis Vallis �berspannt hatte. Sie war hinuntergebrochen. Instandsetzungsroboter waren bei allen gro�en Br�cken in Nischen versteckt; und sie konnten zur v�lligen Rekonstruktion der Spannweite programmiert werden, obwohl sie dabei langsam sein w�rden. Die Reisenden brachten sie in Gang; und nachdem sie die letzten Programme installiert hatten, setzten sie sich in den Kabinen der Flugzeuge zu in Mikrowellen erhitzten Spaghetti hin, und Yeli stellte wieder den Kanal des Fernsehens von der Erde ein. Es gab nur Statik und ein wackelndes, miserables Bild. Er versuchte es mit Kanalwechsel, aber es war �berall dasselbe. Starke, brummende St�rungen.</p><p>Ann sagte: �Haben sie etwa die Erde in die Luft gejagt?�</p><p>�Nein, nein�, meinte Yeli. �Da st�rt jemand. Die Sonne steht in diesen Tagen zwischen uns und der Erde. Man braucht nur mit ein paar Relais-Satelliten dazwischenzufunken, um den Kontakt ganz abzuschneiden.�</p><p>Sie starrten finster auf den spr�henden Schirm. In den letzten Tagen waren die asynchronen Nachrichtensatelliten links und rechts abgest�rzt�� abgeschossen oder durch Sabotage, das war unm�glich zu sagen. Jetzt, ohne die Nachrichten von der Erde, w�rden sie wirklich im Finstern sitzen. Radiosignale von Oberfl�che zu Oberfl�che waren sehr begrenzt in Anbetracht des nahen Horizonts und des Fehlens einer Ionosph�re. Kaum gr��ere Reichweite als mit Handsprechger�ten. Yeli versuchte es mit mannigfaltigen stochastischen Resonanzmustern, um zu sehen, ob er die Blockade durchdringen k�nnte. Die Signale waren hoffnungslos verzerrt und �berlagert. Er gab knurrend auf und tastete ein Suchprogramm ein. Das Radio oszillierte durch die Frequenzen hinauf und herunter, erwischte Statik und hielt bei der gelegentlichen schwachen Hervorhebung an. Codiertes Knacken, unwiederbringliche Musikfetzen. Geisterstimmen plapperten in unverst�ndlichen Sprachen, als ob Yeli dort Erfolg gehabt h�tte, wo das SETI-Programm der Suche nach extraterrestrischer Intelligenz versagt hatte. Als ob jetzt, da es sinnlos war, Botschaften von den Sternen eingetroffen w�ren. Wahrscheinlich nur irgendwelches Zeug von den Bergwerksleuten auf Asteroiden. Auf jeden Fall unverst�ndlich und nutzlos. Sie waren auf der Oberfl�che des Mars allein, f�nf Personen in zwei kleinen Flugzeugen.</p><p>Das war ein neues und sehr eigenartiges Gef�hl, das in den folgenden Tagen noch st�rker wurde, als sich nichts �nderte. Es wurde ihnen klar, dass sie weitermachen mussten, w�hrend alle ihre Fernseh- und Funkger�te durch wei�es Rauschen �berdeckt waren. Das war f�r sie eine einzigartige Erfahrung, nicht nur auf dem Mars, sondern in ihrem gesamten Leben. Und sie merkten bald, dass der Verlust elektronischer Information wie der Verlust eines ihrer Sinne war. Nadia blickte dauernd auf ihr Armbandger�t, auf dem vor dieser Panne Arkady jede Sekunde h�tte erscheinen k�nnen. Auf dem jeder Beliebige der Ersten Hundert h�tte auftauchen und sich f�r sicher erkl�ren k�nnen. Und dann blickte sie von dem kleinen leeren Quadrat auf das Land um sie herum, das pl�tzlich so viel gr��er, wilder und leerer war als je zuvor. Es war erschreckend. Nichts als zerkl�ftete rostfarbene H�gel, so weit das Auge reichte, selbst wenn man in der D�mmerung in den Flugzeugen sa� und nach einem der kleinen Landepl�tze Ausschau hielt, die auf der Karte verzeichnet waren, und die, wenn man sie ausgemacht hatte, wie kleine Bleistifte aussahen. Eine so gro�e Welt! Und sie waren in ihr allein. Selbst auf Navigation konnte man sich nicht mehr verlassen. Sie blieb nicht den Computern �berlassen. Man musste Stra�entransponder benutzen und Koppelnavigation und visuelle Bezugspunkte, indem sie �ngstlich in der Morgend�mmerung die n�chste Landebahn in der Wildnis suchten. Einmal brauchten sie weit bis in den Vormittag, um einen Platz nahe Dao Vallis zu finden. Danach entschloss Yeli sich, Pisten zu folgen. Er flog in der Nacht tief und beobachtete das kleine silbrige Band, welches sich unter ihnen im Sternenlicht dahinschl�ngelte, w�hrend er die Transpondersignale mit den Karten verglich.</p><p>Und so schafften sie es, in das weite Tiefland des Hellas-Beckens hinunterzufliegen, indem sie der Piste nach Low Point Lakefront folgten. Dann kam im roten Licht des Horizonts und den langen Schatten des Sonnenaufgangs ein See aus zerbrochenem Eis in Sicht. Er f�llte den ganzen westlichen Teil von Hellas. Ein See!</p><p>Die Piste, der sie gefolgt waren, f�hrte direkt ins Eis. Die gefrorene K�stenlinie war ein gezacktes Wirrwarr von Eisplatten, die schwarz oder wei� oder sogar blau oder jadegr�n waren. Alles zusammen aufgeh�uft, als ob eine Gezeitenwoge die Schmetterlingssammlung des Gro�en Mannes zerbrochen und �ber einem unfruchtbaren Strand ausgesch�ttet h�tte. Dahinter zog sich der gefrorene See bis �ber den Horizont dahin.</p><p>Nach einigen Sekunden des Schweigens sagte Ann: �Sie m�ssen das Wasserlager von Hellesponrus zerbrochen haben. Das war wirklich gro�, und es w�rde bis Low Point hin auslaufen.�</p><p>�Also muss das Mohole Hellas �berflutet sein�, sagte Yeli.</p><p>�Richtig! Und das Wasser auf seinem Boden wird sich erw�rmen. Wahrscheinlich so weit, dass die Oberfl�che des Sees nicht gefriert. Schwer zu sagen. Die Luft ist zwar kalt, aber durch die Konvektion k�nnte es eine offene Stelle geben. Falls nicht, dann wird es bestimmt dicht unter der Oberfl�che fl�ssig sein. Es muss wirklich starke Konvektionsstr�me geben. Aber die Oberfl�che���</p><p>�Das werden wir gleich sehen�, sagte Yeli. �Wir werden dar�berfliegen.�</p><p>Nadia wandte ein: �Wir sollten landen.�</p><p>�Nun, das werden wir, sobald wir k�nnen. Au�erdem scheint sich die Lage etwas zu beruhigen.�</p><p>�Das kommt nur daher, dass wir von den Nachrichten abgeschnitten sind.�</p><p>�Hmm.�</p><p>Es stellte sich heraus, dass sie die ganze Strecke quer �ber den See fliegen mussten, um auf der anderen Seite zu landen. Es war ein unheimlicher Morgen, tief �ber eine zerrissene Fl�che zu fliegen, die an das Eismeer der Erde erinnerte, nur dass hier die Eisstr�me die Landschaft wie die offene T�r einer Tiefk�hltruhe bereiften und Farben durch das ganze Spektrum aufwiesen, nat�rlich mit Schwerpunkt auf Rot. Aber dadurch kamen das gelegentliche Blau und Gr�n und Gelb nur noch besser heraus als Partikel eines immensen chaotischen Mosaiks.</p><p>Und dort im Zentrum, wo sich selbst in der H�he, in der sie flogen, der See aus Eis nach jeder Richtung bis zum Horizont erstreckte, stand eine gewaltige Dampfwolke, die Tausende von Metern in die Luft aufstieg. Als sie diese vorsichtig umkreisten, sahen sie, dass das Eis darunter in Berge und Schollen zerbrochen war, die dicht gepackt in sprudelndem dampfendem schwarzem Wasser schwebten. Die schmutzigen Berge rotierten, stie�en zusammen, �berschlugen sich, und dicke Fluten schwarzen Wassers spritzten hoch. Wenn diese W�nde hinunterfielen, breiteten sich in konzentrischen Kreisen Wellen aus, die alle Berge, die vorbeizogen, auf und ab h�pfen lie�en.</p><p>In beiden Flugzeugen herrschte Stille, w�hrend die Insassen dieses f�r den Mars unpassende Schauspiel betrachteten. Schlie�lich, nachdem sie zweimal schweigend die Dampfs�ule umrundet hatten, flogen sie in westlicher Richtung weiter �ber die zerrissene Ein�de. �Sax muss diese Revolution <emphasis>lieben�,</emphasis> sagte Nadia von neuem und brach damit das Schweigen. �Meint ihr, dass er ein Teil von ihr ist?�</p><p>�Das bezweifle ich�, sagte Ann. �Er w�rde wahrscheinlich nicht seine Investition auf der Erde riskieren. Auch nicht einen ordentlichen Fortschritt des Projekts oder eine gewisse Kontrolle. Aber ich bin sicher, dass er die Revolution danach beurteilt, wie sie das Terraformen beeinflusst. Nicht danach, wer stirbt oder was ruiniert wird oder wer hier die Macht �bernimmt. Nur inwiefern sie das Projekt beeinflusst.�</p><p>�Ein interessantes Experiment�, sagte Nadia.</p><p>�Aber schwer zu gestalten�, gab Ann zu bedenken. Sie mussten beide lachen.</p><empty-line/><p>Wenn man vom Teufel spricht�� Sie landeten westlich des neuen Sees (Lakefront stand unter Wasser) und verbrachten den Tag mit Ausruhen. Als sie in der n�chsten Nacht der Piste nordwestlich in Richtung auf Marineris folgten, kamen sie �ber einen Transponder, der in Morsezeichen SOS blinkte. Sie umkreisten ihn bis zur Morgend�mmerung und landeten direkt auf der Piste, gleich neben einem defekten Rover. Und dicht dabei war Sax in einem Schutzanzug. Er fummelte an dem Transponder herum und sendete manuell SOS.</p><p>Sax stieg in ihr Flugzeug und nahm den Helm ab, zwinkernd und mit zusammengepressten Lippen, so ausdruckslos wie gewohnt. M�de, aber er sah aus wie die Ratte, die den Kanarienvogel gefressen hat, wie Ann sp�ter zu Nadia sagte. Er sprach wenig. Er war vor drei Tagen auf der Piste h�ngen geblieben mit dem Rover, der sich nicht mehr bewegte. Die Piste war tot, und er hatte keinen Reservetreibstoff. Lakefront war in der Tat �berschwemmt. �Ich habe es in Richtung Cairo verlassen, um Frank und Maya zu treffen�, berichtete er, �weil sie denken, es w�re hilfreich, wenn die Ersten Hundert alle zusammenkommen w�rden, um eine gewisse Autorit�t darzustellen f�r Verhandlungen mit der UNOMA-Polizei und sie zu veranlassen, aufzuh�ren.� Er war gestartet und befand sich in den Vorbergen von Hellespontus, als die thermische Wolke des Mohole von Low Point pl�tzlich gelb geworden war und zwanzigtausend Meter in den Himmel aufstieg. Er erkl�rte: �Sie verwandelte sich in eine Pilzwolke wie bei einer Atomexplosion, aber mit einer kleineren Kappe. Der Temperaturgradient ist in unserer Atmosph�re nicht steil.�</p><p>Danach war er umgekehrt und an den Rand des Beckens gefahren, um etwas von der �berschwemmung zu sehen. Das aus dem Norden ins Becken herunterflie�ende Wasser war schwarz gewesen, wurde aber allm�hlich wei�, indem es fast sofort in gro�en St�cken zu Eis wurde, au�er bei Lakefront, wo es geblubbert hatte �wie Wasser auf dem Herd�, sagte er. �Die Thermodynamik war dort einige Zeitlang recht kompliziert, aber das Wasser k�hlte das Mohole ziemlich schnell ab, und���</p><p>�Halt den Mund, Sax!� sagte Ann.</p><p>Sax hob die Augenbrauen und machte sich daran, den Radioempf�nger des Flugzeugs zu verbessern.</p><empty-line/><p>Sie flogen weiter, jetzt zu sechst. Sasha und Yeli, Ann und Simon, Nadia und Sax. Sechs der Ersten Hundert, zusammenger�ckt wie durch Magnetismus. Es gab in dieser Nacht viel Gespr�chsstoff, und sie tauschten Geschichten, Information, Ger�chte und Spekulationen aus. Aber Sax konnte nur wenig Konkretes zu dem Gesamtbild beitragen. Er war von den Nachrichten abgeschnitten gewesen, genau wie sie. Nadia erschauerte wieder, wie �ber einen verlorenen Sinn. Sie erkannte, dass dieses Problem nicht verschwinden w�rde.</p><p>Am n�chsten Morgen landeten sie bei Sonnenaufgang auf dem Behelfsflugplatz von Bakhuysen. Dort trafen sie auf ein Dutzend Leute mit Bet�ubungsgewehren der Polizei. Diese kleine Schar hielt die L�ufe der Waffen nach unten, eskortierte sie aber mit sehr wenig Zeremonie in den Hangar, der sich im Innern der Kraterwand befand.</p><p>In dem Hangar waren noch mehr Leute, und es wurden immer noch mehr. Schlie�lich waren es etwa f�nfzig Personen, drei�ig davon Frauen. Sie waren h�flich und sogar freundlich, als sie die Identit�t der Reisenden erfuhren. �Wir mussten uns nur vergewissern, mit wem wir es zu tun hatten�, sagte eine gro�e Frau mit starkem Yorkshire-Akzent.</p><p>�Und wer seid ihr?� fragte Nadia frech.</p><p>�Wir kommen von Korolyov Prime�, sagte sie. �Wir sind entkommen.�</p><p>Sie f�hrten die Reisenden in ihren Speisesaal und bewirteten sie mit einem �ppigen Fr�hst�ck. Als alle Platz genommen hatten, ergriffen die Leute Magnesiumkr�ge und reichten sie �ber den Tisch, um ihren Nachbarn Apfelsaft einzugie�en. Die Nachbarn taten desgleichen, bis ein jeder bedient war. Dann a�en sie Pfannkuchen und tauschten Geschichten aus. Die Gruppe aus Bakhuysen war am ersten Tag der Revolte aus Korolyov entflohen und hatte sich in den S�den auf den Weg gemacht in der Absicht, bis hin zur s�dlichen Polgegend zu ziehen. �Das ist ein gro�er Rebellen-Sammelplatz�, sagte ihnen die Yorkshire-Frau (die, wie sich herausstellte, eigentlich Finnin war.) �Dort gibt es diese riesigen Terassenb�nke, die praktisch lange H�hlen mit offenen Flanken bilden, meistens einige Kilometer lang und recht weit. Perfekt, um au�er Satellitensicht zu bleiben und doch etwas Luft zu bekommen. Die richten da unten eine Art von Leben wie die H�hlenbewohner von Cro-Magnon ein. Wirklich reizend.� Offenbar waren diese langen H�hlen in Korolyov ber�hmt gewesen; und viele Gefangene hatten sich dort zum Rendezvous verabredet, falls es zu einem Ausbruch kommen sollte.</p><p>�Ihr haltet also zu Arkady?� fragte Nadia.</p><p>�Zu wem?�</p><p>Es stellte sich heraus, dass sie Anh�nger des Biologen Schnelling waren, der wohl eine Art von rotem Mystiker gewesen war und in Korolyov mit ihnen festgehalten wurde, wo er vor ein paar Jahren gestorben war. Er hatte �ber Armbandger�te Vorlesungen gehalten, die auf Tharsis sehr beliebt gewesen waren; und nach seiner Ein�scherung waren viele Gefangene in Korolyov seine Sch�ler geworden. Anscheinend hatte er sie eine Art von Mars-Kommunalismus gelehrt, der auf Prinzipien der lokalen Biochemie beruhte. Die Gruppe in Bakhuysen war sich dar�ber nicht ganz klar. Aber jetzt waren sie drau�en und hofften, mit anderen Rebellenkr�ften Kontakt aufzunehmen. Es war ihnen gelungen, mit einem verborgenen Satelliten Verbindung zu bekommen, der auf gerichtete Mikroimpulse programmiert war. Sie hatten es auch geschafft, kurz einen Kanal abzuh�ren, der von Sicherheitskr�ften auf Phobos betrieben wurde. Sie sagten, Phobos diene als �berwachungs- und Angriffsbasis f�r transnationale und UNOMA-Polizeikr�fte, die k�rzlich mit der letzten regul�ren F�hre eingetroffen waren. Diese gleichen Kr�fte hatten die Kontrolle �ber den Aufzug, �ber Pavonis Mons und den gr��ten Teil von Tharsis �bernommen. Das Observatorium auf Olympus Mons hatte rebelliert, war aber durch einen Raketenangriff aus dem Orbit zerst�rt worden. Und transnationale Sicherheitskr�fte hatten den gr��ten Teil der Gro�en B�schung besetzt und den Planeten praktisch in zwei Teile geschnitten. Und der Krieg auf der Erde schien noch anzudauern, obwohl sie den Eindruck hatten, dass es am hei�esten in Afrika, Spanien und an der US-mexikanischen Grenze tobte.</p><p>Den Versuch, nach Pavonis zu gelangen, hielten sie f�r zwecklos. �Sie werden euch entweder einsperren oder umbringen�, wie Sonja es ausdr�ckte. Als aber die sechs Reisenden beschlossen, es dennoch zu versuchen, erhielten sie genaue Hinweise f�r eine Zuflucht, die einen Nachtflug entfernt im Westen gelegen war. Das war die Wetterstation Southern Margarinfer, wie ihnen die Bakhuysenleute sagten. Besetzt von Bogdanovisten.</p><p>Nadias Herz h�pfte, als sie dieses Wort h�rte. Sie konnte nicht anders. Aber Arkady hatte viele Freunde und Gefolgsleute, und keiner von denen schien zu wissen, wo er selbst sich aufhielt. Aber Nadia konnte an diesem Tage nicht schlafen. Ihr Magen war wieder wie ein Knoten. Sie war an diesem Abend bei Sonnenuntergang froh, wieder zu den Flugzeugen zu gehen und zu starten. Die Rebellen von Bakhuysen brachten sie auf den Weg, so beladen mit Hydrazin und Gas und gefriergetrockneter Nahrung, dass sie nur m�hsam vom Boden freikamen.</p><empty-line/><p>Ihre Nachtfl�ge hatten einen eigenartigen rituellen Aspekt gewonnen, als ob sie dabei w�ren, eine neue und anstrengende Pilgerfahrt zu erfinden. Die Flugzeuge waren so leicht, dass sie von den vorherrschenden Westwinden stark gesch�ttelt wurden und manchmal zehn Meter wild auf und ab h�pften. Daher war es unm�glich, lange zu schlafen. Ein pl�tzliches Fallen oder Aufsteigen, und man war wieder wach in der dunklen kleinen Kabine, wo man aus dem Fenster auf den schwarzen Himmel und die Sterne in der H�he oder die lichtlose Welt unten blickte. Es wurde kaum gesprochen. Die Piloten waren nach vorn gebeugt und verwendeten ihre Energie darauf, mit dem anderen Flugzeug in visuellem Kontakt zu bleiben. Die Flugzeuge brummten dahin, und die Winde schnitten �ber ihre langen, biegsamen Schwingen. Drau�en herrschten sechzig Grad K�lte, und die Luft hatte nur hundertf�nfzig Millibar und war giftig. Und es gab keine Zuflucht auf dem schwarzen Planeten da unten auf viele Kilometer in jeder Richtung. Nadia pflegte einige Zeit zu steuern, ging dann nach hinten, drehte und kr�mmte sich zusammen im Versuch, etwas Schlaf zu finden. Oft erinnerte sie das Klicken eines Transponders im Radio in Verbindung mit ihrer allgemeinen Situation an die Zeit, da sie und Arkady dem Sturm in der <emphasis>Arrowhead</emphasis> getrotzt hatten. Sie sah ihn dann wieder, wie er mit rotem Bart und nackt durch das zerbrochene Innere des Luftschiffs geschritten war und Verkleidung abriss, um sie �ber Bord zu werfen, wobei schwebende Partikel um ihn einen Nimbus bildeten. Danach riss sie die 16D wieder wach, und sie musste mit dem Unbehagen ihrer ewigen Angst k�mpfen. Es h�tte ihr geholfen, wieder das Steuer zu �bernehmen, aber Yeli wollte seinen Teil als Pilot, wenigstens in den ersten Stunden seiner Wache. Sie konnte ihm also nur helfen bei der Ausschau nach dem anderen Flugzeug, das sich immer einen Kilometer rechts von ihnen befand, wenn alles stimmte. Sie hatten mit ihm auch gelegentlich Funkkontakt, aber in Form von Mikroimpulsen, die sie auf ein Minimum beschr�nkten. St�ndliche Kontrollen oder R�ckfragen, wenn einer zur�ckblieb. In der toten Nacht schien dies manchmal alles zu sein, was ein jeder von ihnen je getan hatte. Es war schwer, sich daran zu erinnern, wie das Leben vor der Revolte gewesen war. Und wie lange war das her? Vierundzwanzig Tage? Drei Wochen, obwohl es sich wie f�nf Jahre anf�hlte.</p><p>Und wenn sich dann der Himmel hinter ihnen zu r�ten begann, wenn hohe Cirruswolken purpurn wurden, rot, karmesin, lavendel und dann schnell in einem rosigen Himmel die Farbe von Metallsp�nen annahmen; und wenn sich die unglaubliche Font�ne der Sonne �ber einen Felsenrand ergoss, suchten sie, w�hrend sie geisterhaft �ber die steinige und im Dunkeln liegende Landschaft glitten, nach Zeichen einer Piste. Nach der ewigen Nacht schien es unm�glich, dass sie �berhaupt erfolgreich navigiert hatten. Aber da unten lag die schimmernde Piste, auf der sie in einem Notfall direkt landen w�rden. Und die Transponder lie�en sich alle einzeln identifizieren und markierten Punkte auf der Karte. Ihre Navigation war immer sicherer, als es schien. Also ersp�hten sie jeden Morgen einen Behelfslandeplatz in den Schatten voraus, einen willkommenen gelben Strich, der vollkommen eben war. Sie glitten hinunter, setzten auf, bremsten und rollten zu irgendwelchen Einrichtungen, die sie finden konnten, hielten die Motore an und sanken in ihre Sitze zur�ck. Sie genossen das seltsame Fehlen von Vibrationen und die Stille eines weiteren Tages.</p><empty-line/><p>An diesem Morgen landeten sie auf der Rollbahn an der Margaritifer-Station. Als sie aus ihren Flugzeugen stiegen, kamen ihnen ein Dutzend M�nner und Frauen entgegen, deren Willkommen sehr enthusiastisch ausfiel. Sie dr�ckten und k�ssten die Reisenden immer wieder und lachten dabei. Die sechs dr�ngten sich zusammen, hierdurch mehr alarmiert als durch die vorsichtige Begr��ung am Tag zuvor. Immerhin vers�umten die Leute nicht, Laser-Leser �ber ihre Handgelenke zu f�hren, um sie zu identifizieren. Das war beruhigend. Als aber die KIs best�tigten, dass sie in der Tat sechs der Ersten Hundert empfingen, brachen sie in Hochrufe aus und fuhren in allerbester Stimmung fort. Als die sechs dann durch eine Schleuse in die Messe gef�hrt wurden, gingen einige ihrer Gastgeber sofort zu einigen kleinen Tanks und atmeten Proben von etwas ein, das sich als Sauerstoffnitrat und ein Pandorphin-Aerosol herausstellte, wonach sie sich kaputtlachten.</p><p>Einer von ihnen, ein schlanker Amerikaner mit frischem Gesicht, stellte sich vor. �Ich bin Steve. Ich habe mit Arkady in Phobos 12 trainiert und mit ihm auf Clarke gearbeitet. Die meisten von uns hier haben mit ihm auf Clarke gearbeitet. Wir waren in Schiaparelli, als die Revolution begann.�</p><p>�Wei�t du, wo Arkady ist?� fragte Nadia.</p><p>�Zuletzt h�rten wir, dass er in Carr w�re, aber jetzt ist er aus dem Netz heraus, wie es wohl sein sollte.�</p><p>Ein gro�er hagerer Amerikaner trat zu Nadia, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: �Wir sind nicht immer so.� Dabei lachte er.</p><p>�O nein!� stimmte Steve zu. �Aber heute ist ein Feiertag! Habt ihr nicht geh�rt?�</p><p>Eine kichernde Frau riss ihr Gesicht vom Tisch hoch und schrie: �Unabh�ngigkeitstag! Der Vierzehnte!�</p><p>�Seht her!� sagte Steve und zeigte auf ihren Fernseher.</p><p>Auf dem Schirm flimmerte ein Bild aus dem Weltraum; und pl�tzlich fing die ganze Gruppe an zu schreien und zu jubeln. Sie hatten, wie Steve erkl�rte, auf einen codierten Kanal von Clarke geschaltet; und obwohl sie nicht seine Mitteilungen entschl�sseln konnten, hatten sie ihn als Leuchtsignal benutzt, um das optische Teleskop ihrer Station auszurichten. Das Bild aus dem Teleskop wurde auf den Fernseher in der Messe �bertragen und war nun da. Der schwarze Himmel und die Sterne, die sie alle zu erkennen gelernt hatten. Der quadratische Asteroid mit dem Kabel ragte davor auf. �Passt jetzt auf!� riefen sie den verwirrten Reisenden zu.</p><p>�Aufpassen?�</p><p>Sie heulten wieder auf; und einige fingen einen Countdown an, von hundert abw�rts. Manche atmeten au�er Stickoxid auch Helium ein. Sie standen unter dem gro�en Bildschirm und sangen: <emphasis>�We�re off to see the wizard, the wonderful wizard of Oz!�</emphasis> Und so weiter das ganze Lied von dem Zauberer in dem alten M�rchenfilm��</p><p>Nadia erschauerte. Der laute Countdown wurde immer heftiger gebr�llt und erreichte ein gekreischtes: �Null!�</p><p>Zwischen dem Asteroiden und dem Kabel erschien eine L�cke. Clarke verschwand sofort aus dem Bild. Das Kabel, filigranhaft zwischen den Sternen, fiel fast ebenso schnell aus dem Blickfeld.</p><p>Wilde Hurrarufe erf�llten den Raum, wenigstens f�r einen Augenblick. Aber es erstickte ruckartig, als einige der Feiernden durch Ann abgelenkt wurden, die mit beiden F�usten vor dem Mund aufsprang.</p><p>�Er wird jetzt bestimmt unten sein!� rief Simon Ann �ber das Get�se zu. �Er ist bestimmt unten. Es sind Wochen her, dass er angerufen hat.�</p><p>Langsam wurde es ruhig. Nadia fand sich an Anns Seite, gegen�ber von Simon und Sasha. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Ann war starr, und ihre Augen traten schrecklich hervor.</p><p>�Wie habt ihr das Kabel zerbrochen?� fragte Sax.</p><p>�Nun, das Kabel kann kaum zerbrochen werden�, erwiderte Steve.</p><p>�Habt ihr das Kabel zerbrochen?� rief Yeli.</p><p>�Nein. Wir haben nur das Kabel von Clarke abgetrennt. Aber der Effekt ist der gleiche. Das Kabel ist unterwegs nach unten.�</p><p>Die Gruppe brach wieder in Hochrufe aus, allerdings etwas schw�cher. Steve erkl�rte den Reisenden �ber den L�rm hinweg: �Das Kabel selbst ist nicht zu durchtrennen. Es besteht aus Graphitf�den mit einem Diamantschwammgemisch in einer Doppelspirale darin. Und sie haben geschickte Abwehrstationen gegen Steine alle hundert Kilometer und an den Wagen enorme Sicherheitsvorkehrungen. Darum schlug Arkady vor, an Clarke selbst zu arbeiten. Seht, das Kabel verl�uft direkt durch das Gestein zu den Fabriken im Innern, und sein eigentliches Ende war sowohl physisch wie magnetisch am Fels des Asteroiden befestigt. Aber wir sind mit einem Haufen unserer Roboter in einer Fracht von Material aus dem Orbit gelandet, haben uns in das Innere gegraben und thermische Bomben au�en am Geh�use des Kabels angebracht und um den magnetischen Generator herum. Dann haben wir heute alle auf einmal gez�ndet; und das Gestein wurde zur gleichen Zeit fl�ssig, wie der Magnet unterbrochen war. Und ihr wisst, dass Clarke losgel�st wie eine Gewehrkugel davonschie�t, so dass er in dieser Weise vom Kabelende abrutschte. Und wir haben es zeitlich so eingerichtet, dass er sich direkt von der Sonne weg bewegt und auch um zwanzig Grad aus der Ebene der Ekliptik heraus. Also wird es verdammt schwer sein, ihn zu verfolgen. Jedenfalls hoffen wir das.�</p><p>�Und das Kabel selbst?� fragte Sasha.</p><p>Es gab wieder laute Jubelrufe, und Sax antwortete ihr im n�chsten ruhigen Moment. �Es f�llt herunter.� Er war an der Computerkonsole und tippte, so schnell er konnte. Aber Steve rief ihm zu: �Wir haben die Daten f�r den Abstieg, wenn du sie haben willst. Das ist ziemlich komplex, eine Menge partieller Differentialgleichungen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Sax.</p><p>�Ich kann es nicht glauben�, sagte Simon. Er hatte immer noch die H�nde an Anns Arm und sah sich mit grimmigem Gesicht bei der Meute um. �Der Aufprall wird viele Menschen t�ten!�</p><p>�Wahrscheinlich nicht�, antwortete einer von ihnen. �Und die es erwischt, das werden haupts�chlich UN-Polizisten sein, die den Aufzug zu benutzen pflegten, um herunterzukommen und hier auf dem Boden Menschen umzubringen.�</p><p>�Er ist wahrscheinlich seit einer oder zwei Wochen unten�, wiederholte Simon nachdr�cklich f�r Ann, die ganz blass war.</p><p>�Vielleicht�, sagte sie.</p><p>Einige Leute h�rten das und wurden ruhiger. Andere wollten nichts h�ren und feierten weiter.</p><p>�Wir wussten es nicht�, sagte Steve zu Ann und Simon. Seine triumphierende Miene war verschwunden. Er machte ein besorgtes Gesicht. �H�tten wir es gewusst, h�tten wir versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber wir wussten es nicht. Das tut mir leid. Hoffentlich����� er schluckte�� �hoffentlich war er nicht da oben.�</p><p>Ann ging zu ihrem Tisch zur�ck und setzte sich hin. Simon trieb sich besorgt in ihrer N�he herum. Keiner von beiden schien etwas von dem geh�rt zu haben, was Steve gesagt hatte.</p><empty-line/><p>Der Funkverkehr nahm sofort zu, als die Verantwortlichen der restlichen Nachrichtensatelliten die Meldung �ber das Kabel erhielten. Einige der feiernden Rebellen machten sich daran, diese Nachrichten zu verfolgen und aufzuzeichnen. Andere feierten weiter.</p><p>Sax war noch in die Gleichungen auf dem Schirm vertieft. �Geht nach Osten�, bemerkte er.</p><p>�Das ist richtig�, sagte Steve. �Es wird erst in der Mitte einen gro�en Bogen machen, weil der untere Teil es herunterzieht; und dann wird der Rest folgen.�</p><p>�Wie schnell?�</p><p>�Schwer zu sagen; aber wir denken etwa vier Stunden f�r die erste Runde und dann noch eine Stunde f�r die zweite.�</p><p>�Zweite Runde!� sagte Sax.</p><p>�Nun, du wei�t, das Kabel ist siebenunddrei�igtausend Kilometer lang, und der �quatorumfang betr�gt einundzwanzigtausend. Also wird es fast zweimal herumreichen.�</p><p>�Die Leute auf dem �quator sollten sich lieber rasch in Bewegung setzen�, sagte Sax.</p><p>�Nicht genau am �quator�, korrigierte Steve. �Die Phobos-Oszillation wird es zu einem gewissen Grad vom �quator wegschwingen lassen. Das ist auch am schwierigsten zu berechnen, weil es davon abh�ngt, an welcher Stelle das Kabel in seiner Oszillation war, als es zu fallen anfing.�</p><p>�N�rdlich oder s�dlich?�</p><p>�Das sollten wir in den n�chsten paar Stunden erfahren.�</p><p>Die sechs Reisenden starrten hilflos auf den Schirm. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft war es still. Der Schirm zeigte nichts als Sterne. Es gab keinen Aussichtspunkt, von dem aus man den Fall des Aufzugs h�tte beobachten k�nnen. Das Kabel, von dem jeder einzelne Beobachter immer nur einen Bruchteil seiner L�nge sehen konnte, w�rde bis zum Ende unsichtbar bleiben. Oder nur als eine herabfallende feurige Linie zu sehen sein.</p><p>�Das war�s dann also mit Phyllis� Br�cke�, sagte Nadia.</p><p>�Das war�s dann also mit Phyllis�, sagte Sax.</p><p>Die Margaritifer-Gruppe stellte wieder Verbindungen zu den Satellitensendungen her, die sie geortet hatten. Es gelang ihnen auch, eine Anzahl von Sicherheitssatelliten anzuzapfen. Aus all diesen Kan�len waren sie imstande, einen partiellen Bericht �ber den Sturz des Kabels zusammenzust�ckeln. Aus Nicosia meldete ein UNOMA-Team, dass das Kabel n�rdlich von ihnen heruntergekommen sei, wobei es sich vertikal verkr�mmte, aber zugleich noch rasch Boden gewann, als ob es durch den rotierenden Planeten hindurchschnitte. Obwohl n�rdlich von ihnen, dachten sie doch, es w�re n�rdlich vom �quator. Eine verzerrte, unter Panik stehende Stimme von Sheffield fragte, ob sie das best�tigen k�nnten. Das Kabel war schon �ber die halbe Stadt gefallen und eine Reihe von Kuppeln �stlich davon�� die ganze Strecke �ber den Abhang von Pavonis Mons und quer �ber das �stliche Tharsis. Es hatte mit seinem sonischen Knall eine zehn Kilometer breite Zone flachgelegt. Das h�tte noch schlimmer sein k�nnen; aber die Luft war in dieser H�he so d�nn, dass das Dr�hnen keine gr��ere Kraft entwickeln konnte. Jetzt wollten die �berlebenden in Sheffield wissen, ob sie nach S�den laufen m�ssten, um der n�chsten Runde zu entgehen, oder ob sie versuchen sollten, um die Caldera herum nach Norden zu gelangen.</p><p>Sie erhielten keine Antwort. Aber weitere Entkommene aus Korolyov, am S�drand von Melas Chasma in Marineris meldeten �ber einen Rebellenkanal, dass das Kabel inzwischen so hart aufschl�ge, dass es beim Aufprall zerschellte. Eine halbe Stunde sp�ter meldete sich eine Bohrmannschaft von Aureum. Sie waren nach den sonischen Schl�gen hinausgegangen und hatten einen Haufen von Tr�mmerst�cken gefunden, die als gl�hende Brekzien von Horizont zu Horizont reichten.</p><p>Eine Stunde lang gab es keine neue handfeste Kommunikation. Nichts als Fragen, Spekulationen und Ger�chte. Dann lehnte sich einer mit Kopfh�rern zur�ck und machte den anderen ein Zeichen mit dem erhobenen Daumen. Er schaltete das Interkom ein, und durch das statische Rauschen ert�nte eine gellende Stimme: �Es explodiert! Es ist in ungef�hr vier Sekunden heruntergekommen. Es brannte von oben bis unten, und als es den Boden traf, sprang alles direkt unter den F��en hoch. Wir haben hier Probleme mit einem Leck. Wir nehmen an, dass wir uns ungef�hr achtzig Kilometer s�dlich von der Aufschlaglinie befinden und sind selbst f�nfundzwanzig s�dlich vom �quator, so dass ihr hoffentlich den Rest des Malheurs danach berechnen k�nnt. Es brannte von oben bis unten! Wie diese wei�e Linie, die den Himmel in zwei Teile geschnitten hat. Ich habe nie so etwas gesehen. Ich habe immer noch hellgr�ne Nachbilder in den Augen. Es war, als h�tte ein Meteor seine Bahn gezogen�� Wartet�� J�rge ist im Interkom. Er ist hier drau�en und sagt, es ist nur drei Meter hoch, wo er sich befindet. Hier gibt es weichen Regolith. Darum steckt das Kabel in einem Graben, den es sich selbst eingedr�ckt hat. Er sagt, an manchen Stellen steckt es so tief, dass man es zusch�tten k�nnte und dann eine ebene Fl�che bek�me. Er sagte, die w�ren wie Furten; denn an anderen Stellen ragt es f�nf oder sechs Meter hoch. Ich nehme an, das d�rfte es Hunderte von Kilometern in einem Zuge tun. Es wird wie die gro�e chinesische Mauer sein.�</p><p>Dann kam ein Anruf vom Krater Escalante, der genau auf dem �quator liegt. Sie hatten nach der Meldung �ber Clarke sofort evakuiert, waren aber nach S�den gegangen, so dass sich das Eintreffen des Kabels als eine sehr knappe Sache erwiesen hatte. Sie meldeten, dass das Kabel jetzt explodierte, wenn es aufprallte, und breite Streifen geschmolzener Auswurfstoffe in den Himmel schickte, wie ein lavaartiges Feuerwerk, das sich bogenf�rmig in ihre Morgend�mmerung emporzog und matt und schwarz war, wenn es wieder auf die Oberfl�che zur�ckfiele.</p><p>W�hrend all dem verlie� Sax nie seinen Schirm. Und jetzt murmelte er mit zusammengepressten Lippen vor sich hin, w�hrend er Tasten bediente und las. In seiner zweiten Runde w�rde sich, wie er sagte, die Fallgeschwindigkeit auf einundzwanzigtausend Kilometer in der Stunde erh�hen, so dass es bei sechs Kilometern in der Sekunde f�r jeden, der in Sichtweite davon w�re, gef�hrlich sei, sogar t�dlich, wenn man sich nicht auf einer Anh�he und viele Kilometer entfernt bef�nde. Es w�rde aussehen wie ein Meteoritentreffer und in weniger als einer Sekunde den Horizont �berqueren. Sonische Schl�ge w�rden folgen.</p><p>�Gehen wir hinaus und sehen wir es uns an!� schlug Steve vor und blickte dabei Ann und Simon schuldbewusst an. Viele von ihnen zogen sich an und gingen hinaus. Die Reisenden begn�gten sich mit einem Videobild, das von einer externen Kamera hereingesendet wurde und mit Videoclips von den Satelliten abwechselte. Eindrucksvoll waren kurze Clips von der n�chtlichen Seite der Oberfl�che. Sie zeigten eine flammende gekr�mmte Linie, die nach unten schnitt wie die Klinge einer wei�en Sense, die den Planeten entzweizuschneiden suchte.</p><p>Selbst so war es schwer, sich zu konzentrieren und die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was sie sahen, und es zu verstehen, geschweige denn etwas dabei zu empfinden. Sie waren schon ersch�pft gewesen, als sie gelandet waren; und jetzt waren sie es noch mehr. Dennoch war es unm�glich zu schlafen. Immer mehr Videoclips zogen vorbei. Manche aus Robotkameras, die in unbemannten Sonden auf der Tagseite flogen und einen schwarz werdenden, dampfenden Streifen der Verw�stung zeigten. Der Regolith war in zwei langen parallelen Deichen von Auswurfmaterial zur Seite geflogen und bildete das Ufer f�r einen Kanal voller Schw�rze, die bestreut war mit einer Mischung aus Brekzienmaterial, die um so exotischer wurde, je heftiger der Aufprall war, bis schlie�lich eine Sondenkamera das Bild eines von Horizont zu Horizont reichenden Grabens schickte, der laut Sax aus schwarzen Diamanten bestand.</p><p>In der letzten halben Stunde des Absturzes war der Aufprall so stark, dass nach Norden und S�den alles weithin eingeebnet wurde. Leute sagten, dass niemand, der nahe genug gewesen war, das Kabel wirklich zu sehen, den Aufprall �berlebt h�tte. Und die meisten Kamerasonden waren auch zerschmettert. F�r die letzten Tausende von Kilometern des Aufpralls gab es keine Zeugen.</p><p>Ein sp�ter Clip kam von der Westseite von Tharsis, vom zweiten Durchgang �ber den gro�en Abhang. Er war kurz, aber stark. Ein wei�es Aufblitzen am Himmel und eine Explosion, die wie der Funke an einer Z�ndschnur �ber die Westseite des Vulkans lief. Ein anderes Bild, von einem Roboter in West Sheffield, zeigte, wie das Kabel genau im S�den vorbeiblitzte. Dann der Schlag eines Erdbebens oder eines sonischen Sto�es, und der ganze Rand des Distrikts von Sheffield fiel in einem St�ck herunter und sank langsam auf den Boden der Caldera f�nf Kilometer tiefer.</p><p>Danach gab es jede Menge von Videoclips, die um das zerbrochene System herumsprangen. Aber es waren nur Wiederholungen oder Versp�tungen oder Filme, die das Nachher zeigten. Und danach fingen die Satelliten wieder an, Bilder von oben zu schie�en.</p><p>Es waren f�nf Stunden, seit der Fall begonnen hatte. Die sechs Reisenden lagen in ihren Sesseln, sahen das TV an oder nicht, zu ausgelaugt, um etwas zu f�hlen, zu m�de, um zu denken.</p><p>�Na sch�n�, sagte Sax. �Jetzt haben wir einen �quator genau so, wie ich mir den der Erde vorstellte, als ich vier Jahre alt war. Eine gro�e schwarze Linie, die rund um den Planeten l�uft.�</p><p>Ann warf Sax einen so bitteren Blick zu, dass Nadia f�rchtete, sie k�nnte aufstehen und ihm eine herunterhauen. Aber keiner von ihnen bewegte sich. Die Bilder im Fernseher flimmerten, und die Lautsprecher zischten und kr�chzten.</p><empty-line/><p>In der zweiten Nacht ihres Fluges zu Shalbatana Vallis sahen sie die neue �quatorlinie pers�nlich, zumindest den s�dlichen Teil. In der Dunkelheit war es ein breiter schwarzer Streifen, der sie nach Westen f�hrte. W�hrend sie dar�berflogen, machte Nadia ein finsteres Gesicht. Es war nicht ihr Projekt gewesen, aber es war ein Werk, das zerst�rt war. Eine zum Einsturz gebrachte Br�cke.</p><p>Und diese schwarze Linie war auch ein Grab. Es waren nicht viele Menschen auf der Oberfl�che get�tet worden, au�er auf der Ostseite von Pavonis, aber die meisten, wenn nicht alle auf dem Aufzug musste es erwischt haben, und das bedeutete an sich schon einige tausend Personen. Die meisten von denen waren wohl unversehrt gewesen, bis ihr Teil der Kabels in die Atmosph�re schlug und verbrannte.</p><p>W�hrend sie �ber die Verw�stung flogen, empfing Sax ein neues Video vom Fall. Jemand hatte schon einen chronologischen Zusammenschnitt aller Bilder gemacht, die live ins Netz gesendet waren oder in den Stunden unmittelbar danach. Bei dieser Montage, einem sehr eindrucksvollen St�ck Arbeit, zeigten die letzten Clips den letzten Teil des Kabels, wie er in die Landschaft explodierte. Die Stelle des Aufschlags war nie mehr als ein sich bewegender wei�er Fleck, wie ein Fehler im Band. Kein Video war imstande, eine solche Helligkeit aufzuzeichnen. Aber als die Montage fortfuhr, waren die Bilder verlangsamt und in jeder m�glichen Weise bearbeitet worden. Und eines dieser manipulierten Bilder bildete den Schluss, eine Ultrazeitlupe, auf der man die Details sehen konnte, die man live nie h�tte ausmachen k�nnen. Und so konnten sie sehen, dass, als die Linie den Himmel durchkreuzt hatte, der brennende Graphit zuerst abgerissen wurde und eine gl�hende Doppelspirale aus Diamant hinterlie�, die majest�tisch aus einem Himmel im Sonnenuntergang str�mte.</p><p>Nat�rlich war das alles ein Grabmal. Die Leute darauf waren um die Zeit schon tot und verbrannt. Aber es war schwer, an sie zu denken, wenn das Bild so unheimlich fremd und sch�n war�� die Vision einer phantastischen DNA, der DNA einer Makrowelt aus reinem Licht, die in unser Universum hereinpfl�gte, um einen unfruchtbaren Planeten zu befruchten��</p><p>Nadia h�rte auf, das Fernsehen zu betrachten und lie� sich in den Sitz des Copiloten sinken, um bei der Beobachtung des anderen Flugzeugs zu helfen. Die ganze lange Nacht starrte sie aus dem Fenster, unf�hig zu schlafen und unf�hig, das Bild dieses herabsinkenden Diamanten aus dem Auge ihres Geistes zu bannen. Es war die bisher l�ngste Nacht ihrer Reise. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit, bis die D�mmerung kam.</p><p>Aber die Zeit verging, wieder eine Nacht ihres Lebens, und schlie�lich kam die Morgend�mmerung. Bald nach Sonnenaufgang landeten sie bei einer Pipeline auf einer Rollbahn �ber Shalbetana und verweilten bei einer Gruppe von Fl�chtlingen, die an der Pipeline gearbeitet hatte und jetzt hier festsa�. Nadia fand die Haltung der Leute nur zum Teil erfrischend und versuchte, sie zu �berreden, dass sie nach drau�en gingen und Pipelines reparierten. Aber sie hatte nicht den Eindruck, dass sie �berzeugt waren.</p><empty-line/><p>An diesem Abend starteten sie aufs neue, wieder beladen mit Vorr�ten, die sie von ihren Gastgebern erhalten hatten. In der n�chsten Morgend�mmerung landeten sie auf dem verlassenen Flugplatz vom Krater Carr. Noch vor acht waren Nadia, Sax, Ann, Simon, Sasha und Yeli in Schutzkleidung drau�en und unterwegs zum Kraterrand.</p><p>Die Kuppel war fort. Unten hatte es gebrannt. Alle Geb�ude waren intakt, aber angesengt, und fast alle Fenster waren zerbrochen oder geschmolzen. Plastikw�nde waren verformt, Beton geschw�rzt. �berall gab es Ru�flecke, und Haufen von Ru� waren auf dem Boden, kleine Haufen aus schwarzem Kohlenstoff. Manchmal sahen sie aus wie Hiroshima-Schatten. Jawohl, es waren K�rper. Die Umrisse von Menschen, die versucht hatten, sich durch die Nebenstra�en zu k�mpfen. �Die Luft der Stadt enthielt zu viel Sauerstoff�, vermutete Sax. In einer solchen Atmosph�re waren menschliche Haut und Fleisch h�chst brennbar und leicht entz�ndlich. So war es jenen fr�hen Apollo-Astronauten ergangen, die in einer Testkapsel gefangen waren, die mit reinem Sauerstoff gef�llt gewesen war. Als das Feuer ausbrach, hatten sie wie Paraffin gebrannt.</p><p>So auch hier. Alle auf den Stra�en hatten Feuer gefangen und waren wie Fackeln umhergerannt. Das konnte man an der Anordnung der Ru�haufen erkennen.</p><p>Die sechs alten Freunde gingen zusammen in den Schatten der �stlichen Kraterwand. Unter einem runden dunkelroten Himmel hielten sie an der ersten Gruppe geschw�rzter Leichen an und gingen dann rasch weiter. Sie �ffneten T�ren in Geb�uden, wenn es m�glich war, klopften an alle verschlossenen T�ren und horchten an den W�nden mit einem Stethoskop, das Sax mitgebracht hatte. Kein Ger�usch au�er ihrem eigenen Herzschlag.</p><p>Nadia stolperte umher. Ihr Atem ging rau und sto�weise. Sie zwang sich, die Leichen anzusehen, an denen sie vorbeikam, und versuchte, an den schwarzen Kohlenhaufen Gr��en abzusch�tzen. Wie in Hiroshima oder Pompeji. Die Menschen waren jetzt gr��er. Aber sie verbrannten bis auf die Knochen, und sogar die Knochen waren nur noch d�nne schwarze Stangen.</p><p>Als sie zu einem Haufen passender Gr��e kam, blieb sie stehen und starrte ihn an. Nach einer Weile ging sie n�her heran, fand den rechten Arm und kratzte mit ihrem vierfingrigen Handschuh an der R�ckseite der verkohlten Knochen des Handgelenks. Sie schaute nach dem Datenschild. Sie fand es und s�uberte es. Lie� ihren Laser dar�bergleiten. Emily Hargrove.</p><p>Sie ging weiter und machte dasselbe mit einem anderen �hnlichen Haufen. Thabo Moeti. Das war besser, als die Z�hne mit entsprechenden Aufzeichnungen zu vergleichen. Aber das h�tte sie nicht gemacht.</p><p>Sie war benommen und starr, als sie zu einem klumpigen Haufen nahe der Stadtb�ros kam. Der lag allein da und hatte die rechte Hand vorgestreckt, so dass sie nur zu pr�fen brauchte. Sie s�uberte das Schild und sah nach. Arkady Nikelyovich Bogdanov.</p></section><section><empty-line/><p>Sie flogen weitere elf Tage lang nach Westen. Bei Tage versteckten sie sich unter Tamdecken oder fanden Zuflucht bei Leuten, die sie unterwegs antrafen. W�hrend der N�chte folgten sie Transpondern oder den Angaben der letzten Gruppe, bei der sie Station gemacht hatten. Obwohl diese Gruppen oft etwas �ber ihre gegenseitige Existenz und deren Ort wussten, geh�rten sie bestimmt keiner geschlossenen Widerstandsbewegung an oder waren sonst wie koordiniert. Manche hofften, es bis zur s�dlichen Polkappe schaffen zu k�nnen wie die Gefangenen von Korolyov, andere hatten nie von diesem Refugium geh�rt. Manche waren Bogdanovisten, andere Revolution�re, die verschiedenen F�hrern folgten. Manche waren religi�se Gemeinden oder utopische Experimente oder nationalistische Gruppen, die mit ihren Regierungen daheim Verbindung zu halten bem�ht waren. Und manche waren nur zusammengew�rfelte �berlebende ohne ein Programm, verwaist durch den Terror. Die sechs Reisenden hielten sogar bei Korolyov selbst an, versuchten aber nicht hineinzugehen, als sie die nackten gefrorenen Leichen der Wachen vor den Schleusen sahen, manche in stehender Position fixiert wie Statuen.</p><p>Nach Korolyov begegneten sie niemandem. Die Radio- und Fernsehsender waren tot, als die letzten Satelliten abgeschossen worden waren, die Pisten waren leer, und die Erde befand sich auf der anderen Seite der Sonne. Die Landschaft erschien so unfruchtbar wie vor ihrer Ankunft�� mit Ausnahme sich verbreitender Flecke von Reif. Sie flogen dahin, als w�ren sie die einzigen Menschen auf der Welt, die einzigen �berlebenden.</p><p>In Nadias Ohren summte wei�er L�rm. Das hatte ohne Zweifel etwas mit den Ventilatoren des Flugzeugs zu tun. Sie sah die Ventilatoren nach, aber die waren in Ordnung. Die anderen gaben ihr einiges zu tun und lie�en sie vor dem Start und nach der Landung allein spazieren gehen. Sie waren selbst best�rzt durch das, was sie bei Carr und Korolyov gefunden hatten, und nicht imstande, sie aufzumuntern, was sie als Erleichterung empfand. Ann und Simon waren immer noch in Sorge um Peter, und Yeli und Sax machten sich Gedanken wegen ihrer Nahrungsbest�nde, die rapide abnahmen. Die Vorratsf�cher der Flugzeuge waren fast leer.</p><p>Aber Arkady war tot; und so spielte das alles keine Rolle. Die Revolte erschien Nadia unsinniger denn je, ein unkonzentrierter Wutausbruch, ein Schnitt ins eigene Fleisch, als ob man sich die Nase abhacken w�rde. Die ganze Welt war zuschanden! Sie bat die anderen, auf einem der allgemeinen Kan�le eine Nachricht zu senden, dass Arkady tot w�re. �Das wird dazu beitragen, dass eher Schluss sein wird�, sagte Sasha.</p><p>Sax sch�ttelte den Kopf und sagte: �Aufst�nde haben keine Anf�hrer. Au�erdem wird es keiner h�ren.�</p><p>Aber einige Tage sp�ter war klar, dass einige Leute es doch geh�rt hatten. Sie empfingen eine Impulsmeldung von Alex Zhalin als Antwort. �Schau, Sax, dies ist nicht die amerikanische Revolution, noch auch die russische oder englische. Dies sind alle Revolutionen zugleich, in einem Land, dessen Areal gleich dem der Erde ist. Und nur ein paar tausend Leute versuchen, ihr Einhalt zu gebieten. Und die meisten von denen befinden sich noch im Weltraum, wo sie eine gute Sicht haben, aber sehr verwundbar sind. Wenn es ihnen also gel�nge, eine Macht in Syrtis zu bezwingen, gibt es eine weitere in Hellespontus. Stell dir vor, mit Kr�ften im Weltraum eine Revolution in Kambodscha stoppen zu wollen, oder auch in Alaska, Japan, Spanien, Madagaskar. Wie willst du das machen? Das kannst du nicht. Ich w�nsche nur, dass Arkady Nikelyovich es noch erlebt h�tte. Er���</p><p>Die Sendung brach abrupt ab. Vielleicht ein schlechtes Zeichen, vielleicht auch nicht. Aber selbst Alex war es nicht gelungen, eine Note der Entmutigung in seiner Stimme zu verhehlen, als er �ber Arkady sprach. Das war unm�glich. Arkady war viel mehr gewesen als ein politischer F�hrer. Er war jedermanns Bruder gewesen, eine Naturkraft, die Stimme des eigenen Gewissens. Das angeborene Empfinden f�r das, was gut und recht war. Der beste Freund.</p><p>Nadia k�mpfte sich durch ihren Kummer. Sie half nachts bei der Navigation der Fl�ge und schlief tags�ber soviel, wie sie konnte. Sie verlor an Gewicht. Ihr Haar wurde schneewei�. Alle restlichen grauen und schwarzen Haare waren in der B�rste h�ngen geblieben. Das Sprechen fiel ihr schwer. Sie f�hlte sich, als ob sich ihre Kehle und Innereien versteinert h�tten. Es war ihr unm�glich zu weinen, und sie wollte f�r sich sein. Niemand, den sie trafen, hatte Nahrung zu vergeben; die Vorr�te wurden immer knapper. Sie stellten einen strengen Rationierungsplan auf mit halben Portionen.</p><p>Und am zweiunddrei�igsten Tag ihrer Reise von La�witz, nach mehr als zehntausend Kilometern, kamen sie nach Cairo am S�drand von Noctis Labyrinthus, genau s�dlich vom s�dlichsten Strang des gefallenen Kabels.</p><empty-line/><p>Cairo stand de facto unter Kontrolle der UNOMA, da in der Stadt nie jemand etwas anderes behauptet hatte, und wie alle Kuppelst�dte schutzlos den Orbitalen Lasern der UNOMA-Polizeischiffe preisgegeben, die im letzten Monat in den Orbit gebracht worden waren. Zu Beginn des Krieges waren die meisten Einwohner Cairos Araber und Schweizer gewesen; und zumindest schienen Angeh�rige dieser beiden Nationen nur bem�ht zu sein, sich aus dem Unheil herauszuhalten.</p><p>Aber jetzt waren die sechs Reisenden nicht die einzigen eintreffenden Fl�chtlinge. Eine Flut solcher war gerade von Tharsis herunter nach der Verw�stung in Sheffield und dem Rest von Pavonis. Andere trafen von Marineris ein durch das Labyrinth von Noctis. Die Stadt war vierfach �berbelegt. Menschenmassen wohnten und schliefen in den Stra�en und Parks. Die Versorgungszentrale war kritisch �berlastet. Nahrung und Luft gingen zu Ende.</p><p>Den sechs Reisenden erz�hlte dies eine Flughafenangestellte, die immer noch stur ihren Dienst tat, obwohl keine Shuttles mehr verkehrten. Nachdem sie sie zu Parkpl�tzen zwischen einer gro�en Flugzeugflotte am Ende der Rollbahn geleitet hatte, sagte sie ihnen, sie sollten die Schutzkleidung anlegen und die Strecke bis zur Stadtmauer zu Fu� gehen. Es machte Nadia schrecklich nerv�s, die zwei 16Ds zur�ckzulassen und in eine Stadt zu gehen. Sie war auch nicht beruhigt, nachdem sie durch die Schleuse gegangen waren, und sie sah, dass die meisten drinnen Schutzanz�ge trugen und ihre Helme dabei hatten f�r den Fall eines etwaigen Druckverlustes.</p><p>Sie gingen zu den Stadtb�ros und fanden dort Frank und Maya vor, ebenso Mary Dunkel und Spencer Jackson. Sie begr��ten einander erleichtert. Aber es war keine Zeit, um sich �ber ihre verschiedenen Abenteuer auszusprechen. Frank war vor einem Bildschirm besch�ftigt und sprach, nach dem Ton zu urteilen, mit jemandem im Orbit oder sogar mehreren. Er wehrte ihre Umarmungen ab und winkte nur kurz, um ihr Eintreffen zu best�tigen. Offenbar steckte er in einem funktionierenden Nachrichtensystem oder sogar mehreren, denn er blieb sechs Stunden hintereinander vor dem Schirm und sprach mit dem einen oder anderen Gesicht. Er machte nur eine Pause, um einen Schluck Wasser zu trinken oder einen anderen Anruf zu t�tigen, ohne f�r seine alten Gef�hrten einen Blick zu er�brigen. Er schien sich in einem Zustand st�ndiger Raserei zu befinden, denn seine Kiefermuskeln arbeiteten rhythmisch. Im �brigen war er in seinem Element. Er erkl�rte und dozierte, schmeichelte und drohte, fragte und machte dann ungeduldig Bemerkungen zu den erhaltenen Antworten. Mit anderen Worten, er wendete sich und verhandelte in seiner alten Art, aber mit einer bitteren und sogar erschrockenen Note, als ob er nach einem ersch�pfenden Spaziergang auf einer Klippe �ber seinen R�ckweg zum Boden diskutieren w�rde.</p><p>Als er schlie�lich auflegte, lehnte er sich in seinem Sessel zur�ck und seufzte theatralisch. Dann stand er steif auf und kam her�ber, um sie zu begr��en. Er legte eine Hand kurz Nadia auf die Schulter. Im �brigen war er allen gegen�ber br�sk und v�llig desinteressiert daran, wie sie es geschafft hatten, bis Cairo zu gelangen. Er wollte nur wissen, wen sie getroffen hatten und wo, und wie gut es diesen verstreuten Gruppen ginge und was diese vorh�tten. Ein paar Mal ging er an seinen Schirm zur�ck und setzte sich mit diesen Gruppen unmittelbar in Verbindung, nachdem er ihren Standort erfahren hatte�� eine F�higkeit, die die Reisenden erstaunte, da sie angenommen hatten, alle w�ren so abgeschlossen gewesen, wie sie es waren. �UNOMA-Verbindungen�, erkl�rte Frank und fuhr mit einer Hand �ber sein dunkles Kinn. �Die halten f�r mich einige Kan�le offen.�</p><p>�Warum?� fragte Sax.</p><p>�Weil ich bestrebt bin, dem Einhalt zu gebieten. Ich bem�he mich um einen Waffenstillstand und dann eine Generalamnestie. Danach einen Wiederaufbau unter Beteiligung aller.�</p><p>�Aber unter wessen Leitung?�</p><p>�Nat�rlich unter der Leitung der UNOMA. Und der nationalen B�ros.�</p><p>�Aber die UNOMA stimmt nur dem Waffenstillstand zu�, mutma�te Sax, �w�hrend die Rebellen nur der Generalamnestie zustimmen.�</p><p>Frank nickte kurz. �Und keine von beiden sind f�r einen Wiederaufbau unter Beteiligung aller. Aber die gegenw�rtige Lage ist so schlimm, dass sie mitmachen k�nnten. Vier weitere Wasserlager sind in die Luft geflogen, seit das Kabel herunterkam. Die liegen alle am �quator. Manche Leute sprechen von Ursache und Wirkung.�</p><p>Ann sch�ttelte dabei den Kopf, und Frank schien dar�ber erfreut zu sein. �Ich bin ziemlich sicher, dass sie aufgebrochen wurden. Eines haben sie an der M�ndung von Chasma Borealis aufgebrochen. Das str�mt aus in die D�nen von Borealis.�</p><p>�Das Gewicht der Polkappe setzt es wahrscheinlich stark unter Druck�, sagte Ann.</p><p>Sax fragte Frank: �Wei�t du, was mit der Acherongruppe geschehen ist?�</p><p>�Nein. Die ist verschwunden. Ich f�rchte, es k�nnte so gewesen sein wie mit Arkady.�</p><p>�Aber was geschieht auf der Erde?� fragte Ann. �Was hat die UN zu alledem zu sagen?�</p><p>Frank erkl�rte nachdr�cklich: �Der Mars ist keine Nation, sondern eine Ressource der Erde. Sie sagen, dass der winzige Bruchteil der Menschheit, der hier lebt, nicht alle Ressourcen kontrollieren darf, wenn die materielle Basis der Menschheit im ganzen so stark gef�hrdet ist.�</p><p>�Das ist wahrscheinlich richtig�, h�rte Nadia sich sagen. Ihre Stimme war heiser. Ihr war, als h�tte sie seit Tagen nicht mehr gesprochen.</p><p>Frank zuckte die Achseln.</p><p>�Ich nehme an, dass sie deshalb den Transnationalen so freie Hand gelassen haben�, sagte Sax. �Mir scheint, dass die hier mehr von ihren Sicherheitsleuten haben, als die UN-Polizei ausmacht.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Frank. �Die UN hat lange gebraucht, um ihre Friedenstruppen zu schicken.�</p><p>�Die haben nichts dagegen, wenn die Dreckarbeit von anderen erledigt wird.�</p><p>�Nat�rlich nicht.�</p><p>�Und die Erde selbst?� fragte Ann.</p><p>Frank zuckte die Achseln. �Die Gruppe der Sieben scheint die Dinge unter Kontrolle zu bekommen.� Er sch�ttelte den Kopf. �Das ist von hier aus allerdings wirklich schwer zu sagen.�</p><p>Er ging an seinen Schirm, um weitere Anrufe zu t�tigen. Die anderen gingen fort zum Essen und um Freunde und Bekannte zu treffen aus dem Rest der Ersten Hundert, oder zu h�ren, was es von der Erde Neues gab. Die Gef�lligkeitsflaggen waren durch Angriffe der Habenichtse im S�den vernichtet worden; aber offenbar hatten sich die Transnationalen zu der Gruppe der Sieben gefl�chtet. Sie wurden aufgenommen und von den riesigen Streitkr�ften der Sieben verteidigt. Der zw�lfte Anlauf zu einem Waffenstillstand hielt jetzt schon seit einigen Tagen.</p><p>So hatten sie ein bisschen Zeit, sich zu erholen. Aber als sie durch den Gemeinschaftsraum gingen, war Frank immer noch da. Er geriet, wie es schien, immer mehr in Wut und bahnte sich einen Weg durch einen endlosen Alptraum von Bildschirmdiplomatie und redete st�ndig in einem dr�ngenden, zornigen und bei�enden Ton. Er war dar�ber hinaus, irgendwen zu irgend etwas zu beschwatzen. Es war eine reine Willenssache. Er versuchte, die Welt ohne einen Angelpunkt, oder nur mit einem minimalen Hebelansatz zu bewegen, wobei sein Hebel haupts�chlich aus seinen alten amerikanischen Verbindungen bestand und seinem laufenden pers�nlichen Verh�ltnis zu verschiedenen Revolutionsf�hrern. In beiden F�llen war er stark behindert durch die Ereignisse und TV-Ausf�lle. Und beides verlor auf dem Mars zunehmend an Gewicht, w�hrend UNOMA und die transnationalen Kr�fte eine Stadt nach der anderen einnahmen. Es schien Nadia, als versuche Frank jetzt den Fortgang des Prozesses durch die reine Kraft seines �rgers �ber seinen Mangel an Einfluss zu erzwingen. Sie fand, dass sie es nicht mehr ertragen konnte, bei ihm zu sein. Die Dinge waren so schon schlimm genug ohne seine giftige Galle.</p><p>Aber mit Saxens Hilfe bekam er ein unabh�ngiges Signal zur Erde, indem er sich mit Vesta in Verbindung setzte und die dortigen Techniker veranlasste, Mitteilungen in beiden Richtungen zu senden. Das bedeutete ein paar Stunden zwischen Sendung und Empfang; aber nach etlichen Tagen brachte er f�nf codierte Nachrichten an Staatssekret�r Wu durch; und w�hrend er in der Nacht auf Antworten wartete, f�llten die Leute auf Vesta die L�cken mit B�ndern voll Nachrichtenprogrammen von der Erde, die sie nicht gesehen hatten. Alle diese Meldungen stellten, sofern sie �berhaupt auf die Lage auf dem Mars eingingen, die Revolte als eine unbedeutende Unterbrechung dar, verursacht durch kriminelle Elemente, haupts�chlich entwichene Gefangene von Korolyov, die tobend sinnlosen Sachschaden angerichtet und dabei viele unschuldige Zivilisten get�tet h�tten. In diesen Meldungen spielten Clips der erfrorenen nackten W�chter vor Korolyov eine bevorzugte Rolle, wie auch Telefotos der Wasserausbr�che. Die skeptischsten Programme erw�hnten, dass diese und alle anderen Clips vom Mars von UNOMA geliefert w�ren; und einige Stationen in China und den Niederlanden stellten sogar die Richtigkeit der UNOMA-Meldungen in Frage. Aber sie boten keine alternative Erkl�rung der Ereignisse, und zum gr��ten Teil verbreiteten die terrestrischen Medien die transnationale Version der Dinge. Als Nadia darauf hinwies, knurrte Frank und sagte ver�chtlich: �Nat�rlich. Die Nachrichtendienste der Erde sind transnational.� Er stelle den Ton ab.</p><p>Hinten beugten sich Nadia und Yeli instinktiv auf der Bambuscouch vor, als ob das helfen w�rde, den stummen Clip besser zu h�ren. Die zwei Wochen des Abgeschnittenseins von der Au�enwelt waren wie ein Jahr erschienen; und jetzt beobachteten sie hilflos den Bildschirm und sogen jede Information ein, die sie aufschnappen konnten. Yeli stand sogar auf, um den Ton wieder anzustellen, sah aber, dass Frank in seinem Sessel eingeschlafen war mit dem Kinn auf der Brust. Als eine Nachricht vom Ministerium kam, wurde Frank ruckartig wach, drehte den Ton auf, starrte auf die kleinen Gesichter auf dem Schirm und gab mit heiserer Stimme eine knappe Antwort. Dann schloss er die Augen und schlief weiter.</p><p>Am Ende der zweiten Nacht der Verbindung �ber Vesta hatte er Minister Wu dazu gebracht, dass er versprach, die UN in New York zu dr�ngen, die Kommunikation wiederherzustellen und alle Polizeiaktionen zu unterlassen, bis man die Lage beurteilen konnte. Wu wollte sogar versuchen, dass transnationale Kr�fte auf die Erde zur�ckbeordert w�rden, obwohl das, wie Frank bemerkte, unm�glich sein w�rde.</p><p>Die Sonne war schon vor einigen Stunden aufgegangen, als Frank an Vesta eine abschlie�ende Dankesbotschaft schickte und ausschaltete. Yeli war auf dem Fu�boden eingeschlafen. Nadia erhob sich steif und ging zu einem Spaziergang in den Park, wobei sie das Licht ausnutzte, um sich umzuschauen. Sie musste �ber K�rper von Leuten steigen, die im Gras schliefen in Gruppen von drei oder vier oder in Kochl�ffelhaltung zusammengedr�ckt wegen der K�lte. Die Schweizer hatten gro�e K�chen aufgestellt, und Reihen von Nebengeb�uden s�umten die Stadtmauer. Es sah aus wie auf einem Bauplatz, und mit einem Mal merkte sie, dass ihr Tr�nen die Wangen hinunterliefen. Sie ging weiter. Es war angenehm, im hellen Tageslicht umhergehen zu k�nnen.</p><p>Schlie�lich kehrte sie zu den Stadtb�ros zur�ck. Frank stand vor Maya, die auf einer Couch schlief. Er sah ausdruckslos auf sie hinunter und dann mit tr�ben Augen zu Nadia hoch. �Sie ist wirklich am Ende.�</p><p>�Alle sind wir ersch�pft.�</p><p>�Hmm. Wie war es mit Hellas?�</p><p>�Unter Wasser.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Das muss Sax gefallen.�</p><p>�Das habe ich dauernd gesagt. Aber ich glaube, es liegt f�r ihn zu weit au�er Kontrolle.�</p><p>�O ja.� Er schloss die Augen und schien f�r eine oder zwei Sekunden zu schlafen. �Mir tut es leid um Arkady.�</p><p>�Ja.�</p><p>Wieder Schweigen. �Sie sieht aus wie ein M�dchen.�</p><p>�Ein wenig.� Nadia hatte Maya eigentlich nie �lter gesehen. Sie gingen alle auf die achtzig zu und konnten nicht Schritt halten, ob mit oder ohne Behandlungen. In ihrem Innern waren sie alt.</p><p>�Die Leute auf Vesta haben mir erz�hlt, dass Phyllis und die restlichen Leute auf Clarke versuchen wollen, in einer Notrakete zu ihnen hin�berzugelangen.�</p><p>�Befinden sie sich nicht au�erhalb der Ekliptik?�</p><p>�Derzeit ja, aber sie wollen zum Jupiter hinuntersto�en und den zu einem Flyby-Man�ver zur�ck ins System benutzen.�</p><p>�Wird das nicht etwa ein Jahr dauern?�</p><p>�Ja, ungef�hr ein Jahr. Ich hoffe, dass sie ihn verfehlen oder in den Jupiter st�rzen. Oder dass ihnen die Nahrung ausgeht.�</p><p>�Ich habe den Eindruck, dass du Phyllis nicht leiden kannst.�</p><p>�Dieses Biest! Sie ist f�r vieles verantwortlich. Sie hat alle diese Transnationalen herbeigelockt, indem sie ihnen jedes irgendwie n�tzliche Metall versprochen hat. Sie hat sich eingebildet, die K�nigin des Mars sein zu k�nnen mit all diesen Leuten hinter sich. Du h�ttest sie da oben auf Clarke sehen sollen, als sie wie ein kleiner Popanz auf den Planeten hinunterblickte. Ich h�tte sie erw�rgen k�nnen. Wie gern h�tte ich ihr Gesicht gesehen, als Clarke abhob und davonscho� wie ein Champagnerkorken.� Er lachte rau.</p><p>Maya wurde von ihrem Gespr�ch aufgeweckt. Sie zogen sie hoch und gingen in den Park auf die Suche nach einer Mahlzeit. Sie kamen in eine Warteschlange von Leuten, die in ihre Schutzkleidung geh�llt waren, husteten, die H�nde aneinander rieben und Reiffahnen wie wei�e Baumwollkn�uel ausstie�en. Sehr wenige sprachen. Frank betrachtete die Szene mit angewiderter Miene; und als sie ihre Teller mit <emphasis>R�schti</emphasis> und <emphasis>Tabouli</emphasis> erhielten, verschlang er seine Portion und sprach auf arabisch �ber ein Armbandger�t. Danach berichtete er: �Sie sagen, dass Alex und Evgenia und Samantha mit einigen Beduinenfreunden von mir kommen.�</p><p>Das war eine gute Nachricht. Von Alex und Evgenia hatte man zuletzt geh�rt in Aureum Overlook, einer Bastion der Rebellen, die einige Orbitale UN-Schiffe vernichtet hatte, ehe sie durch Beschuss von Phobos vernichtet wurde. Und von Samantha hatte man w�hrend des ganzen Kriegsmonats nichts geh�rt.</p><p>Also gingen alle der Ersten Hundert in der Stadt an diesem Nachmittag zum Nordtor von Cairo, um sie zu begr��en. Dies Tor lag am oberen Ende einer langen nat�rlichen Rampe, die zu einem der s�dlichsten Canyons von Noctis f�hrte. Die Stra�e stieg vom Boden des Canons auf dieser Rampe empor und sie konnten die ganze Strecke bis dahin �berblicken. Dort tauchte am fr�hen Nachmittag eine Roverkarawane auf, die eine kleine Staubwolke hinter sich herzog und sich langsam bewegte.</p><p>Es dauerte fast eine Stunde, bevor die Wagen das letzte St�ck der Rampe heraufrollten. Sie waren nicht mehr als drei Kilometer entfernt, als zwischen ihnen gro�e Stichflammen und ausgeworfene Tr�mmer erschienen, die einige Rover in die Wand der Klippe dr�ckten und manche �ber den Rand in den Raum schleuderten. Der Rest blieb zertr�mmert und brennend stehen.</p><p>Dann ersch�tterte eine Explosion das Nordtor, und sie duckten sich gegen die Mauer. �ber die allgemeine Frequenz waren Schreie und Rufe zu h�ren. Weiter nichts. Sie standen mit dem R�cken zur Wand. Das Material der Kuppel hielt noch, obwohl die Schleuse des Tors offenbar verklemmt war.</p><p>Unten auf der Stra�e stiegen d�nne Fahnen aus braunem Rauch in die Luft, flatterten nach Osten und wurden vom D�mmerungswind nach Noctis hinuntergeweht. Nadia schickte einen Robotrover hinunter, um nach �berlebenden zu suchen. Die Armb�nder knisterten nur mit Statik, und Nadia war daf�r dankbar. Was h�tte sie erhoffen k�nnen? Schreie? Frank fluchte in sein Armbandger�t und wechselte dabei zwischen Arabisch und Englisch. Er suchte vergeblich herauszufinden, was geschehen war. Aber Alexander, Evgenia, Samantha�� Nadia sah �ngstlich auf die kleinen Bilder auf ihrem Handgelenk und schwenkte die Robotkameras. Zertr�mmerte Rover. Einige Leichen. Nichts bewegte sich. Ein Rover rauchte noch.</p><p>�Wo ist Sasha?� schrie Yeli. �Wo ist Sasha?�</p><p>Jemand sagte: �Sie war in der Schleuse. Sie wollte gerade zur Begr��ung hinausgehen.�</p><p>Sie machten sich daran, die innere Schleusent�r zu �ffnen. Nadia tastete alle Codes ein und arbeitete dann mit Werkzeug und zuletzt einer Sprengladung, die ihr jemand reichte. Sie zogen sich zur�ck, und die Schleuse sprang auf wie der Bolzen einer Armbrust. Dann waren sie drin, nachdem sie die schwere T�r mit einem Brecheisen zur�ckgedr�ckt hatten. Nadia lief hinein und sank neben Sasha auf die Knie, die sich in der Notfallhaltung mit dem Kopf in der Jacke zusammengekr�mmt hatte. Aber sie war bereits tot, das Gesicht blaurot und die Augen erstarrt.</p><p>In dem Gef�hl, dass sie sich bewegen musste, um nicht auf der Stelle zu versteinern, raste Nadia los und zur�ck zu den Stadtwagen, mit denen sie gekommen waren. Sie kletterte in einen hinein und fuhr weg. Sie hatte keinen Plan, und der Wagen schien sich die Richtung selbst zu suchen. Die Stimmen ihrer Freunde kr�chzten wie Grillen in ihrem Armbandger�t. Maya schimpfte b�se auf russisch und weinte. Nur Maya war z�h genug, um bei alledem noch Gef�hl zu behalten. Ihre Stimme rief: �Das war wieder Phobos! Die da oben sind wahnsinnig.�</p><p>Die anderen standen unter Schock. Ihre Stimmen klangen wie die von fremdartigen Computern. Frank sagte: �Sie sind nicht wahnsinnig. Das ist vollkommen rational. Sie sehen eine politische Regelung kommen und versuchen, noch so viel herauszuschlagen, wie sie k�nnen.�</p><p>�Mordlustige Schurken!� schrie Maya. �KGB-Faschisten!�</p><p>Der Wagen hielt bei den Stadtb�ros. Nadia lief hinein zu dem Zimmer, wo sie ihre Sachen abgelegt hatte, die jetzt alle in ihrem alten blauen Rucksack Platz fanden. Sie w�hlte darin, noch ohne sich bewusst zu sein, was sie suchte, bis ihre Klauenhand, die immer noch die st�rkere war, in einen Beutel langte und ihn herauszog. Arkadys Sender. Nat�rlich. Sie lief zur�ck zum Wagen und fuhr zum S�dtor. Sax und Frank waren noch im Gespr�ch. Sax h�rte sich so an wie immer, sagte aber: �Jeder von uns, dessen Position entweder hier oder anderswo bekannt ist, wurde get�tet. Ich glaube, sie sind besonders hinter den Ersten Hundert her.�</p><p>�Du meinst, sie pfl�cken uns heraus?� sagte Frank.</p><p>�Ich habe einige Nachrichten von der Erde gesehen, die besagten, wir w�ren die R�delsf�hrer. Und einundzwanzig von uns sind gestorben, seit die Revolte begann. Weitere vierzig werden vermisst.�</p><p>Der Wagen kam am S�dtor an. Nadia stellte ihr Interkom ab, stieg aus, ging in die Schleuse und zog Stiefel, Helm und Handschuhe an. Sie checkte alles durch, dr�ckte dann auf den Knopf zum �ffnen und wartete, bis die Schleuse evakuiert war und aufging. So wie es bei Sasha gewesen war. Sie hatten allein in dem letzten Monat die Zeit eines ganzen Lebens miteinander verbracht. Dann war sie drau�en auf der Oberfl�che im Licht und dem Drang eines windigen diesigen Tages. Sie f�hlte den ersten diamantenen Biss der K�lte. Sie stie� mit den Stiefeln durch Haufen von Grus, und rote Staubwolken wurden vor ihr hingeweht. Die hohle Frau tritt gegen Blut. Drau�en vor dem anderen Tor lagen die Leichen ihrer Freunde und anderer Menschen, die toten Gesichter purpurn und aufgedunsen wie nach Bau-Unf�llen. Nadia hatte schon mehrere solche gesehen, hatte den Tod �fters erblickt; und jedes Mal war es entsetzlich gewesen. Aber hier schuf man vors�tzlich so viele dieser entsetzlichen Ungl�cksf�lle, wie man konnte! Das war Krieg. Menschen mit allen m�glichen Mitteln t�ten. Menschen, die tausend Jahre h�tten leben k�nnen. Sie dachte an Arkady und an tausend Jahre und fauchte. Sie hatten sich in den letzten Jahren gestritten, meist �ber Politik. Nadia hatte gesagt: Deine Pl�ne sind alle anachronistisch. Du verstehst die Welt nicht. Ha! hatte er gekr�nkt gelacht. Ich verstehe diese Welt. Mit einem so finsteren Gesichtsausdruck, wie sie je bei ihm gesehen hatte. Und sie erinnerte sich daran, wie er ihr den Sender gegeben hatte, wie er um John geweint hatte und wie wild er vor Wut und Kummer gewesen war. Als sie sich weigerte, hatte er gesagt: Nur f�r den Fall, bitte. Nur f�r den Fall.</p><p>Und jetzt war es geschehen. Sie konnte es nicht glauben. Sie nahm den Kasten aus der Schenkeltasche ihres Anzugs und drehte ihn in der Hand. Phobos schoss �ber dem Westhorizont hoch wie eine graue Kartoffel. Die Sonne war gerade untergegangen, und das Alpengl�hen war so stark, dass es aussah, als ob sie in ihrem eigenen Blut st�nde, als ob sie eine Kreatur w�re, so klein wie eine Zelle, die auf der korrodierten Wand ihres Herzens st�nde, w�hrend um sie herum die Winde ihres staubigen Plasmas fegten. Raketen landeten auf dem Raumflughafen n�rdlich der Stadt. Am Westhimmel gl�hte es wie von Sternhaufen. Ein lebhafter Himmel. Bald w�rden Schiffe der UN landen.</p><p>Phobos �berquerte den Himmel in viereinviertel Stunden. Sie w�rde also nicht lange warten m�ssen. Er war als Halbmond aufgegangen, war jetzt aber bucklig, fast voll, auf halbem Wege zum Zenith, und bewegte sich gleichm��ig �ber den gefleckten Himmel. Sie konnte in der grauen Scheibe einen schwachen Lichtpunkt erkennen. Das waren die beiden �berkuppelten Krater Semenov und Leveykin. Sie hielt den Radiosender hin und gab den Z�ndcode ein. Es war wie eine Fernbedienung beim Fernsehen.</p><p>Ein helles Licht flammte auf der vorderen Kante der kleinen grauen Scheibe auf. Die zwei schwachen Lichter erloschen. Das helle Licht wurde noch st�rker. Konnte sie die Verlangsamung wirklich erkennen? Wahrscheinlich nicht. Aber es gab sie.</p><p>Phobos war auf dem Weg nach unten.</p><empty-line/><p>Wieder zur�ck in Cairo fand sie, dass sich die Nachricht schon verbreitet hatte. Das Aufflammen war hell genug gewesen, um den Leuten ins Auge zu fallen; und danach hatten sie sich wie gewohnt vor den leeren Fernsehschirmen zusammengedr�ngt und Ger�chte und Vermutungen ausgetauscht. Irgendwie hatte sich die Grundtatsache herumgesprochen oder war unabh�ngig herausgebracht worden. Nadia schlenderte von einer Gruppe zur anderen und h�rte die Leute sagen: �Phobos ist getroffen worden!� Und jemand lachte. �Sie haben die Roche-Grenze bis zu ihm ausgedehnt!�</p><p>Sie glaubte schon, sich in der Medina verlaufen zu haben, kam aber fast direkt zu den Stadtb�ros. Maya war drau�en und rief: �He, Nadia, hast du Phobos gesehen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Roger sagt, als sie im Jahr Eins da oben waren, haben sie ein System von Sprengs�tzen und Raketen eingebaut. Hat Arkady dir davon erz�hlt?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie gingen in die B�ros. Maya dachte laut nach: �Wenn es ihnen gelingt, ihn genug zu verlangsamen, wird er herunterkommen. Ich frage mich, ob es m�glich sein wird zu sagen, wo. Wir befinden uns hier verdammt nahe am �quator.�</p><p>�Er wird sicher zerbrechen und an vielen Stellen herunterkommen.�</p><p>�Stimmt. Ich m�chte wissen, was Sax denkt.�</p><p>Sie fanden Sax und Frank vor einem Schirm beisammen, Yeli, Ann und Simon vor einem anderen. Ein UNOMA-Satellit verfolgte Phobos mit einem Teleskop, und Sax ma� die Durchgangsgeschwindigkeit des Mondes �ber der Marsoberfl�che, um seine Geschwindigkeit zu bestimmen. In dem Bild auf dem Schirm leuchtete die Kuppel von Stickneys wie ein Faberge-Ei, aber das Ei wurde von der vorangehenden Kante des Mondes weggezogen, die unscharf und durch Gase und Ausw�rfe wei� gestreift war. Sax sagte zu niemandem im besonderen: �Seht, wie gut ausgeglichen der Schub ist! Bei einem zu j�hen Schub w�re das ganze Ding zerbrochen worden. Und ein unausgeglichener Schub h�tte es in Rotation versetzt, und dann h�tte der Schub es �ber den ganzen Platz verstreut.�</p><p>�Ich sehe Anzeichen von stabilisierenden seitlichen Beh�ben�, sagte seine KI.</p><p>�Jets zur Lageregelung�, erkl�rte Sax. �Die haben aus Phobos eine gro�e Rakete gemacht.�</p><p>�Das haben sie im ersten Jahr getan�, sagte Nadia. Sie wusste nicht genau, warum sie redete, sie schien immer noch nicht wieder ganz bei sich zu sein und beobachtete ihr Tun mit einigen Sekunden Verz�gerung. �Ein gro�er Teil der Phobosbesatzung kam von der Raketen- und Steuerungstechnik. Sie haben die Eis-Adern zu fl�ssigem Sauerstoff und Deuterium umgewandelt und das in ausgerichteten S�ulen gespeichert, die im Chondrit steckten. Die Motoren und der ganze Steuerungskomplex wurden zentral vergraben.�</p><p>�Er ist also eine gro�e Rakete�, sagte Sax und nickte, w�hrend er Tasten bediente. �Umlaufperiode von Phobos 27547 Sekunden. Also macht er ungef�hr�� 2,146 Kilometer in der Sekunde. Um ihn herunterzuholen, muss man ihn auf�� 1,561 Kilometer in der Sekunde abbremsen. Also 0,585 Kilometer in der Sekunde langsamer. F�r eine Masse wie Phobos�� Oho! Das ist eine Menge Treibstoff.�</p><p>�Auf wie viel ist er jetzt herunter?� fragte Frank. Sein Gesicht war schwarz, und seine Kinnmuskel arbeiteten unter der Haut wie ein kleiner Bizeps�� w�tend, wie Nadia sah, �ber seine Unf�higkeit vorherzusagen, was als n�chstes geschehen w�rde.</p><p>�Ungef�hr eins Komma sieben. Und diese gro�en Schubraketen brennen noch. Er wird herunterkommen. Aber nicht in einem St�ck. Der Abstieg wird ihn zerbrechen. Ich bin sicher.�</p><p>�Die Roche-Grenze?�</p><p>�Nein, nur die Belastung durch Luftbremsung, und mit all diesen leeren Treibstoffkammern���</p><p>�Was ist mit den Menschen auf ihm geworden?� h�rte Nadia sich fragen.</p><p>�Jemand hat gesagt, es h�tte so geklungen, als ob die ganze Bev�lkerung herausgekommen w�re. Niemand war da, um zu versuchen, die Z�ndung zu stoppen.�</p><p>�Gut�, sagte Nadia und setzte sich schwer auf die Couch.</p><p>�Wann wird er herunterkommen?� fragte Frank.</p><p>Sax zwinkerte. �Unm�glich zu sagen. H�ngt davon ab, wann er zerbricht. Aber ich sch�tze, recht bald. Und dann wird es ein Streifen irgendwo l�ngs des �quators sein, wahrscheinlich ein gro�er Streifen mit viel Unheil. Es wird ein recht gro�er Meteoritenschauer sein.�</p><p>�Das wird etwas von dem Aufzugskabel beseitigen�, sagte Simon leise. Er sa� neben Ann und sah sie besorgt an. Sie starrte dumpf auf Simons Schirm und lie� nicht erkennen, dass sie etwas von ihnen h�rte. Es war nie von ihrem Sohn Peter die Rede gewesen. War das besser oder schlimmer als ein Haufen Ru� und ein Datenschild an der Hand? Nadia entschied: besser. Aber immer noch hart.</p><p>�Seht!� sagte Sax. �Er zerbricht.�</p><p>Das Satellitenteleskop lieferte ihnen ein vorz�gliches Bild. Die Kuppel �ber Stickney zerbarst nach au�en in gro�e Scherben, und die Kraterreihen, die f�r Phobos charakteristisch waren, stie�en Staubwolken aus und g�hnten offen. Dann bl�hte die kleine kartoffel�hnliche Welt auf und zerfiel in etliche unregelm��ige St�cke. Ein halbes Dutzend gr��ere breiteten sich langsam aus, wobei das gr��te vorausflog. Ein Brocken flog zur Seite, offenbar noch von einer der Raketen angetrieben, die im Innern des Mondes verborgen gewesen waren. Die restlichen St�cke begannen sich in einer unregelm��igen Linie auszubreiten, wobei jedes mit unterschiedlicher Geschwindigkeit taumelte.</p><p>�Nun, wir sind irgendwie in der Schusslinie�, bemerkte Sax und sah die anderen an. �Die gr��ten Brocken werden bald in die Atmosph�re treffen, und dann wird alles ziemlich schnell gehen.�</p><p>�Kannst du bestimmen, wann?�</p><p>�Nein. Es gibt zu viele Unbekannte. L�ngs des �quators, das ist alles. Wir sind wahrscheinlich weit genug s�dlich, um die gr��ten Brocken davon abzubekommen; aber es k�nnte durchaus ein Streueffekt eintreten.�</p><p>�Menschen auf dem �quator sollten sich nach Norden oder S�den wenden�, sagte Maya.</p><p>�Wahrscheinlich wissen sie es. Auf jeden Fall hat der Fall des Kabels das Gebiet schon recht gr�ndlich ges�ubert.�</p><p>Man konnte kaum mehr tun, als zu warten. Keiner von ihnen wollte die Stadt verlassen�� zu abgeh�rtet oder zu m�de, um sich wegen langfristiger Risiken Sorgen zu machen. Frank ging im Raum hin und her, sein dunkles Gesicht vor Wut zuckend. Endlich konnte er es nicht mehr aushalten und ging wieder an seinen Schirm, um eine Reihe kurzer, bissiger Mitteilungen auszusenden. Es kam eine Antwort herein, und er knurrte: �Wir haben eine Galgenfrist; denn die UN-Polizei furchtet sich hier zu landen, solange nicht der ganze Dreck heruntergekommen ist. Aber danach werden sie wie Habichte hinter uns her sein. Sie behaupten, dass der Befehl zur Z�ndung der Explosionen auf Phobos von hier aus erfolgt w�re; und sie sind es satt, wenn eine neutrale Stadt als Befehlszentrum f�r den Aufstand benutzt wird.�</p><p>�Also haben wir Zeit gewonnen, bis der Fall vorbei ist�, sagte Sax.</p><p>Er schaltete sich in das UNOMA-Netz ein und bekam ein Radarmosaikbild der Fragmente. Danach gab es nichts mehr zu tun. Sie setzten sich, standen auf und gingen umher. Sie blickten auf die Schirme, a�en kalte Pizza<emphasis>,</emphasis> sie schlummerten. Nadia tat nichts dergleichen. Es gelang ihr nur zu sitzen, �ber den Magen gebeugt, der sich in ihrem Innern wie eine eiserne Faust anf�hlte. Sie wartete.</p><p>Als Mitternacht und der Zeitschlupf nahe waren, erweckte etwas auf den Schirmen Saxens Aufmerksamkeit, und mit etwas wildem Herumtippen auf Franks Kan�len kam er zu dem Observatorium auf Olympus Mons durch. Dort war es kurz vor der Morgend�mmerung, und eine der Kameras dort gab ihnen einen niedrigen Blick in den Raum nach S�den, wo die schwarze Kr�mmung des Planeten die Sterne verdeckte. Meteore schossen schr�g leuchtend aus dem westlichen Himmel herunter, so schnell und hell, als w�ren sie geradlinige Blitzstrahlen oder titanische Leuchtspurgeschosse, die sich nacheinander ostw�rts verteilten. In den letzten Momenten vor dem Auftreffen brachen sie in St�cke. An jedem Auftreffpunkt riefen sie phosphoreszierende Klumpen hervor wie in den ersten Augenblicken einer ganzen Reihe von Kernexplosionen. Das schwarze Feld wurde von gelben, durch Rauch getr�bten Flecken �berzogen.</p><p>Nadia schloss die Augen und sah verschwimmende Nachbilder des Einschlags. Sie �ffnete sie wieder und blickte auf den Schirm. Rauchwolken stiegen in den Himmel vor der Morgend�mmerung �ber West-Tharsis auf und stiegen so hoch, dass sie den Schatten des Planeten �berragten und von der aufsteigenden Sonne beleuchtet wurden. Es waren riesige Wolkenpilze, die H�te bla�rosa, die dunkelgrauen Stiele durch Reflektion von oben erhellt. Langsam glitt das Sonnenlicht an den bewegten Stielen herunter, bis sie alle von der jungen Morgensonne get�nt waren. Dann driftete die hochragende Reihe der gelben und r�tlichen Wolken �ber einen Himmel von zarter Indigo-Pastellfarbe. Es sah aus wie ein Alptraum von Maxwell-Parrish, zu fremdartig und sch�n, dass es kaum zu glauben war. Nadia dachte an den letzten Moment des Kabels, jenes Bild der leuchtenden Doppelspirale aus brennenden Diamanten. Wie konnte nur Vernichtung so sch�n sein? Lag es am Ma�stab? Gab es im Volk einen Schatten, den es danach gel�stete? Oder war es nur eine zuf�llige Kombination der Elemente, der endg�ltige Beweis, dass Sch�nheit keine moralische Dimension war? Sie starrte immer wieder auf das Bild und konzentrierte ihren ganzen Willen darauf. Aber sie konnte dem keinen Sinn abgewinnen.</p><p>Sax bemerkte: �Das k�nnte genug zerteilte Materie sein, um einen neuen globalen Staubsturm auszul�sen. Obwohl die Netto-W�rmezugabe f�r das System gewiss betr�chtlich sein wird.�</p><p>�Halt den Mund!� sagte Maya.</p><p>�Jetzt sind wir wohl dran, getroffen zu werden, nicht wahr?� sagte Frank.</p><p>Sax nickte.</p><p>Sie verlie�en die Stadtb�ros und gingen hinaus in den Park. Alle standen mit den Gesichtern nach Osten gewandt da. Es war still, als ob sie ein religi�ses Ritual vollz�gen. Es war ein ganz anderes Gef�hl als beim Warten auf ein Bombardement durch die Polizei. Aber jetzt war es Vormittag und der Himmel ein staubiges Rosa.</p><p>Dann schoss �ber dem Horizont ein schmerzhaft heller Komet herein. Es gab ein allgemeines St�hnen und Luftholen, verst�rkt durch einzelne Schreie. Die helle wei�e Kurve kr�mmte sich auf sie zu, huschte dann in einem Augenblick �ber ihre K�pfe und verschwand �ber dem westlichen Horizont. Man hatte kaum Zeit zum Atmen gehabt, als er vorbeizog. Einen Moment sp�ter bebte der Boden leicht unter ihren F��en, und die Stille wurde durch Rufe unterbrochen. Im Osten schoss eine Wolke hoch und markierte die H�he des roten Himmelsgew�lbes. Sie musste auf zwanzigtausend Meter aufgestiegen sein.</p><p>Dann querte ein neues wei�es Leuchten den Himmel �ber ihnen und zog feurige Kometenschweife nach sich. Dann noch eines und noch eines und dann ein ganzer gl�hender Schwarm. Alles zog �ber den Himmel und sank �ber den Osthorizont hinab in das gro�e Marineris. Endlich h�rte der Schauer auf. Die Augenzeugen in Cairo waren halb blind und stolperten mit h�pfenden Nachbildern vor den Augen umher. Es war an ihnen vorbeigegangen.</p><empty-line/><p>Frank sagte: �Jetzt kommt die UN�� bestenfalls.�</p><p>�Meinst du, wir sollten�� Meinst du, wir sind��?� fragte Maya.</p><p>�In ihren H�nden sicher?� sagte Frank bissig.</p><p>�Vielleicht sollten wir uns wieder zu den Flugzeugen begeben.�</p><p>�Bei Tageslicht?�</p><p>�Nun, das k�nnte besser sein, als hier zu bleiben�, entgegnete sie. �Ich wei� nicht, was du meinst, aber ich habe einfach keine Lust, an die Wand gestellt und erschossen zu werden.�</p><p>�Wenn sie UNOMA sind, werden sie das nicht tun�, sagte Sax.</p><p>�Da w�re ich mir nicht so sicher�, entgegnete Maya. �Auf der Erde halten uns alle f�r R�delsf�hrer.�</p><p>�Es gibt �berhaupt keine R�delsf�hrer�, sagte Frank.</p><p>�Aber sie wollen, dass es welche gibt�, sagte Nadia.</p><p>Das lie� sie verstummen.</p><p>�Vielleicht hat jemand entschieden�, sagte Sax ruhig, �dass die Dinge leichter zu kontrollieren sind ohne uns.�</p><empty-line/><p>Es trafen mehr Meldungen �ber Einst�rze in der anderen Hemisph�re ein, und Sax setzte sich vor die Schirme, um sie zu verfolgen. Ann stand hilflos hinter seiner rechten Schulter, um auch hinzusehen. Schl�ge dieser Art hatten sich schon immer seit der Vorzeit ereignet; und die Chance, einen live zu beobachten, konnte sie unm�glich vers�umen, selbst wenn es sich um das Resultat menschlicher Aktivit�t handelte.</p><p>W�hrend sie beobachteten, dr�ngte Maya sie st�ndig, etwas zu unternehmen�� aufzubrechen, sich zu verstecken, was auch immer, nur �berhaupt etwas. Sie beschimpfte Sax und Ann, als die nicht antworteten. Frank ging fort, um zu sehen, was sich auf dem Raumflughafen ereignete. Nadia begleitete ihn bis zur T�r des Stadtb�ros. Sie f�rchtete, dass Maya recht hatte, mochte aber nicht weiter zuh�ren. Sie verabschiedete sich von Frank und trat vor das Rathaus, um den Himmel zu betrachten. Es war Nachmittag, und die vorherrschenden Westwinde fingen an, den Tharsis-Hang herunterzuwehen. Sie f�hrten den Staub der Einschl�ge mit sich. Er sah am Himmel aus wie Rauch, als ob auf der anderen Seite von Tharsis ein Waldbrand w�re. Das Licht in Cairo wurde schw�cher, als die Staubwolken die Sonne verdunkelten, und die Polarisation der Kuppel schuf kurze Regenbogen und Nebensonnen, als ob das ganze Gewebe der Welt in kaleidoskopische Teile zerfiele. Zusammengedr�ngte Massen unter einem brennenden Himmel. Nadia erschauerte. Eine dickere Wolke verdeckte die Sonne. Nadia ging hinein und zur�ck in die B�ros. Sax sagte gerade: �Die Verfinsterung d�rfte global werden.�</p><p>�Das hoffe ich�, sagte Maya. Sie ging hin und her wie eine Gro�katze im K�fig. �Das wird uns helfen zu entkommen.�</p><p>�Entkommen wohin?� fragte Sax.</p><p>Maya sog die Luft zwischen den Z�hnen ein. �Die Flugzeuge sind bereit. Wir k�nnten zu den Hellespontus Montes zur�ckkehren, zu den dortigen Habitaten.�</p><p>�Sie w�rden uns sehen.�</p><p>Frank erschien bei Sax auf dem Schirm. Er blickte auf sein Armband, und das Bild zitterte. �Ich befinde mich am Westtor mit dem B�rgermeister. Da drau�en ist ein Haufen Rover. Wir haben alle Tore verschlossen, weil sie sich nicht identifizieren wollen. Offenbar haben sie die Stadt umrundet und versuchen, die Versorgungszentrale von au�en aufzubrechen. Also sollten alle ihre Schutzanz�ge anlegen und sich fertig machen, rauszugehen.�</p><p>Maya schrie: �Ich habe euch gesagt, wir h�tten abhauen sollen!�</p><p>�Das h�tten wir nicht k�nnen�, erwiderte Sax. �Im �brigen sind unsere Chancen vielleicht ebenso gut in einem Durcheinander. Wenn alle gleichzeitig einen Ausbruch machen, k�nnten sie zahlenm��ig �berw�ltigt werden. Also seht, wenn etwas passiert, wollen wir uns alle am Osttor versammeln, okay?� Er sagte zum Schirm: �Frank, ihr solltet auch dorthin gehen, wenn ihr k�nnt. Ich werde mit den Robotern der Versorgungsanlage einige Dinge ausprobieren, die diese Leute mindestens bis zur Dunkelheit drau�enhalten sollten.�</p><p>Es war jetzt drei Uhr nachmittags, obwohl es wie D�mmerung aussah, da der Himmel voller hoher, sich rasch bewegender Staubwolken war. Die Streitkr�fte drau�en wiesen sich als UNOMA-Polizei aus und forderten Einlass. Frank und der B�rgermeister von Cairo fragten sie nach ihrer Vollmacht seitens UN in Genf und erkl�rten ein Verbot aller Waffen in der Stadt. Die drau�en gaben keine Antwort.</p><p>Um 4.30 Uhr gab es in der ganzen Stadt Alarm. Die Kuppel war zerst�rt worden, offenbar in katastrophalem Ausma�, da ein pl�tzlicher Wind nach Westen durch die Stra�en fegte und in jedem Geb�ude die Drucksirenen ansprangen. Die Elektrizit�t blieb aus, und ebenso schnell wurde aus der Stadt eine zertr�mmerte Schale voller rennender Gestalten in Schutzanz�gen und mit Helmen, die umherrannten und sich an den Toren zusammendr�ngten, umgeworfen durch Windst��e oder Rempeleien. �berall platzten Fenster heraus, und die Luft war voller Plastiksplitter. Nadia, Maya, Ann, Simon und Yeli verlie�en das Rathaus und k�mpften sich durch die Mengen zum Osttor durch. Dort herrschte gro�es Gedr�nge, weil die Schleuse offen war und sich manche Leute hindurchquetschten. Das war eine t�dliche Situation f�r jeden, der unter die F��e geriet; und wenn die Schleuse irgendwie blockiert war, k�nnte das f�r einen jeden t�dlich werden. Und dennoch ging alles lautlos vonstatten, mit Ausnahme von Helmkommunikation und einigen Explosionen im Hintergrund. Die Ersten Hundert hatten ihre alte Frequenz eingeschaltet, und durch die Statik und �u�eren L�rm drang die Stimme Franks: �Ich bin jetzt am Osttor. L�st euch aus dem Gedr�nge, damit ich euch finden kann!� Seine Stimme war leise und sachlich. �Beeilt euch, drau�en vor der Schleuse passiert etwas!�</p><p>Sie arbeiteten sich aus der Menge heraus und sahen Frank gerade diesseits der Wand, wie er eine Hand �ber dem Kopf schwenkte. �Los, kommt her!� sagte die entfernte Gestalt ihnen in die Ohren. �Seid keine solchen Schafe! Es hat keinen Sinn, sich wie in einer Zahnpasta-Tube zusammenquetschen zu lassen, wenn die Kuppel nicht mehr heil ist. Wir k�nnen uns �berall hindurchschneiden, wo wir wollen. Lasst uns direkt zu den Flugzeugen gehen!�</p><p>�Das habe ich ja gesagt�, fing Maya an, aber Frank fuhr sie an: �Halt den Mund, Maya! Wir konnten nicht gehen, ehe sich etwas Derartiges ereignete. Erinnerst du dich?�</p><p>Es war jetzt kurz vor Sonnenuntergang. Die Sonne drang durch eine L�cke zwischen Pavonis und der Staubwolke und beleuchtete die Wolken von unten in einem infernalischen Schauspiel violetter Marsfarben. Sie warf ein teuflisches Licht auf das Menschengew�hl. Und jetzt str�mten Gestalten in Tarnuniformen durch Risse in der Kuppel herein. Drau�en waren gro�e Shuttle-Busse vom Raumhafen geparkt, aus denen noch mehr Truppen quollen.</p><p>Sax tauchte aus einer Gasse auf. �Ich glaube nicht, dass wir zu den Flugzeugen gelangen k�nnen�, sagte er.</p><p>Eine Gestalt im Schutzanzug und mit Helm erschien aus dem Dunkel. Sie sagte auf ihrer Frequenz: �Los, folgt mir!�</p><p>Sie starrten den Fremden an. Frank fragte: �Wer bist du?�</p><p>�Folgt mir!� Der Fremde war ein kleiner Mann, und hinter seiner Gesichtsscheibe konnten sie ein wildes Grinsen erkennen. Ein braunes, schmales Gesicht. Der Mann ging in eine Gasse, die zur Medina f�hrte, und Maya folgte ihm als erste. �berall liefen Leute mit Helmen herum. Die ohne Helme waren tot oder sterbend auf dem Boden hingestreckt. Man konnte durch die Helme Sirenen h�ren, sehr schwach; und es gab dr�hnende Vibrationen unter den F��en, irgendwelche seismische Ersch�tterungen. Aber davon abgesehen, verlief die ganze hektische Aktivit�t in Stille, nur unterbrochen durch das Ger�usch ihres Atems und ihre Stimmen gegenseitig in den Ohren. �Wohin?��� �Sax, bist du da?� -�Er ist dorthin gegangen!� und so fort. Eine seltsam intime Konversation in Anbetracht des d�steren Chaos, in dem sie sich abspielte. Als sie sich umschaute, trat Nadia fast auf den Kadaver einer Katze, die im Gras lag, als ob sie schliefe.</p><p>Der Mann, dem sie folgten, schien auf ihrer Frequenz eine Melodie zu summen, ein kleines <emphasis>bum, bum, badum-dum-dum.</emphasis> Vielleicht Peters Thema aus �Peter und der Wolf�. Er kannte die Stra�en von Cairo gut, bog in dem Labyrinth ab, ohne zu z�gern, und f�hrte sie in weniger als zehn Minuten zur Stadtmauer.</p><p>An der Mauer blickten sie durch das verzogene Gewebe der Kuppel. Drau�en im Dunkel rannten Gestalten in Schutzanz�gen allein oder in Gruppen zu zweit oder dritt davon, in einer Art Brownscher Molekularbewegung auf den S�drand von Noctis zu. �Wo ist Yeli?� rief Maya pl�tzlich.</p><p>Niemand wusste es.</p><p>Dann machte Frank ein Zeichen. �Schaut!�</p><p>Im Osten war auf der Stra�e eine Anzahl Rover aus Noctis Labyrinthus erschienen. Es waren sehr schnelle Wagen von unbekanntem Aussehen, die ohne Scheinwerfer aus dem Dunkel auftauchten.</p><p>�Wohin jetzt?� fragte Sax. Er wollte sich fragend an den F�hrer wenden, aber der Mann war weg, in den Gassen verschwunden.</p><p>Eine Stimme sagte: �Ist das noch die Frequenz der Ersten Hundert?�</p><p>�Ja!� antwortete Frank. �Wer ist das?�</p><p>Maya schrie: �Ist das nicht Michel?�</p><p>�Ein gutes Ohr, Maya. Ja, es ist Michel. Seht, wir sind hier, um euch wegzubringen, wenn ihr gehen wollt. Es scheint, dass sie systematisch jeden der Ersten Hundert ausmerzen, an den sie Hand anlegen k�nnen. Darum dachten wir, ihr w�rdet euch gern mit uns zusammentun.�</p><p>�Ich denke, wir sind alle bereit, zu euch zu kommen. Aber wie?� sagte Frank.</p><p>�Nun, das ist eine raffinierte Sache. Ist bei euch ein F�hrer aufgekreuzt und hat euch zu der Mauer geleitet?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Gut. Das war Cojote. Der ist gut bei so etwas. Also wartet hier! Wir werden anderswo f�r einige Ablenkung sorgen und dann direkt zu eurem Abschnitt der Mauer kommen.�</p><p>Nach nur einigen Minuten, obwohl es wie eine Stunde schien, ersch�tterten Explosionen die Stadt. Sie sahen im Norden Lichtblitze, in Richtung des Raumhafens. Michel meldete sich wieder. �Lasst nur eine Sekunde lang eine Helmlampe nach Osten scheinen!�</p><p>Sax richtete sein Gesicht nach Osten und stellte seine Helmlampe an, die kurz einen Kegel aus Luft erhellte, die durch Rauch stickig war. Die Sichtweite war auf hundert Meter oder weniger gesunken und schien immer noch abzunehmen. Aber Michels Stimme sagte:</p><p>�Kontakt. Nun schneidet euch durch die Wand und kommt heraus! Wir sind beinahe da. Wir werden losfahren, sowie ihr in den Schleusen unserer Rover seid. Seid also vorbereitet! Wie viele seid ihr?�</p><p>�Sechs�, sagte Frank nach einer Pause.</p><p>�Wundervoll! Wir haben zwei Wagen, darum wird es nicht allzu schlimm sein. Drei von euch in jedem, okay? Macht euch bereit. Wir wollen es schnell machen.�</p><p>Sax und Ann schnitten mit kleinen Messern aus ihrem Werkzeugpack an den Handgelenken durch die Kuppelwand. Sie sahen aus wie K�tzchen, die an Gardinen kratzen, schafften aber schnell L�cher, die gro� genug zum Hindurchkriechen waren; und sie alle kletterten �ber die h�fthohe Mauerkrone und hinaus auf den glatten Regolith der Mauereinfassung. Hinter ihnen jagten Explosionen die Versorgungszentralen in die Luft und erhellten die zerst�rte Stadt mit zuckendem Licht, die wie Fotoblitze durch den Dunst schnitten und einzelne Momente festhielten, ehe sie im Dunkel verschwanden.</p><p>Pl�tzlich erschienen aus dem Staub die fremdartigen Rover und hielten rutschend vor ihnen an. Sie rissen die �u�ere Schleusent�r auf und dr�ngten sich hinein�� Sax, Ann und Simon in die eine, Nadia, Maya und Frank in die andere. Sie purzelten kopf�ber, als sich die Rover in Bewegung setzten und mit hoher Beschleunigung wegfuhren. �Au!� schrie Maya.</p><p>�Alle an Bord?� fragte Michel.</p><p>Sie riefen ihre Namen.</p><p>�Gut. Ich bin froh, dass wir euch haben!� sagte Michel. �Es wird ziemlich hart. Dmitri und Elena sind tot, wie ich eben geh�rt habe. Get�tet bei Echus Overlook.�</p><p>In der anschlie�enden Stille konnten sie h�ren, wie die Reifen �ber den Kies der Stra�e knirschten.</p><p>Sax bemerkte: �Die Rover sind wirklich schnell.�</p><p>�Allerdings. Und mit gro�artigen Sto�d�mpfern. Genau f�r diese Art von Situation gemacht. Ich f�rchte aber, wir werden sie aufgeben m�ssen, wenn wir nach Noctis hinunterkommen. Sie sind zu gut zu sehen.�</p><p>�Habt ihr unsichtbare Wagen?� fragte Frank.</p><p><emphasis>�</emphasis>In gewisser Weise.�</p><p>Nach einer halben Stunde des Herumh�pfens in der Schleuse hielten sie kurz an und kletterten in die Hauptr�ume der Rover hin�ber. Und in dem einen dort war Michel Duval, wei�haarig und runzlig�� ein alter Mann, der Maya, Nadia und Frank mit Tr�nen in den Augen ansah. Er umarmte sie nacheinander und lachte eigenartig und ged�mpft.</p><p>�Bringst du uns zu Hiroko?� fragte Maya.</p><p>�Ja, wir wollen es versuchen. Aber es ist ein weiter Weg, und die Verh�ltnisse sind schlimm. Aber ich denke, dass wir es schaffen k�nnten. Oh, ich bin so froh, dass ich euch gefunden habe! Ihr wisst nicht, wie schrecklich es war, immer nur hinzuschauen und nur Leichen zu finden.�</p><p>�Wir wissen�, sagte Maya. �Wir haben Arkady gefunden, und Sasha wurde gerade erst heute get�tet und Alex und Edvard und Samantha, und ich vermute auch Yeli eben jetzt���</p><p>�Ja. Aber wir werden uns zu vergewissern suchen, dass es sie nicht mehr gibt.�</p><p>Der Fernseher des Rovers zeigte das Innere des nachfolgenden Wagens, wo Ann, Simon und Sax von einem jungen Fremden steif begr��t wurden. Michel blickte �ber die Schulter aus der Windschutzscheibe und stie� einen Pfiff aus. Sie waren am Anfang eines der vielen Trog-Canyons, die nach Noctis hinunterf�hrten. Das abgerundete Ende des Canyons fiel steil ab. Die nach unten f�hrende Stra�e war �ber eine k�nstliche Rampe gef�hrt, die als St�tze daf�r erbaut war. Aber jetzt war die Rampe verschwunden, mitsamt der Stra�e durch eine Explosion weggefegt.</p><p>�Wir werden zu Fu� gehen m�ssen�, sagte Michel nach einer Weile. �Wir h�tten diese Wagen ohnehin bald aufgeben m�ssen. Es sind nur ungef�hr f�nf Kilometer. Sind eure Anz�ge voll versorgt?�</p><p>Sie f�llten ihre Tanks aus den Rovern auf und setzten wieder die Helme auf. Dann ging es durch die Schleusen wieder hinaus ins Freie.</p><p>Als sie alle drau�en waren, starrten sie einander an: die sechs Fl�chtlinge, Michel und der j�ngere Fahrer. Sie machten sich in der Dunkelheit zu Fu� auf den Weg. W�hrend des t�ckischen Abstiegs auf dem abgebrochenen Teil der Stra�enrampe lie�en sie ihre Stirnlampen eingeschaltet. Als sie wieder auf der Stra�e waren, schalteten sie sie aus und verfielen auf dem steilen absch�ssigen Kiesweg von selbst in die langen, h�pfenden Schritte, die bei diesem Neigungswinkel die bequemste Gangart bildeten. Die Nacht war sternenlos, und der Wind pfiff um sie in den Canyon hinunter, manchmal in so starken B�en, dass es war, als w�rden sie von hinten geschoben. Es schien so, als ob wirklich ein neuer Staubsturm im Anzug w�re. Sax murmelte etwas �ber �quatorial gegen�ber global, aber es war nicht m�glich vorauszusagen, wie er sich entwickeln w�rde. Michel sagte: �Hoffen wir, dass er global ist. Wir k�nnten die Deckung gebrauchen.�</p><p>�Ich zweifle, ob er es sein wird�, meinte Sax.</p><p>�Wohin gehen wir?� fragte Nadia.</p><p>�Nun, in Aureum Chaos gibt es eine Notstation.�</p><p>Also mussten sie sich durch die ganze L�nge von Valles Marineris hindurchqu�len�� f�nftausend Kilometer! �Wie sollen wir das schaffen?� rief Maya.</p><p>�Wir haben Canyonwagen. Du wirst sehen�, sagte Michel knapp.</p><p>Die Stra�e war steil, und sie behielten die schnelle Gangart bei, zur Qual f�r ihre Gelenke. Nadias rechtes Knie fing an zu schmerzen, und ihr Phantomfinger juckte zum ersten Mal seit Jahren wieder. Sie war durstig und fror in dem alten Anzug.</p><p>Es wurde so staubig und finster, dass sie ihre Heimleuchten anstellen mussten. Die h�pfenden gelben Lichtkegel reichten kaum bis zur Stra�enoberfl�che, und beim Blick nach hinten meinte Nadia, sie sahen aus wie eine Kette Tiefseefische, deren leuchtende Flecken auf dem Boden eines gro�en Ozeans gl�hten. Oder wie Bergleute in einem stark verqualmten Tunnel. Ein Teil von ihr begann die Situation zu genie�en. Es war nur eine kleine Erregung, eine �berwiegend physische Empfindung, aber immerhin das erste positive Gef�hl, seit sie Arkady gefunden hatte. Ein Vergn�gen wie das Phantomjucken ihres verlorenen Fingers, schwach und leicht verwirrend.</p><p>Es war noch mitten in der Nacht, als sie zum Boden des Canyons kamen, einem breiten U, das in allen Canyons von Noctis Labyrinthus sehr verbreitet ist. Michel trat an einen Felsblock, stie� mit einem Finger an eine Stelle und hob dann eine Luke in der Seite des Felsens hoch. Er sagte: �Geht hinein!�</p><p>Wie sich herausstellte, gab es zwei solcher Felswagen: gro�e Rover, die durch eine d�nne Schicht aus echtem Basalt gepanzert waren. �Was ist mit ihren thermischen Signalen?� fragte Sax, als er in einen hineinkroch.</p><p>�Wir lenken alle W�rme in Spulen, die wir dann vergraben. Also gibt es kein nennenswertes Signal.�</p><p>�Eine gute Idee.�</p><p>Der junge Fahrer half ihnen in den Wagen. �Sehen wir zu, dass wir hier herauskommen!� sagte er grob und schob sie fast durch die �u�eren Schleusent�ren. Licht aus der Schleuse erhellte sein Gesicht, das vom Helm umrahmt war. Asiatisch, vielleicht f�nfundzwanzig, half er den Fl�chtlingen, ohne ihnen ins Auge zu blicken. Er wirkte verstimmt, ver�rgert, vielleicht erschrocken. Er sagte zu ihnen vorwurfsvoll:</p><p>�Wenn ihr das n�chste Mal eine Revolution macht, solltet ihr es lieber irgendwie anders versuchen.�</p></section></section><section><title><p>ACHTER TEIL</p><p>Shikata ga nai</p></title><section><p><emphasis>Als die Insassen des Aufzugswagens</emphasis> Bangkok Friend <emphasis>erfuhren, dass Clarke weggebrochen war und das Kabel abst�rzte, eilten sie ins Foyer und zum Gep�ckraum und zogen, so schnell sie konnten, Not-Raumanz�ge an. Es war ein Gl�ck, dass keine allgemeine Panik ausbrach. Alles geschah im Innern, auf der Oberfl�che war jeder sachlich und achtete auf die kleine Gruppe an der Schleusent�r, die versuchte herauszubringen, wo sie genau waren und wann sie den Wagen verlassen sollten. Diese N�chternheit erstaunte Peter Clayborne, dem das Blut in wuchtigen Adrenalinst��en durch den K�rper jagte. Er war nicht sicher, ob er h�tte sprechen k�nnen, falls er das h�tte tun m�ssen. Ein Mann in der Gruppe vorn sagte ihm in ruhigem Ton, dass sie sich dem areosynchronen Punkt n�herten. Darum dr�ngten sie sich alle in der Schleuse zusammen, bis sie so dicht gepackt waren, wie vorher die Anz�ge im Gep�ckraum. Dann verschlossen sie die T�r und atmeten die Anzugluft. Die Au�ent�r glitt auf; und da war es�� ein gro�es Rechteck von gestirntem tiefschwarzem Raum. Es war wirklich be�ngstigend, in einem nicht festgehakten Raumanzug hineinzuspringen. Das kam dem jungen Mann wie Selbstmord vor. Aber die vordersten stiegen aus, und der Rest folgte wie Sporen aus einer platzenden Samenkapsel.</emphasis></p><p><emphasis>Der Wagen und der Aufzug verschwanden rasch in �stlicher Richtung. Die Wolke aus Raumanz�gen begann sich zu zerstreuen. Viele stabilisierten sich mit den F��en in Richtung auf den Mars, der wie ein schmutziger Basketball unter ihnen lag. Die Gruppe, welche die Berechnungen anstellte, war immer noch auf der allgemeinen Frequenz und besprach die Lage wie ein Schachproblem. Sie befanden sich nahe dem areosynchronen Orbit, aber mit einer Sinkgeschwindigkeit von etwa hundert Kilometern in der Stunde. Der Verbrauch der H�lfte ihres Haupttreibstoffs w�rde dem gro�enteils entgegenwirken; und sie w�rden sich in einer stabileren Umlaufbahn befinden, als unbedingt notwendig war in Anbetracht ihrer Luftvorr�te. Mit anderen Worten, sie w�rden entweder sp�ter ersticken oder fr�her durch die Hitze beim Eintritt in die Atmosph�re sterben. Aber darauf sollte man es zun�chst ankommen lassen. Es war m�glich, dass w�hrend der Gnadenfrist Retter erschienen. Sicher wollten die meisten es versuchen.</emphasis></p><p><emphasis>Der junge Mann zog seine Raketenkontrollst�be aus den Konsolen an den Handgelenken und legte seine Finger und Daumen auf die Kn�pfe. Er bekam den Mars zwischen seine Stiefel und schoss sich einige Zeit von ihm fort. Einige andere versuchten beisammen zu bleiben; aber er hielt das f�r unm�glich und eine Vergeudung von Treibstoff. Er lie� sie �ber sich davondriften, bis sie nur noch Sterne waren. Er war nicht so ver�ngstigt wie vorhin im Gep�ckraum, aber er war �rgerlich und bek�mmert. Er wollte nicht sterben. Ein Krampf des Grams um seine verlorene Zukunft durchfuhr ihn. Er schrie laut und weinte. Nach einiger Zeit schwanden die physischen Reaktionen, obwohl er sich ebenso elend f�hlte wie zuvor. Er starrte dumpf auf die Sterne. Gelegentliche Wogen von Angst oder Verzweiflung durchzogen ihn. Sie wurden aber seltener, als die Minuten vergingen und dann die Stunden. Er versuchte, seinen Stoffwechsel zu verlangsamen. Aber das hatte den gegenteiligen Effekt wie erwartet, so dass er beschloss, darauf zu verzichten. Allerdings rief er zuerst noch an seiner Armbandkonsole seine Pulsfrequenz auf. Hundertundacht Schl�ge in der Minute. Zum Gl�ck hatte er nicht nachgesehen, als sie sich anzogen und ausstiegen. Er zog eine Grimasse und versuchte, Sternbilder zu bestimmen. Die Zeit verrann.</emphasis></p><p><emphasis>Er erwachte. Als er merkte, dass er eingeschlafen war, war er zugleich erschrocken und belustigt und fiel prompt wieder in Schlaf. Nach einiger Zeit wachte er dann wieder auf, diesmal endg�ltig. Die anderen Fl�chtlinge aus dem Wagen waren au�er Sicht, obwohl einige Sterne sich vor dem Hintergrund zu bewegen schienen. Das h�tten sie sein k�nnen.</emphasis></p><p><emphasis>Keine Spur vom Aufzug, weder im Raum noch auf der Marsoberfl�che.</emphasis></p><p><emphasis>Es war ein seltsamer Weg des Dahinscheidens. Etwas wie die Nacht vor einem Termin mit dem Exekutionskommando vielleicht, verbracht in einem Traum vom Weltraum. Das war in mancher Hinsicht ein langweiliges Warten. Es machte ihn ungeduldig, und er �berlegte, ob er sein Heizsystem ausschalten sollte. Das w�re es dann gewesen. Das Wissen, er k�nnte das tun, machte das Warten leichter, und er nahm sich vor, es zu tun, wenn sein Luftvorrat zu versiegen drohte. Der Gedanke trieb seinen Puls auf einhundertdrei�ig, und er versuchte, sich auf den Planeten unten zu konzentrieren.</emphasis> Home sweet home. <emphasis>Er war immer noch in fast areosynchronem Orbit. Noch nach Stunden hatte er Tharsis unter sich, wenn auch ein bisschen weiter westlich.</emphasis></p><p><emphasis>Er war �ber Marineris.</emphasis></p><p><emphasis>Stunden vergingen, und unbeabsichtigt fiel er wieder in Schlaf. Als er aufwachte, hing ein kleines silbernes Raumfahrzeug vor ihm wie ein UFO. Er schrie vor �berraschung und begann hilflos zu taumeln. Er arbeitete fieberhaft mit den Raketen, um sich unter Kontrolle zu bringen. Als er das geschafft hatte, war das Raumschiff immer noch da. Am Seitenfenster war ein weibliches Gesicht, das zu ihm sprach und auf ihr Ohr deutete. Er schaltete die allgemeine Frequenz ein, aber er h�rte nichts. Er schoss mit Raketenkraft auf das Vehikel zu und erschreckte die Frau, weil er fast aufprallte. Es gelang ihm anzuhalten und sich etwas zur�ckzuziehen. Die Frau gestikulierte; wollte er hineinkommen? Er machte mit Zeigefinger und Daumen im Handschuh einen ungeschickten Kreis und nickte so heftig, dass er wieder ins Taumeln geriet. W�hrend er sich drehte, sah er hinter dem Fenster oben auf dem Fahrzeug eine offene Ladeluke. Er stabilisierte den Anzug und stie� auf die Bucht zu. Er fragte sich, ob sie real sein w�rde, wenn er hink�me. Er ber�hrte die offene Luke, und Tr�nen traten ihm in die Augen. Er blinzelte, und die Tr�nen schwebten als K�gelchen auf seine Visierscheibe zu, w�hrend er sich auf dem Boden der Bucht flach ausstreckte. Er hatte noch Luft f�r eine Stunde �brig��</emphasis></p><p><emphasis>Als die Bucht geschlossen und bel�ftet war, nahm er seinen Helm ab. Die Luft war rein, reich an Sauerstoff und k�hl. Die T�r der Bucht ging auf, und er stie� sich hindurch.</emphasis></p><p><emphasis>Da h�rte er Frauen lachen. Es waren ihrer zwei an Bord; und die waren sehr guter Dinge. Eine fragte: �Wohin warst du unterwegs? Wolltest du darin landen?�</emphasis></p><p><emphasis>Er sagte mit rauer Stimme: �Ich war auf dem Aufzug. Wir mussten abspringen. Habt ihr sonst noch jemanden aufgefischt?�</emphasis></p><p><emphasis>�Du bist der einzige, den wir gesehen haben. M�chtest du nach unten mitgenommen werden?�</emphasis></p><p><emphasis>Er konnte nur schlucken. Sie lachten ihn an.</emphasis></p><p><emphasis>�Wir sind erstaunt, hier auf jemanden getroffen zu sein, Junge! Wie viele Ges vertr�gst du gutwillig?�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich wei� nicht. Drei?�</emphasis></p><p><emphasis>Sie lachten wieder.</emphasis></p><p><emphasis>�Nun, wie viel kannst du ertragen?�</emphasis></p><p><emphasis>�Eine Menge mehr als das�, sagte die Frau, die nach ihm Ausschau gehalten hatte.</emphasis></p><p><emphasis>�Eine Menge mehr�, spottete er. �Wie viel kann ein Mensch aushalten?�</emphasis></p><p><emphasis>�Das werden wir herausfinden�, sagte die andere Frau und lachte. Das kleine Vehikel beschleunigte nach unten auf den Mars zu. Der junge Mann lag ersch�pft in einem Andrucksessel hinter den beiden Frauen, stellte Fragen, trank Wasser und lutschte Cheddark�se aus einer Tube. Die Frauen waren auf einem der kleineren Spiegelkomplexe gewesen und hatten dieses Notlandeger�t geklaut, nachdem sie die Spiegel in ein taumelndes Gewirr molek�ld�nner Membranen verwandelt hatten. Sie machten ihre Landung noch komplizierter durch �bergang in einen polaren Orbit. Sie wollten nahe der s�dlichen Polkappe landen.</emphasis></p><p><emphasis>Peter nahm das schweigend in sich auf. Dann h�pften sie wild herum. Die Fenster wurden wei�, dann gelb und danach zornig orangerot. Gravitationskr�fte dr�ckten ihn gewaltsam in den Sessel, die Sicht verschwamm, und sein Hals schmerzte. �Was f�r ein Leichtgewicht!� sagte die eine Frau, und er wusste nicht, ob sie ihn oder das Landefahrzeug meinte.</emphasis></p><p><emphasis>Dann lie� die Beschleunigung nach, und das Fenster wurde klar.</emphasis></p><p><emphasis>Er schaute hinaus und sah, dass sie in steilem Sturzflug auf den Planeten zu fielen und nur noch wenige tausend Meter �ber der Oberfl�che waren. Er konnte es nicht glauben. Die Frauen hielten das Fahrzeug im Sturz, und es schien, dass sie sich in den Sand bohren w�rden. Dann gingen sie im letzten Moment in eine flache Flugbahn, und er wurde wieder in seinem Sessel nach hinten gedr�ckt. �Sehr h�bsch!� erkl�rte die eine Frau, und dann waren sie��</emphasis> bums�� <emphasis>unten und liefen �ber das geschichtete Terrain.</emphasis></p><p><emphasis>Wieder Schwerkraft. Peter kletterte nach den zwei Frauen aus dem Lander eine Gehr�hre hinunter und in einen gro�en Rover. Er f�hlte sich benommen und h�tte weinen m�gen. In dem Rover befanden sich zwei M�nner, die die Frauen laut begr��ten und an sich dr�ckten. Sie riefen: �Wer ist das?��� �Oh, den haben wir da oben aufgegriffen, er ist aus dem Aufzug gesprungen. Er steht noch etwas unter Raumschock. He�, sagte sie zu ihm l�cheln. �Wir sind unten. Es ist okay.�</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>Manche Fehler kann man nie wieder gutmachen. Ann Clayborne sa� hinten in Michels Rover �ber drei Sitze ausgestreckt und f�hlte, wie die R�der �ber den Steinen auf und ab h�pften. Es war ihr Fehler gewesen, zum Mars zu gehen und sich in ihn zu verlieben. Sich in eine Welt zu verlieben, die offenbar jeder andere vernichten wollte.</p><p>Au�erhalb des Rovers war der Planet f�r immer ver�ndert worden. Drinnen wurde der Hauptraum durch zwei bis zum Fu�boden reichende Fenster erhellt, die unter dem Rand des steinernen Wagendachs einen begrenzten Blick nach au�en boten. Rohe Kiesstra�e, herabgest�rzte Steine auf der Strecke. Sie waren auf der Noctis-Fernstra�e, aber viele Felsbrocken waren darauf gefallen. Michel machte sich nicht die M�he, um die kleineren St�cke herumzufahren. Sie rollten mit etwa sechzig km/h dahin, und wenn sie auf einen gr��eren stie�en, wurden sie alle in ihren Sitzen durchgesch�ttelt. �Tut mir leid�, sagte Michel, �Wir m�ssen so bald wie m�glich aus dem Kandelaber herauskommen.�</p><p>�Dem Kandelaber?�</p><p>�Noctis Labyrinthus.�</p><p>Der urspr�ngliche Name, wusste Ann, war ihm von den Geologen der Erde bei Betrachtung von Mariner-Fotos verliehen worden. Aber sie sagte nichts. Der Wille zum Sprechen hatte sie verlassen.</p><p>Michel redete weiter. Seine Stimme war leise, unterhaltsam und beruhigend. �Es gibt einige Stellen, wo es unm�glich w�re, die Wagen hinterzubringen, falls die Stra�e durchtrennt ist. Querb�schungen, die von einer Wand zur anderen verlaufen, riesige Steinfelder und so. Sobald wir nach Marineris hineinkommen, wird es gut sein. Dort gibt es Querfeldeinwege aller Art.�</p><p>�Sind diese Wagen f�r eine Fahrt den ganzen Canyon hinunter vorgesehen?� fragte Sax.</p><p>�Nein. Aber wir haben Verstecke auf der ganzen Strecke.� Offenbar hatten die gro�en Canyons zu den wichtigsten Transportkorridoren der verborgenen Kolonie geh�rt. Als der offizielle Canyon-Highway gebaut wurde, hatte ihnen das Schwierigkeiten bereitet, weil viele ihrer Routen abgeschnitten wurden.</p><p>Aus ihrer Ecke h�rte Ann Michel ebenso aufmerksam zu wie der Rest. Sie konnte sich der Neugier �ber die verborgene Kolonie nicht erwehren. Ihre Benutzung der Canyons war genial. Rover, die dazu bestimmt waren, in ihnen zu bleiben, waren so getarnt, dass sie wie einige unter den Millionen von Felsbl�cken aussahen, die in gro�en Haufen im Vorfeld der Klippenh�nge lagen, die D�cher der Wagen waren tats�chlich Steine, die man von unten ausgeh�hlt hatte. Schwere Isolierung verhinderte, dass das Dach des Wagens aufgeheizt wurde, so dass es kein Infrarotsignal gab, �zumal noch beliebige Mengen Saxscher Windm�hlen hier unten verteilt sind, die das Bild st�ren.� Der Rover war auch auf der Unterseite isoliert, so dass er keine Schneckenspur hinterlie�, die seinen Weg verraten h�tte. Die W�rme aus dem Hydrazinmotor diente zur Heizung der Wohnr�ume, und jeder �berschuss wurde f�r sp�teren Gebrauch in Spulen geleitet. Wenn die sich bei der Fahrt zu sehr aufluden, wurden sie in L�cher geworfen, die man unter dem Wagen grub und mit einem Gemisch aus Regolith und fl�ssigem Sauerstoff bedeckte. Bis sich der Boden �ber der Spule erw�rmt hatte, war der Rover l�ngst fort. Also hinterlie�en sie kein W�rmesignal, benutzten keinen Funk und fuhren nur nachts. Tags�ber parkten sie zwischen anderen Felsbl�cken, �und selbst wenn sie t�glich Fotos verglichen und sehen, dass wir in der Gegend neu sind, w�ren wir blo� einer unter tausend neuen Steinen, die in jener Nacht von den Klippen heruntergefallen waren. Die Zerm�rbung von Formationen hat sich wirklich beschleunigt, seit ihr mit dem Terraformen angefangen habt, weil es jeden Tag gefriert und wieder taut. Morgens und abends kommt alle paar Minuten etwas herunter.�</p><p>�Also gibt es f�r sie keine M�glichkeit, uns zu sehen�, sagte Sax. Er wirkte �berrascht.</p><p>�Das stimmt. Kein visuelles Signal, kein elektronisches Signal, kein W�rmesignal.�</p><p>�Ein getarnter Rover�, sagte Frank �ber Interkom aus dem anderen Wagen und lachte in seiner rauen Art.</p><p>�Richtig. Die wahre Gefahr hier unten ist der Steinschlag selbst, der uns verbirgt.� Ein rotes Licht auf dem Armaturenbrett ging an, und Michel lachte. �Wir fahren so gut, dass wir anhalten und eine Spule vergraben m�ssen.�</p><p>�Wird es nicht zu lange dauern, ein Loch zu graben?� fragte Sax.</p><p>�Da ist schon eines gegraben, falls wir hinkommen k�nnen. Noch vier Kilometer. Ich denke, das werden wir schaffen.�</p><p>�Ihr habt ein tolles System.�</p><p>�Nun, wir leben jetzt seit vierzehn Jahren im Untergrund�� ich meine, vierzehn Marsjahre. Die Technik der W�rme-Entsorgung ist f�r uns sehr wichtig.�</p><p>�Aber wie macht ihr es mit euren st�ndigen Habitaten, sofern ihr welche habt?�</p><p>�Wir leiten die W�rme in das tiefe Regolith und schmelzen Eis f�r unsere Wasserversorgung. Oder wir leiten sie in Rohren zu Ausl�ssen, die als eure kleinen Windm�hlenerhitzer getarnt sind. Neben anderen Methoden.�</p><p>�Die war keine gute Idee�, sagte Sax. Aus dem anderen Wagen lachte Frank ihn an. Diese Erkenntnis kommt nur drei�ig Jahre zu sp�t, w�rde Ann gesagt haben, falls sie spr�che.</p><p>�O nein, eine ausgezeichnete Idee�, sagte Michel. �Die Windm�hlen m�ssen inzwischen Millionen Kilokalorien in die Atmosph�re gepumpt haben.�</p><p>�Das ist ungef�hr so viel, wie in einer Stunde aus irgendeinem Mohole aufsteigt�, sagte Sax pedantisch.</p><p>Er und Michel fingen an, die Terraformungsprojekte zu diskutieren. Ann lie� ihre Stimmen in psychotisches Geplapper �bergehen. Das war erstaunlich leicht. In diesen Tagen waren Unterhaltungen f�r sie immer hart am Rande von Sinnlosigkeit. Sie musste sich regelrecht um Verst�ndnis bem�hen. Sie entspannte sich distanziert von ihnen und f�hlte den Mars unter sich h�pfen und sto�en. Sie hielten kurz an, um eine Heizspule zu vergraben. Als sie weiterfuhren, wurde die Stra�e glatter. Sie befanden sich jetzt tief im Labyrinth, und in einem normalen Rover h�tte sie durch die Fenster im Dach enge, steile Canyonw�nde gesehen. Ri�t�ler, vergr��ert durch Einbr�che. Auf dem Boden hatte es einstmals Eis gegeben, das jetzt vermutlich alles zum Wasserlager Compton am Boden von Noctis gewandert war.</p><p>Ann dachte an Peter und erschauerte hilflos. Man konnte nichts wissen, aber die Furcht nagte an ihr. Simon beobachtete sie verstohlen, den auf ihrem Gesicht deutlichen Kummer. Und pl�tzlich hasste sie diese h�ndische Ergebenheit, diese h�ndische Liebe. Sie wollte nicht, dass sich jemand so um sie k�mmerte. Das war eine unertr�gliche Last, eine arge Zumutung.</p><p>In der Morgend�mmerung machten sie halt. Die zwei Felsrover parkten am Rand einer Stelle mit �hnlichen Felsbl�cken. Den ganzen Tag sa�en sie in den Wagen beisammen, tr�delten bei kleinen rehydrierten oder mit Mikrowelle aufgew�rmten Mahlzeiten und versuchten, Fernseh- oder Radiosendungen zu finden. Es gab keine, die der Rede wert gewesen w�ren, nur ein gelegentlicher Schwall von Sprachen und verschl�sselten Sendungen. �therm�ll, der sich zu einem unzusammenh�ngenden Mischmasch steigerte. Harte Ausbr�che statischer St�rungen schienen elektromagnetische Impulse anzuzeigen. Aber die Elektronik des Rovers war gesch�tzt, wie Michel sagte. Er sa� in einem Sessel, als ob er meditierte. Eine neue Ruhe f�r Michel Duval, dachte Ann. Als ob er es gewohnt w�re, seine Tage im Verborgenen zu verbringen. Sein Gef�hrte, der junge Mann, der den anderen Wagen fuhr, hie� Kasei. Seine Stimme klang immer nach starker Missbilligung. Nun, das verdienten sie. Am Nachmittag zeigte Michel Sax und Frank auf einer topographischen Karte, die er auf die Bildschirme beider Wagen schaltete, wo sie waren. Ihre Route durch Noctis sollte von S�dwest nach Nordost verlaufen, l�ngs eines der gr��ten Canyons des Labyrinths. Von da aus ging sie im Zickzack nach Osten und fiel steil ab, bis sie in dem gro�en Areal zwischen Noctis und den Anf�ngen von Ius- und Tithonium-Chasma waren. Michel nannte dieses Gebiet den Compton Break. Das war ein chaotisches Terrain; und bis sie es durchquert hatten und nach Ius Chasma hinuntergelangt waren, w�rde Michel sich nicht wohl f�hlen. Denn die Gegend war, wie er sagte, ohne ihre heimliche Stra�e v�llig unpassierbar. �Und wenn sie denken, dass wir diesen Weg von Cairo weg genommen haben, k�nnten sie die Strecke bombardieren.� Sie hatten in der vorangegangenen Nacht fast f�nfhundert Kilometer zur�ckgelegt, fast die ganze L�nge von Noctis. Noch eine Nacht, und sie w�rden unten in Ius sein und sich nicht mehr voll auf eine einzige Route verlassen m�ssen.</p><p>Es war ein dunkler Tag, die Luft dick von braunem Grus bei starken Winden. Ohne Zweifel ein neuer Staubsturm. Die Temperatur fiel. Sax lauschte einer Radiostimme, die sagte, der Staubsturm w�rde global werden. Aber Michel war erfreut. Das bedeutete, sie k�nnten auch am Tag fahren und so ihre Reisezeit halbieren. �Wir m�ssen f�nftausend Kilometer zur�cklegen, und das meiste davon ohne Wege. Es wird wundervoll sein, bei Tag zu reisen. Ich habe das seit dem Gro�en Sturm nicht mehr gemacht.�</p><p>Also fingen er und Kasei an, rund um die Uhr zu fahren. Sie machten Schichten von drei Stunden am Lenkrad und hatten danach eine halbe Stunde frei. Noch ein Tag, und sie waren unten bei Compton Break, kamen nach Ius Chasma hinein, und Michel entspannte sich.</p><p>Ius war der engste aller Canyons im Marineris-System, nur f�nfundzwanzig Kilometer breit, wenn er Compton Break verlie�, der Sinai Planum von Tithania Catena trennt. Der Canyon war eine tiefe Spalte zwischen diesen beiden Plateaus, seine Seitenw�nde mehr als drei Kilometer hoch, ein langer, enger Gigant einer Schlucht. Aber sie sahen die W�nde nur in kurzen Blicken durch Blasen freier Luft im Wehen des Staubes. Sie folgten weiter einer ebenen, aber mit Steinen bes�ten Route und kamen w�hrend eines langen, tr�ben Tages gut voran. Im Wagen war es ruhig, das Radio heruntergedreht, um die St�rung durch Statik zu vermindern. Die Kameras, welche h�her als die Fenster angebracht waren, zeigten peitschenden Staub, so dass es schien, als w�rden sie sich kaum bewegen. Oft sah es so aus, als rutschten sie seitlich weg. Das Fahren war anstrengend, und Simon und Sax l�sten Michel und Kasei ab, wobei sie deren Anweisungen folgten. Ann sprach immer noch nicht, und sie baten sie nicht zu fahren. Sax hielt beim Fahren ein Auge auf seinen Computerschirm gerichtet, der ihm atmosph�rische Meldungen �bermittelte. Ann konnte durch den ganzen Wagen erkennen, dass der Computer anzeigte, der Aufprall von Phobos h�tte die Atmosph�re erheblich verdichtet, mutma�lich um zus�tzliche f�nfzig Millibar, einen au�erordentlichen Betrag. Und die k�rzlich zertr�mmerten Krater gaben immer noch Gase ab. Sax nahm diese Ver�nderung mit seiner eulenhaften Genugtuung zur Kenntnis, ohne an den damit verbundenen Tod und die Zerst�rungen zu denken. Er bemerkte Mayas Blick und sagte: �Ich nehme an, wie in der Urzeit.� Er h�tte beinahe noch mehr gesagt, aber Simon brachte ihn zum Schweigen und wechselte das Thema.</p><p>Im n�chsten Wagen verbrachten Maya und Frank die Stunden, indem sie hin�berriefen und Michel Fragen stellten �ber die verborgene Kolonie oder �ber den Krieg spekulierten. Sie kauten alles endlos durch, versuchten, ihm einen Sinn abzugewinnen und sich vorzustellen, was geschehen war. Reden, nichts als reden. Ann dachte, am Tage des J�ngsten Gerichts, wenn alle Lebenden und Toten sich zusammendr�ngten, w�rden Maya und Frank immer noch reden und herauszufinden suchen, was geschehen war. Wo sie es falsch gemacht h�tten.</p><p>Als die dritte Nacht vorbei war, fuhren die beiden Wagen das untere Ende von Ius hinab und kamen auf einen langen lemniskatischen Sporn, der den Canyon teilte. Sie folgten der offiziellen Marineris-Fernstra�e zur s�dlichen Gabelung hinunter. In der letzten Stunde vor der D�mmerung sichteten sie �ber sich einige Wolken, und die D�mmerung war viel heller als an den vorigen Tagen. Das gen�gte, dass sie wieder in Deckung gingen, und sie machten in einem Steinschlagpunkt halt vor dem Fu� der S�dwand des Canyons. Sie versammelten sich im F�hrungswagen, um den Tag �ber auszuharren.</p><p>Hier konnten sie die Weite von Melas Chasma �berblicken, des gr��ten Canyons von allen. Das Gestein von lus war rau und schw�rzlich im Vergleich mit dem glatten roten Boden von Melas. Ann hielt es f�r m�glich, dass beide Canyons aus dem Material alter tektonischer Platten bestanden, die sich gegeneinander bewegt hatten und jetzt f�r immer nebeneinander ruhten.</p><p>Sie sa�en den ganzen langen Tag da, verkniffen, ersch�pft, mit fettigem und ungek�mmtem Haar, die Gesichter verschmiert von dem allgegenw�rtigen Grus eines Staubsturms. Manchmal gab es Wolken, manchmal Dunst, manchmal pl�tzliche klare Stellen.</p><p>In der Mitte des Nachmittags schaukelte ohne jede Vorwarnung der Rover auf seinen Sto�d�mpfern. J�h aufmerksam geworden, sprangen sie hoch, um die Fernseher anzuschauen. Die r�ckw�rtige Kamera des Revers war nach hinten auf Ius gerichtet, und pl�tzlich klopfte Sax auf den Bildschirm. Er sagte: �Reif. Ich m�chte wissen���</p><p>Die Kamera zeigte, dass der Reifnebel dichter wurde und sich nach unten auf sie zu bewegte. Die Stra�e lag auf einem Absatz oberhalb des Hauptbodens der S�dflanke von Ius. Das war g�nstig, weil mit einem Dr�hnen, das den Rover ersch�tterte, dieser Hauptboden verschwand, �bersp�lt von einer niedrigen Wand aus schwarzem Wasser und schmutzigwei�em Brei. Es war ein Moloch aus Eisst�cken, polternden Steinen, Schaum, Schlamm und Wasser, eine Br�he, die in der Mitte des Canyons herabst�rzte. Das Get�se klang wie Donner. Selbst im Innern des Wagens war es zum Sprechen zu laut, und der Wagen zitterte unter ihnen.</p><p>Unter ihrem Vorsprung war der Boden des Canyons vielleicht f�nfzehn Kilometer breit. Die Flut f�llte binnen Minuten diese ganze Weite aus und fing prompt an, gegen eine lange Schutthalde anzusteigen, die aus der Klippe unten im Canyon von ihnen wegf�hrte. Die Oberfl�che der Flut beruhigte sich, als sie sich vor diesem Damm aufstaute, und erstarrte vor ihren Augen zu einem klumpigen, schmutzigfarbenen Eis-Chaos, das seltsam ruhig war. Jetzt konnten sie einander h�ren, wenn sie das Knacken, Dr�hnen und unabl�ssige Get�se �berbr�llten; aber es gab nichts zu sagen. Sie starrten nur best�rzt aus den niedrigen Fenstern oder aufs Fernsehen. Der Reifnebel von der Oberfl�che der Fl�ssigkeit lichtete sich zu einem d�nnen Dunst. Aber nicht mehr als f�nfzehn Minuten sp�ter barst der Eis-See an seinem unteren Ende in einer gro�en Flutwelle aus schwarzem, dampfendem Wasser, die den Ger�lldamm wegriss mit dem explosiven Dr�hnen einer Gesteinslawine. Die Flut str�mte weiter den Canyon hinunter. Ihr vorderes Ende war nicht mehr zu sehen, als sie sich von Ius nach Melas Chasma hineinergo�.</p><empty-line/><p>Jetzt floss also ein Strom durch Valles Marineris, eine breite, dampfende, im Eis erstickende Flut. Ann hatte Videob�nder von den Ausbr�chen im Norden gesehen, war aber noch nie dazu gekommen, einen pers�nlich zu erleben. Hier im Original fand sie es fast unvorstellbar. Die Landschaft selbst redete jetzt in einer Sprache des Wahnsinns. Das anf�ngliche Gebr�ll ersch�tterte die Luft und lie� ihre Eingeweide erzittern wie ein Bass beim Zerrei�en des Weltgef�ges. Und es war auch ein visuelles Chaos, ein sinnloses Durcheinander, das sie nicht scharf erfassen konnte zur Unterscheidung von nah und fern, von vertikal und horizontal, von bewegt oder ruhig oder hell und dunkel. Sie verlor die F�higkeit, ihren Sinnen zu trauen. Nur mit gro�er Schwierigkeit konnte sie ihre Gef�hrten im Wagen verstehen. Sie war nicht sicher, ob es an ihrem Geh�r lag oder nicht. Sie konnte es nicht ertragen, Sax anzusehen, aber sie verstand Sax auch am wenigsten. Er versuchte, es ihr zu verheimlichen; aber es war klar, dass er erregt war �ber das, was geschah. Das ruhige �u�ere hatte stets eine leidenschaftliche Natur verborgen. Das hatte sie immer gewusst. Jetzt war sein Gesicht stark ger�tet wie im Fieber, und er sah ihr nie in die Augen. Sie wusste, dass er wusste, was sie empfand. Sie verabscheute seine dr�ckebergerische Unf�higkeit einer Konfrontation mit ihr, selbst wenn sie aus einer gewissen R�cksicht ihr gegen�ber entsprang. Und die Art, wie er immer am Bildschirm gesch�ftig blieb. Er schaute nie richtig aus den unteren Bodenfenstern des Rovers, um die Flut mit eigenen Augen zu sehen. Die Kameras bieten einen besseren Blick, pflegte er sanft zu sagen, wenn Michel ihn dr�ngte hinzuschauen. Und nur eine halbe Stunde, nachdem er die erste Ankunft der Fluten auf den Fernsehern verfolgte hatte, war er zum Schirm seiner KI gegangen, um auszurechnen, was das f�r sein Projekt bedeuten k�nnte. Wasser str�mte Ius hinunter, gefror, brach auf und str�mte weiter, sicher bis nach Melas hinein. W�rde sich dort gen�gend Wasser zusammenfinden, um bis Coprates zu flie�en und dann hinab zu Capri und Eos und weiter in das Aureum Chaos�� Das war auf den ersten Blick unwahrscheinlich; aber das Compton-Reservoir war gro� gewesen, eines der gr��ten, die man je gefunden hatte. Marineris verdankte seine Existenz sehr wahrscheinlich Ausbr�chen aus fr�heren Erscheinungen des gleichen Wasserdepots, und der Tharsis-Buckel hatte nie aufgeh�rt, Gas auszustr�men.</p><p>Sie fand sich auf dem Boden des Rovers liegend, wie sie die Flut beobachtete und zu verstehen suchte. Sie bem�hte sich, im Kopf ihre Str�mung zu berechnen, als eine M�glichkeit, sich besser auf das zu konzentrieren, was sie sah und es der Bedeutungslosigkeit zu entrei�en, die sie zu �berw�ltigen drohte. Wider Willen empfand sie die Faszination des Rechnens und der Aussicht und sogar der Flut selbst. So etwas hatte es auf dem Mars schon fr�her gegeben, vor Milliarden Jahren, und wahrscheinlich genau wie dies. Es gab allenthalben Spuren von verheerenden �berschwemmungen, Uferterrassen, lemniskatisch gekr�mmten Inseln, Kanalbetten, Plateaulandschaften�� Und alle die alten zerbrochenen Wasserdepots hatten sich wieder gef�llt aus der emporquellenden Tharsis und allem, was das an W�rme und Ausgasen zur Folge hatte. Es w�re langsam gewesen, aber bei zwei Milliarden Jahren��</p><p>Sie zwang sich, scharf zu sehen. Der Rand der Flut war etwa einen Kilometer entfernt und lag zweihundert Meter unter ihnen. Der Fu� der Nordwand von lus war ungef�hr f�nfzehn Kilometer entfernt, und die Flut reichte bis dahin. Sie war vielleicht zehn Meter tief, nach den riesigen Felsbl�cken zu schlie�en, die stromabw�rts rollten wie Kegelkugeln des Gro�en Mannes. Sie zertr�mmerten Eisplatten und hinterlie�en schwarze Strudel in ihrem Gefolge. Das Wasser in den offenen Stellen schien sich mit vielleicht drei�ig Kilometern in der Stunde zu bewegen. Also (sie tippte Zahlen in ihr Armband) etwa viereinhalb Millionen Kubikmeter pro Stunde. Das w�ren ungef�hr einhundert Amazonas-Str�me. Aber das Wasser lief unregelm��ig, gefror und brach auf in einer st�ndigen Folge von Eisd�mmen, die entstanden und verfielen. Ganze dampfende Teiche sprangen nach unten �ber jeden Kanal oder Abhang, auf den sie trafen, und rissen dann das Muttergestein weg��</p><p>Ann f�hlte, w�hrend sie auf dem Boden des Revers lag, wie davon ihre Backenknochen heftig vibrierten. Solche Ersch�tterungen waren auf dem Mars seit Jahrmillionen nicht mehr aufgetreten, was etwas anderes erkl�rte, das sie gesehen, aber nicht hatte verstehen k�nnen, n�mlich, dass sich die Nordwand von Ius bewegte. Das Gestein der Klippen bl�tterte ab und fiel in den Canyon. Dies ersch�tterte den Boden und l�ste weitere Zusammenbr�che aus und gigantische Wellen, die sich in die Flut ergossen und Wellen gegen den Strom �ber das Eis in Bewegung setzten. Infolgedessen brach der mit Wasser versetzte Fels explosionsartig weg, und der dampfende Reif drang so heftig in die von Staub geschw�ngerte Luft, dass Ann die Nordwand immer nur f�r Augenblicke sehen konnte.</p><p>Und ohne Zweifel w�rde die S�dwand auf �hnliche Weise zusammenbrechen, obwohl Ann diese Wand, die �ber ihre Stra�e nach rechts �berhing, nur verk�rzt und beschr�nkt sehen konnte. Aber sie w�rde fallen m�ssen. Nach dem, was sie von der Nordwand hatte sehen k�nnen, konnten die Chancen daf�r bei f�nfzig Prozent liegen. Aber da dr�ben war es vermutlich schlimmer; denn die Nordwand schien von der Flut untersp�lt zu werden, w�hrend die S�dwand von ihr durch den Absatz getrennt war, �ber den sie fuhren. Also d�rften die Klippen im S�den etwas stabiler sein��</p><p>Aber dann wurde ihr Blick stromabw�rts nach vorn gelenkt. Die S�dwand da oben brach wirklich zusammen und fiel in gro�en Felsbrocken herunter. Die Basis der Klippe explodierte in einer Staubwolke, die sich �ber die Schutthalde ausbreitete. Die oberen Abschnitte der Klippe rutschten in diese Staubwolke hinein und verschwanden. Nach einer Sekunde sah man die ganze Masse horizontal aus der Wolke herausfliegen�� ein seltsamer Anblick. Der L�rm war schmerzhaft laut, sogar im Wageninnern. Danach bewegte sich ein langer, langsamer Erdrutsch in die Flut hinein, wobei die Steine das Eis zertr�mmerten und den Abfluss blockierten. Dieser zeitweilige Damm schnitt viel von dem Canyonstrom ab, daher fingen die Ufer der Flut an zu steigen. Ann beobachtete die Eisschicht der K�stenlinie unter der gebrochenen Stelle. Dann waren es Eisschollen, die in einem See aus schwarzem, dampfendem, zischendem Wasser tanzten, das schnell zum Rover hin anstieg. Wenn der Erdrutsch lange genug dauerte, w�rde sie die Flut verschlingen.</p><p>Ann schaute auf den langen schwarzen Felssturz vor ihnen. Von ihm war nur noch ein Streifen �ber der Flut zu sehen. Aber der Matsch darunter stieg weiter. Es war ein richtiges Wettrennen. Die Badewanne des Gro�en Mannes, die ablief, w�hrend er neue volle Eimer hineingo�. Die Geschwindigkeit des Anstiegs veranlasste Ann, ihre Absch�tzung der Str�mungsrate zu erh�hen. Sie f�hlte sich gel�hmt, gel�st und auf irgendeine seltsame Weise heiter. Es war ihr gleichg�ltig, ob der Damm brechen w�rde, ehe die Flut sie erreichte, oder nicht. Und in dem �berw�ltigenden Get�se f�hlte sie kein Bed�rfnis, mit den anderen dar�ber zu sprechen. Das war unm�glich. Sie fand, dass sie irgendwie die Flut bejubelte. Sie w�rde ihnen allen n�tzen.</p><p>Aber dann verschwand der durch den Erdrutsch gebildete Damm unter dem schmutzfarbenen Matsch und rutschte langsam, gleichm��ig zusammenbrechend stromabw�rts. Der kurzlebige See sank zusehends. Eisbl�cke auf seiner Oberfl�che krachten mit lautem Get�se zusammen und schossen hoch in die Luft. Das alles war phantastisch laut und musste jedes Mal wohl mehr als hundert Dezibel betragen. Sie steckte sich die Finger in die Ohren. Der Wagen h�pfte auf und ab. Sie sah, dass von den Klippen stromabw�rts weitere Erdrutsche abgingen, ohne Zweifel wegen Untersp�lung durch den j�hen Anstieg der Flut. Die dadurch bewirkten Beben l�sten weitere Zusammenbr�che aus, bis es so aussah, als ob sich der ganze Canyon f�llen w�rde. Es schien unm�glich, dass in all dem Krach und Vibrieren ihre kleinen Wagen �berleben w�rden. Die Reisenden klammerten sich an ihre Lehnst�hle oder lagen wie Ann auf dem Boden, isoliert durch den L�rm. Ihre Venen durchstr�mte eine schreckliche Mischung aus Eis und Adrenalin. Selbst Ann, der es gleichg�ltig war, fand sich kurzatmig und hatte ihre Muskeln gegen die st�rmischen Bewegungen angespannt.</p><p>Als sie wieder h�ren konnten, was sie einander zubr�llten, fragten sie Ann, was geschehen sei. Sie blickte tr�bselig aus dem Fenster und ignorierte sie. Offenbar w�rden sie, jedenfalls f�r den Moment, �berleben. Die Oberfl�che der Flut bildete jetzt das chaotisch zerrissenste Terrain, das sie je gesehen hatte. Das Eis war zu einer Fl�che scharfkantiger Scherben zerbrochen. Die h�chste Stelle des Sees war an ihrem Absatz emporgestiegen, bis er nur noch etwas unterhalb von ihnen lag. Der wieder freigelegte feuchte Boden hatte sich in weniger als zwanzig Sekunden von rostigem Schwarz zu schmutzigem Wei� ver�ndert. Frostzeit auf dem Mars.</p><empty-line/><p>Sax war diese ganze Zeit in seinem Sessel geblieben, gefesselt durch das Flimmern auf seinem Schirm. Eine Menge Wasser w�rde verdunsten oder vielmehr gefrieren und sublimieren, murmelte er zu niemandem, w�hrend er arbeitete. Es war eine schwer karbonisierte Salzlauge, w�rde aber als mit Staub gef�llter Schnee enden, der irgendwo anders herunterk�me. Die Atmosph�re k�nnte wasserhaltig genug sein, dass es mehrere Male schneien w�rde oder sogar regelm��ig in Zyklen von Niederschlag und Sublimation. Somit w�rde das Wasser der Flut sch�n gleichm��ig planetenweit verteilt werden, au�er vielleicht in den gr��ten H�hen. Die Albedo w�rde dramatisch steigen. Man m�sste sie senken, vielleicht durch F�rderung der Schneealgen, die die Acherongruppe geschaffen hatte. (Aber Acheron gab es nicht mehr, sagte Ann ihm in Gedanken.) Schwarzes Eis w�rde bei Tag schmelzen und bei Nacht gefrieren. Sublimation und Ausf�llung. Und so w�rden sie eine Wasserlandschaft haben. Str�me w�rden sich sammeln, Teiche bilden, abw�rts flie�en, gefrieren und expandieren in Spalten des Gesteins, sublimieren, schneien, schmelzen und wieder flie�en. Eine vergletscherte oder schlammige Welt w�hrend der meisten Zeit. Aber nichtsdestoweniger eine Wasserlandschaft.</p><p>Und jedes Merkmal des urt�mlichen Mars w�rde dahinschmelzen. Der Rote Mars w�re dahin.</p><p>Ann lag beim Fenster auf dem Boden. Ihre Tr�nen str�mten dahin wie die Flut. �ber den Damm ihrer Nase hinab, bis ihre rechte Wange, das Ohr und die Seite ihres Gesichts nass waren.</p><p>�Dies wird es erschweren, den Canyon hinunterzugelangen�, sagte Michel mit einem leicht galligen L�cheln, und aus dem n�chsten Wagen lachte Frank. Tats�chlich sah es so aus, dass es f�r sie unm�glich w�re, auch nur f�nf Kilometer weiterzukommen. Direkt vor ihnen war die Canyonstra�e unter dem gro�en Erdrutsch verschwunden. Das neue Steinger�ll war zertr�mmert und instabil, untersp�lt durch die Flut und von oben durch nachfolgende Brocken von dem neuen Abhang bombardiert.</p><p>Die anderen debattierten lange, ob man wenigstens einen Versuch machen sollte. Sie mussten laut sprechen, um �ber dem einem D�senflugzeug �hnlichen L�rm der Flut geh�rt zu werden, der noch unabl�ssig anhielt. Nadia hielt den Abhang f�r selbstm�rderisch, aber Michel und Kasei waren sich ziemlich sicher, dass sie einen Weg finden k�nnten; und es gelang ihnen nach einer ganzt�gigen Erkundung zu Fu�, Nadia zur Zustimmung zu bewegen. Und der Rest war daf�r, wenn Nadia es war. Und so verteilten sie sich am n�chsten Tag, vor Beobachtung gesch�tzt durch den allgemeinen Staubsturm und den Dampf der Flut, auf die zwei Wagen und fuhren langsam auf die Hangrutschung hinaus.</p><p>Sie bestand aus einer groben Masse von Kies und Sand, freigiebig mit Felsbl�cken versetzt. Es gab aber eine dem Absatz darunter entsprechende Zone, die relativ eben war. Sie war das einzige Terrain, das eine Passage m�glich machte. Es galt, einen unbehinderten Weg zu finden �ber eine Fl�che wie schlecht gemischter Zement und herum um Felsbl�cke und vorbei an einem gelegentlich klaffenden Loch. Michel fuhr k�hn voran mit einer an Sturheit grenzenden R�cksichtslosigkeit. �Ma�nahmen der Verzweiflung�, erkl�rte er fr�hlich. �K�nnt ihr euch vorstellen, unter normalen Verh�ltnissen auf einen solchen Boden zu geraten? Das w�re verr�ckt.�</p><p>�Verr�ckt ist es jetzt auch�, sagte Nadia m�rrisch.</p><p>�Nun, was k�nnen wir tun? Wir k�nnen nicht umkehren, und wir k�nnen nicht aufgeben. Das sind Zeiten, die den M�nnern auf die Nerven gehen.�</p><p>�Aber Frauen machen sich gut.�</p><p>�Ich habe nur zitiert. Du wei�t, was ich meine. Es ist einfach unm�glich umzukehren. Die H�he von lus wird von Wand zu Wand �berflutet sein. Ich glaube, das macht mich irgendwie gl�cklich. Sind wir jemals so frei gewesen, keine Wahl treffen zu m�ssen? Die Vergangenheit ist ausgel�scht, nur auf das Jetzt kommt es an. Die Gegenwart und die Zukunft. Und die Zukunft ist dieses Feld von Steinen, und wir sind hier. Und ihr wisst, dass man nie alle seine Kraft zusammennimmt, bis man wei�, dass es keinen Weg zur�ck gibt, dass der einzige Weg nach vorn f�hrt.�</p><p>Und so fuhren sie vorw�rts. Aber die Munterkeit Michels wurde stark gemindert, als der zweite Wagen in ein Loch st�rzte, das durch eine Art Fallt�r aus Steinen verborgen gewesen war. Mit einiger M�he gelang es ihnen, die vordere Schleuse zu �ffnen und Kasei, Maya, Frank und Nadia herauszuziehen. Aber es gab keinerlei M�glichkeit, den Wagen freizubekommen. Ihnen fehlte es an Hebezeug und einem Ansatzpunkt. Also brachten sie alle Versorgungsg�ter in den F�hrungswagen, bis der g�nzlich voll gestopft war. Und sie zogen weiter, zu acht und mit ihren Vorr�ten, jetzt alle in einem einzigen Wagen.</p><empty-line/><p>Als sie den Erdrutsch hinter sich hatten, ging es allerdings leichter. Sie folgten der Canyon-Fernstra�e nach Melas Chasma hinunter und stellten fest, dass die Stra�e dicht an der S�dwand angelegt war. Und da Melas ein so breiter Canyon war, hatte die Flut Platz gehabt, sich auszubreiten, und war etwas nach Norden abgebogen. Au�erhalb der Schleuse klang es immer noch so, als ob Luftbearbeitungsmaschinen mit h�chster Kraft liefen; aber die Stra�e verlief gut oberhalb und s�dlich der Flut, die Schleier aus dampfendem Reif ausstie� und jede Sicht weiter nach Norden blockierte.</p><p>So kamen sie einige N�chte ohne Schwierigkeit voran, bis sie den Geneva-Sporn erreichten, der aus der riesigen S�dwand bis fast an den Rand der Flut hinausragte. Hier war die offizielle Stra�e dahin abgebogen, wo jetzt die Flut verlief, und sie mussten eine h�here Passage finden. Die Gesteinstraversen, die sie um die niedrigeren H�nge des Sporns machten, waren f�r den Rover wirklich schwierig. Einmal blieben sie an einem vorstehenden abgerundeten Felsblock beinahe stecken, und Maya beschimpfte Michel wegen Unachtsamkeit. Sie �bernahm das Fahren, w�hrend Michel, Kasei und Nadia in Schutzanz�gen hinausgingen. Sie wuchteten sie von dem Stein frei und gingen dann voran, um die Route der Traverse zu erkunden.</p><p>Frank und Simon halfen Maya bei der Ausschau nach Hindernissen, w�hrend sie fuhr. Sax verbrachte weiter seine ganze Zeit am Bildschirm. Ab und zu stellte Frank den Fernseher an und suchte nach Signalen, darum bem�ht, Nachrichten zusammenzubekommen aus den gelegentlichen gest�rten Stimmen, die�� das Ger�t bei dem Durcheinander finden konnte. Ganz auf der H�he des Geneva-Dorns, als sie den absurd d�nnen Faden der Transcanyon-Fernstra�e kreuzten, waren sie von der S�dwand weit genug entfernt, um einige Sendungen zu empfangen, wonach es schlie�lich doch keinen globalen Staubsturm geben w�rde. Und wirklich waren die Tage manchmal nur diesig, anstatt von Staub erf�llt. Sax erkl�rte dies als Beweis f�r den relativen Erfolg der den Staub fixierenden Strategien, die seit dem Gro�en Sturm praktiziert wurden. Niemand antwortete darauf. Frank bemerkte dazu, der in der Luft befindliche Dunst schiene direkt zu helfen, schwache Radiosignale deutlicher zu machen. Sax nannte das stochastische Resonanz. Das Ph�nomen war kontraintuitiv, und Frank bat Sax kurz um eine Erkl�rung daf�r. Als er begriff, dr�hnte der Raum von seinem unbarmherzigen Gebr�ll. �Vielleicht war die ganze Emigration stochastische Resonanz, die das schwache Signal der Revolution verst�rkt hat.�</p><p>Sax erwiderte steif: �Ich glaube nicht, dass es hilft, zwischen der Welt der Physik und der sozialen Welt Analogien zu konstruieren.�</p><p>�Halt den Mund, Sax! Geh zur�ck zu deiner virtuellen Realit�t!�</p><p>Frank war noch immer �rgerlich. Bitterkeit ging von ihm aus wie der Reifdampf von der Flut. Er stellte Michel knappe Fragen �ber die verborgene Kolonie. Seine Neugier brach zwei- oder dreimal t�glich hervor. Ann war froh, nicht an Hirokos Stelle zu sein, wenn Frank zuerst mit ihr zusammentr�fe. Michel antwortete auf diese vorwurfsvollen Fragen ruhig. Er ignorierte den Sarkasmus und das w�tende Glitzern in Franks Augen. Mayas Versuche, Frank abzuk�hlen, steigerten nur noch dessen Wut, aber sie lie� nicht locker. Ann war von ihrer Beharrlichkeit beeindruckt und ihrer Unempfindlichkeit gegen�ber Franks br�sken Zur�ckweisungen. Das war eine Seite von Maya, die Ann noch nie gesehen hatte. Gew�hnlich war Maya die sprunghafteste Person in der Runde. Aber nicht jetzt, wenn die Lage wirklich kritisch war.</p><p>Schlie�lich hatten sie den Geneva-Sporn umrundet und kamen wieder auf die Bank unter der s�dlichen B�schung. Der Weg nach Osten war oft durch Erdrutsche unterbrochen, aber sie hatten immer Platz, um sie links zu umgehen. Sie kamen gut voran.</p><p>Aber dann gelangten sie an das �stliche Ende von Melas. Hier verengte sich die gr��te Schlucht und fiel einige hundert Meter ab in die zwei parallelen Canyons von Coprates, die durch ein langes, schmales Plateau getrennt waren. Coprates S�d endete blind an einer steilen, etwa zweihundertf�nfzig Kilometer entfernten Querwand. Coprates Nord hatte eine Verbindung zu den niedrigeren Canyons weiter �stlich und war darum der einzige, den sie nehmen wollten. Coprates Nord war auch das l�ngste Einzelelement des Marineris-Systems. Michel nannte ihn La Manche; und er verengte sich wie der �rmelkanal nach Osten hin, bis er bei etwa 60� L�nge in eine gigantische Schlucht m�ndete�� vier Kilometer hohe Steilklippen mit einer L�cke von nur f�nfundzwanzig Kilometern dazwischen. Michel bezeichnete sie als Dover-Tor. Offenbar waren die Felsw�nde in dieser L�cke wei�lich oder waren es gewesen.</p><p>So fuhren sie nun Coprates Nord hinunter, und die Klippen r�ckten einander jeden Tag n�her. Die Flut f�llte fast die ganze Breite des Canyonbodens und str�mte so rasch, dass das Eis auf ihrer Oberfl�che in kleine Schollen zerbrochen war, die sich an den R�ndern stehender Wellen trennten und in die Kaskade zur�ckprallten. Ein wilder Wei�wasserkatarakt in der St�rke von hundert Amazonas-Str�men mit Eisbergen darauf. Der Boden des Canyons wurde weggerissen aus seinem Bett und donnerte in m�chtigen Wogen aus rostrotem Wasser zu Tal, so dass es aussah, als ob der Planet verblutete. Der L�rm war unglaublich, ein anhaltendes und durchdringendes Get�se, das den Geist benebelte und Reden fast unm�glich machte. Sie mussten alles aus Leibeskr�ften br�llen und beschr�nkten sich deshalb auf die dringendsten Mitteilungen.</p><p>Aber dann gab es eine dringende Notwendigkeit zum Br�llen. Denn als sie an das Dover-Tor kamen, stellten sie fest, dass der Boden des Canyons fast v�llig �berflutet war. Ihre Bank unter der S�dwand der Schlucht war nur zwei Kilometer breit und wurde jede Minute schmaler. Es schien m�glich, dass der ganze B�schungsabsatz im Nu weggerissen werden k�nnte. Maya schrie, dass es zu gef�hrlich sei weiterzufahren und dr�ngte auf Umkehr. Sie rief, wenn sie umdrehten und zum toten Ende von Coprates S�d hinauff�hren und es schafften, das Plateau dar�ber zu erklimmen, k�nnten sie an den Senken von Coprates vorbeifahren und weiter nach Aureum gelangen.</p><p>Michel rief, dass er darauf beharrte, weiter vorzusto�en und auf der Bank durch das Tor zu kommen. �Wenn wir uns beeilen, k�nnen wir es schaffen. Wir m�ssen es versuchen!� Und als Maya weiter protestierte, f�gte er nachdr�cklich hinzu: �Das Ende von Coprates S�d ist steil. Der Wagen w�rde nie hinaufkommen. Es ist so eine Klippe wie diese hier. Und wir haben nicht gen�gend Vorr�te, um unsere Fahrt um so viele Tage zu verl�ngern! Wir k�nnen nicht zur�ck!�</p><p>Seine einzige Antwort war das wahnsinnige Get�se der Flut. Sie sa�en in dem Wagen, durch den L�rm getrennt wie durch viele Kilometer des Raums. Ann w�nschte sich, dass die Bank unter ihnen wegrutschen m�ge oder ein St�ck der S�dwand auf sie fiele und ihrer Unschl�ssigkeit ein Ende machte�� und auch dem schrecklichen, bet�ubenden L�rm.</p><p>Sie fuhren weiter. Frank, Maya, Simon und Nadia standen hinter Michel und Kasei und sahen ihnen beim Fahren zu. Sax sa� an seinem Bildschirm, reckte sich wie eine Katze und schaute kurzsichtig auf das kleine Bild der Sintflut. Die Oberfl�che beruhigte sich f�r einen Moment und gefror. Der explosionsartige L�rm sank zu einem heftigen tiefen Gemurmel ab. �Es ist wie der Grand Canyon in einem Super-Himalaya-Ma�stab�, sagte Sax offenbar zu sich selbst, obwohl nur Ann ihn auch h�ren konnte. �Die Schlucht von Kala Gandaki ist ungef�hr drei Kilometer tief, nicht wahr? Und ich denke, dass Dhaulagiri und Annapurna nur drei�ig Kilometer voneinander entfernt sind. Wenn man das mit einer Flut wie dieser f�llen w�rde��� Es gelang ihm nicht, eine vergleichbare Flut zu finden. �Ich m�chte wissen, was all dieses Wasser so hoch auf dem Tharsisbuckel gemacht hat.�</p><p>Ein Knallen wie von Kanonenschl�gen k�ndigte einen neuen Schwall an. Die wei�e Oberfl�che der Flut zerriss und taumelte stromabw�rts. Pl�tzlich umgab sie wei�er L�rm und �bert�nte alles, was sie sagten oder dachten, als ob das Weltall erbebte. Eine Stimmgabel im Bass��</p><p>�Ausgasen�, sagte Ann. �Ausgasen.� Ihr Mund war steif, sie sp�rte in ihrem Gesicht, wie lange es her war, seit sie zuletzt gesprochen hatte. �Tharsis ruht auf hochquellendem Magma. Gestein allein konnte das Gewicht nicht tragen. Der Buckel w�re eingesunken, wenn er nicht durch einen aufquellenden Strom im Mantel getragen w�re.�</p><p>�Ich dachte, es g�be keinen Mantel.� Sie konnte Sax durch den L�rm so eben h�ren.</p><p>�Nein, nein.� Es war ihr gleich, ob er sie h�ren konnte oder nicht. �Der Strom ist nur langsamer geworden. Aber es gibt immer noch Str�mungen. Und seit der letzten gro�en Flut haben sie die hochgelegenen Reservoire von Tharsis aufgef�llt. Und Wasserdepots wie Compton warm genug gehalten, dass sie fl�ssig blieben. Schlie�lich wurde der hydrostatische Druck extrem hoch. Aber mit weniger Vulkanismus und weniger gro�en Meteoriten-Einschl�gen wurde es nicht aufgebrochen. Es k�nnte eine Milliarde Jahre voll gewesen sein.�</p><p>�Meinst du, dass Phobos es geknackt hat?�</p><p>�Vielleicht. Noch wahrscheinlicher das Schmelzen eines Reaktors.�</p><p>�Wusstest du, dass Compton so gro� war?� fragte Sax.</p><p>�Ich habe nie davon geh�rt.�</p><p>�Nein.�</p><p>Ann starrte Sax an. Hatte er geh�rt, dass sie das sagte?</p><p>Er hatte es. Daten verheimlichen. Sie merkte, dass er schockiert war. Er konnte sich keinen hinreichenden Grund f�r Verheimlichung von Daten vorstellen. Vielleicht lag darin der Grund daf�r, dass sie einander nicht verstehen konnten. Wertsysteme, die auf v�llig verschiedenen Annahmen beruhten. Ganz unterschiedliche Arten von Wissenschaft.</p><p>Er r�usperte sich. �Wusstest du, dass es fl�ssig war?� �Ich habe es mir gedacht. Aber jetzt wissen wir es.� Sax kniff die Augen zusammen und rief auf seinem Schirm das Bild von der linken Kamera auf. Schwarzes sprudelndes Wasser, grauer Schutt, zertr�mmertes Eis, stehende Wellen, die sofort gefroren, zusammenst�rzten und in Wolken von Reif dampf davonfegten�� Der L�rm hatte wieder seine prasselnde Jetst�rke erreicht. Sax rief: �Ich h�tte es nicht so gemacht!� Ann starrte ihn an. Er sah ruhig auf den Bildschirm. �Ich wei߫, erwiderte sie. Und dann war sie wieder des Sprechens �berdr�ssig, da sie seine Nutzlosigkeit satt hatte. Es war nie mehr gewesen als auch jetzt. Ein Fl�stern gegen das gro�e Dr�hnen der Welt, halb geh�rt und noch weniger verstanden.</p><empty-line/><p>Sie fuhren so schnell sie konnten durch das Dover-Tor und folgten der Calais-Rampe, wie Michel ihre Bank nannte. Sie kamen nur nervenaufreibend langsam vorw�rts. Es war ein schwerer Kampf, den Rover �ber den Felssturz zu bringen, der diese schmale Terrasse bedeckte. �berall waren Felsbl�cke verstreut, und die Flut verzehrte das Land zu ihrer Linken und verengte die Bank zusehends. Landrutsche kamen vor und hinter ihnen von den W�nden der Klippe herunter. Mehr als einmal krachten einzelne Steine auf das Wagendach, dass sie alle hochsprangen. Es war durchaus m�glich, dass ein gr��erer Brocken sie ganz unverhofft treffen und wie K�fer zerquetschen w�rde. Diese M�glichkeit bedr�ckte sie alle, was Ann freute. Selbst Simon lie� sie in Ruhe. Er st�rzte sich in die Navigation und ging mit Nadia, Frank oder Kasei auf Erkundungsz�ge�� froh, wie sie meinte, von ihr wegzukommen. Und warum nicht?</p><p>Sie rumpelten mit einigen Kilometern in der Stunde dahin. Sie fuhren eine ganze Nacht und den folgenden Tag durch, obwohl der Dunst sich so weit abgeschw�cht hatte, dass es m�glich war, sie von Satelliten aus zu orten. Sie hatten keine andere Wahl.</p><p>Und dann waren sie durch das Dover-Tor hindurch, und Coprates �ffnete sich wieder und gab ihnen etwas Spielraum. Die Flut schwenkte ein paar Kilometer nach Norden.</p><p>In der Abendd�mmerung hielten sie an. Sie waren mehr als vierzig Stunden hintereinander gefahren. Sie standen auf und reckten sich, schlurften herum und setzten sich wieder hin, um eine Mikrowellenmahlzeit zu verspeisen. Maya, Simon, Michel und Kasei waren guter Dinge, Sax war derselbe wie immer, Nadia und Frank etwas weniger brummig als sonst. Die Oberfl�che der Flut war im Moment gerade gefroren, und es war m�glich zu sprechen, ohne die Kehle zu ruinieren, und doch geh�rt zu werden. Und so a�en sie, auf die kleinen Portionen konzentriert und plauderten zwanglos.</p><p>Sp�t bei dieser ruhigen Mahlzeit schaute Ann ihre Gef�hrten ringsum an, pl�tzlich erstaunt durch dies Schauspiel menschlicher Anpassungsf�higkeit. Hier verzehrten sie ihr Mahl und plauderten �ber den geringen Aufschwung im Norden in einer perfekten Illusion der Tischgemeinschaft eines Speisesaals. Es h�tte irgendwo zu jeder Zeit sein k�nnen, und ihre m�den Gesichter strahlten wegen eines kollektiven Erfolgs oder auch nur wegen der Freude gemeinsam zu essen.</p><p>Dabei dr�hnte au�erhalb ihrer Kammer die zerbrochene Welt, und ein Steinschlag konnte sie in jedem Augenblick vernichten. Ann fiel ein, dass die Freude und Best�ndigkeit von Speises�len schon immer vor einem solchen Hintergrund vorgekommen war, in Konfrontation mit einem universellen Chaos. Solche Augenblicke der Ruhe waren verg�nglich und fl�chtig wie Seifenblasen, dazu bestimmt zu bersten, sobald sie in Erscheinung traten. Gruppen von Freunden sowie R�ume, Stra�en, Jahre�� nichts davon w�rde andauern. Die Illusion von Best�ndigkeit wurde durch eine gemeinsame Bem�hung geschaffen, das Chaos zu ignorieren, in das sie eingebettet waren. Und so a�en sie, plauderten und genossen ihre gemeinsame Gesellschaft. So war es schon in den H�hlen gewesen, in der Savanne, in den Wohnungen und Gr�ben und den unter Bombardement stehenden St�dten.</p><p>So war es auch in diesem Moment des Sturms. Ann Clayborn gab sich einen Ruck. Sie stand auf und ging zum Tisch. Sie nahm den Teller von Sax, der sie zuerst aus der Reserve gelockt hatte, dann die von Nadia und Simon. Sie trug die Teller zu ihrer kleinen Magnesiumsp�le. Und beim Tellerwaschen f�hlte sie, wie sich ihre steife Kehle bewegte. Sie kr�chzte ihren Anteil an der Konservation und half mit ihrem kleinen Faden, das Gewebe der menschlichen Illusion zu gestalten. �Eine st�rmische Nacht!� sagte Michel zu ihr, als er beim Abtrocknen der Teller neben ihr stand. �Wirklich eine st�rmische Nacht!�</p><p>Am n�chsten Morgen erwachte sie als erste und betrachtete die Gesichter ihrer Gef�hrten, die jetzt im Tageslicht h�chst ungepflegt aussahen�� schmierig, aufgedunsen, schwarz von Frostnarben, mit offenen M�ndern im Tiefschlaf der Ersch�pfung. Sie wirkten wie tot. Und sie hatte ihnen keine Hilfe zu bieten. Im Gegenteil! Sie war der Gruppe ein Hemmnis gewesen. Jedes Mal, wenn sie in den Wagen zur�ckgekommen waren, hatten sie �ber die verr�ckte Frau auf dem Boden hinwegsteigen m�ssen, die da lag und sich weigerte zu sprechen, oft weinte, deutlich in schwerer Depression gefangen. So etwas hatte ihnen gerade noch gefehlt!</p><p>Besch�mt stand sie auf und s�uberte ruhig den Hauptraum und den Bereich des Fahrers. Und sp�ter an diesem Tage l�ste sie ihre Kameraden beim Fahren des Rovers ab. Sie �bernahm eine sechsst�ndige Schicht und war danach ersch�pft. Aber sie brachte sie gut nach Osten durch das Dover-Tor.</p><p>Aber ihre Schwierigkeiten waren noch nicht vorbei. Coprates hatte sich etwas ge�ffnet, jawohl, und die S�dwand hatte zum gr��ten Teil gehalten. Aber es gab in diesem Gebiet einen langen Grat, der jetzt eine Insel war und mitten durch den Canyon verlief und ihn in einen n�rdlichen und einen s�dlichen Kanal teilte. Ungl�cklicherweise lag der s�dliche tiefer als der n�rdliche, so dass der gr��te Teil der Fl�ssigkeit durch ihn str�mte und sie dicht an die S�dwand dr�ngte. Zum Gl�ck lie� ihnen die Bankterrasse etwa f�nf Kilometer Platz zwischen der Flut und der eigentlichen Wand. Aber mit der Flut so nahe zu ihrer Linken und den steilen Klippen zur Rechten verloren sie nie das Gef�hl von Gefahr. Und sie mussten ihre Stimmen heben, um wenigstens die halbe Zeit zu sprechen. Das krachende Get�se der Wogen schien ihnen in den Kopf zu dringen und machte es schwerer denn je, sich zu konzentrieren, aufzupassen oder �berhaupt zu denken.</p><p>Eines Tages schlug Maya mit der Faust auf den Tisch und schrie: �K�nnten wir nicht warten, bis der Inselgrat weggerissen wird?�</p><p>Nach einer ungem�tlichen Pause sagte Kasei: �Er ist hundert Kilometer lang.�</p><p>�Nun, zum Kuckuck, k�nnten wir nicht warten, bis diese verfluchte Flut aufh�rt? Ich meine, wie lange kann sie so weitermachen?�</p><p>�Einige Monate�, sagte Ann.</p><p>�K�nnen wir nicht so lange warten?�</p><p>�Uns wird die Nahrung knapp�, erkl�rte Michel.</p><p>�Wir m�ssen weiterfahren�, fuhr Frank Maya an. �Sei nicht bl�d!� Sie blitzte ihn an und wandte sich ab, sichtlich w�tend. Der Rover schien pl�tzlich viel zu klein zu sein, als ob man einen Haufen Tiger und L�wen zusammen in einen Hundezwinger gesperrt h�tte. Simon und Kasei, durch die Spannung bedr�ckt, zogen sich an und gingen hinaus, um zu erkunden, was vor ihnen lag.</p><empty-line/><p>Nach dem, was sie Inselgrat nannten, �ffnete sich Coprates wie ein Trichter, mit tiefen Mulden unter den auseinanderstrebenden Canyonw�nden. Die n�rdliche Mulde war Capri Chasma, die eine Fortsetzung von Coprates bildete. Wegen der Flut hatten sie keine andere Wahl, als Eos zu folgen. Aber Michel sagte, dies w�re der Weg, den sie ohnehin h�tten nehmen wollen. Hier wurde die s�dliche Klippe endlich etwas niedriger. Sie war von tiefen Einbuchtungen zerschnitten und von einer Anzahl von Meteoritenkratern erheblicher Gr��e durchbrochen. Capri Chasma bog nach Nordosten aus ihrem Gesichtsfeld ab. Zwischen den zwei Canyonmulden war eine niedrige dreieckige Mesa, jetzt eine Halbinsel, die den Lauf der Flut in zwei Arme teilte. Leider lief der gr��ere Anteil des Wassers in das etwas niedrigere Eos, so dass sie, obwohl sie der engen Umklammerung von Coprates entronnen waren, immer noch gegen eine Klippe gepresst wurden und nur langsam vorankamen, ohne jede Stra�e oder Spur und mit abnehmenden Best�nden an Nahrung und Luft. Die Vorratsf�cher waren fast leer. Sie waren m�de, sehr ersch�pft. Es war dreiundzwanzig Tage her, seit sie aus Cairo entkommen waren, inzwischen zweitausend f�nfhundert Kilometer Fahrt durch Canyons. Und w�hrend dieser ganzen Zeit hatten sie in Schichten geschlafen, waren fast st�ndig gefahren und hatten in dem die Ohren zerrei�enden Ansturm der Flut gelebt, dem Get�se einer Welt, die in St�cken auf ihre K�pfe fiel. Sie waren daf�r zu alt, wie Maya mehr als einmal klagte; und die Nerven waren durchgescheuert. Sie vermurksten Dinge, begingen kleine Fehler und fielen kurzzeitig in Schlaf.</p><p>Der Absatz, der ihre Stra�e zwischen Klippe und Flut war, wurde zu einem immensen Feld von Steinbl�cken, die gr��tenteils Auswurf naher Krater waren oder Schutt von wirklich riesigem Massenzerfall. Ann hatte den Eindruck, dass die gro�en �berfluteten Einbuchrungen in der s�dlichen Klippe Einbr�che w�ren, die sich zu Nebencanyons entwickeln k�nnten. Aber sie hatte nicht die Zeit, um sehr genau hinzuschauen. Oft schien es, als ob ihr Weg durch Felsbl�cke v�llig versperrt w�rde und dass sie nach allen diesen Tagen und Kilometern, nachdem sie den gr��ten Teil von Marineris in einem �beraus heftigen Kataklysmus �berwunden hatten, zum Halt gezwungen w�rden kurz vor den riesigen Rinnen, die aus ihm an seinem unteren Ende hinausf�hrten.</p><p>Aber dann fanden sie einen Weg, wurden aufgehalten; fanden wieder einen Weg und wurden wieder aufgehalten, und so weiter, einen Tag um den andern. Sie gingen zu halben Rationen �ber. Ann fuhr mehr als alle, da sie frischer zu sein schien als der Rest. Und sie war, mit m�glicher Ausnahme von Michel, am Steuer am besten. Und sie hatte das Gef�hl, ihnen das schuldig zu sein nach ihrem besch�menden Zusammenbruch w�hrend des gr��eren Teils ihrer Reise. Sie wollte alles tun, was sie konnte; und wenn sie nicht fuhr, zog sie aus, um den Weg zu erkunden. Drau�en war es immer noch bet�ubend laut, und der Boden zitterte unter den F��en. Es war unm�glich, sich daran zu gew�hnen, obwohl sie ihr Bestes tat, es zu ignorieren. Sonnenlicht stie� in breiten fahlen Strahlen durch den Nebel und Dunst; und in der Stunde des Sonnenuntergangs erschienen am Himmel Eisb�gen und Nebensonnen, zusammen mit Halos um die getr�bte Sonne. Oft schien der ganze Himmel zu brennen, eine Turnersche Vision der Apokalypse.</p><p>Bald machte auch Ann schlapp, und die Arbeit wurde ersch�pfend. Sie verstand jetzt, warum ihre Gef�hrten so m�de gewesen waren und warum sie mit ihr und untereinander so kurz angebunden gewesen waren. Michel war nicht imstande gewesen, die letzten drei Depots zu lokalisieren, ob begraben oder unter Wasser, spielte keine Rolle. Die halben Rationen betrugen 1200 Kalorien am Tag, viel weniger, als sie verbrauchten. Mangel an Nahrung, Mangel an Schlaf und dann zumindest f�r Ann die gleiche alte Niedergeschlagenheit, beharrlich wie der Tod und in ihr aufsteigend wie eine Flut, wie ein schwarzer Matsch aus Schlamm, Dampf, Eis und Kot. Sie blieb stur bei der Arbeit; aber ihre Aufmerksamkeit fiel dauernd aus, und das sinnlose Geplapper kam immer wieder und sp�lte in dem wei�en L�rm von Verzweiflung alles fort.</p><p>Der Weg wurde schwieriger. Eines Tages schafften sie nur einen Kilometer. Am folgenden Tag schienen sie v�llig festzusitzen. Die Felsbl�cke lagen quer �ber der Bank wie Panzersperren in der Maginotlinie. Sax bemerkte, es w�re eine perfekte fraktale Fl�che von etwa 2,7 Dimensionen. Niemand machte sich die M�he, ihm zu antworten.</p><p>Kasei fand zu Fu� eine Passage direkt zur Flut hinunter. Im Moment war der ganze sichtbare Bereich der �berschwemmung gefroren wie schon in den letzten paar Tagen. Bis zum Horizont erstreckte sich eine wirre Fl�che wie das Eismeer der Erde, nur viel schmutziger, ein gro�es Durcheinander von schwarzen, roten und wei�en Klumpen. Aber das Eis war in Ufern�he eben und an vielen Stellen klar. Sie konnten hineinsehen und erkennen, dass es wohl nur einige Meter tief war und bis zum Boden gefroren. Also fuhren sie auf diese Eisk�ste hinunter und an ihr entlang. Wenn Steine im Wege waren, lenkte Ann die linken R�der und dann den ganzen Wagen auf das Eis. Es hielt wie jede andere Fl�che. Nadia und Maya murrten �ber die Nervosit�t der anderen bei diesem Kurs. Nadia sagte: �Wir sind in Sibirien den ganzen Winter �bers Eis gefahren. Das waren die besten Stra�en, die wir hatten.�</p><p>So fuhr Ann einen ganzen Tag lang l�ngs des rauen Randes der Flut und auf ihrer Oberfl�che. Sie schafften einhundertsechzig Kilometer. Ihr bester Tag seit zwei Wochen.</p><p>Gegen Sonnenuntergang fing es an zu schneien. Der Westwind blies von Coprates her und trieb kiesige Schneeklumpen an ihnen vorbei, als ob sie sich �berhaupt nicht bewegten. Sie kamen an die Stelle eines frischen Bergrutsches, der bis auf das Eis der Flut gegangen war. Gro�e Felsbl�cke, die �ber dem Eis verstreut waren, verliehen ihm einen Hauch von verlorener Nachbarschaft. Das Licht war tr�b grau. Sie brauchten einen F�hrer zu Fu� durch dies Labyrinth; und in einer m�den Besprechung meldete sich Frank freiwillig f�r diese Aufgabe und ging hinaus. Zu diesem Zeitpunkt war er der einzige von ihnen, der noch etwas Kraft hatte, sogar noch mehr als der junge Kasei. Er kochte noch vor Wut, einem unersch�pflichen Treibstoff.</p><p>Er ging langsam vor dem Wagen her, pr�fte Routen und kam wieder zur�ck. Entweder sch�ttelte er den Kopf oder machte Ann ein Zeichen weiterzufahren. Um sie herum stiegen d�nne Schleier von dampfendem Reif in den fallenden Schnee auf. Sie vermischten sich bei dem starken Abendwind und verschwanden im Dunkel. Ann, die das d�stere Schauspiel eines harten Windsto�es beobachtete, missverstand die Stelle, wo Eis und Boden zusammentrafen, und der Rover stie� gegen einen runden Stein genau an dem gefrorenen Ufer, wobei sich das linke Hinterrad vom Boden abhob. Ann trieb die Vorderr�der an, damit sie �ber den Stein rollen sollten; aber sie gruben sich in einen Fleck aus Sand und Schnee ein. Und pl�tzlich ber�hrten beide Hinterr�der kaum noch den Boden, w�hrend die Vorderr�der sich leer in den L�chern drehten, die sie gew�hlt hatten. Sie hatte den Rover festgefahren.</p><p>Das war schon mehrere Male passiert, aber sie war auf sich selbst w�tend, weil sie sich durch das unwichtige Schauspiel am Himmel hatte ablenken lassen.</p><p>�Was, zum Teufe, machst du da?� br�llte Frank �ber das Interkom. Ann h�pfte in ihrem Sitz hoch. Sie w�rde sich nie an Franks bissige Heftigkeit gew�hnen. Er rief: �Fahr los!�</p><p>Sie sagte: �Ich bin auf einen Stein gesto�en.�</p><p>�Verdammt! Warum passt du nicht auf, wohin du f�hrst? Los, halt die R�der an! Stopp sie! Ich werde die Greifmatten unter die Vorderr�der legen und dich nach vorn hebeln. Dann fahr von diesem Stein herunter und den Hang hinauf, so schnell du kannst! Verstanden? Es kommt eine neue Flut.�</p><p>Maya schrie: �Frank, komm herein!�</p><p>�Sobald ich die verfluchten Kissen drunter habe. Halte dich bereit loszufahren!�</p><p>Diese Kissen waren Bahnen aus Metallgeflecht, die man unter R�der tat, die L�cher in den Sand gew�hlt hatten, und die sich dann nach vorn spreizten, so dass die R�der etwas zu fassen bekamen. Eine alte W�stenmethode. Frank lief vorn um den Rover herum, fluchte vor sich hin und gab Ann kurze Anweisungen, die mit zusammengebissenen Z�hnen und verkrampftem Magen gehorchte.</p><p>�Los!� br�llte Frank. �Los!�</p><p>�Steig erst ein!� rief Ann.</p><p>�Keine Zeit. Los, sie ist gleich hier! Ich werde mich an der Seite festhalten. Los, verdammt noch mal!�</p><p>Also setzte Ann vorsichtig die Vorderr�der in Gang und f�hlte, wie sie griffen und den Wagen nach vorn �ber den Stein zerrten. Dann schurrten sie weg und waren frei. Aber das Get�se der Flut verdoppelte sich und wurde hinter ihnen noch st�rker. Dann flogen Eisst�cke am Wagen vorbei mit schrecklichem Krach. Dann wurde das Eis von einer dunklen Woge �berflutet, die �ber die Fenster des Wagens sp�lte. Ann trat das Gaspedal bis zum Boden durch und hielt das in ihren H�nden springende Lenkrad eisern fest. Neben dem Donnern der Flutwelle h�rte sie Frank schreien: �Los, Idiot, los!� Danach erhielten sie einen harten Sto�, und der Wagen rutschte au�er Kontrolle nach links. Ann hing an dem Lenkrad, das sie hin und her schleuderte. Ihr linkes Ohr schmerzte heftig, sie musste irgendwo angesto�en sein. Sie klammerte sich am Rad fest und presste das Gaspedal auf den Boden. Die R�der packten etwas, und der Rover mahlte durch Wasser, das von rechts nach links str�mte. Die Flanke des Wagens erhielt einen dumpfen Sto�. �Los!� Sie hielt das Gaspedal am Boden und wandte sich bergauf. Sie h�pfte wild im Fahrersitz. Alle Fenster und Fernsehschirme zeigten fl�ssigen Wahnsinn. Dann floss das Wasser unter den Rover, und die Fenster wurden klar. Die Scheinwerfer des Wagens zeigten steinigen Boden, Schneefall und voraus ein kahles, flaches Gebiet. Ann raste mit Vollgas darauf zu, w�hrend hinter ihnen die Flut donnerte. Als sie die leicht ansteigende Stelle erreichte, musste sie mit den H�nden ihren Fu� und das Bein vom Gaspedal losrei�en. Der Wagen hielt. Sie befanden sich oberhalb der Flut auf einem schmalen Absatz. Es sah so aus, als ob die Flut schon zur�ckginge. Aber Frank Chalmers war verschwunden.</p><empty-line/><p>Maya bestand darauf, dass sie umkehrten und nach ihm suchten. Das taten sie auch, da die erste Flutwelle die gr��te gewesen zu sein schien. Aber es war vergebens. In dem D�mmerlicht schnitten die Scheinwerfer f�nfzig Meter weit in den Schneefall; und in den zwei sich �berkreuzenden gelben Lichtkegeln sahen sie nur die raue Oberfl�che der Flut, ein treibendes Strandgut ohne die geringste Andeutung einer regelm��igen Gestalt. Es sah wirklich aus wie eine Welt, in der solche Formen unm�glich sind. In einem solchen Irrsinn konnte niemand �berleben. Frank war dahingegangen, entweder von dem h�pfenden Wagen gesto�en oder in seiner kurzen, t�dlichen Begegnung mit der Woge weggeschwemmt.</p><p>Seine letzten Fl�che schienen noch aus der Statik im Interkom zu quellen, aus dem Dr�hnen der Flut. Seine letzte beschw�rende Aufforderung klang Ann in den Ohren wie das Urteil, welches sie war: <emphasis>Los, Idiot, los!</emphasis> Es war ihr Fehler gewesen, ganz ihr Fehler��</p><p>Maya weinte, erstickte in Seufzern und kr�mmte sich wie im Krampf zusammen. �Nein!� schrie sie. �Frank, Frank! Wir m�ssen ihn suchen.� Dann weinte sie so, dass sie nicht mehr sprechen konnte. Sax kam hinzu und hockte sich neben sie. �Hier, Maya, willst du ein Beruhigungsmittel?� Sie richtete sich auf und schlug ihm die Pillen aus der Hand. Sie schrie: �Nein! Das sind <emphasis>meine</emphasis> Gef�hle und <emphasis>meine</emphasis> M�nner. H�ltst du mich f�r einen Feigling, denkst du, ich m�chte ein Zombie sein wie du?�</p><p>Sie brach mit hilflosen, unfreiwilligen, ersch�tternden Schreien zusammen. Sax stand �ber ihr, er zwinkerte mit verzerrtem Gesicht und best�rzter Miene. Ann f�hlte sich davon betroffen und sagte: �Bitte, bitte!� Sie erhob sich aus dem Fahrersitz, ging zu ihnen zur�ck und fasste Sax kurz am Arm. Sie b�ckte sich, um Nadia und Simon zu helfen, Maya vom Fu�boden aufzuheben und zu Bett zu bringen. Maya war schon etwas ruhiger geworden, mit roten Augen und triefender Nase. In ihrem Kummer umklammerte sie mit einer Hand Nadias Handgelenk. Nadia blickte auf sie mit der objektiven Miene eines Arztes hinunter, zur�ckgezogen auf ihre eigene Art und auf russisch etwas murmelnd.</p><p>�Maya, es tut mir leid�, sagte Ann. Ihre Kehle war zugeschn�rt. Das Sprechen tat weh. �Es war mein Fehler. Es tut mir leid.�</p><p>Maya sch�ttelte den Kopf. �Es war ein Unfall.�</p><p>Ann konnte sich nicht dazu �berwinden, laut zu sagen, dass sie aufgeh�rt hatte acht zu geben. Die Worte blieben ihr im Hals stecken, und ein neuer Weinkrampf sch�ttelte Maya. Die Chance zum Sprechen war vor�ber.</p><p>Michel und Kasei �bernahmen die Fahrerpl�tze und setzten den Rover wieder l�ngs der Felsbank in Bewegung.</p><empty-line/><p>Nicht weit �stlich davon senkte sich die s�dliche Wand des Canyons endg�ltig in die umgebende Ebene, und sie konnten sich frei von der Flut weg bewegen, die auf jeden Fall Eos Chasma folgte, um sich in einer Wendung nach Norden in der Ferne mit Capri Chasma zu vereinen. Michel verfolgte die Spur der verborgenen Kolonie, verlor sie aber wieder, da die Wegmarken oft vom Schnee verdeckt waren. Er bem�hte sich einen ganzen Tag lang darum, ein verstecktes Depot zu finden, das er in der N�he vermutete, aber es gelang ihm nicht. Anstatt noch mehr Zeit zu verlieren, beschlossen sie, mit voller Geschwindigkeit weiterzufahren, ein bisschen nord�stlich auf die Zufluchtsstelle zu, die sie zu erreichen versucht hatten, und die laut Michel in dem zerkl�fteten Gel�nde genau s�dlich von Aureum Chaos lag. �Das ist nicht mehr unsere Hauptkolonie�, erkl�rte er den anderen. �Es ist das, wohin wir zuerst gegangen sind, nachdem wir Underhill verlie�en. Aber Hiroko wollte in den S�den gehen; und das taten wir nach einigen Jahren. Sie sagte, dieses erste Versteck gefiele ihr nicht, weil Aureum eine Senke ist; und sie dachte, es k�nnte eines Tages ein See werden. Ich hielt das f�r verr�ckt, sehe aber jetzt, dass sie recht hatte. Es sieht so aus, als k�nnte Aureum das letzte Entw�sserungsbecken f�r diese Flut werden. Ich wei� nicht. Aber die Zufluchtsstelle liegt an einer h�heren Stelle, als wir uns jetzt befinden. Es wird also sicher sein. Vielleicht werden sich keine Menschen darin befinden, aber es wird mit Vorr�ten versorgt sein. Und jedenfalls ein Hafen bei Sturm, nicht wahr?�</p><p>Niemand hatte den Mut f�r eine Entgegnung.</p><empty-line/><p>Am zweiten Tag harten Fahrens verschwand die Flut im Norden am Horizont. Bald danach verstummte auch ihr L�rm. Der mit einem Meter schmutzigen Schnees bedeckte Boden zitterte nicht mehr unter den F��en. Die Welt schien tot, seltsam still und in Wei� geh�llt. Wenn es nicht schneite, war der Himmel noch dunstig, schien aber klar genug, dass sie von oben gesehen werden konnten. Also stellten sie das Fahren bei Tage ein. Sie bewegten sich nachts ohne Scheinwerfer �ber eine Schneelandschaft, die schwach unter den Sternen schimmerte.</p><p>Ann fuhr w�hrend dieser N�chte. Sie erz�hlte nie jemandem von dem Moment der Unaufmerksamkeit am Steuer. Sie kam auch nie wieder dicht daran, es wieder zu tun. Sie blieb verzweifelt konzentriert, biss sich in die Unterlippe, bis sie blutete, und verga� alles au�er dem, was in den Lichtkegeln vor ihr lag. Gew�hnlich fuhr sie die ganze Nacht und verga�, den n�chsten Fahrer zu wecken, oder entschloss sich, es nicht zu tun. Frank Chalmers war tot, und es war ihr Fehler. Sie w�nschte verzweifelt, sie k�nnte zur�cklangen und die Dinge �ndern, aber das war hoffnungslos. Es gibt Fehler, die man nie wieder gutmachen kann. Die wei�e Landschaft war von unendlich vielen Steinen verunstaltet, die alle ihre eigene Schneehaube trugen; und die Pfeffer-und-Salz-Landschaft war so ein Flickenteppich, dass das Auge bei Nacht schwer einen Sinn daraus gewinnen konnte. Manchmal schienen sie unter dem Boden dahinzupfl�gen oder f�nf Meter dar�ber zu schweben. Eine wei�e Welt. In manchen N�chten kam es ihr vor, als ob sie einen Leichenwagen f�hre mit dem K�rper des Verstorbenen. Die Witwen Nadia und Maya auf dem R�cksitz. Und jetzt wusste sie auch, dass Peter tot war.</p><p>Zweimal h�rte sie, wie Frank ihr etwas �ber das Interkom sagte. Einmal bat er sie, umzukehren und ihm zu helfen. Das andere Mal schrie er: Los, Idiot, los!</p><p>Maya hielt sich gut. Sie war irgendwie z�h, trotz aller ihrer Launen. Nadia, die Ann sich immer als die Z�he vorgestellt hatte, schwieg die meiste Zeit. Sax starrte auf seinen Bildschirm und arbeitete. Michel versuchte, mit seinen alten Freunden zu sprechen, gab es aber traurig auf, als offenbar niemand antworten mochte. Simon beobachtete Ann sorgsam wie immer mit unertr�glicher Besorgnis. Sie konnte das nicht aushalten und vermied seinen Blick. Der arme Kasei musste sich wie in einem Altersheim f�r Schwachsinnige gefangen gef�hlt haben. Das war fast ein komischer Gedanke. Nur schien seine Stimmung irgendwie gest�rt zu sein. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht war es der Verschlei�, vielleicht die zunehmende Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht �berleben w�rden, vielleicht blo� Hunger. Man konnte es nicht sagen. Die jungen Leute waren merkw�rdig. Aber er erinnerte sie an Peter, und darum schaute sie ihn auch nicht an.</p><p>Der Schnee machte jede Nacht schimmernd und unruhig. Er w�rde einmal v�llig schmelzen, neue Flussbetten graben und ihren Mars beseitigen. Mars war verschwunden. Michel sa� neben ihr w�hrend der zweiten Schichten in der Nacht und hielt Ausschau nach Wegzeichen. �Sind wir verloren?� fragte Maya ihn einmal kurz vor der Morgend�mmerung.</p><p>�Nein, keineswegs. Es ist nur�� Wir hinterlassen Spuren im Schnee. Ich wei� nicht, wie lange sie halten werden oder wie gut sichtbar sie sind, aber wenn�� Nun, f�r den Fall, dass sie sich halten, m�chte ich den Wagen verlassen und den letzten Teil des Weges zu Fu� gehen. Darum m�chte ich sehr genau wissen, wo wir uns befinden, ehe wir das tun. Wir haben einige Steine und Dolmen errichtet, die uns das zuverl�ssig sagen; aber ich muss einen davon finden. Sie werden am Horizont auftauchen, musst du wissen. Felsbl�cke etwas h�her als gew�hnlich, oder S�ulen.�</p><p>�Sie werden bei Tage leichter zu sehen sein�, sagte Simon.</p><p>�Gewiss. Wir werden uns morgen rings umschauen, und das sollte gen�gen. Wir d�rften in einer solchen Gegend sein. Sie sind daf�r gedacht, verirrten Menschen wie uns zu helfen. Wir werden bald in Sicherheit sein.�</p><p>Nur waren ihre Freunde tot. Ihr einziges Kind war tot. Und ihre Welt war endg�ltig hin�ber. W�hrend Ann fr�hmorgens an den Fenstern lag, versuchte sie, sich das Leben in dem versteckten Zufluchtsort vorzustellen. Jahre um Jahre unter der Oberfl�che. Das konnte sie nicht. Los, Idiot, los! Verdammt!</p><p>Noch in der Morgend�mmerung stie� Kasei ein wildes Triumphgeheul aus. Drau�en am Nordhorizont war ein Trio aufgerichteter Steine. Eine Oberschwelle �ber zwei Pfeilern, als ob ein Teilst�ck von Stonehenge hierher geflogen w�re. In dieser Richtung lag das Heim, sagte Kasei.</p><p>Aber erst w�rden sie den Tag �ber abwarten. Michel wurde �u�erst vorsichtig, um nicht von Satelliten gesehen zu werden, und wollte erst bei Nacht weiterfahren. Also lie�en sie sich nieder, um etwas Schlaf zu finden.</p><p>Ann fand keinen. Sie war durch einen neuen Entschluss voller Energie. Michel schnarchte zufrieden, sie alle schliefen zum ersten Mal seit etwa f�nfzig Stunden. Sie schl�pfte in ihren Schutzanzug und ging auf Zehenspitzen in die Schleuse. Sie schaute sich um und betrachtete die Schlafenden. Ein hungriger, abgerissener Haufen. Nadias verkr�ppelte Hand ragte an der Seite heraus. Das Aussteigen aus der Schleuse machte unvermeidbar ein Ger�usch. Aber alle waren es gewohnt, bei L�rm zu schlafen, und das Summen und Knacken des Lebenserhaltungssystems �bert�nte ihren Ausstieg. Sie kam hinaus, ohne jemanden zu wecken.</p><p>Die elementare K�lte des Planeten. Sie erschauderte darin und setzte sich nach Westen in Bewegung. Sie ging in den Spuren des Rovers, damit man ihr nicht folgen konnte. Die Sonne stach durch den Nebel. Es fiel wieder Schnee, rot gef�rbt in Strahlen von Sonnenlicht. Sie trottete weiter, bis sie an einen kleinen Mor�nenh�gel kam, dessen steile Seite schneefrei war. Sie konnte daran entlanggehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Das tat sie, bis sie ersch�pft war. Es war drau�en wirklich kalt. Der Schnee fiel in kleinen Flocken senkrecht herunter, wahrscheinlich um Sandk�rner kristallisiert. Am Ende der Mor�ne war ein dicker, niedriger Felsblock. Sie setzte sich in seinen Windschatten, stellte die Heizung ihres Anzuges ab und bedeckte das blinkende Warnlicht auf ihrem Handgelenk mit einem Schneeklumpen.</p><p>Es wurde schnell k�lter. Der Himmel war jetzt ein undurchsichtiges Grau mit einem Anflug von Rosa. Daraus fiel Schnee auf ihre Visierscheibe.</p><p>Sie hatte gerade aufgeh�rt zu zittern und wurde angenehm k�hl, als ein Stiefel sie hart an den Helm stie�. Sie wurde auf die Knie hochgezerrt mit dr�hnendem Kopf. Eine Gestalt im Schutzanzug stie� mit ihrem Visier fest auf ihres. Dann packten H�nde sie wie mit einem Schraubstock fest an den Schultern und warfen sie zu Boden. �He!� schrie sie schwach. Sie wurde an den Schultern auf die F��e gezogen, und ihr linker Arm wurde zur�ckgebogen und hoch auf ihrem R�cken festgehalten. Ihr Angreifer hantierte an ihrem Armband und schob sie dann schmerzhaft vorw�rts. Ihr Arm wurde immer noch hochgehalten, so dass sie nicht hinfallen konnte, ohne ihn sich zu brechen. Sie f�hlte, wie das rhombische Muster ihrer Heizelemente sich in ihre Haut brannte. Alle paar Schritte bekam sie einen festen Schlag auf den Helm.</p><p>Die Gestalt f�hrte sie direkt zu ihrem Rover zur�ck, was sie erstaunte. Sie wurde in die Schleuse geschoben, und die Gestalt stolperte hinter ihr her, schloss die Kammer und setzte ihr den Helm ab, dann sich selbst. Zu ihrem h�chsten Erstaunen war es Simon. Er hatte ein rotes Gesicht und br�llte sie an. Dabei schlug er sie noch mit tr�nenfeuchtem Gesicht. Dieser ihr Simon, der Ruhige, schrie jetzt: �Warum? Warum? Verdammt, du machst das <emphasis>immer</emphasis> so. Immer bist du es, fern in deiner eigenen Welt. Du bist so <emphasis>selbsts�chtig!�</emphasis> Die Stimme stieg an zu einem letzten schmerzhaften Kreischen. Ihr Simon, der nie etwas sagte, nie die Stimme erhob, nie mehr als ein Wort sprach, schlug sie jetzt und br�llte ihr buchst�blich spuckend ins Gesicht, vor Wut keuchend. Das machte sie pl�tzlich wild. Warum nicht fr�her, warum nicht, wenn sie jemanden mit etwas Leben darin gebraucht h�tte? Warum war er jetzt hierdurch so erregt? Sie stie� ihn kr�ftig vor die Brust, und er fiel nach hinten. Sie schrie: �Lass mich in Ruhe!� Dann durchfuhr sie die Angst, der kalte Schauer des Todes auf dem Mars. <emphasis>�Warum hast du mich nicht in Ruhe gelassen?�</emphasis></p><p>Er gewann das Gleichgewicht wieder, sprang nach vorn, packte sie an beiden Schultern und sch�ttelte sie. Sie hatte nie bemerkt, wie stark seine H�nde waren.</p><p>�Weil�, br�llte er und machte eine Pause, um sich die Lippen zu lecken und zu Atem zu kommen�� <emphasis>�Weil���</emphasis> Seine Augen traten hervor und sein Gesicht wurde noch dunkler, als ob tausend S�tze auf einmal in seiner Kehle festgesteckt h�tten. Dieser ihr sanfter Simon! Dann gab er es auf, grunzte und sch�ttelte sie in seinen Armen.</p><p><emphasis>�Weil! Weil! Weil!�</emphasis></p><empty-line/><p>Es schneite. Obwohl es fr�her Morgen war, war es tr�be. Wind peitschte durch das Chaos und wirbelte die Nebelschwaden �ber das zerkl�ftete Land. Felsen gro� wie Wohnbl�cke lagen wirr durcheinander, und die Landschaft war aufgebrochen in eine Million kleiner Klippen, L�cher, Mesas, Grate und Piks, sowie viele ansehnliche Bergspitzen, T�rme und schaukelnde Felsen, die nur durch <emphasis>Kami</emphasis> auf ihrem Platz gehalten wurden. All das steile oder vertikale Gestein in diesem chaotischen Terrain war noch schwarz, w�hrend flachere Stellen jetzt wei� von Schnee waren, so dass die Landschaft ein dichtes Muster von Schwarz und Wei� bildete. Alles wirbelte in Sicht und wieder fort, wenn Ballen und Schleier aus Schnee vorbeigetrieben wurden.</p><p>Dann h�rte der Schneefall auf. Der Wind legte sich. Die schwarzen Vertikalen und wei�en Horizontalen gaben der Welt ein ungew�hnliches Aussehen. Bei dem verhangenen Himmel gab es keine Schatten, und die Landschaft gl�hte, als ob Licht durch den Schnee auf die Unterseiten der dunklen niedrigen Wolken str�men w�rde. Alles war scharf und deutlich, wie in Glas gefasst.</p><p>�ber dem Horizont erschienen Gestalten, die sich bewegten. Eine nach der anderen erschienen sie, bis sie in einer gebrochenen Linie ihrer sieben waren. Sie bewegten sich langsam mit h�ngenden Schultern und nach vorn geneigten Helmen. Sie bewegten sich, als h�tten sie kein Ziel. Die vordersten beiden schauten von Zeit zu Zeit hoch, machten aber nie eine Pause, noch zeigten sie den Weg.</p><p>Die Wolken im Westen schimmerten wie Perlmutt, das einzige Anzeichen an diesem tr�ben Tag daf�r, dass die Sonne sich senkte. Die Gestalten gingen einen langen Kamm hinauf, der aus der zerst�rten Landschaft ragte. Von den oberen Abh�ngen des Grates konnte man weit in jede Richtung sehen.</p><p>Die Gestalten brauchten lange Zeit, um den Grat zu ersteigen. Endlich n�herten sie sich einem Pik, einem Felsbuckel, hinter dem der Grat sich wieder zu senken begann. Oben auf dem Buckel war ein seltsames Ding. Ein gro�er Fels mit flachem Boden stand hoch in der Luft. Er balancierte auf sechs schlanken Steins�ulen.</p><p>Die sieben Gestalten n�herten sich diesem Megalithen. Sie blieben stehen und betrachteten ihn einige Zeit unter den dunklen zerrissenen Wolken. Dann traten sie zwischen die S�ulen unter den Felsen. Er dr�ute wie ein massives Dach �ber ihnen. Der kreisrunde Boden darunter war flach. Er bestand aus behauenem, poliertem Gestein.</p><p>Eine der Gestalten ging zu einer entfernten S�ule und ber�hrte sie mit dem Finger. Die andern sahen auf das unbewegte Schneechaos hinaus. Im Boden �ffnete sich eine Fallt�r. Die Gestalten gingen hin und traten nacheinander in den Grat ein.</p><p>Als sie verschwunden waren, begannen die sechs schlanken S�ulen in den Boden zu sinken, und der gro�e Dolmen, den sie hochhielten, senkte sich, bis die S�ulen verschwunden waren und der gro�e Steinblock auf dem Grat ruhte, wieder in seine fr�here Existenz als eindrucksvoller Gipfelstein zur�ckgekehrt. Hinter den Wolken war die Sonne untergegangen, und das Licht entschwand aus dem leeren Land.</p></section><section><empty-line/><p><emphasis>Es war Maya, die sie in Bewegung hielt. Maya dr�ngte sie nach S�den. Das Refugium unter dem Dolmen war ein ersehnter Unterschlupf, eine Folge kleiner H�hlen in dem Grat, versorgt mit Notrationen und Luftvorr�ten, sonst aber leer. Doch nach ein paar Tagen des Nachholens an Essen und Schlaf fing Maya an, sich zu beklagen. Sie sagte, das w�re keine Art zu leben, es sei nicht mehr als ein lebendiger Tod. Wo waren all die anderen? Wo war Hiroko? Michel und Kasei erkl�rten wieder, dass sich die verborgene Kolonie im S�den bef�nde, und dass sie vor langer Zeit dorthin umgezogen seien. Okay, sagte Maya, dann werden wir auch nach S�den gehen. In der Garage des Refugiums waren weitere Steinrover. Sie w�rden bei Nacht fahren, sagte sie, und au�erhalb der Canyons w�rden sie sicher sein. Das Refugium war auf jeden Fall nicht mehr sich selbst versorgend. Seine Best�nde waren reichlich, aber beschr�nkt. Also w�rden sie es fr�her oder sp�ter sowieso verlassen m�ssen. Es war besser, aufzubrechen, so lange der Staubsturm noch eine gewisse Deckung f�r die Reise bot. Man sollte lieber losfahren.</emphasis></p><p><emphasis>Also trieb sie die m�de kleine Gruppe wieder zur Tat an. Sie beluden zwei Wagen und brachen wieder auf, nach S�den �ber die gro�en zerknitterten Ebenen von Margaritifer Sinus. Frei von den Beschr�nkungen durch Marineris legten sie jede Nacht Hunderte von Kilometern zur�ck und schliefen bei Tag. In einer fast ohne Gespr�che verlaufenen Fahrt kamen sie nach einigen Tagen zwischen Arge und Hellas durch, �ber die endlose Kraterlandschaft der s�dlichen Hochl�nder. Es schien allm�hlich, als h�tten sie nie etwas anderes getan, als in ihren kleinen Wagen vorw�rts zufahren, und dass die Reise ewig dauern w�rde.</emphasis></p><p><emphasis>Aber dann kamen sie eines Nachts auf das terrassierte Gel�nde der Polregion. Nahe der Morgend�mmerung leuchtete der Horizont vor ihnen, wurde dann zu einem schwachen wei�en Strich, der immer dicker wurde, w�hrend sie vorr�ckten. Schlie�lich stand er als eine wei�e Klippe vor ihnen. Offenbar die s�dliche Polkappe. Michel und Kasei �bernahmen die Fahrersitze und sprachen leise �ber das Interkom. Sie fuhren, bis sie die wei�e Klippe erreichten und fuhren weiter gerade darauf zu, bis sie auf gefrorenem verkrusteten Sand waren, der sich unter der Masse des Eises befand. Die Klippe war ein riesiger �berhang, wie eine Woge, die einen Augenblick innehielt, bevor sie auf den Strand st�rzte. Am Fu� der Klippe war ein Tunnel in das Eis gegraben; und es erschien eine Gestalt im Schutzanzug und dirigierte die beiden Rover hinein.</emphasis></p><p><emphasis>Der Tunnel f�hrte sie mindestens einen Kilometer weit in das Eis. Er war weit genug f�r zwei oder drei Rover und hatte eine niedrige Decke. Das Eis um sie herum war reinwei�. Trockeneis, das nur leicht durch Schichtenbildung gestreift war. Sie kamen durch zwei Schleusen, die den Tunnel ausf�llten, und in der dritten hielten Michel und Kasei die Rover an, �ffneten deren Schleusen und stiegen aus. Maya, Nadia, Sax, Simon und Ann folgten ihnen nach drau�en. Sie kamen durch eine Schleusent�r und gingen schweigend weiter durch den Tunnel. Dann �ffnete sich der Tunnel, und sie blieben stehen, gebannt durch den Anblick, der sich ihnen bot.</emphasis></p><p><emphasis>�ber ihnen war eine riesige Kuppel aus schimmerndem wei�em Eis. Sie standen darunter wie unter einer gigantischen umgedrehten Schale. Die Kuppel hatte mehrere Kilometer Durchmesser und war mindestens einen Kilometer hoch, vielleicht noch mehr. Sie stieg von der Peripherie steil auf und w�lbte sich dann sanft zur Mitte. Das Licht war diffus, aber recht stark, wie an einem wolkigen Tag, und es schien aus der wei�en Kuppel selbst zu kommen, die leuchtete.</emphasis></p><p><emphasis>Der Boden unter der Kuppel war leicht welliger r�tlicher Sand, in den tieferen Stellen begr�nt mit Rasen, mit vielen Gruppen aus hohem Bambus und knorrigen Kiefern. Zur Rechten waren einige kleine H�gel, und darin zusammengedr�ngt ein kleines Dorf, ein- und zweist�ckige, wei� und blau gestrichene H�user, dazwischen gro�e B�ume, in deren dicke Zweige R�ume aus Bambus und Treppen eingelassen waren.</emphasis></p><p><emphasis>Michel und Kasei gingen auf dieses Dorf zu und die Frau, die ihre Wagen in den Tunnel dirigiert hatte, lief voran und rief: �Sie sind hier, sie sind hier!� Unter der anderen Seite der Kuppel befand sich ein Teich aus schwach dampfendem, offenem Wasser, dessen Oberfl�che wei� schimmerte, bewegt von Wellen, die sich am nahen Ufer brachen. Auf dem jenseitigen Ufer stand die blaue Masse eines Rickover-Reaktors, der sich unscharf blau in dem wei�en Wasser spiegelte. An ihren Ohren nagten B�en aus k�hlem, feuchtem Wind.</emphasis></p><p><emphasis>Michel kam zur�ck zu seinen alten Freunden, die wie Statuen dastanden. Er sagte l�chelnd: �Kommt, es ist kalt drau�en. An der Kuppel sitzt eine Schicht aus Wasser-Eis. Darum m�ssen wir die Luft hier die ganze Zeit unter dem Gefrierpunkt halten.�</emphasis></p><p><emphasis>Aus dem Dorf str�mten Leute heraus, die laut riefen. Unten an dem kleinen See erschien ein junger Mann, der auf sie zulief, wie eine Gazelle in gro�en S�tzen �ber die D�nen springend. Selbst nach all ihren Jahren auf dem Mars erschien den Ersten Hundert ein solch fliegendes Laufen noch traumhaft; und es dauerte eine Weile, bis Simon Ann am Arm packte und rief: �Das ist Peter! Das ist Peter!�</emphasis></p><p><emphasis>Und dann waren sie in einem Menschengedr�nge, viele von ihnen junge Leute und Kinder, fremd, aber mit vertrauten Gesichtern, die sich ihren Weg nach vorn bahnten: Hiroko und Iwao, Raul, Rya, Gene und Peter, die sich auf Ann und Simon st�rzten und sie an sich dr�ckten. Da waren Vlad und Ursula und Marino und einige andere aus der Acheron-Gruppe, alle um sie gedr�ngt, die Arme ausgestreckt, um sie zu ber�hren.</emphasis></p><p><emphasis>�Was ist das f�r ein Ort?� rief Maya.</emphasis></p><p><emphasis>�Dies ist die Heimat�, sagte Hiroko. �Dies ist der Ort, von dem aus wir neu anfangen werden.�</emphasis></p></section></section><section><title><p>Danksagungen</p></title><p>Mein Dank gilt: Lou Aronica, Gregory Benford, Adam Bridge, Michael H. Carr, Robert Craddock, Bruce Faust, Bill Fisher, Hai Handley, Jennifer Hershey, Cecelia Holland, Fredric Jameson, Jane Johnson, Steve McDow, Beth Meacham, Tom Meyer, Lisa Nowell, James Edward Ober g, Ralph Vicinanza und John B. West.</p><empty-line/><p>Ein besonderer Dank geht an Charles Sheffield.</p></section></body><body name="notes"><title><p>Notize</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p>Roentgen Equivalent Man = Einheitsdosis der Strahlung</p></section></body><binary id="cover" 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